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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE t)BER DIE BILDENDEN Kt)NSTE
UND REPRODUKTIONEN AUS DEM
KONSTLERISCHEN NACHLASS
RUDOLF STEINER
BILDER OKKULTER SIEGEL UND SlULEN
DER MUNCHNER KONGRESS PFINGSTEN 1907
UND SEINE AUSWIRKUNGEN
Aufsatze und Vortrage
aus den Jahren 1907, 1909 und 1911
Mit Berichten
von Marie Steiner, Mathilde Scholl, Ludwig Kleeberg
und E. A. Karl Stockmeyer
12 Seiten mit Faksimilewiedergaben,
10 Abbildungen im Textteil und 39 losen Bildtafeln,
darunter farbige Wiedergaben der Siegelbilder und Originalentwiirfe
Rudolf Steiners
1993
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:3
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach
Die Nachschriften der Vortrage wurden vom Vortragenden
selbst nicht durchgesehen
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung, Dornach 1957
2. neu durchgesehene und erweiterte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977
Neu eingegliederte Vortragstexte Rudolf Steiners: Malsch, 5./ 6. April 1909,
Berlin, 5. Mai 1909, Stuttgart, 15. Oktober 1911 nachmittags
sowie 15. Oktober abends und 16. Oktober 1911
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Zu den friiheren Einzelausgaben und Abdrucken
von Vortragen in Zeitschriften siehe Seite 171
Friihere Ausgaben der Bilder okkulter Siegel und Saulen
siehe am SchluB des Inhaltsverzeichnisses
Bibliographic Nr. 284
Einbandgestaltung von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1977 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt (Textteil)
und Zbinden Druck AG, Basel (Tafeln). Photolithos : Namalith AG, Birsfelden-Basel
Bindearbeit: Spinner GmbH, Ottersweier
ISBN 3-7274-2840-6
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 4
Zu den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl dffentlich wie auch
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horemachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
f entlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:5
INHALT
Einleitung des Herausgebers zur Ausgabe von 1977 11
Rudolf Steiner
Die Kunst und ihre zukunftige Aufgabe
Penmaenmawr, 24. August 1923 15
I
DER MtfNCHNER KONGRESS
Vorbemerkungen des Herausgebers 21
Rudolf Steiner
Der Mvinchner Kongrefi Pfingsten 1907
Aus «Mein Lebensgang», 38. Kapitel (Marz 1925) 33
Der KongreB der Foderation Europaischer Sektionen der Theosopbischen Gesellschaft
Ankiindigung des Kongresses in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis», Nr. 33 (Friihjahr 1907) 34
Der theosophische KongreB in Miinchen
Bericht in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» Nr. 34 (Sommer 1907) 35
Die Einweihung des Rosenkreuzers
Erster KongreBvortrag, Miinchen, 19. Mai 1907 43
Planetenentwickelung und Menschheitsentwickelung
Zweiter KongreBvortrag, Miinchen, 20. Mai 1907 53
Erlauterungen zur Einrichtung und Ausgestaltung des KongreBsaales
Vortrag Miinchen, 21. Mai 1907 63
Bericht iiber den KongreB im Berliner Zweig
Vor dem Vortrag Berlin, 12. Juni 1907 71
Die apokalyptischen Siegel
Vortrag Stuttgart, 16. September 1907 73
Symbole und Zeichen als Wirkungen des Chaos
Vortrag Berlin, 19. Oktober 1907 79
Bericht iiber den KongreB bei der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft
Berlin, 20. Oktober 1907. Aus «Mitteilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft » Nr. VI vom Februar 1908 89
Bilder okkulter Siegel und Saulen
Zur Einfiihrung in die Mappe mit den 14 Bildtafeln (Oktober 1907) 91
Marie Steiner
Aus der Gescbichte unserer Gesellschaft. Vor vier mal sieben Jahren
Ein Aufsatz aus dem Jahre 1935, fiir «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nach-
richten fiir deren Mitglieder» 97
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:7
Mathilde Scholl
Der Kongrefi in Miinchen
Aus «Mitteilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» Nr. V
vom August 1907 99
Ludwig Kleeberg
Ober den Miinchner Kongrefi
Aus «Wege und Worte. Erinnerungen an Rudolf Steiner aus Tagebiichern und Briefen», Basel 1928,
2. Auflage Stuttgart 1961 107
II
AUSWIRKUNGEN DES MtfNCHNER KONGRESSES
MALSCH
Vorbemerkungen des Herausgebers Ill
Rudolf Steiner
Ansprache zur Grundsteinlegung des Modellbaues in Malsch
Malsch, 5./6. April 1909 112
E. A. Karl Stockmeyer
Von Vorlaufern des Goetheanum
Mit GrundriB-, Langs- und Querschnittzeichnung des Modellbaues von Erich Zimmer, Dornach
Geschrieben fur die «Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland», Weihnachten
1949 114
Das baukiinstlerische Problem des Miinchner Kongrefisaales von 1907 und der Entwurf des
Malscher Modellbaues von 1908
(Fragment aus dem NachlaB) 120
Das auf 2wei mal sieben Saulen neuer Gestaltung ruhende Gewolbe
(Notiz aus dem NachlaB) 122
BERLIN
Vorbemerkungen des Herausgebers 123
Rudolf Steiner
Die Einweihung des neuen Zweigraumes
Die Raumgestaltung - Raffaels «Schule von Athen» und «Disputa» und das zukunftige dritte
Gemalde - H. P. Blavatsky und die theosophische Bewegung
BerHn, 5. Mai 1909 125
STUTTGART
Vorbemerkungen des Herausgebers 139
Rudolf Steiner
Die Grundsteinlegung des Stuttgarter Hauses
Stuttgart, 3. Januar 1911 140
Die Einweihung des Stuttgarter Hauses
Ansprache des Architekten Carl Schmid-Curtius - Ansprache des Vorsitzenden des Bauvereins
Jose del Monte - Ansprache des Vorsitzenden des Verbandes Stuttgarter Zweige Adolf Arenson -
Weiherede von Rudolf Steiner
Stuttgart, 15. Oktober 1911 (nachmittags) 141
Copyright Rudolf Steiner Nachiass-Verwaltung Buch:284 Seite:8
Die okkulten Gesichtspunkte des Stuttgarter Baues
Stuttgart, 15.0ktober 1911 (abends) 148
In welchem Sinne sind wir Theosophen und in welchem Sinne sind wir Rosenkreuzer?
Stuttgart, 1 6. Oktober 1911 154
Bericht iiber die Einweihung des Stuttgarter Hauses
«Mitteilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» Nr. XII
vom November 1911 (Verfasser nicht bekannt) 160
*
AN HANG
E.A.Karl Stockmeter: t)ber die Einheit von Tempel und Kultus im Zusammenhang mit der
Goetheanum-Bauidee
(Aus: «Um die Goetheanum-Bauidee », Privatdruck Basel 1957) 163
Briefwechsel Ranzenberger/Stockmeyer, Januar 1956 169
Hinweise des Herausgebers:
Hinweise zum Textteil 171
Sonderhinweis «Zur goldenen Legende und zu den beiden Saulen» 185
Hinweise zum Bildteil 188
III
BILDTEIL
ABBILDUNGEN IM TEXTBAND
Programrnheft fur den Miinchner KongreB Pfingsten 1907, mit handschriftlichen Korrek-
turen Rudolf Steiners (Wiedergabe des Umschlages farbig auf Tafei I) 193-201
Aufzeichnungen Rudolf Steiners zum Kongrefiprogramm. Notizblatt 203
Skizze von Rudolf Steiner fur das siebente Planetensiegel in einer von Stuttgart abweichenden
Fassung 205
Die vier Spriiche der Saulenweisheit. Handschrift Rudolf Steiners auf einem Notizblatt 205
Entwurf Rudolf Steiners fiir das Jupiter- und Venuskapital der gemalten Saulen im Miincnner
Kongrefisaal. Aus einem Notizbuch von 1907 207
Abbildungen
Der Miincnner Kongrefisaal mit den gemalten Siegeln und Saulen. Nach einer Aufnahme
vom 21. Mai 1907 1
Der Modellbau in Malsch, zwei Innenaufnahmen (Photo Stober, Freiburg i. Br., etwa 1965) 2 und 3
Der Saulensaal des Stuttgarter Hauses LandhausstraBe 70, oben siidliche, unten nordliche
Seite (Photo Bayer, Stuttgart, 1935) 4 und 5
Stuttgart: Der Veranstaltungsraum des Stuttgarter Hauses LandhausstraBe 70
(Aufnahmen aus dem Jahre 1935) 6 bis 10
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 9
LOSE TAFELN
Tafeln
Umschlag des Miinchner Programmheftes, Vorderseite I
Originalentwiirfe Rudolf Steiners fur das zweite, dritte, vierte und siebente der
apokalyptischen Siegel in Miinchen II -VI
Die sieben apokalyptischen Siegelbilder , gemalt von Clara Rettich :
nach der Ausfuhrung. Miinchen 1907 VII-XIII
nach der Ausfuhrung Stuttgart 1911 . Vlla-XIIIa
Die sieben Saulenbilder, gemalt von Karl Stahl XIV-XX
Die sieben Planetensiegel XXI -XXVII
Originalentwurfe Rudolf Steiners fur die Innengestaltung des groBen und kleinen
Kuppelraumes im Ersten Goetheanum XXVIII und XXIX
Innenansichten des Ersten Goetheanum, gezeichnet von Friedrich Bergmann,
Wuppertal:
Die sieben Saulen mit den Arcbitraven im groBen Kuppekaum XXX und XXXI
Blick vom Zuschauerraum in den kleinen Kuppekaum (Buhnenraum) . . . XXXII
Friihere Ausgaben der Bilder okkulter Siegel und Saulen:
1907 zur Generalversammlung der Deutschen Sektion im Oktober 1907 gab Rudolf Steiner selbst Schwarz-
WeiB-Reproduktionen der Siegel- und Saulenbilder vom Miinchner KongreB als Mappe « Bilder okkulter
Siegel und Saulen - Vierzehn Bildtafeln mit einer Einfiihrung» heraus.
1924 erschienen Schwarz-WeiB-Reproduktionen von farbigen Siegelbildem, gestaltet von Arild von Rosenkrantz,
die in London ausgestellt waren.
1945 erschienen die sieben Siegelbilder aus der Mappe von 1907 als Anhang zu dem Vortragszyklus Rudolf
Steiners «Die Apokalypse des Johannes»; die Ausgabe von 1954 enthalt zu den sieben Siegeln auch die
sieben Saulen; die vierzehn Bilder erschienen gleichzeitig als kleiner Sonderdruck. Die Ausgabe von 1962
des Apokalypse-Zyklus enthalt nur noch die sieben Siegelbilder.
1947 zeichnete Assia Turgenieff anlaBlich der vierzigsten Wiederkehr des Miinchner Kongresses auf Anregung
von Marie Steiner die Siegel und Saulen in der von ihr ausgearbeiteten neuen Technik der Strichfiihrung
im Hell-Dunkel als einen Versuch, die Siegelbilder iiber das Einfach-Naturalistische hinauszufiihren. Diese
Zeichnungen wurden von Marie Steiner als Mappe herausgegeben.
1957 anlaBlich der fiinfzigsten Wiederkehr des Miinchner Kongresses erschienen als Festausgabe die Siegel-
und Saulenbilder von 1907, erweitert um die Originalskizzen Rudolf Steiners zu den apokalyptischen
Siegeln, die sieben Planetensiegel und Schwarz-WeiB-Wiedergaben der beiden Skizzen Rudolf Steiners
mit den ersten Angaben fur die Saulen- und Architravgestaltung. Diese Fotos gaben jedoch - wie sich erst
spater zeigte - nicht die Originalzeichnungen, sondern nur eine Kopie beziehungsweise Pause derselben
wieder. Siehe hierzu auch die Bemerkungen zum BildteiL Tafeln XXVIII und XXIX.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:10
EINLEITUNG 2UR AUSGABE VON 1977
Als Rudolf Steiner im Jahre 1902 das Generalsekretariat der in Griindung befindlichen Deutschen
Sektion der Theosophischen Gesellschaft iibernahm und mit seiner engsten Mitarbeiterin Marie von
Sivers, spatere Marie Steiner, nach und nach eine weitreichende rnitteleuropaische geisteswissenschaft-
liche Bewegung aufbaute, bildete diese von Anfang an die selbstandige Abteilung seiner anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft, bis sie sich im Jahre 1912 / 13 zur Anthroposophischen Gesell-
schaft verselbstandigte.
Zu der Zeit des Munchner Kongresses im Jahre 1907 lehrte Rudolf Steiner jedoch noch innerhalb der
Theosophischen Gesellschaft und gebrauchte deshalb auch noch durchgehend die Ausdriicke «Theo-
sophie» und «theosophisch» und fur die Bezeichnung der Wesensglieder des Menschen und so weiter
zumeist die in der theosophischen Literatur iibliche Terminologie, an welche die Zuhorer damals
gewohnt waren. Jedoch in seinen ofFentlichen Schriften verwendete er schon Ausdriicke, von denen er
1903 in der Zeitschrift «Luzifer» sagte, da6 er sie «aus gewissen Griinden einer okkulten Sprache ent-
lehnte, die in den Bezeichnungen von der in den verbreiteten theosophischen Schriften etwas abweiche,
in der Sache aber natiirlich mit ihnen vollig ubereinstirnme» (Bibl.-Nr. 33, Seite 107). Spater ersetzte er
auch in seinen Vortragen die indisch-theosophischen Ausdriicke immer mehr durch solche, die der
europaischen Kultur angemessen sind.
Berlin und Miinchen waren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 die beiden
Hauptzentren von Rudolf Steiners Wirksamkeit. Die geistige Orientierung dieser beiden Stadte brachte
es mit sich, daB sich in Berlin mehr der wissenschaftliche, in Miinchen mehr der kiinstlerische Pol ent-
faltete. Daraus ergab sich, daB der erste theosophische KongreB, der in Deutschland veranstaltet wurde,
in Miinchen stattfand. Auf Grund der Gesamtgestaltung dieses Kongresses durch Rudolf Steiner wurde
dieser in der Geschichte der anthroposophischen Bewegung der erste Schritt auf dem Wege zur Ver-
wirklichung des Baugedankens.
Der Bau als Gesamtkunstwerk im Sinne einer Erneuerung der Mysterien sollte die Wiedervereinigung
von Erkenntnis, Kunst und religiosem Leben bringen.
Da Rudolf Steiner durchschauen konnte, wie geistige Krafte in Formen, Farben und Tonen ihren
Ausdruck finden, war ihm auch voll bewufit, welche Bedeutung der Art der Umweltgestaltung zu-
kommt. Deshalb sagte er bei der Grundsteinlegung des ersten nach seinen okkult-kiinstlerischen Gesichts-
punkten gestalteten Hauses am 3. Januar 1911 in Stuttgart:
«Wir sollten uns klar dariiber sein: solange wir gezwungen sind, in solchen Salen zusammenzukom-
men, deren Formen einer untergehenden Kultur angehoren, muB unsere Arbeit mehr oder weniger
doch das Schicksal dessen treffen, was dem Untergang geweiht ist. Die spirituelle Stromung wird
erst die neue Kultur, die sie zu bringen berufen ist, herauffiihren konnen, wenn es ihr vergonnt
sein wird zu wirken bis hinein in das rein physische Gestalten, selbst der Mauern, die uns umgeben.
Und anders wird spirituelles Leben wirken, wenn es hinausflieBt aus Raumen, deren MaBe Geistes-
wissenschaft bestimmt, deren Formen aus Geisteswissenschaft erwachsen.»
DaB dieses keineswegs ein ideales Ziel zu bleiben brauchte, sondern daB Rudolf Steiner auch das kiinst-
lerische Vermogen besaB, es zu verwirklichen und dadurch eine fiir den Menschheitsfortschritt not-
wendige neue Synthese von Wissenschaft, Kunst und religiosem Erleben herbeizufiihren, hatte sich
bereits durch den Munchner KongreB erwiesen. Marie Steiner-von Sivers, selbst eine groBe Kiinstler-
natur, erlebte Rudolf Steiner als «geborenen Kiinstler» (Bibl.-Nr. 262, Seite 166). Trotzdem wurde dieser
«geborene Kiinstler» erst ungewohnlich spat kiinstlerisch produktiv tatig. Der als Zweiundzwanzig-
jahriger schon anerkannte Goethe-Interpret, der Begriinder der Anthroposophie und der damit ver-
bundenen internationalen Bewegung war zu Beginn seiner kunstschopferischen Periode im Jahre 1907
schon sechsundvierzig Jahre alt. Und er stand an der Schwelle seines fiinften Lebensjahrzehntes, als er
sein erstes Mysteriendrama schrieb, den ersten «Bau» projektierte, die neue Bewegungskunst Eurythmie
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 11
entwickelte und sein erstes Gemalde schuf. Die Ansatze der kiinstierischen Betatigung reichen aber
viel weiter zuriick.
Schon als neun- bis zehnjahriger Knabe zeichnete er in der von ihm besuchten Dorfschule mit
Kohlestiften, kopierte unter Anleitung des sogenannten Hilfslehrers dieser Schule Bilder , ja sogar Portrats.
Fur den Besuch der Oberrealschule muBte er durch eine Vorpriifung gehen, die er hauptsachlich auf
Grand aller in der Dorfschule entstandenen Zeichnungen ausgezeichnet bestand. Ein Lieblingsfach wah-
rend seiner Realschulzeit war das geometrische Zeichnen. Wahrend seiner Studienzeit in Wien an der
Technischen Hochschule vertiefte er sich neben seinen naturwissenschaftlichen Studien auch intensiv in
das kunstgeschichtliche, insbesondere baukiinsderische Werden. Ganz besonders angeregt fiihlte er sich
dazu durch die baukiinsderische Atmosphare des damaligen Wien. Denn in jener Zeit wurden gerade die
groBen Bauten - Parlamentsgebaude, Rathaus, Votivkirche, Burgtheater - vollendet. Die Architekten
Hansen, Schmidt und Ferstel lernte er an der Technischen Hochschule auch personlich kennen. Heinrich
von Ferstel, der Erbauer der Votivkirche, wurde 1879, gerade zu Beginn von Rudolf Steiners Studien-
zeit, Rektor der Technischen Hochschule. Ein Ausspruch in seiner Inaugurationsrede - Baustile werden
nicht erfunden, sondern aus den Zeitaltern herausgeboren - tonte in Rudolf Steiner, wie er einmal
erzahlte, lebenslang nach. Auch zu dem Asthetiker Joseph Bayer, einem Anhanger Gottfried Sempers
und ebenfalls Lehrer an der Technischen Hochschule, sowie zu dem Asthetik-Dozenten an der Wiener
Universitat Robert Zimmermann ergaben sich personliche Beziehungen. Aber trotz aller Genialitat habe
ihn der materialistische Zug, der sich damals auch auf dem Gebiete der Kunst immer starker geltend
machte, zur «inneren Verzweiflung» gebracht. Ruckschauend erinnerte er sich, nachdem er selbst
schon die neuen Kapitalformen geschaffen hatte, wie viele «schlaflose Nachte» damals ihm das ko-
rinthische Kapital gemacht habe. (Vortrag Dornach, 7. Juni 1914, in Bibl.-Nr. 286, «Wege zu einem
neuen Baustil».)
Aber nicht nur mit der Baukunst, sondern auch mit der Malerei setzte sich Rudolf Steiner seit seinen
ersten Wiener Jahren auseinander. Die Anregung dazu kam ihm von der ersten Bocklin-Ausstellung
in Wien im Jahre 1882. Bocklins Bilder erschienen ihm als der lebendige Protest gegen das materiali-
stische Modellmalen jener Zeit. Er empfand, daB in Bocklin etwas liegt, was vom Naturalismus wieder
wegfuhren konnte. (Vortrag Berlin, 3.Februar 1913, in Bibl.-Nr. 38, «Briefe» I.)
Gleichzeitig stand er damals aber auch in tiefer innerer Auseinandersetzung mit der Wissenschaft
des Schonen. Im Gegensatz zur deutschen Asthetik, die bis dahin definiert hatte, daB das Schone die
Idee in Form der sinnlichen Erscheinung sei, forderte er eine vollige Umkehr des asthetischen Denkens.
Um 1881 /82 schrieb er einem Freund: « Kunst ist einmal das Gottliche nicht als solches, sondern in der
Sinnlkhheit. Und letztere als solche, nicht das Gottliche muB gefallen» («Briefe» I). Sieben Jahre sparer,
1888/89 begriindete er diese Auffassung philosophisch als eine Asthetik der Zukunft: «... Die Asthetik
nun, die von der Definition ausgeht, <das Schone ist ein sinnliches Wirkliches, das so erscheint, als ware
es Idee>, diese besteht noch nicht. Sie muB geschaffen werden. Sie kann schlechterdings bezeichnet
werden als die Asthetik der goetheschen Weltanschauung. Und das ist die Asthetik der Zukunft »
(Autoreferat des Vortrages « Goethe als Vater einer neuen Asthetik» in Bibl.-Nr. 30 und Nr. 271).
Auch in seinen Weimarer Jahren - 1890 bis 1897 - suchte Rudolf Steiner im Verkehr mit den dorti-
gen Kiinsdern immer weiter nach einer geistgemaBen Auffassung des Kiinstlerischen. Jedoch seine
eigentliche «hohe Schule des Kunststudiums» habe er durchgemacht auf seinen vielen groBen Reisen
von der Jahrhundertwende an. Ein gewisser Niederschlag davon findet sich in seinen kunstgeschichtlichen
Lichtbildervortragen «Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse » (Bibl.-Nr. 292).
Aus diesem Hintergrund heraus konnte Rudolf Steiner mit der Anthroposophie als Wissenschaft
Schritt fur Schritt auch verbinden die Entwicklung neuer kiinsderischer Formen. Wie als eine Art
Auftakt dazu kann gelten, was er am 25. November 1905 an Marie von Sivers schrieb, die ihm mit
ihrem tiefen kiinsderischen Verstandnis auch auf diesem Gebiet tatkraftig zur Seite stand:
«Dies sollte unser Ideal sein, Formen zu schaffen als Ausdruck des inneren Lebens. Denn einer Zeit,
die keine Formen schauen und schauend schafFen kann, muB notwendigerweise der Geist zum
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 12
wesenlosen Abstraktum sich verfliichtigen und die Wirklichkeit muB sich diesem bloB abstrakten
Geist als geistlose Stoffaggregation gegeniiberstellen.
Sind die Menschen imstande, wirklich Formen zu verstehen, zum Beispiel die Geburt des See-
lischen aus dem Wolkenather der Sixtinischen Madonna: Dann gibt es bald fur sie keine geistlose
Materie mehr. - Und weil man groBeren Menschenmassen gegenuber Formen vergeistigt doch nur
durch das Medium der Religion zeigen kann, so mufi die Arbeit nach der Zukunft dahin gehen:
Religidsen Geist in sinnlich-schoner Form zu gestalten.
Dazu aber bedarf es erst der Vertiefung im Inhalte. Theosophie muB zunachst diese Vertiefung bringen.
Bevor der Mensch nicht ahnt, daB Geister im Feuer, in Luft, Wasser und Erde leben, wird er auch
keine Kunst haben, welche diese Weisheiten in auBerer Form wiedergibt.» (Bibl.-Nr. 262, Seite 73.)
Nachdem wenig spater, im Jahre 1906, feststand, daB der nachste theosophische KongreB der
europaischen Foderation der Theosophischen Gesellschaft unter Rudolf Steiners Leitung stattfinden
wurde, charakterisierte er dieses «Ideal» auch den Berliner Freunden gegenuber als Kulturmission der
Geisteswissenschaft. Er sagte: «Wir leben in einer barbarischen Zeit, in einer chaotischen, stillosen Zeit.
Alle groBen Kunstepochen waren aus dem tiefsten Geistesleben heraus schaffend . . . Durch die Aus-
breitung der geisteswissenschaftlichen Lehren wird die Welt wieder mit einem geistigen Inhalt erfullt
werden . . . Was in der Geisteswissenschaft lebt, muB sich spater auspragen in auBeren Formen . . . dann
werden wir einen Stil haben, der dieses geistige Leben ausdruckt. So miissen wir die Mission der
Geisteswissenschaft betrachten als eine Kulturmission» (Vortrag Berlin, 21. Oktober 1906 in Bibl.-
Nr. 96). Der Munchner KongreB bot die erste Moglichkeit, mit der Realisierung dieser Kulturmission
zu beginnen. Der Dreiklang: Pflege iibersinnlicher Erkenntnisse in Verbindung mit einem Mysterien-
spiel als kultisches Element in einem kongenial gestalteten Raum wurde in Miinchen 1907 erstmals
machtig angeschlagen.
Von dem Ereignis des Munchner Kongresses 1907 geht eine gerade Linie bis zum Dornacher «Bau»,
bei dessen inoffizieller Eroffnung (am 26. September 1920, in Bibl.-Nr. 253) Rudolf Steiner den Sinn
des Baues aussprach mit den Worten: «Was aus der neuen Dreiheit, der schauenden Kunst, der geistig-
erfassenden Wissenschaft, der die Wiedergeburt neu im Ubersinnlichen erlebenden Religion fur das
lebendige Dasein der Menschheit hervorgehen kann - dieser Aufgabe solle gewidmet sein der Bau.»
DaB die Idee des Tempelbaues schon beim Munchner KongreB im Jahre 1907 konkret im Hinter-
grund stand, das besagen nicht nur die damals entstandenen Saulenkapitalformen, sondern das geht
auch deutlich hervor aus den auf Seite 29 f. wiedergegebenen Briefen Marie von Sivers an Edouard
Schure, dessen Rekonstruierung des Heiligen Dramas von Eleusis in Miinchen uraufgefuhrt wurde.
Damit konnen wir versuchen, schreibt sie ihm, uns «der Idee des Tempels» zu nahern.
Als kunsthistorisches Pbanomen ist noch bemerkenswert, wie die Inauguration von Rudolf Steiners
neuem Kunstimpuls zeitlich korrespondiert mit der allgemeinen kiinsderischen Entwicklung. Denn
dieses Jahr 1907 wurde - wie eine 1957 in Amsterdam veranstaltete Jubilaumsausstellung «Europa
1907» dokumentierte - fur die gesamte europaische Kunstentwicklung von entscheidender Bedeutung.
Beispielsweise make Picasso sein weltberuhmt gewordenes Bild «Les Demoiselles d'Avignon», mit dem
er die Periode des Kubismus einleitete. In Frankreich waren die «Fauves» und in Deutschland die
«Briicke» die Avantgarde. Man bewegte sich immer starker vom Impressionismus zum Expressionismus
und stand am Vorabend der abstrakten Malerei. So daB in dem Jahr 1907 wie in kaum einem anderen
Jahr unserer Epoche «soviel zuende ging und soviel Neues sich herausbildete, soviel Aires mit Neuem
sich kreuzte» (Neue Ziircher Zeitung vom 22. September 1957). In diesem fur die Kunstentwicklung
des 20. Jahrhunderts entscheidenden Jahr 1907 legte auch Rudolf Steiner den Grundstein zu seinem
als Gesamtkunstwerk zu verstehenden Baugedanken, der fiber seine verschiedenen Vorstufen - Malsch,
Stuttgart, Miinchen - in den beiden Goetheanum-Bauten auf dem Dornacher Hiigel bei Basel seine
hohe kiinsderische Vollendung fand. Aber Rudolf Steiner, der nie nur um der Kunst als soldier willen,
sondern stets in lebendigem Sozialzusammenhang wirkte, liefi von Miinchen bis Dornach das schier Un-
mogliche moglich werden: Er gab die Anweisungen, schuf die Modelle, skizzierte die Motive,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 13
schnitzte und make vor, und viele Kiinstler, Techniker und Wissenschafter arbeiteten zehn Jahre
lang enthusiastisch zusammen an der Verwirklichung des Baues. Und dies in einer Zeit, in der bedingt
durch den Ersten Weltkrieg sich ringsherum alles bekampfte. So daB der Baugedanke Rudolf Steiners
nicht nur ein neues geistiges und kiinstlerisches, sondern auch ein neues soziales Leben erzeugte.
