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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER ER2IEHUNG
RUDOLF STEINER
Gegenwartiges Geistesleben
und Erziehung
Ein Vortragszyklus,
gehalten in Ilkley (Yorkshire)
vom 5. bis 17. August 1923
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hans Rudolf Niederhauser
1. Auflage, Dornach 1927
2. Auflage, Dresden 1940
3. Auflage (mit Anhang), Stuttgart 1957
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
Bibliographie-Nr. 307
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners,
Schrift von B. Marzahn
Zeichnungen im Text nach Skizzen im Stenogramm,
ausgefiihrt von B. Marzahn
e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1957 by Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3070-2 (Ln) 3-7274-3071-0 (Kt)
7,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daE seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muE gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
EINLEITUNG
Erster Vortrag, Ilkley, 5. August 1923
Die Verbindung von Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit
durch Imagination, Inspiration und Intuition.
ERSTER TEIL
Warum verlangt die gegenwartige Zivilisation
neue Erziehungsmethoden?
Zweiter Vortrag, 6. August 1923
Das griechische Erziehungsideal: der Gymnast. In der romischen
Kultur und im Mittelalter erlangt die seelische Erziehung das Uber-
gewicht gegenuber der leiblichen. Ideal wird der Rhetor. Mit dem
Umschwung zur Neuzeit wird der Wissende, der Doktor zum Ideal
des vollkommenen Menschen. - Die Oberwindung des Doktorideals
zugunsten einer Menschheitserziehung.
Das griechische Erziehungswesen und sein Zusammenhang mit dem
Orient.
Einzelheiten aus der griechischen Erziehung: Orchestrik und Pa-
lastrik.
Dritter Vortrag, 7. August 1923
Das griechische Erziehungsideal. Der Zahnwechsel.
Pflege von Gedachtnis und Erinnerung im Mittelalter. Wie miissen
wir freie Menschen erziehen? die Fragestellung der neuen Zeit.
Das Erwachen zum vollen Menschenbewufitsein mit der Erdenreife.
Der Erziehung aus Instinkt mufi die aus Intuition folgen.
Vierter Vortrag, 8. August 1923
Wie erkennt die Menschheit den Geist, von dem aus sie heute er-
ziehen soli? Charakteristik der modernen Auffassung des Geistes
durch zwei Repra sentanten : J. St. Mill und H. Spencer. Das tote
Denken mufi wieder belebt werden.
Wir miissen den Menschen im Geiste schauen lernen. Der Zahnwech-
sel als Beispiel, das Geistige im Menschen wirkend zu sehen. Um-
wandlung der Zahnbildekraft in Denkkraft um das 7. Jahr. Erfas-
sen des Atherischen durch das erkraftete Denken (Imagination).
Die Erdenreife. Emanzipation des Fiihlens. Durch Inspiration nimmt
man den Astralleib wahr, der sich mit dem 14. Jahr als selbstandig
Geistiges loslost. Das Kunstlerische und Religiose als gestaltende
Lebenskraft im Erzieher.
FUNFTER VORTRAG, 9. AugUSt 1923
Der Wille ist bis zum 21. Jahr vom Organismus abhangig. Das
Selbstandigwerden des Willens um das 21. Jahr. Die vom Kopf nach
unten stromenden Krafte des ersten Lebensjahrsiebts miissen im
Schulalter in Harmonie gebracht werden mit den von unten nach
oben drangenden Willenskraften.
Ratlosigkeit der Reformpadagogik. Waldorfschulpadagogik griin-
det sich auf Menschenerkenntnis; daraus wachst Begeisterung fiir
das Erziehen und Menschenliebe. Der Anfang des Johannes-Evan-
geliums. Geistesgeschichtliche Darstellung des Verglimmens des
Verstandnisses fiir das Wort. Das Wort lebte beim Griechen noch
im Bewegungsorganismus. Es erstarb zur Mitteilung.
Bedingung des Freiheitsimpulses. Eurythmie will das Wort wieder
mit dem Willen verbinden. Baco von Verulam. Seine Abkehr vom
Wort als Idol und Hinwendung zu den sinnlichen Dingen, zur An-
schauung. Amos Comenius.
ZWE ITER TEIL
Woher sollen die neuen Erziehungsmethoden kommen
und wie sollen sie sein?
Sechster Vortrag, 10. August 1923
Erziehung des vorschulpflichtigen Kindes. Es ist ganz Sinnesorgan.
Nachahmend lernt es gehen, sprechen, denken. Liebe, Wahrhaftig-
keit und Klarheit des Erziehers als helfende Krafte. Was wir am
Kinde seelisch-geistig vornehmen, wird spater physisch.
Das Spielen des Kindes. Die «schone» Puppe. Das Kind als inner-
licher Plastiker. Das Spielwesen des Kindes anregen durch Nach-
ahmung. Intellektualistische Erziehung im friihen Kindesalter bildet
spatere Materialisten; Bildhaftigkeit ermoglicht das Verstehen des
Spirituellen.
SlEBENTER VORTRAG, 11. AugUSt 1923 121
Das Schulalter. Das Kind will in anschaulichen Bildern beschaftigt
sein. Es lebt seelisch im Plastisch-Anschaulichen, organisch im rhyth-
mischen System. Den Unterricht auf das Rhythmisch-Kunstlerische
hinorientieren. Friihe intellektuelle Bildung und Leibesverhartung.
Schreibenlernen.
Willensbetatigung durch Korperiibungen. Verbrennungsvorgange
im Inneren. Das Verfestigende mu£ durch richtigen geistig-korper-
lichen Unterricht in Harmonie gebracht werden mit dem Verbren-
nungsprozei?.
Im Schulalter reift der Mensch durch das Autoritatsprinzip zur Frei-
heit heran. Der Umschwung um das 9., 10. Lebensjahr.
Achter Vortrag, 12. August 1923; Sondervortrag .... 139
Der Geschichtsverlauf als Erziehung des Menschengeschlechts. Die
Initiationswissenschaft unterscheidet drei Epochen. Ihre Charak-
teristik als Lebensempfindung und als Bewufitseinszustande. Die
drei Ratsel des Daseins: das Ratsel der Geburt, des Todes und das
Ratsel des Erkenntnisschlafes.
Neunter Vortrag, 13. August 1923 154
Schreiben- und Lesenlernen. Bis zum 9., 10. Jahr mufl alles, auch
das Naturkundliche, aus dem Bildhaft-Kiinstlerischen entwickelt
werden.
Nach dem 9. Jahr: Hinfiihren zum Begreifen der Welt. Pflanzen-
kunde, Pflanze im Zusammenhang mit Erde und Sonne betrachten.
Obergang zur Geographic Durch lebendige Begriff e bilden wir einen
lebendigen Intellekt, die Klugheit aus.
Der Mensch als dreigliedriges Wesen: Kopf, Brust, Rumpf - Glied-
maften. Beziehungen zu den Tiergattungen: niedere Tiere; Fische
und Reptilien; Vbgel und Sauger. Der Mensch als harmonische Zu-
sammenfassung; die Tierwelt als einseitige Ausgestaltung, als facher-
artig ausgebreiteten Menschen. Durch diese Betrachtung wird der
Mensch stark im Willen.
Zehnter Vortrag, 14. August 1923 174
Wirkung des Unterrichts auf die Wesensglieder. Durch malendes
Zeichnen, Schreiben, Pflanzenkunde, Rechnen, Geometrie wird auf
den Atherleib gewirkt, der schwingt weiter; das Aufgenommene
vervollkommnet sich. Tierkunde, Menschenkunde, Geschichte wir-
ken auf Ich und Astralleib und haben die Tendenz, wahrend des
Schlafes vergessen zu werden. Doppelstellung von Rechnen und
Geometric Symmetrieiibungen.
Rechnen. Zahlen: Ausgehen von der Einheit; additives Zahlen.
Addition: Von der Summe auszugehen, regt den Atherleib an. Sub-
straktion. Multiplizieren und Dividieren. Epochenunterricht und
Vergessen. Berucksichtigung des Unbewuftten.
Geschichte ohne Kausalitat vor dem 12. Jahr. Zeitbegriff raumlich
darstellen. Geschichte vom Herzen her beleben. Okonomie des Un-
terrichts. Vorbereitung des Lehrers.
DRITTER TEIL
Begriindung und Einrichtung der Waldorfschule
Elfter Vortrag, 15. August 1923
Der Unterricht um das 12. Lebensjahr. In Geschichte und Physik ist
die Kausalitat zu beriicksichtigen. Hinfuhren zum Verstandnis der
Umwelt. Spinnen und Weben. Technologic
Fremdsprachen vom 7. Jahr an; durch die Nachahmung starkere
Verwurzelung mit dem Menschen. Das Prinzip der Erganzung der
Sprachen. Grammatik und das erwachende SelbstbewuCtsein um
das 9. Jahr.
Religionsunterricht. Ethisch-moralische Erziehung. Dankbarkeit,
Liebe. Pflicht. Der freie christliche Religionsunterricht. Sein Akzent
liegt vor dem 9. Jahre im Vater-Gottlichen, nach diesem Zeitpunkt
im Christlichen.
ZwOLFTER VoRTRAG, 16. August 1923
Die drei goldenen Regeln der Gedachtnisbildung. Einklang zwischen
Seelisch-Geistigem und den Gesundheitsverhaltnissen. Tempera-
mente und ihre Behandlung. Beispiel: Zuckerdiat fur Sanguiniker
und Melancholiker.
Dem Lebensalter angemessener Unterricht. Sitzenbleiben. Hilfs-
klasse. Behandlung des Seelisch-Geistigen durch das Korperliche.
Schnelles Ergreifen des Korpers und begriffliche Beweglichkeit.
Therapeutische Eurythmie.
Die Berucksichtigung der Kausalitat erfordert als Ausgleich den
kunstlerischen Unterricht. Kunstverstandnis als Gegengewicht zum
abstrakten Erfassen der Naturgesetze. Kunstunterricht weckt Men-
schen- und Weltverstandnis.
VIERTER TEIL
Kulturkonsequenzen der neuen Erziehungsmethoden
Dreizehnter Vortrag, 17. August 1923 227
Handarbeits- und Handfertigkeitsunterricht bildet soziales Ver-
standnis. Das Wissen soli in das Konnen ubergefiihrt werden, das
Konnen soil vom Denken durchzogen sein. Moralisch-religiose Er-
ziehung. Aus dem Gefvihlsmafligen entwickelt sich die freie Urteils-
kraft. Zu friihes Herantragen des Ideengehaltes erzeugt Skeptiker.
Die Waldorfschule als Organismus. Aus dem Leben fur das Leben
bilden. Eurythmie. Eurythmiefiguren. Turnen und Eurythmie.
Die Lehrerkonferenz als Herzorgan der Schule. Die Imponderabi-
lien einer Klasse. Elternabende. Der Mensch als Glied der sozialen
Ordnung. Die Waldorfschule als allgemein-menschliche.
Vierzehnter Vortrag, 17. August 1923. Abschiedsansprache . 248
Anthroposophie als Kraft, den Menschen und die Welt unbefangen
zu betrachten. Ubergang von der universellen lateinischen Bildungs-
sprache zur Volkssprache als Ubergang von der Verstandesseelen-
kultur zu der der Bewufitseinsseele. Die neue Sprache der Gedanken
als zu erstrebendes internationales Verstandigungsmittel, wodurch
der Mensch den Menschen iiber die Erde hin finden kann.
ANHANG
Aus der Diskussion vom 6. August 1923 256
Aus der Diskussion vom 7. August 1923 258
Zur Ausstellung von kiinstlerischen und kunstgewerblichen
Arbeiten der Waldorfschiiler, 8. August 1923 263
Aus der Diskussion vom 16. August 1923 271
Autoreferat der Einleitungen zu den Eurythmievorstellungen
in Ilkley 14. August; Penmaenmawr 26. und 27. August;
London 4. und 11. September 1923 275
Hinweise 279
Personenregister 283
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 285
ERSTER VORTRAG
Ilkley, 5. August 1923
Meine sehr verehrten Anwesenden, mein erstes Wort soil ein Gegen-
grufi auf die freundlichen Anreden sein, die von der verehrten Mil$
Beverley an mich selbst und an Frau Dr. Steiner gesprochen worden
sind. Sie durfen glauben, dafi sowohl ich wie auch Frau Dr. Steiner
voll zu wurdigen verstehen die Einladung zu diesen Vortragen, die ja
im wesentlichen dasjenige umfassen sollen, was aus der Anthroposophie
heraus iiber das Erziehungswesen zu sagen ist und die darauf hinweisen
sollen, inwiefern bereits in unserer Waldorf schule in Stuttgart der prak-
tische Versuch gemacht worden ist mit den Grundsatzen, die aus An-
throposophie heraus in padagogisch-didaktischer Weise entwickelt
werden konnen. Wir sind gern der Einladung hier herauf in den Nor-
den Englands gefolgt, und es ist mir eine tiefe Befriedigung, iiber die
mir im Leben so wertgewordenen Gegenstande hier zu sprechen, um
so mehr, als ich nun sprechen darf auch vor denjenigen, die diese Vor-
trage und die Ubungen veranstaltet haben, und die nicht zum ersten-
mal bei einer Besprechung dieses Gegenstandes von diesem Gesichts-
punkte aus anwesend sind. Ich darf daher hoffen, dafi nicht nur ein
kurzgefalker Entschlufi zu diesen Vortragen bei den Veranstaltern vor-
liegt, sondern dafi die Veranstaltung selbst als ein Zeugnis dafiir auf-
gefafk werden darf, dafi die vorangegangenen Veranstaltungen denn
doch in einiger Weise fruchtbar fur die gegenwartigen Bestrebungen
der Welt gelten werden.
Die erste Veranstaltung, an der die Freunde der anthroposophischen
Sache aus England teilgenommen haben, war ja abgehalten worden zu
Weihnachten des vorvorigen Jahres, als wir in Dornach noch den Bau
des Goetheanums stehen hatten, der uns mittlerweile durch das Feuer
hinweggenommen worden ist.
Diese Veranstaltung war veranlafit durch Mrs. Mackenzie, jene Per-
sonlichkeit, welche ja schon vorher in einer so geistvollen Weise die
Hegelsche Padagogik in einem englisch geschriebenen Buche vermittelt
hat. Wenn man das Kongenialische dieses Buches mit der Hegelschen
Padagogik und Philosophic sieht, dann bekommt man die Hoffnung,
dafi eine verhaltnismafiig leichte Verstandigung auch, ich mochte sa-
gen, iiber das Nationale hinaus moglich ist.
Nun ist ja allerdings dasjenige, was ich selbst zu sagen hatte iiber
Padagogik, nicht herausgeschopft aus jener mehr intellektualistisch ge-
farbten Hegelschen Philosophic, sondern aus der durchaus spirituell
gefarbten Anthroposophie. Aber auch da war es wiederum Mrs.
Mackenzie, welche gefunden hat, wie dennoch einiges Fruchtbare ge-
holt werden konne auch in padagogischer Beziehung aus dieser zwar
mit Hegel voll rechnenden, aber iiber seine Intellektualitat in das Spi-
rituelle hinausgehenden Anthroposophie.
Dann durfte ich ein zweites Mai das ganze System unserer Pad-
agogik und seine praktischen Auswirkungen schildern im vorigen Jahre
in dem alten Kultur- und Geistessitz, in Oxford. Und vielleicht darf
ich annehmen, dafi gerade durch die Anregungen, welche gegeben
werden konnten durch diese, auch das Verhaltnis des Padagogischen
zum Sozialen beriicksichtigenden Vortrage, die Veranlassung kommen
konnte, dafi eine ganze Reihe englischer, der Padagogik ergebener
Personlichkeiten nun auch unsere Waldorfschule besuchen wollten.
Und wir haben dann die grofie Freude gehabt, diese Freunde inner-
halb der Raume unserer Waldorfschule, innerhalb des Arbeitens fur
Erziehung und Unterricht begriifien zu diirfen. Es war uns eine grofie,
herzliche Freude, und es war uns eine tiefe Befriedigung, als wir ho-
ren durften, dafi die Freunde an der Art und Weise, wie die Padago-
gik und Didaktik da geiibt wird, auch eine gewisse Befriedigung hatten
und die Sache mit Interesse verfolgten. Und so scheint denn gerade
wahrend dieses uns so sehr erfreuenden Besuches die Idee entstanden
zu sein - ich freute mich, als Mift Beverley mir in Stuttgart diese Idee
ausdriickte - zu diesem Sommerkurs iiber Padagogik hier. Es darf also
angenommen werden, dafi gewissermafien schon in dem Friiheren die
Wurzeln gesucht werden fur dasjenige, was jetzt hier geschehen soil.
Und damit bekommt man fiir das, was nun bevorstcht fur die padago-
gisch-didaktischen Vortrage, die ich von morgen ab hier zu halten
habe, auch den entsprechenden Mut und entsprechenden Glauben.
Und Mut und Glauben braucht man ja, wenn man iiber etwas zu
sprechen hat, das gegenwartig sich noch als ein so Fremdes hinein-
stellt in das Geistesleben, das von vielen Seiten in einer so scharfen
Weise heute noch angefeindet wird. Mut und Glauben braucht man
insbesondere dann, wenn es sich um die Schilderung von Prinzipien
handelt, die an den Menschen selbst, dieses groftte Kunstwerk des Uni-
versums, schopferisch bildend herantreten wollen.
Nun darf ich vielleicht die Freunde, welche unsere Waldorfschule
in diesem Jahre in Stuttgart besucht haben, darauf hinweisen, daft
sie vielleicht schon durch den Anblick desjenigen, was sie da sahen, ein
wenig daran erinnert wurden, wie grundsatzlich die Waldorfschul-
Padagogik und -Didaktik rechnet mit den tiefsten Wurzeln des moder-
nen Lebens, und wie daher diese Waldorfschul-Padagogik eigentlich
im Grunde genommen von vornherein eine Art Verrater ist an dem,
was sie selber in ihrem Namen anzeigen will: Padagogik - ein wert-
geschatzter alter griechischer Name, hervorgegangen aus der ernsten
Hingabe an padagogische Betrachtungen durch Plato, durch die Pla-
toniker.
Padagogik - wir konnen sie ja heute gar nicht mehr gebrauchen,
wir mussen sie ja eigentlich wegwerfen; denn sie zeigt uns dasjenige,
was sie leisten will, schon durch ihren Namen in der grofttdenkbaren
Einseitigkeit. Das konnten die verehrten Besucher ja sogleich in der
Waldorfschule finden.
Man denke sich einmal, daft die Besucher der Waldorfschule - es ist
das heute nichts Besonderes, aber ich will nur hervorheben, daft eben
die Waldorfschul-Padagogik mit den modernsten Stromungen rech-
net man denke sich, daft die Besucher in der gleichen Klasse Knaben
und Madchen beieinanderfinden, in der gleichen Weise erzogen, in der
gleichen Weise unterrichtet.
Aber Padagogik - was besagt der Name? Der Padagoge ist ein
Knabenfiihrer. Er bezeichnet uns von vornherein, wie der Grieche aus
einer menschlichen Einseitigkeit heraus erzogen und unterrichtet wurde.
Er schloft die Halfte der Menschen ganz aus von dem, was man in
vollem Ernste als Erziehung und Unterricht auffaftte. Fur den Grie-
chen war eigentlich nur der Mann ein Mensch, und das weibliche Wesen
muftte sich still zuriickziehen, wenn es sich um ernsthafte Padagogik
handelte, denn der Padagoge ist seinem Namen nach ein Knaben-
fiihrer. Er ist nur fiir das mannliche Geschlecht da.
Nun wirkt ja die Anwesenheit der Madchen als Schiiler in unserer
heutigen 2eit - in vieler Beziehung gegeniiber einer gar nicht so weit
zuriickliegenden Zeit eben etwas wesentlich Radikales - auch nicht
gerade mehr schockierend; aber das andere wird doch selbst auch heute
fiir viele noch etwas sehr Befremdliches haben: bei uns sind nicht nur
mannliches und weibliches Geschlecht gleichberechtigt nebeneinander
als Schiiler und Schiilerinnen, sondern auch in der Lehrerschaft. Wir
machen keinen Unterschied zwischen der Lehrerschaft, wenigstens kei-
nen prinzipiellen Unterschied bis in die hochsten Klassen hinauf.
So muftte fiir uns vor alien Dingen mafigebend werden, diese Ein-
seitigkeit gegeniiber dem allgemein Menschlichen abzustreifen. Wir
mufiten dasjenige, was der altgewohnte Name Padagogik in sich
schliefit, von vornherein verraten, wollten wir eine der Gegenwart
gemafie Padagogik hinstellen. Es ist das nur eine Einseitigkeit, die in
dem Namen Padagogik vorliegt. Im ganzen und grofien muft man
sagen, sind die Zeiten nicht so lange her, in denen man, wenn es sich
um Erziehung und Unterricht handelte, eigentlich gar nichts wufite
von dem Menschen im allgemeinen. Es war ja nicht nur die Einseitig-
keit: mannliches und weibliches Geschlecht - es waren gerade auf dem
Gebiete der Padagogik unzahlige Einseitigkeiten da.
Kam denn nach den alten Prinzipien der allgemeine Mensch zum
Vorschein, wenn die Erziehung, der Unterricht abgeschlossen war? Nie!
Heute ist aber die Menschheit durchaus auf dem Wege nach der Suche
des Menschen, der reinen, ungetriibten, undifferenzierten Mensch-
lichkeit. Daft dieses angestrebt werden mufite, das geht ja schon her-
vor aus der Art und Weise, wie die Waldorfschule eingerichtet wurde.
Es war zunachst der Gedanke, den Proletarierkindern der Waldorf -
Astoria-Fabrik einen Unterricht zu geben. Und weil derjenige, der die
Waldorf-Astoria-Fabrik leitete, in der Anthroposophischen Gesell-
schaft war, so wendete er sich an mich, um diesen Unterricht einzu-
richten. Ich selber konnte diesen Unterricht nicht anders als aus den
Wurzeln der Anthroposophie heraus einrichten. So entstand die Wal-
dorfschule zunachst als eine ganz allgemeine, sogar konnte man sagen,
aus dem Proletariat herausgebildete Menschheitsschule. Und nur weil
derjenige, der zuerst den Gedanken an diese Schule hatte, zu gleicher
Zeit Anthroposoph war, wurde diese Schule anthroposophisch. So daft
hier die Tatsache vorliegt, daft aus einer sozialen Wurzel heraus aller-
dings das padagogische Gebilde herausgekommen ist, das in bezug auf
den ganzen Unterrichtsgeist, auf seine ganze Unterrichtsmethode seine
Wurzel in der Anthroposophie sucht; aber nicht so, daft wir im ent-
ferntesten eine anthroposophische Schule haben, sondern nur weil wir
glauben, daft Anthroposophie sich in jedem Momente soweit selbst ver-
leugnen kann, daft sie eben nicht eine Standesschule, eine Weltanschau-
ungsschule oder sonst irgendeine Spezialschule, sondern eine allgemeine
Menschheitsschule zu gestalten in der Lage ist.
Das mag wohl denen aufgefallen sein, die die Waldorfschule be-
suchten. Und es kann auffallen in jeder einzelnen Handlung, die dort
gepflogen wird. Und das mag dazu gefuhrt haben, daft diese Ein-
ladung erfolgte. Und jetzt, im Beginne dieser Vortrage, wo ich zu-
nachst noch nicht iiber die Erziehung zu sprechen habe, sondern wo
ich eine Art einleitenden Vortrages zu halten habe, lassen Sie mich vor
alien Dingen in dem ersten Teil dieses Vortrages all denjenigen, die
in einer so hingebungsvollen Weise an dem Zustandekommen dieses
Sommerkurses gearbeitet haben, den allerherzlichsten Dank ausspre-
chen, auch Dank dafiir, daft sie aufnehmen wollten in das Gebiet die-
ses Sommerkursus eurythmische Darbietungen, die heute schon einen
so integrierenden Teil in alldem bilden, was mit unserer Anthropo-
sophie beabsichtigt ist.
Aber lassen Sie mich im Beginne eine Hoffnung aussprechen. Ein
Sommerkurs vereinigt uns. Wir haben uns mit demjenigen, was wir
hier ausmachen wollen, in den schonen, aber immerhin nordlichen
Winkel Englands zuruckgezogen, fern von dem, was wir im Winter
als heute noch ganz ernsthaftes Leben zu treiben haben. Sie haben
sich weggenommen von jenem Lebensernst die andere Zeit, die Zeit
im Sommer, Ihre Erholungspause, um teilzunehmen an den Bespre-
chungen von etwas, das eigentlich meint, sehr viel mit der Zukunft zu
tun zu haben, und das eigentlich meint: es miisse einmal die Zeit kom-
men, wo derselbe Geist, der uns jetzt zwei Wochen wahrend unserer
Erholungspause zusammenbringen darf, uns beseelen konnte fiir das-
jenige, was wir als Menschen den ganzen Winter hindurch treiben.
Denn man mufi nicht nur doppelt danken. - Man kann es gar
nicht berechnen, wie viele Male man dankbar sein mufi dafiir, dafi Sie
sich zusammengefunden haben, um Ihre Erholungspause, die Sie her-
ausnehmen mulken aus dem heutigen Ernst des Lebens, der Betrach-
tung von Zukunftsideen zu widmen. Ebenso herzlich, wie ich Ihnen
dafiir jetzt danken mochte, ebenso mochte ich auch hoffen, daft wir
durch solche erholende Betrachtung desjenigen, was wir fiir die Zu-
kunft wertvoll halten, immer mehr und mehr dazukommen, dafi der
Geist eines solchen Sommerkursus auch m die Wintermonate und Win-
terwochen ein bifichen eindringe. Denn nur dadurch hat der Inhalt
eines solchen Sommerkursus einen Sinn.
Mit diesen Worten wollte ich zunachst einleitend den herzlichsten
Dank den verehrten Veranstaltern und den verehrten Zuhorern aus-
sprechen.
Nach der Obersetzung werde ich dann fortfahren.
Ich darf an die eindrucksvollen Worte ankniipfen, die gestern von
Mifi Macmillan gesprochen worden sind, in denen sich ein tiefgehender
sozialpadagogischer Impuls aussprach, die in einem gewissen Sinne
Zeugnis dafiir ablegten, wie in unserer Zeit tiefe moralische Impulse
gesucht werden miissen, um die allgemeine Zivilisation der Menschheit
gerade auf dem Wege des Erziehungswesens weiterzubringen.
Gerade wenn man die Bedeutung solcher Impulse fiir die gegen-
wartige Zeit tief auf das Menschenherz wirken laftt, dann kommt
man zu der grundsatzlichen Frage im Geistesleben der Gegenwart.
Und diese grundsatzliche Frage kniipft an die Gestaltung an, die un-
sere Kultur und Zivilisation im Laufe der Menschheitsgeschichte an-
genommen hat.
Wir leben heute in einer Zeit, in der bis zu einem gewissen Grade
wichtigste Faktoren unvermittelt nebeneinander stehen: dasjenige, was
der Mensch durch Erkenntnis - zumeist durch eine auf dem Wege des
blofien Intellekts vermittelte Erkenntnis - sich iiber die Welt erwer-
ben kann; und dasjenige, was der Mensch als sein tiefes inneres Er-
lebnis zum Ausdruck bringen will auf kiinstlerischem Gebiete, nach-
ahmend gewissermafien die Schopf ertatigkeit Gottes mit seinen mensch-
lichen Kraften. Und wir leben gegeniiber demjenigen, wo der Mensch
versucht, die Wurzeln seines eigenen Daseins in Verbindung zu brin-
gen mit den Wurzeln' der Welt: wir leben gegeniiber dem religiosen
Streben, der religiosen Sehnsucht des Menschen. Und dann versuchen
wir aus unserem Inneren herauszuholen jene Impulse, die uns als Men-
schen, als sittliches Wesen hineinstellen in das Zivilisationsdasein.
Wir finden uns diesen vier Asten der Zivilisation gegeniiber: der
Erkenntnis, der Kunst, der Religion, der Moralitat. Aber wir haben
erst im Lauf e der Menschheitsentwickelung - ich will nicht Kritik iiben,
die Sache ist eine Notwendigkeit, aber verstanden mufi sie werden -,
wir haben es im Laufe der Menschheitsentwickelung dazu gebracht,
dafi diese vier Aste in unserem Leben nebeneinander sich entwickeln,
und dafi uns die eigentliche einheitliche Wurzel fur unser Bewufitsein
fehlt.
