Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUS G ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Geistige und soziale Wandlun 

in der 

Menschheitsentwickelung 

Achtzehn Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 9. Januar bis 22. Februar 1920 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Susi Lotscher 



1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1966 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 

Friihere Ausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 196 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff und Hedwig Frey (siehe auch S. 295) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Kooperative Diirnau, Diirnau 

ISBN 3-7274-1960-1 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 86 1 - 1 925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INH ALT 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe S. 323 ff. 

Erster Vortrag, Dornach, 9. Januar 1920 ^ 

Die Bedeutung der Wissenschaft von der Initiation fur die Erfassung der 
Lebenswirklichkeiten 

Zweiter Vortrag, 10. Januar 1920 23 

Die Lebenstatsachen der Illusion und des Bosen 

Dritter Vortrag, 11. Januar 1920 38 

Menschenerkenntnis durch Welterkenntnis, eine christliche Forderung 
unserer Zeit 

Vierter Vortrag, 1 6 . Januar 1 920 55 

Uber das Jungerwerden der Menschheit. Ein Entwicklungsmoment der 
nachatlantischen Zeit 

Funfter Vortrag, 17. Januar 1920 71 

Von der Initiationswissenschaft im Hinblick auf die heutigen Gedanken- 
formen. Uber Gegnerschaften gegen die Anthroposophie 

Sechster Vortrag, 18. Januar 1920 89 

Einige Bedingungen fur die Erfassung und das Verstandnis ubersinnlicher 
Erfahrungen 

Siebenter Vortrag, 30. Januar 1920 106 

Das Goetheanum als Reprasentant eines Ideal-Realismus. Eine Zeitbe- 
trachtung 

Achter Vortrag, 3 1 . Januar 1 920 120 

1st die «Dreigliederung des sozialen Organismus» Politik? - geisteswissen- 
schaftlich beantwortet 

Netjnter Vortrag, 1. Februar 1920 135 

Uber das Wirken einzelner Personlichkeiten in der Geschichte. Historische 
Hintergriinde westlicher und mitteleuropaischer Zusammenhange 



Zehnter Vortrag, 6. Febmar 1920 151 

Wessen bedarf die Menschheit zur Neugestaltung Europas? 

Elfter Vortrag, 7. Februar 1920 167 

Das Ergreifen geistiger Wirklichkeiten fur das praktische Leben durch die 
Geisteswissenschaft 

Zwolpter Vortrag, 8. Februar 1 920 180 

Wandlungen der Bedurfnisse des sozialen Lebens in der Menschheitsent- 
wicklung 

Dreizehnter Vortrag, 13. Februar 1920 196 

Die konkreten Beziehungen der hoheren Seelenfahigkeiten des Menschen 
(Gedachtnis, Intelligenz, Sinnestatigkeit) zur geistigen Welt 

Vierzehnter Vortrag, 14. Februar 1920 211 

Die Metamorphosen der niederen Seelenfahigkeiten des Menschen (Fiihlen, 
Begehren, Wollen) und ihr Verhaltnis zur Welt des Sozialen 

Funfzehnter Vortrag, 15. Februar 1920 . 228 

Zur geschichtlichen Entwicklung von Frankreich, Deutschland und Eng- 
land. Eine geisteswissenschaftliche Betrachtung zur Dreigliederung 

Sechzehnter Vortrag, 20. Februar 1920 244 

Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, erster Vortrag 

Siebzehnter Vortrag, 21. Februar 1920 260 

Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, zweiter Vortrag 

Achtzehnter Vortrag, 22. Februar 1920 275 

Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, dritter Vortrag 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 294 

Hinweise zum Text 295 

Textanderungen 319 

Namenregister 321 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 323 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 335 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 9. Januar 1920 



Aus den Betrachtungen, die hier angestellt worden sind vor meiner Ab- 
reise, und sogar aus dem, ich mochte sagen, Grundtext der offentlichen 
Vortrage ist zu entnehmen, daft es gewissermafien «abgelesen» ist von 
dem Sinn der menschlichen Entwickelungsgeschichte, wie einzugreifen 
hat, unbedingt einzugreifen hat in das aufiere Leben, in all dasjenige, 
was im aufieren Leben gewulk und unternommen werden soil, die 
Wissenschaft von der Initiation. Wenn man nicht imstande ist, heute in 
vollem Ernste sich zu durchdringen mit dieser Wahrheit, dann schlaft 
man gegeniiber den eigentlichen Zeitforderungen. Dieses Schlafen gegen- 
iiber den eigentlichen Zeitforderungen ist ja bei den meisten Menschen 
der Gegenwart eben durchaus der Fall. Man mufi sich namlich dariiber 
klar sein, dafi die Gegenwart an die Menschheit Fragen stellt, die anders 
nicht zu beantworten sind als aus der Wissenschaft der Initiation heraus. 
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daft ja eine Wissenschaft der 
Initiation zu alien Zeiten innerhalb der Menschheitsentwickelung da 
war, dafi es zu alien Zeiten gewissermafien Eingeweihte in die Ereig- 
nisse, in die Krafte des Daseins gegeben hat, sondern es handelt sich dar- 
um, da$ es auch heute solche Eingeweihte in die Ereignisgriinde und in 
die Krafte des Daseins gibt; allein wie es sich im Genaueren mit dieser 
Sache verhalt, davon machen sich die wenigsten Menschen eine ordent- 
liche Vorstellung. Und eigentlich mochten das die Menschen der Gegen- 
wart gar nicht. Sie scheuen eigentlich doch zuriick vor dem, was man 
nennen kann die Notwendigkeit des Eingreifens initiierter Wissen- 
schaft in das BewuRtsein der Zeit. Man bekommt von dem Ernste der 
Zeitlage nur dann eine Vorstellung, wenn man die Differenzierung 
dieser Angelegenheit iiber die zivilisierte Welt hin beobachtet. Denn die 
Dinge liegen ganz anders mit Bezug auf den Osten, sie liegen ganz 
anders mit Bezug auf den Westen. Und wer heute glaubt, mit absoluten 
Urteilen, die fur alles gelten sollen, auskommen zu konnen, der lebt 
nicht in der Wirklichkeit, sondern der lebt eigentlich in einer abstrakten 
Welt. Aber notwendig ist es, dafi die Dinge immer wieder und wiederum 



von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden, damit 
wenigstens in einigen Leuten der Ernst der Zeitlage zum Bewufitsein 
getrieben werde. 

Wenn man zunachst auf den Westen blickt, vorzugsweise auf die 
Welt der englischsprechenden Erdenbevolkerung, so ist heute das off ent- 
liche Urteil und dasjenige, was herausfliefit aus dem offentlichen Urteil 
fiir die aufieren Geschehnisse, fur die aufieren Ereignisse, innerhalb die- 
ser englischsprechenden Bevolkerung nicht etwa blofi abhangig von 
dem, was - ich will mich heute einmal, ich mochte sagen, ganz dezidiert 
ausdriicken - die Uneingeweihten traumen und als Lebensideale hin- 
stellen. Gerade im Gebiete der englischsprechenden Bevolkerung ist auf 
der einen Seite ein gewaltiger Gegensatz vorhanden zwischen dem, was 
so im offentlichen aufieren Bewufitsein als Ideen vorkommt, und dem, 
was hinter den Kulissen der Weltgeschichte diejenigen meinen, die in 
die Ereignisse des Weltenganges wirklich eingeweiht waren oder sind. 

Denn wenn man so das allgemeine Bewufitsein nimmt, wie es sich in 
diesen Gegenden der zivilisierten Erde ausdriickt, zunachst in den besten 
Bestrebungen, in den besten offentlichen Publikationen, so konnen wir 
sagen: Es ist da vorhanden eine Art Ideal von einer gewissen Huma- 
nitat, von einem Hinarbeiten der Menschheit nach einer gewissen 
Humanitat, nach einem Zusammenfassen der menschlichen Wirksam- 
keiten unter dem Gesichtspunkte der Humanitat, von dem Installieren 
von Institutionen, welche sich in den Dienst der Humanitat stellen. Wir 
wollen absehen von alledem, was reichlich vorhandene triibe, lug- 
nerische Wasser sind; wir wollen sehen auf dasjenige, was im offent- 
lichen Leben das Beste ist, das von den Uneingeweihten kommt. Das 
ist ein gewisses Streben, die Menschen unter dem Gesichtspunkte der 
Humanitat zusammenzufassen. - Hinter diesem aufieren Streben steht 
das Wissen der Eingeweihten, das Wissen der tonangebenden Ein- 
geweihten. Und ohne dafi die Offentlichkeit das weifi, ohne dafi die 
Offentlichkeit Gelegenheit dazu hat, sich ein geniigendes Wissen von 
den Dingen uberhaupt zu verschaffen, fliefien die Urteile, die richtung- 
gebenden Krafte von seiten gewisser eingeweihter Kreise in die offent- 
liche Meinung und in den davon abhangenden Gang der Ereignisse, 
der aufieren Taten ein. 



Es kann sich da oder dort irgendeine Gesellschaft auftun mit schonen 
Programmen, schonen Idealen. Die Leute konnen von Idealismus nur 
so triefen. Aber es lebt bei ihnen, ohne dafi sie es wissen, nicht nur das- 
jenige, wovon sie reden, sondern es gibt Mittel und Wege, um in alle 
diese Dinge eindringen zu lassen dasjenige, was man von einer gewissen 
Seite, von seiten der Eingeweihten, eindringen lassen will. Und so ist 
es denn gekommen, dafi im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, im Be- 
ginne des 20. Jahrhunderts - wir wollen zunachst bei diesen Dingen ste- 
henbleiben und nicht weiter zuriickgehen -, die gutmeinenden Men- 
schen, die aber uneingeweiht waren, die von alien moglichen schonen 
Idealen traumten, sich zusammentaten, um diese schonen Ideale durch 
Vereinigung in Gesellschaften zu verwirklichen, dafi aber hinter diesem 
Treiben Eingeweihte stehen, jene Eingeweihten, welche in den achtziger 
Jahren - wie gesagt, wir wollen nicht weiter zuriickgehen - des 19. Jahr- 
hunderts davon sprachen, dafi ein Weltkrieg kommen miisse, der vor 
alien Dingen den europaischen Siidstaaten und dem europaischen Osten 
ein ganz anderes Antlitz geben miisse. 

Wenn man in der Lage ist, zu verfolgen, was innerhalb der Kreise der 
Eingeweihten auf diesem Felde gelehrt und gesprochen worden ist, dann 
weifi man, dafi da mit einer grofien Sicherheit vorausgesagt worden sind 
die Dinge, die als die schrecklichen, furchtbaren Dinge in den letzten 
fiinf Jahren sich iiber die zivilisierte Welt ergossen haben. Alle diese 
Dinge waren den Eingeweihten der englischsprechenden Bevolkerung 
durchaus nicht etwa ein Geheimnis, und durch alle Erorterungen hin- 
durch geht die folgende Diskrepanz: Auf der einen Seite schone exo- 
terische Ideale, das Ideal der Humanitat mit dem wirklichen Glauben 
an dieses Ideal der Humanitat in den verschiedensten Formen von seiten 
der Uneingeweihten; auf der andern Seite die Lehre, die bewufite, 
streng vertretene Lehre, dafi alles dasjenige verschwinden miisse aus der 
modernen Zivilisation, was romanische, was mitteleuropaische Kultur 
ist, dafi pradominieren miisse, zur Weltherrschaft gelangen miisse, was 
die Kultur der englischsprechenden Bevolkerung ist. 

Wenn diese Dinge jetzt ausgesprochen werden, so haben sie viel mehr 
Gewicht, als wenn sie vielleicht vor zwanzig Jahren ausgesprochen wor- 
den sind, aus dem einf achen Grunde, weil man vor zwanzig Jahren den 



Leuten, die die Sache aussprachen, sagen konnte: Nun ja, Ihr hort das 
Gras wachsen. - Heute kann man darauf hinweisen, daiK ja ein grofier 
Teil von all dem, was da ausgesprochen worden ist innerhalb der Ein- 
geweihtenkreise, wirklich zur Realisierung gekommen ist. 

Ich spreche so vorsichtig, als es moglich ist, um ja nicht irgendwie ab- 
zuweichen von der Darstellung des rein Tatsachlichen. Aber diese Dar- 
stellung des rein Tatsachlichen, das ist ja der Mehrzahl der Gegenwarts- 
menschen etwas aufierordentlich Unbequemes. Sie mochte es so ab- 
streifen, sie mochte es nicht an sich herankommen lassen. Es ist ja in der 
Gegenwart etwas so sehr die Seelenwollust Anfeuerndes, wenn man den 
Nationalismus in dieser oder jener Weise pflegt, wenn man vom Volker- 
bund spricht, von der Wiederaufrichtung altheiliger nationaler Institu- 
tionen und so weiter. Dafi wir in der Gegenwart in einer furchtbaren 
Menschheitskrisis drinnen sind, das mochten die Menschen heute eben 
durchaus noch nicht wissen. 

Nun haben wir damit mit einigen Worten auf die Diskrepanz hin- 
gewiesen zwischen dem, was die Uneingeweihten im Westen wissen, und 
dem, was, ohne dafi sie es wissen, pulst in ihren Entschliissen. Man kann 
ja wirklich erst dadurch wissen, wie man als Mensch eingegliedert ist in 
das, was geschieht, wenn man sich bemiiht, das kennenzulernen, was da 
ist in der Welt, wenn man sich nicht treiben und stolen lafit, sondern 
wenn man versucht, Mittel und Wege zu finden, die wirklich Freiheit 
des Willens moglich machen. 

Und wenn man nach dem Osten sieht: iiber den ganzen Osten hin 
gibt es auch diesen Zwiespalt zwischen Eingeweihten und Uneingeweih- 
ten. Wie reden da die Uneingeweihten ? - Diese Uneingeweihten reden 
da im Osten etwa so wie Rabindranath Tagore. Rabindranath Tagore 
ist ein wunderbarer Idealist des Ostens, ein Mensch, der aufierordentlich 
einschneidende Ideale zu vertreten hat. Alles ist schon an dem, was er 
au£erlich zum Ausdruck bringt. Aber alles, was da von Tagore ausgeht, 
ist eben die Rede eines uneingeweihten Menschen. Diejenigen, die im 
Orient eingeweiht sind, die reden anders, beziehungsweise nach der 
alten Gepflogenheit des Orients: Sie reden gar nicht. Sie haben andere 
Wege, um dasjenige in Wirksamkeit, in soziale Wirksamkeit zu bringen, 
was sie eigentlich wollen. Sie wollen erreichen, dafi nun nicht von 



irgendeiner Seite Weltherrschaft angestrebt werde, denn sie sind sich 
klar dariiber - sie glauben, sich klar dariiber zu sein - dafi, wenn es noch 
irgendein Herrschaftsverhaltnis auf der Erde gibt, dieses nur sein kann 
das der englisch-amerikanischen Menschheit. Das wollen sie aber nicht. 
Deshalb wollen sie eigentlich die Zivilisation der Erde verschwinden 
lassen. Sie sind ja im intensivsten Grade bekannt mit der spirituellen 
Welt, und sie sind der Uberzeugung, dafi die Menschheit besser fort- 
kommt, wenn sie sich den folgenden irdischen Inkarnationen entzieht. 
Sie wollen daher daran arbeiten, dafi die Menschen sich den folgenden 
Inkarnationen entziehen. Fur diese Eingeweihten des Orients werden 
die Ergebnisse des Leninismus nichts Schreckhaftes haben, denn diese 
Eingeweihten des Orients sagen sich: Wenn diese Institutionen des Leni- 
nismus sich immer mehr und mehr iiber die Erde verbreiten, so ist das 
der sicherste Weg, die Erdenzivilisation zugrunde zu richten. Das aber 
wird gerade fur die Menschen das Giinstige sein, die durch ihre bisherige 
Inkarnation sich die Moglichkeit verschafft haben, weiter fortzuleben 
ohne die Erde. 

Wenn man den Europaern von solchen Dingen spricht, so halten sie 
das fur Paradoxic Innerhalb der Kreise der orientalischen Eingeweih- 
ten redet man von diesen Dingen so, wie der Europaer in seinem Un- 
verstand davon redet, dafi Erbsensuppe anders schmecke als Reissuppe; 
denn fur sie sind das Realitaten, die durchaus nicht aufierhalb des Be- 
reiches dieser alltaglichen Erorterungen zu liegen brauchen. Wenn man 
die Verfassung der heutigen zivilisierten Welt betrachtet und sie wirk- 
lich verstehen will, dann darf man nicht aufier acht lassen, dafi vom 
Osten und Westen diese Dinge in unsere gegenwartige Zivilisation hin- 
einwirken. Und arbeiten im Sinne des menschlichen Fortschrittes kann 
man in der Gegenwart gar nicht anders als mit einem vollstandigen 
Empfinden fur diese Einfliisse auf den Gang der Menschheitsentwicke- 
lung. Das aufiere Leben, wie es sich darstellt, ist es denn ein Abdruck 
desjenigen, was die Menschen exoterisch glauben, was die Menschen, die 
sich nur beherrschen lassen von der Wissenschaft der Uneingeweihten, 
meinen ? 

Wer diese Frage ernstlich studieren mochte, dem empfehle ich, blofi 
einmal sich acht Tage auszusuchen im Mai oder Juni des Jahres 1914 



und Zeitungsartikel, Biicher vom Mai oder Juni 1914 zu lesen und sich 
zu fragen, wieviel Wirklichkeitsgeist er darin findet, das heifit, wieviel 
er darin findet von einem Wissen, dafi innerhalb der zivilisierten Mensch- 
heit dasjenige gekeimt hat, was dann vom August ab in dieser zivilisier- 
ten Menschheit ausgebrochen ist. Nichts haben sich die Uneingeweihten 
von diesen Dingen traumen lassen ! Ebensowenig lassen sich die Unein- 
geweihten auch heute noch traumen von dem, was eigentlich vorgeht. 
Aber die Ereignisse des aufieren Lebens sind keine Abbildungen des 
Wissens der Uneingeweihten. Es herrscht eine starke Diskrepanz zwi- 
schen dem, was die Leute meinen, und dem, was sich im Leben wirklich 
abspielt. Diese Diskrepanz sollte man sich zum Bewufitsein bringen und 
sich die Frage sachgemafi beantworten: Wieviel wissen denn eigentlich 
die Uneingeweihten heute vom Leben, von dem, was das Leben be- 
herrscht ? 

