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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die Offenbarungen
des Karma
Ein Zyklus von elf Vortragen
gehalten in Hamburg
zwischen dem 16. und 28. Mai 1910
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage (Grofies Format) Berlin (1911) (Zyklus XII)
2. (1. buchformige) Auflage Dornach 1932
3. Auflage Dornach 1944
4. Auflage Dornach 1949
5. Auflage, durchgesehen und mit den vorhandenen Unter-
lagen verglichen, Gesamtausgabe Dornach 1956
6. Auflage, durchgesehen, im wesentlichen unverandert,
Gesamtausgabe Dornach 1968
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1975
8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
BibUographie-Nr. 120
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung Dornach/Schweiz
© 1956 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl
ISBN 3-7274-1200-3
2m den Veroffentlichungen aus dem
Vortra^swerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof-
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er seJbst wollte urspriinglich, dai? seine durchwegs frei gehalte-
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundli-
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif-
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Auf gabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mu{5
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick-
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
tiber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften au^ert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
. Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemal? ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 234 ff.
ERSTERVoRTRAG,Hamburg, 16. Mail910 9
Wesen und Bedeutung des Karma in Einzelpersonlichkeit, Individuali-
tat, Menschheit, Erde, Welt
ZweiterVortrag, 17. Mai 1910 34
Karma und Tierreich
DritterVortrag, 18.Mail910 55
Krankheit und Gesundheit in Beziehung zu Karma
Vierter VoRTRAG, 19. Mai 1910 76
Heilung und Unheilbarkeit in Beziehung zu Karma
FUNFTERVORTRAG,20.Mail910 93
Naturliche und zufallige Erkrankungen in Beziehung zu Karma
SechsterVortrag,21. Mai 1910 113
LebensunfaJle in Beziehung zu Karma
SlEBENTERVoRTRAG,22.Mail910 132
Elementarereignisse, Vulkanausbriiche, Erdbeben, Epidemien in Be-
ziehung zu Karma
AcHTERVoRTRAG,25.Mail910 152
Karma der hoheren Wesenheiten
NeunterVortrag,26. Mai 1910 172
Tod und Geburt im Verhaltnis zu Karma
ZEHNTERVORTRAG,27.Mail910 187
Freier Wille und Karma in der Zukunft der Menschheitsentwicklung
ELFTERVoRTRAG,28.Mail910 206
(Individuelles und Gemeinschaftskarma)
EiNLADUNG ZUM VORTRAGSZYKLUS 226
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 228
Hinweise zum Text 229
Namenregister 233
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 234
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 239
ERSTER VORTRAG
Hamburg, 16. Mai 1910
Dieser Zyklus von Vortragen soil Fragen behandeln aus dem Gebiete
der Geisteswissenschaft, die tief in das Leben einschneidend sind. Aus
den verschiedenen Darstellungen, die im Laufe der Zeit gegeben wor-
den sind, ist es uns ja gelaufig, dal^ Geisteswissenschaft nicht eine ab-
strakte Theorie sein soli, nicht eine blofie Doktrin oder Lehre, sondern
ein Quell fiir Leben und Lebenstiichtigkeit, und sie erfiillt erst dann
ihre Aufgabe, wenn durch das, was sie an Erkenntnissen zu geben ver-
mag, etwas hineinfliefit in unsere Seelen, was das Leben reicher, ver-
standlicher, was unsere Seelen tiich tiger und tatkraf tiger machen kann.
Wenn sich nun allerdings derjenige, der sich zu dieser unserer Welt-
anschauung bekennt, jenes Ideal, das eben mit ein paar Worten gekenn-
zeichnet worden ist, vorhalt und in der Gegenwart dann ein wenig
Umschau halt, inwiefern er imstande ist, das, was ihm aus der Theo-
sophie erflielJt, in diesem Leben umzusetzen, dann konnte er vielleicht
zu einem recht wenig erfreuiichen Eindruck kommen. Denn wenn man
unbefangen alles betrachtet, was heute die Welt meint zu «wissen», was
in unserer Gegenwart die Menschen zu diesen oder jenen Gefiihlen oder
Handlungen treibt, so konnte man sagen, dafi dies alles von den theo-
sophischen Ideen und Idealen so unendlich weit verschieden ist, dafi
der Theosoph gar keine Moglichkeit habe, unmittelbar in das Leben
einzugreifen mit dem, was er aus den Quellen der Geisteswissenschaft
heraus sich aneignet.- Das ware aber dennoch eine recht oberflachliche
Betrachtung der Sachlage, oberf lachlich aus dem Grunde, weil bei einer
solchen Betrachtung nicht gerechnet wurde mit dem, was wir aus un-
serer Weltanschauung selber dadurch entnehmen miissen, dafS wir uns
sagen: Wenn einmal wirklich jene Krafte, die wir durch Theosophie
aufnehmen, stark genug sein werden, dann werden sie auch die Mog-
lichkeit finden, in die Welt einzugreifen; wenn aber niemals etwas dazu
getan wiirde, diese Krafte immer starker und starker zu machen, so
wiirde eben ihr Eingreifen in die Welt unmoglich sein.
Aber es ist noch etwas anderes, was uns sozusagen Trost geben kann.
selbst wenn wir durch eine solche Betrachtung trostlos warden mochten,
und das ist es gerade, was uns aus den Betrachtungen dieses Vortrags-
zyklus folgen soil: Betrachtungen iiber das, was man menschliches Kar-
ma und Karma uberhaupt nennt. Denn wir werden mit jeder Stunde,
die wir hier verbringen, mehr sehen, wie wir gar nicht genug tun kon-
nen an der Herbeifiihrung der Moglichkeit, mit theosophischen Kraften
in das Leben einzugreifen, und wie wir, wenn wir ernsthaft an Karma
glauben und festhalten, voraussetzen miissen, dafi uns Karma selber
dasjenige zuwerfen wird, was wir iiber kurz oder lang zu tun haben
werden fiir unsere Krafte. Wir werden sehen: Wenn wir vermeinen, wir
konnten die aus unserer Weltanschauung gewonnenen Krafte noch nicht
anwenden, dann haben wir eben diese Krafte noch nicht geniigend stark
gemacht, damit sie bewirken konnen, dafi Karma es uns auch ermog-
liche, in die Welt mit diesen Kraften einzugreifen. So soil nicht nur eine
Summe von Erkenntnissen iiber Karma in diesen Vortragen leben, son-
dern es soil mit jeder Stunde mehr das Vertrauen in Karma geweckt
werden, die Gewifiheit, daiS, wenn die Zeit gekommen sein wird, ob es
nun morgen oder iibermorgen oder nach vielen Jahren sein wird, unser
Karma uns Aufgaben bringen wird, insofern wir als Bekenner unserer
Weltanschauung Aufgaben zu verrichten haben. Karma wird sich uns
darstellen als eine Lehre, welche uns nicht nur sagt, wie dieses oder jenes
in der Welt sich verhalt, sondern welche mit den Aufschliissen, die sie
uns bringt, zu gleicher Zeit uns Lebensbefriedigung und Lebenserhohung
bringen kann.
Allerdings, wenn Karma eine solche Aufgabe erfiillen soil, ist es
schon notwendig, dal5 wir das damit gemeinte Gesetz etwas tiefer ins
Auge fassen, sozusagen in seiner Ausbreitung iiber die Welt. Dazu ist
aber diesmal etwas notwendig, was sonst nicht eigentlich in meinem
Gebrauche liegt bei geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, namlich
eine Definition, eine Worterklarung zu geben. Ich pflege das sonst nicht
zu tun, weil mit solchen Worterklarungen in der Regel nicht viel getan
ist. Bei unseren Betrachtungen wird in der Regel begonnen mit derDar-
stellung von Tatsachen, und wenn diese Tatsachen in der entsprechenden
Weise gruppiert und geordnet sind, ergeben sich die Begriffe und Vor-
stellungen von selbst. Wollten wir nun allerdings fiir die umfassenden
Fragen, die wir in den nachsten Tagen zu besprechen haben, einen ahn-
lichen Gang einschlagen, so miifiten wir viel mehr Zeit zur Verfugung
haben, als uns geboten ist. Deshalb ist es diesmal zur Verstandigung
notwendig, dafi wir, wenn auch nicht eine Definition, so doch eine Art
Beschreibung des Begriffes geben, der uns langere Zeit beschaftigen
wird. Definitionen haben ja auch nur den Zweck, sich dariiber zu ver-
standigen, was man meint, wenn man dieses oder jenes Wort anschlagt
oder ausspricht. In diesem Stile soli eine Beschreibung des Begriffes
«Karma» gegeben werden, damit wir wissen, wovon wir sprechen,wenn
in diesen Vortragen der Ausdruck «Karma» gebraucht wird.
Aus mancherlei Betrachtungen hat wohl ein jeder von uns sich schon
einen Begriff gebildet von dem, was Karma ist. Ein recht abstrakter
Begriff von Karma ist wohl der, wenn man Karma das «geistige Ur-
sachengesetz» nennt, das Gesetz, wonach auf gewisse Ursachen, die im
geistigen Leben liegen, gewisse Wirkungen folgen. Das ist aber ein zu
abstrakter Begriff von Karma, weil er zum Teil zu eng, zum Teil aber
auch viel zu weit sein wurde. Wenn wir Karma iiberhaupt auffassen
wollen als ein Ursachengesetz, so stellen wir es zusammen mit dem, was
wir sonst in der Welt als das Gesetz der Kausalitat, als das Gesetz von
Ursache und Wirkung bezeichnen. Verstandigen wir uns einmal dar-
iiber, was wir sonst unter dem Ursachengesetz auf dem allgemeinen
Gebiete verstehen, wo wir noch nicht von geistigen Tatsachen und
geistigen Ereignissen sprechen.
Es wird heute so oft von der aufieren Wissenschaft betont, dafi die
eigentliche Bedeutung dieser Wissenschaft darinnen liege, daft sie baue
auf das umfassende Ursachengesetz, daft sie iiberall Wirkungen auf ent-
sprechende Ursachen zuriickfuhre. Wie dieses Zuriickfuhren von Wir-
kungen auf Ursachen geschieht, dariiber sind sich allerdings die Men-
schen schon viel weniger klar. Denn Sie werden wohl auch heute noch
inBuchern,die da glauben, recht gelehrt zu sein und recht philosophisch
die Begriffe klarzulegen, immer noch Ausspriiche finden konnen wie
etwa den: Eine Wirkung ist dasjenige, was aus einer Ursache folgt. -
Wenn man aber sagt, daft eine Wirkung aus einer Ursache folge, dann
redet man an den Tatsachen ganz gewaltig vorbei. Denn wenn wir zum
Beispiel den erwarmenden Sonnenstrahl betrachten, der auf eineMetall-
platte auffallt, so dafi diese Metallplatte dadurch warmer geworden
ist, dann werden wir von Ursache und Wirkung in der Welt draufien
reden. Aber werden wir jemals sagen konnen, dafi die Wirkung - die
Erwarmung der Metallplatte - aus der Ursache des warmen Sonnen-
strahles folge? Wenn der warme Sonnenstrahl diese Wirkung schon in
sich hatte, so wiirde es die Tatsache nicht geben, da der warme Sonnen-
strahl eine Metallplatte gar nicht erwarmt, wenn sie ihm nicht ent-
gegenkommt. Damit in der Welt der Erscheinungen, in der leblosen
Welt, die wir zunachst um uns herum haben, eine Wirkung auf eine
Ursache folge, ist stets notwendig, dafi dieser Ursache eiwas entgegen-
kommt. Und ohne dafi etwas der Ursache entgegenkommt, ist niemals
von dem Folgen einer Wirkung auf eine Ursache zu sprechen. - Es ist
nicht iiberf liissig, dafi wir eine solche scheinbar recht philosophisch und
abstrakt klingende Bemerkung vorausschicken; denn man mu£ sich
schon einmal angewohnen, wenn man fruchtbar vorwartskommen will
auf theosophischem Gebiete, die Begriffe recht genau zu fassen und
nicht so nachlassig, wie sie zuweilen in den andern Wissenschaften ge-
fafSt werden.
Nun aber diirfte niemand von Karma sprechen, wenn blofi in einer
solchen Weise eine Wirkung eintreten wiirde, wie sie vorhanden ist,
wenn der warmende Sonnenstrahl eine Metallplatte erwarmt. Da ist
zwar die Kausalitat vorhanden, der Zusammenhang von Ursache und
Wirkung, aber wir wiirden niemals zu einem gehorigen Begriff von
Karma kommen,wenn wir nur auf diesem Gebiete von Karma sprechen
wurden. Wir konnen also nicht von Karma sprechen, wenn blofi eine
Wirkung mit einer Ursache in Zusammenhang steht.
Wir konnen nun weitergehen und uns einen etwas hoheren Begriff
von dem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung bilden. Wenn
wir zum Beispiel einen Bogen haben, ihn spannen und dann mit diesem
Bogen einen Pfeil abschiefien, dann ist durch das Spannen des Bogens
eine Wirkung eingetreten. Diese Wirkung des abgeschossenen Pfeiles im
Zusammenhang mit seiner Ursache werden wir ebensowenig mit dem
Ausdruck «Karma» belegen diirfen wie das, was eben gesagt worden
ist. Wenn wir aber bei diesem Vorgang etwas anderes betrachten, kom-
men wir in gewisser Weise schon dem Karma nahe, wenn wir auch
dabei noch immer nicht den Karmabegriff fassen: wenn wir namlich
bedenken, da£ der Bogen, wenn er recht oft gespannt wird, mit der Zeit
schlaff wird. Da wird durch das, was der Bogen tut, was mit ihm ge-
schieht, nicht blofi eine Wirkung folgen, die sich nach aufSen hin zeigt,
sondern es wird eine Wirkung folgen, die auf den Bogen selber zuriick-
geht. Es geschieht durch das fortwahrende Spannen des Bogens etwas
mit dem Bogen selbst. Etwas, das durch das Spannen geschieht, fallt
also sozusagen wieder auf den Bogen selbst zuriick. Eine Wirkung wird
also erzielt, welche auf den Gegenstand zuriickfaflt, von dem diese
Wirkung selbst veranlafit worden ist.
Das gehort nun schon in den Karmabegriff hinein. Ohne dafi eine
Wirkung erzeugt wird, die wieder zuriickfallt auf das Ding oder die
Wesenheit, welche diese Wirkung hervorbringt, ohne diese Eigentiim-
lichkeit des Zuriickwirkens der Wirkung auf das verursachende Wesen
ist der Karmabegriff nicht zu denken. Da kommen wir also dem Kar-
mabegriff schon insofern etwas naher, als uns klar wird, dafi die von
einem Ding oder Wesen verursachte Wirkung wieder zuriickschlagen
mufi auf dieses Ding oder Wesen selber. Aber dennoch diirfen wir das
Schlaffwerden des Bogens durch das fortwahrende Spannen nicht das
Karma des Bogens nennen, und zwar aus folgendem Grunde nicht:
Wenn wir den Bogen etwa drei bis vier Wochen recht oft gespannt
haben, und er ist nach vier Wochen schlaff geworden, dann haben wir
in dem schlaffen Bogen eigentlich etwas ganz anderes vor uns, als vor
vier Wochen in dem straff en Bogen; der Bogen ist etwas anderes ge-
worden, er ist nicht dasselbe geblieben. Wenn also die zuriickschlagende
Wirkung so ist, dafi sie durchaus etwas anderes aus dem Ding oder
Wesen macht, dann diirfen wir doch noch nicht von einem Karma
sprechen. Wir diirfen erst von einem Karma sprechen, wenn die Wir-
kung, die auf das Wesen zuriickschlagt, beim Zuriickschlagen auf das-
selbe Wesen trifft, oder wenn das Wesen wenigstens in einem gewissen
Sinne dasselbe geblieben ist.
So also sind wir dem Karmabegriff wieder um ein Stiick naherge-
kommen. Aber wir bekommen, wenn wir den Karmabegriff so beschrei-
ben woUen, im Grunde genommen von ihm doch nur eine recht ab-
strakte Vorstellung. Dennoch werden wir diesen Begriff, wenn wir ihn
abstrakt fassen wollen, kaum genauer fassen konnen, als wenn wir ihn
in der Weise ausdriicken, wie wir es eben jetzt getan haben. Nur das
eine miissen wir zum Karmabegriff noch hinzufiigen: Wenn die Wir-
kung, die auf das Wesen zuriickschlagt, in demselben Zeitpunkte er-
folgt, wenn also Verursachung und zuriickschlagende Wirkung in dem-
selben Zeitpunkte stattfinden, dann werden wir kaum von Karma
sprechen konnen. Denn in diesem Falle wiirde das Wesen, von dem die
Wirkung ausgeht, im Grunde genommen die Wirkung unmittelbar her-
vorbringen wollen, wiirde also diese Wirkung voraussetzen, wiirde
durchschauen alle Elemente, die zu dieser Wirkung fiihren. Wenn das
der Fall ist, sprechen wir doch nicht von Karma. So zum Beispiel wer-
den wir nicht von Karma sprechen, wenn wir einen Menschen vor uns
haben, der eine bestimmte Tat vollbringt, mit der er dieses oder jenes
beabsichtigt, und wenn dann - gemafi seiner Absicht - diese oder jene
Wirkung, die er eben gewollt hat, eintritt. Das heil5t, es mufi zwischen
der Ursache und der Wirkung etwas liegen, was sich dem Wesen bei der
Herbeifiihrung der Ursache unmittelbar entzieht, so dafi der Zusam-
menhang von Ursache und Wirkung zwar vorhanden ist, aber nicht
eigentlich von dem Wesen selber beabsichtigt ist. Wenn dieser Zusam-
menhang von dem Wesen, das verursacht, nicht beabsichtigt ist, dann
mul5 der Grund, warum ein Zusammenhang besteht zwischen Ursache
und Wirkung, woanders liegen als in den Absichten des betreffenden
Wesens. Das heifit, es mufi dieser Grund liegen in einer bestimmten
Gesetzmafiigkeit. Das gehort also noch zum Karma dazu, dafi der Zu-
sammenhang zwischen Ursache und Wirkung ein gesetzmafiiger ist, der
hiniibergeht iiber das, was das Wesen unmittelbar beabsichtigt.
So batten wir einige Elemente zusammengetragen, welche uns den
Karmabegriff erlautern konnen. Aber wir miissen alle diese Elemente
in dem Karmabegriff darinnen haben und nicht bei einer abstrakten
Definition stehenbleiben. Denn sonst werden wir nicht die Offen-
barungen des Karma auf den verschiedenen Gebieten der Welt begrei-
fen konnen. Diese Offenbarungen des Karma werden wir nun zuerst
dort aufzusuchen haben, wo uns Karma zunachst entgegentritt: im
einzelnen Menschenleben.
Konnen wir im einzelnen Menschenleben so etwas finden und wann
konnen wir es finden, was wir jetzt eben durch unsere Erlauterung des
Karmabegriffes dargestellt haben?
Wir wiirden so etwas finden, wenn zum Beispiel ein Erlebnis in
unser Leben hineintrate, bei dem wir uns sagen konnten: Dieses Erleb-
nis, das da fiir uns auf tritt, steht in einem gewissen Zusammenhange mit
einem friiheren Erlebnis, an dem wir selber beteiligt sind, zu dem wir
selber Veranlassung gegeben haben. Versuchen wir einmal - zunachst
rein durch Beobachtung des Lebens - festzustellen, ob es so etwas gibt.
Wir wollen uns jetzt also rein auf den Standpunkt der aufieren Beob-
achtung stellen. Wer solche Beobachtungen nicht anstellt, kann auch
nie zum Erkennen eines gesetzmafiigen Zusammenhanges im Leben
kommen; er kann es ebensowenig, wie derjenige das Gesetz des elasti-
schen Stofies an zwei Billardkugeln kennenlernen kann, der diesen
Stofi nicht beobachten wird. Beobachtung des Lebens kann uns in der
Tat zu der Anschauung eines gesetzmafiigen Zusammenhanges fiihren.
Greifen wir dazu gleich einen bestimmten Zusammenhang heraus.
Sagen wir, ein junger Mensch ware im achtzehnten Jahre seines Le-
bens aus dem Berufe, der ihm bis dahin vorgezeichnet zu sein schien,
durch irgendein Ereignis herausgeworfen worden. Nehmen wir an,
dieser Mensch hatte bis dahin ein Studium betrieben, hatte sich durch
das Studium vorbereitet zu einem Berufe, wie er aus solchem Studium
hervorgehen kann, und nun ware er, zum Beispiel durch einen Un-
glucksfall seiner Eltern, daraus herausgeworfen worden und mit acht-
zehn Jahren in den Kaufmannsberuf hineingetrieben worden. Wer
solche Falle unbef angen im Leben beobachtet - mit einem solchen Blick,
wie man in der Physik die Erscheinung des Stofies elastischer Kugeln
betrachtet -, der wird dann zum Beispiel finden, dafi die Erlebnisse des
Kaufmannsberufes, in den der junge Mensch hineingetrieben worden
ist, zunachst anregend wirken, dafi er darin seine Pflichten ausfiihrt,
etwas lernt, vielleicht auch etwas ganz Tiichtiges wird. Aber man kann
auch beobachten, dafi nach einiger Zeit etwas ganz anderes auch ein-
tritt: ein gewisserUberdrufi,eine gewisseUnzufriedenheit. Nicht gleich
wird eine solche Unzufriedenheit eintreten. Wenn mit achtzehn Jahren
sich der Berufswechsel vollzogen hat, werden vielleicht die nachsten
Jahre ruhig voriibergehen. Aber vielleicht um das dreiundzwanzigste
Jahr herum wird es deutlich werden, dafi sich etwas in der Seele fest-
setzt, was sich wie etwas Unerklarliches zeigt. Wenn man dann weiter
nachforscht, kann man haufig bemerken, wenn der Fall klarliegt, dafi
der Oberdruft fiinf Jahre nach dem Berufswechsel seine Erklarung
findet durch das dreizehnte oder vierzehnte Jahr. Denn die Ursachen
fiir eine solche Erscheinung werden wir sehr haufig zu suchen haben
ungefahr eine ebensolche Zeitspanne vor dem Berufswechsel, wie nach
demselben ein Ereignis eingetreten ist, wie wir es eben beschrieben
haben. Da kann der betreffende Mensch in seinem dreizehnten Jahre
wahrend seiner Lernzeit - also fiinf Jahre vor seinem Berufswechsel -
etwas in seine Gefiihlswelt aufgenommen haben, was ihm eine gewisse
innere Beseligung gewahrte. Nehmen wir an, der Berufswechsel ware
nicht eingetreten; dann wiirde das, woran sich der junge Mensch im
dreizehnten Jahre gewohnt hatte, im spateren Leben sich ausgelebt und
diese oder jene Frucht getragen haben. Nun kam aber der Berufswech-
sel, der zunachst den jungen Menschen interessiert hat, der seine Seele
eingenommen hat. Was dadurch in sein Seelenleben gekommen ist, das
hat zuriickgedrangt, was friiher darinnen war. Eine gewisse Zeit hin-
durch kann das zuriickgedrangt werden, aber indem es zuriickgedrangt
wird, gewinnt es gerade im Inneren eine besondere Kraft; da sammelt
es sozusagen Spannkraft im Inneren an. Da ist es ahnlich, wie wenn wir
einen elastischen Ball zusammendriicken : Wir konnen ihn bis zu einer
gewissen Grenze driicken, dann leistet er Widerstand; und wenn er zum
Zuriickschnellen veranlafit wird, wird er mit einer um so grofieren
Kraft zuriickschnellen, je mehr wir ihn vorher zusammengedriickt
haben. Solche Erlebnisse, wie die eben angedeuteten, die ein junger
Mensch aufgenommen hat im dreizehnten Jahre seines Lebens und
welche sich dann bis zum Berufswechsel befestigt haben, konnen auch
in gewisser Weise zuriickgedrangt werden; dann aber macht sich nach
einiger Zeit ein Widerstand in der Seele geltend. Und dann kann man
sehen, wie dieser Widerstand stark genug geworden ist, um sich nun in
seiner Wirkung zu zeigen. Weil der Seele das fehlt, was sie sonst haben
wiirde, wenn der Berufswechsel nicht gekommen ware, macht sich das
Zuriickgedrangte geltend und kommt jetzt so zum Vorschein, dafi Un-
befriedigung, Uberdrufi an dem, was die Umgebung bietet, eintritt.
Da also haben wir einen Fall, wo der betreffende Mensch etwas er-
lebt hat, etwas getan hat in seinem dreizehnten bis vierzehnten Lebens-
jahre, und wo er spater etwas anderes getan hat, namlich den Berufs-
wechsel vollzogen hat, und wir sehen, wie diese Ursachen so sich aus-
leben, dafi sie in ihrer Wirkung spater zuriickfallen, zuriickschlagen
auf dasselbe Wesen. In einem solchen Falle wiirden wir den Karma-
begrif f zunachst auf das Einzelleben des Menschen anwenden miissen. -
Man soUte aber nun nicht dagegen einwenden: Wir haben aber Falle
kennengelernt, wo sich so etwas ganz und gar nicht zeigte! - Das kann
sein. Aber es wird auch keinem Physiker einfallen, wenn er die Gesetze
des fallenden Steines untersuchen will, der mit dieser oder jener Ge-
schwindigkeit fallt, dafi er sich sagen miifite, das Gesetz ware nicht
richtig, wenn der Stein etwa durch einen Schlag aus seiner Richtung
geschleudert wiirde. Man mufi lernen, in der richtigen Weise zu beob-
achten, und diejenigen Erscheinungen ausschliefien, welche nicht zur
Bildung des Gesetzes gehoren. Gewifi wiirde ein solcher Mensch, der,
wenn nichts anderes eintreten wiirde, mit dreiundzwanzig Jahren die
Eindriicke seines dreizehnten Jahres in ihrer Wirkung als Oberdrufi
empfindet, zu diesem Uberdrufi nicht kommen, wenn er zum Beispiel
in der Zwischenzeit geheiratet hatte. Aber da hatten wir es mit etwas
zu tun, was fiir die Feststellung des Grundgesetzes ohne Einflufi ist.
Darauf aber kommt es an, dafi wir die richtigen Faktoren finden, die
uns auf ein Gesetz fuhren konnen. Beobachtung an sich ist noch gar
nichts; erst geregelte Beobachtung bringt uns zur Erkenntnis des Ge-
setzes. Nun handelt es sich aber auch darum, solche geregelte Beobach-
tungen, wenn wir das Gesetz des Karma studieren wollen, in der rech-
ten Weise anzustellen.
Nehmen wir an, um fiir einen einzelnen Menschen das Karma zu
erkennen, jemanden trafe im flinfundzwanzigsten Lebensjahre ein
schwerer Schicksalsschlag, der ihm Schmerz und Leid verursacht. Wenn
wir nun einfach unsere Beobachtungen so anstellen, dafi wir sagen, die-
ser schwere Schicksalsschlag ist eben in das Leben hereingebrochen und
hat es mit Schmerz und Leid erf iillt, wenn wir also bei der blofien Beob-
achtung stehenbleiben, werden wir nie zum Erkennen des karmischen
Zusammenhanges kommen. Wenn wir aber weiterschreiten und das
Leben eines solchen Menschen, der im fiinfundzwanzigsten Jahre einen
derartigen Schicksalsschlag erlebt hat, in seinem fiinfzigsten Jahre be-
trachten, dann werden wir vielleicht zu einer Anschauung kommen, die
wir etwa so ausdriicken konnen: Der Mensch, den wir da betrachten,
ist ein Mensch geworden, fleifiig und regsam, der tuchtig im Leben da-
steht; jetzt schauen wir weiter zuriick in sein Leben. Mit zwanzig
Jahren - so finden wir dann - war er noch ein Taugenichts und hat
iiberhaupt nichts tun woUen; mit fiinfundzwanzig Jahren hat ihn dann
der schwere Schicksalsschlag getroffen. Hatte ihn dieser Schlag nicht
getroffen ~ so konnen wir jetzt sagen -, so ware er ein Taugenichts
geblieben. Also ist der schwere Schicksalsschlag die Ursache dazu ge-
wesen, dafi wir im fiinfzigsten Jahre einen regsamen und tiichtigen
Menschen vor uns haben.
