Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an Goethes Leben

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 



vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE 



Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der 
menschlichen Geschichte 

15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916 

Bibliographie-Nr. 170 

Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und 
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts 

16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Oktober 1916 

Bibliographie-Nr. 171 

Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an 
Goethes Leben 

10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916 

Bibliographie-Nr. 172 

Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahr- 
haf tigkeit - Erster Teil 

13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in Basel am 
21. Dezember 1916 Bibliographie-Nr. 173 

Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahr- 
haftigkeit - Zweiter Teil 

12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917 

Bibliographie-Nr. 174 

Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West 

12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. Sept., 3. Dez. 1914, 23. Marz, 
29. Nov. 1915, 18., 20. Marz 1916, 19., 20. Mai 1917, 14., 17. Februar, 
2., 4. Mai 1918 Bibliographie-Nr. 174 a 

Band VII Die geistigen Hintergriinde des ersten Weltkrieges 

16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. Sept. 1914, 13., 14. Februar, 22.-24. 
Nov. 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai 1917, 23., 24. Februar, 23., 26. 
April 1918,21. Marz 1921 Bibliographie-Nr. 174 b 



RUDOLF STEINER 



Das Karma des Berufes des Menschen 
in Ankniipfung an Goethes Leben 

Kosmische und menschliche Geschichte 
Dritter Band 

Zehn Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 4. bis 27. November 1916 



2002 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Robert Friedentahl 



1. Auflage Dornach 1933 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1964 

3., im wesentlichen unveranderte Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1974 

4. Aufl age Gesamtausgabe Dornach 1980 

5. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1991 

6. Auflage Gesamtausgabe Dornach 2002 



Bibliographic Nr. 172 

e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 2002 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-1720-X 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schluft des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be- 
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenografierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei- 
ner nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert 
hat, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbe- 
halt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen wer- 
den mtissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermaEen auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 

(Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe S. 243) 



Erster Vortrag, Dornach 4. November 1916 9 

Goethes Leben als geistige Erscheinung und sein Verhaltnis zu unserer 
Zeit 

Zweiter Vortrag, 5. November 1916 35 

Der Rhythmus im Goethe-Leben 

Dritter Vortrag, 6. November 1916 55 

Der Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem Physischen im 
Schlafen und im Wachen. Das Eingespanntsein des Tieres in die Welten- 
weisheit. Das Verhaltnis der schopferischen Tatigkeit des Menschen und 
der Berufsarbeit zur Gesamtentwicklung der Erde. Jakob Bohme 

Vierter Vortrag, 12. November 1916 78 

Die Umgestaltung des Berufslebens im Beginne der Neuzeit. Die 
Berufsarbeit als Keim zur Weiterentwickelung der Welt 

Funfter Vortrag, 13. November 1916 97 

Beruf und Amt. Psychoanalyse. Die schicksalhafte Gestaltung des 
Lebens im Verhaltnis zu den wiederholten Erdenleben. Die Wesens- 
glieder des Menschen in ihrer Bedeutung fur das Berufskarma 

Sechster Vortrag, 18. November 1916 112 

Symptomatisches Studium der Schicksalsverkettungen: Friedrich 
Theodor Vischer, Max Eyth, «Hofrath Eysenhardt» von Alfred von 
Berger 

Siebenter Vortrag, 19. November 1916 128 

Vererbungsimpulse und Impulse friiherer Erdenleben. John Stuart 
Mill und Alexander Herzen. Das Wirken okkulter Briiderschaften. 
Blavatsky und die Theosophical Society. Ku Hung-Ming. Die Enzyklika 
von 1864 



AchterVortrag, 25. November 1916 155 

Das Leben des Galileo Galilei im Lichte der Schicksalsfrage. «Der rechte 
Liebhaber des Schicksals» von Albert Steffen 



NeunterVortrag, 26. November 1916 177 

Das Verhaltnis des Menschen zu den Hierarchien. Das Heraufbeschwo- 
ren zerstorender Krafte aus dem Kosmos durch die Verirrungen des 
Menschen. Die Entgottlichung des Wortes. Wie kann der heutige 
Mensch den Weg zu dem Christus finden? James Watt. Die moderne 
Technik als Damonomagie 

Zehnter Vortrag, 27. November 1916 198 

Ahnenkult, Polytheismus, Monotheismus und das Mysterium von Gol- 
gatha. Luzifer und das Geheimnis des Mondes. Mithras und Christus 



Hinweise 

Zudieser Ausgabe 229 

Hinweise zum Text 229 

Namenregister 239 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 243 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 249 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 251 



I 
I 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 4. November 1916 

Ich werde nun morgen damit beginnen, iiber die Probleme zu sprechen, 
die ich schon andeutete: iiber den Zusammenhang der geisteswissen- 
schaftlichen Impulse mit mancherlei ungeklarten Aufgaben der gegen- 
wartigen Zeit und iiber den Einflufl, den Geisteswissenschaft auf ein- 
zelne, namentlich auf wissenschaftliche Probleme nehmen muft, und 
ich mochte dann hinweisen, wie ich schon sagte, auf das, was ich im 
Sinne des fiinften nachatlantischen Kulturzeitraumes nennen mochte 
das Karma des Berufes der Menschen. 

Heute werde ich den Ausgangspunkt nehmen von etwas scheinbar, 
aber eben nur scheinbar damit wenig Zusammenhangendem. Aber die- 
ser Ausgangspunkt wird die Moglichkeit bieten zu mancherlei An- 
kniipfungspunkten. Ich werde namlich heute versuchen, dasjenige im 
Leben Goethes zu zeigen,was Goethe als eine Personlichkeit des fiinften 
nachatlantischen Zeitraumes besonders charakterisiert. Manches, was 
ich besonders in der letzten Zeit schon angedeutet habe, wird ja aller- 
dings dabei wieder anklingen. Allein ich mochte gerade eine auf diese 
Personlichkeit beziigliche Reihe von Tatsachen vor ihre Seele eben fuh- 
ren, von Tatsachen, welche fur jeden die Moglichkeit bieten, am un- 
mittelbar Tatsachlichen wichtige Erscheinungen des aufgehenden fiinf- 
ten nachatlantischen Kulturzeitraumes sich zu charakterisieren. 1st ja 
Goethes Leben und Personlichkeit etwas so Umfassendes und Ein- 
schneidendes mit Bezug auf geistige Menschheitsangelegenheiten, wie 
das von kaum einer anderen Personlichkeit so leicht gesagt werden 
kann; und ist auf der anderen Seite, kann man sagen, fur das Leben bis 
in unsere Tage herein trotz vielem, was geschehen ist, dieses Leben und 
diese Personlichkeit Goethes so unwirksam geblieben wie nur irgend 
moglich. Das hangt aber mit der ganzen Eigentumlichkeit unserer 
neueren Kultur zusammen. Man kann sagen: Wie sollte uberhaupt 
behauptet werden konnen, Goethes Leben sei unwirksam geblieben? 
Kennt man nicht seine Werke? Ist nicht erst in jiingster Zeit eine 
Goethe-Ausgabe mit Hunderten von Banden erschienen? War nicht 



schon die Zahl der veroffentlichten Briefe Goethes um die Wende des 
19, zum 20. Jahrhundert sechs- bis siebentausend? - und sie wird wohl 
heute kaum weniger als zehntausend sein. Gibt es nicht eine reiche Lite- 
ratur iiber Goethe, man kann fast sagen, in alien Kultursprachen? Wer- 
den nicht seine Werke immer wieder und wiederum aufgefiihrt? Wird 
nicht gerade das Zentralste seiner Werke, «Faust», immer wieder und 
wiederum den Menschen vor die Seele gefiihrt? 

Nun, ich habe mehrfach in der letzten Zeit einen merkwiirdigen Irr- 
tum eines neueren groften Gelehrten angefiihrt, der doch viel mehr, als 
man meint, symptomatisch, bezeichnend ist flir unsere Gegenwart. Ein 
grower Naturforscher der Gegenwart, ein tonangebender Naturfor- 
scher will iiber dieBedeutung der naturwissenschaftlichen Weltanschau- 
ung in der Gegenwart sprechen, so, daft er diese naturwissenschaftliche 
Weltanschauung als das Glanzvollste nicht nur unserer Zeit, sondern 
aller Menschheitszeiten anfuhren will, und er schwingt sich dann auf 
zu dem Satze: Wenn es auch schwer zu erweisen ist, daft wir in der 
besten der Welten leben, sicher ist mindestens fur den Naturforscher, 
daft wir Menschen der Gegenwart in der besten der Zeiten leben, und 
man konnte mit Goethe, dem groften Welt- und Menschenkenner, in 
die Worte ausbrechen: 

. . . es ist ein groft Ergetzen, 

Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen, 

Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, 

Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht. 

Und dieser grofte Naturforscher irrt sich in der Weise, daft er dies als 
seine innerste Gesinnung angibt und glaubt, anzukniipfen an den gro- 
ften Welt- und Menschenkenner Goethe; er kniipft aber nur an den 
Wagner an, der von Goethe der Faust-Gestalt gegenubergestellt wird. 
Es liegt doch in einem solchen Irrtum wenigstens ein gut Stuck Ehrlich- 
keit unserer Zeit, denn wahrer spricht der Mann doch als all die zahl- 
reichen Menschen, die heute Goethe zitieren, die den «Faust» im Munde 
fiihren, aber mit echter unverfalschter Wagner-Gesinnung dies tun. 
Lassen wir also einmal als Grundlage fur die Betrachtung Goethes Le- 
ben als geistige Erscheinung vor unseren Blicken voriiberziehen. 



Sie wissen, Goethe ist in einer Stadt geboren und unter Verhaltnis- 
sen, die, wenn man den Zusammenhang des Menschenlebens mit den 
groften Schicksalsfragen, den Karmafragen, studieren will, sich fiir 
Goethes Leben als recht bedeutsam erweisen. Im 17. Jahrhundert ist die 
vaterliche Familie Goethes in Frankfurt am Main eingewandert. Alt- 
eingesessen ist die miitterliche Familie, angesehen ist diese miitterliche 
Familie in Frankfurt am Main, so angesehen, daft, was ja wirklich fiir 
das.Ansehen einer Familie in der damaligen Zeit fiir eine solche Stadt 
vie! besagt, aus der Familie der Textor, aus der miitterlicherseits Goethe 
hervorgegangen ist, die Burgermeister von Frankfurt gewahlt wurden. 
Goethes Vater war ein aufterordentlich von Pflichtgefuhl durchsetzter 
Mann, aber auch ein Mann, der fiir die damalige Zeit weitgehende In- 
teressen hatte. Er hatte selbst Reisen in Italien gemacht, von bedeuten- 
denErscheinungen der romischenWelt Nachbildungen an alien Wanden 
seines Frankfurter Patrizierhauses hangen,und er sprach gerne von die- 
. sen Dingen. Und was von der Kultur der damaligen Zeit, von der ja das 
damalige Frankfurter Leben noch ganz durchsetzenden franzosischen 
Kultur, sich geltend machte, das spielte sich alles so ab, daft Goethes 
Haus daran den innigsten Anteil nahm. Die groften Welterscheinungen 
spielten schon herein in dieses Goethe-Haus, und Goethes Vater war 
innig daran interessiert. Und Goethes Mutter war eine Frau von ur- 
spriinglichster menschlicher Gesinnung, von, man mdchte sagen, aller- 
unmittelbarstem Anteil fiir alles dasjenige, was die menschliche Natur 
anknupft an das Legendarische, das Marchenhafte, dasjenige, was den 
Menschen wie auf Flugeln einer poetischen, phantasievollen Gesinnung 
hinaustragt iiber das Alltagliche. 

Und mehr als den Menschen in unserer Zeit war es Goethe moglich, 
in seiner Zeit aufzuwachsen, unbeirrt von jenen Storungen, die sich in 
unserer Zeit ja viel mehr einstellen als eben in der damaligen Zeit, von 
jenen Storungen, die sich einstellen dadurch, daft der Mensch in ver- 
haltnismafiigfruhenLebensjahren in dieSchule geschleppt wird. Goethe 
wurde nicht in dieSchule geschleppt, sondernkonnte sichfrei imEltern- 
hause entwickeln und entwickelte sich auch unter dem Einflusse des 
strengen,nie derben Vaters, unter dem Einfluft der poetisch veranlagten 
Mutter in aufterordentlich f reier Weise. Und er entwickelte sich so, daft 



er in spateren Jahren wirklich mit inniger Befriedigung an diese seine 
Knabenjahre, Kinderjahre, zuriickdenken konnte, denn er entwickelte 
sich in reinem Menschentum. Manche Dinge, die man heute, nur mit 
einem etwas pedantischen Humor ausgestattet, in Goethes Lebens- 
beschreibung «Dichtung und Wahrheit» liest, haben doch eine viel gro- 
ftere Bedeutung, als man vielleicht denkt. Wenn Goethe selbst erzahlt, 
wie er den Klavierunterricht absolviert hat, so ist es durchaus auf tiefe 
menschliche Zusammenhange hinweisend, daft da, ich mochte sagen, 
wie vor dem Auge mythologisch sich abspielend, die verschiedenen 
Finger der Hand zu beseelten selbstandigen Gestalten werden, zu Dau- 
merling, zu Deuterling die Finger werden, und dieser Daumerling und 
Deuterling, ich mochte sagen, ohne Sentimentalitat gewisse mystische 
Beziehungen zu den Tonen gewinnen. Es bezeugt das, wie Goethe als 
ganzer Mensch hineingefiihrt werden sollte ins Leben. Nicht sollte ein- 
seitig blofi ein Stiick dieses Menschen, wie es so haufig geschieht, nam- 
lich der Kopf eingefuhrt werden in das Menschenleben, und dann,wenn 
man den Kopf unterstiitzen will, noch der iibrige Leib durch allerlei 
Turnerisches oder Sportliches, sondern es sollte der durchgeistigte Men- 
schenleib, der bis in die Fingerspitzen hinein durchgeistigte Menschen- 
leib zu der Auftenwelt in Beziehung treten. 

Dazu miissen wir nun rechnen die durchaus vom Anfange an scharfe 
Individuality zeigende Anlage und Natur Goethes. Alles deutet auf 
eine bestimmte Wegrichtung des Lebens von friihester Jugend an hin. 
Er ist ebenso geneigt, wie er so heranwachst, hingebungsvoll zu folgen 
den anmutigen, anregenden Marchen und sonstigen Erzahlungen der 
Mutter und dadurch schon als Knabe seine Phantasie in ein lebendiges 
Spiel zu bringen, wie er geneigt ist, sich, wenn es geht, auch den Blicken 
der Mutter und namentlich des strengen Vaters zu entziehen, sich in die 
engen Gassen zu schleichen und da nicht nur allerlei Verhaltnisse friih 
zu beobachten, sondern sich sogar in allerlei Verhaltnisse friih zu ver- 
stricken, wodurch er mancherlei, was sich ablagert auf das menschliche 
Karma, in lebendigem Empfinden und lebendigem Fuhlen friih durch- 
macht. Der Vater ist ein strenger Mann, der, man mochte sagen, mit 
einer gewissen Selbstverstandlichkeit den Knaben hinlenkt zu dem, was 
nach damaliger Anschauung allein dem Menschen Halt und Richtung 



geben kann im Leben. Der Vater ist Jurist, in romanischen Anschau- 
ungen aufgewachsen, von romanischen Anschauungen durchdrungen, 
durchdringt auch das Knabengemiit mit den juristisch-romanischen 
Anschauungen. Dabei aber entzundet sich schon in der Knabenseele 
friih aus dem Anblicke der Bilder, die Romisches darstellen, Roms 
Kunstwerke und Kunstschatze, ein gewisser Drang nach demjenigen, 
was innerhalb der romischen Kultur geschaffen worden ist. 

Alles geht darauf hinaus, Goethe in einer ganz bestimmten Art in 
das Leben seiner Zeit hereinzustellen. Dadurch wird er, ich mochte 
sagen, im 3. bis 4. Jahrhundert der funften nachatlantischen Periode 
eine Personlichkeit, die alle Impulse der aufgehenden funften nach- 
atlantischen Periode in sich tragt. Er wird gewissermafien friih eine auf 
sich selbst gestellte, aus sich heraus lebende Personlichkeit: nichts von 
dem, was den Menschen verbindet in starrer, pedantischer Weise mit 
gewissen Formen, die sich ihm aufdrangen aus diesen oder jenen sozia- 
len Verhaltnissen heraus. Er lernt die sozialen Verhaltnisse so kennen, 
dal$ sie ihn beruhren, aber er wird nicht zusammengeschmiedet mit 
ihnen. Er bewahrt sich immer gewissermafien einen Isolierschemel, auf 
dem er steht und von dem aus er zu allem ein Verhaltnis gewinnen 
kann, aber mit nichts so zusammenwachst, wie viele Menschen von 
friihester Zeit an mit den umliegenden Verhaltnissen zusammenwach- 
sen. Gewifi, das alles ist Folge eines besonders giinstigen Karmas. Aber 
wenn wir in einer objektiven Weise dieses Karma betrachten, werden 
sich uns wichtige karmische Fragen und Probleme iiberhaupt losen 
konnen. 

Dann wird Goethe, nachdem er von seinem Vater in die Juristerei 
eingefuhrt worden war, auf die Universitat Leipzig versetzt. Er tritt 
1765, also in verhaltnismaftig friiher Zeit, in das Leben an der Univer- 
sitat Leipzig ein. Man darf nicht vergessen, wie er in dieses Leben der 
Universitat Leipzig ein tritt: nicht zermartert und zerfasert von den- 
jenigen Anstrengungen, welche junge Menschen in unserer Zeit bis in 
ein weit spateres Lebensjahr hinein durchmachen miissen, um das Abi- 
turium zu absolvieren, und dann, zermartert und zerfasert nach absol- 
viertem Abiturium, mit der Sehnsucht, hinwegzufegen dasjenige, was 
man da gelernt hat, wenigstens bis zu einem hohen Grade hinwegzu- 



fegen, an das Hochschulstudium heranzutreten, um nun einmal das 
Leben zu geniefien. Er war nicht an die Universitat Leipzig gekommen, 
um durchaus blofi zu schwanzen - fur diejenigen, denen die deutsche 
Sprache nicht ganz gelaufig ist, bemerke ich, daft «schwanzen» heifit: 
nicht in -die Vorlesungen gehen, sondern wahrend der Zeit der Vor- 
lesungen etwas anderes treiben - aber er hat dann doch dieses Schwan- 
zen in reichlichem Malk getrieben. Er trat ja, indem er in das Leben, 
in das hohe wissenschaf tliche Leben, in das beriihmte wissenschaftliche 
Leben der Universitat Leipzig eintrat, ein in Kreise, welche ihm eine 
tiefe Sehnsucht erwecken mufiten, solange er von ihnen horte. Er hatte 
ja gehort: An der Universitat Leipzig wirkt vor alien Dingen der grofle 
Gottsched, jener grofte Gottsched, welcher die Bildung der damaligen 
Zeit in seinem Haupte verschloft und in zahlreichen Kanalen schrift- 
licher und miindlicher Art in das damaligeDasein derjenigen einflieften 
lieft, die mit Leipzigs Kultur zusammenhingen. Lebte nun zwar noch 
neben Gottscheds Einfluft Lessings grower Impuls in Leipzig, so war es 
doch fur Goethe zunachst so, dafi er sich zu denken hatte, er werde 
durch Gottscheds erhabene Gestalt eingefiihrt werden in den ganzen 
Umkreis der damaligen Weisheit, werde da zusammengefafk studieren 
konnen Juristerei und Philosophic und auch dasjenige, was dem Welt- 
menschen von der Theologie, von der Gelehrsamkeit iiber die iiber- 
irdischen Dinge wird. 

Es war allerdings eine kleine Enttauschung, die sich fiir Goethe, der 
nun schon einmal einen gewissen Sinn fiir Asthetik hatte, ergab, als er 
seinen ersten Besuch bei Gottsched machte. Er kam vor Gottscheds lure 
an; der Diener - ich weift nicht, ob er schon dazumal irgend etwas 
fiihlte von dem, was in Goethe lebte -, er Heft, ohne in der notigen 
Weise sich Zeit zu gonnen, Gottsched den Goethe-Besuch in der rich- 
tigen Weise zu melden, Goethe so ohne weiteres zu Gottsched hinein, 
so daft Goethe Gottsched traf, den groften Mann, als dieser - ja, seine 
Periicke nicht auf hatte, sondern in dem Glatzkopf da war. Das war 
fur einen Gelehrten der damaligen Zeit - wir stehen im Jahre 1765! - 
etwas ganz Furchtbares. Und nun muftte Goethe, der ja eindrucksvoll 
fiir solche Dinge war, anschauen, wie Gottsched dann mit einer gra- 
ziosen Wendung schnell seine Periicke fafke und sich iiber den Glatz- 



kopf stiilpte, aber mit der anderen Hand seinem Diener eine gewaltige 
Ohrfeige versetzte. So war Goethe denn doch ein wenig abgekiihlt. Er 
wurde dann noch mehr abgekiihlt dadurch, daft Gottscheds Art wenig 
dem entsprach, wonach er sich sehnte. Auch Gellerts moralische Vor- 
lesungen sprachen ihm nicht von so weiten Gesichtskreisen, als er ver- 
langte. Und so kam es, daft er sich in Leipzig bald mehr den medizini- 
schen, naturwissenschaftlichen Vorlesungen zuwandte, von denen er 
gewissermaften eine Art von Fortsetzung erlebte im Hause des Profes- 
sors Ludwig, in dem er seinen Mittagstisch hatte und in dem man vie! 
dergleichen Dinge besprach. Man kann nicht sagen, daft Goethe in 
Wirklichkeit in Leipzig «Philosophie, Juristerei und Medizin und leider 
auch Theologie durchaus studiert» habe, aber er hatte sich die Dinge 
angesehen und hatte vor alien Dingen viele naturwissenschaftliche Vor- 
stellungen der damaligen Zeit schon in Leipzig aufgenommen. 

Dann erlebte er - und solche Dinge mlissen fiir denjenigen, der das 
Menschenleben geisteswissenschaftlich betrachtet, durchaus beriicksich- 
tigt werden -, nachdem er sich in mancherlei Wissenschaften herum- 
getrieben hatte, nachdem er auch mancherlei vom Leben gesehen hatte, 
auch in mancherlei Lebensaffaren hineinverwickelt worden war, eine 
Todkrankheit. Er schaute dem Tod ins Angesicht. Man muft sich ver- 
gegenwartigen, daft dazumal vieles durch Goethes Seele zog, wahrend 
er infolge eines aufterordentlich heftigen Blutsturzes, der sich mehr- 
mals wiederholte, wirklich dem Tod gegemiberstand. Er war nun 
schwach, muftte nach Hause und konnte erst nach einiger Zeit seine 
Universitatsstudien fortsetzen. Das tat er nun in Straftburg. Und in 
Straftburg trat er in die Kreise einer sehr bedeutenden Personlichkeit, 
die ihm aufterordentlich viel sein konnte. Nun muft man, um zu beur- 
teilen, mit welchen Gefiihlen Goethe gerade dieser Personlichkeit ent- 
gegentrat, in Betracht Ziehen, daft Goethe, als er unter dem Eindrucke 
jener innersten Seelenerlebnisse, die er dem Tode gegeniiber in Leipzig 
durchgemacht hatte, nach Frankfurt zuriickgekommen war, schon an- 
gefangen hatte, durch mancherlei menschliche Zusammenhange, in die 
er da gekommen war, sich zu vertiefen in mystisches Erleben und 
mystisches Auffassen der Welt. Schon dazumal vertiefte er sich in my- 
stisch-okkulte Schriften, versuchte sich in seiner Art, noch jugendlich, 



ein Weltensystem, ein Weltanschauungssystem zusammenzustellen, wel- 
ches von mystischen, man konnte sagen, mystisch-kabbalistischen Ge- 
sichtspunkten ausging. Er versuchte wirklich dazumal schon so etwas 
wie: zu erkennen, «was die Welt im Innersten zusammenhalt», ver- 
suchte auf sich wirken zu lassen «alle Wirkenskraft und Samen»j und 
wollte nicht, wie er das in Leipzig hat mitansehen miissen, «in Worten 
kramen». 

Da kam er nun nach Strafiburg, wo er ja insbesondere wiederum 
naturwissenschaftliche Vorlesungen horen konnte, denen er sich auch 
zunachst zuwandte. Die Juristerei, die besonders seinem Vater - we- 
niger ihm selbst - stark am Herzen lag, nun, liber die dachte er: Das 
wird sich auf irgendeine Weise schon finden.- Aber er hatte den Drang, 
die Gesetzmaftigkeit der Natur kennenzulernen. Da trat er einmal, als 
er iiber eine Treppe hinaufging in Straftburg, einer Personlichkeit ent- 
gegen, die durch ihr AufSeres und ein durch das geistvolle Antlitz blik- 
kendes Inneres auf ihn sogleich, augenblicklich einen ungeheuren Ein- 
druck machte. Das Auftere: Nun, es kam ein Mann, der allerdings einen 
gewissen priesterlichen Eindruck machte, der aber den langen Mantel 
so trug, dafi er die langen Schleifen hinten in dieTaschen hineingesteckt 
hatte, merkwiirdigerweise, aber der einen glanzvollen Eindruck auf 
Goethe machte. Es war Herder. Und nun lebte er sich ein auf der einen 
Seite in all dasjenige, was dazumal in Herder brauste. In Herder lebte 
dazumal aufierordentlich viel. Man mochte sagen: Herder trug in sich 
eine ganz neue Weltanschauung. Was im Grunde genommen noch nie 
in der Art unternommen worden war, Herder trug es geistvoll in sich: 
zu verfolgen die Welterscheinungen von dem Einfachsten herauf, von 
dem einfachsten Unlebendigen, durch das Pflanzen-, das Tierreich bis 
herauf zum Menschen, bis zu der Geschichte und bis zu der gottlichen 
Weltenregierung in der Geschichte. Ein grofies, umfassendes Welt- 
anschauungsbild lebte dazumal schon in Herder. Und Herder sprach 
mit Begeisterung, aber auch, wo es sich darum handelte, mit Emporung 
gegen all das hergebrachte Zopfliche, von seinen neuen Ideen. Und an 
vielen Gesprachen Herders konnte sich Goethe erwarmen. Dafi alles in 
der Welt in Entwickelung ist und daft ein geistiger Weltenplan alle 
Entwkkelung tragt: in solchem Zusammenhange, wie es Herder dazu- 



mal sah, hatte man es noch nie gesehen. Aber Herder hatte ja all das 
noch nicht geschrieben; es war ja alles imWerden.Und Goethe empfing 
es im Werden und nahm teil an dem Streben, Sinnen, Kampfen Herders. 
Man mochte sagen: Vom Staubkorn angefangen, durch alle Reiche der 
Natur bis zum Gott hinauf wollte Herder die Entwickelung der Welt 
verfolgen, wie er es dann in so gro&em, umfassendem Stile getan hat, 
soweit es in der damaligen Zeit notwendig war, in dem unvergleichlich 
grofien Werke «Ideen zu einer Philosophic der Geschichte der Mensch- 
heit». Da sehen wir wirklich, wie in diesem Geiste Herders zusammen- 
gefafk wird alles, was bekannt war an Tatsachen des Natur- und Men- 
schenreiches in der damaligen Zeit. Aber es wurde alles das zusammen- 
gefaftt zu einer vom Geiste durchdrungenen Weltanschauung. 

Daneben wirkte nach aus Herders Geist in Goethe hinein dasjenige, 
was Spinoza in die neuere Weltanschauungsentwickelung hineinge- 
bracht hat. Und die Hinneigung, die Goethe sich sein Leben lang fur 
Spinoza bewahrte, sie keimte dazumal in Straftburg durch Herder auf. 
Aufterdem war Herder, was in der damaligen Zeit noch unerhort war, 
ein begeisterter Verehrer Shakespeares. Man muE sich nur denken, wie 
diese eigentiimliche Seelenpolaritat zwischen Goethe und Herder wir- 
ken mufke, da Goethe kam, erftillt mit der Sehnsucht zu schauen alles 
dasjenige, was ihm die zeitgenossische Bildung nicht geben konnte, wie 
er in Herder gewissermaften einen revolutionaren, gegen diese Zeit- 
bildung anstiirmenden Geist allerersten Ranges fand. Goethe hatte bis 
dahin verehren gelernt jene Formkunst, welche in Corneille, in Racine 
lebt, hatte dies alles aufgenommen, wie ein Mensch Dinge aufnimmt, 
von denen er hort, da$ sie das Bedeutendste in der Welt sind. Aber all 
das hatte er doch aufgenommen mit einer inneren Emporung. Und wie 
ein Labsal wirkte es auf seine Seele, als er durch Herder in Shakespeare 
eingefiihrt wurde, in den Dichter, der frei war von allem Formalen, der 
Gestalten schuf aus der unmittelbar menschlichen Individualist her- 
aus, der nichts von dem hatte, was Goethe so hoch verehren gelernt 
hatte: Einheit der Zeit, Einheit des Ortes, der Handlung - sondern der 
Menschen hingestellt hatte. Und man mochte sagen: Auf den Namen 
Shakespeare getauft, lebte sich in Goethes Seele ein eine innere kultur- 
revolutionare Gesinnung, die man etwa so aussprechen kann, dafi man 



sagt: Ich will den Menschen kennenlernen, nicht wie der Mensch in 
formale Regeln und formale Gesetze in den Weltzusammenhang ein- 
gespannt wird, nicht das Netz von Einheiten der Situation, der Zeit, 
des Ones, der Handlung, sondern den Menschen will ich fassen. 