Die Leute reden iiber das Leben. Die Leute machen Theorien und 
Ideale und Programme, aber ohne das Leben zu kennen. Und wenn ein- 
mal etwas auftritt, was aus dem Leben heraus gestaltet ist, dann er- 
kennen das die Menschen nicht an, dann halten sie gerade das fur Theo- 
rien oder fur Absurditaten oder dergleichen. Fur das Leben haben nun 
die Einflusse des Westens und des Ostens eine ganz verschiedene Be- 
deutung. Diese verschiedene Bedeutung spielt in unserem Leben im 
eklatantesten Sinne mit fur den, der solche Dinge beobachten kann. 
Wenn das, was man im Westen als Theorien, als Programme, als soziale 
Anschauungen hat, das Leben beherrschen sollte, da kame nichts heraus, 
gar nichts, wirklich gar nichts. Dafi es eine westliche Zivilisation gibt, 
dafi das westliche Leben uberhaupt Institutionen entwickeln kann, das 
ruhrt nicht davon her, dafi dieses westliche Leben solche Ideen hat, wie 
etwa Spencer oder Darwin oder andere, mehr sozial denkende Men- 
schen haben; denn mit all diesen exoterischen Theorien und Anschau- 
ungen ist in Wirklichkeit nichts anzufangen. Dafi das Leben doch fort- 
geht, dafi das Leben nicht stillsteht, das ruhrt lediglich davon her, dafi 
alte traditionelle Instinkte in der englischsprechenden Bevolkerung 
leben und dafi man nach diesen Instinkten das Leben richtet, nicht nach 
den Theorien. Die Theorien sind ja nur eine Dekoration, durch die man 
schone Worte iiber das Leben spricht. Dasjenige, was das Leben regiert, 



sind die Instinkte, die aus dem Unbewufiten der Seele an die Oberflache 
heraufgetrieben werden. Das ist etwas, was in allerernstestem Sinne 
beobachtet und erkannt werden mufi. 

Und gehen wir nach dem Osten, beginnen wir meinetwillen diesen 
Osten schon beim Rhein, denn sehr bald wird das Leben vom Rhein 
ostwarts dem Osten immer mehr und mehr ahnlich werden. Schauen wir 
uns das an, was da im Osten vorhanden ist. Betrachten Sie es zunachst 
historisch: durch Deutschland, durch Rufiland, selbst noch durch Vorder- 
asien. Wenn Sie es in Deutschland historisch betrachten, so finden Sie 
etwas aufierordentlich Merkwiirdiges. Sie finden, dafi diese Deutschen 
Geister hatten wie Goethe, wie Fichte, wie Schelling, wie Hegel, wie 
Herder, dafi sie aber eigentlich in Wirklichkeit nichts davon wissen, dafi 
sie solche Geister gehabt haben. Innerhalb Deutschlands war die Zivi- 
lisation das Eigentum einer kleinen Geistesaristokratie. Niemals hat 
diese Zivilisation Platz gegriffen in den weiteren Kreisen. Goethe ist fur 
weitere deutsche Kreise eine unbekannte Personlichkeit geblieben, auch 
nach 1862. Ich sage 1862, weil man ja vorher in Deutschland nur sehr 
schwer die Werke Goethes hat auftreiben konnen. Sie waren noch nicht 
frei, und die Cottas haben dafur gesorgt, dafi sie nicht eben leicht haben 
aufgetrieben werden konnen. Seit jener Zeit sind sie frei zu drucken. Sie 
werden zwar gelesen, aber sie sind niemals in das wirkliche geistige 
Leben von so etwas wie einer deutschen Nation eingedrungen. Daher 
beginnt es bereits bei den Deutschen mit einer Instinktunsicherheit im 
hochsten Grade. Jenen intensiv eingreifenden geistigen Machten, die 
ausstrahlen von einem Herder, einem Goethe, einem Fichte, diesen be- 
stimmten Lebenstrieben steht gegenxiber eine im hochsten Grade so 
zu nennende Instinktunsicherheit, eine Instinktunsicherheit aus dem 
Grunde, weil in diesen Gegenden die Instinkte nicht konservativ ge- 
blieben sind. Im Westen sind sie konservativer geblieben. Hier sind sie 
nicht konservativ geblieben, aber sie sind auch nicht erneut worden, 
sie sind nicht durchdrungen worden von dem, was die Geistessubstanz 
ihnen hatte geben konnen. 

Noch deutlicher wahrnehmbar ist dieses im eigentlichen europaischen 
Osten. Denken Sie doch nur, welche Rolle in diesem europaischen Osten 
die sogenannte orthodoxe Religion gespielt hat, wie sie eingeflossen ist 



in die offentlichen Institutionen, wie sie gelebt hat ein aufieres Leben 
und wie sie nichts, aber auch gar nichts war fur die Seelen. Das Konser- 
vieren dieses ostlichen Orthodoxismus, der sich langst seinem Inhalte 
nach ausgelebt hat, das bedeutet, dafi die Menschenseelen in die Un- 
sicherheit des Lebens geradezu gestofien worden sind. Wer in West- 
europa russische Menschen kennengelernt hat, der war selbstverstand- 
lich im hochsten Grade beruhrt von dem eigentumlichen Verhaltnis, das 
diese Menschen auf der einen Seite zu dem AUgemein-Menschlichen, auf 
der andern Seite zu dieser orthodoxen Religion hatten. Wie vor vielen 
Jahrhunderten der orthodoxen Religion entlaufene Seelen, welche die 
Anhangsel, die Andenken von dieser orthodoxen Religion sich noch 
umgehangt haben und welche den Glauben hatten, dafi ihnen diese 
orthodoxe ReUgion doch etwas sein konne, so erscheinen einem diese 
Menschen, welche sich gar nicht vorstellen konnten, wie sehr sie ent- 
laufen waren dieser orthodoxen Religion. - Das ist dasjenige, was die 
russische Seele charakterisiert. Und damit ist erst recht ausgegossen iiber 
den europaischen Osten die Instinktunsicherheit, das Nicht-innerlich- 
Gehaltenwerden durch Instinkte. Das eigentumlich Weiche, das iiber 
den russischen Menschen ausgegossen ist, hangt letzten Endes mit 
dieser Instinktunsicherheit zusammen. 

Die ganze Menschheit Asiens kann heute, kann in den nachsten Jahr- 
zehnten eine Beute der europaischen Eroberer werden, weil diejenigen, 
die dort eingeweiht werden, sich gar nichts daraus machen, dafi die 
allgemeine Menschheit eine Beute der Eroberer wird. Denn um so eher 
werden die Glieder dieser allgemeinen Menschheit Geschmack daran 
gewinnen, aus dem irdischen Leben sich herauszuziehen und die Erde 
fur die nachste Inkarnation zu verlassen. 

In diesen Kraftewirkungen stehen wir drinnen. Und es hat heute 
iiberhaupt nur einen Sinn, iiber das Leben zu reden, wenn man seine 
Worte durchdrungen sein lafit von dem Bewufitsein, dafi es eben heute 
im Leben so ist, dafi man davon ausgehen mufi, dafi diejenigen Krafte aus 
den Menschenseelen erlost, herausgeholt werden miissen, die nicht nach 
der einen und nicht nach der andern Richtung gehen, sondern die gehen 
nach einer wirklichen Erneuerung auch der Wissenschaft der Initiation. 
Deshalb mufi immer wieder und wieder darauf hingewiesen werden, 



wie der Gegenwartsmensch durchsteuern mufi zwischen dem extremen 
Intellektualismus auf der einen Seite und dem Emotionalismus auf der 
andern Seite. 

Unser Leben verlauft in diesem Zwiespalte: zwischen einem immer 
mehr und mehr sich steigernden und sich uberschlagenden Intellek- 
tualismus und zwischen dem Emotionalismus, der in die wildesten, in 
die animalischen Triebe des Menschenlebens hinuntertaucht und da- 
durch die Impulse des Daseins sucht. Der Intellektualismus ist das- 
jenige, was sich an Geistesleben aus dem heraus entwickelt, was groft 
geworden ist seit dem 15. Jahrhundert. Aber dieses Geistesleben ist 
schattenhaft, dieses Geistesleben ist diinn, dieses Geistesleben ist phra- 
senhaft. Daher, weil dieses Geistesleben diinn, schattenhaft ist, bestim- 
men sich die Krafte, die in diesem Geistesleben wirken, nicht nach 
wirklich Geistigem, sondern nach den Instinkten, nach den Trieben, 
nach dem Animalischen in der Menschheit. Die Menschheit hat heute 
nicht die Kraft, mit ihren schattenhaften intellektuellen Ideen die 
Triebe zu impulsieren und sie dadurch zu vergeistigen. Und so ist der 
heutige Mensch in jedem Augenblick seines Lebens mit Bezug auf seine 
Seele griindlich gespalten. 

Nehmen Sie nur einmal an, Sie stehen beurteilend Ihren Mitmen- 
schen gegemiber. Da sind Sie namlich intellektualistisch. Jedesmal, 
wenn der Mensch heute in der Gegenwart Kritik iibt an seinen Mit- 
menschen, wird er intellektualistisch. Wenn er mit ihnen zusammen- 
wirken soli in sozialer Gemeinschaft, wird er emotionell; dann wird 
er so, dafi er sich beherrschen lafit von den animalischen Trieben. Alles 
dasjenige, was wir an Lebensarbeit suchen, tauchen wir allmahlich ins 
Animalisch-Triebhafte; alles dasjenige, was wir an Lebensbeurteilun- 
gen suchen, auch wenn es auf die Mitmenschen sich erstreckt, tauchen 
wir ins Intellektualistische. Die Menschen der Gegenwart werden sich 
gar nicht bewufit dieses Zwiespaltes in ihrer Seele. Sie merken gar 
nicht, wie sie ganz anders sind, wenn sie iiber ihre Mitmenschen ur- 
teilen, und dann, wenn sie mit ihren Mitmenschen zusammen handeln 
sollen. 

Das intellektualistische Leben aber uberschlagt sich. Das intellek- 
tualistische Leben strebt iiber alle Wirklichkeiten hinaus. Das intellek- 



tualistische Leben ist dasjenige, welches als solches eigentlich keinen 
besonderen Wert legt auf die irdischen Verhaltnisse. Mit dem intellek- 
tualistischen Leben ist es so, da$ man schone moralische Grundsatze 
ausarbeitet inmitten einer sozialen Ordnung, in der die Leute Knechte, 
in der sie versklavt sind. Ich habe das im Konkreten ofter hier ange- 
fuhrt. Ich erinnere auch heute noch einmal an jene Enquete, die in Eng- 
land in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgenommen worden ist iiber 
die Kohlengrubenarbeiter, bei der sich herausgestellt hat unter vielen 
andern Schaden, dafi neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder vor Sonnen- 
aufgang in die Kohlenschachte hinuntergeschickt worden sind die ganze 
Woche, dann heraufgeholt worden sind mch Sonnenuntergang, so da$ 
die armen Kinder niemals das Sonnenlicht, aufier am Sonntag, gesehen 
haben, sich also im Unterirdischen entwickeln mufiten, unter Bedin- 
gungen, deren Schilderung ich Ihnen ersparen werde; derm auch da 
ware Sonderbares zu erzahlen. Aber bei den Kohlen, die so zutage 
gefordert worden sind, haben sich dann die Leute unterhalten in 
Spiegelzimmern iiber Nachstenliebe, iiber allgemeine Menschenliebe 
ohne Unterschied von Rasse, Nation, Klasse und so weiter. 

Das ist das Extrem des intellektualistischen Lebens. Nirgends offnen 
sich die Tiiren zur Wirklichkeit. Man schwebt mit seinem Intellekt 
jenseits der Menschlichkeit. Ein Wirklichkeitsgeist ist lediglich der- 
jenige, der bei allem, was er denkt, weifi, wie das, was er denkt, zu- 
sammenhangt mit dem, was draufien in der Welt geschieht. Das ist 
Aufgabe der Geisteswissenschaft, diesen Wirklichkeitssinn in der 
Menschheit wiederum zu erwecken. Aus solchen Untergriinden heraus 
mufi heute ofter offentlich ausgesprochen werden, was ich neulich in 
Basel ausgesprochen habe: Die Religionsbekenntnisse haben durch Jahr- 
hunderte das Monopol sich gebildet fiir alles dasjenige, was iiber Seele 
und Geist - Geist ist ja abgeschafft worden im Jahre 869 -, also was 
iiber die Seele zu sagen ist. Es durften die Menschen, die aufierlich iiber 
die Natur forschten, den Geist in der Natur nicht suchen. Und man 
mufi sagen: Das vollkommenste Bild einer Weltanschauung von diesem 
Gesichtspunkte haben zum Beispiel die aufierordentlich gescheiten 
Jesuiten geschaffen; wenn die Naturforscher werden, dann ist in ihrer 
Naturforschung nichts von Geist enthalten! Nimmt dann jemand das 



ernst, was ein Jesuit iiber die Natur schreibt, so wird er selbstverstand- 
lich Materialist unter dem heutigen Zeitgeiste. Heute mufi man unter- 
scheiden zwischen dem, was theoretisch richtig ist, und dem, was wirk- 
lich wesenhaft ist. Theoretisch richtig ist, dafi die Jesuiten eine spiri- 
tuelle Weltanschauung verfechten. Wirklich wesenhaft ist, dafi die 
Jesuiten den Materialismus verbreiten! - Theoretisch richtig war es, 
dafi Newton neben seiner mechanistischen Weltanschauung jedesmal 
den Hut zog, wenn er das Wort «Gott» aussprach. Wirklich wesenhaft 
ist, da£ aus der Newtonschen mechanistischen Weltanschauung der 
Materialismus einer spateren Zeit hervorgegangen ist. Denn nicht das 
entscheidet, was man theoretisch meint, sondern das entscheidet, was 
in den Wirklichkeitsgesetzen liegt. Und die intellektualistische Welt- 
anschauung liefert niemals Weltanschauungsgesetze. Diese intellektua- 
listische Weltanschauung fuhrt zuletzt zum vollstandigen Luziferia- 
nismus. Sie luziferianisiert in Wirklichkeit die Welt. 

Neben diesem Intellektualismus haben wir in der Gegenwart den 
Emotionalismus, das Leben aus den Instinkten, aus dem Animalischen 
heraus in der Art, wie ich das angefuhrt habe. Dieses Instinktleben, 
dieses animalische Leben, das beherrscht eigentlich das offentliche Da- 
sein in dem Moment, wo der Mensch geneigt ist, eben zu leben, wo er 
nicht mehr blofi zu urteilen braucht. Urteilen kann man, dafi es zum 
Beispiel schandlich ist, nun, sagen wir, die Leute in den Bergwerken 
so und so zu behandeln. So kann man urteilen. Aber man hat Berg- 
werksaktien! Indem man die Coupons abschneidet, ist man es selber, 
der die Leute in dieser Weise martert, man merkt es nur nicht. Dies 
meine ich mehr als ein Symbolum des Lebens, denn so verlauft unser 
Leben. Die Menschen denken auf der einen Seite und handeln auf der 
andern Seite. Aber sie merken nicht, welche gewaltige Diskrepanz 
zwischen dem einen und dem andern besteht. 

An diesem Zustande ist heute vielfach schuld die Bequemlichkeit der 
Menschen gegeniiber alien Gelegenheiten, die uns Einsichten in das 
Leben verschaffen. Man will heute im Leben ein «guter Mensch» sein, 
ohne das Bestreben zu haben, dieses Leben wirklich kennenzulernen. 
Aber es lafit sich heute nicht in Wirklichkeit leben, ohne das Leben 
kennenzulernen. Dieser Weltkrieg, er ist aus der Tatsache heraus ent- 



standen, daft die Menschen, welche die sogenannten «Regierenden» 
waren - manche sind es noch -, dem Leben ganz feme standen. Man- 
che stehen noch - auf ihren Platzen namlich. 

Aber was konnte deutlicher die vollstandige Lebensfremdheit der 
Menschen zeigen, auf die es so viel ankommt, angekommen ist in den 
letzten Jahrzehnten, als jene von unserer Kultur, von unserer Zivilisa- 
tion so deutlich sprechenden «Memoiren», die sich jetzt so haufen. Alle 
Woche gibt einer, zunachst von den besiegten Machten, die andern wer- 
den auch nachkommen, seine Memoiren heraus. Dabei zeigt sich so recht, 
wie richtig das Urteil desjenigen war, der da gesagt hat: Man glaubt gar 
nicht, rait wie wenig Verstand die Welt regiert wird. - Aber die Kon- 
sequenzen aus solchen Voraussetzungen werden ja nicht gerne von den 
Menschen der Gegenwart gezogen. Denn diese Menschen der Gegenwart 
wollen zum Beispiel nicht durchschauen, daft es kein soziales Empfinden 
und soziales Wissen geben kann ohne ein wirkliches Weltwissen. Man 
kann noch Zoologie begriinden ohne ein Weltwissen, weil die Tiere 
durch ihre physische Organisation auf eine bestimmte Tatigkeit, auf 
ein bestimmtes Funktionieren hin organisiert sind. Beim Menschen 
ist gerade das Charakteristische, daft seine Organisation offengelas- 
sen ist fur das, was er aus dem Weltwissen aufnehmen soli. Und so kann 
es kein soziales Wissen geben, ohne daft ihm ein Weltwissen zugrun- 
de liegt. Man kann niemals eine wirkliche Sozialkunde aufbauen, ohne 
daft man weift, daft alles dasjenige, was der Mensch zu erstreben 
hat durch sein Inneres, ein Ergebnis ist der ganzen Entwickelung, 
die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umrift» dargestellt fin- 
den bis zur jetzigen Erdenentwickelung, und daft alles dasjenige, was 
der Gegenwartsmensch durch die soziale Gemeinschaft aufnimmt, 
ein Keim ist fiir dasjenige, was weiter geschehen soil mit der Erden- 
entwickelung. 

Verstehen kann man das soziale Leben nicht, ohne daft man die Welt 
uberhaupt versteht. Es ist unmoglich, daft heute die Menschen eingreifen 
mit Programmen oder Ideen oder Idealen in das offentliche Leben, ohne 
sich eine geistige Grundlage fiir dieses Eingreifen zu legen; denn was 
iiberall mangelt, das ist ein Ergriffensein der Seele von dem, worauf es 
eigentlich ankommt. 



Da erlebt man sonderbare Dinge. Der ausgezeichnete deutsche sozia- 
listische Theoretiker Karl Kautsky hat nun auch ein Buch geschrieben: 
«Wie der Weltkrieg entstand». Da spricht er zunachst iiber die Schuld- 
frage. Auf den ersten Seiten findet sich bei Kautsky ein merkwurdiges 
Gestandnis. Ich mochte das Folgende vorausschicken. Ich mochte sagen, 
dafi Kautsky zu denjenigen gehort, die in den letzten Jahrzehnten mit 
alien Mitteln eine Parteidoktrin und Parteidisziplin in das Proletariat 
einhammerten, die Lehre in die Kopf e einhammerten, dalS nicht einzelne 
Menschen als Menschen fur die Weltereignisse verantwortlich sind, son- 
dern zum Beispiel der Kapitalismus. Und so finden Sie denn iiberall 
nicht die Rede von Kapitalisten, sondern vom Kapitalismus. Mit solchen 
Parteidoktrinen kann man agitieren, man kann Parteien begriinden, 
man kann wirksame Hammer finden fiir die Kopfe der Menschen, so 
dafi solche Doktrinen Glaubensbekenntnisse werden. Sobald man geno- 
tigt ist, ich will gar nicht sagen, in die Wirklichkeit arbeitend einzugrei- 
fen, sondern nur zu urteilen iiber die Wirklichkeit, da geht die ganze 
Doktrin floten! Denn nun, wo Kautsky iiber die Schuldigen schreibt, 
was tut er ? Er miifite ja sein ganzes Buch ungeschrieben lassen, wenn er 
seine alten Litaneien vom KapitaKsmus fortsetzen wollte. Was tut er 
also ? Er legt auf der ersten Seite ein Bekenntnis, ein merkwurdiges Be- 
kenntnis ab, das ich Ihnen nur mit ein paar Worten aus seinem Buche 
anfuhren will: «Man kann nicht den Kapitalismus als den einzig Schul- 
digen hinstellen. Denn der Kapitalismus ist nichts als eine Abstraktion, 
die gewonnen wird aus der Beobachtung zahlreicher Einzelerscheinun- 
gen und die ein unentbehrliches Hilfsmittel ist bei dem Streben, diese in 
ihren gesetzmafiigen Zusammenhangen zu erforschen. Bekdmpfen kann 
man aber eine Abstraktion nicht, aufier theoretisch; nicht aber praktisch. 
Praktisch konnen wir nur Einzelerscheinungen bekampfen ... bestimm- 
te Institutionen und Personen als Trager bestimmter gesellschaftlicher 
Funktionen.» 