Und daher darf gegeniiber dieser Tatsache heute erinnert werden
an den Ausgangspunkt der Menschheit in bezug auf die Zivilisation.
Es gab eine uralte Zeit der Menschheitsentwickelung, in der das Wis-
sen, das kiinstlerische Leben, die Religion und die Sittlichkeit eins
waren; eine Zeit, in welcher der Mensch, als der Intellekt noch nicht zu
jener Abstraktheit entwickelt war, der wir heute gegenuberstehen,
durch eine Art alten bildhaften Anschauens sich klar zu werden ver-
suchte iiber die Ratsel des Daseins, eine Zeit, in der vor der Seele des
Menschen standen die machtigen Bilder, die dann in dekadenter Art
als Mythen, als Sagen zu uns gekommen sind, urspriinglich aber Er-
kenntnis, Erleben des geistigen Inhaltes der Welt bedeutet haben. Es
gab eine solche Zeit, in welcher der Mensch sich in diesem unmittel-
baren inneren Bild-Erleben, in dieser unmittelbaren inneren Imagina-
tion vergegenwartigte, was der Welt, der Sinnenwelt als ihr Geistiges
zugrunde liegt.
Und was er so aus der Welt herauslesen konnte durch seine instink-
tive Imagination, vergegenwartigte er sich, indem er die Stoffe dieser
Erde - den Stoff der Architektur, den Stoff der Bildhauerei, den Stoff
der Malerei, den Stoff der Musik, den Stoff anderer Kiinste - so be-
niitzte, dafi er, was als seine Erkenntnis sich ergab, in aufierer Form
ausgestaltete, es zum Entziicken seines Herzens in aufiere sinnliche
Form brachte, gewissermafien das gottliche Schaffen mit menschlichen
Kraften nachbildend, das vor sich hinstellend, was erst in sein Wissen,
in seine Erkenntnis eingeflossen war. Und es hatte der Mensch eine
Kunst, die fur seine Sinne dasjenige spiegelte, was er erst in seine Er-
kenntnis aufnehmen konnte.
Diese Tatsache trat ja in einer Abschwachung wiederum bei Goethe
auf, als er aus seiner eigenen Erkenntnis- und Kunstiiberzeugung her-
aus das bedeutsame Wort sprach: «Das Schone ist eine Manifestation
geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig waren
verborgen geblieben», und als er das andere, nicht minder bedeut-
same Wort, wiederum aus seiner innersten Kunst- und Erkenntnis-
iiberzeugung heraus sprach: «Wem die Natur ihr offenbares Geheim-
nis zu enthullen anfangt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehn-
sucht nach ihrer wiirdigsten Auslegerin, der Kunst. »
Aus solcher Anschauung geht dann hervor, wie der Mensch eigent-
lich darauf angelegt ist, Wissenschaft und Kunst nur als die zwei Ge-
staltungen einer und derselben Wahrheit anzunehmen. Und so war
es urspriinglich in der Entwickelung der Menschheit. Was den Men-
schen als Erkenntnis innerlich befriedigte, indem es ihm in Ideen sich
vor die Seele stellte, was ihn entziickte als Schonheit, wenn er es in der
Kunst vor seine Sinne hingestellt schaute - Erkenntnis und Kunst aus
einer Wurzel stammend -, das war einstmals dasjenige, was eine primi-
tivere Menschheit als ihre Zivilisation erlebt hat.
Und wie stehen wir heute dazu? Wir stehen dazu so, dafi wir all-
mahlich durch dasjenige, was uns der Intellekt, die Abstraktion ge-
geben hat, eine Wissenschaft, eine Erkenntnis begriinden wollen, die
soviel als moglich gerade das ausschaltet, was kiinstlerisch ist. Man
fuhlt es formlich wie siindhaft, wenn man in der Wissenschaft irgend-
wie etwas Kunstlerisches geltend macht. Und derjenige, der etwa diese
Siinde begeht, dafi er in ein wissenschaftliches Buch etwas Kiinstle-
risches hineinbringt, er ist von vornherein mit dem Makel des Dilettan-
ten heute belegt. Denn die Erkenntnis mufi nuchtern, mufi objektiv
sein, so sagt man; die Kunst, die darf dasjenige geben, was mit der Ob-
jektivitat nichts zu tun hat, was durch die Willkiir des Menschen her-
auskommt. Dadurch aber bildet sich ein tiefer Abgrund zwischen Er-
kenntnis und Kunst. Und der Mensch findet sich iiber diesen Abgrund
nicht mehr heriiber.
Aber er findet sich zu seinem Schaden iiber diesen Abgrund nicht
mehr heriiber. Denn wenn man dasjenige Wissen, diejenige Erkennt-
nis noch so weitgehend anwendet, die heute allgemein geschatzt ist als
die kunstfreie Erkenntnis, man kommt zu jenem ausgezeichneten, hier
auch voll anzuerkennenden Erkennen der Natur, namentlich der leb-
losen Natur; aber man mufi stehenbleiben in dem Momente, wo man
an den Menschen herankommen will. Daher kann man sich heute
uberall umsehen in der Wissenschaft, sie gibt Antwort in grofiartiger
Weise auf Fragen der aufieren Natur; sie bleibt stehen da, wo es sich
um den Menschen handelt. Man dringt mit den Gesetzen, die man in
der Naturwissenschaft gewinnt, nicht bis zum Menschen vor. Warum?
Weil - so ketzerisch das fur das heutige Bewufitsein klingt, es mufi
gesagt werden -, weil in dem Momente, wo man mit den Naturgeset-
zen herankommt zum Menschen, man kiinstlerisch wirken mufi. Ja, es
ist ketzerisch, denn da sagen die Leute: Jetzt treibst du nicht mehr
Wissenschaft! Du folgst nicht mehr dem Gesetze der Beobachtung,
dem Gesetze der strengen Logik, an die du dich zu halten hast, die du
erkennen willst, wenn du an den Menschen, um ihn zu erfassen, mit
kunstlerischem Sinn herantrittst. Man kann lange dariiber deklamie-
ren, dafi solch ein Herankommen an den Menschen in kunstlerischem
Sinne unwissenschaftlich ist, weil es kiinstlerisch ist. Wenn die Natur
den Menschen kiinstlerisch macht, so mag der Mensch noch so lange
diskutieren, dafi das Verfahren, ihn zu erfassen, nicht wissenschaftlich
ist: es wiirde eben nichts anderes zur Folge haben, als dafi man mit all
dem wissenschaftlichen Verfahren den Menschen nicht erfassen kann.
So bleibt man mit aller heutigen Wissenschaft stehen vor dem Men-
schen und merkt nur, wenn man unbefangen genug ist: da mufit du
zu etwas anderem greifen, da mufit du hineinlaufen lassen deine intel-
lektualistische Wissenschaftlichkeit in Kiinstlerisches. Du mufit die
Wissenschaft selber zur Kunst werden lassen, wenn du an den Men-
schen herankommst.
Nun lernt man, wenn man sich diesem Weg hingibt, aber ganz hin-
gibt mit seiner vollen menschlichen Seele, nicht nur den Menschen
aufierlich kiinstlerisch betrachten, sondern, wenn man die entsprechen-
den Wege geht, lernt man das Intellektualistisch-Wissenschaftliche ein-
laufen lassen in dasjenige, was ich in meinem Buche: «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben habe als imagina-
tive Erkenntnis. Diese imaginative Erkenntnis, die heute noch so viel
angefochten und angefeindet wird, sie ist moglich, wenn das Denken,
das sich sonst passiv der aufteren Welt hingibt, das ja immer mehr
und mehr ein Bestandteil unserer Zivilisation in dieser Passivitat ge-
worden ist, wiederum aktiv wird, wenn es wiederum innerlich sich
zur Aktivitat aufriittelt.
Es ist schwer, liber dieses heute zu reden, denn man redet nicht nur
von einer wissenschaftlichen Zeitgewohnheit oder gegen eine wissen-
schaftliche Zeitgewohnheit, sondern man redet im Grunde genommen,
wenn man dieses auseinandersetzt, gegen die ganze heutige Zivilisa-
tion. Denn es ist ja immer beliebter und beliebter geworden, die Aktivi-
tat des Denkens, das innerliche Dabeisein, das innerliche Tatigsein im
Denken ganz aufier acht zu lassen und sich nur hinzugeben den auf-
einanderfolgenden Ereignissen, und dann das Denken einfach fort-
laufen zu lassen in den aufeinanderfolgenden Ereignissen, nicht mit-
zutun im Denken.
Begonnen hat es damit, dafi immer mehr und mehr der Ruf ent-
standen ist, man miisse den geistigen Dingen gegeniiber recht anschau-
lich sein. Man nehme einen Vortrag, der nicht anschaulich sein kann,
weil er von geistigen Dingen redet und voraussetzt, dafi die Zuhorer -
weil man nur Worte sprechen kann zur Anregung und nicht die Dinge
herumhuscheln und herumzaubern lassen kann - innerlich ihr Den-
ken in Aktivitat setzen, um das mitzumachen, was Worte nur an-
deuten: man wird heute schon finden, wie ein grower Teil der Zu-
horerschaft - die in anderen Salen selbstverstandlich als diesem heu-
tigen sitzt - zu gahnen anfangt, weil das Denken nur passiv ist, der
Mensch nicht mehr aktiv mitgeht, bis er zuletzt sogar einschlaft. Denn
man verlangt, es soil alles anschaulich sein, mit Lichtbildern illustriert
sein, damit man nicht zu denken brauche. Man kann nicht denken!
Damit hat es begonnen, ist auch viel weitergegangen. Im «Hamlet», da
mufi man noch mit der Sache mitgehen, da mufi man auch noch das
gesprochene Wort verfolgen. Man ist heute vom Schauspiel aufs Kino
gekommen: da braucht man nicht mehr aktiv zu sein, da rollen die
Bilder nach der Maschine ab, und man kann ganz passiv sein. Und
so hat man allmahlich jene innere Aktivitat des Menschen verloren.
Die aber ist es, die erfafk werden muft. Dann merkt man, daft das
Denken nicht bloft etwas ist, was von aufien angeregt werden kann,
sondern dafi es eine innerliche Kraft im Menschen selbst darstellt.
Dasjenige Denken, das unsere heutige Zivilisation kennt, ist nur die
eine Seite der Sache. Schaut man das Denken innerlich, von der ande-
ren Seite an, so ist es diejenige Kraft, die von Kindheit an den Men-
schen zugleich aufbaut.
Um das einzusehen, dazu braucht man die innerlich plastische Kraft,
die den abstrakten Gedanken ins Bild umformt. Und gibt man sich
auf diesem Wege die richtige innerliche Miihe, dann ist man in dem,
was ich in dem genannten Buche den Anfang der Meditation genannt
habe; dann ist man auf dem Wege, nun nicht nur uberzuleiten das
Konnen in die Kunst, sondern das ganze Denken des Menschen in
Imagination; so daft man innerhalb einer imaginativen Welt steht, von
der man aber jetzt weift: sie ist nicht ein Geschopf unserer eigenen
Phantasie, sie muU auf eine objektive Welt deuten. Man ist sich ganz
klar dariiber bewuftt, daft man diese objektive Welt noch nicht hat in
der Imagination, aber man weift, daft man die Bildhaftigkeit dieser
objektiven Welt hat.
Und jetzt handelt es sich nur darum, auch einzusehen, daft man
iiber die Bildhaftigkeit hinauskommen miisse. Man hat ja lange zu
tun, wenn man zu der Bildhaftigkeit, zu diesem inneren schopferischen
Denken kommen will, zu diesem Denken, das nicht blofi Phantasie-
bilder erfaftt, sondern Bilder, die ihre Realitat in ihrer eigenen Wesen-
heit tragen. Aber man mufi dann dazu kommen, dieses ganze Schaf-
fen der eigenen Wesenheit wiederum auszuschalten. Man muft zu einer
innerlichen, sittlichen Tat kommen.
Ja, es ist eine sittliche Tat im Inneren des Menschen! Nachdem man
sich alle Miihe gegeben hat - und Sie konnen lesen in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», welche Miihen
man sich zu geben hat, um zu diesem bildhaft-aktiven Denken zu
kommen - nachdem man alle Seelenkrafte, die ganze Totalitat der
Seelenkrafte aufzuwenden hat, also das Selbst im hochsten Sinne an-
zuspannen hat, dann mufi man, nachdem man zuerst diese hochste
Anspannung geleistet hat, wiederum alles das ausschalten konnen, was
man auf diesem Wege gewonnen hat.
Die hochsten Fruchte des aktiven, zur Meditation gesteigerten Den-
kens mufi man im eigenen Selbst entwickelt haben und dann selbstlos
werden konnen, dasjenige, was man sich erobert hat, wieder ausschal-
ten konnen. Dann ist es anders, als wenn man es nicht hat, es gar
nicht erobert hat. Hat man zuerst alle Anstrengung gemacht, um das
Selbst in dieser Weise zu verstarken, vernichtet man dann dasjenige
wiederum durch die eigene Kraft, so dafi das Bewufitsein leer wird:
dann wogt und walk eine geistige Welt in das menschliche Bewufitsein
herein, dann kommt dasjenige, was spirituelle Welt ist, in das Men-
schenwesen herein. Dann sieht man: zur Erkenntnis der geistigen Welt
sind geistige Erkenntniskrafte notwendig.
Und wenn das Erringen des ersten aktiven bildhaften Denkens
Imagination genannt werden kann, dann mufi das, was jetzt, nachdem
der Mensch sich vollstandig leer gemacht hat in seinem Bewufitsein,
was da als geistige Welt hereinflutet, nun als auf dem Wege der In-
spiration gewonnen bezeichnet werden.
Nachdem wir durch die Imagination durchgegangen sind, konnen
wir uns wiirdig machen durch den geschilderten sittlichen Akt der
inneren Selbstlosigkeit zum Erfassen desjenigen, was als geistige Welt
der aufieren Natur und dem Menschen zugrunde liegt.
Wie das dann hinuberfuhrt zur Religion, das mochte ich, nachdem
dies ubersetzt worden ist, im dritten Teil meines Vortrags sagen.
Jetzt mochte ich nur auf eines aufmerksam machen: Indem Anthro-
posophie die imaginative Erkenntnis anstrebt, fuhrt sie nicht nur zur
Erkenntnis, zur Kunst, die eben als Kunst Bild bleibt, sondern zu dem-
jenigen, was nun zu Bildern sich hinbegibt, die geistige Realitat ent-
halten. Indem Anthroposophie dieses anstrebt, uberbnickt sie den Ab-
grund zwischen Erkenntnis und Kunst wiederum so, dafi auf einer
hoheren Stufe, fiir die Gegenwart, fur das moderne Leben geeignet,
dasjenige wieder in die Zivilisation kommen kann, wovon die Mensch-
heit ausgegangen ist: die Einheit von Wissenschaft und Kunst. Wir
mussen wiederum zu dieser Einheit kommen, denn die Spaltung zwi-
schen Wissenschaft und Kunst hat den Menschen selbst zerrissen.
Das aber ist es, was der moderne Mensch in erster Linie anstreben
mufi: aus seiner Zerrissenheit zur Einheit und zur inneren Harmonie
zu kommen. Das, was ich bisher gesagt habe, soil gelten fiir die Har-
monie zwischen Wissenschaft und Kunst. Nachher mochte ich auch
noch den Gedanken ausdehnen fiir Religion und Sittlichkeit.
Eine Erkenntnis, die in dieser geschilderten Weise das Schopferische
der Welt in sich aufnimmt, kann unmittelbar in die Kunst hineinflie-
ften. Aber der Weg, der auf diese Weise von der Erkenntnis in die
Kunst hinein genommen wird, er kann auch weiter fortgesetzt werden.
Er ist fortgesetzt worden in jener alten, instinktiven, imaginativen
Erkenntnis, von der ich gesprochen habe, die sich in die Kunst hinein
fortsetzte, und die auch den Weg ohne Abgrund in das religiose Leben
hinuber fand. Derjenige, der solcher Erkenntnis, wenn sie auch einst-
mals bei der primitiven Menschheit selbst noch primitiv und instink-
tiv war, sich hingab, der fiihlte die Erkenntnis nicht nur als etwas
Aufterliches, sondern er fiihlte, wie in der Erkenntnis, im Wissen,
im Denken das Gottliche der Welt in ihm lebte, wie das Schopferisch-
Gottliche in ihm iiberging in das Kunstlerisch-Menschlich-Schopfe-
rische.
Da aber konnte dann der Weg dazu genommen werden, dasjenige,
was der Mensch dem Stoffe einpragte, in der Kunst zu einer hoheren
Weihe zu bringen. Die Tatigkeit, die der Mensch sich aneignete, indem
er in dem aufieren Sinnenstoff das Gottlich-Geistige kiinstlerisch ver-
korperte, diese Tatigkeit konnte er fortsetzen und Handlungen her-
vorbringen, in denen er sich unmittelbar bewufk wurde, wie er, indem
er als Mensch handelte, zum Ausdruck bringt den Willen des gott-
lichen Waltens in der Welt. Und die Kunst ging, indem so der Weg
gefunden wurde von der Bearbeitung des sinnlichen Stoffes zu dem
Handeln, in welchem der Mensch sich selber von der gottlich-schopfe-
rischen Kraft durchsetzt fiihlte, iiber in den Kultus, in den Dienst des
Gottlichen. Gottesdienst wurde das ktinstlerische Schaffen.
Die Handlungen des Kultus sind die von Weihe durchsetzten kiinst-
lerischen Taten der Urmenschheit. Es steigerte sich hinauf die ktinst-
lerische Tat zur Kultustat, die Verherrlichung des gottlichen Wesens
durch den sinnlichen Stoff zur Hingabe an das gottliche Wesen durch
die Kultushandlung. Indem man den Abgrund uberbruckte zwischen
Kunst und Religion, entstand die Religion, die einstmals in vollem
Einklang, in voller Harmonie war mit Erkenntnis und Kunst. Denn
wenn auch jene Erkenntnis primitiv, instinktiv war, sie war doch ein
Bild, und sie konnte deshalb auch das menschliche Handeln bis zu
demjenigen Handeln bringen, das in sich bildhaften Kultus hat, das
Gottliche unmittelbar darstellt.
Damit war der Ubergang gefunden von Kunst zur Religion. Kon-
nen wir das noch mit unserer Erkenntnis? Jenes instinktive alte Er-
kennen sah in jedem Naturwesen, in jedem Naturvorgang bildhaft ein
Geistiges. Es ging durch Hingabe an den Geist des Naturvorganges
das geistige Waken und Weben des Kosmos iiber in den Kultus.
Wie erkennen wir die Welt? Wiederum soli nicht Kritik geiibt wer-
den, sondern geschildert werden. Im historischen Werden der Mensch-
heit war das alles notwendig, das werden insbesondere die nachsten
Vortrage noch zeigen. Ich will heute nur einige andeutende Gedanken
hinstellen. Wir haben allmahlich den unmittelbaren instinktiven Ein-
blick in die Naturwesen und Naturvorgange verloren. Wir sind stolz
darauf, die Natur ohne den Geist zu schauen, und wir dringen endlich
vor zu solchen hypothetischen Anschauungen iiber die Natur, wo wir
zuruckfiihren zum Beispiel das Werden unseres Planeten zu dem We-
ben und Wesen eines einstigen Urnebels. Durch rein mechanische Kraft
habe sich aus diesem Urnebel durch Rotation herausgeballt unsere
Erde. Aus demjenigen, was schon in diesem Urnebel in mechanischer
Weise sich betatigte, sei auch herausgestiegen alles, was in den Reichen
der Natur bis zum Menschen lebt. Und wiederum miisse nach den-
selben Gesetzmafiigkeiten, die unser ganzes Denken, das objektiv sein
will, erfiillen, diese Erde einstmals ihr Ende nehmen im sogenannten
Warmetod. Alles dasjenige, was an Idealen die Menschheit sich er-
rungen hat, wird, da nur als eine Fata Morgana des Naturdaseins her-
vorgegangen, verschwinden, und am Ende kann nur dastehen der
grofte Kirchhof des Erdendaseins.
Wenn die Menschheit heute ganz ehrlich ware, wenn sie den Mut
hatte, sich innerlich zu gestehen, was, wenn solch ein Gedankengang
von der Wissenschaft als richtig anerkannt wird, die notwendige Kon-
sequenz ist, sie mufke sich sagen: Eine Fata Morgana bleibt also alles
religiose und alles sittliche Leben! — Nur weil die Menschheit diesen Ge-
danken nicht ertragen kann, halt sie fest an demjenigen, was als Reli-
gion, ja was als Sittlichkeit aus alten Zeiten, in denen man noch im
Einklang mit Erkenntnis und Kunst Religion und Sittlichkeit gewon-
nen hat, iibrig ist. Das heutige religiose und sittliche Leben ist nicht
ein unmittelbar vom Menschen heraus sich schaffendes, ist ein Tradi-
tionelles, ist iibriggeblieben als Erbschaft aus jenen Zeiten, wo durch
den Menschen, allerdings im instinktiven Leben, sich noch Gott und
mit Gott sich die sittliche Welt geoffenbart hat. Heute streben wir
nach der Erkenntnis so, dafi sich weder der Gott, noch die sittliche
Welt offenbaren kann, sondern es ist ein rein wissenschaftliches Leben,
das den Menschen nur erkennt als das hochste der Tiere. Wissenschaft
gelangt heute nur bis zum Ende der Tierheit, der Mensch ist ausge-
schaltet. Ehrliches inneres Streben kann nicht finden die Briicke iiber
den Abgrund zwischen der Erkenntnis und dem religiosen Leben.
Alle Religion ist hervorgegangen aus einer Inspiration. Wenn diese
Inspiration auch nicht so bewulk war wie diejenige, die wir wieder
erringen miissen, von der eben gesprochen worden ist, sie war instink-
tiv da. Mit Recht fuhren die Religionen ihren Ursprung auf eine In-
spiration zuriick. Und diejenigen Religionen, die nicht mehr die le-
bendigen Inspirationen, die Offenbarung aus dem Geistigen in der
unmittelbaren Gegenwart anerkennen wollen, die miissen eben beim
blofien Traditionellen bleiben. Dabei aber fehlt einem dann die inner-
liche Lebendigkeit, das unmittelbar Impulsive des religiosen Lebens.
Dieses Impulsive, dieses unmittelbar Lebendige mufi sich die mensch-
liche Zivilisation wieder erringen, denn dadurch allein kann die Ge-
sundung unseres sozialen Aufbaues beginnen.
Ich habe von Inspiration gesprochen. Ich habe davon gesprochen,
wie der Mensch eine Erkenntnis wiederum gewinnen miisse, die durch
die Kunst bis zur Imagination und hinauf bis zur Inspiration geht.
Wird sich die Menschheit dasjenige, was durch die Inspiration einer
spirituellen Welt hereinflutet in das menschliche Bewufksein, wieder
erringen, dann wird wiederum urspriingliche Religion da sein. Dann
wird man audi nicht aus dem Intellekt heraus diskutieren, wie eigent-
lich der Christus gewesen sei, dann wird man wiederum - was man
nur durch Inspiration wirklich erkennen kann - wissen, dafi der Chri-
stus der menschliche Trager eines wirklichen gottlichen Wesens war,
das heruntergestiegen ist aus gottlichen Hohen in das irdische Dasein.
Denn zum Begreifen des Christus ist ubersinnliches Wissen notwendig.
Und soil das Christentum wiederum tief verankert werden in der
Menschheit, dann muft diese Menschheit wiederum den Weg finden zur
ubersinnlichen Erkenntnis. Das mussen wir wieder gewinnen. Inspira-
tion mufi der Menschheit wiederum geben unmittelbares religioses Le-
ben. Dann werden wir nicht eine Erkenntnis haben, welche den blofien
Naturalismus nachahmt und nicht nur zur Kunst hinuber, sondern
auch zur Religion hinuber vor dem Abgrund steht, sondern dann werden
wir eine Harmonie haben zwischen Erkenntnis, Kunst und Religion.
Und ebenso baute der Urmensch darauf, wenn er nun die Kunst
herabgebracht hatte zum Gottesdienst, wenn er hat teilhaftig werden
konnen jener Befeuerung des menschlichen Herzens, die sich einpragen
kann, wenn im Gottesdienst der gottliche Wille selber die Menschen-
handlungen durchdringt -, dafi dann der Gott in den Menschenhand-
lungen anwesend wird. Und wenn man wiederum dazu gelangen wird,
diesen Weg hinuber zu finden von der aufierlichen gegenstandlichen
Erkenntnis zur Inspiration, dann wird man eben durch Inspiration die
unmittelbare Religion haben, dann wird man auf diese Weise wiederum
die Moglichkeit finden, auch ebenso mit diesem urspriinglichen Men-
schen drinnen zu stehen in einer gottgegebenen Sittlichkeit.
Und das fiihlte dieser urspriingliche Mensch: Habe ich den Kultus,
habe ich den Gottesdienst, ist der Gottesdienst da in der Welt und ich
in ihn verwoben, dann erfiillt sich mein Inneres so, dafi ich auch im
ganzen Leben, nicht nur an der Kultusstatte, den Gott in der Welt
gegenwartig machen kann.
Das aber ist die wahre Sittlichkeit: den Gott in der Welt gegen-
wartig machen zu konnen. Keine Natur fiihrt zur Sittlichkeit; allein
das fiihrt den Menschen zur Sittlichkeit, was seine Natur hinweghebt
iiber die Natur, was seine Natur erfullt mit gottlich-geistigem Dasein.
Nur jene Intuition, welche iiber den Menschen kommt, wenn er durch
das religiose Leben sich in den Geist hineinstellt, kann ihn mit wirk-
Hcher, innerster menschlich-gdttlicher Moralitat erfiillen.
Und so wird auch, wenn wir wieder zur Inspiration kommen, jene
Briicke gebaut, die einstmals in der instinktiven Menschheitszivilisa-
tion gebaut war, jene Briicke von der Religion zur Sittlichkeit. Wie
hinauffuhrt die Erkenntnis durch die Kunst zu den ubersinnlichen
Hohen, so wird herunterfuhren das religiose Dienen die ubersinnlichen
Hohen in das Erdendasein so, dafi wir dieses Erdendasein wiederum
mit einer elementaren, urspriinglichen, unmittelbaren, vom Menschen
erlebten Sittlichkeit impulsieren konnen.
Dann wird der Mensch selber wiederum in Wahrheit individueller
Trager eines sittlich durchpulsten Lebens sein konnen, eines gegen-
wartig ihn impulsierenden sittlichen Lebens. Dann wird Moralitat ein
Geschopf des einzelnen Menschen werden. Dann wird die Briicke auf-
geschlagen iiber den letzten Abgrund hiniiber, der da besteht zwischen
Religion und Sittlichkeit. Dann wird in einer modernen Form jene
Intuition geschaffen, in welcher der primitive Mensch drinnenstand,
wenn er in einer Kultushandlung sich befand. Dann wird durch ein
modernes religioses Leben der Mensch moderne sitthche Verhaltnisse
schaffen.
Das brauchen wir zur Erneuerung unserer Zivilisation. Das brau-
chen wir, damit wiederum urspriingliches Leben dasjenige wird, was
heute nur Erbschaft, nur Tradition ist und deshalb schwach und un-
kraftig wirkt. Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben,
das iiber die Erde hin ein Chaos zu verbreiten droht, diese urspriing-
lichen Impulse. Wir brauchen die Harmonie zwischen Erkenntnis,
Kunst, Religion und Sittlichkeit. Wir brauchen in einer neuen Form
diesen Weg von der Erde aus, auf der wir uns unsere Erkenntnis er-
werben, durch die Inspiration, durch die Kunst hiniiber zum unmittel-
baren Drinnenstehen, zum Ergreifen des Ubersinnlichen in dem reli-
giosen Leben, damit wir wiederum herunterfuhren konnen auf die
Erde dieses Ubersinnliche, im religiosen Leben Gefiihlte und in den
Willen Umgesetzte im irdisch-sozialen Dasein.