Dabei ergab sich fur ihn die Moglichkeit, Menschen kennen zu ler- 
nen dazumal in Strafiburg, welche versuchten, auch in die tieferen, 
intimeren Seiten des menschlichen Seelenerlebens hineinzublicken, wie 
den wunderbaren Jung-Stilling, der die okkulten Seiten des mensch- 
lichen Seelenlebens studierte und in so ausfiihrlicher Weise zu beschrei- 
ben wufke. 1st doch Jung-Stillings Lebensgeschichte, ist doch Jung- 
Stillings Beschreibung desjenigen, was er den «grauen Mann» nennt, 
der im Unterirdischen der Erde waltet, etwas, was zum Schonsten ge- 
hort in bezug auf Beschreibungen okkulter Verhaltnisse. Man mochte 
sagen: In dasjenige,was das Natur- und Geschichtsleben, was das asthe- 
tische Leben tragt, wurde Goethe durch Herder eingefiihrt, durch Jung- 
Stilling in die okkulten Seiten des Menschenlebens, welche ihm schon 
nahergetreten waren in Frankfurt durch ein eingehenderes Studium 
Swedenborgs. 

Das alles brauste in Goethes Seele mit demjenigen zusammen, was 
ihm an Naturgesetzen iiberliefert wurde, wahrend er die naturwissen- 
schaftlichen Vorlesungen in Straftburg horte. Und da gingen ihm denn 
auf die groiRen Fragen und grofien Probleme des menschlichen Lebens. 
Er hatte tief hineingeschaut in dasjenige, was man erkennen und wollen 
kann, hatte tief hineingeschaut in Zusammenhange, die die menschliche 
Seelennatur mit der Allnatur hat. Paracelsus hatte er auch kennen- 
gelernt im Zusammenhang mit all dem, schon in Frankfurt. Und so 
lebte sich ihm neben dem, was er sonst in Stra£burg erlebte, diese Sehn- 
sucht, zu schauen «alle Wirkenskraft und Samen», gerade in Strafiburg 
in besonders tief erWeise ein. Man darf sich nicht vorstellen, daft Goethe 
in Strafiburg seine Zeit nur vertandelt hat, indem er, was ich wahrhaf- 
tig nicht allzu gering anschlagen will, nach demPfarrhaus in Sesenheim 
oftmals gewandert ist. Goethe konnte eben durchaus vereinigen das 
Leben im Tiefsten des Menschenwollens und Menschenerkennens, und 
das Leben im Zusammenhange mit allem unmittelbar MenschKch-All- 
taglichen, mit jedem menschlichen Schicksal. 



18 



Dann wurde er, nachdem er seine Thesen verteidigt hatte, eine Art 
Doktor der Jurisprudenz in Straftburg, Lizentiat und Doktor der Juris- 
prudenz. Damit hatte er seinen Vater auch befriedigt und konnte nun 
heimziehen.DieAdvokatenpraxis beginnt.Es war allerdings eine merk- 
wiirdigeDisharmonie in derSeele dieses Menschen, der nunbeim Reichs- 
kammergericht in Wetzlar iiber Akten studieren sollte, die oftmals - 
wortlich, nicht symbolisch - jahrhundertealt waren. Denn da schlepp- 
ten sich «Gesetz' und Rechte wie eine ew'ge Krankheit fort». Aber man 
konnte ja in spaterer Zeit an anderen Orten noch manches in dieser 
Richtung erleben. Sehen Sie, in einem Orte, in dem ich aufwuchs - 
gestatten Sie, daft ich das einfiige -, konnte ich doch auch folgendes er- 
leben: Es war in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da horten 
wir einmal - ich war ein Bube -, daft ein Mann eingesperrt werden 
sollte. In den siebziger Jahren! Es war ein angesehener Mann des dor- 
tigenOrtes, der ein fur den dortigenOrt ziemlich groftesGeschaft hatte. 
Er wurde eingesperrt, anderthalb Jahre, glaube ich, weil er namlich im 
Jahre 1848 bei der Revolution Steine geworfen hat auf ein Gasthaus! 
Der Prozeft hatte wirklich vom Jahre 1848, wo der Mann als junger 
Bub Steine geworfen hat auf ein Gasthaus, bis in sein spates Alter ge- 
dauert, und er wurde, so um 1873, eingesperrt auf eineinhalb Jahre. Es 
war immerhin vielleicht dazumal schon nicht mehr so schlimm wie in 
der Zeit, in der Goethe die Akten beim Reichskammergericht studiert 
hat, aber es war noch immer schlimm genug. Dem Vater aber machte 
das Freude, und er beteiligte sich in mancherlei Weise ratend und hilfe- 
leistend bei den Problemen, die da Goethe iiber den verstaubten Akten 
zu losen hatte. Aber man darf nicht glauben, daft sich Goethe als Advo- 
kat ungeschickt benommen hatte. Das war ganz und gar nicht der Fall. 
Goethe stellte schon durchaus seinen Mann auch als Advokat, und 
Goethe gibt keine Veranlassung dazu, immer wieder und wieder zu be- 
tonen, daft ein grofier, in den Idealen lebender Geist ungeschickt sein 
muft im Leben. Goethe war als Advokat durchaus nicht ungeschickt. 
Und wenn etwa heute so mancher Advokat auf seine Tatigkeit hin- 
weist und dann bemerklich macht, daft er ja eben neben seiner ausge- 
breiteten Tatigkeit keine Zeit hat, Goethe zu lesen, so darf schon darauf 
hingewiesen werden, daft Goethe selbst ganz gewift ein ebenso guter 



Advokat war - das laftt sich heute noch dokumentarisch belegen, wie 
manches also auf seine Arbeit Hinweisende — , nur daft Goethe neben 
dem, daft er so praktisch war, wie die Praktiker nur sein konnen, dazu- 
mal noch in seiner Seele bereits trug den «G6tz von Berlichingen», ja, 
in seiner Seele trug die Idee, die in ihm schon in Frankfurt aufgetaucht 
war aus seinen naturwissenschaftlichen Studien heraus, aus seiner 
Bekanntschaft mit Herder, mit Jung-Stilling: die Idee zu seinem 
«Faust». 

Gotz von Berlickingen - Gottfried von Berlichingen -, er bezeugt 
sogleich, indem ihn Goethe zum Kunstwerk gestaltet, wie die Art 
Goethes eigentlich ist. Es tritt mit der Art Goethes etwas Neues in das 
geistige Schaffen der Menschheit ein. Man kann Goethe als Kiinstler, 
als Dichter nicht vergleichen mit Dante, nicht vergleichen mit Homer, 
nicht vergleichen mit Shakespeare. Er steht dem dichterischen Schaffen 
in einer anderen Art gegeniiber, und das hangt im wesentlichen zusam- 
men mit der Art wiederum, wie Goethe in seiner ganzen Zeit als Er- 
scheinung darinnensteht. Diese Zeit, wie sie sich in der unmittelbaren 
Umgebung Goethes, in der weiteren Umgebung Goethes auslebte, die 
lieft einen solchen Geist, wie Goethe es war, nicht ganz mit sich zusam- 
menwachsen. Ein staatliches Leben um sich herum, wie man es heute 
fiir selbstverstandlich halt, das gab es fiir Goethe nicht. Er lebte ja in 
einem Gebiete, wo sich in einem hohen Grade individuell einzelneTerri- 
torien gestaltet hatten. Wie das der Fall war, darauf kommt es weniger 
an, aber er lebte in keinem Groftstaat, er lebte so, daft nicht irgendeine 
uberspannende Konformitat sich ausgoft iiber das Gebiet, aus dem er 
herauswuchs. Das Leben hatte keine festen Formen um ihn herum. Und 
so konnte er es iiberall im engsten Kreise anfassen und im engsten Kreise 
das Universelle auf sich wirken lassen. Und das ist das Eigentiimliche. 

So kam ihm ein Buch in die Hand, das ein schlecht geschriebenes 
Buch ist, ein recht schlecht geschriebenes Buch, das ihn aber in aufter- 
ordentlichem Mafie interessierte; das ist die «Selbstbiographie Gott- 
friedens von Berlichingen mit der eisernen Hand», jener eigentiimlichen 
Gestalt aus dem 16. Jahrhundert, die an so vielen Ereignissen des 16. 
Jahrhunderts teilgenommen hat, die aber in einer merkwiirdigen Weise 
an diesen Ereignissen des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat. Wenn 



man diese Lebensgeschichte des Gottfried vonBerlichingen liest, so sieht 
man, wie er unter Kaiser Maximilian, unter Kaiser Karl dem Fiinften, 
mit alien moglichen anderen Leuten in Zusammenhang kam, an alien 
mb'glichen Handeln und Kampfen der ersten Halfte des 16. Jahrhun- 
derts teilgenommen hat, aber immer so, daft man eigentlich sieht: da 
nimmt er teil einmal an diesem Ereignisse, steht ganz drinnen, lebt sich 
da aus. Dann steht er in einem anderen Ereignisse in einem ganz anderen 
Charakter drinnen, wird wiederum hineingezogen, kampft fur die ver- 
schiedensten Interessen, wird spater gefangen genommen. Nachdem er 
einen Eid geleistet hat, sich an den Handeln nicht mehr weiter zu be- 
teiligen und ruhig auf seinem Schloft gelassen wird im mittleren Siid- 
deutschland, wird er in die Bauernbewegung hineinverwickelt, als sich 
die Bauern im Kampfe fiir die Freiheit erheben. Alles aber so, daft man 
bei Gottfried von Berlichingen nirgends sieht, daft er gezogen wird von 
den Ereignissen, sondern uberall sieht man: Dasjenige, was zusammen- 
halt die disparaten Dinge, das ist eigentlich die Personlichkeit, der Cha- 
rakter des Gottfried von Berlichingen selber. Man kann sagen: Wenn 
man eben die Lebensgeschichte des Gottfried von Berlichingen liest, so 
sind einem zuletzt alle die Ereignisse, die er da durchmacht, in die er 
verwickelt ist, ich will nicht sagen so, daft sie einem zum Halse heraus- 
wachsen vor Langeweile: sie interessieren einen aber wirklich nicht, die 
einzelnen Handel, die einzelnen Kampfe, die er, Gottfried von Berli- 
chingen, durchmacht. Aber trotz aller Langeweile gegeniiber den Ereig- 
nissen, die er durchmacht, hat man immer Interesse an der charakter- 
starken und charakter-inhaltsvollen Personlichkeit. 

Das war es aber gerade, was Goethe anzog an der Figur des Gott- 
fried von Berlichingen. Und so konnte er, was ihm niemals auf eine 
andere Art moglich gewesen ware, den Gehalt, das Streben und Leben 
des 16. Jahrhunderts in einer Personlichkeit konzentriert sehen. Das 
brauchte er. Das war fiir ihn: Geschichte in die Hand zu nehmen und 
kennenzulernen. Wie der oder jener Historiker «mit trefflichen prag- 
matischen Maximen», nachdem er Rumpelkammern durchsucht und 
Kehrichtfasser umgeworfen hatte, einzelne historische Perioden zu- 
sammengekoppelt hatte, das ware sicherlich nicht nach Goethes Ge- 
schmack gewesen. Aber einen Menschen in seiner Zeit lebendig drinnen- 



stehen zu sehen und in einer Menschenseele sich spiegeln zu sehen das- 
jenige, was einen sonst nicht interessiert, das war etwas fur Goethe. 
Da nahm er denn diese, ja, man mochte sagen, langweilige, schlecht 
geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen her, las 
sie und gestaltete sie eigentlich merkwiirdig wenig um. Daher hat er 
auch die erste Fassung dieses, wenn man will, Dramas, genannt: «Ge- 
schichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, drama- 
tisiert». Er hat nicht «Drama» daraufgeschrieben, sondern nur «drama- 
tisiert». Er hat eigentlich nur die Geschichte Gotz von Berlichingens 
dramatisiert, aber so dramatisiert, dafi die ganze Zeit drinnen lebt, aber 
die Zeit in einem Menschen lebt. Und nun denken Sie, es ist die Zeit des 
16. Jahrhunderts, es ist die Zeit der Morgenrote des fiinften nachatlan- 
tischen Zeitraumes. Goethe sah sie an durch die Seele des Gottfried von 
Berlichingen, dieses dem mittleren siidlichen Deutschland entwachsenen 
Mannes. Dazumal schon ging durch seine Seele ein Stuck Leben, das 
historisch ist, aber angeschaut eben am wirklichen Leben, nicht an dem, 
was «geschichtlich» ist. Goethe ware es ganz unmoglich gewesen in der 
damaligen Zeit, mit all den Menschheitsproblemen in der Seele, die ich 
Ihnen angedeutet habe,irgendeineGestalt zu nehmen aus der Geschichte 
und nach der Geschichte sie zu dramatisieren, aber die stammelnde 
Selbstbiographie eines Wesens, das mit aller Menschlichkeit auf ihn 
wirkte, so zu dramatisieren, wie sich ihm erschlossen hatte die drama- 
tische Kunst dadurch, dafi er sich in Shakespeare eingelebt hatte: das 
war es, was er konnte. Damit wurde er schon in einigen Kreisen, die 
sich dazumal fur so etwas interessierten, bekannt, denn er hatte ein 
Stuck Vergangenheit in eine Gegenwart, in seine Gegenwart, fur seine 
Mitwelt heraufgehoben, fur diese Mitwelt, der diese Vergangenheit 
«ein Buch mit sieben Siegeln» war. Denn selbstverstandlich wulke man 
in den weitesten Kreisen dazumal von dem, was sich Goethe erschloft 
durch die schlecht geschriebene Geschichte des Gottfried von Berlichin- 
gen aus dem 16. Jahrhundert, so wenig, wie heute mancher Pastor von 
dem ubersinnlichen Leben weift. 

Goethe hatte ins Menschenleben hineingegriffen. Er hatte hinein- 
greifen miissen, weil er selber nur so leben konnte, dafi er mit diesem 
Menschenleben, wie es sich ihm unmittelbar bot, zusammenwuchs, trotz- 



dem er immer noch auf einem Isolierschemel blieb, zusammenwuchs 
doch nur, indem er gewissermafien davon beriihrt wurde. 

Noch in einer anderen Weise sollte Goethe in derselben Zeit mit dem 
Leben zusammengefiihrt werden. Man hat heute wenig Vorstellungen 
mehr von dem, was dazumal im weitesten Umkreise um Goethe herum 
innerhalb der sogenannten gebildeten Welt ein tiefer Grundzug der 
Seelenentwickelung war. Man war so hineingewachsen in dasjenige, 
was sich seit dem 16. Jahrhundert ergeben hatte. Da hatten sich im 
aufteren Leben wirklich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit 
fortgeerbt, aber die Seelen waren doch in einer gewissen Weise beriihrt 
von dem Drang, den wir ja kennen als den Drang der Seelen des fiinf- 
ten nachatlantischen Zeitraums. Die Folge davon war, dafi eine griind- 
liche Disharmonie bei den tiefer veranlagten Naturen entstand zwi- 
schen dem, was die Seelen fuhlten und dem, was in der Umgebung sich 
abspielte. Das fiihrte allerdings zu einer starken Sentimentalitat im Er- 
leben. Und fiihlen zu konnen, moglichst stark fiihlen zu konnen, wie 
weit die Wirklichkeit absticht von dem, was eine echte, warme Men- 
schenseele erfiihlen kann, das so recht betonen zu konnen, fuhlte damals 
manche Seele als ein tiefes Bediirfnis. Man richtete den Blick hinaus auf 
das grofle Leben. Da lebten die Stande, da lebten die Leute mit diesen 
oder jenen Interessen, aber sie beriihrten sich mit ihren Seelen oftmals 
so wenig innerhalb dieses offentlichen Lebens. Aber wenn diese Seelen 
mit sich allein waren, da suchten sie sich ein besonderes Seelenleben auf, 
das jenseits stand des aufteren Lebens. Und sich sagen zu konnen: Dieses 
auftere Leben, ach, wie sticht es ab von all dem, was die Seele erstreben 
und erhoffen mochte! - das sich sagen zu konnen, war wie ein Labsal. 
Und sich so recht in eine sentimentale Stimmung hineinzuleben, das 
wurde ein Zug der Zeit. Man fand das Leben, wie es sich im Offent- 
lichen abspielte, schlecht, mangelhaft. Man wollte daher das Leben auf- 
suchen da, wo es nicht angefault war von der gleichgultigenOffentlich- 
keit, wo man so recht sich einleben konnte in das stille, friedensvolle 
Treiben der Welt, in die Natur, in das friedevolle Tierleben, Pflanzen- 
leben. Daraus bildete sich allmahlich eine Stimmung, die einen grofien 
Teil der gebildeten Seelen beherrschte. Weinen zu konnen iiber die Dis- 
harmonien der Welt, gewahrte eine ungeheure Befriedigung. Und die- 



jenigen Schriftsteller wurden besonders geehrt, deren Werke auf jeder 
Seite Veranlassung gaben, daft sich die Tranen ergieften konnten aus 
den Augen heraus auf die Blatter, die man las. Ungliicklich zu sein, 
wurde fiir viele eine Sehnsucht ihres Gliickes. Man geht spazieren im 
Walde, man geht zuruck, setzt sich still in seine Kammer und denkt 
nach: Wie vielen, vielen Wiirmchen, die man nicht beachtet hat und 
auf die man getreten ist mit den Fiiflen, hat dieser Spaziergang das 
Leben gekostet! - Man weint heifte Tranen in sein Taschentuch iiber die 
Disharmonien zwischenNatur und Menschenleben. Man schreibt Brief e 
an geliebte, ebenso sentimentale Freunde wie man selbst ist, beginnt 
damit: Herzinnig geliebter Freund, oder Freundin, - aber schon diese 
Zeile wird durchstromt von einer Trane, welche auf das Papier fallt 
und die als ein teures Zeugnis mit dem Brief e zu dem geliebten Freunde 
oder der geliebten Freundin hineilt. 

Dieses Leben durchsetzt noch grofie Teile der gebildeten Welt in der 
zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts. Das hatte nun auch Goethe um 
sich und er besaft viel Verstandnis dafiir, denn es lag doch viel Wahr- 
heit in diesem Erfuhlen der Disharmonie desjenigen,was unbewufk und 
unbestimmt oftmals die Seele fiillte, und dem, was ihr die auftere Welt 
gab. Es lag oft viel Wahres darinnen. Goethe konnte das erfuhlen. Das 
stille Leben, das sich abspielte zwischen den Seelen, glich so gar nicht 
in der damaligenZeit demjenigen,was sich in der groftenWelt abspielte. 
Goethe mufite das mitmachen, denn er konnte und sollte beriihrt sein 
von allem. Aber er mulke sich auch aus seinem Inneren immer wieder 
und wiederum dieKrafte holen, aus den Beriihrungen mit diesenDingen 
heraus zu gesunden. Und so schrieb er sich denn diese ganze Zeitstim- 
mung los, die man als Siegwart-Fieber, als Werther-Fieber bezeichnet, 
die einen groften Teil der Gebildeten ergriffen hatte, in seinem Jugend- 
romane «Die Leiden des jungen Werthers». In die Werther-Gestalt hin- 
eingeheimnifk hat er all das, was er mitgemacht hat von dieser senti- 
mentalen Weltenstimmung, so mitgemacht hat, daft er aus den gefiihlten 
Disharmonien des Lebens heraus bis nahe am Selbstmord war. Deshalb 
lalk er Werther selber im Selbstmord enden. Es ist gut, sich das zu ver- 
gegenwartigen, wie bei Goethe auf der einen Seite die Moglichkeit vor- 
liegt, trotzdem er fest in seiner Individuality wurzelt, seine seelischen 



Faden zu ziehen zu all dem, was in seiner Umgebung in den Seelen sich 
abspielte, wie das aber wiederum Kunst bei ihm wurde und er es sich 
von der Seele losschrieb. Als er den Werther geschrieben hatte, war er 
von dem ganzen Werther geheilt, von dem jetzt vielfach die anderen 
Menschen erst ergriffen wurden, denn das Werther-Fieber grassierte 
gerade durch den «Werther» in den weitesten Kreisen. Aber Goethe 
war geheilt. 

Man darf , indem man solche Dinge wiirdigen will, nicht vergessen, 
daft Goethe wirklich einen weiten Umfang seines Seelenlebens hatte, 
daft er gewissermaften seelisch in Polaritaten zu leben vermochte. Da 
machte er die Werther-Krankheit durch und schrieb sich die Werther- 
Krankheit von der Seele in seinen «Leiden des jungen Werthers». Aber 
wahr ist es, was er in einem Freundesbrief schrieb in der damaligen 
Zeit, wo er von seiner erhaben-sentimentalen Stimmung ein Bild ent- 
warf, aber gleichzeitig sagte, es lebe noch ein anderer Goethe als jener, 
der hangerische und hangenswerte Gedanken hatte, der Selbstmord- 
Goethe: ein Fastnachts-Goethe, der allerlei Verkleidungen und Masken 
annehmen kann. Und dieser Fastnachts-Goethe lebte ja wirklich auch 
kiinstlerisch. Man braucht nur die mehr oder weniger fragmentarisch 
gebliebenen dramatischen Schopfungen, den «Satyros» und den «Pater 
Brey», die derselben Zeit angehoren, auf sich wirken zu lassen, so wird 
man schon die ganzeWeite des Goetheschen Seelenlebens ahnen konnen: 
auf der einen Seite die Sentimentalitat des Werther, auf der anderen 
Seite der Humor des «Satyros» und des « Pater Brey». Satyros, der ver- 
gotterte Waldteufel, der auf der einen Seite in Tiraden einen wahren 
groften Pantheismus entfaltet, zuriick will in echt Rousseauscher Weise 
zurNatur, nicht genieften will dasjenige, was dieKultur hervorgebracht 
hat. Rohe Kastanien, welch herrlicher Fraft: es ist dies ein Ideal des 
Satyros! Aber Satyros ist eben ein Naturphilosoph, der die Geheimnisse 
der Natur wohl kennt, daher - verzeihen Sie - namentlich in der 
Frauenwelt seine Anhanger gewinnt, vergottert wird, aber sich zuletzt 
recht schlecht benimmt. Mit Riesenhumor wird da verspottet all die 
falsche Sehnsucht nach Autontatshascherei, nach Autoritatsglaube. 
Und im Pater Brey sehen wir das falsche Prophetentum, das heilig tut, 
aber unter der Maske der Heiligkeit allerlei Dinge treibt - mit groftem 



Humor nicht verspottet, aber objektiv schon hingestellt. Da ist Goethe 
im lebendigsten Sinne Humorist, derber Humorist. Und das alles aus 
derselben Seelenverfassung heraus, aus der auch der «Werther» flieftt. 
Das ist nicht deshalb, weil Goethe oberflachlich war, sondern weil er 
eben tief genug war, urn die Polaritaten des menschlichen Lebens zu 
erfassen. 

Mancherlei Einfluft hatte Goethe gerade mit dem «Werther» bereits 
errungen. «Werther» ist ja verhaltnismaftig friih sehr bekannt gewor- 
den, und eigentlich war es auch «Werther», welcher bewirkt hat, daft 
sich der Herzog von Weimar fur Goethe interessierte. Der «G6tz von 
Berlichingen» hat viel Eindruck gemacht, aber nicht bei denjenigen, die 
dazumal glaubten, Kultur und Kunst und Dichtung verstehen zu kon- 
nen « Imitation detestable des mauvaises pieces anglaises, degoutante 
platitude», so sagte ein grower Mann der damaligenZeit iiber den «Gotz 
von Berlichingen». 

1775 war es, da konnte Goethe sein Leben auf einen ganz anderen 
Schauplatz verlegen, nach Weimar. Der Herzog von Weimar wurde 
mit ihm bekannt und rief Goethe nach Weimar, und Goethe wurde mit 
einem Sprung, konnte man sagen, Weimarischer Staatsminister. 

Sehen Sie, heute, hinterher, hat man so das Gefiihl: Goethe hat den 
«G6tz von Berlichingen» geschrieben, die «Leiden des jungen Werthers» 
geschrieben, er hat ein groftes Stuck «Faust» schon nach Weimar mit- 
gebracht; in dem allem sieht man die Hauptsache bei Goethe. Er selber 
in seiner damaligen Lage sah darin nicht die Hauptsache; das waren die 
Abfalle seines Lebens. Und der Herzog von Weimar stellte ihn auch 
nicht als Hofdichter an, sondern als Staatsminister, woriiber freilich 
die Zopfe in Weimar aufter sich waren, so daft der Plerzog von Weimar 
erne Art Brief-Erlaft an sein Volk richten muftte, worin er sich recht- 
fertigte: Ja, Goethe ware ein grofterer Mensch nach seiner Meinung als 
die Zopfe. - Und daft er, bevor er - nun ja, was weift ich, Unterrat und 
Oberrat und so weiter geworden war, gleich in das Staatsministerium 
berufen wurde, das bedurfte wenigstens einerRechtfertigung seitens des 
Herzogs. Aber die gab er. Und Goethe war keineswegs ein schlechter 
Minister, keineswegs ein solcher, der das Ministergeschaft so nebenbei 
betrieb, sondern er war ein viel besserer Minister als manche Minister, 



die keine Goethe gewesen sind in diesem Sinne. Und derjenige, der ein- 
mal sich selber personlich iiberzeugt hat, wie ich - ich darf das in aller 
Bescheidenheit sagen, daft es bei mir der Fall war -, wie Goethe seinen 
Minister-Obliegenheiten gedient hat, der weift, dafi Goethe ein ausge- 
zeichneter Minister fur das Herzogtum Sachsen- Weimar war, der sich 
alien Einzelheiten seiner Geschafte mit voller Hingabe gewidmet hat. 
Minister zu sein, war fur Goethe die Hauptsache dazumal, und durch 
zehn Jahre hindurch wirkte Goethe aufierordentlich viel gerade als 
Minister in Weimar. 

Nun hatte er nach Weimar schon den «Faust» zumTeil mitgebracht. 
Dasjenige, was jetzt unter dem «geschmackvollen» Titel «Urfaust» in 
den Werken figuriert, das hatte er dazumal nach Weimar mitgebracht. 
In diesem «Faust» lebte aber schon alles dasjenige, was, man mochte 
sagen, der aufwartsgerichtete Blick des Faust war. Und wie war Faust 
aus dem unmittelbaren Leben geschopft, aber jetzt auch aus dem Leben, 
das jedeMenschenseele beriihrt!Und wiederum zeigte es sich in Weimar, 
wie Goethe nicht ganz ergriffen werden konnte von seiner Umgebung. 
Man lernt ja sehr haufig Menschen kennen, die mehr oder weniger nur 
die Exponenten sind ihrer Akten. Goethe war nicht der blofte Exponent 
der Akten, der wahrhaftig zahlreichen Akten, die er verfafk hat als 
Weimarischer Beamter. Aber daneben lebte er sich in alle Weimarischen 
Verhaltnisse ein, und wenn er auch auf seinem Isolierschemel blieb, so 
wurde er doch von allem Menschlichen beriihrt, und das unmittelbare 
Menschliche gestaltete sich bei ihm zur Kunst. Und so sehen wir denn. 
wie der Charakter einer Frau, der Frau von Stein, der er freundschaft- 
lich nahetrat, fur ihn ein Lebensproblem wurde. Und im Grunde ge- 
nommen war es die unmittelbare Anschauung dieses Charakters, die ihn 
dazu brachte, die Gestalt der «Iphigenie» zu dramatisieren. Was auf 
der einen Seite im Charakter der Frau von Stein auf ihn wirkte, das 
wollte er kunstlerisch gestalten. Es war ihm die Fabel der Iphigenie nur 
ein Mittel, ein Lebensproblem zu losen. Und die ganzen Verhaltnisse 
am Hofe von Weimar, sein Zusammenleben mit dem in seinem Charak- 
ter merkwiirdig veranlagten Herzog Karl August, der Anblick der 
Schicksale der Herzogin, andere Verhaltnisse, die da hineinspielten, 
sie wurden ihm zu Problemen. Das Leben wurde ihm zur Frage. Er 



brauchte wiederum einen Stoff, um diese Verhaltnisse kiinstlerisch zu 
bezwingen. Er nahm den Stoff des «Tasso», aber eigentlich waren es 
Weimarerische Verhaltnisse, die er kiinstlerisch bezwungen hat. Ich 
kann natiirlich nicht auf die vielen Einzelheiten in Goethes Geistesleben 
eingehen, aber ich mochte doch diese Tatsache vor Hire Seele hinstellen, 
damit wir eben an sie geisteswissenschaftlich ankniipfen konnen wie an 
ein Exempel. 