Nun ist der sozialistische Theoretiker nur davor hingestellt, ich will 
gar nicht sagen, ins soziale Leben aufbauend einzugreifen, sondern nur 
das soziale Leben in einer Frage zu beurteilen, und nun ist plotzlich der 
Kapitalismus eine Abstraktion. Da kommt er erst darauf! In dem 
Augenblich, wo derselbe Karl Kautsky Veranlassung nehmen wurde, 



die Wirklichkeitsidee von der Dreigliederung zu besprechen, da wiirde 
in miktarischer Organisation wiederum auf marschieren der Kapitalismus, 
nicht als Abstraktion, sondern als etwas hochst Wirkliches ! - Man merkt 
gar nicht, wo der Unterschied liegt zwischen dem, was als soziale An- 
schauung aus einer wirklichen Lebensbeobachtung herausgeholt ist, und 
dem, was aus einem allgemeinen abstrakten Denken oder auch abstrakten 
Empfinden herausgeholt ist. 

Einsicht, das ist dasjenige, was der Mensch der Gegenwart suchen mufi 
als Schutzmittel gegen jenen Illusionismus, in den er verf alien mufi durch 
den auf die Spitze getriebenen Intellektualismus. So suchte ich Sie heute 
von einer gewissen Seite her auf wichtige Dinge der Gegenwart aufmerk- 
sam zu machen. Ich werde morgen und ubermorgen diese Dinge weiter 
ausbauen, fortsetzen. 



.i 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 10. Januar 1920 



Ich werde, um den Ubergang zu schaffen von der kulturhistorischen 
Betrachtung von gestern zu den Perspektiven, zu denen ich morgen 
dann iibergehen will, heute eine Art Episode einfugen, die Ihnen viel- 
leicht etwas weit hergeholt zu sein scheinen wird, die aber doch einmal, 
wenn auch als eine ziemlich schwierige Betrachtung, eingefiigt werden 
mufi. 

Zwei Machte greifen in das menschliche Leben ein, die innerhalb die- 
ses Lebens ratselhaft erscheinen, die verlangen, verstanden zu werden, 
denn sie fallen eigentlich aus dem denkgewohnten Gang des Lebens 
heraus. Das eine ist die Tatsache, dafi der Mensch illusionsfahig ist, dafi 
der Mensch sich Illusionen hingeben kann. Das andere ist, dafi der 
Mensch dem Bosen verfallen kann. Die Wirkung der Illusion und die 
Wirkung des Bosen im Leben gehoren ja ganz gewifi zu den grofiten 
Ratseln dieses Lebens. 

Nun habe ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten Veranlassung 
genommen, auf das in bezug auf diese beiden Lebenstatsachen vorlie- 
gende Geheirnnis hinzuweisen. Das Geheimnis, das dabei vorliegt, ist 
nur ein solches, dafi sein Denken herausfallt aus den gewohnten Bahnen. 
Und verwandt ist alles dasjenige, was man zu denken hat in bezug auf 
die Illusion und in bezug auf das Bose im Leben, mit dem Problem, mit 
dem Ratsel von Krankheit und Tod, die ja eigentlich vom Menschen 
- wie alle diese Ratsel - nur deshalb nicht in ihrer vollen Tiefe empfun- 
den werden, weil der Mensch sich gewohnt hat, Illusionen, das Bose, 
Krankheit und Tod im Leben drinnen zu haben. Allein diese Dinge 
mufite derjenige ganz unverstandlich finden, der von einer materiahsti- 
schen Auffassung des Lebens ausgeht. Insbesondere miilke der materia- 
listisch Gesinnte immer wieder und wiederum sich fragen: Wie ist ver- 
einbar jene Abweichung von dem gewohnten Gang der Naturgesetze 
im Leben, jene Abweichung, die in Krankheit und Tod erscheint? - 
Denn die Naturgesetze, die durch die Organismen durchwirken sollen, 
die drucken sich zweifellos ja aus in dem normalen, in dem gesunden 



Gang des Lebens. Krankheit und Tod aber greifen abnormerweise in 
den Gang des Lebens ein. 

Man wird allmahlich, um iiberhaupt in der ganzen krank geworde- 
nen Weltanschauung der zivilisierten Menschheit Gesundes zu ent- 
wickeln, gerade einsehen miissen, dafi Krankheit und Tod, das Bose 
und die Illusion nur zu begreifen sind vom Gesichtspunkte einer spiri- 
tuellen Weltanschauung. Der Mensch, so wie er als ein Ausdruck der 
ihm bekannten Welttatsachen dasteht, mufi sich klar dariiber sein, dafi 
seine Entwickelung nicht moglich ist, wenn in diese Entwickelung nur 
hereinspielen diejenigen Naturtatsachen, die er zunachst iiberblickt, 
wenn er an nichts anderem Teil hatte als an demjenigen, wo von die 
heute gewohnte Wissenschaft redet. Denn betrachten Sie einmal einfach 
vom Gesichtspunkte des gesunden Menschenverstandes das Folgende. 
Denken Sie sich einmal: Die Vital-, die Lebenskrafte werden in Ihnen 
lebendiger, als sie im sogenannten normalen Zustande sind, lebendiger 
zum Beispiel im Fieber, lebendiger, als Ihnen moglich ist, sie zu beherr- 
schen. In all diesen Fallen, in denen Sie nicht aufkommen, nicht die 
Oberhand gewinnen iiber die in Ihnen wirkenden Naturkrafte, hort das 
Bewufitsein auf, oder wenigstens geht das Bewufitsein in einen abnor- 
men Zustand iiber. 

Wer das Leben unbefangen betrachtet, der mufi sich sagen: Leben und 
Bewufitsein haben ist durchaus zweierlei. Bewufitsein haben hangt 
davon ab, dafi man selber die Oberherrschaft iiber das Leben hat. Wenn 
das Leben tiberwuchert, wenn das Leben fiebrig wird und man die Herr- 
schaft iiber dieses Leben verliert, dann ist es unmoglich, das Bewufitsein 
in der richtigen Weise weiter zu haben. Daraus folgt aber doch unmittel- 
bar, dafi dasjenige, was im Organismus das Leben erregt, und dasjenige, 
was im Organismus Lebenskrafte sind, nicht zu gleicher Zeit die Krafte 
des Bewufitseins sein konnen. Wenn man die Entwickelung der Mensch- 
heit, wie sie sich im Kosmos zugetragen hat, iiberblickt, so wissen Sie ja, 
dafi dieses Erdenbewufitsein, das man gewohnlich meint, wenn man 
iiberhaupt vom Menschheitsbewulksein redet, und das wir heute auch 
zunachst einzig und allein beriicksichtigen wollen, erst im Laufe der Zeit 
eingetreten ist; dafi diesem Erdenbewufitsein andere, weniger helle Be- 
wufitseinszustande vorangegangen sind. Ich habe Sie ja oftmals hinge- 



wiesen darauf, wie diesem unserem Erdenplaneten eine planetarische 
Verkorperung, die wir die Mondenverkorperung der Erde nennen, vor- 
angegangen ist. Damals, als die menschliche Wesenheit verbunden war 
mit diesem planetarischen Mondenzustande, da hatte der Mensch nur 
eine Art Traumbewufttsein. Aber er war auch - Sie brauchen das nur 
in meiner «Geheimwissenschaft im Umrif?» nachzulesen - viel, viel mehr 
als heme durchsetzt von Vitalkraften. 

Und gehen wir weiter zuriick zu noch friiheren planetarischen Ver- 
korperungen unserer Erde, so linden wir immer mehr und mehr Lebens- 
prozesse im Menschen. Der Mensch lebt das Leben des ganzen Kosmos 
mit. Aber wir finden kein anderes Bewulksein hinter dem Monden- 
bewufitsein, als dasjenige unseres traumlosen Schlafes ist, also, vom 
irdischen Standpunkt aus gesprochen, iiberhaupt kein Bewufksein. 

Durch diese Zustande, in denen der Mensch gewissermafien lebendiger 
war, aber in denen er wegen dieser Lebendigkeit nicht das Erdenbewufit- 
sein haben konnte, entwickelte er sich hindurch bis zu diesem Erden- 
bewufitsein. Und auch dariiber haben wir ja schon gesprochen, wovon 
dieses Erdenbewufitsein abhangt. Davon hangt es ab, dafi wir, was die 
heutige Physiologie noch nicht geniigend berucksichtigt, in unserem 
Haupte, in unserem Kopfe Vorgange sich abspielend haben, die, wenn 
sie sich iiber den ganzen Leib erstreckten, uns fortwahrend in jedem 
Augenblick den Tod bringen mulken. Unsere Nerven-Sinnesprozesse 
sind Prozesse, welche ganz gleichwertig sind mit dem, was in unserem 
Organismus vorgeht, wenn er ein Leichnam ist. Nur, solange wir leben, 
wird dieses fortdauernde Sterben unseres Nerven-Sinnesorganismus 
paralysiert, von den andern Lebensprozessen in unserem Organismus 
ausgeglichen. Wir miissen gewissermafien in jedem Augenblich von un- 
serem Rumpf- und Gliedma^enorganismus aus zum Leben erweckt 
werden. Denn wiirde unsere Organisation nur den Kraften unseres 
Hauptes folgen, dann wiirden wir fortwahrend sterben beziehungs- 
weise zum Sterben geeignet sein. 

Sie sehen, es ist notwendig, dafi in das menschliche Leben hereinspielt 
der Sterbeprozefi, der Zerstorungsprozefi. Ohne dafi dieser Zerstorungs- 
prozefi in die menschliche Organisation hereinspielte, wiirde sich der 
Mensch nicht hinentwickeln konnen zur Helligkeit des Bewufitseins. 



Diese Dinge miissen als Notwendigkeiten der kosmischen Entwickelung 
eingesehen werden. Und toricht ist es im Grunde genommen, wenn die 
Leute sich denken: Gott ist aUmachtig, er hatte die Sache doch anders 
einrichten konnen. - Das wiirde ungefahr gleichkommen dem Satze: 
Gott ist allmachtig, er kann ein Dreieck doch auch mit vier Ecken 
machen. - Dasjenige, um was es sich da handelt, ist ein Gesetz unbeding- 
ter Notwendigkeit. Bewufitseinsentwickelung ist ohne Eingliederung 
des Todesprinzipes in die menschliche Organisation nicht moglich.' 

Nun aber, insoweit wir in der Erdenorganisation leben, insoweit wir 
Erdenwesen sind, sind wir ganz eingegliedert in diese Erdenorganisa- 
tion, in diese Erdenwesenheit. Gewissermafien die Gesetze der Erden- 
wesenheit gehen durch unseren Organismus hindurch. Hier ist es notig, 
dafi man unterscheide zwischen denjenigen kosmischen Gesetzen, welche 
die eigentlichen Erdengesetze sind, und denjenigen kosmischen Geset- 
zen, die man nicht im eigentlichen Sinne als Erdengesetze ansehen kann. 
Es ist eine ziemlich schwierige Sache, die hier beriihrt wird. Stellen wir 
Tafel 1* uns nur schematisch vor, wir hatten es mit der Erde zu tun, mit der Son- 
Mrtte ne, mit noch manchem andern im sogenannten Weltenall; alles, was da 
drinnen wirkt und lebt, hangt miteinander zusammen. Aber man mufi 
etwas weglassen, wenn es moglich sein soil, zu sagen: Alles, was da 
drinnen wirkt und lebt, hangt miteinander zusammen. - Man raufi weg- 
lassen alles dasjenige, fur das unser Mond der Mittelpunkt ist. 

Wir leben namlich tatsachlich kosmisch in zwei Weltenspharen, die 
zwar durcheinanderwirken, die aber innerlich wesenartig voneinander 
verschieden sind. Was zur Sonne und zur Erde gehort in bezug auf die 
wirksamen Krafte, das hangt zusammen und in das hat sich gewisser- 
mafien hineingeschoben alles das, was zu den wirksamen Kjraften des 
Tafel 2 Mondes gehort. Ich imifite also eigentlich so zeichnen: Erde (E), Sonne 
(S), und noch manches andere. 

Ich zeichne die scheinbare Bewegung der Erde und der Sonne (1). Ich 
mxilke dann zeichnen den Mond. Wenn das die Sphare des Mondes 
ist (2), das die Sphare der Sonne ist (1), so mufke ich jetzt beides inein- 
anderschieben (3), so dafi sie zwar raumlich zusammenfallen, innerlich 
den Kjraften nach aber eine Zweiheit sind, sich nicht unmittelbar mit- 
einander vereinigen. 



26 



!f Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 295. 




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Und wir Menschen leben in dieser Zweiheit. Alles, was zum Monde 
gehort, ist namlich ein Rest, ein Uberbleibsel - Sie konnen das in meiner 
«Geheimwissenschaft>> genauer nachlesen - des alten Mondenzustan- 
des, gehort gar nicht zu dem, was die Erde in ihrem normalen Fort- 
schritt geworden ist. Es ist dieses Stuck, das zum Monde gehort, zuriick- 
geblieben wie ein Fremdkorper, hat sich hineingelagert, und wir 
nehmen an beiden teil. 

Fur den, der das Weltenwesen wirklich verstehen will, ist es unerlafi- 
lich, Kunde zu haben von dieser Selbstandigkeit des Erden-Sonnen- 
wesens und des Mondenwesens. Denn daran ist zu kntipfen etwas aufier- 
ordentlich Wichtiges, etwas, was sogar so wichtig ist, dafi die Wissen- 
schaft der Gegenwart nicht nur nichts davon ahnt, sondern es hochst 
wahrscheinlich fur die grofite Torheit halt, wenn sie davon hort. 



Jeder Mensch, wenn er embryonal seine Entwickelung durchmacht, 
macht diese Entwickelung nicht etwa blofi dadurch durch, dafi er den 
Kraften folgt, die im Leibe der Mutter entfesselt werden durch die Be- 
fruchtung. Wenn man so etwas glauben machen will, so kommt das 
gleich der Behauptung: Hier habe ich eine Magnetnadel, die richtet sich 
in einer bestimmten Richtung, also hat sie die Krafte in sich. - Das fallt 
keinem Physiker ein. Jeder Physiker sagt: Die Erde ist auch ein grofier 
Magnet, und der zieht die eine Spitze der Magnetnadel an, und das 
andere Ende zieht die andere Spitze an. - Da redet man ganz gut davon, 
dafi das, was in sich geschlossen ist, in seiner Tatigkeit, in seiner Wirk- 
samkeit, in seiner Stellung abhangig ist von dem Grofien. Nur wenn 
der Mensch entsteht im Mutterleib, da mochte man alles in diesen 
Mutterleib hineinwerfen, was an ihm organisierend ist, wahrend da 
gerade die kosmischen Krafte wirksam sind, vom Kosmos herein die 
Krafte den Menschen ausgestalten. Und so ist es, da£ des Menschen 
Hauptesorganisation, alles das, was mit seinem Nerven-Sinnesapparat 
zusammenhangt, mit den Mondenkraften zusammenhangt und die 
iibrige Organisation mit den Sonnenkraften. Und dadurch werden wir 
Menschen im Leben auch ein zwiespaltiges Wesen. Wir werden als 
Hauptesmensch ein Mondenwesen, als iibriger Mensch ein Sonnen- 
wesen. Aber hier kompliziert sich nun die Sache ganz wesentlich. 
Wenn Sie hier namlich nicht genau zusehen, so werden Sie gleich 
einen Knauel von Mifiverstandnissen in die Sache hineinbringen. 

Insofern der Mensch ein Haupteswesen ist, ist er ein Mondenwesen, 
das heifit, in sein Haupt sind die Mondenkrafte hineinorganisiert. In- 
sofern er die iibrige Organisation ist, ist er ein Sonnenwesen, das heifit, 
in sein iibriges Wesen sind die Krafte des Sonnenhaften hineinorgani- 
siert. 

Dadurch aber ist das Haupt, der Kopf, wenn der Mensch wachend 
der Welt gegeniibersteht, besonders empfanglich fur alles, was von der 
Sonne kommt. Das Sonnenlicht, wenn es auf die Gegenstande fallt, 
nimmt der Mensch auf durch sein Auge. Das Haupt, der Nerven-Sinnes- 
apparat ist eine Mondenschopfung; was der aber alles hineinbekommt, 
das ist gerade das Sonnenhafte. Und in der ubrigen Organisation ist der 
Mensch ein Sonnenwesen, das heifit, er ist als Sonnenwesen organisiert. 



Was aber, insofern er auf der Erde sich entwickelt, in ihn hineinwirkt, 
das ist alles mondenhaft. 

So dafi Sie sagen konnen: Der Mensch ist als Haupteswesen ein 
Mondengefafi, das aufnimmt die Stromungen des Sonnenhaften. Der 
Mensch ist als iibrige Organisation ein Sonnenwesen, das aufnimmt 
die Stromungen der Mondenkrafte. 

Sie sehen daraus: Wenn man nicht genau zusieht, wenn man nicht 
genau die Dinge fafit, sondern bequeme Begriffe sucht, dann kommt 
man nicht zurecht. Derm da kann einer kommen und kann sagen: Der 
Mensch ist als Haupteswesen, als Kopfeswesen ein Mondenwesen. - 
Der andere sagt: Das ist nicht wahr, er ist ein Sonnenwesen, denn in 
ihm spielen sich die Sonnenprozesse ab. - Beides ist richtig. Man mufi 
nur die Art und Weise des Zusammenwirkens dieser Dinge kennen- 
lernen. Ich habe schon ofter gesagt, die Wirklichkeit ist nicht so bequem 
fur uns zu fassen, dafi ein paar hingepfahlte Begriffe gemigen wiirden, 
diese Wirklichkeit aufzufassen; sondern es handelt sich darum, dafi 
man sich schon ein wenig anstrengen mulS, um nur die Begriffe zu bilden, 
welche mit dieser Wirklichkeit sich annahernd decken. In dem Menschen 
selbst wirken in zwiefacher Weise Mondenwesen und Sonnenwesen 
ineinander. Und alles dasjenige, was als Lebensvorgange sich abspielt, 
das kann nicht verstanden werden, wenn der Mensch nicht in diesem 
zwiespaltigen Zusammenhange mit dem Kosmos aufgefafit wird. 

