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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die Geheimnisse
der biblischen Schopfungsgeschichte
Das Sechstagewerk im l.Buch Moses
Ein Zyklus von zehn Vortragen und ein einleitender Vortrag
Miinchen, 16. bis 26. August 1910
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hans Arenson
1. Auflage (Zyklus 14) Berlin 1911
2. Auflage Dornach 1932
3. Auflage Freiburg i. Br. 1954
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961
5. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1976
6. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Bibliographie-Nr. 122
Siegel auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafJverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1961 by Rudolf Stein er-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaffhausen
ISBN 3-7274-1220-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wurden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlaflt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mud gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafSen auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Miinchen, 16. August 1910
Einleitung
Schures « Kinder des Luzifer* und «Die grofien Eingeweihten».
Dank an die Mitarbeiter und Mitwirkenden bei der dem Vortrags-
zyklus vorangegangenen Auffiihrung des Rosenkreuzermyste-
riums «Die Pforte der Einweihung*. Riickblick auf dasselbe als
Versuch, den Weg in die geistigen Hohen in einem kiinsder-
ischen Bilde hinzustellen.
Zweiter Vortrag, 1 7. August 1910
Das Mysterium der Urworte
Die Einleitungsworte der Bibel: B'reschit bara elohim et hascha-
majim w'et ha'arez. Die schopferische Macht der hebraischen
Sprache und die Bedeutung ihrer Schriftzeichen. Die Offen-
barung des Ursprungs der Menschheit in den Anfangsworten der
Genesis. Die Deutung dieser Urworte: Im webenden Elementa-
rischen ersinnen die Elohim das nach aufienhin Erscheinende,
das nach innen Regsame.
Dritter Vortrag, 18. August 1910
Ha'arez und Haschamajim
Der Vorstellungscharakter des «haschamajim», der Begierden-
oder Willenscharakter des «ha'arez». Der Zustand des tohu
wabohu. Die Elohim. Die Trennung der Sonne von der Erde. Das
Herausgehen des haschamajim, des Geistig-Lichthaften, Klang-
haften und Wortbildenden aus dem ha'arez, dem Warmehaften,
Gasigen, Wafirigen und Erdigen. Die Organisierung des ha'arez
aus den Kraftstrahlungen des haschamajim. Die Schdpfung der
menschlichen Gestalt aus dem Lauthaften.
Vierter Vortrag, 19. August 1910
Die sieben Schopfungstage
Das Sechstagewerk als ein Wiedererwecken der vorhergegangenen
planetarischen Zustande der Erde, der Einschlag des Lichthaften.
Die Scheidung des durcheinanderwirbelnden, elementarischen
Wasser-, Gas- und Warmehaften in ein Luft- und Wasserhaftes.
Die Ausscheidung des Festen aus dem Wafirigen und das Hervor-
sprielten des Gruppenseelenhaften, des Pflanzlichen. Die Hinzu-
fiigung der aufieren kosmischen Krafte zum irdischen Dasein.
Die Herausbildung des Tierischen in Luft und Wasser.
FUNFTER VORTRAG, 2 0. August 1910
Die Elohim, ihr Wesen-Gestalten und Wesen-Schaffen
Die Aonen oder Zeitgeister
Die drei ersten Schopfungstage als sich aus der Warme, einem
mittleren Zustand, entfaltende Wirksamkeit von Verdunnungszu-
standen: Licht, Schall, Ather, Lebensather und von Verdichtungs-
zustanden: Luft, Wasser, Erde. Diese Zustande als Offenbarungs-
weisen seelisch-geistiger Wesenheiten. Die Elohim in der Hierar-
chienordnung: Geister der Form (Exusiai, Gewalten). Die Archai
oder Geister der Personlichkeit als Diener der Elohim. Die Gei-
ster der Personlichkeit = «Jom» oder «Tag» in der Genesis. Der
«erste Tag» : Beginn der Wirksamkeit des ersten der Zeitgeister.
Sechster Vortrag, 2 1 . August 1910
Licht und Finsternis. Jom und Laj'lah
Licht und Finsternis als zwei polarische Entitaten. Die fortge-
schrittenen Archai Qom) offenbaren sich als Heifer der Elohim
im Lichte, die zuriickgebliebenen Archai (Laj'lah) als Finsternis.
Die Wechselzustande des Wachens und Schlafens als Zersto-
rungs- und Aufbauprozesse und ihr Zusammenhang mit dem
Sonnenwesen (Jom) und Saturnwesen (Laj'lah). Die Tatigkeit der
Hierarchien und ihre Darstellung in der Schopfungsgeschichte.
Siebenter Vortrag, 2 2 . August 1910
Das elementarische Dasein und die hinter ihm wirkenden
geistigen Wesenheiten. Jahve-Elohim.
Die Manifestation hierarchischer Tatigkeit, innerhaib der Erde:
Geister des Willens oder Throne im Erdigen; Geister der Weis-
heit oder Kyriotetes im Wafirigen; Geister der Bewegung oder
Dynamis im Luftigen; Geister der Form oder Exusiai (Elohim) im
Warmehaften. Im Erdenumkreis: Cherubim in der Wolkenbil-
dung; Seraphim in Blitz und Donner. Jahve-Elohim = die sieben
Elohim, die sich zur Einheit entwickelt haben.
Achter Vortrag, 23. August 1910 127
Die Komposition des ersten und zweiten Schopfungstages
Die Arbeit des elementarischen Daseins an den Organen
des Menschen
Die Bilder des alten Mondes. Das Gegenstandsbewufitsein als
eigentliches Erdenbewufttsein. Das Bewufltsein der Hierarchien
auf dem alten Mond und auf der Erde. Tatigkeit und Bewufltsein
der Elohim am ersten Schopfungstage der Genesis.
Neunter Vortrag, 24. August 1910 142
Das Vorriicken der Menschwerdung bis zum sechsten
Schopfungstage
Der Mensch als Erstling der Schopfung. Die Veranlagung seines
Seelisch-Geistigen an den ersten fiinf Schopfungstagen: Der
Empfindungsseele am ersten, ihr Vorschreiten zur Verstandes-
oder Gemiitsseele am zweiten, zur Bewufitseinsseele am dritten
Schopfungstag, das Umkleiden mit dem Astralleib am vierten
und dem Atherleib am funften Schopfungstag. Die Entwicklung
des physischen Menschen (als Warmewesen) am sechsten Schop-
fungstag. Die Entwicklung zum Luftwesen durch Jahve-Elohim
erst nach dem sechsten Schopfungstag. Das Herabsinken des
Menschen aus dem Erdenumkreis durch den luziferischen Ein-
flufi. Die weitere Verdichtung zum WaJ&rigen und Erdigen und
die Entstehung des Fleischesmenschen.
Zehnter Vortrag, 2 5 . August 1910 159
Das Mondhafte im Menschen
Die Trennung der Sonne von der Erde. Das Zuriickziehen der
Menschenseelengeister auf die Planeten bis auf ein Hauptpaar,
Adam und Eva. Die Trennung des Mondes von der Erde. Das
Wiederherabstromen der Menschenseelengeister. Das Uberein-
stimmen der Genesis mit den Tatsachen der «Geheimwissen-
schaft*. Das Mondenhafte in Erde und Mensch. Kosmische
Mondsubstantialitat und menschliche Selbstandigkeit. Zukiinf-
tige Zerkliiftung der Erdenmaterie in Erdenstaub durch die Mon-
denkrafte. Die Einpragung des mondhaften Erdenstaubes in die
Leiblichkeit des Menschen durch Jahve-Elohim.
ElfterVortrag, 26. August 1910 175
Der Zusammenklang der Bibel mit der hellseherischen
Forschung
Die Erschaffung des mannlich-weiblichen Menschen am sechsten
Schopfungstag. Der sechste Schopfungstag zeitlich dasselbe wie
die lemurische Zeit in der Geisteswissenschaft. Die Einpragung
der Ich-Natur durch Jahve-Elohim. Die Differenzierung in dich-
tere physische Leiblichkeit nach auften und diinnere atherische
Leiblichkeit nach innen. Der Sinn des «Ruhens» am siebenten
Schopfungstag: Das Aufsteigen der Elohim zu Jahve-Elohim. Der
Obergang vom atherischen Elohim-Menschen der lemurischen
Zeit zum physischen Jahve-Menschen der Atlantis. Der Mensch
steigt nach alien anderen Geschopfen als letzter aus dem Geisti-
gen ins Physische herunter.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
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ERSTER VORTRAG
Miinchen, 16. August 1910
Wir stehen vor einem wichtigen Vortragszyklus, und es darf wohl
vorausgeschickt werden, daB dieser Vortragszyklus erst jetzt unter-
nommen werden kann, da wir Jahre hindurch gearbeitet haben auf
dem geisteswissenschaftlichen Felde. Und es darf weiter gesagt wer-
den, daB die groBen Ideen, denen wir uns in den n'achsten Tagen
werden hinzugeben haben, in einer gewissen Beziehung jene Stim-
mung brauchen, die uns werden konnte durch die beiden in den
letzten Tagen erfolgten Auffiihrungen. Diese Auffiihrungen sollten
ja unser Herz hineinfuhren in jene Stimmung, in jene Gefiihlsver-
fassung, welche notwendig ist, damit das, was uns auf anthropo-
sophischem Gebiete entgegentreten soil, durchdrungen werde von
der richtigen Warme und von der richtigen Innigkeit. Oftmals
durfte es ja betont werden, wie die abstrakten Gedanken, die Ideen
selbst, die uns auf unserem Felde entgegentreten, ihre voile Wir-
kungskraft erst dann in unserer Seele entfalten konnen, wenn sie
eintauchen in diese warme Innigkeit des Erlebens. Sie erst laBt
unsere Seele empfinden, daB wir uns durch unsere anthroposophi-
schen Ideen Gebieten des Daseins nahern, nach denen wir nicht nur
eine gewisse Erkenntnissehnsucht haben sollen, sondern denen auch
unser Herz sich zuwendet, denen gegenuber wir die Stimmung
haben konnen, die wit im vollsten Sinn des Wortes als eine heilige
Stimmung bezeichnen. Und vielleicht war es mir selber die ganzen
Jahre her nicht so urns Herz als gerade in diesem Augenblick, da
wir vor einem Vortragszyklus stehen, von dem man vielleicht nicht
mit Unrecht sagen darf, daB er sich vermiBt, menschliche Gedanken
ein wenig dem zu nahern, was wie Urworte seit Jahrtausenden durch
Menschenherzen gezogen ist und Menschengeister beschaftigt hat,
Menschenherzen und Menschengeister hinaufzulenken zu dem, was
der Mensch als das Hochste, als das Gewaltigste, was es fur ihn geben
kann, empfinden soli: den eigenen Ursprung in seiner GroBe.
Bevor dieser Vortragszyklus beginnen soli, darf ich heute nach
den beiden vorangegangenen Tagen vielleicht etwas Anthropo-
sophisch-Familiares beruhren, eben weil wir die Vorbereitung zu
diesem Zyklus an uns haben voriibergehen lassen konnen. Schon
am Beginne des vorjahrigen Zyklus durfte ich darauf hinweisen,
wie symbolisch bedeutsam gerade diese unsere Miinchener Ver-
anstaltungen fiir unser anthroposophisches Leben sind. Und ich
durfte darauf hinweisen, wie uns durch Jahre hindurch dasjenige
getragen hat, was wir in echt anthroposophischem Sinn nennen
konnten die Geduld des Wartens, bis uns zu irgendeiner Arbeit die
Krafte herangereift sind. Und noch einmal lassen Sie mich daran
erinnern, daB die Vorstellung der « Kinder des Luzifer», die wir im
vorigen Jahr haben zustande bringen durfen und die wir so gliick-
lich waren, in diesen Tagen zu wiederholen, sieben Jahre in Ge-
duld von uns muBte erwartet werden. Die Arbeit der sieben Jahre
auf dem anthroposophischen Felde muBte dieser Darstellung vor-
angehen. Im vorigen Jahre durfte ich daran erinnern, daB am Aus-
gangspunkte unserer deutschen Sektionsgriindung in Berlin von
mir ein Vortrag gehalten worden ist, ankniipfend an dieses Drama
«Die Kinder des Luzifer», und daB es mir dazumal wie ein Ideal
vor der Seele schwebte, dieses Drama einmal auf der Buhne zeigen
zu durfen. Nach siebenjahriger anthroposophischer Arbeit ist dies
gelungen, und wir durfen sagen: Diese Darstellung im vorigen
Jahre bedeutete in gewisser Beziehung einen Markstein in unserem
anthroposophischen Leben. Wir durften eine kiinstlerische Aus-
gestaltung anthroposophischen Fiihlens und anthroposophischen
Denkens vor das geistige Auge unserer lieben Freunde hinstellen.
Und wir fiihlen uns ja gerade in solchen Augenblicken so recht in
unserem anthroposophischen Milieu, wenn wir empfinden das Uns-
Ubergreifen und Uns-Durchdringen anthroposophischen Lebens.
Der Verfasser der «Kinder des Luzifer», den wir schon im vorigen
Jahre das Gliick hatten, hier zu sehen bei jener Auffiihrung und
bei dem vorjahrigen Zyklus, und dessen Gegenwart wir uns auch in
diesem Jahre wiederum erfreuen, er hat fiir das geistige Leben der
Gegenwart in seinem epochalen Werke «Die groBen Eingeweih-
ten» ein Ideengefiige geschaffen, dessen Wirkung fiir Seelen und
Gemiiter der Gegenwart erst die Zukunft in das richtige Licht wird
stellen konnen.
Sie wiirden sich gewiB vielfach wundern, wenn Sie die Schat-
zung, die man heute geistigen Kraften und geistigen Arbeiten der
Vergangenheit in dieser oder jener Zeit angedeihen laBt, ver-
gleichen wiirden mit derjenigen, welche in dem BewuBtsein der
damaligen Zeitgenossen geherrscht hat. Man verwechselt so
leicht die Art, wie man selber iiber Goethe, iiber Shakespeare,
iiber Dante denkt, mit dem, was die Zeitgenossen fahig waren zu
durchschauen und zu iiberblicken von den geistigen Kraften, die
durch solche Personlichkeiten dem fortschreitenden Menschengeist
einverleibt worden sind. Und wir miissen uns insbesondere als An-
throposophen zum BewuBtsein bringen, daB der Mensch in seiner
eigenen Gegenwart am allerwenigsten ermessen kann, wie bedeut-
sam, wie kraftigend die geistigen Arbeiten der Zeitgenossen fiir die
Seelen sind. Wenn man sich besinnt, wie eine Zukunft die Dinge
ganz anders beurteilen wird, als es die Gegenwart vermag, dann
darf es wohl gesagt werden, daB das Erscheinen der «GroBen Ein-
geweihten» fiir den geistigen Inhalt und fiir die geistigc Vertiefung
unserer Zeit einstmals als etwas ungeheuer Bedeutungsvolles ange-
sehen werden wird. Denn es strahlen heute schon aus vielen Seelen
im weitesten Umkreise der Kultur unserer Gegenwart die Seelen-
echos, die dadurch moglich wurden, daB diese Ideen in die Herzen
unserer Zeitgenossen Eingang gefunden haben. Und diese Echos sind
wahrhaft bedeutsam fiir unsere Zeitgenossen, denn unzahligen be-
deuten sie Sicherheit im Leben, Trost und HofFnung in den schwie-
rigsten Augenblicken dieses Lebens. Und nur dann, wenn wir uns
in der richtigen Weise an solcher groBen Geistestat der Gegenwart
zu erfreuen verstehen, dann diirfen wir sagen, daB wir anthroposo-
phisches Empfinden und anthroposophische Stimmung in einem
etwas grofieren Stile in unserer Brust tragen. Und aus jener Seelen-
tiefe heraus, aus welcher die Ideen der « GroBen Eingeweihten»
leuchteten, sind auch geformt und gepragt die Gestalten der « Kinder
des Luzifer», die uns eine groBe Zeit der Menschheit vor das Seelen-
auge fuhren, eine Zeit, in welcher Altgewordenes und Neuerblii-
hendes im Weltenwerden zusammenstoBen. Und Anthroposophen
sollten es verstehen, wie in diesem Drama zweierlei zusammen-
strahlt: menschliches Leben, menschliche Arbeit und menschliches
Wirken auf dem physischen Plan, wie es ausgefiihrt wird durch die
Gestalten, die uns in den «Kindern des Luzifer» entgegentreten, und
in dieses Arbeiten, in dieses Wirken hinein leuchtet dasjenige, was
wir die Erleuchtung aus den hoheren Welten nennen. Und indem
wir ein Drama auf die Biihne stellten, in dem nicht nur gezeigt
wird, wie Menschenstreben und Menschenkrafte im Herzen und im
Kopfe wurzeln, sondern wie hereindringen die Inspirationen aus
den heiligen Statten, aus den Weihestatten der Tempel, wie die
unsichtbaren Machte die menschlichen Herzen durchgluhen und
durchgeisten — indem wir dieses j Ineinander-sich-Verweben iiber-
sinnlicher Welten mit unserer Sinneswelt zeigten, haben wir einen
Markstein hinstellen diirfen in unserer anthroposophischen Bewe-
gung.
Denn das darf ich auch in diesem Jahre beim Ausgangspunkte
unseres Vortragszyklus wiederholen: Das Allerwichtigste, das Aller-
wesentlichste bei einer solchen Unternehmung, das sind die Herzen
derer, die Verstandnis haben, ein solches Werk aufzunehmen. Das
ist der grofie Irrtum unserer Zeit, daJ3 man glauben kann, ein Werk
konne geschaffen werden und es miisse wirken. Es kommt nicht nur
darauf an, daB die gewaltigen Werke Raffaels oder Michelangelos
in der Welt sind; es kommt darauf an, daB in der Welt Herzen
leben, Seelen existieren, welche den Zauber aus diesen Werken in
sich beleben konnen. RafFael und Michelangelo haben nicht fur sich
allein geschaffen, sie haben geschaffen im Widerhall mit denen, die
von jener Kultur erfullt waren, die fahig waren entgegenzunehmen,
was sie der Leinwand anvertrauten. Unsere Gegenwartskultur ist
chaotisch, unsere Gegenwartskultur hat keine Einheitlichkeit der
Empfindung. Lassen Sie die groBten Werke auf eine solche Kultur
wirken: sie werden die Herzen unberiihrt lassen. Das muB das
Eigenartige unserer anthroposophischen Bewegung sein, daB wir als
ein Kreis von Menschen uns versammeln, in denen gleichartige
Empfindungen leben, die beseelt sind von gleichartigen Gedanken,
in denen moglich wird eine gleichartige Begeisterung. Auf den Bret-
tern spielt sich ein Drama im Bilde ab; in den Herzen der Zu-
schauer spielt sich ab ein Drama, dessen Krafte der Zeit angehoren.
Das, was die Herzen im Zuschauerraum fuhlten, was in jedem Her-
zen wurzelte, das ist ein Keim fur das Leben der Zukunft. Fuhlen
wir das, meine lieben Freunde, und fuhlen wir vor alien Dingen
nicht allein eine Befriedigung dariiber, das ware vielleicht billig,
fuhlen wir die Verantwortung, die wir damit auf unsere Seele laden.
Jene Verantwortung, die uns sagt: Seid vorbildlich fiir das, was
geschehen muB, fiir das, was moglich werden muB, daB die Zeit-
kultur der Menschheit impr'agniert wird von dem Bewufitsein, daB
der Mensch hier auf dem physischen Plan der Mittler ist zwischen
physischen Taten, physischem Werden und dem, was nur durch ihn
einstromen kann aus den ubersinnlichen Welten in diese Welten
des physischen Planes herunter.
So sind wir in gewissem Sinne erst eine geistige Familie dadurch,
daB wir uns zuneigen dem gemeinsamen vaterlichen Urprinzip, das
in unseren Herzen lebt und das eben in diesem Augenblick von mir
versucht worden ist zu charakterisieren. Und wenn wir in dieser
Weise mit unserem Herzen, mit unserer ganzen Seelenstimmung
auffassen, was wir erleben, wenn wir es auffassen, indem wir es als
Zugehorige unserer anthroposophischen Familie fuhlen, dann emp-
finden wir audi im rechten Sinn das Gliick und sehen es mit innig-
ster Befriedigung, daB wir den Autor der «Kinder des Luzifer»
nunmehr bei den beiden Auffuhrungen und in den darauffolgenden
Tagen unter uns haben durften.
Nehmen Sie das so auf, daB wir dadurch in der Tat fuhlen kon-
nen: Es leben die lebendigen anthroposophischen Krafte der Gegen-
wart in dem Kreise, aus dem heraus dasjenige erflieBen durfte, was
wir in den letzten Tagen durch unsere Seele haben Ziehen lassen.
Meine lieben Freunde, mir ist es schon im vorigen Jahre eine
liebe Pflicht gewesen, hinzuweisen gerade auf diejenige Arbeits-
statte, auf welcher wir soldi einen Markstein unserer anthroposo-
phischen Tatigkeit entwickeln durften. Und es war mir eine liebe
Pflicht — und ich betone dabei das Wort «liebe» und mochte aus-
driicklich bemerken, daB Sie «Pflicht» nicht in trivialem Alltags-
sinn nehmen diirfen — es war mir und es ist mir eine liebe Pflicht,
auch in dieser Stunde darauf hinzuweisen, wie hier zum Zustande-
kommen dieser unserer anthroposophischen Veranstaltungen unsere
Freunde nicht nur mit Eifer, sondern mit Hingebung aller ihrer
Krafte arbeiteten.
Wer solche Auffuhrungen sieht, denkt vielleicht nicht irnmer
daran, daB es lange dauert, bis das, was zuletzt sich dem Auge in
wenigen Stunden darbietet, wirklich auf der Biihne steht. Und die
Art und Weise, wie unsere lieben Freunde hier an diesem Orte zu-
sammenarbeiteten, um das Werk zustande zu bringen, sie darf in
einer gewissen Beziehung immer wieder fur die anthroposophische
Arbeit, vielleicht auch fur das menschliche Zusammenwirken, als
Vorbild bezeichnet werden. Insbesondere deshalb, weil es einem
richtigen anthroposophischen Empfinden widerstreben wiirde, bei
dieser Arbeit in irgendeiner Weise zu kommandieren. Da ist ein
Fortschritt nur dann moglich, wenn die einzelnen Freunde mit
ihrem Herzen voll dabei sind, in ganz anderer Weise, als das auf
einem ahnlichen kiinstlerischen Felde jemals der Fall sein konnte.
Und dieses Voll-dabei-Sein, nicht nur in den wenigen Wochen, die
uns zur Verfiigung stehen, um die Auffuhrungen vorzubereiten,
sondern dieses Voll-dabei-Sein, dieses freie herzliche Zusammen-
wirken, es dauerte Jahre hindurch. Und da wir ja bei dieser Gele-
genheit aus den verschiedensten Gegenden uns versammelt haben
und die Anthroposophen sich nicht nur dadurch kennenlernen sol-
len, daB sie sozusagen ein paar Worte miteinander wechseln, son-
dern daB sie voneinander wissen, was einem jeden in der Arbeit
heilig ist, deshalb darf wohl gerade bei dieser Gelegenheit mit
einigen Worten darauf hingewiesen werden, wie Jahre hindurch
hier gearbeitet worden ist, um im entsprechenden Augenblick zu-
sammenzugruppieren, was notwendig war, um eine anthroposo-
phische Leistung auf die FiiBe zu stellen, wie wir sie in den letzten
Tagen geben durften. Und wenn es auch nicht allein durch auBere
Umstande geboten ware, so wiirde mein Herz mich drangen, in
dieser Stunde hinzuweisen auf die hingebungsvolle Arbeit unserer
Fr eunde, die uns das ermoglicht hat, was wir erleben dur ften. Denn
Sie diirfen es glauben: nur durch diese hingebungsvolle Arbeit ist
es moglich geworden.
Ich sagte, ich will den Vortragszyklus beginnen mit einer Art
familiarer Besprechung dessen, was uns auf dem Herzen liegen
kann. Da diirfen wir vor alien Dingen der jahrelangen hingebungs-
vollen Arbeit der beiden Damen gedenken, die hier zielbewuBt und
in innigem Einklang wirken mit dem, was man auf anthroposo-
phischem Felde nur wollen kann. Seit vielen Jahren haben Fraulein
Stinde und die Grafin Kalckreuth ihre Gesamtkrafte der anthropo-
sophischen Arbeit hier an diesem Orte gewidmet. Und daB nur
durch dieses hingebungsvolle, zielbewuBte Wirken im innigen Ein-
klang mit den anthroposophischen Impulsen das moglich geworden
ist, was wir zu unserer Befriedigung geben durften, das weiB vor
alien Dingen ich am allerbesten. Und daher werden Sie es um so
begreiflicher linden, daB ich bei dieser Gelegenheit aus dankerfiill-
tem Herzen heraus diese Worte fiir die beiden Mitarbeiterinnen hier
in Miinchen spreche. Dann kommen dazu die hingebungsvollen
Arbeiten derer, die sozusagen unmittelbar ihre Kr'afte exponieren
in denjenigen Wochen, die unseren Arbeiten gewidmet sind.