Schon dazumal, in der allerersten Zeit, da er in Weimar lebte, tat 
sich ihm durch die verschiedenen Verhaltnisse, in die er gebracht wurde, 
die Moglichkeit auf, seine Naturstudien zu vertiefen, in selbstandiger 
Weise zu vertiefen. Er betrieb Pflanzenstudien; er fing schon dazumal 
an, an der Universitat Jena anatomische Studien zu machen. Uberall 
ging er darauf aus, dasjenige, was er von Herder aufgenommen hatte: 
die Zusammenhangs-Ideen der Welt, im einzelnen zu bewahrheiten. 
Den Zusammenhang der ganzen Pflanzenwelt wollte er studieren, was 
geistig in den Pflanzen lebte, wollte er studieren. Die Verwandtschaft 
aller Tiere wollte er vor seine Seele hintreten lassen, um den Weg hin- 
auf zumMenschen zufinden.DieEntwickelungsidee wollte er unmittel- 
bar an den Objekten der Natur selber studieren. Denken Sie, er hatte 
Herders grofie Idee aufgenommen: ein einheitliches geistiges Werden 
durch alle Entwickelungsmomente der Wesen hin zu studieren. In dem 
standen er und Herder dazumal ziemlich allein, denn diejenigen, die 
tonangebend waren im geistigen Leben, die dachten ganz anders, die 
fiihrten vor alien Dingen uberall Scheidewande ein. 

Alle geistige Tatigkeit kann man ja nach zwei Polen hin wirkend 
finden: nach demTrennen und nach dem Zusammenfassen. Goethe und 
Herder kam es darauf an, zusammenzufassen die Mannigfaltigkeit, die 
Vielheit; den anderen kam es darauf an, hiibsch Einteilungen zu haben, 
recht nett einzuteilen. Und so war es dazumal vor alien Dingen fur 
viele eine Frage, wie sich der Mensch von den Tieren unterscheide. Der 
Mensch, sagte man, habe keinen Zwischenkieferknochen, in dem die 
Schneidezahne sitzen, in der oberen Kinnlade, sondern eine einheitliche 
Kinnlade; die Tiere nur haben den Zwischenkiefer. Goethe war gewift 
nicht materialistisch gesinnt, wollte gewifi nicht einen Materialismus 
begriinden in materialistischer Absicht; aber daf§ sich in einer solchen 



Einzelheit die innere Harmonie der Natur nicht bewahrheiten sollte, 
das war seinem Sinne zuwider. Deshalb ging er darauf aus, gegen alle 
Naturwissenschafterautoritat nachzuweisen, daft auch der Mensch den 
Zwischenknochen habe. Und es gelang ihm. Und so kam er denn zu 
seiner ersten bedeutenden naturwissenschaftlichen Abhandlung, die da 
heiftt: «Dem Menschen wie den Tieren ist ein Zwischenknochen der 
obern Kinnlade zuzuschreiben». Damit hatte er etwas hineingestellt in 
die geistige Entwickelung, eine Einzelheit, mit der er sich entgegen- 
gestellt hat der ganzen damaligen naturwissenschaftlichen Welt, und die 
heute eine Selbstverstandlichkeit ist, die natiirlich niemand bezweifeLt. 

So steht Goethe nicht da als der Dichter des «Werther», als derDich- 
ter des «Gotz von Berlichingen», des «Faust», als derjenige, in dessen 
Kopf allein «Iphigenie» und «Tasso» entspringen, sondern er steht da 
mit einem tiefen Hineinblicken in den Zusammenhang der Natur, so 
daft er nun wirklich als echter Naturforscher studiert und arbeitet. Das 
ist nicht in einseitiger Weise ein Forscher oder ein Dichter oder ein Mi- 
nister, das ist ein ganzer Mensch, ein nach alien Seiten hin strebender 
ganzer Mensch. 

Zehn Jahre ungefahr lebte so Goethe in Weimar, da konnte er die 
Sehnsucht nach Italien nicht mehr bezwingen. Und er unternahm wie 
eine Flucht seine Reise nach Italien in der zweiten Halfte der achtziger 
Jahre des 18.Jahrhunderts. Man mufi nicht vergessen, daft Goethe doch 
erst dazumal in Verhaltnisse eintrat, die nun einer Sehnsucht entspra- 
chen, die er seit friihester Jugend gehegt hat, und daft er zum ersten Mai 
eigentlich in grofte Verhaltnisse eintritt. Denn denken Sie, daft Goethe 
aufter Frankfurt keine grofte Stadt gesehen hat bis dahin! Und man 
muft sich immer vergegenwartigen, daft die erste Groftstadt, durch die 
Goethe auf den Schauplatz der Weltgeschichte gestellt worden ist, Rom 
war. Das muft man schon richtig in das Leben Goethes hineinstellen. 
Und daft Goethe in Rom pulsieren fiihlte den ganzen Strom des Lebens, 
wie er heraufgezogen war in der fiinften nachatlantischen Zeit bis zu 
seiner Zeit, und daft Goethe das, was da als Weltgeschichte in ihm 
wirkte, verband mit einer in seiner Seele werdenden umfassenden Welt- 
anschauung. Da trug er die Idee, die sich ihm iiber Tiergestalten, iiber 
Pflanzengestalten ergeben hatte, durch die Mannigfaltigkeit der For- 



men der Pflanzen, der Steine, der Tiere, die er verglich, die er nun auf 
der Apenninischen Halbinsel verfolgte. Im weiten Umkreis suchte er 
zu bewahrheiten seine Idee einer Urpflanze, und konnte es. Jeder Stein, 
jede Pflanze interessierte ihn; wie sich das Mannigfaltige zur Einheit 
gestaltet, das lieft er auf sich wirken. Dabei lieft er auf sich wirken die 
groften Kunstwerke, die ihm das alte Griechentum in einem matten 
Nachtrieb zeigten. Und wie er auf der einen Seite den Blick objektiv 
iiber alle die Mannigfaltigkeiten der Natur richtete, so konnte er auf 
der anderen Seite aus tiefster Seele heraus alle Intimitaten der grofien 
Kunst der Renaissance empfinden. Man lese nur nach die Worte, die er 
gesprochen hat bei dem Anblicke der «Heiligen Cacilie» Raffaels in 
Bologna, wie er beim Anblicke dieses Kunstwerkes in seiner Seele auf- 
leben liefi alle Gefiihle, die den Menschen aus der sinnlichen Welt in die 
tibersinnliche hinaufleiten in einer wunderbar tief intensiven Weise. 
Man lese in seiner «Italienischen Reise» nach, wie er, wahrend er auf 
der einen Seite seine Naturideen immer mehr und mehr vertiefte, den 
Kunstwerken gegeniiber empfand, wie der Mensch wahrhaft nur dann 
Kunst schafft, wenn die Kunst zu gleicher Zeit aus den Tiefen des Le- 
bens heraus schafft. Die groften Kunstwerke der Griechen, sagte er, 
werden mir jetzt klar, denn: «Ich habe eine Vermutung, daft sie nach 
eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfahrt und 
denen ich auf der Spur bin.» - «Diese hohen Kunstwerke sind zugleich 
als die hochsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natiir- 
lichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkurliche, Eingebil- 
dete fallt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» So schrieb 
er an seine Weimarer Freunde. 

Und ein Ungeheures nahm er in sich auf, und es gestaltete sich fur 
ihn dasjenige um, was er friiher erfiihlt und erahnt hatte. Szenen, die 
bedeutsam sind in seinem «Faust», er dichtete sie nun in Rom, «Iphi- 
genie», «Tasso», sie hatte er schon mehr oder weniger in Prosa in Wei- 
mar entworfen, zum Teil vollendet; jetzt schrieb er sie um in Verse. 
Denn er konnte den Stil finden, den er jetzt als einen klassischen Stil 
ausgiefien wollte iiber diese Werke, in dem er nun selber klassische Kunst 
fortwahrend auf sich wirken liefi. Das war eine Regeneration, eine 
wirkliche Wiedergeburt von Goethes Seele, die er in Italien erlebte. 

30 



Und etwas Eigentiimliches bildete sich jetzt in seiner Seele heraus: er 
empf and einen tief en Gegensatz zwischen dem, was seine Zeit erstrebte, 
was er iiberall in seiner Umgebung gesehen hatte, und dem, was er als 
die hochste Ausgestaltung des rein Menschlichen empfinden gelernt 
hatte. 

So kam er zuriick nach Weimar, so kam er wiederum zuriick in die 
Welt hinein, in welcher Werke entstanden waren, die dazumal alle hin- 
rissen: Schillers «Rauber», Heinses «Ardinghello» und dergleichen. 
Das kam ihm vor wie barbarisches Zeug, das widerstrebte alien Wur- 
zeln, die jetzt in seiner Seele lebten. Und als ein griindlich Einsam- 
stehender fiihlte er sich in seinem Seelenleben. Er war ja auch beinahe 
vergessen. Und jetzt bahnte sich an nach und nach das Freundschafts- 
verhaltnis zu Schiller. Schwer war ihm der Zugang geworden, denn 
nichts war ihm so sehr verhaftt, als er wieder zuriickkam, als Schillers 
Jugendwerke. Aber sie fanden sich, und sie fanden sich zu einem 
Freundschaftsbunde, der wenige seinesgleichen in der Entwickelungs- 
geschichte der Menschheit hat. Und sie regten sich an, so dafi Herman 
Grimm mit Recht sagt: In dem Verhaltnis von Goethe und Schiller hat 
man nicht nur Goethe plus Schiller, sondern Goethe plus Schiller und 
Schiller plus Goethe. Jeder wurde durch den anderen etwas anderes; 
und was ein jeder durch den anderen anders wurde, damit befruchtete 
ein jeder den anderen. Und jetzt erstanden in der Seele derbeiden grofie, 
umfassende Menschheitsprobleme. Was die Welt dazumal politisch 
losen wollte - das grofte Freiheitsproblem der Menschheit -, fur Goethe 
und Schiller stellte es sich in einer geistig-menschlichen Weise vor die 
Seele. Andere dachten viel daruber nach, wie man eine auftere Einrich- 
tung in der Welt herbeifiihren konnte, die dem Menschen Freiheit ge- 
stattet im Leben. Fur Schiller handelte es sich darum: Wie findet der 
Mensch in seiner eigenen Seele die Freiheit? - Und diesem Probleme hat 
er sich gewidmet bei der Ausarbeitung seiner einzigartigen Schrift, den 
«Briefen iiber die asthetische Erziehung des Menschen».Wie der Mensch 
seine Seele iiber sich selber hinausfiihrt, von dem gewohnlichen Stand 
des Lebens zu einem hoheren Stand des Lebens, das war fur Schiller die 
grofte Frage. Der Mensch steht auf der einen Seite in der sinnlichen 
Natur, sagte sich Schiller, auf der anderen Seite steht er der logischen 



Welt gegeniiber. In beiden ist er nicht frei. Frei wird er als asthetisch 
Genieftender und asthetisch Schaffender, wo die Gedanken so werden, 
dafi sie keinem logischen Zwang unterliegen, sondern dem Geschmacke 
und der Neigung, wo sie aber frei sind zugleich von der Sinnlichkeit. 
Einen mittleren Zustand forderte Schiller. Zu dem Gebildetsten, das in 
der Menschheitsentwickelung geschrieben worden ist, gehoren diese 
Briefe «Ober die asthetische Erziehung des Menschen». Es war aber 
eine Frage, es war ein Menschenratsel, das er sich zusammen mit Goethe 
vor die Seele gefuhrt hat. 

Goethe konnte nicht philosophisch in abstrakten Ideen eingehen auf 
dieses Problem, wie Schiller das konnte; Goethe muftte sich dieses Pro- 
blem lebendig vornehmen. Und er loste dieses Problem in einer um- 
fassenden Weise in seiner Art so, wie er es hinstellte in dem Marchen 
von der griinen Schlange und der schonen Lilie. Wie Schiller philoso- 
phisch zeigen wollte, wie der Mensch vom gewohnlichen Leben auf- 
steigt zu einem hoheren Leben, so wollte Goethe durch das Zusammen- 
wirken der Geisteskrafte in der menschlichen Seele in dem Marchen von 
der griinen Schlange und der schonen Lilie zeigen, wie der Mensch sich 
seelisch entwickelt aus dem alltaglichen Seelenleben zu einem hoheren 
Seelenleben. Was bei Schiller philosophisch abstrakt zutage trat, das 
gestaltete Goethe in grofiartiger Weise anschaulich in diesem Marchen, 
das er anfiigte einer Beschreibung des aufteren Lebens in seinem novel- 
listischen, romanartigen Werke: «Unterhaltungen deutscher Ausgewan- 
derter».Wirklich, da lebte in dem lebendigen Verkehre zwischen Goethe 
und Schiller alles auf, was der Mensch sich an Ratselfragen des Lebens 
stellen konnte mit Bezug auf dasjenige, was in der Frage, in der Sehn- 
suchtliegt: 

Schau' alle Wirkenskraft und Samen, 
Und tu 5 nicht mehr in Worten kramen. 

Wer sich wirklich einiafit auf dasjenige, was zwischen Goethe und 
Schiller sich abspielte, einlafit auf dasjenige, was in Schillers Geist lebte, 
in Goethes Geist lebte in der damaligen Zeit, der hat in dem noch nicht 
anerkanntes, noch nicht genug wirksam gewordenes Geistesgut, in dem 
konzentriert ist das Streben des fiinften nachatlantischen Zeitraums in 



ganz aufterordentlicher Weise. All das, was die beiden dazumal bewegte, 
in der Art und Weise, wie Schiller das Menschenratsel philosophisch in 
seinen « Asthetischen Briefen» zu losen versuchte, in der Art und Weise, 
wie Goethe sich an die Farbenwelt heranmachte in der damaligen Zeit, 
um Newton entgegenzutreten, in der Art und Weise, wie Goethe die 
Entwickelung der menschlichen Seele in dem Marchen von der griinen 
Schlange und der schonen Lilie darbietet: das alles sind umfassende 
Fragen, die, wie es scheint, dazu verurteilt waren, zunachst nur bei 
wenigen zu leben. Denn indem wir bis hierher zunachst die Tatsachen 
anfuhren wollten, welche sich auf Goethes Leben beziehen, raufi doch 
darauf aufmerksam gemacht werden, wie heute viele von Goethe reden, 
glauben, von Goethe reden zu konnen, wie aber auch diese Goethe-Zeit 
als eine Zeit der Vergangenheit vielen doch auch «ein Buch mit sieben 
Siegeln» ist. Und man mochte sagen, dafi es in einem gewissen Sinne 
sogar entziickend ist, wenn einmal jemand ehrlich ist in dieser Bezie- 
hung. Es ist ja gewift philistros gewesen, als Du Bois-Reymond seine 
Rede gehalten hat, der beriihmte Naturforscher Du Bois-Reymond: 
«Goethe und kein Ende». Derselbe Mann, der die «Grenzen des Natur- 
erkennens» vorgezeichnet hat, der so viele bedeutsame physiologische 
Entdeckungen gemacht hat, er hat, als er Rektor an einer Universitat 
war, seine Rede gehalten: «Goethe und kein Ende». Sie ist philistros, 
denn sie entspringt aus der Gesinnung: Ja, da reden so viele Leute von 
dem, der doch nur ein Dilettant war, von Goethe, der iiberall herum- 
dilettiert hat: von dem reden die Leute. Was haben wir doch eigentlich 
seither alles gewonnen, was Goethe selbstverstandlich nicht kannte: 
Zellenlehre, Elektrizitatslehre, Fortschritte der Physiologie! - All das 
stand vor DuBois-Reymonds Seele. Was war dagegen Goethe! Und da 
reden die Leute von dem Faust, den Goethe hingestellt hat, reden so, 
wie wenn Goethe - meint Du Bois-Reymond - wirklich ein Ideal von 
Menschheit hingestellt hatte. Und Du Bois-Reymond kann das nicht 
finden, dafi Goethe gerade ein Ideal von Menschheit hingestellt hat, 
denn er sagt: Ware es denn eigentlich nicht besser gewesen, Faust grower 
zu machen, als Goethe ihn gemacht hat, nutzlicher fur die Menschheit? 
Da stellt Goethe einen Jammerkerl hin - den Ausdruck gebraucht 
Du Bois-Reymond nicht, aber ungefahr so ist doch all das, was er sagt -, 



einen Jammerkerl, der nicht mit seinem eigenen Inneren fertig werden 
kann. Und dann, sagt er, ware Faust ein ganzer Kerl gewesen, dann 
hatte er Gretchen ehrlich geheiratet, nicht verfiihrt, hatte die Elektri- 
siermaschine und die Luftpumpe erfunden und ware ein ordentlicher 
Professor von Beruhmtheit geworden. Das sagt er schon wortlich, daft 
der Faust, wenn er ein ordentlicher Mensch gewesen ware, Gretchen 
ehrlich geheiratet, nicht verfiihrt hatte blofi, die Elektrisiermaschine 
und die Luftpumpe. erfunden, der Menschheit Dienste geleistet hatte 
und nicht ein so verlottertes Genie geworden ware, das in allerlei spiri- 
tistischen Unfug sich eingelassen hat. 

Es ist gewift philistros, solch eine Rektoratsrede, wie man sie horen 
konnte am Ende des 19. Jahrhunderts, aber sie ist wenigstens ehrlich. 
Und man mochte, dafi viel ofter solche Ehrlichkeit auftritt, denn sie ist 
doch entziickend, weil sie der Wahrheit entspricht, wahrend verlogen, 
dreimal verlogen vieles von dem ist, was die Leute an Begeisterung fur 
Faust und Goethe aufbringen, Leute, die doch nur «froh sind, wenn sie 
Regenwurmer finden». Denn solche Zitate aus Goethe, wie man sie 
heute vielfach hort, sind ja auch nur geistige Regenwurmer, wenn es 
auch Goethe-Worte sind. 

Gerade an dem Verhaltnis unserer Zeit zu einem solchen Geist wie 
Goethe, kann man vielfach das tief Unwahre dieser Zeit studieren.Und 
gar mancher, der nichts weiter tut, als «in Worten kramen», kramt 
eben auch in Goethe- Worten, wahrend in Goethes Weltanschauung 
etwas liegt, was hineinfuhrt in all das, was aufgehen mufi in der zu- 
kiinftigen Entwkkelung der Menschheit und was sich, wie wir schon 
andeuteten, wohl mit Geisteswissenschaft nicht nur verbindet, sondern 
was schon immer durch seine eigeneNatur mit Geisteswissenschaft ver- 
bunden ist. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 5. November 1916 



Eigentlich ist ja die Absicht, wie Sie aus dem Angedeuteten schon ver- 
nommen haben, in diesem Vortrage jetzt zu einem Verstandnis des ein- 
zelnen Karmas des Menschen zu fiihren und des Gesamtkarmas unserer 
Zeit im weiteren Sinne. Aber das menschliche Leben, gerade wenn man 
es so betrachten will, wie es jeden einzelnen angeht, ist aufterordentlich 
kompliziert, und viele Faden, die den Menschen an die Welt, an eine 
nahere oder fernere Vergangenheit kniipfen, mull man verfolgen, wenn 
man die Frage nach seinem Schicksal beantworten will. Das macht es 
vielleicht erklarlich, warum ich, wahrend ich eigentlich etwas uns ganz 
Naheliegendes, jedem Menschen ganz Naheliegendes auseinandersetzen 
will, gerade jetzt weite Umwege mache und Betrachtungen, die gewis- 
sermaften ihr Licht hereinwerfen sollen in das enge Daseinsstiibchen 
jedes einzelnen, ankniipfe an ein weltgeschichtlich bedeutsames Erden- 
leben: an Goethes Erdenleben. Ist uns doch Goethes Erdenleben zu- 
ganglich in bezug auf sehr, sehr viele Einzelheiten. Liegt nun natiirlich 
auch selbstverstandlich jedes Menschenleben sehr weit ab mit Bezug auf 
sein Schicksal von dem Schicksalsgang eines so vorbildlichen,welthisto- 
rischen Geistes, so ist es doch moglich, gerade an der Betrachtung eines 
solchen Lebens Gesichtspunkte zu gewinnen fur jeden einzelnen von 
uns. Daher wollen wir es uns nicht verdrieften lassen, diese Ankniipf un- 
gen, die wir gestern begonnen haben, gerade mit Bezug auf unsere spe- 
ziellen Fragen, zu denen wir immer mehr und mehr kommen werden, 
noch ein wenig auszudehnen. 

Wenn man so verfolgt Goethes Leben, wie es viele, die seine Biogra- 
phen sein wollen, bis heute schon getan haben, so achtet man gar nicht 
darauf , wie der Mensch geneigt ist, in einer raschen Weise Wirkung mit 
Ursache zu verknupfen. Sehen Sie, Naturwissenschafter werden schon 
heute immer wieder und wiederum darauf verweisen, daft der Mensch 
viele Irrtiimer begeht, wenn er schnell-fertig das «Nach einem Ding 
und eben deshalb aus diesem Ding heraus» zu seinem Grundsatze macht, 
dieses «Post hoc, ergo propter hoc» : weil etwas auf einanderfolgt, miisse 



es wie die Wirkung aus der Ursache hervorgehen. Man tadelt es auf 
naturwissenschaftlichem Gebiet. Auf dem Gebiete der Betrachtung des 
Menschenlebens ist man noch nicht so weit gekommen, diesen Grundsatz 
auch griindlich abzulehnen. Gewisse wilde Menschen, die zu den Kam- 
tschadalen gehoren, glauben, dafi die Bachstelzen oder ahnliche Vogel 
den Friihling bringen, weil der Friihling auf deren Kommen folgt. So 
schliefk der Mensch iiberhaupt sehr haufig: Das, was auf etwas anderes 
folgt, geht aus diesem andern hervor. - Man lernt kennen aus Goethes 
eigenen Beschreibungen, also aus den Beschreibungen eines besonders 
iiber die Menschheit hinleuchtenden Menschenlebens, daft Goethe die- 
sen Vater, diese Mutter gehabt hat, die Dinge durchgemacht hat in sei- 
ner Jugend, die er uns ja selber mitteilt, und man leitet dann dasjenige, 
was er spater im Leben getrieben hat, wodurch er der Menschheit so 
wichtig geworden ist, aus diesen Jugendeindriicken biographisch ab, 
ganz nach dem Grundsatze, daft, weil irgend etwas auf ein anderes folgt, 
so miisse es auch aus diesem anderen hervorgehen. Es ist das nicht ge- 
scheiter, als wenn man glaubt, daft der Friihling von den Bachstelzen 
gebracht wird. Auf naturwissenschaftlichem Gebiete hat man einen 
solchen Aberglauben scharf getadelt, auf geisteswissenschaftlichem Ge- 
biete mull man erst noch so weit kommen. Man erklart allerdings sehr 
schon, dafi Goethe in verhaltnismafiig fruhen Jahren, im Knabenalter 
noch, als in seinem Vaterhause franzosische Einquartierung war, wah- 
rend Frankfurt von den Franzosen besetzt war, erlebte, wie der be- 
riihmte Konigsleutnant Thoranc Theaterauffiihrungen dort veranstal- 
tete, wie er Maler beschaftigte, und wie dadurch Goethe fast noch 
als Kind in Beriihrung kam mit der Malerei, in Beruhrung kam mit 
der theatralischen Kunst, und man leitet dann Goethes Hinneigung 
zur Kunst in der spateren Zeit aus solchen Jugendeindriicken leicht- 
hin ab. 

Allerdings, man sieht gerade bei Goethe von friihester Jugend an 
scharf sein vorgezeichnetes Karma wirken. Ist es nicht ein besonders 
hervorstechender Zug in Goethes ganzem Leben, wie er Kunstanschau- 
ung, Weltanschauung mit Naturanschauung verbindet, wie er gewisser- 
mafien iiberall hinter der kiinstlerischen Phantasie das Streben hat nach 
der Erkenntnis der Wahrheit in den Naturerscheinungen? Und sehen 



wir nicht eben wie ein scharf vorgezeichnetes Karma den Knaben be- 
reits, den sechs-, siebenjahrigen Knaben, zusammentragen Mineralien, 
geologische Stufen, die er findet in der Mineralien- und Gesteinssamm- 
lung seines Vaters, urn sie auf ein Notenpult zu legen und dem groften 
Gott der Natur einen Altar zu machen? Ja, wie er ein Raucherkerzchen 
auf diesem aus Naturprodukten zusammengestellten Altar befestigt 
und sich Licht nun nicht auf die gewohnliche mechanische Weise macht, 
sondern mit einem Brennglas die Strahlen der ersten Morgensonne, 
gerade der ersten Morgensonne auffangt, um sie durch das Brennglas 
auf das Raucherkerzchen fallen zu lassen und so an den Strahlen der 
Morgensonne ein Feuer sich zu entziinden, das er dem groften Gotte der 
Natur darbringt. Wie groftartig, und zu gleicher Zeit wie groftartig 
schon sehen wir in dem sechs-, siebenjahrigen Knaben den Sinn hinge- 
richtet auf dasjenige, was als Geist in den Naturerscheinungen lebt und 
webt! Da sehen wir - da ja ganz gewift dieser Zug, wenn man so sagen 
will, aus einer ursprunglichen Anlage gekommen sein mufi, nicht aus 
derUmgebung herstammen kann wie dasjenige, was er hereingetragen 
hat in diese Inkarnation, bei diesem Menschen gerade mit besonders 
starker Kraft gewirkt hat. 

Wenn man die Zeit betrachtet, in die Goethe in seiner damaligen 
Inkarnation hereingeboren worden ist, so wird man ein merkwiirdiges 
Zusammenstimmen seiner Natur mit den Zeitereignissen finden. Man 
ist ja gewifi nach heutiger Weltauffassung vielfach geneigt zu sagen: 
Nun ja, das was Goethe geschaffen hat, dieser «Faust», das andere, was 
zur Erhebung, zur geistigen Durchdringung der Menschheit von Goethe 
ausgegangen ist, das ist eben gekommen, weil es Goethe nach seinen An- 
lagen gemacht hat. - Es ist freilich schwieriger, bei solchen Dingen, wie 
sie durch Goethe der Menschheit gegeben worden sind, zu erharten, daft 
seine Schopfungen nicht in diesem einfachen Sinne an seine Person ge- 
bunden sein konnen. Aber iiberlegen Sie sich einmal etwas anderes. 
Uberlegen Sie sich, wie kurzsinnig gegeniiber gewissen Erscheinungen 
des Daseins manche Betrachtungsweise ist, die glaubt, sich griindlich 
auf die Wahrheit einzulassen. Sie konnen in meinem letztenBuche «Vom 
Menschenratsel» de Lamettries Ausspruch finden, dafi Erasmus von 
Rotterdam und Fontenelle zum Beispiel ganz andere Menschen gewor- 



den waren, wenn auch nur irgendeine kleine Partie in ihrem Gehirn 
anders gewesen ware. Man mufi nach einer solchen Denkweise anneh- 
men, daft also alles dasjenige, was Erasmus, was Fontenelle geschaffen 
haben, nicht da ware in der Welt, wenn, wie de Lamettrie meint, Eras- 
mus und Fontenelle durch eine nur geringe andersartige Beschaffenheit 
ihres Gehirnes statt Weise Toren geworden waren. Nun, mochte ich 
sagen, langt es in einer gewissen Beziehung fur solche Dinge, wie sie 
Erasmus, Fontenelle geschaffen haben. Aber iiberlegen Sie sich dasselbe 
mit Bezug auf einen anderen Fall. Kdnnen Sie sich zumBeispiel denken, 
dafS die Entwickelung der neueren Menschheit hatte ablaufen konnen, 
ohne daft Amerika entdeckt worden ware? Stellen Sie sich einmal vor, 
was alles eingeflossen ist in das Leben der modernen Menschheit durch 
die Entdeckung Amerikas! Konnte man nun als Materialist sagen, daft 
Kolumbus ein anderer geworden ware, wenn sein Gehirn ein bifichen 
anders gewesen ware und er ein Tor statt Kolumbus geworden ware, 
und dal$ dann der Kolumbus nicht Amerika entdeckt hatte? Gewift, 
das kann man sagen, geradeso wie man sagen kann, Goethe ware nicht 
Goethe geworden, Fontenelle nicht Fontenelle, Erasmus nicht Erasmus, 
wenn zum Beispiel ihre Mutter wahrend der Zeit, als die Betreffenden 
noch nicht geboren waren, ein Ungliick gehabt hatten und sie tot zur 
Welt gekommen waren. Aber nimmermehr konnen wir denken, daft 
Amerika nicht entdeckt worden ware, wenn Kolumbus es nicht hatte 
entdecken konnen. Sie werden es ziemlich selbstverstandlich finden, 
daft Amerika auch entdeckt worden ware, wenn Kolumbus einen Ge- 
hirndefekt gehabt hatte! 