Eine solche Tatsache lehrt uns, dafi wir fehlgehen, wenn wir den
Schicksalsschlag vom fiinfundzwanzigsten Jahre als eine blofie Wir-
kung betrachten. Denn wenn wir fragen: Was hat er verursacht?, kon-
nen wir nicht bei der blofien Beobachtung stehenbleiben.Wenn wir aber
einen solchen Schlag nicht als Wirkung betrachten und an das Ende der
Erscheinungen stellen, die vorausgegangen sind, sondern wenn wir ihn
an den Anfang der nachfolgendenEreignisse stellen und ihn als Ursache
betrachten, dann lernen wir erkennen, dafi wir allerdings sogar unser
Gefiihlsurteil, unser Empfindungsurteil ganz wesentlich andern konnen
gegeniiber diesem Schicksalsschlag. Wir werden vielleicht traurig sein,
wenn wir ihn blofi als Wirkung betrachten, dafi diesen Menschen dieser
Schlag getroffen hat. Betrachten wir ihn dagegen als Ursache eines
Spateren, dann konnen wir vielleicht froh sein und Freude dariiber
empfinden. Denn diesem Schicksalsschlag ist es zu verdanken - so
konnen wir sagen -, dafi der BetreffenHe ein ordentlicher Mensch ge-
worden ist.
So sehen wir, dafi es an unseren Empfindungen etwas Wesentliches
andern kann, je nachdem wir eine Tatsache des Lebens als Wirkung
oder als Ursache betrachten. Es ist also nicht gleichgiiltig, ob wir irgend
etwas, was im Leben den Menschen trifft, als blofte Wirkung oder als
Ursache betrachten. Freilich, wenn wir in dem Zeitpunkt die Beobach-
tung anstellen,wo das schmerzliche Ereignis eingetreten ist, konnen wir
noch nicht die unmittelbare Wirkung wahrnehmen. Wenn wir uns aber
das Karmagesetz gebildet haben aus ahnlichen Beobachtungen, dann
kann dieses Karmagesetz selber uns sagen: Jetzt ist vielleicht ein Ereig-
nis schmerzlich, weil es uns blo£ als Wirkung des Vorhergehenden ent-
gegentritt; aber es kann auch so betrachtet werden,dafi es als Ausgangs-
punkt fiir ein Folgendes angesehen wird. Dann konnen wir sagen: Wir
ahnen, dafS hier der Ausgangspunkt die Ursache ist von Wirkungen,
welche die Sache in ein ganz anderes Licht stellen! So kann das Karma-
gesetz selber der Quell sein einer Trostung, Die Trostung ware nicht da,
wenn wir uns gewohnten, ein Ereignis nur an das Ende und nicht an
den Anfang einer Erscheinungsreihe zu setzen.
Es kommt also darauf an, dafi wir lernen, das Leben geregelt zu
beobachten und in entsprechender Weise die Dinge als Wirkung und
Ursache zueinander zu stellen. Wenn wir solche Beobachtungen wirk-
lich durchgreifend anstellen, werden uns im einzelnen Menschenleben
Ergebnisse zutage treten, die mit einer gewissen Regelmafiigkeit fiir das
einzelne Menschenleben ablaufen, und andere Ergebnisse werden zu-
tage treten, die uns unregelmafiig in diesem Leben erscheinen. So kann
der, welcher das Menschenleben beobachtet - und zwar nicht nur so
weit, als gerade die Nase reicht -, merkwurdige Zusammenhange in
diesem Menschenleben finden. Nur werden die Erscheinungen des
menschlichen Lebens leider heute nur iiber kurze Zeitspannen, kaum
iiber einige Jahre, beobachtet; und was nach einer grofieren Anzahl von
Jahren eintritt, das ist man nicht gewohnt, mit dem in Zusammenhang
zu bringen, was etwa friiher als Ursache vorhanden sein konnte. Daher
werden nur wenige Menschen sich heute finden, die Anfang und Ende
des Menschenlebens in einen gewissen Zusammenhang bringen. Dennoch
ist dieser Zusammenhang aufierordentlich lehrreich.
Nehmen wir an, wir haben ein Kind in den ersten sieben Jahren sei-
nes Lebens so erzogen, dafi also wir nicht das getan haben, was gewohn-
lich geschieht, dafi wir nicht von dem Glauben ausgegangen sind: Wenn
einer ein ordentlicher Mensch im Leben werden soli, mufi er so und so
sein, mu£ unseren Anschauungen von einem ordentlichen Menschen
unbedingt entsprechen. Denn in einem solchen Falle wiirden wir dem
Kinde moglichst genau das alles eintrichtern wollen, was es eben in
unserem Sinne zu einem ordentlichen Menschen machen sollte. Wenn
wir abervon der Erkenntnis ausgehen, dafi man ein ordentlicher Mensch
auf vielerlei Arten sein kann und dafi man noch gar keine Vorstellung
zu haben braucht, auf welche Art der, der als Kind erst heranwachst,
ein ordentlicher Mensch werden soil nach seiner individuellen Anlage,
dann werden wir sagen: Was ich auch immer fiir Begriffe von einem
ordentlichen Menschen habe, der Mensch, der aus diesem Kinde ent-
stehen soil, mufi dadurch entstehen, dafi die besten Anlagen aus ihm
herausgeholt werden - was ich vielleicht erst als Ratsel losen mufi!
Und man wird sich daher sagen: Was kommt es darauf an, da£ ich die-
sen oder jenen Geboten und dergleichen verpflichtet bin? Das Kind
selbst mufi ein Bediirfnis fiihlen, dieses oder jenes zu tun! Wenn ich das
Kind nach seinen individuellen Anlagen entwickeln will, werde ich
versuchen, diejenigen Bediirfnisse, die in ihm veranlagt sind, zu ent-
wickeln, herauszuholen, so dafi vor alien Dingen ein Bediirfnis nach
den Handlungen eintritt, das Kind also die Handlungen aus eigenem
Bediirfnis tut. - Wir sehen daraus, dafi es zwei ganz verschiedene
Methoden gibt, auf ein Kind in den ersten sieben Jahren seines Lebens
zu wirken.
Wenn wir nun das weitere Leben des Kindes beobachten, wird sich
uns lange Zeit nicht zeigen, was die ausgesprochenste Wirkung dessen
sein wird, was wir in den ersten Jahren auf diese Weise in das Kind
hineingebracht haben. In der Lebensbeobachtung ergibt sich namlich,
dafi die eigentlichen Wirkungen dessen, was als Ursachen in die kind-
liche Seele hineingelegt worden ist, am allerspatesten erst eintreten, das
heifit am Lebensabend. Der Mensch kann einen in sich regen Geist bis
an sein Lebensende dadurch haben, dafi wir ihn als Kind in der Weise
erzogen haben, wie es jetzt eben beschrieben worden ist: dafi wir auf
sein Seelenleben, auf alles, was lebendig in ihm sitzt, Riicksicht ge-
nommen haben. Wenn wir das herausgeholt und zur Entwickelung ge-
bracht haben, was an inneren Kraften in ihm vorhanden ist, dann wer-
den wir die Friichte am Lebensabend herauskommen sehen in Gestalt
eines reichen Seelenlebens. Dagegen in einer verdorrten und verarmten
Seele und demgemafi auch - weil, wie wir spater sehen werden, eine
verdorrte Seele auch auf den Leib wirkt - in den leiblichen Gebresten
des Alters tritt das auf, was wir in der friihesten Kindheit an dem
Menschen Unrichtiges getan haben. Da sehen wir etwas, was sich in
gewisser Weise regular, so dafi es fiir jeden Menschen giiltig ist, im
Menschenleben als Zusammenhang von Ursache und Wirkung darstellt.
So konnten wir auch fiir die mittleren Lebensabschnitte solche
Zusammenhange finden, und wir werden darauf noch aufmerksam
machen. - Wie wir einen Menschen vom siebenten bis vierzehnten Jahre
behandeln, das tritt in seinen Wirkungen wieder im vorletzten Lebens-
abschnitt hervor. So sehen wir Ursache und Wirkung zyklisch, wie im
Kreise, sich abspielen. Was an Ursachen am friihesten vorhanden war,
das tritt als Wirkung am spatesten auf. Aber nicht nur solche Wir-
kungen und Ursachen sind im einzelnen Menschenleben vorhanden,
sondern es geht neben dem zyklischen Verlauf ein geradliniger einher.
An unserem Beispiel, wie das dreizehnte Jahr in das dreiundzwan-
zigste hineinspielen kann, haben wir gesehen, wie Ursache und Wirkung
im Menschenleben so zusammenhangen, dafi dasjenige, was der Mensch
in sich erlebt hat, Wirkungen nach sich zieht, die dann wieder auf das-
selbe Menschenwesen zuriickschlagen. So erfiillt sich Karma im ein-
zelnen Menschenleben. Wir werden aber zu einer Erklarung des Men-
schenlebens nicht kommen, wenn wir Zusammenhange zwischen Ur-
sache und Wirkung nur in diesem einzelnen Menschenleben suchen.
Wie der Gedanke, der jetzt angeschlagen ist, weiter zu begriinden und
auszufuhren ist, dariiber werden wir in den nachsten Stunden sprechen.
Jetzt soli nur auf etwas hingedeutet werden, das ja bereits bekannt ist:
daiS die Geisteswissenschaft zeigt, wie dieses Menschenleben zwischen
Geburt und Tod die Wiederholung ist friiherer Menschenleben.
Wenn wir nun das Charakteristische aufsuchen fiir das Leben zwi-
schen Geburt und Tod, so konnen wir als solches bezeichnen die Aus-
dehnung eines und desselben Bewufitseins - im wesentlichen wenig-
stens - fiir die ganze Zeit zwischen Geburt und Tod. Wenn Sie sich
zuriickerinnern an Ihre friiheren Lebensabschnitte, so werden Sie sagen:
Es gibt einen Zeitpunkt, der nicht mit meiner Geburt zusammenfallt,
sondern etwas spater liegt, wo meine Lebenserinnerungen beginnen.
Das werden alle Menschen sagen, die nicht zu den Eingeweihten ge-
horen;und sie werden dann davon sprechen, dafi ihrBewufitsein soweit
nur reicht. Im Grunde genommen haben wir es in dem Zeitraum von
der Geburt bis zum Tod in bezug auf den Beginn dieser Lebenserinne-
rungen mit etwas sehr Eigentiimlichem zu tun, und wir werden auch
darauf noch zuriickkommen; das wird uns in bedeutsame Dinge hinein-
leuchten. Wenn wir das aber nicht beriicksichtigen, konnen wir sagen:
Charakteristisch fiir das Leben zwischen Geburt und Tod ist es, dafi
ein Bewufitsein sich ausdehnt fiir diese Zeit.
Wenn nun auch der Mensch im gewohnlichen Leben, wenn ihn im
spateren Lebensalter etwas trifft,dieUrsachen dazu in friiherenLebens-
abschnitten nicht aufsucht, so konnte er es aber dennoch, wenn er nur
auf alles aufmerksam genug ware und alles erforschen wiirde. Er konnte
es mit dem Bewufitsein, das ihm als Erinnerungsbewufitsein zur Ver-
fiigung steht. Und wenn er durch die Erinnerung versuchte, sich den
Zusammenhang zwischen Friiherem und Spaterem im karmischen Sinne
vor die Seele zu stellen, so wiirde er zu folgendem Ergebnis kommen.
Er wiirde zum Beispiel sagen: Ich sehe, daft gewisse Ereignisse, die
bei mir eingetreten sind, nicht gekommen waren, wenn nicht das oder
jenes in einem friiheren Lebensabschnitt eingetreten ware. - Er wiirde
vielleicht sagen: Fiir das, was meine Erziehung an mir getan hat, mufi
ich jetzt biifien. - Aber wenn er auch nur den Zusammenhang einsieht
zwischen dem, was nicht er gesiindigt hat, sondern was an ihm ge-
siindigt worden ist, und spateren Ereignissen, dann wird ihm schon das
eine Hilfe sein. Er wird leichter Mittel und Wege finden, um Schaden,
die an ihm begangen worden sind, auszugleichen. Die Erkenntnis eines
solchen Zusammenhanges zwischen Ursachen und Wirkungen in un-
seren einzelnen Lebensabschnitten, die wir durch unser gewohnUches
Bewufttsein iiberschauen konnen, kann uns schon im hochsten Grade
forderlich sein im Leben. Ja, wenn wir uns diese Erkenntnis erwerben,
konnen wir vielleicht noch etwas anderes tun. - Wenn allerdings ein
Mensch achtzig Jahre alt geworden ist und dann zuriickschaut auf das,
was man als Ursachen zu Ereignissen im achtzigsten Jahre in friihester
Kindheit zu suchen hat, so wird es fiir ihn vielleicht recht schwierig
sein, Gegenmittel zu finden, um auszugleichen, was an ihm getan wor-
den ist, und wenn er sich dann belehren laftt, so wird das nicht mehr
allzuviel helfen. Wenn er sich aber vorher belehren lafit und hinblickt
auf die Sunden, die an ihm begangen sind, und, sagen wir, schon im
vierzigsten Jahre dagegen Vorsorge trifft, dann hat er vielleicht doch
noch Zeit, um gewisse Gegenmittel zu ergreifen.
Wir sehen also, dafi wir uns nicht allein fiir das unmittelbar Nachst-
liegende des Lebenskarma belehren lassen sollen, sondern iiber Karma
und den gesetzmajfJigen Zusammenhang, den Karma bedeutet, iiber-
haupt. Das kann uns forderlich sein fiir unser Leben. - Was tut denn
aber ein Mensch, der im vierzigsten Jahre etwas unternimmt, damit die
Schaden gewisser Sunden nicht eintreten, die zum Beispiel im zwolften
Jahre an ihm begangen worden sind, oder die er selbst begangen hat?
Er wird versuchen, was er gesundigt hat oder was an ihm getan worden
ist, auszugleichen und alles zu tun, was der Wirkung, die eintreten
miiBte, vorbeugt. Er wird in gewisser Weise sogar die notwendige Wir-
kung, die ohne sein Zutun eintreten wiirde, durch eine andere ersetzen.
Die Erkenntnis dessen, was es im zwolften Jahre gegeben hat, wird ihn
selbst zu einer bestimmten Handlung im vierzigsten Jahre fiihren. Diese
Handlung hatte er nicht getan, wenn er nicht erkannt hatte, dafi es
dieses oder jenes im zwolften Jahre gegeben hat. Was hat der Mensch
also durch sein Zuriickblicken auf sein friiheres Leben getan? Er hat
selber durch sein Bewufitsein folgen lassen auf eine Ursache eine be-
stimmte Wirkung. Er hat gewollt die Wirkung, welche er jetzt herbei-
gefiihrt hat. - Das zeigt uns, wie in die Linie der karmischen Folgen
unser Wille eingreifen und etwas schaffen kann, was an Stelle von sonst
eingetretenen karmischen Wirkungen steht. Nehmen wir einen solchen
Zusammenhang, wo unser Bewufitsein ganz bewuEt eine Verbindung
zwischen Ursache und Wirkung im Lebenslauf herbeifiihrt, so werden
wir uns sagen: Bei einem solchen Menschen ist Karma oder karmische
GesetzmajSigkeit ins Bewufitsein hineingetreten, er hat selbst in gewisser
Weise die karmische Wirkung herbeigefiihrt.
Nehmen wir nun aber einmal an, wir legen einer ahnlichen Betrach-
tung dasjenige zugrunde, was wir iiber die wiederholten Erdenlaufe
eines Menschen wissen. Das Bewufitsein, von dem wir eben gesprochen
haben, das sich ausdehnt mit der angedeuteten Ausnahme auf unser
Leben zwischen Geburt und Tod, das entsteht dadurch, daft sich der
Mensch des Instrumentes seines Gehirns bedienen kann. Wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, tritt ein andersgeartetes
Bewufitsein auf, das unabhangig ist vom Gehirn und an wesentlich
andere Bedingungen gebunden ist. Und wir wissen, dafi fUr dieses Be-
wufitsein, das bis zur neuen Geburt dauert, eine Art Riickblick auftritt
iiber alles, was der Mensch in dem Leben zwischen Geburt und Tod
vollbracht hat. Im Leben zwischen Geburt und Tod mufi sich der
Mensch erst die Absicht bilden, zuriickzublicken auf irgendwelche
Siinden, die an ihm begangen worden sind, wenn er die Wirkung dieser
Siinden wirklich karmisch in sein Leben einfiihren soil. Nach demTode
schaut der Mensch im Zuriickblicken auf sein Leben auf dasjenige, was
er an Siinden oder iiberhaupt an Handlungen vollbracht hat. Da schaut
er auch zugleich das, was diese Handlungen an seiner Seele oder aus
seiner Seele gemacht haben. Da sieht der Mensch, wie er dadurch, dafi
er eine bestimmte Handlung getan hat, in seinem Werte gesunken oder
gestiegen ist. Haben wir einem andern zum Beispiel irgendein Leid zu-
gefiigt, so ist unser Wert dadurch gesunken; wir sind sozusagen weniger
wert geworden, sind unvollkommener geworden, indem wir dem an-
dern das Leid zugefiigt haben. Wenn wir nun nach dem Tode zuriick-
blicken, sehen wir auf zahlreiche solche Falle zuriick, bei denen wir uns
sagen: Wir sind dadurch unvollkommener geworden. Daraus aber folgt
fiir das Bewufitsein nach demTode, dafi in ihm die Kraft und derWille
entstehen, wenn es wieder Gelegenheit dazu hat, alles zu tun, um jenen
Wert wieder zu erringen, welchen es verloren hat, das heifit der Wille,
alles Leid auszugleichen, das es zugefiigt hat. Der Mensch nimmt also
zwischen Tod und neuer Geburt die Tendenz, die Absicht auf, was er
Schlechtes getan hat, wieder auszugleichen, damit er iiberhaupt den
Standpunkt der Vollkommenheit wieder erringen kann, den er als
Mensch haben soli und der verhindert worden ist durch die entspre-
chende Tat.
Nun tritt der Mensch wieder ins Dasein. Sein Bewufitsein wird wie-
der ein anderes; er erinnert sich nicht zuriick an die Zeit zwischen Tod
und neuer Geburt und auch nicht daran, wie er die Absicht gefafit
hat, etwas auszugleichen. Aber diese Absicht sitzt in ihm. Und wenn er
auch nicht weifi: Du mufit dies oder das tun, um das oder jenes auszu-
gleichen! -, so wird er doch durch die Kraft, die in ihm sitzt, zu irgend-
einer Handlung hingetrieben, die ein Ausgleich ist. Und jetzt konnen
wir uns eine Vorstellung machen, was vor sich geht, wenn einen Men-
schen zum Beispiel im zwanzigsten Jahre etwas sehr Schmerzliches
trifft. Mit seinem Bewuf^tsein, das er hat zwischen Geburt und Tod,
wird er niedergedriickt sein durch seinen Schmerz. Wiirde er sich aber
daran erinnern, was er in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt
an Absichten aufgenommen hat, dann wiirde er auch die Kraft spiiren,
die ihn hingetrieben hat an die Stelle, wo er diesen Schmerz hat erleiden
konnen, weil er gefuhlt hat, dafi er den Grad von Vollkommenheit, den
er sich verscherzt hat und den er wiedererringen soil, nur dadurch
wieder erreichen kann, dafS er diesen Schmerz durchmacht. Wenn also
auch das gewohnliche Bewufitsein sagt: Der Schmerz ist da; du leidest
darunter! - und nur den Schmerz in der Wirkung betrachtet, so konnte
doch fiir das Bewufitsein, welches auch die Zeit zwischen Tod und
neuer Geburt iiberblickt, gerade das Aufsuchen des Schmerzes oder
irgendeines Ungliickes in der Absicht liegen.
Das stellt sich uns tatsachlich dar, wenn wir von einem hoheren Ge-
sichtspunkt aus das Menschenleben betrachten. Da konnen wir sehen,
daft im Menschenleben Schicksalsfalle eintreten, die sich nicht dar-
stellen alsWirkungen vonUrsachen des einzelnen Lebenslaufes, sondern
die aus einem andern Bewufitsein heraus verursacht sind, namlich aus
einem solchen Bewufitsein, das jenseits der Geburt liegt und das unser
Leben fortsetzt in friihere Zeiten, als diejenigen sind, die erst seit un-
serer Geburt abgelaufen sind. Wenn wir diesen Gedanken genau fassen,
werden wir sagen: Wir haben zunachst ein Bewufitsein, das sich aus-
dehnt iiber die Zeit zwischen Geburt und Tod und welches wir das
Bewufttsein der Einzelpersonlichkeit nennen wollen, und wir wollen
als Einzelpersonlichkeit dasjenige bezeichnen, was zwischen Geburt
und Tod verlauft. Sodann sehen wir, wie ein Bewufttsein wirken kann
iiber Geburt und Tod hinaus, von dem der Mensch in seinem gewohn-
lichen Bewufitsein nichts weifi, das aber gerade so wirken kann wie
dieses gewohnliche Bewufitsein. Wir haben deshalb zunachst geschil-
dert, wie jemand selbst sein Karma iibernimmt und im vierzigsten
Jahre zum Beispiel etwas ausgleicht, damit ihn die Ursachen vom
zwolften Jahre nicht treffen. Da nimmt er Karma in sein Einzelperson-
lichkeitsbewufitsein hinein. Wenn dagegen der Mensch irgendwohin
getrieben wird, wo er einen Schmerz erleiden kann, um etwas auszu-
gleichen, um ein besserer Mensch zu werden, so kommt das auch aus
dem Menschen; nur kommt es nicht aus dem Einzelpersonlichkeits-
bewul^tsein, sondern aus einem umfassenderen Bewufitsein, das mit-
umfafit die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Dasjenige Wesen im
Menschen, welches von diesem Bewufitsein umfafit wird, wollen wir
die «Individualitat» des Menschen nennen; und dieses Bewufitsein, das
also fortwahrend unterbrochen wird durch das Persdnlichkeitsbewufit-
sein, wollen wir das «individuelle Bewufitsein» nennen, im Gegensatz
zum Einzelpersoniichkeitsbewufitsein. So sehen wir Karma wirksam in
bezug auf die Individualitat des Menschen.
Nun wiirden wir das menschliche Leben aber trotzdem nicht ver-
stehen, wenn wir nur die Reihe der Erscheinungen verfolgen wiirden,
wie wir es bis jetzt getan haben, indem wir nur dasjenige ins Auge fas-
ten, was im Menschen um des Menschen selber willen an Ursachen liegt
und an Wirkungen aufgesucht wird. Wir brauchen uns nur einen ein-
fachen Fall vor die Seele zu fiihren, der nur so dargestellt werden soli,
dafS er anschaulicher wirkt, und wir werden gleich sehen, dafi wir das
menschliche Leben nicht verstehen, wenn wir nur dasjenige in Betracht
Ziehen, was wir jetzt eben gesagt haben. - Nehmen wir einen Erfinder
oder Entdecker, zum Beispiel Kolumhus oder den Entdecker der
Dampfmaschine oder irgendeinen andern. In der Entdeckung liegt eine
bestimmte Handlung, eine bestimmte Tat. Wenn wir diese Tat ins Auge
fassen, so wie sie der Mensch getan hat, und dann die Ursache suchen,
warum sie der Mensch getan hat, dann werden wir immer solche Ur-
sachen finden, welche in der Richtung liegen, wie wir sie jetzt an-
gegeben haben. Warum Kolumbus zum Beispiel nach Amerika fuhr,
warum er gerade in einem bestimmten Zeitpunkt diese Absicht fafite,
dazu werden wir die Ursachen finden in seinem individuellen und per-
sonlichen Karma. Aber wir werden uns jetzt fragen konnen: Wird diese
Ursache nur im personlichen und individuellen Karma gesucht werden
miissen? Und wird die Tat als Wirkung nur betrachtet werden miissen
fiir die Individualitat, die in Kolumbus wirksam war? - Daf5 Kolumbus
Amerika entdeckt hat, hat eine bestimmte Wirkung fiir ihn gehabt. Er
ist dadurch gestiegen, ist vollkommener geworden. Das wird sich zeigen
in der Fortentwickelung seiner Individualitat im f olgenden Leben. Aber
welche Wirkungen hat diese Tat noch fiir andere Menschen gehabt?
Miifite sie nicht auch als Ursache betrachtet werden, die in unzahlige
Menschenleben eingegriffen hat?
Das ist aber noch eine ziemlich abstrakte Betrachtung einer solchen
Sache, die wir viel tiefer erf assen konnen, wenn wir das Menschenleben
iiber grofie Zeitspannen hin betrachten. Nehmen wir an, wir betrachten
das Menschenleben, wie es sich abgespielt hat im agyptisch-chaldaischen
Zeitaiter, das dem griechisch-lateinischen vorangegangen ist. Wenn wir
dieses Zeitaiter priifen in bezug auf das, was es den Menschen gegeben
hat und was die Menschen damals erfahren haben, dann zeigt sich uns
etwas hochst Eigentiimliches. Wenn wir diese Epoche vergleichen mit
unserer eigenen, dann werden wir erkennen, dafi dasjenige, was in
unserem eigenen Zeitaiter geschieht, zusammenhangt mit dem, was in
der agyptisch-chaldaischen Kulturperiode vor sich gegangen ist. Das
griechisch-lateinische Zeitaiter steht zwischen beiden darinnen. In
unserer Zeit wurden gewisse Dinge nicht geschehen, wenn nicht gewisse
Dinge in der agyptisch-chaldaischen Kultur geschehen waren. Wenn
die gegenwartige Naturwissenschaft dieses oder jenes an Ergebnissen
zustande gebracht hat, so riihrt das allerdings auch von Kraften her,
welche sich aus derMenschenseele entwickelt und entfaltet haben. Aber
die Menschenseelen, die in unserer Zeit gewirkt haben, waren auch ver-
korpert im agyptisch-chaldaischen Zeitaiter und haben dort gewisse
Erlebnisse aufgenommen, ohne welche sie das nicht verrichten konnten,
was sie heute verrichten. Hatten nicht die Schiiler der altagyptischen
Tempelpriester die agyptische Astrologie iiber die Zusammenhange des
Himmels aufgenommen, so hatten sie nicht auf ihre Art spater ein-
dringen konnen in die Weltengeheimnisse, und es waren in gewissen
Seelen unserer Zeit nicht die Krafte gewesen, welche die Menschheit
jetzt in unserer Zeit hinausgefiihrt haben in die Himmelsraume. Wie
kam zum Beispiel Kepler zu seinen Entdeckungen? Er kam dazu, weil
eine Seele in ihm lebte, die im agyptisch-chaldaischen Zeitraum die
Krafte zu jenen Entdeckungen aufgenommen hatte, welche sie im fiinf-
ten Zeitraum dann machen konnte. Es erfiillt uns mit einer gewissen
inneren Befriedigung, wenn in einzelnen Geistern gleichsam Erinne-
rungen auftauchen in der Art, dafi die Keime zu dem, was sie jetzt tun,
in der Vergangenheit gelegt worden sind. Einer der Geister, der Wich-
tiges geleistet hat in bezug auf die Erforschung der Himmelsgesetze,
Kepler, sagt von sich selbst:
«Ja, ich bin es, ich habe die goldenen Gefafie der Agypter geraubt,
um meinem Gott aus ihnen ein Heiligtum zu errichten, fern von den
Grenzen Agyptens.Wenn ihr mir vergebt, werde ich mich freuen, wenn
ihr ziirnt, werde ich es tragen; - hier werf ich den Wiirfel und schreibe
diesBuch fiir den heutigen wie den dereinstigen Leser - was liegt daran?
Und wenn es auf seinen Leser hundert Jahre warten mufi: Gott selbst
hat sechs Jahrtausende dessen geharrt, der sein Werk erkennend er-
blickt.»
Das ist eine sporadisch auftauchende Erinnerung des Kepler an das,
was er als Keim aufgenommen hat zu dem, was er in seinem person-
lichen Dasein als Kepler vollbringen konnte. So konnten Hunderte von
ahnlichen Beispielen angefiihrt werden. - Da sehen wir aber noch
etwas anderes als blol^ die Tatsache, dafi bei Kepler etwas auftaucht,
was die Wirkung ist von Erlebnissen eines friiheren Erdenlebens. Wir
sehen etwas auftauchen, was als die gesetzmafiige Wirkung erscheint
fiir die ganze Menschheit von etwas, was wiederum bedeutsam war fur
die Menschheit in einer friiheren Zeit. Wir sehen, wie der Mensch hin-
gestellt wird an einen Ort, um fiir die ganze Menschheit etwas zu leisten.
