Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die okkulten Grundlagen 
der Bhagavad Gita 



Ein Zyklus von neun Vortragen 
gehalten in Helsingfors 
vom 28. Mai bis 5. Juni 1913 



1992 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg 



1. Auflage (Zyklus 28) Berlin 1914 
2. Auflage (erste Buchausgabe) Dornach 1940 

3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1962 

4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 



Bibliographie-Nr. 146 
Jupitersiegel auf dem Einband von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg / Bindearbeit: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274- 1460-X 



7.u den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gnindlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich als auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daft seine durchwegs 
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da 
sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und feh- 
lerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah 
er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe 
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der 
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Stei- 
ner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgese- 
henen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaften auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, 
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes- 
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere 
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



(Ausfuhrliche Inhaltsangaben Seite 167ff.) 



Erster Vortrag, Helsingfors, 28. Mai 1913 9 

Die welthistorische Bedeutung der Bhagavad Gita. Die Bewufitseins- 
situation des Arjuna. Krishna als Fiihrer zura Erleben des Einzel-Ich 

Zweiter Vortrag, 29. Mai 1913 25 

Die Stufen des Yogaweges und ihre Darstellung in den ersten Gesangen 
der Bhagavad Gita 

Dritter Vortrag, 30. Mai 1913 43 

Die Lauterung des Traumlebens durch Anderung der Sympathiekrafte. 
Hereinragen hoherer Erlebnisse in die Region des Traumbewufitseins 

Vierter Vortrag, 31. Mai 1913 59 

Ubersinnliche Erlebnisse in der Region des Traumbewulkseins und in 
der des Schlafbewufitseins. Auffindung des Krishna- Wesens in dieser 
Region 

Funfter Vortrag, 1 . Juni 1913 78 

Das zyklische Lebensgesetz. Das Wirken geistiger Machte im mensch- 
lichen Organismus zur Vorbereitung spater auftretender Seelenkrafte. 
Krishna als Vorbereiter des menschlichen Selbstbewufitseins 

Sechster Vortrag, 2. Juni 1913 93 

Die kunstlerische Komposition der Bhagavad Gita. Steigerung des Erie- 
bens bis zum imaginativen Erfassen der Krishna- Wesenheit. Bedeutung 
des Krishna-Impulses fur die einzelne Menschenseele, des Christus- 
Impulses fiir die ganze Menschheit 



SlEBENTER VORTRAG, 3. Juni 1913 108 

Das Wesen der menschenschopferischen Krafte. Bewahrung dieser 
Krafte vor dem Luzifer-Einflufi in der Schwesterseele des Adam. Ihre 
Offenbarung durch Krishna. Ihre Verkorperung im Jesusknaben des 
Lukas-Evangeliums 

Achter Vortrag, 4. Juni 1913 124 

Die Beziehung zwischen dem Gedankeninhalt der Bhagavad Gita und 
der Philosophic von Fichte, Hegel und Solovieff. Die Bedeutung der 
Begriffe Sattva, Rajas und Tamas 

Neunter Vortrag, 5. Juni 1913 141 

Der Impuls zur Verselbstandigung und Vervollkommnung der Men- 
schenseele durch Krishna. Die Synthese des luziferischen und des 
Krishna-Impulses durch den Christus- Impuls 

Einladung zum Vortragszyklus 160 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 161 

Hinweise zum Text 162 

Namenregister 166 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 167 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 171 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 1 73 



ERSTER VORTRAG 



Helsingfors, 28. Mai 1913 

Es ist etwas mehr als ein Jahr, dafi ich hier an diesem One sprechen 
durfte iiber diejenigen Dinge, welche uns alien so tief im Herzen lie- 
gen, iiber diejenigen Dinge, von denen wir der Meinung sind, daft 
sie sich der menschlichen Erkenntnis in der Gegenwart einfugen 
miissen, weil von unserer Zeit an die menschlichen Seelen immer 
mehr und mehr fuhlen werden, dafi das Wissen urn diese Dinge 
wirklich zu den Bedurfnissen, zu den tiefsten Sehnsuchten der Men- 
schenseele gehort. Und mit einer tiefen Befriedigung begriifie ich Sie 
zum zweiten Male an diesem Orte, zugleich mit alien denjenigen, 
welche hier heraufgekommen sind, urn in Ihrer Mitte zu zeigen, wie 
ihr Herz und ihre Seele mit unserer heiligen Sache iiber den ganzen 
Erdkreis hin verbunden sind. 

Als ich das letzte Mai hier zu Ihnen sprechen durfte, da erhoben 
wir unseren geistigen Blick zu weiten Wanderungen in die Regionen 
des Weltenalls. Diesmal wird es unsere Aufgabe sein, mehr in den 
Regionen der irdischen Entwickelung uns aufzuhalten. Aber wir 
werden in solche Regionen uns zu vertiefen haben, welche uns nicht 
minder hinfuhren werden zu den Pforten der ewigen Offenbarung 
des Geistigen in der Welt. Wir werden iiber einen Gegenstand zu 
sprechen haben, der uns in der Zeit und in dem Raum scheinbar weit 
von dem Jetzt und von dem Hier hinwegfuhren wird, der uns aber 
darum nicht minder zu demjenigen fuhren wird, das im Jetzt und 
im Hier ebenso lebt wie in alien Zeiten und in alien Raumen, 
der uns fuhren wird in intimer Weise zu den Geheimnissen des 
Ewigen in allem Sein, der uns fuhren wird zu dem unaufhorlichen 
menschlichen Suchen nach den Quellen der Ewigkeit, nach denjeni- 
gen Quellen, innerhalb welcher auch der Heilsaft zu finden ist fur 
alles, was die Menschen, seit sie Verstandnis dafiir gewonnen haben, 
die allgewaltige Liebe nennen. Denn wo wir auch versammelt sind, 
da sind wir versammelt im Namen des Strebens nach Weisheit und 
des Strebens nach Liebe, da sind wir versammelt in der Sehnsucht 



nach den Quellen dieser Liebe. Und dasjenige, was ausgebreitet ist 
und betrachtet werden kann im weiten Umkreis des ganzen kosmi- 
schen Alls, das kann auch betrachtet werden in der ringenden Men- 
schenseele alluberall. Und das tritt uns dann ganz besonders entgegen, 
wenn wir den Blick hinwenden zu einer jener gewaltigen Kund- 
gebungen dieses ringenden Menschengeistes, wie sie gegeben sind in 
solchen Leistungen menschlichen Lebens, von denen wir eine zu- 
grunde legen den gegenwartigen Betrachtungen. Sprechen wollen wir 
von einer der grofken, der eindringlichsten Kundgebungen des 
menschlichen Geistes, von der uralten, aber in ihren Grundlagen 
gerade in unserer Zeit sich uns von erneuter Wichtigkeit erweisenden 
Bhagavad Gita. 

Es ist noch nicht lange her, da haben die Volker Europas, die 
Volker des Westens iiberhaupt, noch wenig gewufit von dieser 
Bhagavad Gita. Erst heute, ein Jahrhundert lang, verbreitet sich im 
Westen der Ruhm dieser wunderbaren Dichtung und die Kenntnis 
dieses wunderbaren Sanges. Aber gerade das soil der Gegenstand die- 
ses unseres Vortragszyklus diesmal sein, dafi die Erkenntnis - nicht 
die blofie Kenntnis - dafi die Erkenntnis der wundervollen morgen- 
landischen Gita im Grunde erst wird kommen konnen, wenn die 
Grundlagen dieses herrlichen Sanges sich immer mehr und mehr den 
Menschenseelen enthullen werden, diejenigen Grundlagen, welche 
man die okkulten Grundlagen desselben nennen kann. Denn ent- 
sprungen ist dasjenige, was uns in der Bhagavad Gita entgegentritt, 
noch einem Zeitalter, von dem wir im Zusammenhange unserer 
geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ofter schon gesprochen haben, 
entsprungen sind die gewaltigen Empfindungen, Gefuhle und Ideen 
der Bhagavad Gita einem Zeitalter, in das noch hereingeleuchtet 
haben die Kundgebungen alten menschlichen Hellsehertums. Fur den- 
jenigen, der empfinden will, was Seite fur Seite die Bhagavad Gita 
aushaucht, wenn sie zu uns spricht, fur den gibt sich auch Seite fur Seite 
etwas kund wie ein Hauch uralten Hellsehertums der Menschheit. 

Es war die erste Bekanntschaft der westlichen Welt mit der 
Bhagavad Gita in einem Zeitalter gekommen, in dem diese westliche 
Welt nur mehr geringes Verstandnis hatte fur die ursprunglichsten 



ersten hellsichtigen Quellen dieser Bhagavad Gita. Dennoch schlug 
dieses hohe Lied der Gottheit oder, besser gesagt, von dem Gottlichen, 
wie ein Blitz in diese abendlandische Welt ein, so dafi ein Mann 
Mitteleuropas dazumal, als er zuerst bekannt wurde mit dem wunder- 
baren morgenlandischen Sang, unumwunden aussprach, er miisse sich 
gliicklich preisen, noch den Zeitpunkt erlebt zu haben, an dem er hat 
bekannt werden konnen mit jenem Wunderbaren, das in der Bhagavad 
Gita ausgesprochen ist. Und dieser Mann war nicht einer, der unbe- 
kannt war mit dem Geistesleben der Menschheit in den Jahrhunder- 
ten, ja Jahrtausenden; dieser Mann war einer, der tief hineingeschaut 
hat in das Geistesleben der Volker: es war Wilhelm von Humboldt, 
der Bruder des beriihmten Kosmos-Schreibers Humboldt. Auch 
andere Angehorige des Abendlandes, Menschen der verschiedensten 
Sprachgebiete, sie alle haben ahnlich empfunden. Wie bedeutsam 
aber wirkt doch dieses Empfinden, wenn man - es sei dieses einmal 
von dieser Seite her erwahnt - die Bhagavad Gita zunachst in ihren 
ersten Gesangen auf sich wirken lafit. 

Man mufi vielleicht gerade in unserem Kreise doch wohl oft sich 
erst zur vollen Unbefangenheit durcharbeiten, weil ja, trotzdem die 
Bhagavad Gita im Abendlande seit so kurzer Zeit bekannt ist, der 
heilige Sturm, mit dem sie die Seelen ergriffen hat, so gewirkt hat, 
dafi man von vornherein an sie herangeht mit dem Gefiihl, etwas wie 
ein Heiliges vor sich zu haben und sich nicht mehr ganz klar macht, 
wovon eigentlich der Ausgangspunkt genommen wird. Es sei einmal, 
vielleicht sogar etwas grotesk nuchtern, zunachst dieser Ausgangs- 
punkt vor unsere Seele hingestellt. 

Ein Gedicht stellt sich vor uns hin, das uns von den ersten Seiten 
an in den wildesten, sturmischsten Kampf hineinversetzt. Wir werden 
auf einen Schauplatz gefuhrt, der kaum weniger wild als derjenige 
ist, in den uns Homer in der Ilias sogleich hineinversetzt. Ja, wir ver- 
folgen weiter, wie dieser Schauplatz uns darstellt etwas, was eine der 
wichtigsten Personlichkeiten, die da auftreten, ja vielleicht die wich- 
tigste sogar, als einen Bruderkampf von vornherein empfindet, Ar- 
juna. Vor uns tritt auf dieser Arjuna wie einer, dem vor dem 
Kampfe graut, denn er sieht driiben unter den Feinden seine Bluts- 



verwandten. Der Bogen entsinkt ihm, indem er sich klar dariiber 
wird, da£ er eintreten soil in einen Kampf, in einen morderischen 
Kampf mit Menschen, die abstammen von denselben Ahnen, von 
denen er sich selber herleitet, durch deren Adern das gleiche Blut 
fliefit, wie es in den seinigen rinnt. Und wir fangen fast an mitzu- 
fiihlen mit diesem Sinkenlassen des Bogens, mit diesem Zuriickbeben 
vor dem furchtbaren Bruderkampf. Und aufsteigt vor unserem Blick 
der grofie geistige Lehrer dieses Arjuna, Krishna. Und eine grofi- 
artige, eine erhabene Lehre wird uns von Krishna in den wundervoll- 
sten Farben so vorgefiihrt, da£ dies alles als ein spiritueller Unter- 
richt an Arjuna erscheint, der sein Schiiler ist. Aber worauf will 
das alles zuletzt heraus? Das ist es, was man sich im Grunde genom- 
men erst einmal niichtern vor Augen fiihren mufi, was man nicht 
iibersehen darf. Worauf will das eigentlich heraus? Ja, es geniigt eben 
nicht, wenn man blofi sich einlafit auf die grofie, heilig erscheinende 
Lehre, die Krishna dem Arjuna gibt. Auch die Umstande, in denen 
sie gegeben wird, miissen ins Auge gefafit werden. Ins Auge miissen 
wir fassen, in welcher Situation Krishna den Arjuna auffordert, 
im Bruderkampf nicht zu bangen, aufzunehmen den Bogen und mit 
voller Kraft sich hineinzustiirzen in den verheerenden Kampf. Das 
mufi man sich auch vor Augen fiihren. Wie eine zunachst unver- 
standliche geistige Lichtwolke tauchen mitten im Kampfe Krishnas 
Lehren auf, und sie gelten der Aufforderung, nicht zuriickzubeben in 
diesem Kampfe, sondern darinnen zu stehen, die Pflicht zu tun in 
diesem Kampfe. Wenn man dies sich vor Augen fuhrt, so verwandelt 
sich fast diese Lehre gewissermafien durch den Rahmen. Aber dieser 
Rahmen fuhrt ja weiter hinaus in das ganze Gewebe des «Maha- 
bharata», des grofien, gewaltigen Sanges, von dem wiederum die Bha- 
gavad Gita ein Teil ist. Es fuhrt uns die Lehre Krishnas heraus in die 
Sturme der Alltaglichkeit, in die wirren Stiirme menschlicher Kamp- 
fe, menschlichen Irrtums, irdischen Streites. Es erscheint uns fast 
diese Lehre wie eine Rechtfertigung dieser Sturme der menschlichen 
Kampfe. Wenn wir dieses uns zunachst gewissermafien niichtern vor 
Augen fiihren, entstehen vielleicht doch noch ganz andere Fragen 
gegeniiber der Bhagavad Gita, als diejenigen sind, die dann entstehen, 



wenn man in mancherlei, dem man ein Verstandnis glaubt entgegen- 
bringen zu konnen, etwas findet wie bei den gewohnlichen menschli- 
chen Werken. Und vielleicht ist es notig hinzuweisen auf jenen Rah- 
men der Bhagavad Gita, um wirklich die welthistorische Bedeutung 
dieses grandiosen Sanges vor Augen fiihren zu konnen, und dann auf- 
merksam machen zu konnen auf dasjenige, wodurch uns die Bhagavad 
Gita immer mehr und mehr gerade in der Gegenwart von ganz be- 
sonderer Wichtigkeit werden kann. 

Ich sagte schon: wie etwas vollig Neues kam in die wesdiche Welt 
die Bhagavad Gita hinein, fast auch wie vollig neu dasjenige, was an 
Gefiihlen, Empfindungen und Gedanken der Bhagavad Gita zu- 
grunde liegt. Was kannte denn im Grunde genommen das, was west- 
landische Kultur ist, von morgenlandischer Kultur bis in diese Zeit 
herein, in welche die Bekanntschaft mit der Bhagavad Gita fiel? 
Abgesehen von mancherlei gerade in dem letzten Jahrhundert be- 
kannt gewordenen, sehr wenig! Abgesehen von gewissen geheim ge- 
bliebenen Bestrebungen, kannte die westliche Kultur gerade das nicht 
unmittelbar in seiner Bedeutung, was als Grundnerv, als wichtigster 
Impuls die ganze Bhagavad Gita durchzieht. Wenn man herankommt 
an solche Dinge wie die Bhagavad Gita, dann fiihlt man, wie wenig 
eigentlich menschliche Sprache, menschliche Philosophic, menschliche 
Ideen, die dem Alltag gelten und ihn beherrschen und fur ihn ja auch 
geniigen, wie wenig dieselben ausreichend sind, um zu charakteri- 
sieren solche Spitzen, solche Gipfelpunkte des menschlichen Geistes- 
lebens auf der Erde. Man braucht ja noch etwas ganz anderes als die 
gewohnlichen Schilderungen, um das zum Ausdruck zu bringen, was 
uns entgegenleuchtet aus einer solchen Offenbarung des menschlichen 
Geistes. 

Zwei Bilder mochte ich, damit sie eine Unterlage bilden fur die 
weiteren Schilderungen, zunachst vor unsere Seelen hinstellen. Das 
eine Bild aus der Bhagavad Gita selber, das andere aus dem west- 
landischen Geistesleben, und zwar so, daft es diesem westlandischen 
Geistesleben verhaltnismaftig nahe liegt, wahrend das Bild, das wir 
aus der Bhagavad Gita selber nehmen wollen, vorlaufig dem abend- 
landischen Geistesleben recht fern zu liegen scheint. Jetzt sei ein Bild 



vor unsere Seele zunachst hingestellt, das wir in der Bhagavad Gita 
selber finden: So verlauft ja der grofie erhabene Gesang, dafi uns 
geschildert wird, wie mitten in der Schlacht Krishna auftaucht und 
Weltengeheimnisse, gewaltige, grofie Lehren vor seinem Schiiler Ar- 
juna enthiillt. Dann iiberkommt diesen Schiiler der Drang, gestalten- 
haft, geistig gestaltet, diese Seele zu sehen, denjenigen wirklich zu 
erkennen, der so Erhabenes zu ihm spricht. Er bittet den Krishna, 
er moge sich ihm zeigen, so wie er sich ihm zeigen kann in 
seiner wahren Geistgestalt. Und da erscheint ihm denn Krishna - 
und wir werden noch auf diese Schilderung zuriickkommen -, 
da erscheint er in seiner Gestalt, die alles umfafit, eine grofie, 
erhabene, herrliche Schonheit, eine Erhabenheit, die Weltgeheim- 
nisse darstellt. Wir werden sehen, dafi es weniges gibt auf der 
Welt, das herrlich ist gleich dieser Schilderung, wie sich die 
erhabene Geistgestalt des Lehrers dem Seherauge seines Schii- 
lers offenbart. Ausbreitet sich vor dem Auge Arjunas das wiiste, 
wirre Kampfesfeld, auf dem viel Blut fliefien soli, auf dem 
der Bruderkampf sich entwickeln soil. Entriickt soil werden von die- 
sem wiisten, wirren Kampfesfeld die Seele des Schulers des Krishna, 
und erblicken soil die Seele dieses Schulers eine Welt, eintauchen soil 
sie in eine Welt, in der Krishna in seiner wahren Gestalt lebt, die 
entriickt ist allem Kampf, allem Streit, eine Welt hehrster, erhaben- 
ster Seligkeit, eine Welt, in der sich enthiillen die Geheimnisse des 
Daseins, eine Welt, entriickt der Alltaglichkeit, dem Kampf und 
Streit, eine Welt, der die Menschenseele ihrer innersten, eigensten 
Wesenheit nach eigentlich aber angehort. Von dieser Welt soil die 
Menschenseele wissen, wissen lernen soli sie von dieser Welt, und dann 
soil es ihr moglich werden, wiederum herabzusteigen, wieder einzu- 
greifen in die wirren, wiisten Kampfe der diesseitigen Welt. Wahr- 
haftig, wenn wir fuhlend der Schilderung dieses Bildes folgen, dann 
sagen wir uns: Was geht denn eigentlich vor in der Seele des Ar- 
juna? Wie ist sie denn, diese Seele? Sie steht mitten im Kampf ge- 
wiihl, und zwar so, wie wenn dieses Kampfgewuhl ihr aufgedrangt 
ware. So fiihlt sich diese Seele wie verwandt mit einer seligen Welt, in 
der es nicht gibt menschliches Leiden, menschlichen Kampf, mensch- 



liches Sterben. So sehnt sich diese Arjunaseele herauf in eine Welt 
des Ewigen, des Seligen. Aber mit einer Notwendigkeit, die sich nur 
ergeben kann aus dem Impuls des erhabenen Krishna, mufi diese Seele 
niedergezwungen werden zu dem wiisten, wirren, alltaglichen Kampf. 
Sie will den Blick abwenden von diesem wirren, wiisten Kampf. Wie 
ein Fremdes, wie ein ihr ganz und gar nicht Verwandtes, so erscheint 
das Leben der Erde, wie es ringsherum ist, fiir diese Arjunaseele. 
Wir fiihlen formlich: Diese Seele ist noch eine solche, die sich in die 
oberen Welten hinaufsehnt, als ob sie mit den Gottern noch leben 
wollte, und das Leben der Menschen noch wie ein Fremdes, ein Un- 
verwandtes, ein Unverstandliches empfindet. Wahrhaftig, ein wun- 
derbares Bild, das grofite und erhabenste Momente enthalt: ein Held, 
Arjuna, umgeben von anderen Helden, von Kampferscharen, ein 
Held, der alles, was sich ihm vor Augen ausbreitet, wie ein Fremdes, 
Jenseitiges, Unverwandtes empfindet, der erst hingewiesen werden 
mufi auf diese Welt durch einen Gott, und der nicht versteht die dies- 
seitige Welt, ohne dafi ein Gott sie ihm verstandlich macht, Krishna. 

Scheinbar recht paradox mag es klingen, aber ich weifi doch, dafi 
diejenigen, die tiefer auf die Sache eingehen konnen, es verstehen 
werden, wenn ich das Folgende sage. Arjuna stent da vor uns wie 
eine Menschenseele, der erst verstandlich gemacht werden soil das 
Diesseits der Welt, das Irdische der Welt. Und nun sollte die Bhagavad 
Gita in den westlichen Kulturlandern wirken auf Menschen, die sehr 
wohl ein Verstandnis haben fiir alles Irdische, die es im Materialismus 
so weit gebracht haben, dafi sie ein sehr gutes Verstandnis haben fiir 
alles Irdische, fiir alles Materielle. Verstandlich werden sollte die 
Bhagavad Gita fiir Seelen, die durch eine tiefe Kluft geschieden 
sind von alle dem, was sich bei einer wahrhaftigen Betrachtung als 
die Arjunaseele darstellt. Alles das, wozu die Arjunaseele, die durch 
Krishna erst herangebandigt werden mufi zum Irdischen, keinen 
Trieb zeigt, das scheint den Abendlandern sehr verstandlich zu sein. 
Die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, sich zu erheben zu der 
Arjunaseele, zu jener Seele, der erst Verstandnis beigebracht werden 
soli fiir alles das, wozu in den westlichen Landern sehr viel Verstand- 
nis vorhanden ist: fiir das Sinnliche, fiir das Materiell-Irdische. Ein 



Gott, Krishna, mufi dem Arjuna ein Verstandnis beibringen fur alles 
dasjenige, was uns als unsere Kultur umgibt. Wie leicht wird es in 
unserer Zeit, dem Menschen Verstandnis beizubringen fur dasjenige, 
was ihn umgibt. Dazu bedarf es keines Krishna. Man tut gut daran, 
einmal klar den Blick hinzuwenden auf die Abgriinde, welche zwi- 
schen menschlichen Naturen liegen konnen, und nicht allzuleicht das 
Verstandnis zu nehmen, das eine abendlandische Seele gewinnen kann 
fur eine Natur, wie sie Krishna oder Arjuna ist. Arjuna ist ein 
Mensch, aber ein so ganz anderer als die Menschen, die in der abend- 
landischen Kultur nach und nach sich herangebildet haben. 

Das ist das eine Bild, von dem ich sprechen will, denn Worte 
konnen nur wenig in diese Dinge hineinfuhren. Bilder, die wir erfas- 
sen wollen mit unseren Seelen, konnen das mehr, da sie nicht nur zum 
Verstandnis sprechen, sondern zu dem, was ewig auf der Erde tiefer 
sein wird als alles Verstandnis, zu der Empfindung und dem Gefiihl. 

Nun mochte ich ein anderes Bild hinstellen vor unsere Seelen, ein 
Bild, von dem ich nicht sagen will, dafi es weniger erhaben sei als 
dieses Bild der Bhagavad Gita, das aber unendlich viel naher steht 
demjenigen, was westlandische Kultur ist. Da gibt es ein erhabenes 
Bild, ein schemes, poetisches Bild, von dem der Westlander sogar 
weift, und das fur ihn viel bedeutet. Was meine ich damit eigentlich? 
Ein Bild habe ich hingestellt: die Erscheinung des Krishna vor dem 
Arjuna. Fragen wir nun: Wieviel in der westlandischen Entwicke- 
lung stehende Menschen glauben an die Wirklichkeit dieses Bildes, 
glauben, dafi einmal dieser Krishna vor Arjuna erschien und so 
gesprochen hat? Fragen wir einmal, wieviel westlandische Seelen an 
die Wirklichkeit dieses Bildes glauben. - Allerdings stehen wir am 
Ausgangspunkte einer Weltanschauung, die es dahin bringen wird, 
dafi das nicht nur ein Glaube, sondern ein Wissen sein wird. Aber 
wir stehen eben am Ausgangspunkte dieser Weltanschauung, am Aus- 
gangspunkte der anthroposophischen Weltanschauung. Das andere 
Bild steht uns viel naher. Es liegt wirklich in ihm etwas, fur das die 
westlandische Kultur einen Sinn hat. 

Wir schauen hin einige Jahrhunderte vor der Begriindung des 
Christentums auf eine Seele, die ein halbes Jahrtausend vor der Be- 



griindung des Christentums einer der grofiten Geister des Abend- 
landes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gezogen hat. Auf So- 
krates schauen wir hin und schauen hin im Geiste auf den sterbenden 
Sokrates. Sokrates, der sterbende Sokrates, wie ihn Plato im Kreise 
der Schiiler schildert in seinem beriihmten Gesprach liber die Unsterb- 
lichkeit der Seele. In diesem Bilde wird nur sparlich angedeutet das 
andere, das Jenseitige, dargestellt als der Damon, der zu Sokrates 
spricht. Sokrates stehe vor uns in den Stunden, die vorangegangen 
sind seinem Hineingehen in die spirituellen Welten, umgeben von 
seinen Schiilern. Er spricht im Angesichte des Todes von der Un- 
sterblichkeit der Seele. Viele lesen dieses wunderbare Gesprach von 
der Unsterblichkeit, das Plato uns gegeben hat, um gerade diese Szene 
seines sterbenden Lehrers zu schildern. Aber es lesen heute die Men- 
schen nur Worte, Begriffe und Ideen. Es gibt sogar Menschen - und 
sie sollen nicht getadelt werden - die sich gegeniiber dieser herrlichen 
Schilderung Platos fragen nach den logischen Berechtigungen des- 
jenigen, was der sterbende Sokrates seinen Schiilern auseinandersetzt. 
Es sind das diejenigen Menschen, die nicht empfinden konnen, dafi 
es mehr gibt fur die Menschenseele, dafi Wichtigeres, Bedeutungs- 
volleres als logische Beweise, als wissenschaftliche Auseinander- 
setzungen in unseren Seelen lebt. Lassen wir ganz dasjenige, was So- 
krates uber die Unsterblichkeit sagt, lassen wir den allergebildetsten, 
den allertiefsten, den allerfeinsten Menschen im Kreise seiner Schiiler 
in einer anderen Situation das sagen, was Sokrates seinen Schiilern 
sagt, lassen wir es ihn unter anderen Umstanden sagen, ja lassen wir 
hundertmal mehr das, was dieser feinste, logischste, gebildetste Mensch 
sagt, besser logisch begriindet sein, als dies bei Sokrates ist: und trotz- 
dem hat es vielleicht einen hundertmal geringeren Wert! Dies wird 
man erst voll einsehen, wenn man beginnen wird griindlich zu ver- 
stehen, dafi es etwas fur die Menschenseele gibt, was mehr wert ist, 
wenn es auch unscheinbarer scheint, als die stichhaltigsten logischen 
Beweise. Wenn irgendein gebildeter, f einer Mensch in irgendeiner 
Stunde zu seinen Schiilern von der Unsterblichkeit der Seele spricht, 
so kann das wohl sehr bedeutsam sein. Aber die eigentliche Bedeu- 
tung wird nicht enthullt durch das, was gesagt wird - ich weifi, ich 



spreche jetzt etwas sehr Paradoxes aus, aber etwas sehr Wahres -, 
sondern es wirkt der Umstand mit, dafi dieser Lehrer seinen Schiilern 
etwas sagt, hinterher aber die gewohnlichen Angelegenheiten seines 
Lebens weiter besorgt und seine Schuler auch. Sokrates sagt die Dinge 
seinen Schiilern in der Stunde, die seinem Durchschreiten der Todes- 
pforte vorangeht. Er spricht die Lehre von der Unsterblichkeit der 
Seele aus in dem Augenblicke, da in dem nachsten sich seine Seele 
von dem aufieren Leibe trennen wird. Es ist etwas anderes, in der 
Todesstunde, die nicht als unbestimmt vom Schicksal ihm entgegen- 
kommt, zu den zuriickbleibenden Schiilern von der Unsterblichkeit 
zu sprechen, etwas anderes, nach diesem den gewohnlichen Tages- 
geschaften nachzugehen. Es ist etwas anderes, nach einem solchen 
Gesprache auch wirklich einzugehen in die Welten, die hinter der 
Todespforte liegen. Nicht die Worte des Sokrates sollen vorzugs- 
weise auf uns wirken, die Situation soil es tun. Aber nehmen wir alle 
Starke desjenigen, was eben versucht worden ist zu charakterisieren, 
nehmen wir all das, was uns in dem Gesprach des Sokrates zu seinen 
Schiilern iiber die Unsterblichkeit wie ein Hauch entgegentritt, neh- 
men wir die ganze, unmittelbare Kraft dieses Bildes, was haben wir 
da vor uns? Die griechische Welt, die Welt der griechischen Alltag- 
lichkeit haben wir vor uns, jene Welt, in der des Lebens Alltags- 
kampfe dazu gefuhrt haben, den besten der Sonne des Landes mit 
dem Schierlingsbecher zu bedenken. Wir haben vor uns die letzten 
Erdenworte dieses edlen Griechen, die letzten Worte, die er nur dazu 
bestimmte, die Menschen, die um ihn herumstehen, dahin zu bringen, 
daft ihre Seelen glauben an dasjenige, von dem sie ein Wissen nicht 
mehr haben konnen, dafi ihre Seelen glauben an das, was fur sie ein 
Jenseits ist, an die geistige Welt. Dafi ein Sokrates notwendig ist, um 
mit den starksten Griinden, namlich durch die Tat, Erdenseelen dazu 
zu bringen, daft sich fur sie ein Ausblick ergibt in die spirituellen 
Welten, in denen die Seele lebt, wenn sie durch die Todespforte ge- 
gangen ist, das zaubert vor unsere Seele ein Bild hin, das westlandi- 
schen Seelen wohl verstandlich ist. Sokrateskultur ist westlandischen 
Seelen wohl verstandlich. Sokrates vor seinen Schiilern stehend, die 
so unmittelbar vor der Wirklichkeit des Todes stehen: dieses Bild 



ist allerdings abendlandischen Seelen verstandlich. Wir begreifen 
abendlandische Kultur nur dann recht, wenn wir wissen, dafi sie in 
diesem Sinne doch sokratische Kultur durch die Jahrhunderte, durch 
die Jahrtausende war. 

