Die Offenbarungen des Karma

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 

Die Offenbarungen 
des Karma 

Ein Zyklus von elf Vortragen 
gehalten in Hamburg 
zwischen dem 16. und 28. Mai 1910 



1992 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage (Grofies Format) Berlin (1911) (Zyklus XII) 
2. (1. buchformige) Auflage Dornach 1932 

3. Auflage Dornach 1944 

4. Auflage Dornach 1949 

5. Auflage, durchgesehen und mit den vorhandenen Unter- 
lagen verglichen, Gesamtausgabe Dornach 1956 

6. Auflage, durchgesehen, im wesentlichen unverandert, 
Gesamtausgabe Dornach 1968 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1975 

8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 



BibUographie-Nr. 120 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz 
© 1956 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl 

ISBN 3-7274-1200-3 



2m den Veroffentlichungen aus dem 
Vortra^swerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er seJbst wollte urspriinglich, dai? seine durchwegs frei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundli- 
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif- 
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Auf gabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige 
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mu{5 
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

tiber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften au^ert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien 
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

. Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemal? ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 234 ff. 



ERSTERVoRTRAG,Hamburg, 16. Mail910 9 

Wesen und Bedeutung des Karma in Einzelpersonlichkeit, Individuali- 
tat, Menschheit, Erde, Welt 

ZweiterVortrag, 17. Mai 1910 34 

Karma und Tierreich 

DritterVortrag, 18.Mail910 55 

Krankheit und Gesundheit in Beziehung zu Karma 

Vierter VoRTRAG, 19. Mai 1910 76 

Heilung und Unheilbarkeit in Beziehung zu Karma 

FUNFTERVORTRAG,20.Mail910 93 

Naturliche und zufallige Erkrankungen in Beziehung zu Karma 

SechsterVortrag,21. Mai 1910 113 

LebensunfaJle in Beziehung zu Karma 

SlEBENTERVoRTRAG,22.Mail910 132 

Elementarereignisse, Vulkanausbriiche, Erdbeben, Epidemien in Be- 
ziehung zu Karma 

AcHTERVoRTRAG,25.Mail910 152 

Karma der hoheren Wesenheiten 

NeunterVortrag,26. Mai 1910 172 

Tod und Geburt im Verhaltnis zu Karma 



ZEHNTERVORTRAG,27.Mail910 187 

Freier Wille und Karma in der Zukunft der Menschheitsentwicklung 

ELFTERVoRTRAG,28.Mail910 206 

(Individuelles und Gemeinschaftskarma) 

EiNLADUNG ZUM VORTRAGSZYKLUS 226 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 228 

Hinweise zum Text 229 

Namenregister 233 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 234 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 239 



ERSTER VORTRAG 
Hamburg, 16. Mai 1910 



Dieser Zyklus von Vortragen soil Fragen behandeln aus dem Gebiete 
der Geisteswissenschaft, die tief in das Leben einschneidend sind. Aus 
den verschiedenen Darstellungen, die im Laufe der Zeit gegeben wor- 
den sind, ist es uns ja gelaufig, dal^ Geisteswissenschaft nicht eine ab- 
strakte Theorie sein soli, nicht eine blofie Doktrin oder Lehre, sondern 
ein Quell fiir Leben und Lebenstiichtigkeit, und sie erfiillt erst dann 
ihre Aufgabe, wenn durch das, was sie an Erkenntnissen zu geben ver- 
mag, etwas hineinfliefit in unsere Seelen, was das Leben reicher, ver- 
standlicher, was unsere Seelen tiich tiger und tatkraf tiger machen kann. 
Wenn sich nun allerdings derjenige, der sich zu dieser unserer Welt- 
anschauung bekennt, jenes Ideal, das eben mit ein paar Worten gekenn- 
zeichnet worden ist, vorhalt und in der Gegenwart dann ein wenig 
Umschau halt, inwiefern er imstande ist, das, was ihm aus der Theo- 
sophie erflielJt, in diesem Leben umzusetzen, dann konnte er vielleicht 
zu einem recht wenig erfreuiichen Eindruck kommen. Denn wenn man 
unbefangen alles betrachtet, was heute die Welt meint zu «wissen», was 
in unserer Gegenwart die Menschen zu diesen oder jenen Gefiihlen oder 
Handlungen treibt, so konnte man sagen, dafi dies alles von den theo- 
sophischen Ideen und Idealen so unendlich weit verschieden ist, dafi 
der Theosoph gar keine Moglichkeit habe, unmittelbar in das Leben 
einzugreifen mit dem, was er aus den Quellen der Geisteswissenschaft 
heraus sich aneignet.- Das ware aber dennoch eine recht oberflachliche 
Betrachtung der Sachlage, oberf lachlich aus dem Grunde, weil bei einer 
solchen Betrachtung nicht gerechnet wurde mit dem, was wir aus un- 
serer Weltanschauung selber dadurch entnehmen miissen, dafS wir uns 
sagen: Wenn einmal wirklich jene Krafte, die wir durch Theosophie 
aufnehmen, stark genug sein werden, dann werden sie auch die Mog- 
lichkeit finden, in die Welt einzugreifen; wenn aber niemals etwas dazu 
getan wiirde, diese Krafte immer starker und starker zu machen, so 
wiirde eben ihr Eingreifen in die Welt unmoglich sein. 

Aber es ist noch etwas anderes, was uns sozusagen Trost geben kann. 



selbst wenn wir durch eine solche Betrachtung trostlos warden mochten, 
und das ist es gerade, was uns aus den Betrachtungen dieses Vortrags- 
zyklus folgen soil: Betrachtungen iiber das, was man menschliches Kar- 
ma und Karma uberhaupt nennt. Denn wir werden mit jeder Stunde, 
die wir hier verbringen, mehr sehen, wie wir gar nicht genug tun kon- 
nen an der Herbeifiihrung der Moglichkeit, mit theosophischen Kraften 
in das Leben einzugreifen, und wie wir, wenn wir ernsthaft an Karma 
glauben und festhalten, voraussetzen miissen, dafi uns Karma selber 
dasjenige zuwerfen wird, was wir iiber kurz oder lang zu tun haben 
werden fiir unsere Krafte. Wir werden sehen: Wenn wir vermeinen, wir 
konnten die aus unserer Weltanschauung gewonnenen Krafte noch nicht 
anwenden, dann haben wir eben diese Krafte noch nicht geniigend stark 
gemacht, damit sie bewirken konnen, dafi Karma es uns auch ermog- 
liche, in die Welt mit diesen Kraften einzugreifen. So soil nicht nur eine 
Summe von Erkenntnissen iiber Karma in diesen Vortragen leben, son- 
dern es soil mit jeder Stunde mehr das Vertrauen in Karma geweckt 
werden, die Gewifiheit, daiS, wenn die Zeit gekommen sein wird, ob es 
nun morgen oder iibermorgen oder nach vielen Jahren sein wird, unser 
Karma uns Aufgaben bringen wird, insofern wir als Bekenner unserer 
Weltanschauung Aufgaben zu verrichten haben. Karma wird sich uns 
darstellen als eine Lehre, welche uns nicht nur sagt, wie dieses oder jenes 
in der Welt sich verhalt, sondern welche mit den Aufschliissen, die sie 
uns bringt, zu gleicher Zeit uns Lebensbefriedigung und Lebenserhohung 
bringen kann. 

Allerdings, wenn Karma eine solche Aufgabe erfiillen soil, ist es 
schon notwendig, dal5 wir das damit gemeinte Gesetz etwas tiefer ins 
Auge fassen, sozusagen in seiner Ausbreitung iiber die Welt. Dazu ist 
aber diesmal etwas notwendig, was sonst nicht eigentlich in meinem 
Gebrauche liegt bei geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, namlich 
eine Definition, eine Worterklarung zu geben. Ich pflege das sonst nicht 
zu tun, weil mit solchen Worterklarungen in der Regel nicht viel getan 
ist. Bei unseren Betrachtungen wird in der Regel begonnen mit derDar- 
stellung von Tatsachen, und wenn diese Tatsachen in der entsprechenden 
Weise gruppiert und geordnet sind, ergeben sich die Begriffe und Vor- 
stellungen von selbst. Wollten wir nun allerdings fiir die umfassenden 



Fragen, die wir in den nachsten Tagen zu besprechen haben, einen ahn- 
lichen Gang einschlagen, so miifiten wir viel mehr Zeit zur Verfugung 
haben, als uns geboten ist. Deshalb ist es diesmal zur Verstandigung 
notwendig, dafi wir, wenn auch nicht eine Definition, so doch eine Art 
Beschreibung des Begriffes geben, der uns langere Zeit beschaftigen 
wird. Definitionen haben ja auch nur den Zweck, sich dariiber zu ver- 
standigen, was man meint, wenn man dieses oder jenes Wort anschlagt 
oder ausspricht. In diesem Stile soli eine Beschreibung des Begriffes 
«Karma» gegeben werden, damit wir wissen, wovon wir sprechen,wenn 
in diesen Vortragen der Ausdruck «Karma» gebraucht wird. 

Aus mancherlei Betrachtungen hat wohl ein jeder von uns sich schon 
einen Begriff gebildet von dem, was Karma ist. Ein recht abstrakter 
Begriff von Karma ist wohl der, wenn man Karma das «geistige Ur- 
sachengesetz» nennt, das Gesetz, wonach auf gewisse Ursachen, die im 
geistigen Leben liegen, gewisse Wirkungen folgen. Das ist aber ein zu 
abstrakter Begriff von Karma, weil er zum Teil zu eng, zum Teil aber 
auch viel zu weit sein wurde. Wenn wir Karma iiberhaupt auffassen 
wollen als ein Ursachengesetz, so stellen wir es zusammen mit dem, was 
wir sonst in der Welt als das Gesetz der Kausalitat, als das Gesetz von 
Ursache und Wirkung bezeichnen. Verstandigen wir uns einmal dar- 
iiber, was wir sonst unter dem Ursachengesetz auf dem allgemeinen 
Gebiete verstehen, wo wir noch nicht von geistigen Tatsachen und 
geistigen Ereignissen sprechen. 

Es wird heute so oft von der aufieren Wissenschaft betont, dafi die 
eigentliche Bedeutung dieser Wissenschaft darinnen liege, daft sie baue 
auf das umfassende Ursachengesetz, daft sie iiberall Wirkungen auf ent- 
sprechende Ursachen zuriickfuhre. Wie dieses Zuriickfuhren von Wir- 
kungen auf Ursachen geschieht, dariiber sind sich allerdings die Men- 
schen schon viel weniger klar. Denn Sie werden wohl auch heute noch 
inBuchern,die da glauben, recht gelehrt zu sein und recht philosophisch 
die Begriffe klarzulegen, immer noch Ausspriiche finden konnen wie 
etwa den: Eine Wirkung ist dasjenige, was aus einer Ursache folgt. - 
Wenn man aber sagt, daft eine Wirkung aus einer Ursache folge, dann 
redet man an den Tatsachen ganz gewaltig vorbei. Denn wenn wir zum 
Beispiel den erwarmenden Sonnenstrahl betrachten, der auf eineMetall- 



platte auffallt, so dafi diese Metallplatte dadurch warmer geworden 
ist, dann werden wir von Ursache und Wirkung in der Welt draufien 
reden. Aber werden wir jemals sagen konnen, dafi die Wirkung - die 
Erwarmung der Metallplatte - aus der Ursache des warmen Sonnen- 
strahles folge? Wenn der warme Sonnenstrahl diese Wirkung schon in 
sich hatte, so wiirde es die Tatsache nicht geben, da der warme Sonnen- 
strahl eine Metallplatte gar nicht erwarmt, wenn sie ihm nicht ent- 
gegenkommt. Damit in der Welt der Erscheinungen, in der leblosen 
Welt, die wir zunachst um uns herum haben, eine Wirkung auf eine 
Ursache folge, ist stets notwendig, dafi dieser Ursache eiwas entgegen- 
kommt. Und ohne dafi etwas der Ursache entgegenkommt, ist niemals 
von dem Folgen einer Wirkung auf eine Ursache zu sprechen. - Es ist 
nicht iiberf liissig, dafi wir eine solche scheinbar recht philosophisch und 
abstrakt klingende Bemerkung vorausschicken; denn man mu£ sich 
schon einmal angewohnen, wenn man fruchtbar vorwartskommen will 
auf theosophischem Gebiete, die Begriffe recht genau zu fassen und 
nicht so nachlassig, wie sie zuweilen in den andern Wissenschaften ge- 
fafSt werden. 

Nun aber diirfte niemand von Karma sprechen, wenn blofi in einer 
solchen Weise eine Wirkung eintreten wiirde, wie sie vorhanden ist, 
wenn der warmende Sonnenstrahl eine Metallplatte erwarmt. Da ist 
zwar die Kausalitat vorhanden, der Zusammenhang von Ursache und 
Wirkung, aber wir wiirden niemals zu einem gehorigen Begriff von 
Karma kommen,wenn wir nur auf diesem Gebiete von Karma sprechen 
wurden. Wir konnen also nicht von Karma sprechen, wenn blofi eine 
Wirkung mit einer Ursache in Zusammenhang steht. 

Wir konnen nun weitergehen und uns einen etwas hoheren Begriff 
von dem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung bilden. Wenn 
wir zum Beispiel einen Bogen haben, ihn spannen und dann mit diesem 
Bogen einen Pfeil abschiefien, dann ist durch das Spannen des Bogens 
eine Wirkung eingetreten. Diese Wirkung des abgeschossenen Pfeiles im 
Zusammenhang mit seiner Ursache werden wir ebensowenig mit dem 
Ausdruck «Karma» belegen diirfen wie das, was eben gesagt worden 
ist. Wenn wir aber bei diesem Vorgang etwas anderes betrachten, kom- 
men wir in gewisser Weise schon dem Karma nahe, wenn wir auch 



dabei noch immer nicht den Karmabegriff fassen: wenn wir namlich 
bedenken, da£ der Bogen, wenn er recht oft gespannt wird, mit der Zeit 
schlaff wird. Da wird durch das, was der Bogen tut, was mit ihm ge- 
schieht, nicht blofi eine Wirkung folgen, die sich nach aufSen hin zeigt, 
sondern es wird eine Wirkung folgen, die auf den Bogen selber zuriick- 
geht. Es geschieht durch das fortwahrende Spannen des Bogens etwas 
mit dem Bogen selbst. Etwas, das durch das Spannen geschieht, fallt 
also sozusagen wieder auf den Bogen selbst zuriick. Eine Wirkung wird 
also erzielt, welche auf den Gegenstand zuriickfaflt, von dem diese 
Wirkung selbst veranlafit worden ist. 

Das gehort nun schon in den Karmabegriff hinein. Ohne dafi eine 
Wirkung erzeugt wird, die wieder zuriickfallt auf das Ding oder die 
Wesenheit, welche diese Wirkung hervorbringt, ohne diese Eigentiim- 
lichkeit des Zuriickwirkens der Wirkung auf das verursachende Wesen 
ist der Karmabegriff nicht zu denken. Da kommen wir also dem Kar- 
mabegriff schon insofern etwas naher, als uns klar wird, dafi die von 
einem Ding oder Wesen verursachte Wirkung wieder zuriickschlagen 
mufi auf dieses Ding oder Wesen selber. Aber dennoch diirfen wir das 
Schlaffwerden des Bogens durch das fortwahrende Spannen nicht das 
Karma des Bogens nennen, und zwar aus folgendem Grunde nicht: 
Wenn wir den Bogen etwa drei bis vier Wochen recht oft gespannt 
haben, und er ist nach vier Wochen schlaff geworden, dann haben wir 
in dem schlaffen Bogen eigentlich etwas ganz anderes vor uns, als vor 
vier Wochen in dem straff en Bogen; der Bogen ist etwas anderes ge- 
worden, er ist nicht dasselbe geblieben. Wenn also die zuriickschlagende 
Wirkung so ist, dafi sie durchaus etwas anderes aus dem Ding oder 
Wesen macht, dann diirfen wir doch noch nicht von einem Karma 
sprechen. Wir diirfen erst von einem Karma sprechen, wenn die Wir- 
kung, die auf das Wesen zuriickschlagt, beim Zuriickschlagen auf das- 
selbe Wesen trifft, oder wenn das Wesen wenigstens in einem gewissen 
Sinne dasselbe geblieben ist. 

So also sind wir dem Karmabegriff wieder um ein Stiick naherge- 
kommen. Aber wir bekommen, wenn wir den Karmabegriff so beschrei- 
ben woUen, im Grunde genommen von ihm doch nur eine recht ab- 
strakte Vorstellung. Dennoch werden wir diesen Begriff, wenn wir ihn 



abstrakt fassen wollen, kaum genauer fassen konnen, als wenn wir ihn 
in der Weise ausdriicken, wie wir es eben jetzt getan haben. Nur das 
eine miissen wir zum Karmabegriff noch hinzufiigen: Wenn die Wir- 
kung, die auf das Wesen zuriickschlagt, in demselben Zeitpunkte er- 
folgt, wenn also Verursachung und zuriickschlagende Wirkung in dem- 
selben Zeitpunkte stattfinden, dann werden wir kaum von Karma 
sprechen konnen. Denn in diesem Falle wiirde das Wesen, von dem die 
Wirkung ausgeht, im Grunde genommen die Wirkung unmittelbar her- 
vorbringen wollen, wiirde also diese Wirkung voraussetzen, wiirde 
durchschauen alle Elemente, die zu dieser Wirkung fiihren. Wenn das 
der Fall ist, sprechen wir doch nicht von Karma. So zum Beispiel wer- 
den wir nicht von Karma sprechen, wenn wir einen Menschen vor uns 
haben, der eine bestimmte Tat vollbringt, mit der er dieses oder jenes 
beabsichtigt, und wenn dann - gemafi seiner Absicht - diese oder jene 
Wirkung, die er eben gewollt hat, eintritt. Das heil5t, es mufi zwischen 
der Ursache und der Wirkung etwas liegen, was sich dem Wesen bei der 
Herbeifiihrung der Ursache unmittelbar entzieht, so dafi der Zusam- 
menhang von Ursache und Wirkung zwar vorhanden ist, aber nicht 
eigentlich von dem Wesen selber beabsichtigt ist. Wenn dieser Zusam- 
menhang von dem Wesen, das verursacht, nicht beabsichtigt ist, dann 
mul5 der Grund, warum ein Zusammenhang besteht zwischen Ursache 
und Wirkung, woanders liegen als in den Absichten des betreffenden 
Wesens. Das heifit, es mufi dieser Grund liegen in einer bestimmten 
Gesetzmafiigkeit. Das gehort also noch zum Karma dazu, dafi der Zu- 
sammenhang zwischen Ursache und Wirkung ein gesetzmafiiger ist, der 
hiniibergeht iiber das, was das Wesen unmittelbar beabsichtigt. 

So batten wir einige Elemente zusammengetragen, welche uns den 
Karmabegriff erlautern konnen. Aber wir miissen alle diese Elemente 
in dem Karmabegriff darinnen haben und nicht bei einer abstrakten 
Definition stehenbleiben. Denn sonst werden wir nicht die Offen- 
barungen des Karma auf den verschiedenen Gebieten der Welt begrei- 
fen konnen. Diese Offenbarungen des Karma werden wir nun zuerst 
dort aufzusuchen haben, wo uns Karma zunachst entgegentritt: im 
einzelnen Menschenleben. 

Konnen wir im einzelnen Menschenleben so etwas finden und wann 



konnen wir es finden, was wir jetzt eben durch unsere Erlauterung des 
Karmabegriffes dargestellt haben? 

Wir wiirden so etwas finden, wenn zum Beispiel ein Erlebnis in 
unser Leben hineintrate, bei dem wir uns sagen konnten: Dieses Erleb- 
nis, das da fiir uns auf tritt, steht in einem gewissen Zusammenhange mit 
einem friiheren Erlebnis, an dem wir selber beteiligt sind, zu dem wir 
selber Veranlassung gegeben haben. Versuchen wir einmal - zunachst 
rein durch Beobachtung des Lebens - festzustellen, ob es so etwas gibt. 
Wir wollen uns jetzt also rein auf den Standpunkt der aufieren Beob- 
achtung stellen. Wer solche Beobachtungen nicht anstellt, kann auch 
nie zum Erkennen eines gesetzmafiigen Zusammenhanges im Leben 
kommen; er kann es ebensowenig, wie derjenige das Gesetz des elasti- 
schen Stofies an zwei Billardkugeln kennenlernen kann, der diesen 
Stofi nicht beobachten wird. Beobachtung des Lebens kann uns in der 
Tat zu der Anschauung eines gesetzmafiigen Zusammenhanges fiihren. 
Greifen wir dazu gleich einen bestimmten Zusammenhang heraus. 

Sagen wir, ein junger Mensch ware im achtzehnten Jahre seines Le- 
bens aus dem Berufe, der ihm bis dahin vorgezeichnet zu sein schien, 
durch irgendein Ereignis herausgeworfen worden. Nehmen wir an, 
dieser Mensch hatte bis dahin ein Studium betrieben, hatte sich durch 
das Studium vorbereitet zu einem Berufe, wie er aus solchem Studium 
hervorgehen kann, und nun ware er, zum Beispiel durch einen Un- 
glucksfall seiner Eltern, daraus herausgeworfen worden und mit acht- 
zehn Jahren in den Kaufmannsberuf hineingetrieben worden. Wer 
solche Falle unbef angen im Leben beobachtet - mit einem solchen Blick, 
wie man in der Physik die Erscheinung des Stofies elastischer Kugeln 
betrachtet -, der wird dann zum Beispiel finden, dafi die Erlebnisse des 
Kaufmannsberufes, in den der junge Mensch hineingetrieben worden 
ist, zunachst anregend wirken, dafi er darin seine Pflichten ausfiihrt, 
etwas lernt, vielleicht auch etwas ganz Tiichtiges wird. Aber man kann 
auch beobachten, dafi nach einiger Zeit etwas ganz anderes auch ein- 
tritt: ein gewisserUberdrufi,eine gewisseUnzufriedenheit. Nicht gleich 
wird eine solche Unzufriedenheit eintreten. Wenn mit achtzehn Jahren 
sich der Berufswechsel vollzogen hat, werden vielleicht die nachsten 
Jahre ruhig voriibergehen. Aber vielleicht um das dreiundzwanzigste 



Jahr herum wird es deutlich werden, dafi sich etwas in der Seele fest- 
setzt, was sich wie etwas Unerklarliches zeigt. Wenn man dann weiter 
nachforscht, kann man haufig bemerken, wenn der Fall klarliegt, dafi 
der Oberdruft fiinf Jahre nach dem Berufswechsel seine Erklarung 
findet durch das dreizehnte oder vierzehnte Jahr. Denn die Ursachen 
fiir eine solche Erscheinung werden wir sehr haufig zu suchen haben 
ungefahr eine ebensolche Zeitspanne vor dem Berufswechsel, wie nach 
demselben ein Ereignis eingetreten ist, wie wir es eben beschrieben 
haben. Da kann der betreffende Mensch in seinem dreizehnten Jahre 
wahrend seiner Lernzeit - also fiinf Jahre vor seinem Berufswechsel - 
etwas in seine Gefiihlswelt aufgenommen haben, was ihm eine gewisse 
innere Beseligung gewahrte. Nehmen wir an, der Berufswechsel ware 
nicht eingetreten; dann wiirde das, woran sich der junge Mensch im 
dreizehnten Jahre gewohnt hatte, im spateren Leben sich ausgelebt und 
diese oder jene Frucht getragen haben. Nun kam aber der Berufswech- 
sel, der zunachst den jungen Menschen interessiert hat, der seine Seele 
eingenommen hat. Was dadurch in sein Seelenleben gekommen ist, das 
hat zuriickgedrangt, was friiher darinnen war. Eine gewisse Zeit hin- 
durch kann das zuriickgedrangt werden, aber indem es zuriickgedrangt 
wird, gewinnt es gerade im Inneren eine besondere Kraft; da sammelt 
es sozusagen Spannkraft im Inneren an. Da ist es ahnlich, wie wenn wir 
einen elastischen Ball zusammendriicken : Wir konnen ihn bis zu einer 
gewissen Grenze driicken, dann leistet er Widerstand; und wenn er zum 
Zuriickschnellen veranlafit wird, wird er mit einer um so grofieren 
Kraft zuriickschnellen, je mehr wir ihn vorher zusammengedriickt 
haben. Solche Erlebnisse, wie die eben angedeuteten, die ein junger 
Mensch aufgenommen hat im dreizehnten Jahre seines Lebens und 
welche sich dann bis zum Berufswechsel befestigt haben, konnen auch 
in gewisser Weise zuriickgedrangt werden; dann aber macht sich nach 
einiger Zeit ein Widerstand in der Seele geltend. Und dann kann man 
sehen, wie dieser Widerstand stark genug geworden ist, um sich nun in 
seiner Wirkung zu zeigen. Weil der Seele das fehlt, was sie sonst haben 
wiirde, wenn der Berufswechsel nicht gekommen ware, macht sich das 
Zuriickgedrangte geltend und kommt jetzt so zum Vorschein, dafi Un- 
befriedigung, Uberdrufi an dem, was die Umgebung bietet, eintritt. 



Da also haben wir einen Fall, wo der betreffende Mensch etwas er- 
lebt hat, etwas getan hat in seinem dreizehnten bis vierzehnten Lebens- 
jahre, und wo er spater etwas anderes getan hat, namlich den Berufs- 
wechsel vollzogen hat, und wir sehen, wie diese Ursachen so sich aus- 
leben, dafi sie in ihrer Wirkung spater zuriickfallen, zuriickschlagen 
auf dasselbe Wesen. In einem solchen Falle wiirden wir den Karma- 
begrif f zunachst auf das Einzelleben des Menschen anwenden miissen. - 
Man soUte aber nun nicht dagegen einwenden: Wir haben aber Falle 
kennengelernt, wo sich so etwas ganz und gar nicht zeigte! - Das kann 
sein. Aber es wird auch keinem Physiker einfallen, wenn er die Gesetze 
des fallenden Steines untersuchen will, der mit dieser oder jener Ge- 
schwindigkeit fallt, dafi er sich sagen miifite, das Gesetz ware nicht 
richtig, wenn der Stein etwa durch einen Schlag aus seiner Richtung 
geschleudert wiirde. Man mufi lernen, in der richtigen Weise zu beob- 
achten, und diejenigen Erscheinungen ausschliefien, welche nicht zur 
Bildung des Gesetzes gehoren. Gewifi wiirde ein solcher Mensch, der, 
wenn nichts anderes eintreten wiirde, mit dreiundzwanzig Jahren die 
Eindriicke seines dreizehnten Jahres in ihrer Wirkung als Oberdrufi 
empfindet, zu diesem Uberdrufi nicht kommen, wenn er zum Beispiel 
in der Zwischenzeit geheiratet hatte. Aber da hatten wir es mit etwas 
zu tun, was fiir die Feststellung des Grundgesetzes ohne Einflufi ist. 
Darauf aber kommt es an, dafi wir die richtigen Faktoren finden, die 
uns auf ein Gesetz fuhren konnen. Beobachtung an sich ist noch gar 
nichts; erst geregelte Beobachtung bringt uns zur Erkenntnis des Ge- 
setzes. Nun handelt es sich aber auch darum, solche geregelte Beobach- 
tungen, wenn wir das Gesetz des Karma studieren wollen, in der rech- 
ten Weise anzustellen. 

Nehmen wir an, um fiir einen einzelnen Menschen das Karma zu 
erkennen, jemanden trafe im flinfundzwanzigsten Lebensjahre ein 
schwerer Schicksalsschlag, der ihm Schmerz und Leid verursacht. Wenn 
wir nun einfach unsere Beobachtungen so anstellen, dafi wir sagen, die- 
ser schwere Schicksalsschlag ist eben in das Leben hereingebrochen und 
hat es mit Schmerz und Leid erf iillt, wenn wir also bei der blofien Beob- 
achtung stehenbleiben, werden wir nie zum Erkennen des karmischen 
Zusammenhanges kommen. Wenn wir aber weiterschreiten und das 



Leben eines solchen Menschen, der im fiinfundzwanzigsten Jahre einen 
derartigen Schicksalsschlag erlebt hat, in seinem fiinfzigsten Jahre be- 
trachten, dann werden wir vielleicht zu einer Anschauung kommen, die 
wir etwa so ausdriicken konnen: Der Mensch, den wir da betrachten, 
ist ein Mensch geworden, fleifiig und regsam, der tuchtig im Leben da- 
steht; jetzt schauen wir weiter zuriick in sein Leben. Mit zwanzig 
Jahren - so finden wir dann - war er noch ein Taugenichts und hat 
iiberhaupt nichts tun woUen; mit fiinfundzwanzig Jahren hat ihn dann 
der schwere Schicksalsschlag getroffen. Hatte ihn dieser Schlag nicht 
getroffen ~ so konnen wir jetzt sagen -, so ware er ein Taugenichts 
geblieben. Also ist der schwere Schicksalsschlag die Ursache dazu ge- 
wesen, dafi wir im fiinfzigsten Jahre einen regsamen und tiichtigen 
Menschen vor uns haben. 

