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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
7.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
f entlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga-
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und
padagogischer Fragen
Siebzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
zwischen dem 21. April und 28. September 1919, darunter:
«Drei Vortrage iiber Volkspadagogik»
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach
Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1964
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Friihere Ausgaben siehe Seite 396
Bibliographie-Nr. 192
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Kooperative Durnau, Diirnau
ISBN 3-7274-1920-2
INH ALT
Erster Vortrag, Stuttgart, 2 1 . April 1919
Die Ereignisse der Gegenwart als Priifstein fiir die anthroposophische Lebens-
haltung. Aufierungen des deutschen Aufienministers von Jagow im Friihling
1914 als Beispiel fiir das unreale Denken der «Lebenspraktiker». Ein zur
gleichen Zeit erfolgter Hinweis Rudolf Steiners auf «Krebsgeschwure» im
sozialen Organismus. Der Dreigliederungsgedanke als wirklichkeitsgemafie
Zeitforderung gegeniiber der Abstraktheit der «Vierzehn Punkte» Woodrow
Wilsons. Der Geistimpuls Goethes und seine Nichtbeachtung in der heutigen
Kulturwelt. Der Parasitismus des moderaen Geisteslebens; die Landschafts-
malerei als Beispiel. Die Versklavung des Geisteslebens durch den Staat. Ein
Beispiel aus der Eisenindustrie fiir die Verselbstandigung des Wirtschaftsle-
bens. Fichtes «Geschlossener Handelsstaat» als einBolschewiken-Programm:
Ein Beispiel fiir die Unmoglichkeit, aus der Einzelindividualitat heraus zu
sozial tragenden Ideen zu kommen.
Z weiter Vortrag, 23 . April 1919
Ein innerer Aspekt der sozialen Dreigliederung: Unabhangigkeit des auf indi-
viduellen Fahigkeiten beruhenden Geisteslebens vom Leiblichen; Ausbildung
der Rechtsimpulse durch die Gleichheit der menschlichen physischen Gestalt,
Untertauchen ins Untermenschliche innerhalb des Wirtschaftslebens. Die
Beziehung der drei Glieder zum vorgeburtlichen, zum irdischen und zum
nachtodlichen Seelenleben. Analogien zwischen dem Leben des Einzelnen und
dem Leben des Staates. Die Wertlosigkeit spekulativer und die Fruchtbarkeit
geisteswissenschaftlich begriindeter Gedanken hieriiber. Die Korruption des
Denkens durch den falschen Begriff von motorischen Nerven. Der Zusam-
menhang zwischen Sprachentwickelung und allgemeiner Menschheitsentwik-
kelung. Der Skeptizismus Fritz Mauthners als Gegenwartssymptom. Der
Schwellenubergang der Menschheit und die Notwendigkeit einer Verwirkli-
chung der Dreigliederung in unserer Zeit.
Dritter Vortrag, 1. Mai 1919
Das unbewufite Uberschreiten der Schwelle zur geistigen Welt durch die ganze
Menschheit. Die notwendige Bewufitmachung dieser Tatsache durch ein Auf-
steigen von der Sinneswissenschaft zur Geisteswissenschaft. Die Erkenntnis-
Skepsis von Fritz Mauthner. Sein «Philosophisches Worterbuch» als Aus-
druck dieser Skepsis. Die Auswirkung dieser Haltung auf seine Schuler; Gu-
stav Landauer als Beispiel dafur. Die Notwendigkeit innerer Aktivitat fiir die
Entwicklung sozialer Impulse. Die abstrakte Lehre von Ernst Mach, Richard
Avenarius und Viktor Adler. Die von dieser Lehre zur Staatsphilosophie der
Bolschewisten fiihrende Tatsachenlogik. Die Dreigliederung des sozialen Or-
ganismus als aufieres Spiegelbild der inneren Dreiteilung des iiber die Schwelle
schreitenden Menschen. Das Aufsteigen von der morphologischen Betrach-
tungsweise Ernst Haeckels zu einem geistgemafien Erfassen des Unterschieds
zwischen tierischer und menschlicher Gestalt und des Mitschwingens des
Menschen mit den kosmischen Rhythmen. Die Egoistik Max Stirners als
Zeitsymbol. Die untergehende btirgerliche Lebensauffassung und die Zu-
kunftskrafte im Proletariat.
Vierter Vortrag (1. Vortrag iiber Volkspadagogik)
11. Mai 1919
Beispiele fur die Unzulanglichkeit der naturwissenschaftlichen Weltorientie-
rung gegeniiber den soziaien Problemen der Gegenwart. Zu zwei Aufsatzen
von Jakob von Uexkiill und Friedrich Niebergall. Mangelnde Denkaktivitat
und die Tendenz zur Riickkehr in die katholische Kirche. Das Verderbliche
des Zusammenstofiens von technischer Kultur und Privatkapitalismus. Die
Notwendigkeit einer Erneuerung der Volkspadagogik und der Volksschule
auf der Grundlage einer Erkenntnis der menschlichen Natur und ihrer Ent-
wicklungsgesetze. Die notwendige Umgestaltung der Lehramtspriifungen.
Die Ausbildung des Denkens, des Gemiits- und Gedachtnislebens und des
Willens im zweiten Lebensjahrsiebt. Die Einfiihrung in das heutige Leben
wahrend des dritten Jahrsiebts. Die Nutzlosigkeit des Studiums von Latein
und Griechisch fiir unsere Zeit und die Unzulanglichkeit der Ubersetzungen
von griechischen Dramen durch Wilamowitz. Gleiche Grundbildung fiir die
Menschen aller Klassen. Die Bedeutung der Okonomie im Unterricht, darge-
stellt am Beispiel der Geometric.
Funfter Vortrag (2. Vortrag iiber Volkspadagogik)
18. Mai 1919
Die Zukunftsaufgabe der Lehrerausbildung: Gewinnung eines unmittelbaren
Zusammenhanges mit dem Leben. Die Einfiihrung der Experimental-
psychologie in die Schule als Symptom fiir die Lebensfremdheit unserer Zeit.
Die Notwendigkeit anthropologischer Menschenerkenntnis zur Uberwin-
dung dreier Zwangsimpulse: maskierter Priesterzwang, politischer Zwang und
wirtschaftlicher Zwang. Die Notwendigkeit fur den Padagogen, die grofien
Entwicklungslinieh der Menschheitsgeschichte zu erkennen: zum B eispiel den
Ubergang vom natiirlichen Recht zum historischen Recht oder das Einmiin-
den des neueren Geisteslebens in ein Parasitentum. Die Hilflosigkeit heutiger
Politiker wie Helfferich, Kapp und Bethmann Hollweg gegenuber den Erfor-
dernissen unserer Zeit. Ein Ziel der Schule: Das Hinfuhrenzum Lernenkonnen
vom Leben. Im Westen: Wirtschaftsstreben ohne Briiderlichkeit; im Osten:
Briiderlichkeit ohne Wirtschaftsleben; in Mitteleuropa die Moglichkeit zur
Zusammenfassung der beiden. Das notwendige Herauskommen aus dem
Klemlichen des Fachspeziaiistentums.
Sechster Vortrag (3. Vortrag iiber Volkspadagogik)
l.Junil919
Die Lebensfremdheit heutiger Erziehungsmethoden. Der Epochen-Unter-
richt und seine Bedeutung fiir die Ausbildung eines gesunden Denkens. Not-
wendigkeit einer philosophischen Propadeutik in den hoheren Schulen und
der Einfiihrung in die Probleme von Ackerbau, Gewerbe und Handel. Erzie-
hung zu wirklichkeitsgemafiem Beurteilen der Weltlage. Die notwendige Ver-
bindung von Kunst und Leben, von Kunst und Erziehung. Die Tendenz des
Ostens nach wirklichkeitsfremder Mystik, des Westens nach Uberbordung
des materiellen Lebens, und das Abwehren dieser Schadigungen durch die
Dreigliederung des sozialen Organismus. Die Unmoglichkeit, diese Dreiglie-
derung in privaten Gruppen zu realisieren.
SiebenterVortrag, Pfingstsonntag, 8. Juni 1919 146
Der heutige Anti-Pfingstgeist macht das Wort zur Phrase, die Tat zur gedan-
kenlosen Brutalitat. Das Erbe verkehrten Griechentums: der schon von Sokra-
tes und Plato bekampfte Hang zur Illusion; verkehrten Romertums: der Geist
der Gesetze. Die Verleugnung wirklichen deutsch-mitteleuropaischen Geistes
durch moderne Wissenschaftler. Die falsche Unterscheidung von sensitiven
und motorischen Nerven als Grand fur das Nicht-fassen-Kdnnen eines wahr-
haften Arbeitsbegriffes. Die Befreiung des Geisteslebens als heutige Pfingst-
forderung. Das Verstandnis des Proletariers fur die Dreigliederung durch sein
direktes Verhaltnis zum Leben. Die Neigung zur Phrasenhaftigkeit im gegen-
wartigen Geistesleben. Der Staat als Beschiitzer der biirgerlichen Existenz und
als Zerstdrer echten Menschentums. Die Anthroposophie als Kulturimpuls
der Gegenwart.
Achter Vortrag, Pf ingstmontag, 9. Juni 1919 165
Der Abgrund zwischen Wort und Tat im heutigen Kulturleben. Worte Theo-
bald Zieglers iiber die staatliche Schulaufsicht als Beispiel fur richtige Einsicht
ohne Mut zum Handeln. Der notwendige Gleichgewichtszustand zwischen
Luziferischem und Ahrimanischem. Die Holzplastik in Dornach. Die Lehre
von sensitiven und motorischen Nerven als Beschreibung des luziferischen
Elements im Menschen durch Ahriman. Die Vorherrschaft des Luziferischen
in der vorgriechischen Zeit, die Gleichgewichtslage im Griechentum und die
Vorherrschaft des Ahrimanischen in der Folgezeit. Die Erbschaften aus dem
alten Orient: Priesterherrschaft und Militarismus der Aristokratie; aus dem
Romertum: Metaphysik und Jurisprudenz des Burgertums. Die Gefahr des
Proletariertums: Abstieg in eine materialistische geistleugnende Haltung. Die
drei Typen griechischer Skulpturen als Ausdruck fiir physiologische Unter-
schiede der Volksteile. Der an den Felsen geschmiedete Prometheus als Wahr-
bild der heutigen Menschheit. Ahrimanisches im heutigen Geldwesen, Luzife-
risches im Amterwesen. Die Ziele anglo-amerikanischer Politik und die
Aufgaben der Geisteswissenschaft. Die notige Uberwindung des Sektierer-
tums.
Neunter Vortrag, 1 5 . Juni 1919 184
Die Bedeutung weltgeschichtlicher Aspekte fur die padagogische Arbeit. Das
Hineinwachsen der jungen Generation in den zukiinftigen Geisteskampf zwi-
schen Ost und West. Die drei ersten Lebensjahrsiebte. Das miitterliche und
das vaterliche Vererbungs-Element. Die Nachahmung des Kleinkindes und
ihre Gegenkraf t in der physischen Verhartung beim Zahnwechsel. Die Wohltat
des Glaubens an die Autoritat im zweiten Jahrsiebt. Wahrhaftigkeit des Erzie-
hers als Voraussetzung dafiir. Die Entfaltung der sozialen Liebe in der Zeit
nach der Pubertat. Entwicklungs gesetze des alternden Menschen. Die Bedeu-
tung der Schulzeit fiir das spatere Leben. Die Unfahigkeit der Naturwissen-
schaft zum Erfassen des Lebendigen. Richard Wahle iiber die Gespensterhaf-
tigkeit naturwissenschaftlicher Begriffe. Alpdruckhafte Unruhe im Sozialen
als Folge der Gespensterhaftigkeit unseres Naturbildes. Das Scheitern von
Lenins sozialem Experiment. Die alte Geistigkeit Indiens im Kampf gegen
England und die Bedeutung dieses Kampfes fur die Padagogik.
Zehnter Vortrag, 22 . Juni 1919 204
Eine Erinnerung an den Krautersammler Felix Koguzki. Wo rte Joseph Erme-
mosers iiber die Zukunftsauf gaben des deutschen Volkes. Die aus den Seelen-
tiefen der heutigen Menschen heraufdrangenden Imaginationen und Inspira-
tionen und die Notwendigkeit ihrer Erfassung durch reale Geisterkenntnis.
Die lebendige Wirklichkeit nur erfafibar durch den kunstlerischen Geist im
Sinne Goethes. Das Hereinwirken des Geistes in das Schlafleben der heutigen
Menschen. Die Unmoglichkeit, aus dem gewohnlichen Wachbewufitsein her-
aus heilsame Entschlusse zu fassen. Der 1. August 1914. Die okkulten Hinter-
griinde der anglo-amerikanischen Politik. Der Gegensatz zwischen Goethe-
scherund Newtonscher Farbenlehreund zwischen Goethes Metamorphosen-
lehre und englischem Darwinismus. Das Verstandnis der Arbeiter fur die
Dreigliederung und das Unverstandnis der Parteifiihrer. Der Ruf unserer
Gegenwart nach Emanzipierung des Geisteslebens.
Elfter Vortrag, 29. Juni 1919 228
Der radikale Umschwung im 15. Jahrhundert. Die notwendige Ablosung des
instinktiven durch ein bewufit gefiihrtes Leben. Die Absicht der katholischen
Kirche, das Alte zu bewahren. Die Tendenz zur Verknocherung und Seelenlo-
sigkeit nach dem 27. Lebensjahr. Der deutsche Idealismus als Abendrote des
Griechen- und Romertums. Das Gedankensystem Hegels und seine Unfahig-
keit zur konkreten Erfassung des Geistes. Die falsche Beurteilung der Anthro-
posophie durch Ernst Michel. Karl Marx als Schtiler Hegels. Die Gefahr der
Mechanisierung des Geistes, der Vegetarisierung der Seele und der Animalisie-
rung der leiblichen Instinkte. Die entmenschlichende Wirkung naturwissen-
schaftlicher Theorien. Ernst Haeckel und die Schuler seiner Schiller. Geistiges
Schaffen moglich durch Bewahrung der Kindheitskrafte. Richtiges Wirt-
schaftsleben durch Pflegen der Alterskrafte. Ein geistiges Gesetz beziiglichder
sozialen Wirkung von Erfindungen. Die Uberwindung eines falschen Egois-
mus durch das Erkennen des vorgeburtlichen Lebens.
Zwolfter Vortrag, 6. Juli 1919 253
Der Niedergang der europaischen Kultur als gesetzmafiiger Notwendigkeit.
Das Wissen von dem geistigen Zusammenhang des Menschen nut dem Kosmos
in den alten Weltanschauungen bis zu Kepler. Der geschichtlich notwendige
Ubergang zu der materialistischen Naturwissenschaft. Die Jahre um 1859 als
Knotenpunkt der Entwicklung. Die «Psycho-Physik» von Theodor Fechner.
Die Entdeckung der Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen. Die Feiern
zum hundertsten Geburtstag Schillers. Das Buch iiber politische Okonomie
von Karl Marx. Der Verlust der alten Raumesanschauung und die Gewinnung
einer Zeitanschauung vom Menschenwesen. Ein Wortlaut Benedetto Croces
iiber die Kunst. Das Erbe des Kapitalismus im Kommunismus Rufilands. Ein
Beispiel fur die Niedergangsimpulse unserer Zek. Ihre Uberwindung durch
eine neue Geistigkeit.
Dreizehnter Vortrag, 13. Juli 1919
Ein Gesprach zwischen dem Soziologen Johann Plenge und dem Philosophen
Max Scheler als Beispiel fur die Verstandnisschwierigkeiten im heutigen sozia-
len Leben. Die Weltanschauung Hegels und ihr Umschlagen in den Materialis-
mus des Karl Marx. Das logische Gedankensystem Hegels und die Notwendig-
keit seiner Umbildung in ubersinnliche Erkenntnis. Die Nachwirkung der
Philosophie Schopenhauers im Offenbarungsglauben. Drei Stromungen der
Gegenwart: 1. Das Streben des Anglo- Amerikanismus nach Weltherrschaft -
2. Das abstrakte Fordern eines Volkerbundes, vertreten durch Woodrow
Wilson - 3. Die Tendenz zu gedankenlosem Sozialismus. Verstandnislosigkeit
von Gustav Seeger gegemiber der Idee der Dreigliederung. Die Unverstand-
lichkeit des Versailler Friedensvertrages und ein Wortlaut dazu von dem
Franzosen Aulard. Die Seelenlosigkeit der englischen Sprache und die Not-
wendigkeit, zu neuem Verstandnis zwischen den Menschen zu kommen.
Herman Grimm und Woodrow Wilson. Uberwindung des Raumes durch die
kunstlerische Gestaltung des Dornacher Baus. Die Vergeistigung des russi-
schen Lebens durch Wladimir Solowjow und die Vernichtung solchen Stre-
bens durch Lenin. Die Notwendigkeit einer Erneuerung unserer absterbenden
Kultur durch kraftvolles Erfassen des Geistes.
Vierzehnter Vortrag, 20. Juli 1919
In Mitteleuropa vorherrschend: Furcht oder Verachtung gegemiber der
Geisterkenntnis. Im Osten und im Westen: Politik auf der Grundlage iiber-
sinnlicher Erkenntnisse. Gewinnung solcher Erkenntnisse in anglo-amerika-
nischen Landern durch Befragung von Medien, im Osten durch Trainierung
des rhythmischen Menschen. Die Notwendigkeit fur Mitteleuropa: Erlangung
geistiger Einsichten durch Ausbildung der Bewulkseinsseele. Das Materieller-
Werden der Verdauungsprozesse und das Spiritueller-Werden des Schlafzu-
standes. Das Fortwirken der indianischen Geistigkeit in der amerikanischen
Kultur. Soziale Theorien von heute als Folgeerscheinung des dkumenischen
Konzils von 869. Wahres Durchschauen der Bedeutung von Ware, Arbeit und
Kapital durch imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis. Die Bedeu-
tung des Wahrheitssinns fur geisteswissenschaftliche Bestrebungen. Eine Ver-
leumdung der anthroposophischen Bewegung in einem neuen theosophischen
Buche. Die drei Stromungen im heutigen sozialen Leben und die ihnen entge-
genwirkenden Krafte.
FUNFZEHNTER VORTRAG, 3 . AugUSt 1919
Der Widerstand unsere Zeitwelt gegen die notwendige Umorientierung des
Denkens. Ein Artikel von Professor Heck gegen die Dreigliederung. Das
Nachwirken griechischen Geisteslebens und romischen Rechtslebens in unse-
rer Kultur. Theokratie und Militarismus als Elemente des griechischen Aristo-
kratismus. Metaphysik und Juristentum als Erbe der romischen abstrakten
Staatsauffassung. Die nur auf dem Wirtschaftsleben fufiende Weltauffassung
von Marx und Engels. Lenins illusionistische Theorie vom geistigen Uberbau
des Wirtschaftslebens. Die Einseitigkeit der nicht mit der Dreigliederung des
Menschen rechtnenden Medizin. Ihre Erneuerung durch das Unterscheiden
zwischen Krankheiten des Stoffwechsels, des rhythmischen Systems und des
Kopfes. Die natiirliche Regeiung der gesellschaftlichen Verhaknisse durch
geistgemafies Denken. Die Sinneslehre der biirgerlichen Professoren Avena-
rius und Mach als Staatsphilosophie des Bolschewismus. Die Impulsierung
des Denkens durch den Christus und das mangelnde Verstandnis dafiir in
der Gegenwart, zum Beispiel bei Harnack. Die Devise fur uns: Lernen und
arbeiten.
SechzehnterVortrag, 8. September 1919 348
Das Eintreten fur die Dreigliederung in einer der jeweiligen Situation entspre-
chenden Weise. Der Ursprung des materialistischen Geistes der Gegenwart in
der kirchlichen Dogmatik. Der Mensch zwischen den Naturreichen und den
drei iiber ihm stehenden Hierarchies Angeloi, Archangeloi und Archai. Das
Erldschen des Interesses der Geister fur den Menschen seit dem 15. Jahrhun-
dert und der Ubergang von den physiologisch bedingten Begabungen zu den
rein seelischen Begabungen. Die Konsequenzen dieses Ubergangs fur die
Padagogik. Die Phrasenhaftigkeit mancher Einwande gegen die Anthroposo-
phie. Die Anomalie der heutigen Gesetzgebung iiber Padagogik. Die Notwen-
digkeit der Erschliefiung neuer schopf erischer Krafte durch «moralische Phan-
tasie». Die Bedeutung der neu gegriindeten Waldorf schule. Die Verbreitung
der Wahrheit in wahrhaftiger Art.
Siebzehnter Vortrag, 28. September 1919 369
Das Landbewufitsein der Griechen und das Erdbewufitsein der neueren Zeit.
Die Notwendigkeit seiner Erweiterung zum Weltbewufitsein. Wandlungen
unseres Erlebens im Lauf der Jahre als Hinweis auf absolute Bewegungen der
Erde im Weltraum. Das Wahrnehmen des f ortwahrenden Sterbens und Gebo-
renwerdens in der Welt als der Taten der dritten Hierarchie und in unserem
Handeln, und darin lebend die erste Hierarchie. Die Nichtbeachtung des
dritten Satzes des Kopernikus durch dieheutige Wissenschaft. Die Autoritats-
glaubigkeit der heutigen Menschen als Folge einer falschen Schulerziehung.
Das Heranbilden selbstandig denkender Menschen als Aufgabe der Waldorf-
schule. Ein Beispiel fur die Oberflachlichkeit heutiger Wissenschaftler. Die
Herbeifiihrung gesunderer Verhaknisse durch ein Verwandeln des Bewufit-
seins im Sinne der Geisteswissenschaft.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 395
Hinweise zum Text 396
Textkorrekturen 408
Namenregister 409
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 411
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 413
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 21. April 1919
Zu demjenigen, was hier vor jetzt wohl genau einem Jahr zu Ihnen
gesprochen werden konnte, ist ja zweifellos fur Sie alle etwas anderes
hinzugetreten, was zu Ihnen gesptochen hat ein sehr eindringlich
redender Lehrmeister: das sind, als der letzte groBe Lehrmeister, die
eindringlich sprechenden, die eine so deutliche Sprache sprechenden
Tatsachen, die sich, seit wir das letztemal hier versammelt waren, ab-
gespielt haben. Ja, diese Tatsachen haben fur Sie alle eine urn so deut-
lichere Sprache gesprochen, als sie wohl fur viele etwas anderes aus-
sagten als das, was lange Zeiten hindurch als ein in die Zukunft hinein-
schweifender Glaube gestanden hat. Es ist ja wahrhaftig ein weiter
Weg, inhaltlich, wenn auch zeitlich scheinbar kurz, von den ersten
Augusttagen des Jahres 1914, wo unter mancherlei Hoffnungen und
unter noch mehr Illtisionen Deutschland ausgezogen ist zunachst mit
einem Heere, das noch nicht einmal auf KriegsfuB war, das noch nicht
die Mobilisations-Ordre mit sich trug, und den sogenannten «Lutticher
Handstreich» ausfuhrte - als unter den mancherlei Illusionen man sich
gewohnt hatte nachzusprechen, was zu denken von gewissen Seiten
her befohlen wurde -, es ist ein weiter Weg von dort bis in jene Tage
hinein, in denen im vorigen Herbste die Gefahr drohte, daB in wenigen
Tagen das jenseits der deutschen Grenzen befindliche Heer abge-
schnitten werde von alien Lebensmitteln der Heimat, was dann ja zu
den Ihnen wenigstens der Hauptsache nach bekannten Tatsachen ge-
fuhrt hat. Es ist ein weiter Weg inhaltlich, wenn auch der Zeit nach
wenige Jahre umfassend. Und zu alledem wird ja fur den tiefer blik-
kenden Menschen die Enttauschung getreten sein, daB zu der auBeren
militarischen Kapitulation auch die geistige Kapitulation von seiten
Deutschlands durch den Mann hinzugefugt worden ist, auf den wie
auf eine letzte HofFnung viele Menschen gerade in den Herbsttagen
des jahres 1918 hingeschaut haben. Da waren, in diesem Herbste 1918,
Ereignisse eingetreten, welche sehr, sehr geeignet waren, Korrektur
auszuuben an all demjenigen, was in den letzten Jahren zwar zwischen
den Zeilen in so mancher Beziehung angedeutet werden konnte, was
aber offen auszusprechen innerhalb der Grem.cn des ehemaligen
Deutschen Reiches vollig unmoglich war, wie Sie ja alle wis sen.
Nun, meine lieben Freunde, jetzt stehen wir gewissermaBen davor
- und das muB insbesondere heute und gerade zu Ihnen gesprochen
werden, in dem Sinne, wie das hier ofters angedeutet worden ist ~,
eine Probe durchzumachen auf dasjenige, was sich innerhalb unserer
Reihen herausgebildet hat, und was ich mit einem vielleicht sonderbar
klingenden Ausdruck «unsere anthroposophische Uberzeugung »
nennen mochte. Was ich insbesondere im Laufe der letzten Jahre
immer wieder und wieder betont habe: daB diese unsere anthropo-
sophische Uberzeugung sich ja nicht darauf beschranken darf, etwas
aufzunehmen, um gewissermaBen bloB ein inneres mystisches Wohl-
gefuhl zu haben, das ist es, was uns die laut sprechenden Tatsachen der
Gegenwart so eindringlich lehren. Gar mancher hat ja in unseren
Reihen sich darauf beschrankt, etwas aus der Anthroposophie auf-
zunehmen, was ihm gewisse innere Seelenfragen beantworten kann
- was selbstverstandlich an sich berechtigt ist -, aber, wahrhaftig nicht
ohne Grund ist in den letzten Jahren immer wieder und wiederum be-
tont worden, daB unsere anthroposophische Uberzeugung dazu fuhren
musse, das praktische, das unmittelbar wirkliche Leben, das ja fur den
Einsichtigen vom Geiste durchwallt ist, besser zu verstehen, als es
ohne die Grundlagen dieser anthroposophischen Oberzeugung ver-
standen werden kann. Nicht ohne Grund wurden diejenigen, welche
sich mit anthroposophischer Uberzeugung haben durchdringen kon-
nen, aufgerufen zum Durchdenken der groBen menschheitlichen Pro-
bleme. Jetzt stehen wir vor einer Probe gewissermaBen, vor der Probe,
ob dasjenige, was wir haben aufnehmen konnen, was wir oftmals doch
nur als die Befriedigung eines hoheren Seelenegoisrnus aufgenommen
haben, ob das wirklich wird eindringen konnen in unseren Verstand,
in unser Gemut, in unser Herz, so daB wir gewachsen sein werden den
Aufgaben, die jetzt in immer erhohterem MaBe den Menschen gestellt
werden. Denn manches, was jetzt hereindringt, hat erst seinen Anfang
genommen. Wir stehen mit Bezug auf vieles erst vor einem Anfang.
Und es ist notwendig, daB wir von den Tatsachen lernen. Bedenken
Sie nur einmal, wie das ganze Leben innerhalb dieser Tatsachen sich
zugespitzt hat. Bedenken Sie, wie diejenigen, die sich oftmals als die
allerpraktischsten Menschen diinkten, die auf die Geisteswissenschaft
als auf eine furchtbare Phantasterei hinsahen, wie gerade diese prak-
tischen Menschen sich wenig gewachsen erzeigt haben gegeniiber
dem, was iiber die Menschheit mit elementater, mit gewaltig groBer
Macht hereingebrochen ist. Man muB heute sich erinnern, wie die-
jenigen Personlichkeiten, denen die irdischen Geschicke der Mensch-
heit anvertraut waren, unmittelbar vor dem Eintritt der gr oBen Welt-
kriegskatastrophe gesprochen haben. Ich habe wohl auch hier schon
vor Jahren aufmerksam gemacht auf die Art und Weise, wie da ge-
sprochen worden ist. Ich will Sie heute nur daran erinnern, wie in ent-
scheidenden Sitzungen des Deutschen Reichstages der damals fur die
auswartige Polltik verantwortliche Minister im Friihling 1914 sagen
konnte : Die allgemeine politische Entspannung hat in der letzten Zeit
erfreuliche Fortschritte gemacht. - Wie er sagen konnte in derselben
Rede: Unsere freundschaftlichen Beziehungen mit RuBland sind auf
dem besten Wege ; das Petersburger Kabinett kummert sich nicht um
die Pressetreibereien, und wir werden unsere freundnachbarlichen Be-
ziehungen in der nachsten Zeit fortsetzen konnen. - Sagen konnte er in
derselben Rede: Mit England sind aussichtsvolle Unterhandlungen
angeknupft, welche wohl in der nachsten Zeit zugunsten des Welt-
friedens zum Abschlusse kommen werden; wie uberhaupt die beiden
Regierungen - er meinte die englische und die deutsche - so stehen,
daB sich die Beziehungen immer inniger und inniger gestalten werden.