Vergleichen wir aber einen der Schuler des Sokrates, der wahr- 
haftig keinen Zweifel haben konnte an demjenigen, was ihn umgab - 
denn er war ja ein Grieche — , vergleichen wir, wie dieser eingefuhrt 
werden mufi in die ubersinnliche Welt, vergleichen wir das mit dem 
Schuler des Krishna, mit Arjuna, der gar keine Zweifel haben 
kann an der iibersinnlichen Welt, der aber irre wird an seiner Ver- 
wandtschaft, an dem ganzen Bestande, ja, an der Moglichkeit fast der 
Sinnenwelt. 

Ich weifi sehr gut, dafi historische Wissenschaft, philosophische 
Wissenschaft, alle moglichen Arten von Wissenschaften jetzt kommen 
konnen und mit scheinbar recht guten Griinden sagen konnten: Ja, 
aber schau doch nur hin, was da in der Bhagavad Gita steht, und was 
bei Plato steht. Man kann von alle dem ebensogut das Gegenteil be- 
weisen, das Gegenteil von dem, was du eben ausgesprochen hast. — 
Aber ich weifi auch, dafi diejenigen, die so sprechen, nicht empfinden 
wollen die tieferen, grandiosen Impulse, die auf der einen Seite jenem 
Bilde der Bhagavad Gita entlehnt sind, auf der anderen Seite dem 
Bilde des sterbenden Sokrates, wie Plato ihn schildert. Ein Abgrund 
liegt doch zwischen diesen zwei Welten bei alle dem, was man an 
Ahnlichkeit wiederum herausfinden konnte. Warum ist dieses so? 

Es ist so, weil die Bhagavad Gita am Ende des alten hellseheri- 
schen menschlichen Zeitalters steht, weil in der Bhagavad Gita etwas 
herauftont zu uns, wie der letzte Nachklang alten menschlichen Hell- 
sehertums; weil auf der anderen Seite in dem sterbenden Sokrates 
uns einer der ersten jener Menschen entgegentritt, die da rangen durch 
Jahrtausende mit jener menschlichen Erkenntnis, mit jenen mensch- 
lichen Ideen, Gedanken und Empfindungen, die wie herausgeworfen 
sind aus dem alten Hellsehertum, die sich entwickelten in der Zwi- 
schenzeit, da sie sich vorzubereiten hatten zu einem neuen Hellseher- 
tum, dem wir heute zustreben durch die Verkiindigung und Auf- 
nahme dessen, was wir die anthroposophische Weltanschauung 



nennen. Es ist in einer gewissen Beziehung keine Kluft tiefer als die- 
jenige, die sich auftut zwischen Arjuna, dem Krishnaschiiler, und 
einem Sokratesschiiler. Aber wir leben in einer Zeit, in welcher die 
menschlichen Seelen, nachdem sie jahrhundertelang in ihrem Laufe 
durch verschiedene Verwandlungen, durch ihre Inkarnationen hin- 
durch gesucht haben das Leben in aufierer Erkenntnis, den Zusam- 
menschlufi wieder suchen mit den spirituellen Welten. Im Grande 
genommen ist, daft Sie hier sitzen, der lebendigste Beweis, daft in 
Ihnen solche Seelen leben, die den Zusammenschlufi suchen, jenen 
Zusammenschlufi, der hinauffiihren soli in erneuerter Weise die Seelen 
zu solchen Welten, die uns, wie in einer wunderbaren Offenbarung, 
entgegenklingen in demjenigen, was Krishna seinem Schiiler Arjuna 
verkiindet. Deshalb kann wie etwas, was tiefsten Sehnsuchten unserer 
Seelen entspricht, vieles zu uns klingen, was der Bhagavad Gita 
okkult zugrunde liegt. 

In alten Zeiten war der Seele das Band vertraut, das sie verbindet 
mit dem Geistigen. Das Ubersinnliche, das Jenseitige, das Spirituelle 
war ihr wohlvertraut. Am Ausgangspunkte einer Zeit stehen wir, in 
der die Menschenseele wieder sucht den Zugang, jetzt in erneuter 
Weise, zu den ubersinnlichen, spirituellen Welten. Wie eine Aneife- 
rung zu diesem Suchen mufi es uns erscheinen, wenn wir uns sagen 
konnen, wie das, was wir suchen, ja schon einmal da war in einer 
gewissen Weise, die allerdings nicht mehr die unsrige sein kann, aber 
doch eben einmal da war. Und zwar werden wir in ganz besonders 
hohem Grade dieses, was schon einmal da war, in den Offenbarungen 
des heiligen Sanges des Morgenlandes finden, in den Offenbarungen 
der erhabenen Gita, von Krishna an seinen grofien Schiiler Arjuna 
gerichtet. 

Ja, bedeutungsvoll, wie in der Regel bei groften menschlichen 
Schopfungen gleich die ersten Worte erscheinen - erscheinen uns die 
ersten Worte der Ilias, der Odyssee doch bedeutungsvoll -, so erschei- 
nen auch bedeutungsvoll die ersten Worte der Bhagavad Gita. Er- 
zahlt wird dasjenige, was da dargestellt werden soil, von seinem 
Wagenlenker an den blinden Konig und das Haupt der Kurupartei, 
der eben im Bruderkampfe liegt mit der Pandavapartei. Ein blindes 



Oberhaupt! Dieses erscheint uns schon wie symbolisch. Die Menschen 
der alten Zeit hatten ja eben den Blick hinein in die geistigen Welten, 
sie lebten gleichsam mit ihrem ganzen Gemiite, mit ihrer ganzen 
Seele, mit Gottern und Geistern in Zusammenhang. Alles, was hier 
auf dem Erdkreise sie umgab, erschien ihnen nur unter fortwahrendem 
Zusammenhange mit dem gottlich-geistigen Dasein. Dann kam eine 
andere Zeit. Und ebenso, wie uns Homer von der griechischen Sage 
als blind geschildert wird, so wird uns auch als blind geschildert das 
Haupt der Kurupartei, dem erzahlt werden die Gesprache, die 
Krishna zu seinem Schuler spricht und die diesen Mann uber das- 
jenige, was sich in der sinnlichen Welt abspielt, unterrichten. Ja, er- 
zahlt mufi ihm sogar dasjenige werden, was hereinragt von der geisti- 
gen Welt in die sinnliche Welt hinein. Bedeutsam ist das Symbol, 
wie gegenuber einer unmittelbaren Umwelt blind waren die alten 
Menschen, deren Seelen hinaufreichten mit aller Erinnerung, mit 
allem geistigen Zusammenhange in uralte Zeiten. Sehend waren sie 
im Geiste, schauend in der Seele, diejenigen, die wie in hoheren Bil- 
dern erleben konnten alles, was als geistige Geheimnisse lebte. Die- 
jenigen, die in tieferem Sinne verstehen sollten, was sich in der Welt 
abspielt, die dieses verstehen sollten in seinem geistigen Zusammen- 
hange, die werden uns in den alten Sagen und Sangen als blind dar- 
gestellt. So begegnen wir demselben Symbol ebenso bei dem griechi- 
schen Sanger Homer wie bei jener Gestalt, die uns gleich im Eingange 
der Bhagavad Gita entgegentritt. Und in welche Zeit werden wir 
hineingefiihrt? In die Zeit, die uns auch in anderer Art als die Zeit 
des Uberganges der Urmenschheit in die gegenwartige Menschheit 
ofters dargestellt worden ist. Warum aber wirkt auf Arjuna so 
stark der Umstand, dafS der Bruderkampf stattfinden soli? 

Wir wissen es ja, dafi das alte Hellsehen gewissermafien gebunden 
war an den aufieren Blutzusammenhang. Blutzusammenhang, das 
Fliefien des gleichen Blutes in den Adern einer Menschenschar, war in 
alten Zeiten mit Recht etwas heilig Verehrtes. Denn daran war ge- 
bunden das alte Wahrnehmen einer gewissen Gruppenseele. Die Men- 
schen, die blutsverwandt sich nicht nur fiihlten, sondern sich wufiten, 
in denen lebte eigentlich noch nicht ein solches Ich wie im gegenwar- 



tigen Menschen. Wo wir auch hinschauen, finden wir in den uralten 
Zeiten iiberall Zusammenhange, in denen der einzelne Mensch sich 
gar nicht mit einem solchen Ich fiihlte, wie es heute der Mensch tut, 
sondern als allein bestehend in der Gruppe, in einer Gemeinschaft, die 
die Gemeinschaft des Blutes darstellte. Was bedeutet dem Menschen 
heute Stammesseele, Nationalseele, Volksseele? Gewifi, manchmal ist 
diese Nationalseele zum Beispiel, oder Volksseele, Gegenstand groftter 
Begeisterung, aber wir diirfen sagen: gegeniiber dem menschlichen 
einzelnen Ich kommt sie doch nicht auf, diese Volksseele, diese 
Stammesseele. - Es mag ein harter Ausspruch sein, aber wahr ist er. 
Denn es ist so, daft der Mensch einstmals nicht zu sich «Ich» gesagt 
hat, sondern zu der Gruppe seines Stammes oder Volkes. Dieses 
Gefiihl fur Gruppenseelenhaftigkeit lebt aber noch in Arjuna, 
da er den Bruderkampf um sich wiiten sieht. Er versteht noch nicht 
zu sich «Ich» zu sagen, er versteht es noch besser, jenes Gruppen-Ich 
zu fiihlen, das sich in alien jenen Seelen aufterte. Das macht es, daft 
ihm so grauenvoll der Kampf ist, der um ihn tobt. 

Versetzen wir uns in diese Arjunaseele, so daft wir empfinden, 
daft da etwas wie ein Grauen lebt, daft sich da etwas morden will, 
was zusammengehort, eine Seele, die empfindet, was in alien Seelen 
lebt und was sich toten will. Versetzen wir uns in diese Arjuna- 
seele, die empfindet, wie sich Briider toten, in Stiicke reiften wollen, 
die empfindet, wie wenn eine Seele empfinden wiirde, daft das- 
jenige, was doch zu ihr gehort, der Leib, in Stiicke gerissen wird. So 
empfindet die Arjunaseele, wie wenn die Glieder eines Leibes, das 
Herz mit dem Haupte kampfen wiirde, die linke Hand gegen die 
rechte Hand. Bedenken wir, daft diese Seele so dem Kampfe, der da 
stattfinden soli, gegeniibersteht, daft dieser Kampf als ein Kampf 
gegen die eigene Leiblichkeit erscheint. Bedenken wir, was diese Seele 
fiihlt in dem Augenblicke, wo sie den Bogen sinken laftt, wo der 
Kampf der Briider ihr erscheint wie ein Kampf der rechten gegen die 
linke Hand des Menschen: dann fiihlen wir die Stimmung des Ein- 
ganges der Bhagavad Gita, dann fiihlen wir — ich muft da etwas 
sagen, was wiederum scheinbar, aber nur scheinbar, paradox, grotesk 
sich hinstellt, was scheinbar gegen allerheiligste Empfindungen 



spricht -: Arjuna steht da, begreift noch nicht recht das Einzel-Ich, 
begreift aber das alte, das Gruppen-Ich, das sich ihm so unnatiirlich 
im Kampfe darstellt. In dieser Stimmung tritt ihm gegeniiber 
Krishna, der grofie Lehrer. - Wir miissen es einmal aussprechen, wie 
mit der grofiten Kunst, mit der unvergleichlichsten Kunst Krishna, 
der heilige Gott, dasteht dem Arjuna gegeniiber, indem er dem 
Arjuna beibringt, was der Mensch sich abgewohnen soil und wollen 
mufi, wenn er im rechten Sinne in seiner Evolution aufsteigen will. 

Verfolgen wir diesen Krishna und seine Lehre weiter. Was sagt er 
denn eigentlich? Wovon spricht er? Von Ich und Ich und Ich und 
immer nur von Ich. Ich bin in der Erde, Ich bin im Wasser, Ich bin 
in der Luft, Ich bin im Feuer, Ich bin in alien Seelen, Ich bin in alien 
Lebensaufierungen, selbst noch im heiligen Aum, Ich bin der Wind, 
der durch die Walder geht, Ich bin der wertvollste unter den Bergen, 
Ich bin unter den Fliissen der wertvollste, Ich bin der wertvollste der 
Menschen, Ich bin unter den Seligen der alte Seher Kapila. - Wahr- 
haftig, dieser Krishna sagt ja nichts geringeres, als: Ich erkenne nichts 
anderes an als mich selber, und ich lasse die Welt nur gelten, insofern 
sie Ich ist. — Ich und Ich und Ich und nichts anderes spricht aus den 
Lehren des Krishna. 

Machen wir uns das einmal ganz unverbliimt klar, wie Arjuna 
dasteht, der das Ich noch nicht begreift, der es aber begreifen soli, 
und wie ihm gleich einem umfassenden, universellen kosmischen 
Egoisten entgegentritt der Gott, der nichts gelten lafit als sich selber, 
und sogar verlangt, dafi auch die anderen nichts gelten lassen als ihn 
selber, ja, dafi man in allem, was in Erde, Wasser, Feuer, Luft, in 
allem, was auf der Erde lebt, ja in allem, was in der Dreiwelt lebt, 
nichts anderes sieht als ihn. 

Merkwiirdig tritt uns entgegen, wie jemandem, der das Ich noch 
nicht begreifen kann, ein Wesen wie im Unterrichte entgegengefuhrt 
wird, das in Anspruch nimmt, nur als sein eigenes Selbst anerkannt 
zu werden. Wer im Lichte der Wahrheit dies sich ansehen will, lese 
die Bhagavad Gita durch und suche die Frage zu beantworten, mit 
welchem Worte man dasjenige, was der Krishna von sich sagt und 
wovon er verlangt, dafi man es anerkennen soil, mit welchem Worte 



man das bezeichnen soli. Universeller Egoismus, das ist es, was aus 
Krishna spricht. Und so scheint uns denn, dafi aus der erhabenen Gita 
alliiberall der Refrain an unser geistiges Ohr tont: Nur wenn ihr an- 
erkennt, ihr Menschen, meinen allumfassenden Egoismus, dann ist 
Heil fur euch. 

Die grofiten Leistungen des menschlichen Geisteslebens geben uns 
immer Ratsel auf; nur dann sehen wir sie im rechten Lichte, wenn wir 
auch anerkennen und erkennen, daft sie uns die groften Ratsel auf- 
geben. Wahrhaftig, ein hartes Ratsel scheint uns aufgegeben zu sein, 
wenn wir jetzt vor der Aufgabe stehen, zu begreifen das, was wir 
nennen konnen eine erhabenste Lehre, verbunden mit der Verkiindi- 
gung des universellen Egoismus. Nicht durch Logik, sondern in ge- 
schauten grofien Widerspriichen des Lebens enthullen sich uns die 
okkulten Geheimnisse. Es wird unsere Aufgabe sein, auch iiber jenes 
Merkwiirdige hinweg innerhalb der Maya zu der Wahrheit zu kom- 
men, so dafi wir erkennen, was das eigentlich ist, was wir, wenn wir 
innerhalb der Maya sprechen, zu Recht einen universellen Egoismus 
nennen. Aus der Maya heraus miissen wir durch dieses Ratsel gelangen 
in die Wirklichkeit, in das Licht der Wahrheit. Wie es sich damit 
verhalt, wie wir iiber dieses hinwegkommen werden in die Wirklich- 
keit, das soli die Aufgabe unserer nachsten Vortrage sein. 



ZWEITER VORTRAG 



Helsingfors, 29. Mai 1913 



Wenn man sich in die okkulten Urkunden der verschiedenen Zeiten 
und Volker, das heifit in die wirklich okkulten Urkunden vertieft, so 
fallt einem unter anderm eines immer wieder und wiederum auf. 
Das ist etwas, worauf ich schon hinweisen konnte bei der Bespre- 
chung des Johannes-Evangeliums, worauf ich spater hinweisen konnte 
bei der Besprechung des Markus-Evangeliums. Es ist die Tatsache, 
dafi, wenn man tiefer in diese okkulten Urkunden eindringt, man 
immer mehr und mehr sich klar wird dariiber, dafi eigentlich diese 
okkulten Urkunden in einer wunderbaren, kunstlerischen Komposi- 
tion abgefalk sind. Ich konnte nachweisen - und Sie konnen das 
nachlesen in dem Zyklus, den ich einstmals in Kassel gehalten habe, 
der ja auch gedruckt ist, iiber «Das Johannes-Evangelium im Verhalt- 
nis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evange- 
lium» -, ich konnte zeigen, wie dieses Johannes-Evangelium, wenn 
man in die Tiefen dringt, eine wunderbare Komposition darstellt, 
eine wunderbare, kunstlerisch dramatische Steigerung des Dargestell- 
ten zunachst bis zu einem Punkte herauf, dann wiederum von diesem 
Punkte aus wie eine Erneuerung der dramatischen Kraft bis zum 
Schlusse hin. Wunderbarste Steigerung dieser inneren, kiinstlerisch- 
dramatischen Komposition, die in dem Johannes-Evangelium dadurch 
zutage tritt, dafi von sogenannten wunderbaren Taten oder von so- 
genannten Zeichen das Ubersinnliche von Zeichen zu Zeichen dar- 
gestellt wird und von Zeichen zu Zeichen eine fortwahrende Steige- 
rung stattfindet bis zu jenem Zeichen, das uns entgegentritt in der 
Initiation des Lazarus. Die Art, wie uns dies entgegentritt, lafit uns 
ersehen, dafi auf dem Grunde dieser okkulten Urkunden immer eine 
wunderbare kunstlerische Schonheitskomposition iiberall zu finden 
ist. Ich konnte auch dasselbe nachweisen fur die Gliederung und 
Komposition des Markus-Evangeliums. Wenn dann solche Urkunden 
auf ihre Schonheitskomposition hin, auf ihre dramatische Kraft hin 
angesehen werden, dann kann man wohl zu der Anschauung kom- 



men, daft diese groften, okkulten Urkunden gar nicht anders sein 
konnen, als, indem sie wahr sind, zugleich im tiefsten Sinne kiinstle- 
risch schon komponiert. Zunachst sei auf diesen Umstand als auf 
eine Tatsache nur hingewiesen. Wir werden vielleicht im Verlaufe 
dieser Vortrage noch einmal auf diese Bemerkung zuriickkommen. 

Das Merkwiirdige ist nun, daft uns auch bei der Bhagavad Gita 
wiederum dasselbe entgegentritt, eine wunderbare Steigerung, man 
mochte sagen, eine verborgene kunstlerische Schonheit, so daft, wenn 
auch gar nichts anderes wirken wiirde auf die Seele, die sich vertieft 
in diese Bhagavad Gita, wirken miiftte diese wunderbare, kunstlerische 
Komposition. Auf einige der Hauptpunkte sei zunachst aufmerksam 
gemacht - und ich werde mich heute beschranken auf die vier ersten 
Gesange -, auf einige Hauptpunkte sei deshalb aufmerksam gemacht, 
weil diese Hauptpunkte zugleich betreffen die kunstlerische Kompo- 
sition der Bhagavad Gita und tiefe innere okkulte Wahrheiten. 

Zuerst tritt uns entgegen Arjuna. Im Angesicht des Blutver- 
gieftens, in das er eintreten soli, wird er schwach. Er sieht seine Bluts- 
verwandten, alles dasjenige, was als Bruderkampf um ihn herum sich 
abspielen soil. Er bebt zuriick, er will nicht gegen seine eigenen Bluts- 
verwandten kampfen. Und wahrend er in dieser Stimmung ist, wah- 
rend ihn also Angst, Furcht, Schauder, ja ein Grauen befallt vor dem- 
jenigen, was da kommen soil, entpuppt sich ihm sein Wagenlenker 
als das Instrument, durch das Krishna, sagen wir zunachst der Gott, 
zu ihm spricht. Schon in diesem ersten Faktum wird erstens ein 
kunstlerisches Spannungsmoment, dann aber auch ein tiefgriindiges, 
okkultes Wahrheitsmoment angedeutet. 

Derjenige, der in irgendeiner Weise den Weg findet hinein in die 
geistigen Welten, und wenn es auch nur wenige Schritte des Weges 
sind, ja selbst wenn das, was er erleben kann, nur eine Ahnung des 
Weges ist, der bemerkt die tiefe Bedeutung gerade dieses Momentes. 
Wir kommen in der Regel nicht in die geistigen Welten hinein, ohne 
daft wir durch eine tiefe Erschiitterung unserer Seele schreiten. Etwas 
mussen wir erfahren in der Regel, etwas, das all unsere Kraft der 
Seele durchruttelt, sie durchstromt in Gefuhl und Empfindung. Ge- 
fiihl und Empfindung, die sonst nur uber viele Momente, uber weite 



Zeitlaufe des Lebens verteilt sind und deshalb nur schwach fort- 
dauernd auf die Seele wirken, beim Eingang in die okkulten Welten 
drangen sie sich zusammen und durchwiihlen und durchkraften die 
Seele in einem einzigen Moment, so dafi man so etwas Erschutterndes 
erlebt, das der Furcht, der Angst, der Bestiirzung, dem Zuriickbeben 
vor irgend etwas, vielleicht auch dem Grauen verglichen werden 
kann. Das gehort einmal sozusagen zu dem Ausgangspunkte okkulter 
Entwickelung, zu dem Eintreten in die geistigen Welten. Daher mufi 
ja auch so grofie Sorgfalt verwendet werden auf jene Ratschlage, die 
demjenigen gegeben werden miissen, der durch eine Schulung in die 
geistigen Welten eintreten will. Denn wer durch Schulung in die gei- 
stigen Welten eintreten will, der mufi so vorbereitet werden, dafi er 
die eben charakterisierte Erschutterung als seelisches Ereignis, als not- 
wendiges Erlebnis so durchlebt, dafi es nicht ubergreift auf seine 
Leiblichkeit, auf seine Gesundheit, insofern das Leibliche mit einbe- 
griffen ist, dafi dieses nicht mit erschuttert werde. Das ist das Wesent- 
liche, dafi wir nicht in bezug auf das aufiere, physische Leben in Er- 
schutterungen kommen, dafi wir ertragen lernen mit aufierem Gleich- 
mut, mit aufierer Gelassenheit Erschiitterungen der Seele. Dann aber 
diirfen auch die gewohnlichen Seelenkrafte, die wir im Alltagsleben 
brauchen, unsere gewohnliche Intellektualitat, ja, selbst die fiir das 
Alltagsleben notwendigen Phantasiekrafte, die Krafte des Empfin- 
dens, die Krafte des Willens im alltaglichen Leben, auch sie diirfen 
nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. In viel tieferen Schich- 
ten mufi vorgehen die Seelenerschutterung, die der Ausgangspunkt 
sein kann fur das okkulte Leben, so dafi der Mensch durch das 
aufiere Leben geht, wie er immer gegangen ist, ohne dafi irgend etwas 
ihm angemerkt wird in der aufieren physischen Welt, wahrend er im 
Innern ganze Welten von Seelenerschiitterungen durchlebt. Das heifit 
reif sein fur die okkulte Entwickelung, so innerlich Erschutterndes 
erleben zu konnen, ohne das aufiere Gleichmafi, die aufiere Gelassen- 
heit zu verlieren. 

Dazu ist notwendig, dafi der Mensch in der Zeit, in der er reif zu 
werden sich bestrebt fiir die okkulte Entwickelung, vor allem seine 
Interessenkreise erweitert, dafi er von dem gewohnlichen, alltaglichen 



Leben abkommt mit seinem Interessenkreise, von dem, woran man 
sonst vom Morgen bis zum Abend hangt, abkommt, und dafi er zu 
Interessen gelangt, die sich auf dem grofien Horizont der Welt be- 
wegen. Denn wer nicht erleben kann das Erschiitternde des Zweifels 
an aller Wahrheit, an aller Erkenntnis und allem Wissen, und dieses 
Erschiitternde nicht erleben kann mit jener Starke, in der sonst von 
dem Menschen nur empfunden werden die Interessen des alltaglichen 
Lebens, wer nicht mitfuhlen kann mit dem Schicksal der ganzen 
Menschheit und diesem Schicksale der ganzen Menschheit nicht ein 
solches Interesse entgegenbringt, wie es im alltaglichen Leben entge- 
gengebracht wird dem Schicksale, das einen selbst unmittelbar be- 
riihrt, das vielleicht noch die nachsten Stammes-, Familien- und 
Volkszusammenhange beriihrt, der ist im Grunde noch nicht ganz 
geeignet fur eine okkulte Entwickelung. Daher ist ja auch die mo- 
derne Geisteswissenschaft, wenn sie in Ernst und Wiirde getrieben 
wird, die richtige Vorbereitung in unserer Zeit fur eine wahrhafte, 
okkulte Entwickelung. Mogen die Menschen, die kein Interesse ge- 
winnen konnen fiir dasjenige, was des Anthroposophen Blick verfolgt 
iiber Welten hin, iiber planetarische Schicksale, iiber Menschenrassen 
und Menschenepochen hin, mogen die Menschen mit den kleinen 
materiellen Interessen des heutigen Tages auch dariiber spotteln: fiir 
denjenigen, der sich vorbereiten will in wiirdiger Weise fiir eine 
okkulte Entwickelung, ist dies die Vorbereitung, dieses Heraufheben 
des Blickes zu jenen Gipfelpunkten, wo die Interessen der Mensch- 
heit, der Erde, des ganzen planetarischen Systems ihm zu eigenen 
Interessen erwachsen. Denn wo die Interessen allmahlich gescharft, 
erweitert werden durch das Studium der Geisteswissenschaft, das 
dann zum Begreifen der okkulten Wahrheiten fiihrt, auch ohne ok- 
kulte Schulung, da ist die richtige Vorbereitung fiir einen okkulten 
Weg. Gewift, in unserer Zeit gibt es viele Menschen - diejenigen, die 
in den Reihen der Intellektuellen stehen, sind es oftmals gar nicht, 
diejenigen, die scheinbar in einem einfachen Leben an einem ein- 
fachen Orte stehen, sind es gerade oftmals -, gewift, es gibt viele 
Menschen, die heute, auf einfacher Stelle stehend, wie durch einen 
natiirlichen Instinkt diese Interessen fiir die Gesamtmenschheit haben: 



und weil dies so ist, deshalb ist die Anthroposophie etwas so Zeit- 
gemafies. 

