Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE 



Abteilung B: Vortrage 
III. Vortrage und Kurse zu einzelnen Lebensgebieten 
Soziales Leben und Dreigliederung 
des sozialen Organismus 

Herausgegeben von der 
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung 



Band GA 335 



RUDOLF STEINER 

Die Krisis der Gegenwart 
und der Weg 
zu gesundem Denken 

Zehn offentliche Vortrage, 
gehalten in Stuttgart zwischen 
2. Marz und 10. November 1920 



2005 

RUDOLF STEINER VERLAG 



Die Herausgabe der 1. Auflage besorgten 
Alexander Lvischer und Ulla Trapp, 
unter Mitarbeit von Dorte Mehrling und Hans-Diedrich Fuhlendorf 

Bibliographischer Nachweis bisheriger Veroffentlichungen 

Seite 498 



Band GA 335 
1. Auflage 2005 

© 2005 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach 
© 2005 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto- 
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten. 
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3350-7 



Zu den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten. 
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal auch 
in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest, ohne 
daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen Fallen 
liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fiir Ubersetzer 
bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage zuge- 
stimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorbereiten 
konnte. 

Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie- 
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die 
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra- 
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangsjahre 
seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche Ausarbeitun- 
gen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung werden die Uber- 
tragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den Bearbeitern (Her- 
ausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere hinsichtlich 
Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, Eigennamen oder 
Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum Beispiel nicht ent- 
schliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder Liicken im Text, werden, soweit 
vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung hinzugezogen. 

Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbeitung 
sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffentlichten 
Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes. 



Die Herausgeber 



INHALT 



Zur Einfuhrung 13 

Erster Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 2. Marz 1920 . 23 

Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen 

Das Hoffen von John Maynard Keynes auf eine Wandlung der gei- 
stigen Verf assung der Menschen. Die naturwissenschaftlichen Grund- 
lagen des heutigen Denkens; seine Reichweite. Die Prophezeiung 
von Johannes Scherr und ihre Erfulhmg. Geisteswissenschaftliche 
Methode als Grundlage fur eine wirkliche Menschenerkennntnis. 
Die Weltherrschaft der Phrase im geistigen Leben. Verselbstandigtes 
Geistesleben als Voraussetzung fur die Entfaltung der menschlichen 
Fahigkeiten. Herman Grimm als symptomatische Erscheinung. Das 
heutige Staatsleben unter dem Einflufi der Konvention. Voraus- 
setzung einer echten Demokratie. Routine als Kennzeichen des 
gegenwartigen Wirtschaftslebens. Durch Entstaatlichung des Wirt- 
schaftslebens Belebung der wirtschaftlichen Sachkenntnis. Uber- 
windung der Dreiherrschaft von Phrase, Konvention und Routine 
durch Verwirklichung der sozialen Dreigliederung. Brieffalschungen 
als Mittel politischer Denunziation. Verbreitung von Unwahrheiten 
durch Vertreter der katholischen Kirche. Die angeblich jiidische 
Herkunft Rudolf Steiners. 



Zweiter Offentlicher Vortrag, 4. Marz 1920 ... 52 

Die geistigen Forderungen des kommenden Tages 

Entwicklungsgesetze des Menschen und der Menschheit. Der 
Riickgriff auf das Unbewufite. Die Notwendigkeit einer bewufiten 
Gestaltung des sozialen Lebens. Idee der sozialen Dreigliederung 
als heilender Beitrag der Geisteswissenschaft. Die Bedeutung der 
Forschungsresultate aus dem Ubersinnlichen fur die Erfassung der 
sozialen Wirklichkeit. Entstaatlichung des Schulwesens als notwen- 
dige soziale Mafinahme. Widerstand der religiosen Bekenntnisse 
gegen das lebendige Ergreifen der Geisteswelt. Selbstandiges Gei- 
stesleben als Voraussetzung fur die Entwicklung eines Bewufitseins 
vom Geist. Wissen um das Ubersinnliche als Grundlage fur eine 
Verlebendigung des Rechtswesens und eine Bedarfsorientierung 
des Wirtschaftslebens. Die aus dem Unbewufiten hervorgehen- 
den grofien Ziele der englischen Politik. Ihr Experimentalcharak- 



ter. Kritik des geisteswissenschaftlichen Christus-Verstandnisses. 
Christus nicht bloft Siindenerloser, sondern Auferwecker fiir den 
Menschheitsfortschritt. 



Dritter Offentlicher Vortrag, 10. Marz 1920 ... 78 

Die Volker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft 

Die Entwicklung zu einem einzigen, weltweiten Wirtschaftsgebiet. 
Das Entgegenstehen des nationalen Egoismus. Voraussetzungen 
fiir eine wirkliche Volker erkenntnis. Das Wurzeln der Volker in 
der iibersinnlichen Realitat. Die Organisation des Menschen als 
dreigliedriges Wesen. Drei hauptsachliche Menschentypen. Der 
orientalische Mensch und die Hinorientierung auf das Stoffwech- 
selleben. Seine Verbindung mit der Natur. Die Ausbildung des 
Gefiihlslebens als sein Ideal. Der mitteleuropaische Mensch und die 
Bedeutung des rhythmischen Systems. Die Erfassung des Mensch- 
lichen als sein Anliegen. Der ganze Mensch als Zusammenfassung 
der Eigentumlichkeiten der einzelnen Volker. Worm das wahre 
Deutschtum besteht. Der westliche Mensch und die besonde- 
re Entwicklung seines Denksystems. Seine besondere Beziehung 
zum Wirtschaftlichen. Die Sehnsucht nach dem Kosmischen. Das 
Streben nach Kosmopolitismus zur Zeit des deutschen Idealismus. 
Die Abstraktheit des marxistischen Internationalismus. Wahrer 
Internationalismus entspringt der Liebe zu alien Volkern. Geistes- 
wissenschaftliche Erkenntnis als Grundlage zur Uberwindung des 
gegenseitigen Hasses. 

Vierter Offentlicher Vortrag, 12. Marz 1920. ... 101 

Die Geschichte der Menschheit 
im Lichte der Geisteswissenschaft 

Das Fehlen grower Gesichtspunkte in der Geschichtsschreibung. 
Das Aufkommen des demokratischen Geistes als eine grundlegende 
Tatsache der neueren Geschichte. Geistige Erkenntnis verhilft zum 
Verstandnis der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das bio- 
genetische Grundgesetz und seine Anwendung auf die Geschichte. 
Notwendigkeit einer Umkehrung dieses Gesetzes fiir den geistigen 
Entwicklungsverlauf der Menschheit. Die altindische Kultur als Ver- 
treterin der ersten Entwicklungsperiode: materielles Leben als Of- 
fenbarung des Geistig-Gottlichen. Die Griechen als Reprasentanten 
der zweiten Entwicklungsperiode: materielles Leben aus der Sicht 
des Menschlichen. Die Blaublindheit der Griechen. Die heutige Er- 
ziehungsaufgabe im Lichte der geschichtlichen Entwicklungsgeset- 
ze. Unterschiedliche Sicht der Menschen auf die Sternenwelten im 



Laufe der Zeit. Die Konsequenzen aus dem umgekehrten biogeneti- 
schen Grundgesetz. Die heutige Zeit als dritte Entwicklungsperiode: 
materielles Leben in Trennung vom Geistigen. Soziale Dreigliede- 
rung als notwendiges Ergebnis aus der Menschheitsentwicklung. 
Die Weiterentwicklung hangt nicht von den Einrichtungen, sondern 
von den Menschen ab. 



Funfter Offentlicher Vortrag, 8. Juni 1920 .... 127 

Der Weg zu gesundem Denken 

und die Lebenslage des Gegenwartsmenschen 

Charles Eliot und sein Glaube an die Naturwissenschaft als Grund- 
lage fiir eine Religion der Zukunft. Heutige Machtlosigkeit gegen- 
uber den sozialen Lebensverhaltnissen. Das materialistische Welt- 
bild und der fehlende Briickenschlag von der natiirlichen zur sitt- 
lichen Weltordnung. Das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes 
und der Kraft und seine sozialen Konsequenzen. Neue Situation 
durch Versuche zur Umsetzung der naturwissenschaftlichen Welt- 
anschauung in die soziale Wirklichkeit. Die Sorge des russischen 
Philosophen Wladimir Solowjow um das Schicksal eines technisier- 
ten Rufilands. Der russische Sozialismus als letzte Konsequenz der 
Auffassungen Eliots. Die Unfahigkeit des theoretischen Sozialismus 
zu einer menschenwurdigen Sozialgestaltung. Das Hervorgehen der 
naturwissenschaftlichen Gedankenformen aus der mittelalterlichen 
Scholastik. Scholastisches Denken als Ausflufi des Schauens in die 
ubersinnliche Welt. Die Notwendigkeit einer Wiedergeburt des 
Denkens aus der geistigen Welt heraus. In der Geist-Erkenntnis 
lebt die Weltenzukunft. 



Sechster Offentlicher Vortrag, 10. Juni 1920 ... 152 

Die Erziehung und der Unterricht 
gegeniiber der Weltlage der Gegenwart 

Geschichtsunterricht in der Waldorfschule als Beispiel fiir die be- 
fruchtende Wirkung der Geisteswissenschaft. Kluft zwischen der 
heutigen Bildung und den proletarischen Massen. Die Bestrebungen 
zur Griindung von Volkshochschulen. Notwendigkeit einer Be- 
fruchtung des Zivilisationslebens mit einer neuen Geist-Erkenntnis. 
Die heutige abstrakte Wissenschaft vermag nicht zu geniigen. Zwei 
bedeutsame Ereignisse im Leben des heranwachsenden Menschen. 
Der Zahnwechsel als erstes Lebensereignis. Das Fortschreiten vom 
Abstrakten zum Konkreten als Anliegen der Geisteswissenschaft. 
Die Geschlechtsreife als zweites Lebensereignis. Das kindliche Spiel 



imd seine Bedeutung fiir das spatere Lebensalter. Voraussetzun- 
gen einer wirklichen Erziehungskunst: das kunstlerisch-bildhafte 
Anschauen des Menschen. Die padagogisch-didaktische Idee der 
Waldorfschule. Was die Gegenwart von den Menschen fordert: Be- 
sonnenheit und Tatbereitschaft. Die Diskussion um die Einfiihrung 
des Goldstandards als Beispiel fiir den fehlenden Wirklichkeitssinn 
der Menschen. Die Forderung nach einer assoziativen Gestaltung 
des Wirtschaftslebens. Das ganze Leben als eine Schule. 



Siebenter Offentlicher Vortrag, 15. Juni 1920 . . . 184 

Fragen der Seele und Fragen des Lebens. 
Eine Gegenwartsrede 

Ein zentrales Gegenwartsproblem: die fehlende Ubereinstimmung 
der seelischen Bediirfnisse mit den Tatsachen des Lebens. Wie in der 
«Philosophie der Freiheit» die Freiheitsfrage gestellt wird. Die Ziel- 
setzungen des Jesuitismus. Die anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft als eine Fortsetzung der «Philosophie der Freiheit». 
Klarheit des Denkens und soziales Vertrauen als Grundideale fiir die 
Gegenwart. Warum man Materialist ist. Die beiden grofien Ziele fiir 
die innere Schulung: die Befreiung des Denkens von der Leiblichkeit 
und die Ergreifung des Leibes durch den Willen. Die Notwendig- 
keit einer Uberwindung des kategorischen Imperativs von Kant. 
Die Aufierung von Georg Gottfried Gervinus iiber das Ende der 
deutschen Dichtung. Die Betrachtung der abendlandischen Kultur 
aus dem naturwissenschafthchen Gesichtspunkt. «Der Untergang 
des Abendlandes» von Oswald Spengler als Beispiel fiir ein sol- 
ches Denken. Die Ablehnung einer Praexistenz der Seele durch die 
christlichen Bekenntnisse. Wie der Erfullung der Prophetie Speng- 
lers entgegengewirkt werden kann. Der Widerstand gegen eine neue 
Geistigkeit. Die notwendige Verbindung von Wissenschaft, Kunst 
und Religion. 



Achter Offentlicher Vortrag, 29. Juli 1920 .... 214 

Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes reden? 
Eine zweite Gegenwartsrede 

Zwei wichtige Erscheinungen auf dem Buchmarkt: «Der Untergang 
des Abendlandes» von Oswald Spengler und «Die wirtschaftlichen 
Probleme der proletarischen Diktatur» von Eugen Varga. Inwie- 
fern die Uberzeugung Spenglers vom zwangslaufigen Untergang 
des Abendlandes berechtigt ist. Die besondere historische Methodik 
Spenglers. Die Vertiefung dieser Methodik durch die Geisteswissen- 



schaft. Die Pragung Spenglers durch das alte naturwissenschaftliche 
Denken. Ein neues Geistesleben als Entwicklungsnotwendigkeit. 
Vargas Versuch zur Umsetzung marxistischer Ideen in die sozi- 
ale Praxis. Eine fur einen Marxisten iiberraschende Aussage. Die 
Waldorfschule als Beispiel fur die soziale Fruchtbarkeit des an- 
throposophischen Ansatzes. Verschiedene Gegnerschaften gegen die 
Anthroposophie. Geisteswissenschaft richtet sich an den Willen der 
Menschen. 



Neunter Offentlicher Vortrag, 20. September 1920 . 243 

Die grofien Aufgaben von heute im Geistesleben, Rechts- 
leben und Wirtschaftsleben. Eine dritte Gegenwartsrede 

Eine weitere wichtige Erscheinung auf dem Buchmarkt: «Die 
wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages» von John Maynard 
Keynes. Das Versagen der Staatsmanner in Versailles. Wie auf den 
amerikanischen Prasidenten Woodrow Wilson Einflufi genommen 
wurde. Die darwinistisch gepragte Denkweise Wilsons. Die Not- 
wendigkeit einer geistigen Erkenntnis der Welt. Zunehmende Ver- 
drangung des vollen Menschentums durch das Spezialistentum. Die 
wissenschaftlichen Kurse am Goetheanum und ihre Zielsetzungen. 
Verstandnis fur die geistig-seelische Entwicklung des Kindes als 
padagogische Grundlage der Waldorfschule. Die wirtschaftlichen 
Bedurfnisse der Waldorfschule. Die drei Stromungen im Entwick- 
lungsgang der Menschheit: das geistige, staatliche und wirtschaft- 
liche Denken. Der amerikanische Pragmatismus als Beispiel fur 
das heutige wirtschaftliche Denken. Die drei grofien Aufgaben in 
der Gegenwart: das Erfassen der menschlichen Personlichkeit, die 
Pflege des demokratischen Zusammenlebens und die Losung des 
Preisproblems. Die soziale Dreigliederung als Antwort auf diese 
Aufgaben. Schaffung der wahren gesellschaftlichen Einheit durch le- 
bendiges Zusammenwirken der drei selbstandigen sozialen Glieder. 
Was den wirklichen Praktiker ausmacht. Wege zur Verwirklichung 
der Dreigliederung. 



Zehnter Offentlicher Vortrag, 10. November 1920 . 273 

Die Geisteskrisis der Gegenwart 

und die Krafte zum Menschheitsfortschritt 

Aussichtslosigkeit in der Uberwindung der herrschenden Staats- 
und Wirtschaftskrisis. Die Durchfuhrung der anthroposophischen 
Hochschulkurse als Antwort auf die gegenwartige Geisteskrisis. 
Eine erste Zielsetzung: die Loslosung des Geisteslebens aus staat- 



licher und wirtschaftlicher Bevormundung. Die Haltung der Kir- 
chenvertreter als Beweis fiir das Fehlen der schopferischen Kraft 
des Geisteslebens. Ein Geistesleben in freier Selbstverwaltung als 
Voraussetzung fiir die Entfaltung der individuellen Fahigkeiten der 
Menschen. Das moderne volkswirtschaftliche Denken seit Adam 
Smith. Der Zwiespalt zwischen weltanschauungsloser Wissenschaft 
und wissenschaftsloser Weltanschauung. Die Auswirkungen dieses 
Gegensatzes auf den mitteleuropaischen Menschen: das Beispiel 
der Philosophen der Scholastik und des deutschen Idealismus. 
Die intellektualistische Wissenschaft und ihre Beschrankung auf 
das Mathematisch-Mechanisch-Technische. Die auf blofte Routi- 
ne ausgerichtete Praxis als Gegenstiick dazu. Die Notwendigkeit 
heute, aus der Wissenschaft eine Weltanschauung zu entwickeln. 
Die Mathematik als Ansatzpunkt fiir die geisteswissenschaftliche 
Erkenntnismethodik. Perspektiven fiir einen Ausweg aus der drei- 
fachen Zivilisationskrise. 



ANHANG 

Notizbucheintragungen 305 

Dokumente 325 

Zu dieser Ausgabe 331 

Textgrundlagen 331 

Hinweise zum Text 331 

Namenregister 494 

Literatur zum Thema 496 

Bibliographischer Nachweis bisheriger Veroffentlichungen . 498 

Zum Werk Rudolf Steiners 499 



Zur Einfiihrung 



Wir denken an eine Erneuerung des ganzen 
wissenschaftlichen und Weltanschauungsgeistes 
der Gegenwart in die nachste Zukunft hinein. 

(Rudolf Steiner im offentlichen Vortrag vom- 
it). Juni 1920 in Stuttgart) 

Im Jahre 1888 veroffentlichte Rudolf Steiner in der «Deutschen Wochen- 
schrift» eine Diagnose iiber «Die geistige Signatur der Gegenwart» (in GA 30). 
Sie fiel fiir ihn wenig beruhigend aus, war er doch zum Schlufi gelangt: «Bei 
alien Fortschritten, die wir auf den verschiedensten Gebieten der Kultur zu 
verzeichnen haben, konnen wir uns doch nicht entschlagen y daft die Signatur 
unseres Zeitalters viel, sehr viel zu wiinschen ubriglaftt. Unsere Fortschritte 
sind zumeist nur solche in die Breite und nicht in die Tiefe. Fur den Gehalt 
eines Zeitalters sind aber nur die Fortschritte in die Tiefe maftgebend. » Es war 
dieses einseitige Pochen auf die Erfahrung bei gleichzeitiger Verachtung alles 
Ideellen, das den jungen Rudolf Steiner zur Feder greifen liefi. Das Verges- 
sen der Grundgedanken des deutschen Idealismus, zu dessen herausragenden 
Vertretern solche Personlichkeiten wie Fichte, Hegel oder auch Goethe und 
Schiller gehorten, war fiir ihn ein besonderes Alarmzeichen. Was lag denn der 
deutschen idealistischen Philosophie als zentrales Anliegen zugrunde? Rudolf 
Steiner: «Bruch mit dem Dogma auf dem Gebiete des Denkens, Bruch mit 
dem Gebote auf jenem des Handelns, das muft das unverruckbare Ziel der 
weiteren Entwicklung sein. Der Mensch muft sich Gliick und Befriedigung aus 
sich selbst schaffen und nicht von auften an sich herankommen lassen.» Als 
Rudolf Steiner diese Worte schrieb, war die europaische Menschheit knapp am 
Ausbruch eines grofien Krieges vorbeigekommen. Es war die grofie Balkankri- 
se von 1885 bis 1888, der Kampf um die Absteckung der Einflufispharen in 
und um Bulgarien, der beinahe zu einem Krieg zwischen Osterreich-Ungarn 
und Rutland gefuhrt hatte und dessen Sog sich auch die iibrigen europai- 
schen Grofimachte kaum hatten entziehen konnen. Die besonnenen Krafte, 
die auf den Friedenserhalt hinarbeiteten, behielten gliicklicherweise noch die 
Oberhand. 

Jahre spater, im intimen Mitgliederkreis in Wien, gab Rudolf Steiner erneut 
seiner Besorgnis iiber die gesellschaftliche Entwicklung Ausdruck. Am 14. 
April 1914 (in GA 153) warnte er, ausgehend von der fehlenden Abstim- 



mung der Produktion auf die Konsumtion: «So eine Krebsbildung schaut 
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt; er schaut, wie tiberall 
furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwiirbildungen aufsprossen. Das ist die 
grofle Kultursorge, die auftrittfiir den, der das Dasein durchschaut. Das ist das 
Furchtbare, was so bedruckend wirkt und was selbst dann, wenn man sonst 
alien Enthusiasmus fur Geisteswissenschaft unterdriicken konnte, [...] einen 
dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien fiir das, 
was so stark schon im Anzug ist und was immer starker und starker werden 
wird.» Was Rudolf Steiner in banger Ahnung voraussah, sollte in den nach- 
sten Wochen in umfassendster Weise Wirklichkeit werden: Am 28. Juni 1914 
wurde der osterreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet; 
die sich anschlielSende Juli-Krise endete am 28. Juli mit der osterreichisch- 
ungarischen Kriegserklarung an Serbien. Damit nahm das Verhangnis seinen 
Verlauf. Infolge der bestehenden Biindnisverhaltnisse wurden die meisten 
europaischen Machte in das grausige kriegerische Gemetzel der folgenden 
Jahre hineinverwickelt. Der Erste Weltkrieg und damit die «Urkatastrophe 
des 20. Jahrhunderts» wurde Wirklichkeit. 

Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts 

Der Erste Weltkrieg entwickelte sich nicht nur zum totalen Krieg mit Mil- 
lionen von Opfern an der Front und in der Heimat, sondern die durch 
ihn ausgelosten sozialen Erschutterungen fuhrten angesichts der politischen 
Ideenlosigkeit in den Demokratien zur Errichtung faschistischer und kommu- 
nistischer Diktaturen und schlieftlich 1939 zur Entfesselung eines gesteigerten 
apokalyptischen Kriegsgeschehens. Gerade der Blick auf Deutschland scheint 
die heutzutage schon fast zu einem Allgemeinplatz gewordene Sprachregelung 
von einer Urkatastrophe mehr als nur zu rechtfertigen. Die Verantwortungs- 
losigkeit seiner politischen Fiihrung hatte das Land in den Abgrund gesteuert; 
mit den in den Pariser Vororten ausgehandelten Friedensvertragen wurde 
ihm und seinen Verbiindeten die Alleinschuld fiir den Ausbruch des Krieges 
zugeschoben. Die besiegten Mittelmachte sollten politisch und wirtschaftlich 
so geschwacht werden, da& keine kriegerische Bedrohung mehr von ihnen 
ausgehen konnte. 

In dem ganzen Geschehen sah Rudolf Steiner zunachst eine von der 
Peripherie Europas ausgehende Bedrohung der im deutschen Idealismus auf- 
gekeimten Geistigkeit, der zentralen Grundlage fiir eine erneuerte spirituelle 
Weltsicht. Rudolf Steiner in «Gedanken wahrend des Krieges » (bisher in GA 
24, kiinftig in GA 255), erschienen 1915: «Dafur, dafl einmal die 2eit kommen 



muft, in welcber auf seelischem Gebiete die auf das Geistige gehende Weltan- 
schauung des deutschen Wesens sich ihre Weltgeltung - selbstverstdndlich nur 
durch einen Kampf der Geister - gegenuber denjenigen wird erobern miissen, 
die [. . .] ihre Reprdsentanten am dem englischen Wesen heraus hat: dafur kann 
die Tatsache des gegenwdrtigen Krieges eine Mahnung sein. Es hat dies aber 
mit diesem Kriege unmittelbar nichts zu tun.» Auch wenn Rudolf Steiner eine 
unmittelbare Verbindung zum Kriegsgeschehen zunachst ausschlofi, so war er 
doch iiberzeugt, dafi sich «England durch die Entwicklung, die Deutschland 
in der neuesten Zeit notwendig erstreben muftte, bedroht» sah. Es mulke 
alles unternehmen, «was beitragen konnte, den Alp der Bedrohung, den ihm 
Deutschlands Kulturarbeit verursachte, wegzuschaffen. » Im Laufe des Krieges 
erweiterte sich der Gesichtspunkt Rudolf Steiners - deutlich erlebbar in seinen 
«Zeitgeschichtlichen Betrachtungen» (GA 173 und 174), die er auf Bitten 
von Mitgliedern verschiedenster Nationalitat in der Zeit um die Jahreswende 
1916/1917 in Dornach hielt. Langfristig angelegtes, okkult abgestiitztes an- 
gelsachsisches Weltmachtstreben im Konflikt mit der Weltmission deutscher 
Geistigkeit - darin sah er den tieferen Hintergrund der sich abspielenden 
Urkatastrophe. Die Rechtmafiigkeit des deutschen Standpunktes schien ihm 
dabei unzweifelhaft gegeben. 

Zunehmend trat fur ihn aber das Versagen der deutschen Fuhrung, die 
ganze ideelle Nullitat der deutschen Elite und die daraus sich ergebende ge- 
fahrliche Verantwortungslosigkeit der Politik der mitteleuropaischen Machte 
in den Vordergrund. So sagte er zum Beispiel im Dornacher Mitgliedervortrag 
vom 16. November 1918 (in GA 185a) - Tage nach dem Sturz des Kaisertums 
in Deutschland und in Osterreich-Ungarn: «Sehen Sie, was alles verbrochen 
worden ist, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, bei den Zentralmdchten, 
was da die verschiedenen Machthaber gesiindigt haben, was da an Unwahr- 
haftigkeit in den Ereignissen gelegen hat, das wird zutage treten. So haben sich 
die Ereignisse entwickelt, daft die Welt bis ins kleinste in verhdltnismdftig gar 
nicht ferner Zukunft erfahren wird alles das, was von den mitteleuropaischen 
Machthabern gesiindigt worden ist.» Und im Dornacher Diskussionsabend 
vom 19. Juli 1920 (in GA 337b) zur Frage, wer denn im Vorkriegsdeutschland 
eigentlich das Sagen gehabt habe: «Etwa Wilhelm II. ? Der hat wahrhaftig 
nicht regieren konnen, sondern es hat sich gehandelt darum, daft eine gewis- 
se Militdrkaste da war, welche die Fiktion aufrechterhalten hat, daft dieser 
Wilhelm II. etwas bedeute - er war ja nur ein Figurant mit Theater- und 
Komodienalliiren, der allerlei Zeug der Welt komodienhaft vormachte. Es war 
eine Art Theaterspiel, aufrechterhalten durch eine Militdrkaste, die nun nicht 
gerade aus blofter <Natur> und aus <freiwilligem Unterordnen und Vertrauen> 
heraus, sondern aus ganz etwas anderem heraus handelte, aus alien moglichen 



alten Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, aus der Anschauung, daft es eben so 
sein mujl - eine Anschauung, die aber nicht sehr tief in der Menschenbrust 
wurzelte. So lag dieses Ganze, und es wurde mehr gehalten, als dafi es 
wirklich regierte. [...] Dann kam zu dem, was aus den Militdrkasten beraus 
dieses Komodienspiel zusammenhielt, in den letzten Jahrzehnten das noch 
viel Widerlichere des Grojlindustriellen- und Grofihdndlertums, was sich also 
summierte und was so durcbaus innerlicb aus verlogenen Impulsen beraus ja 
dieses monarchische Prinzip aufrechterbielt.» 

Angesichts dieses volligen Versagens der fuhrenden Schichten schrieb Ru- 
dolf Steiner in den «Vorbemerkungen» zu den Erinnerungen des deutschen 
Generalstabschefs bei Kriegsausbruch (bisher in GA 24, kiinftig in GA 255) 
- die Aufzeichnungen Helmuth von Moltkes sollten 1919 im Zusammenhang 
mit der Agitation fur die Dreigliederungsidee veroffentlicht werden, was dann 
aber nicht moglich war: «Man mufi auf diese Dinge weisen, wenn man von 
der <Schuld> des deutschen Volkes sprechen will. Diese <Schuld> ist docb von 
ganz besonderer Art. Es ist die Scbuld eines ganzlich unpolitisch denkenden 
Volkes, dem die Absichten seiner <Obrigkeit> durch undurcbdringlicbe Schleier 
verhiillt worden sind. Und das aus seiner unpolitischen Veranlagung beraus gar 
nicht ahnte, wie die Fortsetzung seiner Politik der Krieg werden mujlte.» Aber 
Rudolf Steiner ging es nicht um die Entlastung des deutschen Volkes, sondern 
um die moglichst wahrheitsgetreue Aufklarung der tatsachlichen Vorgange, 
die zur Weltkriegskatastrophe gefuhrt hatten. Fur ihn lag das Versagen der 
Menschen - besonders gerade auch der Deutschen - im Unverstandnis fur die 
eigentlichen sozialen Entwicklungsnotwendigkeiten. Deshalb die Schlufifol- 
gerung Rudolf Steiners im Dornacher Mitgliedervortrag vom 30. September 
1917 (in GA 177): «Die Gegenwart ist eine Zeit [...], von der man sagen 
kann, dafi sich viel wird andern miissen im Denken, im Fublen, im Wollen 
der Menschen. Die Seelenricbtungen werden andere werden miissen. Das wird 
die Zeit fordern. » Das Waken von zerstorerisch-gewaltsamen Vorgangen auf 
dem aufieren physischen Plan sah er durch das fehlende spirituelle Leben auf 
der Erde bedingt. Rudolf Steiner im gleichen Vortrag: «Und wir bekommen 
daraus die praktische Aufforderung, alles, was an uns ist, zu tun, um das 
einzige, was in der Zukunft von der Menschheit die zerstbrenden Krafte wird 
hinwegnehmen konnen - das spirituelle Leben -, zu fordern.» 

