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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE
Abteilung B: Vortrage
III. Vortrage und Kurse zu einzelnen Lebensgebieten
Soziales Leben und Dreigliederung
des sozialen Organismus
Herausgegeben von der
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung
Band GA 335
RUDOLF STEINER
Die Krisis der Gegenwart
und der Weg
zu gesundem Denken
Zehn offentliche Vortrage,
gehalten in Stuttgart zwischen
2. Marz und 10. November 1920
2005
RUDOLF STEINER VERLAG
Die Herausgabe der 1. Auflage besorgten
Alexander Lvischer und Ulla Trapp,
unter Mitarbeit von Dorte Mehrling und Hans-Diedrich Fuhlendorf
Bibliographischer Nachweis bisheriger Veroffentlichungen
Seite 498
Band GA 335
1. Auflage 2005
© 2005 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach
© 2005 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto-
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3350-7
Zu den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten.
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal auch
in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest, ohne
daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen Fallen
liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fiir Ubersetzer
bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage zuge-
stimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorbereiten
konnte.
Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie-
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra-
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangsjahre
seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche Ausarbeitun-
gen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung werden die Uber-
tragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den Bearbeitern (Her-
ausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere hinsichtlich
Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, Eigennamen oder
Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum Beispiel nicht ent-
schliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder Liicken im Text, werden, soweit
vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung hinzugezogen.
Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbeitung
sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffentlichten
Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes.
Die Herausgeber
INHALT
Zur Einfuhrung 13
Erster Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 2. Marz 1920 . 23
Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen
Das Hoffen von John Maynard Keynes auf eine Wandlung der gei-
stigen Verf assung der Menschen. Die naturwissenschaftlichen Grund-
lagen des heutigen Denkens; seine Reichweite. Die Prophezeiung
von Johannes Scherr und ihre Erfulhmg. Geisteswissenschaftliche
Methode als Grundlage fur eine wirkliche Menschenerkennntnis.
Die Weltherrschaft der Phrase im geistigen Leben. Verselbstandigtes
Geistesleben als Voraussetzung fur die Entfaltung der menschlichen
Fahigkeiten. Herman Grimm als symptomatische Erscheinung. Das
heutige Staatsleben unter dem Einflufi der Konvention. Voraus-
setzung einer echten Demokratie. Routine als Kennzeichen des
gegenwartigen Wirtschaftslebens. Durch Entstaatlichung des Wirt-
schaftslebens Belebung der wirtschaftlichen Sachkenntnis. Uber-
windung der Dreiherrschaft von Phrase, Konvention und Routine
durch Verwirklichung der sozialen Dreigliederung. Brieffalschungen
als Mittel politischer Denunziation. Verbreitung von Unwahrheiten
durch Vertreter der katholischen Kirche. Die angeblich jiidische
Herkunft Rudolf Steiners.
Zweiter Offentlicher Vortrag, 4. Marz 1920 ... 52
Die geistigen Forderungen des kommenden Tages
Entwicklungsgesetze des Menschen und der Menschheit. Der
Riickgriff auf das Unbewufite. Die Notwendigkeit einer bewufiten
Gestaltung des sozialen Lebens. Idee der sozialen Dreigliederung
als heilender Beitrag der Geisteswissenschaft. Die Bedeutung der
Forschungsresultate aus dem Ubersinnlichen fur die Erfassung der
sozialen Wirklichkeit. Entstaatlichung des Schulwesens als notwen-
dige soziale Mafinahme. Widerstand der religiosen Bekenntnisse
gegen das lebendige Ergreifen der Geisteswelt. Selbstandiges Gei-
stesleben als Voraussetzung fur die Entwicklung eines Bewufitseins
vom Geist. Wissen um das Ubersinnliche als Grundlage fur eine
Verlebendigung des Rechtswesens und eine Bedarfsorientierung
des Wirtschaftslebens. Die aus dem Unbewufiten hervorgehen-
den grofien Ziele der englischen Politik. Ihr Experimentalcharak-
ter. Kritik des geisteswissenschaftlichen Christus-Verstandnisses.
Christus nicht bloft Siindenerloser, sondern Auferwecker fiir den
Menschheitsfortschritt.
Dritter Offentlicher Vortrag, 10. Marz 1920 ... 78
Die Volker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft
Die Entwicklung zu einem einzigen, weltweiten Wirtschaftsgebiet.
Das Entgegenstehen des nationalen Egoismus. Voraussetzungen
fiir eine wirkliche Volker erkenntnis. Das Wurzeln der Volker in
der iibersinnlichen Realitat. Die Organisation des Menschen als
dreigliedriges Wesen. Drei hauptsachliche Menschentypen. Der
orientalische Mensch und die Hinorientierung auf das Stoffwech-
selleben. Seine Verbindung mit der Natur. Die Ausbildung des
Gefiihlslebens als sein Ideal. Der mitteleuropaische Mensch und die
Bedeutung des rhythmischen Systems. Die Erfassung des Mensch-
lichen als sein Anliegen. Der ganze Mensch als Zusammenfassung
der Eigentumlichkeiten der einzelnen Volker. Worm das wahre
Deutschtum besteht. Der westliche Mensch und die besonde-
re Entwicklung seines Denksystems. Seine besondere Beziehung
zum Wirtschaftlichen. Die Sehnsucht nach dem Kosmischen. Das
Streben nach Kosmopolitismus zur Zeit des deutschen Idealismus.
Die Abstraktheit des marxistischen Internationalismus. Wahrer
Internationalismus entspringt der Liebe zu alien Volkern. Geistes-
wissenschaftliche Erkenntnis als Grundlage zur Uberwindung des
gegenseitigen Hasses.
Vierter Offentlicher Vortrag, 12. Marz 1920. ... 101
Die Geschichte der Menschheit
im Lichte der Geisteswissenschaft
Das Fehlen grower Gesichtspunkte in der Geschichtsschreibung.
Das Aufkommen des demokratischen Geistes als eine grundlegende
Tatsache der neueren Geschichte. Geistige Erkenntnis verhilft zum
Verstandnis der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das bio-
genetische Grundgesetz und seine Anwendung auf die Geschichte.
Notwendigkeit einer Umkehrung dieses Gesetzes fiir den geistigen
Entwicklungsverlauf der Menschheit. Die altindische Kultur als Ver-
treterin der ersten Entwicklungsperiode: materielles Leben als Of-
fenbarung des Geistig-Gottlichen. Die Griechen als Reprasentanten
der zweiten Entwicklungsperiode: materielles Leben aus der Sicht
des Menschlichen. Die Blaublindheit der Griechen. Die heutige Er-
ziehungsaufgabe im Lichte der geschichtlichen Entwicklungsgeset-
ze. Unterschiedliche Sicht der Menschen auf die Sternenwelten im
Laufe der Zeit. Die Konsequenzen aus dem umgekehrten biogeneti-
schen Grundgesetz. Die heutige Zeit als dritte Entwicklungsperiode:
materielles Leben in Trennung vom Geistigen. Soziale Dreigliede-
rung als notwendiges Ergebnis aus der Menschheitsentwicklung.
Die Weiterentwicklung hangt nicht von den Einrichtungen, sondern
von den Menschen ab.
Funfter Offentlicher Vortrag, 8. Juni 1920 .... 127
Der Weg zu gesundem Denken
und die Lebenslage des Gegenwartsmenschen
Charles Eliot und sein Glaube an die Naturwissenschaft als Grund-
lage fiir eine Religion der Zukunft. Heutige Machtlosigkeit gegen-
uber den sozialen Lebensverhaltnissen. Das materialistische Welt-
bild und der fehlende Briickenschlag von der natiirlichen zur sitt-
lichen Weltordnung. Das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes
und der Kraft und seine sozialen Konsequenzen. Neue Situation
durch Versuche zur Umsetzung der naturwissenschaftlichen Welt-
anschauung in die soziale Wirklichkeit. Die Sorge des russischen
Philosophen Wladimir Solowjow um das Schicksal eines technisier-
ten Rufilands. Der russische Sozialismus als letzte Konsequenz der
Auffassungen Eliots. Die Unfahigkeit des theoretischen Sozialismus
zu einer menschenwurdigen Sozialgestaltung. Das Hervorgehen der
naturwissenschaftlichen Gedankenformen aus der mittelalterlichen
Scholastik. Scholastisches Denken als Ausflufi des Schauens in die
ubersinnliche Welt. Die Notwendigkeit einer Wiedergeburt des
Denkens aus der geistigen Welt heraus. In der Geist-Erkenntnis
lebt die Weltenzukunft.
Sechster Offentlicher Vortrag, 10. Juni 1920 ... 152
Die Erziehung und der Unterricht
gegeniiber der Weltlage der Gegenwart
Geschichtsunterricht in der Waldorfschule als Beispiel fiir die be-
fruchtende Wirkung der Geisteswissenschaft. Kluft zwischen der
heutigen Bildung und den proletarischen Massen. Die Bestrebungen
zur Griindung von Volkshochschulen. Notwendigkeit einer Be-
fruchtung des Zivilisationslebens mit einer neuen Geist-Erkenntnis.
Die heutige abstrakte Wissenschaft vermag nicht zu geniigen. Zwei
bedeutsame Ereignisse im Leben des heranwachsenden Menschen.
Der Zahnwechsel als erstes Lebensereignis. Das Fortschreiten vom
Abstrakten zum Konkreten als Anliegen der Geisteswissenschaft.
Die Geschlechtsreife als zweites Lebensereignis. Das kindliche Spiel
imd seine Bedeutung fiir das spatere Lebensalter. Voraussetzun-
gen einer wirklichen Erziehungskunst: das kunstlerisch-bildhafte
Anschauen des Menschen. Die padagogisch-didaktische Idee der
Waldorfschule. Was die Gegenwart von den Menschen fordert: Be-
sonnenheit und Tatbereitschaft. Die Diskussion um die Einfiihrung
des Goldstandards als Beispiel fiir den fehlenden Wirklichkeitssinn
der Menschen. Die Forderung nach einer assoziativen Gestaltung
des Wirtschaftslebens. Das ganze Leben als eine Schule.
Siebenter Offentlicher Vortrag, 15. Juni 1920 . . . 184
Fragen der Seele und Fragen des Lebens.
Eine Gegenwartsrede
Ein zentrales Gegenwartsproblem: die fehlende Ubereinstimmung
der seelischen Bediirfnisse mit den Tatsachen des Lebens. Wie in der
«Philosophie der Freiheit» die Freiheitsfrage gestellt wird. Die Ziel-
setzungen des Jesuitismus. Die anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft als eine Fortsetzung der «Philosophie der Freiheit».
Klarheit des Denkens und soziales Vertrauen als Grundideale fiir die
Gegenwart. Warum man Materialist ist. Die beiden grofien Ziele fiir
die innere Schulung: die Befreiung des Denkens von der Leiblichkeit
und die Ergreifung des Leibes durch den Willen. Die Notwendig-
keit einer Uberwindung des kategorischen Imperativs von Kant.
Die Aufierung von Georg Gottfried Gervinus iiber das Ende der
deutschen Dichtung. Die Betrachtung der abendlandischen Kultur
aus dem naturwissenschafthchen Gesichtspunkt. «Der Untergang
des Abendlandes» von Oswald Spengler als Beispiel fiir ein sol-
ches Denken. Die Ablehnung einer Praexistenz der Seele durch die
christlichen Bekenntnisse. Wie der Erfullung der Prophetie Speng-
lers entgegengewirkt werden kann. Der Widerstand gegen eine neue
Geistigkeit. Die notwendige Verbindung von Wissenschaft, Kunst
und Religion.
Achter Offentlicher Vortrag, 29. Juli 1920 .... 214
Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes reden?
Eine zweite Gegenwartsrede
Zwei wichtige Erscheinungen auf dem Buchmarkt: «Der Untergang
des Abendlandes» von Oswald Spengler und «Die wirtschaftlichen
Probleme der proletarischen Diktatur» von Eugen Varga. Inwie-
fern die Uberzeugung Spenglers vom zwangslaufigen Untergang
des Abendlandes berechtigt ist. Die besondere historische Methodik
Spenglers. Die Vertiefung dieser Methodik durch die Geisteswissen-
schaft. Die Pragung Spenglers durch das alte naturwissenschaftliche
Denken. Ein neues Geistesleben als Entwicklungsnotwendigkeit.
Vargas Versuch zur Umsetzung marxistischer Ideen in die sozi-
ale Praxis. Eine fur einen Marxisten iiberraschende Aussage. Die
Waldorfschule als Beispiel fur die soziale Fruchtbarkeit des an-
throposophischen Ansatzes. Verschiedene Gegnerschaften gegen die
Anthroposophie. Geisteswissenschaft richtet sich an den Willen der
Menschen.
Neunter Offentlicher Vortrag, 20. September 1920 . 243
Die grofien Aufgaben von heute im Geistesleben, Rechts-
leben und Wirtschaftsleben. Eine dritte Gegenwartsrede
Eine weitere wichtige Erscheinung auf dem Buchmarkt: «Die
wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages» von John Maynard
Keynes. Das Versagen der Staatsmanner in Versailles. Wie auf den
amerikanischen Prasidenten Woodrow Wilson Einflufi genommen
wurde. Die darwinistisch gepragte Denkweise Wilsons. Die Not-
wendigkeit einer geistigen Erkenntnis der Welt. Zunehmende Ver-
drangung des vollen Menschentums durch das Spezialistentum. Die
wissenschaftlichen Kurse am Goetheanum und ihre Zielsetzungen.
Verstandnis fur die geistig-seelische Entwicklung des Kindes als
padagogische Grundlage der Waldorfschule. Die wirtschaftlichen
Bedurfnisse der Waldorfschule. Die drei Stromungen im Entwick-
lungsgang der Menschheit: das geistige, staatliche und wirtschaft-
liche Denken. Der amerikanische Pragmatismus als Beispiel fur
das heutige wirtschaftliche Denken. Die drei grofien Aufgaben in
der Gegenwart: das Erfassen der menschlichen Personlichkeit, die
Pflege des demokratischen Zusammenlebens und die Losung des
Preisproblems. Die soziale Dreigliederung als Antwort auf diese
Aufgaben. Schaffung der wahren gesellschaftlichen Einheit durch le-
bendiges Zusammenwirken der drei selbstandigen sozialen Glieder.
Was den wirklichen Praktiker ausmacht. Wege zur Verwirklichung
der Dreigliederung.
Zehnter Offentlicher Vortrag, 10. November 1920 . 273
Die Geisteskrisis der Gegenwart
und die Krafte zum Menschheitsfortschritt
Aussichtslosigkeit in der Uberwindung der herrschenden Staats-
und Wirtschaftskrisis. Die Durchfuhrung der anthroposophischen
Hochschulkurse als Antwort auf die gegenwartige Geisteskrisis.
Eine erste Zielsetzung: die Loslosung des Geisteslebens aus staat-
licher und wirtschaftlicher Bevormundung. Die Haltung der Kir-
chenvertreter als Beweis fiir das Fehlen der schopferischen Kraft
des Geisteslebens. Ein Geistesleben in freier Selbstverwaltung als
Voraussetzung fiir die Entfaltung der individuellen Fahigkeiten der
Menschen. Das moderne volkswirtschaftliche Denken seit Adam
Smith. Der Zwiespalt zwischen weltanschauungsloser Wissenschaft
und wissenschaftsloser Weltanschauung. Die Auswirkungen dieses
Gegensatzes auf den mitteleuropaischen Menschen: das Beispiel
der Philosophen der Scholastik und des deutschen Idealismus.
Die intellektualistische Wissenschaft und ihre Beschrankung auf
das Mathematisch-Mechanisch-Technische. Die auf blofte Routi-
ne ausgerichtete Praxis als Gegenstiick dazu. Die Notwendigkeit
heute, aus der Wissenschaft eine Weltanschauung zu entwickeln.
Die Mathematik als Ansatzpunkt fiir die geisteswissenschaftliche
Erkenntnismethodik. Perspektiven fiir einen Ausweg aus der drei-
fachen Zivilisationskrise.
ANHANG
Notizbucheintragungen 305
Dokumente 325
Zu dieser Ausgabe 331
Textgrundlagen 331
Hinweise zum Text 331
Namenregister 494
Literatur zum Thema 496
Bibliographischer Nachweis bisheriger Veroffentlichungen . 498
Zum Werk Rudolf Steiners 499
Zur Einfiihrung
Wir denken an eine Erneuerung des ganzen
wissenschaftlichen und Weltanschauungsgeistes
der Gegenwart in die nachste Zukunft hinein.
(Rudolf Steiner im offentlichen Vortrag vom-
it). Juni 1920 in Stuttgart)
Im Jahre 1888 veroffentlichte Rudolf Steiner in der «Deutschen Wochen-
schrift» eine Diagnose iiber «Die geistige Signatur der Gegenwart» (in GA 30).
Sie fiel fiir ihn wenig beruhigend aus, war er doch zum Schlufi gelangt: «Bei
alien Fortschritten, die wir auf den verschiedensten Gebieten der Kultur zu
verzeichnen haben, konnen wir uns doch nicht entschlagen y daft die Signatur
unseres Zeitalters viel, sehr viel zu wiinschen ubriglaftt. Unsere Fortschritte
sind zumeist nur solche in die Breite und nicht in die Tiefe. Fur den Gehalt
eines Zeitalters sind aber nur die Fortschritte in die Tiefe maftgebend. » Es war
dieses einseitige Pochen auf die Erfahrung bei gleichzeitiger Verachtung alles
Ideellen, das den jungen Rudolf Steiner zur Feder greifen liefi. Das Verges-
sen der Grundgedanken des deutschen Idealismus, zu dessen herausragenden
Vertretern solche Personlichkeiten wie Fichte, Hegel oder auch Goethe und
Schiller gehorten, war fiir ihn ein besonderes Alarmzeichen. Was lag denn der
deutschen idealistischen Philosophie als zentrales Anliegen zugrunde? Rudolf
Steiner: «Bruch mit dem Dogma auf dem Gebiete des Denkens, Bruch mit
dem Gebote auf jenem des Handelns, das muft das unverruckbare Ziel der
weiteren Entwicklung sein. Der Mensch muft sich Gliick und Befriedigung aus
sich selbst schaffen und nicht von auften an sich herankommen lassen.» Als
Rudolf Steiner diese Worte schrieb, war die europaische Menschheit knapp am
Ausbruch eines grofien Krieges vorbeigekommen. Es war die grofie Balkankri-
se von 1885 bis 1888, der Kampf um die Absteckung der Einflufispharen in
und um Bulgarien, der beinahe zu einem Krieg zwischen Osterreich-Ungarn
und Rutland gefuhrt hatte und dessen Sog sich auch die iibrigen europai-
schen Grofimachte kaum hatten entziehen konnen. Die besonnenen Krafte,
die auf den Friedenserhalt hinarbeiteten, behielten gliicklicherweise noch die
Oberhand.
Jahre spater, im intimen Mitgliederkreis in Wien, gab Rudolf Steiner erneut
seiner Besorgnis iiber die gesellschaftliche Entwicklung Ausdruck. Am 14.
April 1914 (in GA 153) warnte er, ausgehend von der fehlenden Abstim-
mung der Produktion auf die Konsumtion: «So eine Krebsbildung schaut
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt; er schaut, wie tiberall
furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwiirbildungen aufsprossen. Das ist die
grofle Kultursorge, die auftrittfiir den, der das Dasein durchschaut. Das ist das
Furchtbare, was so bedruckend wirkt und was selbst dann, wenn man sonst
alien Enthusiasmus fur Geisteswissenschaft unterdriicken konnte, [...] einen
dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien fiir das,
was so stark schon im Anzug ist und was immer starker und starker werden
wird.» Was Rudolf Steiner in banger Ahnung voraussah, sollte in den nach-
sten Wochen in umfassendster Weise Wirklichkeit werden: Am 28. Juni 1914
wurde der osterreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet;
die sich anschlielSende Juli-Krise endete am 28. Juli mit der osterreichisch-
ungarischen Kriegserklarung an Serbien. Damit nahm das Verhangnis seinen
Verlauf. Infolge der bestehenden Biindnisverhaltnisse wurden die meisten
europaischen Machte in das grausige kriegerische Gemetzel der folgenden
Jahre hineinverwickelt. Der Erste Weltkrieg und damit die «Urkatastrophe
des 20. Jahrhunderts» wurde Wirklichkeit.
Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
Der Erste Weltkrieg entwickelte sich nicht nur zum totalen Krieg mit Mil-
lionen von Opfern an der Front und in der Heimat, sondern die durch
ihn ausgelosten sozialen Erschutterungen fuhrten angesichts der politischen
Ideenlosigkeit in den Demokratien zur Errichtung faschistischer und kommu-
nistischer Diktaturen und schlieftlich 1939 zur Entfesselung eines gesteigerten
apokalyptischen Kriegsgeschehens. Gerade der Blick auf Deutschland scheint
die heutzutage schon fast zu einem Allgemeinplatz gewordene Sprachregelung
von einer Urkatastrophe mehr als nur zu rechtfertigen. Die Verantwortungs-
losigkeit seiner politischen Fiihrung hatte das Land in den Abgrund gesteuert;
mit den in den Pariser Vororten ausgehandelten Friedensvertragen wurde
ihm und seinen Verbiindeten die Alleinschuld fiir den Ausbruch des Krieges
zugeschoben. Die besiegten Mittelmachte sollten politisch und wirtschaftlich
so geschwacht werden, da& keine kriegerische Bedrohung mehr von ihnen
ausgehen konnte.
In dem ganzen Geschehen sah Rudolf Steiner zunachst eine von der
Peripherie Europas ausgehende Bedrohung der im deutschen Idealismus auf-
gekeimten Geistigkeit, der zentralen Grundlage fiir eine erneuerte spirituelle
Weltsicht. Rudolf Steiner in «Gedanken wahrend des Krieges » (bisher in GA
24, kiinftig in GA 255), erschienen 1915: «Dafur, dafl einmal die 2eit kommen
muft, in welcber auf seelischem Gebiete die auf das Geistige gehende Weltan-
schauung des deutschen Wesens sich ihre Weltgeltung - selbstverstdndlich nur
durch einen Kampf der Geister - gegenuber denjenigen wird erobern miissen,
die [. . .] ihre Reprdsentanten am dem englischen Wesen heraus hat: dafur kann
die Tatsache des gegenwdrtigen Krieges eine Mahnung sein. Es hat dies aber
mit diesem Kriege unmittelbar nichts zu tun.» Auch wenn Rudolf Steiner eine
unmittelbare Verbindung zum Kriegsgeschehen zunachst ausschlofi, so war er
doch iiberzeugt, dafi sich «England durch die Entwicklung, die Deutschland
in der neuesten Zeit notwendig erstreben muftte, bedroht» sah. Es mulke
alles unternehmen, «was beitragen konnte, den Alp der Bedrohung, den ihm
Deutschlands Kulturarbeit verursachte, wegzuschaffen. » Im Laufe des Krieges
erweiterte sich der Gesichtspunkt Rudolf Steiners - deutlich erlebbar in seinen
«Zeitgeschichtlichen Betrachtungen» (GA 173 und 174), die er auf Bitten
von Mitgliedern verschiedenster Nationalitat in der Zeit um die Jahreswende
1916/1917 in Dornach hielt. Langfristig angelegtes, okkult abgestiitztes an-
gelsachsisches Weltmachtstreben im Konflikt mit der Weltmission deutscher
Geistigkeit - darin sah er den tieferen Hintergrund der sich abspielenden
Urkatastrophe. Die Rechtmafiigkeit des deutschen Standpunktes schien ihm
dabei unzweifelhaft gegeben.
Zunehmend trat fur ihn aber das Versagen der deutschen Fuhrung, die
ganze ideelle Nullitat der deutschen Elite und die daraus sich ergebende ge-
fahrliche Verantwortungslosigkeit der Politik der mitteleuropaischen Machte
in den Vordergrund. So sagte er zum Beispiel im Dornacher Mitgliedervortrag
vom 16. November 1918 (in GA 185a) - Tage nach dem Sturz des Kaisertums
in Deutschland und in Osterreich-Ungarn: «Sehen Sie, was alles verbrochen
worden ist, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, bei den Zentralmdchten,
was da die verschiedenen Machthaber gesiindigt haben, was da an Unwahr-
haftigkeit in den Ereignissen gelegen hat, das wird zutage treten. So haben sich
die Ereignisse entwickelt, daft die Welt bis ins kleinste in verhdltnismdftig gar
nicht ferner Zukunft erfahren wird alles das, was von den mitteleuropaischen
Machthabern gesiindigt worden ist.» Und im Dornacher Diskussionsabend
vom 19. Juli 1920 (in GA 337b) zur Frage, wer denn im Vorkriegsdeutschland
eigentlich das Sagen gehabt habe: «Etwa Wilhelm II. ? Der hat wahrhaftig
nicht regieren konnen, sondern es hat sich gehandelt darum, daft eine gewis-
se Militdrkaste da war, welche die Fiktion aufrechterhalten hat, daft dieser
Wilhelm II. etwas bedeute - er war ja nur ein Figurant mit Theater- und
Komodienalliiren, der allerlei Zeug der Welt komodienhaft vormachte. Es war
eine Art Theaterspiel, aufrechterhalten durch eine Militdrkaste, die nun nicht
gerade aus blofter <Natur> und aus <freiwilligem Unterordnen und Vertrauen>
heraus, sondern aus ganz etwas anderem heraus handelte, aus alien moglichen
alten Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, aus der Anschauung, daft es eben so
sein mujl - eine Anschauung, die aber nicht sehr tief in der Menschenbrust
wurzelte. So lag dieses Ganze, und es wurde mehr gehalten, als dafi es
wirklich regierte. [...] Dann kam zu dem, was aus den Militdrkasten beraus
dieses Komodienspiel zusammenhielt, in den letzten Jahrzehnten das noch
viel Widerlichere des Grojlindustriellen- und Grofihdndlertums, was sich also
summierte und was so durcbaus innerlicb aus verlogenen Impulsen beraus ja
dieses monarchische Prinzip aufrechterbielt.»
Angesichts dieses volligen Versagens der fuhrenden Schichten schrieb Ru-
dolf Steiner in den «Vorbemerkungen» zu den Erinnerungen des deutschen
Generalstabschefs bei Kriegsausbruch (bisher in GA 24, kiinftig in GA 255)
- die Aufzeichnungen Helmuth von Moltkes sollten 1919 im Zusammenhang
mit der Agitation fur die Dreigliederungsidee veroffentlicht werden, was dann
aber nicht moglich war: «Man mufi auf diese Dinge weisen, wenn man von
der <Schuld> des deutschen Volkes sprechen will. Diese <Schuld> ist docb von
ganz besonderer Art. Es ist die Scbuld eines ganzlich unpolitisch denkenden
Volkes, dem die Absichten seiner <Obrigkeit> durch undurcbdringlicbe Schleier
verhiillt worden sind. Und das aus seiner unpolitischen Veranlagung beraus gar
nicht ahnte, wie die Fortsetzung seiner Politik der Krieg werden mujlte.» Aber
Rudolf Steiner ging es nicht um die Entlastung des deutschen Volkes, sondern
um die moglichst wahrheitsgetreue Aufklarung der tatsachlichen Vorgange,
die zur Weltkriegskatastrophe gefuhrt hatten. Fur ihn lag das Versagen der
Menschen - besonders gerade auch der Deutschen - im Unverstandnis fur die
eigentlichen sozialen Entwicklungsnotwendigkeiten. Deshalb die Schlufifol-
gerung Rudolf Steiners im Dornacher Mitgliedervortrag vom 30. September
1917 (in GA 177): «Die Gegenwart ist eine Zeit [...], von der man sagen
kann, dafi sich viel wird andern miissen im Denken, im Fublen, im Wollen
der Menschen. Die Seelenricbtungen werden andere werden miissen. Das wird
die Zeit fordern. » Das Waken von zerstorerisch-gewaltsamen Vorgangen auf
dem aufieren physischen Plan sah er durch das fehlende spirituelle Leben auf
der Erde bedingt. Rudolf Steiner im gleichen Vortrag: «Und wir bekommen
daraus die praktische Aufforderung, alles, was an uns ist, zu tun, um das
einzige, was in der Zukunft von der Menschheit die zerstbrenden Krafte wird
hinwegnehmen konnen - das spirituelle Leben -, zu fordern.»