Wir sehen, dafi nicht nur im individuellen Menschenleben, sondern dafi
in der ganzen Menschheit Zusammenhange bestehen zwischen Ursachen
und Wirkungen, die sich iiber weite Zeitraume hin erstrecken. Und wir
konnen daraus entnehmen, dafi sich das individuelle Karmagesetz kreu-
zen wird mit den Gesetzen, welche wir nennen konnen die karmischen
Menschheitsgesetze. Manchmal ist dieses Kreuzen allerdings wenig
durchsichtig. Denken Sie, was ware aus unserer Astronomic geworden,
wenn einstmals nicht das Fernrohr erfunden worden ware, das in einer
bestimmten Zeit erfunden worden ist. Verfolgen Sie unsere Astronomie
zuriick, und Sie werden sehen, dafi unendlich vieles an der Erfindung
des Fernrohres hangt. Nun ist es ja bekannt, dafS das Fernrohr dadurch
erfunden worden ist, daft in einer optischen Werkstatt einmal Kinder
mit Linsen gespielt haben, wobei sie durch einen «Zufall», so konnte
man sagen, optische Linsen so zusammengestellt haben, dafi hernach
jemand darauf gekommen ist: Dadurch konnte sich so etwas ergeben
wie ein Fernrohr. - Denken Sie, wie tief Sie suchen miissen, um zu dem
individuellen Karma der Kinder und dem Karma der Menschheit zu
kommen, dafi in einem bestimmten Zeitpunkt das Fernrohr erfunden
worden ist! Versuchen Sie das zusammenzudenken, und Sie werden
sehen, wie in merkwiirdiger Art das Karma einzelner Individualitaten
und das Karma der ganzen Menschheit sich kreuzen und ineinander-
weben! Da werden Sie sich sagen: Man miifite sich die ganze Mensch-
heitsentwickelung anders denken, wenn nicht zu einer bestimmten Zeit
dies oder jenes eingetreten ware.
Die Frage ist gewohnlich ganz miifiig: Was ware mit dem Romischen
Reiche geworden, wenn nicht die Griechen in einer bestimmten Zeit
den persischen Angrif f in den Perserkriegen zuriickgeschlagen batten? -
Aber nicht miifiig ist die Frage: Wodurch ist es gekommen, dafi die
Perserkriege gerade in dieser Weise verlaufen sind? - Wer dieser Frage
nachgeht und eine Antwort sucht, der wird sehen, dafi im Orient ganz
bestimmte Errungenschaf ten nur dadurch zustande kamen, dafi gewisse
despotische.Herrscher da waren, die nur fur ihre Person etwas woUten
und sich zu diesem Zwecke verbanden mit den Opferpriestern und so
weiter. Die ganzen damaligen Staatseinrichtungen waren notwendig,
damit im Orient etwas geschaffen werden konnte, aber diese Einrich-
tungen haben es mit sich gebracht, dafi auch alle die Schaden eintraten,
die dann eingetreten sind. Und damit hangt es zusammen, dafi ein
andersgeartetes Volk - die Griechen - im entsprechenden Moment den
morgeniandischen Angriff zuriickschlagen konnte. Wenn wir das be-
denken, werden wir fragen: Wie steht es mit dem Karma der Person-
Hchkeiten, die in Griechenland gewirkt haben, um den persischen An-
griff zuriickzuschlagen? - Da warden wir manches PersonUche finden
im Karma der betreffenden Menschen; aber wir werden auch finden,
dafi das personliche Karma mit dem Volks- und Menschheitskarma
verkniipft ist, so dal5 es berechtigt ist zu sagen: Das ganze Menschheits-
karma hat gerade diese bestimmten Personlichkeiten an diesen Ort in
diese Zeit gestellt! - Wir sehen da hineinspielen Menschheitskarma in
das Einzelkarma. Und wir werden uns weiter fragen miissen, wie diese
Dinge zusammenspielen. Aber wir konnen noch weitergehen und einen
andern Zusammenhang betrachten.
Wir konnen zuriickblicken im Sinne der Geisteswissenschaft auf
eine Zeit unserer Erdenentwickelung, in der es auf unserer Erde noch
kein Mineralreich gegeben hat. Unserer Erdenentwickelung gingen
voran die Saturn-, die Sonnen- und die Mondentwickelung, wo es noch
kein mineralisches Reich in unserem Sinne gegeben hat. Erst auf der
Erde sind unsere heutigen MineraHen in ihren heutigen Formen ent-
standen. Dadurch aber, dafi sich das Mineralreich ausgeschieden hat im
Verlaufe der Erdentwickelung, ist es als ein besonderes Reich fiir alle
Folgezeit da. Vorher haben sich Menschen, Tiere und Pflanzen so ent-
wickelt, da£ kein ihnen zugrunde liegendes Mineralreich vorhanden
war. Damit die andern Reiche einen spateren Fortschritt erreichen
konnten, mufiten sie das Mineralreich ausscheiden. Aber nachdem sie es
ausgeschieden haben, konnen sie sich nur so entwickeln, wie sie sich
entwickeln auf einem Planeten, der eine feste mineralische Grundlage
hat. Und nie wird etwas anderes entstehen als das, was unter der Vor-
aussetzung geschah,dafi dieBildung eines Mineralreiches zustande kam.
Das Mineralreich ist da, und alle spateren Schicksale der andern Reiche
hangen ab von der Entstehung des Mineralreiches, das sich einmal in
unserem Erdendasein in einer urfernen Vergangenheit gebildet hat. -
So ist mit der Tatsache der Entstehung des Mineralreiches etwas ge-
schehen, womit alle spatere Erdentwickelung zu rechnen hat. Es wird
sich an alien andern Wesen erfiillen, was aus der Entstehung des Mine-
ralreiches folgt. Da haben wir wieder in spateren Zeitaltern die kar-
mische Erfiillung fiir etwas, was friiher geschehen ist. Auf der Erde
erfiilit sich, was sich auf der Erde vorbereitet hat. Es ist ein Zusammen-
hang von dem,was friiher, und dem,was spater geschehen ist, aber auch
ein solcher Zusammenhang, der in der Wirkung zuriickschlagt auf das
verursachende Wesen. Menschen, Tiere und Pflanzen haben das Mine-
ralreich ausgeschieden, und das Mineralreich schlagt wieder auf sie
zuriick. Da sehen wir, dafi es moglich ist, von einem Karma der Erde
zu sprechen.
Und endlich konnen wir etwas hervorheben, wozu sich die Grund-
lagen in den allgemeinen Ausfuhrungen der «Geheimwissenschaft im
Umnfi» finden.
Wir wissen, dafi gewisse Wesenheiten zuriickgeblieben sind auf der
Stufe der alten Mondentwickelung, und dafi diese Wesen zuriickge-
blieben sind, um dem Menschen der Erde ganz bestimmte Eigenschaf ten
beizubringen. Aber nicht nur Wesenheiten sind zuriickgeblieben von
der alten Mondenzeit der Erde, sondern auch Substantialitaten. Auf
der Mondenstufe sind Wesen stehengeblieben, die als luziferische We-
senheiten in unser Erdendasein hineinwirken. Durch diese Tatsache des
Stehenbleibens und des Hereinwirkens in unser Erdendasein voUziehen
sich im Erdendasein Wirkungen, zu denen die Ursachen schon im Mon-
dendasein gelegt worden sind. Aber auch substantiell vollzieht sich so
etwas. - Wenn wir heute unser Sonnensystem ansehen, finden wir es
zusammengesetzt aus Weltenkorpern, die regelmafiig wiederkehrende
und eine gewisse innere Geschlossenheit zeigende Bewegungen aus-
fiihren. Aber andere Weltenkorper finden wir, die sich zwar auch mit
einem gewissen Rhythmus bewegen, die aber sozusagen die gewohn-
lichen Gesetze des Sonnensystems durchbrechen, namlich die Kometen.
Nun ist die Substanz eines Kometen nicht eine solche mit Gesetzen, wie
sie in unserem gewohnlichen, regularen Sonnensystem bestehen, sondern
mit Gesetzen, wie sie im alten Mondendasein existiert haben. In der Tat
hat sich im kometarischen Dasein erhalten die Gesetzmafiigkeit des
alten Mondendaseins. Ich habe schon ofter erwahnt, dafi die Geistes-
wissenschaft diese Gesetzmafiigkeit nachgewiesen hat, bevor eine Be-
statigung von seiten der Naturwissenschaft eingetreten ist. Im Jahre
1906 habe ich in Paris auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dafi
wahrend des alten Mondendaseins gewisse Verbindungen von Kohlen-
stoff und Stickstoff eine ahnliche Rolle spielten wie heute auf der Erde
Verbindungen von Sauerstoff und Kohlenstoff, also Kohlensaure,
Kohlendioxyd und so weiter. Diese letzteren Verbindungen haben
etwas Ertotendes. Eine ahnliche Rolle haben Zyanverbindungen, blau-
saureartige Verbindungen wahrend des alten Mondendaseins gespielt.
Auf diese Tatsache wurde hingewiesen von der Geisteswissenschaft
1906. Auch in andern Vortragen wurde darauf hingewiesen, dafi das
kometarische Dasein die Gesetze des alten Mondendaseins hineinfiihrt
in unser Sonnensystem, so daf^ also nicht nur zuriickgeblieben sind die
luziferischen Wesen, sondern auch die Gesetzmal^igkeit der alten Mon-
densubstanz, die in unregelmafiigerWeise hineinwirkt in unser Sonnen-
system. Und es wurde immer gesagt, das kometarische Dasein miisse
heute noch etwas enthalten wie Zyanverbindungen in der Kometen-
atmosphare. Erst viel spater, als das durch die Geisteswissenschaft ver-
kiindet worden ist, in diesem Jahre erst, ist durch die Spektralanalyse
das Blausaurespektrum im Kometendasein gefunden worden.
Hier haben Sie einen der Beweise dafiir, wenn gesagt wird: Zeigt
uns einmal, wie man wirklich mit der Geisteswissenschaft etwas finden
kann! - Solche Dinge gibt es mehr; sie soUten nur beobachtet werden.
So wirkt also etwas hinein von unserem alten Mondendasein in das
jetzige Erdendasein.
Nun fragen wir uns: Darf behauptet werden, dafi aufieren sinn-
lichen Erscheinungen zugrunde liegt ein Geistiges?
Fiir den, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, ist es klar, dafi
hinter allem sinnlich Wirklichen auch ein Geistiges liegt. "Wenn sub-
stantiell etwas vom alten Mondendasein hineinwirkt in unser Erden-
dasein, wenn der Komet unser Erdendasein bestrahlt, so wirkt dahinter
auch etwas Geistiges. Und wir konnten sogar angeben, welches Geistige
sich zumBeispiel anzeigt durch den Halleyschen Kometen. Der Halley-
sche Komet ist der aufiere Ausdruck - jedesmal, wenn er in die Sphare
unseres Erdendaseins hineinkommt - zu einem neuen Impuls zum Ma-
terialismus. Das mag der heutigen Welt aberglaubisch erscheinen. Aber
die Menschen soUten sich dann nur darauf besinnen, wie sie selbst gei-
stige Wirkungen von Konstellationen der Sterne herleiten. Oder wer
wiirde nicht sagen, dafi der Eskimo deshalb ein andersgeartetes Men-
schenwesen ist als zum Beispiel der Hindu, weil in der Polargegend die
Sonnenstrahlen unter einem andern Winkel einf alien? Uberall fiihren
auch die Naturwissenschafter auf Sternkonstellationen geistige Wir-
kungen in der Menschheit zuriick. - Also ein geistiger Impuls zum
Materialismus erfolgt parallel dem Halleyschen Kometen. Dieser Im-
puls kann nachgewiesen werden: Auf das Erscheinen des Halleyschen
Kometen vom Jahre 1835 folgte jene materialistische Zeitstromung, die
man bezeichnen kann als den Materialismus der zweiten Halfte des
vorigen Jahrhunderts; auf die Erscheinung vorher folgte die materia-
listische Aufklarerei der franzosischen Enzyklopadisten. Das ist der
Zusammenhang.
Damit gewisse Dinge eintreten im Erdensein, mufSten die Ursachen
dazu friiher, aufierhalb des Erdendaseins gelegt werden, Und hier
haben wir es sogar mit einem Weltenkarma zu tun. Denn warum ist
auf dem alten Monde Geistiges und Substantielles ausgeschaltet wor-
den? Damit gewisse Wirkungen wieder zuruckstrahlen konnen auf die-
jenigen Wesenheiten, welche dieses ausgeschieden haben. Die luziferi-
schen Wesenheiten sind ausgeschieden worden, haben eine andere Ent-
wickelung durchmachen miissen, damit fiir die Wesen, die auf der Erde
sind, freier Wille und die Moglichkeit zum Bosen auf der Erde ent-
stehen konnten. Da haben wir etwas, was an karmischen Wirkungen
iiber unser Erdendasein hinausgeht: einen Ausblick auf das Welten-
karma.
So konnten wir heute sprechen iiber den Karmabegriff, iiber seine
Bedeutung fiir die einzelne Personlichkeit, fiir die Individualitat, fiir
die ganze Menschheit, innerhalb der Wirkungen unserer Erde und iiber
die Erde hinaus - und wir haben noch etwas gefunden, was wir als
Weltenkarma ansprechen konnen. So finden wir das Karmagesetz, das
wir nennen konnen ein Gesetz vom Zusammenhang zwischen Ursache
und Wirkung, aber in der Weise, dafi die Wirkung wieder auf die Ur-
sache zuriickschlagt und dafi sich beim Zuriickschlagen noch das Wesen
erhalten hat, dasselbe geblieben ist. Wir finden diese karmische Gesetz-
mafiigkeit iiberall in der Welt, insofern wir die Welt als eine geistige
betrachten. Wir ahnen, dafi sich das Karma auf den verschiedensten
Gebieten in der verschiedensten Weise offenbaren wird. Und wir ahnen,
wie die verschiedenen karmischen Stromungen - personliches Karma,
Menschheitskarma, Erdenkarma, Weltenkarma und so weiter - sich
kreuzen werden und dafi uns gerade dadurch die Aufschliisse werden,
die wir brauchen, um das Leben zu verstehen. Und an seinen einzelnen
Punkten ist das Leben nur zu verstehen, wenn wir das Zusammen-
wirken der verschiedensten karmischen Stromungen finden konnen.
ZWEITER VORTRAG
Hamburg, 17. Mai 1910
Bevor wir zu unseren eigentlichen menschlichenKarmafragen kommen,
wie sie angekiindigt sind, sind eine Reihe von Vorbetrachtungen not-
wendig. Dazu gehort das, was gestern gesagt worden ist: eine Art Be-
schreibung des Karmabegriffes. Dazu gehort auch das, was heute zu
sagen sein wird iiber Karma und Tierreich. Was man nennen konnte
aufiere Beweise fiir die Wirklichkeit der karmischen Gesetzmafiigkeit,
das werden Sie im Laufe des Zyklus an denjenigen Stellen finden, wo
gerade Veranlassung sein wird, auf diese aufieren Beweise besonders
hinzudeuten. Bei diesen Gelegenheiten werden Sie auch die Moglich-
keit finden, iiber die Begriindung der Karmaidee zu Aufienstehenden
zu sprechen, welche Sie, iiber dies oder jenes als Zweifler an der ganzen
Karmaidee, befragen werden. Zu alledem sind aber einige Vorbetrach-
tungen notwendig.
Was lage denn naher, als zu fragen: Wie verhalten sich tierisches
Leben, tierisches Schicksal zu dem, was wir den Verlauf des mensch-
lichen Karma nennen, in dem wir - wie sich zeigen wird - die wichtig-
sten und tiefeingreifendsten Schicksalsfragen fiir den Menschen be-
schlossen finden?
Das Verhaitnis der Menschen auf der Erde zur Tierwelt ist ja im
Laufe der Zeit und auch je nach den verschiedenen Volkern ein ver-
schiedenes. Und es ist gewifi nicht uninteressant, zu sehen, wie bei Vol-
kerschaften, die sich die besten Teile der uralt heiUgen Weisheit der
Menschheit bewahrt haben, eine weitgehend mitleidvolle, liebevoUe
Behandlung der Tiere Platz gegriffen hat. Innerhalb der Welt des
Buddhismus zum Beispiel, der sich wichtige Teile alter Weltanschau-
ungen bewahrt hat, wie sie die Menschen in ihrer Urzeit hatten, haben
wir eine tiefgehend mitleidvolle Behandlung der Tiere, eine Behand-
lung der Tiere und Gefiihle gegenuber der Tierwelt, die in Europa un-
zahlige Menschen noch nicht verstehen konnen. Aber auch bei andern
Volkern - ich erinnere nur an den Araber in bezug auf Behandlung
seines Pferdes insbesondere wenn diese Volker sich etwas bewahrt
haben von den alten Anschauungen, wie sie als alte Erbstucke da und
dort auftreten, finden Sie eine Art «Freundschaft» zu denTieren, etwas
wie menschliche Behandlung der Tiere. Dagegen darf man wohl sagen,
dafi in denjenigen Gegenden, in denen sich eine Art von Weltanschau-
ung der Zukunft vorbereitet, in den abendlandischen Gegenden, wenig
Verstandnis fiir soiches Mitleid mit der Tierwelt Platz gegriffen hat.
Und charakteristisch ist es, dafi im Verlaufe des Mittelalters und dann
auch bis in unsere 2eit hinein gerade in Landern, in denen die christ-
liche Weltanschauung Ausbreitung gewonnen hat, die Anschauung auf-
tauchen konnte, daft die Tiere iiberhaupt nicht als Wesen zu betrachten
seien mit einem eigentlichen Seelenleben, sondern als eine Art Auto-
maten. Und es ist vielleicht nicht mit Unrecht darauf aufmerksam ge-
macht worden - wenn auch nicht immer mit einem groften Verstand-
nis -, daft diese Anschauungen, w^elche von der abendlandischen Philo-
sophie vielfach vertreten worden sind, dafi die Tiere Automaten seien
und ein eigentliches Seelenleben nicht haben, hinuntergesickert sind in
die Volkskreise, die kein Mitleid und oft auch keine Grenze kennen in
der grausamen Behandlung der Tiere. Ja, die Sache ist so weit gegangen,
dafi man einen grofien Philosophen der Neuzeit, Cartesius, in seinen
Gedanken iiber die Tierwelt recht griindlich hat mifiverstehen konnen.
Wir miissen uns natiirlich klar sein, da£ von den eigentlich bedeu-
tenden Geistern der abendlandischen Kulturentwickelung diese An-
schauung, dafi die Tiere nur Automaten seien, niemals vertreten worden
ist. Es hat auch Cartesius nicht diese Anschauung vertreten, obwohl Sie
in vielen Biichern iiber Philosophie lesen konnen, daft Cartesius eine
solche Anschauung vertreten habe. Das ist aber nicht wahr; sondern
wer Cartesius kennt, der weifi, dafi er denTieren zwar nicht ein soiches
Seelisches zuschreibt, das sich dazu entwickeln kann, aus dem Ich-
Bewufttsein heraus zu einem Beweise fiir das Dasein Gottes zu kommen,
aber er schreibt dennoch dem Tiere zu, dafi es durchstromt, durchseelt
ist mit den sogenannten Lebensgeistern, die allerdings nicht eine so ein-
heitliche Individualitat darstellen wie das Ich des Menschen, aber doch
in der tierischen Organisation als Seele wirken. Und es ist gerade das
Charakteristische, daft man Cartesius in dieser Beziehung hat griindlich
mifiverstehen konnen. Denn das zeigt uns, dafi in den verflossenen
Jahrhunderten unserer abendlandischen Entwickelung dieTendenz vor-
handen war, den Tieren etwas blofi Automatisches zuzuschreiben, und
diese Tendenz hat man selbst da hineingelesen, wo man sie nicht hatte
hineinlesen konnen, wenn man gewissenhaft zu Werke gegangen ware,
namlich bei Cartesius. Die abendlandische Kulturentwickelung hat das
Eigentiimliche, dafi sie sich herausbilden mufite aus den Elementen des
MateriaHsmus. Und man kann sogar sagen: Der Aufgang des Christen-
tums hat sich so vollzogen, dafi dieser bedeutungsvoUe Impuls der
Menschheitsentwickelung zuerst in eine materiaHstische abendlandische
Gesinnung hineinverpf lanzt worden ist. Der Materialismus der neueren
Zeit ist nur eine Folge dessen, dafi auch das spirituellste ReUgions-
bekenntnis, das Christentum, zunachst im Abendlande eine materia-
Hstische Auffassung hat finden konnen, Es ist einmal - wenn wir so
sagen diirfen - das Menschheitsschicksal der abendlandischen Volker,
dafi sie sich emporarbeiten miissen aus materialistischen Untergriinden
und gerade in der Oberwindung der materialistischen Ansichten und
Tendenzen die starken Krafte werden entfalten miissen zu einem hoch-
sten Spiritualismus. Damit, dafi dieses Schicksal, dieses Karma den
abendlandischen Volkern geworden ist, ist auch bei ihnen jener Zug
entstanden, die Tiere nur wie Automaten zu betrachten. Wer nicht gut
das Wirken des geistigen Lebens durchschauen kann, wer nur sich hal-
ten kann an das, was uns in der sinnlichen AuEenwelt umgibt, der wird
aus den Eindriicken dieser sinnlichen Aufienwelt heraus leicht zu einer
Auffassung iiber die Tierwelt kommen konnen, welche die Tiere mog-
lichst niedrig stellt. Dagegen haben solche Weltanschauungen, die noch
Elemente der alten spirituellen Weltanschauungen der Urweisheit der
Menschheit in sich behalten haben, sich eine Art Erkenntnis bewahrt
iiber das, was auch in der Tierwelt geistig ist; und trotz alien Mifiver-
standnissen, trotz all dem, was sich in ihre Weltanschauungen einge-
schlichen und deren Reinheit verdorben hat, konnten sie doch nicht
vergessen, dafi geistige Tatigkeiten, geistige Gesetze an dem Ausleben
und Ausgestalten des Tierischen betatigt sind.
Wenn wir also auf der einen Seite gerade in dem Mangel geistiger
Weltanschauungen ein Unverstandnis des Tierisch-Seelischen erblicken
miissen, so diirfen wir uns auf der andern Seite nicht dariiber tauschen.
dafi auch das wiederum nur ein Ausflufi einer rein materialistischen
Weltanschauung ware, wenn wir die Karmaidee, wie sie uns dienen
wird, menschliches Schicksal und menschliches Karma zu verstehen,
ohne ^\^eiteres auf die tierische Welt anwenden wiirden. Das diirfen wir
nicht. Es ist schon gestern darauf hingewiesen worden, dafi es notwen-
dig ist, den Begriff des Karma ganz genau zu fassen. Und wir wiirden
fehlgehen, wenn wir das, was wir gefordert haben als ein Riickschiagen
der Wirkung auf das Wesen, von dem die Verursachung ausgegangen
ist, wenn wir das auch in der tierischen Welt suchen wiirden; denn in
einem umfassenderen Ma£e werden wir die karmische Gesetzmafiigkeit
erst dadurch kennenlernen konnen, dafi wir iiber das einzelne mensch-
liche Leben zwischen Geburt und Tod hinausgehen, den Menschen ver-
folgen durch die Aufeinanderfolge seiner Wiederverkorperungen und
dafi wir finden werden, daf5 jener Riickschlag einer Ursache, welche
wir in einem Leben gelegt haben, erst in einem spateren Leben kommen
kann, so dafS sich die karmische Gesetzmafiigkeit von Leben zu Leben
zieht, und die Wirkungen von Ursachen eben nicht einzutreten brau-
chen - ja, wenn wir Karma im grofien betrachten, auch ganz gewifJ
nicht eintreten in demselben Leben zwischen Geburt und Tod.
Nun wissen wir schon aus den aufieren geisteswissenschaftlichen Be-
trachtungen, dafi wir beimTiere von einer solchenWiederverkorperung,
wie sie beim Menschen stattfindet, nicht sprechen konnen. Fur jene
menschliche Individualitat, welche sich erhalt, wenn der Mensch durch
die Pforte des Todes schreitet, welche durchlebt ein besonderes Leben
im Geistigen in der Zeit vomTode bis zur neuen Geburt, um dann durch
eine neue Geburt wieder ins Dasein zu treten, fixr diese menschliche In-
dividualitat finden wir etwas Ahnliches oder gar etwas ganz Gleiches
in der tierischen Welt durchaus nicht. Wir konnen nicht in derselben
Weise, wie wir den menschlichen Tod auffassen, von dem tierischen
Tode sprechen. Denn alles, was wir beschreiben als die Schicksale der
menschlichen Individualitat, nachdem der Mensch durch die Pforte des
Todes geschritten ist, verhalt sich in der Tierwelt nicht in der gleichen
Art; und wenn man glauben wiirde, dafi wir in einem tierischen Indi-
viduum das wiederverkorperte Wesen eines schon friiher auf der Erde
vorhanden gewesenen Tieres suchen konnten, wie wir das beim Men-
schen tun miissen, dann wiirden wir uns durchaus einem Irrtum hin-
geben. Heute,wo man gern alles, was sich uns in derWeit darbietet, nur
seiner Auf^enseite nach betrachtet und nicht auf das Innere eingeht,
konnen ja die eigentlichen grofien Gegensatze, die wichtigsten Unter-
scheidungen zwischen Mensch und Tier gar nicht vor Augen treten.
Aufierlich - rein materialistisch betrachtet - nimmt sich die Erschei-
nung des Todes bei Mensch und Tier in der gleichen Art aus. Da kann
man leicht glauben, wenn man das Leben eines Tieres betrachtet, daf^
man einzelne Erscheinungen dieses individuellen Lebens des Tieres ver-
gleichen konnte mit einzelnen Erscheinungen des personlichen Lebens
des Menschen zwischen Geburt und Tod. Aber da wiirde man ganz
fehlgehen. Deshalb soli auf die durchgreifenden Unterschiede zwischen
dem Tierischen und dem Menschlichen zunachst an einzelnen Beispielen
hingedeutet werden.
Nur derjenige kann sich namlich diesen Unterschied zwischen Tier
und Mensch vollstandig klarlegen, der unbefangen nicht nur auf die
sich seinem aul^eren sinnlichen Anschauen, sondern auch auf die seinem
kombinierenden Denken sich ergebenden Tatsachen eingeht. Da finden
wir eine Erscheinung, die auch von den Naturforschern hervorgehoben
wird, mit der aber die Naturforscher der Gegenwart nichts Rechtes an-
zufangen wissen, namlich die Erscheinung, dafi der Mensch eigentlich
das Allereinfachste erst lernen mufi: den Gebrauch der einfachsten
Werkzeuge hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte lernen miissen,
und unsere Kinder miissen heute noch die allereinfachsten Sachen eben
lernen, und sie miissen eine gewisse Zeit anwenden, um sie zu lernen.
Es kostet Miihe, dem Menschen etwas beizubringen, einfache Hand-
griffe, Verfertigung von Instrumenten und Werkzeugen und so weiter.
Wenn wir dagegen die Tiere betrachten, miissen wir sagen: Wieviel
besser haben es die Tiere in dieser Beziehung! - Denken wir uns, wie
der Biber seinen komplizierten kunstvollen Bau auffiihrt. Er braucht
es nicht zu lernen; er kann es, indem er es mitbringt als eine ihm ein-
gepragte Gesetzmaftigkeit, wie wir uns als Menschen mitbringen die
Moglichkeit, die «Kunst», um das siebente Jahr unsere Zahne zu wech-
seln. Das braucht auch keiner zu lernen. So bringen sich die Tiere eine
solche Fahigkeit mit, wie sie der Biber hat, seinen Bau aufzufiihren.
Und wenn Sie Umschau halten im Tierreich, werden Sie f inden, dafi die
Tiere sich ganz bestimmte Kunstfertigkeiten mitbringen, durch welche
etwas zustande gebracht werden kann, an das menschliche Kunstf ertig-
keit bei allem, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, noch lange
nicht heranreicht.
Nun kann die Frage entstehen: Wie kommt es denn eigentlich, dafi
der Mensch, wenn er geboren wird, unfahiger ist als zum Beispiel ein
Huhn oder ein Biber, dafi er das, was diese Wiesenheiten sich schon mit-
bringen, erst miihevoli sich aneignen mufi? Das ist eine grofie Frage.