Das wurde von denjenigen gesprochen, welche ausersehen waren,
die Geschicke der Menschheit zu fiihren. Das wurde gesprochen in
der selben Zeit, in welcher ich genotigt war, das, was ich immer wieder
und wiederum betont habe, im Friihjahr 1914 in meinem Vortrage in
Wien zusammenzufassen mit den Worten: «Die in der Gegenwart
herrschenden Lebenstendenzen werden immer starker werden, bis sie
sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige, der
das soziale Leben geistig durchblickt, iiberall, wie furchtbar die An-
lagen zu sozialen Geschwiirbildungen aufsprieBen. Das ist die groBe
Kultursorge, die auftritt fur den, der das Dasein durchschaut. Das ist
das Furchtbare, was so bedriickend wirkt und was selbst dann, wenn
man alien Enthusiasmus sonst fur das Erkennen der Lebensvorgange
durch die Mittel einer Geist-erkennenden Wissenschaft unterdriicken
konnte, einen dazu bringen miiBte, von den Heilmitteln zu sprechen,
die dagegen verwendet werden konnen, daB man Worte dariiber der
Welt gleichsam entgegenschreien mochte. Wenn der soziale Organis-
mus sich so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann ent-
stehen Schaden der Kultur, die fiir diesen Organismus dasselbe sind,
was Krebsbildungen im menschlichen naturlichen Organismus sind. »
So sprach man dazumal, wenn man von den sogenannten prak-
tischen Leuten als ein Phantast angesehen worden ist. Die allgemeine
Entspannung, von der dazumal Herr von Jagow vor der erleuchteten
Versammlung des Deutschen Reichstages gesprochen hat, vor denen,
die ein Urteil haben sollten, die aber alles ruhig anhorten und es
glaubten - sie hat Fortschritte in der Richtung gemacht, daB in den
nachsten Jahren mindestens zehn bis zwolf Millionen Menschen tot-
geschlagen und dreimal so viele zu Kruppeln geschlagen worden sind.
Das sage ich aus dem Grunde, weil heute gesagt werden muB, daB
es darauf ankommt, die Lage der Menschheit zur rechten Zeit richtig
zu wiirdigen, daB es darauf ankommt, sich durch ein ganz anderes
Denken als das, woran sich die leitenden Kreise gewohnt haben, Ein-
sicht in die Lage der Menschheit zu verschaffen, daB es darauf an-
kommt, heute immer besser und eindringlicher zu verstehen, was aus
der alten Weltanschauung herausgeflossen ist. Nichts taugen kann ein
solches altes Denken, auch nicht fiir das praktische Leben, weil das
praktische Leben immer mehr und mehr die unmoglichsten Gedanken
erzeugte, die zu Katastrophen fiihren muBten. Es kommt nicht darauf
an, sich uber Einrichtungen Gedanken zu machen, sondern darauf,
einzusehen, daB die Menschheit umlernen muB mit Bezug auf die
tiefsten Gedanken.
Das war der eine Grund, warum so eindringlich gesprochen worden
ist von der Notwendigkeit der Erneuerung der ganzen Weltanschau-
ung, einer Hinwendung der ganzen Menschheit zu den Quellen der
Wirklichkeit, die allein im geistigen Leben liegen. Denn zum Schlusse
kommt alles darauf an, daB eingesehen werde, daB wir nicht bloB auf
dem oder jenemGebiete so oder sogeanderte Einrichtungen brauchen,
sondern zuletzt kommt alles darauf an, einzusehen, daB wir vor alien
Dingen etwas ganz anderes fur die Zukunft, fur die allernachste Zu-
kunft brauchen: Kopfe brauchen wir, in denen etwas ganz anderes
pulsiert, als in denjenigen Kdpfen, die sich unter dem EinfluB der ab-
getanen Weltanschauung herausgebildet haben. Vor alien Dingen
brauchen wir eine Neuorganisation, einen Neuauf bau der Gedanken
in den Menschenkopfen. Das ist es, woran man arbeiten wollte in den
letzten zwei Jahrzehnten, weil dieses Arbeiten notwendig geworden
war. Kopfe brauchen wir, die anders organisiert sind als diejenigen,
die die Menschheit ins Ungliick gestiirzt haben. Solange dies nicht in
alien Teilen eingesehen wird, solange nicht eingesehen wird, daB das
Licht, das allein aus der Geisteswissenschaft kommen kann, die ver-
finsterten Kopfe erleuchten muB, solange kann - ob man nun konser-
vativ, ob man radikal, oder sonstwie denkt - solange kann keine Bes-
serung kommen. Mit irgendwelchen kleinlichen Mitteln, die aus alten
Gedanken flieBen, wird der Menschheit kein Heil beschert. Neue Ge-
danken sind vor alien Dingen notwendig, neue Gedanken, die allein
erstehen konnen auf Grund dessen, was hier in diesen Raumen seit
Jahren als die groBten Anforderungen fur die Gegenwart und fur die
nachste Zukunft besprochen worden ist.
Sie kennen zunachst dasjenige, was sich aus den Notwendigkeiten
der Zeit heraus ergeben hat, als der sogenannte « Aufruf an das deutsche
Volk und an die Kulturwelt », in dem zum ersten Mai offentlich aus-
gesprochen worden ist, was in engeren Kreisen auszusprechen ich
mich bemuht habe in den letzten Jahren, wo es keinen Widerhall ge-
funden hat, wo nur der Dormer der Kanonen gehort werden wollte,
nicht die Stimmen des Geistes. Sie wissen, daB in diesem Aufruf zu-
nachst in positiver Weise gefordert wird, was in den Impulsen der
Menschheitsentwickelung selbst fur unsere Zeit liegt. Derm fur das
groBte Unheil halt derjenige, der eine Einsicht in die treibenden Krafte
der Menschheit hat, die abstrakten, die sogenannten ewigen Ideale, die
nicht aus dem wirklichen Geistesleben, sondern bloB aus den Spiegel-
bildern der menschlichen Begriffe und Ideen hervorkommen, die keine
Wirklichkeit sind, die nur eine Spiegelungswirklichkeit in sich haben.
Darauf muB man gerade in der Gegenwart besonders aufmerksam sein.
Auch in der Gegenwart werden zahlreich diejenigen Menschen sein,
die da glauben, etwas Bedeutungsvolles zu sagen, wenn sie dariiber
reden, wie die Menschheit fur ewige Zeiten begliickt werden kann,
was fur Zustande herbeigefuhrt werden miissen als Idealzustande der
Menschheit. Solche Ewigkeitsideen und solche Idealzustande der
Menschheit denkt derjenige nicht, der aus dem wirklichen geistigen
Leben heraus seine Erkenntnisse schopft. Wie ich es immer hier aus-
einandergesetzt habe, war die Entwickelung so, daB stets eine be-
stimmte Epoche einer anderen Epoche folgte und vor alien Dingen
fur alle Hauptepochen der nachatlantischen Zeit ein eigenes konkretes
Ideal vorhanden war, wie auch fur unsere Zeit und fur die nachste
Zukunft. Nicht darauf kommt es an, wie in chiliastischer Weise ein
tausendjahriges Reich herbeizufuhren ist, sondern was die geistige
Welt fur eine kurze Zeitspanne verwirklichen will, die man aber nur
iibersehen kann, wenn man sich auf eine geistige Wissenschaft wirk-
lich einlaBt. Und unsere Zeit fordert eben in dringlicher Art das, was
als der Grundnerv dieses Aufrufes geltend gemacht wurde : Die Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Der soziale Organismus kann
nur dadurch gesund werden, daB er diese Dreigliederung erhalt, die
Sie gelesen haben in dem Aufruf, und wie Sie sie finden werden in
meiner Broschiire «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebens-
notwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft ». Der gegenwartige
Menschheitszyklus erfordert diese Dreigliederung.
Sehen Sie, ein ganz anderes ware es gewesen, wenn noch in der
Mitte oder selbst noch im Herbste des Jahres 1917 diese Dreigliede-
rung von bedeutungsvoller Seite, entweder Deutschlands oder Oster-
reichs, geltend gemacht worden ware, als eine Kundgebung der Im-
pulse Mitteleuropas gegeniiber den von amerikanischen Gesichts-
punkten entworfenen sogenannten Vierzehn Punkten des Woodrow
Wilson. Dazumal ware das eine historische Notwendigkeit gewesen.
Ich habe Kuhlmann dazumal gesagt: Sie haben die Wahl, entweder jetzt
Vernunft anzunehmen und auf das hinzuhorchen, was in der Ent-
wickelung der Menschheit sich ankiindigt als etwas, was geschehen
soil - denn was in diesen Auseinandersetzungen steht, ist nicht irgend-
ein Programm, wie es heute so viele haben, sondern ist etwas, was
herausgelesen ist aus der Entwickelung der Menschheit und was ganz
gewiB realisiert wird in den nachsten fiinfzehn, zwanzig, funfundzwan-
zig Jahr en, was aber vor alien Dingen realisiert werden muB innerhalb
Mitteleuropas -, heute haben Sie die Wahl, entweder Vernunft anzu-
nehmen, was sich realisieren will, durch Vernunft zu realisieren, oder
Sie gehen Revolutionen und JCataklysmen entgegen. - Statt Vernunft
anzunehmen, bekamen wir den Frieden von Brest-Litowsk, den so-
genannten Frieden von Brest-Litowsk. Denken Sie, was es gewesen
ware - das kann ohne Renommisterei gesagt werden wenn gegen-
uber den sogenannten Vierzehn Punkten dazumal in den Donner der
Kanonen die Stimme des Geistes hineingetont hatte. Ganz Osteuropa
hatte dafur Verstandnis gehabt - das weiB jeder, der die Krafte in
Osteuropa kennt den Zarismus ablosen zu lassen von der Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Dann ware zustande gekommen,
was eigentlich hatte zustande kommen miissen. Diejenigen, die der Sache
dazumal wohlwollend gegeniibergestanden haben, haben hochstens
den Rat gegeben, man solle das als Broschiire drucken lassen. Nun
denken Sie sich, welcher Unsinn das dazumal gewesen ware. In den
mancherlei Dingen, die dazumal nicht gelesen wurden, ware auch das
selbstverstandlich Literatur geblieben. Die Zeiten andern sich. Heute,
wo alles auszugehen hat von der breiten Masse, heute, wo zwischen
dort und jetzt die Oktober- und Novembertage des Jahres 1918 Hegen,
heute ist der richtige Weg der, sich mit diesen Dingen an die breite
OfTentlichkeit zu wenden. Das sind die groBten Schadlinge der
Menschheit, die immer glauben, die Sache miisse, wenn sie richtig ist,
insofern sie sich auf das praktische Leben bezieht, zu jeder Zeit in
gleicher Weise richtig sein. Nein, so faul darf unser Denken nicht
werden, wie die Leute, die diese Ansicht haben, glauben. Die Dinge
sind zu verschiedenen Zeiten von ganz verschiedenen Gesichtspunkten
aus zu beurteilen.
Man muB ja allerdings etwas tiefer hineinschauen in die Entwicke-
lung der Menschheit, wenn man die ganze, voile, weitgehende Praxis
desjenigen wiirdigen will, was gerade dieser Dreigliederung zugrunde
liegt. Diese Dreigliederung ist, ich muB das immer wieder und wieder-
um betonen, nicht etwas, was einem einfallen kann. Sie ist etwas, was
der Geist der Zeit und der Gegenwart unbedingt von den Menschen
fordert, was der Geist der Zeit verwirklichen will, was der Geist der
Zeit - bitte, wenn Sie das Folgende horen, werden Sie auch diesen
Satz, den ich jetzt vorausschicken kann, verstehen -, was der Geist
der Zeit tatsachlich verwirklicht. Und gerade dadurch entsteht das
Chaos, daB die Menschheit anders denkt und vor alien Dingen anders
handelt, als der Geist der Zeit denkt und handelt. Eigentlich verwirk-
licht sich schon seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
das, was in dieser Dreigliederung steht, nur die Menschen haben sich
anders verhalten und sind dadurch in furchtbare Widerspriiche ge-
raten mit dem, was in den Tatsachen verwirklicht wird. Sie wissen, es
handelt sich vor alien Dingen um die Dreigliederung des sozialen Or-
ganismus in einen geistigen Teil, in einen eigentlich staatlichen oder
politischen Teil und in einen wirtschaftlichen Teil. Betonen mochte
ich zunachst : Das Erweisen der Richtigkeit dieser Grundanschauung
kann aus dem bloBen gesunden Menschenverstand geschehen, wie
uberhaupt alles aus dem gesunden Menschenverstand heraus begrirTen
werden kann, was geisteswissenschaftlich gewonnen wird, wie ich das
ja auch immer betont habe. Aber ich glaube allerdings nicht, daB aus
dem heutigen Denken heraus man in richtiger Weise - bitte nicht zu
vergessen, daB ich sagte: in richtiger Weise - dazu kommen kann. Es
sind ja Menschen, welche zu ahnlichem gekommen sind, aber es han-
delt sich darum, daB man auf wirklich praktischer Grundlage dazu
kommt, auf einer Grundlage, die dasjenige berucksichtigt, was in un-
serer Zeit sich verwirklichen will, und eigentlich sich verwirklicht.
Betrachten wir also einmal heute, ich mochte sagen provisorisch und
einleitend, einiges, was uns Vorstellungen geben kann iiber die Art,
wie eine griindliche Betrachtung der Zeit iiber diese Dreigliederung
spricht. Sehen Sie, als in der neueren Zeit, seit etwa vier Jahrhunderten,
heraufgezogen ist uber die Menschheit das, was man heute nennt die
kapitalistische Wirtschaftsordnung und die moderne technische Ord-
nung, da zog auch herauf die neue Denkgewohnheit, die neue Welt-
anschauung. Wenn das, was man in der Schule Geschichte nennt,
nicht eine Fable convenue ware, so wiirde aus der Geschichte schon
folgen, wie griindlich sich die Denkgewohnheiten der ganzen zivili-
sierten Welt geandert haben vom dreizehnten, vierzehnten, fiinfzehn-
ten Jahrhundert in die folgenden Jahrhunderte hinein. Eine obernach-
liche Betrachtung glaubt ja, daB sich alles das langsam entwickelt,
wahrenddem im historischen Werden die groBen Umschwiinge er-
folgen. Ein solcher Umschwung liegt zugrunde dem, was sich seit
drei bis vier Jahrhunderten in den ganzen geistigen Lebensgewohn-
heiten und Denkgewohnheiten der Menschen entwickelt hat.
Da mochte ich Sie vor alien Dingen auf eine Erscheinung aufraer k-
sam machen, die sich unter den Augen, ich meine immer Seelenaugen,
abgespielt hat, aber im Grunde genommen kaum tiefer gewiirdigt
worden ist. Man hat eben sie sich so abspielen lassen, diese Erschei-
nung. Das ist die Erscheinung: Welche geringe Rolle eigentlich im
Leben der Menschheit, besonders der deutschen Menschheit, die so-
genannten geistigen Personlichkeiten gespielt haben, wie wenig die
allgemeine Schulbildung bis hinauf zur Hochschule dazu beigetragen
hat, daB dasjenige, was sich in den letzten Jahrhunderten in einzelnen
geistigen Individualitaten ausgebildet hat, eingezogen ist in das all-
gemeine Kulturgut. Nehmen Sie den Fall, den ich hier oftmals er-
wahnt habe, den Fall Goethe. Ja, Goethe war der Trager einer groBen,
umfassenden Weltanschauung. Es hat sich fur die Entwickelung der
Menschheit Ungeheueres abgespielt in den Jahren von 1749, wo
Goethe geboren worden ist, bis 1832, da er gestorben ist. Ein Un-
geheures an geistigen Impulsen liegt in diesem Goethe. Sehen wir aber,
welchen Eindruck Goethes Weltanschauung, der Goetheanismus, auf
die deutsche Menschheit gemacht hat, da bekommen wir ein furchtbar
trauriges Bild. Selbst diejenigen, die glauben, etwas von Goethe zu
wissen, wissen von den innersten Impulsen seines Geisteswesens gar
nichts. Und ebenso konnte man, vielleicht in noch hoherem Grade,
von manchem anderen sprechen. Davon muB man sprechen, daB, seit
sich die Technik, seit der Kapitalismus sich ausgebreitet hat, das gei-
stige Leben, das sich in einzelnen Individualitaten gerade mit Bezug
auf das rein und allgemein Menschliche geltend gemacht hat, sich,
man kann nicht anders sagen, wie ein Parasit, wie etwas Parasitares
auf dem iibrigen Kulturkorper entwickelt hat. Es war da, aber es war
im Grunde genommen zu nichts da. Wie urn eine Bestatigung zu lie-
fern dafur, daB das geistige Leben, insofern es zum Beispiel Goethe
betrifft, zu nichts da war, wie es zuriickgewiesen wurde, wie es nicht
aufgenommen wurde, sondern nur theatralisch, zum Schein damit
kokettiert wurde, sehen wir, daB schlieBlich die Goethe-Gesellschaft,
die sich als die offizielle Vertreterin des Goetheanismus fiihlt, aus
einem Impulse heraus, der aUmahlich mehr und mehr gang und gabe
geworden war, fragte: Wen wahlen wir jetzt am besten zum Vor-
sitzenden unserer Goethe-Gesellschaft? - Und da wurde nicht gedacht :
Wer versteht am meisten von Goetheanismus?, sondern daran wurde
gedacht, wer die besten KratzfuBe machen konnte, wenn die Goethe-
Gesellschaft bei irgendwelchem Hofe auftreten muBte. Da wurde dann
ein ehemaliger Finanzminister zum ersten Vorsitzenden der Goethe-
Gesellschaft in Weimar gewahlt, dessen geistige Wege niemais zu
Goethe fuhrten. Was einen etwas hinweisen konnte auf die Hohlheit
des Ganzen, war, daB der Vorname des Betreffenden war: Kreuz-
wendedich. Kreu^wendedich von Rheinbaben war dazumal wie aus
einer Ironie des Schicksals heraus gewahlt worden als Vorsitzender
der Goethe-Gesellschaft. Das sind scheinbar unbedeutende Tatsachen,
aber gerade daB sie als unbedeutend angesehen werden konnen, wo
sie doch in Wahrheit Symptome fur das tiefste Fuhlen sind, das ist das
Schreckliche. Derjenige, der diese Tatsachen nicht als wichtige Sym-
ptome fur die Enthullung des innersten Denkens und Empfmdens er-
klart, der erklart sich im Grunde genommen einverstanden mit all dem,
was die Menschheit in das schreckliche Unghick hineingefiihrt hat.
Diesen Parasitismus des Geisteslebens, diese Zusammenhangslosig-
keit dessen, was auf den Hohen der Menschheit produziert wurde, mit
dem allgemeinen Volksleben, vergleichen Sie es mit den friiheren
Zeitaltern. Es ist in friiheren Zeitaltern gar nicht denkbar. Denken
Sie einmal, welchen Eindruck fur das allgemeine Volksleben, sagen
wir, um ein Beispiel herauszugreifen, im spateren Indien der Buddha
gemacht hat. Vergleichen Sie diese Popularitat des Buddha mit der
Popularitat, die ein Goethe gehabt hat. Vielleicht werden Sie sagen:
Nun ja, neben Goethe sind so viele andere Geisteshelden, Buddha war
nur einer. - Wer diesen Einwand macht, zeigt, daB er nichts versteht
von dem, was die Grundbedingungen der Entwickelung der Mensch-
heit sind. Denn das ist das groBe Ungluck, daB an solch geistigen Leu-
ten, an solch geistigen Personlichkeiten durch die naturlichen Ver-
haltnisse eine furchtbare Uberproduktion entstanden ist. So daB die,
die im allgemeinen Leben drinnen stehen und zu arbeiten haben, sich
schon gar nicht zurechtzufinden wissen. Nicht wahr, es ist ja nicht
bloB Goethe da, sondern auch noch Herder und Schelling und Schle-
gel ; aber nicht nur diese, nun soli man auch noch Geibel, Wildenbruch
lesen. Und gar erst auf alien moglichen anderen Gebieten: mit was
allem man sich da beschaftigen soil, was zum allgemeinen Kulturwert
gehoren soil! Und wenn man nun gar erst an die internationalen Ver-
haltnisse denkt!
Ja, was da zugrunde liegt, das ist etwas sehr tief Einschneidendes,
etwas auBerordentlich Bedeutungsvolles. Zwischen denjenigen, die so
in den Literaturgeschichten nebeneinander figurieren, zwischen denen
ist trotzdem ein groBer Unterschied. Aber den Respekt vor dem gei-
stigen Leben haben die Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte
eben im groBen Stile verloren. Das tritt einem in einzelnen Dingen ent-
gegen. Symptomatisch muB man die Entwickelung der Menschheit
betrachten konnen, dann findet man aus den Symptomen schon her-
aus, was eigentlich in den Untergriinden pulsiert! Ich sprach einmal
in einem kleinen Kreise im Anfang der neunziger Jahre des neunzehn-
ten Jahrhunderts mit einigen Leuten, die auch MitgUeder von Gymna-
siallehrer-Priifungskommissionen waren. Ein besonders angesehener
Priifer der Gymnasiallehrer-Priifungskommission sprach dazumal
innerhalb dieses kleinen Kreises, und wir besprachen, wie bedruckend
es eigentlich ist, daB in den jetzigen Gymnasien so furchtbar wenig fiir
die allgemeine Erhohung der geistigen Impulse geschieht, daB doch
so furchtbar wenig hineinkommt in die jungen Leute und in die Kna-
ben - spater sind auch die Madchen dazugekommen, dadurch wurde
nichts gebessert die vom zehnten bis achtzehnten Jahre da in diesen
Anstalten geistig dressiert werden. Da sagte der betreffende Priifungs-
kommissar : Ja, wenn wir da sehen, wie wir diese Kamele loslassen auf
die Jugend, die wir da zu priifen haben, wenn wir sehen, wie wir diese
Kamele hinschicken miissen als Lehrer der Jugend, dann kann man
nicht hoffen, daB etwas Giinstiges dabei herauskommt. - Sehen Sie,
das ist ein Symptom. Solche Leute, die in den letzten Jahren verant-
wortlich waren gerade fur das Geistesleben der weniger breiten Mas-
sen, der fuhrenden Klassen, die hatten so wenig Respekt, daB sie es als
selbstverstandlich ansahen, die Gymnasiallehrer zu priifen und als
Kamele loszulassen auf die Jugend. Sie sind iiberzeugt, daB die, welche
die besten Examina machten, die groBten Kamele sind. Ja, aber das
Denken der Menschen, die Denkgewohnheiten, die sind es doch, von
denen, trotz aller gegenteiligen Anschauung, alles abhangt. Wir sehen
zuletzt, indem sich die Dinge summieren, wirklich Gliick und Ungliick
der Menschheit abhangen von diesen Denkgewohnheiten, die sich zu-
letzt kumulieren zu solchen Weltkatastrophen, wie wir sie in den letz-
ten Jahren erlebt haben. Man muB auf die Kleinheiten eingehen, denn
sie sind Symptome fur das, was in den unterbewuBten Spharen regiert
und was unberiicksichtigt bleibt fur die Zeit, in der man mit Recht
hinweist auf technische Entwickelung, auf Kapitalismus und so weiter.
So hat man es gehalten mit dem Geistesleben, und im Grunde ge-
nommen ist ein Luxus-Geistesleben entstanden, ein Geistesleben, das
die Menschen in den verschiedensten Zweigen eigentlich nur noch als
Luxus empfinden konnten. Aber sie lieben diesen Luxus. Man konnte
auf vielen Gebieten auf diesen Luxus hinweisen, der an Stelle des Gei-
stes getreten ist. Nehmen wir ein Gebiet heraus: die Landschafts-
malerei, wie sie das letzte Jahrhundert entwickelt hat. Glauben Sie, daB
auBer den wenigen Menschen, die darauf dressiert werden, glauben
Sie, daB die breite Masse der Menschheit wirklich ein offenes Herz und
Sinn haben kann fur diese Landschaftsmalerei? Glauben Sie, daB zum
Beispiel der Proletarier, der durch die kapitalistische Wirtschaftsord-
nung und den technischen Betrieb eingespannt worden ist in eine
wahrhaft trostlose Odigkeit des Lebens, daB der, wenn Sie ihm so aller-
lei Brocken, die da abfallen, hinwerfen in Volksvortragen und Volks-
kursen, in Volkshausern, in Veranstaltungen, wo Sie ihm Bilder zeigen,
glauben Sie, daB er wahrhaftig mit seinem Innern daran herankommen
konnte? Ja, die Landschaftsmalerei - glauben Sie mir: der, der nicht
darauf dressiert ist, sagt: Ja, warum malt man das? DrauBen ist es ja
doch viel schoner. Warum malt man das eigentlich? - Sie konnen ihm
andressieren, wenn Sie Volkskurse abhalten als Heil- und Palliativ-
mittel, daB das wirksam ist; aber das UnterbewuBte fallt nicht darauf
herein. Das UnterbewuBtsein sagt immer: Wozu malen die das? Man
muB doch nicht die Menschheitskrafte verschwenden auf solches
Zeug. - Aus diesen Stimmungen setzt sich zuletzt das zusammen, was
heute in so laut sprechenden Tatsachen auspulst. Das ist es schon,
worauf es ankommt. Denn, nicht wahr, was konnte man nicht in den
letzten Jahrzehnten immer wieder dariiber horen, wie wir es so herr-
lich weit gebracht haben, wie der menschliche Gedanke mit Blitzes-
schnelligkeit hinrollt iiber die weitesten Landerstrecken, wie wir so
bequem reisen konne^ wie die geistige Kultur sich ausbreitet und so
weiter. Aber das alles, was man so lobhudeln konnte, war ja doch nur
dadurch moglich, daB es sich ausbreitete auf einem Unterbau, der
Millionen von Menschen umfaBte, die nicht teilnehmen konnten an
diesen Dingen. Sie alle hatten nicht reisen konnen mit der Eisenbahn,
hatten nicht telephonieren konnen, hatten nicht den Gedanken hin-
schicken konnen iiber weite Strecken, wenn nicht unzahlige Menschen
auBerstande gewesen waren, irgendwie an dieser Kultur teilzunehmen,
wenn diese Kultur nicht Millionen und aber Millionen von Menschen
leiblich und seelisch Elend und Not gebracht hatte.
Ja, blicken wir einmal auf einen bestimmten Zeitpunkt, blicken wir
hin auf die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, denn diese Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts ist es ja ungefahr auch, wo das, was man
haufig die soziale Frage nennt, eigentlich begonnen hat. Die fuhrenden
Kreise, die sind allmahlich aus jener Stimmung entstanden, welche
man nicht anders charakterisieren kann, als daB man auf den Parasitis-
mus des eigentlich guten Geisteslebens hinweist. Das gute Geistes-
leben ist zum Parasiten geworden, weil es die anderen nicht ange-
nommen haben. Es war vorbestimmt, einzudringen in die wirkliche
Volkskultur, aber es wurde nichts dazu getan, es einzulassen, das
Kreuz hatte sich eben noch nicht gewendet. Ja, in dieser Zeit waren
die Menschen dieser fuhrenden, leitenden Kreise allmahlich dahin ge-
langt, fur ihre Seele doch etwas zu bekommen. Wie oft habe ich es
hier betont, welch unnatiirliche Wege diese Sehnsucht mancher Seelen
geht. Nicht wahr, man konnte es erfahren, wie die Leute in gut ein-
geheizten Zimmern zuletzt Theosophen geworden sind, als letztes
Ende des Bourgeoisie-Strebens, wie sie - aber das war ja die letzte
Phase - da geredet haben von Briiderlichkeit, von Menschenliebe, von
hehren ethischen Idealen und so weiter. In welchen Zimmern geschah
denn das? In welchen Raumen geschah denn das? Ich rede von der
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist nachher, aber wahrhaftig
nicht durch das Verdienst der fuhrenden Kreise, etwas besser gewor-
den, wenn auch nicht viel. In welchen Raumen geschah denn das? In
solchen Raumen, die mit Kohlen geheizt waren, fur die die englische
Regiemngs-Enquete schon in den vierziger Jahren das Resultat fest-
gestellt hatte, daB in den Kohlengmben neun-, elf-, dreizehnjahrige
Kinder arbeiteten, Kinder, welche auBerhalb des Sonntags niemals das
Sonnenlicht sahen, einfach aus dem Grunde, weil sie, bevor die Sonne
aufging, in den Schacht gefuhrt wurden und nach Sonnenuntergang
heraufkamen. Ja, es HeB sich leicht von Nachstenliebe, von Briider-
lichkeit, von allgemeiner Menschenliebe sprechen, wenn man mit
Kohlen heizte, die durch solche « Briiderlichkeit » gewonnen wurden.