Erst mufi man also dasjenige lernen, was wie eine gewaltige Er- 
schutterung der Seele am Ausgangspunkte okkulten Erlebens stehen 
mufi. Mit wunderbarer Wahrheit wird nun ein solcher Moment hin- 
gestellt an den Ausgangspunkt des Erlebens von Arjuna; nur dafi 
er nicht durch eine Schulung geht, sondern hineingestellt wird durch 
sein Schicksal. Hineingestellt wird er in den Kampf, ohne dafi er Not- 
wendigkeit, Zweck, Ziel dieses Kampfes erkennen kann. Er sieht nur, 
dafi Blutsverwandte gegen Blutsverwandte kampfen wollen, und es 
kann im Innersten erschiittert werden eine solche Seele, die wie 
Arjuna sich sagt: Bruder gegen Bruder kampf t. Ist es dann nicht 
klar, dafi alle Stammessitten schwanken, dafi dann auch der Stamm 
dahinsiechen mufi, dafi er vernichtet werden mufi, dafi die Morali- 
tat des Stammes dahinsinkt? Dann miissen die Gesetze wanken, die 
nach dem ewigen Schicksal die Menschen in die Kasten hineinstellen, 
dann miissen die Gesetze der Kasteneinteiltung wanken, dann wankt 
der Mensch, wankt der Stamm, dann wankt das Gesetz, dann wankt 
die ganze Welt, die ganze Bedeutung des Menschentums. - Das ist 
sein Empfinden, es ist so, wie wenn der Boden sich ihm unter den 
Fiifien hinwegziehen wollte, wie wenn ein Abgrund sich auftun 
wollte fur all sein Empfinden. Ein solcher Mensch wie Arjuna hat 
es mit seinem Gefuhle aufgenommen, was heute die Menschen nicht 
mehr wissen, was in alten Zeiten aber uralte Uberlieferung und Lehre 
war: dafi dasjenige, was sich fortpflanzt von Geschlecht zu Ge- 
schlecht, von Generation zu Generation in der Menschheit, gebunden 
ist an die Natur der Frau, wahrend das individuell Personliche, das- 
jenige, was den Einzelmenschen als Individualist herausreifit aus 
dem Zusammenhang des Blutes, der Generation, gebunden ist an die 
Natur des Mannes. Dasjenige, was den Menschen mehr hineinstellt in 
die Reihe der Generationen, was sich als gemeinsame Natur, als Art- 
natur des Menschen vererbt, das ist der Teil, den die Frau vererbt 
auf die Nachkommen. Dasjenige, was die Menschen zu einem Beson- 
deren, Individuellen gestaltet, was sie herausreifit aus der Gene- 
rationenreihe, das ist der Teil, den der Mann gibt. Mufi nicht in die 



Gesetzmafiigkeit der Frauennatur, so sagt sich Arjuna, Ubles hin- 
einkommen, wenn Blut gegen Blut kampfen mufi? 

Und weiter: Eine andere Empfindung, ein anderes Gefuhl, das 
aufgenommen hat Arjuna, das bei ihm zusammenhangt mit alle 
dem, was er als Heil der gesamten Menschheitsentwickelung empfin- 
det, es ist das Gefuhl: Die Ahnen, die Vater sind ehrwiirdig, und ihre 
Seelen wachen iiber den nachfolgenden Geschlechtern, und ein hoher, 
heiliger Dienst ist es, den Manen, den heiligen Seelen der Ahnen zu 
opfern, Opferfeuer darzubringen. - Was aber mufi Arjuna sehen? 
Statt daft Altare vor ihm stehen, auf denen die Opferfeuer brennen 
fur die Ahnen, fallen diejenigen sich gegenseitig an, die fur die ge- 
meinsamen Ahnen die Opferfeuer anziinden sollten. Kampfend fallen 
sie sich an. 

Wenn man verstehen will eine Seele, dann mufi man sich in die 
Gedanken dieser Seele vertiefen, dann mufi man noch mehr in die 
Empfindung dieser Seele sich hineinversetzen. Denn mit den Empfin- 
dungen hangt die Seele innig zusammen, innig zusammen mit dem, 
was ihr Leben ist. Und nun denke man den Kontrast, den unend- 
lichen Kontrast zwischen dem, was Arjunas Empfindung sein sollte, 
und dem, was rings herum als blutiger Bruderkampf sich aus- 
breiten sollte. Das heifit, das Schicksal riittelt an die Seele des Ar- 
juna. Ein Ereignis tiefster Erschiitterung findet statt, das fur diese 
Seele so ist, wie wenn sich ihr der Boden unter den Fiifien entzoge 
und sie in den schauerlichsten Abgrund hinunterblicken miifite. Solche 
Erschiitterung ist Kraft der Seele, ruft die ersten Krafte der Seele 
wach, solche Erschiitterung bringt die Seele zum Schauen desjenigen, 
was sonst wie durch einen Schleier verborgen ist: der okkulten Wirk- 
lichkeit. Das ist gleich das bedeutsame Spannungsmoment in der 
Bhagavad Gita, daft uns nicht nur in abstrakter Weise, schulmafiig, 
pedantisch gewissermafien ein Unterricht im Okkultismus entgegen- 
gebracht wird, sondern dafi in hochster Weise kunstlerisch uns dar- 
gestellt wird, wie aus dem Schicksal des Arjuna heraus sich ent- 
wickeln mul5, was nun entsteht. 

Und nun, nachdem es gerechtfertigt ist, dafi die tieferen okkulten 
Krafte in der Seele des Arjuna hervorkommen konnen, dafi inner- 



lich erschaut werden konnen diese Krafte, da tritt ein, was jetzt fiir 
jeden, der schauen kann, selbstverstandlich ist: sein Wagenlenker wird 
zum Instrument, durch das der Gott Krishna zu ihm spricht. Und 
nun merken wir in den vier ersten Gesangen drei Etappen, drei Stu- 
fen, jede folgende hoher als die vorhergehende, jede folgende etwas 
Neues. Gleich in den vier ersten Gesangen eine wunderbare kiinst- 
lerisch dramatische Steigerung, neben dem, dafi diese Steigerung einer 
tiefen okkulten Wahrheit entspricht. Was ist das erste? Das erste ist 
eine Lehre, die im Grunde genommen, so wie sie gegeben wird, man- 
chem abendlandischen Menschen sogar trivial vorkommen konnte. 
Das sei ohne weiteres zugegeben. Ich bemerke in Parenthese, dafi ich 
mit abendlandisch oder westlandisch - und gerade mit Riicksicht auf 
meine hiesigen lieben Freunde mochte ich dies sagen -, daft ich mit 
westlandisch alles verstehe, was westlich von Ural, Wolga, Kaspi- 
schem Meer sogar und Kleinasien liegt, also ganz Europa selbstver- 
standlich. Das Ostlandische liegt im wesentlichen in Asien driiben. 
Naturlich gehort Amerika zu dem Westlandischen. 

Da ist zunachst also eine merkwiirdige, gerade fiir manches philo- 
sophische Gemiit, man konnte sagen, triviale Lehre. Was sagt denn 
zunachst Krishna dem Arjuna wie ein Wort der Anfeuerung zum 
Kampf? Siehe hiniiber auf diejenigen, die durch euch getotet werden 
sollen, siehe auf diejenigen, die aus euren Reihen getotet werden sol- 
len, siehe auf diejenigen, die getotet werden sollen, und auf diejenigen, 
die leben bleiben sollen, berucksichtige das eine: Was stirbt oder was 
am Leben bleibt bei den Feinden und bei euch, das ist die aufiere 
physische Leiblichkeit. Der Geist ist ewig. Und wenn die Deinigen 
toten jene, die driiben in den anderen Reihen sind, dann toten sie ja 
nur den aufieren Leib, dann toten sie nicht den Geist, der ewig ist. 
Und diejenigen, die von euch getotet werden, sie werden nur dem 
Leibe nach getotet, der Geist aber geht von Verwandlung zu Ver- 
wandlung, von Inkarnation zu Inkarnation, er ist ewig. Das ewige, 
tiefste Wesen des Menschen beriihrt ihr gar nicht in diesem Kampf. 
Erhebe dich, Arjuna, zu dem Standpunkte des Geistes, und du wirst 
hinschauen konnen auf dasjenige, was nicht getotet werden kann, was 
am Leben bleibt. Du kannst dich deiner Pflicht opfern, du brauchst 



nicht zu schaudern, du brauchst nicht trostlos zu sein, da du das 
Wesentliche nicht totest, wenn du die Feinde totest. 

Zunachst ist dies in gewissem Sinne eine Trivialitat, nur ist es eine 
Trivialitat von ganz besonderer Art. Der Abendlander hat in vieler 
Beziehung ein recht kurzes Denken, ein recht kurzes Bewufttsein. Er 
bedenkt gar nicht, daft alles in Entwickelung ist. Davon zu sprechen, 
daft dasjenige, was ich eben jetzt als eine Unterweisung des Krishna 
ausgesprochen habe, davon zu sprechen, daft das trivial sei, das 
kommt etwa dem gleich, wie wenn jemand sagen wiirde: Ja, da ver- 
ehrt man den Pythagoras als einen so groften Geist, aber seinen Lehr- 
satz kennt ja jeder Schulbub und jedes Schulmadchen. - Das ware 
doch ein sehr torichtes Urteil, wenn man von dem Umstand, daft 
jeder Schulbub den Pythagoraischen Lehrsatz kennt, schlieften wiirde, 
daft Pythagoras eben kein grofier Mann gewesen sei, weil er den 
Pythagoraischen Lehrsatz gefunden hat. Da merkt man das Torichte 
nur; man merkt es aber nicht mehr, wenn man nicht empfindet, daft 
dasjenige, was heute alle westlandischen Philosophen plappern kon- 
nen als Krishnaweisheit: von der Ewigkeit des Geistes, von der 
Unsterblichkeit des Geistes, daft das in der Zeit, als es Krishna ver- 
kiindete, eine hohe Weisheit war. 

Solche Seelen wie Arjuna fuhlten zwar: Blutsverwandte diirfen 
sich nicht bekampfen, empfanden zwar noch das gemeinsame Blut in 
einer Mehrheit von Menschen, aber etwas vollig Neues, etwas, was 
ganz neu, epochal neu in seine Seele tonte, war der in abstrakten 
Worten, in Verstandesworten ausgesprochene Satz: Der Geist ist 
ewig - der Geist als dasjenige betrachtet, was gewohnlich abstrakt im 
Zentrum des Menschen gedacht wird -, der Geist ist ewig und geht 
durch Verwandlungen hindurch, schreitet von Inkarnation zu Inkar- 
nation. Im Konkreten glaubte jeder Mensch in der Umgebung des 
Arjuna an die Wiederverkorperung. In der Allgemeinheit, in der 
Abstraktheit, wie es Krishna lehrte, war es, besonders angesichts der 
Situation fur Arjuna, etwas vollig Neues. 

Das ist das eine, warum das, was eben ausgesprochen worden ist, 
eigentlich in einem ganz besonderen Sinne eine triviale Wahrheit ge- 
nannt werden muftte. Es gilt aber auch noch in einem anderen Sinne. 



Dasjenige, was wir heute, selbst wenn wir populare Wissenschaft 
treiben, als dem Menschen etwas ganz Natiirliches ansehen, unser 
Denken, unser abstraktes Denken, das war ganz und gar nicht immer 
bei dem Menschen etwas Selbstverstandliches und Natiirliches. Es ist 
gut, wenn man, um so etwas zu charakterisieren, gleich zu den radi- 
kalen Fallen seine Zuflucht nimmt. Ihnen alien wird es sonderbar 
vorkommen, wenn man folgendes sagt: Fur Sie alle ist es ein natiir- 
liches Faktum, zum Beispiel von einem Fisch zu sprechen. Bei primi- 
tiven Volkern ist das ganz und gar nicht ein natiirliches Faktum. 
Primitive Volker kennen wohl Forellen, Lachse, Stockfische, Heringe, 
aber «Fisch» kennen sie nicht. Sie haben gar nicht das Wort «Fisch», 
weil sie bis zu solcher Abstraktheit, bis zu solcher Allgemeinheit mit 
dem Denken gar nicht gehen. Birkenbaume, Kirschenbaume, Orangen- 
baume, einzelne Baume kennen sie, aber «Baum» kennen sie nicht. 
Dasjenige, was uns ganz natiirlich ist, das Denken in allgemeinen 
Begriffen, das ist heute noch bei primitiven Volkern gar nicht etwas 
Natiirliches. 

Wenn man sich dieses Faktum vor Augen fiihrt, dann mufi man 
sich klar sein, dafi auch dasjenige, was man im heutigen Sinne 
«Denken in allgemeinen Begriffen» nennt, daft dieses besondere Den- 
ken erst im Laufe der Entwickelung in die Menschheit eingetreten ist. 
Ja, fur denjenigen, der ein wenig dariiber nachdenkt, warum Logik 
erst im alten Griechenland entstanden ist, konnte es gar nicht beson- 
ders auffallig sein, wenn gesagt wird aus okkulter Erkenntnis heraus, 
dafi logisches Denken eigentlich iiberhaupt erst seit jener Zeit exi- 
stiert, die nach der urspriinglichen Abfassung der Bhagavad Gita ver- 
flossen ist. Auf logisches Denken, auf Denken in Abstraktionen weist 
gewissermafien als auf etwas Neues, was jetzt erst in die Menschheit 
eintreten soli, Krishna den Arjuna hin. Aber dieses Denken, das 
der Mensch so entwickelt, dieses Denken, das nimmt man zwar heute 
als etwas ganz Natiirliches, aber man hat die schiefesten, unnatiir- 
lichsten Ansichten iiber dieses Denken. Und gerade die westlan- 
dischen Philosophen haben iiber dieses Denken die allerschiefsten An- 
schauungen, denn man halt gewohnlich dieses Denken fur eine blofie 
Photographie der aufteren sinnlichen Wirklichkeit, man glaubt, die 



Begriffe, Ideen entstehen im Menschen, dieses ganze innere Denken 
iiberhaupt entstehe im Menschen von der physischen Auftenwelt her- 
ein. Ganze Bibliotheken von philosophischen Werken sind geschrie- 
ben worden in der abendlandischen Literatur, urn nachzuweisen, daft 
dieses Denken eigentlich nichts anderes sei als etwas, was durch die 
physische Auftenwelt angeregt entstanden sei. Wir erst leben in der 
Zeit, wo dieses Denken in der richtigen Weise gewiirdigt werden 
kann. 

Hier komme ich auf einen Punkt zu sprechen, der ganz und gar 
wichtig ist gerade fur diejenigen, die mit der eigenen Seele eine ok- 
kulte Entwickelung durchmachen wollen. Ich mochte wirklich alles 
versuchen, um gerade iiber dasjenige, was ich jetzt aussprechen will, 
Klarheit hervorzurufen. Gewift, mittelalterliche Alchimisten haben 
gesagt - und ich kann heute nicht auseinandersetzen, was sie eigent- 
lich damit gemeint haben -, sie haben gesagt, man konne aus alien 
Metallen Gold machen, Gold in so grofter Menge, wie man will, nur 
muE man zunachst unbedingt ein Winziges an Gold haben. Ohne daft 
man das hat, kann man kein Gold machen. Aber wenn man ein Win- 
zigstes an Gold hat, kann man beliebige Mengen Goldes machen. - So 
ist es namlich, wenn auch nicht mit dem Goldmachen, so ist es mit 
dem Hellsehen. Kein Mensch konnte eigentlich zu wirklichem Hell- 
sehen kommen, wenn er nicht zunachst ein Winziges an Hellsehen in 
der Seele hatte. Wenn es wahr ware, was ein allgemeiner Glaube ist, 
daft die Menschen, wie sie sind, nicht hellsichtig seien, dann konnten 
sie iiberhaupt nicht hellsichtig werden. Denn wie der Alchimist meint, 
daft man etwas Gold haben muft, um viele Mengen Goldes hervorzu- 
zaubern, so muft man unbedingt etwas hellsehend schon sein, damit 
man dieses Hellsehen immer weiter und weiter ins Unbegrenzte hin- 
ein ausbilden kann. 

Nun konnten Sie ja die Alternative aufstellen und sagen: Also 
glaubst du, daft wir schon alle hellsichtig sind, wenn auch nur ein 
Winziges, oder daft diejenigen unter uns, die nicht hellsichtig sind, es 
auch nie werden konnen? — Sehen Sie, darauf kommt es an, daft man 
versteht, daft der erste Fall der Alternative rich tig ist: Es gibt wirk- 
lich keinen unter Ihnen, der nicht — wenn er sich dessen auch nicht 



bewufit ist - diesen Ausgangspunkt hatte. Sie haben ihn alle. Keiner 
von Ihnen ist in der Not, weil Sie alle ein gewisses Quantum Hell- 
sehen haben. Und was ist dieses Quantum? Das ist dasjenige, was ge- 
wohnlich gar nicht als Hellsehen geschatzt wird. 

Verzeihen Sie einen etwas groben Vergleich: Wenn eine Perle am 
Wege liegt und ein Huhn findet sie, so schatzt das Huhn die Perle 
nicht besonders. Solche Huhner sind die modernen Menschen zumeist. 
Sie schatzen die Perle, die ganz offen daliegt, gar nicht, sie schatzen 
etwas ganz anderes, sie schatzen namlich ihre Vorstellungen. Nie- 
mand konnte abstrakt denken, wirkliche Gedanken und Ideen haben, 
wenn er nicht hellsichtig ware, denn in den gewohnlichen Gedanken 
und Ideen ist die Perle der Hellsichtigkeit von allem Anfange an. 
Diese Gedanken und Ideen entstehen genau durch denselben Prozefi 
der Seele, durch den die hochsten Krafte entstehen. Und es ist unge- 
heuer wichtig, dafi man zunachst verstehen lernt, dafi der Anfang der 
Hellsichtigkeit etwas ganz Alltagliches eigentlich ist: man mufi nur 
die iibersinnliche Natur der Begriffe und Ideen erfassen. Man mufi 
sich klar sein, dafi aus den iibersinnlichen Welten die Begriffe und 
Ideen zu uns kommen, dann erst sieht man recht. Wenn ich Ihnen 
erzahle von Geistern der hoheren Hierarchien, von den Seraphim, 
Cherubim, von den Thronen herunter bis zu den Archangeloi und 
Angeloi, so sind das Wesenheiten, die aus geistigen, hoheren Welten 
zu der Menschenseele sprechen miissen. Aus eben diesen Welten kom- 
men der Seele die Ideen und Begriffe, sie kommen geradezu in die 
Seele aus hoheren Welten herein und nicht aus der Sinnenwelt. 

Es wurde als ein grofies Wort eines grofien Aufklarers gehalten, 
das dieser gesagt hat im 18. Jahrhundert: Mensch, erkiihne dich, deiner 
Vernunft dich zu bedienen. - Heute mufi ein grofieres Wort in die 
Seelen klingen, das heifit: Mensch, erkiihne dich, deine Begriffe und 
Ideen als die Anfange deines Hellsehertums anzusprechen. - Das, was 
ich jetzt ausgesprochen habe, habe ich schon vor vielen Jahren ausge- 
sprochen, ausgesprochen in aller Offentlichkeit, namlich in m^inen 
Biichern «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freijieit», 
wo ich gezeigt habe, dafi die menschlichen Ideen aus ubersinnlichem, 
geistigem Erkennen kommen. Man hat es dazumal nicht verstanden; 



das ist ja auch kein Wunder, denn diejenigen, die es hatten verstehen 
sollen, die gehorten, nun ja, halt zu den Huhnern. Wir miissen uns aber 
klar sein, dafi in dem Augenblick, wo Krishna vor dem Arjuna steht, 
er ihm sozusagen zum ersten Male in der ganzen Menschheitsentwik- 
kelung den Ausgangspunkt fur die Erkenntnis der hoheren Welten in 
der Durchdringung des abstrakten Urteilens gibt. Der Geist kann gese- 
hen werden ganz in der Oberflache der Verwandlungen innerhalb der 
aufieren Sinnenwelt. Die Leiber konnen sterben, der Geist, das Abstrak- 
te, das Wesentliche ist ewig. Ganz in der Oberflache der Erscheinun- 
gen kann das Geistige gesehen werden. Das ist es, was Krishna dem 
Arjuna als den Anfang eines neuen Hellsehertums des Menschen klar 
machen will. 

Fur den heutigen Menschen ist eines notwendig, wenn er zu einer 
innerlich erlebten Wahrheit kommen will. Wenn er wirklich einmal 
innerlich Wahrheit erleben will, dann mufi der Mensch einmal durch- 
gemacht haben das Gefiihl der Verganglichkeit aller aufteren Ver- 
wandlungen, dann mufi der Mensch die Stimmung der unendlichen 
Trauer, der unendlichen Tragik und das Frohlocken der Seligkeit zu- 
gleich erlebt haben, erlebt haben den Hauch, den Verganglichkeit 
aus den Dingen ausstromt. Er mull sein Interesse haben fesseln kon- 
nen an diesen Hauch des Werdens, des Entstehens und der Ver- 
ganglichkeit der Sinnenwelt. Dann mufi der Mensch, wenn er hoch- 
sten Schmerz und hochste Seligkeit an der Aufienwelt hat empfin- 
den konnen, einmal so recht allein gewesen sein, allein gewesen sein 
nur mit seinen Begriffen und Ideen; dann mufi er einmal empfunden 
haben: Ja, in diesen Begriffen und Ideen, da fassest du doch das 
Weltengeheimnis, das Weltgeschehen an einem Zipfel - derselbe Aus- 
druck, den ich einstmals gebraucht habe in meiner « Philosophic der 
Freiheit». - Aber erleben mufi man dieses, nicht blofi verstandes- 
mafiig begreifen, und wenn man es erleben will, erlebt man es in vol- 
ligster Einsamkeit. 

Und man hat dann noch ein Nebengefuhl. Auf der einen Seite er- 
lebt man die Grandiositat der Ideenwelt, die sich ausspannt iiber das 
All, auf der anderen Seite erlebt man mit der tiefsten Bitternis, dafi 
man sich trennen mufi von Raum und Zeit, wenn man mit seinen 



Begriffen und Ideen zusammensein will. Einsamkeit! Man erlebt die 
frostige Kalte. Und weiter enthiillt sich einem, daft die Ideenwelt sich 
jetzt wie in einem Punkte zusammengezogen hat, wie in einem Punkte 
dieser Einsamkeit. Man erlebt: Jetzt bist du mit ihr allein. - Man 
mufi das erleben konnen. Man erlebt dann das Irrewerden an dieser 
Ideenwelt, ein Erlebnis, das einen tief aufwiihlt in der Seele. Dann 
erlebt man es, dafi man sich sagt: Vielleicht bist du das alles doch 
nur selber, vielleicht ist an diesen Gesetzen nur wahr, dafi es lebt in 
dem Punkte deiner eigenen Einsamkeit. - Dann erlebt man, ins Un- 
endliche vergrofiert, alle Zweifel am Sein. 

Wenn man dieses Erlebnis in seiner Ideenwelt hat, wenn sich aller 
Zweifel am Sein schmerzlich und bitter abgeladen hat auf die Seele, 
dann erst ist man im Grunde reif dazu, zu verstehen, wie es doch 
nicht die unendlichen Raume und die unendlichen Zeiten der phy- 
sischen Welt sind, die einem die Ideen gegeben haben. Jetzt erst, nach 
dem bitteren Zweifel, offnet man sich den Regionen des Spirituellen 
und weifi, dafi der Zweifel berechtigt war, und wie er berechtigt war. 
Derm er mufite berechtigt sein, weil man geglaubt hat, daft die Ideen 
aus den Zeiten und Raumen in die Seele gekommen seien. Aber was 
empfindet man jetzt? Als was empfindet man die Ideenwelt, nach- 
dem man sie erlebt hat aus den spirituellen Welten heraus? Jetzt fiihlt 
man sich zum ersten Male inspiriert, jetzt beginnt man, wahrend man 
friiher wie einen Abgrund die unendliche Ode um sich ausgedehnt 
empfunden hat, jetzt beginnt man sich zu fiihlen wie auf einem Fel- 
sen stehend, der aus dem Abgrunde emporwachst, und man fiihlt sich 
so, dafi man weifi: Jetzt bist du in Verbindung mit den geistigen 
Welten, diese und nicht die Sinnenwelt haben dich mit der Ideen- 
welt beschenkt. - Das ist eine nachste Etappe fur die sich entwik- 
kelnde Seele. Das ist diejenige Etappe, wo es beim Menschen beginnt 
mit dem, was heute schon eine triviale Wahrheit geworden ist, recht 
ernst zu werden. Dafi man dieses Fiihlen im Herzen tragt, das ist die 
Vorbereitung dazu, dafi man uberhaupt im richtigen Sinne empfin- 
det, was jetzt, nach der gewaltigen, grofien Erschutterung der Seele 
des Arjuna, von Krishna dem Arjuna als erste Wahrheit gegeben 
wird: die Wahrheit von dem ewigen Geiste, der in den Verwandlun- 



gen lebt. In Begriffen und Ideen wird zum abstrakten Verstande ge- 
sprochen, Krishna spricht zum Herzen des Arjuna, und was ganz 
trivial fur den Verstand sein mag, ist etwas unendlich Tiefes, Erha- 
benes fur das Herz. 

Wir sehen, wie sich die erste Etappe sogleich als etwas ergibt, 
was mit Notwendigkeit hervorgeht aus der tiefen Lebenserschiitte- 
rung, die wir am Ausgangspunkte der Bhagavad Gita sehen. Und nun 
die nachste Etappe. Man spricht sehr leicht von demjenigen, was man 
oftmals dem Okkultismus gegeniiber als Dogma bezeichnet, als etwas, 
was man auf Treu und Glauben hinnimmt und wie ein Evangelium 
verkiindet. Um mich zu erklaren, mochte ich Sie darauf aufmerksam 
machen, dafi es unendlich billig ware, wenn jemand auftreten wiirde 
und sagen wiirde: Da hat einer eine «Geheimwissenschaft» veroffent- 
licht und spricht darin von einer Saturn-, Sonnen- und Mondent- 
wickelung. Das kann man nicht kontrollieren, das kann man nur als 
Dogma hinnehmen. - Ich wiirde es begreifen, wenn so etwas gesagt 
wiirde, denn begreiflich ist so etwas aus der Oberflachlichkeit unserer 
Zeit heraus; denn oberflachlich ist unsere Zeit doch. Ja, es ist unter 
gewissen Voraussetzungen sogar wahr, aber nur unter der Voraus- 
setzung, dafi man aus dem Buche alle Seiten wegreifit, die dem Kapi- 
tel iiber die Saturnentwickelung zum Beispiel vorangehen. In dem 
Augenblick ist dieses Kapitel Dogma, wenn jemand mit diesem 
Kapitel das Buch beginnen wiirde. Wiirde direkt in diesem Buch 
bei der Saturnentwickelung begonnen, so ware der Schreiber ein 
Dogmatiker. Wenn er aber voraussetzt die andern Kapitel, so ist er 
ganz und gar kein Dogmatiker, denn er zeigt, welchen Weg diese 
Seele durchzumachen hat, um zu solchen Anschauungen zu kom- 
men. Darauf kommt es an. Es kommt darauf an, dafi gezeigt wird, 
wie jede einzelne Seele, wenn sie sich in den Tiefen erfafit, zu sol- 
chen Anschauungen kommen mulL Dadurch hort aller Dogma- 
tismus auf. 

Man kann es daher als naturlich empfinden, dafi Krishna dem 
Arjuna gegeniiber, indem er ihn hineinfiihren will in die okkulte 
Welt und nachdem er ihm die Ideenwelt klar gemacht hat, ihm jetzt 
die nachste Stufe zeigt, zeigt, wie jede Seele, wenn sie den richtigen 



Ausgangspunkt findet, in die okkulten Welten kommen kann. Was 
mufi also Krishna tun? Dazu mufi Krishna alien Dogmatismus ableh- 
nen. Und radikal lehnt er alien Dogmatismus ab. Ein hartes Wort 
finden wir sogleich bei dieser nachsten Stufe. Dasjenige, was den hoch- 
sten Menschen jener Zeiten durch Jahrhunderte hindurch heilig war, 
der Inhalt der Veden, wird radikal abgelehnt: Halte dich nicht an die 
Veden, halte dich nicht an das Vedawort, halte dich an Yoga. - Das 
heifit, halte dich an das Innere deiner eigenen Seele. Fassen wir ins 
Auge, was da gesagt werden soli. 

Die Veden enthalten im Sinne des Krishna nicht Unwahrheit, aber 
Krishna will nicht, dafi Arjuna dasjenige, was in den Veden gege- 
ben ist, dogmatisch hinnimmt wie die Vedenschuler, sondern Krishna 
will ihn heranerziehen, dafi er von dem ursprunglichsten Entwicke- 
lungspunkt der Menschenseele ausgehe. Da mufi alle dogmatische 
Weisheit beiseite gesetzt werden. Dann konnte Krishna etwa spre- 
chen, wie beiseite - wir konnen uns ja vorstellen, dafi Krishna zu sich 
beiseite spricht -, dann konnte er sich sagen: Und wenn Arjuna auch 
zuletzt zu all demselben kommen soil, was in den Veden steht, ich 
mufi ihn ablenken von den Veden, denn er soli den eigenen Weg aus 
den Urspriingen seiner Seele machen. - Von Krishna werden die 
Veden abgelehnt, gleichgultig, ob sie Wahrheit oder Unwahrheit ent- 
halten. Denn vom Urspriinglichen der Seele soil Arjuna den Weg 
nehmen, er soil aus sich, aus einer inneren Eigenheit den Krishna 
kennenlernen. Fur Arjuna mufi vorausgesetzt werden, was voraus- 
gesetzt werden kann, wenn man in die konkreten Wahrheiten der 
oberen iibersinnlichen Welten wirklich eintreten kann. So dafi also, 
nachdem Krishna den Arjuna aufmerksam gemacht hat auf etwas, 
was von diesem Zeitraum der Verkiindung der Bhagavad Gita an, 
allgemein menschlich ist, nachdem er ihn darauf gefuhrt hat, er ihn 
auch dahin fuhren mufi, zu erkennen, was er bekommen soli durch 
den Yoga. Denn Yoga mufi Arjuna erst durchmachen. Das ist die 
Steigerung zu einer nachsten Etappe hinauf. 