Anzeichen fur einen drohenden Untergang 

Zunachst standen die Menschen ganz im Banne der Auswirkungen der zer- 
storerischen Krafte. Die sozialen Folgen des Massensterbens und der Massen- 



verstummelung waren in der Tat unabsehbar. Eine tiefgreifende Traumatisie- 
rung und Destabilisierung der Gesellschaften, verbunden mit wirtschaftlichen 
Existenznoten und politischer Gewaltbereitschaft waren fiir die Jahre nach 
dem Ende des Ersten Weltkriegs, die «Zeit des europaischen Nachkriegs», 
kennzeichnend. Es zeigte sich, daft die von den Siegermachten verkiindeten 
abstrakten Ideale - zum Beispiel die Vierzehn Punkte des amerikanischen 
Prasidenten Thomas Woodrow Wilson - sich gegeniiber den politischen und 
wirtschaftlichen Machtinteressen nicht zu behaupten vermochten. 

Die ehemaligen Mittelmachte, an der Spitze Deutschland, sahen sich dem 
Vernichtungswillen der Siegermachte ausgesetzt. So empfand es jedenfalls 
die grofie Mehrheit der Menschen in Mitteleuropa angesichts der einseitigen 
Bestimmungen der Pariser Vorortsvertrage von 1919 und 1920. Politische Kne- 
belung und wirtschaftliche Ausbeutung statt der versprochenen Selbstbestim- 
mung in Freiheit - das war die Wirklichkeit fiir die besiegten Mittelmachte. In 
dieser Empfindung lebte auch Rudolf Steiner. Um so mehr mufke ihn die 1920 
auf deutsch veroffentlichte Schrift des englischen Okonomen John Maynard 
Keynes, «Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages», beeindrucken. 
In seiner Schrift warf Keynes - er hatte als Mitglied der englischen Delegation 
an den Versailler Friedensverhandlungen teilgenommen - den Staatsmannern 
der Siegermachte eine einseitige Interessenvertretung ohne Blick aufs Ganze 
vor. Letzten Endes konnte eine solche Ideenlosigkeit nur zum «Untergang 
des Abendlandes» fuhren, wie ihn der Kulturphilosoph Oswald Spengler in 
seinem ersten Band «Gestalt und Wirklichkeit» - er war 1918 erschienen - be- 
schrieben hatte. Allerdings gab es einen radikalen Zukunftsentwurf in Gestalt 
der marxistisch-leninistischen Utopie von einer klassenlosen Gesellschaft, 
deren Verwirklichung in der gewaltsamen und totalitaren Form einer Diktatur 
des Proletariats unter Fiihrung der kommunistischen Partei angestrebt wurde. 
Rudolf Steiner konnte in diesen Versuchen keinen Zukunftswert entdecken; 
gerade die von naturwissenschaftlichem Denken gepragte Abstraktheit der 
Grundsatze, unter Ausklammerung des lebendigen Menschen, mufite sich 
verheerend auf die Grundlagen sozialen Zusammenlebens auswirken. Seine 
Ansicht sah Rudolf Steiner durch die 1920 von Jeno Varga verfafite Schrift, 
«Die wirtschaftlichen Probleme der proletarischen Diktatur», bestatigt, in der 
dieser - als mafigebende Personlichkeit innerhalb der kommunistischen Rate- 
diktatur in Ungarn - die Schwierigkeit in der Anwendung kommunistischer 
Grundsatze in aller Offenheit beschrieb. 

Diese drei Schriften sah Rudolf Steiner als symptomatisch fiir die so- 
ziale Situation in der unmittelbaren Nachkriegszeit an: Hinter der Fassade 
wohlklingender Abstraktheit westlich-demokratischer Ideale verbargen sich 
letzten Endes doch nur reine Machtinteressen, und auch der marxistische 



Gegenentwurf konnte zu nichts anderem als zur totalen Zerriittung sozia- 
len Zusammenlebens fiihren. Diese Untergangsstimmung schlug sich in den 
Herzen der Menschen nieder; zu Ende war es mit dem noch vor dem Kriege 
herrschenden ungeziigelten Fortschrittsglauben. Was vorherrschte, war das 
Bewufksein, in einer zersprungenen und zerteilten Welt zu leben - in einer 
Welt der Krisen. 

Gegenwartsreden fur die Zukunft 

Gegen diese allgemeine Untergangsstimmung wollte Rudolf Steiner ankamp- 
fen. Ihm ging es dabei nicht blofi um das Aufzeigen der Bedingungen, die 
notwendig in den Untergang fiihren mufiten, sondern auch um die Voraus- 
setzungen fur einen sozial fruchtbaren Neuanfang. Und dieser konnte nur auf 
der Grundlage einer wirklich tragfahigen - das heifit spirituellen - Weltan- 
schauung geschehen. So schrieb Rudolf Steiner in seinem am 15. Februar 1919 
erstmals der Offentlichkeit vorgestellten Aufruf «An das deutsche Volk und an 
die Kulturwelt» (in GA 24, kiinftig in GA 255a): «An die Stelle des kleinen 
Denkens iiber die allerndchsten Forderungen der Gegenwart miifite jetzt ein 
grofier Zug der Lebensanschauung treten, welcher die Entwicklungskrdfte der 
neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen strebt und der mit 
mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufboren miifite der kleinliche Drang, 
der alle diejenigen als unpraktische Idealisten unsch'ddlich macht, die ihren 
Blick auf diese Entwicklungskrdfte richten. Aufboren miifite die Anmafiung 
und der Hochmut derer, die sich als Praktiker dunken und die doch durch 
ihren als Praxis maskierten engen Sinn das Ungliick herbeigefuhrt haben. 
Beriicksichtigt miifite werden, was die als Idealisten verschrieenen, aber in 
Wahrheit wirklichen Praktiker iiber die Entwicklungsbediirfnisse der neuen 
Zeit zu sagen haben.» Es war aber nicht nur die Idee der sozialen Drei- 
gliederung - die Idee einer horizontalen Foderalisierung der Gesellschaft 
nach den drei Funktionssystemen Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschafts- 
leben -, von deren Umsetzung er sich einen gesellschaftlichen Neuanfang 
versprach, sondern ganz grundsatzlich ein Verstandnis in der Offentlichkeit 
fur den von ihm vertretenen geisteswissenschaftlichen Ansatz. Dieses «Fort- 
schreiten der Weltanschauung der Geisteswissenschaft vom Abstrakten zum 
Konkreten, vom blofi Gedankenmdfiigen, das sich einbildet, in die Wirklichkeit 
zu dringen y zum wahrhaft Wirklichkeitsgemdfien» (offentlicher Vortrag vom 
10. Juni 1920 in Stuttgart, in diesem Band), also eine Verlebendigung der 
Anschauung - das war sein grofies Anliegen, nachdem sich der Versuch, die 
Dreigliederungsidee als ziindende Idee unter die Massen zu bringen, gegen 



Ende des Jahres 1919 endgiiltig als vergeblich erwiesen hatte; die Menschen 
waren ihrem einseitigen Parteiendenken verhaftet geblieben. 

Umso mehr fiihlte sich Rudolf Steiner, getragen von einem kleinen Kreis 
von Mitarbeitern des Dreigliederungsbundes und der Anthroposophischen 
Gesellschaft, verpflichtet, fiir die von ihm als notwendig erachtete geistige 
Umwalzung in aller Offentlichkeit einzutreten. Uber «Die geistigen For- 
derungen des kommenden Tages», iiber «Die Geisteskrisis der Gegenwart 
und die Krdfte zum Menschheitsfortschritt» - so die Titel seiner offentlichen 
Vortrage vom 4. Marz 1920 und 10. November 1920 in Stuttgart (in diesem 
Band) - wollte er sprechen. Im Laufe des Jahres 1920 hielt er an verschie- 
denen Orten Vortrage mit diesem Anliegen. Er zeigte sich iiberzeugt (im 
Vortrag vom 10. November 1920 in Stuttgart, in diesem Band): «Wir werden 
hervorgehen sehen aus einer wirklichen geistgemajlen Welterkenntnis den 
denkenden Tatmenschen, den fiihlenden Rechtsmenschen, den bruderschaftlich 
gesinnten wirtschaftenden Willensmenscben, und wir werden damit aus einer 
solchen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eine neue Kraft zum 
Menschheitsfortschritt aus der Geisteskrisis heraus gewinnen.» 

Als besonders eindriicklich erweisen sich die vom Stuttgarter Initiativkreis 
1920 veranstalteten offentlichen «Gegenwartsreden» von Rudolf Steiner - sie 
sind im vorliegenden Band vereinigt. Gehalten wurden sie in einem Klima 
zunehmender Ablehnung gegeniiber den anthroposophischen Bestrebungen. 
Angeheizt wurde diese Gegnerschaft durch die vielfachen praktischen Bemii- 
hungen, an denen die anthroposophische Bewegung die Fruchtbarkeit der von 
ihr vertretenen Weltanschauung aufzeigen wollte. Am 7. September 1919 war 
die Freie Waldorfschule eroffnet worden; in der ersten Halfte des nachsten 
Jahres wurden zur finanziellen Unterstiitzung der anthroposophischen Kul- 
turbestrebungen Wirtschaftsassoziationen begriindet - am 13. Marz 1920 die 
«Der Kommende Tag AG.» in Stuttgart und am 16. Juni die «Futurum A.G.» 
in Dornach. Es handelte sich um grofi angelegte Projekte, die iiber ihre engere 
Bestimmung hinaus auf eine grundsatzliche Veranderung des Wirtschaftens 
und damit auf eine Entscharfung der Sozialen Frage abzielten. Das am 26. 
September 1920 vorlaufig eroffnete, aber noch nicht vollig fertiggestellte 
Goetheanum als Sitz der «Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft* war 
ein sinnfalliger Ausdruck fiir den Anspruch auf eine ganzheitlich ausgerichtete 
Wissenschaftsmethodik. Es ist nicht zufallig, dafi diese vorlaufige Eroffnung 
im Zusammenhang mit der Durchfiihrung des Ersten Hochschulkurses stand, 
der vom 27. September bis zum 16. Oktober im Goetheanum-Bau stattfand. 
Bereits im Friihling 1920, vom 24. Marz bis 7. April, hatte in Dornach unter 
dem Titel «Anthroposophie und Fachwissenschaften» eine Art Vorlauferkurs 
stattgefunden (in GA 73a), der Zeugnis von der Befruchtung der Wissen- 



schaften durch die Anthroposophie ablegen sollte. Zu diesem Zeitpunkt, das 
heifit am 9. April 1920, traten die Teilnehmer des ersten von Rudolf Steiner 
gehaltenen medizinischen Kurses mit einer «Erklarung» an die Offentlichkeit, 
in der sie bekannten: «Die in Dornach ihrer architektonischen Vollendung 
entgegengebende Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft <Goetheanum> steht 
als Zeugnis fur den inneren Gehalt und die Kreditwurdigkeit dieser ganzen 
Geistesricbtung da, fitr deren mediziniscb-wissenscbaftliche Frucbtbarkeit die 
unterzeichneten Fachleute mit ibrem Namen einstehen.» 

Neben diesen grofien offentlichen Vortragen hielt Rudolf Steiner jeweils 
auch Vortrage fur die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, in 
denen er in Erganzung zu seinen offentlichen Ausfiihrungen die geistigen 
Hintergriinde des Gegenwartsgeschehens beleuchtete. Sie sind im Band «Ge- 
gensatze in der Menschheitsentwicklung» (GA 196) zusammengefafit. Dabei 
kam es ihm - angesichts des Dunkels verwirrender Geschehnisse - auf das 
Setzen von Orientierungspunkten, auf das Verstehen der grundlegenden Ent- 
wicklungen an. So machte Rudolf Steiner am 14. November 1920 (in GA 
196) den Stuttgarter Mitgliedern klar: «Und wahrend die Wesenheiten, die 
der Menscb sab in den alten Zeiten in den Naturerscbeinungen, luziferiscber 
Art waren, sind die Wesenheiten, die in den Maschinen, in den Technizis- 
men wirken, abrimanischer Natur. Der Menscb umgibt sicb also mit einer 
abrimaniscben Welt, die ganz selbstdndig wird. Sie sehen, welches der Sinn 
der Menschheitsentwicklung ist - aus der luziferischen Welt heraus, die aber 
noch in sein Bewufitsein hineinwirkt und da sein Schicksal bestimmt, segelt 
der Menscb, und zwar gerade in der Gegenwart mit einer gewissen Rasch- 
heit, hinein in eine ahrimanische Welt.» Gerade das fehlende Bewufitsein fur 
solche geistigen Hintergriinde empfand Rudolf Steiner als grofie Gefahr fur 
die Menschen. Im gleichen Vortrag: «Eine grofle Gefahr ist vorhanden, dafi 
diese ahrimanische Welt, weil sie auf seinen Willen wirkt, den er nicht in sein 
Bewufitsein unmittelbar heraufbekommen kann durch die intellektualistische 
Wissenschaft, den Willen des Menschen ergreift und er ganz direktionslos 
wird innerhalb der ddmonischen Gewalten der Technizismen.» Dies war die 
bedriickende Sorge Rudolf Steiners fur die Menschheitszukunft. Und deshalb 
auch sein offentliches Bekenntnis zur gezielten Aktion: «Wir denken an eine 
Erneuerung des ganzen wissenschaftlichen und Weltanschauungsgeistes der 
Gegenwart in die nachste Zukunft hinein.» Hinwendung zur Spiritualitat als 
Mittel zur sozialen Zukunftsgestaltung - nur auf diese Weise konnte man 
hoffen, dem Kulturvermachtnis des deutschen Idealismus gerecht zu werden, 
aber auch ein wirkungsvolles Gegengewicht zum westlichen Machtanspruch 
zu setzen. Davon war Rudolf Steiner iiberzeugt. 

Alexander Liischer 



DIE KRISIS DER GEGENWART 
UND DER WEG ZU GESUNDEM DENKEN 



ERSTER VORTRAG 
Stuttgart, 2. Marz 1920 
Geist und Ungeist in ihren Lebenswirkungen 

Sehr verehrte Anwesende! Eine bedeutsame Erscheinung innerhalb 
des Gebietes der Besprechung gegenwartiger offentlicher Fragen 
ist das Buch des Englanders John Maynard Keynes iiber die wirt- 
schaftlichen Folgen des Friedensschlusses. Man darf heute gera- 
de dieses Buch bei Besprechung offentlicher Angelegenheiten im 
weitesten Umfang erwahnen, weil es auf der einen Seite mit al- 
ien Vorurteilen, ich mochte sagen mit alien Vorempfindungen des 
Englanders geschrieben ist, weil es auf der anderen Seite aber 
abgefafk ist mit einer aufterordentlich bedeutsamen Sachkenntnis 
und Uberschau iiber das offentliche Leben der Gegenwart. Keynes 
war ja lange Zeit Delegierter beim englischen Schatzamt wahrend 
des Krieges. Und Keynes war dann in der englischen Delegation 
beim Versailler Friedensschlufi, bis er sein Amt niedergelegt hat, 
weil er von den Verhandlungen in Versailles im hochsten Mafie 
enttauscht worden ist im Juni 1919. Man muf5 sagen, wenn man 
genauer hinsieht gerade auf den Inhalt dieses Werkes, dann findet 
man manches, das schon recht bedeutsam ist fur die Gewinnung 
eines Urteils iiber die offentlichen Verhaltnisse des gegenwartigen 
Augenblicks. Ich will nur einiges Charakteristische gerade aus 
diesem Buche einleitungsweise meinen heutigen Betrachtungen 
vorausschicken. 

Keynes war, als er nach Paris ging, sozusagen auch noch mit 
einem vollen Sack von Vorurteilen dahin gekommen - vor alien 
Dingen von Vorurteilen iiber den moglichen Erfolg dieses Frie- 
densschlusses gerade von dem Gesichtspunkte eines Englanders 
aus, aber auch von Vorurteilen iiber die an dem Laufe der gegen- 
wartigen offentlichen Angelegenheiten beteiligten Personlichkei- 
ten. Ich darf sagen, dafi fiir mich ganz besonders interessant war 
das Urteil, das ein Beisitzer der Versailler Verhandlungen gerade 
iiber den Mann gewonnen hat, den eigentlich bis vor kurzer Zeit 



die ganze Welt angebetet hat. Wenn ich immer wieder und wie- 
derum gegen dieses Urteil der ganzen Welt mich aufgelehnt habe 
- wahrhaftig mich aufgelehnt habe nicht blofi innerhalb Deutsch- 
lands, sondern, wo ich die Moglichkeit dazu hatte, das wahrend 
der Kriegszeit selbst und bis zum Ende der Schreckenstage auch 
in der Schweiz zu tun -, da konnte man mit solcher Auflehnung 
wirklich recht wenig Eindruck machen. Man mufke erfahren, da$ 
es selbst innerhalb Deutschlands eine wenn auch kurze Zeit gege- 
ben hat, in der eine grofiere Anzahl von Menschen eingestimmt hat 
in die Verhimmelung des Woodrow Wilson - denn den meine ich 
und den meint Keynes -, eine Verhimmelung, die iiber die ganze 
Welt hin Platz gegriffen hatte. Immer wieder und wiederum mulke 
darauf aufmerksam gemacht werden aus den Anschauungen her- 
aus, die ich ja auch hier in Stuttgart nun schon seit langer Zeit zu 
vertreten habe, dafi man es zu tun hat bei Woodrow Wilson mit 
einem Mann der Phrase, mit einem Mann, dessen Worte keinen 
wirklichen, substantiellen Inhalt haben. 

Und nun schildert Keynes das Gebaren jenes Woodrow Wil- 
son beim Friedenskongrefi in Versailles. Er schildert, mit welcher 
Glorie dieser Mann aufgenommen worden ist und mit welchem 
Vorurteil ihm begegnet worden ist. Und er schildert, wie die- 
ser Mann fern von jeder Einsicht in irgendeine Wirklichkeit den 
Versammlungen beigewohnt hat. Er schildert, wie dieser Mann 
nicht einmal imstande war wegen seines langsamen Denkens, 
den Gedanken der anderen zu folgen, wie die anderen schon 
bei weit anderen Sachen waren, wenn Wilson noch nachdachte 
iiber irgend etwas, was sich in einer friiheren Zeit zugetragen 
hat oder ausgesprochen worden ist. Man mufi sagen, mit einer 
au£erordentlichen Plastik ist die vollige Unzulanglichkeit und 
Phrasenhaftigkeit dieser weltberiihmten Personlichkeit der Gegen- 
wart hier von einem Menschen geschildert worden, der wahrhaf- 
tig nicht vom mitteleuropaischen Standpunkte aus diese Tatsache 
eingesehen hat. Auch andere Leute hat Keynes geschildert, die 
gerade durch ihre Anwesenheit beim Versailler Friedensschlufi 
auf die Geschicke Europas einen bedeutsamen Einflufi gewonnen 



haben. Von Clemenceau sagt er, daft dieser Greis die Zek seit 1871 
eigentlich vollig verschlafen habe, daft es ihm nur darauf ankame, 
denjenigen Zustand Europas wiederherzustellen, welcher vor 1871 
geherrscht hat, und vor alien Dingen das aus den gegenwartigen 
Weltverhaltnissen heraus zu gewinnen, was die Franzosen fur 
ihre eigene Nationalist seit 1871 fur notwendig halten. Dann 
schildert er den Staatsmann seines eigenen Landes, Lloyd George: 
wie der Mann nur auf Augenblickserfolge bedacht ist, wie der 
Mann aber einen feinen Instinkt hat und gewissermaften wittert 
die Anschauungen und Meinungen derjenigen Personlichkeiten, 
die ihn umgeben, mit denen er zu tun hat. 

Und dann schaut sich Keynes das an, was verhandelt wird. Und 
er bespricht in seinem Buche mit der Einsicht und Methode eines 
Rechners, eines strengen Rechners, welche wirtschaftlichen Folgen 
fur Europa dasjenige haben kann, was durch diesen sogenannten 
«Friedensschluft» ausgeheckt worden ist. Und er kommt dazu - 
jetzt nicht aus irgendwelchen politischen Ambitionen heraus, jetzt 
nicht aus irgendwelchen Empfindungen oder Empfindlichkeiten 
heraus, sondern aus Rechnungsresultaten heraus - zu sagen, daft 
dasjenige, was fur Europa wirtschaftlich impulsiert wird durch 
diesen Friedensschluft, der okonomische Niedergang Europas sein 
miiftte. Nichts Geringeres erfahrt man aus diesem Buche, durch 
exakte Rechnungsresultate wie gesagt, als daft die maftgebenden 
Personlichkeiten Einrichtungen und Institutionen getroffen ha- 
ben, die notwendigerweise zum Abbau der Wirtschaften von ganz 
Europa fiihren miissen. 

Man kann, ich mochte sagen im Untertone des Buches lesen, 
wie der Englander vom englischen Standpunkte aus spricht; wie 
er eigentlich doch auf seine Seele wirken laftt das Gefiihl: dieser 
Untergang von Europa muft ein so griindlicher sein, daft England 
mit zu Schaden kommen muft. Man kann also sagen: Wie so viele 
gegenwartige Staatsmanner des Westens hat es auch dieser Fellow 
der Universitat von Cambridge ein wenig mit der Angst zu tun, 
aber eine Situationsschilderung der gegenwartigen Verhaltnisse 
findet man gerade in diesem Buche. So etwas beleuchtet Ihnen 



blitzartig mehr als alle iibrigen Redereien die gegenwartige inter- 
nationale Situation der Welt. 

Am bedeutsamsten erscheint mir aber bei diesem Buche eines: 
Nachdem dieser Mann vom Gesichtspunkte eines exakten Rech- 
ners aus seine Betrachtungen angestellt hat und zu gleicher Zeit in 
diese Betrachtungen hineinmischt ganz plastische Schilderungen 
eines Menschenkenners iiber die Personlichkeiten, die beteiligt 
waren an den Institutionen, die zu diesem Untergang fiihren 
sollen, sieht man nichts, was von diesem Buche aus irgendeinen 
Lichtblick werfen wiirde auf das, was man zu tun habe, damit 
die allgemeine Zerstorung nicht eintrete, damit statt des Abbau- 
es ein Aufbau kommen konne. Und charakteristisch ist es, daft 
gerade dieser Rechner auf den letzten Seiten dieses seines Buches 
einen aufterordentlich merkwurdigen Satz hat. Er sagt ungefahr, 
er konne sich nicht denken, daft aus den alten Anschauungen, 
wie sie sich gerade so eklatant entwickelt haben beim Versailler 
Friedensschluft, irgend etwas Giinstiges fur die Fortentwicklung 
des europaischen Zivilisationslebens entfalten konne. Und er kon- 
ne einzig und allein hoffen, daft eine bessere Zeit komme durch 
das Zusammennehmen aller Krafte der Bildung und der Phantasie 
- «by setting in motion those forces of instruction and imagi- 
nation», wie er sagt. Das heiftt aber nichts Geringeres, meine 
sehr verehrten Anwesenden, als daft dieser exakte Rechner auf 
nichts anderes mehr hofft als auf eine Umwandlung der geistigen 
Verfassung der europaischen Menschen. 

Von dieser Statte aus wurde oftmals gesprochen iiber die Not- 
wendigkeit dieser Umwandlung der geistigen Verfassung der euro- 
paischen Menschheit. Man kann heute nicht iiber wirtschaftliche 
Fragen sprechen, indem man in dieses Sprechen hinein einfach 
dasjenige fortsetzt, was man gewohnt ist aus den alten Verhalt- 
nissen heraus iiber das Wirtschaftsleben zu denken. Man kann 
heute nicht iiber die Umgestaltung der Staatsverhaltnisse sprechen 
aus denjenigen Vorstellungen heraus, die man gewohnt ist zu ha- 
ben nach den Denkgewohnheiten des 19. und des beginnenden 20. 
Jahrhunderts. Und man kann iiber all dieses nicht sprechen, ohne 



dafi man darauf hinweist, wie es notwendig ist, daft einziehe in 
das ganze Innere der europaischen Menschheit eine neue Art, iiber 
die offentlichen Angelegenheiten zu denken. Denn dasjenige, was 
als Schreckenskatastrophe eingetreten ist, es ist das Ergebnis nicht 
dieser oder jener fehlerhaften Einrichtung, es ist das Ergebnis der 
ganzen Geistesverfassung, zu der diese europaische Menschheit 
gekommen ist im Beginn des 20. Jahrhunderts. Dasjenige, was sich 
abgespielt hat auf dem Gebiete des Rechtslebens oder Staatslebens, 
was sich abgespielt hat auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens - es 
ist nichts anderes als der Geist, besser miifite ich sagen, wie sich 
das ja wohl im Verlaufe des heutigen Abends noch herausstel- 
len wird, der Ungeist, der seine Wirkungen geaufiert hat in den 
Lebensbedingungen der europaischen Menschheit, der Ungeist, 
der hereingetragen wurde vom Geistesleben aus, vom sogenann- 
ten Geistesleben aus, in das Rechts- oder Staatsleben und in das 
Wirtschaftsleben. 

Man mufi nun diesen Geist an seinen bedeutsamsten Sympto- 
men erfassen. Man mufi ihn da erfassen, wo er sich innerhalb des 
Geisteslebens selbst geltend gemacht hat. Man mufi, wenn man 
einen klaren Blick bekommen will iiber diese Verhaltnisse, schon 
einmal Umschau halten in dem, was sich heraufentwickelt hat seit 
dem Beginn des sogenannten neueren Geisteslebens, seit den letz- 
ten drei bis vier Jahrhunderten. Und man mufi eine Erkenntnis 
dariiber gewinnen, wie sich dieses Geistesleben hineingeschlichen 
hat in das menschliche Empfindungs- und Gefuhlsleben. Und man 
mufi eine weitere Erkenntnis sich davon verschaffen, wie unse- 
re wirtschaftlichen Verhaltnisse allmahlich der aufiere Ausdruck 
dieses Geisteslebens geworden sind. 

Aber was ist das bedeutsamste Kennzeichen dieses Geisteslebens? 
Immer wiederum mufi man sagen, dafi eigentlich ein rechtes Ur- 
teil iiber dieses Geistesleben, wie es sich entfaltet hat im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte, nur derjenige haben kann, der 
auch in der Lage ist, die Lichtseiten dieses Geisteslebens hinlanglich 
zu wiirdigen, der in der Lage ist zu durchschauen, was namentlich 
die Wissenschaft der letzten Jahrhunderte fur die Entwicklung der 



Menschheit, der zivilisierten Menschheit geleistet hat. Da mufi man 
immer wiederum hinweisen darauf, wie das Gewebe der Natur um- 
fafit worden ist von den Ideen dieser Wissenschaft. Da mufi man 
darauf hinweisen, wie durch das Umfassen des Gebietes der Natur 
die Maximen, die Antriebe, die Impulse gefunden worden sind zu 
den grofien Errungenschaften der modernen Technik, die es ja doch 
sind, welche das Wirtschaftsleben im Laufe der neuesten Entwick- 
lungsgeschichte der Menschheit ganz umgestaltet haben. 

Wir stellen uns einmal vor, dafi - was es heute kaum noch gibt - 
irgend jemand sich die Miihe gabe, Umschau zu halten in den 
gebrauchlichen Zweigen naturwissenschaftlicher "Weltanschauung, 
wie sie grofi geworden sind in den letzten Jahrhunderten. Wir stel- 
len uns einmal vor, dafi jemand Umschau halte in den bedeutsamen 
Errungenschaften des mechanischen, physikalischen, chemischen, 
biologischen und so weiter Wirkens. Wir stellen uns vor, dafi ein 
solcher auch in der Lage ware zu beurteilen, was die Denkungsart, 
die Vorstellungsweise, die sich herangeschult hat an den bewun- 
dernswiirdigen Methoden dieser Physik, dieser Chemie, dieser Bio- 
logie, dieser Mechanik, fur die Erkenntnis des Anthropologischen 
in der Menschheitsentwicklung geleistet hat. Wir stellen uns vor, 
wie man dazu gekommen ist, ausgehend von der naturwissen- 
schaftlichen Erziehung, zu erforschen, wie sich die Menschen aus 
ursprunglich primitiven Zustanden zu hoheren Kulturzustanden 
entwickelt haben, wie sich die sozialen Verhaltnisse der Gegenwart 
allmahlich entwickelt haben. Wir stellen uns vor, wie Menschen, 
die mit naturwissenschaftlicher Schulung ausgeriistet waren, sich 
bemiiht haben, soziologische Ansichten zu gewinnen uber die Le- 
bensbedingungen der Menschen. Wenn wir uns einen solchen Men- 
schen von dieser Universalitat des [wissenschaftlichen] Erkennt- 
niswesens, den es, wie gesagt, eigentlich nicht mehr so recht gibt, 
nun doch einmal vorstellen, so mussen wir uns fragen: Wie steht 
ein solcher Mensch heute vor den grofien menschheitlichen Fragen 
des Daseins? Wie steht er vor alien Dingen vor der Grundfrage, 
die aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens immer wiederum 
den Seelen der hoffenden Menschen auftauchen mufi, zu der Frage: 



Was ist denn dieser Mensch eigentlich innerhalb des Gebietes der 
irdisch-kosmischen, der seelisch-geistigen Weltenordnung? 