Da HeB sich auch leicht von der Erhohung der Sittlichkeit der Men-
schen sprechen, wenn man mit Kohle heizte, die aus diesen Schachten
geholt wurde, wo, wie wiederum die englische Enquete feststellte,
Manner und Frauen den ganzen Tag zusammen arbeiten muBten,
nackt; schwangere Frauen halbnackt, Manner ganz nackt, denn in den
Schachten ist es sehr heiB. Ich erwahne diese Dinge, die verhundert-
faltigt werden konnten, um Ihnen das Bild zu zeigen, um das es sich
handelt, das Bild der Kultur der letzten Jahrhunderte, eben der Luxus-
kultur, einer Kultur, welche noch auBerdem ihren Verwesungsgeruch
in sich trug : unten der Unterbau, ohne den diese Kultur nicht moglich
geworden ware, Millionen und Millionen von Menschen, die nicht
teilnehmen konnten an dieser Kultur. Wie allmahlich der Verstand der
Menschen beschaffen war, die diese sechzehnstundige Arbeit in den
Kohlengmben verrichteten, das wurde dazumal bei der Enquete auch
konstatiert. Aber was war denn das Charakteristische des letzten hal-
ben Jahrhunderts? Das Charakteristische war die Gedankenlosigkeit.
Vorzugsweise die Gedankenlosigkeit. Und die Gedankenlosigkeit ist
dasjenige, worauf man vor alien Dingen sehen muB, wenn auf Besse-
rung hingearbeitet werden soil. Statt daB man so leicht sagt: Lieber
Ofen, erfiille deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen - sollte
man lieber mit Holz einheizen und das Predigen lassen. Das ist es, was
in priesterlichen Kreisen und in Kreisen der Atheisten immer getan wor-
den ist : gepredigt wurde. Und was unterlassen worden ist, ist das Den-
ken, das Denken an die Wirklichkeit. Das ist es, worauf es ankommt.
Das ist es vor alien Dingen, was dem heutigen Menschen nahelegen
kann, daB gerade im Geistesleben ein Umschwung eintreten muB.
Das Geistesleben kann nicht gedeihen, wenn es nicht jeden Tag aufs
neue seine eigene Wirklichkeit beweisen muB. Aber das Geistesleben
wird sich beweisen konnen nur dann, wenn es auf sich selbst gestellt
ist. Von der niedersten Schulstelle an bis hinauf zur hochsten Schul-
stelle, von dem ausgesprochenen Zweig der Wissenschaft bis zur
freien kiinstierischen Schopfung: es muB in sich, fur sich bestehen,
geistig in sich bestehen, weil es auf nichts anderes bauen kann, als auf
dasjenige, was in seiner eigenen Starke lebt. Derjenige, der das Geistes-
leben kennt, der weiB, welches Unheil angerichtet worden ist in den
letzten vier Jahrhunderten durch die moderne Staatsform, dadurch,
daB der Staat seine Fittiche gespannt hat uber dieses Geistesleben, daB
alles, was Geistesleben ist, allmahlich verstaatlicht werden sollte mit
Ausnahme von einigen wenigen Zweigen, die noch geblieben sind und
denen auch der Untergang droht. Denn ware es weiter gegangen im
Sinne der letzten Zeit, so waren auch die letzten Zweige des freien
Geisteslebens noch verstaatlicht worden. Aber die Denkgewohnheiten
der Menschen sind heute noch nicht so weit, daB sie einsehen, daB ge-
rade mit Bezug auf die furchtbare Versklavung des Geisteslebens
durch das politische Staatsleben der Riickweg angetreten werden muB,
daB dieses Geistesleben befreit werden muB. Noch immer gehen die
Ziele der Menschen auf die Unterbindung der Freiheit des Geistes-
lebens und die Verstaatlichung des Geisteslebens hin, wo so viele
Staaten bewiesen haben, wie eigentlich das Umfassen des Geistes-
lebens durch den Staat gewirkt hat.
Es ist ja den Menschen die Illusion des Staatslebens auch heute noch
sehr schwer auszutreiben. Ich war in der letzten Zeit einmal in Bern,
wo die sogenannte « Volkerbund-Konferenz » war. Die Leute sprachen
von allem moglichen, so ungefahr im Stil der vorigen Zeit, wie Herr
von Jagow im Mai 1914 gesprochen hat von den kommenden Dingen.
So wie das, was dazumal gekommen ist, verschieden war von dem,
was ausgedriickt worden ist durch «die allgemeine Entspannung
macht Fortschritte », so wird sich das unterscheiden, was kommen
wird, von dem, was in Bern gesagt worden ist. Die Herren stehen
nirgends im Boden der Wirklichkeit drinnen. Da wurde gesprochen
von Leuten, die Reden halten, die in deutschen Zeitungen schreiben,
was alles geschehen solle, um diesen Volkerbund zustandezubringen.
Wie ein Parlament gebildet werden solle, das so wie die Parlamente
der Staaten vorher, nun den ganzen Zusammenhang von Staaten um-
fassen werde. Der betrefFende Herr konnte sich auch nicht entbrechen,
zu sagen: Ein Uberparlament muB geschaffen werden, ein Ober-
staat. - Ich habe damals in einem Vortrag, den ich zur gleichen Zeit
hielt, gesagt, daB es mehr an der Zeit ware, dariiber nachzudenken,
was die Staaten unterlassen sollten, als dariiber, was sie tun sollten, um
nicht das, was in die Weltkatastrophe hineingefiihrt hat, noch weiter
auszudehnen. Man fragt nur: Was soil geschehen im Sinne des alten
Staates? - Man hat nicht gelernt von der Zeit, zufragen : Was sollen die
Staaten unterlassen? - Sie sollen vor alien Dingen unterlassen, sich in
das geistige und in das wirtschaftliche Leben hineinzumischen. Man
soil nicht daran denken, Uberparlamente und Uberstaaten zu griinden,
nachdem die Unterparlamente und Unterstaaten so geringe Erfolge
gehabt haben. Heute kann nicht die Frage sein: Was sollen die Staaten
tun? sondern: Was sollen die Staaten unterlassen? Das paBt in die
heutige Zeit hinein. Aber man muB den Mut haben, mit Bezug auf das
Denken, in diese Dinge riickhaltlos hineinzuschauen.
Den Zusammenhang gerade zwischen diesem Geistesleben und
demjenigen, was sich nun in den anderen Zweigen des sozialen Orga-
nismus abspielt, diesen Zusammenhang einzusehen, dazu wird man
gar nicht kommen, wenn man nicht erst etwas gefullt hat den Kopf
durch das Aufnehmen derjenigen Gedanken, die in der Geisteswissen-
schaft enthalten sind. Warum ist denn fur viele Leute die Geistes-
wissenschaft in der Gegenwart ein solcher Greuel? Nun, weil sie eben
fordert, daB man anders denkt, als die Menschen denken. Aber die
Tatsachen haben ja gelehrt, daB es mit dem Denken, in dem die
Menschheit steckt, ebeti nicht weiter geht. Daran konnen sich die
Menschen so schwer gewohnen, daB sie umdenken miissen. Sie kon-
nen nicht auf die Tatsachen hinschauen.
Dreigliederung : die Menschen finden sie heute schwer verstandlich,
weil sie eben nicht haben sehen wollen auf das, was wirklich ge-
schehen ist. Die Entwickelung der Menschheit hat eigentlich in den
Tatsachen, die sich nut den Blicken der Menschen entziehen, ein
groBes Stuck der Dreigliederung schon verwirklicht, nur passen sich
die Menschen der Verwirklichung nicht an. Ich will Ihnen ein Beispiel
anfuhren: Wenn wir in die sechziger Jahre zuriickgehen, so finden wir,
daB innerhalb Deutschlands die Eisenindustrie so beschaffen war, daB
dazumal ungefahr 799 000 Tonnen Rohstoffe zu Eisen verarbeitet wer-
den muBten : von etwas mehr als 20 000 Arbeitern wurden diese
799 000 Tonnen RohstofTe zutage gefordert. Bis zum Ende der acht-
ziger Jahre war durch den Aufschwung der Eisenindustrie, durch die
groBen Anforderungen, welche auf der einen Seite der vermehrte
Eisenbahnverkehr, die groBen Kriegsriistungen auf der anderen
Seite stellten - das hat sich spater noch ins UnermeBliche gesteigert -,
schon am Ende der achtziger Jahre war die Eisenindustrie so gestie-
gen, daB nicht mehr 799000 Tonnen Roheisen verarbeitet wurden,
sondern daB notwendig wurden bereits 4500000 Tonnen Roheisen.
Nun werden Sie fragen konnen: Wie viele Arbeiter sind denn nun
notwendig geworden, um dieses Roheisen zutage zu fordern? Ich
sagte : Etwas uber 20 000 Arbeiter waren notwendig, um 799 000 Ton-
nen zutage zu fordern. Dann waren es 4 500 000 Tonnen. Dazu waren
am Ende der achtziger Jahre nur etwa 21 300 Menschen notwendig.
Also bitte, lassen Sie diese Zahlen einmal zu Ihrem Gemiite sprechen,
lassen Sie sie nicht so sprechen, wie Statistiker sprechen, sondern
fassen Sie diese Zahlen auf: Etwas iiber 20000 Menschen ungefahr
haben 799000 Tonnen zutage gefordert im Anfang der sechziger
Jahre. 21 000 Menschen ungefahr, also wenig mehr Menschen, haben
4500000 Tonnen Roheisen gefordert Ende der achtziger Jahre. Wie
ist das moglich? Sie miissen doch fragen: Wie ist das moglich? Das
ist nur moglich geworden durch ungeheuer knirf lige technische Ver-
besserungen, nur dadurch, daB ausgiebigste, geradezu unermeBliche
technische Verbesserungen eingetreten skid, die es moglich gemacht
haben, daB ein Mann so viel mehr an Roheisen zutage forderte. Also
fiir alles das, was an Fortschritten stattgefunden hat mit Bezug auf
diesen Betriebszweig - und man konnte Ahnliches ausfuhren fiir fiinf-
undzwanzig bis dr eiBig Betriebszweige erster Linie, erster Represen-
tation fiir alles das, was in einem solchen Betriebszweige stattgefun-
den hat, sind solche Verbesserungen eingetreten.
Was bedeutet denn das? Was bedeutet es, wenn fast dieselbe Men-
schenzahl durch rein technische Verbesserungen soundso viel mehr
produziert? Glauben Sie, das hat keine Folgen? Natiirlich hat es die
Folgen, da die Menschenzahl sich nicht sehr vermehrt hat, daB die-
selbe Menschenzahl dieselbe Sache produziert in so viel groBeren
Mengen, daB dadurch das ganze iibrige Wirtschaftliche, das sich dar-
anschlieBt, revolutioniert wird. Denken Sie sich einmal, was das be-
deutet fiir den dritten Zweig des abgegHederten, des dreigliedrigen
Grganismus. Von alien Rechtsverhaltnissen, von alien geistigen Ver-
haltnissen braucht sich nichts zu verandern, lediglich hat sich etwas
verandert in dem wirtschaftlichen Verhaltnis. Denn alles das, was sich
verandert hat, kam in der Preislage des Eisens und alledem, was damit
in Zusammenhang steht, zum Ausdruck. Es heiBt das nichts Geringe-
res, als daB sich unabhangig von der geistigen Entwickelung, von der
rechtlichen Entwickelung - denn Sie brauchen kein anderes Recht,
wenn Sie nicht auf das Ganze schauen -, unabhangig davon sich das
Wirtschaftsleben losloste und, ohne daB die Menschen daran teil-
nahmen, sich umgestaltete. Die Dinge taten das Ihrige, nur die Men-
schen nahmen keine Riicksicht darauf. Das mag Ihnen ein Beweis da-
fiir sein, daB in den Tatsachen die Dreigliederung sich vollzog. Die
wahre Wirtschaftslehre ist ganz von selber weiter fortgeschritten, die
Menschen aber kamen nicht nach; sie verwendeten ihren Verstand
dazu, nicht nachkommen zu brauchen, bei den alten Verhaltnissen
bleiben zu konnen. Mag man noch so sehr begeistert sein fiir die groBe
Kapazitat, die in die Verbesserung hineinging, das ist richtig, aber
darauf kommt es nicht an fiir heute. Heute kommt es darauf an, daB
das Wirtschaftsleben sich emanzipiert hat. In der Preisbildung und in
alledem, was mit der Preisbildung und der Wahrungsbildung zusam-
menhangt, hat das Wirtschaftsleben seinen eigenen Gang gemacht.
Darauf kommt es an. Die drei Zweige haben sich im Grunde ge-
nommen voneinander emanzipiert, und die Menschen haben sie kiinst-
lich zusammengeschweiBt und waren genotigt, sie immer mehr und
mehr zusammenzuschweiBen. Dadurch sind wir in die Weltkatastrophe
hineingekommen.
Die Dinge liegen unter der Oberflache des sen, was die Menschen
heute denken wollen. Man muB tief in die Verhaltnisse hineinschauen,
wenn man die Wirklichkeit beurteilen will. Ich wollte ein solches Bei-
spiel herausgreifen, damit Sie sehen, wie blodsinnig es ist, wenn als
unsinnig hingestellt wird die Dreigliederung. Die Dreigliederung ist
aus den aller praktischsten Verhaltnissen hetausgeholt, wahrend es die
Menschen, denen in den letzten Jahr2ehnten die Schicksale der Men-
schen anvertraut waren, vermieden haben, den praktischen Verhalt-
nissen sich anzupassen. Sie konnen uberall beweisen durch gesunden
Menschenverstand, daB diese Dreigliederung das einzige ist, worauf
hingearbeitet werden muB, wenn eine gesunde Entwickelung des so-
zialen Organismus eintreten soli. Das niitzt heute gar nichts, wenn der
einzelne nur daran denkt, wie notwendig es ist, die Verhaltnisse auf-
rechtzuerhalten, weil das oder jenes nicht entbehrt werden kann.
Da triftt man auf die sonderbarsten Einwendungen. Manches ganz
verrenkte Denken trifft man an. Zum Beispiel neulich sprach ich in
Basel in einem Vortrage iiber die Dreigliederung. In der darauf fol-
genden Diskussion ist ein sehr gescheiter Mann aufgetreten, der sagte :
Ja, iiber diese Dreigliederung sei ja manches Treffliche gesagt worden,
und doch konne man die Dreigliederung nicht begreifen, denn da
wiirde doch nur durch den politischen Staat, also durch ein Drittel des
sozialen Organismus, die Gerechtigkeit hervorgebracht, aber die Ge-
rechtigkeit miisse doch auch im Wirtschaftsleben und im Geistesleben
sein. Ich muBte damals erwidern mit einem Bild. Ich sagte: Nun ja,
nehmen wir einmal an, irgendeine Familie auf dem Lande bestiinde
aus dem Herrn und der Frau, ein paar Kindern, Knechten, Magden
und drei Kuhen. Die ganze Familie braucht Milch, wie alle drei Glieder
des sozialen Organismus Gerechtigkeit brauchen. Ist es aber deshalb
notwendig, daB alle Familienglieder Milch geben? Das ist gewiB nicht
notwendig, sondern sie werden gerade alle mit Milch gut versorgt
sein, wenn die drei Kiihe Milch geben. So ist es auch mit der Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Es handelt sich ja gerade darum,
daB alle drei Glieder wirklich Gerechtigkeit haben, aber sie werden sie
nur haben, wenn von dem staatlichen Organismus, dem mittleren Gliede,
Gerechtigkeit wirklich erzeugt wird, wie die Milch von den Kiihen. So
verrenkt ist das Denken der Menschen, daB es \iber die emfachsten Vor-
stellungen glaubt, die allerkliigsten Dinge hiniiberstiilpen zu miissen.
GewiB, die Leute sind nicht dumm, die solche Einwendungen
machen. Man kann durchaus nicht sagen, daB die Leute dumm
sind. Die Leute, die heute Einwendungen machen, schafcze ich oftmals
als sehr gescheit. Ich will nicht die Gescheitheit der Leute in Abrede
stellen, sondern ich mochte mit der Umschreibung eines Shakespeare-
Wortes «Ehrenwerte Manner sind sie alle» sagen: Gescheite Leute
sind sie alle, alle, alle. Aber darauf kommt es an, daB man nicht bloB
die gescheiten Gedanken findet, sondern daB man die richtigen Ge-
danken findet, daB man findet, was in der Wirklichkeit tatsachlich ver-
wendet werden kann, gebraucht werden kann. Und auf ein gesundes
Denken, ein Denken, das wirklich eindringen kann in die Wirklich-
keit, kommt es an, gerade in der Geisteswissenschaft. Sie konnen nam-
lich die vertracktesten Gedanken haben in bezug auf das auBere phy-
sische Geschehen, da konnen Sie hochstens bei den elementarsten
Dingen der reinen Mathematik und Technik nachweisen, wenn einer
einen Kohl gemacht hat: Wenn einer eine Eisenbahnbriicke falsch
baut, geht vielleicht beim dritten Eisenbahnzug, der dariiber fahrt, die
Briicke kaputt. Aber nicht nachweisen konnen Sie zum Beispiel, nun,
sagen wir, aus der medizinischen Wissenschaft heraus, wenn soundso
viele Leute gesund werden und soundso viele Leute sterben, welchen
Anteil daran die medizinische Wissenschaft gehabt hat. Da liegt die
Sache nicht so klar. Und mit Bezug auf den sozialen Organismus, ja,
da liegt die Sache erst recht unklar. Da konnen die Kurpfuschermetho-
den in der wiistesten Weise sich breit machen.
Da hat man schon das Gefuhl: Dasjenige, was man als alten Aber-
glauben verlachte, das ist so recht eingezogen in der neueren Zeit,
wenn auch auf anderen Gebieten. Sie kennen alle die Stelle im zweiten
Teil des « Faust », wo wiederbelebt wird die mittelalterliche Homun-
kulus-Idee. Heute sind viele Menschen der Ansicht: Das ist Aber-
glaube, zusammensetzen zu wollen einen Homunkulus. - Es ist aber
auch Aberglaube, aus bloBen Verstandesurteilen das zustande zu brin-
gen. Sie denken aber nicht daran, daB sie den Aberglauben nur ver-
pflanzt haben auf ein anderes Gebiet. Das, was heute als soziale Theo-
rien existiert, das will den sozialen Homunkulus produzieren, das will
aus dem bloBen Verstand heraus etwas kunstlich zusammensetzen.
Gerade auf das Entgegengesetzte geht diese Dreigliederung. Sie geht
nicht darauf hin, ein kiinstliches Programm aufzustellen, sondern zu
suchen, wie sich die Menschen zusammenfinden mussen in der Drei-
gliederung, um aus sich heraus dasjenige zu finden, um was es sich
handelt. Sie geht gerade auf die Wirklichkeit, auf die Wirklichkeit, in
der innerhalb des sozialen Organismus eben die Menschen stehen.
Weil sie so verschieden ist von demjenigen, was die Menschen sich
als Homunkulus-Ideen gewohnt haben zu denken in den letzten Jahr-
zehnten, deshalb wird die Sache heute noch so schwer begriffen. Des-
halb findet man sie unverstandlich, trotzdem sie eigentlich kaum
irgendeinen unverstandHchen oder einen nicht ganz leicht verstand-
Hchen Satz enthalt. Das ist es, daB die Menschen verlernt haben, in ge-
rader Weise zu denken, daB die Menschen iiberall befriedigt sind,
wenn sie in die Ecken hinein denken. Weil sie nur befriedigt sind,
wenn sie entweder iiber die Ecke denken sollen, oder wenn sie denken
konnen, was ihnen befohlen wird zu denken von irgendeiner Seite.
Auf der anderen Seite darf nicht unberiicksichtigt bleiben, daB das,
was dieser Dreigliederung zugrunde liegt, eben manches zusammen-
faBt von dem, was einseitig da oder dort auftritt. Man kann nicht
sagen, daB nicht in zahlreichen Kopfen auch fruchtbare soziale Ideen
aufgetreten sind; sie sind aber meist einseitig. Ich muB daher sagen:
Ich bin mit den Leuten, die mir etwas einzuwenden haben, meist ein-
verstanden, aber sie sind es nicht mit mir. Das, was sie vertreten, ist
von ihrem einseitigen Standpunkte aus richtig, aber damit kommt man
nicht vorwarts, weil man sich mit einseitigen Standpunkten hinein-
reitet in irgendeine Realisierung, welche auf der anderen Seite wieder-
urn Schaden hervorbringt. Es handelt sich darum heute, da6 wir in
umfassender Weise die Dinge treffen. DaB wir nicht zum Beispiel
fragen : Was sollen wir mit dem Gelde machen? - Diese Frage, wie auch
die Frage nach der Wahrung, wird auf dem Boden des selbstandigen
Wirtschaftslebens 2ur Losung kommen. Das ist es, worauf es an-
kommt, daB man aus der Wirklichkek heraus versteht. Man braucht
nicht vom Verstande in den Einzelheiten ausspintisierte Programme,
man braucht Impulse, die sich auf die Wirklichkeit beziehen. Wo man
dann angreift, kommt man schon auf das Praktische. Nur die, die
Theoretiker sind, wahrend sie sich einbilden, Praktiker zu sein, sind so
geartet, daB sie iiberall fur das wirkliche Leben bestimmte Programme
haben wollen. Um sokhe Programme kann es sich nicht handeln. Es ist
etwas Fundamentales in dem, was diesem Aufrufe und dem eben voll-
endeten Buche zugrunde liegt. Es ist einmal auf dasjenige hingewirkt,
was allein in den realen Impulsen des so2ialen Lebens sein kann.
Um mich dariiber noch verstandlicher zu machen, will ich einen
Vergleich nehmen. Es ist oft gesagt worden: Wiirde ein einzelner
Mensch sich auf einer Insel vom kleinen Kind auf entwickeln, so wiirde
er niemals sprechen lernen, Sprechen lernt man nur in der mensch-
lichen Gesellschaft. - Das ist richtig, da die Sprache eine soziale Er-
scheinung ist, weil die Sozietat notwendig ist, damit der Mensch spre-
chen kann. Nur in einer anderen Weise ist das aber auch fur die sozia-
len Impulse in umfassendster Art richtig. Nur innerhalb des sozialen
Organismus kann sich das soziale Leben fur einen Menschen ent-
wickeln. Ein einzelner Mensch kann niemals wirklich ein soziales Pro-
gramm aufstellen, denn das innere, das individuelle Leben ist zu etwas
ganz anderem da, als um soziale Programme aufzustellen. Man kann
nur sagen: So und so miissen die Menschen stehen, so und so miissen
die Menschen orientiert sein auf dem Gebiete des Geisteslebens, so
und so auf dem politischen Gebiet und so und so in bezug auf das
Wirtschaftsleben. Dann wird sich ergeben, was notwendig ist. Das ist
es, worauf es ankommt. Denn wenn der Mensch seine einzelne Indivi-
dualist verwendet, um heute im Zeitalter der BewuBtseinsseele, wo
alles auf Individuality gebaut ist, ein soziales Programm zu ent-
wickeln, was kommt dabei heraus? Ich mochte Ihnen ein Beispiel
sagen: Sie reden heute von Bolschewiken, von Lenin und Trotzki.
Nun ja, ich fiihre Ihnen einen dritten an, der neben diesen ein grund-
licher Bolschewik ist, nur bemerken es die Leute nicht: Johann Gott-
lieb Fichte. Johann Gottlieb Fichte, den wir anerkennen als einen ganz
idealen, als einen groBartigen Denker. Lesen Sie den «Geschlossenen
Handelsstaat ». Das, was Fichte da als Programm entwickelt, unter-
scheidet sich so wenig von dem Bolschewiken-Programm, daft Sie
ganz gut unterschieben konnten dem Trotzki den «Geschlossenen
Handelsstaat » von Fichte. Woher kommt das? Das kommt daher, weil
der einzelne Mensch heute ein soziales Ideal macht, und das hat Fichte
auch getan. Fichte war nur noch in einem Zeitalter, wo an so etwas
nicht gedacht werden konnte wie an die Verwirklichung dieses «Ge-
schlossenen Handelsstaates». Erst die Kriegskatastrophe konnte dazu
fuhren. Wenn der einzelne Mensch aus sich heraus ein umfassendes sozi-
ales Programm machen will, so wird es so. Dafiir ist Fichte der Beweis.
Es wird kein soziales Programm, so wenig wie der einzelne Mensch
auf einer Insel sprechen lernt. Daher ist das Fundamentale dieses,
daft man die Orientierung, die Struktur des sozialen Organismus finde.
Darum handelt es sich nicht, Programme aufzustellen, sondern daft man
die Art findet, wie die Menschen zusammenleben mussen, um das zu
finden, was soziale Impulse sein konnen. Das steht auf dem Boden der
Wirklichkeit, was sich an die Sozietat wendet und nicht an den einzelnen.
Wie oft ist mir immer wieder und wiederum gesagt worden in den
letzten Wochen : Ja, der und der stellt bestimmte Programme auf, die
in alien einzelnen Punkten das soziale Leben regeln. - Darauf kommt
es aber nicht an, das haben die Leute schon immer getan. Sehen Sie
sich doch an, wie unzahlige Utopien es gibt. Aber es soil eben keine
Utopie sein, es soli das sein, was im praktischen Leben wirklich wur-
zelt. Und da ist schon notwendig, daB man ein Gefiihl hat fur das, was
ich als Vergleich auch hier schon gebracht habe. Ich habe oft gesagt :
Derjenige, der die geistigen Impulse nicht sieht in der auBeren Wirk-
lichkeit, der kommt mir vor wie jemand, der ein halbrundes Stuck
Eisen hat. Es sagt ihm einer: Das ist ein Magnet, das zieht anderes
Eisen an. - Er aber sagt: Ach was, das ist kein Magnet, damit be-
schlagt man doch nur die Rosse. - Das ist auch wahr. Die beiden unter-
scheiden sich nicht dadurch, daB der eine recht und der andere un-
recht hat; aber das tiefere Recht hat doch der, der weiB, daB es ein
Magnet ist und daB es Verschwendung isf, das Eisen als Hufeisen zu
brauchen. So ist es auch mit der auBeren Wirklichkeit. Die haben recht,
die von Materialitat sprechen, aber der Geist erst macht die voile Wirk-
lichkeit. Es handelt sich darum jetzt, daB man auf diesen Geist zuriick-
kommt, aber es darf wahrhaftig nicht bei der Phrase bleiben.
Es gehen jetzt durch die Welt mancherlei Prediger. Die machen es
so, wie es diejenigen gemacht haben, die in Spiegelsalen oder in gut
geheizten Zimmern von Nachstenliebe und Briiderlichkeit gesprochen
haben. Wie ich schon sagte: Ofen, erfulle deine Ofenpflicht, - so
sagen sie. So gehen Prediger durch die Welt und sagen: tJber die
Menschheit ist Ungliick gekommen durch Materialismus. Die Men-
schen miissen sich wiederum zuriickwenden zum Geiste. - Ja, sogar
das konnte man erleben, daB diesem Aufruf der Vorwurf gemacht
worden ist, er enthalte zu wenig Geist, er widme sich zu sehr dem
materiellen Leben. Darauf kommt es nicht an, daB vom Geiste geredet
wird, sondern darauf kommt es an, daB wir den Geist zu verwirk-
lichen wissen. Nicht der ist wirklich auf dem Boden einer Geist-
Erkenntnis, der immer nur redet : Geist, Geist, Geist -, sondern der,
der den Geist so in sich aufnimmt, daB der Geist wirklich auch die
Probleme des Lebens zu losen vermag. Darauf kommt es an.