Eine der wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart sollte fur die 
heute - wenn sie richtig fuhlt - gequalte Menschheit die Erkenntnis sein: 
Wie haben wir doch verloren die alten, im atavistischen Hellsehen der 
Menschheit bekannten Begriffe, und wie stehen wir erst im Anfange des 
Kopernikanismus, des Galileismus ! - Der alte Agypter, so miifite sich 
der Mensch sagen, der kannte den Menschen noch als ein Glied des gan- 
zen Kosmos. Aber dieser Kosmos war ihm, diesem Agypter, viel hoher 
organisiert als der Mensch selber. Heute blickt der Mensch nach dem 
Kosmos hinaus und sieht eine grofie Maschinerie, die er mit seinen ma- 
thematischen Formeln berechnet. Die Planeten bewegen sich fur ihn um 
die Fixsterne gerade so, wie wenn man berechnen wollte, dafi sich die 
Arme und die Beine am Menschen nach mathematischen Gesetzen be- 
wegen ! In all dem, was da im Kosmos ist und in das der Mensch ein- 



geschlossen ist, in all dem lebt eben Organisation - Seele und Geist. Und 
ohne dafi man die Beseeltheit und die Durchgeistigtheit des Kosmos ins 
Auge f afit, kann man nichts vom Menschenleben, das in diese Beseeltheit 
und in diese Durchgeistigtheit des Kosmos eingefafit ist, verstehen. 

So, mochte ich sagen, leben wir in der Mondensphare. Aber mit uns 
lebt in dieser Mondensphare alles dasjenige, was luziferisch ist. Und auf 
dem Umwege durch unsere Hauptesorganisation, durch unsere Kopfes- 
organisation bringt uns gerade das Luziferische dazu, diese Kopfesorga- 
nisation erst geeignet zu machen fur das Sonnenhafte unseres Erden- 
daseins. Und das Luziferische durchdringt unsere Kopfesorganisation. 
Aber es ist dem Irdischen so f remd wie der Mond selbst mit seiner Sphare. 
Ebensowenig wie unser Nerven-Sinnesapparat herausorganisiert ist aus 
denselben Kraften, aus denen unser Herz, unsere Lunge, unser Magen 
herausorganisiert sind, ebensowenig ist herausorganisiert aus unserem 
Irdisch-Geistig-Seelischen dasjenige, was in uns luziferische Krafte sind. 
Die sind uns eingegossen mit dem Mondenhaften. 

Die wenigsten Menschen wissen viel mehr von dem Hereinwirken 
dieses Mondenhaften in das irdische Leben, als was ihnen von mond- 
beglanzten Zaubernachten, von Liebesnachten, die im Mondenschein 
zugebracht werden, die Dichter singen. Man weifi von der Verwandt- 
schaft jener Ausflusse der Phantasie mit dem Mondenschein, der in das 
Liebesleben, wenn es das hohere Liebesleben, das romantische Liebes- 
leben ist, hereinspielt. Aber dies ist nur der schattenhafteste Teil des- 
jenigen, was vom Monde kommt. Nicht blofi das Phantasiemafiige, das 
sich abspielt zwischen den Liebenden in den mondbeglanzten Zauber- 
nachten, spielt von dieser Mondessphare in unser gewohnliches Dasein 
hinein, sondern tiefgehende Krafte spielen aus dieser Sphare herein, 
Krafte, die sich vom Alltagsleben, von demjenigen, was die Menschen 
an die Erde bindet, ablosen, so wie in der Regel vom philistrosen All- 
tagsleben sich ablost das Liebesspiel in den mondbeglanzten Zauber- 
nachten. Und das aufierste Extrem, das sich auslebt, wie hereinspielend 
aus dieser dem Irdischen ganz fremden Sphare, ist die Kraft der Illusion, 
die der Mensch entwickeln kann. Wurde nicht diese Kraftesphare des 
Mondes in uns hereinspielen, so wiirden wir als Menschen nicht der 
Illusion fahig sein. 



Dann aber wiirden wir uns auch nicht loslosen konnen von dem 
vitalen, von dem organisatorischen Leben unseres Organismus, und 
wir wiirden nicht zu jener Helligkeit des Bewufitseins aufsteigen kon- 
nen, die uns Menschen notwendig ist. Um uns zu dieser Helligkeit des 
Bewufitseins zu erheben, ist es notwendig, dafi wir leben konnen in Vor- 
stellungen, die ganz sich loslosen vom Alltagsorganismus. Dann aber miis- 
sen wir sie selbst zusammenhalten mit dem Alltagsorganismus. Dann 
ist es in unsere Macht gestellt, das, was da durch unser Haupt hin- 
durchspielt, mit diesem Alltagsorganismus zusammenzuhalten, nicht 
die Illusionen sich losreifien zu lassen von der Wirklichkeit, sondern sie 
in der rechten Weise auf die Wirklichkeiten zu beziehen. Damit wir iiber- 
haupt in der Welt sirmlichkeitsfreie Begriffe entfalten konnen, miissen 
wir auch illusionsfahig sein. Es ist einfach eine Notwendigkeit, dafi der 
Mensch illusionsfahig sei. Und diese Illusionsfahigkeit, sie hangt eben 
auch zusammen mit seiner Moglichkeit, nicht fortwahrend in Fiebrigkeit 
oder in Ohnmacht zu sein, das heifit, zum hellen Bewufitsein aufzu- 
steigen. Lafit er dann die Ziigel schiefien, bleibt er also nicht Herr der 
Illusion, sondern wird die Illusion Herr iiber ihn, dann ist das nur eine 
notwendige Beigabe der Tatsache, dafi wir illusionsfahig sein miissen. 

So habe ich Ihnen zunachst von der einen Seite her kosmisch-huma- 
nistisch die Illusionsfahigkeit im Menschen aufgezeigt ihrem Ursprunge 
nach, habe Sie an eine Stelle der Weltbetrachtung gewiesen, in der zu- 
sammenfliefit dasjenige, was wir Naturnotwendigkeit nennen, und 
dasjenige, was wir innerliche menschliche Aktivitat nennen, wahrend 
beide ftir die gewohnliche heutige mechanistische Betrachtungsweise 
auseinanderf alien. 

Nun aber die andere Sphare. Sie werden vielleicht bemerkt haben, 
dafi ich eine kleine Retusche angebracht habe, und da Sie ja wahrschein- 
lich aufierordentlich aufmerksam sind, werden Sie in Ihrem Inneren mir 
das als eine Art Vorwurf schon in Gedanken entgegengeschleudert 
haben, dafi ich eine Art Retusche angebracht habe. Ich habe namlich 
zuerst gesagt: Ineinandergewoben sind die Erden-Sonnensphare und die 
Mondensphare. - Nachher habe ich geredet von der Sonnensphare. Ich 
habe auch in einem gewissen Sinne Recht gehabt. Denn dasjenige, was 
in die Nerven-Sinnesorganisation hereinwirkt, auch von der Erde aus, 



ist immer Sonnenwirkung. Selbst die beleuchteten Flachen der Gegen- 
stande sind nur das zuriickgeworfene Sonnenlicht. Und so ist alles 
dasjenige, was hereinspielt, auch wenn es von der Erde kommt, in- 
sofern es in unser bewufites Leben hereinspielt, Sonnenwirkung. Aber 
nicht alles. Ich konnte es nur bisher auslassen. Richtig ist es, dafi alles 
dasjenige, was Sie zunachst in Ihrem Bewufitsein verarbeiten, mit der 
Sonne zusammenhangt. Aber dafi Sie, wenn Sie sich auf die Waage 
stellen, ein Gewicht haben, das ist Erdenwirkung. In Wahrheit aber ist 
die Sonnensphare, also das, was ich bisher als eine einheitliche Sphare 
schildern durfte, wiederum in sich differenziert. Die Erde ist ein gewis- 
ser Einschlufi in dieser Erden-Sonnensphare. Und diese Erde, indem sie 
eine Art Einschlufi ist in die Erden-Sonnensphare, wirkt in dasjenige 
hinein, was uns von der Sonne kommt. Sie lafk uns nicht reines Son- 
nenwesen sein. Wiederum raufi man auch, was diesen Punkt betrifft, 
den Kosmos nicht blofi als einen Mechanismus ansehen, sondern ihn 
in seiner Beseeltheit und Durchgeistigtheit betrachten. 

Der Mensch folgt ja, indem er eingespannt ist in die Erden-Sonnen- 
sphare, in seinen unterbewufiten Kraften durchaus mehr den eigent- 
lichen Erdenkraften. In seinen bewufiten Tatigkeiten folgt er schon 
dem, was die Sonne auf die Erde sendet. Aber wenn man untersucht, 
was schwer ist, dasjenige, was mit all dem zusammenhangt, wodurch 
wir eine gewisse Schwere haben, wenn wir uns auf die Waagschale stel- 
len, so ist das nicht blofi eine Gravitation, die Newton beschrieben hat, 
sondern das ist zu gleicher Zeit alles dasjenige, was wir als hereinspie- 
lend erleben in unser moralisches Leben. Bei der Sonne ist es wirklich so, 
wie der Dichter sagt: Sie scheint den Guten wie den Bosen. Ihr ist es 
gleichgiiltig. Untersucht man aber geisteswissenschaftlich die Erde, dann 
findet man: Ihr ist es nicht gleichgiiltig, sondern diese Erde ist der Aus- 
druck gewisser Krafte, die sich herausheben wollen aus unserem gesam- 
ten Planetensystem. Wie der Mond sich hereingeschlichen hat, so mochte 
sich die Erde «driicken». Sie mochte heraus, sie mochte selbstandig wer- 
den. Wir Menschen hatten etwas ganz Bestimmtes nicht, wenn wir nicht 
unter dem Einflufi dieser selbstandig werden wollenden Erdenkrafte 
lebten: Wir hatten das Selbstandigkeitsgefiihl nicht. Konnten Sie, ohne 
durch die Erdenschwere niedergezogen zu werden, mit den Elementen 



sausen, Sie kamen nie zur Selbstandigkeit. Nur dadurch, dafi Sie stets 
von der Erde angezogen werden - wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen 
darf, aber als den Ausdruck einer Tatsache, nicht einer Theorie -, da- 
durch entwickelt sich die Selbstandigkeit. Und dazu ist dieser Erden- 
einschlufi in die Erden-Sonnensphare da, dafi er uns die Selbstandig- 
keit gebe. 

Sie konnen nun wieder einen Einwand machen, den Sie ja wahr- 
scheinlich im Gemiite schon gemacht haben: Ist es bei den Tieren nicht 
ebenso?! - Nein, da ist es nicht ebenso. Derm das tierische Haupt hangt 
an einem horizontalen Riickgrat; das menschliche Haupt sitzt mit seiner 
ganzen Schwere auf dem ubrigen Organismus. Das macht den Unter- 
schied. Das macht es, dafi der Mensch dieses Selbstandigkeitsgefiihl 
hat, dafi der Mensch in ganz anderer Weise eingespannt ist in die Er- 
den- und in die Sonnenkrafte als das Tier. 

Solchen Fragen, wie sie uns hier beschaftigen, kann man nur nahe- 
kommen, wenn man gewissermafien in Alternative fragt: Was wiirde 
aus uns Menschen, wenn wir nur dem Erdeneinflusse, vom Monden- 
einflusse abgesehen, iiberlassen waren?! - Was wiirde aus uns Menschen, 
wenn wir Menschen nur dem Sonneneinflufi iiberlassen waren?! - Wenn 
wir Menschen nur dem Sonneneinflufi iiberlassen waren, wiirden wir 
eine Art Engel sein, aber dumm. Nicht, dafi ich sagen will, die Engel 
seien dumm. Die Engel sind schon gescheit; aber wir waren eine Art 
Engel, jedoch nicht gescheit wie die Engel, sondern dumm. Denn uns 
fehlte das Selbstandigkeitsgefuhl. Wir waren nur Glieder in der Or- 
ganisation des Kosmos. Dafi wir selbstandig sind, das verdanken wir 
dem Erdendasein. Wenn wir aber nur unter dem Einflufi des Erden- 
daseins waren, wenn die Sonne nicht auf uns wirkte, was waren wir 
dann?! - Bestien, Raubtiere, Wesen, welche die wildesten Instinkte 
entwickeln. 

Hier haben Sie einen der Punkte, an dem Sie wirklich tief hinein- 
schauen konnen in die Konstitution des Weltenalls, deshalb tief hinein- 
schauen konnen, weil Sie sich sagen miissen: Das, was im Weltenall 
wirkt, kann nicht blofi von einer Seite her wirken. Denn wiirde es von 
einer Seite her wirken, so wiirde es eben ein radikales Extrem darstellen 
miissen. Waren wir nur unter Erdeneinflufi, so wiirde dieser Erden- 



Tafel2 einflufi in uns die wildesten Instinkte entwickeln. Auflodern wiirden 
itte, rot unsere wil^en Instinktflammen. Wiirde er aber nicht wirken, der Erden- 
einflufi, so wiirden wir nie selbstandige Wesen werden. Er mufi da sein, 
sonst wiirden wir nie selbstandige Wesen werden. Wir miissen die 
Moglichkeit haben, wilde Tiere zu sein, damit wir selbstandige Wesen 
Tafd2 werden konnen. Damit wir aber nicht wilde Tiere werden, mufi ent- 
ePfeUe gggenwirken d e m Erdeneinflufi der Sonneneinflufi, mufi ihn paraly- 
sieren. Das geschieht. Und indem es so geschieht, blicken Sie durch auf 
den Ursprung des Bosen. Er ist einfach damit gegeben, dafi wir ins Er- 
dendasein eingespannt sind. So dafi wir in der Tat auf der einen Seite 
einem radikalen Extrem ausgesetzt sind, dem Erdenextrem, welches, 
wenn es allein auf uns wirken wiirde, uns zu bosen Wesen machen 
wiirde, uns nur mit Illusionen anfiillen wiirde. 

In beides hinein wirkt vom Kosmos her das Sonnenhafte. Das Son- 
nenhafte macht moglich, dafi wir uns so entwickeln, dafi wir nicht dem 
Illusionaren verfallen. Und das Sonnenhafte macht mogHch, dafi wir 
uns so entwickeln, dafi wir nicht dem Bosen verfallen. Unter der Illusion 
liegt die Moglichkeit, intelligente Menschen zu werden. Ware alles das- 
jenige nicht da, was uns illusionsfahig macht, wir wiirden niemals in- 
telligente Menschen werden. Kosmisch ausgedriickt: Waren wir nicht 
Geschopfe des Mondes, wir waren auf der einen Seite nicht illusions- 
fahige Menschen, auf der andern Seite nicht intelligenzfahige Menschen. 
Waren wir nicht der Erde unterworfen und ihren Kraften, wir waren 
auf der einen Seite nicht der Moglichkeit des Bosen ausgesetzt; aber wir 
waren zu gleicher Zeit verurteilt, keine Selbstandigkeit im Leben zu 
entwickeln. 

Sie sehen, wie der Mensch die Moglichkeit haben mufi, damit er in- 
telligent sei, Illusionen zu haben. Er hatte durch lange Zeiten Illusionen. 
Darin kam sein Wille, der erst im Laufe der Zeit in seine Seelenkonstitu- 
tion hineingeboren wurde, und er konnte die Illusion zum Ausflusse 
seines eigenen Wesens machen, er konnte ein Liigner werden. Denn die 
Luge ist, objektiv, vom Menschen abgesehen, dasselbe wie die Illusion. 
Nur dafi dasjenige, was der Wirklichkeit nicht entspricht, bei der Luge 
willkurlich vom Menschen in Gegensatz gegen die Wirklichkeit ge- 
stellt wird. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:19 6 



Seite: 3 4 



So ist dasjenige, was von der Mondensphare hereinwirkt in den Men- 
schen, gleichzeitig der Schopfer, das Schopferwesen seiner Intelligenz, 
gleichzeitig das Schopferwesen seiner Lugenhaftigkeit. In alten Zeiten 
hat man so etwas eingesehen und hat Sprichworte aus Wahrheiten ge- 
formt. Wir Deutschen, wenn wir den Mond so sehen: 3) , sagen, man Tafel 1 
kann ihn erganzen zu einem § - der Mond nimmt zu. - Wenn wir den 
Mond so sehen: <[ , sagen wir, man kann ihn erganzen zu einem a - der 
Mond nimmt ab. - Wenn Sie schon ins Franzosische zuriickgehen, also 
in die Nachwirkung der romanischen Sprache, da miissen Sie zu dem 
abnehmenden Mond sagen: La lune decroit, - von decroitre. Da sagt der 
Mond nicht selber das, wie er sich benimmt; er sagt das Gegenteil. Dieser 
Mond hat namlich erst fur die Deutschen angefangen, die Wahrheit zu 
sagen. Daher das lateinische Sprichwort: Der Mond ist ein Liigner. - 
Aber dieses Sprichwort hat auch seine esoterische Seite; denn die Krafte, 
die vom Monde kommen, sind zu gleicher Zeit die Krafte des mensch- 
lichen Liigenwesens, und das Sprichwort: Der Mond ist ein Liigner - hat 
einen sehr, sehr tiefen Hintergrund, wie Sie jetzt gesehen haben. Nur als 
die Zivilisation iiber das 15. Jahrhundert heraufgekommen ist, da hat 
nun dieser Mond angefangen, in bezug auf sein Aufteres fur gewisse 
Sprachen die Wahrheit zu sagen, wie der Materialismus uberhaupt in 
bezug auf sein Aufieres die Wahrheit sagt. Aber mit Bezug auf sein 
Inneres ist der Mond jetzt erst recht ein Liigner. 

Ich sage Ihnen das blofi fur die Mnemotechnik, so dafi Sie sich erin- 
nern dieser tiefeinschneidenden, kosmisch-menschlichen Wahrheit. Und 
sehen Sie, das Beste, was wir Menschen haben, die Selbstandigkeit, hangt 
innerlich zusammen mit dem Bosen. Das Beste, was wir Menschen 
haben, die Intelligenz, hangt innerlich zusammen mit der Illusions- 
fahigkeit, mit der Moglichkeit des Irrtums. Und wir Menschen miissen 
auch entwickelungsfahig sein. Wir miissen die Moglichkeit haben, nicht 
stehenzubleiben. Entwickelungsfahig konnten wir nicht sein, wenn wir 
nicht aufgerufen wiirden, Neues zu bilden auf Grundlage des Zerstor- 
ten. Das heifk, wir miissen in uns Krankheit und Todesmoglichkeit 
tragen, damit wir in uns entwickeln konnen die fortbildenden Krafte. 