Wir sehen, wie - als zweite Stufe - mit wichtiger dramatischer 
Steigerung zu dem Allerindividuellsten hin die Bhagavad Gita weiter- 
schreitet in diesen vier ersten Gesangen. Nun schildert Krishna dem 



Arjuna den Yogaweg - dariiber werden wir morgen noch genauer 
zu sprechen haben er schildert diesen Weg, den Arjuna durchzu- 
machen hat, urn zu der nachsten Stufe heraufzukommen, von dem 
alltaglichen Hellsehen der Begriffe und Ideen zu dem, was nur durch 
Yoga erlangt werden kann. Die Begriffe und Ideen brauchen nur in 
das richtige Licht gestellt zu werden, zu Yoga muft er gefuhrt wer- 
den. Das ist die zweite Stufe. 

Die dritte Stufe: wiederum eine dramatische Steigerung, wieder- 
um ein Aussprechen einer tiefen okkulten Wahrheit. Worin besteht 
diese dritte Stufe? 

Nehmen wir an, jemand gehe wirklich einmal den Yogaweg. 
Wenn er das tut, dann kommt er dazu - diese Dinge werden wir 
noch genauer darstellen -, von seinem gewohnlichen Bewufttsein zu 
einer hoheren Bewufitseinsstufe hinaufzusteigen, zu derjenigen Be- 
wufttseinsstufe, die nicht blofi das Ich umfafit, welches zwischen Ge- 
burt und Tod liegt, sondern jenes Ich umfaftt, das von Inkarnation 
zu Inkarnation geht. In einem erweiterten Ich erkennt sich die 
Seele, in ein erweitertes Ich, in ein erweitertes Bewufttsein, wachst 
die Seele hinein. Die Seele macht einen Prozefi durch, der im Grunde 
auch alltaglich ist, aber der in der Alltaglichkeit eben nicht voll 
erlebt wird. Der Mensch schlaft ja an jedem Abend ein. Dann er- 
stirbt um ihn herum die Sinnenwelt, er wird fur diese Sinnenwelt 
bewufttlos. Es ist nun eine Moglichkeit fur die Seele, die Sinnen- 
welt wie beim Einschlafen verschwinden zu lassen, aber um in ho- 
heren Welten wie in einer Wirklichkeit zu leben. Da ersteigt der 
Mensch eine hohe Bewufitseinsstufe. Wenn der Mensch allmahlich 
— und wir werden eben von dem Yoga und auch von modernen 
Ubungen zu sprechen haben — , wenn der Mensch dazu gelangt, 
nicht mehr mit seinem Bewufttsein in sich zu leben, zu fiihlen und 
zu wissen, sondern mit der ganzen Erde zu leben, zu fiihlen und 
zu wissen, dann wachst er auf zu einer hoheren Bewufitseinsstufe, 
wenn die gewohnlichen Sinnesdinge fur ihn verschwinden wie 
im Schlaf. Dazu aber ist notwendig, daft der Mensch sich zu iden- 
tifizieren vermag mit seiner Planetenseele, mit der Erdenseele. 
Wir werden sehen, daft er das kann. Wir wissen, daft der 



Mensch nicht nur einschlaft und aufwacht, sondern auf der anderen 
Seite erlebt auch noch andere Rhythmen der Erde: Winter, Sommer. 
Wenn der Mensch den Yogaweg geht oder moderne okkulte 
Ubungen ausfuhrt, dann kann er sich erheben iiber das gewohnliche 
Bewufitsein, das die Zyklen Wachen und Schlafen, Winter und Som- 
mer erlebt, dann kann er sich erheben, indem er lernt, sich selber von 
aufien anzuschauen. Dann wird der Mensch gewahr, daft er auf sich 
zuriickschauen kann so, wie er sonst auf die Dinge nach aufien 
schaut. Jetzt betrachtet er auch die Dinge, die Zyklen im aufieren 
Leben. Dann sieht er abwechselnde Zustande. Er sieht, wie sein Leib, 
solange er aufierhalb seiner selbst ist, eine Gestalt annimmt, welche 
gleicht der Erde mit ihrer Vegetation im Sommer. Was die materielle 
physische Wissenschaft als Nerven konstatiert, beginnt der Mensch 
dann wahrzunehmen wie ein Aufsprossen von etwas Pflanzlichem 
beim Einschlafen, und wenn er wieder in das alltagliche Bewufitsein 
sich zuriickversetzt, dann fiihlt er, wie dieses Pflanzliche wiederum 
zusammenschrumpft und das Instrument des Denkens, Fiihlens und 
Wollens wird im tagwachen Bewufksein des Menschen. Er fiihlt sein 
Herausgehen und Wiederhineingehen in den Leib analog dem Wech- 
sel von Winter und Sommer auf der Erde, und zwar fiihlt er ein 
Sommerliches beim Einschlafen, ein Winterliches beim Aufwachen. 
Nicht etwa ist das Umgekehrte der Fall, wie man nach aufieren, ober- 
flachlichen Begriffen leicht denken konnte. Er lernt aber von diesem 
Augenblicke an verstehen, was der Erdgeist ist, dafi dieser im Sommer 
schlaft und im Winter wacht, und nicht umgekehrt. 

Das lernt der Mensch kennen, er lernt kennen das grofie Erlebnis, 
sich zu identifizieren mit dem Erdgeist. Er sagt sich von diesem Au- 
genblicke an: Ich lebe nicht nur in meiner Haut, ich lebe, wie die 
Zelle in meinem Organismus, so ich im Organismus der Erde. Die 
Erde schlaft im Sommer und wacht im Winter, wie ich schlafe und 
wache im Tageswechsel. Und wie die Zelle zu meinem Bewufitsein 
steht, so stehe ich zum Bewufksein der Erde. 

Der Yogaweg, namentlich im modernen Sinne, fiihrt zu dieser 
Erweiterung des Bewufitseins, fiihrt zu der Identifizierung unseres 
eigenen Wesens mit einem umfassenderen Wesen. Wir fiihlen uns 



dann so mit der ganzen Erde verwoben. Aber indem wir das tun, fuh- 
len wir uns nicht mehr als Menschen an eine bestimmte Zeit und an 
einen bestimmten Ort gefesselt, sondern wir fuhlen unser Menschen- 
tum, wie es sich entwickelt hat vom Erdenursprung bis zum Erden- 
ende. Wir fuhlen die ganze unendliche Reihe unserer Entwickelungen 
durch die Erdenevolution hindurch. So schreitet Yoga weiter zu dem 
Sich-eins-Fiihlen mit dem, was von Verkorperung zu Verkorperung, 
von Inkarnation zu Inkarnation in der Erdenentwickelung geht. Das 
mufi die nachste, die dritte Stufe sein. Das ist es auch, was zu der 
schonen, kunstlerischen Komposition der Bhagavad Gita fiihrt, dafi 
dieser erhabene Sang in seiner inneren kunstlerischen, sich steigernden 
Komposition okkulte tiefe Wahrheiten spiegelt: erstens Unterweisung 
in den gewohnlichen, dazumal alltaglichen Begriffen, zweitens Anlei- 
tung zum Yogaweg, drittens die Beschreibung der wunderbaren Aus- 
breitung des Horizontes iiber die ganze Erde hin, da wo Krishna vor 
Arjuna die Vorstellung entwickelt: Alles, was in deiner Seele lebt, 
hat oftmals gelebt, du weifk es nur nicht. Aber ich habe in mir dies 
Bewufitsein, wenn ich zuriickschaue in die Verwandlungen, die ich 
durchlebte, und ich will dich herauffuhren, damit du lernst dich fuh- 
len, wie ich mich fiihle. - Ein neues dramatisches Moment! Ebenso 
schon, wie auf der anderen Seite tief okkult wahr. Die Entwickelung 
der Menschheit vom Alltagsbewufksein heraus, von der Perle am 
Wege, die nur erst bekannt sein mull, von der in der jeweiligen Zeit 
alltaglichen Gedanken- und Begriffswelt, bis herauf zur Uberschau 
dessen, was in Wahrheit in uns ist und von Erdeninkarnation zu 
Erdeninkarnation lebt. 



DRITTER VORTRAG 



Helsingfors, 30. Mai 1913 

Es kam mir im vorigen Vortrage darauf an, zu zeigen, wie das ge- 
genwartige, mehr ins Abstrakte gehende menschliche Denken nicht 
eigentlich eine Gabe der au$eren physischen Welt ist, sondern wie es 
eine Gabe ist der spirituellen Welt, wie im Grunde genommen dieses 
abstrakte menschliche Denken in die menschliche Seele genau auf 
dieselbe Weise hereinkommt wie die Offenbarungen der Wesenheiten 
hoherer Hierarchien. Das Wesentliche ist also dieses, dafi wir wirk- 
lich im alltaglichen, im gewohnlichen Leben etwas in uns tragen, was 
ganz die Natur der hellseherischen Erkenntnis schon hat. 

Wir tragen aber nun auch als Menschen etwas anderes noch in 
uns, das im Grunde genommen noch viel mehr die Natur hell- 
seherischer Erkenntnis hat, nur in einer, man mochte sagen, noch ver- 
steckteren Weise. Das ist jenes Bewufitsein des Menschen, welches 
auftritt zwischen dem gewohnlichen alltaglichen Wachzustand und 
dem Schlafzustand: es ist das Traumbewufksein. Man kann nicht gut 
kennenlernen, in wirklich praktischer Weise, den Aufstieg der mensch- 
lichen Seele in die hoheren Welten, wenn man nicht Aufklarung sich 
zu verschaffen versucht liber jenes merkwurdige Leben der mensch- 
lichen Seele in dem Dammerzustande des Traumens. Was ist denn 
eigentlich dieser Traum? Betrachten wir ihn zunachst einmal so, wie 
er uns im gewohnlichen Leben entgegentritt. 

Der Mensch hat um sich herum oder auch vor sich Bilder, gewis- 
sermafien fluchtigere, nicht mit ebenso festen Konturen auftretende 
Bilder, als es die Wahrnehmungen des gewohnlichen alltaglichen 
Lebens sind. Es huschen gleichsam vor der Seele vorbei die Traum- 
vorstellungen, und wenn man dann eintritt in eine, man mochte 
sagen, niichterne Untersuchung dieser Traumvorstellungen, dann kann 
einem auffallen, dafi doch in den meisten Fallen diese Traumvor- 
stellungen in irgendeiner Weise zusammenhangen mit dem aufieren 
Leben, wie wir es verbringen auf dem physischen Plane. Gewifi, es 
gibt Menschen, die leichten Herzens in den Traumen gleich etwas 



Hohes, etwas Wunderbares, ja, Offenbarungen von hoheren Welten 
sehen wollen. Es gibt Menschen, welche leichten Herzens glauben, 
wenn dieser oder jener Traum auftritt, er gabe ihnen etwas, was sie 
im gewohnlichen Leben noch nicht erfahren hatten, er rufe in die 
Seele etwas herein, was gegeniiber diesem gewohnlichen Leben ein 
Neues, ein nie Dagewesenes sei. In vielen Fallen, ja vielleicht in den 
weitaus meisten Fallen wird man hierin sich tauschen, wenn man 
einen solchen Traum so auffafk; man wird einfach sozusagen aus 
Fliichtigkeit nicht bemerken, wie in das Traumgewebe und -gewoge 
doch irgendwelche Erlebnisse hineinragen, die wir vor mehr oder 
weniger kurzer Zeit, oder sogar vor vielen Jahren, aufierlich auf dem 
physischen Plan erlebt haben. Aus diesem Grunde hat es audi das 
materialistische Erkennen unserer Zeit so leicht, die Offenbarungen 
der Traume als etwas Besonderes einfach zuriickzuweisen, und viel- 
mehr darauf hinzuweisen, wie diese Traume denn doch nichts anderes 
sind als Nachbilder des aufierlichen, im physischen Leben Erfahre- 
nen. Wenn man die materialistische Traumwissenschaft der Gegen- 
wart kennt, so weifi man ja, dafi diese materialistische Traumwissen- 
schaft immer sich bemuht, gerade zu zeigen, wie der Traum eigentlich 
nichts anderes gibt als dasjenige, was die Menschengehirne in sich 
tragen an Nachbildern aus der aulteren physischen Welt. 

Man mufi gestehen, dafi diese aufiere materialistische Traumwis- 
senschaft auf diesem Gebiete wirklich es recht leicht hat, zuriickzu- 
weisen jede hohere Bedeutung des Traumlebens. Man kann ja so leicht 
nachweisen, dafi die Menschen die hoheren Offenbarungen, die sie im 
Traume zu haben glauben, in Bildern sehen in einem gewissen Zeit- 
alter, und wie sie in einem anderen Zeitalter diese Bilder nicht hatten 
sehen konnen. So zum Beispiel traumen die Menschen heute ofters in 
Bildern, die hergenommen sind von Erfindungen und Entdeckungen, 
die doch erst im 19. Jahrhundert gemacht worden sind. Das kann 
man ja also sehr leicht nachweisen, dafi aus dem aufieren Leben 
sich Bilder einschleichen in das Traumgewebe und -gewoge. Der- 
jenige, der sich aufklaren will iiber die Traumerlebnisse, so daft diese 
Aufklarung ihm etwas geben kann zum Eindringen in die okkulten 
Welten, der mufi gerade auf diesem Gebiete die allergrofke Sorgfalt 



verwenden. Er mufi sich daran gewohnen, sorgfaltig alien verborge- 
nen Wegen nachzugehen, und es wird sich ihm zeigen, wie der Traum 
in den meisten Fallen nichts anderes gibt als das, was in der aufieren 
Welt erfahren worden ist. Aber gerade derjenige, der sorgfaltiger und 
immer sorgfaltiger wird in der Durchforschung seines Traumlebens - 
und das sollte im Grunde jeder angehende Okkultist — , der wird den- 
noch nach und nach bemerken, dafi aus dem Gewebe des Traumes 
ihm Dinge hervorquellen, von denen er ganz und gar nicht in seinem 
bisherigen Leben, in dem Leben dieser Inkarnation aufierlich hat er- 
fahren konnen. Und wer solche Anweisungen befolgt, wie sie gegeben 
sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?», der wird bemerken, wie sich nach und nach sein Traum- 
leben wandelt, wie die Traume in der Tat einen anderen Charakter 
annehmen. Er wird als eine der ersten Erfahrungen die folgende 
machen konnen. 

Er wird vielleicht einmal lange, lange nachgesonnen haben iiber 
irgend etwas, was ihm ratselhaft erschienen ist, und wird vielleicht 
zu dem Schlusse gekommen sein: Ja, so wie du jetzt bist, reicht deine 
Intelligenz doch nicht aus, dieses Ratsel dir aus der eigenen Seele 
zu losen, und auch dasjenige, was du bisher von aufien gelernt hast, 
reicht nicht dazu aus. Dann wird dieser Mensch vielleicht - das wird 
der haufigere Fall sein - nicht das Bewufitsein haben: Du traumst, 
und im Traum lost sich dir dieses Ratsel auf. - Dies Bewufitsein 
wird er nicht gleich haben. Aber ein hoheres Bewufitsein wird er 
auf verhaltnismafiig friiher Stufe haben konnen. Er wird gleich- 
sam sich fiihlen wie aufwachend aus einem Traum, wie sich erin- 
nernd an einen Traum. Sein Bewufitsein wird sich so gestalten, dafi 
er sich sagt oder doch sagen konnte: Ja, jetzt traume ich nicht 
dasjenige, um das es sich handelt. Ich war mir auch irgendeines 
Traumes, den ich etwa friiher gehabt hatte, nicht bewufit. Aber jetzt 
taucht es wie eine Erinnerung auf, dafi so etwas wie ein Wesen an 
mich herangetreten ist, das mir dieses Ratsel gelost hat, indem es mir 
die Losung gleichsam gegeben oder zugesprochen hat. - Solch eine 
Tatsache wird von demjenigen, der sich daran gewohnt, sein Be- 
wufitsein allmahlich durch die genannten Anweisungen zu erweitern, 



verhaltnismaftig leicht erfahren werden. Man wird wissen, sich er- 
innernd an wie im Traum Durchlebtes, daft man damals es nicht 
wuftte, daft man es erlebte. Wie aus dunklen Untergriinden der 
eigenen Seele heraufleuchtend, wird so etwas erscheinen, dem gegen- 
iiber man sich sagt: Als du selbst mit deiner Gescheitheit, mit deiner 
Intelligenz nicht dabei warst, als du deine Seele gleichsam davor 
hutetest, durch deine Intelligenz beraten zu sein, als du deine Seele 
vor deiner eigenen Intelligenz hutetest, da konnte deine Seele mehr, 
da konnte sie in Zusammenhang kommen mit der Ratsellosung, der 
gegemiber du mit deiner Intelligenz ohnmachtig bist. - Gewift wird 
es den materialistischen Gelehrten auch oftmals leicht sein, eine mate- 
rialistische Erklarung fur eine solche Erfahrung zu finden, aber der, 
welcher diese Erfahrung selber macht, weift in der Tat, daft dasjenige, 
was ihm da entgegentritt, was dann wie ein erinnertes Traumerlebnis 
sich entpuppt, ganz anderes enthullt als bloft eine Reminiszenz des 
gewohnlichen Lebens. Vor alien Dingen ist die ganze Stimmung der 
Seele, die man solchen Erlebnissen gegenuber hat, eine solche, daft 
man sich sagt: Ja, diese Seelenstimmung hast du eigentlich wirklich 
noch gar nicht gehabt. - Es ist die Stimmung einer wunderbaren 
Seligkeit dariiber, daft man in den Tiefen der Seele mehr tragt als im 
gewohnlichen Tagesbewufttsein. Aber es kann noch deutlicher, noch 
viel deutlicher sein, dieses Erkennen des Seelenlebens, dieses Herauf- 
drangen wie eine Erinnerung an etwas, was man nicht auffassen 
konnte, als es sich zugetragen hat in der Seele. Es kann viel deutlicher 
etwas heraufragen in das bewuftte Erkennen des Seelenlebens. Das 
geschieht im folgenden Falle. 

Wenn der Mensch mit Energie und Ausdauer, vielleicht oftmals 
durch recht lange Zeiten hindurch, vielleicht durch Jahrzehnte hin- 
durch, fortsetzt solche Ubungen, wie sie gegeben sind in meinem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann 
bekommt er in ganz ahnlicher Weise, wie geschildert worden ist, das 
Herauftauchen eines Seelenerlebnisses in das Bewufitsein. Dieses kann 
zum Beispiel das folgende sein: Nehmen wir an, in dieses Seelen- 
erlebnis sei hineingemischt die Erinnerung an ein gewohnliches Er- 
lebnis des aufteren Tageslebens, das uns vor Jahren getroffen hat, 



vielleicht ein recht unangenehmes, fatales Erlebnis, das wir einen 
schweren Schicksalsschlag nennen, von dem wir immer wissen, dafi 
wir nur mir Bitternis an ihn denken konnten die ganze Zeit hin- 
durch. Gegeniiber einem solchen Erlebnis kann man wirklich ein 
deutliches Bewufitsein haben, wie bitter man es bisher erlebt hat, wie 
man immer ein bitteres Gefiihl gehabt hat, wenn es in der Erinnerung 
aufgetaucht ist. Jetzt nun taucht wiederum etwas wie die Erinnerung 
an einen Traum auf, aber an einen sehr merkwurdigen Traum, der 
uns sagt: In deiner Seele leben Gefiihle, welche dir mit aller Macht 
als etwas aufierordentlich Willkommenes dieses bittere Erlebnis her- 
angezogen haben; es lebt in deiner Seele etwas, das mit einer Art 
Wonne empfunden hat, alle Verhaltnisse so herbeizufuhren, dafi dich 
dieses Schicksal treffen konnte. - Und jetzt, wenn man eine solche 
Erinnerung hat, dann weifi man auch: In dem gewohnlichen Be- 
wufitsein, das man in sich tragt zur Ordnung der aufieren Angelegen- 
heiten, gab es keinen Moment, in dem du nicht schmerzlich und bitter 
diesen Schicksalsschlag empfunden hast. Keinen Moment gab es in 
deiner jetzigen Inkarnation, da du das nicht schmerzlich und bitter 
empfunden hast. Aber in dir ist etwas, das ganz anders sich verhalt 
zu diesem Schicksalsschlage, etwas, das mit aller Gewalt die Verhalt- 
nisse herbeizufuhren suchte, die dir diesen bitteren Schicksalsschlag 
brachten. Das hast du damals nicht gewufit, dafi in dir etwas ist, was 
sich zu diesem Schicksalsschlage wie mit magnetischer Kraft ange- 
zogen fuhlte, das hast du nicht gewufit. - Jetzt aber merkt man, dafi 
hinter dem alltaglichen Bewufitsein eine andere, tiefere Schicht des 
Seelenlebens weisheitsvoll waltet. Wer eine solche Erfahrung macht - 
und wer die Ubungen, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» gegeben sind, energisch befolgt, 
kann wirklich ein solches Erlebnis haben -, der weifi von da ab: Ja, 
du lebst ein Seelenleben, welches sich zur aufieren Welt in einer ge- 
wissen Weise verhalt, welches Sympathien und Antipathien hat fur 
dasjenige, was als Schicksal dir vor Augen steht, und mit diesem 
Bewufitsein fiihltest du damals dem Schicksalsschlage gegeniiber. Du 
empfandest ihn als bitter, antipathisch. Du wufitest aber nicht, dafi 
in dir ein weiteres Seelenleben war, welches mit allerhochster Sym- 



pathie dazumal sich hindrangte dazu, das zu erfahren, das zu erle- 
ben, was dein gewohnliches Alltagsbewufttsein so unsympathisch 
empfindet. 

Wenn man ein solches Erlebnis hat, dann mag jeder materialisti- 
sche Forscher kommen und mag davon sprechen, dafi solche Erleb- 
nisse nur Reminiszenzen des Alltagslebens seien; wir wissen, wie sich 
solche blofie Reminiszenzen unterscheiden von demjenigen, was man 
da erlebt. Denn in diese Reminiszenzen mufite sich doch die Bitterkeit 
hineinmischen, mit der man immer an dieses gedacht hat. Das aber, 
was man so erlebt, spielt sich ganz anders ab, nimmt sich ganz anders 
aus als jede Reminiszenz. Denn man ist in seinem tiefsten Inneren ein 
ganz anderer Mensch, als man ahnt. Das tritt einem vor die Seele. 
Und es tritt einem vor die Seele wahrhaftig so, dafi man weifi: Man 
hat da Offenbarungen aus Regionen bekommen, in die unser Alltags- 
bewulksein nicht hineinkommen kann. 

Wenn man solch eine Erfahrung hat, dann erweitert sich die 
ganze Vorstellung, die man von dem Seelenleben hat, dann weifi man 
aus Erfahrung, dafi dieses Seelenleben allerdings noch etwas ganz 
anderes ist als dasjenige, was umfafit wird von der Geburt an bis zum 
Tode. Wenn man nicht untertaucht in die charakterisierten tieferen 
Seelenregionen, so bekommt man fur sein gewohnliches Bewufttsein 
keine Ahnung davon, dafi man unter der Schwelle des Bewufitseins 
noch ein ganz anderer Mensch ist, als man im Alltagsleben meint. Und 
wenn dann ein bedeutsames anderes Fiihlen und Empfinden gegen- 
iiber dem Leben in der Seele entsteht, dann erweitert sich fur dieses 
Empfinden und Erleben der Kreis dessen, was wir Welt nennen, um 
eine neue Region. Dann treten wir in der Tat in eine neue Region des 
Erlebens ein. Eine ganz andere, neue Region tut sich vor uns auf, und 
wir wissen dann, warum wir im gewohnlichen Leben in diese Region 
nur, man mochte sagen, unter gewissen Voraussetzungen eintreten 
konnen. 

Ich habe im Grunde genommen, indem ich versuchte, Ihnen gleich- 
sam die okkulte Entwickelung des Traumlebens zu schildern, zwei 
ganz verschiedene Dinge jetzt schon hingestellt. Auf der einen Seite 
das alltagliche Traumleben, das fur die weitaus meisten Menschen 



immer wieder eintritt auf der Grenze des Wachens und Schlafens. 
Aufmerksam habe ich darauf gemacht, dafi dieses alltagliche Traum- 
leben sich nahrt von den Nachbildern des alltaglichen Lebens. Aber 
ich habe auf der anderen Seite Ihnen gezeigt, daft durch eine ahn- 
liche Art des inneren Erlebens, wie es sich vollzieht bei den gewohnli- 
chen Traumbildern, nach bestimmten Voraussetzungen, durch eine 
Schulung, eine ganz neue Welt vor uns auftauchen kann, von der 
wir bisher, bevor wir in sie eingetreten sind, ganz gewifi nichts 
gewufit haben, von der wir uns sagen konnen: Wir sind in der Lage, 
in die Regionen des Traumlebens auch anders hinunterzutauchen, so 
dafi wir in ihnen eine neue Welt uns aufgehend finden. - So haben 
wir die Traumwelt auf der einen Seite durchzogen von den Reminis- 
zenzen des gewohnlichen Lebens, von den Nachbildern des Alltags- 
lebens, und auf der anderen Seite haben wir eine Welt, ahnlich der 
Traumregion, in welcher Welt wir aber neue Erlebnisse, wirkliche, 
reale Erlebnisse haben, von denen wir nur sagen konnen, dafi es Er- 
lebnisse realer Art der anderen, geistigen Welten sind. Aber eine Be- 
dingung mufi erfiillt sein, wenn wir diese neuen Erlebnisse machen 
wollen im nachtlichen Halbschlaf. Die Bedingung mufi erfiillt sein, 
dafi wir auszuschalten vermogen die Reminiszenzen des alltaglichen 
Lebens, die Bilder des alltaglichen Lebens. Solange diese hineinspie- 
len in die Traumregion, so lange machen sie sich darin wichtig, 
mochte ich sagen, und verhindern, dafi die realen Erlebnisse der hohe- 
ren Welten hereinkommen. Warum ist dieses? Warum tragen wir in 
eine Region des Erlebens, in der wir hohere Welten erleben konnten, 
hinein die Nachbilder des alltaglichen Lebens? Warum tragen wir 
diese Nachbilder des alltaglichen Lebens in diese Region, in welcher 
sie sich so wichtig machen? 

Wir tun das aus dem Grunde, weil wir im alltaglichen Leben, ob 
wir es nun gestehen oder nicht gestehen, das allergrofite Interesse 
haben an dem, was gerade uns betrifft, an unseren eigenen aufieren 
Erlebnissen. Es kommt dabei gar nicht darauf an, dafi sich irgend- 
welche Menschen vorspiegeln, ihr Leben interessiere sie gar nicht 
mehr besonders. Durch solche Vorspiegelungen lafit sich nur derjenige 
beirren, der nicht weifi, wie die Menschen auf diesem Gebiete sich den 



allerargsten Illusionen hingeben. Der Mensch hangt tatsachlich ein- 
mal an den Sympathien und Antipathien des alltaglichen Lebens. 
Wenn Sie nun wirklich einmal durchgehen dasjenige, was in dem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?» als An- 
leitung gegeben ist fiir menschliche Seelenentwickelung, dann werden 
Sie sehen, dafi im Grunde alles darauf hinauslauft, unser Interesse 
uns abzugewohnen fiir das alltagliche Leben. Die Ausfiihrung der 
dortigen Anweisungen machen ja nun die Menschen in ganz ver- 
schiedener Weise. Es wird dieses Buch von dem oder jenem gelesen, 
es wird gelesen aus verschiedensten Griinden, und von den verschieden- 
sten Griinden aus wird sich ein Verhalten des Menschen zu diesem 
Buche ergeben. Da hort einmal jemand, vielleicht mit den schdnsten 
Gefuhlen: Wenn man diese Anweisung befolgt, dann kann man sich 
entwickeln so, dafi man in die hoheren Welten einen Einblick erhalt. 
- Das ist ja wahr, aber davon wollen wir nicht sprechen. Es regt sich 
dann aber die Neugierde - und warum sollte man auch nach anderen, 
hoheren Welten nicht neugierig werden -, es regt sich oft die Neu- 
gierde, wenn man auch zunachst mit schonen Gefuhlen an das Buch 
herangetreten ist. Dann beginnt nun jemand diese Ubungen zu 
machen, aber eigentlich nur in Neugierde zu machen. Das will aber 
nur eine gewisse Zeit hindurch gehen, denn allerlei innere Gefuhle, 
vor allem Gefuhle, iiber die man sich meistens nicht recht klar wer- 
den will, halten einen spater nach einer gewissen Zeit ab: man laftt 
die Sache liegen. Aber die Gefuhle, iiber die man sich nicht klar 
werden will, die man manchmal ganz anders interpretiert, das sind 
keine anderen, als dafi, wenn man diese Ubungen wirklich ausfiihren 
will, man sich dann in ganz anderer Weise Dinge abgewohnen muE - 
in Wahrheit gewohnt man sie sich eben nicht ab -, die mit Sympathie 
und Antipathie zusammenhangen. Diese Dinge gewohnt man sich 
nicht gerne ab. Man sagt zwar, daft man sich das gerne abgewohnt, 
aber man tut es nicht. Und der wirkliche Erfolg, den solche Ubungen 
haben konnen, der zeigt sich ja bei demjenigen Menschen, der es ener- 
gisch ernst meint, doch eigentlich recht bald, der zeigt sich eben 
darin, daft die Sympathien und Antipathien gegeniiber dem Leben 
sich etwas andern. Nur muE gesagt werden: Schon em wemg selten 



macht man diese Erfahrung, dafi sich einer dem Einflufi der Ubungen 
so hingibt, dafi sich auch wirklich die Empfindungen iiber Sympathie 
und Antipathie andern. Wenn aber die Ubungen energisch ernst ge- 
nommen werden, dann geschieht das. In energischer Weise andern sich 
Sympathie und Antipathie gegeniiber dem alltaglichen Leben. 