Die Ermahnungen der Menschen, wiederum zum Geiste sich zu-
riickzuwenden, die konnte man unterlassen. Wichtig ist es, daB man
sich heute anstrengt, den Geist in sich tatig und lebendig zu machen.
Aber das haben die Menschen nach und nach verlernt, indem ihnen
gerade der Staat zu etwas geworden ist - ja, zu was denn? Im «Faust »
steht, allerdings als Madchenunterricht, und die Philosophen haben es
nur miBverstanden, haben darin eine groBe Tiefe gesucht: Der All-
umfasser, der Allerhalter, erhalt er nicht dich, mich, sich selbst? -
Aber so redeten allmahHch, besonders wahrend der Kriegszeit, die
Leute vom Staate. Der Allumfasser, der Allerhalter, erhalt er nicht
mich, dich, sich selbst? Im UnterbewuBtsein war bei den Leuten, die
solchen Unterricht gaben, naturlich das «mich» betont. Denn sie
haben darauf ein groBes Gewicht gelegt, daB sie ein etwas gediegenes,
nach ihrer Art aber nicht sehr innerlich aktives Verhaltnis zum Geiste
hatten. Was hatten die Menschen fur ein Verhaltnis zum Geiste? Sie
strebten darnach, daB ihre Nachkommen bis zu einem gewissen Jahr
nach Anordnung des Staates zu Theologen, zu Juristen oder sonstigen
Leuten gemacht worden sind. Dann sollten sie in den Staat hinein-
wachsen, sollten all dasjenige tun, was der Staat verlangt, sollten dazu
ganz besonders tauglich sein. Aber die innere Aktivitat, das ganze
Dabeisein bei dem WeltprozeB, was der Nerv der Geisteswissenschaft
ist, wo war das? Es lag darin, daB die Leute sagten: Ich will vom
Staate mein Gehalt beziehen bis zu gewissen Jahren, dann aber
meine sichere Pension haben, also so lange fur den Staat arbeiten, als
der Staat es vorschreibt; dann soil der Staat sorgen fur eine Pension
bis an mein Lebensende. Und dann, nach dem Lebensende, fur das be-
griindete man auch kein aktives Verhaltnis, sondern ein passives : dann
soil die Kirche sorgen fur die ewige Seligkeit der Seele. Nun, so war
man als passiver Mensch allerdings recht gut versorgt, zunachst in den
SchoB des Staates gelegt, erzogen nach seinem Sinn, dann arbeitend fiir
ihn, dann versorgt von ihm bis zum Tode, und dann sorgte die Kirche
fur die ewige Seligkeit, ohne daB man selber den Impuls des Ewigen
in sich aufnahm. Ein herrlicheres Leben konnte man nicht fiihren. Ein
Leben, ohne selbst etwas dazuzutun, das war immer mehr und mehr
das Ideal der Menschen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gewor-
den oder gar am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber es gab eben
nur die Moglichkeit, so zu denken auf Grundlage jenes Unterbaues,
von dem ich gesprochen habe : wo die Leute gar nicht versorgt waren
bis zu ihrem Tode, sondern wo man hochst diirftig durch allerlei Ver-
sicherungswesen in letzter Zeit anting, sie zu versorgen. Deshalb
haben diese Leute dann auch angefangen, da nichts Rechtes mehr her-
aussprieBen konnte aus der Weltanschauung der leitenden Kreise, des-
halb haben sie auch angefangen, nicht mehr zu glauben an jene nach-
todliche Alters- und Invalidenversicherung, welche durch die Kirche
gegeben wurde mit Bezug auf die ewige Seligkeit.
Sehen Sie, das ist es, wo angefaBt werden muB heute. Aber man faBt
der Wirklichkeit gemaB nur an, wenn man praktisch zu denken ver-
mag dasjenige, was in der Dreigliederung gegeben ist.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 23. April 1919
Heute mochte ich gewissermaBen episodisch etwas einfugen, was zu
tun hat mit der das letztemal auch vor Ihnen hier erwahnten Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Ich mochte es als Episode ein-
fiigen gewissermaBen zu einer tieferen geisteswissenschaftlichen Be-
trachtung der Sache. Natiirlich, manches von dem, was auch unsere
heutigen Ausfiihrungen begriinden wird, miissen Sie aus der Gesamt-
heit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nach und nach zu-
sammennehmen. Man kann nicht in jedem einzelnen Vortrage weit-
laufig die Begnindungen geben. Aber dasjenige, was uns auBerlich als
die Notwendigkeit einer Dreigliederung des sozialen Organismus ent-
gegentritt, das wollen wir heute einmal gewissermaBen von innen, von
seiner Innenseite her betrachten, und es dadurch etwas vertiefen. Es ist
eigentlieh nicht schwierig fur den, der sich etwas eingelebt hat in gei-
steswissenschaftliche Vorstellungen, bei sich eine Empfindung hervor-
zurufen von der groBen Verschiedenheit der drei Lebensgebiete, in
die der soziale Organismus nach unseren Intentionen gegliedert wer-
den soil. Ist man nur einmal aufmerksam darauf, daB eine solche Drei-
gliederung etwas Ernsthaft-zu-Nehmendes ist, dann ergibt sich zu-
nachst empfindungsgemaB eine mogliche Unterscheidung zwischen
diesen drei Gebieten, die jedes einzelne stark unterschieden von den
anderen wahrnehmen laBt.
Diese drei Gebiete, sie sind Ihnen ja jetzt schon hinlanglich bekannt :
das Gebiet dessen, was wir das geistige Leben nennen, insofern dieses
geistige Leben sich ausgestaltet, sich offenbart in dem, was wir die
physische Welt nennen, also der ganze Umfang des sogenannten -
wenn ich das paradoxe Wort brauchen soil - physischen Geisteslebens.
Wir wissen ja, was wir darunter zu verstehen haben. Dazu wird alles
das gehoren, was zusammenhangt mit den individuellen Fahigkeiten
und Begabungen des Menschen. Fur uns ist, im Gegensatz zu den
materialistisch gesinnten Menschen, das Geistesleben namlich etwas
weit Ausgedehnteres, wie wir gleich nachher sehen werden, als fur den
materialistisch gesmnten Menschen. Wir sind namlich gendtigt, das
Geistesleben viel materieller zu denken als die materialistischen Men-
schen, sofern wir vom physischen Geistesleben sprechen. Das hat ja
schon manchen meiner Vortrage durchdrungen, daB das Geistesleben
nur erfaBt werden kann, wenn man davon ausgeht, daB alles materielle
Leben vom Geistigen wirklich konkret durchtrankt ist, so daB es fur
uns ein bloB Materielles gar nicht gibt, sondern immer dasjenige, was
durch das Mittel des Materiellen sich offenbart, seinem inneren Wesen
nach auch, ich sage auch, ein Geistiges ist. Kunst, Wissenschaft, Rechts-
anschauungen, sittliche Impulse der Menschheit, alles das wiirde zu-
nachst, grob gesprochen, den Umfang dieses Geisteslebens ausmachen.
Vor alien Dingen aber wiirde in den Umfang dieses Geisteslebens fallen
alles das, was zur Pflege der individuellen Begabungen gehort, also das
gesamte Erziehungs-, Unterrichts- und Schulwesen.
Dann ist deutlich von diesem Leben eines wiederum zu unterschei-
den, das in einer gewissen Weise zusammenhangt mit dem physischen
Geistesleben, das aber doch sich prinzipiell von ihm unterscheidet.
Das ist alles das, was man bezeichnen kann als Rechtsleben, als poli-
tisches Leben, als Staatsleben. Naturlich muB man sein Wahrneh-
mungsvermogen etwas einstellen auf deutliche Unterscheidungen auf
diesem Gebiet, wenn man nicht in den Fehler verfallen will, sich zu
sagen: das Rechtsleben ist ja im Grunde genommen das, was Recht-
lichkeit ist. Aber wir, die wir gewohnt sind, genau und deutlich zu
unterscheiden, wir werden unterscheiden miissen zwischen dem Er-
fassen von Rechtsideen, zwischen dem - wenn ich mich so ausdrucken
darf - Inspiriertsein von Rechtsideen und dem Ausleben des Rechtes
in der auBeren Welt. Wir werden von all diesen Dingen gleich genauer
sprechen.
Das dritte ist dann, das werden Sie leicht unterscheiden konnen von
den beiden anderen, das Wirtschaftsleben. Nun steht der Mensch zu
den drei Gebieten des Lebens, die wir eben verzeichnet haben, in
einem ganz anderen Verhaltnis. Wenn Sie versuchen, durch eine rein
gesunde Empfindung aufzufassen dasjenige, was physisches Geistes-
leben 1st, so werden Sie verspiiren - versuchen Sie nur einmal, die
Wahrnehmungsfahigkeiten der Seele in die Richtung zu lenken, von
der ich jetzt gesprochen habe -, da8 alles das, was irgendwie wurzelt
in der individuellen Begabung, den individuellen Fahigkeiten des
Menschen, gewissermaBen am aUerinnerlichsten fur die menschliche
Natur verlauft, am allerinnerlichsten von der menschlichen Natur er-
zeugt wird. Geht man nun ganz wissenschaftlich an die Arbeit des
Wahrnehmens heran, so findet man, da8 alles, was sich auslebt in
Kunst und Wissenschaft, in den Impulsen der Erziehung, empfunden
werden kann als Geistig-Seelisches, das in uns lebt, wenn wir uns sei-
ner Betatigung hingeben; so in uns lebt, daB wir es nur in der richtigen
Weise innerlich erfahren konnen, wenn wir uns etwas zuriickziehen
aus der auBeren Welt. GewiB, wir miissen es offenbaren in der auBeren
Welt - das ist dann etwas anderes, als es innerlich zunachst erleben
aber wir konnen als Menschen das, was sich in Kunst und Wissen-
schaft, in Erziehungsimpulsen auslebt, nicht konzipieren, nicht inner-
lich erfassen, wenn wir uns nicht etwas vom Leben zuriickziehen
konnen. Naturlich braucht das nicht ein Zuriickziehen in eine Eremi-
tenklause zu sein, man kann spazierengehen meinetwillen, aber man
muB sich etwas zuriickziehen, muB seelisch werden, muB in sich leben.
Das ist etwas, was sich fur eine ganz naive Empfindung, wenn sie nur
ausgebildet werden will in der Menschenseele, fur das physische Gei-
stesleben ergibt, und was die Geisteswissenschaft so ausdriicken muB,
daB sie sagt: Dieses physische Geistesleben wird von unserer Men-
schenseele so erlebt, daB wir ohne vollige Inanspruchnahme des Leibes
dieses physische Geistesleben ausleben. Da muB Geisteswissenschaft,
und das konnen Sie aus allem entnehmen, was Geisteswissenschaft
Ihnen bisher gebracht hat, in der allerentschiedensten Weise gegen die
materialistische Ausdeutung des Menschenwesens sich wenden, welche
in dem Aberglauben lebt, daB sich, wenn man innerlich ausgestaltet,
was dem physischen Geistesleben angehort, diese Ausgestaltung ganz
restlos durch das Instrument des Gehirns, des Nervensystems und so
weiter vollzieht. Nein, wir wissen, das ist nicht wahr. Wir wissen, daB
ein selbstandiges Innenleben im Menschen vorhanden sein muB, wenn
Offenbarungen dieses physischen Geisteslebens zustande kommen sol-
len. Es geht etwas vor im Menschen bei diesem physischen Geistes-
leben, das nicht seine Parallelerscheinungen im physischen Leibe hat;
es geht etwas vor, was nur ablauft innerhalb des geistig-seelischen
Wesens im Menschen.
Anders ist das, wean wir diejenigen Impulse des Lebens ausbilden,
die wir in unserer Dreigliederung auf eine demokratische Grundlage
stellen wollen, wenn wir ausbilden, was gewissermaBen alle Menschen
vor alien Menschen gleich erscheinen laBt. Das kann sich nur aus-
bilden, wenn wir uns bedienen der Werkzeuge unserer Leiblichkeit,
die Mensch mit Mensch verbinden. Nicht innerliche Rechtsideen, aber
Rechtsimpulse des Lebens, nicht innerlich sittliche Ideen, aber sitt-
liche Impulse des Lebens, die also zwischen den Menschen tatig sind,
die bilden sich aus, indem Mensch zu Mensch herantritt, Mensch ge-
gen Mensch wirkt, Mensch und Mensch austauschen, was sie an-
einander gegenseitig erleben. Diese Dinge bilden sich nur aus, wenn
Menschen miteinander verkehren, wenn Menschen ihre leibliche
AuBenseite einander zukehren, wenn sie miteinander sprechen, wenn
sie sich sehen, wenn sie durch Mitempfindung miteinander leben, kurz,
nur im menschlichen Wechselverkehr kann das ausgebildet werden.
Mit Bezug auf alles das, was sich auf Grundlage unserer individuellen
Fahigkeiten ausbildet, also mit Bezug auf das, was in dem eben ge-
nannten Sinn unabhangig von unserer Leiblichkeit ist, sind wir als
Menschen individuell gestaltet, jeder ein Eigener, jeder ein Indivi-
duum. Mit Ausnahme der viel geringeren Differenzierung, welche
durch Rassenunterschiede, Volksunterschiede und dergleichen hervor-
treten, die aber eben als Differenzierung eine Kleinigkeit sind - wenn
man nur ein Organ dafiir hat, muB man das wissen - gegeniiber der
Differenzierung durch individuelle Begabungen und Fahigkeiten, mit
Ausnahme davon sind wir mit Bezug auf unsere auBere physische
Menschlichkeit, durch die wir als Mensch den Menschen gegenuber-
treten, durch die wir Rechtsimpulse, Sittenimpulse ausbilden, als Men-
schen gleich. Wir sind als Menschen gleich, hier in der physischen
Welt, gerade durch die Gleichheit unserer menschlichen Gestalt, ein-
fach durch die Tatsache, daB wir alle Menschenantlitz tragen. Dieses,
daB wir alle Menschenantlitz tragen, daB wir uns als auBere physische
Menschen begegnen, die miteinander auf dem demokratischen Boden
die Rechtsimpulse, die Sittenimpulse ausbilden, dieses macht uns auf
diesem Boden gleich. Wir sind verschieden voneinander durch unsere
individuellen Begabungen, die aber unserer Innerlichkeit angehoren.
Das dritte, das wirtschaftlicheGebiet: Man braucht wahrhaftig nicht
einer falschen Askese zuzuneigen, denn diese falsche Askese ist ganz
gewiB gegen die Grundtendenz unserer gegenwartigen Zeit, nament-
lich des Abendlandes - dariiber haben wir oftmals gesprochen hier
aber man kann wahrnehmen, wie das Wirtschaftsleben den Menschen
gewissermaBen untertauchen laBt hier in der physischen Welt in einen
Lebensstrom, in ein Lebensmeer, in dem er sich bis zu einem gewissen
Grade als Mensch verliert. Haben Sie nicht die Empfindung, dem Wirt-
schaftsleben gegeniiber, daB Sie untertauchen in etwas, was Sie nicht
so Mensch sein laBt, wie das Rechts- oder Staatsleben? Noch mehr ist
das der Fall gegeniiber dem Leben, das aus Ihren individuellen Fahig-
keiten, uberhaupt aus den individuellen Fahigkeiten des Menschen
flieBt. Wir fuhlen es, wie gesagt, ohne in falsche asketische Neigung zu
verfallen, wir fuhlen: dem Wirtschaftsleben gegeniiber ist es so, daB
wir aufhoren, indem wir wirtschaften rmissen, Vollmenschen zu sein.
Wir miissen einen Tribut zahlen an das in uns, was untermenschlich
ist, indem wir wirtschaften.
Wir haben sozusagen dasjenige, was dem Wirtschaftsleben angehort
als Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum, auch wenn
es sich hinaufsteigert zu geistigen Leistungen, die aber eben deshalb
mit demselben Charakter wie Warenzirkulation des Wirtschaftslebens
entstehen, weil wir Menschen sind und nicht Engel, wir wissen, daB
auch das, was geistige Produktion ist, insofern das Wirtschaftliche da-
fur in Betracht kommt, den Charakter annimmt des Wirtschaftlichen,
das in den materiellen Giitern verlauft. Und die materiellen Giiter, die
zur Befriedigung unseres Leiblichen notwendig sind, und geistige
Leistungen, wie zahnarztliche und dergleichen, im Wirtschaftsleben
miissen sie auch zuletzt durch den Warenaustausch dazu fiihren, daB
der Zahnarzt durch das Wirtschaftsleben physisch leben kann. Irgend-
wie hangt das Wirtschaftsleben immer mit dem physischen Leben zu-
sammen. Das ist aber etwas, was uns in eine gewisse, wenn auch ins
Menschliche hinaufgehobene Beziehung zum Tierischen bringt. Es
lafit uns untertauchen in dasjenige, was instinktiv mit dem Tier zu-
sammen erlebt wird. Da haben Sie zunachst einer naiven, aber ge-
sunden Empfindung gegeniiber dasjenige, was die drei Gebiete fur
den einzelnen individuellen Menschen unterscheidet.
Gehen wir jetzt tiefer geisteswissenschaftlich in die Sache ein. Der
Geisteswissenschafter muB da besonders beobachten die Gliederung
des menschlichen Lebens in der Zeit, die Entwickelung des mensch-
lichen Lebens zunachst von der Geburt oder Empfangnis bis zum
Tode. Derjenige, der sich ein Wahrnehmungsvermogen aneignet fur
den Verlauf des Menschenlebens, der wird stark beeindruckt sein da-
von, wie sich alles das, was individuelle Fahigkeiten des Menschen
sind, in der allerersten Kindheit bedeutsam ankiindigt. Fur den, der
sich dafiir ein geistiges Auge und Lebenserfahrung angeeignet hat,
fiir den ist stark vorhanden die Wahrnehmung der besonderen Aus-
gestaltung der Kindesseele. In dem was heranwachst in den drei ersten
Lebensstufen vom ersten bis zum siebten, vom siebten bis zum vier-
zehnten, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr, in dem
kiindigt sich dasjenige wie aus einer inneren elementaren Kraft heraus
an, was individuelle Fahigkeiten des Menschen sind. Und nicht nur
das, was wir gewdhnlich geneigt sind, als individuelle Fahigkeiten des
Menschen zu betrachten, kiindigt sich da an, sondern damit hangt
dann zusammen, ob wir physisch stark oder schwach sind, ob wir mehr
oder weniger Muskelarbeit leisten konnen. Da ist es, wo wir das Gei-
stige mehr in Materielles ausdehnen miissen als die materialistisch
Denkenden. Geistig angeschaut sehen wir einen guten Zusammenhang
zwischen der Ausgestaltung des Muskelsystems und der individuellen
Veranlagung des Menschen. Alles das hangt fur den, der das Men-
schenwesen beobachten kann, mit der Entwickelung des mensch-
lichen Hauptes zusammen. Auch sogar in den aufieren Formen, ob
einer starke Beine hat oder schwache, ob einer viel laufen kann, das
sieht der, der sich einen geistigen Blick erworben hat, schon dem
Kopfe an, gerade dem Kopfe. Ob einer geschickt oder ungeschickt ist,
sieht man dem Kopfe des Menschen an. Diese sogenannten physischen
Fahigkeiten des Menschen, die eng zusammenhangen mit seiner Eig-
nung fiir auBere materielle, manuelle Arbeit, sie hangen mit der Aus-
gestaltung des Kopfes zusammen. Nun wissen Sie, was ich Ihnen uber
die Ausgestaltung des Kopfes wiederholt gesagt und aus den ver-
schiedensten Untergninden heraus begriindet habe. Ich habe Ihnen
gesagt: Alies das, was im menschlichen Haupte zur Ausgestaltung
kommt, was dem menschlichen Haupte seine Konfiguration, seine
Formung gibt, das weist hin auf das Vorgeburtliche, das weist hin auf
dasjenige, was der Mensch aus den geistigen Welten, sei es aus der gei-
stigen Welt selbst oder sei es aus vorhergehenden Er deninkarnationen,
sich durch die Geburt mit herein ins physische Leben bringt. Indem
nun ein Zusammenhang geschaut wird zwischen alien individuellen
Fahigkeiten des Menschen, seien sie nun geistige oder manuelle Fahig-
keiten, gerade mit der Ausbildung des menschlichen Hauptes, wird
man dann weitergeleitet in seinem Schauen, so daB man alles, was aus
der individuellen Fahigkeit des Menschen hervorgeht, zuriickleitet auf
das vorgeburtliche Leben.
Sehen Sie, das ist es, was den Geisteswissenschafter zu einer fur ihn
so bedeutungsvollen Beleuchtung dessen fiihrt, was physisches Gei-
stesleben ist. Physisches Geistesleben ist deshalb hier in der physischen
Welt, weil wir als Menschen uns etwas durch die Geburt mit herein-
bringen. Alles physische Geistesleben, in dem Umfang, wie ich heute
davon zu Ihnen gesprochen habe, entsteht nicht bloB aus dieser phy-
sischen Welt heraus, es entsteht aus denjenigen Impulsen heraus, die
wir hereintragen durch unsere Geburt aus der geistigen Welt in das
physische Dasein. Indem wir Menschen sind, die hereinbringen in das
physische Dasein Nachklange eines ubersinnlichen Daseins, gestalten
wir in der menschlichen Gesellschaft hier in der physischen Welt das-
jenige aus, was dieses physische Geistesleben ist. Es gabe keine Kunst,
es gabe keine Wissenschaft, hochstens eine Experimentalbeschreibung,
eine Beschreibung von Experimenten, es gabe keine Erziehungs-
impulse, wir konnten die Kinder nicht erziehen, wir konnten keine
Schulbildung erteilen, wenn wir nicht durch die Geburt Impulse aus
dem vorgeburtlichen Leben in das physische Leben hineinbrachten.
Das ist das eine.
Nun bitte, nehmen Sie alles das, was Sie an Beschreibung der uber-
sinnlichen Welt in meiner «Theosophie» oder in der «Geheimwissen-
schaft » finden. Nehmen Sie insbesondere das, was in diesen Biichern
gesagt ist aus der iibersinnlichen Welt heraus iiber die Beziehungen,
die da herrschen zwischen Menschenseele und Menschenseele, wenn
diese Seelen entkorpert sind, wenn diese Seelen leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt. Sie wissen, wir miissen da von ganz an-
deren Beziehungen von Seele zu Seele sprechen, als diejenigen, von
denen wir hier in der physischen Welt sprechen konnen. Sie erinnern
sich, wie ich zusammengesetzt habe das, was von Seele zu Seele erlebt
wird, aus Grundklangen, die hier in schattenhaften Bildern vorhanden
sind. Sie erinnern sich der Beschreibung in der «Theosophie» des Le-
bens in der Seelenwelt, wie ich von gewissen Wechselwirkungen, von
in der physischen Welt nicht vorhandenen Seelen- und Astralkraften
sprechen muBte, indem ich das entkorperte Leben in der iibersinnlichen
Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt schildern wollte. Da
steht Seele zu Seele in einer inneren Beziehung. Da ist ein Verhaltnis
von Seele zu Seele, welches durch die innere Kraft der Seele selbst
hervorgerufen wird. Durchdringt man sich nun ganz fest mit dem,
was so als Verhaltnis von Seele zu Seele existiert in der iibersinnlichen
Welt, faBt man das ins Auge und macht man sich so recht gegen-
standlich, was so existiert, dann bekommt man, wenn man in der
richtigen Weise vergleicht, eine merkwiirdige Anschauung heraus. Sie
wissen, es beruht auf solch inneren Tendenzleistungen sehr vieles,
was zur Erkenntnis in der iibersinnlichen Welt, oder auch zur Er-
kenntnis der Zusammenhange der iibersinnlichen mit der sinnlichen
Welt fiihrt. Man wird da direkt auf das Rechts-, Staats- oder politische
Leben geleitet, und zwar so, daB es keinen groBeren Gegensatz gibt
gegen die besondere Ausgestaltung des iibersinnlichen Lebens als das
politische, das Rechtsleben hier auf dem physischen Plan. Das sind
die beiden groBen Gegensatze, und man empfindet diese Gegensatze,
wenn man in sachgemaBer Weise das iibersinnliche Leben kennen-
lernt. Das iibersinnliche Leben hat gar nichts von dem, was durch
Rechtssatzungen oder auBere Sittenimpulse geregelt werden kann,
denn da wird alles durch innere Seelenimpulse geregelt. Hier, im
physischen Leben, wird der voile Gegensatz aufgestellt, indem man
das Staatsleben mit seiner Grundnuance aufstellt, weil uns durch die
Geburt dasjenige verlorengeht, was in der Seele lebt als Grund-
impulse, die von Seele zu Seele das Verhaltnis herstellen; weil das
verlorengeht, weii wir uns das Gegenteil hier aneignen zwischen
Geburt und Tod. Dieses Gegenteil sind die Rechtssatzungen, die
existieren; die stellen her, was hergestellt werden muB, das Rechts-
verhaltnis, weil dec Mensch das, was in der ubersinnlichen Welt das
Verhaltnis von Seele zu Seele angeht, verloren hat. Das sind die beiden
Pole: iibersinnliches Verhaltnis von Seele zu Seele - Staatsverhaltnis
hier auf dem physischen Plan.
Von Mensch zu Mensch tragen wir in die physische Geisteskultur-
welt etwas herein, was uns durch die Geburt als Nachklang bleibt aus
der ubersinnlichen Welt. Wir breiten gleichsam einen Glanz iiber das
Leben aus dadurch, daB wir hereinleuchten lassen das, was wir in die
Welt hineintragen, indem wir es zu offenbaren suchen in Kunst,
Wissenschaft und Erziehung der anderen Menschen. Das ist mit dem
Rechtsleben etwas anderes. Das miissen wir hier begriinden auf der
physischen Erde als einen Ersatz fur das, was wir in ubersinnlicher
Beziehung verlieren, indem wir durch die Geburt in das physische
Dasein hereinkommen.
Das gibt Ihnen zu gleicher Zeit einen Begriff davon, was gewisse
religiose Urkunden meinen - und Sie wissen, inwiefern religiose
Urkunden immer etwas durchdrungen sind von diesen oder jenen
okkulten Wahrheiten -, wenn sie sprechen von dem berechtigten
«Fursten dieser Welt». Sie meinen, wenn sie davon sprechen: der
Staat soli sich nur ja nicht darauf einlassen, dasjenige verwalten zu
wollen, was der Mensch sich durch die Geburt aus der ubersinnlichen
Welt als deren Abglanz hereinbringt in die physische Welt. Er soli
sich darauf beschranken, den rechtlichen Fiirsten auszubilden, der
das gerade Gegenteil hier im Staatsleben ausgestaltet : das Leben, das
wir brauchen, weil uns die Impulse der geistigen Welt, indem wir
durch die Geburt gegangen sind, verlorengingen. Das Staatsleben
hat die Aufgabe, das auszubilden, was notwendig ist fur den Menschen-
verkehr in der physischen Welt; es hat nur eine Bedeutung fur das
Leben zwischen Geburt und Tod.