Eine solche Tatsache lehrt uns, dafi wir fehlgehen, wenn wir den 
Schicksalsschlag vom fiinfundzwanzigsten Jahre als eine blofie Wir- 
kung betrachten. Denn wenn wir fragen: Was hat er verursacht?, kon- 
nen wir nicht bei der blofien Beobachtung stehenbleiben.Wenn wir aber 
einen solchen Schlag nicht als Wirkung betrachten und an das Ende der 
Erscheinungen stellen, die vorausgegangen sind, sondern wenn wir ihn 
an den Anfang der nachfolgendenEreignisse stellen und ihn als Ursache 
betrachten, dann lernen wir erkennen, dafi wir allerdings sogar unser 
Gefiihlsurteil, unser Empfindungsurteil ganz wesentlich andern konnen 
gegeniiber diesem Schicksalsschlag. Wir werden vielleicht traurig sein, 
wenn wir ihn blofi als Wirkung betrachten, dafi diesen Menschen dieser 
Schlag getroffen hat. Betrachten wir ihn dagegen als Ursache eines 
Spateren, dann konnen wir vielleicht froh sein und Freude dariiber 
empfinden. Denn diesem Schicksalsschlag ist es zu verdanken - so 
konnen wir sagen -, dafi der BetreffenHe ein ordentlicher Mensch ge- 
worden ist. 

So sehen wir, dafi es an unseren Empfindungen etwas Wesentliches 
andern kann, je nachdem wir eine Tatsache des Lebens als Wirkung 
oder als Ursache betrachten. Es ist also nicht gleichgiiltig, ob wir irgend 
etwas, was im Leben den Menschen trifft, als blofte Wirkung oder als 
Ursache betrachten. Freilich, wenn wir in dem Zeitpunkt die Beobach- 
tung anstellen,wo das schmerzliche Ereignis eingetreten ist, konnen wir 



noch nicht die unmittelbare Wirkung wahrnehmen. Wenn wir uns aber 
das Karmagesetz gebildet haben aus ahnlichen Beobachtungen, dann 
kann dieses Karmagesetz selber uns sagen: Jetzt ist vielleicht ein Ereig- 
nis schmerzlich, weil es uns blo£ als Wirkung des Vorhergehenden ent- 
gegentritt; aber es kann auch so betrachtet werden,dafi es als Ausgangs- 
punkt fiir ein Folgendes angesehen wird. Dann konnen wir sagen: Wir 
ahnen, dafS hier der Ausgangspunkt die Ursache ist von Wirkungen, 
welche die Sache in ein ganz anderes Licht stellen! So kann das Karma- 
gesetz selber der Quell sein einer Trostung, Die Trostung ware nicht da, 
wenn wir uns gewohnten, ein Ereignis nur an das Ende und nicht an 
den Anfang einer Erscheinungsreihe zu setzen. 

Es kommt also darauf an, dafi wir lernen, das Leben geregelt zu 
beobachten und in entsprechender Weise die Dinge als Wirkung und 
Ursache zueinander zu stellen. Wenn wir solche Beobachtungen wirk- 
lich durchgreifend anstellen, werden uns im einzelnen Menschenleben 
Ergebnisse zutage treten, die mit einer gewissen Regelmafiigkeit fiir das 
einzelne Menschenleben ablaufen, und andere Ergebnisse werden zu- 
tage treten, die uns unregelmafiig in diesem Leben erscheinen. So kann 
der, welcher das Menschenleben beobachtet - und zwar nicht nur so 
weit, als gerade die Nase reicht -, merkwurdige Zusammenhange in 
diesem Menschenleben finden. Nur werden die Erscheinungen des 
menschlichen Lebens leider heute nur iiber kurze Zeitspannen, kaum 
iiber einige Jahre, beobachtet; und was nach einer grofieren Anzahl von 
Jahren eintritt, das ist man nicht gewohnt, mit dem in Zusammenhang 
zu bringen, was etwa friiher als Ursache vorhanden sein konnte. Daher 
werden nur wenige Menschen sich heute finden, die Anfang und Ende 
des Menschenlebens in einen gewissen Zusammenhang bringen. Dennoch 
ist dieser Zusammenhang aufierordentlich lehrreich. 

Nehmen wir an, wir haben ein Kind in den ersten sieben Jahren sei- 
nes Lebens so erzogen, dafi also wir nicht das getan haben, was gewohn- 
lich geschieht, dafi wir nicht von dem Glauben ausgegangen sind: Wenn 
einer ein ordentlicher Mensch im Leben werden soli, mufi er so und so 
sein, mu£ unseren Anschauungen von einem ordentlichen Menschen 
unbedingt entsprechen. Denn in einem solchen Falle wiirden wir dem 
Kinde moglichst genau das alles eintrichtern wollen, was es eben in 



unserem Sinne zu einem ordentlichen Menschen machen sollte. Wenn 
wir abervon der Erkenntnis ausgehen, dafi man ein ordentlicher Mensch 
auf vielerlei Arten sein kann und dafi man noch gar keine Vorstellung 
zu haben braucht, auf welche Art der, der als Kind erst heranwachst, 
ein ordentlicher Mensch werden soil nach seiner individuellen Anlage, 
dann werden wir sagen: Was ich auch immer fiir Begriffe von einem 
ordentlichen Menschen habe, der Mensch, der aus diesem Kinde ent- 
stehen soil, mufi dadurch entstehen, dafi die besten Anlagen aus ihm 
herausgeholt werden - was ich vielleicht erst als Ratsel losen mufi! 
Und man wird sich daher sagen: Was kommt es darauf an, da£ ich die- 
sen oder jenen Geboten und dergleichen verpflichtet bin? Das Kind 
selbst mufi ein Bediirfnis fiihlen, dieses oder jenes zu tun! Wenn ich das 
Kind nach seinen individuellen Anlagen entwickeln will, werde ich 
versuchen, diejenigen Bediirfnisse, die in ihm veranlagt sind, zu ent- 
wickeln, herauszuholen, so dafi vor alien Dingen ein Bediirfnis nach 
den Handlungen eintritt, das Kind also die Handlungen aus eigenem 
Bediirfnis tut. - Wir sehen daraus, dafi es zwei ganz verschiedene 
Methoden gibt, auf ein Kind in den ersten sieben Jahren seines Lebens 
zu wirken. 

Wenn wir nun das weitere Leben des Kindes beobachten, wird sich 
uns lange Zeit nicht zeigen, was die ausgesprochenste Wirkung dessen 
sein wird, was wir in den ersten Jahren auf diese Weise in das Kind 
hineingebracht haben. In der Lebensbeobachtung ergibt sich namlich, 
dafi die eigentlichen Wirkungen dessen, was als Ursachen in die kind- 
liche Seele hineingelegt worden ist, am allerspatesten erst eintreten, das 
heifit am Lebensabend. Der Mensch kann einen in sich regen Geist bis 
an sein Lebensende dadurch haben, dafi wir ihn als Kind in der Weise 
erzogen haben, wie es jetzt eben beschrieben worden ist: dafi wir auf 
sein Seelenleben, auf alles, was lebendig in ihm sitzt, Riicksicht ge- 
nommen haben. Wenn wir das herausgeholt und zur Entwickelung ge- 
bracht haben, was an inneren Kraften in ihm vorhanden ist, dann wer- 
den wir die Friichte am Lebensabend herauskommen sehen in Gestalt 
eines reichen Seelenlebens. Dagegen in einer verdorrten und verarmten 
Seele und demgemafi auch - weil, wie wir spater sehen werden, eine 
verdorrte Seele auch auf den Leib wirkt - in den leiblichen Gebresten 



des Alters tritt das auf, was wir in der friihesten Kindheit an dem 
Menschen Unrichtiges getan haben. Da sehen wir etwas, was sich in 
gewisser Weise regular, so dafi es fiir jeden Menschen giiltig ist, im 
Menschenleben als Zusammenhang von Ursache und Wirkung darstellt. 

So konnten wir auch fiir die mittleren Lebensabschnitte solche 
Zusammenhange finden, und wir werden darauf noch aufmerksam 
machen. - Wie wir einen Menschen vom siebenten bis vierzehnten Jahre 
behandeln, das tritt in seinen Wirkungen wieder im vorletzten Lebens- 
abschnitt hervor. So sehen wir Ursache und Wirkung zyklisch, wie im 
Kreise, sich abspielen. Was an Ursachen am friihesten vorhanden war, 
das tritt als Wirkung am spatesten auf. Aber nicht nur solche Wir- 
kungen und Ursachen sind im einzelnen Menschenleben vorhanden, 
sondern es geht neben dem zyklischen Verlauf ein geradliniger einher. 

An unserem Beispiel, wie das dreizehnte Jahr in das dreiundzwan- 
zigste hineinspielen kann, haben wir gesehen, wie Ursache und Wirkung 
im Menschenleben so zusammenhangen, dafi dasjenige, was der Mensch 
in sich erlebt hat, Wirkungen nach sich zieht, die dann wieder auf das- 
selbe Menschenwesen zuriickschlagen. So erfiillt sich Karma im ein- 
zelnen Menschenleben. Wir werden aber zu einer Erklarung des Men- 
schenlebens nicht kommen, wenn wir Zusammenhange zwischen Ur- 
sache und Wirkung nur in diesem einzelnen Menschenleben suchen. 
Wie der Gedanke, der jetzt angeschlagen ist, weiter zu begriinden und 
auszufuhren ist, dariiber werden wir in den nachsten Stunden sprechen. 
Jetzt soli nur auf etwas hingedeutet werden, das ja bereits bekannt ist: 
daiS die Geisteswissenschaft zeigt, wie dieses Menschenleben zwischen 
Geburt und Tod die Wiederholung ist friiherer Menschenleben. 

Wenn wir nun das Charakteristische aufsuchen fiir das Leben zwi- 
schen Geburt und Tod, so konnen wir als solches bezeichnen die Aus- 
dehnung eines und desselben Bewufitseins - im wesentlichen wenig- 
stens - fiir die ganze Zeit zwischen Geburt und Tod. Wenn Sie sich 
zuriickerinnern an Ihre friiheren Lebensabschnitte, so werden Sie sagen: 
Es gibt einen Zeitpunkt, der nicht mit meiner Geburt zusammenfallt, 
sondern etwas spater liegt, wo meine Lebenserinnerungen beginnen. 
Das werden alle Menschen sagen, die nicht zu den Eingeweihten ge- 
horen;und sie werden dann davon sprechen, dafi ihrBewufitsein soweit 



nur reicht. Im Grunde genommen haben wir es in dem Zeitraum von 
der Geburt bis zum Tod in bezug auf den Beginn dieser Lebenserinne- 
rungen mit etwas sehr Eigentiimlichem zu tun, und wir werden auch 
darauf noch zuriickkommen; das wird uns in bedeutsame Dinge hinein- 
leuchten. Wenn wir das aber nicht beriicksichtigen, konnen wir sagen: 
Charakteristisch fiir das Leben zwischen Geburt und Tod ist es, dafi 
ein Bewufitsein sich ausdehnt fiir diese Zeit. 

Wenn nun auch der Mensch im gewohnlichen Leben, wenn ihn im 
spateren Lebensalter etwas trifft,dieUrsachen dazu in friiherenLebens- 
abschnitten nicht aufsucht, so konnte er es aber dennoch, wenn er nur 
auf alles aufmerksam genug ware und alles erforschen wiirde. Er konnte 
es mit dem Bewufitsein, das ihm als Erinnerungsbewufitsein zur Ver- 
fiigung steht. Und wenn er durch die Erinnerung versuchte, sich den 
Zusammenhang zwischen Friiherem und Spaterem im karmischen Sinne 
vor die Seele zu stellen, so wiirde er zu folgendem Ergebnis kommen. 

Er wiirde zum Beispiel sagen: Ich sehe, daft gewisse Ereignisse, die 
bei mir eingetreten sind, nicht gekommen waren, wenn nicht das oder 
jenes in einem friiheren Lebensabschnitt eingetreten ware. - Er wiirde 
vielleicht sagen: Fiir das, was meine Erziehung an mir getan hat, mufi 
ich jetzt biifien. - Aber wenn er auch nur den Zusammenhang einsieht 
zwischen dem, was nicht er gesiindigt hat, sondern was an ihm ge- 
siindigt worden ist, und spateren Ereignissen, dann wird ihm schon das 
eine Hilfe sein. Er wird leichter Mittel und Wege finden, um Schaden, 
die an ihm begangen worden sind, auszugleichen. Die Erkenntnis eines 
solchen Zusammenhanges zwischen Ursachen und Wirkungen in un- 
seren einzelnen Lebensabschnitten, die wir durch unser gewohnUches 
Bewufttsein iiberschauen konnen, kann uns schon im hochsten Grade 
forderlich sein im Leben. Ja, wenn wir uns diese Erkenntnis erwerben, 
konnen wir vielleicht noch etwas anderes tun. - Wenn allerdings ein 
Mensch achtzig Jahre alt geworden ist und dann zuriickschaut auf das, 
was man als Ursachen zu Ereignissen im achtzigsten Jahre in friihester 
Kindheit zu suchen hat, so wird es fiir ihn vielleicht recht schwierig 
sein, Gegenmittel zu finden, um auszugleichen, was an ihm getan wor- 
den ist, und wenn er sich dann belehren laftt, so wird das nicht mehr 
allzuviel helfen. Wenn er sich aber vorher belehren lafit und hinblickt 



auf die Sunden, die an ihm begangen sind, und, sagen wir, schon im 
vierzigsten Jahre dagegen Vorsorge trifft, dann hat er vielleicht doch 
noch Zeit, um gewisse Gegenmittel zu ergreifen. 

Wir sehen also, dafi wir uns nicht allein fiir das unmittelbar Nachst- 
liegende des Lebenskarma belehren lassen sollen, sondern iiber Karma 
und den gesetzmajfJigen Zusammenhang, den Karma bedeutet, iiber- 
haupt. Das kann uns forderlich sein fiir unser Leben. - Was tut denn 
aber ein Mensch, der im vierzigsten Jahre etwas unternimmt, damit die 
Schaden gewisser Sunden nicht eintreten, die zum Beispiel im zwolften 
Jahre an ihm begangen worden sind, oder die er selbst begangen hat? 
Er wird versuchen, was er gesundigt hat oder was an ihm getan worden 
ist, auszugleichen und alles zu tun, was der Wirkung, die eintreten 
miiBte, vorbeugt. Er wird in gewisser Weise sogar die notwendige Wir- 
kung, die ohne sein Zutun eintreten wiirde, durch eine andere ersetzen. 
Die Erkenntnis dessen, was es im zwolften Jahre gegeben hat, wird ihn 
selbst zu einer bestimmten Handlung im vierzigsten Jahre fiihren. Diese 
Handlung hatte er nicht getan, wenn er nicht erkannt hatte, dafi es 
dieses oder jenes im zwolften Jahre gegeben hat. Was hat der Mensch 
also durch sein Zuriickblicken auf sein friiheres Leben getan? Er hat 
selber durch sein Bewufitsein folgen lassen auf eine Ursache eine be- 
stimmte Wirkung. Er hat gewollt die Wirkung, welche er jetzt herbei- 
gefiihrt hat. - Das zeigt uns, wie in die Linie der karmischen Folgen 
unser Wille eingreifen und etwas schaffen kann, was an Stelle von sonst 
eingetretenen karmischen Wirkungen steht. Nehmen wir einen solchen 
Zusammenhang, wo unser Bewufitsein ganz bewuEt eine Verbindung 
zwischen Ursache und Wirkung im Lebenslauf herbeifiihrt, so werden 
wir uns sagen: Bei einem solchen Menschen ist Karma oder karmische 
GesetzmajSigkeit ins Bewufitsein hineingetreten, er hat selbst in gewisser 
Weise die karmische Wirkung herbeigefiihrt. 

Nehmen wir nun aber einmal an, wir legen einer ahnlichen Betrach- 
tung dasjenige zugrunde, was wir iiber die wiederholten Erdenlaufe 
eines Menschen wissen. Das Bewufitsein, von dem wir eben gesprochen 
haben, das sich ausdehnt mit der angedeuteten Ausnahme auf unser 
Leben zwischen Geburt und Tod, das entsteht dadurch, daft sich der 
Mensch des Instrumentes seines Gehirns bedienen kann. Wenn der 



Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, tritt ein andersgeartetes 
Bewufitsein auf, das unabhangig ist vom Gehirn und an wesentlich 
andere Bedingungen gebunden ist. Und wir wissen, dafi fUr dieses Be- 
wufitsein, das bis zur neuen Geburt dauert, eine Art Riickblick auftritt 
iiber alles, was der Mensch in dem Leben zwischen Geburt und Tod 
vollbracht hat. Im Leben zwischen Geburt und Tod mufi sich der 
Mensch erst die Absicht bilden, zuriickzublicken auf irgendwelche 
Siinden, die an ihm begangen worden sind, wenn er die Wirkung dieser 
Siinden wirklich karmisch in sein Leben einfiihren soil. Nach demTode 
schaut der Mensch im Zuriickblicken auf sein Leben auf dasjenige, was 
er an Siinden oder iiberhaupt an Handlungen vollbracht hat. Da schaut 
er auch zugleich das, was diese Handlungen an seiner Seele oder aus 
seiner Seele gemacht haben. Da sieht der Mensch, wie er dadurch, dafi 
er eine bestimmte Handlung getan hat, in seinem Werte gesunken oder 
gestiegen ist. Haben wir einem andern zum Beispiel irgendein Leid zu- 
gefiigt, so ist unser Wert dadurch gesunken; wir sind sozusagen weniger 
wert geworden, sind unvollkommener geworden, indem wir dem an- 
dern das Leid zugefiigt haben. Wenn wir nun nach dem Tode zuriick- 
blicken, sehen wir auf zahlreiche solche Falle zuriick, bei denen wir uns 
sagen: Wir sind dadurch unvollkommener geworden. Daraus aber folgt 
fiir das Bewufitsein nach demTode, dafi in ihm die Kraft und derWille 
entstehen, wenn es wieder Gelegenheit dazu hat, alles zu tun, um jenen 
Wert wieder zu erringen, welchen es verloren hat, das heifit der Wille, 
alles Leid auszugleichen, das es zugefiigt hat. Der Mensch nimmt also 
zwischen Tod und neuer Geburt die Tendenz, die Absicht auf, was er 
Schlechtes getan hat, wieder auszugleichen, damit er iiberhaupt den 
Standpunkt der Vollkommenheit wieder erringen kann, den er als 
Mensch haben soli und der verhindert worden ist durch die entspre- 
chende Tat. 

Nun tritt der Mensch wieder ins Dasein. Sein Bewufitsein wird wie- 
der ein anderes; er erinnert sich nicht zuriick an die Zeit zwischen Tod 
und neuer Geburt und auch nicht daran, wie er die Absicht gefafit 
hat, etwas auszugleichen. Aber diese Absicht sitzt in ihm. Und wenn er 
auch nicht weifi: Du mufit dies oder das tun, um das oder jenes auszu- 
gleichen! -, so wird er doch durch die Kraft, die in ihm sitzt, zu irgend- 



einer Handlung hingetrieben, die ein Ausgleich ist. Und jetzt konnen 
wir uns eine Vorstellung machen, was vor sich geht, wenn einen Men- 
schen zum Beispiel im zwanzigsten Jahre etwas sehr Schmerzliches 
trifft. Mit seinem Bewuf^tsein, das er hat zwischen Geburt und Tod, 
wird er niedergedriickt sein durch seinen Schmerz. Wiirde er sich aber 
daran erinnern, was er in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt 
an Absichten aufgenommen hat, dann wiirde er auch die Kraft spiiren, 
die ihn hingetrieben hat an die Stelle, wo er diesen Schmerz hat erleiden 
konnen, weil er gefuhlt hat, dafi er den Grad von Vollkommenheit, den 
er sich verscherzt hat und den er wiedererringen soil, nur dadurch 
wieder erreichen kann, dafS er diesen Schmerz durchmacht. Wenn also 
auch das gewohnliche Bewufitsein sagt: Der Schmerz ist da; du leidest 
darunter! - und nur den Schmerz in der Wirkung betrachtet, so konnte 
doch fiir das Bewufitsein, welches auch die Zeit zwischen Tod und 
neuer Geburt iiberblickt, gerade das Aufsuchen des Schmerzes oder 
irgendeines Ungliickes in der Absicht liegen. 

Das stellt sich uns tatsachlich dar, wenn wir von einem hoheren Ge- 
sichtspunkt aus das Menschenleben betrachten. Da konnen wir sehen, 
daft im Menschenleben Schicksalsfalle eintreten, die sich nicht dar- 
stellen alsWirkungen vonUrsachen des einzelnen Lebenslaufes, sondern 
die aus einem andern Bewufitsein heraus verursacht sind, namlich aus 
einem solchen Bewufitsein, das jenseits der Geburt liegt und das unser 
Leben fortsetzt in friihere Zeiten, als diejenigen sind, die erst seit un- 
serer Geburt abgelaufen sind. Wenn wir diesen Gedanken genau fassen, 
werden wir sagen: Wir haben zunachst ein Bewufitsein, das sich aus- 
dehnt iiber die Zeit zwischen Geburt und Tod und welches wir das 
Bewufttsein der Einzelpersonlichkeit nennen wollen, und wir wollen 
als Einzelpersonlichkeit dasjenige bezeichnen, was zwischen Geburt 
und Tod verlauft. Sodann sehen wir, wie ein Bewufttsein wirken kann 
iiber Geburt und Tod hinaus, von dem der Mensch in seinem gewohn- 
lichen Bewufitsein nichts weifi, das aber gerade so wirken kann wie 
dieses gewohnliche Bewufitsein. Wir haben deshalb zunachst geschil- 
dert, wie jemand selbst sein Karma iibernimmt und im vierzigsten 
Jahre zum Beispiel etwas ausgleicht, damit ihn die Ursachen vom 
zwolften Jahre nicht treffen. Da nimmt er Karma in sein Einzelperson- 



lichkeitsbewufitsein hinein. Wenn dagegen der Mensch irgendwohin 
getrieben wird, wo er einen Schmerz erleiden kann, um etwas auszu- 
gleichen, um ein besserer Mensch zu werden, so kommt das auch aus 
dem Menschen; nur kommt es nicht aus dem Einzelpersonlichkeits- 
bewul^tsein, sondern aus einem umfassenderen Bewufitsein, das mit- 
umfafit die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Dasjenige Wesen im 
Menschen, welches von diesem Bewufitsein umfafit wird, wollen wir 
die «Individualitat» des Menschen nennen; und dieses Bewufitsein, das 
also fortwahrend unterbrochen wird durch das Persdnlichkeitsbewufit- 
sein, wollen wir das «individuelle Bewufitsein» nennen, im Gegensatz 
zum Einzelpersoniichkeitsbewufitsein. So sehen wir Karma wirksam in 
bezug auf die Individualitat des Menschen. 

Nun wiirden wir das menschliche Leben aber trotzdem nicht ver- 
stehen, wenn wir nur die Reihe der Erscheinungen verfolgen wiirden, 
wie wir es bis jetzt getan haben, indem wir nur dasjenige ins Auge fas- 
ten, was im Menschen um des Menschen selber willen an Ursachen liegt 
und an Wirkungen aufgesucht wird. Wir brauchen uns nur einen ein- 
fachen Fall vor die Seele zu fiihren, der nur so dargestellt werden soli, 
dafS er anschaulicher wirkt, und wir werden gleich sehen, dafi wir das 
menschliche Leben nicht verstehen, wenn wir nur dasjenige in Betracht 
Ziehen, was wir jetzt eben gesagt haben. - Nehmen wir einen Erfinder 
oder Entdecker, zum Beispiel Kolumhus oder den Entdecker der 
Dampfmaschine oder irgendeinen andern. In der Entdeckung liegt eine 
bestimmte Handlung, eine bestimmte Tat. Wenn wir diese Tat ins Auge 
fassen, so wie sie der Mensch getan hat, und dann die Ursache suchen, 
warum sie der Mensch getan hat, dann werden wir immer solche Ur- 
sachen finden, welche in der Richtung liegen, wie wir sie jetzt an- 
gegeben haben. Warum Kolumbus zum Beispiel nach Amerika fuhr, 
warum er gerade in einem bestimmten Zeitpunkt diese Absicht fafite, 
dazu werden wir die Ursachen finden in seinem individuellen und per- 
sonlichen Karma. Aber wir werden uns jetzt fragen konnen: Wird diese 
Ursache nur im personlichen und individuellen Karma gesucht werden 
miissen? Und wird die Tat als Wirkung nur betrachtet werden miissen 
fiir die Individualitat, die in Kolumbus wirksam war? - Daf5 Kolumbus 
Amerika entdeckt hat, hat eine bestimmte Wirkung fiir ihn gehabt. Er 



ist dadurch gestiegen, ist vollkommener geworden. Das wird sich zeigen 
in der Fortentwickelung seiner Individualitat im f olgenden Leben. Aber 
welche Wirkungen hat diese Tat noch fiir andere Menschen gehabt? 
Miifite sie nicht auch als Ursache betrachtet werden, die in unzahlige 
Menschenleben eingegriffen hat? 

Das ist aber noch eine ziemlich abstrakte Betrachtung einer solchen 
Sache, die wir viel tiefer erf assen konnen, wenn wir das Menschenleben 
iiber grofie Zeitspannen hin betrachten. Nehmen wir an, wir betrachten 
das Menschenleben, wie es sich abgespielt hat im agyptisch-chaldaischen 
Zeitaiter, das dem griechisch-lateinischen vorangegangen ist. Wenn wir 
dieses Zeitaiter priifen in bezug auf das, was es den Menschen gegeben 
hat und was die Menschen damals erfahren haben, dann zeigt sich uns 
etwas hochst Eigentiimliches. Wenn wir diese Epoche vergleichen mit 
unserer eigenen, dann werden wir erkennen, dafi dasjenige, was in 
unserem eigenen Zeitaiter geschieht, zusammenhangt mit dem, was in 
der agyptisch-chaldaischen Kulturperiode vor sich gegangen ist. Das 
griechisch-lateinische Zeitaiter steht zwischen beiden darinnen. In 
unserer Zeit wurden gewisse Dinge nicht geschehen, wenn nicht gewisse 
Dinge in der agyptisch-chaldaischen Kultur geschehen waren. Wenn 
die gegenwartige Naturwissenschaft dieses oder jenes an Ergebnissen 
zustande gebracht hat, so riihrt das allerdings auch von Kraften her, 
welche sich aus derMenschenseele entwickelt und entfaltet haben. Aber 
die Menschenseelen, die in unserer Zeit gewirkt haben, waren auch ver- 
korpert im agyptisch-chaldaischen Zeitaiter und haben dort gewisse 
Erlebnisse aufgenommen, ohne welche sie das nicht verrichten konnten, 
was sie heute verrichten. Hatten nicht die Schiiler der altagyptischen 
Tempelpriester die agyptische Astrologie iiber die Zusammenhange des 
Himmels aufgenommen, so hatten sie nicht auf ihre Art spater ein- 
dringen konnen in die Weltengeheimnisse, und es waren in gewissen 
Seelen unserer Zeit nicht die Krafte gewesen, welche die Menschheit 
jetzt in unserer Zeit hinausgefiihrt haben in die Himmelsraume. Wie 
kam zum Beispiel Kepler zu seinen Entdeckungen? Er kam dazu, weil 
eine Seele in ihm lebte, die im agyptisch-chaldaischen Zeitraum die 
Krafte zu jenen Entdeckungen aufgenommen hatte, welche sie im fiinf- 
ten Zeitraum dann machen konnte. Es erfiillt uns mit einer gewissen 



inneren Befriedigung, wenn in einzelnen Geistern gleichsam Erinne- 
rungen auftauchen in der Art, dafi die Keime zu dem, was sie jetzt tun, 
in der Vergangenheit gelegt worden sind. Einer der Geister, der Wich- 
tiges geleistet hat in bezug auf die Erforschung der Himmelsgesetze, 
Kepler, sagt von sich selbst: 

«Ja, ich bin es, ich habe die goldenen Gefafie der Agypter geraubt, 
um meinem Gott aus ihnen ein Heiligtum zu errichten, fern von den 
Grenzen Agyptens.Wenn ihr mir vergebt, werde ich mich freuen, wenn 
ihr ziirnt, werde ich es tragen; - hier werf ich den Wiirfel und schreibe 
diesBuch fiir den heutigen wie den dereinstigen Leser - was liegt daran? 
Und wenn es auf seinen Leser hundert Jahre warten mufi: Gott selbst 
hat sechs Jahrtausende dessen geharrt, der sein Werk erkennend er- 
blickt.» 