Anzeichen fur einen drohenden Untergang
Zunachst standen die Menschen ganz im Banne der Auswirkungen der zer-
storerischen Krafte. Die sozialen Folgen des Massensterbens und der Massen-
verstummelung waren in der Tat unabsehbar. Eine tiefgreifende Traumatisie-
rung und Destabilisierung der Gesellschaften, verbunden mit wirtschaftlichen
Existenznoten und politischer Gewaltbereitschaft waren fiir die Jahre nach
dem Ende des Ersten Weltkriegs, die «Zeit des europaischen Nachkriegs»,
kennzeichnend. Es zeigte sich, daft die von den Siegermachten verkiindeten
abstrakten Ideale - zum Beispiel die Vierzehn Punkte des amerikanischen
Prasidenten Thomas Woodrow Wilson - sich gegeniiber den politischen und
wirtschaftlichen Machtinteressen nicht zu behaupten vermochten.
Die ehemaligen Mittelmachte, an der Spitze Deutschland, sahen sich dem
Vernichtungswillen der Siegermachte ausgesetzt. So empfand es jedenfalls
die grofie Mehrheit der Menschen in Mitteleuropa angesichts der einseitigen
Bestimmungen der Pariser Vorortsvertrage von 1919 und 1920. Politische Kne-
belung und wirtschaftliche Ausbeutung statt der versprochenen Selbstbestim-
mung in Freiheit - das war die Wirklichkeit fiir die besiegten Mittelmachte. In
dieser Empfindung lebte auch Rudolf Steiner. Um so mehr mufke ihn die 1920
auf deutsch veroffentlichte Schrift des englischen Okonomen John Maynard
Keynes, «Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages», beeindrucken.
In seiner Schrift warf Keynes - er hatte als Mitglied der englischen Delegation
an den Versailler Friedensverhandlungen teilgenommen - den Staatsmannern
der Siegermachte eine einseitige Interessenvertretung ohne Blick aufs Ganze
vor. Letzten Endes konnte eine solche Ideenlosigkeit nur zum «Untergang
des Abendlandes» fuhren, wie ihn der Kulturphilosoph Oswald Spengler in
seinem ersten Band «Gestalt und Wirklichkeit» - er war 1918 erschienen - be-
schrieben hatte. Allerdings gab es einen radikalen Zukunftsentwurf in Gestalt
der marxistisch-leninistischen Utopie von einer klassenlosen Gesellschaft,
deren Verwirklichung in der gewaltsamen und totalitaren Form einer Diktatur
des Proletariats unter Fiihrung der kommunistischen Partei angestrebt wurde.
Rudolf Steiner konnte in diesen Versuchen keinen Zukunftswert entdecken;
gerade die von naturwissenschaftlichem Denken gepragte Abstraktheit der
Grundsatze, unter Ausklammerung des lebendigen Menschen, mufite sich
verheerend auf die Grundlagen sozialen Zusammenlebens auswirken. Seine
Ansicht sah Rudolf Steiner durch die 1920 von Jeno Varga verfafite Schrift,
«Die wirtschaftlichen Probleme der proletarischen Diktatur», bestatigt, in der
dieser - als mafigebende Personlichkeit innerhalb der kommunistischen Rate-
diktatur in Ungarn - die Schwierigkeit in der Anwendung kommunistischer
Grundsatze in aller Offenheit beschrieb.
Diese drei Schriften sah Rudolf Steiner als symptomatisch fiir die so-
ziale Situation in der unmittelbaren Nachkriegszeit an: Hinter der Fassade
wohlklingender Abstraktheit westlich-demokratischer Ideale verbargen sich
letzten Endes doch nur reine Machtinteressen, und auch der marxistische
Gegenentwurf konnte zu nichts anderem als zur totalen Zerriittung sozia-
len Zusammenlebens fiihren. Diese Untergangsstimmung schlug sich in den
Herzen der Menschen nieder; zu Ende war es mit dem noch vor dem Kriege
herrschenden ungeziigelten Fortschrittsglauben. Was vorherrschte, war das
Bewufksein, in einer zersprungenen und zerteilten Welt zu leben - in einer
Welt der Krisen.
Gegenwartsreden fur die Zukunft
Gegen diese allgemeine Untergangsstimmung wollte Rudolf Steiner ankamp-
fen. Ihm ging es dabei nicht blofi um das Aufzeigen der Bedingungen, die
notwendig in den Untergang fiihren mufiten, sondern auch um die Voraus-
setzungen fur einen sozial fruchtbaren Neuanfang. Und dieser konnte nur auf
der Grundlage einer wirklich tragfahigen - das heifit spirituellen - Weltan-
schauung geschehen. So schrieb Rudolf Steiner in seinem am 15. Februar 1919
erstmals der Offentlichkeit vorgestellten Aufruf «An das deutsche Volk und an
die Kulturwelt» (in GA 24, kiinftig in GA 255a): «An die Stelle des kleinen
Denkens iiber die allerndchsten Forderungen der Gegenwart miifite jetzt ein
grofier Zug der Lebensanschauung treten, welcher die Entwicklungskrdfte der
neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen strebt und der mit
mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufboren miifite der kleinliche Drang,
der alle diejenigen als unpraktische Idealisten unsch'ddlich macht, die ihren
Blick auf diese Entwicklungskrdfte richten. Aufboren miifite die Anmafiung
und der Hochmut derer, die sich als Praktiker dunken und die doch durch
ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Ungliick herbeigefuhrt haben.
Beriicksichtigt miifite werden, was die als Idealisten verschrieenen, aber in
Wahrheit wirklichen Praktiker iiber die Entwicklungsbediirfnisse der neuen
Zeit zu sagen haben.» Es war aber nicht nur die Idee der sozialen Drei-
gliederung - die Idee einer horizontalen Foderalisierung der Gesellschaft
nach den drei Funktionssystemen Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschafts-
leben -, von deren Umsetzung er sich einen gesellschaftlichen Neuanfang
versprach, sondern ganz grundsatzlich ein Verstandnis in der Offentlichkeit
fur den von ihm vertretenen geisteswissenschaftlichen Ansatz. Dieses «Fort-
schreiten der Weltanschauung der Geisteswissenschaft vom Abstrakten zum
Konkreten, vom blofi Gedankenmdfiigen, das sich einbildet, in die Wirklichkeit
zu dringen y zum wahrhaft Wirklichkeitsgemdfien» (offentlicher Vortrag vom
10. Juni 1920 in Stuttgart, in diesem Band), also eine Verlebendigung der
Anschauung - das war sein grofies Anliegen, nachdem sich der Versuch, die
Dreigliederungsidee als ziindende Idee unter die Massen zu bringen, gegen
Ende des Jahres 1919 endgiiltig als vergeblich erwiesen hatte; die Menschen
waren ihrem einseitigen Parteiendenken verhaftet geblieben.
Umso mehr fiihlte sich Rudolf Steiner, getragen von einem kleinen Kreis
von Mitarbeitern des Dreigliederungsbundes und der Anthroposophischen
Gesellschaft, verpflichtet, fiir die von ihm als notwendig erachtete geistige
Umwalzung in aller Offentlichkeit einzutreten. Uber «Die geistigen For-
derungen des kommenden Tages», iiber «Die Geisteskrisis der Gegenwart
und die Krdfte zum Menschheitsfortschritt» - so die Titel seiner offentlichen
Vortrage vom 4. Marz 1920 und 10. November 1920 in Stuttgart (in diesem
Band) - wollte er sprechen. Im Laufe des Jahres 1920 hielt er an verschie-
denen Orten Vortrage mit diesem Anliegen. Er zeigte sich iiberzeugt (im
Vortrag vom 10. November 1920 in Stuttgart, in diesem Band): «Wir werden
hervorgehen sehen aus einer wirklichen geistgemajlen Welterkenntnis den
denkenden Tatmenschen, den fiihlenden Rechtsmenschen, den bruderschaftlich
gesinnten wirtschaftenden Willensmenscben, und wir werden damit aus einer
solchen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eine neue Kraft zum
Menschheitsfortschritt aus der Geisteskrisis heraus gewinnen.»
Als besonders eindriicklich erweisen sich die vom Stuttgarter Initiativkreis
1920 veranstalteten offentlichen «Gegenwartsreden» von Rudolf Steiner - sie
sind im vorliegenden Band vereinigt. Gehalten wurden sie in einem Klima
zunehmender Ablehnung gegeniiber den anthroposophischen Bestrebungen.
Angeheizt wurde diese Gegnerschaft durch die vielfachen praktischen Bemii-
hungen, an denen die anthroposophische Bewegung die Fruchtbarkeit der von
ihr vertretenen Weltanschauung aufzeigen wollte. Am 7. September 1919 war
die Freie Waldorfschule eroffnet worden; in der ersten Halfte des nachsten
Jahres wurden zur finanziellen Unterstiitzung der anthroposophischen Kul-
turbestrebungen Wirtschaftsassoziationen begriindet - am 13. Marz 1920 die
«Der Kommende Tag AG.» in Stuttgart und am 16. Juni die «Futurum A.G.»
in Dornach. Es handelte sich um grofi angelegte Projekte, die iiber ihre engere
Bestimmung hinaus auf eine grundsatzliche Veranderung des Wirtschaftens
und damit auf eine Entscharfung der Sozialen Frage abzielten. Das am 26.
September 1920 vorlaufig eroffnete, aber noch nicht vollig fertiggestellte
Goetheanum als Sitz der «Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft* war
ein sinnfalliger Ausdruck fiir den Anspruch auf eine ganzheitlich ausgerichtete
Wissenschaftsmethodik. Es ist nicht zufallig, dafi diese vorlaufige Eroffnung
im Zusammenhang mit der Durchfiihrung des Ersten Hochschulkurses stand,
der vom 27. September bis zum 16. Oktober im Goetheanum-Bau stattfand.
Bereits im Friihling 1920, vom 24. Marz bis 7. April, hatte in Dornach unter
dem Titel «Anthroposophie und Fachwissenschaften» eine Art Vorlauferkurs
stattgefunden (in GA 73a), der Zeugnis von der Befruchtung der Wissen-
schaften durch die Anthroposophie ablegen sollte. Zu diesem Zeitpunkt, das
heifit am 9. April 1920, traten die Teilnehmer des ersten von Rudolf Steiner
gehaltenen medizinischen Kurses mit einer «Erklarung» an die Offentlichkeit,
in der sie bekannten: «Die in Dornach ihrer architektonischen Vollendung
entgegengebende Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft <Goetheanum> steht
als Zeugnis fur den inneren Gehalt und die Kreditwurdigkeit dieser ganzen
Geistesricbtung da, fitr deren mediziniscb-wissenscbaftliche Frucbtbarkeit die
unterzeichneten Fachleute mit ibrem Namen einstehen.»
Neben diesen grofien offentlichen Vortragen hielt Rudolf Steiner jeweils
auch Vortrage fur die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, in
denen er in Erganzung zu seinen offentlichen Ausfiihrungen die geistigen
Hintergriinde des Gegenwartsgeschehens beleuchtete. Sie sind im Band «Ge-
gensatze in der Menschheitsentwicklung» (GA 196) zusammengefafit. Dabei
kam es ihm - angesichts des Dunkels verwirrender Geschehnisse - auf das
Setzen von Orientierungspunkten, auf das Verstehen der grundlegenden Ent-
wicklungen an. So machte Rudolf Steiner am 14. November 1920 (in GA
196) den Stuttgarter Mitgliedern klar: «Und wahrend die Wesenheiten, die
der Menscb sab in den alten Zeiten in den Naturerscbeinungen, luziferiscber
Art waren, sind die Wesenheiten, die in den Maschinen, in den Technizis-
men wirken, abrimanischer Natur. Der Menscb umgibt sicb also mit einer
abrimaniscben Welt, die ganz selbstdndig wird. Sie sehen, welches der Sinn
der Menschheitsentwicklung ist - aus der luziferischen Welt heraus, die aber
noch in sein Bewufitsein hineinwirkt und da sein Schicksal bestimmt, segelt
der Menscb, und zwar gerade in der Gegenwart mit einer gewissen Rasch-
heit, hinein in eine ahrimanische Welt.» Gerade das fehlende Bewufitsein fur
solche geistigen Hintergriinde empfand Rudolf Steiner als grofie Gefahr fur
die Menschen. Im gleichen Vortrag: «Eine grofle Gefahr ist vorhanden, dafi
diese ahrimanische Welt, weil sie auf seinen Willen wirkt, den er nicht in sein
Bewufitsein unmittelbar heraufbekommen kann durch die intellektualistische
Wissenschaft, den Willen des Menschen ergreift und er ganz direktionslos
wird innerhalb der ddmonischen Gewalten der Technizismen.» Dies war die
bedriickende Sorge Rudolf Steiners fur die Menschheitszukunft. Und deshalb
auch sein offentliches Bekenntnis zur gezielten Aktion: «Wir denken an eine
Erneuerung des ganzen wissenschaftlichen und Weltanschauungsgeistes der
Gegenwart in die nachste Zukunft hinein.» Hinwendung zur Spiritualitat als
Mittel zur sozialen Zukunftsgestaltung - nur auf diese Weise konnte man
hoffen, dem Kulturvermachtnis des deutschen Idealismus gerecht zu werden,
aber auch ein wirkungsvolles Gegengewicht zum westlichen Machtanspruch
zu setzen. Davon war Rudolf Steiner iiberzeugt.
Alexander Liischer
DIE KRISIS DER GEGENWART
UND DER WEG ZU GESUNDEM DENKEN
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 2. Marz 1920
Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen
Sehr verehrte Anwesende! Eine bedeutsame Erscheinung innerhalb
des Gebietes der Besprechung gegenwartiger offentlicher Fragen
ist das Buch des Englanders John Maynard Keynes iiber die wirt-
schaftlichen Folgen des Friedensschlusses. Man darf heute gera-
de dieses Buch bei Besprechung offentlicher Angelegenheiten im
weitesten Umfang erwahnen, weil es auf der einen Seite mit al-
ien Vorurteilen, ich mochte sagen mit alien Vorempfindungen des
Englanders geschrieben ist, weil es auf der anderen Seite aber
abgefafk ist mit einer aufterordentlich bedeutsamen Sachkenntnis
und Uberschau iiber das offentliche Leben der Gegenwart. Keynes
war ja lange Zeit Delegierter beim englischen Schatzamt wahrend
des Krieges. Und Keynes war dann in der englischen Delegation
beim Versailler Friedensschlufi, bis er sein Amt niedergelegt hat,
weil er von den Verhandlungen in Versailles im hochsten Mafie
enttauscht worden ist im Juni 1919. Man muf5 sagen, wenn man
genauer hinsieht gerade auf den Inhalt dieses Werkes, dann findet
man manches, das schon recht bedeutsam ist fur die Gewinnung
eines Urteils iiber die offentlichen Verhaltnisse des gegenwartigen
Augenblicks. Ich will nur einiges Charakteristische gerade aus
diesem Buche einleitungsweise meinen heutigen Betrachtungen
vorausschicken.
Keynes war, als er nach Paris ging, sozusagen auch noch mit
einem vollen Sack von Vorurteilen dahin gekommen - vor alien
Dingen von Vorurteilen iiber den moglichen Erfolg dieses Frie-
densschlusses gerade von dem Gesichtspunkte eines Englanders
aus, aber auch von Vorurteilen iiber die an dem Laufe der gegen-
wartigen offentlichen Angelegenheiten beteiligten Personlichkei-
ten. Ich darf sagen, dafi fiir mich ganz besonders interessant war
das Urteil, das ein Beisitzer der Versailler Verhandlungen gerade
iiber den Mann gewonnen hat, den eigentlich bis vor kurzer Zeit
die ganze Welt angebetet hat. Wenn ich immer wieder und wie-
derum gegen dieses Urteil der ganzen Welt mich aufgelehnt habe
- wahrhaftig mich aufgelehnt habe nicht blofi innerhalb Deutsch-
lands, sondern, wo ich die Moglichkeit dazu hatte, das wahrend
der Kriegszeit selbst und bis zum Ende der Schreckenstage auch
in der Schweiz zu tun -, da konnte man mit solcher Auflehnung
wirklich recht wenig Eindruck machen. Man mufke erfahren, da$
es selbst innerhalb Deutschlands eine wenn auch kurze Zeit gege-
ben hat, in der eine grofiere Anzahl von Menschen eingestimmt hat
in die Verhimmelung des Woodrow Wilson - denn den meine ich
und den meint Keynes -, eine Verhimmelung, die iiber die ganze
Welt hin Platz gegriffen hatte. Immer wieder und wiederum mulke
darauf aufmerksam gemacht werden aus den Anschauungen her-
aus, die ich ja auch hier in Stuttgart nun schon seit langer Zeit zu
vertreten habe, dafi man es zu tun hat bei Woodrow Wilson mit
einem Mann der Phrase, mit einem Mann, dessen Worte keinen
wirklichen, substantiellen Inhalt haben.
Und nun schildert Keynes das Gebaren jenes Woodrow Wil-
son beim Friedenskongrefi in Versailles. Er schildert, mit welcher
Glorie dieser Mann aufgenommen worden ist und mit welchem
Vorurteil ihm begegnet worden ist. Und er schildert, wie die-
ser Mann fern von jeder Einsicht in irgendeine Wirklichkeit den
Versammlungen beigewohnt hat. Er schildert, wie dieser Mann
nicht einmal imstande war wegen seines langsamen Denkens,
den Gedanken der anderen zu folgen, wie die anderen schon
bei weit anderen Sachen waren, wenn Wilson noch nachdachte
iiber irgend etwas, was sich in einer friiheren Zeit zugetragen
hat oder ausgesprochen worden ist. Man mufi sagen, mit einer
au£erordentlichen Plastik ist die vollige Unzulanglichkeit und
Phrasenhaftigkeit dieser weltberiihmten Personlichkeit der Gegen-
wart hier von einem Menschen geschildert worden, der wahrhaf-
tig nicht vom mitteleuropaischen Standpunkte aus diese Tatsache
eingesehen hat. Auch andere Leute hat Keynes geschildert, die
gerade durch ihre Anwesenheit beim Versailler Friedensschlufi
auf die Geschicke Europas einen bedeutsamen Einflufi gewonnen
haben. Von Clemenceau sagt er, daft dieser Greis die Zek seit 1871
eigentlich vollig verschlafen habe, daft es ihm nur darauf ankame,
denjenigen Zustand Europas wiederherzustellen, welcher vor 1871
geherrscht hat, und vor alien Dingen das aus den gegenwartigen
Weltverhaltnissen heraus zu gewinnen, was die Franzosen fur
ihre eigene Nationalist seit 1871 fur notwendig halten. Dann
schildert er den Staatsmann seines eigenen Landes, Lloyd George:
wie der Mann nur auf Augenblickserfolge bedacht ist, wie der
Mann aber einen feinen Instinkt hat und gewissermaften wittert
die Anschauungen und Meinungen derjenigen Personlichkeiten,
die ihn umgeben, mit denen er zu tun hat.
Und dann schaut sich Keynes das an, was verhandelt wird. Und
er bespricht in seinem Buche mit der Einsicht und Methode eines
Rechners, eines strengen Rechners, welche wirtschaftlichen Folgen
fur Europa dasjenige haben kann, was durch diesen sogenannten
«Friedensschluft» ausgeheckt worden ist. Und er kommt dazu -
jetzt nicht aus irgendwelchen politischen Ambitionen heraus, jetzt
nicht aus irgendwelchen Empfindungen oder Empfindlichkeiten
heraus, sondern aus Rechnungsresultaten heraus - zu sagen, daft
dasjenige, was fur Europa wirtschaftlich impulsiert wird durch
diesen Friedensschluft, der okonomische Niedergang Europas sein
miiftte. Nichts Geringeres erfahrt man aus diesem Buche, durch
exakte Rechnungsresultate wie gesagt, als daft die maftgebenden
Personlichkeiten Einrichtungen und Institutionen getroffen ha-
ben, die notwendigerweise zum Abbau der Wirtschaften von ganz
Europa fiihren miissen.
Man kann, ich mochte sagen im Untertone des Buches lesen,
wie der Englander vom englischen Standpunkte aus spricht; wie
er eigentlich doch auf seine Seele wirken laftt das Gefiihl: dieser
Untergang von Europa muft ein so griindlicher sein, daft England
mit zu Schaden kommen muft. Man kann also sagen: Wie so viele
gegenwartige Staatsmanner des Westens hat es auch dieser Fellow
der Universitat von Cambridge ein wenig mit der Angst zu tun,
aber eine Situationsschilderung der gegenwartigen Verhaltnisse
findet man gerade in diesem Buche. So etwas beleuchtet Ihnen
blitzartig mehr als alle iibrigen Redereien die gegenwartige inter-
nationale Situation der Welt.
Am bedeutsamsten erscheint mir aber bei diesem Buche eines:
Nachdem dieser Mann vom Gesichtspunkte eines exakten Rech-
ners aus seine Betrachtungen angestellt hat und zu gleicher Zeit in
diese Betrachtungen hineinmischt ganz plastische Schilderungen
eines Menschenkenners iiber die Personlichkeiten, die beteiligt
waren an den Institutionen, die zu diesem Untergang fiihren
sollen, sieht man nichts, was von diesem Buche aus irgendeinen
Lichtblick werfen wiirde auf das, was man zu tun habe, damit
die allgemeine Zerstorung nicht eintrete, damit statt des Abbau-
es ein Aufbau kommen konne. Und charakteristisch ist es, daft
gerade dieser Rechner auf den letzten Seiten dieses seines Buches
einen aufterordentlich merkwurdigen Satz hat. Er sagt ungefahr,
er konne sich nicht denken, daft aus den alten Anschauungen,
wie sie sich gerade so eklatant entwickelt haben beim Versailler
Friedensschluft, irgend etwas Giinstiges fur die Fortentwicklung
des europaischen Zivilisationslebens entfalten konne. Und er kon-
ne einzig und allein hoffen, daft eine bessere Zeit komme durch
das Zusammennehmen aller Krafte der Bildung und der Phantasie
- «by setting in motion those forces of instruction and imagi-
nation», wie er sagt. Das heiftt aber nichts Geringeres, meine
sehr verehrten Anwesenden, als daft dieser exakte Rechner auf
nichts anderes mehr hofft als auf eine Umwandlung der geistigen
Verfassung der europaischen Menschen.
Von dieser Statte aus wurde oftmals gesprochen iiber die Not-
wendigkeit dieser Umwandlung der geistigen Verfassung der euro-
paischen Menschheit. Man kann heute nicht iiber wirtschaftliche
Fragen sprechen, indem man in dieses Sprechen hinein einfach
dasjenige fortsetzt, was man gewohnt ist aus den alten Verhalt-
nissen heraus iiber das Wirtschaftsleben zu denken. Man kann
heute nicht iiber die Umgestaltung der Staatsverhaltnisse sprechen
aus denjenigen Vorstellungen heraus, die man gewohnt ist zu ha-
ben nach den Denkgewohnheiten des 19. und des beginnenden 20.
Jahrhunderts. Und man kann iiber all dieses nicht sprechen, ohne
dafi man darauf hinweist, wie es notwendig ist, daft einziehe in
das ganze Innere der europaischen Menschheit eine neue Art, iiber
die offentlichen Angelegenheiten zu denken. Denn dasjenige, was
als Schreckenskatastrophe eingetreten ist, es ist das Ergebnis nicht
dieser oder jener fehlerhaften Einrichtung, es ist das Ergebnis der
ganzen Geistesverfassung, zu der diese europaische Menschheit
gekommen ist im Beginn des 20. Jahrhunderts. Dasjenige, was sich
abgespielt hat auf dem Gebiete des Rechtslebens oder Staatslebens,
was sich abgespielt hat auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens - es
ist nichts anderes als der Geist, besser miifite ich sagen, wie sich
das ja wohl im Verlaufe des heutigen Abends noch herausstel-
len wird, der Ungeist, der seine Wirkungen geaufiert hat in den
Lebensbedingungen der europaischen Menschheit, der Ungeist,
der hereingetragen wurde vom Geistesleben aus, vom sogenann-
ten Geistesleben aus, in das Rechts- oder Staatsleben und in das
Wirtschaftsleben.
Man mufi nun diesen Geist an seinen bedeutsamsten Sympto-
men erfassen. Man mufi ihn da erfassen, wo er sich innerhalb des
Geisteslebens selbst geltend gemacht hat. Man mufi, wenn man
einen klaren Blick bekommen will iiber diese Verhaltnisse, schon
einmal Umschau halten in dem, was sich heraufentwickelt hat seit
dem Beginn des sogenannten neueren Geisteslebens, seit den letz-
ten drei bis vier Jahrhunderten. Und man mufi eine Erkenntnis
dariiber gewinnen, wie sich dieses Geistesleben hineingeschlichen
hat in das menschliche Empfindungs- und Gefuhlsleben. Und man
mufi eine weitere Erkenntnis sich davon verschaffen, wie unse-
re wirtschaftlichen Verhaltnisse allmahlich der aufiere Ausdruck
dieses Geisteslebens geworden sind.
Aber was ist das bedeutsamste Kennzeichen dieses Geisteslebens?
Immer wiederum mufi man sagen, dafi eigentlich ein rechtes Ur-
teil iiber dieses Geistesleben, wie es sich entfaltet hat im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte, nur derjenige haben kann, der
auch in der Lage ist, die Lichtseiten dieses Geisteslebens hinlanglich
zu wiirdigen, der in der Lage ist zu durchschauen, was namentlich
die Wissenschaft der letzten Jahrhunderte fur die Entwicklung der
Menschheit, der zivilisierten Menschheit geleistet hat. Da mufi man
immer wiederum hinweisen darauf, wie das Gewebe der Natur um-
fafit worden ist von den Ideen dieser Wissenschaft. Da mufi man
darauf hinweisen, wie durch das Umfassen des Gebietes der Natur
die Maximen, die Antriebe, die Impulse gefunden worden sind zu
den grofien Errungenschaften der modernen Technik, die es ja doch
sind, welche das Wirtschaftsleben im Laufe der neuesten Entwick-
lungsgeschichte der Menschheit ganz umgestaltet haben.
Wir stellen uns einmal vor, dafi - was es heute kaum noch gibt -
irgend jemand sich die Miihe gabe, Umschau zu halten in den
gebrauchlichen Zweigen naturwissenschaftlicher "Weltanschauung,
wie sie grofi geworden sind in den letzten Jahrhunderten. Wir stel-
len uns einmal vor, dafi jemand Umschau halte in den bedeutsamen
Errungenschaften des mechanischen, physikalischen, chemischen,
biologischen und so weiter Wirkens. Wir stellen uns vor, dafi ein
solcher auch in der Lage ware zu beurteilen, was die Denkungsart,
die Vorstellungsweise, die sich herangeschult hat an den bewun-
dernswiirdigen Methoden dieser Physik, dieser Chemie, dieser Bio-
logie, dieser Mechanik, fur die Erkenntnis des Anthropologischen
in der Menschheitsentwicklung geleistet hat. Wir stellen uns vor,
wie man dazu gekommen ist, ausgehend von der naturwissen-
schaftlichen Erziehung, zu erforschen, wie sich die Menschen aus
ursprunglich primitiven Zustanden zu hoheren Kulturzustanden
entwickelt haben, wie sich die sozialen Verhaltnisse der Gegenwart
allmahlich entwickelt haben. Wir stellen uns vor, wie Menschen,
die mit naturwissenschaftlicher Schulung ausgeriistet waren, sich
bemiiht haben, soziologische Ansichten zu gewinnen uber die Le-
bensbedingungen der Menschen. Wenn wir uns einen solchen Men-
schen von dieser Universalitat des [wissenschaftlichen] Erkennt-
niswesens, den es, wie gesagt, eigentlich nicht mehr so recht gibt,
nun doch einmal vorstellen, so mussen wir uns fragen: Wie steht
ein solcher Mensch heute vor den grofien menschheitlichen Fragen
des Daseins? Wie steht er vor alien Dingen vor der Grundfrage,
die aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens immer wiederum
den Seelen der hoffenden Menschen auftauchen mufi, zu der Frage:
Was ist denn dieser Mensch eigentlich innerhalb des Gebietes der
irdisch-kosmischen, der seelisch-geistigen Weltenordnung?