Sehen wir uns das dritte an, das Wirtschaftsleben. Da wird etwas
gesagt werden miissen, was ganz besonders paradox ist: Wir tauchen,
kraB ausgedriickt, gewissermaBen unter in ein Untermenschliches,
indem wir uns in das Wirtschaftsleben einlassen. Dadurch aber 2ieht
immer etwas vor unsere Seele, indem wir uns in das Untermenschliche
einlassen. Und das konnen Sie ja spiiren. Denken Sie einmal, wie sehr
Sie sich anstrengen miissen in sich, aktiv, wenn Sie sich der geistigen
Kultur hingeben, und wie gedankenlos manche Menschen sein konnen
im bloBen Wirtschaftsleben. Man iiberlaBt sich oftmals den Trieben
und Instinkten. Das Wirtschaften geht eben uberhaupt ohne viel
unmittelbar innerlich aktives Denken vor sich. Aber jedenfalls: wir
tauchen unter in ein Untermenschliches. Da bewahrt sich die Seele
innerlich etwas zuriick. Geisteswissenschaftlich gesprochen ist der
Korper mehr angestrengt, wenn wir bei einer materiellen Tatigkeit
sind, als man sogar gewohnlich glaubt. Wir miissen, wenn wir vom
Wirtschaftsleben sprechen, auch von dem Endgliede des Wirtschafts-
prozesses sprechen, von Essen und Trinken. Wir miissen uns klar
sein, daB da nicht ein voller Parallelismus ist zwischen leiblicher und
geistiger Tatigkeit, daB da der Korper iiberwiegt in bezug auf die
Tatigkeit gegeniiber dem Geistig-Seelischen. Aber dieses Geistig-
Seelische, das entwickelt dann eine stark unbewuBte Tatigkeit. Und
in dieser unbewuBten Tatigkeit liegt ein Keim. Diesen Keim, den
tragen wir durch die Pforte des Todes. Die Seele kann gewissermaBen
ruhen, wenn wir wirtschaften. Das aber, was auBerlich dem BewuBt-
sein als Ruhe erscheint, das entwickelt einen Keim, der durch die
Pforte des Todes getragen wird. Und entwickeln wir gar moralisch
die Bruderlichkeit im Wirtschaftsleben, wie ich es jetzt immer
schildere, dann tragen wir einen guten Keim durch die Pforte des
Todes, gerade durch das, was wir als Mensch dem Menschen gegen-
iiber im Wirtschaftsleben entwickeln. Mag es Ihnen materialistisch
erscheinen, wenn ich sage: Gerade in der Bruderlichkeit des Wirt-
schaftslebens legt sich der Mensch in die Seele die Keime fur sein
Leben nach dem Tode, wahrend er in dem, was Geisteskultur ist, von
der Erbschaft desjenigen zehrt, was er hereinbringt aus vorgeburt-
lichem Leben, - mag Ihnen das materialistisch erscheinen, es ist wahr,
einfach wahr gegeniiber der geisteswissenschaftlichen Forschung. Mag
es Ihnen materiell erscheinen, daB ich Ihnen sage: Wenn Sie unter-
tauchen in die Tierheit, sorgt Ihre Menschheit dafur, daB Sie das
Obersinnliche fur die Zeit nach dem Tode entwickeln - es ist so.
Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Er hat in seinem Wesen
ein Erbgut aus vor geburtlicher Zeit, er entwickelt etwas, was zwischen
der Geburt und dem Tode allein Giiltigkeit hat, er entwickelt hier in
der physischen Welt etwas, durch das er ankniipft das Zukunftsleben
nach dem Tode an das physische Leben hier. Dasjenige, was hier aus-
gestaltet wird, was hier geoffenbart wird als Lebensglanz und Lebens-
zukunft und Lebensinteresse in der physischen Geisteskultur, das
ist ein Erbgut der geistigen Welt, das wir uns hereinbringen in die
physische Welt. Indem wir dieses Geistesgut erleben, es recht erleben,
erweisen wir uns als Angehorige der geistigen Welt, bringen in die
physische Welt einen Abglanz der ubersinnlichen Welt, die wir durch-
laufen haben vor unserer Geburt und Empfangnis.
Die abstrakte Wissenschaft, auch die abstrakte Philosophic, redet ja
naturlich immer im Abstrakten herum. Die redet davon, man miisse
die Ewigkeit der Substanz, also das, was von der menschlichen Substanz
bei der Geburt vorhanden ist, dann bleibt, und dann wiederum durch
den Tod geht, beweisen. Solche Beweise konnen nie aus dem bloBen
Denken gelingen. Die Philosophen haben sie auch immer gesucht, aber
es hat der Beweis niemals standgehalten gegeniiber dem inneren
logischen Gewissen, weil die Sache einfach nicht so ist. Mit der
Unsterblichkeit verhalt es sich namlich viel geistiger. Nichts irgend-
wie Materielles, geschweige denn Substantielles ist in einer solchen
Weise vorhanden. Was vorhanden ist, ist das BewuBtsein, das Be-
wuBtsein nach dem Tode, das zunickschaut in diese Welt. Das ist das,
was wir betrachten mussen, wenn wir die Unsterblichkeit betrachten.
Wir mussen viel immaterieller werden, als selbst die abstrakten Philo-
sophen, wenn wir von diesen hoheren Dingen reden. Aber die Sache
ist so, daB wir das, was ich eben charakterisiert habe, als einen Abglanz
der ubersirinlichen Welt, den wir ofFenbaren als den Schmuck, den
Glanz des Lebens hier, daB wir den verbrauchen und neu ankniipfen
hier im physischen Leben, daB wir ein neues Kettenglied unseres
ewigen Daseins hier ankniipfen mussen, das wir durch den Tod
tragen. Wenn jemand nur an das denkt, was sich fortsetzt in dieses
Leben hinein: wenn er konsequent forscht, muB der Faden abreiBen;
nur wenn er weiB, daB er ein neues Kettenglied ansetzt, das hinaus-
geht iiber den Tod, kommt er an die Unsterblichkeit heran.
So ist der Mensch dieses dreigliedrige Wesen. Er entwickelt in sich
Fahigkeiten, die diesen Abglanz der iibersinnlichen Welt in dieses
Leben hereintragen. Ein Leben entwickelt er, das die Briicke bildet
zwischen dem vorgeburtlichen und dem nachtodlichen Leben, und
das sich auslebt in all dem, was nur seine Wurzel hat in dem Leben
zwischen Geburt und Tod, was sich auBerlich darstellt in dem auBer-
lichen Rechts-, Staatsorganismus und so weiter. Und indem er unter-
taucht in das Wirtschaftsleben, und indem er in der Lage ist, in diesem
Wirtschaftsleben ein Moralisches zu pflanzen, das Briiderliche, ent-
wickelt er die Keime fur das nachtodliche Leben. Das ist der drei-
fache Mensch.
Und denken Sie sich diesen dreifachen Menschen nun seit dem
fiinfzehnten Jahrhundert in einer solchen Entwickelungsphase, daB
er alles das, was friiher instinktiv war, bewuBt ausbilden muB. Da-
durch ist er heute in die Notwendigkeit versetzt, daB sein auBeres
soziales Leben ihm Anhaltspunkte bietet, daB er drinnen stehe mit
seiner dreifachen Menschlichkeit in einem dreifachen Organismus.
Wir konnen nur, weil wir drei ganz verschiedene Wesensglieder, das
Vorgeburtliche, das Irdischlebendige, das Nachtodliche in uns ver-
einigen, in dem sozialen Organismus richtig drinnen stehen in drei
Gliedern. Sonst kommen wir als bewuBte Menschen in einen MiB-
klang mit der iibrigen Welt. Und wir werden immer mehr und mehr
dahin kommen, wenn wir nicht danach trachten wiirden, diese urn-
liegende Welt als dreigliedrigen sozialen Organismus zu gestalten.
Sehen Sie, da haben Sie die Sache verinnerlicht. Ich versuche zu
zeigen, wie sich der geisteswissenschaftlichen Forschung der Finger
bietet, um den dreigliedrigen sozialen Organismus zu finden; wie er
gefunden werden muB aus der menschlichen Natur selber heraus. Auf
den bloBen Gedanken von dem, was ich jetzt entwickelt habe, auf den
sind ja manche Menschen schon gekommen. Aber ich habe mich in
offentlichen Vortragen und auch sonst immer dagegen verwahrt, daB,
wenn ich auch Anhaltspunkte gebe fur diese Gedanken, man das
verwechselt mit den Gedanken des alten Schdffle «Vom Bau des
so2ialen Organismus», oder mit den Dilettantismen des jungst er-
schienenen Buches von Meray iiber «Weltmutation», oder ahnliche
Dinge. Solche Analogiespiele treibt der Geisteswissenschafter nicht;
sie sind hdchst unfruchtbar. Das, was ich mochte, auch wenn ich
spreche iiber sozialen Organismus, das ist, daft der Mensch seine
Gedanken schult. Die allgemeine Gedankenschulung ist heute nicht
einmal so weit, daB in der Naturwissenschaft begriffen wiirde, was ich
nach funfunddreiBigjahriger Forschung in meinem Buche «Von
Seelenratseln » dargestellt habe, wo ich gezeigt habe, daB das ganze
menschliche Wesen besteht aus den drei Gliedern: Nerven-Sinnes-
leben, Rhythmusleben, StofFwechselleben. Das Nerven-Sinnesleben
kann man auch das Kopf leben nennen, das rhythmische Leben kann
man auch das Atmungsleben, das Blutleben nennen, das StofFwechsel-
leben ist das, was den iibrigen Organismus konstruktionsmaBig um-
faBt. Ebenso wie dieser menschliche Organismus dreigegliedert ist
und jedes der Glieder in sich zentriert ist, so muB sich auch der soziale
Organismus dadurch zeigen, daB jedes seiner Glieder gerade dadurch
fur das Ganze wirkt, daB es in sich zentriert ist. Die heutige Physio-
logic und Biologie glaubt, daB der Mensch ein zentralisiertes Wesen
als Ganzes ist. Das ist nicht wahr. Sogar bis in die Kommunikation
nach auBen ist der Mensch ein dreigliedriges Wesen: das Kopf leben
steht durch die Sinnenwelt selbsttatig mit der AuBenwelt in Ver-
bindung, das Atmungsleben ist verbunden mit der AuBenwelt durch
die Luft, das StofFwechselleben wiederum steht durch selbstandige
OfFnungen mit der AuBenwelt in Beziehung. In dieser Weise muB
auch der soziale Organismus dreigliedrig sein, jedes Glied in sich
zentriert. Wie der Kopf nicht atmen kann, sondern das, was durch die
Atmung vermittelt wird, durch das rhythmische System empfangt,
so soil der soziale Organismus nicht selber etwa ein Rechtsleben ent-
wickeln wollen, sondern er soli das Recht empfangen von dem
Staatsorganismus.
Aber ich sagte: Man darf das, was hier auseinandergesetzt wird,
nicht verwechseln mit dem bloBen Analogiespiel, das dann eintritt,
wenn man allerlei Hypothesen sucht. Geisteswissenschaft ist wirkliche
Forschung und geht auf die Erscheinungen los. Wenn man Geistes-
wissenschafter ist, glauben nur die anderen Menschen, man denke
etwas aus. Bevor man richtiger Geistesforscher ist, fangt man nur an,
diese geistige Welt zu beobachten. Man muB sich das Denken erst
abgewohnen; das gilt fur die physische Welt. Naturlich nicht fur das
ganze Leben abgewohnen, sondern bloB fur die geistige Forschung.
Ich habe Ihnen gesagt, man kommt in der Regel auf das Verkehrte,
wenn man nach Analogien der sinnlichen Welt die geistige Welt
charakterisieren will. Erinnern Sie sich an ein Beispiel. Die Geistes-
forschung zeigt, daft die Erde eigentlich ein Organismus ist ; daB das,
was die Geologen, die Mineralogen finden, ein Knochensystem nur
ist, daB die Erde lebend ist, daB sie schlaft und wacht wie der Mensch.
Aber jetzt kann man nicht auBerlich nach einem Analogiespiel gehen.
Wenn Sie auBerlich einen Menschen fragen: Wann wacht die Erde
und wann schlaft die Erde? - dann wird er ganz gewiB sagen: Sie
wacht im Sommer und schlaft im Winter. - Das ist das Gegenteil von
dem, was wahr ist. Das Wahre besteht darin, daB die Erde tatsachlich
im Sommer schlaft und im Winter wach ist. Auf das kommt man
naturlich nur, wenn man wirklich in der geistigen Welt forscht. Das
ist das Vexierspiel, was das geistige Forschen so leicht dem Irrtum
aussetzt, daB, wenn man etwas hineintragt aus der physischen in die
geistige Welt, man zumeist auf das Gegenteil oder auf Viertelswahr-
heiten kommt. Man muB eben jeden einzelnen Fall erforschen.
So ist es auch mit dem Analogiespiel, das die Leute treiben zwischen
den drei Gliedern des individuellen Organismus und den drei Gliedern
des sozialen Organismus. Was wird derjenige sagen, der dieses
Analogiespiel treibt? Er muB sagen: AuBen ist ein Geistesleben,
Kunst, Wissenschaft. Das wird er in Parallele Ziehen mit dem, was der
menschliche Kopf hervorbringt, mit dem Nerven-Sinnesleben. Wie
sollte er anders! Dann wird er, wenn er das gelten laBt, was ich in
meinen «Seelenratseln» angefuhrt habe, als das Materiellste das Stoff-
wechselleben mit dem Wirtschaftsleben in Zusammenhang bringen.
Das ist das Verkehrteste, was herauskommen kann. Und man kommt
auf keinen griinen Zweig, wenn man die Sache so ansehen will. Des-
halb muB man sich, um zur Wahrheit zu kommen, alles Spielen mit
Analogien abgewdhnen. Die auBer der Geisteswissenschaft Stehenden
glauben, daB man durch ein Gedanken-Analogiespiel zu diesen
Dingen komme. Das ist das Allertauschendste. Es paBt nichts, wenn
man das auBere physische Geistesleben mit dem Kopf leben paralleli-
siert. Es paBt nichts, wenn man das Wirtschaftsleben mit dem Stoff-
wechselleben zusammenhalt. Sobald man eingehen will auf die Sache,
so paBt nichts. Wenn man wirklich forscht, so erhalt man ein sehr
paradoxes Resultat. Wenn man vergleicht den sozialen Organismus
mit dem menschlichen Organismus, so kommt man nur zurecht,
wenn man sich den sozialen Organismus umgekehrt hingestellt denkt :
Wenn man das Wirtschaftsleben mit dem menschlichen Nerven-
Sinnesleben vergleicht. Dann allerdings kann man vergleichen das
Staatsleben mit dem rhythmischen System. Aber das physische Geistes-
leben, das muB man mit dem StofFwechsel vergleichen, denn da sind
ahnliche Gesetze vorhanden. Denn das, was als Naturgrundlage vor-
handen ist fur das Wirtschaftsleben, das ist fur den sozialen Organismus
ganz gleichbedeutend mit den individuellen Befahigungen, die der
Mensch durch die Geburt mitbringt. Wie der Mensch im individuellen
Leben von der Erziehung, von dem, was er mitbringt, abhangt, so
hangt der wirtschaftliche Organismus ab von dem, was die Natur ihm
liefert durch eigene Vorbedingungen des Wirtschaftslebens. Die Vor-
bedingungen des Wirtschaftslebens, der Boden und so weiter, ist das-
selbe wie die individuellen Begabungen, die der Mensch mitbringt in
das individuelle Leben. Wieviel Kohle, wieviel Metalle unter der
Erde sind, ob ein fruchtbarer oder unfruchtbarer Boden vorhanden
ist, das sind gewissermaBen die Begabungen des sozialen Organis-
mus.
Und in demselben Verhaltnis, in dem das Stoffwechselsystem des
Menschen zu dem menschlichen Organismus und seinen Funktionen
steht, in diesem Verhaltnis stehen die menschlichen Hervorbringungen
des Geisteslebens zum sozialen Organismus. Der soziale Organismus
iBt und trinkt dasjenige, was wir ihm zufvihren in Form von Kunst,
Wissenschaft, technischen Ideen und so welter. Davon nahrt er sich.
Das ist sein StofFwechsel. Ein Land, das ungunstigeNaturbedingungen
fur sein Wirtschaftsleben hat, ist wie ein Mensch, der schlecht begabt
ist. Und em Land, dem seine Bewohner nichts zufiihren an Kunst, an
Wissenschaft, an technischen Ideen, das ist wie ein Mensch, der ver-
hungern muB, weil er nichts zu essen hat. - Das ist die Realitat, das
ist die Wirklichkeit. Der soziale Organismus iBt unsere geistigen
Erzeugnisse und trinkt sie. Und die Befahigungen, die Begabungen
des sozialen Organismus, das sind die Naturbedingungen. Der Ver-
gleich des geistigen Organismus mit dem Kopf leben hat nur so lange
eine Bedeutung, solange man ein Analogiespiel treibt. Dann erst
kommt man auf das Richtige, was einem helfen kann, wenn man weiB,
daft die Sache so ist, daB die Gesetze so sind, wie ich es dargestellt
habe. Man kann wissen: die Gesetze des menschlichen Stoffwechsels
sind diese. Aber dabei muB man dasselbe Denken anwenden, das man
anwendet auf den sozialen Organismus, und dann bekommt man das
weitere leicht heraus. Geistige Dinge ohne solchen Leitfaden zu
treiben, ist auBerordentlich schwierig und langwierig. Weil heute
dadurch, daB manchmal ein Analogiespiel getrieben wird, eine starke
Abneigung vorhanden ist gegen dieses Parallelisieren des sozialen
Organismus mit dem menschlichen Organismus, habe ich das in
meinem Buche nur gestreift; aber ich versuchte es wenigstens an-
zudeuten, weil fur die, welche die Sache gesund denken, es wiederum
eine groBe Hilfe sein kann.
So sehen Sie, daB wir heute als Menschen in einer eigentumlichen
Lage sind. Die Naturwissenschaft, welche diese groBen Fortschritte
gemacht hat, welche die Denkgewohnheiten der Menschen so be-
einfluBt hat, daB im Grunde genommen alles soziale Denken bei den
Leuten, die sozial denken, naturwissenschaftlich orientiert wird,
wenn sie es auch nicht wissen - die Naturwissenschaft ist nicht fahig,
den Menschen in der richtigen Weise zu beurteilen. Sie sagt zum
Beispiel den krassen Unsinn: Wenn Sie etwas fiihlen, das Gefiihl sei
auch durch das Nervensystem vermittelt. Es ist der reine Unsinn.
Das Gefiihl ist direkt ebenso durch das Atmungssystem, das rhyth-
mische System vermittelt, wie der Gedanke durch das Nerven-
Sinnessystem. Und der Wille ist durch den Stoffwechsel vermittelt,
gar nicht durch das Nervensystem in elementarer Weise. Erst der
Gedanke des Wollens ist durch das Nervensystem vermittelt. Nur
indem Sie als Menschen ein deutliches BewuBtsein haben von dem
Wollen, ist das Nervensystem beteiligt. Indem Sie Ihr Wollen mit-
denken, ist das Nervensystem beteiligt. Weil man das nicht weiB, ist
herausgekommen jenes furchtbar Beirrende der heutigen Physiologie
und Anatomie, daB man sensitive Nerven und Bewegungsnerven
unterscheidet. Es gibt gat keine krassere Unrichtigkeit als diese Unter-
scheidung der sensitiven Nerven und Bewegungsnerven im mensch-
lichen Leibe. Die Anatomen sind immer in Verlegenheit, wenn sie
dieses Kapitel besprechen, aber sie kommen nicht daniber hinaus. Sie
sind in furchtbarer Verlegenheit, weil sich anatomisch diese beiden
Arten von Nerven nicht unterscheiden. Das ist reine Spekulation.
Und alles das, was sich durch Untersuchungen der Tabes anschlieBt,
das ist durchaus alles ohne Halt. Die Bewegungsnerven unterscheiden
sich nicht von den sensitiven Nerven, weil die Bewegungsnerven
nicht dazu da sind, die Muskeln in Bewegung zu setzen. Die Muskeln
werden in Bewegung gesetzt durch den Stoffwechsel. Und wahrend
Sie mit den sogenannten sensitiven Nerven auf dem Umweg durch
die Sinne die AuBenwelt wahrnehmen, nehmen Sie mit den anderen
Nerven ihre eigenen Bewegungen, die Muskelbewegungen wahr. Die
heutige Physiologie nennt sie nur falscherweise Bewegungsnerven.
Solche furchtbaren Vorurteile sind in der Wissenschaft und korrum-
pieren das, was in das populare BewuBtsein iibergeht und viel korrum-
pierender wirkt, als man gewohnlich denkt
Also die Naturwissenschaft ist nicht so weit, diesen dreigliedrigen
Menschen zu durchschauen. In der Naturwissenschaft kann man
warten, ob theoretische Anschauungen ein paar Jahre friiher oder
spater popular ' werden. Das macht nichts aus fur das Gliick der
Menschen. Aber das Denken ist nicht vorhanden, um diesen drei-
gliedrigen Menschen zu begreifen. Dieselbe Art zu denken muB aber
vorhanden sein, um den sozialen Organismus in seiner Dreigliedrig-
keit zu begreifen. Da wird die Sache ernst. Da stehen wir heute an
dem Zeitpunkte, wo begriffen werden mufi. Deshalb ist eine solche
Umkehr des Denkens, ein solches Umlernen wahrhaftig nicht nur fur
die naiven Menschen notwendig, sondern fur die gelehrten Menschen
am allermeisten. Die naiven Menschen wissen wenigstens nichts von
dem, was alles in der Naturwissenschaft aufgestellt worden ist, um
unbewuBt die Dreigliedrigkeit des Menschen zu kaschieren. Die ge-
lehrten Menschen aber sind vollgesteckt mit all diesen Begriffen, die
heute diese Dreigliederung fur einen Unsinn erklaren iassen. Fiir
den heutigen Physiologen ist sie das reine Blech. Wenn man ihm sagt,
es gibt keine Bewegungsnerven, und davon spricht, daB die Gefiihle
nicht ebenso wie die Gedanken durch das Nervensystem vermittelt
sind, sondern nur der Gedanke an das Gefuhl durch den Nerv ver-
mittelt wird, also das BewuBtsein davon, nicht das Gefuhl als solches,
dann wird er groBe Einwendungen machen. Die Einwendungen
gegen diese Dinge kennt man gut. Die Menschen konnen natiirlich
sagen: Nun ja, sieh einmal, du nimmst Musikalisches wahr, das
nimmst du durch die Sinne wahr. - Nein, das musikalische Emp-
finden ist viel kompli2ierter vorhanden. Es beruht darauf, daB sich
der Atmungsrhythmus in unserem Gehirn begegnet mit der Sinnes-
wahrnehmung, und in dem Zusammenschlag zwischen dem Atmungs-
rhythmus und der auBeren Sinneswahrnehmung entsteht die musika-
lisch-asthetische Empfindung. Auch da ist es so, daB das Elementare
im rhythmischen System liegt. Und das, was dieses Elementare zum
BewuBtsein bringt, ist im Nervensystem.
Das alles weist Sie aber darauf hin, daB wir mit Bezug auf viele
Dinge heute doch in einer Ubergangszeit leben. Sie wissen, ich liebe
es nicht, von Ubergangszeiten zu sprechen, denn jede Zeit ist ja eine
Ubergangszeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Das ist es,
wenn man abstrakt spricht, und von jeder Zeit kann einem mehr oder
weniger vorkommen, daB es eine Ubergangszeit sei. Aber nicht davon
will ich sprechen, daB unsere Zeit eine Ubergangszeit ist, sondern in
was sie es ist. Sie ist innerlich in sehr bedeutsamer Weise in bezug auf
wichtige innere Menschheitsimpulse eine Ubergangszeit. Das zeigt
sich aber auch bei Menschen, welche diese Wahrnehmung machen
konnen, in einer gewissen Weise scharf. Es sind die Menschen heute
nicht sehr geneigt, Nebensymptome mit dem notigen Ernst zu be-
trachten. Ich will Ihnen zuerst eine rein geisteswissenschaftliche Wahr-
nehmung sagen. Natiirlich kann ich Ihnen diese geisteswissenschaft-
liche Wahrnehmung ebensowenig beweisen, wie Ihnen der Mensch,
der schon einen Walfisch gesehen hat, beweisen kann, daB er existiert.
Er kann nur erzahlen.
>
Wenn man es dahin gebracht hat, sein geistiges Anschauungs-
vermogen wirklich so zu gestalten, daB man eine Verbindung mit
Menschenseelen haben kann, die zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt sich entwickeln, dann macht man recht sehr iiberraschende
Erfahrungen. Diese Kommunikation kann nur in Gedanken her-
gestellt werden; aber indem wir hier im physischen Leibe denken,
klingt immer in unseren Gedanken etwas an, was von der Sprache
herkommt. Mit dem Gedanken vibriert immer etwas von der Sprache.
Wir denken immer stark in Worten. Ich habe es sogar einmal erleben
miissen, als ich energisch behauptete : Ich bin mir wohl bewuBt, daB
ich denken kann, ohne daB Worte mitklingen -, daB Hartmann mir
sagte: Das ist ein Unsinn, das gibt es gar nicht. Der Mensch kann
nicht denken, ohne daB er in Worten denkt.
So gibt es also sehr geistvolle Philosophen, die iiberhaupt nicht
glauben, daB man ohne innerliche Wortprasenz denken kann. Man
kann es. Aber im gewohnlichen alltaglichen Denken denkt der
Mensch in Worten, besonders dann, wenn er einen Verkehr mit den
Toten spirituell entwickeln soil. Denn Sie wissen ja, daB dieser Ver-
kehr mit den Toten nicht in Abstraktionen verlaufen darf - das ist so,
wie wenn wir ins Blaue hineindenken wiirden -, sondern er muB in
Konkretheit verlaufen, der Verkehr mit den Toten. Deshalb sagte ich:
Bestimmte Bilder, die sehr konkret vorgestellt werden, die kommen
an die Toten heran, nicht abstrakte Gedanken. Besonders weil das so
ist, sind wir dann auch sehr geneigt, in diesem Gedankenverkehr mit
den Toten in der Sprache zu denken, die Sprache innerlich mit an-
klingen zu lassen. Da machen wir die eigentumliche Erfahrung - Sie
mogen es glauben oder nicht, aber es ist eben eine Erfahrung -, daB
zum Beispiel die Toten Substantive nicht hdren. Das sind wie Liicken
in unseren Satzen im Verkehr mit den Toten. Eigenschaftsworter
sind schon besser, aber auch noch sehr schwach. Aber bei Verben,
Tatigkeitswortern, da greift ihr Verstehen ein. Das lernt man erst
ganz allmahlich. Man weiB nicht, warum manches so schlecht geht
in diesem Verkehr. Man kommt erst nach und nach darauf, daB man
bei diesem Verkehr nur ja nicht viele Hauptworter anwenden darf,
Man kann es ja fur sich ubersetzen, damit man es versteht. Und man
kommt darauf, daB das davon herriihrt, daB der Mensch, indem er
Tatigkeitsworter, Verben gebraucht, nicht anders kann, als innerlich
selber dabei sein, bei den Wortern. Es ist etwas Persdnliches in den
Verben. Man erlebt die Tatigkeit mit, wahrend das Substantiv immer
zu etwas ganz Abstraktem wird. In dem liegt es wohl, daB diese
Erscheinung eintritt, von welcher ich gesprochen habe. Daraus er-
sehen Sie aber, daB das sprachliche Element etwas ist, was uns nur
in sehr beschranktem MaBe mit der ubersinnlichen Welt verbindet,
was sogar dadurch, daB in dem Gebiet der Sprache immer mehr die
Neigung zu Hauptwortern auftritt, bewirkt, daB wir uns abschniiren
konnen von der geistigen Welt. Und je mehr wir in Hauptwortern
denken, desto mehr schnuren wir uns ab von der geistigen Welt.
Ich wollte Ihnen mit dieser Tatsache nur andeuten, daB die Sprache
fur unser ubersinnliches Leben eine groBe Bedeutung hat, eine funda-
mentale Bedeutung hat. Aber die Sprache ist in der menschlichen
Entwickelung selber in voller Entwickelung begriffen. Und das Eigen-
tumliche in der Sprachentwickelung ist, daB sie immer mehr und
mehr den Menschen zur Abstraktion hinbringt, daB sie ihn immer
mehr und mehr von dem lebendigen, inneren Gedankenerleben ent-
fernt. Sie konnen das auBerlich dadurch wahrnehmen, daB Sie sich
fragen: Wie sind die westlichen Sprachen im Vergleich zu den ost-
lichen Sprachen gestaltet? Nehmen Sie zum Beispiel die auBerlich
auf dem physischen Plan am weitesten vorgeschrittene Sprache, die
englische: sie verlauft fast nur in Worten, hat am wenigsten Ge-
dankeninhalt. Nehmen Sie die orientalischen Sprachen: sie sind ganz
voll mit Gemiitsinhalt, mit Gedankeninhalt. Das ist der Zug der
Sprache vom Osten nach dem Westen. Die Sprache entleert sich des
Gedankeninhaltes von Osten nach Westen. Das ist eine wichtige
DifFerenzierung mit Bezug auf das soziale Volkerleben.