Diese aufierordentlich wichtigen Wahrheiten haben die Weltanschau- 
ungen der letzten Jahrhunderte vollstandig zugedeckt, vollstandig be- 



graben. Denn Wissenschaft nennt man ja heme, wenn sie sich auf etwas 
anderes erstreckt als Mathematik und Mechanik, nur dasjenige, was auf 
der Erde vorgeht. Von aufierhalb der Erde wirken nur mathematisch 
und mechanisch ergreifbare Gesetze herein. Die Menschheit wird erst 
wiederum verstehen miissen, dafi ganz andere Krafte wirken in diesem 
Weltenraum, in dem der Mond seine Wege geht, in dem die Sterne ihre 
Wege gehen, als blofi von mechanisch-mathematisch berechenbaren 
Antrieben beherrschte Wege. Und wenn Sie bedenken, dafi eigentlich 
das Alleralltaglichste in uns eine Wirkung des Kosmos ist, dafi das 
Alleralltaglichste nicht verstanden werden kann, ohne dafi sich der 
Mensch betrachtet als eine Wirkung des Kosmos, wie wollen Sie denn 
dann fruchtbare Gedanken hineingiefien in dasjenige, was als Welt- 
anschauung das menschliche Leben durchdringen soli?! Der Mensch 
ist heute weltverlassen. Er ahnt nichts von seinem Zusammenhange 
mit der Welt. Und er mochte sich ein soziales Dasein begriinden und 
weifi nicht einmal, mit wem, weil er keine Ahnung hat, was er ist. 

Ja, ehe nicht die Fragen in die Menschenseelen einziehen: Wie wenig 
wissen wir unter dem Einflufi der letzten Jahrhunderte von der Welt, 
wieviel haben wir notig zu wissen?! - eher kommt auch in alle sozialen 
Bestrebungen kein Heil hinein. Wo es geht, Mechanisch-Mathematisches 
irgendwo zu sagen, da lassen sich die Menschen der Gegenwart noch 
herbei, Zusammenhange zu konstruieren. Sie wissen, mit den Perioden 
der Sonnenflecken wird allerlei in Zusammenhang gebracht, Seuchen 
und dergleichen auf der Erde. Es gibt so einzelne Stellen, in denen die 
Menschen das Erdendasein wiederum an die Ereignisse des Kosmos an- 
kniipfen mochten. Dafi alles, was sich abspielt im Erdendasein, ein 
Ergebnis des Kosmos ist, das mochten die Menschen heute leugnen, 
daran mochten sie nicht denken. Verstanden werden konnen die Din- 
ge, die sich auf der Erde unter Menschen abspielen, niemals, wenn sie 
nicht kosmisch verstanden werden. Und niemals kann der Mensch 
wirksame Ideen fur die Erdenarbeit finden, wenn er diese wirksamen 
Ideen nicht durchtrankt von dem Bewufitsein seiner Zusammengeho- 
rigkeit mit dem Kosmos. 

Man hat heute ein bitteres Gefiihl, wenn man sich nur historisch an- 
schaut, was sich eigentlich abspielt. Wenn Sie hier eine Wand haben, da 



allerlei Schattenfiguren iiber die Wand hinhuschen sehen, so werden 
Sie nachforschen, woher diese Schattenfiguren kommen. Wenn Sie iiber 
die Erdenoberflache die Ereignisse der letzten funf bis sechs Jahre ziehen 
sehen, forschen Sie nicht nach, trotzdem das auch nur die Projektionen, 
die Schatten sind von dem, was im ganzen Kosmos vor sich geht. Und 
die grofien Fragen, die sich heute abspielen zwischen den verschiedenen 
Gebieten der Erde, konnen nur verstanden werden, wenn das Verstand- 
nis durchdrungen wird von kosmischer Idealitat. 

Ich habe heute einen Artikel gelesen, worin geredet wird von der 
Hoffnung, dafi die Staatsmannschaft Grofibritanniens die richtigen Im- 
pulse finden werde, um Ordnung zu schaffen zwischen dem, was in Rut- 
land vor sich geht, und dem, was in den Westlandern vor sich geht. Da 
will man so etwas ausbauen in der Mitte, in dem zugrunde gerichteten 
Deutschland. - Diese Hoffnungen werden sich nicht erfullen; denn al- 
les, was aus solchem Geiste heraus spricht, was wartet auf die Erkennt- 
nisse derjenigen, die aus dem Alten heraus schaffen, das fuhrt zu nichts. 

Fruchtbar fur die Zukunft ist heute allein dasjenige, das aus ganz 
Neuem heraus schafft. Erst wenn die Menschheit aufwacht, um solches 
einzusehen, dann wird der Beginn des Heiles fur viele Schaden in der 
Menschheitsentwickelung sein. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 11. Januar 1920 



Was ich gestern hier vorgetragen habe, ist scheinbar etwas sehr Ent- 
legenes. Dennoch, wer sich wirklich Vorstellungen machen will iiber 
das in unserer Zeit geistig und sozial Notwendige, der mufi sich auch 
bekanntmachen mit solchen Vorstellungen. Es mufi unser Denken und 
Empfinden, unser ganzes Menschenwesen durchdrungen werden von 
Gefiihlen, die aus solchen Vorstellungen herruhren. Ich will kurz zu- 
sammenfassend das noch einmal sagen, was gewissermafien gestern den 
Hauptklang der Auseinandersetzungen bildete. Es ist dasjenige, was 
uns ja von andern Gesichtspunkten aus mehr abstrakt schon bekannt 
war, dafi der Mensch im wesentlichen eine zweifache Organisation hat; 
wir konnten auch sagen eine dreifache, aber wir wollen das dritte, das 
mittlere Glied heute weniger noch beriicksichtigen. 

Zunachst liegt vor seine Hauptesorganisation, seine Nerven-Sinnes- 
organisation, und dann liegt vor die Organisation des iibrigen Men- 
schen. Fur die nach Bequemlichkeit drangenden Gedanken der Gegen- 
wart ist eine solche Sache deshalb schwer einzusehen, weil die Menschen 
heute alles hiibsch, fast raumlich, abgeteilt wissen mochten. Wenn man 
spricht von Hauptesorganisation und von der Organisation des iibrigen 
Menschen, dann stellen sich die Leute am liebsten vor: das Haupt bis 
hier zum Hals und dann der iibrige Mensch. So sind die Dinge natiirlich 
nicht gemeint, sondern es handelt sich darum, dafi in einer gewissen Be- 
ziehung wiederum der ganze Mensch Haupt ist, nur kommt das Haupt- 
sein, das Kopfsein, am Kopfe am deutHchsten zum Ausdrucke. Und 
der ganze Mensch ist auch Rumpf- und Gliedmafienmensch, nur kommt 
das Rumpf- und Gliedmafiensein eben am Rumpf und an den Glied- 
mafien am deutHchsten zum Vorschein. Die Sinne sind gewissermafien 
iiber den ganzen Menschen verteilt; aber insofern sie iiber den ganzen 
Menschen verteilt sind, rechnen wir sie zur Hauptesorganisation, weil 
diejenigen Sinne, die im Haupte lokalisiert sind, die am weitesten 
fortgeschrittenen Sinne sind. 

Sie werden aus diesen Andeutungen verstehen, wie ich die angefiihrte 



Gliederung des Menschen eigentlich meine. Nun aber haben wir gesehen, 
dafi nicht nur eine aus inneren Kraften und Vorgangen im Menschen 
herkommende Notwendigkeit zu dieser Gliederung vorliegt, sondern 
dafi tatsachlich der Mensch in einer andern Weise dem Kosmos einge- 
ordnet ist als Kopfesmensch und in einer andern Weise dem Kosmos 
eingegliedert ist als Rumpf- und Gliedmafienmensch. Unser Haupt ist 
gewissermafien das am weitesten Fortgeschrittene; aber es gehdrt eigent- 
lich - und das zeigt nicht nur die okkulte Erkenntnis, sondern das zeigt 
auch die wirklich vernunftig betrachtete Embryologie - unsere Hauptes- 
organisation nicht der irdischen und Sonnensphare an, sondern der 
Mondensphare. Die Krafte, die in unserer Hauptesorganisation inner- 
lich tatig sind, das sind Mondenkrafte. Und in unserer ubrigen Organi- 
sation sind die Erden- und Sonnenkrafte tatig. 

Mit dieser Wesenheit des Menschen hangt die ganze Erdenentwicke- 
lung der Menschheit zusammen. Und jetzt ist ein Zeitpunkt gekommen, 
in dem eingesehen werden mufi, wie ein Schritt nach vorwarts zu tun 
ist, der davon abhangt, wie wir in die Lage kommen, unsere Mensch- 
heitsorganisation in Tatigkeit zu versetzen. In der menschlichen Erden- 
entwickelung liegt ja zunachst vor allem dasjenige, was sich abgespielt 
hat im menschlichen Geistes- und Seelenleben, sagen wir bis zu dem 
Mysterium von Golgatha. Das ist der grofie Einschnitt in die ganze 
menschliche Erdenentwickelung. Und wenn man von alledem aus- 
nimmt, was sich bis zum Mysterium von Golgatha entwickelt hat, die 
althebraische, die altjiidische Entwickelung, so kann man sagen: Das 
jenige, was sich bis dahin entwickelt hat, tragt einen durchaus einheit- 
lichen Charakter, 

Die alte heidnische Kultur, die in der verschiedensten Weise, wie ich 
es geschildert habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», von den 
Mysterien des Altertums ausgeht, tragt in einer gewissen Beziehung 
einen einheitlichen Charakter. Welches ist dieser einheitliche Charakter ? 
Dieser einheitliche Charakter besteht darin, dafi eine Urweisheit der 
Menschheit vorliegt, dafi tatsachlich eine Uroffenbarung iiber die ganze 
Erde hin stattgefunden hat. Diese Uroffenbarung, warum konnte sie 
denn stattfinden ? Sie konnte stattfinden aus dem Grunde, weil in den 
alten Zeiten der Erdenentwickelung das menschliche Haupt, der mensch- 



liche Kopf, wenn ich so sagen darf, noch nicht so weit vorgeschritten 
war, wie er es in unserer Zeit ist oder wie er es auch zur Zeit des My- 
steriums von Golgatha schon war. Er war in dem Sinne, wie ich Ihnen 
das gestern auseinandergesetzt habe, noch lebendig. Er war noch erfiillt 
von der Moglichkeit, Traume zu haben, die nicht mit dem zusammen- 
hingen, was allein die Erdenerfahrung und das Erdenerlebnis gibt. Er 
war in der Lage, in sich wieder hervorzurufen, was der Mensch in alten 
Traumerlebnissen - also bei einem herabgedammerten Bewufitsein 
gegenuber dem unsrigen - zur alten Mondenzeit hatte. 

Das alles wurde beniitzt von den Offenbarern der alten Zeiten, um 
die Menschheit gewissermafien hinzuleiten zu dem Punkte der Ent- 
wickelung, an dem sie sein sollte beim Einbruche des Mysteriums von 
Golgatha. Das, was da geoffenbart wurde und von der Menschheit 
durch die Ihnen eben charakterisierte Organisation hat empfangen wer- 
den konnen, das war so, dafi gegenuber dem, was die heutige Mensch- 
heit weifi, ein umfassendes Weisheitsgut in Urzeiten da war, das immer 
mehr und mehr abnahm. Wir wiirden heute nicht zufrieden sein mit 
diesem Weisheitsgut, derm es war vielfach eben nur so, daS es zum In- 
halt hatte alte atavistische Hellseher-Traumvorstellungen. Wir wollen 
heute richtige, klare Vorstellungen haben, aber wir sind in diesen lich- 
ten, klaren Vorstellungen eben noch nicht sehr weit. 

Eine alte Weisheit war uber die Menschheit hin ergossen. Aus dieser 
Weisheit wurde vieles gesagt uber die Wesen, die die Natur beherrschen, 
uber die Krafte, die die Natur beherrschen, aber sehr wenig von dem 
Menschen selbst. Der Mensch war ja noch nicht zu seinem irdischen _ 
Bewufitsein gekommen. Er war gewissermafien noch ganz geleitet am 
Gangelbande hoherer Machte. Er konnte weise werden, aber das Selbst- 
bewufitsein, das leuchtete noch nicht auf. Der apollinische Spruch: «Er- 
kenne dich selbst» ist wie eine Sehnsucht in die Menschheit hinein- 
gestellt, wie etwas, was von den hihrenden Geistern Griechenlands in 
die Zukunft hineingerufen worden ist. Eine Weisheit war da, welche 
von der Natur, allerdings auch von der Natur des Kosmos handelte. 
In dieses Leben der Menschheit wurde hineingestellt die alte hebraische 
Offenbarung. Wenn Sie sich die alte hebraische Offenbarung vor die 
Seele riicken, so hat sie eine gewisse Eigentumlichkeit. Sie unterscheidet 



sich ganz und gar von den heidnischen Weisheitsoffenbarungen, die um 
sie herum sich ausbreiteten. Sie verschmahte es gewissermafien, die Weis- 
heiten iiber die Natur und das Weltenall in sich zu enthalten. Sie ent- 
hielt im Grunde genommen iiber die Natur und das Weltenall nur das 
eine: Gott hat sie erschaffen mit dem Menschen, und der Mensch hat 
in der Welt dem Gotte zu dienen. Die ganze althebraische Offenbarung 
ist auf das Ziel hin abgestellt, dem Menschen zu zeigen, wie er seinem 
Jahve-Gotte dienen konne. An was wird denn in dieser althebraischen 
Offenbarung appelliert ? - Dasjenige, woran nicht appelliert wird, das 
hat die alte heidnische Offenbarung: die Hauptesorganisation, die noch 
in sich hervorrufen konnte Erinnerungen an die alte Mondenzeit. An 
die konnte bei der hebraischen Offenbarung nicht appelliert werden. 
Es mufite an die iibrige Organisation des Menschen appelliert werden. 
Aber erinnern Sie sich, was ich gestern gesagt habe: Diese iibrige Organi- 
sation des Menschen kann gerade verstehen und aufnehmen, weil sie 
sonnenhaft ist, das, was vom Monde kommt. Was vom Monde kommt, 
ist dasjenige, was im Extrem zu den Illusionen fiihrt, zu dem fuhrt, 
was im Innern des Menschen sich offenbaren kann. Das aber ist der 
Inhalt der althebraischen Offenbarung. Es ist zunachst ganz vom Men- 
schen nur gehandelt. Der Mensch steht in dieser althebraischen Offen- 
barung ganz im Mittelpunkt. 

Aber man war in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha noch 
nicht durchgedrungen zur Selbsterfassung, zur Selbsterkenntnis des 
Menschen. Man mufite einen Weg suchen, der eigentlich ein Umweg war. 
Und der ging iiber das jiidische Volkstum. Daher ist die jiidische Reli- 
gion zunachst nicht eine Menschheitsreligion. Sie wendet sich nicht an 
den einzelnen Menschen, sondern an das ganze hebraische Volk. Sie ist 
eine Volksreligion. Sie redet von dem Menschen, aber nur auf dem 
Umwege durch das Volk. 

Diese zwei Dinge waren da, als das Mysterium von Golgatha in die 
Erdenentwickelung eingriff: Verglimmende altheidnische Weltenweis- 
heit und Menschheitsbewufitsein in Form von Volksbewufksein. Da 
hinein wurde gestellt das Mysterium von Golgatha. Man konnte es nur 
begreifen mit dem, was da war. Man mufi unterscheiden die Tatsache 
des Mysteriums von den Mitteln, es aufzufassen, es zu empfinden. Die 



Heiden konnten es nur begreifen mit den Resten ihrer Weltenweisheit. 
Die Juden konnten es nur begreifen mit dem, was geoffenbart war. Und 
so wurde es auch zunachst begriffen. Der Rest der alten Weisheit zeigte 
sich in der gnostischen Auffassung des Ereignisses von Goigatha. Das- 
jenige, was der jiidischen Offenbarung zu verdanken war, das wurde 
immer mehr und mehr der Inhalt des katholischen Erfassens, des ro- 
misch-katholischen Erfassens des Mysteriums von Goigatha. Und es 
mufite nun, um iiberhaupt etwas vom Mysterium von Goigatha zu 
erfassen, der Umweg gemacht werden durch diese zwei Weltenstro- 
mungen. 

Dabei zeigte sich allerdings folgendes. Der alten heidnischen Weisheit 
ging, weil sie eine vergHmmende war, weil ihr Ursprung weit zuriick- 
lag, immer mehr und mehr die Fahigkeit verloren, von den Menschen 
begriffen zu werden. Die Menschen wurden viel zu bequem, die in gno- 
stischer Form auftretende Weisheit iiber das Mysterium von Goigatha 
weiter fortzupflanzen. Nur ganz diinne Reste des alten heidnischen 
Weltbegreifens blieben zuriick. Das ist die eine Stromung. 

Frischer, intensiver war die judische Verkundigung. Aber sie hatte 
keine Weltenweisheit. Sie sprach nur vom Menschen und von Geboten 
an den Menschen. Sie stellte ganz den Menschen in den Mittelpunkt der 
Weltanschauung. Sie pflanzte sich fort in den Kirchen des Abendlandes. 
Die letzten Reste der heidnischen Weisheit, deren Ursprung man nicht 
mehr erkannte, blieben zuriick als Begriffe fur dasjenige, was nun 
naturwissenschaftHche Erfahrung ist. Mit den letzten Resten alter heid- 
nischer Weisheit begriffen Galilei, Giordano Bruno, Kopernikus das- 
jenige, was an neuen Weltenerfahrungen vorHegt. Kein Wunder, dafi 
dies allmahUch etwas sehr Unbefriedigendes werden mufite. Man hatte 
ja nur die letzten abstrakten Reste der altheidnischen Weisheit anzu- 
wenden gewufit auf dasjenige, was man durch die neuen Mittel der 
Naturwissenschaft bekam. Und von dem, was man iiber den Menschen 
wufite aus der jiidischen Offenbarung, fand sich keine Briicke hiniiber 
zu dieser Weisheit. Und so ging das fort, und so lebte es sich fort bis 
in unsere Tage herein. Wir haben auf der einen Seite eine Wissenschaft, 
die nur mit den allerletzten Brockenresten der alten heidnischen Weis- 
heit arbeitet und die von sich aus keine Mittel findet, den Menschen 



zu begreifen, die deshalb im 19. Jahrhundert darin gipfelte, auf das 
Begreifen des eigentlichen Menschen zu verzichten und nur das zu be- 
greifen, was sich scheinbar ergibt, wenn man den Menschen als die letzte 
Konsequenz der tierischen Reihe ansieht. Nicht den Menschen begrei- 
fen, sondern das hochste Tier begreifen und das den Menschen nennen, 
das wurde das Ideal dieser mit den letzten Brocken des Heidnischen 
arbeitenden Wissenschaft. 