Das ist eine sporadisch auftauchende Erinnerung des Kepler an das, 
was er als Keim aufgenommen hat zu dem, was er in seinem person- 
lichen Dasein als Kepler vollbringen konnte. So konnten Hunderte von 
ahnlichen Beispielen angefiihrt werden. - Da sehen wir aber noch 
etwas anderes als blol^ die Tatsache, dafi bei Kepler etwas auftaucht, 
was die Wirkung ist von Erlebnissen eines friiheren Erdenlebens. Wir 
sehen etwas auftauchen, was als die gesetzmafiige Wirkung erscheint 
fiir die ganze Menschheit von etwas, was wiederum bedeutsam war fur 
die Menschheit in einer friiheren Zeit. Wir sehen, wie der Mensch hin- 
gestellt wird an einen Ort, um fiir die ganze Menschheit etwas zu leisten. 
Wir sehen, dafi nicht nur im individuellen Menschenleben, sondern dafi 
in der ganzen Menschheit Zusammenhange bestehen zwischen Ursachen 
und Wirkungen, die sich iiber weite Zeitraume hin erstrecken. Und wir 
konnen daraus entnehmen, dafi sich das individuelle Karmagesetz kreu- 
zen wird mit den Gesetzen, welche wir nennen konnen die karmischen 
Menschheitsgesetze. Manchmal ist dieses Kreuzen allerdings wenig 
durchsichtig. Denken Sie, was ware aus unserer Astronomic geworden, 
wenn einstmals nicht das Fernrohr erfunden worden ware, das in einer 
bestimmten Zeit erfunden worden ist. Verfolgen Sie unsere Astronomie 
zuriick, und Sie werden sehen, dafi unendlich vieles an der Erfindung 
des Fernrohres hangt. Nun ist es ja bekannt, dafS das Fernrohr dadurch 
erfunden worden ist, daft in einer optischen Werkstatt einmal Kinder 



mit Linsen gespielt haben, wobei sie durch einen «Zufall», so konnte 
man sagen, optische Linsen so zusammengestellt haben, dafi hernach 
jemand darauf gekommen ist: Dadurch konnte sich so etwas ergeben 
wie ein Fernrohr. - Denken Sie, wie tief Sie suchen miissen, um zu dem 
individuellen Karma der Kinder und dem Karma der Menschheit zu 
kommen, dafi in einem bestimmten Zeitpunkt das Fernrohr erfunden 
worden ist! Versuchen Sie das zusammenzudenken, und Sie werden 
sehen, wie in merkwiirdiger Art das Karma einzelner Individualitaten 
und das Karma der ganzen Menschheit sich kreuzen und ineinander- 
weben! Da werden Sie sich sagen: Man miifite sich die ganze Mensch- 
heitsentwickelung anders denken, wenn nicht zu einer bestimmten Zeit 
dies oder jenes eingetreten ware. 

Die Frage ist gewohnlich ganz miifiig: Was ware mit dem Romischen 
Reiche geworden, wenn nicht die Griechen in einer bestimmten Zeit 
den persischen Angrif f in den Perserkriegen zuriickgeschlagen batten? - 
Aber nicht miifiig ist die Frage: Wodurch ist es gekommen, dafi die 
Perserkriege gerade in dieser Weise verlaufen sind? - Wer dieser Frage 
nachgeht und eine Antwort sucht, der wird sehen, dafi im Orient ganz 
bestimmte Errungenschaf ten nur dadurch zustande kamen, dafi gewisse 
despotische.Herrscher da waren, die nur fur ihre Person etwas woUten 
und sich zu diesem Zwecke verbanden mit den Opferpriestern und so 
weiter. Die ganzen damaligen Staatseinrichtungen waren notwendig, 
damit im Orient etwas geschaffen werden konnte, aber diese Einrich- 
tungen haben es mit sich gebracht, dafi auch alle die Schaden eintraten, 
die dann eingetreten sind. Und damit hangt es zusammen, dafi ein 
andersgeartetes Volk - die Griechen - im entsprechenden Moment den 
morgeniandischen Angriff zuriickschlagen konnte. Wenn wir das be- 
denken, werden wir fragen: Wie steht es mit dem Karma der Person- 
Hchkeiten, die in Griechenland gewirkt haben, um den persischen An- 
griff zuriickzuschlagen? - Da warden wir manches PersonUche finden 
im Karma der betreffenden Menschen; aber wir werden auch finden, 
dafi das personliche Karma mit dem Volks- und Menschheitskarma 
verkniipft ist, so dal5 es berechtigt ist zu sagen: Das ganze Menschheits- 
karma hat gerade diese bestimmten Personlichkeiten an diesen Ort in 
diese Zeit gestellt! - Wir sehen da hineinspielen Menschheitskarma in 



das Einzelkarma. Und wir werden uns weiter fragen miissen, wie diese 
Dinge zusammenspielen. Aber wir konnen noch weitergehen und einen 
andern Zusammenhang betrachten. 

Wir konnen zuriickblicken im Sinne der Geisteswissenschaft auf 
eine Zeit unserer Erdenentwickelung, in der es auf unserer Erde noch 
kein Mineralreich gegeben hat. Unserer Erdenentwickelung gingen 
voran die Saturn-, die Sonnen- und die Mondentwickelung, wo es noch 
kein mineralisches Reich in unserem Sinne gegeben hat. Erst auf der 
Erde sind unsere heutigen MineraHen in ihren heutigen Formen ent- 
standen. Dadurch aber, dafi sich das Mineralreich ausgeschieden hat im 
Verlaufe der Erdentwickelung, ist es als ein besonderes Reich fiir alle 
Folgezeit da. Vorher haben sich Menschen, Tiere und Pflanzen so ent- 
wickelt, da£ kein ihnen zugrunde liegendes Mineralreich vorhanden 
war. Damit die andern Reiche einen spateren Fortschritt erreichen 
konnten, mufiten sie das Mineralreich ausscheiden. Aber nachdem sie es 
ausgeschieden haben, konnen sie sich nur so entwickeln, wie sie sich 
entwickeln auf einem Planeten, der eine feste mineralische Grundlage 
hat. Und nie wird etwas anderes entstehen als das, was unter der Vor- 
aussetzung geschah,dafi dieBildung eines Mineralreiches zustande kam. 
Das Mineralreich ist da, und alle spateren Schicksale der andern Reiche 
hangen ab von der Entstehung des Mineralreiches, das sich einmal in 
unserem Erdendasein in einer urfernen Vergangenheit gebildet hat. - 
So ist mit der Tatsache der Entstehung des Mineralreiches etwas ge- 
schehen, womit alle spatere Erdentwickelung zu rechnen hat. Es wird 
sich an alien andern Wesen erfiillen, was aus der Entstehung des Mine- 
ralreiches folgt. Da haben wir wieder in spateren Zeitaltern die kar- 
mische Erfiillung fiir etwas, was friiher geschehen ist. Auf der Erde 
erfiilit sich, was sich auf der Erde vorbereitet hat. Es ist ein Zusammen- 
hang von dem,was friiher, und dem,was spater geschehen ist, aber auch 
ein solcher Zusammenhang, der in der Wirkung zuriickschlagt auf das 
verursachende Wesen. Menschen, Tiere und Pflanzen haben das Mine- 
ralreich ausgeschieden, und das Mineralreich schlagt wieder auf sie 
zuriick. Da sehen wir, dafi es moglich ist, von einem Karma der Erde 
zu sprechen. 

Und endlich konnen wir etwas hervorheben, wozu sich die Grund- 



lagen in den allgemeinen Ausfuhrungen der «Geheimwissenschaft im 
Umnfi» finden. 

Wir wissen, dafi gewisse Wesenheiten zuriickgeblieben sind auf der 
Stufe der alten Mondentwickelung, und dafi diese Wesen zuriickge- 
blieben sind, um dem Menschen der Erde ganz bestimmte Eigenschaf ten 
beizubringen. Aber nicht nur Wesenheiten sind zuriickgeblieben von 
der alten Mondenzeit der Erde, sondern auch Substantialitaten. Auf 
der Mondenstufe sind Wesen stehengeblieben, die als luziferische We- 
senheiten in unser Erdendasein hineinwirken. Durch diese Tatsache des 
Stehenbleibens und des Hereinwirkens in unser Erdendasein voUziehen 
sich im Erdendasein Wirkungen, zu denen die Ursachen schon im Mon- 
dendasein gelegt worden sind. Aber auch substantiell vollzieht sich so 
etwas. - Wenn wir heute unser Sonnensystem ansehen, finden wir es 
zusammengesetzt aus Weltenkorpern, die regelmafiig wiederkehrende 
und eine gewisse innere Geschlossenheit zeigende Bewegungen aus- 
fiihren. Aber andere Weltenkorper finden wir, die sich zwar auch mit 
einem gewissen Rhythmus bewegen, die aber sozusagen die gewohn- 
lichen Gesetze des Sonnensystems durchbrechen, namlich die Kometen. 
Nun ist die Substanz eines Kometen nicht eine solche mit Gesetzen, wie 
sie in unserem gewohnlichen, regularen Sonnensystem bestehen, sondern 
mit Gesetzen, wie sie im alten Mondendasein existiert haben. In der Tat 
hat sich im kometarischen Dasein erhalten die Gesetzmafiigkeit des 
alten Mondendaseins. Ich habe schon ofter erwahnt, dafi die Geistes- 
wissenschaft diese Gesetzmafiigkeit nachgewiesen hat, bevor eine Be- 
statigung von seiten der Naturwissenschaft eingetreten ist. Im Jahre 
1906 habe ich in Paris auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dafi 
wahrend des alten Mondendaseins gewisse Verbindungen von Kohlen- 
stoff und Stickstoff eine ahnliche Rolle spielten wie heute auf der Erde 
Verbindungen von Sauerstoff und Kohlenstoff, also Kohlensaure, 
Kohlendioxyd und so weiter. Diese letzteren Verbindungen haben 
etwas Ertotendes. Eine ahnliche Rolle haben Zyanverbindungen, blau- 
saureartige Verbindungen wahrend des alten Mondendaseins gespielt. 
Auf diese Tatsache wurde hingewiesen von der Geisteswissenschaft 
1906. Auch in andern Vortragen wurde darauf hingewiesen, dafi das 
kometarische Dasein die Gesetze des alten Mondendaseins hineinfiihrt 



in unser Sonnensystem, so daf^ also nicht nur zuriickgeblieben sind die 
luziferischen Wesen, sondern auch die Gesetzmal^igkeit der alten Mon- 
densubstanz, die in unregelmafiigerWeise hineinwirkt in unser Sonnen- 
system. Und es wurde immer gesagt, das kometarische Dasein miisse 
heute noch etwas enthalten wie Zyanverbindungen in der Kometen- 
atmosphare. Erst viel spater, als das durch die Geisteswissenschaft ver- 
kiindet worden ist, in diesem Jahre erst, ist durch die Spektralanalyse 
das Blausaurespektrum im Kometendasein gefunden worden. 

Hier haben Sie einen der Beweise dafiir, wenn gesagt wird: Zeigt 
uns einmal, wie man wirklich mit der Geisteswissenschaft etwas finden 
kann! - Solche Dinge gibt es mehr; sie soUten nur beobachtet werden. 
So wirkt also etwas hinein von unserem alten Mondendasein in das 
jetzige Erdendasein. 

Nun fragen wir uns: Darf behauptet werden, dafi aufieren sinn- 
lichen Erscheinungen zugrunde liegt ein Geistiges? 

Fiir den, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, ist es klar, dafi 
hinter allem sinnlich Wirklichen auch ein Geistiges liegt. "Wenn sub- 
stantiell etwas vom alten Mondendasein hineinwirkt in unser Erden- 
dasein, wenn der Komet unser Erdendasein bestrahlt, so wirkt dahinter 
auch etwas Geistiges. Und wir konnten sogar angeben, welches Geistige 
sich zumBeispiel anzeigt durch den Halleyschen Kometen. Der Halley- 
sche Komet ist der aufiere Ausdruck - jedesmal, wenn er in die Sphare 
unseres Erdendaseins hineinkommt - zu einem neuen Impuls zum Ma- 
terialismus. Das mag der heutigen Welt aberglaubisch erscheinen. Aber 
die Menschen soUten sich dann nur darauf besinnen, wie sie selbst gei- 
stige Wirkungen von Konstellationen der Sterne herleiten. Oder wer 
wiirde nicht sagen, dafi der Eskimo deshalb ein andersgeartetes Men- 
schenwesen ist als zum Beispiel der Hindu, weil in der Polargegend die 
Sonnenstrahlen unter einem andern Winkel einf alien? Uberall fiihren 
auch die Naturwissenschafter auf Sternkonstellationen geistige Wir- 
kungen in der Menschheit zuriick. - Also ein geistiger Impuls zum 
Materialismus erfolgt parallel dem Halleyschen Kometen. Dieser Im- 
puls kann nachgewiesen werden: Auf das Erscheinen des Halleyschen 
Kometen vom Jahre 1835 folgte jene materialistische Zeitstromung, die 
man bezeichnen kann als den Materialismus der zweiten Halfte des 



vorigen Jahrhunderts; auf die Erscheinung vorher folgte die materia- 
listische Aufklarerei der franzosischen Enzyklopadisten. Das ist der 
Zusammenhang. 

Damit gewisse Dinge eintreten im Erdensein, mufSten die Ursachen 
dazu friiher, aufierhalb des Erdendaseins gelegt werden, Und hier 
haben wir es sogar mit einem Weltenkarma zu tun. Denn warum ist 
auf dem alten Monde Geistiges und Substantielles ausgeschaltet wor- 
den? Damit gewisse Wirkungen wieder zuruckstrahlen konnen auf die- 
jenigen Wesenheiten, welche dieses ausgeschieden haben. Die luziferi- 
schen Wesenheiten sind ausgeschieden worden, haben eine andere Ent- 
wickelung durchmachen miissen, damit fiir die Wesen, die auf der Erde 
sind, freier Wille und die Moglichkeit zum Bosen auf der Erde ent- 
stehen konnten. Da haben wir etwas, was an karmischen Wirkungen 
iiber unser Erdendasein hinausgeht: einen Ausblick auf das Welten- 
karma. 

So konnten wir heute sprechen iiber den Karmabegriff, iiber seine 
Bedeutung fiir die einzelne Personlichkeit, fiir die Individualitat, fiir 
die ganze Menschheit, innerhalb der Wirkungen unserer Erde und iiber 
die Erde hinaus - und wir haben noch etwas gefunden, was wir als 
Weltenkarma ansprechen konnen. So finden wir das Karmagesetz, das 
wir nennen konnen ein Gesetz vom Zusammenhang zwischen Ursache 
und Wirkung, aber in der Weise, dafi die Wirkung wieder auf die Ur- 
sache zuriickschlagt und dafi sich beim Zuriickschlagen noch das Wesen 
erhalten hat, dasselbe geblieben ist. Wir finden diese karmische Gesetz- 
mafiigkeit iiberall in der Welt, insofern wir die Welt als eine geistige 
betrachten. Wir ahnen, dafi sich das Karma auf den verschiedensten 
Gebieten in der verschiedensten Weise offenbaren wird. Und wir ahnen, 
wie die verschiedenen karmischen Stromungen - personliches Karma, 
Menschheitskarma, Erdenkarma, Weltenkarma und so weiter - sich 
kreuzen werden und dafi uns gerade dadurch die Aufschliisse werden, 
die wir brauchen, um das Leben zu verstehen. Und an seinen einzelnen 
Punkten ist das Leben nur zu verstehen, wenn wir das Zusammen- 
wirken der verschiedensten karmischen Stromungen finden konnen. 



ZWEITER VORTRAG 
Hamburg, 17. Mai 1910 



Bevor wir zu unseren eigentlichen menschlichenKarmafragen kommen, 
wie sie angekiindigt sind, sind eine Reihe von Vorbetrachtungen not- 
wendig. Dazu gehort das, was gestern gesagt worden ist: eine Art Be- 
schreibung des Karmabegriffes. Dazu gehort auch das, was heute zu 
sagen sein wird iiber Karma und Tierreich. Was man nennen konnte 
aufiere Beweise fiir die Wirklichkeit der karmischen Gesetzmafiigkeit, 
das werden Sie im Laufe des Zyklus an denjenigen Stellen finden, wo 
gerade Veranlassung sein wird, auf diese aufieren Beweise besonders 
hinzudeuten. Bei diesen Gelegenheiten werden Sie auch die Moglich- 
keit finden, iiber die Begriindung der Karmaidee zu Aufienstehenden 
zu sprechen, welche Sie, iiber dies oder jenes als Zweifler an der ganzen 
Karmaidee, befragen werden. Zu alledem sind aber einige Vorbetrach- 
tungen notwendig. 

Was lage denn naher, als zu fragen: Wie verhalten sich tierisches 
Leben, tierisches Schicksal zu dem, was wir den Verlauf des mensch- 
lichen Karma nennen, in dem wir - wie sich zeigen wird - die wichtig- 
sten und tiefeingreifendsten Schicksalsfragen fiir den Menschen be- 
schlossen finden? 

Das Verhaitnis der Menschen auf der Erde zur Tierwelt ist ja im 
Laufe der Zeit und auch je nach den verschiedenen Volkern ein ver- 
schiedenes. Und es ist gewifi nicht uninteressant, zu sehen, wie bei Vol- 
kerschaften, die sich die besten Teile der uralt heiUgen Weisheit der 
Menschheit bewahrt haben, eine weitgehend mitleidvolle, liebevoUe 
Behandlung der Tiere Platz gegriffen hat. Innerhalb der Welt des 
Buddhismus zum Beispiel, der sich wichtige Teile alter Weltanschau- 
ungen bewahrt hat, wie sie die Menschen in ihrer Urzeit hatten, haben 
wir eine tiefgehend mitleidvolle Behandlung der Tiere, eine Behand- 
lung der Tiere und Gefiihle gegenuber der Tierwelt, die in Europa un- 
zahlige Menschen noch nicht verstehen konnen. Aber auch bei andern 
Volkern - ich erinnere nur an den Araber in bezug auf Behandlung 
seines Pferdes insbesondere wenn diese Volker sich etwas bewahrt 



haben von den alten Anschauungen, wie sie als alte Erbstucke da und 
dort auftreten, finden Sie eine Art «Freundschaft» zu denTieren, etwas 
wie menschliche Behandlung der Tiere. Dagegen darf man wohl sagen, 
dafi in denjenigen Gegenden, in denen sich eine Art von Weltanschau- 
ung der Zukunft vorbereitet, in den abendlandischen Gegenden, wenig 
Verstandnis fiir soiches Mitleid mit der Tierwelt Platz gegriffen hat. 
Und charakteristisch ist es, dafi im Verlaufe des Mittelalters und dann 
auch bis in unsere 2eit hinein gerade in Landern, in denen die christ- 
liche Weltanschauung Ausbreitung gewonnen hat, die Anschauung auf- 
tauchen konnte, daft die Tiere iiberhaupt nicht als Wesen zu betrachten 
seien mit einem eigentlichen Seelenleben, sondern als eine Art Auto- 
maten. Und es ist vielleicht nicht mit Unrecht darauf aufmerksam ge- 
macht worden - wenn auch nicht immer mit einem groften Verstand- 
nis -, daft diese Anschauungen, w^elche von der abendlandischen Philo- 
sophie vielfach vertreten worden sind, dafi die Tiere Automaten seien 
und ein eigentliches Seelenleben nicht haben, hinuntergesickert sind in 
die Volkskreise, die kein Mitleid und oft auch keine Grenze kennen in 
der grausamen Behandlung der Tiere. Ja, die Sache ist so weit gegangen, 
dafi man einen grofien Philosophen der Neuzeit, Cartesius, in seinen 
Gedanken iiber die Tierwelt recht griindlich hat mifiverstehen konnen. 

Wir miissen uns natiirlich klar sein, da£ von den eigentlich bedeu- 
tenden Geistern der abendlandischen Kulturentwickelung diese An- 
schauung, dafi die Tiere nur Automaten seien, niemals vertreten worden 
ist. Es hat auch Cartesius nicht diese Anschauung vertreten, obwohl Sie 
in vielen Biichern iiber Philosophie lesen konnen, daft Cartesius eine 
solche Anschauung vertreten habe. Das ist aber nicht wahr; sondern 
wer Cartesius kennt, der weifi, dafi er denTieren zwar nicht ein soiches 
Seelisches zuschreibt, das sich dazu entwickeln kann, aus dem Ich- 
Bewufttsein heraus zu einem Beweise fiir das Dasein Gottes zu kommen, 
aber er schreibt dennoch dem Tiere zu, dafi es durchstromt, durchseelt 
ist mit den sogenannten Lebensgeistern, die allerdings nicht eine so ein- 
heitliche Individualitat darstellen wie das Ich des Menschen, aber doch 
in der tierischen Organisation als Seele wirken. Und es ist gerade das 
Charakteristische, daft man Cartesius in dieser Beziehung hat griindlich 
mifiverstehen konnen. Denn das zeigt uns, dafi in den verflossenen 



Jahrhunderten unserer abendlandischen Entwickelung dieTendenz vor- 
handen war, den Tieren etwas blofi Automatisches zuzuschreiben, und 
diese Tendenz hat man selbst da hineingelesen, wo man sie nicht hatte 
hineinlesen konnen, wenn man gewissenhaft zu Werke gegangen ware, 
namlich bei Cartesius. Die abendlandische Kulturentwickelung hat das 
Eigentiimliche, dafi sie sich herausbilden mufite aus den Elementen des 
MateriaHsmus. Und man kann sogar sagen: Der Aufgang des Christen- 
tums hat sich so vollzogen, dafi dieser bedeutungsvoUe Impuls der 
Menschheitsentwickelung zuerst in eine materiaHstische abendlandische 
Gesinnung hineinverpf lanzt worden ist. Der Materialismus der neueren 
Zeit ist nur eine Folge dessen, dafi auch das spirituellste ReUgions- 
bekenntnis, das Christentum, zunachst im Abendlande eine materia- 
Hstische Auffassung hat finden konnen, Es ist einmal - wenn wir so 
sagen diirfen - das Menschheitsschicksal der abendlandischen Volker, 
dafi sie sich emporarbeiten miissen aus materialistischen Untergriinden 
und gerade in der Oberwindung der materialistischen Ansichten und 
Tendenzen die starken Krafte werden entfalten miissen zu einem hoch- 
sten Spiritualismus. Damit, dafi dieses Schicksal, dieses Karma den 
abendlandischen Volkern geworden ist, ist auch bei ihnen jener Zug 
entstanden, die Tiere nur wie Automaten zu betrachten. Wer nicht gut 
das Wirken des geistigen Lebens durchschauen kann, wer nur sich hal- 
ten kann an das, was uns in der sinnlichen AuEenwelt umgibt, der wird 
aus den Eindriicken dieser sinnlichen Aufienwelt heraus leicht zu einer 
Auffassung iiber die Tierwelt kommen konnen, welche die Tiere mog- 
lichst niedrig stellt. Dagegen haben solche Weltanschauungen, die noch 
Elemente der alten spirituellen Weltanschauungen der Urweisheit der 
Menschheit in sich behalten haben, sich eine Art Erkenntnis bewahrt 
iiber das, was auch in der Tierwelt geistig ist; und trotz alien Mifiver- 
standnissen, trotz all dem, was sich in ihre Weltanschauungen einge- 
schlichen und deren Reinheit verdorben hat, konnten sie doch nicht 
vergessen, dafi geistige Tatigkeiten, geistige Gesetze an dem Ausleben 
und Ausgestalten des Tierischen betatigt sind. 

Wenn wir also auf der einen Seite gerade in dem Mangel geistiger 
Weltanschauungen ein Unverstandnis des Tierisch-Seelischen erblicken 
miissen, so diirfen wir uns auf der andern Seite nicht dariiber tauschen. 



dafi auch das wiederum nur ein Ausflufi einer rein materialistischen 
Weltanschauung ware, wenn wir die Karmaidee, wie sie uns dienen 
wird, menschliches Schicksal und menschliches Karma zu verstehen, 
ohne ^\^eiteres auf die tierische Welt anwenden wiirden. Das diirfen wir 
nicht. Es ist schon gestern darauf hingewiesen worden, dafi es notwen- 
dig ist, den Begriff des Karma ganz genau zu fassen. Und wir wiirden 
fehlgehen, wenn wir das, was wir gefordert haben als ein Riickschiagen 
der Wirkung auf das Wesen, von dem die Verursachung ausgegangen 
ist, wenn wir das auch in der tierischen Welt suchen wiirden; denn in 
einem umfassenderen Ma£e werden wir die karmische Gesetzmafiigkeit 
erst dadurch kennenlernen konnen, dafi wir iiber das einzelne mensch- 
liche Leben zwischen Geburt und Tod hinausgehen, den Menschen ver- 
folgen durch die Aufeinanderfolge seiner Wiederverkorperungen und 
dafi wir finden werden, daf5 jener Riickschlag einer Ursache, welche 
wir in einem Leben gelegt haben, erst in einem spateren Leben kommen 
kann, so dafS sich die karmische Gesetzmafiigkeit von Leben zu Leben 
zieht, und die Wirkungen von Ursachen eben nicht einzutreten brau- 
chen - ja, wenn wir Karma im grofien betrachten, auch ganz gewifJ 
nicht eintreten in demselben Leben zwischen Geburt und Tod. 

Nun wissen wir schon aus den aufieren geisteswissenschaftlichen Be- 
trachtungen, dafi wir beimTiere von einer solchenWiederverkorperung, 
wie sie beim Menschen stattfindet, nicht sprechen konnen. Fur jene 
menschliche Individualitat, welche sich erhalt, wenn der Mensch durch 
die Pforte des Todes schreitet, welche durchlebt ein besonderes Leben 
im Geistigen in der Zeit vomTode bis zur neuen Geburt, um dann durch 
eine neue Geburt wieder ins Dasein zu treten, fixr diese menschliche In- 
dividualitat finden wir etwas Ahnliches oder gar etwas ganz Gleiches 
in der tierischen Welt durchaus nicht. Wir konnen nicht in derselben 
Weise, wie wir den menschlichen Tod auffassen, von dem tierischen 
Tode sprechen. Denn alles, was wir beschreiben als die Schicksale der 
menschlichen Individualitat, nachdem der Mensch durch die Pforte des 
Todes geschritten ist, verhalt sich in der Tierwelt nicht in der gleichen 
Art; und wenn man glauben wiirde, dafi wir in einem tierischen Indi- 
viduum das wiederverkorperte Wesen eines schon friiher auf der Erde 
vorhanden gewesenen Tieres suchen konnten, wie wir das beim Men- 



schen tun miissen, dann wiirden wir uns durchaus einem Irrtum hin- 
geben. Heute,wo man gern alles, was sich uns in derWeit darbietet, nur 
seiner Auf^enseite nach betrachtet und nicht auf das Innere eingeht, 
konnen ja die eigentlichen grofien Gegensatze, die wichtigsten Unter- 
scheidungen zwischen Mensch und Tier gar nicht vor Augen treten. 
Aufierlich - rein materialistisch betrachtet - nimmt sich die Erschei- 
nung des Todes bei Mensch und Tier in der gleichen Art aus. Da kann 
man leicht glauben, wenn man das Leben eines Tieres betrachtet, daf^ 
man einzelne Erscheinungen dieses individuellen Lebens des Tieres ver- 
gleichen konnte mit einzelnen Erscheinungen des personlichen Lebens 
des Menschen zwischen Geburt und Tod. Aber da wiirde man ganz 
fehlgehen. Deshalb soli auf die durchgreifenden Unterschiede zwischen 
dem Tierischen und dem Menschlichen zunachst an einzelnen Beispielen 
hingedeutet werden. 

Nur derjenige kann sich namlich diesen Unterschied zwischen Tier 
und Mensch vollstandig klarlegen, der unbefangen nicht nur auf die 
sich seinem aul^eren sinnlichen Anschauen, sondern auch auf die seinem 
kombinierenden Denken sich ergebenden Tatsachen eingeht. Da finden 
wir eine Erscheinung, die auch von den Naturforschern hervorgehoben 
wird, mit der aber die Naturforscher der Gegenwart nichts Rechtes an- 
zufangen wissen, namlich die Erscheinung, dafi der Mensch eigentlich 
das Allereinfachste erst lernen mufi: den Gebrauch der einfachsten 
Werkzeuge hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte lernen miissen, 
und unsere Kinder miissen heute noch die allereinfachsten Sachen eben 
lernen, und sie miissen eine gewisse Zeit anwenden, um sie zu lernen. 
Es kostet Miihe, dem Menschen etwas beizubringen, einfache Hand- 
griffe, Verfertigung von Instrumenten und Werkzeugen und so weiter. 
Wenn wir dagegen die Tiere betrachten, miissen wir sagen: Wieviel 
besser haben es die Tiere in dieser Beziehung! - Denken wir uns, wie 
der Biber seinen komplizierten kunstvollen Bau auffiihrt. Er braucht 
es nicht zu lernen; er kann es, indem er es mitbringt als eine ihm ein- 
gepragte Gesetzmaftigkeit, wie wir uns als Menschen mitbringen die 
Moglichkeit, die «Kunst», um das siebente Jahr unsere Zahne zu wech- 
seln. Das braucht auch keiner zu lernen. So bringen sich die Tiere eine 
solche Fahigkeit mit, wie sie der Biber hat, seinen Bau aufzufiihren. 



Und wenn Sie Umschau halten im Tierreich, werden Sie f inden, dafi die 
Tiere sich ganz bestimmte Kunstfertigkeiten mitbringen, durch welche 
etwas zustande gebracht werden kann, an das menschliche Kunstf ertig- 
keit bei allem, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, noch lange 
nicht heranreicht. 