Das Merkwiirdigste ist gerade die Art der Beantwortung die- 
ser Frage durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung. Diese 
naturwissenschaftliche Weltanschauung hat ein GrofSes geleistet, 
indem sie gleichsam wie ihren Abschlufi die Entwicklungslehre 
hervorgebracht hat und zu zeigen verstand, wie man sich vorstellen 
konne, daft die Organismen vom Einfachsten bis zum Komplizier- 
teren sich entwickeln und dafi an die Spitze dieser Entwicklung, 
gewissermaften wie die Zusammenfassung der Lebewesen auf der 
Erde, der Mensch selber dasteht. Dasjenige, was man erreichen 
kann auf diesem Gebiet, was ist es? Man konnte sich die Frage 
beantworten: Wie steht der Mensch im Verhaltnis zur Tierheit? 
Wie steht der Mensch zu denjenigen Wesen, die er seiner eigenen 
Organisation untergeordnet im Weltenall ansehen mulS? - Diese 
Fragen konnte man aus den aufteren, sinnlichen Tatsachen heraus in 
mustergultiger Weise beantworten. In dem Augenblick aber, wo 
die grofie menschheitliche Frage auftritt: Was bist du eigentlich 
als Mensch? -, da versagte diese Betrachtungsweise. 

Ich glaube, daft diejenigen der verehrten Zuhorer, die die ganze 
Reihe von Vortragen, die ich jetzt schon seit Jahren hier hake, 
gehort haben, Hunderte von Belegen fur dasjenige haben wer- 
den, was ich jetzt sage. Wenn man alles das zusammenfaftt, was 
auf diesem Gebiet gewonnen werden kann, und zuletzt die Frage 
aufwirft: Was ist eigentlich dieser Mensch, der du selbst bist im 
Zusammenhang des irdisch-kosmischen, im Zusammenhang des 
seelisch-geistigen Weltenwesens? -, da mufi man sich sagen, gerade 
wenn man die Errungenschaften der modernen naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauung hinlanglich zu wiirdigen versteht: Soviel 
man auch nach dieser Richtung wissen kann, soviel man Erkennt- 
nisse haben kann iiber die Natur - alle diese Erkenntnisse besagen 
nichts iiber den Menschen selbst. Und indem immer mehr und 
mehr im Gemiite der Menschen gewissermafien wie eine geistige 
- ich konnte auch sagen ungeistige - Autoritat diese naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung sich geltend gemacht hat, erstreckte 



sich das, was da an Gedanken iiber die Natur aufgefaftt worden 
ist, in das Empfindungsleben, in das Willensleben hinein. 

Der Mensch mochte ja wahrhaftig die Natur nicht bloft intel- 
lektualistisch erkennen. Der Mensch mochte empfinden, fiihlen, 
was er ist. Der Mensch mochte hineingiefien konnen in seinen 
Willen, in seine Willenshandlungen, in sein ganzes aufieres Leben 
und seine Wirkungen dasjenige, was aus seinem eigensten, tiefsten 
Wesen in das Weltwesen fliefkn kann. Er hat heute das Gefuhl, 
daft er sich nicht blofi instinktiv verhalten kann in seinen Willens- 
entschliissen, in seinen Willenshandlungen, er mu£ irgend etwas 
aufnehmen, das ihm Ziele vorsetzt in bezug auf sein Handeln, in 
bezug auf sein Wollen. Diese Ziele, sie kommen nicht so, daft sie in 
einer befriedigenden Weise dieses Wollen durchdringen, wenn man 
tiber die Welt und den Menschen nichts anderes weifi, als was die 
Naturwissenschaft geben kann. Und so ist gerade durch die groften 
Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Weltanschauung 
eine Verodung des menschlichen Gefuhls, eine Ratlosigkeit des 
menschlichen Wollens eingetreten. Diejenigen Menschen, welche in 
einem gewissen Seelenegoismus das nicht mitmachen wollen, was 
die Errungenschaften der Naturwissenschaft geben, die stiitzen 
sich auf alte religiose oder sonstige Traditionen. Sie machen sich ge- 
wissermaften blind dafiir, dafi sich ja mit diesen Traditionen nicht 
mehr weiter leben laftt, nachdem diese Errungenschaften der Na- 
turerkenntnis da sind. Sie machen das aus einem gewissen Seelen- 
egoismus heraus, indem sie sich sagen: Ich erfiille mein Inneres mit 
dem, was das eine oder andere Bekenntnis gibt; ich kummere mich 
nicht darum, ob dieses Bekenntnis heute dem Menschen, der mitge- 
hen will mit deh Forderungen seiner Zeit, noch etwas geben kann 
gegeniiber den Aussagen naturwissenschaftlicher Denkweise. 

Bei einem Symptom kann man das offentliche Leben der Gegen- 
wart erfassen, indem man gerade auf diese naturwissenschaftlichen 
Grundlagen des heutigen Denkens hinweist; mehr als ein Symptom 
soil es fur diese Betrachtungen nicht sein, was ich so vorausschicke. 
Man darf nicht vergessen, dasjenige, was eine Generation denkt, das 
wird in den nachsten Generationen Gesinnung, Impuls des Fuh- 



lens und Wollens. Und man darf vielleicht doch heute mit einiger 
Berechtigung auf etwas sonderbare Leute hinweisen, die vor etwa 
einem halben Jahrhundert gesprochen haben. Da gab es einen, man 
kann schon sagen merkwiirdigen Polterer, der manches so ausge- 
sprochen hat damals in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, 
daft man ihn einen Polterer nennen kann. Ich meine Johannes 
Scherr. Indem ich ihn einen Polterer nenne, wird niemand auf die 
Vermutung kommen, daft ich den Mann uberschatze. Allein das 
folgende mufi doch gesagt werden: Ein Herz, einen Sinn fur dasje- 
nige, was sich in der Zivilisation Europas vorbereitete, hatte dieser 
Mann, und in seinen polternden Reden findet sich manche aufter- 
ordentlich treffende Bemerkung, allerdings manche Bemerkung, 
welche die schlafenden Seelen unter den Menschen vielleicht erst 
heute richtig beurteilen konnten - wenn man iiberhaupt wiederum 
die Werke solcher alten Kerle in die Hand nahme; die lafit man 
in Bibliotheken verstauben. Johannes Scherr sah dazumal, wie jene 
Denkweise auf einen gewissen Hohepunkt hinauf kam, welche zwar 
Grofiartiges, Gewaltiges zu sagen vermag iiber Naturerkenntnisse, 
welche aber aufierstande ist, dem Menschen zu sagen, was er ei- 
gentlich selber ist - eine Denkweise, welche aufterstande ist, dem 
Menschen Empfindungen dariiber zu geben, daft er selber in seinem 
innersten Wesen ein Geistig-Seelisches ist und daft er in die Impulse 
seines Wollens geistig-seelische Krafte hineinzulegen habe. Johan- 
nes Scherr hat genug beobachtet, um sich zu fragen: Wie flielk eine 
Denkweise, die nur iiber die Materie zu reden vermag, nicht aber 
iiber den Menschen, wie fliefit diese Denkweise in die Menschheit 
hinein, wenn man nicht blofi auf die Gegenwart - auf die damalige 
Gegenwart der sechziger, siebziger Jahre -, sondern wenn man auf 
die folgenden Generationen schaut? Er fragt sich, was geschieht, 
wenn dasjenige, was der, nun, man sagt wohl «stille Gelehrte» auf 
seinem Katheder in einem gewissen Zeitalter verkiindet, umschlagt 
in Empfindungen und Gefiihle der Menschen, wenn das so Verkiin- 
dete umschlagt und ganz hineingeht in die Kontore, in die Fabri- 
ken, in die Banken und Borsen; er fragt sich, was geschieht, wenn 
das, was man als Vorstellungsart in der Naturerkenntnis geltend 



macht, beherrschende Vorstellungsart wird auch in bezug auf die 
Gestaltung der finanziellen und okonomischen Welt. 

Solche Fragen werden gewohnlich nicht gestellt. Denn man 
glaubt, daft dasjenige, was der Mensch auf okonomischem Felde 
denkt, was auf der Borse spekuliert wird, was in den Banken ver- 
handelt wird, unabhangig sei von dem, was der stille Gelehrte vom 
Katheder herunter verkiindet. Aber im Leben stent alles in innigem 
Zusammenhang. Dieser innige Zusammenhang verbirgt sich nur 
dadurch, dafi etwas theoretische Denkweise sein kann bei einer 
Generation, bei der nachstfolgenden wird es Antrieb des aufieren 
Handelns, Antrieb der offentlichen Empfindungswelt. Unter dem 
Eindruck solcher Gedanken sagte damals Johannes Scherr einen 
aufierordentlich schonen Satz. Er sagte: Wenn der materialistische 
Ungeist, der jetzt alle Kreise beherrscht, seinen Weg durch die 
zivilisierte Welt nimmt; wenn er geltend macht alles dasjenige, 
wozu er veranlagt ist, in der Finanzwirtschaft Europas, in der 
okonomischen Verfassung Europas, dann kommt eine Zeit herbei, 
von der man wird sagen miissen: Unsinn, du hast gesiegt! 

Solche Worte sind dazumal gesprochen worden. Was liegt hinter 
diesen Worten? Hinter diesen Worten liegen all die Lobeshymnen 
auf den wirtschaftlichen Aufschwung, auf die Art, wie wir es so 
herrlich weit gebracht haben, auf die glorreichen Errungenschaften 
des modernen Lebens, mit denen wir aus dem 19. Jahrhundert in 
das 20. Jahrhundert hineingegangen sind. Was hat man alles horen 
konnen von der Art dieser Loblieder. Aber unter der Oberflache 
all dieser Loblieder keimte fort dasjenige, wovon Johannes Scherr 
sagte: Es wird sich au£ern so, da£ man sagen mufi: Unsinn, du hast 
gesiegt. - Und der Unsinn hat gesiegt! Schauen wir zuriick auf die 
letzten fiinf bis sechs Jahre. Was, meine sehr verehrten Anwesenden, 
ist das Schicksal derjenigen, die aus dem Gegenwartigen mit einem 
inneren Durchschauen der Verhaltnisse das Zukiinftige zu errech- 
nen verstehen? Man hort dasjenige, was sie sagen, hochstens an wie 
eine Sensation, aber man nimmt es nicht ernst. Man lafit die Dinge 
gehen, wie sie gehen, indem man sich selbst seiner schlafenden Seele 
hingibt, und kommt dann zu derjenigen Gesinnung, die heute zwar 



sieht, daft es mit jeder Woche mehr in den Abgrund hinuntergeht, 
aber doch immer wiederum sagt: Morgen wird es schon besser wer- 
den. Das oder jenes wird geschehen. Morgen werden wir ja schon 
wiederum - ja, ich weift nicht, zu was kommen. 

Wo liegt der Ursprung gerade dieser Denkweise? Worin liegt der 
Ursprung desjenigen, was dazuraal der Polterer Johannes Scherr 
den Ungeist genannt hat? Der Ursprung liegt gerade darin, daft 
eine Weltanschauung heraufgezogen ist im Lauf der letzten drei bis 
vier Jahrhunderte, welche aus den Vorstellungen, die man aus ihr 
gewinnt, nichts liber den Menschen selbst zu sagen vermag oder 
empfinden zu lassen vermag. Wozu ist man aber genotigt, wenn 
man heranerzogen wird an einer Weltanschauung, die liber den 
Menschen selber nichts empfinden und fiihlen laftt? Wozu ist man 
dann genotigt? Man ist genotigt, iiber den Menschen zu sprechen. 
Ja, iiber den Menschen sprechen muft man; man kann es nicht ver- 
meiden, da ja jeder eigentlich im offentlichen Leben drinnensteht, 
und da im offentlichen Leben Menschen handelnd auftreten, die 
miteinander reden miissen iiber ihre Angelegenheiten, miteinander 
reden miissen iiber die ganze Welt hin. Man kann es nicht vermei- 
den, iiber den Menschen zu sprechen. 

Und was ist die Folge, wenn man iiber den Menschen doch spre- 
chen muft, wenn man sprechen muft iiber dasjenige, was rechtlich- 
staatlich, was geistig-kulturell, was wirtschaftlich an Institutionen 
unter den Menschen behandelt werden soil? Was ist notig, wenn 
man doch sprechen soil iiber den Menschen und keine Unterlagen 
hat, weil gerade das, was heraufzieht als Weltanschauung, solche 
Unterlagen nicht gibt - was hat man da notig? Bei dem, was heute 
auf dem Gebiet des Geisteslebens, des offentlichen Geisteslebens 
die Welt beherrscht, hat man notig - weil man nicht in der Lage 
ist, aus innerem Erleben des Geistes heraus in seine Worte geistige 
Substanz zu legen -, man hat notig die Phrase! 

Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, das will zunachst 
die hier gemeinte Geisteswissenschaft, daft die Menschen wiederum 
dazu kommen, in ihre Rede, in ihre Worte hineinzulegen dasjeni- 
ge, was Worten einzig und allein die Berechtigung gibt: geistige 



Substanz. Geistige Substanz bekommen die Worte, die der Mensch 
redet, nicht aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis heraus; 
geistige Substanz ist nicht moglich zu gewinnen auf die bequeme 
Weise, die in Chemie, in Physik, in Botanik, in Biologie gepflogen 
wird. Geistige Substanz muft schon auf dem Wege gewonnen wer- 
den, den als einen weniger bequemen die Geisteswissenschaft, wie 
sie hier gemeint ist, schildert. Geistige Substanz muE dadurch ge- 
wonnen werden, daft man eine wirkliche Ansicht iiber das innerste 
Wesen des Menschen gewinnt. Das ist aber nur moglich, wenn man 
die hier schon einmal charakterisierte intellektuelle Bescheidenheit 
entwickelt. Das ist nur moglich, wenn man dazu kommt, sich zu 
sagen: Gerade die groften Errungenschaften der Naturwissenschaft 
zeigen mir, daft ich, wenn ich so bleibe, wie ich rein physisch in die 
Welt hineingeboren bin, den groften Angelegenheiten der Mensch- 
heit gegeniiberstehe wie das funfjahrige Kind einem Band Goethe- 
scher Lyrik: es zerreiftt den Band, es weift nicht, was es vor sich hat. 
Aber das Kind kann sich entwickeln, so daft es dann dasjenige, was 
ihm fruher etwas ganz anderes war, seiner wirklichen Wesenheit 
nach nimmt. Das auf sich selbst als Erwachsenen anzuwenden, das 
mag der moderne Mensch nicht gern. Er mag sich nicht sagen: Ich 
mufi meine innere Seelenentwicklung in die Hand nehmen; ich mufi 
iiber dasjenige, was ich einfach durch die physische Geburt gewor- 
den bin, durch meine eigene innere Seelenarbeit hinauskommen; 
ich mu£ meine Seele zu einem Hoheren entwickeln, als das ist, was 
mir ohne mein Zutun zukommt. 

Und wenn dann der Geistesforscher unter die Menschen tritt 
und sagt: Um das Geistige, das ja auch im Menschen ist, wirklich 
zu erkennen, dazu ist notwendig, daft man innere, geistige Metho- 
den anwendet, daft man das Denken durch innere Seeleniibungen 
so umgestaltet, wie es geschildert ist in dem Buche «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder im zweiten Teil der 
«Geheimwissenschaft» oder in den anderen Biichern, da kommen 
die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast. - Wenn 
er schildert, daft eine im gewohnlichen, aufteren Leben sonst nicht 
vorkommende Willenszucht notwendig ist, um die Seele heraus- 



zuheben aus ihrem Stande, in den sie gekommen ist durch die 
blofi physische Geburt, und sie so zu entwickeln, wie man es aus 
eigener, innerer Handhabung des Seelischen nur erreichen kann, da 
kommen die Menschen und sagen: Ach, das spricht so ein Phantast; 
das spricht einer, der aus den Enttauschungen, aus den zerstorten 
Hoffnungen der neueren Menschheit Kapital schlagen will, der den 
Menschen etwas vorgaukelt von der Moglichkek einer iibersinn- 
lichen Erkenntnis! 

Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, aus solchen Unter- 
lagen heraus spricht heute der richtige Geistesforscher nicht. Er 
spricht wahrhaftig nicht aus Dilettantismus heraus gegeniiber der 
Naturwissenschaft, sondern er spricht gerade aus einer richtigen 
Erkenntnis der naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Und er 
weifi, dafi geisteswissenschaftliche Methoden notwendig sind, weil 
die Naturwissenschaft zwar iiber vieles etwas sagt, nicht aber iiber 
das, was das eigentliche Wesen des Menschen ist; er wei£, daft 
man Aufklarung iiber dieses Wesen des Menschen nur haben kann 
durch Erkenntnisse, die durch langsame, muhsame innere Seelen- 
arbeit erobert werden, und dafi diese Menschenerkenntnis dadurch 
erarbeitet werden mu£, dafi man sich vom Sinnlichen wirklich zum 
Ubersinnlichen erhebt. Mogen die Philister diese Erhebung zum 
Ubersinnlichen als etwas Phantastisches anschauen - zur Men- 
schenerkenntnis ist diese Erhebung ins Ubersinnliche notwendig, 
denn die Sinneserkenntnis zeigt auf jedem Gebiete, dafi sie niemals 
iiber das Wesen des Menschen eine Auskunft geben kann. Dasjeni- 
ge aber, was da gewollt wird durch diese Geisteswissenschaft, das 
ist eine Erneuerung des Menschen vom tiefsten Innern heraus; das 
ist das Anstreben der Moglichkeit, Erkenntnisse iiber den Men- 
schen zu gewinnen, die wirklich in die Empfindung ubergehen, die 
wirklich auch Ziele, Ideale abgeben, die in den Willen hineinfliefien 
konnen, bis in die Realitat des Wirtschaftslebens hinein. 

Was fur Lebenswirkungen entstehen aber da, wenn man nicht 
diesen Geist, der der modernen Menschheit so unsympathisch ist, 
anstrebt, sondern wenn man anstrebt den Ungeist, der als Welt- 
anschauung nur Auskunft zu geben vermag iiber das Nichtmensch- 



liche, iiber das Aufiermenschliche - was fur Lebenswirkungen 
ergeben sich daraus? 

Als erste dieser Lebenswirkungen erscheint iiber die ganze 
zivilisierte Welt hin, was diese zivilisierte Welt auf dem Gebiete 
des Geisteslebens schon beherrscht - man will es nur nicht mer- 
ken, man verschlielk davor nur die Augen -, als erste Lebenswir- 
kung ergibt sich die Weltherrschaft der Phrase. Denn wenn man 
nicht eine geistige Anschauung hat, die in die Welt hineinflielk als 
lebendige Substanz, so bleiben die Worte leer. Dann werden Worte 
ausgesprochen, die iiberhaupt nur als Phrase einen Sinn haben, 
das heilk keinen Sinn haben. Und im Laufe der letzten Jahre, 
wo sich der Ungeist selber ad absurdum gefuhrt hat durch die 
aufieren Weltereignisse, da konnten wir wahrlich iiber die ganze 
zivilisierte Welt hin den Siegeszug der Phrase wahrnehmen. Phra- 
sen sind Worte, bei denen man gar nicht notig hat, an die reale 
Grundlage zu denken - man braucht nur an charakteristische Er- 
scheinungen zu erinnern wie zum Beispiel an die beiden bis in die 
Mitte des 19. Jahrhunderts im Parlament gebliebenen englischen 
Parteien, die «Whigs» und die «Tories». Man sagt diese Worte und 
hat natiirlich keine Ahnung mehr davon, welchen Ursprung im 
Leben diese Worte einmal hatten. «Whigs», das war, als das Wort 
aufkam, ein Schimpfwort fur schottische Revolutionare gegeniiber 
englischen Einrichtungen, und «Tories» war der Spottname fur 
die irischen Papisten. Ebenso wie diese Worte in der englischen 
Parlamentssprache sich verhalten zu ihrem Ursprung im realen 
Leben, so verhalten sich heute die tonangebenden Aussagen der 
Menschen zu ihren realen Lebensurspriingen. Wie iiber dem 
Leben, iiber der WirkHchkeit schwebt dasjenige, was wir, man 
darf nicht sagen denken, sondern was wir als Worte aus uns her- 
auspressen. Die Weltherrschaft der Phrase, sie wird den Menschen 
klar werden. Denjenigen, die sie sich nicht klarmachen wollen 
aus der Betrachtung der Verhaltnisse heraus, denen wird sie klar 
werden dadurch, dafi sie durch ein Wirtschaftsleben, welches ohne 
den beherrschenden Antrieb des Geistes sich entwickelt, dafi sie 
durch ein solches Wirtschaftsleben verhungern. Das Verhungern 



wird den realen Beweis liefern, daft unser Wirtschaftsleben nicht 
vom Geiste, sondern vom Ungeist beherrscht wird, weil wir es 
dazu gebracht haben, den Geist nicht mehr in der Wirklichkeit 
zu suchen, sondern uns an den Ungeist zu halten, der sich auf 
dem Gebiete des sogenannten Geisteslebens dann nur als Phrase 
liber das Menschliche aufiern kann. 

Dagegen gibt es nur ein Heilmittel, nur ein Heilmittel gibt es, 
um iiber die Weltherrschaft der Phrase hinauszukommen: zu eman- 
zipieren das Geistesleben von demjenigen, unter dessen Druck es 
zur Phrase werden mufite. Ein Geistesleben, das nicht aus seinen 
eigenen Grundlagen heraus baut, ein Geistesleben, das sich die 
Anstalten fur seine Pflege von dem Wirtschaftsleben herrichten 
oder vom Staatsleben zuzimmern lalk, ein Geistesleben, das folgen 
mu£ den Richtlinien des Staates oder den Kraften des Wirtschafts- 
lebens, ein solches Geistesleben kann sich nicht frei entfalten. Nur 
ein solches Geistesleben kann sich frei entfalten und dadurch zum 
wirklichen Geiste kommen und dadurch iiber die Phrase hinaus- 
kommen, dafi es sich seine eigenen Institutionen aus seinen eige- 
nen Grundlagen heraus schafft. Es gibt nur ein Heilmittel gegen 
den sonst immer starker werdenden Siegeszug der Weltenphrase, 
das ist: die Verselbstandigung des Geisteslebens. Wie die Fruchte 
des Feldes unter einem Heuschreckenschwarm zugrunde gehen, 
so verodet das Geistesleben, wenn dieses Geistesleben von ande- 
ren Faktoren abhangig ist als allein von sich selbst, und dasjeni- 
ge, was vom Geistesleben geoffenbart wird unter den Menschen, 
wird zur Phrase. Die Weltherrschaft der Phrase wird erst aufhoren, 
wenn das Geistesleben eingerichtet wird von denjenigen, die die 
Trager des Geisteslebens sind; sie wird erst aufhoren, wenn von 
der niedersten bis zur hochsten Schule hinauf und auf alien an- 
deren Gebieten des Geisteslebens diejenigen die Institutionen des 
Geisteslebens machen, die in diesem Geistesleben tatig sind, und 
wenn das, was Grundsatz fur das Lehren, fur die Verbreitung des 
Geisteslebens ist, auch mafigebend ist fur die aufieren Institutio- 
nen. Nur ein auf sich selbst gestelltes Geistesleben wird in die Lage 
kommen, sich entgegenzustellen dem Siegeszug der Phrase, der so 



verheerend wirkt, der sich selbst ad absurdum gefiihrt hat in den 
Schreckensereignissen der letzten fiinf bis sechs Jahre. 

Meine sehr verehrten Anwesenden, es kann einem, gerade wenn 
man ehrlich und aufrichtig die Entwicklung des Geisteslebens, 
des sogenannten Geisteslebens, in den letzten Jahren, den letzten 
Jahrzehnten betrachtet, an merkwiirdigen Beispielen aufgehen, wie 
dieses Geistesleben allmahlich ohnmachtig geworden ist gegeniiber 
den Lebenswirklichkeiten. Es ist hochst merkwiirdig, was einem 
entgegentritt, wenn man betrachtet eine Personlichkeit, die man 
selbst aufs hochste verehrt, eine Personlichkeit, die charakteri- 
stisch ist fiir hochste Leistungen des Geisteslebens am Ende des 
19. Jahrhunderts. Als eine solche Personlichkeit sehe ich Herman 
Grimm an, den grofSen Kunsthistoriker. Wiederum will ich von 
der Erscheinung Herman Grimms nur als von einem Symptom 
fiir das neuere Geistesleben sprechen. GroEes, wahrhaft Groses 
hat dieser Herman Grimm, dieser Kunsthistoriker geschaffen. 
Und wenn ich Umschau halte unter seinen reichen Essays, die da 
vorliegen von ihm, so mufi ich sagen: Etwas, was so von innerer 
reicher Geistesart vom Ende des 19. Jahrhunderts gesattigt ist wie 
zum Beispiel seine beiden Essays, der iiber Iphigenie und der iiber 
Tasso - das sind wirklich geistige Offenbarungen, die im hochsten 
Mafie zeigen, was ein auf der Hohe des Geisteslebens der modernen 
Zeit stehender Mensch zu leisten vermag. Und sie sind charakteri- 
stisch, diese geistigen Leistungen, fiir die Art des Geistesschaffens 
derjenigen, die eigentlich die Besten waren. Uber Iphigenie und 
iiber den Tasso von Goethe hat Herman Grimm Abhandlungen 
geschrieben, die Gesichtspunkte des Geisteslebens zeigen, die ein- 
fach bewundernswiirdig tief eindringen in das menschliche Wesen 
iiberhaupt. Aber er hat etwas geschrieben, was schon im Geiste da 
ist. Er braucht zur Vorlage etwas wie die Iphigenie, wie den Tasso, 
die schon da waren. Ich habe Umschau gehalten, was ein solches 
Symptom denn eigentlich bedeutet, und ich konnte nicht anders 
als flnden: Das Schdnste, das Grofke, was unsere Geistesheroen am 
Ende des 19. Jahrhunderts geleistet haben, sind gerade diejenigen 
Dinge, in denen sie geistvoll geschrieben haben iiber das, was um 



die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts geistig produziert wor- 
den ist. Sehr charakteristisch, sehr bedeutsam. Diese Beobachtung 
konnte aber jeder machen, der wach ist, und nicht mit schlafender 
Seele das neuere Geistesleben betrachtet. 

Nun gibt es von demselben Herman Grimm auch ein Buch iiber 
Goethe. Das handelt nicht iiber Iphigenie, nicht iiber den Tasso, 
nicht iiber geistige Erzeugnisse des Menschen, sondern iiber Goe- 
the selbst, iiber den lebendigen Menschen Goethe. Ich lese Kapitel 
fur Kapitel - ich habe es schon wiederholt offentlich ausgespro- 
chen, was ich iiber dieses Goethebuch zu sagen habe -, ich lese 
Kapitel fur Kapitel; ich versuche mir gegenstandlich zu machen, 
wie dieser geistvolle Mann, der so grofiartig iiber Iphigenie, iiber 
Tasso geschrieben hat, nun iiber Goethe, den lebendigen Menschen 
selber spricht. Ich finde Kapitel fur Kapitel nicht die Schilderung 
eines lebendigen Menschen, ich finde Schattenbilder, die so iiber die 
Wand hinhuschen, Schattenbilder ohne Dicke, Schattenbilder von 
Goethe, dem lebendigen Menschen. Dasjenige, was geistig hervor- 
gebracht wurde, das konnte Herman Grimm schildern. Im Augen- 
blick, wo er stand vor der Schilderung des lebendigen Menschen, 
entsteht nicht eine Schilderung dieses lebendigen Menschen, son- 
dern es entstehen Schattenbilder, die keine Dicke haben, die Flache 
haben, die nur hinhuschen, an die man nicht anstofien kann, durch 
die man iiberall durchgreift, wenn man ihnen zu Leibe riickt. Das 
ist so recht charakteristisch fur die Lebenswirkungen der geistigen 
Verfassung von diesem Ende des 19. Jahrhunderts. Diese geistige 
Verfassung war in dem Augenblick, wo sie sich iiber Geistiges 
hermacht, stark genug, iiber geistige Produktion der Menschen zu 
urteilen und das hinzustellen, auch mit zahlreichen Seitenblicken 
iiber das menschliche Leben iiberhaupt, aber sie versagt in dem 
Augenblick, wo eingedrungen werden soil in den Geist der uns 
vorliegenden Wirklichkeit. 

