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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
GOETHES GEISTESART
IN IHRER OFFENBARUNG DURCH SEINEN FAUST
UND DURCH DAS MARCHEN
VON DER SCHLANGE UND DER LILIE
1979
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaf3verwaltung
i.Auflage in dieser Zusammenstellung,
2.-5. Tsd., Berlin 1918
2. Auflage, 6.-io.Tsd., Berlin 1920
3. Auflage, 11. -14. Tsd., Dornach 1926
4. Auflage, 15.-18.Tsd., Dresden 1940
5., neu mit den Manuskripten verglichene Auflage,
19.-23.Tsd., Gesamtausgabe Dornach 1956
6. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
24.- 28. Tsd., Gesamtausgabe Dornach 1979
Friihere Teilausgaben siehe Seite 85
Bibliographie-Nr. 22
AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1956 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaff hausen
ISBN 3-7274-0220-2 (Ln) 3-7274-0221-0 (Kt)
INHALT
i
Goethes Faust als Bild seiner esoterischen Welt-
anschauung 7
ii
Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch
seinen Faust 43
in
Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch sein
«Marchen von der griinen Schlange und der Lilie » 63
Hinweise zur 6. Auf lage 85
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 89
GOETHES FAUST
ALS BILD SEINER ESOTE RISC HEN
WELTANSCHAUUNG
Diese Ausfuhrungen sind 1902 geschrieben
und zuerst veroffentlicht worden
Es ist Goethes Uberzeugung, daB der Mensch niemals in
einer zusammenfassenden Vorstellungswelt die Ratsel des
Daseins losen konne. Er teilt diese Anschauung mit alien,
die, nach gewissen Priifungen ihres Innenlebens, sich bis zu
einem Einblick in das Wesen der Erkenntnis durchgerun-
gen haben. Diese konnen nicht, gleich gewissen Philoso-
phen, von einer Beschranktheit des menschlichen Erken-
nens sprechen. Sie sehen ein, daB das menschliche Weisheits-
streben nirgends eine Grenze hat, daB es vielmehr ins Un-
endliche zu erweitern ist. Aber sie wissen, daB die Tiefen
der Welt unerreichbar sind. In jedem Geheimnis, das sich
ihnen enthiillt, liegt der Quell zu neuen Geheimnis sen, in
der Losung eines Ratsels Hegt ein neues verborgen. Doch
wissen sie auch, daB dieses neue wieder fur sie losbar sein
wird, wenn sich ihre Seele zu der entsprechenden Entwick-
lungsstufe erhoben hat. Obwohl sie so iiberzeugt sind, daB
es fur den Menschen keine unloslichen Weltgeheimnisse
gibt, wollen sie doch niemals in einer abgeschlossenen Er-
kenntnis sich befriedigen, sondern nur gewisse Aussichts-
punkte im Seelenleben erklimmen, in denen sich die in der
Feme sich verlierenden Perspektiven der Erkenntnis eroff-
nen.
Wie mit der Erkenntnis im allgemeinen geht es mit der-
jenigen, welche wir aus den wahrhaft groBen Werken des
Geisteslebens gewinnen. Sie gehen aus einer Tiefe des See-
lenlebens hervor, deren Grund unerreichbar ist. Man darf
sogar sagen, daB nur diejenigen geistigen Schopfungen zu
den wahrhaft bedeutenden gehoren, denen gegeniiber man
ein solches Gefuhl in einem immer starkeren Grade erhalt,
je ofter man zu ihnen zuriickkehrt. Vorausgesetzt ist dabei
allerdings, daB man immer, wenn man zuriickkehrt, selbst
vorher eine Weiterentwicklung seines Seelenlebens durch-
gemacht hat. Es scheint, daB jeder, der mit dieser Gesin-
nung den Goetheschen Faust ansieht, von ihm eine solche
Empfindung gewinnen muB.
Wer dazu noch bedenkt, daB Goethe dieses Werk als jun-
ger Mann begonnen und kurz vor seinem Tode vollendet
hat, der wird sich hiiten, uber dasselbe einen erschopfenden
Gedanken zu hegen. Der Dichter ist in seinem langen und
reichen Leben von Entwicklungsstufe zu Entwicklungs-
stufe fortgeschritten, und er hat seine Faustschopfung in
vollem MaBe an dieser Fortentwicklung teilnehmen lassen.
Einmal wurde er gefragt, ob denn der AbschluB seines Faust
so ware, daB er den Worten des im Jahre 1797 geschriebe-
nen « Prolog imHimmel» entspreche: «Ein guter Mensch
in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl
bewuBt.» Er antwortete, das ware ja «Aufklarung», Faust
aber endige im hochsten Alter, und da werde man Mystiker.
GewiB: der junge Goethe konnte sich nicht bewuBt sein,
daB er im Laufe seines Lebens zu der Anschauung erhoben
werde, fur die er am Schlusse des Faust im « Chorus mysti-
cus » die Worte fand : « Alles Vergangliche ist nur ein Gleich-
nis. » An seinem Lebensende hatte sich ihm in anderer Weise
geoffenbart, was im Dasein ewig ist, als er 1 797 ahnen konn-
te, da er Gott zu den Erzengeln, mit Hindeutung auf dieses
Ewige, sprechen laBt : « Und was in schwankender Erschei-
nung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken. »
Goethe war sich klar, daB sich ihm seine Wahrheit stufen-
weise enthiillt hat. Er wollte seinen Faust aus diesem Ge-
sichtspunkte beurteilt haben. Am 6. December 1829 sagte
er zu Eckermann: «Wenn man alt ist, denkt man iiber die
weltlichen Dinge anders, als da man jung war ... Es geht mir
damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Sil-
ber- und Kupfergeld hat, das er wahrend dem Lauf seines
Lebens immer bedeutender einwechselt, so daB er zuletzt
seinen Jugendbesitz in reinen Goldstucken vor sich sieht.»
Warum dachte Goethe in seinem Alter iiber die « welt-
lichen Dinge » anders als in seiner Jugend ? Weil er imLaufe
des Lebens immer hohere Aussichtspunkte des Seelenlebens
erstiegen hat, in denen sich ihm immer neue Perspektiven
der Wahrheit geoffenbart haben. Wer seiner inneren Ent-
wicklung folgt, der allein kann hoffen, die im hohen Alter
von ihm geschriebenen Teile des Faust in der rechten Weise
zu lesen. Fur den erschlieBen sich aber auch immer neue
Tiefen dieses Weltgedichtes. Er dringt vor zu einer esoteri-
schen Deutung der Vorgange und Gestalten. Alles gewinnt
neben der auBeren noch eine innere, geistige Bedeutung.
Wer solches nicht vermag, der wird, je nach seiner person-
lichen, kiinstlerischen Auffassung, den zweiten Teil des
Faust, wie der bedeutende Asthetiker Vischer, ein zusam-
mengeschustertes Machwerk des Alters nennen; oder er
wird sich an der reichen Bilder- und Marchenwelt erfreuen,
die Goethes Phantasie entstromt ist.
Wer von einer esoterischen Deutung des Goetheschen
Faust spricht, wird naturgemaB alle die zum Widerspruch
reizen, die verlangen, daB ein « Kuns twerk rein kunstlerisch »
erfaBt und genossen werden musse. Sie werden mit dem
Vorwurfe bei der Hand sein, daB es unstatthaft sei, lebens-
voile Gestalten der kiinstlerischen Phantasie in stroherne
Allegorien zu verwandeln. Wenn solche Leute nur sich dar-
iiber klar waren, daB sie nichts weiter behaupten, als was
man von einem hoheren Gesichtspunkte aus eine « Zigeu-
nerwahrheit» nennt. Sie glauben, weil fur sie der geistige
Gehalt strohern ist, muB er es fur alle sein. Nein, es gibt
welche, die dort, wo ihr stroherne Allegorien seht, ein hohe-
res Leben atmen, denen ein tiefer Geist erquillt, wo ihr nur
Worte hdrt. Es ist zunachst schwer, sich mit euch zu ver-
standigen, wenn ihr nicht den «guten Willen» habt, uns ins
« Geisterreich» zu folgen. Wir haben ja nur dieselben Worte,
die ihr auch habt. Und wir konnen niemand zwingen, das
ganz andere, das wir bei den Worten empfinden, mitzuemp-
finden. Wir bekampfen euch nicht. Wir geben alles zu, was
ihr sagt. Auch uns ist Faust zunachst Kunstwerk, Phantasie-
schopfung. Wir rechneten es uns als einen Mangel an, wenn
wir diesen kiinstlerischen Wert nicht empfinden konnten.
Aber glaubet nur nicht, daB wir keine Sinne haben fur die
Schonheit der Lilie, weil wir zu dem Geist aufsteigen, den
sie uns offenbart ; glaubet nicht, daB wir ohne Auge sind fur
das Bild, das «im hoheren Sinne » fur uns, wie « alles Ver-
gangliche», nur ein «Gleichnis» ist.
Wir halten es mit Goethe. Er sagte am 2 5 . Januar 1 827 zu
Eckermann: «Aber doch ist alles (im Faust) sinnlich und
wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fal-
len. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist,
daB die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat ;
dem Eingeweihten wird zugleich der hohere Sinn nicht ent-
gehen. »
Wer Goethe wirklich verstehen will, der darf sich von
solcher Einweihung nicht fernehalten. Man kann genau den
Punkt in Goethes Leben angeben, wo ihm der Sinn dafiir
aufging, daB «alles Vergangliche nur ein Gleichnis ist». Es
war, als ihm vor den antiken Kunstwerken der Gedanke
durch die Seele zog: «So viel ist gewiB, die alten Kiinstler
haben ebenso groBe Kenntnis der Natur und einen ebenso
sicheren BegrifT von dem, was sich vorstellen laBt und wie
es vorgestellt werden muB, gehabt als Homer. Leider ist die
Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn
man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wiinschen,
als sie recht zu erkennen und dann in Frieden hinzufahren.
Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die hochsten Na-
turwerke von Menschen nach wahren und naturlichen Ge-
setzen hervorgebracht worden. Alles Willkiirliche, Einge-
bildete fallt zusammen: da ist die Notwendigkeit, da ist
Gott.y> Es ist unter dem 6. September 1787, da Goethe im
Tagebuch seiner «Italienischen Reise» diesen Gedanken
aufzeichnet.
Man kann auch auf anderen Wegen zu dem «Geiste der
Dinge» dringen. Goethes Natur ist eine kunstlerische. Da-
her muB sich ihm in der Kunst dieser Geist erschlieBen.
Man kann nachweisen, daB auch seine groBen, wissenschaft-
lichen Erkenntnisse, durch die er die naturwissenschaftli-
chen Einsichten des neunzehnten Jahrhunderts vorher ver-
kiindigt hat, aus seinem Kiinstlergeiste heraus geboren
sind. * Eine andere PersonUchkeit wird durch eine religiose,
eine dritte durch eine philosophische Entwicklung zu einer
gleichen Perspektive der Erkenntnis und Wahrheit kom-
men.
Man darf in Goethes Faust das Bild einer inneren Seelen-
entwicklung suchen. Im besonderen ein solches, wie es eine
* Vergleiche mein Buch « Goethes Weltanschauung ».
kiinstlerische Personlichkeit zur Darstellung bringen muB.
Er war durcb seine Geistesanlage dazu vorherbestimmt, in
die Tiefen der Natur selbst zu schauen. Man sehe, wie der
Knabe schon fur sich einen tiefempfundenen Naturdienst
als Ergebnis seines Glaubensbekenntnisses ausbildet. Er
schildert uns das in « Wahrheit und Dichtung». «Der Gott,
der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als
seinWerk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigent-
licbe Gott, der ja wohl auch mit dem Menschen wie mit
allem iibrigen in ein genaueres Verhaltnis treten konne, und
fur denselben ebenso wie fur die Bewegung der Sterne, fur
Tages- und Jahreszeiten, fur Pflanzen und Tiere Sorge tra-
gen werde. » Er nimmt aus der Naturaliensammlung seines
Vaters die besten Mineralien und Gesteine und legt sie in
regelmaBiger Ordnung auf ein Musikpult. Das ist der Altar,
auf dem er dem Naturgotte sein Opfer darbringen will. Zu
oberst legt er Raucherkerzchen, und diese entzundet er mit
Hilfe eines Brennglases durch die aufgefangenen Strahlen
der aufgehenden Morgensonne. So hat er ein heiliges Feuer
durch das Wesen der naturlich-gottlichen Krafte selbst ent-
zundet. Sieht man darin nicht den Anfang zu einer inneren
Seelenentwicklung, die, um im Sinne der indischen Theo-
sophie zu sprechen, in der Mitte der Sonne das Licht und
in der Mitte des Lichtes die Wahrheit sucht. Wer Goethes
Leben verfolgt, der kann diesen «Pfad» schauen, auf dem
er durch Zwischenstufen hindurch die «tiefere BewuBt-
seinsschichte» gesucht hat, durch die sich ihm dann die ewi-
ge «Notwendigkeit, Gott» enthullt hat. Er erzahlt uns in
« Wahrheit und Dichtung», wie er sich in alien moglichen
Wissensgebieten herumgetrieben hat, um einmal in alchi-
mistischen Versuchen zu suchen, ob ihm « durch Geistes
Kraft und Mund nicht manch Geheimnis wiirde kund».
Spater hat er in den Werken der Natur die ewigen Gesetz-
maBigkeiten gesucht und in seiner « Urpflanze » und im « Ur-
tier» gefunden, was der Geist der Natur zum Menschen-
geiste spricht, wenn die Seele sich, in seinem Sinne, zu einer
«der Idee gema6en» Denk- und Vorstellungsweise durch-
gerungen hat. Zwischen beide Wendepunkte seines Seelen-
lebens fallt die Abfassung des Teiles vom Faust, in dem er
diesen, nach Verzweiflung an allem auBerlichen Wissen,
den « Erdgeist» beschworen laBt. Das ewige, wahrheittrach-
tigeLicht selbst spricht aus den Worten dieses «Erdgeist»:
In Lebensfiuten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her !
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben,
So schafF ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Das ist ein Ausdruck der umfassendenNaturanschauung,
der wir auch in Goethes, etwa in seinem dreiBigsten Lebens-
jahre geschriebenem Prosahymnus «Die Natur » begegnen.
« Natur ! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - un-
vermogend, aus ihr herauszutreten, und unvermogend, tie-
fer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt
nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt
sich mit uns fort, bis wir ermiidet sind und ihrem Arme ent-
fallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch
nie; was war, kommt nicht wieder - alles ist neu, und doch
immer das alte. ... Sie baut immer und zerstort immer, und
ihre Werkstatte ist unzuganglich. Sie lebt in lauter Kin-
dern, und die Mutter, wo ist sie ? - Sie ist die einzige Kiinst-
lerin ... Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer
Erscheinungen den isoliertesten BegrifT, und doch macht
alles eins aus. ... Sie verwandelt sich ewig,und ist kein Mo-
ment Stillestehen in ihr, ... Ihr Tritt ist gemessen, ihre Aus-
nahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar. ... Die Menschen
sind alle in ihr, und sie in alien. ... Leben ist ihre schonste
Erfindung, und der Tod ist ihr KunstgrirT, viel Leben zu
haben, ... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man
ihnen widerstrebt. . . . Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst
und bestraft sich selbst, erfreut und qualt sich selbst. . . .
Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart
ist ihr Ewigkeit. . . . Sie hat mich hereingestellt, sie wird
mich auch herausfiihren. Ich vertraue mich ihr. ... Ich
sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch
ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist
ihr Verdienst ! »
Goethe hat selbst im hohen Alter, auf diese Stufe seiner
Seelenentwicklung zunickblickend, gesagt, daB sie eine
untergeordnete Lebensanschauung darstelle, und daB er zu
einer hoheren gekommen sei. Aber diese Stufe hat ihm das
ewige Weltgesetz erschlossen, das die Natur ebenso durch-
flutet wie die menschliche Seele. Sie hat ihm die schwer-
wiegende Empflndung erregt, daB eine ewige, eherne Not-
wendigkeit alle Wesen zu einem zusammenschlieBt. Sie hat
ihn gelehrt, den Menschen in innigem Bande mit dieser
Notwendigkeit zu betrachten. Es ist die Gesinnung, die in
der Ode «Das G6ttliche» vom Jahre 1782 zum Ausdruck
kommt.
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut !
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von alien Wesen,
Die wir kennen.
Nach ewigen, ehrnen,
GroBen Gesetzen
Miissen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Und dieselbe Anschauung spricht aus dem etwa 1787 ge-
schriebenen Faustmonolog «Wald und Hohle»:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich,
Kraft, sie zu fuhlen, zu genieBen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergonnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du fuhrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Briider
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste
Und Nachbarstamme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hugel donnert,
Dann fuhrst du mich zur sichern Hohle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder offhen sich.
Auf die Wunder der eigenen Brust eroffhet sich Goethe
die Perspektive seiner Seele. Es ist die Perspektive, die sich
nicht mehr in der auBeren Welt allein erschlieBen kann; die
vielmehr nur eroffhet wird, wenn der Mensch in die eigene
Seele hinuntersteigt, so daB in immer tieferen Regionen des
BewuBtseins ihm immer hohere Geheimnisse offenbar wer-
den. Dann erhalt die Welt der Sinne und des Verstandes eine
neue Bedeutung. Sie wird zum «Gleichnis» des Ewigen.
Der Mensch sieht ein, daB er den Bund zwischen der AuBen-
welt und der eigenen Seele inniger schlieBen muB. Er er-
fahrt, daB in seinem Innern die Stimmen erklingen, die auch
alle auBeren Weltratsel zu losen berufen sind. «Das Unzu-
langliche, hier wird's Erreichnis.»* Die hochste Tatsache
des Lebens, die Trennung in das Mannliche und Weibliche,
wird zum Schliissel des Menschenratsels. Der Erkenntnis-
vorgang wird zum Lebens-, zum Befruchtungsvorgang.