Und dafi es eine grofie Frage ist, mu£ man vor alien Dingen empfinden
lernen. Denn es kommt bei dem,was der Mensch fiir seine Weltanschau-
ung gewinnen mufi, viel weniger darauf an, dafi man auf wichtige Tat-
sachen hinweist, als dafi man weifi, wo wichtige Fragen zu stellen sind.
Tatsachen konnen richtig sein, brauchen aber nicht immer wertvoll zu
sein fiir unsere Weltanschauung. Nun wiirde es, obwohl wir noch heute
auf die Ursachen dieser Erscheinungen geisteswissenschaftlich eingehen
werden, doch zu weit fiihren, wenn man in alien Einzelheiten zeigen
wiirde, warum das so ist. Aber zunachst kann doch mit ein paar Wor-
ten darauf hingewiesen werden.
Wenn wir geisteswissenschaftlich zuriickgehen in der menschlichen
Entwickelung bis in urferne Vergangenheiten, so werden wir finden,
dafi diejenigen Krafte und Elemente, welche sozusagen dem Biber oder
einem andern Tiere zur Verfiigung stehen, um solche Kunstfertigkeiten
mit sich auf die Welt zu bringen, dem Menschen auch zur Verfiigung
gestanden haben. Der Mensch hat ja nicht gerade in seine Anlage in
urfernerVergangenheit blofi die Ungeschicklichkeit aufgenommen und
dem Tiere iiberlassen miissen die primitive Geschicklichkeit. Er hat
diese Anlage auch empfangen, ja im Grunde genommen in einem weit
reicheren MaiSe als die Tiere. Denn wenn auch die Tiere gewisse groi?e
Kunstfertigkeiten mit auf die Welt bringen, so sind diese doch im Leben
einseitig. Der Mensch kann im Grunde genommen gar nichts, wenn er
ins Leben tritt, er mufS alles erst lernen, was sich auf die auftere Welt
bezieht. Das ist etwas radikal ausgedriickt, aber wir werden uns ver-
stehen. Wenn der Mensch aber dann lernt, zeigt sich bald, dafi er viel-
seitiger, dafi seine Entwickelung eine reichere werden kann in bezug
auf die Auspragung gewisser Kunstfertigkeiten und dergleichen, als das
beim Tiere der Fall ist. Also der Mensch hat reiche Anlagen urspriing-
lich mitbekommen - und dennoch hat er sie heute nicht. Nun tritt die
eigentiimliche Erscheinung zutage, dafi urspriinglich Mensch und Tier
in gleicher Weise ausgestattet waren. Und wenn wir zuriickgehen wur-
den bis zur alten Saturnentwickelung, so wiirden wir finden, dafi eine
Unterscheidung der menschlichen und tierischen Entwickelung noch
gar nicht stattgefunden hatte. Da waren beide vollstandig gleich ver-
anlagt. - Was ist nun in der Zwischenzeit geschehen, dafi das Tier alle
moglichen Geschicklichkeiten mit insDasein tragt,wahrend der Mensch
ein so ungeschickter Genosse des Weltendaseins ist? Wie hat sich der
Mensch eigentlich benommen in der Zwischenzeit, daiS er jetzt plotz-
lich alles das nicht hat, was er mitbekommen hatte? Hat er das im Laufe
der Entwickelung sinnlos verschwendet, wahrend es sich die Tiere als
sparsame Haushalter bewahrt haben? Diese Frage kann aus dem wirk-
lichen Tatbestand heraus aufgeworfen werden.
Der Mensch hat diese Anlagen, die heute das Tier in aufJerer Ge-
schicklichkeit auslebt, nicht verschwendet; er hat sie auch verwendet,
aber zu etwas anderem als die Tiere. Die Tiere pragen sie in aufieren
Geschicklichkeiten aus; Biber und Wespe bauen ihr Nest. Der Mensch
hat dieselben Krafte, welche die Tiere in dieser Art ausleben, in sich
selber hineingetan und verwendet. Und er hat dadurch zustande ge-
bracht, was wir seine hohere menschliche Organisation nennen. Dafi
der Mensch heute seinen Gang aufrecht hat, dafi er das vollkommenere
Gehirn, iiberhaupt eine vollkommenere innere Organisation hat, das
bedurfte auch gewisser Krafte; und das sind dieselben Krafte, mit denen
sich der Biber seinen Biberbau errichtet. Der Biber baut sich sein Nest.
Der Mensch hat die Krafte auf sich verwendet, zu seinem Gehirn, zu
seinem Nervensystem und so weiter. Daher hat der Mensch zunachst
nichts iibrig behalten, um in derselben Weise nach aufien zu arbeiten.
Also, daft wir heute unter den Tieren schreiten mit einem voUkomme-
neren Bau, das riihrt davon her, daft wir alles, was der Biber drauften
verarbeitet, einmal im Laufe der Entwickelung auf unseren inneren Bau
verwendet haben, Wir haben drinnen unseren Biberbau und konnen da-
her nach auften diese Krafte nicht mehr in derselben Weise entfalten. -
Da sehen wir, wenn wir an einer einheitlichen Weltauffassung fest-
halten, wohin die verschiedenen Anlagen, die in den Wesen vorhanden
sind, kommen und wie sie uns heute entgegentreten. Indem der Mensch
in seiner Weise diese Krafte verwendet hat, wurde fiir ihn in seiner
Erdentwickelung eine ganz besondere Einrichtung notwendig, die wir
zum Teil schon kennen.
Warum mufiten beim Menschen die Krafte, von denen jetzt eben
gesprochen worden ist und die uns bei den verschiedenen Arten und
Gattungen des Tierreiches in aufieren Verrichtungen entgegentreten,
auf das Innereder menschlichen Organisation verwendet werden? Weil
der Mensch nur dadurch, dafi er sich die innere Organisation verschaf-
f en konnte, der Trager dessen werden konnte, was heute das Ich ist, was
von Inkarnation zu Inkarnation schreitet. Eine andere Organisation
hatte kein solcher Ich-Trager werden konnen; denn es hangt durchaus
von dem aufieren Gehause ab, ob eine Ich-Individualitat sich im Erden-
dasein betatigen kann oder nicht. Sie konnte es nicht, wenn die aufiere
Organisation nicht der Ich-Individualitat angemessen ware. Alles lief
also darauf hinaus, die aulSere Organisation dieser Ich-Individualitat
angemessen zu machen. Dazu mufite eine besondere Einrichtung ge-
schaffen werden, und die kennen wir schon ihrer wesentlichen Seite
nach.
Wir wissen, dal5 unserer Erdentwickelung vorangegangen ist die
Mondentwickelung, dieser wieder die Sonnenentwickelung und dieser
eine Saturnentwickelung. Als die alte Mondentwickelung zu Ende war,
war der Mensch auf einer Stufe in bezug auf sein aufieres Dasein, die
man als Tier-Menschlichkeit bezeichnen kann. Aber damals war diese
aufiere menschliche Organisation noch nicht so weit, dafi sie der Trager
einer Ich-Individualitat hatte werden konnen. Erst die Erdentwicke-
lung des Menschen hatte die Aufgabe, dieser Organisation das Ich ein-
zuverleiben. Das konnte aber nur dadurch geschehen, dafi die Vorgange
unserer Erdentwickelung in einer ganz eigenartigen Weise eingerichtet
wurden. - Als die alte Mondentwickelung zu Ende gegangen war, loste
sich alles sozusagen in ein Chaos auf. Daraus ging nach einer entspre-
chenden Zeit kosmischer Dammerung wieder hervor der neue Kosmos
unserer Erdentwickelung. In diesem Kosmos der Erdentwickelung war
damals alles enthalten, v.^as heute als unser Sonnensystem mit uns und
der Erde verbunden ist. Aus diesem Zusammenhang, aus dieser kos-
mischen Einheit haben sich dann erst abgespalten alle andern Welt-
korper von unserer eigentlichen Erde. Wir brauchen nicht einzugehen
auf die Art und Weise, wie sich die andern Planeten, Jupiter, Mars und
so weiter, abgespalten haben. Wir miissen nur darauf hinweisen, dafi in
einem bestimmten Zeitpunkt der Erdentwickelung sich unsere Erde und
unsere Sonne getrennt haben. Als dann schon die Sonne abgetrennt
war und ihre Wirkungen von aufien auf die Erde hereinsandte, war
unsere Erde noch mit dem heutigen Monde verbunden, so dafi die Sub-
stanzen und geistigen Krafte, die heute an den Mond gekettet sind,
damals noch mit unserer Erde verbunden waren.
Es ist ofter schon die Frage beriihrt worden, was geschehen ware,
wenn sich die Sonne nicht abgespalten hatte von der Erde und nicht
ubergegangen ware zu jenem Zustande, in dem sie wie heute von aufien
auf die Erde wirkt. Indem zunachst die Erde noch mit der Sonne ver-
bunden war, waren bei den ganz anders gearteten Verhaltnissen noch
das ganze kosmische System und auch die Vorfahren der menschlichen
Organisation miteinander vereinigt. Es ist natiirlich ein Unding, die
heutigen Verhaltnisse anzuschauen und dann zu sagen : Was ist das fiir
ein Unsinn von den Theosophen; da hatten ja alle die organisierten
Wesen verbrennen miissen! - Diese Wesen waren eben so, dafi sie unter
den damaligen Verhaltnissen in dieser ganz anders gearteten kosmischen
Einheit bestehen konnten. - Wenn nun die Sonne in Verbindung mit
der Erde geblieben ware, dann waren ganz andere,viel heftigere Krafte
mit der Erde verbunden geblieben, und die Folge ware gewesen, dafi die
ganze Entwickelung der Erde mit einer solchen Heftigkeit und Schnel-
ligkeit fortgeschritten ware, daft es gar nicht moglich gewesen ware,
dafi die menschliche Organisation sich hatte so ausleben konnen,wie sie
sich ausleben mufite. Daher war es notwendig, dafi der Erde ein lang-
sameres Tempo und dichtere Krafte zur Verfiigung gestellt wurden.
Das konnte nur dadurch geschehen, dafi die stiirmischen, vehementen
Krafte sich herauszogen aus der Erde. So wirkten die Krafte der Sonne
vor alien Dingen dadurch schwacher, dafi sie jetzt von aufien durch die
Entfernung auf die Erde wirkten. Dadurch aber war nun etwas anderes
eingetreten. Es war jetzt die Erde in einem Zustande, dafi die Menschen
wiederum nicht hatten in der richtigenWeise vorwartskommen konnen.
Die Verhaltnisse waren jetzt zu dicht, zu sehr verholzend und ver-
dorrend fUr alles Leben. Der Mensch hatte wieder nicht zu seiner Ent-
wickelung kommen konnen, wenn es so geblieben ware. Abgeholfen
wurde dem durch eine besondere Einrichtung, indem namlich einige
Zeit nach dem Sonnenaustritt der heutige Mond die Erde verlassen hat
und die verlangsamenden Krafte, die das Leben hatten zu einem lang-
samen Tode kommen lassen, mit sich fortgenommen hat. So blieb die
Erde zwischen Sonne und Mond zuriick, gerade das richtige Tempo
wahlend fiir die menschUche Organisation, um ein Ich als einen Trager
der Individualitat, die von Inkarnation zu Inkarnation geht, wirklich
aufzunehmen. Die menschliche Organisation, wie sie heute ist, war
unter gar keinen andern Umstanden aus dem Kosmos heraus herzu-
stellen als durch diesen Vorgang zunachst der Sonnen- und dann der
Mondentrennung.
Es konnte vielleicht jemand sagen: Wenn ich der Herrgott gewesen
ware, so hatte ich es anders gemacht; ich hatte gleich eine solche
Mischung hergestellt, dafi die menschliche Organisation in einer sol-
chenWeise hatte fortschreiten konnen, wie sie hat fortschreiten miissen.
Warum nun war es notig, daf^ zuerst die Sonne heraustreten mufSte und
dafS dann noch einmal ein Mondaustritt notwendig wurde?
Wer so denkt, denkt viel zu abstrakt. Er denkt nicht daran, dafi,
wenn in der Weltordnung eine innerliche Mannigfaltigkeit herbei-
gefiihrt werden soil, wie es die menschliche Organisation ist, fiir jeden
einzelnen Teil eine besondere Einrichtung notwendig ist und dafS man
das nicht in die Wirklichkeit umsetzen kann, was sich der menschliche
Gedanke spintisierend ausdenkt. In abstracto kann man alles denken;
aber in der wirklichen Geisteswissenschaft mu£ man lernen, konkret
zu denken, so dafi man sich sagt: Die menschliche Organisation ist ja
keine einfache. Sie besteht aus einem physischen Leib, einem Atherleib
und einem astralischen Leib. Diese drei Glieder mufiten erst in ein be-
stimmtes Gleichgewicht gebracht werden, so dafi die einzelnen Telle in
einem richtigen Verhaltnisse zueinander stehen. Das konnte nur durch
diesen dreifachen Vorgang stattfinden: Zuerst die Bildung des einheit-
lichen Kosmos, der ganzen kosmischen Einheit Erde, Sonne und Mond
zusammen. Dann mufite vollzogen werden fiir sich dasjenige, was im
menschlichen Atherleib verlangsamend wirken konnte, well er sonst zu
stiirmisch alle Entwickelung verzehrt hatte - und das geschah, indem
die Sonne hinausgefiihrt worden ist. Und dann wieder mufite, weil der
astralische Leib sonst die menschliche Organisation zu einem Ersterben
gebracht hatte, der Mond hinausgefiihrt werden. Weil der Mensch in
seiner Organisation drei Glieder hat, mufiten auch diese drei Vorgange
stattfinden.
So sehen wir, dafi der Mensch sein Dasein, seine gegenwartigen Ei-
genschaften einer kompUzierten Einrichtung im Kosmos verdankt. Wir
wissen aber auch, dafi die Entwickelung aller Naturreiche keineswegs
gleichen Schritt halten kann mit der allgemeinen Entwickelung. Wir
wissen aus den allgemeinen Betrachtungen der letzten Jahre, dafi immer
auf den einzelnen planetarischen Verkorperungen unserer Erde gewisse
Wesenheiten zuriickblieben hinter der allgemeinen Entwickelung, wel-
che dann, wenn die Entwickelung vorwartsschritt, in Zustanden lebten,
die der Entwickelung nicht voUstandig entsprachen. Wir wissen aber
auch, dafi alle Entwickelung im Grunde durch solches Zuriickbleiben
erst richtig in Flufi gebracht werden konnte. Wissen wir doch, dafi ge-
wisse Wesenwahrend deraltenMondentwickelung zuriickgeblieben sind
als die «luziferischen Wesenheiten», dal5 durch sie manches Schlimme
verschuldet worden ist, dafi wir ihnen aber auch das verdanken, was
uns erst das Menschsein moglich macht, namlich die Moglichkeit der
Freiheit, der freien Entfaltung unseres Innenwesens. Ja, wir konnen
sagen: In gewisser Beziehung war das Zuriickbleiben der luziferischen
Wesenheiten ein Opfer. Sie sind zuriickgeblieben, damit sie wahrend
des Erdendaseins ganz besondere Tatigkeiten ausiiben konnten, nam-
lich demMenschen die Leidenschaften verleihen, die mit seiner mensch-
lichen Wiirde und Selbstbestimmung zusammengehoren. - Wir miissen
uns eben angewohnen, ganz andere Begriffe zu gebrauchen, als sie sonst
iiblich sind, denn aus den gewohnlichen Begriffen heraus konnte man
vielleicht sagen, es hatten die luziferischen Geister gehorig «nachsitzen»
miissen, und man wird ihnen ihre Nachlassigkeit nicht verzeihen. Aber
es hat sich nicht um eine Nachlassigkeit der luziferischen Wesen ge-
handelt. Ihr Zuriickbleiben ist in gewisser Beziehung ein Opfer ge-
wesen, um durch das, was sie sich durch dieses Opfer angeeignet haben,
auf unsere Erdenmenschheit wirken zu konnen.
Schon aus den gestrigen Andeutungen wissen Sie, dafi nicht nur
Wesenheiten, sondern auch Substanzen zuriickgeblieben sind und sich
Gesetze bewahrt haben, die in friiheren planetarischen Zustanden die
richtigen waren und die sie dann hineingetragen haben in die spatere
Entwickelung. So durchkreuzen sich Entwickelungsphasen von alter
Zeit mit Entwickelungsphasen von neuer Zeit, sie gehen durcheinander.
DadurchwirddieMannigfaltigkeitdesLebens eigentlich erst moglich.-
So stellen sich uns die verschiedensten Grade dar in der Entwickelung
der Wesenheiten. Nicht moglich gewesen ware es, dafi neben dem Men-
schenreich sich iiberhaupt ein Tierreich entwickelt hatte, wenn nicht
nach der Saturnperiode gewisse Wesen zuriickgeblieben waren, um -
wahrend sich auf der Sonne die Menschen schon zu einer hoheren Stufe
entwickelt batten - ein zweites Reich zu bilden und als erste Vorlaufer
unseres heutigen Tierreiches hervorzukommen. Fur die Grundlage spa-
terer Bildungen ist dieses Zuriickbleiben durchaus notwendig.
Wenn nun die Frage aufgeworfen wird: Warum miissen Wesenheiten
und Substanzen zuriickbleiben? - so mochte ich das durch einen Ver-
gleich klarmachen. Die Entwickelung des Menschen sollte vorwarts-
schreiten von Stufe zu Stufe. Das konnte sie nur dadurch, dafi der
Mensch sich immer mehr und mehr verfeinerte. Hatte er immer mit
denselben Kraften gewirkt, mit denen er wahrend der Saturnphase
wirkte, so ware er nicht vorwartsgekommen. Er ware stehengeblieben.
Deshalb mufite er seine Krafte verfeinern. ~ Nun nehmen wir, um
ein Bild zu haben, einmal ein Glas Wasser an, in welchem irgendein
Stoff aufgelost ist. Da wird alles von oben bis unten in diesem Glas
gleiche Farbung zeigen, gleiche Dichtigkeit und so weiter, es wird alles
gleich sein. Nehmen wir nun an, es setzen sich die groberen Stoffe zu
Boden, dann bleiben das reinere Wasser und die feineren Substanzen
oben. Das Wasser konnte sich also nur dadurch verfeinern, dafi es das
Grobere ausgeschieden hat. - So etwas war auch notig, nachdem die
Saturnentwickelung abgelaufen war, es mufSte ein solcher Bodensatz
entstehen, es mufite die ganze Menschheit etwas ausscheiden und sich
die feineren Teile zuriickbehalten. Was ausgeschieden worden war, das
wurden dann dieTiere. Durch das Ausscheiden konnten sich die andern
verfeinern und um einen Schritt hoher kommen. Und auf jeder solchen
Stufe muf^ten Wesenheiten ausgeschieden werden, damit der Mensch
immer hoher und hoher kommen konnte.
Wir haben also eine Menschheit, die nur dadurch mogUch geworden
ist, dafi der Mensch sich befreit hat von denjenigen Wesenheiten, die
um uns herum in den untergeordneten Reichen leben. Wir haben diese
Wesenheiten mit alien ihren Kraften einmal in dem Strom der Ent-
wickelung darinnen gehabt, sie waren damit verbunden wie in dem
Wasser die dichteren Bestandteile. Wir haben sie zu Boden sinken lassen
und haben uns daraus emporgehoben. Dadurch ist unsere Entwickelung
moglich geworden. Wir sehen also hinunter auf die drei neben uns leben-
den Naturreiche und sagen: In alledem sehen wir etwas, was unser
Boden hat werden miissen, damit wir uns haben entwickeln konnen.
Diese Wesenheiten sind hinuntergesunken, damit wir haben empor-
steigen konnen. So blicken wir in der richtigen Art auf die untergeord-
neten Naturreiche.
Wenn wir nun die Erdentwickelung betrachten, wird sich uns dieser
Vorgang noch anschaulicher in seinen Einzelheiten darstellen konnen.
Wir miissen uns klar sein, dafi alle Tatsachen innerhalb unserer Erd-
entwickelung doch gewisse Verhaltnisse und Zusammenhange haben.
Nun haben wir gesehen, dafi die Abtrennung der Sonne und des Mondes
von der Erde eigentlich geschehen ist, damit die menschliche Organi-
sation wahrend der Erdentwickelung hat zu derjenigen Hohe kommen
konnen, um eine Individualitat zu werden; das gehorte dazu, um die
menschliche Organisation gleichsam zu reinigen. Aber dadurch, dafi
diese Abtrennungen im Weltenall um des Menschen willen geschahen,
ist durch solche eingreifende Veranderung in unserem ganzen Sonnen-
system doch auch ein Einflufi auf alle drei andern Naturreiche aus-
geiibt worden, vor allem auf das Tierreich, das uns zunachst steht. Und
wenn wir diesen Einflufi verstehen wollen, der auf das Tierreich durch
die Vorgange der Sonnen- und Mondabspaltung geschah, dann be-
kommen wir aus der Geistesforschung folgenden Aufschlufi.
Der Mensch war auf einer gewissen Stufe seiner Entwickelung, als
sich die Sonne abgespalten hatte. Hatte er nun diese Stufe beibehalten
miissen, die er wahrend der Zeit hatte, als der Mond noch mit der Erde
verbunden war, so hatte der Mensch seine gegenwartige Organisation
nicht erlangen konnen, er hatte einer gewissen Verodung und Ver-
dorrung entgegengehen miissen. DieMondenkrafte mufiten erst heraus-
gehen. Dafi diese menschliche Organisation mogHch geworden ist, ist
aber nur dem Umstande zu verdanken, dafi der Mensch wahrend der
Zeit, als der Mond noch in der Erde war, sich eine Organisation be-
wahrt hatte, welche noch erweicht werden konnte; denn es ware mog-
lich gewesen, dafi seine Organisation bereits so hart gewesen ware, dafi
das Hinausgehen des Mondes nichts mehr genutzt hatte. Auf dieser
Stufe, daft die Organisation noch erweicht werden konnte, standen
tatsachlich nur die Menschenvorfahren. - Der Mond muiRte also zu
einer bestimmten Zeit hinausgehen. Was geschah nun bis zu dem Zeit-
punkt, wo der Mond heraustrat?
Die menschliche Organisation wurde immer grober und grober. Der
Mensch hat zwar nicht ausgesehen wie Holz. Das ware eine zu grobe
Vorstellung. Es war die damalige Organisation trotz ihrer Grobheit
immer noch feiner, als es die jetzige Organisation ist. Aber fiir die
damalige Zeit war die Organisation des Menschen so grob, dafi der gei-
stigere Teil des Menschen, der auch dazumal in einer gewissen Weise
abwechselnd mit dem physischen Leib zusammen und ohne ihn gelebt
hat, in der Zeit zwischen Sonnen- und Mondaustritt endlich dahin ge-
kommen war, dafi er, wenn er wieder hat seinen physischen Leib auf-
suchen wollen, diesen Leib durch die Vorgange der Erde so dicht ge-
funden hat, dafi er keine Moglichkeit mehr hatte, in ihn hineinzuziehen
und ihn als Gehause zu benutzen. Daher geschah es auch, daft der
geistig-seelische Teil vieler Menschenvorfahren von der Erde iiberhaupt
Abschied nahm und fiir eine gewisse Zeit das Fortkommen suchte auf
andern, zu unserem Sonnensystem gehorigen Planeten. Nur ein ganz
geringer Teil der physischen Leiber war weiter brauchbar und rettete
sich iiber diese Zeit hiniiber. Das habe ich auch schon ofter dargestellt,
dafi die weitaus grofite Zahl der Menschenseelen in den Himmelsraum
hinauszogen, dafi aber die fortlaufende Entwickelungsstromung festge-
halten wurde von einem kleinen Teil, namlich von denjenigen mensch-
lichen Seelen, die am robustesten waren und das alles ertragen und
iiberwinden konnten, Diese robusten Seelen retteten die Entwickelung
iiber die kritische Periode hiniiber.
Wahrend dieses ganzen Vorganges handelte es sich noch nicht eigent-
lich um das, was wir menschliche Ichheit, menschliche Individualitat
nennen. Es war noch mehr derCharakter der Gattungsseele vorhanden.
Die Seelen gingen, wenn sie sich zuriickzogen, auf in die Gattungs-
Seelenhaftigkeit.
Dann kam der Mondaustritt, und damit war wieder die Moglichkeit
gegeben, da£ die menschliche Organisation verfeinert wurde, so dafi
sie die Seelen, welche sich friiher hinweggefliichtet hatten, wieder auf-
nehmen konnte. Und diese Seelen kamen nach und nach - bis in die
atlantische Zeit hinein - wieder herunter und bezogen die mensch-
lichen Leiber. Aber es waren immerhin gewisse Organisationen zuriick-
geblieben, die sich wahrend der kritischen Zeit herausgebildet hatten.
Fortgepf lanzt hatten sie sich wahrend dieser Zeit, nur konnten sie nicht
Trager werden der menschlichen Seelenhaftigkeit. Es waren eben grobe
Organisationen. Es hatten sich also dazumal neben jenen Organisa-
tionen, die sich spater verfeinern konnten, solche erhalten aus der kri-
tischen Erdenperiode. Diese wurden nun die Vorlaufer einer grdberen
Organisation, und dadurch kam es, dafi neben jenen Organisationen,
welche Trager von menschlichen Individualitaten werden konnten,
auch solche Organisationen sich fortpflanzten, die nicht Trager mensch-
licher Individualitaten werden konnten und die die Nachkommen
waren der von menschlichen Seelen verlassenen Organismen aus jener
Zeit, als die Sonne schon fort und der Mond noch mit der Erde ver-
bunden war.
Also sehen wir neben dem Menschen sich formlich herausbilden ein
Reich von Organismen, die dutch das Beibehalten des Mondcharakters
unfahig geworden waren, Trager menschlicher Individualitaten zu sein.
Diese Organisationen sind im wesentlichen die, welche die Organisa-
tionen unserer heutigen Tiere wurden. Es konnte sonderbar erscheinen,
dafi diese groberen Organisationen der heutigen Tiere nun doch wieder
gewisse Fahigkeiten haben, welche sogar weisheitsvoll wirken konnen
in der Welt, wie zum Beispiel in dem Biberbau. Das aber kann uns
erklarlich werden, wenn wir uns eben die Dinge nicht gar zu einfach
vorstelien, sondern uns klar sind, dafi gerade die Organisationen dieser
Wesenheiten, welche nicht von menschlichen Seelen bezogen worden
sind, die aufieren Einrichtungen des tierischen Baues, eines gewissen
Nervenbaues und dergleichen ausgebildet batten, die es moglich mach-
ten, sich mit den Gesetzen des Erdendaseins ganz in Einklang zu ver-
setzen. Denn jene Wesenheiten, die nicht fahig geblieben waren, mensch-
liche Seelen aufzunehmen, waren wahrend der ganzen Zeit mit der
Erde verbunden geblieben. Die andern Organisationen, die sich spater
verfeinert haben, so dafi sie menschliche Individualitaten aufnehmen
konnten, waren zwar auch zusammen mit der Erde; aber weil sie spater
Veranderungen eingehen mufiten, als der Mond draufien war, haben sie
gerade, was sie sich bis dahin angeeignet hatten, dadurch verloren, dafi
sie sich verfeinerten, dafi sie diese Veranderungen eingehen mufiten.
Also merken wir: Als sich der Mond getrennt hatte von der Erde,
waren auf der Erde gewisse Organisationen, die sich einfach fort-
gepflanzt hatten in der geraden Linie, wie sie hatten entstehen miissen,
solange der Mond mit der Erde friiher verbunden war. Diese Organi-
sationen waren grob geblieben, hatten sich die Gesetze, die sie hatten,
bewahrt und waren in sich so fest geworden, dafi, als der Mond heraus-
gegangen war, mit ihnen keine Veranderung moglich war. Sie pflanzten
sich einfach steif fort. Die andern Organisationen, die Trager von
menschlichen Individualitaten wurden, mufiten sich verandern, konn-
ten sich nicht steif fortpflanzen. Sie veranderten sich so, dafi jetzt hin-
einwirken konnten die Wesenheiten, die in der Zwischenzeit gar nicht
mit der Erde verbunden waren, die ganz woanders waren und sich erst
wieder zusammenfiigen mufiten mit der Erde. - Da haben Sie den
Unterschied zwischen jenen Wesenheiten, die den alten steifen Mond-
charakter fortbewahrt hatten, und jenen, die sich verandert hatten.