Das ist dasjenige, was nun wiederum die Geisteswissenschaft, 
wie sie hier gemeint ist, anstrebt: Hinlenkung der menschlichen 
Seelenverfassung zum wirklichen Geiste, so dafi wir in die Lage 
kommen, den Geist in der Wirklichkeit zu finden. Sie strebt an, da$ 



wir nicht nur Schattenbilder von der Wirklichkeit malen, sondern 
den Geist in der Wirklichkeit ergreifen konnen. Dann werden wir 
auch nicht jene Abstraktionen, jene Intellektualismen gewinnen, 
die heute die Naturerkenntnis auftischt, sondern wir werden ge- 
winnen eine wirkliche Einsicht auch in das innere Weben und We- 
sen der Natur. Und wir werden von da ausgehend eine Gesinnung 
gewinnen, die des Menschen eigenem Wesen, des Menschen eigener 
Wiirde, des Menschen eigener Bedeutung im irdisch-kosmischen, 
im seelisch-geistigen Zusammenhang entspricht, die diesem Wesen, 
dieser Wiirde des Menschen wirklich entspricht. Aber nur dadurch, 
daft wir so vordringen durch den Geist in die Wirklichkeit, kon- 
nen wir die Phrase besiegen, konnen wir in das lebendige Wort 
wiederum das hineinlegen, was kraftend ist in den Handlungen, 
in den Begegnungen der Menschen, was kraftend sein kann auch 
im Wirtschaftsleben. Wer heute glaubt, dafi er im Wirtschaftsleben 
auskommt mit einer blofien Verbesserung alter Institutionen, wer 
nicht ubergehen will zu einer solchen vollstandigen Erneuerung 
der Denkweise, der gibt sich wesenlosen Illusionen hin. Denn wir 
stehen heute nicht vor kleinen, wir stehen heute vor den denkbar 
grofken Menschheitsfragen. 

Und gerade dann, wenn es sich darum handelt, aufierlich wirk- 
lich sozial zu begriinden das Verhaltnis von Mensch zu Mensch, 
dann ist es notwendig, daft der Mensch dem Menschen so gegen- 
iibertritt, dafi er in seinem Nebenmenschen den Geist sehen kann. 
Es ist notwendig, daft er in seinem Nebenmenschen dasjenige sehen 
kann, was ein spezieller Fall einer geistig-seelischen Wesenheit ist, 
dafi er gegenuber seinem Nebenmenschen sich durchdringen kann 
mit all den Gefuhlen und Empfindungen, die nur impulsiert, nur 
innerlich durchkraftet werden konnen von einer geistigen Welt- 
anschauung. Weil wir kein selbstandiges Geistesleben hatten, ent- 
wickelten wir den Materialismus im Grofien, entwickelten wir auf 
dem Gebiete des Geisteslebens die Weltherrschaft der Phrase, was 
noch vielen Menschen verborgen ist, die da seelisch schlafen. 

Und wenn auf dem Gebiete des Gefiihls- und Empfindungslebens 
eindringt der Ungeist - nicht der Geist, der lebendig befruchtet alles 



dasjenige, was aus dem Menschen kommt -, wenn in die Gefiih- 
le und Empfindungen eintaucht der Ungeist, was entsteht dann? 
Dann entsteht kein lebendiges Verhaltnis von Mensch zu Mensch, 
das die Grundlage abgeben kann fur die soziale Struktur des ge- 
sellschaftlichen Organismus; dann entsteht in den Verhaltnissen, 
in den Gefiihls-, den Gemiitsverhaltnissen zwischen Mensch und 
Mensch durch den Ungeist die Konvention. Ich mochte sagen, wir 
Deutsche diirfen glticklich sein, daft wir, indem wir die gegenwarti- 
ge Herrschaft des Geisteslebens zu schildern haben, «Phrase» sagen 
miissen, denn wir haben im Deutschen kein richtiges Wort dafiir. 
Und auch jetzt sind wir wieder in Verlegenheit, ein deutsches Wort 
zu brauchen fur das, was sich in neuerer Zeit herausgebildet hat 
aus dem vom Ungeist beherrschten Gefiihlsleben; wir miissen sagen 
«Konvention». Die Konvention ist dasjenige, was blofi aufierlich fest- 
gelegt ist; dasjenige, auf das wir blofi aufierlich hinschauen konnen, 
was nicht ergriffen wird von dem innersten Wesen des Fiihlens und 
Empfindens. Aber in diejenigen Menschen, in die nicht hineinfliefk 
vom Denken, vom Bewufksein aus dasjenige, was die Phrase durch- 
geistigen kann, in die kann sich auch nicht hineindrangen dasjenige, 
was als Geist durchzieht Empfindung und Gefuhle, und es kann 
sich kein sozialer Verkehr, kein soziales Verhaltnis entwickeln, wel- 
ches menschenwiirdig und menschenwert ware. Unter dem Einfluft 
der Konvention, unter dem Einflufi der Aufierlichkeiten hat sich 
auf einem zweiten Gebiet das entwickelt, was im modernen Leben 
Staatsleben, politisches Leben geworden ist. Wie das geistige Leben 
heute beherrscht ist von der Weltherrschaft der Phrase, so ist das 
Staatsleben ganz und gar beherrscht von der Konvention. 

Einzig und allein wenn wahre Demokratie unter den Men- 
schen sich offenbart, jene Demokratie, welche wirklich auf dem 
lebendigen Verhaltnis von Mensch zu Mensch aufgebaut ist, dann 
wird an die Stelle der Konvention dasjenige treten, was sich vom 
lebendigen Menschen zum lebendigen Menschen entwickelt. Dies 
beruht darauf, dafi der mundige Mensch dem miindigen Menschen 
gegeniibersteht, wenn also in Betracht kommen jene menschlichen 
Verhaltnisse, die unabhangig sind von der starkeren Kapazitat, der 



Fahigkeit des Geistes und die unabhangig sind, weil sie rechtliche 
Verhaltnisse sind, von der Starke der wirtschaftlichen Kraft. Wenn 
abgelost wird vom Wirtschaftsleben auf der einen Seite, vom Gei- 
stesleben auf der anderen Seite das Rechts- oder Staatsgebiet, und 
auf diesem Rechts- oder Staatsgebiet sich nur dasjenige geltend 
macht, was aus der Gleichheit aller miindig gewordenen Menschen 
kommt, dann wird wirklich an die Stelle der Weltherrschaft der 
Konvention das treten, was sich vom lebendigen Menschen zum 
lebendigen Menschen entwickelt. Es ist dasjenige, wonach heute 
eine phrasengewohnte Welt schreit und wovon sie nichts versteht: 
das Recht, das nur geboren werden kann aus dem lebendigen Ge- 
fuhl, der lebendigen Empfindung im Verkehr des einen Menschen 
zum andern, das Recht, das nimmermehr geboren werden kann aus 
irgendeiner Konvention heraus. Wir aber leben auf diesem Gebiet 
unter der Weltherrschaft der Konvention. Konvention ist alles, was 
als Empfindung, als Gemiit sich geltend macht in den offentlichen 
Verhaltnissen durch den Ungeist, so wie sich die Phrase geltend 
macht in den offentlichen Verhaltnissen, wenn auf dem Gebiete 
des Geisteslebens nicht der Geist, sondern der Ungeist die Le- 
benswirklichkeiten bedingt. 

Und sehen wir uns um auf dem dritten Gebiet des offentlichen 
Lebens, auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. Da ein wirklich das 
Menschliche erfassendes, menschliche Empfindungen und Gefiih- 
le erzeugendes Geistesleben in diesem Zeitalter des Materialismus 
nicht da war, konnten auch die wirtschaftlichen Angelegenheiten 
nicht von Zielen durchtrankt sein, die vom Geiste befeuert gewesen 
waren. Es konnte sich auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens nicht 
eine wahre Lebenspraxis herausentwickeln, denn eine wirkliche Le- 
benspraxis kann nur gedeihen, wenn die Menschen, die die Trager 
dieser Lebenspraxis sind, in jeden Handgriff, in jede Verrichtung 
dasjenige hineintragen, was sie gewinnen aus dem Zusammenhang 
ihrer Seele mit dem geistig-seelischen Wesen der Welt. An der Stelle 
der Lebenspraxis entwickelt sich etwas anderes, wenn statt dieses 
Geistes der Ungeist herrschend wird. Wenn der Ungeist herrschend 
wird, dann verfallt der Mensch auf dem Boden des aufieren, wirt- 



schaftlichen Lebens in die Routine, indem er die wirtschaftlichen 
Maftnahmen nicht durchtrankt mit dem, was ihm der Geist eingibt; 
er verfallt anstelle der Lebenspraxis in die Routine - ich bemerke: 
wiederum nicht ein deutsches Wort. Der Mensch verfallt in die Rou- 
tine. Und das ist das Charakteristische auf dem wirtschaftlichen 
Gebiet, daft wir immer mehr und mehr von dem Gebiet des lebens- 
wirklichen Wesens, des zielbewuftten, nur aus dem Geiste heraus 
zu gebarenden Wesens zu dem Gebiet der Routine gekommen sind. 
Wie wir auf dem Gebiete des Geisteslebens zur Phrase gekommen 
sind, wie wir auf dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens zur 
Konvention gekommen sind, so sind wir auf dem Gebiet des Wirt- 
schaftslebens zur Routine gekommen. 

Wie steht der heutige wirtschaftende Mensch in seiner Routi- 
ne drinnen! Wie ist er stolz auf diese Routine! Wie fragt er nur 
danach: Wie macht man das? Und wie bestrebt er sich, denjeni- 
gen, den er hineinstellen will in den Betrieb des Wirtschaftens, so 
zu erziehen, daft die Dinge mechanisch verlaufen! Wie sieht man 
gerade ein Groftes darin, im wirtschaftlichen Leben ja nicht Men- 
schen zu haben, denen etwas einfallt, sondern Menschen zu ha- 
ben, welche imstande sind, die allmahlich zur Routine gewordene 
Lebenspraxis moglichst mechanisch fortzusetzen. 

Daher ist es auch gekommen, daft der Mensch - weil er in der 
Routine drinnensteckt und aus dieser Routine selber keine Be- 
friedigung schopfen kann -, daft er dasjenige, was er im aufteren 
praktischen Leben hat, so schnell wie moglich loszuwerden sucht, 
und dann den Sensationen nachgeht, demjenigen nachgeht, was 
moglichst verschieden ist von dem, in dem er berufsmaftig drinnen- 
steckt. Liegt Geist in dem aufteren wirtschaftlichen Leben? Sind 
Menschen willkommen im wirtschaftlichen Leben, auf die man 
deshalb etwas halt, weil ihnen etwas einfallt? - Sie sind unbeque- 
mer fur das wirtschaftliche Leben als die Routiniers. Aber wenn 
sie willkommen sind, diese Menschen, denen etwas einfallt, dann 
werden die wirtschaftlichen Berufe bluhen, sie werden nicht einen 
egoistischen Charakter annehmen, sondern sie werden einen altrui- 
stischen, einen humanistischen Charakter annehmen. Warum ist 



das so? Nun, wenn der Mensch bloft der Routine folgt, dann gibt 
es fur ihn keine anderen Antriebe als den Egoismus, als die Befrie- 
digung seiner Instinkte. Wenn man in das auftere Leben das hin- 
einlegt, was man unter dem Einfluft einer geistigen Erziehung der 
Menschheit hat, dann hat dieses, was man so hineinlegt, weil es aus 
dem Geiste stammt, eine ganz besondere Eigentumlichkeit. Es hat 
die Eigentumlichkeit, daft es nicht fur jeden einzelnen Menschen 
gilt, sondern daft es im Grunde genommen gleichgiiltig ist, ob der 
eine denkt oder der andere denkt; es hat die Eigentumlichkeit, daft 
es als Sache wirkt, daft es etwas zur Folge hat, was alien Menschen 
irgend etwas bringen kann in den Lebenswirklichkeiten. 

Das alles, meine sehr verehrten Anwesenden, ist nun wahrlich 
nicht gesagt, um geringschatzig, so von oben herunter sich zu 
ergehen iiber den Ungeist der modernen Welt, das ist gesagt zu 
einem ganz anderen Ziel. Das ist gesagt, damit der Sinn entstehe, 
hinzuschauen auf diejenigen Grundlagen, die in der menschlichen 
Natur unausloschlich sind und die doch immer vom Ungeist zum 
Geist hinfuhren. Das ist gesagt, um die gegenwartige Schlafrig- 
keit der Seelen zum Aufwachen zu bringen, damit jene Tiefen 
des Menschheitslebens in der Menschheitswirklichkeit aufgesucht 
werden, aus denen allein wir dem Abbau abhelfen und zu einem 
Aufbau kommen konnen. 

Der praktische Keynes, von dem ich ausgegangen bin, sagt: Das, 
was man nicht weift, woriiber man keine Auskunft geben kann, das 
hangt davon ab, wie alle die verborgenen Krafte sich zusammen- 
fassen - «instruction» und «imagination» nennt er diese Krafte -, 
um zu kommen zu einer neuen Anschauung iiber die Welt. - Gei- 
steswissenschaft will im umfassendsten Sinne das geben; Geistes- 
wissenschaft will dasjenige bringen, wonach gerade die einsichtigen 
Menschen der Gegenwart schreien miissen, das sie jedoch in dem 
Augenblick, wo es vor ihre Seelen tritt, fur eine Phantasterei halten. 
Lieber ist es den Menschen heute zu sagen: Da ist wieder einmal 
einer, der iiber den Astralleib redet, der iiber Geist und Unsterb- 
lichkeit redet -, als daft sie sich wirklich vertiefen, versenken in das- 
jenige, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft aus derselben 



exakten Methode heraus gesagt werden kann, wie die naturwissen- 
schaftlichen Erkenntnisse selbst gewonnen werden. 

Merkt man aber, auf welchen Griinden die hier gemeinte Gei- 
steswissenschaft ruht, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, 
dann wird man auch gewahr werden, daft diese Geisteswissenschaft 
ein bestimmtes Merkmal hat: Sie wirkt nicht nur durch das, was 
man durch sie weift, sondern sie andert die Art und Weise, wie 
der Mensch denkt. Sie bringt den Menschen zu einer anderen Auf- 
fassung iiber sich selbst. Sie bringt den Menschen zu einem ande- 
ren Gefuhl iiber sich und dadurch auch zu einem anderen Gefiihl 
gegemiber dem Nebenmenschen. Geisteswissenschaft bringt den 
Menschen dazu, daft er vom Geiste aus die wirtschaftlichen Ange- 
legenheiten wieder befruchten kann. Sie fiihrt dazu, daft gefordert 
werden muft: Dieses Wirtschaftsleben muft als ein drittes Gebiet 
des sozialen Organismus selbstandig da sein, es muft so da sein, 
daft die wirtschaftlichen Angelegenheiten nur aus wirtschaftlicher 
Sachlichkeit und wirtschaftlicher Fachkenntnis heraus von den in 
dieses Wirtschaftsleben hineingewachsenen Personlichkeiten geord- 
net werden. Alle Institutionen des Wirtschaftslebens miissen darauf 
beruhen, daft die Fakten im Wirtschaftsleben durch Fachkenntnis 
und Sachkenntnis, nicht aber durch Parlamentsbeschlusse, durch 
Mehrheitsbeschlusse zustandekommen. Mehrheitsbeschliisse haben 
nur einen Sinn, wenn es sich handelt um dasjenige, was sich abspielt 
zwischen Menschen, die gleich sind als miindige Menschen. 

Auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens entscheidet Sachkenntnis 
und Fachkenntnis und Erfahrung. Auf dem Gebiete des Geistes- 
lebens aber entscheiden Anlagen und Fahigkeiten. Beide Gebiete 
fordern ihre Selbstandigkeit. Und in der Mitte drinnen fordert als 
drittes Glied des sozialen Organismus seine Selbstandigkeit alles 
dasjenige, was sich abspielt in den offentlichen Verhaltnissen aus 
dem Gemiit, aus Empfindungen und Gefiihlen heraus, das aber 
lebendig angefacht sein muft von dem Geiste, nicht vom Ungeiste. 
Alles kommt darauf an, daft an die Stelle des Ungeistes der Geist 
trete. Der Geist wird im Geistesleben selbst die Herrschaft der Phra- 
se besiegen. Der Geist wird durchdringen das Empfindungs- und 



Germitsleben so, dafi wir ein wirkliches Staats- und Rechtsleben 
gewinnen. Der Geist wird das Wirtschaftsleben so befruchten, 
daft dieses selbstandige Wirtschaftsleben wirklich anders gedeihen 
kann als unter dem EinflufS des Ungeistes, unter dem Einflul? der 
vertrackten, abstrakten marxistischen oder anderen Theorien. Will 
man diese Theorien zur Wirklichkeit machen, dann entsteht das, 
was im Osten Europas entstanden ist als die aufierste, radikalste 
Phase der Zerstorung - der Zerstorung, nicht des Aufbaues. 

Dreierlei hat die Menschheit ins Auge zu fassen, nicht urn Kritik 
zu iiben, sondern um diesem Dreifachen gegeniiber in den Tiefen 
des Menschenwesens und der Menschheit selber dasjenige aufzu- 
suchen, was wirklich zu einem Aufbau fuhren kann. Das Dreifache 
ist: die Phrase, die Konvention, die Routine. Zu treten hat an die 
Stelle der Phrase die Pflege des wirklichen Geisteslebens. Zu treten 
hat an die Stelle der Konvention die lebendige Empfindung, die 
nur entsteht, wenn wir, befeuert von geistigen Vorstellungen, als 
Mensch dem Menschen im Rechts- und Staatsleben gegeniiber - 
treten; sonst kommen wir, weil das Geistesleben doch das Be- 
fruchtende von allem ist, auch auf dem Gebiet des Rechtslebens 
zur bloften Phrase. Sonst kommen wir dahin, zu sprechen wie 
derjenige Mensch, der angebetet worden ist von der ganzen Welt 
und der merkwiirdige Dinge sagte zum Beispiel iiber das Recht. 
Ich meine diesen Woodrow Wilson, den ich mir doch etwas ge- 
nauer angeschaut habe, so dafi ich iiber ihn nicht spreche wie der 
Blinde von der Farbe. Da findet sich zum Beispiel in seinem dicken 
Buche iiber den Staat, das eigentlich ein Kompendium modernen 
Phrasentums ist, folgende phrasige Definition: Das Recht ist der 
Wille des Staates gegeniiber dem burgerlichen Gebaren derjenigen, 
die unter seiner Autoritat stehen. 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der an Wirk- 
lichkeit gewohnt ist und weift, wie der lebendige Wille aus der leben- 
digen Personlichkeit herausspriefit - ich mochte wissen, was sich der 
denken soli, wenn ihm dann dieser Historiker des Staates vorredet: 
Das Recht ist der Wille des Staates. - In der Zeit, in der dem Men- 
schen der Staat nichts anderes ist als eine auftere Einrichtung des 

A S 



wirtschaftlichen Lebens, redet man, ohne daft man es wirklich weift, 
von dem Willen des Staates - in ernsthaft gemeinten Biichern, die 
allerdings fur den wirklich ernsthaften, der Wesenheit zugeneigten 
Geist Kompendien des modernen Phrasenlebens sind. 

Nun, wenn wir das moderne Wirtschaftsleben anschauen - 
geredet wird dariiber viel. Aber dieses Wirtschaftsleben selber ist 
doch im Grunde genommen gar nicht beherrscht von dem, was 
geredet wird. Auch da geht die Phrase wie ein Hauch oben drii- 
ber, und darunter vollzieht sich das wirkliche Wirtschaftsleben. 
So sehr geht die Phrase dariiber, daft die marxistisch-sozialistische 
Lehre das Phrasenhafte dieser Phrasen empfindet und es «Ideolo- 
gie» nennt. Sie spurt gewissermaften, daft der Ungeist herrscht im 
Wirtschaftsleben, aber sie kommt nicht darauf, an die Stelle des 
Ungeistes den Geist zu setzen, sondern sie setzt sich als Ideal vor, 
an die Stelle des Ungeistes, der bisher geherrscht hat, einen anderen 
Ungeist zu setzen, der in der Zukunft herrschen soil. 

Wahrhaftig, derjenige, der heute hinschauen will auf das, was 
zum Aufbau fiihren kann, der muE genau kennen, wie unter der 
Dreiherrschaft von Phrase, Konvention und Routine der Abbau 
herbeigefiihrt worden ist, ja, herbeigefiihrt worden ist die Schrek- 
kenszeit der letzten fiinf bis sechs Jahre. Uber das, was man finden 
raulS, wenn man gesund durchschaut diese Dreiherrschaft, wer- 
de ich versuchen, ubermorgen zu sprechen. Aber es muftte dieser 
Vortrag heute den anderen vorausgehen aus dem Grunde, weil 
nur derjenige einsehen kann, was dem kommenden Tag notwen- 
dig ist, der genau hinzusehen vermag auf das, was die Zerstorung 
herbeigefiihrt hat. Es geniigt heute wahrhaftig nicht, bloft darauf 
hinzuweisen, daft irgendwie die Krafte sich umwandeln miissen 
zu einer neuen «Belehrung», zu einer neuen «Imagination». Es ist 
heute schon notwendig, daft man auf diese lebendigen Quellen des 
Geistes hinweist. 

Nun, da ich gewissermaften meine Zeit langst abgesprochen 
habe, darf ich vielleicht noch durch ein paar Minuten ein kleines 
Anhangsel machen zu dem, was ich heute gesagt habe. Es ist et- 
was, das gewissermaften an einem naheliegenden Beispiel zeigt, wie 



heute dasjenige unter den Menschen aufgenommen wird, was sich 
bestrebt, diese Zeit zu durchschauen und zu gleicher Zeit nach den 
Bedingungen Ausblick halt, welche dazu fiihren konnen, aus der 
Zerstorung zu einer Art von Aufbau zu kommen. Aber wollte ich 
ausfiihrlich iiber das reden, worauf ich jetzt mit ein paar Worten 
kommen will, miiftte ich einen langen Vortrag halten, denn es ist 
sehr, sehr viel. 

Als ich das letzte Mai hier von Stuttgart fortfuhr, horte ich 
gerade noch im Abreisen, daft allerlei Verleumdungen iiber meine 
eigene Person und iiber diejenigen, die verbunden sind in ihrem 
sachlichen Wirken mit mir, im Umlauf sind. Es zeigte sich sehr 
bald, daft diese Verleumdungen mit aufterordentlichem Raffine- 
ment ausgefiihrt sind, indem sich die Denunzianten einen rich- 
tigen Zeitpunkt gewahlt haben. Ich konnte dann erfahren, daft 
diese Denunziation, diese Verleumdung gebaut ist sogar auf Briefe, 
die gefalscht sind, die so aufgefaftt werden konnen, als ob sie von 
mir selber geschrieben waren; mit diesen Briefen will man Dinge 
beweisen, die von mir oder von den Leuten des Bundes fiir Drei- 
gliederung des sozialen Organismus ausgehen. Ja, man hatte nicht 
einmal ein Schamgefiihl gegeniiber der Verleumdung, die darin lag 
zu sagen, daft es zu meinen Maftnahmen gehore, dazu beizutragen, 
Deutsche auszuliefern an die Entente, und sich dabei auf von mir 
selbst geschriebene Briefe berief. 

Sehr verehrte Anwesende, mir ist das personlich nur ein Bei- 
spiel, wie heute Leute behandelt werden, die sich ehrlich bestreben, 
nach Wahrheit zu forschen und die nicht davor zuriickschrecken, 
das zu sagen, was heute zum Abbau und nicht zum Aufbau fuhrt. 
Aber es ist ja selbstverstandlich, daft solchen Schmutzfinken, die 
dergleichen in die Welt setzen, eigentlich auf irgendeine Weise das 
Handwerk gelegt werden miiftte. Man kommt ihnen aber nicht bei. 
Es gibt keine rechtlichen Mittel; Widerlegungen haben keinen Wert 
aus dem Grunde, weil die Leute selber ja wissen, daft das erlogen 
ist, was sie verbreiten. Sie verbreiten es ja nicht aus dem Grun- 
de, um die Wahrheit zu sagen, sondern um denjenigen, der ihnen 
unbequem ist, aus dem Wege zu raumen. Es handelt sich solchen 



Leuten nicht darum, etwas zu sagen, was sie glauben, sondern 
darum, etwas aufzubringen, was dem Betreffenden moglichst in 
den Augen derer, die kein Urteil haben, schaden kann. Ich habe 
solches zu erleben seit vielen Jahren, wenn auch nicht mit diesem 
Raffinement, wie es in der letzten Zeit aufgetreten ist. Ich habe 
keine Freude daran, mich mit derlei schmutzigen Leuten einzu- 
lassen und ihre schmutzige Wasche anzufassen. 

Ich liebe es auch nicht, wenn von einer gewissen klerikalen Seite 
- eine solche ist schon durchaus auch unter den Leuten, denen 
es nicht auf die Wahrheit ankommt - verbreitet worden ist vor 
Jahren, ich sei ein aus der katholischen Kirche entsprungener Prie- 
ster. Solche Menschen haben dann, wenn ihnen so kniippeldicke 
Unwahrheiten nachgewiesen werden, kein anderes Wort als das, 
was der betreffende Herr in einer angesehenen klerikalen Zeit- 
schrift geschrieben hatte: Die Behauptung, dafi Dr. Steiner einmal 
Priester gewesen ist, laftt sich nach neueren Erkundigungen nicht 
mehr halten. - Damit glauben die Menschen dasjenige, wodurch sie 
zahlreiche Seelen angesteckt haben, wiederum gutzumachen. Man 
macht es damit nicht gut. Es handelt sich darum, dafi gegeniiber 
derlei Gebaren schon einmal die Gesinnung Platz greifen mufi, die 
vor vielen Jahren einmal der osterreichische Parlamentarier Graf 
Walterskirchen der Regierung entgegengehalten hat: Wer einmal 
gelogen hat, dem glaubt man nicht, und wenn er hundertmal die 
Wahrheit sagt. - Nun, das ist ein Beispiel. Diejenigen, welche derlei 
in die Welt setzen, sind eben nichts anderes als Vertreter objektiver 
Unwahrheiten, und meiner Vermutung nach - weil ich glaube, daft 
sie das auch wissen - Liigner. Es mufi das einmal offentlich gesagt 
werden: An der ganzen Verleumdung ist nichts anderes dran, als 
daft sie von vorne bis hinten eine vollig erlogene Sache ist. 

Das zweite, womit heute immer wieder und wiederum hausieren 
gegangen wird, ist die Aufwarmung einer Jesuitenliige, die schon 
vor vielen Jahren aufgetreten ist. Ich werde hier gewift nichts zum 
Pro und Contra des Antisemitismus sagen. Ich aufiere mich hier 
nicht iiber diese Weltanschauung. Aber immer wieder und wie- 
derum wird von gewissen Leuten, weil sie wissen, daft sie dabei 



auf ihre Rechnung kommen, die Luge verbreitet, ich sei Jude; ir- 
gendwie wird immer wiederum von irgendeiner Ecke darauf hin- 
gewiesen. Ich habe damals, als von jesuitischer Seite zuerst dieses 
System praktiziert worden ist, meinen Taufschein fotografieren las- 
sen, und ich habe noch heute ganz kleine Fotografien meines Tauf- 
scheines, die ich jedem, der sie sehen will, vorweisen kann. Aber 
ich glaube nicht, daft man mit solch einem Dokument gegen die 
Seiten etwas machen kann, die eigentlich dabei in Betracht kom- 
men. Unter denjenigen, die dieses komische Marchen von meinem 
Judentum aufgebracht haben, befindet sich auch der «Semi-Kursch- 
ner». Darin wird meine ganze Biographie so frisiert, daft daraus 
hervorgehen soil, daft ich irgendwie von jiidischer Abstammung 
sei. Das, was ich in meiner Abstammung verfolgen kann, ist allein 
dieses, daft alle meine Vorfahren miitterlicher- und vaterlicherseits 
aus dem niederosterreichischen Bauernstand hervorgegangen sind. 
Mein Vater hat einem wahrhaftig nicht-jiidischen Institut gedient, 
namlich dem Kloster und Stift Geras in Niederosterreich, was ein 
Pramonstratenser-Stift ist. Die Pramonstratenser-Stiftleute haben 
ihn gerne gehabt und haben ihm sogar ein Stipendium gegeben zur 
Ausbildung fur die ersten Klassen des Gymnasiums. Dann wurde 
er spater osterreichischer Eisenbahnbeamter, aber kein Staatsbe- 
amter, sondern Privatbeamter. Aber ebensogut, wie nachgewiesen 
werden kann, daft diese Vorfahren vaterlicherseits so wenig jiidisch 
waren, daft sie Diener eines gut katholischen Klosters waren, eben- 
sogut kann das bei alien Vorfahren miitterlicherseits, soweit sie mir 
zuganglich sind, erwiesen werden. Aber ich glaube nicht einmal, 
daft man mit solch einer Sache gegeniiber diesen Seiten, die mit die- 
sen erlogenen Dingen wirtschaften, etwas ausmachen kann. Denn 
unter denjenigen Personlichkeiten, die in dem «Semi-Kurschner» 
aufgefiihrt sind als Juden, ist ja auch eine Personlichkeit, die ja 
in der neueren Zeit sogar eine kleine Annaherung an den Jesui- 
tismus vollzogen hat, Hermann Bahr. Seine Biographie ist auch 
so frisiert, daft man glauben konnte, er sei irgendwie jiidischer Ab- 
stammung. Nun konnte er aber damk aufwarten, daft zwolf seiner 
Vorfahren richtige oberosterreichische Bauern, nicht jiidische oder 



dergleichen waren. Als das ganz dokumentarisch nachgewiesen 
werden konnte, da wendete die Redaktion des «Semi-Kurschner», 
die durchaus in der Reihe drinnensteht, von der solche Dinge kom- 
men, ein: Nun ja, gut, wir wollen glauben, dafi die zwolf Ahnen 
durchaus allem Judentum fernestehen. Dann glauben wir aber an 
die Reinkarnation und glauben, daft Hermann Bahr in friiheren 
irdischen Verkorperungen Jude war. 