So werden Sie gar nicht zweifeln konnen, daft ein anderes der Gang 
der Weltenereignisse ist und ein anderes der Anteil des einzelnen an 
diesen Weltenereignissen, und Sie werden nicht zweifeln konnen, daft 
die Weltenereignisse selber sich aufrufen diejenigen menschlichen Indi- 
viduen, die durch ihr Karma fur dies oder jenes, was die Weltenereig- 
nisse fordern, besonders geeignet sind. Bei Amerika laftt es sich sehr 
leicht ausdenken. Aber fur den Tieferblickenden ist es auch nicht anders, 
sagen wir zum Beispiel, mit Bezug auf die Entstehung des «Faust». Man 
miiftte wirklich an den vollstandigenUnsinn im Wei ten werden glauben, 
wenn man denken sollte, es hatte keine Notwendigkeit vorgelegen, daft 



solch eine Dichtung wie der «Faust» entstanden ware, auch wenn das 
eingetreten ware, was der Materialist so gerne betont: dafi Goethe viel- 
leicht als fiinf jahrigem Knaben ein Ziegel auf den Kopf gefallen ware 
und er ein Blodling geworden ware. Wer die Entwickelung des Geistes- 
lebens in den Jahrzehnten bis zu Goethe hin verfolgt, der wird sehen, 
wie der «Faust» wirklich eine Forderung der Zeit war. Lessing ist ja 
der charakteristische Geist, der einen «Faust» schreiben wollte, sogar 
eine Szene, die sehr schon ist, schon geschrieben hatte. Nicht blofi 
Goethes subjektive Bediirfnisse forderten den «Faust», die Zeit forderte 
den «Faust»! Und fur einen Tieferblickenden ist es eben wirklich so, 
daft man sagen kann, ein ahnlicher Zusammenhang wie zwischen Ko- 
lumbus und der Entdeckung Amerikas mit Bezug auf den welthistori- 
schen Gang der Ereignisse, ist auch zwischen Goethes Schopfungen und 
Goethe selber. 

Ich sagte, betrachtet man das Zeitalter, in das Goethe hineingeboren 
ist, so merkt man schon einen gewissen Zusammenklang zwischen der 
Individuality Goethes und diesem Zeitalter, und zwar diesem Zeit- 
alter in weitestem Umkreise. Bedenken Sie, daft trotz aller grofien Ver- 
schiedenheiten - wir werden gleich auf die Sache noch zuruckkom- 
men - doch etwas sehr Ahnliches in den beiden Geistern, in Goethe und 
Schiller ist, um andere, weniger Bedeutende um sie herum gar nicht zu 
erwahnen. Bedenken Sie, wie vieles von dem, was wir gerade bei Goethe 
aufleuchten sehen, wir auch in Herder aufleuchten sehen. Aber man 
kann viel weiter gehen. Wenn man Goethe ansieht, tritt es vielleicht 
nicht gleich hervor; darauf wollen wir eben gleich zuruckkommen. 
Aber wenn man Schiller ansieht, wenn man Herder ansieht, Lessing 
ansieht, so wird man sagen: Zwar ist ihr Leben anders geworden, aber 
in den Tendenzen, in den Impulsen lebt bei Goethe, bei Schiller, bei 
Herder, bei Lessing durchaus ein Stuck Seelenanlage, durch die sie 
hatten unter anderen Verhaltnissen ebensogut ein Mirabeau,em Danton 
werden konnen. Sie stimmen wirklich mit ihrem Zeitalter zusammen. 
Bei Schiller wird es sich ja gar nicht so schwer nachweisen lassen, denn 
Schillers Gesinnung wird niemand, insofern Schiller der Dichter der 
«Rauber», des «Fiesko», der «Kabale und Liebe» war, sehr weit ab- 
stechend sehen von der Gesinnung eines Mirabeau oder Danton oder 



selbst Robespierre. Nur daft Schiller dieselben Impulse, die Danton, 
Robespierre, Mirabeau in ihre politischen Tendenzen haben hinein- 
flieften lassen,ins Literarische, ins Kunstlerische flieften lieft. Aber,man 
mochte sagen, in bezug auf dasSeelenblut, das dieWeltgeschichte durch- 
pulst, flieftt in den «Raubern» genau dasselbe Seelenblut wie in den 
Taten Dantons, Mirabeaus und Robespierres, und es floft dieses selbe 
Seelenblut aber auch in Goethe, wenn man auch zunachst sich vorstel- 
len mochte, daft Goethe recht, recht weit von einem Revolutionar ent- 
f ernt ist. Das ist er aber gar nicht, das ist er durchaus nicht. Nur kommt 
bei dieser komplizierten Natur, bei der Natur Goethes, eben auch eine 
besondere Komplikation von karmischen Impulsen, von Schicksals- 
impulsen zustande, welche ihn schon in fruhester Jugend in einer ganz 
besonderen Weise in die Welt hineinstellen. 

Wenn man mit geisteswissenschaftlichem Blick das Leben Goethes 
verfolgt, so teilt es sich zunachst, wenn man von allem iibrigen absieht, 
in gewisse Perioden ab. Die erste Periode verlauft so, daft man sagen 
kann, es flieftt ein Impuls, den man schon in seiner Kindheit findet, 
weiter. Dann kommt etwas von auften, das seinen Lebensstrom schein- 
bar ablenkt: die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar 17 7 5. Und 
dann wiederum sehen wir, wie ihn in eine andere Lebensbahn bringt 
sein Aufenthalt in Rom, wie Goethe ein ganz anderer wird dadurch, 
daft er romisches Leben in sich aufnehmen kann. Wollte man noch ge- 
nauer darauf eingehen, so kbnnte man sagen: ein dritter Impuls, der 
wie von auften kommt - aber das wiirde, wie wir sehen werden, nicht 
ganz richtig sein im geisteswissenschaftlichen Sinne -, ware das freund- 
schaftliche Zusammenleben mit Schiller, nachdem er seine romische 
Verwandlung durchgemacht hat. 

Studiert man den erstenTeil von Goethes Leben bis zum Jahre 1775, 
dann findet man als Ergebnis, daft allerdings - wenn man auch die Er- 
eignisse aufmerksamer betrachten mufi, als man dies gewohnlich tut - 
in diesem Goethe eine machtige revolutionare Stimmung lebt, eine Auf- 
lehnung gegen dasjenige, was in seiner Umgebung ist. Nur verteilt sich 
gewissermaften seine Natur iiber vieles. Und dadurch, daft der Auf- 
lehne-Impuls nicht so stark hervortritt wie dann, wenn er sich konzen- 
triert wie in Schillers «Rauber», sondern sich mehr verbreitet, tritt die 



Sache weniger stark hervor. Aber derjenige, der geisteswissenschaftlich 
auf Goethes Knaben- und Jugendleben einzugehen vermag, der findet, 
daft in ihm eine geistige Lebenskraft sitzt, die er sich durch seine Geburt 
in sein Dasein tragt, die, wenn nicht gewisse Ereignisse eingetreten 
waren, ihn nicht durch sein ganzes Leben hatte begleiten konnen. Das- 
jenige, was in ihm als Goethe-Individualitat lebte, war weit grofter 
als dasjenige, was sein Organismus wirklich aufnehmen und ausleben 
konnte. 

Bei Schiller ist das ri^ndgreiflich. Wenn man solch Handgreifliches 
heute fiihlen konnte, so wiirde man es schon finden. Schillers friiher 
Tod riihrte von nichts anderem her als davon, dafi sein Organismus 
verbrannt wurde durch seine machtige seelische Lebenskraft. Hand- 
greiflich ist es. Ist es doch bekannt, dafi, als Schiller gestorben war, man 
fand, dafi sein Herz wie ausgedorrt in seinem Innern war. Nur durch 
seine machtige Seelenkraft hielt er sich eben, solange es ging, aber diese 
machtige Seelenkraft verzehrte zugleich das leibliche Leben. Bei Goethe 
war diese Seelenkraft noch starker, und doch erreichte Goethe ein hohes 
Alter. Wodurch erreichte er ein so hohes Alter? 

Sehen Sie, ich habe Ihnen gestern eine Tatsache erwahnt, welche in 
Goethes Leben ganz bedeutungsvoll eingreift. Als er einige Jahre in 
Leipzig Student gewesen war, da wird er krank, schwer krank und 
steht dem Tode gegenuber. Er schaut wirklich sozusagen dem Tode ins 
Angesicht. Diese Krankheit ist ja gewifi eine organische Naturerschei- 
nung, aber man lernt nie einen Menschen, der aus dem Elementarischen 
der Welt heraus schafft, eigentlich uberhaupt keinen Menschen kennen, 
wenn man solche Ereignisse nicht im Verlauf ihresKarmas inErwagung 
zieht. Was geschah denn eigentlich mit Goethe, als er so in Leipzig 
krank war? Das geschah, was man nennen kann eine vollige Lockerung 
des atherischen Leibes, in dem die seelische Lebenskraft wirksam ge- 
wesen war bis dahin. Der lockerte sich so, dafi nach dieser Krankheit 
Goethe nicht mehr jenen strammen Zusammenhang hatte zwischen dem 
atherischen Leib und dem physischen Leib, den er vorher gehabt hatte. 
Der atherische Leib ist aber dasjenige Obersinnliche in uns, was uns 
eigentlich moglich macht,Vorstellungen zu haben, zu denken. Abstrakte 
Vorstellungen, wie wir sie im gewohnlichen Leben haben, wie sie die 



meisten Menschen, die materialistisch gesinnt sind, allein lieben, hat 
man dadurch, dafi der atherische Leib eng verbunden ist mit dem phy- 
sischen Leib, gewissermafien durch ein starkes magnetisches Band mit 
dem' physischen Leib verbunden ist. Dadurch aber, dafi dies der Fall ist, 
hat man auch den starken Impuls, seinen Willen in die physische Welt 
hineinzutragen. Man hat diesen Impuls mit dem Willen, wenn aufier- 
dem der astralische Leib besonders stark entwickelt ist. Sehen wir hin 
nach Robespierre, nach Mirabeau, nach Danton, so haben wir einen mit 
dem physischen Leib stark verbundenen Atherleib, aber auch einen 
stark entwickelten Astralleib, der seinerseits auf den Atherleib wirkt 
und diese Menschenindividualitaten stark in die physische Welt hinein- 
stellt. 

So war auch Goethe organisiert. Aber nun wirkte in ihm eine andere 
Kraft, die eine Komplikation hervorbrachte. Die wirkte dahin, dafi der 
atherische Leib durch die Krankheit, die ihn dem Tode ganz nahe 
brachte, sich lockerte und gelockert blieb. Dadurch aber, dafi der Ather- 
leib nicht mehr so innig mit dem physischen Leib verbunden ist, stofit 
er nicht mehr seine Krafte in den physischen Leib hinein, sondern be- 
halt sie innerhalb des Atherischen. Daher diese Umwandlung, die mit 
Goethe vorgegangen ist, als er nun zuriickkehrte von Leipzig nach 
Frankfurt, wo er in der Bekanntschaft mit Fraulein von Klettenberg, 
der Mystikerin, in der Bekanntschaft mit allerlei arztlichen Freunden, 
i die sich alchimistischen Studien hingaben, in der Bekanntschaft mit den 
Schriften Swedenborgs sich wirklich ein geistiges Weltsystem, noch 
chaotisch, aber immerhin ein spirituelles Weltsystem aufbaut, wie er 
auch eine innigste Neigung hat, sich mit ubersinnlichen Dingen zu be- 
fassen. Das aber hangt zusammen mit seiner Krankheit. Und die Seele, 
die sich hereintrug in dieses Erdenleben die Anlage zu dieser Krankheit, 
die trug damit den Impuls herein, sich durch diese Krankheit den 
Atherleib so zuzubereiten, dafi dieser Atherleib sich nicht blofi im Phy- 
sischen auslebte, sondern den Drang, und nicht nur den Drang, sondern 
die Begabung erhielt, mit ubersinnlichen Vorstellungen sich zu durch- 
dringen. Solange man blofi die aufieren biographischen Tatsachen nach 
materialistischer Manier betrachtet fiir irgendeinen Menschen, kommt 
man nicht darauf, welch feine Zusammenhange in der Schicksalsstro- 



mung eines Menschen sind. Erst wenn man sich einlafit auf den Zu- 
sammenklang von Naturereignissen, die unseren Organismus treffen, 
wie die Krankheit bei Goethe eines war, mit dem, was ethisch, mora- 
lisch, spirituell zum Vorschein kommt, dann erst bekommt man die 
Moglichkeit, die tiefe Wirkung des Karmas zu ahnen. 

Die revolutionare Kraft ware bei Goethe sicherlich so zum Vor- 
schein gekommen, dafi sie ihn friih verzehrt hatte. Da ja in seinem 
Milieu ein Ausleben der revolutionaren Kraft aufierlich nicht moglich 
gewesen ware und Goethe nicht Dramen hatte schreiben konnen wie 
Schiller, so hatte er sich verzehren miissen. Sie wurde abgeleitet durch 
dieLockerung des Zusammenhanges, des magnetischenBandes zwischen 
seinem atherischen Leib und dem physischen Leib. 

Da sehen Sie, wie ein Naturereignis in das Leben eines Menschen 
bedeutsam hereintritt. Gewifi, so etwas weist auf einen tieferen 
Zusammenhang hin, als derjenige ist, den oftmals die Biographen 
allein an die Oberflache tragen wollen. Denn die Bedeutung einer 
Krankheit fur das ganze individuelle Erleben eines Menschen lafit sich 
nicht aus Vererbungstendenzen heraus erklaren, sondern die weist schon 
auf den Zusammenhang eines Menschen mit der Welt so hin, dafi dieser 
Zusammenhang geistig gedacht werden mufS. Sie merken daraus auch, 
wie Goethes Leben sich komplizierte. Denn davon hangt es ab, wie 
wir etwas aufnehmen, wie wir selber sind. 

Jetzt kommt er gewissermafSen mit einem von okkulten Erkennt- 
nissen erfiillten atherischen Leib nach Strafiburg. Und so tritt er Herder 
entgegen. Herders grofie Anschauungen muflten in Goethe etwas ganz 
anderes werden als in Herder selber, der nicht die gleichen Bedingungen 
in seiner feineren Konstitution hatte. Solch ein Ereignis, wie es dieses 
Gegeniibertreten demTode war, tritt bei Goethe ein Ende der sechziger 
Jahre in Leipzig, aber es ist seiner Kraft nach vorbereitet schon lange. 
Und derjenige, der eine solche Krankheit aus aufteren Ereignissen her- 
leiten will oder aus blofi physischen Ereignissen, der steht eben auf 
geistigem Gebiete noch nicht auf demselben Standpunkt, auf dem der 
Naturforscher steht: dafi dasjenige, was nachfolgt, nicht unmittelbar 
als eine Wirkung angesehen werden darf desjenigen, auf das es folgt. 
Es war also in Goethe dieses gewissermafien Sich-Isolieren von der Welt 



durch diesen Zusammenhang zwischen physischem Leib und Atherleib, 
der nur seine Krisis erreichte durch die Krankheit, immer da. 

Auf jemanden, bei dem ein kompakter Zusammenhang ist zwischen 
physischem und Atherleib, wirkt die Auflenwelt ein, aber indem sie 
Eindriicke macht auf den physischen Leib, gehen die Eindrucke gleich 
in den Atherleib liber, das ist eins; und der lebt dann mit den Ein- 
driicken der Auftenwelt einfach flott mit. Bei einer solchen Natur wie 
Goethe es war, werden die Eindrucke selbstverstandlich auf den phy- 
sischen Leib gemacht, aber der Atherleib geht nicht gleich mit, weil er 
gelockert ist. Die Folge davon ist, dafi gewissermafien ein solcher 
Mensch isolierter sein kann gegeniiber seiner Umgebung, daft ein kom- 
plizierterer Vorgang vorliegt, wenn ein Eindruck auf seinen physischen 
Leib gemacht wird. Riicken Sie sich hiniiber von diesem organischen 
Bau Goethes zu dem, was Sie aus seiner Biographie kennen: daft er die 
Ereignisse, auch die historischen Ereignisse, gewissermaften ohne sie zu 
vergewaltigen, auf sich wirken laftt, dann haben Sie sich Verstandnis 
geschaffen fur das eigentiimliche Waken der Goethe-Natur. Ich sagte 
Ihnen: er nimmt die Biographie des Gottfried von Berlichingen, laftt 
sich nur beeinflussen von Shakespeares dramatischen Impulsen und 
veranderte gar nicht viel die nicht besonders gut geschriebene Selbst- 
biographie des Gottfried von Berlichingen, so daft er sein Drama auch 
nicht «Drama» nennt, sondern «Geschichte Gottfriedens von Berli- 
chingen mit der eisernen Hand, dramatisiert»; er verandert nur etwas. 
Sehen Sie, dieses, ich mochte sagen, sanfte und zaghafte Anriihren der 
Dinge, so daft er nicht gewaltsam zufaftt, das ist bewirkt durch diesen 
ganz besonderen Zusammenhang zwischen Atherleib und physischem 
Leib. 

Dieser Zusammenhang war bei Schiller nicht vorhanden. Daher stellt 
er solche Gestalten hin, die er wahrhaftig nicht auf einen aufieren Ein- 
druck hin hingestellt hat, sondern die er ganz gewaltsam aus seiner Na- 
tur heraus formt: Karl Moor. Goethe braucht die Wirkung des Lebens. 
Aber das Leben vergewaltigt er nicht; er hilft nur leise nach, um das 
Leben zum Kunstwerk zu erheben. So ist es auch, als die Lebens- 
verhaltnisse an ihn herantreten, die er dann im «Werther» gestaltet hat. 
Eigene Lebensverhaltnisse, Lebensverhaltnisse seines Freundes Jerusa- 



lem, sie biegt er nicht, formt er nicht viel, sondern er nimmt das Leben 
und hilft nur nach. Und durch die sanfte Art ? wie er nachhilft eben 
aus seinem Atherleib heraus, wird aus dem Leben ein Kunstwerk. Aber 
er kommt durch dieselbe Organisation dem Leben auch, ich mochte 
sagen, nur mittelbar nahe und bereitet sich in dieser Inkarnation sein 
Karma durch dieses nur mittelbare Nahekommen dem Leben. 

Er kommt nach Strafiburg. Aufter dem, was er erlebt hat, was ich 
Ihnen gestern erzahlt habe, was ihn vorwartsbrachte auf seiner Goethe- 
Laufbahn, erlebte er ja, wie Sie wissen, in Straftburg auch die Herzens- 
beziehung zu der Pfarrtochter in Sesenheim, zu Friederike Brion. Er ist 
sehr, sehr mit seinem Herzen in diesem Verha ltnisse drinnen,und gewift, 
man kann mancherlei moralische Bedenken gegen den Verlauf dieses 
Verhaltnisses zwischen Goethe und Friederike von Sesenheim geltend 
machen, die auch berechtigt sein mogen. Darauf kommt es jetzt nicht 
an, sondern auf das Verstandnis kommt es an. Goethe macht schon 
wirklich alles dasjenige durch, was eben bei jemandem, der nicht Goethe 
gewesen ware, nicht nur hatte fiihren miissen, sondern selbstverstand- 
lich gefuhrt hatte zu einer dauernden Lebensgemeinschaft mit Friede- 
rike Brion. Aber Goethe erlebt nicht unmittelbar. Durch dasjenige, was 
ich Ihnen erzahlt habe, ist zwischen seinem besonderen Innern und 
zwischen der Auftenwelt eine Art Kluft geschaffen. So wie er das Le- 
bendige der Auften welt nicht vergewaltigt, sondern nur sanft umformt, 
so bringt er gewissermaften auch sein Fiihlen und Empfinden, wie er es 
nur in seinem Atherleibe erleben kann, nicht durch den physischen Leib 
gleich zu einem solch festen Zusammenhang mit der Auftenwelt, daft 
bei ihm dasjenige, was bei anderen zu ganz bestimmten Lebensereig- 
nissen gefuhrt hatte, auch dazu hatte fiihren konnen. Und so zieht er 
sich wieder zunick von Friederike Brion. Aber man soil nur so etwas 
seelisch nehmen. Als er ein letztes Mai hinausreitet, begegnet er auf dem 
Ruckwege-Sie konnen das in seiner Biographie nachlesen-sich selber. 
Goethe kommt Goethe entgegen. Goethe erzahlt es ja noch viel, viel 
spater, wie er sich dazumal selber begegnete. Goethe kommt Goethe 
entgegen. Er sieht sich selber. Er reitet hinaus, entgegen kommt ihm auf 
dem Riickwege Goethe, aber nicht in der Kleidung, die er anhat, son- 
dern in einer anderen Kleidung. Und als er spater, nach Jahren wieder- 



urn dahin kommt, die alten Bekannten aufsucht, da erkennt er, daft er 
wirklich in dem Kostiim, ohne daft er es gesucht hat, das er vor Jahren 
voraus an sich gesehen hat, als er sich begegnete, wieder hinausging. 
Das ist ein Ereignis, an das man mit derselben Kraft glauben muft, mit 
der man irgend etwas anderes glaubt, was Goethe erzahlt. Daran zu 
makeln, das, mochte ich sagen, geziemt sich nicht gegeniiber der Wahr- 
heitsliebe, mit der Goethe sein Leben dargestellt hat. 

Wie kommt es denn, daft Goethe, der also ferne-nahstand den Ver- 
haltnissen, in die er getreten war, so nahe, daft es bei jedem anderen zu 
etwas ganz anderem gefiihrt hatte, und so feme, daft er eben sich zu- 
riickziehen konnte, wie kommt es, daft er sich da selber begegnete? 
Nun, bei einem Menschen, der etwas im atherischen Leib erlebt, ver- 
objektiviert sich sehr leicht das Erlebnis, wenn dieser atherische Leib 
gelockert ist. Er sieht es als ein Aufteres, es projiziert sich nach auften. 
Das ist bei Goethe wirklich eingetreten. Er hat in einem besonders dazu 
geeigneten Momente den anderen Goethe gesehen, den atherischen 
Goethe, der in ihm lebte, der verbunden blieb durch sein Karma mit 
Friederike von Sesenheim. Daher kam er sich selbst als Gespenst ent- 
gegen. Aber es ist das gerade ein Ereignis, welches im tiefsten Sinne er- 
hartet, was iiber seine eigene Natur aus den Tatsachen zu ersehen ist. 

Da sehen Sie, wie der Mensch drinnenstehen kann in den aufteren 
Ereignissen,und wie man doch erst erfassen muft die besondere Art und 
Weise, die individuelle Art und Weise, wie er drinnensteht. Denn kom- 
pliziert ist das Verhaltnis des Menschen zur Welt, zur Vergangenheit, 
der Zusammenhang mit demjenigen, was wir aus der Vergangenheit 
henibertragen in unsere Gegenwart. Dadurch aber, daft Goethe gewis- 
sermaften sein Inneres so herausgerissen hat aus dem korperlichen Zu- 
sammenhang, dadurch war ihm in friiher Jugend schon moglich, die 
tiefen Wahrheiten in seiner Seele zu hegen, die uns in seinem «Faust» 
so uberraschen. Ich sage absichtlich: uberraschen, aus dem einfachen 
Grunde, weil sie wirklich uberraschen miissen, denn ich kenne kaum 
irgend etwas Einfaltigeres, als wenn Goethe-Biographen immerzu mit 
dem Satze hausieren gehen: «Goethe ist Faust und Faust ist Goethe». 
Ich habe das oftmals gelesen bei Goethe-Biographen. Es ist natiirlich 
ein ganz gewohnlicher Unsinn. Denn dasjenige, was wir im «Faust» 



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wirklich haben, wenn wir es recht auf uns wirken lassen, kommt uns ja 
tatsachlich so vor, daft wir uns sagen miissen: Es ist zuweilen so, daft 
wir gar nicht vermuten, daft es in unmittelbar gleicher Art Goethe 
durchlebt hat oder sogar wissenkann - und dennoch steht es im «Faust» 
drinnen. Faust wachst immer iiber Goethe hinaus. Das kann allerdings 
nur der vollstandig verstehen, der jene Oberraschung kennt, die der ein 
Dichtwerk Schaffende selber erlebt, wenn er dann dieses Dichtwerk 
vor sich hat. Man darf namlich nicht glauben, daft der Dichter immer 
ebenso groft sein muft wie sein Werk. Er braucht es ebensowenig zu 
sein, wie der Vater so groft zu sein braucht an Seelenkraft und Genie 
wie sein Sohn; denn das wirklich dichterische Schaffen ist ein Leben- 
diges. Und ebensowenig wie gesagt werden kann, daft ein Lebendiges 
nicht iiber sich hinaus schaffe, so kann auch nicht behauptet werden, 
daft nie ein Geistig-Schopferisches iiber sich hinaus schaffe. 

Aber durch dieses innerliche Isoliertsein, das ich beschrieben habe 
bei Goethe, treten jene tiefen Einsichten auf in seiner Seele, die uns aus 
seinem «Faust» entgegentreten. Denn solche Werke wie «Faust» sind 
nicht Dichtungen wie andere Dichtungen. Der «Faust» quillt gleichsam 
hervor aus dem ganzen Geiste der fiinften nachatlantischen Kultur- 
periode; er wachst weit iiber Goethe hinaus. Und manches, was wir 
erleben mit der Welt und ihrem Werden, es tont uns aus «Faust» in 
einer merkwiirdigen Weise entgegen. Gedenken Sie des Wortes, das Sie 
eben vorhin gehort haben: 

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit 
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln; 
Was ihr den Geist der Zeiten heiftt, 
Das ist im Grund der Herren eigner Geist, 
In dem die Zeiten sich bespiegeln. 

Man geht zu leicht iiber ein solches Wort hinweg. Derjenige, der es in 
seiner vollen Tiefe spurt, wird an manches erinnert, was ein solches 
Wort nur im tiefsten Sinne wahr machen kann. Denken Sie, was die 
modernen Menschen haben durch die Kenntnis des Griechischen, des 
griechischen Geisteslebens, durch Aschylos, Sophokles, Euripides! Die 
Menschen vertiefen sich in dieses griechische Geistesleben, sagen wir in 



Sophokles. 1st Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln? Man wird nicht 
leicht daran denken, daft Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln sein 
konne! Sophokles, der einundneunzig Jahre alt geworden ist, hat mehr 
als achtzig Dramen geschrieben, sieben davon sind erhalten! Kennt man 
einen Menschen, der einundachtzig oder mehr Dramen geschrieben hat, 
von denen nur sieben erhalten sind? Ist das nicht wortlich wahr: ein 
Buch mit sieben Siegeln? Wie kann jemand behaupten, nach dem, was 
iiberliefert ist, das Griechentum zu kennen, wenn er sich einfach vor- 
halten mufi, vierundsiebzig Sophokleische Dramen, die die Griechen 
entziickt, erhoben haben, sind nicht da? Eine sehr grofte Anzahl auch 
von Aschylos sind nicht da. Dichter haben gelebt in der griechischen 
Zeit, deren Name nicht einmal bekannt ist. Sind nicht die Zeiten der 
Vergangenheit ein Buch mit sieben Siegeln? Wenn man solch eine aufter- 
liche Tatsache nimmt, so mufi man sich das sagen. Und - 

. . . es ist ein groft Ergetzen, 

Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen, 

Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, 

Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht. 

Wagner-Naturen glauben, sich leicht in den Geist eines weisen Mannes 
versetzen zu konnen - wenn es ihnen namlich vorgemacht worden ist! 
Denn schade, daft man nicht die Probe machen kann, was die wackeren 
Rezensentelein iiber den «Hamlet» schreiben wurden, wenn er jetzt 
eben erscheinen und auf irgendeiner groften stadtischen Biihne vor den 
Herren aufgefuhrt wiirde, oder wenn ein Sophokleisches Drama vor 
diesen Herren heute aufgefuhrt wiirde! Vielleicht wurde bei diesen 
Herren es selbst nicht helfen, was Sophokles selber tun muftte, um 
wenigstens seine Verwandten von seiner Grofte noch im hohen Alter zu 
iiberzeugen. Denn einundneunzig Jahre alt ist er geworden, die Ver- 
wandten haben so lange auf die Erbschaft warten miissen; da haben sie 
gesucht, Zeugnisse zu bekommen, daft Sophokles schwachsinnig gewor- 
den sei und nicht mehr sein eigenes Vermogen verwalten konne. Da 
konnte er sich nicht anders retten,als daft er den «Odipus auf Kolonos» 
schrieb. Damit konnte er wenigstens beweisen, daft er noch nicht 
schwachsinnig geworden war. Ob es bei heutigen Rezensenten niitzen 



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wiirde, weift ich nicht, damals hat es aber geholfen. Aber wer sich in 
eine solche Tatsache hinein vertieft, in die Tragik des neunzigjahrigen 
Sophokles, der wird zu gleicher Zeit ermessen, wie schwer es ist, den 
Weg zu finden zu einer menschlichen Individualitat; wie diese mensch- 
liche Individualitat in komplizierter Weise mit den Weltenereignissen 
zusammenhangt.Und vieles, vieles konnte angefiihrt werden, das zeigen 
wiirde, wie man in tiefe Schachte hineingraben mufi, um die Welt zu 
verstehen. Aber wie viel lebt von der Weisheit, die notwendig ist, um 
die Welt zu verstehen, schon in den allerersten Partien von Goethes 
«Faust»! Zuruckzufiihren ist das auf dieses eigentumlich verlaufende 
Schicksal, das wirklich zeigt, wie Natur und Geisteswirken eines ist in 
der menschlichen Entwkkelung, wie eine Krankheit nicht nur eine 
auftere physische, wie eine Krankheit eine geistige Bedeutung haben 
kann. 

