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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Kosmogonie
Popularer Okkultismus
anhand des Johannes-Evangeliums
Eine Zusammenfassung von achtzehn Vortragen,
gehalten in Paris
zwischen dem 25. Mai und 14. Juni 1906,
und Notizen aus fiinfundzwanzig Vortragen,
gehalten in Berlin, Leipzig und Munchen
zwischen dem 19. Februar und 6. November 1906
2001
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach einer Inhaltszusammenfassung und nach Notizen von Horern
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
2., neu durchgesehene und erganzte Auflage,
Gesamtausgabe Dornach 2001
Friihere Veroffentlichungen
und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 94
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0940-1
Zu den Veroffentlicbungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daft seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mitglie-
der der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft -
schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Hdrernachschriften ange-
fertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschrei-
ben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden, die Verwal-
tung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz wenigen Fallen
die Nachschriften selbst korrigiert hat, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, daft in den von mir
nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
KOSMOGONIE
Achtzehn Vortrage, gehalten in Paris vom 25. Mai bis 14. Juni 1906,
nach einer Zusammenfassung von Edouard Schure, erganzt durch Horernotizen
Erster Vortrag, Paris, 25. Mai 1906 17
Die Geburt des Intellekts und die Aufgabe des Christentums. Die
Leibeshiillen und das Ich. Die Ablosung der Nahehe durch die
Fernehe. Die vergeistigte Liebe als Grundprinzip des Rosen-
kreuzertums.
Zweiter Vortrag, Paris, 26. Mai 1906 22
Vorchristliche und christliche Bruderschaften. Die Mission der
Manichaer. Der Darwinismus, eine Teilwahrheit. Atlantis. Zwei
Strome der Entwicklung. Wahre Moral entspringt der Erkenntnis.
Dritter Vortrag, Paris, 27. Mai 1906 27
Der Stein der Weisen. Ein- und Ausatmung bei Mensch, Tier und
Pflanze. Die Mistel, ein Uberrest der Mondenepoche. Die Ge-
schlechtertrennung.
Vierter Vortrag, Paris, 28. Mai 1906 31
Die Zirbeldriise, Relikt eines einstigen Wahrnehmungsorgans. Der
Traum, ein Rudiment des alten Hellsehens. Vom Ursprung der
Mythen. Das Bewufitsein der Menschheitszukunft. Entwicklung
der Erde vom Kosmos der Weisheit zum Kosmos der Liebe.
Funfter Vortrag, Paris, 29. Mai 1906 36
Die Seele sammelt die Friichte des Erdenlebens fur den Geist. Der
Leib als Instrument der Seele. Bekanntwerden friiherer Mjsterien-
geheimnisse. Der Atherleib des Mannes ist weiblich, der Atherleib
der Frau mannlich, der Astralleib beider zweigeschlechtlich.
Methodische Unterschiede der ostlichen und der abendlandischen
Initiation.
Sechster Vortrag, Paris, 30. Mai 1906 42
Die sieben Stufen der alten Einweihung. Vorbeugung gegen Gefah-
ren der okkulten Entwicklung. Die hoheren Grade der Initiation.
Siebenter Vortrag, Paris, 31. Mai 1906 48
Mittelalterliche Bruderschaften sehen im Johannes-Evangelium
noch eine Einweihungsurkunde. Die spirituelle Wirkung der ersten
vierzehn Verse. Der Ubergang von den Mysterien des Altertums
zur christlichen Einweihung in der Auferweckung des Lazarus. Die
Hochzeit von Kana und die Mission des Alkohols. Die Verklarung
auf dem Berge Tabor.
Achter Vortrag, Paris, 1. Juni 1906 53
Der christliche Grundcharakter der Goetheschen Naturanschau-
ung. Die sieben Grade der christlich-gnostischen Einweihung.
Neunter Vortrag, Paris, 2. Juni 1906 59
Organe fur das bewufke Erleben der Astralwelt. Goethe iiber die
Wahrnehmung von Farben und Licht. Im Astralen erscheint die
Wirkung vor der Ursache. Menschliche Leidenschaften als Tier-
gestalten. Das Riickerleben nach dem Tode. Folgen von Selbstmord
und gewaltsamem Tod. Die Luge, ein astraler Mord. Schwarze
Magie und Vivisektion.
Zehnter Vortrag, Paris, 6. Juni 1906 66
Der achtgliedrige Pfad des Buddha und die Seligpreisungen des
Matthaus-Evangeliums in ihrem Zusammenhang mit der sechzehn-
blattrigen Lotusblume. Die sechs Tugenden. Goethes Fragment
«Die Geheimnisse». Die drei Menschheitstypen der griechischen
Kunst.
Elfter Vortrag, Paris, 7. Juni 1906 72
Auswirkungen der Einweihung auf gegenwartige und nachtodliche
Bewufkseinszustande. Der Zusammenhang der Inkarnationsfolge
mit dem kosmisch bedingten Rhythmus der Kulturepochen.
Zwolfter Vortrag, Paris, 8. Juni 1906 78
Das Reich der geistigen Hierarchien. Die sieben Regionen des
Devachan. Gralslegende und Lohengrinsage.
Dreizehnter Vortrag, Paris, 9. Juni 1906 85
Atlantis und Lemurien. Der Wandel der menschlichen Leibes-
gestalt. Die drei Logoi.
Vierzehnter Vortrag, Paris, 10. Juni 1906 93
Die menschliche Bewufkseinsevolution. Der Gang der Entwick-
lung durch jeweils sieben Zustande des Bewufttseins, des Lebens
und der Form.
Funfzehnter Vortrag, Paris, 11. Juni 1906 97
Die planetarische Evolution. Umgestaltung der Erde durch den
Menschen. Friihere planetarische Zustande.
Sechzehnter Vortrag, Paris, 12. Juni 1906 105
Erdbeben, Vulkane und menschlicher Wille. Wirkungen vergange-
ner planetarischer Epochen. Die Wochentage. Das Erdinnere und
sein Zusammenhang mit der christHchen Einweihung.
Siebzehnter Vortrag, Paris, 13. Juni 1906 Ill
Die sieben Geheimnisse. Das Geheimnis des Todes. Jehova, Luzi-
fer, Christus. Erlosung und Befreiung.
Achtzehnter Vortrag, Paris, 14. Juni 1906 118
Die Apokalypse. Das Kiinftige ist keimhaft in den Urbildern
enthalten. Die sieben nachatlantischen Kulturen dienen der Vor-
bereitung der sechsten und siebenten Erdepoche.
POPULARER OKKULTISMUS
Notizen aus vierzehn Vortragen,
gehalten in Leipzig vom 28. Juni bis 11. Juli 1906
Erster Vortrag, Leipzig, 28. Juni 1906 129
Wahrnehmung des Atherleibes als leuchtendes Kraftgebilde. Die
seelische Konfiguration in den Farben der Aura. Die Entwicklung
der Wesensglieder in den ersten drei Lebensjahrsiebenten. Im Ich
beriihrt sich das Ewige mit dem Zeitlichen.
Zweiter Vortrag, Leipzig, 29. Juni 1906 133
Keine raumliche Trennung zwischen der physischen Welt und
den hoheren Welten. Die Wesen des Astralplans. Die Tatigkeit
des Astralleibes im Wachbewufksein und wahrend des Schlafes.
Wandlungen im Traumleben durch Geistesschulung. Dem inneren
Horen erschlieEt sich die geistige Welt.
Dritter Vortrag, Leipzig, 30. Juni 1906 141
Das Lebenstableau. Erlebnisse des Toten in der astralischen Welt.
Folgen eines unnatiirlichen Todes. Das Sinnesdasein, eine Schule,
durch die der Mensch zum Geiste gelangen soil.
Vierter Vortrag, Leipzig, 1. Juli 1906 145
Die Gegenbilder des Physisch-Mineralischen bilden den Kontinent
des Devachan. Das flutende Leben als zweite devachanische
Region, Empfindung und Gefiihl als dritte Region. Die Akasha-
Chronik in der vierten Region, des Menschen wahres Wesen in der
fiinften Region.
Funfter Vortrag, Leipzig, 2. Juli 1906 145
Wiederverkorperung von Formen und Arten in der Natur. Die
Personlichkeit, irdischer Ausdruck der ewigen Individualist.
Karma, das grofie Gesetz der Weltengerechtigkeit. Das Opfer des
Christus geschah fiir die ganze Menschheit.
Sechster Vortrag, Leipzig, 3. Juli 1906 147
Die Bilder des Lebenstableaus werden zu Kraften, die sich dem
Astralleib einpragen. Der Kausalleib. Nachtodliche Folgen der
Vivisektion. Langsame Auflosung der Astralleichname. Erfahrun-
gen wandeln sich im Devachan zu Fahigkeiten um. Der Riickweg
zur Erde. Bildung des neuen Astralleibes und Atherleibes.
Mahadevas und Lipikas.
Siebenter Vortrag, Leipzig, 4. Juli 1906 154
Die im Atherleib veranlagten Neigungen und Gewohnheiten wer-
den im folgenden Erdenleben zu organbildenden Kraften. Astrale
Verwesungsstoffe der Hunnen und Mongolen schufen in Europa
den seelischen Nahrboden fiir den Aussatz.
Achter Vortrag, Leipzig, 5. Juli 1906 156
Das Vorstellungsleben der einen wirkt auf die moralische Ver-
fassung der anderen Inkarnation. Pessimismus und Optimismus.
Fruhes oder spates Altera als Folge der Einstellung zu den Mit-
menschen in einer vergangenen Verkorperung. Weiterbildung der
Leibeshiillen zu hoheren Wesensgliedern. Karma der Genera-
tionen. Die Arbeit der Toten am Tier- und Pflanzenreich. Die
Lebensvorschau.
Neunter Vortrag, Leipzig, 6. Juli 1906 160
Wechsel von Regen und Sonnenschein erst nach dem Untergang
der Atlantis. Die physisch-atherische Konstitution des Atlantiers.
Die Stadt mit den goldenen Toren. Das Tao.
Zehnter Vortrag, Leipzig, 7. Juli 1906 164
Mit der Bildung der Lunge zog die Seele in den Leib des Lemuriers
ein. Ausscheidung des Tierreichs aus der Menschheit. Mondenaus-
tritt und Geschlechtertrennung. In der vorangehenden Sonnenzeit
standen die Naturreiche und der Mensch auf der Stufe des Pflan-
zendaseins. Die Bedeutung des Kreuzes in den alten Mysterien.
Elfter Vortrag, Leipzig, 8. Juli 1906 168
Der Wandel der Seelenverfassung im Durchgang durch die Kultur-
epochen. Die Aufgabe der gegenwartigen fiinften und der sechsten
Kultur. Unterschiedlicher Geltungsbereich des ptolemaischen und
des kopernikanischen Weltsystems. Uberwindung der Zwei-
geschlechtigkeit. Die Phantasie. Magie des Wortes. Zwei Haupt-
erfordernisse der okkulten Entwicklung: die grofie Einsamkeit und
die Devotion.
Zwolfter Vortrag, Leipzig, 9. Juli 1906 171
Sechs Nebeniibungen. Wahrnehmung der Auren in der Imagina-
tion. Die Lotusblumen. Der Gegensatz zwischen medialem und
geschultem Hellsehen.
Dreizehnter Vortrag, Leipzig, 10. Juli 1906 174
Der Stein der Weisen. Die Stufen der ostlichen Schulung. Die
christliche Einweihung und der rosenkreuzerische Schulungsweg.
Die «Philosophie der Freiheit» und «Wahrheit und Wissenschaft»
dienen der Ausbildung eines sinnlichkeitsfreien Denkens.
Vierzehnter Vortrag, Leipzig, 11. Juli 1906 177
Die sieben Grade der christlichen Einweihung. Mit ihr hangt die
Erforschung des Erdinneren zusammen. Okkulte Tatsachen in den
groften Dichtungen der Menschheit. Der Mensch und das Schicksal
der Erde.
DAS JOHANNES-EVANGELIUM
Notizen aus drei Vortrdgen,
gehalten in Berlin zwischen dem 19. Fehruar und 5. Mdrz 1906
Erster Vortrag, Berlin, 19. Februar 1906 187
In den ersten vierzehn Kapiteln schildert der Verfasser des
Johannes-Evangeliums seine Erlebnisse in der Astralwelt. Die Ver-
wandtschaft des Christus mit dem Gottmenschen. Der Aufstieg in
die devachanische Welt.
Zweiter Vortrag, Berlin, 26. Februar 1906 201
Die Tatigkeit des Astralleibes am physischen Leib wahrend des
Schlafes. Bose und gute Elementarwesen. Der christliche Ein-
weihungsweg.
Dritter Vortrag, Berlin, 5. Marz 1906 207
Die Erweckung des hoheren Selbstes. Erwahnung der Reinkarna-
tion in den Evangelien. Die okkulte Bedeutung der Worte am
Kreuz.
DIE THEOSOPHIE ANHAND DES JOHANNES-EVANGELIUMS
Notizen aus acht Vortrdgen,
gehalten in Miinchen vom 27. Oktober bis 6. November 1906
Erster Vortrag, Miinchen, 27. Oktober 1906 227
Als erstes wurde die Kirche von der materialistischen Gesinnung er-
fafk. Der wahre Sinn der biblischen Schopfungsgeschichte. Die ho-
heren Wesensglieder des Menschen und ihr kosmischer Ursprung.
Z welter Vortrag, Miinchen, 28. Oktober 1906 .... 236
Das Bilderbewulksein des Atlantiers. Erste Verinnerlichung des
Empfindungslebens in der lemurischen Zeit. Vergeistigung des
Astralleibes zum Geistselbst und des Atherleibes zum Lebensgeist.
Hochstes Zukunftsziel, der Geistesmensch.
Dritter Vortrag, Miinchen, 31. Oktober 1906 .... 246
Aufnahme von Manas und Vorbereitung von Budhi in der nach-
atlantischen Epoche. Den geistigen Vorgangen entsprechen phy-
sische Veranderungen am Menschen.
Vierter Vortrag, Miinchen, 2. November 1906 .... 255
Die Bewufitseinswelten der Naturreiche und des Menschen. Die
Arbeit des Ich an den drei unteren Wesensgliedern. Erfahrungen
auf hoheren Bewuikseinsstufen. Nathanaels Begegmmg mit dem
Christus. Gruppen- und Individualseelen in der Mithras-Ein-
weihung.
Funfter Vortrag, Miinchen, 3. November 1906 .... 263
In Agypten verfallt Manas der Wunsch- und Begierdenwelt. Die
Aufgabe des althebraischen Volkes. Knochenbildung und Bewufk-
seinsevolution. Das Passahlamm. Moses ist der Sendbote des
Manas, Christus der Bringer der Budhi. Das Gleichnis vom Wein-
stock.
Sechster Vortrag, Miinchen, 4. November 1906 .... 273
Die Hochzeit zu Kana, eine prophetische Vorschau der Mensch-
heitszukunft. Drei Wege zur Wahrheit: die ostliche, die christlich-
gnostische und die rosenkreuzerische Einweihung. Der ostliche
Weg fur den Europaer ungeeignet. Die sieben Stufen der
Yogaschulung und der christlich-gnostischen Einweihung.
Siebenter Vortrag, Miinchen, 5. November 1906 . . . 283
Das Verhaltnis des Rosenkreuzerschulers zum Lehrer. Der Wert
der «Philosophie der Freiheit» fiir die Ausbildung des reinen
Denkens. Die sinnliche Welt wird zum Gleichnis. Die okkulte
Schrift. Alles hohere Leben beruht auf Rhythmus. Die Jungfrau
Sophia und der Heilige Geist.
Achter Vortrag, Miinchen, 6. November 1906 .... 293
Das Einzelbewulksein, Spiegelbild des Erdenbewufkseins. Chri-
stus, der Herr des Karma. Funf Bewulkseinsspharen in der ostli-
chen Weisheit. Die Reinigung des Tempels als Sinnbild einer kiinf-
tigen Evolution. Das Nikodemusgesprach.
Erganzungen zum Text 301
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 307
Hinweise zum Text 310
Personenregister 319
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 320
Kosmogonie
Achtzehn Vortrage, gehalten in Paris
vom 25. Mai bis 14. Juni 1906,
einer Zusammenfassung von Edouard Schure,
erganzt durch Horernotizen
KOSMOGONIE
Erster Vortrag, Paris, 25. Mai 1906
Es ist noch nicht lange her, dafi offentliche Vortrage iiber okkulte
Wahrheiten gehalten werden. Einstmals wurden diese Wahrheiten
nur in Geheimgesellschaften denen entschleiert, die bestimmte Gra-
de der Einweihung durchschritten und versprochen hatten, fur die
Dauer ihres ganzen Lebens die Gesetze des Bruderbundes zu beob-
achten.
Heute tritt die Menschheit in eine einschneidende Krise. Man hat
damit begonnen, diese Wahrheiten der Offentlichkeit zu enthiillen.
Innerhalb von zwanzig Jahren wird eine gewisse Anzahl von ihnen
bereits Gemeingut sein. Wo her kommt das? Der Grund ist der, dafi
die Menschheit in eine neue Phase eingetreten ist. Diese Phase naher
zu erklaren, wird Gegenstand dieses Vortrags sein.
Im Mittelalter wurden die geheimen Wahrheiten hauptsachlich
durch die Rosenkreuzer gepflegt. Aber jedesmal, wenn diese Wahr-
heiten nach auften drangen, wurden sie mifiverstanden oder ent-
stellt. Im 18. Jahrhundert nahmen sie eine dilettantische und markt-
schreierische Form an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden sie
vollstandig verdrangt durch die auf Sinnesbeobachtung begriindeten
Wissenschaften. Erst jetzt tauchen sie wieder auf, und sie werden in
den nachsten Jahrhunderten eine wichtige Rolle im Hinblick auf die
kiinftige Entwickelung der Menschheit spielen. Um diese Rolle
richtig zu verstehen, mufi man zu den Jahrhunderten zuriickgehen,
die dem Christentum vorausgingen, und den zuriickgelegten Weg
ins Auge fassen.
Es geniigt schon, eine sei es auch nur annahernde Kenntnis vom
Mittelalter zu haben, um sich Rechenschaft von dem Unterschied zu
geben, der zwischen dem Menschen jener Epoche und dem heutigen
Menschen besteht. Weit weniger als heute entwickelt auf dem Gebie-
te der Wissenschaft, war der Mensch damals im Bereich des Gefiihls
und der Eingebung iiberlegen. Er lebte weniger in der sichtbaren Welt
als in der jenseitigen, die er noch wahrzunehmen vermochte. Es gab
unter den damaligen Menschen noch einzelne, die wirklich in direkte
Verbindung mit der astralen und geistigen Welt treten konnten.
Mochte sich die Menschheit des Mittelalters audi noch so mangelhaft
auf der Erde eingerichtet haben, ihr Haupt hatte sie noch im Himmel.
Waren die Stadte damals auch unbequem, so spiegelten sie doch
dem Menschen viel besser seine innere Welt wider. Nicht nur
die Kathedralen, sondern auch die Hauser und die Tore erinnerten
den Menschen durch ihre Symbole an seine Glaubensinhalte, seine
Gefiihle, seine Sehnsiichte, an die Welt seiner Seele.
Heute wissen wir viele Dinge, und die Beziehungen unter den
Menschen haben sich ins Unendliche vervielfacht; aber wir leben in
unseren Stadten wie in larmenden Fabriken, in einem schrecklichen
Babel, wo uns nichts mehr an unsere innere Welt erinnert. Die inne-
re Welt spricht zu uns nicht mehr durch die Kontemplation, sondern
durch die Bucher. Von Menschen der unbefangenen Eingebung sind
wir zu Intellektuellen geworden.
Man mufi hinter das Mittelalter zuriickgehen, um den Ursprung
dieser intellektuellen Stromung zu finden. Das Zeitalter, wo dieser
menschliche Intellekt noch auf seiner Kindheksstufe stent, das Zeit-
alter, wo die Umlagerung sich vollzieht, geht ungefahr auf das Jahr-
tausend vor unserer Zeitrechnung zuriick. Es ist das Zeitalter des
Thales, des Pythagoras, des Plato, des Buddha. Damals erscheinen
zum erstenmal die Philosophic und die Wissenschaft, das heifit, die
Wahrheit wird der Vernunft in logischer Form dargeboten. Was
vorher existierte, war die Wahrheit, dargeboten in Gestalt von Reli-
gion und Offenbarung, wahrgenommen von ihren Verkundern und
empfangen von der Masse. Jetzt geht die Wahrheit in die individuelle
Intelligenz iiber, sie will anschaulich erlautert und begriffen sein.
Was war damals im Inneren des Menschen vorgegangen, um diese
Bewegung zu rechtfertigen, die sein Bewulksein sozusagen von
einer Seinsebene seines Wesens auf eine andere Seinsebene, vom
intuitiven auf den logischen Plan verlagerte?
Wir stofien da auf eines der fundamentalen Gesetze der Ge-
schichte, auf ein Gesetz, das dem Gegenwartsbewulksein noch nicht
bekannt ist. Man kann es so formulieren: Die Evolution der
Menschheit vollzieht sich so, dafi sie die Seelenglieder des mensch-
lichen Wesens nacheinander aus diesem hervorgehen und sich ent-
wickeln lafk. Welches sind diese Wesensglieder?
Der Mensch hat zunachst einen physischen Leib. Ihn hat er ge-
meinsam mit dem Mineralreich. Das ganze Mineralreich findet sich
in der Chemie des Korpers. Er hat sodann einen Atherleib, der so-
zusagen seine Lebenskraft ist und den er gemeinsam hat mit den
Pflanzen. Aus ihm erzeugen sich fortlaufend die Ernahrungsvorgan-
ge, die Wachstums- und die Fortpflanzungskraft. Er besitzt aufier-
dem einen Astralleib. In ihm entziinden sich die Gefuhle, die Lei-
denschaften, die Moglichkeit, zu geniefien und zu leiden. Diesen
Leib hat der Mensch gemeinsam mit den Tieren. Er wurde von den
Rosenkreuzern und manchen ihrer Nachfolger, wie Paracelsus,
Astralleib genannt, weil er tatsachlich in einer Beziehung zu den
Sternen steht, die auf einer gewissen Anziehungskraft beruht.
Endlich gibt es im Menschen etwas, was man nicht mehr einen
Leib nennen kann, sondern was sein innerstes Sein darstellt und ihn
von alien anderen Wesen unterscheidet, vom Stein wie von der
Pflanze und vom Tier, und das ist dasjenige, was er sein Ich nennt.
Es ist der gottliche Funke in ihm. Die Inder nennen es Manas. Die
Rosenkreuzer nennen es das Unaussprechliche. Tatsachlich ist alles
Leibliche nur ein Fragment, Stuck einer anderen Leiblichkeit. Da-
gegen gehort das Ich des Menschen nur sich selbst an. Ich bin Ich -
das kann es allein von sich sagen. Es ist dasjenige, was die anderen
«Du» nennen, es ist dasjenige, was man mit nichts anderem auf der
Welt verwechseln kann. Durch dieses Ich, das durch nichts anderes
ausgedriickt, mit nichts anderem vertauscht werden kann, erhebt
sich der Mensch liber alle anderen irdischen Wesen, iiber die Tier-
welt und iiber die ganze Schopfung. Und es ist auch das einzige, was
ihn mit dem unendlichen Ich, mit Gott, verbindet.
Das ist der Grund, warum im verborgenen Heiligtum der Hebra-
er der Ministrant an bestimmten Tagen zum Hohepriester sprach:
Schem-Ham-Phorasch, das heifk: Wie ist sein Name, der Name
Gottes? - Und der Hohepriester antwortet: Jod-He-Vau-He, oder
in einem Wort: Jehova, was bedeutet: Gott, Natur und Mensch,
oder: Das unaussprechliche menschlich-gottliche Ich.
Die Wesensglieder des Menschen, die wir eben charakterisiert
haben, sind samtlich dem Menschen in fernen Epochen seiner un-
geheuren Entwickelung gegeben worden, aber sie entwickelten sich
nur langsam und eins nach dem anderen.
Die besondere Aufgabe der Periode, die ungefahr tausend Jahre
vor der christlichen Zeitrechnung begonnen hat und die sich im
Lauf der zweitausend Jahre, die der Geburt des Christus folgten,
fortsetzt, bestand also darin, die Entwickelung des menschlichen Ich
im Sinne der Intellektualitat zu beschleunigen.
Aber iiber dem intellektuellen Plan befindet sich der geistige. Das
ist derjenige, den die Menschheit in den folgenden Jahrhunderten
erreichen wird. Es ist auch derjenige, nach welchem die gegenwarti-
ge Weltenstunde hintendiert. Und es ist tatsachlich der Christus und
das Christentum, wodurch die Samen zu dieser kiinftigen Entwicke-
lung ausgestreut worden sind.
Aber bevor wir von diesem geistigen Plan sprechen, haben wir
noch an eines der Mittel, an eine der Krafte zu erinnern, durch wel-
che die Menschheit in ihrer grofien Mehrheit von der Sphare des
astralen Schauens zur Sphare der Intellektualitat fortgeschritten ist.
Dies geschah durch eine neue Art der Eheschlieftung. Einst vollzo-
gen sich die Heiraten innerhalb desselben Stammes oder derselben
Sippschaft, was also lediglich eine Ausweitung der Familie darstell-
te. Manchmal vollzogen sie sich sogar zwischen Bruder und Schwe-
ster. Gegen die neuere Zeit hin empfanden die Menschen das Verlan-
gen, ihre Frauen aufierhalb der Sippschaft, des Stammes oder der
biirgerlichen Gemeinschaft zu suchen. Die Fremde, die Unbekannte
wurde die Geliebte. Die Liebe, einst eine natiirliche und soziale
Funktion, wurde personlicher Wunsch und die Heirat freie Wahl.
Das zeigt sich schon in gewissen griechischen Mythen wie im Raub
der Helena und mehr noch in den skandinavischen und germani-
schen Mythen wie der Siegfriedsage und dem Gudrunlied. Die Liebe
wurde ein Abenteuer und die Frau eine Eroberung in der Feme.
Dieser Ubergang von der patriarchalischen zur freien Eheschlie-
fiung entspricht nun der neuen Entwickelung der intellektuellen
Fahigkeiten, des menschlichen Ich. Er vollzog sich zur gleichen Zeit
wie die momentane Verdunkelung der astralen Fahigkeiten des
Schauens und des direkten Lesens in der astralen und geistigen Welt.
Hier geschieht nun der Einschlag des Christentums. Die mensch-
liche Briiderlichkeit und die Verehrung des Einen Gottes sind ohne
Zweifel wesentliche Ziige des Christentums, aber sie bilden doch
nur seine aufterliche und soziale, aber nicht seine innerliche und
spirituelle Gestalt. Die neue Errungenschaft des Christentums auf
dem Gebiet der Mystik, der Innerlichkeit und des Ubersinnlichen
besteht darin, dafi es die vergeistigte Liebe geschaffen hat, das Fer-
ment, das den Menschen von innen her verwandelt, den Sauerteig,
der die Welt emporhebt. Der Christus ist gekommen, um zu sagen:
Wenn du nicht verlassest deine Mutter, dein Weib und alle leibliche
Bindung, kannst du nicht mein Jiinger sein. - Das bedeutet nicht die
Aufhebung aller natiirlichen Bande, aber die Ausdehnung der Liebe
aufSerhalb der Familie auf alle Menschen, die Verwandlung der Liebe
in eine lebendige und schopferische Kraft, in eine Kraft der Ura-
wandlung.
Diese Liebe, welche von den Rosenkreuzern zum Prinzip ihrer
okkulten Bruderschaft gemacht, von ihrer Zeit aber nicht verstan-
den wurde, ist dazu bestimmt, den Grundgehalt der Religion, des
Kultus, ja sogar der Wissenschaft zu verandern.
Der Weg der Menschheit geht vom unbewufken Spiritualismus -
vor dem Christentum - iiber den Intellektualismus - die Gegenwart -
zum bewulken Spiritualismus, in dem sich vereinigen, konzentrieren
und verstarken die astralen und intellektuellen Fahigkeiten durch die
Starke der Liebe zum Geist und der vergeistigten Liebe. Und ebenso
ist die Theologie dazu bestimmt, zur Theosophie zu werden.
Was ist in Wirklichkeit die Theologie? Eine Kunde von Gott, von
auften auferlegt in Form von Dogmen wie eine Art ubernaturlicher
Logik, aber dem Menschen von aufien her gegeben.