Sie sehen, mit Gedanken, mit Widerlegungen ist dieser Seite 
nicht beizukommen. Es miissen schon ganz andere Wege gefunden 
werden. Ich glaube aber nicht, daft ein anderer, wirklich zum Ziele 
fuhrender Weg gefunden werden kann, als daft nach und nach die 
Zahl der verniinftig und anstandig denkenden Menschen immer 
grofier und grofter werde gegeniiber denen, die, um ihre Mitmen- 
schen zu verleumden, in Schmutz waten wollen. Ich glaube nicht, 
daft sich Unanstandigkeit durch irgend etwas anderes besiegen laftt 
als durch die anstandig denkenden Menschen. Weder mit Gerichts- 
verhandlungen noch mit Widerlegungen kommt man zurecht, 
sondern nur dadurch, daft sich moglichst viele Menschen flnden, 
die Sinn fur Anstand haben. 

Und es mufi schon einmal offentlich gesagt werden: Auch solche 
Dinge, wie ich sie jetzt vorfiihren muftte, gehoren zu dem, was 
in unserer Zeit kommt von dem Eindringen des Ungeistes in die 
Lebenswirklichkeiten anstelle des Geistes. Aber alles, was heute so 
furchtbar zerstorend unter der Menschheit wirkt, es zielt nach dem 
einen hin, das zusammengefaftt werden mufi in die Worte: Gar sehr 
hat die Menschheit notwendig, insbesondere aber hat es der deut- 
sche Geist notwendig, an die Stelle des Ungeistes, an die Stelle des 
materialistischen Ungeistes, den Geist zu setzen, denn der Ungeist, 
er mu6 besiegt werden, wenn wir wieder Aufbau haben wollen, 
wenn wir wieder Menschheitsfortschritt haben wollen. Und den 
Ungeist wird allein der Geist, der wahre Geist besiegen. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 4. Marz 1920 
Die geistigen Forderungen des kommenden Tages 

Sehr verehrte Anwesende! Aus einem empfindungsgemaften, vor- 
urteilslosen Beurteilen der Ereignisse der Gegenwart wird es sich, 
wie ich glaube, heute ganz selbstverstandlich ergeben konnen, iiber 
den kommenden Tag zu sprechen. 

Wenn ich hinweisen darf auf dasjenige, was ich mir erlaubt 
habe, vorgestern hier auszufiihren, so kann dariiber vielleicht ge- 
sagt werden, daft solche Schilderungen, wie sie da gegeben wor- 
den sind iiber die Geistesverfassung der gegenwartigen zivilisierten 
Menschheit, gar sehr eine Art von Abendstimmung zum Ausdruck 
bringen. Ergebnisse der Menschheitsentwicklung der letzten drei 
bis vier Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart herein muftten ge- 
schildert werden, und geschildert werden muftte, wie auf den ver- 
schiedensten Gebieten des Lebens trotz der gewaltigen Fortschritte 
und Triumphe - die allerdings, wie hervorgehoben worden ist, 
auch vorhanden sind - die Schreckensereignisse der letzten vier bis 
funf Jahre iiber diese Menschheit hereingebrochen sind. Es ist doch 
nicht nur moglich geworden, daft diese Schreckensereignisse iiber 
die Menschheit hereingebrochen sind, sondern es ist auch moglich 
geworden, daft wir heute in einer gewissen Weise stehen vor der 
Ratlosigkeit, vor dem: Was soil geschehen? - Ja, in vieler Beziehung 
miissen wir bekennen: Wenn wir weiter nur fortbauen wollten auf 
dem, was sich als Ergebnis fur unsere Erkenntnis, fur unser Wol- 
len aus den heraufgekommenen Entwicklungskraften ergibt, dann 
muftten wir mit der Hoffnungslosigkeit rechnen. Da ist so etwas 
wie Abendstimmung. Und diese Abendstimmung legt nahe, gewis- 
sermaften auch von der anderen Seite der Sache zu sprechen: von 
der Morgenstimmung, zu sprechen von dem kommenden Tag. 

Aber wenn man heute von dem kommenden Tage spricht, so 
scheint es, daft eines nicht gestattet ist: einfach nur hinzuschau- 
en auf die Ereignisse, wie sie sich zugetragen haben, wie sie sich 



entwickelt haben bis zu dem gegenwartigen Zeitpunkt, um daraus 
Griinde abzuleiten fur irgendwelche Dinge, auf die man nur zu 
hoffen braucht. Aus der Ratlosigkeit der Gegenwart sind wenige 
Griinde fiir solche Hoffnungen zu finden. Daher mu£ derjenige, 
der da sprechen will von dem kommenden Tag, von etwas anderem 
ausgehen als von einer Schilderung der Wirkungsmoglichkeiten der 
bisherigen Ereignisse, von der Schilderung desjenigen, was aus den 
allgemeinen Kultur- und Zivilisationsverhaltnissen heraus sich 
ergeben konnte und bei dem der Mensch nur zuschauen kann. 

Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, wer heute von dem 
kommenden Tag sprechen will, der mufi sprechen von dem, was 
der Mensch tun soil, damit dieser kommende Tag heranriicke. Auf 
irgendein aufierhalb der Menschheit gelegenes Schicksal allein hin- 
zuweisen, wird heute keine Hoffnungen erwecken. Es mufi hinge- 
wiesen werden auf den Menschen selbst, auf seine Wirkensmoglich- 
keiten, auf dasjenige, was in ihm die Tat entziinden kann, dafi er 
es sei, der, wie auch die Welt in Flammen stehen moge, den kom- 
menden Tag herbeifuhren kann. Veranlassung gibt dazu aber nicht 
nur eine Beobachtung der Ratlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit der 
Schicksalslage der aufteren Welt, dazu gibt auch Veranlassung eine 
etwas tiefergehende Betrachtung des geschichtlichen Werdens der 
Menschheit selbst - des geschichtlichen Werdens der Menschheit, 
das man dann allerdings ins Auge fassen mufi gerade von dem Ge- 
sichtspunkte der hier gemeinten Geisteswissenschaft aus. Die mei- 
sten Menschen sind ja heute gewohnt, wenn von der geschichtlichen 
Entwicklung des Menschen die Rede ist, diese nur zu verfolgen, ich 
mochte sagen am Faden von Ursache und Wirkung, so, als ob da 
alles, was in der Folgezeit eintritt, zu erklaren ware aus den voran- 
gehenden Ereignissen, die man dann wohl Ursachen nennt. 

Das ist im geschichtlichen Werden der Menschheit ebensowenig 
der Fall, wie es der Fall ist beim einzelnen menschlichen Individu- 
um. Wir konnen unmoglich uns zufriedengeben mit einem Verfol- 
gen der menschlichen individuellen Entwicklung etwa so, dafi wir 
sagen: Nun, wir betrachten den Menschen, wenn er dreifiigjahrig 
ist, und wir erklaren dasjenige, was er als Dreifiigjahriger uns dar- 



bietet, als eine Folge desjenigen, was er als Neunundzwanzigjah- 
riger, als Achtundzwanzigjahriger, als Siebenundzwanzigjahriger 
gewesen ist. - Eine solche Erklarung ware eine aufterliche, abstrak- 
te, ware eine solche, die nicht eingehen konnte auf das wirkliche 
Wesen des Menschen. Denn wenn wir das wirkliche Wesen des 
Einzelmenschen erfassen wollen, dann miissen wir eingehen auf 
die einzelnen Epochen seiner Entwicklung. Wir miissen uns klar 
sein, wie der Mensch, wenn er Kind ist, gewissen Entwicklungs- 
gesetzen unterliegt, welche zunachst hinzielen bis zu dem Zeitraum, 
in dem etwa der Zahnwechsel eintritt. Dann muE man sich klar 
werden, wie nach diesem Zahnwechsel im ganzen menschlichen 
Organismus etwas Gesetzmafiiges vor sich geht, was aus dem 
inneren Wesen aufsteigt, was nicht erklart werden kann, indem 
man einfach die aufteren Tatsachen der menschlichen Entwick- 
lung etwa im neunten Jahre zuruckfuhrt auf die aufteren Tatsachen 
dieser menschlichen Entwicklung im fiinften oder sechsten Jahr. 
Wiederum mufi man hinschauen auf den Zeitpunkt, in dem die 
menschliche Geschlechtsreife eintritt, auf das vierzehnte, fiinfzehn- 
te Jahr. Da steigt wiederum aus dem Inneren der menschlichen 
Wesenheit etwas auf, was man zu Hilfe rufen mul?, wenn man zu 
einem Verstandnis des gesamten menschlichen Wesens kommen 
will. Und so auch in den folgenden Epochen der menschlichen 
Einzelentwicklung, wenn auch fur diese folgenden Epochen die 
Umschwunge in der menschlichen Natur weniger deutlich, aber 
fur den Einsichtigen doch ganz klar zu Tage treten. 

So, wie es ist mit dieser einzelnen menschlichen Entwicklung, 
so ist es auch mit der geschichtlichen Entwicklung, dem geschicht- 
lichen Werden der ganzen Menschheit. Zu ihrem Verstandnis reicht 
nicht aus, dafi man blofi, wie es iiblich geworden ist, immer das 
Folgende aus dem Vorhergehenden erklart. Man mufi sich klar sein, 
daft da auch im geschichtlichen Werden der Menschheit grofte Um- 
schwiinge eintreten, dafi Zeitepochen eintreten, in denen aus den 
Tiefen der Menschheit Entwicklungsgesetze aufsteigen, so dafi das 
Wesentliche, wie sich diese Menschheit auftert, anders wird als im 
vorhergehenden Zeitalter. 



Wenn man nun hinschaut auf dasjenige, was, ich mochte sagen 
unter der Oberflache des vorgestern Geschilderten seit drei bis vier 
Jahrhunderten sich emporarbeiten will - denn es will sich zunachst 
nur emporarbeiten aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit -, 
so muli man sagen: Alles, alles tendiert dahin, zielt dahin, dafi die 
einzelnen Angehorigen der Menschheit sich zur Vollbewufkheit 
entwickeln, zur Vollbewufkheit auf alien Gebieten des Lebens. 
Fur den Kenner des geschichtlichen Werdens, der nicht bloE die 
aufSere Geschichte betrachtet, wie sie heute gelehrt wird, die im 
Grunde doch nur eine fable convenue ist, sondern der eingeht auf 
das Innere der Menschheitsentwicklung - wie man beim einzelnen, 
individuellen Menschen auf sein Inneres eingehen mufi, wenn man 
ihn verstehen will -, fur den zeigt sich etwa im 15. Jahrhundert die 
erste Anlage zu dieser neuen Art des Menschheitswesens, in voller 
Bewufkheit das zu erfassen, was uns umgibt in der Welt. Nur ist 
eine Tatsache in der Menschheitsentwicklung vorhanden, welche 
das maskiert, zudeckt, was ich eben charakterisiert habe. Aus den 
alten Epochen blieben immer Entwicklungskrafte zuriick, die sich 
als konservatives Element hineinstellen in die ganze Menschheits- 
entwicklung - Krafte, die weiterwirken und die eigentlich das, 
was sich aus einem Teil des Menschheitswesens als die eigentliche 
Aufgabe der Zeitepoche entwickeln will, zunachst nicht nur in den 
Hintergrund treten lassen, sondern es gewissermafien bekampfen. 
Und so ist aus der vorhergehenden Epoche iiber das 15. Jahrhun- 
dert hinaus und in unser Zeitalter sich erstreckend dasjenige geblie- 
ben, was ich nennen mochte die Unbewufkheit auf alien Gebieten, 
zunachst vor alien Dingen die Unbewufkheit auf dem Gebiet des 
Geisteslebens selbst. 

So stark ist diese Unbewufkheit auf dem Gebiete des Geistes- 
lebens geblieben, dafi wir heute breite geistige Stromungen haben, 
die geradezu in dem Unbewulken dasjenige sehen, was das Tiefere, 
das Wesentlichere des Menschenwesens ist. Wir sehen zum Beispiel 
in Amerika aufgehen die an den Namen William James sich an- 
kniipfende geistige Bewegung, die aber gerade unter den Intellek- 
tuellen Europas in verschiedenen Variationen viele Anhanger hat, 



eine geistige Bewegung, welche sagt: Nur ein Teil desjenigen, was 
der Mensch in seiner Seele birgt, kommt ihm voll zum Bewufit- 
sein. Aus dem Unterbewufksein herauf steigt alles dasjenige, was 
zum Beispiel Inhalt des kiinstlerischen Schaffens ist; aus dem Unbe- 
wufken herauf steigen sogar die Ideen, die dann nur dem Urteil 
der Wissenschaft unterworfen werden. Aus dem UnterbewuEt- 
sein steigt auch alles dasjenige herauf, was den Menschen religios 
beseelt. 

Dasjenige, was da als eine gebildete Geistesstromung sich aus- 
breitet, was zuweilen groteske Formen annimmt, wie zum Beispiel 
in der Psychoanalyse, das hat zu seinem Gegenbild etwas anderes. 
Wie sehr haufig kann man es heute noch horen, dafS irgend jemand 
gutmeinend ist in bezug auf eine ubersinnliche, eine geistige Welt, 
die er voraussetzt, aber seine gute Meinung hort auf in dem Mo- 
ment, wo die Geisteswissenschaft auftritt, die aus den Zeichen der 
Zeit heraus mit voller Bewufitheit die geistige Welt schauend durch- 
dringen will. Ein solcher Gutmeinender sagt oftmals: Uber das, 
was man bewufit aufnehmen kann von der Natur und vom Men- 
schen in die Seele, tiber das hinausgehend mufi es ja etwas geben. 
- Aber er ist dann froh, wenn er sagen kann: Das, was es so gibt, 
ist ein Unbekanntes, ist etwas, was man nicht erforschen kann; das 
ist etwas, was nicht in das voile menschliche Bewulksein hinein- 
fallt. - Kiinstlerisch Schaffende haben geradezu einen Schreck, eine 
Furcht davor, die Antriebe ihres Kunstlertums in das Bewufksein 
hinaufzuheben. Sie glauben, dadurch die elementarsten Krafte zu 
verlieren, die Naivitat, die sie fur notig halten zum kiinstlerischen 
Schaffen. Und mancher will durchaus nicht dasjenige, was zur vol- 
len Bewulkheit gebracht werden kann, zum Antriebe des sozialen 
Lebens machen, denn er mochte auch da auf etwas UnbewulS- 
tes, Unbekanntes hinweisen, das sich im Verkehr von Mensch zu 
Mensch geltend machen soil. Aus dem Unbewulken heraus soli 
der Mensch die Antriebe zu seinem sozialen Verhalten schopfen, 
und das wiirde in einer gewissen Weise zerstort, wenn es ins voile 
Bewufitsein hinaufgehoben wiirde, gleichsam wie wenn ihm der 
Tau, der es erfrischt, genommen wiirde. 



So bietet man in einer gewissen Weise das Unbewufke, das 
Unbekannte in den verschiedensten Formen an, wie man es heu- 
te eben in aufgeklarten Kreisen tut. Und es ist ja nur eine Folge 
davon, wenn gerade gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft 
immer wieder und wieder ein Vorwurf auftaucht, namlich der- 
jenige, dafi man aus dieser Geisteswissenschaft heraus sich ver- 
mifk, iiber die geistige Welt und ihren Inhalt wirklich etwas aus- 
zusagen und nicht blofi hinzuweisen auf ein jenseits der Grenzen 
der Menschheit liegendes, unbekanntes Ubersinnliches. Man stellt 
dem entgegen den sogenannten «einfachen, schlichten Glauben», 
der sich damit begniigt, nicht einzudringen in das, was Inhalt des 
Geisteslebens ist, sondern auf das Geistesleben nur hinzuweisen 
aus einem gewissen allgemeinen Gefiihl, aus dem Primitivsten der 
Menschennatur heraus. Dieser Glaube, der heute die Zeichen der 
Zeit iiberhoren will, der abweist den bestimmten Inhalt des geisti- 
gen Lebens, nach dem die Geisteswissenschaft strebt, dieser Glau- 
be ist nur der stehengebliebene Rest desjenigen, was fruher in der 
Menschheitsentwicklung gewaltet hat als das Unbewufke. Aber was 
ist dieses Unbewufke? Es war in fruheren Entwicklungsepochen 
der Menschheit anders, als es heute sein kann. Dieses Unbewufke 
war in fruheren Entwicklungsepochen der Menschheit ein Elemen- 
tar-Lebendiges. Je weiter wir zunickgehen in dieser Menschheits- 
entwicklung, desto mehr finden wir, wie im Menschen aufsteigen 
- allerdings nicht auf dem Wege der Bewufkheit, der heute der 
unsrige sein mufi, sondern auf dem Wege des unbewufken Schau- 
ens -, wie in ihm aufsteigen nicht nur die Inhalte seines Geistes- 
lebens, sondern auch das, wodurch er sich die ihn umgebende 
Natur verstandlich macht. 

Man schaue nur hin, meine sehr verehrten Anwesenden, auf 
die letzten Auslaufer dieses uralten Schauens der Menschheit aus 
dem Unbewufken heraus, und man findet die herrlichen Mythen, 
die herrlichen Mythologien, durch die sich der fruhere Mensch 
aus seinem Unbewufken heraus aufgeklart hat iiber sich und die 
ihn umgebende Natur. Wir finden den Quell des kiinstlerischen 
Schaffens aufsteigen aus dieser Unbewufkheit. Und wenn wir uns 



wirklich und nicht bloE nach konventionellen Vorurteilen unter- 
richten wollen, so finden wir auch die Anhaltspunkte dafiir, daft 
der friihere Mensch die Antriebe fiir sein soziales Wollen und sein 
soziales Verhalten im Kreise seiner Mitmenschen aus dem Un- 
bewulken heraufkommend gesucht hat. Liegt doch, wenn auch 
weitaus nicht alles, so doch ein gut Teil desjenigen, was die Men- 
schen aus der Unbewulkheit heraus sozial verbindet, schon in der 
menschlichen Sprache - in dieser menschlichen Sprache, durch 
die wir Schwester und Bruder dem anderen Menschen werden, in 
dessen Umkreis wir leben. Diese menschliche Sprache, wir eignen 
sie uns an in der fruhesten Kindheit, in der Zeit, in der wir uns 
erst in das Leben hineintraumen, in der Zeit, in welcher noch gar 
nicht von Vollbewulkheit gesprochen werden kann. Was tragt nun 
das, was wie aus dem kindlichen Lebenstraum herausgeboren ist, 
in das spatere Leben hinein? 

Wir stehen unter dem Einfluft des Genius der Sprache. Diese 
Sprache, sie gibt uns viel. Sie verbindet uns sozial mit unseren Mit- 
menschen, aber dasjenige, was diese Sprache durchdringt, zu so- 
zialen Triebkraften wirkend, das ist verborgen eben in der fruhesten 
Kindheit; das ist nicht aus der Bewufkheit, das ist aus dem Unbe- 
wufken herausgeboren. Und so kann man sagen: Das alte soziale 
Leben, es ist vielfach aus dem Unbewufiten heraus entstanden. Das 
Unbewulke hat eben bis zu jener Zeit, die fiir die ganze Entwick- 
lung der Menschheit um das 15. Jahrhundert herum eingetreten 
ist, dem Menschen etwas ganz anderes gegeben, als es ihm heute 
gibt. Aber ebensowenig, wie jene Entwicklungskrafte des einzel- 
nen Menschen, die vor seiner Geschlechtsreife liegen, in derselben 
Art im Menschen wiederum vorhanden sein konnen nach der 
Geschlechtsreife und wie da ganz andere Anlagen und Krafte zum 
Vorschein kommen miissen, so mufi in der menschheitlichen Ent- 
wicklung an die Stelle der friiheren Unbewufitheit in diesem heuti- 
gen Zeitalter die Bewufttheit treten. Das Element aber, worauf ich 
vorgestern aufmerksam machen mulke, das unser gegenwartiges 
Zivilisationswesen durchdringt, die Phrase, das ist dasjenige, was 
intensiv verhindert, dafi sich die Vollbewufitheit aus den Tiefen des 



Menschenwesens herausentwickelt. Was friiher den Menschen in 
aller Lebendigkeit durchdrungen hat aus dem Unbewuftten heraus, 
ist heute nicht mehr lebendig; es ist zur Phrase ertdtet. 

Und auch darauf muftte ich vorgestern aufmerksam machen, 
daft gerade die so glorreiche naturwissenschaftliche Weltanschau- 
ung nicht die Moglichkeit gefunden hat, den Menschen iiber etwas 
anderes aufzuklaren als iiber das Auftermenschliche, iiber das, was 
in der leblosen Natur vorhanden ist. Darauf muftte ich aufmerksam 
machen, wie derjenige, der alles an Erkenntnissen umfassen wiirde, 
die ihm die Naturwissenschaft gibt, vor der Frage: Was ist eigent- 
lich der Mensch? - ratios dastehen mufke. Uber diese Frage: Was 
ist eigentlich der Mensch? - gibt diejenige Wissenschaft, die heute 
noch die gebrauchliche ist, keine Auskunft. Woher kommt das? 
Das kommt davon her, daft diese Wissenschaft noch nicht aus der 
vollen Bewufttheit herausgeboren ist, sondern daft diese Wissen- 
schaft, trotz ihrer glorreichen Erfolge, die Fortsetzung desjenigen 
ist, was in dem Zeitalter der Unbewufttheit den Menschen aus ganz 
anderen Quellen zugekommen ist, als die heutigen sind. Daher 
sehen wir diese Wissenschaft in einer merkwurdigen Lage. 

Vor kurzem kam mir in die Hand eine durchaus nicht wert- 
lose Broschure iiber allgemeine soziale Begriffe und Ideen. Aus- 
drucklich bemerke ich, daft viel Wertvolles drinnensteht. Aber 
am Schlusse steht etwas, was fur eine solche Betrachtung wie die 
heutige aufterordentlich charakteristisch ist. Da steht am Schlusse, 
der Verfasser habe rein wissenschaftlich, also wie es die wissen- 
schaftlichen Gepflogenheiten der Gegenwart fordern, die sozialen 
Verhaltnisse betrachtet. Aber weil er wissenschaftlich sein wolle, 
so konne er aus seinen wissenschaftlichen Ideen keine irgendwie 
gearteten Folgerungen Ziehen fur das sittliche, fiir das kiinstleri- 
sche, fiir das politische, fiir das kulturelle Leben, denn die Wissen- 
schaft habe nicht die Aufgabe, irgendwie Folgerungen zu Ziehen 
fiir diese verschiedenen Zweige des Lebens. Ob das, was er rein 
wissenschaftlich schildert - so meint der Verfasser -, ob das Ge- 
schwiire heile oder Sonnen zerstore, das sei der Wissenschaft ganz 
gleichgultig - darauf komme es der Wissenschaft nicht an. 



Sehen wir nicht, indem wir den Ausdruck einer solchen Gesin- 
nung betrachten - der aber nicht einzig dasteht, sondern eigentlich 
typisch ist fur dasjenige, was heute oftmals «Wissenschaft» oder 
«wissenschaftliche Erkenntnis» genannt wird -, sehen wir nicht, 
wie da die Fortsetzung einer gewissen Lebensaskese vor uns stent, 
die sich nur selber nicht erkennt als Fortsetzung, Sehen wir da 
nicht wiederum jene Lebensaskese, welche in friiheren Jahrhunder- 
ten mit einer gewissen Verachtung des aufieren Lebens verkniipft 
war, welche sich zurtickgezogen hat in das menschliche Innere, 
welche sich nicht kummert um dasjenige, was in der aufteren ethi- 
schen, sittlichen oder sozialen Tatsachenwelt vorging, sondern nur 
allein die Angelegenheiten des Innern der Seele betrachtet? Andere 
Formen hat dieses asketische Streben angenommen, aber es tritt 
wiederum auf in dieser Wissenschaftsgesinnung - in dieser Wis- 
senschaftsgesinnung, die zwar in ihrer Art streng gewissenhaf- 
ter Methodik bewundernswiirdig ist, die aber ihre Grofte gerade 
darin sieht, dafi sie gesteht: Ich habe nichts fur das sittliche, fur 
das kunstlerische, fur das politische, fur das kulturelle Leben aus 
mir selbst heraus als Impuls, als Antrieb zu holen. - Gegen diese 
Stimmung, die aber nicht nur im wissenschaftlichen Leben auftritt, 
sondern die - weil das wissenschaftliche Leben heute die Bildung 
beherrscht - sich verbreitet iiber unser ganzes offentliches Leben, 
gegen diese Stimmung ist das, was hier als Geisteswissenschaft 
auftreten will, der vollste Protest. In dem Augenblick, in dem aus 
den traurigen Verhaltnissen unserer gegenwartigen Zivilisation die 
grofien Zukunftsfragen fur den kommenden Tag aufgetreten sind, 
da mulke - wie durch eine Selbstverstandlichkeit - aus dem, was 
Geisteswissenschaft, was wirkliche Geisteswissenschaft, wie sie 
hier gemeint ist, im Innern des Menschen entziindet, eine An- 
schauung iiber das soziale Leben, iiber den Fortgang des sozialen 
Lebens entstehen. Es ist nicht durch die Laune oder durch die 
Willkiir einzelner Personlichkeiten der Impuls der Dreigliederung 
des sozialen Organismus hinzugefugt worden zu dem, was hier seit 
Jahrzehnten schon vertreten wird als anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft - das hat sich als eine Selbstverstandlichkeit 



ergeben. Es hat sich so ergeben, daft man denjenigen innerlich 
unwahr und verlogen empfinden muftte, der mit seiner Seele nach 
dieser Geisteswissenschaft zu streben vorgibt und kein Herz hat 
fur dasjenige, was als soziale Frage die ganze Menschheit durchbebt 
und erschiittert oder wenigstens durchbeben und erschiittern soll- 
te. Da wird jetzt nicht auf dem Wege der aufteren Naturerkenntnis, 
sondern auf dem Wege der Geist-Erkenntnis etwas gesucht, was, 
indem es von der menschlichen Seele erlebt wird, unmittelbare 
Antriebe auch zum sozialen Wollen liefert. 