Die soziale Frage wird erst in ihrer vollen Tiefe ergriffen werden,
wenn sie als eine sittliche, als eine religiose Frage erfafit wird. Aber
sie wird keine sittliche, religiose Frage werden, ehe nicht die sittliche
und religiose Frage eine Angelegenheit der spirituellen Erkenntnis
wird.
Erringt sich der Mensch wiederum spirituelle Erkenntnis, dann wird
er dasjenige, was er braucht, herbeifuhren konnen, wird gewisser-
maflen die weitere Entwickelung ankniipfen konnen an einen instink-
tiven Ursprung. Dann wird er finden, was gefunden werden mufi
zum Heile der Menschheit: Harmonie zwischen Wissen, Kunst, Reli-
gion und Sittlichkeit.
ZWEITER VORTRAG
Ilkley, 6. August 1923
Dafi Erziehung und Unterricht in der gegenwartigen Zeit alle Seelen
und alle Geister auf das intensivste beschaftigen, kann ja nicht be-
zweifelt werden. Wir sehen es iiberall. Wenn nun von mir hier eine
aus dem unmittelbaren geistigen Leben und Anschauen herausgeholte
Erziehungs- und Unterrichtskunst geltend gemacht wird, so unter-
scheidet sich diese von der allgemeinen Forderung nicht so sehr aufter-
lich durch das Intensive des Geltendmachens, sondern mehr innerlich.
Man fiihlt heute allgemein, wie die Zivilisationsverhaltnisse in ei-
nem raschen Ubergange begriffen sind, wie wir notig haben, fiir die
Einrichtungen des sozialen Lebens an manches Neue, an manches Auf-
steigende zu denken. Man fiihlt ja sogar heute schon, was man vor
kurzem noch wenig gefuhlt hat, dafi das Kind eigentlich ein anderes
Wesen geworden ist, als es vor kurzem war. Man fiihlt, daft das Alter
mit der Jugend heute viel schwerer zu Rande kommt, als das in f riihe-
ren Zeiten der Fall war.
Diejenige Erziehungs- und Unterrichtskunst, von der ich hier vor
Ihnen zu sprechen haben werde, rechnet aber mehr mit dem inneren
Gang der menschlichen Zivilisation, mit demjenigen, was im Laufe
der Zeiten die Seelen der Menschen verandert hat, mit dem, was die
Seelen der Menschen im Laufe von Jahrhunderten, ja ich kann sagen
von Jahrtausenden, fiir eine Entwickelung durchgemacht haben. Und
es wird gesucht zu ergriinden, wie man gerade in der gegenwartigen
Zeit an den Menschen im Kinde herankommen kann. Man gibt ja im
Allgemeinen zu, dafi in der Natur die aufeinanderfolgenden Zeiten
Differenzierungen aufweisen. Man braucht sich nur zu erinnern, wie
der Mensch im alltaglichen Leben mit diesen Differenzierungen rech-
net. Nehmen Sie das allernachstliegende Beispiel, den Tag. Wir rech-
nen in anderer Weise mit den Vorgangen der Natur am Morgen, am
Mittag, am Abend. Und wir wiirden uns absurd vorkommen, wenn
wir dieser Entwickelung des Tages nicht Rechnung triigen. Wir wiir-
den uns auch absurd vorkommen, wenn wir einer anderen Entwicke-
lung im Menschenleben nicht Gerechtigkeit widerfahren lieften, wenn
wir zum Beispiel nicht berucksichtigen wiirden, dafi wir ein anderes an
den alten Menschen heranbringen miissen als an das Kind. Wir respek-
tieren in dieser Naturentwickelung die Tatsachen. Aber noch nicht hat
sich die Menschheit gewohnt, die Tatsachen auch in der allgemeinen
Menschheitsentwickelung zu respektieren.
Wir rechnen nicht damit, daft vor Jahrtausenden eine andere Mensch-
heit da war als im Mittelalter und als es in der Gegenwart der Fall
ist. Man mufi lernen, sich die inneren Krafte der Menschen zur Er-
kenntnis zu bringen, wenn man praktisch und nicht theoretisch heute
die Kinder behandeln will. Man mufi aus dem Inneren ergriinden,
welche Krafte gerade heute im Menschen walten.
Und so sind die Prinzipien der Waldorfschul-Padagogik nichts
irgendwie Revolutionares. Man erkennt bei der Waldorfschul-Pad-
agogik durchaus an das Grofte, das Anerkennenswerte und Sympa-
thische, das von den Padagogen aller Lander im 19. Jahrhundert ja in
so glanzender Weise geleistet worden ist. Man will nicht alles umsto-
fien und sich dem Glauben hingeben, daft man nur ein radikal Neues
begrunden konne. Man will nur die innerlichen Krafte, die gegen-
wartig in der Menschennatur walten, ergriinden, um sie in der Erzie-
hung zu berucksichtigen, und um durch diese Berucksichtigung den
Menschen heute in das soziale Leben nach Korper, Seele und Geist
richtig hineinzustellen. Denn die Erziehung - wir werden das noch im
Laufe der Vortrage sehen - war eigentlich immer eine soziale Ange-
legenheit. Sie ist es auch in der Gegenwart; sie mufi es auch in der Zu-
kunft sein. Und daher mufi sie ein Verstandnis haben fiir die sozialen
Anforderungen irgendeines Zeitalters.
Nun mochte ich zunachst in drei Etappen die Entwickelung des Er-
ziehungswesens der Menschheit in der abendlandischen Zivilisation
vor Sie hinstellen. Wir konnen das am besten, wenn wir in Betracht
ziehen, wozu es in den einzelnen Zeitaltern derjenige Mensch hat
bringen wollen, der zur hochsten Stufe des Menschentums hat hinauf-
steigen wollen, zu jener hochsten Stufe, wo er am niitzlichsten seinen
Mitmenschen hat werden konnen. Wir werden gut tun, bei einer sol-
chen Betrachtung so weit in der Zeit zuriickzugehen, als wir glauben,
dafi diese Zeit mit ihren Menschheitskraften in der Gegenwart noch
fortlebt.
Kein Mensch kann heute leugnen, dafi ganz lebendig noch ist in
allem, was Menschenseelen wollen, was Menschenseelen anstreben, das
Griechentum. Und fur den Erzieher mull es eigentlich doch eine Grund-
frage sein: Wie wollte der Grieche den Menschen zu einer gewissen
Vollkommenheit bringen? Dann sollte man sehen, wie die Zeiten, in
bezug auf die Vervollkommnung, die Erziehung und den Unterricht
des Menschen fortschreiten.
Stellen wir uns zunachst einmal - wir werden ja diese Frage ganz
genau zu betrachten haben - das Griechenideal vor Augen, das man
fur den Erzieher gehabt hat; fur denjenigen also, der nicht nur in sich
selbst die hochste Stufe der Menschheit zur Ausbildung hat bringen
wollen, sondern der auch diese hochste Stufe der Menschheit deswegen
in sich zur Ausbildung bringen wollte, damit er andere leiten konnte
auf ihrem Menschheitsweg. Welches war das Griechenideal der Er-
ziehung?
Nun, das Griechenideal der Erziehung war der Gymnast, derjenige
also, der bei sich alle korperlichen, und soweit man in der damaligen
Zeit notwendig glaubte, die seelischen und geistigen Eigenschaften zur
Harmonie aller ihrer Teile gebracht hat. Derjenige, der imstande war,
die gottliche Schonheit der Welt in der Schonheit des eigenen Korpers
zur Offenbarung zu bringen, und der verstand, diese gottliche Schon-
heit der Welt auch bei dem jungen Menschen, bei dem Knaben, zur
aufierlichen korperlichen Darstellung zu bringen, der war der Gym-
nast, der war der Trager der Griechenzivilisation.
Leicht ist es, von einem gewissen modernen Standpunkte aus, man
mochte sagen, von oben herunter auf diese nach dem Korperlichen
hin gerichtete Erziehungsweise des Gymnasten zu sehen. Allein man
mifiversteht ganz und gar, was mit dem Worte Gymnast eigentlich
innerhalb des Griechentums gemeint war.
Bewundern wir doch heute noch die griechische Kultur und Zivilisa-
tion, sehen wir es doch heute noch als unser Ideal an, uns zu durch-
dringen fur eine hohere Bildung mit der griechischen Kultur und Zi-
vilisation.
Wenn wir das tun, mussen wir uns gar wohl auch daran erinnern,
daft der Grieche nicht daran gedacht hat, zunachst das sogenannte, das
von uns so genannte Geistige im Menschen zu entwickeln, sondern daft
er nur daran gedacht hat, den menschlichen Korper in einer solchen
Weise zu entwickeln, daft dieser durch die Harmonie seiner Teile und
durch die Harmonie seiner Betatigungsweise hinaufstieg zu einer kor-
perlichen Offenbarung der Schonheit Gottes. Und dann erwartete der
Grieche ruhig die weitere Entwickelung, wie man von der Pflanze er-
wartet, wenn man die Wurzel in der richtigen Weise behandelt hat,
daft sie durch Sonnenlicht und Warme sich von selber zur Bliite ent-
wickelt. Und wenn wir heute so hingebungsvoll hinschauen auf die
griechische Kultur und Zivilisation, so diirfen wir nicht vergessen, daft
der Trager dieser griechischen Kultur und Zivilisation der Gymnast
war, derjenige, der nicht den dritten Schritt, mochte ich sagen, zu-
erst gemacht hat, sondern den ersten Schritt zuerst machte - die kor-
perliche Harmonisierung des Menschen -, und daft alle Schonheit, alle
Grofte, alle Vollkommenheit der griechischen Kultur nicht unmittelbar
beabsichtigt war, sondern als ein selbstverstandlich Gewachsenes aus
dem schonen, gewandten, starken Korper durch die innerliche Wesen-
heit und Beschaffenheit des Erdenmenschen hervorgehen sollte.
So haben wir nur ein einseitiges Verstandnis des Griechentums, na-
mentlich in bezug auf seine Erziehung, wenn wir nicht neben die Be-
wunderung der geistigen Grofte Griechenlands die Tatsache hinstellen,
daft der Grieche sein Erziehungsideal in dem Gymnasten gesehen hat.
Und dann sehen wir, wie die Menschheit sich fortentwickelt, und
wir sehen, wie ein wichtiger Einschnitt in der Fortentwickelung der
Menschheit vor sich geht, indem die Griechenkultur und -zivilisation
iibergeht auf das Romertum. Und im Romertum sehen wir zunachst her-
aufkommen jene Kultur der Abstraktion, die dann dazu iibergeht, Geist,
Seele und Leib zu trennen, auf diese Dreiheit besonders zu schauen.
Wir sehen im Romertum, wie zwar nachgeahmt wird das Schonheits-
prinzip der gymnastischen Erziehung der Griechen; aber wir sehen zu-
gleich, wie die korperliche und die seelische Erziehung auseinander-
fallen. Wir sehen, wie im Romertum nunmehr, ganz leise - denn der
Romer gibt viel auf korperliche Erziehung -, aber doch schon ganz
leise die korperliche Erziehung anfangt eine Nebensache zu werden,
und wie der Blick hingewendet wird mehr auf dasjenige, was eigent-
lich in der Menschennatur als vornehmer angesehen wird: das Seelische.
Und wir sehen, wie nun jene Trainierung, die in Griechenland nach
dem Ideal des Gymnasten hinging, im Romertum allmahlich herauf-
riickt in eine Trainierung des Seelischen.
Und das pflanzt sich dann fort durch das Mittelalter, jenes Mittel-
alter, welches im Seelischen etwas Hoheres als im Korperlichen sieht.
Und wir sehen wiederum ein Erziehungsideal aus diesem romanisierten
Menschheitswesen heraus entspringen.
Wir sehen namentlich in der ersten Zeit des Mittelalters dasjenige
als Erziehungsideal des hoheren Menschen sich aufrichten, was aus dem
Romertum hervorgebluht ist, was nunmehr eine Kultur des Seelen-
wesens eigentlich ist, insof erne dieses Seelenwesen allerdings sich aufier-
lich am Menschen offenbart.
Wir sehen an die Stelle des Gymnasten einen anderen Menschen
treten. Wir haben heute kein starkes historisches Bewufksein mehr von
diesem Umschwung. Aber derjenige, der innerlich das Mittelalter an-
schaut, wird gewahr werden, dafi dieser Umschwung da war. Es ist
der Umschwung in bezug auf das Menschenerziehungsideal vom Gym-
nasten zum Rhetor, zu demjenigen, bei dem nun ein seelisch sich Off en-
barendes, die Rede, hauptsachlich trainiert wird.
Wie der Mensch wirken kann durch die Rede als Rhetor, das ist
hervorgegangen aus dem Romertum, das ist ubergegangen auf die
ersten Zeiten des Mittelalters, das manifestiert den Umschwung von
der rein korpergemafien Erziehung zu der nunmehr seelischen Erzie-
hung, neben welcher die korperliche Erziehung gewissermafien wie
eine Beigabe einherlauft.
Und dadurch, dafi das Mittelalter insbesondere den Rhetor brauchte
fur die Verbreitung des Geistlebens, wie es in den Klosterschulen,
wie es uberhaupt innerhalb des mittelalterlichen Erziehungswesens
gait, dadurch kam, wenn man auch das Wort nicht immer aussprach,
der Rhetor im Grunde genommen zu der Stellung in dem Erziehungs-
wesen der Menschheitszivilisation, die der griechische Gymnast ein-
genommen hat.
So sehen wir die Menschheit gewissermafien in ihrem Erziehungs-
ideal vorrticken von dem Gymnasten zu dem Rhetor, wenn wir hin-
blicken, in welchen Idealen man die hochste Verkorperung des Men-
schen gesehen hat.
Das aber hat gewirkt auf die Ansichten in der Erziehung. Die Kin-
dererziehung wurde so eingerichtet, daft sie gemafi war dem, was man
als ein Menschheitsideal der Vervollkommnung ansah. Und noch un-
sere moderne Erziehungsgewohnheit, wie man das Sprachwesen, das
Sprachenlernen bei den Kindern heute behandelt, ist fiir denjenigen,
der die Sache historisch betrachten kann, ein Erbstiick dessen, was mit
Bezug auf den Rhetor als ein Ideal vor der mittelalterlichen Erziehung
stand.
Nun kam die Mitte des Mittelalters mit ihrem grofien Umschwung
zum intellektuellen Wesen, mit ihrer Verehrung und Respektierung
des intellektualistischen Wesens. Es entstand ein neues Ideal fiir die
erzieherische Menschheitsentwickelung, ein Ideal, das geradezu das
Gegenteil vorstellt von dem, was das Griechenideal war: es entstand
dasjenige Ideal, das vor allem als vornehm ansah am Menschen die
intellektualistisch-geistige Bildung. Und der, welcher etwas weifi,
wurde nun das Ideal. Wahrend das ganze Mittelalter hindurch noch
derjenige, der etwas konnte, seelisch konnte, der die anderen Menschen
uberzeugen konnte, das Erziehungsideal war, wurde jetzt der Wissende
das Erziehungsideal.
Man sehe nur hin auf die ersten Universitatseinrichtungen, man
sehe auf die Pariser Universitat im Mittelalter hin, und man wird
sehen, dafi da noch nicht das Ideal gesehen wird in dem Wissenden,
sondern in dem Konnenden, in demjenigen, der durch die Rede am
meisten uberzeugen kann, der die grofite Geschicklichkeit besitzt in
dem Aufbringen von Griinden, in der Handhabung der Dialektik, des
schon gedankengefarbten Wortes. Da haben wir noch den Rhetor als
Erziehungsideal, wenn auch der Rhetor schon nach dem Gedanklichen
hin gefarbt ist.
Und jetzt kommt mit der ganzen neuen Zivilisation ein neues Ideal
herauf fiir den sich entwickelnden Menschen, das wiederum abfarbt
auf die Kindererziehung, und unter dessen Einflufi im Grunde genom-
men unsere Kindererziehung zum grofien Teil geblieben ist bis zum
heutigen Tage, selbst in der materialistischen Zeit. Jetzt kommt erst
herauf das Ideal des Doktors. Der Doktor wird dasjenige, was man
als Ideal des vollkommenen Menschen ansieht.
Und so sehen wir in der Menschheitsentwickelung die drei Stufen:
den Gymnasten, den Rhetor, den Doktor. Der Gymnast, der den gan-
zen menschlichen Organismus handhaben kann von demjenigen aus,
was man als das gottliche Wirken und Waken in der Welt, im Kosmos
ansieht; der Rhetor, der nur noch das Seelische, insoferne es sich kor-
perlich aufiert, zu handhaben weifi. Der Gymnast, der den Korper
trainiert, und damit das Seelische und Geistige miterreicht bis zu der
Hohe der griechischen Kultur und Zivilisation; der Rhetor, der be-
dacht ist auf das Seelische, der seine Hohe, seinen Glanz erreicht in
dem Redner iiber das Seelische, in dem Kirchenredner. Und wir sehen
dann, wie das Konnen vollstandig in die Unterschatzung hinuntertritt,
und wie derjenige, der nur noch weifi - der also nicht mehr die Seele
in ihrer korperlichen Wirksamkeit handhabt, sondern der nur noch
das, was ganz unsichtbar im Inneren waltet, handhabt, der nur noch
weifi -, als Erziehungsideal der hochsten Stufe erglanzt.
Das aber farbt ja ab auf die untersten Prinzipien der Erziehung.
Denn diejenigen, die Gymnasten waren, haben in Griechenland auch
die Erziehung der Kinder gemacht. Diejenigen, die Rhetoren waren,
haben in der spateren Zeit die Erziehung der Kinder gemacht. Und
die Doktoren waren es schliefilich, welche die Erziehung der Kinder
in der neuesten Zeit machten, gerade in der Zeit, als in der allgemeinen
Kultur und Zivilisation der Materialismus heraufkam.
Und so sehen wir gewissermafien die Erziehung vorriicken von einer
korperlich-gymnastischen Erziehung durch eine seelisch-rhetorische Er-
ziehung zu einer Doktorerziehung.
Und dasjenige, was unsere Erziehung geworden ist, ist sie eigentlich
durch den Doktor geworden. Derjenige, der aufsuchen will gerade in
den tiefsten Prinzipien der modernen Padagogik das, was verstanden
werden sollte, mufi sorgfaltig darauf schauen, was der Doktor in das
Erziehungswesen hineingebracht hat.
Neben diesem aber ist immer mehr und mehr aufgetaucht ein ande-
res Ideal in der modernen Zeit, das allgemeine MenschheitsideaL Man
hatte ja nur noch Augen und Ohren fiir dasjenige, was dem Doktor
gebuhrte, Und so kam herauf die Sehnsucht, nun wiederum den gan-
zen Menschen zu erziehen, hinzuzunehmen zu der Doktorerziehung,
die man schon in das kleine Kind hineinpf ropfte - weil ja die Doktoren
auch die Lehrbucher schrieben und die Lehrmethoden ausdachten -, die
allgemeine Menschheitserziehung. Und heute mochten eben die Men-
schen, die urspriinglich, elementar aus der Menschennatur heraus ur-
teilen, ihr Wort mitreden im Erziehungswesen.
Daher ist die Erziehungsfrage aus innerlichen Griinden heute eine
Zeitfrage geworden. Und diesen innerlichen Gang der Menschheits-
entwickelung, den miissen wir uns vor die Seele stellen, wenn wir den
gegenwartigen Zeitpunkt begreifen wollen. Denn nach nichts Geringe-
rem mufi eine wirkliche Fortbildung des Erziehungswesens gehen als
nach Oberwindung des Doktorprinzipes. Und wenn ich dasjenige,
was eigentlich nach einer bestimmten Seite hin Waldorfschul-Erzie-
hung will, in ein paar Worten zusammenfassen will, so mochte ich
zunachst praliminarisch selbstverstandlich, nur heute sagen: es han-
delt sich darum, die Doktorenerziehung zu einer Menschheitserziehung
zu machen.
Insbesondere ein Verstandnis des Erziehungswesens, wie es im Grie-
chentum aufgekommen ist, das eigentlich noch in seiner Weiterent-
wickelung bis heute wirkt, eignet man sich nicht an, wenn man nicht
den Gang der Menschheitsentwickelung vom Griechentum bis in un-
sere Zeit im rechten Lichte sieht. Das Griechentum war in der Tat noch
eine Fortsetzung, gewissermafien ein Anhang des orientalischen Zivi-
lisationswesens. Was sich in der Menschheitsentwickelung durch Jahr-
tausende herausgebildet hat driiben in Asien, im Orient, das fand
dann, und wie ich glaube, ganz besonders im Erziehungs- und Unter-
richtswesen, bei den Griechen den letzten Ausdruck. Erst dann tritt ein
bedeutsamer Entwickelungseinschnitt ein zum Romertum hiniiber. Und
vom Romertum stammt dann dasjenige, was in Zivilisation und Kultur
des ganzen Abendlandes bis in die amerikanische Kultur hinein spater
etngeflossen ist.
Daher versteht im Grunde genommen insbesondere das griechische
Erziehungswesen niemand, der nicht auf das ganze Eigentiimliche der
orientalischen Entwickelung des Menschen einen richtigen Blick wer-
fen kann. Dafi man die hochste Menschheitsbildung dadurch erringt,
dafi man sich, urn Examina abzulegen, vor Biicher setzt, und da irgend
etwas Unbestimmtes, was man den menschlichen Geist nennt, man
kann nicht sagen trainiert, sondern maltratiert, und nachdem man
diesen sogenannten Geist, vielleicht jahrelang, wenn man fleifiig ist,
monatelang, wenn man faul ist, maltratiert hat, dann sich fragen lafk
von jemandem, wieviel man nun weifl, nachdem man den Geist jahre-
lang maltratiert hat, dafi man auf diese Weise ein vollkommener
Mensch werden konne, das wtirde dem, der an der Wiege jener Zivi-
lisation gestanden hat, aus welcher die Veden und die wunderbare
Vedanta hervorgegangen sind, als der reinste Wahnsinn erschienen
sein. Man versteht die menschliche Zivilisationsentwickelung nicht,
wenn man nicht zuweilen einen Blick darauf wirft, wie sich dasjenige,
was ein Zeitalter als das Ideal ansieht, vor den Blicken eines anderen
Zeitalters ausnimmt. Denn was hat der getan, der im alten Oriente
die Zivilisation und Kultur, die sein Volk als hochste dargeboten hat,
erringen wollte, erringen wollte in jener Zeit, welcher dann erst folgte
jene grofie Inspiration, die zu den Veden gefuhrt hat? Im Grunde ge-
nommen war das, was er geiibt hat, eine Art Korperkultur. Und er
hat die Hoffnung gehabt, daft er durch einen besonderen, wenn uns
auch heute einseitig erscheinenden Korperkultus die Bliite des mensch-
lichen Lebens, die hochste Geistigkeit erreicht, wenn das in seinem
Schicksal ihm vorgezeichnet ist.
Daher war nicht Bucherlesen und den abstrakten Geist maltratieren
die Methode der hochsten Ausbildung im alten Orient, sondern eine,
wenn auch aufierordentlich verfeinerte, Korperkultur. Ich will nur ein
Beispiel aus der verfeinerten Korperkultur herausheben: das war ein
ganz bestimmtes, streng systematisch geregeltes System des mensch-
lichen Atmens.
Wenn der Mensch atmet in der Weise, wie er es eben notwendig
hat, um sich von Minute zu Minute mit der richtigen Sauerstoffmenge
zu versorgen, dann atmet er unbewufk. Er treibt das ganze Atmungs-
geschaft unbewufSt. Der alte Orientale gestaltete dieses Atmungsge-
schaft - also im Grunde genommen jene korperliche Verrichtung - zu
etwas aus, was mit Bewufitheit vollzogen wurde. Er atmete ein nach
einem bestimmten Gesetze; er hielt den Atem zuriick und atmete wieder
aus nach einem bestimmten Gesetze. Dabei war er in einer ganz be-
stimmten korperlichen Verfassung. Die Beine mufiten eine bestimmte
Lage haben, die Arme mufiten eine bestimmte Lage haben. Das heifit,
der Atemweg durch den physischen Organismus muftte zum Beispiel,
wenn es auftraf auf das Knie, sich umbiegen in die horizontale Lage.
Daher safl der alte orientalische Mensch, der die menschliche Vervoll-
kommnung suchte, mit untergelegten Unterbeinen. Und es war eine
eben auf das Luftformige im Menschen hinorientierte, aber immer-
hin korperlich orientierte Entwickelung, die derjenige durchzumachen
hatte, welcher dann als den Erfolg, als die Konsequenz dieser kor-
perlichen Trainierung die Offenbarung des Geistes in sich erleben
wollte.
Und was liegt denn einer solchen Trainierung, einer solchen Er-
ziehung des Menschen zugrunde? Ja, dem liegt eigentlich folgendes zu-
grunde. Ebenso wie in der Wurzel der Pf lanze die Bliite und die Frucht
schon drinnenstecken und, wenn die Wurzel in der richtigen Weise ge-
pflegt wird, sich dann auch Bliite und Frucht unter dem Sonnenlichte
und der Sonnenwarme in der richtigen Weise entfalten miissen, so
liegen, wenn man auf das Korperliche des Menschen hinschaut, in dem
Korper, der gottgeschaffen 1st, auch schon Seele und Geist drinnen.
Wenn man die Wurzel im Korper ergreift, aber so, daft man das Gott-
liche in dieser Korper wurzel erfaflt, dann entwickeln sich aus ihr, wenn
man in einer richtigen Weise diese korperliche Wurzel zur Entfaltung
gebracht hat und sich einfach dem freien Leben uberlafk, die in ihr
liegende Seele und der Geist, so wie sich die inneren Krafte der Pflanze,
die aus der Wurzel schiefien, unter dem Sonnenlicht und der Sonnen-
warme frei entwickeln.
Dem Orientalen wurde die besondere abstrakte Ausbildung des
Geistes so vorgekommen sein, wie wenn wir unsere Pflanzen im grofien
Mafie abschliefien wollten von dem Sonnenlichte, um sie in einen Keller
zu tun und sie dann vielleicht unter elektrischem Lichte zur Entfaltung
bringen wollten, weil wir die freie Sonnenentfaltung nicht mehr vor-
nehm genug fiir das Pflanzenwachstum finden.
So war es tief begriindet in der ganzen orientalischen Menschheits-
anschauung, nur auf das Korperliche hinzuschauen. Wenn auch diese
korperliche Entfaltung dann einseitig geworden ist, ja sogar in dieser
Form, in der ich sie geschildert habe, schon einseitig war beim Juden-
tum, so weist uns gerade diese Einseitigkeit darauf hin, daft man uber-
all die Ansicht hatte, Korper, Seele und Geist sind Eines; daft man
genau wuftte: Hier auf Erden zwischen Geburt und Tod mufi man
die Seele und den Geist im Korper suchen.
Das fiihrt vielleicht zu einigem Erstaunen, wenn man gerade die
alte spirituelle Kultur des Orients in diesem Lichte zeigt. Allein wenn
Sie den wirklichen Gang der Menschheitsentwickelung studieren, dann
werden Sie eben finden, daft die spirituellsten Konsequenzen der
Menschheitszivilisation in denjenigen Zeiten errungen worden sind, in
denen man Seele und Geist noch voll in dem Korperlichen zu schauen
verstand. Hier hat sich eine fiir das Innerste der Menschheitszivilisa-
tion aufterordentlich bedeutsame Entwickelung vollzogen.