Und was ist die Theosophie? Die Kunde von Gott, sich entfal-
tend wie eine Blume auf dem Grunde der menschlichen Seele. Gott
zum Unterschied von der Welt, wiedergeboren auf dem Grunde der
Herzen. Ein solches Christentum, verstanden im Sinne der Rosen-
kreuzer, ist gleicherweise die machtigste Entfaltung der individuel-
len Freiheit und der universellen Religion durch die Bruderschaft
der freien Seelen. Die Tyrannei der Dogmen ist alsdann ersetzt
durch den Strahlenglanz der gottlichen Weisheit, die Intelligenz,
Liebe und Tat in einem ist.
Die Wissenschaft, die daraus entspringen wird, wird ihre Maflsta-
be weder an der abstrakten Vernunft noch an aufierer Unterwerfung
finden, sondern an ihrer Fahigkeit, die Seelen erwecken und erblu-
hen zu lassen.
Da haben wir den Unterschied zwischen der Logik und der
Sophia, zwischen der Wissenschaft und der gottlichen Weisheit,
zwischen der Theologie und der Theosophie.
So ist der Christus immer der Mittelpunkt der esoterischen Evo-
lution des Abendlandes. Gewisse moderne Theologen, besonders in
Deutschland, haben versucht, den Christus als einen einfachen, na-
iven Menschen darzustellen. Das ist ein ganz grower Irrtum. Das
hochste Bewulksein, die tiefste Weisheit wohnt in ihm, und gleich-
zeitig die hochste gottliche Liebe. Wie sollte er ohne ein solches
Bewufksein eine zentrale Offenbarung innerhalb unserer ganzen
planetarischen Evolution sein? Wie sollte er dazu eine solche Macht
besessen und sein ganzes Zeitalter uberflugelt haben? Und dieses
ganze, seiner Zeit iiberlegene Bewufttsein, woher sollte es ihm
gekommen sein?
KOSMOGONIE
Zweiter Vortrag, Paris, 26. Mai 1906
Vor und nach der Begriindung des Christentums hat es okkulte
Bruderschaften gegeben. Auch jetzt gibt es noch Bruderschaften, in
welchen okkultes Leben gepflegt wird. Der Unterschied zwischen
den vorchristlichen und nachchristlichen okkulten Bruderschaften
besteht darin, daft die vorchristlichen im wesentlichen die Aufgabe
hatten, die geheiligten Uberlieferungen zu bewahren, wahrend den
christlichen in erster Linie zum Ziel gesetzt wurde, die Zukunft
vorzubereiten. Die okkulte Wissenschaft ist namlich keine abstrak-
te, tote Wissenschaft, sondern eine tatige und lebendige. Die okkul-
ten Bruderschaften sind fahig, ins Leben einzugreifen, und die Teil-
nahme am Entwickelungsgang der Menschheit ist ihre Aufgabe.
Der christliche Okkultismus geht zu einem bedeutenden Teil auf
die Manichaer zuriick, deren Uberlieferung lebendig geblieben ist.
Ihr Begriinder Manes hat drei Jahrhunderte nach Christus gelebt.
Auch Augustinus, der Kirchenvater, hatte urspriingHch der Gemein-
schaft der Manichaer angehort. Ein Kernpunkt der manichaischen
Lehre ist der Satz vom Guten und vom Bosen. Fur die landlaufige
Anschauung bilden das Gute und das Bose zwei absolute, miteinan-
der unvereinbare Gegensatze, von denen das eine das andere aus-
schlieftt. Dagegen ist das Bose nach der Ansicht der Manichaer ein
integrierender Bestandteil des Kosmos, es arbeitet an dessen Evolu-
tion mit und mu6 zuletzt durch das Gute absorbiert, verwandelt wer-
den. Den Sinn von Gut und Bose, von Lust und Schmerz in der Welt
zu studieren, ist die gro£e, einzigartige Mission der Manichaer.
Um die Entwickelung der Menschheit zu begreifen, ist es notwen-
dig, sie von weitem und aus der Hohe zu betrachten und in ein umfas-
sendes Ganzes einzuordnen. Nurunter dieserBedingungkonnen wir
uns eine hohe, ideale Vorstellung davon bilden. Und es ware ein gro-
wer Irrtum, zu glauben, man konne des Ideals bei dieser Unterneh-
mung entraten. Ein Mensch ohne Ideal ist ein Mensch ohne Energie.
Das Ideal spielt im Leben dieselbe Rolle wie der Dampf in der Ma-
schine. Der Dampf schliefk gewissermaften auf kleinem Raum eine
unendliche Fulle von kondensiertem Raum ein, daher seine intensive
Ausdehnungskraft. Von gleicher Art ist aber auch die magische Kraft
des Gedankens im Leben. Erheben wir uns also zum gedanklichen
Ideal der Menschheit in ihrer Gesamtheit, erfixhlen wir den Faden,
der ihre Evolution durch die Epochen hindurch leitet.
In gleicher Weise suchen Weltanschauungssysteme wie dasjenige
von Darwin diesen durchlaufenden Faden. Man braucht die Grofie
des Darwinismus nicht zu leugnen. Aber er erklart nicht die innere
Entwickelung des Menschen; er sieht nur dasjenige, was sich auf das
AulSerliche bezieht. Es verhalt sich damit ebenso wie mit jeder rein
physischen Erklarung, welche die spirituelle Wesenheit des Men-
schen mifiachtet. So schreibt die evolutionistische Hypothese, die
sich rein auf physische Tatsachen stiitzt, dem Menschen einen tieri-
schen Ursprung zu, weil sie beim fossilen Menschen eine niedrige,
zuriickgebliebene Stirn konstatiert hat. Dagegen sieht der Okkultis-
mus, fur den der physische Mensch nur der Ausdruck des atheri-
schen Menschen ist, die Sache ganz anders an. Tatsachlich hat der
Atherleib des Menschen etwa die gleiche Form wie sein physischer
Korper, iiber den er nur leicht hinausragt. Aber je weiter man in der
Geschichte zuriickgeht, desto mehr herrscht ein Mifiverhaltnis zwi-
schen dem Atherkopf und dem physischen Kopf, desto groEer ist
der Atherkopf. So erscheint er tatsachlich in einer Periode der Erd-
entwickelung, die der unsrigen vorangegangen ist. Die damals le-
benden Menschen hieften Atlantier. In der Tat beginnen die Geolo-
gen die Spuren der alten Atlantier zu entdecken: Mineralien, Pflan-
zen von diesem alten Erdteil, der im Ozean versunken ist, der seinen
Namen tragt. Noch hat man nicht Spuren vom Menschen gefunden,
aber das wird nicht auf sich warten lassen. Sogar in der Zeitschrift
«Kosmos», die fiir die Ideen Haeckels eintritt, ist ein Aufsatz von
Theodor Arldt erschienen, in dem aus den Spuren von Fauna und
Flora hypothetisch auf die Existenz eines versunkenen Erdteils
Atlantis geschlossen wird. Okkulte Forschung ist prophetisch, und
die Naturforschung folgt ihr nach.
Bei den europaischen Rassen, die auf die Atlantier gefolgt sind,
hat die Stirnpartie des Kopfes begonnen, sich weiter zu entwickeln.
Aber bei den Atlantiern lag der Punkt, wo sich das Bewulksein kon-
zentrierte, aufierhalb der Stirn, im Atherkopf. Heute finden wir ihn
im Inneren des physischen Kopfes, ein wenig oberhalb der Nase.
Was die germanische Mythologie mit dem Namen Niflheim oder
Nebelheim - Wolkenheim - bezeichnet, das ist das Land der Atlan-
tier. Die Erde war zu dieser Zeit in der Tat warmer und noch um-
hiillt von einer konstanten Dampfhulle. Der atlantische Kontinent
ging unter durch eine Reihe von sintflutartigen Wolkenbruchen, in
deren Verlauf die Erdatmosphare sich lichtete. Erst dann entstanden
blauer Himmel, Gewitter, Regen und Regenbogen. Aus diesem
Grunde sagt die Bibel, dafi, nachdem die Arche des Noah gelandet
war, der Regenbogen zum neuen Zeichen des Bundes zwischen
Gott und dem Menschen wurde.
Das Ich der arischen Rasse konnte erst zum Selbstbewufksein
kommen durch die Zentralisierung des Atherleibes im physischen
Gehirn. Erst da fing der Mensch an, zu sich selbst «Ich» zu sagen.
Die Atlantier sprachen von sich selbst in der dritten Person. Der
Darwinismus hat grofie Irrtiimer begangen beziiglich der Differen-
zierung, die er zwischen den tatsachlich auf der Erde sich findenden
Rassen festsetzte. Die hoheren Rassen stammen nicht von den nie-
deren ab, sondern im Gegenteil: die niederen Rassen sind Entar-
tungserscheinungen der hoheren Rassen, die ihnen vorangegangen
sind. Nehmen wir einmal an, wir sahen zwei Briider, von denen der
eine intelligent und schon, der andere hafilich und beschrankt ist.
Was wiirde man von einem Menschen sagen, der glauben wurde, daf$
der intelligente Bruder von dem idiotischen abstamme? Auf dieser
Linie liegt der Irrtum des Darwinismus in bezug auf die Rassen. Der
Mensch und das Tier haben einen gemeinsamen Ursprung. Die Tiere
sind eine Dekadenzerscheinung von einem gemeinsamen Vorfahren,
von dem der Mensch den hoheren Entwickelungsgrad darstellt.
Das braucht uns nicht hoff artig zu machen, denn nur den niederen
Reichen ist es zu danken, dafi die hoheren sich entwickeln konnten.
Der Christus, der den Aposteln die Fiifte wascht (Joh.-Ev. 13) ist
das Sinnbild der Demut des Initiierten vor den unter ihm Stehenden.
Der Eingeweihte dankt seine Existenz nur den Nichteingeweihten.
Daher die tiefe Demut der wahrhaft Wissenden vor denen, die nicht
wissen. Es ist die tiefe Tragik der kosmischen Entwickelung, dafi eine
Menschenklasse sich erniedrigen mufi, damit eine andere emporstei-
gen kann. In diesem Sinne kann man das schone Wort des Paracelsus
wiirdigen: Ich habe alle Wesen betrachtet: Steine, Pflanzen, Tiere, und
sie sind mir wie zerstreute Buchstaben erschienen, im Verhaltnis zu
denen der Mensch das lebendige und vollstandige Wort bildet.
Im Laufe der menschlichen und tierischen Evolution stammt das
Uritere vom Oberen ab; das, was fallt und stirbt, fallt ab vom Leben-
digen. Man behauptet, Lebendiges entstehe aus Totem. In Wirklich-
keit entsteht aber das Tote aus dem Lebendigen. Steinkohle, Kalk-
schalen und anderes sind Absonderungen des Lebendigen. Wir
sehen ja auch beim Menschen, daft zuerst Knorpel da sind und dann
Knochen. Unsere Knochen sind Verhartungen aus einem weicheren
Knorpelgeriist. So sind auch die Steine Verhartungen aus einem le-
bendigen Erdorganismus. Heute hat der Mensch noch etwas in sich,
was er zuriicklassen wird. Und damit kommen wir wieder zum
Manichaismus.
Wie friiher die Tierheit im Menschen war, so sind es jetzt die
beiden Gegensatze Gut und Bose, Wahrheit und Unwahrheit in
ihm. Diese Widerspruche, die Art, wie sich diese Elemente in ihm
mischen, bilden sein Karma, sein Schicksal. Einst wird er das Bose
als objektive Gebilde hinter sich lassen. Das finden wir in alien apo-
kalyptischen Darstellungen. Und heute schon erzieht der Manicha-
ismus seine hoherentwickelten Jiinger so, daft sie Erloser der Hin-
untergestoftenen werden. Wer konnte leugnen, daft es schon heute
eine Entwickelung gibt, die zum Egoismus treibt, und eine andere,
die zur Selbstlosigkeit fiihrt? Ebenso wie sich der Mensch von der
Tierheit befreit hat, wird er sich vom Bosen befreien. Aber noch nie
ist er durch eine heftigere Krise hindurchgegangen als zur gegen-
wartigen Stunde.
Wer aller Herr ist, mufi aller Diener werden. Das mufi als grofte
Notwendigkeit kommen. Die wahre Moral entspringt aus der Er-
kenntnis der groften Weltgesetze. Die groften Ideen sollen die
Spannkraft erzeugen, die im kleinen unsere Ideale vorwartstreibt. In
stillen Augenblicken unseres Lebens miissen wir uns zu den grofien
Evolutionsideen erheben.
KOSMOGONIE
Dritter Vortrag, Paris, 27. Mai 1906
Einer der tiefsten Grundsatze des Okkultismus fufit auf dem grofien
Gesetz der Analogien, wonach die Natur uns offenbart, was in uns
selber vorgeht.
Um fur dieses Gesetz ein durchschlagendes und zugleich typi-
sches Beispiel zu geben, das aber der offiziellen Wissenschaft vollig
unbekannt ist, fuhren wir dasjenige vom Stein der Weisen an. Es war
den Rosenkreuzern bekannt. In einem deutschen Journal vom Ende
des 18. Jahrhunderts ist von diesem Stein der Weisen die Rede. Man
spricht da von ihm wie von einem wirklich existierenden Gegen-
stand, und es heiftt da: Jedermann beriihrt ihn oft, ohne ihn zu
kennen. - Das ist buchstablich wahr.
Um dies zu verstehen, ist es nur notwendig, in die Werkstatt der
Natur defer einzudringen, als es die heutige Wissenschaft tut.
Jedermann weifi, dafi der Mensch Sauerstoff einatmet und beim
Ausatmen Kohlensaure von sich gibt. Dies hat in der Yogaschulung
eine sowohl physische wie eine geistige Bedeutung. Der Mensch
kann zu seiner Erhaltung nicht Kohlensaure einatmen. Er wiirde
daran sterben, wahrend die Pflanzen die Kohlensaure zum Leben
brauchen. Die Pflanzen liefern dem Menschen den Sauerstoff, von
dem er lebt. Die Pflanzen erneuern die Luft und machen sie geeig-
net, vom Menschen eingeatmet zu werden. Und die Menschen und
Tiere liefern wiederum den Pflanzen die Kohlensaure, die diese zu
ihrer Erhaltung ihrerseits brauchen. Was macht die Pflanze mit der
Kohlensaure, die sie einatmet? Sie baut damit ihren eigenen Korper
auf. Nun wissen wir, daft die Steinkohle der Leichnam der Pflanze
ist. Die Steinkohle ist also kristallisierte Kohlensaure.
Das rote Blut, das die Kohlensaure aufgenommen hat, verwandelt
sich in «blaues» Blut, aber das blaue Blut mufi immer wieder erneu-
ert werden durch den Sauerstoff. Denn das Blut konnte sich nicht
der Kohlensaure bedienen, um den Korper aufzubauen.
Die Yogaiibungen sind eine besondere Schulung, die den Men-
schen befahigt, aus dem roten Blut ein aufbauendes Element fur
seinen Korper zu machen. Auf diese Weise baut der Yogi mittels des
Blutes seinen Korper auf, wie die Pflanze den ihrigen durch die
Kohlensaure.
Wir sehen also, dafi die Fahigkeit der Verwandlung, die in der
Natur vorhanden ist, reprasentiert wird durch die Steinkohle, die
eine kristallisierte Pflanze ist. Und der Stein der Weisen, im weite-
sten Sinne des Wortes, bezeichnet diese Verwandlungsfahigkeit.
Das Gesetz der Riickverwandlung gilt fiir alle Wesen, ebenso wie
das Gesetz des Aufstiegs. Die Mineralien sind degenerierte Pflan-
zen, die Pflanzen sind Vorfahren der Tiere. Die Tiere und der
Mensch haben einen gemeinsamen Vorfahren. Der Mensch ist auf ge-
stiegen, das Tier ist heruntergestiegen. Was den geistigen Teil des
Menschen betrifft, so stammt er von den Gottern. In dieser Hinsicht
ist der Mensch ein gefallener Gott, und der Ausspruch von Lamar-
tine ist buchstablich wahr: «Der Mensch ist ein gefallener Gott, der
sich an die Himmelswelten erinnert.»
Es gab eine Epoche, wo alles Leben auf der Erde halb pflanzen-
haft, halb tierisch war. Die Erde selbst war lebendig und stellte eine
Art Riesentier dar. Der Boden war wie eine ungeheure Torfmasse,
auf der Riesenwalder wuchsen, die spater zur Steinkohle geworden
sind. Diese Epoche entspricht derjenigen Zeit, da Erde und Mond
noch ein Gebilde waren. Der Mond stellt das weibliche Element der
Erde dar.
Es gibt Wesen, die auf einer niedrigeren Stufe der Entwickelung
zuriickgeblieben sind. Die Mistel zum Beispiel ist ein Zeuge dieser
Weltenzeit, ein Uberrest der parasitaren Pflanzen, die auf der Erde
wie auf einer Pflanze lebten. Da her stammen ihre speziellen okkul-
ten Eigenschaften. Sie waren den Druiden bekannt, die sie als eine
heilige Pflanze betrachteten. Die parasitare Mistel ist ein Uberbleib-
sel aus der Mondenzeit des Erdenplaneten. Sie ist ein Schmarotzer,
weil sie nicht gelernt hat, wie die anderen Pflanzen direkt auf mine-
ralischem Boden zu leben.
Ahnlich verhalt es sich mit der Krankheit. Sie ist ein Riickfall,
verursacht durch parasitare Elemente im Organismus. Die Druiden
und die Skalden kannten die Beziehungen zwischen der Mistel und
dem Menschen. Einen Nachklang davon findet man in der Baldur-
legende. Der Gott Baldur wird getotet durch die Mistel, weil die
Mistel ein feindliches Element aus der vorhergehenden Epoche
darstellt, das dem menschlichen Leib nicht mehr angemessen ist. Die
anderen Pflanzen, die dem Zeitalter angepaftt waren, hatten dem
Menschen dagegen Freundschaft geschworen.
Indem die pflanzliche Erde mineralisch wurde, erwarb sie durch
die Metalle eine neue Eigenschaft: das Licht widerzuspiegeln. Ein
Gestirn wird am Himmel erst sichtbar, wenn es mineralisch gewor-
den ist. Es gibt also im Universum viele andere Welten, die unser
physisches Auge nicht wahrnehmen kann und die allein von Hell-
sehern wahrgenommen werden konnen.
Die Erde ist ebenso mineralisch geworden wie der physische
Korper des Menschen. Fiir den Menschen aber ist es charakteri-
stisch, daft in ihm eine Bewegung in doppelter Richtung herrscht.
Wenn namlich der physische Mensch herabgestiegen ist, so ist der
geistige Mensch aufgestiegen. Paulus hat dieser Wahrheit Ausdruck
gegeben. Er erklart, daft es ein Gesetz fur den Leib gibt und ein
anderes fiir den Geist. Demzufolge erscheint der Mensch als ein
Ende und zugleich als ein Anfang.
Der Knotenpunkt, zugleich der Wendepunkt in der menschlichen
Entwickelung, das ist die Zeit der Trennung der Geschlechter. Es
gab eine Zeit, in der die beiden Geschlechter im menschlichen
Wesen vereinigt waren. Die Moglichkeit eines solchen Zustandes hat
sogar Darwin anerkannt. Durch die Trennung der Geschlechter ist
dieses neue, gewaltige Element in die Welt getreten: die Liebe. Die
Anziehungskraft der Liebe ist eine so machtvolle und geheimnis-
volle Tatsache, daft beispielsweise tropische Schmetterlinge von
verschiedenem Geschlecht, die man aus den Tropen nach Europa
gebracht hat und die zweihundert Meilen voneinander entfernt wa-
ren, sofort, nachdem sie freigelassen waren, einander entgegenflogen
und sich auf halbem Wege trafen.
Etwas Ahnliches geschieht zwischen der Menschenwelt und der
gottlichen Welt wie zwischen dem Menschenreich und dem Pflan-
zenreich. Der Mensch atmet Sauerstoff ein und Kohlensaure aus.
Wie das Pflanzenreich Sauerstoff ausatmet, so atmet die Menschen-
welt Liebe aus - seit der Trennung der Geschlechter -, und von
diesen Ausstromungen der Liebe leben die Gotter.
Warum atmen das Tier und der Mensch Liebe aus? Der Okkultist
sieht im heutigen Menschen ein in voller Evolution befindliches
Wesen. Der Mensch ist ein gefallener Gott und ein werdender Gott
in einem.
Die Reiche der Himmel nahren sich von der Ausstromung der
menschlichen Liebe. Das Griechentum driickte diese Tatsache im
Mythos von Nektar und Ambrosia aus. Indessen stehen die Gotter
dermafien hoch iiber dem Menschen, daft sie ihn, ihrer eigenen Na-
tur nach, eigentlich erdriicken wiirden. Aber es gibt etwas zwischen
dem Menschen und den Gottern, eine Art Zwischenstufe, so wie die
Mistel eine Zwischenstufe ist zwischen Pflanze und Tier: Das ist
Luzifer und das luziferische Wesen uberhaupt.
Die Gotter haben nur ein Interesse an der Liebefahigkeit der
Menschen. Wahrend Luzifer in Schlangengestalt den Menschen ver-
fiihren will, nach Wissen und Erkenntnis zu suchen, widersetzt sich
ihm Jehova. Aber Luzifer ist ein gefallener Gott, der nur durch den
Menschen aufsteigen kann, indem er ihm die Begierde nach person-
licher Erkenntnis eingibt. Er widersetzt sich daher dem Willen des
Gottes, der den Menschen nach seinem Bilde geschaffen hatte.
Das Rosenkreuzertum erklart die Rolle Luzifers in der Welt. Wir
werden spater darauf zuriickkommen. Hier sei nur der folgende
Sinnspruch aus der Rosenkreuzerweisheit erwahnt: «0 Mensch,
bedenke, dafi durch dich hindurch eine aufwartssteigende und eine
abwartsfallende Strdmung geht.»
KOSMOGONIE
Vierter Vortrag, Paris, 28. Mai 1906
Jeden denkenden Menschen mufi eine Erscheinung interessieren,
welche die auftere Wissenschaft nicht zu erklaren weift: das Traum-
leben. Was ist, vom Okkulten aus gesehen, der Traum? Er ist das
Uberbleibsel eines Zustandes, der auf eine vorgeschichtliche Periode
zuriickgeht. Um uns einen Begriff davon zu verschaffen, wollen wir
einige andere Erscheinungen betrachten: Organe, die eigentlich
nicht mehr zum physischen Leben notwendig sind, die rudimen-
taren Charakter haben, und von denen die Naturwissenschaft nicht
weifi, wozu sie da sind.
Es handelt sich einmal um einen Muskel der Ohrmuschel, der
beim Menschen stark verkiimmert ist, zum anderen um die soge-
nannte Nickhaut, eine Art drittes Augenlid. Ferner gibt es den soge-
nannten Wurmfortsatz am Blinddarm, der nicht nur keine Aufgabe
zu erfullen hat, sondern auch zu Krankheiten fiihren kann. Den
Okkultisten interessiert nun besonders die Zirbeldriise, die sich im
Gehirn befindet und die Form eines kleinen Tannenzapfens hat. Die
Naturwissenschaft meint, daft diese Organe einmal eine Aufgabe ge-
habt haben und dann degeneriert sind. Das ist in einem gewissen Sin-
ne der Fall, nur diirfen wir uns das nicht einfach im darwinistischen
Sinne vorstellen. Die Zirbeldriise ist das Relikt eines Organes, das
beim Vormenschen von grofiter Wichtigkeit war, eines Wahrneh-
mungsorganes. Es war eine Art Aufienhirn, das zugleich als Antenne
fur Auge und Ohr diente. Dieses Organ hat es beim Vormenschen in
einer friiheren Periode gegeben, zu einer Zeit, da die Erde noch halb
fliissig, halb dampfformig und mit dem Monde verbunden war. In
diesem teils fliissigen, teils gasformigen Element schwamm der
Mensch wie ein Fisch und lenkte sich mit Hilfe jenes Organs. Seine
Wahrnehmungen hatten einen hellseherischen, bildhaften Charakter.
Die warmen Stromungen riefen in ihm einen Eindruck von hellem
Rot und starkem Wohlklang hervor. Die kalten Stromungen erweck-
ten grime und blaue Farben, silberglanzende und flussige Klange.
Die Zirbeldriise spielte also beim Urmenschen eine ganz ent-
scheidende Rolle. Aber mit der Mineralisierung der Erde erschienen
andere Wahrnehmungsorgane, und bei uns hat die Zirbeldriise
keinen ersichtlichen Zweck mehr.
Vergleichen wir mit diesem Organ das Phanomen des Traumes.
Der Traum ist eine rudimentare Funktion unseres Lebens, anschei-
nend ohne Nutzen und Zweck; aber in Wirklichkeit ist er eine
absterbende Funktion, eine Funktion, die einmal eine ganz andere
Art bewirkt hat, die Welt wahrzunehmen.
Bevor die Erde mineralisch wurde, war sie nur fur das astrale
Hellsehen wahrnehmbar. Alle Wahrnehmung ist relativ und ist nur
ein Symbol. Die zentrale Wahrheit ist dem gottlichen Menschen
wahrnehmbar, aber sie ist unaussprechlich. Es ist dasjenige, was
Goethe so wunderbar ausgedriickt hat in den Worten: «Alles Ver-
gangliche ist nur ein Gleichnis.»
Die astrale Vision - und das ist auch noch der Traum von heute -
ist eine Allegorie und zugleich ein Symbol.
Betrachten wir Beispiele von Traumen, die durch physische und
korperliche Ursachen hervorgerufen werden:
Ein Student traumt, dafi ein Kamerad ihm beim Eintritt ins
Kolleg einen Stofi gegeben hat, dafi ein Duell die Folge ist und daft
er von einem Schuft getroffen wird. Er erwacht und sieht, daft die
Ursache des Traumes ein umgestiirzter Stuhl ist.
Man hort im Traum den Schritt eines trabenden Pferdes - eine
Gehorwahrnehmung, hervorgerufen durch das Ticken einer Uhr.
Eine Frau traumt von einem Pastor, der predigt und der Fliigel
hat - es ist ein Hahn, der kraht und Kikeriki macht.
Gibt es so Traumwahrnehmungen, die vom Korper kommen, so
gibt es auch andere, die von der astralen und von der geistigen Welt
kommen. In solchen Wahrnehmungen liegt der Ursprung der Mythen.
Die Gelehrten fuhren heutzutage den Ursprung der Mythen auf
die dichterische Umdeutung von Naturerscheinungen zuriick. Wer
aber die Entstehung der Mythen im Volk studiert, der sieht, daft sie
nicht auf solche Weise entstanden sind. Die Mythen und Legenden
sind alle urspriinglich astrale Bilder, welche die Tradition entstellt,
umformt und weiterbildet.
Hier ein Beispiel: die Legende von der Mittagsfrau. Wenn die
Landleute, die in der Ernte arbeiten, in der driickenden Sommerhitze
iiber Mittag nicht nach Hause gehen und auf der Erde schlafen, urn
sich auszuruhen, erscheint ihnen eine Frau, die ihnen eine Reihe von
Ratseln vorlegt. Wenn der Schlafer oder die Schlaferin sie auflosen
kann, erwachen sie befreit; wenn nicht, so totet sie die Frau, zerteilt
sie mit einer Sichel. Die Legende fugt hinzu, daft das Phantom durch
ein riickwarts aufgesagtes Vaterunser beschworen werden kann.
Die Geheimwissenschaft belehrt uns, daft diese Mittagsfrau eine
Astralform ist, eine Art Inkubus, der im Schlaf erscheint und den
Menschen bedruckt. Das riickwarts aufgesagte Paternoster ist eine
Spiegelung davon, daft in der Astralwelt alles in umgekehrter Rei-
henfolge, wie in einem Spiegel, sich reflektiert. Ludwig Laistner
bemerkt in seinem Buch «Das Ratsel der Sphinx», daft die Legende
von der Sphinx sich ursprunglich bei alien Volkern findet. Er
beweist aufterdem, daft alle diese Legenden einer Art Hellschlaf ent-
stammen, der Realitaten wahrnimmt, und daft die Sphinx ein eigent-
licher Damon ist.
Der Traumzustand oder die Wahrnehmung der realen Welt in ei-
nem astralen Bild - das ist der Ursprung aller Mythen. Die Mythen
sind die Astralwelt, geschaut in symbolischen Visionen.