Das bedeutet viel, sehr viel, das bedeutet in der Tat, dafi wir ge- 
rade diejenigen Krafte bekampfen, die so wirken, daft sich die alltag- 
lichen Erlebnisse als Nachbilder, als Reminiszenzen in die Traume 
hineinschleichen. Denn sie tun das nicht mehr, wenn wir es auf ir- 
gendeinem Gebiete, ganz gleich auf welchem, so weit gebracht haben, 
unsere Sympathie und Antipathie zu andern. Man macht ja auf die- 
sem Gebiete ganz pragnante Erfahrungen. Diese Anderung der Sym- 
pathiekrafte braucht gar nicht einmal auf einem besonders hohen 
Gebiete zu liegen. Auf irgendeinem Gebiete mufi nur energisch durch- 
gefiihrt werden, dafi sich die Sympathien und Antipathien andern. 
Es kann in den alleralltaglichsten Dingen liegen, aber irgendwo mufi 
eine solche Anderung eintreten. Da gibt es Menschen, die sagen: Ich 
iibe taglich, morgens und abends, und auch sonst noch Stunden lang, 
aber ich kann nicht einen Schritt in die geistigen Welten hinein 
machen. - Es ist wirklich manchmal recht schwierig, solchen Men- 
schen klar zu machen, wie leicht das zu verstehen ist, daf$ sie das 
nicht konnen. Oftmals brauchen ja die Menschen nur zu bedenken, 
dafi sie heute, vielleicht nach zwanzig, fiinfundzwanzig, vielleicht 
sogar nach dreifiig Jahre langen Ubungen, noch auf dieselben Dinge 
schimpfen, auf die sie damals vor fiinfundzwanzig Jahren ebenso 
geschimpft haben. Ja, genau dieselbe Form des Schimpfens ist ihnen 
noch immer eigen wie dazumal. 

Aber noch etwas Gewohnlicheres: Es gibt ja Menschen, die sich 
bemiihen, auch aufierliche Mittel, die im Okkultismus gewisse Folgen 
zeigen, anzuwenden. Sie werden zum Beispiel Vegetarier. Aber siehe 
da, nun gibt es Menschen, die mit allem Ernste sich vornehmen, wirk- 
lich sich etwas abzugewohnen und die zunachst mit allem Ernst her- 
angehen, dann aber, trotzdem sie Ubungen durch Jahrzehnte hin- 
durch gemacht haben, nichts erlangen. Ein solcher Mensch sagt sich: 
Wenn ich doch nur ein klein winziges Stiickchen von den Geistes- 



welten erlebte! - Er miifite eben nur bedenken, dafi er vielleicht 
immer wieder zu den Fleischtopfen Agyptens zuriickgekehrt ist, 
weil er eben die alte Sympathie fur das Fleisch doch nicht hat nie- 
derkampfen konnen. Er selbst denkt an ganz andere Griinde, denkt, 
dafi er das Fleisch notig hat. Er sagt zum Beispiel: Mein Gehirn 
verlangt es. 

Stellen wir uns daher die Sache, welche die Umanderung der 
Sympathie und Antipathie betrifft, nicht so leicht vor. Leicht ist es, 
doch - so mochte man mit einer Reminiszenz an ein «Faust»-Zitat 
sagen -: «Leicht ist es zwar, doch ist das Leichte schwer.» Gerade 
mit diesem Paradoxon mufi man oftmals die sich entwickelnde 
Seelenstimmung dessen schildern, der hinaufsteigen will in die hohe- 
ren Welten. Es kommt nicht darauf an, diese oder jene Sympathie 
oder Antipathie zu andern, sondern es kommt nur darauf an, iiber- 
haupt irgendeine Sympathie oder Antipathie ernsthaft zu andern. 
Dann kommt man nach bestimmten Ubungen in die Region des 
Traumlebens so hinein, dafi man gleichsam nichts hineinbringt von 
dem alltaglichen Leben, von den Sinneserlebnissen. Dadurch aber 
haben die neuen Erlebnisse gewissermaften Platz darinnen. 

Jetzt weifi man, wenn man wirklich praktisch durchgemacht hat 
ein solches Erlebnis durch eine okkulte Entwickelung, dafi gewisser- 
mafien noch eine Schicht des Bewufitseins im Menschen vorhanden 
ist. Das tagliche Bewulksein kennt ja jeder Mensch: es ist das wache 
Tagesbewulksein, durch das er denkt, fiihlt und will, von dem er ge- 
wohnt ist zu wissen seit dem Bewufitwerden seiner selbst in seiner 
Kindheit, von welchem Augenblicke an er bis zum Tode gleichsam 
ein bewufites Seelenleben fiihrt. Wenigstens bei den meisten Menschen 
ist es so. Hinter diesem tagwachen Bewulksein liegt eine andere 
Schicht des Bewufitseins. In diesem anderen sind fur das alltagliche 
Erleben die Traume darinnen. Daher konnen wir sagen: es ist dieses 
das Traumbewufksein. - Aber wir haben auch gesehen, es ist nicht 
blofi das Traumbewufitsein. Traumbewufitsein wird es nur dadurch, 
dafi wir vom taglichen Bewufitsein dasjenige hineintragen, was wir in 
diesem taglichen Bewufitsein erleben. Wenn wir das nicht tun, wenn 
wir es von diesen Erlebnissen leer machen, dann konnen aus den ho- 



heren Welten Erlebnisse in diese Region unseres Seelenlebens hinein- 
kommen, Erlebnisse, welche eben wirklich auch in der uns umgeben- 
den Welt da sind, von dem gewohnlichen Bewufttsein aber nicht 
wahrgenommen werden konnen, auch in dem Traumbewufksein nicht, 
weil aus diesem erst die Reminiszenz herausgetrieben werden mufite 
an das tagliche Leben, damit es leer wird, Platz geben kann diesen 
Erlebnissen. 

Wenn solche Erlebnisse, wie ich sie sozusagen als elementare ge- 
schildert habe, auftreten, dann weift man allerdings, daft wir gar 
nicht mehr im richtigen Sinne sprechen, wenn wir von diesem Be- 
wufttsein als von einem Traumbewufksein reden wiirden, sondern 
wir wissen, daft in der Tat unser alltagliches Bewufttsein zu dem, 
was wir da erleben konnen, nach und nach selber sich wie ein Traum 
zur Wirklichkeit verhait. Es wird fur uns dann fur die hohere Er- 
fahrung richtig, daft das alltagliche Bewufttsein gerade eine Art 
Traumbewufksein ist, und hier erst die Wirklichkeit beginnt. 

Nehmen wir das zweite Beispiel, und versuchen wir uns klar zu 
machen, wie der Mensch in seinem Gefuhle dazu kommt, sich wirk- 
lich zu sagen, daft ein hoheres Bewufksein fur ihn beginnt. Wir sagen 
uns: Wir haben mit einem Schicksalsschlage gelebt, den wir als bitter 
empfunden haben, aber wir haben bemerkt, daft in unserer Seele 
etwas war, was diesen Schicksalsschlag gesucht hat. Und jetzt fiihlen 
wir auch, daft wir fur unsere Seele diesen Schicksalsschlag brauchten, 
jetzt fiihlen wir praktisch zum ersten Male, was Karma ist. Wir fiih- 
len, wir mufiten diesen Schicksalsschlag suchen. Wir traten herein in 
diese unsere Inkarnation mit einer Unvollkommenheit unserer Seele, 
und weil wir diese Unvollkommenheit fuhlten, zwar nicht im Be- 
wufksein, sondern in den Tiefen der Seele, deshalb zog es uns ma- 
gnetisch dazu hin, diesen Schicksalsschlag wirklich zu erleben. Da- 
durch haben wir eine Unvollkommenheit unserer Seele bezwungen, 
abgeschafft, dadurch haben wir ein Wichtiges, Reales getan. Wie 
oberflachlich ist dagegen das Urteil des Alltags, das dies oder jenes 
als antipathisch empfindet. Die hohere Wirklichkeit ist diese, daft 
unsere Seele fortschreitet von Inkarnation zu Inkarnation, nur eine 
kurze Zeit lang kann sie das Antipathische dieses Schicksalsschlages 



empfinden. Wenn sie aber liber den Horizont dieser Inkarnation 
blickt, dann fiihlt sie ihre Unvollkommenheiten, dann fiihlt sie die 
Notwendigkeit - ja, sie fiihlt es starker als mit dem gewohnlichen 
Bewufttsein — , dann fiihlt sie als das Notwendige, vollkommener und 
immer vollkommener zu werden. Das gewohnliche Bewufttsein hatte, 
wenn es vor diesen Schicksalsschlag vorher gestelk worden ware, sich 
feige an diesem Schlag vorbeigeschlichen, hatte nicht die Notwendig- 
keit gewahlt. Konnte es wahlen, so schliche es sich feige vorbei an 
dem ihm antipathischen Schicksalsschlag. Aber das tiefere Bewuftt- 
sein, von dem wir nichts wissen, das schleicht sich nicht feige vorbei, 
das zieht es gerade herbei; das laftt das Schicksal, das es als einen 
Vervollkommnungsprozefi empfindet, so wirken, daft es sich sagt: 
Ich bin hineingetreten in dieses Leben, bin mir bewuftt gewesen, daft 
ich von meiner Geburt an mit einer Unvollkommenheit der Seele be- 
haftet gewesen bin. Will ich die Seele entwickeln, so muft diese be- 
reitet werden. Dann aber muft ich hineilen zu diesem Schicksale. - 
Das ist das starkere Element in der Seele, das ist das Element, gegen- 
iiber dem das Gespinst des gewohnlichen Bewufttseins mit seinen 
Antipathien und Sympathien sich wie ein Traum ausnimmt. Driiben 
tritt man in das Fiihlen und Erleben der Seele ein, das tief in den 
Untergriinden derselben fur das Alltagsbewufttsein schlummert, von 
dem man sich hier sagt, daft es mehr weift von uns, daft es starker ist 
in uns als unser gewohnliches Bewufttsein. 

Und jetzt merken wir auch noch ein anderes. Wenn man wirklich 
dieses, was eben jetzt auseinandergesetzt worden ist, als ein eigenes 
Erlebnis der Seele hat, wenn man es nicht nur theoretisch kennt, son- 
dern wenn man einmal solch ein Gefiihl wirklich erlebt hat, dann 
hat man mit diesem notwendigerweise noch ein anderes Erleben. Man 
hat das Erleben: Ja, du kannst schon hinein in diese Regionen, wo 
alles anders wird als im gewohnlichen Bewufttsein. - Aber man fiihlt 
zugleich, und tief fiihlt man es: Ich will nicht. - In der Regel ist bei 
den meisten Menschen die Neugierde, da hinemzukommen, gar nicht 
so groft, daft sie iiberwinden konnten dieses schauerliche: Ich will 
nicht. Dieses Nichtwollen, das da auftritt, mit ungeheurer Macht 
tritt es auf in diesem Gebiete, das wir gerade jetzt beriihren. Da kon- 



nen die mannigfachsten Mifiverstandnisse entstehen. Nehmen wir an, 
jemand habe sogar ganz personliche Anweisungen bekommen. Er 
kommt zu demjenigen, der sie gegeben hat, und sagt: Damit erreiche 
ich gar nichts, deine Anweisungen sind gar nichts wert. - Das kann 
ein ehrlicher Glaube sein, ein ganz ehrlicher Glaube. Aber das, was 
als Antwort gegeben werden miifke, das kann ganz unverstandlich 
demjenigen sein, der diesen ehrlichen Glauben hat. Die Antwort 
miifke namlich sein: Du kannst schon hinein, aber du willst nicht. - 
Das ist wirklich die Antwort. Aber das weifi der andere ja nicht, er 
glaubt ja ehrlich, dafi er den Willen hat, denn dieser Nichtwille selbst 
bleibt im Unterbewufksein. So versteht er es nicht, dafi er eigentlich 
nicht will. Denn in dem Moment, wo er sich das eigentlich klar 
machen wollte, dampft er schon diesen Willen ab. Der Wille, nicht 
hineinzukommen, beriihrt ihn so schauerlich, dafi er ihn sofort ab- 
dampft, wenn er auftritt. Denn dieser Wille ist recht fatal, sehr, 
sehr fatal. Namlich dasjenige, was man da bemerkt, aber sobald man 
es bemerkt, ausloschen will, das ist: Mit dem Ich, mit dem Selbst, 
das du dir herangezogen hast, kannst du da nicht hinein. 

Wenn der Mensch sich hoher entwickeln will, so fuhlt er sehr 
stark: Dieses Selbst mufit du zuriicklassen. - Das aber ist etwas sehr 
Schwieriges, denn die Menschen hatten dieses Selbst nie ausgebildet, 
wenn sie nicht das tagliche Bewufitsein hatten. Das ist da, damit wir 
unser gewohnliches Ich haben, das ist gekommen in die Welt, damit 
der Mensch sein niederes Selbst entwickelt. - Der Mensch spurt also, 
wenn er hinein will in die wirkliche Welt, daft er das zuriicklassen 
soil, was er da draufien hat entwickeln konnen. Da hilft nur eines, 
ein einziges: dafi dieses Selbst im taglichen Bewufitsein sich starker 
entwickelt hat, als es notwendig ist fur das tagliche Bewufitsein. 
Gewohnlich hat der Mensch es nur so weit entwickelt, als es not- 
wendig ist. Wenn Sie den zweiten Punkt des Buches «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» ins Auge fassen, dann wer- 
den Sie finden, dafi dieser zweite Punkt der ist, das Selbst starker zu 
machen, kraftiger zu machen, als man es braucht fiir das tagliche 
Leben, damit man nachts herausgehen kann aus seiner Leiblichkeit 
und noch etwas hat, was man gewissermafien nicht gebraucht hat. 



Nur dann hat man also nicht den Willen, zuriickzubeben vor dieser 
hoheren Welt, wenn man in seinen Ubungen verstarkt und erkraftet 
hat das gewohnliche Selbst, wenn man einen Uberschufi an Selbst- 
gefiihl hat. 

Da entsteht aber eine neue Gefahr, eine ganz betrachtliche Ge- 
fahr. Man bringt jetzt vielleicht nicht die Reminiszenzen an das all- 
tagliche Leben im Traume herauf, aber man bringt erweitertes, 
durchkraftetes Selbstbewufitsein herauf, man fiillt gleichsam diese 
Region mit seinem gekraftigten Bewufksein, mit seinem hoher aus- 
gebildeten, kraftvoll ausgebildeten Selbst an. Wer durch solche 
Ubungen, wie sie in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» beschrieben sind, Erfahrungen hat, wie ich sie im 
vorigen Vortrage als innere Seelenerfahrungen bei Arjuna ge- 
schildert habe — ob man auf sozusagen kiinstlichem Wege, durch 
Schulung sein Selbst erkraftet und erweitert, oder vom Schicksal 
dazu bestimmt ist, sein Selbst in einer bestimmten Zeit zu erweitern, 
das Ergebnis ist dasselbe wer solche Erfahrungen macht, der ge- 
langt in die Region des Traumlebens mit seinem erweiterten, er- 
krafteten Selbst hinein. Bei Arjuna ist das der Fall, er steht sozu- 
sagen an der Grenze zwischen der Alltagswelt und der Welt des 
Traumlebens. Er lebt sich hinein in diese hohere Region so, daft er 
durch sein Schicksal - und diesen Punkt werde ich noch weiter aus- 
fiihren da& er durch sein Schicksal in dieser Region ein kraft- 
volleres Selbst hat als er sonst braucht im alltaglichen Leben, im all- 
taglichen Bewufitsein. Wir werden horen, warum gerade Arjuna 
sein kraftvolleres Bewufitsein hat. Aber siehe da, indem er dort ein- 
dringt, nimmt ihn sogleich Krishna auf. Krishna hebt den Arjuna 
iiber das Selbst hinauf, das in ihm veranlagt war, und so wird 
Arjuna nicht derjenige Mensch, der er hatte werden miissen, wenn 
er mit seinem erweiterten Selbst nicht dem Krishna begegnet ware. 
Was ware dann geschehen, wenn Arjuna nicht dem Krishna be- 
gegnet ware? Dann hatte er sich auch gesagt: Da kampfen Bluts- 
verwandte gegen Blutsverwandte, da treten Ereignisse auf, welche 
die alte, heilsame Kasteneinteilung in Triimmer schlagen, welche die 
Frau ruinieren, den Manendienst in Triimmer schlagen; Verhaltnisse 



treten auf, die uns verbieten, unseren Manen Opferfeuer aufzurich- 
ten. - Die heilsame Kasteneinteilung zu verehren, Opferfeuer den 
Ahnen aufzurichten, ein treuer Nachkomme der Ahnen zu sein, 
gehorte fur Arjuna zu seinem alltaglichen Bewufttsein. Er ist durch 
sein Schicksal aus diesem alltaglichen Bewufttsein herausgerissen, er 
muE stehen auf dem Boden, wo er brechen mufi mit seinem heiligen 
Gefuhl, Opferfeuer aufzurichten den Ahnen, die Kasteneinteilung 
zu schatzen und den Zusammenhang des Blutes zu verehren. Jetzt 
mufite er sich sagen: Hinweg mit alle dem, was mir heilig ist im all- 
taglichen Bewufitsein, hinweg mit alle dem, was mir uberkommen 
ist, hineinsturzen will ich mich in die Schlacht. - Nein, das geschieht 
nicht, sondern Krishna tritt dem Arjuna entgegen, und Krishna 
redet gleichsam dasjenige, was so als die aufterste Rucksichtslosigkeit, 
als auf die Spitze getriebener Egoismus erscheinen mufite bei Ar- 
juna. Krishna bricht das ab, macht das nicht moglich, indem er 
sich selbst sichtbar macht dem Arjuna, indem er, was sonst Ar- 
juna erlebt hatte, was sonst Arjuna gebraucht hatte, um in sich 
zu leben, indem Krishna diesen Uberschufi Arjunas als Kraft ge- 
braucht, um sich dem Arjuna sichtbar zu machen. Wir konnen 
auch sagen, um uns diesen Gedanken noch klarer vor die Seele zu 
stellen: Wenn Arjuna einfach dem Krishna entgegentreten wiirde, 
und Krishna auch wirklich zu Arjuna kommen wiirde, wissen 
wiirde Arjuna von Krishna nichts, ebensowenig wie wir von der 
Sinnenwelt etwas wissen wiirden, wenn wir nicht aus der Sinnenwelt 
selbst etwas herausbekommen hatten, um unsere Sinne fur diese Welt 
zu bilden. So muE auch Krishna aus dem Arjuna herausnehmen 
dessen erweitertes, erkraftetes Selbstbewufttsein. Er mufi es gewisser- 
mafien ihm ausreifien, wenn er sich mit Hilfe dessen, was er dem 
Arjuna entrissen hat, selber dem Arjuna zeigen will. So macht er 
aus dem, was er entrissen hat, gleichsam den Spiegel, um sich dem 
Arjuna zeigen zu konnen. 

Wir haben den Punkt aufgesucht in dem Bewulksein des Arjuna, 
wo Krishna dem Arjuna hat begegnen konnen. Unerklarlich bleibt 
in diesen Auseinandersetzungen nur noch, wie Arjuna denn iiber- 
haupt es bis dahin gebracht hat. Denn nirgends tritt uns eine Mit- 



teilung entgegen, dafi Arjuna okkulte Ubungen gemacht hatte, und 
die hat er auch nicht gemacht. Woher kommt es, dafi er dem Krishna 
begegnen kann, was hat denn eigentlich dem Arjuna ein erhohtes, 
erkraftetes Selbstbewufitsein gegeben? Von dieser Frage wollen wir 
im nachsten Vortrage ausgehen. 



VIERTER VORTRAG 



Helsingfors,31.Mail913 

Wir haben gesehen, dafi der Mensch, wenn er einriicken will in jene 
Region, in welcher auch die Traume gewoben werden, mitbringen 
mufi in diese Region aus der gewohnlichen Welt dasjenige, was man 
nennen kann ein verstarktes Selbstbewufitsein, ein Mehr in dem Ich, 
als dieses Ich notig hat fur den physischen Plan, fur die physische 
Welt. In unserer Gegenwart wird dieses Mehr von Selbstbewufitsein, 
dieser Uberschufi aus unserer Seele durch dasjenige herausgebildet, 
was wir erleben konnen durch solche Ubungen, wie sie erwahnt sind 
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». 
Es findet zunachst also eine solche Verstarkung, Erkraftung des 
Selbstes statt. Weil der Mensch sozusagen empfindet, dafi er das 
braucht, so uberkommt ihn auch etwas wie eine Art Furcht, wie eine 
Art Angst, eine Art Scheu, hinauf sich zu entwickeln in die hoheren 
Welten, wenn er diese Starke im inneren Selbst noch nicht erlangt hat. 

Nun habe ich oftmals betont, daft die Menschenseele im Verlauf 
der Evolution die verschiedensten Stadien durchgemacht hat. Was 
heute durch die genannten Ubungen eine solche Menschenseele der 
Gegenwart erlangen kann an Erhohung, an Erkraftung des Selbst- 
bewufltseins, das konnte sie auf dieselbe Art nicht eigentlich erreichen 
in der Zeit, in welche wir zu versetzen haben den erhabenen Sang, 
die Bhagavad Gita. Dafur war in alten Zeiten im menschlichen Selbst, 
im menschlichen Bewufitsein etwas anderes vorhanden: Es war noch 
die erste, uralte Hellsichtigkeit in der Menschenseele vorhanden. Hell- 
sichtigkeit ist auch etwas, was man sozusagen fur das gewohnliche 
Selbst auf dem physischen Plan nicht eigentlich braucht, wenn man 
nur mit dem, was eben jeweilig der physische Plan enthalt, sich zu- 
frieden geben kann. 

Aber jene alten Zeiten, jene alten Menschen der Zeit, in welche 
wir die erhabene Gita zu versetzen haben, hatten eben noch die Reste 
uralten Hellsehens. Wir blicken auf der einen Seite zuriick bis zu sol- 
chen Menschen, die Zeitgenossen waren der Entstehung der Bhagavad 



Gita. Diese Menschen konnten sich sagen: Wenn ich die physische 
Umwelt schaue, dann bekomme ich Eindriicke durch meine Sinne, 
dann konnen diese Eindriicke der Sinne durch den Verstand, der an 
das Gehirn gebunden ist, kombiniert werden. Aber ich habe aufierdem 
noch eine andere Kraft, durch die ich hellsehend ein Wissen mir an- 
eignen kann von anderen Welten. Und diese Krafte bezeugen mir, 
dafi die Menschen auch noch anderen Welten angehoren, dafi ich als 
Mensch noch hineinrage in andere Welten, iiber die gewohnliche phy- 
sische Welt hinaus. - Das aber ist eben das verstarkte Selbstbe- 
wufksein, das unmittelbar in der Seele hervorspriefien lalk das Wis- 
sen, dafi diese Seele nicht allein der physischen Welt angehort. Es ist 
gleichsam ein Uberdruck im Selbst, was da hervorgerufen wird durch 
jene, wenn auch letzten Reste hellsichtiger Kraft. Und heute wieder- 
um kann der Mensch solche Krafte eines Uberdruckes in sich ent- 
wickeln, wenn er entsprechende okkulte Ubungen in seiner Seele 
vollzieht. 

Da konnte eingewendet werden - und Sie wissen ja, dafi immer 
an der entsprechenden Stelle in anthroposophischen Vortragen vor- 
weggenommen werden solche Einwande, die der wahre Okkultist 
selber recht gut weifi -, da konnte eingewendet werden: Ja, wie 
kommt iiberhaupt der Mensch in unserer Zeit dazu, solche okkulten 
Ubungen machen zu wollen? Warum ist er nicht zufrieden mit dem, 
was der Verstand bietet, der an das Gehirn gebunden ist? Warum will 
der Mensch solche okkulten Ubungen? - Da beriihren wir eine Frage, 
die nicht nur eine Frage, sondern eine Art Tatsache ist fur jede 
sinnige Seele im gegenwartigen Menschheitszyklus. Wenn der Mensch 
wirklich in seiner Seele zu nichts kame als zu dem, was nur die 
Sinne ihm zeigen, was ihm der Verstand gibt, der an das aufiere 
physische Instrument, das Gehirn, gebunden ist, dann ware er ganz 
sicher zufrieden mit seinem Dasein, ohne irgendeine Begierde zu 
entwickeln nach hoheren ubersinnlichen Welten. Der Mensch wiirde 
in einem solchen Falle sehen, wie sich die Dinge und Ereignisse um 
ihn herum verhalten und abspielen, er wiirde sie entstehen und ver- 
gehen sehen, nicht aber iiber Entstehen und Vergehen in sich eine 
Frage stellen, sondern damit zweifellos zufrieden sein, wie etwa zu- 



frieden sein kann das einzelne Tier mit seinem Dasein. Das kann der 
Mensch im Grunde genommen ganz gut in der Lage, in welcher 
heute der materialistisch gesinnte Mensch den Menschen denken 
mdchte. Das Tier ist in der Lage, mit seinem gewohnlichen Bewufit- 
sein nur aufzunehmen dasjenige, was vor den Sinnen entsteht und 
vergeht; auch ist das Tier zufrieden mit dem, was vor den Sinnen 
sich abspielt. So ist es aber nicht bei dem Menschen. Aber warum ist 
es nicht so beim Menschen? 

Ich rede in diesem Zusammenhange immer von dem Menschen 
der Gegenwart. Denn noch im alten Griechenland war es im Grunde 
nicht so fur die Menschenseele, wie es heute ist. Wenn wir heute 
wirklich mit voller Seele an die Naturwissenschaft herangehen, Na- 
turwissenschaft uns erwerben, wenn wir an dasjenige herangehen, 
was im geschichtlichen Werden vor sich geht, uns die aufiere Histo- 
riologie, Geschichtswissenschaft aneignen, dann kommt mit alle dem, 
was wir uns da aneignen, zugleich etwas in diese Menschenseele her- 
ein, es schleicht sich ganz verstohlen mit alldem etwas in die Men- 
schenseele hinein, wofur eigentlich Zweck und Sinn fehlt im aufieren 
physischen Leben. Man hat daher mannigfache Vergleiche gebraucht 
fur dasjenige, was sich da einschleicht. Einen solchen mochte ich doch 
erwahnen, weil er oftmals gemacht wird, ohne dafi eigentlich wirk- 
lich nachgedacht wird iiber seine tiefere Bedeutung. Eine sehr be- 
riihmte medizinische Autoritat hat im letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts einmal, um sozusagen das Ehrwiirdige der selbstandigen 
Wissenschaft bedeutungsvoller an der Akademie der Wissenschaft 
hervorzuheben, aufmerksam gemacht auf einen griechischen Philo- 
sophen, der einmal gefragt worden ist: Wie ist es denn eigentlich mit 
dem philosophischen Nachdenken iiber des Lebens Sinn und Zweck? 
Wie verhalt sich dieses Nachdenken zu den anderen Tatigkeiten der 
Menschen, die sich durch andere Arbeit, durch niitzliche Tatigkeit 
beteiligen am allgemeinen Leben? - Da hat jener Philosoph folgende 
Antwort gegeben: Man betrachte sich einmal einen Jahrmarkt. Da 
kommen die Menschen zum Verkauf und Kauf. Diese sind alle be- 
schaftigt. Aber auch einige andere finden sich ein, die wollen nichts 
verkaufen und auch nichts kaufen, sondern sie wollen betrachten, 



nur anschauen, wie es da zugeht auf dem Jahrmarkt. - Der Philosoph 
wollte namlich sagen: Der Jahrmarkt sei das Leben. Da sind die 
Menschen beschaftigt in mannigfacher Form. Die Philosophen aber, 
die nicht beschaftigt sind mit dem, was andere Menschen beschaftigt, 
lungern herum, gehen herum und schauen sich alles blofi an, um alles 
kennenzulernen. 

Es ist schon einmal in das Fleisch und Blut der sogenannten intel- 
lektuellen Menschheit eingedrungen, daft man die Philosophen des- 
halb, weil sie nicht offensichtlich teilnehmen an der niitzlichen Tatig- 
keit im Leben, gerade wegen ihrer auf sich selbst gestellten, selbstan- 
digen Wissenschaft, die sich vollkommen selbst geniigt, ganz besonders 
schatzen will. Aber dieser Vergleich sollte denn doch einigermaften 
zum Nachdenken anregen. Vielleicht konnte das banausisch scheinen, 
aber es ist doch nicht ganz banausisch, wenn man defer nachdenkt. 
Dieser Vergleich konnte namlich recht gut zum Nachdenken anregen. 
Es ist denn doch recht bedenklich, daft man die Philosophen ver- 
gleicht mit den Herumlungerern auf dem Jahrmarkt des Lebens, die 
eigentlich zwecklos sind, die da herumgehen zwischen Leuten, die 
alle einen Zweck haben. Das ware doch auch ein mogliches Nach- 
denken. Es werden eben durchaus oftmals Urteile gefallt, welche viel- 
leicht an ihrem Ausgangspunkte ganz zweifellos richtig sind. Wenn 
sie sich aber durch Jahrhunderte oder, wie dieses, sogar durch Jahr- 
tausende fortschleppen, dann konnen sie doch recht unrichtig werden. 
Daher darf die Frage aufgeworfen werden: Sind denn wirklich alle, 
iiber die so im allgemeinen ein Urteil gefallt wird, sind die wirklich 
zunachst die Herumlungerer im Leben? 