Das Merkwiirdigste ist gerade die Art der Beantwortung die-
ser Frage durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung. Diese
naturwissenschaftliche Weltanschauung hat ein GrofSes geleistet,
indem sie gleichsam wie ihren Abschlufi die Entwicklungslehre
hervorgebracht hat und zu zeigen verstand, wie man sich vorstellen
konne, daft die Organismen vom Einfachsten bis zum Komplizier-
teren sich entwickeln und dafi an die Spitze dieser Entwicklung,
gewissermaften wie die Zusammenfassung der Lebewesen auf der
Erde, der Mensch selber dasteht. Dasjenige, was man erreichen
kann auf diesem Gebiet, was ist es? Man konnte sich die Frage
beantworten: Wie steht der Mensch im Verhaltnis zur Tierheit?
Wie steht der Mensch zu denjenigen Wesen, die er seiner eigenen
Organisation untergeordnet im Weltenall ansehen mulS? - Diese
Fragen konnte man aus den aufteren, sinnlichen Tatsachen heraus in
mustergultiger Weise beantworten. In dem Augenblick aber, wo
die grofie menschheitliche Frage auftritt: Was bist du eigentlich
als Mensch? -, da versagte diese Betrachtungsweise.
Ich glaube, daft diejenigen der verehrten Zuhorer, die die ganze
Reihe von Vortragen, die ich jetzt schon seit Jahren hier hake,
gehort haben, Hunderte von Belegen fur dasjenige haben wer-
den, was ich jetzt sage. Wenn man alles das zusammenfaftt, was
auf diesem Gebiet gewonnen werden kann, und zuletzt die Frage
aufwirft: Was ist eigentlich dieser Mensch, der du selbst bist im
Zusammenhang des irdisch-kosmischen, im Zusammenhang des
seelisch-geistigen Weltenwesens? -, da mufi man sich sagen, gerade
wenn man die Errungenschaften der modernen naturwissenschaft-
lichen Weltanschauung hinlanglich zu wiirdigen versteht: Soviel
man auch nach dieser Richtung wissen kann, soviel man Erkennt-
nisse haben kann iiber die Natur - alle diese Erkenntnisse besagen
nichts iiber den Menschen selbst. Und indem immer mehr und
mehr im Gemiite der Menschen gewissermafien wie eine geistige
- ich konnte auch sagen ungeistige - Autoritat diese naturwissen-
schaftliche Weltanschauung sich geltend gemacht hat, erstreckte
sich das, was da an Gedanken iiber die Natur aufgefaftt worden
ist, in das Empfindungsleben, in das Willensleben hinein.
Der Mensch mochte ja wahrhaftig die Natur nicht bloft intel-
lektualistisch erkennen. Der Mensch mochte empfinden, fiihlen,
was er ist. Der Mensch mochte hineingiefien konnen in seinen
Willen, in seine Willenshandlungen, in sein ganzes aufieres Leben
und seine Wirkungen dasjenige, was aus seinem eigensten, tiefsten
Wesen in das Weltwesen fliefkn kann. Er hat heute das Gefuhl,
daft er sich nicht blofi instinktiv verhalten kann in seinen Willens-
entschliissen, in seinen Willenshandlungen, er mu£ irgend etwas
aufnehmen, das ihm Ziele vorsetzt in bezug auf sein Handeln, in
bezug auf sein Wollen. Diese Ziele, sie kommen nicht so, daft sie in
einer befriedigenden Weise dieses Wollen durchdringen, wenn man
tiber die Welt und den Menschen nichts anderes weifi, als was die
Naturwissenschaft geben kann. Und so ist gerade durch die groften
Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
eine Verodung des menschlichen Gefuhls, eine Ratlosigkeit des
menschlichen Wollens eingetreten. Diejenigen Menschen, welche in
einem gewissen Seelenegoismus das nicht mitmachen wollen, was
die Errungenschaften der Naturwissenschaft geben, die stiitzen
sich auf alte religiose oder sonstige Traditionen. Sie machen sich ge-
wissermaften blind dafiir, dafi sich ja mit diesen Traditionen nicht
mehr weiter leben laftt, nachdem diese Errungenschaften der Na-
turerkenntnis da sind. Sie machen das aus einem gewissen Seelen-
egoismus heraus, indem sie sich sagen: Ich erfiille mein Inneres mit
dem, was das eine oder andere Bekenntnis gibt; ich kummere mich
nicht darum, ob dieses Bekenntnis heute dem Menschen, der mitge-
hen will mit deh Forderungen seiner Zeit, noch etwas geben kann
gegeniiber den Aussagen naturwissenschaftlicher Denkweise.
Bei einem Symptom kann man das offentliche Leben der Gegen-
wart erfassen, indem man gerade auf diese naturwissenschaftlichen
Grundlagen des heutigen Denkens hinweist; mehr als ein Symptom
soil es fur diese Betrachtungen nicht sein, was ich so vorausschicke.
Man darf nicht vergessen, dasjenige, was eine Generation denkt, das
wird in den nachsten Generationen Gesinnung, Impuls des Fuh-
lens und Wollens. Und man darf vielleicht doch heute mit einiger
Berechtigung auf etwas sonderbare Leute hinweisen, die vor etwa
einem halben Jahrhundert gesprochen haben. Da gab es einen, man
kann schon sagen merkwiirdigen Polterer, der manches so ausge-
sprochen hat damals in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
daft man ihn einen Polterer nennen kann. Ich meine Johannes
Scherr. Indem ich ihn einen Polterer nenne, wird niemand auf die
Vermutung kommen, daft ich den Mann uberschatze. Allein das
folgende mufi doch gesagt werden: Ein Herz, einen Sinn fur dasje-
nige, was sich in der Zivilisation Europas vorbereitete, hatte dieser
Mann, und in seinen polternden Reden findet sich manche aufter-
ordentlich treffende Bemerkung, allerdings manche Bemerkung,
welche die schlafenden Seelen unter den Menschen vielleicht erst
heute richtig beurteilen konnten - wenn man iiberhaupt wiederum
die Werke solcher alten Kerle in die Hand nahme; die lafit man
in Bibliotheken verstauben. Johannes Scherr sah dazumal, wie jene
Denkweise auf einen gewissen Hohepunkt hinauf kam, welche zwar
Grofiartiges, Gewaltiges zu sagen vermag iiber Naturerkenntnisse,
welche aber aufierstande ist, dem Menschen zu sagen, was er ei-
gentlich selber ist - eine Denkweise, welche aufterstande ist, dem
Menschen Empfindungen dariiber zu geben, daft er selber in seinem
innersten Wesen ein Geistig-Seelisches ist und daft er in die Impulse
seines Wollens geistig-seelische Krafte hineinzulegen habe. Johan-
nes Scherr hat genug beobachtet, um sich zu fragen: Wie flielk eine
Denkweise, die nur iiber die Materie zu reden vermag, nicht aber
iiber den Menschen, wie fliefit diese Denkweise in die Menschheit
hinein, wenn man nicht blofi auf die Gegenwart - auf die damalige
Gegenwart der sechziger, siebziger Jahre -, sondern wenn man auf
die folgenden Generationen schaut? Er fragt sich, was geschieht,
wenn dasjenige, was der, nun, man sagt wohl «stille Gelehrte» auf
seinem Katheder in einem gewissen Zeitalter verkiindet, umschlagt
in Empfindungen und Gefiihle der Menschen, wenn das so Verkiin-
dete umschlagt und ganz hineingeht in die Kontore, in die Fabri-
ken, in die Banken und Borsen; er fragt sich, was geschieht, wenn
das, was man als Vorstellungsart in der Naturerkenntnis geltend
macht, beherrschende Vorstellungsart wird auch in bezug auf die
Gestaltung der finanziellen und okonomischen Welt.
Solche Fragen werden gewohnlich nicht gestellt. Denn man
glaubt, daft dasjenige, was der Mensch auf okonomischem Felde
denkt, was auf der Borse spekuliert wird, was in den Banken ver-
handelt wird, unabhangig sei von dem, was der stille Gelehrte vom
Katheder herunter verkiindet. Aber im Leben stent alles in innigem
Zusammenhang. Dieser innige Zusammenhang verbirgt sich nur
dadurch, dafi etwas theoretische Denkweise sein kann bei einer
Generation, bei der nachstfolgenden wird es Antrieb des aufieren
Handelns, Antrieb der offentlichen Empfindungswelt. Unter dem
Eindruck solcher Gedanken sagte damals Johannes Scherr einen
aufierordentlich schonen Satz. Er sagte: Wenn der materialistische
Ungeist, der jetzt alle Kreise beherrscht, seinen Weg durch die
zivilisierte Welt nimmt; wenn er geltend macht alles dasjenige,
wozu er veranlagt ist, in der Finanzwirtschaft Europas, in der
okonomischen Verfassung Europas, dann kommt eine Zeit herbei,
von der man wird sagen miissen: Unsinn, du hast gesiegt!
Solche Worte sind dazumal gesprochen worden. Was liegt hinter
diesen Worten? Hinter diesen Worten liegen all die Lobeshymnen
auf den wirtschaftlichen Aufschwung, auf die Art, wie wir es so
herrlich weit gebracht haben, auf die glorreichen Errungenschaften
des modernen Lebens, mit denen wir aus dem 19. Jahrhundert in
das 20. Jahrhundert hineingegangen sind. Was hat man alles horen
konnen von der Art dieser Loblieder. Aber unter der Oberflache
all dieser Loblieder keimte fort dasjenige, wovon Johannes Scherr
sagte: Es wird sich au£ern so, da£ man sagen mufi: Unsinn, du hast
gesiegt. - Und der Unsinn hat gesiegt! Schauen wir zuriick auf die
letzten fiinf bis sechs Jahre. Was, meine sehr verehrten Anwesenden,
ist das Schicksal derjenigen, die aus dem Gegenwartigen mit einem
inneren Durchschauen der Verhaltnisse das Zukiinftige zu errech-
nen verstehen? Man hort dasjenige, was sie sagen, hochstens an wie
eine Sensation, aber man nimmt es nicht ernst. Man lafit die Dinge
gehen, wie sie gehen, indem man sich selbst seiner schlafenden Seele
hingibt, und kommt dann zu derjenigen Gesinnung, die heute zwar
sieht, daft es mit jeder Woche mehr in den Abgrund hinuntergeht,
aber doch immer wiederum sagt: Morgen wird es schon besser wer-
den. Das oder jenes wird geschehen. Morgen werden wir ja schon
wiederum - ja, ich weift nicht, zu was kommen.
Wo liegt der Ursprung gerade dieser Denkweise? Worin liegt der
Ursprung desjenigen, was dazuraal der Polterer Johannes Scherr
den Ungeist genannt hat? Der Ursprung liegt gerade darin, daft
eine Weltanschauung heraufgezogen ist im Lauf der letzten drei bis
vier Jahrhunderte, welche aus den Vorstellungen, die man aus ihr
gewinnt, nichts liber den Menschen selbst zu sagen vermag oder
empfinden zu lassen vermag. Wozu ist man aber genotigt, wenn
man heranerzogen wird an einer Weltanschauung, die liber den
Menschen selber nichts empfinden und fiihlen laftt? Wozu ist man
dann genotigt? Man ist genotigt, iiber den Menschen zu sprechen.
Ja, iiber den Menschen sprechen muft man; man kann es nicht ver-
meiden, da ja jeder eigentlich im offentlichen Leben drinnensteht,
und da im offentlichen Leben Menschen handelnd auftreten, die
miteinander reden miissen iiber ihre Angelegenheiten, miteinander
reden miissen iiber die ganze Welt hin. Man kann es nicht vermei-
den, iiber den Menschen zu sprechen.
Und was ist die Folge, wenn man iiber den Menschen doch spre-
chen muft, wenn man sprechen muft iiber dasjenige, was rechtlich-
staatlich, was geistig-kulturell, was wirtschaftlich an Institutionen
unter den Menschen behandelt werden soil? Was ist notig, wenn
man doch sprechen soil iiber den Menschen und keine Unterlagen
hat, weil gerade das, was heraufzieht als Weltanschauung, solche
Unterlagen nicht gibt - was hat man da notig? Bei dem, was heute
auf dem Gebiet des Geisteslebens, des offentlichen Geisteslebens
die Welt beherrscht, hat man notig - weil man nicht in der Lage
ist, aus innerem Erleben des Geistes heraus in seine Worte geistige
Substanz zu legen -, man hat notig die Phrase!
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, das will zunachst
die hier gemeinte Geisteswissenschaft, daft die Menschen wiederum
dazu kommen, in ihre Rede, in ihre Worte hineinzulegen dasjeni-
ge, was Worten einzig und allein die Berechtigung gibt: geistige
Substanz. Geistige Substanz bekommen die Worte, die der Mensch
redet, nicht aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis heraus;
geistige Substanz ist nicht moglich zu gewinnen auf die bequeme
Weise, die in Chemie, in Physik, in Botanik, in Biologie gepflogen
wird. Geistige Substanz muft schon auf dem Wege gewonnen wer-
den, den als einen weniger bequemen die Geisteswissenschaft, wie
sie hier gemeint ist, schildert. Geistige Substanz muE dadurch ge-
wonnen werden, daft man eine wirkliche Ansicht iiber das innerste
Wesen des Menschen gewinnt. Das ist aber nur moglich, wenn man
die hier schon einmal charakterisierte intellektuelle Bescheidenheit
entwickelt. Das ist nur moglich, wenn man dazu kommt, sich zu
sagen: Gerade die groften Errungenschaften der Naturwissenschaft
zeigen mir, daft ich, wenn ich so bleibe, wie ich rein physisch in die
Welt hineingeboren bin, den groften Angelegenheiten der Mensch-
heit gegeniiberstehe wie das funfjahrige Kind einem Band Goethe-
scher Lyrik: es zerreiftt den Band, es weift nicht, was es vor sich hat.
Aber das Kind kann sich entwickeln, so daft es dann dasjenige, was
ihm fruher etwas ganz anderes war, seiner wirklichen Wesenheit
nach nimmt. Das auf sich selbst als Erwachsenen anzuwenden, das
mag der moderne Mensch nicht gern. Er mag sich nicht sagen: Ich
mufi meine innere Seelenentwicklung in die Hand nehmen; ich mufi
iiber dasjenige, was ich einfach durch die physische Geburt gewor-
den bin, durch meine eigene innere Seelenarbeit hinauskommen;
ich mu£ meine Seele zu einem Hoheren entwickeln, als das ist, was
mir ohne mein Zutun zukommt.
Und wenn dann der Geistesforscher unter die Menschen tritt
und sagt: Um das Geistige, das ja auch im Menschen ist, wirklich
zu erkennen, dazu ist notwendig, daft man innere, geistige Metho-
den anwendet, daft man das Denken durch innere Seeleniibungen
so umgestaltet, wie es geschildert ist in dem Buche «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder im zweiten Teil der
«Geheimwissenschaft» oder in den anderen Biichern, da kommen
die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast. - Wenn
er schildert, daft eine im gewohnlichen, aufteren Leben sonst nicht
vorkommende Willenszucht notwendig ist, um die Seele heraus-
zuheben aus ihrem Stande, in den sie gekommen ist durch die
blofi physische Geburt, und sie so zu entwickeln, wie man es aus
eigener, innerer Handhabung des Seelischen nur erreichen kann, da
kommen die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast;
das spricht einer, der aus den Enttauschungen, aus den zerstorten
Hoffnungen der neueren Menschheit Kapital schlagen will, der den
Menschen etwas vorgaukelt von der Moglichkek einer iibersinn-
lichen Erkenntnis!
Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, aus solchen Unter-
lagen heraus spricht heute der richtige Geistesforscher nicht. Er
spricht wahrhaftig nicht aus Dilettantismus heraus gegeniiber der
Naturwissenschaft, sondern er spricht gerade aus einer richtigen
Erkenntnis der naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Und er
weifi, dafi geisteswissenschaftliche Methoden notwendig sind, weil
die Naturwissenschaft zwar iiber vieles etwas sagt, nicht aber iiber
das, was das eigentliche Wesen des Menschen ist; er wei£, daft
man Aufklarung iiber dieses Wesen des Menschen nur haben kann
durch Erkenntnisse, die durch langsame, muhsame innere Seelen-
arbeit erobert werden, und dafi diese Menschenerkenntnis dadurch
erarbeitet werden mu£, dafi man sich vom Sinnlichen wirklich zum
Ubersinnlichen erhebt. Mogen die Philister diese Erhebung zum
Ubersinnlichen als etwas Phantastisches anschauen - zur Men-
schenerkenntnis ist diese Erhebung ins Ubersinnliche notwendig,
denn die Sinneserkenntnis zeigt auf jedem Gebiete, dafi sie niemals
iiber das Wesen des Menschen eine Auskunft geben kann. Dasjeni-
ge aber, was da gewollt wird durch diese Geisteswissenschaft, das
ist eine Erneuerung des Menschen vom tiefsten Innern heraus; das
ist das Anstreben der Moglichkeit, Erkenntnisse iiber den Men-
schen zu gewinnen, die wirklich in die Empfindung ubergehen, die
wirklich auch Ziele, Ideale abgeben, die in den Willen hineinfliefien
konnen, bis in die Realitat des Wirtschaftslebens hinein.
Was fur Lebenswirkungen entstehen aber da, wenn man nicht
diesen Geist, der der modernen Menschheit so unsympathisch ist,
anstrebt, sondern wenn man anstrebt den Ungeist, der als Welt-
anschauung nur Auskunft zu geben vermag iiber das Nichtmensch-
liche, iiber das Aufiermenschliche - was fur Lebenswirkungen
ergeben sich daraus?
Als erste dieser Lebenswirkungen erscheint iiber die ganze
zivilisierte Welt hin, was diese zivilisierte Welt auf dem Gebiete
des Geisteslebens schon beherrscht - man will es nur nicht mer-
ken, man verschlielk davor nur die Augen -, als erste Lebenswir-
kung ergibt sich die Weltherrschaft der Phrase. Denn wenn man
nicht eine geistige Anschauung hat, die in die Welt hineinflielk als
lebendige Substanz, so bleiben die Worte leer. Dann werden Worte
ausgesprochen, die iiberhaupt nur als Phrase einen Sinn haben,
das heilk keinen Sinn haben. Und im Laufe der letzten Jahre,
wo sich der Ungeist selber ad absurdum gefuhrt hat durch die
aufieren Weltereignisse, da konnten wir wahrlich iiber die ganze
zivilisierte Welt hin den Siegeszug der Phrase wahrnehmen. Phra-
sen sind Worte, bei denen man gar nicht notig hat, an die reale
Grundlage zu denken - man braucht nur an charakteristische Er-
scheinungen zu erinnern wie zum Beispiel an die beiden bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts im Parlament gebliebenen englischen
Parteien, die «Whigs» und die «Tories». Man sagt diese Worte und
hat natiirlich keine Ahnung mehr davon, welchen Ursprung im
Leben diese Worte einmal hatten. «Whigs», das war, als das Wort
aufkam, ein Schimpfwort fur schottische Revolutionare gegeniiber
englischen Einrichtungen, und «Tories» war der Spottname fur
die irischen Papisten. Ebenso wie diese Worte in der englischen
Parlamentssprache sich verhalten zu ihrem Ursprung im realen
Leben, so verhalten sich heute die tonangebenden Aussagen der
Menschen zu ihren realen Lebensurspriingen. Wie iiber dem
Leben, iiber der WirkHchkeit schwebt dasjenige, was wir, man
darf nicht sagen denken, sondern was wir als Worte aus uns her-
auspressen. Die Weltherrschaft der Phrase, sie wird den Menschen
klar werden. Denjenigen, die sie sich nicht klarmachen wollen
aus der Betrachtung der Verhaltnisse heraus, denen wird sie klar
werden dadurch, dafi sie durch ein Wirtschaftsleben, welches ohne
den beherrschenden Antrieb des Geistes sich entwickelt, dafi sie
durch ein solches Wirtschaftsleben verhungern. Das Verhungern
wird den realen Beweis liefern, daft unser Wirtschaftsleben nicht
vom Geiste, sondern vom Ungeist beherrscht wird, weil wir es
dazu gebracht haben, den Geist nicht mehr in der Wirklichkeit
zu suchen, sondern uns an den Ungeist zu halten, der sich auf
dem Gebiete des sogenannten Geisteslebens dann nur als Phrase
liber das Menschliche aufiern kann.
Dagegen gibt es nur ein Heilmittel, nur ein Heilmittel gibt es,
um iiber die Weltherrschaft der Phrase hinauszukommen: zu eman-
zipieren das Geistesleben von demjenigen, unter dessen Druck es
zur Phrase werden mufite. Ein Geistesleben, das nicht aus seinen
eigenen Grundlagen heraus baut, ein Geistesleben, das sich die
Anstalten fur seine Pflege von dem Wirtschaftsleben herrichten
oder vom Staatsleben zuzimmern lalk, ein Geistesleben, das folgen
mu£ den Richtlinien des Staates oder den Kraften des Wirtschafts-
lebens, ein solches Geistesleben kann sich nicht frei entfalten. Nur
ein solches Geistesleben kann sich frei entfalten und dadurch zum
wirklichen Geiste kommen und dadurch iiber die Phrase hinaus-
kommen, dafi es sich seine eigenen Institutionen aus seinen eige-
nen Grundlagen heraus schafft. Es gibt nur ein Heilmittel gegen
den sonst immer starker werdenden Siegeszug der Weltenphrase,
das ist: die Verselbstandigung des Geisteslebens. Wie die Fruchte
des Feldes unter einem Heuschreckenschwarm zugrunde gehen,
so verodet das Geistesleben, wenn dieses Geistesleben von ande-
ren Faktoren abhangig ist als allein von sich selbst, und dasjeni-
ge, was vom Geistesleben geoffenbart wird unter den Menschen,
wird zur Phrase. Die Weltherrschaft der Phrase wird erst aufhoren,
wenn das Geistesleben eingerichtet wird von denjenigen, die die
Trager des Geisteslebens sind; sie wird erst aufhoren, wenn von
der niedersten bis zur hochsten Schule hinauf und auf alien an-
deren Gebieten des Geisteslebens diejenigen die Institutionen des
Geisteslebens machen, die in diesem Geistesleben tatig sind, und
wenn das, was Grundsatz fur das Lehren, fur die Verbreitung des
Geisteslebens ist, auch mafigebend ist fur die aufieren Institutio-
nen. Nur ein auf sich selbst gestelltes Geistesleben wird in die Lage
kommen, sich entgegenzustellen dem Siegeszug der Phrase, der so
verheerend wirkt, der sich selbst ad absurdum gefiihrt hat in den
Schreckensereignissen der letzten fiinf bis sechs Jahre.
Meine sehr verehrten Anwesenden, es kann einem, gerade wenn
man ehrlich und aufrichtig die Entwicklung des Geisteslebens,
des sogenannten Geisteslebens, in den letzten Jahren, den letzten
Jahrzehnten betrachtet, an merkwiirdigen Beispielen aufgehen, wie
dieses Geistesleben allmahlich ohnmachtig geworden ist gegeniiber
den Lebenswirklichkeiten. Es ist hochst merkwiirdig, was einem
entgegentritt, wenn man betrachtet eine Personlichkeit, die man
selbst aufs hochste verehrt, eine Personlichkeit, die charakteri-
stisch ist fiir hochste Leistungen des Geisteslebens am Ende des
19. Jahrhunderts. Als eine solche Personlichkeit sehe ich Herman
Grimm an, den grofSen Kunsthistoriker. Wiederum will ich von
der Erscheinung Herman Grimms nur als von einem Symptom
fiir das neuere Geistesleben sprechen. GroEes, wahrhaft Groses
hat dieser Herman Grimm, dieser Kunsthistoriker geschaffen.
Und wenn ich Umschau halte unter seinen reichen Essays, die da
vorliegen von ihm, so mufi ich sagen: Etwas, was so von innerer
reicher Geistesart vom Ende des 19. Jahrhunderts gesattigt ist wie
zum Beispiel seine beiden Essays, der iiber Iphigenie und der iiber
Tasso - das sind wirklich geistige Offenbarungen, die im hochsten
Mafie zeigen, was ein auf der Hohe des Geisteslebens der modernen
Zeit stehender Mensch zu leisten vermag. Und sie sind charakteri-
stisch, diese geistigen Leistungen, fiir die Art des Geistesschaffens
derjenigen, die eigentlich die Besten waren. Uber Iphigenie und
iiber den Tasso von Goethe hat Herman Grimm Abhandlungen
geschrieben, die Gesichtspunkte des Geisteslebens zeigen, die ein-
fach bewundernswiirdig tief eindringen in das menschliche Wesen
iiberhaupt. Aber er hat etwas geschrieben, was schon im Geiste da
ist. Er braucht zur Vorlage etwas wie die Iphigenie, wie den Tasso,
die schon da waren. Ich habe Umschau gehalten, was ein solches
Symptom denn eigentlich bedeutet, und ich konnte nicht anders
als flnden: Das Schdnste, das Grofke, was unsere Geistesheroen am
Ende des 19. Jahrhunderts geleistet haben, sind gerade diejenigen
Dinge, in denen sie geistvoll geschrieben haben iiber das, was um
die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts geistig produziert wor-
den ist. Sehr charakteristisch, sehr bedeutsam. Diese Beobachtung
konnte aber jeder machen, der wach ist, und nicht mit schlafender
Seele das neuere Geistesleben betrachtet.
Nun gibt es von demselben Herman Grimm auch ein Buch iiber
Goethe. Das handelt nicht iiber Iphigenie, nicht iiber den Tasso,
nicht iiber geistige Erzeugnisse des Menschen, sondern iiber Goe-
the selbst, iiber den lebendigen Menschen Goethe. Ich lese Kapitel
fur Kapitel - ich habe es schon wiederholt offentlich ausgespro-
chen, was ich iiber dieses Goethebuch zu sagen habe -, ich lese
Kapitel fur Kapitel; ich versuche mir gegenstandlich zu machen,
wie dieser geistvolle Mann, der so grofiartig iiber Iphigenie, iiber
Tasso geschrieben hat, nun iiber Goethe, den lebendigen Menschen
selber spricht. Ich finde Kapitel fur Kapitel nicht die Schilderung
eines lebendigen Menschen, ich finde Schattenbilder, die so iiber die
Wand hinhuschen, Schattenbilder ohne Dicke, Schattenbilder von
Goethe, dem lebendigen Menschen. Dasjenige, was geistig hervor-
gebracht wurde, das konnte Herman Grimm schildern. Im Augen-
blick, wo er stand vor der Schilderung des lebendigen Menschen,
entsteht nicht eine Schilderung dieses lebendigen Menschen, son-
dern es entstehen Schattenbilder, die keine Dicke haben, die Flache
haben, die nur hinhuschen, an die man nicht anstofien kann, durch
die man iiberall durchgreift, wenn man ihnen zu Leibe riickt. Das
ist so recht charakteristisch fur die Lebenswirkungen der geistigen
Verfassung von diesem Ende des 19. Jahrhunderts. Diese geistige
Verfassung war in dem Augenblick, wo sie sich iiber Geistiges
hermacht, stark genug, iiber geistige Produktion der Menschen zu
urteilen und das hinzustellen, auch mit zahlreichen Seitenblicken
iiber das menschliche Leben iiberhaupt, aber sie versagt in dem
Augenblick, wo eingedrungen werden soil in den Geist der uns
vorliegenden Wirklichkeit.