Historisch gesehen verschwindet die Mythenschopfung, wenn
das logische und intellektuelle Leben sich entfaltet. Der Mensch der
Gegenwart lebt nur durch seine Sinne und durch seinen Verstand,
welcher die Sinneswahrnehmungen verarbeitet. Der Mensch der
Zukunft wird leben durch den zum vollen Wachbewufttsein erwach-
ten Intellekt, und zu gleicher Zeit in der astralen und geistigen Welt.
Daher wird im Rosenkreuzertum gelehrt: Erst muftt du ein klar
denkender Mensch sein, dessen helles Tagesbewufttsein vollig intakt
bleibt; dann kannst du dir das astrale Bewufttsein hinzuerwerben.
Damit stehen wir an der Eingangspforte zu einer groften, bedeut-
samen Menschheitszukunft.
Die Trance der hypnotisierten Person und des Mediums ist nur
ein atavistisches Phanomen, gebunden an die Herabdampfung des
Bewufttseins. Der Hellseher, der Initiierte, ist nicht ein Gleich-
gewichtsgestorter, ein Visionar; er besitzt schon den Bewulkseins-
grad der Menschen der Zukunft, er ist ebenso solide verankert mit
der Erde wie der niichterne Erdenmensch, und seine Vernunft ist
ebenso klar, ebenso sicher. Aber sein Blick schaut in zwei Welten.
Es ist ein Gesetz der Evolution, daft bestimmte Organe absterben
miissen, damit sich neue Organe entwickeln. So war es auch mit der
Zirbeldriise. Sie steht im Zusammenhang mit dem Lymphsystem.
Sie war einst ein aufteres Wahrnehmungsorgan, das man beim
Embryo im Mutterleibe als Offnung noch finden kann, und beim
neugeborenen Kinde erinnert die weiche Stelle oben am Schadel
noch an die einstige menschliche Konstitution.
Der Traum spielt fur unser heutiges Bewulksein eine analoge Rolle
wie die Zirbeldriise fur die Physiologie des menschlichen Korpers. Er
ist der letzte Rest eines rudimentar gewordenen Hellsehens.
Ein anderes Problem, das dem Neophyten in den okkulten Bru-
derschaften zum Bewufksein gebracht wurde, erwachst aus der Fra-
ge, warum es in der Welt iiberhaupt eine aufsteigende und eine ab-
steigende Entwickelung gibt. Warum existiert das Bose? Das ist eine
schwierige Frage, die weder die Wissenschaft noch die Religion in
Wahrheit gelost hat. Von ihrer Losung hangt aber auch das ganze
Erziehungsproblem ab. Das Bose ist nichts Absolutes, es ist ein
Mittel zur Entwickelung der individuellen Wesenhaftigkeit und der
Freiheit.
Der Materialist gibt nicht zu, daft die Gedanken, die wir an der
Natur heranbilden, zuvor in dieser enthalten sind. Er glaubt, daft
wir sie in sie hineinlegen.
Die Rosenkreuzer des Mittelalters stellten ein Glas Wasser vor
den Neophyten und sagten zu ihm: Damit dieses Wasser im Glas
sein kann, muE es jemand hineingetan haben. Ebenso verhalt es sich
aber mit den Ideen, die wir in der Natur finden. Sie miissen hinein-
gelegt worden sein durch die gottlichen Geister, die Gehilfen des
Logos.
Die Gedanken, die wir aus der Welt ziehen, finden sich in Wahr-
heit in ihr. Alles, was wir schaffen, ist notwendigerweise darin ein-
geschlossen.
34
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 9 4
Seite:34
Es ist eine falsche Idee mancher Mystiker, den Wert des physischen
Leibes herabzusetzen. Er hat denselben Wert wie der Astralleib, er
soli der Tempel der Seele werden.
Betrachten wir die wunderbare Struktur des Schenkelknochens,
des Knochens, der den ganzen Korper stiitzt und dessen Flachen
derart miteinander verkmipft sind, daft sie mit der kleinstmoglichen
Stoffmasse die grofitmogliche Festigkeit erreichen. Kein Ingenieur
konnte ein solches Wunder bewirken. Im Vergleich zum physischen
Leib ist der Astralleib, der Entstehungsherd unserer Leidenschaften,
roh und ungeformt.
Die physische Welt ist der Ausdruck einer inkarnierten Weisheit,
der gottlichen Weisheit.
Die Rosenkreuzer lehren, daft die Erde einst ein Planet der Weis-
heit war, wahrend die heutige Erde der Planet der Liebe genannt
werden konnte. Die Aufgabe des Menschen ist es, fur dasjenige, was
noch unvollkommen in ihm ist, das gleiche zu tun, was die gottliche
Weisheit ihrerseits fur seinen physischen Leib getan hat. Er mufi
seinen Astralleib und die Umwelt veredeln.
Die Involution ist dasjenige, was in uns eingezogen ist ohne unser
Bewufitsein und ohne unseren Willen, unter dem EinfluE der gott-
lichen Weisheit. Die Evolution ist alles, was wir daraus hervorgehen
lassen sollen fur die aufiere Welt durch unser Bewufitsein und
unseren Willen.
Warum arbeitet der Mensch an der Umgestaltung der Natur? Die
Gotter haben die Felsen geschaffen, die Menschen die Pyramiden.
Die Pyramide wird im Laufe der Jahrhunderte zugrunde gehen, aber
die Idee, welche die Pyramide geschaffen hat, wird sich weiterent-
wickeln. Was heute die Kathedrale ist, wird ebenfalls eine andere
Form annehmen. Der Grund, auf dem Raffael gemalt hat, wird zu
Staub zerfallen; aber die Seele Raffaels und die Ideen, die seine Ge-
malde reprasentieren, werden immer lebendig sich weiter entwik-
kelnde Krafte sein. Die Kunst von heute wird die Natur von morgen
sein und in ihr wieder aufbluhen. So wird aus der Involution die
Evolution.
Hier liegt der Kreuzungspunkt des Gottlichen und Menschlichen
und die doppelte Macht, die Gott zum Menschen fiihrt und den
Menschen zu Gott aufsteigen lafit.
In dieser Sicht wird der Okkultismus zur lebendigen Kraft, die
alle kiinftigen Bliitezeiten in sich enthalt.
KOSMOGONIE
Funfter Vortrag, Paris, 29. Mai 1906
Man sollte sich von vornherein dariiber im klaren sein, da£ vor einer
grofieren Verbreitung der Geheimwissenschaft, das heifit seit etwa
zehn Jahren, eine gewisse theosophische Literatur irrtumliche Ideen
verbreitet hat iiber das Ziel, das die Geheimwissenschaft verfolgt.
Man hat behauptet, daft das angestrebte Ziel die Unterdriickung des
Korpers durch Askese sei. Man hat die Idee verbreitet, dafi die aufte-
re Wirklichkeit eine Illusion sei, die iiberwunden werden miisse.
Man hat sich auf den indischen Begriff der Maja berufen. Da liegt
mehr als eine Ubertreibung vor. Es handelt sich vielmehr urn einen
wirklichen theoretischen Irrtum, dem durch die Wissenschaft wie
durch die Praxis der Geheimwissenschaft widersprochen wird.
Wie viel richtiger ist da das griechische Bild, das die Seele mit
einer Biene vergleicht. Gleich wie die Biene aus dem Bienenstock
ausschwarmt und den Bliitensaft erbeutet, um ihn zu destillieren
und daraus den Honig zu bereiten, ebenso dringt die aus dem Geist
entsprungene Seele in die aufiere Wirklichkeit ein und sammelt darin
die Friichte, um sie dem Geist zu iiberbringen.
Es handelt sich in der Geheimwissenschaft nicht darum, die
Wirklichkeit zu verachten, sondern sie zu begreifen und zu niitzen.
Der Leib ist nicht das Kleid, sondern das Instrument der Seele. Die
okkulte Wissenschaft ist nicht die Wissenschaft, die den Leib unter-
driickt, sondern sie lehrt gerade, sich seiner fur hohere Zwecke zu
bedienen. Hatte man die Natur eines Magneten begriffen, wenn man
ihn einfach als ein Stuck Hufeisen beschreiben wiirde? Nein. Aber
man begreift ihn, wenn man sagt: Das ist ein Stuck Eisen, das in sich
die Kraft birgt, andere Eisenteile anzuziehen. - Die sichtbare Wirk-
lichkeit ist ganz durchsetzt von einer tieferen Wirklichkeit, die die
Seele zu durchdringen sucht, um sie zu beherrschen.
Die hohere Weisheit wurde wahrend Tausenden von Jahren als
tiefes Geheimnis im Schoft der okkulten Bruderschaften bewahrt.
Man muftte ihnen angehoren, um auch nur die Anfangsgriinde der
okkulten Wissenschaft kennenzulernen. Und um in sie einzutreten,
muftte man durch Priifungen schreiten und einen Schwur leisten, die
geoffenbarten Wahrheiten nicht zu miftbrauchen. Aber die Bedin-
gungen der menschlichen Natur, insbesondere des menschlichen
Verstandesbewufttseins, haben sich ganzlich verandert, schon seit
dem 16. Jahrhundert und besonders seit hundert Jahren, unter der
Wirkung der wissenschaftlichen Entdeckungen. Durch die Wissen-
schaft ist eine bestimmte Zahl von Wahrheiten aus dem Reich der
Natur und des sinnlich Wahrnehmbaren, die einstmals nur den Ein-
geweihten bekannt waren, Gemeingut geworden. Was heute die
Wissenschaft kennt, war einstmals ein Mysterium. Die Eingeweih-
ten haben schon immer gekannt, was mit der Zeit alle Menschen
wissen sollten. Deswegen hat man sie auch Propheten genannt.
Man muE hinzufugen, daft das Christentum eine grofte Verande-
rung in der Einweihung gebracht hat. Die Einweihung ist nach Jesus
Christus nicht mehr dieselbe wie vorher. Wir konnen sie nur verste-
hen, wenn wir uns Rechenschaft geben von der menschlichen Natur
und uns an dieser Stelle ins Gedachtnis zuriickrufen, welches die
sieben Wesensglieder des Menschen sind.
Die sieben Wesensbestandteile des Menschen sind:
Erstens der physische Leib. Das ist der dem leiblichen Auge
sichtbare Mensch, der natiirliche Mensch, der einzige, den die Wis-
senschaft heute gut kennt. Der rein physische Mensch entspricht der
mineralischen Welt. Er ist eine Zusammenfassung von alien phy-
sischen Kraften des Universums.
Zweitens der Atherleib. Wie kann man ihn verstehen? Wir wis-
sen, daft die Hypnose ein anderes Bewufttsein weckt, nicht nur in
dem hypnotisierten Subjekt, sondern auch in dem Hypnotiseur, der
seiner Versuchsperson alles, was er will, suggerieren kann. Er kann
bewirken, dafi sie einen Stuhl fur ein Pferd halt, aber er kann ihr
auch suggerieren, da£ der Stuhl nicht da ist oder dafi in einem Zim-
mer voller Leute niemand ist. Der Eingeweihte kann nach Belieben
diese Fahigkeit auf sich selbst anwenden und sich dazu bringen, den
physischen Korper der Person, die er vor sich hat, sich abzusugge-
rieren. Alsdann bemerkt er anstelle des physischen Leibes nicht eine
Leere, sondern den Atherleib. Dieser Leib ist ahnlich dem physi-
schen Leibe, jedoch etwas von ihm verschieden. Er entlehnt von ihm
die Form, geht aber etwas iiber ihn hinaus. Er ist mehr oder weniger
leuchtend und flieftend. Seine Organe erscheinen als Stromungen
von verschiedenen Farben, und anstelle des Herzens finden wir ein
wahres Knauel von Kraften, einen Wirbel von Stromungen. Der
Atherleib ist also ein wirklicher, atherischer Doppelganger des
physischen Leibes.
Diesen Leib hat der Mensch gemeinsam mit den Pflanzen. Er ist
nicht das Produkt des physischen Leibes, wie die Empiriker glauben
konnten, sondern er ist im Gegenteil der Erbauer des ganzen physi-
schen Organismus. Fur die Pflanze wie fur den Menschen ist er die
Wachstumskraft, die Kraft des Rhythmus und der Reproduktion.
Drittens der Astralleib. Er hat nicht die Form des atherischen und
des physischen Leibes. Er nimmt eine eiformige Form an und iiber-
ragt den physischen Leib wie eine Wolke, eine Aura. Der Astralleib
kann in alien Farben des Regenbogens erscheinen, je nach den
Leidenschaften, die ihn beseelen. Jede Leidenschaft hat ihre astrale
Farbe. Aufierdem ist der Astralleib gewissermafien die Synthese des
physischen und atherischen Leibes, und zwar auf folgende Weise:
Der Atherleib hat immer einen dem Geschlecht des physischen
Leibes entgegengesetzten Charakter. Der Atherleib eines Mannes ist
weiblichen, der einer Frau mannlichen Geschlechts. Der Astralleib
ist beim Mann wie bei der Frau doppelgeschlechtlich. Er ist also in
dieser Beziehung eine Synthese der beiden anderen Leiber.
Viertens das Ich, Manas im Sanskrit, Jehova im Hebraischen, ist
die vernunftbegabte und bewufite Seele; es ist die unzerstorbare
menschliche Individualitat, die das Wissen vom Aufbau der anderen
Wesensglieder in sich birgt. Es ist das unaussprechbare, gleicherwei-
se menschliche und gottliche Ich. Es ist die Einheit der vier Elemen-
te, die Pythagoras unter dem Zeichen des Tetragramms verehrt hat.
Die menschliche Evolution besteht in der Verwandlung der unte-
ren Leibesglieder mit Hilfe des Ich in vergeistigte Leiber. Der phy-
sische Leib ist das alteste und infolgedessen vollendetste Glied im
heutigen Menschen. Die gegenwartige Phase der menschlichen Evo-
lution hat zur Aufgabe die Verwandlung des Astralleibes.
Bei dem zivilisierten Typus des Menschengeschlechts teilt sich
der Astralleib in zwei Partien, eine niedere und eine hohere. Die
niedere bleibt noch chaotisch und dunkel, die hohere ist leuchtend
und schon durchdrungen von den Kraften des Manas, das heifk
geordnet und regelmafiig.
Sofern der Initiierte seinen Astralleib von alien tierischen Leiden-
schaften gereinigt und ihn vollkommen leuchtend gemacht hat - das
ist die erste Phase seiner Einweihung -, ist er bei der Katharsis, der
Reinigung, angekommen. Erst dann kann er an seinem Atherleib
arbeiten und mittels dessen dem physischen Leib sein Siegel auf-
driicken. Der Astralleib hat an sich keinen Einfluft auf den phy-
sischen Leib. Er ist darauf angewiesen, durch den Atherleib hin-
durch zu wirken.
Die Aufgabe des Schiilers besteht also darin, zur Umwandlung
des Astralleibs und Atherleibs zu gelangen und in der Folge zur
vollstandigen Herrschaft iiber den physischen Leib. Auf diese Weise
wird er ein Meister und verwandelt die drei niederen Wesensglieder
seiner Natur in die drei hoheren:
Funftens: Manas.
Sechstens: Budhi.
Siebentens: Atma.
Wir stoften hier auf ein wunderbares Gesetz der menschlichen
Natur, welches zeigt, dafi das Ich und das Manas im Mittelpunkt der
menschlichen Entwickelung stehen. Die Herrschaft, welche das
Manas nach unten iiber den Astralleib und den Atherleib ausubt,
iibertragt sich nach oben - das heiftt auf die Glieder des oberen,
gottlichen Menschen - durch den Erwerb neuer Fahigkeiten.
So verwandelt sich zum Beispiel der Einfluft vom Manas auf
seinen Atherleib in Licht und Kraft fur sein geistiges Wesen: Budhi.
Der Einfluft, den er auf seinen physischen Leib ausiibt, verwandelt
sich in Licht und Kraft fur seinen gottlichen Geist: Atma.
So gipfelt also die ganze menschliche Entwickelung in der Ver-
wandlung der unteren Wesensglieder durch das hohere Ich. Und
unsere gegenwartige Entwickelungsstufe hat zur Aufgabe die Um-
wandlung des Astralleibes, die Hand in Hand geht mit der Beherr-
schung des Empfindungslebens und seiner Reinigung.
Der Astralleib des heutigen Menschen ist dunkel in seiner unte-
ren Partie, hell und farbig in seiner oberen Partie. Die untere Partie
ist noch nicht umgewandelt durch das Ich, die obere ist von ihm
durchdrungen und umgewandelt worden. Wenn der Mensch seinen
Astralleib ganz durchgearbeitet hat, so sagt man, dafi er ihn in
Manas verwandelt hat.
Erst dann beginnt die Arbeit am Atherleib. Dazu mufi man wis-
sen: Was sich im Astralleib ereignet, ist vorubergehender Art. Was
sich im Atherleib vollzieht, hinterlafk dort eine dauerhafte Spur und
driickt sich aufierdem wie ein Siegel auf dem physischen Leib ab.
Die hohere Einweihung besteht in der Kontrolle aller Vorgange
des physischen Leibes, in ihrer vollkommenen Beherrschung, so da£
man sie nach Belieben in der Hand hat.
In dem Mafie, wie der Eingeweihte an diesem Punkte ankommt,
besitzt er Atma, wird er ein Magier und erwirbt er Macht iiber die
Natur.
Der Unterschied zwischen der ostlichen und der westlichen Ein-
weihung besteht in der Methode, mit welcher der Lehrer den Schil-
ler zur Arbeit an dessen Atherleib anleitet. Um uns dariiber klar zu
werden, ist es notwendig, die verschiedenen Zustande des Menschen
wahrend des Schlafens und wahrend des Wachens zu betrachten.
Wahrend des Schlafens ist der Astralleib teilweise vom Korper
getrennt und untatig, wahrend der Atherleib in seiner vegetativen
Arbeit fortfahrt.
Beim Tode trennt sich der Atherleib mit dem Astralleib vollkom-
men vom physischen Leibe. Im Atherleib, als dem Trager des
Gedachtnisses, sitzt die Erinnerung an das Leben, so daft in dem
Augenblick, wo er sich loslost, die Sterbenden ihr Leben wie in
einem einzigen Tableau lesen. Der Atherleib wird, wenn er vom
physischen Leib getrennt ist, sehr viel regsamer, weil er nicht mehr
von seiner Beziehung zum Physischen gestort wird.
Die orientalische Initiation bestand nun darin, den Atherleib und
den Astralleib des Schiilers wahrend eines lethargischen Zustands,
der gewohnlich drei Tage dauerte, von dem Schiiler zu trennen.
Wahrend dieses Zeitraums lenkte der Hierophant den Atherleib des
Schiilers, ubertrug auf ihn gewisse Impulse, floftte ihm seine Weis-
heit ein, ubertrug sie auf ihn als einen machtigen und unauslosch-
lichen Eindruck.
Beim Erwachen fand der Eingeweihte in sich diese Weisheit, weil
der Atherleib das Gedachtnis des Menschen in sich schlieftt; und er
bewahrte diese Weisheit - es war diejenige der okkulten Lehre, aber
gepragt von dem unausloschlichen, personlichen Abdruck des
Hierophanten. Nach dieser Einweihung sagte man von dem, der die
Einweihung durchgemacht hatte, daft er zweimal geboren sei.
Man ging so zu Werk, weil es schwierig gewesen ware, auf eine
andere Weise die hoheren Wahrheiten mitzuteilen.
Anders verhalt es sich mit der abendlandischen Einweihung. Sie
unterscheidet sich von der ostlichen darin, daft die eine sich im
Schlafzustand vollzieht und die andere im Zustand des Wachens, das
heiftt, daft sie die Trennung zwischen Atherleib und physischem
Leib vermeidet. In der abendlandischen Einweihung bleibt der Ein-
zuweihende unabhangig, und der Lehrer ist nur ein Erwecker. Der
abendlandische Lehrer will weder herrschen noch bekehren, son-
dern allein erzahlen, was er geschaut hat.
Welches ist nun die Art und Weise, wie man auf ihn zu horen hat?
- Es gibt in Wirklichkeit drei Arten zu horen: horen, indem man
sich dem Wort als einer unfehlbaren Autoritat unterwirft; horen,
indem man sich auflehnt gegen das, was man hort; schlieftlich das
einfache Hinhoren ohne knechtischen und blinden Glauben, gewis-
sermaften ohne systematische Opposition, indem man einfach die
Ideen auf sich wirken laftt und ihre Wirkungen beobachtet. So muft
in der abendlandischen Einweihung die Haltung des Schiilers
seinem Lehrer gegeniiber sein.
Was nun den Lehrer betrifft, so weift er, daft er, urn der Meister zu
sein, der Diener sein mufi. Es handelt sich fur ihn nicht darum, die
Seele seines Schiilers nach seinem Bilde zu modeln, sondern ihr Rat-
selvolles zu ahnen und aufzulosen. Was er lehrt, ist nicht eine Glau-
benslehre, oder vielmehr, es ist eine Lehre, die aber nur Wert hat,
indem sie der inneren Entwickelung dient. Jede Wahrheit, die nicht
gleichzeitig eine Lebenskraft ist, ist eine unfruchtbare Wahrheit.
Deshalb ist es notwendig, daft jeder Gedanke Zugang zur Seele fin-
de. Er tut dies nicht, wenn er nicht vom Gefuhl durchstromt ist;
sonst ist er ein totgeborener Gedanke.
KOSMOGONIE
Sechster Vortrag, Paris, 30. Mai 1906
Zuerst einmal mufi festgehalten werden, daft der Yoga oder die Ein-
weihung kein stiirmisches Ereignis ist, sondern eine langsame Schu-
lung, eine ganz intime Veranderung. Man stellt sich oft vor, daft sie
in einer Reihe von aufteren Verrichtungen und asketischen Ubungen
besteht. Nichts davon trifft zu. Alles muft sich in den Tiefen der
Seele abspielen.
Sprechen wir zuerst von den praktischen Regeln dieser Schulung.
Man hat oft gesagt, daft der Anfang der Einweihung gefahrlich sei
und dafi derjenige, der sie unternimmt, sich ernsten Gefahren aus-
setze. Daran ist etwas Wahres, und wir wollen versuchen, es wissen-
schaftlich auseinanderzusetzen.
Die Einweihung ist eine Art Geburt der hoheren menschlichen
Seele, die in jedem Menschenwesen verborgen ist. Sie birgt fiir die
niedere Seele oder, genauer gesagt, fiir den Astralleib ahnliche Ge-
fahren wie die der physischen Geburt; wobei die Ahnlichkeit darin
besteht, daft die gottliche Seele sich von der Leidenschaftsseele unter
Schmerzen trennt wie das Kind vom Schoft seiner Mutter, aber mit
dem Unterschied, daft die geistige Geburt sehr viel langer dauert.
Nehmen wir noch einen anderen Vergleich. Die hohere Seele ist
eng gebunden an die tierische Seele. Ihre Verbindung untereinander
ist es, die die Leidenschaften maftigt, sie vergeistigt und beherrscht
nach dem Grade der Vernunft und des Willens. Diese Verbindung
hat einen Vorteil fiir den Menschen. Aber er bezahlt diesen Vorteil
mit dem Verlust seiner Hellsichtigkeit. Stellen wir uns eine Fliissig-
keit von griiner Farbe vor, die chemisch aus Blau und Gelb zu-
sammengesetzt ist. Wenn es Ihnen gelingt, sie chemisch zu trennen,
werden Sie zum Beispiel sehen, daft die gelbe Fliissigkeit sich auf
dem Grund absetzt, wahrend die blaue an die Oberflache aufsteigt.
Ebenso verhalt es sich beim Menschen, wenn der Einweihungsweg
die tierische Seele von der geistigen Seele trennt. Fur die hohere See-
le erfolgt daraus die Hellsichtigkeit, aber die allein gelassene tieri-
sche Seele iiberliefert sich nun, sofern sie noch nicht durch das Ich
gereinigt ist, ohne Kontrolle dem Exzeft der Leidenschaften. Man
kann diese Tatsache haufig bei Medien konstatieren. Das Wachsein
gegeniiber dieser Gefahr wird manchmal in der Einweihung be-
zeichnet durch das Wort: der Hiiter der Schwelle.
Das ist der Grund, weshalb die erste Forderung, die man an den
Schtiler stellt, die ist, daft er ein fester Charakter und ein Herrscher
liber seine Leidenschaften sei. Den Einweihungsubungen gehen des-
wegen eine strenge Zucht und gewisse Bedingungen voraus, deren
erste Ruhe und Zuriickgezogenheit sind. Die gewohnliche Moral
genugt nicht, denn die bezieht sich nur auf das Betragen des Men-
schen in der aufteren Welt. Die Einweihung bezieht sich aber auf den
inneren Menschen.
Wollte man nun einwenden: die Frommigkeit genugt -, so wiir-
den wir antworten: Die Frommigkeit ist eine schone und notwendi-
ge Sache, aber sie hat nichts mit okkulter Ubung zu tun. Frommig-
keit ohne Weisheit ist unschopferisch.
Es handelt sich fiir den Okkultisten, den wirklichen Eingeweih-
ten, darum, die Richtung seines Lebenslaufes zu andern. Der
Mensch der Gegenwart wird in seinen Handlungen durch die Sin-
neseindriicke, das heifk durch die auftere Welt, bestimmt und getrie-
ben. Aber alles, was an Raum und Zeit gebunden ist, ist ohne Bedeu-
tung. Man kann es iibergehen.
Welches sind nun die Mittel zu diesem Zweck?
Erstens: Seine Gedankenkraft auf ein einziges Objekt richten und
sie darauf ruhen lassen. Das nennt man: die Gedankenkontrolle
erwerben.
Zweitens: Ebenso handeln in Hinsicht auf alle Tatigkeiten, seien
sie grofi oder klein, sie beherrschen, sie regeln, sie unter die Kontrol-
le des Willens bringen. Alle miissen hinfort von einer inneren Initia-
tive ausgehen. Das ist die Kontrolle der Handlungen.
Drittens: Das seelische Gleichgewicht. Man muE im Schmerz und
in der Freude Mafiigung waken lassen. Goethe hat gesagt, daft die
Seele, die liebt, bald «himmelhoch jauchzend», bald «zum Tode be-
trubt» sei. Der Okkultist muft mit demselben seelischen Gleichmut
die groftte Freude und den groEten Schmerz ertragen.
Viertens: Die Positivitat. Der seelische Zustand, der darin
besteht, dafi man das Gute in allem sucht. Eine persische Legende
erzahlt: Als Christus einst mit seinen Jungern an einem ubelriechen-
den Hundekadaver vorbeiging, wandten sich seine Jiinger mit
Abscheu weg. Er aber sagte, nachdem er das widerliche Schauspiel
betrachtet hatte, einfach: Welche schonen Zahne hat das Tier!
Fiinftens: Die Unbefangenheit. Die geistige Offenheit fur jede
neue Erscheinung; die Fahigkeit, sich niemals durch das Vergangene
in seinem Urteil bestimmen zu lassen.
Sechstens: Das innere Gleichgewicht, das aus alien diesen vor-
bereitenden Ubungen entspringt. Man findet sich nunmehr reif zur
inneren Schulung der Seele. Man ist bereit, sich auf den Weg zu
machen.
Siebentens: Die Meditation. Man mufi sich blind und taub ma-
chen in bezug auf die auftere Welt und die Erinnerungen an sie, bis
zu dem Grad, dafi ein Kanonenschuft uns nicht aus der Fassung
bringen wiirde. Das ist die Vorbereitung zur Meditation. Hat man
sich innerlich leer gemacht, so ist man fahig, das in sich zu empfan-
gen, was von aufien kommt. Es gilt alsdann, die tieferen Seelen-
schichten zu erwecken durch bestimmte Ideen, die geeignet sind, die
Seele zur Quelle aufsteigen zu lassen.
In «Licht auf den Weg» finden sich vier Lehren, die geeignet sind,
als Gegenstande der Meditation, der inneren Konzentration ver-
wendet zu werden. Es sind sehr alte Grundsatze, die von den Ein-
geweihten seit Jahrhunderten angewendet werden und deren Sinn
tief und mannigfach ist.
Erste Lehre: Bevor das Auge sehen kann,
Mufi es der Tranen sich entwohnen.
Zweite Lehre: Bevor das Ohr vermag zu horen,
Mufi die Empfindlichkeit ihm schwinden.
Dritte Lehre: Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen,
Mufi das Verwunden sie verlernen.
Vierte Lehre: Und eh' vor ihnen stehen kann die Seele,
Mufi ihres Herzens Blut die Fufie netzen.
Diese vier Lehren haben eine magische Gewalt. Aber um sie lebhaft
zu empfinden, ist es notig, sie in sich leben zu lassen und sie uner-
mudlich zu lieben, so wie eine Mutter ihr Kind liebt.