Worin bestand nun die Veranderung?
Als die Seelen, die von der Erde f ortgegangen waren, wieder zuriick-
kamen und wieder Besitz ergriffen von den Leibern, fingen sie an, das
Nervensystem, das Gehirn und so weiter umzubauen. Was sie als Krafte
hatten, das verwendeten sie gleichsam zum inneren Ausbau. An den
andern Wesenheiten, die sich versteift hatten, konnte nichts mehr ge-
andert werden. Von diesen letzteren Organisationen nahmen jetzt
andere Wesenheiten Besitz, die sich noch nicht darauf einliefien, in die
Organisation einzugreifen, die noch auf ihren friiheren Stufen stehen-
geblieben waren, die iiberhaupt nicht so weit kommen, daft sie in die
inneren Organisationen hineinwirken, sondern die von auften wirken
wie die tierischen Gattungsseelen. So erhielten diejenigen Organisatio-
nen, welche dazu geeignet waren, nach dem Mondaustritt die mensch-
liche Seele; und diese Wesenheiten bearbeiteten dann die Organisation
so, dafi sie zu dem volikommenen Menschenbau fiihrte. Die wahrend
der Mondenzeit steif gebliebenen Organisationen konnten nicht mehr
geandert werden. Von denen ergreifen jetzt Besitz jene Seelen,die iiber-
haupt noch nicht so weit waren, in eine Individuahtat einzuziehen, die
auf der Mondenstufe stehengeblieben waren, die alles ausgebildet hat-
ten, was auf der Mondenstufe zu erreichen war, und die daher jetzt als
Gattungsseelen von diesen Organisationen Besitz ergriffen.
So erklart sich uns der Unterschied zwischen Mensch und Tier aus
den kosmischen Vorgangen heraus. Gerade durch die kosmischen Vor-
gange bei der Erdentwickelung ergeben sich uns zweierlei Organisa-
tionen. Hatten wir bei dem Bau der unmittelbar unter dem Menschen
stehenden Wesenheiten stehenbleiben miissen, so miifiten wir jetzt mit
unserem Ich die Erde umschweben, weil die Organisationen zu steif
geworden sind. Wir konnten nicht herunter, und obwohl wir voU-
kommenere Wesen geworden sind, miilSten wir da sein, wo die Organi-
sationen der Gattungsseelen der Tiere sind. Da aber unsere Organisa-
tionen sich verfeinern konnten, so konnten wir in sie einziehen und sie
als unsere Wohnplatze benutzen, das heifit, wir konnten in fleischliche
Verkorperungen bis zur Erde hinuntersteigen. Die Gattungsseelen hat-
ten kein Bediirfnis danach. Sie wirken von der geistigen Welt in die
Wesen hinein.
Wir sehen also in dem Tierreich, das uns umgibt, etwas, was wir
heute auch waren, wenn wir eben nicht unsere Organisation der ge-
schilderten Einrichtung verdankten. Fragen wir uns jetzt: Wodurch
sind denn die unter uns stehenden Tiere mit ihren versteiften Organi-
sationen auf die Erde gekommen? - Durch uns selber sind sie herunter-
gekommen! Sie sind die Nachkommen jener Korper, die wir nach dem
Mondaustritt nicht mehr beziehen wollten, weil sie zu grob geworden
waren. Wir haben diese Korper zuriickgelassen, um spater andere zu
finden. Wir hatten spater andere nicht finden konnen,wenn wir damals
jene ersten nicht verlassen hatten. Denn wir mufiten nach dem Heraus-
treten der Sonne auf der Erde unser Fortkommen suchen. - Da haben
wir gerade den Vorgang, dafi wir sozusagen unter uns zuriickliefien
gewisse Wesenheiten, damit wir selber die Moglichkeit finden konnten,
hoher hinaufzukommen. Um hoher zu kommen, mufiten wir zu andern
Planeten gehen und die Leiber da unten verkommen lassen. Was unten
zuriickgeblieben ist, dem verdanken wir in gewisser Beziehung das, was
wir sind. Ja, wir konnen dieses «Verdanken» noch viel genauer schil-
dern. Wir konnen uns fragen: Wie ist es denn iiberhaupt moglich ge-
worden, dafi wir wahrend der kritischen Periode die Erde verlassen
konnten? So ohne weiteres geht das ja nicht, dafS ein Wesen hingehen
kann, wo es will.
Da trat wahrend der Erdentwickelung zum ersten Male dasjenige
ein, was wir wiederum den luziferischen Geistern verdanken. Die luzi-
ferischen Wesenheiten waren unsere Fiihrer, die uns in der kritischen
Periode von der Erdentwickelung hinweggenommen haben. Sie haben
uns gleichsam gesagt: Da unten kommt jetzt eine kritische Zeit; da
miifit ihr die Erde verlassen! - Die luziferischen Geister waren es, unter
deren Fiihrung wir die Erde verlassen haben, dieselben luziferischen
Geister, die in unseren damaligen astralischen Leib das luziferische
Prinzip, den Hang zu allem, was wir die Moglichkeit des Bosen in uns
nennen, hineinbrachten, damit zugleich aber allerdings auch die Mog-
lichkeit der Freiheit. Hatten sie uns damals nicht fortgenommen von
der Erde, so waren wir immer gekettet geblieben an die Gestalt, die wir
damals geschaffen hatten, und wir konnten jetzt die Gestalt hochstens
von oben umschweben, wiirden sie aber niemals beziehen konnen. So
nahmen sie uns fort und verbanden ihr eigenes Wesen mit unserem Wesen.
Wenn wir das ins Auge fassen, wird es uns jetzt verstandlich, dafi
wir, wahrend wir fortgingen, die luziferischen Einfliisse aufnahmen.
Die Organisationen, welche dieses Schicksal nicht teilten, damals in
ganz besondere Weltgebiete gefiihrt zu werden, die mit der Erde ver-
bunden blieben, die blieben unten ohne den luziferischen EinflulS. Sie
muf^ten mit uns die Erdenschicksale teilen - konnten aber nicht mit uns
unser Himmelsschicksal teilen. Und als wir auf die Erde zuriickkamen,
hatten wir den luziferischen Einschlag in uns, nicht aber jene andern
Wesen, und dadurch wurde es uns moglich, das Leben in einem phy-
sischen Korper und doch ein von dem physischen Korper unabhangiges
Leben zu fiihren, so dafi wir auch immer mehr und mehr unabhangig
von dem physischen Korper werden konnten. Diese andern Wesen aber,
die den luziferischen Einschlag nicht in sich hatten, stellten dar, was
wir aus ihnen gemacht hatten, was unsere astralischen Leiber waren in
der Zwischenzeit zwischeh Sonnen- und Mondaustritt, also dasjenige,
von dem wir uns befreiten. Wir schauen auf die Tiere und sagen: Alles,
was die Tiere darstellen an Grausamkeit, an Gefrafiigkeit, an alien
tierischen Untugenden, neben der Geschicklichkeit, die sie haben, das
hatten wir in uns, wenn wir sie nicht hatten aus uns heraussetzen kon-
nen! - Wir verdanken die Befreiung unseres astralischen Leibes dem
Umstande, dafi alle groberen astralischen Eigenschaften zuriickgeblie-
ben sind im Tierreich der Erde. Und wir konnen sagen: Wohl uns, dafi
wir das nicht mehr in uns haben: die Grausamkeit des Lowen, die List
des Fuchses, da£ es aus uns herausgezogen ist und aufier uns ein selb-
standiges Dasein fiihrt!
So haben die Tiere das mit uns gemeinschaftlich, was unser astra-
lischerLeib ist, und haben dadurch die Moglichkeit, Schmerzen empfin-
den zu konnen. Aber sie haben gerade durch das, was jetzt gesagt wor-
den ist, nicht die Moglichkeit erlangen konnen, durch den Schmerz und
durch die Uberwindung des Schmerzes immer hoher und hoher zu
steigen. Denn sie haben keine Individualitat. Dadurch sind die Tiere
viel, viel iibler daran als wir. Wir miissen die Schmerzen ertragen; aber
jeder Schmerz ist fiir uns ein Mittel zur VervoUkommnung; indem wir
ihn iiberwinden, steigen wir hoher durch den Schmerz. Die Tiere haben
wir zuriickgelassen als etwas, was zwar die Schmerzfahigkeit schon
hatte, aber noch nicht das, was sie iiber den Schmerz erheben konnte,
wodurch sie den Schmerz iiberwinden. Das ist das Schicksal der Tiere.
Sie zeigen uns unsere eigene Organisation auf der Stufe,da wir schmerz-
fahig waren, aber noch nicht durch Oberwindung den Schmerz ins
Heilsame fiir die Menschheit umwandeln konnten. So haben wir den
Tieren im Laufe der Erdentwickelung unser schlimmeres Teil gegeben,
und sie stehen um uns herum als Wahrzeichen dessen, dafi wir zu un-
serer Vervollkommnung kamen. Wir hatten den Bodensatz mcht los-
bekommen, hatten wir nicht die Tiere zuriickgelassen.
Solche Tatsachen miissen wir nicht als Theorien betrachten lernen,
sondern mit kosmischem WeltengefiihJ. Wir miissen hinblicken auf die
Tiere mit dem Gefiihl: Da draufien seid ihr, Tiere. Wenn ihr leidet,
leidet ihr etwas, was uns Menschen zugute kommt.Wir Menschen haben
die Moglichkeit, das Leiden zu iiberwinden; ihr miifit das Leiden er-
dulden. Wir aber haben euch das Leiden gelassen - und uns die Uber-
windung genommen!
Wenn man dieses kosmische Gefiihl aus derTheorie entwickelt, wird
es zu dem umfassenden Mitgefiihl mit der Tierwelt. Wo daher das kos-
mische Gefiihl aus der Urweisheit der Menschheit entsprofi, wo die
Menschen sich noch bewahrt hatten eine Erinnerung an das Urwissen,
das jedem aus dem dammerhaften Hellsehen sagte, wie die Dinge einst
lagen, da hatte man sich damit auch das Mitgefiihl fiir die Tierwelt
bewahrtj und da tritt das Mitgefiihl fiir die Tiere in einem hohen Mafie
hervor. - Dieses Mitgefiihl wird wiederkommen, wenn die Menschen
sich angewohnen werden, spirituelle Weisheit aufzunehmen, wenn die
Menschen wiederum einsehen werden, wie das Menschheitskarma mit
dem Weltenkarma verbunden ist. In den Zeiten, welche sozusagen
Zeiten der Verdunkelung waren, in denen das materialistische Denken
Platz griff, hat man von diesen Zusammenhangen keine rechte Ahnung
haben konnen. Da blickte man nur auf das, was im Raume nebeneinan-
der ist, ohne zu beriicksichtigen, dafi dieses, was nebeneinander im
Raume ist, einen einheitlichen Ursprung hat und sich nur in der Ent-
wickelung getrennt hat. Und da fiihlte man natiirlich auch nicht, was
die Menschen mit den Tieren verbindet. Und auf alien Gebieten der
Erde, wo man die Mission gehabt hat, zu iiberdecken das Bewufitsein
vom Zusammenhange des Menschen mit der Tierwelt, wo an Stelle die-
ses Bewufitseins nur ein solches getreten ist, das sich auf den aufieren
physischen Raum beschrankt, da hat der Mensch den Tieren das, was
er ihnen verdankt, in einer eigenartigen Weise vergolten - indem er sie
eben aufgegessen hat.
Diese Dinge zeigen uns aber zugleich, wie Weltanschauungen zu-
sammenhangen mit der menschlichen Empfindungs- und Gefiihlswelt.
Empfindungen und Gefiihle sind letzten Endes Folgen derWeltanschau-
ungen, und wie sich die Weltanschauungen und Erkenntnisse andern,
so werden sich auch die Empfindungen und Gefiihle innerhalb des
Menschheitszusammenhanges andern. DerMensch konnte nicht anders,
als sich hoher entwickeln; er mu£te andere Wesen in den Abgrund
stofien, um selbst hoher zu steigen. Er konnte den Tieren nicht geben
eine Individualitat, die im Karma ausgleicht, was die Tiere leiden
miissen; er konnte ihnen nur den Schmerz uberliefern, ohne ihnen die
karmische Gesetzmafiigkeit des Ausgleiches geben zu konnen. Was er
ihnen aber friiher nicht geben konnte, das wird ihnen der Mensch einst
geben, wenn er zurFreiheit und zum Selbstlos-Sein seiner IndividuaUtat
gekommen ist. Dann wird er - in bewufiter Weise - auch auf diesem
Gebiet die karmische GesetzmaiKigkeit fassen und wird sagen: Den
Tieren verdanke ich, was ich bin. Was ich den einzelnen tierischen
Wesen nicht mehr geben kann, welche von einem Einzeldasein in ein
Schattendasein hinuntergegangen sind, was ich sozusagen einstmals an
den Tieren verschuldet habe, das mufi ich jetzt an den Tieren wieder
gutmachen durch die Behandlung, welche ich ihnen angedeihen lasse! -
Daher wird mit dem Fortschreiten der Entwickelung durch das Be-
wufitsein der karmischen Verhaltnisse auch wieder ein besseres Ver-
haltnis des Menschen zum Tierreich eintreten, als es jetzt, besonders im
Abendlande, vorhanden ist. Eine Behandlung der Tiere wird kommen,
durch welche der Mensch die Tiere, die er hinuntergestofien hat, wieder
heraufzieht.
So sehen wir Karma und Tierreich denn doch in einem gewissen
Verhaltnis zueinander. Was das Tier als Schicksal erlebt, das konnen
wir, wenn wir nicht alles durcheinanderwerfen wollen, nicht mit dem
menschlichen Karma vergleichen, Aber wenn wir die ganze Erdentwik-
kelung betrachten und was um der Menschheit und ihrer Entwickelung
willen geschehen mufite, dann werden wir sehen, dafi wir in der Tat
von einer Beziehung des Menschheitskarma zu der Tierwelt sprechen
konnen.
DRITTER VORTRAG
Hamburg, 18. Mai 1910
Solche Betrachtungen, wie wir sie heute und in den allernachstenTagen
anzustellen haben, konnen sehr leicht einem gewissen Mifiverstandnis
unterworfen sein. Wir werden es zu tun haben mit mancherlei Krank-
heits- und Gesundheitsfragen vom Gesichtspunkte des Karma, und bei
der Gegensatzlichkeit unserer heutigen Zeitstromungen gerade auf die-
sem Gebiete konnte leicht eine mifiverstandliche Auffassung der geistes-
wissenschaftlichen Grundlagen Platz greifen,wenn dieses Kapitel - der
Zusammenhang von Krankheit und Gesundheit mit dem Karma - be-
riihrt wird. Sie wissen ja, dafi in den weitesten Kreisen die Diskussion
mit ziemlicher Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit wogt, wenn Ge-
sundheits- und Krankheitsfragen in Betracht kommen. Es ist Ihnen ja
alien bekannt, wie sehr von seiten der Laien sowohl als auch von seiten
dieser oder jener Arzte Partei ergriffen wird gegen das, was man die
wissenschaftliche Medizin nennt. Auf der andern Seite kann leicht be-
merkt werden, wie die Vertreter der wissenschaftlichen Medizin viel-
leicht gerade herausgefordert werden durch manchen ungerechten An-
griff, so dafi sie nicht nur in eine Art von Leidenschaft verfallen, wenn
es sich darum handelt - was ihr gutes Recht ist einzutreten fur das,
was die Wissenschaft dazu zu sagen hat, sondern dafS von dieser Seite
heute auch ein zumTeil recht arger Kampf gefiihrt wird gegen das, was
von andern Gesichtspunkten als den in der offiziellen Medizin ver-
tretenen irgendwie gesagt wird iiber das in Betracht kommende Gebiet.
Theosophie oder Geisteswissenschaft wird nur dann ihren hohen Auf-
gaben gerecht werden konnen, wenn sie auf einem solchen, von Dis-
kussionen vielfach verdunkelten Gebiet das unbefangene und objektive
Urteil wahrt. Wer ahnliche Vortrage von mir gehort hat, wird wissen,
wie wenig es mir darum zu tun ist, einzustimmen in den Chor, der
heute das, was man als «Schulmedizin» bezeichnet, diskreditieren will.
Von einem Einstimmen in diese oder jene Parteirichtung kann bei der
Geisteswissenschaft auch nicht im entferntesten die Rede sein.
Es darf vielleicht gerade bei dieser Gelegenheit ein'leitend betont
werden, da£ die Leistungen in bezug auf die Tatsachen und tatsach-
lichen Erforschungen der Erscheinungen gerade auf dem Gebiet des
Krankheitswesens und der Gesundheitsfragen der Menschheit in den
letzten Jahren und Jahrzehnten wahrhaftig zu ebensolchem Lobreden,
Anerkennen und Bewundern herausfordern wie zahlreiche andere na-
turwissenschaftliche Ergebnisse. Und von dem, was auf diesem Gebiete
an Tatsachlichem geleistet worden ist, darf auch gesagt werden: Wenn
sich irgend jemand f reuen darf iiber das, was die Medizin in den letzten
Jahren geleistet hat, so kann dies gerade die Geisteswissenschaft sein.
Auf der andern Seite mufi aber auch betont werden, was gerade fiir die
Naturwissenschaft gilt, dafi die Errungenschaften und tatsachlichen
Erkenntnisse und Entdeckungen zuweilen recht wenig richtige und
befriedigende Interpretationen und Erklarungen finden durch das, was
heute wissenschaf tliche Meinungen sind. Das ist ja das Hervorstechend-
ste in unserer Zeit fiir viele Gebiete naturwissenschaftlicher Forschung,
dafi die Meinungen, die Theorien nicht gewachsen sind den zuweilen
wunderbaren Tatsachenergebnissen. Und erst das Licht, das von der
Geisteswissenschaft ausgeht, wird Klarheit iiber das bringen, was auf
diesem Gebiet in den letzten Jahren errungen worden ist.
Nachdem das vorausgeschickt worden ist, wird es klar sein, daft es
sich nicht um irgendwelches Einstimmen in billige Bekampfung dessen
handelt, was auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Medizin heute ge-
leistet werden kann. Dann darf aber auch gesagt werden, dafi die be-
wundernswerten Tatsachen, die zutage getreten sind, nicht fruchtbar
werden konnen in unserer Zeit zum Heile der Menschheit, weil auf der
andern Seite geradezu materialistisch gefarbte Meinungen und Theo-
rien diese Fruchtbarkeit verhindern. Daher ist es fiir die Theosophie
viel besser, daft sie anspruchslos das sagt, was sie zu sagen hat, als in
irgendeinenParteikampf einzugreifen. Es werden dadurch viel weniger
die Leidenschaften aufgeregt werden, als sie es heute schon sind.
Wenn wir iiberhaupt einen Gesichtspunkt gewinnen wollen zu den
Fragen, die uns beschaftigen sollen, dann miissen wir uns damit be-
kanntmachen, daft die Ursachen zu irgendeiner Erscheinung in der
mannigfaltigsten Weise gesucht werden miissen, nahere und entfern-
tere Ursachen, und daft die Theosophie, wenn es sich darum handeln
wird, karmischeUrsachen zu Gesundheitsfragen zu suchen,es ein wenig
zu tun haben wird mit den entfernteren Ursachen, die nicht an der
Oberflache liegen. Machen wir uns das durch einen Vergleich klar.
Wenn Sic den Vergleich iiberdenken, werden Sie schon auf das kom-
men, was eigentlich gemeint ist.
Nehmen wir an, irgend jemand stehe auf dem Standpunkt, «wie wir
es heute so herrlich weit gebracht ]jaben» auf diesem Gebiete, und er
verachte ganz die Meinungen, welche in den vergangenen Jahrhunder-
ten iiber Gesundheit und Krankheit zutage getreten sind. Wenn Sie ver-
suchen, einen Oberblick iiber die Krankheits- und Gesundheitsfragen
zu finden, werden Sie den Eindruck bekommen, dafi die Darsteller
eines solchen Gebietes gewohnlich das Urteil haben: Was in den letzten
zwanzig bis dreifiig Jahren auf diesem Gebiete zutage getreten ist, das
ist eine Art absoluter Wahrheit, die zwar erganzt werden kann, aber
nie ein soiches absprechendes Urteil erfahren kann wie das, welches
solche Beurteiler leider selbst abgeben iiber das meiste, was auf diesem
Gebiete vorangegangen ist an menschlichem Sinnen und Trachten. Es
wird zum Beispiel haufig gesagt: Wir finden gerade auf diesem Gebiete
in den verf lossenen Zeiten den krassesten Aberglauben -, und es werden
dann recht abschreckende Beispiele angefiihrt, wie in den verflossenen
Jahrhunderten versucht worden sei, dies oder das zu heilen. Insbeson-
dere schlimm findet man, wenn man irgendwo auf Ausdriicke stofit,
welche in der damaligen Bedeutung dem heutigen BewufStsein langst
verlorengegangen sind, sich aber dennoch in das heutige Bewufitsein
eingeschlichen haben, und mit denen so, wie sie der heutige Mensch
denkt,nichts anzufangen ist. So sagen einige: Da gab es Zeiten, in denen
man eine jede Krankheit Gott oder dem Teufel zuschrieb! So schlimm,
wie es solche Darsteller machen, liegt es deshalb nicht, weil sie nicht
wissen, welcher Komplex von Anschauungen bei einem solchen Begriff
«Gott» oder «Teufel» gemeint war. Durch einen Vergleich konnen wir
uns das klarmachen.
Nehmen wir an, zwei Leute reden miteinander. Da erzahlt der eine
dem andern: Eben habe ich eine Stube gesehen, die ganz voUer Flie-
gen ist. Nun sagt mir jemand, das sei ganz natiirlich; und das glaube
ich auch, denn die Stube ist sehr schmutzig, und dadurch finden die
Fliegen ihr Fortkommen. Es ist ganz erklarlich, dafi man das als Grund
fiir das Vorhandensein der Fliegen annimmt, und ich glaube auch, daft
derjenige ganz recht hat, der da sagt, die Fliegen werden nicht mehr in
der Stube sein,wenn man einmal griindlich reinemacht! - Nun hat aber
ein anderer erzahlt, dafi er noch etwas anderes wiifite, warum so viele
Fliegen in dem Zimmer waren; und die Ursache konne er nicht anders
bezeichnen, als dafi in jenemZimmej- seit langem eine grundfaule Haus-
frau hause. - Aber nun sieh einmal, was das fiir ein grenzenloser Aber-
glaube ist: dafi die Faulheit wie eine Art Personlichkeit sei, die nur zu
winken brauchte,und dann kamen die Fliegen herein! Da ist die andere
Erklarung doch richtiger, die das Vorhandensein der Fliegen durch den
angehauften Schmutz erklart!
Nicht viel anders ist es auf einem andern Gebiete, wenn man sagt:
Es ist jemand von einer Krankheit befallen, da er eben eine Infektion
durch irgendeine Bazillenart erhalten hat; treibt man die Bazillen aus,
so ist die Heilung da. Nun reden aber da noch Leute von irgendeiner
geistigen Ursache, die tiefer liege! Man braucht doch nichts anderes zu
tun, als die Bazillen fortzutreiben! - Es ist nicht mehr Aberglaube, von
einer geistigen Ursache zu sprechen bei Erkrankungen, doch alles iibrige
anzuerkennen, als in dem Falle, wo die Ursache fiir das Dasein der
Fliegen in einer grundfaulen Hausfrau gesehen wird. Und man braucht
nicht zu wettern, wenn man sagt: Die Fliegen werden nicht mehr da
sein,wenn einmal reinegemacht wird. Nicht darum handelt es sich, dafi
der eine den andern bekampft, sondern dafi man lernt, sich gegenseitig
zu verstehen und einzugehen auf das, was der eine will und was der
andere will. Das mu& man durchaus beriicksichtigen, wenn von den
unmittelbar naheliegenden Ursachen mit Recht gesprochen wird und
wenn von den entfernteren Ursachen gesprochen wird. Der objektive
Theosoph wird sich durchaus nicht auf den Standpunkt stellen, dafi die
Faulheit nur eine Art von Wink zu geben brauche, damit die Fliegen in
das Zimmer kommen; er wird wissen, dafi auch andere materielle Dinge
dabei in Betracht kommen, dafi aber alles, was materiell zum Ausdruck
kommt, seine geistigen Hintergriinde hat und dafi diese geistigen Hin-
tergriinde zum Heile der Menschheit gesucht werden miissen. Die-
jenigen aber, welche in den Kampf gern einstimmen mochten, die sollen
auch daran erinnert werden, dal5 die geistigen Ursachen nicht immer in
derselben Weise aufgefafSt werden diirfen und auch nicht in der gleichen
Art bekampft werden konnen wie die gewohnlichen materiellen Ur-
sachen. Und man darf auch nicht denken, dal^ man durch das Bekamp-
fen der geistigen Ursachen enthoben ware der Bekampfung der mate-
riellen Ursachen; denn sonst konnte man die Stube schmutzig lassen
und brauchte nur gegen die Faulheit der Hausfrau zu Feide zu ziehen.
Wenn wir nun das Karma betrachten, miissen wir sprechen von Zu-
sammenhangen zwischen Ereignissen, wie sie im Menschenleben ein-
treten in einer friiheren Zeit und wie sie ihre Wirkung auf dasselbe
Menschenwesen zeigen in einer spateren Zeit. Wenn wir sprechen von
Gesundheit und Krankheit vom Gesichtspunkte des Karma aus, so heifit
das nichts anderes als: Wie konnen wir uns vorstellen, dafi der gesunde
oder kranke Zustand eines Menschen seine Begriindung findet in frii-
heren Taten, Verrichtungen und Erlebnissen dieses Menschen? Und wie
konnen wir uns vorstellen, dafi sein gegenwartiger Gesundheits- oder
Krankheitszustand mit zukiinftigen Wirkungen, die auf dasselbe Wesen
zuriickf alien, im Zusammenhang steht?
Am liebsten wird der heutige Mensch iiberhaupt glauben, dafi eine
Krankheit mit den allernachsten Ursachen nur im Zusammenhange
stehe. Denn der Grundnerv unserer heutigen Weltanschauung auf alien
Gebieten ist ja der, dafS man Bequemlichkeit sucht; und stehenbleiben
bei den allernachsten Ursachen ist eine bequeme Sache. Daher werden
gerade in bezug auf Erkrankungen nur die allernachsten Ursachen be-
riicksichtigt - und am meisten geschieht das von den Kranken selbst.
Denn wie ware es zu leugnen, dafi die Kranken selbst veranlafit sind,
solche Bequemlichkeit zu uben? Aus diesem Umstande heraus ergibt
sich so viel Unzufriedenheit, wenn ein solcher Glaube existiert, die
Krankheit miisse die allernachsten Ursachen haben, welche von dem
kundigen Arzt gefunden werden miissen; und wenn der Arzt dann
nicht helfen kann, hat er irgend etwas verpfuscht. Aus dieser Bequem-
lichkeit des Urteils geht vieles von dem hervor, was heute auf diesem
Gebiete gesagt wird. Wer Karma in seinen weitverzweigten Wirkungen
zu betrachten versteht, der wird immer mehr seinen Blick erweitern
von dem, was heute geschieht, zu Ereignissen, die verhaltnismafiig sehr
weit zuriickliegen. Und er wird vor alien Dingen die Oberzeugung ge-
winnen, dafi eine durchgreifende Erkenntnis eines Sachverhaltes, der
den Menschen trifft, nur moglich ist, wenn man den Blick erweitern
kann iiber das, was weiter zuriickliegt. Insbesondere beim erkrankten
Menschen ist das der Fall.
Wenn wirvom kranken und auch vom gesunden Menschen sprechen,
drangt sich uns die Frage auf die Lippen: Wie konnen wir uns von dem
Kranksein iiberhaupt einen Begriff machen?