Wir versuchten gestern in einem kiinstlerischen Bilde vor Ihre
Augen hinzustellen den Weg zu den Hohen, auf denen der Mensch
erfahren kann das, was durch die anthroposophische Entwickelung
flieBen soli, das, was sozusagen der Seelenforscher erleben muB. Es
wird sich vielleicht in Ankniipfung an mancherlei, was in diesem
Vortragszyklus zu sagen ist, Gelegenheit finden, auf dieses oder
jenes hinzuweisen, was gestern vor Ihr Seelenauge gefiihrt werden
sollte. Es muBte das Leben dessen, der zu der geistigen Erkenntnis
hinaufstrebt, gezeigt werden, es muBte gezeigt werden, wie er aus
dem physischen Plan herauswachst, wie schon hier auf dem phy-
sischen Plan alles das, was um ihn herum geschieht und was viel-
leicht einem anderen Menschen als etwas recht Alltagliches erschei-
nen konnte, ihm bedeutsam wird. Herauswachsen muB die Seele
des Geistsuchers aus Ereignissen des physischen Planes. Und dann
muBte gezeigt werden, was diese Seele erleben mnJ3 in sich selber,
wenn sich in sie ergieBt alles, was an Menschenschicksal, an Men-
schenleid, an Menschenlust, an Menschenstreben und an Menschen-
illusionen um uns hemm vorgeht; wie diese Seele zermalmt und
zerschmettert werden kann, wie die Kraft der Weisheit sich hin-
durchringen kann durch diese Zerschmetterung, und wie dann erst,
wenn der Mensch glaubt, in einer gewissen Beziehung fremd ge-
worden zu sein der sinnlichen Welt, die groBen Tauschungen an
ihn herantreten.
Ja, mit den Worten, die Welt sei Maja oder Illusion, oder:
« Durch die Erkenntnis dringen wir zur Wahrheit», mit diesen Wor-
ten ist vieles und doch auch wieder recht wenig gesagt. Das, was
damit gesagt wird, muJ3 jeder auf indrviduelle Weise erleben. Da-
her konnte auch das, was im allgemeinen gilt, so recht, man mochte
sagen, seelisch bluterfullt nur gezeigt werden, indem man es im
Durchleben einer einzelnen Gestalt zeigte. Nicht wie ein jeder zur
Initiation hinauf sich nahert, sondern wie die ganz individuelle
Gestalt des Johannes Thomasius aus ihren Bedingungen heraus der
Pforte der Erkenntnis sich nahern kann, das sollte gezeigt werden.
Und es ware durchaus unrichtig, wenn jemand glauben wollte, daJ3
er das Ereignis, das im Meditationszimmer gezeigt ist, den Aufstieg
der Maria aus dem irdischen Leib heraus in das Devachan, als ein
allgemeines Ereignis hinstellen diirfte. Das Ereignis ist absolut real,
spirituell-real, aber es ist ein Ereignis, durch das gerade eine so
geartete Personlichkeit, wie der Johannes Thomasius sie darstellt,
den Impuls erhalten sollte, hinaufzusteigen in die geistigen Welten.
Und ich mochte Ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf den
Augenblick hinlenken, wo gezeigt wird, wie die Seele dann, wenn
sie im Grande genommen schon die Kraft gefunden hat, iiber die
gewohnliche Illusion hinwegzugehen, wie sie dann erst der Mog-
lichkeit der groBen Tauschungen gegenubersteht. Nehmen Sie an,
daB Johannes Thomasius nicht in der Lage ware, zu durchschauen
— wenn er es auch gar nicht bewuBt tut, sondern es nur mit einem
inneren Auge durchfiihlt — , daB in der Gestalt, die im Meditations-
zimmer zuriickbleibt und dem Hierophanten den Fluch entgegen-
schleudert, nicht mehr dieselbe Individuality enthalten ist, der er
zu folgen hat. Nehmen Sie an, es konnte der Hierophant oder auch
Johannes Thomasius einen Augenblick dariiber in Unruhe kom-
men. Dann ware es fur unabsehbare Zeiten unmoglich, den Er-
kenntnispf ad fur Johannes Thomasius in irgendeiner Weise weiter-
zufiihren. Dann wiirde in diesem Augenblicke das Ganze aus sein,
und nicht nur fur Johannes Thomasius, sondern auch fur den
Hierophanten, der dann nicht imstande gewesen ware, die starken
Krafte in Johannes Thomasius zu entfalten, welche ihn iiber diese
Klippe hinwegfiihren konnen. Abtreten miiBte der Hierophant von
seinem Amte, und verloren w'aren ungeheure Zeitraume fiir Johan-
nes Thomasius in seinem Aufstiege. Wenn Sie versuchen, die
Szenen, die gerade diesem Momente vorangehen, und die Gefuhle,
die in der Seele des Johannes Thomasius gewirkt haben, sich vor
Augen zu riicken, die besondere Art der Schmerzen, die besondere
Art der Erlebnisse: dann werden Sie vielleicht zu dem Urteil gelan-
gen, daB die Kraft der Weisheit, ohne daB er selbst es vielleicht
weiB, so stark in ihm geworden ist, daB er diesen gewaltigen Ruck
in seinem Leben uberstehen kann. All diese Erlebnisse, die sich ab-
spielen, ohne daB vor dem Seelenauge etwas sichtbar schwebt, die
miissen vorausgehen, bevor in einer richtigen Weise das folgen darf ,
was uns objektiv vor die Seele, zunachst in bildhafter Art, die gei-
stige Welt vor das geistige Auge stellt. Das geschieht dann in den
nachsten Szenen. Der Schmerz ist es, der zunachst den Menschen
ganz durchriittelt; die Gewalt des Impulses ist es, die davon her-
riihrt, daB er der Moglichkeit einer groBten Tauschung widersteht.
Das alles entwickelt sich zu einer Spannkraft in der Seele, welche
unser Schauen, wenn wir so sagen diirfen, umkehrt und das, was
vorher nur subjektiv war, mit der Gewalt des Objektiven vor unsere
Seele hintreten laBt.
Das, was Sie in den nachsten Szenen sehen, was mit spirituell-
realistischer Art zu schildern versucht ist, stellt dar, was der nach
und nach in die hoheren Welten Hinaufwachsende fuhlt als das
auBere Spiegelbild dessen, was er zuerst in seiner Seele selber an
Gefiihlen durchlebt hat, und was wahr ist, ohne daB derjenige, der
es erlebt, schon voll wissen kann, wieviel davon wahr ist. Da wird
der Mensch zunachst hinaufgefiihrt, zu sehen, wie die Zeit, in der
wir als Sinnesmenschen leben, in bezug auf ihre Ursachen und
Wirkungen iiberall angrenzt an anderes. Da sieht man nicht bloB
jenen kleinen Ausschnitt, den die Sinneswelt vorfiihrt, sondern da
lernt man begreifen, daB das, was uns in der Sinneswelt vor Augen
tritt, nur der Ausdruck eines Geistigen ist. Daher sieht Johannes
Thomasius mit seinem geistigen Auge den Mann, der ihm zuerst
auf dem physischen Plan entgegengetreten ist, Capesius, nicht wie
er jetzt ist, sondern wie er Jahrzehnte vorher war als junger Mann.
Und er sieht den anderen, den Strader, nicht in der Gestalt, die er
in der Gegenwart hat, sondern er sieht ihn prophetisch voraus, wie
er werden muB, wenn er sich in derselben Art weiterentwickelt, wie
er eben in jener Gegenwart ist. Erst dann verstehen wir den Augen-
blick, wenn wir diesen Augenblick iiber die Gegenwart hinauszu-
dehnen verstehen in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein.
Dann aber tritt uns entgegen dasjenige, woran wie mit Geistesfaden
alles Geschehen der Gegenwart hangt: dann tritt uns entgegen die
geistige Welt, mit der der Mensch immer in Beziehung ist, wenn er
es auch mit seinem auBeren physischen Verstand, mit seiner auBeren
Sinnlichkeit nicht zu durchschauen vermag.
Glauben Sie es mir, es ist nicht etwa ein Bild, nicht etwa ein
Symbol, es ist realistisch geschildert, wenn in der Szene, wo der
junge Capesius aus voller, fur die Sinneswelt berechtigter Herzens-
empfindung heraus seine Ideale entwickelt — die aber gegeniiber
der geistigen Welt das eine haben, daB sie eben bloB in der auBeren,
durch die Sinne wahrnehmbaren Welt wurzeln — , wenn da gezeigt
wird, daB das, was er und was Strader sagen, die Elemente aufriit-
telt, den Blitz und Donner entfesselt. Der Mensch ist kein isoliertes
Wesen. Das, was der Mensch in seinem Worte ausspricht, in seinem
Gedanken wirksam hat, was in des Menschen Gefiihlen lebt, das
steht mit dem ganzen Kosmos im Zusammenhang, und jedes Wort,
jedes Gefiihl, jeder Gedanke setzt sich fort. Ohne daB es der Mensch
weiB, ist sein Irrtum, sein falsches Gefiihl zerstorerisch in den Ele-
mentarreichen unseres Daseins. Und was sich dem, der den Weg
zur Erkenntnis geht, vor alien Dingen auf die Seele legt aus diesen
ersten Erfahrungen in der geistigen Welt heraus, das ist das groBe
Verantwortlichkeitsgefiihl, das uns sagt: « Was du als Mensch tust,
das ist nicht bloB auf dem isolierten Platze getan, auf dem sich
deine Lippen bewegen, auf dem du denkst, auf dem dein Herz
schlagt: das gehort der ganzen Welt an. Ist es fruchtbar, so ist es
fruchtbar in der ganzen Welt; ist es ein zerstorender Irrtum, so ist
es eine zerstdrende Kraft in der ganzen Welt.»
Alles das, was wir in dieser Weise durchleben konnen beim Auf-
stieg, das wirkt wiederum weiter in unserer Seele. Hat es in der
richtigen Weise gewirkt, dann drangt es uns hinauf in hohere Re-
gionen des geistigen Lebens, wie sie versucht worden sind zu schil-
dern in dem devachanischen Gebiete, in das die Seele der Maria mit
ihren Genossinnen dem Johannes Thomasius vorausgegangen ist.
Nehmen Sie es nicht als abstrakten Gedanken, sondern als eine
spirituelle Realitat, wenn ich sage, daB diese drei Helferinnen,
Philia, Astrid und Luna, die Krafte sind, die wir in abstracto, wenn
wir fiir den physischen Plan reden, als Empfindungsseele, Verstan-
desseele und BewuBtseinsseele bezeichneri. Aber geben Sie sich
nicht jener Illusion hin, daB damit etwas getan ist, wenn man in
einem kiinstlerisch gedachten Werk die einzelnen Gestalten mit
abstrakten BegrifTen zu symbolisieren versucht. So sind sie nicht
gemeint. Sie sind als reale Gestalten, als wirksame Krafte gedacht.
Sie finden im Devachan nicht etwa Tafeln, auf denen steht Emp-
findungsseele, Verstandesseele, BewuBtseinsseele; Sie finden dort
wirkliche Wesenheiten, so real fiir die Geisteswelt, wie nur immer
ein Mensch in Fleisch und Blut auf dem physischen Plan sein kann.
Der Mensch sollte sich bewuBt sein, daB er den Dingen ihren Reich-
turn nimmt, wenn er alles mit symbolischen Abstraktionen zu be-
legen versucht. Johannes Thomasius hat in der Welt, die er bis da-
hin durchschritten hat, nur das durchlebt, was man nennen konnte:
in Bildform breitete sich vor seinem Seelenauge aus die geistige
Welt. Ob er nun selbst als subjektive Wesenheit der Veranlasser ist
dieser Welt, ob sie eine in sich begriindete Wahrheit hat, das konnte
er bis dahin nicht entscheiden. Wieviel von dieser Welt Illusion,
wieviel Wirklichkeit ist, das muBte er erst in jenem hoheren Ge-
biete, in dem er der Seele der Maria begegnete, zur Entscheidung
bringen.
Denken Sie sich einmal, Sie wiirden in einer Nacht, wenn Sie
eingeschlafen sind, plotzlich in eine ganz andere Welt versetzt und
Sie konnten nichts, aber auch gar nichts in dieser anderen Welt
finden, was Ihnen einen Ankniipfungspunkt bote an das, was Sie
vorher schon erlebt haben. Da waren Sie iiberhaupt nicht derselbe
Mensch, dasselbe Wesen. Sie miissen die Moglichkeit haben, irgend
etwas hiniiberzunehmen in die andere Welt und es dort wiederzu-
schauen, so daB Ihnen die Wahrheit verbiirgt ist. Das kann man fur
die Geisteswelt nur dadurch, daB man sich schon in dieser Welt
einen festen Stiitzpunkt erwirbt, der einem Wahrheks-Sicherheit
gibt. In dramatischer Darstellung sollte das so gegeben werden, daB
Johannes Thomasius auf dem physischen Plane nicht nur mit seinen
Aifekten, mit seinen Leidenschaften, sondern mit seinen Herzens-
tiefen verbunden ist der Wesenheit der Maria, so daB er ein Geistig-
stes in dieser Verbindung erlebt schon auf dem physischen Plan.
Nur daher konnte das jener Schwerpunkt auch in der geistigen Welt
sein, von dem aus sich alles iibrige in der geistigen Welt bewahr-
heitet. Dadurch stromt Wahrheits-Sicherheit iiber alles iibrige in
der geistigen Welt aus, daB Johannes Thomasius einen Stiitzpunkt
findet, den er schon in der physischen Welt anders als durch die
bloBen Trugbilder der Sinnlichkek oder des Verstandes kennen-
gelernt hat. Dadurch verkniipfen sich ihm die beiden Welten, da-
durch wird er reif, in realer Weise sein Gedachtnis auszudehnen
iiber verflossene Lebenslaufe und damit seelisch hinauszuwachsen
iiber die Sinneswelt, wie sie uns umgibt.
Deshalb tritt an diesem Punkte etwas auf, was, wenn man so
sagen darf, ein gewisses Mysterium der geistigen Welt umschlieBt.
Theodora, die auf dem physischen Plan in die Zukunft sieht und
das bedeutsame Ereignis, vor dem wir stehen, die neue Erscheinung
der Christus-Gestalt, vorauszusehen in der Lage ist — auf dem gei-
stigen Plane ist sie fahig, die Bedeutung des Vergangenen vor die
Seele zu rufen. Alles muB, wenn es realistisch dargestellt wird, in
der spirituellen Welt so dargestellt werden, wie es wirklich ver-
lauft. Die Vergangenheit wird mit ihren Kraften in ihrer Bedeu-
tung fiir die Wesen, die im Devachan leben, dadurch bedeutsam,
daB die entgegengesetzten Krafte dort entfaltet werden, die wir hier
auf dem physischen Plan als prophetische Krafte wahrnehmen. Es
ist eine realistische Schilderung, daB die Theodora auf dem phy-
sischen Plan die Seherin in die Zukunft, auf dem geistigen Plan das
Gewissen und die Gedachtnis-Erweckerin fiir das Vergangene ist
und so jenen Moment herbeifiihrt, durch den Johannes Thomasius
in seine eigene Vergangenheit zuriickschaut, in der er schon verbun-
den war mit der Individualist der Maria. So ist er vorbereitet, dann
in seinem weiteren Leben alles das durchzumachen, was ihn zu
einem bewuBten Erkennen der geistigen Welt fuhrt. Und Sie sehen,
wie auf der einen Seite die Seele zu etwas ganz anderem wird, wenn
sie durchjSossen, durchstrdmt ist mit den Erfahrungen der geistigen
Welten, wie alle Dinge in einem neuen Licht erscheinen. Wie das,
was uns sonst Qualen und Schmerzen verursacht, wenn wir es als
anderes Selbst im eigenen Selbst erleben, uns Trost und Hoffnung
gibt, wie das Ausgeflossensein in die Welt uns groB und bedeutsam
macht; und wir sehen, wie der Mensch sozusagen hineinwachst in
jene Teile des Weltenalls. Wir sehen aber auch, wie der Mensch
durchaus nicht hochmiitig werden darf , wie der Irrtum, die Irrtums-
moglichkeit durchaus noch nicht von seiner Seite gewichen ist und
wie es moglich ist, daB Johannes Thomasius, der schon vieles, vieles
erkannt hat von den geistigen Welten, dennoch in dem Augenblick
geistig so empfinden konnte, als wenn der leibhafte Teufel zur
Tiir hereinkame, wahrend ihm sich nahert sein groBter Wohltater,
Benedictus.
Wie das moglich ist, so sind auf dem geistigen Plane unzahlige
Tauschungen der verschiedensten Art moglich. Das darf niemanden
kleinmiitig machen; das muB aber jeden so stimmen, daB er auf der
einen Seite die Vorsicht gebrauchen muB gegemiber der geistigen
Welt, daB er auf der anderen Seite mutvoll und kiihn auch der
Moglichkeit eines Irrtums entgegenschauen muB und keineswegs
kleinmiitig werden darf, wenn irgendwie sich etwas darbietet, was
wie ein irrtiimlkher Bericht aus einer geistigen Welt heraus sich
zeigt. Durch alle diese Dinge muB der Mensch ganz real durch-
gehen, wenn er sich wirklich dem nahern will, was man nennen
kann den Tempel der Erkenntnis, wenn er zum wirklichen Ver-
standnis derjenigen vier groBen Gewalten der Welt aufsteigen will,
welche das Weltenschicksal in einer gewissen Beziehung lenken
und leiten und die reprasentiert sind durch die vier Hierophanten
des Tempels.
Wenn wir ein Gefiihl davon erhalten, daB die Seele solches
durchmachen muB, ehe sie fahig ist, zu schauen, wie aus der gei-
stigen, aus der spirituellen Welt heraus die sinnliche flieBt, und
wenn wir uns so stimmen, daB wir die Urgriinde der Welt nicht in
banaler Weise mit alltaglichen Worten bezeichnen wollen, sondern
daB wir den inneren Wert der Worte uns erst aneignen wollen,
dann nur konnen wir eine Ahnung davon erhalten, wie die Urworte
gemeint sind, mit denen uns im Beginn der Bibel die Schopfung
charakterisiert wird. Wir miissen fuhlen, daB wir uns abgewohnen
mussen die gewohnliche Bedeutung, die wir in unserer Seele tragen
von den Worten «Himmel und Erde», «scha£Fen», «Licht und Fin-
sternis» und all den anderen Worten. Wir mussen uns abgewohnen
die Empfindungen, die wir im Alltage gegeniiber diesen Worten
hegen, und wir mussen uns ein wenig entschlieBen, fur diesen Vor-
tragszyklus neue Empfindungsnuancen, neue Wortwerte in unsere
Seele zu legen, damit wir nicht bloB das horen, was in den Ideen
liegt, sondern damit wir es so horen konnen, wie es gemeint ist und
wie es nur aufgefaBt werden kann, wenn wir dem, was aus dunklen
Weltgebieten zu uns hereinspricht, mit einer eigens dazu gestimm-
ten Seele begegnen.
In einer ganz kurzen Wortskizze versuchte ich Ihnen zu sagen,
was wir Ihnen gestern gezeigt hatten. DaB wir das unter verhaltnis-
maBig schwierigen Umstanden zeigen konnten, das war wiederum
nur moglich durch die treue, hingebungsvolle Arbeit vieler unserer
anthroposophischen Freunde. Und lassen Sie mich es auch ausspre-
chen, was mir das tiefste Herzensbediirfnis ist, daB ich selbst und
wohl alle, die etwas davon wissen, nicht genug danken konnen
alien, welche mit uns zusammen gearbeitet haben, um diesen Ver-
such, denn ein Versuch sollte es nur sein, einmal wagen zu diirfen.
Er wurde wirklich nicht unter den leichtesten Verhaltnissen gewagt;
es muBten diejenigen, die mitarbeiteten, dutch Wochen hindur ch und
insbesondere noch in der letzten Woche mit vollem Einsatz ihrer
Krafte arbeiten, hingebungsvoll arbeiten. Und wir diirfen es als
eine schone Errungenschaft unseres anthroposophischen Lebens be-
zeichnen, daB wir in unserer Mitte Kiinstler haben, welche uns jetzt
schon durch zwei Jahre hindurch txeu mit ihrer kiinstlerischen
Kraft zur Seite stehen. Da lassen Sie mich vor alien Dingen unseres
lieben Freundes Doser gedenken, der nicht nur im vorigen und in
diesem Jahre sich der schwierigen Aufgabe unterzogen hat, den
Phosphoros auf die Buhne zu bringen, sondern der es auch izber-
nommen hat, in diesem Jahre diejenige Gestalt darzustellen, die
mir ganz besonders auf dem Herzen lag und die fiir das, was wir
gestern zu zeigen versuchten, unendlich wichtig ist: die Gestalt des
Capesius. Vielleicht werden Sie erst nach und nach spiiren, warum
gerade diese Capesiusgestalt eine ganz besonders wichtige ist. Und
auch die andere Gestalt, die Gestalt des Strader, die unser lieber
Seiling brachte, der uns nun schon zwei Jahre treu zur Seite steht,
auch diese Gestalt ist insbesondere in diesem Zusammenhang von
groBer Wichtigkeit. Dabei darf ich nicht unerwahnt lassen, wie
unser lieber Herr Seiling durch seine ganz eigenartige Stimm-
begabung, ich kann sie nicht anders nennen, uns da zur Seite steht,
wo es sich darum handelt, sinnbildlich hereinspielen zu lassen die
geistige Welt in die physische. All das Liebe und herrlich Be-
friedigende, das Sie in den Geisterstimmen vernehmen konnten,
verdanken wir ja dieser ganz auBerordentlichen Begabung insbeson-
dere nach dieser Richtung hin.
Und es obliegt mir, vor alien Dingen zu danken denjenigen, die
in den Hauptrollen ihre voile Kraft eingesetzt haben, trotzdem sie
auf dem anthroposophischen Felde noch mancherlei anderes in
dieser Zeit und iiberhaupt die ganzen Jahre hindurch zu tun hatten.
Es darf gesagt werden, daB vielleicht nur auf anthroposophischem
Felde die Kraft so erwachsen kann, die Fraulein von Sivers instand
setzte, in zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei so groBe Rollen,
wie die Kleonis und die Maria es sind, auf die Bretter zu bringen.
Derlei ist nur moglich bei Einsetzung der vollen Krafte, die ein
Mensch einzusetzen hat. Und mit ganz besonders dankerfulltem
Herzen mochte ich der Darstellerin des Johannes Thomasius selbst
an diesem Orte gedenken, und es wird mir insbesondere eine tiefe
Befriedigung gewahren, wenn diese Gestalt des Johannes Thoma-
sius, in der ja sehr, sehr viel von dem, was wir anthroposophisches
Leben nennen, liegt, wenn diese Gestalt ein wenig verkniipft bleibt
mit der ersten Darstellerin dieses Johannes Thomasius. DaB das
iiberhaupt moglich geworden ist unter den hier nicht weiter zu
charakterisierenden schwierigen Umstanden, das ist nur der ganz
intensiven, hingebungsvoilen Art zu verdanken, welche unser liebes
Fraulein Waller fiir die anthroposophische Sache empfindet. Und
wenn ich Ihnen erzahlen wiirde, unter welchen Schwierigkeiten,
wegen der Kiirze der Zeit, Fraulein Waller sich in diese Rolle des
Johannes Thomasius hineinleben muBte, Sie wiirden wahrschein-
lich recht sehr erstaunen. Alle diese Dinge, die unter uns passieren,
die in unserer anthroposophischen Arbeit sich vollziehen, sie gehen
uns an, da wir in geistigem Sinn eine anthroposophische Familie
sind. Daher sollen wir uns denen zu Dank verpflichtet fuhlen, die
sich fiir uns alle in einer so hingebungsvoilen Weise soldier Auf-
gabe widmeten, einer Aufgabe, die in dieser Weise zu losen viel-
leicht — ich bitte immer wieder zu beriicksichtigen, daB der AuBen-
stehende die schwierigen Verhaltnisse gar nicht zu beurteilen ver-
mag — einer anderen Personlichkeit iiberhaupt nicht moglich gewe-
sen ware. Und an diesen Worten mogen Sie die ganze GroBe, die
Hingebung, die die Darsteller in den letzten Tagen und Wochen
entwickelt haben, erkennen und ermessen, wie berechtigt es ist,
auch von einem tiefen Danke gerade in diesem Augenblick hier zu
sprechen.