Die Seele in ihrer Tiefe wird zum Weibe, das, von dem Wel-
tengeiste befruchtet, den hochsten Lebensinhalt gebiert.
* Der Verfasser dieset Ausfiihrungen bekennt sich zu der von Ad. Rudolf
im Archiv fur neuere Sprachen LXX 1883 vorgebrachten Ansicht, daB die
Schreibung «Ereignis» nur auf einen Horfehler des Goethes Diktat Schrei-
benden beruht, und daB das richtige Wort «Erreichnis» ist. [Diese Anmer-
kung wurde 1918, der Neu-Ausgabe, mit der veranderten Schreibweise im
Goetheschen Text hinzugefugt. 1902 heiBt es noch im Manuskript und ge-
druckten Text «Ereignis». - Die Annahme von Ad. Rudolf vertritt auch
K. J. Schroer in seiner Ausgabe der Faustdichtung, die Rudolf Steiner bei
der Einstudierung von Faust-Szenen in Dornach (191 4- 191 9) benutzte.
Erst 1928 wurde eine Handschrift Goethes mit der Schreibweise Ereignis aus
der Goethe- Sammlung von A. Kippenberg als Faksimiledruck bekannt.]
Das Weib wird zum «Gleichnis» dieser Seelentiefen. Wir
steigen zu den Mysterien des Daseins hinan, indem wir uns
von dem <<Ewig-WeibHchen»hinanziehenlassen. Das hohe-
re Dasein beginnt, wenn wir den Weisheitsgang als einen
geistigen Befruchtungsvorgang erleben.
Die tieferen Mystiker aller Zeiten haben so empfunden.
Sie lassen die hochste Erkenntnis aus einer geistigen Be-
fruchtung hervorgehen, wie die Agypter den Seelenmen-
schen, Horus, durch den Geistesblkk, der von Osiris, dem
vom Tode Erweckten, ausgehend die Isis iiberstrahlt. Der
zweite Teil von Goethes Faust ist ein aus solcher Geski-
nung heraus geschriebenes Werk.
Die Liebe Fausts zu Gretchen im ersten Teil ist eine sinn-
liche. Diejenige Fausts im zweiten Teile zu Helena ist nicht
bloB ein sinnlich-wirklicher Vorgang; sie ist ein «Gleich-
nis» fur das tiefste mystische Seelenerlebnis. Faust sucht,
indem er Helena sucht, das «Ewig-Weibliche»; er sucht die
Tiefen der eigenen Seele. Es liegt in dem Wesen von Goe-
thes Persdnlichkeit, daB dieser «das Weib im Menschen»
das Urbild der griechischen Frauenschonheit sein laBt. Ihm
ist ja die gottliche Notwendigkeit an der Schonheit der grie-
chischen Kunstwerke aufgegangen.
Faust ist Mystiker geworden durch seine Ehe mit Helena,
Als solcher spricht er am Beginne des vierten Aktes im zwei-
ten Teil. Er sieht das Frauenbild, die Tiefen der eigenen
Seele, und spricht:
... Formlos breit und aufgeturmt,
Ruht es im Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
Und spiegelt blendend fluchtiger Tage groBen Sinn.
Doch mir umschwebt ein zarter, lichter Nebelstreif
NochBrust und Stirn, erheiternd, kiihl und schmeichelhaft.
Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und immer hoher
auf,
Fiigt sich zusammen. - Tauscht mich ein entzuckend Bild,
Als jugenderstes, langstentbehrtes, hochstes Gut?
Des tiefsten Herzens fruhste Schatze quellen auf,
Aurorens Iiebe, leichten Schwungs, bezeichnet's mir,
Den schnell empfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
Der, festgehalten, iiberglanzte jeden Schatz.
Wie Seelenschonheit steigert sich die holde Form,
Lost sich nicht auf, erhebt sich in den Ather hin,
Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.
1st es uns bei diesen Worten, welche die Wonnen schil-
dern, die der empfindet, der in die Tiefen der eigenen Seele
hinuntergestiegen und von seinem «Ewig-Weiblichen» das
Beste seines Innern mit fortgerissen gefiihlt hat, nicht, wie
wenn wir den Philosophen Griechenlands horten :
Wenn du befreit vom Leibe zum freien Ather empor-
steigst,
Wird ein unsterblicher Gott sie (die Seele) sein, dem Tode
entronnen.
Denn der Tod wird auf solcher Stufe zum «Gleichnis».
Der Mensch stirbt fur das niedere Leben ab, um in einem
hoheren wieder aufzuleben. Das hohere Geistesleben wird
eine neue Stufe des Werdens; das Zeitliche wird zum
«Gleichnis» des Ewigen, das im Menschen auflebt. Die
Verbindung mit dem «Ewig-Weiblichen» laBt das Kind im
Menschen entstehen, das unverganglich ist, weil es dem
Ewigen angehort. Das hohere Leben ist das Aufgeben, der
Tod der niederen Existenz und die Geburt der hoheren.
Goethe driickt in seinem «west-6stlichen Diwan» das mit
den Worten aus :
Und so lang du das nicht hast, dieses : ,Stirb und Werde ! £ ,
Bist du nur ein triiber Gast auf der dunklen Erde.
In seinen Prosaspriichen lesen wir den gleichen Gedan-
ken : Man muB seine Existenz aufgeben, um zu existieren.
Goethe ist mit dem Mystiker Heraklit der gleichen Gesin-
nung. Dieser spricht iiber den Dionysosdienst der Griechen.
Es ware fur ihn ein nichtiger, ja schandlicher Dienst, wenn
er bloB dem Gotte des Naturlebens, des Sinnengenusses dar-
gebracht wiirde. Aber das sei nicht der Fall. Es ist nicht bloB
der Dionysos des Lebens, der unmittelbaren sinnlichen
Fruchtbarkeit, dem dieses Treiben gilt ; es ist zugleich der
Gott des Todes, Hades. Es ist Hades und Dionysos der-
selbe, dem sie «larmende Feuer veranstalten». In den grie-
chischen Mysterien wurde das Leben im Verein mit dem
Tode gefeiert ; das ist das hohere Leben, das durch den sinn-
lichen Tod hindurchgeht. Es ist das Leben, von dem die
Mystiker sprechen, wenn sie sagen: «Und so ist denn der
Tod die Wurzel alles Lebens. » Der zweite Teil von Goethes
Faust stellt eine Erweckung dar, die Geburt des « hoheren
Menschen» aus den Tiefen der Seele. Man versteht Goethes
Worte von diesem Gesichtspunkte aus: «Die Menge der
Zuschauer» mag ihre «Freude an der Erscheinung» haben;
dem « Eingeweihten wird zugleich der hohere Sinn nicht
entgehen».
Wer die Entwicklung der echten mystischen Erkenntnis
sich angeeignet hat, der liest vieles von dieser in dem Goe-
theschen Faust. Nachdem (im ersten Teil, nach der Be-
schworungsszene mit dem Erdgeist) Faust mit Wagner sich
unterredet hat und allein bleibt, kleidet er seine Verzweif-
lung iiber die Kleinheit, die er dem Erdgeist gegeniiber
empfindet, in die Worte:
Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gediinkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst genoB in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, tnehr als Cherub, dessen freie Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu flieBen
Und schaffend, Gotterleben zu genieBen
Sich ahnungsvoll vermaB, wie muB ich's biiBen !
Was ist der « Spiegel ew'ger Wahrheit »? Man kann es
beim Mystiker Jakob Bohme lesen. « Alles das, wessen diese
Welt ein irdisch Gleichnis und Spiegel ist, das ist im gott-
lichen Reich in groBer Vollkommenheit im geistlichen We-
sen ; nicht nur der Geist, als ein Wille oder Gedanke, son-
dern Wesen, korperlich Wesen, Saft und Kraft, aber gegen
der auBeren Welt wie unbegreif Hch : dann aus demselben
geistlichen Wesen, in welchem das reine Element ist, sowohl
aus dem finsteren Wesen im Mysterio des Grimmes, als dem
Urstand des ewigen lautbaren Wesens, daraus die Eigen-
schaften entstehen, ist diese sichtbare Welt erboren und ge-
scharTen worden, als ein ausgesprochener Hall aus dem We-
sen aller Wesen. » Fur diejenigen, welche « Zigeunerwahr-
heiten» Heben, sei angemerkt, daB durchaus nicht behauptet
werden soil, Goethe habe gerade diese Stelle J.Bohmes im
Auge gehabt, als er die obigen Verse schrieb. Was er aber
im Auge gehabt hat, das ist die mystische Erkenntnis, die in
J. Bohmes Satzen zum Ausdruck kommt. Und in solcher
mystischen Erkenntnis lebte Goethe allerdings. Er wurde
in ihr immer reifer. Er hat aus den Mystikern geschopft.
Und aus diesem Quell ist ihm die Moglichkeit entsprungen,
das Leben, «alles Vergangliche» nur als «einGleichnis», als
einen Spiegel anzusehen. Es liegt ein nicht zu erschopfendes
Stuck Innenentwicklung zwischen der Zeit, als Goethe fiir
den ersten Teil die Zweifelworte schrieb, daB er doch fern sei
von dem « Spiegel ew'ger Wahrheit», und den Worten des
« Chorus mysticus», die ausdriicken, daB im «Vergangli-
chen» wirklich nur das « Gleichnis » des Ewigen zu sehen ist.
Das mystische «Stirb und Werde» durchflutet die Ein-
gangsszene des zweiten Teils: «Anmutige Gegend. Faust
auf blumigen Rasen gebettet, ermiidet, unruhig, schlaf-
suchend. » Die Elfen unter Ariels Fiihrung bewirken Fausts
«Erweckung». Ariel spricht zu den Elfen:
Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise,
Besanftiget des Herzens grimmen StrauB;
Entfernt des Vorwurfs gliihend bittre Pfeile,
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
Vier sind die Pausen nachtiger Weile,
Nun ohne Saumen fullt sie freundlich aus.
Erst senkt sein Haupt aufs kuhle Polster nieder,
Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut ;
Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
Wenn er gestarkt dem Tag entgegenruht.
Vollbringt der Elfen schonste Pflicht,
Gebt ihn zuriick dem heiligen Licht.
Und Faust ist beim Aufgang der Sonne dem « heiligen
Licht » zuriickgegeben :
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Atherische Damm'rung milde zu begriiBen;
Du Erde warst auch diese Nacht bestandig,
Und atmest neu erquickt zu meinen FiiBen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und riihrst ein kraftiges BeschlieBen,
Zum hochsten Dasein immerfort zu streben.
Was hat Faust in seiner «Studierstube» (im ersten Teil)
erstrebt, und was ist ihm geworden auf der Stufe, auf der
er uns im Beginn des zweiten Teiies entgegentritt ? Was er
dort erstrebt, kleidet er in die Worte des «Weisen»:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen.
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot !
Auf, bade, Schiiler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot !
Hier kann Faust noch nicht die ird'sche Brust im Morgen-
rot baden. Er muB, nach der Beschworung des Erdgeistes,
sich seine Kleinheit gestehen. Aber er kann das am Beginne
des zweiten Teiies. Ariel verkundet, wie das geschieht:
Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tonend wird fur Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
DaB aus der Morgenrote der «neue Tag» der Erkenntnis
und des Lebens geboren wird, hat J.Bohme bekraftigt, als
er das erste Werk, mit dem er in die mystische Weisheit ein-
tauchte, betitelte « Aurora » oder «Die Morgenrote im Auf-
gang». Wie Goethe in solchen Vorstellungen lebte, das zeigt
die schon angefuhrte S telle im vierten Akt des zweiten Tei-
ies des Faust. «Des tiefsten Herzens friihste Schatze» wer-
den ihm durch «Aurorens Liebe» erschlossen. - Als Faust
wirklich gebadet hat « die ird'sche Bmst im Morgenrot», da
ist er reif, innerhalb seiner Erdenbahn ein hoheres Leben zu
fuhren. Er erscheint mit Mephistopheles am Kaiserhofe in-
nerhalb eines Festes voll Lust und eitlen Genusses. Er selbst
muB beitragen, den GenuB zu erhohen. In der Maske des
Plutus, des Gottes des Reichtums, erscheint er, mitten in
einem Maskenscherz. Es wird von ihm verlangt, daB er zur
Erhohung des « Amusements » Paris und Helena aus der
Unterwelt heraufzaubere. Dabei offenbart sich uns, daB in
Fausts Seelenleben die Stufe erreicht ist, auf der er das « Stirb
und Werde» begriffen hat. Er macht das Fest der Lust mit,
aber er tritt wahrend des Festverlaufes den « Gang zu den
Miittern» an. Nur bei den Muttern kann er die Bilder von
Paris und Helena finden, die der Kaiser sehen will. Bei den
Muttern ist das Reich, wo die ewigen Urbilder alles Seins
auf bewahrt sind. Dort ist eine Region, die man nur betreten
kann, «wenn man seine Existenz aufgegeben hat, urn zu
existieren». Dort kann Faust auch finden, was von Helena
die Zeiten uberdauert. In diese Region kann ihn aber Me-
phistopheles, der bis dahin sein Heifer war, nicht fuhren.
Das ist fur dessen Charakter bezeichnend. Er sagt ausdriick-
lich zu Faust :
Du wahnst, es fiige sich sogleich;
Hier stehen wir vor steilern Stufen,
Greifst in ein fremdestes Bereich.
Das Reich des Ewigen ist Mephistopheles fremd. Das
konnte leicht unerklarlich scheinen, wenn man bedenkt, daB
er dem Reiche des Bosen, also selbst einer ewigen Region
angehort. Erklarlich wird es aber, wenn man Goethes Ei-
genart bedenkt. Er hat die ewige Notwendigkeit fur sich
nicht im Bereich des Christentums erlebt, zu dem fiiir ihn
Holle und Teufel gehoren. Ihm ist dieses Ewige personlich
da aufgegangen, wohin die christliche Vorstellungswelt
nicht dringt. Es ist durchaus zuzugeben, daB eine Gestalt
wie Mephistopheles ihrem letzten Ursprunge nach auch
in heidnischen Religionsvorstellungen zu finden ist. * Fiir
Goethe gehorte sie aber der nordisch-christlichen Welt an.
Dorther hat er sie geschopft. Es war seine personliche Er-
fahrung, daB er sein Reich des Ewigen mit dieser Vorstel-
lungswelt nicht finden konnte. Man braucht sich nur, urn
das einzusehen, an die Charakteristik zu erinnern, welche
Schiller von Goethe gibt, als er mit einem tiefsinnigen Briefe
diesem (23. August 1794) einen Spiegel seines Wesens vor-
halt: «Waren Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener ge-
boren worden, und hatte schon von der Wiege an eine aus-
erlesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben,
so ware Ihr Weg unendlich verkiirzt, vielleicht ganz iiber-
fliissig gemacht worden. Schon in die erste Anschauung der
Dinge hatten Sie dann die Form des Notwendigen aufge-
nommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hatte sich der
groBe Stil in Ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher
geboren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische
Schopfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere
Wahl, als entweder selbst zum nordischen Kiinstler zu wer-
den, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit
vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und
so gleichsam von itrnen heraus und auf einem rationalen
Wege ein Griechenland zu gebaren. »
* Vergleiche Carl Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition.
[Untertitel: Mit besonderer Beriicksichtigung des okkulten Phanomenalis-
mus und des mittelalterlichen Zauberwesens. 1893.]
Es kann hier nicht die Aufgabe sein, auf die verschiede-
nen Vorstellungen einzugehen, die man sich uber die Be-
deutung des Mephistopheles gemacht hat. In diesen Vor-
stellungen driickt sich gerade das dem meinigen entgegen-
gesetzte Bestreben aus, kiinstlerische Gestalten in stroherne
Allegorien oder Symbole zu verwandeln. Fiir eine esote-
rische Bedeutung darf Mephistopheles durchaus als wirk-
licher Mensch, im Sinne dichterischer Wirklichkeit natiir-
lich, aufgefaBt werden. Denn die esoterische Deutung sucht
nicht den geistigen Gehalt, den gewisse Gestalten erst durch
den Dichter erhalten, sondern denjenigen, den sie schon im
Leben haben. Ihn kann ihnen also der Dichter weder neh-
men, noch geben, sondern er nimmt ihn, wie das fiir das
Auge Sichtbare, aus dem Leben. Es gehort aber zum Wesen
des Mephistopheles, daB er im Sinnlichen, im Materiellen
lebt. Auch die Holle ist ja nur das verkorperte Materielle.
Wer so im Materiellen lebt wie er, dem kann das Ewige im
SchoBe der Mutter nur ein fremdestes Bereich sein. Der
Mensch muB durch das Materielle hindurch, urn wieder in
das Ewige, das Gottliche einzugehen, in dem er seinen Ur-
sprung hat. Findet er den Weg dahin, gibt er « seine Existenz
auf, um zu existieren», so ist er eine Faustnatur; kann er
vom Materiellen nicht lassen, so ist er ein Charakter wie
Mephistopheles. Nur den «Schlussel» zum Reich der Mut-
ter vermag Mephistopheles dem Faust noch zu geben.
An diesem «Schliissel» hangt wirklich ein Geheimnis.
Man muB es erlebt haben, um es ganz durchzufiihlen.
Der in der Wissenschaft Lebende wird am leichtesten da-
zu kommen.
Man kann noch soviel Wissen anhaufen und doch kann
einem der «Geist der Dinge», das Reich der Mutter, ver-
schlossen bleiben. In dem Wissen hat man aber im Gmnde
den Schliissel zum Geisterreich in der Hand. Es wird ent-
weder zur Gelehrsamkeit oder zur Weisheit. Man lasse einen
weisen Menschen sich des «trockenen GelehrtenstofTes» be-
machtigen, den ein bloB Wissender angehauft hat : er wird
dadurch in eine Region gefuhrt, die dem andern «fremde-
stes Bereich» ist. Faust vermag mit dem Schliissel, den ihm
Mephistopheles gibt, zu den Miittern zu gelangen. In der
Art, wie Mephistopheles und Faust von dem Reich der Mut-
ter sprechen, spiegeln sich deren Charaktere :
Me phis to pheles :
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Feme,
Den Schritt nicht horen, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.