Es kommt nur darauf an, wonach man das Leben bewertet. Ganz 
gewifi gibt es Menschen, die die Philosophen wirklich als unnutze 
Herumlungerer ansehen und glauben, dafi es gescheiter ware, irgend- 
ein nutzliches Handwerk zu treiben. Von ihrem Standpunkte mogen 
diese Menschen sogar ganz recht haben. Aber es kommt darauf an, 
daE, wenn man das Leben mit den Sinnen betrachtet und mit dem 
Verstande, der an das Gehirn gebunden ist, dann wie verstohlen 
Dinge in die menschliche Seele hineinschleichen, die ganz offenkundig 
gar keinen Zusammenhang haben mit der Aufienwelt, welche uns 



sinnlich umgibt. Man kann das sehr gut sehen bei der Lektiire solcher 
Biicher, die aus rein materialistischer Grundlage heraus eine befriedi- 
gende Weltanschauung zimmern wollen, welche die Weltratsel losen 
soil. Dann stellt sich gewohnlich heraus, dafi am Ende dieser Biicher 
iiberhaupt erst Fragen auftauchen. Diese Biicher werfen im allgemei- 
nen die Weltratsel erst auf an ihrem Ende. Es schleicht sich eben ein 
Gedanke ein mit der Aufnahme dessen, was diese Biicher behandeln, 
mit der Aufnahme der Aufienwelt, ein Gedanke, mit dem man sich 
sagen mufi: Entweder ist der Mensch noch fur andere Welten da als 
nur fur die physische Welt, oder diese physische Welt beliigt, prellt 
einen fortwahrend, indem sie uns Ratsel aufgibt, die wir nicht be- 
antworten konnen. Eine ganze Summe unseres Seelenlebens ist sinn- 
los, wenn wirklich das Leben mit dem Tode abschliefien wiirde, wenn 
der Mensch keinen Anteil, keinen Zusammenhang hatte mit der 
hoheren Welt. Und die Sinnlosigkeit dessen, was er hat, nicht die 
Sehnsucht nach etwas, was er nicht hat, das ist es, was den Menschen 
dazu treibt, dem nachzugehen, wie es sich damit verhalt, da!5 in die 
Seele etwas kommt, was gar kein Burger unserer Sinnenwelt ist. Und 
das treibt ihn dazu, etwas auszubilden, wie es eben durch okkulte 
Ubungen geschehen kann, etwas, was ganz offenkundig nicht mit der 
Aufienwelt zusammenhangt. Wir wiirden nicht sagen, der Mensch 
habe die Sehnsucht nach der Unsterblichkeit in sich, und deshalb 
bilde er sich den Begriff der Unsterblichkeit, deshalb erfinde er sie, 
sondern: der Mensch hat so, wie er lebt, etwas von der Aufienwelt 
hereinbekommen in seine Seele, was ganz sinnlos, zwecklos, wesenlos 
ware, wenn das Dasein nur zwischen Geburt und Tod eingeschlossen 
ware. Der Mensch mufi fragen nach Sinn und Zweck, iiberhaupt 
nach der ganzen Wesenhaftigkeit von etwas, was er hat, und nicht 
von etwas, was er nicht hat. 

So ist der Mensch der Gegenwart in der Tat nicht mehr ganz in 
der Lage - und darum kann er sich in der heutigen Zeit nicht auf den 
griechischen Philosophen berufen -, er ist nicht mehr ganz in der 
Lage eines blofien Herumlungerers, eines blofien Strabanzers, sondern 
er ist in einer anderen Lage: in der Lage, dafi man ihn vergleichen 
kann mit einer Personlichkeit, die nur Worte verleiht demjenigen, 



was eigentlich in alien lebt. Im alten Griechenland pafite tatsachlich 
der Vergleich des Philosophen. Heute paftt er nicht mehr, heute ist 
die Sache anders. Wenn wir das Leben wiederum mit einem Jahr- 
markt vergleichen, so konnen wir auch heute sagen: Da kommen 
Kaufer und Verkaufer. Wenn sie nun den Jahrmarkt abschliefien 
und abzahlen, ob alles stimmt, dann finden sie - so wunderbar das 
klingt, aber jeder Vergleich hinkt ja ein wenig, und dieser ist sogar 
in gewissem Sinne um so besser, je mehr er hinkt -, dann finden sie 
etwas, was da ist, was aber weder gekauft noch verkauft hat werden 
konnen, wovon nicht zu ergriinden ist, woher es kommt. So ist es 
zwar nicht bei einem Jahrmarkt, aber so ist es beim Jahrmarkt des 
Lebens. Indem wir das Leben durchleben, finden wir fortwahrend 
Dinge, die aus dem Leben herausspriefien, fur die es aber keine Er- 
klarung in der Sinnenwelt gibt. Das ist der tiefere Grund, warum 
es heute in der Welt Menschen gibt, die an dem Dasein verzweifeln 
konnen, die unbestimmte Sehnsuchte haben konnen: weil eben beim 
Menschen der Gegenwart etwas in der Seele wirkt, was keine Burger- 
schaft hat in der physischen Welt, was aber Fragen nach anderen 
Welten aufwirft. 

Das aber, was wir heute in der Seele erwerben mussen, damit 
Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit gegeniiber dem Leben nicht auf- 
komme, gegeniiber einer Sache, die sonst sinnlos ware, das hatte ein 
Mensch wie Arjuna einfach deshalb, weil seine Seele noch heraus- 
ragte aus einer Zeit, wo das uralte menschliche, primitive Hellsehen 
noch da war. Aber Arjuna befindet sich gleichzeitig in einem 
Ubergangszeitpunkt - und das ist das Wesentliche, das Bedeutungs- 
volle, wenn die Bhagavad Gita verstanden werden soli -, Arjuna 
befindet sich in jener Zeitentwickelung, wo nur noch Reste, letzte 
Nachklange des uralten Hellsehens vorhanden waren. Die Menschen 
riickten in der Zeit, in der etwa die Bhagavad Gita entstand, in eine 
Zeit der Evolution, in der dieses alte Hellsehen allmahlich verloren- 
ging. Und das ist der ganz tiefe Grundzug der Bhagavad Gita, der 
Hauch, der iiber die Bhagavad Gita ausgegossen ist, dafi aus ihr die 
Tone herausklingen, die von jener Zeitenwende kommen, in der das 
alte Hellsehen der Menschheit in seinem Absterben war, wo dem 



Abendrot des alten Hellsehens gegeniiber jene Nacht beginnen sollte, 
in der diejenige menschliche Kraft erst geboren werden konnte, wel- 
che die alte Menschenseele noch nicht hatte und in unserer Zeit die 
gewohnliche Menschenseele hat. 

So ist Arjuna eine Seele, von der man sagen kann: Altes Hell- 
sehen ist in letztem Nachklang noch in seiner Seele vorhanden, aber 
immer so, dafi es wie verglimmt in der Seele, nicht mehr so recht 
da sein will, dafi es braucht ein solches erschutterndes Ereignis, wie 
ich es geschildert habe, um wieder wachgerufen zu werden, wieder 
hervorgerufen zu werden. Was ist es also, was da in dem Moment, 
wo Arjuna momentan hellsichtig dem Krishna gegenubertritt, was ist 
es, was da die hellseherische Kraft aus der Seele des Arjuna hervor- 
ruft? Es ist das erschiitternde Ereignis, das ich erzahlt habe. Und 
jene hellseherische Kraft holt es hervor, die in alten Zeiten dem 
Menschen allgemein eigentiimlich war. Was kann nun Arjuna se- 
hen, schauen dadurch, daft bei ihm hervorgerufen wird die alte hell- 
seherische Kraft, die sonst sich schon dem Untergange neigte in 
seiner Seele? Trocken und rein historisch gesprochen, soli Arjuna 
der geistigen Wesenheit entgegentreten, welche wir im Sinne der 
Bhagavad Gita als Krishna anzusprechen haben. 

Nun mufi, damit volliges Verstandnis ausgebreitet werden kann 
iiber dasjenige, was eigentlich in der Seele des Arjuna vorgeht, auf- 
merksam gemacht werden darauf, daft jenes Erheben der Menschen- 
seele in die Region, aus welcher sonst die Traume gewoben werden, 
heute eigentlich nicht mehr ganz dazu fuhrt, Krishna oder die Wesen- 
heit des Krishna voll zu verstehen. Wenn wir auch wirklich all die 
Krafte ausbilden, die uns bewufit hinuberfiihren in die Region, die 
wir im vorigen Vortrag charakterisiert haben als die Region des 
Traumbewufitseins, konnen wir doch nicht heute sozusagen die voile 
Entdeckung machen dessen, was Krishna ist. 

Rufen wir uns noch einmal ins Gedachtnis, was ich gestern ge- 
schildert habe. Das gewohnliche alltagliche Bewulksein wollen wir 
als diese untere Region bezeichnen. Dariiber liegt eine Region, die fur 
die Alltaglichkeit unbewufit bleibt, die nur bewufk wird gleichsam in 
einem Scheingebilde, als Maya, als Traumbewufitsein. Wenn wir aber 



in der Art, wie es im vorigen Vortrage dargestellt worden ist, sozu- 
sagen die Traume herausschaffen, die Maya zu tilgen versuchen, dann 
kommen Eindriicke aus einer anderen Welt in diese Region des 
menschlichen Bewufkseins hinein. 

In der Tat mischt sich aber nun fur den Menschen in alle diese 
Erlebnisse, die er hat, alles dasjenige von der physischen Umwelt 
herein, was eben eigentlich wie ein Uberschufi in der Seele anderen, 
inneren, iibersinnlichen Welten angehort, von denen der Mensch nur 
Kenntnis erhalten kann, wenn er eben dieses Bewufitsein entwickelt. 
Da macht der Mensch in der Tat die Erfahrung, die nur derjenige 
als Reminiszenz des taglichen Lebens beschreiben wird, der materia- 
listisch gesinnt ist und als solcher keine Ahnung hat, wie eigentlich 
die Erfahrungen sind, die der Mensch dann macht. Denn die Welt 
schaut eben doch etwas anders aus, als sie aussieht, wenn man nur 
den physischen Plan um sich hat. Man macht die Entdeckung, daft 
man etwas sieht, was man eigentlich in der gewohnlichen Welt nie 
sieht. Wenn man sich auch oftmals denkt, man sehe etwas, die Men- 
schen glauben, sie sehen Licht, in Wahrheit sieht der Mensch ja auf 
dem physischen Plane nicht Licht, sondern er sieht Farben, Farben- 
nuancen, hellere und dunklere Farben, er sieht nur die Wirkung des 
Lichtes, aber Licht selber durchschweift unsichtbar den Raum. Wenn 
der Mensch nur in den Raum, durch den das Licht geht, schaut, so 
sieht er das Licht nicht. Wir konnen uns ja leicht davon iiberzeugen 
durch das ganz grobklotzige Erlebnis, dafi, wenn wir durch ein Fen- 
ster Licht lassen, wir eine Art Strahlenbundel im Zimmer sehen. Aber 
dann mufi eben Staub in der Luft sein. Wir sehen den Widerglanz, 
die Reflexion des Lichtes, aber das Licht sehen wir nicht. Das Licht 
selbst bleibt unsichtbar. Jetzt aber, nach solchen Erfahrungen, be- 
kommt man das Licht wirklich zu sehen, man nimmt es wirklich 
wahr. Das kann man aber erst, wenn man eben in die hoheren Welten 
aufriickt. Dann ist man wirklich von flutendem Licht umgeben, wie 
man in der physischen Welt in flutender Luft ist. Nur kommt man 
nicht mit seinem physischen Leibe herauf, man braucht da oben nicht 
zu atmen, aber mit dem Teil seines Wesens kommt man herauf, wel- 
cher das Licht so braucht, wie der Leib in der physischen Welt die 



Luft braucht. Das Lebenselement ist da oben das Licht, man mochte 
sagen Lichtluft, die dort Bediirfnis des Daseins ist, wie die Luft Be- 
diirfnis des Daseins ist fiir den Menschen der physischen Welt. 
Durchdrungen, durchsetzt wird dieses Licht in der Tat von so etwas, 
wie die Luft in unserem Umkreise durchsetzt ist von Wolkenbildun- 
gen. Die sind aber Wasser. Doch dieses Wasser auf dem physischen 
Plane lafit sich auch mit etwas, was da oben ist, vergleichen. Das- 
jenige, was uns da entgegenkommt wie schwimmende, schwebende 
Gebilde im flutenden Licht, wie hier Wolken durch die flutende 
Luft schweben, das ist webender, lebender Ton, webendes Tongebilde, 
das ist Spharenmusik. Und dasjenige, was man weiter wahrnehmen 
wird, das ist fliefiendes, webendes Leben selber. 

Man kann also schon diese Welt, in die man da eintaucht mit der 
Seele* beschreiben, aber die Dinge, durch die man beschreiben mufi, 
die miissen eigentlich sinnlos sein fiir die physische Welt. Daher wird 
vielleicht derjenige diese Welt, die zwar fiir die physische Vorstellung 
sinnlos ist, darum aber doch eine hohere Wirklichkeit hat, am besten 
beschreiben, der die fiir den physischen Plan sinnlosesten Worte ge- 
brauchen wird. Nun haben es ja selbstverstandlich alle materiellen 
Philisterseelen leicht, zu widerlegen. Deshalb nehmen sich auch diese 
Widerlegungen so plausibel aus, welche die materialistisch Gesinnten 
gegeniiber demjenigen machen, was der Okkultist iiber die hoheren 
Welten zu sagen hat. Er weifi es schon selber, daft diese Widerlegun- 
gen sehr leicht zu machen sind, denn man beschreibt ja die hoheren 
Welten am besten, wenn man Worte gebrauchen mufi, die gar nicht 
passen fiir dasjenige, was der Mensch im Auge hat, wenn man vom 
physischen Plan redet. 

Man mochte zum Beispiel reden von «Lichtluft» oder «Luftlicht». 
Das gibt es nicht auf dem physischen Plan. Da oben aber gibt es 
Luftlicht, Lichtluft. Auch lernt man in der Welt, in die man da hin- 
eindringt, kennen die Abwesenheit des Lebenselementes, der notigen 
Menge von Lichtluft und Luftlicht, dadurch, daft man sich beklom- 
men fiihlt, schmerzlich beriihrt fiihlt in der Seele: ein Zustand, der 
sich vergleichen lafit mit dem Zustand auf dem physischen Plan, 
wenn man aus Luftmangel keinen Atem findet. Und auch den ent- 



gegengesetzten Zustand trifft man dort an, den Zustand wahrer, 
echter, man mochte sagen heiliger Lichtluft, den Zustand, zu leben in 
diesem Reinen, Heiligen, und zu schauen geistige Wesenheiten, die 
sich innerhalb dieser Lichtluft recht gut bemerkbar machen konnen 
und da ihr Wesen treiben. Es sind alle diejenigen Wesenheiten, die 
unter der Fiihrung des Luzifer stehen. In dem Augenblicke, wo wir 
ohne gehorige Vorbereitung in diese Region hineinkommen, durch 
nicht gehorige oder auch nicht ordentliche Vorbereitung, bekommt 
Luzifer die Macht, uns die Lichtluft zu entziehen. Er versetzt uns so- 
zusagen seelisch in Atemnot. Das hat zwar nicht die Wirkung der 
Atemnot auf dem physischen Plane, sondern eine andere Wirkung, 
namlich die, daft wir jetzt, etwa wie ein Eisbar, wenn er nach dem 
Siiden gebracht wird, lechzen nach dem, was uns von dem geistigen 
Schatz, von dem geistigen Licht des physischen Planes kommen kann. 
Das ist namlich gerade das, was Luzifer haben will: daft wir uns nicht 
befassen mit demjenigen, was von den hoheren Hierarchien kommt, 
sondern diirstend hangen an dem, was er in den physischen Plan ge- 
bracht hat, wenn wir durch unsere Vorbereitung uns nicht geniigend 
geschult haben. Stehen wir dann vor Luzifer, dann entzieht er uns das 
Luftlicht, dann bekommen wir seelische Atemnot, dann lechzen wir 
nach dem, was geistig aus dem physischen Plane kommt. 

Wie nimmt sich das aber im Konkreten aus? Nehmen wir an, 
irgend jemand macht Vorbereitungen, die ihn gefuhrt haben dazu, in 
die hoheren Welten wirklich hinaufzukommen, das heiftt, diese obere 
Region wirklich zu erreichen. Aber nehmen wir an, er macht nicht die 
gehorigen Vorbereitungen dazu, vergifit zum Beispiel, daft der 
Mensch neben alien Ubungen zugleich seine moralischen Empfin- 
dungen, seine moralischen Gefiihle veredeln mufi, daft der Mensch 
irdische, ehrgeizige Machtgefuhle aus seiner Seele ausreiften muft - 
man kann in die hoheren Welten hinaufkommen, auch wenn man 
ein ehrgeiziger, eitler, machtliistiger Mensch ist, aber dann tragt 
man irdische Eitelkeit, irdische Machtlust in diese hoheren Welten 
hinauf -, wenn ein Mensch so seine moralischen Empfindungen und 
Gefiihle nicht gelautert hat, dann nimmt ihm oben Luzifer die 
Lichtluft, das Luftlicht. Dann nimmt man nichts wahr da oben von 



dem, was in Wirklichkeit oben ist, dann lechzt man nach dem, 
was unten auf dem physischen Plane ist; man atmet gleichsam das- 
jenige, was man auf dem physischen Plan hat wahrnehmen konnen. 
Man glaubt dann zum Beispiel, man iiberschaue dasjenige, was nur 
auf geistige Weise, eben in der Lichtluft, zu uberschauen ist, nur 
dann zu uberschauen ist, wenn man Luftlicht atmet. Man glaubt, 
verschiedene Inkarnationen verschiedener Menschen zu uberschauen. 
Das ist aber nicht wahr, man uberschaut sie nicht, weil einem eben 
Luftlicht fehlt. Man saugt aber wie lechzend, was unten auf dem 
physischen Plan vorgeht, herauf in diese Region und schildert aller- 
lei Dinge, die man unten auf dem physischen Plan erworben hat, 
wie Vorgange in hoheren Welten. Es gibt sozusagen kein besseres, 
oder besser gesagt, kein schlimmeres Mittel, als mit irdischen, eitlen 
Machtgelusten in die hoheren Welten hinaufzuheben seine Seele. 
Wenn man das aber tut, so wird man niemals wahre Forschungs- 
ergebnisse aus diesen hoheren Welten herunterbringen konnen, son- 
dern was man herunterbringt, wird nur ein Scheinbild dessen sein, 
was man sich auf dem physischen Plan ausgedacht, ausgesonnen hat 
und dergleichen. 

Da habe ich gleichsam nur die allgemeine Szenerie geschildert. 
Aber man begegnet auch Wesenheiten, die man elementarische We- 
senheiten nennen kann. Wahrend man hier in der physischen Welt 
von Naturkraften spricht, bekommen da oben diese Krafte etwas 
Wesenhaftes. Und man macht vor allem da eine ganz bestimmte 
Entdeckung, man macht die Entdeckung - jetzt aber durch die Tat- 
sachen, die einem entgegentreten — : ja, hier auf dem physischen Plan 
gibt es Gutes und Boses, da oben aber gibt es gute und bose Krafte. 
Hier in der physischen Welt ist Gutes und Boses in der Menschen- 
seele gemischt, vereint, bei dem einen mehr, bei dem anderen weni- 
ger nach der guten Seite hin, da oben aber gibt es Wesenheiten, die 
als bose Wesenheiten gegen dasjenige kampfen, was von Wesen- 
heiten, die man gute Wesenheiten nennen mufi, hervorgebracht wird. 
Man kommt da in eine Region hinein, wo man sozusagen das ge- 
steigerte Selbstbewufksein schon brauchen kann, wo man brauchen 
kann eine gescharfte Urteilskraft, die eben mit diesem gesteigerten 



Selbstbewufitsein verbunden sein mufi. So daft man zum Beispiel 
wirklich sich sagen kann: Es miissen da oben auch Wesenheiten sein, 
die sozusagen die Mission des Bosen haben, neben den Wesenheiten, 
die die Mission des Guten haben. 

Auf dem physischen Plane wird einem immer entgegnet: Warum 
hat denn die allweise Weltengottheit nicht blofi das Gute geschaf- 
fen, warum ist denn nicht immer und iiberall nur das Gute vorhan- 
den? - Wenn nur das Gute vorhanden ware, dann wurde die Welt - 
davon iiberzeugt man sich — eine einseitige Richtung nehmen miis- 
sen, dann wiirde die Welt durchaus nicht all die Fiille hervorbrin- 
gen konnen, die sie hervorbringt. Das Gute mufi eine Widerlage 
haben. Gewift, man kann das schon auf dem physischen Plane ein- 
sehen. Aber man lernt erkennen: Nur so lange kann man glauben, 
daft die guten Wesenheiten allein die Welt zu Rande bringen wiir- 
den, solange man auskommt mit der Sentimentalitat, mit der Welt 
der Phantasie. Mit der Sentimentalitat kann man noch in der Region 
des Alltags auskommen, aber nicht, wenn man in die ernsten Reali- 
taten der ubersinnlichen Welt hineinkommt. Da weift man, daft die 
guten Wesenheiten die Welt allein nicht machen konnten, daft sie 
zu schwach waren, um die Welt zu gestalten, daft beigesetzt werden 
miissen der gesamten Evolution diejenigen Krafte, die aus den bosen 
Wesenheiten kommen. Das ist weisheitsvoll, daft das Bose beige- 
mischt ist der Weltenevolution. Daher muft man neben die Dinge, 
die man sich abgewohnt, die man bekampft, auch das Abgewohnen 
einer jeglichen Sentimentalitat setzen. Man mufi erkennen, daft das 
notwendig ist. Unerschrocken und mutig mufi man jenen gefahr- 
lichen Wahrheiten entgegengehen konnen, die man einsieht durch 
das Wahrnehmen des Kampfes, der sich gerade in dieser Region 
abspielt, der einem da offenbart werden kann von seiten der guten 
und bosen Wesenheiten. Das alles sind solche Dinge, die man erlebt, 
wenn man seine Seele geeignet macht, bewuftt in diese Region ein- 
zudringen. Aber dann sind wir eigentlich erst in die Traumregion 
hineingekommen. 

Wir leben aber noch in einer weitaus anderen Region als Men- 
schen, in einer Region, fur die wir als Seelen im normalen Leben so 



wenig geeignet sind, daft wir in ihr iiberhaupt gar nichts wahrneh- 
men konnen. Das ist die Region, die wir als Seelen durchleben im 
traumlosen, tiefen Schlaf, die Region, in die niemals Traume hinein- 
reichen konnen: die Region des gewohnlichen Schlafbewulkseins. 
Hier beginnt schon der absolute Widerspruch, denn der Schlaf ist 
doch eigentlich dadurch charakterisiert, dafi das Bewulksein eben 
vollig aufhort. Schlafbewufitsein, ein vollkommenes Paradoxon, ist 
jener Zustand, in dem wir sind, wenn wir vom Einschlafen bis zum 
Aufwachen leben. Diesen Zustand wollen wir zunachst das Schlaf- 
bewufksein nennen. Dieses Schlafbewufitsein ist fur das normale 
menschliche Leben ja in der Tat so, dafi der Mensch eben aufhort, 
bewufit zu sein, wenn er in dieses Leben hineingeht, und mit dem 
Aufwachen erst wieder bewulk wird. Aber in uralten Zeiten des 
Hellsehens war auch diese Region fur die Menschenseele etwas Er- 
lebbares. Da gab es, wenn wir in diese alten Zeiten unserer Erden- 
entwickelung, sogar noch in nachatlantische Zeiten zuriickgehen, 
durchaus einen Zustand, der fur das gewohnliche Leben dem Schlafe 
gleich war, in welchem aber wahrnehmbar war eine noch hohere, 
noch geistigere Welt, als diejenige ist, die in der Traumregion wahr- 
zunehmen ist. Wir konnen zu solchen Zustanden kommen, die fur 
das gewohnliche menschliche Leben ganz gleich sind dem Schlaf- 
zustande, die aber kein Schlaf sind, weil sie von Bewufksein durch- 
drungen sind. Dann sehen wir, wenn wir so hoch hinaufgekommen 
sind, nicht die physische Welt. Allerdings sehen wir noch die Welt 
der Lichtluft, die Welt der Tone, die Welt der Weltenharmonie, die 
Welt des Kampfes der guten und bosen Wesenheiten. Aber diese 
Welt, die wir da sehen, ist, man mochte sagen, noch verschiedener, 
noch grundverschiedener von allem, was in der physischen Welt be- 
steht. Es ist eine Welt, welche daher noch schwieriger zu beschreiben 
ist als diejenige Welt, die man antrifft, wenn man in die Region des 
Traumbewufkseins kommt. 

Ich mochte Ihnen nun eine Art von Vorstellung geben, wie prak- 
tisch eigentlich das Bewulksein in dieser Region arbeitet, wie es 
wirkt. Wenn man das schildert, woriiber ich Andeutungen gemacht 
habe von einer hohen Welt, in welche Traume hereinragen, da wird 



man von der gewohnlichen Philistrositat als Phantast erklart. Wenn 
man aber gar beginnt, von den Erfahrungen zu sprechen aus dieser 
Region heraus, die sonst der Mensch nur durchschlaft, dann werden 
die Menschen schon nicht mehr nur so gehassig, dafi sie einem Phan- 
tasterei vorwerfen, nein, dann werden sie, wenn sie iiberhaupt sich 
irgend einlassen darauf und keine Bosartigkeit haben, schon ganz 
wild. 

Wir haben ein kleines, oder vielmehr ein grofies Beispiel auf 
diesem Gebiete schon erleben konnen. Wahrend ja zunachst, als in 
Deutschland meine Biicher erschienen sind, die offentliche, sich ge- 
lehrt nennende Kritik selbstverstandlich gehassig und allerlei Dinge 
vermutend diese Biicher beurteilte, wurde die Kritik auf einem 
Punkte wirklich ganz wild, schon bis zu dem Grade wild, dafi man 
sagen kann: Eine gewisse Kritik wird, wenn sie gar zu wild wird, ein- 
fach toricht. Dieser Punkt war ein solcher, wo einmal aufmerksam 
gemacht werden sollte auf etwas, was wirklich nur aus der erwahnten 
Region des Geistes kommen kann. Das war die Sache, die aus- 
gesprochen ist in meinem Buche: «Die geistige Fuhrung des Menschen 
und der Menschheit», die Sache von den zwei Jesusknaben. Fur die- 
jenigen der lieben Freunde, die damit nicht bekannt sind, mochte 
ich wiederholend erwahnen, dafi sich ergab als okkultes Forschungs- 
resultat, dafi geboren wurde im Beginne unserer Zeitrechnung nicht 
nur ein Jesusknabe, sondern zwei. Der eine abstammend aus der 
sogenannten nathanischen Linie des Hauses David, der andere aus 
der sogenannten salomonischen Linie. Diese beiden Jesusknaben 
wuchsen miteinander auf. In dem Leibe des salomonischen Knaben 
lebte die Zarathustraseele, die in dem zwolften Jahre iiberging - 
und das ist etwas tief Bedeutsames - in den anderen Jesusknaben, 
und da bis zum dreifiigsten Jahre dieses Leibes lebte. Sie lebte also 
in dem Leibe, der bis zum zwolften Jahre eingenommen worden 
war von einer geheimnisvollen Seele, bis zum dreifiigsten Jahre 
dieses Leibes. Von dem dreifligsten Jahre an lebte dann in diesem 
Leibe diejenige Wesenheit, die wir die Christuswesenheit nennen, 
solange sie iiberhaupt auf der Erde lebte: drei Jahre. 

Wie gesagt, wild geworden sind diejenigen, die sich iiberhaupt 



von der Aufienwelt her eingelassen haben auf diese Geschichte der 
zwei Jesusknaben. Wir konnen ihnen das ja weiter auch gar nicht 
iibelnehmen, denn die Leute wollen doch naturlich etwas kontrollie- 
ren mit der Wissenschaft, die sie haben. Aber das, was sie kritisieren 
wollen, stammt eben aus einer Region, die sie halt immer verschlafen. 
Deshalb kann man ihnen ja gar nicht iibelnehmen, daft sie davon 
nichts wissen. Allerdings reicht eigentlich die gesunde Vernunft schon 
aus, dies zu begreifen. Aber auf solches Begreifen lassen die Leute 
sich nicht ein, sie wandeln dieses Begreifens Kraft gleich um in 
Wildheit und Gehassigkeit. 