Dasjenige, was sich anschlofi an die judische Offenbarung, das verlor 
allmahlich die Moglichkeiten, von dem aus, was es iiber den Menschen 
zu sagen hatte, irgend etwas iiber die Natur zu sagen. Versuchen Sie 
einmal die Theologie, wie sie sich entwickelt hat, durchzunehmen, ob 
darin irgend etwas sich findet, was heute eine fur das Zeitbewufksein 
befriedigende Erklarung auch nur der einfachsten Naturvorgange geben 
konnte. Gewifi, moralische Betrachtungen konnen angekniipft werden 
aus dieser Tradition heraus an die Naturvorgange. Aber mit der mora- 
lischen Betrachtung, dafi Gott ein Erdbeben von Messina habe kommen 
lassen, um die Menschen zu bestrafen, ist das heutige Zeitbewufitsein 
nicht zufrieden, und die Briicke heriiberzuschlagen von dem, was die 
Gotter arbeiten, bis zu dem, was in der Natur sich ereignet und aus- 
bricht, ist die Theologie allmahlich unfahig geworden. Sie ist daher in 
vieler Beziehung Phrase, wahrend unsere Naturwissenschaft in gran- 
dioser Weise Material iiber Material vor sich hat, das unendliche Ge- 
heimnisse einschliefit, aber nichts damit anzufangen weifi, weil ihr die 
Begriffe fehlen, um die Dinge miteinander zu verbinden. Unter diesem 
Zwiespalt entwickelte sich das ganze neuere Bewufttsein, entwickelte 
sich so etwas wie zum Beispiel der Agnostizismus, dem es das Kenn- 
zeichen eines erleuchteten Geistes wurde, wenn er sich sagen konnte: 
Der Mensch ist aufierstande, iiber das Wesen der Dinge etwas zu wissen. 
Er ist einfach nicht darauf hinorganisiert, iiber das Wesen der Dinge 
etwas zu wissen. 

Gegen eine solche Anschauung mufi dasjenige, was in den Menschen 
tief als Sehnsucht vorhanden ist, ankampfen. Es kampft an in dem, was 
der Mensch wissen will iiber die Welt, es kampft an in der aufieren 
sozialen Ordnung. Und einsehen wird man miissen, wie wekergekom- 
men werden mufi, weil wir in gewissen Dingen mit unseren Vorstellun- 



gen, mit unseren Ideen noch in weitaus alten Zeiten stehen. Was hat 
denn die jiidische Offenbarung aus sich hervorgetrieben? Das Kenn- 
zeichnendste von dem, was sie hervorgetrieben hat, das ist die national- 
jiidische Politik. Diese nationaljiidische Politik, nachdem sie ihren Ein- 
flufi ausgeubt hat auf das Romanentum, hat ihren Weg genommen bis in 
die neueste Zeit herein. Und die betrachtlichsten Volker der Gegenwart, 
was streben sie denn an auf dem politischen Felde ? - Nationale Politik 
zu treiben ! Das aber ist althebraische Politik. Wir sind mit Bezug auf 
unser offentliches Leben noch nicht bis zum Christentum vorgedrun- 
gen. Wir stehen noch im Alten Testamente. Und die Gegenwart hat die 
Aufgabe, im Gebiete des offentlichen Lebens bis zum Christentum 
vorzudringen. Sie wird nicht vordringen, wenn sie nicht auf der andern 
Seite unterstiitzt wird durch das wissenschaftliche Vordringen zum 
Christentum. Dazu ist aber notwendig, daft man den Menschen wirk- 
lich kennenlernt. 

Nehmen Sie - der Art der Betrachtung nach - meine «Geheimwissen- 
schaft»; da wird viel iiber kosmische Entwickelung gesprochen, iiber Sa- 
turn-, Sonnen-, Mond-, Erdenentwickelung und so weiter, dafi denjeni- 
gen Menschen, die heute die «ganz gescheiten» sind, entweder angst und 
bange wird oder sie zu einem Lacheln oder zum Arger veranlafit wer- 
den. Wenn Sie genauer ansehen, was da in meiner «Geheimwissenschaft» 
stent, so werden Sie finden: Was da als Welterkenntnis gegeben ist, das 
ist zugleich Menschenerkenntnis. Denn eigentlich ist in der ganzen Welt- 
erkenntnis iiberall der Mensch drinnen. Was vom Menschen zur Satura- 
zeit veranlagt, dann weiter ausgebildet worden ist, wie die andern 
Wesen sich angegliedert haben, das ist betrachtet. Sie konnen da gar 
nicht Welterkenntnis und Menschenerkenntnis auseinanderhalten. 

Das ist aber in der Gegenwart vom Wissensgebiete aus eine christliche 
Forderung. Ebenso ist es vom sozialen Gebiete aus eine christliche For- 
derung, daft wir von alien andern menschlichen Zusammenhangen ab- 
sehen lernen und abzielen lernen lediglich auf den Menschen selbst. Vom 
Standpunkt der Phrase wird iiber diese Dinge schon seit langem phan- 
tasiert, vom Standpunkt der Wirklichkeit aus noch wenig. Denn vom 
Standpunkt der Wirklichkeit aus existieren noch immer als iiberwalti- 
gende Krafte im politischen Leben der Welt die nationalen Zusammen- 



hange, in denen der Mensch zum grofien Teil heute vollstandig unter- 
geht. Dasjenige, was an die Stelle dieser nationalen Zusammenhange 
treten mu£, ist ein Verhaltnis, gebaut auf die Empfindung dessen, was 
der Mensch ist, von Mensch zu Mensch uber die ganze zivilisierte Erde 
hin. Aber um ein solches Verhaltnis zu begriinden, dazu gehort eine 
gewisse innere Kraft des Geistes, eine gewisse innere Kraft der mensch- 
lichen Seele. Und wenn wir uns fragen: Ist denn der Mensch eigentlich 
in dem sogenannten gesegneten 19. Jahrhundert seelisch starker gewor- 
den? - so findet man, wo immer man herumzusehen vermag, wenn 
man aufrichtig und ehrlich ist, iiberall: in bezug auf die Intensitat der 
Begriffe und Ideale ist der Mensch nicht starker, sondern schwacher ge- 
worden. Diejenigen, die mich kennen, werden wissen, wie so etwas 
gemeint ist. 

Ich darf hier eine personliche Bemerkung einschalten. Es ist jetzt 
Jahrzehnte her, da war ich in Wien in einem Gesprache mit einem Mann, 
der seither sich als Historiker einen grofien Namen gemacht hat. Wir 
sprachen iiber die deutsche Entwickelung. Der Mann war der abstrak- 
ten Anschauung, die er damals so aufierte: Nun ja, diese deutsche Ent- 
wickelung, die ist da und die geht halt in der Art weiter, wie sie da 
ist. - Ich sagte: Das ist eine Abstraktion, das ist nicht etwas, was aus der 
Wirklichkeit heraus geholt ist. Das kommt mir etwa so vor, wie wenn 
jemand sagt: Hier ist eine Pflanze, sie hat schon Frucht getrieben, nun 
werden wieder neue Bliiten kommen, dann wieder Fruchte, dann wie- 
der Bliiten, und das wachst so immer weiter. - Wenn bei der Pflanze 
die Bliiten- und Fruchtbildung erreicht ist, kann man nicht sagen: Das 
geht so weiter, wie es da ist. - Es kann ja allerdings aus dem Samen, der 
von der Bliite entstand, etwas Neues, eine neue Pflanze entstehen; aber 
man darf sich nicht vorstellen, dafi aus der Bliite die alte Pflanze in einer 
neuen Gestalt wieder heraustritt und das sich so fortsetzt, wie es da 
war. Ich sagte: Dasjenige, was die Substanz, die Essenz des deutschen 
Wesens ist, hat seine Bliite und Frucht erreicht zur Goethe-, Schiller-, 
Herder-, Hegel-Zeit. Das ist ein Hohepunkt. Das kann nicht einfach 
fortgesetzt werden. Seither stehen wir in der Dekadenz, seither sind 
wir in absteigender Bewegung. - Ich aufierte damals diese Ideen. Ver- 
standnis, wie Sie sich denken konnen, fand ich wenig; denn man war 



schon eingetreten in die Zeit, wo solche Ideen zu intensiv waren, als dafi 
sie die menschliche Seele hatten ergreifen konnen, und ich mufite den- 
ken, wie es ganz anders war noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. 
Da gab es zum Beispiel innerhalb der deutschen Entwickelung einen 
Mann, der eine Literaturgeschichte geschrieben hat, Gervinus. Man 
kann viel gegen ihn haben; in dem ganzen Schreiben dieser Literatur- 
geschichte liegt ein ungeheurer Radikalismus. Sie schliefit namlich mit 
dem Tode Goethes ab, und sie bestreitet den nachfolgenden Geschlech- 
tern, im alten Stil immer weiter und weiter zu dichten, so, wie wenn 
neue Bliiten herauswuchsen aus den Blattern der Pflanze. Damals 
war man noch radikal genug, zu sagen: Mit Goethe ist es aus; wollt 
ihr weiter euch entwickehi, so miifit ihr nach neuen Ansatzen su- 
chen! - Die konnte Gervinus nicht geben; aber er schlofi das Alte ab, 
er machte einen Strich darunter. 

Gewifi, es ist ja seit jener Zeit manches Schone auch gedichtet worden 
in der deutschen Sprache, aber es ist Epigonentum. Es fliefit darin nicht 
die Essenz, die in Herder, Goethe, Schiller fliefk, nicht die philosophische 
Essenz, die Hegel-Schelling-Essenz, die Fichte-Essenz. Einzigund allein, 
dafi Hamerling im Punkte seiner Reife einen neuen Ton hineingebracht 
hat in seinem «Homunculus», der aber eine Satire geworden ist. 

Die Forderungen standen schon dazumal vor der Ture, ein Neues zu 
ergreifen, wirklichen Sinn zu entwickeln fur einen neuen Ansatz der 
ganzen neuen Zivilisation. Dieser Ruf nach einem neuen Ansatz, der 
sollte heute durch die ganze Welt gehen. Denn nur von da aus ist einiges 
Heil fur die zukiinftige Entwickelung der Menschheit zu erhoffen. Aus- 
geloscht miifite werden alles dasjenige, was nicht ankniipft an die Emp- 
findung des einzelnen Menschen. Ein aufieres Zeichen dafiir konnen Sie 
daraus ersehen, wie krampfhaft alte Vorstellungen heute wieder hervor- 
gezogen werden. Um doch etwas zu sagen in der Gegenwart, werden 
alte Vorstellungen hervorgezogen. Bei einem der gegenwartig fiihren- 
den Geister Mitteleuropas findet man eine so recht aus diesem dekaden- 
ten Zeitbewufitsein heraus gesprochene Anschauung, die zeigt, woran 
sich die Menschheit heute nicht halten kann. Dieser Mann fragt: Wie 
kommen wir denn wiederum zu einem sittlichen Leben ? - Er sieht ein, 
in den letzten fiinf Jahren hat sich die Abgebrauchtheit der alten Moral 



gezeigt, die Luge hat ihren Siegeszug durch alle Volker gehalten. Die 
althebraische Jahve-Politik hat so sehr alle Volker ergriffen, da& man 
glauben mochte, damals in Palastina gab es ein Judentum, und jetzt 
mochten alle Volker fur sich jeweilen eine solche Politik treiben, wie die 
Juden sie in Palastina getrieben haben. Sie mochten alle so werden, sie 
mochten alle mit Ausschlufi der Errungenschaften des Christentums 
Weltpolitik treiben. Der Inhalt fehlt. Daher greift man zu Dingen, die 
eigentlich keinen Inhalt haben. Statt nach neuen Quellen der Sittlichkeit 
aus geistigen, neuen, fruchtbaren Anschauungen heraus zu suchen, fragt 
man: Wo liegen die Quellen einer neuen Sittlichkeit ? - und gibt f olgende 
Antwort: Die Macht ist ein unentbehrliches Mittel, um das Gute zu 
schaffen. Darum soil man, falls man sie nicht schon besitzt, nach derjeni- 
gen Macht streben, die fur das jeweilig zu verwirklichende Gute erfor- 
derlich ist. - Man mochte ein Gutes haben in der Welt und gibt den 
schonen Rat: Suche dir die Macht, um das Gute zu verwirklichen. - Als 
zweiter Grund der neuen Ethik figuriert: Mit der Macht, die man hat, 
kann man das Gute schaffen. Darum soil man auch die Macht uberall 
zur Verwirklichung des Guten verwenden. 

Aber man mufi doch das Gute erst haben, man mufi doch das Gute 
erst erkennen! So zu sprechen ist das Gegenteil von dem, was sich 
durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft in der neueren Mensch- 
heitszivilisation verbreiten mulL Denn da handelt es sich nicht darum, 
irgend etwas auf Macht zu begriinden. Auf Macht kann man nur etwas 
begriinden, wenn man Menschengruppen zusammenf afit. Wenn Mensch 
dem Menschen gegenuberstehen soli, kann man nichts auf Macht griin- 
den, sondern nur auf dasjenige, was sich im Menschen entwickelt, so 
dafi der Mensch einen Wert hat. Der Mensch hat sich zu erarbeiten ei- 
nen Wert, durch den er Leistungen vollbringt fur den Menschen, und 
er hat zu gleicher Zeit zu entwickeln eine Empfanglichkeit, solchen 
Menschenwert anzuerkennen. 

Das ist die einzige mogliche Grundlage fur jegliche Sittlichkeit der 
Zukunft: Menschenwert entwickeln und die Fahigkeit, Menschenwert 
anzuerkennen. Dies mit andern Worten ausgedriickt, bedeutet: Alle 
Sittlichkeit mufi auf wirkliches Vertrauen aufgebaut werden! - Weil 
man nicht vordringen wollte zu solchen Anschauungen, konnte 



man jene Moralforderungen nicht begreifen, die in meiner «Philosophie 
der Freiheit» enthaiten sind. Da wird begriindet eine sogenannte indivi- 
dualistische Moral und es wird darauf gebaut, dafi man, wenn in jedem 
einzelnen Menschen dasjenige entwickelt wird, was entwickelt werden 
kann, nicht die Gesetzgebungen braucht, sondern dann warten kann, 
was die Menschen tun werden in ihrem gegenseitigen Verkehr. Und ich 
mufke dazumal manchem Menschen sagen: Sieh einmal, wenn wir auf 
der Strafie gehen, der eine hin, der andere her, brauchen wir da eine 
Gesetzgebung, dafi wir einander ausweichen ? Dafi der eine links geht, 
der andere rechts geht, das tut man aus den Anforderungen des Daseins 
heraus, die man verniinftigerweise einsieht. - So handelt man sittlich, 
wenn alle die Dinge, die im Menschenwesen liegen, wirklich zur Ent- 
wickelung kommen. Ohne das gibt es keine Moral der Zukunft. 

Dies ist aber die einzige Moral, die wirklich auf eine neuerfafke 
Christlichkeit aufgebaut sein wird. Darauf mufi sie aufgebaut sein: 
Alles, das ihr irgendeinem als dem Menschen tut, das habt ihr mir 
getan. — Der Christus ist in die Menschheit gekommen, auf daft jeder 
einzelne Mensch den andern Menschen seinem Werte nach erkennt. Und 
wenn die Menschen einander so behandeln in der Welt, dann ist die 
Grundlage fur dasjenige gegeben, was eine neue Sittlichkeit ist. Dann ist 
aber auch erst von unserem gegenwartigen Gesichtspunkt aus das My- 
sterium von Golgatha neu begriffen. Dieses Mysterium von Golgatha 
ist eine Tatsache. Begriffen werden muli es von jedem Weltenzeitalter 
in einer neuen Form. Nicht die Lehren, die da sind, sind das Mafi- 
gebende; die mussen sich von Zeitalter zu Zeitalter andern. Das Mafi- 
gebende ist, dafi einmal das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Fur 
die Bekenntnisse der Gegenwart stellt es sich immer mehr und mehr 
heraus, dafi ihnen das Mysterium von Golgatha immer gleichgiiltiger 
und gleichgiiltiger wird. Sie legen keinen Wert darauf, da& es aus dem 
Zeitbewufitsein heraus begriffen werde; sie legen nur den einen Wert 
darauf, dafi ihre Lehren sich fortpflanzen. Aber diese Lehren werden 
unfahig sein, das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Und so haben 
wir heute schon eine Abart der Theologie, welche von dem Christus gar 
nicht mehr spricht, sondern nur von dem Menschen Jesus von Nazareth, 
dem «schlichten Mann», der in Palastina gewandelt hat, so eine Art 



Sokrates. Und man kann dann nicht begreifen, warum eigentlich die- 
jenigen, die von diesem Christus reden, von ihm reden als vom Mittel- 
punkt der Menschheitsentwickelung. So ernst liegen schon die Fragen, 
die dem heutigen Zeitalter auferlegt sind. Und gerade dieser Ernst wird 
eingesehen werden miissen. Aber es wird im Einklang gearbeitet werden 
miissen auf der einen Seite mit dem wissenschaftlichen Gebiete, auf der 
andern Seite mit dem sozialen Gebiete. Die Dinge laufen ja doch durch- 
aus ineinander. Ich glaube, dafi es heute den orthodox ausgebildeten 
Akademiker sonderbar anmuten wird, wenn man ihm zum Beispiel die 
Zumutung stellt, die Botanik miisse «christlich» werden. Aber sie mufi 
christlich werden, das heifit, der Geist, der durch das Gemiit die Mensch- 
heit ergriffen hat, mufi auch bis in die Botanik hinein wirken. Und ein 
wenig reden ja sozialistisch gesinnte Menschen, aber nur wenig, nur 
einzelne Teile dieser sozialistisch gesinnten Masse, davon, dafi christ- 
liche Gesinnung - urchristliche Gesinnung sagt man dann wohl - Platz 
greifen miisse im gegenseitigen Sich-Verhalten der Menschen. Einen 
besonderen Wert legt man trotzdem nicht darauf, die sozialen 
Ideen mit dem christlichen Prinzip zu durchdringen. 

Es ist ja allerdings auch eine dritte Abart vorhanden; aber es handelt 
sich darum, dafi wir lernen, auf der einen Seite in der Welt den Christus 
zu finden, dafi wir lernen, auf der andern Seite in uns die Fahigkeiten 
zu entzunden, diesen Christus zu verstehen. Was zusammenwirken mufi 
im Grofien wie im Einzelnen im sozialen Leben, ist Entwickelung eines 
gewissen Menschenwertes und Entwickelung der Fahigkeit, diesen 
Menschenwert vertrauensvoll zu erkennen und sich danach im Ver- 
haltnis von Mensch zu Mensch auch wirklich zu verhalten ! 