Faust:
Du sendest mich ins Leere,
Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
Behandelst mich, daB ich, wie jene Katze,
Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
Nur immer zu ! Wir wollen es ergriinden,
In deinem Nichts hofF ich das All zu finden.
Goethe hat es Eckermann verraten, wie er zur Einfiih-
rung der Miitterszene gekommen ist. « Ich kann Ihnen wei-
ter nichts verraten » - sagt Goethe - «als daB ich beim Plut-
arch gefunden, daB im griechischen Altertum von Miittern
als Gottheiten die Rede gewesen. » Das muBte auf Goethe,
der von seiner mystischen Erkenntnis her die Bedeutung
des «Ewig-Weiblichen» kannte, einen groBen Eindruck
machen.
Aus dem Reiche der Mutter zaubert Faust die Gestalten
der Helena und des Paris herauf. Als er sie dann am Kaiser-
hofe vor sich sieht, da erfafit ihn ein unwiderstehlicher
Drang zu Helena. Er will sich ihrer bemachtigen. Es erfolgt
eine Explosion. Faust sinkt bewuBtlos hin und wird von
Mephistopheles fortgetragen. - Wir sind damit an einer
Stelle in Fausts Entwicklung, die von groBer Bedeutung ist.
Faust ist reif, zum Geistigen vorzudringen. Er kann sich
geistig zu den ewigen Urbildern erheben. Er ist auf dem
Punkte, wo das Geistige dem Menschen in einer unend-
lichen Perspektive sichtbar wird.
Nun kann er entweder sich bescheiden und sich sagen,
daB diese Perspektive nicht im Fluge durchmessen werden
kann, daB sie vielmehr langsam durchzahllose Lebensstatio-
nen durchschritten werden muB; oder er kann sich im
Sturme des gottlichen Endzieles bemachtigen wollen. Das
letztere will Faust. Er macht eine neue Pruning durch. Er
muB erfahren, daB der Mensch an die Materie gebunden ist,
und daB er erst, wenn er alle Stufen des Materiellen durch-
gemacht hat, zur Erlangung des Endzieles gereinigt ist.
Nur ein rein geistiges, ein auf geistige Weise geborenes
Wesen konnte sich unmittelbar mit dem Geistigen vereini-
gen. Der Menschengeist ist kein solches Wesen. Er muB
durch das Materielle vollstandig hindurchwandeln. Ohne
diese Lebenswanderung ware dieser Menschengeist ein we-
senloses Wesen. Wenn er so vorhanden ware, konnte er
nicht leben. Entstiinde er auf irgendeine Weise, so rmiBte er
die materielle Wanderung von vorn anfangen. Denn der
Mensch ist das, was er ist, nur dadurch, daB er durch eine
Reihe vorheriger Verkorperungen durchgegangen ist. Auch
diese Vorstellung muBte Goethe im Faust darstellen. Uber
den Homunkulus hat sich Goethe am 1 6. Dezember 1 829 zu
Eckermann ausgesprochen : «Denn solche geistige Wesen
wie der Homunkulus, die durch eine vollkommene Mensch-
werdung noch nicht verdiistert und beschrankt werden,
zahlte man zu den Damonen. »
Homunkulus ist also ein Mensch, doch ohne die dem
Menschen notwendige Materialitat. Er wird im Laborato-
rium auf kunstliche Weise erzeugt. An dem schon angefuhr-
ten Tage sagt Goethe noch weiter iiber ihn zu Eckermann :
«Als ein Wesen, dem die Gegenwart durchaus klar und
durchsichtig ist, sieht Homunkulus das Innere des schlafen-
den Faust. » Aber weil seinem Geiste alles durchsichtig ist,
kommt es ihm auf den Geist gar nicht an. «Das Rasonieren
ist nicht seine Sache; er will handeln. » Insoferne der Mensch
ein Wissender ist, wird gerade durch das Wissen der Trieb
zum Wollen, zum Handeln geweckt. Nicht auf das Wissen,
nicht auf den Geist als solchen kommt es an, sondern darauf,
diesen Geist durch das Materielle, durch die Handlung hin-
durchzufuhren. Je wissender ein Wesen ist, einen desto gro-
Beren Trieb zum Handeln muB es haben. Und ein auf rein
geistigem Wege entstandenes Wesen muB erfullt sein von
Durst nach Handlung. In dieser Lage ist Homunkulus. Sein
gewaltiger Drang nach Wirklichkeit fuhrt Faust und Me-
phlstopheles nach Griechenland, in die «Klassische Wal-
purgisnacht». Im Reiche, in dem Goethe die hochste Wirk-
lichkeit gefunden hat, soil Homunkulus korperlich ent-
stehen. Damit ist dann auch fur Faust die Moglichkeit ge-
geben, die wirkliche Helena, nicht bloB deren Urbild zu fin-
den. In die griechische Wirklichkeit wird Homunkulus der
Fuhrer. Wir brauchen bloB Homunkulus bei seiner Wan-
derung durch die klassische Walpurgisnacht zu verfolgen,
um sein Wesen ganz kennen2ulernen. Er will von zwei grie-
chischen Philosophen, Thales und Anaxagoras, horen, wie
er entstehen, das heiBt zum Handeln kommen kann. Er sagt
zu Mephistopheles :
Ich schwebe so von StelP zu Stelle
Und mochte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld mein Glas entzwei zu schlagen ;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da indent' ich mich nicht wagen.
Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
Ich horchte zu, es hieB: Natur! Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen.
Sie miissen doch das irdische Wesen kennen;
Und ich erfahre wohl am Ende,
Wohin ich mich am allerkliigsten wende.
Er will die natiirlichen Bedingungen der korperlichen
Entstehung kennenlernen. Thales fiihrt ihn zu Proteus, dem
Meister der Verwandlung, des ewigen Werdens. Thales
sagt von Homunkulus :
Es fragt um Rat und mochte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greif lich Tiichtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch war* er gern zunachst verkorperlicht.
Und Proteus spricht das Gesetz des Werdens aus :
Doch gilt es hier nicht viel besinnen,
Im weiten Meere muBt du anbeginnen !
Da fangt man erst im Kleinen an
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen.
Man wachst so nach und nach heran
Und bildet sich zu hoherem Vollbringen.
Thales gibt dazu den Rat:
Gib nach dem loblichen Verlangen,
Von vorn die Schopfung anzufangen !
Zu raschem Wirken sei bereit !
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend, abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.
Die ganze Goethesche Naturanschauung von der Ver-
wandtschaft aller Wesen, von ihrer metamorphosischen Ent-
wicklung aus dem Unvollkommenen zum Vollkommenen
tritt hier im Bilde auf. Der Geist kann in der Welt zunachst
nur keimartig sein. Er muB sich in die Materie, in die Ele-
mente ausgieBen, in sie untertauchen, um aus ihnen erst
hohere Gestalt anzunehmen. Homunkulus zerschellt am
Muschelwagen der Galatea. Er lost sich in die Elemente auf.
Die «.Sirenen» beschreiben den Vorgang.
Welch feuriges Wunder verklart uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen ?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan :
Die Korper, sie gliihen auf nachtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen !
Homunkulus 1st als Geist nicht mehr. Er hat sich den Ele-
menten gemischt. Aus ihnen kann er entstehen. Zum Geist
muB die Begierde, das Wollen, das Handeln, der Eros tre-
ten. Der Geist muB durch die Materie, durch den Siindenfall
hindurch. Das geistige Wesen muB, nach Goethes obigen
Worten, verdiistert und beschrankt werden. Das ist zu einer
« vollkommenen Menschwerdung » notwendig. Das Myste-
rium der Menschwerdung stellt der zweke Akt des zweiten
Teiles dar. Proteus, der Meister der korperlichen Verwand-
lungen, legt dieses Mysterium dem Homunkulus dar:
Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Lang' und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach hohern Orten* :
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es vollig aus mit dir.
Das ist alles, was der Meister der korperlichen Wande-
lungen von der Menschwerdung wissen kann. Er ist der
Meinung, wenn der Mensch als solcher entstanden, hore
die Entwicklung auf. Das weitere gehort nicht zu seinem
Bereich. Er ist nur im Korperlichen zu Hause; und durch
das Menschwerden trennt sich das Geistige eben von dem
BloB-Korperlichen ab. Die weitere Entwicklung des Men-
schen geschieht im Reiche des Geistigen. Das hochste, wozu
es der naturliche Eros bringt, ist die Trennung in zwei Ge-
schlechter, sinddas Mannliche und das Weibliche. Hier setzt
die geistige Entwicklung ein; der Eros wird vergeistigt.
Faust geht mit der Helena, dem Urbild der Schonheit, eine
Ehe ein. Goethe ist der Uberzeugung, daB er durch die Ehe
mit der griechischen Schonheit das geworden ist, was er ist.
Das Mysterium der Vergeistigung hatte fur Goethe einen
* Die Ausgaben haben «Orden», was wohl nur Horfehler des Schreibers
ist.
kunstlerischen Charakter. Aus der Ehe Fausts mit Helena
geht der Euphorion hervor. Auch das hat Goethe selbst ge-
sagt, was der Euphorion ist. Eckermann fuhrt Goethes
Worte unter dem 2o.Dezember 1829 an: «Der Euphorion
ist kein menschiiches, sondern ein ailegorisches Wesen. Es
ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an kei-
nen Ort und an keine Person gebunden ist. » Durch die Ehe,
die Faust in den Tiefen seiner Seek erlebt, wird die Poesie
geboren. Diese Farbung des geistigen Mysteriums muB wie-
der auf Goethes personliche Erfahrung und Wesenheit zu-
ruckgefiihrt werden. Er hat in der Kunst, in der Poesie « eine
Manifestation geheimer Naturgesetze» gesehen, die ohne
sie niemals offenbar wiirden. * Als Kiinstler hat er die hohe-
ren Stufen des Seelenlebens durchger ungen. Es war nur na-
turlich, daB er der Poesie nicht nur ganz allgemeine, sondern
solche Ziige gab, die den poetischen Schopfungen seiner
Zeit entnommen waren. Auf Euphorion sind Byrons Ziige
iibergegangen. «Ich konnte als Reprasentanten der neue-
sten poetischen Zeit», sagte Goethe am 5»Juli 1827 zu
Eckermann, «niemanden gebrauchen als ihn (Byron), der
ohne Frage als das groBte Talent des Jahrhunderts anzu-
sehen ist. Und dann, Byron ist nicht antik und nicht roman-
tisch, sondern er ist wie der gegenwartige Tag selbst. Einen
solchen muBte ich haben. Auch paBte er iibrigens ganz we-
gen seines unbefriedigtenNaturells und seiner kriegerischen
Tendenz, woran er in Missolunghi zugrunde ging. Eine Ab-
handlung iiber Byron schreiben, ist nicht bequem und rat-
lich, aber gelegentHch ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen
hinzuweisen, werdeich auch in der Folge nicht unterlassen. »
Die Ehe Fausts mit Helena kann keine dauernde sein. Das
* Vergleiche seine Spriiche in Prosa.
Hinuntersteigen in die Tiefen der Seele ist, auch nach Goe-
thes Uberzeugung, nur in Feieraugenblicken des Lebens
moglich. Man taucht unter in die Regionen, in denen das
hochste Geistige geboren wird. Aber mit der Verwandlung,
die man da erfahren hat, kehrt man wieder zuriick ins tatige
Leben. Faust macht einen VergeistigungsprozeB durch;
aber auch als Vergeistigter soil er weiter im unmittelbaren
Leben wirken. Der Mensch, der solche Feieraugenblicke
durchgemacht hat, muB allerdings sehen, wie ihrn in der
unmittelbaren Wirklichkeit das tiefer Seelische wieder ent-
schwindet, Im Bilde ist das von Goethe dargestellt. Eupho-
rion entschwindet wieder in das Reich des Dunkels. Der
Mensch kann nicht zu dauerndem irdischen Leben das Gei-
stige bringen. Aber dieses Geistige ist nun mit seiner Seele
innig verbunden. Sein Kind, das Geistige, zieht auch seine
Seele in das Reich des Ewigen. Er hat sich dem Ewigen ver-
mahlt. Durch die hochsten geistigen Leistungen tritt der
Mensch mit seinem besten Sein, mit den Tiefen seiner Seele
selbst in das Ewige ein. Die Ehe, die er in seiner Seele ein-
gegangen 1st, laBt ihn im Ail aufgehen. Wie dieser ewige
Ruf, der in der Brust des immer strebenden Menschen er-
klingt, tonen die Worte des Euphorion:
Lass mich im diistern Reich,
Mutter, mich nicht allein !
Der Mensch, der in dem ZeitHchen das Ewige empfunden
hat, vernimmt von dem Geistigen in ihm diesen Ruf immer-
zu. Seine Schopfungen ziehen seine Seele nach dem Ewigen.
So wird Faust weiterleben. Ein Doppelleben wird er fuhren.
Im Leben wird er schaffen; aber sein geistiges Kind verbin-
det ihn auf seiner irdischen Wanderung mit dem hoheren
Reich des Geistes. Das wird das Leben eines Mystikers sein.
Allerdings nicht eines solchen, der in miiBiger Beschaulich-
keit 3 in einem Traum-Innenleben seine Tage verbringen
wird, sondern in voller Tatigkeit, so aber, daB jeder Tat der
Adel aufgedriickt ist, den der Mensch durch geistige Ver-
tiefung erlangt.
Auch das auBere Leben Fausts wird nunmehr das eines
Menschen, der seine Existenz aufgegeben hat, urn zu exi-
stieren. Er will ganz selbstlos im Dienste der Menschheit
wirken. Noch eine Pruning steht ihm aber bevor. Auch er
kann auf seiner Stufe das Wirken im materiellen Dasein mit
den reinen Bedurfhissen des Geistes nicht voll in Einklang
bringen. Er hat dem Meere Boden abgewonnen. Er hat
darauf eine herrliche Kulturstatte errichtet. Aber ein altes
Hauschen ist noch stehen geblieben; ein altes Paar wohnt
darinnen. Das stort die neue Schopfung. Die Alten wollen
den herrlichsten Besitz nicht eintauschen fur ihr Anwesen.
Faust muB sehen, wie Mephistopheles seinen Wunsch mit
der Wendung ins Bose ausfiihrt. Ihre Habe steckt er in
Brand ; das Paar stirbt vor Schrecken. Faust muB es noch-
mals erleben, daB die «vollkommene Menschwerdung»
«verdiistert und beschrankt», daB sie zur Schuld fuhren
muB. Seine Sinne, sein Materielles waren es, die ihm diesen
Streich gespielt, die ihm diese Pruning auferlegt haben. -
Als er das Glockchen von der Kapelle der Alten lauten hort,
da bricht er in die Worte aus :
Verdammtes Lauten ! Allzu schandlich
Verwundet's, wie ein tiickischer SchuB;
Vor Augen ist mein Reich unendlich,
Im Riicken neckt mich der VerdruB,
Erinnert mich dutch neidische Laute,
Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
Der Lindenraum, die braune Baute,
Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
Und wiinscht' ich dort mich zu erholen,
Vor fremden Schatten schaudert mir,
Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen,
Ol war' ich weit hinweg von hierl
Seine Sinne erzeugen in Faust den verhangnisvollen
Wunsch. Er hat doch noch einen Rest von derjenigen Exi-
stenz, die er aufgeben muBte, urn zu existieren. Das An-
wesen ist nicht sein. In der «Mitternacht» stellen sich vier
graue Weiber ein: der Mangel, die Schuld, die Sorge, die
Not. Sie sind es, die das Dasein des Menschen beschranken
und verdiistern. Unter ihrem Geleit wandelt er durch das
Leben. Er kann gar nicht leben, ohne von ihnen zunachst
geleitet zu sein. Denn das Leben allein kann von ihnen frei
machen. Faust ist so weit, daB drei von ihnen keine Gewalt
iiber ihn haben. Nur der Sorge ist diese Gewalt nicht ge-
nommen. Sie sagt:
Ihr Schwestern, ihr konnt nicht und durft nicht hinein.
Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlusselloch ein.
Und die Sorge mahnt ihn an eine Stimme, tief im Herzen
jedes Menschen. Keiner kann den letzten Zweifel tilgen dar-
uber, ob er auch wirklich mit seiner Lebensrechnung vor
dem Ewigen bestehen kann. Faust empfindet das in diesem
Augenblicke. Hat er denn wirklich nur reine Machte schon
um sich ? Hat er seinen «inneren Menschen » von allem Un-
reinen frei gemacht ? Er hat « Magie» auf seinen Pfad mit-
genommen. Er bekennt das mit den Worten :
Noch nab* ich mich ins Freie nicht gekampft.
Konnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zauberspriiche ganz und gar verlernen,
Stiind' ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da war's der Miihe wert, ein Mensch zu sein.
Nein, die letzten Zweifel kann auch Faust nicht von sich
wegbannen. Die Sorge darf auch mit Bezug auf ihn sagen :
Wiirde mich kein Ohr vernehmen,
MiiBt' es doch im Herzen drohnen;
In verwandelter Gestalt
Ub' ich grimmige Gewalt.
Der Sorge gegeniiber will Faust sich zunachst stellen, als ob
jeder Rest in ihm geschwunden sei von Zweifeln an seiner
Lebensrechnung :
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.
Nach driiben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor! wer dorthin die Augen blinzend richtet,
Sich iiber Wolken seinesgleichen dichtet !