Warum durfte der Orientale, dem es ganz und gar darauf ankam,
den Geist zu suchen, warum durfte er dieses Suchen nach dem Geist
durch Methoden anstreben, die eigentlich korperliche waren? Es durfte
der Orientale dies anstreben, weil ihm seine Philosophic die Ansicht
gab nicht nur dessen, was irdisch ist, sondern auch dessen, was iiber-
sinnlich ist. Und er wuftte: Betrachtet man Seele und Geist hier auf
Erden als etwas Selbstandiges, ja, dann - verzeihen Sie den etwas
trivialen Vergleich, er ist durchaus aber im Sinne der orientalischen
Weisheitgehalten-, dann betrachtet man Seele und Geist wie eingerupf-
tes Huhn, nicht wie ein Huhn, das Federn hat, also nicht wie ein voll-
standiges Huhn. Wie ein Huhn, dem man die Federn ausgerissen hat, so
ware dasjenige, was wir uns von Seele und Geist vorstellen, dem Orien-
talen vorgekommen; denn von dem, was Seele und Geist ist, von dem,
was wir in anderen Welten suchen, von dem hatte er eine konkrete
iibersinnliche Anschauung. Er durfte es sich erlauben, hier den Erden-
menschen in seiner irdisch-sinnlichen korperlichen Offenbarung zu su-
chen, weil er fiir andere Welten griindlich iiberzeugt war, daft das ge-
rupfte Hiihnchen, die blofte Seele, dort wiederum ihre spirituellen Fe-
dern bekommt, wenn sie an dem richtigen Orte anlangt.
So war es gerade der Spiritualismus der Weltanschauung, welche
dem Orient eingab, fur die Erdenentwickelung des Menschen in erster
Linie darauf zu sehen, dafi dasjenige, was verborgen im Korper ist,
wenn der Mensch geboren wird, wo er als ein blofi physisches Wesen
erscheint, was aber in wunderbarer Weise in dieser Physis im Kinde
drinnen ruht, Seele und Geist ist. Denn es war dem Orientalen klar,
dal5 aus dieser Physis, wenn diese Physis richtig geistig behandelt wird,
Seele und Geist sich ergibt.
Das ist die besondere Farbung, welche - selbst fur die hochste Er-
ziehung zum Weisen - im Oriente driiben gait. Und das als innere
Uberzeugung, die weiter gewirkt hat, ist dann ubergegangen auf das
Griechentum, das ein Auslaufer des Orientalismus ist. Und wir ver-
stehen, warum der Grieche nun - ich mochte sagen, bis zum Auftersten
hintreibend dasjenige, was der Orient als seine Uberzeugung behalten
hat -, wie der Grieche durch den orientalischen Einf lufi gerade zu seiner
besonderen Art der Menschheitsausbildung schon in der Jugend ge-
kommen ist.
Nichts anderes war dieses besondere Hinblicken auf die Korperlich-
keit beim Griechentum, als was der Grieche geworden ist als derjenige
Mensch, der durch Kolonisation aus dem Oriente und von Agypten
heriiber eigentlich sein gesamtes Geistesleben erhalten hat.
Und so mufi man, wenn man in die griechische Palastren hinein-
schaut, in denen der Gymnast wirkte, in diesem Wirken des Gymnasten
eine Fortsetzung dessen sehen, was aus tiefer spiritueller Weltanschau-
ung heraus der Orient gerade fur denjenigen Menschen als Menschheits-
entwickelung anzustreben hatte, der bis zum hochsten Ideal mensch-
licher Vollkommenheit auf Erden kommen sollte.
Der Orientale hatte niemals eine einseitig entwickelte Seele, einen
einseitig entwickelten Geist als eine menschliche Vollkommenheit ange-
sehen. Er hatte angesehen ein solches Lernen, ein solches Unterrichten,
wie es in der spateren Zeit Ideal geworden ist, als ein Ertoten des-
jenigen, was von den Gottern den Menschen fur das Erdenleben gewor-
den ist. Und so sah es im Grunde genommen auch noch der Grieche an.
Und so erlebt man es in einer eigentiimlichen Weise, wie die grie-
chische Geisteskultur, die wir heute als etwas ganz ungeheuer Hohes
ansehen, von dem damaligen nichtgriechischen Menschen angesehen
wurde. Es ist uns ja iiberliefert die anekdotische Geschichte, dafi ein
Barbarenfiirst Griechenland besucht hat, sich die Erziehungsstatten an-
gesehen hat, mit einem der allervollkommensten Gymnasten Zwie-
sprache gepflogen hat. Der Barbar sagt: Ich kann nicht verstehen, was
ihr eigentlich da fur wahnsinniges Zeug treibt. Ich sehe, dafi eure Jun-
gen zuerst mit 01, dem Friedenszeichen, eingesalbt werden, dann mit
Sand bestreut werden, so als ob sie nun zu besonders friedlichen Ver-
richtungen kommen sollten. Dann aber beginnen sie wie toll sich her-
umzutreiben, fassen einander an; der eine wirft sich auf den anderen,
wirft ihn, stofk ihm das Kinn in die Hohe, so dafi ein anderer hinzu-
kommen und ihm die Schulter in Bewegung setzen raufi, damit er nicht
erstickt - es ist eine Beschaftigung, die ich nicht verstehe, die zum min-
desten dem Menschen keinen Nutzen bringen kann. - So sagte der
Barbar zu dem Griechen.
Und dennoch, aus dem, was der Barbar so barbarisch an dem Grie-
chen gefunden hat, ist die hohe geistige Kulturbliite Griechenlands
hervorgegangen. Und geradeso wie der griechische Gymnast nur ein
Lacheln hatte fur den Barbaren, der nicht verstand, wie man den Kor-
per pflegen mufi, um den Geist zur Erscheinung zu bringen, so wiirde
der Grieche, wenn er heute aufstehen konnte und unseren aus alteren
Zeiten gebrauchlichen Unterricht und unsere Erziehung sehen wiirde,
still in sich versenkt innerlich lacheln iiber das Barbarentum, das sich
entwickelt hat seit dem Griechentum, und das von einer abstrakten
Seele und von einem abstrakten Geist spricht. Auch der Grieche wiirde
noch sagen: Das ist ja wie ein gerupftes Hiihnchen; da habt ihr dem
Menschen die Federn genommen. - Der Grieche wiirde dasjenige, was
nicht, so wie angedeutet, im Knabenalter sich gewiirgt und umeinander
geworf en hat, eben barbarisch gefunden haben. Aber der Barbar konnte
keinen Zweck sehen, keinen Nutzen finden in der griechischen Er-
ziehung.
Wenn man in dieser Weise den Menschheitslauf betrachtet und sieht,
was in anderen Zeiten geschatzt worden ist, dann kann das doch schon
eine Art Unterlage geben, urn auch wiederum in unserer Zeit zu einer
richtigen Schatzung der Dinge zu kommen.
Schauen wir jetzt ein wenig hinein in diejenige Statte, wo der grie-
chische Gymnast die Jugend, die ihm als mannliche Jugend im sieben-
ten Jahre anvertraut worden ist, erzogen und unterrichtet hat.
Dasjenige, was wir da gewahr werden, unterscheidet sich allerdings
sehr wesentlich von dem, was man als eine Art Erziehungsideal im
19. Jahrhundert zum Beispiel fur das Nationale hatte. In dieser Be-
ziehung gilt wahrhaftig dasjenige, was zu sagen ist, nicht fur diese oder
jene Nation, sondern fur alle zivilisierten Nationen. Und was wir er-
blicken, wenn wir in eine solche Lehr- und Erziehungsstatte hinein-
schauen - eine Lehr- und Erziehungsstatte fur die Jugend vom sieben-
ten Lebensjahre an kann heute noch, wenn es in der richtigen Weise
mit modernen Impulsen durchdrungen wird, eine richtige Grundlage
abgeben fur das Verstandnis dessen, was heute fiir Erziehung und Un~
terricht notwendig ist.
Da wurden die Knaben namentlich nach zwei Seiten hin - wenn ich
mich so ausdriicken darf , das Wort ist immer in seinem hochsten Sinne
gemeint - trainiert. Die eine Seite war die Orchestrik, die andere Seite
war die Palastrik.
Die Orchestrik war, von auften angesehen, vollkommen eine korper-
liche Ubung, eine Art Gruppentanz, der aber in einer ganz bestimmten
Weise eingerichtet war - ein solcher Reigen in der mannigfaltigsten,
kompliziertesten Gestaltung, wo die Jungen lernten, sich in bestimmter
Form nach Mafi, Takt, Rhythmus und iiberhaupt nach einem gewissen
plastisch-musikalischen Prinzipe zu bewegen, so dafi dasjenige, was der
im Chorreigen sich bewegende Junge wie eine innerliche Seelenwarme
empfand, die sich organisierend durch alle Glieder ergofi, zu gleicher
Zeit als schon geformter Reigentanz fiir denjenigen sich offenbarte, der
das von aufien anschaute.
Das ganze war durchaus eine Offenbarung der Schonheit der gott-
lichen Natur und zugleich ein Erleben dieser Schonheit fiir das Innerste
des Menschen. Dasjenige, was da erlebt wurde durch diese Orchestrik,
das wurde innerlich gefiihlt und empfunden. Und indem es innerlich
gefiihlt und empfunden wurde, verwandelte es sich als korperlicher,
physischer Vorgang in dasjenige, was sich seelisch auflerte, was die
Hand begeisterte zum Kitharaspiel, was die Rede, das Wort begeisterte
zum Gesang.
Und will man verstehen, was Kitharaspiel und Gesang in Griechen-
land waren, so mufi man sie ansehen als Blute des Chorreigens. Aus
dem Tanze heraus erlebte der Mensch dasjenige, was ihn inspirierte
zum Bewegen der Saiten, so dafi er den Ton horen konnte aus dem
Chorreigen heraus. Aus der menschlichen Bewegung erlebte der Mensch
dasjenige, was sich ergofi in sein Wort, so daft das Wort zum Gesang
wurde.
Gymnastische und musische, musikalische Bildung war dasjenige,
was wie die Erziehungs- und Unterrichtssphare alles durchwallte und
durchwebte in einer solchen griechischen Palastra. Aber was als Mu-
sisch-Seelisches gewonnen wurde, es war geboren aus dem, was in wun-
derbarer Gesetzmaftigkeit als auflere kbrperliche Bewegung sich ab-
spielte in den Tanzbewegungen in den griechischen Palastren.
Und wenn man heute durch eine unmittelbare Anschauung naher
eingeht auf dasjenige, was nun eigentlich der den Barbaren unbekannte
Sinn dieser geformten Bewegungen in einer griechischen Palastra war,
dann findet man: Wunderbar sind da alle Bewegungsformen einge-
richtet, wunderbar sind die Bewegungen des einzelnen Menschen ein-
gerichtet! - So dafi das Nachste, was nun daraus als Konsequenz sich
ergibt, nicht etwa gleich das Musikalische ist, das ich charakterisiert
habe, sondern noch ein anderes.
Wer eingeht auf jene Mafte, auf jene Rhythmen, die hineingeheim-
ntfk wurden in die Orchestrik, in den Chorreigentanz, der findet, dafi
man nicht besser heilend, gesundend wirken kann auf das menschliche
Atmungssystem und auf das menschliche Blutzirkulationssystem, als
wenn man gerade solche korperlichen Ubungen ausf iihrt, wie sie in die-
sem griechischen Chorreigen ausgefiihrt wurden.
Wenn man die Frage aufgestellt hatte: Wann atmet der Mensch am
besten ganz von selber? Wie bringt der Mensch am besten sein Blut
durch die Atmung in Bewegung? - so hatte man antworten miissen: Er
mufi sich aufierlich bewegen, er mulS als Knabe vom siebenten Jahre an
tanzartige Bewegungen ausfiihren, dann unterliegt sein Atmungs- und
Blutzirkulationssystem nicht der Dekadenz, sondern der Heilung, wie
man dazumal sagte.
Und alle diese Orchestrik war darauf abgesehen, Atmungssystem
und Blutzirkulationssystem in der vollkommensten Weise beim Men-
schen auszudriicken. Denn man war iiberzeugt: Derjenige, der richtig
die Blutzirkulation hat, in dem wirkt diese Blutzirkulation bis in die
Fingerspitzen, so dafi er aus dem Instinkt heraus die Saiten der Kithara,
die Saiten der Leier in der richtigen Weise bewegt.
Das ergibt sich als Blute der Blutzirkulation. Das ganze rhythmische
System des Menschen wurde durch den Chorreigen in der richtigen
Weise angefacht. Daraus erwartete man dann in der Konsequenz das
Musisch-Geistige in bezug auf das Spielen, und man wuftte: wenn der
Mensch als einzelner Mensch im Chorreigen mit seinen Gliedern in ent-
sprechender Weise Bewegungen ausfuhrt, so inspiriert dies das At-
mungssystem, so dafi es auf naturlich-elementare Weise in einer gei-
stigen Weise in Bewegung kommt.
Aber zugleich ergibt sich als eine letzte Konsequenz, daft der Atem
iiberfliefit in dasjenige, was der Mensch durch seinen Kehlkopf und
die anderen in Verbindung stehenden Organe nach aufien offenbart.
Man wufite: wenn man heilsam durch den Chorreigen auf das
Atmungssystem wirkt, so entf lammt die richtige Heilung des Atmungs-
systems den Gesang. Und so wurde aus dem richtigen Organismus, den
man zuerst in einer richtigen Weise erzog durch den Chorreigen, als
hochste Blute, als hochste Konsequenz Kitharaspiel und Gesang her-
vorgeholt.
So sah man eine innerliche Einheit, eine innerliche Totalitat fiir den
irdischen Menschen in dem Physischen und in dem Psychischen, in dem
Spirituellen. Das war durchaus der Geist der griechischen Erziehung.
Und wiederum, sieht man hin auf dasjenige, was insbesondere als
Palastrik gepflegt wurde, von der ja - weil sie sozusagen Allgemeingut
war fiir diejenigen, die uberhaupt in Griechenland zur Erziehung ka-
men - die Erziehungsstatten den Namen haben, und fragt man sich
dann, was da besonders gepflegt wurde, bis in die besonderen Formen,
wie der Ringkampf entwickelt wurde, so zeigt sich, dafi das geeignet
war, zweierlei im Menschen zu entwickeln: zwei Arten, wie der Wille
angeregt wird von den korperlichen Bewegungen aus, so dafi er stark
und kraftig wird nach zwei Seiten. Auf der einen Seite soilte alle Be-
wegung, alle Palastrik im Ringkampf so sein, dafi derjenige, der den
Ringkampf ausfiihrte, eine besondere Gelenkigkeit, Gewandtheit, Be-
weglichkeit, zweckvolle Beweglichkeit in seine Glieder bekam. Das
ganze Bewegungssystem des Menschen sollte so harmonisiert werden,
dafi die einzelnen Teile in der richtigen Weise zusammenwirkten, dafi
der Mensch uberall, wenn er in einer bestimmten Lage des Seelenlebens
war, die zweckvollen Bewegungen gewandt ausfiihrte, so dafi er von
innen aus seine Glieder beherrschte. Die Rundung der Bewegungen
zum zweckvollsten Leben, das war die eine Seite, die ausgebildet
wurde in der Palastrik; die andere Seite war, ich mochte sagen, das
Radiale der Bewegung, wo die Kraft in die Bewegung hineingestellt
werden mufite. Gewandtheit auf der einen Seite - Kraft auf der an-
deren Seite; Aushaltenkonnen und Uberwinden der gegenwirkenden
Krafte einerseits - selber kraftvoll sein konnen, um etwas in der Welt
zu erleben, das war die andere Seite. Gewandtheit, Geschicklichkeit,
aufiere Harmonisierung der Teile in der Kraftentfaltung - auf der
einen Seite; frei in alle Richtungen sein Menschenwesen in die Welt
hinausstrahlen konnen - auf der anderen Seite.
Und man war iiberzeugt, dafi, wenn der Mensch durch die Palastrik
so sein Bewegungssystem harmonisiert, er dann in die richtige Lage
zum ganzen Kosmos kommt. Und man uberliefi dann die Arme, die
Beine, mit der Atmung, wie sie durch die Palastrik ausgebildet war,
dem Wirken des Menschen in der Welt. Man war iiberzeugt: der Arm,
der richtig durch die Palastrik ausgebildet ist, der fiigt sich in jene
Kraftestromung des Kosmos hinein, die dann wiederum zum mensch-
lichen Gehirn geht, und aus dem Kosmos heraus dem Menschen die
grofien Ideen offenbart.
Wie man das Musische nicht von einer besonderen musikalischen
Ausbildung erwartete - die schlofi sich nur an, hauptsachlich erst bei
den Zwanzigjahrigen an dasjenige, was man aus der Blutzirkulation
und aus der Atmung herausholte -, so schlofi sich das, was man zum
Beispiel als Mathematik und Philosophic zu lernen hatte, an die Kor-
perkultur in der Palastrik an. Man wufite, daft das richtige Drehen
der Arme die Geometrie innerlich inspirierte.
Das ist dasjenige, was heute die Menschen auch nicht mehr aus der
Geschichte lesen, was ganz vergessen ist, was aber eine Wahrheit ist
und dasjenige rechtfertigt, was die Griechen taten: den Gymnasten
an die Spitze des Erziehungswesens zu stellen. Denn der Gymnast
erreichte die spirituelle Entwickelung der Griechen am besten dadurch,
daft er ihnen ihre Freiheit liefi, die Kopfe der Menschen nicht voll-
pfropfte und zum Buch machte, sondern die befahigsten Organe des
Menschen in der richtigen Weise in den Kosmos hineinstellte. Dann
wird der Mensch empfanglich fiir die geistige Welt, dessen war er iiber-
zeugt - in ahnlicher Weise noch wie der Orientale, nur in einer spa-
teren Gestalt.
Ich habe zunachst durch eine einleitende Schilderung des alten Er-
ziehungswesens heute nur etwas vor Sie hingestellt wie ein Frage-
zeichen. Und es ist - da man sehr tief schiirfen mu£, will man heute
die richtigen Erziehungsprinzipien finden - schon notwendig, sich zu-
nachst auch in diese Tiefen der Menschheitsentwickelung zu begeben,
um von da aus dann die richtige Fragestellung zu finden fiir dasjenige,
was als Ratsel unseres Erziehungs- und Unterrichtswesens zu losen ist.
Und so wollte ich heute zunachst einmal einen Teil des ganzen
Fragezeichens, das uns beschaftigen soli, vor Sie hinstellen. Die Vor-
trage sollen im weiteren die eben fiir die heutige Zeit angemessene,
ausfiihrliche Antwort bringen auf dieses Fragezeichen, das wir heute
hinstellen, das wir morgen noch in einem gewissen Sinne erganzen
wollen.
So wird die Betrachtungsweise, die wir hier anstellen, das richtige
Verstandnis fiir die grofie Frage sein miissen, die uns die Menschheits-
entwickelung fiir Erziehung und Unterricht aufgibt - und dann das
Schreiten zu denjenigen Antworten, die wir aus der Erkenntnis des
Menschenwesens der Gegenwart heraus fiir diese grofie Frage gerade
in dieser heutigen Zeit gewinnen konnen.
DRITTER VORTRAG
Ilkley, 7. August 1923
Wenn ich Ihnen gestern das griechische Erziehungsideal vor die Seele
zu stellen versuchte, so konnte das nur in der Absicht geschehen,
eben ein Ideal hinzustellen, um an diesem diejenigen Anschauungen
anregen zu lassen, welche unser gegenwartiges Erziehungs- und Unter-
richtssystem beherrschen miissen. Denn es ist eine Unmoglichkeit, in
dem gegenwartigen Zeitpunkte des Menschheitslebens dieselbe Erzie-
hungsmethode zu haben, welche der Grieche hatte. Dessen ungeachtet
kann aber vor alien Dingen eine umfassende Wahrheit in bezug auf
Erziehung und Unterricht gerade an dem griechischen Erziehungs-
ideal gelernt werden; und diese umfassende Wahrheit wollen wir zu-
nachst einmal als schon durch die alte griechische Zivilisation bekraf-
tigt vor unsere Seele hinstellen.
Das griechische Kind wurde bis zu seinem siebenten Lebensjahre im
Hause aufgezogen. Die offentliche Erziehung kummerte sich erst vom
siebenten Lebensjahre ab um das Kind. Im Hause wurde das Kind
aufgezogen, in dem ja auch die Frauen lebten, zuriickgezogen von dem
allgemeinen sozialen Treiben der Manner.
Damit aber ist von vornherein eine Erziehungswahrheit bekraftigt,
ohne deren Erkenntnis man uberhaupt nicht erziehen und unterrichten
kann: daft eben das siebente Lebensjahr als ein besonders wichtiger
Einschnitt in dem kindlichen Alter betrachtet wird.
Sehen wir zunachst auf das allgemeine Charakteristikon in diesem
siebenten menschlichen Lebensjahre, so bietet sich uns dieses dar in
dem Zahnwechsel. Wir weisen damit auf eine Tatsache hin, die im
menschlichen Leben gegenwartig gar nicht genug gewiirdigt wird. Man
sehe nur einmal darauf hin, dafi der menschliche Organismus so ge-
artet ist, dafi er gewissermafien durch ein Erbteil seine ersten Zahne
mitbringt, oder eigentlich die Kraft sich mitbringt, aus dem Organis-
mus heraus diese ersten Zahne, die im siebenten Lebensjahre abgenutzt
sind, hervorzubringen.
Man gibt sich natiirlich vollstandig einem Irrtum hin, wenn man
glaubt, daft die Kraft, die zweiten Zahne um das siebente Jahr herum
hervorzubringen, etwa erst in diesem Lebensalter erwachst. Sie ent-
wickelt sich langsam seit der Geburt und erreicht nur ihre Kulmination
um das siebente Jahr herum, treibt aus der Gesamtheit der mensch-
lichen Organisationskraft dann die zweiten Zahne heraus.
Nun ist das deshalb ein so auflerordentlich wichtiges Ereignis im
gesamten menschlichen Lebenslauf, weil es sich ja nun nicht mehr wie-
derholt, weil diejenigen Krafte, die zwischen der Geburt und dem sie-
benten Jahre da sind, und deren Kulmination eben das Hervorgehen
der zweiten Zahne bedeutet, dann im ganzen menschlichen Erdenleben
bis zum Tode hin nicht mehr wirksam sind.
Diese Tatsache mufi man verstehen. Und man versteht sie nur,
wenn man sich einen unbefangenen Blick wahrt auf dasjenige, was
sonst mit dem Menschen um dieses siebente Lebensjahr herum vorgeht.
Bis zu diesem siebenten Lebensjahre wachst und gedeiht der Mensch,
man mochte sagen, naturhaft. In seiner ganzen Organisation sind noch
nicht voneinander getrennt die natiirlichen Wachstumskrafte, das see-
lische Wesen und das geistige Gebiet. Alles ist bis zum siebenten Jahre
eine Einheit. Indem der Mensch seine organischen Gefafle, sein Ner-
vensystem, seine Blutzirkulation ausbildet, bedeutet diese Ausbildung
der Gefafte, diese Ausbildung des Nervensystems, der Blutzirkulation
zugleich seine seelische und geistige Entwickelung.
Weil alles in diesem Lebensabschnitt noch beisammen ist, ist der
Mensch gewissermafien mit jener starken inneren Stofikraft versehen,
welche die zweiten Zahne hervorbringt. Dann wird diese Stofikraft
schwacher. Sie bleibt etwas zuriick. Sie wirkt nicht mehr so stark aus
dem Inneren des Organismus heraus. Warum? Nehmen wir einmal
an, wir bekamen alle sieben Jahre Zahne. Ich will die Sache von der
Gegenseite aus beleuchten, damit sie uns klar vor der Seele stehen
kann. Nehmen wir an, wir wiirden dieselben organischen Krafte, die
wir bis zum siebenten Lebensjahre haben, jene Einheit von Leib, Seele
und Geist durch das ganze Lebensalter hindurch haben, dann wiirden
wir ungefahr alle sieben Jahre neue Zahne bekommen; die alten wiir-
den ausfallen, wir wiirden neue Zahne bekommen, aber wir wiirden
auch unser ganzes Leben hindurch solche Kinder bleiben, wie wir sind
bis zum siebenten Lebensjahre. Wir wiirden nicht ein von dem natiir-
lichen Leben abgesondertes Seelen- und Geistesleben entwickeln. Dafi
die physische Stoftkraft geringer wird im siebenten Jahre, dafi der
Korper gewissermafien nicht mehr so stark treibt, wuchtet, dafi er
feinere, schwachere Krafte aus sich hervortreibt, das macht, dafi die
feinere Kraft des Seelenlebens sich nun entwickeln kann. Man mochte
sagen: Der Korper wird schwacher, die Seele wird starker.
Ein ahnlicher Vorgang geschieht ja auch dann, wenn der Mensch im
vierzehnten, funfzehnten Jahre geschlechtsreif wird. Da wird das
Seelische wiederum um einen Grad schwacher, und das Geistige tritt
hervor. So dafi im Laufe der drei ersten Lebensabschnitte, bis zum
siebenten Jahre der Mensch vorzugsweise ein korperlich-geistig-seeli-
sches Wesen ist; vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre ein korper-
lich-seelisches, und abgesondert davon ein seelisch-geistiges Wesen, und
von der Geschlechtsreife an ein Wesen in drei Teilen, ein physisches
Wesen, ein seelisches Wesen, ein geistiges Wesen ist.
Das ist eine Wahrheit, die ganz tief hineinschauen lafk in die ganze
menschliche Entwickelung. Ohne dafi man diese Wahrheit wurdigt,
sollte man iiberhaupt nicht herangehen an die Kindererziehung. Denn
ohne daft man von alien Konsequenzen dieser Wahrheit durchdrungen
ist, mufi eigentlich mehr oder weniger jede Kindererziehung dilettan-
tisch werden.
Der Grieche - und das ist das Erstaunliche - wufke um diese Wahr-
heit. Denn das gait bei ihm als ein ganz festes Gesetz: der Knabe mufi
dem Elternhaus entnommen werden, dem rein natiirlichen, elementar
Selbstverstandlichen der Erziehung, wenn er das siebente Lebensjahr
iiberschreitet. Und es war diese Erkenntnis so eingewurzelt, dafi man
sich gerade heute sehr gut daran erinnern sollte. Spater, im Mittelalter,
waren durchaus noch gute Spuren von dieser wichtigen Erziehungs-
wahrheit vorhanden.
Die heutige rationalistische, intellektualistische Zeit hat ja alle solche
Dinge vergessen, und sie mochte sogar auflerlich zeigen, dafi sie keinen
Wert legt auf solche Menschenwahrheiten, und fordert daher die Kin-
der moglichst zu einer anderen Zeit, ein Jahr fruher als das siebente
Lebensjahr vollendet ist, oder gar noch fruher, in die Schule herein.
Man mdchte sagen: Dieses Nichtnachfolgen den ewigen Wahrheiten
der Menschenentwickelung, das bezeichnet gerade das Chaotische unse-
res gegenwartigen Erziehungssystems, aus dem wir uns herausarbeiten
miissen. Der Grieche wiirdigte diese Wahrheit so tief, dafi er eigentlich
alle Erziehung daraufhin veranlagte; denn dasjenige, was ich Ihnen
gestern geschildert habe, geschah eigentlich alles, um die Erziehung in
das Licht der eben ausgesprochenen Wahrheit zu riicken.
Und was sah der Grieche in dem kleinen Kinde von der Geburt bis
zum Zahnwechsel? Er sah in ihm ein Wesen, das heruntergeschickt
worden ist aus spirituellen Hohen auf die Erde. Er sah in dem Men-
schen ein Wesen, das ein Leben gehabt hat vor dem irdischen Leben
in einer geistigen Welt. Und indem er das Kind ansah, suchte er in
dem Korper zu erkennen, ob dieser Korper in einer richtigen Weise
das gottliche Leben des vorirdischen Daseins zum Ausdruck bringt.
Es war dem Griechen wichtig, in dem Kinde bis zum siebenten
Lebensjahr anzuerkennen: da umschliefk ein physischer Korper ein
heruntergestiegenes spirituelles Wesen. Es gab eine furchtbar barba-
rische Sitte in Griechenland in gewissen Gegenden: diejenigen Kin-
der, von denen man instinktiv glaubte, da!5 sie nur Hiillen seien, dafi
sie nicht eine richtige spirituelle Wesenheit in ihrem Physischen zum
Ausdruck bringen, sogar auszusetzen und dadurch zu toten. Aber das
hangt zusammen mit einem starren Hinschauen auf den Gedanken:
Dieses physische Menschenwesen ist in seinen ersten sieben Lebens-
jahren eine Umhullung eines gottlich-geistigen Wesens.