Um das eine noch zu erwahnen - ich konnte auch auf die an- 
deren Gebiete des Lebens einige Blicke werfen, will aber nur das 
eine erwahnen -: Wir haben in unserem Bau in Dornach etwas 
aufgefuhrt, das nicht rechnet mit irgendeinem alten Baustile, son- 
dern das die Bauformen, das Kiinstlerische durchaus bis in das 
einzelnste hinein behandelt aus den Kraften, die sich aus unserer 
geistigen Erkenntnis, aus unserer geistigen Schau heraus selbst er- 
geben. Dagegen, daft es richtig sei, dasjenige, was als Kiinstleri- 
sches wirkt, im Unbewuftten zu lassen, es nicht hinaufzuheben 
in das Bewuftte, dagegen legt diese Geisteswissenschaft, wie sie 
hier gemeint ist, Protest ein. Wie Geisteswissenschaft selbst in 
die geistigen Welten mit voller Bewufttheit eintreten will, so will 
sie auch das, was hier zu neuen Baustilen, zu neuer kiinstleri- 
scher Gestaltung fiihren kann, herausheben aus dem, was wirkt 
aus den geistigen Welten. Indem Geisteswissenschaft schauen will 
den Geist selbst, mit dem der Mensch in seinem innersten Wesen 
verwandt ist, trifft sie auf dieses innerste Menschenwesen so auf, 
daft sie in den Kern der Menschheit kommt - da, wo das sittliche 
Wollen aufkeimt, wo das sittliche Wollen aufgeht. Geisteswissen- 
schaft kann also nicht sagen, sie kiimmere sich nicht um dasjenige, 
was im sittlichen Wollen vorgeht, sondern sie kann allein das fiir 
sich in Anspruch nehmen, daft sie - indem sie sich durchdringt mit 
einem Wissen von Weltenweiten und von dem Innersten, Intimsten 
der Menschenseele - zu gleicher Zeit die moralischen Antriebe 
gebiert, aus denen heraus der Mensch sein Wollen, sein Handeln 
gestaltet. Diese Geisteswissenschaft kann nicht sagen, es kame ihr 



nicht darauf an, etwas zu tun, damit Geschwiire geheilt werden 
oder Sonnen nicht verloschen. Sie mufi sagen, ihr kommt es darauf 
an, daft aus ihrer Erkenntnis heraus der Mensch die Kraft schopft, 
uberall da heilend aufzutreten, wo durch den aufieren Gang der 
Weltereignisse Schadlichkeiten auftreten, ihr kommt es darauf an, 
etwas hinzustellen, was dem Menschen eine Sonne sein kann und 
was etwas beitragen kann zu den wohltuenden Kraften in der 
Menschheitsentwicklung. Mit-Tun und Mit-Handeln, Mit-Wollen 
und Mit-Absichten-Haben beim ganzen Gang des menschlichen 
geschichtlichen, sozialen Werdens, das ist dasjenige, was diese 
Geisteswissenschaft anstrebt nicht als abstraktes Ziel, sondern was 
sich ihr ergibt durch ihre eigene Natur und Wesenheit. Sie kann 
nicht anders auftreten, als indem sie in voller Bewufitheit dasjenige 
fortsetzt, was sich einer fruheren Menschheit in einer gewissen 
Weise aus der Unbewufitheit heraus ergeben hat. 

Aus dieser Unbewulkheit heraus hatte man in fruheren Zeiten 
eine ganz bestimmte Empfindung iiber den Fortgang der Mensch- 
heitsentwicklung. Das war die, daft das Werden der Menschheit, der 
ganzen Menschheit, wenn es sich selber iiberlassen ware, fortwah- 
rend degenerieren wiirde, fortwahrend von Schadlichkeiten ergrif- 
fen wiirde, fortwahrend zu einer Art von Sterben sich hinneigen 
wiirde, fortwahrend erkranken wiirde. Aber man hatte auch das 
Bewufitsein: Wenn der Mensch eingreift in diese Menschheitsent- 
wicklung, so wird er, indem er gerade auf dasjenige sich verlafit, 
was aus dem Wesen des Unbewuftten heraus ihn erleuchtet, zum 
Heiler der Krankheiten, der Schadigungen. Als eine Heilkraft der 
Menschheitskultur hat man in den Zeiten der unbewulken Entwick- 
lung der Menschheit empfunden alles Wissen, alle Erkenntnis, weil 
man nicht dabei stehenblieb, nur in einer Ecke etwas zu wollen und 
nicht teilzunehmen am aufieren Kulturprozefi - im Gegenteil, man 
wollte mitmachen gerade als Heiler diesen Kulturprozefi. 

Und das Wort, welches uns heriibertont aus der griechischen 
Erkenntnis, charakterisierend eine der tiefsten Kunstschopfungen, 
die Tragodie, das Wort «Katharsis», das tont heruber aus der grie- 
chischen Kultur und will besagen, worauf eigentlich die Wirkung 



des Trauerspiels beruht. Darauf beruht diese Wirkung: im Men- 
schen Bilder von Leidenschaften zu erzeugen, damit diese Lei- 
denschaften im Anblick der tragischen Handlung des Trauerspiels 
geheilt werden konnen - seelisch. Indem dieser Ausdruck «Kathar- 
sis» als das die Tragodie Beherrschende heraustont aus der grie- 
chischen Kultur, wird uns angedeutet, wie auch das Kiinstlerische 
in dem dem Leben so nahestehenden Griechentum als Heilungs- 
prozefi des Lebens betrachtet worden ist. Denn «Katharsis» ist ein 
Wort - wir konnen es nur mit dem abstrakten Wort «Reinigung» 
iibersetzen -, welches man auch braucht fur jene Erscheinung, die 
wahrend einer Erkrankung des Menschen bis zur Krisis fuhrt; 
und wenn diese Krisis zur Ausscheidung des Schadigenden fuhrt, 
dann kommt es zur Heilung. Der Grieche entnahm dem mensch- 
lich-individuellen Heilungsprozeft die Aufgabe fur die Tragodie. 
Er dachte sich nicht das Kiinstlerische aus der iibrigen Kultur fort; 
er dachte es sich durchaus darinnenstehend. 

So im Leben stehend, im lebendigen Wollen und Handeln ste- 
hend, will jene Geisteswissenschaft sein, von der hier seit langem 
gesprochen wird und die heute im Angesicht der Ratlosigkeit - die 
sich ergeben hat aus der auf anderen Gebieten gloriosen Wissen- 
schaft der neueren Zeit - als die ernsteste geistige Forderung des 
kommenden Tages dastehen mul Allerdings mufi, damit sie als 
solche erkannt werde, noch manches herbe Vorurteil hinwegge- 
raumt werden. Solange man glauben wird, dafi ernste Wissenschaft 
nur dasjenige sei, was beschreibt, was durch das Mikroskop und 
Teleskop gesehen werden kann, was im physikalischen Kabinett 
konstatiert wird, was in Kliniken geschieht, solange wird man 
dieser Geisteswissenschaft Vorurteile entgegenbringen. Wenn man 
aber einsehen wird, daft durch alles dasjenige, was auf diese aufte- 
re Weise erforscht werden kann - wenn es auch in anderer Bezie- 
hung noch so wertvoll ist fur die Menschheit nichts iiber das 
innerste Wesen des Menschen selbst gesagt werden kann, dann wird 
der Mensch aus einem inneren Antrieb heraus, weil er nicht an- 
ders kann, wenn er sich Aufklarung iiber sich selbst geben will, zu 
dieser Geisteserkenntnis hingetrieben werden. Ebenso, wie man 



heute hinhorcht auf dasjenige, was im physikalischen Kabinett, in 
den Kliniken konstatiert wird, wird man - gerade um das Wesen 
des Menschen zu erkennen - hinhorchen auf dasjenige, was der Gei- 
stesforscher unternimmt in seiner Seele, indem er sein Denken so 
erstarkt, dafi dieses in sich selber erstarkte Denken nicht mehr, wie 
das gewohnliche Denken, abhangig ist von der Leiblichkeit, sondern 
sich unabhangig macht von der Leiblichkeit. 

Woriiber heute noch die meisten Menschen hohnen, was sie als 
Phantasterei ansehen, das wird in der Zukunft angesehen wer- 
den als streng exakte Methode, die allerdings ganz im Innern der 
Seele selber ablauft. Man wird erkennen, dafi durch das sogenannte 
meditative Leben - aber jetzt nicht durch das alte, mystische me- 
ditative Leben, das nur den Menschen der Welt entfremdet, son- 
dern durch das innerlich tatige meditative Leben - das Denken 
so erstarkt werden kann, besonders wenn die in meinem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» geschilder- 
te strenge Willenszucht dazukommt. Man hat es dann allerdings 
mit einem Denken zu tun, von dem man wei£: Du denkst, aber 
du nimmst in deinem Denken, das jetzt ein rein geistig-seelischer 
Prozeft geworden ist, nicht mehr dein Gehirn zu Hilfe. - Dann 
steigt man auf zur iibersinnlichen Erkenntnis durch diese inner- 
liche Erstarkung des Denkens. Und wie man von einem gewissen 
Zeitpunkte an dasjenige anerkannt hat, was man durch die Ver- 
grofierung des Mikroskops gesehen hat, so wird man auch darauf 
kommen durch die Erstarkung des Denkens und die Anerkennung 
desjenigen, was sich als Forschungsresultate aus dem Ubersinnli- 
chen heraus ergibt, daft auch die Natur, in der wir leben, durch 
unseren intellektuellen Seeleninhalt, durch Intellektualismus nicht 
voll begriffen werden kann. 

Das ist etwas, was heute dem Menschen noch paradox klingt, 
was aber, wenn die ernsten Forderungen des kommenden Tages 
eingesehen werden, nicht mehr paradox klingen wird. Denn ein- 
sehen wird man, daft die Natur innerlich unendlich viel reicher ist 
in ihrer Wirksamkeit als dasjenige, was man durch Naturgesetze 
fassen kann, die nur der menschliche Verstand aus dem Experiment 



abzieht. Man kann ja aus innerer menschlicher Neigung heraus 
vielleicht sagen: Nur dasjenige, was der menschliche Verstand mit 
einem intellektualistisch anschaubaren Urteil erfassen kann, kann 
man als innerlich Erfahrenes ansehen. - Aber will man dabei ste- 
henbleiben, will man nur das als Naturgesetz gelten lassen - und 
alles, was uns heute als Naturgesetze gelehrt wird, wird nur auf 
diese intellektualistische Art durch das Experiment gewonnen -, 
dann mufi man verzichten auf die wirkliche Erkenntnis der Natur. 
Denn was niitzt es denn, immerfort zu deklamieren: Klar ist nur 
dasjenige, was aus dem Verstandesurteil, aus dem intellektualisti- 
schen Urteil heraus kommt -, wenn alles das, was das Wesen der 
Natur ist, sich nicht erfassen lafit durch diese Naturgesetze. Die 
Natur ist so, dafi sie sich nicht den Naturgesetzen ergibt, sondern 
nur den Bildern, die wir im Imaginativen erkennen dann, wenn 
wir unser Denken erstarken, so daft es unabhangig wird vom Leib 
und wir es zu unserem Seeleninhalt machen. 

Allerdings, dasjenige, was auf diese Art hingestellt wird als der 
eigentliche Antrieb und Kern geisteswissenschaftlicher Forschung, 
es geniigt nicht, dafi man es theoretisch anerkennt. Es geniigt nicht, 
daft man sich interessiert um seines eigenen inneren seelischen 
Egoismus willen fur die Ergebnisse, fur die Vorstellungen und 
Gedanken dieser Art von Weltenschau, sondern es ist notwendig, 
dafi die innere Gesinnung und menschliche Seelenverfassung, die 
aus solchem Schauen folgen kann, in unser ganzes offentliches, 
soziales Leben ebenso eindringt, wie eingedrungen ist nach und 
nach - aber vorbereitend die Schrecknisse der letzten vier bis 
fiinf Jahre - die bloft naturwissenschaftliche, intellektualistische 
Denkweise. 

Da wird einfach begonnen werden miissen mit der Schulung des 
Menschen. Da wird diese Schulung des Menschen endlich brechen 
miissen mit demjenigen, was heute noch geradezu als eine Haupt- 
sache alien Schulwesens angesehen wird: dafi dieses Schulwesen 
abhangig sei, beaufsichtigt werde von der Staatsgewalt. Die Staats- 
gewalten werden aus sich heraus, da sie die Aufgabe haben, den 
Staat zu organisieren, die Ziele des Schulwesens immer so gestalten 



wollen, da$ der Mensch ein Instrument innerhalb der staatlichen 
Organisation werde. In der Zukunft wird es nicht darauf ankom- 
men, dafi man den Menschen zu dem oder jenem vorbereitet, son- 
dern es wird darauf ankommen, daE man in sich den Sinn dafiir 
erzieht, durch Anschauen des Geistig-Seelischen am Menschen zu 
beobachten, was sich da von friihester Kindheit an durch des Men- 
schen Leiblichkeit hindurch als Geistiges entwickeln will. Es wird 
darauf ankommen, daft man die Schule von den untersten Stufen 
bis zur hochsten Stufe einzig und allein auf diese Anforderungen 
des Geisteslebens selbst begriindet. 

Heute stehen noch unsere offentlichen Verhaltnisse so, daft 
man nur vereinzelt den Versuch machen kann, ein solches Erzie- 
hungswesen durchzufiihren, wie das zum Beispiel gemacht worden 
ist hier unter der Agide des Herrn Molt mit der Waldorfschule. 
In der Waldorfschule wird von vorneherein von dem Grundsatz 
ausgegangen, daft im Menschen sich herausarbeitet von Kindheit 
an ein Tiefverborgenes, das man aber durch Geistesschau in sei- 
nem Werden von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr beobachten 
kann. Die Methode des Unterrichtens wird so eingerichtet, daft der 
Mensch ein Vollmensch werde, daft im Menschen von der friihesten 
Kindheit an diejenigen Krafte sich entwickeln konnen, die dann 
das ganze Leben hindurch standhalten, die es moglich machen, 
daft der Mensch im spatesten Alter dasjenige aus sich herausholen 
kann, was in ihm entwickelt worden ist. Da muft in vielem an- 
ders vorgegangen werden, als in dem, was man als Erziehungsziel 
betrachtet hat aus naturwissenschaftlichem und materialistischem 
Vorurteil gerade in der neuesten Zeit. Da mufi vor alien Dingen 
von dem Bewufttsein ausgegangen werden: Wenn ich alles das, 
was im Menschen veranlagt liegt, aus diesem Menschen hervor- 
hole, wird er sich spater in das soziale Leben so hineinstellen, daft 
er die Einrichtungen machen wird, nicht daft, wie es heute der 
Fall ist, die Einrichtungen ihn vergewaltigen, so daft er nur eine 
Maschine wird in seinem Beruf, ein Abdruck desjenigen Wesens, 
das ihm sein Beruf aufpragt. Der Mensch der Zukunft, der durch 
diese Schule angestrebt werden soli, mufi allem aufteren Leben das 



Siegel aufpragen, nicht aber darf dieses aufiere Leben ihm das Siegel 
aufpragen. Spricht man das aus, so sieht es zunachst aus wie jene 
Phrasen, die man heute auch oftmals braucht fur Erziehungsziele. 
Aber die bleiben Phrasen, wie so vieles im heutigen Leben, wenn 
man es nicht ankniipft an die wirkliche Geistesschau. Diese mufi 
aber erst aus den Tiefen der menschlichen Seele heraus durch eine 
Erkraftung des Denkens, durch eine Selbstzucht des Willens bis 
zur Methode des ubersinnlichen Schauens getrieben werden. 

Es ist eine ernste Forderung des kommenden Tages, daft neben 
dem, was aufterlich in Laboratorien, in Kliniken erforscht wird, 
auch anerkannt werde dasjenige, was durch strenge innere See- 
lenmethode gefunden werden kann als Offenbarung des eigenen, 
wahren, wirklichen Menschenwesens, das zu gleicher Zeit das iiber- 
sinnliche, das ewige Wesen des Menschen ist. Und es ist ein Ver- 
kennen alles dessen, was die Zeichen der Zeit sprechen, wenn reli- 
giose Vorurteile ein solches Streben so abtun, daft heruntergesetzt 
wird dasjenige, was so der Mensch aus des Menschen ureigenster 
Kraft hervorholen will. Es ist schlimm, daft gerade von mancher 
religiosen Bekenntnisseite her immer wiederum gesagt wird, es sei 
ein Irrtum oder es sei gefahrlich, wenn der Mensch sich innerlich 
so entwickeln will, daft er zur Anschauung des Ubersinnlichen 
kommt; dieses Ubersinliche solle man aus instinktivem, dem ein- 
fachsten Gemiit gegebenem Glauben hinnehmen. - Es klingt das, 
weil es der menschlichen inneren egoistischen Bequemlichkeit ent- 
gegenkommt, fur viele sehr schdn. Und beschwerlich klingt es fur 
viele, wenn Geisteswissenschaft auftritt, um uber die einzelnen 
Tatsachen der ubersinnlichen Welt so zu sprechen, wie sonst die 
auftere Naturwissenschaft iiber die aufterlich-sinnlichen Tatsachen 
des Lebens spricht. Beschwerlich ist es, wenn der Anspruch dar- 
auf gemacht wird, fur eine Erkenntnis der geistigen Welt einzelnes, 
mit dem der Mensch als geistig-seelisches Wesen verkniipft ist, so 
zu beschreiben, wie man diese auftere, sinnliche Welt beschreibt. 
Der Mensch mochte aus einem ganz unbestimmten Gefiihl heraus 
wie im Handumdrehen alles mogliche als «das G6ttliche» erfas- 
sen; er mochte sich nicht darauf einlassen, dieses Gottliche in sich 



auf muhsamen inneren Wegen sich zu erobern. Aber der Mensch 
wird, indem er sich nicht darauf einlassen will, dieses Gottliche auf 
dem muhsamen Weg der Seele zu erobern, sondern indem er es in 
Abstraktheit eines Gefuhls festhalten will, sich immer mehr und 
mehr vom wirklichen Leben entfernen. Was er uber die Natur aus- 
sprechen wird, wird ohnmachtig sein, in das soziale Leben, in das 
politische Leben, in den Kultus, selbst in das sittliche Leben einzu- 
greifen. Es wird zuletzt sogar ohnmachtig sein, die Religion selber 
aufrechtzuerhalten, weil der Mensch gewohnt wird im gegenwarti- 
gen Zeitalter, nach dem Konkreten hinzustreben, weil der Mensch 
gewohnt wird, der Naturwissenschaft erkennend zuzuschauen und 
nicht blofi zu glauben. Die Erziehung, die er da sich erringt, wird 
ihre Krafte geltend machen auch fur dieses Gebiet. Gibt man dann 
dem Menschen diese Geisteswissenschaft nicht, spricht man ihm 
nicht von dieser Geistesschau, bekampft man sie, dann wird er die 
alten, traditionellen, aus dem Zeitalter der Unbewulkheit herriih- 
renden religiosen Bekenntnisse verlieren. Seine Seele wird veroden. 
Diejenigen religiosen Bekenntnisse, die sich heute entgegenstem- 
men einem lebendigen Ergreifen der Geisteswelt, sie sind es, die der 
wahren Religiositat der Menschheit entgegenarbeiten. 

Und diese Erkenntnis selber ist eine ernste geistige Forderung 
des kommenden Tages. Es ist durchaus mit den alten Tatsachen 
gerechnet, wenn man heute sagt, Religion musse beim Menschen 
aus dem dunkelsten Drang heraus kommen, sie musse durchaus in 
der Region des Unbewufiten sich halten, sie diirfe sich nicht auf- 
schwingen zur vollen Bewufitheit. Was ich Ihnen heute auf diesem 
Gebiet als eine Charakteristik des eigentlichen geistigen Strebens 
geschildert habe, das soil eben offenbaren, wie hinzustreben hat 
die Menschheit nach einem bewufiten Erleben der geistigen Welt. 
Dieses bewufke Erleben der geistigen Welt, es ist fur das offentliche 
Leben nicht anders zu erreichen als durch das Selbstandig-Stellen 
alles geistigen Strebens und damit hauptsachlich aller Schulung 
der menschlichen geistigen Krafte, die unabhangig sind von den 
staatlich-rechtlichen Kraften, die unabhangig sind von alien wirt- 
schaftlichen Machten - man kann dariiber nachlesen in meinem 



Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ein Geistesleben, das 
auf sich selbst gestellt ist, das rein aus dem heraus arbeitet, was iiber 
den Geist des Menschen die innerste Seele sagt, das unabhangig ist 
von alien Autoritaten, ein solches Geistesleben allein wird in der 
Menschheit erwecken auch ein Bewufksein iiber den Geist. Die- 
ses Bewulksein braucht der Mensch, damit er gewahr werde den 
Zusammenhang des eigenen Geistes in seinem Innern mit dem die 
ganze Welt umfassenden Geiste. So hat eigentlich auf dem Gebiet 
der Erkenntnis die Menschheit die Notwendigkeit gewonnen, den 
Ubergang zu flnden von den alten unbewufiten Forderungen zu 
den neueren, immer bewufker und bewufiter werdenden Forde- 
rungen, die immer starker und starker werden auftreten mussen. 

Aber auch auf anderen Gebieten des Lebens treten ernste For- 
derungen des kommenden Tages auf. Wenn wir ein zweites Gebiet 
des menschlichen Lebens, des offentlichen menschlichen Lebens 
betrachten - dasjenige Gebiet, das sich ergibt aus dem Zusam- 
menleben von Mensch zu Mensch, wie es der miindig gewordene, 
erwachsene Mensch entwickelt, wie er es zu gleicher Zeit entwik- 
kelt als Stiitze fur die aufstrebende Kindheit und Jugend, die her- 
einwachsen soil in das folgende Zeitalter -, wenn wir dieses Leben 
betrachten und auf fruhere Epochen der Menschheitsentwicklung 
blicken, geht auch dieses auf Unbewufites zuriick; aber auch dieses 
Leben fordert den Ubergang in die Bewufitheit. 

Woraus hat sich alles Recht entwickelt? Woraus hat sich alles das 
entwickelt, was sich gewissermafien kristallisiert hat in den staat- 
lichen Gesetzgebungen, den gesetzlichen Ordnungen? Ich kann 
es hier nur kurz andeuten. Aus demjenigen hat es sich entwickelt, 
was in alteren Zeiten, in den Zeiten der unbewufken Menschheits- 
entwicklung, entstanden ist aus der Gewohnheit, die Mensch an 
Mensch entwickelt hat. Unbewufit hat der Mensch entwickelt ein 
Hinaufschauen zu einem anderen Menschen; daraus ist ein Verhal- 
ten entstanden. Unbewufit hat der Mensch entwickelt ein Gefiihl 
dadurch, dafi der andere Mensch sich zu ihm in einer gewissen Weise 
verhalten hat. Daraus sind Rechtsgewohnheiten entstanden. Aus der 
Unbewulkheit heraus ist die Sitte, ist das Recht entstanden. Auch 



auf diesem Gebiete hat sich in das Zeitalter der Bewufkheit herein 
erhalten dasjenige, was nur seine Berechtigung gehabt hat im Zeit- 
alter der Unbewufkheit. In das Zeitalter der Bewufkheit herein hat 
sich erhalten ein Festhalten an Resten des Altgewohnten. Bis heute 
hat sich noch wenig gezeigt von einem Ubergang zu einer anderen 
Anschauung gerade des Rechts- und Staatswesens, von einem Uber- 
gang zu der Anschauung, die in voller Bewufkheit erfafk dasjenige, 
was das Verhaltnis von Mensch zu Mensch im aufteren, sozialen 
Leben ist. So wie aber in der reinen Erkenntnis der Ubergang ge- 
wonnen werden mufi von der Unbewufkheit zur Bewufkheit, so 
mufi auch auf dem Gebiete des Rechts- oder Staatslebens dieser 
Ubergang gefunden werden von der Unbewufkheit zur Bewufkheit. 
Das mufi herausgeboren werden aus dem, was der Mensch erlebt, 
indem er durch Geistesschau innerlich den Geist kennenlernt. Es 
mufi herausgeboren werden aus diesem Wissen des Ubersinnlichen 
die Art und Weise, wie Mensch zu Mensch rechtlich-staatlich in 
der sozialen Ordnung steht. Es muE herausgeboren werden aus 
des Menschen Bewufksein vom Ubersinnlichen das irdische Be- 
wufksein - das Bewufksein: Indem du dastehst als Mensch und 
gegeniiberstehst dem anderen Menschen, sind wir beide nicht nur 
das, was da als Menschenleib dem Menschenleib gegenubersteht; 
wir beide sind die Trager eines Geistig-Seelischen. Es verkehrt ein 
Geistig-Seelisches mit einem Geistig-Seelischen. - Das lafk sich 
als Seeleninhalt nicht durch theoretische Anschauung erwerben. 
Das kann als Seeleninhalt nur entstehen, wenn er belebt wird von 
friihester Kindheit an durch eine Schulung, die alles Naturliche an 
das Geistige ankniipft, die alles Naturliche auch vom Geistigen aus 
durchdringt. Wenn der Mensch mit seiner innersten Empfindung 
in der Wahrheit vom Geistigen drinnensteht, dann wird er auch im 
Verkehr von Mensch zu Mensch jene Gefuhle entwickeln, die ihn als 
Geistwesen dem anderen Geistwesen gegeniiberstellen. Dann wird 
er in der staatlich-rechtlichen Ordnung zwar zunachst ein Ergebnis 
des Verhaltens der Menschen sehen, aber er wird darin als tieferen 
Sinn dasjenige anerkennen, was die ganze Menschheit als Uber- 
sinnliches durchdringt. Weil noch fur dieses Gebiet die Reste des 



Unbewuftten aus alten Zeiten in unsere Zeit hereinragen, deshalb hat 
sich dasjenige, was friiher aus Unbewufttem heraus den Menschen 
in seinen Rechtsempfindungen, seinen Staatsgefiihlen voll belebte, 
umgebildet zu einer bloften Konvention. Die Konvention, sie mufi 
wiederum in sich aufnehmen das Lebendige, dasjenige, was elemen- 
tarisch von Mensch zu Mensch wirken kann. Das kann aber wieder- 
um nur dadurch geschehen, daft wirklich der Mensch einen Boden 
findet, auf dem - unabhangig von allem ubrigen Menschenleben 
- sich abspielt nur dasjenige, was sich entwickelt von Menschenseele 
zu Menschenseele als Recht. Weil aber das alte Unbewuftte, das in 
einer gewissen Beziehung fur unsere vergangene Epoche seine Be- 
rechtigung hatte, sich hereinerhalten hat bis in unsere Epoche, hat 
es seinen Sinn verloren. Das Recht hat sich erhalten dem aufteren 
Wortlaut, der aufteren Sitte nach; der innere Sinn ist verloren- 
gegangen. Es konnte daher nicht ausgeubt werden aus der inneren 
Lebendigkeit der Seele heraus; es konnte nur ausgeubt werden aus 
der physischen Macht heraus. 

Und so sehen wir, wie sich heute, zunachst noch halb unbe- 
wufit, aus der Menschheit heraus erhebt der Appell - aber ein 
Appell, der heute zu stark aus der Phrase heraus erhoben wird, 
der der Phrase entkleidet und mit Wirklichkeit bekleidet werden 
mufi -, es erhebt sich der Appell, das, was bloft unter dem Einfluft 
der aufteren Machtgebote besteht, durch ein wirkliches Recht zu 
ersetzen, in ein wirkliches Recht zu verwandeln. Was in unseren 
aufteren Institutionen auf dem Rechts- oder Staatsboden als Macht 
lebt, ist einfach dadurch entstanden, daft das, was friiher aus dem 
Unbewuftten entsprungen ist, sich festgehalten hat ohne Sinn, so 
daft es jetzt nicht aus der menschlichen Seele festgehalten werden 
kann, sondern durch auftere Macht festgehalten wird. Es muft sich 
verwandeln - auf dem Weg, der aber nur gesucht werden kann in 
dem Ubergang vom unbewufiten Fuhlen von Mensch zu Mensch 
zu dem bewuftten Fuhlen des einzelnen Menschen fur das wirk- 
liche geistig-seelische Wesen des anderen Menschen. 

Und so wie in der Epoche der Unbewufttheit sich das Erkennen 
entwickelt hat, so wie dasjenige, was Sitte war und Recht geworden 



ist, sich herausentwickelt hat aus Elementarischem, aus demjenigen, 
was nicht unter das Bekannte, Uberschaubare gerechnet werden 
konnte, so haben sich auch entwickelt die Gebrauche, die Ver- 
haltungsmafiregeln des aufieren Lebens. Sie haben sich entwickelt 
durch die Anpassung des Menschen an seinen Umgang, durch das 
Verkehren mit den aufieren Dingen, durch das Probieren, durch 
das Schaben, Kratzen, Schleifen im aufieren Leben; mit anderen 
Worten: so haben sich die Geschicklichkeiten des Wirtschaftsle- 
bens entwickelt. Aus dem Unbewufiten heraus haben sich diese 
Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Und in dem 
Zeitalter, in dem stehengeblieben ist der alte, unbewufite Rest, der 
nicht mit neuem, innerem seelischen Erleben angefullt hat das, was 
fruher mit dem Seelisch-Unbewufiten erfullt war in der Behand- 
lung der Aufienwelt durch den Menschen, ist das leergeworden, 
ist das zur blofien Routine geworden. Der Geist aber mufi den 
Menschen ergreifen. Das Ubersinnliche mufi in die Bewufitheit 
einziehen, dann wird der Mensch wiederum die wirtschaftliche 
Aufienwelt durchdringen mit dem, was ihn von innen befeuert. 
Dann wird er der Aufienwelt wieder einen Sinn geben. Dann wird 
der Beruf nicht ihn machen, dann wird er den Beruf machen. Dann 
wird auch notwendig sein, dafi der Mensch nicht einfach hinein- 
gestellt wird in irgendeinen Beruf und sich ihm anzupassen hat, 
sondern es wird notwendig sein, dafi er erzogen wird aus den 
Anforderungen und Kraften der Menschennatur heraus. Er wird 
sich hineinstellen in das Gefuge des wirtschaftlichen Lebens, in 
dem uberschaubare Assoziationen bestehen werden, Assoziationen 
zwischen den Leuten gleicher und ahnlicher Beruf e oder angren- 
zender Berufe, in dem Assoziationen bestehen werden zwischen 
denen, die produzieren, und denen, die konsumieren. Solche Asso- 
ziationen werden nur eine solche Grofie erreichen, dafi die ganzen 
Verhaltnisse darin durch Menschenkraft iiberschaubar sind, dafi 
diese uberschaubaren Assoziationen mit anderen in freiem Verkehr 
des wirtschaftlichen Austausches stehen konnen. Da wird sich das- 
jenige entwickeln, was im Wirtschaftsleben aus Anschauung, aus 
Erfahrung gewonnen wird. Da wird es unmoglich sein - weil die 



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Menschen zu tiberschaubaren Assoziationen zusammengeschlossen 
sind -, da wird es unmoglich sein, daft der eine dem anderen irgend 
etwas darbietet, was der andere nicht seinem ganzen Ursprung, sei- 
nem Herkommen nach kennt. Da wird man bauen konnen auf das, 
was sich durch die Kraft der Organisationen, der Assoziationen 
gebildet hat. Da wird man wissen, mit wem man es zu tun hat, weil 
man einsehen wird, wie der einzelne durch den wirtschaftlichen 
und sozialen Zusammenhang in Assoziationen hineinkommt. Da 
wird wahrhaftig im wirtschaftlichen Leben anstelle des Ungeistes 
der Geist herrschen. So kann man sagen, dafi durch die Assozia- 
tionen - indem die Menschen durch diese Assoziationen einander 
kaufmannisch und wirtschaftlich kennenlernen -, die Bewufttheit 
auch in das Wirtschaftsleben einzieht. So wird einfach durch das 
Drinnenstehen in diesen Assoziationen das bewuftte wirtschaft- 
liche Leben sich entwickeln. 