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tuchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
In diesen Satzen zeigt eben Faust, daB er daran ist, sich vollig
ins Freie zu kampfen. Die Sorge will ihn in ihrer Art an das
Ewige mahnen. Sie stellt ihm vor, wie die Menschen, die
auf der Erde wirken, doch nur Zeitliches zu ZeitHchem fu-
gen. Und wenn sie dieses tun, wenn sie glauben, daB dem
Tuchtigen die Welt nicht stumm sei, dann bleibe sie, die
Sorge, zuletzt doch noch bei ihnen. Und so, wie sie das bei
anderen vermag, so glaubt sie das auch bei Faust tun zu
konnen. Sie glaubt ihn in den Zweifeln bestarken zu kon-
nen, die dem Menschen kommen, wenn er sich fragt, ob
denn all sein SchafFen doch eine Bedeutung habe. Was sie
iiber den Menschen vermag, das spricht sie aus :
Soil er gehen ? soil er kommen ?
Der EntschluB ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte
Wankt er tastend halbe Schritte.
So ein unauf haltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdnicken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Holle.
Um in der hiermit angedeuteten Weise der Macht der Sorge
zu verfallen, ist Fausts Seele zu weit vorgeschritten. Er darf
ihr entgegenrufen :
Doch deine Macht, o Sorge, schleichend groB,
Ich werde sie nicht anerkennen.
Sie vermag nur etwas iiber sein Korperliches. Indem sie ent-
schwindet, haucht sie ihn an ; und er erblindet. Damit ist das
Korperliche von ihm um einen weiteren Grad abgestorben.
Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
AUein im Innern leuchtet helles Licht.
Es kommt nun nur noch das Seelische des Faust in Betracht.
Ober dieses hat der im Materiellen lebende Mephistopheles
keine Gewalt. Faust ist ja seit der Helena- Szene mit seinem
besten Teile, mit dem Tiefsten seiner Seele im Ewigen. Die-
ses Ewige nimmt vollig Besitz von ihm nach seinem Tode.
Fausts Unsterbliches wird von den Genien diesem Ewigen
einverleibt.
Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bosen:
Wer immer strebend sich bemiiht,
Den konnen wir erlosen;
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Wilikommen.
Die « Liebe von oben» steht im deutlichen Gegensatz zum
«Eros», den der Proteus meinte, und von dem gesagt
wird*:
Und rings ist alles vom Feuer umronnen,
So herrsche denn Eros, der alles begonnen.
Dieser Eros ist die « Liebe von unten», die den Homunku-
lus durch die Elemente und durch die korperlichen Ver-
wandlungen Hndurchfuhrt, damit er zuletzt als Mensch er-
scheinen konne. Dann beginnt «die Liebe von oben», die
die Seek weiterentwickelt.
Fausts Seele steht am Wege nach dem Ewig-UnendHchen.
Eine unendliche Perspektive eroffhet sich vor ihr. Man kann
diese Perspektive ahnend empfinden. Sie dichterisch gegen-
standlich zu machen, ist eine groBe Schwierigkeit. Goethe
ernpfand das. Er sagte dariiber zu Eckermann: «t)brigens
werden Sie zugeben, dafi der SchluB, wo es mit der geret-
teten Seele nach oben geht, sehr scrrwer zu machen war, und
daB ich bei so iibersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen
mich sehr leicht im Vagen hatte verlieren konnen, wenn ich
nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf um-
* Am Ende des zweiten Aktes des zweiten Teiles.
rissenen, christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen
eine wohltatig beschrankende Form und Festigkeit gegeben
hatte. » Es muBte auf den nicht auszuschopfenden Inhalt der
Seele hingedeutet, das tiefste Innere im Symbol dargestellt
werden. «Heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert
zwischen Kliiften» stellendie hochsten Zustande der Seelen-
entwicklung dar. Man wird aufwarts gefiihrt in die Regio-
nen des BewuBtseins - der Seele -, in denen die Welt immer
mehr zum «Gleichnis» des Ewigen wird.
Dieses BewuBtsein, die Tiefen der Seele, werden in my-
stischer Weise im Bilde des «Ewig-Weiblichen», der Jung-
frau Maria, angeschaut. Sie betet der Doctor Marianus ent-
ziickt an :
Hochste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.
In monumentale Worte klingt der Faust in den « Chorus
mysticus» aus. Sie sollen Worte ewiger Weisheit sein. Sie
verkiinden das Mysterium, daB «alles Vergangliche nur ein
Gleichnis» ist. Was in weitester Feme vor dem Menschen
liegt, wohin ihn der Weg fuhrt, den er betritt, wenn er es
begriffen hat, dieses «Stirb und Werde»:
Das Unzulangliche,
Hier wird's Erreichnis *.
Was nicht beschrieben werden kann, weil es nur zu erleben
ist; was die Eingeweihten der « Mysterien» erlebten, wenn
sie auf den «Pfad» des Ewigen gefiihrt wurden; was unaus-
sprechlich ist, weil es in so tiefen Kliiften der Seele liegt,
* l)ber die Schreibung « Erreichnis » vergleiche oben S. 1 8 Anmerkung.
daB die fur Zeitliches gepragten Worte es nicht fassen kon-
nen:
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
Und zu all dem zieht die Kraft der eigenen Seele, ziehen die
Machte, die der Mensch ahnt, wenn er die inneren Pforten
der Seele iiberschreitet, wenn er in skh die gottKche Stimme
sucht, die ihn zur Ehe ruft zwischen dem «Ewig-Mann-
lichen», der Welt, und dem «Ewig-Weiblichen», dem Be-
wuBtsein :
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hman.
II
GOETHES GEI STESART
IN IHRER OFFENBARUNG
DURCH SEINEN FAUST
Diese Ausfuhrungen werden in dieser Neu-Ausgabe [191
neu hinzugefugt
Der Seelenkonfiikt, den Goethe aus seinem eigenen Innen-
leben in die Personlichkeit des Faust gelegt hat, leuchtet in
voller Starke gleich im Anfang des Dramas auf. Da, wo
Faust sich von dem Zeichen des Makrokosmos ab- und
demjenigen des Erdgeistes zuwendet. Was der erste Faust-
monolog bis zu diesem Seelenerlebnis enthalt, ist im Grunde
doch nur ein Auftakt. Die Unbefriedigung an den Wissen-
schaften, die andere an seiner Lage als Gelehrter, sind etwas,
was in die besondere Goethesche Eigenart viel weniger hin-
einweist als das Verhaltnis, in dem sich Faust zu dem Geiste
des ganzen Alls auf der einen Seite und zu dem der Erde auf
der andernfuhlt. Aus dem Zeichen des Makrokosmos offen-
bart sich der Seele die umfassende Harmonie der ganzen
Welt:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskrafte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen !
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
Halt man diese Worte zusammen mit dem, was Goethe
als Zeichen des Makrokosmos gekannt hat, so fallt der Blick
auf ein bedeutsames Erlebnis in Fausts Seele. Vor dieser
stand ein Sinnbild des Weltalls. Die Erde im Zusammen-
hang mit den anderen Planeten des Sonnensys terns und die
Sonne selbst. Die Wirksamkeit der einzelnen Himmelskor-
per als OrTenbarung von Geistwesen, die Bewegung und
Wechselverhaltnis lenken. Nicht eine mechanische Him-
melssphare, sondern ein kosmisches Weben von geistigen
Hierarchien, als des sen AusfluB das Leben der Welt er-
scheint, in die der Mensch hineingestellt ist. Und dieser
selbst als ZusammenfluB des Wirkens all dieser Wesen. -
Doch Faust kann in dem Anschauen dieser AU-Harmonie
in seiner Seele nicht das Erleben fuhlen, nach dem er strebt.
Man empflndet, in den Untergninden dieser Seele wiihlt die
Sehnsucht: wie werde ich im vollsten Sinne des Wortes
« Mensch » ? Sie mochte in sich erleben, was den Menschen
bewuBt zum wahren Menschen macht. Sie kann aus den
Tiefen ihres Wesens nicht in derjenigen Art, die ihr vor-
schwebt, dasjenige Erfuhlen herauf holen, durch das sie sich
als den ZusammenfluB alles des sen erscheinen konnte, was
ihr durch das Zeichen des Makrokosmos vorgestellt wird.
Derm dies ist « Erkenntnis », welche sich durch das innere
starke Erleben in « Selbsterkenntnis » umwandeln kann.
Keine Erkenntnis aber, auch nicht die hochste, kann un-
mittelbar den ganzen Menschen ergreifen. Sie kann nur
einen Teil des Menschen ergreifen; der Mensch muB sie
dann durch das Leben tragen; und im Wechselverhalt-
nis mit dem Leben dehnt sie dann ihren Bereich iiber das
ganze menschliche Wesen aus. Faust fehlt die Geduld, die
Erkenntnis als das hinzunehmen, was sie zunachst allein
sein kann. Er mochte im Augenblick eine Seelen-Erful-
lung erleben, die nur im Laufe der Zeit zu erleben ist.
Und so wendet er sich ab von der Offenbarung des Makro-
kosmos :
Welch Schauspiel ! aber ach ! ein Schauspiel nur !
Die Erkenntnis kann nicht mehr sein als Bild des Lebens.
Faust will nicht ein Bild des Lebens ; er will das Leben selbst . -
So wendet er sich dem Zeichen des Erdgeistes zu. In die-
sem Zeichen hat er vor sich ein Sinnbild des ganzen unend-
lichen Menschenwesens, wie dieses ist durch die Krafte der
Erdenwirksamkeit. Das Sinnbild ruft in seiner Seele die An-
schauung wach von allem, was der Mensch an unbegrenzter
Wesenheit in sich tragt, was ihn aber betauben imiBte, wenn
er es nicht auseinandergezogen in die Bilder der im Leben
sich offenbarenden Erkenntnis, sondern zusammengezogen
in die Wahrnehmung eines einzigen Erkenntnis-Augen-
blickes empfange. In der Erscheinung des Erdgeistes tritt
vor Faust, was der Mensch in Wirklichkeit ist, was aber be-
taubend wirkt, wenn es nicht in der abgeschwachten Spiege-
lung der Erkenntniskrafte in das BewuBtsein eintritt. Ge-
wiB nicht in philosophischer Form, wohl aber in einer leben-
digen Erkenntnisempfindung war in Goethe die geistige
Angst, welche den Menschen uberkommt bei dem Gedan-
ken: was wird mit mir, wenn das Ratsel meines Daseins mir
plotzlich anschaulich wird, ich es aber erkennend nicht be-
waltigen kann!
Goethe hat in seinen Faust nicht etwa nur die Enttau-
schungen eines in die Irre gehenden Erkenntnisdranges hin-
einlegen wollen; er wollte vielmehr die im Wesen des Men-
schen begriindeten Konflikte dieses Dranges selbst darstel-
len. Der Mensch ist in jedem Augenblicke seines Daseins
mehr, als sich zum Vollbringen seines Lebens enthullendarf.
Der Mensch soil sich entwickeln aus seinem Innern heraus ;
er soli entfalten, was in vollem MaBe zu erkennen ihm erst
nach der Entfaltung gegonnt sein kann. Seine Erkenntnis-
krafte sind so geartet, daB sie selbst zur Unzeit an das heran-
gebracht, was sie zur rechten Zeit bewaltigen sollen, durch
ihren eigenen Gegenstand betaubt werden konnen. - Faust
lebt in alle dem, was in den Worten des Erdgeists sich offen-
bart. Aber dieses sein eigenes Wesen betaubt ihn, als es ihm
anschaulich vor die Seele tritt in dem Augenbiicke, in dem
seine Lebensreife, dieses Wesen nicht erkennend, zum Bilde
wandeln kann.
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
Bei diesen Worten stiirzt Faust zusammen. Im Grunde hat
er sich geschaut; aber er kann sich nicht gleichen, weil er,
was er ist, nicht erkennend umfassen kann. Die Selbstan-
schauung hat das dieser Anschauung nicht gewachsene Be-
wuBtsein betaubt.
Faust stellt die Frage: « Nicht dir! Wem denn?» ~ Die
Antwort wird dramatisch gegeben. Wagner tritt ein. Dieser
selbst ist die Antwort auf das «Wem denn?». Seelischer
Hochmut war es, der in Faust im Augenbiicke das Geheim-
nis des eigenen Wesens erfassen wollte. Was in ihm lebt,
ist zunachst nur das Streben nach diesem Geheimnis; das
Ebenbild dessen, was er im Augenbiicke von sich erkennend
umfassen kann, ist Wagner. Man wird die Szene mit Wagner
ganz miBverstehen, wenn man nur auf den Gegensatz blickt
zwischen dem hochgeistigen Faust und dem beschrankten
Wagner. In der Begegnung mit diesem nach der Erdgeist-
szene sollte Faust begreif lich werden, daB er mit seiner Er-
kenntniskraft im Grunde auf der Wagnerstufe steht. Dra-
matisch gedacht ist in der hier in Frage kommenden Szene
Wagner das Ebenbild von Faust.
Was durch den Erdgeist sich fur Faust nicht in einem Au-
genblicke oflfenbaren konnte, es muBte aus der Entwicklung
des Lebens sich ergeben. Und Goethe fuhlte das Bedurfnis,
Faust nicht nur von dem Ausgangspunkte seines etwa vier-
zigjahrigen Lebens aus das weitere Menschendasein vertieft
durchmachen zu lassen, sondern, gewissermaBen riick-
schauend, vor seine Seele auch dasjenige treten zu lassen,
dem er sich in seinem abstrakten Erkenntnisstreben ent-
zogen hat. In Wagner stand er sich selbst vor dem Seelen-
auge. Der Monolog, der sich in dem vollendeten Faust an
die Stelle anschlieBt: «Wie nur dem Kopf nicht alle Hoff-
nung schwindet ...», enthalt in seinen Worten nur Wogen,
die aus unterbewuBten Seelentiefen heraufschlagen und die
zuletzt ausmunden in den Entschluss zu dem Selbstmord.
Faust kann in diesem Augenblicke seines Erlebens nur die
Gefuhlsfolgerung ziehen, daB dem Menschen «alle Hoff-
nung schwinden» miisse. Vor dieser Gefuhls-SchluBfolge-
rung rettet seine Seele nur, daB das Leben vor seinen Geist
zaubert, was vorher an seinem abstrakten Erkenntnisstreben
wesenlos vorbeigezogen ist: die Osterfeier des einfachen
Menschengemiites und der Osterspaziergang. Wahrend die-
ser Erlebnisse, die ihm die nicht voll erlebte Jugend wenig-
stens im Riickblick vor die Seele bringen, wirkt in ihm
nach, was er durch die Beriihrung mit der geistigen Welt,
durch die Begegnung mit dem Erdgeist erfahren hat.
Durch diese Nachwirkung lost er sich wahrend der Ge-
sprache mit Wagner beim Osterspaziergang von dessen
Seelenverfassung los. Wagner bleibt im Gebiete des ab-
strakten Wissenschaftsstrebens ; Faust muB die Seelenerfah-
rungen, die er gemacht hat, in das unmittelbare Leben hin-
eintragen, auf daB ihm dieses Leben die Macht gibt, eine
andere Antwort als Wagner auf die Frage zu bekommen :
«Nicht dir! Wem denn?».
Wer wie Faust von der geistigen Welt in ihrer Wirklich-
keit beruhrt worden ist, der muB dem Leben anders gegen-
uberstehen als derjenige, dem sich nur das Sinnendasein ge-
offenbart hat und dessen Erkenntnis nur in Vorstellungen
besteht, welche von diesem Sinnendasein hergeholt sind.
Was Goethe das « Geistesauge » nennt : fur Faust ist es durch
sein Erlebnis geoffnet. Ihn bringt das Leben noch zu ande-
ren «t)berwindungen» als zu derjenigen der Wagner- We-
senheit. Wagner ist auch ein Stiick der Menschennatur, die
Faust in sich tragt. Er iiberwindet sie, indem er in sich nach-
tragHch belebt, was er zu beleben in der Jugendzeit ver-
saumt hat. Auch die Belebung des Bibelwortes, die Faust
sucht, gehort noch zur Wiedererweckung des Versaumten.
Aberebenwahrend dieser Belebung tritt ein anderes «Eben-
bild» des eigenen Wesens vor Fausts Seele: der Mephisto-
pheles. Er ist die weitere schwerwiegendere Antwort auf
das « Nicht dir ! Wem denn ? ». Ihn hat er durch dasjenige zu
uberwinden, was die Lebenserfahrungen in seiner von der
Geisteswelt beruhrten Seele werden konnen. Man siindigt
gewiB nicht gegen die kiinstlerische Erfassung des Faust-
dramas, wenn man in Mephistopheles einen Teil von Fausts
Wesen selbst sieht. Denn man behauptet damit nicht, daB
Goethe in dem Mephistopheles nicht habe eine vollebendige
dramatische Gestalt, sondern nur eine symbolische Figur
schafFen wollen. Auch im Leben ist es so, daB der Mensch in
anderen MenschenTeile seiner eigenen Wesenheit anschaut.
Man erkennt sich an den andern Menschen. Ich behaupte
nicht, daB Hans Miiller nur ein Symbol fur mich ist, wenn
ich sage : ich schaue in ihm ein Stuck meines eigenen We-
sens. Die dramatischen Gestalten des Wagner und des Me-
phistopheles sind individueU lebensvolle Wesen; was Faust
durch sie erlebt, ist Selbstanschauung.