Das ist dasjenige, was nun wiederum die Geisteswissenschaft,
wie sie hier gemeint ist, anstrebt: Hinlenkung der menschlichen
Seelenverfassung zum wirklichen Geiste, so dafi wir in die Lage
kommen, den Geist in der Wirklichkeit zu finden. Sie strebt an, da$
wir nicht nur Schattenbilder von der Wirklichkeit malen, sondern
den Geist in der Wirklichkeit ergreifen konnen. Dann werden wir
auch nicht jene Abstraktionen, jene Intellektualismen gewinnen,
die heute die Naturerkenntnis auftischt, sondern wir werden ge-
winnen eine wirkliche Einsicht auch in das innere Weben und We-
sen der Natur. Und wir werden von da ausgehend eine Gesinnung
gewinnen, die des Menschen eigenem Wesen, des Menschen eigener
Wiirde, des Menschen eigener Bedeutung im irdisch-kosmischen,
im seelisch-geistigen Zusammenhang entspricht, die diesem Wesen,
dieser Wiirde des Menschen wirklich entspricht. Aber nur dadurch,
daft wir so vordringen durch den Geist in die Wirklichkeit, kon-
nen wir die Phrase besiegen, konnen wir in das lebendige Wort
wiederum das hineinlegen, was kraftend ist in den Handlungen,
in den Begegnungen der Menschen, was kraftend sein kann auch
im Wirtschaftsleben. Wer heute glaubt, dafi er im Wirtschaftsleben
auskommt mit einer blofien Verbesserung alter Institutionen, wer
nicht ubergehen will zu einer solchen vollstandigen Erneuerung
der Denkweise, der gibt sich wesenlosen Illusionen hin. Denn wir
stehen heute nicht vor kleinen, wir stehen heute vor den denkbar
grofken Menschheitsfragen.
Und gerade dann, wenn es sich darum handelt, aufierlich wirk-
lich sozial zu begriinden das Verhaltnis von Mensch zu Mensch,
dann ist es notwendig, daft der Mensch dem Menschen so gegen-
iibertritt, dafi er in seinem Nebenmenschen den Geist sehen kann.
Es ist notwendig, daft er in seinem Nebenmenschen dasjenige sehen
kann, was ein spezieller Fall einer geistig-seelischen Wesenheit ist,
dafi er gegenuber seinem Nebenmenschen sich durchdringen kann
mit all den Gefuhlen und Empfindungen, die nur impulsiert, nur
innerlich durchkraftet werden konnen von einer geistigen Welt-
anschauung. Weil wir kein selbstandiges Geistesleben hatten, ent-
wickelten wir den Materialismus im Grofien, entwickelten wir auf
dem Gebiete des Geisteslebens die Weltherrschaft der Phrase, was
noch vielen Menschen verborgen ist, die da seelisch schlafen.
Und wenn auf dem Gebiete des Gefiihls- und Empfindungslebens
eindringt der Ungeist - nicht der Geist, der lebendig befruchtet alles
dasjenige, was aus dem Menschen kommt -, wenn in die Gefiih-
le und Empfindungen eintaucht der Ungeist, was entsteht dann?
Dann entsteht kein lebendiges Verhaltnis von Mensch zu Mensch,
das die Grundlage abgeben kann fur die soziale Struktur des ge-
sellschaftlichen Organismus; dann entsteht in den Verhaltnissen,
in den Gefiihls-, den Gemiitsverhaltnissen zwischen Mensch und
Mensch durch den Ungeist die Konvention. Ich mochte sagen, wir
Deutsche diirfen glticklich sein, daft wir, indem wir die gegenwarti-
ge Herrschaft des Geisteslebens zu schildern haben, «Phrase» sagen
miissen, denn wir haben im Deutschen kein richtiges Wort dafiir.
Und auch jetzt sind wir wieder in Verlegenheit, ein deutsches Wort
zu brauchen fur das, was sich in neuerer Zeit herausgebildet hat
aus dem vom Ungeist beherrschten Gefiihlsleben; wir miissen sagen
«Konvention». Die Konvention ist dasjenige, was blofi aufierlich fest-
gelegt ist; dasjenige, auf das wir blofi aufierlich hinschauen konnen,
was nicht ergriffen wird von dem innersten Wesen des Fiihlens und
Empfindens. Aber in diejenigen Menschen, in die nicht hineinfliefk
vom Denken, vom Bewufksein aus dasjenige, was die Phrase durch-
geistigen kann, in die kann sich auch nicht hineindrangen dasjenige,
was als Geist durchzieht Empfindung und Gefuhle, und es kann
sich kein sozialer Verkehr, kein soziales Verhaltnis entwickeln, wel-
ches menschenwiirdig und menschenwert ware. Unter dem Einfluft
der Konvention, unter dem Einflufi der Aufierlichkeiten hat sich
auf einem zweiten Gebiet das entwickelt, was im modernen Leben
Staatsleben, politisches Leben geworden ist. Wie das geistige Leben
heute beherrscht ist von der Weltherrschaft der Phrase, so ist das
Staatsleben ganz und gar beherrscht von der Konvention.
Einzig und allein wenn wahre Demokratie unter den Men-
schen sich offenbart, jene Demokratie, welche wirklich auf dem
lebendigen Verhaltnis von Mensch zu Mensch aufgebaut ist, dann
wird an die Stelle der Konvention dasjenige treten, was sich vom
lebendigen Menschen zum lebendigen Menschen entwickelt. Dies
beruht darauf, dafi der mundige Mensch dem miindigen Menschen
gegeniibersteht, wenn also in Betracht kommen jene menschlichen
Verhaltnisse, die unabhangig sind von der starkeren Kapazitat, der
Fahigkeit des Geistes und die unabhangig sind, weil sie rechtliche
Verhaltnisse sind, von der Starke der wirtschaftlichen Kraft. Wenn
abgelost wird vom Wirtschaftsleben auf der einen Seite, vom Gei-
stesleben auf der anderen Seite das Rechts- oder Staatsgebiet, und
auf diesem Rechts- oder Staatsgebiet sich nur dasjenige geltend
macht, was aus der Gleichheit aller miindig gewordenen Menschen
kommt, dann wird wirklich an die Stelle der Weltherrschaft der
Konvention das treten, was sich vom lebendigen Menschen zum
lebendigen Menschen entwickelt. Es ist dasjenige, wonach heute
eine phrasengewohnte Welt schreit und wovon sie nichts versteht:
das Recht, das nur geboren werden kann aus dem lebendigen Ge-
fuhl, der lebendigen Empfindung im Verkehr des einen Menschen
zum andern, das Recht, das nimmermehr geboren werden kann aus
irgendeiner Konvention heraus. Wir aber leben auf diesem Gebiet
unter der Weltherrschaft der Konvention. Konvention ist alles, was
als Empfindung, als Gemiit sich geltend macht in den offentlichen
Verhaltnissen durch den Ungeist, so wie sich die Phrase geltend
macht in den offentlichen Verhaltnissen, wenn auf dem Gebiete
des Geisteslebens nicht der Geist, sondern der Ungeist die Le-
benswirklichkeiten bedingt.
Und sehen wir uns um auf dem dritten Gebiet des offentlichen
Lebens, auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. Da ein wirklich das
Menschliche erfassendes, menschliche Empfindungen und Gefiih-
le erzeugendes Geistesleben in diesem Zeitalter des Materialismus
nicht da war, konnten auch die wirtschaftlichen Angelegenheiten
nicht von Zielen durchtrankt sein, die vom Geiste befeuert gewesen
waren. Es konnte sich auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens nicht
eine wahre Lebenspraxis herausentwickeln, denn eine wirkliche Le-
benspraxis kann nur gedeihen, wenn die Menschen, die die Trager
dieser Lebenspraxis sind, in jeden Handgriff, in jede Verrichtung
dasjenige hineintragen, was sie gewinnen aus dem Zusammenhang
ihrer Seele mit dem geistig-seelischen Wesen der Welt. An der Stelle
der Lebenspraxis entwickelt sich etwas anderes, wenn statt dieses
Geistes der Ungeist herrschend wird. Wenn der Ungeist herrschend
wird, dann verfallt der Mensch auf dem Boden des aufieren, wirt-
schaftlichen Lebens in die Routine, indem er die wirtschaftlichen
Maftnahmen nicht durchtrankt mit dem, was ihm der Geist eingibt;
er verfallt anstelle der Lebenspraxis in die Routine - ich bemerke:
wiederum nicht ein deutsches Wort. Der Mensch verfallt in die Rou-
tine. Und das ist das Charakteristische auf dem wirtschaftlichen
Gebiet, daft wir immer mehr und mehr von dem Gebiet des lebens-
wirklichen Wesens, des zielbewuftten, nur aus dem Geiste heraus
zu gebarenden Wesens zu dem Gebiet der Routine gekommen sind.
Wie wir auf dem Gebiete des Geisteslebens zur Phrase gekommen
sind, wie wir auf dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens zur
Konvention gekommen sind, so sind wir auf dem Gebiet des Wirt-
schaftslebens zur Routine gekommen.
Wie steht der heutige wirtschaftende Mensch in seiner Routi-
ne drinnen! Wie ist er stolz auf diese Routine! Wie fragt er nur
danach: Wie macht man das? Und wie bestrebt er sich, denjeni-
gen, den er hineinstellen will in den Betrieb des Wirtschaftens, so
zu erziehen, daft die Dinge mechanisch verlaufen! Wie sieht man
gerade ein Groftes darin, im wirtschaftlichen Leben ja nicht Men-
schen zu haben, denen etwas einfallt, sondern Menschen zu ha-
ben, welche imstande sind, die allmahlich zur Routine gewordene
Lebenspraxis moglichst mechanisch fortzusetzen.
Daher ist es auch gekommen, daft der Mensch - weil er in der
Routine drinnensteckt und aus dieser Routine selber keine Be-
friedigung schopfen kann -, daft er dasjenige, was er im aufteren
praktischen Leben hat, so schnell wie moglich loszuwerden sucht,
und dann den Sensationen nachgeht, demjenigen nachgeht, was
moglichst verschieden ist von dem, in dem er berufsmaftig drinnen-
steckt. Liegt Geist in dem aufteren wirtschaftlichen Leben? Sind
Menschen willkommen im wirtschaftlichen Leben, auf die man
deshalb etwas halt, weil ihnen etwas einfallt? - Sie sind unbeque-
mer fur das wirtschaftliche Leben als die Routiniers. Aber wenn
sie willkommen sind, diese Menschen, denen etwas einfallt, dann
werden die wirtschaftlichen Berufe bluhen, sie werden nicht einen
egoistischen Charakter annehmen, sondern sie werden einen altrui-
stischen, einen humanistischen Charakter annehmen. Warum ist
das so? Nun, wenn der Mensch bloft der Routine folgt, dann gibt
es fur ihn keine anderen Antriebe als den Egoismus, als die Befrie-
digung seiner Instinkte. Wenn man in das auftere Leben das hin-
einlegt, was man unter dem Einfluft einer geistigen Erziehung der
Menschheit hat, dann hat dieses, was man so hineinlegt, weil es aus
dem Geiste stammt, eine ganz besondere Eigentumlichkeit. Es hat
die Eigentumlichkeit, daft es nicht fur jeden einzelnen Menschen
gilt, sondern daft es im Grunde genommen gleichgiiltig ist, ob der
eine denkt oder der andere denkt; es hat die Eigentumlichkeit, daft
es als Sache wirkt, daft es etwas zur Folge hat, was alien Menschen
irgend etwas bringen kann in den Lebenswirklichkeiten.
Das alles, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nun wahrlich
nicht gesagt, um geringschatzig, so von oben herunter sich zu
ergehen iiber den Ungeist der modernen Welt, das ist gesagt zu
einem ganz anderen Ziel. Das ist gesagt, damit der Sinn entstehe,
hinzuschauen auf diejenigen Grundlagen, die in der menschlichen
Natur unausloschlich sind und die doch immer vom Ungeist zum
Geist hinfuhren. Das ist gesagt, um die gegenwartige Schlafrig-
keit der Seelen zum Aufwachen zu bringen, damit jene Tiefen
des Menschheitslebens in der Menschheitswirklichkeit aufgesucht
werden, aus denen allein wir dem Abbau abhelfen und zu einem
Aufbau kommen konnen.
Der praktische Keynes, von dem ich ausgegangen bin, sagt: Das,
was man nicht weift, woriiber man keine Auskunft geben kann, das
hangt davon ab, wie alle die verborgenen Krafte sich zusammen-
fassen - «instruction» und «imagination» nennt er diese Krafte -,
um zu kommen zu einer neuen Anschauung iiber die Welt. - Gei-
steswissenschaft will im umfassendsten Sinne das geben; Geistes-
wissenschaft will dasjenige bringen, wonach gerade die einsichtigen
Menschen der Gegenwart schreien miissen, das sie jedoch in dem
Augenblick, wo es vor ihre Seelen tritt, fur eine Phantasterei halten.
Lieber ist es den Menschen heute zu sagen: Da ist wieder einmal
einer, der iiber den Astralleib redet, der iiber Geist und Unsterb-
lichkeit redet -, als daft sie sich wirklich vertiefen, versenken in das-
jenige, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft aus derselben
exakten Methode heraus gesagt werden kann, wie die naturwissen-
schaftlichen Erkenntnisse selbst gewonnen werden.
Merkt man aber, auf welchen Griinden die hier gemeinte Gei-
steswissenschaft ruht, dann, meine sehr verehrten Anwesenden,
dann wird man auch gewahr werden, daft diese Geisteswissenschaft
ein bestimmtes Merkmal hat: Sie wirkt nicht nur durch das, was
man durch sie weift, sondern sie andert die Art und Weise, wie
der Mensch denkt. Sie bringt den Menschen zu einer anderen Auf-
fassung iiber sich selbst. Sie bringt den Menschen zu einem ande-
ren Gefuhl iiber sich und dadurch auch zu einem anderen Gefiihl
gegemiber dem Nebenmenschen. Geisteswissenschaft bringt den
Menschen dazu, daft er vom Geiste aus die wirtschaftlichen Ange-
legenheiten wieder befruchten kann. Sie fiihrt dazu, daft gefordert
werden muft: Dieses Wirtschaftsleben muft als ein drittes Gebiet
des sozialen Organismus selbstandig da sein, es muft so da sein,
daft die wirtschaftlichen Angelegenheiten nur aus wirtschaftlicher
Sachlichkeit und wirtschaftlicher Fachkenntnis heraus von den in
dieses Wirtschaftsleben hineingewachsenen Personlichkeiten geord-
net werden. Alle Institutionen des Wirtschaftslebens miissen darauf
beruhen, daft die Fakten im Wirtschaftsleben durch Fachkenntnis
und Sachkenntnis, nicht aber durch Parlamentsbeschlusse, durch
Mehrheitsbeschlusse zustandekommen. Mehrheitsbeschliisse haben
nur einen Sinn, wenn es sich handelt um dasjenige, was sich abspielt
zwischen Menschen, die gleich sind als miindige Menschen.
Auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens entscheidet Sachkenntnis
und Fachkenntnis und Erfahrung. Auf dem Gebiete des Geistes-
lebens aber entscheiden Anlagen und Fahigkeiten. Beide Gebiete
fordern ihre Selbstandigkeit. Und in der Mitte drinnen fordert als
drittes Glied des sozialen Organismus seine Selbstandigkeit alles
dasjenige, was sich abspielt in den offentlichen Verhaltnissen aus
dem Gemiit, aus Empfindungen und Gefiihlen heraus, das aber
lebendig angefacht sein muft von dem Geiste, nicht vom Ungeiste.
Alles kommt darauf an, daft an die Stelle des Ungeistes der Geist
trete. Der Geist wird im Geistesleben selbst die Herrschaft der Phra-
se besiegen. Der Geist wird durchdringen das Empfindungs- und
Germitsleben so, dafi wir ein wirkliches Staats- und Rechtsleben
gewinnen. Der Geist wird das Wirtschaftsleben so befruchten,
daft dieses selbstandige Wirtschaftsleben wirklich anders gedeihen
kann als unter dem EinflufS des Ungeistes, unter dem Einflul? der
vertrackten, abstrakten marxistischen oder anderen Theorien. Will
man diese Theorien zur Wirklichkeit machen, dann entsteht das,
was im Osten Europas entstanden ist als die aufierste, radikalste
Phase der Zerstorung - der Zerstorung, nicht des Aufbaues.
Dreierlei hat die Menschheit ins Auge zu fassen, nicht urn Kritik
zu iiben, sondern um diesem Dreifachen gegeniiber in den Tiefen
des Menschenwesens und der Menschheit selber dasjenige aufzu-
suchen, was wirklich zu einem Aufbau fuhren kann. Das Dreifache
ist: die Phrase, die Konvention, die Routine. Zu treten hat an die
Stelle der Phrase die Pflege des wirklichen Geisteslebens. Zu treten
hat an die Stelle der Konvention die lebendige Empfindung, die
nur entsteht, wenn wir, befeuert von geistigen Vorstellungen, als
Mensch dem Menschen im Rechts- und Staatsleben gegeniiber -
treten; sonst kommen wir, weil das Geistesleben doch das Be-
fruchtende von allem ist, auch auf dem Gebiet des Rechtslebens
zur bloften Phrase. Sonst kommen wir dahin, zu sprechen wie
derjenige Mensch, der angebetet worden ist von der ganzen Welt
und der merkwiirdige Dinge sagte zum Beispiel iiber das Recht.
Ich meine diesen Woodrow Wilson, den ich mir doch etwas ge-
nauer angeschaut habe, so dafi ich iiber ihn nicht spreche wie der
Blinde von der Farbe. Da findet sich zum Beispiel in seinem dicken
Buche iiber den Staat, das eigentlich ein Kompendium modernen
Phrasentums ist, folgende phrasige Definition: Das Recht ist der
Wille des Staates gegeniiber dem burgerlichen Gebaren derjenigen,
die unter seiner Autoritat stehen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der an Wirk-
lichkeit gewohnt ist und weift, wie der lebendige Wille aus der leben-
digen Personlichkeit herausspriefit - ich mochte wissen, was sich der
denken soli, wenn ihm dann dieser Historiker des Staates vorredet:
Das Recht ist der Wille des Staates. - In der Zeit, in der dem Men-
schen der Staat nichts anderes ist als eine auftere Einrichtung des
A S
wirtschaftlichen Lebens, redet man, ohne daft man es wirklich weift,
von dem Willen des Staates - in ernsthaft gemeinten Biichern, die
allerdings fur den wirklich ernsthaften, der Wesenheit zugeneigten
Geist Kompendien des modernen Phrasenlebens sind.
Nun, wenn wir das moderne Wirtschaftsleben anschauen -
geredet wird dariiber viel. Aber dieses Wirtschaftsleben selber ist
doch im Grunde genommen gar nicht beherrscht von dem, was
geredet wird. Auch da geht die Phrase wie ein Hauch oben drii-
ber, und darunter vollzieht sich das wirkliche Wirtschaftsleben.
So sehr geht die Phrase dariiber, daft die marxistisch-sozialistische
Lehre das Phrasenhafte dieser Phrasen empfindet und es «Ideolo-
gie» nennt. Sie spurt gewissermaften, daft der Ungeist herrscht im
Wirtschaftsleben, aber sie kommt nicht darauf, an die Stelle des
Ungeistes den Geist zu setzen, sondern sie setzt sich als Ideal vor,
an die Stelle des Ungeistes, der bisher geherrscht hat, einen anderen
Ungeist zu setzen, der in der Zukunft herrschen soil.
Wahrhaftig, derjenige, der heute hinschauen will auf das, was
zum Aufbau fiihren kann, der muE genau kennen, wie unter der
Dreiherrschaft von Phrase, Konvention und Routine der Abbau
herbeigefiihrt worden ist, ja, herbeigefiihrt worden ist die Schrek-
kenszeit der letzten fiinf bis sechs Jahre. Uber das, was man finden
raulS, wenn man gesund durchschaut diese Dreiherrschaft, wer-
de ich versuchen, ubermorgen zu sprechen. Aber es muftte dieser
Vortrag heute den anderen vorausgehen aus dem Grunde, weil
nur derjenige einsehen kann, was dem kommenden Tag notwen-
dig ist, der genau hinzusehen vermag auf das, was die Zerstorung
herbeigefiihrt hat. Es geniigt heute wahrhaftig nicht, bloft darauf
hinzuweisen, daft irgendwie die Krafte sich umwandeln miissen
zu einer neuen «Belehrung», zu einer neuen «Imagination». Es ist
heute schon notwendig, daft man auf diese lebendigen Quellen des
Geistes hinweist.
Nun, da ich gewissermaften meine Zeit langst abgesprochen
habe, darf ich vielleicht noch durch ein paar Minuten ein kleines
Anhangsel machen zu dem, was ich heute gesagt habe. Es ist et-
was, das gewissermaften an einem naheliegenden Beispiel zeigt, wie
heute dasjenige unter den Menschen aufgenommen wird, was sich
bestrebt, diese Zeit zu durchschauen und zu gleicher Zeit nach den
Bedingungen Ausblick halt, welche dazu fiihren konnen, aus der
Zerstorung zu einer Art von Aufbau zu kommen. Aber wollte ich
ausfiihrlich iiber das reden, worauf ich jetzt mit ein paar Worten
kommen will, miiftte ich einen langen Vortrag halten, denn es ist
sehr, sehr viel.
Als ich das letzte Mai hier von Stuttgart fortfuhr, horte ich
gerade noch im Abreisen, daft allerlei Verleumdungen iiber meine
eigene Person und iiber diejenigen, die verbunden sind in ihrem
sachlichen Wirken mit mir, im Umlauf sind. Es zeigte sich sehr
bald, daft diese Verleumdungen mit aufterordentlichem Raffine-
ment ausgefiihrt sind, indem sich die Denunzianten einen rich-
tigen Zeitpunkt gewahlt haben. Ich konnte dann erfahren, daft
diese Denunziation, diese Verleumdung gebaut ist sogar auf Briefe,
die gefalscht sind, die so aufgefaftt werden konnen, als ob sie von
mir selber geschrieben waren; mit diesen Briefen will man Dinge
beweisen, die von mir oder von den Leuten des Bundes fiir Drei-
gliederung des sozialen Organismus ausgehen. Ja, man hatte nicht
einmal ein Schamgefiihl gegeniiber der Verleumdung, die darin lag
zu sagen, daft es zu meinen Maftnahmen gehore, dazu beizutragen,
Deutsche auszuliefern an die Entente, und sich dabei auf von mir
selbst geschriebene Briefe berief.
Sehr verehrte Anwesende, mir ist das personlich nur ein Bei-
spiel, wie heute Leute behandelt werden, die sich ehrlich bestreben,
nach Wahrheit zu forschen und die nicht davor zuriickschrecken,
das zu sagen, was heute zum Abbau und nicht zum Aufbau fuhrt.
Aber es ist ja selbstverstandlich, daft solchen Schmutzfinken, die
dergleichen in die Welt setzen, eigentlich auf irgendeine Weise das
Handwerk gelegt werden miiftte. Man kommt ihnen aber nicht bei.
Es gibt keine rechtlichen Mittel; Widerlegungen haben keinen Wert
aus dem Grunde, weil die Leute selber ja wissen, daft das erlogen
ist, was sie verbreiten. Sie verbreiten es ja nicht aus dem Grun-
de, um die Wahrheit zu sagen, sondern um denjenigen, der ihnen
unbequem ist, aus dem Wege zu raumen. Es handelt sich solchen
Leuten nicht darum, etwas zu sagen, was sie glauben, sondern
darum, etwas aufzubringen, was dem Betreffenden moglichst in
den Augen derer, die kein Urteil haben, schaden kann. Ich habe
solches zu erleben seit vielen Jahren, wenn auch nicht mit diesem
Raffinement, wie es in der letzten Zeit aufgetreten ist. Ich habe
keine Freude daran, mich mit derlei schmutzigen Leuten einzu-
lassen und ihre schmutzige Wasche anzufassen.
Ich liebe es auch nicht, wenn von einer gewissen klerikalen Seite
- eine solche ist schon durchaus auch unter den Leuten, denen
es nicht auf die Wahrheit ankommt - verbreitet worden ist vor
Jahren, ich sei ein aus der katholischen Kirche entsprungener Prie-
ster. Solche Menschen haben dann, wenn ihnen so kniippeldicke
Unwahrheiten nachgewiesen werden, kein anderes Wort als das,
was der betreffende Herr in einer angesehenen klerikalen Zeit-
schrift geschrieben hatte: Die Behauptung, dafi Dr. Steiner einmal
Priester gewesen ist, laftt sich nach neueren Erkundigungen nicht
mehr halten. - Damit glauben die Menschen dasjenige, wodurch sie
zahlreiche Seelen angesteckt haben, wiederum gutzumachen. Man
macht es damit nicht gut. Es handelt sich darum, dafi gegeniiber
derlei Gebaren schon einmal die Gesinnung Platz greifen mufi, die
vor vielen Jahren einmal der osterreichische Parlamentarier Graf
Walterskirchen der Regierung entgegengehalten hat: Wer einmal
gelogen hat, dem glaubt man nicht, und wenn er hundertmal die
Wahrheit sagt. - Nun, das ist ein Beispiel. Diejenigen, welche derlei
in die Welt setzen, sind eben nichts anderes als Vertreter objektiver
Unwahrheiten, und meiner Vermutung nach - weil ich glaube, daft
sie das auch wissen - Liigner. Es mufi das einmal offentlich gesagt
werden: An der ganzen Verleumdung ist nichts anderes dran, als
daft sie von vorne bis hinten eine vollig erlogene Sache ist.
Das zweite, womit heute immer wieder und wiederum hausieren
gegangen wird, ist die Aufwarmung einer Jesuitenliige, die schon
vor vielen Jahren aufgetreten ist. Ich werde hier gewift nichts zum
Pro und Contra des Antisemitismus sagen. Ich aufiere mich hier
nicht iiber diese Weltanschauung. Aber immer wieder und wie-
derum wird von gewissen Leuten, weil sie wissen, daft sie dabei
auf ihre Rechnung kommen, die Luge verbreitet, ich sei Jude; ir-
gendwie wird immer wiederum von irgendeiner Ecke darauf hin-
gewiesen. Ich habe damals, als von jesuitischer Seite zuerst dieses
System praktiziert worden ist, meinen Taufschein fotografieren las-
sen, und ich habe noch heute ganz kleine Fotografien meines Tauf-
scheines, die ich jedem, der sie sehen will, vorweisen kann. Aber
ich glaube nicht, daft man mit solch einem Dokument gegen die
Seiten etwas machen kann, die eigentlich dabei in Betracht kom-
men. Unter denjenigen, die dieses komische Marchen von meinem
Judentum aufgebracht haben, befindet sich auch der «Semi-Kursch-
ner». Darin wird meine ganze Biographie so frisiert, daft daraus
hervorgehen soil, daft ich irgendwie von jiidischer Abstammung
sei. Das, was ich in meiner Abstammung verfolgen kann, ist allein
dieses, daft alle meine Vorfahren miitterlicher- und vaterlicherseits
aus dem niederosterreichischen Bauernstand hervorgegangen sind.