In dem vorliegenden Band ist nun innerhalb der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe alles zusammen-
gefaBt, was an Material iiber die Vorstufen des Goetheanum-Baues - den Miinchner KongreB und
seine Auswirkungen in Malsch, Berlin und Stuttgart - vorliegt. Die Unvollkommenheit der kiinst-
lerischen Gestaltung der apokalyptischen Siegel durch die Malerin Clara Rettich stieB von Anfang an
auf viel Kritik, jedoch war sich Rudolf Steiner dessen selbst voll bewuBt. Warum er trotzdem diese
Siegelbilder nach dem Miinchner KongreB veroffentlichte, wird deutlich aus seiner folgenden AuBerung
gegeniiber einem Kritiker :
«Jenes Gesprach im Miinchner KongreBsaale, wo Sie die Siegel unkiinstlerisch nannten und ich
erwiderte <aber richtig), haben Sie namlich miBverstanden. Ich war mit Ihnen gant^ einverstanden,
und hatte sehr, sehr gerne diese Dinge kiinstlerisch gehabt. Doch muB der Okkultist realistisch,
nicht chimarisch denken und so muB er dasjenige nehmen, was zu haben ist. <Aber richtig)
sagt daher auch alles. Das ist es namlich, worauf es ankommt, daB gegenwartig kein Kiinstler
das dem wirklichen Leben nachschaffende Vermogen hat. Und so hat man nur die Wahl: entweder
die formell-abstrakte Andeutung inneren Lebens und Gehaltes bei auBerlich unkiinstlerischer Form-
gebung; oder die in sich toten Formen und Schemen, die heute vielfach kiinsderisch genannt wer-
den, und die auf den Kenner wirklichen Lebens ungefahr wirken wie Leichname, die Leben vor-
tauschen sollen» (Briefentwurf an Unbekannt vom 12. April 1909).
Gerade mit diesem Briefentwurf bestatigt Rudolf Steiner aber auch nochmals deutlich das Grundmotiv
seines kiinstlerischen Schaffens, wie er es schon 1905 in dem auf Seite 12/13 zitierten Brief an Marie
Steiner- von Sivers ausgesprochen hat : Leben und Form in echte Ubereinstimmung zu bringen. Da jedoch
das Leben als solches physisch nicht wahrnehmbar ist, sondern sich nur durch die Form ofFenbaren kann,
muBten dem neuen geistigen Leben - sollte es sich lebenskraftig erweisen und nicht im Abstrakten ver-
fliichtigen - notwendigerweise neue Formen geschaffen werden. Und der erste groBe historische Auf-
takt zur Verwirklichung dieses «Ideals» Rudolf Steiners, «Formen zu schaffen als Ausdruck des inneren
Lebens », war der Miinchner KongreB Pfingsten 1907.
H. W.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 14
RUDOLF STEINER
DIE KUNST UND IHRE ZUKUNFTIGE AUFGABE
Penmaenmawr, 24. August 1923
im AnschluB an einen Vortrag von Kunstmaler Arild von Rosenkrantz
Es wurde gewiinscht, daB ich an die interessanten Ausfiihrungen des Baton Rosenkrantz eini-
ges anfiige iiber die Kunst und ihre zukiinftige Aufgabe, und daB ich audi ein Bild geben sollte
des Goetheanum, wie es in der Zukunft aussehen wird.
Ich mochte auf diese Fragen hin nur mit einigen Andeutungen antworten, mit Andeutun-
gen, die sich mehr beziehen auf die Herausarbeitung eines kiinstlerischen Impulses oder kunst-
lerischer Impulse in der Zukunft - wobei ich aber nicht meine, daB diese kiinstlerischen
Impulse, ich mochte sagen, willkiirlich oder absichtlich von irgendwelchen Menschen unter-
nommen werden konnen; sondem gewissermaBen sieht man sie in demjenigen, was sich gegen-
wartig vorbereitet, wohin sich gerade das Kiinstlerische in der nachsten Zukunft wird orientie-
ren miissen. Ich meine das in der folgenden Weise.
Wir sehen in unserer Gegenwart auf der einen Seite fortdauern die alten Impulse des
menschlichen Arbeitens, der menschlichen Zivilisation auf alien Gebieten, auf den Gebieten der
Wissenschaft und des kiinsderischen Schaffens, auf den Gebieten des religiosen Empflndens.
Wir sehen aber audi, wie auf der anderen Seite in einer groBen Anzahl von Menschen, in mehr
Menschen, als man gewohnlich denkt, unbestimmte Untergriinde walten, Sehnsuchten nach
irgend etwas. Diese Sehnsuchten, die mochte man gerade auf dem Gebiete des anthroposophi-
schen Wirkens ergriinden; man mochte gewissermaBen hinter sie kommen. Und mir scheint,
daB in der Tat ein groBer Teil dessen, was gerade in der Gegenwart als Anthroposophie sich
geltend machen will, solchen unbestimmten, mehr oder weniger unbewuBten Sehnsuchten zahl-
reicher Menschen in der Gegenwart entgegenkommt.
Also eben gerade deshalb, weil in den verflossenen drei bis vier Jahrhunderten im Grunde
genommen die IntellektuaUtat alles iiberflutet hat, weil die Intellektualitat sich tiefer in die
Menschenseelen hineingewurzelt hat als man denkt, deshalb finden die Menschen heute so
schwer die Briicke von einer unbestimmten Sehnsucht zu demjenigen, was dieser unbestimmten
Sehnsucht im irdischen SchafTen eine Offenbarung geben kann. Wir sehen das, wenn wir die
Geisteswissenschaft selber betrachten.
Ich habe wahrend meiner Vortrage hier ofter erwahnen miissen, wie diese Geisteswissen-
schaft ailerdings dutch Imagination, Inspiration, Intuition herausgeholt werden muB aus dem
Forschen iiber die iibersinnlichen Welten, wie aber, wenn diese Forschungen ihre Ergebnisse
darlegen, der gewohnliche gesunde Menschenverstand durchaus verstandnisvoll an diese For-
schungsergebnisse herandringen kann. Und es ist eigentlich nur das Haften an alten Vorurtei-
len, wenn man nicht geniigend Kraft in der Seele findet, um vorurteilslos an die Ergebnisse
der Geisteswissenschaft heranzukommen.
Dasjenige, was die Menschen heute so vielfach einwenden gegen diese Ergebnisse der Geistes-
wissenschaft, geht eigentlich hervor aus einer unbestimmten, tief unten in der Seele sitzenden
Furcht. Die Menschen fiirchten sich eigenthch im Grunde genommen vor den Ergebnissen der
Geisteswissenschaft. Alles dasjenige, was die letzten Jahrhunderte heraufgebracht haben in der
Menschheitszivilisation, widerspricht ja so sehr dieser Geisteswissenschaft, daB sie als ein den
meisten Menschen vollig Unbekanntes auftritt. Vor dem Unbekannten fiirchtet man sich
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immer; aber man will sich doch diese Furcht nicht gestehen, und so kleidet man sich diese
Furcht in sogenannte logische Widerlegungen, in logische Kritik.
Derjenige, der die Dinge durchschauen kann, der sieht iiberall, wie die Logik der Gegner
der Geisteswissenschaft im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Entschuldigung der
eigenen Seele iiber die Furcht, die man vor ihr hat.
Und so ist es auf kunstlerischem Gebiete. Man hort auBerordentlich haufig: Ja, Geistes-
wissenschaft will durch Ideen, durch wissenschaftliche Feststellungen in die hoheren Welten
hinauf ; aber die Wissenschaft unterdriickt das freie kunstlerische Schaffen. Derjenige, der wirk-
lich kiinstlerisch schaffen will, der rmisse - so sagt man - frei sein von alien Ideen, von alien
Erkenntnissen; er miisse aus der reinen Phantasie heraus schaffen. Und es gibt sehr viele Dich-
ter, Maler, Musiker, also auf alien Gebieten Kiinstler, die nun die reine Furcht haben, daB,
wenn sie zu viel an diese Geisteswissenschaft herankommen, ihnen dann ihre Phantasie aus-
trockne; daB sie dann dazu kamen, ihre Phantasie nicht mehr frei entfalten lassen zu konnen,
sondem gewissermaBen nur das wiedergeben wiirden durch Farben, durch Tone, was in der
Geisteswissenschaft vorkommt.
Ja, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden: beim alten Goetheanum hat es allerdings
manchen Kampf gegeben. Es ist schon so, daB diejenigen, die nicht einen tiefgriindigen kiinst-
lerischen Impuls haben, aus einer gewissen miBverstandlichen Auffassung dieser Geistesrichtung
zu einer Art auBeren Symbolik, auBeren Allegorik kommen. Ich kann schon gestehen, daB es
auBerordentlich viele Anthroposophen und Theosophen gegeben hat, die das Kunstlerische
gesucht haben in Ideen, die dann gemalt werden, oder meinetwillen auch manchmal sogar
komponiert werden und dergleichen. Wenn man in einen solchen anthroposophischen oder
theosophischen Raum hineinkam, und diese symbolischen und allegorischen, strohemen Bilder
da sah: man konnte verzweifeln! Da war allerdings alles Kunstlerische ausgetrieben! Ich kann
sagen, daB es ja gewiB auch sehr gutmeinende Freunde gegeben hat, die, als das alte, ver-
brannte Goetheanum gebaut wurde, begonnen wurde, alles Mogliche von Symbolen anzu-
bringen gewollt haben. Aber dagegen habe ich mich immer in der allerentschiedensten Weise
gewehrt! Bei diesem Goetheanum muBte alles aus der wirklichen kiinstlerischen Form heraus-
geholt werden. Es muBte jede Linie, jede Formgebung so entstehen, daB die Sache rein inner-
lich kiinstlerisch angeschaut wurde.
Daher waren die Formen des Goetheanum eigentlich nicht zum Interpretieren, sondern im
Grunde genommen nur zum Anschauen. Wenn Freunde oder sonstige auBere Besucher nach
dem Goetheanum gekommen sind, so wollten sie immer herumgefiihrt werden, und sie baten
dann, daB sie von dem oder jenem begleitet werden und daB man ihnen erklart, wie da die
Saulen gestaltet sind, die Kapitale gestaltet sind, die Architrave gestaltet sind - wie die Dinge
gemalt sind. Man sollte ihnen iiberall den inneren Sinn geben.
Ich hatte, wenn ich selbst Freunde fiihrte, in der Regel als Einleitung gesagt: Dasjenige, was
ich jetzt den Freunden oder den Besuchern werde zu sagen haben, ist mir auBerordendich
unsympathisch. Und ich war noch nie mit einer solchen Andpathie besessen gegen dasjenige,
was ich selber sage, als wenn ich diese Formen des Goetheanum erklaren sollte; denn sie waren
nicht dazu da, um sie zu erklaren, um sie in Begriffe zu fassen, sondern sie waren dazu da,
angeschaut zu werden, kiinstlerisch, asthetisch aufgefaBt zu werden!
Und warum konnte das sein? Das kann man am besten am Menschen selber anschaulich
machen. Sehen Sie, man kann den Menschen studieren - studieren nach demjenigen, was die
Wissenschaft der letzten drei bis vier Jahrhunderte eben als solche Wissenschaft herausgebracht
hat. Da kommt man aber nur bis zu einem gewissen Punkt, nur hochstens bis zum physischen
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Organismus. In dem Augenblick, wo man in die hoheren Glieder der Menschennatur hinauf-
gehen will, kann man es nicht, ohne daB man die Welt einlaufen l&Bt in ein kxinstlerisches
Erfassen des Menschen, weil die Welt selber kunstlerisch schafft da, wo sie geistig schafft. So
daB niemand den Menschen begreifen kann, der nicht das Wissenschaftliche iibergehen lassen
kann in seiner eigenen inneren Anschauung in Kiinstlerisches.
Die gegenwartige Wissenschaft kommt dann und sagt: Ja, derjenige, dem es passiert, daB er
von der Wissenschaft in das Kunstlerische iibergeht, der geht ab von dem Wege der Logik, den
Beobachtungen der Logik, die in der Wissenschaft da sein miissen. Der ist kein Wissenschafter
mehr.
Man kann lange so deklamieren, meine sehr verehrten Anwesenden: Wenn aber die Natur
nicht so schafft, wie man da deklamiert, wenn die Natur anfangt an einem bestimmten Punkte
nicht mehr so naturalistisch logisch zu sein, sondern eben selber kunstlerisch zu sein, dann
kommt nur der an die Natur heran, der eben kunstlerisch wird im letzten Augenblicke.
Und so ist es eben gerade bei der wirklichen Anthroposophie. Sie will nicht und kann nicht,
weil das ihrem Wesen nicht entsprkht, sie will nicht irgend etwas bloB lebendig Ideelles sein,
sondern in einem bestimmten Augenblicke geht das, was lebendig wissenschaftlich in Ideen aus-
gesprochen wird, iiber in unmittelbar Kiinsderisches, Bildnerisches. Und deshalb wird jedes-
mal, wenn man nur anfangt, den menschlichen Atherleib zu beschreiben, auch die vorher meinet-
willen noch der gegenwartig gebrauchlichen Wissenschaft ahnliche Beschreibung unmittelbar
iibergehen in kiinstierische Gestaltung, in kiinstlerische VerbildHchung.
Und sobald man dies intensiv begreift, dann wird man iiberall finden, daB Anthroposophie,
daB iiberhaupt wahrhaftige Geisteswissenschaft nicht etwas Kunstfremdes oder gar Kunstfeind-
liches ist, sondern daB sie gerade in ein wirklich Kiinstlerisches in der Zukunft hiniiberfiihren
wird.
Im alten Goetheanum hat skh das wirkUch in der Praxis gezeigt. Das alte Goetheanum
hatte einen solchen GrundriB, daB, wenn man sich eine Mittellinie zog, nach beiden Seiten bin
die Achse symmetrisch war; dann aber war keine weitere Symmetric da, auBer der Links-
Rechts-Symmetrie.
Die Saulen des Zuschauerraumes hatten Kapitale, welche nicht alle gleich waren, sondern
welche in einer fortschreitenden Entwickelung waren, und zwar so, daB das Kapital der ersten
Saule links und rechts verhaltnismaBig einfach war. Die zweite Saule hatte ein etwas kompli-
zierteres Kapital. Und so ging das fort. Aber das kunstlerische SchafFen an diesen Kapitalen
war durchaus so, daB man innerlich in der Empfindung der Linie, in diesem Anschauen der
Kurven alles in der Form am zweiten Kapital unmittelbar hervorgehen lieB aus dem ersten,
das dritte wiederum aus dem zweiten. Und so iiberlieB man sich rein dem Leben in Linien,
Flachen, Kurven.
Und dabei ergab sich, daB man von selbst, mochte ich sagen, mit der siebenten Saule fertig
war. Da hatte man eine Form bei den Linien, Kurven: dariiber ging's nicht mehr hinaus, da
muBte man stehen bleiben.
Da sehen nun die Leute die sieben Saulen und meinen: das ist eine tief mystische Zahl, sie
beruht auf einer alten Formel, auf etwas, das im Aberglauben weiterlebt und dergleichen.
Aber so ist es nicht! Wenn man rein kunstlerisch schafft, muB man beim Siebenten stehen
bleiben. So wie der Regenbogen sieben Farben hat, die Musikskala sieben Tone hat von der
Prim bis zur Oktave - die Oktave ist die Wiederholung der Prim -, so hat man sieben Saulen.
Aber noch etwas zeigt sich bei einem solchen SchafFen: Nun hat man das zweite Kapital
durch Metamorphosieren, erlebtes Metamorphosieren aus dem ersten hervorgehen lassen, das
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dritte aus dem zweiten, und so weiter, hat sieben 2ustande gebracht. Dann steht man und
schaut sich das an. Man schaut sich seine eigenen Sachen an und entdeckt allerlei daran, das
man durchaus nicht hineingedacht hat! Da entdeckte ich zum Beispiel, als ich das siebente
Saulenkapital hatte und es verglich mit dem ersten, daB, natiirlich kunstlerisch angegriffen,
alle Formen, die am ersten konkav waren, konvex waren am letzten; und alle, die am ersten
konvex waren, konkav waren am letzten. So daB, wenn man einiges umlegte, man das letzte
ins erste hineinlegen konnte : also das siebente ins erste, das sechste ins zweite, das funfte ins
dritte, und das vierte blieb in der Mitte fur sich stehen. Das ergab sich ganz von selbst.
Sehen Sie, da hatte man die Sicherheit, daB man gar nichts von menschlicher Willkiir in die
Dinge hmemgeheimniBt hat, sondern daB man aus dem Leben der Formen selber heraus ge-
arbeitet hat; daB man sich verbunden hat mit der schaffenden kosmischen Welt selber; daB man
auch an den Pflanzenmetamorphosen dies umfaBt, daB man also auch, was in der Natur waltet
und webt, auf einer anderen Stufe erfaBt; daB das, was man tat, nicht menschliches Allegori-
sieren war, sondern daB man sich gewissermafien hineinverwoben hat in das Naturschaffen,
und nun wie die Natur schuf.
Das aber ist auch das wahre kunsderische Schaffen, und auf das werden alle Kunste in der
Zukunft mehr oder weniger zuriickkommen. Das war das kiinstlerische Schaffen in alien groBen
Kunstepochen. Und das ist dasjenige, was ja auch entgegengeleuchtet hat in alien einzelnen
Ausfuhrungen des ausgezeichneten Vortrages von Baron Rosenkrantz. Das ist dasjenige, was
Sie sehen konnen iiberall da besonders, wo neue kiinstlerische Impulse in der Erdenentwicke-
lung auftauchen. Von neuen Impulsen bekommt man dann den Mut und die Hoffnung, daB
wirkhch aus dem, was in der Geisteswissenschaft erlebt werden kann, neue Kunstformen
hervorgehen konnen.
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I
DER MUNCHNER KONGRESS
PFINGSTEN 1907
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MUNCHEN
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
Die ersten geisteswissenschaftlichen Vortrage in Miinchen hielt Rudolf Steiner im November 1904
auf Einladung der beiden Leiterinnen des spateren Miinchner Hauptzweiges Sophie Stinde (1853-1915)
und ihrer Freundin Pauline Grafin von Kalckreuth (1856-1929). Sophie Stinde, Schwester des damals
bekannten Schriftstellers Julius Stinde und selbst begabte Landschaftsmalerin, stellte von diesem
Zeitpunkt an ihre ganze starke Kraft in den Dienst der Bewegung Rudolf Steiners; nach seinen eigenen
Worten in wahrhaft «vorbildlicher» Weise. «Es gibt so vieles» - sagte er bei ihrer Kremationsfeier -
«dann, wenn die Bahn einer geistigen Arbeit eingeschlagen wird, was man in Menschenhande legen
konnen mufi, von denen man sicher sein kann, daB sie es so ausfuhren, wie man es vielleicht selber
nicht einmal ausfuhren konnte . . . Und zu denjenigen Menschen, die in kraftigster Weise mittaten, wenn
so gehandelt werden muBte, gehorte Sophie Stinde» (Ulm, 22. November 1915, in Bibl.-Nr. 261
«Unsere Toten»).
In dieser Art baute Sophie Stinde nicht nur die eigentliche Miinchner Arbeit auf, sondern sie wurde -
unter Verzicht auf die von ihr geliebte Kunstausiibung - auch zur Haupttragerin der Organisations-
biirde far die groBen Miinchner Veranstaltungen: den Miinchner Kongrefi 1907 - zu dessen Kunst-
ausstellung auch einige ihrer Landschaftsbilder zahlten - und die daraus hervorgegangenen von
1909 bis 1913 jahrlich stattfindenden Sommerfestveranstaltungen mit den Urauffiihrungen von Rudolf
Steiners Mysteriendramen. Damit zusammenhangend faBte sie aber auch - gemafi Marie Steiners Aus-
sage - als «erste» den «kiihnen» Gedanken, die Verwirklichung des Zentralbaues anzugehen. Sie schuf
die notwendigen Unterlagen, urn die Ausarbeitung des Projektes zu ermoglichen, und wurde so zur
Griinderin und zur ersten Vorsitzenden des Miinchner und dann des Dornacher Bauvereins.
Als Rudolf Steiner nach ihrem Tode zum erstenmal wieder in Dornach an der Baustatte sprach,
sagte er, daB es ihr, die mit dem Bau «mit am innigsten verbunden ist», nur auf Grund ihres tiefen
kiinstlerischen Sinnes moglich gewesen war, «jenen Willen zu entfalten, der dann sich ausbreitet und
viele ergreift, jenen Willen zur Entwickelung, der seinen Ausdruck findet in diesem unserem Bau. Zu
den allerersten, denen der Gedanke an diesen unseren Bau aufgegangen ist, gehorte Sophie Stinde,
und man kann das Gefuhl haben, daB wir kaum die Moglichkeit gefunden hatten, aus unseren Miinchner
Mysterien-Gedanken heraus den Weg zu diesem Bau zu finden, wenn ihr starker Wille nicht am Aus-
gangspunkte des Gedankens dieses Baues gestanden hatte.» Und weiterfahrend sagte er: «Ihr Platz
in der auBeren physischen Welt wird kiinftig leer sein. Aber von diesem Platze wird ausgehen fiir die-
jenigen, die sie haben verstehen gelernt, der Gedanke der vorbildlichen, hingebungsvollen, opfersinni-
gen Arbeit innerhalb unserer Reihen. Und dieser Gedanke muB insbesondere leben in den Raumen,
iiber denen sich die Doppelkuppel wolbt, in den Raumen, in denen, als ihrem Mit-Werke, Sophie
Stindes Seele wahrend dieser Erdeninkarnation schon wirkte. Wird es doch, wenn wir in richtigem
Sinne unser Verhaltnis zu ihr erfassen, unmoglich sein, den Blick zu wenden an unsere Formen, ohne
uns verbunden zu fiihlen mit ihr, die den Blick in erster Linie dem zuwandte, dem sie ihre eigene
Arbeit gewidmet hat und in dem Sophie Stindes Seele weiterwirken wird.» (Dornach, 26. Dezem-
ber 1915, in Bibl.-Nr. 261 « Unsere Toten».)
Die folgende Chronik veranschaulicht, wie Rudolf Steiner im Verein mit Marie von Sivers und den
Miinchner Freunden den KongreB 1907 von langer Hand sorgfaltig vorbereitete, um im Sinne einer
Harmonisierung von Wissenschaft, Kunst und Religion die Erneuerung der Mysterien im modern-
rosenkreuzerischen Sinne zu inaugurieren. Die Daten markieren jedoch nur die wesentlichsten Punkte
im Zusammenhang mit der KongreBvorbereitung. Dazwischen reiste Rudolf Steiner standig kreuz und
quer durch ganz Deutschland, um an verschiedenen Orten Vortrage zu halten.
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Juni 1906
Der Kongrefi des Jahres 1907 soil in Deutschland stattfinden
Dies wurde beim dritten KongreB der Foderation Europaischer Sektionen in Paris am 3. bis 5.Juni
1906 beschlossen.
Juni/Juli 1906
Marie von Sivers' Initiative, den Kongrefi mit
einem Mysterienspiel verbinden
Marie von Sivers faBte, wie aus dem nachfolgend zitierten Brief an Schure von 18.Juli 1906 hervor-
geht, schon in Paris den Gedanken, bei dem KongreB ein Mysterienspiel aufzufuhren: «Das Heilige
Drama von Eleusis» in der Rekonstruktion von Edouard Schure. Schure hatte soeben Rudolf Steiner
und Marie von Sivers in Paris zum erstenmal personlich kennengelernt, nachdem Marie von Sivers
mit ihm bereits sieben Jahre lang korrespondierte. Sie war durch ihn auf die Theosophie aufmerksam
gemacht worden und dadurch in Berlin 1900 Rudolf Steiner begegnet. Den im folgenden zitierten Brief
schrieb Marie von Sivers aus Landin in der Mark Brandenburg, wo sie sich mit Rudolf Steiner und
einigen anderen Freunden zu einer kurzen Erholung auf hielt. Dorthin kamen audi Sophie Stinde, die
zum Sekretar, und Grafin Kalckreuth, die zum Schatzmeister des Kongresses ernannt worden war,
um «mit Dr. Steiner und Fraulein von Sivers die Angelegenheiten des Miinchner Kongresses zu be-
sprechen. Dazu ist da wohl am leichtesten Gelegenheit . . . Da gibt es einen Winter voll anstrengender
Arbeit. Pfingsten ist im nachsten Jahr sehr friih.» (Sophie Stinde an Ludwig Kleeberg am 5. Juli 1906.)
Marie von Sivers an Edouard Schure aus Landin, 18. Juli 1906*:
«... Wenn der Gasthof in der Nahe Ihres Hauses noch existiert, so ware es schon Sie wiederzu-
sehen und sich ein wenig in Ihrer Umgebung auszuruhen. Dann konnten Sie mit Dr. Steiner sprechen
anstatt ihm schriftlich Fragen zu stellen. Und wir konnten uns uber die Einrichtung Ihres Mysterien-
dramas fur die Biihne unterhalten. Zum Beispiel ist die Persephone-Szene mit dem Nymphenchor in
dem Kapitel iiber Plato ein sehr schones Vorspiel fur das Mysterium von Eleusis. Wir haben in Stutt-
gart ein Mitglied, sehr ernsfhaft und sehr musikalisch. ** Vielleicht inspiriert ihn die Theosophie dazu,
die Chore zu komponieren. Sie wurden es verdienen . . .»
September 1906
Die Eleusis- Auffiihrung wird mit Schure
noch einmal besprochen
Rudolf Steiner und Marie von Sivers halten sich fiinf Tage bei Schure in Barr im ElsaB auf.
«... Anregende Gesprache wurden gefuhrt wahrend der Wanderungen zu den Ruinen alter Burgen,
zum Odilienberg, zur Heidenmauer. Dort war es, daB ich, iibergehend von einem Rxickblick in die Zeit
der Druidenmysterien zu den Griechen, es wagte [noch einmal] die Frage an Schure zu stellen, die
Dr. Steiner, soweit es ihn betraf, schon bejahend beantwortet hatte: ob wir uns an die Darstellung
seines Dramas von Eleusis wagen diirften anlafilich des in Miinchen im nachsten Jahre zu haltenden
Kongresses. Schure war freudig uberrascht...» (Marie Steiner im Vorwort zu «Das Heilige Drama von
Eleusis », Dornach 1939).
* Marie von Sivers und Edouard Schure korrespondierten miteinander in franzdsischer Sprache. t)bersetzung von Robert
Friedenthal.
** Adolf Arenson, der zwar nicht die Musik zum Eleusis-Drama, aber 1910 bis 1913 die Musik fur die vier Mysteriendramen
Rudolf Steiners schrieb.
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Oktober 1906
Ort und Zett des Kongresses und seine Gestaltung
mrden offi^iell mitgeteilt
Bei der Generalversammlung der Deutschen Sektion in Berlin am 21. Oktober 1906 teilt Rudolf Steiner
den Vorschlag mit, den Kongrefi aus «rein praktischen Beweggriinden» in Miinchen abzuhalten, da
«nur dort» die geeigneten Krafte «fiir die lange und viel Hingebung erfordernde Arbeit» zur Ver-
fiigung stiinden. Als Zeitpunkt erscheine Pfingsten der geeignetste.
Auf eine Frage nach der Gestaltung antwortete er, dafi alle bisherigen Kongresse als «Versuche»
aufzufassen seien. Aufgabe der Deutschen Sektion soil sein, alles in «innigen Einkkng» zu bringen,
so daB Kunstwerke, Musik und Rede mit dem iibrigen Arrangement stimmungsvoll zusarnmenwirken
und zusammenklingen, dahin strebend, «an die alten Mysterien zu erinnern», weshalb auch die Auf-
fiihrung eines Mysteriums geplant sei.