Der Ubergang von der Unbewufitheit zur Bewufttheit: das ist 
dasjenige, was die Menschen ergreifen miissen im einzelnen, eng- 
begrenzten Kreise des offentlichen, aufteren Lebens, was die Men- 
schen auch ergreifen miissen im Groften. Wir sehen, wie das Un- 
bewufite heute auf einem Gebiet des grofien Weltenlebens wirkt. 
Aber man konnte auch fragen: Wie wenige sehen es da? 

Wir haben gesehen, wie sich unter dem Einflufi der Ereignisse 
der letzten vier bis fiinf Jahre gegen Mitteleuropa eine Weltkoali- 
tion erhoben hat, wie durch die traurigen Ereignisse dieser Jahre 
sich herausgehoben hat die Hegemonie der englischsprechenden 
Bevolkerung iiber die Erde hin. Und in dieser Beziehung wird 
die Menschheit noch viel erleben. Fur den, der mit unbefangenem 
Urteil diese Angelegenheiten iiberschauen kann, fur den steht 
eine sehr herbe Zukunft bevor. Wenn man hinzuschauen vermag 
gerade auf die groften Weltereignisse, mufi man auch von diesem 
Gesichtspunkte aus die Frage stellen: Welchen Charakter hat denn 
das offentliche politische Leben derjenigen Macht, die heute als 
die englischsprechende Macht nach Weltherrschaft strebt? Wel- 
ches ist der Grundcharakter gerade der englisch-amerikanischen 
Politik? - Man findet ihn kaum ausgesprochen; man steht heute 



fast in der ganzen Welt unter dem Einflufi dieser Politik, und 
man findet ihn kaum ausgesprochen. Man sieht, wie gewisse 
Erscheinungen in dieser Politik immer wiederkehren, aber man 
kann diese Erscheinungen nicht in der richtigen Weise charakte- 
risieren. Man hatte hinhoren konnen, wie im letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts Leute, die vertraut waren in England mit dem, 
was man dort eigentlich anstrebte, im Grunde vorausgesagt haben 
zum Beispiel das Schicksal des heutigen europaischen Ostens, die 
vorausgesagt haben zum Beispiel, daft ein grower Weltkrieg kom- 
men musse. Aber gehandelt hat diese Politik unter dem Einflufi 
dieser Antriebe. 

Das ist dasjenige, was so wenig durchschaut wird. Das ist das- 
jenige, was aber durchschaut werden mufi, wenn man iiberhaupt zu 
einer praktischen Gestaltung des Lebens vorschreiten will, wenn 
man eine praktische Stellung im heutigen offentlichen Leben ge- 
winnen will. Dann mu!5 man aber auch sagen: Verlauft denn diese 
englische Politik nicht so, daft sie oftmals scheinbar Schritte vor- 
warts macht, wieder zurucknimmt und so weiter? Wir konnen das 
in der englischen Politik gegenuber Agypten, gegeniiber Rutland 
bis in die heutigen Tage verfolgen, wenn man sehen kann, wie 
Lloyd George sich verhalten hat vor einigen Monaten, wie er sich 
heute verhalt, wie er Schritte vorwarts macht, sie wieder zuruck- 
nimmt. Was aber ist in alledem drinnen? Ein ganz bestimmtes 
Ziel ist darin, das mit dem Volksegoismus der englischsprechenden 
Erdenbevolkerung zu tun hat. Dieses Ziel ist aber so darinnen, 
wie in den friiheren Epochen der Menschheitsentwicklung aus dem 
Unbewulken heraus der Mensch sich Ziele gesetzt hat. Dann ging 
er im Aufieren, zum Beispiel im Wirtschaftsleben, ans Probieren, 
an die Anpassung an die Umgebung. 

Sieht man auf der einen Seite hin auf das aus dem Unbewuft- 
ten herausgeborene englisch-politische Ideal der Weltherrschaft 
und beobachtet diese Schritte vorwarts und zuriick, beobachtet, 
was im Einzelnen versucht und getan wird, dann findet man die 
einzige wirklich richtige Bezeichnung fur die Politik: Sie hat aus 
dem Unbewufiten heraus ihre groften Ziele, und sie ist in bezug 



auf die einzelnen Handlungen Experimentalpolitik. Sie ist so stark 
Experimentalpolitik, Versuchspolitik, aus unbewufken Zielen fest- 
gestellte Politik, daft man sich nicht entmutigen lafk, wenn das eine 
oder andere nicht gelingt. Man versucht es eben dann auf ande- 
rem Wege. Man hat die unbewufken Ziele, und in der Bewulkheit 
experimentiert man, probiert man, und wenn man auf die eine 
Weise nicht weit genug kommt, so versucht man, auf die andere 
Weise weit genug zu kommen. Da haben wir auf dem Gebiet des 
grofien Weltenwesens, der Welthandlungen das Heraufspielen des 
Unbewufiten, das bloft probiert und experimentiert, da haben wir 
dasjenige, was auch iiberwunden werden mufi durch die Forderung 
des kommenden Tages. 

Hier durchschaut, erkennt man, meine sehr verehrten Anwe- 
senden, dafi dasjenige, was heute als Hauptsachliches in der Welt 
geschieht, ich mochte sagen Gott sei Dank nicht der kommende 
Tag ist, sondern doch die Abenddammerung ist. Der wirkliche 
kommende Tag aber, er wird sich aus der Forderung heraus er- 
geben, die nur entstehen kann durch eine innere Entwicklung der 
menschlichen Seele selbst. Diese Entwicklung zielt dahin, das- 
jenige, was fruher mit Recht in der Menschheit als Unbewulkes 
gewaltet hat, zum Bewulken herauf zu erheben. Allerdings aber 
mufi diese Entwicklung bis in die intimsten, innersten Krafte der 
menschlichen Seele hereingehen. 

Es ist Ihnen heute gesagt worden, dafi nach meinem letzten 
Vortrag Traktatchen verteilt worden sind. In diesen Traktatchen 
stehen allerlei Dinge. Unter anderem wird da auch wiederum das 
alte Marchen aufgewarmt, dafS man es bei dieser Geisteswissen- 
schaft mit einer das Christentum verhohnenden Anschauung, vor 
alien Dingen mit einer Verhohnung des Christus selber zu tun 
habe. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was 
durch den Christus Jesus in die Menschheitsentwicklung der Erde 
hineingekommen ist, ist eine Tatsache - eine Tatsache, die hinein- 
gestellt ist in diese ganze Menschheitsentwicklung. Diese Tatsache 
muE jedes Zeitalter, in dem die Menschheit fortschreitet, in ihrer 
Eigenart neu begreifen. Schwachmiitig ist der, der da glaubt, nur 



dann auf einem christlichen Boden stehen zu konnen, wenn er 
nur die alten Vorstellungen gelten lassen kann und wenn er ab- 
lehnt dasjenige, was gerade aus einer neuen Entwicklungsstufe des 
menschlichen Seelenlebens als Anschauung des Christentums sich 
ergibt. 

Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geistes- 
wissenschaft iiber den Christus und iiber das Mysterium von Gol- 
gatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schone Paulinische 
Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissen- 
schaft ist sich klar dariiber, daft der Christus aus ubersinnlichen 
Hohen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daft er mit 
dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daft der heutige Mensch 
nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hinein- 
leben kann, sondern daft er in seinem eigenen Innern die Kraft als 
Mensch entwickeln muft, die diesen kommenden Tag herbeifuh- 
ren wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium 
von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so 
wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem 
Christus nicht bloft haben den «Erl6ser des siindigen Menschen», 
der passiv rechnet auf seinen Erloser, sondern er wird in sich haben 
den Heifer bei dem Herbeifuhren des kommenden Tages. Er wird 
in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir aber 
der Christus nicht bloft als Sundenerloser, sondern der Christus 
als Anfeurer und Auferwecker all der Krafte, die in der Folgezeit 
als Krafte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten kon- 
nen. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus 
gegen so etwas auflehnen zu miissen, die miftverstehen vielleicht 
die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie 
verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wor- 
tes. «Der Christus in mir» ist nicht bloft etwas passiv Geglaubtes, 
sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwartsbringt. 
Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geistes- 
wissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft be- 
kampfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in 
mir -, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen, 



die ich haben will iiber den Christus in mir. - Nicht sagen sie: 
Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in 
mir; meine altgewohnten Vorstellungen iiber den Christus in mir. 
- Das richtige Verstandnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was 
eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes 
erfullen wird. 

Damit habe ich Ihnen heute einige der Forderungen des kom- 
menden Tages zu charakterisieren versucht, und ich glaube, gerade 
diese ernsten Betrachtungen damit schliefien zu diirfen, daft ich 
sage: Wenn der Menschheit Kraft werden soli aus dem Geiste, 
dann mufi es auch zu einer neuen Erfassung des wahren, des ech- 
ten christlichen Wesens aus dem Geistigen kommen. Und das ist 
wahrhaftig nicht die letzte, nicht die unernsteste Forderung des 
kommenden Tages. 



DRITTER VORTRAG 
Stuttgart, 10. Marz 1920 
Die Volker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft 

Sehr verehrte Anwesende! Die letzten Jahre haben geoffenbart, 
welche Summe von Hafi- und Antipathiegefiihlen durch die Seelen 
der Volker der Erde haben ziehen konnen. Niemand wird seiner 
Empfindung nach sich verschliefien vor der Erkenntnis dessen, was 
doch eine Wahrheit ist: dafi auf dem Wege dieses Hasses und die- 
ser Antipathie das Erdenleben einen gedeihlichen Fortschritt nicht 
wird nehmen konnen. Und so darf es unter den mancherlei Be- 
trachtungen, die ich hier schon vor Ihnen anstellen durfte, wohl 
auch einmal gestattet sein, vom Standpunkte der geisteswissen- 
schaftlichen Erkenntnis iiber alles das zu reden, was nach dieser 
Erkenntnis die Menschheit, die ganze zivilisierte Menschheit we- 
nigstens, einen kann. Gewifi, Erkenntnisse sind noch nicht Gefiih- 
le. Aber geisteswissenschaftliche Erkenntnisse - auch das ist hier 
von diesem Orte aus schon ausgesprochen worden -, geisteswis- 
senschaftliche Erkenntnisse sind enger verbunden mit der ganzen 
menschlichen Wesenheit, mit dem Innersten des Menschen selbst, 
als auEere, abstrakte Wahrheiten, als aufiere Sinneswahrheiten. Da- 
her sind geisteswissenschaftliche Wahrheiten wohl auch geeignet, 
Empfindungen, Gefiihle, Willensimpulse aus den Menschen loszu- 
losen, so daft sehr wohl aus der starken inneren Kraft, die aus gei- 
steswissenschaftlichen Erkenntnissen iiber das Einende der Volker 
sich offenbaren kann, auch gekraftigt werden konnen die Gefiihle 
der Sympathie, die Gefiihle der gegenseitigen Liebe unter den ver- 
schiedenen Volkern der Erde. Und da im Laufe der Menschheits- 
entwicklung diese Menschheit immer mehr und mehr fortschreitet 
von dem instinktiven, unbewufiten Leben zu dem bewuftten Leben, 
zu der vollen, willkurlichen Erfassung der menschheitlichen Auf ga- 
be, so ist es schon so, dafi fur die Zukunft nicht das unbestimmte, 
gefiihlsmafiige Lieben allein hinreichen wird, um die Volker der 
Erde zu einen, sondern es mufS die bewufite gegenseitige Erkenntnis 



dessen aufgehen, was das Wesen des einen Volkes von dem Wesen 
des anderen Volkes wird erwarten konnen. 

Wir haben ja auf einem Gebiete heute es verhaltnismaftig leicht 
einzusehen, wie notwendig diese Einigung der Menschen iiber die 
Erde hin ist; wir brauchen nur zu sehen auf die heutigen furcht- 
baren Schadigungen des Wirtschaftslebens. Und wenn wir nach 
den letzten Griinden fragen, warum dieses Wirtschaftsleben solche 
Schadigungen erfahren hat, auf welchen Wegen der Zerstorung es 
wandelt, so miissen wir uns zunachst sagen, daft aus einem un- 
bestimmten Drang der ganzen Menschheit heraus das Streben, die 
Tendenz vorhanden ist, die ganze Erde zu einem Wirtschaftsgebiet 
zu machen. Aber auf der anderen Seite sind die Volker der Erde 
nicht so weit, ihre nationalen Egoismen so zu veredeln, daft wirk- 
lich dasjenige, was diese einzelnen Volker erwirtschaften konnen, 
zu einem Gesamtwirtschaftsleben der Erde werden kann; das eine 
Volk will dem anderen etwas abjagen. Dadurch entstehen aus den 
alten Instinkten der Volker heraus unsachliche Gesichtspunkte, 
wahrend von den neuen Instinkten eine erdenweite Wirtschaft 
der Gesamtmenschheit gefordert wird. Das ist ja eine Erkenntnis, 
die heute, ich mochte sagen mit Handen zu greifen ist, die auch 
immer wieder und wiederum von fiihrenden Geistern der Gegen- 
wart betont wird: daft dieses Streben nach einer einheitlichen Er- 
denwirtschaft vorhanden ist, daft ihm aber gegemiberstanden bis 
in das 20. Jahrhundert herein die nationalen Wirtschaften und daft 
diese nationalen Wirtschaften mit ihrem Gegensatz zu der Er- 
den-Gesamtwirtschaft verursacht haben den Niedergangsprozeft 
des wirtschaftlichen Lebens, vor dem wir heute stehen. 

Allein, darauf soil nur hingedeutet werden. Das ist es nicht, was 
uns heute im wesentlichen beschaftigen soli; ein anderes ist es. Uns 
soil dasjenige beschaftigen, was die Volker geistig und seelisch wie- 
derum abbringen soil von dem so erschreckend sich offenbarenden 
Haft, der so erschreckend sich offenbarenden Antipathie, wie wir 
sie erlebt haben im Laufe der letzten fiinf bis sechs Jahre. Vor- 
handen waren sie gewift schon lange, geoffenbart haben sie sich in 
einer so furchtbaren Art im Laufe der letzten fiinf bis sechs Jahre. 



Handelt es sich aber urn die Erkenntnis des einen Volkes durch 
das andere, handelt es sich darum, daft aufgenommen werde das 
geistig-seelische Wesen des einen Erdenvolkes in das geistig-seeli- 
sche Wesen des anderen Erdenvolkes, dann, meine sehr verehrten 
Anwesenden, konnen wir nicht etwa bloft unter dieses andere Volk 
gehen oder durch unser Schicksal dahin gefuhrt werden, urn auf 
diese Weise - gewissermaften durch dasjenige, was sich im alltag- 
lichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch abspielt - einander 
als Volker kennenzulernen. Fur eine Volkererkenntnis geniigt das 
Reisen oder das Leben unter anderen Volkern ebensowenig, wie 
es zum Verstandnis des einzelnen, individuellen Menschen etwa 
geniigt, wenn ich bloft seine Gebarden, seine Bewegungen anschau- 
en wiirde. Wenn ich Sinn fur solche Dinge habe, konnte ich aus 
seinen Gesten, aus seinen Bewegungen mancherlei von dem er- 
raten, was im Innern des Menschen ist; allein ich werde ihn di- 
rekter erkennen, wenn ich in der Lage bin, seine Sprache auf mich 
wirken zu lassen, wenn ich in der Lage bin, dasjenige von ihm 
anzunehmen, was er durch seine eigene, seine innere Kraft mir 
iibermitteln will. 

Gibt es ein ahnliches Ubermitteln der inneren Kraft, der inneren 
Wesenheit von Volk zu Volk? - Die blofte Sprache und auch das- 
jenige, was wir im alltaglichen Leben von Volk zu Volk wahr- 
nehmen, kann es nicht sein, denn das alles ist nur im Verkehr 
von Mensch zu Mensch begriindet. Da muft etwas eintreten, was 
iiber das blofte Individuell-Menschliche, iiber das Erkennen, das 
Auffassen des anderen Wesens im Menschen hinausgeht. Und wir 
sind im Grunde genommen in Verlegenheit, wenn wir iiberhaupt 
in verstandlicher Weise reden wollen von einheitlichem Volkstum. 
Ist irgend etwas da von einheitlichem Volkstum, was so sinnlich- 
wirklich ist wie auftere Dinge oder auftere Wesen, was uns veran- 
lassen konnte von einem solchen einheitlichen Volkstum zu spre- 
chen? Von dem einzelnen Menschen konnen wir reden, von einer 
einzelnen Wesenheit, auch wenn wir uns nur einlassen wollen auf 
die sinnliche Wahrnehmung. Fur die sinnliche Wahrnehmung ist 
das Volkstum nichts weiter als eine Summe von soundso viel ein- 



zelnen Menschen. Aber wenn wir das Volkstum als etwas Reales 
anerkennen wollen, konnen wir gar nicht anders als uns erheben 
zu etwas Ubersinnlichem. 

In der Tat, wer diejenige Geistesschulung durchmacht, von der 
hier schon ofter, auch wiederum in den letzten Wochen gespro- 
chen worden ist, wer die in der Menschenseele die sonst im all- 
taglichen Leben schlummernden iibersinnlichen Erkenntniskrafte 
entwickelt, fur den wird das, was man als Volkstum bezeichnen 
kann, eine reale Wesenheit, allerdings eine reale Wesenheit uber- 
sinnlicher Art. Dann aber, wenn er empfanglich wird fur das Gei- 
stige in der Welt iiberhaupt, dann offenbart sich ihm das fremde 
Volkstum als geistige Wesenheit, als ein Ubersinnliches, das das 
sinnliche Wesen der Menschen wie eine Art Wolke durchdringt, 
die zu diesem Volkstum gehort und sie einhullt. Erst wenn man 
versucht, von Volk zu Volk solche Erkenntnisse zu suchen, wel- 
che im Ubersinnlichen wurzeln, kann man so eindringen in das 
Wesen eines Volkes, wie man niemals eindringen kann durch den 
alltaglichen Verkehr zwischen einzelnen Menschen. Das ist dasje- 
nige, was ich versuchen mochte, wenigstens mit einigen Strichen 
heute zu skizzieren: wie Geisteswissenschaft es anfangen will, die 
Zusammengehorigkeit der Volker der Erde iiber den Erdball hin 
wirklich tief zu erkennen. Dazu scheint mir notwendig, dafi der 
einzelne Mensch selbst erst aus den Quellen der Geisteswissen- 
schaft heraus wirklich erkannt werde. 

Ich habe schon einmal in einem Stuttgarter Vortrag darauf auf- 
merksam gemacht, wie in meinem vor einigen Jahren erschienenen 
Buche «Von Seelenratseln» davon gesprochen worden ist, dafi die- 
ser Mensch, so wie er vor uns steht im alltaglichen Leben, kein 
einheitliches Wesen ist, sondern dafi in der Tat die menschliche 
Organisation - ich meine jetzt die unmittelbare nattirliche mensch- 
liche Organisation - eine solche ist, die drei deutlich voneinander 
unterscheidbare Glieder offenbart. 

Wir haben in der menschlichen Organisation zunachst alles 
dasjenige, was sich bezieht auf die Hauptesorganisation als den 
Mittelpunkt alles desjenigen, was man nennen kann im einzelnen 



Menschen die Nerven-Sinnes- Organisation. Und der Mensch erlebt 
seine Sinneswahrnehmungen und seine Vorstellungen, seine Gedan- 
ken, seine Ideen durch das Werkzeug dieser Nerven-Sinnes-Organi- 
sation; ein denkender Mensch ist der Mensch der Erde durch diese 
Nerven-Sinnes-Organisation. Nun hat man die Vorstellung aus der 
heute gebrauchlichen Naturwissenschaft heraus, dafi iiberhaupt das 
ganze menschliche seelisch-geistige Wesen auf der Nerven-Sinnes- 
Organisation beruht und gewissermaften wie ein Parasit aufgesetzt 
ist der ubrigen Organisation. Das ist nicht der Fall. 

Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eine personhche Be- 
merkung mache, aber ich mufi das folgende schon sagen: Ein drei- 
ftigjahriges Verfolgen der menschlichen Natur und Wesenheit, ein 
Verfolgen, bei dem immer der Einklang der Geisteswissenschaft 
mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gesucht worden 
ist, hat mich dazu gebracht, diese Dreigliederung des natiirlichen 
menschlichen Wesens bestatigt zu finden. Es ist ein gebrauchli- 
ches Vorurteil der heutigen Naturwissenschaft, daft das ganze see- 
lisch-geistige Leben parallel gehe mit dem Nerven-Sinnesleben. In 
Wahrheit ist das anders. In Wahrheit ist nur das Denkleben des 
Menschen gebunden an den Nerven-Sinnes-Apparat, wahrend das 
Gefuhlsleben, das Empfindungsleben gebunden ist an alles dasje- 
nige, was in der menschlichen Organisation rhythmisch verlauft. 
Nicht bloft indirekt, sondern ganz direkt ist das Empfindungs-, 
das Gefuhlsleben an den Atmungsrhythmus, an den Blutumlaufs- 
rhythmus so gebunden, wie das Denk- und Wahrnehmungsleben 
an den Nerven-Sinnes-Organismus. Und ebenso wie das Gefuhls-, 
das Gemiitsleben an alles das im Menschen gebunden ist, was ur- 
sprunglich rhythmisch verlauft, so ist das Willensleben gebunden 
an alles das, was im Menschen Stoffwechsel ist. Die scheinbar 
niederste Natur des Menschen, der Stoffwechsel, er ist der Trager 
des Willenslebens - und zwar als Prozefi, nicht als Stoff. 

So ist der Mensch seelisch-geistig ein dreigliedriges Wesen. Der 
geistige Wille, das seelische Gemiit, das auf die aufteren, materiellen 
Erscheinungen hin organisierte Denken und Vorstellen und Wahr- 
nehmen, das sind die drei Glieder des geistig-seelischen Menschen. 



Diese drei Glieder des geistig-seelischen Menschen entsprechen den 
drei Gliedern des menschlichen physischen Organismus: erstens 
dem Nerven-Sinnes-Apparat, dem Nerven-Sinnes-Mechanismus, 
zweitens der Organisation, die in dem rhythmischen Leben der 
Blutzirkulation, des Atmens gegeben ist, und drittens dem Stoff- 
wechselleben, das mit den beiden andern zusammen alle moglichen 
Prozesse bildet, die in der menschlichen Organisation vorhanden 
sind. 

Wenn wir nun aber den Menschen auf einem Gebiet der Erde 
betrachten, so zeigt er sich uns in dieser dreigliedrigen Organisation 
durchaus nicht so, daft etwa diese dreigliedrige Organisation iiber 
die ganze Erde hin bei alien Menschen im wesentlichen die gleiche 
ware. Das ist wiederum der grofie Irrtum im heutigen Denken der 
Menschheit, dafi man glaubt, man konne irgendein gemeinsames, 
zum Beispiel soziales Programm iiber die ganze Erde hin ausge- 
ben und die Menschen mufiten sich einem solchen gemeinsamen 
Programm fiigen, wahrend doch die Menschen iiber die Erde hin 
individualisiert und spezialisiert sind. Und derjenige, der kennen- 
lernen will die wirkliche menschliche Erdenwesenheit, der wirklich 
erkennen lernen will sein Geschlecht auf der Erde, der mufi Lie- 
be entwickeln konnen, nicht nur zu einer abstrakten allgemeinen 
Menschheit - was ja nur die Idee der Menschheit ware, die tote, 
leere Idee der Menschheit -, sondern der mufi Liebe zu den indi- 
viduellen Ausgestaltungen der Menschennatur nach den verschie- 
denen Gebieten der Erde entwickeln. 

Wir konnen selbstverstandlich in der kurzen Zeit, die uns zu- 
gemessen ist, nicht zu alien einzelnen, individuellen Volkern hin- 
gehen und sie charakterisieren, aber wir konnen die Haupttypen 
der menschlichen Erdenorgansation ins Auge fassen. 

Da werden wir, wenn wir einen charakteristischen Menschen- 
typus, der zu den altesten gehort, ins Auge fassen wollen, zuerst 
gefuhrt zu dem orientalischen Menschentypus, der sich in dem ur- 
alten Volk der Inder und auch in anderen orientalischen Volkern 
in der verschiedensten Weise zur Offenbarung gebracht hat. Ein 
Gemeinsames zeigt dieser orientalische Menschentypus. Er zeigt, 



namentlich charakteristisch an dem indischen Volke, wie der Mensch 
des Orients zusammengewachsen ist mit der irdischen Natur, auf 
der er erwachst. Nun, so sehr es uns erscheint, dafi dieser orienta- 
lische Mensch in seine Seele, in sein Gemiit aufgenommen hat in 
intensiver Hingabe das Geistige, so sehr uns imponiert orientalische 
Mystik - studieren wir den orientalischen Menschen hinsichtlich 
seiner volkstiimlichen Eigenschaften, so finden wir, daft dasjenige, 
was so bewundernswert als hochste Geistigkeit in seinem Innern 
sich offenbart, gerade bei ihm abhangig ist von dem Erleben des im 
Menschen stromenden Willens, der wiederum an den Stoffwechsel 
des Menschen gebunden ist. So paradox das zunachst erscheinen 
konnte, gerade die hohe Geistigkeit des orientalischen Volkes, auch 
namentlich der Inder, ist dasjenige, was - wenn ich mich eines gro- 
ben Ausdrucks bedienen darf - «aufkocht» aus dem Stoffwechsel, 
dem Stoffwechsel, der im Zusammenhang steht durch seine eigene 
Wesenheit mit den Prozessen, die irdischer Natur in der Umgebung 
dieser Menschen sind. Da draufien namlich, in der indischen Natur, 
da drauften sind die Baume, die Friichte, da ist dasjenige, was eine 
herrliche, bewunderungswiirdige Natur dem Menschen - ganz be- 
sonders in den alteren Zeiten - wie von selbst gab, und das vereinigt 
er mit seinem Stoffwechsel so, daft das, was in ihm als Stoffwech- 
selprozeft vorgeht, gewissermaften die Fortsetzung ist desjenigen, 
was da drauften auf den Baumen in den Friichten «kocht», was da 
unter der Erde webt und lebt in den Wurzeln und so weiter. Ich 
mochte sagen, ganz und gar zusammengewachsen ist dieser Mensch 
des Orients durch seinen Stoffwechsel mit dem irdischen Wachsen 
und Gedeihen. Das macht es gerade aus: Weil der Stoffwechsel 
der Trager des Willens ist, entwickelt sich dieser Wille im Innern 
des Menschen. Aber dasjenige, was sich im Menschen besonders 
entwickelt, worin der Mensch ganz und gar steckt und wodurch er 
sich verbindet mit seiner Umgebung, das tritt nicht so sehr ins Be- 
wufttsein herein. Ins Bewulksein hinein strahlt etwas anderes. Und 
das ist es gerade, dafi in das Gefuhls- und Denkleben des Orien- 
talen - besonders des charakteristischen Orientalen, des Inders - 
das hineinstrahlt, was scheinbar materialistisch im Stoffwechsel des 



Menschen erlebt wird, was aber im Stoffwechsel des Menschen so 
erlebt wird, daft es sich in seiner geistigen Spiegelung eben als spi- 
rituelles Leben darstellt. 