Nun gibt es in unserer Zeit einen Mann, der hat einen groBen
Scharfsinn entwickelt in der Beobachtung der menschlichen Sprache.
Dieser Mann ist so gescheit mit Bezug auf die Beobachtung dessen,
was mit der menschlichen Sprache zusammenhangt, ja fast so gescheit,
daB er schon beinahe wiederum nicht gescheit ist. Es gibt namlich
einen Grad von Gescheitheit, wo man wieder anfangt ein biBchen
dumm zu werden vor iibergroBer Gescheitheit. Es ist schon wahr.
Man kann ja einen groBen Respekt haben vor dieser Gescheitheit,
man soil sie aber vor der entsprechenden Wahrheit nicht fiber-
schatzen. Da ist Frit^ Mauthner, der Kant iiberkantet hat in seiner
«Kritik der Sprache». Es sind auBerordentlich feine Bemerkungen in
dem schrecklichen Buche fiber die «Kritik der Sprache», und auch im
«W6rterbuch», Beobachtungen, die doch aus den Impulsen der Zeit
heraus gemacht sind. Das laBt sich gar nicht leugnen. So ist nun
Mauthner auf etwas ganz Bestimmtes gekommen, das ganz besonders
den Geisteswissenschafter frappieren muB: darauf, daB eigentlich die
menschliche innere Seelentatigkeit in einer Art von Dreistufigkeit ver-
lauft. Das erste ist das gewohnliche sinnliche Wahrnehmen, wie es
dann organisch gestaltet ist in der Kunst. An das glaubt Mauthner als
an etwas, was real ist, was eine Wirklichkeit ist. Wenn man nun
innerlich erlebt, angeregt durch die sinnliche Wahrnehmung, etwas,
was in das Obersinnliche schon hineinfiihrt, so laBt Fritz Mauthner
solches innerliche Erleben gelten. Er nennt es «mystisches Erleben»,
«religidses Erleben ». Schon, aber er sagt: Indem der Mensch so
mystisch erlebt, kann er nur traumen. Es ist ja angenehm zu traumen,
aber man ist aus der Wirklichkeit heraus. Mauthner zweifelt uber-
haupt an der Moglichkeit, an die Wirklichkeit der Dinge heran-
zukommen, denn die einzige Wirklichkeit ist ihm die sinnliche Wahr-
nehmung. Hochstens die Kunst kann noch heran. Aber sobald man
sich von der sinnlichen Wahrnehmung entfernt, so weit, daB man
etwas erlebt in mystisch-religiosem Leben, so traumt man eigentlich
fiber die Wirklichkeit; man hat sie schon verlassen. Und dann kann
man noch weiter gehen, meint Mauthner. Er kommt zu ail diesen
Oberzeugungen durch die Betrachtung der Sprache. Er analysiert, er
kritisiert die Sprache, besonders in seinem philosophischen Worter-
buch; Es ist etwas Schreckliches, das zu lesen. Ich habe Sie schon auf-
merksam gemacht bei einer anderen Gelegenheit auf jene Qualen, die
man durchmacht, wenn man von diesen Artikeln, die von A bis Z
laufen, den einen oder anderen liest. Man fangt an, einen solchen
Artikel zu lesen: Da wird etwas gesagt. Dann wird ein anderer Satz
gesprochen, wo das, was gesagt wird, ein biBchen eingeschrankt wird.
Dann ein dritter Satz, wo das, was eingeschrankt wird, wiederum ein-
geschrankt wird, so daB es ein biBchen auf den ersten Satz zuriick-
kommt. Man dreht sich, dreht sich, dreht sich, und hat am Ende
nichts, wenn man den ganzen Artikel zu Ende liest. Schrecklich ist
der Artikel «Christentum». Eine furchtbare Qual. Aber es ist be-
griindet, in Mauthners Sinn, daB das so ist. Mauthner weiB das, und
er verurteilt eigentlich seinen Leser dazu, solche Qualen zu empfinden.
Er hat sie selbst empfunden. Er glaubt nicht, daB der Mensch im-
stande ist, wenn er etwas wissen will, zu etwas anderem zu kommen
als zu einem solchen Sichdrehen. Er ist absolut Skeptiker. Er findet
nirgends in der Sprache einen anderen Inhalt, als die Sprache selbst hat.
Sie hat fur ihn nur einen Zufallswert. Und so wird ihm auch zu einem
Traume das innere mystische Erleben. Will man aus der Sprache
herauskommen: indem man herauskommt, wird sie zum innerlichen
Traumen.
Man kann aber zu einer dritten Stufe gehen: Man kann glauben
zu denken, aber man spricht nur innerlich. Ob man nun der einen oder
anderen Sprache zuneigt, die Sprachlaute, die Worte sind einmal an
den auBeren sinnlichen Dingen entwickelt. Ich habe Ihnen ja ge-
sprochen von verschiedenen Anschauungen der Gelehrten, wie
Sprache entstanden ist. Sie wissen, daB man die Anschauungen uber
Sprachentwickelung in zwei Hauptklassen teilt : Bimbamtheorie und
Wauwautheorie. Das sind Termini technici. Nun findet Mauthner,
daB alles nur entwickelt ist an der auBeren Sinneswahrnehmung.
Eigentlich sind wirkliche Gedanken nicht fur den Menschen vor-
handen. Aber in der Wissenschaft strebt er wirkliche Gedanken an,
indem er auf die dritte Stufe gestiegen ist. Er gelangt aber nicht dazu,
etwas Wirkliches zu wissen. In der Mystik traumt er noch. Wenn er
sich zur Gedankenwirklichkeit, zum Beispiel zu Naturgesetzen erhebt,
dann traumt er nicht einmal mehr, dann schlaft er schon. Daher ist fur
Mauthner alle Wissenschaft Docta ignorantia. Das sind seine drei
Stufen.
Nun, ich sagte Ihnen, man kann einen gewissen Respekt haben
vor einer solchen Beobachtung, denn sie 1st nicht einmal unrichtig,
aber eben nicht unrichtig fur die heutige Zeit. Es ist namlich etwas,
wozu jetzt die Menschheit neigt, von Mauthner richtig empfunden.
Es ist so : Wenn der heutige Mensch zur Mystik kommen will, so ist
das etwas ganz anderes als beim friiheren Menschen. Der friihere
Mensch war innerlich noch verbunden mit der Realitat. Der heutige
Mensch kann das nicht; er traumt wirklich als Mystiker. Und die
Naturgesetze, die der Mensch heute flndet - nun, man kann sich ja
nicht ganz auf solch schroffen Standpunkt stellen wie gewisse Theore-
tiker, die die Sache auch bemerkt haben wie Mauthner, wie zum
Beispiel der franzosische Denker Boutroux oder Ernst Mach -, aber
man muB doch sagen, was man heute Naturgesetze nennt, wenn man
diese Naturgesetze auf ihren Inhalt priift, so sind im Grunde genom-
men keine Gedanken da - man glaubt nur, sie seien Gedanken -,
sondern nur Zusammenfassungen von Tatsachen. Es sind eigentlich
bloBe Registraturen. Das haben einzelne bemerkt, zum Beispiel Mach.
Mauthner hat es gehorig bemerkt, daher spricht er von Docta igno-
rantia, von einer gelehrten Unwissenheit, von einer unwissenden
Gelehrsamkeit. Ja, fiir den heutigen Entwickelungszustand der Men-
schen ist das schon so. Der Mensch ist heute sowohl mystisch wie
naturwissenschaftlich sehr unfruchtbar geworden. Er bemerkt es nur
noch nicht deutlich genug in seinem Hochmut. Das ist aber nicht ein
allgemein menschliches Zeichen. Mauthner und die anderen glauben
nur, es sei dies, weil sie in Wahrheit doch nicht an menschliche Ent-
wickelung denken, sondern weil sie glauben: wie heute die Seele ist,
so war sie immer. Aber es ist charakteristisch fiir die heutige Zeit.
Deutlich ist fiir das heutige Seelenleben nur die Wahrnehmung. Wir
kommen in ein Traumen hinein und gar in gelehrte Unwissenheit,
wenn wir in friihere Stufen steigen wollen. Man darf aber daraus
nicht den SchluB Ziehen: Die menschliche Natur ist so, daB sie ent-
weder in mystisches Traumen verfallen muB oder in gelehrte Un-
wissenheit - wie es die tun, die denken wie Mauthner -, sondern man
muB daraus den SchluB Ziehen: Also muB auf neuen Wegen gefunden
werden, was die Alten auf alten Wegen gefunden haben. Das heiBt,
wir miissen eine neue Mystik suchen, nicht in alte Mystik hinein-
kommen. Diese neue Mystik ist gesucht in «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?». Wir miissen aufsteigen zu einer neuen
Imagination, zu einer neuen Inspiration, aber wir miissen aufsteigen
auf neuen Wegen. Ich habe das scharf ausgefuhrt in meinem Buche
«Vom Menschenratsel » : Weil wir mystisch traumen oder gar wissen-
schaftlich schlafen, haben wir es heute notwendig, daB wir aufwachen.
Deshalb habe ich das Urphanomen der heutigen Erkenntnis in diesem
Buche als ein «Aufwachen» bezeichnet. Wir miissen an die Stelle des
mystischen Traumens eine wache Imagination setzen, an Stelle der
Docta ignorantia die Inspiration, in dem Sinne, wie es gemeint ist in
dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?>>.
In bezug darauf stehen wir heute in einem Ubergang, gerade in
bezug auf die Menschenseele, daB wir aus den tiefsten Untergriinden
dieser Menschenseele heraufentwickeln miissen aktive Kraft, welche
zum Geistigen fiihrt. Wir finden uns sonst nicht durch das Chaos der
gegenwartigen Zeit hindurch, wenn wir nicht den guten Willen ent-
wickeln, aktive innere Seelenkrafte zu entwickeln. Die Spiritisten tun
das Gegenteil. Sie spiiren unbewuBt, daB aus dem Innern nichts quillt,
also lassen sie sich die Geister in auBerer Erscheinung vorfiihren, in
auBerer sinnlicher Anschauung.
Und eine tragische Erscheinung tritt in der Gegenwart auf. Wir
konnen es heute erleben, daB Menschen, die vor kurzem noch
glaubten, daB der Materialismus ihre Seele ausfullen konnte, im zu-
nehmenden Alter doch am Materialismus irre werden. Das ist ja
nichts anderes als das, was die gesunde Seele erfuhlen muB gegenuber
der heutigen Biologie, der Soziologie auch: Leichengeruch, seelischen
Leichengeruch, den man nur losbekommt durch eine innerliche
Seelenaktivitat. Das wollen heute viele nicht. Daraus entsteht die
Tragik der bejahrten Menschen, die aber nicht an geisteswissenschaft-
liches Forschen heranwollen und in den Katholizismus zuriickgehen.
Der gibt den passiv bleibenden Seelen dann etwas, von dem sie glauben,
daB es ein geistiger Inhalt ist. Das ist eine groBe Gefahr. Das weist
wiederum von einer anderen Seite auf den Durchgang hin, den wir
als Menschheit in der gegenwartigen Zeit durchmachen. Ganz im
geheimen geht die Menschenseele durch emen wichtigcn Entwicke-
lungspunkt. Und mit diesem Durchgang durch einen wichtigen Ent-
wickelungspunkt hangt innerlich zusammen die Notwendigkeit, daB
wir neu denken lernen in bezug auf den sozialen Organismus, daB wir
in manchem anderen auch umdenken lernen in bezug auf den
Menschen.
Nun lesen Sie, wie der einzelne Mensch, wenn ef in die iibersinn-
liche Welt hinaufriickt, anfangt, sich dreizuteilen. Lesen Sie es in
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Die Durch-
einanderschmelzung von Denken, Fiihlen und Wollen, die hier in der
Sinneswelt beim Menschen das Natiirliche ist - lesen Sie das Kapitel
vom «Hiiter der Schwelle» Denken, Fiihlen und Wollen treten
auseinander, wenn man in diese iibersinnliche Welt hineinkommt.
Das macht die Menschheit heute im geheimen durch im Unter-
bewuBtsein. Da wird eine Schwelle iiberschritten. Die Menschen
gliedern sich innerlich in einen dreigliedrigen Menschen in anderer
Weise, als das fruher vorhanden war. Dieses Beobachten des Durch-
ganges des Menschen durch eine gewisse Schwelle, die belehrt einen,
daB aus den geistigen Untergninden des Daseins selbst heraus uns
diktiert wird die Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn wir
in Zukunft finden wollen ein Bild von uns in der AuBenwelt, so daB
wir damit zusammenpassen, dann miissen wir den sozialen Orga-
nismus dreigegliedert haben.
Sehen Sie, das sind solche Winke, die die Geisteswissenschaft gibt
fur die Dreigliederung des sozialen Organismus. Aber ich betone auch
dabei wiederum: Ist einmal die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus gefunden, so kann sie, wie alle okkulten Wahrheiten, aus
gesundem Menschenverstand eingesehen werden. Zum Finden ist
notwendig geisteswissenschaftliche Forschung. Ist sie gefunden, dann
spricht der gesunde Menschenverstand die Sache aus. Das ist auch
etwas, was wir bei jeder Gelegenheit beriicksichtigen miissen.
Nun habe ich heute versucht, Ihnen etwas zu verinnerlichen, was
heute, der Zeit dienend, iiber die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus gesagt werden muB. Am nachsten Sonntag wollen wir diese
Betrachtung erweitern, abschlieBen, und vielleicht erst zu dem bringen,
was sie sein soil, namlich zur volligen inneren Vollstandigkeit.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 1. Mai 1919
Das letztemal, als wir uns hier trafen, konnte ich Ihnen sprechen von
inneren Griinden fur den Gedanken dcr Dreigliederung des sozialen
Organismus. Ich habe die Betrachtungen so weit fiihren konnen, daB
wir aufmerksam wurden darauf, in welchem Sinne wir in der Gegen-
wart in einer gewissen Weise in einer Ubergangszeit leben. Sie werden
ja diese Bemerkung nicht rriiBverstehen, da ich oftmals gesagt habe:
Wenn ich hier von einer Ubergangszeit rede, so soli nicht jene Trivia-
litat gemeint sein, die man oftmals im Auge hat, wenn gesagt wird,
man lebe in einer Ubergangszeit. Denn schlieBlich ist jede Zeit, so
sagte ich oftmals, eine Ubergangszeit, namlich von der vorher-
gehenden zu der nachfolgenden. Es kommt darauf an, auf dasjenige
gerade das Augenmerk zu richten, was iibergeht. Und dafur gibt es
allerdings bedeutungsvolle und weniger bedeutungsvolle Augen-
blicke in der groBen weltgeschichtlichen Entwickelung der Mensch-
heit. Und es ist fur die Betrachtung des Geisteslebens in jenen Tiefen,
in denen es der menschlichen Beobachtung zuganglich ist, klar, daB
gerade mit Bezug auf wichtigste, allerwichtigste Impulse der Mensch-
heitsentwickelung in unserer Zeit gewissermaBen unter der Schwelle
der auBeren Vorgange MaBgebendes vorgeht. Ich habe Sie letztes Mai
schon darauf aufmerksam gemacht, wie man hineinsehen muB in das-
jenige, was man oftmals das UnbewuBte oder UnterbewuBte der
menschlichen Natur, der menschlichen Wesenhek nennt, um zu er-
kennen, was heute gerade fur die Menschheit in einem wesentlichen,
in einem wichtigen Sinn in einem Ubergang begriffen ist. Nicht das
eigentlich sagt uns uber die Entwickelung der ganzen Menschheit
viel, was wir heute in unserem BewuBtsein haben, obwohl wir im
Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung gerade leben, obwohl es
fur den einzelnen Menschen in diesem Zeitalter gerade weltgeschicht-
lich gesetzmaBig ist, daB er seine BewuBtseinsseele entwickelt. Es ist
fur die ganze Menschheit, zum Unterschied von einzelnen Menschen,
dieses Zeitalter so, daB eben die ganze Menschheit mit Bezug auf die
inneren Seelen- und Geisteskrafte durch eine Epoche durchgeht, die
die Entwickelung mehr im UnterbewuBten sich vollziehen laBt. Im
UnterbewuBten miissen wir fur die ganze Menschheit die wesent-
lichsten Obergangskrafte finden, wie wir fur den einzelnen Menschen
heute in diesem Zeitalter die wichtigsten Krafte finden miissen gerade
in der Aneignung des vollen BewuBtseins. Fiir den einzelnen Men-
schen geht das instinktive, das mehr naive Erleben der Seele immer
mehr und mehr in ein bewuBtes Erleben der Seele iiber; fiir die ganze
Menschheit aber vollzieht sich unbewuBt ein Wichtiges, ohne daB der
einzelne oftmals auf dieses Wichtige hinschaut, wenn er nicht gerade
geisteswissenschaftliche Vertiefung anstrebt.
Und dieses Wichtige, dieses Wesentlichste, es ist gar nicht so leicht
zu beschreiben. Denn unsere Sprache ist ja im Grunde genommen
gemacht fiir die seelische Wiedergabe der auBeren sinnlichen Wirk-
lichkeit. Diese Sprache macht es uns schwer, ganz prazise, namentlich
hinreichend zu schildern, was nicht der sinnlichen Wirklichkeit an-
gehort, was dem iibersinnlichen Dasein angehort. Man muB sich da
oftmals helfen durch Vergleiche, aber nicht durch abstrakte Ver-
gleiche, sondern durch solche Vergleiche, wie Sie sie gut aus der
Geisteswissenschaft her kennen, die immer eine Lebenserscheinung
mit der anderen zusammenstellt, damit die eine Lebenserscheinung
die andere erortere. Wenn dann solche Vergleiche gebildet werden,
dann muB man sich klar sein, daB nur ein bewegliches Denken, ein
Denken, das die Begriffe, die Worte nicht preBt, auf den genauen Sinn
des Darzustellenden wirklich kommt. Ich muB namlich vergleichen,
wenn ich das Wichtigste, was in der gesamten Menschheit in der welt-
geschichtlichen Gegenwart vor sich geht, charakterisieren will - ich
habe das schon neulich angedeutet ich muB vergleichen die heutigen
Untergriinde der geschichtlichen Vorgange mit der Erfahrung,
welche der einzelne Mensch nur dann bewuBt durchmachen kann,
wenn er, wie man sagt, die Schwelle in die ubersinnliche Welt iiber-
schreitet. Sie wissen ja alle aus der Darstellung, die ich iiber dieses
individuelle Erlebnis des Menschen gegeben habe in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? », daB es ein tief
in die Mehschenwesenheit eingreifendes Ereignis ist, wenn der
Mensch jene Schwelle iiberschreitet, diesseits welcher fiir das BewuBt-
sein des Menschen die sinnliche Welt und jenseits welcher die iiber-
sinnliche Welt ist. Es wird ja wahrhaftig alles jenseits dieser Schwelle
zur iibersinnlichen Welt anders, als hier in der sinnlichen Welt die
Dinge liegen. Und der Mensch macht da etwas durch - Sie wissen es
ja was von denjenigen, die es namentlich im Stile alterer Zeitalter
durchgemacht haben, mit dem bedeutungsvollen Worte «das Uber-
schreiten der Pforte des Todes » bezeichnet worden ist. Den Tod in
seiner Wesenheit muB eben derjenige kennenlernen, der diese Schwelle
wirklich iiberschreiten will. Den Tod in seiner Bedeutung fur das
gesamte Leben des Menschen muB er erkennen.
Nun wissen Sie aus der Darstellung, die ich diesem Ereignis der
Uberschreitung der Schwelle in die iibersinnliche Welt in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten? » gegeben habe, daB bei die-
sem Uberschreiten die ganze seelische Wesenheit des Menschen eine
Umanderung erfahrt, allerdings natiirlich nur fiir diejenigen Zeiten,
in denen man da bewuBt in der iibersinnlichen Welt verweilt. Mit der
Seelenverfassung, die man hier in der sinnlichen Welt hat, die fiir das
Leben, fiir das Wirken, fiir das Handeln in dieser sinnlichen Welt
angemessen ist, mit dieser Seelenverfassung laBt sich gar nicht hinein-
kommen in die iibersinnliche Welt. Hier in der sinnlichen Welt sind
die Seelenkrafte Denken, Fiihlen und Wollen in einem unzertrenn-
lichen Zusammenhang, so daB wir in unserem Sinnesleben gar nicht
dazu kommen, diese Seelenkrafte getrennt zu empfinden, zu erleben.
Jemand, der nicht zugleich in der Seele ein gewisses MaB von Wollen,
wenn auch in innerem latentem Zustande, entwickeln wiirde, wahrend
er denkt, der ware seelisch eigentlich nicht gesund. Wir sind gar nicht
in unserem sinnlichen Leben imstande, diese drei Seelenkrafte von-
einander zu trennen, so daB wir mit der Seele eigentlich niemals ein
reines, bioBes Denken entwickeln, nie ein bloBes reines Fiihlen, nie
ein bloBes reines Wollen. Immer sind in unserem Vorstellen Emp-
finden, Handeln und Wollen, diese drei Seelenkrafte doch miteinander
vermischt, miteinander vermengt. Iiberschreiten wir die Pforte in die
iibersinnliche Welt, das heiBt, bringen wir unsere Seele dahin, daB wir
wirklich, so wie wir sonst hier in der Welt von Sinnesdingen, von
Sinnesgeschehnissen umgeben sind, jetzt umgeben sind von iiber-
sinnlichen Wesenheiten, von ubersmnlichen Taten diesei Wesenheiten,
dann muB in unserer Seele eine reinliche Trennung eintreten zwischen
Denken, Fiihlen und Wollen. Der Mensch muB dann, wie Sie ja aus
den Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» entnehmen konnen, so geschult sein, daB er die innere
Kraft entwickeln kann, mit seinem Ich diese drei Elemente des
Seelenlebens zusammenzuhalten : Denken, Fiihlen und Wollen; sonst
wurde er sich zerspalten in drei Personlichkeiten.
Ja, das ist das bedeutsame innere Aktivitatserlebnis, das wir haben
miissen nach dem Uberschreiten der Schwelle: dieses Sich-Hinein-
finden in hochste Aktivitat des Ich, in hochste Betatigung des Ich,
um die getrennten Seelenkrafte, Denken, Fiihlen und Wollen, zu-
sammenzuhalten. Das ist auch zunachst die Furcht, die der heutige
schwachmiitige Mensch hat: die Furcht vor wirklich ubersinnlichen
Erkenntnissen, diese Furcht vor innerer Seelenbetatigung hochsten
Stiles. Der Mensch mochte heute eigentlich alle seine Betatigung so
verlaufen lassen, daB sie von der AuBenwelt hervorgerufen wird und
in der AuBenwelt erfolgt. Innere Aktivitat liegt dem heutigen Men-
schen noch nicht, muB sich aber gerade far den heutigen Menschen
immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin entwickeln. Aber weil
diese Entwickekmg erst eine Aufgabe ist, nicht eigentlich schon vor-
handen ist, deshalb hat der Mensch die Scheu, die Furcht, in die iiber-
sinnliche Welt einzutreten. UnbewuBt fiirchtet er sich - wenn ich
diesen Ausdruck formulieren darf - vor dieser Kraftanstrengung, die
drei Seelenfahigkeiten, die sich da trennen, zusammenzuhalten. Ich
schildere dieses innere individuelle Erlebnis hier, um Ihnen charakte-
risieren zu konnen - sonst wiirde man es gar nicht charakterisieren
konnen was im Inneren des seelischen Erlebens - und Sie wissen,
wir diirfen von einem solchen reden was im Inneren des seelischen
Erlebens der gesamten Menschheit im jetzigen Zeitalter vorgeht. Das,
was ich eben geschildert habe als individuelles Erlebnis beim Uber-
schreiten der Schwelle in die ubersinnliche Welt, das ist natiirlich fur
den, der diese Schwelle uberschreitet, ein vollbewuBtes Ereignis, viel
bewuBter als irgendwelche bewuBten Erlebnisse des gewohnlichen
wachen TagesbewuBtseins. Ein gesteigertes BewuBtsein ist es, in dem
man die Schwelle iiberschreitet und in dem man die innere Drei-
gliederung der menschlichen Seelenwesenheit in der iibersinnlichen
Welt wahrnimmt.
Etwas Ahnliches, aber jetzt naturgemaB von selbst, nicht bewuBt,
macht im heutigen Zeitalter als ein kosmisches geschichtliches Er-
eignis die ganze Menschheit durch. Man merkt es nicht, wenn man
nicht den imbewuBten Vorgang, der sich fur die ganze Menschheit
abspielt, geisteswissenschaftlich bewuBt studiert. Sie wissen, unser
Zeitalter ist das fiinfte nach der groBen atlantischen Katastrophe,
durch die ja erst die gegenwartige {Configuration unserer Erdober-
flache entstanden ist. Die fiinfte nachatlantische Periode ist es, in der
wir leben, und in dieser Periode muB in ihrer Gesamtentwickelung die
Menschheit durchgehen durch etwas Ahnliches, wie es die Schwelle
ist fur den einzelnen individuellen Menschen beim Hineinschreiten in
die iibersinnliche Welt. Die Menschheit als Ganzes, sagte ich, in ihrer
kosmischen, oder wir konnen auch sagen meinetwillen terrestrischen
Geschichtsentwickelung, sie schreitet iiber die Schwelle, diesseits
welcher, das heiBt in der vorhergehenden Zeit, eine ganz andere Art
von Weltanschauung, von Erkenntnis fur die Gesamtmenschheit not-
wendig war, als jenseits der Schwelle, das heiBt nachher.
Das ist es, was im UnbewuBten der ganzen Menschheit sich heute
abspielt, was man bloBlegen_muB durch die Geisteswissenschaft, was
aber auch beweist, wie notwendig dieser heutigen Menschheit die
Geisteswissenschaft ist. Denn dieses Uberschreiten der Schwelle darf
eigentlich nicht im UnbewuBten bleiben. Dieses Uberschreiten der
Schwelle muB den Menschen bekannt werden, sonst verschlafen oder
mindestens vertraumen die Menschen dasjenige, was eigentlich als
wichtigstes Ereignis mit ihnen vorgeht. Und wir sollen ja gerade in
dieser funften nachatlantischen Epoche das BewuBtsein ausbilden.
Wir konnen mit Bezug auf das Wichtigste, was mit der Menschheit
vorgeht, nicht das BewuBtsein anders ausbilden, als durch Aufsteigen
von der bloBen Sinneswissenschaft zur Geisteswissenschaft.
Wenn Sie dies bedenken, dann wird Ihnen vielleicht ins Gedachtnis
kommen, was immer wiederum gesagt worden ist im Laufe der jetzt
ja schon seit so langer Zeit auch hier in Stuttgart aus dem Gebiete der
Geisteswissenschaft heraus gehaltenen Vortrage. Sehen Sie, immer
wiederum muBte ich betonen: Geisteswissenschaft - so wie sie hier
gemeint ist ~ ist nicht bloB etwas, was gewissermaBen subjektive
Erkenntnisbediirfnisse des Einzelnen befriedigen soil. Geisteswissen-
schaft ist etwas, was mit dem Erfassen, dem denkenden, fuhlenden,
wollenden Erfassen des Grundimpulses der Menschheit in unserer
Zeit zusammenhangt. So daB die Beschaftigung mit Geisteswissen-
schaft eben nicht sein sollte eine bloBe Befriedigung von Neugierde
oder WiBbegierde des Einzelnen. Sondern Geisteswissenschaft soil
sein die Erfiillung einer gewissen Pflicht, die man hat mit Bezug auf
die ganze Menschheit, die erkennen soli in der Gegenwart, was in
ihren Tiefen, in den Tiefen ihrer Entwickelung gerade in dieser
Epoche vorgeht.