Mein Vater hat einem wahrhaftig nicht-jiidischen Institut gedient,
namlich dem Kloster und Stift Geras in Niederosterreich, was ein
Pramonstratenser-Stift ist. Die Pramonstratenser-Stiftleute haben
ihn gerne gehabt und haben ihm sogar ein Stipendium gegeben zur
Ausbildung fur die ersten Klassen des Gymnasiums. Dann wurde
er spater osterreichischer Eisenbahnbeamter, aber kein Staatsbe-
amter, sondern Privatbeamter. Aber ebensogut, wie nachgewiesen
werden kann, daft diese Vorfahren vaterlicherseits so wenig jiidisch
waren, daft sie Diener eines gut katholischen Klosters waren, eben-
sogut kann das bei alien Vorfahren miitterlicherseits, soweit sie mir
zuganglich sind, erwiesen werden. Aber ich glaube nicht einmal,
daft man mit solch einer Sache gegeniiber diesen Seiten, die mit die-
sen erlogenen Dingen wirtschaften, etwas ausmachen kann. Denn
unter denjenigen Personlichkeiten, die in dem «Semi-Kurschner»
aufgefiihrt sind als Juden, ist ja auch eine Personlichkeit, die ja
in der neueren Zeit sogar eine kleine Annaherung an den Jesui-
tismus vollzogen hat, Hermann Bahr. Seine Biographie ist auch
so frisiert, daft man glauben konnte, er sei irgendwie jiidischer Ab-
stammung. Nun konnte er aber damk aufwarten, daft zwolf seiner
Vorfahren richtige oberosterreichische Bauern, nicht jiidische oder
dergleichen waren. Als das ganz dokumentarisch nachgewiesen
werden konnte, da wendete die Redaktion des «Semi-Kurschner»,
die durchaus in der Reihe drinnensteht, von der solche Dinge kom-
men, ein: Nun ja, gut, wir wollen glauben, dafi die zwolf Ahnen
durchaus allem Judentum fernestehen. Dann glauben wir aber an
die Reinkarnation und glauben, daft Hermann Bahr in friiheren
irdischen Verkorperungen Jude war.
Sie sehen, mit Gedanken, mit Widerlegungen ist dieser Seite
nicht beizukommen. Es miissen schon ganz andere Wege gefunden
werden. Ich glaube aber nicht, daft ein anderer, wirklich zum Ziele
fuhrender Weg gefunden werden kann, als daft nach und nach die
Zahl der verniinftig und anstandig denkenden Menschen immer
grofier und grofter werde gegeniiber denen, die, um ihre Mitmen-
schen zu verleumden, in Schmutz waten wollen. Ich glaube nicht,
daft sich Unanstandigkeit durch irgend etwas anderes besiegen laftt
als durch die anstandig denkenden Menschen. Weder mit Gerichts-
verhandlungen noch mit Widerlegungen kommt man zurecht,
sondern nur dadurch, daft sich moglichst viele Menschen flnden,
die Sinn fur Anstand haben.
Und es mufi schon einmal offentlich gesagt werden: Auch solche
Dinge, wie ich sie jetzt vorfiihren muftte, gehoren zu dem, was
in unserer Zeit kommt von dem Eindringen des Ungeistes in die
Lebenswirklichkeiten anstelle des Geistes. Aber alles, was heute so
furchtbar zerstorend unter der Menschheit wirkt, es zielt nach dem
einen hin, das zusammengefaftt werden mufi in die Worte: Gar sehr
hat die Menschheit notwendig, insbesondere aber hat es der deut-
sche Geist notwendig, an die Stelle des Ungeistes, an die Stelle des
materialistischen Ungeistes, den Geist zu setzen, denn der Ungeist,
er mu6 besiegt werden, wenn wir wieder Aufbau haben wollen,
wenn wir wieder Menschheitsfortschritt haben wollen. Und den
Ungeist wird allein der Geist, der wahre Geist besiegen.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 4. Marz 1920
Die geistigen Forderungen des kommenden Tages
Sehr verehrte Anwesende! Aus einem empfindungsgemaften, vor-
urteilslosen Beurteilen der Ereignisse der Gegenwart wird es sich,
wie ich glaube, heute ganz selbstverstandlich ergeben konnen, iiber
den kommenden Tag zu sprechen.
Wenn ich hinweisen darf auf dasjenige, was ich mir erlaubt
habe, vorgestern hier auszufiihren, so kann dariiber vielleicht ge-
sagt werden, daft solche Schilderungen, wie sie da gegeben wor-
den sind iiber die Geistesverfassung der gegenwartigen zivilisierten
Menschheit, gar sehr eine Art von Abendstimmung zum Ausdruck
bringen. Ergebnisse der Menschheitsentwicklung der letzten drei
bis vier Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart herein muftten ge-
schildert werden, und geschildert werden muftte, wie auf den ver-
schiedensten Gebieten des Lebens trotz der gewaltigen Fortschritte
und Triumphe - die allerdings, wie hervorgehoben worden ist,
auch vorhanden sind - die Schreckensereignisse der letzten vier bis
funf Jahre iiber diese Menschheit hereingebrochen sind. Es ist doch
nicht nur moglich geworden, daft diese Schreckensereignisse iiber
die Menschheit hereingebrochen sind, sondern es ist auch moglich
geworden, daft wir heute in einer gewissen Weise stehen vor der
Ratlosigkeit, vor dem: Was soil geschehen? - Ja, in vieler Beziehung
miissen wir bekennen: Wenn wir weiter nur fortbauen wollten auf
dem, was sich als Ergebnis fur unsere Erkenntnis, fur unser Wol-
len aus den heraufgekommenen Entwicklungskraften ergibt, dann
muftten wir mit der Hoffnungslosigkeit rechnen. Da ist so etwas
wie Abendstimmung. Und diese Abendstimmung legt nahe, gewis-
sermaften auch von der anderen Seite der Sache zu sprechen: von
der Morgenstimmung, zu sprechen von dem kommenden Tag.
Aber wenn man heute von dem kommenden Tage spricht, so
scheint es, daft eines nicht gestattet ist: einfach nur hinzuschau-
en auf die Ereignisse, wie sie sich zugetragen haben, wie sie sich
entwickelt haben bis zu dem gegenwartigen Zeitpunkt, um daraus
Griinde abzuleiten fur irgendwelche Dinge, auf die man nur zu
hoffen braucht. Aus der Ratlosigkeit der Gegenwart sind wenige
Griinde fiir solche Hoffnungen zu finden. Daher mu£ derjenige,
der da sprechen will von dem kommenden Tag, von etwas anderem
ausgehen als von einer Schilderung der Wirkungsmoglichkeiten der
bisherigen Ereignisse, von der Schilderung desjenigen, was aus den
allgemeinen Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen heraus sich
ergeben konnte und bei dem der Mensch nur zuschauen kann.
Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, wer heute von dem
kommenden Tag sprechen will, der mufi sprechen von dem, was
der Mensch tun soil, damit dieser kommende Tag heranriicke. Auf
irgendein aufierhalb der Menschheit gelegenes Schicksal allein hin-
zuweisen, wird heute keine Hoffnungen erwecken. Es mufi hinge-
wiesen werden auf den Menschen selbst, auf seine Wirkensmoglich-
keiten, auf dasjenige, was in ihm die Tat entziinden kann, dafi er
es sei, der, wie auch die Welt in Flammen stehen moge, den kom-
menden Tag herbeifuhren kann. Veranlassung gibt dazu aber nicht
nur eine Beobachtung der Ratlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit der
Schicksalslage der aufteren Welt, dazu gibt auch Veranlassung eine
etwas tiefergehende Betrachtung des geschichtlichen Werdens der
Menschheit selbst - des geschichtlichen Werdens der Menschheit,
das man dann allerdings ins Auge fassen mufi gerade von dem Ge-
sichtspunkte der hier gemeinten Geisteswissenschaft aus. Die mei-
sten Menschen sind ja heute gewohnt, wenn von der geschichtlichen
Entwicklung des Menschen die Rede ist, diese nur zu verfolgen, ich
mochte sagen am Faden von Ursache und Wirkung, so, als ob da
alles, was in der Folgezeit eintritt, zu erklaren ware aus den voran-
gehenden Ereignissen, die man dann wohl Ursachen nennt.
Das ist im geschichtlichen Werden der Menschheit ebensowenig
der Fall, wie es der Fall ist beim einzelnen menschlichen Individu-
um. Wir konnen unmoglich uns zufriedengeben mit einem Verfol-
gen der menschlichen individuellen Entwicklung etwa so, dafi wir
sagen: Nun, wir betrachten den Menschen, wenn er dreifiigjahrig
ist, und wir erklaren dasjenige, was er als Dreifiigjahriger uns dar-
bietet, als eine Folge desjenigen, was er als Neunundzwanzigjah-
riger, als Achtundzwanzigjahriger, als Siebenundzwanzigjahriger
gewesen ist. - Eine solche Erklarung ware eine aufterliche, abstrak-
te, ware eine solche, die nicht eingehen konnte auf das wirkliche
Wesen des Menschen. Denn wenn wir das wirkliche Wesen des
Einzelmenschen erfassen wollen, dann miissen wir eingehen auf
die einzelnen Epochen seiner Entwicklung. Wir miissen uns klar
sein, wie der Mensch, wenn er Kind ist, gewissen Entwicklungs-
gesetzen unterliegt, welche zunachst hinzielen bis zu dem Zeitraum,
in dem etwa der Zahnwechsel eintritt. Dann muE man sich klar
werden, wie nach diesem Zahnwechsel im ganzen menschlichen
Organismus etwas Gesetzmafiiges vor sich geht, was aus dem
inneren Wesen aufsteigt, was nicht erklart werden kann, indem
man einfach die aufteren Tatsachen der menschlichen Entwick-
lung etwa im neunten Jahre zuruckfuhrt auf die aufteren Tatsachen
dieser menschlichen Entwicklung im fiinften oder sechsten Jahr.
Wiederum mufi man hinschauen auf den Zeitpunkt, in dem die
menschliche Geschlechtsreife eintritt, auf das vierzehnte, fiinfzehn-
te Jahr. Da steigt wiederum aus dem Inneren der menschlichen
Wesenheit etwas auf, was man zu Hilfe rufen mul?, wenn man zu
einem Verstandnis des gesamten menschlichen Wesens kommen
will. Und so auch in den folgenden Epochen der menschlichen
Einzelentwicklung, wenn auch fur diese folgenden Epochen die
Umschwunge in der menschlichen Natur weniger deutlich, aber
fur den Einsichtigen doch ganz klar zu Tage treten.
So, wie es ist mit dieser einzelnen menschlichen Entwicklung,
so ist es auch mit der geschichtlichen Entwicklung, dem geschicht-
lichen Werden der ganzen Menschheit. Zu ihrem Verstandnis reicht
nicht aus, dafi man blofi, wie es iiblich geworden ist, immer das
Folgende aus dem Vorhergehenden erklart. Man mufi sich klar sein,
daft da auch im geschichtlichen Werden der Menschheit grofte Um-
schwiinge eintreten, dafi Zeitepochen eintreten, in denen aus den
Tiefen der Menschheit Entwicklungsgesetze aufsteigen, so dafi das
Wesentliche, wie sich diese Menschheit auftert, anders wird als im
vorhergehenden Zeitalter.
Wenn man nun hinschaut auf dasjenige, was, ich mochte sagen
unter der Oberflache des vorgestern Geschilderten seit drei bis vier
Jahrhunderten sich emporarbeiten will - denn es will sich zunachst
nur emporarbeiten aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit -,
so muli man sagen: Alles, alles tendiert dahin, zielt dahin, dafi die
einzelnen Angehorigen der Menschheit sich zur Vollbewufkheit
entwickeln, zur Vollbewufkheit auf alien Gebieten des Lebens.
Fur den Kenner des geschichtlichen Werdens, der nicht bloE die
aufSere Geschichte betrachtet, wie sie heute gelehrt wird, die im
Grunde doch nur eine fable convenue ist, sondern der eingeht auf
das Innere der Menschheitsentwicklung - wie man beim einzelnen,
individuellen Menschen auf sein Inneres eingehen mufi, wenn man
ihn verstehen will -, fur den zeigt sich etwa im 15. Jahrhundert die
erste Anlage zu dieser neuen Art des Menschheitswesens, in voller
Bewufkheit das zu erfassen, was uns umgibt in der Welt. Nur ist
eine Tatsache in der Menschheitsentwicklung vorhanden, welche
das maskiert, zudeckt, was ich eben charakterisiert habe. Aus den
alten Epochen blieben immer Entwicklungskrafte zuriick, die sich
als konservatives Element hineinstellen in die ganze Menschheits-
entwicklung - Krafte, die weiterwirken und die eigentlich das,
was sich aus einem Teil des Menschheitswesens als die eigentliche
Aufgabe der Zeitepoche entwickeln will, zunachst nicht nur in den
Hintergrund treten lassen, sondern es gewissermafien bekampfen.
Und so ist aus der vorhergehenden Epoche iiber das 15. Jahrhun-
dert hinaus und in unser Zeitalter sich erstreckend dasjenige geblie-
ben, was ich nennen mochte die Unbewufkheit auf alien Gebieten,
zunachst vor alien Dingen die Unbewufkheit auf dem Gebiet des
Geisteslebens selbst.
So stark ist diese Unbewufkheit auf dem Gebiete des Geistes-
lebens geblieben, dafi wir heute breite geistige Stromungen haben,
die geradezu in dem Unbewulken dasjenige sehen, was das Tiefere,
das Wesentlichere des Menschenwesens ist. Wir sehen zum Beispiel
in Amerika aufgehen die an den Namen William James sich an-
kniipfende geistige Bewegung, die aber gerade unter den Intellek-
tuellen Europas in verschiedenen Variationen viele Anhanger hat,
eine geistige Bewegung, welche sagt: Nur ein Teil desjenigen, was
der Mensch in seiner Seele birgt, kommt ihm voll zum Bewufit-
sein. Aus dem Unterbewufksein herauf steigt alles dasjenige, was
zum Beispiel Inhalt des kiinstlerischen Schaffens ist; aus dem Unbe-
wufken herauf steigen sogar die Ideen, die dann nur dem Urteil
der Wissenschaft unterworfen werden. Aus dem UnterbewuEt-
sein steigt auch alles dasjenige herauf, was den Menschen religios
beseelt.
Dasjenige, was da als eine gebildete Geistesstromung sich aus-
breitet, was zuweilen groteske Formen annimmt, wie zum Beispiel
in der Psychoanalyse, das hat zu seinem Gegenbild etwas anderes.
Wie sehr haufig kann man es heute noch horen, dafS irgend jemand
gutmeinend ist in bezug auf eine ubersinnliche, eine geistige Welt,
die er voraussetzt, aber seine gute Meinung hort auf in dem Mo-
ment, wo die Geisteswissenschaft auftritt, die aus den Zeichen der
Zeit heraus mit voller Bewufitheit die geistige Welt schauend durch-
dringen will. Ein solcher Gutmeinender sagt oftmals: Uber das,
was man bewufit aufnehmen kann von der Natur und vom Men-
schen in die Seele, tiber das hinausgehend mufi es ja etwas geben.
- Aber er ist dann froh, wenn er sagen kann: Das, was es so gibt,
ist ein Unbekanntes, ist etwas, was man nicht erforschen kann; das
ist etwas, was nicht in das voile menschliche Bewulksein hinein-
fallt. - Kiinstlerisch Schaffende haben geradezu einen Schreck, eine
Furcht davor, die Antriebe ihres Kunstlertums in das Bewufksein
hinaufzuheben. Sie glauben, dadurch die elementarsten Krafte zu
verlieren, die Naivitat, die sie fur notig halten zum kiinstlerischen
Schaffen. Und mancher will durchaus nicht dasjenige, was zur vol-
len Bewulkheit gebracht werden kann, zum Antriebe des sozialen
Lebens machen, denn er mochte auch da auf etwas UnbewulS-
tes, Unbekanntes hinweisen, das sich im Verkehr von Mensch zu
Mensch geltend machen soil. Aus dem Unbewulken heraus soli
der Mensch die Antriebe zu seinem sozialen Verhalten schopfen,
und das wiirde in einer gewissen Weise zerstort, wenn es ins voile
Bewufitsein hinaufgehoben wiirde, gleichsam wie wenn ihm der
Tau, der es erfrischt, genommen wiirde.
So bietet man in einer gewissen Weise das Unbewufke, das
Unbekannte in den verschiedensten Formen an, wie man es heu-
te eben in aufgeklarten Kreisen tut. Und es ist ja nur eine Folge
davon, wenn gerade gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft
immer wieder und wieder ein Vorwurf auftaucht, namlich der-
jenige, dafi man aus dieser Geisteswissenschaft heraus sich ver-
mifk, iiber die geistige Welt und ihren Inhalt wirklich etwas aus-
zusagen und nicht blofi hinzuweisen auf ein jenseits der Grenzen
der Menschheit liegendes, unbekanntes Ubersinnliches. Man stellt
dem entgegen den sogenannten «einfachen, schlichten Glauben»,
der sich damit begniigt, nicht einzudringen in das, was Inhalt des
Geisteslebens ist, sondern auf das Geistesleben nur hinzuweisen
aus einem gewissen allgemeinen Gefiihl, aus dem Primitivsten der
Menschennatur heraus. Dieser Glaube, der heute die Zeichen der
Zeit iiberhoren will, der abweist den bestimmten Inhalt des geisti-
gen Lebens, nach dem die Geisteswissenschaft strebt, dieser Glau-
be ist nur der stehengebliebene Rest desjenigen, was fruher in der
Menschheitsentwicklung gewaltet hat als das Unbewufke. Aber was
ist dieses Unbewufke? Es war in fruheren Entwicklungsepochen
der Menschheit anders, als es heute sein kann. Dieses Unbewufke
war in fruheren Entwicklungsepochen der Menschheit ein Elemen-
tar-Lebendiges. Je weiter wir zunickgehen in dieser Menschheits-
entwicklung, desto mehr finden wir, wie im Menschen aufsteigen
- allerdings nicht auf dem Wege der Bewufkheit, der heute der
unsrige sein mufi, sondern auf dem Wege des unbewufken Schau-
ens -, wie in ihm aufsteigen nicht nur die Inhalte seines Geistes-
lebens, sondern auch das, wodurch er sich die ihn umgebende
Natur verstandlich macht.
Man schaue nur hin, meine sehr verehrten Anwesenden, auf
die letzten Auslaufer dieses uralten Schauens der Menschheit aus
dem Unbewufken heraus, und man findet die herrlichen Mythen,
die herrlichen Mythologien, durch die sich der fruhere Mensch
aus seinem Unbewufken heraus aufgeklart hat iiber sich und die
ihn umgebende Natur. Wir finden den Quell des kiinstlerischen
Schaffens aufsteigen aus dieser Unbewufkheit. Und wenn wir uns
wirklich und nicht bloE nach konventionellen Vorurteilen unter-
richten wollen, so finden wir auch die Anhaltspunkte dafiir, daft
der friihere Mensch die Antriebe fiir sein soziales Wollen und sein
soziales Verhalten im Kreise seiner Mitmenschen aus dem Un-
bewulken heraufkommend gesucht hat. Liegt doch, wenn auch
weitaus nicht alles, so doch ein gut Teil desjenigen, was die Men-
schen aus der Unbewulkheit heraus sozial verbindet, schon in der
menschlichen Sprache - in dieser menschlichen Sprache, durch
die wir Schwester und Bruder dem anderen Menschen werden, in
dessen Umkreis wir leben. Diese menschliche Sprache, wir eignen
sie uns an in der fruhesten Kindheit, in der Zeit, in der wir uns
erst in das Leben hineintraumen, in der Zeit, in welcher noch gar
nicht von Vollbewulkheit gesprochen werden kann. Was tragt nun
das, was wie aus dem kindlichen Lebenstraum herausgeboren ist,
in das spatere Leben hinein?
Wir stehen unter dem Einfluft des Genius der Sprache. Diese
Sprache, sie gibt uns viel. Sie verbindet uns sozial mit unseren Mit-
menschen, aber dasjenige, was diese Sprache durchdringt, zu so-
zialen Triebkraften wirkend, das ist verborgen eben in der fruhesten
Kindheit; das ist nicht aus der Bewufkheit, das ist aus dem Unbe-
wufken herausgeboren. Und so kann man sagen: Das alte soziale
Leben, es ist vielfach aus dem Unbewufiten heraus entstanden. Das
Unbewulke hat eben bis zu jener Zeit, die fiir die ganze Entwick-
lung der Menschheit um das 15. Jahrhundert herum eingetreten
ist, dem Menschen etwas ganz anderes gegeben, als es ihm heute
gibt. Aber ebensowenig, wie jene Entwicklungskrafte des einzel-
nen Menschen, die vor seiner Geschlechtsreife liegen, in derselben
Art im Menschen wiederum vorhanden sein konnen nach der
Geschlechtsreife und wie da ganz andere Anlagen und Krafte zum
Vorschein kommen miissen, so mufi in der menschheitlichen Ent-
wicklung an die Stelle der friiheren Unbewufitheit in diesem heuti-
gen Zeitalter die Bewufttheit treten. Das Element aber, worauf ich
vorgestern aufmerksam machen mulke, das unser gegenwartiges
Zivilisationswesen durchdringt, die Phrase, das ist dasjenige, was
intensiv verhindert, dafi sich die Vollbewufitheit aus den Tiefen des
Menschenwesens herausentwickelt. Was friiher den Menschen in
aller Lebendigkeit durchdrungen hat aus dem Unbewuftten heraus,
ist heute nicht mehr lebendig; es ist zur Phrase ertdtet.
Und auch darauf muftte ich vorgestern aufmerksam machen,
daft gerade die so glorreiche naturwissenschaftliche Weltanschau-
ung nicht die Moglichkeit gefunden hat, den Menschen iiber etwas
anderes aufzuklaren als iiber das Auftermenschliche, iiber das, was
in der leblosen Natur vorhanden ist. Darauf muftte ich aufmerksam
machen, wie derjenige, der alles an Erkenntnissen umfassen wiirde,
die ihm die Naturwissenschaft gibt, vor der Frage: Was ist eigent-
lich der Mensch? - ratios dastehen mufke. Uber diese Frage: Was
ist eigentlich der Mensch? - gibt diejenige Wissenschaft, die heute
noch die gebrauchliche ist, keine Auskunft. Woher kommt das?
Das kommt davon her, daft diese Wissenschaft noch nicht aus der
vollen Bewufttheit herausgeboren ist, sondern daft diese Wissen-
schaft, trotz ihrer glorreichen Erfolge, die Fortsetzung desjenigen
ist, was in dem Zeitalter der Unbewufttheit den Menschen aus ganz
anderen Quellen zugekommen ist, als die heutigen sind. Daher
sehen wir diese Wissenschaft in einer merkwurdigen Lage.
Vor kurzem kam mir in die Hand eine durchaus nicht wert-
lose Broschure iiber allgemeine soziale Begriffe und Ideen. Aus-
drucklich bemerke ich, daft viel Wertvolles drinnensteht. Aber
am Schlusse steht etwas, was fur eine solche Betrachtung wie die
heutige aufterordentlich charakteristisch ist. Da steht am Schlusse,
der Verfasser habe rein wissenschaftlich, also wie es die wissen-
schaftlichen Gepflogenheiten der Gegenwart fordern, die sozialen
Verhaltnisse betrachtet. Aber weil er wissenschaftlich sein wolle,
so konne er aus seinen wissenschaftlichen Ideen keine irgendwie
gearteten Folgerungen Ziehen fur das sittliche, fiir das kiinstleri-
sche, fiir das politische, fiir das kulturelle Leben, denn die Wissen-
schaft habe nicht die Aufgabe, irgendwie Folgerungen zu Ziehen
fiir diese verschiedenen Zweige des Lebens. Ob das, was er rein
wissenschaftlich schildert - so meint der Verfasser -, ob das Ge-
schwiire heile oder Sonnen zerstore, das sei der Wissenschaft ganz
gleichgultig - darauf komme es der Wissenschaft nicht an.
Sehen wir nicht, indem wir den Ausdruck einer solchen Gesin-
nung betrachten - der aber nicht einzig dasteht, sondern eigentlich
typisch ist fur dasjenige, was heute oftmals «Wissenschaft» oder
«wissenschaftliche Erkenntnis» genannt wird -, sehen wir nicht,
wie da die Fortsetzung einer gewissen Lebensaskese vor uns stent,
die sich nur selber nicht erkennt als Fortsetzung, Sehen wir da
nicht wiederum jene Lebensaskese, welche in friiheren Jahrhunder-
ten mit einer gewissen Verachtung des aufieren Lebens verkniipft
war, welche sich zurtickgezogen hat in das menschliche Innere,
welche sich nicht kummert um dasjenige, was in der aufteren ethi-
schen, sittlichen oder sozialen Tatsachenwelt vorging, sondern nur
allein die Angelegenheiten des Innern der Seele betrachtet? Andere
Formen hat dieses asketische Streben angenommen, aber es tritt
wiederum auf in dieser Wissenschaftsgesinnung - in dieser Wis-
senschaftsgesinnung, die zwar in ihrer Art streng gewissenhaf-
ter Methodik bewundernswiirdig ist, die aber ihre Grofte gerade
darin sieht, dafi sie gesteht: Ich habe nichts fur das sittliche, fur
das kunstlerische, fur das politische, fur das kulturelle Leben aus
mir selbst heraus als Impuls, als Antrieb zu holen. - Gegen diese
Stimmung, die aber nicht nur im wissenschaftlichen Leben auftritt,
sondern die - weil das wissenschaftliche Leben heute die Bildung
beherrscht - sich verbreitet iiber unser ganzes offentliches Leben,
gegen diese Stimmung ist das, was hier als Geisteswissenschaft
auftreten will, der vollste Protest. In dem Augenblick, in dem aus
den traurigen Verhaltnissen unserer gegenwartigen Zivilisation die
grofien Zukunftsfragen fur den kommenden Tag aufgetreten sind,
da mulke - wie durch eine Selbstverstandlichkeit - aus dem, was
Geisteswissenschaft, was wirkliche Geisteswissenschaft, wie sie
hier gemeint ist, im Innern des Menschen entziindet, eine An-
schauung iiber das soziale Leben, iiber den Fortgang des sozialen
Lebens entstehen. Es ist nicht durch die Laune oder durch die
Willkiir einzelner Personlichkeiten der Impuls der Dreigliederung
des sozialen Organismus hinzugefugt worden zu dem, was hier seit
Jahrzehnten schon vertreten wird als anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft - das hat sich als eine Selbstverstandlichkeit
ergeben. Es hat sich so ergeben, daft man denjenigen innerlich
unwahr und verlogen empfinden muftte, der mit seiner Seele nach
dieser Geisteswissenschaft zu streben vorgibt und kein Herz hat
fur dasjenige, was als soziale Frage die ganze Menschheit durchbebt
und erschiittert oder wenigstens durchbeben und erschiittern soll-
te. Da wird jetzt nicht auf dem Wege der aufteren Naturerkenntnis,
sondern auf dem Wege der Geist-Erkenntnis etwas gesucht, was,
indem es von der menschlichen Seele erlebt wird, unmittelbare
Antriebe auch zum sozialen Wollen liefert.