Nun kann die Frage entstehen: Wie kommt es denn eigentlich, dafi 
der Mensch, wenn er geboren wird, unfahiger ist als zum Beispiel ein 
Huhn oder ein Biber, dafi er das, was diese Wiesenheiten sich schon mit- 
bringen, erst miihevoli sich aneignen mufi? Das ist eine grofie Frage. 
Und dafi es eine grofie Frage ist, mu£ man vor alien Dingen empfinden 
lernen. Denn es kommt bei dem,was der Mensch fiir seine Weltanschau- 
ung gewinnen mufi, viel weniger darauf an, dafi man auf wichtige Tat- 
sachen hinweist, als dafi man weifi, wo wichtige Fragen zu stellen sind. 
Tatsachen konnen richtig sein, brauchen aber nicht immer wertvoll zu 
sein fiir unsere Weltanschauung. Nun wiirde es, obwohl wir noch heute 
auf die Ursachen dieser Erscheinungen geisteswissenschaftlich eingehen 
werden, doch zu weit fiihren, wenn man in alien Einzelheiten zeigen 
wiirde, warum das so ist. Aber zunachst kann doch mit ein paar Wor- 
ten darauf hingewiesen werden. 

Wenn wir geisteswissenschaftlich zuriickgehen in der menschlichen 
Entwickelung bis in urferne Vergangenheiten, so werden wir finden, 
dafi diejenigen Krafte und Elemente, welche sozusagen dem Biber oder 
einem andern Tiere zur Verfiigung stehen, um solche Kunstfertigkeiten 
mit sich auf die Welt zu bringen, dem Menschen auch zur Verfiigung 
gestanden haben. Der Mensch hat ja nicht gerade in seine Anlage in 
urfernerVergangenheit blofi die Ungeschicklichkeit aufgenommen und 
dem Tiere iiberlassen miissen die primitive Geschicklichkeit. Er hat 
diese Anlage auch empfangen, ja im Grunde genommen in einem weit 
reicheren MaiSe als die Tiere. Denn wenn auch die Tiere gewisse groi?e 
Kunstfertigkeiten mit auf die Welt bringen, so sind diese doch im Leben 
einseitig. Der Mensch kann im Grunde genommen gar nichts, wenn er 
ins Leben tritt, er mufS alles erst lernen, was sich auf die auftere Welt 
bezieht. Das ist etwas radikal ausgedriickt, aber wir werden uns ver- 
stehen. Wenn der Mensch aber dann lernt, zeigt sich bald, dafi er viel- 
seitiger, dafi seine Entwickelung eine reichere werden kann in bezug 



auf die Auspragung gewisser Kunstfertigkeiten und dergleichen, als das 
beim Tiere der Fall ist. Also der Mensch hat reiche Anlagen urspriing- 
lich mitbekommen - und dennoch hat er sie heute nicht. Nun tritt die 
eigentiimliche Erscheinung zutage, dafi urspriinglich Mensch und Tier 
in gleicher Weise ausgestattet waren. Und wenn wir zuriickgehen wur- 
den bis zur alten Saturnentwickelung, so wiirden wir finden, dafi eine 
Unterscheidung der menschlichen und tierischen Entwickelung noch 
gar nicht stattgefunden hatte. Da waren beide vollstandig gleich ver- 
anlagt. - Was ist nun in der Zwischenzeit geschehen, dafi das Tier alle 
moglichen Geschicklichkeiten mit insDasein tragt,wahrend der Mensch 
ein so ungeschickter Genosse des Weltendaseins ist? Wie hat sich der 
Mensch eigentlich benommen in der Zwischenzeit, daiS er jetzt plotz- 
lich alles das nicht hat, was er mitbekommen hatte? Hat er das im Laufe 
der Entwickelung sinnlos verschwendet, wahrend es sich die Tiere als 
sparsame Haushalter bewahrt haben? Diese Frage kann aus dem wirk- 
lichen Tatbestand heraus aufgeworfen werden. 

Der Mensch hat diese Anlagen, die heute das Tier in aufJerer Ge- 
schicklichkeit auslebt, nicht verschwendet; er hat sie auch verwendet, 
aber zu etwas anderem als die Tiere. Die Tiere pragen sie in aufieren 
Geschicklichkeiten aus; Biber und Wespe bauen ihr Nest. Der Mensch 
hat dieselben Krafte, welche die Tiere in dieser Art ausleben, in sich 
selber hineingetan und verwendet. Und er hat dadurch zustande ge- 
bracht, was wir seine hohere menschliche Organisation nennen. Dafi 
der Mensch heute seinen Gang aufrecht hat, dafi er das vollkommenere 
Gehirn, iiberhaupt eine vollkommenere innere Organisation hat, das 
bedurfte auch gewisser Krafte; und das sind dieselben Krafte, mit denen 
sich der Biber seinen Biberbau errichtet. Der Biber baut sich sein Nest. 
Der Mensch hat die Krafte auf sich verwendet, zu seinem Gehirn, zu 
seinem Nervensystem und so weiter. Daher hat der Mensch zunachst 
nichts iibrig behalten, um in derselben Weise nach aufien zu arbeiten. 
Also, daft wir heute unter den Tieren schreiten mit einem voUkomme- 
neren Bau, das riihrt davon her, daft wir alles, was der Biber drauften 
verarbeitet, einmal im Laufe der Entwickelung auf unseren inneren Bau 
verwendet haben, Wir haben drinnen unseren Biberbau und konnen da- 
her nach auften diese Krafte nicht mehr in derselben Weise entfalten. - 



Da sehen wir, wenn wir an einer einheitlichen Weltauffassung fest- 
halten, wohin die verschiedenen Anlagen, die in den Wesen vorhanden 
sind, kommen und wie sie uns heute entgegentreten. Indem der Mensch 
in seiner Weise diese Krafte verwendet hat, wurde fiir ihn in seiner 
Erdentwickelung eine ganz besondere Einrichtung notwendig, die wir 
zum Teil schon kennen. 

Warum mufiten beim Menschen die Krafte, von denen jetzt eben 
gesprochen worden ist und die uns bei den verschiedenen Arten und 
Gattungen des Tierreiches in aufieren Verrichtungen entgegentreten, 
auf das Innereder menschlichen Organisation verwendet werden? Weil 
der Mensch nur dadurch, dafi er sich die innere Organisation verschaf- 
f en konnte, der Trager dessen werden konnte, was heute das Ich ist, was 
von Inkarnation zu Inkarnation schreitet. Eine andere Organisation 
hatte kein solcher Ich-Trager werden konnen; denn es hangt durchaus 
von dem aufieren Gehause ab, ob eine Ich-Individualitat sich im Erden- 
dasein betatigen kann oder nicht. Sie konnte es nicht, wenn die aufiere 
Organisation nicht der Ich-Individualitat angemessen ware. Alles lief 
also darauf hinaus, die aulSere Organisation dieser Ich-Individualitat 
angemessen zu machen. Dazu mufite eine besondere Einrichtung ge- 
schaffen werden, und die kennen wir schon ihrer wesentlichen Seite 
nach. 

Wir wissen, dal5 unserer Erdentwickelung vorangegangen ist die 
Mondentwickelung, dieser wieder die Sonnenentwickelung und dieser 
eine Saturnentwickelung. Als die alte Mondentwickelung zu Ende war, 
war der Mensch auf einer Stufe in bezug auf sein aufieres Dasein, die 
man als Tier-Menschlichkeit bezeichnen kann. Aber damals war diese 
aufiere menschliche Organisation noch nicht so weit, dafi sie der Trager 
einer Ich-Individualitat hatte werden konnen. Erst die Erdentwicke- 
lung des Menschen hatte die Aufgabe, dieser Organisation das Ich ein- 
zuverleiben. Das konnte aber nur dadurch geschehen, dafi die Vorgange 
unserer Erdentwickelung in einer ganz eigenartigen Weise eingerichtet 
wurden. - Als die alte Mondentwickelung zu Ende gegangen war, loste 
sich alles sozusagen in ein Chaos auf. Daraus ging nach einer entspre- 
chenden Zeit kosmischer Dammerung wieder hervor der neue Kosmos 
unserer Erdentwickelung. In diesem Kosmos der Erdentwickelung war 



damals alles enthalten, v.^as heute als unser Sonnensystem mit uns und 
der Erde verbunden ist. Aus diesem Zusammenhang, aus dieser kos- 
mischen Einheit haben sich dann erst abgespalten alle andern Welt- 
korper von unserer eigentlichen Erde. Wir brauchen nicht einzugehen 
auf die Art und Weise, wie sich die andern Planeten, Jupiter, Mars und 
so weiter, abgespalten haben. Wir miissen nur darauf hinweisen, dafi in 
einem bestimmten Zeitpunkt der Erdentwickelung sich unsere Erde und 
unsere Sonne getrennt haben. Als dann schon die Sonne abgetrennt 
war und ihre Wirkungen von aufien auf die Erde hereinsandte, war 
unsere Erde noch mit dem heutigen Monde verbunden, so dafi die Sub- 
stanzen und geistigen Krafte, die heute an den Mond gekettet sind, 
damals noch mit unserer Erde verbunden waren. 

Es ist ofter schon die Frage beriihrt worden, was geschehen ware, 
wenn sich die Sonne nicht abgespalten hatte von der Erde und nicht 
ubergegangen ware zu jenem Zustande, in dem sie wie heute von aufien 
auf die Erde wirkt. Indem zunachst die Erde noch mit der Sonne ver- 
bunden war, waren bei den ganz anders gearteten Verhaltnissen noch 
das ganze kosmische System und auch die Vorfahren der menschlichen 
Organisation miteinander vereinigt. Es ist natiirlich ein Unding, die 
heutigen Verhaltnisse anzuschauen und dann zu sagen : Was ist das fiir 
ein Unsinn von den Theosophen; da hatten ja alle die organisierten 
Wesen verbrennen miissen! - Diese Wesen waren eben so, dafi sie unter 
den damaligen Verhaltnissen in dieser ganz anders gearteten kosmischen 
Einheit bestehen konnten. - Wenn nun die Sonne in Verbindung mit 
der Erde geblieben ware, dann waren ganz andere,viel heftigere Krafte 
mit der Erde verbunden geblieben, und die Folge ware gewesen, dafi die 
ganze Entwickelung der Erde mit einer solchen Heftigkeit und Schnel- 
ligkeit fortgeschritten ware, daft es gar nicht moglich gewesen ware, 
dafi die menschliche Organisation sich hatte so ausleben konnen,wie sie 
sich ausleben mufite. Daher war es notwendig, dafi der Erde ein lang- 
sameres Tempo und dichtere Krafte zur Verfiigung gestellt wurden. 
Das konnte nur dadurch geschehen, dafi die stiirmischen, vehementen 
Krafte sich herauszogen aus der Erde. So wirkten die Krafte der Sonne 
vor alien Dingen dadurch schwacher, dafi sie jetzt von aufien durch die 
Entfernung auf die Erde wirkten. Dadurch aber war nun etwas anderes 



eingetreten. Es war jetzt die Erde in einem Zustande, dafi die Menschen 
wiederum nicht hatten in der richtigenWeise vorwartskommen konnen. 
Die Verhaltnisse waren jetzt zu dicht, zu sehr verholzend und ver- 
dorrend fUr alles Leben. Der Mensch hatte wieder nicht zu seiner Ent- 
wickelung kommen konnen, wenn es so geblieben ware. Abgeholfen 
wurde dem durch eine besondere Einrichtung, indem namlich einige 
Zeit nach dem Sonnenaustritt der heutige Mond die Erde verlassen hat 
und die verlangsamenden Krafte, die das Leben hatten zu einem lang- 
samen Tode kommen lassen, mit sich fortgenommen hat. So blieb die 
Erde zwischen Sonne und Mond zuriick, gerade das richtige Tempo 
wahlend fiir die menschUche Organisation, um ein Ich als einen Trager 
der Individualitat, die von Inkarnation zu Inkarnation geht, wirklich 
aufzunehmen. Die menschliche Organisation, wie sie heute ist, war 
unter gar keinen andern Umstanden aus dem Kosmos heraus herzu- 
stellen als durch diesen Vorgang zunachst der Sonnen- und dann der 
Mondentrennung. 

Es konnte vielleicht jemand sagen: Wenn ich der Herrgott gewesen 
ware, so hatte ich es anders gemacht; ich hatte gleich eine solche 
Mischung hergestellt, dafi die menschliche Organisation in einer sol- 
chenWeise hatte fortschreiten konnen, wie sie hat fortschreiten miissen. 
Warum nun war es notig, daf^ zuerst die Sonne heraustreten mufSte und 
dafS dann noch einmal ein Mondaustritt notwendig wurde? 

Wer so denkt, denkt viel zu abstrakt. Er denkt nicht daran, dafi, 
wenn in der Weltordnung eine innerliche Mannigfaltigkeit herbei- 
gefiihrt werden soil, wie es die menschliche Organisation ist, fiir jeden 
einzelnen Teil eine besondere Einrichtung notwendig ist und dafS man 
das nicht in die Wirklichkeit umsetzen kann, was sich der menschliche 
Gedanke spintisierend ausdenkt. In abstracto kann man alles denken; 
aber in der wirklichen Geisteswissenschaft mu£ man lernen, konkret 
zu denken, so dafi man sich sagt: Die menschliche Organisation ist ja 
keine einfache. Sie besteht aus einem physischen Leib, einem Atherleib 
und einem astralischen Leib. Diese drei Glieder mufiten erst in ein be- 
stimmtes Gleichgewicht gebracht werden, so dafi die einzelnen Telle in 
einem richtigen Verhaltnisse zueinander stehen. Das konnte nur durch 
diesen dreifachen Vorgang stattfinden: Zuerst die Bildung des einheit- 



lichen Kosmos, der ganzen kosmischen Einheit Erde, Sonne und Mond 
zusammen. Dann mufite vollzogen werden fiir sich dasjenige, was im 
menschlichen Atherleib verlangsamend wirken konnte, well er sonst zu 
stiirmisch alle Entwickelung verzehrt hatte - und das geschah, indem 
die Sonne hinausgefiihrt worden ist. Und dann wieder mufite, weil der 
astralische Leib sonst die menschliche Organisation zu einem Ersterben 
gebracht hatte, der Mond hinausgefiihrt werden. Weil der Mensch in 
seiner Organisation drei Glieder hat, mufiten auch diese drei Vorgange 
stattfinden. 

So sehen wir, dafi der Mensch sein Dasein, seine gegenwartigen Ei- 
genschaften einer kompUzierten Einrichtung im Kosmos verdankt. Wir 
wissen aber auch, dafi die Entwickelung aller Naturreiche keineswegs 
gleichen Schritt halten kann mit der allgemeinen Entwickelung. Wir 
wissen aus den allgemeinen Betrachtungen der letzten Jahre, dafi immer 
auf den einzelnen planetarischen Verkorperungen unserer Erde gewisse 
Wesenheiten zuriickblieben hinter der allgemeinen Entwickelung, wel- 
che dann, wenn die Entwickelung vorwartsschritt, in Zustanden lebten, 
die der Entwickelung nicht voUstandig entsprachen. Wir wissen aber 
auch, dafi alle Entwickelung im Grunde durch solches Zuriickbleiben 
erst richtig in Flufi gebracht werden konnte. Wissen wir doch, dafi ge- 
wisse Wesenwahrend deraltenMondentwickelung zuriickgeblieben sind 
als die «luziferischen Wesenheiten», dal5 durch sie manches Schlimme 
verschuldet worden ist, dafi wir ihnen aber auch das verdanken, was 
uns erst das Menschsein moglich macht, namlich die Moglichkeit der 
Freiheit, der freien Entfaltung unseres Innenwesens. Ja, wir konnen 
sagen: In gewisser Beziehung war das Zuriickbleiben der luziferischen 
Wesenheiten ein Opfer. Sie sind zuriickgeblieben, damit sie wahrend 
des Erdendaseins ganz besondere Tatigkeiten ausiiben konnten, nam- 
lich demMenschen die Leidenschaften verleihen, die mit seiner mensch- 
lichen Wiirde und Selbstbestimmung zusammengehoren. - Wir miissen 
uns eben angewohnen, ganz andere Begriffe zu gebrauchen, als sie sonst 
iiblich sind, denn aus den gewohnlichen Begriffen heraus konnte man 
vielleicht sagen, es hatten die luziferischen Geister gehorig «nachsitzen» 
miissen, und man wird ihnen ihre Nachlassigkeit nicht verzeihen. Aber 
es hat sich nicht um eine Nachlassigkeit der luziferischen Wesen ge- 



handelt. Ihr Zuriickbleiben ist in gewisser Beziehung ein Opfer ge- 
wesen, um durch das, was sie sich durch dieses Opfer angeeignet haben, 
auf unsere Erdenmenschheit wirken zu konnen. 

Schon aus den gestrigen Andeutungen wissen Sie, dafi nicht nur 
Wesenheiten, sondern auch Substanzen zuriickgeblieben sind und sich 
Gesetze bewahrt haben, die in friiheren planetarischen Zustanden die 
richtigen waren und die sie dann hineingetragen haben in die spatere 
Entwickelung. So durchkreuzen sich Entwickelungsphasen von alter 
Zeit mit Entwickelungsphasen von neuer Zeit, sie gehen durcheinander. 
DadurchwirddieMannigfaltigkeitdesLebens eigentlich erst moglich.- 
So stellen sich uns die verschiedensten Grade dar in der Entwickelung 
der Wesenheiten. Nicht moglich gewesen ware es, dafi neben dem Men- 
schenreich sich iiberhaupt ein Tierreich entwickelt hatte, wenn nicht 
nach der Saturnperiode gewisse Wesen zuriickgeblieben waren, um - 
wahrend sich auf der Sonne die Menschen schon zu einer hoheren Stufe 
entwickelt batten - ein zweites Reich zu bilden und als erste Vorlaufer 
unseres heutigen Tierreiches hervorzukommen. Fur die Grundlage spa- 
terer Bildungen ist dieses Zuriickbleiben durchaus notwendig. 

Wenn nun die Frage aufgeworfen wird: Warum miissen Wesenheiten 
und Substanzen zuriickbleiben? - so mochte ich das durch einen Ver- 
gleich klarmachen. Die Entwickelung des Menschen sollte vorwarts- 
schreiten von Stufe zu Stufe. Das konnte sie nur dadurch, dafi der 
Mensch sich immer mehr und mehr verfeinerte. Hatte er immer mit 
denselben Kraften gewirkt, mit denen er wahrend der Saturnphase 
wirkte, so ware er nicht vorwartsgekommen. Er ware stehengeblieben. 
Deshalb mufite er seine Krafte verfeinern. ~ Nun nehmen wir, um 
ein Bild zu haben, einmal ein Glas Wasser an, in welchem irgendein 
Stoff aufgelost ist. Da wird alles von oben bis unten in diesem Glas 
gleiche Farbung zeigen, gleiche Dichtigkeit und so weiter, es wird alles 
gleich sein. Nehmen wir nun an, es setzen sich die groberen Stoffe zu 
Boden, dann bleiben das reinere Wasser und die feineren Substanzen 
oben. Das Wasser konnte sich also nur dadurch verfeinern, dafi es das 
Grobere ausgeschieden hat. - So etwas war auch notig, nachdem die 
Saturnentwickelung abgelaufen war, es mufSte ein solcher Bodensatz 
entstehen, es mufite die ganze Menschheit etwas ausscheiden und sich 



die feineren Teile zuriickbehalten. Was ausgeschieden worden war, das 
wurden dann dieTiere. Durch das Ausscheiden konnten sich die andern 
verfeinern und um einen Schritt hoher kommen. Und auf jeder solchen 
Stufe muf^ten Wesenheiten ausgeschieden werden, damit der Mensch 
immer hoher und hoher kommen konnte. 

Wir haben also eine Menschheit, die nur dadurch mogUch geworden 
ist, dafi der Mensch sich befreit hat von denjenigen Wesenheiten, die 
um uns herum in den untergeordneten Reichen leben. Wir haben diese 
Wesenheiten mit alien ihren Kraften einmal in dem Strom der Ent- 
wickelung darinnen gehabt, sie waren damit verbunden wie in dem 
Wasser die dichteren Bestandteile. Wir haben sie zu Boden sinken lassen 
und haben uns daraus emporgehoben. Dadurch ist unsere Entwickelung 
moglich geworden. Wir sehen also hinunter auf die drei neben uns leben- 
den Naturreiche und sagen: In alledem sehen wir etwas, was unser 
Boden hat werden miissen, damit wir uns haben entwickeln konnen. 
Diese Wesenheiten sind hinuntergesunken, damit wir haben empor- 
steigen konnen. So blicken wir in der richtigen Art auf die untergeord- 
neten Naturreiche. 

Wenn wir nun die Erdentwickelung betrachten, wird sich uns dieser 
Vorgang noch anschaulicher in seinen Einzelheiten darstellen konnen. 
Wir miissen uns klar sein, dafi alle Tatsachen innerhalb unserer Erd- 
entwickelung doch gewisse Verhaltnisse und Zusammenhange haben. 
Nun haben wir gesehen, dafi die Abtrennung der Sonne und des Mondes 
von der Erde eigentlich geschehen ist, damit die menschliche Organi- 
sation wahrend der Erdentwickelung hat zu derjenigen Hohe kommen 
konnen, um eine Individualitat zu werden; das gehorte dazu, um die 
menschliche Organisation gleichsam zu reinigen. Aber dadurch, dafi 
diese Abtrennungen im Weltenall um des Menschen willen geschahen, 
ist durch solche eingreifende Veranderung in unserem ganzen Sonnen- 
system doch auch ein Einflufi auf alle drei andern Naturreiche aus- 
geiibt worden, vor allem auf das Tierreich, das uns zunachst steht. Und 
wenn wir diesen Einflufi verstehen wollen, der auf das Tierreich durch 
die Vorgange der Sonnen- und Mondabspaltung geschah, dann be- 
kommen wir aus der Geistesforschung folgenden Aufschlufi. 

Der Mensch war auf einer gewissen Stufe seiner Entwickelung, als 



sich die Sonne abgespalten hatte. Hatte er nun diese Stufe beibehalten 
miissen, die er wahrend der Zeit hatte, als der Mond noch mit der Erde 
verbunden war, so hatte der Mensch seine gegenwartige Organisation 
nicht erlangen konnen, er hatte einer gewissen Verodung und Ver- 
dorrung entgegengehen miissen. DieMondenkrafte mufiten erst heraus- 
gehen. Dafi diese menschliche Organisation mogHch geworden ist, ist 
aber nur dem Umstande zu verdanken, dafi der Mensch wahrend der 
Zeit, als der Mond noch in der Erde war, sich eine Organisation be- 
wahrt hatte, welche noch erweicht werden konnte; denn es ware mog- 
lich gewesen, dafi seine Organisation bereits so hart gewesen ware, dafi 
das Hinausgehen des Mondes nichts mehr genutzt hatte. Auf dieser 
Stufe, daft die Organisation noch erweicht werden konnte, standen 
tatsachlich nur die Menschenvorfahren. - Der Mond muiRte also zu 
einer bestimmten Zeit hinausgehen. Was geschah nun bis zu dem Zeit- 
punkt, wo der Mond heraustrat? 

Die menschliche Organisation wurde immer grober und grober. Der 
Mensch hat zwar nicht ausgesehen wie Holz. Das ware eine zu grobe 
Vorstellung. Es war die damalige Organisation trotz ihrer Grobheit 
immer noch feiner, als es die jetzige Organisation ist. Aber fiir die 
damalige Zeit war die Organisation des Menschen so grob, dafi der gei- 
stigere Teil des Menschen, der auch dazumal in einer gewissen Weise 
abwechselnd mit dem physischen Leib zusammen und ohne ihn gelebt 
hat, in der Zeit zwischen Sonnen- und Mondaustritt endlich dahin ge- 
kommen war, dafi er, wenn er wieder hat seinen physischen Leib auf- 
suchen wollen, diesen Leib durch die Vorgange der Erde so dicht ge- 
funden hat, dafi er keine Moglichkeit mehr hatte, in ihn hineinzuziehen 
und ihn als Gehause zu benutzen. Daher geschah es auch, daft der 
geistig-seelische Teil vieler Menschenvorfahren von der Erde iiberhaupt 
Abschied nahm und fiir eine gewisse Zeit das Fortkommen suchte auf 
andern, zu unserem Sonnensystem gehorigen Planeten. Nur ein ganz 
geringer Teil der physischen Leiber war weiter brauchbar und rettete 
sich iiber diese Zeit hiniiber. Das habe ich auch schon ofter dargestellt, 
dafi die weitaus grofite Zahl der Menschenseelen in den Himmelsraum 
hinauszogen, dafi aber die fortlaufende Entwickelungsstromung festge- 
halten wurde von einem kleinen Teil, namlich von denjenigen mensch- 



lichen Seelen, die am robustesten waren und das alles ertragen und 
iiberwinden konnten, Diese robusten Seelen retteten die Entwickelung 
iiber die kritische Periode hiniiber. 

Wahrend dieses ganzen Vorganges handelte es sich noch nicht eigent- 
lich um das, was wir menschliche Ichheit, menschliche Individualitat 
nennen. Es war noch mehr derCharakter der Gattungsseele vorhanden. 
Die Seelen gingen, wenn sie sich zuriickzogen, auf in die Gattungs- 
Seelenhaftigkeit. 

Dann kam der Mondaustritt, und damit war wieder die Moglichkeit 
gegeben, da£ die menschliche Organisation verfeinert wurde, so dafi 
sie die Seelen, welche sich friiher hinweggefliichtet hatten, wieder auf- 
nehmen konnte. Und diese Seelen kamen nach und nach - bis in die 
atlantische Zeit hinein - wieder herunter und bezogen die mensch- 
lichen Leiber. Aber es waren immerhin gewisse Organisationen zuriick- 
geblieben, die sich wahrend der kritischen Zeit herausgebildet hatten. 
Fortgepf lanzt hatten sie sich wahrend dieser Zeit, nur konnten sie nicht 
Trager werden der menschlichen Seelenhaftigkeit. Es waren eben grobe 
Organisationen. Es hatten sich also dazumal neben jenen Organisa- 
tionen, die sich spater verfeinern konnten, solche erhalten aus der kri- 
tischen Erdenperiode. Diese wurden nun die Vorlaufer einer grdberen 
Organisation, und dadurch kam es, dafi neben jenen Organisationen, 
welche Trager von menschlichen Individualitaten werden konnten, 
auch solche Organisationen sich fortpflanzten, die nicht Trager mensch- 
licher Individualitaten werden konnten und die die Nachkommen 
waren der von menschlichen Seelen verlassenen Organismen aus jener 
Zeit, als die Sonne schon fort und der Mond noch mit der Erde ver- 
bunden war. 

Also sehen wir neben dem Menschen sich formlich herausbilden ein 
Reich von Organismen, die dutch das Beibehalten des Mondcharakters 
unfahig geworden waren, Trager menschlicher Individualitaten zu sein. 
Diese Organisationen sind im wesentlichen die, welche die Organisa- 
tionen unserer heutigen Tiere wurden. Es konnte sonderbar erscheinen, 
dafi diese groberen Organisationen der heutigen Tiere nun doch wieder 
gewisse Fahigkeiten haben, welche sogar weisheitsvoll wirken konnen 
in der Welt, wie zum Beispiel in dem Biberbau. Das aber kann uns 



erklarlich werden, wenn wir uns eben die Dinge nicht gar zu einfach 
vorstelien, sondern uns klar sind, dafi gerade die Organisationen dieser 
Wesenheiten, welche nicht von menschlichen Seelen bezogen worden 
sind, die aufieren Einrichtungen des tierischen Baues, eines gewissen 
Nervenbaues und dergleichen ausgebildet batten, die es moglich mach- 
ten, sich mit den Gesetzen des Erdendaseins ganz in Einklang zu ver- 
setzen. Denn jene Wesenheiten, die nicht fahig geblieben waren, mensch- 
liche Seelen aufzunehmen, waren wahrend der ganzen Zeit mit der 
Erde verbunden geblieben. Die andern Organisationen, die sich spater 
verfeinert haben, so dafi sie menschliche Individualitaten aufnehmen 
konnten, waren zwar auch zusammen mit der Erde; aber weil sie spater 
Veranderungen eingehen mufiten, als der Mond draufien war, haben sie 
gerade, was sie sich bis dahin angeeignet hatten, dadurch verloren, dafi 
sie sich verfeinerten, dafi sie diese Veranderungen eingehen mufiten. 

Also merken wir: Als sich der Mond getrennt hatte von der Erde, 
waren auf der Erde gewisse Organisationen, die sich einfach fort- 
gepflanzt hatten in der geraden Linie, wie sie hatten entstehen miissen, 
solange der Mond mit der Erde friiher verbunden war. Diese Organi- 
sationen waren grob geblieben, hatten sich die Gesetze, die sie hatten, 
bewahrt und waren in sich so fest geworden, dafi, als der Mond heraus- 
gegangen war, mit ihnen keine Veranderung moglich war. Sie pflanzten 
sich einfach steif fort. Die andern Organisationen, die Trager von 
menschlichen Individualitaten wurden, mufiten sich verandern, konn- 
ten sich nicht steif fortpflanzen. Sie veranderten sich so, dafi jetzt hin- 
einwirken konnten die Wesenheiten, die in der Zwischenzeit gar nicht 
mit der Erde verbunden waren, die ganz woanders waren und sich erst 
wieder zusammenfiigen mufiten mit der Erde. - Da haben Sie den 
Unterschied zwischen jenen Wesenheiten, die den alten steifen Mond- 
charakter fortbewahrt hatten, und jenen, die sich verandert hatten. 
Worin bestand nun die Veranderung? 