Nun, ich habe Ihnen, als ich neulich vor Ihnen sprechen durfte, ja
gesagt, wie einzelne Menschen, die eine gewisse auBere, durch die
gegenwartigewissenschafdicheSchulung ausgebildeteKlugheit haben,
an bestimmten Erscheinungen merken, was wir heute als Menschheit
in einer solchen Epoche erleben, der irgend etwas Unbestimmtes in
den menschlichen Tiefen entspricht. Ich habe Ihnen angefuhrt, wie
solche Leute, wie zum Beispiel Frit^ Mauthner^ davon sprechen, daB
der Mensch zunachst seine sinnliche Anschauung haben konne, daB
aber eigentlich dies die einzige wahre Wirklichkeit sei, von der der
Mensch sprechen konne. Aber diese Wirklichkeit, die er hochstens in
der Kunst, im Schonen, im Erhabenen gestaltet, diese Wirklichkeit
laBt ihn nicht zur Befriedigung kommen. Er will tiefer in das Wesen
der Dinge eindringen. Versucht er dies, versucht er durch sein Inneres
in das Wesen der Dinge einzudringen, so kommt er nicht zu einem
wirklichen Verbundensein mit der wahren Wesenheit der Welt, so
sagt Mauthner, sondern nur zu einem Traumen, wenn auch zu einem
solchen Traumen, das sich wohl fiihlt, weil es sich verbunden ahnt
mit den Zentralkraften der Welt, das aber doch eben nur traumend
wissen kann in der Mystik. Diese Mystik ist dann die zweite Stufe
menschlichen inneren Seelenstrebens fur solche Leute. AUein, sie
behaupten, und sie haben von ihrem Gesichtspunkte aus recht, weil
sie eine iibersinnliche Erkenntnis ablehnen: Mystik ist Traum-
Erkennen. Und als dritte Stufe laBt Fritz Mauthner gelten ein Wissen,
das man anstrebt, indem man sich aneignet Naturgesetze, die die Welt
beherrschen, historische Gesetze oder sonstige. Allein, das alles be-
zeichnet er im Grunde genommen als Docta ignorantia aus dem
Grunde, weil, indem wir glauben, dutch Wissenschaft etwas zu er-
kennen, wir nicht bloB traumen wie in der Mystik, sondern schlafen,
schlafen mit Bezug auf dasjenige, was Verbindung ware mit den
eigentlichen Zentralkraften der Welt. So meinen solche Leute wie
Fritz Mauthner : Der Mensch kann hochstens wachend sinnlich wahr-
nehmen und die sinnlichen Wahrnehmungen durch Kunst veredeln.
Der Mensch muB traumen, wenn er versucht, sich religios oder
mystisch durch sein Inneres mit der wahren Wirklichkeit zu ver-
binden. Und der Mensch muB schlafen, wenn er glaubt, durch Wissen-
schaft, durch Weisheit irgendwie sich mit den Dingen zu verbinden.
Nun, absolut gesprochen, ist so etwas eine Torheit. Relativ ge-
sprochen, fur die besondere Seelenverfassung der Menschheit, die sich
entwickelt hat durch das neunzehnte Jahrhundert hindurch und in das
zwanzigste Jahrhundert herein, ganz besonders fur diese Menschheit
gesprochen, nicht im allgemeinen gesprochen, ist es eine Wahrheit.
Mit den Mitteln, die die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse groB
gemacht haben, mit den Mitteln, durch die wir in einen solchen Schiff-
bruch hineingekommen sind mit Bezug auf die soziale Ordnung der
Menschheit, mit diesen Mitteln ist nur seelisch so zu leben, dreistufig,
wie Fritz Mauthner es schildert: in der Sinnlichkeit wachend, in der
Mystik traumend, in der Wissenschaft schlafend. Den Durchgang
durch die Schwelle der gesamten Menschheit findet solch ein Mensch
wie Fritz Mauthner. Wer solche Werke gelesen hat, wie «Die Kritik
der Sprache» von Fritz Mauthner, in der Mauthner Kant zu iiber-
kanten trachtet, wo er nicht nur Begriffe, sondern die Sprache selbst
kritisiert, und wer namentlich das «Philosophische W6rterbuch», das
dicke, zweibandige von Fritz Mauthner wenigstens in bezug auf den
einen oder anderen Artikel gelesen hat - es ist ja alphabetisch an-
geordnet — , der weiB, in welche Seelenverfassung er gerade durch
diese Werke von Fritz Mauthner kommt.
Ich rate Ihnen da ganz besonders - in diesem Falle werden Sie mir
vielleicht nur von der einen Seite her fur meinen Rat dankbar sein -,
ich rate Ihnen, den Artikel «Christentum» zum Beispiel in diesem
Worterbuch der Philosophic zu lesen, oder den Artikel «Res publica»,
oder den Artikel «Goethes Weisheit », oder den Artikel «Unsterblich-
keit». Sie werden iiberall das Gefuhl haben: Jetzt lesen Sie einen Satz.
Im zweiten Satz wird das, was man gelesen hat, abgeschwacht. Im
dritten wird das Abgeschwachte wieder abgeschwacht. Im vierten das
erste zuriickgenommen. Im funften Satz dann das Ganze zuriick-
genommen mit alien Behauptungen und Abschwachungen. Dann
kommen Sie in eine Drehung Ihres ganzen Verstandes- und Gemiits-
und Seelensystems hinein, und es ist etwas Furchtbares, was man nach
solcher Lekture empfindet. Es ist eine furchtbare innere Seelenqual.
Und Sie werden, indem Sie diese innere Seelenqual schildern, die ein
Mensch empfindet beim Lesen, der nur die letzte Konsequenz der
gegenwartigen Seelenverfassung zu ziehen den Mut hat - im Gegen-
satz zu vielen, die eben diesen Mut nicht haben Sie werden mit
einer Kritik, die Sie so aussprechen, wie ich sie jetzt ausgesprochen
habe, nicht etwa Fritz Mauthner verletzen, indem Sie sie ihm selber
entgegenhalten, denn er gesteht zu, er hat selber die gleiche Seelen-
verfassung, wenn er diesen Artikel niederschreibt. Denn er sagt:
Man kann mit menschlicher Erkenntnis iiberhaupt zu nichts anderem
kommen als zu einer Art von Geistestanz, in dem man sich nicht aus-
findet. Fritz Mauthner verwechselt die im neunzehnten Jahrhundert
und im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert notwendig gewordene
Haltlosigkeit des Erkennens mit einer vermeintlichen absoluten Halt-
losigkeit des Erkennens beim Menschen. Was liegt aber in Wirklich-
keit vor? Etwas ganz anderes, als Mauthner glaubt.
In alteren Zeiten hat der Mensch, wie Sie wissen, im atlantischen
Hellsehen nicht mystisch getraumt, sondern mystisch erkennend sich
mit einer Wirklichkeit verbunden. Er hat auch nicht bloB in Weisheit
geschlafen. Wir erkennen noch in den Resten altester Weisheit, wie
bei Plato, wie sie GroBes der Menschheit zu sagen wuBten. Bei
Aristoteles hort es schon auf. Die Menschheit hat nicht nur eine Docta
ignorantia gehabt, sondern sie hat eine Weisheit gehabt, durch die sie
sich verbunden hat mit den Zentralkraften der Welt, die zugleich die
Zentralkrafte des menschlichen Wesens selber sind. Aber diese Fahig-
keiten fluteten ab. Sie muBten abfluten, damit der Mensch in sich
selber die starken Krafte suchte, das, was ihm friiher von auBen durch
geistige Wesen ohne sein Zutun gegeben war, durch sein Inneres
zu suchen. Heute gehen wir uber die Schwelle als ganze Menschheit.
Beim Obergang iiber die Schwelle mussen wir entwickeln die Krafte
aus unserem Innern heraus, die Mystik, die sonst durch unsere Natur
in uns schlaft, zum Wachen zu bringen, das Traumen der Mystik
durch unsere eigene Kraft zu einem Erleben im Geistigen aufzurufen,
und ebenso dasjenige, was sonst tote, abstrakte Wissenschaft ist, durch
innere Aktivitat, durch innere Kraft zum wirklichen Erleben des iiber-
sinnlich Geistigen aufzurufen. Heute ist das in unsere Kraft gegeben.
Daher mussen wir durch ein solches Studium durchgehen, und daher
konnen Menschen, die nicht zur Geisteswissenschaft kommen wollen,
wie Fritz Mauthner, nur dasjenige empfinden, was wie eine not-
wendige Tragik eben zum Hervorrufen der inneren Krafte dem
Menschen notwendig war. Deshalb mussen Menschen wie Mauthner,
die solches empfinden, solches erleben, und nicht zur Geisteswissen-
schaft kommen wollen, eigentlich verzweifeln an der Moglichkeit,
sich fur irgend etwas im Leben erkennend zu verbinden mit den
Zentralkraften des Daseins, die zu gleicher Zeit die Zentralkrafte der
menschlichen Wesenheit selber sind.
Wenn Sie das griindlich iiberdenken, was ich eben gesagt habe,
mussen Sie sich da nicht sagen: Der Mensch ist gegenwartig durch
das unbewuBte Uberschreiten der Schwelle vor eine starke Prufung in
der Menschheitsentwickelung gestellt? Ja, das ist er. Denn wenn er
Aktivitat der Seele, starke Betatigung der Seele nicht entwickeln will,
so ist er dazu verurteilt, in Untatigkeit, in Inaktivitat, und dadurch in
Unglauben gegeniiber dem Dasein zu verfallen, wenigstens in eine
Art von Unsicherheit zu verfallen, wenn es sich darum handelt, mit
seinem Innern sich hineinzustellen in das ganze Getriebe der Welt-
entwickelung. So ist ungefahr die Seelenverfassung eines solchen
reprasentativen, typischen Menschen wie Fritz Mauthner. Es gibt
viele solche in der Gegenwart, nur ist er innerlich tapfer genug ge-
wesen, das in vielen Schriften zu gestehen, wahrend andere in der
gleichen Seelenverfassung sind und es nicht gestehen. Er hat auch die
Resignation gehabt, sich zuletzt in einer Siidecke Bayerns zuriick-
zuziehen, nachdem er sein Leben lang Journalist gewesen war zum
Brotverdienen. Und da hat er die «Kritik der Sprache», sein Buch
herber Verzweiflung an menschlichem Erkennen, ausgedacht, hat
dann dort sein «Philosophisches W6rterbuch» geschrieben. Er hat
sich zuriickgezogen, er schreibt noch mancherlei Artikel, die wahr-
haftig nicht mehr als seine Biicher geeignet sind, in ein positives, tat-
kraftiges Sich-Hineinstellen des Menschen in die Gesamtentwicke-
lung hineinzufiihren. Es ist bei ihm immer eine Art Zweifel an der
Moglichkeit, in das Dasein richtig einzugreifen, weil man jaim Grunde
genommen das Dasein nicht erkennend erfassen kann. Mauthner hat
die Konsequenz gezogen, sich zuriickzuziehen in einen fur ihn gleich-
gultigen Beruf, dem Journalismus sich hingegeben, bei dem man
schon Skeptiker, am Leben Zweifelnder, sein kann. Aber es gibt auch
Schiiler von Fritz Mauthner, die haben diese Resignation nicht gehabt.
Und fragen wir uns jetzt einmal etwas ganz Bestimmtes aus inneren
Griinden heraus : Was wird aus diesen Schiilern, die mit vollem Herzen
sich zu der Lebensauffassung Mauthners bekennen, was wird aus
diesen Schiilern niemals werden konnen? Niemals werden sie zu einem
lebensvollen Erfassen der Wirklichkeit kommen konnen. Daher kein
solches Erfassen der Wirklichkeit, das fruchtbar in diese Wirklichkeit
eingreifen kann. Diese Menschen konnen nicht ins Leben hinein-
passen, wenn sie sich hineinstellen. Fritz Mauthner hat sich ja auch
hinausgestellt. Diese Leute erfassen ja nur das sinnliche Leben und
glauben an das, was dariiber hinausgeht, nur wie an einen Traum, an
ein Schlafen.
Solch ein Schiiler Mauthners, ehrlich, aufrichtig, aber daher fur das
soziale Leben der Gegenwart so untaugHch wie moglich, ist zum Bei-
spiel Gustav Landauer. Das ist ein wirklicher Schiiler von Fritz
Mauthner. Es geniigt heute nicht, das Leben nur von der Oberflache
aus zu beurteilen. Wir stehen heute vor Aufgaben, die nur zu bewal-
tigen sind, wenn wir den guten Willen haben, in die Untergriinde des
Lebens unterzutauchen. Wir diirfen heute nicht, wie solche Men-
schen, wie ich sie eben geschildert habe, aus demjenigen heraus, was
die Zeit gebracht hat, Gedankenimpulse suchen fiir eine neue, soziale
Ordnung. Nein, wir miissen aus der aufgehenden Zeit, aus den
Impulsen, die eben erst im Aufgang sind, aus den Impulsen der
geistigen Erkenntnis heraus, auch die sozialen Impulse suchen; sonst
kommen wir nicht zu wirklichen sozialen Impulsen. Dann, wenn sie
gefunden sind, konnen sie, wie alle geisteswissenschaftlichen Ergeb-
nisse, vom gesunden Menschenverstand aufgefaBt werden. In einem
solchen Sinn mochte ich auch noch auf unsere Dreigliederung
hinweisen.
Heute ist es notwendig, daB in alien Dingen die Menschen lernen,
mit tiefster Ehrlichkeit erstens nach wahrhaftiger Selbsterkenntnis,
zweitens nach wahrhaftiger Welterkenntnis zu suchen.
Nehmen Sie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, von
den verschiedensten Gesichtspunkten aus durch. GewiB, auch da
wird, wie in mancher abstrakten Mystik und in manchem abstrakten
Okkultismus, von Selbsterkenntnis in ihrer Notwendigkeit, von Welt-
erkenntnis in ihrer Notwendigkeit gesprochen, aber anders. So wird
gesprochen, wie ich es besonders unserer Zeit ins Herz schreiben
mochte: DaB man niemals zur wirklichen Selbsterkenntnis kommen
kann, ohne diese Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis zu suchen.
Hineinbriiten in das Selbst liefert keine Selbsterkenntnis. Welt-
erkenntnis schult erst unser Selbst so, daB dieses Selbst zur Selbst-
erkenntnis kommen kann. Und wiederum: Niemand kann zu einer
Welterkenntnis kommen, ohne daB er den Weg ins eigene Selbst tut.
Welterkenntnis ist nicht moglich ohne Selbsterkenntnis. Die beiden
Dinge scheinen sich da sogar etwas zu widersprechen, aber dieser
Widerspruch ist lebensvoll und fruchtbar : Welterkenntnis nicht ohne
Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis nicht ohne Welterkenntnis. Es ist
wie das Schlagen eines Pendels, der hin und zuriick ausschlagen muB.
So muB der Mensch in seinem Leben suchen, stetig suchen den
Pendelschlag zwischen Selbsterleben und Welterleben, Welterleben
und Selbsterleben. Das aber erst gibt dann Starkung der Seele, jene
innere Aktivitat der Seele, die heute und gegen die Zukunft hin der
ganzen Menschheit notwendiger und notwendiger werden wird. Des-
halb, weil der Mensch aus einem gewissen, im Zeitalter der BewuBt-
seinsseele natiirlichen Egoismus, so sehr leicht in sein Inneres hinein-
briitet, deshalb ist die Menschheit vet fallen in unserem Zeitalter in die
Liebe zur Abstraktion. Sie kann eigentlich gar nicht einmal mehr
selber richtig beurteilen, wie stark die Liebe zum bloBen Abstrahieren
in unserem Zeitalter ist. Dafiir aber auch ist es das Allernotwendigste,
daB wir aufsteigen, gerade um die Schwelle, die ich bezeichnet habe,
in der richtigen Weise zu uberschreiten, daB wir uns bewegen von
einer bloBen Abstraktionsnotwendigkeit, einer bloBen Gedanken-
notwendigkeit, zu einer Tatsache. Von einem bloBen abstrakten Er-
kennen zu einem Tatsachenerleben. Zu einem Denken in uns nicht im
bloBen Gedanken, sondem zu einem Denken, das untertaucht in die
Dinge und mit den Dingen und Ereignissen der Welt denkt. Nur dann
konnen wir der Gegenwart gewachsen bleiben. Dafiir will ich Ihnen
ein Beispiel anfuhren. Ich bemerke aber von vorneherein, daB Sie
nicht das, was ich jetzt sagen werde, so auffassen sollen, wie wenn ich,
indem ich die eine oder andere Weltanschauungsrichtung dabei zu
charakterisieren habe, auch Stellung nehmen wollte zu dieser einen
oder anderen Weltanschauungsrichtung. Ich will nur charakterisieren,
nicht richten.
Dasjenige, was man naturwissenschaftliche Weltanschauung, natur-
wissenschaftlich orientiertes Denken nennt, es hat ja eine Entwicke-
lung genommen, die ich Ihnen von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus charakterisiert habe. Es ist zuletzt angelangt bei einer
solchen Anschauung, wie die von Mauthner ist. Aber auch in anderen
Schattierungen hat sie sich ausgedriickt. Ich weiB nicht, ob Sie sich an
einen Mann erinnern, von dem ich Ihnen, allerdings in einer anderen
Hinsicht und um etwas anderes Ihnen zu charakterisieren, vor Jahren
hier einmal gesprochen habe, an jenen Mann, der einmal in einem seiner
Bucher, das er « Analyse der Empfindungen » nennt, die Schwierig-
keit der Selbsterkenntnis schildern wollte. Er wollte schildern schon
die auBere Schwierigkeit der Selbsterkenntnis. Und um diese zu schil-
dern, fuhrte er zwei Beispiele an, wo er in bezug auf Selbsterkennen
schon bei seinem Exterieur recht starken Illusionen ausgesetzt war.
Einmal, so sagt er, ging er auf der StraBe. Plotzlich kommt ihm einer
entgegen - der Betreffende war Professor -, er denkt sich: Was fur
eine Schulmeistergestalt kommt mir derm da entgegen? Sie war ihm
ganz unsympathisch, diese Gestalt, so erzahlt er selbst. Dann merkte
er, was ihm passiert war: er kam vor einen Schaufensterspiegel und
kam sich selber in diesem Spiegel entgegen, indem er die StraBe ent-
lang ging. Ein andermal stieg er in einen Omnibus ein. Gegeniiber
der Tiir, durch die er einstieg, war ein Spiegel. Er war furchtbar miide.
Er sah das Bild und sagte bei sich : Was fur ein abgetakelter Kerl steigt
denn da zur andern Ture in den Omnibus ein? Erst nach und nach
kam er darauf, daB er das selbst war.
Ich habe Ihnen das erzahlt, und Sie werden danach schon beurteilen
konnen, daB das immerhin ein ernstzunehmender Mann ist: Ernst
Mach 9 der aus einem Naturforscher Philosoph gewordene Ernst Mach.
Nun, er hat wieder verschiedene Schuler. Seine Weltanschauung ist
der von Mauthner nicht unahnlich, nur daB Ernst Mach weniger zur
Zweifelssucht, zur Haltlosigkeit gekommen ist, sondern einfach an
das Spiel der Gedanken glaubt. Das Ich selber ist ihm ein bloBer
Mythos, wie auch bei Mauthner, nur ist Mach damit zufrieden. Man
muB aber diesen Ernst Mach studieren und dann sein Leben kennen-
lernen, die ganze Personlichkeit kennenlernen. Ich erinnere mich
selbst, wie ich zuerst Ernst Mach gesehen habe in der Wiener Akade-
mie der Wissenschaften, wo er einen Festvortrag hielt iiber die Oko-
nomie des Denkens, wo er alles das, was man denkt, bloB wie eine
Anordnung der Gedanken nach dem Prinzip des kleinsten Kraft-
maBes erkiarte. Ich hatte damals eine groBe Wut auf diese Darstellung
des Denkprozesses. Dann hat er das ausgebaut, hat seine Biicher ge-
schrieben, welche auf viele Leute einen groBen EinfluB gewonnen
haben. Kennt man sonst sein Leben, dann weiB man: Er war ganz
gewiB ein sehr, sehr braver, dem Staate, dem er durch sein Lehrfach
diente, sehr gehorsamer Staatsbiirger, mit Bezug auf sein Gelehrten-
tum ein typischer Vertreter des sich in der neueren Zeit heraufentwik-
kelnden Denkens. Ich konnte Ihnen noch einen ahnlichen Denker
nennen. Mach hat selber nicht in Zurich gelehrt, sondern nur ein
Schuler von ihm : Friedrich Adkr, derselbe Adler, der dann den oster-
reichischen Minister Sturgkh erschossen hat. Aber ein zwar viel ab-
strakter noch denkender Mann hat in Zurich eine der Machschen
Philosophic, der Machschen Weltanschauung sehr ahnliche Welt-
anschauung vertreten : Richard Avenarius. Ich kann Ihnen nicht raten,
die Bucher von Avenarius zu lesen; Sie wiirden sie nach der zweiten
Seite wegwerfen. Sie sind in einer unverstandlichen Sprache ge-
schrieben. Es wiirde fur Sie nur das eine Unerklarliche vorliegen : wie
es denn kommt, daB sich doch sehr, sehr viele Menschen in die Bucher
von Avenarius vertieft haben und sich aus seiner Philosophic heraus
heute eine Weltanschauung gebildet haben.
Was ich Ihnen hier bespreche, sind extreme Falle, die Sie aufmerk-
sam machen konnen auf den Unterschied einer bloB abstrakten Ge-
dankenlpgik und einer Tatsachenlogik. Avenarius war auch seinem
Leben nach wahrhaftig ein guter Durchschnittsbiirger, ein braver
Staatsburger in bestem Sinne des Wortes. Aber solche Leute wie Ernst
Mach, sein Schuler Adler, bei dem es schon mehr sichtbar wurde, und
Avenarius - nehmen wir zunachst einmal Mach und Avenarius die
fiihlen nichts von der Tatsachenlogik, in der sie durch ihre eigenen
Tatsachen stehen. Denn, sehen Sie, was ist denn geworden aus der
Weltanschauung von Ernst Mach und Avenarius, diesen braven, ge-
horsamen, waschechten Bourgeois-Gelehrten? Was ist daraus ge-
worden? Es ist daraus geworden die Staatsphilosophie der Bolsche-
wisten, die Weltanschauung, die dem Bolschewismus zugrunde liegt.
Es ist nur durch andere menschliche Temperamente gegangen, durch
andere menschliche Seelenverfassungen gegangen. Tatsachenkonse-
quenz! Konsequenz nach der Tatsachenlogik desjenigen, was Ernst
Mach und Avenarius gelehrt haben.
Das ist nicht nur durch einen auBeren Zufall geschehen, daB gerade
durch das Studieren von begabten russischen Studenten bei Avenarius
und dann bei Adler in Zurich etwa zufallig hinubergetragen worden
ist nach RuBland diese Philosophic, sondern da liegt ein innerer gei-
stiger Zusammenhang vor. Den begreift nur derjenige, der nicht mit
Gedanken iiber die Dinge denkt, sondern der in den Dingen denken
kann, der weiB, daB zwar nicht eine abstrakt logische Konsequenz-
macherei von Avenarius und Mach zu Lenin und Trotzki fuhrt, daB
aber eine sehr tatsachliche Logik fuhrt von dem einen zum anderen.
Das sind die Dinge, auf die es heute ankommt. Sie sind heute nur zu-
ganglich deirt, der den Ernst dazu hat, das Innere des Werdens zu
studieren. Denn wir sind in einer komplizierten Zeit des inneren
Lebens angekommen, wo so jemand wie Mach und Avenarius glauben
kann, daB er ein Mann der Ordnung ist, daB er ein Mann ist, der nur
in geistigen Ordnungshohen lebt, und nicht ahnt, daB es zu politischem
Dynamit werden kann, was er lehrt, wenn seine Gedanken iibergehen
von ihm in andere Seelen.
Es ergeht heute an die Menschheit der groBe Ruf, sich einen Sinn
anzueignen fur die tieferen Zusammenhange des Lebens. Ohne diesen
Sinn kommt man nicht weiter. Wollen wir zu fruchtbaren sozialen
Ideen kommen, dann diirfen wir auch nicht wie Richard Avenarius
und Ernst Mach die toten Endprodukte der alten, in sich selber sich
vernichtenden Weltanschauungen aussuchen, sondern wir miissen uns
zuwenden jenem Neuaufbau der Weltanschauungen, der nur in der
Geisteswissenschaft gegeben werden kann und der allein in der rich-
tigen Weise zu fragen versteht: Was muB als soziale Ordnung auf-
treten, wenn der Mensch in der Zukunft, von der Gegenwart an und
in der Zukunft immer mehr und mehr so innerlich dreigeteilt - denn
er geht iiber die Schwelle innerlich dreigeteilt - durch die Welt schreitet?
Da muB ihm die auBete soziale Ordnung das Spiegelbild sein; da muB
die auBere soziale Ordnung dreigeteilt sein. Dann wird AuBeres und
Inneres sich in der Zukunft entsprechen. Diese Dreigliederung ist,
wenn man sie wirklich mit ernster geistiger Wissenschaft zu betrachten
vermag, nicht etwas Ersonnenes; sie ist etwas einfach dem wahren
inneren Werdegang der Menschheit, wie er vorschreitet von der
Gegenwart zu der Zukunft, Abgelauschtes.
Zu alien anderen Erfordernissen, die an den Menschen der Gegen-
wart sich richten, gehort eben auch dieses, daB der Mensch den guten
Willen entwickelt, sich auf die Betrachtung der geistigen Welt ein-
zulassen. DaB er zunachst einmal den guten Willen entwickelt, sich
selber so zu betrachten, daB der Betrachtung anschaulich wird, was
geistig diesem Menschen zugrunde Hegt. Eine Priifung, nicht etwas
Endgiiltiges, war der naturwissenschaftliche Materialismus. Deshalb
ist er auch so bedeutungsvoll und nutzlich, selbst in der Gestalt des
Haeckelianismus. Eine Priifung, durch die durchgegangen werden
muB, ist das alles. Da wird der Mensch an die Tierreihe allgereiht, weil
im Grunde genommen mit Bezug auf alles dasjenige, worauf diese
Betrachtung Wert legt, der Mensch doch nur als hoherentwickeltes
Tier erscheint. Beginnen wir aber, den Menschen mit Bezug auf die
Selbsterkenntnis im Zusammenhang mit der Welt zu betrachten, so
wird die Sache gleich anders. Da werden Dinge, die sonst als un-
wichtig gelten, zu wichtigen, und umgekehrt. Da strahlt einfach da-
durch, daB man auf einem besonderen Betrachtungs-Standpunkt steht,
ein neues Licht auf die ganze Wesenheit des Menschen. Im wesent-
lichen, wir wissen es, geht das Tier so iiber die Erde hin, daB es - die
Ausnahmen lehren gerade sehr viel fur das Wesentliche - sein Riick-
grat parallel der Erdoberflache tragt. Der Mensch richtet sich in der
ersten Zeit seines Lebens auf, stellt die Hauptrichtung seines Leibes,
das heiBt die Richtung seines Riickgrates, senkrecht auf die Erdober-
flache, bildet mit dieser Erdoberflache im Riickgrat ein Kreuz, bildet
auch mit der Richtung des tierischen Riickgrates ein Kreuz. Indem
man das ausspricht, spricht man klar aus das Verhaltnis des Menschen
zur iibrigen Welt. Es ist anders beim Tier, es ist anders beim Menschen.
Da konnen Sie immer lesen bei Haeckel: Der Mensch hat gerade so
viele Knochen und Muskeln wie die hoheren Tiere. - Aber es gibt
noch andere Dinge, die nicht gezahlt werden konnen, die in einem
intuitiven, oder besser gesagt imaginativen Erfassen der Gestalt in
ihrem Verhaltnis zur Gesamtgestaltung des Kosmos und der Erde be-
stehen, und dieses Erfassen der Gestalt, nicht ein Sprechen iiber das
Wesen des Menschen, das ist wichtiger als das Zahlen der Knochen
und der Muskeln, wichtiger als das, was die vergleichende Morpho-
logic iiber den Menschen zu sagen hat.
Von da ausgehend konnte ich Ihnen nun vieles sagen, was Ihnen
zeigen wiirde, daB da, wo auf horen muB die bisherige Weltenbetrach-
tung, die im Menschen solche Denkgewohnheiten gezeitigt hat,
welche den Menschen ins gegenwartige Ungliick hineingefuhrt haben,
daB da, wo dieses Denken und diese Denkgewohnheiten endigen, nun-
mehr ein Neues beginnen muB, welches zum Beispiel sich anschlieBt
an die Gestalt. Das wird dann eine geistige Betrachtung der Welt
geben, das wird befruchten den selbstandigen, sozialen Geistesorga-
nismus.