Um das eine noch zu erwahnen - ich konnte auch auf die an-
deren Gebiete des Lebens einige Blicke werfen, will aber nur das
eine erwahnen -: Wir haben in unserem Bau in Dornach etwas
aufgefuhrt, das nicht rechnet mit irgendeinem alten Baustile, son-
dern das die Bauformen, das Kiinstlerische durchaus bis in das
einzelnste hinein behandelt aus den Kraften, die sich aus unserer
geistigen Erkenntnis, aus unserer geistigen Schau heraus selbst er-
geben. Dagegen, daft es richtig sei, dasjenige, was als Kiinstleri-
sches wirkt, im Unbewuftten zu lassen, es nicht hinaufzuheben
in das Bewuftte, dagegen legt diese Geisteswissenschaft, wie sie
hier gemeint ist, Protest ein. Wie Geisteswissenschaft selbst in
die geistigen Welten mit voller Bewufttheit eintreten will, so will
sie auch das, was hier zu neuen Baustilen, zu neuer kiinstleri-
scher Gestaltung fiihren kann, herausheben aus dem, was wirkt
aus den geistigen Welten. Indem Geisteswissenschaft schauen will
den Geist selbst, mit dem der Mensch in seinem innersten Wesen
verwandt ist, trifft sie auf dieses innerste Menschenwesen so auf,
daft sie in den Kern der Menschheit kommt - da, wo das sittliche
Wollen aufkeimt, wo das sittliche Wollen aufgeht. Geisteswissen-
schaft kann also nicht sagen, sie kiimmere sich nicht um dasjenige,
was im sittlichen Wollen vorgeht, sondern sie kann allein das fiir
sich in Anspruch nehmen, daft sie - indem sie sich durchdringt mit
einem Wissen von Weltenweiten und von dem Innersten, Intimsten
der Menschenseele - zu gleicher Zeit die moralischen Antriebe
gebiert, aus denen heraus der Mensch sein Wollen, sein Handeln
gestaltet. Diese Geisteswissenschaft kann nicht sagen, es kame ihr
nicht darauf an, etwas zu tun, damit Geschwiire geheilt werden
oder Sonnen nicht verloschen. Sie mufi sagen, ihr kommt es darauf
an, daft aus ihrer Erkenntnis heraus der Mensch die Kraft schopft,
uberall da heilend aufzutreten, wo durch den aufieren Gang der
Weltereignisse Schadlichkeiten auftreten, ihr kommt es darauf an,
etwas hinzustellen, was dem Menschen eine Sonne sein kann und
was etwas beitragen kann zu den wohltuenden Kraften in der
Menschheitsentwicklung. Mit-Tun und Mit-Handeln, Mit-Wollen
und Mit-Absichten-Haben beim ganzen Gang des menschlichen
geschichtlichen, sozialen Werdens, das ist dasjenige, was diese
Geisteswissenschaft anstrebt nicht als abstraktes Ziel, sondern was
sich ihr ergibt durch ihre eigene Natur und Wesenheit. Sie kann
nicht anders auftreten, als indem sie in voller Bewufitheit dasjenige
fortsetzt, was sich einer fruheren Menschheit in einer gewissen
Weise aus der Unbewufitheit heraus ergeben hat.
Aus dieser Unbewulkheit heraus hatte man in fruheren Zeiten
eine ganz bestimmte Empfindung iiber den Fortgang der Mensch-
heitsentwicklung. Das war die, daft das Werden der Menschheit, der
ganzen Menschheit, wenn es sich selber iiberlassen ware, fortwah-
rend degenerieren wiirde, fortwahrend von Schadlichkeiten ergrif-
fen wiirde, fortwahrend zu einer Art von Sterben sich hinneigen
wiirde, fortwahrend erkranken wiirde. Aber man hatte auch das
Bewufitsein: Wenn der Mensch eingreift in diese Menschheitsent-
wicklung, so wird er, indem er gerade auf dasjenige sich verlafit,
was aus dem Wesen des Unbewuftten heraus ihn erleuchtet, zum
Heiler der Krankheiten, der Schadigungen. Als eine Heilkraft der
Menschheitskultur hat man in den Zeiten der unbewulken Entwick-
lung der Menschheit empfunden alles Wissen, alle Erkenntnis, weil
man nicht dabei stehenblieb, nur in einer Ecke etwas zu wollen und
nicht teilzunehmen am aufieren Kulturprozefi - im Gegenteil, man
wollte mitmachen gerade als Heiler diesen Kulturprozefi.
Und das Wort, welches uns heriibertont aus der griechischen
Erkenntnis, charakterisierend eine der tiefsten Kunstschopfungen,
die Tragodie, das Wort «Katharsis», das tont heruber aus der grie-
chischen Kultur und will besagen, worauf eigentlich die Wirkung
des Trauerspiels beruht. Darauf beruht diese Wirkung: im Men-
schen Bilder von Leidenschaften zu erzeugen, damit diese Lei-
denschaften im Anblick der tragischen Handlung des Trauerspiels
geheilt werden konnen - seelisch. Indem dieser Ausdruck «Kathar-
sis» als das die Tragodie Beherrschende heraustont aus der grie-
chischen Kultur, wird uns angedeutet, wie auch das Kiinstlerische
in dem dem Leben so nahestehenden Griechentum als Heilungs-
prozefi des Lebens betrachtet worden ist. Denn «Katharsis» ist ein
Wort - wir konnen es nur mit dem abstrakten Wort «Reinigung»
iibersetzen -, welches man auch braucht fur jene Erscheinung, die
wahrend einer Erkrankung des Menschen bis zur Krisis fuhrt;
und wenn diese Krisis zur Ausscheidung des Schadigenden fuhrt,
dann kommt es zur Heilung. Der Grieche entnahm dem mensch-
lich-individuellen Heilungsprozeft die Aufgabe fur die Tragodie.
Er dachte sich nicht das Kiinstlerische aus der iibrigen Kultur fort;
er dachte es sich durchaus darinnenstehend.
So im Leben stehend, im lebendigen Wollen und Handeln ste-
hend, will jene Geisteswissenschaft sein, von der hier seit langem
gesprochen wird und die heute im Angesicht der Ratlosigkeit - die
sich ergeben hat aus der auf anderen Gebieten gloriosen Wissen-
schaft der neueren Zeit - als die ernsteste geistige Forderung des
kommenden Tages dastehen mul Allerdings mufi, damit sie als
solche erkannt werde, noch manches herbe Vorurteil hinwegge-
raumt werden. Solange man glauben wird, dafi ernste Wissenschaft
nur dasjenige sei, was beschreibt, was durch das Mikroskop und
Teleskop gesehen werden kann, was im physikalischen Kabinett
konstatiert wird, was in Kliniken geschieht, solange wird man
dieser Geisteswissenschaft Vorurteile entgegenbringen. Wenn man
aber einsehen wird, daft durch alles dasjenige, was auf diese aufte-
re Weise erforscht werden kann - wenn es auch in anderer Bezie-
hung noch so wertvoll ist fur die Menschheit nichts iiber das
innerste Wesen des Menschen selbst gesagt werden kann, dann wird
der Mensch aus einem inneren Antrieb heraus, weil er nicht an-
ders kann, wenn er sich Aufklarung iiber sich selbst geben will, zu
dieser Geisteserkenntnis hingetrieben werden. Ebenso, wie man
heute hinhorcht auf dasjenige, was im physikalischen Kabinett, in
den Kliniken konstatiert wird, wird man - gerade um das Wesen
des Menschen zu erkennen - hinhorchen auf dasjenige, was der Gei-
stesforscher unternimmt in seiner Seele, indem er sein Denken so
erstarkt, dafi dieses in sich selber erstarkte Denken nicht mehr, wie
das gewohnliche Denken, abhangig ist von der Leiblichkeit, sondern
sich unabhangig macht von der Leiblichkeit.
Woriiber heute noch die meisten Menschen hohnen, was sie als
Phantasterei ansehen, das wird in der Zukunft angesehen wer-
den als streng exakte Methode, die allerdings ganz im Innern der
Seele selber ablauft. Man wird erkennen, dafi durch das sogenannte
meditative Leben - aber jetzt nicht durch das alte, mystische me-
ditative Leben, das nur den Menschen der Welt entfremdet, son-
dern durch das innerlich tatige meditative Leben - das Denken
so erstarkt werden kann, besonders wenn die in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» geschilder-
te strenge Willenszucht dazukommt. Man hat es dann allerdings
mit einem Denken zu tun, von dem man wei£: Du denkst, aber
du nimmst in deinem Denken, das jetzt ein rein geistig-seelischer
Prozeft geworden ist, nicht mehr dein Gehirn zu Hilfe. - Dann
steigt man auf zur iibersinnlichen Erkenntnis durch diese inner-
liche Erstarkung des Denkens. Und wie man von einem gewissen
Zeitpunkte an dasjenige anerkannt hat, was man durch die Ver-
grofierung des Mikroskops gesehen hat, so wird man auch darauf
kommen durch die Erstarkung des Denkens und die Anerkennung
desjenigen, was sich als Forschungsresultate aus dem Ubersinnli-
chen heraus ergibt, daft auch die Natur, in der wir leben, durch
unseren intellektuellen Seeleninhalt, durch Intellektualismus nicht
voll begriffen werden kann.
Das ist etwas, was heute dem Menschen noch paradox klingt,
was aber, wenn die ernsten Forderungen des kommenden Tages
eingesehen werden, nicht mehr paradox klingen wird. Denn ein-
sehen wird man, daft die Natur innerlich unendlich viel reicher ist
in ihrer Wirksamkeit als dasjenige, was man durch Naturgesetze
fassen kann, die nur der menschliche Verstand aus dem Experiment
abzieht. Man kann ja aus innerer menschlicher Neigung heraus
vielleicht sagen: Nur dasjenige, was der menschliche Verstand mit
einem intellektualistisch anschaubaren Urteil erfassen kann, kann
man als innerlich Erfahrenes ansehen. - Aber will man dabei ste-
henbleiben, will man nur das als Naturgesetz gelten lassen - und
alles, was uns heute als Naturgesetze gelehrt wird, wird nur auf
diese intellektualistische Art durch das Experiment gewonnen -,
dann mufi man verzichten auf die wirkliche Erkenntnis der Natur.
Denn was niitzt es denn, immerfort zu deklamieren: Klar ist nur
dasjenige, was aus dem Verstandesurteil, aus dem intellektualisti-
schen Urteil heraus kommt -, wenn alles das, was das Wesen der
Natur ist, sich nicht erfassen lafit durch diese Naturgesetze. Die
Natur ist so, dafi sie sich nicht den Naturgesetzen ergibt, sondern
nur den Bildern, die wir im Imaginativen erkennen dann, wenn
wir unser Denken erstarken, so daft es unabhangig wird vom Leib
und wir es zu unserem Seeleninhalt machen.
Allerdings, dasjenige, was auf diese Art hingestellt wird als der
eigentliche Antrieb und Kern geisteswissenschaftlicher Forschung,
es geniigt nicht, dafi man es theoretisch anerkennt. Es geniigt nicht,
daft man sich interessiert um seines eigenen inneren seelischen
Egoismus willen fur die Ergebnisse, fur die Vorstellungen und
Gedanken dieser Art von Weltenschau, sondern es ist notwendig,
dafi die innere Gesinnung und menschliche Seelenverfassung, die
aus solchem Schauen folgen kann, in unser ganzes offentliches,
soziales Leben ebenso eindringt, wie eingedrungen ist nach und
nach - aber vorbereitend die Schrecknisse der letzten vier bis
fiinf Jahre - die bloft naturwissenschaftliche, intellektualistische
Denkweise.
Da wird einfach begonnen werden miissen mit der Schulung des
Menschen. Da wird diese Schulung des Menschen endlich brechen
miissen mit demjenigen, was heute noch geradezu als eine Haupt-
sache alien Schulwesens angesehen wird: dafi dieses Schulwesen
abhangig sei, beaufsichtigt werde von der Staatsgewalt. Die Staats-
gewalten werden aus sich heraus, da sie die Aufgabe haben, den
Staat zu organisieren, die Ziele des Schulwesens immer so gestalten
wollen, da$ der Mensch ein Instrument innerhalb der staatlichen
Organisation werde. In der Zukunft wird es nicht darauf ankom-
men, dafi man den Menschen zu dem oder jenem vorbereitet, son-
dern es wird darauf ankommen, daE man in sich den Sinn dafiir
erzieht, durch Anschauen des Geistig-Seelischen am Menschen zu
beobachten, was sich da von friihester Kindheit an durch des Men-
schen Leiblichkeit hindurch als Geistiges entwickeln will. Es wird
darauf ankommen, daft man die Schule von den untersten Stufen
bis zur hochsten Stufe einzig und allein auf diese Anforderungen
des Geisteslebens selbst begriindet.
Heute stehen noch unsere offentlichen Verhaltnisse so, daft
man nur vereinzelt den Versuch machen kann, ein solches Erzie-
hungswesen durchzufiihren, wie das zum Beispiel gemacht worden
ist hier unter der Agide des Herrn Molt mit der Waldorfschule.
In der Waldorfschule wird von vorneherein von dem Grundsatz
ausgegangen, daft im Menschen sich herausarbeitet von Kindheit
an ein Tiefverborgenes, das man aber durch Geistesschau in sei-
nem Werden von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr beobachten
kann. Die Methode des Unterrichtens wird so eingerichtet, daft der
Mensch ein Vollmensch werde, daft im Menschen von der friihesten
Kindheit an diejenigen Krafte sich entwickeln konnen, die dann
das ganze Leben hindurch standhalten, die es moglich machen,
daft der Mensch im spatesten Alter dasjenige aus sich herausholen
kann, was in ihm entwickelt worden ist. Da muft in vielem an-
ders vorgegangen werden, als in dem, was man als Erziehungsziel
betrachtet hat aus naturwissenschaftlichem und materialistischem
Vorurteil gerade in der neuesten Zeit. Da mufi vor alien Dingen
von dem Bewufttsein ausgegangen werden: Wenn ich alles das,
was im Menschen veranlagt liegt, aus diesem Menschen hervor-
hole, wird er sich spater in das soziale Leben so hineinstellen, daft
er die Einrichtungen machen wird, nicht daft, wie es heute der
Fall ist, die Einrichtungen ihn vergewaltigen, so daft er nur eine
Maschine wird in seinem Beruf, ein Abdruck desjenigen Wesens,
das ihm sein Beruf aufpragt. Der Mensch der Zukunft, der durch
diese Schule angestrebt werden soli, mufi allem aufteren Leben das
Siegel aufpragen, nicht aber darf dieses aufiere Leben ihm das Siegel
aufpragen. Spricht man das aus, so sieht es zunachst aus wie jene
Phrasen, die man heute auch oftmals braucht fur Erziehungsziele.
Aber die bleiben Phrasen, wie so vieles im heutigen Leben, wenn
man es nicht ankniipft an die wirkliche Geistesschau. Diese mufi
aber erst aus den Tiefen der menschlichen Seele heraus durch eine
Erkraftung des Denkens, durch eine Selbstzucht des Willens bis
zur Methode des ubersinnlichen Schauens getrieben werden.
Es ist eine ernste Forderung des kommenden Tages, daft neben
dem, was aufterlich in Laboratorien, in Kliniken erforscht wird,
auch anerkannt werde dasjenige, was durch strenge innere See-
lenmethode gefunden werden kann als Offenbarung des eigenen,
wahren, wirklichen Menschenwesens, das zu gleicher Zeit das iiber-
sinnliche, das ewige Wesen des Menschen ist. Und es ist ein Ver-
kennen alles dessen, was die Zeichen der Zeit sprechen, wenn reli-
giose Vorurteile ein solches Streben so abtun, daft heruntergesetzt
wird dasjenige, was so der Mensch aus des Menschen ureigenster
Kraft hervorholen will. Es ist schlimm, daft gerade von mancher
religiosen Bekenntnisseite her immer wiederum gesagt wird, es sei
ein Irrtum oder es sei gefahrlich, wenn der Mensch sich innerlich
so entwickeln will, daft er zur Anschauung des Ubersinnlichen
kommt; dieses Ubersinliche solle man aus instinktivem, dem ein-
fachsten Gemiit gegebenem Glauben hinnehmen. - Es klingt das,
weil es der menschlichen inneren egoistischen Bequemlichkeit ent-
gegenkommt, fur viele sehr schdn. Und beschwerlich klingt es fur
viele, wenn Geisteswissenschaft auftritt, um uber die einzelnen
Tatsachen der ubersinnlichen Welt so zu sprechen, wie sonst die
auftere Naturwissenschaft iiber die aufterlich-sinnlichen Tatsachen
des Lebens spricht. Beschwerlich ist es, wenn der Anspruch dar-
auf gemacht wird, fur eine Erkenntnis der geistigen Welt einzelnes,
mit dem der Mensch als geistig-seelisches Wesen verkniipft ist, so
zu beschreiben, wie man diese auftere, sinnliche Welt beschreibt.
Der Mensch mochte aus einem ganz unbestimmten Gefiihl heraus
wie im Handumdrehen alles mogliche als «das G6ttliche» erfas-
sen; er mochte sich nicht darauf einlassen, dieses Gottliche in sich
auf muhsamen inneren Wegen sich zu erobern. Aber der Mensch
wird, indem er sich nicht darauf einlassen will, dieses Gottliche auf
dem muhsamen Weg der Seele zu erobern, sondern indem er es in
Abstraktheit eines Gefuhls festhalten will, sich immer mehr und
mehr vom wirklichen Leben entfernen. Was er uber die Natur aus-
sprechen wird, wird ohnmachtig sein, in das soziale Leben, in das
politische Leben, in den Kultus, selbst in das sittliche Leben einzu-
greifen. Es wird zuletzt sogar ohnmachtig sein, die Religion selber
aufrechtzuerhalten, weil der Mensch gewohnt wird im gegenwarti-
gen Zeitalter, nach dem Konkreten hinzustreben, weil der Mensch
gewohnt wird, der Naturwissenschaft erkennend zuzuschauen und
nicht blofi zu glauben. Die Erziehung, die er da sich erringt, wird
ihre Krafte geltend machen auch fur dieses Gebiet. Gibt man dann
dem Menschen diese Geisteswissenschaft nicht, spricht man ihm
nicht von dieser Geistesschau, bekampft man sie, dann wird er die
alten, traditionellen, aus dem Zeitalter der Unbewulkheit herriih-
renden religiosen Bekenntnisse verlieren. Seine Seele wird veroden.
Diejenigen religiosen Bekenntnisse, die sich heute entgegenstem-
men einem lebendigen Ergreifen der Geisteswelt, sie sind es, die der
wahren Religiositat der Menschheit entgegenarbeiten.
Und diese Erkenntnis selber ist eine ernste geistige Forderung
des kommenden Tages. Es ist durchaus mit den alten Tatsachen
gerechnet, wenn man heute sagt, Religion musse beim Menschen
aus dem dunkelsten Drang heraus kommen, sie musse durchaus in
der Region des Unbewufiten sich halten, sie diirfe sich nicht auf-
schwingen zur vollen Bewufitheit. Was ich Ihnen heute auf diesem
Gebiet als eine Charakteristik des eigentlichen geistigen Strebens
geschildert habe, das soil eben offenbaren, wie hinzustreben hat
die Menschheit nach einem bewufiten Erleben der geistigen Welt.
Dieses bewufke Erleben der geistigen Welt, es ist fur das offentliche
Leben nicht anders zu erreichen als durch das Selbstandig-Stellen
alles geistigen Strebens und damit hauptsachlich aller Schulung
der menschlichen geistigen Krafte, die unabhangig sind von den
staatlich-rechtlichen Kraften, die unabhangig sind von alien wirt-
schaftlichen Machten - man kann dariiber nachlesen in meinem
Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ein Geistesleben, das
auf sich selbst gestellt ist, das rein aus dem heraus arbeitet, was iiber
den Geist des Menschen die innerste Seele sagt, das unabhangig ist
von alien Autoritaten, ein solches Geistesleben allein wird in der
Menschheit erwecken auch ein Bewufksein iiber den Geist. Die-
ses Bewulksein braucht der Mensch, damit er gewahr werde den
Zusammenhang des eigenen Geistes in seinem Innern mit dem die
ganze Welt umfassenden Geiste. So hat eigentlich auf dem Gebiet
der Erkenntnis die Menschheit die Notwendigkeit gewonnen, den
Ubergang zu flnden von den alten unbewufiten Forderungen zu
den neueren, immer bewufker und bewufiter werdenden Forde-
rungen, die immer starker und starker werden auftreten mussen.
Aber auch auf anderen Gebieten des Lebens treten ernste For-
derungen des kommenden Tages auf. Wenn wir ein zweites Gebiet
des menschlichen Lebens, des offentlichen menschlichen Lebens
betrachten - dasjenige Gebiet, das sich ergibt aus dem Zusam-
menleben von Mensch zu Mensch, wie es der miindig gewordene,
erwachsene Mensch entwickelt, wie er es zu gleicher Zeit entwik-
kelt als Stiitze fur die aufstrebende Kindheit und Jugend, die her-
einwachsen soil in das folgende Zeitalter -, wenn wir dieses Leben
betrachten und auf fruhere Epochen der Menschheitsentwicklung
blicken, geht auch dieses auf Unbewufites zuriick; aber auch dieses
Leben fordert den Ubergang in die Bewufitheit.
Woraus hat sich alles Recht entwickelt? Woraus hat sich alles das
entwickelt, was sich gewissermafien kristallisiert hat in den staat-
lichen Gesetzgebungen, den gesetzlichen Ordnungen? Ich kann
es hier nur kurz andeuten. Aus demjenigen hat es sich entwickelt,
was in alteren Zeiten, in den Zeiten der unbewufken Menschheits-
entwicklung, entstanden ist aus der Gewohnheit, die Mensch an
Mensch entwickelt hat. Unbewufit hat der Mensch entwickelt ein
Hinaufschauen zu einem anderen Menschen; daraus ist ein Verhal-
ten entstanden. Unbewufit hat der Mensch entwickelt ein Gefiihl
dadurch, dafi der andere Mensch sich zu ihm in einer gewissen Weise
verhalten hat. Daraus sind Rechtsgewohnheiten entstanden. Aus der
Unbewulkheit heraus ist die Sitte, ist das Recht entstanden. Auch
auf diesem Gebiete hat sich in das Zeitalter der Bewufkheit herein
erhalten dasjenige, was nur seine Berechtigung gehabt hat im Zeit-
alter der Unbewufkheit. In das Zeitalter der Bewufkheit herein hat
sich erhalten ein Festhalten an Resten des Altgewohnten. Bis heute
hat sich noch wenig gezeigt von einem Ubergang zu einer anderen
Anschauung gerade des Rechts- und Staatswesens, von einem Uber-
gang zu der Anschauung, die in voller Bewufkheit erfafk dasjenige,
was das Verhaltnis von Mensch zu Mensch im aufteren, sozialen
Leben ist. So wie aber in der reinen Erkenntnis der Ubergang ge-
wonnen werden mufi von der Unbewufkheit zur Bewufkheit, so
mufi auch auf dem Gebiete des Rechts- oder Staatslebens dieser
Ubergang gefunden werden von der Unbewufkheit zur Bewufkheit.
Das mufi herausgeboren werden aus dem, was der Mensch erlebt,
indem er durch Geistesschau innerlich den Geist kennenlernt. Es
mufi herausgeboren werden aus diesem Wissen des Ubersinnlichen
die Art und Weise, wie Mensch zu Mensch rechtlich-staatlich in
der sozialen Ordnung steht. Es muE herausgeboren werden aus
des Menschen Bewufksein vom Ubersinnlichen das irdische Be-
wufksein - das Bewufksein: Indem du dastehst als Mensch und
gegeniiberstehst dem anderen Menschen, sind wir beide nicht nur
das, was da als Menschenleib dem Menschenleib gegenubersteht;
wir beide sind die Trager eines Geistig-Seelischen. Es verkehrt ein
Geistig-Seelisches mit einem Geistig-Seelischen. - Das lafk sich
als Seeleninhalt nicht durch theoretische Anschauung erwerben.
Das kann als Seeleninhalt nur entstehen, wenn er belebt wird von
friihester Kindheit an durch eine Schulung, die alles Naturliche an
das Geistige ankniipft, die alles Naturliche auch vom Geistigen aus
durchdringt. Wenn der Mensch mit seiner innersten Empfindung
in der Wahrheit vom Geistigen drinnensteht, dann wird er auch im
Verkehr von Mensch zu Mensch jene Gefuhle entwickeln, die ihn als
Geistwesen dem anderen Geistwesen gegeniiberstellen. Dann wird
er in der staatlich-rechtlichen Ordnung zwar zunachst ein Ergebnis
des Verhaltens der Menschen sehen, aber er wird darin als tieferen
Sinn dasjenige anerkennen, was die ganze Menschheit als Uber-
sinnliches durchdringt. Weil noch fur dieses Gebiet die Reste des
Unbewuftten aus alten Zeiten in unsere Zeit hereinragen, deshalb hat
sich dasjenige, was friiher aus Unbewufttem heraus den Menschen
in seinen Rechtsempfindungen, seinen Staatsgefiihlen voll belebte,
umgebildet zu einer bloften Konvention. Die Konvention, sie mufi
wiederum in sich aufnehmen das Lebendige, dasjenige, was elemen-
tarisch von Mensch zu Mensch wirken kann. Das kann aber wieder-
um nur dadurch geschehen, daft wirklich der Mensch einen Boden
findet, auf dem - unabhangig von allem ubrigen Menschenleben
- sich abspielt nur dasjenige, was sich entwickelt von Menschenseele
zu Menschenseele als Recht. Weil aber das alte Unbewuftte, das in
einer gewissen Beziehung fur unsere vergangene Epoche seine Be-
rechtigung hatte, sich hereinerhalten hat bis in unsere Epoche, hat
es seinen Sinn verloren. Das Recht hat sich erhalten dem aufteren
Wortlaut, der aufteren Sitte nach; der innere Sinn ist verloren-
gegangen. Es konnte daher nicht ausgeubt werden aus der inneren
Lebendigkeit der Seele heraus; es konnte nur ausgeubt werden aus
der physischen Macht heraus.
Und so sehen wir, wie sich heute, zunachst noch halb unbe-
wufit, aus der Menschheit heraus erhebt der Appell - aber ein
Appell, der heute zu stark aus der Phrase heraus erhoben wird,
der der Phrase entkleidet und mit Wirklichkeit bekleidet werden
mufi -, es erhebt sich der Appell, das, was bloft unter dem Einfluft
der aufteren Machtgebote besteht, durch ein wirkliches Recht zu
ersetzen, in ein wirkliches Recht zu verwandeln. Was in unseren
aufteren Institutionen auf dem Rechts- oder Staatsboden als Macht
lebt, ist einfach dadurch entstanden, daft das, was friiher aus dem
Unbewuftten entsprungen ist, sich festgehalten hat ohne Sinn, so
daft es jetzt nicht aus der menschlichen Seele festgehalten werden
kann, sondern durch auftere Macht festgehalten wird. Es muft sich
verwandeln - auf dem Weg, der aber nur gesucht werden kann in
dem Ubergang vom unbewufiten Fuhlen von Mensch zu Mensch
zu dem bewuftten Fuhlen des einzelnen Menschen fur das wirk-
liche geistig-seelische Wesen des anderen Menschen.
Und so wie in der Epoche der Unbewufttheit sich das Erkennen
entwickelt hat, so wie dasjenige, was Sitte war und Recht geworden
ist, sich herausentwickelt hat aus Elementarischem, aus demjenigen,
was nicht unter das Bekannte, Uberschaubare gerechnet werden
konnte, so haben sich auch entwickelt die Gebrauche, die Ver-
haltungsmafiregeln des aufieren Lebens. Sie haben sich entwickelt
durch die Anpassung des Menschen an seinen Umgang, durch das
Verkehren mit den aufieren Dingen, durch das Probieren, durch
das Schaben, Kratzen, Schleifen im aufieren Leben; mit anderen
Worten: so haben sich die Geschicklichkeiten des Wirtschaftsle-
bens entwickelt. Aus dem Unbewufiten heraus haben sich diese
Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Und in dem
Zeitalter, in dem stehengeblieben ist der alte, unbewufite Rest, der
nicht mit neuem, innerem seelischen Erleben angefullt hat das, was
fruher mit dem Seelisch-Unbewufiten erfullt war in der Behand-
lung der Aufienwelt durch den Menschen, ist das leergeworden,
ist das zur blofien Routine geworden. Der Geist aber mufi den
Menschen ergreifen. Das Ubersinnliche mufi in die Bewufitheit
einziehen, dann wird der Mensch wiederum die wirtschaftliche
Aufienwelt durchdringen mit dem, was ihn von innen befeuert.