Was steht im Grunde im Fortgange des Faustdramas
durch die Schuler-Szene vor der Seele dessen, der dieses
Drama auf sich wirken laBt ? Doch nichts anderes als die Art,
wie Faust seinen Schiilern durch dasjenige gegeniibertreten
kann, was in ihm selbst von Mephistopheles ist. Als das, was
in Mephistopheles dem Schiiler gegenubertritt, kann sich
der Mensch offenbaren, wenn er den Mephistopheles in sich
nicht iiberwindet. Mir scheint allerdings, daB in dieser Szene
von einer fruheren Ausarbeitung seines Faust Goethe etwas
stehen gelassen hat, was er wohl umgearbeitet hatte, wenn
er sich iiberhaupt in eine vollstandige Umarbeitung der alte-
ren Teilein den Geist hmein, den jetzt das Ganze zeigt, hatte
finden konnen. Im Sinne dieses Geistes miiBte, was Mephi-
stopheles mit dem Schiiler treibt, auch von Faust erlebt wer-
den. Das ist nicht der Fall. Aber Goethe war bei der fruheren
Ausarbeitung seines Faust nicht darauf bedacht, alles so dra-
matisch zu gestalten, daB es in irgendeiner Art auch als Er-
lebnis des Faust selbst erscheint. Und er hat dann in die letzte
Ausgestaltung seiner Dichtung manches einfach heriiber-
genommen, was dem angedeuteten Geiste der spateren dra-
matischen Gestaltung sich nicht einfugt.
Der Verfasser dieser Ausfuhrungen gehort zu denjenigen
Lesern des Faust, die zu dieser Dichtung immer wieder zu-
riickkehren. Bei solchem Ruckkehren traten ihm stets als
Leser neue Einblicke vor die Seele in das, was Goethe an
unermeBlicher Lebenserkenntnis und Lebenserfahrung in
seinen Faust hineingelegt hat. Doch wollte es ihm nie gluk-
ken, in Mephistopheles trotz dessen dramatischer Leben-
digkeit eine einheitliche, innerlich ungebrochene Wesen-
hek zu erkennen. Er fand es endlich sogar begreif lich, daB
die Faustkommentatoren nicht recht wissen, als was sie
Mephistopheles eigentlich ansehen sollen. Die Ansicht ist
aufgetaucht, Mephistopheles sei kein reenter Teufel, son-
dern nur ein Diener des Erdgeistes. Dem wider spricht doch
wieder, daB Mephistopheles einmal selbst sagt:
Ich mocht' mich gleich dem Teufel iibergeben,
Wenn ich nur selbst kein Teufel war' !
Halt manzusammen, was in Mephistopheles sich ausspricht :
man kommt eben denn doch nicht zurecht.
Nun hat sich fur Goethe im Fortarbeiten an seiner Faust-
dichtung diese immer mehr an die tiefsten menschlichen
Ratselerlebnisse herangeriickt. Das Licht, das von diesen
Ratselerlebnissen ausstromt, leuchtet iiberall in die darge-
stelltenEreignisse seiner Dichtunghinein. In Mephistophe-
les verkorpert sich, was der Mensch im Laufe einer tieferen
Lebenserfahrung zu iiberwinden hat. Ein innerer Gegner
dessen, was der Mensch aus seiner Wesenheit heraus erstre-
ben muB, steht in der Gestalt des Mephistopheles da. - Wer
aber die Erlebnisse vollig verfolgt, die Goethe in die Schop-
fung des Mephistopheles hineingeheimniBt hat, der kommt
nicht auf einen solchen geistigen Gegner der Menschennatur,
sondern auf %wei. Der eine erwachst aus dem Willens- und
Gefuhlswesen, der andere aus dem Erkenntniswesen des
Menschen. Das Willens- und Gefuhlswesen strebt danach,
den Menschen von der iibrigen Welt, in der er Wurzel und
Quelle seines Daseins hat, zu isolieren. Es gaukelt dem Men-
schen vor, daB er seinen Lebensweg gehen konne, indem er
sich ganz nur auf sein inneres Wesen stutzt. Es tauscht dar-
iiber hinweg, daB der Mensch am Weltganzen ein Giied ist,
wie ein Finger am Organismus. DaB er sich zum geistigen
Tode verarteilt, wenn er sich vom Ganzen der Welt ab-
schnurt, so wie der Finger sich zum physischen Tode ver-
urteilen wurde, wenn er getrennt vom Organismus leben
wollte. In dem Menschen ist ein elementares Streben nach
solcher Abschmirung. Lebensweisheit wird nicht dadurch
erworben, daB man sich gegen dieses elementarische Stre-
ben blind stellt, sondern dadurch, daB man es in seiner Ei-
genart iiberwindet, indem man es verwandelt, so daB es aus
einem Gegner zu einem Heifer des Lebens wird. Wer wie
Faust von der Geisteswelt beruhrl worden ist, der muB viel
bewuBter in den Kampf mit dieser dem Menschenleben geg-
nerischen Macht verstrickt werden als derjenige, dem solche
Beriihrung fern geblieben ist. Als Wesen dramatisiert kann
diese Macht der luziferische Widerpart des Menschen ge-
nannt werden. Er wirkt durch die im eigenen Innern der
Menschenwesenheit nach Steigerung des Egoismus stre-
benden Seelenkrafte.
Der andere Gegner der Menschennatur schopft seine
Kraft aus den Tauschungen, denen der Mensch als die Au-
Benwelt wahrnehmendes und vorstellendes Wesen ausge-
setzt ist. Das vom Erkennen getragene Erleben der AuBen-
welt ist von den Bildern abhangig, die sich der Mensch von
dieser AuBenwelt nach der jeweiligen Verfassung seiner
Seele, nach dem Gesichtspunkte, auf dem er steht, nach den
allermannigfaltigsten andern Vorbedingungen machen
kann. In die Entstehung dieser Bilder rustet sich der Geist
der Tauschung ein. Er verzerrt das Verhaltnis der Wahrheit,
in das sich der Mensch ohne dessen Wirksamkeit zur AuBen-
welt und zur iibrigen Menschheit setzen konnte. Er ist zum
Beispiel auch der Geist der Zwietracht und des Streites zwi-
schen Mensch und Mensch. Er bringt die Menschen in
solche gegenseitige Abhangigkeiten, die Reue und Gewis-
sensbisse zur Folge haben. Man kann diesen Geist im An-
kiange an eine Gestalt der persischen Mythe den ahrimani-
schen Geist nennen. Die persische Mythe legt ihrem Ahri-
man Eigenschaften bei, die zum Gebrauch dieses Namens
berechtigen.
Luziferischer und ahrimanischer Widerpart der Men-
schenweisheit treten in ganz verschiedener Art an die
menschliche Entwicklung heran. Goethes Mephistopheles
tragt nun deutlich ahrimanische Ziige ; und doch lebt in ihm
auch das luziferische Element. Eine Faustnatur ist den Ver-
suchungen Ahrimans ebenso wie denjenigen Luzifers in
starkerem MaBe ausgesetzt als eine solche, die nicht geistige
Erfahrungen gemacht hat. Man konnte sich nun denken,
daB Goethe statt des einen Mephistopheles die zwei gekenn-
zeichneten Wesen Faust gegeniibergestellt hatte. Faust ware
dann in die eine Art seiner Lebenslabyrinthe durch das eine,
in die andere durch das andere gefiihrt worden. So wie Goe-
the seinen Mephistopheles gekennzeichnet hat, sind in dem-
selben uneinheitlich luziferische und ahrimanische Ziige ver-
mengt. Dies verhindert nicht nur den Leser, sich ein ein-
heitliches Bild des Mephistopheles in der Phantasie zu for-
men, sondern es trat Goethe selbst hmdernd in den Weg,
wenn er immer wieder von neuem durch sein Leben hin-
durch denFaden derFaustdichtung fortspinnen wollte. Man
verspurt eben einen ganz naturgemaBen Drang, manches,
was Mephistopheles tut oder sagt, von einem anderen We-
sen getan zu sehen oder gesagt zu horen. GewiB, Goethe hat
die Schwierigkeiten, die sich ihm bei der Fortsetzung seines
Faust entgegengestellt haben, manchem ganz anderen zu-
geschrieben; in seinem UnterbewuBtsein aber wirkte die
zwiespaltige Wesenheit des Mephistopheles, die es schwie-
rig machte, die Fortfiihrung des Lebenslaufes des Faust in
Bahnen zu geleiten, welche durch die dem Leben wider-
strebenden Machte hindurchfiihren miissen.
Gegen Ausfiihrungen wie diese ergibt sich nur allzuleicht
der gewiB billige Einwand, man wolle Goethe korrigieren.
Man muB diesen Einwand ertragen im Hinblick auf die Not-
wendigkeit, Goethes personliches Verhaltnis zu seiner
Faustdichtung zu verstehen. Man verfolge doch nur, wie
Goethe gegenuber Freunden gerade da iiber das Erlahmen
seiner Schaffenskraft klagt, als er sich anschicken mochte,
die «Dkhtung seines Lebens» zu Ende zu fiihren. Man
bedenke, daB er im hohen Alter Eckermanns Zuspruch
braucht, um sich aufzuraffen, den Plan der Faustfortsetzung,
den er als solchen dem dritten Buch von «Wahrheit und
Dichtung» einverleiben will, auszuarbeiten. Karl Julius
Schroer kann mit Recht* sagen: «Ohne Eckermann hatten
wir wohl weiter nichts als den erwahnten Plan, der vielleicht
eine Gestalt hatte wie das , Schema zur Fortsetzung 4 der ,na-
tiirlichen Tochter e , das in die Werke aufgenommen ist. Wir
wissen, was ein solcher Plan fur die Welt ist; ein Betrach-
tungsgegenstand fur den Literarhistoriker, weiter nichts, » -
Man hat das Stocken von Goethes Arbeit an seinem Faust
allem Moglichen und Unmoglichen zugeschrieben; man
hat sich bemiiht, die in der Gestalt des Mephistopheles ge-
fiihlten Widerspriiche in der einen oder der anderen Art
«aufzulosen». Der Betrachter Goethes kommt iiber beides
nicht leicht hinweg. Oder soil man sich wirklich zu einem
* Seite XXX der dritten Auf lage des zweiten Teiles seiner Faustausgabe.
Bekenntnis herbeilassen, wie es Jakob Minor in seinem
iibrigens interessanten Buche «Goethes Faust »* abiegt?
« Goethe stand ... nahe dem funfzigsten Jahre; und aus der
Zeit der Schweizerreise stammt, soviel ich weiB, der erste
Seufzer, den ihm der Gedanke an das herannahende Alter in
dem schonen Gedichte jSchweizeralpe* entlockt hat. Auch
bei ihm, dem Ewigjungen, der bisher nur zu schauen und
zu gestalten gewohnt war, tritt nun der Gedanke als Vor-
laufer der Weisheit des Alters mehr in den Vordergrund.
Er schematisiert, er rubriziert als echter Sohn des umstand-
lichen Vaters auf der Schweizerreise wie bei seinem Faust. »
Man kann doch aus der Betrachtung des Lebens auch die
Anschauung gewinnen, daB in einer solchen Dichtung, wie
dem Goetheschen Faust, Dinge dargestellt werden miissen,
die erst durch die Lebenserfahrung des hoheren Alters ge-
wonnen werden konnen. MiiBte selbst bei einem Goethe
mit diesem hoheren Alter die Dichterkraft versiegen: wie
konnte eine solche Dichtung iiberhaupt entstehen ?
So paradox es mancher Gesinnung auch erscheinen mag :
eine ernste Betrachtung des personlichen Verhaltnisses Goe-
thes zu seinem Faust und eine solche der Gestalt des Me-
phistopheles scheinendazu zudrangen,in der letzteren einen
inneren Grund zu sehen fur die Schwierigkeiten, die Goe-
the seiner Lebensdichtung gegemiber empfunden hat. Die
Zwiespaltigkeit der Mephistophelesfigur wkkte in den Un-
tergriinden seiner Seele; sie trat nicht herauf iiber die
Schwelle seines BewuBtseins. Da aber die Erlebnisse des
Faust Spiegelungen der Taten des Mephistopheles enthal-
ten miissen, so stellten sich stets Hemmungen ein, wenn der
Lebenslauf des Faust dramatisch fortgefuhrt werden sollte,
* 2. Band, S.28.
und aus dem Wirken des uneinheitlichen Widersachers nicht
die rechten Impulse fur eine solche Fortfuhrung sich erge-
ben wollten.
*
Der « Prolog im Himmel», der jetzt mit der «Zueignung»
und dem « Vorspiel auf dem Theater » den ersten Teil von
Goethes Faust einleitet, ist erst 1797 gedichtet. Aus den Ver-
handlungen, die Goethe iiber seine Dichtung mit Schiller
gefuhrt hat, und deren Niederschlag sich in dem Briefwech-
sel der beiden flndet, kann man ersehen, daI3 er um diese Zeit
die Grundkrafte umgedacht hat, als deren Offenbarung das
Leben des Faust erscheint. Bis dahin erflieBt fur die An-
schauung dessen, was an Faust sich zeigt, alles aus dessen
nach Lebensvollendung und Lebensweitung drangenden
Seelen-Inneren. Man sieht keine anderen Impulse als diese
inneren. Durch den « Prolog im Himmel» wird Faust als
strebender Mensch in den ganzen Weltzusammenhang hin-
eingestellt. Die geistigen Machte, welche die Welt in Wirk-
samkeit versetzen und erhalten, zeigen sich in ihrer Entfal-
tung; und in ihr Zusammen- und Gegeneinanderwirken ist
das Leben des Faust hineingestellt. So wird wenigstens fur
das BewuBtsein des Dichters und des Lesers Fausts Wesen-
heit in den Makrokosmos hineinversetzt, in den sich der
Faust des jungen Goethe durch seine Erkenntnis nicht hin-
einstellen wollte. Mephistopheles tritt unter den wirkenden
Weltenwesen «im Himmel» auf. Aber gerade da tritt auch
das zwiespaltige Wesen des Mephistopheles deutlich in die
Erscheinung.
Von alien Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last,
sagt der «Herr». Es muBte also noch andere Geister, die
« verneinen», im Weltenkampfe geben. Und wie stimmt es
zu der Bemuhung des Mephistopheles am SchluB des zwei-
ten Teiles des Faust um den Leichnam, wenn er sich hier
«im Himmel» so auBert:
Am meisten lieb' ich mir die vollen frischen Wangen.
Fur einen Leichnam bin ich nicht zu Haus.
Man denke sich : statt des einen Mephistopheles stiinden ein
luziferischer und ein ahrimanischer Geist dem «Herrn» ge-
genuber im Kampf um den Faust. Ein ahrimanischer muB
sich um den « Leichnam » bemuhen, denn er ist der Geist
der Tauschung. Geht man den Quellen der Tauschung nach,
so findet man, daB sie mit dem zusammenhangen, was als
das Sterblich-Materielle schon im Leben des Menschen
wirkt. Die Erkenntniskrafte, welche sich regen in demsel-
ben MaBe, in dem diejenigen Impulse in ihm auftauchen,
die zuletzt den Tod herbeifuhren, unterliegen der ahrimani-
schen Tauschung. Die Willens- und Gefuhlsimpulse wirken
diesen Kraften entgegen. Sie hangen zusammen mit dem
sprieBenden, wachsenden Leben. Sie sind in Kindheit und
Jugend am machtigsten. Sie treten im Alter in dem Grade
lebhafter auf, als sich der Mensch die Antriebe der Jugend
in dieses Alter hiniiberrettet. Sie bergen die luziferische Ab-
irrung in sich. Luzifer kann sagen : ich liebe mir die « vollen
frischen Wangen »; Ahriman muB fur einen Leichnam «zu
Hause» sein. Und der «Herr» kann zu Ahriman sagen:
«Von alien Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am
wenigsten zur Last.» Denn die Schalk-Natur ist mit der
Tausche-Natur verwandt. Und fiir das «Ewige» im Men-
schen ist die das Materiell-Vergangliche beherrschende Ah-
rimanwesenheit weniger bedeutend als die andere «vernei-
nende» Wesenheit, die innig mit dem Wesenskern des Men-
schen verkniipft ist. Nicht eine Phantasie-Willkur 1st es, was
in Mephistopheles eine Zwienatur empfindet, sondern das
selbstverstandliche Fiihlen eines zwiefach Wesenhaften in
der menschhchen Welt- und Lebensgestaltung. Goethe muB
etwas in seinem UnterbewuBtsein empfunden haben, das
ihn ahnen lieB: ich bringe den Gegensatz Faust- Mephisto-
pheles vor die universale Lebensgestaltung; aber diese will
zu diesem Gegensatz nicht stimmen.
Ware, was hier gesagt ist, im Sinne der pedantisch be-
denklichen Forderung gemeint : Goethe hatte den Mephi-
stopheles anders zeichnen sollen, so konnte es ganz leicht
widerlegt werden. Man brauchte nur darauf hinzuweisen,
wie in Goethes Phantasie diese Gestalt aus der Uberlieferung
der Faustsage, aus der deutschen und nordischen Mytho-
logie als eine einheitliche hervorgegangen ist und hervor-
gehen muBte. Und gegen das Aufzeigen von «Widerspni-
chen» in einer lebendigen Gestalt konnte man, abgesehen
davon, daB, was lebensvoll ist, gerade das «Leben mit sei-
nen Widerspriichen» enthalten muB, sich an Goethes klares
Wort halten: «Wenn durch die Phantasie nicht Dinge ent-
stiinden, die fur den Verstand ewig problematisch bleiben,
so ware uberhaupt zu der Phantasie nicht viel. Dies ist es,
wodurch sich die Poesie von der Prosa unterscheidet. » -
Nein, auf diesem Felde liegt das nicht, was hier gemeint ist.