Und wenn das Kind dann sein siebentes Lebensjahr iiberschreitet,
dann steigt es eigentlich iiber eine zweite Stufe nieder. Das Kind ist
gewissermafien in den ersten sieben Lebensjahren vom Himmel ent-
lassen, tragt noch an sich seine eigene ererbte Hiille, die es mit dem
siebenten Jahre ablegt; und es werden ja nicht nur die ersten Zahne,
sondern der ganze Korper alle sieben Jahre abgelegt, also zum ersten
Male mit dem siebenten Lebensjahre. Das Kind zeigt in diesen ersten
sieben Lebensjahren fur den Griechen in dieser korperlichen Hiille das-
jenige, was noch die Krafte des vorirdischen Lebens aus ihm gemacht
haben. Und seine eigentliche, seine erste irdische Hiille, die tragt es erst
vom siebenten Jahre ungefahr bis zum vierzehnten Lebensjahre an sich.
Verehren wir - ich mochte dies jetzt mit den Gedanken ungefahr
zum Ausdruck bringen, mit denen die besten Griechen dieses ange-
sehen haben - das Gottliche in dem kleinen Kinde. Wir brauchen uns
um das kleine Kind in den ersten sieben Lebensjahren nicht zu kiim-
mern, so dachte der Grieche, da kann es aufwachsen in der Familie,
in die es die Gotter hineingestellt haben. Da wirken noch aus dem vor-
irdischen Leben die iiberirdischen Krafte in ihm. Mit dem siebenten
Jahre mufi die Menschheit selber die Entwickelung der Krafte in die
Hand nehmen.
Was mufi dann diese Menschheit als Erzieher tun, wenn sie selber
in der richtigen Weise das Gottliche im Menschen zu verehren weifi?
Sie mufi moglichst das fortsetzen, was an Menscheninitiative bis zum
siebenten Jahre in dem Kinde sich vollzogen hat. Setzen wir also das
gottliche Waken, wie sich das Geistige im Korperlichen zum Ausdruck
bringt, moglichst fort. So mufite es dem Gymnasten eingescharft wer-
den, Gotteswalten im Menschenkorper zu verstehen und im Menschen-
korper fortzusetzen. Dieselben gesundenden, dieselben lebenserhalten-
den Krafte, die es mitbekommen hat aus dem vorirdischen Leben und
rein elementar gepflegt hat bis zu seinem Zahnwechsel, die sollten dem
Kinde vom siebenten bis zum vierzehnten oder fiinfzehnten Jahre
erhalten werden durch menschliche Einsicht, durch menschliche Kunst.
Ganz im Sinne des natiirlichen Daseins sollte dann weiter erzogen
werden. Daher war alle Erziehung eine gymnastische, weil man die
gottliche Erziehung des Menschen als eine Gymnastik ansah. Der
Mensch mufi fortsetzen durch seine Erziehung die gottliche Gymnastik.
Der Grieche stand dem Kinde ungefahr in der Art gegenuber, dafi
er sich sagte: Wenn ich moglichst frisch, moglichst gesund erhalte, was
das Kind an Wachstumskraften bis zum siebenten Jahre entwickelt
hat, wenn ich das frisch und gesund erhalte durch meine Einsicht,
wenn ich das Kind so erziehe, dafi die Krafte, die bis zu dem siebenten
Jahre von selbst da sind, das ganze Erdenleben hindurch bis zum Tode
bleiben, dann erziehe ich das Kind am allerbesten.
Das war das grofie, machtige Prinzip der griechischen Erziehung,
diese ungeheuer einschneidende Maxime: zu sehen, dafi das Kind im
Menschen bis zum Tode nicht verlorengehe. Sehen wir zu - so dachte
etwa der griechische Erzieher — , daft der Mensch durch sein ganzes
Erdenleben bis zum Tode die Krafte des Kindes sich bewahren kann.
Sorgen wir zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre, daft diese
Krafte lebendig bleiben! Eine ungeheuer einschneidende, bedeutungs-
volle Erziehungsregel. Denn nun waren alle gymnastischen Obungen
darauf angelegt, gewissermaften zu sehen: diese Krafte, die bis zum
siebenten Jahre da waren, sie sind ja gar nicht fort, sie schlafen nur
im Menschen. Man mufi sie von Tag zu Tag aufwecken. Das Auf-
erwecken von schlafenden Kraften zwischen dem siebenten und vier-
zehnten Lebensjahre, das war die gymnastische Erziehung der Grie-
chen: alles das im zweiten Lebensabschnitt aus dem Menschen nur her-
auszuholen, was im ersten Abschnitt von selber da ist.
Daft der Grieche bemiiht war, durch Einpflanzung der richtigen Er-
ziehung das Kind im Menschen bis zum Tode zu erhalten, das machte
gerade die Grofte der griechischen Kultur und griechischen Zivilisation
aus. Und wenn wir bewundernd vor dieser Grofte stehen, dann miis-
sen wir uns fragen: Konnen wir ein solches Ideal nachahmen? Wir
konnen es nicht. Denn auf drei Voraussetzungen beruht es, ohne die
es gar nicht denkbar ist.
Diese drei Voraussetzungen, die muft wiederum der heutige Er-
zieher haben, wenn er nach Griechenland hiniiberschaut. Das erste ist:
Diese Erziehungsmaximen waren nur fiir einen kleinen Teil der
Menschheit da, fiir eine obere Schicht, und sie setzten voraus, daft die
Sklaverei da war. Ohne daft die Sklaverei dagewesen ware, ware mit
der griechischen Art und Weise nicht eine kleine Menschheitsschicht in
dieser Art zu erziehen gewesen. Denn um in dieser Weise zu erziehen,
muftte ein Teil dessen, was der Mensch auf Erden zu verrichten hat,
von denjenigen verrichtet werden, die man ihrem elementaren Men-
schenschicksal iiberlieft, ohne sie eigentlich in der Weise zu erziehen,
wie man es in Griechenland fiir richtig hielt. Wie die ganze griechische
Zivilisation nicht ohne diese Sklaverei zu denken ist, ebensowenig ist
die griechische Erziehung ohne die Sklaverei zu denken.
Und so hat eigentlich gerade fiir denjenigen, der mit inniger Be-
friedigung und mit Entziicken hinschaut nach dem, was Griechenland
geleistet hat in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, dieses
Entziicken den furchtbar tragi schen Beigeschmack, dafi es auf Kosten
der Sklaverei erkauft werden muftte. Das war die eine Voraussetzung.
Die zweite Voraussetzung war die ganze Stellung der Frau im grie-
chischen sozialen Leben. Die Frauen lebten zuriickgezogen von dem,
was eigentlich griechische Kultur in den Impulsen aus erster Hand
machte. Und dieses zuriickgezogene Leben machte auch einzig und
allein moglich, daft das Kind bis zum siebenten Jahre dem reinen In-
stinkt im Hause iiberlassen worden ist. Denn dieser Instinkt wurde
dadurch ohne alles Wissen gepflegt. Aus einem menschlichen Instinkt
heraus wurde das Kind durch die elementaren Krafte seines Wachs-
tums bis zum Zahnwechsel hingefuhrt.
Man mochte sagen: Es war notwendig, daft ebenso unbewufit, wie
durch die Naturkrafte das Embryonalleben des Kindes ablauft, ebenso
unbewuftt, wenn auch um einen Grad verschieden, das Leben bis zum
Zahnwechsel in dem weiteren Schofie der Familie, der den Mutter-
schofi abloste, sich entwickelte. Das war die zweite Notwendigkeit.
Und die dritte Bedingung ist fiir den modernen Menschen sogar
etwas paradox; aber der moderne Mensch wird sich schon dazu be-
quemen miissen, auch diese dritte Bedingung einzusehen. Die zweite
Bedingung, wie die Stellung der Frau eben in Griechenland war, die
ist ja leichter einzusehen, denn man weifi aus einer sehr oberflachlichen
Beobachtung des modernen Lebens, dafi eben zwischen dem Griechen-
tum und heute gerade durch dasjenige, was sich dann im Verlaufe des
Mittelalters abgespielt hat, in der Neuzeit eben die Frauen ihren ent-
sprechenden Anteil am sozialen Leben gesucht haben. Und wiirden wir
noch so sein wollen, wie es die Griechen waren, mit dem ausschliefi-
lichen Interesse der Manner an diesem bewufiten Erziehungswesen,
dann mochte ich einmal sehen, wie klein dieses Auditorium ware, wenn
es nur besucht sein sollte von den Mannern, die sich fiir die Erziehung
interessieren diirften!
Aber die dritte Bedingung, die liegt eben schon tiefer, und sie ist
eine solche, welche aus der modernen Zivilisation heraus am wenigsten
zugegeben werden will. Das ist: Wir erringen dasjenige, was wir als
geistiges Leben haben, durch menschliche Anstrengung. Wir miissen
es uns durch aktive Arbeit erringen. Und derjenige, der durchschaut
die aktive Geistesarbeit des Zivilisationslebens, der wird sich sagen
miissen: Eigentlich miissen wir fiir die wichtigsten Gebiete des Zivi-
lisationslebens erst iiberhaupt auf dasjenige rechnen, was wir uns in
der Zukunft erringen werden durch menschliche Arbeit.
Wenn wir auf all das sehen, was wir an menschlicher Arbeit an-
wenden miissen, um uns ein Geistesleben in der gegenwartigen Zivili-
sation zu erringen, dann blicken wir mit einigem Erstaunen hin auf
das Geistesleben der alten Griechen, namentlich der alten Orientalen.
Denn dieses Geistesleben war da. Eine solche Wahrheit, die der heu-
tige Mensch iiberhaupt noch nicht begreift: welche Rolle das siebente
Lebensjahr im menschlichen Leben spielt - man kann es aus aufieren
Symptomen andeuten, was das bedeutet, aber vom Begreifen ist die
heutige Zivilisation noch ganz entfernt eine solche Wahrheit war
tief durchgedrungen in Griechenland, war eine von den groften Wahr-
heiten, die durch das alte Geistesleben hindurchstromen und denen wir
bewundernd gegeniiberstehen, wenn wir kennenlernen, was in alten
Zeiten einmal die Menschheit als Urweisheit, als ein spirituelles Wissen
gehabt hat.
Gerade wenn wir, unbeirrt durch die modernen materialistischen
und naturalistischen Vorurteile, zuriickgehen in urspriingliche Mensch-
heitszivilisationen, so finden wir uberall im Beginne des geschichtlichen
Lebens eine eindringliche Weisheit, aus der heraus der Mensch sein
Leben eingerichtet hat.
Diese Weisheit war nicht eine durch die Menschheit erworbene,
sondern sie war eine der Menschheit durch Offenbarung, durch eine
Art Inspiration zugekommene. Das ist dasjenige, was die moderne
Zivilisation nicht zugeben will. Nicht zugeben will sie, dafi auf eine
geistige Art dem Menschen eine Urweisheit gegeben ward, wobei er
sich eigentlich so entwickelte, daft noch in Griechenland darauf ge-
sehen wurde, das Kind im Menschen bis zum Erdentode zu erhalten.
Diese Offenbarung der Urweisheit, sie ist - und das hangt mit der
ganzen Entwickelung der Menschheit zusammen - nicht mehr da. Der
Fortschritt des Menschen besteht zum Teil darinnen, dafi er nicht mehr
eine ohne sein Zutun ihm geoffenbarte Urweisheit bekommt, dafi er
sich durch seine eigene Arbeit seine Urweisheit erringen mufi. Das hangt
innig zusammen mit der Entwickelung des Impulses der menschlichen
Freiheit, der in der Gegenwart in seiner grofiten Entwickelung steht.
Der Fortschritt der Menschheit ist nicht ein solcher, wie man sich leicht
vorstellt, der fortwahrend gerade aufsteigt von einer Stufe zur ande-
ren; sondern was der Mensch in der neueren Zeit aus sich selbst er-
ringen muf$, das mufi er sich dadurch erringen, daf$ er verloren hat
das sich von aufien Offenbarende, das die tiefsten Weistiimer in sich
geschlossen hat.
Der Verlust der Urweisheit, die Notwendigkeit, durch eigene
menschliche Arbeit zur Weisheit zu kommen, das ist dasjenige, was mit
der dritten Vorbedingung fur die griechische Erziehung zusammen-
hangt.
So dafi wir sagen konnen: Die griechische Erziehung, wir konnen
sie bewundern, sie ist aber an drei Vorbedingungen geknupft: an das
antike Sklaventum, an die antike Stellung der Frau, an die antike
Stellung der spirituellen Weisheit und des, spirituellen Lebens. Alle
drei sind heute nicht mehr da, wiirden heute nicht mehr als menschen-
wiirdig angesehen werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Frage
entsteht: Wie miissen wir erziehen, wenn wir uns bewufk sind, dafi
diese drei Vorbedingungen gerade durch den Fortschritt der Mensch-
heit hinweggeraumt sind? So miissen wir auf die Zeichen der Zeit hin-
sehen, wenn wir aus inneren Griinden heraus den richtigen Impuls fur
eine moderne Erziehung gewinnen wollen.
Im Grunde war nun die ganze sogenannte mittelalterliche Entwicke-
lung der Menschheit, die auf das Griechentum folgte, und sogar bis
zum heutigen Tag, ein durch die Tatsache dieser Menschheitsentwicke-
lung selbst gelieferter Beweis, dafi die Menschheit in bezug auf Er-
ziehung und Unterricht andere Wege einschlagen miisse, als die fur
eine altere Zeit so gesicherten griechischen Wege waren. Die Menschen-
natur wurde eben eine andere. Es beruht die Wirksamkeit, die Sicher-
heit der griechischen Erziehung darauf, dafi sie gebaut war auf die
menschliche Gewohnheit, auf dasjenige, was sich einbauen lafit in den
menschlichen Korper.
Bis zum siebenten Lebensjahre, bis zum Zahnwechsel, entwickelt sich
die menschliche Wesenheit in innigem Zusammenhange mit dem Kor-
per. Der Korper aber entwickelt sich so, dafi seine Verrichtungen wie
unbewufit ausgeiibt werden. Ja, sie sind erst dann die richtigen siche-
ren Fahigkeiten, wenn sie unbewufit wirken; wenn ich mir dasjenige,
was ich tun soil, angeeignet habe im Handgriff, zu dem ich gar nicht
mehr irgendwelche intellektuelle Oberlegung brauche, sondern der sich
von selber ausfuhrt. Wenn ich die Obung zur Gewohnheit gebracht
habe, dann habe ich dasjenige sicher errungen, was ich durch den
Korper erringen soil.
So aber in Gewohnheiten ausbilden wollte das griechische Leben
im Grunde genommen das ganze menschliche Erdendasein. Was der
Mensch tun sollte bis zu seinem Tode hin von seiner Erziehung an, das
sollte eigentlich gewohnheitsmafiig getan werden, so gewohnheits-
mafiig, dafi man es eigentlich gar nicht unterlassen kann. Dann, wenn
man die Erziehung so anlegt, auf so etwas hinorientiert, dann kann
man das, was dem Menschen bis zum Zahnwechsel, bis zum sieben-
ten Jahre naturlich 1st, forterhalten; dann kann man die kindlichen
Krafte forterhalten, bis der Mensch das Erdendasein durch den Tod
vollendet.
Was aber trat nun durch jene geschichtlichen Ereignisse ein, wo
ganz andere Volkerschaften von Osten nach dem Westen wahrend des
Mittelalters heriiberfluteten, die namentlich in Mitteleuropa und im
Westen sich festsetzten, bis nach Amerika hin sich festsetzten und eine
neue Zivilisation begrundeten, wo aufgenommen wurde vom Siiden
her dasjenige, was diesem Siiden naturlich war, wodurch aber eben
ganz andere Lebensgewohnheiten in die Menschheit hineinkamen? Das
bedingte auch eine ganz andere individuelle Menschenentwickelung.
Ein Mensch kam zum Beispiel herauf mit dem Bewufitsein: Sklaverei
darf es nicht geben, die Frau mufi respektiert werden, gleichzeitig da-
mit kam in der individuellen Menschenentwickelung das Bewufksein
herauf : dafi der junge Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten
Lebensjahre - wo also die Entwickelung nicht mehr eine leibliche allein
ist, sondern die Seele gewissermaiten von dem Korper emanzipiert ist -
sich nicht mehr gefallen lafit, die Konservierung der Kindheit so fort-
zusetzen, wie sie bisher iiblich war.
In dem Lebensalter zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre
ist dies das wichtigste geschichtliche Ereignis des Mittelalters und bis
herauf in die neuere Zeit. Und heute erst sehen wir die groften Krafte,
wo die Menschennatur am starksten revoltiert, wenn sie iiber das vier-
zehnte, fiinfzehnte Jahr hinausgewachsen ist und eben noch das in sich
tragt, was da revoltiert.
Wie driickte sich dieses Revoltieren in der Menschennatur aus? Aus
der spirituellen Urweisheit, die bei den Griechen sozusagen noch wie
eine Selbstverstandlichkeit herunterfloft, wurde unter der romisch-
mittelalterlichen Tradition dasjenige, was nur noch durch das Buch,
nur durch die Schrift aufbewahrt war, und in der Tat nur auf die
Autoritat der Tradition hin geglaubt wurde. Der Glaubensbegriff , wie
er sich wahrend des Mittelalters entwickelte, war im Altertum und
noch bei den Griechen gar nicht da. Das ware fiir das Altertum und
fur die Griechen ein Nonsens gewesen. Der Glaubensbegriff entwik-
kelte sich erst, als die Urweisheit nicht mehr unmittelbar flofi, sondern
nur noch aufbewahrt, konserviert war.
Und so ist ja im Grunde genommen fiir den grofken Teil der Mensch-
heit alles, was sich auf das Spirituelle, Ubersinnliche bezieht, noch
heute Tradition, Oberlieferung; es wird geglaubt, es ist nicht mehr
unmittelbar da. Die Natur und ihre Anschauung ist unmittelbar da;
dasjenige, was sich auf das Ubersinnliche und dessen Leben bezieht,
ist iiberliefert, ist Tradition. Dieser Tradition gibt sich ja die Mensch-
heit hin bis herauf in das Mittelalter und weiterhin, indem sie ja zu-
weilen meint, sie erlebe dies. Aber die Wahrheit ist diese, dafi eben
ein unmittelbar spirituelles Wissen, ein Geoffenbartes, das zum schrift-
lich Aufbewahrten wurde, von Generation zu Generation als Erb-
schaft da war, und nur auf die Autoritat der Tradition hin lebte. Das
war das Aufiere. Und was war das Innere? Nun, sehen wir noch ein-
mal zuriick nach Griechenland.
Durch die gewohnheitsmafiige Aneignung des ganzen Menschen-
wesens, wodurch das Kind bis zum Tode im Erdenmenschen bewahrt
wurde, entwickelten sich die Seelenfahigkeiten wie von selbst; fiir das
Musische, wie ich es gestern dargestellt habe aus der Atmung, aus der
Blutzirkulation heraus, und fiir den Intellekt, wie ich es dargestellt
habe, aus der Gymnastik heraus. Es entwickelte sich bei dem Griechen,
ohne dafi es gepf legt wurde - weil man die korperlichen Gewohnheiten
entwickelte aus dieser Summe der korperlichen Gewohnheiten ein
wunderbares Gedachtnis. Wir haben in unserer Zeit gar keinen Begriff
mehr von dem, was sich beim Griechen noch als Gedachtnis entwickelte,
ohne dafi es gepflegt worden ist - und im alten Orient war das noch
bedeutsamer. Der Korper wurde gepflegt, die Gewohnheiten wurden
gepflegt, und da brachte der Korper selber das Gedachtnis hervor.
Durch seine richtige Pflege brachte der Korper ein wunderbares Ge-
dachtnis hervor.
Dafi wir von einem solchen Gedachtnis, wie es die Griechen hatten,
wodurch in wunderbarer Weise ihre Geistesschatze so leicht iiberliefert
und Gemeingut werden konnten, keinen rechten Begriff haben, dafiir
ist ein lebendiger Beweis der, dafi wir bei Vortragen, die dann die
Leute haben wollen, an die sie sich erinnern wollen, Stenographen
mitnehmen miissen, eine fur die griechische Zivilisation ganz absurde
Tatsache. Denn wozu brauchte man denn dasjenige, was man ja hoch-
stens weggeworfen hatte! Das Gedachtnis bewahrte das alles treu, weil
es getragen wurde von korperlicher Tiichtigkeit. Die Seele entwickelte
sich selber aus der korperlichen Tiichtigkeit heraus. Indem sie sich
entwickelt hatte, stand sie gegeniiber dem, was wie durch Offenbarung
von selbst da war: der spirituellen Urweisheit.
Diese spirituelle Urweisheit war nun nicht mehr da; sie war Tradi-
tion. Sie mufite von Generationen zu Generationen durch eine die Tra-
dition bewahrende Priesterschaft aulSerlich getragen werden. Und in-
nerlich mufite man anfangen, dasjenige zu pflegen, woran der Grieche
als an eine Notwendigkeit, es zu pflegen, gar nicht gedacht hatte. Man
fing immer mehr und mehr an in dem mittelalterlicheh Erziehungs-
wesen, das Gedachtnis pflegen zu miissen. Man einverleibte dem Ge-
dachtnis dasjenige, was traditionell bewahrt wurde.
So hatte man aufien die historische Tradition, innerlich Erinnerung
und Gedachtnis erziehungsmafiig zu pflegen; das erste Seelische, das
man pflegte, als die Seele sich emanzipiert hatte: das Gedachtnis. Und
wer da weifi, welcher Wert noch vor kurzem in dem Schulwesen auf
das Gedachtnis gelegt worden ist, der kann auch beurteilen, wie zah
sich diese Pflege des Gedachtnisses, die durch eine historische Notwen-
digkeit heraufgekommen ist, forterhalten hat.
Und so schwankt das ganze Mittelalter hindurch das Erziehungs-
wesen wie ein Schiff im Sturme dahin, das sich nicht recht halten kann;
denn der Seele des Menschen kommt man am schwersten bei. Dem
Korper kommt man bei; iiber den Geist kann man sich verstandigen;
die Seele aber sitzt so im Individuellen des Menschen, daft man ihr
am schwersten beikommt.
Das alles war aber eine Seelenangelegenheit. Ob der Mensch den
innerlichen Seelenweg fand zu jenen Autoritaten hin, die ihm die Tra-
dition bewahrten; ob die Pietat so heranwachsen konnte, daft das
Wort, das der mittelalterliche Priesterlehrer verkiindigte, um die Tra-
dition bei der Menschheit zu befestigen, stark genug war; ob diese Pietat
groft genug werden konnte: das alles war seelische Angelegenheit. Und
die Erinnerung pflegen, das Gedachtnis pflegen, und bei dieser Pflege
des Gedachtnisses nicht den Menschen vergewaltigen, so daft man ihm
wie suggestiv gewisse Dinge einpragt, die man bei ihm haben will: da-
zu gehort seelischer Takt.
Was da notwendig war, um der Seelenzivilisation des Mittelalters
in der richtigen Weise beizukommen, das wurde ebenso oft beobachtet
von taktvollen Menschen, wie es aufter acht gelassen wurde von takt-
losen Menschen. Und in diesem Schwanken zwischen demjenigen, was
der menschlichen Seele gut bekam, und demjenigen, was die mensch-
liche Seele im Tiefsten beleidigte, befand sich die Erziehung des Mit-
telalters. Vieles, vieles hat sich von dieser Erziehung des Mittelalters,
ohne daft die Menschen es bemerken, bis in die Gegenwart hinein er-
halten.
Diese Erziehung des Mittelalters ist aber so geworden, well zunachst
die Seele nicht mehr das «Kind» bewahren wollte, weil sie selbst er-
zogen werden sollte. Und sie konnte nur erzogen werden nach den
Zeitumstanden durch Tradition und Gedachtnis. - Wenn der Mensch
zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre ist, dann ist eine Art
labiler Zustand in seinem Menschenwesen. Das Seelische wirkt im
Menschen nicht in jener Festigkeit wie das Korperliche bis zum sieben-
ten Jahre hin, und die Orientierung durch den Geist ist noch nicht da.
Alles gewinnt einen intimen Charakter, der Pietat und Zartheit not-
wendig macht.
Das alles liefS das Erziehungswesen durch lange Zeit innerhalb der
Menschheitsentwickelung eben auch in ein unbestimmtes, unklares
Fahrwasser kommen, liefi die Zeit, in der Tradition und Gedachtnis
gepflegt werden mufiten, als eine fiir das Erziehungswesen au£er-
ordentlich schwierige erscheinen. Heute leben wir in einer Zeit, in der
der Mensch durch seine naturgemaiSe Entwickelung nun eine andere
Sicherheit haben will als diejenige, die auf solchen labilen Grundlagen
beruhte, wie sie das Mittelalter hatte. Und dieses Suchen nach anderen
Grundlagen, das driickt sich aus in den zahlreichen Bestrebungen nach
erzieherischen Reformen in unserer Zeit.
Aus der Erkenntnis dieser Tatsache ist die Waldorfschul-Padagogik
hervorgegangen. Sie ruht auf der Frage: Wie kann erzogen werden,
wenn die Seele zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre
weiterbehalt die Revoke gegen das Konservieren der Kindheit? Wie
kann aber erzogen werden, wenn der Mensch aufierdem noch jenes
alte, mittelalterliche Verhaltnis zu Tradition und Gedachtnis verloren
hat, wie er es eben verloren hat in der neueren Zeit? Aufien hat der
Mensch das Vertrauen zur Tradition verloren; innen will der Mensch
ein freies Wesen werden, das in jedem Augenblicke unbefangen dem
Leben gegenuberstehen will. Er will nicht sein ganzes Leben hindurch
auf einer Erinnerungsgrundlage stehen.
Das ist der moderne Mensch, der nun innerlich wieder von Tra-
dition und Gedachtnis frei werden will. Und wie sehr auch gewisse
Glieder unserer Menschheit heute noch die alte Zeit konservieren moch-
ten - es geht nicht. Einfach die Tatsache der vielen Erziehungs-Re-
formbestrebungen zeigt an, dafi die grolSe Frage vor uns steht: Wie
miissen wir weiter erziehen, wenn nun - geradeso wie fiir das Mittel-
alter die Unmoglichkeit eingetreten ist, im griechischen Sinne zu er-
ziehen - heute die Notwendigkeit vorliegt, nicht mehr blofi auf Tradi-
tion und Gedachtnis hin erziehen zu konnen, sondern erziehen zu
miissen auf den unmittelbaren Lebensaugenblick, durch den der Mensch
in das Dasein auf Erden hineingestellt ist, wo er aus den augenblick-
lich gegebenen Tatsachen heraus als freier Mensch zur Entscheidung
kommen mufi? Wie miissen wir freie Menschen erziehen? - Das ist die
Frage, die heute eigentlich zum ersten Male in dieser Intensitat vor die
Menschheit hingestellt wird.
Mit Riicksicht auf die schon vorgeriickte Zeit will ich, um den Ge-
danken ganz abzuschlieften, dies nur noch in wenigen Satzen tun, und
dasjenige, was als notwendige Erziehungsmethode fur die Gegenwart
zu charakterisieren ist, dann fiir den morgigen Vortrag versparen.
Sieht man hin auf die griechische Erziehung, so mull man den Gym-
nasten anerkennen als den Bewahrer der Kindheit in den zweiten
menschlichen Lebensabschnitt des Kindes hinein, in das Lebensalter
zwischen dem siebenten und vierzehnten und fiinfzehnten Jahre hin-
ein. Das «Kind» soli bewahrt werden. Die Krafte der Kindheit sollen
dem Menschen bleiben bis zu seinem Erdentode hin; er darf diese
Krafte konservieren. Der griechische Erzieher, der Gymnast, hat im
ganzen dasjenige zu pflegen, worauf er hinweisen mufi, wenn er das
Kind zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre vor sich
hat, als auf die Naturgrundlage. Die vererbte Naturgrundlage des
Kindes, die mufi er aus seiner spirituellen Weisheit heraus zu beurtei-
len verstehen, deren Konservator mufi er werden.
Indem die mittelalterliche Menschheitsentwickelung iiber diese
Dinge hiniibergegangen ist, entwickelte sich unsere Gegenwart heraus.