Als man im 19. Jahrhundert am wenigsten begriff, wie da herein 
wollte ein neuer Geist, um das Mysterium von Golgatha neu zu begrei- 
fen, da sprach man von praktischem Christentum, weil man in bezug 
auf das Christentum so unpraktisch wie moglich geworden war. Jetzt, 
nachdem die Ereignisse der letzten Jahre in der Menschheitsentwicke- 
lung voriibergezogen sind, ware es allerdings notwendig, dafi mog- 
lichst viele Menschen sich aufraffen, einzusehen, wie in der Tat eine 
neue Geistoffenbarung in die Menschheitsentwickelung herein will und 
wie sie erfafit werden mufi von den Menschen. Solange wir unser ganzes 



geistiges Leben an die aufieren Machte verpfandet halten, an Staats- 
machte, oder wie man sie sonst hat in der Welt, so lange wird fiir dieses 
Geistesleben keine MogKchkeit bestehen, das, was herein will an spiri- 
tueller Offenbarung in die Menschheit, wirklich aufzunehmen. Dazu ist 
notwendig, dafi das Geistesleben wirklich, wie es in unserer Dreigliede- 
rungsidee gefordert wird, auf eigene Fiifie gestellt werde, dafi es sich 
aus seinen eigenen Impulsen heraus entwickelt. Aus diesen eigenen Im- 
pulsen heraus wird die Wissenschaft mit geistigen Methoden durch- 
trankt werden, und an den geistigen Methoden, die man fiir die Wissen- 
schaft entwickelt, wird sich die Kraft entziinden, auch das soziale Leben 
moralisch zu durchdringen mit dem, was Geist ist. Wir mussen im 
sozialen Wirken, im sozialen Leben der Menschen lernen, Geistiges zu 
realisieren, zu aktualisieren. Dazu aber ist es notwendig, hinauszukom- 
men iiber dasjenige, was wir heute Worthulsen nennen mussen. Wir 
leben ja ein Geistesleben in Worthulsen, in Phrasen. Man kann heute 
die Erfahrung machen, dafi jemand schone Dinge sagt, die einem dem 
Inhalt nach gefallen konnen; wenn man ihm naherriickt, findet man 
seine Seele leer von geistigem Inhalt. Warum ? - Weil man ja heute iiber- 
all die Phrasen zusammenklauben kann. Man braucht ja heute nicht 
verbunden zu sein mit dem, was herumschwirrt an Worthulsen im 
menschlichen Leben. Es gibt keinen andern Weg, um wiederum die Ver- 
bindung mit dem Geiste zu finden, als zunachst den Fiihrer zu suchen, 
damit die Menschenseele wirklich von sich aus zum Geiste hingelangen 
kann, den Fiihrer, der sich aber nicht anders finden lafit als dadurch, dafi 
man ihn sucht in der Uberzeugung, der Mensch konne das, was er 
heute werden soli, in der Welt nur dadurch werden, dafi er nicht blofi 
bei dem bleibt, was in ihm vorhanden ist an Vererbtem, an Blutskraf ten, 
sondern dadurch, dafi er etwas in sich entwickelt, das hinausgeht iiber 
das blofi Vererbte, iiber das blofi aus der aufieren Welt Aufzunehmende. 
Wir werden heute in eine Welt hereingeboren mit bestimmten Anlagen; 
diese Anlagen werden uns in der Schule entwickelt, aber so, dafi als 
Antrieb bei dieser Entwickelung nur die Traditionen figurieren, die 
iiberkommen sind. Wir mussen dahin kommen, zu wissen, dafi in jedem 
Menschen ein verborgener Keim steckt, der nicht da ist durch die blofie 
Vererbung, auch nicht da ist durch das, was heute an Antrieben in der 



Erziehung drinnensteckt. Wir miissen den Glauben haben, in jedem 
Menschen liege heute etwas darinnen, das nur durch Geisteskrafte und 
durch die Uberzeugung von dem Dasein der Geisteskrafte aus ihm her- 
aus erweckt werden konne. Aus dem, wonach heute erzogen und gelebt 
wird, kann blofl das Jahve-Bewufitsein erlebt werden. Das Christus- 
Bewufitsein kann nur erweckt werden, wenn man nicht nur den Glau- 
ben hat an die Entwickelung des Menschen, sondern an die Umwand- 
lung des Menschen, wenn man den Glauben daran hat, dafi aus dem 
Menschen etwas wird, was nicht in ihm veranlagt ist dadurch, dafi er 
einen Leib geerbt hat von seinen Vorfahren, sondern was in ihm sitzt 
dadurch, dafi er fruhere Erdenleben durchgemacht hat in friiheren 
menschlichen Weltenlaufen. Damals pradominierte allerdings das Ver- 
erbungsprinzip und iiberglanzte in der menschlichen Wesenheit das, was 
aus den wiederholten vorigen Erdenleben heriiberkam. Jetzt sind die 
vererbten Eigenschaften schwach geworden, und diejenigen Eigenschaf- 
ten im Menschen werden immer starker, welche aus den friiheren Inkar- 
nationen nicht mit dem Blute, sondern mit der Seele heriiberkommen. 

Das kann ins Bewufksein iibernommen werden. Und wenn es im 
Bewufitsein lebt des einen Menschen, so begegnet dieser dem andern 
Menschen mit ganz andern Empfindungen, als sie die Menschen ge- 
meiniglich heute haben. 

Damit habe ich Ihnen, wenn auch, weil es sich um ein wirklich weit- 
gehendes Thema handelt, in einer vielleicht stammelnden Weise etwas 
von dem dargelegt, was mit Urnotwendigkeit hereinziehen mufi in un- 
sere menschheitliche Entwickelung. Wenn diese Forderung im Leben 
auftritt, so stofk sie heute noch an an die allerschwersten Vorurteile, 
die im Leben vorhanden sind. Sie wird bekampft. Und ich habe Ihnen 
von manchem Bekampfen dessen, was gerade rnit der hier gemeinten 
anthroposophisch orientierten Weltanschauung angestrebt wird, in der 
letzten Zeit erzahlen miissen. Ich mochte heute nur noch zweierlei an- 
fiihren in dieser Richtung. Ich habe Ihnen neulich einmal den Brief 
unseres Freundes Dr. Stein vorgelesen, der in herzerfrischender Weise 
zeigte, wie da einem Kirchenmann entgegengetreten werden mufite, 
dessen Heifer, als ihm aus Bibelstellen etwas anthroposophisch Klingen- 
des nachgewiesen werden sollte, sich sogar aufschwang zu dem Be- 



kenntnis: Dann irrt eben Christus -, nach seiner Ansicht ! Also nicht er, 
der Kirchenmann irrt, sondern Christus ! - Als ich nach Stuttgart ge- 
kommen bin, wurde mir mitgeteilt, dafi aus unseren Kreisen heraus 
allerlei Urteile registriert worden sind dariiber, wie es doch scharf sei, 
einem alten Herrn, der ja sogar Schriften von mir gelesen hat, in einer 
solchen Weise entgegenzutreten. Man musse doch Riicksicht nehmen 
auf erstens - zweitens - drittens ... Das ist leider auch in unseren Reihen 
noch vielfach verbreitet, dafi einem gerade dann, wenn es sich darum 
handelt, an irgendeinem Punkte Ernst zu entwickeln, von denjenigen 
Menschen, die unsere Bewegung am liebsten auf dem sektiererischen 
Gesichtspunkte erhalten mochten, in den Rucken gefallen wird. Das ist 
das eine, was ich erwahnen muf$. 

Das andere ist, dafi ich Sie schon bekanntmachen mufi mit dem An- 
wurf, der jetzt durch die deutsche Presse gegangen ist, dessen trube 
Quellen - das erwahne ich ausdriicklich hier - mir sehr gut bekannt sind, 
und bei dem es ziemlich gleichgiiltig ist, was darinnensteht; denn bei 
den Leuten, die so etwas verbreiten, handelt es sich nicht darum, den 
Glauben an diese Dinge, die sie verbreiten, zu erwecken, sondern iiber- 
haupt nur irgend etwas zu fabrizieren, was eine unbequeme Personlich- 
keit oder Zeitstromung herabsetzen kann. So will ich trotz des ja nicht 
sehr erleuchteten Saales diese «unerleuchteten» Auslassungen, die jetzt 
durch einen Teil der Presse gehen, vorlesen: 

«Der Theosoph Steiner als Handlanger der Entente. - Dem <Mann- 
heimer Generalanzeigen wird aus Berlin berichtet: Theosoph Dr. Ru- 
dolf Steiner, der eine Anhangerschaft von mehreren Millionen Mannern 
und Frauen beeinflufit» - ich bemerke ausdriicklich: dieser Satz, der 
wird fur den, der irgendwie hineinschaut in das Gemache der Gegen- 
wart, aufierordentlich beweisend sein, und man wird in der Zeit, die da 
kommt, in der sich solche Angriffe wesentlich verstarken werden, sehen, 
warum solche Angriffe gesagt werden, neben andern erlogenen Din- 
gen -, «hat im Friihjahr 1919 in Stuttgart den Bund fur Dreigliederung 
des sozialen Organismus begriindet, der urspriinghch nur eine religios- 
kommunistische Gemeinschaft sein sollte, dann aber in politische Be- 
riihrung mit den Bolschewisten und Kommunisten geraten ist und jetzt 
eine seltsame und widerwartige politische Agitation ausiibt. Die <B. Z.> 



erfahrt aus Dresden das Folgende: Aus zuverlassigen Nachrichten 
geht einwandfrei hervor», - ich bitte, den Ton zu beriicksichtigen - 
«dafi der Bund fur Dreigliederung die Namen aller angeblich im 
reaktiomren Sinne tatigen Offiziere feststellt und gegen diese Material 
iiber volkerrechtswidrige Handlungen an der Hand von Zeugenaus- 
sagen sammelt, das dann der Entente zwecks Auslieferung zugestellt 
werden soli. Die Richtigkeit derartiger Beschuldigungen ist Herrn Stei- 
ner und Genossen vollkommen gleichgiiltig, und dafi sie sogar vor be- 
wufit falschen Angaben nicht zuriickschrecken, beweist die Stelle eines 
Briefes, in dem es heiik: Beschuldigungen von Diebstahlen sind zu 
unterlassen, da die Unwahrheit hier leichter nachzuweisen ist. Ebenso 
darf man keine allzu unglaublichen Beschuldigungen wie Verstumme- 
lungen von Kindern, erheben.» 

Nun, dafi jeder Satz, jedes Wort - verzeihen Sie, wenn ich in diesem 
Zusammenhange den Ausdruch gebrauche - eine «erstunkene» Luge ist, 
das ist ja ganz selbstverstandlich. Aber diese Dinge werden in der Ge- 
genwart fabriziert. Sie beweisen, dafi man dasjenige, was von der 
Geistesstromung kommt, die hier vertreten wird, genug ernst nimmt, 
um diese bosartigen Mittel iiberhaupt fiir notwendig zu halten. Sie 
konnen iiberzeugt sein: kleine sektiererische Bewegungen, das heifit 
solche, die in der Anzahl kleine Bewegungen sein sollen, die bombar- 
diert man nicht mit derlei Dingen. Wiinschen mochte man nur - ich 
habe das auch in dem vorgestern abgesendeten Artikel fur unsere 
zweitnachste «Dreigliederungs»-Nummer ausgesprochen -, dafi die 
Zahl der naiven Leute immer geringer und geringer wiirde, die noch 
immer glauben, dafi es, wenn man solche Dinge widerlegt, den Leuten 
etwas fnilfe, die heute aus den triiben Quellen heraus, um die es sich 
hier handelt, arbeiten. Die interessieren Widerlegungen aufierordent- 
lich wenig; denn ihnen geht es nicht darum, die Wahrheit irgendwie 
auch nur zu beriihren, sondern sie kampfen gegen alles dasjenige, was 
als ein neuer Geist in die Menschheit einziehen soil, mit jedem Mittel. 
Sie folgen den Kraften, von denen sie besessen sind. 

Ich mufite Ihnen auch dieses Beispiel vorfiihren aus dem Grunde, 
damit nach und nach doch ein Gefuhl von dem Ernste hervorgerufen 
werde, der eigentlich walten sollte bei all denjenigen, die sich irgendwie 



ernsthaftig zugeneigt finden zu dem, was hier als anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft angegeben wird. Man mochte ja wirk- 
lich Worte finden, wie sie unsere heutige abgebrauchte Sprache kaum 
hat, um diesen Ernst in den Seelen zu erwecken. Denn notwendig ist er ! 
Aber die Seelen sind oftmals wie gelahmt. In sie dringt nicht mehr das- 
jenige ein, was notwendig in sie dringen mufi, wenn die Zeit nicht in 
die vollstandige Dekadenz hineinfiihren soil. Man kann nicht in 
der alten Weise fortwirtschaften. Man sollte auch nicht mehr «Ideale» 
nennen, was man aus den alten Stromungen heraus nimmt. Man sollte 
sich schon immer mehr und mehr bewufit werden, dafi ein volliger 
Neubau in der Menschheitsentwickelung notwendig ist. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 16. Januar 1920 



Ich werde heute noch einmal das Gesetz der menschlichen Entwickelung 
in der nachatlantischen Zeit besprechen, aus dem Grunde, weil ich ver- 
schiedene Ausfuhrungen an dieses Gesetz werde in den nachsten Tagen 
anzukniipfen haben. Es wird ja das in unserer Zeit so notwendige Ver- 
standnis fur die bedeutsamen Anforderungen der Gegenwart und der 
nachsten Zukunft im Bewufitsein der Menschen nicht Platz greifen kon- 
nen, wenn nicht ein eindringliches Verstandnis vorliegt fur die Art und 
Weise, wie die Menschen zu dem gegenwartigen Standpunkte der Zivili- 
sationsentwickelung gekommen sind. Eine nur vom geisteswissenschaft- 
lichen Gesichtspunkte aus zu fassende Seelenentwickelung hat die 
Menschheit seit jener Zeit durchgemacht, die wir bezeichnen als die Zeit 
der grofien atlantischen Katastrophe. Wir kommen da, wenn wir dieses 
Zeitalter der grofien atlantischen Katastrophe ins Auge fassen, nicht so 
weit zuriick, als vielfach die gegenwartige wissenschaftliche Ausdeutung 
der Menschheitsentwickelung mit der Menschheit zuriickgehen mochte, 
sondern wir kommen zuriick etwa in die Zeiten, welche geologisch be- 
zeichnet werden als das Eiszeitalter, in dem ja auch von der aufieren 
Wissenschaft grofie Umwalzungen angenommen werden fur die Gegen- 
den, die wir heute die Gegenden des zivilisierten Europa nennen. Wir 
kommen zuriick etwa bis in das 8. oder 9. Jahrtausend vor dem Myste- 
rium von Golgatha und bezeichneten ja immer als das erste grofie Kul- 
turzeitalter, das aufgegangen ist in der nachatlantischen Zivilisation 
nach dieser atlantischen Katastrophe, das urindische Kulturzeitalter. 
Wir haben notig, unseren Blick namentUch darauf zu lenken, da£ die 
Seelenbeschaffenheit der Menschen in jenen alten Zeiten eine wesentlich 
andere war als spater, namentlich als in unserer Zeit. Es ist vom geistes- 
wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus bedeutsam, gerade auf die See- 
lenentwickelung der Menschen zu sehen. Die aufiere leibliche Entwic- 
kelung und auch die Entwickelung der materiellen Kulturzusammen- 
hange kann ja erst verstanden werden, wenn man die Seelenentwicke- 
lung wirklich durchdringt. 



Wenn wir nun die zwei Jahrtausende in Betracht Ziehen, die, im 8., 
9. Jahrtausend beginnnend, dann weitergehend das urindische Zeitalter 
ausmachen, so treffen wir da auf eine Menschheit, die unter ganz, ganz 
andern Bedingungen sich entwickelte, als was iiberhaupt heute als 
Menschheitsentwickelung bekannt ist. Namentlich mufi ins Auge gefafit 
werden, wie ich schon ofters gesagt habe, da$ ja der heutige Mensch eine 
Entwickelung so durchmacht, dafi seine physisch-leibliche Entwicke- 
lung parallel geht der seelisch-geistigen Entwickelung, dafi aber heute 
der Mensch eigentlich diese Entwickelung nur in den ersten Lebensjahr- 
zehnten durchmacht. Im ersten Lebensjahrzehnt ist ja jener wichtige 
leibliche Ubergang, den wir bezeichnen als den des Zahnwechsels um 
das siebente Jahr herum und den wir parallelisieren konnen mit wich- 
tigen geistig-seelischen Vorgangen. Dann wiederum ist vorhanden fur 
den gegenwartigen Menschen ein tief Eingreifendes in seiner leiblichen 
Entwickelung, das wiederum ubergreift auf die geistig-seelische Ent- 
wickelung, mit der Geschlechtsreife im vierzehnten, funfzehnten Jahr. 
Dann ist, wie auch fur den heutigen Menschen noch deutlich ersichtlich 
ist, bis in die Zwanzigerjahre hinein ein gewisser Zusammenhang da 
des Geistig-Seelischen mit der leiblichen Entwickelung. Er ist weniger 
schroff, weniger deutlich als in den Zeiten um das siebente, um das vier- 
zehnte Jahr herum, aber fur einen genaueren Beobachter doch deutlich 
wahrnehmbar. 

In solcher Parallelitat zwischen dem leiblichen Entwickeln und dem 
geistigen Entwickeln war die Menschheit der urindischen Zeit bis hin- 
auf in die Zeiten der Funfzigerjahre des Menschen, bis in das sechste 
Lebensjahrzehnt hinein. Man war so von dem, was im Leibe vorgeht, 
geistig-seelisch zugleich in dieser Weise abhangig. Man hat bis ins 
hochste Alter die Umschwiinge so erlebt, wie man eben heute erlebt die 
Umschwunge beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife und so weiter. 
Also der Mensch lebte mit sein Leibesleben bis in die Zeit hinein, wo er 
sein sechstes Lebensjahrzehnt hatte, die Funfzigerjahre. Und ich habe 
darauf aufmerksam gemacht, was das eigentlich bedeutet fur das Leben 
des Menschen. Man wurde ein Mensch, sagen wir, von dreifiig Jahren; 
man sagte sich als ein Mensch von dreifiig Jahren: Ich werde auch ein- 
mal vierzig, funfzig Jahre alt sein; dann werde ich rein durch meine 



leibliche Entwickelung in ganz anderer Weise reif sein vor der Welt als 
jetzt. - Man lebte so dem Altera entgegen auch noch in hoheren Lebens- 
jahrzehnten, wie man heute eigentlich nur als Kind dem Altern ent- 
gegenlebt. Man machte Wachstum, Reiferwerden mit bis in die hochsten 
Jahrzehnte des Lebens. Und man hatte das Bewufitsein: Je alter man 
wird, desto mehr Dinge der Welt werden einem klar, desto mehr tritt 
herein in das Seelenleben, man mochte sagen, aus unbekannten Tiefen 
des Weltendaseins. Man hatte solche Epochen in der Entwickelung eben 
noch im hochsten Alter, wie man jetzt den Zahnwechsel und die Ge- 
schlechtsreife hat. 

Das anderte sich ja insofern, als dieser Parallelismus zwischen leib- 
licher und geistiger Entwickelung immer mehr und mehr herunterriickte. 
Beim nachsten Kulturzeitraum, beim urpersischen, wie ich ihn genannt 
habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», war das nur bis zu 
dem Beginn der Funfzigerjahre oder gar bis zum Ende der Vierziger- 
jahre der Fall. Und im agyptisch-chaldaischen Zeitraum, da war das 
nur der Fall bis zum Beginn der Vierzigerjahre; und in der Zeit, in der 
die heute noch fur uns bedeutsame griechisch-lateinische Kultur sich 
ausbreitete, waren die Menschen entwickelungsfahig bis in die begin- 
nenden Dreifiigerjahre hinein. Der Mensch fuhlte sich jung in Griechen- 
land bis in die beginnenden Dreifiigerjahre. Und er sagte sich, dafi etwas 
heranwiichse mit ihm, wenn er die Dreifiigerjahre erreicht haben werde. 
Heute sind wir bereits mit dem Beginn der Dreifiigerjahre vertrocknete 
Mumien, wenn wir blofi auf unsere leiblich-physische Entwickelung 
sehen. Heute horen wir in einem viel friiheren Zeitraum auf, einen 
Zusammenhang zu haben mit der leiblich-physischen Entwickelung. 