Ich wiirde lange, lange sprechen miissen, wenn ich all derer im
einzelnen gedenken wollte, die zu dieser Arbeit des gestrigen Tages
sich mit uns vereint haben. Lassen Sie einmal vor alien Dingen uns
des Mannes gedenken, der da, wo es in unseren Reihen gilt, etwas
im Sinne der Anthroposophie zu tun, immer mit dem, worauf es
ankommt, mit dem vollsten Herzen und seinem ganzen Konnen
auf dem Platze ist, lassen Sie uns unseres lieben Freundes Arenson
gedenken, der uns sowohl im vorigen Jahre wie auch diesmal mit
seinem schonen musikalischen Konnen unterstutzt hat und der es
moglich gemacht hat, da6 wir sowohl «Die Kinder des Luzifer»
wie auch das, was wir gestern versuchten, an den entsprechenden
Stellen in wiirdiger Weise uberleiten konnten in etwas, was nur aus
der Tonwelt heraus zu empfinden ist. Und lassen Sie mich gedenken
unserer lieben kunstlerischen Freunde hier in Miinchen. Sie hatten
reichlich Gelegenheit, in den beiden Tagen zu sehen, wie versucht
worden ist, alles auch fur das auBere Auge in Einklang zu bringen
mit dem gesprochenen Worte und der gehorten Musik. Sie haben
gesehen, wie bis auf den letzten Farbenfleck hin, bis auf die letzte
Form hin versucht worden ist, alles zu einer Einheit zu gestalten.
Wenn das in irgendeiner Weise moglich geworden ist, so danken
wir es der verstandnisvollen Art, mit welcher unsere kunstlerischen
Freunde hier, Herr Volkert, Herr Linde, unser lieber Herr HaJ3,
herzlichst bei allem, um was es sich handelte, mitarbeiteten, um
das, was getan werden sollte, in einer wiirdigen Art geschehen zu
lassen.
Und solche Dinge sind ja nur dann moglich, wie ich schon im
Eingang sagte, wenn jeder aus freiem hingebungsvollem Herzen
arbeitet. Auch in diesem Jahre darf in ganz besonderer Weise ge-
dacht werden der Arbeit, die kaum leicht uberschaut werden kann,
die aber durch Wochen einen ganzen Menschen, eine ganze Seele
und ein ganzes Herz in Anspruch nahm, der Arbeit, all das, was an
Kostiimen erf orderlich war, in der richtigen Weise zu erstellen. Und
das hat ebenso wie im vorigen Jahre auch diesmal ganz allein auf
unserem lieben Fraulein von Eckardtstein gelastet. Dem hat sie
sich gewidmet, und nicht nur mit Hingebung, sondern, worauf es
ankommt, auch mit intensivstem Verst'andnis fur alles einzelne und
fur alles GroBe, das man dabei niemals aus dem Auge verlieren darf.
Das alles sind aber nur kleine Andeutungen dessen, was, wie
gesagt, aus dem anthroposophischen Familiengefuhl heraus heute
einmal gesagt werden muBte, damit jeder einzelne von uns weiB,
wie dieses Zusammenarbeken und dieses Zusammenwirken gemeint
ist. Und wenn Sie vorgestern und gestern einige Befriedigung fur
Ihre Seele und fur Ihr Gemiit empfunden haben, dann lassen Sie
die Empfindungen, die Ihre Seele durchdringen, ein wenig hinstro-
men zu denen, deren Namen jetzt genannt worden sind, und zu
denjenigen, die Sie als Ihnen wohlbekannte Freunde auf der Biihne
gesehen haben.
Wir wollten mit diesem, wenn ich so sagen darf, Markstein
unseres anthroposophischen Wirkens gleichsam sagen, wie zu den-
ken ist das HineinflieBen der anthroposophischen Ideen, des anthro-
posophischen Lebens in die Kultur. Und ist die heutige Menschheit
audi noch nicht geneigt, in die iibrige auBere Kultur aufzunehmen
das, was aus dem spirituellen Leben flieBen kann, so mochten wir
wenigstens im kunstlerischen Bilde zeigen, wie Leben werden kann,
was uns an Gedanken, an innerem Leben in der Seele stromt und
uns in der Seele durchdringt. Entzunden konnen sich solche Ge-
fuhle an dem Vorgefiihle, daB die Menschheit dennoch aus ihrer
Gegenwart einer Zukunft entgegengehen wird, in der sie wird fuh-
len konnen das Herabstromen spirituellen Lebens durch die gei-
stigen und seelischen Adern des Menschen auf dem physischen
Plan; daB diese Menschheit entgegengehen wird einer Zeit, in der
sich der Mensch empfinden wird als Vermittler zwischen der gei-
stigen Welt und der physischen Welt. Und daB dieses Vorgefiihl
erwachen konne, dazu waren die Veranstaltungen gemacht.
Und wenn wir ein solches Vorgefiihl haben, dann werden wir
auch die Moglichkeit finden, abgebrauchte Worte, die den Men-
schen heute mit Empfindungswerten vor die Seele treten, die es ihm
unmoglich machen, ihren vollen Hinweis zu verstehen, wieder zu-
riickzuversetzen in ihr urspriingliches Licht, in ihren urspriinglichen
Glanz. Aber niemand wird verstehen das Monumentale, das in den
Worten liegt, die den Ausgangspunkt der Bibel bilden, wenn er den
Worten jene Pragung gibt, die sie heute haben. Wir werden selbst
in Gedanken hinaufsteigen miissen in die Hohen, zu denen wir
Johannes Thomasius versuchten hinaufsteigen zu lassen, dorthin,
wo spirituelles Leben pulst, wenn wir das physische Leben auf der
Erde verstehen wollen. In gewisser Beziehung muB in diesen gei-
stigen Welten in einer ganz anderen Sprache gesprochen werden.
Wir Menschen aber miissen den Worten, die uns hier zur Verfu-
gung stehen, wenigstens neue Werte, neue Empfindungsnuancen
geben konnen, etwas anderes verspiiren konnen, wenn sie bedeuten
sollen das, wovon uns die ersten Satze der Bibel sprechen, wenn
wir verstehen wollen den geistigen Ursprung unserer physischen
Welt.
ZWEITER VORTRAG
Miinchen, 17. August 1910
Wenn derjenige, welcher auf dem Boden der Geisteswissenschaft
steht und einiges von dem aufgenommen hat, was aus der Anthro-
posophie heraus iiber die Entwickelung unserer Welt gesagt werden
kann, vorzudringen vermag zu jenen gewaltigen Worten, die am
Ausgangspunkte unserer Bibel stehen, so sollte ihm etwas aufgehen
konnen wie eine vollig neue geistige Welt. Es ist wohl kaum irgend-
einem Dokumente der Menschheitsentwickelung gegeniiber die
Moglichkeit, sich von dem wahren Sinn zu entfernen, eine so groBe
wie bei diesem Dokumente, das man gewohnlich die Genesis, die
Beschreibung des sogenannten Sechs- oder Siebentagewerks nennt.
Wenn der moderne Mensch in irgendeiner Sprache, die jetzt dem
Menschen gelaufig sein kann, Worte in seiner Seele wachruft, wie
etwa, sagen wir in der deutschen Sprache, «Im Urbeginne schufen
die Gotter die Himmel und die Erde», so ist das, was in diesen
Worten liegt, kaum ein schwacher Abglanz, kaum ein Schattenbild
zu nennen von dem, was lebendig war in den Seelen derer, die im
hebraischen Altertum die Eingangsworte der Bibel auf sich haben
wirken lassen. Denn es kommt diesem Dokumente gegeniiber wahr-
lich zum allergeringsten Teil darauf an, daB wir imstande sind,
moderne Worte an die Stelle der alten zu setzen. Es kommt viel-
mehr darauf an, daB wir uns durch unsere anthroposophische Vor-
bereitung in den Stand setzen, wenigstens einiges von dem Stim-
mungsgehalt nachzufiihlen, der bei einem alten hebraischen Schiiler
im Herzen und in der Seele lebte, wenn er die Worte in sich leben-
dig machte: B'reschit bara elohim et haschamajim w'et ha'arez.
Eine ganze Welt lebte in den Augenblicken, da ihm solche Worte
durch die Seele zuckten. Was fur eine Welt? Womit konnen wir die
Innenwelt, die in der Seele eines solchen Schiilers lebte, verglei-
chen? Nur mit dem konnen wir sie vergleichen, was in der Seele
des Menschen vorgehen kann, der jene Bilder geschildert erhalt, die
der Seher erlebt, wenn er in die geistigen Welten selber hineinschaut.
Was wird uns denn schlieBlich geschildert in dem, was wir die
geisteswissenschaftliche Lehre nennen? Wir wissen, die Quellen
dieser Lehre sind die Ergebnisse des Sehertums, sind die lebendigen
Anschauungen, die der Seher empfangt, wenn er sich in seiner gan-
zen Auffassung freimacht von den Bedingungen der sinnlichen
Wahrnehmung und des an den physischen Leib gebundenen Ver-
standes, wenn er mit geistigen Organen in die geistige Welt hinein-
schaut. Das, was er da schaut in der geistigen Welt, er kann es,
wenn er es in die Sprachen der physischen Welt iibersetzen will, nur
in Bildern ausdriicken, aber in Bildern, welche, wenn die Fahigkeit
des seherhaften Darstellers hinreicht, in entsprechender Weise eine
Vorstellung davon hervorrufen konnen, was der Seher selbst er-
schaut in den geistigen Welten. Dann kommt allerdings etwas zu-
stande, was nicht verwechselt werden darf mit irgendeiner Beschrei-
bung von Dingen oder Ereignissen der physisch-sinnlichen Welt,
es kommt etwas zustande, bei dem man sich fortdauernd bewuBt
sein muB, daB man es mit einer ganz anderen Welt zu tun hat, mit
einer Welt, die der sinnlichen zwar zugrunde liegt, die aber im
eigentlichen Sinne sich in keiner Art deckt mit den Vorstellungen,
Eindrucken und Wahrnehmungen der gewohnlichen Sinneswelt.
Will man sich den Ursprung dieser unserer Sinneswelt ein-
schlieBlich des Menschen vor die Seele hinmalen, dann kann man
mk seinem Vorstellen nicht innerhalb der Sinneswelt verbleiben.
Alle Wissenschaften, welche zu den Urspriingen gehen wollen und
nichts mitbringen als Vorstellungen, die aus der Sinneswelt entnom-
men sind, konnen nicht zu den Urspriingen des sinnlichen Daseins
gelangen. Denn das sinnliche Dasein wurzelt in dem ubersinnlkhen
Dasein, und wir konnen zwar geschichtlich oder meinetwillen geo-
logisch eine lange Strecke weiter und immer weiter zuriickgehen;
wollen wir aber bis zu den Urspriingen dringen, dann miissen wir
uns bewuBt sein, daB wir von einem bestimmten Punkte ab in ur-
ferner Vergangenheit das Feld des Sinnlichen verlassen und hinauf-
dringen miissen in Gebiete, die nur ubersinnlich zu fassen sind.
Dasjenige, was man die Genesis nennt, beginnt nicht mit der Dar-
stellung irgendeines Sinnlichen, nicht mit der Darstellung von
irgend etwas, was Augen sehen konnten in der aufieren physischen
Welt. Und wir werden im Verlaufe der Vortrage uns hinlanglich
davon iiberzeugen, wie irrtiimlich es ware, wenn man die Worte der
ersten Partien der Genesis auf Dinge oder Ereignisse beziehen
wollte, die ein auBerliches Auge sehen kann, die wir erleben kon-
nen, wenn wir mit den aufieren Sinnesorganen unseren Umblick in
der Welt halten. Solange man daher mit den Worten «Himmel und
Erde» noch irgend etwas verbindet, was einen Rest enthalt von
sinnlich Sichtbarem, so lange ist man nicht da angekommen, wohin
die ersten Partien der Genesis zielen. In der Gegenwart ist es kaum
moglich, anders hineinzuleuchten in die Welt, auf die hiermit hin-
gedeutet wird, als durch die Geisteswissenschaft. Aber durch diese
Geisteswissenschaft gibt es in gewissem Sinne auch eine Moglich-
keit, heranzutreten an das, was man nennen mochte das Mysterium
der Urworte, mit denen die Bibel beginnt, und etwas nachzufuhlen
von dem, was in diesen Urworten liegt.
Worin besteht denn eigentlich das ganz Eigenartige dieser Ur-
worte? Wenn ich mich zunachst abstrakt ausdriicken darf, so mufi
ich sagen, es besteht darin, daB sie in hebraischer Sprache geschrie-
ben sind, in einer Sprache, die ganz anders auf die Seele wirkt, als
irgendeine moderne Sprache wirken kann. Wenn diese Sprache, in
der die ersten Partien der Bibel uns zunachst vorliegen, heute auch
nkht mehr so wirkt, einstmals hat sie so gewirkt, daB, wenn ein
Buchstabe durch die Seele lautete, ein Bild in ihr wachgerufen
wurde. Vor der Seele dessen, der mit lebendigem Anteil die Worte
auf sich wirken lieB, tauchten in einer gewissen Harmonie, ja in
einer organischen Form Bilder auf, die sich vergleichen lassen mit
dem, was der Seher heute noch sehen kann, wenn er von dem Sinn-
lichen zum Ubersinnlichen vorschreitet. Man mochte sagen, die
hebraische Sprache, oder besser gesagt die Sprache der ersten Par-
tien der Bibel, war eine Art von Mittel, aus der Seele herauszurufen
bildhafte Vorstellungen, welche nahe heranriickten an die Gesichte,
die der Seher erhalt, wenn er fahig wird, leibfrei zu schauen in die
ubersinnlichen Partien des Daseins.
Deshalb wird, urn diese gewaltigen Urworte der Menschheit
einigermaBen lebendig vor die Seele hinzustellen, notwendig sein,
daB man absieht von allem Schattenhaften, von allem Blassen, das
irgendeine moderne Spr ache in ihren Wirkungen auf die Seele hat,
und daB man sich einen Begriff verschafft von dem gewaltig Lebens-
vollen, dem Aufriittelnden und Schopferischen, das irgendeine Laut-
folge in dieser alten Sprache hatte. Und so ist es von unendlicher
Wichtigkeit, daB wir im Verlaufe dieser Vortrage auch versuchen,
ein wenig vor unsere Seele hinzustellen jene Bilder, die da auf-
tauchten in dem althebraischen Schiiler, wenn der betreffende Laut
schopferisch in seiner Seele wirkte und ein Bild vor diese Seele hin-
stellte. Sie sehen daraus, daB es einen ganz anderen Weg geben
muB, in diese Urkunde einzudringen, als alle die Wege, die heute
gewahlt werden, um irgendwelche alte Urkunden zu verstehen.
Damit habe ich einiges von den Gesichtspunkten angegeben,
welche uns leiten werden. Wir werden nur langsam und allmah-
lich vordringen konnen zu dem, was uns eine lebendige Vorstel-
lung dessen geben kann, was in dem althebraischen Weisen gelebt
hat, wenn er jene gewaltigsten Worte auf sich wirken lieB, die wir
als Worte wenigstens noch in der Welt haben. So wird es unsere
nachste Aufgabe sein, so wenig wie moglich an Bekanntes anzu-
kniipfen und so viel wie moglich uns freizumachen von alledem,
was wir bisher uns vorstellten, wenn wir von Himmel und Erde,
von Gottern, von Erschaffen und Schaffen und von einem Ur-
beginne sprechen. Und je mehr wir uns freimachen konnen von
dem, was wir bisher gefiihlt haben bei solchen Worten, desto besser
werden wir in den Geist eines Dokumentes eindringen, das aus ganz
anderen Seelenbedingungen heraus sich entwickelt hat, als sie in der
Gegenwart herrschen. Vor alien Dingen aber miissen wir uns dar-
iiber verstandigen, wovon wir denn eigentlich geisteswissenschaft-
lich reden, wenn wir von den Einleitungsworten der Bibel sprechen.
Sie wissen ja, aus dem, was heute der seherischen Forschung mog-
lich ist, konnen wir den Hergang, die Entwickelung unserer Erde
und des Menschendaseins in gewissem Sinn beschreiben. Und es ist
von mir versucht worden in meinem Buche «Die Geheimwissen-
schaft», aus den drei unserem Erdendasein vorausgehenden Stufen
der Entwickelung, aus dem Saturn-, Sonnen- und Mondendasein,
nach und nach das Erdendasein, die Erde, als den Schauplatz, als
den planetarischen Schauplatz des Menschen zu beschreiben. Und
Sie haben gewiB gegenwartig, wenigstens in groBen Ziigen, was da
beschrieben worden ist. Es fragt sich nun: Wohin sollen wir das
stellen, was mit dem gewaltigen B'reschit an unsere Seele heran-
riickt? Wohin sollen wir das stellen in unserer geisteswissenschaft-
lichen Beschreibung? Wohin gehort es?
Machen wir uns einmal klar in bezug auf einen gewissen Ge-
sichtspunkt, wie wir uns das Saturn-, Sonnen- und Mondendasein
vor Augen malen konnen. Wenn wir kurz den Blick zuriickwenden
auf den alten Saturn, dann steht er vor unserer Seele bildhaft als
ein Weltenkorper, der noch nichts von dem hat, was wir gewohnt
sind, das stoffliche Dasein urn uns herum zu nennen. Er ist ein
Weltenkorper, der von alledem, was wir in unserer Umgebung
haben, eigentlich nur das Element der Warme in sich hat. Warme
oder Feuer, in sich webendes Warmeelement, noch nichts von Luft,
nichts von Wasser, nichts von fester Erde ist zu finden auf dem
alten Saturn, so daB da, wo er am dichtesten ist, er lebende, we-
bende Warme ist. Und wir wissen, daB dann das Dasein vordringt
zum sogenannten Sonnendasein. Da haben wir dann zu der weben-
den, lebenden Warme eine Art luft- oder gasformiges Element
hinzukommend, und wir stellen uns bildhaft den planetarischen
Zustand der Sonne richtig vor, wenn wir uns ihn, soweit er als
elementarischer Zustand in Betracht kommt, denken als ein Inein-
anderweben und Ineinanderleben gasiger, luftformiger Elemente
und Warmeelemente. Wir haben dann als dritten Zustand in der
Entwickelung unseres Erdendaseins den sogenannten Monden-
zustand zu betrachten. Bei diesem kommt zur Warme und zur Luft
dasjenige hinzu, was wir den wasserigen elementarischen Zustand
nennen konnen. Noch nichts von dem, was wir in unserem heutigen
irdischen Dasein das erdige, das feste Element nennen, ist wahrend
dieses alten Mondenzustandes vorhanden. Aber ein Eigentiimliches
tritt auf wahrend dieses alten Mondendaseins: es teilt sich die frii-
here Einheit, in der unser planetarisches Dasein verlaufen ist. Wenn
wir auf den alten Saturn blicken, so erscheint er uns als eine Einheit
von in sich webender Warme, Noch die alte Sonne erscheint uns
als in sich webende Gas- und Warmeelemente. Wahrend des Mon-
dendaseins tritt eine Spaltung eines Sonnenhaften und eines Mond-
haften auf. Und erst dann, wenn wir zu der vierten Stufe unserer
planetarischen Entwkkelung kommen, sehen wir, wie zu den frii-
heren elementarischen Zustanden, zu dem feurigen oder warme-
haften, zu dem luftformigen, zu dem wasserigen Elemente das in
sich feste, das erdhafte Element hinzutritt. Damit dieses feste Ele-
ment in unserem planetarischen Dasein auftreten konnte, mufite
sich die Spaltung, die schon wahrend des Mondendaseins statt-
gefunden hatte, wiederholen. Das Sonnenhafte muBte noch einmal
herausgehen aus unserem planetarischen Erdenhaften. So daB wir
einen gewissen Zeitpunkt in der Entwkkelung unseres Planeten
haben, wo aus einem gemeinsamen planetarischen Zustande, in dem
noch ineinander verwoben sind die Elemente des Feuers, der Luft
und des Wassers, auseinandertreten das dichtere erdige Element und
das feinere luftartige Sonnenelement. Und nur in diesem Erdhaften
konnte sich das bilden, das sich verdichten, was wir heute als das
Feste bezeichnen.
Halten wir einmal diesen Moment fest, wo aus einem gemein-
samen planetarischen Verhaltnis das Sonnenhafte heraustritt und
fortan von auBen seine Krafte unserem Erdhaften zusendet. Halten
wir daran fest, daB damals auch die Moglichkeit gegeben war, daB
sich in dem Erdhaften das Feste, das, was wir heute im stofflichen
Sinne das Feste nennen, vorbereitete, sich in dem Erdhaften gleich-
sam verdichtete. Halten wir diesen Moment fest, dann haben wir
denjenigen Zeitpunkt, in dem die Genesis, die Bibel, einsetzt. Von
diesem Zustand spricht sie. Wir diirfen mit dem ersten Worte der
Genesis durchaus nicht verbinden jenes Abstrakte, Schattenhafte,
was man heute im Auge hat, wenn man etwa das Wort «Im An-
fang» oder «Im Urbeginne» ausspricht. Damit wiirde man gegen-
iiber dem, was der alte hebraische Weise empfand, etwas unsaglich
Armseliges zum Ausdruck bringen. Alles das, was man sich nur
vorstellen kann in jener Zweiheit, welche entstand durch die Aus-
einandergliederung des Sonnenhaften und des Erdhaften, alles das,
was sozusagen im Moment dieser Trennung vorhanden war, was
sich eben in die Zweiheit gliederte, alles das muB vor unserer Seele
auftauchen, wenn wir B'reschit, das «Im Anfang», «Im Urbeginn»
in der richtigen Weise vor unsere Seele hinstellen wollen. Und
nicht nur das allein darf in unserer Seele auftauchen, sondern wir
miissen uns bewuBt sein, daB in dieser ganzen Entwickelung, die
wir die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung nennen, geistige
Wesenheiten die Lenker und Leiter und auch die Trager der ganzen
Entwickelung waren, und daB dasjenige, was wir das Warme-, das
Luft-, das Wasserelement nennen, immer nur der auBere Ausdruck,
das auBere Kleid ist fur die geistigen Wesenheiten, die die Wirk-
lichkeit der Entwickelung sind. Auch dann, wenn wir hinblicken
auf jenen Zustand, der bei der Trennung des Sonnenhaften von
dem Erdenhaften vorhanden war, und uns ihn in einem von Stoffes-
vorstellungen erfullten Bilde denken, auch dann miissen wir uns
bewuBt sein, daB wir in alledem, was wir da unter dem Bilde des
elementarischen Wassers, der Luft, des Feuers vor unsere Seele hin-
malen, nur das Ausdrucksmittel fur webende Geistigkeit haben, fiir
webende Geistigkeit, die durch die vorangehenden drei Stufen,
durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenstufe, gestiegen ist und an
diesem Zeitpunkt, den ich eben charakterisiert habe, auf einer ge-
wissen Entwickelungsstufe ihres Daseins angelangt ist.
Stellen wir einmal vor unsere Seele dieses Bild von in sich weben-
dem wasserigem, luft- oder gasformigem und feurigem Elemente wie
eine gewaltige Weltenkugel, die sich auseinanderspaltet in ein son-
nenhaftes und in ein erdenhaftes Element; stellen wir uns aber vor,
daB alles das, was wir in diesem Elementarisch-Stofflichen in der
Vorstellung haben, nur das Ausdrucksmittel fiir Geistiges ist. Stel-
len wir uns vor, daB aus diesem Stoffgehause, das gewoben ist aus
einem wasserigen, luftformigen und einem Warmeelement, uns an-
blicken die Antlitze von geistigen Wesenheiten, die da drinnen
weben, die in diesem durch Stoffesvorstellungen fiir unsere Seele
reprasentierten Element sich manifestieren, sich offenbaren. Stellen
wir uns vor, daB wir geistige Wesenheiten vor uns haben, die uns
gleichsam ihr Antlitz zuwenden und die da arbeiten mit Hilfe von
Warme, Luft und Wasser, um Weltenkdrper durch die Kraft ihres
Geistig-Seelischen zu organisieren. Stellen wir uns einmal dieses
Bild vor!
Da haben wir das Bild einer elementarischen Hiille, einer Hiille,
die wir uns etwa vorstellen konnen wie ein Schneckenhaus, wenn
wir uns eine fecht grobe sinnliche Vorstellung bilden wollen, einer
Hiille aber, die nicht aus den festen Stoffen geformt ist wie das
Schneckenhaus, sondern die aus feinsten waBrigen, luft- oder gas-
formigen und feurigen Elementen gewoben ist. Da drinnen denken
wir uns ein Geistiges, das uns anblickt wie Antlitze, die gerade
durch diese Hiille sich offenbaren und eine Kraft der Offenbarung
selber sind, eine Kraft, die sozusagen aus dem ubersinnlich Verbor-
genen in das OfTenbare sich herausstachelt, wenn ich das Wort
gebrauchen darf.
Rufen Sie sich dieses Bild, das ich eben zu malen versuchte, vor
die Seele, dieses lebendige Weben eines Geistigen in einem Stoff-
lichen, und rufen Sie sich vor die Seele die innere seelische Kraft,
welche das Weben im Stoffe, das Organisieren im Stoffe bewirkt,
und sehen Sie einen Augenblick ab von allem iibrigen: dann haben
Sie vor sich das, was etwa in der Seele eines althebraischen Weisen
lebte, wenn die Laute B'reschit diese Seele durchdrangen. Bet, der
erste Buchstabe, rief hervor das stoffliche Weben des Gehauses,
Resch, der zweite Mitlaut, rief hervor das Antlitzhafte der geistigen
Wesenheiten, die in diesem Gehause drinnen woben, und Schin,
der dritte Laut, rief hervor die stachelige Kraft, die aus dem Inne-
ren sich emporarbeitet, um sich zu offenbaren.