Und eine noch hohere Stufe - diese Stufen werden nicht wie sonst
bei unseren Zeitgenossen nur traumend-mystisch aufwachen eine
noch hohere Stufe wird lebendig erfassen dasjenige Sein, das immer
urn uns ist, das « offenbare Geheimnis », wie Goethe sagt. Von da wird
dann aufgestiegen werden in solchem «Erwachtsein», wie ich es in
meinem Buche «Vom Menschenratsel» und «Von Seelenratseln » ge-
nannt habe, zu dem, was nun nicht nur ein Hineinstellen der Gestalt in
den Kosmos ist, sondern was ein Mitschwingen ist mit den groBen
rhythmischen Schwingungen des Kosmos.
Sie wissen, der Mensch besteht aus diesen drei Gliedern: Nerven-
Sinnessystem, rhythmisches System, Stoffwechselsystem. Im Nerven-
Sinnessystem steht er so drinnen, daG er dadurch die Gestalt im Ver-
haltnis zum Kosmos erfassen kann. In bezug auf sein Fiihlen, das
Rhythmus-, das Atmungs- oder Brustsystem, da steht er drinnen mit
diesem Rhythmus in dem Rhythmus der ganzen Welt. Diesen Rhyth-
mus konnen wir ja zunachst - wir konnten natiirlich viel mehr haben,
weil wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus im Lauf der
Jahre vieles erwahnt haben diesen Rhythmus konnen wir zunachst
nur an einem Zipfel erfassen. Ich will nur wiederholen schon ofter
Gesagtes. Wir sehen hin auf unsere Atmung. Wir haben beim nor-
malen Atmen 18 Atemziige in der Minute. Das gibt in einem Tag bei
24 Stunden ungefahr 25 920 Atemziige. So daB wir in einem Tage
rhythmisch hintereinander vollziehen das Einatmen und das Aus-
atmen: ungefahr 25 920 mal. Das ist das kleinste Atmen, das unser
individueller Mensch entfaltet. Sie wissen, schon im Alten Testament
hat man das Patriarchenalter auf 70 Jahre ungefahr angenommen. Man
kann natiirlich alter werden, man kann auch jiinger sterben, aber das
ist so etwa das Durchschnittsalter der Menschen, 70 bis 72 Jahre. Wie-
viel Lebenstage sind dies? Sehr approximator gerechnet 25 920 Lebens-
tage. Wenn Sie nun nehmen jenen groBen Atemzug, der mit uns ge-
macht wird, indem wir am Morgen untertauchen mit unserem Ich und
Astralleib in unsern Atherleib und physischen Leib, so daB wir mor-
gens einatmen unser Geistig-Seelisches und abends wieder ausatmen,
wenn Sie das nehmen als einen Atemzug, der jeden Tag vollzogen
wird, dann vollzieht unser Lebenstag, der ungefahr 71 Jahre umfaBt,
25 920 Atemzuge. Das heiBt, jener groCe Geist, der da atmet, indem
wir geboren werden und sterben, der atmet in seinem Lebenstag, der
unser ganzes Menschenleben umfaBt, so oft ein und aus wie wir in
24 Stunden. So sind wir angepaBt mit unserem menschlichen Atmen
jenem geistigen Atmen, das der Geist vollzieht, fur den das Ein- und
Ausatmen ist, was fur uns Geborenwerden und Sterben ist. Wir sind
das Ergebnis seiner Atemzuge in unserem Wach- und Schlafesleben.
Und die Sonne, von der Sie ja wenigstens ahnen konnen, daB sie eine
Beziehung zu unserem Erleben hat: der Mensch beobachtet, wie ihr
Aufgang vorriickt im Tierkreisbild um eine bestimmte Anzahl Grade
jahrlich, so daB, wenn der Friihlingspunkt liegt an einer bestimmten
Stelle eines bestimmten Tierkreisbildes, er das nachste Jahr weiter ver-
schoben ist und so weiter. So kreist der Aufgangspunkt der Sonne
scheinbar um die ganze Ekliptik herum, in dem, was ein platonisches
Weltenjahr genannt wird, und das umfaBt 25 920 Jahre. Ein Lebenstag
von uns enthalt 25 920 Atemzuge, unser Leben zwischen Geburt und
Tod enthalt 25 920 Lebenstage, ein groBes Sonnenjahr 25 920 unserer
Lebensjahre. So fiigen wir uns hinein in dasjenige, was geatmet wird
im Sonnen-Erden-ProzeB durch ein platonisches Weltenjahr hindurch.
Da sehen Sie hinein in einen Weltenrhythmus, durch den der Mensch
hineingegliedert wird in den Kosmos.
Ohne wenigstens den guten Willen zu haben, den Menschen in be-
weglicher Erkenntnis im Zusammenhang zu erkennen mit dem Kos-
mos, konnen Sie keine Erkenntnis des Menschen gewinnen. Sie konnen
nichts mem* begreifen mit der heutigen Naturwissenschaft, so sonder-
bar das klingt, als des Menschen Leben bis zur Geburt. Nachdem der
Mensch geboren worden ist, tritt etwas mit seinem Leben ein, das
die Naturwissenschaft nicht mehr erfassen kann. Daher muB die
Naturwissenschaft bei der Methode, welche besonders beliebt ist, bei
der Embryologie stehenbleiben. Das zeigt sich heute besonders darin,
daB die ganze Entwickelungslehre heute nur ein Ausbilden ist der
Embryologie. Das andere ist alles Phantasie. Beginnt der Mensch auf
der Erde zu leben, so tritt die Notwendigkeit ein, in imaginativer, in
inspirierter Erkenntnis ihn zu durchschauen. Denn nur mit dieser
kann man durchschauen, was der Mensch beim Tode erlebt, und was
der Tod ist. Durch die hochste Stufe der Erkenntnis, die Sie beschrie-
ben finden in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
als die Stufe der wahrhaften Intuition, erlangt man jene Einsicht in das
Wesen, das wunderbar in der Sprache selbst angedeutet wird, indem
man vom Leichnam, und zwar mit einem gewissen Recht, sagt: er
verwest. Wenn man heute so etwas noch fuhlen konnte bei den Wor-
ten, so wiirde man wahrhaftig fiihlen : Verwesen heiBt ins Wesen iiber-
gehen, ins Wesen hineingehen, mit dem Wesen eins werden. Indem
die Sprache von Verwesen redet, redet sie wahrhaftig nicht von Ver-
gehen. Und der geheimnisvolle ProzeB, den eine kiinftige Natur-
wissenschaft aus den Tiefen des Erkennens herausholen wird, der erst
dann sich vollzieht, wenn der menschliche Leib scheinbar verwest oder
verbrennt, der ist nicht ein Vernichten; der ist gerade etwas Bedeu-
tungs voiles im inneren Aufbau des Geschehens.
Ich mochte durch eine solche Betrachtung wie die heutige ein Ge-
fiihl davon hervorrufen, wie ein innerer Zusammenhang ist zwischen
dem, was ersterbende Weltanschauung und wissenschaftliche Rich-
tung der alten Zeit ist, und der noch im Keime befindlichen, heute
eigentlich erst auftauchenden Geisteswissenschaft im Sinne dessen,
was werden muB gegen die Zukunft hin. Es stoBen aber hart die beiden
Dinge aneinander. Und hier beginnt anschaulich zu werden eine tiefe
Tragik des modernen Lebens, die wir durch innere Menschenkraft
besiegen miissen. Dasjenige, was ich, mag man mir es noch so libel
nehmen, die untergehende burgerliche Welt- und Lebensauffassung
nenne, das ist ein letztes Ende, das bereitet sich selber den Untergang.
Dasjenige, was heute noch wahrhaftig sehr weit von dem entfernt ist,
was es werden soli, was als proletarische Sehnsucht herauftaucht, das
hat andere menschliche Untergriinde. Wahrend die biirgerliche Welt-
anschauung untergeht im Atherleib, geht aus dem Astralleib auf das-
jenige, was sich aus der proletarischen Welt entwickelt. Und ein furcht-
bar deutlich sprechendes Symbolum der untergehenden Weltanschau-
ung war die Egoistik Max S timers. Sie finden sie in ihrem Zusammen-
hange geschildert in meinem Buche «Die Ratsel der Philosophies
Jetzt leben wir in einem Zeitalter, wo wir durchaus versuchen mussen,
dasjenige, was aufgeht, nicht nach seiner AuBenseite zu beurteilen.
Mag es heute da oder dort noch so viel irren, wir mussen dasjenige,
was sich heute als soziale Bewegung aus dem Proletariat heraus ent-
wickelt, als das Werden des Zukunftigen anschauen konnen, gerade
vom geistigen Gesichtspunkte des Menschen aus. Wir mussen sehen
konnen : Die Menschheit uberschreitet eine Schwelle, sie muB hinein
in das ubersinnliche Erkennen. Und gerade das ist fur den geistig Er-
kennenden ein scharf sprechendes Mittel, die Richtung zu schauen,
dafi sich gerade die proletarische Welt in diesen oder jenen Fuhrern,
in diesen oder jenen Bonzen, recht sehr materialistisch benimmt und
sich wehrt gegen das, was sie einst sein wird. Sie wehrt sich. Sie hat
angenommen als letztes Erbstiick die biirgerliche Denkungsweise,
aber sie ist in der menschlichen Entwickelung dazu berufen, bewuBt
uber die Schwelle zu schreiten, sich herauszuarbeiten aus materialisti-
schem Irrwahn zur wirklichen Erkenntnis des Ubersinnlichen. Gerade
dasjenige, worauf hier hingewiesen wird, es muB durch Beobachtung
eines geistigen Untergrundes so erforscht werden, daB es nicht bloB
zu abstraktem Erkennen wird, sondern daB es unserem Willen inner-
lich Impuls werden kann. Dann werden wir uns zur rechten Zeit in der
rechten Weise in diese gegenwartige soziale Ordnung mit vollem Be-
wuBtsein hineinstellen konnen.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 11. Mai 1919
Die Auseinandersetzungen, die ich heute geben werde, sollen volks-
padagogischer Natur sein, und zwar in solcher Art, daB das ihnen Zu-
gfundeliegende der Zeit, unserer so ernsten Zeit dienen kann. Sie
werden ja, wie ich glaube, von selbst gesehen haben, daB dasje-
nige, was nur andeutungsweise gegeben werden konnte in meinem
Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendig-
keiten der Gegenwart und Zukunft », viele Untergriinde, und vor alien
Dingen sehr viele nach den Tatsachen der neuen Weltgestaltung hin-
gehende Konsequenzen hat. So daB eigentlich von allem, was heute
nach dieser Richtung gesprochen werden muBte und vor alien Dingen,
wozu Anregungen gegeben werden muBten, immer nur einzelne Leit-
linien statt irgend etwas Erschopfendem zunachst gegeben werden
konnen.
Wenn wir heute auf unsere Zeit sehen - und wir haben das notig,
denn wir mussen diese Zeit verstehen so muB uns wirklich immer
wieder auffallen, welcher Abgrund vorhanden ist zwischen dem, was
man eine Niedergangskultur nennen muB, und dem, was man nennen
muB eine ja noch chaotisch arbeitende, aber aufsteigende Kultur. Ich
will ausdnicklich darauf aufmerksam machen, daB ich heute nur ein
ganz spezielles Kapitel behandeln will, und bitte Sie daher, dieses
Kapitel im Zusammenhang mit dem Ganzen zu betrachten, das ich
jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten vorbringe.
Das, wovon ich ausgehen mochte, ist: Sie aufmerksam darauf zu
machen, daB in der Tat deutlich bemerkbar ist, wie eine Kultur, deren
Trager die burgerliche Gesellschaftsordnung war, in raschem Abstieg
begrifTen ist ; wie auf der anderen Seite eine andere Kultur sich in ihrer
Morgenrote zeigt, deren Trager heute, wie gesagt noch aus einer viel-
fach unbegriffenen Unterlage heraus, eben das Proletariat ist. Will man
diese Dinge verstehen - fiihlen kann man es ja ohne das, es bleibt aber
unklar so muB man sie auffassen in ihren Symptomen. Symptome
sind immer Einzelheiten, und das ist es, was ich Sie bitte, bei meinen
heutigen Betrachtungen zu beriicksichtigen. Ich werde natiirlich durch
die Sache selbst gezwungen sein, Einzelheiten aus einem Ganzen her-
auszureiBen, aber ich bemiihe mich, diese Symptomatologie so zu ge-
stalten, daB sie nicht in agitatorischem oder demagogischem Sinne
wirken kann, sondern daB sie wirklich aus der Sachlage heraus ge-
staltet ist. Nach dieser Richtung kann man ja heute vielfach miB-
verstanden werden, allein diesen MiBverstandnissen muB man sich
eben aussetzen.
Ich habe Sie im Laufe der Jahre oftmals darauf aufmerksam ge-
macht, daB auf dem Boden der Weltanschauung, auf dem hier ge-
standen wird, man sein kann in erster Linie ein wirklicher Verfechter
und Verteidiger der modernen naturwissenschaftlichen Weltorientie-
rung. Wie oft habe ich all dasjenige, was zur Verteidigung dieser
naturwissenschaftlichen Weltorientierung gesagt werden kann, an-
gefuhrt. Ich habe aber niemals auch versaumt zu sagen, welche un-
geheuren Schattenseiten diese naturwissenschaftliche Weltorientierung
hat. Noch letzthin habe ich darauf aufmerksam gemacht, daB sich das
sogleich zeigt, wenn man eben durch das, was man hier die sympto-
matologische Betrachtungsweise nennt, auf einzelne spezielle Falle hin-
weist, also ganz empirisch zu Werke geht. Ich habe Ihnen loben miis-
sen aus anderen Zusammenhangen heraus ein ausgezeichnetes Werk
der Gegenwart von Oscar Hertwig, dem ausgezeichneten Biologen,
«Das Werden der Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen
Zufallstheorie» ; und ich habe, damit keine MiBverstandnisse ent-
stehen, sogleich aufmerksam machen mussen - nachdem Oscar Hert-
wig ein zweites Buchelchen hat erscheinen lassen daB dieser Mann
hingestellt hat neben ein groBartiges naturwissenschaftliches Buch
eine Betrachtung iiber soziale Lebensverhaltnisse, die ganz minder-
wertig ist. Das ist eine bedeutsame Tatsache der Gegenwart. Das
zeigt, auf welchem Grund und Boden, auf welchem als naturwissen-
schaftliche Weltorientierung selbst ausgezeichneten Grund und Boden
dasjenige nicht entstehen kann, was in erster Linie notwendig ist zum
Verstandnis der Gegenwart: eine Erkenntnis der sozialen Impulse,
die in unserer Zeit vorhanden sind.
Ich will Ihnen heute ein anderes Beispiel vorfiihren, an dem Sie so
recht werden sehen konnen, wie auf der einen Seite biirgerliche Bil-
dung dem Niedergang entgegengeht und sich nur retten wird konnen
auf eine bestimmte Weise; wie auf der anderen Seite etwas Aufsteigen-
des vorhanden ist, das man nur hegen und pflegen muB in verstand-
nisvoller und richtiger Weise, dann wird es der Ausgangspunkt fur
die Kultur der Zukunft sein.
So recht als ein symptomatisches, typisches Produkt des nieder-
gehenden Biirgertums liegt mir hier ein Buch vor, das unmittelbar
nach dem Weltkrieg erscheint, das sich nennt, etwas anspruchsvoll,
«Der Leuchter, Weltanschauung und Lebensgestaltung ». - Dieser
Leuchter ist so recht geeignet, moglichst viel Finsternis ausstrahlen zu
lassen mit Bezug auf alles dasjenige, was heute so notwendig ist als
soziale Bildung und ihre geistigen Grundlagen. Eine merkwiirdige
Gesellschaft hat sich zusammengefunden, welche merkwiirdige Sachen
zum sogenannten Neubau unseres sozialen Organismus in einzelnen
Aufsatzen schreibt. Ich kann naturlich nur einzelnes aus diesem etwas
umfangreichen Buche anfuhren. Da ist zunachst ein Naturforscher,
Jakob von Uexkull, wahrhaftig ein guter, typischer Naturforscher, der,
und das ist das Bedeutsame, nicht nur Kenntnisse sich angeeignet hat
in der Naturwissenschaft - da ist er ein nicht bloB beschlagener, son-
dern als Forscher vollkommener Mann der Gegenwart sondern der
sich auch gezwungen fiihlt, wie das ja auch andere tun, die aus natur-
wissenschaftlichem Boden herausgewachsen sind, nun seine Folge-
rungen fur die soziale Weltgestaltung zum besten zu geben. Er hat
am sogenannten Zellenstaat, wie man den Organismus oftmals in
naturwissenschaftlichen Kreisen nennt, gelernt. Und zwar hat er ge-
lernt, seinen Denkorganismus auszubilden, und mit diesem ausgebil-
deten Denkorganismus betrachtet er nun das soziale Leben. Ich will
Ihnen nur Einzelheiten anfiihren, aus denen Sie sehen konnen, wie
dieser Mann, und zwar, wie man sagen kann, nicht aus Naturwissen-
schaft, sondern aus naturwissenschaftlicher Denkungsweise im Grunde
genommen ganz richtig, aber eben lebensgemaB total unsinnig die
heutige soziale Gestaltung betrachtet. Er lenkt seinen Blick auf den
sozialen Organismus und auf den naturlichen Organismus, und findet,
daB die Harmonie in einem naturlichen Organismus zuweilen auch
dutch Krankheitsprozesse gestort werden kann, und sagt nun mit
Bezug auf den sozialen Organismus das Folgende :
« Jede Hat monie kann durch Krankheit gestort werden. Wir nennen
die furchtbarste Krankheit des menschlichen Korpers - <Krebs>.
Sein Merkmal ist die schrankenlose Tatigkeit des Protoplasmas, das
sich nicht mehr urn die Erhaltung der Werkzeuge kiimmert, sondern
nur noch freie Protoplasmazellen erzeugt. Diese verdrangen das Kor-
pergefuge, konnen aber selbst keine Arbeit leisten, da sie des Gefiiges
entbehren.
Die gleiche Krankheit kennen wir im menschlichen Gemeinwesen,
wenn die Parole des Volkes : Freiheit, Gleichheit und Bniderlichkeit,
an die Stelle der Staatsparole : Zwang, Verschiedenheit und Unter-
ordnung tritt. »
Nun, da haben Sie einen typischen naturwissenschaftlichen Denker.
Er betrachtet es als eine Krebskrankheit am Volkskorper, wenn aus
dem Volke heraus die Impulse von Freiheit, Gleichheit und Br iider-
lichkeit gesetzt werden. Er will an die Stelle von Freiheit gesetzt
haben Zwang, an Stelle der Gleichheit Verschiedenheit, an Stelle der
Bniderlichkeit Unterordnung. Das hat er gelernt am Zellenstaat als
Betrachtungsweise in sich aufzunehmen, das iibertragt er als Konse-
quenz auf den sozialen Organismus. Auch im iibrigen sind seine Aus-
einandersetzungen nicht gerade unerheblich, wenn man sie richtig
' symptomatologisch betrachtet. Er kommt dazu, im sozialen Organis-
mus auch etwas zu finden, was im natiirlichen Organismus dem Blut-
kreislauf entspricht, und zwar nicht so, wie ich es jetzt in verschie-
denen Vortragen dargestellt habe, sondern so, wie es sich eben ihm
darstellt. Er kommt dazu, als dieses mit Recht im sozialen Organismus
zirkulierende Blut das Gold anzusehen, und er sagt : «Das Gold besitzt
aber auch die Fahigkeit, unabhangig vom Warenstrom zu kreisen, und
gelangt dann in die groBen Banken als Zentralsammelstellen (Gold-
herz). » - Also der Naturforscher kommt dazu, etwas fur das Herz zu
suchen im sozialen Organismus, und findet dafiir die groBen Banken
als Zentralsammelstellen, « die einen iiberwiegenden EinfluB auf den
gesamten Gold- und Warenstrom ausiiben konnen ».
Nun bemerke ich Ihnen ausdriicklich, daB ich nicht irgend etwas
lacherlich machen mochte, sondern daB ich Ihnen nur vor Augen
fuhren mochte, wie ein Mensch, der von dieser Grundlage aus den
Mut auch hat zu denken bis zu den Konsequenzen, eigentlich denken
muB. Wenn viele Menschen sich heute hinwegtauschen dariiber, daB
wir es im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu einer Ent-
wickelung gebracht haben, die ganz begreif lich macht solches Denken,
so liegt eben die Tatsache vor, daB diese Leute mit den Seelen schlafen,
daB sie sich Betaubungsmitteln, Kulturbetaubungsmitteln hingeben,
die ihnen nicht gestatten, mit wacher Seele auf das hinzuschauen, was
eigentlich in der sogenannten biirgerlichen Bildung drinnen steckt.
Sehen Sie, da habe ich Ihnen in einem Symptom hingeleuchtet auf die-
sen «Leuchter», hingeleuchtet auf die Grundlage der gegenwartigen
Bildung, insofern diese aus naturwissenschaftlicher Denkweise heraus
das soziale Leben begreift. - Ich will Ihnen auch an einem anderen
Beispiel zeigen, wie dasjenige wirkt, was auf geistigem Gebiet einem
entgegentritt.
Zu denjenigen Menschen, die hier in der Gesellschaft vereinigt sind,
gehort auch ein auf mehr geistigem Boden Stehender, Friedrich Nieber-
gall. Nun, dieser Friedrich Niebergall, der darf schon aus dem Grunde
angefuhrt werden, weil er gewissen Dingen, die uns wertvoll sind, so-
gar recht wohlwollend gegenubersteht. Aber ich mochte sagen, das
ist es eben, me man wohlwollend gewissen Dingen von solcher Seite
gegenubersteht. Sieht man auf das Wie, so schatzt man dieses Wohl-
wollen, natiirlich wenn man nicht egoistisch ist, sondern auf die groBen
sozialen Impulse sieht, nicht sehr hoch ein; und es wiirde gut sein,
wenn man sich iiber solche Dinge keiner Tauschung hingabe. Wir
wissen doch - wenigstens einige konnten es wissen : Das, was hier als
sogenannte Geisteswissenschaft gepflegt wird, als anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft, das ist bei uns seit lange schon so ge-
dacht, daB es sein soli die wirklich geistige Grundlage desjenigen, was
heute im Aufstiege ist. Da stoBen allerdings gewohnlich die auBersten
Extreme aneinander. Und ich habe es immer wieder erfahren miissen,
wie diejenigen, die teilnehmen an unseren geisteswissenschaftlichen
Bestrebungen, abschwenken nach anderen Dingen hinuber, die sie
«ganz verwandt» fiihlen, die aber dadurch von diesen geisteswissen-
schaftlichen Bestrebungen verschieden sind, daB sie die argsten biir-
gerlichen Niedergangserscheinungen sind, wahr end die Geisteswissen-
schaft von jeher in dem scharfsten Kampfe mit diesem burgerlichen
Niedergangsstandpunkte war. Und so finden wir denn auch ziemlich
kunterbunt durcheinander gemischt von einem, der eben diese beiden
Stromungen nicht sehen kann, wie zum Beispiel Niebergall, eine Er-
scheinung, die geradezu eben sich erweist als ein charakteristischer
AusfluB unserer Dekadenzkultur, Johannes Miiller; und gleich auf der
anderen Seite - Sie wissen, daB ich solche Dinge nicht aus irgendeiner
albernen Einbildung heraus sage - finden Sie dann meinen Namen ver-
zeichnet. Da wird sogar uber das, was ich versuche zu leisten, allerlei
Niedliches gesagt, recht viel Niedliches. Aber nun werden Sie wissen,
daB mein ganzes Bestreben immer dahin geht, fur alles das, was vor-
gebracht wurde innerhalb dieser sogenannten Geisteswissenschaft, zu-
letzt den gesunden Menschenverstand in Anspruch zu nehmen und
alle nebulose Mystik, alles sogenannte mystisch-theosophische Zeug,
gerade in der scharfsten Weise zu bekampfen. Das konnte nur ge-
schehen dadurch, daB hinaufgetragen wurde in die hochsten Gebiete
des Erkennens klare Einsicht, deutliche Ideen, die man gerade dann
anstreben wird, wenn man an der Naturwissenschaft nicht die heutige
naturwissenschaftliche Orientierung, sondern wahres Denken gelernt
hat.
Nachdem so der betreffende Herr auseinandergesetzt hat, wie schon
manches in der Anthroposophie ist, fiigt er dann hinzu: «Um diese
praktische Grundwahrheit rankt sich dann noch ein krauses Gewirr
von angeblichen Erkenntnissen aus dem Leben der Seele, der Mensch-
heit und des Kosmos, wie es einst in den umfassenden Systemen der
Gnosis der Fall war, die einer ahnlich nach Tiefe und Seelenruhe
suchenden Zeit geheimnisvolle Weisheit aus dem Osten anboten. »
Man kann naturlich nichts Unzutreffenderes sagen als dieses. Denn
daB der Verfasser dieses als krauses Zeug bezeichnet, als krauses Ge-
wirr, das beruht ja lediglich darauf, daB er nicht den Willen hat, auf
die mathematische Methode dieser Geisteswissenschaft einzugehen.
Den haben meistens diejenigen nicht, die nur aus der niedergehenden
Erkenntnisart sich irgendwelche Vorstellungen gewinnen wollen. Und
so erscheint ihm dasjenige, was gerade an der Disziplinierung des
inneren Erlebens durch die Mathematik gewonnen ist, als krauses Ge-
wirr. Aber dieses krause Gewirr, das es zu einer solchen mathema-
tischen Klarheit bringt, ja vielleicht sogar mathematischen Niichtern-
heit bringt, das ist es, was wesentlich ist, was vor jeder schwafelnden
Mystik, vor jeder nebulosen Theosophie dasjenige bewahrt, was hier
getrieben werden soil. Und ohne dieses sogenannte krause Gewirr
laBt sich uberhaupt nicht eine wirkliche Grundlegung fiir das zu-
kiinftige Geistesleben gewinnen. GewiB, man hatte zu kampfen - in-
dem ja bis zur Gegenwart nur im engsten Kreise durch unsere sozialen
Verhaltnisse diese Geisteswissenschaft getrieben werden konnte -,
man hatte zu kampfen mit dem, was sehr oft dadurch erscheint, daB
zumeist diejenigen Menschen, die jetzt Zeit haben, nichts anderes als
Zeit haben zu diesen geisteswissenschaftlichen Dingen, eben noch die
alien, niedergehenden Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohn-
heiten haben. Und man hat daher so furchtbar zu kampfen mit dem in
diesen Kreisen so leicht sich breitmachenden Sektierertum, das natiir-
lich in Wahrheit das Gegenteil desjenigen ist, was eigentlich gepflegt
werden soli, und mit allerlei personlichem Gezank, das dann selbst-
verstandlich als solches zu jenen Verleumdungssystemen fiihrt, die ja
gerade auf dem Boden dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung so
iippig ins Kraut geschossen sind.
Nun, wer aus solchen Symptomen heraus dasjenige betrachtet,
was heute Geistesleben ist, der wird leicht dahin kommen konnen, sich
zu sagen: Neuschopfungen sind insbesondere auf dem Gebiet des
geistigen Strebens gerade notwendig. Sehen Sie, der Ruf nach sozialer
Lebensgestaltung ertont in einer Zeit, in der eigentlich die Menschen
im umfassendsten Sinne ausgestattet sind mit antisozialen Trieben
und antisozialen Instinkten. Diese antisozialen Triebe und antisozialen
Instinkte, sie zeigen sich ja ganz besonders auch im privaten Umgang
der Menschen. Sie zeigen sich in dem, was Menschen den Menschen
heute entgegenbringen, beziehungsweise nicht entgegenbringen. Sie
zeigen sich darin, daB es ein Hauptcharakteristikon ist, daB die Men-
schen aneinander vorbeidenken, aneinander vorbeireden und schlieB-
lich auch aneinander vorbeigehen. Eine instinktive Fahigkeit, wirk-
lich den Menschen, der einem entgegentritt, ver
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