Dasjenige, was der moderne Mensch eigentlich in der sozialen Ordnung
ist, das wird erst jetzt eine gewisse Bewufttseinstatsache. Diese Be-
wufitseinstatsache kann im individuellen Menschenleben sich nicht
friiher vollziehen als nach der Geschlechtsreife, nach dem vierzehnten,
fiinfzehnten Lebensjahre. Da tritt im Menschenwesen dasjenige her-
vor, was ich wiederholentlich in den nachsten Vortragen zu charak-
terisieren haben werde als das Bewufitsein der eigentlichen Wesenheit
der inneren menschlichen Freiheit. Da kommt der Mensch eigentlich
zu sich selbst. Und wenn, wie das ja heute zuweilen geschieht, Men-
schen unter dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahre, vor der Geschlechts-
reife zu diesem Bewufksein gekommen zu sein glauben, so ist das nur
eine Nachaffung des spateren Lebensalters. Es ist keine ursprungliche
Tatsache. Diese ursprungliche Tatsache, die nach der Geschlechtsreife
eintritt, suchte der Grieche geradezu fur den Menschen zu vermeiden;
denn die Starke, mit der er die Natur, das Kind hereinrief in das
Menschendasein, umdunkelte, verfinsterte das voile Erleben dieses Be-
wufkseinsaugenblicks nach der Geschlechtsreife. Der Mensch ging wie
im dumpfen Bewufitsein, durch die Natur zuriickgehalten, durch diese
Tatsache hindurch.
Die menschliche Entwickelung im Laufe der Geschichte ist so, daft
der Mensch das jetzt nicht mehr kann. Diese Bewufkseinstatsache
wiirde mit elementarer, vulkanischer Gewalt nach der Geschlechts-
reife hervorbrechen, wenn man versuchen wollte sie zuriickzuhalten.
Daher rechnete der Grieche in dem Lebensalter, das wir das volks-
schulmafiige Lebensalter nennen, zwischen dem siebenten und vier-
zehnten Jahre, mit dem ersten natiirlichen Leben des Kindes.
Wir haben zu rechnen mit dem, was auf die Geschlechtsreife folgt,
was der von uns durch sieben Jahre gefiihrte Knabe, oder das durch
sieben Jahre gefiihrte Madchen, nach der Geschlechtsreife als das voile
Menschenbewufksein erleben werden. Wir diirfen das nicht mehr in
ein traumhaftes Dunkel hinuntertauchen, wie es bei den Griechen, bei
den hervorragendsten Griechen der Fall ist, selbst noch bei Plato und
Aristoteles, die, weil es bei ihnen der Fall war, die Sklaverei als etwas
Selbstverstandliches hingenommen haben. Weil die Erziehung so war,
dafi sie diese wichtigste Menschen tatsache nach der Geschlechtsreife
verdunkelte, konnte der Grieche Bewahrer der ersten Kindheit sein
zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre.
Wir miissen Propheten des spateren Menschentums werden, wenn
wir in der richtigen Weise erziehen wollen. Der Grieche konnte sich
dem Instinkt uberlassen, denn er hatte die Naturgrundlage weiter zu
konservieren. Wir miissen als Erzieher Intuitionen entwickeln konnen.
Wir miissen alles Menschliche vorausnehmen konnen, wenn wir Er-
zieher und Unterrichter sein wollen. Denn das wird das Wesentliche
sein in unserer Erziehung, dafi wir in das Kind zwischen dem sieben-
ten und vierzehnten Lebensjahre dasjenige hineinbringen, woran sich
das Kind spater, wenn es zum charakterisierten Menschheitsbewufitsein
kommt, so erinnern kann, daft es mit einer inneren Befriedigung blickt
auf das, was wir in es hineingepflanzt haben, dafi es zu uns «Ja» sagt,
wenn wir seine Lehrer und Erzieher gewesen sind. Schlimm erziehen
wir heute, wenn spater, nachdem das Kind in das Leben getreten ist,
dieses Kind so auf uns zuriickschaut, dafi es nicht mehr zu uns «Ja»
sagen kann.
So miissen wir intuitive Erzieher haben, die sich einlassen wiederum
auf die Art und Weise, wie man die geistige Welt erringen kann, wie
man das spirituelle Leben erringen kann, und die zwischen dem sie-
benten und vierzehnten Jahre dasjenige in das Kind hineinbringen kon-
nen, wozu es mit Befriedigung spater aufschauen kann.
Der griechische Erzieher war ein Konservator. Er sagte: Im Kinde
nach dem siebenten Jahre schlummert, was in ihm friiher da war; ich
habe es zu erwecken. - Wie kann alle Erziehung so werden, dafi wir
in das kindliche Alter hineinverpflanzen, was spater von selbst in dem
freien Menschen aufwachen darf ?
Wir haben eine Erziehung in die Zukunft hineinzufuhren. Das
macht es, dafi in unserem heutigen Zeitalter die ganze Angelegenheit
der Erziehung zu etwas anderem werden mulS, als sie war. In Grie-
chenland war sie eine Tatsache, die sich den Menschen durch die Hin-
gabe an das Natiirliche ergab. Man mochte sagen: Eine ins Menschen-
leben hereinspielende Naturtatsache war die Erziehung. Durch das
ganze bisherige Leben hat sie sich herausgearbeitet aus dieser Natur-
grundlage.
Und wenn wir heute als Erzieher in der Schule stehen, so miissen
wir uns bewufit sein dessen: so wie wir dem Kinde gegenubertreten, so
miissen wir dem Kinde etwas bieten, zu dem es spater, wenn es zum
selbstandigen Bewufitsein erwacht, «Ja» sagen kann. Es mufi das Kind
uns nicht nur Heben wahrend der Schulzeit, sondern nach der Schulzeit
in seinem reifen Urteile die Liebe zu uns als Lehrer und Erzieher ge-
rechtfertigt finden; sonst ist die Erziehung nur eine halbe, daher eine
sehr schwache Erziehung.
Wenn wir uns dessen bewufit werden, dann werden wir uns klar
daruber, in welch hohem Grade die Erziehung und das Unterrichts-
wesen aus einer ins Menschenwesen hineinspielenden Naturtatsache
eine sittliche Tat werden mufi.
Das ist der tiefste innere Kampf, den heute jene kampfen, die aus
dem innersten Menschenwesen heraus etwas verstehen von der not-
wendigen Gestalt, welche Erziehung und Unterricht annehmen miis-
sen. Das ist dasjenige, was man fuhlt. Es drangt sich in die Frage zu-
sammen: Wie machen wir im hochsten Sinne fiir den freien Menschen
Erziehung und Unterricht zu einer freien Tat selber, das heifk zu einer
im hochsten Grade sittlichen Tat? Wie wird Erziehung ganz und gar
eine sittliche Angelegenheit der Menschheit?
Daran hangen wir heute als an dem grofien Ratsel, das beantwortet
werden mufi, wenn die Erziehungs-Reformbestrebungen, die so loblich
sind, in der richtigen Weise weiter in die Zukunft hinein orientiert
werden sollen.
VIERTER VORTRAG
Ilkley, 8. August 1923
Kein Zeitalter kann die Erziehung anders einrichten, als die allge-
meine Zivilisation des Zeitalters ist. Was die allgemeine Zivilisation
hergibt, das kann der Lehrende, der Unterrichtende dem Kinde in der
Erziehung uberliefern.
Indem ich Ihnen von den Griechen gesprochen habe, muftte ich Sie
darauf aufmerksam machen, wie die Griechen gedacht haben, wie die
Griechen eine intime Erkenntnis des ganzen Menschen gehabt haben,
und aus dieser intimen Kenntnis des ganzen Menschen heraus in einer
Art, die wir heute nicht mehr haben konnen, die Kinder erzogen ha-
ben. Diese Erkenntnis des ganzen Menschen war beim Griechen eine
solche, die ganz und gar folgte aus dem menschlichen Korper. Der
menschliche Korper war in gewisser Beziehung fur den Griechen
durchsichtig. Der Korper enthullte ihm, offenbarte ihm zugleich Seele
und Geist, insofern die Griechen ein Verstandnis hatten fur Seele und
Geist.
Und wir haben ja gesehen, wie die Griechen vom Korper aus den
ganzen Menschen erzogen. Was nicht aus dem Korper herausgeholt
werden konnte, so wie ich gezeigt habe, daft Musik aus dem Korper
herausgeholt wurde, das wurde dem Menschen verhaltnismafiig spat,
etwa erst dann, wenn er korperlich ganz erzogen war, im zwanzigsten
Jahre oder spater vermittelt.
Wir sind alle heute in einer ganz anderen Lage. Und die grofiten
Illusionen in der Menschheitsentwickelung entstehen eigentlich da-
durch, dafi man sich dem Glauben hingibt, alte Zeitalter, die es mit
einer ganz anderen Menschheit zu tun hatten, konnten heute wieder
erneuert werden. Aber gerade in der Gegenwart sind wir darauf ange-
wiesen, ganz voll und mit praktischem Sinn uns der Wirklichkeit hin-
zugeben. Und wenn wir diese unsere geschichtliche Wirklichkeit ver-
stehen, dann konnen wir eben nicht anders als sagen: Geradeso wie
die Griechen vom Korper aus ihr gesamtes Erziehungswesen leiten
mufiten, so mussen wir vom Geiste aus die Erziehung leiten. Und wir
miissen die Wege finden, auch zur korperlichen Erziehung hinzukom-
men vom Geiste aus. Denn die Menschheit ist einmal - es mag einem
das sympathisch oder antipathisch sein - in der Gegenwart an dem
Punkte angekommen, den Geist als solchen erfassen zu miissen, den
Geist als eigenen menschlichen Inhalt sich durch menschliche Arbeit
erringen zu miissen.
Aber gerade, wenn man nun ganz aus dem Sinne unseres Zeitalters
heraus erziehen will, dann empfindet man, wie wenig weit die all-
gemeine Zivilisation eigentlich mit der Durchdringung des Geistes ge-
kommen ist. Und dann entsteht die Sehnsucht, gerade urn der Erzie-
hung des Menschen willen, den Geist immer weiter und weiter auch zu
einem menschlichen Eigentum zu machen. Wir konnen uns fragen: Wo
zeigt sich uns auf einer gewissen vorlaufig hochsten Stufe dasjenige,
was die gegenwartige Menschheit an Geist ergriffen hat? - Schrecken
Sie nicht davor zuriick, daft ich die Charakteristik hier nehme gewisser-
mafien von dem Gipfelpunkt des heutigen Geisteslebens. Dasjenige,
was sich an dem Gipfelpunkt eben nur, ich mochte sagen, symbolisch
in Reinkultur zeigt, das beherrscht im Grunde genommen auch in den
Weiten und in den Tiefen die ganze Zivilisation.
Wir sind heute bei dem Ergreifen des Geistes erst dabei angekom-
men, diesen Geist in Ideen, im Denken zu ergreifen. Und das Denken
des Menschen in unserem gegenwartigen Zeitalter in seiner ganzen Ver-
fassung ist vielleicht am allerbesten zu ergreifen, wenn man hinschaut
auf die Art und Weise, wie dieses Denken unserer Zeit etwa geworden
ist, sagen wir, bei John Stuart Mill oder bei Herbert Spencer.
Ich sagte, schrecken Sie nicht davor zuriick, daft ich jetzt in diesem
Augenblicke auf die Gipfelpunkte der Zivilisation hindeute. Denn
dasjenige, was eben nur in einer gewissen Art als das hochste Symptom
bei John Stuart Mill, bei Herbert Spencer zum Ausdrucke gekommen
ist, das beherrscht alle Kreise, das ist im Grunde genommen das Den-
ken unserer Zivilisationsentwickelung. Wenn wir also heute fragen:
Wie erkennt die Menschheit den Geist, von dem aus sie erziehen soil,
wie der Grieche den Korper erzogen hat? - miissen wir uns zur Ant-
wort geben: Die Menschheit erkennt den Geist, wie ihn John Stuart
Mill oder Herbert Spencer erkannt hat.
Aber wie haben sie ihn erkannt? Denken wir uns einmal, was man
heute vom Geiste meint, wenn man heute vom Geiste spricht. Ich
meine nicht jenes hochst unbestimmte nebulose Gebilde, das irgendwo
iiber den Wolken schwebt. Wenn die Menschen heute von Geist reden,
so ist das etwas, was traditionell sich dem Menschen mitgeteilt hat,
woran nichts erlebt wird. Wir konnen nur dann von dem Geiste spre-
chen, den die Menschheit hat, wenn wir darauf hinschauen, wie die
Menschheit mit diesem Geist verfahrt, wie sie damit hantiert, was sie
tut damit. Und den Geist, den eben die Menschheit in der gegen-
wartigen Zivilisationsentwickelung hat, den haben schon John Stuart
Mill oder Herbert Spencer in ihre Weltanschauung, in ihre Philoso-
phien hineingearbeitet. Da ist er drinnen, da miifite er aufgesucht wer-
den. Nicht wie die Menschen abstrakt vom Geiste sprechen, sondern
wie sie den Geist anwenden, darauf mufi man sehen.
Und nun schauen wir uns einmal diesen gedachten Geist an. Er ist
ja zunachst nur ein gedachter Geist, wie ihn die Zivilisation der Gegen-
wart hat, ein gedachter Geist, ein Geist, der allenfalls philosophische
Dinge denken kann. Aber verglichen mit dem Vollinhaltlichen, das
der Grieche angeschaut hat, wenn er vom Menschen, von seinem An-
thropos gesprochen hat, ist ja das, worinnen wir da herumschwirren
im Geiste, wenn wir denken, etwas hochst, nun sagen wir, Destilliertes,
etwas hochst Dunnes.
Der Grieche, wenn er vom Menschen sprach, hatte immer das Bild
des korperlichen Menschen vor sich, der zugleich Offenbarung des See-
lischen und des Geistigen war. Dieser Mensch war irgendwo, dieser
Mensch war irgendwann, dieser Mensch hatte eine Grenze. Seine Haut
begrenzte ihn. Und derjenige, der in den Gymnasien diesen Menschen
ausbildete, der bestrich die Haut mit 01, um diese Grenze stark zu
markieren. Der Mensch wurde stark hingestellt. Das war also etwas
ganz Konkretes, etwas, was irgendwo, irgendwann, was in irgendeiner
Weise gestaltet ist.
Nun bitte, denken Sie an das Denken, worinnen wir heute den
Geist ergreifen. Wo ist es? Welche Gestalt hat es? Es ist ja alles un-
bestimmt. Nirgends ein Wie und Wann, nirgends eine bestimmte Ge-
stalt, nirgends etwas Bildhaftes. Man bemiiht sich zwar, etwas Bild-
haftes zu gewinnen. Nun ja, schauen wir uns das zum Beispiel gerade
bei John Stuart Mill an, wie man sich etwas Bildhaftes vorstellt.
Da sagte man: Wenn der Mensch denkt, dann geht eine Idee vor-
iiber, eine zweite Idee, eine dritte Idee. Er denkt eben in Ideen. Das
sind so innerlich vorgestellte Worte. Er denkt in Ideen, und diese
Ideen assoziieren sich. Das ist eigentlich das Wesentliche, wozu man
kommt: Eine Idee heftet sich neben die zweite Idee, dann eine dritte
Idee, eine vierte Idee; die Ideen assoziieren sich. Und die gegenwartige
Psychologie ist dazu gekommen, von Ideenassoziationen in der ver-
schiedensten Weise als der eigentlichen inneren Wesenheit des geistigen
Lebens zu sprechen.
Denken Sie, wenn man nun die Frage stellt: Wie wiirde man sich
selber fiihlen und empfinden als Mensch, wenn man nun als Geist diese
Ideenassoziation bekame? - Man steht in der Welt drinnen, da be-
ginnen nun die Ideen sich zu bewegen - jetzt assoziieren sie sich. Und
jetzt blickt man auf sich selber zuriick und fragt sich, was man da
eigentlich ist als Geist in diesen assoziierten Ideen? Man bekommt da-
bei eine Art Selbstbewufitsein, das ganz dem Selbstbewufitsein gleicht,
welches man haben wiirde, wenn man plotzlich in den Spiegel schaute
und wie ein Skelett ware, und zwar wie ein ganz totes Skelett. Den-
ken Sie sich den Schock, den Sie bekamen, wenn Sie in den Spiegel
schauten, und Sie waren plotzlich ein Skelett! Im Skelett ist das so:
die Knochen sind assoziiert; sie sind auf aufierliche Weise zusammen-
gehalten; sie ruhen durch Mechanik aufeinander. Dasjenige also, was
wir von unserem Geiste erfassen, das ist nur ein der Mechanik Nach-
gebildetes! Man fuhlt sich in der Tat, wenn man ein Vollmenschliches
in sich hat, wenn man gesund fuhlt und als Mensch gesund ist, wie
wenn man sich in einem Spiegel als Skelett schaut. Denn in den Bu-
chern, die Assoziations-Psychologie beschreiben, sieht man sich ja in
der Tat wie in einem Spiegel, da sieht man sich ja als Geist knochig!
Dieses Vergniigen, meine sehr verehrten Anwesenden, konnen wir
ja fortwahrend haben, nur nicht aufierlich korperlich, da es sich, wenn
man den heutigen Bestand mit dem griechischen Bestand vergleicht,
fortwahrend ergibt. Geistig haben wir das fortwahrend. Unsere Phi-
losophen ersuchen wir, sie mogen uns Selbsterkenntnis geben: sie legen
uns ihre Bucher als den Spiegel vor, und da sehen wir uns drinnen als
Knochengeist in Ideenassoziationen.
Das iiberkommt heute den Menschen, wenn er nun iiber Erziehung
praktisch nachsinnen will, wenn er praktisch an das Erziehungswesen
herangehen will aus der allgemeinen Zivilisation! Da bekommt er
namlich nicht eine Anweisung, wie die Erziehung sein soli, sondern
eine Anschauung dariiber, wie man einen Haufen Menschenknochen
findet und daraus ein Skelett zusammenstellt.
Das ist, was die allgemeine Menschheit heute, die Laienmenschheit,
fiihlt. Sie lechzt nach einer neuen Erziehung! Uberall tritt die Frage
auf : Wie soli erzogen werden? - Aber wohin soli sich die Menschheit
wenden? Sie kann sich nur wenden zu dem, was allgemeine Zivilisation
ist. Da zeigt man ihr, daft man eigentlich nur ein Skelett aufbauen
kann.
Und da mufi den Menschen iiberkommen, ich mochte sagen, ein
tiefes Zivilisationsgefiihl. Er mufi sich, wenn er gesund fiihlt, durch-
drungen fuhlen konnen mit dieser intellektualistischen Weise des heu-
tigen Vorstellens und Denkens. Und dariiber betaubt sich die heutige
Menschheit. Sie mochte dasjenige, was man ihr im Spiegel zeigt, doch
als etwas ganz Hohes und Vollendetes ansehen und mochte dann da-
mit etwas machen, mochte vor alien Dingen damit erziehen. Und das
geht nicht. Man kann damit nicht erziehen.
Und so muft man heute zunachst, um den notigen Enthusiasmus als
Erzieher zu haben, hinschauen lernen auf alles dasjenige, was in un-
serem Denken, in unserer intellektualistischen Kultur nicht lebend,
sondern tot ist. Denn das Skelett ist tot. Und durchdringt man sich
mit dieser Erkenntnis, daft unser Denken ein totes Denken ist, dann
kommt man sehr bald darauf, daft alles Tote aus einem Lebenden
stammt. Wenn Sie einen Leichnam finden, so werden Sie den fur nichts
Urspriingliches halten; nur wenn Sie keinen Begriff hatten von einem
Menschen, wiirden Sie den Leichnam fur etwas an sich halten. Wenn
Sie aber einen Begriff haben vom Menschen, so werden Sie wissen: der
Leichnam ist iibriggeblieben vom Menschen. Aus dem Charakter des
Leichnams schlieften Sie nicht nur auf den Menschen, sondern Sie wis-
sen, daft da ein Mensch war.
Erkennen Sie das Denken als etwas Totes, so wie es heute als Den-
ken gepflegt wird, erkennen Sie das Denken als einen Leichnam, dann
beziehen Sie es auf etwas Lebendes. Haben Sie nun auch den inner-
lichen Impuls, dieses Denken zu etwas Lebendem zu machen und da-
durch unsere ganze Zivilisation zu beleben, dann erst kann aus unserer
heutigen Zivilisation wiederum etwas ahnlich Praktisches hervorgehen,
das an den lebenden Menschen herankommen kann, nicht an den Ske-
lettmenschen, so wie die griechische Erziehung an den lebendigen Men-
schen herangekommen ist.
Unterschatzen wir nicht die Empf indungen, von denen der Lehrende
und Unterrichtende ausgehen kann und ausgehen mufi. Die Lehrer der
Waldorfschule haben zunachst einen seminaristischen Kursus durch-
gemacht. Da handelte es sich nicht blofi um Aneignung bestimmter
Programmpunkte, da handelte es sich darum, dafi dieser Kursus eine
ganz bestimmte Seelenverfassung gab: dasjenige, was unser Zeitalter
als ein stolzestes Erbgut hat, zuruckzufuhren in das Innerste des Men-
schen, um das tote Denken zum lebendigen Denken, um das neutrale
Denken zum charaktervollen Denken, um das natiirliche, unorganische
Denken zum charaktervollen, vom ganzen Menschen durchsetzten,
eben «menschlichen» Denken zu machen. So dafi der Gedanke zu-
nachst im Lehrer beginnen mufi zu leben.
Wenn aber etwas lebt, so hat das Leben eine Folge. Der Mensch,
der irgendwo und irgendwann ist, mit Geist, Seele, Korper, der eine
bestimmte Gestalt, eine bestimmte Begrenzung hat, der bleibt nie beim
Denken stehen: der fuhlt und will. Und wenn Sie ihm einen Gedanken
ubermitteln, so ist der Gedanke der Keim eines Fuhlens und Wollens,
wird zu etwas Ganzem.
Unser Denken, das hat zum Ideal, moglichst, wie man es nennt,
objektiv zu sein, moglichst still und ruhig zu werden, ein ganz ruhiges
Abbild der Aufienwelt zu sein, nur der Erfahrung zu dienen. Da ist
keine Kraft drinnen; da wird nichts daraus, was fuhlt und will.
Der Grieche, der ging vom korperlichen Menschen aus; den hatte er
vor sich. Wir miissen von einem menschlichen Ideal ausgehen, das
fuhlt jeder, aber dieses Ideal darf nicht blofi gedacht sein, dieses Ideal
raufi leben, dieses Ideal mufi die Kraft des Fuhlens und Wollens haben.
Das ist das erste, das wir brauchen, wenn wir heute an Erziehungsum-
wandlung denken: daft wir aus abstrakten, aus gedachten Idealen kom-
men, bei denen es gar nicht anders moglich ist, wenn wir sie uns in die
Seele schreiben, als daft sie in uns auch fiihlen und wollen, daft aus ihnen
auch hervorgeht die Menschlichkeit bis in die kdrperliche Erziehung
hinunter.
Unsere Gedanken werden nicht Gebarden. Sie miissen aber wieder-
um Gebarden werden. Sie miissen nicht nur aufgenommen werden
von dem Kinde, das dasitzt, sondern sie miissen die Arme und Hande
des Kindes bewegen, sie miissen das Kind geleiten, wenn es hinausgeht
in die Welt. Dann werden wir einheitliche Menschen haben, und ein-
heitliche Menschen miissen wir wiederum erziehen; dann werden wir
Menschen haben, bei denen dasjenige, was wir im Schulzimmer ihnen
beibringen, seine Fortsetzung erfahrt in der korperlichen Erziehung.
So denkt man heute nicht. Heute denkt man: im Schulzimmer, da
ist so etwas fur sich Intellektualistisches, das mufi einmal beigebracht
werden; das macht den Menschen miide, das macht den Menschen ab-
gespannt, vielleicht sogar nervos. Jetzt mufi dazu etwas hinzukommen!
Und da denkt man abgesondert die korperliche Erziehung dazu.
Und so sind heute zwei Dinge da: intellektualistische Erziehung fur
sich - korperliche Erziehung fiir sich. Das eine fordert nicht das an-
dere! Wir haben im Grunde genommen zwei Menschen, einen nebu-
losen, erdachten, und einen wirklich, den wir nicht mehr durchschauen,
wie ihn die Griechen durchschaut haben. Und wir schielen immer, wenn
wir nach dem Menschen hinschauen, wir haben immer zwei vor uns.
Wir miissen wiederum sehen lernen. Wir miissen wiederum den gan-
zen Menschen sehen lernen als Einheit, als Totalitat. Das ist zunachst
das Wichtigste fur unser ganzes Erziehungswesen.
Es wird sich also darum handeln, aus einer mehr oder weniger heute
doch vorhandenen theoretischen Erziehungsmaxime zu einer wirk-
lichen, praktischen Erziehung vorzudringen. Und aus den Betrach-
tungen, die ich eben gepflogen habe, wird ja hervorgehen, daft vieles
abhangig davon ist, wie wir den Geist, den wir eigentlich nur intellek-
tuell erfassen, an den Menschen wiederum heranbringen, wie wir den
Geist bis zum Menschen herantragen, so daft unser nebuloser, ver-
schwommener Geist, mit dem wir auf den Menschen hinschauen,
Mensch wird. Wir miissen, wie der Grieche den Menschen im Korper
geschaut hat, den Menschen im Geiste schauen lernen.
Lassen Sie mich dafiir, wie man den Menschen vom Geiste aus bis
zum Korper hinein zu verstehen beginnen kann, heute vorlaufig ein
erklarendes Beispiel betrachten. Ich will als erklarendes Beispiel einmal
im Menschen die Art wahlen, wie sich der Geist an ein bestimmtes
Organ des Menschen heranbringen laftt. Ich mochte heute ein moglichst
auffalliges Beispiel wahlen, nur vorlaufig, die Dinge werden sich ja
in spateren Tagen erharten. Ich mochte heute zeigen, wie der Geist
heranzubringen ist an dasjenige, was auch die Griechen bei der Ent-
wickelung des Kindes als etwas aufterordentlich Wichtiges, Symboli-
sches angesehen haben: das Zahnebekommen.
Die Griechen haben den Zahnwechsel als dasjenige Lebensalter an-
gesehen, wo das Kind der offentlichen Erziehung ubergeben wird.
Nun versuchen wir einmal, uns das Heranbringen des Geistes an den
Menschen, die Beziehung des Geistes zu den menschlichen Zahnen vor
die Seele zu stellen.
Es wird das etwas paradox aussehen, daft ich gerade, urn den gei-
stigen Menschen zu betrachten, zunachst von den Zahnen spreche,
allein das scheint nur deshalb paradox, weil eben aus der heutigen
Zivilisation heraus der Mensch zwar sehr gut weift, wie sich irgendein
kleiner Tierkeim ausnimmt, wenn man durch das Mikroskop schaut,
aber sehr wenig von demjenigen, was eigentlich offen zutage liegt.
Man weift von den Zahnen, daft sie zum Essen notwendig sind. Das
ist zunachst dasjenige Wissen, was am hervorstechendsten ist. Man
weift auch noch von den Zahnen, daft sie zum Sprechen notwendig
sind; denn man weift, daft es Zahnlaute gibt, daft in einer bestimmten
Weise die Luft, die aus den Lungen, dem Kehlkopfe dringt, durch die
Lippen und den Gaumen und auch durch die Zahne zu gewissen Kon-
sonanten geformt werden mufi. Man weift also, daft die Zahne zum
Essen und zum Sprechen gut sind.
Nun, eine wirklich geistige Erfassung des Menschen zeigt uns noch
etwas anderes. Wenn man in der Lage ist, den Menschen zu studieren
etwa in dem Sinne, wie ich es in meinem ersten Vortrage, der noch
nicht iiber Erziehung handelte, auseinandersetzte, dann eben kommt
man darauf , dafi das Kind die Zahne noch wegen etwas ganz anderem
entwickelt als wegen des Essens und wegen des Sprechens.
Das Kind entwickelt namlich die Zahne, so paradox es heute klingt,
wegen des Denkens! Und wenig weift die Wissenschaft von heute da-
von, dafi die Zahne die allerwichtigsten Denkorgane sind. Beim Kinde,
bevor es durch den Zahnwechsel gegangen ist, sind die physischen
Zahne als solche die allerwichtigsten Denkorgane.