So ungefahr kommen wir zu dem Prinzip, das solch einer Be-
schreibung zugrunde liegt. Und wenn wir zu diesem Prinzip vor-
dringen, dann konnen wir zugleich etwas empfinden von dem
Geiste dieser Sprache, die, wie gesagt, etwas Schopferisches in der
Seele hatte, wovon der moderne Mensch bei seinen abstrakten Spra-
chen gar keine Ahnung mehr hat.
Stellen wir uns jetzt einmal so recht in den Moment hinein, der
sozusagen vor der physischen Koagulierung, vor der physischen
Verdichtung unseres Erdendaseins liegt, denn so war der Moment,
den ich im Auge habe. Stellen wir uns diesen Moment recht leben-
dig vor, dann werden wir sagen miissen: Wollen wir das, was da
geschieht, beschreiben, dann diirfen wir nichts verwenden von all
den Vorstellungen, die wir anwenden, wenn wir heute die auBeren
Sinnesvorgange beschreiben wollen. — Daher ist es unendlich
dilettantisch, wenn man das zweite der Worte, mit denen wir es zu
tun haben in der Genesis, so auffaBt, daB man irgendeine auBere
Tatsache, und sei sie noch so sehr anklingend an das, was wir heute
unter «Schaffen» und «Sch6pfen» verstehen, an das Wort heran-
bringt. Damit kommen wir nicht an das zweite Wort der Genesis
heran. Wohin konnen wir uns nun wenden? Es ist mit diesem Worte
etwas gemeint, was in der Tat hart an die Grenze herantritt, wo das
Sinnlkhe unmittelbar schon in das Ubersinnlich-Geistige hinein
ubergeht. Und der Mensch, der sich eine Vorstellung von dem
machen will, was man so gewohnlich mit «schuf» ubersetzt: «Im
Urbeginne schufen die Gotter», der darf in keiner Weise dieses
Wort an irgend etwas heranbringen, was mit Augen, mit gewohn-
lichen sinnlichen Augen als eine schopferische Betatigung, als eine
hervorbringende Betatigung geschaut werden kann.
Schauen Sie, meine lieben Freunde, in Ihr Inneres. Versuchen
Sie sich einmal in eine Lage zu versetzen, so daB Sie etwa, sagen
wir, eine Weile geschlafen haben, dann aufwachen und, ohne daB
Sie den Blick auf eine auBere Tatsache richten, in sich auferwecken
durch die innere Seelentatigkeit gewisse Vorstellungen in Ihrer
Seek. Vergegenwartigen Sie sich diese innere Tatigkeit, dieses pro-
duktive Sinnen, das aus dem Seeleninneren einen Seeleninhalt her-
vorzaubert. Gebrauchen Sie meinetwillen das Wort «Ersinnen» fur
dieses Hervorzaubern eines Seeleninhaltes aus den Seelenunter-
griinden in das bewuBte Blickfeld Ihrer Seele hinein, und denken
Sie sich jetzt das, was der Mensch nur kann mit semen Vorstellun-
gen, als eine Tatigkeit, die nun wirklich kosmisch-schopferisch ist.
Denken Sie sich statt Ihres Sinnens, statt Ihres innerlichen denkeri-
schen Erlebens ein kosmisches Denken, dann haben Sie das, was in
diesem zweiten Worte der Genesis, bara, drinnen liegt. So geistig,
als Sie es nur denken konnen, so nahe Sie es nur heranbringen kon-
nen an das GedankenmaBige, das Sie sich in Ihrem eigenen Sinnen
vor Augen fiihren, so nahe Sie das nur heranbringen konnen!
Und jetzt stellen Sie sich vor, daB Sie wahrend dieses Sinnens in
der Seele gleichsam zweierlei Vorstellungsgruppen vor Ihre Seele hin-
leiten. Nehmen wir einmal, um moglichst deutlich eine solche fernlie-
gende Sache zu schildern, einen Menschen, der aufwacht und dem
zweierlei einfallt, der also zweierlei ersinnt. Das eine, was er ersinnt,
sei das Bild von irgendeiner Tatigkeit oder einem auBeren Ding oder
Wesen; das tritt nicht durch auBere Anschauung, nicht durch Wahr-
nehmung, sondern durch Sinnen, durch schopferische Tatigkeit der
Seele in das Blickfeld des BewuBtseins. Das aber, was als zwei-
ter Vorstellungskomplex auftreten soil bei einem so Aufwachenden,
das sei eine Begierde, irgend etwas, was der Mensch wollen kann
nach seiner ganzen Anlage und Seelenverfassung. So haben wir ein
vorstellungsmaBiges und ein begierdenhaftes Element, das auftaucht
vor unserer Seele durch inneres Sinnen. Nunmehr stellen Sie sich
statt der Menschenseele, die also in sich sinnt, dasjenige vor, was
in der Genesis die Elohim genannt wird. Denken Sie sich statt der
Einheit der Menschenseele eine Mehrheit sinnender geistiger Wesen-
heken, die aber in einer ahnlichen Weise aus ihrem Inneren her-
vorrufen durch Ersinnen zwei Komplexe, die ich vergleichen mochte
mit dem, was ich Ihnen eben beschrieben habe, mit einem rein vor-
stellungsm'aBigen und einem begierdenhaften Komplex. Wir den-
ken uns also statt der sinnenden Menschenseele eine kosmische
Organisation von Wesenheiten, die in sich in ahnlicher Weise wach-
rufen, nur daB ihr Sinnen ein kosmisches ist, zwei solche Komplexe,
einen vorstellungsartigen, das heiBt einen solchen, der irgend etwas
offenbart, der also nach auBen hin sich auslebt, der nach auBen hin
erscheint, und einen anderen Komplex, der begierdenhaft ist, der
durch innerliche Regsamkeit lebt, ein innerlich sich Regendes, ein
innerlich von Regsamkeit Durchsetztes. Wir denken uns also jene
kosmischen Wesenheiten, die als die Elohim bezeichnet werden, wir
denken sie uns so sinnend, und dieses Sinnen vergegenwartigen wir
uns bei dem Worte «sie schufen», bara. Und dann denken wir uns,
daB durch dieses schopferische Sinnen zwei solche Komplexe ent-
stehen, ein Komplex, der mehr darauf hingeht, ein sich auBerlich
Offenbarendes, ein nach auBen sich Kundgebendes zu sein, und ein
anderer Komplex, ein innerlich Regsames, ein innerlich Leben-
diges; dann haben wir ungefahr jene zwei Vorstellungskomplexe,
welche auftauchten in der Seele des althebraischen Weisen, wenn
die Worte, fur die heute «die Himmel und die Erde» stehen, seine
Seele durchklangen, haschamajim und ha'arez. Suchen wir womog-
lich zu vergessen, was der moderne Mensch unter Himmel und
Erde sich denkt, versuchen wir die beiden Vorstellungskomplexe
vor die Seele zu fuhren, den Komplex des nach auBen sich Kund-
gebenden, des sich Offenbarenden, den Komplex dessen, was da
drangt, nach auBen irgendwelche Wirkung hervorzurufen, und
jenen anderen Komplex des innerlich Regsamen, dessen, was sich
selbst im Inneren erleben will, was sich im Inneren lebendig regt,
dann haben wir das haschamajim und das andere Wort, ha'arez.
Und die Elohim selber — wir werden sie im Verlaufe der Vor-
trage noch genauer kennenlernen und sie ubersetzen in unsere
geisteswissenschaftliche Sprache, jetzt aber wollen wir versuchen,
einigermaBen an den Sinn der Urworte heranzudringen — , die Elo-
him selber, was sind sie fur Wesenheiten? Wer sich eine Vorstel-
lung machen will, was in der Seele des althebraischen Weisen lebte,
wenn er dieses Wort gebrauchte, der muB sich klar sein, daB in
jener Zeit ganz lebendig der Sinn dafiir vorhanden war, daB unsere
Erdenentwickelung eben einen bestimmten Sinn, ein bestimmtes
Ziel hat. Welches ist dieser Sinn, welches ist dieses Ziel unserer
Erdenentwickelung?
Unsere Erdenentwickelung hat einen Sinn, ein Ziel nur dann,
wenn innerhalb ihrer etwas auftritt, was vorher nicht da war. Eine
ewige Wiederholung, eine Wiederkehr dessen, was schon da war,
ware ein sinnloses Dasein, und als ein solches sinnloses E>asein
hatte vor alien Dingen der althebraische Weise die Erdengenesis
empfunden, wenn er nicht hatte denken konnen, daB die Erde,
nachdem sie sich herausentwickelt hat aus anderen Zustanden,
etwas Neues, gegeniiber allem Friiheren Neues bringen musse.
Durch dieses Erdendasein wurde ein Neues moglich: daB namlich
der Mensch gerade so wurde, wie er innerhalb des Erdendaseins sich
zeigt. So wie der Mensch innerhalb des Erdendaseins auftritt als das
Wesen, das er heute schon ist, als das Wesen, zu dem er sich ent-
wickeln wird in immer weiter und weitergehender Zukunft, so war
dieser Mensch in alien friiheren Entwickelungsstadien nicht vor-
handen, so war er auch in den friiheren Entwickelungsstadien nicht
moglich. Und anders geartet als der Mensch — wir wollen jetzt
nicht den Begriff des Niederen und des Hoheren einfuhren — waren
diejenigen geistigen Wesenheiten, welche die auBere Entwickelung
fiihrten und trugen, die wir als Saturn-, Sonnen- und Mondenent-
wickelung bezeichnen. Jene Wesenheiten, die da woben in den
elementarischen Daseinsstufen des Feurigen, Gasigen, WaBrigen,
die da woben ein Saturn-, ein Sonnen-, ein Mondendasein, die da
woben an dem Beginn des Erdendaseins, wie lernen wir sie am
besten in bezug auf ihre Wesenheit kennen? Wie kommen wir
ihnen nahe?
Wir miiBten allerdings vieles, vieles beschreiben, wenn wir die-
sen Wesenheiten einigermaBen nahekommen wollten. Wir konnen
sie aber nach einer Seite hin zunachst kennen lernen, und das wird
geniigen, urn uns wenigstens einen Schritt naher zu bringen dem
gewaltigen Sinn der biblischen Urworte. Wir wollen sie einmal
betrachten, diese Wesenheiten, die dem Menschen in gewisser Be-
ziehung am nachsten standen, als er selbst herausgebildet wurde
aus dem, was sich heranentwickelt hatte aus dem alten Saturn-,
Sonnen- und Mondendasein. Wir wollen sie einmal befragen, diese
Wesenheiten, nach dem, was sie eigentlich wollten. Wir wollen sie
nach ihrem Willen befragen, nach ihrer Absicht gleichsam. Dann
werden wir wenigstens eine kleine Vorstellung von ihrer Wesenheit
erhalten konnen. Was wollten sie, diese Wesenheiten? — Sie konn-
ten vieles, sie hatten sich ein Konnen im Verlaufe der Entwicke-
lung, die sie durchgemacht hatten, nach der einen oder anderen
Richtung erworben. Der eine konnte dies, der andere jenes. Aber
wir stellen uns ihr Wesen am besten vor, wenn wir uns sagen: In
jenem Zeitpunkt, den wir eben ins Auge gefaBt haben, wirkte in
einer Gruppe von solchen Wesenheiten ein gemeinsames Ziel, ein
gemeinsames Motiv. — Es ist auf einer hoheren Stufe etwa so, wie
wenn eine Gruppe von Menschen heute zusammenkame, von denen
jeder eine bestimmte Geschicklichkeit hat. Ein jeder von ihnen
kann etwas, und nun sagen sie sich gegenseitig: Du kannst dies, ich
kann das, der dritte jenes. Wir wollen alle unsere Tatigkeiten jetzt
2usammenflieJ3en lassen, urn ein gemeinsames Werk zu tun, wo
eines jeden Tatigkeit angebracht werden kann. — Nehmen wir also
eine solche Gruppe von Menschen an, von denen ein jeder etwas
anderes kann, die aber ein gemeinsames Ziel haben. Das, was da
entstehen soil, ist noch nicht da. Die Einheit, an der sie arbeiten,
lebt zunachst iiberhaupt erst als Ziel, sie ist noch gar nicht vorhan-
den. Es ist eine Vielheit da, die Einheit lebt zunachst als ein Ideal.
Nun denken Sie sich eine Gruppe von geistigen Wesenheiten, die
sich entwickelt haben durch Saturn, Sonne und Mond, von denen
eine jede etwas ganz Bestimmtes kann, und die in dem Moment,
den ich charakterisiert habe, den EntschluB fassen: Wir wollen
unsere Tatigkeiten gruppieren zu einem gemeinsamen Ziel, wir
wollen uns eine einheitliche Richtung geben. — Und vor dem Blick
eines jeden tauchte das Bild dieses Zieles auf. Und was war das
Ziel? Der Mensch, der Erdenmensch.
So lebte der Erdenmensch als Ziel in einer Gruppe von gottlich-
geistigen Wesenheiten, die beschlossen hatten, ihre verschiedenen
Kiinste zusammenwirken zu lassen, um das zu erreichen, was sie
selber gar nicht hatten, was ihnen selber nicht eignete, was sie aber
hervorbringen konnten durch gemeinschaftliche Arbeit. Wenn Sie
das alles nehmen, was ich Ihnen beschrieben habe als elementa-
rische Hulle, als darin wirkende, kosmisch sinnende, geistige Wesen-
heiten, als zwei Komplexe, einen begierdenhaften, innerlich reg-
samen und einen nach auBen sich off enbarenden, wenn Sie das alles
nehmen und dann jenen geistigen Wesenheiten, die gleichsam aus
dem Elementarischen heraus mit ihrem Antlitz blicken, dieses ge-
meinsame Ziel zuschreiben, das ich soeben charakterisiert habe,
dann haben Sie das, was da lebte in dem Herzen eines althebraischen
Weisen bei dem Worte Elohim. Und jetzt haben wir in bildhafter
Weise zusammengetragen, was in diesen allgewaltigen Urworten lebt.
Vergessen wir also zunachst einmal alles das, was ein moderner
Mensch fuhlen und denken kann, wenn er ausspricht die Worte
«Im Urbeginne schufen die Gotter die Himmel und die Erde». Ver-
suchen wir unter Beriicksichtigung alles dessen, was heute gesagt
worden ist, vor unser Auge folgendes Bild hinzustellen: Da ist
webendes elementarisches Element, darinnen webt Feuriges, Gas-
formiges, Wasseriges. Innerhalb dieses Elementarischen, Wirk-
samen, Webenden leben geistige Wesenheiten, eine Gruppe von
geistigen Wesenheiten, die sinnen. Im produktiven Sinnen sind sie
begriffen, und durch ihr produktives Sinnen hindurch dringt das
Ziel, zum Menschenbild hin die ganze Wirksamkeit zu lenken. Und
als erstes tritt auf aus diesem Sinnen die Vorstellung eines sich nach
aufien OfTenbarenden, sich Kundgebenden, und eines innerlich Reg-
samen, eines innerlich in sich Belebten: In dem elementarischen
Gehause ersannen die Urgeister das nach aui3en hin Erscheinende,
das nach innen Regsame.
Versuchen Sie einmal, in diesen Worten sich zu vergegenw'arti-
gen, was in der ersten Zeile der Bibel gesagt wird, dann werden
Sie die Grundlage haben fur das, was wir in den weiteren Tagen
uns vor die Seele zu fiihren haben als den wahren Sinn dieser all-
gewaltigen Urworte, durch die der Menschheit ein GroBtes, nam-
lich ihr eigener Ursprung, geoffenbart ist.
DRITTER VORTRAG
Miinchen, 18. August 1910
Bei mancherlei von dem, was in diesem Vortragszyklus gesagt wer-
den muB und was iiberhaupt im Verlaufe unserer anthroposophi-
schen Unterredungen zur Sprache kommt, konnte es scheinen,
namentlich der AuBenwelt, die noch wenig bekannt ist mit den
Empfmdungen, die in unseren Kreisen herrschen, als ob es mir
eine gewisse Befriedigung und Freude machte, wenn ich gedrangt
bin, dieses oder jenes scheinbar im Gegensatz zu der modernen
Wissenschaft zu sagen. Ich mochte wirklich gerade in diesem Punkt
nicht gern mifiverstanden sein. Sie diirfen alle iiberzeugt davon
sein, daJ3 es mich stets eine harte Uberwindung kostet, mich in
Gegensatz zu stellen zu dem, was man heute wissenschaftliche Be-
hauptung nennt, und daB ich es an keinem anderen Punkte jemals
tun wiirde ais da, wo es mir genau moglkh ist, selbst das wirklich
zu entwickeln, was Wissenschaft heute zu sagen hat in bezug auf
das jeweilig in Rede Stehende. Ich futile das Verantwortlichkeits-
gefiihl, nichts vorzubringen im Gegensatz zur modernen Wissen-
schaft, wo es mir nicht auch moglich ware, uberall anzufiihren,
was diese moderne Wissenschaft in dem betreffenden Punkte zu
sagen hat. Und man kann sich, wenn man von diesem Gesichts-
punkte ausgeht, solch wichtigen Kapiteln wie das, was wir in die-
sen Tagen zu besprechen haben, nur nahern, wenn man es tut mit
einer gewissen heiligen Scheu und eben mit einem entsprechenden
Verantwortlichkeitsgefuhl.
Es muB ja leider gesagt werden, daB in bezug auf Fragen, die
dabei beriicksichtigt werden miissen, moderne Wissenschaft ganz
und gar versagen muB, daB moderne Wissenschafter nicht einmal
in der Lage sind, zu wissen, warum ihre Ausgangspunkte versagen
miissen, daB sie nicht in der Lage sind einzusehen, warum den wirk-
lichen, groBen Fragen des Lebens und des Daseins gegeniiber ge-
rade moderne Wissenschaft so intensiv dilettantisch sein muB, wie
nur irgend moglich ist. Also ich bitte Sie recht sehr, das, was gesagt
wird, immer so aufzunehmen, daB im Hintergrunde ein voiles Be-
wuBtsein von alledem steht, was in dem betreffenden Punkte
moderne Wissenschaft zu sagen hatte. Nur kann natiirlkh in einer
kurzen Vortragsreihe nicht verlangt werden, daB etwa polemisch
in den Einzelheken alles beriicksichtigt werde, was zur Wider-
legung dieser oder jener modernen Anschauung iiber den betreffen-
den Punkt zu sagen ware. Ich muB mich so viel als irgend moglich
auf das Positive beschranken und darauf vertrauen, daB in einem
Kreise von Anthroposophen die Voraussetzung, die ich eben ge-
macht habe, wirklich auch in alien Einzelheiten gemacht wird.
Ich versuchte Ihnen gestern zu zeigen, wie jene urgewaltigen
Worte, die am Ausgangspunkte der Bibel stehen und die uns in
einer Sprache vorliegen, die ganz anderer Natur ist als die moder-
nen Sprachen, wie diese urgewaltigen Worte nur dann richtig ge-
deutet werden konnen, wenn wir versuchen, alles das zu vergessen,
was in unseren Empflndungen, in unseren Gefiihlen auflebt bei den
gebrauchlichen Ubersetzungen und Ubertragungen dieser Worte in
moderne Sprache. Denn die Sprache, in der urspriinglich diese ur-
gewaltigen Schopfungsworte uns gegeben sind, hat wirklich die
Eigentiimlichkeit, daB sie durch den Charakter ihrer Laute Herz
und Sinn hinlenkt zu den Bildern, die vor dem Seherauge auftau-
chen, wenn es sich hinrichtet auf den Punkt, wo aus dem Ubersinn-
lichen das Sinnliche unserer Welt hervorquillt. Und es liegt eine
Gewalt und eine Kraft in alien einzelnen Lauten, in denen, wenn
wir so sagen durfen, der Urbeginn unseres Erdendaseins vor uns
hingestellt wird. Wir werden noch ofter im Verlaufe dieser Vor-
trage gerade auf den Charakter dieser Sprache hinzuweisen haben.
Heute aber mochte ich auf einiges fur uns zunachst notwendige
Sachliche eingehen.
Sie wissen ja, daB in der Bibel nach den Worten, die ich gestern
versuchte ein wenig im Bilde vor Ihre Seele hinzumalen, Eigen-
schaften von dem einen Komplex stehen, der da auftauchte aus
dem gottlichen Sinnen, aus dem produktiven Sinnen heraus. Ich
sagte Ihnen, daB wir uns vorzustellen haben, daB wie aus einer kos-
mischen Erinnerung heraus zwei Komplexe auftauchten. Der eine
war ein Komplex, der sich etwa vergleichen laJ3t mit dem Vorstel-
lungscharakter, der in uns auftauchen kann, der andere war ein
Komplex, der mit einem Begierden- oder Willenscharakter ver-
glichen werden kann. Der eine enthalt alles das, was sich nach
auBen offenbaren, ankiindigen will, gleichsam nach auBen hin kraf-
ten will, haschamajim. Der andere Komplex, ha'arez, enthalt das
innerlich Regsame, das innerlich von Begehren Durchdrungene, das
innerlich Belebende, sich Regende. Von diesem innerlich Beleben-
den, sich Regenden werden uns dann Eigenschaften angefiihrt, und
diese Eigenschaften werden in der Bibel angedeutet mit charakteri-
stischen Lautcharakteren. Es wird uns gesagt, daB dieses sich inner-
lich Regende in einem Zustand war, der bezeichnet wird als tohu
wabohu, was in der deutschen Sprache gewohnlich ja wieder-
gegeben wird mit «wiiste und wkr». Verstehen aber konnen wir es
nur dann, wenn wir uns wiederum genau den bildhaften Charakter
dessen vor Augen malen, was eigentlich mit dem tohu wabohu ge-
meint ist. Und wir kommen nur darauf, was gemeint ist, wenn wir
aus unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus uns ver-
gegenwartigen, was da eigentlich, sagen wir, im Raume durch-
einanderwogte, als alles das, was friiher durchschritten. hatte das
Saturn-, Sonnen- und Mondendasein, als das Erdendasein, als plane-
tarischer Erdenzustand wieder auftauchte.
Ich machte Sie gestern darauf aufmerksam, daB das, was wir den
festen Zustand nennen, also was einen Widerstand auf unsere Sinne
ausiibt, wahrend des Saturn-, Sonnen- und Mondenzustandes noch
nicht vorhanden war, daB da nur das Element des Feurigen oder der
Warme, das Element des Gasigen oder Luftformigen und das Ele-
ment des Wasserigen vorhanden war. Und im Grunde genommen
fiigt sich erst mit dem Aufgehen des planetarischen Erdenzustan-
des das Feste zu den friiheren elementarischen Zustanden hinzu.
Also in jenem Moment, wo das ins Dasein trat, was wir gestern
charakterisiert haben, wo auch sozusagen die Tendenz auftritt, daB
sich das Sonnenhafte von dem Erdhaften abspaltet, da haben wir,
wenn wir das elementarische Weben ins Auge fassen, es mit einem
sich gegehseitig Durchdringen der Elemente Warme, Luf t und Was-
ser zu tun. Das wogte und webte durcheinander. Wie das zunachst
durcheinanderwogte und -webte, wie wir es uns vorzustellen haben,
wenn wir es uns vor den geistigen Sinn hinmalen, das deuten uns
diese Worte an, die im Deutschen etwa wiedergegeben werden mit
«wiiste und wirr», aber natiirlich nur in ganz ungenauer Weise,
und die pragnant bezeichnet werden durch das, was die Lautzusam-
menfiigung ist tohu wabohu. Denn was bedeutet dieses tohu wabohu?
Wenn wir uns bildhaft vor die Seele fuhren, was in der Seele an-
geregt werden kann durch diese Laute, dann ist es etwa das Folgende.