Als die Seelen, die von der Erde f ortgegangen waren, wieder zuriick- 
kamen und wieder Besitz ergriffen von den Leibern, fingen sie an, das 
Nervensystem, das Gehirn und so weiter umzubauen. Was sie als Krafte 
hatten, das verwendeten sie gleichsam zum inneren Ausbau. An den 
andern Wesenheiten, die sich versteift hatten, konnte nichts mehr ge- 



andert werden. Von diesen letzteren Organisationen nahmen jetzt 
andere Wesenheiten Besitz, die sich noch nicht darauf einliefien, in die 
Organisation einzugreifen, die noch auf ihren friiheren Stufen stehen- 
geblieben waren, die iiberhaupt nicht so weit kommen, daft sie in die 
inneren Organisationen hineinwirken, sondern die von auften wirken 
wie die tierischen Gattungsseelen. So erhielten diejenigen Organisatio- 
nen, welche dazu geeignet waren, nach dem Mondaustritt die mensch- 
liche Seele; und diese Wesenheiten bearbeiteten dann die Organisation 
so, dafi sie zu dem volikommenen Menschenbau fiihrte. Die wahrend 
der Mondenzeit steif gebliebenen Organisationen konnten nicht mehr 
geandert werden. Von denen ergreifen jetzt Besitz jene Seelen,die iiber- 
haupt noch nicht so weit waren, in eine Individuahtat einzuziehen, die 
auf der Mondenstufe stehengeblieben waren, die alles ausgebildet hat- 
ten, was auf der Mondenstufe zu erreichen war, und die daher jetzt als 
Gattungsseelen von diesen Organisationen Besitz ergriffen. 

So erklart sich uns der Unterschied zwischen Mensch und Tier aus 
den kosmischen Vorgangen heraus. Gerade durch die kosmischen Vor- 
gange bei der Erdentwickelung ergeben sich uns zweierlei Organisa- 
tionen. Hatten wir bei dem Bau der unmittelbar unter dem Menschen 
stehenden Wesenheiten stehenbleiben miissen, so miifiten wir jetzt mit 
unserem Ich die Erde umschweben, weil die Organisationen zu steif 
geworden sind. Wir konnten nicht herunter, und obwohl wir voU- 
kommenere Wesen geworden sind, miilSten wir da sein, wo die Organi- 
sationen der Gattungsseelen der Tiere sind. Da aber unsere Organisa- 
tionen sich verfeinern konnten, so konnten wir in sie einziehen und sie 
als unsere Wohnplatze benutzen, das heifit, wir konnten in fleischliche 
Verkorperungen bis zur Erde hinuntersteigen. Die Gattungsseelen hat- 
ten kein Bediirfnis danach. Sie wirken von der geistigen Welt in die 
Wesen hinein. 

Wir sehen also in dem Tierreich, das uns umgibt, etwas, was wir 
heute auch waren, wenn wir eben nicht unsere Organisation der ge- 
schilderten Einrichtung verdankten. Fragen wir uns jetzt: Wodurch 
sind denn die unter uns stehenden Tiere mit ihren versteiften Organi- 
sationen auf die Erde gekommen? - Durch uns selber sind sie herunter- 
gekommen! Sie sind die Nachkommen jener Korper, die wir nach dem 



Mondaustritt nicht mehr beziehen wollten, weil sie zu grob geworden 
waren. Wir haben diese Korper zuriickgelassen, um spater andere zu 
finden. Wir hatten spater andere nicht finden konnen,wenn wir damals 
jene ersten nicht verlassen hatten. Denn wir mufiten nach dem Heraus- 
treten der Sonne auf der Erde unser Fortkommen suchen. - Da haben 
wir gerade den Vorgang, dafi wir sozusagen unter uns zuriickliefien 
gewisse Wesenheiten, damit wir selber die Moglichkeit finden konnten, 
hoher hinaufzukommen. Um hoher zu kommen, mufiten wir zu andern 
Planeten gehen und die Leiber da unten verkommen lassen. Was unten 
zuriickgeblieben ist, dem verdanken wir in gewisser Beziehung das, was 
wir sind. Ja, wir konnen dieses «Verdanken» noch viel genauer schil- 
dern. Wir konnen uns fragen: Wie ist es denn iiberhaupt moglich ge- 
worden, dafi wir wahrend der kritischen Periode die Erde verlassen 
konnten? So ohne weiteres geht das ja nicht, dafS ein Wesen hingehen 
kann, wo es will. 

Da trat wahrend der Erdentwickelung zum ersten Male dasjenige 
ein, was wir wiederum den luziferischen Geistern verdanken. Die luzi- 
ferischen Wesenheiten waren unsere Fiihrer, die uns in der kritischen 
Periode von der Erdentwickelung hinweggenommen haben. Sie haben 
uns gleichsam gesagt: Da unten kommt jetzt eine kritische Zeit; da 
miifit ihr die Erde verlassen! - Die luziferischen Geister waren es, unter 
deren Fiihrung wir die Erde verlassen haben, dieselben luziferischen 
Geister, die in unseren damaligen astralischen Leib das luziferische 
Prinzip, den Hang zu allem, was wir die Moglichkeit des Bosen in uns 
nennen, hineinbrachten, damit zugleich aber allerdings auch die Mog- 
lichkeit der Freiheit. Hatten sie uns damals nicht fortgenommen von 
der Erde, so waren wir immer gekettet geblieben an die Gestalt, die wir 
damals geschaffen hatten, und wir konnten jetzt die Gestalt hochstens 
von oben umschweben, wiirden sie aber niemals beziehen konnen. So 
nahmen sie uns fort und verbanden ihr eigenes Wesen mit unserem Wesen. 

Wenn wir das ins Auge fassen, wird es uns jetzt verstandlich, dafi 
wir, wahrend wir fortgingen, die luziferischen Einfliisse aufnahmen. 
Die Organisationen, welche dieses Schicksal nicht teilten, damals in 
ganz besondere Weltgebiete gefiihrt zu werden, die mit der Erde ver- 
bunden blieben, die blieben unten ohne den luziferischen EinflulS. Sie 



muf^ten mit uns die Erdenschicksale teilen - konnten aber nicht mit uns 
unser Himmelsschicksal teilen. Und als wir auf die Erde zuriickkamen, 
hatten wir den luziferischen Einschlag in uns, nicht aber jene andern 
Wesen, und dadurch wurde es uns moglich, das Leben in einem phy- 
sischen Korper und doch ein von dem physischen Korper unabhangiges 
Leben zu fiihren, so dafi wir auch immer mehr und mehr unabhangig 
von dem physischen Korper werden konnten. Diese andern Wesen aber, 
die den luziferischen Einschlag nicht in sich hatten, stellten dar, was 
wir aus ihnen gemacht hatten, was unsere astralischen Leiber waren in 
der Zwischenzeit zwischeh Sonnen- und Mondaustritt, also dasjenige, 
von dem wir uns befreiten. Wir schauen auf die Tiere und sagen: Alles, 
was die Tiere darstellen an Grausamkeit, an Gefrafiigkeit, an alien 
tierischen Untugenden, neben der Geschicklichkeit, die sie haben, das 
hatten wir in uns, wenn wir sie nicht hatten aus uns heraussetzen kon- 
nen! - Wir verdanken die Befreiung unseres astralischen Leibes dem 
Umstande, dafi alle groberen astralischen Eigenschaften zuriickgeblie- 
ben sind im Tierreich der Erde. Und wir konnen sagen: Wohl uns, dafi 
wir das nicht mehr in uns haben: die Grausamkeit des Lowen, die List 
des Fuchses, da£ es aus uns herausgezogen ist und aufier uns ein selb- 
standiges Dasein fiihrt! 

So haben die Tiere das mit uns gemeinschaftlich, was unser astra- 
lischerLeib ist, und haben dadurch die Moglichkeit, Schmerzen empfin- 
den zu konnen. Aber sie haben gerade durch das, was jetzt gesagt wor- 
den ist, nicht die Moglichkeit erlangen konnen, durch den Schmerz und 
durch die Uberwindung des Schmerzes immer hoher und hoher zu 
steigen. Denn sie haben keine Individualitat. Dadurch sind die Tiere 
viel, viel iibler daran als wir. Wir miissen die Schmerzen ertragen; aber 
jeder Schmerz ist fiir uns ein Mittel zur VervoUkommnung; indem wir 
ihn iiberwinden, steigen wir hoher durch den Schmerz. Die Tiere haben 
wir zuriickgelassen als etwas, was zwar die Schmerzfahigkeit schon 
hatte, aber noch nicht das, was sie iiber den Schmerz erheben konnte, 
wodurch sie den Schmerz iiberwinden. Das ist das Schicksal der Tiere. 
Sie zeigen uns unsere eigene Organisation auf der Stufe,da wir schmerz- 
fahig waren, aber noch nicht durch Oberwindung den Schmerz ins 
Heilsame fiir die Menschheit umwandeln konnten. So haben wir den 



Tieren im Laufe der Erdentwickelung unser schlimmeres Teil gegeben, 
und sie stehen um uns herum als Wahrzeichen dessen, dafi wir zu un- 
serer Vervollkommnung kamen. Wir hatten den Bodensatz mcht los- 
bekommen, hatten wir nicht die Tiere zuriickgelassen. 

Solche Tatsachen miissen wir nicht als Theorien betrachten lernen, 
sondern mit kosmischem WeltengefiihJ. Wir miissen hinblicken auf die 
Tiere mit dem Gefiihl: Da draufien seid ihr, Tiere. Wenn ihr leidet, 
leidet ihr etwas, was uns Menschen zugute kommt.Wir Menschen haben 
die Moglichkeit, das Leiden zu iiberwinden; ihr miifit das Leiden er- 
dulden. Wir aber haben euch das Leiden gelassen - und uns die Uber- 
windung genommen! 

Wenn man dieses kosmische Gefiihl aus derTheorie entwickelt, wird 
es zu dem umfassenden Mitgefiihl mit der Tierwelt. Wo daher das kos- 
mische Gefiihl aus der Urweisheit der Menschheit entsprofi, wo die 
Menschen sich noch bewahrt hatten eine Erinnerung an das Urwissen, 
das jedem aus dem dammerhaften Hellsehen sagte, wie die Dinge einst 
lagen, da hatte man sich damit auch das Mitgefiihl fiir die Tierwelt 
bewahrtj und da tritt das Mitgefiihl fiir die Tiere in einem hohen Mafie 
hervor. - Dieses Mitgefiihl wird wiederkommen, wenn die Menschen 
sich angewohnen werden, spirituelle Weisheit aufzunehmen, wenn die 
Menschen wiederum einsehen werden, wie das Menschheitskarma mit 
dem Weltenkarma verbunden ist. In den Zeiten, welche sozusagen 
Zeiten der Verdunkelung waren, in denen das materialistische Denken 
Platz griff, hat man von diesen Zusammenhangen keine rechte Ahnung 
haben konnen. Da blickte man nur auf das, was im Raume nebeneinan- 
der ist, ohne zu beriicksichtigen, dafi dieses, was nebeneinander im 
Raume ist, einen einheitlichen Ursprung hat und sich nur in der Ent- 
wickelung getrennt hat. Und da fiihlte man natiirlich auch nicht, was 
die Menschen mit den Tieren verbindet. Und auf alien Gebieten der 
Erde, wo man die Mission gehabt hat, zu iiberdecken das Bewufitsein 
vom Zusammenhange des Menschen mit der Tierwelt, wo an Stelle die- 
ses Bewufitseins nur ein solches getreten ist, das sich auf den aufieren 
physischen Raum beschrankt, da hat der Mensch den Tieren das, was 
er ihnen verdankt, in einer eigenartigen Weise vergolten - indem er sie 
eben aufgegessen hat. 



Diese Dinge zeigen uns aber zugleich, wie Weltanschauungen zu- 
sammenhangen mit der menschlichen Empfindungs- und Gefiihlswelt. 
Empfindungen und Gefiihle sind letzten Endes Folgen derWeltanschau- 
ungen, und wie sich die Weltanschauungen und Erkenntnisse andern, 
so werden sich auch die Empfindungen und Gefiihle innerhalb des 
Menschheitszusammenhanges andern. DerMensch konnte nicht anders, 
als sich hoher entwickeln; er mu£te andere Wesen in den Abgrund 
stofien, um selbst hoher zu steigen. Er konnte den Tieren nicht geben 
eine Individualitat, die im Karma ausgleicht, was die Tiere leiden 
miissen; er konnte ihnen nur den Schmerz uberliefern, ohne ihnen die 
karmische Gesetzmafiigkeit des Ausgleiches geben zu konnen. Was er 
ihnen aber friiher nicht geben konnte, das wird ihnen der Mensch einst 
geben, wenn er zurFreiheit und zum Selbstlos-Sein seiner IndividuaUtat 
gekommen ist. Dann wird er - in bewufiter Weise - auch auf diesem 
Gebiet die karmische GesetzmaiKigkeit fassen und wird sagen: Den 
Tieren verdanke ich, was ich bin. Was ich den einzelnen tierischen 
Wesen nicht mehr geben kann, welche von einem Einzeldasein in ein 
Schattendasein hinuntergegangen sind, was ich sozusagen einstmals an 
den Tieren verschuldet habe, das mufi ich jetzt an den Tieren wieder 
gutmachen durch die Behandlung, welche ich ihnen angedeihen lasse! - 
Daher wird mit dem Fortschreiten der Entwickelung durch das Be- 
wufitsein der karmischen Verhaltnisse auch wieder ein besseres Ver- 
haltnis des Menschen zum Tierreich eintreten, als es jetzt, besonders im 
Abendlande, vorhanden ist. Eine Behandlung der Tiere wird kommen, 
durch welche der Mensch die Tiere, die er hinuntergestofien hat, wieder 
heraufzieht. 

So sehen wir Karma und Tierreich denn doch in einem gewissen 
Verhaltnis zueinander. Was das Tier als Schicksal erlebt, das konnen 
wir, wenn wir nicht alles durcheinanderwerfen wollen, nicht mit dem 
menschlichen Karma vergleichen, Aber wenn wir die ganze Erdentwik- 
kelung betrachten und was um der Menschheit und ihrer Entwickelung 
willen geschehen mufite, dann werden wir sehen, dafi wir in der Tat 
von einer Beziehung des Menschheitskarma zu der Tierwelt sprechen 
konnen. 



DRITTER VORTRAG 



Hamburg, 18. Mai 1910 



Solche Betrachtungen, wie wir sie heute und in den allernachstenTagen 
anzustellen haben, konnen sehr leicht einem gewissen Mifiverstandnis 
unterworfen sein. Wir werden es zu tun haben mit mancherlei Krank- 
heits- und Gesundheitsfragen vom Gesichtspunkte des Karma, und bei 
der Gegensatzlichkeit unserer heutigen Zeitstromungen gerade auf die- 
sem Gebiete konnte leicht eine mifiverstandliche Auffassung der geistes- 
wissenschaftlichen Grundlagen Platz greifen,wenn dieses Kapitel - der 
Zusammenhang von Krankheit und Gesundheit mit dem Karma - be- 
riihrt wird. Sie wissen ja, dafi in den weitesten Kreisen die Diskussion 
mit ziemlicher Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit wogt, wenn Ge- 
sundheits- und Krankheitsfragen in Betracht kommen. Es ist Ihnen ja 
alien bekannt, wie sehr von seiten der Laien sowohl als auch von seiten 
dieser oder jener Arzte Partei ergriffen wird gegen das, was man die 
wissenschaftliche Medizin nennt. Auf der andern Seite kann leicht be- 
merkt werden, wie die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin viel- 
leicht gerade herausgefordert werden durch manchen ungerechten An- 
griff, so dafi sie nicht nur in eine Art von Leidenschaft verfallen, wenn 
es sich darum handelt - was ihr gutes Recht ist einzutreten fur das, 
was die Wissenschaft dazu zu sagen hat, sondern dafS von dieser Seite 
heute auch ein zumTeil recht arger Kampf gefiihrt wird gegen das, was 
von andern Gesichtspunkten als den in der offiziellen Medizin ver- 
tretenen irgendwie gesagt wird iiber das in Betracht kommende Gebiet. 
Theosophie oder Geisteswissenschaft wird nur dann ihren hohen Auf- 
gaben gerecht werden konnen, wenn sie auf einem solchen, von Dis- 
kussionen vielfach verdunkelten Gebiet das unbefangene und objektive 
Urteil wahrt. Wer ahnliche Vortrage von mir gehort hat, wird wissen, 
wie wenig es mir darum zu tun ist, einzustimmen in den Chor, der 
heute das, was man als «Schulmedizin» bezeichnet, diskreditieren will. 
Von einem Einstimmen in diese oder jene Parteirichtung kann bei der 
Geisteswissenschaft auch nicht im entferntesten die Rede sein. 

Es darf vielleicht gerade bei dieser Gelegenheit ein'leitend betont 



werden, da£ die Leistungen in bezug auf die Tatsachen und tatsach- 
lichen Erforschungen der Erscheinungen gerade auf dem Gebiet des 
Krankheitswesens und der Gesundheitsfragen der Menschheit in den 
letzten Jahren und Jahrzehnten wahrhaftig zu ebensolchem Lobreden, 
Anerkennen und Bewundern herausfordern wie zahlreiche andere na- 
turwissenschaftliche Ergebnisse. Und von dem, was auf diesem Gebiete 
an Tatsachlichem geleistet worden ist, darf auch gesagt werden: Wenn 
sich irgend jemand f reuen darf iiber das, was die Medizin in den letzten 
Jahren geleistet hat, so kann dies gerade die Geisteswissenschaft sein. 
Auf der andern Seite mufi aber auch betont werden, was gerade fiir die 
Naturwissenschaft gilt, dafi die Errungenschaften und tatsachlichen 
Erkenntnisse und Entdeckungen zuweilen recht wenig richtige und 
befriedigende Interpretationen und Erklarungen finden durch das, was 
heute wissenschaf tliche Meinungen sind. Das ist ja das Hervorstechend- 
ste in unserer Zeit fiir viele Gebiete naturwissenschaftlicher Forschung, 
dafi die Meinungen, die Theorien nicht gewachsen sind den zuweilen 
wunderbaren Tatsachenergebnissen. Und erst das Licht, das von der 
Geisteswissenschaft ausgeht, wird Klarheit iiber das bringen, was auf 
diesem Gebiet in den letzten Jahren errungen worden ist. 

Nachdem das vorausgeschickt worden ist, wird es klar sein, daft es 
sich nicht um irgendwelches Einstimmen in billige Bekampfung dessen 
handelt, was auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Medizin heute ge- 
leistet werden kann. Dann darf aber auch gesagt werden, dafi die be- 
wundernswerten Tatsachen, die zutage getreten sind, nicht fruchtbar 
werden konnen in unserer Zeit zum Heile der Menschheit, weil auf der 
andern Seite geradezu materialistisch gefarbte Meinungen und Theo- 
rien diese Fruchtbarkeit verhindern. Daher ist es fiir die Theosophie 
viel besser, daft sie anspruchslos das sagt, was sie zu sagen hat, als in 
irgendeinenParteikampf einzugreifen. Es werden dadurch viel weniger 
die Leidenschaften aufgeregt werden, als sie es heute schon sind. 

Wenn wir iiberhaupt einen Gesichtspunkt gewinnen wollen zu den 
Fragen, die uns beschaftigen sollen, dann miissen wir uns damit be- 
kanntmachen, daft die Ursachen zu irgendeiner Erscheinung in der 
mannigfaltigsten Weise gesucht werden miissen, nahere und entfern- 
tere Ursachen, und daft die Theosophie, wenn es sich darum handeln 



wird, karmischeUrsachen zu Gesundheitsfragen zu suchen,es ein wenig 
zu tun haben wird mit den entfernteren Ursachen, die nicht an der 
Oberflache liegen. Machen wir uns das durch einen Vergleich klar. 
Wenn Sic den Vergleich iiberdenken, werden Sie schon auf das kom- 
men, was eigentlich gemeint ist. 

Nehmen wir an, irgend jemand stehe auf dem Standpunkt, «wie wir 
es heute so herrlich weit gebracht ]jaben» auf diesem Gebiete, und er 
verachte ganz die Meinungen, welche in den vergangenen Jahrhunder- 
ten iiber Gesundheit und Krankheit zutage getreten sind. Wenn Sie ver- 
suchen, einen Oberblick iiber die Krankheits- und Gesundheitsfragen 
zu finden, werden Sie den Eindruck bekommen, dafi die Darsteller 
eines solchen Gebietes gewohnlich das Urteil haben: Was in den letzten 
zwanzig bis dreifiig Jahren auf diesem Gebiete zutage getreten ist, das 
ist eine Art absoluter Wahrheit, die zwar erganzt werden kann, aber 
nie ein soiches absprechendes Urteil erfahren kann wie das, welches 
solche Beurteiler leider selbst abgeben iiber das meiste, was auf diesem 
Gebiete vorangegangen ist an menschlichem Sinnen und Trachten. Es 
wird zum Beispiel haufig gesagt: Wir finden gerade auf diesem Gebiete 
in den verf lossenen Zeiten den krassesten Aberglauben -, und es werden 
dann recht abschreckende Beispiele angefiihrt, wie in den verflossenen 
Jahrhunderten versucht worden sei, dies oder das zu heilen. Insbeson- 
dere schlimm findet man, wenn man irgendwo auf Ausdriicke stofit, 
welche in der damaligen Bedeutung dem heutigen BewufStsein langst 
verlorengegangen sind, sich aber dennoch in das heutige Bewufitsein 
eingeschlichen haben, und mit denen so, wie sie der heutige Mensch 
denkt,nichts anzufangen ist. So sagen einige: Da gab es Zeiten, in denen 
man eine jede Krankheit Gott oder dem Teufel zuschrieb! So schlimm, 
wie es solche Darsteller machen, liegt es deshalb nicht, weil sie nicht 
wissen, welcher Komplex von Anschauungen bei einem solchen Begriff 
«Gott» oder «Teufel» gemeint war. Durch einen Vergleich konnen wir 
uns das klarmachen. 

Nehmen wir an, zwei Leute reden miteinander. Da erzahlt der eine 
dem andern: Eben habe ich eine Stube gesehen, die ganz voUer Flie- 
gen ist. Nun sagt mir jemand, das sei ganz natiirlich; und das glaube 
ich auch, denn die Stube ist sehr schmutzig, und dadurch finden die 



Fliegen ihr Fortkommen. Es ist ganz erklarlich, dafi man das als Grund 
fiir das Vorhandensein der Fliegen annimmt, und ich glaube auch, daft 
derjenige ganz recht hat, der da sagt, die Fliegen werden nicht mehr in 
der Stube sein,wenn man einmal griindlich reinemacht! - Nun hat aber 
ein anderer erzahlt, dafi er noch etwas anderes wiifite, warum so viele 
Fliegen in dem Zimmer waren; und die Ursache konne er nicht anders 
bezeichnen, als dafi in jenemZimmej- seit langem eine grundfaule Haus- 
frau hause. - Aber nun sieh einmal, was das fiir ein grenzenloser Aber- 
glaube ist: dafi die Faulheit wie eine Art Personlichkeit sei, die nur zu 
winken brauchte,und dann kamen die Fliegen herein! Da ist die andere 
Erklarung doch richtiger, die das Vorhandensein der Fliegen durch den 
angehauften Schmutz erklart! 

Nicht viel anders ist es auf einem andern Gebiete, wenn man sagt: 
Es ist jemand von einer Krankheit befallen, da er eben eine Infektion 
durch irgendeine Bazillenart erhalten hat; treibt man die Bazillen aus, 
so ist die Heilung da. Nun reden aber da noch Leute von irgendeiner 
geistigen Ursache, die tiefer liege! Man braucht doch nichts anderes zu 
tun, als die Bazillen fortzutreiben! - Es ist nicht mehr Aberglaube, von 
einer geistigen Ursache zu sprechen bei Erkrankungen, doch alles iibrige 
anzuerkennen, als in dem Falle, wo die Ursache fiir das Dasein der 
Fliegen in einer grundfaulen Hausfrau gesehen wird. Und man braucht 
nicht zu wettern, wenn man sagt: Die Fliegen werden nicht mehr da 
sein,wenn einmal reinegemacht wird. Nicht darum handelt es sich, dafi 
der eine den andern bekampft, sondern dafi man lernt, sich gegenseitig 
zu verstehen und einzugehen auf das, was der eine will und was der 
andere will. Das mu& man durchaus beriicksichtigen, wenn von den 
unmittelbar naheliegenden Ursachen mit Recht gesprochen wird und 
wenn von den entfernteren Ursachen gesprochen wird. Der objektive 
Theosoph wird sich durchaus nicht auf den Standpunkt stellen, dafi die 
Faulheit nur eine Art von Wink zu geben brauche, damit die Fliegen in 
das Zimmer kommen; er wird wissen, dafi auch andere materielle Dinge 
dabei in Betracht kommen, dafi aber alles, was materiell zum Ausdruck 
kommt, seine geistigen Hintergriinde hat und dafi diese geistigen Hin- 
tergriinde zum Heile der Menschheit gesucht werden miissen. Die- 
jenigen aber, welche in den Kampf gern einstimmen mochten, die sollen 



auch daran erinnert werden, dal5 die geistigen Ursachen nicht immer in 
derselben Weise aufgefafSt werden diirfen und auch nicht in der gleichen 
Art bekampft werden konnen wie die gewohnlichen materiellen Ur- 
sachen. Und man darf auch nicht denken, dal^ man durch das Bekamp- 
fen der geistigen Ursachen enthoben ware der Bekampfung der mate- 
riellen Ursachen; denn sonst konnte man die Stube schmutzig lassen 
und brauchte nur gegen die Faulheit der Hausfrau zu Feide zu ziehen. 

Wenn wir nun das Karma betrachten, miissen wir sprechen von Zu- 
sammenhangen zwischen Ereignissen, wie sie im Menschenleben ein- 
treten in einer friiheren Zeit und wie sie ihre Wirkung auf dasselbe 
Menschenwesen zeigen in einer spateren Zeit. Wenn wir sprechen von 
Gesundheit und Krankheit vom Gesichtspunkte des Karma aus, so heifit 
das nichts anderes als: Wie konnen wir uns vorstellen, dafi der gesunde 
oder kranke Zustand eines Menschen seine Begriindung findet in frii- 
heren Taten, Verrichtungen und Erlebnissen dieses Menschen? Und wie 
konnen wir uns vorstellen, dafi sein gegenwartiger Gesundheits- oder 
Krankheitszustand mit zukiinftigen Wirkungen, die auf dasselbe Wesen 
zuriickf alien, im Zusammenhang steht? 

Am liebsten wird der heutige Mensch iiberhaupt glauben, dafi eine 
Krankheit mit den allernachsten Ursachen nur im Zusammenhange 
stehe. Denn der Grundnerv unserer heutigen Weltanschauung auf alien 
Gebieten ist ja der, dafS man Bequemlichkeit sucht; und stehenbleiben 
bei den allernachsten Ursachen ist eine bequeme Sache. Daher werden 
gerade in bezug auf Erkrankungen nur die allernachsten Ursachen be- 
riicksichtigt - und am meisten geschieht das von den Kranken selbst. 
Denn wie ware es zu leugnen, dafi die Kranken selbst veranlafit sind, 
solche Bequemlichkeit zu uben? Aus diesem Umstande heraus ergibt 
sich so viel Unzufriedenheit, wenn ein solcher Glaube existiert, die 
Krankheit miisse die allernachsten Ursachen haben, welche von dem 
kundigen Arzt gefunden werden miissen; und wenn der Arzt dann 
nicht helfen kann, hat er irgend etwas verpfuscht. Aus dieser Bequem- 
lichkeit des Urteils geht vieles von dem hervor, was heute auf diesem 
Gebiete gesagt wird. Wer Karma in seinen weitverzweigten Wirkungen 
zu betrachten versteht, der wird immer mehr seinen Blick erweitern 
von dem, was heute geschieht, zu Ereignissen, die verhaltnismafiig sehr 



weit zuriickliegen. Und er wird vor alien Dingen die Oberzeugung ge- 
winnen, dafi eine durchgreifende Erkenntnis eines Sachverhaltes, der 
den Menschen trifft, nur moglich ist, wenn man den Blick erweitern 
kann iiber das, was weiter zuriickliegt. Insbesondere beim erkrankten 
Menschen ist das der Fall. 

Wenn wirvom kranken und auch vom gesunden Menschen sprechen, 
drangt sich uns die Frage auf die Lippen: Wie konnen wir uns von dem 
Kranksein iiberhaupt einen Begriff machen? 