Aber unbestreitbar ist, was Karl Julius Schroer* sagt:
«GroBartig spielend, mit iiberlegenem Humor scherzend,
meisterhaft charakterisierend bei fortwahrend durchblik-
kendem tiefen Hintergrunde hochster Fragen der Mensch-
* Seite XCIV der dritten Auf lage des zweiten Teiles seiner Faustausgabe.
heit ... hebt uns die Dichtung endlich zur Andacht hehrster
Empfindungen empor ...» Das ist es, worauf es ankommt:
was in seiner Faustdichtung vor Goethes Phantasie stand,
das erschien ihm auf dem «fortwahrend durchblickenden
tiefen Hintergrunde hochster Fragen der Menschheit». Die
Gesinnung, aus welcher in griindlicher Goethe-Erkenntnis
und edler Liebe zu Goethes Art Schroer dies vorbringt,
kann gewiB nicht angefochten werden, da Schroer jeden-
falls nicht vorgeworfen werden kann, er wolle die Dichtung
Goethes im Sinne einer abstrakten Ideenentwicklung erkla-
ren. - Aber, weil Goethe den Hintergrund hochster Fragen
der Menschheit vor der Seele hatte, erweiterte sich fur sei-
nen Geistesblick die uberlieferte Gestalt des «nordischen
Teufels» zu jener zwiespaltigen Wesenheit, zu welcher der
ernste Betrachter des Lebens und der Welt nun einmal ge-
fuhrt wird, wenn er erkennend sehaut, wie die Menschen-
wesenheit in das Ganze des Weltalls hineingestellt ist.
Die Mephistopheles-Gestalt, welche Goethe vorschweb-
te, als er seine Dichtung begann, war angemessen der Ab-
wendung des Faust von dem Sinne des Makrokosmos. Die
Seelenkonflikte, die sich da aus seinemlnnernerhoben, fuhr-
ten zu einem Kampf gegen die gegnerische Macht, welche
den Menschen im Innern anfaBt und die einen luziferischen
Charakter hat. Aber Goethe war genotigt, seinen Faust auch
in den Kampf mit den Machten der AuBenwelt einzufuhren.
Je mehr er sich der Ausfiihrung des zweiten Teiles des Faust
naherte, um so mehr empfand er diese Notwendigkeit. Und
in der «Klassischen Walpurgisnacht», die zur wirklichen
Begegnung des Faust mit Helena fuhren sollte, treten Wel-
tenmachte, tritt makrokosmisches Geschehen in Zusam-
menhang mit den Erlebnissen des Menschen. Indem Me-
phistopheles in diesen Zusammenhang eingreift, muB er ei-
nen ahrimanischen Charakter annehmen. Goethe hatte sich
durch seine naturwissenschaftliche Weltanschauung die
Briicke gebaut, iiber die er Weltgeschehen in die Menschen-
entwicklung heruberbringen konnte. Er hat das getan in
seiner «Klassischen Walpurgisnacht». Deren dichterischen
Wert wird man erst erkennen, wenn man voll durchschauen
wird, wie in diesem Gebiete des Faust es Goethe gelungen
ist, Naturanschauungen kunstlerisch so ganz zu bezwingen,
daB an ihnen kein begrifFlich-abstrakter Rest bleibt, son-
dern alles in das Bild, in die phantasiegemaBe Gestaltung
eingeflossen ist. Es ist nur asthetischer Aberglaube, wenn
man der «Klassischen Walpurgisnacht» vorwirft: sie ent-
halte einen peinlichen Rest abstrakter naturwissenschaftli-
cher Theorien. Und in vieileicht noch groBerem MaBe ist
in dem gewaltigen SchluBbild des funften Aktes des zwei-
ten Teiles die Briicke geschlagen zwischen iibersinnlichem
All-Geschehen und Menschen-Erlebnis.
Es scheint keinem Zweifelunterworfen : Goethes Geistes-
art nahm im Laufe seines Lebens eine Entwicklung, durch
die ihm die zwiespaltige Wesenheit der dem Menschen geg-
nerischen Weltmachte vor das Seelenauge trat, und er hat
die Notwendigkeit empfunden, im Fortgange seiner Faust-
schopfung deren Anfang selbst zu uberwinden, indem das
Leben den Faust dem Makrokosmos zuwendet, von dem er
sich erst einst durch die einseitige Erkenntnis abgewendet
hat.
Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
In das Schauspiel traten aber die Krafte des umfassenden
Weltgeschehens ein. Es wurde Leben, weil Faust nach Zielen
strebt, die den Menschen durch den Lebenskampf in seinem
Innern zum Konflikte mit den Machten fuhren, welche ihn
als Glied des Weltganzen kampfend, aber den Kampf auf-
nehmend erscheinen lassen.
Ill
GOETHES GEISTESART
IN IHRER OFFENBARUNG DURCH SEIN «MARCHEN
VON DER GRUNEN SCHLANGE UND DER LILIE»
Diese Ausfiihrungen sind eine Neu-Bearbeitung meines Aufsatzes « Goethes
geheime Offenbarung», der 1899 zu Goethes hundertfunfzigstem Geburts-
tage im «Magazin fur Literatur» erschienen ist.
Schiller war um die Zek, in der seine Freundschaft mit Goe-
the begann, mit den Ideen beschaftigt, die in seinen « Briefen
iiber asthetische Erziehung des Menschen» ihren Ausdruck
gefunden haben. Er arbeitete diese urspriinglich fur den
Herzog von Augustenburg geschriebenen Briefe 1 794 fur
die Horen um. Was Goethe und Schiller damals mundlich
verhandelten und was sie sich schrieben, schloB sich immer
wieder, der Gedankenrichtung nach, an den Ideenkreis die-
ser Briefe an. Schillers Nachsinnen betraf die Frage : Wei-
cher Zustand der menschlichen Seelenkrafte entspricht im
besten Sinne des Wortes einem menschenwiirdigen Dasein ?
« Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, tragt, der An-
lage und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen Men-
schen in sich, mit dessen unveranderlicher Einheit in alien
seinen Abwechselungen ubereinzustimmen die groBe Auf-
gabe seines Daseins ist. » * Eine Briicke will Schiller schla-
gen von dem Menschen der alltagigen Wirklichkeit zu dem
idealischen Menschen. Zwei Triebe sind in der Menschen-
natur vorhanden, die diese von der idealischen Voilkom-
menheit zunickhalten, wenn sie in einseitiger Art zur Ent-
wicklung kommen: der sinnliche und der vernunftige Trieb.
Hat der sinnliche Trieb die Oberhand, so unterliegt der
Mensch seinen Instinkten und Leidenschaften. In die Beta-
tigung, die von seinem BewuBtsein durchhellt ist, mischt
sich eine dieses BewuBtsein triibende Kraft. Sein Tun wird
* So schreibt Schiller im vierten Briefe.
das Ergebnis einer inneren Notigung. Uberwiegt der ver-
niinftige Trieb, so ist der Mensch bestrebt, Instinkte und
Leidenschaften zu unterdrucken und einer abstrakten, von
innerer Warme nicht getragenen Notwendigkeit sich zu
iibergeben. In beiden Fallen ist der Mensch einem Zwange
unterworfen. Im erstern bezwingt seine sinnliche Natur die
geistige; im zweiten die geistige seine sinnliche. Weder das
eine., noch das andere gibt dem Menschen im Kerne seines
Wesens, der zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit in der
Mitte Hegt, vollige Freiheit. Diese ist nur durch eine Har-
monie der beiden Triebe zu verwirklichen. Die SinnUchkeit
soil nicht unterdriickt, sondern veredelt werden; die In-
stinkte und Leidenschaften sollen sich mit der Geistigkeit
durchdringen, so daB sie selbst die Verwirklicher des in sie
eingegangenen Geistigen werden. Und die Vernunft soil
das Seelische im Menschen so ergreifen, daB sie dem bloB
Instinktiven und Leidenschaftlichen seine Gewalt nimmt,
und der Mensch das, was Vernunft ihm rat, wie selbstver-
standlich aus Instinkt und mit der Kraft der Leidenschaft
vollbringt. «Wenn wir jemand mit Leidenschaft umfassen,
der unsrer Verachtung wiirdig ist, so empfinden wir pein-
lich die Notigung der Natur. Wenn wir gegen einen andern
feindlich gesinnt sind, der uns Achtung abnotigt, so emp-
finden wir peinlich die Notigung der Vernunft. Sobald er
aber zugleich unsre Neigung interessiert und unsre Ach-
tung sich erworben, so verschwindet sowohl der Zwang
der Empfindung, als der Zwang der Vernunft, und wir
fangen an, ihn zu lieben.» Ein Mensch, der in seiner Sinn-
lichkeit die Geistigkeit der Vernunft, in seiner Vernunft
die elementarische Kraft der Leidenschaft offenbart, ware
eine freie Persdnlichkeit. Auf die Entwicklung der freien
PersonHchkeiten mochte Schiller das harmonische Zusam-
menleben in der menschlichen Gesellschaft begriinden.
Mit der Frage nach einem wahrhaft menschenwiirdigen
Dasein verband sich ihm diejenige nach der Gestaltung
des menschlichen Zusammenlebens. Das war seine Antwort
auf die Fragen, die in der Zeit, als er diese Gedanken aus-
gestaltete, den Menschen durch die franzosische Revolu-
tion gestellt waren.*
Goethe fand sich durch solche Ideen tief befriedigt. Er
schreibt iiber die asthetischen Briefe am 26.0ktober 1794
an Schiller : « Das mir iibersandte Manuskript habe ich so-
gleich mit groBem Vergniigen gelesen; ich schliirfte es auf
einen Zug hinunter. Wie uns ein kostlicher, unsrer Natur
analoger Trunk willig hinunterschleicht und auf der Zunge
schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heil-
same Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm
und wohltatig, und wie sollte es anders sein, da ich das, was
ich fur recht seit langer Zeit erkannte, was ich teils lebte,
teils zu leben wiinschte, auf eine so zusammenhangende und
edle Weise vorgetragen fand. »
Was Goethe zu leben wiinschte, um sich eines wahrhaft
menschenwurdigen Daseins bewuBt sein zu diirfen, fand er
in Schillers asthetischen Briefen ausgesprochen. Begreif lich
ist es daher, daB auch in seiner Seele Gedanken angeregt
wurden, die er auf seine Art in der Richtung der Schiller-
schen auszugestalten suchte. Aus diesen Gedanken heraus
ist die Dichtung erwachsen, die so mannigfaltige Auslegun-
gen gefunden hat : Das Ratselmarchen, mit dem Goethe seine
in denHoren erschienene Erzahlung « Unterhaltungen deut-
scher Ausgewanderten» schloB, und das im Jahre 1795 in
* Siebenundzwanzigster Brief.
den «Horen» erschienen ist. Auch diese «Unterhaltungen»
knupfen wie Schillers asthetische Briefe an die franzosi-
schen Zustande an. Man wird das ihren SchluB bildende
«Marchen» nicht erklaren diirfen, indem man von auBen
allerlei Ideen in dasselbe hineintragt, sondern indem man
zuriickgeht auf die Vorstellungen, die damals in Goethes
Seele lebten.
Die groBte Zahl der unternommenen Auslegungsver-
suche dieser Dichtung findet man verzeichnet in dem Buche
« Goethes Marchendichtungen» von Friedrich Meyer von
Waldeck. * Seit dem Erscheinen dieses Buches sind aller-
dings einige neuere Erklarungsversuche zu den friiheren
hinzugekommen. **
Man wird die Keim-Gedanken zu dem « Marchen» in den
«Unterhaltungen» suchen miissen, deren AbschluB es bil-
det. Goethe stellt in diesen «Unterhaltungen» die Flucht ei-
ner Familie aus den mit Kriegsverheerungen belasteten Ge-
genden dar. In den Gesprachen, die sich zwischen den Glie-
* Heidelberg, Karl Wintersche Universitatsbuchhandlung [1879].
** Ich habe in den Geist des Marchens aus den Voraussetzungen der
Goetheschen Gedankenwelt vom Anfang der neunziger Jahre des achtzehn-
ten Jahrhunderts einzudringen versucht und habe, was sich mir ergeben hat,
zuerst in einem Vortrage ausgesprochen, den ich am 27. November 1891 im
Wiener Goetheverein gehalten habe. Was ich damals gesagt habe, hat sich
mir seither nach den verschiedensten Richtungen erweitert. Aber alles, was
ich seither iiber das «Marchen» habe drucken lassen oder miindlich ausge-
sprochen habe, ist nur eine weitere Ausgestaltung der in jenem Vortrage aus-
gesprochenen Gedanken. Auch mein 1910 erschienenes Mysteriendrama
«Die Pforte der Einweihung» ist eine Frucht jener Gedanken.
[Der oben erwahnte Vortrag von Rudolf Steiner im Wiener Goetheverein
«Uber das Geheimnis in Goethes Ratselmarchen in den ,Unterhaltungen
deutscher Ausgewanderten* » im Referat von K.J. Schroer wird in Biblio-
graphic- Nr. 5 1 der Rudolf Steiner Gesamtausgabe erscheinen.]
dern dieser Familie abspielen, lebt auf, was in Goethes Vor-
stellungskreisen durch den Austausch der gekennzeichne-
ten Ideen mit Schiller damals angeregt war. Die Gesprache
drehen sich urn zwei Gedankenmittelpunkte. Von dem ei-
nen werden alle die Vorstellungen des Menschen beherrscht,
durch welche dieser in den Ereignissen, die in sein Leben
eingreifen, einen Zusammenhang zu bemerken glaubt, der
sich aus den Gesetzen der sinnlichen Wirklichkeit nicht
durchdringen laBt. Die Geschichten, welche da erzahlt wer-
den, sind zum Teil reine Gespenstergeschichten, zum Teil
solche, in denen Erlebnisse zur Darstellung kommen, die
an Stelle des naturgesetzlichen Zusammenhanges einen
«wunderbaren» zu verraten scheinen. Goethe hat diese
Schilderungen wahrlich nicht aus einer Hinneigung zu ir-
gendeiner Art von Aberglauben verfaBt, sondern aus einem
viel tieferen Antrieb heraus. Die angenehm-mystische Emp-
flndung, die manche Menschen haben, wenn sie von etwas
horen konnen, das doch die «beschrankte», auf gesetzmaBi-
ge Zusammenhange gehende Vernunft « nicht erklaren
kann», lag ihm ganz feme. Aber er sah sich immer wieder
vor die Frage gestellt : Gibt es fur die Menschenseele nicht
eine Moglichkeit, sich von den Vorstellungen, die nur aus
der sinnlichen Wahrnehmung kommen, zu befreien und in
einem rein geistigen Anschauen eine iibersinnliche Welt zu
ergreifen ? Es konnte ja wohl der Drang nach einer solchen
Betatigung des Erkenntnisvermogens ein naturgemaBes
menschliches Streben darstellen, das auf einem fur die Sinne
und den auf diese gestiitzten Verstand verborgenen Zusam-
menhang mit einer solchen Welt beruht. Und die Neigung
zu Erlebnissen, welche den natiirlichen Zusammenhang zu
durchbrechen scheinen, konnte nur eine kindliche Abir-
rung von dieser berechtigten menschlichen Sehnsucht nach
einer geistigen Welt sein. Goethe interessierte sich vielmehr
fur die Richtung, welche die Seelentatigkeit bei ihrer Nei-
gung zum aberglaubisch Gehatschelten nimmt, als fur den
Inhalt der Erzahlungen, die bei kindlichen Gemutern aus
einer solchen Neigung hervorgehen.
Der zweite Gedankenmittelpunkt strahlt die Vorstellun-
gen aus, welche das moralische Menschenleben betreffen,
fur das der Mensch seine Antriebe nicht aus der Sinnlich-
keit, sondern aus Impulsen schopft, die ihn iiber das hinaus-
heben, was die Sinnlichkeit in ihm anregt. Auf diesem Ge-
biete ragt ja eine iibersinnliche Kraftewelt in das Seelen-
leben des Menschen herein.
Von beiden Gedankenmittelpunkten aus gehen Strahlen,
welche im Ubersinnlichen endigen miissen. Und von ihnen
aus wird die Frage nach dem inneren Menschenwesen an-
geregt, nach dem Zusammenhange der Menschenseele mit
der sinnlichen Welt einer- und der ubersinnlichen andrer-
seits. Schiller trat dieser Frage philosophisch in seinen asthe-
tischen Briefen nahe; fur Goethe war der abstrakt-philoso-
phische Weg nicht gangbar; er muBte das, was er in dieser
Richtung zu sagen hatte, im Bilde verkorpern. Und das ge-
schah durch das « Marchen von der griinen Schlange und
der Lilie ». In Goethes Phantasie gestalteten sich die mannig-
faltigen menschlichen Seelenkrafte zu Marchenpersonen,
und in den Erlebnissen und dem Zusammenwirken dieser
Personen verbildlicht sich das ganze menschhche Seelen-
leben und Seelenstreben. - Wenn man dergleichen aus-
spricht, hat man von einer gewissen Seite her sogleich den
Einwand zu gewartigen : aber dadurch wird eine Dichtung
doch aus dem kiinstlerischen Phantasiereiche herausgeho-
ben und zur unkiinstlerischen Verbildlichung abstrakter
BegrifFe, die Figuren werden aus dem echten Leben heraus-
getiommen und zu unkiinstlerischen Symbolen oder gar Al-
legorien gemacht. Solch ein Einwand beruht auf der Vor-
stellung, daB in der Menschenseele nur abstrakte Ideen leben
konnen, sobald sie das Gebiet des Sinnlichen verlaBt. Er
verkennt, daB es eine lebensvolle ubersinnliche Anschauung
gibt ebenso wie eine sinnliche. Und Goethe bewegt sich mit
seinen Personen im « Marchen» nicht im Reiche abstrakter
BegrifFe, sondern ubersinnlicher Anschauungen. Was hier
iiber diese Personen und ihre Erlebnisse gesagt werden
wird, ist durchaus nicht so gemeint, daB behauptet wiirde :
das eine bedeute das; das andere jenes. Solche Hinneigung
zu symbolischer Ausdeutung liegt diesen Betrachtungen so
feme wie nur mdglich. Fur sie ist im « Marchen» der Alte
mit der Lampe, sind die Irrlichter und so weiter nichts an-
deres als die Phantasiegestaltungen, als die sie in der Dich-
tung auftreten. Aber gesucht werden soil, durch welche Ge-
dankenimpulse die Phantasie des Dichters belebt wird, um
solche Gestaltenzu schafFen. Diese Gedankenimpulse brach-
te sich Goethe ganz gewiB nicht in einer abstrakten Form
zum BewuBtsein. Weil sie seiner Geistesart in dieser Form
zu inhaltsarm erschienen waren, driickte er sich eben durch
Gestalten der Phantasie aus. Der Gedankenimpuls waltet
in den Untergriinden von Goethes Seele, dessen Frucht ist
die Phantasiegestalt. Die Zwischenstufe als Gedanke lebt
nur unterbewuBt in seiner Seele und gibt der Phantasie die
Richtung. Der Betrachter des Goetheschen «Marchens»
braucht den Gedankengehalt; denn der allein kann seine
Seele so stimmen, daB sie in nachschafFender Phantasie den
Wegen der schopferischen Goetheschen folgt. Es ist das
Sichhineinversetzen in diesen Gedankengehalt nichts ande-
res als gewissermaBen das Aneignen der Organe, durch die
der Betrachter sich in dieselbe Luft versetzen kann, in der
Goethe geistig geatmet hat, als er das « Marchen» schuf. Es
ist die Einstellung des Blickes auf die menschliche Seelen-
welt, auf die Goethe geblickt hat, und aus der en Waken ihm
- anstatt philosophischer Ideen - lebendige Geistgestalten
entgegensprangen. Was in diesen Geistgestalten lebt, es lebt
in der menschlichen Seele.