Oktober /November 1906
Der genaue Kongrefiplan mrd erstellt, md die notwendigen R'dume
werden gemietet. Das Mysterienspiel soil mter der Regie Rudolf Steiner s
von Mitgliedern der Gesellschaft dargestellt mrden
Vom 27. Oktober bis 6. November 1906 halt Rudolf Steiner in Miinchen drei offentliche Vortrage und
fur die Mitglieder einen Zyklus von acht Vortragen. Marie von Sivers berichtet dariiber Edouard Schure :
Berlin, 10. November 1906
«Wir kommen soeben aus Miinchen zuriick, wo Dr. Steiner einen seiner Zyklen unter dem Titel <Die
Theosophie an der Hand des Johannes-Evangeliums> gehalten hat. Es war groBartig. Wahrend der
zwolf Tage dort haben wir auch den Plan fur den KongreB entworfen und die Sale gemietet. Diese sind
nach unserem Geschmack - wiirdig, weitraurnig, wohl proportioniert und frei von Verzierungen, so
daB die Dekoration unsere Sache sein wird. Wir konnen versuchen, uns der Idee des Tempels zu nahern.
Die Biihne ist auch groB, und wir werden weit genug entfernt vom Publikum sein, um die Illusion des
Mysteriums zu erzielen, woran uns doch sehr gelegen ist. Nun mochten wir Sie um die Erlaubnis bitten,
<Das heilige Drama von Eleusis> aufzufuhren, nicht mit Schauspielern, sondern indem wir die Rollen
an Mitglieder unserer Gesellschaft verteilen. Dr. Steiner will gar keine Theaterroutine, er wird selbst
unser Regisseur sein und uns den tieferen Sinn unserer Rollen eroffnen. Da er ja alles kann, wird er
auch das konnen. Er wird auch mit sicherem Blick diejenigen auszuwahlen wissen, die besondere Fahig-
keiten fur bestimmte Rollen haben. Ich glaube, daB Sie nicht viel riskieren, zumal ja die Auffiihrung
keine offentliche sein wird. Es werden nur die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft da sein und
die Zeitungen werden sich nicht hineinmischen. Nur im Falle eines ganz unerwarteten Erfolges konnte
man daran denken, die Sache offentlich zu wiederholen, sofern Sie damit einverstanden sind.
Nun miiBte man allerdings, wie Sie selbst sagten, einige Anderungen vornehmen und dann die
fertige Obersetzung dem Komponisten geben. Wir miissen uns also gleich ans Werk machen, denn der
KongreB findet schon zu Pfingsten statt (am 19. Mai). Manchmal kommen einem, wenn man die Dinge
mit Energie und gutem Willen in die Hand nimmt, die Sterne zu Hilfe. Sie inspirieren uns und senden
uns die guten Schutzgeister. Wer weiB, ob ein solches Unternehmen, mit Mut und Glauben durch-
gefiihrt, nicht die Pforte fur groBere Erfolge offnen konnte. Wenn man selbst nicht aktiv ist, kann man
nicht erwarten, daB die anderen etwas riskieren. Natiirlich muB man sich auf eine Riesenarbeit gefaBt
machen. Wenn Sie ablehnen, wird Dr. Steiner selbst etwas im Sinne der antiken Mysterien verfassen,
denn wir legen Wert auf das Mysterium; aber wir bitten sehr gerne das Ihrige.
Es ist richtig, daB Dr. Steiner mir die Rolle der Demeter geben will, und das hat mich erschreckt.
Ich hatte eher Persephone gewahlt, als die Gottermutter. Nur sagt Dr. Steiner, daB diese Mutter etwas
von einer Nonne haben muB und daB sogar mein Mund fur diese Rolle besonders geeignet ist, nicht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:23
jedoch fur die der Persephone. Ich kann nun nicht gerade diejenige sein, die sich straubt; nur finde ich,
daB ich jetzt die schwierigste Rolle habe und zugleich die, von der am meisten abhangt. Vor allem die
Szene zwischen Zeus und Demeter muBte geandert werden, denn sie ist nicht fur Profane geschrieben,
und vielleicht muBte auch die Erzahlung der Hekate, wenn sie der Demeter den Willen des Zeus an-
kiindigt, etrwas retouchiert werden, denn auf deutsch werden die Dinge gleich viel grober.
Vielleicht konnte man auch einzelne Szenen durch lebende Bilder oder Pantomimen, unter-
brochen von Musik, aneinanderfiigen. In den groBen Szenen miissen die Chore der Nymphen, der
Gliickseligen und der Mysten in schonster Weise mit dem gesprochenen Wort abwechseln.
Natiirlich sind Sie mit Arbeit iiberlastet, das weiB ich. Aber vielleicht bemachtigt sich Ihrer das Genie
des Dramas und es gelingt Ihnen, zu einem Ganzen zu verbinden, was in einzelnen Teilen geschaffen ist.
Ich kehre oft in Gedanken in das friedliche Vogesental zuriick, wo wir eine so warme und ver-
standnisvolle Gastlichkeit gefunden haben. Ich hoffe, Sie und Madame Schure in Miinchen zu sehen . . .
Wenn Sie wiiBten, wie Dr. Steiner arbeiten muB! Ich glaube, so etwas ist nie dagewesen...».
Dezember 1906 bis Februar 1907
Das KongreB-Programm wird gedruckt und versandt
8. Dezember: Rudolf Steiner schreibt an Marie von Sivers aus Stuttgart: «Wie steht es mit Deiner
Ubersetzung der Eleusinien? Wir miissen sie bald haben ... Anfangs Januar miissen wir unbedingt die
KongreB-Programme versenden konnen. Wir werden uns also wohl dann in Miinchen auf halten miis-
sen.* (Bibl.-Nr. 262, Seite 100.)
11. und 12. Dezember: Rudolf Steiner halt in Miinchen Vortrage.
20. Dezember 1906 und 4. Januar 1907: Rudolf Steiner und Marie von Sivers machen in Miinchen privat
Station auf einer kurzen Erholungsreise nach Venedig.
13. Januar: Marie von Sivers schreibt an Edouard Schure:
«... Ich verstehe Ihren Schrecken im Gedanken an unsere Unternehmung. Ich telle Ihre Befiirchtung,
nur habe ich den Eindruck, daB hier eine Notwendigkeit vorliegt. Es ist, wie wenn das geschehen
miiBte. Fur uns ist es ein Damoklesschwert, das iiber dem KongreB bangt, denn wir haben diesen nun
einmal in organischer Weise mit einer Mysterienauffiihrung verbunden, und alle die Zufalle und Un-
gliicksmoglichkeiten, von denen diese Auffiihrung bedroht ist, bedrohen eben auch unseren KongreB.
Aber wir miissen nun einmal unseren Riicken hinhalten und die Last auf uns nehmen, ohne jedoch den
Blick auf die Sterne zu verlieren. Der Komponist hat sein letztes Wort noch nicht gesagt, aber der
Gedanke begeistert ihn. Er ist jetzt dabei, das Werk zu lesen. Es ist Herr Stavenhagen in Miin-
chen . . .»
21. Januar: Brief Rudolf Steiners an Marie von Sivers aus Erlangen, das KongreB-Programm
betreffend*.
«... Beifolgend schicke ich Dir das KongreB-Programm. Ich habe es nun fertig in dem Zustande,
daB es der Drucker bekommen kann . . . Bitte laB es nun sofort drucken und zwar gan% genau nach dem
Manuskript . . .
Ich bin heute auf ein paar Stunden hieher nach Erlangen entflohen. Auf dem Wege von Karlsruhe
nach Niirnberg konnte ich nirgends aussteigen, und ware ich schon heute morgens in Niirnberg gewe-
sen, dann kriegtest Du wohl auch noch diese beifolgende eilige KongreBsache nicht. Denn wo es
auch ist : die Leute sind immer da.
* Dieses Programm des Kongresses muB bald darauf versandt worden sein. Fiir den KongreB selbst gestaltete Rudolf Steiner
ein anderes «Programmbuch, das den Besuchern in die Hand gegeben wurde», und das auf den Seiten 193-201 und Tafel I faksimiliert
wiedergegeben ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 2 4
Bitte gib dem Drucker ein KongreB-Programmheft vom vorigen Jahr, damit er nicht eine un-
mogliche GroBe macht. Und scharfe ihm ein, daB er richtig den Text zweispaltig - gegeniiber-
stehend - deutsch-englisch macht, wie es im Manuskript ist.» (Bibl.-Nr. 262, Seite 102.)
Wesentliche Stellen aus dem Programmtext:
Dem Programm des Kongresses soli die Absicht
zugrunde liegen, einen einheidichen theosophi-
schen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Da
die theosophische Weltauffassung ein Ideal der
Zukunft darstellt, kann selbstverstandlich ein sol-
dier Gedanke in der Gegenwart nicht vollkommen
zum Ausdruck gelangen. Allein man kann viel-
leicht doch durch die Anordnung und Verteilung
des Darzubietenden bewirken, daB in dem Ganzen
des Kongresses dietheosophischenLeitprinzipien:
Konzentration und Ubersichdichkeit der Ideen,
und im einzelnen die theosophische Grundstim-
mung: Ruhe und innere Sammlung zum Aus-
drucke gelangen.
Den Inhalt der Veranstaltungen sollen bilden:
Vortrage aus dem Gebiete theosophischer Welt-
auffassung, kiinstlerische Darbietungen, rein ge-
sellschaftliche Zusammenkunfte.
Die kiinstlerischen Darbietungen sollen sowohl
auf dem Gebiete der bildenden, wie der musikali-
schen und poetischen Kunst so ausgewahlt wer-
den, daB das Einzelne sich mit dem aus der theo-
sophischen Weltauffassung vorgebrachten zu ei-
nem harmonischen Ganzen zusammenfiigt. Des-
halb soil in einer der Veranstaltungen auch der
Versuch gemacht werden, im Dramatischen die
Vorstellung eines Mysteriums zu geben.
Abhandlungen und Vortrage
Diese werden nach der bisherigen Gepflogenheit
der Kongresse umfassen:
1. Alles auf die Briiderlichkeit und die groBen
Ziele der Gesellschaft beziigliche.
2. Religion,
Mystik,
Philosophic und Wissenschaft.
Darunter :
a) Vergleichende Religionswissenschaft,
b) Mythenkunde,
c) Volkskunde,
d) Kunstwissenschaft,
e) Geschichtliches usw.
3. Verwaltung, Propaganda usw.
4. Okkultismus.
Die Abhandlungen sollten bis zum 10. April
in den Handen des Sekretars des Kongresses sein.
Dieselben konnen in jeder der Sprachen der fbde-
rierten Sektionen verfaBt sein.
Die bildende Kunst
Es besteht die Absicht, alles was auf diesem Ge-
biete geboten werden soli, mit der ganzen Ver-
anstaltung zu einem harmonischen Ganzen zu ver-
kniipfen. Daher wird eine Ausstellung nicht in
einem abgesonderten Raume, sondern in dem ge-
raumigen und sympathischen Festsaal des Kon-
gresses selbst stattfinden. Und es soil in der Wahl
der auszustellenden Kunstwerke, sowie in den
dekorativen Verbindungsgliedern eine Harmonie
geschaffen werden, die fur alles iibrige eine Grund-
stimmung des Raumes liefern soli. Es werden
daher aus dem Gebiete der bildenden Kunst und
des Kunsthandwerkes nur solche Leistungen Be-
riicksichtigung finden konnen, welche in den hier-
mit gekennzeichneten Rahmen sich fiigen. Doch
wird der zugrunde liegende Gedanke ein so weiter
sein, daB er vieles wird fassen konnen.
Musik
Die musikalischen Darbietungen werden sich an
die iibrigen Veranstaltungen angliedern, und, wo
moglich, wenigstens der Stimmung nach, zu der
theosophischen Weltauffassung in einer Beziehung
stehen. Sie werden ebenfalls in dem Festsaal des
Kongresses selbst stattfinden.
Die poetische Kunst
Diese soil durch Rezitationen und durch eine
buhnenmaBige Darstellung mit Mysteriencharak-
ter zur Geltung kommen. Es steht zu hoffen, daB
es den Anstrengungen des deutschen Komitees
gelingen werde, die groBen Schwierigkeiten zu
uberwinden, welche gerade dieser Teil des Pro-
grammes machen wird. Doch ware es immerhin
wiinschenswert, daB, wenn auch nur in bescheide-
nem Rahmen, einmal gezeigt werden konnte, wie
die theosophische Weltauffassung das Kiinstle-
rische zu beleben imstande ist.
Das MaBgebende bei alien diesen Veranstal-
tungen wird sein, zum Ausdruck zu bringen, daB
die Theosophie nicht nur eine Summe von theo-
retischen Anschauungen bleiben muB, sondern die
Umwandlung in das Sinnlich-Anschauliche und
stimmunggemaB Wahrnehmbare erfahren kann.
Auf diesem Wege muB sie ja befruchtend auf die
iibrige Kultur wirken.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 2 5
25. und 26.Januar 1907: Rudolf Steiner halt sich wiedenim in Miinchen fiir zwei offentliche Vor-
trage auf .
17. Februar: Tod des Griinder-Prasidenten der Theosophischen Gesellschaft Henry Steel Olcott.
25. Februar: Rudolf Steiner schreibt in diesem Zusammenhang an Marie von Sivers:
«... Wie die Dinge auch kommen werden : fur die T. S. [Theosophical Society] wird alles fatal sein, fiir
die spirituelle Bewegung doch nicht ungiinstig. Auch der Verfall der T. S. als solcher darf uns keines-
wegs schrecken...» (Bibl.-Nr. 262, Seite 106).
17. bis 19. Marz: Rudolf Steiner halt sich wiederum in Miinchen auf und halt Vortrage.
April/Mai 1907
Die Proben^eit in Miinchen und die Ausgestaltung
des Saales
6. April: Rudolf Steiner und Marie von Sivers kommen nach Miinchen. Zwischendurch reist Rudolf
Steiner allein kurz nach Berlin, um das Notige fur die bevorstehende Wahl des neuen Prasidenten der
T. S. 2u veranlassen.* Am 29. April kommt er wieder zuriick nach Miinchen. Wahrend des sechs-
wochigen Aufenthaltes wird fiir die Auffuhrung des Dramas und fiir die Ausgestaltung der Raume
pausenlos gearbeitet. Das Drama, von Marie von Sivers in Prosa iibersetzt, bringt Rudolf Steiner in
freie Rhythmen. Er verteilt die Rollen, fiihrt Regie und die Kulissen und Kostiime werden ebenfalls
nach seinen Angaben hergestellt. Er leitet die Ausgestaltung des Saales, fiir die er die Skizzen fiir die
Planetensiegel zeichnet, die Kapitalformen plastiziert, die Planetensiegel fiir das eigentliche Kongrefi-
Programm zeichnet und so weiter.
18. bis 21. Mai 1907 (Pfingsten)
Der Kongrefi als Versuch t(ur Erneuerung der
abendldndischen Mysterien
Der KongreB mit ca. 600 Teilnehmern wird am 18. Mai, 10 Uhr vormittags, durch Rudolf Steiner als
amtierender President des Kongresses eroffnet. Annie Besant als Ehrenprasidentin spricht nach den
verschiedenen Generalsekretaren. In der kiinstlerischen Abendveranstaltung wird u.a. von Marie von
Sivers die Arielszene aus Goethes Faust, II. Teil,rezitiert.
Am Pfingstsonntag, 19. Mai, halt am Vormittag Rudolf Steiner seinen ersten KongreBvortrag
«Die Einweihung des Rosenkreuzers» ; nachmittags um 5 Uhr folgt die Auffuhrung des «Heiligen
Drama von Eleusis», Mysterium von Edouard Schure mit Musik von Bernhard Stavenhagen.
Dem Programm war die folgende Ubersicht beigelegt worden:
Kurze Inhaltsubersicht
iiber Edouard Schur6s
heiliges Drama von Eleusis
Dargestellt im Verlauf des Kongresses der Fede-
ration europaischer Sektionen der Theosophischen
Gesellschaft am 19. Mai 1907.
/. Prolog: Ermahnung Persephones durch ihre
Mutter Demeter, sich nicht von Eros bewegen
zu lassen, die verfiihrerische Narcisse zu pfliicken,
sondern an dem Weltenschleier zu weben, in dem
die Geschicke der Welt bis zum Chaos herunter
eingearbeitet sind, doch noch nicht das bewuBte
Leben der Menschen. Die Nymphen wirken als
mahnendes Element, sie suchen Persephone zur
Erfullung des Gelobnisses zu verhalten. Eros er-
scheint als Verfiihrer. Persephone pfliickt die Nar-
cisse des «Wunsches» und kann dadurch von Pluto
geraubt werden.
* Unmittelbar vor dem Miinchner KongreB wurde der Nachfolger fiir H. S. Olcott gewahlt. Die Wahl fiel auf Annie Besant.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 2 6
/. Aufcug. 1. Auftritt. Demeter erscheint bei
Hekate, ihren Schmerz klagend und den Aufent-
halt ihrer Tochter erfragend. Nachdem sie gehort,
daB diese von Pluto geraubt ist, will sie erfahren,
wo sie bei einem freien Volke leben und sich
ihrem Schmerze ganz hingeben kann. Sie wird
von Hekate nach Eleusis verwiesen. Dort sei eben
der KQnig gestotben. Um unerkannt dort ein-
treten zu konnen, wird sie von Hekate in eine
greise Bettlerin verwandelt.
2. Auftritt. Metanira, die Witwe des verstorbe-
nen Konigs von Eleusis, ist von ihren drei Toch-
tern umgeben, welche des Vaters Tod beklagen;
sie selbst aber ist nur darauf bedacht, daB der
Sohn, Triptolem, das Volk bewegen soil, zum
Nachfolger des Vaters gewahlt zu werden. Dieser
will nicht dutch Uberredung die Krone erlangen,
sondern sie nur haben, wenn das Volk ihn un-
beeinfluBt wahlt. (3. Auftritt.) Da tritt Demeter
ein (4. Auftritt) in der Gestalt einer greisen Bett-
lerin. Sie wird von den Tochtern und von Trip-
tolem gut empfangen, von Metanira scharf zu-
riickgewiesen. Da Demeter (5. Auftritt) zu Trip-
tolem allein spricht, werden Funken unter ihrem
Gewande sichtbar. Sie teilt dem Triptolem den
Verlust der Tochter mit, und dieser verspricht, in
die Unterwelt hinabzusteigen, sie zu holen. De-
meter erkennt seine groBe Natur und sagt, daB
sie ihn «zu dem gottlichsten der Helden» machen
wolle. Sie beruhrt ihn, was eine Lichterscheinung
hervorruft. Metanira eilt herbei (6. Auftritt), Fluche
fiber Demeter ausstoBend, die sich darauf zu er-
kennen gibt und Triptolem zum kunftigen Opfer-
priester von Eleusis weiht. Metanira aber wird aus
dem Heiligtum verwiesen. Diese verflucht deshalb
Triptolem.
2. Auf^ug. Pluto auf dem Throne, neben Perse-
phone. Er will sie veranlassen, aus seinem Kelche
die Frucht des Granatapfels zu trinken. Klagende
Schatten erscheinen vor Persephone, die durch ihr
Schicksal hin- und hergeworfen wird. Sie wollen
Persephone abhalten, die Frucht zu genieBen. Bin
Chor von Damonen will sie dazu verfiihren. Trip-
tolem erscheint (3. Auftritt) mit Hekate,, Perse-
phone zu holen.
3. Auf^ug. Zeus. Er beklagt das Schicksal der
Persephone und des Triptolem, der nun auch durch
Pluto gefangen ist. Er sagt, daB nur Dionysos in
neuer Gestalt das Befreiungswerk vollfuhren
konnte. Demeter erscheint. Zeus teilt ihr mit, daB
ein neuer Dionysos zur Befreiung der Verdamm-
ten entstehen musse, und daB dieser nur durch
seines, des Zeus, Feuer im Verein mit dem Lichte
der Demeter entstehen konne. Demeter will erst
dies Werk nicht vollbringen, weil sie nicht haben
will, daB der Dionysos in neuer Gestalt wieder
von den wilden Titanen zerrissen werde. Doch
Zeus sagt: dieser Dionysos werde starker sein.
Demeter versinkt in Schlaf. Aus ihrem Traume
wird im Verein mit der Kraft des Zeus der neue
Dionysos geschaffen. Bevor dieser erscheint, kfin-
det ein «Chor von unsichtbaren Seligen» das
Mysterium des Werdens feierlich. Dann erscheinen
Triptolem und Persephone im Wagen von feuri-
gen Drachen gezogen. Persephone erkennt in Dio-
nysos den Gott, mit dem sie durch Sehnsucht
immer vereint war, Dionysos in Persephone die
Schwester, der er fur alle Ewigkeit gehort. Zeus
entsendet Triptolem als eingeweihten Priester nach
Eleusis. Ein Chor von unsichtbaren Helden spricht
von dem Geheimnis der Einweihung.
Die Chore sind :
Nymphen: O Persephone! O Jungfraul
Des Himmels keusche Brautl
In deinen Schleier webest du
Der Gotter lichte Formen,
Der Erde eitler Trug
Sei ewig feme dir !
Der Wahrheit reiner Glanz
Nur strahle deinem Blick !
Im Empyraum lebet dir
Dionysos, der Gemahl,
Vom Himmel selbst erkoren
Wie ferner Sonne keuscher Strahl
Beruhrt sein KuB dich nur.
Von deinem Atem lebet er,
In seinem Lichte atmest du -
Es ist nicht groB'rer Heil
Zu finden im weiten All.
Nicht dessen denke
Der eitlen Frage
Entziehe dich.
Nicht weiter forsche!
Entflieh Gefahren,
O gottliche Jungfraul
Ein Traum ist es nur,
Doch Wesen wird er,
Wenn schuldiger Wunsch
In deine Seek ihn ruft.
In Schein muB vergehen
Den Menschen drohend
Und auch den Gottern.
Des Himmels Wonne dir,
Wenn Heiles Mahnung
Umsonst dir ertont,
Den Schleier webe weiter,
VergiB, was Eros unkeusch
Dir ofFenbaren mag.
Ungliickliche, halt ein.
Gib acht, Persephone,
Unheil kann leicht
Aus Zauberei entstehen.
27
Chor der unsichtbaren Damonen im Tartaros
Persephones Besieger,
Dem gr oBen Pluto,
Ihm sei Ehre!
Es jubelt die Holle
An deinem Hochzeitsfest.
In tausend Freudenfeuern
Erglanzt der Tartaros.
Bis jetzt entwichen
Der Erde Kinder ihm
In ihrer Unschuld.
Zu leicht waren sie
Dem Reich der Finsternis.
Doch jetzt besitzend
Die Gottin der Hohe,
In unermeBlicher Zahl
VergiB, VergiB,
Du sollst trinken
Aus diesem Kelche
Und uns zum Tranke
Ihn reichen.
Erobern wir sie uns.
Denn Ziehen werden sie
Die Fehler ihres Lebens
Und ihrer Formen Schonheit
In unser Reich.
Bevolkern muB sich dies
Mit eitlen Schatten,
Ihr Strygien, Harpyen
Ihr Ungeheuer, freut euch
Im Liigenbaume.
Dem Pluto Ehre!
Vor Freude erzittert
Die Holle, und halten
Wird seine Beute
Der dunkle Tartaros.
Verlangen wir
Aus diesem Kelchf
Es brennt in uns
Der Holle Durst,
Er allein
Des Lebens Kraft zu trinken Kann loschen ihn.
Chor der Schatten
Der Gotter Inbrunst durchgeistigt die Welt
Und Menschen beben bis in Seelentiefen.
Erschaffen ringt aus Sinnes-Dammerung.
Ins Dasein treten neue Gotterwesen.
In Ehrfurcht sollen neigen sich die Menschen,
Wenn offenbar wird heilig Geisterwalten.
Es stromen Formen ohne Zahl ins Leben,
Wenn einen Blick das Gotterauge sendet
Ins ungemeB'ne Reich der Raumesweiten.
Es keimen Welten aus dem Nichts ins Sein,
Sie sinken aus dem Sein ins Wesenlose,
Und schaffen so die Gottertageszeiten,
Wie Licht und Dunkel die fur Menschen.
Ihr aber, Saat des Abgrunds, ihr Seelen,
Die ihr verstreut im Totenreich euch seht,
Das Steuer, das bisher euch fehlte, soil
Gegeben sein in eure eigne Hand !
Der Feuerherd, aus dem einst ihr erstanden,
Er war bis jetzt verborgen eurer Seele . . .
Enthullen wird er sich nun fur euch!
Es wird der Gottermutter Traumesmacht
Beleben, was der Gottervater formt.
Und aus belebter Form erstehen soli
Der neue Gott, der starke Lichtestrager.
Und ihr sollt aufnehmen ihn in eure Seelen,
Auf daB aus seiner Kraft sich wandeln kann,
Was sterblich war in euch, in unsterblich Sein.
Du siehst nur Seelen in uns Die Rettung, o Konigin
Gebeugt von Ungliicksgewalt, Von dir, dich bittend
An diesem Ufer irrend Zu fiihren uns hinan
Erflehen wollen wir In Elysiums Gefilde.
Nicht trinke, Persephone,
Das rote Blut
Im schwarzen Kelch.
Und laB emporsteigen uns
Aus Hekates Finsternis,
Ins Elysaische Reich.
Chor der unsichtbaren Seligen
Wenn in der Traume Geisterreich entschwebt
Die Gottin aller Erdenfruchtbarkeit,
Dann stromen Werdekrafte durch das All,
Cbor der unsichtbaren Helden
Ihr Zeugen tief verborgner Wissenschaft !
Was in der Welten tiefstem Grunde ruht,
1st hullenlos vor eurem Seherblick.
Behalten soli der Geist, was er geschaut,
Bewahren das Gedachtnis es im Erdenreich . .
Zum Trost gereich es euch, so lang ihr lebt !
Als Fiihrer nehmet es ins Geisterland!
In Herzenstiefen als geheimer Schatz
Verschlossen muB dies Heiligtum doch sein,
Dem Edelstein gleich, der im Felsen ruht.
Ins Weltensein der Weisheit reinen Strahl
Zu tragen ist des Sehers hohe Pflicht,
Verraten aber, wo ihr Urstand liegt,
Mag jener nur, der sie verlieren will.
Montag, 20. Mai: Rudolf Steiner halt semen zweiten KongreBvortrag «Planetenentwickelung und
Menschheitsentwickelung ».
Dienstag, 21. Mai: Rudolf Steiner spricht iiber Erziehungsfragen am Vormittag und am Nachrnittag
liber die Saalausgestaltung.
Abends SchluB des Kongresses durch musikalische Darbietungen und SchluBreden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:28
Mai/Juni 1907
Marie von Sivers berichtet Edouard Schure
fiber die Auffiihrung seines Mysteriums
Einen lebendigen Eindruck von der Auffuhrung und den Arbeitsproblemen vermittelt, was Marie von
Sivers an Edouard Schure' berichtete, der selbst nicht nach Miinchen gekommen war:
«Munchen, den 26. Mai 1907. Dies ist der erste Tag, an dem ich ein paar ruhige Stunden in meinem Zim-
mer habe, bald werden die Menschen hereinstromen, aber ich versuche, Ihnen bis dahin wenn nicht ein
Aper$u, so doch wenigstens einige Mitteilungsfetzen zu geben. Mein langes Schweigen vor dem KongreB
war mir selbst am schmerzlichsten. Ich habe nicht gewagt, Sie zum Kommen zu veranlassen, denn wenn
die Veranstaltung miBgliickt ware, so hatten Sie peinliche Momente erlebt und eine lange Reise mit Stra-
pazen auf skh genommen, um unangenehme Eindriicke zu empfangen. Und dann wuBten wir wirklich
bis zum letzten Moment nicht, ob wir es schaffen wiirden. Die Widerstande waren sehr groB. Sie miissen
bedenken, dafi die Schauspieler aus verschiedenen Stadten kamen und sich erst sehr spat zusammen-
finden konnten. Von zwei Damen, welche wir als unsere Sterne betrachteten und die in den Rollen
von Persephone und Hekate Ausgezeichnetes versprachen, muBte die eine fort, um eine Schwagerin in
Briissel zu pflegen, die plotzlich wahnsinnig geworden war; die andere wurde selbst nervenkrank, und
wahrend einer Woche hatten wir sie hier, ohne sie ihrer Mutter schicken zu konnen, von welcher sie die
Krankheit geerbt hat und von der sie ihr ganzes Leben hindurch gequalt worden ist. Schliefilich muBte
man sie in eine Irrenanstalt bringen, es war wirklich eine Katastrophe. So waren die Chancen fiir das
Gelingen der Auffiihrung sehr gering geworden. Nach manchem Zogern entschlossen wir uns, es mit
einem sehr armen jungen Madchen zu versuchen, die ein iiberaus schweres Leben hat und in Momenten
der Niedergeschlagenheit ganz hoffnungslos wirkt, weil es ihr an Energie fehlt. Sie setzt sich dann
hin, legt die Hande in den SchoB und sagt: <Ich kann's mir nicht bieten.>* Gliicklicherweise konnte sie
sich die Rolle der Persephone <bieten>. Das war die Frage gewesen. Dann sah man den Funken, der
friiher in ihr schlafend gelegen hatte, sich entziinden, und sie wurde jeden Tag gliicklicher. Die zuerst
sehr schwache Stimme, die ihr immer in die Brust herunterrutschte, wuchs mit jedem Tage; aber erst in
der letzten Woche konnten wir sicher sein, dafi man sie verstehen wurde. Noch jetzt ist dieses junge
Madchen ganz verklart und sie hat noch immer die Alliiren einer Prinzessin. Diese Tage werden die
schonsten ihres Lebens gewesen sein. Im ganzen waren die Proben eine Quelle des Entziickens und
der Harmonie fiir viele. Wir hatten stets eine ganze Anzahl von Zuhorern, die nie genug bekommen
konnten und die das Stuck so schon fanden, daB sie es jeden Tag hatten horen mogen. Die Nymphen
und die Phantome waren sehr eifrig, gaben uns aber viel zu tun. Alle diese Leute hatten nie gespielt.