Indem das Kind sich wie selbstverstandlich im Verkehre mit seiner
Umgebung hineinfindet in das Denken, indem aus dem dunklen Schlaf-
und Traumleben des Kindes herauftaucht das Gedankenleben, ist die-
ser ganze Prozefi gebunden daran, daft sich im Haupte des Kindes
die Zahne durchdrangen, gebunden an die Krafte, die aus dem Haupte
des Kindes heraus sich drangen. Und wie die Zahne gewissermafien
durch den Kiefer vorstofien, sind diejenigen Krafte da, die aus dem
unbestimmten Schlafesleben, Traumesleben, seelisch nun auch das Den-
ken an die Oberflache bringen. Und in demselben Mafte, in dem das
Kind zahnt, lernt es denken.
Und wie lernt das Kind denken? Das Kind lernt denken, indem es
ganz und gar als ein nachahmendes Wesen an die Umgebung hinge-
wiesen ist. Es ahmt nach bis ins Innerste hinein dasjenige, was in seiner
Umgebung vor sich geht und in seiner Umgebung sich unter dem Im-
pulse von Gedanken abspielt. Aber in demselben Mafie, in dem da in
dem Kinde aufspriefk das Denken, in demselben Mafie schiefien die
Zahne hervor. In diesen Zahnen liegt eben die Kraft, die seelisch als
Denken erscheint.
Verfolgen wir das Kind in seiner Entwickelung weiter. Diese ersten
Zahne werden ausgestofSen. Ungefahr um das siebente Jahr herum un-
terliegt das Kind dem Zahnwechsel. Es bekommt die zweiten Zahne.
Ich habe schon gesagt: da war die ganze Kraft, welche die ersten, die
zweiten Zahne hervorgebracht hat, im ganzen Organismus des Kindes;
sie zeigt sich nur im Haupte, im Kopfe am starksten. Man bekommt
nur einmal zweite Zahne. Die Krafte, welche aus dem kindlichen Or-
ganismus die zweiten Zahne hervortreiben, wirken spater im Erden-
leben des Menschen bis zum Tode hin nicht mehr als physische Impuls-
krafte: sie werden seelisch, sie werden geistig; sie beleben das mensch-
liche seelische Innere.
Wenn wir also hinschauen auf das Kind zwischen dem siebenten
und vierzehnten Lebensjahre ungefahr und fassen die seelischen Eigen-
schaften des Kindes ins Auge, dann miissen wir uns sagen: Was uns
da als seelische Eigenschaften, namentlich als das kindliche Denken
zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre erscheint, das
war bis zum siebenten Jahre Organkraft. Das wirkte im Organismus,
im physischen Organismus, trieb die Zahne heraus und erlangte im
Zahnwechsel seinen Abschlufi im physischen Wirken und verwandelt
sich, transformiert sich in seelisches Wirken.
Diese Verhaltnisse sind allerdings nur dann zu studieren, wenn man
vordringt zu derjenigen Erkenntnisart, die ich in dem genannten ersten
Vortrage als die erste Stufe der exakten Clairvoyance beschrieben
habe, als die imaginative Erkenntnis. Mit dem, was heute verbreitet
ist als abstraktes, als intellektualistisches Denken, dringt man nicht bis
zu einer solchen Erkenntnis des Menschen. Es mufi das Denken sich
innerlich beleben, so daft es bildhaft wird, daft man wirklich durch das
Denken selber etwas erfassen kann. Durch das intellektualistische Den-
ken erfafit man ja gar nichts. Da bleiben die Dinge alle drauften. Man
schaut sie an, man macht Abbilder von dem Angeschauten. Aber das
Denken kann innerlich erkraftet, aktiviert werden. Dann hat man
keine abstrakten, keine intellektualistischen Gedanken, dann hat man
imaginative Bilder. Die fiillen die Seele so aus wie sonst die intellek-
tuellen Gedanken. Kommt man zu einer solchen ersten Stufe des exak-
ten Schauens, dann durchschaut man eben, wie im Menschen nicht nur
ein physischer Leib wirkt, sondern ein ubersinnlicher Leib, ein iiber-
sinnlicher Korper, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen
darf. Das erste Ubersinnliche wird man gewahr im Menschen!
Und man schaut dann in der folgenden Weise auf den Menschen
hin. Man sagt sich: Da hat man den physischen Korper des Menschen,
den kann man abwiegen, der strebt in der Richtung der Schwere zur
Erde hin, der unterliegt der Gravitationskraft. Das ist seine wichtigste
Eigenschaft: man kann den physischen Korper abwiegen.
Wird man gewahr durch imaginative Erkenntnis den ubersinnlichen
Leib des Menschen, den ich m meinen Biichern den Atherleib oder
Bildekrafteleib genannt habe, erkennt man: den kann man nicht ab-
wiegen, der wiegt nichts, im Gegenteil, der will fort von der Erde nach
alien Seiten des Weltenalls hinaus. Der hat die entgegengesetzte Kraft
als die Schwere in sich, der strebt fortwahrend der Schwere entgegen.
Man erreicht - ebenso wie man durch die gewohnliche physische
Erkenntnis fur den schweren physischen Korper des Menschen Er-
kenntnis erlangt - durch die imaginative Erkenntnis die erste Stufe
der exakten Clairvoyance, eine Erkenntnis des Atherleibes, der fort-
wahrend weg will. Und so wie man den physischen Leib allmahlich
auf die Umgebung zu beziehen lernt, so lernt man auch den Atherleib
auf die Umgebung zu beziehen.
Sie suchen, wenn Sie an den physischen Leib des Menschen denken,
die Stoffe, aus denen er besteht, draufSen in der Natur, in der physisch-
sinnlichen Natur. Sie sind sich klar dariiber, dafi dasjenige, was am
Menschen der Gravitation unterliegt, die Schwere, das Gewicht, da
drauften auch wiegt, das geht durch die Nahrungsaufnahme in den
Menschen hinein. Man erlangt auf diese Weise eine Art Naturanschau-
ung iiber den menschlichen Organismus, insofern der Organismus ein
Physisches ist.
Durch die imaginative Erkenntnis erlangt man ebenso eine Anschau-
ung von der Beziehung des in sich beschlossenen Ather- oder Bilde-
krafteleibes des Menschen zu der umgebenden Welt. Dasjenige, was im
Friihling die Pflanzen aus dem Boden heraus, der Schwere entgegen,
in alien Richtungen dem Kosmos zu treibt, was die Pflanzen organi-
siert, was die Pflanzen schliefilich mit dem nach aufwarts wirkenden
Lichtstrom in Verbindung bringt, was in der Pflanze eigentlich auch
chemisch nach aufwarts strebend wirkt, das muQ> man mit dem Ather-
leib des Menschen ebenso in Beziehung bringen wie die Salze und das
Kraut und die Ruben und die Kalbsbriiste mit dem physischen Men-
schenleibe.
Und so geht in der ersten Stufe der exakten Clairvoyance dieses in
sich gesattigte, einheiterfiillte Denken an die zweite Wesenheit des
Menschen heran, an den Atherleib oder Bildekrafteleib. Dieser Bilde-
krafteleib, der ist bis zum Zahnwechsel, bis zum siebenten Jahre, ganz
innig verb.unden mit dem physischen Leibe. Da drinnen organisiert er,
da drinnen ist er diejenige Kraft, die die Zahne heraustreibt.
Wenn der Mensch die zweiten Zahne hat, so hat das Stiick dieses
Xtherleibes, das die Zahne heraustreibt, nichts mehr am physischen
Leibe zu tun. Das ist jetzt sozusagen in seiner Tatigkeit emanzipiert
vom physischen Leibe. Wir bekommen mit dem Zahnwechsel die
Atherkrafte frei, die unsere Zahne herausgedriickt haben; und mit
diesen Atherkraften vollziehen wir nun das freie Denken, wie es sich
von dem siebenten Jahre an beim Kinde geltend macht. Die Kraft der
Zahne ist jetzt nicht mehr wie beim Kinde, wo direkt die Zahne die
Organe des Denkens sind, die physische Kraft, sondern sie ist die
atherisierte Kraft. Aber es ist die im Atherleib nun wirkende gleiche
Kraft, welche die Zahne hervorgebracht hat, die nun denkt.
Wenn Sie also sich als denkender Mensch fiihlen und so das Gefiihl
haben, man hat es ja, daft vom Kopfe das Denken ausgeht - manche
Menschen spiiren das nur, wenn sie vom Denken Kopfschmerz bekom-
men -, dann zeigt Ihnen eine wirkliche Erkenntnis, daft dieselbe Kraft,
die im Zahnen gelegen hat, die Kraft ist, mit der Sie vom Haupte aus
denken.
So nahern Sie sich selbst mit Ihrer Erkenntnis der Einheit des Men-
schen. So lernt man wiederum wissen, wie das Physische mit dem mehr
Seelischen zusammenhangt. Man weift, das Kind hat noch mit den
physischen Zahnen gedacht, daher die Zahnkrankheiten so innig mit
dem ganzen Leben des Kindes zusammenhangen. Denken Sie nur, was
da alles eintritt, wenn das Kind zahnt! Weil das Zahnen so innig mit
dem innersten Leben zusammenhangt, weil es mit der innersten Gei-
stigkeit des Kindes denkerisch zusammenhangt, deshalb diese Zahn-
krankheiten! Dann emanzipiert sich die Wachstumskraft der Zahne
und wird Denkkraft im Menschen, selbstandige, freie Denkkraft. Wenn
Sie Beobachtungsgabe daf ur haben, sehen Sie dieses Selbstandigwerden.
Man sieht ganz genau, wie mit dem Zahnwechsel das Denken sich
emanzipiert von dem Gebundensein an den Leib.
Und was geschieht nun? Die Zahne werden zunachst Heifer fur
dasjenige, was die Gedanken durchdringt, fur die Sprache. Die Zahne,
die zuerst die selbstandige Aufgabe hatten, zu wachsen nach der Denk-
kraft, werden gewissermafien um eine Stufe hinuntergedriickt: das
Denken, das jetzt nicht mehr im physischen Leibe, sondern im Ather-
leibe ist, riickt eine Stufe herunter - das geschieht ja schon wahrend
der ersten Lebensjahre, denn der ganze Vorgang vollzieht sich suk-
zessiv, hat nur seinen Abschlufi beim zweiten Zahnen -, aber die Zahne
werden zu Helfern des Denkens, wenn das Denken sich im Sprechen
zum Ausdrucke bringen will.
Und so sehen wir auf den Menschen hin. Wir sehen sein Haupt; im
Haupte emanzipiert sich die Zahnwachskraft als Denkkraft; dann
wird gewissermafien hinuntergeschoben dasjenige, was die Zahne jetzt
nicht mehr direkt zu besorgen haben - weil es nun der Atherleib zu
besorgen hat hinuntergeschoben ins Sprechen, so da£ die Zahne Hei-
fer werden beim Sprechen; darinnen zeigt sich noch ihre Verwandt-
schaft mit dem Denken. Verstehen wir, wie die Zahnlaute sich in das
ganze Denken des Menschen hineinstellen, wie da die Zahne zu Hilfe
genommen werden gerade dann, wenn der Mensch durch D, T das
bestimmte Denkerische, das definitive Denkerische in die Sprache hin-
einbringt: dann sehen wir an den Zahnlauten noch diese besondere
Aufgabe der Zahne.
Ich habe Ihnen an einem Beispiel, zwar vielleicht an dem gro-
teskesten Beispiel, an den Zahnen, gezeigt, wie wir vom Geiste aus den
Menschen erfassen. Nun wird allmahlich, wenn wir so verfahren, das
Denken nicht mehr jenes abstrakte Schwimmen in Ideen, die sich asso-
ziieren, sondern das Denken verbindet sich mit dem Menschen, geht
zum Menschen hin, und wir haben nicht mehr ein blofi Physisches im
Menschen, das Beifien der Zahne, oder hochstens das Sich-Bewegen
beim Sprechen bei den Zahnlauten, sondern wir haben in den Zahnen
ein aufierliches Bild, eine naturhafte Imagination des Denkens. Das
Denken schiefit gewissermafien hin und zeigt sich uns an den Zahnen:
Seht ihr, da habt ihr meine aufiere Physiognomie!
Wenn der Mensch sich zu den Zahnen hin entwickelt, wird dasjenige,
was sonst abstraktes, nebuloses Denken ist, bildhaft gestaltet. Man
sieht wiederum, da wo die Zahne sind, wie das Denken im Haupte
arbeitet: man sieht dann wiederum, wie das Denken sich da entwickelt
von den ersten zu den zweiten Zahnen. Das ganze bekommt wieder
gestaltende Grenzen. Der Geist fangt an, bildhaft in der Natur selber
aufzutreten. Der Geist wird wieder schaffend.
Wir brauchen nicht blofi diejenige Anthropologic, die heute den
Menschen ganz aufierlich betrachtet und ihn innerlich so assoziiert, wie
wir heute die Ideen in ihren Eigentumlichkeiten assoziieren. Wir brau-
chen ein Denken, das sich nicht scheut, bis zum Innerlichen vorzudrin-
gen, das sich nicht geniert zu sagen, wie der Geist Zahne wird, wie
der Geist in den Zahnen wirkt.
Das ist dasjenige, was wir brauchen; dann durchdringen wir vom
Geist aus den Menschen. Da beginnt etwas Kiinstlerisches. Da mufi man
uberfuhren die abstrakte, theoretische, unpraktische Betrachtungs-
weise, die nur den skelettdenkenden Menschen gibt, in das Bildhafte.
Da schwimmt hiniiber die theoretische Betrachtungsweise in das kiinstle-
rische Anschauen, in das kunstlerische Gestalten. Man mufi zugleich die
Zahne gestalten, wenn man den Geist da innen wirksam sehen will. Da
beginnt das Kunstlerische Leiter zu sein zu der ersten exakten clairvo-
yanten Stufe, zu der Stufe der imaginativen Erkenntnis. Da erfassen
wir dann den Menschen in seiner Wirklichkeit. Wir haben ja heute, in-
dem wir den Menschen denken, blofi den Menschen in Abstraktion.
Aber dasjenige, was wir vor uns hingestellt bekommen in der Er-
ziehung, das ist der wirkliche Mensch. Da steht er. Hier stehen wir mit
dem abstrakten Geist. Dazwischen ist ein Abgrund. Jetzt miissen wir
hiniiber iiber den Abgrund. Uberall haben wir zuerst zu zeigen, wie
wir hinuberkommen. Wir wissen heute hochstens dem Menschen eine
Miitze aufzusetzen, aber wir wissen nicht den Geist in seinen ganzen
Menschen hineinzuschieben. Das miissen wir lernen. Wir miissen, so
wie wir den Menschen aufierlich anzuziehen gelernt haben, auch in-
nerlich ihn anzuziehen lernen, so daft der Geist verfahrt, wie die Klei-
der um ihn herum verfahren.
Wenn wir in dieser Weise wiederum an den Menschen herankom-
men, dann beginnen wir lebendige Padagogik und lebendige Didaktik.
Wie der Lebensabschnitt um das siebente Jahr herum durch all das,
was ich auseinandergesetzt habe, bedeutsam ist fur das menschliche
Erdendasein, so ist wiederum ein zweiter Punkt im menschlichen Er-
denleben da, der durch das Auftreten der Symptome des Lebens sich
als nicht minder bedeutend erzeigt. Naturlich sind die Zeitangaben,
die man dabei macht, mehr oder weniger approximativ. Bei dem einen
Menschen kommt die Sache etwas friiher, bei dem anderen etwas
spater; und die ganzen Angaben von der Siebenzahl sind ja eben nicht
wirkliche Angaben, sondern eben nur approximative Angaben. Aber
es liegt wiederum ebenso um das vierzehnte, fiinfzehnte Jahr herum
ein aufierordentlich wichtiger Lebensabschnitt im menschlichen Erden-
dasein. Das ist derjenige Abschnitt, in dem der Mensch, wie man sagt,
geschlechtsreif wird.
Aber die Geschlechtsreife, das Auftreten des sexuellen Lebens, ist
nur das alleraufierste Symptom fur eine vollstandige Umwandlung
des menschlichen Wesens vom siebenten bis zum vierzehnten Lebens-
jahre. Wie wir suchen miissen in den Wachstumskraften der Zahne,
also im menschlichen Kopf, den physischen Ursprung des Denkens, das
sich dann emanzipiert um das siebente Lebensjahr herum und seelisch
wird, so miissen wir suchen die Wirksamkeit der zweiten Seelenkfaft
des Menschen, die Wirksamkeit des Fiihlens, in anderen Teilen des
menschlichen Organismus.
Das Fiihlen emanzipiert sich viel spater von der Korperlichkeit des
Menschen, von der physischen Organisation, als das Denken. Und
wahrend wir das Kind zu pflegen haben zwischen dem siebenten und
vierzehnten Jahre, ist eigentlich das Fiihlen noch immer innig verbun-
den mit der physischen Organisation. Das Denken ist schon frei ge-
worden, das Fiihlen ist zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre
noch innig an den Korper gebunden. Alles, was in dem Kinde als
Freudengefuhle, als Trauer, als Schmerzgefuhle auftritt, hat noch ein
intensives physisches Korrelat in der Absonderung der Gefafte, in der
Akzeleration oder Retardation, in der Beschleunigung oder Verzoge-
rung des Atmungssystems. Und gerade an solchen Dingen kann man
bemerken, wenn man wirklich bis zu diesem Grade Menschenbeobach-
ter sein kann, wie eine grofiartige Umwandlung mit dem Fiihlen vor
sich geht mit dem Momente, wo wiederum die aufieren Symptome auf-
treten, die diese Umanderung andeuten.
Wie die Zahne, wenn sie als zweite Zahne erscheinen, einen ge-
wissen Abschlufi bilden im Wachstum, so tritt ein Ahnliches auf im
Sprechen, wenn das Lebensalter seinen Abschlufi findet, in welchem
das Fiihlen sich allmahlich herausbildet zu einer seelischen Emanzipa-
tion aus dem Korperlichen. Wir sehen es beim Knaben am starksten.
Er verandert die Stimme, sein Kehlkopf zeigt die Veranderung. Wie
der Kopf die Veranderung zeigt, die das Denken aus dem physischen
Organismus herausholt, so zeigt die Brust des Menschen, der Sitz der
rhythmischen organischen Tatigkeit, die Emanzipation des Fiihlens.
Jetzt wird das Fiihlen losgelost vom Korperlichen, wird selbstandig
seelisch. Wir wissen ja, daiB das beim Knaben dadurch zutage tritt,
dafi der Kehlkopf sich andert, dafi die Stimme dumpfer wird. Bei
dem weiblichen Geschlecht treten andere Erscheinungen auf im Kor-
perwachstum. Aber das ist im Grunde genommen nur zunachst aufier-
lich.
Derjenige, der die vorhin erwahnte erste Stufe der exakten Clair-
voyance, das imaginative Hellsehen sich errungen hat, der weifi, weil
er das schaut, daft der physische Leib des Menschen den physischen
Kehlkopf um das vierzehnte Jahr herum andert. Dasselbe geht mit
dem Ather- oder Bildekrafteleib beim weiblichen Geschlecht vor sich.
Da zieht sich die Veranderung in den Atherleib zuriick, und der Ather-
leib des weiblichen Geschlechtes wird mit dem vierzehnten Jahre als
Atherleib ganz gleich gestaltet dem physischen Leib des Mannes. Und
wiederum der Atherleib des Mannes wird mit dem vierzehnten Jahre
gleich gestaltet dem physischen Leibe der Frau. So dafi mit diesem
wichtigen Lebenspunkte wirklich das eintritt, so sonderbar es sich fur
die heutige, ja nur am Physischen haftende Erkenntnis noch ausnimmt,
dafi der Mann vom vierzehnten Lebensjahr ab die Frau atherisiert in
sich tragt, die Frau tragt atherisiert den Mann in sich. Das druckt sich
an den entsprechenden Symptomen in verschiedenartiger Weise aus bei
Frau und Mann.
Wenn man nun die zweite Stufe der exakten Clairvoyance, die Sie
in meinen Biichern genauer beschrieben finden, sich erwirbt, wenn man
zur Imagination die Inspiration, die wirkliche Wahrnehmung eines
Selbstandig-Geistigen erwirbt, das nicht mehr an den physischen Leib
beim Menschen wahrend des Erdendaseins gebunden ist, sondern wenn
man aus Inspiration die Gabe, die Fahigkeit, die Moglichkeit sich an-
geeignet hat, Selbstandig-Geistiges zu schauen, dann wird man gewahr,
wie in der Tat mit diesem wichtigen Lebensabschnitte um das vier-
zehnte, fiinfzehnte Jahr herum sich ein dritter Mensch absondert zur
Selbstandigkeit - ich habe ihn im Einklang mit alteren Terminologien
in meinen Buchern den astralischen Leib genannt -, ein schon mehr
Seelisches, als der Atherleib es ist, ein schon Seelisch-Geistiges. Es ist
das dritte Glied des Menschen und das zweite iibersinnliche Glied des
Menschen.
Das wirkt bis zum vierzehnten, funfzehnten Jahre als geistiges
Wesen durch den physischen Organismus und wird selbstandig mit
dem vierzehnten, funfzehnten Jahre. Dadurch tritt an den Erzieher,
den Unterrichter die ganz bedeutsame Aufgabe heran, zu helfen bei
diesem Selbstandigwerden desjenigen, was eigentlich als Geistig-Seeli-
sches bis zum siebenten, achten Jahre noch in den Tiefen des Organis-
mus ist und dann allmahlich - denn die Sache geschieht sukzessiv -
sich loslost.
Diesem allmahlichen Sich-loslosen hat man zu helfen, wenn man das
Kind zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre zu unterrichten
hat. Da wird man, wenn man Menschenerkenntnis in der geschilderten
Weise sich angeeignet hat, wie sie hier gemeint ist, gewahr, wie das
Sprechen etwas ganz anderes wird.
Die heutige, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, grobe
Wissenschaft halt sich ja nur an das Grob-Seelische des Menschen, und
sie nennt das andere die sekundare Geschlechtscharakteristik. Fur die
geistige Betrachtung sind gerade die sekundaren Dinge die primaren
und umgekehrt.
Ungeheuer viel liegt in diesen Umwandlungen, in der Art und
Weise, wie gerade das Fiihlen sich herauslost aus den Sprachorganen.
Und man hat dann als Lehrer, als Erzieher, diese wunderbare, wirklich
das Innere begeisternde Aufgabe zu uben, die Sprache allmahlich los-
zulosen vom Korperlichen. Wie wunderbar, wenn noch auf natiirliche
Weise, von selbst, wenn das Kind erst sieben Jahre alt ist, die Lippen
sich bewegen durch organische Tatigkeit! Es ist, wenn das Kind mit
dem siebenten Jahre die Lippenlaute hervorbringt, etwas ganz ande-
res, als wenn das Kind mit dem vierzehnten oder fiinfzehnten Jahre
die Lippenlaute hervorbringt.
Wenn das Kind mit dem siebenten Jahre die Lippenlaute hervor-
bringt, dann ist das eine organische Tatigkeit, dann ist das Blutzirku-
lation, Saftezirkulation, die unwillkiirlich in die Lippen schiefit. Wenn
das Kind zwolf, dreizehn, vierzehn Jahre alt ist, dann setzt sich diese
organische Tatigkeit in den Organismus hinein. Die seelische Aktivitat
des Fuhlens mufi aufriicken und mull durch Willkiir die Lippen bewe-
gen, welche das Gefiihlsmaftige des Sprechens zum Ausdruck bringen.
Wie in den Zahnen sich manifestiert das Gedankenmafiige des Spre-
chens, das harte Gedankenmafiige, so manifestiert sich das weiche, in
Liebe sich tauchende Gefiihlsmafiige des Sprechens in den Lippen. Und
die Lippenlaute sind dasjenige, was der Sprache das Liebevolle, das
mit dem anderen Sympathisierende und ihm die Sympathie Uber-
tragende mitteilt.
Und dieses wunderbare Ubergehen von der organischen Tatigkeit
der Lippen zu einem seelischen Aktivieren der Lippentatigkeit, dieses
Bilden der Lippen in dem organisch-seelischen Wesen des Menschen,
das ist etwas, was der Erzieher zwischen dem siebenten und vierzehn-
ten Jahre begleiten kann, was eine so wunderbare Atmosphare in die
Schule hineintragen kann.
Denn wenn man sagen mufi, dafi man dasjenige, was als Obersinn-
lich-Atherisches den Leib durchdringt, mit dem siebenten Jahre her-
vorschieften sieht als selbstandige Denkkraft, so sieht man jetzt das
selbstandig Geistig-Seelische mit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahre
hervorschiefien. Man wird zum Geburtshelfer des Geistig-Seelischen
als Lehrer und Erzieher. Auf einer hoheren Stufe erscheint dasjenige,
was Sokrates gemeint hat.
Ich werde dann in den weiteren Vortragen zu erklaren haben, was
noch mit dem Gehen, mit dem Bewegen Neues auftritt, selbst noch im
zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahre des Menschen, im dritten Le-
bensabschnitt. Heute wollen wir uns damit begniigen, dafi wir darauf
hingewiesen haben, wie das Denken sich emanzipiert von der orga-
nischen Tatigkeit, wie das Fuhlen sich emanzipiert bis zum vierzehn-
ten, funfzehnten Jahre von der organischen Tatigkeit, wie wir da
hineinsehen in das Werden des Menschen, wie dasjenige, was sonst nur
abstrakte Denkart ist, zum Bilde, zur Imagination wird. Wie aber
dasjenige, was in der Sprache des Menschen zutage tritt, was in seinen
Worten sich offenbart, tatsachlich in seiner wahren Gestalt erscheint
als Geistig-Seelisches, wenn der Mensch das vierzehnte, fiinfzehnte
Jahr erreicht hat.
Man kann daher sagen: Man mufi ins Kunstlerische hineinsteuern,
wenn man vom Denken aus lebendig an den Menschen herankommen
will, wenn man den Geist in seiner Lebendigkeit an den Menschen
heranbringen will. - Wenn man das Gefuhl, das Geistige im Fiihlen,
an den Menschen heranbringen will, dann mufi man das nicht nur wie
dort mit einer kunstlerischen Stimmung tun, sondern jetzt mit einer
religiosen Stimmung. Denn allein die religiose Stimmung dringt zum
wirklichen Geiste, zum Geiste in seiner Wirklichkeit vor. Daher kann
alle Erziehung zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre
nur dann ganz wirklich menschlich geleistet werden, wenn sie in der
Atmosphare des Religiosen geleistet wird, wenn sie fast zur Kultus-
handlung wird, allerdings nicht zur sentimentalen, sondern zur rein
menschlichen Kultushandlung.
So sehen wir, wie hineinstromt dasjenige, was der Mensch tut, in-
dem er sein sonst abstraktes, sich blofi aus Ideen assoziierendes Denken
zu Leben und Seele bringt, in das geistig Wesenhafte. Wir sehen, wie
er den Weg hineinfindet zum kunstlerischen Erfassen des Menschen,
zum Erfassen des Menschen innerhalb des religiosen Lebens. Und so
wird Kiinstlerisches und Religioses der Padagogik beigemischt.
So wird hineingeleuchtet von der Schulerfrage zu der Lehrerfrage,
indem man sich klar wird, dafi so klare, so praktische, so lebendige
Erkenntnis die Padagogik und Didaktik werden soli, und dafi der
Lehrer nur dann wirklicher Erzieher, Unterrichter der Jugend sein
kann, wenn er imstande ist, ein innerlich ganz kunstlerischer, ein in-
nerlich ganz religioser Mensch zu werden.
FONFTER vortrag
Ilkley, 9. August 1923
Gestern versuchte ich auszufiihren, wie Denken und Fiihlen im Men-
schen um das siebente und das vierzehnte Jahr herum selbstandig wer-
den, sich gewissermafien von der korperlichen Organisation losreifien.
Heute mochte ich zeigen, wie der Wille in der menschlichen Wesen-
heit sich allmahlich wahrend des Wachstums zu dieser Selbstandig-
keit durchringt.