Die erste Ubung hat die Kraft, den Atherleib zu entwickeln, ins-
besondere seinen oberen Teil, der dem Kopf entspricht.
Nachdem so der obere Teil des Atherleibs behandelt worden ist,
ist es notwendig, einen tieferen Wesensteil zu entwickeln: das Blut-
und Atmungssystem, das Herz und die Lungenfliigel. Einstmals, in
verflossenen Epochen der Erdentwickelung, lebte der Mensch im
Wasser und atmete durch Kiemen wie heutzutage die Fische. Die
heiligen Schriften der Volker haben den Moment, wo der Mensch
begonnen hat, die Himmelsluft einzuatmen, vermerkt. Die Genesis
sagt: «Gott blies dem Menschen seinen Odem ein.» Der Schiiler
mufi sein Atmungssystem verandern und reinigen. Alle Entwicke-
lung geht vom Chaos zur Harmonie, vom Arrhythmischen zum
Rhythmischen. Der Mensch mufi seine Instinkte harmonisieren.
In den alten Zeiten wurden die verschiedenen Grade der Ein-
weihung durch besondere Namen bezeichnet:
Erster Grad: der Rabe. Er bezeichnet den, der sich an der Schwel-
le befindet. Der Rabe erscheint in alien Mythologien. In der Edda
flustert er in das Ohr Wotans, was er in der Feme sieht.
Zweiter Grad: der Geheimschiiler oder Okkultist.
Dritter Grad: der Krieger (Kampf, Streit).
Vierter Grad: der Lowe (Starke).
Fiinfter Grad: der Initiierte tragt den Namen des Volkes, dem er
angehort: Perser oder Grieche, weil seine Seele auf sein ganzes Volk
sich ausgedehnt hat.
Sechster Grad: Sonnenheld oder Sonnenlaufer, weil sein Lauf
ebenso harmonisch, ebenso rhythmisch geworden ist wie der Lauf
der Sonne. Die Sonne reprasentierte die rhythmische, lebendige Be-
wegung des Planetensystems. Die Ikarus-Legende bezieht sich auf
die Einweihung. Ikarus hat zu fruh, ohne geniigende Vorbereitung,
versucht, die Sonne zu erreichen und ist abgestiirzt.
Siebenter Grad: der Vater, weil er nun fahig geworden ist, Schiiler
heranzuziehen und der Beschiitzer aller Menschen zu sein; und weil
er der Vater des neuen Menschen ist, zum zweiten Mai geboren in
der erweckten Seele.
Im Laufe der Meditation reinigt der Gedanke die Luft. Es liefie
sich sogar chemisch nachweisen und demonstrieren, dafi Kohlen-
saure in geringerer Menge ausgeatmet wird.
Der neue Atmungsrhythmus verursacht eine Veranderung im
Blut. Der Mensch ist bis zu dem Grade gereinigt, dafi er selbst das
Blut aufbauen kann ohne Hilfe der Pflanzen. Auf langere Sicht veran-
dert die Meditation die Natur des Blutes. Der Mensch atmet alsdann
weniger Kohlensaure aus, weil er Kohlensaure in sich zuriickhalt und
sie zum Aufbau des Korpers verwendet. Er atmet nur reine Luft aus.
So wird der Mensch fahig, von seinem eigenen Atem zu leben. Er
vollzieht auf diese Weise eine alchimistische Verwandlung.
Welches sind nun die hoheren Stufen der Einweihung?
Erste Stufe: Der Eingeweihte findet in der Seele vollige Stille.
Alsdann steigt in ihm auf die astrale Vision, wo alles auf symbolische
Weise Bild der Realitat ist. Diese astrale Vision, wahrgenommen
wahrend des Schlafes, ist noch unvollkommen.
Zweite Stufe: Die Traume horen auf, chaotisch zu sein und wer-
den regelmafiig. Man fiihlt die wahre Beziehung zwischen der Sym-
bolik der Traume und der Realitat, man wird Meister auf dem
Astralplan. Nun entziindet sich das Astrallicht, das aus dem Inneren
kommt, in der Seele, die lernt, die anderen Seelen gleichsam als Rea-
litaten zu sehen.
Dritte Stufe: Die Kontinuitat des Bewufttseins stellt sich zwi-
schen dem Wachzustand und dem Schlafzustand ein. Wahrend
einstmals das Astralleben sich in den Traumen des leichten Schlafes
spiegelte, erscheint es nun im Tiefschlaf in anderen Wahrnehmun-
gen, die reine Horvorgange sind und sich in feierlicher Form mani-
festieren. Die Seele hort alsdann das innere Wort aller Wesen in
Form einer wunderbaren Harmonie, und diese Harmonie manife-
stiert das wirkliche Leben.
Platon und Pythagoras haben diese Harmonie die Spharenhar-
monie genannt. Das ist keine poetische Metapher, sondern eine tiefe
Schwingung der innersten Seele unter den Klangwellen, die von der
Weltseele ausgehen.
Goethe, der schon in seiner Jugend in der Periode zwischen Leip-
zig und Strafiburg eingeweiht wurde, kannte diese Spharenharmo-
nie. Er hat sie besungen am Anfang des «Faust», wo der Erzengel
Raphael diese Worte spricht
Die Sonne tont nach alter Weise
in Bruderspharen Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Im tiefen Schlaf vernimmt der Eingeweihte diese Tone als Trom-
petengeschmetter und Donnerrollen.
KOSMOGONIE
Sieb enter Vortrag, Paris, 31. Mai 1906
Das Christentum spielt in der Geschichte der Menschheit eine ein-
zigartige, einschneidende und wesentlichste Rolle. Es ist sozusagen
das zentrale Moment, der springende Punkt zwischen der Involu-
tion und der Evolution. Und deshalb strahlt auch ein so glanzvolles
Licht aus ihm hervor.
Nirgends aber glanzt dieses Licht so lebendig wie im Johannes-
Evangelium. Tatsachlich erscheint es hier allein in seiner ganzen
Kraft. Zweifellos sieht die zeitgenossische Theologie dieses Evange-
lium nicht so an. Vom historischen Gesichtspunkt aus betrachtet sie
es als nicht gleichwertig, sozusagen als apokryph gegenuber den drei
Synoptikern. Allein schon die Tatsache, daft man seine Entstehung
dem zweiten Jahrhundert zugeschrieben hat, hat dazu gefuhrt, daft
die Theologen der kritischen Schule es als ein Werk der mystischen
Poesie und der alexandrinischen Philosophic betrachten.
Ganz anders spricht die Geheimwissenschaft vom Johannes-
Evangelium. Durch das ganze Mittelalter hindurch gab es eine Reihe
von Bruderschaften, die in ihm ihr Ideal und die Hauptquelle der
christlichen Wahrheit sahen. Diese Bruderschaften nannten sich Bol-
der des heiligen Johannes, die Albigenser, die Katharer, die Templer
und die Rosenkreuzer. Sie alle betatigten sich in praktischem Okkul-
tismus und beriefen sich auf dieses Evangelium als auf ihre Bibel, ihr
Brevier. Man kann sogar annehmen, daft die Legende vom Gral, von
Parzival und von Lohengrin von diesen Bruderschaften ausgegangen
ist und daft sie der populare Ausdruck ihrer Geheimlehren war.
Alle Briider dieser verschiedenen, unter sich verwandten Orden
haben sich selbst als die Vorlaufer eines individuellen Christentums
betrachtet, dessen Geheimnis sie besaften und dessen voile Entfal-
tung kiinftigen Zeiten vorbehalten war. Dieses Geheimnis fanden sie
einzig und allein im Johannes-Evangelium. Sie fanden darin eine
ewige Wahrheit, die sich alien Zeiten angleicht, eine Wahrheit, wel-
che vom Grund aus die Seele neugestaltet, die es in ihr tiefstes Inne-
res aufnimmt. Man las das Johannes-Evangelium nicht wie ein lite-
rarisches Erzeugnis, sondern sah darin ein Mittel zur Einweihung.
Um uns davon Rechenschaft zu geben, lassen wir die Frage seines
historischen Wertes zunachst auf sich beruhen.
Die ersten vierzehn Verse dieses Evangeliums waren fiir die Ro-
senkreuzer Gegenstand einer taglichen Meditation und einer geisti-
gen Ubung. Man schrieb ihnen eine magische Wirkung zu, und diese
haben sie in der Tat fiir den Okkultisten. Solcher Art war ihre Wir-
kung. Indem man sie taglich zur selben Stunde unermudlich wieder-
holte, gelangte man dazu, im Traumbewufksein die Vision von all
den Ereignissen zu haben, die im Evangelium erzahlt werden, und
sie innerlich zu erleben.
Auf diese Weise bedeutet fiir die Rosenkreuzer das Leben des
Christus die Auferstehung des Christus auf dem Grund jeder Seele
durch die Geistesschau. Sie glaubten im iibrigen gleicherweise an die
innerlich-reale wie an die historische Existenz des Christus. Denn
den inneren Christus erkennen, heifit zu gleicher Zeit auch den
Christus erkennen, der aufierlich dagewesen ist.
Ein moderner materialistischer Geist konnte einwenden: Beweist
die Tatsache, daft die Rosenkreuzer solche Traume hatten, auch die
reale Existenz des Christus? - Darauf antwortet der Okkultist:
Gabe es nicht das Auge, um die Sonne zu sehen, so wiirde die Sonne
nicht existieren; aber wenn es die Sonne am Himmel nicht gabe,
gabe es ebensowenig ein Auge, um sie zu sehen. Denn die Sonne ist
es, die das Auge im Laufe der Zeiten gebildet hat und die es geformt
hat, um das Licht wahrzunehmen. So konnte der Rosenkreuzer sich
sagen: Das Johannes-Evangelium hat deinen inneren Sinn erweckt,
aber ohne einen lebendigen Christus konntest du es nicht in dir
leben lassen.
Das Wirken des Christus Jesus kann nur in seiner vollen Tiefe
erkannt werden, wenn man den Unterschied zwischen den antiken
Mysterien und dem christlichen Mysterium erkennt.
Die antiken Mysterien vollzogen sich in den Tempelschulen. Die
Eingeweihten waren Erweckte. Sie lernten, auf ihren Atherleib zu
wirken; sie waren alsdann «Zweimalgeborene», weil sie die Wahrheit
auf zweierlei Art sehen konnten: unmittelbar durch den Traum und
durch die astrale Vision, mittelbar durch Gefiihl und Logik. Die Ein-
weihung, die man durchmachte, bedeutete dreierlei: Leben, Tod und
Auferstehung. Der Schiiler brachte drei Tage im Grabe, in einem Sar-
kophag im Tempel, zu. Sein Geist war vom Korper befreit. Aber am
dritten Tag kehrte sein Geist auf den Ruf des Hierophanten aus der
Welt des Kosmos, wo er das Leben des Universums kennengelernt
hatte, in seinen Korper zuriick. Er war verwandelt und neugeboren.
Die grofken griechischen Schriftsteller haben mit Enthusiasmus und
heiliger Ehrfurcht von diesen Mysterien gesprochen. Plato sagte so-
gar, daft nur ein Eingeweihter die Bezeichnung «Mensch» verdiene.
Aber diese Einweihung findet in Wahrheit in dem Christus ihre Kro-
nung. In Christus konzentriert sich die Einweihung des Gefuhlsle-
bens, wie das Eis verdichtetes Wasser ist. Was man in den antiken
Mysterien gesehen hatte, verwirklicht sich geschichtlich durch den
Christus auf dem physischen Plan. Der Tod der Eingeweihten war
nur ein partieller Tod in der Atherwelt gewesen. Der Tod des Chri-
stus war ein vollstandiger Tod auf dem physischen Plan.
Man kann die Auferweckung des Lazarus als ein Schwellenmotiv,
als eine Art Ubergang von der antiken zur christlichen Einweihung
betrachten. Im Johannes-Evangelium erscheint Johannes selbst erst
nach dem Bericht vom Tod des Lazarus. Der Jiinger, den Jesus lieb
hatte, ist auch der hochste Eingeweihte. Es ist derjenige, der durch
Tod und Auferstehung gegangen und durch die Stimme des Christus
selbst auferweckt worden ist. Johannes - das ist der nach seiner Ein-
weihung aus dem Grabe erstandene Lazarus. Johannes hat den Tod
des Christus erlebt. So ist der mystische Weg, den die Tiefen des
Christentums enthullen.
Die Hochzeit zu Kana, deren Bericht man gleichfalls in diesem
Evangelium liest, umschlieftt eines der tiefen Geheimnisse der Gei-
stesgeschichte der Menschheit. Es bezieht sich auf die Worte des
Hermes: Alles ist oben wie unten. Auf der Hochzeit zu Kana wird
das Wasser in Wein verwandelt. An diese Tatsache kniipft sich ein
symbolischer universeller Sinn: Im religiosen Kultus soli das Was-
seropfer zeitweise durch das Weinopfer ersetzt werden.
Es gab in der Geschichte der Menschheit eine Zeit, in welcher der
Wein noch unbekannt war. Zur Zeit der Veden kannte man ihn
kaum. Nun, solange die Menschen keine alkoholischen Getranke
tranken, war die Vorstellung von vorhergehenden Daseinsstufen
und von der Vielzahl von Erdenleben iiberall verbreitet, und
niemand zweifelte daran. Seitdem die Menschheit Wein zu trinken
begann, verdunkelte sich die Idee der Reinkarnation ganz schnell
und verschwand schlieElich aus dem allgemeinen Bewulksein. Sie
wurde nur bewahrt durch die Eingeweihten, die sich des Weinge-
nusses enthielten. Denn der Alkohol hat auf den menschlichen Or-
ganismus eine besondere Wirkung, insbesondere auf den Atherleib,
in dem das Gedachtnis seinen Sitz hat. Der Alkohol verschleiert das
Gedachtnis, verdunkelt es in seinen inneren Tiefen. Der Wein schafft
Vergessenheit, sagt man. Dabei handelt es sich nicht um ein ober-
flachliches, momentanes Vergessen, sondern um ein tiefes und dau-
erndes Vergessen, um eine Verfinsterung der Gedachtniskraft im
Atherleib. Daher verloren die Menschen, als sie sich anschickten
Wein zu trinken, nach und nach ihr ursprungliches Gefiihl fur die
Wiederverkorperung.
Nun hatte aber der Glaube an die Wiederverkorperung und an
das Karmagesetz einen machtigen Einflufi nicht nur auf die Person-
lichkeit, sondern auch auf ihr soziales Empfinden. Er liefi sie die
Ungleichheit der menschlichen Lebensumstande hinnehmen. Wenn
der ungliickliche agyptische Arbeiter an den Pyramiden arbeitete,
wenn der Hindu der untersten Kaste an den gigantischen Tempeln
im Herzen der Berge baute, sagte er sich, dafi ein anderes Dasein ihn
fur die tapfer ertragene schwere Arbeit entschadigen wiirde, wenn er
gut war; er sagte sich, dafi sein Meister schon durch ahnliche Prii-
fungen hindurchgegangen war, oder dafi er spater durch noch harte-
re Priifungen hindurchgehen miisse, wenn er an der Gerechtigkeit
zweifelte und iibel gesinnt ware.
Als aber das Christentum herannahte, sollte die Menschheit
durch eine Epoche hindurchgehen, in der sie sich ganz auf ihre Er-
denaufgabe einstellte. Sie sollte an der Verbesserung dieses Lebens
wirken, an der Entwickelung des Intellekts, an der verstandesmafti-
gen wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur. Das Bewuiksein von
der Wiederverkorperung sollte demgemafi fiir zweitausend Jahre
verlorengehen. Und das Mittel, das zu diesem Zweck angewendet
wurde, war der Wein.
Das ist der tiefe Grund der Verehrung des Bacchus, des Gottes
des Weiries, der Trunkenheit, einer volkstumlichen Form des Dio-
nysos der alten Mysterien, der an sich einen ganz anderen Sinn hatte.
Das ist auch der symbolische Sinn der Hochzeit zu Kana. Das Was-
ser spielt seine Rolle beim alten Opferdienst, der Wein beim neuen.
Die Worte des Christus: «Selig, die nicht sehen und doch glauben»,
beziehen sich auf die neue Ara des Menschen, wo der Mensch, ganz
seinen Erdenaufgaben hmgegeben, weder die Erinnerung an friihere
Inkarnationen noch die direkte Schau in die geistige Welt haben soil.
Der Christus hinterlafit uns in der Szene vom Berg Tabor, in der
Verklarung vor Petrus, Jakobus und Johannes, ein Vermachtnis. Die
Junger sahen Ihn zwischen Elias und Moses. Elias reprasentiert den
Weg zur Wahrheit, Moses die Wahrheit selbst und der Christus das
Leben, das beides vereinigt. Deshalb kann er von sich sagen: «Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. »
So gipfelt und vereint sich alles in Christus, erhalt alles von Ihm
sein Licht und seine Starke, verwandelt sich alles in dem Christus.
Er geht die Vergangenheit der menschlichen Seele zuriick bis zur
Quelle und sieht ihre Zukunft voraus bis zur Vereinigung mit Gott.
Denn das Christentum ist nicht allein eine Kraft der Vergangenheit,
sondern auch eine Kraft fiir die Zukunft. Mit den Rosenkreuzern
lehrt die neue Geisteswissenschaft den inneren Christus in jedem
Menschen und den zukiinftigen Christus in der ganzen Menschheit.
KOSMOGONIE
Achter Vortrag, Paris, 1. Juni 1906
Seit den Urspriingen des Christentums und der Zeit der Apostel hat
es die christliche Einweihung immer gegeben, und sie ist stets die-
selbe geblieben wahrend des Mittelalters und bis auf unsere Tage, bei
den zahlreichen religiosen Orden ebenso wie bei den Rosenkreuzern.
Diese Einweihung besteht aus geistigen Ubungen, die gleiche und
unveranderliche Symptome hervorrufen. Die Gesellschaften, die sie
in tiefem Geheimnis verwirklichen, sind der wahre Herd alien spiri-
tuellen Lebens wie auch alien religiosen Fortschritts der Menschheit.
Die christliche Einweihung ist in gewisser Hinsicht schwieriger
als die Einweihung der Antike. Das hangt zusammen mit dem We-
sen und der Mission des Christentums, das in die Welt kam zu der
Zeit, in welcher der Mensch den tiefsten Abstieg in die Materie voll-
zog. Dieser Abstieg mufi ihm ein neues Bewufitsein verleihen, aber
aus dieser Tiefe, aus dieser materiellen Dichte aufzusteigen, fordert
von ihm eine groftere Anstrengung und macht die Einweihung
schwieriger. Deshalb fordert der christliche Meister von seinem
Schiiler einen hoheren Grad von Demut und von Devotion.
Die christliche Einweihung hat immer in sieben Stufen bestan-
den. Vier davon entsprechen vier Stationen des Kalvarienberges. Es
sind folgende:
Erstens: Die Fufiwaschung
Zweitens: Die Geifielung
Drittens: Die Dornenkronung
Viertens: Die Kreuztragung
Fiinftens: Der mystische Tod
Sechstens: Die Grablegung
Siebentens: Die Auferstehung
Die Fufiwaschung ist eine vorbereitende Ubung rein moralischer
Natur. Sie bezieht sich auf die Szene, wo Christus vor dem Osterfest
den Jiingern die FiilSe wascht (Joh.-Ev. 13). «Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch: Der Knecht ist nicht grofier denn sein Herr, noch der
Apostel grofier denn der, der ihn gesandt hat.» Die Theologie gibt
diesem Akt eine rein moralische Interpretation und sieht darin
lediglich ein Beispiel tiefer Demut und absoluter Unterwerfung des
Meisters unter seine Schiiler und unter sein Wirken. Das sehen auch
die Rosenkreuzer darin, aber in einem viel tieferen Sinn, der die
Evolution aller Wesen in der Natur einbezieht. Es ist eine Anspie-
lung auf das Gesetz, daft das Obere das Produkt des Unteren ist. Die
Pflanze konnte zum Stein sagen: Ich stehe iiber dir, denn ich habe
das Leben, das du nicht hast, aber ohne dich konnte ich nicht existie-
ren, denn aus dir ziehe ich die Safte, die mich ernahren. - Und das
Tier konnte zur Pflanze sagen: Ich stehe iiber dir, denn ich habe
Empfindung, Leidenschaften, Willensregungen, die du nicht hast,
aber ohne die Nahrung, die du mir gibst, ohne deine Blatter, Graser
und Friichte, konnte ich nicht leben. - Und der Mensch miiftte zu
den Pflanzen sagen: Ich stehe iiber euch, aber ich verdanke euch den
Sauerstoff, den ich atme. Er miiftte zu den Tieren sagen: Ich habe
eine Seele, die ihr nicht habt, aber wir sind Briider und Gefahrten,
und wir Ziehen uns empor in der allgemeinen Evolution. - Der eso-
terische Sinn der Fuftwaschung ist also, daft der Christus Jesus, der
Messias, der Sohn Gottes, nicht sein konnte ohne die Apostel.
Der Schiiler, der iiber dieses Thema wahrend Monaten und
manchmal jahrelang meditiert hat, erlebt die Vision der Fuft-
waschung auf dem astralen Plan wahrend des Schlafes. Alsdann
kann er aufsteigen zum zweiten Grad der christlichen Einweihung:
Die Geiftelung: Auf dieser Stufe lernt der Mensch der Geiftel des
Lebens zu widerstehen. Das Leben bringt uns Leiden aller Art: phy-
sische und moralische, intellektuelle und geistige. In dieser Phase
empfindet der Schiiler das Leben wie eine schreckliche und unauf-
horliche Tortur. Er muft sie ertragen mit einem vollkommenen
Gleichmut der Seele und stoischem Mut. Er darf keine Furcht mehr
kennen, sei sie physischer oder moralischer Art. Ist er furchtlos ge-
worden, dann sieht er im Traum die Szene der Geiftelung. Im Ver-
lauf einer anderen Vision sieht er sich selbst anstelle von Christus
gegeiftelt. Dieses Ereignis ist von bestimmten korperlichen Sympto-
men begleitet und iibertragt sich durch eine Steigerung des ganzen
Empfindungsvermogens auf das gesamte Lebens- und Liebegefiihl.
Ein Beispiel dieser in das Verstandesleben iibertragenen iiber-
scharfen Empfindungsfahigkeit findet sich im Leben Goethes. Nach
langen osteologischen Studien iiber das Skelett des Menschen und das
Skelett der Tiere wie auch nach vergleichenden Beobachtungen kam
Goethe zum Schluft, daft der Zwischenkieferknochen beim Men-
schen existieren miisse. Vor ihm leugnete man, daft sich im Oberkie-
fer des Menschen der Zwischenkieferknochen finden lasse. Er erzahlt
selbst, daft er einen Freudensprung machte und in eine Art Ekstase
geriet, als er entdeckte, daft dieser Knochen tatsachlich im mensch-
lichen Kief er existiert, sichtbar noch durch eine Naht. Er nennt es sel-
ber eines der wundersamsten Ereignisse seines Lebens. Dasselbe Ge-
fiihl hatte Goethe wahrend seiner Italienreise, als ihm angesichts der
Uberreste eines Schopsenschadels jene andere Idee kam, die noch
wunderbarer fur die menschliche Evolution war - eine Idee, die man
gleicherweise esoterisch und darwinistisch nennen konnte: daft nam-
lich das menschliche Gehirn, Zentrum der Vernunft - vorgelagert ist
ihm das Kleinhirn, Zentrum der Willensbewegungen -, eine Bltite
und eine Entfaltung des Ruckenmarks ist, wie die Bliite eine Entfal-
tung und Synthese der Wurzel und des Stengels ist. Wodurch machte
Goethe diese wunderbaren Entdeckungen, die ihm allein schon die
Unsterblichkeit sichern wiirden? Gewift durch seinen hohen Ver-
stand, aber auch durch seine lebendige und tiefe Sympathie mit alien
Wesen und mit der ganzen Natur. Diese Empfindsamkeit ist eine Ver-
feinerung und Erweiterung der Lebens- und Liebeskrafte. Sie ent-
spricht dem zweiten Grad der christlichen Einweihung und ist das
Resultat der Priifung der Geiftelung. Der Mensch erwirbt ein Gefiihl
der Liebe fiir alle Wesen, das ihn im Inneren der Natur leben laftt.
Die Dornenkronung: Hier muft der Mensch lernen, der Welt zu
trotzen, moralisch und intellektuell, Verachtung zu ertragen, wenn
man das, was ihm am teuersten ist, angreift. Er muft aufrecht bleiben
konnen, wenn alles ihn zu Boden driickt; ja sagen konnen, wenn alle
Welt nein sagt. Das gilt es zu lernen, bevor man weitergeht. Ein
neues Symptom bietet sich jetzt dar, die Unterscheidungsgabe oder
vielmehr die Fahigkeit, augenblicklich drei Krafte auseinanderzu-
halten, die beim Menschen immer miteinander verbunden sind:
Wollen, Fiihlen, Denken. Man raufi lernen, sie nach Belieben zu
trennen oder zu vereinigen. Solange zum Beispiel ein aufieres Ereig-
nis uns vor Begeisterung aufier uns bringt, sind wir nicht reif, denn
dieser Enthusiasmus, ausgelost durch das Ereignis, kommt nicht
von uns und kann sogar einen erschiitternden EinfluE auf uns aus-
iiben, dessen wir nicht Herr sind. Die Begeisterung des Schiilers soli
ihren Ursprung einzig in den Tiefen des mystischen Lebens finden.
Es gilt also leidenschaftslos zu bleiben gegeniiber jedem Ereignis,
welcher Art es auch sei. Einzig auf diese Weise erlangt man die
Freiheit. Diese Trennung zwischen Gefuhl, Verstand und Willen
ruft im Gehirn eine Veranderung hervor, die charakterisiert ist durch
die Dornenkronung. Damit sie sich gefahrlos vollziehen kann, ist es
notig, da£ die Personlichkeitskrafte geniigend geschult und voll-
kommen ausgeglichen sind. Verhalt es sich nicht so, oder hat der
Schiiler einen schlechten Fiihrer, kann diese Veranderung den
Wahnsinn entziinden. Der Wahnsinn beruht namlich auf nichts an-
derem als dieser Spaltung, die sich auEerhalb des Willens vollzieht,
ohne dafi die Einheit durch innere Willenskraft wieder hergestellt
werden kann. Im Gegensatz dazu iibt der Schiiler, diese Spaltung
verschwinden zu lassen, wenn er es will. Ein Blitz von seinem Willen
stellt das Band zwischen den Organen und Funktionen seiner Seele
wieder her, wahrend der Rifi bei dem Verriickten unheilbar werden
und eine Schadigung im Zentralnervensystem herbeifiihren kann.
Im Verlauf der Etappe, die man in der christlichen Einweihung
die Dornenkronung nennt, tritt ein furchteinflofiendes Phanomen
auf, das die Bezeichnung «Hiiter der Schwelle» tragt und das man
auch die Erscheinung des Doppelgangers nennen konnte. Das geisti-
ge Wesen des Menschen, gebildet aus seinen Willensstromungen,
seinen Wunschen und seinen Verstandesfahigkeiten, erscheint als-
dann dem Eingeweihten als Bild im Traumbewufksein. Und dieses
Bild ist manchmal abstofiend und Schrecken einflofiend, denn es ist
ein Ergebnis seiner guten und schlechten Eigenschaften und seines
Karma; von diesem allem ist es die bildhafte Personifikation auf dem
Astralplan. Das ist der schlimme Fahrmann im Totenbuch der
Agypter. Der Mensch mufi ihn besiegen, um sein hoheres Ich zu
finden. Der Hiiter der Schwelle, ein Phanomen des hellsichtigen
Schauens bis in die altesten Zeiten hinein, ist der eigentliche Ur-
sprung all der Mythen iiber den Kampf des Helden mit dem Un-
geheuer, des Perseus und des Herakles mit der Hydra, des heiligen
Georg und des Siegfried mit dem Drachen.
Der vorzeitige Eintritt der Hellsichtigkeit und die plotzliche Er-
scheinung des Doppelgangers oder des Hiiters der Schwelle kann
denjenigen, der nicht alle Vorbereitungen befolgt und alle dem
Schiiler auferlegten Vorsichtsmafinahmen wahrgenommen hat, zum
Wahnsinn fiihren.
Die Kreuztragung bezieht sich wiederum symbolisch auf eine
seelische Tugend. Diese Tugend, die darin besteht, die Welt gewis-
sermafien im Bewufitsein zu tragen, wie Atlas die Welt auf seiner
Schulter trug, konnte man nennen: das Geftihl der Einswerdung mit
der Erde und mit allem, was sie in sich birgt. Man nennt es in der
ostlichen Einweihung: das Ende des Gefiihls der Trennung.