AuBer Triptolem, der Berufsschauspieler ist, aber Mitglied der Gesellschaft, und mir, die ich seiner-
zeit in Liebhabertheatern mitgewirkt habe, hatte keiner von unseren Leuten je das Rampenlicht gesehen.
Der Enthusiasmus hat alles ersetzt. Metanira war enttauschend. Diejenige, welche diese Rolle spielen
sollte, muBte die der Hekate iibernehmen, und die neue Darstellerin, eine sehr gescheite Dame,
zeigte keinerlei Buhnenverstandnis. Die Rolle des Triptolem war zunachst einem jungen Mann anvertraut
worden, der sehr gerne spielen wollte, durchaus sympathisch, aussehend wie ein Ephebe, aber so trost-
los in seinen Gesten und in seiner Sprache so unfahig jeglichen Aufschwungs, daB wir wahrend einiger
Zeit glaubten, die Sache seinetwegen aufgeben zu miissen, bis der Schauspieler kam, der urspriinglich
den Pluto spielen sollte und der ihn mit gutem Erfolg ersetzt hat. Dionysos war ein reizendes junges
Madchen, halb Italienerin, halb Polin, die als Letzte erschien und zunachst mit einem Akzent sprach,
der uns zusammenfahren liefi. Sie war zwar nett, aber auBerst ungeschickt, und die SchluBapotheose
war in Gefahr, ihretwegen ins Wasser zu fallen. Man muBte also alle Tage intensiv mit ihr arbeiten
und ihr das Wesen der deutschen Aussprache beibringen. Hierdurch geriet meine Stimme, nachdem
ich sie bereits durch einen Husten und das dauernde Sprechen bei den Proben erschopft hatte, in
* Im Text in deutscher Sprache.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:29
einen solchen Zustand, dafi ich wahrend der letzten Woche vollig heiser war und fiirchtete, bei der Auf-
fiihrung nicht sprechen zu konnen, zumal da ich keine Moglichkeit hatte, mich zu pflegen und mich
den ganzen ubrigen Verpflichtungen zu entziehen. Abgesehen von meinen Obliegenheiten als Sekretarin
der Deutschen Sektion und des KongreB-Bureaus hatten wir, nur fur diese Auffiihrung, einrichten
miissen: zwei Mai- Ateliers (fur die Kulissen), ein Schneider- Atelier (selbst die Kostiime wurden alle
nach Angaben von Dr. Steiner von unseren Mitgliedern gemacht), schliefilich zwei weitere Ateliers, wo
unsere Maler fur die Ausschmiickung des Saales (des spateren Tempels, nach den Zeichnungen von
Dr. Steiner) arbeiteten. Das gab ein Hin und Her wie in einem Ameisenhaufen - iiberall eine fiebrige
Hast, denn man hat sich in die groBen Ausgaben erst gestiirzt, als man wirklich sicher war - mehr
oder weniger daB man spielen konnte.»
«28. Mai. Herr Stavenhagen (der xibrigens kein Hollander ist) hatte seine Musik erst drei Tage vor der
Auffiihrung fertig und zu dem vorgesehenen SchluBchor ist er iiberhaupt nicht mehr gekommen. Die
Musik war jedoch schon; ich weiB nicht, wie es die Auslander gefunden haben, die Deutschen
fanden jedenfalls, daB es <wie Spharenharmonio gewesen sei. Und die Schauspielertruppe fand es auch
sehr schon: wiirdig, stark und atherisch - durchaus religios.
Ich glaube, daB es fiir die Dichtung von Vorteil war, daB sie nicht mit Musik gemischt wurde.
Durch die schonen Vorspiele wurde eine religios-gesammelte Stimmung hervorgerufen; dann herrschte
das Wort allein und die Idee konnte um so klarer hervortreten.
Die Deutschen waren wirklich begeistert, sie haben nicht banale Komplimente gemacht, aber sie
waren durch das Drama selbst zutiefst ergriffen und haben uns dringend um eine Wiederholung gebe-
ten; das war jedoch nicht moglich. Die Auslander waren wohl kritischer und kiihler, aber wie Sie es
selbst schon geahnt haben, war eine groBe Anzahl von ihnen mit durchaus feindseligen Gefuhlen
gekommen, entschlossen, sich dem fortschrittlichen Geist zu widersetzen, mit Ironie zu behandeln, was
ihr Verstandnis iibersteigt, und alles abzuweisen, was sie fur unorthodox halten. Es war aber eigenartig
zu beobachten, wie der Widerstand nach und nach sich verringerte, und manche waren schliefilich
ergriffen. Die Blechs und Mr. Pascal* werden ihre reservierte Haltung gewiB nie aufgeben, aber der
letztere ist ganz am Ende seiner Krafte, und die Blechs sind auBerordentlich engstirnig; auch glaube
ich, daB es ihnen einen merkwurdigen Eindruck gemacht hat, daB wir die Bedeutung Ihres Werkes
so stark betonen, wahrend sie durch ihre englische Erziehung wohl daran vorbeigegangen sind. Ihre
Gefuhle sind daher sehr gemischt.
Mit Recht erkannten Sie die Hand von Dr. Steiner in der Ubersetzung. Ich weiB nicht, warum Herr
Sauerwein** Ihnen gesagt hat, daB sie von mir ist. Ich kenne Herrn Sauerwein ubrigens nicht, habe
ihn nie gesehen. Herr Steiner hat mir von ihm gesprochen als von einem Theosophen, den er einmal
in Wien kennen gelernt hat, der am Tage der Auffiihrung am KongreB war und mit Ihnen bekannt ist.
Da er nach Paris ging, bat er ihn, Sie von uns zu griiBen. Vielleicht hat Herr Sauerwein auf dem
Biichertisch die zwei Werke gesehen, welche ich iibersetzt habe, und daraus geschlossen, daB ich auch
die Ubersetzerin des <Heiligen Dramas > bin.
Ich habe die Prosa-Ubersetzung gemacht und erst hier, im Laufe des letzten Monats, ist Herr Steiner
an die Arbeit gegangen, um sie in Rhythmen zu bringen. Unter welchen Schwierigkeiten! Standig
wurde er unterbrochen, man verlangte ihn dauernd. Er ging weg, kam wieder fur fiinf Minuten, setzte
seine dichterische Arbeit fort und ging dann wieder, von einem andern gerufen. Er hat in alien Kiinsten
und in alien Handwerken gearbeitet, alle angeleitet: Maler, Bildhauer, Musiker, Schreiner, Tapezierer,
Schauspieler, Schneiderinnen, Theaterarbeiter, Elektriker. Wenn er das notige Material und die Arbei-
ter zur Verfiigung gehabt hatte, so hatte er in kurzer Zeit etwas Fabelhaftes zuwegegebracht: den
Tempel der Zukunft. So konnte er nur Ideen skizzieren, aber sie werden befruchtend wirken.
Mit alledem konnten die letzten Szenen des Dramas erst in einem Moment fertiggestellt werden,
* Prominente franzosische Theosophen.
** Jules Sauerwein, der u. a. die «Geheimwissenschaft» iibetsetzte.
Copyright Rudolf Steiner Nachiass-Verwaltung Birch: 284 Seite:30
welcher mir schon hochst kritisch schien. Ich hatte wohl das Vertrauen, daB man es schaffen wiirde,
aber darauf mochte ich mich nicht verlassen, es ware tollk-iihn gewesen. Es hatte mich zugleich er-
freut und erschreckt, wenn Sie geschrieben hatten, daB Sie kommen, aber Sie dazu zu ermutigen,
wagte ich nicht. Man mochte ja nicht die schiitzenden Geister herausfordern, sondern mir vorsichtig
ihre Hilfe erbitten. Was mich am meisten erstaunt hat, ist, dafi ich fur die Auffiihrung meine Stimme
wiedergefunden habe - so ruhig und sicher, wie wenn sie nie durch Husten gequalt und durch die
Miidigkeit erschopft gewesen ware.»
«Kassel-Wilhelmsh6he, 17.Juni 1907. Ich ... bedaure lebhaft, Ihnen nicht diese in Miinchen geschriebe-
nen Blatter gesandt zu haben, von denen ich glaubte, daB ich sie noch in alien Einzelheiten wiirde ergan-
zen konnen. Aber jeder Tag brachte etwas Unerwartetes. Fiir den Zyklus Dr. Steiners in Miinchen*
waren etwa zweihundert Personen dageblieben, die uns einfach in Stiicke rissen. Es war sehr schwierig ab-
zureisen. Die letzten Tage hatten wir um neun Uhr abends noch zehn Personen, die darauf warteten, emp-
fangen zu werden. Wenn wir, wie auch in diesem Falle, den Morgenzug nehmen, so packen wir unsere
Koffer zwischen zwei und sechs Uhr morgens, ohne ins Bett zu gehen. Direkt vom Zuge ging Herr Steiner
dann zu einem offentlichen Vortrag in Leipzig, ein andrer folgte am nachsten Tage . . . Am Morgen des
15. Juni muBten wir den Zug nach Kassel nehmen, wo jetzt ein zweiwochiger Zyklus stattfindet. **...»
Der Miinchner Kongrefi als Ausgangspunkt ^ur
Trennmg von der Theosophischen Gesellschajt
Die esoterisch-kiinstlerische Gestaltung des Miinchner Kongresses durch Rudolf Steiner hatte auch
eine starke gesellschaftsgeschichtliche Auswirkung. Vom Gesichtspunkt des Gesellschaftslebens bedeu-
tete sie den grofiangelegten Versuch Rudolf Steiners, die von ihm von Anfang an vertretene abend-
landisch-christlich-rosenkreuzerische Esoterik in den internationalen Umkreis der Theosophischen Ge-
sellschaft hineinzustellen. Dies wurde jedoch, wie er es in seinem «Lebensgang» (siehe Seite 33 dieses
Bandes) schildert, gerade von den nichtdeutschen Theosophen abgelehnt. In dieser «inneren Haltung»
habe der «wahre» Grand gelegen, warum die anthroposophische Gesellschaft nicht als «ein Teil»
der theosophischen weiterbestehen konnte.
Auf Grund des von Rudolf Steiner damals schon vorausgesehenen Verfalles der Theosophischen
Gesellschaft fiihrte er noch wahrend des Kongresses mit der neuen Prasidentin, Annie Besant, in An-
wesenheit von Marie von Sivers als Dolmetscherin, ein langeres Gesprach. Marie von Sivers berichtete
spater, daB Rudolf Steiner in diesem Gesprach versucht habe, Annie Besant «in herzlich-ehrerbietiger,
aber tief eindringlicher Weise» auf manches in diesem Zusammenhang hinzuweisen und ihr zugleich
darzulegen, daB er fortan seine «eigene esoterische Arbeit, unabhangig von der ihrigen, ganz auf den
Boden der abendlandisch-christlichen Mystik» zu stellen genotigt sei. Sie habe sich dies schweigend
angehort.*** Rudolf Steiner selbst auBerte skh auch einmal iiber dieses Gesprach dahingehend, daB
« Annie Besant vor einem Zeugen [Marie von Sivers], der jederzeit bereit sein wird, Zeugenschaft
davon abzugeben, 1907 in Miinchen gesagt hat, daB sie in bezug auf das Christentum nicht kompetent
sei. Und deshalb trat sie sozusagen damals die Bewegung, insofem das Christentum einfliefien soli,
mir ab.»**** Annie Besant schrieb auf dem Hintergrunde dieses Gespraches am 7. Juni 1907, also kurz
* 22. Mai bis 6. Juni 1907 angekiindigt im KongreB-Piogramm als «Ein Kutsus iiber die Theosopbie nach Rosenkteuzer-
tnethode», gedruckt unter dem Titel «Die Theosopbie des Rosenkreuzersw, Bibl.-Nr. 99.
** Mit dem Titel «Theosophie und Rosenkreuzertum», enthalten in Bibl.-Nt. 100 «Menschheitsentwickelung und Chfistus-
Erkenntnis».
*** Marie Steiner, Vorwort zu «Studienmaterial aus den Sitzungen des DreiSiger-Kreises Stuttgart 1922/23 », Privatvervielfiltigung
Dornach 1947.
**** Rudolf Steiner, Ansprache Berlin 14. Dezember 1911, vorgesehen fiir Bibl.-Nr. 251; ferner auszugsweise enthalten in «Aus
dem Leben von Marie Steiner-von Sivers, Biograpbische Beitrage und eine Bibliogtaphie* von Hella Wiesberger, Dornach 1956.
Copyright Rudolf Steiner Nachiass-Verwaltung Buch:284 Seite: 31
nach ihrer Riickkehr von Munchen nach London, dem deutschen Theosophen Wilhelm Hiibbe-Schlei-
den*: «Lieber Dr. Hiibbe-Schleiden, Dr. Steiners okkulte Schulung ist von der unserigen sehr verschie-
den. Er kennt den ostlichen Weg nicht, daher kann er ihn auch nicht lehren. Er lehrt den christlich-
rosenkreuzerischen Weg, der fur manche Menschen eine Hilfe, aber von unserem verschieden ist. Er hat
seine eigene Schule und tragt auch selbst die Verantwortung dafur. Ich halte ihn fur einen sehr guten
Lehrer in seiner eigenen Richtung und fur einen Mann mit wirklichen Erkenntnissen. Er und ich arbeiten
in vollkommener Freundschaft und Harmonie, aber in verschiedenen Richtungen. Stets Ihre Annie
Besant.» In Wirklichkeit war diese «Freundschaft und Harmonie» keineswegs so «vollkommen», wie
Annie Besant es in diesem Brief ausdriickte. Im Laufe der folgenden Jahre wurde dies immer deutlicher
erkennbar, bis sich 1912/13 die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft in die selbstandige
Anthroposophische Gesellschaft umwandelte.
H. W.
* Der Originalbrief in englischer Sptache ist faksimiliert wiedergegeben in Emil Bock, « Rudolf Steiner, Studien zu seinem
Lebensgang und Lebenswerk», Stuttgart 1961.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:32
RUDOLF STEINER
DER MUNCHNER KONGRESS PFINGSTEN 1907
Aus «Mein Lebensgang» 38. Kapitel
In Berlin und in Miinchen waren gewissermaBen die zwei entgegengesetzten Pole der anthro-
posophischen Wirksamkeit zu entfalten. Es kamen ja an die Anthroposophie Personlichkeiten
heran, die weder in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung noch in den traditionellen
Bekenntnissen dasjenige an geistigem Inhalt fanden, was ihre Seelen suchen mufiten. In Berlin
konnte ein Zweig der Gesellschaft und eine Zuhorerschaft fur die offentlichen Vortrage nur
aus den Kreisen derjenigen Personlichkeiten entstehen, die auch alles ablehnten, was an Welt-
anschauungen im Gegensatz zu den traditionellen Bekenntnissen sich gebildet hatte. Denn die
Anhanger solcher auf Rationalismus, Intellektualismus und so weiter begriindeten Weltanschau-
ungen fanden in dem, was Anthroposophie zu geben hatte, Phantastik, Aberglaube und so
weiter. Eine Zuhorer- und MitgHederschaft entstand, welche die Anthroposophie aufnahm,
ohne mit Gefiihl oder Ideen nach anderem als nach dieser gerichtet zu sein. Was man ihr von
anderer Seite gegeben hatte, das befriedigte sie nicht. Dieser Seelenstimmung muBte Rechnung
getragen werden. Und indem das geschah, vergroBerte sich immer mehr die Mitglieder- wie
auch die Zuhorerzahl bei offentlichen Vortragen. Es entstand ein anthroposophisches Leben,
das gewissermaBen in sich geschlossen war und wenig nach dem blickte, was sonst an Versuchen
sich bildete, in die geistige Welt Blicke zu tun. Die Hoffnungen lagen in der Entfaltung der
anthroposophischen Mitteilungen. Man erwartete, im Wissen von der geistigen Welt immer
weiter zu kommen.
Anders war das in Munchen. Da wirkte in die anthroposophische Arbeit von vornherein
das kunstlerische Element. Und in dieses lieB sich eine Weltanschauung wie die Anthropo-
sophie in ganz anderer Art aufnehmen als in den Rationalismus und Intellektualismus. Das
kunstlerische Bild ist spiritueller als der rationalistische Begriff. Es ist auch lebendig und
totet das Geistige in der Seele nicht, wie es der Intellektualismus tut. Die tonangebenden
Personlichkeiten fur die Bildung einer Mitglieder- und Zuhorerschaft waren in Munchen solche,
bei denen das kiinsderische Empfinden in der angedeuteten Art wirkte.
Das brachte nun auch mit sich, daB in Berlin ein einheitlicher Zweig der Gesellschaft von
vornherein sich gestaltete. Die Interessen derjenigen, die Anthroposophie suchten, waren
gleichartig. In Munchen gestalteten die ktinstlerischen Empfindungen in einzelnen Kreisen
individuelle Bedurfnisse, und ich trug in solchen Kreisen vor . . .
Ich will mit den Charakteristiken, die ich von Berlin und Munchen als den entgegengesetz-
ten Polen des anthroposophischen Wirkens gebe, nichts iiber den Wert des einen oder andern
Poles sagen; es traten da eben Verscbiedenheiten bei Menschen auf, die man im Arbeiten zu
beriicksichtigen hatte, die in ihrer Art gleichwertig sind - wenigstens hat es keine Bedeutung,
sie vom Gesichtspunkte des Wertes aus zu beurteilen.
Die Art des Munchner Wirkens fiihrte dazu, daB der Theosophische KongreB, der 1907
von der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft veranstaltet werden sollte, in
Munchen stattfand. Diese Kongresse, die vorher in London, Amsterdam, Paris abgehalten
wurden, enthielten Veranstaltungen, die theosophische Probleme in Vortragen oder Diskus-
sionen behandelten. Sie waren den gelehrten Kongressen nachgebildet. Auch die administra-
tiven Fragen der Theosophischen Gesellschaft wurden behandelt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite: 3 3
An alledem wurde in Miinchen manches modifiziert. Den groBen Konzertsaal, der fur die
Tagung dienen sollte, lieBen wir - die Veranstalter - mit einer Innendekoration versehen,
die in Form und Farbe kiinstlerisch die Stimmung wiedergeben sollte, die im Inhalt des miind-
lich Verhandelten herrschte. Kiinstlerische Umgebung und spirituelle Betatigung im Raume
sollte eine harmonische Einheit sein. Ich legte dabei den allergroBten Wert darauf, die ab-
strakte, unkiinstlerische Symbolik zu vermeiden und die kiinstlerische Empfindung sprechen zu
lassen.
In das Programm des Kongresses wurde eine kiinstlerische Darbietung eingefiigt. Marie
von Sivers hatte Schures Rekonstruktion des eleusinischen Dramas schon vor langer Zeit
iibersetzt. Ich richtete es sprachlich fur eine Auffiihrung ein. Eine Ankniipfung an das alte
Mysterienwesen, wenn auch in noch so schwacher Form, war damit gegeben - aber, was die
Hauptsache war, der KongreB hatte Kiinstlerisches in sich. Kiinstlerisches, das auf den Willen
hinwies, das spiritueUe Leben fortan nicht ohne das Kiinstlerische in der Gesellschaft zu las-
sen. Marie von Sivers, welche die Rolle der Demeter iibernommen hatte, wies in ihrer Dar-
stellung schon deutlich auf die Nuancen hin, die das Dramatische in der Gesellschaft erlangen
sollte. - AuBerdem waren wir in einem Zeitpunkt, in dem die deklamatorische und rezitatorische
Kunst durch Marie von Sivers in dem Herausarbeiten aus der inneren Kraft des Wortes an dem
entscheidenden Punkte angekommen war, von dem aus auf diesem Gebiete fruchtbar weiter-
gegangen werden konnte.
Ein groBer Teil der alten Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft aus England, Frank-
reich, namentlich aus Holland waren innerlich unzufrieden mit den Erneuerungen, die ihnen
mit dem Miinchner KongreB gebracht worden sind. - Was gut gewesen ware, zu verstehen,
was aber damals von den wenigsten ins Auge gefaBt wurde, war, daB mit der anthroposo-
phischen Stromung etwas von einer ganz andern inneren Haltung gegeben war, als sie die bis-
herige Theosophische Gesellschaft hatte. In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund,
warum die anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der theosophischen weiter-
bestehen konnte.
DER KONGRESS DER FODERATION EUROPAlSCHER SEKTIONEN
DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
Ankiindigung des Kongresses in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» Nr. 33
Die Foderation Europaischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft soil - durch die
Kraftigung alles dessen, was in der Mission der theosophischen Bewegung liegt - die Ziele der
Gesellschaft in gemeinsamer Arbeit der Mitglieder aus verschiedenen Landem zu fordern
suchen. Mit Riicksicht auf dieses Ziel ist das Programm des nachsten Kongresses ausgearbeitet
worden, der am 18., 19., 20. und 21. Mai in Miinchen stattfinden wird. Er wird abgehalten
werden in der Tonhalle (Kaim-Sale) Miinchen, TiirkenstraBe 5.
Das Programm ist vor langerer Zeit an die samtlichen Mitglieder der Deutschen Sektion und
auch an die Mitglieder der auswartigen Sektionen versendet worden. Es enthalt die Mitteilun-
gen liber in Aussicht genommene Vortrage, iiber Darbietungen der bildenden Kunst, der Mu-
sik und der Poesie. Besondere Sorgfalt soil auf die theosophische Ausgestaltung der rein gesel-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:3 4
ligen Zusammenkiinfte gelegt werden, damit der KongreB die Zusammenarbeit in der wiin-
schenswerten Art zu fordern geeignet sein moge.
Es wird gerade in dem gegenwartigen Augenblicke von besonderer Wichtigkeit sein, daB
eine moglichst zahlreiche Beteiligung am Kongresse stattfinde. Wir stehen vielleicht vor wich-
tigen Entscheidungen in theosophischen Angelegenheiten, und der KongreB wird, wenn die
Gelegenheit nicht versaumt wird, manches beitragen konnen, um giinstige Wendungen fiir die
spirituellen Dinge herbeizufiihren. Es moge daher kein Mitglied der Gesellschaft, das nur
irgend den Besuch ermoglichen kann, bei dieser wichtigen Veranstaltung fehlen. Es ist ja die
Pfingstzeit aus dem Grunde gewahlt worden, daB moglichst viele unserer Mitglieder abkom-
men konnen.
Alle Sendungen innerhalb der Deutschen Sektion sind zu richten an Fraulein von Sivers.
Alle Sendungen im internationalen Verkehr dagegen an den Sekretar der internationalen Fede-
ration: Fraulein Sophie Stinde, Miinchen, AdalbertstraBe 55.
Alles iibrige Wiinschenswerte ist wohl aus dem ausgegebenen KongreBprogramm zu ent-
nehmen.
DER THEOSOPHISCHE KONGRESS VON 1907
Bericht in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis», Nr. 34
Es war die Aufgabe der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, den diesjahrigen
KongreB der «F6deration Europaischer Sektionen» zu veranstalten. Es geziemt sich daher
wohl, daB hier, aus dem Kreise der Veranstalter heraus, weniger iiber das gesprochen werde,
was erreicht worden ist, als vielmehr iiber das, was beabsichtigt worden ist. Denn die Veranstal-
ter wissen nur zu gut, wie wenig das Erreichte von dem geboten hat, was man bei einer solchen
Gelegenheit sich als Ziel setzen kann. Deshalb sei gebeten, das Folgende nur in dem Sinne
einer Schilderung der zugrunde liegenden Ideen mit Nachsicht aufzufassen.
Als Ort der Zusammenkunft wurde Miinchen bestimmt; die Zeit waren die Pfingsttage,
der 18., 19., 20. und 21. Mai. - Die Fragen, welche sich die Veranstalter bei der Vorbereitung
vorlegten, waren die: Wie kann sich durch einen solchen KongreB die Aufgabe der theosophi-
schen Bewegung innerhalb des gegenwartigen Geisteslebens zum Ausdrucke bringen? Wie
kann durch ihn ein Bild von den Idealen und Zielen der theosophischen Arbeit gegeben
werden? Da die Veranstaltung natiirlich an die Grenzen gebunden ist, welche durch die Ver-
haltnisse gegeben sind, so kann sie nur in beschranktem MaBe die tats'dchltche Antwort auf
diese Fragen darstellen. - Es scheint nun besonders wichtig, daB bei solchen Gelegenheken der
umfassende Charakter der theosophischen Bewegung betont werde. Zunachst steht ja im Mittel-
punkte dieser Bewegung die Pflege einer auf die Erkenntnisse des t)bersinnlichen gestiitzten
Weltanschauung. Und bei einem solchen Kongresse finden sich die Menschen zusammen,
welche im Sinne einer solchen Weltanschauung mit Uberbriickung aller Grenzen der Nationen
und sonstiger menschlicher Unterschiede an einem der ganzen Menschheit gemeinsamen gei-
stigen Ideale arbeiten. Die gegenseitige Anregung im besten Sinne wird die schonste Frucht
solcher Veranstaltungen sein. Dazu kommt nun, daB gezeigt werde, wie die geisteswissenschaft-
liche Arbeit wirklich sich hineinstellen soli in das ganze Leben unserer Zeit. Denn die geistige
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:35
Giundlage dieser Bewegung kann nicht nur dazu berafen sein, in Gedanken und Ideen, in
Theorien und so weiter sich auszuleben; sondem sie kann, als ein in unserer Zeit auftretender
Seeleninhalt, in alle Zweige des menschlichen Tuns und Schaffens befruchtend hineinwirken.
Man erfaBt wohl die Geisteswissenschaft nur dann im richtigen Sinne, wenn man ihr das Ideal
stellt, daB sich ihr Inhalt nicht nur fur die Vorstellung und das menschliche Innere iiberhaupt,
sondern fur den gan%en Menschen anregend verhalt. Will man ihre Mission in dieser Richtung
deuten, so mag man sich erinnern, wie zum Beispiel in den Bauwerken und Bildwerken (zum
Beispiel dem Sphinx) der Agypter sich die Weltanschauung der entsprechenden Zeit zum Aus-
drucke brachte. Die Ideen der agyptischen Weltanschauung wurden nicht nur von den Seelen
gedacht; sie wurden in der Umgebung des Menschen fur das Auge anschaulich. Und man
denke, wie alles, was von griechischer Bildnerei und Dramatik bekannt ist, die in Stein
geformte, im Dichtwerk dargestellte Weltanschauung der griechischen Seele ist. Man ziehe in
Betracht, wie sich in der mittelalterlichen Malerei die christlichen Ideen und Empfindungen
dem Auge zeigten, wie in der Gotik die christliche Andacht Form und Gestalt gewann. Eine
wahre Harmonie der Seele kann doch nur da erlebt werden, wo den menschlichen Sinnen in
Form, Gestalt und Farbe und so weiter als Umgebung sich das spiegelt, was die Seele als ihre
wertvollsten Gedanken, Gefuhle und Impulse kennt.