Die Vorstellungsart, die das « Marchen» durchdringt, sie
klingt schon in den «Unterhaltungen» an. In den Gespra-
chen, von denen da erzahlt wird, lenkt sich die menschliche
Seele auf die zwei Weltgebiete hin, zwischen die sich der
Mensch im Leben gestellt sieht : das sinnliche und das iiber-
sinnhche. Sich zu beiden Gebieten in das rechte Verhaltnis
zu bringen, strebt die tiefere Menschennatur an, zur Er-
ringung einer freien, menschenwiirdigen Seelenverfassung
und zur Ausgestaltung eines harmonischen Zusammen-
lebens von Mensch zu Mensch. Goethe hat empfunden, daB
in den «Unterhaltungen» selbst nicht voll zum Ausdrucke
gekommen war, was er iiber die Beziehung des Menschen
zu den beiden Weltgebieten hat aus den Erzahlungen her-
ausleuchten lassen. Er hatte das Bedurfnis, in dem umfas-
senden Marchengemalde die menschlichen Seelenratsel, auf
die sein Blick gerichtet war, naher an die unermeBlich reiche
Welt des Geisteslebens heranzubringen. - Das Streben nach
dem wahrhaft menschenwiirdigen Zustand, auf den Schiller
deutet, den Goethe zu leben wiinschte, verkorpert sich ihm
durch den Jungling im «Marchen». Dessen Vermahlung
mit der Lilie, der Verwirklicherin des Freiheitsreiches, ist
die Verbindung mit den in der Menschenseele schlummern-
den Kraften, die zum wahren inneren Erleben der freien
Personlichkeit fuhren, wenn sie erweckt werden.
Eine Person, die fur die Entwicklung der Vorgange im
«Marchen» eine bedeutungsvolle Rolle spielt, ist der Alte
mit der Lampe. Als er mit seiner Lampe in die Felskliifte
kommt, wird er gefragt, welches das wichtigste der Ge-
heimnisse sei, die er wisse. Er antwortet: «Das offenbare».
Und auf die Frage, ob er dieses Geheimnis nicht verraten
konne, sagt er : Wenn er das vierte wisse. Dieses vierte aber
kennt die griine Schlange. Und sie sagt es dem Alten ins
Ohr. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daB dieses Ge-
heimnis sich auf den Zustand bezieht, nach dem sich alle im
«Marchen» vorkommenden Personen sehnen. Dieser Zu-
stand wird am SchluB des «Marchens» geschildert. Er
driickt im Bilde aus, wie die Menschenseele ihre Verhindung
eingeht mit den in ihren Untergriinden waltenden Kraften,
und wie dadurch ihr Verhaltnis zum Ubersinnlichen - dem
Reich der Lilie - und dem sinnlichen - dem Reich der grii-
nen Schlange - so geregelt wird, daB sich diese Seele mit
ihren Erlebnissen und ihrem Tun in freier Art von dem ei-
nen und dem andern Gebiete anregen laBt, so daB sie im
Verein mit den beiden ihr wahres Wesen verwirklichen kon-
ne. Man muB annehmen, daB der Alte den Inhalt dieses Ge-
heimnisses kennt; denn er ist ja die einzige Person, die im-
mer iiber den Verhaltnissen stent, diejenige, von deren Len-
kung und Leitung alles abhangt. Was also kann die Schlange
dem Alten sagen? Er weiB, daB sie sich aufopfern muB,
wenn der ersehnte Endzustand herbeigefuhrt werden soil.
Aber dieses sein Wissen ist nicht entscheidend. Er muB mit
diesem Wissen warten, bis die Schlange aus den Tiefen ihres
Wesens heraus zu dem Entschlusse der Aufopferung sich
reif findet. - Im Umfange des menschlichen Seelenlebens
gibt es eine Kraft, von welcher die Entwicklung der Seele
getragen wird zu dem Zustande der freien Personlichkeit.
Diese Kraft hat ihre Aufgabe auf dem Wege zu diesem Zu-
stand. Ware dieser erreicht, so verlore sie ihre Bedeutung.
Sie bringt die Menschenseele mit den Lebenserfahrungen
in Zusammenhang. Sie verwandelt, was Wissenschaft und
Leben offenbaren, in innere Lebensweisheit. Sie macht die
Seele immer reifer fur das ersehnte Geistesziel. An diesem
verliert sie ihre Bedeutung, denn sie stellt das Verhaltnis
des Menschen zur AuBenwelt her. Am Ziele aber sind alle
auBeren Impulse in innere Seelenantriebe verwandelt. Da
muB diese Kraft sich aufopfern; sie muB ihre Wirksamkeit
einstellen; sie muB als das iibrige Seelenleben durchsetzen-
des Ferment ohne Eigenleben im verwandelten Menschen
weiter bestehen. Goethes Geistesauge war insbesondere auf
diese Kraft im Menschenleben hingerichtet. Er sah sie wirk-
sam in den Erfahrungen des Lebens und in denjenigen der
Wissenschaft. Er wollte sie da angewendet wissen, ohne daB
man sich durch vorgefaBte Meinungen oder Theorien ein
abstraktes Ziel setzt. Dieses Ziel muB sich erst aus den Er-
fahrungen heraus ergeben. Wenn diese ausgereift sein wer-
den, sollen sie das Ziel aus sich gebaren. Sie sollen nicht
durch ein voraus bestimmtes Ende verstummelt werden.
Diese Seelenkraft ist in der griinen Schlange verkorpert. Sie
nimmt das Gold auf, die Weisheit, die aus den Erfahrungen
des Lebens und der Wissenschaft stammt, und die von der
Seele angeeignet werden muB, so daB Weisheit und Seele
eins werden. Diese Seelenkraft wird sich zur rechten Zeit
opfern ; sie wird den Menschen an sein Ziel, die freie Per-
sonlichkeit, bringen. DaJS sie sich opfern will, sagt die
Schlange dem Alten ins Ohr. Sie vertraut ihm damit ein Ge-
heimnis an, das ihm offenbar ist, das ihm aber trotzdem
wertlos ist, so lange es sich nicht durch den freien EntschluB
der Schlange verwirklicht. Wenn die gekennzeichnete See-
lenkraft in dem Menschen so spricht wie die Schlange zu
dem Alten, dann ist es fur die Seele « an derZeit», die Lebenser-
fahrung als Lebens weisheit zu erleben, die ein harmonisches
Verhaltnis vom Sinnlichen zum Ubersinnlichen herstellt.
Das ersehnte Ziel wird herbeigefuhrt durch die Wiederbe-
lebung des zur Unzeit von dem Ubersinnlichen - der Lilie -
beruhrten und daher gelahmten und ertoteten Jiinglings ;
durch seine Vereinigung mit der Lilie, wenn die Schlange,
die Lebenserfahrung der Seele, sich geopfert hat. Dann ist
auch die Zeit gekommen, in der die Seele in sich die Briicke
bilden kann zwischen dem diesseitigen und jenseitigen Ge-
biet des Flusses. Diese Briicke entsteht aus dem StofTe der
Schlange selbst. Die Lebenserfahrung fuhrt fortan kein Ei~
genleben; sie ist nicht mehr, wie vorher, bloB auf die auBere
Sinneswelt gerichtet. Sie ist innere Seelenkraft geworden,
die man als solche bewuBt nicht ubt, sondern die nur wirkt,
indem sich Sinnliches und Ubersinnliches im Menschen-
Innern gegenseitig erleuchten und erwarmen. - Wenn nun
auch die Schlange die Urheberin dieses Zustandes ist, sie
konnte allein dem Jungling doch nicht die Gaben verleihen,
durch die ihm moglich wird, das neugegrundete Seelenreich
zu beherrschen. Die empfangt er von den drei Konigen.
Von dem ehernen erhalt er das Schwert mit dem Auftrag :
«Das Schwert zur Linken; die Rechte frei.» Der silberne
Konig gibt ihm das Zepter, indem er den Satz spricht:
«Weide die Schafe.» Der goldene Konig driickt ihm den
Eichenkranz aufs Haupt mit den Worten: «Erkenne das
H6chste.» Der vierte Konig, der in Mischung die drei Me-
talle Kupfer, Silber und Gold enthalt, sinkt zum wesenlosen
Klumpen zusammen. - In dem Menschen, der auf dem We-
ge zur freien Personlichkeit ist, sind drei Seelenkrafte in Mi-
schung wirksam : der Wille (das Kupfer), das Fiihlen (Sil-
ber), die Erkenntnis (Gold). Die Lebenserfahrung gibt im
Laufe des Daseins aus ihren OfFenbarungen, was die Seele
sich durch diese drei Krafte aneignet: die Macht, durch
welche die Tugend wirkt, offenbart sich dem Willen;
die Schonheit (der schone Schein) offenbart sich dem
Fiihlen; die Weisheit offenbart sich dem Erkennen. Was
den Menschen abtrennt von der « freien Personlichkeit »,
das ist, daB diese drei in Mischung in seiner Seele wirken ;
er wird die freie Personlichkeit in dem MaBe erringen,
als er mit vollem BewuBtsein die Gaben der drei in ihrer
besonderen Eigenart, jede fur sich, empfangt und sie erst -
in freier bewuBter Betatigung - in seiner Seele selbst ver-
einigt. Dann zerfallt in sich, was ihn vorher bezwungen
hat, die chaotische Mischung der Gaben des Wollens,
Fuhlens und Erkennens.
Der Konig der Weisheit ist aus Gold. Wo das Gold im
«Marchen» auftritt, verkorpert es die Weisheit in irgend-
einer Form. Wie die Weisheit in der sich zuletzt opfernden
Lebenserfahrung wirkt, ist bereits angedeutet. Aber auch
die Irrlichter bemachtigen sich des Goldes in ihrer Art. Der
Mensch tragt in sich eine Seelenanlage - und sie kommt bei
manchen Personen in einseitiger Art zur Entfaltung, so daB
sie ihr ganzes Wesen auszufullen scheint -, durch die er sich
aneignet, was Leben und Wissenschaft an Weisheit ver-
leihen. Aber diese Seelenanlage strebt nicht darnach, die
Weisheit ganz mit dem Leben der Seele zu vereinigen; sie
bleibt als einseitiges Wissen, als Mittel, dieses oder jenes zu
behaupten oder zu kritisieren, bestehen; sie dient dazu, die
Person glanzen zu lassen, oder diese Person im Leben in ein-
seitiger Weise zur Geltung zu bringen. Sie strebt auch nicht
darnach, sich durch dieVerbindung mit dem, was die auBere
Erfahrung bietet, in Ausgleich zu bringen. Sie wird zum
Aberglauben, den Goethe in den Gespenstergeschichten
der «Ausgewanderten» zur Darstellung brachte, weil sie
nicht darnach strebt, sich in Einklang zu versetzen mit dem
NaturgemaBen. Sie wird zur Lehre, bevor sie im Seelen-
Innern Leben geworden ist. Sie ist, was falsche Propheten
und Sophisten durch das Leben tragen mochten. Sie ist weit
entfernt davon, den Goetheschen Lebensgrundsatz sich zu
eigen zu machen : Man muB seine Existenz aufgeben, um zu
existieren. Die Schlange, die selbstlose, in Liebe zur Weis-
heit, in erlebter Weisheit entwickelte Lebenserfahrung, gibt
ihre Existenz auf, um die Briicke zu bilden zwischen der
Sinnlichkeit und der Geistigkeit.
Der Jungling wird durch ein unbezwingliches Verlangen
nach dem Reich der schonen Lilie gedrangt. Welches sind
die Kennzeichen dieses Reiches ? Die Menschen konnen,
trotzdem sie die tiefste Sehnsucht nach dem Gebiet der Lilie
haben, doch nur zu bestimmten Zeiten in dasselbe gelangen,
bevor die Briicke gebaut ist. Zur Mittagszeit bildet die
Schlange, auch schon vor ihrer Opferung, eine vorlaufige
Briicke in das Gebiet des Ubersinnlichen. Und abends und
morgens kann man iiber den Schatten des Riesen hiniiber-
kommen iiber den FluB - die Vorstellungs- und Gedacht-
niskraft der das Sinnliche von dem Ubersinnlichen trennt.
Jemand, der sich der Beherrscherin des ubersinnlichen Rei-
ches nahert, ohne dazu die innere Eignung zu besitzen, muB
an seinem Leben so Schaden nehmen wie der Jungling.
Auch hat die Lilie das Verlangen nach dem andern Reiche.
Es kann der Fahrmann, der die Irrlichter iiber den FluB ge-
fahren hat, jeden heriiber-, aus dem Ubersinnlichen, nie-
mand hinuberbringen.
Wer von dem Ubersinnlichen beruhrt sein will, muB erst
sein Inneres durch Lebenserfahrung an dieses Ubersinn-
liche, das nur in Freiheit ergriflfen werden kann, herangear-
beitet haben. Goethe spricht in den «Spriichen in Prosa»
seine auf dieses zielende Uberzeugung aus : « Alles, was un-
sern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft iiber uns selbst
zu geben, ist verderblich. » Ein andrer seiner Spriiche ist
dieser : « Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. »
Das Reich des einseitig wirkenden Ubersinnlichen - bei
Schiller des einseitigen Vernunfttriebes - ist das der Lilie ;
das Reich der einseitig wirkenden Sinnlichkeit - des sinn-
lichen Triebes bei Schiller - ist dasjenige, in dem die
Schlange vor ihrer Opferung lebt. - Der Fahrmann kann
jeden heriiber in dies letztere Reich, niemand hinuber in das
andere bringen. Die Menschen stammen alle, ohne dazu
selbst etwas zu tun, aus dem tjbersinnlichen. Aber sie kon-
nen eine freie - von keiner «Zeit», das ist von keinem nur
unwillkurlich hervorgerufenen Seelenzustand abhangige -
Verbindung mit diesem Ubersinnlichen nur herstellen,
wenn sie sich iiber die Briicke der geopferten Lebenserfah-
rung begeben wollen. Vorher gibt es zwei unwillkurlich
eintretende Seelenzustande, durch die der Mensch ins iiber-
sinnliche Reich gelangen kann, das eins ist mit dem Reiche
der freien Personlichkeit. Der eine Seelenzustand ist der-
jenige durch die schopferische Phantasie, die ein Abglanz
des iibersinnlichen Erlebens ist. In der Kunst verbindet der
Mensch das Sinnliche mit dem Obersinnlichen. In der Kunst
auch offenbart er sich als frei schaffende Seele. Das ist ver-
bildlicht in dem Ubergang, den die Schlange, die noch nicht
zum iibersinnlichen Erleben bereite Lebenserfahrung, zur
Mittagszeit ermoglicht. - Der andere Seelenzustand tritt
ein, wenn der BewuBtseinszustand der Menschenseele - des
Eiesen im Menschen, der ein Ebenbild des Makrokosmos
ist - herabgedampft ist, wenn die bewuBte Erkenntnis sich
verdunkelt und ablahmt, so daB sie sich als Aberglaube, Vi-
sion, Mediumismus auslebt. Die Seelenkraft, die sich auf
diese Art bei gelahmtem BewuBtsein darlebt, ist fiir Goethe
einerlei mit derjenigen, welche durch Gewalt und Willkiir,
auf revolutionare Art, den Menschen in den Zustand der
Freiheit fuhren mochte. In Revolutionen lebt sich der
Drang nach einem Idealzustande dumpf aus, wie sich in der
Dammerung der Schatten des Eiesen uber den FluB legt.
DaB auch diese Ansicht uber den «Riesen» berechtigt ist,
dafur spricht, was Schiller am i6,Oktober 1795 an Goethe
schreibt, der sich auf einer Reise befindet, die sich bis nach
Frankfurt am Main ausdehnen sollte : «Es ist mir in der Tat
lieb, Sie noch feme von den Handeln am Main zu wissen.
Der Schatten des Riesen konnte Sie leicht etwas unsanft an-
fassen.» Was die Willkur, der ungeziigelte Verlauf ge-
schichtlicher Ereignisse, im Gefolge hat, ist neben dem her-
abgedammerten menschlichen BewuBtseinszustand im Rie-
sen und seinem Schatten verbildlicht. Die Seelenimpulse,
die zu solchen Ereignissen fuhren, sind ja in der Tat mit der
Neigung zum Aberglauben und zur traumerischen Ideolo-
gic verwandt.