Dann wird er der Aufienwelt wieder einen Sinn geben. Dann wird
der Beruf nicht ihn machen, dann wird er den Beruf machen. Dann
wird auch notwendig sein, dafi der Mensch nicht einfach hinein-
gestellt wird in irgendeinen Beruf und sich ihm anzupassen hat,
sondern es wird notwendig sein, dafi er erzogen wird aus den
Anforderungen und Kraften der Menschennatur heraus. Er wird
sich hineinstellen in das Gefuge des wirtschaftlichen Lebens, in
dem uberschaubare Assoziationen bestehen werden, Assoziationen
zwischen den Leuten gleicher und ahnlicher Beruf e oder angren-
zender Berufe, in dem Assoziationen bestehen werden zwischen
denen, die produzieren, und denen, die konsumieren. Solche Asso-
ziationen werden nur eine solche Grofie erreichen, dafi die ganzen
Verhaltnisse darin durch Menschenkraft iiberschaubar sind, dafi
diese uberschaubaren Assoziationen mit anderen in freiem Verkehr
des wirtschaftlichen Austausches stehen konnen. Da wird sich das-
jenige entwickeln, was im Wirtschaftsleben aus Anschauung, aus
Erfahrung gewonnen wird. Da wird es unmoglich sein - weil die
-7-t
Menschen zu tiberschaubaren Assoziationen zusammengeschlossen
sind -, da wird es unmoglich sein, daft der eine dem anderen irgend
etwas darbietet, was der andere nicht seinem ganzen Ursprung, sei-
nem Herkommen nach kennt. Da wird man bauen konnen auf das,
was sich durch die Kraft der Organisationen, der Assoziationen
gebildet hat. Da wird man wissen, mit wem man es zu tun hat, weil
man einsehen wird, wie der einzelne durch den wirtschaftlichen
und sozialen Zusammenhang in Assoziationen hineinkommt. Da
wird wahrhaftig im wirtschaftlichen Leben anstelle des Ungeistes
der Geist herrschen. So kann man sagen, dafi durch die Assozia-
tionen - indem die Menschen durch diese Assoziationen einander
kaufmannisch und wirtschaftlich kennenlernen -, die Bewufttheit
auch in das Wirtschaftsleben einzieht. So wird einfach durch das
Drinnenstehen in diesen Assoziationen das bewuftte wirtschaft-
liche Leben sich entwickeln.
Der Ubergang von der Unbewufitheit zur Bewufttheit: das ist
dasjenige, was die Menschen ergreifen miissen im einzelnen, eng-
begrenzten Kreise des offentlichen, aufteren Lebens, was die Men-
schen auch ergreifen miissen im Groften. Wir sehen, wie das Un-
bewufite heute auf einem Gebiet des grofien Weltenlebens wirkt.
Aber man konnte auch fragen: Wie wenige sehen es da?
Wir haben gesehen, wie sich unter dem Einflufi der Ereignisse
der letzten vier bis fiinf Jahre gegen Mitteleuropa eine Weltkoali-
tion erhoben hat, wie durch die traurigen Ereignisse dieser Jahre
sich herausgehoben hat die Hegemonie der englischsprechenden
Bevolkerung iiber die Erde hin. Und in dieser Beziehung wird
die Menschheit noch viel erleben. Fur den, der mit unbefangenem
Urteil diese Angelegenheiten iiberschauen kann, fur den steht
eine sehr herbe Zukunft bevor. Wenn man hinzuschauen vermag
gerade auf die groften Weltereignisse, mufi man auch von diesem
Gesichtspunkte aus die Frage stellen: Welchen Charakter hat denn
das offentliche politische Leben derjenigen Macht, die heute als
die englischsprechende Macht nach Weltherrschaft strebt? Wel-
ches ist der Grundcharakter gerade der englisch-amerikanischen
Politik? - Man findet ihn kaum ausgesprochen; man steht heute
fast in der ganzen Welt unter dem Einflufi dieser Politik, und
man findet ihn kaum ausgesprochen. Man sieht, wie gewisse
Erscheinungen in dieser Politik immer wiederkehren, aber man
kann diese Erscheinungen nicht in der richtigen Weise charakte-
risieren. Man hatte hinhoren konnen, wie im letzten Drittel des
19. Jahrhunderts Leute, die vertraut waren in England mit dem,
was man dort eigentlich anstrebte, im Grunde vorausgesagt haben
zum Beispiel das Schicksal des heutigen europaischen Ostens, die
vorausgesagt haben zum Beispiel, daft ein grower Weltkrieg kom-
men musse. Aber gehandelt hat diese Politik unter dem Einflufi
dieser Antriebe.
Das ist dasjenige, was so wenig durchschaut wird. Das ist das-
jenige, was aber durchschaut werden mufi, wenn man iiberhaupt zu
einer praktischen Gestaltung des Lebens vorschreiten will, wenn
man eine praktische Stellung im heutigen offentlichen Leben ge-
winnen will. Dann mu!5 man aber auch sagen: Verlauft denn diese
englische Politik nicht so, daft sie oftmals scheinbar Schritte vor-
warts macht, wieder zurucknimmt und so weiter? Wir konnen das
in der englischen Politik gegenuber Agypten, gegeniiber Rutland
bis in die heutigen Tage verfolgen, wenn man sehen kann, wie
Lloyd George sich verhalten hat vor einigen Monaten, wie er sich
heute verhalt, wie er Schritte vorwarts macht, sie wieder zuruck-
nimmt. Was aber ist in alledem drinnen? Ein ganz bestimmtes
Ziel ist darin, das mit dem Volksegoismus der englischsprechenden
Erdenbevolkerung zu tun hat. Dieses Ziel ist aber so darinnen,
wie in den friiheren Epochen der Menschheitsentwicklung aus dem
Unbewulken heraus der Mensch sich Ziele gesetzt hat. Dann ging
er im Aufieren, zum Beispiel im Wirtschaftsleben, ans Probieren,
an die Anpassung an die Umgebung.
Sieht man auf der einen Seite hin auf das aus dem Unbewuft-
ten herausgeborene englisch-politische Ideal der Weltherrschaft
und beobachtet diese Schritte vorwarts und zuriick, beobachtet,
was im Einzelnen versucht und getan wird, dann findet man die
einzige wirklich richtige Bezeichnung fur die Politik: Sie hat aus
dem Unbewufiten heraus ihre groften Ziele, und sie ist in bezug
auf die einzelnen Handlungen Experimentalpolitik. Sie ist so stark
Experimentalpolitik, Versuchspolitik, aus unbewufken Zielen fest-
gestellte Politik, daft man sich nicht entmutigen lafk, wenn das eine
oder andere nicht gelingt. Man versucht es eben dann auf ande-
rem Wege. Man hat die unbewufken Ziele, und in der Bewulkheit
experimentiert man, probiert man, und wenn man auf die eine
Weise nicht weit genug kommt, so versucht man, auf die andere
Weise weit genug zu kommen. Da haben wir auf dem Gebiet des
grofien Weltenwesens, der Welthandlungen das Heraufspielen des
Unbewufiten, das bloft probiert und experimentiert, da haben wir
dasjenige, was auch iiberwunden werden mufi durch die Forderung
des kommenden Tages.
Hier durchschaut, erkennt man, meine sehr verehrten Anwe-
senden, dafi dasjenige, was heute als Hauptsachliches in der Welt
geschieht, ich mochte sagen Gott sei Dank nicht der kommende
Tag ist, sondern doch die Abenddammerung ist. Der wirkliche
kommende Tag aber, er wird sich aus der Forderung heraus er-
geben, die nur entstehen kann durch eine innere Entwicklung der
menschlichen Seele selbst. Diese Entwicklung zielt dahin, das-
jenige, was fruher mit Recht in der Menschheit als Unbewulkes
gewaltet hat, zum Bewulken herauf zu erheben. Allerdings aber
mufi diese Entwicklung bis in die intimsten, innersten Krafte der
menschlichen Seele hereingehen.
Es ist Ihnen heute gesagt worden, dafi nach meinem letzten
Vortrag Traktatchen verteilt worden sind. In diesen Traktatchen
stehen allerlei Dinge. Unter anderem wird da auch wiederum das
alte Marchen aufgewarmt, dafS man es bei dieser Geisteswissen-
schaft mit einer das Christentum verhohnenden Anschauung, vor
alien Dingen mit einer Verhohnung des Christus selber zu tun
habe. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was
durch den Christus Jesus in die Menschheitsentwicklung der Erde
hineingekommen ist, ist eine Tatsache - eine Tatsache, die hinein-
gestellt ist in diese ganze Menschheitsentwicklung. Diese Tatsache
muE jedes Zeitalter, in dem die Menschheit fortschreitet, in ihrer
Eigenart neu begreifen. Schwachmiitig ist der, der da glaubt, nur
dann auf einem christlichen Boden stehen zu konnen, wenn er
nur die alten Vorstellungen gelten lassen kann und wenn er ab-
lehnt dasjenige, was gerade aus einer neuen Entwicklungsstufe des
menschlichen Seelenlebens als Anschauung des Christentums sich
ergibt.
Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geistes-
wissenschaft iiber den Christus und iiber das Mysterium von Gol-
gatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schone Paulinische
Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissen-
schaft ist sich klar dariiber, daft der Christus aus ubersinnlichen
Hohen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daft er mit
dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daft der heutige Mensch
nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hinein-
leben kann, sondern daft er in seinem eigenen Innern die Kraft als
Mensch entwickeln muft, die diesen kommenden Tag herbeifuh-
ren wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium
von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so
wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem
Christus nicht bloft haben den «Erl6ser des siindigen Menschen»,
der passiv rechnet auf seinen Erloser, sondern er wird in sich haben
den Heifer bei dem Herbeifuhren des kommenden Tages. Er wird
in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir aber
der Christus nicht bloft als Sundenerloser, sondern der Christus
als Anfeurer und Auferwecker all der Krafte, die in der Folgezeit
als Krafte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten kon-
nen. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus
gegen so etwas auflehnen zu miissen, die miftverstehen vielleicht
die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie
verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wor-
tes. «Der Christus in mir» ist nicht bloft etwas passiv Geglaubtes,
sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwartsbringt.
Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geistes-
wissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft be-
kampfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in
mir -, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen,
die ich haben will iiber den Christus in mir. - Nicht sagen sie:
Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in
mir; meine altgewohnten Vorstellungen iiber den Christus in mir.
- Das richtige Verstandnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was
eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes
erfullen wird.
Damit habe ich Ihnen heute einige der Forderungen des kom-
menden Tages zu charakterisieren versucht, und ich glaube, gerade
diese ernsten Betrachtungen damit schliefien zu diirfen, daft ich
sage: Wenn der Menschheit Kraft werden soli aus dem Geiste,
dann mufi es auch zu einer neuen Erfassung des wahren, des ech-
ten christlichen Wesens aus dem Geistigen kommen. Und das ist
wahrhaftig nicht die letzte, nicht die unernsteste Forderung des
kommenden Tages.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 10. Marz 1920
Die Volker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft
Sehr verehrte Anwesende! Die letzten Jahre haben geoffenbart,
welche Summe von Hafi- und Antipathiegefiihlen durch die Seelen
der Volker der Erde haben ziehen konnen. Niemand wird seiner
Empfindung nach sich verschliefien vor der Erkenntnis dessen, was
doch eine Wahrheit ist: dafi auf dem Wege dieses Hasses und die-
ser Antipathie das Erdenleben einen gedeihlichen Fortschritt nicht
wird nehmen konnen. Und so darf es unter den mancherlei Be-
trachtungen, die ich hier schon vor Ihnen anstellen durfte, wohl
auch einmal gestattet sein, vom Standpunkte der geisteswissen-
schaftlichen Erkenntnis iiber alles das zu reden, was nach dieser
Erkenntnis die Menschheit, die ganze zivilisierte Menschheit we-
nigstens, einen kann. Gewifi, Erkenntnisse sind noch nicht Gefiih-
le. Aber geisteswissenschaftliche Erkenntnisse - auch das ist hier
von diesem Orte aus schon ausgesprochen worden -, geisteswis-
senschaftliche Erkenntnisse sind enger verbunden mit der ganzen
menschlichen Wesenheit, mit dem Innersten des Menschen selbst,
als auEere, abstrakte Wahrheiten, als aufiere Sinneswahrheiten. Da-
her sind geisteswissenschaftliche Wahrheiten wohl auch geeignet,
Empfindungen, Gefiihle, Willensimpulse aus den Menschen loszu-
losen, so daft sehr wohl aus der starken inneren Kraft, die aus gei-
steswissenschaftlichen Erkenntnissen iiber das Einende der Volker
sich offenbaren kann, auch gekraftigt werden konnen die Gefiihle
der Sympathie, die Gefiihle der gegenseitigen Liebe unter den ver-
schiedenen Volkern der Erde. Und da im Laufe der Menschheits-
entwicklung diese Menschheit immer mehr und mehr fortschreitet
von dem instinktiven, unbewufiten Leben zu dem bewuftten Leben,
zu der vollen, willkurlichen Erfassung der menschheitlichen Auf ga-
be, so ist es schon so, dafi fur die Zukunft nicht das unbestimmte,
gefiihlsmafiige Lieben allein hinreichen wird, um die Volker der
Erde zu einen, sondern es mufS die bewufite gegenseitige Erkenntnis
dessen aufgehen, was das Wesen des einen Volkes von dem Wesen
des anderen Volkes wird erwarten konnen.
Wir haben ja auf einem Gebiete heute es verhaltnismaftig leicht
einzusehen, wie notwendig diese Einigung der Menschen iiber die
Erde hin ist; wir brauchen nur zu sehen auf die heutigen furcht-
baren Schadigungen des Wirtschaftslebens. Und wenn wir nach
den letzten Griinden fragen, warum dieses Wirtschaftsleben solche
Schadigungen erfahren hat, auf welchen Wegen der Zerstorung es
wandelt, so miissen wir uns zunachst sagen, daft aus einem un-
bestimmten Drang der ganzen Menschheit heraus das Streben, die
Tendenz vorhanden ist, die ganze Erde zu einem Wirtschaftsgebiet
zu machen. Aber auf der anderen Seite sind die Volker der Erde
nicht so weit, ihre nationalen Egoismen so zu veredeln, daft wirk-
lich dasjenige, was diese einzelnen Volker erwirtschaften konnen,
zu einem Gesamtwirtschaftsleben der Erde werden kann; das eine
Volk will dem anderen etwas abjagen. Dadurch entstehen aus den
alten Instinkten der Volker heraus unsachliche Gesichtspunkte,
wahrend von den neuen Instinkten eine erdenweite Wirtschaft
der Gesamtmenschheit gefordert wird. Das ist ja eine Erkenntnis,
die heute, ich mochte sagen mit Handen zu greifen ist, die auch
immer wieder und wiederum von fiihrenden Geistern der Gegen-
wart betont wird: daft dieses Streben nach einer einheitlichen Er-
denwirtschaft vorhanden ist, daft ihm aber gegemiberstanden bis
in das 20. Jahrhundert herein die nationalen Wirtschaften und daft
diese nationalen Wirtschaften mit ihrem Gegensatz zu der Er-
den-Gesamtwirtschaft verursacht haben den Niedergangsprozeft
des wirtschaftlichen Lebens, vor dem wir heute stehen.
Allein, darauf soil nur hingedeutet werden. Das ist es nicht, was
uns heute im wesentlichen beschaftigen soli; ein anderes ist es. Uns
soil dasjenige beschaftigen, was die Volker geistig und seelisch wie-
derum abbringen soil von dem so erschreckend sich offenbarenden
Haft, der so erschreckend sich offenbarenden Antipathie, wie wir
sie erlebt haben im Laufe der letzten fiinf bis sechs Jahre. Vor-
handen waren sie gewift schon lange, geoffenbart haben sie sich in
einer so furchtbaren Art im Laufe der letzten fiinf bis sechs Jahre.
Handelt es sich aber urn die Erkenntnis des einen Volkes durch
das andere, handelt es sich darum, daft aufgenommen werde das
geistig-seelische Wesen des einen Erdenvolkes in das geistig-seeli-
sche Wesen des anderen Erdenvolkes, dann, meine sehr verehrten
Anwesenden, konnen wir nicht etwa bloft unter dieses andere Volk
gehen oder durch unser Schicksal dahin gefuhrt werden, urn auf
diese Weise - gewissermaften durch dasjenige, was sich im alltag-
lichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch abspielt - einander
als Volker kennenzulernen. Fur eine Volkererkenntnis geniigt das
Reisen oder das Leben unter anderen Volkern ebensowenig, wie
es zum Verstandnis des einzelnen, individuellen Menschen etwa
geniigt, wenn ich bloft seine Gebarden, seine Bewegungen anschau-
en wiirde. Wenn ich Sinn fur solche Dinge habe, konnte ich aus
seinen Gesten, aus seinen Bewegungen mancherlei von dem er-
raten, was im Innern des Menschen ist; allein ich werde ihn di-
rekter erkennen, wenn ich in der Lage bin, seine Sprache auf mich
wirken zu lassen, wenn ich in der Lage bin, dasjenige von ihm
anzunehmen, was er durch seine eigene, seine innere Kraft mir
iibermitteln will.
Gibt es ein ahnliches Ubermitteln der inneren Kraft, der inneren
Wesenheit von Volk zu Volk? - Die blofte Sprache und auch das-
jenige, was wir im alltaglichen Leben von Volk zu Volk wahr-
nehmen, kann es nicht sein, denn das alles ist nur im Verkehr
von Mensch zu Mensch begriindet. Da muft etwas eintreten, was
iiber das blofte Individuell-Menschliche, iiber das Erkennen, das
Auffassen des anderen Wesens im Menschen hinausgeht. Und wir
sind im Grunde genommen in Verlegenheit, wenn wir iiberhaupt
in verstandlicher Weise reden wollen von einheitlichem Volkstum.
Ist irgend etwas da von einheitlichem Volkstum, was so sinnlich-
wirklich ist wie auftere Dinge oder auftere Wesen, was uns veran-
lassen konnte von einem solchen einheitlichen Volkstum zu spre-
chen? Von dem einzelnen Menschen konnen wir reden, von einer
einzelnen Wesenheit, auch wenn wir uns nur einlassen wollen auf
die sinnliche Wahrnehmung. Fur die sinnliche Wahrnehmung ist
das Volkstum nichts weiter als eine Summe von soundso viel ein-
zelnen Menschen. Aber wenn wir das Volkstum als etwas Reales
anerkennen wollen, konnen wir gar nicht anders als uns erheben
zu etwas Ubersinnlichem.
In der Tat, wer diejenige Geistesschulung durchmacht, von der
hier schon ofter, auch wiederum in den letzten Wochen gespro-
chen worden ist, wer die in der Menschenseele die sonst im all-
taglichen Leben schlummernden iibersinnlichen Erkenntniskrafte
entwickelt, fur den wird das, was man als Volkstum bezeichnen
kann, eine reale Wesenheit, allerdings eine reale Wesenheit uber-
sinnlicher Art. Dann aber, wenn er empfanglich wird fur das Gei-
stige in der Welt iiberhaupt, dann offenbart sich ihm das fremde
Volkstum als geistige Wesenheit, als ein Ubersinnliches, das das
sinnliche Wesen der Menschen wie eine Art Wolke durchdringt,
die zu diesem Volkstum gehort und sie einhullt. Erst wenn man
versucht, von Volk zu Volk solche Erkenntnisse zu suchen, wel-
che im Ubersinnlichen wurzeln, kann man so eindringen in das
Wesen eines Volkes, wie man niemals eindringen kann durch den
alltaglichen Verkehr zwischen einzelnen Menschen. Das ist dasje-
nige, was ich versuchen mochte, wenigstens mit einigen Strichen
heute zu skizzieren: wie Geisteswissenschaft es anfangen will, die
Zusammengehorigkeit der Volker der Erde iiber den Erdball hin
wirklich tief zu erkennen. Dazu scheint mir notwendig, dafi der
einzelne Mensch selbst erst aus den Quellen der Geisteswissen-
schaft heraus wirklich erkannt werde.
Ich habe schon einmal in einem Stuttgarter Vortrag darauf auf-
merksam gemacht, wie in meinem vor einigen Jahren erschienenen
Buche «Von Seelenratseln» davon gesprochen worden ist, dafi die-
ser Mensch, so wie er vor uns steht im alltaglichen Leben, kein
einheitliches Wesen ist, sondern dafi in der Tat die menschliche
Organisation - ich meine jetzt die unmittelbare nattirliche mensch-
liche Organisation - eine solche ist, die drei deutlich voneinander
unterscheidbare Glieder offenbart.
Wir haben in der menschlichen Organisation zunachst alles
dasjenige, was sich bezieht auf die Hauptesorganisation als den
Mittelpunkt alles desjenigen, was man nennen kann im einzelnen
Menschen die Nerven-Sinnes- Organisation. Und der Mensch erlebt
seine Sinneswahrnehmungen und seine Vorstellungen, seine Gedan-
ken, seine Ideen durch das Werkzeug dieser Nerven-Sinnes-Organi-
sation; ein denkender Mensch ist der Mensch der Erde durch diese
Nerven-Sinnes-Organisation. Nun hat man die Vorstellung aus der
heute gebrauchlichen Naturwissenschaft heraus, dafi iiberhaupt das
ganze menschliche seelisch-geistige Wesen auf der Nerven-Sinnes-
Organisation beruht und gewissermaften wie ein Parasit aufgesetzt
ist der ubrigen Organisation. Das ist nicht der Fall.
Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eine personhche Be-
merkung mache, aber ich mufi das folgende schon sagen: Ein drei-
ftigjahriges Verfolgen der menschlichen Natur und Wesenheit, ein
Verfolgen, bei dem immer der Einklang der Geisteswissenschaft
mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gesucht worden
ist, hat mich dazu gebracht, diese Dreigliederung des natiirlichen
menschlichen Wesens bestatigt zu finden. Es ist ein gebrauchli-
ches Vorurteil der heutigen Naturwissenschaft, daft das ganze see-
lisch-geistige Leben parallel gehe mit dem Nerven-Sinnesleben. In
Wahrheit ist das anders. In Wahrheit ist nur das Denkleben des
Menschen gebunden an den Nerven-Sinnes-Apparat, wahrend das
Gefuhlsleben, das Empfindungsleben gebunden ist an alles dasje-
nige, was in der menschlichen Organisation rhythmisch verlauft.
Nicht bloft indirekt, sondern ganz direkt ist das Empfindungs-,
das Gefuhlsleben an den Atmungsrhythmus, an den Blutumlaufs-
rhythmus so gebunden, wie das Denk- und Wahrnehmungsleben
an den Nerven-Sinnes-Organismus. Und ebenso wie das Gefuhls-,
das Gemiitsleben an alles das im Menschen gebunden ist, was ur-
sprunglich rhythmisch verlauft, so ist das Willensleben gebunden
an alles das, was im Menschen Stoffwechsel ist. Die scheinbar
niederste Natur des Menschen, der Stoffwechsel, er ist der Trager
des Willenslebens - und zwar als Prozefi, nicht als Stoff.
So ist der Mensch seelisch-geistig ein dreigliedriges Wesen. Der
geistige Wille, das seelische Gemiit, das auf die aufteren, materiellen
Erscheinungen hin organisierte Denken und Vorstellen und Wahr-
nehmen, das sind die drei Glieder des geistig-seelischen Menschen.
Diese drei Glieder des geistig-seelischen Menschen entsprechen den
drei Gliedern des menschlichen physischen Organismus: erstens
dem Nerven-Sinnes-Apparat, dem Nerven-Sinnes-Mechanismus,
zweitens der Organisation, die in dem rhythmischen Leben der
Blutzirkulation, des Atmens gegeben ist, und drittens dem Stoff-
wechselleben, das mit den beiden andern zusammen alle moglichen
Prozesse bildet, die in der menschlichen Organisation vorhanden
sind.
Wenn wir nun aber den Menschen auf einem Gebiet der Erde
betrachten, so zeigt er sich uns in dieser dreigliedrigen Organisation
durchaus nicht so, daft etwa diese dreigliedrige Organisation iiber
die ganze Erde hin bei alien Menschen im wesentlichen die gleiche
ware. Das ist wiederum der grofie Irrtum im heutigen Denken der
Menschheit, dafi man glaubt, man konne irgendein gemeinsames,
zum Beispiel soziales Programm iiber die ganze Erde hin ausge-
ben und die Menschen mufiten sich einem solchen gemeinsamen
Programm fiigen, wahrend doch die Menschen iiber die Erde hin
individualisiert und spezialisiert sind. Und derjenige, der kennen-
lernen will die wirkliche menschliche Erdenwesenheit, der wirklich
erkennen lernen will sein Geschlecht auf der Erde, der mufi Lie-
be entwickeln konnen, nicht nur zu einer abstrakten allgemeinen
Menschheit - was ja nur die Idee der Menschheit ware, die tote,
leere Idee der Menschheit -, sondern der mufi Liebe zu den indi-
viduellen Ausgestaltungen der Menschennatur nach den verschie-
denen Gebieten der Erde entwickeln.
Wir konnen selbstverstandlich in der kurzen Zeit, die uns zu-
gemessen ist, nicht zu alien einzelnen, individuellen Volkern hin-
gehen und sie charakterisieren, aber wir konnen die Haupttypen
der menschlichen Erdenorgansation ins Auge fassen.
Da werden wir, wenn wir einen charakteristischen Menschen-
typus, der zu den altesten gehort, ins Auge fassen wollen, zuerst
gefuhrt zu dem orientalischen Menschentypus, der sich in dem ur-
alten Volk der Inder und auch in anderen orientalischen Volkern
in der verschiedensten Weise zur Offenbarung gebracht hat. Ein
Gemeinsames zeigt dieser orientalische Menschentypus. Er zeigt,
namentlich charakteristisch an dem indischen Volke, wie der Mensch
des Orients zusammengewachsen ist mit der irdischen Natur, auf
der er erwachst. Nun, so sehr es uns erscheint, dafi dieser orienta-
lische Mensch in seine Seele, in sein Gemiit aufgenommen hat in
intensiver Hingabe das Geistige, so sehr uns imponiert orientalische
Mystik - studieren wir den orientalischen Menschen hinsichtlich
seiner volkstiimlichen Eigenschaften, so finden wir, daft dasjenige,
was so bewundernswert als hochste Geistigkeit in seinem Innern
sich offenbart, gerade bei ihm abhangig ist von dem Erleben des im
Menschen stromenden Willens, der wiederum an den Stoffwechsel
des Menschen gebunden ist. So paradox das zunachst erscheinen
konnte, gerade die hohe Geistigkeit des orientalischen Volkes, auch
namentlich der Inder, ist dasjenige, was - wenn ich mich eines gro-
ben Ausdrucks bedienen darf - «aufkocht» aus dem Stoffwechsel,
dem Stoffwechsel, der im Zusammenhang steht durch seine eigene
Wesenheit mit den Prozessen, die irdischer Natur in der Umgebung
dieser Menschen sind. Da draufien namlich, in der indischen Natur,
da drauften sind die Baume, die Friichte, da ist dasjenige, was eine
herrliche, bewunderungswiirdige Natur dem Menschen - ganz be-
sonders in den alteren Zeiten - wie von selbst gab, und das vereinigt
er mit seinem Stoffwechsel so, daft das, was in ihm als Stoffwech-
selprozeft vorgeht, gewissermaften die Fortsetzung ist desjenigen,
was da drauften auf den Baumen in den Friichten «kocht», was da
unter der Erde webt und lebt in den Wurzeln und so weiter. Ich
mochte sagen, ganz und gar zusammengewachsen ist dieser Mensch
des Orients durch seinen Stoffwechsel mit dem irdischen Wachsen
und Gedeihen. Das macht es gerade aus: Weil der Stoffwechsel
der Trager des Willens ist, entwickelt sich dieser Wille im Innern
des Menschen. Aber dasjenige, was sich im Menschen besonders
entwickelt, worin der Mensch ganz und gar steckt und wodurch er
sich verbindet mit seiner Umgebung, das tritt nicht so sehr ins Be-
wufttsein herein. Ins Bewulksein hinein strahlt etwas anderes. Und
das ist es gerade, dafi in das Gefuhls- und Denkleben des Orien-
talen - besonders des charakteristischen Orientalen, des Inders -
das hineinstrahlt, was scheinbar materialistisch im Stoffwechsel des
Menschen erlebt wird, was aber im Stoffwechsel des Menschen so
erlebt wird, daft es sich in seiner geistigen Spiegelung eben als spi-
rituelles Leben darstellt.