Wenn die geisteswissenschaftlicheForschung direkt vorgeht und den
hellseherischen Blick zu Hilfe nimmt, wird sie immer, wenn es sich um
Erkrankungen des Menschen handelt, UnregelmafSigkeiten bemerken,
nicht nur im physischen Leibe des Menschen, sondern auch in den
hoheren Wesensgliedern des Menschen, im Atherleibe und im astra-
lischen Leibe. Und der hellseherische Forscher wird bei einem Krank-
heitsfall immer in Betracht ziehen miissen, welches in dem betreffenden
Falle der Anteil sein kann des physischen Leibes auf der einen Seite und
des Ather leibes und des astralischen Leibes auf der andern Seite; denn
alle drei Wesensglieder des Menschen konnen an der Erkrankung be-
teiligt sein. Nun entsteht die Frage: Welche Vorstellungen konnen wir
iiber das Wie der Krankheit gewinnen? - Dem kommt man am leich-
testen bei, wenn man in Betracht zieht, wieweit man den Begriff
«Krankheit» iiberhaupt ausdehnen darf. Diejenigen, die gern in allerlei
allegorisch-symbolischen Begrif fen sprechen, auch da, wo sie nicht hin-
gehoren, denen mag es iiberlassen bleiben, wenn sie auch bei Mineralien
oder Metallen von Erkrankungen sprechen, indem sie zum Beispiel
sagen, wenn der Rost das Eisen frifit, sei das eine Krankheit des Eisens.
Man mufi sich dabei nur dariiber klar sein, daf^ man durch solche ab-
strakten Begriffe zu einem wirklichen gedeihlichen Erfassen des Lebens
nicht kommen kann; man kann nur kommen zu einer Art spielerischen
Erkenntnis des Lebens, nicht aber zu einem Erkennen,das wirklich ein-
greift in dieTatsachen.Wer zu einem realenKrankheitsbegriff und auch
zu einem realen Gesundheitsbegriff kommen will, mufi sich hiiten, da-
von zu sprechen, dafi Mineralien und Metalle auch erkranken konnen.
Nun ist die Sache schon anders, wenn wir ins Pflanzenreich hinauf-
gehen. Da diirfen wir gewifi von Erkrankungen der Pfianzen sprechen.
Aber gerade Pflanzenkrankheiten sind fur das reale Erfassen der Vor-
stellung «Krankheit» von einem ganz besonderen Interesse und von
ganz besonderer Wichtigkeit. Bei Pflanzen wird man, wenn man wie-
der nicht spielerisch zu Werke geht, nicht leicht sprechen konnen von
inneren Krankheitsursachen. In demselben Mafie, wie man bei Tier und
Mensch von inneren Krankheitsursachen sprechen kann, kann man bei
Pflanzen nicht davon sprechen. Die Erkrankungen im Pfianzenreiche
werden Sie immer zuriickzufiihren haben auf au£ere Veraniassungen,
auf diese oder jene schadlichen Einfliisse des Bodens, ungeniigende Be-
lichtungen, auf diese oder jene Wirkungen des Windes und auf sonstige
elementare und Naturwirkungen. Oder Sie werden solche Erkrankun-
gen von Pflanzen zuriickzufiihren haben auf Einfliisse von Parasiten,
die sich an die Pflanzen heranmachen und sie schadigen. Und wir wer-
den innerhalb des Pflanzenreiches mit Recht davon sprechen, dafS der
Begriff «innere Krankheitsursache» im Grunde gar keine Berechtigung
hat. - Es ist natiirlich nicht moglich, da ich nicht ein halbes Jahr iiber
dieses Thema sprechen kann, dafi ich mit unzahligen Belegen versehe,
was ich jetzt angedeutet habe. Aber je tiefer wir in die Pflanzenpatho-
logie eindringen, desto mehr werden wir sehen, dafi von dem Begriff
«innere Krankheitsursache» bei den Pflanzen nicht die Rede sein kann,
sondern dafi es sich da um auftere Veraniassungen und Schadigungen,
um aufiere Einfliisse handelt.
Nun haben wir in der Pflanze, wie sie uns zunachst in der aufieren
Welt entgegentritt, ein Wesen vor uns, das uns ein Gefiige von einem
physischen Leibe und einem Atherleibe zeigt. Und wir haben damit
zugleich ein Wesen vor uns, das uns sozusagen aufmerksam darauf
macht, dafi ein solches Wesen mit physischem Leib und Atherleib im
Grunde dem Prinzip nach gesund ist und daf$ es warten mu{5, bis es
eine aufiere Schadigung erfahrt, wenn es krank werden soil. Damit
stimmt auch durchaus der geisteswissenschaftlicheTatbestand.Wahrend
wir durch die Methoden der hellseherischen Forschung im Tier- und
Menschenreich bei Erkrankungen ganz entschieden im Inneren des
Wesens - in den iibersinnlichen Teilen - Veranderungen erblicken, kon-
nen wir innerhalb einer erkrankten Pflanze niemals davon sprechen,
dafi der urspriingliche Atherleib selber verandert ware, sondern nur
davon, dafS sich von aufien allerlei Storungen und schadliche Einfliisse
in den physischen Leib und namentlich in den Atherleib hineingedrangt
haben. Der geisteswissenschaftliche Tatbestand rechtfertigt durchaus
das, was wir als allgemeinen Schluli gewinnen: daf^ in dem, was bei den
Pflanzen inBetracht kommt - namlich physischerLeib und Atherleib -,
etwas urspriinglich Gesundes vorliegt. Aber etwas anderes ist es, wie
die Pflanze imstande ist, wenn sie aufiere Schadigungen erfahrt, alles
mogliche aufzuwenden, um in Wachstum und Entwickelung sich gegen
die Schadigungen zu wehren, sich zu heilen. Beobachten Sie einmal,
wenn Sie eine Pflanze anschneiden, wie sie versucht, die beschadigte
Stelle zu umwachsen, zu umgehen, was ihr da im Wege liegt und sie
schadigt.Und wir konnen es fast mitHanden greifen,wie in der Pflanze
eine innere Abwehr, eine Heilkraft vorhanden ist, wenn eine aufiere
Schadigung eintritt.
So sehen wir, dafi wir in dem Atherleib und physischen Leib der
Pflanze etwas vor uns haben, was imstande ist, mit inneren Heilkraften
zu antworten auf aufiere Schadigungen. Das ist eine aufierordentlich
wichtigeTatsache, wenn man auf diesem Gebiete zur Klarheit kommen
will. Ein Wesen wie die Pflanze mit physischem Leibe und Atherleib
zeigt uns also nicht nur, dafi der physische Leib und der Atherleib ur-
spriinglich Prinzipien der Gesundheit in sich haben, soviel notwendig
ist zur Entwickelung und zum Wachstum des betreffenden Wesens,
sondern es zeigt uns ein solches Wesen sogar, dafi ein Oberschufi vor-
handen ist von solchen Kraften, die sich in den Heilkraften ausleben
konnen, wenn von aufien Schadigungen kommen. - Woher miissen denn
diese Heilkrafte stammen?
Wenn Sie in einen blofi physischen Korper hineinschneiden, wird die
Schadigung bleiben. Er wird aus sich heraus nichts tun konnen, um die
Schadigung sozusagen zu heilen. Deshalb konnen wir bei einem bloft
physischen Korper nicht von einer Erkrankung sprechen, und am
wenigsten davon, dafi Krankheit und Heilung in Beziehung zueinander
stehen konnen. Das konnen wir am besten sehen, wenn eine Krankheit
bei einer Pflanze zutage tritt. Da haben wir das Prinzip der inneren
Heilkraft zu suchen im Atherleibe. Das zeigt wiederum im eminen-
testen Mafia der geisteswissenschaftliche Tatbestand.
Denn um die Wunde einer Pflanze herum beginnt der Atherleib der
Pflanze ein viel regeres Leben, als er vorher dort entfaltete. Er bringt
ganz andere Formen aus sich heraus, entwickelt ganz andere Stromun-
gen. Das ist das aufterordentlich Interessante, dafi wir geradezu den
Atherleib der Pflanze herausfordern zu einer erhohten Tatigkeit, wenn
wir der Pflanze in bezug auf den physischen Leib eine Schadigung bei-
bringen.
Damit haben wir zwar nicht den Begriff der Krankheit definiert;
aber wir haben etwas getan, um zum Wie der Krankheit zu kommen,
und wir haben etwas erreicht, was uns eine Ahnung verschaf f t iiber das
innere Wie der Heilung,
Jetzt gehen wir einmal - immer am Leitfaden der inneren, hellsehe-
rischen Beobachtung - weiter und versuchen wir, die aufieren Erschei-
nungen vernunftgemaft zu begreifen, zu denen uns die Geisteswissen-
schaft fiihrt. Dann konnen wir jetzt aufsteigen von den Schadigungen,
welche wir Pflanzen beibringen, zu gewissen Schadigungen, welche wir
Tieren beibringen, die also Wesen sind,die schon einen astralischen Leib
haben. Wenn wir da im groben Sinne zu Werke gehen, so werden wir
sehen, dafi wir bei den hoheren Tieren verhaltnismafJig sehr wenig -
und immer weniger, je hoher das Tier steht - von dem erblicken kon-
nen, was bei den Pflanzen in umfassendem Mafie hervortritt: namlich
jenes Antworten des Atherleibes auf auf5ere Schadigungen. Wenn wir
grobe Schadigungen dem physischen Leibe eines niederen oder auch
eines hoheren Saugetieres beibringen, reifien wir zum Beispiel einem
Hunde ein Bein aus oder dergleichen, dann werden wir finden, dafS der
Atherleib des Hundes nicht so leicht mit seiner Heilkraft antworten
kann, wie der Atherleib der Pflanze antwortet auf eine Schadigung, die
in ahnlicher Weise der Pflanze zugefiigt worden ist. Aber auch imTier-
reich ist das noch in grofiem Ma£e zu sehen. - Nehmen wir an, wir
steigen hinunter bis zu ganz niedrigen tierischen Wesen, zu denTritonen
oder ahnlichen. Solche niederen Tierwesen konnen Sie zerschneiden;
schneiden wir einem solchen Wesen gewisse Organe ab, so ist das,konnte
man sagen, dem Tiere gar nicht besonders unangenehm. Die Organe
wachsen mit groEer Schnelligkeit wieder nach, und das Tier sieht bald
wieder so aus wie friiher. Da ist etwas Ahnliches wie bei der Pflanze
geschehen: Wir haben eine gewisse Heilkraft im Atherleibe herausge-
fordert. Wer wiirde leugnen, dafi die Herausforderung, Heilkrafte im
Atherleib zu entwickeln, beim Menschen oder beim hoheren Tier eine
erhebliche Gefahrdung der Gesundheit bedeuten wiirde? Das niedere
Tier dagegen wird in seinem Atherleibe nur herausgefordert, ein an-
deres Glied aus seinem Inneren durch seinen Atherleib herauswachsen
zu lassen. Nun steigen wir etwas weiter hinauf .
Wenn wir jetzt zum Beispiel bei Krebsen ein Glied abschneiden, so
sind die Krebse nicht sogleich imstande, ein anderes Glied aus sich her-
auswachsen zu lassen. Aber wenn sie sich das nachste Mai hauten,wenn
sie bei der nachstenObergangsstufe ihres Lebens ankommen,dann schon
treibt fiir das abgebrochene Glied ein Stumpf heraus; beim zweitenmal
wird er schon grofier sein, und wenn sich das Tier geniigend oft hauten
wiirde, so wiirde das Glied ersetzt werden durch ein neues. - Da haben
Sie die Erscheinung, dafi in solchem Atherleib schon mehr dazu gehort,
damit die innere Heilkraft herausgefordert wird. Und bei den hoheren
Tieren ist das nun gar nicht mehr in diesem Maf^e der Fall. Wenn wir
ein hoheres Tier verstiimmeln, kann es zunachst nicht diese Heilkraft
aus seinem Atherleibe heraus aufbringen. Aber es mu& immer wieder
betont werden, was heute in einen bedeutsamen naturwissenschaftlichen
Streit hineinspielt: Wenn Sie das Tier verstiimmeln, und das Tier hat
Nachkommen, so iibertragen sich diese Verstiimmelungen nicht auf die
Nachkommen; die nachste Generation hat wieder die vollen Glieder.
Wenn der Atherleib seine Eigenschaften auf die Nachkommen iiber-
tragtjwird er wieder angeregt, einen voUstandigen Organismus heraus-
zusetzen. Beim Tritonen wirkt der Atherleib noch in demselben Tiere,
beim Krebs erst in der Hautung; bei den hoheren Tieren tritt dasselbe
erst bei den Nachkommen ein; da ersetzt der Atherleib, was in der vor-
hergehenden Generation verstiimmelt worden ist. Wir miissen also
solche Erscheinungen in der Natur gradweise betrachten, dann wird es
uns klarwerden, dafi selbst dann noch von einer Heilkraft im Ather-
leibe gesprochen werden mufi, wenn die Vererbungen von den Vor-
fahren auf die Nachkommen gehen, und daft der Atherleib sich so ver-
erbt, daft er wieder das ganze, ungeteilte Tier hervorbringt. Da haben
Sie sozusagen ein Aufsuchen des Wie der Heilkrafte im Atherleib.
Nun konnen wir die Frage aufwerfen: Woran liegt es denn, je weiter
wir in der Tierreihe hinaufsteigen - und wenn wir das Menschenreich
aufierlich betrachten, gilt das auch -, dafi der Atherleib immer mehr
Anstrengungen machen mufi, um iiberhaupt die Heilkrafte herauszu-
bekommen? - Das liegt daran,daft der Atherleib in der verschiedensten
Weise mit dem physischen Leibe verbunden sein kann. Es gibt zwischen
dem physischen Leibe und dem Atherleibe sozusagen eine innigere Ge-
meinschaft und eine losere. Nehmen wir zum Beispiel ein niederes Tier,
den Triton, bei dem ein abgeschnittenes Glied sich sogleich wieder an-
setzt. Da miissen wir eine lose Verbindung annehmen zwischen Ather-
leib und physischem Leib. Und in noch hoherem Mafie gilt das bei der
Pflanzenwelt. Da miissen wir sagen: Die Verbindung ist eine derartige,
dafi der physische Leib nicht imstande ist, auch auf den Atherleib zu-
riickzuwirken, so dafi der Atherleib ungeschoren bleibt durch das, was
im physischen Leibe geschieht, und dafi der Atherleib in gewisser Be-
ziehung unabhangig ist vom physischen Leibe. Nun ist das Wesen des
Atherleibes das des Tatigseins, des Hervorbringens, des Wachstum-
forderns. Er fordert das Wachstum bis zu einer bestimmten Grenze. In
dem Augenblick, da wir bei Pflanzen oder niederen Tieren ein Glied
abschneiden, ist der Atherleib gleich wieder bereit, das Glied zu ergan-
zen, das heifit, die voile Tatigkeit zu entfalten. Was mufi aber vor-
liegen, wenn er die voile Tatigkeit nicht entfalten kann? Dann miifite
er mehr gebunden sein an die Tatigkeit des betreffenden Gliedes. Und
das ist in der Tat bei den hoheren Tieren der Fall. Da ist eine viel
innigere, dichtere Verbindung zwischen Atherleib und physischem Leib
vorhanden. Wenn der physische Leib seine Formen ausbildet, wirken
diese Formen - also was in der physischen Natur ist - wieder zuriick
auf den Atherleib.
Wenn wir anschaulich sprechen wollen: Bei ganz niederen Tieren
oder bei Pflanzen wirkt das, was draufien ist, nicht zuriick auf den
Atherleib, lafit ihn ungeschoren, fiihrt ein selbstandiges Dasein. Sobald
wir zu hoheren Tieren kommen, drangen die Formen des physischen
Leibes riickwarts sich dem Atherleibe auf; da ist der Atherleib ganz
angepafit dem physischen Leibe, und wir verletzen mit dem physischen
Leibe zugleich den Atherleib. Dann mufi natiirlich der Atherleib tiefere
Krafte anwenden, weil er zuerst sich selber wieder herstellen mufi -
und dann erst die betreffenden Gliedmafien. Daher miissen wir an
tiefere Heilkrafte appellieren,wenn wir an den Atherleib eines hoheren
Tieres herangehen. Womit hangt das aber zusammen? Warum ist der
Atherleib eines hoheren Tieres so abhangig von den Formen des phy-
sischen Leibes?
Je weiter wir in der Tierreihe vorschreiten, um so mehr haben wir
zu beriicksichtigen nicht nur die Tatigkeit des physischen Leibes und
des Atherleibes, sondern auch die des astralischen Leibes. Der astra-
lische Leib kommt bei den niederen Tieren in seiner Wirksamkeit noch
auf^erordentlich wenig in Betracht. Daher haben die niederen Tiere
noch so viel Pflanzenahnliches. Je hoher wir hinaufsteigen, desto mehr
kommt der astralische Leib in Betracht. Der wirkt aber nun so, daft er
den Atherleib von sich abhangig macht. Ein Wesen wie die Pflanze, das
nur physischen Leib und Atherleib hat, hat mit der Aufienwelt wenig
zu tun; es werden Reize ausgeiibt, aber die driicken sich nicht aus in
inneren Vorgangen. Wo dagegen ein astralischer Leib wirksam ist, da
spiegeln sich die aufieren Eindriicke in inneren Vorgangen. Ein Wesen,
das den astralischen Leib nicht wirksam hat, ist innerlich mehr ab-
geschlossen der Auftenwelt gegeniiber. Es offnet sich ein Wesen um so
mehr der Auftenwelt, als der astralische Leib wirksam ist. Also ver-
bindet der astralische Leib das Innere eines Wesens mit der Aufienwelt.
Die zunehmende Wirksamkeit des astralischen Leibes macht, dafi der
Atherleib viel starkere Krafte aufwenden muft, um auftretende Scha-
digungen wieder auszugleichen.
Wenn wir aber jetzt hinaufsteigen vom Tier zum Menschen, ist noch
etwas anderes zu beriicksichtigen. Da werden in diesen astralischen
Leib nicht nur hineingepragt, hineingetragen die vorgeschriebenen Ver-
richtungen, wie es mehr beim Tiere der Fall ist: das Tier lebt mehr mit
einer gebundenen Marschroute, lebt mehr mit einem gebundenen Le-
bensprogramm. Sie werden nicht leicht beim Tiere davon sprechen
konnen, daft es in besonderem Mafte gegeniiber seinen Instinkten aus-
schweifend ware oder sich mehr in seinen Instinkten der Maftigkeit
hingeben konne. Es folgt seinem Lebensprogramm. Was sich beim Tier
ausdriickt, ist einer Art von typischem Programm unterworfen. Der
Mensch aber ist in der Lage, gerade dadurch, da{5 er hoher hinaufge-
stiegen ist in der Stufenleiter der Entwickelung, alle m(5glichen Unter-
schiede - zwischen Richtig und Unrichtig, Wahrheit und LUge, Gut
und Bose - auszuleben. In der verschiedensten Weise kommt er durch
nur individuelle Anlasse mit der Aufienwelt in Beriihrung. Alle diese
Arten von Beriihrungen fallen zuriick, machen Eindruck auf seinen
astralischen Leib. Und die Folge ist, daft auch die Wechselwirkung
zwischen astralischem Leib und Atherleib jetzt nach diesen aufteren
Erlebnissen ausfallen muft. Wenn also ein Mensch in irgendeiner Be-
ziehung ein ausschweifendes Leben fiihrt, so bedeutet das einen Ein-
druck auf seinen astralischen Leib. Wir haben aber gesehen, daft der
astralische Leib wieder den Atherleib beeinf luftt - wie, das wird ab-
hangen von dem, was in den astralischen Leib hineingelegt worden ist.
Daher werden wir jetzt verstehen konnen, daft der Atherleib des Men-
schen geandert wird, je nachdem der Mensch dieses oder jenes Leben
fuhrt in den Grenzen von Gut und Bose, Richtig oder Unrichtig, von
Wahrheit oder Luge und so weiter. Das iibt einen Einfluft auf den
Atherleib des Menschen aus.
Nun erinnern wir uns, wie die Vorgange sind, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes tritt. Wir wissen, daft der physische Leib
abgelegt wird und daft zuriickbleibt der Atherleib, der nun mit dem
astralischen Leib und dem Ich verbunden ist. Wenn nun nach dem Tode
eine Zeit vergangen ist, die sich nur nach Tagen bemiftt, wird das
Hauptsachlichste des Atherleibes als ein zweiter Leichnam abgeworfen;
es bleibt jedoch ein Extrakt des Atherleibes zuriick, der mitgenommen
wird und erhalten bleibt fiir alle kommenden Zeiten. In diesem Extrakt
des Atherleibes ist nun alles wie in einer Essenz darinnen, was im Leben
hineingekommen ist zum Beispiel von einem ausschweifenden Leben,
oder was der Mensch aufgenommen hat als das Ergebnis eines richtigen
oder unrichtigen Denkens, Handelns und Fiihlens. Das enthalt der
Atherleib, und das nimmt der Mensch mit in die Zeit bis zur neuen
Geburt. Weil das Tier solche Erlebnisse iiberhaupt nicht hat, kann es
natiirlich nichts in derselben Weise hinter die Pforte des Todes hiniiber-
bringen. Wenn nun der Mensch wieder durch eine Geburt ins Dasein
tritt, ist die Essenz seines frliheren Atherleibes etwas, was sich wieder
hineinergiefit in seinen neuen Atherleib, was den neuen Atherleib beim
Aufbau durchdringt. Daher hat der Mensch in seinem neuen Dasein im
Atherleib darinnen die Ergebnisse dessen, wie er im friiheren Leben
gelebt hat. Und da der Atherleib der Auferbauer ist einer ganz neuen
Organisation nach einer neuen Geburt, so pragt sich das jetzt alles auch
in seinen physischen Leib hinein. Warum kann sich das in den physi-
schen Leib hineinpragen?
Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt uns, daft wir in der
Form eines Menschenleibes, der durch die Geburt ins Dasein tritt,
ungefahr sehen konnen, welche Taten der Mensch in einem friiheren
Leben verrichtet hat. Aber werden wir auch eine ganz vernunftgemafie
Erklarung finden fiir das, was sich uns dargestellt hat als abnehmende
Heilkraft in der aufsteigenden Entwickelungsreihe der Tiere? Da wir
bei einem Tiere nicht davon sprechen konnen, daft es bei seiner Geburt
eine wiederverkorperte Individualitat aus einem friiheren Erdendasein
mitbringt, so werden wir nur den allgemeinen astralischen Leib dieser
Tiergattung wirksam finden, und der wird bei diesem Tier die Heil-
krafte des Atherleibes beschranken. Beim Menschen aber finden wir,
dafi nicht nur sein astralischer Leib, sondern auch sein Atherleib im-
pragniert ist mit den Ergebnissen der Taten des vorhergehenden Lebens.
Und weil der Atherleib fiir sich die Kraft hat, das hervorzubringen,
was er von friiher her in sich hat, so werden wir auch begreifen, dafi er,
wenn jetzt eine andere Kraft in ihm auftritt, auch imstande sein wird,
in den ganzen Aufbau der Organisation das hineinzulegen, was er aus
friiheren Verkorperungen sich mitbringt. Und wir werden jetzt ver-
stehen, wie hiniiberwirken konnen unsere Taten aus einem Leben in
unseren Gesundheitszustand in dem nachsten Leben und wie wir in
unserem Gesundheitszustande vielfach eine karmische "Wirkung unserer
Taten aus einem vorhergehenden Leben zu suchen haben. Wir konnen
aber noch auf eine andere Weise der Sache beikommen,
Wir konnen fragen: Wirkt nun alles, was wir in dem Leben zwischen
Geburt und Tod verrichten, in gleicher Art zuriick auf unseren Ather-
leib? - Schon im gewohnlichen Leben konnen Sie einen gewaltigen Un-
terschied wahrnehmen zwischen dem Zuriickwirken dessen, was wir
als bewufite Menschen erleben, und mancherlei andern Erlebnissen auf
unsere eigentliche innere Organisation. Da ergibt sich eine hochst inter-
essante Tatsache, die durch die Geisteswissenschaft so recht aufgeklart
warden kann, die aber auch ganz vernunftgemafi zu begreifen ist. Der
Mensch hat im Verlaufe seines Lebens eine ganze Summe von Erleb-
nissen, welche er bewufit aufnimmt und mit seinem Ich verbindet. Die
werden in ihm zu Vorstellungen, und er verarbeitet diese Vorstellungen.
Aber nun besinnen Sie sich einmal, wie unendlich viele Eriebnisse, Er-
fahrungen und Eindriicke es gar nicht bis zur Vorstellung bringen und
eigentlich doch im Grunde beim Menschen da sind und auf ihn wirken.
Es wird Ihnen oft passieren, dafi Ihnen jemand sagt: Ich habe dich
heute auf der Strafie gesehen; du hast mich sogar angeschaut! - und Sie
wissen gar nichts davon. So ist es vielfach. Eindruck hat so etwas natixr-
lich gemacht. Ihr Auge hat zwar den andern gesehen; aber der un-
mittelbare Eindruck ist nicht bis zur Vorstellung gekommen, - Solcher
Eindriicke gibt es unzahlige, so dafi unser Leben eigentlich in zwei Teile
zerfallt: in eine solche Lebensseelenreihe, welche aus bewufiten Vorstel-
lungen besteht, und in eine solche, welche wir niemals ganz zum klaren
Bewufitsein gebracht haben. Aber es sind noch weitere Unterschiede:
Sie werden leicht unterscheiden konnen zwischen solchen Eindriicken,
die Sie in Ihrem Leben gehabt haben und die fiir Sie zu erinnern sind,
also Eindriicke, die so auf Sie gemacht worden sind, dafi sie immer in
die Erinnerung hineinf alien konnen; und Sie werden solche Eindriicke
gehabt haben, an welche Sie sich nicht erinnern konnen.
Also unser Seelenleben zerfallt in ganz verschiedene Kategorien.
Und es ist tatsachlich ein ganz betrachtlicher Unterschied zwischen den
verschiedenen Kategorien, wenn wir dieWirkung auf das innere Wesen
des Menschen betrachten.- Bleiben wir jetzt fiir ein paarMinuten beim
Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod. Wenn wir da genau
beobachten, zeigt sich uns, dafi ein gewaltiger Unterschied ist zwischen
denjenigen Vorstellungen, die immer wieder in unser Bewufitsein hin-
einfallen konnen, und solchen, die wieder vergessen worden sind, so
dafi sie eine Erinnerungsfahigkeit nicht eigentlich entwickelt haben,
Dieser Unterschied kann am leichtesten durch folgendes klargemacht
werden. Denken Sie einen Eindruck, der bei Ihnen eine klare Vorstel-
lung hervorrief. Nehmen wir an, es sei ein Eindruck, der in Ihnen
Freude oder Schmerz erregte, also ein Eindruck, der von einem Gefiihl
begleitet war. Halten wir das fest, dafi die meisten Eindriicke - eigent-
lich alle Eindriicke, die auf uns gemacht werden - von Gefiihlen be-
gleitet sind. Und die Gefiihle driicken sich nicht nur an der bewulJten
Oberfiache des Lebens aus, sondern sie wirken tief hinein bis in den
physischen Leib. Sie brauchen nur daran wieder zu denken, wie ein
Eindruck Sie erblassen laftt, ein anderer Sie erroten macht. Bis in die
Umlagerung des Blutes wirken da die Eindriicke. Und nun gehen Sie
iiber zu dem, was entweder iiberhaupt nicht oder nur fliichtig zum
Bewufitsein kommt - und es nicht bis zur Erinnerung bringt. Da zeigt
uns die Geisteswissenschaft, dafi solche Eindriicke keineswegs weniger
von ahnlichen Erregungen begleitet sind als die bewufiten. Wenn Sie
einen Eindruck empfangen von der Aufienwelt, der, wenn Sie ihn be-
wul^t empfangen hatten, Sie erschreckt hatte, dafi vielleicht Ihr Herz
gepocht hatte, so bleibt derselbe Eindruck, wenn er nicht bewufit wird,
doch nicht ohne Wirkung. Er macht aber nicht nur einen Eindruck,
sondern er geht auch bis in den physischen Leib. Es tritt da sogar das
Eigentumliche auf, dafi ein Eindruck, der eine bewufite Vorstellung her-
vorruft, eine Art von Widcrstand findet beim Hinein wirken in die tie-
fere menschliche Organisation; wenn aber der Eindruck auf uns einfach
wirkt, ohne daft wir es zur bewufiten Vorstellung bringen, dann hemmt
ihn nichts, aber er ist deshalb nicht weniger wirksam. Es ist das mensch-
liche Leben ein viel reicheres als das, was uns davon bewufit wird.