Aus solchen Gedanken heraus erwachst die Absicht, auch in der aufieren Art der Veran-
staltung bei einem KongreB ein Bild zu geben des geisteswissenschaftlichen Strebens. Der
Raum, in dem die Zusammenkunft vor sich geht, kann rings um den Besucher das theosophische
Empfinden und Denken widerspiegeln. Nach unseren Verhaltnissen konnten wir in dieser Rich-
tung nicht mehr als eine Skizze dessen geben, was als Ideal vorschweben kann. Der Versamm-
lungssaal war von uns so ausgekleidet worden, daB ein frisches, anregendes Rot die Grund-
farbe aller Wande bildete. Diese Farbe sollte die Grundstimmung der Festlichkeit in auBerer
Anschauung zum Ausdruck bringen. Es ist naheliegend, daB gegen die Verwendung des «Rot»
zu diesem Zwecke manches eingewendet werden wird. Diese Einwande sind berechtigt, solange
man auf ein exoterisches Urteil und Erleben sich stiitzt. Sie sind dem Esoteriker wohlbekannt,
der dennoch im Einklange mit aller okkulten Symbolik die rote Farbe zu dem hier in Betracht
kommenden Zwecke verwenden muB. Denn ihm darf es dabei nicht ankommen auf das, was
der Teil seines Wesens empfindet, der sich der unmittelbaren sinnlichen Umgebung hingibt;
sondern was im Geistigen schaffend das hohere Selbst im Verborgenen erlebt, wahrend die
auBerliche Umwelt physisch rot gesehen wird. Und das ist das genaue Gegenteil von dem, was
die gewohnliche Empfindung iiber das «Rot» aussagt. Die esoterische Erkenntnis sagt: «Willst
du dich im Innersten so stimmen, wie die Gotter gestimmt waren, da sie der Welt die grune
Pflanzendecke schenkten, so lerne in deiner Umgebung das <Rot> ertragen, wie sie es muBten.»
Damit ist auf einen - hier in Betracht kommenden - Bezug der hoheren Menschennatur zum
«Rot» hingedeutet, den der echte Esoteriker im Sinne hat, wenn er in der okkulten Symbolik
die beiden entgegengesetzten Wesenheken des schaffenden Weltgrundes so darstellt, daB nach
unten das Griin als Zeichen der irdischen, nach oben das «Rot» deutet als Zeichen der himm-
Hschen (elohistischen) Schopferkrafte. Man konnte noch viel von diesen Gegengriinden gegen
dieses «Rot» sagen, und viel zur Widerlegung; doch es moge hier diese kurze Andeutung dar-
iiber geniigen, daB diese Farbe im Einklange mit dem Okkultismus gewahlt worden ist.
An den Wanden wurden angebracht (zu beiden Seiten und an der Hinterwand) die so-
genannten sieben apokalyptischen Siegel in einer dem Raum entsprechenden GroBe. Sie stellen
ja im Bilde bestimmte Erlebnisse der astralischen Welt dar. Es hat ja damit eine eigene Be-
wandtnis. Zunachst wird wohl mancher Betrachter solche bildliche Darstellungen fiir gewohn-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:36
liche Symbole halten. Sie sind aber wesentlich mehr. Wer das, was in ihnen dargestellt wird,
einfach mit dem Verstande sinnbildlich deuten will, der ist in den Geist der Sache nicht
eingedrungen. Man sollte den Inhalt dieser sieben Bilder mit seiner ganzen Seele, mit dem
ungeteilten Gemiite erleben, man sollte ihn in sich nach Form, Farbe und Inhalt seelisch gestal-
ten, so daB er innerlich in der Imagination lebt. Denn dieser Inhalt entspricht ganz bestimmten
astralischen Erlebnissen des Hellsehers. Was dieser in solchen Bildern ausdriicken will, ist eben
ganz und gar nicht ein wiUkurliches Sinnbild oder gar eine stroherne Allegorie, sondern etwas,
was man am besten wohl zunachst durch einen Vergleich darstellt. Man nehme einen Menschen,
der in einem Zimmer von einem Lichte so beleuchtet wird, daB auf einer Wand sein Schatten-
bild sichtbar wird. Das Schattenbild ist in einer gewissen Beziehung ahnlich dem Menschen,
der den Schatten wirft. Aber es ist eben ein Bild in zwei Dimensionen von einem dreidimen-
sionalen Wesen. Wie sich nun der Schatten zur Person verhalt, so verhalt sich das, was in den
apokalyptischen Siegeln dargestellt wird, zu gewissen Erlebnissen des Hellsehers in der astra-
lischen Welt. Die Siegel sind - natiirlich in ubertragenem Sinne - Schattenrisse astralischer
Vorgange. Deshalb sind sie audi nicht beliebige Darstellungen eines Einzelnen, sondern es
wird in ihnen jeder, welcher die entsprechenden ubersmnlichen Vorgange kennt, deren Schatten-
risse in der physischen Welt wiederfinden. Derlei Dinge kann man in ihrem wesentlichen In-
halte nicht ersinnen, sondern man nimmt sie aus der vorhandenen Lehre der Esoteriker.
Einem Kenner dieser Dinge kann aufgefallen sein, daB einzelne unserer Siegel mit dem, was er
daruber in dem oder jenem Werke findet, uberemstimmen; andere aber nicht. Der Grund da-
von liegt darin, daB ja manches von den Imaginationen der Esoteriker bisher schon in Biichern
mitgeteilt worden ist; das Wichtigste allerdings - und das Wahre - darf xiberhaupt erst in unse-
rer Zeit in die Offentlichkeit treten. Und ein Teil der geisteswissenschaftlichen Arbeit muB
darin bestehen, manches von dem, was bisher streng als Geheimnis von den aufgestellten
Hiitern verwahrt worden ist, der Offentlichkeit zu iibergeben. Das fordert die Entwickelung
des geistigen Lebens unserer Zeit von den Tragern der Geisteswissenschaft.
Es ist die Entwickelung der Menschheit, deren Ausdruck in der astralischen Welt eine der
wesentlichsten Grundlagen des okkulten Wissens bilden muB, was in diesen sieben Siegeln zum
Ausdruck kommt. Der christliche Esoteriker wird sie in Schilderungen der «OfFenbarung
St. Johannis» in einer gewissen Weise wiedererkennen. Die Gestalt aber, die sie in unserem Fest-
saal dargeboten haben, entspricht der esoterischen Geistesstrdmung, welche seit dem 14. Jahr-
hundert die tonangebende des Abendlandes ist. Solche Geheimnisse des Daseins, wie sie in
diesen Bildern wiedergegeben werden, stellen uralte Weisheiten dar; die Hellseher der verschie-
denen Menschheitsepochen sehen sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Deshalb andern
sich, nach den notwendigen Entwickelungsbediirfnissen der Zeiten, die Formen etwas. In der
«Offenbarung St. Johannis» ist «in Zeichen gesetzt», was «in der Kiirze» geschehen soil. Wer
eine geheimwissenschaftliche Ausdrucksform sachgemaB zu lesen versteht, der weiB, daB dies
nichts anderes bedeutet, als den Hinweis auf die geheimwissenschaftlichen Zeichen fiir gewisse
Imaginationen, die man in der astralischen Welt erleben kann, und die mit dem Wesen des
Menschen zusammenhangen, insofern sich dieses in der Zeit enthiillt. Und auch die Rosen-
kreuzersiegel stellen dasselbe dar. - Nur ganz skizzenhaft, mit ein paar Worten soil auf den
unendlich reichen Inhalt der Siegel gedeutet werden. Im Grunde bedeutet alles - selbst das
scheinbar Geringfiigigste - auf diesen Bildern Wichtiges.
Das erste Siegel stellt des Menschen ganze Erdenentwickelung im allgemeinsten dar. In der
«Offenbarung St. Johannis» wird mit den Worten darauf hingedeutet: «Und als ich mich
wandte, sah ich sieben giildne Leuchter, und mitten unter den sieben Leuchtern einen, der war
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:37
eines Menschen Sohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewande und begiirtet um die
Brust mit einem gxildenen Giirtel. Sein Haupt aber und sein Haar waren weiB wie Wolle, als
der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine FiiBe gleich wie Messing, das
im Ofen gliihet, und seine Stimme wie groB Wasserrauschen, und hatte sieben Sterne in seiner
rechten Hand; und aus seinem Munde ging ein scharf, zweischneidig Schwert; und sein Ange-
sicht leuchtete wie die helle Sonne.» In allgemeinen Ziigen wird mit solchen Worten auf um-
fassende Geheirnnisse der Menschheitsentwickelung gedeutet. Wollte man darstellen in aus-
fiihrlicher Art, was jedes der tief bedeutsamen Worte enthalt: man miiBte einen dicken Band
schreiben. Unser Siegel stellt solches bildlich dar. Nur ein paar Andeutungen seien gemacht:
Unter den korperlichen Organen und Ausdrucksformen des Menschen sind solche, die in ihrer
gegenwartigen Gestalt die abwartsgehenden Entwickelungsstufen fruherer Formen darstellen,
die also ihren Vollkommenheitsgrad bereits uberschritten haben; andere aber stellen die An-
fangsstufen der Entwickelung dar; sie sind jetzt gleichsam die Anlagen zu dem, was sie in der
Zukunft werden sollen. Der Esoteriker muB diese Entwickelungsgeheimnisse kennen. Ein
Organ, das in der Zukunft etwas viel Hoheres, Vollkommeneres sein wird, als es gegenwartig
ist, stellt das Sprachorgan dar. Indem man dieses ausspricht, riihrt man an ein groBes Geheim-
nis des Daseins, das oftmals auch das «Mysterium des schaflFenden Wortes» genannt wird. Es ist
damit eine Hindeutung auf den Zukunftszustand dieses menschlichen Sprachorgans gegeben,
das einmal, wenn der Mensch vergeistigt sein wird, geistiges Produktionsorgan wird. In den
Mythen und Religionen wird diese geistige Produktion durch das sachgemaBe Bild von dem
aus dem Munde kommenden « Schwert » angedeutet. So bedeutet jede Linie, jeder Punkt gewis-
sermaBen auf dem Bilde etwas, was mit des Menschen Entwickelungsgeheimnis zusammen-
hangt. DaB solche Bilder gemacht werden, geht nicht etwa bloB aus einem Bedurfnisse nach
einer Versinnlichung der iibersinnlichen Vorgange hervor, sondern es entspricht der Tatsache,
daB das Hineinleben in diese Bilder - wenn sie die rechten sind - wirklich eine Erregung von
Kraften bedeutet, welche in der Menschenseele schlummern, und durch deren Erweckung die
Vorstellungen der iibersinnlichen Welt auftauchen. Es ist namlich nicht das Richtige, wenn in
der Theosophie die iibersinnlichen Welten nur in schematischen BegrifFen beschrieben werden;
der wahre Weg ist der, daB die Vorstellung solcher Bilder erregt wird, wie sie in diesen Siegeln
gegeben werden. (Hat der Okkultist solche Bilder nicht zur Hand, so soil er miindlich die Be-
schreibung der hoheren Welten in sachgemaBen Bildern geben.)
Das 2weite Siegel stellt, mit dem entsprechenden Zubehor, einen der ersten Entwickelungs-
zustande der Erdenmenschheit dar. Diese Erdenmenschheit hat in ihren Urzeiten namlich
noch nicht das entwickelt gehabt, was man Individualseele nennt. Es war damals noch das vor-
handen, was bei den Tieren noch jetzt sich findet : die Gruppenseele. Wer durch imaginatives
Hellsehen die alten menschlichen Gruppenseelen auf dem Astralplan verfolgen kann, der fin-
det die vier Arten derselben, welche in den vier apokalyptischen Tieren des zweiten Siegels
dargestellt werden: den Lowen, den Stier, den Adler, den Menschen. Damit ist an die Wahr-
heit dessen geriihrt, was oftmals so trocken allegorisch bei den vier Tieren «ausgedeutet»
wird.
Das dritte Siegel stellt die Geheirnnisse der sogenannten Spharenharmonie dar. Der Mensch
erlebt diese Geheirnnisse in der Zwischenzeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt (im
«Geisterlande» oder dem, was in der gebrauchlichen theosophischen Literatur «Devachan»
genannt wird). Doch ist die Darstellung nicht so gegeben, wie sie im «Geisterlande» selbst
erlebt wird, sondern so, wie die Vorgange dieses Gebietes sich in die astralische Welt gleichsam
hereinspiegeln. Es muB iiberhaupt festgehalten werden, daB die samtlichen sieben Siegel Erfah-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:38
rungen der astralischen Welt sind; doch konnen ja die anderen Welten in ihren Spiegelungen
im Astralen geschaut werden. Die posaunenblasenden Engel des Bildes stellen die geistigen
Urwesen der Welterscheinungen dar; das Buch mit den sieben Siegeln deutet darauf hin, daB
sich in den Erlebnissen, die in diesem Bilde veranschaulicht sind, die Ratsel des Daseins «ent-
siegeln». Die «vier apokalyptischen Reiter» stellen die menschlichen Entwickelungsstufen
durch lange Erdenzyklen hindurch dar.
Das vierte Siegel stellt unter anderem zwei Saulen dar, deren eine aus dem Meer, die andere
aus dem Erdreich aufragt. In diesen Saulen ist das Geheimnis angedeutet von der Rolle, welche
das rote (sauerstoffreiche) Blut und das blaurote (koHenstoffreiche) Blut in der menschlichen
Entwickelung spielt und wie dieses Blut sich entsprechend der menschlichen Entwickelung von
fernen Urzeiten bis in feme Zukunftszeiten sich wandelt. Die Buchstaben auf diesen Saulen
deuten in einer nur den Eingeweihten bekannten Art auf dieses Entwickelungsgeheimnis.
(Alle in offentlichen Schriften oder auch in gewissen Gesellschaften gegebenen Deutungen der
beiden Buchstaben bleiben doch nur bei einer oberflachlichen, exoterischen Auslegung.) Das
Buch in der Wolke deutet auf einen Zukunftszustand des Menschen, in dem all sein Wissen ver-
innerlicht sein wird. In der «Offenbarung St. Johannis» findet man dariiber die bedeutungs-
vollen Worte: «Und ich nahm ein Biichlein von der Hand des Engels, und verschlang's ...»
Die Sonne auf dem Bilde deutet auf einen kosmischen Vorgang, der sich zugleich mit der ge-
kennzeichneten Zukunftsstufe der Menschheit abspielen -wird; die Erde wird in ein ganz
anderes Verhaltnis zur Sonne treten, als das gegenwartige im Kosmos ist. Und es ist auf dem
Bilde alles so dargestellt, daB alle Anordnungen der Teile, alle Einzelheiten und so weiter
genau bestimmten wirklichen Vorgangen entsprechen.
Das fiinfte Siegel stellt die weitere Entwickelung des Menschen in der Zukunft dar in einem
Kosmos, in dem die eben angedeuteten Verhaltnisse eingetreten sein werden. Der Zukunfts-
mensch, der selbst ein anderes Verhaltnis zur Sonne haben wird, als es das gegenwartige ist,
wird dargestellt durch das «Weib, das die Sonne gebiert» ; und die Macht, die er dann haben
wird iiber gewisse Krafte der Welt, die heute sich in seiner niederen Natur auBern, wird
durch das Stehen des «Sonnenweibes» auf dem Tier mit den sieben Kopfen und zehn Hor-
nem dargestellt. Das Weib hat den Mond unter den FiiBen: das deutet auf ein spateres kos-
misches Verhaltnis von Sonne, Erde und Mond hin.
Das sechste Siegel stellt den weiterentwickelten Menschen mit noch groBerer Macht iiber
niedere Krafte des Weltalls dar. Wie das Bild dies ausdriickt, klingt an die christliche Esoterik
an: Michael halt den Drachen gefesselt. Endlich das siebente Siegel ist das von dem «Myste-
rium des Gral», wie es in der im 14. Jahrhundert beginnenden esoterischen Stromung heimisch
war. Es findet sich auf dem Bilde ein Wurfel, die Raumeswelt darstellend, daraus von alien
Seiten des Wiirfels entspringend die Weltenschlange, insofern sie die im niederen sich aus-
lebenden hoheren Krafte darstellt; aus dem Munde der Schlange die Weltenlinie (als Spirale),
das Sinnbild der gereinigten und gelauterten Weltenkrafte; und daraus entspringend, der
«heilige Gral», dem die «Taube» gegeniibersteht : dies alles hinweisend - und zwar ganz sach-
gemaB - auf das Geheimnis der Weltzeugung, von der die irdische ein niederer Abglanz ist. Die
tiefsten Mysterien liegen in den Linien und Figuren und so weiter dieses Siegels.
Zwischen je zwei Siegeln war eine Saule eingefugt. Diese sieben Saulen konnten nicht
plastisch ausgefuhrt werden; sie muBten zum Ersatz gemalt werden. Doch sind sie durchaus
als wirkliche architektonische Formen gedacht und entsprechen den « sieben Saulen » des «wah-
ren Rosenkreuzertempels». (Naturlich entspricht die Anordnung in Munchen nicht ganz der
in dem «Rosenkreuzerinitiationstempel», denn da ist jede solche Saule doppelt, so daB, wenn
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 284 Seite:39
man yon der Riickwand gegen vorne geht, man durch vierzehn Saulen schreitet, von denen
sich je zwei gleiche gegeniiberstehen. Dies nur zur Andeutung fur solche, die den wahren Tat-
bestand kennen; bei uns sollte nur im allgemeinen eine Vorstellung von dem Sinne dieses
Saulengeheimnisses erweckt werden.) Die Kapitale dieser Saulen stellen die planetarische Ent-
wickelung unseres Erdensy stems dar. Unsere Erde ist ja die vierte Verkorperung in einem
planetarischen Entwickelungssystem, und sie deutet in den in ihr vorhandenen Anlagenauf drei
Zukunftsverkorperungen bin. (Das Genauere dariiber findet man ja in denjenigen Aufsatzen
dieser Zeitschrift, welche mit «Aus der Akasha-Chronik» iiberschrieben sind.) Man bezeichnet
die sieben- aufeinanderfolgenden Verkorperungen der Erde mit Saturn-, Sonne-, Mond-, Erden-,
Jupiter-, Venus- und Vulkanzustand. In den bei der Geheimwissenschaft gebrauchlichen Dar-
stellungen laBt man den Vulkanzustand als einen zu fern liegenden Zukunftszustand weg und
teilt aus Griinden, deren Erorterung hier zu weit fiihren wiirde, die Erdenentwickelung in
einen Mars- und Merkurzustand. (Auch findet man diese Griinde in den Aufsatzen «Aus der
Akasha-Chronik».) Diese sieben Verkorperungen der Erde: Saturn, Sonne, Mond, Mars, Mer-
kur, Jupiter, Venus werden nun in der Esoterik durch sieben Saulenkapitale ausgedriickt. In
den Formen dieser Kapitale kommt das innere Leben eines jeden solchen Entwickelungszu-
standes zur Darstellung. Auch hier ist die Sadie so gemeint, daB man nicht verstandesmaBig
sich in die Formen der Kapitale vertiefen soil, sondern ganz gefiihlsmaBig, in wirklichem
kunstlerischem Erleben und in der Imagination. Derm jede Linie, jede Krummung, alles an
diesen Formen ist so, daB man in der Seele schlummernde Krafte erweckt, wenn man sich in die
Sache einlebt; und diese Krafte fiihren zu Vorstellungen iiber die groBen Weltgeheimnisse,
welche der kosmischen und der damit verbundenen Menschheitsentwickelung der Erde zu-
grunde liegen. Wer die Ausgestaltung solcher Saulen etwa bemangeln wollte, der sollte beden-
ken, daB zum Beispiel die korinthische und die ionische Saule aus der Verkorperung von
Daseinsgeheimnissen hervorgegangen sind und daB solche Tatsachen nur der materialistischen
Vorstellungsart unserer Zeit unbekannt sind. Aus der Art, wie die Weltenentwickelungsmotive
in diesen Saulenkapitalen ausgedriickt sind, kann man ermessen, wie die Esoterik befruchtend
auf die Kunst einwirken soil. Auch die alten Saulen sind aus der Esoterik heraus geboren.
Und die Architektur der Zukunft wird den Menschen vor Augen zu stellen haben, was die
esoterische Weltanschauung der Theosophie heute als Andeutung geben kann.
So ist in Miinchen versucht worden, die Skizze eines in der Stimmung der theosophischen
Weltanschauung gehaltenen Innenraumes mit einigen Strichen herzustellen; es konnte natiir-
lich nur einiges von dem beigebracht werden, was dazu gehort, und auch dieses nur in allge-
meinen Andeutungen, und vor allem nicht genau in der ganz sachgemaBen Anordnung. Doch
sollte ja auch nur eine Ahnung von dem hervorgerufen werden, worauf es ankommt. Zu den
die Esoterik andeutenden Geraten unseres Versammlungsraumes gehorten auch zwei Saulen,
die im vorderen Teile des Saales standen. Was sie andeuten, geht aus der Beschreibung des vier-
ten der Siegel hervor, auf dem sich ja auch die beiden Saulen finden. Sie deuten auf das Blut-
geheimnis und enthalten das «Mysterium der Menschheitsentwickelung ». Mit dem Blutgeheim-
nis hangt die Farbe der Saulen zusammen : die eine ist rot, die andere tief blaurot. Die Geheim-
wissenschaft schreibt auf diese zwei Saulen vier tief bedeutsame Spriiche. Wenn sich die Men-
schenseele in diese vier Spriiche meditativ versenkt, dann quellen aus ihren Untergriinden ganze
Welten- und Menschengeheimnisse auf. Man miiBte viele Biicher schreiben, wollte man den
ganzen Sinn dieser Spriiche ausschopfen, denn darinnen ist nicht nur jedes Wort bedeutungs-
voll, sondern auch die Symmetric der Worte, die Art, wie sie auf die vier Spriiche verteilt sind,
die Steigerungen, die darinnen liegen und noch vieles andere, so daB nur langes, geduldiges
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:284 Seite:40
Hingeben an die Sadie das darinnen Liegende ausschopfen kann. In deutscher Sprache lauten
die vier Spriiche der «Saulenweisheit» :
«Im reinen Gedanken findest du
Das Selbst, das sich halten kann.»
«Wandelst zum Bilde du den Gedanken
Erlebst du die schaffende Weisheit.»
«Verdichtest du das Gefiihl zum Licht
Offenbarst du die formende Kraft.»
«Verdinglichst du den Willen zum Wesen
So schaffest du im Weltensein.»
Den Stimmungsgrundton, den wit in unserem «Innenraum» zum Ausdrucke bringen woll-
ten, suchten wit audi schon in dem Programmbuch darzustellen, das den Besuchern in die
Hand gegeben wurde. Uber die rote Fatbe des Umschlages dieses Buches braucht wohl nicht
noch Besonderes gesagt zu werden, nachdem die Bedeutung der roten Farbe in der esoterischen
Symbolik oben besprochen worden ist. Auf diesemUmschlag (in der linken oberen Ecke) ist im
blauen ovalen Feld ein schwarzes Kreuz, mit roten Rosen umwunden, zu sehen; rechts von
diesem die Buchstaben: e. d. n. - i. c. m. - p. s. s. r. - Dies sind die %ehn Anfangsbuchstaben
der Worte, durch welche das wahre Rosenkreuzertum in einen Zielsatz zusammengefafit wird:
«Ex deo nascimur, in Christo morimur, per spiritum sanctum reviviscimus.» Das Kreuzsinn-
bild, von Rosen umwunden, driickt esoterisch den Sinn des Rosenkreuzertums aus. Bei dem
Verhaltnis, in das unsere Veranstaltung sich durch solche Dinge zum Rosenkreuzertum stellte,
erscheint es wohl notwendig, auf schwere MiBverstandnisse hinzuweisen, welche diesem ent-
gegengebracht werden. Man hat sich da und dort auf Grund geschichtlicher Oberlieferungen
eine Vorstellung zu bilden versucht von dem Rosenkreuzertum. Von denen, welche auf diese
Weise von ihm Kenntnis genommen haben, sehen es einige gegenwartig mit einem gewissen
Wohlwollen an; die meisten aber sehen in ihm Scharlatanerie, Schwarmerei oder ahnliches,
vielleicht auch Schlimmeres. Es kann nun ohne weiteres zugestanden werden: ware die Rosen-
kreuzerei das, als was sie denen erscheinen mufl, welche sie aus bloBen geschichtlichen Urkun-
den und tlberlieferungen kennen, so ware sie sicherlich nicht wert, daB ein verniinftiger
Mensch sich mit ihr beschaftigt. Aber von der wahren Rosenkreuzerei weiB gegenwartig iiber-
haupt niemand noch etwas, der ihr nicht durch die Mittel der Geheimwissenschaft nahegetreten
ist. AuBerhalb des Kreis*es der Geheimwissenschaft gibt es keine wirklichen Urkunden uber sie,
die der Name ist fur die bier erwahnte Geistesstromung, ^e seit dem 14. Jahrhundert im Abend-
lande die tonangebende ist. Erst jetzt darf begonnen werden, der OfFentUchkeit etwas von den
Geheimnissen des Rosenkreuzertums mitzuteilen. - Indem wir in Miinchen aus dieser Quelle
schopften, wollten wir sie natiirlich keineswegs als die alleinseligmachende der theosophischen
Bewegung hinstellen, sondern nur als einen der Wege, auf denen die spirituellen Erkenntnisse
gesucht werden konnen. Man kann nicht sagen, daB wir einseitig dieser Quelle den Vorzug
gegeben hatten, wahrend doch die theosophische Bewegung gleichmaBig alle Religionsformen
und Wahrheitsbahnen beriicksichtigen solle. Der theosophischen Bewegung kann es aber nie
und nimmer obliegen, die Mannigfaltigkeit der Religionen als Selbst^weck zu studieren; sie muB
durch die religiosen Formen zu deren Einbeit, zu ihrem Kerne gelangen; und wir wollten durch-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 284 Seite: 4 1
aus nicht zeigen, wie das Rosenkreuzertum aussieht, sondern durch das Rosenkreuzertum
wollten wir die Perspektive zu dem einen Wahrheitskeme in alien Religionen zeigen. Und dies
ist eben die wahre Mission der theosophischen Bewegung. - In dem Programmbuche findet
man fiinf Zeichnungen. Es sind die in Vignettenform umgesetzten Motive der ersten fiinf der
oben erwahnten sieben Saulenkapitale. Auch in diesen fiinf Zeichnungen ist etwas von dem
gegeben, was man «okkulte Schrift» nennt. Wer sich mit ganzer Seele in die Linienformen und
Figuren einlebt, dem wird etwas von dem innerlich auf leuchten, was man als die fur die Erkennt-
nis der menschlichen Entwickelung wichtigen Zustande (Saturn-, Sonnen-, Mond-, Mars- und
Merkurzustand) bezeichnet.
Damit sollten die Absichten geschildert werden, welche die KongreBveranstalter bei der
Zubereitung des Rahmens hatten, innerhalb dessen die Festlichkeit sich abzuspielen hatte. Der
Ort der Veranstaltung war die Tonhalle (Kaim-Sale), die besonders geeignet schien fur diese
Veranstaltung.
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DIE EINWEIHUNG DES ROSENKREUZERS
Erster KongreBvottrag in Mixnchen am 19. Mai 1907
Der eine der groBen Manner, deren Busten hier vor Ihnen stehen, der deutsche Philosoph
Hegel, faBte seine Uberzeugung von dem Wesen der Menschheitsentwickelung in den Worten
zusammen: diese Entwickelung sei ein Fortschritt der Menschheit im BewuBtsein der Frei-
heit. - Und er hat damit andeuten wollen, daB die menschheitliche Entwickelung nicht eine
Wiederholung, eine Aufeinanderfolge von gleichen Tatsachen, gleichen Ereignissen sei, sondern
ein standiger und stetiger Fortschritt; daB von Epoche zu Epoche die Menschheit hinaufsteige
zu immer hoheren und hoheren Stufen.