So erscheint uns auch das, was aus dem Gemiit, aus dem Denken
der orientalischen Volker hervorgeht, was sie geistig produzieren,
wie ein geistiges Produkt der Erde selbst. Wenn wir uns versenken
in die intensiv zu unserer Seele sprechenden, vom Lichte des Geistes
durchleuchteten Veden, wenn wir uns versenken in die instinktiv-
scharfsinnige Vedanta-Philosophie, in die Yoga-Philosophie, wenn
wir uns vertiefen in Werke wie die des Laotse, des Konfuzius, wenn
wir iiberhaupt einen Sinn dafur haben, uns hinzugeben an orien-
talische Poesie, orientalische Weisheit, dann haben wir dieser Weis-
heit gegeniiber nirgends das Gefiihl, sie strome in einer besonderen
individuellen menschlichen Artung aus einer Personlichkeit heraus.
So wie der Orientale durch seinen Stoffwechsel zusammengewach-
sen ist mit der umgebenden Natur, so wie die umgebende Natur
in ihm weiter webt und west, ja kocht und siedet, so ist es auch,
wenn wir seine Poesie, seine poetische Weisheit, seine weisheits-
volle Poesie auf uns wirken lassen. Es ist, wie wenn die Erde sich
selber aussprache, wie wenn dasjenige, was die Geheimnisse des
Erdenwachstums sind, durch den Mund des Orientalen zu der gan-
zen Menschheit der Erde sprechen wiirde. Man hat das Gefiihl, so
wie dieser orientalische Mensch Dolmetsch der inneren geistigen
Geheimnisse der Erde selber sein kann, so kann kein Angehoriger
eines anderen Volkes - keines Volkes des Westens und keines Vol-
kes der europaischen Mitte - Dolmetsch und Interpret desjenigen
sein, was die Geheimnisse der Erde selber sind. Ja, es ist, wenn
man charakterisieren will die besten Angehorigen orientalischer
Volker, fast so, als wenn sie auf der Erde wandelten und in ihrem
inneren Erleben das zum Ausdruck brachten, was eigentlich unter
der Oberflache der Erde lebt, was von unterhalb der Oberflache der
Erde aus dieser Erde herauswachst, sich in den Bluten und Friichten
der Erde entpuppt; es ist so, daft in dem, was geistig-seelisch in der
orientalischen Menschenwesenheit ist, das Innere der Erde gleich-
sam in diesen Menschen zur Darstellung kommt. Daher begreifen
wir es, dafi die orientalischen Menschen ihrer ganzen Wesenheit
nach fur dasjenige, was auf der Erdoberflache an physikalischen
Erscheinungen sich darbietet, was sich offenbart an aufieren sinn-
lichen Tatsachen, weniger Sinn haben. Sie tragen das, was an in-
neren, unterirdischen Kraften der Erde zu diesen Erscheinungen
und Tatsachen fiihrt, zugleich in ihrer eigenen Menschennatur. Da-
her interessieren sie sich wenig fur das, was iiber der Oberflache
der Erde vor sich geht. Sie sind Stoffwechselmenschen. Aber wir
sehen, dafi der Stoffwechsel bei ihnen sich auf geistig-seelische
Art offenbart.
Wie ist es, wenn in diesen Menschen ein Ideal auf geht? Oh,
wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht, dann wird das, was die
orientalischen Weisheitslehrer ihren Schiilern als besondere Zucht
der Seele vorstellen, ungefahr so ausgesprochen: Ihr mufit soundso
atmen; ihr mulk euch in dieser und jener Weise in den Rhythmus
des menschlichen Lebens hineinfuhlen. - Anweisungen zu einem
besonderen Atmungsrhythmus, zu einem besonderen Blutzirku-
lationsrhythmus geben diese Lehrer ihren Schiilern. Es ist etwas
Eigentumliches, wie die orientalischen Weisheitslehrer ihre Schuler,
um sie zu Hoherem hinaufzufiihren, zu den Gemiits- und Gefuhls-
prinzipien weisen. Der orientalische Mensch, wie er im gewohn-
lichen Leben steht - namentlich insofern er den siidlicheren asia-
tischen Volkern angehort ist auf den Stoffwechsel hinorganisiert.
Wenn ihm ein konkretes Ideal aufgeht, wie er ein hoherer Mensch
werden kann, dann bildet er das rhythmische System aus, dann sucht
er durch Freiwilligkeit das auszubilden, was er als ein Hoheres, ihm
nicht von der Natur Gegebenes anerkennen mufi.
Nun ist es das Eigentumliche, dafi wir, je mehr wir von den
asiatischen Volkern zu denjenigen Europas hingehen, namentlich
zu denen der europaischen Mitte, bei den Menschen im Alltags-
leben besonders dasjenige Glied der menschlichen Entwicklung sich
offenbarend finden, das wir als das rhythmische System bezeichnen
konnen. Gerade diejenigen Volker, die das mittlere Europa, nicht
den Osten, nicht den Westen, sondern das mittlere Europa bewoh-
nen - und als Bliite innerhalb dieses Volkertums ist das besonders
im deutschen Volkstum hervorgetreten -, diese Volker haben zu
ihrem alltaglichen Charakteristikon dasjenige, was der Inder an-
strebt als sein Ideal eines hoheren Menschen. Aber es ist etwas
anderes, ob man sich etwas erst erwirbt durch Selbstzucht, durch
Freiheit oder ob man es instinktiv-naturlich hat. Der mitteleuropai-
sche Mensch hat das auf naturgemafie Weise, was der Orientale aus
seinem Stoffwechselleben, das mit der Erde innig verbunden ist, erst
herausentwickeln mufi. Daher ist fur den europaischen Menschen
dasjenige das Alltagliche und Naturliche, was fur den asiatischen
Menschen ein Ideal ist, und ein anderes mufi fur ihn das Ideal wer-
den. Dieses Ideal fur den europaischen Menschen wird dasjenige
sein, das wiederum eine Stufe hoher liegt: das Denkleben, wie es
gebunden ist an das Nerven-Sinnesleben.
Dieser mitteleuropaische Mensch - wie geht sein Bestreben dar-
auf hin, aufierlich [in seinen Kunstschopfungen] das auszubilden,
was dem geisteswissenschaftlichen Blick gebunden erscheint gera-
de an das Werkzeug des rhythmischen Lebens. Der Orientale hat
etwas wie eine ziigellose Phantasie in seinen Kunstschopfungen;
es ist wirklich etwas, was wie ein Dunst des inneren Erdenwir-
kens aufsteigt gleich den Nebeln aus dem Wasser. Das rhythmi-
sche, innerliche Geschlossensein, das das Wesentliche im Leben
des Mitteleuropaers ist, das hat ja schon das alte Griechenvolk
hervorgebracht, von dem so viel ausgegangen ist fur die ganze
moderne Zivilisation, gerade fur dasjenige, was wir als die Kunst
Europas bezeichnen. Dasjenige, was fur uns als innere Harmonie
des Erdenmenschen zum Ausdruck kommt, wo weder das Stoff-
liche nach der einen Seite hin noch das Atherisch-Geistige nach
der anderen Seite hin besonders ausgebildet wird, wo der mittlere
Mensch zum Ausdruck kommt, das ist dasjenige, was der Grieche
anstrebte. Man sehe sich die Schopfungen der orientalischen Phan-
tasie an: sie schweifen nach irgendeiner Seite aus. In Griechenland
erst nimmt die menschliche Gestalt, kunstlerisch aufgefafit, ihre
harmonische Rundung, ihre innere Geschlossenheit an. Das ist so,
weil der [mitteleuropaische] Mensch sich im mittleren Gliede sei-
nes Wesens, im rhythmischen System erfafk. Stellt dieser sich ein
Ideal vor, so ist es das, was er anstrebt durch innere Seelenzucht,
durch seine dialektische Logik, durch seine wissenschaftliche Er-
ziehung; es ist der Gebrauch der Denkorgane, so wie beim Inder
es der Gebrauch der mk dem Rhythmus zusammenhangenden
Organe im Menschenwesen ist. Wie der indische Yogi sitzt und
versucht, das Atmen zu organisieren seelisch-geistig, so daft es ihn
hinaustragt iiber den gewdhnlichen Menschen, so wird der Mittel-
europaer - bei dem dasjenige, was im rhythmischen System, in der
Blutzirkulation, im Atmen verlauft, instinktiv sich entwickelt und
ihn zum Menschen macht -, so wird der Mitteleuropaer erzogen
aus dem heraus, was das denkerische Leben ist. Und diese Gedan-
ken nehmen gerade bei den besten Individuen Mitteleuropas die
Gestalt an, nun Dolmetsch, Interpret desjenigen zu sein, was der
Mensch als solcher ist. Das ist es, was uns auffallt, wenn wir von
der Vertiefung in kiinstlerische Produktionen der orientalischen
Menschheit hiniibergehen zu denjenigen der europaischen Mensch-
heit. Bei den orientalischen kiinstlerischen Produktionen ist es so,
daft wir selbst in den hochsten geistigen Schopfungen etwas sehen
wie Bluten der Erdenentwicklung selber; der menschliche Mund
ist gleichsam nur da, um die Erde sich aussprechen zu lassen. Das
ist beim mitteleuropaischen Menschen, schon beim Griechen, nicht
der Fall. Beim heutigen mitteleuropaischen Menschen - wenn er
seiner eigenen Natur folgt und sich nicht selber untreu wird -, ist
es so, daft er dann, wenn er ein Hochstes aussprechen will, alles
das ausspricht, was er selber als Mensch ist; er will sich hingeben
diirfen der Anerkennung der Tatsache, daft Selbsterkenntnis des
Menschen die edelste Frucht menschlichen Strebens ist. Daft die
Darstellung des Menschlichen in der Umgebung des Menschen, in
Natur und Geschichte, das edelste menschliche Schaffen ist, das ist
doch schlieftlich beim Mitteleuropaer das Wesentliche, wenn dieser
Mitteleuropaer sich seiner eigenen Natur und Wesenheit hingibt.
Daher sehen wir, wie eigentlich nur in Mitteleuropa ein so
wunderbarer Gedanke hat entstehen konnen wie derjenige, der
aus Goethes Buch iiber Winckelmann herausleuchtet - ich moch-
te sagen wie die Sonne des neueren Kulturlebens. Da, wo Goethe
in seinem Buche iiber Winckelmann alles dasjenige, was in diesem
Wundermenschen an hoherem Empfinden, an tiefen Gedanken, an
Starke des Willens lebte, zusammenfaike als seine Weltanschauung,
sagte er: «Daher tritt nun Kunst ein, denn indem der Mensch auf
den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze
Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat.
Dazu steigert er sich, indem er sich mit alien Vollkommenheiten
und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Be-
deutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunst-
werkes erhebt, das neben seinen iibrigen Taten und Werken einen
glanzenden Platz einnimmt.» Der Mensch bringt gleichsam eine
neue Natur aus seiner eigenen Geistigkeit hervor. Dieses Hinlenken
aller menschlichen Krafte auf die Erfassung des Menschen selber,
das ist dasjenige, was - dem Volkstum nach - bei dem Menschen
Mitteleuropas, wenn er sich selber treu ist, ganz besonders hervor-
tritt; es ist nur in der neueren Zeit zuriickgetreten. Aber es ist alle
Veranlassung vorhanden bei dem Menschen Mitteleuropas, sich zu
besinnen, wie gerade er, wenn er seiner ureigenen Wesenheit folgt,
zu diesem Schatzen und Erfassen und Durchdringen des eigentlich
Menschlichen kommen mulS und soli.
Sehen wir aber von einer noch mehr geistigen Seite, einem gei-
stigeren Gesichtspunkte aus nach dem Orient mit seinen Volker-
schaften hinuber, so finden wir, daft diese orientalischen Volker
jene Geistigkeit, die das Bewulksein des Zusammenhanges der
menschlichen Seele mit dem Gottlichen erzeugt, gerade dadurch
entwickeln, daft sie Stoffwechselmenschen sind, weil im Innern
der Mensch, um eine ganze Natur zu sein, dasjenige sich ent-
gegenstellen muE, was er nicht von der elementarischen Welt her
hat, weil er das Entgegengesetzte seiner Natur in seinem eigenen
Bewulksein sich entgegenstellen mul Und so das menschliche
Herz ergreifend, wie der Orientale vom Zusammenhang des Men-
schen mit dem Gottlichen wie von etwas Selbstverstandlichem
reden kann, das kann kein Angehoriger eines anderen Volkes
der Erde. Daher nehmen diese Angehorigen der anderen Volker
der Erde, wenn sie auch die orientalischen Volker unterjochen
und erobern, wenn sie ihnen auch ihre Eigenheiten wegnehmen
wollen und ihnen ihre eigenen Gesetze und Ordnungen geben
mochten, sie nehmen dasjenige auf, was die orientalischen Volker
iiber den Zusammenhang des Menschen mit dem Gottlichen zu
sagen haben, als etwas auch fur sie Bestimmendes. Und wir sehen
gerade in der neueren Zeit, wie die in Materialismus versunkenen
Westvolker selbst zu solchen orientalischen Philosophen wie dem
alten Laotse, wie sie zu der chinesischen Weltanschauung, wie sie
zur indischen Weltanschauung ihre Zuflucht nehmen - nicht so
sehr darum, um dort Ideen zu finden, sondern um zu finden jene
Inbrunst, mit der man dasjenige, was der Mensch erfuhlen kann
im Zusammenhang mit dem Gottlichen, eben einfach und stark
empfinden kann. Mehr um sein Gefuhl erwarmen zu lassen von
der Art und Weise, wie der Orientale von seinem Zusammenhang
mit dem Gottlichen spricht, vertieft man sich in die orientalische
Literatur, weniger um deren philosophischen Gehalt zu empfin-
den. Dabei macht allerdings manchmal die abstrakte Natur der
Europaer diesen Europaern in der Auffassung des Orientalischen
einen Strich durch die Rechnung.
Ich habe es immer wieder und wiederum finden miissen, dafi
mir Leute, welche zum Beispiel die Reden Buddhas gelesen hatten
mit ihren endlosen Wiederholungen, mir gesagt haben, das miis-
se gekiirzt herausgegeben werden, da miisse jeder Satz nur einmal
da sein und die Wiederholungen rmiftten gestrichen werden, damit
man doch nicht immer denselben Satz lesen mulke. - Ich konnte
nur immer wieder sagen: Ihr lernt nicht in Wirklichkeit dasjenige
kennen, was an diesen Dingen dem orientalischen Volk das Grofie
ist, das liegt gerade in dem, was Ihr herausstreichen wollt. - Denn
indem sich der orientalische Leser den Reden Buddhas mit den
endlosen Wiederholungen hingibt, erreicht er sein Ideal: das rhyth-
mische Wiederkehren des Motivs. Er kehrt immer wieder zu dem
Satz zuriick. Was ihm alltaglich ist, ist das, was in seinem Stoff-
wechselmenschen vor sich geht; was in ihm vorgeht, wenn er sich
den immer wiederkehrenden Satzen Buddhas hingibt, das ist ein in
seinem freiesten Streben errichtetes seelisch-geistiges Gegenbild des
Atmens, des Blutzirkulationssystems. Wenn man wirklich eins zu
werden versucht mit dem, was dem Orientalen heilig und gro$ ist,
lernt man etwas erkennen, was man als Angehoriger anderer Volker
nicht ohne weiteres erkennen lernen kann. Der Europaer hat natiir-
lich das Bediirfnis, die Wiederholungen zu streichen. Denn weil er
im Atmungsrhythmus lebt, ist sein Ideal, sich dariiber zu erheben
zu dem Gedanklichen. Wenn der Gedanke einmal erfafit ist, will er
nicht Wiederholungen haben; der Europaer strebt iiber die Wieder-
holungen hinaus. Man mufi, wenn man sich in diese orientalischen
Wiederholungen einlalk, schon ein anderes Verstandnis, nicht ein
aufieres Gedankenverstandnis haben. Man mufi eine innere Liebe
fur dasjenige entwickeln, was sich bei den verschiedenen Volkern
in ganz verschiedener individueller Art ganz differenziert auftert
und wovor man so stehen mufi, daft man fiihlt: Was die einen haben
gerade an Grofiem, das haben die anderen nicht. - Und das findet
man nur, wenn man die anderen Volker lieben kann, wenn man
annehmen kann dasjenige, was diese anderen Volker an Grofiem
haben.
Gerade wenn wir uns in die innere Natur und Wesenheit der
Volker der Erde vertiefen, finden wir diese individuelle Wesen-
heit so verschieden, dafi wir uns sagen mussen: Das Umfassend-
Menschliche kommt eigentlich durch keinen einzelnen Menschen,
nicht durch den Angehorigen eines einzelnen Volkes zum Vor-
schein, es kommt nur durch die ganze Menschheit zum Vorschein.
Und willst du, Mensch, dasjenige erkennen, was du als ganzer
Mensch bist, so durchwandere die Eigentumlichkeiten der einzel-
nen Volker der Erde. Nimm alles auf, was du selber nicht haben
kannst, dann erst wirst du zum ganzen Menschen. Du hast ihn
doch in dir; werde nur aufmerksam auf das, was in deinem Innern
ist. Was bei dem anderen Offenbarung ist, hast du nicht; du mufit
es bei ihm suchen. Aber du hast das Bediirfnis danach. Das fiihlst
du, und du weifk, wenn du bei dem anderen das findest, was dem
anderen gerade das Grofte, das ihm Eigentiimliche ist, dann wirkt
das ganz einfach auf dich ein. Dann ist es ein Bediirfnis, dafi du
ohne das, was du von ihm empfangst, nicht sein kannst, weil es
deinem inneren geistig-seelischen Begehren entspricht. Die Anlage
zu einem ganzen Menschen ist schon in jedem, aber die Erfullung
miissen wir finden, indem wir die Eigentiimlichkeiten des Wesens
der verschiedenen Volker, wie sie iiber die Erde ausgebreitet sind,
durchwandeln. Und kommen wir zu diesem Geistigen, so kon-
nen wir uns sagen, im Orient ist es dasjenige, daft der Mensch
vermag, des Menschen Zusammenhang mit dem Gottlichen wie
etwas Selbstverstandliches in Grofte auszusprechen.
Aber heute finden wir, zugedeckt wie von einer Schicht, die
wieder weg mufi, von einer Schicht des Miftverstandnisses, etwas
hochst Eigentiimliches innerhalb der mitteleuropaischen Volkheit,
innerhalb des mitteleuropaischen Volkstums. Sehen wir uns alle
unsere grofien Philosophen an, welche neben dem, was sie iiber
Natur und Gott und Mensch gedacht haben, alle, ich mochte
sagen gleichmafiig etwas hervorgebracht haben: Es gibt fast keinen
groften deutschen Philosophen, der sich nicht mit aller Intensitat
vertieft hat in die Frage: Was ist das Recht, das von Mensch zu
Mensch waltet? - Die Suche nach dem Recht, mag sie verschuttet
und mifiverstanden sein, sie ist gerade eine Eigentumlichkeit der
mitteleuropaischen Volkheit. Und wer das nicht anerkennt, versteht
nicht diese mitteleuropaische Volkheit, und er findet nicht die Be-
geisterung, von dem gegenwartigen Materialismus, der von etwas
ganz anderem herriihrt, wiederum zuriickzufinden zu demjenigen,
was eigentlich in Wahrheit charakterisiert diese mitteleuropaische
Volkheit, dieses wahre Deutschtum, diese echte deutsche Eigen-
tumlichkeit und Wesenheit.
Geradeso wie der orientalische Mensch dadurch, dafi er selber
wie eine Bliite oder Frucht der Erde sein Geistesleben zur Darstel-
lung bringt, der Interpret, der Dolmetsch der Erde wird, so wird
der Deutsche der Interpret von sich selbst. Er stellt sich sich selber
fragend gegeniiber. Dadurch, daft er das tut, steht er jedem ande-
ren Menschen als Gleicher gegeniiber, und dadurch wird fiir ihn
die brennendste Frage die Rechtsfrage. Nicht die Ubernahme des
romischen Rechtes, sondern die Erforschung der Rechtsnatur - sie
tritt uns bei Fichte, bei Hegel, bei Schelling entgegen, iiberall da,
wo der deutsche Gedanke in die Tiefen des Weltwesens hineingeht.
Und schlieftlich ist auch dasjenige, was uns in der abstrakten Ver-
folgung der Rechtsfrage bei Fichte, Hegel, Schelling, bei Humboldt
entgegentritt, im Grunde genommen im Konkreten dasselbe, wie
wenn Goethe auf alien seinen Wegen sucht nach den Ausdriicken
und der Darstellung der wahren, allseitig geschlossenen, harmo-
nisch geschlossenen Menschennatur. Goethe ist in dieser Bezie-
hung der Reprasentant, mochte ich sagen, des mitteleuropaischen
Wesens, der Reprasentant der mitteleuropaischen, der deutschen
Volkheit. So wie der Orientale der Erde, so steht der mitteleuro-
paische Mensch dem Menschen in Selbsterkenntnis gegemiber.
Und gehen wir nach dem Westen Europas und noch dorthin,
wo sich sein Wesen dann weiter, dasselbe charakteristischer aus-
driickend, darstellt, nach Amerika, gehen wir nach dem Charakter
dieses wahren Okzidentalen, dann finden wir, dafi sein natiir-
liches Wesen gerade in dem abstrakten Denken gegeben ist. Der
Westmensch ist vorzugsweise der Kopfmensch; der Orientale ist
der Herzensmensch, derjenige, der im Herzen erlebt den Prozefi
des Stoffwechsels; der mitteleuropaische Mensch ist der Mensch
der Atmung, der durch seinen Rhythmus mit der Aufienwelt in
rhythmischer Beziehung steht. Wenn ich ein Bild gebrauchen darf,
das der - wie ich glaube - aufierordentlich geistreiche Rabindra-
nath Tagore gebraucht hat, der geistvolle Orientale, so mochte ich
sagen: Den Westmenschen, den Okzidentalen, den Kopfmenschen
vergleicht Tagore mit einer geistigen Giraffe - er liebt ihn, man
braucht durchaus nicht irgendwelche Antipathie zu haben, wenn
man eine solche Charakteristik vornimmt. Mit einer geistigen
Giraffe vergleicht er ihn, weil man das Gefiihl hat - geistig-wirk-
lich ist das dargestellt -: der Kopf ist weit entfernt von der ubrigen
Korperlichkeit, ein langer Hals trennt den Kopf von der ubrigen
Korperlichkeit, ein Kopf, der dann allein in abstrakten Begriffen
auffafit, was die Welt ihm darbietet, der aufnimmt alles in ab-
strakter Form, in soldier Abstraktheit, daft die Vierzehn Punkte
Woodrow Wilsons herauskamen. Und es ist ein weiter Weg, bis
diese abstrakten Begriffe, diese Worthulsen, diese Begriffs- und
Ideenhiilsen den Weg zum Herzen, zur Lunge, zum Atmungssy-
stem finden, bis sie den Weg finden zu denjenigen Orten, durch die
sie Gefiihle werden konnen, durch die sie in den Willen iiberge-
hen konnen. Wir haben da den Menschen, dessen charakteristische
Eigenschaft dasjenige ist, was ich nennen mochte das Denksystem.
Dasjenige, was der Mitteleuropaer als sein Ideal anstrebt, was er in
Freiheit erreichen will, das strebt der Westmensch, namentlich der
Amerikaner nicht in Freiheit an; es ist ihm instinktiv gegeben. Er
ist ein Abstraktling - instinktmafiig. Und es ist etwas ganz ande-
res, ob man irgend etwas instinktma&g hat oder ob man es sich
erwirbt. Wenn man etwas sich erwirbt, hat man es ganz anders ver-
bunden mit seiner Menschennatur; man hat es ganz anders, wenn
man es in Freiheit erobern mufi, als wenn es einem instinktma£ig
durch die Natur selber gegeben ist.
Und da liegt eine grofie Gefahr. Denn sehen Sie, wahrend der
Inder anstreben kann in seiner Yoga-Philosophie das rhythmische
System, der Mitteleuropaer das anstreben kann, was Denksystem
ist, mufke ja bei der Westmenschheit, wenn sie nicht das Menschen-
tum verlieren sollte, die «geistige Giraffe» iiber den Kopf hinaus.
Dieser westlichen Menschheit obliegt in der Tat dasjenige, was ich
jiingst ganz offen zu einer Versammlung, in der Westmenschen
selber waren, gesagt habe: ihr obliegt das, was man charakterisie-
ren mufi als die grofie Verantwortung, die gerade die gegenwartige
westliche Menschheit hat. Westliche Artung, westliches Volkstum
wird ins Nichtige sich verlieren, wenn es iiber das Denksystem
hinausstrebt, wenn es ins Leere hinein oder in leeren Spiritismus
hineinstrebt und da, wo man ein seelisches Nichts flndet, dieses
Seelische sucht. Hier liegt die Gefahr, aber auch die Verantwor-
tung: die Gefahr, ins Seelisch-Nichtige zu kommen durch ein Stre-
ben iiber das dem Menschen natiirlich Gegebene hinaus, und die
Verantwortung, zu wirklicher Geisteswissenschaft aufzusteigen
- wenn man nicht durch seine Weltherrschaft zum Untergang der
Menschheit fiihren will.
Bei der mitteleuropaischen Menschheit dagegen wird es ein ge-
sundes, menschliches Streben in Freiheit sein, das einen hinaufleitet
in die Geistigkeit, das einen bringt zur Geisteswissenschaft. Ich
mochte sagen: Die Volker Mitteleuropas haben es als eine heilige
Pflicht - weil es in ihrer Anlage liegt -, die geistige Leiter hinauf-
zusteigen zu dem geistigen Erkennen. Aber sie erreichen, indem sie
von ihrem Rhythmus- und Atmungssystem hinaufsteigen in das
Denksystem, immerhin noch etwas, was im Gebiet des Mensch-
lichen ist. Fur die Westvolker liegt die Gefahr vor, dafi sie aus
dem Menschlichen hinauskommen, gerade wenn sie sich ein Ideal
zurechtformen - daher alle die nun doch das Allgemein-Mensch-
liche verleugnenden sektiererischen und ahnliche Bestrebungen des
Westens. In dieser Beziehung wird durchaus in der Gegenwart
noch nicht klar gesehen.
Wahrenddem beim Orientalen, dessen Stoffwechselsystem der
Erde zugewandt ist, ein spirituelles Wirken auf Naturwegen zum
Vorschein kommt, kommt bei dem Menschen des Westens, der
vor allem das Denksystem ausgebildet hat, das Hinblicken auf die
Sinneswelt zum Vorschein. Beim Orientalen ist es so, wie wenn in
ihm wirkte dasjenige, was unter der irdischen Oberflache ist; beim
Westmenschen ist es so, als ob er blofi sehen wiirde, was iiber der
Erdoberflache ist, was er sehen kann an Tatsachen von dem, was
von Sonne, Mond und Sternen, durch Luft und Wasser auf der
Erde geschieht. Von dem her, was in diesem Umkreis geschieht,
kann nicht die Organisation des Denkens erklart werden. Ich habe
es in einem vorigen Vortrag hier ausgefiihrt, wie das, was im Men-
schen geistig ist, eben nicht aus der Umwelt erklart werden kann.
Der Orientale wulke durch das, was als Erdengeistesblut durch
seine eigene Menschheit zum Vorschein kam, auch, daft er als
Mensch, als dasjenige, was in ihm spirituell lebt, ein Angehoriger
des ganzen Kosmos ist, ein Glied nicht nur der Erde, ein Glied des
ganzen Kosmos. Derjenige, der als Westmensch das Denksystem
besonders ausbildet - ihm ist durch die neuere Naturwissenschaft
von diesem Kosmos nichts anderes geblieben als die Moglichkeit,
ihn durch mathematische und mechanische Formeln zu berechnen.
Das Gebiet also, dem gegeniiber der W
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