Solche Wahrheiten, wie diese von den zwei Jesusknaben, die eben 
in dieser hoheren Region gefunden werden, entsprechen niemals einer 
Sympathie oder Antipathic Solche Wahrheiten findet man in der 
Tat immer nur in einer solchen Weise, dafi man sie eigentlich als Er- 
fahrung nie macht, wenn ich «machen» dasjenige nennen darf, was 
sozusagen mit der Erkenntnisweise der physischen Welt zu tun hat, 
ja, eigentlich sogar mit der Erkenntnisweise derjenigen Region, in 
welcher das Traumleben ist. Da ist man sozusagen bei der Ent- 
stehung der Erkenntnis dabei, wie man dabei ist bei dem physischen 
Bewufksein. Das gilt auch noch fur denjenigen Okkultisten, der nur 
in diese Traumregion mit seinem Bewufksein hereinragt. So dafi man 
sagen kann: Wenn die Erkenntnisse dieser Region entstehen, ist man 
unmittelbar dabei. In einem solchen Dabeisein lassen sich solche 
Wahrheiten nicht finden, wie diese Wahrheit von den zwei Jesus- 
knaben. Wenn man in der hoheren Region solche Wahrheiten be- 
kommt - und zwar so, daft sie in das Bewufitsein hineinkommen -, 
dann ist der Zeitpunkt, in dem man sie eigentlich erworben hat, 
langst vorbei, wenn man sie erkennt. Man hat sie friiher schon erlebt, 
bevor man ihnen bewufit entgegentritt - und das soil man ja eben in 
unserer Zeit — man hat sie schon in sich. So dafi man zu den wichtig- 
sten, wesenhaftesten, bedeutsamsten Wahrheiten so kommt, dafi man 
das deutliche Bewufitsein in sich tragt: Als man sie erworben hat, war 
man in einem friiheren Zeitpunkte als in dem jetzigen, wo man das, 
was man friiher erworben hat, aus den Tiefen der Seele holt und 
sich bewufit macht. 



Solche Wahrheiten trifft man in sich an, wie man in der Auften- 
welt antrifft eine Blume oder irgendein anderes Ding. Wie man in 
der Aufienwelt denken kann iiber eine Blume oder iiber einen sonsti- 
gen Gegenstand, der eben zunachst einfach da ist, so kann man den- 
ken iiber die Wahrheiten, wenn man sie in sich selbst angetroffen hat, 
wenn sie in einem selbst einem entgegentreten. Wie man in der 
AufSenwelt erst urteilen kann, nachdem man die Wahrnehmung eines 
Gegenstandes vollzogen hat, so findet man auch solche Wahrheiten 
in sich objektiv, und dann erst studiert man sie in sich selbst. Man 
studiert sie in sich selbst, wie man aufiere Tatsachen studiert. Und so 
wenig es einen Sinn hat zu sagen: Diese Blume, ist sie wahr oder 
falsch? -, so wenig hat es einen Sinn, iiber das, was man da eigentlich 
in sich antrifft, zu fragen, ob es wahr oder falsch sei. Die Wahrheit 
oder Falschheit bezieht sich nur darauf, ob man fahig ist, das, was 
man findet, was einem bewufit wird, zu beschreiben. Die Beschrei- 
bung kann wahr oder falsch sein. Wahr sein und falsch sein bezieht 
sich ja nicht auf die Tatsache, sondern darauf, wie irgendein den- 
kendes Wesen sich zu der Tatsache stellt. Auf die Tatsachen sind die 
Worte «wahr» oder «falsch» gar nicht anwendbar. 

Es ist in der Tat das Kommen zu Forschungsergebnissen auf die- 
sem Gebiete ein Hineinschauen in eine Seelenregion, in der man 
vorher auch gelebt hat, in die man nur nicht mit dem Bewufksein 
hineingeschaut hat. Man kann am besten im Fortschreiten okkulter 
Ubungen in diese Region hineinkommen, wenn man geradezu acht 
gibt auf solche Momente, in denen sich in den Tiefen der Seele nicht 
blofi Urteile, sondern Tatsachen ergeben, von denen man weifi, dafi 
man nicht mitgewirkt hat mit dem Bewufitsein an ihrem Entstehen. 
Je mehr man verwundert sein kann iiber dasjenige, was sich da einem 
enthiillt wie ein ganz objektiver Gegenstand der Aufienwelt, je iiber- 
raschender das fur einen ist, desto mehr ist man vorbereitet, in diese 
Region hineinzukommen. Daher ist es in der Regel so, dafi man mit 
alldem, was man sich zusammenkonstruiert hat, was man vermutet, 
nur schlecht in diese Region hineinkommt. Sie haben kein besseres 
Mittel, nichts zu finden, zum Beispiel iiber vorherige Inkarnationen 
dieser oder jener Personlichkeit, als nachzudenken, was diese in den 



vorherigen Inkarnationen gewesen sein konnte. Wenn Sie zum Bei- 
spiel untersuchen wollten, sagen wir, die friiheren Inkarnationen des 
Robespierre, dann ware es das beste Mittel, nichts iiber ihn zu er- 
fahren, wenn Sie historische Personlichkeiten aufsuchten, von denen 
Sie vermuten, dafi sie vorherige Inkarnationen von Robespierre sein 
konnten. Das beste Mittel ware das, um niemals das Richtige zu er- 
fahren. Man mufi sich in energischer Weise abgewohnen, Meinungen, 
Vermutungen, Hypothesen sich zu machen. Immer mehr und mehr 
mufi derjenige, der ein wirklicher Okkultist werden will, sich daran 
gewohnen, moglichst wenig iiber die Welt zu urteilen. Denn dann 
kommt er am schnellsten dazu, daft ihm die Tatsachen entgegenkom- 
men. Je mehr der Mensch sich schweigend in seinen Vermutungen, in 
seiner Meinung verhalt, desto mehr erfiillt sich das Innere seiner 
Seele mit Tatsachen der geistigen Welt. 

Man kann zum Beispiel sagen, dafi derjenige, der in einem be- 
stimmten religiosen Vorurteile aufgewachsen ist, der ganz bestimmte 
Gefuhle und Empfindungen, vielleicht auch Vermutungen iiber den 
Christus hat, nicht sehr geeignet ware, von vornherein solch eine 
Wahrheit zu finden wie die Geschichte von den zwei Jesusknaben. 
Gerade wenn man etwas neutral fiihlt gegeniiber dem Christus-Er- 
eignis, dann ist dies eine gute Vorbereitung, wenn man nur auf der 
andern Seite die anderen notwendigen Vorbereitungen macht. Vor- 
urteilsvolle Buddhisten werden am wenigsten etwas Vernunftiges iiber 
Buddha zu sagen wissen, ebenso wie vorurteilsvolle Christen am 
wenigsten iiber den Christus zu sagen wissen werden. So ist es auf 
alien Gebieten. Man mufi schon einmal gewissermafien alle fur das 
gewohnliche Leben so zu nennenden Bitternisse durchmachen, gleich- 
sam ein doppelter Mensch werden, wenn man in diese Region, die 
jetzt als eine dritte geschildert worden ist, eintreten will. Ein doppel- 
ter Mensch ist man ja auch im gewohnlichen Leben, wenn man auch 
von der einen Halfte seines Seins keinen bewufiten Gebrauch macht. 
Man ist auch im gewohnlichen Leben ja ein wachender und ein 
schlafender Mensch. Wahrhaftig: so verschieden Wachen und Schla- 
fen ist, so verschieden ist diese Region von der physischen Welt, diese 
dritte Region in den hoheren Welten. Diese Region ist etwas Beson- 



deres fur sich. Sie ist auch eine Umwelt, aber eine vollig neue Welt, 
die wir am besten dann erkennen, wenn wir nicht nur dasjenige aus- 
zuloschen vermogen, was die Sinne an Eindriicken der physischen 
Aufienwelt iibermitteln, sondern auch alles das, was wir fiihlen und 
empfinden konnen, wofiir wir uns leidenschaftlich erregen konnen in 
bezug auf Dinge der Sinnenwelt. Im gewohnlichen Leben ist der 
Mensch so wenig geeignet zum Erleben dieser Welt, dafi sein Bewufit- 
sein ausgeloscht wird jede Nacht. Dazu gelangt er nur, wenn er 
imstande ist, wirklich aus sich einen Doppelmenschen zu machen. 
Und derjenige Mensch, der vergessen kann, der ausschalten kann zu- 
nachst alles, was ihn interessiert in dieser physischen Welt, der kann 
dann in diese andere, hohere Welt eindringen. Die mittlere Welt, die 
Welt, in der auch die Traume gewoben werden, sie ist gleichsam 
gemischt aus den beiden anderen Welten. In sie ragen sowohl 
Elemente der hoheren Welt, die der Mensch sonst verschlaft, 
als auch die Elemente des Alltagsbewufitseins. Deshalb kann 
auch niemand die wahren Ursachen der physischen Welt erkennen, 
wenn er nicht in seinem Erkennen einzudringen vermag in diese 
dritte Region. Wenn aber der Mensch durch eigene Erfahrung heute 
die Entdeckung machen will, wer zum Beispiel Krishna ist, so kann 
er das nur in dieser dritten Region. Und jene Eindriicke, die Arjuna 
bekommen hat, und die uns geschildert werden in dem erhabenen 
Sang, in der Bhagavad Gita, dadurch, dafi sie dem Krishna in den 
Mund gelegt werden, sie stammen aus dieser Welt. Daher mufite ich 
heute zunachst vorbereitend sprechen von dem Aufriicken des Men- 
schen in diese dritte Region, damit wir begreiflich finden konnen, 
woher eigentlich die wunderbare und doch grotesk klingende Wahr- 
heit stammt, die Krishna dem Arjuna sagt, und die doch sehr un- 
ahnlich klingt demjenigen, was gewohnlich gehort werden kann. Ken- 
nenzulernen den Krishna und damit den Nerv der Bhagavad Gita, 
das soil die eine Seite dieser Vortrage sein. Auf der anderen Seite 
sollten Sie aber in den okkulten Grundziigen dieses wunderbaren 
Sanges etwas haben, das Sie, wenn Sie es wirklich gebrauchen, auch 
wirklich den Weg in die hoheren Welten finden lassen kann. Denn 
der Weg in die hoheren Welten ist jedem Menschen of fen, wenn er 



nur verstehen will, wie das Kornchen Gold, das man erst haben mull, 
in dem Bewufksein besteht, dafi in das alltagliche Leben Dinge hin- 
einspielen, in denen die hochsten geistigen Wesenheiten leben und 
weben. 



FUNFTER VORTRAG 



Helsingfors, 1. Juni 1913 



Wenn wir in die Ratsel des menschlichen Lebens eindringen wollen, 
dann miissen wir vor alien Dingen auf ein groftes Lebensgesetz unser 
Augenmerk richten: auf das sogenannte zyklische Lebensgesetz. Besser 
als Definitionen sind Charakteristiken. Daher mochte ich auch in die- 
sem Falle nicht eine Definition geben desjenigen, was hier unter dem 
zyklischen Verlauf des Lebens gemeint ist, sondern ich mochte mehr 
charakterisieren. Ich habe ja schon ofter an anderen Orten mich aus- 
gesprochen iiber den geringen Wert von sogenannten Definitionen. 
Sie bleiben doch gegeniiber der Wirklichkeit immer nur etwas Arm- 
seliges. In einer griechischen Philosophengesellschaft versuchte man 
einmal, um sich die Natur der Definition klarzumachen, die Defini- 
tion des Menschen zu geben. Definitionen sollen ja dasjenige, was die 
Erscheinung darbietet, auf Begriffe zuruckfuhren. Es ist nur radikal 
das ausgesprochen, was im Grunde genommen fiir den, der mehr 
logische Einsicht hat, doch eigentlich eine Armseligkeit darbietet. Die 
Leute der griechischen Philosophengesellschaft kamen nun iiberein, 
die Definition zu geben: Der Mensch ist ein Wesen, das zwei Beine 
und keine Federn hat. Das ist ja nun keine besonders geniale Defini- 
tion, aber sie zeigt im Radikalen die Mangel einer jeden Definition. 
Es ist ja nicht zu leugnen, dafi diese Definition, wenn sie auch eine 
Art albernen Ausspruchs darstellt, wirklich das aufiere Wesen des 
Menschen in einer gewissen Beziehung gibt. Am nachsten Tage aber 
brachte jemand einen gerupften Hahn mit und sagte: Das ist also 
nach eurer Definition ein Mensch! - Wirklich ein alberner Aus- 
spruch. Er trifft aber doch im wesentlichen die Armseligkeit alles 
Definierens. Darum wollen wir, wo es sich um Wirklichkeiten han- 
delt, absehen von allem Definieren und wollen vielmehr charakteri- 
sieren. 

Da mochte ich zunachst einen alltaglich bei uns auftretenden, 
ganz gewohnlichen zyklischen Verlauf uns vor die Seele fiihren. Es ist 
der zyklische Verlauf des Schlafens und Wachens. Was bedeutet denn 



eigentlich fur das gewohnliche menschliche Leben Schlafen und Wa- 
chen? Man versteht die Natur des Schlafens erst, wenn man weift, 
daft die innere Seelentatigkeit des Wachens im gegenwartigen Mensch- 
heitszyklus doch eine Art Zerstorung feiner Strukturen des Nerven- 
systems darstellt. Mit jedem Gedanken, mit jedem Willensimpuls, den 
wir auf Anregung der Auftenwelt machen, zerstoren wir wahrend des 
ganzen wachen Lebens feinere Gehirnstrukturen. Wir stehen hier an 
einem Punkt, wo man in der Tat sagen kann, daft es in der nachsten 
Zeit immer mehr und mehr den Menschen klar werden wird, wie der 
Schlaf das wache Tagesleben erganzen mufi; wir stehen vor einem 
Punkte, wo immer mehr und mehr in der nachsten Zeit die Natur- 
wissenschaft, die schon auf dem Wege dazu ist, sich mit der Geistes- 
wissenschaft vereinen wird. Die Naturwissenschaft hat heute schon 
hypothetisch vielfach diese Theorie aufgestellt, daft das wache Tages- 
leben eine Art Zerstorungsprozeft darstellt im Nervensystem, in den 
feineren Strukturen des Gehirns. Weil wir so durch unser waches Ta- 
gesleben Zerstorungsprozesse hervorrufen, mussen wir vom Einschla- 
fen bis zum Aufwachen den entsprechenden anderen, den ausgleichen- 
den Prozeft in uns stattfinden lassen. Und es arbeiten in der Tat 
wahrend unseres Schlafens in uns Krafte, die sonst nicht zutage treten, 
nicht irgendwie bewufit werden. Es arbeiten Krafte an der Wieder- 
herstellung der wahrend des wachen Lebens zerstorten feineren Ner- 
venstrukturen unseres Gehirns. 

Nun wird durch die Zerstorung der feinen Nervenstrukturen ge- 
rade erreicht, daft sich in uns Gedanken und Erkenntnisprozesse ab- 
spielen. Das gewohnliche alltagliche Erkennen ware nicht moglich, 
wenn nicht vom Aufwachen bis zum Einschlafen Zerstorungspro- 
zesse, Abbauprozesse stattfanden. Das Schlafleben bedeutet nun ein 
Wiederherstellen dieser zerstorten Partien. Es findet also eine entge- 
gengesetzte Arbeit an unserem Nervensystem statt: auf der einen 
Seite wahrend des Wachens ein Zerstorungsprozefi, ein Abbauen, auf 
der anderen Seite wahrend des Schlafens ein Aufbauen, ein Wieder- 
herstellungsprozefi. Wahrend des Schlafes bauen Krafte in uns, arbei- 
ten am Aufbau der zerstorten Gehirnstrukturen. Wir werden dadurch 
bewufit, daft der Zerstorungsvorgang sich vollzieht. Wir nehmen 



eigentlich die Zerstorung wahr, unser waches Tagesleben ist die Wahr- 
nehmung von Zerstorungsprozessen. Weil wahrend des Schlafens keine 
Zerstorungsprozesse stattfinden, sondern Reorganisationsprozesse, 
nehmen wir auch wahrend dieses Zustandes nichts wahr. Es wird die 
Kraft, die sonst das Bewufksein erzeugt, verbraucht zum Aufbau. 
Wahrend des Aufbauens wird aber die Kraft nicht wahrgenommen, 
weil wir nur durch Zerstorungsprozesse bewulk werden konnen. Da 
haben wir einen Zyklus. Nehmen wir erst mal dasjenige, was im 
Schlafe geschieht. 

Aufbau: Unbewufitheit, weil die Krafte als Baukrafte verwen- 
det werden; Abbau: Wachen, Bewufitheit, weil die Krafte zerstoren, 
weil die Krafte frei werden, nicht zu bauen brauchen. Das unbe- 
wufite Schlafen und das bewufke Wachen, Aufbauen und Abbauen, 
das ist einer der gewohnlichsten zyklischen Verlaufe des Menschen- 
lebens. Schlafen und Wachen, Bauen und Abbauen, ist ein solcher 
zyklischer Verlauf. Es ist aus diesem Grunde, weil das so ist, so ge- 
fahrlich fur das gesunde menschliche Leben, wenn nicht ein ge- 
horiger Schlaf da ist. Gewifi, das menschliche Leben ist ja so einge- 
richtet, daft diese gefahrlichsten Prozesse nicht sogleich hervortreten, 
weil dasjenige, was im Menschen vorhanden ist, doch von langer 
Zeit her gebildet ist. So daft im Grunde die Prozesse, die heute im 
Menschen verlaufen, wenn sie abnorme, unnormale sind, nicht so 
tief eingreifen konnen in die menschliche Natur, als man eigentlich 
zuerst glauben sollte. Man mufke eigentlich glauben nach allem, was 
gesagt worden ist, dafi ein Mensch, der an Schlaflosigkeit leidet, 
weil er sein Gehirn ja nur zerstoren lafit, in verhaltnismafiig kurzer 
Zeit ganz herunterkommen muflte. Dieses Herunterkommen geschieht 
aber viel weniger schnell, als vorausgesetzt werden miifite. Dafi 
dies so ist, beruht auf demselben Grunde, als warum zum Beispiel bei 
Menschen, die weder sehen noch horen konnen, wie bei Helen Keller, 
dennoch die menschliche Intelligenz ausgebildet werden kann. Das 
miiftte man eigentlich in diesem gegenwartigen Zyklus theoretisch fur 
ganz unmoglich halten, denn die Dinge, die in unserem Gehirn heute 
einen grofien Teil der Intelligenz ausmachen, kommen doch durch 
Auge und Ohr in unser Gehirn hinein. Wenn aber eine Personlich- 



keit, wie die beriihmt gewordene Helen Keller, doch ausbildungs- 
fahig ist, so beruht das darauf, daft sie, wenn sie auch die Tore der 
Sinne geschlossen hat, ein Gehirn geerbt hat, das die Ausbildung 
moglich macht. Wenn der Mensch nicht darinnen stiinde in der Ver- 
erbungslinie, dann konnte eine solche Ausbildung, wie bei Helen 
Keller, durchaus nicht stattfinden. Wenn der Mensch durch die Ver- 
erbung sozusagen sein Gehirn nicht viel gesunder hatte, als man 
gewohnlich anzunehmen geneigt ist, so wiirde Schlaflosigkeit seine 
Gesundheit in ganz kurzer Zeit vollig untergraben. Nun ist aber so 
viel Vererbungskraft im allgemeinen da, dafi Schlaflosigkeit wirklich 
lange arbeiten kann, ehe sie dem Menschen schadet. Deshalb bleibt es 
aber doch richtig, dafi im wesentlichen dieser Zyklus vorhanden ist: 
Aufbau, und daher Bewulklosigkeit im Schlaf, Abbau, und daher 
Bewufitheit wahrend des Wachens. 

Nicht nur solche kleineren Zyklen nehmen wir im gesamten 
menschlichen Leben wahr, sondern auch grofiere zyklische Verlaufe 
nehmen wir wahr. Da mochte ich aufmerksam machen auf einen 
zyklischen Verlauf, auf den ich ja auch schon ofter hingewiesen 
habe. Derjenige, welcher den Verlauf des gesamten menschlichen 
Lebens in westlichen Gegenden verfolgt, der wird bemerken, dafi 
eine ganz bestimmte Konfiguration des geistigen Lebens der Mensch- 
heit da war, sagen wir vom 14., 15., 16. Jahrhundert bis zum letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts. Allerdings sieht man auf die einschla- 
gigen Dinge im gewohnlichen Leben viel zu ungenau und fliichtig 
hin, man betrachtet im allgemeinen das Leben nicht tief genug. 
Wenn man aber griindlich das Leben betrachtet, wird man iiberall 
bemerken konnen, wie seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 
eine ganz andere Konfiguration des abendlandischen Geisteslebens 
beginnt. Freilich stehen wir mit diesem beginnenden Geistesleben 
erst am Anfang. Daher bemerken es die Menschen nicht in seiner 
ganzen Bedeutsamkeit und Wesenhaftigkeit. Aber denken wir uns, es 
hatte jemand versucht, in den vierziger, funfziger Jahren des 19. 
Jahrhunderts vor einem solchen Auditorium von denselben Dingen 
zu sprechen, von denen ich hier zu Ihnen sprechen darf, denken wir 
uns das einmal. — Wir konnen uns das eben nicht denken, es ware 



ein Unsinn, es ware ganz ausgeschlossen gewesen in den vierziger, 
funfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. So ware es auch ganz 
ausgeschlossen gewesen, von diesen Dingen in dieser Weise zu spre- 
chen in der Zeit vom 14., 15., 16. Jahrhundert bis zum letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts. Das war eben die Zeit, wo das natur- 
wissenschaftliche Denken der Menschen grofi geworden ist, jenes 
Denken, das die groften Erfolge des Materialismus gebracht hat, je- 
nes Denken, an dem die nicht davon loskommenden Naturgelehrten 
noch lange hangen werden. Aber die eigentliche Epoche des Mate- 
rialismus ist vorbei. Und ebenso, wie begonnen hat die Ara des natur- 
wissenschaftlichen Denkens in dem angegebenen Zeitpunkte, ebenso 
beginnt jetzt die Ara des spiritualistischen Denkens der Menschheit. 

Wir leben in der Zeit, in der hart aneinander stofien diese zwei 
scharf voneinander zu unterscheidenden Epochen. Immer mehr wird 
es hervortreten, daft die Art des neuen Denkens erst sich zur Wirk- 
lichkeit zu stellen hat, daft das Denken bei den Menschen ein ganz 
anderes werden wird, als dasjenige der letzten vier Jahrhunderte sein 
muftte, weil die Menschen lernen muftten, naturwissenschaftlich zu 
erkennen. In den letzten vier Jahrhunderten hat es sich darum ge- 
handelt, den Blick des Menschen hinauszuweiten in den Welten- 
raum. Ofter habe ich aufmerksam gemacht auf jenen bedeutsamen 
Moment in der Geistesentwickelung des Abendlandes, als Koperni- 
kus, Galilei, Kepler, Giordano Bruno im Zusammenwirken sozu- 
sagen das blaue Himmelsgewolbe zersprengt haben. Bis dahin 
glaubte man, daft um unsere Erde herumhinge diese blaue Schale. 
Dann traten jene Geister auf, die diese Schale als ein Nichts er- 
klarten und den Blick der Menschen hinauslenkten in unendliche 
Weltenfernen des Raumes. Was war eigentlich das Bedeutsame darin, 
daft, sagen wir, Bruno die Menschen schauen gelehrt hat, den 
Menschen klar gemacht hat, wie dasjenige, was sie als blaue 
Schale sich als Grenze ihres eigenen Sehvermogens gesetzt hatten, 
ein Nichts sei, daft er ihnen sagte: Dies ist nicht wirklich da, er- 
kennt nur, daft ihr diese blaue Schale selbst in den Raum hinaus 
setzt? - Daft es der Anfang war, das war das Bedeutsame. Das 
Ende war die Tatsache im 19. Jahrhundert, als die Menschen lern- 



ten, die stofflichen Zusammensetzungen der fernsten Himmelskorper 
mit dem Spektroskop zu untersuchen. Eine wunderbare Epoche, 
die Epoche des Materialismus! Jetzt stehen wir am Ausgangspunk- 
te einer anderen Epoche. Sie geht aus denselben Gesetzen hervor, 
sie ist aber die Epoche der Spiritualitat. Wie durch Brunos Arbeit 
die naturwissenschaftliche Epoche vorbereitet ist, die blaue Schale 
des Himmelsgewolbes durchbrochen worden ist, so wird in dem Zeit- 
alter, das jetzt beginnt, durchbrochen werden das Zeitenfirmament. 
Die Menschen werden lernen, indem sie das Menschenleben einge- 
schlossen glauben zwischen Geburt und Tod oder Empfangnis und 
Tod, dafi dies Grenzen sind, selbstgemachte Grenzen der menschli- 
chen Seele. Wie friiher die Menschen sich die Grenzen der Sinne 
selbst gemacht hatten als blaue Himmelsschale, wie der Blick damals 
erweitert wurde in die unendlichen Raumesspharen, so werden die 
Zeitgrenzen durchbrochen werden, die zwischen Geburt und Tod 
liegen, und losgelost von Geburt und Tod werden liegen im unend- 
lichen Zeitenmeere die Verwandlungen des Menschenkernes, die 
wir verfolgen in den immer wiederkehrenden Inkarnationen. Ein 
neues Zeitalter beginnt, das Zeitalter des spirituellen Denkens. 

Worauf beruht fur denjenigen, der die okkulten Grundlagen die- 
ser Ubergange von einem Zeitalter zum anderen erkennen kann, 
diese Veranderung des menschlichen Denkens? Das kann keine Philo- 
sophic, keine aufiere Physiologie und Anatomie ohne weiteres nach- 
weisen. Wahr ist es doch. Krafte, welche heute herausgetreten sind 
in die arbeitenden menschlichen Seelen, die heute angewendet wer- 
den innerhalb der menschlichen Seelen, um spirituelle Erkenntnisse 
zu sammeln, dieselben Krafte arbeiteten in den letzten vier Jahr- 
hunderten am menschlichen Organismus als aufbauende Krafte. 
Nehmen wir den ganzen Zeitraum von Kopernikus bis zum letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts: In dieser ganzen Zeit arbeiteten ge- 
heimnisvolle Krafte an der Korperlichkeit, wie im Schlafe die auf- 
bauenden Krafte am Nervensystem arbeiten. Diese aufbauenden 
Krafte, die da arbeiteten am Menschen, stellten eine ganz bestimmte 
Gehirnstruktur her in den besonderen Partien des Gehirns. Die 
abendlandischen Gehirne sind heute anders, als sie vor fiinf Jahr- 



hunderten waren. Heute schaut es unter der Schadeldecke nicht so 
aus wie vor fiinf bis sechs Jahrhunderten. Da hat sich ein feines Or- 
gan gebildet, da arbeiteten Krafte, die ein Organ bildeten, das vor- 
her nicht da war. Wenn das aufierlich auch nicht bewiesen zu wer- 
den vermag, wahr ist es doch. Wahr ist es, dafi unter der Stirnbil- 
dung des Menschen sich ausgebildet hat ein feines Organ. Da arbei- 
teten Krafte unter der menschlichen Stirn, arbeiteten durch einen 
vier Jahrhunderte dauernden Zyklus hindurch. Diese Krafte haben 
wahrend dieses vier Jahrhunderte dauernden Zyklus ihre Aufgabe 
als aufbauende Krafte erfullt. Heute ist nun das Organ da, wenig- 
stens bei den meisten abendlandischen Menschen. Es wird immer 
mehr und mehr da sein in den nachsten Jahrhunderten, in dem Zy- 
klus, welchem wir jetzt entgegengehen. Das Organ ist aufgebaut, die 
Krafte werden frei. Und mit denselben Kraften wird die Menschheit 
des Abendlandes spirituelle Erkenntnisse sich erwerben. Da haben 
wir die okkulte physiologische Grundlage dessen, um was es sich 
handelt. Wir beginnen heute zu arbeiten mit den Kraften, welche 
die Menschen nicht gebrauchen konnten in den letzten vier Jahrhun- 
derten. Da waren diese Krafte beschaftigt damit, dasjenige aufzu- 
bauen, was bereitet werden muike, damit spirituelles Erkennen Platz 
greifen konnte in der Welt. 

So konnen wir uns einen Menschen denken, sagen wir, des 17. 
Jahrhunderts oder des 18. Jahrhunderts: Der steht so vor uns, dafi 
wir wissen, dafi hinter seiner Stirn gewisse okkulte Krafte arbeiten, 
die sein Gehirn umformen. Diese Krafte waren immer an diesen Par- 
tien am Werke bei den westlandischen Menschen. Nehmen wir nun 
an, es ware einem Menschen gelungen - und das kann gelingen -, 
einmal diese Krafte im 17. oder 18. Jahrhundert aufzuhalten, sie 
nicht arbeiten zu lassen: dann ware dasselbe bei ihm eingetreten - 
und es ist auch eingetreten -, was eintritt bei einem Menschen, der 
mitten im Schlafe die Krafte, die sonst am Aufbau der Gehirnstruk- 
tur arbeiten, aufhalt, der diese Krafte spielen lalk, ohne dafi sie in 
diesem Momente aufbauen. Man kann das, man kann Momente er- 
leben, wo man aus dem Schlafe heraus wie aufwacht, und doch 
nicht aufwacht, wo man regungslos bleibt, die Glieder nicht bewe- 



gen kann, wo keine Wahrnehmung von aufien stattfindet, und 
doch Wachzustand ist. Da arbeitet dasjenige, was sonst an dem 
weiteren Aufbau arbeitet. Das arbeitet nun nicht an dem Aufbau, 
sondern arbeitet frei, spielt frei. Das sind die Momente, wo wir die 
sonst an unser Gehirn verbrauchten Krafte zum Hellsehen gebrau- 
chen konnen. Das sind die Momente, wo wir, wie im Schlaf re- 
gungslos bleiben, Einblicke gewinnen konnen in die geistigen Wel- 
ten. So war es aber auch, wenn ein Mensch des 17. oder 18. Jahr- 
hunderts gleichsam einstellte die aufbauende Tatigkeit dieser auf- 
bauenden Krafte. Dann liefi er diese Krafte fur einen Moment 
nicht arbeiten, dann wurde er fur einen Moment hellsichtig. Was 
sah er denn da? Was nahm er dann wahr? Er sah, was da im Ge- 
hirn arbeitete aus den geistigen Welten herein, die Krafte, welche 
die Menschen etwa vom 15. Jahrhundert an bis in das 19. Jahrhun- 
dert hinein dazu vorbereiteten, dafi diese Menschen vom 20. Jahr- 
hundert ab sich in die spirituellen Welten erheben konnen. Verein- 
zelte Menschen hat es immer gegeben, die solche Erfahrungen hat- 
ten. Solche Erfahrungen waren gewaltig bestiirzend, weil sie unge- 
heuer eindrucksvoll waren. Es hat immer Menschen gegeben, wel- 
che fur Momente in demjenigen lebten, was hereinarbeitete aus der 
iibersinnlichen Welt in die sinnliche, um in dieser etwas hervorzu- 
bringen, was in friiheren Menschheitszyklen nicht da war, namlich 
dieses feinere Organ in der Stirnhohle. Gotter, geistige Wesen bei 
ihrer Arbeit am Aufbau des menschlichen Organismus nahmen 
solche Menschen wahr, die in der geschilderten Weise hellsichtig 
wurden. 