Derjenige, welcher vom spirituellen Gesichtspunkt aus die menschliche Evolution betrachtet,
wird eine tiefe Wahrheit gerade in diesem Ausspruch Hegels finden. Zwar soil damit nicht
gesagt sein, daB innerhalb des aufsteigenden Entwickelungsganges der Menschheit nicht auch
voriibergehend Epochen des Niederganges stattfinden; aber es heiBt den groBen Werdegang
unseres Geschlechtes von einem kleinen Standpunkt aus betrachten, wenn man nicht gegeniiber
den vorubergehenden Epochen des Niederganges sieht, wie im GroBen der fortdauernde Auf-
stieg da ist. Nur derjenige, der nicht in die Tiefen des Entwickelungsganges blicken kann, hat
die heute so haufig vorkommende Idee - wenn wir weiter in die Zeit zuriickblicken oder auch
perspektivisch vorschauen in die Zukunft -, als ob alles, der Mensch selbst in seiner Gestalt
oder die um ihn herumliegenden Naturreiche, doch ungefahr so ahnlich waren wie heute. Wenn
auch von Entwickelung gesprochen wird: von jenen gewaltigen DifFerenzen, die da bestehen
zwischen den einzelnen Epochen des menschlichen Geistes und der fortschreitenden Kultur,
macht sich gewohnlich der Geist, der nur auf dem physischen Plan lebt, keine Vorstellung.
Dem scheint es oft grotesk, wenn man ihm die groBen Unterschiede der Naturreiche in den
verflossenen Epochen schildert oder wenn man prophetisch hinweist auf die zukiinftigen
Epochen.
Erst wenn man den differenzierten Werdegang der Menschheit betrachtet, stellt er uns auf
dem physischen Plan die Konfiguration der hoheren Welten dar. Erst der erkennt seine Epoche,
der weiB, an welchem Ort in der Menschheitsentwickelung er steht. Wir miissen uns ein biBchen
umsehen, wo wir stehen - welchem Plan unsere gegenwartige Menschheitsentwickelung ent-
spricht. Da lehrt uns, was man die okkulte Weisheit nennt, daB auf einem absteigenden
Entwickelungsgang dasjenige ist, was wir in der deutschen Sprache den Geist nennen - nicht
die andern Telle der menschlichen Wesenheit. Der Geist ist es, der in unserer Epoche am
tiefsten heruntergestiegen ist auf den physischen Plan. Seit dem letzten Drittel des 19.Jahr-
hunderts ist er gleichsam wieder dabei, seinen Aufstieg zu nehmen, und wer die Konfiguration
erkennt, kann das nur so ausdriicken, daB er sagt: Innerhalb dieser Epoche ist die tiefste Ver-
strickung des Geistes mit der Materie das Bezeichnende gewesen; jetzt strebt er danach, wieder
heraufzusteigen. Und alle, die spirituell streben, streben danach, aus dieser Verstrickung wieder
herauszukommen.
Lange bereitet sich ein solcher wichtiger Knotenpunkt der Menschheitsentwickelung vor.
Wenn man okkult priift, seit warm sich das vorbereitet hat, was als ein wichtiger Einschnitt in
der Geistesentwickelung der Menschheit des 19. Jahrhunderts herausgekommen ist, so kommt
man da zuriick zu derjenigen Zeit, wo der Menschheitsgeist herabgestiegen ist von jenen
Erkenntnissen, die noch mehr oder weniger herausgeboren waren vom astralischen Plan, und
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man kommt zu einer besonderen Mission in der Evolution del Menschheit fur die letzten vier
bis fiinf Jahrhunderte. Den wichtigsten Punkt, wo die Menschheitsevolution gleichsam her-
unterriickt vom Astralplan auf den physischen Plan und die geistigen Erkenntnisse ins Mate-
rielle iibergehen, konnen wir auf den Zeitpunkt fixieren, als die alte ptolemaische Weltanschau-
ung, die kein Unsinn, sondem eine Projektion astraler Erkenntnisse auf den physischen Plan
ist, durch Kopernikus heruntergefuhrt worden ist auf den physischen Plan. Diese Erkenntnis
drang dann immer mehr hinein in die spateren Entwickelungsstadien, bis sie im 19. Jahrhundert
noch tiefer heruntergefuhrt wurde, als man den Geist sogar selbst materiell fassen wollte. Wer
im rechten Sinne die theosophische Bewegung versteht, kritisiert das nicht, was die Mensch-
heit so heruntergebracht hat. Das ware kein aktives theosophisches Leben. Das aktive theo-
sophische Leben fragt vielmehr: Wie steigen wir wieder heraus aus den Banden des physischen
Planes? - und es versucht zu erkennen, welche Aufgabe diesem Herunterstieg auf den phy-
sischen Plan zukam.
Wir schauen zuriick auf die agyptische Weisheit, auf die wunderbare chaldaisch-babylonische
Weisheit und fragen uns: Welcher Unterschied ist denn zwischen dem, was der agyptische
Priester, der Hermesdiener sah, wenn er hinaufschaute zu dem gestimten Himmel, oder dem,
was der Astronom der Chaldaer geschaut hat in den Stemen - und zwischen demjenigen, was
die heutige Wissenschaft sieht? Man bekommt durch die materialistische Wissenschaft keine
rechte Vorstellung von dem, was in jenen Weisen vorging, wenn sie hinaufblickten zum Him-
melsgewolbe; aber durch eine Analogie bekommt man sie, wenn man einen Menschen be-
trachtet.
Wir betrachten ja den Menschen nicht so, daB wir bloB die Physiognomie seines Gesichtes
ansehen. Wenn wir die Trane perlen sehen, betrachten wir nicht bloB, wie sie sich unter der
Kraft der Schwere abwarts bewegt - wirklich, wenn heute ein Engel vom Himmel kame, man
wiirde zuerst seine Fallgeschwindigkeit berechnen -, nein, wir sehen durch die Tranenperlen
das Leid und den Schmerz seiner Seele. Und wenn er lachelt, dann sehen wir in seinem lacheln-
den Antlitz das, was in seinem Geist als Freude lebt. Wir wissen, daB urspriingliche elementare
Empfindungen im Menschen vor sich gehen.
Dieses Durchsehen von dem Materiellen zu dem geistig-seelischen Inhalt der Seele war es,
was die Hermesdiener meinten, wenn sie sagten: Es ist unten alles wie obenl - Kein Materielles,
das nicht der auBere Ausdruck eines Geistig-Seelischen ware! Wie das Eis nur Wasser ist in
anderer Form, so ist alle Materie nur Geist in anderer Form. Wenn jemand kame und zeigte
uns ein Stuck Eis, und wir sagten, das ist verdichtetes Wasser, er aber leugnete es, so sagten
wir ihm: du bis naiv, du irrst dich, dieses Eis ist nur verdichtetes Wasser. Es ist eben nur
etwas Anderes, Neues, wenn wir auf die Form sehen. So ist Materie nur der verwandelte, kon-
densierte Geist. Aber es genugt nicht, das nur zu wissen; wir miissen alles Wissen in unsere
Seele aufnehmen. Und das spirituelle Leben fordert, daB alles, was in unserer Seele lebt, zur
Tatigkeit gelangt; es genugt nicht, was als gewohnliche Gedanken, Gefuhle, Willensimpulse
in unserer Seele lebt. Wenn wir aber dazu noch ein inneres Leben in uns auferwecken, dann
konnen wir nachfuhlen, wie der agyptische Hermesdiener oder der chaldaische Astronom zum
Stemenhimmel hinaufschaute: Mars, Venus, Mond oder Merkur, alles war ihm nur der Aus-
druck des Geistes, der in dem Stem lebt. So bezeichnete man in Zeiten spirituellen Lebens gar
nicht, was der heutige Astronom unter den Sternen versteht, sondern unter dem Namen Merkur
zum Beispiel stellte sich der alte Weise, der im spirituellen Leben lebte, die Seele, den Geist
vor, der den Merkur durchlebt, so wie die Seele in Ihrem Korper lebt. Und so lehrte er alle,
die auf sein Wort horten.
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Nun stellen Sie sich lebendig vor, wie ein Mensch hinaussieht in den Raum und da die
Sterne erblickt. Nicht ein abstraktes, sondern ein intimes spirituelles Leben ist es, was ihn
mit der Welt verbindet. Geist ist es, was er sah, und im Geistesraume schwebte er selbst und
fuhlte sich als ein Glied dei Welt, so wie ein Finger nur ein Glied an meiner Hand ist. Trennen
Sie seine Wesenheit aus der universellen Geistigkeit heraus, so stirbt sie ab und ist nicht mehr
vorhanden, wie der Finger, wenn Sie ihn abschneiden. Vergleichen Sie damit, was der heutige
Astronom sieht. Fur ihn fliegen physische Weltenkugeln herum. Das lebendige Gefiihl [fur
deren geistige Wesenhaftigkeit] fehlt ihm. Aber diese lebendige Empfindung ist nicht so leicht
zu erringen. Vielleicht ist er theoretisch Spiritualist; aber schwieriger ist es, Spiritualist der
ganzen Seele, dem ganzen Leben nach zu sein, als der bloB theoretischen Anschauung nach.
Jetzt lebt der Mensch in einer rein physischen Umgebung; die lebendige Harmonie zwischen
dem Gottlichen und dem Physischen findet er nicht mehr. Aber es ist richtig und von groBer
Bedeutung, daB es so kam.
Vergleichen wir mit jener hohen, geistigen Priesterweisheit das, was die Menschen auf dem
physischen Plan leisten. In den alten Zeiten herrschte eine primitive Kultur. Wenn wir die
unendliche Arbeit und Miihe sehen, wie jeder einzelne Gegenstand um uns herum ein geistiges
Geschopf der letzten vier Jahrhunderte ist, dann wollen wir nicht vergessen, daB dies dem
menschlichen Geist der letzten Jahrhunderte zu verdanken ist. Aber auch das konnte nicht da
sein, wenn der Geist nicht heruntergestiegen ware auf den physischen Plan. So hat jede Epoche
ihre Aufgabe. Und weil das insbesondere fiir die letzte Epoche der Weltgeschichte der Fall war,
so muBten jene Quellen, aus denen immer das spirituelle Leben flieBt, auch in der letzten
Menschheitsepoche den Geist denjenigen herabsenden, die in hingebiingsvoller spiritueller
Arbeit ihn empfangen wollten.
Rechnen wir bis zum Herabsteigen [des Geistes auf den physischen Plan] vier bis fiinf Jahr-
hunderte zuriick, und dann noch fiir die Vorbereitung zwei Jahrhunderte, so finden wir eine
Stromung, die trotz des Herabsteigens dafiir gesorgt hat, daB der Geist den Weg zuruckfinden
kann; um dem Geist, der notwendig heruntersteigen muBte zu dem physischen Plan, Mittel zu
geben, wieder hinaufzusteigen. Diese Stromung nennt man die Rosenkreuzerstromung. Und
ebenso wie in alten Zeiten die Menschen zum Ewigen hinaufgefiihrt werden muBten, so ist es,
daB der Mensch heute den Weg suchen muB zu der modernen, zu der Rosenkreuzereinweihung.
Nicht soli hier behauptet werden, daB es verschiedene Wahrheiten gibt im Entwickelungsgang
der Menschheit. Die Wahrheit ist eine einzige, wie die Sonne, die den ganzen physischen Erd-
umkreis beleuchtet; aber die Wege zur Wahrheit sind verschieden. Denken Sie einmal, Sie
vergleichen den Gesichtspunkt, den Sie erlangt hatten, mit dem Gipfel eines Berges; oben hatte
man nach alien Seiten eine freie Aussicht, wie immer man auch hitiauf kam. Wiirden Sie es aber
nicht unvernunftig nennen, wenn irgend jemand unten am linken Bergesabhang steht und einen
Weg herauffinden kann auf der linken Seite des Berges, und dann erst um den Berg herum-
gehen wiirde, um auf der anderen Seite einen Weg heraufzufinden, der nicht auf der Seite ist, wo
er steht? So ist es mit der Entwickelung der Menschheit. Die Ausgangspunkte der Kulturen
sind wie die Wege am Berge; die verschiedenen Volker miissen sich die verschiedenen Wege
hinauf bewegen. Die Wahrheit - das spirituelle Erkennen - ist ein und dasselbe. Nur wer glaubt,
daB sich in den verschiedenen Rassen dasselbe wiederholt, kann behaupten, daB die Einwei-
hungswege dieselben waren. Aber so verschieden wie ein Menschenleib ist, der vor funfzehn
Jahrhunderten geboren ist, von einem Menschenleibe, der heute geboren ist, so verschieden
muB die Behandlung sein fiir den Schiiler, der den Pfad hinaufgehen will. Und in gewissen
Zeiten muB eine Erneuerung der Methoden, eine Anpassung an die Volker stattfinden - an das,
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was der Mensch geworden ist -, wenn auch die Strakturverhaltnisse sich dem gewohnlichen
Auge entziehen. Aber die okkulte Physiologie und Anatomie weiB, daB die Strukturverhalt-
nisse des physischen Gehirnes andere werden muBten, wenn die Eroberung des physischen
Planes durch den Menschen eintreten sollte. Die physischen Strukturverhaltnisse sind nur die
unteren Tatsachen zu dem, was oben geistig ist. Und so gibt es heute eine rosenkreuzerische
Einweihung.
Unter den verscbiedenen Arten der Einweihung brauchen wir nur die drei hervorragendsten
zu erwahnen. Man weiB, worum es sich handelt, wenn man den Jogaweg, den christlich-
gnostischen Weg und den Rosenkreuzerpfad erwahnt. Den Jogaweg kennen Sie alle aus der
Literatur. Der christlich-gnostische Weg ist der, der in der christlichen Esoterik gelehrt worden
ist - in der ersten Zeit, wo das Christentum verbreitet worden ist - durch Dionjsius Areopagita.
Die Gelehrsamkeit redet von ihm wie von einem Pseudo-Dionysius, der im 6. Jahrhundert
gelebt und alle groBen Biicher geschrieben haben soil. Die christliche Tradition weist das in
die Zeit des Apostels Paulus zuriick. Die Gelehrsamkeit fragt nur : Wann wurden diese Papier-
rollen geschrieben?, aber die christliche Esoterik weiB, daB dieser Dionysius Areopagita ein
Schuler des Apostels Paulus war und von seinem Meister besonders beauftragt war, die eso-
terische Schule des Christentums zu begrunden. Fiir unzahlige Menschen ist diese chrisdiche
Esoterik Wahrheit geworden. Heute kann man sich kaum eine Vorstellung machen von den
Quellen, aus denen manches Wort eines chrisdichen Lehrers zu uns kam. Diese Quelle war
die christliche Initiation. Diese christliche Initiation schaut heute fiir den, der materialistisch
denkt, wie ein Phantasiegebilde aus. Direktes, unmittelbares Leben aber war sie fiir den dama-
ligen Menschen. Wir unterscheiden darin sieben Stufen, welche jeder, der die christliche
Initiation erreichen wollte, durchmachen muBte. Nur die sieben Namen dafiir lassen Sie mich
nennen :
1. die FuBwaschung
2. die GeiBelung
3. die Dornenkronung
4. die Kreuzigung
5. der mystische Tod
6. die Grablegung und Auferstehung
7. die Himmelfahrt der Seele.
Das sind die sieben wahren Stufen, die durchgemacht werden muBten in den Lehrstatten, wo
die christliche Initiation zu Hause war. Wenigstens zwei dieser Stationen, die erste und die
vierte, will ich Ihnen zum Verstandnis charakterisieren.
Wenn der christliche Zogling so weit war, daB das, was man im gewohnlichen Leben Moral
nennt, gelautert und schon zu einer hoheren Stufe erhoben war, wenn man es als selbstver-
standlich bei ihm finden konnte, daB er nicht mehr abirren wiirde von dieser hoheren Moral,
dann wurde er von seinem Meister der christlichen Initiation empfangen, und er sollte nun
etwas in sich durchleben, das ich Ihnen nur in der Form eines Dialoges schildern kann, obwohl
sich das nie in einem Dialog abgespielt hat.
Nachdem der Schuler so in Zucht genommen worden war, wurde ihm von dem Lehrer
gesagt:
Sieh dir einmal die Pflanzenwelt an. Sie sproBt auf dem mineralischen Reich. Ware das
Mineralreich nicht, die Pflanze konnte nicht gedeihen, obwohl sie auf hoherer Stufe steht.
Konnte die Pflanze denken, so muBte sie sagen : Du stehst zwar in der Reihe der Naturreiche
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 284 Seite: 4 6
tiefer als ich, aber ich konnte ohne dich nicht sein. In Demut neige ich mich vor dir! - Und
dann wurde der Schiiler dazu gefiihrt, diese Demut bei alien Naturreichen zu erkennen. Das
Tier muBte sich zur Pflanze und der Mensch sich wiederum zum Tier in Demut herunterneigen
und sagen: Ohne euch konnte ich nicht sein! Und der Mensch, der auf einer hoheren Stufe
steht, miiBte sich in Demut neigen vor denen, die noch nicht so weit sind; derm keiner kann
hoher stehen ohne die anderen. Versteht der Mensch diese Stufenleiter, so blickt er in Demut
hinunter zu den Niederstehenden. Dadurch lernte der Schiiler begreifen, was es heifit im
dreizehnten Kapitel des Johannes-Evangeliums, da8 der Hochste, obwohl die zwolf niedriger
sind als er, sich vor ihnen in Demut beugt und ihnen die FuBe wascht. - Wer so [zur hoheren
Moral] herauferzogen ist im Sinne des esoterischen Christentums, der versteht erst das Innere
des Johannes-EvangeUums. Das Johannes-Evangelium ist ein Initiationsbuch iiber die Me-
thoden der Einweihung, die Apokalypse iiber den Inhalt der Einweihung.
Wenn der Schiiler so weit war, daB ihm diese Demut selbstverstandlich geworden war, dann
wurde das dreizehnte Kapitel des Johannes-EvangeHums fur seine Seele zur Wahrheit. Dann
konnte ihn der Lehrer dahin bringen, daB ganz bestimmte Gefiihle auftraten. Der Schiiler
konnte fiihlen und erkennen, daB er jetzt die Moglichkeit habe, zu einer hoheren Stufe aufzu-
steigen. Er fiihlte - und das war eine gemeinsame Empfindung aller, welche die christliche
Initiation empfangen hatten -, wie wenn seine FuBe im Wasser standen, wie wenn die Geistes-
wasser an ihn heranschliigen. Und das innere Symptom, das als ein Bild jedesmal auftrat, war,
daB der Schiiler, wenn er so weit war, ganz von innen heraus, durch eine innere Kraft, das
Bild vor sich hatte, welches das dreizehnte Kapitel des Johannes-Evangeliums anfiihrt. Das ist
nicht bloB ein auBerlich-historisches, sondern ein geistiges Bild, das ein jeder haben kann: auf
dem astralen Plan sieht er vor sich ausgebreitet das Bild der FuBwaschung.
Nur um uns zu verstandigen, will ich die vierte Stufe - die Kreuzigung - auch noch anfiihren.
Wenn die dritte Stufe voriiber war, wurde dem Schiiler klargemacht, daB er seinen Korper nicht
mehr zu sich zu rechnen hat. Er muBte seinen Korper empfinden wie einen Gegenstand, wie
etwas auBer sich selbst. Der gewohnliche Mensch meint, sein Korper sei sein Ich. Wer die vierte
Stufe der christlichen Initiation erreichen will, muB es aber dahin bringen, daB sein Korper
ihm nicht wertvoller ist als irgendein Stuhl oder Tisch um ihn herum. Der gewohnliche Mensch
sagt: Ich gehe zur Tiire hinein. Dem Initiierten aber ist es selbstverstandlich zu sagen: Ich
trage meinen Korper zur Tiir hinein. - Dann treten wiederum zwei Symptome auf : Das will-
kiirliche Hervorbringen der sogenannten Blutsprobe ist der symptomatische Ausdruck fiir die
vierte Initiationsstufe. Genau an den Stellen seines Korpers, die man die Wundmale nennt, ist
er imstande, die Rotung seiner Haut durch die innere Kraft seiner Spiritualitat hervorzubrin-
gen. An den Handflachen, an den FiiBen und an der rechten Seite der Brust treten die Wund-
male auf. Dies wird begleitet von dem inneren Symptom, daB der Schiiler auf dem astralen Plan
sich selber als am Kreuz befindlich schaut.
Man spreche nicht von Gefahren dieser Entwickelung. Worauf es dabei ankommt, ist der
Grad der inneren Entwickelung, und dann spricht man nicht mehr von Gefahren dabei. Wer
das aber ohne den Rat eines Lehrers machen will, der ist gewiB in Gefahr dabei. Wer aber
geduldig, demiitig sich der Fiihrerschaft iiberlaBt, wird nur dadurch, daB er seine Marty-
rerschaft durchmacht, ein desto dienstbareres Ghed der menschlichen Entwickelung sein.
Allerdings soU er das nicht eher auf sich nehmen, als bis er die Verpffichtung dazu in sich
fiihlt.
Es war die christliche Initiation auch die Grundlage und Quelle des auBeren christlichen
Lebens. Diese christliche Initiation muBte in die etwas andere Form der Rosenkreuzereinwei-
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hung ubergeleitet werden etwa zwei Jahrhunderte vor dem Herabstieg des Geistes auf den
materiellen Plan.
Die Rosenkreuzeremweihung ist keine unchristliche. Sie ist eine Fortentwickelung der christ-
lichen Einweihung. Aber der, der sie empfangt, tritt nicht heraus aus der physischen Umgebung,
wie es die rein christliche Einweihung - wenigstens fur eine Zeitlang - fordert. Wer heute als
ein wiirdiges Glied der Menschheitsentwickelung leben will, muB die Arbeit auf dem phy-
sischen Plan mitmachen. Es ware siindhaft, sich von der physischen Welt zuruckzuziehen. Wir
miissen sie nur verstehen und ihr gewachsen sein. Hatte die christliche Einweihung die fruhere
Form beibehalten, so ware der Mensch geistig-seelisch hoch hinaufgestiegen, aber schwach-
geblieben auf dem physischen Plan. Denken wir an die Eroberung des physischen Planes, an
die groBen Erfindungen, die Buchdruckerkunst und so weiter. Was da hereinflutet aus den
anderen Planen. . . [Liicke in der Nachschrift]. Dazu bedarf es einer ganz anderen inneren Kon-
figuration. Dazu bedarf es der Fahigkeit, in sich andere, starke Impulse zu entwickeln, um das,
was von der materiellen Entwickelung kommt, in die richtigen Wege zu leiten. Die Rosen-
kreuzerinitiation ist eine solche, die den Menschen fahig macht, alle die Mittel der modernen
Kultur zu gebrauchen. Sie lehrt den Geist in der Materie zu begreifen, indem der Mensch den
Zusammenhang selbst des Materiellsten noch mit dem Spirituellen erkennt, so daB er das Spiri-
tuelle ausflieBen lassen kann in das Materielle.
Aus der Notwendigkeit der Zeit ist die Rosenkreuzereinweihung herausgeboren. Sieben
Stufen hat auch sie.
Die erste ist das, was man im weiteren Sinne Stadium nennt; die zweite: Aneignung der
imaginativen Erkenntnis; die dritte: Aneignung der okkulten Schrift; die vierte: die Erzeugung
des Steins der Weisen - das ist das technische Wort dafiir -; die funfte: die Entsprechung von
Mikrokosmos und Makrokosmos; die sechste: das Aufgehen im Makrokosmos; die siebente:
die Gottsehgkeit. Nicht so haben Sie sich das vorzustellen, als ob jeder Schuler gleichsam
nacheinander diese Stufen durchzumachen hatte; sondern der Lehrer muB aus jedem Kapitel
das auswahlen, was gerade fur den Schuler seiner Individualitat nach geeignet ist. Das Studium
muB jeder zunachst haben. Dann aber muB man die Gliederung oft in ganz verschiedener
Weise zusammenstellen. Und nun wollen wir sie im einzelnen besprechen.
Studium im Rosenkreuzersinne ist nicht das, was im gewohnlichen Leben Stadium genannt
wird. Im Rosenkreuzersinne ist es das, was man eigentlich nennen miiBte: leben im reinen
Gedanken. Was das heiBt, ist von vornherein gar nicht so leicht zu fassen. Gerade Hegel wieder-
um hat sich sein ganzes Leben hindurch bemiiht, den Deutschen beizubringen, was es heiBt:
leben im reinen Gedanken. Und zehn Jahre nach seinem Tode war es ganz vergessen, was
Hegel zur Vertiefung der Deutschen gebracht hat. Heute sind wir noch nicht so weit, daB
Hegel wiederum verstanden wurde. Und doch waren seine Werke ein gutes Mittel, zu zeigen,
was es heiBt, im reinen sinnlichkeitsfreien Gedanken zu leben. Die neueren Philosophen,
zum Beispiel Eduard von Hartmann, leugnen es iiberhaupt, daB wir uns einen Gedanken bilden
konnen, der nicht von der Sinnlichkeit beeinfluBt ist. Man hat darauf geschworen, daB nichts
im Intellekt ist, was nicht in den Sinnen war. Was nicht von den Sinnen sei, das sei nicht real.
Waren diese Worte wahr, so gabe es keine Mathematik. Die Gnostiker nannten das Geistes-
leben eine «Mathesis», nicht weil sie sich eine Mathematik darunter vorstellten, sondern weil
es auf den hoheren Ebenen ein reines Denken und Erkennen gibt, wie es in der Mathematik,
in bezug auf Formen, ein sinnlichkeitsfreies Denken gibt. Dieses reine Denken geht nicht von
Gegenstanden aus, sondern flutet von Gedanken zu Gedanken. Fur die, welche sich einleben
wollen in ein ganz sinnlichkeitsfreies Denken, versuchte ich ein Buch zu schreiben wie das
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meiner «Philosophie der Freiheit». Es ist kein personliches Werk. Es ist so entstanden wie ein
Organismus : es ist ein Gedankenorganismus, und eine Anleitung fur das, was man im Rosen-
kreuzersinne Studium nennt. GewiB machen viele so etwas nicht durch. Fur die meisten, die
etwas derartiges nicht durchmachen konnen, geniigt schon die einfache theosophische Lehre.
Sie ist sinnlichkeitsfreier Gedanke; sie kann niemand horen oder sehen. Wenn Sie Theosophie
studieren, so entspricht das der ersten Stufe der Rosenkreuzerschulung. Theosophie ist selbst
Rosenkreuzerstudium, wenn Sie es in richtiger Weise betreiben. Man braucht sich dabei nicht
in philosophische Hohen zu verlieren. Die schlichteste Seele kann sich da hinein vertiefen.
Die imaginative Erkenntnis ist die zweite Stufe der Rosenkreuzereinweihung. Sie wird
erreicht, wenn der Mensch dahin gelangt, den Gedanken umzuwandeln in das Bild. Das ist
eine reale Tatsache. Einer, der Bescheid wuBte mit der Rosenkreuzerei, hat an einer Stelle die
Worte ausgesprochen: «Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnisl» Dann kommt man vom
physischen Plan weg. An zwei Beispielen mochte ich Ihnen zeigen, wie man das erreichen kann.
Nehmen Sie die drei Logoi. Alles was bisher als Studium angefuhrt worden ist, bezieht sich
einzig und allein auf den physischen Plan. Erst die imaginative Erkenntnis hebt uns hoher
hinauf. Wenn Sie die drei Logoi irgendwie schematisch beschreiben, wenn Sie von Projektionen
reden, so bekommt man eine Vorstellung fur den physischen Verstand, auch wenn Sie davon
sprechen, daB der zweite Logos anders vibriert als der erste. Aber alles das ist nur etwas fur das
VerstandesbewuBtsein. Alles was sich auf den dreidimensionalen Raum bezieht, konnen wir
nicht auf die hoheren Plane mit hinaufnehmen, sondern erst das, was nicht raumlich gedacht ist.