So erscheint uns auch das, was aus dem Gemiit, aus dem Denken 
der orientalischen Volker hervorgeht, was sie geistig produzieren, 
wie ein geistiges Produkt der Erde selbst. Wenn wir uns versenken 
in die intensiv zu unserer Seele sprechenden, vom Lichte des Geistes 
durchleuchteten Veden, wenn wir uns versenken in die instinktiv- 
scharfsinnige Vedanta-Philosophie, in die Yoga-Philosophie, wenn 
wir uns vertiefen in Werke wie die des Laotse, des Konfuzius, wenn 
wir iiberhaupt einen Sinn dafur haben, uns hinzugeben an orien- 
talische Poesie, orientalische Weisheit, dann haben wir dieser Weis- 
heit gegeniiber nirgends das Gefiihl, sie strome in einer besonderen 
individuellen menschlichen Artung aus einer Personlichkeit heraus. 
So wie der Orientale durch seinen Stoffwechsel zusammengewach- 
sen ist mit der umgebenden Natur, so wie die umgebende Natur 
in ihm weiter webt und west, ja kocht und siedet, so ist es auch, 
wenn wir seine Poesie, seine poetische Weisheit, seine weisheits- 
volle Poesie auf uns wirken lassen. Es ist, wie wenn die Erde sich 
selber aussprache, wie wenn dasjenige, was die Geheimnisse des 
Erdenwachstums sind, durch den Mund des Orientalen zu der gan- 
zen Menschheit der Erde sprechen wiirde. Man hat das Gefiihl, so 
wie dieser orientalische Mensch Dolmetsch der inneren geistigen 
Geheimnisse der Erde selber sein kann, so kann kein Angehoriger 
eines anderen Volkes - keines Volkes des Westens und keines Vol- 
kes der europaischen Mitte - Dolmetsch und Interpret desjenigen 
sein, was die Geheimnisse der Erde selber sind. Ja, es ist, wenn 
man charakterisieren will die besten Angehorigen orientalischer 
Volker, fast so, als wenn sie auf der Erde wandelten und in ihrem 
inneren Erleben das zum Ausdruck brachten, was eigentlich unter 
der Oberflache der Erde lebt, was von unterhalb der Oberflache der 
Erde aus dieser Erde herauswachst, sich in den Bluten und Friichten 
der Erde entpuppt; es ist so, daft in dem, was geistig-seelisch in der 
orientalischen Menschenwesenheit ist, das Innere der Erde gleich- 
sam in diesen Menschen zur Darstellung kommt. Daher begreifen 



wir es, dafi die orientalischen Menschen ihrer ganzen Wesenheit 
nach fur dasjenige, was auf der Erdoberflache an physikalischen 
Erscheinungen sich darbietet, was sich offenbart an aufieren sinn- 
lichen Tatsachen, weniger Sinn haben. Sie tragen das, was an in- 
neren, unterirdischen Kraften der Erde zu diesen Erscheinungen 
und Tatsachen fiihrt, zugleich in ihrer eigenen Menschennatur. Da- 
her interessieren sie sich wenig fur das, was iiber der Oberflache 
der Erde vor sich geht. Sie sind Stoffwechselmenschen. Aber wir 
sehen, dafi der Stoffwechsel bei ihnen sich auf geistig-seelische 
Art offenbart. 

Wie ist es, wenn in diesen Menschen ein Ideal auf geht? Oh, 
wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht, dann wird das, was die 
orientalischen Weisheitslehrer ihren Schiilern als besondere Zucht 
der Seele vorstellen, ungefahr so ausgesprochen: Ihr mufit soundso 
atmen; ihr mulk euch in dieser und jener Weise in den Rhythmus 
des menschlichen Lebens hineinfuhlen. - Anweisungen zu einem 
besonderen Atmungsrhythmus, zu einem besonderen Blutzirku- 
lationsrhythmus geben diese Lehrer ihren Schiilern. Es ist etwas 
Eigentumliches, wie die orientalischen Weisheitslehrer ihre Schuler, 
um sie zu Hoherem hinaufzufiihren, zu den Gemiits- und Gefuhls- 
prinzipien weisen. Der orientalische Mensch, wie er im gewohn- 
lichen Leben steht - namentlich insofern er den siidlicheren asia- 
tischen Volkern angehort ist auf den Stoffwechsel hinorganisiert. 
Wenn ihm ein konkretes Ideal aufgeht, wie er ein hoherer Mensch 
werden kann, dann bildet er das rhythmische System aus, dann sucht 
er durch Freiwilligkeit das auszubilden, was er als ein Hoheres, ihm 
nicht von der Natur Gegebenes anerkennen mufi. 

Nun ist es das Eigentumliche, dafi wir, je mehr wir von den 
asiatischen Volkern zu denjenigen Europas hingehen, namentlich 
zu denen der europaischen Mitte, bei den Menschen im Alltags- 
leben besonders dasjenige Glied der menschlichen Entwicklung sich 
offenbarend finden, das wir als das rhythmische System bezeichnen 
konnen. Gerade diejenigen Volker, die das mittlere Europa, nicht 
den Osten, nicht den Westen, sondern das mittlere Europa bewoh- 
nen - und als Bliite innerhalb dieses Volkertums ist das besonders 



im deutschen Volkstum hervorgetreten -, diese Volker haben zu 
ihrem alltaglichen Charakteristikon dasjenige, was der Inder an- 
strebt als sein Ideal eines hoheren Menschen. Aber es ist etwas 
anderes, ob man sich etwas erst erwirbt durch Selbstzucht, durch 
Freiheit oder ob man es instinktiv-naturlich hat. Der mitteleuropai- 
sche Mensch hat das auf naturgemafie Weise, was der Orientale aus 
seinem Stoffwechselleben, das mit der Erde innig verbunden ist, erst 
herausentwickeln mufi. Daher ist fur den europaischen Menschen 
dasjenige das Alltagliche und Naturliche, was fur den asiatischen 
Menschen ein Ideal ist, und ein anderes mufi fur ihn das Ideal wer- 
den. Dieses Ideal fur den europaischen Menschen wird dasjenige 
sein, das wiederum eine Stufe hoher liegt: das Denkleben, wie es 
gebunden ist an das Nerven-Sinnesleben. 

Dieser mitteleuropaische Mensch - wie geht sein Bestreben dar- 
auf hin, aufierlich [in seinen Kunstschopfungen] das auszubilden, 
was dem geisteswissenschaftlichen Blick gebunden erscheint gera- 
de an das Werkzeug des rhythmischen Lebens. Der Orientale hat 
etwas wie eine ziigellose Phantasie in seinen Kunstschopfungen; 
es ist wirklich etwas, was wie ein Dunst des inneren Erdenwir- 
kens aufsteigt gleich den Nebeln aus dem Wasser. Das rhythmi- 
sche, innerliche Geschlossensein, das das Wesentliche im Leben 
des Mitteleuropaers ist, das hat ja schon das alte Griechenvolk 
hervorgebracht, von dem so viel ausgegangen ist fur die ganze 
moderne Zivilisation, gerade fur dasjenige, was wir als die Kunst 
Europas bezeichnen. Dasjenige, was fur uns als innere Harmonie 
des Erdenmenschen zum Ausdruck kommt, wo weder das Stoff- 
liche nach der einen Seite hin noch das Atherisch-Geistige nach 
der anderen Seite hin besonders ausgebildet wird, wo der mittlere 
Mensch zum Ausdruck kommt, das ist dasjenige, was der Grieche 
anstrebte. Man sehe sich die Schopfungen der orientalischen Phan- 
tasie an: sie schweifen nach irgendeiner Seite aus. In Griechenland 
erst nimmt die menschliche Gestalt, kunstlerisch aufgefafit, ihre 
harmonische Rundung, ihre innere Geschlossenheit an. Das ist so, 
weil der [mitteleuropaische] Mensch sich im mittleren Gliede sei- 
nes Wesens, im rhythmischen System erfafk. Stellt dieser sich ein 



Ideal vor, so ist es das, was er anstrebt durch innere Seelenzucht, 
durch seine dialektische Logik, durch seine wissenschaftliche Er- 
ziehung; es ist der Gebrauch der Denkorgane, so wie beim Inder 
es der Gebrauch der mk dem Rhythmus zusammenhangenden 
Organe im Menschenwesen ist. Wie der indische Yogi sitzt und 
versucht, das Atmen zu organisieren seelisch-geistig, so daft es ihn 
hinaustragt iiber den gewdhnlichen Menschen, so wird der Mittel- 
europaer - bei dem dasjenige, was im rhythmischen System, in der 
Blutzirkulation, im Atmen verlauft, instinktiv sich entwickelt und 
ihn zum Menschen macht -, so wird der Mitteleuropaer erzogen 
aus dem heraus, was das denkerische Leben ist. Und diese Gedan- 
ken nehmen gerade bei den besten Individuen Mitteleuropas die 
Gestalt an, nun Dolmetsch, Interpret desjenigen zu sein, was der 
Mensch als solcher ist. Das ist es, was uns auffallt, wenn wir von 
der Vertiefung in kiinstlerische Produktionen der orientalischen 
Menschheit hiniibergehen zu denjenigen der europaischen Mensch- 
heit. Bei den orientalischen kiinstlerischen Produktionen ist es so, 
daft wir selbst in den hochsten geistigen Schopfungen etwas sehen 
wie Bluten der Erdenentwicklung selber; der menschliche Mund 
ist gleichsam nur da, um die Erde sich aussprechen zu lassen. Das 
ist beim mitteleuropaischen Menschen, schon beim Griechen, nicht 
der Fall. Beim heutigen mitteleuropaischen Menschen - wenn er 
seiner eigenen Natur folgt und sich nicht selber untreu wird -, ist 
es so, daft er dann, wenn er ein Hochstes aussprechen will, alles 
das ausspricht, was er selber als Mensch ist; er will sich hingeben 
diirfen der Anerkennung der Tatsache, daft Selbsterkenntnis des 
Menschen die edelste Frucht menschlichen Strebens ist. Daft die 
Darstellung des Menschlichen in der Umgebung des Menschen, in 
Natur und Geschichte, das edelste menschliche Schaffen ist, das ist 
doch schlieftlich beim Mitteleuropaer das Wesentliche, wenn dieser 
Mitteleuropaer sich seiner eigenen Natur und Wesenheit hingibt. 

Daher sehen wir, wie eigentlich nur in Mitteleuropa ein so 
wunderbarer Gedanke hat entstehen konnen wie derjenige, der 
aus Goethes Buch iiber Winckelmann herausleuchtet - ich moch- 
te sagen wie die Sonne des neueren Kulturlebens. Da, wo Goethe 



in seinem Buche iiber Winckelmann alles dasjenige, was in diesem 
Wundermenschen an hoherem Empfinden, an tiefen Gedanken, an 
Starke des Willens lebte, zusammenfaike als seine Weltanschauung, 
sagte er: «Daher tritt nun Kunst ein, denn indem der Mensch auf 
den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze 
Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. 
Dazu steigert er sich, indem er sich mit alien Vollkommenheiten 
und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Be- 
deutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunst- 
werkes erhebt, das neben seinen iibrigen Taten und Werken einen 
glanzenden Platz einnimmt.» Der Mensch bringt gleichsam eine 
neue Natur aus seiner eigenen Geistigkeit hervor. Dieses Hinlenken 
aller menschlichen Krafte auf die Erfassung des Menschen selber, 
das ist dasjenige, was - dem Volkstum nach - bei dem Menschen 
Mitteleuropas, wenn er sich selber treu ist, ganz besonders hervor- 
tritt; es ist nur in der neueren Zeit zuriickgetreten. Aber es ist alle 
Veranlassung vorhanden bei dem Menschen Mitteleuropas, sich zu 
besinnen, wie gerade er, wenn er seiner ureigenen Wesenheit folgt, 
zu diesem Schatzen und Erfassen und Durchdringen des eigentlich 
Menschlichen kommen mulS und soli. 

Sehen wir aber von einer noch mehr geistigen Seite, einem gei- 
stigeren Gesichtspunkte aus nach dem Orient mit seinen Volker- 
schaften hinuber, so finden wir, daft diese orientalischen Volker 
jene Geistigkeit, die das Bewulksein des Zusammenhanges der 
menschlichen Seele mit dem Gottlichen erzeugt, gerade dadurch 
entwickeln, daft sie Stoffwechselmenschen sind, weil im Innern 
der Mensch, um eine ganze Natur zu sein, dasjenige sich ent- 
gegenstellen muE, was er nicht von der elementarischen Welt her 
hat, weil er das Entgegengesetzte seiner Natur in seinem eigenen 
Bewulksein sich entgegenstellen mul Und so das menschliche 
Herz ergreifend, wie der Orientale vom Zusammenhang des Men- 
schen mit dem Gottlichen wie von etwas Selbstverstandlichem 
reden kann, das kann kein Angehoriger eines anderen Volkes 
der Erde. Daher nehmen diese Angehorigen der anderen Volker 
der Erde, wenn sie auch die orientalischen Volker unterjochen 



und erobern, wenn sie ihnen auch ihre Eigenheiten wegnehmen 
wollen und ihnen ihre eigenen Gesetze und Ordnungen geben 
mochten, sie nehmen dasjenige auf, was die orientalischen Volker 
iiber den Zusammenhang des Menschen mit dem Gottlichen zu 
sagen haben, als etwas auch fur sie Bestimmendes. Und wir sehen 
gerade in der neueren Zeit, wie die in Materialismus versunkenen 
Westvolker selbst zu solchen orientalischen Philosophen wie dem 
alten Laotse, wie sie zu der chinesischen Weltanschauung, wie sie 
zur indischen Weltanschauung ihre Zuflucht nehmen - nicht so 
sehr darum, um dort Ideen zu finden, sondern um zu finden jene 
Inbrunst, mit der man dasjenige, was der Mensch erfuhlen kann 
im Zusammenhang mit dem Gottlichen, eben einfach und stark 
empfinden kann. Mehr um sein Gefuhl erwarmen zu lassen von 
der Art und Weise, wie der Orientale von seinem Zusammenhang 
mit dem Gottlichen spricht, vertieft man sich in die orientalische 
Literatur, weniger um deren philosophischen Gehalt zu empfin- 
den. Dabei macht allerdings manchmal die abstrakte Natur der 
Europaer diesen Europaern in der Auffassung des Orientalischen 
einen Strich durch die Rechnung. 

Ich habe es immer wieder und wiederum finden miissen, dafi 
mir Leute, welche zum Beispiel die Reden Buddhas gelesen hatten 
mit ihren endlosen Wiederholungen, mir gesagt haben, das miis- 
se gekiirzt herausgegeben werden, da miisse jeder Satz nur einmal 
da sein und die Wiederholungen rmiftten gestrichen werden, damit 
man doch nicht immer denselben Satz lesen mulke. - Ich konnte 
nur immer wieder sagen: Ihr lernt nicht in Wirklichkeit dasjenige 
kennen, was an diesen Dingen dem orientalischen Volk das Grofie 
ist, das liegt gerade in dem, was Ihr herausstreichen wollt. - Denn 
indem sich der orientalische Leser den Reden Buddhas mit den 
endlosen Wiederholungen hingibt, erreicht er sein Ideal: das rhyth- 
mische Wiederkehren des Motivs. Er kehrt immer wieder zu dem 
Satz zuriick. Was ihm alltaglich ist, ist das, was in seinem Stoff- 
wechselmenschen vor sich geht; was in ihm vorgeht, wenn er sich 
den immer wiederkehrenden Satzen Buddhas hingibt, das ist ein in 
seinem freiesten Streben errichtetes seelisch-geistiges Gegenbild des 



Atmens, des Blutzirkulationssystems. Wenn man wirklich eins zu 
werden versucht mit dem, was dem Orientalen heilig und gro$ ist, 
lernt man etwas erkennen, was man als Angehoriger anderer Volker 
nicht ohne weiteres erkennen lernen kann. Der Europaer hat natiir- 
lich das Bediirfnis, die Wiederholungen zu streichen. Denn weil er 
im Atmungsrhythmus lebt, ist sein Ideal, sich dariiber zu erheben 
zu dem Gedanklichen. Wenn der Gedanke einmal erfafit ist, will er 
nicht Wiederholungen haben; der Europaer strebt iiber die Wieder- 
holungen hinaus. Man mufi, wenn man sich in diese orientalischen 
Wiederholungen einlalk, schon ein anderes Verstandnis, nicht ein 
aufieres Gedankenverstandnis haben. Man mufi eine innere Liebe 
fur dasjenige entwickeln, was sich bei den verschiedenen Volkern 
in ganz verschiedener individueller Art ganz differenziert auftert 
und wovor man so stehen mufi, daft man fiihlt: Was die einen haben 
gerade an Grofiem, das haben die anderen nicht. - Und das findet 
man nur, wenn man die anderen Volker lieben kann, wenn man 
annehmen kann dasjenige, was diese anderen Volker an Grofiem 
haben. 

Gerade wenn wir uns in die innere Natur und Wesenheit der 
Volker der Erde vertiefen, finden wir diese individuelle Wesen- 
heit so verschieden, dafi wir uns sagen mussen: Das Umfassend- 
Menschliche kommt eigentlich durch keinen einzelnen Menschen, 
nicht durch den Angehorigen eines einzelnen Volkes zum Vor- 
schein, es kommt nur durch die ganze Menschheit zum Vorschein. 
Und willst du, Mensch, dasjenige erkennen, was du als ganzer 
Mensch bist, so durchwandere die Eigentumlichkeiten der einzel- 
nen Volker der Erde. Nimm alles auf, was du selber nicht haben 
kannst, dann erst wirst du zum ganzen Menschen. Du hast ihn 
doch in dir; werde nur aufmerksam auf das, was in deinem Innern 
ist. Was bei dem anderen Offenbarung ist, hast du nicht; du mufit 
es bei ihm suchen. Aber du hast das Bediirfnis danach. Das fiihlst 
du, und du weifk, wenn du bei dem anderen das findest, was dem 
anderen gerade das Grofte, das ihm Eigentiimliche ist, dann wirkt 
das ganz einfach auf dich ein. Dann ist es ein Bediirfnis, dafi du 
ohne das, was du von ihm empfangst, nicht sein kannst, weil es 



deinem inneren geistig-seelischen Begehren entspricht. Die Anlage 
zu einem ganzen Menschen ist schon in jedem, aber die Erfullung 
miissen wir finden, indem wir die Eigentiimlichkeiten des Wesens 
der verschiedenen Volker, wie sie iiber die Erde ausgebreitet sind, 
durchwandeln. Und kommen wir zu diesem Geistigen, so kon- 
nen wir uns sagen, im Orient ist es dasjenige, daft der Mensch 
vermag, des Menschen Zusammenhang mit dem Gottlichen wie 
etwas Selbstverstandliches in Grofte auszusprechen. 

Aber heute finden wir, zugedeckt wie von einer Schicht, die 
wieder weg mufi, von einer Schicht des Miftverstandnisses, etwas 
hochst Eigentiimliches innerhalb der mitteleuropaischen Volkheit, 
innerhalb des mitteleuropaischen Volkstums. Sehen wir uns alle 
unsere grofien Philosophen an, welche neben dem, was sie iiber 
Natur und Gott und Mensch gedacht haben, alle, ich mochte 
sagen gleichmafiig etwas hervorgebracht haben: Es gibt fast keinen 
groften deutschen Philosophen, der sich nicht mit aller Intensitat 
vertieft hat in die Frage: Was ist das Recht, das von Mensch zu 
Mensch waltet? - Die Suche nach dem Recht, mag sie verschuttet 
und mifiverstanden sein, sie ist gerade eine Eigentumlichkeit der 
mitteleuropaischen Volkheit. Und wer das nicht anerkennt, versteht 
nicht diese mitteleuropaische Volkheit, und er findet nicht die Be- 
geisterung, von dem gegenwartigen Materialismus, der von etwas 
ganz anderem herriihrt, wiederum zuriickzufinden zu demjenigen, 
was eigentlich in Wahrheit charakterisiert diese mitteleuropaische 
Volkheit, dieses wahre Deutschtum, diese echte deutsche Eigen- 
tumlichkeit und Wesenheit. 

Geradeso wie der orientalische Mensch dadurch, dafi er selber 
wie eine Bliite oder Frucht der Erde sein Geistesleben zur Darstel- 
lung bringt, der Interpret, der Dolmetsch der Erde wird, so wird 
der Deutsche der Interpret von sich selbst. Er stellt sich sich selber 
fragend gegeniiber. Dadurch, daft er das tut, steht er jedem ande- 
ren Menschen als Gleicher gegeniiber, und dadurch wird fiir ihn 
die brennendste Frage die Rechtsfrage. Nicht die Ubernahme des 
romischen Rechtes, sondern die Erforschung der Rechtsnatur - sie 
tritt uns bei Fichte, bei Hegel, bei Schelling entgegen, iiberall da, 



wo der deutsche Gedanke in die Tiefen des Weltwesens hineingeht. 
Und schlieftlich ist auch dasjenige, was uns in der abstrakten Ver- 
folgung der Rechtsfrage bei Fichte, Hegel, Schelling, bei Humboldt 
entgegentritt, im Grunde genommen im Konkreten dasselbe, wie 
wenn Goethe auf alien seinen Wegen sucht nach den Ausdriicken 
und der Darstellung der wahren, allseitig geschlossenen, harmo- 
nisch geschlossenen Menschennatur. Goethe ist in dieser Bezie- 
hung der Reprasentant, mochte ich sagen, des mitteleuropaischen 
Wesens, der Reprasentant der mitteleuropaischen, der deutschen 
Volkheit. So wie der Orientale der Erde, so steht der mitteleuro- 
paische Mensch dem Menschen in Selbsterkenntnis gegemiber. 

Und gehen wir nach dem Westen Europas und noch dorthin, 
wo sich sein Wesen dann weiter, dasselbe charakteristischer aus- 
driickend, darstellt, nach Amerika, gehen wir nach dem Charakter 
dieses wahren Okzidentalen, dann finden wir, dafi sein natiir- 
liches Wesen gerade in dem abstrakten Denken gegeben ist. Der 
Westmensch ist vorzugsweise der Kopfmensch; der Orientale ist 
der Herzensmensch, derjenige, der im Herzen erlebt den Prozefi 
des Stoffwechsels; der mitteleuropaische Mensch ist der Mensch 
der Atmung, der durch seinen Rhythmus mit der Aufienwelt in 
rhythmischer Beziehung steht. Wenn ich ein Bild gebrauchen darf, 
das der - wie ich glaube - aufierordentlich geistreiche Rabindra- 
nath Tagore gebraucht hat, der geistvolle Orientale, so mochte ich 
sagen: Den Westmenschen, den Okzidentalen, den Kopfmenschen 
vergleicht Tagore mit einer geistigen Giraffe - er liebt ihn, man 
braucht durchaus nicht irgendwelche Antipathie zu haben, wenn 
man eine solche Charakteristik vornimmt. Mit einer geistigen 
Giraffe vergleicht er ihn, weil man das Gefiihl hat - geistig-wirk- 
lich ist das dargestellt -: der Kopf ist weit entfernt von der ubrigen 
Korperlichkeit, ein langer Hals trennt den Kopf von der ubrigen 
Korperlichkeit, ein Kopf, der dann allein in abstrakten Begriffen 
auffafit, was die Welt ihm darbietet, der aufnimmt alles in ab- 
strakter Form, in soldier Abstraktheit, daft die Vierzehn Punkte 
Woodrow Wilsons herauskamen. Und es ist ein weiter Weg, bis 
diese abstrakten Begriffe, diese Worthulsen, diese Begriffs- und 



Ideenhiilsen den Weg zum Herzen, zur Lunge, zum Atmungssy- 
stem finden, bis sie den Weg finden zu denjenigen Orten, durch die 
sie Gefiihle werden konnen, durch die sie in den Willen iiberge- 
hen konnen. Wir haben da den Menschen, dessen charakteristische 
Eigenschaft dasjenige ist, was ich nennen mochte das Denksystem. 
Dasjenige, was der Mitteleuropaer als sein Ideal anstrebt, was er in 
Freiheit erreichen will, das strebt der Westmensch, namentlich der 
Amerikaner nicht in Freiheit an; es ist ihm instinktiv gegeben. Er 
ist ein Abstraktling - instinktmafiig. Und es ist etwas ganz ande- 
res, ob man irgend etwas instinktma&g hat oder ob man es sich 
erwirbt. Wenn man etwas sich erwirbt, hat man es ganz anders ver- 
bunden mit seiner Menschennatur; man hat es ganz anders, wenn 
man es in Freiheit erobern mufi, als wenn es einem instinktma£ig 
durch die Natur selber gegeben ist. 

Und da liegt eine grofie Gefahr. Denn sehen Sie, wahrend der 
Inder anstreben kann in seiner Yoga-Philosophie das rhythmische 
System, der Mitteleuropaer das anstreben kann, was Denksystem 
ist, mufke ja bei der Westmenschheit, wenn sie nicht das Menschen- 
tum verlieren sollte, die «geistige Giraffe» iiber den Kopf hinaus. 
Dieser westlichen Menschheit obliegt in der Tat dasjenige, was ich 
jiingst ganz offen zu einer Versammlung, in der Westmenschen 
selber waren, gesagt habe: ihr obliegt das, was man charakterisie- 
ren mufi als die grofie Verantwortung, die gerade die gegenwartige 
westliche Menschheit hat. Westliche Artung, westliches Volkstum 
wird ins Nichtige sich verlieren, wenn es iiber das Denksystem 
hinausstrebt, wenn es ins Leere hinein oder in leeren Spiritismus 
hineinstrebt und da, wo man ein seelisches Nichts flndet, dieses 
Seelische sucht. Hier liegt die Gefahr, aber auch die Verantwor- 
tung: die Gefahr, ins Seelisch-Nichtige zu kommen durch ein Stre- 
ben iiber das dem Menschen natiirlich Gegebene hinaus, und die 
Verantwortung, zu wirklicher Geisteswissenschaft aufzusteigen 
- wenn man nicht durch seine Weltherrschaft zum Untergang der 
Menschheit fiihren will. 

Bei der mitteleuropaischen Menschheit dagegen wird es ein ge- 
sundes, menschliches Streben in Freiheit sein, das einen hinaufleitet 



in die Geistigkeit, das einen bringt zur Geisteswissenschaft. Ich 
mochte sagen: Die Volker Mitteleuropas haben es als eine heilige 
Pflicht - weil es in ihrer Anlage liegt -, die geistige Leiter hinauf- 
zusteigen zu dem geistigen Erkennen. Aber sie erreichen, indem sie 
von ihrem Rhythmus- und Atmungssystem hinaufsteigen in das 
Denksystem, immerhin noch etwas, was im Gebiet des Mensch- 
lichen ist. Fur die Westvolker liegt die Gefahr vor, dafi sie aus 
dem Menschlichen hinauskommen, gerade wenn sie sich ein Ideal 
zurechtformen - daher alle die nun doch das Allgemein-Mensch- 
liche verleugnenden sektiererischen und ahnliche Bestrebungen des 
Westens. In dieser Beziehung wird durchaus in der Gegenwart 
noch nicht klar gesehen. 

Wahrenddem beim Orientalen, dessen Stoffwechselsystem der 
Erde zugewandt ist, ein spirituelles Wirken auf Naturwegen zum 
Vorschein kommt, kommt bei dem Menschen des Westens, der 
vor allem das Denksystem ausgebildet hat, das Hinblicken auf die 
Sinneswelt zum Vorschein. Beim Orientalen ist es so, wie wenn in 
ihm wirkte dasjenige, was unter der irdischen Oberflache ist; beim 
Westmenschen ist es so, als ob er blofi sehen wiirde, was iiber der 
Erdoberflache ist, was er sehen kann an Tatsachen von dem, was 
von Sonne, Mond und Sternen, durch Luft und Wasser auf der 
Erde geschieht. Von dem her, was in diesem Umkreis geschieht, 
kann nicht die Organisation des Denkens erklart werden. Ich habe 
es in einem vorigen Vortrag hier ausgefiihrt, wie das, was im Men- 
schen geistig ist, eben nicht aus der Umwelt erklart werden kann. 
Der Orientale wulke durch das, was als Erdengeistesblut durch 
seine eigene Menschheit zum Vorschein kam, auch, daft er als 
Mensch, als dasjenige, was in ihm spirituell lebt, ein Angehoriger 
des ganzen Kosmos ist, ein Glied nicht nur der Erde, ein Glied des 
ganzen Kosmos. Derjenige, der als Westmensch das Denksystem 
besonders ausbildet - ihm ist durch die neuere Naturwissenschaft 
von diesem Kosmos nichts anderes geblieben als die Moglichkeit, 
ihn durch mathematische und mechanische Formeln zu berechnen. 
Das Gebiet also, dem gegeniiber der W
…[truncated]