Der Laut, der da unserem T sich vergleichen lafit, der regt an ein
Bild des Auseinanderkraftens von einem Mittelpunkt nach alien
Seiten des Raumes, nach alien Richtungen des Raumes. Also in
dem Augenblick, wo man den T-Laut anschlagt, wird angeregt das
Bild von einem aus dem Mittelpunkt nach alien Richtungen des
Raumes Auseinanderkraften, ins Unbegrenzte hin Auseinanderkraf-
ten. So da!3 wir uns also vorzustellen haben das Ineinandergewoben-
sein der Elemente Warme, Luft und Wasser und da drinnen ein
Auseinanderkraften wie von einem Mittelpunkt aus nach alien Sei-
ten, und wir wiirden dieses Auseinanderkraften haben, wenn nur
der erste Teil des Lautgefiiges da ware, tohu. Der zweite Teil, was
soil er ergeben? Er ergibt nun genau das Entgegengesetzte von
dem, was ich eben gesagt habe. Der regt an durch semen Laut-
charakter — durch alles das, was wach wird in der Seele bei dem
Buchstaben, der sich mit unserem B vergleichen laBt, Bet — , der
regt an alles das, was Sie im Bilde bekommen, wenn Sie sich eine
m'achtig groBe Kugel, eine Hohlkugel denken, sich selbst im Inne-
ren vorstellen und nun von alien Punkten, von alien inneren Punk-
ten dieser Hohlkugel wiederum Strahlen nach innen sich denken,
nach dem Mittelpunkt hereinstrahlend. Also Sie denken sich dieses
Bild, einen Punkt inmitten des Raumes, von da aus Krafte nach
alien Richtungen des Raumes ausstrahlend, tohu; diese Strahlen
sich gleichsam an einem auBeren Kugelgehause verfangend, zu-
riickstrahlend in sich selber, von alien Richtungen des Raumes wie-
der zuriick, dann haben Sie das bohu. Dann, wenn Sie sich diese
Vorstellung machen und sich all die Kraftstrahlen erfiillt denken
von dem, was gegeben ist in den drei elementarischen Wesenheiten
Warme, Luft und Wasser, wenn Sie sich diese Kraftstrahlen den-
ken, wie sie sich gleichsam in diesen drei durcheinanderwogenden
Elementen bilden, dann haben Sie die Charakteristik dessen, was
das innerlich Regsame ist. So also wird uns durch diese Lautzusam-
menstellung die Art angedeutet, wie das elementarische Dasein
dirigiert wird durch die Elohim.
Was ist denn aber mit dem Ganzen jetzt iiberhaupt gesagt? Wir
werden nicht den ganzen groBartigen dramatischen Vorgang der
sieben Schopfungstage verstehen, wenn wir uns diese Einzelheiten
nicht vor die Seele fiihren. Fiihren wir sie uns vor die Seele, dann
wird uns das Ganze als ein wunderbares, gewaltiges kosmisches
Drama erscheinen. Was soil eigentlkh gesagt werden? Da erinnern
wir uns noch einmal daran, daB wir es in all dem, was zum Bei-
spiel durch das Zeitwort bara gemeint ist — in den Urbeginnen
«schufen» die Gotter — mit einer seelisch-geistigen Tatigkeit zu
tun haben. Ich verglich das gestern damit, daB innerhalb der Seele
Vorstellungskomplexe heraufgerufen werden. So denken wir uns in
den Raum hineingelagert die Elohim, und wir denken uns das, was
angedeutet ist mit «schuf», bara, als eine kosmisch-seelische Tatig-
keit eines Ersinnens. Was sie ersinnen, das ist dann angegeben mit
haschamajim und ha'arez, das nach aufien Strahlende und das inner-
lich Regsame. Aber jetzt wird auf etwas anderes Bedeutsames hin-
gewiesen. Versetzen Sie sich, damit Sie einen moglichst guten Ver-
gleich haben, in den Zustand des Aufwachens. Es dringen in Ihre
Seele herauf Vorstellungskomplexe. So dringen in der Seele der
Elohim herauf haschamajim und ha'arez.
Nun wissen wir aber, das haben wir ja schon gestern hervor-
gehoben, daB diese Elohim heriiberkamen in ihrer eigenen Ent-
wickelung von dem Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand. So war
das, was sie ersannen, wirklich in einer ahnlichen Lage wie Ihre
Vorstellungskomplexe, wenn Sie aufwachen und sie in Ihre Seele
heraufrufen. Dann konnen Sie sie gleichsam seelisch-geistig an-
schauen, Sie konnen sagen, wie sie sind. Sie konnen sagen: Wenn
ich am Morgen aufwache und wiederfinde, was friiher in meiner
Seele sich gelagert hat und was ich mir heraufrufe, dann kann ich
beschreiben, wie es ist. — So konnte fur die Elohim beschrieben wer-
den, was sich jetzt ergab, nachdem sie etwa, wenn ich es sehr grob
ausdriicken wiirde, sich sagten: Wir wollen jetzt einmal ersinnen,
was in unsere Seele tritt, wenn wir uns alies das zuruckrufen, was
wahrend des alten Saturn-, Sonnen- und Mondenzustandes sich zu-
getragen hat. Wir wollen sehen, wie das in der Erinnerung sich
ausnimrnt. — Und es nahm sich so aus, daB es bezeichnet wird mit
den Worten tohu wabohu, daJ3 es bezeichnet werden konnte durch
ein Bild, wie ich es eben jetzt schilderte mit den Strahlen, die von
einem Mittelpunkt ausgehen in den Raum hinaus und wieder
zuriick, so daB die Elemente in diesen Kraftstrahlen ineinander-
wogen. Also konnten die Elohim etwa sagen: So also nimmt es sich
aus, nachdem wir es bis zu diesem Punkt gefiihrt haben. So hat es
sich wieder hergestellt.
Nun aber, um das Folgende zu verstehen, was in den modernen
Sprachen gewohnlich so ausgedriickt wird: «Finsternis war iiber
den flutenden Stoffen» oder «iiber den Wassern», um das zu ver-
stehen, miissen wir uns noch ein anderes vor Augen fiihren. Wir
miissen den Blick wiederum zuriickwenden auf den Hergang der
Entwickelung, bevor das Erdendasein gekommen war.
Da haben wir zuerst das Saturndasein hereinwebend im feuri-
gen Element. Dann kommt dazu das Sonnendasein mit dem luft-
artigen Element. Sie konnen es aber in meiner «Geheimwissen-
schaft» nachlesen, daB mit diesem Hinzukommen der Luft noch
ein anderes verkniipft ist. Es kommt ja nicht nur zu dem Warme-
element das gasige oder luftformige Element hinzu. Das ist sozu-
sagen die Vergroberung des Warmeelementes. Das feine Warme-
element des alten Saturn vergrobert sich zu dem gasigen Elemente.
Aber ein jedes solches Vergrobern ist verbunden mit dem Hervor-
gehen eines Feineren. Wenn das Vergrobern zu dem gasigen Ele-
ment gleichsam ein Heruntersteigen ist, so ist auf der anderen Seke
das Hinaufsteigen zu dem Lichtelement gegeben. So daB, wenn wir
von dem alten Saturn zur alten Sonne heriiberkommen, wir sagen
miissen: Der alte Saturn ist noch ganz im Warmeelement webend;
wahrend des Sonnenzustandes kommt dazu etwas Verdichtetes, das
Gasige, dann aber auch das Lichtelement, das da macht, daB sich
die Warme und das Gasige nach auBen hin erstrahlend offenbaren
kann.
Wenn wir nun den einen der Komplexe nehmen, die da auftreten,
denjenigen, der angedeutet wird mit ha'arez, das, was gewohnlich
iibersetzt wird mit «Erde», und beachten, daB die Elohim, nachdem
sie sich erinnert hatten, ihn ins Seelenauge faBten, dann miissen
wir uns fragen: Wie muBten sie ihn bezeichnen? — Sie konnten ihn
nicht so bezeichnen, daB in ihm jetzt wieder aufgelebt hat, was
schon in der alten Sonne war. Es fehlte das Lichtelement. Das
hatte sich abgesondert. Dadurch war ha'arez einseitig geworden. Es
hatte das Licht nicht mitgenommen, sondern nur die dichteren Ele-
mente, das waBrige, das luftformige und das Warmeelement. Es
fehlte das Licht allerdings nicht in dem, was mit haschamajim an-
gedeutet wird, aber haschamajim ist das Sonnenhafte, das sich her-
ausbewegt aus dem anderen Komplex. In diesem anderen Komplex
fehltcri die Verfeinerungen der Elemente, fehlte das Licht. So daB
wir sagen konnen: In dem einen der Komplexe wogten so, wie wir
es eben mit dem tohu wabohu bezeichnet haben, durcheinander die
Warme-, Luft- und Wasserelemente. Und sie waren entbloBt; ihnen
fehlte, was im alten Sonnendasein in die Entwickelung eingetreten
ist, das Lichtelement. Sie waren also dunkel geblieben, sie hatten
nichts Sonnenhaftes. Das war mit dem haschamajim herausgezogen
aus ihnen. So bedeutet also der Fortschritt zur Erdenentwickelung
nichts anderes als: Dasjenige, was als Licht in dem alten Sonnen-
haften enthalten war, solange dieses noch mit dem verbunden war,
was wir Erde nennen, das war herausgezogen, und ein dunkles Ge-
webe der Elemente Warme, Luft und Wasser war als das ha'arez
zuriickgeblieben.
Damit haben wir also das, was die Elohim ersannen, noch genauer
vor unsere Seele hingestellt. Wir werden es uns aber niemals in der
richtigen Weise vorstellen konnen, wenn wir uns nicht immer
bewuBt bleiben, daB alles das, was wir als elementarisches Dasein
bezeichnen, Luft, Wasser und auch Warme, im Grunde genommen
auch die auBere Ausdrucksform von geistigen Wesenheiten ist. Es
ist nicht ganz richtig, zu sagen das Kleid, man muB es vielmehr als
eine auBere Kundgebung auffassen. Also alles, was man so bezeich-
net als Luft, Wasser, Warme, ist im Grunde genommen Maja,
Illusion, ist zunachst nur fur den auBeren Anblick, auch des Seelen-
auges, vorhanden. In Wahrheit, wenn man auf seine eigentliche
Wesenheit eingeht, ist es Seelisch-Geistiges, ist es auBere Ankiindi-
gung des Seelisch-Geistigen der Elohim. Wenn wir aber diese Elohim
betrachten, dann diirfen wir sie uns noch nicht irgend menschen-
ahnlich vorstellen, denn das war ja gerade ihr Ziel, den Menschen
zu gestalten, den Menschen ins Dasein zu rufen in seiner eigen-
artigen Organisation, die eben jetzt von ihnen ersonnen ist. Mensch-
lich also diirfen wir sie uns nicht denken. Wohl aber miissen wir in
gewisser Beziehung bei diesen Elohim schon eine Art von Schei-
dung in ihrer Wesenheit ins Auge fassen. Wenn wir heute vom
Menschen sprechen, so konnen wir ihn ja gar nicht verstehen, wenn
wir seine Wesenheit nicht scheiden in ein Leibliches, ein Seelisches
und ein Geistiges. Und Sie wissen ja, wie sehr es uns gerade auf
dem anthroposophischen Felde beschaftigt, die Wirksamkeit und
Wesenheit dieser Trinit'at des Menschen, dieses Leiblichen, See-
lischen und Geistigen, genauer kennen zu lernen. So zu unterschei-
den, in dieser Dreiheit eine Wesenheit zu erkennen, dazu sind wir
allerdings erst beim Menschen genotigt, und wir wiirden natiirlich
den groBten Fehler machen, wenn wir die Wesenheit der Vor-
menschheit, die also in der Bibel als die Elohim bezeichnet wird, in
ahnlicher Weise uns denken wiirden wie den Menschen. Aber wir
miissen bei ihnen doch schon unterscheiden eine Art Leibliches und
eine Art Geistiges.
Nun werden Sie, wenn Sie beim Menschen den Unterschied
machen zwischen seinem Leiblichen und seinem Geistigen, sich ja
durchaus bewuBt sein, daB auch in der auBeren Gestalt, als die sich
Ihnen der Mensch darbietet, seine Wesenheit in verschiedener Weise
wohnt. Wir werden zum Beispiel nicht versucht sein, in der Hand
oder in den Beinen das eigentlich Geistige des Menschen zu lokali-
sieren, sondern wir sagen: Im wesentlichen ist das Leibliche zum
Beispiel im Rumpfe, in den Beinen, in den Handen. Das Geistige
hat seine Organe im Kopf , im Gehirn; da hat es seine Werkzeuge. —
Wir unterscheiden also innerhalb der auBeren Gestalt des Men-
schen so, daB wir gewisse Teile mehr als den Ausdruck des Leib-
lichen, gewisse Teile mehr als den des Geistigen begreifen.
Ein solches miissen wir nun auch in bezug auf die Elohim, wenn
audi nicht in gleicher, doch in ahnlicher Weise tun. Im Grunde
genommen ist das ganze Gewebe und Gewoge, von dem ich gespro-
chen habe, nur dann richtig verstanden, wenn wir es auffassen als
die Leiblichkeit des Geistig-Seelischen der Elohim. Also alles das,
was sich als elementarisches Weben des Luftigen, des Warmehaf-
ten, des WaBrigen dargestellt hat, ist die auBere Leiblichkeit der
Elohim. Aber wir miissen die Teile der Elohim wieder in verschie-
dener Weise an diese elementarischen Glieder verteilen, wir miissen
an das WaBrige und an das Luftformige mehr das Leibliche, das
Grobere der Elohim gekniipft denken. Und in alledem, was als
Warmeelement das Gasige und das WaBrige durchsetzte, was dieses
tohu wabohu als das Warmeelement durchdrang, was es durch-
wogte als wogende Warme, in dem wirkte das, was wir nennen
konnen das Geistige der Elohim. Ebenso wie wir sagen, im Men-
schen wirkt das mehr Leibliche in seinem Rumpf, in den Beinen
und den Handen, das mehr Geistige in seinem Kopfe, so konnen
wir sagen, wenn wir den ganzen Kosmos auffassen als eine Leib-
lichkeit der Elohim: In dem Luft- und in dem Wasserelemente lebte
das mehr Leibliche der Elohim, und in dem Warmeelemente webte
das Geistige. — Damit haben Sie dann den Kosmos selbst aufgefaBt
als eine Leiblichkeit der Elohim. Und nachdem das auBerlich Leib-
liche charakterisiert ist als etwas, was ein tohu wabohu der elemen-
tarischen Wesenheiten war, haben Sie in dem, was als Warme diese
elementarischen Wesenheiten durchdrang, den webenden Geist der
Elohim lokalisiert.
Nun gebraucht die Bibel ein merkwiirdiges Wort, um das Ver-
haltnis dieses Geistigen der Elohim zu den Elementen auszudriicken:
«Ruach Elohim m'rachephet.» Ein merkwiirdiges Wort, auf das wir
n'aher eingehen miissen, wenn wir verstehen wollen, wie der Geist
der Elohim die anderen Elemente durchwebte. Dieses Wort, racheph,
wir konnen es nur verstehen, wenn wir sozusagen alles zu Hilfe
nehmen, was in der damaligen Zeit durch die Seele zog, wenn dieses
Wort ausgesprochen wurde. Wenn man sagt: «Und der Geist der
Gotter webte auf sich ausbreitenden Stoffmassen» oder «auf den
Wassern», so ist damit gar nichts gesagt. Denn zu der richtigen
Deutung dieses Zeitwortes, racheph, kommen wir nur, wenn Sie
sich denken — ich muB es durch einen etwas, ich mochte sagen
groben, anschaulichen Vergleich charakterisieren — , ein Huhn sitzt
auf den Eiern, und die Brutwarme von dem Huhn strahlt aus iiber
die Eier, die darunter sind. Und wenn Sie sich nun denken die
Tatigkeit dieser Brutwarme, die von dem Huhn in die Eier strahlt,
um da die Eier zum Ausreifen zu bringen, diese Tatigkeit der
Warme, dieses Strahlen der Warme von dem Huhn in die Eier
hinein, dann haben Sie einen BegrifT von dem Zeitwort, das da
steht und uns sagt, was der Geist im Warmeelemente tut. Es ware
natiirlich durchaus ungenau ausgedriickt, wenn man sagen wurde,
der Geist der Elohim «brutet», weil nicht das gemeint ist, was man
sich heute unter der sinnlichen Tatigkeit des Briitens vorstellt; es
ist vielmehr die Aktivitat der ausstrahlenden Warme damit ge-
meint. So wie die Warme vom Huhn strahlt, so strahlte in die
anderen elementarischen Zustande, in den luftformigen und den
waBrigen, durch das Warmeelement der Geist der Elohim hinein.
Wenn Sie sich das denken, dann haben Sie das Bild dessen, was
gemeint ist, wenn gesagt wird: «Und der Geist der Elohim briitete
iiber den Stofrmassen, iiber den Wassern.»
Nun haben wir aber auch bis zu einem gewissen Grade uns das
Bild konstruiert, das vor der Seele des althebraischen Weisen
schwebte, wenn er an diesen Urzustand dachte. Wir haben uns
konstruiert einen Komplex, der in der Art, wie ich Ihnen das tohu
wabohu charakterisiert habe, sozusagen kugelig ineinanderwogende
Warme, Luft und Wasser hatte, von dem sich abgesondert hatte
alles lichtartige Element in dem haschamajim, und wir haben dieses
Ineinanderwogen der elementarischen drei Zustande von Finsternis
innerlich durchsetzt. Wir haben in dem einen Element, in dem
Warmehaften, wogend und webend das Geisthafte der Elohim, das
nach alien Seiten mit der sich verbreitenden Warme wie wogend
skh selber verbreitet und zur Reifung bringt, was zunachst unreif
ist in dem finsteren Elemente.
So stehen wir, wenn wir bis zum Ende dieses Satzes kommen,
der gewohnlich angedeutet wird mit den Worten: «Und der Geist
der Elohim briitete iiber den Wassern», sozusagen innerhalb einer
Charakteristik dessen, was im ersten Vers der Bibel in dem ha'arez
angedeutet wird mit dem Worte «Erde». Wir haben charakterisiert,
was da sozusagen zuriickgeblieben ist, nachdem das haschamajim
abgezogen war.
Fassen wir jetzt noch einmal die friiheren Zustande ins Auge.
Wir konnen zuriickgehen von der Erde zum Mondenzustand, zum
Sonnen- und zum Saturnzustand. Gehen wir einmal zum alten Son-
nenzustand zuriick. Wir wissen, daB damals von einer Trennung
des heute Erdenhaften von dem Sonnenhaften noch nicht die Rede
sein konnte, also auch nicht davon, daB das Erdenhafte von auBen
vom Lichte bestrahlt wird. Das ist ja das Wesentliche unseres Erden-
lebens, daB das Licht von auBen kommt, daB die Erde von auBen
bestrahlt wird. Sie miissen sich die Erdkugel eingeschlossen in die
Sonne denken, einen Teil der Sonne selber bildend und also nicht
Licht empfangend, sondern selber zu demjenigen Wesen gehorend,
das Licht in den Raum hineinstrahlt, dann haben Sie den alten Son-
nenzustand. Dieser alte Sonnenzustand ist nur dadurch zu charak-
terisieren, daB man sagt: alles Erdenhafte ist nicht ein Lichtempfan-
gendes, es gehort zu dem Lichtverbrekenden, es ist selber eine
Lichtquelle.
Fassen Sie jetzt den Unterschied ins Auge! Der alte Sonnen-
zustand: die Erde beteiligt sich an der Ausstrahlung des Lichtes;
der neue Zustand, der Erdenzustand: die Erde beteiligt sich nicht
mehr daran. Die Erde hat aus sich herausgehen lassen alles das,
was lichtverbreitend ist. Sie ist darauf angewiesen, von auBen das
Licht zu empfangen. Das Licht muB in sie einstrahlen. Das ist der
charakteristische Unterschied des neuen Erdenzustandes im Laufe
der Entwickelung von dem alten Sonnenzustand. Mit der Abtren-
nung des Sonnenhaften, des haschamajim, ist mitgegangen das
Lichthafte. Das ist jetzt auBerhalb der Erde. Und das elementarische
Dasein, das im ha'arez durcheinanderwogt als tohu wabohu, das
hat keinen eigenen Lichtzustand, das hat nur etwas, was man nen-
nen kann «durchbriitet sein von dem Geist der Elohim». Aber das
machte es nicht in sich selber hell, das lieB es in sich dunkel.
Fassen wir jetzt das Ganze des elementarischen Daseins noch ein-
mal ins Auge. Sie wissen ja aus friiheren Vortragen: Wenn wir das,
was wir die elementarischen Zustande nennen, innerhalb unseres
Erdendaseins aufzahlen, so fangen wir mit dem Festen an, gehen
dann nach dem WaBrigen, nach dem Gas- oder Luftformigen und
nach dem Warmeelemente. Damit haben wir sozusagen die dichte-
sten Stoffzustande angegeben. Aber damit sind diese Zustande noch
nicht erschopft. Wenn wir weiter hinaufgehen, so finden wir feinere
Zustande, die nicht viel charakterisiert sind, wenn man sie als « fei-
nere Stofflichkeit» bezeichnet. Es kommt darauf an, daB wir sie als
feinere Zustande gegeniiber den groberen des Gasigen, Warmehaf-
ten und so weiter erkennen. Man nennt sie gewohnlich atherische
Zustande. Und wir haben ja immer unterschieden in diesen feine-
ren Zustanden als erstes das Lichthafte. Wenn wir also von der
Warme hinuntergehen ins Dichtere, kommen wir zum Gasigen,
wenn wir weiter hinaufgehen, zum Lichthaften. Wenn wir noch
weiter hinaufgehen von dem Lichthaften, so kommen wir zu einem
noch feineren Atherzustand; dann kommen wir schon zu etwas,
was eigentlich in der gewohnlichen Sinneswelt nicht unmittelbar
gegeben ist. Es ist uns in der Sinneswelt nur ein auBerer Abglanz
gegeben von dem, was wir bezeichnen kdnnen als einen feineren
Atherzustand gegeniiber dem Lichtather. Okkultistisch kann man
davon sprechen, daB die Krafte in diesem feineren Ather dieselben
sind, welche das chemische Anordnen, das Ineinanderfiigen der
Stoffe dirigieren, das Organisieren des Stoffes in der Art, wie man
es etwa ausdriicken kann, wenn man auf eine Platte feinen Staub
legt, die Platte dann mit einem Violinbogen streicht und so die so-
genannten Chladnischen Klangflguren bekommt. Was der grobe
sinnliche Ton da bewirkt in dem Staub, das geschieht iiberhaupt im
Raum. Der Raum ist in sich differenziert, wird durchwogt von sol-
chen Kraften, die feiner sind als die Lichtkrafte und die im Gei-
stigen das darstellen, was im Sinnlichen der Ton ist. So daB wir von
einem chemischen oder Klangather als einem feineren Elemente
sprechen konnen, wenn wir aufwartsgehen von der Warme zum
Licht, von da zu diesem feineren Ather, der die Krafte enthalt, die
den Stoff differenzieren, trennen und zusammenfiigen, der aber in
Wirklichkeit tonartige, klangartige Wesenheit hat, von dem der
sinnliche Klang, den das sinnliche Ohr hort, nur ein 'auBerer Aus-
druck, namlich ein durch die Luft hindurchgegangener Ausdruck
ist. Das bringt uns nahe diesem feineren Elemente, das oberhalb
des Lichtes liegt. Wenn wir also davon sprechen, daB mit dem
haschamajim das sich auBerlich Offenbarende herausgetreten ist
aus dem ha'arez, dann miissen wir uns nicht nur das durch das
Lichthafte sich Offenbarende denken, sondern auch das, was sich
ofTenbart durch das feinere Atherhafte des Klanghaften, des Ton-
haften, das dieses Licht wiederum durchsetzt.
Ebenso wie wir von der Warme abwartsgehen zu dem Gasigen
und von da zum Wasserigen, so konnen wir nach aufwarts von der
Warme zum Licht, vom Licht zum Tonhaften, zum chemisch Ord-
nenden gehen. Und vom Wasserigen konnen wir nach abwarts
schreiten zum Erdigen. Wohin kommen wir nun, wenn wir von
dem Klanghaften zu noch feinerem, hoherem Atherischen steigen,
das also wiederum mit dem haschamajim hinausgegangen ist? Da
kommen wir zu etwas, was sozusagen als der feinste atherische Zu-
stand wiederum webt in dem eben beschriebenen Ton- oder Klang-
haften, in dem chemisch Ordnenden. Wenn Sie das geistige Ohr
richten nach diesem Atherzustand, den ich eben beschrieben habe,
dann horen Sie natiirlich nicht einen auBeren Luftklang, aber Sie
horen den Ton, der den Raum differenziert, der ihn durchsetzt und
die Materien ordnet, wie der Ton, der durch den Bogen an der
Platte hervorgerufen wird, die Chladnischen Klangflguren ordnet.
Aber in dieses Dasein hinein, das durch den Klangather geordnet
ist, ergieBt sich eben der hohere Atherzustand. Der durchdringt,
durchsetzt das Klangatherische so, wie in uns den Klang, den unser
Mund ausspricht, der Sinn des Gedankens durchdringt, das was
den Klang zum Wbrte macht. Das fassen Sie ins Auge, was den
Klang zum sinnvollen "Wbrte macht, dann bekommen Sie eine Vor-
stellung von dem, was den Klangather durchwebt als das feinere
atherische Element, was kosmisch durchwebt und Sinn gibt dem
ordnenden Weltenklang: das den Raum durchwogende Wort. Und
dieses den Raum durchwogende Wort, das sich hineinergieBt in den
Klangesather, das ist zu gleicher Zek der Ursprung des Lebens, das
ist wirklich webendes, wogendes Leben. Das also, was mit dem
haschamajim herausgezogen ist aus dem ha'arez, was in das Sonnen-
hafte gegangen ist gegemiber dem anderen, Niederen, dem Erden-
haften, gegeniiber dem tohu wabohu, das ist etwas, was sich auBer-
lich ankiindigen kann als Lichthaftes. Hinter diesem steht aber ein
geistig Klanghaftes, hinter diesem das kosmische Sprechen. Deshalb
diirfen wir sagen: In der briitenden Warme lebt sich zunachst aus
das niedrige Geistige der Elohim, so wie etwa unsere Begierden sich
in unserem niederen Seelenhaften ausleben. Das hohere Geistige der
Elohim, das ist hinausgegangen mit dem haschamajim, das lebt im
Lichthaften, geistig Klanghaften, geistig Worthaften, in dem kosmi-
schen Wbrte. Alles das, was in dieses Sonnenhafte hinausgegangen
ist, das kann allein von aufien wieder hereinstrahlen in das tohu
wabohu.