Die Lampe des Alten hat die Eigenschaft, nur da zu
leuchten, wo schon ein anderes Licht vorhanden ist. Man
muB dabei an den von Goethe wiederholten Spruch eines
alten Mystikers denken: «War' nicht das Auge sonnen-
haft, die Sonne konnt* es nie erblicken ; lag nicht in uns. des
Gottes eigne Kraft, wie konnt' uns Gottliches entziicken. »
So wie die Lampe im Dunklen nicht leuchtet, so leuchtet das
Licht der Weisheit, der Erkenntnis, dem Menschen nicht,
der ihm nicht die geeigneten Organe, das innere Licht, ent-
gegenbringt. Noch deutlicher aber wkd, was die Lampe ist,
wenn man beachtet, daB sie in ihrer Art wohl beleuchten
kann, was die Schlange als EntschluB in sich ausreift, daB
sie aber die Geneigtheit der Schlange zu diesem Entschlusse
erst erfahren muB. Es gibt eine menschliche Erkenntnis, die
jederzeit auf das hochste Streben des Menschen geht, Sie hat
sich im Laufe des geschichtlichen Lebens der Menschheit
aus dem inneren Erleben der Seelen erhoben. Aber, worauf
sie deutet, das Ziel des menschlichen Strebens : es kann nur
in seiner konkreten Wirklichkeit aus der sich opfernden
Lebenserfahrung gewonnen werden. Was den Menschen
die Betrachtung der geschichtlichen Vergangenheit lehrt,
was ihm mystisches, was religioses Erleben iiber seinen Zu-
sammenhang mit dem Ubersinnlichen zu sagenvermogen:
alles dieses kann seine letzte Verwirklichung nur durch die
Opferung der Lebenserfahrung finden. Der Alte kann mit
seiner Lampe alles so verwandeln, daB es in neuer, dem
Leben dienlicher Form erscheint; aber die wirkliche Ent-
wicklung ist von dem Ausreifen der Lebenserfahrung ab-
hangig.
Der Alte hat zur Frau die Personlichkeit, welche dem
Flusse mit ihrem Leibe haftet fur dasjenige, was sie ihm
schuldig geworden ist. Diese Frau verkdrpert ebenso die
menschliche Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft wie
die geschichtliche Erinnerung der Menschheit an ihre Ver-
gangenheit. Sie ist dem Alten beigesellt. Mit ihrer Hilfe hat
er das Licht, das beleuchten kann, was durch auBere Wirk-
lichkeit schon hell ist. Aber die Vorstellungs- und die Erin-
nerungskraft sind nicht in Lebenseinheit verbunden mit den
konkret wirklichen Kraften, die in der Entwicklung des
Einzelmenschen und im geschichtlichen Leben der Mensch-
heit tatig sind. Vorstellungs- und Erinnerungskraft haften
am Vergangenen; sie konservieren das Vergangene, so daB
es zum Forderer an das Entstehende und Werdende wird.
In den Verhaltnissen, in denen als dem durch die Erinnerung
Festgehaltenen der Mensch und die Menschheit leben, ist
der Niederschlag dieser Seelenkraft enthalten. Im dritten
der asthetischen Briefe schreibt Schiller iiber diesen Nieder-
schlag: «Der Zwang der Bedurfnisse warf ihn (den Men-
schen) hinein, ehe er in seiner Freiheit diesen Stand wahlen
konnte ; die Not richtete denselben nach bloBen Naturge-
setzen ein, ehe er es nach Vernunftgesetzen konnte. » Der
FluB trennt die beiden Reiche, das der Freiheit im Ubersinn-
lichen, das der Notwendigkeitim Sinnlichen. Die unbewuB-
ten Seelenkrafte - der Fahrmann - stellen den Menschen,
der im Ubersinnlichen seinen Ursprung hat, in das Sinnliche
hinein. Er findet sich da zunachst in einem Bereich, in dem
Vorstellungs- und Erinnerungskraft Verhaltnisse geschaf-
fen haben, mit denen er leben muB. Aber sie trennen ihn
von dem Ubersinnlichen; er befindet sich ihnen gegen-
iiber in der Lage eines Schuldners, wenn er an die Kraft
heranzutreten genotigt ist (den Fahrmann), die ihn auf
ihm unbewuBte Art aus dem Ubersinnlichen in das Sinn-
liche gebracht hat. Er kann die Gewalt, welche die Ver-
haltnisse auf ihn ausiiben und die in einer Hinwegnahme
seiner Freiheit sich offenbart, nur brechen, wenn er mlt
«Fruchten der Erde», das ist mit selbstgeschaffener Lebens-
weisheit, von der ihm durch die Verhaltnisse auferlegten
Schuld, dem Zwang, sich befreit. Kann er das merit, so
nehmen ihm diese Verhaltnisse - das Wasser des Flusses -
die Eigenwesenheit. Er schwindet in seinem Seelen-Selbst
dahin.
Auf dem Flusse wird der Tempel errichtet, in dem sich
die Vermahlung des Jiinglings mit der Lilie vollzieht. In der
Menschenseele, in welcher die Krafte sich in eine gegeniiber
dem gewohnlichen Zustande umgewandelte Ordnung ge-
bracht haben, ist die Vermahlung mit dem Ubersinnlichen,
die Verwirklichung der freien Personlichkeit moglich. Was
die Seele als Lebenserfahrung vorher gewonnen hat, ist so
weit gereift, daB die Kraft, die auf diese Lebenserfahrung
gerichtet ist, sich nicht mehr in der bloBen Einordnung des
Menschen in die Sinneswelt erschopft, sondern sich zum
Inhalte desjenigen macht, was aus dem Bereich des Uber-
sinnlichen in das Menschen-Innere stromen kann, so daB
das Wirken im Sinnlichen der Vollzieher von ubersinnlichen
Antrieben wird. -In dieser Seelenverfassung gewinnen auch
diejenigen menschlichen Geisteskrafte, die vorher in irren
oder einseitigen Bahnen liefen, ihre im Gesamtgemut neue,
einem erhohten BewuBtseinszustand angemessene Bedeu-
tung. Die von der Sinneswelt sich loslosende, in Aberglau-
ben oder tumultuarisches Denken verirrte Weisheit der Irr-
lichter zum Beispiel dient dazu, das Tor aufzuschlieBen jenes
Schlosses, das den Seelenzustand verbildlicht, in dem Wol-
len, Fiihlen und Erkennen noch durch ihre chaotische Mi-
schung den Menschen in einem unfreien, vom Ubersinnli-
chen getrennten Innenleben erhalten.
In den Marchenbildern der hier betrachteten Dichtung
trat Goethe die Entwicklung der Menschenseele vor das
Geistesauge von der Verfassung an, in der sie dem Uber-
sinnlichen gegeniiber sich fremd fiihlt, bis zu derjenigen
BewuBtseinshohe, auf welcher das in der sinnlichen Welt
vollbrachte Leben sich mit der ubersinnlichen Geistwelt
durchdringt, so daB beide ems werden. Dieser Umwande-
lungsprozeB stand Goethe in leichtgewobenen Phantasie-
ges taken vor der Seele. Die Frage nach der Beziehung der
physischen Welt zu einem von dem physischen Erleben
freien Erfahren eines ubersinnlichen Reiches mit ihrer Folge
fur das menschliche Gemeinschaftsleben, welche die « Un-
terhaltungen deutscher Ausgewanderten» durchleuchtet :
hier in dem MarchenabschluB findet sie eine umfassende
Losung in dem Weben dichterisch gestalteter Bilder. In die-
sen Ausfuhrungen ist nur gewissermaBen der Weg ange-
deutet, der in den Bereich fuhrt, in dem Goethes Phantasie
das «Marchen» gewoben hat. Alle iibrigen Einzelheiten
sind bis ins letzte von demjenigen in ihrer Lebendigkek zu
erfuhlen, der das « Marchen» als ein Gemalde des mensch-
lichen Seelenlebens in dessen Streben nach dem Ubersinn-
lichen ansieht. DaB es ein solches Gemalde des Seelenlebens
ist, hat Schiller von dem «Marchen» wohl empfunden. Er
schreibt dariiber : « Das Marchen ist bunt und lustig genug,
und ich finde die Idee, deren Sie einmal erwahnten, das ge-
genseitige Hilfeleisten der Krafte und das Zumckweisen
auf einander, recht artig ausgefuhrt.» Derm selbst, wenn
jemand einwenden wollte: dieses gegenseitige Hilfeleisten
der Krafte beziehe sich auf Krafte verschiedemr Menschen,
so gilt dagegen die Goethe durchaus gelaufige Wahrheit,
daB die Seelenkrafte, die einseitig auf verschiedene Men-
schenwesen verteilt sind, doch nichts anderes sind als die
auseinandergelegte Wesenheit des menschlichen Gesamt-
gemutes. Und wenn im Gemeinschaftsleben verschiedene
Menschennaturen zusammenwirken, so ist in dieser Wech-
selwirkung doch nur ein Bild der mannigfaltigen Krafte ge-
geben, die in ihrer gegenseitigen Beziehung das eine indi-
viduelle menschliche Gesamtwesen ausmachen.
HINWEISE DES HERAUSGEBERS
zur 6.Auflage
Friihere Teilausgaben : Teil I, erschienen bei F. Grunert, Berlin 1902 und
im Verlag der «Theosophischen Bibliothek», Berlin 1902. Teil III in ur-
spriinglicher Fassung unter dem Titel «Goethes geheime Offenbarung.
Zu seinem 150. Geburtstag (28. August 1899) », Magazin fiir Literatur
Nr. 34, Berlin 26. August 1899; erschien auch als Sonderdruck, Berlin
1899; in dieser Fassung wiedergedruckt in Rudolf Steiner «Methodische
Grundlagen derAnthroposophie»,Gesammelte Aufsatze 1884-1901, Bibl.-
Nr. 30, GA 1961, S. 86-99.
Ferner sei hier besonders hmgewiesen auf :
«Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung,
mit besonderer Riicksicht auf Schiller» (1886), Bibl.-Nr. 2, GA 1979;
«Goethes Weltanschauung » (1897), Bibl.-Nr. 6, GA 1963;
«Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu Goethes ,Faust'». Band I:
«Faust, der strebende Mensch», Bibl.-Nr. 272, GA 1967; Band II: «Das
Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht», Bibl.-
Nr. 273, GA 1967.
Werke Rudolf Steiner s, welche innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschie-
nen sind, werden in den Hinweisen mit Bibliographie-Nr. und dem Er-
scheinungsjahr der letzten Auflage angegeben. Siehe auch die Ober-
sicht am SchluC des Bandes.
Zu Scite:
10 Einmal wwrde er gefragt , ob denn der Abschlttfi seines Faust Aufge-
zeichnet nach einem Gesprach, das der Schriftsteller Friedrich For-
ster aus Berlin im August 1831 mit Goethe gefuhrt hatte. Siehe
Goethes Gesprache, II. Teil, Artemisausgabe Ziifich 1949, Band
23, S. 543.
11 der bedeutende Asthetiker Vischer: Friedrich Theodot Vischer, 1807-
1887, « Goethes Faust, Neue Beitrage zur Kritik des Gedichts»,
Stuttgart 1875, S. 110/111 : «... dieser zweite Teil des Faust nimmt
da und dort bedeutende poetische Anlaufe, lalk da und dort den
echten Geist Goethes durchblicken, ist aber im Ganzen eine Reihe
lederner, abstruser Allegorien und verlauft nicht nur durch sie,
sondern namentlich auch durch seine senilen Sprachschnorkel auf
Schritt und Tritt ins Absurde.»
14 «Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe ...»:
Goethe «Dichtung und Wahrheit», Erster Teil, Erstes Buch. Wei-
mater Ausgabe Band 26, S. 63 ff.
Zu Scite:
14f. ob ihm «durcb Geistes Kraft und Mund ...»: Faust I, Vers 378.
15f. Prosahymnus a. Die Nature: Die Natur. Aphoristisch. Goethes Na-
turwissenschaftliche Schriften, hg. von Rudolf Steiner in Kiirschners
Deutsche National-Litteratur, Neuausg. Dornach 1975, Band II,
S. 5. - Vgl. Rudolf Steiner «Zu dem ,Fragment* iiber die Natur»
(1892); wieder abgedruckt in: «Methodische Grundlagen der An-
throposophie». Gesammelte Aufsatze 1884-1901, Bibl.-Nr. 30, GA
1961, S. 320-327.
20 Wenn du befreit vom Leibe %um freien Aiher emporsteigst, Zitiert
nach Vincenz Knauer «Die Hauptprobleme der Philosophic », Wien
und Leipzig 1892, S. 97. Knauer fiihrt es als einen Spruch von
Heraklit an; er konnte dort jedoch nicht nachgewiesen werden.
21 Und so lang du das nicht hast, . . . ; Die letzten Zeilen des Gedichtes :
Selige Sehnsucht.
Man mufi seine Existenr^ aufgeben Spriiche in Prosa. Goethes
Naturwissenschaftliche Schriften, hg. von Rudolf Steiner, Neuausg.
Dornach 1975, Band V, S. 441. Wortlich: «Unser ganzes Kunst-
stuck besteht darin, daB wir unsere Existenz aufgeben, um zu exi-
stieren.»
Heraklit (um 540-480 v. Chr.), vorsokratischer Philosoph aus Ephe-
sus. Siehe Rudolf Steiner «Die Ratsel der Philosophie», Bibl.-Nr. 18,
GA 1968, S. 54-56; und: «Das Christentum als mystische Tatsache
und die Mysterien des Altertums», Bibl.-Nr. 8, GA 1976.
Dieser spricht iiber den Dionysosdienst der Griechen : Die Fragmente der
Vorsokratiker, hg. von H. Diels; Heraklit, Fragment Nr. 15.
Und so ist denn der Tod die Wur^el alles Lebens: Vgl. Jacob Bohme
«Sex Puncta theosophica oder von sechs theosophischen Punkten
hohe und tiefe Griindung», Erster Punkt, l.Cap., 73. : «Also ist der
grimme Tod eine Wurzel des Lebens.»
«Die Menge der Zuschauert> mag ihre «Freude ...»: Goethe zu Ecker-
mann am 25. Januar 1827.
22 a Alles das, wessen diese Welt ein irdisch Gleichnis ...»; Konnte nicht
nachgewiesen werden.
28 «hh kann Ihnen weiter nichts verraten» Goethe zu Eckermann am
10. Januar 1830. Siehe Plutarchs «Vergleichende Lebensbeschrei-
bungen» Marcellus, Kap. 20.
Zu Seitc:
34 Er hat in der Kunst, in der Poesie «eine Manifestation ...».* Spriiche in
Prosa. Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, hg. von Rudolf
Steiner, Neuausg. Dornach 1975, Band V, S. 494. Wortlich: «Das
Schone ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne
dessen Erscheinung ewig waren verborgen geblieben.»
40 « Vbrigens werden S ; e %ugeben, dafi der Schlufi, . . . » : Goethe zu Ecker-
mann am 6.Juni 1831.
50 Was Goethe das « Geistesauge» nennt: Siehe «Erster Entwurf einer all-
gemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie». Goethes Na-
turwissenschaftliche Schriften, hg. von Rudolf Steiner, Neuausg.
Dornach 1975, Band I, S. 262: «Wir lernen mit Augen des Geistes
sehen, ohne die wir, wie iiberall, so besonders auch in der Natur-
forschung, blind umhertasten.» Anmerkung von Rudolf Steiner:
«ln diesen Worten liegt der Schliissel zum Verstandnis der Goethe-
schen Naturauffassung. Mit den Augen des Geistes sehen ist nichts
anderes, als die tierische Gestalt nicht bloG in ihrer sinnenfalligen
Realitat, sondern in der ihr zu Grunde liegenden Idee zu sehen und
die Idee in ihrer eigenen Form (intuitiv) erfassen konnen. Jede
empirische Form zeigt dann eine Abweichung davon, aber jene gibt
uns die Norm und den Anhaltspunkt, wie eine solche besondere
Form zu erklaren ist.» Vgl. ferner Goethes Aufsatz «Wenige Be-
merkungen» (zu Kaspar Friedrich Wolff), ebenda S. 107 : «Wie vor-
trefflich diese Methode auch sei, durch die er [K. F. Wolff] so viel
geleistet hat, so dachte der treffliche Mann doch nicht, daB es ein
Unterschied sei zwischen sehen und sehen, daB die Geistesaugen
mit den Augen des Leibes in stetem lebendigen Bunde zu wirken
haben, weil man sonst in Gefahr gerat, zu sehen und doch vorbei-
zusehen.» Anmerkung von Rudolf Steiner : « Diese Worte beweisen
wieder, wie viel tiefer Goethes Anschauungen sind als der bloBe
Empirismus. Wahrend dieser nichts anerkennt, als was man mit
den Sinnen wahrnimmt, wollte Goethe vor allem, daB mit den
Augen des Geistes gesehen werde, das heiBt, dafi die nicht durch
den Sinn gegebene, nur fur den Geist bestehende Gesetzlichkeit,
welche die sinnenfallig-wirklichen Tatsachen beherrscht, zum Ziele
der Forschung gemacht werde.»
53 f. lu^iferischer Wider part; ahrimanischer Geist: Vergleiche Rudolf Stei-
ner «Vier Mysteriendramen », Bibl.-Nr. 14, GA 1962.
59 aWenn durch die Phantasie nicht Dinge entstiinden . . .» ; Goethe zu
Eckermann am 5. Juli 1827.
66 «Wenn wir jemand mit Leidenschaft umfassen ...»: Vierzehnter Brief.
Zu Seite:
78 «A//es, was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft ...».* Spruche
in Prosa. Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, hg. von Rudolf
Steiner, Neuausg. Dornach 1975, Band V, S.465.
nPflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt.y>: Ebenda S. 460.
80 « War* nicht das Auge sonnenhqft . . . » : Entwurf einer Farbenlehre. Ein-
leitung. Ebenda Band III, S. 88, Mit kleinen Unterschieden auch
in «Zahme Xenien» III.
83 «Das Marchen ist bunt und lustig genug ...»; Schillers Brief vom
29. August 1795.