Wenn die geisteswissenschaftlicheForschung direkt vorgeht und den 
hellseherischen Blick zu Hilfe nimmt, wird sie immer, wenn es sich um 
Erkrankungen des Menschen handelt, UnregelmafSigkeiten bemerken, 
nicht nur im physischen Leibe des Menschen, sondern auch in den 
hoheren Wesensgliedern des Menschen, im Atherleibe und im astra- 
lischen Leibe. Und der hellseherische Forscher wird bei einem Krank- 
heitsfall immer in Betracht ziehen miissen, welches in dem betreffenden 
Falle der Anteil sein kann des physischen Leibes auf der einen Seite und 
des Ather leibes und des astralischen Leibes auf der andern Seite; denn 
alle drei Wesensglieder des Menschen konnen an der Erkrankung be- 
teiligt sein. Nun entsteht die Frage: Welche Vorstellungen konnen wir 
iiber das Wie der Krankheit gewinnen? - Dem kommt man am leich- 
testen bei, wenn man in Betracht zieht, wieweit man den Begriff 
«Krankheit» iiberhaupt ausdehnen darf. Diejenigen, die gern in allerlei 
allegorisch-symbolischen Begrif fen sprechen, auch da, wo sie nicht hin- 
gehoren, denen mag es iiberlassen bleiben, wenn sie auch bei Mineralien 
oder Metallen von Erkrankungen sprechen, indem sie zum Beispiel 
sagen, wenn der Rost das Eisen frifit, sei das eine Krankheit des Eisens. 
Man mufi sich dabei nur dariiber klar sein, daf^ man durch solche ab- 
strakten Begriffe zu einem wirklichen gedeihlichen Erfassen des Lebens 
nicht kommen kann; man kann nur kommen zu einer Art spielerischen 
Erkenntnis des Lebens, nicht aber zu einem Erkennen,das wirklich ein- 
greift in dieTatsachen.Wer zu einem realenKrankheitsbegriff und auch 
zu einem realen Gesundheitsbegriff kommen will, mufi sich hiiten, da- 
von zu sprechen, dafi Mineralien und Metalle auch erkranken konnen. 

Nun ist die Sache schon anders, wenn wir ins Pflanzenreich hinauf- 
gehen. Da diirfen wir gewifi von Erkrankungen der Pfianzen sprechen. 



Aber gerade Pflanzenkrankheiten sind fur das reale Erfassen der Vor- 
stellung «Krankheit» von einem ganz besonderen Interesse und von 
ganz besonderer Wichtigkeit. Bei Pflanzen wird man, wenn man wie- 
der nicht spielerisch zu Werke geht, nicht leicht sprechen konnen von 
inneren Krankheitsursachen. In demselben Mafie, wie man bei Tier und 
Mensch von inneren Krankheitsursachen sprechen kann, kann man bei 
Pflanzen nicht davon sprechen. Die Erkrankungen im Pfianzenreiche 
werden Sie immer zuriickzufiihren haben auf au£ere Veraniassungen, 
auf diese oder jene schadlichen Einfliisse des Bodens, ungeniigende Be- 
lichtungen, auf diese oder jene Wirkungen des Windes und auf sonstige 
elementare und Naturwirkungen. Oder Sie werden solche Erkrankun- 
gen von Pflanzen zuriickzufiihren haben auf Einfliisse von Parasiten, 
die sich an die Pflanzen heranmachen und sie schadigen. Und wir wer- 
den innerhalb des Pflanzenreiches mit Recht davon sprechen, dafS der 
Begriff «innere Krankheitsursache» im Grunde gar keine Berechtigung 
hat. - Es ist natiirlich nicht moglich, da ich nicht ein halbes Jahr iiber 
dieses Thema sprechen kann, dafi ich mit unzahligen Belegen versehe, 
was ich jetzt angedeutet habe. Aber je tiefer wir in die Pflanzenpatho- 
logie eindringen, desto mehr werden wir sehen, dafi von dem Begriff 
«innere Krankheitsursache» bei den Pflanzen nicht die Rede sein kann, 
sondern dafi es sich da um auftere Veraniassungen und Schadigungen, 
um aufiere Einfliisse handelt. 

Nun haben wir in der Pflanze, wie sie uns zunachst in der aufieren 
Welt entgegentritt, ein Wesen vor uns, das uns ein Gefiige von einem 
physischen Leibe und einem Atherleibe zeigt. Und wir haben damit 
zugleich ein Wesen vor uns, das uns sozusagen aufmerksam darauf 
macht, dafi ein solches Wesen mit physischem Leib und Atherleib im 
Grunde dem Prinzip nach gesund ist und daf$ es warten mu{5, bis es 
eine aufiere Schadigung erfahrt, wenn es krank werden soil. Damit 
stimmt auch durchaus der geisteswissenschaftlicheTatbestand.Wahrend 
wir durch die Methoden der hellseherischen Forschung im Tier- und 
Menschenreich bei Erkrankungen ganz entschieden im Inneren des 
Wesens - in den iibersinnlichen Teilen - Veranderungen erblicken, kon- 
nen wir innerhalb einer erkrankten Pflanze niemals davon sprechen, 
dafi der urspriingliche Atherleib selber verandert ware, sondern nur 



davon, dafS sich von aufien allerlei Storungen und schadliche Einfliisse 
in den physischen Leib und namentlich in den Atherleib hineingedrangt 
haben. Der geisteswissenschaftliche Tatbestand rechtfertigt durchaus 
das, was wir als allgemeinen Schluli gewinnen: daf^ in dem, was bei den 
Pflanzen inBetracht kommt - namlich physischerLeib und Atherleib -, 
etwas urspriinglich Gesundes vorliegt. Aber etwas anderes ist es, wie 
die Pflanze imstande ist, wenn sie aufiere Schadigungen erfahrt, alles 
mogliche aufzuwenden, um in Wachstum und Entwickelung sich gegen 
die Schadigungen zu wehren, sich zu heilen. Beobachten Sie einmal, 
wenn Sie eine Pflanze anschneiden, wie sie versucht, die beschadigte 
Stelle zu umwachsen, zu umgehen, was ihr da im Wege liegt und sie 
schadigt.Und wir konnen es fast mitHanden greifen,wie in der Pflanze 
eine innere Abwehr, eine Heilkraft vorhanden ist, wenn eine aufiere 
Schadigung eintritt. 

So sehen wir, dafi wir in dem Atherleib und physischen Leib der 
Pflanze etwas vor uns haben, was imstande ist, mit inneren Heilkraften 
zu antworten auf aufiere Schadigungen. Das ist eine aufierordentlich 
wichtigeTatsache, wenn man auf diesem Gebiete zur Klarheit kommen 
will. Ein Wesen wie die Pflanze mit physischem Leibe und Atherleib 
zeigt uns also nicht nur, dafi der physische Leib und der Atherleib ur- 
spriinglich Prinzipien der Gesundheit in sich haben, soviel notwendig 
ist zur Entwickelung und zum Wachstum des betreffenden Wesens, 
sondern es zeigt uns ein solches Wesen sogar, dafi ein Oberschufi vor- 
handen ist von solchen Kraften, die sich in den Heilkraften ausleben 
konnen, wenn von aufien Schadigungen kommen. - Woher miissen denn 
diese Heilkrafte stammen? 

Wenn Sie in einen blofi physischen Korper hineinschneiden, wird die 
Schadigung bleiben. Er wird aus sich heraus nichts tun konnen, um die 
Schadigung sozusagen zu heilen. Deshalb konnen wir bei einem bloft 
physischen Korper nicht von einer Erkrankung sprechen, und am 
wenigsten davon, dafi Krankheit und Heilung in Beziehung zueinander 
stehen konnen. Das konnen wir am besten sehen, wenn eine Krankheit 
bei einer Pflanze zutage tritt. Da haben wir das Prinzip der inneren 
Heilkraft zu suchen im Atherleibe. Das zeigt wiederum im eminen- 
testen Mafia der geisteswissenschaftliche Tatbestand. 



Denn um die Wunde einer Pflanze herum beginnt der Atherleib der 
Pflanze ein viel regeres Leben, als er vorher dort entfaltete. Er bringt 
ganz andere Formen aus sich heraus, entwickelt ganz andere Stromun- 
gen. Das ist das aufterordentlich Interessante, dafi wir geradezu den 
Atherleib der Pflanze herausfordern zu einer erhohten Tatigkeit, wenn 
wir der Pflanze in bezug auf den physischen Leib eine Schadigung bei- 
bringen. 

Damit haben wir zwar nicht den Begriff der Krankheit definiert; 
aber wir haben etwas getan, um zum Wie der Krankheit zu kommen, 
und wir haben etwas erreicht, was uns eine Ahnung verschaf f t iiber das 
innere Wie der Heilung, 

Jetzt gehen wir einmal - immer am Leitfaden der inneren, hellsehe- 
rischen Beobachtung - weiter und versuchen wir, die aufieren Erschei- 
nungen vernunftgemaft zu begreifen, zu denen uns die Geisteswissen- 
schaft fiihrt. Dann konnen wir jetzt aufsteigen von den Schadigungen, 
welche wir Pflanzen beibringen, zu gewissen Schadigungen, welche wir 
Tieren beibringen, die also Wesen sind,die schon einen astralischen Leib 
haben. Wenn wir da im groben Sinne zu Werke gehen, so werden wir 
sehen, dafi wir bei den hoheren Tieren verhaltnismafJig sehr wenig - 
und immer weniger, je hoher das Tier steht - von dem erblicken kon- 
nen, was bei den Pflanzen in umfassendem Mafie hervortritt: namlich 
jenes Antworten des Atherleibes auf auf5ere Schadigungen. Wenn wir 
grobe Schadigungen dem physischen Leibe eines niederen oder auch 
eines hoheren Saugetieres beibringen, reifien wir zum Beispiel einem 
Hunde ein Bein aus oder dergleichen, dann werden wir finden, dafS der 
Atherleib des Hundes nicht so leicht mit seiner Heilkraft antworten 
kann, wie der Atherleib der Pflanze antwortet auf eine Schadigung, die 
in ahnlicher Weise der Pflanze zugefiigt worden ist. Aber auch imTier- 
reich ist das noch in grofiem Ma£e zu sehen. - Nehmen wir an, wir 
steigen hinunter bis zu ganz niedrigen tierischen Wesen, zu denTritonen 
oder ahnlichen. Solche niederen Tierwesen konnen Sie zerschneiden; 
schneiden wir einem solchen Wesen gewisse Organe ab, so ist das,konnte 
man sagen, dem Tiere gar nicht besonders unangenehm. Die Organe 
wachsen mit groEer Schnelligkeit wieder nach, und das Tier sieht bald 
wieder so aus wie friiher. Da ist etwas Ahnliches wie bei der Pflanze 



geschehen: Wir haben eine gewisse Heilkraft im Atherleibe herausge- 
fordert. Wer wiirde leugnen, dafi die Herausforderung, Heilkrafte im 
Atherleib zu entwickeln, beim Menschen oder beim hoheren Tier eine 
erhebliche Gefahrdung der Gesundheit bedeuten wiirde? Das niedere 
Tier dagegen wird in seinem Atherleibe nur herausgefordert, ein an- 
deres Glied aus seinem Inneren durch seinen Atherleib herauswachsen 
zu lassen. Nun steigen wir etwas weiter hinauf . 

Wenn wir jetzt zum Beispiel bei Krebsen ein Glied abschneiden, so 
sind die Krebse nicht sogleich imstande, ein anderes Glied aus sich her- 
auswachsen zu lassen. Aber wenn sie sich das nachste Mai hauten,wenn 
sie bei der nachstenObergangsstufe ihres Lebens ankommen,dann schon 
treibt fiir das abgebrochene Glied ein Stumpf heraus; beim zweitenmal 
wird er schon grofier sein, und wenn sich das Tier geniigend oft hauten 
wiirde, so wiirde das Glied ersetzt werden durch ein neues. - Da haben 
Sie die Erscheinung, dafi in solchem Atherleib schon mehr dazu gehort, 
damit die innere Heilkraft herausgefordert wird. Und bei den hoheren 
Tieren ist das nun gar nicht mehr in diesem Maf^e der Fall. Wenn wir 
ein hoheres Tier verstiimmeln, kann es zunachst nicht diese Heilkraft 
aus seinem Atherleibe heraus aufbringen. Aber es mu& immer wieder 
betont werden, was heute in einen bedeutsamen naturwissenschaftlichen 
Streit hineinspielt: Wenn Sie das Tier verstiimmeln, und das Tier hat 
Nachkommen, so iibertragen sich diese Verstiimmelungen nicht auf die 
Nachkommen; die nachste Generation hat wieder die vollen Glieder. 
Wenn der Atherleib seine Eigenschaften auf die Nachkommen iiber- 
tragtjwird er wieder angeregt, einen voUstandigen Organismus heraus- 
zusetzen. Beim Tritonen wirkt der Atherleib noch in demselben Tiere, 
beim Krebs erst in der Hautung; bei den hoheren Tieren tritt dasselbe 
erst bei den Nachkommen ein; da ersetzt der Atherleib, was in der vor- 
hergehenden Generation verstiimmelt worden ist. Wir miissen also 
solche Erscheinungen in der Natur gradweise betrachten, dann wird es 
uns klarwerden, dafi selbst dann noch von einer Heilkraft im Ather- 
leibe gesprochen werden mufi, wenn die Vererbungen von den Vor- 
fahren auf die Nachkommen gehen, und daft der Atherleib sich so ver- 
erbt, daft er wieder das ganze, ungeteilte Tier hervorbringt. Da haben 
Sie sozusagen ein Aufsuchen des Wie der Heilkrafte im Atherleib. 



Nun konnen wir die Frage aufwerfen: Woran liegt es denn, je weiter 
wir in der Tierreihe hinaufsteigen - und wenn wir das Menschenreich 
aufierlich betrachten, gilt das auch -, dafi der Atherleib immer mehr 
Anstrengungen machen mufi, um iiberhaupt die Heilkrafte herauszu- 
bekommen? - Das liegt daran,daft der Atherleib in der verschiedensten 
Weise mit dem physischen Leibe verbunden sein kann. Es gibt zwischen 
dem physischen Leibe und dem Atherleibe sozusagen eine innigere Ge- 
meinschaft und eine losere. Nehmen wir zum Beispiel ein niederes Tier, 
den Triton, bei dem ein abgeschnittenes Glied sich sogleich wieder an- 
setzt. Da miissen wir eine lose Verbindung annehmen zwischen Ather- 
leib und physischem Leib. Und in noch hoherem Mafie gilt das bei der 
Pflanzenwelt. Da miissen wir sagen: Die Verbindung ist eine derartige, 
dafi der physische Leib nicht imstande ist, auch auf den Atherleib zu- 
riickzuwirken, so dafi der Atherleib ungeschoren bleibt durch das, was 
im physischen Leibe geschieht, und dafi der Atherleib in gewisser Be- 
ziehung unabhangig ist vom physischen Leibe. Nun ist das Wesen des 
Atherleibes das des Tatigseins, des Hervorbringens, des Wachstum- 
forderns. Er fordert das Wachstum bis zu einer bestimmten Grenze. In 
dem Augenblick, da wir bei Pflanzen oder niederen Tieren ein Glied 
abschneiden, ist der Atherleib gleich wieder bereit, das Glied zu ergan- 
zen, das heifit, die voile Tatigkeit zu entfalten. Was mufi aber vor- 
liegen, wenn er die voile Tatigkeit nicht entfalten kann? Dann miifite 
er mehr gebunden sein an die Tatigkeit des betreffenden Gliedes. Und 
das ist in der Tat bei den hoheren Tieren der Fall. Da ist eine viel 
innigere, dichtere Verbindung zwischen Atherleib und physischem Leib 
vorhanden. Wenn der physische Leib seine Formen ausbildet, wirken 
diese Formen - also was in der physischen Natur ist - wieder zuriick 
auf den Atherleib. 

Wenn wir anschaulich sprechen wollen: Bei ganz niederen Tieren 
oder bei Pflanzen wirkt das, was draufien ist, nicht zuriick auf den 
Atherleib, lafit ihn ungeschoren, fiihrt ein selbstandiges Dasein. Sobald 
wir zu hoheren Tieren kommen, drangen die Formen des physischen 
Leibes riickwarts sich dem Atherleibe auf; da ist der Atherleib ganz 
angepafit dem physischen Leibe, und wir verletzen mit dem physischen 
Leibe zugleich den Atherleib. Dann mufi natiirlich der Atherleib tiefere 



Krafte anwenden, weil er zuerst sich selber wieder herstellen mufi - 
und dann erst die betreffenden Gliedmafien. Daher miissen wir an 
tiefere Heilkrafte appellieren,wenn wir an den Atherleib eines hoheren 
Tieres herangehen. Womit hangt das aber zusammen? Warum ist der 
Atherleib eines hoheren Tieres so abhangig von den Formen des phy- 
sischen Leibes? 

Je weiter wir in der Tierreihe vorschreiten, um so mehr haben wir 
zu beriicksichtigen nicht nur die Tatigkeit des physischen Leibes und 
des Atherleibes, sondern auch die des astralischen Leibes. Der astra- 
lische Leib kommt bei den niederen Tieren in seiner Wirksamkeit noch 
auf^erordentlich wenig in Betracht. Daher haben die niederen Tiere 
noch so viel Pflanzenahnliches. Je hoher wir hinaufsteigen, desto mehr 
kommt der astralische Leib in Betracht. Der wirkt aber nun so, daft er 
den Atherleib von sich abhangig macht. Ein Wesen wie die Pflanze, das 
nur physischen Leib und Atherleib hat, hat mit der Aufienwelt wenig 
zu tun; es werden Reize ausgeiibt, aber die driicken sich nicht aus in 
inneren Vorgangen. Wo dagegen ein astralischer Leib wirksam ist, da 
spiegeln sich die aufieren Eindriicke in inneren Vorgangen. Ein Wesen, 
das den astralischen Leib nicht wirksam hat, ist innerlich mehr ab- 
geschlossen der Auftenwelt gegeniiber. Es offnet sich ein Wesen um so 
mehr der Auftenwelt, als der astralische Leib wirksam ist. Also ver- 
bindet der astralische Leib das Innere eines Wesens mit der Aufienwelt. 
Die zunehmende Wirksamkeit des astralischen Leibes macht, dafi der 
Atherleib viel starkere Krafte aufwenden muft, um auftretende Scha- 
digungen wieder auszugleichen. 

Wenn wir aber jetzt hinaufsteigen vom Tier zum Menschen, ist noch 
etwas anderes zu beriicksichtigen. Da werden in diesen astralischen 
Leib nicht nur hineingepragt, hineingetragen die vorgeschriebenen Ver- 
richtungen, wie es mehr beim Tiere der Fall ist: das Tier lebt mehr mit 
einer gebundenen Marschroute, lebt mehr mit einem gebundenen Le- 
bensprogramm. Sie werden nicht leicht beim Tiere davon sprechen 
konnen, daft es in besonderem Mafte gegeniiber seinen Instinkten aus- 
schweifend ware oder sich mehr in seinen Instinkten der Maftigkeit 
hingeben konne. Es folgt seinem Lebensprogramm. Was sich beim Tier 
ausdriickt, ist einer Art von typischem Programm unterworfen. Der 



Mensch aber ist in der Lage, gerade dadurch, da{5 er hoher hinaufge- 
stiegen ist in der Stufenleiter der Entwickelung, alle m(5glichen Unter- 
schiede - zwischen Richtig und Unrichtig, Wahrheit und LUge, Gut 
und Bose - auszuleben. In der verschiedensten Weise kommt er durch 
nur individuelle Anlasse mit der Aufienwelt in Beriihrung. Alle diese 
Arten von Beriihrungen fallen zuriick, machen Eindruck auf seinen 
astralischen Leib. Und die Folge ist, daft auch die Wechselwirkung 
zwischen astralischem Leib und Atherleib jetzt nach diesen aufteren 
Erlebnissen ausfallen muft. Wenn also ein Mensch in irgendeiner Be- 
ziehung ein ausschweifendes Leben fiihrt, so bedeutet das einen Ein- 
druck auf seinen astralischen Leib. Wir haben aber gesehen, daft der 
astralische Leib wieder den Atherleib beeinf luftt - wie, das wird ab- 
hangen von dem, was in den astralischen Leib hineingelegt worden ist. 
Daher werden wir jetzt verstehen konnen, daft der Atherleib des Men- 
schen geandert wird, je nachdem der Mensch dieses oder jenes Leben 
fuhrt in den Grenzen von Gut und Bose, Richtig oder Unrichtig, von 
Wahrheit oder Luge und so weiter. Das iibt einen Einfluft auf den 
Atherleib des Menschen aus. 

Nun erinnern wir uns, wie die Vorgange sind, wenn der Mensch 
durch die Pforte des Todes tritt. Wir wissen, daft der physische Leib 
abgelegt wird und daft zuriickbleibt der Atherleib, der nun mit dem 
astralischen Leib und dem Ich verbunden ist. Wenn nun nach dem Tode 
eine Zeit vergangen ist, die sich nur nach Tagen bemiftt, wird das 
Hauptsachlichste des Atherleibes als ein zweiter Leichnam abgeworfen; 
es bleibt jedoch ein Extrakt des Atherleibes zuriick, der mitgenommen 
wird und erhalten bleibt fiir alle kommenden Zeiten. In diesem Extrakt 
des Atherleibes ist nun alles wie in einer Essenz darinnen, was im Leben 
hineingekommen ist zum Beispiel von einem ausschweifenden Leben, 
oder was der Mensch aufgenommen hat als das Ergebnis eines richtigen 
oder unrichtigen Denkens, Handelns und Fiihlens. Das enthalt der 
Atherleib, und das nimmt der Mensch mit in die Zeit bis zur neuen 
Geburt. Weil das Tier solche Erlebnisse iiberhaupt nicht hat, kann es 
natiirlich nichts in derselben Weise hinter die Pforte des Todes hiniiber- 
bringen. Wenn nun der Mensch wieder durch eine Geburt ins Dasein 
tritt, ist die Essenz seines frliheren Atherleibes etwas, was sich wieder 



hineinergiefit in seinen neuen Atherleib, was den neuen Atherleib beim 
Aufbau durchdringt. Daher hat der Mensch in seinem neuen Dasein im 
Atherleib darinnen die Ergebnisse dessen, wie er im friiheren Leben 
gelebt hat. Und da der Atherleib der Auferbauer ist einer ganz neuen 
Organisation nach einer neuen Geburt, so pragt sich das jetzt alles auch 
in seinen physischen Leib hinein. Warum kann sich das in den physi- 
schen Leib hineinpragen? 

Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt uns, daft wir in der 
Form eines Menschenleibes, der durch die Geburt ins Dasein tritt, 
ungefahr sehen konnen, welche Taten der Mensch in einem friiheren 
Leben verrichtet hat. Aber werden wir auch eine ganz vernunftgemafie 
Erklarung finden fiir das, was sich uns dargestellt hat als abnehmende 
Heilkraft in der aufsteigenden Entwickelungsreihe der Tiere? Da wir 
bei einem Tiere nicht davon sprechen konnen, daft es bei seiner Geburt 
eine wiederverkorperte Individualitat aus einem friiheren Erdendasein 
mitbringt, so werden wir nur den allgemeinen astralischen Leib dieser 
Tiergattung wirksam finden, und der wird bei diesem Tier die Heil- 
krafte des Atherleibes beschranken. Beim Menschen aber finden wir, 
dafi nicht nur sein astralischer Leib, sondern auch sein Atherleib im- 
pragniert ist mit den Ergebnissen der Taten des vorhergehenden Lebens. 
Und weil der Atherleib fiir sich die Kraft hat, das hervorzubringen, 
was er von friiher her in sich hat, so werden wir auch begreifen, dafi er, 
wenn jetzt eine andere Kraft in ihm auftritt, auch imstande sein wird, 
in den ganzen Aufbau der Organisation das hineinzulegen, was er aus 
friiheren Verkorperungen sich mitbringt. Und wir werden jetzt ver- 
stehen, wie hiniiberwirken konnen unsere Taten aus einem Leben in 
unseren Gesundheitszustand in dem nachsten Leben und wie wir in 
unserem Gesundheitszustande vielfach eine karmische "Wirkung unserer 
Taten aus einem vorhergehenden Leben zu suchen haben. Wir konnen 
aber noch auf eine andere Weise der Sache beikommen, 

Wir konnen fragen: Wirkt nun alles, was wir in dem Leben zwischen 
Geburt und Tod verrichten, in gleicher Art zuriick auf unseren Ather- 
leib? - Schon im gewohnlichen Leben konnen Sie einen gewaltigen Un- 
terschied wahrnehmen zwischen dem Zuriickwirken dessen, was wir 
als bewufite Menschen erleben, und mancherlei andern Erlebnissen auf 



unsere eigentliche innere Organisation. Da ergibt sich eine hochst inter- 
essante Tatsache, die durch die Geisteswissenschaft so recht aufgeklart 
warden kann, die aber auch ganz vernunftgemafi zu begreifen ist. Der 
Mensch hat im Verlaufe seines Lebens eine ganze Summe von Erleb- 
nissen, welche er bewufit aufnimmt und mit seinem Ich verbindet. Die 
werden in ihm zu Vorstellungen, und er verarbeitet diese Vorstellungen. 
Aber nun besinnen Sie sich einmal, wie unendlich viele Eriebnisse, Er- 
fahrungen und Eindriicke es gar nicht bis zur Vorstellung bringen und 
eigentlich doch im Grunde beim Menschen da sind und auf ihn wirken. 
Es wird Ihnen oft passieren, dafi Ihnen jemand sagt: Ich habe dich 
heute auf der Strafie gesehen; du hast mich sogar angeschaut! - und Sie 
wissen gar nichts davon. So ist es vielfach. Eindruck hat so etwas natixr- 
lich gemacht. Ihr Auge hat zwar den andern gesehen; aber der un- 
mittelbare Eindruck ist nicht bis zur Vorstellung gekommen, - Solcher 
Eindriicke gibt es unzahlige, so dafi unser Leben eigentlich in zwei Teile 
zerfallt: in eine solche Lebensseelenreihe, welche aus bewufiten Vorstel- 
lungen besteht, und in eine solche, welche wir niemals ganz zum klaren 
Bewufitsein gebracht haben. Aber es sind noch weitere Unterschiede: 
Sie werden leicht unterscheiden konnen zwischen solchen Eindriicken, 
die Sie in Ihrem Leben gehabt haben und die fiir Sie zu erinnern sind, 
also Eindriicke, die so auf Sie gemacht worden sind, dafi sie immer in 
die Erinnerung hineinf alien konnen; und Sie werden solche Eindriicke 
gehabt haben, an welche Sie sich nicht erinnern konnen. 

Also unser Seelenleben zerfallt in ganz verschiedene Kategorien. 
Und es ist tatsachlich ein ganz betrachtlicher Unterschied zwischen den 
verschiedenen Kategorien, wenn wir dieWirkung auf das innere Wesen 
des Menschen betrachten.- Bleiben wir jetzt fiir ein paarMinuten beim 
Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod. Wenn wir da genau 
beobachten, zeigt sich uns, dafi ein gewaltiger Unterschied ist zwischen 
denjenigen Vorstellungen, die immer wieder in unser Bewufitsein hin- 
einfallen konnen, und solchen, die wieder vergessen worden sind, so 
dafi sie eine Erinnerungsfahigkeit nicht eigentlich entwickelt haben, 
Dieser Unterschied kann am leichtesten durch folgendes klargemacht 
werden. Denken Sie einen Eindruck, der bei Ihnen eine klare Vorstel- 
lung hervorrief. Nehmen wir an, es sei ein Eindruck, der in Ihnen 



Freude oder Schmerz erregte, also ein Eindruck, der von einem Gefiihl 
begleitet war. Halten wir das fest, dafi die meisten Eindriicke - eigent- 
lich alle Eindriicke, die auf uns gemacht werden - von Gefiihlen be- 
gleitet sind. Und die Gefiihle driicken sich nicht nur an der bewulJten 
Oberfiache des Lebens aus, sondern sie wirken tief hinein bis in den 
physischen Leib. Sie brauchen nur daran wieder zu denken, wie ein 
Eindruck Sie erblassen laftt, ein anderer Sie erroten macht. Bis in die 
Umlagerung des Blutes wirken da die Eindriicke. Und nun gehen Sie 
iiber zu dem, was entweder iiberhaupt nicht oder nur fliichtig zum 
Bewufitsein kommt - und es nicht bis zur Erinnerung bringt. Da zeigt 
uns die Geisteswissenschaft, dafi solche Eindriicke keineswegs weniger 
von ahnlichen Erregungen begleitet sind als die bewufiten. Wenn Sie 
einen Eindruck empfangen von der Aufienwelt, der, wenn Sie ihn be- 
wul^t empfangen hatten, Sie erschreckt hatte, dafi vielleicht Ihr Herz 
gepocht hatte, so bleibt derselbe Eindruck, wenn er nicht bewufit wird, 
doch nicht ohne Wirkung. Er macht aber nicht nur einen Eindruck, 
sondern er geht auch bis in den physischen Leib. Es tritt da sogar das 
Eigentumliche auf, dafi ein Eindruck, der eine bewufite Vorstellung her- 
vorruft, eine Art von Widcrstand findet beim Hinein wirken in die tie- 
fere menschliche Organisation; wenn aber der Eindruck auf uns einfach 
wirkt, ohne daft wir es zur bewufiten Vorstellung bringen, dann hemmt 
ihn nichts, aber er ist deshalb nicht weniger wirksam. Es ist das mensch- 
liche Leben ein viel reicheres als das, was uns davon bewufit wird. 