Die Menschen, insbesondere der moderne Mensch, identifizieren
sich im allgemeinen mit ihrem Korper. Spinoza nennt in seiner
«Ethik».die erste fundamentale Idee des Menschen: die Idee des Kor-
pers in Tatigkeit. Der Schiiler raufi den Gedanken in sich pflegen, daft
sein Korper in der Gesamtheit der Dinge nicht wichtiger ist als irgend-
ein anderer Korper, sei es nun der eines Tieres, einTisch oder ein Snick
Marmor. Das Ich endet nicht an der Haut: es ist eins mit dem ganzen
Weltenleben wie unsere Hand mit dem Ganzen unserer Leiblichkeit.
Was ware die Hand fur sich allein? Ein Fetzen! Was ware der mensch-
liche Korper ohne die Erde, auf der er steht, ohne die Luft, die er at-
met? Er wiirde sterben, denn er ist nur ein kl eines Teilchen dieser Erde
und ihrer Atmosphare. Aus diesem Grunde mufi der Schiiler sich in
jedes Wesen versenken und mit dem Geist der Erde einswerden.
Wiederum ist es Goethe, der eine grandiose Beschreibung dieser
Stufe im ersten Teil seines «Faust» gegeben hat, wo der Erdgeist, den
Faust beschwort, ihm erscheint und spricht:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben;
So schaff 1 ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Sich mit alien Wesen eins fiihlen, bedeutet nicht, seinen Korper ver-
achten, sondern ihn wie einen aufteren Gegenstand tragen, so wie
der Christus sein Kreuz trug. Der Geist soil den Leib tragen, wie die
Hand den Hammer halt. Alsdann kommen dem Schiller die okkul-
ten Krafte zum Bewufksein, die in seinem Korper schlummern. So
kann er im Verlauf seiner Meditation die Stigmata auf seiner Haut
hervorrufen. Das ist dann das Zeichen, dafi er reif ist fur die fiinfte
Stufe, wo sich ihm in einer plotzlichen Erleuchtung enthullt:
Der mystische Tod: Wahrend er den grofken Leiden ausgesetzt
ist, sagt sich der Schuler: Ich erkenne, dafi die ganze Sinneswelt nur
eine Illusion ist. Er hat wahrhaftig das Gefuhl, zu sterben und in die
Finsternis hinunterzusinken. Dann aber sieht er, wie die Finsternisse
zerreifien und ein neues Licht erscheint: das Astrallicht erglanzt.
Das ist das Zerreiften des Vorhangs im Tempel. Dieses Licht hat
nichts gemein mit dem Licht der Sonne. Es spriiht hervor jenseits
der Dinge und des Menschen. Die Empfindung, die es verursacht,
ahnelt in nichts derjenigen des aufieren Lichtes. Gebrauchen wir, um
uns eine Vorstellung davon zu verschaffen, den folgenden Vergleich:
Man stelle sich vor, man entf erne sich von einer larmenden Stadt und
dringe in einen dichten Wald ein. Nach und nach verstummen die
Gerausche, und die Stille wird vollkommen. SchlieElich fangt man
an zu bemerken, was jenseits der Stille ist, den Nullpunkt zu iiber-
schreiten, wo jeder aufiere Laut erstorben ist. Der Laut kehrt von
der anderen Seite des Lebens fur das innere Ohr zuriick. So nimmt
sich die Erfahrung aus, welche die Seele erlebt, wenn sie in die
Astralwelt eindringt. Sie steht in Beriihrung mit der inneren Eigen-
schaft der Dinge, die sie kennt - so wie man jenseits der Null in eine
wachsende Reihe negativer Zahlen eintritt.
Man mull alles verloren haben, um alles wieder zu gewinnen,
auch seine eigene Existenz. Aber in dem Moment, wo man alles ver-
liert, scheint es, daft man sich selbst abstirbt und aufterhalb seiner
selbst zu leben beginnt. Das ist der mystische Tod. Hat man ihn
hinter sich gebracht, so ist der Zeitpunkt gekommen fur:
Die Grablegung: Da fiihlt der Mensch sich durchdrungen von
dem Gefiihl, daft ihm sein eigener Korper fremd geworden ist und
daft er vollig eins ist mit dem Planeten. Er ist mit der Erde ver-
schmolzen und findet sich wieder im Leben des Planeten.
Die Auferstehung: Es ist ein unaussprechliches Gefiihl, das man
unmoglich beschreiben kann, es sei denn als «im Innersten des Hei-
ligtums». Denn fur diese letzte Stufe fehlen alle Worte, fehlt jeder
Vergleich. Auf dieser Stufe angekommen, empfangt man die Gabe
der Heilung. Man muft aber hinzufiigen, daft derjenige, der sie
erhalt, gleichzeitig auch die gegenteilige Fahigkeit erhalt: krank zu
machen, denn das Negative begleitet stets das Positive. Daher die
grofte Verantwortung, die mit dieser Fahigkeit verbunden ist und
die man so charakterisieren kann: das schopferische Wort entstromt
der Seele im Feuer.
KOSMOGONIE
Neunter Vortrag, Paris, 2. Juni 1906
Was hat man unter dem Astralplan, der anderen Welt, zu verstehen?
Man unterscheidet im Okkultismus drei Welten: Erstens die phy-
sische Welt - die Welt in der wir leben. Zweitens die Astralwelt. Sie
enthalt einen Bereich, der dem Fegefeuer entspricht. Drittens die
geistige oder, nach der Bezeichnung im Sanskrit, die devachanische
Welt. Sie entspricht dem christlichen Himmel.
Es gibt auch noch andere Welten diesseits und jenseits von diesen,
mit denen wir uns aber in diesen Vortragen nicht beschaftigen wol-
len. Sie befinden sich aufterdem jenseits aller menschlichen Wahr-
nehmung. Nur die allergroftten Eingeweihten konnen eine entfernte
Ahnung von ihnen haben. Hier wollen wir uns nur mit der planeta-
rischen Evolution innerhalb unseres Sonnensystems beschaftigen.
Der physische Plan schliefk uns in die kurze Daseinsspanne ein,
die zwischen Leben und Tod verlauft. Zwischen zwei Verkorperun-
gen bewegen wir uns auf dem Astralplan und im Devachan. Aber der
Wesenskern des Menschen bleibt unveranderlich. Er wird wiederge-
boren, doch nicht in alle Ewigkeit, denn der Rhythmus von Verkor-
perung und Wiederverkorperung hat einmal begonnen und wird
auch wieder enden. Der Mensch hat einen Ursprung und ein Ziel.
Die Astralwelt ist kein Ort, sondern ein Zustand. Sie umgibt uns,
wir lassen uns standig von ihr auf dieser Erde umspiilen. Wir leben
in ihr wie die Blindgeborenen, die sich tastend vorwartsbewegen.
Gebt ihnen das Augenlicht durch eine Operation: sie werden weiter
in den gleichen Raumen sein, aber sie werden darin zum ersten Mai
Farben und Formen wahrnehmen.
Ebenso offnet sich die Astralwelt durch die Hellsichtigkeit. Es ist
dies ein anderer Bewufitseinszustand. In den wissenschaftlichen Ar-
beiten Goethes findet sich eine bemerkenswerte Stelle iiber das We-
sen des Lichts, betrachtet als Sprache der Natur. «Eigentlich», so au-
fiert er sich, «unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges aus-
zudriicken. Wirkungen werden wir gewahr, und eine vollstandige
Geschichte dieser Wirkungen umfafite wohl allenfalls das Wesen je-
nes Dinges. Vergebens bemiihen wir uns, den Charakter eines Men-
schen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten
zusammen, und ein Bild seines Charakters wird uns entgegentreten.
Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem
Sinne konnen wir von denselben Aufschliisse iiber das Licht erwar-
ten. Farben und Licht stehen zwar untereinander in dem genauesten
Verhaltnis, aber wir rmissen uns beide als der ganzen Natur ange-
horig denken; denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des
Auges besonders offenbaren will.
Eben so entdeckt sich die ganze Natur einem andern Sinne. Man
schliefie das Auge, man scharfe das Ohr, und vom leisesten Hauch
bis zum wildesten Gerausch, vom einfachsten Klang bis zur hoch-
sten Zusammenstimmung, von dem heftigsten leidenschaftlichen
Schrei bis zum sanftesten Worte der Vernunft ist es nur die Natur,
die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhaltnisse
offenbart, so daft ein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt
ist, im Horbaren ein unendlich Lebendiges fassen kann.
So spricht die Natur hinabwarts zu andern Sinnen, zu bekannten,
verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu
uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie
nirgends tot noch stumm; ja, dem starren Erdkorper hat sie einen
Vertrauten zugegeben, ein Metall, an dessen kleinsten Teilen wir das-
jenige, was in der ganzen Masse vorgeht, gewahr werden sollten.»
Versuchen wir nun also die Astralwelt zu beschreiben. Da muft
man sich an eine ganze andere Art des Sehens gewohnen.
Das erste, woriiber man sich Rechenschaft geben mufi, das ist,
daft sie uns alles, was existiert, wie in einem Spiegel zeigt, daft also
alles umgekehrt ist. Liest man also die Zahl 365 im Astrallicht, so
muft man sie von hinten her lesen: 563. Spielt sich ein Ereignis vor
uns ab, so geschieht es in der umgekehrten Reihenfolge, die es auf
der Erde hat. In der Astralwelt kommt die Ursache nach der Wir-
kung, wahrend in unserer Welt die Wirkung nach der Ursache
kommt. In der Astralwelt erscheint die Wirkung als die Ursache.
Das beweist, daft die Wirkung und die Ursache identische Dinge
sind, wirksam im umgekehrten Sinn, je nach der Lebenssphare, in
der wir uns befinden. Das Hellsehen lost also auf experimentellem
Wege das teleologische Problem, das keine Metaphysik durch den
abstrakten Gedanken losen konnte.
Eine andere Anwendung dieser gegensatzlichen Entsprechung
der Dinge auf dem Astralplan besteht darin, daft sie den Menschen
lehrt, sich selbst zu erkennen. Die Gefuhle und die Leidenschaften
driicken sich auf diesem Plan durch pflanzliche und tierische For-
men aus. Wenn der Mensch beginnt, seine Leidenschaften auf dem
Astralplan wahrzunehmen, sieht er sie in tierischen Gestalten, aber
diese Gestalten, die von ihm ausgehen, sieht er im umgekehrten Sin-
ne: als ob sie ihn anspringen wiirden. Das kommt daher, daft er im
Zustand des Bild-Erlebens schon aufterhalb seiner selbst ist; anders
konnte er nicht sich selbst sehen. Hier allein, auf dem Astralplan,
lernt der Mensch sich wahrhaft erkennen, indem er die Bilder seiner
Leidenschaften betrachtet im Bilde von Tieren, die sich auf ihn stiir-
zen. So erscheint ein Haftgefiihl, das man gegen ein Wesen der Au-
ftenwelt gehegt hat, als ein Damon, der sich auf uns stiirzt.
Diese astrale Kenntnis, die man von sich selbst erhalt, stellt sich in
anormaler Weise bei denen ein, die an seelischen Krankheiten leiden,
durch die sie sich ohne Unterlaft von tierhaften Wesen, von verzerr-
ten Gestalten verfolgt sehen. Sie ahnen nicht, daft, was sie sehen, nur
der Reflex ihrer Emotionen und Leidenschaften ist.
Die echte Initiation verursacht keine psychische Stoning, aber der
vorzeitige, plotzliche Einbruch der Astralwelt in den menschlichen
Organismus kann den Wahnsinn hervorrufen. Denn im Zustand des
Hellsehens lost sich der Mensch von seinem physischen Korper. Von
daher konnen Gefahren fiir Verstand und Gehirn desjenigen erwach-
sen, dem das seelische Gleichgewicht und die notige Schulung fehlen.
Der ganze rosenkreuzerische Einweihungsweg beruhte auf einer
Schulung, die gerade darauf abzielte, den Menschen sich selbst ge-
geniiber objektiv zu machen, ihm ein objektives Ich heranzubilden.
Sie beginnt damit: sich selbst objektiv zu sehen. Diese Vorstellung
seiner selbst erlaubt es, daft der Astralleib sich aus dem physischen
Leib herauslost.
Was ereignet sich im Augenblick des Todes? Wenn nach dem Tod
der Atherleib, der Astralleib und das Ich des Menschen sich vom
physischen Leib abgelost haben, bleibt in der physischen Welt einzig
der Leichnam zuriick. Kurz darauf bilden der Atherleib und der
Astralleib noch ein Ganzes. Der Atherleib driickt in den Astralleib
die ganze Erinnerung an das zuriickgelegte Leben ab, dann lost er
sich langsam in sein Element auf, und der Astralleib geht allein in die
Astralwelt ein.
Der Astralleib birgt nun in sich alle im Leben erzeugten Wiin-
sche, ohne die Mittel, sie zu befriedigen, da ein physischer Leib nicht
mehr vorhanden ist. Das erzeugt in ihm das Gefiihl eines verzehren-
den Durstes. Daher riihrt in der griechischen Mythologie das Bild
von den Qualen des Tantalus. Man hat auch die Empfindung von
einer Feuersglut, in die man getaucht ist. Dem entspricht die Gehen-
na, das Fegefeuer. Die Idee vom Feuer, vom Purgatorium, iiber das
die Materialisten spotten, driickt wahrheitsgemafi den subjektiven
Zustand des Menschen nach dem Tode aus. Im Gegensatz dazu gibt
der Durst nach nicht vollbrachter Tat der Seele ein Kaltegefuhl.
Der tatsachliche Zustand driickt sich aus in der Kalte, die der Seele
entstromt. Es ist die Kalte, die geboren ist aus den auf Erden nicht
verwirklichten Taten. Dies verspiiren auch die Spiritisten in ihren
medialen Sitzungen. Die an diesen Astralleib gebundene Seele muE
sich von ihren physischen Relikten losen und sich neue Organe er-
werben, um in der Astralwelt leben zu lernen.
Deshalb beginnt sie nun, ihr Leben von riickwarts her aufzurol-
len: vom Ende her bis zur Kindheit. Erst dann, wenn sie im Riick-
blick auf ihr Leben bis zur Geburt durch das reinigende Feuer
durchgegangen ist, ist sie reif fur die geistige Welt, fiir Devachan.
Das ist der Sinn des Christus-Wortes zu den Aposteln: «Wahrlich,
ich sage euch: es sei denn, daft ihr euch umkehret und werdet wie die
Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.»
Wenn der Mensch herabsteigt, um sich auf der Erde zu inkarnie-
ren, wird er durch sein eigenes Verlangen getrieben, und dies Verlan-
gen hat seinen guten Grund. Es ist die Absicht, zu lernen. Wir lernen
durch alle unsere Erfahrungen, und wir bereichern unseren Erfah-
rungsschatz. Aber damit der Mensch auf der Erde lernen kann, wird
er notwendigerweise durch den Sinnengenufi angezogen.
Wenn nun die Seele, nach dem Tode auf dem Astralplan ange-
kommen, ihr Leben nach riickwarts durchlebt, handelt es sich im
Gegenteil darum, den Sinnengenufi hinter sich zu lassen und einzig
die Erfahrung zu verarbeiten. Ihr Durchgang durch den Astralplan
ist also eine Reinigung, durch welche sie das Hangen an den phy-
sischen Geniissen verliert.
Das ist die Reinigung im Kamaloka der Inder, im verzehrenden
Feuer. Der Mensch mufi sich abgewohnen, einen Korper zu haben.
Der Tod erzeugt in ihm zuerst die Wirkung einer ungeheuren Leere.
Bei gewaltsamem Tod und bei Selbstmord sind diese Gefiihle der Leere,
des Durstes und des Brennens noch viel schrecklicher. Der Astralleib,
nicht dazu vorbereitet, aufterhalb des physischen Leibes zu leben, reiftt
sich unter Schmerzen von ihm los, wahrend beim natiirlichen Tode der
reif gewordene Astralleib sich leicht lost. Beim gewaltsamen Tod, der
nicht vom Willen des Menschen verursacht ist, ist die Loslosung immer-
hin weniger schmerzhaft als im Fall des Selbstmords.
Es kann auch wahrend des Lebens eine Art geistigen Todes vor-
kommen, der durch die verfriihte Trennung von Geist und Korper
verursacht wird, wenn Astralplan und physischer Plan durcheinan-
der geraten. Nietzsche ist ein Beispiel dafur. In seiner Schrift «Jen-
seits von Gut und B6se» hat Nietzsche, ohne es zu wissen, den
Astralplan auf den physischen Plan heruntergeholt. Daraus entstand
eine Verwirrung und Umkehrung aller Begriffe und in der Folge
Irrtum, Wahnsinn und Tod.
Der dammerhafte Zustand einer groEen Zahl von Medien ist ein
analoges Phanomen. Unfehlbar verliert das Medium die Orien-
tierung zwischen den verschiedenen Welten und kann nicht mehr
zwischen Wahr und Falsch unterscheiden.
Die Luge auf dem physischen Plan wird zur Zerstorung auf dem
Astralplan. Die Luge ist ein Mord auf dem Astralplan. Dieses Pha-
nomen ist der Ursprung der schwarzen Magie. Das Gebot auf dem
physischen Plan: Tote nicht! - lalk sich daher fur den Astralplan
iibersetzen: Luge nicht! - Auf dem physischen Plan ist die Luge nur
ein Wort, eine Vorstellung, eine Illusion. Sie kann viel Unheil
anrichten, aber sie zerstort nichts. Auf dem Astralplan sind alle Ge-
fuhle, alle Gedanken sichtbare Gebilde, lebendige Krafte. Auf dem
Astralplan fiihrt die Luge einen ZusammenstoE zwischen der
falschen und der wahren Form herbei; sie toten sich gegenseitig.
Der weifie Magier will den anderen Seelen das geistige Leben
geben, das er in sich selbst tragt. Der Schwarzmagier diirstet danach,
zu toten, Leere um sich her zu schaffen in der Astralwelt, weil diese
Leere um ihn her das Feld fur ihn schafft, auf dem er seine egoisti-
schen Leidenschaften entfalten kann. Dazu bedarf er der Kraft,
derer er sich bemachtigt, indem er die Lebenskraft alles Lebendigen
an sich reifk, das heilk, indem er totet.
Deshalb lautet das erste Gesetz der schwarzen Magie: Man mud
das Leben besiegen. Daher lehrt man in gewissen schwarzmagischen
Schulen die Schiiler die abscheuliche, grausame Praktik, lebenden
Tieren Messerstiche zu versetzen, mit genauer Angabe der Korper-
stelle des Tieres, die in dem, der das Opfer vollzieht, diese oder jene
Kraft erwachsen laftt. Aufierlich gesehen, kann man Gemeinsamkei-
ten zwischen der schwarzen Magie und der Vivisektion konstatie-
ren. Die heutige Wissenschaft ist infolge ihres Materialismus auf die
Vivisektion angewiesen. Die Gegenstromung gegen die Vivisektion
entspringt tief moralischen Griinden. Aber man wird in der Wissen-
schaft so lange nicht zur Abschaffung der Vivisektion gelangen, als
die Medizin nicht das hohere Schauen wiedergewonnen hat. Nur
weil sie die Hellsichtigkeit verloren hat, hat die Medizin zur Vivi-
sektion ihre Zuflucht nehmen miissen. Wenn wir aufs neue die
Astralwelt erobert haben werden, die sich von uns zuriickgezogen
hat, wird die Hellsichtigkeit dem Arzt gestatten, sich auf geistige
Weise in den inneren Zustand der kranken Organe zu versenken,
und die Vivisektion wird als iiberfliissig unterlassen werden.
Die Erkenntnis des Lebens in der Astralwelt wird uns zu der
grundlegenden Erkenntnis fuhren, daft die physische Welt das
Produkt der astralen Welt ist.
Man kann ein Beispiel unter tausenden anfiihren. Es ist genom-
men aus der Wechselbeziehung der menschlichen Sunden und der
Ereignisse in der Astralwelt, ebenso wie der Riickwirkung der in der
Astralwelt verursachten Sunden auf die Erdenwelt: die Epidemien,
die hauptsachlich im Mittelalter wuteten. Der Aussatz ist das Resul-
tat des Schreckens, der durch die Einfalle der Hunnen und der asia-
tischen Horden in der europaischen Bevolkerung ausgelost wurde.
In der Tat waren die mongolischen Volkerschaften, Nachkommen
der Atlantier, Trager von Niedergangskeimen. Die Beriihrung mit
ihnen rief zuerst als moralischen Defekt die Furcht im menschlichen
Astralleib hervor; die Substanz des Astralleibes zersetzte sich, und
dieses Feld der seelischen Zersetzung wurde eine Art Nahrboden,
auf dem sich die Bakterien entwickelten, die auf der Erde Krank-
heiten wie den Aussatz hervorriefen.
Was wir heute von uns auf den Astralplan abwalzen, erscheint
morgen auf dem physischen Plan. Was wir so auf dem Astralplan
saen, ernten wir auf Erden in kiinftigen Zeiten. Wir ernten demnach
heute die Friichte der engstirnigen materialistischen Mentalitat, die
unsere Vorfahren auf dem Astralplan gesat haben.
Man kann daraus die fundamentale Bedeutung geistiger Wahrhei-
ten ersehen. Wiirde die Wissenschaft die Gaben der Geisteswissen-
schaft, und sei es nur als Hypothesen, annehmen, die Welt wiirde
sich verandern. Der Materialismus hat den Menschen in derartige
Finsternisse versinken lassen, daft es eines unerhorten Kraftaufwan-
des bedarf, um die Menschheit daraus herauszuziehen. Der Mensch
gerat unter den Einflufi von Erkrankungen des Nervensystems, die
sich zu wahren psychischen Epidemien auswachsen. Was wir auf der
Erde Gefiihl nennen und was sich auf dem Astralplan findet, das
kommt auf die Erde zuriick als Realitat, als tatsachliches Ereignis.
Vom Astralplan kommen die nervosen Storungen, welche die
Menschen erschopfen.
Aus diesem Grunde hat die okkulte Bruderschaft sich entschlos-
sen, offen aufzutreten und die verborgenen menschlichen Wahrhei-
ten zu enthiillen. Denn die Menschheit geht durch eine Krise, und
sie bedarf der Hilfe, um die Gesundheit, das Gleichgewicht zurikk-
zuerobern. Und diese Gesundheit, dieses Gleichgewicht, sie konnen
nur durch die Geisteswissenschaft zunickgewonnen werden.
KOSMOGONIE
Zehnter Vortrag, Paris, 6. Juni 1906
Dem Okkultisten geht es niemals darum, Dogmen aufzustellen. Er
erzahlt, was er gesehen hat, was er erforscht hat auf dem astralen
Plan und auf dem geistigen Plan, oder was Meister, die als solche von
ihm erkannt sind, ihm enthiillt haben. Er hat nicht den Ehrgeiz, zu
bekehren, sondern er will den in ihm selbst erweckten Sinn auch bei
anderen erwecken und sie fahig machen, ebenfalls zu schauen.
Es soil hier die Rede sein von dem astralischen Menschen, wie er
dem hellsichtigen Schauen erscheint. Der Astralmensch umschliefit
die ganze seelische Welt der Empfindungen, der Leidenschaften,
Emotionen und Triebe. Sie zeigen sich fur den inneren Sinn in
Formen und Farben. Der Astralleib selbst ist ein wolkenahnliches
eiformiges Gebilde, das den Menschen umfliefk und einhiillt. Wir
konnen es innerlich wahrnehmen.
Beim physischen Menschen handelt es sich darum, den Stoff und
die Form ins Auge zu fassen. Der Stoff erneuert sich innerhalb von
sieben Jahren, die Form bleibt erhalten. Denn hinter dem Stoff lichen
steht ein iibersinnlicher Baumeister. Dieser Baumeister ist der
Atherleib. Ihn sehen wir nicht, wir sehen nur sein Werk, den Leib.
Das physische Auge sieht im Organismus nur, was abgeschlossen
und nicht das, was im Zustand des Werdens ist.
Das Gegenteil ist der Fall, wenn man die Imagination vom
Astralleib hat, das heifit von seinem eigenen Astralleib. Wir emp-
finden ihn von innen durch unsere Leidenschaften und die verschie-
denen Seelenregungen.
Die Fahigkeit des Hellsehers besteht nun darin: von aufien sehen
zu lernen, was wir im gewohnlichen Leben von innen fiihlen. Dann
iibertragen sich Empfindungen, Leidenschaften und Gedanken in
lebendige und sichtbare Formen. Es ist das, was die Aura rings um
die physische Hiille bildet, eine Lichtform.
Auf die gleiche Weise, wie der Atherleib den physischen Leib
aufbaut, gestalten die Gefiihle den Astralleib. Alles, was in der Aura
lebt, driickt sich darin aus. Jede menschliche Aura hat ihre speziellen
Nuancen, ihre vorherrschenden Farben. Uber dieser Grundfarbe
spielen alle anderen Farben; so hat zum Beispiel das melancholische
Temperament eine blaue Farbung. Aber in die Aura ergiefien sich
von auEen her so viele verschiedene Eindriicke, dafi der Beobachter
sich leicht tauschen kann, besonders bei Beobachtung seiner eigenen
Aura.
Der Hellseher sieht seine eigene Aura umgekehrt, also das Aufte-
re als das Innere und das Innere als das Aufiere, weil er von aufien
sieht. Was sieht er nun?
Alle Religionsgriinder waren vollendete Hellseher und geistige
Menschheitsfiihrer, und ihre moralischen Grundsatze wurden zu
Lebensregeln, die durch astrale und geistige Wahrheiten bestimmt
waren. Daraus erklaren sich die Ahnlichkeiten aller Religionen. Eine
solche Ahnlichkeit existiert beispielsweise zwischen dem achtglied-
rigen Pfad des Buddha und den acht Seligpreisungen des Christus.
Beiden liegt namlich die Wahrheit zugrunde, daft der Mensch jedes-
mal, wenn er eine Tugend entwickelt, auch eine neue Wahrneh-
mungsfahigkeit ausbildet. Warum aber sind es gerade acht Stufen?
Deshalb, weil es, wie der Hellseher weifi, acht Moglichkeiten zur
Ausbildung von Hellseherorganen gibt.
Die Wahrnehmungsorgane des Astralleibes heifien im Okkultis-
mus Lotusblumen, heilige Rader, Chakrams. Das sechzehnspeichige
Rad oder die sechzehnblattrige Lotusblume befindet sich in der Ge-
gend des Kehlkopfes. In sehr alten Zeiten drehte sich diese Lotusblu-
me in einer bestimmten Richtung, namlich entgegengesetzt der Be-
wegung der Uhrzeiger, das heifit von rechts nach links. Beim heutigen
Menschen steht dieses Rad still; es dreht sich nicht mehr. Aber beim
Hellseher f angt es tatsachlich wieder an sich zu bewegen, und zwar in
umgekehrter Richtung, von links nach rechts. Nun waren acht von
sechzehn Blattern einst sichtbar. Die acht dazwischenliegenden wa-
ren verborgen. In der Zukunft sollen sie alle sichtbar werden. Denn
die ersten acht sind der unbewufiten hoheren Wahrnehmung zu ver-
danken, die acht neuen der bewufiten, die aus der personlichen An-
strengung entspringt. Und es sind genau diese acht neuen Blatter,
welche die Seligpreisungen des Christus zur Entwickelung bringen.
Der Mensch besitzt noch eine andere Lotusblume, die mit den
zwolf Blattern. Sie hat ihren Sitz in der Herzgegend. Einst waren nur
sechs Blatter sichtbar. Die Erwerbung von sechs Tugenden wird die
sechs anderen Blatter in der Zukunft zur Entfaltung bringen. Diese
sechs Tugenden sind: Gedankenkontrolle, Initiativkraft, seelisches
Gleichgewicht, Positivitat, die erlaubt, jedem Ding die beste Seite ab-
zugewinnen, eine von Vorurteilen freie Gesinnung und schliefilich die
Harmonie des Seelenlebens. Alsdann werden sich die zwolf Bluten-
blatter in Bewegung setzen. In ihnen driickt sich der heilige Charakter
der Zwolfzahl aus, den wir wiederfinden in den zwolf Aposteln, in
den zwolf Gefahrten des Artus - und jedesmal handelt es sich um
Schopfertum, um Tatigkeit. Und so verhalt es sich, weil alles auf der
Welt sich in zwolf verschiedenen Nuancen entwickelt. In Goethes
Gedicht «Die Geheimnisse», in dem das Ideal der Rosenkreuzer sich
ausspricht, finden wir dafiir ein neues Beispiel. Nach einer Erklarung
des Dichters, die Goethe selbst jungen Leuten gegeben hat, reprasen-
tiert jeder der zwolf Ritter des Rosenkreuzes eine religiose Stromung.