Eine Ton- oder Farbenqualitat ist zwar in den Raum hineingebaut, ist aber nicht raumlich. Der
astrale Raum ist ein flutendes Farben- und Lichtmeer. Es treten Ihnen da auf dem astralen Plan
entgegen, was Sie hier als Farbenqualitat und Tonqualitat wahrgenommen haben. Was bier an
Farbe und Ton physisch ist, heben Sie hinauf auf die hoheren Plane; nur miissen wir es lautem
und reinigen, um es hinaufzuheben. Darum sagt Ihnen der Lehrer: Nimm fiir alles, was du
unmittelbar anschauen willst, die sinnliche Qualitat heraus; stelle dir vor, wie eine Farbe sich
heraushebt. Dann ist das die Methode, um zur Imagination zu kommen. Und wer diese Stufe
erringen will, stellt sich so der AuBenwelt gegeniiber, daB diese abgesonderten Bilder sich so
darstellen, daB der Mensch, wenn er zum Beispiel von den drei Logoi spricht, sie nicht mehr als
Quantitat, sondem als Qualitat empfindet. Dann empfindet er den dritten Logos als etwas, was
die Welt durchtont - als Ton empfindet er ihn -; den zweiten, insofern er als astralische Pro-
jektion auftritt, als flutendes Licht; und den ersten Logos als Weltenaroma, als durch die Welt
fliegendes, bis zur vollkommensten Reinheit gelautertes Aroma. So haben die Rosenkreuzer
viberall empfunden. Das sind Bilder, Imaginationen und nicht Beschreibungen, denn die kom-
men vom physischen Plan her.
Ein anderes Bild, das uns eine mehr alltagliche Erscheinung vorfiihrt, ist uns erhalten in einer
wunderbaren Mythe, der Mythe von dem Heiligen Gral. Es bedeutet ein Erlebnis auch fur den
Rosenkreuzerschiiler, das er als eine reale Tatsache seines inneren Seelenlebens empfindet. Der
Meister sagt dem Schiiler: Sieh dir einmal die Pflanze an; sie lebt mit der Wurzel im Boden,
sendet den Stamm nach oben und hat ihren Kelch - das, was eine Pflanze wieder hervorbringt -
der Sonne zugewendet. Selbst die neuere materialistische Gelehrsamkeit hat ja wieder darauf
aufmerksam gemacht, daB, wenn wir die Pflanze mit dem Menschen vergleichen, wir die Wur-
zel mit dem Kopf vergleichen miissen. Die Pflanze ist gleichsam der auf den Kopf gestellte
Mensch. Die Evolution besteht darin, daB sich das Bild umwendet: Was die Pflanze keusch
offhet vor aller Welt, das ist beim Menschen nach unten gerichtet. Was die Wurzel bei der
Pflanze ist, die nach dem Mittelpunkt der Erde hinstrebt, das ist beim Menschen nach oben
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gerichtet. Beim Menschen richtet sich der Kopf hinaus in den Sonnenraum. Zwischen beiden
drinnen steht die Tierwelt, deren Riickgrat horizontal gerichtet ist. Nun sagte man dem
Schiiler: Stelle dir vor die Pflanze, das Tier und den Menschen und du hast das Weltenkreuz.
Das Kreuz war das Bild der Evolution der Weltenwesen bis hinauf zum Menschen. Die Pflanze
bringt nur hervor, wenn sie beriihrt wird von dem Sonnenstrahl, den man die «heilige Liebes-
lanze» nannte. Wird sie davon getroffen, dann erfiillt sie ihre Aufgabe. Nun denken Sie sich
den Menschen mit dem Kama, das ihn ergriffen hat; es miissen die niederen Organe gelautert
und gereinigt werden und miissen auf hoherer Stufe wiederum auftreten, so daB sich im Laufe
der Entwickelung dieser Kelch von oben ofthet. Wenn der Mensch sich umgewandelt hat, wenn
er diesen Kelch, den die Pflanze auf primitiver Stufe hat, wiederum gelautert hat, dann wird er
es wiederum in der Hand haben, daB er beriihrt wird von der heiligen Liebeslanze - dann wird
er die Lauterung des Menschen in der Hand haben - nicht nur astralisch oder atherisch, son-
dern sogar physisch. So wird imaginativ die Entwickelung gegeben. Wer sich so einlebt, dem
offenbart sich der astrale Plan.
Das dritte ist die Erringung der okkulten Schrift. Sie ist nicht eine Schrift wie unsere heutige
abstrakte Zeichenschrift. Man eignet sich die Harmonie der Qualitaten an. Der Lehrer sagt zum
Schiiler: Steigst du hoher, bis zur Erkenntnis der okkulten Schrift auf, so wird dir das erklingen,
was man die Spharenharmonie in der pythagoraischen Schule genannt hat. Das ist eine Realitat
fur den Eingeweihten, nicht eine bloBe Allegoric Was die heutige Wissenschaft bietet, wenn
sie von Zahlehsystemen spricht, verhalt sich zu der Spharenharmonie oft so, wie wenn man
eine Sinfonie als eine Wellenbewegung in der Luft bezeichnen wollte. Der okkulte Schiiler
lernt das Tone-Horen in der geistigen Welt. Auch Goethe wuBte dariiber Bescheid, als er sagte:
«Die Sonne tont nach alter Weise in Bruderspharen Wettgesang» - und an anderer Stelle:
«T6nend wird fur Geistesohren schon der neue Tag geboren.» Was da geschieht, was geistigen,
nicht physischen Ohren horbar ist, sind die Ereignisse des geistigen Planes, sind die Spharen-
harmonien. Und die Zeichen der okkulten Schrift sind wirkliche Weltenkrafte, und wer sie
kennt, der fiihlt den Strom der Weltenkrafte in seinem Organismus bis zum leiblichen Organis-
mus herunter. Nur ein Beispiel dafiir: Vier Zahlen werde ich Ihnen anfiihren. Wenn ich sie
Ihnen sage, sind sie etwas Abstraktes; wiirden Sie aber die Musik dafiir geistig wahrnehmen,
dann wiirden Sie wahrnehmen das Verhaltnis der vier niederen menschlichen Glieder. Diese
Zahlen sind: 1, 3, 7, 12. So tonen in der geistigen Welt die niederen vier Glieder der Menschen-
natur harmonisch zusammen. Das ist das Geheimnis der pythagoraischen Zahlenlehre, daB man
sie in eine geistige Musik verwandelt.
Das vierte ist die Erzeugung des Steins der Weisen. Die moderne Gelehrsamkeit hat ein
Marchen daraus gemacht. Aber sie hat in gewisser Weise damit recht, denn wenn es wirklich so
ware, wie die Wissenschaft es sich vorstellt, so ware es eine Kinderei. Es ist aber doch das
Hochste, was der Mensch anstrebt. Zu Ende des 18. Jahrhunderts wurde etwas von den Rosen-
kreuzergeheimnissen verraten. Wir finden da etwas, von dem wir sagen konnten: Die Leute
haben da etwas lauten horen. Wir finden da namlich eine merkwiirdige Stelle in einer deutschen
Zeitung! Es heiBt da iiber den Stein der Weisen: Ihn gibt es. Kann man ihn in seinem vollen
Werte erkennen, besitzt man das Geheimnis der Unsterblichkeit. Eigentlich kennen ihn die
iiberwiegende Zahl der Menschen. Viele haben ihn taglich in der Hand. - Der Mann, der das
schrieb, hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, hatte aber eine Mitteilung erhalten, die
etwas Richtiges enthielt. Wir brauchen namlich nichts anderes zu betrachten als den ProzeB,
der den Menschen in dieser gegenwartigen Epoche kosmisch erhalt: den AtmungsprozeB. Wir
atmen ein und aus. Atmen ein den SauerstofF der Luft, geben zuriick an die umgebende Welt
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die Kohlensaure, ein giftiges Gas, in dem wir nicht leben konnten. Die Pflanze nimmt es fort-
wahrend auf, behalt sich aus der Kohlensaure die Kohle zuriick und baut daraus ihren eigenen
Leib auf. Den Sauerstoff aber gibt sie wieder zuriick an Tiere und Menschen. So bilden Pflanze,
Tier und Mensch ein Ganzes, insofern wir den AtmungsprozeB betrachten. Der Mensch braucht
heute die Pflanze. Der Leicbnam der Pflanze als schwarze Kohle, wenn Sie ihn aus der Erde
herausgraben, oder auch als durchsichtiger Diamant, ist etwas, was wir selbst in uns haben; aber
wir konnen es nicht brauchen. Wir miissen es als Lebensluft an die Pflanzen abgeben. Die
Pflanze baut sich ihren Leib aus der Kohlensaure selbst auf. Sie kann etwas, was der Mensch
heute noch nicht kann, was er aber spater konnen wird. Stellen Sie sich nun diesen ProzeB vor :
Einnehmen der Kohlensaure durch die Pflanze, Aussenden des Sauerstoffes - verlegt ins Innere
des Menschen . . . [Liicke im Text] also das ZusammenflieBen mit der Pflanzenwelt, die hinein-
genommen wird in die menschliche Natur, dann bauen wir, wie heute die Pflanze, in uns selbst
einen reinen keuschen Leib auf. Ein Wesen zu sein, das dies mit BewuBtsein auszufiihren ver-
mag, dazu ist der Mensch auf dem Wege; und dann wird er dadurch imstande sein, in sich den
Kelch des Heiligen Gral zu entwickeln. Der AtmungsprozeB ist kein abgeschlossener; er ist auf
dem Wege, vollkommener zu werden und das innerhalb des Menschen zu verrichten, was heute
auBerhalb des Menschen vorgeht, und die menschliche Substanz, die von Kama durchzogen ist,
urnzuwandeln in reine, keusche Substanz. Dies ist real Alchimie. Dann wird der Mensch die
Alchimie konnen, durch die er auch den Kosmos urnzuwandeln lernt. Das Symbol dafiir ist der
Heilige Gral. Wir diirfen das hohe Ideal nicht abweisen, weil es noch Millionen von Jahren
von uns getrennt ist, sondern es muB erreicht werden nach dem Grundsatz: Steter Tropfen
hohlt den Stein. - So erreicht der, der den AtmungsprozeB rhythmisiert, nach und nach sein
Ziel. Der Stein der Weisen ist die Kohle, ist die Substanz zum Aufbau des menschlichen
Leibes in der Zukunft. Dieser VerwandlungsprozeB ist Alchimie im rosenkreuzerischen Sinne.
Natiirlich werden die intimen Anweisungen nur von Lehrer zu Schiiler gegeben.
Das fiinfte, die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, ist das Lernen der Ent-
sprechung dessen, was wir selbst in uns haben, mit dem auBeren Makrokosmos. Paracelsus
sagt einmal : Sehen wir uns die Tiere, Pflanzen und Mineralien an - es ist alles in irgendeiner
Weise auch in dem eigenen Menschenleib. Der Mensch ist wie ein ZusammenflieBen alles des-
sen, was auch in der Natur drauBen ist. Die Natur ist gleichsam der auseinandergenommene
Mensch. Die Natur ist wie die Buchstaben, der Mensch aber ist das Wort, das aus diesen Buch-
staben zusammengesetzt ist. - Wenn diese Erkenntnis ins BewuBtsein dringt, dann schaut der
Schiiler, wie aus dem Licht das Auge geformt wurde. Das Auge ist vom Lichte gebildet. Unser
Organismus ging aus einem anderen hervor, der noch keine Augen hatte; aber das Licht hat das
Auge hervorgerufen. Dieser BewuBtseinszustand ist langst nicht mehr vorhanden. Der Mensch
weiB heute nichts mehr davon, aber der Seher auf dem Astralplan sieht es. Da lernen Sie wieder
kennen, was im Innern des Kosmos webt wie in Ihrer eigenen Natur. Dann lernen Sie durch
Ihre einzelnen Glieder den Kosmos kennen: aus dem Auge das Licht, aus den Ohren den Ton,
und das andere so, wie es nur von dem Lehrer zum Schiiler gegeben werden kann.
Wenn der Mensch so weit gekommen ist, daB er die Entsprechung zwischen Mikrokosmos
und Makrokosmos gelernt hat, dann kann er zum sechsten aufsteigen: zum Aufgehen in dem
Makrokosmos. Dann haben Sie zu jedem Ding in der Natur ein Freundschaftsverhaltnis. Es
besteht dann etwas wie ein Liebesverhaltnis zu jedem Wesen in der Natur, so etwa, wie es in der
Liebe zwischen Mann und Weib noch iibriggeblieben ist. Anders erscheint dann die Sonnen-
blume, anders das Veilchen, anders Lowe und Tiger, anders dieser und jener. So differenziert,
wie die Liebe bei Mann und Weib, so differenziert erscheint der ganze Kosmos. Es flieBt unser
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Inneres von innen nach auBen, und das ist wieder verbunden mit einer Umwandlung des Her-
zens : Der Ather- und der Astralleib wandeln das Herz um, daB es ein willkiirlicher Muskel
sein wird. Hier wird die okkulte Lehre, wenn sie sich noch mehr vervollkommnet, Licht ver-
breitend wirken, Heute ist das Herz fur die Physiologen eine Crux. Es ist ein unwillkiirlicher
Muskel, aber in bezug auf seine Streifung ist es ein willkiirlicher Muskel; denn er ist quer ge-
streift. Alle willkiirlichen Muskeln sind quer gestreift, wahrend die unwillkutlichen langs ge-
streift sind. Das Herz ist quer gestreift, denn es ist auf dem Wege, ein willkiirlicher Muskel zu
werden. Heute ist es mit der Anlage dazu versehen. Wenn der Mensch in der Zukunft aus der
Spkitualitat des Kosmos heraus zu schaffen vermag, wird er das Herz so zubewegen vermogen,
wie er heute die Hand zu bewegen vermag. Und so konnte ich Ihnen hundert und aber hundert
Beispiele anfuhren, wo die okkulte Wissenschaft Licht wirft auf das, was die physische Wissen-
schaft nicht entratseln kann.
Wenn der Mensch allmahlich dieses personliche in time Verhaltnis zur ganzen Umwelt er-
reicht, wenn er die physischen Gehimkrafte nicht mehr gebrauchen muB, dann, sagt der Leh-
rer, kann er erst das begreifen, was der Rosenkreuzer die Gottseligkeit nennt, wo die Selbstan-
digkeit des Menschen gewahrt ist, aber das Hochste gefiihlt wird.
Nur eine Skizze konnte ich heute entwerfen; aber viel kann die Rosenkreuzerschulung da
geben. Viel kann auch eingewendet werden; man kann aufmerksam machen auf die Gefahren,
die dabei mit auftreten konnen. Da kann nur auf eines hingewiesen werden: Ist der Mensch
nicht aus dem Egoismus heraus ungestiim nach dem Ideal, sondern fiihlt er sich eingegHedert,
fiihlt er die Entwickelung nicht als Begierde, sondern als PfTicht, will er Diener der Evolution
sein, lautert er alles, was er lautem muB, dann ist Gefahr gar nicht vorhanden. Und gerade die
Rosenkreuzerschulung wird auch eine moralische Lauterung bewkken. Aufzugehen mit seiner
Seele ganz im reinen Gedanken, muB dem Schiiler vorschweben; denn der reine Gedanke ist
eine gewaltige moraHsche Lauterung. Dann wirkt er als Vorbereitung zu den sechs Stufen.
Alles Zielen auf okkulte Entwickelung aber muB unter dem Grundsatz des Uberwindens
vor skh gehen, den auch Goethe an einer Stelle ausgedriickt hat. Nur wenn wir auch uns
iiberwunden haben, diirfen wk uns hoher entwickeln. Das muB unser Grundideal werden,
denn das Uberwinden ist das Grundideal der Rosenkreuzer :
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindetl
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PLANETENENTWICKELUNG UND MENSCHHEITSENTWICKELUNG
Zweiter KongreBvortrag in Munchen am 20. Mai 1907
Gestern durfte ich Ihnen sprechen von der Initiation im Sinne der rosenkreuzerischen spiri-
tuellen Weltenstromung, von denjenigen Stufen der Erkenntnis, des Empfindens, der Willens-
impulse, der Tatigkeiten, die ein Mensch durchzumachen hat, wenn er den Pfad der Erkennt-
nis hinaufriicken will, hoheren Daseinsstufen des Menschentums entgegengehen will. Heute
lassen Sie uns versuchen, ein Kapitel aus dieser rosenkreuzerischen Theosophie selbst abzu-
handeln. Nicht als ob - und das muB immer wieder betont werden - diese Rosenkreuzer-
weisheit etwas anderes ware als die gemeinsame spirituelle Weisheit aller Volker und Zeiten;
sie ist nur angepaBt unserer modernen Vorstellungsart, dem modernen zeitlichen Bedurfnis;
sie ist nur herausgeboren aus der Erkenntnis, daB unsere Epoche eine besondere Art zu sprechen
braucht, um die urewigen Wahrheiten aller Zeiten zu verkiinden, so daB sie selbst sich hinein-
leben konnen gerade in die Konfiguration der heutigen Menschheit Europas und Amerikas.
Es ist vielleicht ein sehr weit abliegendes Kapitel, das bier ausgewahlt wird, dennoch ist es
eines der wesentlichsten. Denn nichts zeigt uns des Menschen Ursprung und Ziel so sehr wie
die Erkenntnis dieses Kapitels und weist uns zugleich auf die Krafte hin, die wir in uns selbst
entfalten sollen, um Mitarbeiter zu werden im Dienste der Menschheitsevolution. Wir konnen
nicht anders die groBe Entwickelung des Kosmos betrachten, als daB wir ausgehen von dem
Menschen und seiner Wesenheit selbst. Und ich werde nichts anderes sagen, als was eine ge-
meinsame theosophische und rosenkreuzerische Weisheit ist, was jeder sagen wiirde, der aus
diesen Quellen heraus spricht. Es gibt da keinen Widerspruch. Viele kennen bereits das, was
ich hier noch einmal sagen mochte.
Wir unterscheiden sieben Glieder der Menschennatur. Heute vormittag haben wir gehort,
daB man auch eine andere Zahl zugrunde legen konnte: dreimal drei. Es tut nichts, daB ich
heute die drei mittleren Glieder in einem einzigen Namen zusammenfassen werde, und fassen
Sie einmal diese drei Glieder zusammen unter dem, was ich heute als das vierte nennen werde,
dann decken sich die Ausfiihrungen vollstandig.
Wir teilen die menschliche Wesenheit so ein, daB wir sagen, der Mensch hat zunachst seinen
physischen Leib; er ist das, was Hande beriihren und Augen sehen konnen, das, was der
Mensch gemeinschaftlich hat mit der ganzen Natur und was den physischen und chemischen
Gesetzen unterliegt. Das zweite ist der sogenannte Ather- oder Lebensleib. Er ist das, was die
chemischen und physischen Krafte und Stoffe aufruft zum Leben und was den Zusammenhang
der physischen und chemischen Stoffe im Tode verlaBt. Man sagt im Okkultismus : Der mensch-
liche physische Leib ist eine solche Zusammenfugung von Stoffen und Kraften, daB er als phy-
sischer Leib durch sich selbst nicht bestehen kann; nur dadurch, daB ihm ein Atherleib ein-
gefiigt ist und so lange, als er ihm eingefiigt ist, wird er vor dem Zerfall der physischen Stoffe
und Krafte bewahrt. In dem Augenblicke, wo der Atherleib die physischen Krafte verlaBt,
tritt der Tod ein, ist der physische Leib ein Leichnam. Daher sagt man auch, der Atherleib ist
das, was uns in jedem Augenblick vor dem Tode bewahrt. In jedem Augenblick gibt es in dem
Atherleib einen groBen Kampf gegen das, was sonst unsere chemischen Stoffe zerfallen macht.
Das dritte Glied ist der Trager von Lust und Leid, Freude und Schmerz, Gefiihlen und Affek-
ten, was wir den Astralleib nennen. Er ist das Glied der menschlichen Wesenheit, das der
Mensch ebenso mit den Tieren gemeinsam hat, wie er den Atherleib mit der Pflanzen- und
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Tierwelt und den mineralischen Leib mit der ganzen auBeren Welt gemeinsam hat. Der Name
Astralleib ist gebrauchlich seit den uf spriinglichsten Zeiten. Es gibt keinen passenderen Namen
fur dieses Glied der menschlichen Wesenheit als Astralleib. Und es gibt vielleicht keine scho-
nere Definition des Grundes, warum dieser Leib Astralleib heiBt, als die, welche der groBe
Theosoph Paracelsus gegeben hat. Ebenso wie im Tode der Atherleib den physischen Leib ver-
laBt, so verlaBt einige Zeit nach dem Tode der Astralleib den Atherleib. Aber der Astralleib
verlaBt den physischen und Atherleib auch in jeder Nacht. Da ist er auBer uns. Wo ist er
denn?
Da sagt Paracelsus mit Recht: Wo ist er, und was tut er in der Nacht? Ruht er, hat er eine
Aufgabe? Jawohl, er hat eine Aufgabe. Zwar wer nicht hellseherische Krafte hat, kann auch
nicht hineinsehen in die Tatigkeit des Astralleibes wahrend der Nacht. Aber die Konsequenzen
dieser Tatigkeit empfindet ein jeder Mensch. Sie alle legen sich des Abends ermiidet zu Bett.
Die Ermiidung ist der Ausdruck einer Disharmonie in der Zusammenfiigung unseres physi-
schen und Atherleibes. Sie muB entstehen, wenn der Astralleib nicht Gewalt hat, Harmonie
in die zwei anderen, den physischen und Atherleib, hineinzubringen. Und wie der Mensch heute
ist, muB wahrend des tagwachenden Lebens eine solche Disharmonie notwendig entstehen.
Ware unser physischer und Atherleib bloB unter der Gewalt des Astralleibes - wie die Krafte
zusammengefiigt werden sollen -, dann wiirde immer Harmonie in unserem Ather- und phy-
sischen Leibe sein. So aber lebt nicht nur der Astralleib in dem physischen Leib, sondern auf
der BewuBtseinsstufe, die die Menschheit auf dem Erdenplaneten erreicht hat, wirkt die ganze
Umwelt der physischen, sinnlich wahrnehmbaren Gegenstande auf den Menschen ein. Es
flieBen von auBen in ihn herein die Eindrucke des Auges und Ohres und der iibrigen Sinne.
Wahrend des Tagwachens wird bei jedem Menschen, der noch nicht auf einer gewissen hoheren
Stufe der spirituellen Entwickelung angelangt ist, eine Disharmonie eintreten miissen. Wenn
dieser Astralleib nun niemals an einem anderen Ort verweilen konnte als in unserem physischen
und Atherleib, so wiirde er selbst in Unordnung kommen. Dann wiirden seine Kraftstromungen
nicht die bleiben, die sie sein miissen, wenn ein richtiger Ather- und physischer Leib geformt
werden sollen. Wahrend des Tages kommt die innere Harmonie des Astralleibes in Unordnung,
und der Ausdruck fur die Unordnung ist die Ermiidung. In dem Augenblick, wo Sie die Ermii-
dung spiiren, ist die innere Disharmonie da. Wo ist nun der Astralleib wahrend der Nacht?
Mit Recht sagt Paracelsus : Wenn die Kraftlinien, die ihn bei Tag mit dem physischen Leib
verbinden, sich zu lockem beginnen, dann tritt er in Zusammenhang mit dem ganzen harmo-
nischen Kraftesystem, das den Sternenhimmel durchflutet. In dem Augenblick, wo der Mensch
eingeschlafen ist, ruht er in der Harmonie der Spharen, und daraus bringt er sich die Krafte mit,
um das wieder auszugleichen, was wahrend des Tages verbraucht ist. So ruht der Astralleib wah-
rend der Nacht in der Welt der Steme; da hat er seine eigentliche Heimat. Und kehrt er zuriick,
so bringt er sich die Krafte der Sterne mit, um damit die Ermiidungsstoffe fortzuscharTen. Da-
her ist der Schlaf ein guter Arzt, weil dann Ordnung und Harmonie eintreten kann, wenn der
Astralleib wiederum einige Zeit ruht in derjenigen Welt, die die Gesetze fur den Sternenhimmel
enthalt, und das skid die Gesetze fiir die geistige Welt iiberhaupt. Wenn der Mensch keinen
Schlaf hat, wird die Gesundheit deshalb untergraben, weil der Astralleib nicht eine Zeit geruht
hat in der Sternenwelt. Deshalb hat der Astralleib diesen Namen erhalten. Friiher wurde kein
Name gegeben, der nicht dem Wesen der Sache entsprach. Und bevor wir okkulte Namen und
Bezeichnungen korrigieren, miissen wir erst iiber den Namen nachdenken, wozu er gegeben
worden ist. Wenn heute ein Komet oder kleiner Planet entdeckt wird, schlagt man ein Lexikon
der Mythologie auf und gibt daraus dem Stem einen Namen. Das Prinzip der Namengebung in
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spirituellen Zeiten war, in einem Namen das Wesen der Sache selbst tonhaft nachklingen zu las-
sen: es klang im Namen der Zusammenhang mit der Welt.
In dem vierten Glied seiner Wesenheit hat der Mensch etwas, wodurch er die Kronung der
irdischen Schopfung des planetarischen Daseins bildet. Folgen Sie mir fur kurze Zeit in eine
subtile Betrachtung. In dem ganzen Umkreis der deutschen Sprache gibt es einen Namen - und
in anderen Sprachen ist es ahnlich -, der sich von alien anderen Namen grundsatzlich unter-
scheidet. Jeder von Ihnen kann zu dem Tisch «Tisch» sagen, zu dem Bild «Bild» und so weiter.
Einen Namen gibt es aber, den wir in demselben Sinne nicht anwenden konnen, das ist der
Name Ich. Keiner von ihnen kann zu einem anderen «Ich» sagen. Jeder andere ist fur ihn ein
«Du» und auch Sie sind fiir jeden anderen ein «Du». Wenn dieser Name uns selbst bezeichnen
soli, kann kein Ton in der AuBenwelt ihn verkorpern, er muB aus uns selbst klingen. Das emp-
fanden zu alien Zeiten diejenigen Religionen, die einen Impuls von der Geheimlehre hatten. In
der Geheimlehre sagt man daher den Namen fiir das Wesen, und in der hebraischen Geheim-
lehre ist der unaussprechliche Name Gottes, der Jahve-Name nichts anderes als der Name fiir
das Ich. In Wahrheit ist der Jahve-Name der Name fiir das, was in der Seele anfangt, einen
Monolog zu halten - in seinem Selbst zu leben. Man empfand das so, daB man in denjenigen
Weltanschauungen und Religionen, die auf spirituellen Grundlagen errichtet waren, sagte: Im
Ich beginnt im Innersten der Seele der Gott zu sprechen. Es ist das ein Anfang, aber er muB
gemacht werden, und dieses Ich - dieser einzige Zentralpunkt - ist das, was das wesentlichste
unterscheidende Merkmal des Menschen von all den Wesen ausmacht, die uns auf diesem Pla-
neten umgeben. Sinnige Personen haben das immer empfunden. Jean Paul sagt uns, wie er als
ganz junges Kind im Hofe des elterlichen Hauses stand, und er wuBte sich genau daran zu
erinnern, wie zum ersten Male das Gefiihl in ihm entstand: du bist ja eine Ich- Wesenheit ! Und
er fiigt hinzu, ein Irrtum sei ausgeschlossen und auch, daB andere etwas zu dieser Erinnerung
hinzugetan hatten. Denn damals - sagt Jean Paul - habe ich in das verhangene Allerheiligste
meines inneren Wesens hineingeblickt; damals wuBte ich, daB ich unsterblich bin, weil ich mit
dem Gotte den Zusammenhang gefunden hatte.
Wenn wir jetzt vom Ich nach auBen gehen, so kommen wir zu dem Punkt, wo wir die
gegenseitigen Verhaltnisse der menschlichen Wesenheit betrachten konnen. Die menschliche
Entwickelung besteht darin, daB das Ich an den drei Leibern arbeitet, innerhalb welcher es auf-
tritt wie der Kern einer Frucht in seiner Schale. Und wie arbeitet dieses Ich?
Wenn wir das verstehen wollen, mussen wir uns an primitive Volkerschaften erinnern. Neh-
men Sie ein Volk, das heute auf einer untergeordneten Kulturstufe steht. Da sehen Sie, daB
dieses Volk von seinen Gefuhlen und Instinkten, von Trieb und Leidenschaft beherrscht ist,
ganz wie das Tier: sie fressen einander auf. Vergleichen Sie nun diesen Wilden mit dem Ange-
horigen einer hoher entwickelten Kultur, mit einem Fran^ von Assist. - Was unterscheidet die
beiden Entwickelungsformen?
Wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, mussen wir uns klarsein, daB der Mensch -
durch die vielen Inkarnationen hindurch, durch die er sich entwickelt - von seinem Ich aus seine
Arbeit verrichtet: erst am Astralleib, dann am Atherleib und dann auch am physischen Leib.
Das ist menschliche Entwickelung: diese Ausstrahlung des Ich in die drei Leiber. Der Wilde
folgt alien Trieben und Leidenschaften, die in ihm leben. Der Kulturmensch sagt sich, gewis-
sen Trieben darf ich nicht folgen; er versagt sich gewisse Triebe und Leidenschaften. Der noch
hoherstehende Idealist versagt sich diese nicht nur, sondern er erzeugt aus sich heraus Ideale,
die etwas Neues hinzufugen zu dem, was die Triebe des Astralleibes auf einer primitiven Kul-
turstufe ausmacht. So sehen wir vor dem hellseherischen Blick den Astralleib aus zwei Teilen
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bestehen: was urspriinglich in ihm war und dann das, was das Ich selbst daraus gemacht hat.
Sehen Sie einen hochentwickelten Idealisten an, so ist dieser Teil [es wird gezeichnet] durch
die Arbeit des Ich groBer als bei anderen, und bei einem Menschen wie Franz von Assisi sehen
Sie, wie wenig von dem zuruckgeblieben ist, was der Mensch, als er seine erste Inkarnation
antrat, sein eigen nannte. In der Theosophie benennt man diesen praktisch umgewandelten Teil
des menschlichen Astralleibes, iiber den der Mensch Herrschaft gewonnen hat, mit dem deut-
schen Worte «Geistselbst», das man sonst in der theosophischen Literatur mit « Manas » be-
zekhnet; es ist ein umgewandelter Teil des Astralleibes.
Der Mensch arbeitet aber von seinem Ich aus audi seinen Atherleib um. Was heiBt: Arbeiten
an dem Atherleib? Wir wollen uns das durch ein Beispiel klarmachen. Sie konnen das an Ihrer
eigenen Entwickelung tun. Erinnem Sie sich, was Sie als ein siebenjahriges Kind gewuBt haben
an Begriffen und Vorstellungen, und was Sie heute wissen, was Sie gelernt und verandert haben
in Ihrem Vorstellungsleben. Sie werden sehr viel finden. Vergleichen Sie aber jetzt dies, was
Sie gelernt haben, mit dem, was sich verwandelt hat von anderen Dingen, die auch in Ihnen
sind, an Temperament, Gedachtnis, gewissen Grundeigenschaften der menschlichen Natur.
Wenn Sie als achtjahriges Kind jahzornig waren, so wird noch manchmal dieser Jahzorn durch-
blicken. War Ihr Temperament ein melancholisches, so wird vielleicht Ihr ganzes Leben lang
diese Farbung bleiben. So daB wir vergleichsweise sagen konnen: was der Mensch eigendich
lernt, bewegt sich so vorwarts wie der Minutenzeiger einer Uhr; aber was die Grundneigungen
eines Menschen sind, das bewegt sich langsamer vorwarts, so wie der Stundenzeiger. Und so
langsam wie der Stundenzeiger einer Uhr verwandelt sich der Atherleib. Es ist der Atherleib ein
dichterer als der Astralleib; daher ist die Arbeit des Ich an dem Atherleib im wesentlichen
schwieriger als die Arbeit an dem Astralleib. Und erst, wenn das Ich nicht nur an seinen intel-
lektuellen Vorstellungen arbeitet, sondern sein Temperament umzuwandeln beginnt, dann ist
das begleitet von einer Umformung seines Atherleibes. Fur viele ist das nur moglich bei dem
Ubergang von einer Inkarnation in die andere. Aber gerade das ist das Wesentliche der okkul-
ten Schulung : alles was du lernen kannst, ist nur Vorbereitung fur die okkulte Schulung, und
mehr hast du getan, wenn du irgendeine Grundstimmung fortzuschaffen dich bemuht hast,
wenn du dein zum Beispiel melancholisches Temperament umgewandelt hast in ein harmoni-
sches. In dem Augenblicke, wo wir beginnen, nicht nur Empfindungen und Impulse, sondern
unsere Grundaffekte zu andern, beginnen wir an dem Atherleib zu arbeiten, und derjenige Teil
des menschlichen Atherleibes, der so vom Ich heraus umgestaltet ist, ist wiederum ein neues
Glied der menschlichen Natur. BewuBt konnen heute die wenigsten Menschen diese Umfor-
mung des Atherleibes bewirken, sondern nur die, welche in einer okkulten Schulung sind. Ein
Gesetz in der pythagoraischen Schule war zum Beispiel, daB erst der Astralleib vollstandig ge-
reinigt werden muBte, bevor die Arbeit an dem Atherleib beginnen konnte. Aber man muB
unterscheiden zwischen der bewuBten und unbewuBten Schulung am Atherleib. Der Teil, der
von der Arbeit des Ich durchdrungen ist, heiBt in der deutschen Sprache der «Lebensgeist»;
es ist dasselbe in seiner Grundwesenheit, was man in der theosophischen Literatur die
«Buddhi» nennt.
Das dritte und Bedeutungsvollste ist, wenn der Mensch nicht nur beginnt, Herr zu werden
iiber die Krafte seines Atherleibes, sondern wenn er beginnt, hinunterzuarbeiten bis in den phy-
sischen Leib. Es konnte scheinen, als ob die Arbeit des Ich an dem physischen Leib das nied-
rigste ware; es ist aber gegenwartig das Hochste. Und die Arbeit an dem physischen Leib ist
wiederum schwieriger als die Arbeit am Atherleib. Beginnt der Mensch bewuBt daran zu arbei-
ten, durch das Ich Herr zu werden der Krafte, die im physischen Leibe wirken, dann tritt noch
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etwas anderes bei ihm auf. Was im physischen Leibe wirkt, sind dieselben Krafte, die im Kos-
mos wirken. Lernt der Mensch die Krafte seines Blutes, seines Atmens beherrschen, dann lernt
er die Magie des Kosmos. Dann flieBt das, was er kann, aus seinem physischen Leib hinaus,
in das All ein, und das ist eine wirkliche, reale Arbeit, die dann erst beginnen kann, wenn
der Mensch einen gewissen Grad seiner Arbeit am Atherleib erreicht hat. Und weil man beginnt
mit der Regulierung des Nachsten, was uns vorliegt - mit der Regulierung des Atmens -, so ist
auch der Name des Atmens von «Atma» hergenommen. So viel der Mensch in seiner inneren
physischen Natur umgestaltet, so viel ist in ihm von dem «Geistesmenschen», von «Atma»;
da ist ein Teil der Geistmaterie in ihm verwandelt worden.
Nicht urn ein asketisches Fhehen aus der physischen Welt handelt es sich dabei; sondern
wir haben die Aufgabe, uns in die physische Welt hineinzubegeben, urn sie zu einer spirituellen
umzuformen. Das ist das groBe Gesetz der Erlosung. Gerade dies Physische bedeutet einen
Teil des Spirituellen, der so geworden ist, wie er geworden ist, damit wk unsere heutige
Entwickelungsstufe erlangen konnten. Wir haben nun die Aufgabe, diesen physischen Leib
wiederum hinaufzuvergeistigen, ihn zu erlosen. Hinter dem Worte Erlosung liegt dies Prinzip.
Da haben Sie die gegenseitige Beziehung der sieben Glieder der menschlichen Natur, wie man
sie haben muB, wenn man sie in praktischer theosophischer Arbeit verwerten will.
Nun wollen wir die Evolution des Menschen betrachten. Wer als Materialist bloB den
physischen Leib kennt, macht sich auch von der Evolution des Menschen nur eine abstrakte
Vorstellung. Wer aber einsieht, wie kompliziert der Mensch ist, sieht auch, wie kompliziert
die Evolution des Menschen ist. Welches ist nun von diesen vier Gliedem das alteste, das
vollkommenste? Da wird mancher iiberrascht sein, wenn er hort, daB das alteste und in seiner
Art vollkommenste Glied der menschlichen Wesenheit das physische ist; es ist dasjenige, zu
dem die langste Zeit notwendig war. Jiinger ist der Atherleib, noch jiinger der Astralleib,
und das Baby ist das Ich. Nur mit Unrecht nennt man den physischen Leib ein unvollkom-
menes Stuck des Menschen. Betrachten Sie zum Beispiel nur den Bau des Oberschenkelkno-
chens: ein wunderbares Kunstwerk. Da sind die Balken so weisheitsvoll gelegt, wie keine
menschliche Ingenieurkunst es zustande bringen konnte, und sie sind so gelegt, daB der Ober-
korper mit dem kleinsten Aufwand von Kraft getragen wird. Gehen wir nun von diesem Glied
fiber zu dem Bau des menschlichen Herzens. Wer sich in das hineinvertieft, was unsere Physio-
logen uns vom Herzen und auch von den iibrigen Organen lehren, der weiB, daB diese Glieder
so weise aufgebaut sind, daB keine menschliche Weisheit in diese physischen Formen sogar nur
eindringen kann. Der physische Leib ware gut bei alien Menschen. Aber nun sehen wir uns
den Astralleib an, was der das ganze Leben hindurch tut. Der Mensch fuhrt durch die Tatig-
keit seines Astralleibes dem physischen Leibe, zum Beispiel dem Herzen, fortwahrend Herz-
gifte zu; aber das Herz ist so weise gebaut, daB es ganze Zeiten aushalt gegen die Attacken
des Astralleibes. Erst eine kunftige Zeit wird den Astralleib ebenso weise finden, wie es heute
der physische Leib ist. Der physische Leib ist das alteste Glied der Menschennatur, zu dem die
langste Evolutionszek notwendig war. Die Glieder der Menschennatur sind aber zusammen-
gefiigt mit der ganzen Umwelt. Ebenso wie der einzelne Finger nur bestehen kann, wenn er
ein Glied der ganzen Hand ist, ebenso ist der Mensch nur im Zusammenhang mit dem ganzen
Kosmos denkbar. Heben Sie ihn einige Meilen tiber die Erde hinaus, dann geht es ihm ebenso
wie dem Finger, wenn Sie ihn abschneiden. Und nur weil der Mensch auf der Erde herum-
spazieren kann, gibt man diese Unselbstandigkeit nicht zu.
Blicken Sie zuriick auf urferne vergangene Zeiten! Und wenn Sie vorblicken in zukunftige
Zeiten, so sehen Sie, daB die Gestalt seiner Glieder sich fortwahrend andert. Aber sie konnen
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sich nur andern, wenn alles in der Umgebung des Menschen anders wird. Nur weil der Mensch
trotz seiner vorgeriickten Wissenschaft eine so kurze Spanne Zeit iiberblickt, glaubt er, daB die
Dinge immer so waren, wie sie sind. Aber wer weiter hineinblickt, weiB, daB sich unser
Planet von Form zu Form andern muB, wenn wir uns selbst andern wollen. Aber es geniigt
nicht bloB, daB die Veranderungen eintreten, welche die Erde selbst durchmacht, sondern der
Mensch war in gewisser Beziehung schon da, bevor man die Erde im Kosmos «Erde» nen-
nen konnte. Wie der Mensch im Kosmos fortschreitet, so schreiten auch die Planeten oder die
Wesen, die sie bewohnen, fort. Unser Planet ist die Reinkarnation eines anderen planetarischen
Zustandes, und wir konnen drei vorhergehende Inkarnationen unserer Erde verfolgen und
perspektivisch auf drei folgende vorausblicken. Was wir Planetenentwickelung nennen, ist
nichts weiter als ein Analogon zu unserer Menschenentwickelung. Die drei vorhergehenden
Planetenzustande, durch die unsere Erde durchgehen muBte, nennt man in rosenkreuzerischer
Bezeichnung: Saturn, Sonne, Mond, so daB wir uns vorzustellen haben: die Erde war, bevor
sie Erde wurde, Mond, und bevor sie Mond wurde, war sie Sonne, und vor der Sonne war sie
Saturn; und die spateren Zustande, auf die wir hinblicken, nennt man Jupiter, Venus, Vulkan.
Was heiBt das: die Erde ist durch diese Zustande hindurchgegangen?
Wir sind heute in der vierten Inkarnation unseres eigenen Planeten, und das hangt mit der
menschlichen Evolution auf das innigste zusammen. Auf der ersten Planetenform - also auf
dem Saturn - waren bereits die ersten Anlagen zum menschlichen physischen Leib vorhanden.
Damals aber war der menschliche physische Leib wahrend der ganzen Saturnentwickelung so,
daB ihm noch kein selbstandiger Atherleib eingegliedert war. Durch den Sonnen- und Mond-
zustand hindurch bis zum Erdenzustand herunter hat sich dieser physische Leib immer mehr
und mehr vervollkommnet, so daB wir sagen konnen : der physische Menschenleib steht heute
auf der vierten Stufe seiner Entwickelung, er steht heute auf dem Punkt der Erdentwickelung.
Erst bei der zweiten Inkarnation unserer Erde wurde diesem physischen Leib eingegliedert
ein selbstandiger Atherleib. Es wurde gleichsam der physische Leib dadurch vollkommener,
daB ein Atherleib in ihm arbeitete. Dann fuhrte die dritte Reinkarnation der Erde - der Mond -
dazu, daB sich den zwei Leibern noch der Astralleib eingliederte; so daB der Bewohner des
Mondes, der Vorfahr des heutigen Erdenmenschen, aus drei Leibern - dem physischen, dem
Ather- und dem Astralleib - bestand. Und der Sinn der Erdentwickelung ist der : diesen drei
Gliedern das Ich einzugliedern, den Arbeiter, der dann beginnt umzugestalten, was ihm von
friiher her geworden ist. So sehen wir, daB der physische Leib alter ist als die anderen, und
das Ich ist erst auf der ersten Stufe seiner Entwickelung. Man kann auch aus der Konfigu-
ration des physischen Leibes sogar wissen, was in uns herstammt von dem Saturnzustand. Was
am hochsten steht innerhalb unseres physischen Leibes, das sind die Sinnesorgane, und der
Keim zu unseren Sinnesorganen wurde gelegt auf dem Saturn. Und so wurde Glied fur Glied
aufgebaut, wurde stufenweise immer vollkommener und vollkommener mit den anderen Glie-
dern der menschlichen Natur.
Was hier Saturn und Sonne genannt wird, ist nicht die heutige Sonne und der heutige Saturn,
sondern es werden damit Entwickelungsphasen bezeichnet. Dennoch steht das, was unsere Erde
in ihrer Entwickelung durchgemacht hat, in Zusammenhang mit dem heutigen Saturn. Es ver-
halt sich der heutige Saturn zu der Erde wie ein Knabe zu einem Greis. Dieselben Lebens-
verhaltnisse, die der Saturn heute durchmacht, hat unsere Erde friiher durchgemacht. Daher
spricht man im wirklichen Okkultismus nicht von dem Saturn, von der Sonne und so weiter,
sondern von einem Saturn, einer Sonne und so weiter. Unsere Erde ist ein alter gewordener
Saturn.
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Nun miissen wir uns noch klarsein, welchen Sinn denn diese ganze Entwickelung hat.
Wenn wir zuriickblicken auf jene Saturnentwickelung, wo der Mensch noch ohne Atherleib,
Astralleib und Ich war - insofern sie selbstandige Wesen waren -, bekommen wir den besten
Unterschied jener uralten Zustande von dem heutigen dadurch zu erkennen, daB wir uns auf
das «BewuBtsein» beziehen. Es ist mit jedem Entwickelungszustand ein BewuBtseinszustand
verbunden. Es gibt sieben Bewufitseinszustande. Der gegenwartige Mensch ist im vierten;
diesen kann kein Wesen haben, das nicht zu sich «Ich» sagen kann. Daher entwickelte der
Mensch die Form des BewuBtseins, die er jetzt hat, erst auf der Erde. Die Erdentwickelung hat
den Sinn, das wache TagbewuBtsein zu entwickeln. Auf den friiheren Planetenzustanden gab
es fur den Menschen nur unvollkommene BewuBtseinszustande. Auf dem Saturn hatte der
menschliche Vorfahr in seiner primitiven Gestalt ein BewuBtsein, wie es auch die Mineralien
haben, oder vielmehr: der menschliche physische Vorfahr ist jenes BewuBtsein. Wk konnen
dafiir kaum leicht Worte finden; wir konnen nur andeuten. Dieses BewuBtsein ist ein ganz,
ganz dammerhaftes, ein tiefes Trance-Schlaf bewuBtsein, dumpf und dammrig, das aber in gewis-
ser Weise wiederum einen Vorzug hatte: es ubersieht einen viel groBeren Umkreis, ist viel uni-
verseller; ein MineralbewuBtsein weiB von dem ganzen Sonnensystem.
Dann wurde dieses BewuBtsein eingeengt zu dem, was die Pflanze hat. Aber es ist jetzt schon
ein etwas aufgehellteres BewuBtsein gegen das des Minerals. In diesem BewuBtsein war der
Mensch, als die Erde im Sonnendasein war. Die dritte Form des BewuBtseins ist das Bilder-
bewuBtsein, auch das primare psychische BewuBtsein genannt. Es unterscheidet sich von dem
gegenwartigen dadurch, daB es in Bildern wirkt, aber so, daB es das Psychische des anderen ver-
mittelt. Denken Sie sich ein Wesen - und das menschliche Vorfahrenwesen auf dem Monde war
so -, das noch kein sinnliches BewuBtsein hat und die Gegenstande beim Aufwachen mit Farben
iiberziehen kann: ein letztes Uberbleibsel eines solchen BewuBtseins haben Sie in der Traum-
welt. Die Traumwelt ist nicht das astrale BewuBtsein. Das gegenwartige TraumbewuBtsein ver-
halt sich zum MondbewuBtsein so, wie irgendein verkiimmertes Glied zu der Form, wie sie vor-
handen war, als es noch im Menschen selbst seine Aufgaben hatte; zum Beispiel gewisse Mus-
keln, die die Ohren bewegen konnten, die beim Menschen ihren Sinn verloren haben. Von
jenem astralen oder psychischen BilderbewuBtsein vom Monde ist als Rudiment die heutige
Traumwelt zuruckgeblieben; daher wirkt sie auch so, wie das astrale imaginative BewuBtsein
wirkt. Denken Sie sich, es traumt jemand, daB er einen Laubfrosch finge. Er sieht ihn hiipfen
und faBt ihn. Da wacht der Schlafer auf und sieht, er hatte den Zipfel der Bettdecke in seiner Hand.
Oder ein anderer Traum, der richtig vorgefallen ist. Eine Bauersfrau traumt, sie ginge in die
Kirche. Sie hort andachtig zu. Da bewegt der Pfarrer heftig seine Arme und siehe da, er be-
kommt Flugel. Das war der frommen Bauersfrau nicht allzu merkwiirdig, daB ein Pfarrer, der
vom Himmel predigt, gelegentUch auch einmal Fliigel bekommt. Aber was geschieht? Der
Pfarrer beginnt auf der Kanzel laut zu krahen. Im selben AugenbHck wacht die Bauersfrau
auf und drauBen auf dem Hofe kraht der Hahn.
Was ist da geschehen, wo eine ganze dramatische Handlung vor sich geht? Im symbolischen
Bild driickt sich etwas aus, was Sie im wachen TagbewuBtsein als auBeren Gegenstand wahr-
genommen hatten. Es bildet sich symbolisch etwas aus, was nicht in dieser Weise vorhanden
ist. Behalten Sie aber das Symbol in der Form - denken Sie, der Mensch verwende es, um
Wahrnehmungen zu haben von der wirklichen psychischen Welt, dann haben Sie das, wovon
ich jetzt spreche. Ein symbolisches BewuBtsein, das wahr und wirklich ist, war das Mond-
bewuBtsein. Denken Sie sich einen Menschen ohne unser heutiges GegenstandsbewuBtsein.
Er naherte sich einem anderen Wesen. Er sieht bei diesem nicht die begrenzte Form, sondern
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da tritt vor ihm auf ein Farbengebilde. Bei Sympathie sieht er eine ganz bestimmte Farbe,
ebenso bei Antipathic Das ist etwas anderes als die Farbe heute: es ist der Ausdruck fur die
Sympathie oder Antipathie fur das andere Wesen. Und wer das MondbewuBtsein hat, tut das,
was dem MondbewuBtsein entspricht: er richtet seine Handlungen nach den Symbolen ein.
Nimmt er eine gewisse Farbe wahr, so weiB er, da geht etwas vor, was ihm feindlich ist, und er
wird sich zuriickziehen.
Erst eine spatere Entwickelungsform ist die, die sich unter dem EinfluB des Ich entwickelt,
wo das BewuBtsein nicht die psychische Erscheinung mehr wahrnimmt, sondern wo sich das,
was als Farbung aufgestiegen ist, iiber die Gegenstande hiniiberlegt. Die Farben, die Sie heute
iiber die Gegenstande ausgebreitet liegen sehen, sind die alten Farben, die einst als psychisches
Gebilde aufstiegen.
Wenn der moderne Mensch zu dem heutigen BewuBtsein dazu noch dasjenige des Mondes
hatte, so daB er die psychische Welt voll wahrnimmt wie die physische, so hatte er das jetzige
BewuBtsein erweitert zum imaginativen. Eine hohere Form ware dann, wenn er als ein weiteres
noch das BewuBtsein hinzugefiigt hatte, das heute die Pflanze hat und das der Mensch dumpf
und dammerig wahrend der Sonneninkarnation hatte. Und die hochste Form ware die, wo der
Mensch das BewuBtsein, das heute das Mineral hat, auch noch dazu hatte, das ihm wiederum
das Aufgehen in den universellen Kosmos ermoglichte. Dieses letzte BewuBtsein schwebt als
Ideal des Menschen vor uns, und man nennt es das spirituelle BewuBtsein.
Der Sinn der Planetenentwickelung ist also, daB die BewuBtseinszustande aufeinander folgen;
aber dazu muB der planetarische Schauplatz auch jedesmal ein ganz anderer werden. Wir liber-
blicken aber die vollstandige Evolution nur dann, wenn wir wissen, daB innerhalb jeden plane-
tarischen Zustandes wiederum sieben Stufen zuriickgelegt werden miissen. So muBte Saturn,
Sonne, Mond und jetzt die Erde sieben Stufen zurucklegen. «Runden» in der Theosophie ge-
nannt, «Reiche» in der christlichen Esoterik. Jeder der Planeten, den die Erde durchmacht, hat
sieben kleinere Kreislaufe; denn ein jedes BewuBtsein hat wiederum Grade, wenn es aufsteigen
soli, von den unvollkommensten bis zu den vollkommensten. Man nennt sie auch Lebens-
zustande. Jedes solcher Reiche oder Lebenszustande muB aber wiederum durchgehen durch
sieben verschiedene Offenbarungszustande oder sieben Formenzustande: arupa, rupa, astral,
physisch, plastisch, intellektuell, spirituell (archetypisch).
So haben wir 7 mal 7 mal 7 = 343 Zustande; sie bezeichnen die 343 planetarischen Inkarna-
tionen in ihrer Vollstandigkeit. Je 49 dieser Zustande umfassen die Entwickelung eines Be-
wuBtseinszustandes. Sie sehen also, wie wir in eine gewaltige kosmische Entwickelung hinein-
blicken konnen.
Als der Mensch noch auf der Sonne lebte und nur seinen Ather- und physischen Leib ent-
wickelt hatte, war er noch ein ganz anderes Wesen. Man konnte ihn nicht Pflanze nennen, aber
man konnte in einem gewissen iibertragenen Sinne doch sagen: er war damals im Pflanzen-
dasein. In bezug auf seine Lage zur Erde war er wie umgewendet : was heute in den Ather frei
hineinragt, der Kopf, das war damals zum Mittelpunkt der Erde hin gerichtet. Mit der Ent-
wickelung des BewuBtseins ist zugleich die Umkehr der ganzen Menschengestalt verkniipft.
Daher nennt man auch den Sonnenmenschen einen nach dem Mittelpunkt der Erde gerichteten
Menschen, und in demselben Sinne nennt man den Menschen des Mondzeitalters einen um-
kreisenden Menschen. Wenn man eine Tangente nach der Mondoberflache gezogen hatte . . .
[Liicke in der Nachschrift], Und der Erdenmensch ist der umgekehrte Sonnenmensch.
So schreitet alles vorwarts. Wenn wir zuriickblicken auf die Mondentwickelung, miissen wir
uns klarsein, daB das, was wir heute AfTekte nennen, sich erst als ein astraler Einschlag auf dem
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Mond entwickeln konnte. Damals abet war noch nicht das Ich entwickelt. Weil sich das Ich
erst auf der Erde entwickelte, empfand der Mondmensch noch nicht den Schmerz als seinen
individuellen; es war der Mondenschmerz. Unselbstandig war dieser physisch-atherisch-astra-
lische Mondenvorfahr. Unindividuelle Leidenschaften, Affekte und Schmerzen kamen da heraus.
Zum Beispiel war es auf dem Monde so - man darf es heute aussprechen, wenn es audi noch
so wenige glauben -, daB zu gewissen Jahreszeiten die ganze Welt, alle lebenden Wesen, die
von einem Astralleib umgeben waren, anfingen zu schreien, von Tonen sich zu entauBern; das
war verkniipft mit einer gewissen Entwkkelung im animalischen Leben. Ein Rudiment davon
ist noch der Brunstschrei im Sexualleben gewisser Tiere, wo zu gewissen Zeiten damit Schreie
verknupft sind.
Nun ist das Gesetz der Evolution so, daB in spateren Zustanden sich immer gewisse friihere
wiederholen. So muBte die Erde als Wiederholung das Saturn-, Sonnen- und Monddasein durch-
machen. Jetzt befindet die Erde sich in ihrem eigentlichsten Dasein. Sie bekommen eine Vor-
stellung von dem, was hier Sonne genannt wurde, wenn Sie alle Wesen, die heute auf Sonne,
Mond und Erde sind, zusammenruhrten zu einem Brei; es war das alles einmal in einem vor-
handen auf der Sonne. Zur Zeit des Sonnenzeitalters waren Sonne, Mond und Erde ein Korper.
Dann hatte sich die Sonne zum Mondendasein entwickelt und da erst warden Sonne und Mond
geteilt. Und bei der Wiederholung auf der Erde hat sich wiederum zuerst die Sonne und dann
wiederum der Mond herausgetrennt, und mit der Heraustrennung des Mondes ist verknupft die
eigentliche Ich-Werdung des Menschen. Der Mond enthalt die Krafte, die die ubrigen Glieder
des Menschen verhindern, Trager eines Ich zu werden. Ich kann nur darauf hindeuten, daB der
Zeitpunkt, der fur unsere Erdentwickelung eintrat in der alten lemurischen Zeit, nur dadurch
eintreten konnte, daB sich erst die Sonne lostrennte und dann der Mond. Als die Erde selb-
standig geworden war, konnte sie erst die Menschengestalt hervorbringen, aus der sich der
heutige Mensch entwickelt hat.
So hangt mit der kosmischen Entwkkelung die menschliche aufs innigste zusammen. Blicken
Sie zuriick auf die alte atiantische Zeit, die Vorgangerin unserer heutigen Zeit, wo der Mensch
auf der Atiantis lebte - die die Naturwissenschaft werdgstens schon fur die Tierwelt entdeckt
hat -, da haben Sie den Menschenvorfahren, der noch nicht ein solches BewuBtsein besitzt, wie
es der Mensch heute hat, das rechnen und industrielle Gegenstande herstellen kann. Dafiir aber
war eine andere Fahigkeit in hohem MaBe entwickelt. Der atiantische Mensch hatte ein aus-
gezeichnetes Gedachtnis, wovon man sich heute keine rechte Vorstellung mehr machen kann.
Noch etwas anderes war damit verknupft. Sie wurden finden, daB sich auch physisch diese alte
Atlantis ganz wesentlich von der Konfiguration der heutigen Erde unterscheidet. Was wir
heute Luft und Wasser nennen, war noch nicht da. Die ganze Luft war angefullt mit einem
feinen Wasserdunst. Das Wasser war noch aufgelost. Deshalb hat die alte deutsche Sage davon
den Namen «Nifelheim»
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