Es gibt eine Zeit im menschlichen Leben, wo solche Eindriicke, die 
so lebendig auf die menschliche Organisation wirken und keine Erinne- 
rungsfahigkeit haben, in besonders reichem Mafie erlebt werden. In der 
ganzen Zeit von der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Erinne- 
rung beginnt, sind unzahlige reiche Eindriicke auf den Menschen ge- 
macht worden, welche alle im Menschen drinnensitzen und auch in 
dieser Zeit den Menschen verandert haben. Sie wirken ebenso wie die 
bewufiten Eindriicke; aber ihnen steht, besonders wenn sie vergessen 
sind, nichts entgegen von dem, was sich sonst einordnet in das Seelen- 
leben als bewuftte Vorstellungen und dadurch gleichsam einen Damm 
bildet. Und diese unbewuftten Eindriicke dringen am allertiefsten. 
Nun kann man schon durch das aufiere Leben vielfach die Be- 



statigung finden, dafi es Momente im menschlichen Leben gibt, wo die 
zweite Sorte von inneren Wirkungen zum Ausdruck kommt. Manche 
Ereignisse des spateren Menschenlebens konnen Sie sich nicht erklaren. 
Sie finden gar nicht, wie Sie dazu kommen, gerade in dieser Weise jetzt 
dieses oder jenes erleben zu miissen. Sie erleben zum Beispiel etwas, das 
macht auf Sie einen so erschiitternden Eindruck, dafi Sie sich gar nicht 
erklaren konnen, wie ein verhaitnismaftig so gleichgiiltiges Erlebnis 
einen so erschiitternden Eindruck machen kann. Wenn Sie nun nach- 
forschen, werden Sie vielleicht finden, daiS Sie gerade in der kritischen 
Zeit - zwischen der Geburt und dem letzten Zeitpunkt, bis zu dem man 
sich erinnern kann - ein ahnliches Erlebnis batten, das Sie aber ver- 
gessen haben. Keine Vorstellung ist davon zuriickgeblieben. Damals 
hatten Sie einen erschiitternden Eindruck gehabt; der lebt fort und ver- 
bindet sich mit dem jetzigen und verstarkt ihn. Und was Sie sonst jetzt 
viel weniger erschiittert hatte, das macht nun einen besonders starken 
Eindruck. - Wer das einsieht, wird sich eine Vorstellung davon bilden, 
wie unendlich verantwortungsvoll die Erziehung in der ersten Kind- 
heit ist und wie etwas seine ganz bedeutungsvollen Schatten oder auch 
Lichter auf das spatere Leben wirft. Da wirkt also etwas vom Friiheren 
hiniiber auf das spatere Leben. 

Nun kann sich herausstellen, dafi solche Eindriicke der Kindheit - 
besonders wenn sie sich wiederholt haben - die ganze Lebensstimmung 
so beeinflussen, dafi von einem gewissen Zeitpunkt an eine Gemiits- 
verstimmung eintritt, die unerklarlich ist und die nur erklarlich wird, 
wenn man zuriickgeht und wei£, welche Eindriicke aus der friiheren 
Zeit ihre Lichter oder Schatten hineinwerfen in das spatere Leben; 
denn die sind es, die jetzt in einer dauernden Gemiitsverstimmung zum 
Ausdruck kommen. Man wird dann finden, dafi die Ereignisse beson- 
ders stark wirken, die nicht gleichgiiltig an dem Kind voriibergegangen 
sind und die schon damals besonderen Eindruck auf das Kind gemacht 
haben. - Wir werden also sagen konnen: Wenn Affekte, Gefiihle und 
Empfindungen besonders mitwirkend sind an den Eindriicken, die spa- 
ter vergessen werden, dann sind diese Affekte und Gefiihlsergiisse ganz 
besonders wirksam in dem Hervortreiben solch ahnlicher Erlebnisse. 

Nun erinnern Sie sich an die Darstellungen, die von mir ofters ge- 



geben worden sind iiber das Leben wahrend der Kamalokazeit. Nach- 
dem der Atherleib des Menschen als ein zweiter Leichnam abgelegt 
worden ist, lebt der Mensch sein ganzes letztes Leben zuriick, geht vor- 
iiber an alien seinen Erlebnissen, welche er gehabt hat; aber er geht 
nicht so voriiber, dafi sie ihm gleichgiiltig bleiben. Gerade wahrend der 
Kamalokazeit, weil der Mensch seinen alten astralischen Leib noch hat, 
bewirkt das Durchgemachte die tiefsten Gefiihlserlebnisse. - Nehmen 
wir zum Beispiel an, jemand sterbe mit siebzig Jahren, lebe sein Leben 
zuriick bis in sein vierzigstes Jahr, wo er jemandem eine Ohrfeige ge- 
geben hat. Da erlebt er den Schmerz, welchen er dem andern zugefiigt 
hat. Dadurch wird hervorgerufen eine Art Selbstvorwurf; der bleibt 
dann als Sehnsucht, und diese Sehnsucht bringt er im nachsten Leben 
mit, um diese Sache im spateren Leben auszugleichen. Und Sie konnen 
begreifen, da in dieser Zeit zwischen Tod und neuer Geburt solche 
astralischen Erlebnisse vorhanden sind, dafi dasjenige, was von uns als 
Handlung erlebt wird, sich um so sicherer und tiefer einpragt unserem 
inneren Wesen und beim Aufbau der neuen Leiblichkeit mitwirkt. Wenn 
wir also schon im gewohnlichen Leben so stark beriihrt werden konnen 
durch gewisse Erlebnisse, besonders wenn es Gefuhlseindriicke waren, 
dafi sie eine Gemiitsverstimmung bewirken konnen, so werden wir be- 
greifen, dafi die viel starkeren Eindriicke des Kamalokalebens sich so 
eindriicken konnen, dafi sie bei einer neuen Inkarnation bis tief in die 
Organisation des physischen Leibes hineinwirken. 

Da sehen Sie eine Steigerung einer Erscheinung, die Sie bei aufmerk- 
samer Beobachtung schon im Leben zwischen Geburt und Tod finden 
konnen. Solche Vorstellungen, denen mit dem Bewufitsein kein Damm 
entgegengebracht wird, werden schon zu mehr Unregelmafiigkeiten in 
der Seele fiihren konnen: zu Neurasthenic, zu nervenkrankheitsartigen 
Erscheinungen, vielleicht auch zu Geisteskrankheiten. Alle diese Er- 
scheinungen stellen sich uns dar wie ursachliche Zusammenhange von 
friiheren mit spateren Ereignissen und geben uns ein anschauliches Bild 
dafiir. 

Wollen wir jetzt den Begriff steigern, so konnen wir sagen: Was wir 
als Handlungen in einem Leben voUfiihren, das wird im Leben nach 
dem Tode umgesetzt in einen machtigen Affekt, und dieser Affekt, der 



jetzt durch keine physische Vorstellung geschwacht wird und durch 
kein gewohnliches Bewufitsein gehemmt ist - denn das Gehirn ist hier- 
bei nicht notig -, der durch die andere, defer hineinwirkende Form des 
BewuiStseins erlebt wird, bewirkt nun, dafi unsere Taten und unser 
ganzes Wesen vom vorigen Leben in unserer Anlage und Organisation 
in einem neuen Leben erscheint. Daher werden wir es begreiflich Hnden 
konnen, dafi ein Mensch, der in einer Verkorperung sehr egoistisch 
gedacht, gefiihlt und gehandelt hat, wenn er nach dem Tode vor sich 
sieht die Friichte seines egoistischen Denkens, Fiihlens und Handelns, 
sich durchzieht mit machtigen Affekten gegen seine friiheren Hand- 
lungen. Das ist in der Tat der Fall. Er bekommt Tendenzen in sich, die 
gegen sein eigenes Wesen gerichtet sind. Und diese Tendenzen, insofern 
sie aus einem egoistischen Wesen des vorigen Lebens hervorgegangen 
sind, driicken sich aus in einer in sich schwachen Organisation im neuen 
Leben. «Schwache Organisation » ist hier dem Wesen nach genommen, 
nicht dem aufieren Eindruck nach. Wir miissen uns daher klar sein, dafi 
eine schwache Organisation zuriickgefiihrt werden kann karmisch auf 
ein egoistisches Handeln in einem vorhergehenden Leben. 

Gehen wir weiter. Nehmen wir an, in einem Leben zeige ein Mensch 
einen besonderen Hang zur Liigenhaftigkeit. Das ist schon ein Hang, 
der geht aus einer tieferen Organisation der Seele hervor. Denn wenn 
sich der Mensch nur dem uberlafit, was in seinem allerbewufitesten 
Leben ist, so wird er nicht eigentlich iiigen; nur Affekte und Gefiihle, 
welche aus dem Unterbewufitsein heraus wirken, verleiten zum Liigen. 
Da haben wir schon etwas Tieferes sitzen. Wenn der Mensch lugenhaft 
war, werden seine Handlungen, die aus der Liigenhaftigkeit hervor- 
gehen, wieder die heftigsten Affekte im Leben nach dem Tode gegen 
den Menschen selbst erzeugen, und eine starke Tendenz gegen die 
Liigenhaftigkeit wird sich zeigen. Dann wird sich der Mensch mit- 
bringen im spateren Leben nicht nur eine schwache Organisation, son- 
dern - die Geisteswissenschaft zeigt uns das - eine Organisation, die 
sozusagen unrichtig gebaut ist, "die regellos gebaute innere Organe in 
der feineren Organisation zeigt. Es stimmt da etwas nicht recht zu- 
sammen. Das ist bedingt durch friiheren Hang zur Liigenhaftigkeit. - 
Und woher ist der Hang zur Liigenhaftigkeit selbst gekommen? Denn 



in dem Hang zur Lugenhaftigkeit hat der Mensch ja schon etwas, was 
auch nicht stimmt. 

Da miissen wir noch weiter zuriickgehen, Und da zeigt die Geistes- 
wissenschaft, daft ein flatterhaftes Leben, das keine Hingabe und keine 
Liebe kennt, dafi ein oberflachliches Leben in der einen Verkorperung 
sich ausdriickt in dem Hang zur Liigenhaftigkeit in der nachsten Ver- 
korperung; und der Hang zur Lugenhaftigkeit zeigt sich in der zweit- 
nachsten Inkarnation in den unrichtig gebauten Organen. - So konnen 
wir drei aufeinanderfolgende Inkarnationen in ihren Wirkungen kar- 
misch verfolgen: Oberflachlichkeit und Flatterhaftigkeit in der ersten 
Inkarnation, Hang zur Lugenhaftigkeit in der zweiten und physische 
Krankheitsdisposition in der dritten Inkarnation. 

Da sehen wir Karma an Gesundheit und Krankheit arbeiten. - Was 
jetzt gesagt worden ist, ist so gesagt, daft die Tatsachen selber heraus- 
geholt worden sind aus der geisteswissenschaftlichen Forschung. Nicht 
Theorien soUten aufgestellt werden, sondern es sind beobachtete Falle, 
die durch die Methoden der Geisteswissenschaft untersucht werden 
konnen. 

Wir haben also zunachst hingewiesen auf die allergewohnlichsten 
Tatsachen - auf die Heilkrafte des Atherleibes bei den Pflanzen. Wir 
zeigten dann, wie durch das Hinzutreten des astralischen Leibes bei den 
Tieren der Atherleib weniger wirksam ist, und wir sahen ferner, wie 
durch die Aufnahme des Ich, das ein individuelles Leben im Guten und 
Bosen, Wahren und Falschen entwickelt, der astraUsche Leib, der mit 
dem Hinaufsteigen in der Tierreihe die Heilkrafte nur hemmt, wieder 
etwas Neues dem Menschen einfiigt: die aus dem individuellen Leben 
ihm einf lieftenden karmischen Krankheitseinf liisse. Bei der Pflanze gibt 
es noch keine inneren Krankheitsursachen, weil die Krankheit noch im 
Aufterlichen ist und die Heilkrafte des Atherleibes ungeschwacht wir- 
ken. Bei den niederen Tieren haben wir noch einen Atherleib mit sol- 
chen Heilkraften, daft er selbstGlieder ersetzen kann; aber je weiter wir 
hinaufsteigen, desto mehr pragt sich der astralische Leib dem Atherleib 
ein, und dadurch schrankt der Astralleib die Heilkrafte des Atherleibes 
ein. Aber weil sich die Tiere nicht in Reinkarnationen fortpflanzen, 
hangt das, was im Atherleibe ist, nicht zusammen mit irgendwelchen 



moralisch-intellektuellen oder individuellen Qualitaten, sondern mit 
dem allgemeinen Typus. Beim Menschen jedoch wirkt das, was er in 
seinem Ich erlebt, zwischen Geburt und Tod hinein bis in den Atherleib. 

Warum kommen denn die Erlebnisse der Kindheit bei den genann- 
ten Gemiitswirkungen nur in leichten Erkrankungen zum Vorschein? 
Weil wir die Ursachen zu vielem, was sich in Neurasthenie, Neurose, 
Hysteric und so weiter zeigt, werden finden konnen in demselben 
Leben. Die Ursachen zu tieferen Krankheitsfallen aber werden wir zu 
suchen haben in einem vorhergehenden Leben, weil sich erst beimUber- 
gang zu einer neuen Geburt dasjenige recht in den Atherleib hinein- 
verpflanzen kann, was moralisch und intellektuell erlebt wird. Im all- 
gemeinen kann der Atherleib beim Menschen tiefere moralische Wir- 
kungen in einem Leben nicht einverleibt erhalten, obwohl wir einzelne 
Ausnahmefalle - und sogar sehr bedeutende Falle - noch kennenlernen 
werden. 

So haben wir einen Zusammenhang zwischen unserem Leben im 
Guten und Bosen, im Moralischen und Intellektuellen in der einen In- 
karnation, und unserer Gesundheit oder Krankheit in der nachsten. 



VIERTER VORTRAG 



Hamburg, 19. Mai 1910 



Es darf die Voraussetzung gemacht werden, dafi gerade iiber die beiden 
Begriffe, welche den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bilden 
sollen, namlich Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten, deut- 
lichere und, man kann sagen, menschenfreundlichere Vorstellungen 
herrschen werden, wenn einmal die Ideen von Karma und karmischen 
Zusammenhangen imLeben in weiteren Kreisen werden Platz gegriffen 
haben. Man darf ja sagen, dafi in bezug auf die Begriffe Heilbarkeit 
und Unheilbarkeit von Krankheiten in den verschiedensten Jahr- 
hunderten die verschiedensten Meinungen verbreitet waren. Und man 
braucht nicht sehr weit zuriickzugehen, um zu sehen, wie ungeheuerlich 
sich diese Begriffe verandert haben. 

Da finden wir eine Zeit - sie ist die Wende zwischen dem Mittel- 
alter und der neueren Zeit, so etwa das 16., 17. Jahrhundert -, da ent- 
wickelten sich allmahlich die Vorstellungen, dafi man die Krankheits- 
formen in einer strengen Weise eingrenzen konne und dafi es eigentlich 
fiir eine jede Krankheit irgendein Krautlein, irgendeine Mixtur gebe, 
durch welche die betreffende Krankheit unbedingt geheilt werden 
miisse. Dieser Glaube dauerte im Grunde recht lange, sogar bis in das 
19. Jahrhundert hinein. Und wenn man als Laie oder als Mensch, der 
die heutigen Zeitbegriffe in sich aufgenommen hat, nachlesen wollte in 
den Mitteilungen von Krankenbehandlungen vom Ende des 18. oder 
dem Beginn des 19. Jahrhunderts und bis weit in das 19. Jahrhundert 
hinein, so wiirde man erstaunen iiber all die Mittel und Mittelchen, die 
damals reichlich angewendet worden sind, von Tees, Mixturen bis zu 
gefahrlicheren Arzneien, Aderlassen und so weiter. Aber gerade das 
19. Jahrhundert war es, welches in medizinischen Kreisen, und zwar in 
angesehenen medizinischen Kreisen, diese Ansicht in das genaue Gegen- 
teil verkehrt hat. Und ich darf wohl selbst sagen, dafi mir vieles von 
diesen gegenteiligen Ansichten wahrend meiner jungeren Jahre in den 
verschiedensten Nuancen und Motiven vor Augen getreten ist. Es war 
die Gelegenheit dazu gegeben, wenn man etwa die Stromung der nihi- 



listischen medizinischen Schule mitmachte, die sich um die Mitte des 
19. Jahrhunderts in Wien vorbereitete und eigentlich immer mehr und 
mehr an Ansehen gewann. Der Ausgangspunkt zu einer radikalen An- 
derung in bezug auf die Anschauungen iiber Heilbarkeit und Unheil- 
barkeit von Krankheiten war das, was der bedeutende Mediziner Died 
iiber den Verlauf der Lungenentziindung und ahnlicher Krankheiten 
zutage forderte. Er war durch allerlei Betrachtungen dazu gekommen, 
sich zu sagen, dafi im Grunde gar kein rechter Einflufi von diesem oder 
jenem Mittel auf den Verlauf dieser oder jener Krankheit zu bemerken 
sei. Und gerade unter dem Einflufi von Dietls Schule lernten die da- 
maligen jungen Mediziner iiber den Heilwert der seit Jahrhunderten 
heraufgekommenen Heilmittel so denken, dafi sie auf alle alten Mittel 
iibertrugen, was mit dem bekannten Sprichwort gemeint ist: Kraht der 
Hahn auf dem Mist, so andert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es 
ist! - Sie waren der Meinung, dafi es ziemlich einerlei sei fiir den Ver- 
lauf einer Krankheit, ob man diese oder jene Mittel verabreiche oder 
nicht. Und Dietl war einer, der eine fur die damalige Zeit recht iiber- 
zeugende Statistik zustande brachte, die besagte, dafi bei der von ihm 
eingefiihrten sogenannten abwartenden Behandlungsweise ungefahr 
ebenso viele Menschen, die an Lungenentziindung erkrankt waren, ge- 
heilt wurden oder starben als bei der friiheren Behandlung mit den alt- 
ehrwiirdigen Heilmitteln. Die von Dietl begriindete, von Skoda weiter 
fortgefiihrte abwartende Behandlung bestand darin, dafi man den 
Kranken in die aufiere Lebenslage brachte, die ihn instande setzte, die 
selbstheilenden Krafte am allerbesten in Anwendung zu bringen, sie 
hervorzuholen aus seinem Organismus, und dem Arzte wies man kaum 
eine andere Stellung an, als den Verlauf der Krankheit zu iiberwachen, 
damit er da war, wenn irgend etwas eintrat, wo man mit menschlichen 
Mitteln sachgemafi Hilfe leisten kann. Im iibrigen beschrankte man 
sich darauf, die Krankheit sozusagen kommen zu sehen, abzuwarten, 
wie die selbstheilenden Krafte aus dem Organismus herauskamen, bis 
das Fieber nach einiger Zeit abfiel und die Selbstheilung durch den 
Organismus eintrat. 

Diese medizinische Schule wurde und wird noch heute mit dem Aus- 
druck der «nihilistischen Schule» belegt, weil sie auf einem Ausspruch 



von Professor Skoda fufite, der ungefahr sagte: Wir konnen vielleicht 
lernen, Krankheiten zu diagnostizieren, sie zu beschreiben, vielleicht 
auch zu erklaren - heilen aber konnen wir sie nicht! - Ich erzahle Ihnen 
Dinge, von denen Sie als von Tatsachen, welche sich im Laufe des 19. 
Jahrhunderts herausgebildet haben, Notiz nehmen sollen, damit Sie eine 
Empfindung dafiir erhalten, wie sich Vorstellungen auf diesem Gebiete 
geandert haben. Aber es moge niemand glauben, dafi, wenn dies oder 
jenes hier in rein erzahlender Form ausgesprochen wird, deshaib gleich 
in der einen oder andern Weise Partei ergriffen werden soil. Denn 
selbstverstandlich war der Ausspruch des beriihmten Professors Skoda 
eine Art Radikalismus, und es wiirde leicht sein,die Grenzen, innerhalb 
welcher ein solcher Ausspruch gilt> aufzuzeigen. Auf eins aber war mit 
solcher Meinung hingewiesen, ohne dafi man eigentlich die Mittel hatte, 
bewufit diesen Hinweis irgendwie zu begriinden oder zu umschreiben 
oder in Worte zu bringen - ja nicht einmal in Gedanken konnte man 
ihn bringen; das heifit, man konnte in den Kreisen, in welchen man ihn 
aussprach, nicht einmal daran gehen, diesen Hinweis zu denken. Es 
wurde darauf hingewiesen, dafi sich allerdings im Menschen etwas fin- 
den miisse, was in gewisser Beziehung bestimmend ist fur den Ausgang 
und fiir den Verlauf einer Krankheit und was als solches im Grunde ge- 
nommen doch jenseits dessen liegt, was menschliche Hilfe leisten kann. 

Es war also der Hinweis auf etwas gegeben, was jenseits der mensch- 
lichen Hilfe liegt; und dieser Hinweis kann niemals, wenn man wirk- 
lich den Dingen zu Leibe geht, sich auf etwas anderes beziehen als auf 
das Gesetz von Karma und auf die Wirksamkeit von Karma im Ver- 
laufe des menschlichen Lebens. Wenn wir den Verlauf einer Krankheit 
im menschlichen Leben verf olgen - das Herauf kommen der Krankheit, 
die aus dem Organismus selbst hervorspriefienden Heilkrafte -, wenn 
wir die Heilentwickelung verfolgen, dann werden wir bei unbefangener 
Betrachtungsweise, besonders wenn wir darauf Riicksicht nehmen, wie 
in dem einen Falle Heilung eintritt, wahrend in einem andern Falle 
keine Heilung moglich erscheint, dahin getrieben werden, nach tieferer 
Gesetzmafiigkeit zu suchen. Darf diese tiefere Gesetzmafiigkeit gesucht 
werden in den friiheren Erdenleben des Menschen? Das ist fiir uns die 
Frage. Darf davon gesprochen werden, dafi sich der Mensch gewisse 



Vorbedingungen mitbringt, die ihn geradezu vorausbestimmt machen, 
in einem besonderen Falle seine Heilkrafte aus dem Organismus auf- 
rufen zu konnen, die aber in einem andern Falle so vorausbestimmt 
sind, dafi er trotz aller Anstrengungen nicht imstande ist> die Krank- 
heit zu heilen? 

Wenn Sie sich an das erinnern, was namentlich gestern ausgefiihrt 
worden ist, so werden Sie begreifen, dafi in den Vorgangen, die sich ab- 
spielen zwischen dem Tode und der neuen Geburt, allerdings ganz be- 
sondereKrafte aufgenommen werden in die menschliche Individualitat. 
Haben wir doch gesagt, daft dem Menschen wahrend der Kamalokazeit 
die Ereignisse seines letzten Lebens, seine von ihm verrichteten Hand- 
lungen im Guten und Bosen, seine Charaktereigenschaften und so wei- 
ter vor die Seele treten und dafi er durch die Anschauung seines eigenen 
Lebens in sich die Tendenz aufnimmt, fiir alles, was unvoUkommen in 
ihm ist und was sich als eine unrichtige Handlung gezeigt hat, Abhilfe 
und Ausgleich zu schaffen, sich die betreffenden Eigenschaften ein- 
zupragen, welche ihn auf diesem oder jenem Gebiete vollkommener 
machen. Haben wir das begriffen, so konnen wir sagen: Diese Absicht, 
diese Tendenz behalt nun der Mensch und geht durch eine neue Geburt 
mit dieser Absicht wieder ins Dasein. - Der Mensch baut aber selbst an 
dem neuen Leibe, der sich ihm angliedert und ihn umgliedert im neuen 
Leben, und er baut ihn auf gemaft den Kraften, welche er sich mit- 
gebracht hat aus friiheren Lebenslaufen und aus der Zeit zwischen Tod 
und neuer Geburt. Mit diesen Kraften ist er ausgestattet und webt sie 
hinein in seine neue Korperlichkeit. Damit haben wir begriffen, daft 
diese neue Korperlichkeit schwach oder stark ist, je nachdem der 
Mensch schwache oder starke Krafte in sie hineinweben kann. 

Nun miissen wir uns aber doch klar sein, daft eine gewisse Folge ein- 
treten wird, wenn zum Beispiel der Mensch wahrend des Kamaloka- 
lebens gesehen hat: Du warst im letzten Leben ein Mensch, der viele 
Handlungen begangen hat unter dem Einflusse seiner Affekte, von 
Zorn, Furcht, Abscheu und so weiter. - Seiche Handlungen stehen nun 
lebendig vor seiner Seele in der Kamalokazeit, und da bildet sich heraus 
in dieser Seele der Gedanke - die Ausdriicke, die uns fiir diese Krafte 
erwachsen konnen sind natiirlich fiir das physische Leben gepragt! -: 



Du mufit an dir etwas tun, damit du in dieser Beziehung voUkommener 
wirst, damit du in der Zukunft nicht mehr geneigt bist, Handlungen 
unter dem Einflusse deiner Affekte zu begehen! - Dieser Gedanke wird 
ein Bestandteil der menschlichen Seelenindividualitat, und beimDurch- 
gehen durch eine neue Geburt pragt sich dieser Gedanke weiter ein als 
eine Kraft in den neu entstehenden Leib. Und in diesen fliefit dadurch 
ein die Tendenz, so etwas zu voUfiihren mit der ganzen Organisation 
von physischem Leib, Atherleib und astralischem Leib, was dem Men- 
schen es Jetzt unmoglich macht, aus seinen Affekten heraus, aus Zorn, 
Hafi, Neid und so weiter gewisse Handlungen zu begehen, damit er im- 
stande ist, in dieser Beziehung wirklich sich vollkommener zu machen. 
Und dadurch wird er dazu kommen, neue Handlungen zu voUfiihren, 
welche jetzt den Ausgleich friiherer Handlungen bewirken konnen. So 
lafit der Mensch aus einer seine gewohnliche Verniinftigkeit weit iiber- 
ragenden Verniinftigkeit die Absicht in sich hineinflie£en, die ihn zu 
einer hoheren Vollkommenheit auf einem bestimmten Gebiete und zum 
Ausgleich bestimmter Handlungen fiihren kann. -Wenn Sie in Betracht 
Ziehen, wie mannigf altig das Leben ist, wie der Mensch von Tag zu Tag 
solche Handlungen vollf uhrt, die einen derartigen Ausgleich erfordern, 
so werden Sie begreifen, dafi viele solcher nach Ausgleich harrender 
Gedanken in der Seele sind, wenn die Seele durch eine neue Geburt ins 
Dasein tritt, und dafi diese mannigfaltigen Gedanken sich kreuzen, so 
da£ dadurch der menschliche physische Leib und Atherleib eine Kon- 
figuration erhalten, in welche alle diese Tendenzen hineinverwoben 
sind. Um uns nun das verstandlich zu machen, nehmen wir einen ganz 
eklatanten Fall an. Gerade heute aber mufi ich ganz besonders betonen, 
was ich auch sonst stets betone: daft ich vermeide, aus irgendeiner 
Theorie oder Hypothesenmacherei zu sprechen und daft ich, wenn ich 
Beispiele anfuhre, nur solche anfiihre, die von der Geisteswissenschaft 
wohl gepriift sind. 

Nehmen wir an, jemand habe im letzten Leben so gelebt, da£ er aus 
einem viel zu schwachen Ich-Gefiihl heraus gewirkt hat, aus einem Ich- 
Gefiihl, welches in der Hingabe an die aufiere Welt viel zu weit ging, 
so weit, dafi es mit einer Unselbstandigkeit, Selbstverlorenheit wirkte, 
wie es fur unseren heutigen Menschheitszyklus nicht mehr angemessen 



ist. Also das fehlende Selbstgefiihl war es, welches einen Menschen in 
einer Inkarnation zu diesen oder jenen Handlungen gefiihrt hat. Nun 
hat er wahrend der Kamalokazeit die Handlungen vor sich gehabt, die 
aus diesem fehlenden Selbstgefiihl herausgeflossen sind. Er nimmt 
daraus zunachst die Tendenz auf : Du mufit in dir Kraf te entwickeln, 
welche dein Selbstgefiihl erhohen, du mufit in einer nachsten Inkarna- 
tion dir die Gelegenheit schaffen, gegen den Widerstand deiner Leib- 
lichkeit, gegen die Krafte, welche dir entgegenkommen werden aus 
physischem Leib, Atherleib und astralischem Leib, dein Selbstgefiihl zu 
stahlen, damit es gleichsam eine Schule durchmacht. Du mufit dir einen 
Leib anschaffen, der dir zeigt, wie aus der Leiblichkeit heraus die An- 
lage zu einem schwachen Selbstgefiihl wirkt! 