Im Grunde genommen ist der menschliche Wille am langsten an
den Organismus gebunden. Bis gegen das zwanzigste, einundzwan-
zigste Jahr hin ist alles, was menschlicher Wille ist, intensiv abhangig
von der organischen Tatigkeit; ist abhangig von der organischen Ta-
tigkeit, die namentlich ausgefiihrt wird durch die Art und Weise, wie
die Atmung sich fortsetzt in die Blutzirkulation, und wie die Blutzir-
kulation wiederum durch das innere Feuer, durch die innere Warme,
die im Organismus dadurch entwickelt wird, den Bewegungsorganis-
mus ergreift, dasjenige ergreift, was sich ausdriickt in den Beinen, den
Fiiften, Armen, Handen, wenn der Mensch sich bewegt und in willens-
maftige Offenbarung versetzt.
Man kann sagen: Alles Willensmafiige ist selbst noch bei dem Kinde
zwischen dem fiinfzehnten und einundzwanzigsten Jahre abhangig
von der Art und Weise, wie der Organismus in die Bewegung hinein-
wirkt. Gerade der Padagoge mufi sich unbefangene Beobachtung fiir
solche Dinge wahren. Man mulS sehen konnen, wie ein junger Mensch
in seinem Willen energisch ist, oder eigentlich die Anlage dazu hat,
energisch zu werden, wenn er stark mit dem hinteren Teil seines Fufies,
mit der Ferse, auf den Boden aufstofit in seinem Gang, wie er weniger
energisch veranlagt ist in seinem Willen, wenn sein Gang so ist, dafi
er mehr mit dem Vorderteil des Fufies tanzelnd sich bewegt.
Das alles aber: wie der Mensch seine Beine setzt, wie der Mensch in
der Lage ist, die Bewegung der Arme fortzusetzen in die Geschicklich-
keit der Finger, das ist selbst noch fiir den jungen Menschen nach dem
fiinfzehnten Jahre eine aufiere physische Offenbarung seines Willens.
Und der Wille emanzipiert sich erst urn das zwanzigste Jahr herum in
derselben Weise von dem Organismus, wie sich das Gefiihl um das
vierzehnte Jahr herum, das Denken um das siebente Jahr beim Zahn-
wechsel emanzipiert. Nur sind die aufteren Vorgange, die sich bei der
Offenbarung des emanzipierten Denkens zeigen, sehr auffallig; jeder
kann sie leicht sehen, das Zahnewechseln ist eine sehr auffallige Er-
scheinung im Menschenleben. Die Emanzipation des Gefiihles tritt
schon weniger auffallig hervor. Sie tritt hervor in der Aneignung der
sogenannten sekundaren Geschlechtsorgane, der Vergrofierung der Ge-
schlechtsorgane beim Knaben, der entsprechenden Umanderung beim
Madchen, der Veranderung der Stimme beim Knaben, der Verande-
rung des inneren Lebenshabitus beim Madchen und so weiter. Da sind
die aufieren Symptome fiir die Metamorphose des Menschen schon
weniger auffallig. Das Gefiihl also emanzipiert sich mehr innerlich
von der physischen Organisation zur seelischen Selbstandigkeit.
Die aufieren Symptome fiir die Willensemanzipation um das zwan-
zigste, einundzwanzigste Jahr herum treten noch weniger aufierlich
hervor und werden von einer im Aufierlichen lebenden Zeit, wie es die
unserige ist, deshalb fast gar nicht bemerkt. Bei uns, in unserem Zeit-
alter sind ja die Menschen nach ihrer eigenen Meinung nach dem vier-
zehnten, fiinfzehnten Lebensjahr erwachsen; und dafi man nach dem
vierzehnten, fiinfzehnten Lebensjahre nicht nur aufiere Kenntnis, son-
dern auch noch innere Charakterbildung, gerade Willensbildung sich
aneignen soil, das erkennen unsere jungen Leute zwischen dem fiinf-
zehnten und einundzwanzigsten Jahre ja nicht an. Sie beginnen eher
schon als Reformatoren, als Lehrer aufzutreten, und statt sich zu be-
schaftigen mit dem, was sie lernen konnen von den Alteren, schreiben
sie Feuilletons oder dergleichen vor dem einundzwanzigsten Lebens-
jahre. Es ist dies ganz begreiflich in einer auf das Aufiere gerichteten
Zeit.
Fiir die verbirgt sich jene starke Anderung, die auch noch mit dem
zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre im Menschen vor sich geht,
weil sie durchaus innerlich ist. Aber sie ist da, und man kann sie etwa
in der folgenden Art beschreiben.
Bis zum einundzwanzigsten Jahre, approximativ natiirlich, wie ich
ja schon in den letzten Tagen gesagt habe, bis zum einundzwanzigsten
Jahre approximativ ist der Mensch noch nicht ein geschlossenes per-
sonliches Wesen, sondern er ist in einer starken Weise hingegeben an
die Gravitation, an die Schwerkraft der Erde. Er kampft mit der
Schwerkraft der Erde bis approximativ zum einundzwanzigsten Le-
bensjahre. Und in dieser Beziehung wird die aufiere Wissenschaft noch
manche Entdeckungen machen, die heute schon klar sind fur jene
exakte Clairvoyance, von der ich gestern gesprochen habe.
Wir tragen in unserem Blute Eisen in den Blutkorperchen. Diese
Blutkorperchen sind im wesentlichen bis zum einundzwanzigsten Jahre
hin so, daft sie in ihrer Schwere uberwiegen. Vom einundzwanzigsten
Jahre ab bekommt der Mensch gewissermafien von unten herauf einen
Gegenstoft, eine Art von Auftrieb seines ganzen Blutes. Der Mensch
setzt mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre die Sohle seines Fufles
anders auf die Erde auf, als das vorher der Fall war. Das weift man
nur heute nicht, aber das ist von einer fundamentalen Wichtigkeit fur
die ganze Menschenerkenntnis, insofern sich diese in Erziehung offen-
baren soil. Es wirkt gewissermaften mit jedem Fufiaufsetzen eine Kraft
von unten nach oben im menschlichen Organismus vom einundzwan-
zigsten Jahre an, die vorher nicht gewirkt hat. Der Mensch wird ein
geschlossenes Wesen, das die von oben nach unten stromenden Krafte
paralysiert hat durch die von unten nach oben stromenden Krafte,
wahrend er vorher im wesentlichen alle Krafte seines Wachstums, sei-
ner Entwickelung, vom Kopfe nach unten stromend hat.
Dieses Stromen der Krafte seines Wachstums vom Kopfe nach un-
ten, das ist beim ganz kleinen Kinde bis zum siebenten Lebensjahre so-
gar am allerstarksten. Da geht von der Kopforganisation die ganze
menschliche Korperorganisation aus. Der Kopf tut bis zum siebenten
Jahre alles; erst wenn sich das Denken mit dem Zahnwechsel emanzi-
piert, lost sich der Kopf auch los von dieser starken Kraft, die von
oben nach unten wirkt.
Der Mensch heute weifi viel iiber positiven und negativen Magne-
tismus. Er weilS viel iiber positive und negative Elektrizitat. Aber er
weifi aufierordentlich wenig iiber dasjenige, was im Menschen selber
vor sich geht. Dafi sich die Krafte vom Kopfe zu den Fiifien und von
den FiilSen zum Kopfe erst einrichten in den ersten zwei Lebensjahr-
zehnten, das ist eine bedeutsame anthroposophische Wahrheit, die fun-
damental bedeutsam ist fiir das ganze Erziehungswesen, und deren
man sich heute eigentlich gar nicht bewuftt ist. Und doch, es ruht auf
dieser Frage iiberhaupt alle Padagogik, alles Erziehungswesen. Denn
warum erziehen wir? Das ist die grofte Frage.
Wir miissen uns - indem wir innerhalb der Menschheit, nicht inner-
halb der Tierheit stehen - fragen: Warum erziehen wir? Warum wach-
sen die Tiere ohne Erziehung in ihre Lebensaufgaben hinein? Warum
miissen wir Menschen iiberhaupt den Menschen erziehen? Warum ge-
schieht es nicht so, dafi der Mensch einfach durch Anschauung und
Nachahmung sich dasjenige fiir das Leben erwirbt, was er braucht?
Warum mufi ein Erzieher, ein Padagoge in die Freiheit des Kindes ein-
greifen? - Eine Frage, die man meistens gar nicht aufwirft, weil man
die Sache fiir ganz selbstverstandlich halt.
Aber man ist erst Padagoge, wenn man diese Frage nicht fiir selbst-
verstandlich halt, wenn man darauf kommt, dafi es ja eigentlich eine
Aufdringlichkeit gegeniiber dem Kinde ist, wenn man sich hinstellt
und es erziehen will. Warum soil das Kind sich das gefallen lassen?
Wir betrachten es als unser selbstverstandliches Geschaft, die Kinder
zu erziehen - die Kinder in ihrer Unbewufitheit ganz und gar nicht!
Und deshalb reden wir viel iiber die Ungezogenheit der Kinder und
denken gar nicht, dafi wir ja - zwar nicht fiir das helle Bewufksein,
aber fiir das Unterbewufite - den Kindern hochst komisch vorkommen
miissen, wenn wir irgend etwas von aufien an sie heranbringen. Sie
haben eine voile Berechtigung, dafi ihnen das zunachst recht unsym-
pathisch ist. Und die grofie Frage der Erziehung ist diese: Wie ver-
wandeln wir dasjenige, was den Kindern zunachst unsympathisch sein
mufi, in Sympathie?
Dazu ist aber Gelegenheit gerade gegeben zwischen dem siebenten
und vierzehnten Jahre. Denn mit dem siebenten Lebensjahre wird der
Kopf, der Trager des Denkens, selbstandig. Er entwickelt nicht mehr
so stark nach unten gehende Krafte, wie das beim Kinde bis zum sie-
benten Jahre der Fall ist. Er wird gewissermaften bequem und besorgt
seine eigenen Angelegenheiten.
Wenn wir nun den Sprung hiniiber machen zum vierzehnten, fiinf-
zehnten Jahre, da werden die Bewegungsorgane erst willensgemaft
personlich. Der Wille wird in den Bewegungsorganen selbstandig. Da
wirken erst diejenigen Krafte von unten nach oben, die der Mensch
haben mull als Willenskrafte. Denn aller Wille wirkt von unten nach
oben, alles Denken wirkt von oben nach unten. Vom Himmel zur
Erde geht die Richtung des Denkens, von der Erde zum Himmel geht
die Richtung des Willens. Beide sind in dem Lebensalter zwischen dem
siebenten und vierzehnten Jahre nicht miteinander verbunden, nicht
ineinander eingeschaltet. Das, was von oben nach unten geht, verliert
sich wiederum in unbestimmter Weise. Und im mittleren Menschen,
wo Atmung und Zirkulation lebt, ihren Ursprung hat, da lebt auch
dasjenige, was sich in dieser Zeit als der Gefuhlsmensch emanzipiert.
Und indem wir in der richtigen Weise den Gefuhlsmenschen zwischen
dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre ausbilden, bringen wir
das, was von oben nach unten geht und von unten nach oben, in das
richtige Verhaltnis.
So handelt es sich um nichts Geringeres, als dafi wir zwischen dem
siebenten und dem vierzehnten Lebensjahre des Kindes das Denken
in die richtige Verbindung mit dem Wollen, mit dem Willen bringen.
Und das kann verfehlt werden. Deshalb miissen wir erziehen, weil
beim Tiere diese Zusammenschaltung vom Denken, sofern das Tier
ein traumhaftes Denken hat, und vom Willen, sofern das Tier einen
Willen hat, von selbst geschieht; beim Menschen geschieht die Zusam-
menschaltung von Denken und Wille nicht von selbst. Beim Tiere ist
sie eine natiirliche Handlung, beim Menschen mu!5 sie eine sittliche,
eine moralische Handlung werden. Und deshalb kann der Mensch ein
moralisches Wesen werden, weil er hier auf Erden Gelegenheit hat,
erst sein Denken mit seinem Willen zusammenzuschalten, in Verbin-
dung zu bringen. Darauf beruht der ganze menschliche Charakter, in-
sofern er aus dem Inneren hervorgeht, dafi die richtige Harmonic her-
vorgerufen wird durch menschliche Tatigkeit zwischen Denken und
Wille. Und dieses Zusammenstimmen, dieses Harmonisieren von Den-
ken und Wille besorgten die Griechen dadurch, dafi sie gewissermafien
die Stromung vom Kopf zu den Gliedern, die in den ersten Jahren
von selbst da ist, in ihrer Gymnastik wieder hervorriefen, daft sie
Arme und Beine so bewegen liefien in ihrem Tanzen und Ringen, daft
eingeschaltet wurde die Kopftatigkeit in der richtigen Weise.
Diese Zivilisation konnen wir nicht mehr haben. Wir miissen vom
Geist ausgehen. Deshalb miissen wir verstehen, wie der Wille des Men-
schen durch die geschilderten inneren Vorgange mit dem einundzwan-
zigsten Jahre in den Bewegungsorganen so emanzipiert wird, wie das
Gefiihl mit dem vierzehnten Jahre, das Denken mit dem siebenten
Jahre in der menschlichen Organisation emanzipiert wird.
Das ist dasjenige, was die moderne Zivilisation im Grunde genom-
men verschlafen hat. Verschlafen hat sie die Einsicht, daft die Erzie-
hung bestehen miiftte in der Zusammenschaltung des Willens, der erst
mit dem zwanzigsten Lebens jahre voll emanzipiert als seelische Eigen-
schaft erscheint, mit dem Denken, das schon im siebenten Jahre er-
scheint. Dann erst bekommt man die richtige Ehrfurcht fur die Ent-
wickelung des Menschen, wenn man, so wie wir es gestern gemacht
haben in bezug auf Denken und Fiihlen, und wie wir es eben nun ver-
suchten auch mit dem Willen, den Geist heranzutragen an den korper-
lichen Menschen; wenn wir lernen den Willen heranzutragen an die
menschlichen Bewegungsglieder, lernen, ihn anschauen in dem ganz
andersartigen Bewegen der Finger, der Arme, in dem nun personlichen
Aufsetzen der Fiifte mit dem zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahre,
was sich seit dem fiinfzehnten Jahre sukzessiv vorbereitet.
Wenn wir in dieser Weise wiederum den Geist nicht als Assoziation
von Ideen, als Geistskelett haben, sondern als lebendigen Geist, der
nun auch anschauen kann, wie der Mensch seine Beine aufsetzt, wie er
seine Finger bewegt, dann sind wir wiederum herangekommen an den
Menschen, dann konnen wir wiederum erziehen.
Diese Einsicht war instinktiv bei den Griechen noch vorhanden. Sie
verlor sich nach und nach, aber nur langsam; sie bestand traditionell
noch fort bis ins 16. Jahrhundert hinein. Und dasjenige, was wir haupt-
sachlich im 16. Jahrhundert beobachten, das ist, daft die zivilisierte
Menschheit im ganzen die Einsicht verliert in das Verhaltnis zwischen
Denken und Willen. Und es beginnen die Menschen erst seit jener
Zeit, seit dem 16. Jahrhundert, nachzudenken iiber Erziehung und
haben die wichtigsten Fragen der Menschenerkenntnis gar nicht im
Auge. Sie verstehen den Menschen nicht und wollen den Menschen
erziehen! Das ist die Tragik, die seit dem 16. Jahrhundert waltet. Und
diese Tragik hat sich bis in unsere Gegenwart herein erhalten.
In unserer Gegenwart fuhlen und sehen die Menschen: es mufi eine
Metamorphose eintreten in bezug auf das Erziehungswesen. Es ent-
stehen iiberall die Vereinigungen fur Erziehungswesen, fiir Reform-
fragen im Erziehungswesen. Man fiihlt, dafi die Erziehung etwas
braucht, aber man geht nicht an die fundamentale Frage: Wie harmo-
nisiert man im Menschenwesen Denken und Wille? - Man sagt hoch-
stens: Da ist zuviel Intellektualismus; da mulS man weniger intellek-
tuell erziehen; da mufi man den Willen erziehen.
Man mufi den Willen fiir sich nicht erziehen. Alles Reden dariiber:
Was ist besser, Gedankenerziehung oder Willenserziehung? - all dieses
Reden ist dilettantisch. Sachgemafi, das heifit, menschenwesengemafi
ist allein die Frage: Wie bringen wir das sich im Kopfe emanzipierende
Denken mit dem in den Gliedern sich emanzipierenden Willen in die
richtige Harmonie? - Weder einseitig auf das Denken, noch einseitig
auf den Willen, sondern allseitig auf den ganzen Menschen mussen
wir hinblicken, wenn wir Erzieher werden wollen.
Das konnen wir nicht mit den sich assoziierenden Ideen, an die wir
gewohnt sind, wenn wir heute von Geist reden; das konnen wir nur,
wenn wir in der Weise, wie ich es angedeutet habe in meinem ersten
Vortrage und gestern wiederum, von dem Denken, das in der heutigen
Zeit herrscht, so ergriffen werden, als ware es der Leichnam des leben-
digen Denkens, und als miifiten wir uns durch eine eigene Entwicke-
lung hindurcharbeiten zum lebendigen Denken.
In dieser Beziehung mochte ich nun eine erste fundamentale Sache
fiir alle Reform des Erziehungswesens jetzt in diesem Augenblicke
ungeniert hinstellen. Aber ich mufi selbstverstandlich um Entschuldi-
gung bitten, wenn ich diese Wahrheit ungeniert hinstelle, weil sie, in-
dem man sie ausspricht, fast ausschaut wie eine Beleidigung der gegen-
wiirtigen Menschheit, und beleidigen mag man doch nicht gern.
Es ist eine Eigentiimlichkeit der gegenwartigen Zivilisation, dafi die
Menschen wissen: es mufi anders erzogen werden. Daher iiberall Re-
formvereine fiir Erziehung. Sie wissen ganz gut: es wird nicht ordent-
lich erzogen, daher mull es anders werden. Aber nun sind die Menschen
ebenso iiberzeugt, daft sie aufterordentlich gut wissen, wie erzogen
wird, daft jeder einzelne in seinem Vereine sagen kann, wie erzogen
werden soil.
Man sollte eigentlich denken: wenn so durchaus schlecht erzogen
worden ist, daft man so grundlich reformieren mufi, und man ist doch
selbst dabeigewesen bei der schlechten Erziehung, so miiftte diese
schlechte Erziehung einen nicht gleich von vornherein fahig machen,
nun ganz gut, radikal gut wiederum zu wissen, wie man erziehen soil.
Heute weift jeder Mensch, daft er schlecht erzogen ist — mit den an-
deren. Aber er nimmt ebensogut an, daft er ganz vollkommen, radi-
kal gut weift, wie anders, wie gut erzogen werden soli. Und weil das
jeder Mensch weift, so sprossen die Erziehungsvereinigungen wie Pilze
auf.
Von diesem Grundsatz ist die Waldorf schul-Methode nicht ausge-
gangen, sondern sie ist ausgegangen davon, daft man noch nicht weift,
wie erzogen werden soli, und daft man sich vor alien Dingen eine
griindliche, fundamentale Menschenerkenntnis anzueignen habe. Der
erste seminaristische Kursus fiir die Waldorfschule war daher eine
griindliche Menschenerkenntnis, damit die Waldorfschullehrer allmah-
lich lernten, was sie ja noch nicht wissen konnten: wie erzogen werden
soil. Denn, wie erzogen werden soli, kann man erst wissen, wenn man
weift, wie der Mensch eigentlich ist.
Eine griindliche, fundamentale Menschenerkenntnis war das, was
zunachst den Waldorfschullehrern in dem seminaristischen Kursus
ubergeben worden ist. Davon konnte dann erhofft werden, daft sie den
inneren Enthusiasmus und die Liebe fiir die Erziehung aus der Be-
trachtung der wahren Menschennatur erlangen. Denn wenn man den
Menschen kennt, dann mufi das Beste fiir die Erziehungspraxis die
selbstandig im Menschen aufkeimende Liebe fiir den Menschen sein.
Padagogik ist, im Grunde genommen, aus Menschenerkenntnis her-
aus resultierende Liebe zum Menschen. Mindestens kann sie nur darauf
aufgebaut sein.
Nun, fiir denjenigen, der das Menschenleben, wie es in der gegen-
wartigen Zivilisation sich offenbart, aufterlich nimmt, fiir den werden
die zahlreichen Erziehungsvereine eine auftere Offenbarung dafiir sein,
daft man gegenwartig moglichst viel weift, wie erzogen werden soil;
fiir denjenigen, der das Menschenleben tiefer betrachtet, ist das nicht
der Fall. Bei den Griechen war es ein Instinkt, der erzog. Man redete
nicht viel iiber Erziehung. Plato war der erste, der - aus einer gewis-
sen philosophischen Unerzogenheit heraus - auch nicht viel, aber eini-
ges iiber Erziehung redete.
Und sehr viel iiber Erziehung zu reden fing man eigentlich erst im
16. Jahrhundert an. Die Menschheit redet namKch meistens sehr we-
nig von dem, was sie kann, und sie redet sehr viel von dem, was sie
nicht kann. Und fiir den tieferen Menschenkenner ist, wenn viel von
einer Sache geredet wird, das nicht ein Zeichen dafiir, daft man diese
Sache versteht; sondern das menschliche Leben ist fiir den tieferen
Kenner so, daft wenn in irgendeinem Zeitalter auftaucht das Bestreben,
iiber eine Sache moglichst viel zu reden, dies ein Zeichen ist, daft man
von einer Sache moglichst wenig weift! Und so ist fiir den, der eigent-
lich hineinschaut in die heutige Zivilisation, das Auftauchen der Er-
ziehungsfrage ein Hindeuten darauf, daft man nicht mehr weift, wie es
mit der Entwickelung der Menschen beschaffen ist.
Das ist allerdings eine Sache, wegen der man, wenn man sie er-
wahnt, urn Entschuldigung bitten muft. Das tue ich auch mit allem
schuldigen Respekt. Aber es kann die Wahrheit doch nicht verhiillt
werden, sie muft gesagt werden. Und wenn die Waldorfschul-Methode
einiges erreichen wird, so wird sie es namentlich dadurch, daft sie aus-
gegangen ist davon, anstelle der Unkenntnis iiber die menschliche
Wesenheit die Kenntnis von der menschlichen Wesenheit zu setzen, an
die Stelle eines bloft aufterlichen anthropologischen Herumredens iiber
den Menschen eine wirkliche anthroposophische Einsicht in das Innere
der Menschennatur zu setzen, das heiftt, den Geist als etwas Leben-
diges in den korperlichen Menschen bis in die korperlichen Funktionen
hineinzutragen.
Es wird einmal ebenso selbstverstandlich sein, vom Menschen mit
Kenntnis zu sprechen, wie es heute fast selbstverstandlich ist, mit Un-
kenntnis vom Menschen zu sprechen. Man wird einstmals auch in der
allgemeinen Zivilisation wissen, wie das Denken zusammenhangt mit
der Kraft, welche die Zahne wachsen lafk. Man wird einstmals be-
obachten konnen, wie die innere Kraft des Fiihlens zusammenhangt
mit dem, was sich ausdriickt von den Brustorganen aus in der Be-
wegung der Lippen.
Man wird in der Umanderung der Lippenbewegungen, der Beherr-
schung der Lippenbewegungen durch das menschliche Gefiihl, die sich
entwickeln zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre, ein wich-
tiges aufteres Anzeichen sehen fiir eine innere Entwickelung des Men-
schen. Und man wird sehen, wie alles dasjenige, was der Mensch sich
erwirbt zwischen dem vierzehnten, fiinfzehnten und einundzwanzig-
sten Lebensjahre an Konsolidierung der Krafte, die von unten nach
oben gehen, man wird merken, dafi alle diese Krafte sich stauen ge-
rade in dem Kopfe des Menschen selbst.
Und so wie in den Zahnen zum Vorschein kommt dasjenige, was
denkerisch ist, in den Lippen dasjenige, was im Gefiihle wurzelt, so
wird in dem aufierordentlich wichtigen Organismus, in dem Gaumen-
organismus, der die Mundhohle nach riickwarts abschliefit, sichtbar
werden fiir eine wirkliche Menschenkunde die Art und Weise, wie die
Krafte von unten nach oben wirken und sich gerade im Gaumen stauen,
so dafi sie iibergehen in die Sprachwirklichkeit.
Wird man einmal nicht nur in das Mikroskop oder in das Teleskop
hineinschauen, um das Kleinste und Grofite zu sehen, sondern wird
man hinschauen auf dasjenige, was einem aufierlich in der Welt ent-
gegentritt, was man aber heute nicht sieht, trotz Mikroskop und Tele-
skop, dann wird man wahrnehmen, wie in den Zahnlauten das Den-
kerische des Menschen lebt, in den Lippenlauten das Fiihlende des Men-
schen lebt, wie in den Gaumenlauten, die insbesondere die Zunge impul-
sieren, das Willensmafiige des Menschen lebt; und man wird in der Spra-
che durch Zahnlaute, Lippen- und Gaumenlaute einen Abdruck des
ganzen Menschen wiederum sehen, wie in jeder menschlichen Aufierung.
Heute bemiihen sich die Menschen, in den Linien der Hand und in
ahnlichen aufieren Dingen zu lesen. Sie suchen aus den Symptomen
die Menschennatur zu erkennen. Alle diese Dinge werden erst richtig
verstanden, wenn man den ganzen Menschen in seinen Aufierungen
suchen mufi, wenn man sehen wird, wie die Sprache, die den Menschen
aus einem individuellen Wesen zu einem sozialen Wesen nach auflen
macht, in ihrer inneren Bewegung und Konfiguration ein Abbild ist
der ganzen Menschennatur, und wie wir nicht durch eine blofie Zufal-
ligkeit Zahnlaute, Lippenlaute, Gaumenlaute in der Sprache haben,
sondern sie deshalb haben, weil in den Zahnlauten zuerst der Kopf, in
den Lippenlauten die Brust, in den Gaumenlauten der tibrige Mensch
in die Sprache hinein erobert wird.
Lernen mufi unsere Zivilisation so zu sprechen iiber die menschliche
Offenbarung, dann wird sie den Geist an den ganzen Menschen heran-
tragen. Dann wird sie auch den Weg finden von dem Geiste des Men-
schen hinein in seine intimsten Aufierungen, in die Moralitatsaufierun-
gen. Dann wird aus alledem der innere Impuls einer Erziehung, wie
wir sie brauchen, hervorgehen.
Das bedeutsamste Dokument, das offenbaren kann, wie anders wir
heute die Welt und ihre Zivilisation auffassen miissen, als das in alten
Zeiten moglich war, ist das Johannes-Evangelium, das eigentlich das
allerschonste, allertiefste Dokument gerade aus der griechischen Kultur
heraus ist. Und das Johannes-Evangelium zeigt - das ist das Gran-
diose schon in seiner ersten Zeile -, wie wir uns zu ganz anderen le-
bendigen Ideen aufschwingen miissen, wenn wir fur unsere heutige
Zeit etwas lernen wollen aus den alten Zeiten. Was der Grieche ge-
dacht hat, was der Grieche empfunden hat, das bildet das Kleid fur
das heraufkommende Christentum in dem Johannes-Evangelium.
Die erste Zeile des Johannes-Evangeliums ist: «Im Urbeginne war
das Wort» - im Griechischen «der Logos ». Bei alledem, was der Mensch
heute empfindet bei dem Worte «Wort», liegt ganz und gar nicht
dasjenige, was der Schreiber des Johannes-Evangeliums empfunden
hat, als er die Zeile niederschrieb: «Im Urbeginne war das Wort.»
Das Armselige, das Unbedeutende, was wir denken, wenn wir das
Wort «Wort» aussprechen, das hatte wahrhaftig der Schreiber des
Johannes-Evangeliums nicht im Sinne, als er die Zeile niederschrieb:
«Im Urbeginne war das Wort.»
In diesem Worte «Wort» liegt etwas ganz anderes. Bei uns ist das
Wort ein armseliges Aussprechen der abstrakten Gedanken. Es spricht
ja auch unser Wort nur zu den abstrakten Gedanken. Bei dem Grie-
chen war noch das Wort eine Aufforderung an den menschlichen Wil-
len. Und im griechischen Organismus prickelte es noch, wenn eine
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