Man findet gleicherweise diese Wahrheiten in den Zeichen und
Symbolen, denn diese Symbole sind nicht willkiirliche Erfindungen,
sondern entsprechen Realitaten. Zum Beispiel das Symbol des Kreu-
zes, wie dasjenige der Swastika, ist die Darstellung des vierblattrigen
Chakram des Menschen. Und die zwolfblattrige Lotusblume findet
ihren Ausdruck im Symbol des Rosenkreuzes und der zwolf Ge-
fahrten. Der Dreizehnte unter ihnen, der unsichtbare Gefahrte, der
sie alle eint, das ist die Wahrheit, das einende Band aller Religionen.
Jeder Neubeginn, jede neue religiose Offenbarung, ist ein «Drei-
zehnter», der eine neue Synthese der zwolf Nuancen der geistigen
Wahrheit gibt.
Aus dieser Wahrheit spriefien die Riten und kultischen Zeremoni-
en der Religionen hervor. Auf dem Grunde aller Riten und aller durch
die Hellseher eingerichteten Kulte ist es die gottliche Weisheit, die
spricht. Durch sie driickt sich die Astralwelt in der physischen Welt
aus. Der Ritus reprasentiert wie in einem Abglanz das, was sich in den
hoheren Welten ereignet. Diese Tatsache findet sich im Ritus der Frei-
maurer ebenso wie in den Religionen Asiens. Bei der Geburt einer
neuen Religion gibt ein Eingeweihter die Grundlagen, auf denen das
Ritual des aufieren Kultus sich aufbaut. Mit der Menschheitsevolu-
tion entwickelt sich der Ritus, lebendiges Bild der geistigen Welt, bis
hin zu den Spharen der kiinstlerischen Produktion. Denn die Kunst
geht gleicherweise aus der Astralwelt hervor - und der Ritus wird
Schonheit. Das geschah bekanntlich zur Zeit der griechischen Kultur.
Die Kunst ist ein astraler Vorgang, dessen Ursprung vergessen
worden ist. Ein klares Beispiel dafur finden wir in den Mysterien und
bei den Gottern der Griechen. In den Mysterien schildert der
Hierophant die menschliche Entwickelung in ihren drei Phasen: Tier-
mensch, eigentlicher Mensch und Gottmensch - der wahrhaf te Uber-
mensch und nicht der falsche Ubermensch Nietzsches. In diesen drei
Typen vermittelte er den Einzuweihenden ein lebendiges Bild, wie er
es aus dem Astrallicht empfing. Zugleich fanden diese drei iibersinn-
Hchen Typen ihren Ausdruck in der Dichtung und in der bildenden
Kunst durch folgende drei Symbole: erstens den tierischen Typus,
den Satyr; zweitens den menschlichen Typus, Hermes oder Merkur;
drittens den gottlichen Typus, Zeus, Jupiter. Jeder von ihnen, mit al-
lem was inn umgibt, reprasentiert einen ganzen Menschheitszyklus.
Auf diese Weise iibertrugen die Schiiler der Mysterien in die Kunst,
was sie im Astrallicht gesehen hatten.
Der Hohepunkt des Menschenlebens liegt gegenwartig um das
funfunddreiEigste Jahr herum. Warum ist das so? Warum beginnt
Dante seine Reise mit funfunddreifiig Jahren, in der Mitte des Men-
schenlebens? Weil zu diesem Zeitpunkt der Mensch, dessen Aktivi-
tat bis dahin auf die Ausarbeitung der leiblichen Hiillen konzen-
triert war, zu den geistigen Regionen aufsteigt und seine Aktivitat
darauf verwenden kann, schauend zu werden. So wird auch Dante
mit fiinfunddreifiig Jahren hellsehend. Zu diesem Zeitpunkt horen
die physischen Krafte auf, den geistigen Einflufi fur sich in An-
spruch zu nehmen. Diese vom Leiblichen frei gewordenen Krafte
konnen sich jetzt in Hellsichtigkeit verwandeln.
Wir beriihren hier ein tiefes Mysterium: das Gesetz der Um-
bildung der Organe. Die ganze Entwickelung des Menschen geht
durch eine Umbildung der Organe hindurch. Was bei ihm den hohe-
ren Stand erreicht hat, ist das Resultat des verwandelten niedrigsten.
So mussen auch die Fortpflanzungsorgane verwandelt werden.
Mit der Trennung der Geschlechter hat sich auch der Astralleib
geteilf. in eine untere Partie, die den physischen Fortpflanzungs-
organismus hervorbringt, und eine obere Partie, die den Gedanken,
die Imagination, das Wort entziindet.
Das Fortpflanzungsorgan, die Zeugungskraft, und das stimm-
liche Organ, das schopferische Wort, bildeten einst ein Ganzes. Man
begreift das einigende Band dieser zwei Pole da, wo sie noch ein
einziges Organ bildeten. Der negative tierische Pol und der positive
gottliche Pol waren einst vereinigt und haben sich getrennt.
Der dritte Logos ist die schopf erische Macht des Wortes, wie sie zu
Beginn des Johannes-Evangeliums zum Ausdruck kommt. Sein Wi-
derhall ist das menschliche Wort. In den alten Mythen und Legenden
hat diese Tatsache einen tiefen Ausdruck gefunden in der Beschrei-
bung des hinkenden Vulkan. Seine Aufgabe war, das heilige Feuer zu
hiiten. Er hinkt, weil der Mensch bei der Einweihung etwas von sei-
nem physischen Korper einbiifien mufi - der untere Teil des Korpers
kommt aus einer Vergangenheit, die verschwinden mufi. Die niedere
menschliche Natur muft fallen, um sich in der Folgezeit zu einem um
so hoheren Grad zu erheben. So hat sich der Mensch im Laufe seiner
Entwickelung in ein Unteres und ein Oberes gespalten.
Auf gewissen Bildern des Mittelalters sieht man den Menschen
durch eine Linie in zwei Teile gespalten. Die linke obere Partie und
der Kopf sind iiber dem Strich, die rechte obere Partie und die
untere Korperpartie sind unter dem Strich. Diese Linie zeigt die
Vergangenheit und die Zukunft des menschlichen Korpers an. Die
Lotusblume mit zwei Bliitenblattern befindet sich unter der Stirn an
der Nasenwurzel. Das ist ein noch nicht entwickeltes Astralorgan,
das sich eines Tages zu zwei Fiihlern oder Fliigeln entwickeln wird.
Ein Symbol dafiir sieht man schon in den zwei Hornern, die sich auf
der Stirn des Moses finden.
Von oben nach unten gesehen, vom Kopf zum Fortpflanzungsor-
gan, ist der Mensch zusammengesetzt und je zur Halfte wesens-
gleich, das ist das Produkt der Vergangenheit. Von links nach rechts
ist er symmetrisch: das ist Gegenwart und Zukunft. Aber diese
beiden symmetrischen Partien haben nicht den gleichen Wert.
Warum sind wir fur gewohnlich Rechtshander? Die rechte Hand,
die von den beiden diejenige ist, die heute am aktivsten arbeitet, ist
dazu bestimmt, sich spater zuriickzubilden. Die linke Hand ist das
Organ, das iiberleben wird, wenn die zwei Flugel an der Stirn sich
entwickelt haben werden. Das Gehirn der Brust wird das Herz sein,
das ein Bewufttseinsorgan sein wird. Und es wird drei Organe fur
die Fortbewegung geben.
Bevor der Mensch sich aufrichtete, gab es eine Zeit, wo er auf
alien vieren ging. Das ist der Ursprung des Ratsels, das die Sphinx
aufgab. Sie fragte: Welches Wesen geht in seiner Kindheit auf alien
vieren, in der Mitte seines Lebens auf zwei, im Alter auf drei Beinen?
Odipus antwortet ihm: Das ist der Mensch, der in der Tat als Kind
auf alien vieren geht und als Greis sich auf einen Stock stiitzt. In
Wirklichkeit bezieht sich das Ratsel und seine Losung auf die Ent-
wickelung der ganzen Menschheit: Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft, wie man sie in den alten Mysterien kannte. Vierfufiig in
einer verflossenen Epoche seiner Evolution, halt sich der Mensch
heute aufrecht auf zwei Beinen. In der Zukunft wird er fliegen und
wird sich tatsachlich dreier Hilfsmittel bedienen: Die zwei FKigel,
die sich aus der zweiblattrigen Lotusblume entwickeln, werden das
Organ seines Bewegungswillens sein, und aufierdem das umgewan-
delte Werkzeug der linken Brustseite und der linken Hand. Solcher-
art werden die Werkzeuge der zukiinftigen Fortbewegung sein.
Ebenso wie die rechte Seite und die rechte Hand werden die ge-
genwartigen Zeugungsorgane sich zuriickbilden, und der Mensch
wird, wie wir es weiter oben gesehen haben, seinesgleichen durch
das Wort hervorbringen. Sein Wort wird im Atherkorper seines-
gleichen formen.
KOSMOGONIE
Elfter Vortrag, Paris, 7. Juni 1906
Was gewohnlich nach dem Sanskrit als Devachan bezeichnet wird,
ist der lange Zeitraum, der zwischen dem Tode eines Menschen und
einer neuen Geburt verfliefk. Nach dem Tode lernt die Seele zuerst
auf dem Astralplan, die an ihren Korper gebundenen Instinkte sich
abzugewohnen. Sie geht dann liber in das Devachan, wo sie ein lan-
ges Leben zwischen zwei Inkarnationen verbringt. Wie die Astral-
welt ist die Welt des Devachan kein Ort, sondern ein Zustand. Sie
umgibt uns auch noch in diesem gegenwartigen Leben, aber wir
nehmen nichts davon wahr. Um den devachanischen Zustand ver-
gleichsweise zu begreifen, ebenso die Einwirkungen des Devachan
im Erdenleben und im Leben des Kosmos, wird es das beste sein,
noch einmal vom Schlafzustand auszugehen.
Der Schlaf ist fiir die weitaus grofke Mehrheit der Menschen ein
ratselhafter Zustand. Im Schlaf bleibt der Atherleib des Menschen
mit dem eingeschlafenen Korper verbunden und setzt seine vegeta-
tive und erneuernde Arbeit fort. Aber der Astralleib und das Ich des
Individuums losen sich von dem eingeschlafenen Korper, um ein
selbstandiges Leben zu fiihren.
Wahrend des Tages verzehrt unser ganzes bewufites Leben den
physischen Leib. Vom Morgen bis zum Abend verbraucht der
Mensch seine Kraft, der Astralleib ubermittelt dem physischen Leib
Empfindungen und Eindriicke, die diesen verbrauchen und er-
schopfen. In der Nacht betatigt sich der Astralleib dagegen auf eine
ganz andere Weise. Er ubermittelt keine Eindriicke mehr von auEen,
sondern er verarbeitet diese Eindriicke und schafft Ordnung und
Harmonie, wo das Leben des Tages Unordnung und Disharmonie
durch das Chaos der Wahrnehmungen geschaffen hatte. Am Tage
verhalt sich der Astralleib also passiv; da ist er Empfanger und
Ubermittler. In der Nacht ist seine Rolle aktiv, namlich ordnend und
aufbauend, um die verbrauchten Krafte zu ersetzen.
Die Beschaffenheit des Menschen in seinem gegenwartigen Zu-
stand bringt es mit sich, dafi sein Astralleib nicht zu gleicher Zeit
diese nachtliche Aufbauarbeit leisten und wahrnehmen kann, was
um ihn in der Astralwelt vorgeht. Wie kann man den Astralleib von
seiner Arbeit entlasten, um ihn fiir das Leben in der Astralwelt frei
zu machen?
Das Verfahren des Adepten zur Befreiung seines Astralleibes be-
steht darin, daft er die Gefiihle und Gedanken pflegt, die schon
durch sich selbst einen bestimmten, dem physischen Korper mitteil-
baren Rhythmus besitzen, und auf der anderen Seite alle diejenigen
Gefiihle und Gedanken zu vermeiden, die Unordnung und Zerriit-
tung in ihn hineintragen. Er verschmaht es, sich extremen Freude-
und Schmerzgefiihlen zu iiberlassen und gibt ein Vorbild fiir
volliges seelisches Gleichgewicht.
Ein oberstes Gesetz beherrscht die Natur, das ist der Rhythmus.
Wenn der Mensch die zwolfblattrige Lotusblume entwickelt hat, die
sein astrales und geistiges Wahrnehmungsorgan darstellt, kann er
iiber seinen Korper verfiigen und ihm einen neuen Rhythmus geben,
der die Ermiidungserscheinungen in ihm aufhebt. Dank diesem
Rhythmus und dieser Wiederherstellung der Harmonie hat der
Astralleib nicht mehr notig, wahrend der physische Leib schlaft,
seine Wiederaufbauarbeit zu vollziehen, ohne welche der physische
Leib zerfallen wiirde.
Das ganze Tagesleben besteht durchweg in einer Zerriittung unse-
res physischen Leibes. Alle Krankheiten haben ihren Ursprung in
Ausschweifungen des Astralleibes. Wer zum Beispiel im Ubermaft
ilk, erweckt in seinem Astralleib Begierden nach Geniissen, die auf
seinen physischen Leib zerstorend zuruckwirken. Er ruiniert seinen
Leib, um sicli chaotisierende Geniisse zu verschaffen. Das ist der
Grund, warum gewisse Religionen das Fasten vorschreiben. Durch
das Fasten wird der Astralleib weniger belastet, er wird ruhiger und
lost sich teilweise vom physischen Leibe. Seine Schwingungen wer-
den besanftigt und verschaffen dem Atherleib einen regelmaftigen
Rhythmus. Das Fasten ermoglicht also dem Atherleib, seinen Rhyth-
mus zu bewahren. Es bringt das Leben, namlich den Atherleib und die
Form, das heifit den physischen Leib in Harmonie und stellt damit
zugleich die Harmonie zwischen der Welt und dem Menschen her.
Jetzt wollen wir sehen, welche Rolle der Astralleib wahrend des
Schlafes spielt. Wo befindet sich wahrend dieser Zeit das Ich des
Menschen? Genau gesprochen im Devachan. Aber im Schlaf haben
wir keinerlei Bewufttsein. Es gilt, den traumerfullten Schlaf vom
Tiefschlaf zu unterscheiden. Der traumerfiillte Schlaf entspricht
dem Astralbewufksein. Der traumlose Tiefschlaf, der sich nach den
ersten Traumen einstellt, entspricht dem Devachanzustand. Daran
erinnern wir uns nicht, weil dieser Zustand dem gewohnlichen
physischen Gehirn nicht bewuEt wird. Der Eingeweihte besitzt die
Kontinuitat des Bewufkseins wahrend des Wachzustandes, des
Schlafes mit Traumen und des traumlosen Schlafes. Er verbindet
diese drei Zustande im Ganzen seines Daseins.
Untersuchen wir jetzt die Situation des Menschen nach seinem
Tode im Devachan. Nach einer bestimmten Zeit lost sich der Ather-
leib in den Kraftstromungen des Lebensathers auf. Was ist nun die
Aufgabe des Astralleibes und des Bewufitseins? Es handelt sich fur
Ich und Astralleib darum, sich einen neuen Atherleib fiir die nach-
folgende irdische Existenz aufzubauen. Der Aufenthalt im De-
vachan ist zum Teil dem Erwerb dieser Fahigkeiten gewidmet. In
der Tat ist die Substanz des Atherleibes wie diejenige des physischen
Leibes nicht von Dauer. Diejenige des physischen Leibes wechselt
dauernd, in der Weise, daft sie im Verlauf von sieben Jahren vollstan-
dig erneuert wird. Ebenso erneuert sich die Athersubstanz, obwohl
ihre Form und ihre Struktur einheitlich unter der Obhut des hohe-
ren Ich bleibt. Beim Tode kehrt diese Substanz vollstandig in die
Atherwelt zuriick, und ebensowenig wie beim physischen Leib
bleibt etwas davon von einer Inkarnation zur anderen erhalten. Die
aufeinanderfolgenden Inkarnationen vollziehen sich also mit jedes-
mal vollig neuen Atherleibern, und das ist der Grund, warum die
Physiognomie und die Leibesform von einer Inkarnation zur ande-
ren derart wechseln. Sie hangen nicht vom Willen des Individiuums
ab, sondern von seinem Karma, von seinem Gefiihlsleben und
seinen unbewufken Willenstrieben.
Ganz anders verhalt es sich bei einem Geistesschiiler, der eine
Einweihung durchmacht. Er entwickelt seinen Atherleib schon hier
unten in der Weise, dafi er ihm Dauer verleiht und ihn befahigt, nach
dem Tode in das Devachan einzutreten. Er ist genugend fort-
geschritten, um schon hier auf der Erde im Schofi seiner Atherkrafte
den Lebensgeist zu erwecken, der eines seiner drei unverganglichen
Wesensglieder bildet. Dieser zum Lebensgeist umgewandelte Ather-
leib wird im Sanskrit Budhi genannt. Hat der Schiiler diesen Le-
bensgeist erlangt, hat er es nicht mehr notig, zwischen zwei Inkarna-
tionen seinen Atherleib vollstandig umzubilden. Er verbringt dann
eine wesentlich kiirzere Zeit im Devachan. Daher zeigt er von einer
Inkarnation zur anderen dieselbe Grundveranlagung, das gleiche
Temperament, den gleichen Grundcharakter. Wenn der okkulte
Meister es dazu gebracht hat, nicht nur seinen Atherleib, sondern
auch noch seinen physischen Leib bewulk zu lenken, entsteht eben-
falls ein geistiges Wesensglied, das man im Sanskrit Atma nennt, das
heilk Geistesmensch. Auf diesem Grade angekommen, behalt der
Eingeweihte bei jeder Inkarnation auf der Erde die Ziige seiner phy-
sischen Erscheimmg bei. Er bewahrt sein Gesamtbewulksein beim
Ubergang vom Erdenleben zum himmlischen Leben und von einer
Inkarnation zur anderen. Daher stammt die Legende von den Ein-
geweihten, die tausend oder zweitausend Jahre leben. Das heifit, dafi
es fur sie weder ein Kamaloka noch ein Devachan gibt, sondern ein
durchgehendes Bewufksein jenseits von Toden und Geburten.
Man macht manchmal beziiglich der Wiederverkorperung fol-
genden Einwand: Wenn der Mensch seine Aufgabe auf der Erde er-
fiillt hat, so kennt er sie; warum mufi er dann wiederkommen? - Der
Einwand ware richtig, wenn der Mensch auf dieselbe Erde wieder-
kame. Aber da er in der Regel erst im Laufe von zweitausend Jahren
wiederkommt, findet er eine neue Natur, eine neue Erde und
Menschheit, denn sie haben sich entwickelt, und so kann er jedesmal
Neues lernen und eine neue Mission erfullen.
Diese Perioden der Erneuerung der Erde, welche fiir die Zeit der
Wiederverkorperungen bestimmend sind, werden selbst wiederum
bestimmt durch den Durchgang der Sonne durch die Tierkreiszei-
chen. Acht Jahrhunderte vor Christus hatte die Sonne ihren Friih-
lingspunkt im Zeichen des Widders. Einen Widerschein davon sehen
wir in der Legende vom Goldenen Vlies und in der Bezeichnung
«Lamm Gottes» fiir den Christus. 2160 Jahre friiher befand sich der
Friihlingspunkt der Sonne im Zeichen des Stieres. Das hat seinen
Einflufi auf die Kulte, so auf den des Apisstieres in Agypten oder
den Mithraskult in Persien. Wiederum 2160 Jahre friiher befand sich
der Friihlingspunkt in den Zwillingen, was sich in der Kosmogonie
des alten Persien und in den gegensatzlichen Gestalten von Ormuzd
und Ahriman widerspiegelt. Als die atlantische Zivilisation zu Ende
geht und die Zeit der Veden sich ankiindigt, hat die Sonne ihren
Friihlingspunkt im Krebs, dessen Zeichen man folgendermafien
schreibt:C3^.Damit ist das Ende einer Periode und der Beginn einer
neuen bezeichnet.
Die Volker haben immer ein Bewulksein von der Wichtigkeit der
Beziehungen gehabt, die sie mit den Konstellationen verbinden. In
der Tat unterliegen die grofien Menschheitsperioden dem Einflufi
der himmlischen Umschwiinge, dem Gang der Erde in Beziehung
zu Sonne und Sternen.
Diese Tatsache erklart den Unterschied der Epochen und gibt den
Verkorperungen, die sich in jeder dieser Epochen vollziehen, einen
neuen Sinn. Denn 2160 Jahre bilden den Zeitraum, der notig ist fur
je eine mannliche und eine weibliche Inkarnation, das heilk fur die
zwei Aspekte, unter denen sich der Mensch den ganzen Erfahrungs-
schatz einer Epoche erwirbt.
Was ist es, das auf der Erde eine neue Flora und eine neue Fauna
hervorbringt? Das sind die Devas und die Gestalten des Devachan.
Darwin sucht die Erdenevolution durch den Kampf urns Dasein
zu erklaren, womit in Wirklichkeit nichts erklart ist. Fur den Ok-
kultisten sind es die formenden Wirkungen aus dem Devachan,
welche die Flora und die Fauna andern. Je weiter der Mensch
fortgeschritten ist, desto mehr kann er an dieser Arbeit teilnehmen.
Die Tatigkeit des Menschen ist von um so grofierem Einfluft auf
die Formen der Natur, als er sein Bewufksein entwickelt hat. Der
Initiierte kann in der Welt arbeiten, wo die neuen Pflanzen ihren
Ursprung nehmen. Denn das Devachan ist das Gebiet, wo die
Vegetation Form gewinnt. Im Kamaloka, der Astralwelt, arbeitet
der Mensch am Aufbau des Tierreiches. Das Kamaloka ist in der
Mondensphare, wahrend das Devachan mit der Sonne zusammen-
hangt.
So ist der Mensch mit alien Naturreichen verkniipft. Plato spricht
vom Symbol des Kreuzes, indem er sagt, daft die Weltseele in Kreu-
zesform auf den Weltenleib geheftet sei. Was bedeutet dieses Kreuz?
Es ist die Seele, die durch alle Naturreiche hindurchgeht. In der Tat
hat die Pflanze, im Gegensatz zum Menschen, ihre Wurzel oder,
wenn man so will, ihr Haupt, Tragerin der Ernahrungskrafte, unten,
und wendet im Gegensatz dazu ihre Fortpflanzungsorgane keusch
nach oben, der Sonne zu. Das Tier nimmt in einer meist horizonta-
len Lage eine Mittelstellung ein. Der Mensch und die Pflanze sind
vertikal gerichtet und bilden zusammen mit dem horizontal gerich-
teten Tier ein Kreuz, das Weltenkreuz.
In kiinftigen Zeiten wird die Teilnahme des nach dem Tode in den
hoheren Welten weilenden Menschen am Aufbau der niederen Rei-
che eine bewufite sein. Das Bewufksein wird die Beziehungen in der
Weise dirigieren, dafi einer neuen Flora immer eine neue mensch-
liche Kultur entspricht. Die gottliche Mission des Geistes ist es, die
Zukunft zu Schmieden. Es wird dann weder Wunder noch Zufall
geben. Flora und Fauna werden in Freiheit Ausdruck der verwan-
delten menschlichen Seele sein.
Die Arbeit auf der Erde vollzieht sich von zwei Seiten her: durch
die Devas, die Gotter, und durch den Menschen.
Wenn wir eine Kathedrale bauen, arbeiten wir im Mineral. Die
Gebirge zu beiden Seiten des Nil sind das Werk der Gotter, die
Tempel an seinen Ufern sind das Werk der Menschen. Und beide
haben das gleiche Ziel: die Verwandlung der Erde.
Spater wird der Mensch lernen, alle Reiche der Natur mit demsel-
ben Bewufitsein zu formen, mit dem er jetzt das Mineralreich formt.
Er wird die Lebewesen formen und wird die Arbeit der Gotter auf
sich nehmen. So wird er die Erde ins Devachan verwandeln.
KOSMOGONIE
Zwdlfter Vortrag, Paris, 8. Juni 1906
Das Devachan - oder der Sitz der Gotter - entspricht dem christ-
lichen Himmel und der Geisteswelt der Okkultisten. Es versteht
sich von selbst, dafi man diese Regionen - die nur scheinbar aufter-
irdisch sind, da sie in lebendiger Beziehung zu unserer Welt stehen,
die aber aufierhalb der Reichweite unserer physischen Sinne sind -
nur in Symbolen und Gleichnissen beschreiben kann, denn unsere
Sprache taugt nur fur die Welt der Sinne.
Das Devachan umfalk sieben Grade oder sieben verschiedene Re-
gionen, die sich in aufsteigender Ordnung staffeln. Es handelt sich
nicht urn Stockwerke oder genaue Orte, sondern um Zustande der
Seele und des Geistes. Das Devachan ist iiberall. Es umgibt uns wie
die Astralwelt, nur sehen wir es nicht. Der Eingeweihte erwirbt
durch Ubungen aufeinander folgend die notigen Fahigkeiten, um es
zu sehen. Betrachten wir, wie es sich nach und nach demjenigen
offnet, der sich neue Wahrnehmungsfahigkeiten erwirbt.
Auf der ersten Stufe der Hellsichtigkeit werden die Traume regel-
mafiiger, sie lassen bestimmte Gestalten erscheinen, sinnvolle Worte
horen; sie erhalten mehr und mehr einen Sinn, den man entziffern
kann und der sich auf das wirkliche Leben bezieht. Man traumt
beispielsweise, dafi das Haus eines Freundes brennt, und man er-
fahrt nachher, daft er eben krank geworden ist. Diese ersten Einblik-
ke in das Devachan lassen es einem Himmel ahnlich erscheinen, der
von Wolken durchzogen ist, die sich gruppieren und nach und nach
lebende Formen annehmen.
Mit der zweiten Stufe der Hellsichtigkeit nehmen die Traume sehr
bestimmte Konturen an. Das sind die geometrischen und symboli-
schen Formen der grofien Religionen, die heiligen Zeichen aller Zei-
ten, die sozusagen die Sprache des schopferischen Wortes sind, die
heiligen Hieroglyphen der kosmischen Sprache: das Kreuz, Zeichen
des Lebens; das Pentagramm oder der Fiinfstern, Zeichen des Wortes;
das Hexagramm oder der Sechsstern, zwei ineinandergekehrte Drei-
ecke, Zeichen des Makrokosmos, gespiegelt im Mikrokosmos und so
weiter. Aber diese Zeichen, die wir in abstrakten Linien darstellen,
erscheinen hier farbig, lebendig und blitzartig auf einem Grund von
Licht. Sie sind gleichwohl nicht das Kleid lebendiger Wesen, sondern
bezeichnen sozusagen die Normen und Gesetze der Schopfung. Von
ihnen sind die Tiergestalten geformt, die die ersten Eingeweihten
gewahlt haben, um die Sonnenumschwunge in den Konstellationen
des Tierkreises darzustellen. Die Eingeweihten haben ihre Schauun-
gen in diesen Zeichen iiberliefert, zum Beispiel in dem des Krebses,
das einen Wirbel aus zwei entgegengesetzten Linienziigen darstellt.
Die altesten Schriftzeichen im Sanskrit, in Agyptisch, Griechisch,
Runenzeichen, von denen jedes stets eine eigene Bedeutung hat, ge-
hen alle urspriinglich auf geistige Formen zuriick.
Auf dieser Stufe seiner Hellsichtigkeit ist der Schiiler jedoch im-
mer noch auf der Schwelle zum Devachan. Es handelt sich darum,
iiber sie hinauszudringen und den Durchgang zu finden, der von der
Astralwelt zur ersten Stufe der devachanischen Welt fiihrt. Alle Ge-
heimschulen haben diesen Weg gekannt, und sogar das Christentum
der ersten Jahrhunderte hat, obwohl es nicht auf die alten Arten der
Einweihung zuriickging, gleichwohl eine esoterische Zeichensprache
besessen, deren Spuren wir wiederfinden.
So erwahnt die Apostelgeschichte den Dionysius, der ein einge-
weihter Schiiler des Paulus war und ein esoterisches Christentum
lehrte. Spater hat Johannes Scotus Eriugena am Hofe Karls des Kah-
len noch im 9. Jahrhundert ein esoterisches Christentum begriindet.