So sehen wir, man mochte sagen, scharf fortgefuhrt den karmischen 
Anstoft, der in Goethe war. Dann aber wieder, 1775, tritt wie von auften 
herein die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar. Goethe wird 
von Frankfurt nach Weimar berufen. Was bedeutet denn das in seinem 
Leben? Man mufi erst verstehen, was solch ein Ereignis bedeutete fur 
das Leben eines Menschen, wenn man nun weiteres ausfindig machen 
will, um das Leben zu verstehen. Ich weift, wie wenig die heutige Welt 
geneigt ist, wirklich die Seelenkrafte wachzurufen, die notwendig sind, 
um so etwas voll zu empfinden, voll zu fiihlen, was schon in den ersten 
Partien von Goethes «Faust» lebt. Um das zu schreiben, was nun hier 
aufgefiihrt worden ist - «Faust I», Monolog im Studierzimmer, Erd- 
geist -, dazu gehort ein Reichtum der Seele, der, wenn man ihn ansieht, 
einen dazu veranlassen mochte, in inbriinstiger Verehrung lange, lange 
davor zu verharren. Und man hat oftmals den tiefsten Seelenschmerz, 
wenn man sieht, wie die Welt eigentlich doch recht stumpf ist und gar 
nicht Grofk, Grofte fiihlen kann. Fiihlt man aber so etwas voll, dann 
wird man auch verstehen, wozu derjenige, der von Geisteswissenschaft 
wirklich durchdrungen ist, in seiner Empfindung kommt. Der kommt 
namlich dazu, sich zu sagen: In diesem Goethe Iebte etwas, das ihn ver- 
brannte. So konnte es nicht weitergehen. 

Diesen Gedanken mu!5 man schon haben. Stellen Sie sich vor: 1749 



ist Goethe geboren, 1775 ist er also sechsundzwanzig Jahre alt. Er tragt 
im Koffer das Manuskript der Szene, die wir heute aufgefuhrt haben - 
nehmen wir nur dies, es war noch anderes dabei -, nach Weimar mit. 
Wer solches durchlebt hat, so, bis zu dem Grade, daft er es niederschrei- 
ben konnte, der hat daran in seiner Seele zu tragen; auf dessen Seele 
lastet es schwer, denn es ist eine Kraft, die aufwartsfiihren will, die 
Seele zersprengen mochte. 

Zwei Dinge miissen wir uns klarmachen, wenn wir in richtigem 
Sinne, in der richtigen Beleuchtung diese ersten Partien des «Faust», 
die Goethe geschrieben hat, wiirdigen wollen. Man konnte sich ja den- 
ken, daft Goethe, sagen wir von seinem fiinfundzwanzigsten bis zu sei- 
nem fiinfzigsten Jahre nach und nach diese Szenen geschrieben hatte. 
Dann wiirden sie die Seele nicht so gespannt haben, dann waren sie 
keine solche Last gewesen. Nun gewift, aber das ist nicht moglich, ware 
nicht moglich gewesen, denn vom dreifiigsten, funfunddreiftigsten Jahre 
ab wiirde eben die Jugendkraft gemangelt haben, die dazu notwendig 
war, um diese Dinge gerade so zu gestalten. Er muftte sie in diesen 
Jahren schreiben nach seiner Individualitat, aber er konnte so nicht 
weiterleben. Er brauchte etwas, was wie eine Dampfung, wie eine Art 
partieller Seelenschlaf war, um abzuschwachen das Feuer, das in seiner 
Seele gebrannt hat, als er die ersten Partien des «Faust» schrieb. Der 
Herzog von Weimar holte ihn, um ihn in Weimar zum Minister zu 
machen. Und er war ein guter Minister, sagte ich schon. Da konnte er 
als Minister, indem er viel emsige Arbeit leistete, partiell verschlafen - 
sich ausruhend - dasjenige, das gebrannt hat in seiner Seele. Und es ist 
wirklich ein gewaltiger Unterschied in der Stimmung vor 1775 und 
nach 1775,. die schon zu vergleichen ist mit einer Art gewakigen 
Wachens und nachher abgedampften Lebens. Da kommt sogar das Wort 
«Dumpfheit» Goethe in den Sinn, wenn er sein besonderes Leben in 
Weimar schildert, wo er so in die Ereignisse sich hineinlebt, aber mit 
ihnen mehr mitschwingt als friiher, da er gegen sie revoltierte. Merk- 
wiirdig war es dann, daft auf die Abstumpfung fur zehn Jahre ein sanf- 
teres Heranbringen der Ereignisse an den Menschen folgte. Und so 
wenig das Schlafleben eine unmittelbare Wirkung des vorhergehenden 
Tageslebens ist, so wenig war dieses Schlafleben Goethes eine Wirkung 



desjenigen, was vorangegangen war. Die Zusammenhange sind viel 
groftere, als man gewohnlich denkt. Ich habe schon ofter darauf auf- 
merksam gemacht, daft es eine oberflachliche Anschauung ist, wenn 
man auf die Frage: Warum schlaft der Mensch? antwortet: Weil er 
miide ist! - Es ist eine faule, selber schlafende Wahrheit, denn es ist ein 
Unsinn. Sonst miiftte nicht eineTatsache sein, daft diejenigen Menschen, 
die nicht miide sein konnen, zum Beispiel Rentiers nach einer vollen 
Mahlzeit, wenn sie etwas horen sollen, wofiir sie sich nicht besonders 
interessieren, in Schlaf sich einlullen. Miide sind sie gewift nicht. Die 
Sache ist nicht so, daft wir schlafen, weil wir miide sind, sondern das 
Wachen und Schlafen ist ein rhythmischer Lebensvorgang, und wenn 
die Zeit des Schlafens, die Notwendigkeit des Schlafens herankommt, 
so werden wir miide. Wir sind miide, weil wir schlafen sollen, nicht 
aber schlafen wir, weil wir miide sind. Das will ich in diesem Augen- 
blicke nicht weiter ausfiihren. 

Aber denken Sie sich einmal, in welchem groften Zusammenhang der 
Rhythmus von Schlafen und Wachen drinnensteht! Er ist ja die Nach- 
bildung von Tag und Nacht im Kosmos innerhalb der menschlichen 
Natur. Den Schlaf erklaren zu wollen aus der Ermiidung des Tages, ist 
allerdings der materialistischen Wissenschaft naheliegend, aber dasUm- 
gekehrte ist richtig. Der Rhythmus von Schlafen und Wachen muft aus 
dem Kosmos erklart werden, aus groften Zusammenhangen heraus. Aus 
groften Zusammenhangen heraus muft aber auch erklart werden, war- 
um bei Goethe nach der Periode, in der «Faust» in seinen Seelenadern 
brauste, die Abdampfung der zehn Jahre weimarischen Lebens folgte. 
Da werden Sie unmittelbar auf sein Karma gewiesen, uber das nun 
nicht weiter gesprochen werden kann. 

Der Mensch als alltaglicher Mensch wacht am Morgen auf, in der 
Regel so, wie er am Abend eingeschlafen ist, fur sein eigenes Bewuftt- 
sein. In Wirklichkeit ist es ja niemals so. Wir wachen niemals gerade so 
auf, wie wir eingeschlafen sind, sondern wirklich etwas reicher; wir 
werden uns nur der Bereicherung nicht bewuftt. Aber wenn nun auf 
einen Wellenberg ein Wellental gefolgt ist, wie bei Goethe in den wei- 
marischen Jahren, dann erfolgt das Auf wachen auf einer hoheren Stufe, 
muft auf einer hoheren Stufe erfolgen. Aber die innersten Krafte stre- 



ben danach. Und die innersten Krafte streben bei Goethe auch, aus der 
weimarischenDumpfheit zum vollenLeben wieder zu erwachen in einer 
Umgebung, die ihm nun wirklich bringen konnte, was ihm fehlte. Das 
war in Italien, als er erwachte. In Weimar selber hatte er nach seiner 
besonderen Konstitution nicht aufwachen konnen. Gerade an einer sol- 
chen Sache aber kann man den tiefen Zusammenhang des Schaffens 
eines wirklichen Kiinstlers, eines grofkn Kiinstlers mit seinem beson- 
deren Erleben sehen. Sehen Sie, einer, der kein grofkr Kiinstler ist, der 
kann ein Drama so glattweg nach und nach, Seite fur Seite hinschrei- 
ben; er kann es ganz gut. Der grofie Dichter kann es nicht, denn der 
braucht: tief drinnenzuwurzeln im Leben. Goethe konnte daher tiefste, 
tiefste Wahrheiten in seinem «Faust» zum Ausdrucke bringen in ver- 
haltnismafkg fruher Jugend, Wahrheiten, die weit iiber sein Seelen- 
vermogen hinauswuchsen. Aber er mufke eine Verjlingung beim Faust 
zum Ausdruck bringen. Denken Sie sich: Faust mufke zu einer ganz 
anderen Stimmung kommen; trotzdem er so tief gestaltet ist, mufke er 
verjiingt werden. Schliefkich, trotz aller Tiefe, hat ihn dasjenige, was er 
bis dahin in seiner Seele aufgenommen hat, dem Selbstmorde nahe- 
gebracht. Er mufke verjiingt werden. Ein kleiner Mensch kann recht 
gut schildern in vielleicht recht schonen Versen, wie ein Mensch ver- 
jiingt wird. Goethe konnte es nicht so ohne weiteres; er mufke selbst 
erst in Rom verjiingt werden. Daher ist die Verjiingungsszene der 
«Hexenkiiche» in Rom geschrieben, im Garten der Villa Borghese. 
Goethe wiirde es nicht gewagt haben, diese Szene fruher zu schreiben. 

Nun, verbunden mit einer solchen Verjiingung, wie sie Goethe erlebt 
hat, ist ein wenn auch noch dumpfes Bewufksein. Zu Goethes Zeit gab 
es noch keine Geisteswissenschaft: es konnte kein helles Bewufksein 
sein, sondern nur ein dumpfes Bewufksein. Mit einer solchen Verjiin- 
gung sind besondere Krafte wieder verbunden, die schon in die nachste 
Inkarnation hiniiberspielen. Da gliedern sich ineinander Erlebnisse, die 
dieser Inkarnation angehoren, und mancherlei, was in die nachste In- 
karnation hiniiberspielt. Wenn man dies bedenkt, wird man auf eine 
besonders tiefbedeutsame Tendenz bei Goethe gefiihrt. Sehen Sie, wenn 
ich diese personliche Bemerkung einschalten darf : Ich beschaftige mich 
seit einer Reihe von Jahrzehnten, ich kann sagen seit 1879/80 eigent- 



lich immer, intensiv seit 1885/86, mit Goethes Naturanschauung. Und 
ich habe in dieser Zeit die Anschauung gewonnen: In dem Impuls, den 
Goethe der Naturanschauung gegeben hat - von dem die heutigen Na- 
turgelehrten, Naturwissenschafter, Naturdenker eigentlich gar nichts 
verstehen -, liegt etwas, das ausgebildet werden kann, aber erst in Jahr- 
hunderten. So dafi Goethe wohl wahrscheinlich, wenn er wiederkom- 
men wird in anderer Inkarnation, noch die Moglichkeit finden wird, 
an dem zu gestalten, was er in dieser Inkarnation gerade aus seinen Na- 
turanschauungen noch nicht hat fertigmachen konnen. Manche Dinge 
ahnt man heute noch gar nicht, die in Goethes Naturanschauung liegen. 
Dariiber habe ich mich ja ausgesprochen in meinem Buche «Goethes 
Weltanschauung* und in den Einleitungen zu «Goethes Naturwissen- 
schaftlichen Schriften» in Kurschners Nationalliteratur. So daft man 
schon sagen kann: Goethe tragt mit seiner Naturanschauung etwas in 
sich, das in weite, weite Horizonte hinausweist, das aber innig zusam- 
menhangt mit seiner Wiedergeburt, wie sie jetzt zwar nicht gerade in 
dieser Beziehung an Rom gebunden war, aber an das Lebensalter, das 
er in Rom durchlebte. Lesen Sie nach, wie ich die Dinge dargestellt 
habe, wie sich die Metamorphose der Pflanzen, der Tiere, Urpflanze, 
Urtier, wahrend der italienischen Reise ausgestaltet, wie er, als er zu- 
riickkam, dieFarbenlehre, die man heute noch gar nicht verstehen kann, 
in Angriff nahm, wie er ja noch andere Dinge in Angriff nahm; dann 
werden Sie sehen: Mit seiner Wiedergeburt hangt auch dieses Einleben 
in seine umfassende Naturanschauung zusammen. Dann hat er aller- 
dings dasjenige, was sich in ihm selber im Laufe des Lebens ergeben hat, 
mit Faust in Beziehung gebracht, aber nicht so, wie es ein kleiner Dich- 
ter tut, sondern wie es ein grofSer Dichter tut. Faust erlebt die Gretchen- 
Tragodie. Mitten in der Gretchen-Tragodie tritt uns plotzlich entgegen 
Faustens grofte Naturanschauung, die nun allerdings viel Verwandtes 
hat mit Goethes grower Naturanschauung, und die zum Ausdruck 
kommt in den Faust- Worten: 

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alies, 
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 
Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 



Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich, 

Kraft, sie zu fiihlen, zu genieften. Nicht 

Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, 

Vergonnest mir, in ihre tiefe Brust, 

Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen. 

Du fiihrst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Bruder 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. 

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, 

Die Riesenfichte, stiirzend, Nachbaraste 

Und Nachbarstamme quetschend niederstreift, 

Und ihrem Fall dumpf hohl der Hiigel donnert, 

Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst 

Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust 

Geheime tiefe Wunder offnen sich. 

Eine grofie Weltanschauung! Goethe schreibt sie dem Faust zu. Goethe 
hat sie erst gewonnen bis zu dieser Durchdringung der Seele wahrend 
seiner Italienreise. Die Szene «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir 
alles», ist auch in Rom geschrieben; die hatte Goethe nicht friiher ge- 
schrieben. Denn diese zweiSzenen,dieVerjungungsszene in der«Hexen- 
kiiche» und die Szene «Wald und H6hle»: «Erhabner Geist, du gabst 
mir, gabst mir alles», sie sind es gerade, die in Rom geschrieben worden 
sind. 

Da sehen Sie einen wirklichen Rhythmus in diesem Goethe-Leben, 
einen Rhythmus, der einen innerlichen Impuls verrat, so wie der Rhyth- 
mus von Wachen und Schlafen im Menschen einen inneren Impuls ver- 
rat. Wir konnen an einem solchen Leben, wie das Goethe-Leben es ist, 
besonders anschaulich manche Gesetze studieren, aber es wird sich uns 
zeigen, wie dasjenige, was bei groften Personlichkeiten uns an Gesetzen 
entgegentritt, f iir das Leben jedes einzelnen wichtig werden kann.Denn 
schliefilich waken doch die Gesetze, die bei einem Grofien walten, bei 
jedem einzelnen Menschen. Uber Lebenszusammenhange nun, wie sie 
von diesem Gesichtspunkte aus gewonnen werden konnen, wollen wir 
morgen weiter sprechen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 6. November 1916 



Ich mochte jetzt von einem anderen Ausgangspunkt noch die Annahe- 
rung vollziehen an das Problem, an dem wir in diesen Betrachtungen 
arbeiten. Denn in der Geisteswissenschaft mufi es so sein, daft man ge- 
wissermaften das Problem von verschiedenen Punkten her einschlielk 
und ihm sich von verschiedenen Punkten her auch nahert. Wenn wir 
einen solchen Lebenslauf betrachten wie denjenigen Goethes, so rauE 
uns ja, ich mochte sagen, im groben eines auffallen, das einem iiber- 
haupt zum groften Ratsel in derMenschheitsentwickelung werdenkann, 
auch dann noch, wenn man die wiederholten Erdenleben zunachst be- 
trachtet und bei der Gestaltung des Lebens eines Menschen zu Rate 
zieht. Ich meine das Problem: Worin liegt es eigentlich, daft einzelne 
Menschen wie zum Beispiel Goethe in der Lage sind, aus ihrem Inneren 
heraus solch Bedeutsames zu schaffen, wie eben Goethe geschaffen hat, 
insbesondere durch seinen «Faust», durch solch Geschaffenes einen so 
bedeutenden Einfluft auf die ubrige Menschheit zu haben? Wie kommt 
es, daft gewissermaften einzelne Menschen herausgelost werden aus der 
iibrigen Menschheit und zu so Bedeutendem gewissermaften von dem 
Weltengeschick berufen werden? - Wir vergleichen dann mit so bedeu- 
tendem Schaffen und Leben dasjenige jedes einzelnen Menschen und fra- 
gen uns: Was ergibt sich uns an dem Unterschiede jedes einzelnen Men- 
schenlebens und dieser sogenannten hervorragenden Menschenleben? 

Diese Frage kann man sich nur beantworten, wenn man sich das Le- 
ben mit den Mitteln, die uns die Geisteswissenschaft an die Hand gibt, 
etwas genauer betrachtet. Zunachst ist namlich all das, was der Mensch 
erkennen kann, namentlich fur unsere Zeit, dazu angelegt, gewisseDinge 
zu kaschieren, zu maskieren und die unbefangene menschliche Betrach- 
tung davon fernzuhalten. Das macht auch notig, dafl man vielfach zu- 
nachst sich anpassend an das, was zuerst verstanden werdenkann, in der 
Geisteswissenschaft sprechen mull. Nun schildern wir ja in der Geistes- 
wissenschaft gewohnlich so, dafi wir sagen: Der Mensch besteht, so wie 
er sich uns darstellt im Leben, aus seinem physischen Leibe, dem atheri- 



schen Leibe, dem astralischen Leibe und dem Ich. - Und wir schildern 
dann, indem wir charakterisieren dieWechselzustande zwischen Wachen 
und Schlafen so, daft wir sagen: Wahrend des Wachens sind Ich und 
astralischer Leib im physischen Leibe und im Atherleib drinnen; wah- 
rend des Schlafens sind Ich und astralischer Leib drauften. - Das ist fur 
ein Verstandnis der Sache zunachst vollstandig ausreichend und ent- 
spricht durchaus den geisteswissenschaftlichen Tatsachen. Aber es han- 
delt sich darum, daft man dadurch, daft man so schildert, nur einen Teil 
der vollen Wirklichkeit gibt. Wir konnen niemals in einer Schilderung 
die voile Wirklichkeit umfassen; einen Teil der vollen Wirklichkeit 
geben wir eigentlich immer, wenn wir irgend etwas schildern, und wir 
miissen immer erst von einigen anderen Seiten wiederum Licht suchen, 
um die geschilderte Teilwirklichkeit in der richtigen Weise zu beleuch- 
ten. Und da mufi gesagt werden: Es ist im allgemeinen so, daft Schlafen 
und Wachen wirklich eine Art zyklischer Bewegung fur den Menschen 
darstellen. Strenge genommen sind namlich Ich und astralischer Leib 
aufter dem physischen und atherischen Menschenleib imSchlafzustande 
nur aufterhalb des Hauptes, wahrend gerade dadurch, daft im Schlafe 
das Ich und der astralische Leib aufterhalb des physischen und atheri- 
schen Hauptes des Menschen sind, sie eine um so regere Tatigkeit und 
Wirksamkeit ausiiben auf die andere menschliche Organisation. Alles 
das, was im Menschen nicht Haupt ist, sondern andere menschliche Or- 
ganisation, stent gerade wahrend des Schlafzustandes, in dem gewisser- 
maften Ich und astralischer Leib von auften auf den Menschen wirken, 
unter einem viel starkeren Einflusse dieses Ich und dieses astralischen 
Leibes als wahrend des wachen Zustandes. Und man kann schon sagen: 
Wahrend des Schlafzustandes wird die Wirkung, die das Ich und der 
astralische Leib des Menschen im Wachzustande auf das Haupt aus- 
iiben, auf den ubrigen Organismus ausgeubt. - Wir konnen daher mit 
Recht in einem gewissen Sinne vergleichen namentlich das Ich des Men- 
schen mit der Sonne, die, wenn es bei uns Tag ist, unsere Gegend iiber- 
leuchtet; wenn es bei uns Nacht ist, ist diese Sonne nicht bloft drauften, 
sondern sie beleuchtet auf der anderen Seite die Erde und macht dort 
Tag. So ist es in einem gewissen Sinne Tag in unserem ubrigen Organis- 
mus, wenn es fur unsere Sinneswahrnehmung, die ja vorzugsweise an 



das Haupt gebunden ist, Nacht ist, und Nacht ist es dafiir auch fur 
unseren iibrigen Organismus, wenn es fur unser Haupt Tag ist, das 

, heiftt, unser ubriger Organismus ist dem Ich mehr oder weniger ent- 
zogen und auch dem astralischen Leib, wenn wir wachen. Das ist noch 

,'etwas, was zu der Beleuchtung der vollen Wirklichkeit dazukommen 
muE, wenn man den ganzen Menschen verstehen will. 

Nun handelt es sich darum, daft man auch in diesem Sinne den Zu- 
sammenhang des Seelischen mit dem Physischen des Menschen richtig 
erfaftt, wenn man das, was ich eben angefuhrt habe, ordentlich ver- 
stehen will. Ich habe ofter betont, das Nervensystem des physischen 
Organismus ist eine einheitliche Organisation, und eigentlich ist es 
nichts weiter als ein blofter Unsinn, der nicht einmal durch eine Ana- 
tomie gerechtfertigt wird, die Nerven zu teilen in sensitive und moto- 
rische Nerven. Die Nerven sind alle einheitlich organisiert, und sie 
haben alle eine Funktion. Die sogenannten motorischen Nerven unter- 
scheiden sich nur dadurch von den sogenannten sensitiven Nerven, daft 
die sensitiven darauf eingerichtet sind, der Wahrnehmung der Auften- 
welt zu dienen, wahrend die sogenannten motorischen Nerven der 
Wahrnehmung des eigenen Organismus dienen. Ein motorischer Nerv 
ist nicht dazu bestimmt, meine Hand zu bewegen - das ist ein blofter 
Unsinn sondern der motorische Nerv, der sogenannte motorische 
Nerv, ist dazu bestimmt, die Bewegung der Hand wahrzunehmen, also 
innerlich wahrzunehmen, wahrend der sensitive Nerv dazu bestimmt 
ist, bei der Wahrnehmung der Auftenwelt zu dienen. Das ist der ganze 
Unterschied. Nun teilt sich unser Nervensystem, wie Sie ja wissen, in 
drei Glieder: in diejenigen Nerven, deren Hauptzentrum das Gehirn 
ist, also die im Haupte zentriert sind, dann in diejenigen Nerven, die 
im Riickenmark zentriert sind, und diejenigen Nerven, die wir zum 
sogenannten Gangliensystem rechnen.Das sind im wesentlichen die drei 
Arten von Nerven, die der Mensch hat. Nun handelt es sich darum, zu 
erkennen: Welche Beziehungen herrschen zwischen diesen drei Arten 
von Nervensystemen und den geistigen Gliedern unseres Organismus? 
Welches ist gewissermaften das vorgeriickteste, feinste Glied des Ner- 
vensystems und welches ist das am wenigsten vorgeriickte Glied des 
Nervensystems? 



Es ist ganz selbstverstandlich, dafi auf diese Frage diejenigen, die 
heute von der gewohnlichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung 
herkommen, antworten werden: Nun ja, das Nervensystem des Ge- 
hirnes ist natiirlich das edelste, denn das ist dasjenige, das den Men- 
schen von den Tieren unterscheidet. - Aber es ist nicht so. Dieses Ner- 
vensystem des Gehirnes hangt im wesentlichen zusammen mit der gan- 
zen Organisation unseres Atherleibes. Selbstverstandlich sind iiberall 
weitere Beziehungen vorhanden, so daft natiirlich unser ganzes Gehirn- 
system auch Beziehungen zum astralischen Leib oder zum Ich hat, aber 
dies sind sekundare Beziehungen. Die primaren, die ursprunglichen 
Beziehungen sind zwischen unserem Gehirnnervensystem und zwischen 
unserem Atherleib. Das hat nichts zu tun mit der Anschauungsweise, 
die ich einmal auseinandergesetzt habe, daft das ganze Nervensystem 
mit Hilfe des astralischen Leibes zustande gebracht worden ist; das ist 
etwas ganz anderes, das mull man durchaus unterscheiden. Das ist zu- 
stande gebracht worden in seiner ursprunglichen Veranlagung wahrend 
der Mondenzeit, aber das hat sich weiterentwickelt und andere Bezie- 
hungen sind eingeleitet worden seit der ersten Bildung, so daft in der 
Tat unser Gehirnnervensystem innigste und bedeutsamste Beziehungen 
hat zu unserem Atherleib. Das Riickenmarkssystem hat die innigsten 
und primarsten Beziehungen zu unserem Astralleib, so wie wir ihn jetzt 
als Menschen an uns tragen, und das Gangliensystem zu dem Ich, zu 
dem eigentlichen Ich. Das sind die primaren Beziehungen, wie wir sie 
jetzt haben. 

Wenn wir dies in Erwagung ziehen, so werden wir uns leicht vor- 
stellen konnen, daft eine besonders rege Beziehung herrscht wahrend 
unseres Schlafzustandes zwischen unserem Ich und unserem Ganglien- 
system, das vorzugsweise ausgebreitet ist in dem Rumpforganismus, 
das in Strangen das Riickenmark auften umkleidet und so weiter. Aber 
diese Beziehungen sind gelockert wahrend des Tagwachens; sie sind 
vorhanden, aber sie sind gelockert wahrend des Tagwachens. Sie sind 
inniger wahrend des Schlafens. Und inniger als wahrend des Tag- 
wachens sind die Beziehungen zwischen dem astralischen Leib und den 
Ruckenmarksnerven im Schlafzustande. So daft wir also sagen konnem 
"Wahrend des Schlafzustandes treten ganz besonders innige Beziehungen 



auf zwischen unserem Astralleib und unseren Riickenmarksnerven und 
zwischen unserem Ich und unserem Gangliensystem. Wir leben mehr 
oder weniger wahrend des Schlafes in unserem Ich stark zusammen mit 
unserem Gangliensystem. Wird man einmal die ratselvolle Traumwelt 
genauer studieren, so wird man dies schon erkennen, was ich so aus der 
geisteswissenschaftlichen Untersuchung heraus erwahne. 