Versuchen wir jetzt, uns das Ganze bildhaft vor Augen zu fiihren,
was vor der Seele des althebraischen Weisen schwebte als das
ha'arez, das haschamajim. Was da als geistig Lichthaftes, Klang-
haftes, Sprechendes, Wortbildendes hinausgezogen ist, wenn das
wiederum hereinstrahlt, wie wirkt es dann? Es wirkt wie ein aus
dem Sonnenhaften heraus sich sprechendes Licht, als ein Licht, hin-
ter dem das kosmische Sprechen steht. Also denken wir uns alles
das, was wir im tohu wabohu gegeben haben in seiner Finsternis,
in seinem Durcheinanderwogen des Warmehaften, des Gasigen, des
Wasserigen, denken wir es in seiner sozusagen lichtverlorenen Fin-
sternis. Und nun denken wir uns aus der Tatigkeit der Elohim her-
aus von aufien einstrahlen durch das schopferische Wort, das als die
hochste Ather-Entitat zugrunde liegt, von auBen hereinstrahlen mit
dem Licht das, was aus dem Wort herausstromt. Wie soli man das
bezeichnen, was da vorgeht? Man kann es nicht treffender bezeich-
nen, als wenn man das monumentale Wort hmstellt, das besagt:
Die Wesenheiten, die mit dem haschamajim ihr Hochstes in das
Atherische hinausgetrieben hatten, erstrahlten zuriicksprechendes
Licht aus dem Weltenraum in das tohu wabohu hinein! — Damit
haben Sie den Tatbestand dessen gegeben, was in den monumenta-
len Worten liegt: Und die Gotter sprachen: Es werde Licht! und es
ward Licht in dem, was Finsternis war, in tohu wabohu. — Da haben
Sie das Bild, das dem althebraischen Weisen vorschwebte.
So miissen wir uns die Wesenheit der Elohim iiber den ganzen
Kosmos ausgedehnt denken, diesen ganzen Kosmos uns wie den
Leib denken; das, was das elementarische Dasein ist in dem tohu
wabohu als die niedrigste Gestalt des Leiblichen, das Warmehafte
als etwas hohere Gestalt, als die Gestalt des hochsten Geistigen das
haschamajim, das hinausgegangen ist und jetzt von auBen herein
schaffend wirkt in die ganze Gestaltung des tohu wabohu.
Nun konnen Sie sagen: Damit fuhrst du uns eigentlich vor, daB
durch das kosmisch gesprochene lichtstrahlende Wort das tohu
wabohu, das Durcheinanderwogen des Elementarischen, geordnet
wurde, zu dem gemacht wurde, was es spater wurde. Von wo aus
wird nun aber die menschliche Gestalt organisiert? — Es kann keine
solche menschliche Gestalt geben, wie wir sie haben, die auf zwei
Beinen aufrecht geht, die die Hande gebraucht, wie wir sie gebrau-
chen, ohne daB sie von den im Gehirn veranlagten und von dort
ausstrahlenden Kraften organisiert wird. Von den hochsten gei-
stigen Kraften, die da ausstrahlen von unserem Geistigen, wird
unsere Gestalt organisiert. Immer wird das Niedrige von dem H6-
heren organisiert. So wurde das ha'arez gleichsam als der Leib der
Elohim, als das Niedrige, von dem hoheren Leiblichen, von dem
haschamajim und dem darin wirkenden Geistigen der Elohim orga-
nisiert. Also von dem, was hinausgegangen ist, nimmt das hochste
Geistige der Elohim Besitz und organisiert es, wie es sich ausdriickt
in den Worten: «Das durch das kosmische Sprechen sich off en-
barende Licht stromt ein in die Finsternis.» Dadurch wird das tohu
wabohu organisiert, aus der Unordnung der Elemente herausgeho-
ben. Wenn Sie sich also denken in dem haschamajim gleichsam
den Kopf der Elohim und in dem Elementarischen, das zuriick-
geblieben ist, den Rumpf und die GliedmaBen, und durch die
Macht des Kopfes nunmehr organisiert Rumpf und GliedmaBen,
das Elementarische, dann haben Sie den tatsachlichen Vorgang,
dann haben Sie gleichsam den Menschen vergroBert zum Kosmos;
und in diesem Kosmos wirkt er organisierend von den Organen des
Geistes aus, die im haschamajim liegen. Einen sich organisierenden
makrokosmischen Menschen, das diirfen wir uns als ein Bild vor
die Seele malen, wenn wir uns all die Kraftestrahlungen denken,
die von dem haschamajim nach dem ha'arez herunterstromen.
Und jetzt fassen wir einmal unseren heutigen Menschen auf, um
uns das Bild noch genauer vor die Seele malen zu konnen. Fragen
wir uns einmal: Ja, wodurch ist denn der Mensch fur die Geistes-
wissenschaft — nicht fur die dilettantische Wissenschaft von heute —
so geworden, wie er heute ist? Wodurch hat er denn die bestimmte
Gestalt, die ihn ja doch unterscheidet von alien iibrigen Lebewesen
in seiner Umgebung; was macht ihn denn eigentlich zum Men-
schen? Was webt denn da durch diese menschliche Gestalt hin-
durch? — Es ist ungeheuer leicht, wenn man sich keine Binde vor
die Augen legt, zu sagen, was den Menschen zum Menschen macht.
Dasjenige, was er hat und alle iibrigen Wesen um ihn herum im
irdischen Dasein nicht haben, die Sprache, die in Lauten zum Vor-
schein kommt, das macht ihn zum Menschen. Denken Sie sich die
tierische Gestalt. Wodurch kann sie zur Menschengestalt herauf-
organisiert werden? Was muB hineinschlagen in sie, damit sie zur
menschlichen Gestalt wird? Stellen wir die Frage so: Denken wir
uns eine tierische Gestalt, und wir muBten sie mit etwas durch-
stromen, mit einem Hauch durchstromen — was miiBte dieser
Hauch enthalten, daB dadurch diese Gestalt anfangen wiirde zu
sprechen? — Sie miiBte innerlich sich so organisiert fiihlen, daB sie
Lauthaftes von sich ausstrahlte! Das Lauthafte schafft aus der tie-
rischen Gestalt die menschliche Gestalt.
Wie kann man daher den Kosmos sich bildhaft vorstellen, inner-
lich erfiihlen? Wie kann man alles das, was ich Ihnen in Bildern
vor die Seele geschrieben habe, in umstandlicher Weise Bild fiir
Bild aus dem Elementarischen herauskonstruiert habe, wie kann
man das erfiihlen, wie kann man die Gestalt des makrokosmischen
Menschen gleichsam innerlich erfiihlen? Wenn man anfangt zu
fiihlen, wie der Laut in die Gestalt schieBt! Man lerne fiihlen am
Laut A, wenn er dahinsaust durch die Luft, nicht bloB den Ton,
man lerne fiihlen, wie sich dieser Laut gestaltet, so wie sich der
Staub gestaltet durch den Ton des Fiedelbogens, der die Platte
streicht. Man lerne fiihlen das A und lerne fiihlen das B, wie sie
durch den Raum hinweben! Man lerne sie nicht bloB als Lautstrahl
fiihlen, sondern als sich Gestaltendes, dann fiihlt man so, wie der
althebraische Weise fiihlte, wenn er sich in Lauten anregen lieB zu
den Gestalten der Bilder, die ich Ihnen hingestellt habe vor das
geistige Auge. So wirkte der Laut Deshalb muBte ich sagen: Das
Bet regte an etwas sich UmschlieBendes, etwas wie ein Gehaus-
haftes, etwas sich AbschlieBendes und im Inneren einen Inhalt Ein-
schlieBendes. Dasjenige, was mit dem Resch angedeutet wurde, das
regte an etwas, was man fiihlte, wie man sich fiihlt, wenn man sein
Haupt fiihlt. Und das Schin regte etwas an, was ich bezeichnete
mit dem Aufstacheln. — D?s ist eine durchaus objektive Sprache,
eine Sprache, die in ihrer Lauthervorbringung sich zum Bilde kri-
stallisiert, wenn die Seele sich von ihr anregen laBt. Daher Uegt
auch in diesen Lauten selber die hohe Schule, die den Weisen hin-
fiihrte zu den Bildern, die sich vor die Seele des Sehers drangen,
wenn er ins Ubersinnliche hineintritt. So setzt sich Laut in Geist-
gestalt um und zaubert vor die Seele Bilder, welche sich so zusam-
menfugen, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Das ist das unge-
heuer Bedeutsame an dieser alten Urkunde, daB sie in einer Sprache
erhalten ist, welche in ihren Lauten gestaltenschaffend ist, deren
Laute sich in der Seele kristallisieren zu Gestalten. Und diese Ge-
stalten sind die Bilder, die man gewinnt, wenn man zum Uber-
sinnlichen vordringt, aus dem sich das Sinnliche unseres physischen
Erdenplanes herausentwickelt hat. Wenn man das ins Auge faBt,
dann gelangt man dazu, jene tiefe, ungeheure Scheu und Ehrfurcht
zu empfinden vor dem, wie die Welt sich entwickelt, und man lernt
empfin^en, wie es wahrhaft kein Zufall ist, dafi dieses groJ3e, dieses
urgewaltige Dokument des Menschendaseins gerade in dieser Schrift
uns iibermittelt ist, in einer Schrift, die in ihren Charakteren selber
imstande ist, den Geist in der Seeie bildhaft zu erwecken und uns
hinzufuhren zu dem, was der Seher in unserer Zeit wiederum her-
ausholen soil. Das ist die Empfindung, die der Anthroposoph sich
aneignen sollte, wenn er sich dieser alten Urkunde nahert, die am
Ausgangspunkte des Alten Testamentes steht.
VIERTER VORTRAG
Miinchen, 19. August 1910
Wir haben gestern vor unsere Seele bildhaft hingemalt denjenigen
Augenblick, der mit den bedeutsamen Worten der Bibel angedeutet
wird: «Und die Gotter sprachen: Es werde Licht! Und es ward
Licht.» Damit haben wir auf ein Ereignis hingewiesen, das fur uns
ja auf einer hoheren Stufe eine Wiederholung vorhergehender Ent-
wickelungszustande unseres Erdenwerdens darstellt. Immer wieder
muB ich Sie verweisen auf das Bild von einem Menschen, der da
aufwacht und aus der Seele heraufholt einen gewissen seelischen
Inhalt. So etwa sollen wir uns vorstellen, wie aus der Seele der
Elohim hervorsprieBt in einer neuen Gestalt, in einer abgeanderten
Gestalt das, was sich langsam und allmahlich im Verlauf der Ent-
wickelung herangebildet hat durch die Saturn-, Sonnen- und Mon-
denzeit. Und im Grunde genommen ist alles das, was im soge-
nannten Sechs- oder Siebentagewerk der Bibel berichtet wird, ein
Wiedererwecken vorhergehender Zustande, nicht aber ein Wieder-
erwecken in derselben Form, sondern in einer neuen Form, in einer
neuen Gestalt. Und die nachste Frage, die wir uns werden stellen
diirfen, ist diese: Wie haben wir uberhaupt die Realitat dessen, was
uns da erzahlt wird im Verlauf des Sechs- oder Siebentagewerks,
aufzufassen?
Wir werden uns iiber diese Frage am besten verstandigen, wenn
wir sie so stellen: Konnte ein Auge, wie die gewohnlichen Augen
sind, konnten uberhaupt Sinnesorgane, wie die heutigen Sinnes-
organe sind, auBerlich sinnengemaB verfolgen, was im Sechstage-
werk berichtet wird? — Das konnten sie nicht. Denn die Ereignisse,
die Tatsachen, die uns da berichtet werden, verlaufen im wesent-
lichen in der Sph'are dessen, was wir das elementarische Dasein
nennen konnen. So daB also, um diese Vorgange anzuschauen, ein
gewisser Grad hellseherischer Erkenntnis, hellseherischer Wahrneh-
mung notig ware. Es ist eben durchaus wahr, daB die Bibel uns
erz'ahlt von dem Hervorgehen des Sinnlkhen aus dem Ubersinn-
lichen und daB die Tatsachen, die sie an die Spitze stellt, iibersinn-
liche Tatsachen sind, wenn auch nur um einen Grad hdher liegend
als unsere gewohnlichen sinnlichen Tatsachen, die ja aus diesen
anderen eben charakterisierten hervorgegangen sind. Wir blicken
also in gewisser Beziehung in ein hellseherisches Gebiet hinein mit
all dem, was wir da im Sinne des Sechstagewerks eigentlich be-
schreiben. In Atherform und in elementarischer Form tauchte wie-
der auf, was friiher da war. Halten wir das nur recht genau fest,
sonst werden wir uns nicht in geniigender Weise orientieren uber
all das, was mit den monumentalen Worten der Genesis eigentlich
gemeint ist. So diirfen wir also erwarten, daB wir in einer neuen
Art auftauchen sehen alles das, was wahrend des alten Saturn-, Son-
nen- und Mondendaseins sich nach und nach entwkkelt hat.
Fragen wir uns deshalb zuerst einmal: Wie waren denn die eigen-
artigen Zustande, in welche die Entwickelung durch diese drei
planetarischen Formen eingetaucht war? — Wir konnen sagen: Auf
dem alten Saturn, das konnen Sie ja in meiner «Geheimwissen-
schaft» nachlesen, war alles in einer Art mineralischen Zustandes.
Das, was dort als erste Anlage vom Menschen vorhanden war, was
iiberhaupt die gesamte Masse des alten Saturn ausmachte, war in
einer Art mineralischen Zustandes. Dabei diirfen Sie nicht an die
mineralische Form von heute denken, denn der alte Saturn war
durchaus noch nicht im Element des Wassers oder des Festen vor-
handen; er war nur ineinanderwebende Warme. Aber die Gesetze,
welche in diesem Warmeplaneten herrschten, das also, was da die
Differenzierung bewirkte, was das Ineinanderweben organisierte,
das waren die gleichen Gesetze, die heute in dem dichten, in dem
festen Mineralreich herrschen. Wenn wir also sagen, der alte Saturn
und auch der Mensch waren im mineralischen Zustande, dann miis-
sen wir uns dessen bewuBt sein, daB es nicht ein mineralischer Zu-
stand wie der heutige war, mit festen Formen, sondern ein Zustand
innerhalb der webenden Warme, aber mit mineralischen Gesetzen.
Dann kommt der Sonnenzustand. Diesen miissen wir noch im-
mer so auffassen, daB von der Sonnenmasse noch keine Abtrennung
dessen stattgefunden hat, was spater das Erdenhafte wurde., Ein
gemeinsamer Leib sozusagen ist alles das, was heute zur Erde und
zur Sonne gehort, ein kosmischer Leib ist das zur alten Sonnenzeit.
Innerhalb dieser alten Sonne hat sich gegeniiber dem fruheren
Saturnzustand als Verdichtung herausgebildet ein Gasiges, so daB
wir auBer dem ineinanderwebenden Warmehaften ein durchein-
anderstromendes, gesetzmafiig sich ineinanderfiigendes Gas- oder
Luftformiges haben. Aber zu gleicher Zeit haben wir eine Neubil-
dung nach oben hin, gleichsam eine Verdiinnung des Warmehaften
nach dem Lkhthaften, ein Ausstrahlen eines Lichthaften in den
Weltenraum. Dasjenige, was wir nun als die Wesen unserer plane-
tarischen Entwickelung bezeichnen konnen, ist wahrend dieses alten
Sonnenzustandes fortgeschritten bis zum Pflanzenhaften. Wieder
diirfen wir uns nicht denken, daB wahrend des alten Sonnenzustan-
des Pflanzen in der heutigen Form vorhanden waren, sondern wir
miissen uns klar sein dariiber, daB nur die Gesetze, die im heutigen
Pflanzenreich wirken, jene Gesetze, die da bedingen, daB ein Wur-
zelhaftes nach abwarts und ein Blutenhaftes nach aufwarts treibt,
innerhalb des alten Sonnenzustandes in dem Element des Luft-
formigen und des Warmehaften sich geltend machen. Nariirlich
konnte keine feste Pflanzenform entstehen, sondern die Kr'afte, die
die Bliite nach oben und die Wurzeln nach unten trieben, muB
man sich denken in einem luftartigen Gebilde webend, so daB man
den alten Sonnenzustand sich vorzustellen hat als ein lichtartiges
Aufblitzen von Bliitenformen nach oben. Denken Sie sich eine Gas-
kugel und da drinnen webendes Licht, lebendiges Licht, das auf-
sprieBt, das nach oben im AufsprieBen das Gasige wie Lichtbliiten-
formen aufschieBen laBt und wiederum das Bestreben hat, nach
unten zu halten, was da aufblitzen will, das wiederum die alte
Sonne nach dem Mittelpunkte zusammenhalt: dann haben Sie das
innere Weben von Licht, Warme und Luft im alten Sonnenzustande.
Das mineralische Gesetzm'aBige wiederholt sich, das pflanzliche Ge-
setzmaBige kommt dazu, und das, was vom Menschen vorhanden
ist, ist selbst erst in einem Zustand des Pflanzenhaften.
Wo wiirden wir denn heute etwas finden, was sich, wenn auch
nicht ganz, doch in einer gewissen Beziehung vergleichen lieBe mit
diesem pflanzenhaften Weben in der alten Gas-Warme-Lichtkugel
der Sonne? Wenn man die Sinne, die der Mensch heute hat, in dem
Weltenraum herumschweifen lieBe, wiirde man freilich nichts fin-
den, was sich damit vergleichen lieBe. Zu einer gewissen Zeit der
alten Sonne war das alles audi physisch vorhanden, das heiBt phy-
sisch bis zur Gasdichtigkeit. Heute kann es iiberhaupt physisch nicht
vorhanden sein. Die Gestalt des Wirkens, die dazumal auch phy-
sisch vorhanden war, heute ist sie fur den Menschen nur vorhan-
den, wenn das hellseherische Wahrnehmungsvermogen sich in das
Gebiet der iibersinnlichen Welt richtet, da wo heute die geistigen
Grundwesenheiten unserer auBeren physischen Pflanzen sind, das,
was wir im Laufe der Jahre als die Gruppenseele der Pflanzen
kennen gelernt haben. Wir wissen ja, daB diesem auBeren Pflanz-
lichen, das heute dem physischen Sinne sich vorstellt, etwas zu-
grunde liegt, was wir die Gruppenseelen nennen konnen. Heute
konnen sie nur durch das hellseherische BewuBtsein im Geistgebiete
gefunden werden. Da sind diese Gruppenseelen der Pflanzen nicht
in einzelnen Pflanzenindividuen vorhanden wie die auBerlichen
Pflanzen, die aus dem Erdboden herauswachsen, sondern da ist un-
gefahr fiir jede Art, also fur die Rosenart, fiir die Veilchenart, fiir
die Eichenart, eine Gruppenseele vorhanden. Wir haben also im
Geistgebiete nicht irgendein geistiges Wesen fiir jede einzelne
Pflanze zu suchen, sondern fiir die Arten haben wir die Gruppen-
seelen zu suchen. Diese Arten von Pflanzen sind fiir das heutige
Denken, fiir dieses arme, abstrakte Denken der Gegenwart eben
Abstraktionen, BegrifFe. Sie waren es schon im Mittelalter, und weil
man auch damals schon nichts mehr wuBte von dem, was im Gei-
stigen webt und lebt als Grundlage des Physischen, kam der be-
riihmte Streit auf zwischen Realismus und Nominalismus, das heiBt,
ob das, was als Arten existiert, bloBer Name ist oder etwas real
Geistiges. Fiir das hellseherische BewuBtsein hat dieser ganze Streit
nicht den allergeringsten Sinn, denn wenn es sich richtet iiber die
Pflanzendecke unserer Erde hin, so dringt es durch die auBere phy-
sische Pflanzenform in ein geistiges Gebiet, und in diesem geistigen
Gebiete, da leben als wirkliche reale Wesen die Gruppenseelen der
Pflanzen. Und diese Gruppenseelen sind einerlei Realitat mit dem,
was wir die Arten der Pflanzen nennen. Zu der Zeit, als die Luft-
Warme-Lichtkugel der alten Sonne in ihrer vollen Bliite war, als
das dort spielende Licht an die Gasoberflache herauswarf die licht-
funkelnden Bliitenformen des Pflanzendaseins, damals warerl diese
Formen dasselbe, und zwar in physischer Gasgestalt, was heute nur
noch im Geistgebiete als die Arten der Pflanzen zu finden ist. Hal-
ten wir dieses nur recht gut fest, daJ3 dazumal wahrend des alten
Sonnendaseins die Arten der Pflanzen, die Arten dessen, was heute
als Griinendes, als Bliihendes, als Baum- und Strauchformiges unsere
Erde bedeckt, die alte Sonne durchsetzte ganz im Sinne der Grup-
penseelenhaftigkeit, im Sinne der Arten.
Soweit der Mensch damals war, befand er sich auch in einem
pflanzenhaften Zustand. Er war nicht imstande, in seinem Inneren
als Vorstellungen wachzurufen, in BewuBtseinszustanden zu erwek-
ken, was um ihn herum vorging, ebensowenig wie heute die Pflanze
in BewuBtseinszustanden wiedererwecken kann, was um sie herum
vorgeht. Der Mensch war selber in einem pflanzenhaften Dasein,
und zu den auf- und abspielenden Lichtformen, welche in dem
gasigen Sonnenball spielten, gehorte auch die Leiblichkeit des da-
maligen Menschen. Zu der Entstehung der primitivsten Form des
BewuBtseins gehort namlich im Kosmos etwas ganz Besonderes.
Solange unser Erdenhaftes noch mit dem Sonnenhaften verbunden
war, solange also nicht, sagen wir, grob gesprochen, das Licht der
Sonne von auBen auf den Erdball fiel, so lange konnte sich das,
was man ein BewuBtsein nennen kann, nicht bilden innerhalb der
Wesen des Erdenhaften. So lange konnte auch nicht den physischen
und den Atherleib durchdringen ein astralischer Leib, der die
Grundlage des BewuBthaften ist. Soil ein BewuBthaftes auftreten,
dann muB eine Trennung, eine Spaltung stattfinden, dann muB sich
aus dem Sonnenhaften ein anderes absondern. Und das geschah
wahrend des dritten Entwickelungszustandes unserer Erde, wahrend
des alten Mondenzustandes. Als der alte Sonnenzustand voriiber
war, durch eine Art kosmischer Nacht durchgegangen war, da
tauchte von neuem auf das ganze Gebilde, jetzt aber so, daB es reif
geworden war, als eine Zweiheit zu erscheinen, daB alles Sonnen-
hafte sich herausgliederte als ein Weltenkorper, und der alte Mond,
auf dem sich von unseren elementarischen Zustanden nur das Was-
serige, Luf t- und Warmehaf te bef and, als ein auBerhalb des Sonnen-
haften Befindliches zuriickblieb. Der alte Mond war das damalige
Erdenhafte, und nur, weil die Wesen auf ihm von auBen her die
Kraft der Sonne empfangen konnten, nur dadurch konnten sie in
sich aufnehmen einen astralischen Leib und in sich entwickeln das
BewuBthafte, das heiBt, widerspiegeln in innerem Erleben, was
um sie herum vorging. Ein Tierhaftes, ein innerlich lebendig Tier-
haftes, ein Wesenhaftes, das BewuBtsein in sich tragt, ist also daran
gebunden, daB innerhalb des Erden- und des Sonnenhaften eine
Trennung eintritt. Das Tierhafte trat wahrend der alten Monden-
zeit auf, und der Mensch selbst war heraufgebildet in bezug auf
seine Leiblichkek bis zum Tierhaften. Das Genauere dariiber haben
Sie ja in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben.