Dieses ist dann nach und nach durch das Dogma verdeckt worden.
Dringt man aber in das Devachan ein, so sieht man die Beschrei-
bung, die Dionysius davon gegeben hat, bestatigt.
Die rhythmische Atmung nach dem Yogasystem ist eines der Mit-
tel, das angewendet wird, um in die Welt des Devachan einzutreten.
Das sichere Zeichen, daft dieser Eintritt stattgefunden hat, ist, dafi das
Bewufitsein durch eine Erfahrung geht, die in der Vedantaphiloso-
phie bezeichnet wird durch die Worte: tat tvam asi = das bist du.
Der Mensch sieht im Traum seine eigene Korpergestalt von
auften. Er sieht seinen Korper ausgestreckt auf seinem Bett, aber wie
eine leere Hiille. Rings um diese hohle Form leuchtet der Astralleib
wie ein eiformiger Lichtschein; er erscheint wie eine Aura, von der
man den Korper zuriickgezogen haben wiirde, wahrend der Korper
wie eine leere Hohlform erscheint. Es ist eine Schauung, bei der die
Verhaltnisse umgekehrt sind wie bei einem photographischen Nega-
tiv. Man gewohnt sich an diesen Anblick hinsichtlich aller Dinge.
Man sieht gewissermafien die Seele der Kristalle, der Pflanzen, der
Tiere in Form eines Strahlenkranzes, wahrend ihre physische Sub-
stanz wie eine Hohlform, ein Leerraum erscheint. Aber nur die
Naturgegenstande konnen so erscheinen, nichts von dem, was durch
Menschenhand geschaffen ist.
Auf dieser ersten Stufe des Devachan sieht man also das Astral-
bild der physischen Welt; es ist das, was man das Festland des
Devachan nennt, die Negativform der Taler, der Gebirge, der phy-
sischen Kontinente.
Indem man sich im Meditieren mit angehaltenem Atem iibt, ge-
langt man zur zweiten Stufe des Devachan. Die Hohlraume, welche
die physische Substanz bildet, fiillen sich mit einem System von gei-
stigen Stromungen. Es sind die Stromungen des universellen Le-
bens, welche alles durchziehen, es ist der Ozean des Devachan. Hier
taucht der Initiierte in die sprudelnde Quelle alien Lebens ein. Er
sieht dieses Leben wie ein ungeheures Fluftnetz, dessen Kanale alles
durchziehen. Zugleich durchdringt ihn eine fremdartige und ganz
neue Empfindung. Er fiihlt, wie er anfangt in den Metallen zu leben.
Reichenbach, der Autor des Buches iiber das Od, hatte dieses
Phanomen bei den sensitiven Personen entdeckt, von denen er in
Papierstiicke eingewickelte Metalle erraten lieft.
Die Wesenheiten, denen man in dieser Region begegnet, sind die-
jenigen, die Dionysius Areopagita die Erzengel oder Beleber der Me-
talle nennt 5 '; sie entsprechen dem zweiten Grad der Hellsichtigkeit.
Man gelangt zur dritten Stufe des Devachan, wenn man sein Ge-
dankenleben von jeder Verbindung mit der physischen Welt lost,
wenn man sich im Gedankenleben erfuhlen kann ohne Gedankenin-
halt. Der Meister sagt zu seinem Schiller: Lebe so, daft du dein Ver-
standesdenken ohne Gegenstand in Tatigkeit setzest! - Dann offnet
sich eine neue Welt. Nachdem man die Kontinente und die Fliisse des
Devachan gesehen hat, das heifk die Astralseele der Dinge und die Le-
bensstromungen, nimmt man die Luft, die devachanische Atmospha-
re wahr. Diese Atmosphare ist ganz verschieden von der unsrigen.
Ihre Substanz ist lebendig, tonend, voller Empfindung, als ob sie fiihl-
te. Sie antwortet auf jede unserer Gesten, unserer Handlungen, unse-
rer Gedanken durch Schwingungen, Lichterscheinungen, Tone. Alles
was auf der Erde geschieht, wirkt sich hier aus in Form von Farbe,
Licht und Ton. Sei es, daft man hier wahrend des Schlafes lebt, sei es
nach dem Tode - immer kann man dort das Echo von dem, was auf der
Erde geschieht, verfolgen. Man kann zum Beispiel eine Schlacht beob-
achten: man sieht nicht die Schlacht selbst, noch ihr Hinundher-
schwanken, man hort weder die Schreie der Kampfer, noch die Kano-
Siehe Hinweis.
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nenschiisse. Vielmehr auftern sich Kampfe und Leidenschaften als
Blitz und Donner. So trennt uns das Devachan nicht von der Erde,
aber er zeigt sie uns wie von aufien. Man empfindet nicht mehr den
Schmerz und die Freude als etwas, was sich in uns abspielt. Man be-
trachtet sie objektiv wie ein Schauspiel. Es ist eine neue Lehrzeit fur
Mitgefuhl und Erbarmen. Das Devachan ist eine Schule, wo man
lernt, die Leiden und Freuden dieser Welt von einem hoheren Ge-
sichtspunkt aus zu betrachten, wo man alle Krafte aufbietet, um die
Leiden in Freude, die Sturze in neue Aufschwunge, den Tod in Aufer-
stehung zu verwandeln.
Das hat nichts zu tun mit passiver Kontemplation und einem mehr
oder weniger egoistischen Himmelsgliick, wie es gewisse religiose
Autoren ausgemalt haben, die meinen, daE die Leiden der Verdamm-
ten zum Gliick der Auserwahlten gehoren. Es handelt sich um einen
lebendigen Himmel, wo der unbegrenzte Wunsch nach Sympathie
und Tatigkeit, der in der menschlichen Seele veranlagt ist, nach un-
begrenzten Wirkungsfeldern und unendlichen Ausblicken drangt.
Auf der vierten Stufe des Eindringens in das Devachan erscheinen
die Dinge in der Gestalt ihrer Urformen. Das ist nicht mehr der nega-
tive Aspekt, sondern der urspriingliche Typus, der sich da enthiillt.
Das ist die Werkstatt der Welt, die alle Formen in sich einschliefit, aus
denen die Schopfung entsprungen ist. Das ist die Ideenwelt Platos,
das Reich der Mutter, von dem Goethe spricht und aus dem er das
Phantom der Helena aufsteigen lafit. Was auf dieser Stufe des De-
vachan erscheint, ist dasjenige, was der Inder die Akasha-Chronik
nennt. In unserer neuzeitlichen Sprache wiirden wir es das Astralbild
aller Weltereignisse nennen. Alles, was durch den Astralleib der Men-
schen hindurchgegangen ist, ist hier in einer unendlich subtilen Sub-
stanz, die eigentlich eine negative Materie ist, festgehalten.
Um die Berechtigung dieser Bilder, die im Astrallicht der Erde
schwimmen, zu begreifen, mufi man sich vergleichender Analogien
bedienen. Die menschliche Stimme spricht Worte aus und formt
dadurch Tonwellen, die durch andere Ohren in andere Gehirne
dringen, um dort Bilder und Gedanken hervorzurufen. Jedes dieser
Worte ist eine Tonwelle von ganz eigenartiger Form, die, wenn wir
sie sehen konnten, sich von jeder anderen unterscheiden wiirde.
Denken wir uns nun, diese Worte konnten erstarren und gefrieren
wie eine Wasserwoge durch eine plotzliche ungeheure Kalte. In die-
sem Falle wiirden diese Wortgebilde in Form gefrorener Luft zur
Erde fallen, und man konnte jedes von ihnen an seiner Form er-
kennen. Das waren dann kristallisierte Worte.
Und nun denken wir uns anstelle eines Verdichtungsprozesses
das Umgekehrte. Wir wissen, daft jeder Korper aus einem mehr fe-
sten in einen mehr immateriellen Zustand iibergehen kann: vom fe-
sten zum fliissigen und zum gasformigen Zustand, Die Verfeinerung
des materiellen Zustandes kann einen Grad erreichen, der, wenn
man ihn iiberschreitet, bei einer negativen Materie endet; man nennt
ihn Akasha. In ihr driicken sich alle Ereignisse in einer endgiiltigen
Weise ab v und man kann sie alle wiederfinden, selbst diejenigen aus
der tiefsten Vergangenheit.
Die Bilder der Akasha-Chronik sind nicht unbeweglich. Sie ent-
falten sich bestandig wie lebende Bilder, wo die Dinge und Personen
sich bewegen und manchmal sogar sprechen. Wiirde man die Astral-
gestalt Dantes aufrufen, so sprache sie in seinem Stil, wie aus seiner
einstigen Lebenssphare heraus. Das sind die Bilder, die fast immer in
spiritistischen Sitzungen erscheinen und fur den Geist des Verstor-
benen gehalten werden. Das ist irrefiihrend.
Man raufi lernen, die Blatter dieses Buches mit lebenden Bildern
zu entziffern und die unzahligen Rollen dieser Chronik des Weltalls
zu entfalten. Man gelangt dazu nur, indem man die aufiere Erschei-
nungsform von der Wirklichkeit, den Abdruck des Menschen von
der lebendigen Seele unterscheidet. Das erfordert tagliche Ubung
und eine lange Schulung, um Irrtumer in der Auslegung zu vermei-
den. Denn es konnte beispielsweise geschehen, daft man angesichts
des Erscheinungsbildes Dantes exakte Antworten erhalt, aber sie
stammen nicht von der Individuality Dantes, die sich fortschreitend
weiter entwickelt, sondern vom alten Dante, wie er der Athersphare
seines Zeitalters verhaftet ist.
Die fiinfte Stufe ist die der himmlischen Spharenharmonie. Die
oberen Regionen des Devachan zeichnen sich dadurch aus, daft alle
Tone dort klarer, leuchtender, volltonender sind. Man vernimmt
dort in einer grandiosen Harmonie die Stimme aller Wesen, und das
ist dasjenige, was Pythagoras die Spharenmusik nennt. Es ist das
innere Sprechen, das lebendige Wort des Weltalls. Jedes Wesen
nimmt nun fur den hellhorig gewordenen Hellseher eine besondere
Klangfarbe an, gewissermaften eine tonende Aura. Da nennt jedes
Wesen dem Okkultisten seinen Namen. In der Genesis nimmt Jeho-
va den Adam bei der Hand, und Adam benennt alle Wesen mit
Namen. Auf der Erde ist das Individuum verloren unter der Menge
der anderen Wesen. Dort hat jedes seine eigene Klangfarbe, und
trotzdem taucht der Mensch zugleich in alle Wesen unter, wird eins
mit seiner Umgebung.
Auf dieser Stufe wird der Schiiler der Schwan genannt. Er hort
die Tone, durch welche der Meister zu ihm spricht, und iibermittelt
sie der Welt. Der singende Schwan des Apollo lalk die Klange vom
Jenseits horen. Man sagt, daft er vom Land der Hyperboraer kommt,
das heifk von jener Welt, in der sich die Sonne bei ihrem Untergang
vom Himmel birgt.
Wir sind an dem Punkt angekommen, wo man von der anderen
Seite her von der Sternenwelt Abschied nimmt. Man liest die
Akasha-Chronik nicht mehr von der Erdenseite, sondern von der
Himmelsseite her; sie wird zur okkulten Sternenschrift. Man sieht
in das Innere der Sternensphare hinein, und man empfindet die
Ursprungsquelle des Universums, des Logos.
Wir finden in den Mythen Erinnerungen an diesen Grad des
Schwans, ganz besonders im Mittelalter durch die Sagen vom Gral,
die der Widerhall von Erfahrungen in der devachanischen Welt sind.
Alle Heldentaten, die dort berichtet werden, werden verrichtet
durch die Gralsritter, welche die grofien Impulse verkorpern, die auf
Anordnung der Meister die Menschheit durchziehen.
Der Zeitpunkt, zu welchem die Gralslegende unter dem Einflufi
der groften Eingeweihten entstand, ist derjenige, wo die Herrschaft
des Biirgertums beginnt und wo von Schottland aus in England und
von dort aus in Frankreich und Deutschland die Griindung der gro-
fien freien Stadte sich ausbreitet. Der frei gewordene Mensch sehnt
sich unbewufk nach der Wahrheit und nach dem gottlichen Leben. In
der Sage von Lohengrin reprasentiert Elsa die menschliche Seele, die
Seele des Mittelalters, die nach Entfaltung strebt und die im Okkul-
tismus immer durch eine weibliche Gestalt dargestellt wird. Der Rit-
ter Lohengrin, der zu ihrer Befreiung aus einer unbekannten Welt,
von der Burg des Heiligen Gral, kommt, stellt den Meister dar, der die
Wahrheit bringt. Er ist der Bote des Eingeweihten, symbolisch heran-
getragen durch den Schwan. Der Bote der grofien Eingeweihten heilk
«Schwan». Man darf weder nach seinem Ursprung noch nach seinem
wahren Namen fragen. Man darf nicht an den Zeichen seiner Hoheit
zweifeln. Man mufi ihm aufs Wort glauben und an seinem Antlitz den
Strahl der Wahrheit erkennen. Wer diesen Glauben nicht hat, ist nicht
fahig, ihn zu begreifen, und nicht wiirdig, ihn zu horen. Daher das
Verbot Lohengrins an Elsa, seinen Ursprung und seinen Namen zu
erfragen. Der Schwan ist der Chela, der den Meister herbeifuhrt.
Der Bote des Meisters auf dem physischen Plan ist der eingeweih-
te Schiiler, der zum fiinften Grad aufgestiegen ist und den der Mei-
ster in die Welt sendet. So druckt diese Legende aus, was sich in den
hoheren Welten ereignet. In die Mythen und Legenden lafk der
Logos, das Sonnen- und Planetenwort, sein Licht hineinscheinen.
KOSMO GONIE
Dreizehnter Vortrag, Paris, 9. Juni 1906
Versuchen wir heute, uns in der Betrachtung der menschlichen Ent-
wickelung bis zum Logos zuriickzuversetzen, der unsere Welt ge-
schaffen hat, und gehen wir zu diesem Zweck die Schritte dieser
Evolution bis zu einem bestimmten Punkt zuriick.
Die gegenwartige esoterische Wissenschaft reicht geschichtlich
zuriick bis zum Steinzeitalter, wahrend dessen der Mensch in Hoh-
len lebte und keine andere Waffe kannte als behauene Steine. Sein
Leben war einfach, sein Horizont beschrankt, seine Gedankenwelt
auf die Verteidigung seines Lebens und auf die Nahrungssuche
begrenzt.
Die Geheimwissenschaft gelangt jenseits dieses Steinzeitalters zu
einer anderen Menschheitsepoche: zu derjenigen der Menschen, die
den Erdteil Atlantis bewohnten. Diese unterschieden sich von der
nachfolgenden Menschheit schon durch ihr physisches Aussehen.
Der prahistorische Mensch - die Tatsache ist bekannt - zeigt noch
eine unentwickelte vordere Stirnpartie. Denn die Entwickelung der
vorderen Stirnpartie geht parallel derjenigen des Gehirns und des
Gedankens. Das physische Gehirn war einstmals wesentlich kleiner
als die Atherpartie, die es von alien Seiten iiberragte. Im Laufe der
Entwickelung haben sich die Grofienverhaltnisse des physischen
und des atherischen Kopfes einander angenahert. Ein bestimmter
Punkt des Athergehirns, der sich heute innerhalb des Schadels befin-
det, war damals noch aufierhalb. Es gab einen Zeitpunkt in der Ent-
wickelung der Atlantier - sie dauerte mehrere Millionen Jahre -, wo
dieser Punkt sich ins Innere des Schadels zuriickzog. Dieser Mo-
ment ist von grundlegender Wichtigkeit, denn von dem Zeitpunkt
an, wo der Mensch anfing zu denken, Kenntnis von sich selbst zu
nehmen, «Ich» zu sich zu sagen, begann er auch zu kombinieren, zu
rechnen, wozu er vorher nicht fahig gewesen war. Dafur besaften die
ersten Atlantier ein getreueres, weniger dem Irrtum unterworfenes
Gedachtnis. Ihr ganzes Wissen beruhte nicht auf der Kenntnis der
Beziehungen der Tatsachen untereinander, sondern auf der Erinne-
rung an die Tatsachen. Sie wufken durch das Gedachtnis, dafi ein
bestimmtes Ereignis immer eine Reihe anderer nach sich zog, aber
sie kannten nicht die Ursache dieser Ereignisse und konnten nicht
dariiber nachdenken. Der Begriff der Kausalitat existierte bei ihnen
erst in einem embryonalen Stadium.
Mit dieser machtigen Kraft des Gedachtnisses verbanden sie eine
andere, nicht weniger kostbare: die Kraft des Willens. Der heutige
Mensch kann nicht mehr unmittelbar durch seinen Willen auf die
Lebenskrafte wirken. Er kann beispielsweise nicht mehr durch sei-
nen Willen das Wachstum der Pflanzen beschleunigen. Der Atlantier
konnte es, ja er zog aus den Pflanzen eine Atherkraft, die er zu ge-
brauchen wufite. Er tat das aus Instinkt, ohne die Hilfe der Kennt-
nisse und der exakten Methoden, die wir heutzutage als den Geist
der Wissenschaft ansprechen. In dem Ma£e, als sich beim Atlantier
die Verstandeskraft im Verein mit der Uberlegung, Berechnung und
dem Denken einstellte, nahmen seine instinktiven und hellseheri-
schen Fahigkeiten ab.
Wenn wir noch weiter in der Geschichte der Atlantier zuriickge-
hen, kommen wir zu einer sehr weit zuruckliegenden Epoche, wo
sie fahig wurden, sich durch die Sprache, das heifk durch artikulierte
Laute auszudriicken. Dieser Zeitpunkt entspricht demjenigen, wo
der Mensch lernte, aufrecht zu gehen. Denn die Sprache kann nur
bei Wesen mit aufrechter Haltung erscheinen. Man mufi sich auf-
rechthalten konnen, um artikulierte Laute auszusprechen.
Vor dem atlantischen Kontinent und der grofien Rasse der Atlan-
tier, aus der alle Rassen Europas und Asiens hervorgegangen sind,
gab es einen anderen Kontinent und eine andere, noch mehr in die
Tierheit versunkene menschliche Rasse: diejenige der Lemurier. Die
Wissenschaft lafk sie nur als eine Hypothese gelten. Gewisse Inseln
siidlich von Asien und nordlich von Australien sind gleichwohl
Zeugnisse fur sie, denn sie sind die metamorphosierten Uberbleibsel
des alten lemurischen Kontinents.
Die Temperatur war in dieser Zeitepoche wesentlich hoher als in
unseren Tagen. Die Atmosphare war von Dampf erfiillt, ein Ge-
misch aus Luft und Wasser, durchzogen von unzahligen Stromun-
gen. Wir begegnen da rudimentaren menschlichen Wesen, die nicht
durch den Mund, sondern durch Kiemen atmen.
In der menschlichen Evolution bilden sich die Organe standig um
und verandern ihre Natur und Tatigkeit. So ging der primitive
Mensch auf alien vieren und hatte weder artikulierte Laute zum Spre-
chen noch Ohren zum Horen. Er hatte jedoch, um sich in dem halb
fliissigen, halb luftformigen Element, das ihn umgab, bewegen zu
konnen, ein Organ, das ihm als Apparat diente, um sich auf dem Was-
ser treiben zu lassen und schwimmen zu konnen. Als die Elemente
sich trennten und der Mensch sich auf der festen Erde aufrecht hielt,
bildete dieses Organ sich um in Lungenfliigel, seine Kiemen in
Ohren, die VordergliedmalSen in Arme und Hande, in freie Arbeits-
werkzeuge. Aufterdem erwarb er sich das artikulierte Sprechen.
Diese Umbildung war fiir die Menschheit von entscheidender
Bedeutung. Wir lesen in der Genesis: «Gott der Herr blies dem
Menschen den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der
Mensch eine lebendige Seele.» Diese Stelle beschreibt den Entwicke-
lungsmoment, wo die Kiemen des Menschen sich in Lungenfliigel
verwandelten und wo er anfing, die aufiere Luft zu atmen. Mit der
Fahigkeit des Atmens empfing er eine innere Seele und durch sie
die Moglichkeit, sich in sich selbst zu erfuhlen, die Moglichkeit, all-
mahlich zu erfuhlen, wie das Ich in der Seele lebte.
Der durch seine Lunge atmende Mensch sah, wie sein Blut an
Starke gewann. Jetzt konnten Seelen, die durch das Ich-Prinzip indi-
vidualisiert waren und holier standen als die Gruppenseele der Tiere,
sich in ihm inkarnieren und so die ganze Entwickelung in ihre voll-
menschlichen, spater gottlichen Phasen hiniiberleiten. Diese Seelen
hatten sich nicht inkarnieren konnen, bevor die Korper Luft atme-
ten. Denn die Luft ist ein seelisches Element. Der Mensch hat also
zu dieser Zeit buchstablich die gottliche Seele, die ihm vom Himmel
zukam, eingeatmet. Die Worte der Genesis, im Sinne der Evolution
des Menschengeschlechts verstanden, sind also wortlich zu nehmen.
Atmen heifit, sich vergeistigen. Daher sind die Ubungen des alten
Yoga gekommen. Sie griinden sich auf dem Atmungsrhythmus und
haben zum Zweck, den Korper durchlassig zu machen fiir den ihm
innewohnenden Geist. In der Tat verbinden wir uns durch die
Atmung mit der Weltseele. Die Luft, die wir atmen, ist das korper-
liche Kleid dieser hoheren Seele, so wie das Fleisch unseres Korpers
das Kleid fiir unser niederes Wesen ist.
Diese Anderungen im Atmungssystem bezeichnen den Ubergang
vom alten Bewulksein, das nur Bilder widerspiegelte, zum gegen-
wartigen Bewulksein, das vom Korper her seine Sinneswahrneh-
mungen empfangt und daher seinen objektiven Charakter erhalt.
Das imaginative Bilderbewufitsein konnte von sich aus nicht ein
Objekt abbilden, sondern es gab sich einen inneren Gehalt durch
eine in ihm liegende plastische Kraft. Je weiter wir in die Vergangen-
heit der Menschheit zuruckgehen, desto mehr sehen wir die Seele
des Menschen nicht in ihm, sondern um ihn. Wir kommen zu einem
Punkt, wo die Empfindungswerkzeuge nur erst keimhaft existieren
und wo der Mensch die aufieren Gegenstande nur durch Anziehung
oder Abstofiung, durch Sympathie oder Antipathie wahrnimmt.
Dieses Wesen, das noch nicht ein Mensch ist in dem Sinne, wie wir
ihn verstehen, sondern erst ein Menschenkeim, dirigiert seine Bewe-
gungen nach diesen Anziehungen oder Abstoftungen. Es hat noch
keine Vernunft, und die Zirbeldriise, die einstmals ein wichtiges
Organ war, bildet fur sich allein sein Gehirn.
In der Tatsache dieses Bilderbewufksems findet sich die Antwort
auf alle die philosophischen Diskussionen iiber die Objektivitat und
Realitat der Welt und die Widerlegung der rein subjektivistischen
Philosophien wie derjenigen von Berkeley. Das Universum und der
Mensch sind zugleich subjektiv und objektiv. Diese beiden Pole von
Sein und Leben sind notwendig fur die Evolution. Das universale
Subjekt wird zum objektiven Universum, und der Mensch schreitet
zuerst vor vom Subjektiven zum Objektiven durch die gradweise
fortschreitende Beschaffenheit seines physischen Korpers. Alsdann
kehrt er vom Objektiven zum Subjektiven zuruck durch die Hoher-
entwickelung seiner Seele (Manas), seines Lebensgeistes (Budhi),
seines Geistesmenschen (Atma).
Das Bewufitsein, das wir im Traumzustand haben, ist ein atavisti-
sches Uberbleibsel des einstmaligen Bilderbewulkseins.
Eine Besonderheit dieses BilderbewuEtseins ist, dafi es schopfe-
risch ist. Es erschafft in seiner eigenen Wesenheit Formen und
Farben, die in physischer Wirklichkeit nicht existieren.
Das Gegenstandsbewufitsein ist analytisch. Das subjektive
Bewufksein ist plastisch, es hat eine magische Gewalt.
Wir haben also gesehen, wie das objektive und analytische Be-
wulksein des Menschen dem subjektiven und plastischen BewuEt-
sein nachfolgte. Der Vorgang, durch welchen die Seele, die zuerst
den Menschen wie eine Wolke umgab und in der Folgezeit den phy-
sischen Leib durchdrang, laik sich vergleichen mit dem Entwicke-
lungsgang der Schnecke, die zuerst aus ihrer eigenen Korpersub-
stanz ihr eigenes Schneckenhaus absondert und dann sich in dassel-
be zuriickzieht. In gleicher Weise durchdrang die Seele den Korper,
den sie zuvor modelliert hatte und fur den sie von aufien her die
Sinneswerkzeuge prapariert hatte. Die Sehkraft, mit der unser Auge
heute begabt ist, ist dieselbe Kraft, die einstmals von aufien auf das
Auge einwirkte, um es aufzubauen. Die Umkehrung der Wirkens-
kraft der Seele, die, einstmals von au£en wirkend, zu einer innerlich
wirkenden wird, ist immer durch eine Hieroglyphe bezeichnet wor-
den, namlich durch zwei Wirbel von entgegengesetzter Richtung.
Die erste Bewegung, nach innen, driickt sich in der einen, die zweite,
von innen nach aufien, driickt sich in der anderen Richtung aus.
f '2S^ Dieses Zeichen - es ist dasjenige des Krebses im Tierkreis -
bezeichnet immer das Ende einer Zielrichtung und den Beginn einer
neuen im entgegengesetzten Sinn.
In der Mitte der dritten Erdperiode, der lemurischen, finden wir
den Punkt, wo die Seele einzieht in das Haus, das sie sich selbst er-
baut hat und wo sie beginnt, den Leib von innen her zu beseelen.
Gehen wir hinter diesen Punkt zuriick, haben wir es lediglich mit
einer astralen Menschheit zu tun, die ebenfalls auf einer astralen
Erde lebt. In einer noch weiter zuriickliegenden Phase sehen wir den
Menschen und die Erde nur noch im rein devachanischen Zustand.
Der Mensch hat da kein Bilderbewufitsein mehr, sondern es sind
kosmische Gedanken, die ihn durchziehen.
Je weiter wir in der parallellaufenden Entwickelung von Erde
und Menschheit zunickgehen, desto mehr finden wir beide im
fliissigen und embryonalen Zustand, desto naher sind sie auch dem
geistigen Zustand. Heute, wo wir den tiefsten Punkt der abwartsge-
henden Entwickelung erreicht haben, haben Erde und Mensch den
aufiersten Grad von Verfestigung erreicht und sind im Begriff, durch
Betatigung des individuellen Willens, zum geistigen Zustand wieder
aufzusteigen.
Was ist nun der Sinn dieser ganzen Entwickelung? Wo befanden
sich die Wesen, als sie im Anfangszustand nichts als Keime waren?
Von wo ist das Menschengeschlecht ausgegangen? Wer hat es er-
schaffen ?
Hier gilt es nun, die Schwelle zu iiberschreiten, die uns einen
Lebensgrad und eine Macht der Offenbarung enthiillt, die dem
menschlichen und planetarischen Leben iibergeordnet ist. Diese
Macht ist der Logos.
Worin unterscheidet sich das gesamte menschliche und planetari-
sche Leben vom Leben des Logos?
Diese Frage scheint von uns zunachst einen Sprung ins Unbekann-
te, in ein Universum anderer Ordnung zu erfordern. Und dennoch
gibt es in unserer Welt analoge Phanomene, die uns die Schopfer-
macht des Logos begreifen oder wenigstens erfuhlen lassen konnen.
Nehmen wir an, eine menschliche Intelligenz konnte die Summe
alles dessen umfassen, was ihr zuganglich ist; sie habe ein geordnetes
Wissen von alien irdischen und planetarischen Phanomenen. Sie
konnte wieder aufleben lassen alle Entwickelungsformen. Aber sie
konnte nicht mit dieser Fahigkeit allein zuriickgehen zu der Stufe
vor der Erscheinung des Menschen und des Planetensystems im
Universum. Sie wiirde im Bereich dessen bleiben, was wissenschaft-
lich festgestellt worden ist durch den Menschen; unsere Verstandes-
kraft iiberschreitet diese Grenze nicht.