Es gibt eine Zeit im menschlichen Leben, wo solche Eindriicke, die
so lebendig auf die menschliche Organisation wirken und keine Erinne-
rungsfahigkeit haben, in besonders reichem Mafie erlebt werden. In der
ganzen Zeit von der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Erinne-
rung beginnt, sind unzahlige reiche Eindriicke auf den Menschen ge-
macht worden, welche alle im Menschen drinnensitzen und auch in
dieser Zeit den Menschen verandert haben. Sie wirken ebenso wie die
bewufiten Eindriicke; aber ihnen steht, besonders wenn sie vergessen
sind, nichts entgegen von dem, was sich sonst einordnet in das Seelen-
leben als bewuftte Vorstellungen und dadurch gleichsam einen Damm
bildet. Und diese unbewuftten Eindriicke dringen am allertiefsten.
Nun kann man schon durch das aufiere Leben vielfach die Be-
statigung finden, dafi es Momente im menschlichen Leben gibt, wo die
zweite Sorte von inneren Wirkungen zum Ausdruck kommt. Manche
Ereignisse des spateren Menschenlebens konnen Sie sich nicht erklaren.
Sie finden gar nicht, wie Sie dazu kommen, gerade in dieser Weise jetzt
dieses oder jenes erleben zu miissen. Sie erleben zum Beispiel etwas, das
macht auf Sie einen so erschiitternden Eindruck, dafi Sie sich gar nicht
erklaren konnen, wie ein verhaitnismaftig so gleichgiiltiges Erlebnis
einen so erschiitternden Eindruck machen kann. Wenn Sie nun nach-
forschen, werden Sie vielleicht finden, daiS Sie gerade in der kritischen
Zeit - zwischen der Geburt und dem letzten Zeitpunkt, bis zu dem man
sich erinnern kann - ein ahnliches Erlebnis batten, das Sie aber ver-
gessen haben. Keine Vorstellung ist davon zuriickgeblieben. Damals
hatten Sie einen erschiitternden Eindruck gehabt; der lebt fort und ver-
bindet sich mit dem jetzigen und verstarkt ihn. Und was Sie sonst jetzt
viel weniger erschiittert hatte, das macht nun einen besonders starken
Eindruck. - Wer das einsieht, wird sich eine Vorstellung davon bilden,
wie unendlich verantwortungsvoll die Erziehung in der ersten Kind-
heit ist und wie etwas seine ganz bedeutungsvollen Schatten oder auch
Lichter auf das spatere Leben wirft. Da wirkt also etwas vom Friiheren
hiniiber auf das spatere Leben.
Nun kann sich herausstellen, dafi solche Eindriicke der Kindheit -
besonders wenn sie sich wiederholt haben - die ganze Lebensstimmung
so beeinflussen, dafi von einem gewissen Zeitpunkt an eine Gemiits-
verstimmung eintritt, die unerklarlich ist und die nur erklarlich wird,
wenn man zuriickgeht und wei£, welche Eindriicke aus der friiheren
Zeit ihre Lichter oder Schatten hineinwerfen in das spatere Leben;
denn die sind es, die jetzt in einer dauernden Gemiitsverstimmung zum
Ausdruck kommen. Man wird dann finden, dafi die Ereignisse beson-
ders stark wirken, die nicht gleichgiiltig an dem Kind voriibergegangen
sind und die schon damals besonderen Eindruck auf das Kind gemacht
haben. - Wir werden also sagen konnen: Wenn Affekte, Gefiihle und
Empfindungen besonders mitwirkend sind an den Eindriicken, die spa-
ter vergessen werden, dann sind diese Affekte und Gefiihlsergiisse ganz
besonders wirksam in dem Hervortreiben solch ahnlicher Erlebnisse.
Nun erinnern Sie sich an die Darstellungen, die von mir ofters ge-
geben worden sind iiber das Leben wahrend der Kamalokazeit. Nach-
dem der Atherleib des Menschen als ein zweiter Leichnam abgelegt
worden ist, lebt der Mensch sein ganzes letztes Leben zuriick, geht vor-
iiber an alien seinen Erlebnissen, welche er gehabt hat; aber er geht
nicht so voriiber, dafi sie ihm gleichgiiltig bleiben. Gerade wahrend der
Kamalokazeit, weil der Mensch seinen alten astralischen Leib noch hat,
bewirkt das Durchgemachte die tiefsten Gefiihlserlebnisse. - Nehmen
wir zum Beispiel an, jemand sterbe mit siebzig Jahren, lebe sein Leben
zuriick bis in sein vierzigstes Jahr, wo er jemandem eine Ohrfeige ge-
geben hat. Da erlebt er den Schmerz, welchen er dem andern zugefiigt
hat. Dadurch wird hervorgerufen eine Art Selbstvorwurf; der bleibt
dann als Sehnsucht, und diese Sehnsucht bringt er im nachsten Leben
mit, um diese Sache im spateren Leben auszugleichen. Und Sie konnen
begreifen, da in dieser Zeit zwischen Tod und neuer Geburt solche
astralischen Erlebnisse vorhanden sind, dafi dasjenige, was von uns als
Handlung erlebt wird, sich um so sicherer und tiefer einpragt unserem
inneren Wesen und beim Aufbau der neuen Leiblichkeit mitwirkt. Wenn
wir also schon im gewohnlichen Leben so stark beriihrt werden konnen
durch gewisse Erlebnisse, besonders wenn es Gefuhlseindriicke waren,
dafi sie eine Gemiitsverstimmung bewirken konnen, so werden wir be-
greifen, dafi die viel starkeren Eindriicke des Kamalokalebens sich so
eindriicken konnen, dafi sie bei einer neuen Inkarnation bis tief in die
Organisation des physischen Leibes hineinwirken.
Da sehen Sie eine Steigerung einer Erscheinung, die Sie bei aufmerk-
samer Beobachtung schon im Leben zwischen Geburt und Tod finden
konnen. Solche Vorstellungen, denen mit dem Bewufitsein kein Damm
entgegengebracht wird, werden schon zu mehr Unregelmafiigkeiten in
der Seele fiihren konnen: zu Neurasthenic, zu nervenkrankheitsartigen
Erscheinungen, vielleicht auch zu Geisteskrankheiten. Alle diese Er-
scheinungen stellen sich uns dar wie ursachliche Zusammenhange von
friiheren mit spateren Ereignissen und geben uns ein anschauliches Bild
dafiir.
Wollen wir jetzt den Begriff steigern, so konnen wir sagen: Was wir
als Handlungen in einem Leben voUfiihren, das wird im Leben nach
dem Tode umgesetzt in einen machtigen Affekt, und dieser Affekt, der
jetzt durch keine physische Vorstellung geschwacht wird und durch
kein gewohnliches Bewufitsein gehemmt ist - denn das Gehirn ist hier-
bei nicht notig -, der durch die andere, defer hineinwirkende Form des
BewuiStseins erlebt wird, bewirkt nun, dafi unsere Taten und unser
ganzes Wesen vom vorigen Leben in unserer Anlage und Organisation
in einem neuen Leben erscheint. Daher werden wir es begreiflich Hnden
konnen, dafi ein Mensch, der in einer Verkorperung sehr egoistisch
gedacht, gefiihlt und gehandelt hat, wenn er nach dem Tode vor sich
sieht die Friichte seines egoistischen Denkens, Fiihlens und Handelns,
sich durchzieht mit machtigen Affekten gegen seine friiheren Hand-
lungen. Das ist in der Tat der Fall. Er bekommt Tendenzen in sich, die
gegen sein eigenes Wesen gerichtet sind. Und diese Tendenzen, insofern
sie aus einem egoistischen Wesen des vorigen Lebens hervorgegangen
sind, driicken sich aus in einer in sich schwachen Organisation im neuen
Leben. «Schwache Organisation » ist hier dem Wesen nach genommen,
nicht dem aufieren Eindruck nach. Wir miissen uns daher klar sein, dafi
eine schwache Organisation zuriickgefiihrt werden kann karmisch auf
ein egoistisches Handeln in einem vorhergehenden Leben.
Gehen wir weiter. Nehmen wir an, in einem Leben zeige ein Mensch
einen besonderen Hang zur Liigenhaftigkeit. Das ist schon ein Hang,
der geht aus einer tieferen Organisation der Seele hervor. Denn wenn
sich der Mensch nur dem uberlafit, was in seinem allerbewufitesten
Leben ist, so wird er nicht eigentlich iiigen; nur Affekte und Gefiihle,
welche aus dem Unterbewufitsein heraus wirken, verleiten zum Liigen.
Da haben wir schon etwas Tieferes sitzen. Wenn der Mensch lugenhaft
war, werden seine Handlungen, die aus der Liigenhaftigkeit hervor-
gehen, wieder die heftigsten Affekte im Leben nach dem Tode gegen
den Menschen selbst erzeugen, und eine starke Tendenz gegen die
Liigenhaftigkeit wird sich zeigen. Dann wird sich der Mensch mit-
bringen im spateren Leben nicht nur eine schwache Organisation, son-
dern - die Geisteswissenschaft zeigt uns das - eine Organisation, die
sozusagen unrichtig gebaut ist, "die regellos gebaute innere Organe in
der feineren Organisation zeigt. Es stimmt da etwas nicht recht zu-
sammen. Das ist bedingt durch friiheren Hang zur Liigenhaftigkeit. -
Und woher ist der Hang zur Liigenhaftigkeit selbst gekommen? Denn
in dem Hang zur Lugenhaftigkeit hat der Mensch ja schon etwas, was
auch nicht stimmt.
Da miissen wir noch weiter zuriickgehen, Und da zeigt die Geistes-
wissenschaft, daft ein flatterhaftes Leben, das keine Hingabe und keine
Liebe kennt, dafi ein oberflachliches Leben in der einen Verkorperung
sich ausdriickt in dem Hang zur Liigenhaftigkeit in der nachsten Ver-
korperung; und der Hang zur Lugenhaftigkeit zeigt sich in der zweit-
nachsten Inkarnation in den unrichtig gebauten Organen. - So konnen
wir drei aufeinanderfolgende Inkarnationen in ihren Wirkungen kar-
misch verfolgen: Oberflachlichkeit und Flatterhaftigkeit in der ersten
Inkarnation, Hang zur Lugenhaftigkeit in der zweiten und physische
Krankheitsdisposition in der dritten Inkarnation.
Da sehen wir Karma an Gesundheit und Krankheit arbeiten. - Was
jetzt gesagt worden ist, ist so gesagt, daft die Tatsachen selber heraus-
geholt worden sind aus der geisteswissenschaftlichen Forschung. Nicht
Theorien soUten aufgestellt werden, sondern es sind beobachtete Falle,
die durch die Methoden der Geisteswissenschaft untersucht werden
konnen.
Wir haben also zunachst hingewiesen auf die allergewohnlichsten
Tatsachen - auf die Heilkrafte des Atherleibes bei den Pflanzen. Wir
zeigten dann, wie durch das Hinzutreten des astralischen Leibes bei den
Tieren der Atherleib weniger wirksam ist, und wir sahen ferner, wie
durch die Aufnahme des Ich, das ein individuelles Leben im Guten und
Bosen, Wahren und Falschen entwickelt, der astraUsche Leib, der mit
dem Hinaufsteigen in der Tierreihe die Heilkrafte nur hemmt, wieder
etwas Neues dem Menschen einfiigt: die aus dem individuellen Leben
ihm einf lieftenden karmischen Krankheitseinf liisse. Bei der Pflanze gibt
es noch keine inneren Krankheitsursachen, weil die Krankheit noch im
Aufterlichen ist und die Heilkrafte des Atherleibes ungeschwacht wir-
ken. Bei den niederen Tieren haben wir noch einen Atherleib mit sol-
chen Heilkraften, daft er selbstGlieder ersetzen kann; aber je weiter wir
hinaufsteigen, desto mehr pragt sich der astralische Leib dem Atherleib
ein, und dadurch schrankt der Astralleib die Heilkrafte des Atherleibes
ein. Aber weil sich die Tiere nicht in Reinkarnationen fortpflanzen,
hangt das, was im Atherleibe ist, nicht zusammen mit irgendwelchen
moralisch-intellektuellen oder individuellen Qualitaten, sondern mit
dem allgemeinen Typus. Beim Menschen jedoch wirkt das, was er in
seinem Ich erlebt, zwischen Geburt und Tod hinein bis in den Atherleib.
Warum kommen denn die Erlebnisse der Kindheit bei den genann-
ten Gemiitswirkungen nur in leichten Erkrankungen zum Vorschein?
Weil wir die Ursachen zu vielem, was sich in Neurasthenie, Neurose,
Hysteric und so weiter zeigt, werden finden konnen in demselben
Leben. Die Ursachen zu tieferen Krankheitsfallen aber werden wir zu
suchen haben in einem vorhergehenden Leben, weil sich erst beimUber-
gang zu einer neuen Geburt dasjenige recht in den Atherleib hinein-
verpflanzen kann, was moralisch und intellektuell erlebt wird. Im all-
gemeinen kann der Atherleib beim Menschen tiefere moralische Wir-
kungen in einem Leben nicht einverleibt erhalten, obwohl wir einzelne
Ausnahmefalle - und sogar sehr bedeutende Falle - noch kennenlernen
werden.
So haben wir einen Zusammenhang zwischen unserem Leben im
Guten und Bosen, im Moralischen und Intellektuellen in der einen In-
karnation, und unserer Gesundheit oder Krankheit in der nachsten.
VIERTER VORTRAG
Hamburg, 19. Mai 1910
Es darf die Voraussetzung gemacht werden, dafi gerade iiber die beiden
Begriffe, welche den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bilden
sollen, namlich Heilbarkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten, deut-
lichere und, man kann sagen, menschenfreundlichere Vorstellungen
herrschen werden, wenn einmal die Ideen von Karma und karmischen
Zusammenhangen imLeben in weiteren Kreisen werden Platz gegriffen
haben. Man darf ja sagen, dafi in bezug auf die Begriffe Heilbarkeit
und Unheilbarkeit von Krankheiten in den verschiedensten Jahr-
hunderten die verschiedensten Meinungen verbreitet waren. Und man
braucht nicht sehr weit zuriickzugehen, um zu sehen, wie ungeheuerlich
sich diese Begriffe verandert haben.
Da finden wir eine Zeit - sie ist die Wende zwischen dem Mittel-
alter und der neueren Zeit, so etwa das 16., 17. Jahrhundert -, da ent-
wickelten sich allmahlich die Vorstellungen, dafi man die Krankheits-
formen in einer strengen Weise eingrenzen konne und dafi es eigentlich
fiir eine jede Krankheit irgendein Krautlein, irgendeine Mixtur gebe,
durch welche die betreffende Krankheit unbedingt geheilt werden
miisse. Dieser Glaube dauerte im Grunde recht lange, sogar bis in das
19. Jahrhundert hinein. Und wenn man als Laie oder als Mensch, der
die heutigen Zeitbegriffe in sich aufgenommen hat, nachlesen wollte in
den Mitteilungen von Krankenbehandlungen vom Ende des 18. oder
dem Beginn des 19. Jahrhunderts und bis weit in das 19. Jahrhundert
hinein, so wiirde man erstaunen iiber all die Mittel und Mittelchen, die
damals reichlich angewendet worden sind, von Tees, Mixturen bis zu
gefahrlicheren Arzneien, Aderlassen und so weiter. Aber gerade das
19. Jahrhundert war es, welches in medizinischen Kreisen, und zwar in
angesehenen medizinischen Kreisen, diese Ansicht in das genaue Gegen-
teil verkehrt hat. Und ich darf wohl selbst sagen, dafi mir vieles von
diesen gegenteiligen Ansichten wahrend meiner jungeren Jahre in den
verschiedensten Nuancen und Motiven vor Augen getreten ist. Es war
die Gelegenheit dazu gegeben, wenn man etwa die Stromung der nihi-
listischen medizinischen Schule mitmachte, die sich um die Mitte des
19. Jahrhunderts in Wien vorbereitete und eigentlich immer mehr und
mehr an Ansehen gewann. Der Ausgangspunkt zu einer radikalen An-
derung in bezug auf die Anschauungen iiber Heilbarkeit und Unheil-
barkeit von Krankheiten war das, was der bedeutende Mediziner Died
iiber den Verlauf der Lungenentziindung und ahnlicher Krankheiten
zutage forderte. Er war durch allerlei Betrachtungen dazu gekommen,
sich zu sagen, dafi im Grunde gar kein rechter Einflufi von diesem oder
jenem Mittel auf den Verlauf dieser oder jener Krankheit zu bemerken
sei. Und gerade unter dem Einflufi von Dietls Schule lernten die da-
maligen jungen Mediziner iiber den Heilwert der seit Jahrhunderten
heraufgekommenen Heilmittel so denken, dafi sie auf alle alten Mittel
iibertrugen, was mit dem bekannten Sprichwort gemeint ist: Kraht der
Hahn auf dem Mist, so andert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es
ist! - Sie waren der Meinung, dafi es ziemlich einerlei sei fiir den Ver-
lauf einer Krankheit, ob man diese oder jene Mittel verabreiche oder
nicht. Und Dietl war einer, der eine fur die damalige Zeit recht iiber-
zeugende Statistik zustande brachte, die besagte, dafi bei der von ihm
eingefiihrten sogenannten abwartenden Behandlungsweise ungefahr
ebenso viele Menschen, die an Lungenentziindung erkrankt waren, ge-
heilt wurden oder starben als bei der friiheren Behandlung mit den alt-
ehrwiirdigen Heilmitteln. Die von Dietl begriindete, von Skoda weiter
fortgefiihrte abwartende Behandlung bestand darin, dafi man den
Kranken in die aufiere Lebenslage brachte, die ihn instande setzte, die
selbstheilenden Krafte am allerbesten in Anwendung zu bringen, sie
hervorzuholen aus seinem Organismus, und dem Arzte wies man kaum
eine andere Stellung an, als den Verlauf der Krankheit zu iiberwachen,
damit er da war, wenn irgend etwas eintrat, wo man mit menschlichen
Mitteln sachgemafi Hilfe leisten kann. Im iibrigen beschrankte man
sich darauf, die Krankheit sozusagen kommen zu sehen, abzuwarten,
wie die selbstheilenden Krafte aus dem Organismus herauskamen, bis
das Fieber nach einiger Zeit abfiel und die Selbstheilung durch den
Organismus eintrat.
Diese medizinische Schule wurde und wird noch heute mit dem Aus-
druck der «nihilistischen Schule» belegt, weil sie auf einem Ausspruch
von Professor Skoda fufite, der ungefahr sagte: Wir konnen vielleicht
lernen, Krankheiten zu diagnostizieren, sie zu beschreiben, vielleicht
auch zu erklaren - heilen aber konnen wir sie nicht! - Ich erzahle Ihnen
Dinge, von denen Sie als von Tatsachen, welche sich im Laufe des 19.
Jahrhunderts herausgebildet haben, Notiz nehmen sollen, damit Sie eine
Empfindung dafiir erhalten, wie sich Vorstellungen auf diesem Gebiete
geandert haben. Aber es moge niemand glauben, dafi, wenn dies oder
jenes hier in rein erzahlender Form ausgesprochen wird, deshaib gleich
in der einen oder andern Weise Partei ergriffen werden soil. Denn
selbstverstandlich war der Ausspruch des beriihmten Professors Skoda
eine Art Radikalismus, und es wiirde leicht sein,die Grenzen, innerhalb
welcher ein solcher Ausspruch gilt> aufzuzeigen. Auf eins aber war mit
solcher Meinung hingewiesen, ohne dafi man eigentlich die Mittel hatte,
bewufit diesen Hinweis irgendwie zu begriinden oder zu umschreiben
oder in Worte zu bringen - ja nicht einmal in Gedanken konnte man
ihn bringen; das heifit, man konnte in den Kreisen, in welchen man ihn
aussprach, nicht einmal daran gehen, diesen Hinweis zu denken. Es
wurde darauf hingewiesen, dafi sich allerdings im Menschen etwas fin-
den miisse, was in gewisser Beziehung bestimmend ist fur den Ausgang
und fiir den Verlauf einer Krankheit und was als solches im Grunde ge-
nommen doch jenseits dessen liegt, was menschliche Hilfe leisten kann.
Es war also der Hinweis auf etwas gegeben, was jenseits der mensch-
lichen Hilfe liegt; und dieser Hinweis kann niemals, wenn man wirk-
lich den Dingen zu Leibe geht, sich auf etwas anderes beziehen als auf
das Gesetz von Karma und auf die Wirksamkeit von Karma im Ver-
laufe des menschlichen Lebens. Wenn wir den Verlauf einer Krankheit
im menschlichen Leben verf olgen - das Herauf kommen der Krankheit,
die aus dem Organismus selbst hervorspriefienden Heilkrafte -, wenn
wir die Heilentwickelung verfolgen, dann werden wir bei unbefangener
Betrachtungsweise, besonders wenn wir darauf Riicksicht nehmen, wie
in dem einen Falle Heilung eintritt, wahrend in einem andern Falle
keine Heilung moglich erscheint, dahin getrieben werden, nach tieferer
Gesetzmafiigkeit zu suchen. Darf diese tiefere Gesetzmafiigkeit gesucht
werden in den friiheren Erdenleben des Menschen? Das ist fiir uns die
Frage. Darf davon gesprochen werden, dafi sich der Mensch gewisse
Vorbedingungen mitbringt, die ihn geradezu vorausbestimmt machen,
in einem besonderen Falle seine Heilkrafte aus dem Organismus auf-
rufen zu konnen, die aber in einem andern Falle so vorausbestimmt
sind, dafi er trotz aller Anstrengungen nicht imstande ist> die Krank-
heit zu heilen?
Wenn Sie sich an das erinnern, was namentlich gestern ausgefiihrt
worden ist, so werden Sie begreifen, dafi in den Vorgangen, die sich ab-
spielen zwischen dem Tode und der neuen Geburt, allerdings ganz be-
sondereKrafte aufgenommen werden in die menschliche Individualitat.
Haben wir doch gesagt, daft dem Menschen wahrend der Kamalokazeit
die Ereignisse seines letzten Lebens, seine von ihm verrichteten Hand-
lungen im Guten und Bosen, seine Charaktereigenschaften und so wei-
ter vor die Seele treten und dafi er durch die Anschauung seines eigenen
Lebens in sich die Tendenz aufnimmt, fiir alles, was unvoUkommen in
ihm ist und was sich als eine unrichtige Handlung gezeigt hat, Abhilfe
und Ausgleich zu schaffen, sich die betreffenden Eigenschaften ein-
zupragen, welche ihn auf diesem oder jenem Gebiete vollkommener
machen. Haben wir das begriffen, so konnen wir sagen: Diese Absicht,
diese Tendenz behalt nun der Mensch und geht durch eine neue Geburt
mit dieser Absicht wieder ins Dasein. - Der Mensch baut aber selbst an
dem neuen Leibe, der sich ihm angliedert und ihn umgliedert im neuen
Leben, und er baut ihn auf gemaft den Kraften, welche er sich mit-
gebracht hat aus friiheren Lebenslaufen und aus der Zeit zwischen Tod
und neuer Geburt. Mit diesen Kraften ist er ausgestattet und webt sie
hinein in seine neue Korperlichkeit. Damit haben wir begriffen, daft
diese neue Korperlichkeit schwach oder stark ist, je nachdem der
Mensch schwache oder starke Krafte in sie hineinweben kann.
Nun miissen wir uns aber doch klar sein, daft eine gewisse Folge ein-
treten wird, wenn zum Beispiel der Mensch wahrend des Kamaloka-
lebens gesehen hat: Du warst im letzten Leben ein Mensch, der viele
Handlungen begangen hat unter dem Einflusse seiner Affekte, von
Zorn, Furcht, Abscheu und so weiter. - Seiche Handlungen stehen nun
lebendig vor seiner Seele in der Kamalokazeit, und da bildet sich heraus
in dieser Seele der Gedanke - die Ausdriicke, die uns fiir diese Krafte
erwachsen konnen sind natiirlich fiir das physische Leben gepragt! -:
Du mufit an dir etwas tun, damit du in dieser Beziehung voUkommener
wirst, damit du in der Zukunft nicht mehr geneigt bist, Handlungen
unter dem Einflusse deiner Affekte zu begehen! - Dieser Gedanke wird
ein Bestandteil der menschlichen Seelenindividualitat, und beimDurch-
gehen durch eine neue Geburt pragt sich dieser Gedanke weiter ein als
eine Kraft in den neu entstehenden Leib. Und in diesen fliefit dadurch
ein die Tendenz, so etwas zu voUfiihren mit der ganzen Organisation
von physischem Leib, Atherleib und astralischem Leib, was dem Men-
schen es Jetzt unmoglich macht, aus seinen Affekten heraus, aus Zorn,
Hafi, Neid und so weiter gewisse Handlungen zu begehen, damit er im-
stande ist, in dieser Beziehung wirklich sich vollkommener zu machen.
Und dadurch wird er dazu kommen, neue Handlungen zu voUfiihren,
welche jetzt den Ausgleich friiherer Handlungen bewirken konnen. So
lafit der Mensch aus einer seine gewohnliche Verniinftigkeit weit iiber-
ragenden Verniinftigkeit die Absicht in sich hineinflie£en, die ihn zu
einer hoheren Vollkommenheit auf einem bestimmten Gebiete und zum
Ausgleich bestimmter Handlungen fiihren kann. -Wenn Sie in Betracht
Ziehen, wie mannigf altig das Leben ist, wie der Mensch von Tag zu Tag
solche Handlungen vollf uhrt, die einen derartigen Ausgleich erfordern,
so werden Sie begreifen, dafi viele solcher nach Ausgleich harrender
Gedanken in der Seele sind, wenn die Seele durch eine neue Geburt ins
Dasein tritt, und dafi diese mannigfaltigen Gedanken sich kreuzen, so
da£ dadurch der menschliche physische Leib und Atherleib eine Kon-
figuration erhalten, in welche alle diese Tendenzen hineinverwoben
sind. Um uns nun das verstandlich zu machen, nehmen wir einen ganz
eklatanten Fall an. Gerade heute aber mufi ich ganz besonders betonen,
was ich auch sonst stets betone: daft ich vermeide, aus irgendeiner
Theorie oder Hypothesenmacherei zu sprechen und daft ich, wenn ich
Beispiele anfuhre, nur solche anfiihre, die von der Geisteswissenschaft
wohl gepriift sind.
Nehmen wir an, jemand habe im letzten Leben so gelebt, da£ er aus
einem viel zu schwachen Ich-Gefiihl heraus gewirkt hat, aus einem Ich-
Gefiihl, welches in der Hingabe an die aufiere Welt viel zu weit ging,
so weit, dafi es mit einer Unselbstandigkeit, Selbstverlorenheit wirkte,
wie es fur unseren heutigen Menschheitszyklus nicht mehr angemessen
ist. Also das fehlende Selbstgefiihl war es, welches einen Menschen in
einer Inkarnation zu diesen oder jenen Handlungen gefiihrt hat. Nun
hat er wahrend der Kamalokazeit die Handlungen vor sich gehabt, die
aus diesem fehlenden Selbstgefiihl herausgeflossen sind. Er nimmt
daraus zunachst die Tendenz auf : Du mufit in dir Kraf te entwickeln,
welche dein Selbstgefiihl erhohen, du mufit in einer nachsten Inkarna-
tion dir die Gelegenheit schaffen, gegen den Widerstand deiner Leib-
lichkeit, gegen die Krafte, welche dir entgegenkommen werden aus
physischem Leib, Atherleib und astralischem Leib, dein Selbstgefiihl zu
stahlen, damit es gleichsam eine Schule durchmacht. Du mufit dir einen
Leib anschaffen, der dir zeigt, wie aus der Leiblichkeit heraus die An-
lage zu einem schwachen Selbstgefiihl wirkt!