So sehen wir also, wie diese drei Zustande, die unserem Erden-
werden vorangegangen sind und die die Bedingungen dieses Erden-
werdens sind, gesetzmaBig zusammenhangen. Und im Monden-
zustand ist hinzugekommen zum Gasigen ein Fliissiges, ein Wasse-
riges auf der einen Seite und ein Tonhaftes, ein Klanghaftes nach
der anderen Seite, ein Klanghaftes, wie ich es Ihnen gestern charak-
terisiert habe als eine Verfeinerung des Lichtzustandes. Das ist un-
gefahr eine Wiedergabe der Entwickelung. Das, was da geschehen
war durch diese drei Zustande hindurch, tauchte nun wie die Erin-
nerung der Elohim wieder auf, tauchte auf, wie wir gestern gesehen
haben, zunachst in einem verworrenen Zustand, der bezeichnet wird
in der Bibel mit den Worten, die ich gestern genauer charakterisiert
habe, mit den Worten tohu wabohu. In den Kraftstrahlen, die von
einem Mittelpunkt nach auswarts und vom Umfange her nach ein-
warts strahlten, schlossen sich ein in einem Ineinanderwirken zu-
nachst die drei elementarischen Zustande, die Luft, die Warme und
das Wasserige. Sie waren jetzt ungeschieden; friiher waren sie schon
geschieden gewesen. Auf der Sonne schon waren sie geschieden, als
ein Gasformiges von dem Warmehaften sich abgetrennt hatte, und
auch wahrend des alten Mondenzustandes, wo die drei Formen des
Warmehaften, des Gashaften und des Wasserhaften voneinander
geschieden waren. Jetzt waren sie in buntem Durcheinander wah-
rend des tohu wabohu, sprudelten ineinander, so daB man in jener
ersten Zeit des Erdenwerdens nicht unterscheiden konnte zwischen
dem Wasserhaften, Gashaften und Warmehaften. Das wirkte alles
ineinander.
Das erste, was nun eintrat, war, daB in dieses Durcheinander
hineinschlug das Lichthafte. Und dann entwickelte sich aus jener
seelenhaften, geisthaften Tatigkeit, die ich Ihnen wie ein kosmi-
sches Sinnen beschrieben habe, eine Tatigkeit heraus, die zuerst in
dem Durcheinander des Elementarischen das alte Gasformige von
dem alten Fliissigen schied. Diesen Moment, der sozusagen auf die
Lichtwerdung folgte, bitte ich ganz genau festzuhalten. Wiirden
wir es in niichterne Prosa iibersetzen, was da geschehen ist, so muB-
ten wir sagen: Nachdem eingeschlagen hat das Licht in das tohu
wabohu, da schieden die Elohim das, was schon friiher ein Gasiges
war, von dem, was friiher ein WaBriges war, so, daB man wieder
unterscheiden konnte das, was gasformigen Zustand hatte, von dem,
was im friiheren Sinne in waBrigem Zustand war. Also in der
Masse, welche ein Durcheinander war aller drei elementarischen
Zust'ande, wurde jetzt geschieden, und zwar so, daB zweierlei auf-
trat, eines mit dem Charakter des Luftigen, mit dem Charakter, sich
nach alien Seiten hin zu verbreiten, und ein anderes mit dem Cha-
rakter des Zusammenhaltens, des Sichzusammendrangens. Das ist
das WaBrige. Nun waren aber die beiden Zustande in der Zeit, von
der hier gesprochen wird, noch nicht so, daB wir sie mit dem, was
wir heute Gas- oder Luftformiges und Wasser nennen, vergleichen
konnten. Das Wasser war ein wesentlich dichteres; wir werden
gleich sehen warum. Dagegen war aber auch das, was luftformig
war, so, daB, wenn wir genau den Sinn seiner damaligen BeschafFen-
heit treffen wollen, wir kein besseres Beispiel finden konnen, als
wenn wir heute den Blick von der Erde aufwarts richten, wo sich
im Luftformigen das WaBrige zu Gasigem, Dampfformigem bildet
und das Bestreben hat, in Wolkenform aufzusteigen, urn dann als
Regen wieder niederzufallen; also das eine Element als ein auf-
steigendes, das andere als ein absteigendes. WaBriges haben wir in
beiden, nur hat das eine WaBrige die Tendenz, dampfformig zu
werden, als Wolken nach aufwarts zu gehen, und das andere die
Tendenz, abwarts skh zu ergieBen, sich in Oberflachengestalt nieder-
zuschlagen. Das ist natiirlich nur ein Vergleich, denn was ich da
schildere, spielte sich ja im Elementarischen ab.
Wollen wir also das, was weiter geschah, charakterisieren, so
miissen wir sagen: Die Elohim bewirkten durch ihr kosmisches
Sinnen, daB in dem tohu wabohu eine Scheidung eintrat von zwei
elementarischen Zustanden. Der eine hatte die Tendenz, nach auf-
warts zu dringen, dampfformig zu werden, das ist WaBriges in
Gasiges sich umbildend. Der andere hatte die Tendenz, nach unten
sich zu ergieBen, das ist WaBriges, das immer dichter und dichter
sich zusammenschlieBt. — Das ist der Tatbestand, der gewohnlich in
den modernen Sprachen dadurch ausgedriickt wird, daB man zum
Beispiel im Deutschen sagt: «Die Gotter machten etwas zwischen
den Wassern oben und den Wassern unten. » Ich habe Ihnen eben
jetzt geschildert, was die Gotter machten. Sie bewirkten innerhalb
der Wasser, daB das eine Elementare die Tendenz hatte, nach auf-
warts zu kommen, und das andere die Tendenz, nach innen zum
Mittelpunkt zu gelangen. Mit dem, was dazwischen ist, ist nichts
gemeint, was man mit der Hand anfassen kann, sondern es ist eine
Scheidung vollzogen in bezug auf zwei Kraftcharaktere, die ich
Ihnen eben charakterisiert habe. Will man einen auBeren Vergleich
dafiir haben, so kann man sagen: Die Elohim bewirkten, daB die
Wasser nach der einen Seite nach aufwarts gingen, nach Wolken-
form strebten, in den Weltenraum hinausstrahlen wollten, und daB
sie nach der anderen Seite sich sammeln wollten auf der Erdober-
flache. — Die Scheidung war also eine Art ideelle.'Deshalb ist das
Wort, das in der Genesis steht fur diese Scheidung, auch ideell auf-
zufassen. Sie wissen ja, daB die lateinische Bibei das Wort Firma-
mentum an dieser Stelle hat. Dafiir steht in der Genesis das Wort
rakia. Dieses Wort bezeichnet durchaus nicht etwas, was man in
auBerer sinnenfalliger Weise deuten soil, sondern es bezeichnet
eben die Auseinanderscheidung zweier Kraftrichtungen.
Damit haben wir das getroffen, was als ein zweiter Moment in
der Genesis geschildert wird. So daJ3 wir, wenn wir es in unsere
Sprache iibersetzen wollten, sagen miiBten: Die Elohim trennten
zunachst innerhalb der durcheinanderwirbelnden elementarischen
Zustande die Luft von dem Wasserhaften. — Das ist auch die ganz
genaue Wiedergabe dessen, was gemeint ist. Das in die Luft Stre-
bende, das natiirlich das Gasig-WaBrige in sich begreift, und das
zum Festeren sich Hinballende, das trennten die Elohim. Das ist
der zweite Moment in der Schopfungsgeschichte.
Nun schreiten wir zu dem nachsten Momente vor. Was geschieht
da? Dasjenige, was da hinausgeschickt worden ist, was da hinaus-
strahlt, was nach Wolkenbildung drangt, das hat einen Zustand
erreicht, der in gewisser Weise die Wiederholung eines friiheren
Zustandes ist, eines Zustandes in einer groberen Form, als er auf der
alten Sonne war. Das, was nach innen gestrebt hat, was in gewisser
Beziehung wiedergibt das zum WaBrigen Verdichtete des alten
Mondenhaften, wird jetzt weiter dijfferenziert, und diese weitere
Scheidung bildet das, was als der dritte Moment im Erdenwerden
auftritt. Wir konnen sagen, daB im zweiten Momente die Elohim
geschieden haben das Luftformige vom WaBrigen. So scheiden sie
im dritten Momente innerhalb des Wasserhaften das, was wir jetzt
als Wasser kennen, und etwas, was vorher noch nicht da war, eine
neue Verdichtung, das Feste. Jetzt erst ist das Feste gegeben. Wah-
rend des alten Mondenzustandes war dieses Feste, dieses Erdenhafte
noch nicht vorhanden. Jetzt wird es ausgeschieden aus dem Wasser-
haften. Wir haben also im dritten Momente des Erdenwerdens einen
VerdichtungsprozeB und miiBten sagen: So wie die Elohim im zwei-
ten Momente geschieden haben die Luftelemente von den wasse-
rigen, so scheiden sie jetzt im dritten Momente innerhalb der alten
Mondensubstanz das neue Wasserhafte ab von dem Erdenhaften,
das jetzt als etwas ganz Neues auftritt. — Alles das im Grunde ge-
nommen, was ich Ihnen bisher geschildert habe, war schon fruher
vorhanden, wenn auch in anderer Gestalt. Ein Neues ist erst das
Erdenhafte, das Feste, das jetzt im dritten Momente der Genesis
auftritt. Das aus dem Wasserhaften herausgesonderte Erdenhafte,
das ist das Neue. Das erst gibt die Moglichkeit, daB sich das vorher
Vorhandene in einer erneuer ten Gestait zeigt.
Was bildet sich nun zuerst? Es ist das, was sich schon in der alten
Sonne gebildet hatte, was wir beschrieben haben in dem diinnen
gasigen Elemente des Sonnenhaften als aufsprieBendes Pflanzen-
haftes, was sich dann im WaBrigen auf dem alten Monde wieder-
holt hat, wo ja die Pflanzenformen im heutigen Sinne auch noch
nicht vorhanden waren. Und erst im dritten Momente wiederholt
es sich eben in dem Erdenhaften selber. Das Pflanzenhafte wieder-
holt sich innerhalb des Erdenhaften zunachst. Das wird nun in der
Bibel in wunderbarer Weise geschildert. Was die Tage zu gelten
haben, werde ich spater schildern; jetzt spreche ich von dem Licht-
einschlag, von dem Lufteinschlag, von der Sonderung des Wassers
von dem Festen. Das Feste bringt jetzt aus sich selbst eine Wieder-
holung des Pflanzenhaften hervor. In wunderbar anschaulicher
Art wird uns das geschildert, indem uns gesagt wird, daB Pflanzen-
haftes hervorsprieBt aus dem Erdenhaften, nachdem die Elohim das
Erdenhafte abgetrennt haben von dem Wasserhaften. Das Hervor-
sprieBen des Pflanzenhaften am sogenannten dritten Schopfungs-
tage ist also im Festen eine Wiederholung dessen, was schon w'ah-
rend des alten Sonnenzustandes vorhanden war, gleichsam eine kos-
mische Erinnerung. In dem kosmischen Sinnen der Elohim tauchte
auf, was in der alten Sonne im gasigen Zustand als Pflanzenhaftes
vorhanden war, jetzt aber im festen Zustande.
Alles wiederholt sich in einer anderen Form. Noch immer ist es
in einem Zustande, wo es noch nicht individuell ist wie auf unserer
heutigen Erde. Ich habe deshalb ausdriicklich darauf aufmerksam
gemacht, daB die einzelnen individuellen Pflanzenformen, die wir
heute in der Sinneswelt drauBen ergreifen, wahrend des alten Son-
nenzustandes noch nicht da waren, auch noch nicht wahrend des
alten Mondenzustandes und auch jetzt im Erdenzustand nicht, da,
wo sich dieses Pflanzenhafte im Erdenhaften wiederholt. Was da
vorhanden war, das waren die Gruppenseelen der Pflanzen, das, was
wir heute die Arten der Pflanzen nennen, was fur das seherische
BewuBtsein nichts Abstraktes ist, sondern etwas im Geistgebiete Vor-
handenes. Dazumal zeigte es sich in einem iibersinnlichen Gebiete
als Wiederholung. Daher wird es utis audi so geschildert. Es ist
merkwiirdig, wie wenig die Bibelausleger mit dem Worte anzufan-
gen wissen, das gewohnlich in der deutschen Sprache so iibersetzt
ist: «Die Erde brachte hervor allerlei Kraut und Sprossen nach
ihrer Art.» Man miiBte sagen: artgemaB! Hier haben Sie die Erkla-
rung dafiir. Es war in der Gestalt der Gruppenseelen, artgemaB
vorhanden, noch nicht individuell wie heute. Die ganze Schilderung
des HervorsprieBens des Pflanzlichen am sogenannten dritten
Schopfungstage werden Sie nicht verstehen, wenn Sie nicht diese
Gruppenseelenhaftigkeit zu Hilfe nehmen. Sie miissen sich klar
sein dariiber, daB da keine Pflanzen im heutigen Sinn hervorspros-
sen, sondern daB aus einer seelischen, kosmisch sinnenden Tatigkeit
heraussprossen die Artformen, mit anderen Worten, daB ein Grup-
penseelenhaftes des Pflanzlichen heraussproB. So finden wir also,
daB in dem Momente, wo uns am sogenannten dritten Schopfungs-
tage geschildert wird, wie die Elohim aus dem WaBrigen heraus das
Feste, den vierten elementarischen Zustand absondern, in diesem
festen Zustande, der allerdings in seiner elementarischen Grund-
form fur ein auBeres Auge noch nicht sichtbar gewesen ware, son-
dern nur fur das hellseherische Auge, wiederholen die Artformen
des Pflanzlichen.
Das Tierische kann sich noch nicht wiederholen. Wir haben es
ja charakterisiert, daB es erst auftreten konnte wahrend des alten
Mondenzustandes, als eine Zweiheit eingetreten war, als das Son-
nenhafte von auBen hereinwirkte. Eine Wiederholung dieses Vor-
ganges der Mondentrennung muBte also erst eintreten, bevor die
Entwickelung von dem Pflanzenhaften zum Tierischen hinaufstei-
gen konnte. Daher wird jetzt nach dem dritten Schopfungstag dar-
auf hingedeutet, wie im Umkreis des Erdenhaften das auBere Son-
nenhafte, Mondenhafte, Sternenhafte zu wirken beginnt, wie das,
was von auBen hereinstrahlt, was seine Krafte von auBen herein-
sendet, zu wirken beginnt. Wahrend wir fruher die Wirkung zu
sehen haben als ein HeraussprieBen aus dem planetarischen Zu-
stand selber, haben wir jetzt, zu dieser Wirkung hinzutretend, von
auBen hereinstrahlend etwas, was aus dem Himmelsraume kommt.
Mit anderen Wbrten, der entsprechende Vorgang muBte nun weiter
etwa so geschildert werden: Zu den Kraften des Erdballs selber, der
nur soviel wiederholen konnte aus seiner Einheit heraus, als er friiher
als Einheit hervorgebracht hatte, machten die Elohim wirksam in
ihrem kosmischen Sinnen die Krafte, die vom "auBeren Weltenraume
auf den Planeten niederstromten. Zum irdischen Dasein ward das
kosmische hinzugefiigt. Sehen wir vorlaufig nichts anderes in dem,
was im sogenannten vierten Schopfungstag geschildert wird.
Was war nun durch dieses von aufien Bestrahltwerden gesche-
hen? Nun, es konnten sich naturgemaB die Vorgange wiederholen,
die schon wahrend des alten Mondenzustandes da waren, nur in
veranderter Form. Wahrend des alten Mondenzustandes hatte sich
ja herausgebildet, was an Tierischem moglich war im luftformigen
und wasserigen Elemente. Was in Luft und Wasser leben konnte,
das hatte sich als Tierisches herausgebildet; das konnte sich jetzt
zunachst wiederholen. In wunderbar sachgemaBer Weise wird des-
halb am sogenannten funften Schopfungstage in der Genesis er-
zahlt, wie das Gewimmel beginnt in Luft und Wasser. Da haben
wir die Wiederholung der alten Mondenzeit, nur auf einer hoheren
Stufe, aus dem Erdenhaften heraus, in einer neuen Form.
Sehen Sie, solche Dinge gehoren zu denjenigen, wo sich unser
anthroposophisches Streben umwandelt in eine ungeheure Ehr-
furcht gegeniiber diesen alten Urkunden, wo man so ganz aus den
anthroposophischen Anschauungen heraus zum Gefiihl iibergehen
mochte der innigen Verehrung und Anbetung gegeniiber diesen
alten Urkunden. Das, was das hellseherische Bewufitsein findet, es
wird in einer grandiosen, in einer urgewaltigen Sprache wieder-
gegeben in diesen alten Urkunden. Wir finden es wieder, was wir
zuerst hellseherisch gewuBt haben; daB, nachdem die Bestrahlung
von auBen eingetreten ist, sich wiederholen kann, was im alten
Mondenzustande in dem luftformigen und wasserigen Elemente
vorhanden war. Was bedeuten gegeniiber solch einer Erkenntnis,
die alle unsere Seelenkrafte aufriittelt, all die verstandesmaBigen
Einwande, die so oft gegen diese Dinge gemacht werden! Was be-
deutet vor alien Dingen der Einwand, der darauf hinauszielt, daB
diese Urkunden in primitiven Zeitaltern geschaffen worden seien
und daB eigentlich die Menschenerkenntnis damals auf kindlichem
Standpunkte stand? Schoner kindlicher Standpunkt, wenn wir das
Hochste, wozu wir uns aufschwingen konnen, wiederfinden in
diesen Urkunden! Miissen wir nicht dieselbe Geistigkeit, die heute
einzig und allein sich hinauffinden kann zu dieser Offenbarung,
auch denen zuschreiben, die uns diese Urkunden gegeben haben?
Sprechen nicht die alten Hellseher eine deutliche Sprache, indem
sie uns diese Dokumente hinterlassen haben? Die Erkenritnis des-
sen, was in diesen Dokumenten liegt, gibt uns selber den Beweis
dafiir, daJ3 alte inspirierte Hellseher die Verfasser dieser Urkunden
waren. Wir brauchen wahrhaft keinen historischen Beweis. Wir
konnen den Beweis nur dadurch liefern, daB wir erkennen lernen,
was in diesen Urkunden steht.
Wenn wir die Sache so auffassen, dann sagen wir uns: In alle-
dem, was nun auf diesen fiinften Moment, den sogenannten fiinften
Schopfungstag, folgte, da erst konnte etwas Neues eintreten. Denn
das, was sich wiederholen muBte, hatte sich nun wiederholt. Das
Erdenhafte selber, das als ein neues Element hervorgetreten war,
konnte jetzt mit dem Tierischen und alledem, was sich als Neu-
bildung herausentfaltete, bevolkert werden. Daher sehen wir mit
einer grandiosen Sachlichkeit geschildert, wie im sogenannten sech-
sten Schopfungstage dasjenige auftritt, was sozusagen mit seinem
Dasein an das Erdenhafte gebunden ist als ein neues Element. Jenes
Tierische, von dem wieder gesagt wird, daB es am sechsten Schop-
fungstage in der Welt seine Entstehung hat, das ist an das Erden-
hafte gebunden, das tritt als ein neues Element auf. So sehen wir,
daB wir bis zum fiinften Schopfungstage eine Wiederholung des
Friiheren auf einer hoheren Stufe haben, in einer neuen Gestalt, daB
aber mit dem sechsten Schopfungstage erst eigentlich das Wesen-
hafte des Erdigen eintritt, daB da hinzukommt, was erst durch die
Bedingungen des Erdenhaften moglich ist.
Damit habe ich Ihnen sozusagen einen GrundriB gegeben der
sechs Schopfungstage. Ich habe Ihnen gezeigt, wie denen, die ihre
groBe Weisheit in diese sechs Schopfungstage hineingeheimniBt
haben, wirklich bewuBt sein muBte, was als ein Neues aufsproB.
Und bewuBt war ihnen auch ferner, wie erst innerhalb dieses Erden-
haften einschlagen konnte das, was die Wesenhaftigkeit des Men-
schen ausmacht. Wir wissen, daB alles das, was der Mensch durch-
machte wahrend des alten Saturn-, Sonnen- und Mondenzustandes,
Vorbereitungsstadien waren fur die eigentliche Menschwerdung.
Wir wissen, daB wahrend des alten Saturndaseins am Menschen
erst die Anlage zum physischen Leib ausgebildet worden ist. Wah-
rend des alten Sonnenzustandes kam hinzu die Anlage zum Ather-
oder Lebensleib, wahrend des alten Mondenzustandes die des astra-
lischen Leibes. Was sich wiederholte bis zum Ende des sogenannten
fiinften Schopfungstages hin, das hatte Astralisches an sich. Alles
Wesenhafte hatte Astralisches an sich. Das Ich, das vierte Glied der
menschlichen Wesenheit, einzugieBen einem Wesen in diesem gan-
zen Entwickelungskomplex, das war erst moglich, nachdem die Be-
dingungen des Erdenhaften voll geschaffen waren. So wiederholten
die Elohim durch die fiinf sogenannten Schopfungstage hindurch
auf einer hoheren Stufe die friiheren Zustande und bereiteten in
dieser Wiederholung das Erdenhafte vor. Dann erst hatten sie, weil
die Wiederholung eben in neuer Form war, ein WesensgefaB, in das
sie hineinpragen konnten die Menschenform, und das war die Kro-
nung der ganzen Entwickelung.
Ware eine bloBe Wiederholung erfolgt, so hatte das Ganze nur
vorschreiten konnen bis zum Astralisch-Tierischen. Da aber immer,
vom Anfang an, in die wiederholenden Momente etwas hinein-
gegossen wurde, was sich schlieBlich als Erdenhaftes enthiillte, so
kam zuletzt etwas heraus, in das die sieben Elohim hineingieBen
konnten alles das, was in ihnen lebte. Ich habe schon charakteri-
siert, wie es in ihnen lebte: so, wie wenn man etwa sieben Men-
schen in einer Gruppe hat; die haben alle etwas anderes gelernt, sind
in dem, was sie konnen, verschieden, arbeiten aber alle auf ein Ziel
hin. Eine einzige Sache wollen sie machen. Ein jeder soli das geben,
was er am besten kann. Dadurch entsteht ein gemeinsames Werk.
Der einzelne fur sich allein hat nicht die Kraft, dieses Werk zu
machen; zusammen haben sie die Kraft. Was konnten wir von sol-
chen sieben Menschen sagen, die irgendein gemeinsames Produkt
formen? Man konnte sagen: sie pragen dieses Produkt so aus, daB
es im Sinne des Bildes ist, das sie sich von ihrem Werke gemacht
haben. — Das miissen wir uns auch als ein durchaus Charakteristi-
sches vor Augen halten, daB die sieben Elohim zusammenwirkten,
um zuletzt die Kronung dieses Wirkens zustande zu bringen: hin-
einzugieBen menschliche Form in das, was entstehen konnte aus der
Wiederholung des Friiheren, weil allem ein Neues eingepragt war.
Daher wird plotzlich in der Genesis eine ganz andere Sprache ge-
sprochen. Friiher ist alles in ganz bestimmter Weise ausgedriickt:
«die Elohim schufen», «die Elohim sprachen», und so weiter. Wir
haben es zu tun mit etwas, von dem man das Gefiihl hat: es ist von
vorneherein bestimmt. Jetzt wird eine neue Sprache gesprochen da,
wo die Kronung des Erdenwerdens auftreten soil: «Lasset uns» —
wenn wir es in der gewohnlichen Ubersetzung geben — «lasset uns
den Menschen machen. » Das klingt wie eine Beratung der Sieben
zusammen, wie man es eben macht, wenn man ein gemeinsames
Werk vollbringen will. So ergibt sich, daB wir in dem, was zuletzt
als die Kronung des Entwickelungswerkes auftritt, ein Produkt des
Zusammenwirkens der Elohim zu sehen haben; daB sie dasjenige,
was einzeln ein jeder kann, beisteuern zu diesem gemeinsamen
Werke und daB zuletzt die menschliche atherische Form erscheint
als ein Ausdruck dessen, was die Elohim sich an Fahigkeiten und
Kraften angeeignet haben w'ahrend der alten Saturn-, Sonnen- und
Mondenzeit.
Damit haben wir etwas auBerordentlich Wichtiges angedeutet.
Damit haben wir sozusagen geruhrt an das, was als die menschliche
Wurde zu bezeichnen ist. Das religiose BewuBtsein mancherlei Epo-
chen hat in den Empfindungen, die es bei gewissen Worten hatte,
viel genauer als heute gefiihlt, wie die Sache eigentlich steht. Und
auch der althebraische Weise hat das gefiihlt. Wenn er seine Emp-
findungen hingerichtet hatte zu den sieben Elohim, so war es ihm
so, als ob er in aller Demut und Verehrung, mit der man da auf-
blickt, doch sich sagen muBte: Der Mensch ist etwas Gewaltiges in
der Welt, weil sieben Tatigkeiten zu einer Gruppe zusammenflieBen
muBten, um ihn zustande zu bringen. Ein Ziel fur Gotter ist die
Menschenform auf der Erde. — Fuhlen Sie das ganze Gewicht dieser
Worte: Ein Ziel fur Gotter ist die Menschenform auf der Erde!
Denn wenn Sie das ganze Gewicht dieses Wortes fuhlen, dann wer-
den Sie sich sagen: Diese Menschenform ist etwas, demgegeniiber
die einzelne Seele eine ungeheure Verantwortung hat, eine Ver-
pflichtung, es so vollkommen als moglich zu machen. — Die Mog-
lichkeit der Vervollkommnung war in dem Momente gegeben, als
die Elohim den gemeinsamen EntschluB f aBten, alles, was sie konn-
ten, in ein Ziel zusammenstromen zu lassen. Das, was ein Erbe von
Gottern ist, das ist dem Menschen iibertragen worden, daB er es
immer hoher und hoher ausbilde in feme Zukunftszeiten hinein.