Aber wir konnen uns zu einer anderen BewuEtseinsstufe erheben
als diejenige ist, die nur die Verstandeserfahrungen reproduziert. Es
gibt gewisse Zustande einer schopferischen Aktivitat, wo der
menschliche Geist zum Schopfer wird und Neues, noch niemals
Gesehenes schaffen kann. Solcherart ist zum Beispiel der Seelenzu-
stand des Bildhauers im Moment der Konzeption, wo er blitzartig
vor seinem Geist die Form einer Statue sieht, deren Vorbild er nie-
mals gesehen hat, sondern die er erschafft. Solcherart ist auch der
Seelenzustand des Dichters, der in einem Entwurf, in einer schopfe-
rischen Vision seines Geistes ein Werk konzipiert.
Diese Schaffenskraft empfangt ihre Inspiration nicht von einer
verstandesmafiigen Vorstellung, Idee, sondern von einem spirituell
inspirierten Gefiihl. Betrachten wir die Henne, die ihr Ei bebriitet.
Sie ist ganz von ihrem Brutgeschaft absorbiert und empfindet dabei
ein Wohlgefuhl, wo sie, wie im Traum, das Ausschliipfen des kleinen
geflugelten Kiichleins erlebt. Dieses Wohlgefuhl des Schaffens findet
sich auf alien Stufen der kosmischen Entwickelung, und iiberall ent-
bindet es eine entsprechende Warme. Wenn man sich die kosmische
Intelligenz vorstellt als die Welt der Gedanken, die dem hoheren Ich
(Manas) zuganglich sind, bemerkt man sofort diese Kraft der War-
me, die das Universum durchdringt, gleichsam hervorgehend aus
der schopferischen Quelle alien Lebens (Lebensgeist: Budhi). Und
durch sie kann man vorfuhlen diese Welt der Schopferkraft, die vor
der unsrigen war und sie einhiillt. Man erhebt sich alsdann von
Manas zu Budhi und von Budhi zu Atma.
Das Wort, welches das Ich im Menschen, dem Mikrokosmos,
entziindet, ist der dritte Logos.
Man stelle sich in der Folge die Kraft des hoheren Ich im Men-
schen, des Manas vor, ausgedehnt auf das ganze Universum wie eine
Warmequelle, die das Leben entziindet, und man gelangt zum zwei-
ten Logos, der das makrokosmische Leben entziindet und von dem
die menschliche Seele einen Widerschein empfangt in ihren schopfe-
rischen Aktivitaten (Budhi).
Ihre gemeinsame Quelle ist der erste Logos, die unergriindliche
Gottheit, das Zentrum jeder Manifestation.
Zu alien Zeiten hat der Okkultismus diese drei Logoi durch
folgende Zeichen abgebildet:
f. 4
Erster Logos Zweiter Logos Dritter Logos
Gott Makrokosmos Mikrokosmos
Man hat sie zusammengefaftt in der Zahl: 7-7-7, der esoterischen
Ziffer der drei Logoi. Die exoterische Zahl ist die Multiplikation die-
ser drei im Entwickelungsplan liegenden Siebenheiten, namlich 343.
KOSMOGONIE
Vierzehnter Vortrag, Paris, 10. Juni 1906
Wir haben gestern riicklaufig die Vergangenheit des Menschen vom
Gesichtspunkt seiner Leibesgestalt betrachtet. Kommen wir heute
auf seine vergangenen Bewufkseinszustande zuriick.
Man legt sich oft die Frage vor: Sind die Menschen die einzigen
Wesen auf der Erde, die ein Selbstbewufksein besitzen? Oder auch:
Welche Beziehung besteht zwischen unserem menschlichen Be-
wufksein und dem der Tiere, der Pflanzen, der Metalle? Haben diese
Wesen insgesamt ein Bewufksein?
Denken Sie sich ein kleines Insekt, das iiber den Korper des Men-
schen spazieren und nichts von ihm sehen wiirde als einen Finger. Es
hatte weder vom korperlichen Organismus noch von der Seele des
Menschen eine Vorstellung. Genau in derselben Lage sind wir gegen-
iiber der ganzen Erde und den anderen Wesen, die darauf leben. Ein
Materialist hat keine Vorstellung von der Erdenseele; fehlt ihm doch
dafiir die Wahrnehmung seiner eigenen Seele. Wenn entsprechend das
kleine Insekt nichts von der Seele des Menschen verspiirt, so ist der
Grund dafiir, daft es selbst keine Seele hat, um sie zu erfiihlen.
Die Erdenseele steht weit iiber der Seele des Menschen, und der
Mensch weifi nichts von ihr. In Wirklichkeit haben alle Wesen ein
Bewufksein, aber der Mensch unterscheidet sich von ihnen darin,
daft sein Selbstbewufksein heute vollkommen auf den physischen
Plan bezogen ist.
Aufkrhalb des Wachzustandes, der diesem physischen Plan ent-
spricht, kennt er andere Bewufkseinszustande, die ihn den Bewufk-
seinszustanden anderer Reiche annahern. Wahrend des traumlosen
Schlafes lebt das menschliche Bewufksein auf dem Devachanplan,
wie es beim Bewufksein der Gewachse fortwahrend der Fall ist.
Wenn eine Pflanze leidet, so bringt dieses Leiden eine Veranderung
im devachanischen Bewufksein hervor. Das Bewufksein des Tieres,
das dem Traumbewufksein ahnelt, ist auf dem Astralplan behei-
matet, das heifk, dafi das Tier ein Astralbewufksein von der Welt
hat, wie der Mensch im Traum.
Diese drei Bewufitseinszustande sind sehr verschieden. Auf dem
physischen Plan macht man sich keine Vorstellungen und Begriffe
als mittels der Sinnesorgane und der aufieren Realitaten, mit denen
sie uns in Beziehung setzen. Auf dem Astralplan bemerkt man die
Umgebung nur in Form von Bildern, wobei man sich zugleich mit
ihr ganz verbunden fuhlt.
Warum fuhlt sich der Mensch im Wachbewufksein auf dem phy-
sischen Plan getrennt von allem, was nicht er selbst ist? Der Grund
ist der, dafi er alle seine Eindriicke von einer Umgebung empfangt,
die er mit deutlicher Unterscheidung aufierhalb seines Korpers
sieht. Im Gegensatz dazu nimmt man auf dem Astralplan nicht mit
den Sinnen wahr, sondern durch die Sympathie, die einen ins Herz
von allem, dem man begegnet, dringen lafk. Das Astralbewufksein
ist nicht eingeschlossen in einen verhaltnismaEig geschlossenen
Bezirk. Es ist gewissermafien flussig, fliefiend. Auf dem Felde des
Devachan ist das Bewufksein so fliichtig, wie es nur ein Gas sein
kann. Es gibt da keine Ordnung, die sich mit derjenigen des phy-
sischen Bewufitseins vergleichen liefie, in das nichts dringt, es sei
denn auf dem Umweg liber die Sinne.
Was war nun der Zweck dieser Einengung des Bewufitseins an-
stelle des imaginativen Bewufttseins? - Ohne sie hatte der Mensch
niemals «Ich» zu sich sagen konnen. Der gottliche Keim, der im
Menschen ist, konnte im Laufe der Entwickelung nur in ihn eindrin-
gen durch die Verdichtung seines physischen Leibes. Und dieser
gottliche Geist - wo war er vor der Verfestigung der Erde und des
Bewulkseins? Die Genesis sagt es uns: «Der Geist Gottes schwebte
iiber den Wassern.» Dieser gottliche Geist, dieser Ich-Funke, war
noch auf dem Astralplan, wo alle Arten von Bewufttsein ihren
Urstand haben wie die Wogen im Ozean.
Im oberen Devachan, iiber der vierten Stuf e - man nennt sie Arupa
[= formlos] -, da wo diese Antimaterie beginnt, die man die Akasha
nennt, da hat das Bewufitsein der Mineralien seinen Sitz. Man raufi
sich eine wahrheitsgemafie Anschauung erwerben, was das Mineral
eigentlich ist, und mu(S herausfinden, welches moralische Band uns
mit ihm eint. Die Rosenkreuzer des Mittelalters lieEen ihre Schiiler
die Keuschheit des Minerals bewundern. Stellt euch vor, sagten sie,
daft der Mensch nach Gedanke und Gefiihl ganz Mensch bleibend, so
rein geworden ware, so wunschlos wie das Mineral - er ware im Be-
sitz einer unf ehlbaren spirituellen Kraft. - Wenn man sagen kann, dafi
die geistigen Wesenheiten der verschiedenen Mineralien sich im De-
vachan befinden, kann man umgekehrt auch sagen, dafi die geistige
Wesenheit des Minerals vergleichbar ist einem Menschen, der nur mit
einem devachanischen Bewufksein leben wiirde.
Man braucht deshalb den anderen Wesenheiten das Bewufksein
nicht abzusprechen. Alle diese Bewufkseinsgrade hat der Mensch
auf der absteigenden Linie seiner Entwickelung durchschritten. Ur-
spriinglich war er ahnlich den Mineralien, in dem Sinne, daft sein Ich
in einer hoheren Welt zuhause war und ihn von oben her fiihrte.
Aber die Entwickelung hat zum Ziel, ihn von der Abhangigkeit von
Wesen, die auf hoherer Bewufkseinsstufe als der seinen stehen, zu
befreien und ihn dahin zu bringen, daft er auf hoheren Daseinsstufen
voll bewufk bleibt.
Alle diese Bewufkseinsebenen kreuzen sich heute im Menschen:
Erstens: Das mineralische Bewufksein. Es ist das des Tiefschlafs
(der heutige Mensch verliert es).
Zweitens: Das pflanzliche Bewufksein. Es ist dasjenige des
gewohnlichen Schlafzustandes.
Drittens: Das Bewufksein der Tiere, das dem Traumbewufksein
entspricht.
Viertens: Das physische Gegenstandsbewufksein. Dies ist der
normale Wachzustand, wahrend die zwei vorhergehenden atavisti-
sche Relikte sind.
Fiinftens: Ein Bewufksein, das den dritten Grad wiederholt, da-
bei aber die erworbene Gegenstandlichkeit beibehalt. Die Bilder
haben bestimmte Farben und unterscheiden sich von dem, der sie
wahrnimmt; die subjektive Anziehung oder Abstofiung verschwin-
det. Auf dieser neuen imaginativen Bewufkseinsstufe behalt die in
der physischen Welt erworbene Vernunft ihre Rechte.
Sechstens: Jetzt ist es nicht mehr der Traum, sondern der Schlaf,
der zu einem neuen Bewufkseinszustand aufsteigt. Wir nehmen nicht
mehr allein Bilder wahr, sondern wir dringen in das Sein der Wesen
und der Dinge ein und nehmen ihre innere Klangfiille wahr. Auf dem
physischen Plan geben wir jedem Ding einen Namen, aber dieser
Name bleibt aufierhalb des Dinges. Nur wir selbst konnen uns von
innen her bestimmen, indem wir sagen: Ich - dieser unaussprechliche
Name der bewufiten Individuality. Das ist die Grundtatsache jeder
Psychologic Durch dieses Wort unterscheiden wir unsere Person-
lichkeit vom ganzen iibrigen Universum. Wenn wir aber mit unserem
BewuEtsein die Welt der Tone erreichen, sagt uns jedes Ding seinen
unaussprechlichen Namen. Durch die Hellhorigkeit nehmen wir den
Ton wahr, der das innerste Wesen j edes Dinges ausdriickt und aus ihm
eine Note im Universum macht, verschieden von alien anderen.
Siebentens: Noch eine Stufe weiter, und der Tiefschlaf wird
bewuftt. Dieser Zustand lalk sich nicht beschreiben, weil er jeden
Vergleich ubersteigt. Man kann lediglich sagen, daE er existiert.
Das sind die sieben Bewufitseinszustande, durch die der Mensch
hindurchgeht. Er wird noch andere durchschreiten. Dabei gibt es
immer einen Hauptzustand in der Mitte, drei nach der -Vergangen-
heit und drei nach der Zukunft, wobei letztere auf eine gehobenere
Art die drei unteren wieder hervorbringen. Der Reisende, der vor-
wartsschreitet, ist immer in der Mitte seines Blickfeldes.
Jeder Bewufitseins zustand entwickelt sich im Laufe von sieben
Lebenszustanden, und jeder Lebenszustand im Laufe von sieben
Formzustanden. Sieben Formzustande bilden dann immer einen Le-
benszustand; sieben Lebenszustande machen zusammen eine plane-
tarische Entwickelung aus, wie zum Beispiel diejenige unserer Erde.
Die sieben Lebenszustande fiihren zur Bildung von sieben Rei-
chen, von denen gegenwartig vier sichtbar sind: das Mineralreich,
das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich.
Den Durchgang durch einen Lebenszustand nennt man eine
Runde.
Der Mensch geht also in jedem Bewufitseinszustand durch 7 mal
7 Formzustande; das bedeutet 7 mal 7 mal 7 Metamorphosen oder
343 Metamorphosen, die ebensoviele Stufen der menschlichen
Natur bedeuten.
Konnte sich jemand die 343 Formzustande auf einer einzigen Taf el
vorstellen, so hatte er ein Bild vom dritten Logos.
Konnte er sich die 49 Lebenszustande vorstellen, so hatte er ein
Bild vom zweiten Logos.
Konnte er sich die sieben Bewulkseinszustande vorstellen, so
hatte er einen Begriff vom ersten Logos.
Die Entwickelung besteht in einer wechselseitigen Betatigung al-
ler dieser Formen. Um von einer Form zur anderen iiberzugehen,
dazu bedarf es eines neuen Geistes - das ist die Wirkung des Heiligen
Geistes. Um von einem Lebenszustand zum anderen iiberzugehen,
bedarf es einer neuen Kraft - das ist die Wirkung des Sohnes. Um von
einem Bewufitseins zustand zum anderen iiberzugehen, dazu bedarf
es eines neuen Bewufkseins - das ist die Wirkung des Vaters.
Der Christus Jesus hat in die Menschheit einen neuen Lebens-
zustand eingefiihrt und wurde in Wahrheit der fleischgewordene
Logos. Mit der Erscheinung des Christus ist eine neue Kraft in die
Welt eingetreten, zur Vorbereitung einer neuen Erde, die in einer
neuen Beziehung zu den Himmelswelten steht.
KOSMOGONIE
Fiinfzehnter Vortrag, Paris, 11. Juni 1906
Versucht man eine Vorstellung von der planetarischen Entwicke-
lung zu geben, so mufi man nicht zu Abstraktionen, sondern zu
Bildern seine Zuflucht nehmen. Denn dem Bild eignet eine beleben-
de, schopferische Kraft, die dem blofien Begriff nicht innewohnt.
Was in der einen Welt symbolisch erscheint, entspricht einer Wirk-
lichkeit in einer hoheren Welt.
Wir wissen, dafi unsere Erde, bevor sie zu ihrem gegenwartigen
Zustand gelangte, eine Phase durchschritten hat, die man mondartig
oder einfach Mond nennt. Aber dieser alte Mond, der unserer Erde
vorhergehende Zustand, bezieht sich auf etwas ganz anderes als auf
unseren gegenwartigen Satelliten oder auf irgendeinen anderen Pla-
neten, den die Astronomie jemals entdecken konnte. Die Himmels-
korper, die der Mensch heute sieht, sind diejenigen, die sich minera-
lisiert haben. Unser Auge kann nur die Gegenstande sehen, die
mineralische Substanz enthalten und das Licht reflektieren, das
heilk, die einen physischen Korper besitzen. Wenn der Okkultist
vom Mineralreich spricht, so spricht er nicht von Steinen, sondern
von der Sphare, in der sich heute das menschliche Bewulksein ent-
wickelt. Viele Gelehrte betrachten ein Lebewesen als eine einfache
Maschine und verwerfen den Gedanken an eine Lebenskraft. Diese
Denkart kommt daher, daft unser Organismus das Leben nicht
direkt wahrnehmen kann. Dagegen sagt der Okkultist, dafi der
Mensch heute in der mineralischen Welt lebt.
Betrachten wir das Auge. Das ist ein komplizierter physischer
Apparat, eine Art Dunkelkammer, die als Fenster die Pupille hat und
als Lupe die Linse. Der ganze Korper ist aus einer Summe physischer
Apparate geformt, die ebenso delikat wie kompliziert sind. Das Ohr
ist wie ein Spinett mit einer Klaviatur, und die Fibern stehen anstelle
der Saiten. Und entsprechend verhalt es sich bei jedem Sinnesorgan.
Das Bewufitsein des modernen Menschen ist nur wach in bezug
auf seinen physischen oder mineralischen Leib. Aber ist es erst ein-
mal auf dieser Daseinsebene erwacht, so mull es nichtsdestoweniger
nach und nach auch in den anderen Bezirken des Menschenwesens
erscheinen: in demjenigen, der durch die Lebenskrafte bestimmt
wird - die pflanzliche Natur des Menschen -, in demjenigen, der
hauptsachlich bestimmt wird durch die Krafte der Empfindungs-
fahigkeit - die animalische Natur des Menschen - und schliefilich
in der eigentlichen menschlichen Natur.
Gegenwartig kennt der Mensch nur das, was mineralischer Natur
im Universum ist. Den Instinkt und das Empfindungsleben beim
Tier, die Wachstumskraft bei der Pflanze kennt er nicht nach den
ihnen innewohnenden eigenen Gesetzen, sondern nur nach ihrer
physischen Erscheinung. Man stelle sich vor, eine Pflanze existiere
nur in ihrer iibersinnlichen Substanz, verlore also ihre mineralische
Substanz, so ware sie fur uns unsichtbar.
Aber wenn der Mensch auch nur das Mineral kennt, so hat er
dieses wenigstens in seiner Gewalt. Er bearbeitet, modelliert,
schmilzt, berechnet es. Er gestaltet aufs neue das Antlitz der Erde.
Noch ist er nur fahig, dieses Antlitz mit Hilfe mechanischer Mittel
zu bearbeiten. Gehen wir in vorgeschichtliche Zeiten zuriick, wo
noch keine menschliche Hand die Erde angetastet hatte, da find en
wir sie, wie sie aus der Hand der Gotter hervorging. Aber seitdem
der Mensch vom Mineralreich Besitz ergriffen hat, verandert sich
die Erde, und man kann den Zeitpunkt voraussehen, wo ihr Antlitz
ganz und gar von der menschlichen Hand gepragt sein wird und
nicht mehr von der Hand der Gotter.
Eine bestimmte Form war von Anfang an jedem Ding durch die
Gotter vorgeschrieben. Fur das Mineral ist dieses Vermogen der
Formgestaltung von den Gottern auf die Menschen iibergegangen.
In den alten Uberlieferungen hat man gelehrt, dafi der Mensch diese
Arbeit an der Umgestaltung der Erde vollbringen solle mit dem
dreifachen Ziel, Weisheit, Schonheit und Tugend zu verwirklichen.
Auf dieser dreifachen Basis soil der Mensch aus der Erde einen Tem-
pel errichten. Dann werden die Wesen, die im Laufe der Entwicke-
lung spater erschienen sind als der Mensch, das Menschenwerk
betrachten, wie wir das aus der Hand der Gotter hervorgegangene
Mineralreich betrachten. Die Kathedralen, die Maschinen - sie sind
nicht umsonst geschaffen. Der Kristall, den wir heute aus der Erde
hervorholen - ihn haben die Gotter geformt, wie wir unsere Monu-
mente errichten und unsere Maschinen konstruieren. Ebenso wie sie
in der Vergangenheit aus einer chaotischen Masse die mineralische
Welt geschaffen haben, ebenso sind unsere Kathedralen, unsere
Erfindungen, ja unsere Einrichtungen iiberhaupt Samenkorner, aus
denen eine kiinftige Welt hervorgehen wird.
Nach der Verwandlung der mineralischen Welt lernt der Mensch
diejenige der Pflanzen zu verwandeln. Das ist ein hoherer Grad des
Konnens. Ebenso wie der Mensch heute Gebaude erbaut, wird der
Mensch Pflanzen erschaffen und formen konnen, indem er an der
Pflanzensubstanz arbeitet. Ja, in der Folgezeit wird der Mensch
noch hoher steigen, indem er nicht nur lebende, sondern sogar be-
wulke Wesen bilden wird, und er wird sein Vermogen auf das Tier-
reich ausdehnen. Wenn der Mensch imstande sein wird, sich selbst
durch seinen bewulken Willen neu zu erschaffen, wird er auf einer
hoheren Stufe das verwirklichen, was er heute in der mineralischen
Sinneswelt vollbringt.
Der Keim zu dieser Reproduktion seiner selbst, befreit von aller
Sinnlichkeit, ist das Wort. Das erste Bewufitsein ist dem Menschen mit
dem ersten Atemzug zuteil geworden. Das Bewufksein wird seine
Vollendung erreichen, wenn er imstande sein wird, in sein Wort die-
selbe schopferische Kraft einfliefien zu lassen, mit der heute sein Ge-
dankenleben begabt ist. Gegenwartig vertraut er nur seine Worte der
Luft an. Wenn er sich zu einem hoheren schopferischen Bewufitsein
erhoben hat, wird er der Luft Bilder mitteilen konnen. Das Wort wird
dann in vollem Sinne eine lebendige Imagination sein. Indem er diesen
Bildern Korperhaf tigkeit verleiht, wird er das Wort zum korperhaf ten
Trager des Bildes machen. Wenn wir nicht mehr einfach unsere Ge-
danken in den Gegenstanden verkorpern, wie zum Beispiel in der Fa-
brikation einer Uhr, werden wir den Bildern korperhafte Substanz
verleihen. Die Uhr zum Beispiel wird lebendig sein wie eine Pflanze.
Und wenn der Mensch verstehen wird, das Leben auf das Hochste,
was in ihm ist, zu iibertragen, werden diese Bilder ein eigenes, wirk-
liches Leben erlangen, vergleichbar der tierischen Existenz. Dann
wird der Mensch letzten Endes sich selbst reproduzieren konnen. Am
Ende der Umwandlung der Erde wird die ganze Atmosphare wider-
hallen von der Kraft des Wortes. So mufi der Mensch sich entwickeln,
bis er fahig geworden ist, seine Umgebung nach dem Bild seines inne-
ren Wesens zu modellieren. Der Eingeweihte geht ihm nur auf diesem
Wege voran. Es ist einleuchtend, dafi die Erde selbst heute noch nicht
solche menschlichen Leiber hervorbringen kann, wie sie es am Ende
ihrer Entwickelung konnen wird. Zu diesem Zeitpunkt werden die
Korper so weit sein, dafi sie als Ausdruck dessen gelten konnen, was
man den Logos nennt. Der grofie Missionar, der allein in einem
menschlichen Leib, gleich dem unsrigen, diese Macht des Logos,
dieses «Das Wort ward Fleisch» offenbart hat, das ist der Christus. Er
erscheint in der Mitte unserer Evolution, um uns ihr Ziel aufzuzeigen.
Fragen wir uns nun: Unter welcher Form lebte der menschliche
Geist, bevor er mittels der Atmung in uns Einzug hielt? - Die Erde ist
die Wiederverkorperung eines vorhergehenden Planeten, den man im
Okkultismus den Mond nennt. Auf diesem Mond gab es noch kein
reines Mineral. Er bestand noch aus einer holzahnlichen Substanz,
einem Mittelding zwischen Mineral und Pflanze. Seine Oberflache
hatte nicht die Harte des Minerals, hochstens konnte man sie mit dem
Torf vergleichen. Es wuchsen auf dieser Weltkugel halb pflanzenhaf-
te, halb molluskenhafte Wesen, und ein drittes Reich bewohnte sie,
ein Zwischenreich zwischen dem Menschen und den gegenwartigen
Tieren. Dies waren gerade diejenigen Wesen, die mit einem traumhaf-
ten imaginativen Bewufitsein begabt waren. Man kann sich die Mate-
rie, aus der sie zusammengesetzt waren, vorstellen, wenn man sie ver-
gleicht mit derjenigen, die heute die Nervenmasse der Krebse oder
die Nerven uberhaupt darstellt. In der Tat ist es die Verdichtung die-
ser Materie, aus der die gegenwartige Gehirnmasse hervorgegangen
ist. Aber wahrend sie damals, auf dem Monde, in einem gallertartigen
Zustand leben konnte, mufi sie nun auf der Erde von einer schiitzen-
den Beinhiille umgeben sein: dem Panzer der Krustentiere oder der
Schadelkapsel. So sind alle Substanzen, aus denen wir zusammen-
gesetzt sind, aus dem Makrokosmos hervorgegangen. Und diese
universelle Vorbereitung war notwendig, damit das Ich sich in den
Menschen hineinsenken konnte.
Aber wir haben gesehen, da£ der Mensch erst imstande war, den
Keim seines Ich auf der Erde zu empfangen, als er die ihn umgebende
Luft atmen konnte. Was atmete er nun auf dem Monde?
Je weiter wir in der Entwickelung zuriickgehen, desto mehr er-
hoht sich die Temperatur. Auf der Atlantis war alles in heifie Damp-
fe gehullt. In diesen alten Zustanden wird die Luft erst heifi, dann
feurig: das Feuer nimmt die Stelle der Luft ein. Die Lemurier haben
noch Feuer geatmet. Darum heilk es in den okkulten Schriften, dafi
die Menschen zuerst durch die Feuergeister belehrt worden seien.
Als der physische Mensch auf der Erde Fuft falke, wurde die Luft
sein Lebenselement. Aber der Mensch verdirbt diese Luft, indem er
sie in Kohlensaure verwandelt, und so driickt der Atmungsprozefi
die Verdichtung unseres Erdballs noch urn einen Grad herunter. Die
Tatigkeit der Pflanzen stellt das Gleichgewicht her. Immerhin be-
wirkt der physische Leib, der es notig hat, sich den Sauerstoff der
Luft anzueignen, dalS die Kohlensaure auf der Oberflache der Erde
sich vermehrt und infolgedessen die menschlichen Korper blutarm
werden. Eine Zeit wird kommen, wo der physische Korper ver-
schwunden sein wird und Mensch und Erde astraler Natur sein
werden. Denn die physische Natur zerstort sich durch ihre eigenen
Krafte. Bevor sich aber diese Umwandlung vollendet, wird sich eine
kosmische Nacht dazwischenfiigen, ahnlich derjenigen, welche den
Ubergang vom alten Mond zu unserer gegenwartigen Erde dar-
stellte.
Die Atmosphare des Mondes enthielt Stickstoff, wie heutzutage
die irdische Atmosphare Sauerstoff enthalt, und das Vorwalten des
Stickstoffs ist es, was das Ende der Mondperiode und den Anfang
der kosmischen Nacht bewirkt hat. Was auf der Erde an die letzten
Existenzbedingungen des Mondes erinnert, das sind die Stickstoff -
verbindungen. Daraus erwachst auf der Erde eine destruktive Wir-
kung, denn diese Stickstoffverbindungen sind hier nicht an ihrem
Platze. Es sind schadliche Riickstande aus den Lebensbedingungen
eines anderen Weltalters. Die Verbindung von Kohlenstoff und
Stickstoff hatte auf dem Mond ungefahr die gleiche Wirkung wie auf
der Erde diejenige von Kohlenstoff und Sauerstoff (siehe Hinweis).
Der Tiermensch, der auf dem Monde lebte, ist also der Vorfahre
des physischen Erdenmenschen, wie die Feuergeister dieser Mond-
epoche die Erzeuger des gegenwartigen Menschengeistes sind. Was
sich auf dem Mond im Feuer inkarnierte, das inkarniert sich auf der
Erde in der Luft.
Aber wo finden wir beim gegenwartigen Menschen eine Erinne-
rung an die Tatigkeit dieser Feuergeister? - Auf dem Mond hatten
die Lebewesen kein warmes Blut. Was hat die Blutwarme und im
Verfolg das Aufleben der Leidenschaften verursacht? Das Feuer ist
es, das die Wesen auf dem Monde eingeatmet haben und das nun auf
der Erde in ihrem Blute wieder Leben gewinnt. Und der Geist der
Luft umgibt heute mit einem leichten Sinneskleid diesen Korper, der
das Erbe des Mondzustandes bewahrt: die Blutwarme, das Gehirn,
das Riickenmark, die Nerven.
Diese Beispiele zeigen uns, daft man sehr sorgfaltig die Verwand-
lung der Substanzen studieren mufi, um eine Umwandlung zu be-
greifen, wie sie sich vollzog im Laufe der Entwickelungsphasen, die
der Erde vorangingen. Wiirden wir weiter zuriickgehen, so wiirden
wir sehen, daft unser Planet in vorhergehenden Zustanden einen rein
gasformigen Korper hatte, und, noch weiter zuriick, einen Korper
von rein
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