Dann aber, wenn Sie dies in Erwagung ziehen, werden Sie auch eine 
Briicke finden zu dem anderen wesentlichen, bedeutungsvollen Gedan- 
ken: daft fur das Leben etwas sehr Wichtiges dadurch gegeben sein muE, 
daft ein rhythmischer Wechsel eintritt im Zusammenleben des Ichs zum 
Beispiel mit dem Gangliensystem und des astralischen Leibes mit dem 
Riickenmarkssystem, ein rhythmischer Wechsel, der identisch ist mit 
dem Wechsel des Schlafens und Wachens. Denn es wird Ihnen nicht all- 
zu verwunderlich erscheinen, wenn man sagt: Dadurch, daft das Ich 
eigentlich so recht im Gangliensystem und der astralische Leib so recht 
im Riickenmarkssystem ist im Schlafe, dadurch wacht der Mensch mit 
Bezug auf Gangliensystem und Riickenmarkssystem wahrend des 
Schlafens und schlaf t er wahrend des Wachens. - Man kann da nur die 
Frage aufwerfen: Wie kommt es denn, daft man von dem so regen 
Wachen, das ja eigentlich entwickelt werden mufi wahrend des Schla- 
fens, so wenig weift? Nun, wenn Sie in Erwagung ziehen, wie der 
Mensch geworden ist, daft ja das Ich des Menschen erst wahrend des 
Erdendaseins in ihm Platz genommen hat, also eigentlich das Baby ist 
unter unseren menschheitlichen Gliedern, so wird es Ihnen nicht stau- 
nenswert sein, daft dieses Ich eben sich noch nicht zum Bewufttsein 
bringen kann dasjenige, was es erlebt im Gangliensystem wahrend des 
Schlafens, wahrend es sich wohl zum Bewufttsein bringen kann das, 
was es erlebt, wenn es in dem voll ausgebildeten Haupte ist, das ja 
hauptsachlich das Ergebnis ist aller derjenigen Impulse, die durch 
Mond, Sonne und so weiter gewirkt haben. Was das Ich sich zum Be- 
wufttsein bringen kann, hangt von dem Instrument ab, dessen es sich 
bedienen kann. Das Instrument, dessen es sich in der Nacht bedient, 
ist verhaltnismaftig noch zart. Denn ich habe Ihnen in friiheren Vor- 
tragen ausgefiihrt, daft der ubrige Organismus eigentlich erst spater 
entwickelt worden ist, daft der erst hinzugekommen ist zu dem mehr 



vollendeten Kopforganismus des Menschen, daft der ein Anhangsel ist 
des Kopforganismus.Wenn wir da von sprechen, daft derMensch seinem 
physischen Leib nach mehr oder weniger lange Stadien vom Saturn 
aus durchgemacht hat, so konnen wir das nur mit Bezug auf das Haupt, 
auf den Kopf aussprechen. Dasjenige, was sich an den Kopf anhangt, 
ist vielfach spatere Bildung, Mondenbildung und sogar erst Erden- 
bildung. Daher kommt das rege Leben, das entwickelt wird wahrend 
des Schlafens und das vielfach seinen organischen Sitz hat im Riicken- 
mark und im Gangliensystem, zunachst wenig zum Bewufttsein, aber 
es ist deshaib ein nicht minder reges, bedeutsam reges Leben. Und man 
kann ebensogut sagen, im Schlafe soil dem Menschen die Moglichkeit 
geboten werden, hinunterzusteigen in sein Gangliensystem, wie ihm im 
Wachen die Moglichkeit gegeben ist, hinaufzusteigen zu seinen Sinnen 
und zu seinem Gehirnsystem. Gewift, Sie werden sagen: Wie kompli- 
ziert sich - und vielleicht sogar: Wie verwirrt sich dadurch alles das, 
was wir uns angeeignet haben! - Aber der Mensch ist ein kompliziertes 
Wesen und man lernt ihn nicht verstehen, wenn man nicht diese Kom- 
plikation, diese Kompliziertheit wirklich einmal auf sich wirken laftt. 

Nun denken Sie sich einmal, daft bei einem Menschen das eintritt, 
was ich Ihnen mit Bezug auf Goethe beschrieben habe: daft der atheri- 
sche Leib gelockert wird. Dann, wenn der atherische Leib gelockert 
wird, dann tritt eine ganz andere Beziehung ein im Wachen zwischen 
dem Seelisch-Geistigen und dem Organischen, dem Physischen des 
Menschen. Der Mensch wird, so wie ich es gestern beschrieben habe, 
auf eine Art Isolierschemel gestellt. Aber es kann niemals eine solche 
Wirkung eintreten, ohne eine andere nach sich zu ziehen. Das ist sehr 
wichtig ins Auge zu fassen. Eine solche Beziehung tritt nicht einseitig 
ein, sondern sie zieht eine andere nach sich. Wenn man diese Beziehung, 
die ich gestern charakterisiert habe, etwas grober ausspricht, so konnten 
wir auch sagen: Dadurch, daft der atherische Leib gelockert ist, wird 
das ganze Wachleben des Menschen in einer gewissen Weise beeintrach- 
tigt, beeinfluftt. Aber das kann nicht sein, ohne daft zu gleicher Zeit das 
Schlaf leben des Menschen beeinfluftt wird. Die Folge davon ist einfach, 
daft derMensch in losereBeziehungen tritt zu seinen Gehirneindrucken, 
wenn so etwas bei ihm auftritt wie bei Goethe. Dadurch tritt er auch in 



intimere, in starkere Beziehungen wahrend des Wachens zu seinen 
Riickenmarksnerven und zu dem Gangliensystem. Das ist damals, als 
Goethe krank wurde, zu gleicher Zeit eingetreten, daft er gewisser- 
maften eine losere Beziehung zu seinem Gehirn entwickelt hat, aber zu- 
gleich eine intimere Beziehung zu seinem Gangliensystem und zu seinem 
Riickenmarkssystem. 

Was tritt denn dadurch aber iiberhaupt auf ? Was soil das heiften, 
eine intimere Beziehung tritt zum Gangliensystem, zum Riickenmarks- 
system ein? Dadurch tritt der Mensch namlich in eine ganz andere Be- 
ziehung zur Auftenwelt. Wir sind ja immer in inniger Beziehung zur 
ganzen Auftenwelt; wir achten nur nicht darauf, in welch inniger Be- 
ziehung wir eigentlich zur Auftenwelt stehen. Aber ich habe Sie ofter 
aufmerksam darauf gemacht: Die Luft, die Sie in einem Augenblick in 
Ihrem Innern tragen, ist im nachsten Augenblicke drauften und eine 
andere Luft ist drinnen; dasjenige, was jetzt drauften ist, hat im nach- 
sten Augenblicke die Form des Leibes und vereinigt sich mit Ihrem 
Leib. Es ist ja nur scheinbar der Menschenorganismus geschieden von 
der Auftenwelt; er ist ein Glied dieser Auftenwelt, er gehort zu dieser 
ganzen Auftenwelt dazu. Wenn also eine solche Anderung in der Be- 
ziehung zur Auftenwelt eintritt wie die charakterisierte, so macht sich 
das schon mit Bezug auf das Leben des Menschen stark geltend. Nun 
kann man ja sagen: Dadurch miiftte eigentlich die niedere Natur des 
Menschen bei einer solchen Personlichkeit wie Goethe - denn man be- 
zeichnet gewohnlich dasjenige, was an Ruckenmark und Ganglien- 
system gebunden ist, als die niedere Natur - nun besonders stark her- 
vortreten. Vom Haupte ziehen sich die Krafte zuriick; das Ganglien- 
system und das Riickenmarkssystem nehmen sie mehr in Anspruch. 

Verstandnis fiir das, was da eigentlich geschieht, gewinnt man erst, 
wenn man sich durchdringt mit der Erkenntnis, daft, was wir Verstand, 
Vernunft nennen, nicht eigentlich so eng gebunden ist an unsere Indi- 
vidualist, wie man das gewohnlich annimmt. Gerade iiber diese Dinge 
hat unsere Gegenwart nach alien ihren Grundvorstellungen selbstver- 
standlich, konnte man sagen, die allerverkehrtesten Begriffe. Uber 
diese Dinge kommt unsere Gegenwart am allerwenigsten zurecht. Das 
hat sich insbesondere gezeigt an der, man mochte sagen, «dalketen» 



Art - ich weift nicht, ob der Ausdruck allgemein verstanden wird, er 
bezeichnet eine gewisse Art, sich zu den Dingen zu stellen, die Stumpf- 
sinnigkeit mit Blodigkeit verbindet wie sich unsere Zeit bis in die 
gelehrtesten Kreise hinein verhalten hat zu dem, was da zum Vorschein 
kommen sollte durch gewisse Erfahrungen, die man machte mit «ge- 
lehrten Tieren»: Hunden, Affen, Pferden und so weiter. Sie wissen ja, 
daft plotzlich durch die Welt gegangen ist die Kunde von den gelehrten 
Pferden, die rechnen konnen, die alle moglichen anderen Dinge noch 
konnen, von einem sehr gelehrten Hunde, der Aufsehen gemacht hat in 
Mannheim, von einem gelehrten Affen in einem Frankfurter Tier- 
garten, dem man das Rechnen neben anderen Dingen beigebracht hat, 
die man in Einzelheiten nicht gern in guter Gesellschaft schildert, die 
man nur andeuten kann. Der Frankfurter Schimpanse namlich hat, im 
Gegensatz zu den anderen Mitgliedern des Affengeschlechts, sich mit 
Bezug auf gewisse Bediirfnisse dazu abrichten lassen, sich in der Weise 
zu benehmen, wie sich sonst nicht Affen, sondern wie sich Menschen 
benehmen; weiter will ich dieses Thema nicht ausfiihren. Aber das alles 
hat nicht nur Laienkreise, sondern auch Gelehrtenkreise in groftes Er- 
staunen versetzt. Nicht nur Laien, sondern auch Gelehrte fielen in eine 
Art von Verziickung, als insbesondere der Mannheimer Hund einen 
Brief schrieb, nachdem ihm ein teurer Angehoriger gestorben war: wie 
dieser teure Angehorige, der Sproftling des Hundes, nun bei der Urseele 
sein werde, wie er es dort haben werde und so weiter. Es war ein sehr 
intelligenter Brief, den jener Hund schrieb. Nun, nicht wahr, auf die 
besonders komplizierten Intelligenzaufterungen braucht man dabei 
nicht einzugehen, aber immerhin: Rechnungsleistungen haben alle diese 
verschiedenen Tiere zustande gebracht. Man hat sich dann viel ab- 
gegeben mit der Untersuchung desjenigen, was solche Tiere leisten 
konnen. Beim Frankfurter Affen ist etwas ganz Besonderes heraus- 
gekommen. Man hat sich namlich uberzeugen konnen, daft er, wenn 
man ihm eine Rechnung vorlegte, die er zu einer bestimmten Zahl als 
Resultat fiihren sollte, diese Zahl in einer Reihe von Zahlen neben- 
einander zeigte; auf die richtige Zahl zeigte er hin, und die Summe 
ergab sich zum Beispiel aus einzelnen Additionen. Da kam man darauf, 
daft dieser gelehrte Affe sich einfach angewohnt hatte, genau sich zu 



richten nach der Blickrichtung seines Dresseurs. Einige, die friiher er- 
staunt waren, sagten schon: Keine Spur von einem Geist, alles ist Dres- 
sur. - Es ist eigentlich nichts anderes als ein etwas kompliziertes Ver- 
fahren, wie wenn der Hund apportiert, wenn man ihm einen Stein 
hinwirft und er holt ihn; so holte der Affe aus einer Reihe von Zahlen 
diejenige heraus, auf die jetzt nicht die Wurfrichtung fiel, sondern ein- 
f ach der Blick seines Erziehers. 

Es werden gewifi bei genauerer Untersuchung ahnliche Resultate 
auch bei den iibrigen Tieren erzielt werden. Erstaunt mufi man eigent- 
lich nur immer iiber das eine sein: dafi die Menschen gar so frappiert 
sind, wenn solche Tiere einmal etwas scheinbar Menschenahnliches 
leisten. Denn wie viel mehr Geist, wie viel mehr Verstand - wenn man 
den Verstand objektiv nimmt - gehort selbstverstandlich zu all dem 
dazu, was einem gut bekannt ist in dem Tierreiche, was aus dem so- 
genannten Instinkte heraus geleistet wird! Denn da wird in der Tat 
ungeheuer Bedeutungsvolles geleistet, und da liegen tief bedeutsame 
Zusammenhange darinnen, die einen bewundern lassen die Weisheit, 
die da waltet iiberall, wo Erscheinungen zutage treten. Wir haben Weis- 
heit nicht nur in unserem Kopf; Weisheit ist es, die uns wie das Licht 
iiberall umgibt, die iiberall wirkt und die auch durch die Tiere hin- 
durch wirkt. Uber solche extraordinare Erscheinungen sind diejenigen 
bloE erstaunt, die uberhaupt sich nicht ernsthaft mit wissenschaftlichen 
Entwickelungen befafk haben. Ich mochte all denen, die heute so ge- 
lehrte Abhandlungen schreiben liber den Mannheimer Hund und ahn- 
liche Hunde, iiber die Pferde, iiber den Frankfurter Affen und so 
weiter, ich mochte denen - neben anderem kann man das, das ist nicht 
vereinzelt - nur eine Stelle aus dem schon 1866 erschienenen Buche 
«Vergleichende Psychologie» von Cams vorlesen; da die anderen mir 
nicht zuhoren, so werde ich diese Stelle zunachst Ihnen vorlesen. Da 
heilk es bei Cams Seite 231: «Wenn also zum Beispiel der Hund lange 
von seinem Herrn mit Schonung und Neigung behandelt wird, so pra- 
gen sich die menschlichen Ziige dem Tiere, obwohl es keinen Sinn hat 
fur den Begriff der Giite an sich, doch gegenstandlich ein, amalgamie- 
ren sich mit dem Sinnenbilde dieses Menschen, den der Hund oft er- 
blickt, und lassen ihn diese Personlichkeit, sogar ohne den Sinn des 



Gesichts, zura Beispiel bloft durch den Geruch oder durch das Gehor, 
als den kennen, von dem ihm Gutes einst zukam. Wird daher jetzt 
etwa diesem Menschen ein Leid zugefiigt, ja ihm dadurch vielleicht 
sogar die Moglichkeit genommen, fernere Wohltaten dem Hunde zu- 
zuteilen, so empfindet das Tier dies wie ein ihm selbst zugefiigtes Obel, 
und wird dadurch zu Zorn und Rache bewegt; alles dies somit ohne 
irgend ein abstraktes Denken, sondern immer nur, indem Sinnenbild 
an Sinnenbild sich anreiht.» 

Das ist gewift wahr, dafi Sinnenbild an Sinnenbild sich beim Hunde 
anreiht; aber in der ganzen Begebenheit waltet Verstand und Weisheit. 

«Merkwiirdig bleibt es indes, wie sehr ein solches eigentiimliches 
Verweben, Trennen und Wiederverbinden von Vorstellungen des innern 
Sinnes, doch dem wirklichen Denken nahe kommen und ihm in seinen 
Folgen gleichen kann! - So sah ich einst einen wohlabgerichteten wei- 
ften Pudel» - das war nicht der Mannheimer Hund, denn das ist 1866 
geschrieben - «welcher zum Beispiel die Buchstaben ihm vorgesagter 
Worte richtig auswahlte und zusammenlegte, welcher einfache Rechen- 
exempel durch Zusammentragen einzelner, gleich den Buchstaben, auf 
besondre Blatter geschriebenen Zahlen zu losen schien, welcher auszu- 
zahlen schien, wie viel Damen sich unter der anwesenden Gesellschaft 
befanden, und dergleichen mehr. - Natiirlich ware alles dies, sobald es 
sich um ein wirkliches Verstehen der Zahl — als mathematischen Be- 
griff - gehandelt hatte, ohne ein eigentliches Nacbdenken nicht moglich 
gewesen; es fand sich aber endlich, dafi der Hund nur abgerichtet war, 
auf ein sehr leises Zeichen seines Herrn, das Blatt mit dem bestimmten 
Buchstaben, oder mit der passenden Zahl, aus der auf gelegten Reihe, an 
welcher er auf- und niederging, aufzunehmen, und auf den Wink eines 
andern eben so leisen Tons (etwa einKnipsen mit demDaumennagel und 
dem Nagel des vierten Fingers) das Blatt in einer andern Reihe wieder 
niederzulegen und dadurch solch scheinbares Wunder zu vollbringen.» 

Sie sehen, nicht blofi die Erscheinung ist langst bekannt, sondern 
auch die Losung, die heute erst wiederum mit vieler Miihe die Gelehrten 
feststellen, weil die Leute sich nicht kiimmern um dasjenige, was ge- 
leistet worden ist in der wissenschaftlichen Entwickelung. Nur deshalb 
kommen solche Dinge zustande, die nicht von unserer vorgeriickten 



Wissenschaft, sondern von unserer vorgeriickten Ignoranz zeugen! 
Aber auf der anderen Seite hat man mit Recht etwas eingewendet. 
Wenn es sich nun wiederum blofi urn solche Erklarungen handeln 
wiirde, wie sie heute vorgebracht werden, so kann man nicht minder 
solche Erklarungen naiv finden; denn Hermann Bahr hat mit Recht 
gesagt: Nun, da ist also der Herr Pfungst gekommen und hat gezeigt, 
wie die Pferde auf ganz leise Deutungen reagieren, die die Menschen, 
die da dressieren, nicht wahrnehmen, sondern unbewufk machen, die 
er selber erst wahrzunehmen in der Lage war, nachdem er sich lange in 
seinem physiologischen Laboratorium Apparate konstruiert hat, um 
diese winzigen Mienen wahrzunehmen. - Hermann Bahr hat mit Recht 
eingewendet, daft es doch eine eigentiimliche Auslegung ist, dafi nun 
die Pferde so gescheit sein sollen, solche Mienen zu beobachten, wah- 
rend ein Privatdozent erst lange Jahre - ich glaube, zehn oder noch 
mehr Jahre hat er dazu gebraucht - sich Apparate konstruieren muft, 
um sie wahrzunehmen! Es ist in alien solchenDingen selbstverstandlich 
ein Stiickchen Richtigkeit; aber man mufi die Dinge nur recht an- 
schauen. Und recht angeschaut zeigt sich eben, daft die Dinge nur er- 
klarlich sind, wenn man geradeso wie zu den Instinkthandlungen ob- 
jektive Weisheit, objektive Vernunft in die Dinge hinein versetzt sich 
denkt, wenn man das Tier eingeschaltet denkt in ein ganzes System 
durch die Welt gehender objektiver Weisheitszusammenhange; wenn 
man sich mit anderen Worten nicht darauf beschrankt, zu denken, daft 
Weisheit durch den Menschen bloft in die Welt gekommen ist, sondern 
erkennt, dafi Weisheit durch die ganze Welt waltet und der Mensch nur 
dazu berufen ist, durch seine besondere Organisation mehr als die 
anderen Wesen von dieser Weisheit wahrzunehmen. Dadurch unter- 
scheidet sich der Mensch von den iibrigen Wesen, dafi er durch seine 
Organisation mehr von der Weisheit wahrnehmen kann als die anderen 
Wesen. Verrichten aber konnen die anderen Wesen durch die ihnen 
eingepflanzte Weisheit ebenso Weisheitsvolles wie der Mensch, nur von 
anderer Art Weisheitsvolles. Und die aufierordentlichen Erscheinungen 
des Weisheitswirkens sind eigentlich fur denjenigen, der Ernst macht 
mit der Weltbetrachtung, die viel weniger wichtigen als diejenigen, die 
immer vor unseren Augen ausgebreitet sind. Die sind die viel wich- 



tigeren. Wenn Sie dies in Erwagung ziehen, so werden Sie das Folgende 
nicht mehr unverstandlich finden. 

Das Tier ist so in die Weltenweisheit eingespannt, daft es recht innig 
mit dieser Weltenweisheit verkniipft ist, viel starker als der Mensch. 
Es ist dem Tier gewissermaften eine viel gebundenere Marschroute mit- 
gegeben als dem Menschen. Der Mensch ist viel freier gelassen als das 
Tier; dadurch ist es ihm auch moglich, Krafte zu ersparen fur das Er- 
kennen der Zusammenhange. Die Hauptsache ist diese, daft beim Tiere, 
namentlich also bei den hoheren Tieren, der physische Leib in dieselben 
Weltenzusammenhange eingespannt ist, in die beim Menschen erst der 
atherische Leib eingespannt ist. Daher weift der Mensch mehr von den 
Weltenzusammenhangen, aber das Tier steckt viel inniger, viel naher 
darinnen, ist viel mehr eingeschaltet in diese Weltenzusammenhange. 
Wenn Sie also objektiv waltende Vernunft in Erwagung ziehen und 
sich sagen: Um uns herum ist nicht nur Luft und Licht, urn uns herum 
ist auch waltende Vernunft iiberall; wenn wir gehen, gehen wir nicht 
nur durch den Lichtraum, sondern auch durch den Weisheitsraum, 
durch den waltenden Vernunftraum, — dann werden Sie ermessen, was 
es bedeutet, wenn der Mensch in bezug auf die feineren Verhaltnisse 
seiner Organe in die Welt in anderer Weise eingespannt wird, als er 
gewohnlich eingespannt ist. Nun ist der Mensch im normalen Leben in 
einer Weise in die geistigen Weltenverhaltnisse eingespannt, daft stark 
beeintrachtigt ist der Zusammenhang zwischen dem Ich und dem 
Gangliensystem und dem astralischen Leib und dem Riickenmarks- 
system fur das tagwache Leben; dadurch, daft das stark beeintrachtigt 
ist, herabgedampft ist, dadurch ist der Mensch im gewohnlichen, nor- 
malen Leben wenig aufmerksam auf das, was sich um ihn herum ab- 
spielt und was er nur wahrnehmen konnte, wenn er wirklich mit seinem 
Gangliensystem ebenso wahrnehmen wtirde, wie er sonst durch seinen 
Kopf wahrnimmt. 

Wenn aber nun in einem solch ausgezeichneten Falle, wie das bei 
Goethe der Fall ist, der astralische Leib, weil der Atherleib aus dem 
Kopf herausgezogen ist, in ein regeres Verhaltnis gebracht worden ist 
zum Riickenmarkssystem und das Ich zum Gangliensystem, so tritt 
auch ein viel regerer Verkehr ein mit dem, was uns immer umgibt und 



umspielt und was uns allein dadurch verhiillt ist, daft wir nur zu nacht- 
schlafender Zeit im normalen Menschenleben mit unserer geistigen 
Umwelt in Beziehung treten. Dadurch aber kommen Sie darauf, zu 
verstehen, wie so etwas, wie Goethe es beschrieben hat, fur ihn einfach 
wahrzuriehmen war, wirklicheWahrnehmung war,eineWahrnehmung, 
die natiirlich nicht so brutal hell sein konnte, wie die Wahrnehmungen 
sind, die wir durch unsere Sinne von der Auftenwelt beziehen, aber die 
doch heller war als die Wahrnehmungen, die sonst ein Mensch von 
seiner Umgebung hat, insof ern diese Umgebung geistig ist. 

Nun, was nahm denn Goethe auf diese Art besonders rege wahr? 
Machen wir uns einmal klar, was Goethe besonders rege wahrnahm, 
an einem besonderen Falle. Goethe war durch sein besonderes Karma 
dazu verurteilt, ins Gelehrtenleben, ins Erkenntnisleben hineinzuwach- 
sen - durch Komplikationen des Karmas, wie ich Ihnen angedeutet 
habe - wiederum nicht so wie ein Dutzendgelehrter. Was erlebt er auf 
diese Weise? Nun, sehen Sie, seit langen Jahrhunderten erlebt ein 
Mensch, der ins Gelehrtenleben hineinwachst, einen bedeutsamen Zwie- 
spalt. Dieser Zwiespalt ist heute sogar mehr verborgen als zu Goethes 
Zeiten. Aber es erlebt jeder einen gewissen Zwiespalt dadurch, daft 
man in dem, was niedergelegte Wissenschaft ist, ein ungeheuer breites 
Feld hat, in dem das zu f inden ist, was mehr oder weniger vom vierten 
nachatlantischen Zeitraum aufbewahrt worden ist. Es wird aufbewahrt 
in den Terminologien, in den Wortsystemen, die man genotigt ist auf- 
zunehmen. Man kramt viel mehr, als man meint, in Worten. Gemildert 
wurde es dadurch, daft im 19. Jahrhundert allmahlich viel experimen- 
tiert worden ist und daft man dadurch so hineinwachst in das Wissen, 
daft man mehr gesehen hat, als friiher gesehen worden ist, und daft 
wenigstens schon bis zu einem gewissen Grade solche Wissenschaften, 
wie die Jurisprudenz, von ihrem ganz besonders hohen Sitz herunter- 
gesunken sind, auf dem sie vorher saften. Aber als noch Jurisprudenz 
und Theologie die ganz besonders hohen Sitze einnahmen, da war 
wirklich ein umspannendes Wortsystem dasjenige, in das man sich zu- 
nachst einlebte, und so war vieles von dem, was man aufnehmen muftte 
als eine Erbschaft des vierten nachatlantischen Zeitraums. Daneben 
machte sich geltend immer mehr und mehr, was aus den Bediirfnissen 



des funften nachatlantischen Zeitraums herkommt, das unmittelbare 
Leben, das aus den groften Errungenschaften der neueren Zeit stammt. 

Das empfindet derjenige nicht, der so einfach geschoben wird von 
Klasse zu Klasse, aber ein Mensch wie Goethe, der empfand das im 
allerhochsten Mafie. Ich sage: Es empfindet der Mensch es nicht, der so 
geschoben wird von Klasse zu Klasse, aber er macht es nicht minder 
durch. Er macht es wirklich durch. Und da streifen wir schon ein ge- 
wisses Geheimnis des modernen Lebens. Studenten, die durch das Stu- 
dium gehen, wir konnen sie iiberblicken nach dem,was sie durchmachen 
und was sie selbst davon wissen; aber was sie so durchmachen, ist nicht 
alles. Ihr Inneres ist etwas ganz anderes. Und wiirden diese Menschen, 
die diese ineinandergewobenen Schichten - vierter und : Inf ter nach- 
atlantischer Zeitraum - durchmachen, wissen, was ein gewisses Glied 
ihres Wesens, ohne daft sie es wissen, mit ihnen durchmacht, dann wiir- 
den sie noch ein ganz anderes Verstandnis fur dasjenige haben, was 
Goethe jugendlich schon in seinen «Faust» hineingeheimnifk hat, denn 
unbewulk machen das Unzahlige mit, die sich hineinleben in den heu- 
tigen Bildungsweg. So dafi man sagen mufi: Durch alles das, was Goethe 
sich heranerzogen hat vermoge seines besonderen Karmas, waren ihm 
die Menschen, denen er nahetrat wahrend seines noch jugendhchen 
Lebens, etwas ganz anderes, als sie ihm geworden waren, wenn er nicht 
dieses besondere Karma gehabt hatte. Denn er fiihlte und empfand, wie 
eigentlich die Menschen, mit denen zusammen er da aufwuchs, betaubt 
werden muftten,um das Faustische Leben in sich eben betaubt zu haben, 
nicht in Wirklichkeit zu haben. Das konnte er dadurch empf inden, weil 
dasjenige, was auf geheimnisvolle Weise in seinen Mitmenschen lebte, 
auf ihn einen solchen Eindruck machte, wie sonst nur der Eindruck 
gemacht wird von einem Menschen auf den anderen Menschen, wenn 
besonders intime Verhaltnisse auftreten, ich will sagen, wenn sich Liebe 
entwickelt zwischen dem einen und dem anderen Menschen. Wenn sich 
Liebe entwickelt zwischen dem einen und dem anderen Menschen, ist 
ja im gewohnlichen Leben tatig im hohen Grade unbewufit auch der 
Zusammenhang des Ich mit dem Gangliensystem und des Astralleibs 
mit dem Riickenmarkssystem. Da kommt etwas ganz Besonderes in 
Wirksamkeit. Aber dasjenige, was sonst nur in diesem Liebeverhaltnis 



tatig ist, das trat fur Goethe auf in einem weiteren Kreise, indem er das 
ungeheure, mehr oder weniger unterbewuftte Mitgefiihl hatte mit den 
armen Kerlen - verzeihen Sie den Ausdruck -, die nicht wuftten, was 
ihr Inneres durchmacht, wahrend sie aufterlich gedrangt wurden von 
Klasse zu Klasse, von Priifung zu Prufung. Das fiihlte er, das gab ihm 
eine reiche Erfahrung. 

Erfahrungen, sie werden zu Vorstellungen. Gewohnliche Erfahrun- 
gen werden zu den Vorstellungen des alltaglichen Lebens; diese Erfah- 
rungen wurden zu den Vorstellungen, die Goethe in seinem «Faust» 
herausbrauste. Es sind nichts anderes als Erfahrungen, Erfahrungen, 
die er im weitesten Umkreise machte dadurch, daft gewissermaften sein 
Ganglien- und Riickenmarksleben aufgerufen wurde zu einer grofteren 
Wachheit als sonst. Und das war der andere Pol zu dem Herabgedam- 
mertwerden des Kopflebens. Das war aber bei ihm schon veranlagt von 
der Knabenzeit an. Man kann es sehen aus der Beschreibung, die er gibt 
da, wo er schildert, wie nicht nur, was sonst die Menschen in Anspruch 
nimmt, in Tatigkeit kam - sagen wir beim Klavierunterricht -, sondern 
der ganze Mensch. Goethe schaltete sich eben viel mehr als ganzer 
Mensch in das Treiben der Wirklichkeit ein als ein anderer. So daft man 
sagen muft: Goethe wachte mehr am Tage als andere Menschen. Er 
wachte mehr am Tage in der Zeit, in der er jugendlich am «Faust» 
arbeitete. Daher brauchte er auch das, was ich Ihnen gestern als die 
Schlafenszeit der zehn Jahre Weimar charakterisiert habe. Das war 
notwendig: wiederum ein Abdampfen. 