Was sich dann in der nachsten Inkarnation abspielen wird, wird 
wenig ins Bewufitsein treten, es wird sich mehr oder weniger in einer 
unterbewufiten Region abspielen. Der Betreffende wird hinstreben zu 
einer solchen Inkarnation, welche gerade die derbsten Widerstande 
seinem Selbstgefiihl entgegensetzt, so daf^ er es notig hat, sein Selbst- 
gefiihl im hochsten Mafie anzuspannen. Dadurch wird er wie magne- 
tisch hingezogen werden zu solchen Gegenden und solchen Gelegen- 
heiten, wo sich ihm tiefere Hindernisse entgegenstellen, wo sich sein 
Selbstgefiihl ausleben soil gegen die Organisation der drei Leiber. So 
sonderbar es Ihnen klingen mag: Solche Individualitaten, die mit die- 
sem Karma belastet sind, dafi sie in der charakterisierten Weise durch 
die Geburt ins Dasein hineinstreben, suchen den Zugang zu Gelegen- 
heiten, wo sie zum Beispiel einer Seuche wie der Cholera ausgesetzt sein 
konnen; denn diese bietet ihnen Gelegenheit, jene Widerstande, welche 
eben gekennzeichnet worden sind, zu finden. Was dabei durchzu- 
machen ist im Inneren gegen die Widerstande der drei Leiber in dem 
Erkrankten, das kann dann bewirken, daft in der nachsten Inkarnation 
das Selbstgefiihl in einem erheblichen Grade gewachsen ist. 

Nehmen wir einen andern eklatanten Fall an, und zwar, damit Sie 
den Zusammenhang durchschauen konnen, jetzt gerade den entgegen- 
gesetzten Fall. Ein Mensch sieht wahrend der Kamalokazeit, dafi er 
unter einem zu starken Selbstgefiihl eine Reihe von Handlungen voll- 
fiihrt hat, die aus einem zu starken Auf-sich-selbst-Bauen geflossen 



sind. Er sieht, daft er sich maftigen mufi in bezug auf sein Selbstgefiihl, 
daft er es zuriickdammen muft. Da muft er wieder eine Gelegenheit auf- 
suchen, wo ihm in der nachsten Inkarnation seine drei Leiber die Mog- 
lichkeit geben, daft das Selbstgefiihl iiberall in der Leiblichkeit - wie es 
sich auch anstrenge - keine Schranken findet, daft es iiberall ins Boden- 
lose hinein und sich selbst ad absurdum fiihrt. Die Bedingungen dazu 
sind hergestellt, wenn der Betreffende hingezogen wird zu einer Ge- 
legenheit, die ihm die Malaria bringt. 

Da haben Sie einen Krankheitsfall des karmischen Wirkens und 
sogar den Satz dargelegt, daft im Grunde der Mensch aus einer hoheren 
Verniinftigkeit, als diejenige ist, welche er mit seinem gewohnlichen Be- 
wufttsein Uberschauen kann, hingeleitet wird zu den Gelegenheiten, wo 
er sich im Verlaufe seines Karma weiter fortentwickeln kann. Wenn Sie 
namentlich die Dinge ins Auge fassen, welche jetzt eben gesagt worden 
sind, wird es Ihnen sehr erleichtert werden, Verstandnis zu gewinnen 
gerade fiir das Epidemische bei den Krankheiten. Wir konnten die ver- 
schiedensten Beispiele anfiihren, die uns alle zeigen, wie der Mensch aus 
den Erfahrungen seiner Kamalokazeit heraus geradezu die Gelegen- 
heiten aufsucht, diese oder jene Krankheit zu bekommen, um durch 
ihreOberwindung und durch die Entfaltung der selbstheilenden Krafte 
die Krafte zu gewinnen, welche ihn die Lebensbahn im ganzen hinauf- 
fiihren. 

Vorhin sagte ich, wenn ein Mensch viel unter dem Einfluft von 
Affekten gehandelt hat, so wird er in der Kamalokazeit ebenfalls 
Handlungen durchleben, die unter dem Einfluft von Affekten iiber- 
haupt geschehen sind. Das wird ihm die Tendenz geben, in seiner neuen 
Inkarnation, in seiner eigenen Leiblichkeit so etwas zu erleben, durch 
dessen Uberwindung er Handlungen voUfiihrt, welche ausgleichend 
wirken konnen auf gewisse Handlungen seines friiheren Lebens. Ins- 
besondere ist es da jene Form der Erkrankung, die wir in der neueren 
Zeit als Diphtheric kennen, die in vielen Fallen zutage tritt, wenn eine 
solche karmische Verwicklung vorliegt, wo sich der Betreffende friiher 
in der Weise ausgelebt hat, daft er vielfach aus allerlei Aufwallungen, 
Affekten und so weiter gehandelt hat. 

Wir werden im Verlaufe dieser Vortrage noch manches zu horen 



bekommen dariiber, wie diese oder jene Krankheit bedingt ist. Wir 
mussen aber jetzt auf noch tiefere Grundlagen eingehen, wenn wir uns 
die Frage beantworten wollen: Wie kommt es, dafi, wenn der Mensch 
durch die Geburt ins Dasein tritt und er sich durch sein Karma dieTen- 
denz mitbringt, durch die Oberwindung dieses oder jenes Leidens das 
eine oder das andere zu erreichen, wie kommt es, dalJ es ihm einmal 
gelingt, wirklich Sieger zu sein, die Krankheit zu iiberwinden und 
Krafte in sich aufzunehmen, die ihn hoher bringen, wahrend er das 
andere Mai unterliegt und die Krankheit Sieger bleibt? Da mussen wir 
auf die geistigen Prinzipien zuriickgehen, die iiberhaupt das Kranksein 
im Menschenleben moglich machen. 

Dafi der Mensch iiberhaupt erkranken kann, dafi er geradezu das 
Kranksein - sogar aus seinem Karma heraus - suchen kann, das kommt 
zuletzt aus keinen andern Prinzipien heraus als aus denjenigen, die wir 
schon oft in den verschiedensten Zusammenhangen unserer theosophi- 
schen Betrachtungen uns haben vor die Seele treten lassen. - Wir wis- 
sen, dafi in einem bestimmten Punkte der Erdentwickelung diejenigen 
Krafte in die menschliche Entwickelung eingetreten sind, welche wir 
die luziferischen Krafte nennen, welche solchen Wesenheiten ange- 
horen, die wahrend der alten Mondentwickelung zuriickgeblieben sind 
und nicht so weit vorgeschritten sind, dafi sie sozusagen an dem nor- 
malen Punkt ihrer Erdentwickelung angelangt waren. Dadurch wurde 
dem astralischen Leibe des Menschen, bevor sein Ich in der entsprechen- 
den Weise wirken konnte, etwas eingepflanzt, was aus diesen luziferi- 
schen Wesen herausstromte. Der Einflufi dieser luziferischen Wesen- 
heiten ist daher ein solcher, der vorzugsweise auf unseren astralischen 
Leib einstmals ausgeiibt worden ist und den der Mensch fiir die Folge- 
zeit durch seine Entwickelung hindurch in seinem astralischen Leib 
hatte. Dieser luziferische Einflufi bedeutet in der menschlichen Ent- 
wickelung mancherlei. Fiir unseren heutigen Zweck ist es aber wichtig, 
hervorzuheben, dalJ der Mensch, indem er die luziferischen Krafte in 
sich hatte, in seinem Inneren einen Verf iihrer hatte, weniger gut zu sein, 
als er gewesen ware, wenn der luziferische Einflufi nicht gekommen 
ware; und ebenso hatte er dadurch einen Einflufi, mehr aus allerlei 
Affekten, Leidenschaften und Begierden heraus zu handeln und zu ur- 



teilen,als er geurteilt und gehandelt haben wurde,wenn der luziferische 
Einflufi nicht gewirkt hatte. Durch diesen EinflufS wurde des Menschen 
eigentliche Individualitat veranlafit, anders zu sein, sozusagen mehr 
hingegeben zu sein an das, was wir die Begierdenwelt nennen konnen, 
als es sonst der Fall gewesen ware. Und dadurch ist es gekommen, dafi 
der Mensch viel tiefer hineinverstrickt worden ist in die physische 
Erdenwelt, als es sonst geschehen ware. Der Mensch drangt sich durch 
den luziferischen Einf lufi mehr hinein in seine Leiblichkeit, identif iziert 
sich mehr mit der Leiblichkeit, als er sie durchdrungen hatte, wenn kein 
luziferischer Einflufi gekommen ware. Denn ware der Einf lufi der luzi- 
ferischen Wesenheiten nicht gekommen, so ware so mancherlei von dem, 
was den Menschen auf der Erde locken kann, dieses oder jenes zu be- 
gehren, nicht gekommen. Der Mensch ware gleichgiiltig an den Ein- 
driicken dieser oder jener Lockmittel vorbeigegangen. Durch Luzifers 
Einflufi entstanden die Verlockungen der aufieren sinnlichen Welt; 
diese Verlockungen nahm der Mensch in sich auf. Die Individualitat, 
die durch das Ich gegeben war, wurde durchtrankt mit den Wirkungen, 
die aus dem luziferischen Prinzip heraus kamen. Und so kam es, dalS 
der Mensch bei seinen ersten Erdeninkarnationen auch den ersten Ver- 
lockungen des luziferischen Prinzips verfallen war und diese Ver- 
lockungen mitnahm in die spateren Leben. Das heifit, daft die Art und 
Weise, wie der Mensch den Verlockungen des luziferischen Prinzips 
verfiel, zu einem Bestandteil seines Karma wurde. 

Wenn nun der Mensch nur dieses Prinzip in sich auf genommen hatte, 
so wiirde er immer mehr und mehr den Verlockungen der physischen 
Erdenwelt verfallen sein; er wiirde sozusagen immer mehr die Aussicht 
verloren haben, von dieser physischen Erdenwelt wieder loszukommen. 
Wir wissen, daft der spatere Einf luft - der Christus-Einf luft - dem luzi- 
ferischen Prinzip entgegengewirkt hat und es gleichsam wieder zum 
Ausgleich gebracht hat, so daft der Mensch im Laufe seiner Entwicke- 
lung wieder Mittel erhalten hat, diesen luziferischen Einfluft aus sich 
herauszutreiben. Aber mit dem luziferischen Einfluft war zugleich 
etwas anderes gegeben. Dadurch, daft der Mensch in seinem astralischen 
Leib den luziferischen Einfluft aufgenommen hatte, erschien ihm auch 
die ganze auftere Welt, in die er eintrat, ganz anders, als sie ihm er- 



schienen ware, wenn er dem luziferischen Einflufi nicht hingegeben 
gewesen ware. Luzifer drang in des Menschen Inneres. Der Mensch sah 
mit Luzifer im Inneren die Welt um sich herum, Dadurch triibte sich 
sein Blick fiir die Erdenwelt, und es mischte sich nun in die aufieren 
Eindriicke hinein der ahrimanische Einflufi. Nur dadurch konnte sich 
Ahriman einmischen und die aufiere Welt zur Illusion gestalten, weil 
wir uns schon friiher von innen heraus die Anlage zur Illusion, zu Maja 
geschaffen hatten. So war der ahrimanische Einflufi, der hineinzog in 
die aufSere Welt, die den Menschen umgab, die Folge des luziferischen 
Einflusses. Wir konnen sagen: Der Mensch saugte ein, weil einmal die 
luziferischen Krafte in ihm waren, die Moglichkeit, sich mehr in die 
Sinnenwelt zu verstricken, als er sich ohne den luziferischen Einflufi in 
das sinnliche Erdenleben verstrickt hatte. Dadurch hat er sich aber 
auch die Moglichkeit geschaffen, mit alien aufieren Wahrnehmungen 
von aufien den ahrimanischen Einflufi einzusaugen. Und so lebt in der 
menschlichen Individualitat, indem sie durch die verschiedenen Erden- 
inkarnationen hindurchgeht, der luziferische Einflufi, und als das Er- 
gebnis des luziferischen Einflusses der ahrimanische EinfluE. Diese 
zwei Machte kampfen fortwahrend in der menschlichen Individua- 
litat. Und die menschliche Individualitat ist der Schauplatz geworden 
fiir den Kampf von Luzifer und Ahriman. 

Der Mensch ist mit seinem gewohnlichen Bewufitsein auch heute 
noch ausgesetzt sowohl den Verlockungen Luzifers, der aus den Leiden- 
schaften und Affekten seines astralischen Leibes heraus wirkt,wie auch 
den Verlockungen Ahrimans, der durch Irrtiimer, Tauschungen in 
bezug auf die aufiere Welt von aul^en in den Menschen eindringt. 
Solange nun der Mensch in einer Inkarnation lebt und die Vorstellungen 
einen Riegel vorschieben, so dafi das, was von Luzifer und Ahriman 
geschieht, nicht tiefer eindringen kann und ein Hindernis findet an den 
Vorstellungen, so lange bleibt das, was der Mensch tut, dem moralischen 
oder dem intellektuellen Urteil unterworfen. Solange der Mensch zwi- 
schen Geburt und Tod gegen die Moral siindigt, indem er Luzifer folgt, 
oder sich gegen die Logik und das gesunde Denken versiindigt, indem 
er Ahriman folgt, so lange bleibt das eine Angelegenheit des gewohn- 
lichen bewufiten Seelenlebens. Wenn der Mensch aber durch die Pforte 



des Todes schreitet, hort das Vorstellungsleben auf, das an das Instru- 
ment des Gehirns gebunden ist. Da beginnt eine andere Form des Be- 
wufitseinslebens. Da dringen in derTat alia die Dinge, welche im Leben 
zwischen Geburt und Tod dem moralischen oder dem verniinftigen 
Urteil unterworfen sind, herunter in die Untergriinde des menschlichen 
Wesens und greifen ein in das, was dann nach dem Kamaloka fur das 
nachste Dasein organisierend wirkt und sich hineinpragt in die plasti- 
schen Krafte, die nun die dreifache menschliche Leiblichkeit aufbauen. 
Da werden Irrtiimer, welche aus der Hingabe an Ahriman folgen, zu 
Krankheitskraften, die vom Atherleib her den Menschen infizieren, 
und Ausschweifungen, also Dinge, welche im Leben dem moralischen 
Urteil unterworfen sind, werden zu Krankheitsursachen, welche mehr 
vom astralischen Leib her wirken. 

Dadurch sehen wir, wie in der Tat unsere Irrtiimer aus dem Ahri- 
manischen in uns - und dazu sind auch die bewufiten Irrtiimer: Liigen, 
Unwahrheiten zu rechnen - zu Krankheitsursachen werden, wenn wir 
allerdings nicht bei einer Inkarnation stehenbleiben, sondern die Wir- 
kung einer Inkarnation auf die folgende betrachten; und wir sehen, wie 
auch die luziferischen Einfliisse zu Krankheitsursachen auf demselben 
Wege werden. Wir konnen in der Tat sagen: Wir begehen unsere Irr- 
tiimer nicht ungestraft! Wir tragen den Stempel unserer Irrtiimer in 
unserer nachsten Inkarnation an uns, aber wir tun es aus einer hoheren 
Verniinftigkeit heraus, als diejenige unseres gewohnlichen Lebens ist, 
aus derjenigen Verniinftigkeit, welche uns wahrend der Zeit zwischen 
Tod und neuer Geburt anweist, uns so stark und kraf tig zu machen, dafi 
wir fernerhin diesen Verlockungen nicht mehr ausgesetzt sind. So reihen 
sich Krankheiten sogar ein als machtige Erzieher in unser Leben. -Wenn 
wir Krankheiten so betrachten, konnen wir formlich sehen, wie bei der 
Ausbildung einer Krankheit entweder luziferische oder ahrimanische 
Einfliisse wirksam sind. Wenn einmal diese Dinge werden durchschaut 
werden von denen, die unter dem Einflufi der geisteswissenschaftlichen 
Weltanschauung Heiler sein werden, dann werden die Einfliisse dieser 
Heiler auf den menschlichen Organismus viel intimere sein, als sie heute 
sein konnen. 

Wir konnen geradezu in diesem Sinne den Organismus gewisser 



Krankheitsformen durchschauen. Nehmen wir zum Beispiel eine solche 
Krankheit wie die Lungenentziindung. Sie ist eine Wirkung in der kar- 
mischen Folge, welche dadurch entsteht, dafi der Betref fende wahrend 
seiner Kamalokazeit zuriickblicken kann auf einen Charakter, der in 
sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in 
sich hatte sozusagen ein Bediirfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir 
ja nicht, was jetzt einem friiheren Bewufitsein zugeschrieben wird, mit 
dem, was im Bewu^tsein der nachsten Inkarnation auftritt. Damit hat 
es zunachst nichts zu tun.Wohl aber wird das, was derMensch wahrend 
der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, dafi sich ihm Krafte ein- 
pragen zuVorgangen, welche die Lungenentziindung iiberwinden. Denn 
gerade in der Uberwindung der Lungenentziindung, in der Selbst- 
heilung, welche dabei vomMenschen angestrebt wird,wirkt die mensch- 
liche Individualitat entgegen den luziferischen Machten, fiihrt einen 
formlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Machte. Daher ist in 
der Uberwindung der Lungenentziindung eine Gelegenheit, dasjenige 
abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation 
war. So sehen wir formlich wirken in der Lungenentziindung den 
Kampf des Menschen gegen die luziferischen Machte. 

Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im 
heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen, die eigentiim- 
lichen Prozesse auftreten sehen, wenn die selbstheilenden Krafte in 
Tatigkeit iibergehen, die sich dadurch aufSern, dafi die schadigenden 
Einfliisse, welche da entstehen, umgeben werden, umrandet werden von 
Umhiillungen wie Bindegewebe; dann wird das Ganze ausgefiillt mit 
kalk-salzhaltiger Materie, welche feste Einschliisse bildet. Solche Ein- 
schliisse kann der Mensch in seiner Lunge haben, und viel mehr Men- 
schen tragen solche Dinge mit sich herum, als man gewohnlich glaubt; 
denn das sind diejenigen Menschen, bei denen eine tuberkulose Lunge 
in Heilung iibergegangen ist. Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein 
Kampf aufgefiihrt worden der menschlichen inneren Wesenheit gegen 
das, was ahrimanische Krafte angestellt haben. Es ist ein Abwehr- 
prozeiK nach aufien, ein Anstiirmen gegen das, was durch aufiere Mate- 
rialitat hergebracht wird, um zur Selbstandigkeit der menschlichen 
Wesenheit in diesem Sinne zu fiihren. 



Damit haben wir gezeigt, wie in der Tat die beiden Prinzipien, das 
ahrimanische und das luziferische, im letzten Grunde im Krankheits- 
verlauf tatig sind. Und es konnte in vieler Beziehung fiir diese oder 
jene Krankheitsform gezeigt werden, wie man eigentlich zwei Typen 
von Krankheiten unterscheiden miifite: ahrimanische und luziferische 
Krankheiten. Wenn man das beachten wurde, so wiirde man auch rich- 
tige Prinzipien gewinnen konnen fiir die entsprechende Hilfe, welche 
man den Kranken angedeihen lassen kann. Denn luziferische Krank- 
heitsprozesse werden ganz andere Hilfe erfordern als ahrimanische. 
Wenn heute noch in einer ziemlich kritiklosen Weise, zum Beispiel im 
aufieren Heilverfahren, Krafte angewendet werden, die in der heutigen 
Elektrotherapie, in der Kaltwasserbehandlung oder in ahnlichem ent- 
halten sind, so mufi gesagt werden, dafi von vornherein durch die 
Geisteswissenschaft ein Licht darauf geworfen werden kann, ob man 
die eine oder die andere Methode anwenden soil, dadurch, dafi man 
unterscheiden wiirde, ob man es mit einer luziferischen oder einer ahri- 
manischen Krankheit zu tun hat. Kein Mensch sollte zum Beispiel das 
Verfahren der Elektrotherapie anwenden bei Erkrankungen, die aus 
dem Luziferischen stammen; sondern man sollte sie nur bei ahrimani- 
schen Krankheitsformen anwenden. Denn eine Hilfe kann bei luzi- 
ferischen Krankheitsformen niemals etwas sein, was iiberhaupt mit 
dem Wirken des Luzifer gar nichts zu tun hat, namlich die Prinzipien 
der Elektrizitat; denn diese fallen in das Bereich der ahrimanischen 
Wesenheiten, wobei sich naturlich nicht nur die ahrimanischen Wesen- 
heiten der Krafte der Elektrizitat bedienen. Dagegen ist ein ganz be- 
sonderes Gebiet des Luziferischen dasjenige, was sich bezieht, grob aus- 
gedriickt, auf Warm und Kalt. Alles, was damit zu tun hat, dafi die 
menschliche Organisation warmer oder kalter wird oder was sie selbst 
durch aufiere Einfliisse warmer oder kalter macht, das gehort in das 
Bereich des Luzifer. Und bei alledem, wo wir es zu tun haben mit Warm 
oder Kalt, haben wir einen Typus luziferischer Krankheitsformen. 

So also sehen wir, wie Karma in dem Kranksein wirkt und wie es 
zur Oberwindung von Kranksein wirkt. Nun wird es nicht mehr un- 
begreiflich erscheinen, dafi im Karma auch die Heilbarkeit oder Un- 
heilbarkeit einer Krankheit liegt. Wenn Sie sich klarmachen, dafi ja das 



Ziel, das karmische Ziel des Erkrankens das ist, den Menschen zu for- 
dern und vollkommener zu machen, so ist die Voraussetzung die, dafi 
der Mensch, wenn er nach der Vernunftigkeit, die er sich aus der Kama- 
lokazeit beim Eintritt in ein neues Dasein mitbringt, einer Krankheit 
verfallt, jene Heilkrafte dann entwickelt, welche eine Stahlung seines 
inneren Menschen bedeuten und die Moglichkeit, hoher zu kommen. 
Nehmen wir an, die Sache liege so, dafS der Mensch in dem Leben, das 
er noch zubringen kann, vermoge seiner sonstigen Organisation und 
seines iibrigen Karma die Krafte hat, mit dem, was er durch die Krank- 
heit errungen hat, in diesem Leben selbst weiterzukommen. Dann hat 
die Heilung einen Sinn. Dann tritt Heilung ein und der Mensch hat in 
diesem Falle das errungen, was er erringen sollte und was sich an dem 
Vorhandensein der Krankheit zeigte. Durch das Oberwinden der 
Krankheit hat er sich instand gesetzt, dort vollkommene Krafte zu 
haben, wo er friiher unvollkommene Krafte hatte. Ist er durch sein 
Karma mit solchen Kraften ausgeriistet und durch die giinstigen Um- 
stande seines friiheren Schicksals so in die Welt gesetzt, daft er die 
neuen Krafte anwenden kann und wirken kann, um sich und andern 
von Nutzen zu sein, dann tritt die Heilung ein; dann windet er sich 
durch die Krankheit hindurch. 

Nehmen wir nun an, die Sache liege fiir den Menschen so, dafi er die 
Krankheit iiberwindet und die Heilkrafte entwickelt und nunmehr vor 
einem Leben stiinde, welches an ihn Anforderungen stellen wiirde, die 
mit dem Mafi, das er sich jetzt schon errungen hat an VoUkommenem, 
nicht erfiillt werden konnen: Er wiirde zwar einiges erringen durch die 
geheilte Krankheit, aber es ware doch nicht moglich, da£ er so viel 
erringt - weil sein iibriges Karma das nicht zulafit -, daft er mit dem, 
was er sich errungen hat, den andern zum Heile werden kann. Dann 
tritt das ein, dafi sein tieferes Unterbewufitsein sagt: Hier hast du keine 
Gelegenheit, die voile Kraft von dem zu empfangen, was du eigentlich 
haben sollst. Du mufitest in diese Inkarnation hineingehen, weil du das 
Mafi an Vollkommenheit gewinnen mufitest, das du nur im physischen 
Leibe durch die Uberwindung einer Krankheit erringen kannst. Das 
mufitest du erringen; aber weiter ausbilden kannst du es nicht. Nun 
mufit du in die Verhaltnisse gehen, wo dein physischer Leib und andere 



Krafte dich nicht storen und wo du frei verarbeiten kannst, was du in 
der Krankheit gewonnen hast. - Das heifit, es sucht eine solche Indivi- 
dualitat den Tod, um zwischen Tod und neuer Geburt das weiterzu- 
verarbeiten, was sie im Leben zwischen Geburt und Tod nicht ver- 
arbeiten kann. Es geht eine solche Seele durch das Leben zwischen Tod 
und neuer Geburt durch, um jetzt mit um so starkeren Kraften, die sie 
beim Uberwinden der Krankheit gewonnen hat, ihre Organisation 
weiter auszubilden, damit sie im neuen Leben um so mehr wirken kann. 
In dieser Weise kann formlich durch die Anwesenheit einer Krankheit 
eine Art Abschlagszahlung bewirkt werden, die dann erst erganzt wird 
nach dem Durchgehen durch den Tod zu dem, was sie sein soli. 

Wenn wir die Sache so betrachten, werden wir uns sagen miissen: 
Es erscheint durchaus im Karma begriindet, dafi die eine Krankheit 
ausgeht mit der Heilung, die andere mit dem Tod. - Wenn wir so die 
Krankheiten ansehen, werden wir von einem hoheren Gesichtspunkt 
aus durch Karma eine Art Versohnung, eine tiefe Versohnung mit dem 
Leben gewinnen; denn wir werden wissen, dafi es in der Gesetzmafiig- 
keit von Karma liegt, dafi, selbst wenn eine Krankheit mit dem Tode 
ausgeht, der Mensch gefordert wird, dafi selbst in einem solchen Falle 
die Krankheit das Ziel hat, den Menschen hoher zu bringen. Nun darf 
niemand daraus etwa den Schluft ziehen: dann konnte es auch sein, dafi 
wir geradezu den Tod herbeiwiinschen miifiten in gewissen Krankheits- 
fallen. Das darf niemand sagen, weil die Entscheidung dariiber, was 
eintreten soil, ob Heilung oder Unheilbarkeit, einer hoheren Verniinf- 
tigkeit zufallt, als die ist, welche wir mit unserem gewohnlichen Be- 
wufitsein umfassen konnen. Mit unserem gewohnlichen Bewufitsein 
miissen wir uns bescheiden innerhalb der "Welt zwischen Geburt und 
Tod, bei solchen Fragen stehenzubleiben. Mit unserem hoheren Bewufit- 
sein diirfen wir uns allerdings selbst auf den Standpunkt stellen, der 
sogar den Tod hinnimmt als einGeschenk der hoheren geistigenMachte. 
Mit demjenigen Bewufitsein aber, das helfen und eingreifen soil ins 
Leben, diirfen wir uns nicht vermessen, uns auf diesen hoheren Gesichts- 
punkt zu stellen. Da konnten wir uns leicht irren und wiirden in einer 
unerhorten Weise eingreifen in etwas, worin wir nie eingreifen diirfen: 
in die menschliche Freiheitssphare. Wenn wir einem Menschen helfen 



konnen,clamit er die selbstheilenden Krafte entwickelt, oder indem wir 
selbst der Natur zu Hilfe kommen, damit Heilung eintritt, so mussen 
wir das tun. Und soil die Entscheidung dariiber fallen, ob der Mensch 
weiterleben soil oder ob er mehr gefordert wird, wenn der Tod eintritt, 
dann kann sie niemals anders als so fallen, dafi unsere Hilfe eine Hilfe 
in der Heilung sein kann. 1st sie dies, so setzen wir es in des Menschen 
eigene Individualitat, seine Krafte anzuwenden, und die arztliche Hilfe 
kann dabei nur eine solche sein, die ihn darin unterstiitzt. Dann wirkt 
sie nicht hinein in die menschliche Individualitat. Ganz anders ware es, 
wenn wir eines Menschen Unheilbarkeit in der Weise fordern wiirden, 
dafi er sein weiteres Fortkommen in einer anderen Welt suchte. Da 
wiirden wir in seine Individualitat eingreifen und seine Individualitat 
einer andern Wirkungssphare iibergeben. Dann batten wir unseren 
Willen der andern Individualitat aufgedrangt. Diese Entscheidung 
mussen wir der Individualitat selbst iiberlassen. Das heifit mit andern 
Worten: Wir mussen so viel als moglich tun, damit eine Heilung ge- 
schieht. Denn alle Oberlegungen, die zu einer Heilung fiihren, kom- 
men aus dem Bewufitsein, das fiir unsere Erde berechtigt ist; alle andern 
MalSnahmen wiirden iibergreifen iiber unsere Erdensphare; da mussen 
andere Krafte eingreifen als die, welche in unser gewohnliches Bewuftt- 
sein hineinfallen. 

So sehen wir, dafi ein richtiges karmisches Verstandnis liber Heil- 
barkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten dazu fiihrt, dafi wir alles 
aufbringen werden, um dem Menschen zu helfen in der Krankheit; und 
auf der andern Seite fiihrt es uns auch dazu, dafi wir, wenn aus andern 
Spharen eine andere Entscheidung getroffen wird, diese ebenfalls zu 
unserer Befriedigung hinnehmen. Etwas anderes haben wir in bezug 
auf diese andere Entscheidung auch gar nicht notig. Ndtig haben wir, 
dafS wir einen Gesichtspunkt finden, dafi uns die Unheilbarkeit einer 
Krankheit nicht niederdriickt, als ob die Welt nur das Unvollkommene, 
das Schlimme und Schlechte hatte. Karmisches Verstandnis lahmt nicht 
unsere Tatkraft in bezug auf das Heilen. Karmisches Verstandnis wird 
uns auf der andern Seite auch wieder in Harmonie bringen mit dem 
schwersten Schicksal in bezug auf Unh
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