Wir charakterisieren damit zugleich die Hellsichtigkeit von einer 
besonderen Seite her. Wir konnen ja auch dadurch, daft wir die in 
dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» ge- 
gebenen Ubungen anwenden, solche Momente im Schlafe herbeifuh- 
ren. Wir konnen dann Einblicke haben in das geistige Leben in der 
Art, wie sie geschildert ist in meinem Buche «Ein Weg zur Selbst- 
erkenntnis des Menschen ». 

Es kann also in einem Menschheitszyklus, wo dasjenige frei 
wird, was da vorbereitend arbeitet fur die Zukunft, es kann also 



innerhalb eines solchen Zyklus das, was die Zukunft vorbereitet, 
sichtbar werden dem hellsichtigen Blick. Wir bezeichnen das auch 
mit einem anderen Namen - denn Namen sagen ja nichts -, es ware 
ebensogut, wir bezeichneten jene Krafte, welche da gearbeitet haben 
durch vier Jahrhunderte hindurch an dem feinen Umbau der 
menschlichen Gehirnstruktur, als die Kraft des Gabriel. Wir sagen 
Gabriel, aber es kommt nur darauf an, dafi man fur einen Moment 
Einblick erhalt in die iibersinnlichen Welten. Man bekommt den 
Einblick auf eine geistige Wesenheit, die aus der iibersinnlichen Welt 
heraus an dem menschlichen Organismus arbeitet. Wir sprechen also 
von einer Summe von Kraften, die aber dirigiert werden von einer 
Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi, Gabriel. Wir sagen 
daher: An dem menschlichen Organismus hat gearbeitet vom 15. 
Jahrhundert bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Ga- 
brielkraft. Und weil da eine spirituelle Kraft im besonderen am 
Physischen gearbeitet hat, so schlief das Verstandnis fur das Spiritu- 
elle dazumal, und dieses Schlafen des Verstandnisses fur das Spiritu- 
elle brachte die grofien Triumphe der Naturwissenschaft hervor. 
Jetzt aber ist diese Kraft erwacht. Das Spirituelle hat gearbeitet. Es 
beginnt das spirituelle Zeitalter, nachdem die Krafte frei geworden 
sind, die wir die Gabrielkrafte nennen, nachdem wir diese Krafte, 
die Seelenkrafte geworden sind, gebrauchen konnen, die friiher un- 
ter der Schadeldecke am physischen Aufbau eines Organs gearbeitet 
haben. 

Da haben wir einen etwas bedeutungsvolleren zyklischen Verlauf 
als denjenigen von Tag und Nacht, von Wachen und Schlafen. Es 
gibt aber noch viel bedeutendere zyklische Verlaufe in der Mensch- 
heitsevolution. So konnen wir hinweisen darauf, dafi jenes mensch- 
liche Selbstbewufitsein, das gerade jetzt in diesem Zyklus unserer 
nachatlantischen Zeit den ganzen Stolz der Menschheit bildet, sich 
erst nach und nach ausbilden mufite. Das war ja friiher nicht da. 
Man spricht heme viel von Entwickelung, aber man macht selten 
ganz ernst mit der Entwickelung. 

Wie naiv die Menschen sind in bezug auf dasjenige, was sie 
eigentlich umgibt, dariiber kann man manchmal sehr eigenartige Er- 



fahningen machen. Die Menschen lassen eben vieles in aller Naivitat 
aus dem Unterbewufitsein heraufspielen und entschliefien sich schwer, 
wirklich bewufk dasjenige, was an Kraften aus unbekannten Wei ten 
in die bekannten hereinspielt, den ubersinnlichen Welten zuzuschrei- 
ben. Gerade in den letzten Tagen ist mir wieder ein sonderbares Bei- 
spiel sozusagen einer auf halbem Wege stehenbleibenden Logik ent- 
gegengetreten. Man mufi schon sagen, man begreift die Widerstande, 
die der anthroposophischen Weltanschauung entgegentreten, wenn 
man weifi, dafi notwendig zum Verstandnis der Anthroposophie ein 
ganz besonderes Denken ist, bei dem man nicht auf halbem Wege 
mit irgendeinem Gedanken stehenbleiben darf. Da ist nun innerhalb 
Deutschlands ein Freidenkerkalender erschienen, zum erstenmal im 
vorigen Jahre. Darin wendet sich ein durchaus ehrlicher Mensch da- 
gegen, den Kindern religiose Begriffe beizubringen. Er fuhrt aus, dafi 
dies eigentlich gegen die Natur des Kindes spreche. Er habe beob- 
achtet, dafi, wenn man Kinder frei aufwachsen liefie, sie keine reli- 
giosen Begriffe entwickelten. Also ware es unnaturlich, diese Begriffe 
in die Kinder hineinzupfropfen. Man kann nun ganz iiberzeugt sein, 
dafi dieser Kalender an Hunderte von Menschen geht und dafi diese 
meinen verstehen zu konnen, wie es eigentlich Unsinn sei, religiose 
Begriffe den Kindern beizubringen. Solche Dinge gibt es heute mas- 
senhaft, denn die Leute merken gar nicht mehr die Unlogik. Man 
braucht ja nur zu erwidern, dafi, weil Kinder, die durch irgendeinen 
Umstand, sagen wir, auf einer Insel allein gelebt haben, nicht spre- 
chen lernten, man die Kinder iiberhaupt nicht sprechen lehren sollte. 
Das ware genau dieselbe Logik. Allerdings werden sich die Leute 
darauf nicht einlassen, daft dies dieselbe Logik sei, die sie doch so 
ungeheuer geistreich finden im ersten Fall. Niedlich ist es, wenn man 
solch eine Erfahrung macht, man mochte sagen, auf dem groften 
Horizonte des heutigen aufieren Lebens, das nur noch ganz ein Nach- 
spiel, ein Auslaufen des materialistischen Zeitalters darstellt. 

Da gibt es sehr bemerkenswerte Aufsatze, die in der letzten Zeit 
erschienen sind, von dem Prasidenten der Vereinigten Staaten Nord- 
amerikas, Woodrow Wilson. Da gibt es einen Aufsatz iiber die Ge- 
setze des menschlichen Fortschritts. Darin wird wirklich recht nett 



und sogar geistreich ausgefiihrt, wie die Menschen eigentlich beeinflufit 
werden von dem, was das tonangebende Denken ihres Zeitalters gibt. 
Und sehr geistreich fiihrt er aus, wie in dem Zeitalter Newtons, wo 
alles voll war von den Gedanken iiber die Schwerkraft, man in die 
gesellschaftlichen Begriffe, ja, in die Staatsbegriffe nachwirken fiihlte 
die Newtonschen Theorien, die in Wirklichkeit nur auf die Welten- 
korper patten. Die Gedanken iiber die Schwerkraft im besonderen 
fiihlt man in allem nachwirken. Das ist wirklich sehr geistreich, denn 
man braucht nur nachzulesen den Newtonismus, und man wird sehen, 
dafi iiberall Worte gepragt werden wie: Anziehen und Abstofien und 
so weiter. Das hebt Wilson wirklich sehr geistvoll hervor. Er sagt, 
wie ungeniigend es sei, rein mechanische Begriffe anzuwenden auf 
das menschliche Leben, Begriffe von der Himmelsmechanik anzu- 
wenden auf die menschlichen Verhaltnisse, indem er zeigt, wie das 
menschliche Leben damals geradezu wie eingebettet war in diese Be- 
griffe, wie diese Begriffe iiberall auf das staatliche und soziale Leben 
Einflufi gehabt haben. Es riigt Wilson mit Recht diese Anwendung 
rein mechanischer Gesetze in dem Zeitalter, in dem sozusagen der 
Newtonismus das ganze Denken unter sein Joch gespannt hat. Man 
muft anders denken, sagt Wilson, und konstruiert jetzt seinen Staats- 
begriff. Und zwar so, dafi nun iiberall, nachdem er dies von dem 
Zeitalter des Newtonismus nachgewiesen hat, bei ihm der Darwinis- 
mus herausguckt. Ja, er ist so naiv, das sogar zu gestehen. Er ist so 
naiv zu sagen: Die Newtonschen Begriffe haben nicht ausgereicht, 
man mufi die darwinistischen Gesetze des Organismus anwenden. Da 
haben wir ein lebendiges Beispiel, wie man mit halber Logik heute 
durch die Welt schreitet. Die Gesetze reichen eben nicht mehr aus, 
die rein aus dem Organismus entspringen. Man braucht seelische und 
geistige Gesetze heute. 

Es ist ja so, dafi man begreifen kann, wie sich von alien Seiten 
Widerspriiche auftiirmen gegen die anthroposophische Weltanschau- 
ung, weil diese eben ein durchdringendes Denken, eine iiberall ein- 
dringende Logik braucht. Das ist aber eben auch das Gute der anthro- 
posophischen Weltanschauung, dafi sie ihre Anhanger zwingt, ordent- 
lich zu denken. So miissen wir die Entwickelung im geistigen Sinne 



denken, und nicht in dem darwinistischen Sinne Wilsons. Es raufi 
uns klar sein, daft dasjenige, was jetzt das wesentliche Charakteristi- 
kon des Menschen ausmacht, das Selbstbewufitsein, das Stehen auf 
dem Ich, sich auch erst nach und nach entwickelt hat. Nun muftte 
das aber ebenso vorbereitet werden, wie unser spirituelles Denken 
vorbereitet worden ist in den letzten vier Jahrhunderten. Es mufiten 
geistige Krafte aus den iibersinnlichen Welten heraus arbeiten, um 
auszubilden, was spater im Selbstbewufttsein des Menschen zum Aus- 
druck gekommen ist. Wir konnen sprechen von einem Einschnitt in 
der menschlichen Entwickelung, einem vorhergehenden und einem 
nachherfolgenden Zeitalter. Das nachfolgende sei dasjenige, in dem 
langsam und allmahlich das Selbstbewufitsein im Menschen auftritt. 
Wir wollen es nennen das Zeitalter des Selbstbewufkseins. 

Dem aber geht voran in zyklischer Abwechslung ein Zeitalter, in 
dem erst das Organ des Selbstbewufltseins aus iibersinnlichen Kraften 
in den Menschen hineingebaut worden ist. Es geht voran das Zeit- 
alter, in dem Geistesmachte den Menschen organisch vorbereiteten, 
das Selbstbewulksein zu haben. Das heilk, dasjenige, was im Selbst- 
bewufitsein seelisch arbeitet, das arbeitete in jenem vorhergehenden 
Zeitalter unsichtbar und unerkennbar im Inneren der Menschennatur. 
Der Einschnitt, der Verbindungspunkt dieser beiden groften Zeitalter, 
ist ein wichtiger Einschnitt in der menschlichen Entwickelung. Vor der 
Epoche, die diesem Einschnitt folgt, war das Selbstbewufksein bei den 
meisten Menschen uberhaupt nicht vorhanden, bei den fortgeschritte- 
nen Menschen verhaltnismafiig schwach. Damals dachten die Men- 
schen nicht so wie heute, dafi sie bei einem Gedanken wufiten: Ich 
denke diesen Gedanken. - Sondern die Gedanken traten auf wie le- 
bendige Traume. Auch die Willensimpulse und die Gefiihle traten 
nicht so ins Bewufitsein wie heute, sondern es trat im Menschen et- 
was auf, was wie instinktiv im Menschen lebte. Selbstbewufksein 
durchdrang noch nicht das Seelenleben. Aber es arbeiteten an der 
menschlichen Organisation, an der menschlichen Natur vom Geiste 
aus diejenigen Wesenheiten, die den Menschen vorbereiteten, spater 
fahig zu sein, das Selbstbewufitsein von sich aus zu haben. Ganz an- 
ders mufiten die Menschen sich verhalten vor der Epoche des Selbst- 



bewufitseins als in der Epoche des Selbstbewufitseins, wie auch das 
aufiere Erfahren sich ganz verschieden darstellt vom 15. bis zum 20. 
Jahrhundert nach Christus, als es spater sein wird. 

Wie wir alle westlandischen Kulturen so verlaufen sehen, dafi die 
aufieren Gesetze der materiellen Wirkungsart gefunden und praktisch 
angewendet werden, und wie dann hinzutreten wird spirituelles Wis- 
sen, spirituelles Verstandnis, so war bis zu dem Zekalter, in dem das 
Selbstbewufitsein eintrat in die Seele, alles, was vorbereiten konnte 
dieses Selbstbewufitsein, in das menschliche Leben eingeflossen. Da 
waren die Menschen eingeteilt in strenge Kasten in der Gegend, in 
welcher das Selbstbewufitsein zunachst auftreten sollte. Und die Men- 
schen achteten diese Kasten. Derjenige, der in einer niedrigen Kaste 
geboren war, empfand es als hochstes Ziel, in dieser Kaste sich so zu 
verhalten, dafi er in spateren Verkorperungen hinauf sich zu heben 
vermochte. Ein machtiger Ansporn der menschlichen Seelenent- 
wickelung war diese Kasteneinteilung. Denn die Menschen wufiten, 
dafi sie durch Entwickelung der inneren Seelenkrafte sich geeignet 
machten, in einer nachsten Verkorperung in eine hohere Kaste aufzu- 
steigen. Und zu den Ahnen schaute man auf und sah in ihnen das- 
jenige, was nicht an einen physischen Leib gebunden ist. Ehrwiirdig 
waren den Menschen die Ahnen, weil sie schon gestorben waren, und 
ubriggeblieben war das Manenhafte, das Geistige, das geistig nach 
dem Tode von der hoheren Welt aus wirkte. Das war eine gute Vor- 
bereitung auf das grofie Ziel in der menschlichen Natur, dasjenige zu 
sehen im Ahnenkult, was jetzt schon in uns lebt, und nicht an den 
physischen Leib gebunden ist, die selbstbewufite Seele, die mit dem 
Tode durch die Pforte des Todes in die geistigen Welten geht. So, 
wie durch vier Jahrhunderte die beste Erziehung zur Spiritualitat 
jene Erziehung war, welche die Menschen zum naturwissenschaft- 
lichen Denken gezwungen hat, so war es die beste Erziehung damals, 
eine hohe Achtung den Menschen einzuflofien fur die Kaste und fiir 
die Vorfahren. Das war eine wunderbare Vorbereitung fiir die Ent- 
wickelung des Selbstbewufitseins. Der Mensch stand in seiner Kaste 
darin und entwickelte einen ganz besonderen Hang zur Kastenein- 
teilung. Gerade an der Pietat gegenuber der Kaste und gegeniiber 



den Ahnen hatte der Mensch etwas, was ungeheuer hineinwirkte in 
sein Leben. Kasteneinteilung und Ahnenverehrung wirkten tief ein 
auf das menschliche Leben. Da arbeiteten geistige Wesenheiten hinein 
in dieses aufiere menschliche Leben, wie es in den Kasten und in der 
Verehrung der Ahnen verlief. Das war dasjenige, was vorbereitete die 
Moglichkeit, dafi der Mensch in Zukunft bei jedem Gedanken sagen 
konnte: Ich denke; bei jedem Gefiihl: Ich fiihle; und bei jedem Wil- 
lensimpuls: Ich will. - Das Selbstbewufitsein wurde vorbereitet in 
der vorhergehenden Epoche, in welcher eben das Selbstbewufitsein 
nicht da war, aber von Gottern aus der menschlichen Natur heraus- 
gearbeitet worden ist. 

Nehmen wir nun an: Gegen das Ende dieses Zeitraumes tritt bei 
einem Menschen wie durch einen machtigen Schock eine augenblick- 
liche Einstellung alles dessen ein, was ihn bindet an die Krafte, die 
eben geschildert worden sind, an die Krafte der vorhergehenden 
Epoche. Dann war es bei lhm so, wie es sonst fur uns 1m Schlafe 
ist, wenn wir fur einen Moment die Krafte des Aufbauens heraus- 
ziehen und hellsichtig werden, oder wie es ja auch bei dem Men- 
schen des 18. Jahrhunderts war, wenn er aufhalten konnte die Krafte, 
die damals wirkten an der Gehirnstruktur. So konnte damals ein 
Mensch, wenn er einen Moment sein Verstandnis gegeniiber der 
Ahnenverehrung, gegeniiber den Opferfeuern zuriickzog, er konnte, 
indem er einen Schock empfand, dann die Krafte, die er sonst fur 
dieses Verstandnis verwendete, fur einen Augenblick dazu verwen- 
den, einen Blick hineinzutun in die iibersinnlichen Welten, konnte 
sehen, wie aus der geistigen Welt heraus gearbeitet wurde an der Vor- 
bereitung des Selbstbewufkseins des Menschen. Das tat Arjuna in 
dem Augenblick, da er eben im Kampf den Schock bekam. Da stan- 
den still die Krafte in ihm, die sonst aufbauende Krafte waren, da 
konnte er einen Blick tun auf die gottliche Wesenheit, welche die 
Krafte des Selbstbewufitseins vorbereitete, und diese Gottheit war 
eben Krishna. Was ist uns dadurch Krishna? Krishna ist diejenige 
Wesenheit in der Menschheitsevolution, die spirituell vorbereitend 
gearbeitet hat durch Jahrhunderte und aber Jahrhunderte hindurch 
an der Organisation der Menschennatur, die den Menschen fahig 



machte, vom 7., 8. Jahrhunderte vor Begriindung des Christentums 
an, allmahlich in das Zeitalter des Selbstbewufitseins einzutreten. 
Wie erscheint da Krishna, der Baumeister der menschlichen Egoitat, 
der Baumeister des menschlichen Selbstbewufitseins? Sprechen 
mufi er vor Arjuna in Worten, die ganz durchtrankt und durchdrungen 
sind von Selbstbewufitsein. So verstehen wir Krishna von einer ande- 
ren Seite her als den gottlichen Baumeister an demjenigen, was das 
Selbstbewufitsein im Menschen vorbereitet und es herbeigefuhrt hat. 
Und wie ein Mensch unter besonderen Verhaltnissen dieses Bau- 
meisters ansichtig werden konnte, das stellt uns eben die Bhagavad 
Gita dar. Das ist eine Seite der Krishna-Natur. Eine andere Seite der 
Krishna-Natur werden wir dann in den nachsten Vortragen noch 
kennenlernen. 



SECHSTER VORTRAG 



Helsingfors, 2. Juni 1913 

Es ist im Grande genommen aufterordentlich schwierig, inner- 
halb der abendlandischen Kultur iiber eine solche Erscheinung zu 
sprechen, wie sie die Bhagavad Gita ist. Es ist aus dem Grunde 
schwierig, weil in unserer Gegenwart in weitesten Kreisen noch et- 
was herrscht, was ein grundgesundes Urteil auf diesem Gebiete aufter- 
ordentlich erschwert. Es herrscht innerhalb der abendlandischen Kul- 
tur die Sehnsucht, alles dasjenige, was an die menschliche Seele heran- 
dringt wie die Bhagavad Gita, aufzufassen im Sinne einer Lehre, 
einer Art Philosophic Man geht gern an solche Schopfungen des 
Menschengeistes vor alien Dingen vom ideellen, vielleicht sogar vom 
begriffsmaftigen Standpunkte heran. 

Es wird damit etwas beriihrt, was in unserer heutigen Zeit iiber- 
haupt schwierig macht, die groften historischen Impulse in der Ent- 
wickelungsgeschichte der Menschheit richtig zu beurteilen. Wie oft 
wird zum Beispiel heute darauf hingewiesen, daft man in den Evan- 
gelien als die Lehren des Christus etwa dies oder jenes finde, und 
dann wird gezeigt, daft diese Tiefen der Lehren des Christus Jesus 
sich auch schon friiher finden da oder dort. Dann wird gesagt: Seht 
ihr, das ist doch dasselbe! - Es ist nicht einmal unrichtig, daft es das- 
selbe ist, denn man kann in unzahligen Fallen nachweisen, daft die 
Lehren der Evangelien sich in friiheren menschlichen Geisteswerken 
finden; und man kann nicht sagen, daft, wenn jemand die Behaup- 
tung aufstellt, es finde sich diese oder jene Lehre da oder dort, er 
irgend etwas Unrichtiges behaupte. 

Und dennoch: Obwohl das, was so gesagt wird, nicht unrichtig 
ist, ist es gegeniiber einer wirklich eindringenden Betrachtung der 
menschlichen Evolution ein Unsinn. Und es wird sich das menschli- 
che Geistesleben erst daran gewohnen mussen, zu erkennen, daft etwas 
ganz richtig und doch ein Unsinn sein kann. Erst wenn man diesen 
Satz nicht mehr als einen Widerspruch ansehen wird, wird man ge- 
wisse Dinge unbefangen beurteilen konnen. Man wird es unbefangen 



beurteilen konnen, wenn jemand sagt, er sehe in der Bhagavad Gita 
in einer gewissen Beziehung eine der allergrofken Schdpfungen des 
menschlichen Geistes innerhalb der Erdenevolution, er sehe in der 
Bhagavad Gita in einer gewissen Beziehung eine Schopfung des Men- 
schengeistes, die spater iiberhaupt nicht mehr uberholt worden ist. 
Und wenn dieses jemand sagt und daneben sagt, trotzdem stelle das- 
jenige, was mit der christlichen Verkiindigung, mit der Verkiindigung 
des Christus-Impulses in die Welt getreten ist, etwas durchaus an- 
deres dar, etwas, was von der Bhagavad Gita, wenn man ihre 
Schonheit, ihre Grofie noch ins hundertfaltige erhdht denken konnte, 
nicht erreicht werden konnte, so ist das kein Widerspruch. Wenn 
jemand auf der einen Seite das eine sagt und auf der anderen Seite 
dieses letztere, so kann das vom heutigen abstrakten Denken als 
Widerspruch empfunden werden, und dennoch ist es keineswegs ein 
Widerspruch. 

Ja, man kann noch weiter gehen. Man kann einmal fragen: 
Wann ist das Grofite ausgesprochen worden, was gelten kann als 
Impuls fur das menschliche Selbst, fur das menschliche Ich, um dieses 
menschhche Ich innerhalb der Menschheitsevolution in die Welt hin- 
einzustellen? Was ist das Bedeutsamste an Kraft? Wann ist das Ge- 
waltigste geschehen fur dieses menschliche Ich? - Das ist damals ge- 
schehen, als Krishna zu Arjuna gesprochen hat, als die gewaltigsten, 
bedeutsamsten, einschneidendsten und feurigsten Worte an das Ohr 
Arjunas drangen, um das menschliche Ich, das Selbstbewufksein zu 
beleben. Im ganzen Umfange der Welt kann nichts gefunden werden, 
was kraftvoller fur das menschliche Ich an Anfeuerung war als das- 
jenige, was an lebendigster Kraft in den Worten des Krishna an 
Arjuna zu finden ist. 

Allerdings mussen diese Worte nicht so genommen werden, wie 
man sie oftmals im Abendlande nimmt, wo man den grofken und 
schonsten Worten eine Art blofier abstrakter philosophischer Bedeu- 
tung gibt. Mit solcher Bedeutung trifft man das Wesentlichste der 
Bhagavad Gita iiberhaupt nicht. Daher haben abendlandische Ge- 
lehrte diese Bhagavad Gita so furchtbar mifihandelt, maltratiert 
gerade in unserer Zeit. Hat man doch sogar einen Streit inszenieren 



konnen, ob in der Bhagavad Gita mehr die Sankhyaphilosophie oder 
irgendeine andere Ideenrichtung zur Geltung komme! Ja, es hat sich 
sogar ein sehr bedeutender Gelehrter gefunden, der in seiner Ausgabe 
der Bhagavad Gita gewisse Verse klein gedruckt hat, weil er der An- 
sicht ist, dafi man diese geradezu herauskorrigieren miiflte, da sie 
durch ein Versehen hineingekommen sein miiftten. Er glaubt, daft nur 
das in die Bhagavad Gita gehore, was entspricht der Sankhya- oder 
hochstens der Yogaphilosophie. Man darf aber sagen, dafi von der 
Art, wie man heute von Philosophic spricht, iiberhaupt keine Philo- 
sophic in der Bhagavad Gita zu suchen ist. Man konnte hochstens 
sagen: Es haben sich im alten Indien aus gewissen Grundstimmungen 
der menschlichen Seele heraus philosophische Richtungen herausge- 
bildet. Aber diese haben wahrlich mit der Bhagavad Gita jedenfalls 
nicht das zu tun, dafi man sie als eine Interpretation, als einen Kom- 
mentar der Bhagavad Gita ansehen darf. 

Man tut dem morgenlandischen Geistesleben iiberhaupt unrecht, 
wenn man es zusammenbringt mit demjenigen, was das Abendland 
als Philosophic kennt. Denn in diesem Sinne, wie das Abendland die 
Philosophic hat, gab es im Morgenlande eine Philosophic gar nicht. 
In dieser Beziehung wird der Geist der Zeit, der jetzt eigentlich erst 
im Anfang steht - wir haben gestern schon von einem Verhaltnis ge- 
sprochen, das sozusagen die Menschenseelen noch zu lernen haben -, 
der Geist der Zeit wird noch mifiverstanden. Vor alien Dingen miissen 
wir festhalten konnen an jener Anschauung, die wenigstens aus dem 
gestrigen Vortrage zu gewinnen moglich war, welche uns gezeigt hat, 
wie die menschliche Seele unter gewissen Voraussetzungen ganz real, 
der Tatsache nach, gegeniibertreten kann jener Wesenheit, die wir 
gestern von einer Seite aus zu charakterisieren versuchten als den 
Krishna. Weit wichtiger ist es, daft man weifi: Unter gewissen Vor- 
aussetzungen tritt die Arjunaseele demjenigen Geiste gegenxiber, der 
vorbereitet hat das Zeitalter des Selbstbewulkseins. Es steht die 
Arjunaseele diesem Geiste gegeniiber, der mit dieser gewaltigen 
Schopferkraft in der Welt wirkt. - Das ist viel wichtiger als aller 
Streit, ob Sankhya- oder Vedenphilosophie in der Bhagavad Gita zu 
finden ist. Dafi lebendige Wesenheiten sich uns gegeniiberstellen, die 



reale Schilderung der Weltenverhaltnisse und des Zeitkolorits, das ist 
dasjenige, worauf es ankommt. Und diese zu charakterisieren, haben 
wir versucht, indem wir auf der einen Seite uns zu zeigen bemuhten, 
welchem Zeitalter ein solches Denken und Fuhlen, wie es Arjuna be- 
sitzt, angehoren kann; auf der anderen Seite, indem wir zu verstehen 
versuchten das Zeitalter des Selbstbewufitseins selber; und fernerhin 
auch indem wir zeigen konnten, welcher schopferische vorbereitende 
Geist der Arjunaseele hat erscheinen konnen. Nun handelt es sich 
vor alien Dingen darum, dafi wenn wir also in lebendiger Weise We- 
sen dem Wesen gegeniiberstellen, wir mehr brauchen als eine blofi 
einseitige Charakteristik. Wir brauchen zunachst eine gewisse All- 
seitigkeit, damit wir diese Wesenheit noch genauer kennenlernen 
konnen. Diese Allseitigkeit wird sich uns durch die folgenden Be- 
trachtungen bieten konnen. 

Wenn wir mit unserer Seele wirklich in diejenigen Regionen her- 
aufdringen, in denen man eine solche Gestalt wahrnehmen kann, wie 
sie der Krishna ist, dann mu£ diese unsere Seele so weit sein, dafi sie 
zunachst wirkliche Wahrnehmungen, wirkliche Erlebnisse in iiber- 
sinnlichen Welten haben kann. Scheinbar sage ich damit etwas ganz 
Selbstverstandliches. Und doch angesichts dessen, was die Menschen 
meistens von den hoheren Welten erwarten, ist die Sache durchaus 
nicht so selbstverstandlich. Ich habe immer wieder darauf aufmerk- 
sam gemacht, dafi Mifiverstandnis iiber Mifiverstandnis dadurch ent- 
steht, dafi der Mensch mit einer ganzen Summe von Vorurteilen in 
die iibersinnlichen Welten sich hinaufleben will: Er will zwar in das 
Ubersinnliche gefuhrt werden, aber zu etwas, was er von der Sinnen- 
welt her schon kennt. Er w
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