Nun ist das ja nur in einer etwas regeren Art dasselbe, mochte ich 
sagen, was aber bei alien Menschen mehr oder weniger, in hoherem 
oder niedererem Grade wahrend des Lebens vorkommt. Goethe wurde 
einfach in einer etwas bewuftteren Art als andere Menschen hinein- 
gezogen in das umliegende weisheitsvolle Wirken, in das rein geistige 
Wirken. Er nahm wahr, was da geheimnisvoll in den Menschen lebte 
und webte. Aber man steht immer drinnen in dem, was da lebt und 
webt. Was ist denn das aber eigentlich? Wenn wir im gewohnlichen 
brutalen Wachleben in die Welt versetzt sind, dann sind wir mit un- 
serem Ich in diese Welt versetzt, hangen mit ihr durch die Sinne und 
durch unsere gewohnlichen Vorstellungen zusammen. Aber wir hangen 



ja, wie Sie sehen, jetzt viel mehr mit dieser Welt zusammen. Unser Ich 
ist ja in einer besonders intimen Beziehung zu unserem Gangliensystem, 
der Astralleib zum Ruckenmarkssystem. Durch diese Beziehung haben 
wir wirklich ein viel umfassenderes Verhaltnis zu unserer Umwelt als 
durch unser Sinnensystem, als durch unseren Kopf. Nun bedenken Sie, 
daft der Mensch den rhythmischen Wechsel braucht, der darinnen be- 
steht, daft sein Ich und sein astralischer Leib im Haupte sind wahrend 
des Tagwachens, aufter dem Haupte sind wahrend des Schlafens, und 
daft sie dadurch, daft sie aufter dem Haupte sind wahrend des Schla- 
fens, gerade ein inneres reges Leben mit dem anderen System zusammen 
entwickeln, wie ich es Ihnen angedeutet habe. Ich und Astralleib brau- 
chen also diese Abwechselung, unterzutauchen in das Haupt, heraus- 
zugehen aus dem Haupt. Wenn der Mensch mit seinem Ich und seinem 
Astralleib aufterhalb desHauptes ist, entwickelt er nicht nurdie innigen 
Beziehungen zu dem iibrigen Organismus durch das Gangliensystem 
und durch das Ruckenmarkssystem, sondern er entwickelt auch nach 
der anderen Seite geistige Beziehungen zu der geistigen Welt. Die ent- 
wickelt er auch. So daft wir sagen konnen: Es entspricht dem besonders 
regen Zusammenleben mit Ruckenmarkssystem und Gangliensystem 
zugleich ein reges seelisch-geistiges Zusammenleben mit der geistigen 
Welt. - Wenn wir also fur die Nacht annehmen miissen, daft das See- 
lisch-Geistige aufterhalb des Kopfes ist und sich dadurch besonders 
dieses rege Leben entwickelt fur den iibrigen Organismus, dann mull 
ich sagen: Fur dasTagleben,wo also Ich und Astralleib mehr im Haupte 
sind, haben wir dafiir wiederum ein geistiges Zusammenleben mit un- 
serer geistigen Umwelt. Wir versenken uns gewissermaften in eine gei- 
stige Innenwelt im Schlafe, aber in eine geistige Umwelt mit dem Auf- 
wachen. 

Dieses Zusammensein mit der geistigen Umwelt ist nur bei einem 
solchen Menschen wie Goethe reger; er traumt gleichsam, wie der 
Mensch ja auch im Schlafe traumt und nicht nur immer dumpf schlaft. 
So traumt der Mensch sehr selten wahrend des Wachlebens bewuftt; 
aber solche Leute wie Goethe kommen wahrend des Wachlebens ins 
Traumen hinein. Dadurch wird bei ihnen gewissermaften Lebenstraum- 
gebilde, was bei den iibrigen Menschen nur unbewuftt bleibt. 



Jetzt haben Sie noch eine genauere Darstellung. Sie konnen sich f rei- 
lich nach dieser Darstellung eine sehr hochmiitige Vorstellung bilden, 
Sie konnen sich sagen: Also konnten wir eigentlich alle einen «Faust» 
schreiben, denn wir erleben den «Faust», indem wir wahrend des Tag- 
lebens in dieUmwelt hineinragen, mit der geistigen Umwelt zusammen- 
leben. Das ist auch wahr. Wir erleben den «Faust»; nur erleben wir ihn 
so, wie man sonst eben den entgegengesetzten Pol in der Nacht erlebt 
mit dem Ich und mit dem Astralleib, wenn man nicht traumt. Und 
Goethe erlebte also nicht nur unbewuftt, sondern er traumte dieses Er- 
lebnis, und dadurch konnte er es ausdrucken im «Faust». Er traumte 
dieses Erlebnis. Bei solchen Menschen wie Goethe verhalt sich das, was 
sie schaffen, zu dem, was die ubrigen Menschen unbewuftt erleben, 
wirklich nur so wie Traum und tiefer Schlaf auf deranderen Seite des 
Lebens. Das ist eine voile Realitat: Wie Traum und tiefer Schlaf, so 
verhalten sich die Schopfungen der groften Geister zu den unbewuftten 
Erlebnissen der anderen Menschen. 

Ja, dabei bleibt noch immer manches ratselhaft. Aber bedenken Sie, 
daft Sie dadurch Einblick gewinnen in etwas, was mit dem Menschen- 
leben innig zusammenhangt. Bedenken Sie, daft Sie dadurch Einblick 
gewinnen in einen Tatbestand, der sich etwa in der folgenden Weise 
charakterisieren laftt. Wir konnten eigentlich immer vieles, vieles er- 
zahlen von dem Zusammenhange unseres Wesens mit der Umgebung, 
wenn wir bis zum Traumen aufwachen konnten in diesem Zusammen- 
hange mit unserer Umgebung. Man brauchte bloft bis zum Traumen 
aufzuwachen und man wiirde Ungeheures erleben und auch schildern 
konnen. Aber eine bedeutsame Folge hatte dieses, eine ganz bedeutsame 
Folge. Denken Sie einmal, wenn alle Menschen, trivial ausgedriickt, 
so bewuftt waren, daft sie alles schildern konnten, was in ihrer Um- 
gebung ist, wenn zum Beispiel alle Menschen wirklich Erlebnisse schil- 
dern konnten, die sich so ausdrucken lassen wie die Goetheschen Erleb- 
nisse, die im «Faust» ausgedriickt sind - wohin kame man dann? Wbhin 
kame die Welt? Die Welt bliebe - sonderbarerweise, aber es ist so -, 
die Welt bliebe stillestehen, die Welt konnte nicht weitergehen. In dem 
Augenblicke, wo die Menschen alle in der Weise traumen wiirden - 
was eine ganz und gar andere Art des Traumens ist -, wie solch ein 



Dichter wie Goethe den «Faust» traumt, wenn jeder seinen Zusammen- 
hang mit der Auftenwelt traumen wiirde, in dem Momente wiirden die 
Menschen die Krafte, die sie aus ihrem Innern entwickeln, auf solches 
verwenden, in solches hineingieften, und das Menschendasein wiirde 
sich in einer gewissen Weise verzehren. Sie konnen sich eine schwache 
Vorstellung machen von dem, was eintreten wiirde, wenn Sie hinsehen 
auf die vielen verheerenden Wirkungen, die schon heute dadurch ein- 
treten, daft viele zwar nicht in Wirklichkeit traumen, aber sich ein- 
bilden zu traumen, indem sie Reminiszenzen nachplappern oder nach- 
schreiben, die sie von anderswoher aufgenommen haben. Das hangt 
zusammen mit der Tatsache, daft es viel zu viel Dichter gibt; denn wer 
glaubt heute nicht alles, daft er ein Dichter oder ein Maler oder sonst 
dergleichen ist! Die Welt konnte nicht bestehen, wenn das so ware, 
denn alle gutenDinge haben auch ihre Schattenseiten, richtige Schatten- 
seiten. 

Schiller war auch ein bedeutender Dichter, der manches in der Weise 
traumte, wie ich es jetzt beschrieben habe. Aber denken Sie, wenn alle 
diejenigen, welche in ihren Jugendzeiten gleich Schiller vorbereitet 
werden, Mediziner zu werden, Arzte zu werden, nun die Medizin so an 
den Nagel hangten wie Schiller, und wenn sie dann, weil sie das brau- 
chen, spater durch allerlei Protektionen ernannt wiirden, ohne eigent- 
lich vorbereitet zu sein, ohne Geschichte studiert zu haben, zum «Pro- 
f essor der Geschichte» ! Schiller hielt zwar sehr anregende Vorlesungen, 
aber schlieftlich, gelernt haben die Studenten dasjenige, was sie ge- 
braucht haben, bei Schillers Universitatsvorlesungen in Jena nicht. Und 
Schiller hat auch allmahlich diese Universitatsvorlesungen wieder ver- 
siegen lassen und war froh, als er sie nicht mehr zu halten brauchte. 
Denken Sie, wenn es bei jedem solchen Geschichtsprofessor oder bei 
jedem angehenden Arzte so ginge! Also, alle Gutheiten haben selbst- 
verstandlich auch wieder ihre Schattenseiten. Die Welt muB gewisser- 
maften bewahrt bleiben davor, daft sie stillestehen bleibt. Daher konnen 
nicht alle Menschen - es sieht jetzt trivial aus, wenn man das sagt, aber 
es ist eine tiefe, geradezu eine Mysterienwahrheit -, deswegen konnen 
nicht alle Menschen so traumen. Denn die Krafte,mit denen diese Men- 
schen traumen, die miissen zunachst noch in der Auftenwelt wirklich 



verwendet werden zu etwas anderem, damit in diesem anderen die 
Grundlagen geschaffen werden fiir weitere Erdenentwickelung, die 
stillestehen wiirde, wenn alle Menschen in der angedeuteten Art trau- 
men wiirden. 

Und jetzt sind wir an einem Punkt, wo eine besonders paradoxe 
Sache herauskommt. Wozu werden denn die angedeuteten Krafte von 
den Menschen in der Welt eigentlich verwendet? Wenn man geistes- 
wissenschaftlich nachschaut, wozu diese Krafte verwendet werden, 
von denen Sie vielleicht sagen: Wenn sie doch bei alien Menschen zum 
Traumen verwendet wiirden! - sie werden aber nicht zum Traumen, 
sondern zum tiefen Schlafen verwendet -, wozu werden sie denn ver- 
wendet? Sie werden verwendet zu alle dem, was ausgegossen ist iiber 
die Menschenentwickelung in der mannigfaltigsten Berufsarbeit. Das 
alles flieflt in die mannigfaltigste Berufsarbeit hinein. Und Berufsarbeit 
verhalt sich zu solcher Arbeit, wie sie am «Faust», wie sie an Schillers 
«Wallenstein» geleistet worden ist, wie tiefer Schiaf zum Traumen. 
Aber wir schlafen in unserer Berufsarbeit! Es ist Ihnen sonderbar, Sie 
werden sagen, in der Berufsarbeit wachen Sie ja. Mit diesem Wachen 
ist es namlich eine grofSe Tauschung, denn das, was durch die Berufs- 
arbeit wirklich zustande kommt, ist nichts, bei dem der Mensch mit 
vollem Wachbewulksein tatig ist. Einiges von den Wirkungen des Be- 
rufes auf seine Seele wird ihm allerdings wach bewufit, aber was in 
dem ganzen Gewebe von Berufsarbeit, das die Menschen immerdar um 
die Erde herum spinnen, was da eigentlich vorhanden ist, davon wissen 
die Menschen nichts. Es ist sogar frappierend, zu wissen, wie diese 
Dinge zusammenhangen. Hans Sachs war ein «Schuhmacher und Poet 
dazu», Jakob Bohme war ein Schuhmacher und ein mystischer Philo- 
soph dazu. Da haben wir durch eine besondere Konstellation, iiber die 
man auch noch reden kann, ich mochte sagen, Schlafen und Traumen 
abwechselnd. Man kann von einem ins andere hineingehen. 

Aber was bedeutet bei einem solchen Menschen wie Jakob Bohme 
dieses Zusammenspielen, dieses abwechselnde Leben in der Berufs- 
arbeit - denn er hat ja wirklich Schuhe gemacht dazumal fiir diebraven 
Gorlitzer und seinen Niederschreibungen mystisch-philosophischer 
Art? Manche Leute haben iiber diese Dinge sonderbare Ansichten. Ich 



habe Ihnen schon erzahlt, was wir erfahren haben, als wir einmal in 
. Gorlitz waren und dort abends vor einem Vortrage ins Gesprach kamen 
mit einem Manne. Ich sollte gerade iiber Jakob Bohme in Gorlitz vor- 
tragen. Da kam ich mit einem Gymnasiallehrer in ein Gesprach iiber 
das Jakob-Bohme-Denkmal, das wir gerade dort im Park gesehen hat- 
ten. Die Gorlitzer - es wurde uns ofters mitgeteilt - nennen dieses 
Denkmal den «Parkschuster». Wir sprachen davon, dafi dieses Denk- 
mal sehr schon sei, und dieser Gymnasiallehrer sagte, er finde das nicht, 
denn der schaue aus wie Shakespeare, - aber er war doch ein Schuster, 
und man sehe es ihm ja nicht an, daft er ein Schuster ware. Wenn man 
schon Jakob Bohme darstelle, so miisse man ihm schon ansehen, dafi er 
ein Schuster ware. - Nun, mit solch einer Gesinnung braucht man ja 
nichts zu tun zu haben. Indem solch ein Mensch wie Jakob Bohme seine 
groften mystisch-philosophischen Anschauungen niederschrieb, wirkte 
er heraus aus dem Ergebnis, das nur hat zustande kommen konnen, 
indem sich der Mensch auf gebaut hat durch die Saturnzeit heran, durch 
die Sonnenzeit, durch die Mondenzeit bis zur Erdenzeit, indem da, 
man mochte sagen, ein breiter Strom geht, der endlich in diesen Wir- 
kungen zum Ausdruck gekommen ist. Nur in einer durch besondere 
karmische Verhaltnisse herbeigefiihrten Weise kommt dieser Strom in 
einer solchen Personlichkeit zum Ausdruck. Aber wie zu einem Men- 
schen auf Erden iiberhaupt notwendig ist alles das, was durch die 
Sonnen- und Mondenzeit hindurch vorangegangen ist, so ist das natiir- 
lich, nur in einer besonderen Weise, notwendig gewesen, um das zu 
schaffen, was in Jakob Bohme war. 

Aber dann hat sich Jakob Bohme wiederum hingesetzt und hat 
Schuhe gemacht fur die biederen Gorlitzer. Wie hangt denn das zu- 
sammen? Gewifi, daft ein Mensch die Geschicklichkeit sich erwerben 
konnte, Schuhe zu machen, das hangt auch mit dieser Stromung zu- 
sammen. Aber die Schuhe sind dann fertig und dienen anderen Men- 
schen, gehen hinaus in die Welt, sondern sich ab von dem Menschen, 
haben dann in dem, was sie da wirken, nichts mehr zu tun mit der Ge- 
schicklichkeit und so welter, sondern sie haben etwas zu tun mit dem 
Umhiillen und Warmen der Fiifte und so weiter. Sie nehmen ihren Weg 
fur sich; da iiben sie auch gewisse Funktionen aus. Sie losen sich los von 



dem Menschen, und was sie da draufien bewirken, das hat seine Wir- 
kungen erst spater, das ist nur ein Anfang. Und das ist nun so: Wenn 
ich die Ausgangswirkung zu der eben geschilderten mystisch-philo- 
sophischen Tatigkeit des Jakob Bohme so zeichnen wiirde, daft ich da 
die erste Anlage hinzeichnen wiirde (siehe Zeichnung, Kreuz unter dem 
ersten Kreis, Saturnzustand), so mufke ich die erste Anlage von seiner 
Schusterei hierher zeichnen (Kreuz im vierten Kreis, Erdenzustand), 



Saturn So\ny\a P\o\r\b £r^e 



{ ff 'If It ' in * 

''/t„/t'' ''Utmi 1 //i i'' 



Hi ttftti'Stlt tt'ttl tff/nr/f llUttlHIIIitfttHtl tttt' 



und das stromt weiter und wird in der kunftigen Vulkanentwickelung 
zu einer solchen Vollkommenheit gediehen sein wie das, was von der 
Saturnentwickelung geschehen und eingeflossen ist in die mystisch- 
philosophische Tatigkeit des Jakob Bohme. Dies (kleiner Kreis unter 
dem vierten Kreis) ist gewissermafien ein Ende; sein Schuhflicken ist 
ein Anfang (kleiner Kreis mit Pluszeichen im vierten Kreis). Wir sagen, 
die Erde ist heute Erde. Sie ist es natiirlich auch. Wenn wir sie zuriick- 
verfolgen konnten vom Saturn, noch weiter zuriick, wiirden wir sagen 
konnen: Die Erde ist in bezug auf gewisse Dinge Vulkan; da (links 
auften) wiirden wir den Saturn dann annehmen. So aber konnen wir 
alles relativ nehmen. Wir konnen sagen: Die Erde ist Saturn, und der 
Vulkan ist gewissermaften Erde. Dasjenige, was auf der Erde in einer 
solchen Berufsarbeit geschieht wie bei Jakob Bohme - nicht in der freien 
Produktion, die er iiber seine Berufsarbeit hinaus macht, sondern was 
er als Berufsarbeit macht das ist der Ausgangspunkt zu etwas, was so 
weit sein wird auf dem Vulkan, wie dasjenige, was auf dem Saturn 
geschehen ist, jetzt fur die Erde ist. Und auf dem Saturn mulke etwas 



Ahnliches geschehen, damit auf der Erde der Jakob Bohme seine mysti- 
sche Philosophic hat schreiben konnen, wie er selber getan hat mit sei- 
nem Schuhflicken, damit etwas Ahnliches auf dem Vulkan getan wer- 
den kann, wie sein Schreiben der mystischen Philosophie auf der Erde ist. 

Darinnen liegt etwas gar Merkwiirdiges. Denn darinnen liegt an- 
gedeutet, wie dasjenige, was man auf der Erde of tmals so wenig schatzt, 
nur deshalb so wenig geschatzt wird, weil es der Ausgangspunkt ist zu 
etwas, was man erst schatzen wird in der Zukunft. Die Menschen sind 
selbstverstandlich ihrem inneren Wesen nach viel mehr mit der Ver- 
gangenheit zusammengewachsen; denn mit dem, was ein Anfang ist, 
miissen sie erst zusammenwachsen. Daher haben sie oftmals das, was 
ein Anfang ist, viel weniger lieb, als was ihnen aus der Vergangenheit 
heriiberkommt. Es wird aus dem ganzen Umfange desjenigen, in das 
wir noch hineingestellt sein miissen wahrend der Erdenzeit, damit auf 
dem Vulkan etwas Besonderes werden kann, wenn die Erde weiter sich 
entwickelt hat durch Jupiter-, Venuszeit bis zur Vulkanzeit, es wird 
aus dem dann erst solches voiles Bewufitsein wie fur so etwas wie die 
Philosophie Jakob Bohmes auf der Erde. Daher ist das eigentlich Be- 
deutsame in der menschlichen Auftenarbeit heute in solche Unbewufk- 
heit eingehiillt, wie auf dem Saturn der Mensch in Unbewufitheit ge- 
hiillt war, denn erst auf der Sonne entwickelte er das Schlafbewufk- 
sein, auf dem Monde das Traumbewufttsein und auf der Erde das 
Wachbewufksein mit Bezug auf seine jetzigen Verhaltnisse. 

Und so lebt der Mensch wirklich in tiefem Schlafbewulksein mit 
Bezug auf all dasjenige, in das er sich hineinstellt, wenn er sich in 
irgendeinen Beruf hineinstellt, denn durch diesen Beruf schafft er ge- 
rade - nicht durch das, was ihn freut am Berufe, sondern durch das, 
was sich entwickelt, ohne dafi er darauf eingehen kann - die Zukunfts- 
werte. Wenn einer einen Nagel fabriziert und immer wieder einen 
Nagel fabriziert, ja, das macht einem heute natiirlich keine besondere 
Freude. Aber der Nagel, der sondert sich ab, hat bestimmte Aufgaben. 
Was da geschieht durch den Nagel, darum kummert man sich weiter 
nicht. Man geht nicht jedem Nagel nach, den man fabriziert. Aber was 
da alies ins Unbewufite, in den tiefen Schlaf eingehUllt ist, das ist be- 
stimmt, in der Zukunft wieder aufzuleben. 



So haben wir zunachst nebeneinanderstellen konnen das, was der 
gewohnlichste Mensch macht, die unbedeutendste Arbeit zunachst im 
Beruf, und das, was als hochste Leistung erscheint. Hochste Leistungen 
sind ein Ende, die unbedeutendste Arbeit ist immer ein Anfang. 

Ich wollte zunachst diese beidenBegriffe nebeneinanderstellen, denn 
wir konnen nicht die Art und Weise, wie der Mensch nun durch sein 
Karma verbunden wird im Beruf, in Betracht ziehen, wenn wir nicht 
iiberhaupt erst wissen, wie sich die oft mit dem Menschen ganz aufier- 
lich verbundene Berufsarbeit zu der ganzen Entwickelung, in die der 
Mensch hineingestellt ist, verhalt. Und so werden wir denn weiter- 
schreiten demnachst, um nun die eigentliche Karmafrage des Berufes 
auszuarbeiten. Aber ich mufite diese Dinge vorangehen lassen, damit 
wir wenigstens einmal einen universellen Begriff bekommen von dem, 
was aus dem Menschen in den Beruf hineinf liefk. Diese Dinge sind aber 
auch alle sehr dazu angetan, unsere moralischen Empfindungen in der 
rechten Weise zu gestalten.Denn unsere Schatzungen sind oftmals nicht 
die richtigen, weil wir die Dinge nicht in der richtigen Weise ins Auge 
fassen. Das Samenkorn erscheint manchmal recht unscheinbar, wenn 
es daliegt neben der schon entwickelten Blume. Dennoch, in diesem 
Samenkorn steckt die schon entwickelte Blume einer Zukunftsentwik- 
kelung. Wie in der Menschheitsentwickelung Samenkorn und Blume 
zusammenhangen, das wollte ich Ihnen heute an dem menschlichen 
Schaffen auseinandersetzen. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 12. November 1916 



Vielleicht konnte jemand sagen, daft die geisteswissenschaftlichen Be- 
trachtungen gerade einer solchen Frage, wie diejenige ist, die sich jetzt 
in unsere Auseinandersetzungen hineinflicht, die doch alle mehr oder 
weniger auf die sogenannteBerufsfragehinaustendieren, zu den wenigst 
interessanten gehoren. Das ist aber nicht der Fall, und man muft er- 
kennen, daft es insbesondere nicht der Fall ist in unserer funften nach- 
atlantischen Periode. Denn in dieser funften nachatlantischen Periode 
werden sich tatsachlich alle Verhaltnisse, innerhalb welcher die Men- 
schen leben, ganz wesentlich andern gegeniiber den Zustanden, die in 
friiherenErdperioden vorhanden waren, und sie werden sich so andern, 
daft der Mensch selbst aus seiner Freiheit heraus mehr mitbringen muft 
bei dieser Anderung, als er in friiheren Zeiten mitgebracht hat, wo dies, 
was ihm als seine Aufgabe innerhalb derErdenentwickelung zugef alien 
ist, sich wie instinktiv vollziehen konnte, wo ihm gewissermaften fur 
vieles die Richtung eingegeben wurde, die er in der einen oder in der 
anderen Hinsicht einzuschlagen hatte. 

Wenn wir zum Beispiel zuriickblicken auf die agyptisch-chaldaische 
Kultur oder auf andere Kulturen friiherer Zeiten, so werden wir fin- 
den, daft so viel als schon jetzt - und das wird immer mehr werden - 
in die Hand des Menschen gegeben ist mit Bezug auf die Pragung seines 
aufteren Schicksals, in friiheren Zeiten nicht in seine Hand gegeben war. 
In der agyptisch-chaldaischen Periode war gewissermaften dadurch, 
daft der Mensch einem bestimmten Stande angehorte, in den er gleich- 
sam hineingezwangt war, wenn auch nicht in so festem Sinne, aber 
doch in einem gewissen Sinne wie das Tier in seine Gattung, es war 
dadurch seiner Freiheit entzogen, was heute vielfach in die Freiheit 
des Menschen gestellt ist. Allerdings gab es gegenuber dieser Freiheits- 
beschrankung in diesen alteren Zeiten ein Gegengewicht. Dieses Gegen- 
gewicht, Sie konnen es sich vor die Seele rufen, wenn Sie bedenken, was 
wir im Zusammenhange dieser Vortrage besprochen haben. Man stellt 
sich sehr haufig heute in der aufteren Kulturgeschichte, die so kurz- 



sinnig denkt, vor, daft es auch in alteren Zeiten so gewesen ware, als ob 
diejenigen, die die Leiter der menschlichen Angelegenheiten waren, aus 
solchen menschlichen Impulsen heraus diese menschlichen Angelegen- 
heiten geleitet hatten, wie die jetzigen fiihrenden Personlichkeiten. 
Aber erinnern Sie sich, daft in alteren Zeiten ganz bestimmte Vorgange 
vorhanden waren innerhalb der Mysterien, durch welche sich die fiih- 
renden, die leitenden Personlichkeiten unterrichtet haben iiber das- 
jenige, was nicht irdische Wesen wollen, sondern was die Wesen wollen, 
welche von aufterirdischen Regionen aus das irdische Leben leiten. Ich 
habe Ihnen gesagt, daft zu bestimmten Zeiten, welche wir ja jetzt nicht 
naher zu bezeichnen brauchen, die alten Opferpriester bestimmte My- 
sterienhandlungen abhielten. Diese Mysterienhandlungen liefen darauf 
hinaus, daft gewissermaften dazu geeignete Personlichkeiten in den 
Tempeln eingeschaltet wurden in das Universum, in den Kosmos, in 
die aufterirdischen Verhaltnisse, daft dann in das Bewufttsein dieser 
besonders geeigneten Personlichkeiten hereinspielten Wesen, welche 
von aufterirdischen Regionen herein die Erdenvorgange leiteten, und 
daft man sich nach dem, was man so hereininspiriert bekam iiber den 
Willen der leitenden geistigen Wesenheiten, bestimmen lieft zu den Vor- 
nahmen, die einem oblagen. 

Also stellen wir uns vor, es wiirde in unserer Zeit - das geschieht 
nicht, aber ich will durch eine hypothetische Annahme hinweisen dar- 
auf, wie in friiheren Zeiten solche Dinge verliefen - das Weihnachts- 
fest nicht so verlaufen, wie es heute verlauft, wo es ja doch mehr oder 
weniger eine auftere Festlichkeit bleibt fur die meisten Menschen. 
Nehmen wir an, es wiirde das Weihnachtsfest so verlaufen, daft man 
weift: In dieser Zeit, in der das Weihnachtsfest liegt, ist unsere Erde als 
Wesen besonders geeignet, in ihre Aura Ideen hereinzubekommen, die 
zum Beispiel wahrend der Sommerszeit gar nicht hereinkommen kon- 
nen in die Erdenaura. Ich habe in friiheren Betrachtungen auseinander- 
gesetzt, wie die Erde gewissermaften wacht wahrend der Winterszeit 
und wie einer der hellsten Punkte des Wachens eben die Weihnachtszeit 
ist. Die Erdenaura ist in dieser Zeit durchzogen, durchwoben von Ge- 
danken. Man kann sagen, daft die Erde in dieser Zeit so nachdenkt iiber 
das Weltenall, das aufter ihr ist, wie wir Menschen dann, wenn wir im 



tagwachen Zustande sind, durch unsere Gedanken nachdenken iiber 
das, was um uns herum 1st. Im Sommer schlaft die Erde. Da kann man 
also gewisse Gedanken in ihr nicht finden. Im Winter wacht sie, und 
am hellsten wacht sie in der Zeit, in die Weihnachten fallt. Da durch- 
ziehen die Erdenaura Gedanken und aus diesen Gedanken kann man 
ablesen, was der Kosmos mit unseren Erdenvorgangen will. 

Erzogen sie nun gewisse Menschen individuell so, daft diese Indivi- 
duen sensitiv, empfanglich wurden fiir das, was da in der Erdenaura 
lebte, so konnten diese erziehenden Opferpriester in den Tempeln da- 
durch diesen kosmischen Willen erfahren, daft sie die dazu erzogenen 
Menschenindividuen gewissermaften einschalteten in die irdischen Ge- 
danken, welche iiber den kosmischen Willen sich aussprechen. Und 
dann konnten sie nach dem, was sie da gewissermaften als Wille des 
Himmels erfuhren, bestimmen, wer bleiben sollte innerhalb eines ge- 
wissen Standes und wer hereingezogen werden sollte in die Mysterien, 
um irgendeine fuhrende Stellung im alten Staatsleben oder im alten 
Priesterleben einzunehmen. Aus diesen Dingen ist die Menschheit her- 
ausgewachsen. Sie ist jetzt gewissermaften in dieser Beziehung dem 
Chaos ausgeliefert. Dariiber miissen wir uns nur ganz klar sein. Der 
Obergang aus den alten, ganz bestimmten Verhaltnissen, in denen die 
Menschen aus dem Willen der Gotter erkundet haben, was hier auf der 
Erde vorgehen soil, in unsere jetzigen Verhaltnisse, fand statt. Diese 
alten Gepflogenheiten sind iibergegangen durch den vierten nachatlan- 
tischen Zeitraum, in dem sozusagen die menschliche Individuality sich 
emanzipiert hat von dem Willen des Kosmos, in unsere jetzt schon mehr 
chaotischen Verhaltnisse. Alles tendiert darauf hin, mehr in des Men- 
schen Hand gegeben zu werden. Um so mehr ist es aber notwendig, daft 
der Wille des Kosmos in einer anderen Weise in die irdischen Verhalt- 
nisse hereindringt. 