Was sich dann in der nachsten Inkarnation abspielen wird, wird
wenig ins Bewufitsein treten, es wird sich mehr oder weniger in einer
unterbewufiten Region abspielen. Der Betreffende wird hinstreben zu
einer solchen Inkarnation, welche gerade die derbsten Widerstande
seinem Selbstgefiihl entgegensetzt, so daf^ er es notig hat, sein Selbst-
gefiihl im hochsten Mafie anzuspannen. Dadurch wird er wie magne-
tisch hingezogen werden zu solchen Gegenden und solchen Gelegen-
heiten, wo sich ihm tiefere Hindernisse entgegenstellen, wo sich sein
Selbstgefiihl ausleben soil gegen die Organisation der drei Leiber. So
sonderbar es Ihnen klingen mag: Solche Individualitaten, die mit die-
sem Karma belastet sind, dafi sie in der charakterisierten Weise durch
die Geburt ins Dasein hineinstreben, suchen den Zugang zu Gelegen-
heiten, wo sie zum Beispiel einer Seuche wie der Cholera ausgesetzt sein
konnen; denn diese bietet ihnen Gelegenheit, jene Widerstande, welche
eben gekennzeichnet worden sind, zu finden. Was dabei durchzu-
machen ist im Inneren gegen die Widerstande der drei Leiber in dem
Erkrankten, das kann dann bewirken, daft in der nachsten Inkarnation
das Selbstgefiihl in einem erheblichen Grade gewachsen ist.
Nehmen wir einen andern eklatanten Fall an, und zwar, damit Sie
den Zusammenhang durchschauen konnen, jetzt gerade den entgegen-
gesetzten Fall. Ein Mensch sieht wahrend der Kamalokazeit, dafi er
unter einem zu starken Selbstgefiihl eine Reihe von Handlungen voll-
fiihrt hat, die aus einem zu starken Auf-sich-selbst-Bauen geflossen
sind. Er sieht, daft er sich maftigen mufi in bezug auf sein Selbstgefiihl,
daft er es zuriickdammen muft. Da muft er wieder eine Gelegenheit auf-
suchen, wo ihm in der nachsten Inkarnation seine drei Leiber die Mog-
lichkeit geben, daft das Selbstgefiihl iiberall in der Leiblichkeit - wie es
sich auch anstrenge - keine Schranken findet, daft es iiberall ins Boden-
lose hinein und sich selbst ad absurdum fiihrt. Die Bedingungen dazu
sind hergestellt, wenn der Betreffende hingezogen wird zu einer Ge-
legenheit, die ihm die Malaria bringt.
Da haben Sie einen Krankheitsfall des karmischen Wirkens und
sogar den Satz dargelegt, daft im Grunde der Mensch aus einer hoheren
Verniinftigkeit, als diejenige ist, welche er mit seinem gewohnlichen Be-
wufttsein Uberschauen kann, hingeleitet wird zu den Gelegenheiten, wo
er sich im Verlaufe seines Karma weiter fortentwickeln kann. Wenn Sie
namentlich die Dinge ins Auge fassen, welche jetzt eben gesagt worden
sind, wird es Ihnen sehr erleichtert werden, Verstandnis zu gewinnen
gerade fiir das Epidemische bei den Krankheiten. Wir konnten die ver-
schiedensten Beispiele anfiihren, die uns alle zeigen, wie der Mensch aus
den Erfahrungen seiner Kamalokazeit heraus geradezu die Gelegen-
heiten aufsucht, diese oder jene Krankheit zu bekommen, um durch
ihreOberwindung und durch die Entfaltung der selbstheilenden Krafte
die Krafte zu gewinnen, welche ihn die Lebensbahn im ganzen hinauf-
fiihren.
Vorhin sagte ich, wenn ein Mensch viel unter dem Einfluft von
Affekten gehandelt hat, so wird er in der Kamalokazeit ebenfalls
Handlungen durchleben, die unter dem Einfluft von Affekten iiber-
haupt geschehen sind. Das wird ihm die Tendenz geben, in seiner neuen
Inkarnation, in seiner eigenen Leiblichkeit so etwas zu erleben, durch
dessen Uberwindung er Handlungen voUfiihrt, welche ausgleichend
wirken konnen auf gewisse Handlungen seines friiheren Lebens. Ins-
besondere ist es da jene Form der Erkrankung, die wir in der neueren
Zeit als Diphtheric kennen, die in vielen Fallen zutage tritt, wenn eine
solche karmische Verwicklung vorliegt, wo sich der Betreffende friiher
in der Weise ausgelebt hat, daft er vielfach aus allerlei Aufwallungen,
Affekten und so weiter gehandelt hat.
Wir werden im Verlaufe dieser Vortrage noch manches zu horen
bekommen dariiber, wie diese oder jene Krankheit bedingt ist. Wir
mussen aber jetzt auf noch tiefere Grundlagen eingehen, wenn wir uns
die Frage beantworten wollen: Wie kommt es, dafi, wenn der Mensch
durch die Geburt ins Dasein tritt und er sich durch sein Karma dieTen-
denz mitbringt, durch die Oberwindung dieses oder jenes Leidens das
eine oder das andere zu erreichen, wie kommt es, dalJ es ihm einmal
gelingt, wirklich Sieger zu sein, die Krankheit zu iiberwinden und
Krafte in sich aufzunehmen, die ihn hoher bringen, wahrend er das
andere Mai unterliegt und die Krankheit Sieger bleibt? Da mussen wir
auf die geistigen Prinzipien zuriickgehen, die iiberhaupt das Kranksein
im Menschenleben moglich machen.
Dafi der Mensch iiberhaupt erkranken kann, dafi er geradezu das
Kranksein - sogar aus seinem Karma heraus - suchen kann, das kommt
zuletzt aus keinen andern Prinzipien heraus als aus denjenigen, die wir
schon oft in den verschiedensten Zusammenhangen unserer theosophi-
schen Betrachtungen uns haben vor die Seele treten lassen. - Wir wis-
sen, dafi in einem bestimmten Punkte der Erdentwickelung diejenigen
Krafte in die menschliche Entwickelung eingetreten sind, welche wir
die luziferischen Krafte nennen, welche solchen Wesenheiten ange-
horen, die wahrend der alten Mondentwickelung zuriickgeblieben sind
und nicht so weit vorgeschritten sind, dafi sie sozusagen an dem nor-
malen Punkt ihrer Erdentwickelung angelangt waren. Dadurch wurde
dem astralischen Leibe des Menschen, bevor sein Ich in der entsprechen-
den Weise wirken konnte, etwas eingepflanzt, was aus diesen luziferi-
schen Wesen herausstromte. Der Einflufi dieser luziferischen Wesen-
heiten ist daher ein solcher, der vorzugsweise auf unseren astralischen
Leib einstmals ausgeiibt worden ist und den der Mensch fiir die Folge-
zeit durch seine Entwickelung hindurch in seinem astralischen Leib
hatte. Dieser luziferische Einflufi bedeutet in der menschlichen Ent-
wickelung mancherlei. Fiir unseren heutigen Zweck ist es aber wichtig,
hervorzuheben, dalJ der Mensch, indem er die luziferischen Krafte in
sich hatte, in seinem Inneren einen Verf iihrer hatte, weniger gut zu sein,
als er gewesen ware, wenn der luziferische Einflufi nicht gekommen
ware; und ebenso hatte er dadurch einen Einflufi, mehr aus allerlei
Affekten, Leidenschaften und Begierden heraus zu handeln und zu ur-
teilen,als er geurteilt und gehandelt haben wurde,wenn der luziferische
Einflufi nicht gewirkt hatte. Durch diesen EinflufS wurde des Menschen
eigentliche Individualitat veranlafit, anders zu sein, sozusagen mehr
hingegeben zu sein an das, was wir die Begierdenwelt nennen konnen,
als es sonst der Fall gewesen ware. Und dadurch ist es gekommen, dafi
der Mensch viel tiefer hineinverstrickt worden ist in die physische
Erdenwelt, als es sonst geschehen ware. Der Mensch drangt sich durch
den luziferischen Einf lufi mehr hinein in seine Leiblichkeit, identif iziert
sich mehr mit der Leiblichkeit, als er sie durchdrungen hatte, wenn kein
luziferischer Einflufi gekommen ware. Denn ware der Einf lufi der luzi-
ferischen Wesenheiten nicht gekommen, so ware so mancherlei von dem,
was den Menschen auf der Erde locken kann, dieses oder jenes zu be-
gehren, nicht gekommen. Der Mensch ware gleichgiiltig an den Ein-
driicken dieser oder jener Lockmittel vorbeigegangen. Durch Luzifers
Einflufi entstanden die Verlockungen der aufieren sinnlichen Welt;
diese Verlockungen nahm der Mensch in sich auf. Die Individualitat,
die durch das Ich gegeben war, wurde durchtrankt mit den Wirkungen,
die aus dem luziferischen Prinzip heraus kamen. Und so kam es, dalS
der Mensch bei seinen ersten Erdeninkarnationen auch den ersten Ver-
lockungen des luziferischen Prinzips verfallen war und diese Ver-
lockungen mitnahm in die spateren Leben. Das heifit, daft die Art und
Weise, wie der Mensch den Verlockungen des luziferischen Prinzips
verfiel, zu einem Bestandteil seines Karma wurde.
Wenn nun der Mensch nur dieses Prinzip in sich auf genommen hatte,
so wiirde er immer mehr und mehr den Verlockungen der physischen
Erdenwelt verfallen sein; er wiirde sozusagen immer mehr die Aussicht
verloren haben, von dieser physischen Erdenwelt wieder loszukommen.
Wir wissen, daft der spatere Einf luft - der Christus-Einf luft - dem luzi-
ferischen Prinzip entgegengewirkt hat und es gleichsam wieder zum
Ausgleich gebracht hat, so daft der Mensch im Laufe seiner Entwicke-
lung wieder Mittel erhalten hat, diesen luziferischen Einfluft aus sich
herauszutreiben. Aber mit dem luziferischen Einfluft war zugleich
etwas anderes gegeben. Dadurch, daft der Mensch in seinem astralischen
Leib den luziferischen Einfluft aufgenommen hatte, erschien ihm auch
die ganze auftere Welt, in die er eintrat, ganz anders, als sie ihm er-
schienen ware, wenn er dem luziferischen Einflufi nicht hingegeben
gewesen ware. Luzifer drang in des Menschen Inneres. Der Mensch sah
mit Luzifer im Inneren die Welt um sich herum, Dadurch triibte sich
sein Blick fiir die Erdenwelt, und es mischte sich nun in die aufieren
Eindriicke hinein der ahrimanische Einflufi. Nur dadurch konnte sich
Ahriman einmischen und die aufiere Welt zur Illusion gestalten, weil
wir uns schon friiher von innen heraus die Anlage zur Illusion, zu Maja
geschaffen hatten. So war der ahrimanische Einflufi, der hineinzog in
die aufSere Welt, die den Menschen umgab, die Folge des luziferischen
Einflusses. Wir konnen sagen: Der Mensch saugte ein, weil einmal die
luziferischen Krafte in ihm waren, die Moglichkeit, sich mehr in die
Sinnenwelt zu verstricken, als er sich ohne den luziferischen Einflufi in
das sinnliche Erdenleben verstrickt hatte. Dadurch hat er sich aber
auch die Moglichkeit geschaffen, mit alien aufieren Wahrnehmungen
von aufien den ahrimanischen Einflufi einzusaugen. Und so lebt in der
menschlichen Individualitat, indem sie durch die verschiedenen Erden-
inkarnationen hindurchgeht, der luziferische Einflufi, und als das Er-
gebnis des luziferischen Einflusses der ahrimanische EinfluE. Diese
zwei Machte kampfen fortwahrend in der menschlichen Individua-
litat. Und die menschliche Individualitat ist der Schauplatz geworden
fiir den Kampf von Luzifer und Ahriman.
Der Mensch ist mit seinem gewohnlichen Bewufitsein auch heute
noch ausgesetzt sowohl den Verlockungen Luzifers, der aus den Leiden-
schaften und Affekten seines astralischen Leibes heraus wirkt,wie auch
den Verlockungen Ahrimans, der durch Irrtiimer, Tauschungen in
bezug auf die aufiere Welt von aul^en in den Menschen eindringt.
Solange nun der Mensch in einer Inkarnation lebt und die Vorstellungen
einen Riegel vorschieben, so dafi das, was von Luzifer und Ahriman
geschieht, nicht tiefer eindringen kann und ein Hindernis findet an den
Vorstellungen, so lange bleibt das, was der Mensch tut, dem moralischen
oder dem intellektuellen Urteil unterworfen. Solange der Mensch zwi-
schen Geburt und Tod gegen die Moral siindigt, indem er Luzifer folgt,
oder sich gegen die Logik und das gesunde Denken versiindigt, indem
er Ahriman folgt, so lange bleibt das eine Angelegenheit des gewohn-
lichen bewufiten Seelenlebens. Wenn der Mensch aber durch die Pforte
des Todes schreitet, hort das Vorstellungsleben auf, das an das Instru-
ment des Gehirns gebunden ist. Da beginnt eine andere Form des Be-
wufitseinslebens. Da dringen in derTat alia die Dinge, welche im Leben
zwischen Geburt und Tod dem moralischen oder dem verniinftigen
Urteil unterworfen sind, herunter in die Untergriinde des menschlichen
Wesens und greifen ein in das, was dann nach dem Kamaloka fur das
nachste Dasein organisierend wirkt und sich hineinpragt in die plasti-
schen Krafte, die nun die dreifache menschliche Leiblichkeit aufbauen.
Da werden Irrtiimer, welche aus der Hingabe an Ahriman folgen, zu
Krankheitskraften, die vom Atherleib her den Menschen infizieren,
und Ausschweifungen, also Dinge, welche im Leben dem moralischen
Urteil unterworfen sind, werden zu Krankheitsursachen, welche mehr
vom astralischen Leib her wirken.
Dadurch sehen wir, wie in der Tat unsere Irrtiimer aus dem Ahri-
manischen in uns - und dazu sind auch die bewufiten Irrtiimer: Liigen,
Unwahrheiten zu rechnen - zu Krankheitsursachen werden, wenn wir
allerdings nicht bei einer Inkarnation stehenbleiben, sondern die Wir-
kung einer Inkarnation auf die folgende betrachten; und wir sehen, wie
auch die luziferischen Einfliisse zu Krankheitsursachen auf demselben
Wege werden. Wir konnen in der Tat sagen: Wir begehen unsere Irr-
tiimer nicht ungestraft! Wir tragen den Stempel unserer Irrtiimer in
unserer nachsten Inkarnation an uns, aber wir tun es aus einer hoheren
Verniinftigkeit heraus, als diejenige unseres gewohnlichen Lebens ist,
aus derjenigen Verniinftigkeit, welche uns wahrend der Zeit zwischen
Tod und neuer Geburt anweist, uns so stark und kraf tig zu machen, dafi
wir fernerhin diesen Verlockungen nicht mehr ausgesetzt sind. So reihen
sich Krankheiten sogar ein als machtige Erzieher in unser Leben. -Wenn
wir Krankheiten so betrachten, konnen wir formlich sehen, wie bei der
Ausbildung einer Krankheit entweder luziferische oder ahrimanische
Einfliisse wirksam sind. Wenn einmal diese Dinge werden durchschaut
werden von denen, die unter dem Einflufi der geisteswissenschaftlichen
Weltanschauung Heiler sein werden, dann werden die Einfliisse dieser
Heiler auf den menschlichen Organismus viel intimere sein, als sie heute
sein konnen.
Wir konnen geradezu in diesem Sinne den Organismus gewisser
Krankheitsformen durchschauen. Nehmen wir zum Beispiel eine solche
Krankheit wie die Lungenentziindung. Sie ist eine Wirkung in der kar-
mischen Folge, welche dadurch entsteht, dafi der Betref fende wahrend
seiner Kamalokazeit zuriickblicken kann auf einen Charakter, der in
sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in
sich hatte sozusagen ein Bediirfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir
ja nicht, was jetzt einem friiheren Bewufitsein zugeschrieben wird, mit
dem, was im Bewu^tsein der nachsten Inkarnation auftritt. Damit hat
es zunachst nichts zu tun.Wohl aber wird das, was derMensch wahrend
der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, dafi sich ihm Krafte ein-
pragen zuVorgangen, welche die Lungenentziindung iiberwinden. Denn
gerade in der Uberwindung der Lungenentziindung, in der Selbst-
heilung, welche dabei vomMenschen angestrebt wird,wirkt die mensch-
liche Individualitat entgegen den luziferischen Machten, fiihrt einen
formlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Machte. Daher ist in
der Uberwindung der Lungenentziindung eine Gelegenheit, dasjenige
abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation
war. So sehen wir formlich wirken in der Lungenentziindung den
Kampf des Menschen gegen die luziferischen Machte.
Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im
heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen, die eigentiim-
lichen Prozesse auftreten sehen, wenn die selbstheilenden Krafte in
Tatigkeit iibergehen, die sich dadurch aufSern, dafi die schadigenden
Einfliisse, welche da entstehen, umgeben werden, umrandet werden von
Umhiillungen wie Bindegewebe; dann wird das Ganze ausgefiillt mit
kalk-salzhaltiger Materie, welche feste Einschliisse bildet. Solche Ein-
schliisse kann der Mensch in seiner Lunge haben, und viel mehr Men-
schen tragen solche Dinge mit sich herum, als man gewohnlich glaubt;
denn das sind diejenigen Menschen, bei denen eine tuberkulose Lunge
in Heilung iibergegangen ist. Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein
Kampf aufgefiihrt worden der menschlichen inneren Wesenheit gegen
das, was ahrimanische Krafte angestellt haben. Es ist ein Abwehr-
prozeiK nach aufien, ein Anstiirmen gegen das, was durch aufiere Mate-
rialitat hergebracht wird, um zur Selbstandigkeit der menschlichen
Wesenheit in diesem Sinne zu fiihren.
Damit haben wir gezeigt, wie in der Tat die beiden Prinzipien, das
ahrimanische und das luziferische, im letzten Grunde im Krankheits-
verlauf tatig sind. Und es konnte in vieler Beziehung fiir diese oder
jene Krankheitsform gezeigt werden, wie man eigentlich zwei Typen
von Krankheiten unterscheiden miifite: ahrimanische und luziferische
Krankheiten. Wenn man das beachten wurde, so wiirde man auch rich-
tige Prinzipien gewinnen konnen fiir die entsprechende Hilfe, welche
man den Kranken angedeihen lassen kann. Denn luziferische Krank-
heitsprozesse werden ganz andere Hilfe erfordern als ahrimanische.
Wenn heute noch in einer ziemlich kritiklosen Weise, zum Beispiel im
aufieren Heilverfahren, Krafte angewendet werden, die in der heutigen
Elektrotherapie, in der Kaltwasserbehandlung oder in ahnlichem ent-
halten sind, so mufi gesagt werden, dafi von vornherein durch die
Geisteswissenschaft ein Licht darauf geworfen werden kann, ob man
die eine oder die andere Methode anwenden soil, dadurch, dafi man
unterscheiden wiirde, ob man es mit einer luziferischen oder einer ahri-
manischen Krankheit zu tun hat. Kein Mensch sollte zum Beispiel das
Verfahren der Elektrotherapie anwenden bei Erkrankungen, die aus
dem Luziferischen stammen; sondern man sollte sie nur bei ahrimani-
schen Krankheitsformen anwenden. Denn eine Hilfe kann bei luzi-
ferischen Krankheitsformen niemals etwas sein, was iiberhaupt mit
dem Wirken des Luzifer gar nichts zu tun hat, namlich die Prinzipien
der Elektrizitat; denn diese fallen in das Bereich der ahrimanischen
Wesenheiten, wobei sich naturlich nicht nur die ahrimanischen Wesen-
heiten der Krafte der Elektrizitat bedienen. Dagegen ist ein ganz be-
sonderes Gebiet des Luziferischen dasjenige, was sich bezieht, grob aus-
gedriickt, auf Warm und Kalt. Alles, was damit zu tun hat, dafi die
menschliche Organisation warmer oder kalter wird oder was sie selbst
durch aufiere Einfliisse warmer oder kalter macht, das gehort in das
Bereich des Luzifer. Und bei alledem, wo wir es zu tun haben mit Warm
oder Kalt, haben wir einen Typus luziferischer Krankheitsformen.
So also sehen wir, wie Karma in dem Kranksein wirkt und wie es
zur Oberwindung von Kranksein wirkt. Nun wird es nicht mehr un-
begreiflich erscheinen, dafi im Karma auch die Heilbarkeit oder Un-
heilbarkeit einer Krankheit liegt. Wenn Sie sich klarmachen, dafi ja das
Ziel, das karmische Ziel des Erkrankens das ist, den Menschen zu for-
dern und vollkommener zu machen, so ist die Voraussetzung die, dafi
der Mensch, wenn er nach der Vernunftigkeit, die er sich aus der Kama-
lokazeit beim Eintritt in ein neues Dasein mitbringt, einer Krankheit
verfallt, jene Heilkrafte dann entwickelt, welche eine Stahlung seines
inneren Menschen bedeuten und die Moglichkeit, hoher zu kommen.
Nehmen wir an, die Sache liege so, dafS der Mensch in dem Leben, das
er noch zubringen kann, vermoge seiner sonstigen Organisation und
seines iibrigen Karma die Krafte hat, mit dem, was er durch die Krank-
heit errungen hat, in diesem Leben selbst weiterzukommen. Dann hat
die Heilung einen Sinn. Dann tritt Heilung ein und der Mensch hat in
diesem Falle das errungen, was er erringen sollte und was sich an dem
Vorhandensein der Krankheit zeigte. Durch das Oberwinden der
Krankheit hat er sich instand gesetzt, dort vollkommene Krafte zu
haben, wo er friiher unvollkommene Krafte hatte. Ist er durch sein
Karma mit solchen Kraften ausgeriistet und durch die giinstigen Um-
stande seines friiheren Schicksals so in die Welt gesetzt, daft er die
neuen Krafte anwenden kann und wirken kann, um sich und andern
von Nutzen zu sein, dann tritt die Heilung ein; dann windet er sich
durch die Krankheit hindurch.
Nehmen wir nun an, die Sache liege fiir den Menschen so, dafi er die
Krankheit iiberwindet und die Heilkrafte entwickelt und nunmehr vor
einem Leben stiinde, welches an ihn Anforderungen stellen wiirde, die
mit dem Mafi, das er sich jetzt schon errungen hat an VoUkommenem,
nicht erfiillt werden konnen: Er wiirde zwar einiges erringen durch die
geheilte Krankheit, aber es ware doch nicht moglich, da£ er so viel
erringt - weil sein iibriges Karma das nicht zulafit -, daft er mit dem,
was er sich errungen hat, den andern zum Heile werden kann. Dann
tritt das ein, dafi sein tieferes Unterbewufitsein sagt: Hier hast du keine
Gelegenheit, die voile Kraft von dem zu empfangen, was du eigentlich
haben sollst. Du mufitest in diese Inkarnation hineingehen, weil du das
Mafi an Vollkommenheit gewinnen mufitest, das du nur im physischen
Leibe durch die Uberwindung einer Krankheit erringen kannst. Das
mufitest du erringen; aber weiter ausbilden kannst du es nicht. Nun
mufit du in die Verhaltnisse gehen, wo dein physischer Leib und andere
Krafte dich nicht storen und wo du frei verarbeiten kannst, was du in
der Krankheit gewonnen hast. - Das heifit, es sucht eine solche Indivi-
dualitat den Tod, um zwischen Tod und neuer Geburt das weiterzu-
verarbeiten, was sie im Leben zwischen Geburt und Tod nicht ver-
arbeiten kann. Es geht eine solche Seele durch das Leben zwischen Tod
und neuer Geburt durch, um jetzt mit um so starkeren Kraften, die sie
beim Uberwinden der Krankheit gewonnen hat, ihre Organisation
weiter auszubilden, damit sie im neuen Leben um so mehr wirken kann.
In dieser Weise kann formlich durch die Anwesenheit einer Krankheit
eine Art Abschlagszahlung bewirkt werden, die dann erst erganzt wird
nach dem Durchgehen durch den Tod zu dem, was sie sein soli.
Wenn wir die Sache so betrachten, werden wir uns sagen miissen:
Es erscheint durchaus im Karma begriindet, dafi die eine Krankheit
ausgeht mit der Heilung, die andere mit dem Tod. - Wenn wir so die
Krankheiten ansehen, werden wir von einem hoheren Gesichtspunkt
aus durch Karma eine Art Versohnung, eine tiefe Versohnung mit dem
Leben gewinnen; denn wir werden wissen, dafi es in der Gesetzmafiig-
keit von Karma liegt, dafi, selbst wenn eine Krankheit mit dem Tode
ausgeht, der Mensch gefordert wird, dafi selbst in einem solchen Falle
die Krankheit das Ziel hat, den Menschen hoher zu bringen. Nun darf
niemand daraus etwa den Schluft ziehen: dann konnte es auch sein, dafi
wir geradezu den Tod herbeiwiinschen miifiten in gewissen Krankheits-
fallen. Das darf niemand sagen, weil die Entscheidung dariiber, was
eintreten soil, ob Heilung oder Unheilbarkeit, einer hoheren Verniinf-
tigkeit zufallt, als die ist, welche wir mit unserem gewohnlichen Be-
wufitsein umfassen konnen. Mit unserem gewohnlichen Bewufitsein
miissen wir uns bescheiden innerhalb der "Welt zwischen Geburt und
Tod, bei solchen Fragen stehenzubleiben. Mit unserem hoheren Bewufit-
sein diirfen wir uns allerdings selbst auf den Standpunkt stellen, der
sogar den Tod hinnimmt als einGeschenk der hoheren geistigenMachte.
Mit demjenigen Bewufitsein aber, das helfen und eingreifen soil ins
Leben, diirfen wir uns nicht vermessen, uns auf diesen hoheren Gesichts-
punkt zu stellen. Da konnten wir uns leicht irren und wiirden in einer
unerhorten Weise eingreifen in etwas, worin wir nie eingreifen diirfen:
in die menschliche Freiheitssphare. Wenn wir einem Menschen helfen
konnen,clamit er die selbstheilenden Krafte entwickelt, oder indem wir
selbst der Natur zu Hilfe kommen, damit Heilung eintritt, so mussen
wir das tun. Und soil die Entscheidung dariiber fallen, ob der Mensch
weiterleben soil oder ob er mehr gefordert wird, wenn der Tod eintritt,
dann kann sie niemals anders als so fallen, dafi unsere Hilfe eine Hilfe
in der Heilung sein kann. 1st sie dies, so setzen wir es in des Menschen
eigene Individualitat, seine Krafte anzuwenden, und die arztliche Hilfe
kann dabei nur eine solche sein, die ihn darin unterstiitzt. Dann wirkt
sie nicht hinein in die menschliche Individualitat. Ganz anders ware es,
wenn wir eines Menschen Unheilbarkeit in der Weise fordern wiirden,
dafi er sein weiteres Fortkommen in einer anderen Welt suchte. Da
wiirden wir in seine Individualitat eingreifen und seine Individualitat
einer andern Wirkungssphare iibergeben. Dann batten wir unseren
Willen der andern Individualitat aufgedrangt. Diese Entscheidung
mussen wir der Individualitat selbst iiberlassen. Das heifit mit andern
Worten: Wir mussen so viel als moglich tun, damit eine Heilung ge-
schieht. Denn alle Oberlegungen, die zu einer Heilung fiihren, kom-
men aus dem Bewufitsein, das fiir unsere Erde berechtigt ist; alle andern
MalSnahmen wiirden iibergreifen iiber unsere Erdensphare; da mussen
andere Krafte eingreifen als die, welche in unser gewohnliches Bewuftt-
sein hineinfallen.
So sehen wir, dafi ein richtiges karmisches Verstandnis liber Heil-
barkeit und Unheilbarkeit von Krankheiten dazu fiihrt, dafi wir alles
aufbringen werden, um dem Menschen zu helfen in der Krankheit; und
auf der andern Seite fiihrt es uns auch dazu, dafi wir, wenn aus andern
Spharen eine andere Entscheidung getroffen wird, diese ebenfalls zu
unserer Befriedigung hinnehmen. Etwas anderes haben wir in bezug
auf diese andere Entscheidung auch gar nicht notig. Ndtig haben wir,
dafS wir einen Gesichtspunkt finden, dafi uns die Unheilbarkeit einer
Krankheit nicht niederdriickt, als ob die Welt nur das Unvollkommene,
das Schlimme und Schlechte hatte. Karmisches Verstandnis lahmt nicht
unsere Tatkraft in bezug auf das Heilen. Karmisches Verstandnis wird
uns auf der andern Seite auch wieder in Harmonie bringen mit dem
schwersten Schicksal in bezug auf Unh
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