Dieses Ziel zu fuhlen in Geduld und Demut, aber auch in Kraft,
das muB eines der Resultate sein, die aus der kosmischen Betrach-
tung flieBen, die wir ankniipfen konnen an die monumentalen
Worte am Anfang der Bibel. Unseren Ursprung enthiillen uns diese
Worte, unser Ziel, unser hochstes Ideal weisen sie uns zugleich. Wir
fuhlen, daB wir gottlichen Ursprungs sind, wir fuhlen aber auch
das, was anzudeuten versucht worden ist im Rosenkreuzerdrama,
da wo der Eingeweihte eine gewisse Stufe iiberschritten hat, wo er
sich sozusagen in dem «Mensch, erlebe dich» fiihlt. Wohl fiihlt er
da seine menschliche Schwachhek, aber vor sich sein gottliches Ziel.
Er vergeht nicht mehr, er verdorrt nicht mehr innerlich, sondern
gehoben, innerlich erlebt fiihlt er sich, indem er sich erlebt, wenn
er sich erleben kann in dem andern Selbst, das ihm durchstrdmt ist
von etwas, was seiner Seele verwandt ist, weil es sein eigenes
Gottesziel ist.
FtJNFTER VORTRAG
Miinchen, 20. August 1910
Wir haben darauf hingewiesen, wie in der Schilderung des Erden-
werdens durch die sogenannte Genesis zunachst eine Wiederholung
jener friiheren Zustande der Entwickelung gegeben ist, die heute
nur durch die hellseherische Forschung, also das, was wir als die
Quelle der anthroposophischen Weltanschauung bezeichnen, ge-
wonnen werden konnen. Wenn wir uns noch einmal vor die Seele
riicken, was wir so uber die Entwickelungszustande gewonnen
haben, in Zeitlaufen, da von unserem Erdenhaften noch nichts vor-
handen war, dann weisen wir darauf hin, daB das, was spater unser
Sonnensystem geworden ist, dazumal beschlossen war in einem
planetarischen Dasein, das wir als den alten Saturn bezeichnen.
Und wir halten recht fest im Auge, daB dieser alte Saturn ein In-
einanderweben von bloBen Warmezustanden war, ein Ineinander-
weben von Warmeverhaltnissen. Derjenige, welcher nach unseren
gegenwartigen physikalischen BegrirTen etwa AnstoB daran neh-
men konnte, daB von einem Weltenwesen geredet wird, das nur in
Warme ist, den verweise ich auf das, was ich vorgestern gesagt
habe, daB namlich alle Einwande sogenannter moderner Wissen-
schaftlichkeit, die gegen das, was heute und auch sonst hier gesagt
wird, erhoben werden konnen, von mir selbst erhoben werden
konnten. Nur ist nicht die Zeit, in diesen Vortragen alles das, was
gutglaubige moderne Wissenschaft sagen kann, auch wirklich zu
beriihren. Den Quellen der geisteswissenschaftlichen Forschung
gegeniiber nimmt sich das, was aus diesem ganzen Umfange der
modernen Wissenschaft gesagt werden konnte, recht dilettantisch
aus. Ich werde ja, um gerade mancherlei, was von dieser Seite auf-
taucht, zu beriicksichtigen, einmal damit beginnen, und zwar zu-
nachst wohl von meinem Prager Zyklus an, der im Verlaufe des
nachsten Friihlings gehalten werden soli, nicht nur von all dem zu
sprechen, womit man Anthroposophie begriinden kann, sondern,
damk die modernen Gemiiter sich dann beruhigen konnen, auch
von dem, womit man Anthroposophie widerlegen kann. Deshalb
werden meinem Prager Vortragszyklus zwei offentliche Vortrage
vorangehen, von denen der erste heiBt «Wie widerlegt man An-
throposophie?» und der zweite «Wie begriindet man Anthropo-
sophie? » Und diese Vortrage werde kh dann an anderen Orten hal-
ten, und es werden dann die Menschen schon sehen, daB von uns
selbst alles das gesagt werden kann, daB uns selbst voll bewuBt
ist, was etwa von dieser oder jener Seite eingewendet werden kann
gegen das, was auf anthroposophischem Boden gelehrt wird. An-
throposophie ist in sich ganz fest begriindet, und diejenigen, die
da glauben sie widerlegen zu konnen, die kennen sie eben noch
nicht. Das wird im Laufe der Zeit hinlanglich gezeigt werden. In
bezug auf jenen Warmezustand des alten Saturn darf ich auch noch
auf einige Bemerkungen verweisen, die ich in meiner «Geheim-
wissenschaft» gemacht habe, durch die sich auch diejenigen einiger-
maBen beruhigen konnen, die sich gezwungen fiihlen, nach ihrer
wissenschaftlichen Erziehung Einwendungen dagegen zu machen.
Nach Voraussetzung dieser Worte will ich also wiederum ganz
frank und frei von anthroposophischem Gesichtspunkte aus spre-
chen ohne Riicksicht auf das, was etwa, gut gemeint, gegen diese
Dinge vorgebracht werden kann.
Ein Ineinanderweben also von Warmezustanden war im alten
Saturndasein vorhanden. Das wollen wir einmal ganz fest ins Auge
fassen. Im Sinne der Genesis wiederholt sich innerhalb des Erden-
werdens dieser alte Saturnzustand, der, wie gesagt, ein Ineinander-
weben von Warme- oder Feuerverhaltnissen ist. Das ist das erste,
was wir festhalten wollen im elementarischen Dasein. Und ich bitte
Sie, dabei durchaus zu beriicksichtigen, in welchem Sinne wir bei
eiriem so hohen Daseinszustand, wie es der des alten Saturn ist, von
Warme oder Feuer sprechen. Dem, was wir da als Warme oder
Feuer bezeichnen, kommen wir nicht nahe, wenn wir etwa ein
Streichholz oder eine Kerze anziinden und die Warme oder das
Feuer im physischen Dasein studieren. Wir miissen uns vielmehr
das, was wir hier Warme, was wir hier Feuer nennen, viel geistiger
oder, besser gesagt, seelischer denken. Wenn Sie sich durchfiihlen
als ein in sich Warme tragendes Wesen, wenn Sie sozusagen
Eigenwarme fiihlen, seelisch Eigenwarme erleben, dann wird es
gut sein, wenn Sie dieses Eigenerlebnis, dieses Gefiihlserlebnis
als etwas betrachten, was Ihnen eine ungefahre Vorstellung von
dem Ineinanderweben der Warmeverhaltnisse im alten Saturn
geben kann.
Dann dringen wir vorwarts bis zum alten Sonnenzustand, dem
zweiten der Entwickelungszustande unseres Planeten, und sprechen
innerhalb des elementarischen Daseins davon, daB sich die Warme
verdichtet hat zu dem, was wir gasig oder luftformig nennen kon-
nen. Wir haben also im elementarischen Dasein der alten Sonne
Warme und Gas- oder Luftformiges zu unterscheiden. Wir haben
aber schon darauf hingewiesen, daB mk der Verdichtung der Warme
in das Luftformige hinein, also mit einem Hinuntersteigen der ele-
mentarischen Zustande nach dem Dichteren, verkniipft ist ein Hin-
aufsteigen, wenn wir es so nennen diirfen, nach dem Diinneren,
nach dem mehr Atherischen, so daB, wenn wir den nachsten ele-
mentarischen Zustand unterhalb der Warme als luftartig bezeich-
nen, wir den nachsten Zustand oberhalb der Warme als lichtartig
bezeichnen mussen, als lichtartigen Ather. Wenn wir also die gesam-
ten elementarischen Verhaltnisse wahrend des alten Sonnenzustan-
des ins Auge fassen, dann wollen wir sagen: Es ist in der alten
Sonne vorhanden gewesen ein Durcheinanderweben von Warme,
Licht und Luft, und alles das, was da gelebt hat wahrend dieses
alten Sonnenzustandes, das offenbarte sich innerhalb dieser Zu-
stande von Warme, Licht und Luft. Nun mussen wir uns noch ein-
mal klarmachen, daB wenn wir den Blick bloB auf diese elemen-
tarischen Offenbarungen von Warme, Licht und Luft richten, daB
wir dann sozusagen nur die AuBenseite, die Maja, die Illusion des-
sen haben, was eigentlich vorhanden ist. In Wahrheit sind es gei-
stige Wesenheiten, die sich mittels der Warme, des Lichtes und der
Luft nach auBen hin kundgeben. Es ware etwa so, wie wenn wir
unsere Hand in einen erwarmten Raum hineinstreckten und uns
sagten: daB da Warme ist in diesem Raum, hat seinen Grund darin,
daB da ein Wesen ist, das Warme verbreitet und in der Warmever-
breitung ein Mittel der Qffenbarung hat.
Wenn wir nun zum alten Monde vorschreiten, dann haben wir
den mittleren Zustand wiederum als die Warme, nach unten die
Verdichtung der Warme in Luft- oder Gasf ormiges und noch weiter
unten die Verdichtung ins WaBrige. Das Licht wird wiederum
heriibergenommen. Wir haben dann gleichsam iiber dem Licht lie-
gend als einen feineren, mehr atherischen Zustand das, was ich
schon charakterisiert habe, indem ich sagte: Was innerhalb unserer
Materien als jenes ordnende Prinzip wirkt, das die chemischen Ver-
bindungen und die chemischen Zerspaltungen zustande bringt, das,
was der Mensch mit seinen auBeren Sinnen nur dann erkennt, wenn
es sich durch das Instrument der Luft iibertragt, was aber in einer
geistigen Art allem Dasein zugrunde liegt, das konnen wir als einen
Klang- oder Schallather bezeichnen oder auch, weil ja dieser gei-
stige Schall das materielle Dasein ordnet nach MaB und Zahl, als
den Zahienather. — Wir sagen also: Wir steigen auf vom Licht zum
Schall, verwechseln diesen Schall aber nicht mit dem auBeren Schall,
der durch die Luft vermittelt wird, sondern sehen in ihm etwas, das
nur wahrnehmbar ist, wenn der hellseherische Sinn des Menschen
in gewisser Weise erweckt ist. — Innerhalb dieses alten Mondes also,
in allem, was da ist im alten Monde selbst und was da wirkt von
auBen her, in all dem haben wir zu sehen an elementarischen Zu-
standen Warme, Luft, Wasser, Licht, Schall.
Indem wir dann zum vierten Zustand aufsteigen, zum eigent-
lichen Erdenwerden, da fiigen sich hinzu als neue Verdichtungen
und Verdiinnungen dieser elementarischen Zustande nach unten
und nach oben das Erdige oder das Feste und das, was wir den
eigentlichen Lebensather nennen, einen noch feineren Ather als den
Tonather. So daB wir das elementarische Dasein des Erdenhaften
so schildern konnen: Die Warme ist wiederum als der mittlere Zu-
stand vorhanden, als Verdichtungszustande haben wir Luftformiges,
WaBriges und Festes, als Verdunnungszustande aber Licht-, Schall-
und Lebensather. — Ich mache ausdriicklich noch einmal, damit gar
nichts undeutlich bleibt in dieser Auseinandersetzung, klar, daB das,
was als Erdiges oder als Festes bezeichnet wird, nicht verwechselt
werden darf mit dem, was die heutige Wissenschaft als Erdiges
bezeichnet. Was hier in unseren Auseinandersetzungen so bezeich-
net wird, das ist etwas, was in unserer Umgebung nicht unmittel-
bar zu sehen ist. Im Sinne des Okkultismus ist allerdings das, wor-
auf wir schreiten, wenn wir den Boden unserer Erde iiberschreiten,
Erde, insofern es fest ist, aber audi Gold und Silber und Kupfer
und Zinn sind Erde. Alles das, was Fest-Stoffliches ist, ist im Sinne
des Okkultismus Erde. Der heutige Physiker wird natiirlich von
seinem Gesichtspunkt aus sagen: Diese ganze Unterscheidung ist
nichts; wir unterscheiden unsere verschiedenen Elemente, aber von
dem, was diesen Elementen gleichsam wie ein Urstoff, wie ein
Erdiges zugrunde liegen soil, davon wissen wir nichts. — Erst wenn
der seherische Blick dasjenige durchdringt, was in den auBeren Ele-
menten der Wissenschaft, in den etlichen siebzig Elementen ge-
geben ist, und nach dem Grunde der festen Elemente sucht, nach
den Kraften, die die Materie in den festen Zustand fiigen, erst wenn
man also hinter das sinnliche Dasein dringt, dann findet man jene
Krafte, die das Feste, das Flussige, das Luftformige im Sinne des
Okkultismus konstruieren, bilden, zusammensetzen. Und von dem
ist hier die Rede. Und davon ist auch die Rede in der Genesis, wenn
man sie recht versteht. Von diesen vier Zustanden miissen wir also
dann sagen, zurn Verstandnis der Genesis, daB sich die drei ersten
in unserem Erdendasein in irgendeiner Weise wiederholen miissen,
der vierte aber als ein neuer auftritt innerhalb unseres Erdendaseins.
Versuchen wir einmal, daraufhin unsere Genesis zu priifen. Ver-
suchen wir sie zu priifen mit den Mitteln, die wir uns schon an-
geeignet haben in den vorangegangenen Tagen. Wir miiBten also
in unserem Erdenwerden eine Art Wiederholung des alten Saturn-
zustandes finden. Wir miiBten, mit anderen Worten, die alte Saturn-
warme wiederfinden, wie sie wirkt als Ausdruck eines Geistig-
Seelischen. Und wir finden sie, wenn wir die Genesis in richtiger
Weise verstehen. Ich habe Ihnen gesagt, daB die Worte, die da
gewohnlich iibersetzt werden «Der Geist der Elohim briitete iiber
den Wassern», eigentlich bedeuten, daB das Geistig-Seelische der
Elohim sich ausbreitet und daB jenes warmehafte Element, das wir
im Briiten hinunterstrahlend uns denken miissen vom Huhn in die
Eier hinein, daB dieses Element durchzieht, was damals vom ele-
mentarischen Dasein vorhanden war. In den Worten «Der Geist
der Elohim durchstrahlte w'armebriitend das elementarische Dasein,
oder die Wasser» haben Sie angedeutet die Wiederholung der alten
Saturnwarme.
Gehen wir weiter. Der nachste Zustand miiBte derjenige sein,
der eine Wiederholung des alten Sonnendaseins darstellt. Nehmen
wir jetzt zunachst nicht Riicksicht auf das, was wir im elementari-
schen Sonnendasein als einen Verdichtungszustand haben, was von
der Warme zur Luft wurde, sondern auf das, was als Verdiinnung
auftrat, auf das Lichtelement. Nehmen wir also die Tatsache, daB
wahrend des Sonnenhaften das Licht in unseren kosmischen Raum
einschlagt, dann wird die Wiederholung dieses alten Sonnenzustan-
des im Erdenwerden das Einschlagen des Lichtes sein. Das ist ge-
geben in den urgewaltigen Worten «Und die Elohim sprachen: Es
werde Licht! Und es ward Licht. »
Die dritte Wiederholung wird dadurch gegeben werden miissen,
daB in bezug auf die feineren elementarischen Zustande das, was
wir ordnenden Schall- oder Klangather nennen, unser Erdenwerden
durchstrahlt. Fragen wir uns also, ob auch dieser Mondenzustand
in irgendeiner Weise in seiner Wiederholung angedeutet ist. Wie
miiBte er denn angedeutet sein in der Genesis? Etwa so, daB in die
elementarischen Stoffverhaltnisse des Erdenwerdens der Schall in
ahnlicher Weise ordnend eingreift, wie wir es sehen, wenn wir mit
dem Violinbogen eine Platte streichen, die mit feinem Staub
bestreut ist, und dann die sogenannten Chladnischen Klangfiguren
entstehen. Es miiBte so etwas im Wiederholungszustand auftreten,
was uns sagte: Es griff der Ton- oder Klangather ein und ordnete
die Materie in einer gewissen Weise. — Was aber wird uns von
jenem Momente unseres Erdenwerdens gesagt, der auf die Licht-
werdung folgt? Da wird uns gesagt, daB etwas erregt wurde durch
die Elohim inmitten der stofflichen elementarischen Massen, wo-
durch sich diese elementarischen Massen, wie ich Ihnen gestern
charakterisiert habe, ordneten, indem sie nach oben stromten und
nach unten sich sammelten. Ein ordnendes Kraftelement dringt ein
und ordnet die elementarischen Massen, geradeso, wie der Schall
hineindringt in die Staubmassen und die Chladnischen Klangfigu-
ren bewirkt. Wie da der Staub sich ordnet, so ordnen sich die ele-
mentarischen Massen, indem sie nach oben strahlen und sich nach
unten sammeln. Das Wort rakia, das da steht, um zu bezeichnen,
was die Elohim da hineinfiigten in die elementarischen Stoffmassen,
ist ein schwer zu iibersetzendes Wort, und die gebrauchlichen Uber-
setzungen reichen nicht hin, es in der richtigen Weise wiederzu-
geben. Wenn man alles zusammennimmt, auch rein philologisch,
was heute zusammengetragen werden kann, um dieses Wort zu
erklaren, so muJ3 man sagen: Es ist mit der Ubersetzung Firmament
oder auch Gezelt oder auch Ausdehnung nicht viel getan, denn in
diesem Worte liegt etwas Aktives, etwas Erregendes. Und eine
genauere Philologie wiirde finden, daB in diesem Worte gerade das
liegt, was hier angedeutet worden ist: Die Elohim erregten in den
elementarischen Stoffmassen etwas, was sich vergleichen laBt mit
dem, was in den Staubmassen der Chladnischen Klangfiguren er-
regt wird, wenn der Klang ordnend eingreift. Wie da der Staub
sich ordnet, so wird nach aufwarts und nach abwarts die elemen-
tarische Stoffmasse geordnet am sogenannten zweiten Schopfungs-
tage. — So sehen wir also das Eingreifen des Klangathers nach dem
Lichtather innerhalb der Genesis, und wir haben ganz sachgemaB
mit dem sogenannten zweiten Schopfungstage dasjenige vor uns,
was wir in einer gewissen Beziehung als eine Wiederholung des
Mondendaseins auffassen miissen,
Sie werden schon sehen, wie die Wiederholungen nicht in ganz
eindeutiger Weise geschehen konnen, sondern wie sie gleichsam
iibereinandergreifen. Und was in scheinbarem Widerspruch in den
heutigen Auseinandersetzungen zu den gestrigen erscheinen konnte,
das wird sich schon klaren. Die Wiederholungen geschehen so, daB
zunachst eine Wiederholung stattfindet, wie ich sie jetzt erzahle,
und dann eine umfassendere, wie ich sie schon gestern charakteri-
siert habe.
Wir miissen nun erwarten, daB nach dem Moment des Erden-
werdens, wo also der Schallather die Materien so geordnet hat, daB
die einen nach oben strahlen und die anderen nach unten sich
sammeln, nun etwas eingreift, was wir als einen feineren Zustand,
als den eigentlichen erdenhaften, bezeichnet haben, das was wir
das Leben, den Lebensather genannt haben. Es miiBte also auf den
sogenannten zweiten Schopfungstag etwas folgen, was uns anzeigen
wiirde, daB in die elementarischen Massen unserer Erde Lebens-
ather einstromte, so wie zuerst Licht und ordnender Schallather ein-
gestromt sind. Wir miiBten etwas haben in der Genesis, was uns
andeutete: da zuckte hinein Lebensather und brachte das Leben zur
Erregung, zur Entfaltung. — Sehen Sie sich den dritten Moment an
im Erdenwerden in der Genesis. Da wird Ihnen erzahlt, wie die
Erde hervorsprossen laBt das Griine, das Lebende, das Kraut- und
Baumartige — wie ich gestern gessigt habe: artgemaB. Da haben Sie
lebendig dargestellt das Hineinstromen des Lebensathers, der das
alles hervorruft, was fiir den dritten Tag gesagt wird.
So haben Sie in der Genesis alles, was der Okkultismus durch die
seherischen Krafte zutage fordern kann und was wir erwarten miis-
sen, wenn die Genesis wirklich von einem solchen okkulten Wis-
sen stammt. Das sehen wir bestatigt, wenn wir sie nur richtig ver-
stehen wollen. Es ist wunderbar, wie wir dasjenige, was wir zuerst
unabhangig von jeder Urkunde erforschen, bestatigt linden durch
die Genesis. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daB in der
Art, wie das Erdenwerden dargestellt worden ist als eine Wieder-
holung des alten Saturn, der alten Sonne, des alten Mondes in
meiner «Geheimwissenschaft», ganz absichtlich und gewissenhaft
alles ferngehalten worden ist, was irgend aus der Genesis hatte ent-
nommen werden konnen. Da sind nur diejenigen Resultate ver-
zeichnet, welche unabhangig von jeder auBeren Urkunde gefunden
werden konnen. Wenn Sie aber dann dieses so unabhangig von den
Urkunden Gefundene mit der Genesis vergleichen, dann finden Sie,
daB diese Genesis uns als ein Dokument entgegentritt, das uns das-
selbe sagt, was wir aus unserer Forschung heraus uns haben sagen
konnen. Das ist jener wunderbare Zusammenklang, auf den ich
schon gestern hindeutete, wo gleichsam das, was wir selber sagen
konnen, uns entgegentont von Seherorganen, die vor Jahrtausenden
zu uns gesprochen haben.
Wenn wir also die mehr feineren Elemente unseres Erdenwesens
betrachten, so sehen wir in dem, was die drei ersten Schopfungs-
tage genannt wird, eine aufeinanderfolgende Wirksamkeit von
Warme, Licht, Schallather und Lebensather, und in dem in sich
Erregten, in sich Belebten sehen wir gleichzeitig die Verdichtungs-
zustande sich entfalten, aus der Warme die Luft, dann das Wasser
und das Feste, das Erdige, in der Art, wie ich es Ihnen dargestellt
habe. So weben ineinander die Verdichtungs- und Verdiinnungs-
zustande, und ein einheitliches Weltbild unseres Erdenwerdens
erringen wir uns so. Und wenn wir so von den dichteren Zustan-
den, von Warme, Luft, Wasser, Erde, oder von den dunneren Zu-
standen, von Licht-, Schall-, Lebensather, sprechen, dann haben wir
es zu tun mit OfTenbarungsweisen, mit auBeren Kleidern seelisch-
geistiger Wesenheiten. Von diesen seelisch-geistigen Wesenheiten
treten uns im Sinne der Genesis zunachst vor das seelische Auge
die Elohim, und da muB uns im Sinne unserer anthroposophischen
Weisheit die Frage aufstofien: Welcher Art waren denn eigentlich
die Elohim, was waren das fur Wesenheiten? — Wir miissen, urn uns
vollstandig zu orientieren, diese Wesenheiten sozusagen in unsere
Hierarchienordnung einreihen konnen. Sie erinnern sich wohl alle
aus dem, was im Verlaufe der Jahre Ihnen vorgetragen worden ist
oder was Sie in meiner «Geheimwissenschaft» lesen konnen, daB
wir in der hierarchischen Ordnung, wenn wir von oben anfangen,
zunachst eine Dreiheit unterscheiden, die wir bezeichnen als Sera-
phime, Cherubime, Throne. Sie wissen, daB wir dann eine nachste
Dreiheit anerkennen, die wir bezeichnen als Kyriotetes oder Herr-
schaften, Dynamis oder Machte, und Exusiai oder Offenbarungen,
Gewalten. Wenn wir dann die niederste Dreiheit nehmen und die
christlichen Ausdriicke gebrauchen, so sprechen wir von Archai
oder Urkraften, Urbeginnen oder Geistern der Personlichkeit, von
Archangeloi oder Erzengeln, von Angeloi oder Engeln, das heiBt
von denjenigen geistigen Wesenheiten, die dem Menschen am aller-
nachsten stehen. Dann erst kommen wir in der Ordnung der Hier-
archien zum Menschen selber als dem zehnten Gliede innerhalb
unserer hierarchischen Ordnung. Und wir mussen uns fragen: An
welche Stelle dieser Ordnung gehoren denn die Elohim?
Da mussen wir unseren Blick auf die zweite der Dreiheiten rich-
ten, auf diejenigen Wesenheiten, die wir Exusiai oder Gewalten,
Geister der Form nennen. Dann haben wir die Rangordnung der
Elohim. Wir wissen aus dem, was wir im Laufe der Jahre dargestellt
haben, daB wahrend des alten Saturndaseins die Archai, die Geister
der Personlichkeit, auf jener Menschheitsstufe standen, auf der wir
heute stehen. Wahrend des alten Sonnenzustandes standen die Erz-
engel oder Archangeloi auf der Menschheitsstufe, wahrend des
alten Mondendaseins die Engel oder Angeloi, und wahrend des
Erdendaseins steht der Mensch auf der Menschheitsstufe. Einen
Grad iiber den Geistern der Personlichkeit haben wir die Geister
der Form, die Exusiai, dieselben, die wir die Elohim nennen. Das
sind also geistige Wesenheiten, die, als unser planetarisches Da-
sein mit dem alten Saturn begonnen hat, schon i
…[truncated]