Es wiirde aufterordentlich viel Zeit in Anspruch nehmen, wenn man 
klarmachen wollte, wie noch in der agyptisch-babylonischen, also in 
der dritten nachatlantischen Kulturperiode in demjenigen, was im Ir- 
dischen wirkt und webt — nun, nennen wir es mit einem an unsere Ver- 
haltnisse angepaftten Worte - aus den verschiedenen Berufen der Men- 
schen heraus, wie da etwas wirkt und webt, was in hohem Grade ein 



Abbilden des Wollens des Kosmos war. Das kam auf die geschilderte 
Weise zustande. Das verschwamm schon wahrend der vierten nach- 
atlantischen Zeitperiode; das ist aber vollstandig verschwommen ge- 
worden in der Zeit der funften nachatlantischen Periode, in der wir 
leben und die ja, wie wir wissen, ungefahr mit dem 15. Jahrhundert 
begonnen hat. Wiirden die Menschen heute mehr achten auf das, was 
vorgeht, wiirden sie nicht statt Geschichte eine Fable convenue erzah- 
len, dann wiirden die Menschen auch schon aus den aufteren Verhalt- 
nissen heraus erkennen konnen, wie alles bis zu einem gewissen Grade 
im menschlichenBerufszusammenleben gerade seit dem 14. und 15. Jahr- 
hundert anders geworden ist, und aus den gegenwartigen Verhaltnissen 
wiirde man erkennen, wie alles inderZukunft immer mehr und mehr an- 
ders werden wird.Es miiftte iiber das Menschengeschlecht aber wirklich 
eine Art Anarchie hereinbrechen, wenn gar niemand da ware, der diese 
tieferen Zusammenhange erfaftte und dem menschlichen Geistesleben 
Ideen iibermittelte, welche mit diesen durch den naturgemaften Gang 
der Evolution gegebenen Veranderungen rechnen konnten. Dasjenige, 
was in der aufteren Geschichte schon konstatiert werden konnte an dem 
Aufleben des neugeschichtlichen, konnten wir sagen, Berufslebens seit 
dem 15. Jahrhundert, wiirde jeden, der einen Sinn iiberhaupt hat fur 
die Betrachtung des menschlichen Lebens, in Erstaunen versetzen. Da 
wiirde er sich gewissermaften, wenn er das alles, was man so erkennen 
kann, auf sich wirken lassen wiirde, Vorwiirfe dariiber machen, daft er 
so schlafrig dahinlebt und sich nicht iiber das, was im eminentesten 
Sinne mit dem sich fortentwickelnden menschlichen Schicksal zusam- 
menhangt, Gedanken macht. 

Ich habe nun das letzte Mai hier aufmerksam darauf gemacht, daft 
dasjenige, was wirkliches Berufsleben darstellt, keineswegs so bedeu- 
tungslos ist f iir den ganzen kosmischen Zusammenhang, wie es zunachst 
erscheinen konnte. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daft wir 
ja als Menschen nacheinander durchgemacht haben die Saturnentwik- 
kelung, wo sich vorbereitet hat die erste Anlage des physischen Men- 
schenleibes, die Sonnenzeit, wo sich vorbereitet hat der atherische 
Mensch, die Mondenzeit, wo sich vorbereitet hat der astralische Mensch. 
Die Erdenzeit machen wir jetzt durch, wo sich ausbildet das Ich. Aber 



es werden auf diese Zeitraume andere folgen: die Jupiterzeit, die Venus- 
zeit, die Vulkanzeit. Und wir konnen sagen: So wie die Erde gewisser- 
mafien die vierte Stufe ist zum Saturn, so ist der Vulkan die vierte Stufe 
zur Erde. Die Erde ist gewissermafien der Saturn des Vulkan. Wie auf 
dem alten Saturn, den ich mit 1 bezeichne, Vorgange sich abgespielt 
haben, die so sehr mit der Evolution zusammenhangen, dafi wir ja 
diesen Vorgangen die erste Anlage zu unserem physischen Leib ver- 
danken, die jetzt noch in uns fortwirkt, so mu(5 auch auf der Erde etwas 
vorgehen, was in der Evolution weiterwirkt und was auf dem Vulkan 
eine vierte Stufe der Ausbildung erlangt, so wie gewisse Vorgange auf 
dem Saturn wahrend der Erdenzeit eine gewisse vierte Stufe der Aus- 
bildung erfahren haben. Und ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, 
dafi diese Vorgange, welche dem Vulkan entsprechen werden, dem ent- 
sprechen, was wir von der Saturnentwickelung auf der Erde haben und 
also dasjenige darstellen, was wirkt und lebt in den verschiedenen Be- 
rufen, welche die Menschen auf der Erde ergreifen. Indem die Men- 
schen ein Berufsleben fiihren, entwickelt sich auf der Erde innerhalb 
der Tatigkeit der Berufe etwas, was erste Anlage ist fur den Vulkan, 
so wie die Saturntatigkeit erste Anlage war fur unseren physischen 
Menschenleib. 



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Wenn Sie zu dem hinzubedenken, dafi gerade von der fiinften nach- 
atlantischen Zeit an das Berufsleben eine so ungeheure Umgestaltung 
erfahren hat, so werden Sie ermessen, wie notwendig es immer mehr 
und mehr werden wird, mit den Gesichtspunkten, welche geisteswissen- 
schaftlich entwickelt werden konnen, in den gesamten Gang der Wel- 
tenentwickelung sich das Berufsleben hineingestellt zu denken. Denn 
nur dadurch, dafi wir zunachst die objektiven Seiten des Berufslebens 
kennenlernen, konnen wir uns auch geeignete Vorstellungen machen 
iiber das Karma des Berufes. Mehr noch interessieren mufi uns, weil 
uns das deutlichere Vorstellungen gibt als die schon heutigen Zustande, 
wohin eigentlich das Berufsleben tendiert, wohin es sich weiterentwik- 
keln will von unserem Zeitpunkte an. 

Die weitereEntwickelung des Berufslebens wird darinnen bestehen - 
das kann man ja leicht erkennen, wenn man tiberhaupt nur mit gesun- 
dem Verstande heute in die Welt hineinsieht -, daft die Berufe sich 
immer mehr und mehr differenzieren, immer mehr und mehr speziali- 
sieren. Es ist heute gar wenig gescheit, wenn manchmal in kritisierender 
Weise davon gesprochen wird, daft sich im Laufe der neueren Zeit die 
Berufe spezialisiert haben, wahrend vor vielleicht gar nicht einer so 
groften Anzahl von Jahrhunderten der Mensch noch liberschauen 
konnte in seinem Berufe den Zusammenhang desjenigen, was er ver- 
fertigte, mit dem, was es fur die Welt bedeutete und ein Interesse daran 
haben konnte, seine Produkte in einer bestimmten Weise zu formen 
und zu gestalten, weil er unmittelbar eine Anschauung hatte von dem, 
was seine Produkte im Menschenleben wurden. Wahrend das in frii- 
heren Zeiten der Fall war, ist es heute fur einen groften Teil der Men- 
schen nicht mehr der Fall. 

Der Mensch wird heute, wenn wir einen radikalen Fall nehmen, in 
die Fabrik gesteckt durch sein Schicksal. Er arbeitet vielleicht nicht 
einmal einen Nagel, sondern nur einen Teil eines Nagels aus, der dann 
wiederum durch einen anderen Menschen zusammengestellt wird mit 
einem anderen Teile des Nagels, und kein Interesse kann der Betref- 
fende entwickeln fur die Art und Weise, wie sich hineinstellt das, was 
er vom friihen Morgen bis zum spaten Abend macht, in den Gesamt- 
zusammenhang des menschlichen Lebens. Vergleicht man das friihere 



Handwerksleben mit dem jetzigen Fabriksleben, so hat man gleich 
einen radikalen Unterschied mit Bezug auf das Gegenwartige und das 
vor gar nicht langer Zeit Gewesene. Dasjenige, was in den einzelnen 
Zweigen menschlicherBetatigung heute schon in hohemMafie sich voll- 
zogen hat, wird sich immer mehr und mehr vollziehen. Es wird immer 
mehr und mehr Spezialisierung, Differenzierung des Berufslebens ein- 
treten miissen. Es ist gar nicht besonders gescheit, wenn man dies kriti- 
siert, weil es eine Notwendigkeit der Evolution ist, weil es einfach ge- 
schehen wird und immer mehr und mehr geschehen wird. 

Und was fur eine Aussicht eroffnet sich gewissermaften aus diesem? 
Ja, im Grunde genommen eroffnet sich die Aussicht, daft die Menschen 
dann, wie man sich einbilden mochte, immer mehr und mehr das Inter- 
esse gerade fur dasjenige verlieren miiftten, was den groflten Teil ihres 
Lebens ausfiillt, daft sie also gewissermaften mechanisch hingegeben sein 
mufken an ihre Arbeit in der Aufienwelt. Das aber ware noch nicht 
einmal das Wesentlichste. Das Wesentlichste ist ja noch etwas anderes. 
Das Wesentlichste ist, dafi in das menschliche Innere herein seine auftere 
Arbeit selbstverstandlich abfarben mufi. Und wer wiederum die ge- 
schichtliche Entwickelung der Menschen betrachtet, der wird schon 
finden, in wie hohem Grade die Menschen in der neueren Entwickelung 
im fiinften nachatlantischen Zeitraum gewissermafien Abdrucke ge- 
worden sind ihrer Berufe, wie hereinspielt das berufliche Leben in das 
seelische Leben und den Menschen selber spezialisiert. Sie diirfen ja 
nicht den Mafistab nehmen von der Mehrzahl derjenigen, die vielleicht 
heute noch innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft leben, 
denn die sind vielfach in der gliicklichen Lage, sich herauszulbsen aus 
dem Zusammenhang des Lebens - in der gliicklichen Lage, ich konnte 
ebensogut sagen, in der ungliicklichen Lage! Denn ein Gliick ist dieses 
vielfach nur fiir das subjektiv-egoistische menschliche Empfinden, ein 
Gliick ist es vielfach nicht fiir die Welt. Denn die Welt wird einmal 
immer mehr und mehr von den Menschen fordern, daft sie im Speziellen 
Tiichtiges leisten, daft sie sich spezialisieren konnen. 

Die Frage wird nur immer mehr und mehr sein: Was mufi aufSer dem 
geschehen, dafi sich die Menschen spezialisieren? Daft sie sich speziali- 
sieren werden, daf iir wird schon die Notwendigkeit der Weltenentwik- 



kelung sorgen. Was mufi aber aufterdem geschehen? Die Frage wird in 
nicht gar zu ferner Zukunft eine der allerwichtigsten, gestatten Sie den 
Ausdruck, Familienfragen werden fiir die Menschheit. Familienfrage, 
denn ein Verstandnis dieser Frage wird man haben miissen, wenn man 
Kinder erziehen will. Sich verniinftig hineinzustellen in den ganzen 
Gang der menschlichen Entwickelung dann, wenn die Frage auftaucht: 
Wie stelle ich mein Kind in diese menschliche Entwickelung hinein? - 
das wird ganz und gar von dem Verstandnis fiir diese Frage abhangen. 
Denn das, was heute noch vielfach moglich ist, was aber nur ein Ober- 
bleibsel alter Zeiten ist, dem die Menschen noch nachhangen aus einem 
gewissen Schlendrian heraus, das wird sich bald als eine leere Redens- 
art herausstellen, jene schonen Redensarten, die heute vielfach bewun- 
dert werden: man miiftte die Anlagen der Kinder beobachten und man 
miiftte sie werden lassen das, was ihren Anlagen entspricht. Gerade das 
wird sich eben sehr bald als eine leere Redensart herausstellen. Denn 
erstens werden die Menschen sehen, daft diejenigen, die von jetzt an 
geboren werden, in komplizierterer Weise auf ihre fruheren Inkarna- 
tionen zuriickweisen, als das noch im vierten nachatlantischen Zeitraum 
der Fall war, daft sie in ihren Anlagesystemen Kompliziertheiten zei- 
gen, von denen man sich friiher nichts traumen lieft. Es waren die An- 
lagesysteme in fruheren Zeiten viel einfacher. Und Leute, die sich be- 
sonders geeignet glauben, bei erwachsenen Kindern die Anlagen zu 
priifen, ob sie zu diesem oder jenem Berufe geeignet sind, werden viel- 
leicht die Erfahrung machen miissen, daft solche Einsicht in die Anlagen 
nur die phantastischen Einbildungen der betreffenden, sich gescheit 
diinkenden Menschen sind. 

Aber abgesehen davon wird das Leben der Menschen so kompliziert 
werden in nicht zu ferner Zeit, daft das Wort «Beruf » eine ganz andere 
Bedeutung annehmen wird. Heute stellt man sich noch vielfach bei dem 
Beruf etwas Innerliches vor, obwohl der Beruf bei den meisten Men- 
schen keineswegs sich als etwas Innerliches darstellt. Heute stellt man 
sich vor: Beruf — wozu der Mensch durch seine inneren Qualitaten 
beruf en ist. Wiirde man einmal objektiv priifen, besonders in unseren 
Stadten, wie viele Menschen antworten wiirden: Ich bin in meinem 
Berufe deshalb drinnen, weil ich einsehe, daft dies der einzige Beruf ist, 



der meinen Anlagen, meinen Neigungen von Kindheit auf entspricht -, 
wiirde man diese Frage mindestens an die meisten stadtischen Menschen 
stellen, so wiirde man wohl in den wenigsten Fallen eine Antwort be- 
kommen dahingehend, daft die Leute sagen wiirden, sie seien just in 
dem Berufe drinnen, der ihren Neigungen und Anlagen, wie sie sie sel- 
ber empfunden haben, von Jugend auf entspricht. Ich glaube, Sie wer- 
den aus der Lebensbeobachtung heraus dies keineswegs glauben. Beruf 
ist schon heute in hohem Grade und wird immer mehr und mehr wer- 
den das, zu dem man berufen wird durch den objektiven Werdegang 
der Welt. Drauften ist, mochte ich sagen, der Organismus, der Zusam- 
menhang — meinetwillen nennen Sie es auch die Maschine, auf das 
kommt es nicht an -, das, was den Menschen abfordert, was den Men- 
schen ruft. 

Gerade durch alles das, was immer mehr und mehr Steigerung er- 
fahren wird, lost sich aber zu gleicher Zeit dasjenige, was die Mensch- 
heit durch die Beruf statigkeit vollbringt, von dem Menschen selber ab, 
wird objektiver. Und dadurch wird es gerade immer mehr und mehr zu 
dem, was in seiner weiteren Ausbildung durch Jupiter, Venus, Vulkan 
etwas Ahnliches durchmacht wie dasjenige, was durch Saturn, Sonne 
und Mond fur die Erde durchgemacht worden ist, gerade durch dieses 
Loslosen, Es ist merkwiirdig, daft man als Geisteswissenschafter gerade, 
wenn es dem Leben des Menschen recht nahe geht, in der Regel nicht 
dem Menschen zu Gef alien reden kann. Dieser Gef ahr wird die Geistes- 
wissenschaft immer weniger ausgesetzt werden, daft sie nach dem 
Muster der Weisheit sprechen wird, die da gepragt ist mit den Worten: 

Und hochstens eine Haupt- und Staatsaktion 
Mit tref flichen pragmatischen Maximen, 
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen! 

Dazu wird Geisteswissenschaft allerdings nicht imstande sein. Sie wird 
oftmals genotigt sein, das gerade, was die Menschen nicht mochten, als 
etwas fur die Weltenentwickelung Bedeutungsvolles, Groftes hinzustel- 
len. Und so kann es schon nicht anders sein, als daft dasjenige, wovon 
heute mancher, der sich genial diinkt, weil er die Philistrositat etwas 
in sein Oberstiibchen hinaufgetragen hat, leicht sagt: Ach, das ist eine 



prosaische auftere Sache - das Berufsleben, es stellt sich vor wirklicher 
Geisteswissenschaft anders dar. Es stellt sich so dar, daft man sagen 
muE: In dem Berufsleben ist eine Notwendigkeit gegeben, Verhaltnisse 
zu entwickeln, welche kosmische Bedeutung haben, gerade dadurch, 
daft sich das Berufsleben in einer gewissen Weise von dem menschlichen 
Interesse loslost. - Also, kbnnte mancher sagen, ergibt sich eine traurige 
Perspektive fur die Zukunft. Immer mehr und mehr mufi der Mensch 
in die Tretmiihle des Lebens hinein. Und Geisteswissenschaft kann 
nicht einmal die Menschen trosten dariiber,in die Tretmiihle des Lebens 
hineinversetzt zu werden. — Das ware aber wiederum eine grofte Tau- 
schung, wenn man das aus dem Gesagten folgern wiirde, denn es ist im 
Weltenall- so, daft die Dinge durch polarische Ausgleichung wirken. 
Bedenken Sie doch nur, wie die polarischen Ausgleichungen sich in der 
Welt Ihnen aufdrangen! Positive und negative Elektrizitat, in ihrer 
gegenseitigen Beziehung bringen sie ihre Wirkungen, ihre Ausgleiche 
hervor; positive und negative Elektrizitat sind fiireinander notwendig. 
Das Mannliche und Weibliche ist fur die Fortpflanzung des Menschen- 
geschlechtes notwendig. Aus den Einseitigkeiten entwickelt sich in der 
Weltenevolution die Totalitat. 

Ein solches liegt nun auch zugrunde dem, was wir eben ausgefiihrt 
haben. Das muE sein, daft wir in der vom Menschen losgelosten Berufs- 
arbeit die ersten kosmischen Anlagen fur eine weitergehende Welten- 
entwickelung schaffen. Denn alles, was geschieht in der Weltenentwik- 
kelung, steht mit Geistigem in Beziehung. Und in dem, was wir, sei es 
durch korperliche, sei es durch sogenannte geistige Arbeit innerhalb der 
Berufe schaffen, in dem liegt der Ausgangspunkt gewissermaften fur 
die Verkorperung von geistigen Wesenheiten. Jetzt sind diese geistigen 
Wesenheiten wahrend der Erdenzeit allerdings noch elementarischer 
Art, man konnte sagen: elementarischer Art des vierten Grades. Aber 
sie werden schon elementarische Wesenheiten sein des dritten Grades, 
wenn die Jupiterentwickelung da sein wird und so weiter. Unsere Ar- 
beit, die gerade im objektiven Berufsprozeft geleistet wird, wird ab- 
gelost von uns und wird die au/Sere HiiHe fur elementarische Wesen- 
heiten, die sich durch die Evolution weiterentwickeln. Aber nur unter 
einer gewissen Bedingung. Wenn man auf der einen Seite sagen mufi, 



daft man erst anfangt, den Sinn zu verstehen auch desjenigen, was oft- 
mals als das prosaische Leben angeschwarzt wird, mufi man sich auch 
klar sein, daft dieser Sinn erst vollig enthiillt wird, wenn man die Sache 
im groften Weltenzusammenhange ganz versteht. Was wir in unserem 
Berufsleben erzeugen, das kann Bedeutung gewinnen fur die Vulkan- 
entwickelung, aber es ist dazu noch ein anderes notwendig. Der andere 
Pol ist dazu notwendig. So wie zur negativen Elektrizitat die positive, 
zu dem Weiblichen das Mannliche notwendig ist, so ist zu dem, was 
sich als Berufstatigkeit immer mehr loslosen wird von der Menschheit, 
ein anderes notwendig, ein entgegengesetzter Pol. Solche auf Gegensatz 
beruhende Polaritat war auch in f riiheren Entwickelungsepochen schon 
da fur die Menschheit. Etwas ganz Neues entsteht ja selbstverstandlich 
nicht; es war schon ein Ahnliches da. Allein, blicken Sie zuriick auf 
friihere Kulturperioden, blicken Sie selbst nur ein paar Jahrhunderte 
zuriick, so werden Sie finden, wie der Mensch noch mit seinem Fiihlen, 
mit seinen Leidenschaften selbst, mit seinem ganzen Affektleben viel 
mehr drinnenstand in seinem Berufsleben, als das heute der Fall sein 
kann. Wenn Sie die Summe von Freuden, die ein Mensch an seinem 
Berufe haben konnte noch vor hundert Jahren, vergleichen mit der 
Unlust, die heute schon mancher haben muft, wenn er nichts sonst hat 
als den Beruf, so werden Sie eine Vorstellung von dem bekommen, was 
eigentlich gesagt sein soil. 

Solche Dinge werden in der Gegenwart eigentlich viel zu wenig in 
rechte Erwagung gezogen, einfach aus dem Grunde, weil die Leute, die 
iiber Berufsart, Berufscharakter, Berufswahl und so weiter sprechen, 
meistens solche sind, die gut reden haben. Schulmeister schreiben dar- 
iiber, Literaten oder Pfarrer, solche Leute, die verhaltnismaftig am 
wenigsten heute schon die Schattenseiten der Berufstatigkeit in der 
neueren Zeit empfinden. Daher kommt es, daft, wenn man heute in der 
gebrauchlichen Literatur, auch in der padagogischen, iiber diese Dinge 
reden hort, man wirklich findet, daft die Leute reden wie die Blinden 
von den Farben. Denn selbstverstandlich kann einer, der aus gewissen 
sozialen Bedingungen heraus die Schule durchmacht, aufs Gymnasium 
kommt und nachher, nun, vielleicht ein biftchen auf irgendeiner Uni- 
versitat sich umschaut, sich heute ja leicht, weil er viele Vorstellungen 



in sich aufgenommen hat, sehr gescheit vorkommen, wenn er so tut wie 
ein Reformator der Menschheit, der nun zu sagen weift, wie alles wer- 
den soli. Es gibt ja viele solche. Fur denjenigen, der das Leben durch- 
schaut, reden eigentlich diese Leute iiber das, was werden soli, gewohn- 
lich am allerdiimmsten. Man bemerkt es nur nicht, weil man heute noch 
einen sehr starken Respekt hat vor Leuten, die solch einen Entwicke- 
lungsgang durchgemacht haben. Die Zeit mull erst noch kommen, wo 
man mehr oder weniger die Empfindung haben wird, daft ein Literat, 
ein Zeitungsschreiber, ein Schulmeister, der nach dem Muster gebildet 
ist, wie heute die Schulmeister gebildet werden, am wenigsten versteht 
von den Lebenszusammenhangen. Das mufi sich nach und nach heraus- 
bilden mehr als ein allgemeines Urteil. 

Nun handelt es sich darum, daft man wirklich besser einsieht, wie 
mit dem menschlichen Emotionsleben das Berufsleben friiherer Zeiten 
zusammenhing und wie das Wesentlichste in der Entwickelung auf 
diesem Gebiete darinnen liegt, daft das Berufsleben herausgewachsen 
ist und immer mehr und mehr herauswachsen wird aus dem mensch- 
lichen Emotionsleben. Daher muft der andere Pol, der zum Berufsleben 
hinzukommen muft, ein anderer werden als er friiher war. Was war 
denn friiher dasjenige, was zum Berufsleben hinzukam? Sie haben es 
heute noch vor sich, wenn Sie das, was mehr oder weniger Schale der 
Kultur geworden ist und immer mehr und mehr Hiille und Schale 
der Kultur werden muft, auf sich wirken lassen: die Hauser, in denen 
die Berufe ausgefiihrt werden, ringsherum, in der Mitte die Kirche. 
Die sechs Tage der Woche bestimmt dem Berufe, der Sonntag dem- 
jenigen, was der Mensch nur fiir seine Seele aufzunehmen hat. Das 
waren die zwei Pole: das Berufsleben und das Leben in religiosen Vor- 
stellungen. 

Es ware der grofite Irrtum, der heute begangen werden konnte,wenn 
man glauben wollte, daft dieser andere Pol, wie er heute noch gedacht 
wird von den religiosen Bekenntnisgesellschaften, bleiben konnte, so 
wie er ist, weil er zugeschnitten ist auf ein Berufsleben der Menschen, 
das noch mit den Emotionen zusammenhangt. Verkiimmerung des ge- 
samten menschlichen Lebens muftte eintreten, wenn nicht Einsieht Platz 
griffe gerade auf diesem Gebiete. Solange dasjenige, was der Mensch an 



elementarer Geistigkeit erzeugte in seinem Berufe - denn elementare 
Geistigkeit erzeugte er in dem eben beschriebenen Sinne -, von den 
Menschen sich nicht losloste, solange waren die alten religiosen Vor- 
stellungen in gewisser Beziehung hinreichend. Jetzt sind sie es nicht 
mehr und werden es immer weniger sein, je weiter wir in die Zukunft 
hineingehen. Was notwendig ist, das ist gerade dasjenige, was von ge- 
wisser Seite am meisten bekampft wird: daft der andere Pol in die 
Menschheitsentwickelung hereinkommt, welcher darinnen besteht, daft 
man sich konkrete Vorstellungen iiber die geistigen Welten zu machen 
in der Lage sein wird. 

Diejenigen, die heute noch die Vertreter der Religionsbekenntnisse 
sind, werden sehr haufig sagen: Ach, da redet die Geisteswissenschaft 
von vielen Geistern, von vielen Gottern; ein Gott ist das, worauf es 
ankommt! Haben wir mit dem nicht genug? - Man kann heute noch 
einen gewissen Eindruck machen auf die Menschen, wenn man ihnen 
den groften Vorteil des Hingelangens zu einem Gotte beibringt, beson- 
ders bei Kaffee und Familienmusik, indem man spottet iiber neuere 
Bestrebungen, wenn man die Dinge in ganz besonders selbstischer und 
philisterhafter Weise den Menschen vorsetzt. Aber dasjenige, urn was 
es sich handelt, ist gerade dieses, daft die Gesichtspunkte der Menschen 
weiter werden miissen, das heiftt, daft sie wissen lernen miissen, daft 
alles nicht bloft von einer Gottlich-Geistigkeit, die man sich moglichst 
verschwommen vorstellt, durchzogen ist, sondern daft uberall Geistig- 
keit ist, und zwar konkrete, spezielle Geistigkeit. Wissen lernen wird 
man miissen, wenn man am Schraubstock steht: Wie die Funken ab- 
spriihen, so werden auch die Elementargeister erzeugt, die in den Wel- 
tenprozeft iibergehen und die im Weltenprozeft ihre Bedeutung haben. - 
Das ist dumm, konnte mancher sagen, der glaubt, ganz besonders ge- 
scheit zu sein. Diese Elementargeister, die werden schon entstehen, 
wenn auch irgendeiner am Schraubstock steht, der gar kerne Ahnung 
davon hat, daft sie entstehen. Sie werden schon entstehen. Aber dar- 
auf kommt es an, daft sie recht entstehen, daft sie richtig entstehen, 
nicht daft sie iiberhaupt entstehen. Denn es konnen also den Welten- 
prozeft storende und dem Weltenprozeft dienende Elementargeister 
entstehen. 



Sie werden am besten einsehen, was ich meine, wenn Sie es auf einem 
speziellen Gebiete betrachten, denn wir stehen in alien diesen Dingen 
heute am Anfang einer Entwickelung, die aber, ich mochte sagen, un- 
mittelbar vor der Tiire stent. Manche Menschen beginnen schon etwas 
zu ahnen davon. Wiirde man etwas ahnen und es in Wirklichkeit urn- 
setzen, ohne zugleich in geisteswissenschaftliche Bestrebungen iiber- 
zugehen, so ware das das Allerschlimmste, was der Erde passieren 
konnte. Das, was hauptsachlich eingetreten ist im Verlaufe des vierten 
nachatlantischen Zeitraums, das ist, daft der Mensch zunachst losgelost 
worden ist von der aufieren unorganischen Welt, die er in seinen Werk- 
zeugen verkorpert. Er wird wiederum mit dem, was er in seinen Werk- 
zeugen verkorpert, zusammengefiihrt werden. Heute werden Maschi- 
nen konstruiert. Selbstverstandlich sind Maschinen heute objektiv, das 
Menschliche ist noch wenig darinnen. Aber so wird es nicht immer 
bleiben. Der Weltengang geht dahin, daft ein Zusammenhang entsteht 
zwischen dem, was der Mensch ist und demjenigen, was der Mensch 
erzeugt, demjenigen, was der Mensch hervorbringt. Dieser Zusammen- 
hang wird ein immer intimerer und intimerer werden. Er wird zuerst 
hervortreten auf denjenigen Gebieten, die eine nahere Beziehung be- 
grunden zwischen Mensch und Mensch, hervortreten zum Beispiel in 
der Behandlung der chemischen Stoffe, die verarbeitet werden zu Arz- 
neien. Heute wird man noch glauben, wenn irgend etwas besteht aus 
Schwefel und Sauerstoff und irgendeinem anderen Stoff, Wasserstoff, 
noch etwas anderem, daft dann dasjenige, was da als Produkt ent- 
standen ist, nur enthal
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