Das alles aber hangt zusammen mit andern Dingen der Menschheits- 
entwickelung. Der erste Zeitraum nach der grofien atlantischen Kata- 
strophe, der urindische Zeitraum, hatte Menschen, welche im hohen 
Grade das ganze Leben des Universums mitmachten, welche namentlich 
mitmachten in ihren Hauptes-, in ihren Kopferlebnissen das Leben des 
Universums. Wir wissen ja vom Universum nur dasjenige, was erkundet 
wird auf den Sternwarten durch die Teleskope, was errechnet wird 
durch die Astronomen. Der Mensch des urindischen Zeitalters fuhlte in 
seinem Kopfe den Gang der Sterne. Er erlebte mit nicht nur die irdische 



Natur in Fruhling, Sommer, Herbst und Winter, sondern er erlebte mit 
die kosmischen Ereignisse, er erlebte mit das Zeitalter, sagen wir, einer 
bestimmten Siriuskonstellation, und so weiter. Dasjenige, was spater 
kunstvoll astrologisch errechnet worden ist, das wurde miterlebt im 
Menschen, so wie heute erlebt wird die Gesattigtheit nach einer genos- 
senen Mahlzeit oder der Hunger bei einer erwarteten Mahlzeit. Es 
wurde Sonnengang und Sternengang im eigenen Haupte also miterlebt. 

Das hatte zur Folge, dafi der Mensch damals sich durchaus nicht 
eigentlich als Erdenbiirger blofi fiihlte, sondern dafi er sich fiihlte als 
Angehoriger einer iiberirdischen Welt, der blofi auf die Erde versetzt 
ist. Er fiihlte sich als ein Wanderer wahrend eines kurzen Wanderzu- 
ges iiber die Erde dahinpilgern. Er fiihlte eine gewisse Verwandtschaft 
mit dem, was aufierirdisch ist. 

Das wurde schon im zweiten nachatlantischen Zeitraume anders. Da 
wurde es so, dafi weniger das Leben des Universums gefuhlt wurde, 
mehr aber alles dasjenige, was sich, ich mochte sagen, auf das Beleuch- 
tungswesen, auf das Lichtwesen des Universums bezieht. Anders erlebte 
der Mensch des urpersischen Zeitraumes den Tag, anders die Nacht. Er 
fiihlte sich wirklich noch anwesend im Universum in der Zeit zwischen 
dem Einschlafen und Aufwachen. Diese Zeit hatte fur ihn einen realen 
Inhalt, wahrend sie heute ja nur etwas wie ein Loch bedeutet im be- 
wufken Menschenleben. Eine Art Miterleben des Universums war im- 
merhin noch vorhanden. So dafi wir sagen konnen: In demselben Mafie, 
in dem die physisch-leibliche Entwickelungsfahigkeit des Menschen 
heruntergeriickt wird aus den hoheren Lebensjahrzehnten in die nied- 
rigeren, in demselben Mafie hort das Zusammenleben des Menschen 
mit dem Universum auf. 

Wir konnen also sagen (siehe die Ubersicht): Im ersten nachatlanti- 
schen, urindischen Zeitraume haben wir ein Miterleben mit dem Phy- 
sisch-Leiblichen bis in die Jahre vom achtundvierzigsten oder neunund- 
vierzigsten bis sechsundfiirifzigsten Lebensjahre und auch dariiber 
hinaus. In dem zweiten, in dem urpersischen Zeitraume haben wir dann 
vom zweiundvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre noch 
Entwickelungsmomente in der leiblich-physischen Entwickelung des 
Menschen, welche sich vergleichen lassen mit unserem Zahnwechsel 



oder mit der Geschlechtsreife und dergleichen. Im dritten Zeitraume, 
den wir gewohnt sind, den agyptisch-chaldaischen zu nennen, haben wir 
vom funfunddreifiigsten Jahre bis zum zweiundvierzigsten Jahre solche 
leiblichen Entwickelungsmomente. Und in dem, was wir gewohnt 
sind, als den griechischen Zeitraum zu betrachten, in dem vierten nach- 
atlantischen, griechisch-lateinischen, da geht diese Entwickelung vom 
achtundzwanzigsten bis zum funfunddreifiigsten Jahre hinauf . 

I Urindisch 49 bis 56 von 8167 bis 5567 vor Christus Tafei3 

II Urpersisch 42 bis 49 von 5567 bis 2907 vor Christus 

III Agyptisch-chaldaisch 35 bis 42 von 2907 bis 747 vor Christus 

IV Griechisch-lateinisch 28 bis 35 von 747 v.Chr. bis 1413 n.Chr. 
V Jetzt 21 bis 28 von 1413 bis ... 

Wenn Sie dies beachten, so werden Sie sich sagen: Die Entwicke- 
lungsfahigkeit des Menschen riickt immer weiter und weiter herab. 
Und mit diesem Herabrucken der Entwickelungsfahigkeit des Men- 
schen verschliefien sich ihm gewissermafien die Tore zum Miterleben 
der universellen Ereignisse. - Wenn Sie es sich merken wollen - 
nicht notieren, aber merken - so konnen wir sagen: Der erste Zeitraum 
reicht von 8167 bis 5567 vor Christus; der zweite von 5567 bis 2907, 
so ungefahr; der dritte von 2907 bis 747 vor Christus; der vierte, der 
griechische Zeitraum von 747 vor dem Mysterium von Golgatha 
bis 1413 nach dem Mysterium von Golgatha; und dann beginnt unser 
funfter Zeitraum, die Zek also, in der wir annahernd entwickelungsf a- 
hig bleiben nur noch vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzig- 
sten Lebensjahre. Das beginnt 1413, und darinnen leben wir. Und wenn 
wir genau sprechen wollen, so mussen wir sagen: Der gegenwartige 
Mensch bleibt entwickelungsfahig bis in das siebenundzwanzigste 
Jahr hinein. Er fangt dann an, gewissermafien sich in seinem Seelisch- 
Geistigen ganz zu emanzipieren von dem Physisch-Leiblichen. Eman- 
zipieren von dem Physisch-Leiblichen ist also etwas, was immer mehr 
und mehr hereinriickt. Sie sehen daraus, dafi einmal der Zeitpunkt kom- 
men wird, wo die Menschen nur entwickelungsfahig sein werden bis 
zu ihrem vierzehnten Jahre, wo das Geschlechtsreifezeitalter aufho- 
ren wird, eine Bedeutung zu haben in der menschlichen Entwickelung. 



Das ist ein Zeitraum, der ganz gewifi eintreten wird. Die Geologen 
mogen noch so lange Zeitraume berechnen fiir die Entwickelung des 
Menschtums auf der Erde, fur die Entwickelung der physischen Mensch- 
heit der Erde; diese physische Menschheit auf der Erde wird sich nicht 
langer entwickeln als bis zu dem Moment, wo diese obere Altersgrenze 
bis in das vierzehnte, dreizehnte Lebensjabr heruntergeriickt ist. Denn 
von diesem Zeitpunkte an wird sich die physische Menschheit auf der 
Erde nicht mehr entwickeln konnen. Die Frauen werden keine Kinder 
mehr gebaren. Dann wird es mit der physischen Menschheit auf der 
Erde zu Ende gegangen sein. Ich habe einmal gesagt: Die Berechnungen, 
welche die landlaufigen Geologen machen, beruhen alle auf einem ge- 
wissen Fehler. - Man kann heute nach der Art und Weise, wie Flufi- 
schlamm angeschwemmt wird oder wieviel Schlamm der Niagara ab- 
setzt und dergleichen, geologische Zeitraume berechnen und danach 
dann «feststellen», was da fur eine Fauna, Flora vor soundso vielen 
Jahren auf der Erde geherrscht hat. Diese Berechnungen sind alle etwa 
so angestellt, wie wenn man heute berechnen wiirde, welche Verande- 
rungen, sagen wir, im Magen vorgingen seit zehn Jahren, und dann 
ausrechnet, wie der Magen ausgeschaut hat vor hundertfunfzig Jahren. 
Ja man kann sogar ebenso, wie heute die Geologen, berechnen, wie die 
Erde nach Millionen von Jahren aussehen wird, ausrechnen, wie der 
Magen ausgesehen hat vor dreihundert Jahren. Nur wird die Erde nach 
Millionen von Jahren nicht mehr da sein, ebensowenig wie der physische 
Mensch da war vor dreihundert Jahren, als sein Magen in einer be- 
stimmten Weise ausgesehen haben soli. Nach diesen physischen Geset- 
zen, welche zugrunde gelegt werden diesen wissenschaftlichen Werken, 
kann man selbstverstandlich ganz richtig rechnen, aber was man ausrech- 
net, ist ebensowenig «richtig», wie man ausrechnen kann, wie ein mensch- 
licher Magen vor dreihundert Jahren ausgesehen hat. Diese Dinge, die 
ich da anfuhre, die werden heute von der exakten Wissenschaft zuriickge- 
wiesen. Aber dasjenige, was wirklich ist, was das Tatsachliche ist, das 
kann ja von dieser exakten Wissenschaft eben durchaus nicht gefunden 
werden. Denn Sie konnen lange rechnen, wie die Erde aussehen wird 
nach hunderttausend Jahren, wie da die Menschen sein werden und 
dergleichen: Die Menschen werden nicht mehr existieren auf der Erde ! 



Das sind Dinge, welche heute schon zwingen sollten, die Briicke zu 
bauen nach geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hin. Denn dadurch 
allein konnen Einsichten kommen in die wirkliche Entwickelung der 
Menschen und Einsichten in gewisse Notwendigkeiten, die aufzuneh- 
men sind in dieses menschliche Bewufitsein. Nun ist es Ihnen vielleicht 
nicht schwierig, einzusehen, dafi der Mensch in alteren Zeiten gewisser- 
mafien einfach dadurch, dafi er ein leiblich-physischer Mensch war, 
gewisse Offenbarungen erlebte, Offenbarungen, die man eben nur erle- 
ben kann, wenn man physisch entwickelungsfahig bleibt bis iiber ein ge- 
wisses Zeitalter hinaus. Beim alten Perser, beim alten Inder gar, da war 
das Gehirn wekh und biegsam und plastisch bis in die Funfzigerjah- 
re hinein, so plastisch, wie es heute nur in der ersten Jugend der Fall 
ist. Einfach durch dieses plastische Gehirn bekam man Offenbarungen, 
die man nicht bekommen kann, wenn man noch Kind ist, die man 
nur bekommen kann, wenn der Leib plastisch bleibt bis in das hoch- 
ste Alter hinein. Unser mumifiziertes Gehirn, das schon mit dreifiig 
Jahren ganz vertrocknet ist, das kann diese Offenbarungen auf je- 
nem alten naturlichen Wege nicht erringen. Das ergibt eben die Not- 
wendigkeit, auf einem andern, auf einem blofi geistigen Wege fur 
das emanzipierte Geistig-Seelische einen Inhalt zu bekommen. 

Das ergibt Ihnen fur unser Zeitalter zu gleicher Zeit die eminente 
Notwendigkeit, zum spirituellen Leben sich hinzuwenden. Denn mit 
funfunddreifiig Jahren hat man die Halfte, die aufsteigende Halfte des 
Lebens erreicht, von da geht es abwarts. Alles, was man erst in der ab- 
steigenden Halfte erreichen kann, das erreicht ja der heutige Mensch 
von selbst gar nicht. Wenn er nichts dazu tut, um es auf andere Weise 
als durch seine leibliche Entwickelung zu erreichen, so kommt das gar 
nicht an inn heran. Man sollte von solchen Einsichten aus begreifen, 
wie notwendig es fur den heutigen Menschen ist, sich zur Geistes- 
wissenschaft hinzuwenden. 

Was die Menschen bis jetzt auch an aufieren sozialen Gebilden her- 
vorgebracht haben, ist durchaus noch unter dem Einflufi der alten pla- 
stischen Leiblichkeit entstanden. Aber jetzt ist das Zeitalter hereinge- 
brochen, in dem diese alten Gebilde morsch werden und in dem Neues 
nur geschaffen werden kann, wenn man es aus dem Geiste heraus 



schafft. Dies ist heute schon offen daliegend, wenn man auch nur die 
aufieren Ereignisse verfolgt. Aber man versteht die aufieren Ereignisse 
nur, wenn man sie im Zusammenhange mit dem Geiste verfolgt. Ich 
will Sie auf ein von dem eben besprochenen Thema scheinbar recht 
feme liegendes Gebiet hinweisen. Ich habe ja ofter erwahnt: Die 
abgetakelten Feldherren, Staatsmanner schreiben jetzt ihre Memoiren. 
Unter den Leuten, die da ihre Memoiren geschrieben haben, ist ver- 
haltnismaJKig einer der Besten, der Interessantesten der Frivolling und 
Zyniker, der eine gewisse Zeit hindurch die osterreichischen Geschik- 
ke geleitet hat, Czernin. Auch der hat ja seine Memoiren geschrieben. 
Ich iiberschatze ihn nicht, wenn ich sage, daft er einer der Besten ist, 
die Memoiren geschrieben haben; denn ich mulS ihn zu gleicher Zeit 
einen Frivolling und Zyniker nennen, einen Oberflachling. Aber es 
sind seine Memoiren noch zu den interessantesten zu rechnen. 

Darin ist eine interessante Stelle, da setzt sich Czernin damit aus- 
einander, was hatte verhindern konnen oder herbeigefuhrt hat diese 
Weltkriegskatastrophe. Er setzt sich damit auseinander als Osterreicher 
und sagt: Dieses Osterreich, durch den Weltkrieg ist es zugrunde gegan- 
gen. Aber es ware auch ohne den Weltkrieg zugrunde gegangen, denn es 
war reif, zugrunde zu gehen. Es konnte nicht mehr bestehen. Es war 
innerlich morsch. - Er driickt sich sogar etwas dramatisch aus, indem er 
sagt: Zugrunde gehen mufiten wir ja doch, wir konnten uns blofi unsere 
Todesart wahlen. Anderes konnten wir nicht wahlen als die Todesart. 
Wir wahlten uns die schlechteste. Nun ja, etwas Besseres ist nicht ver- 
standen worden. Vielleicht ware eine andere langsamer gewesen, weni- 
ger schmerzlich. - So driickt er sich aus. 

Das ist im Grunde genommen ein ganz richtiges Apercu, denn dieses 
Osterreich war ein Staatsgebilde, zusammengefiigt nach den Vorstel- 
lungsintentionen, die noch aus einer alten Zeit stammten. Wenn sie 
auch nicht, ich mochte sagen, mehr wuchsen in den Gehirnen, so waren 
sie doch noch luziferisch da. Heute sehen die Leute, wie diese alten 
Gebilde anfangen morsch zu werden und abzusterben. Richtig wiirden 
die Leute nur sehen, wenn sie die inneren Grunde, die Zeitengriinde fur 
das Absterben dieser Gebilde sehen wiirden. Allein es sieht ja jeder erst 
etwas, wenn das betreffende Gebilde katastrophai zugrunde gegangen 



ist. Um was es sich heute fur einen Menschen, der wirklich auf der Hohe 
seiner Zeit steht, handeln wiirde, das wiirde sein, nicht nur mit allerlei 
sozialen Ideen zu kommen und die alten Staatsgebilde zu nehmen, als 
ob man diese alten Staatsgebilde, diese alten Staatsrahmen iiberhaupt 
nehmen konnte. Das kann man nicht. Man mufi sich bekanntmachen 
damit, dafi der alte Staatsbegriff aufgehort hat, einen Sinn zu haben, 
dafi etwas anderes an seine Stelle treten mufi: der dreigeteilte soziale 
Organismus. Dieser dreigeteilte soziale Organismus wird sich schon 
selbst seine Staatsgrenzen schaffen; die alten haben ihre innere Zusam- 
menhangsmoglichkeit verloren. 

Aber die Leute sind heute eben Schlafer. Sie machen das mit, was sich 
katastrophal abspielt. Aber hinzusehen auf die inneren Bewegkrafte des 
Daseins, dazu wollen sich die Menschen nicht entschliefien. Sie werden 
sich nur entschliefien, wenn sie aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen 
heraus die Dinge wirklich begreifen lernen. Dann wird durch wirklich 
geistiges Erfassen des Daseins auch die Briicke gebaut zwischen dem 
Erfassen des rein Naturlichen und des Sozialen. Denn zuletzt haben 
doch beide Gebiete Gesetze, die miteinander etwas zu tun haben. Nur 
wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die Zeit betrachtet, dann 
wird man zu der notigen Einsicht in das kommen, was heute wirklich 
vorgeht. Man wird sich entschliefien miissen, zu sagen: Der Mensch darf 
sich heute nicht zufriedengeben, wenn er etwas tun will fur die aufstei- 
gende Menschheitsentwickelung, mit dem, was ihm von aufien anfliegt, 
denn es fliegt ihm nur bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre etwas 
an. Nachher mumifiziert er; nachher mufi das Geistig-Seelische aus der 
geistigen Welt heraus seine Krafte holen. 

Ein Mensch, der heute nur sich aus dem heraus entwickelt, was die 
Aufienwelt an ihn heranbringt, ist iiberhaupt nur bis zu seinem sieben- 
undzwanzigsten Jahr entwickelungsfahig. Sie konnen folgenden Ge- 
danken als einen eminent richtigen fassen: Wenn heute die meisten Men- 
schen, die in sogenannte hohere Stellungen aufriicken, noch allerlei 
Gymnasial- oder ahnliche Bildungen durchmachen, so wird diese sieben- 
undzwanzigjahrige Grenze etwas verschoben, weil aus alten Uberliefe- 
rungen in den Menschen etwas hereinkommt, was sie daraus aufnehmen. 
Wenn aber aus unserem gegenwartigen Leben einer herauswachst, so 



recht als Selfmademan, und dann siebenundzwanzig Jahre alt wird, 
ohne dafi er dieses Selfmademan- Wesen durchtrankt hat mit Gymnasial- 
bildung im gewohnlichen Sinne und dergleichen, so kann er mit sieben- 
undzwanzig Jahren so weit sein, dafi er gerade in all dem drinnensteckt, 
was heute nur fur die Gegenwart der Erde gilt, was keine Entwicke- 
lungsmoglichkeit nach der Zukunft gibt, was seinen Abschlufi finden 
mufi in der Gegenwart. Denn wenn jemand etwas in seiner Seele haben 
soil, was eine Entwickelungskraft nach der Zukunft gibt, dann mulS er 
das aus dem Geiste heraus haben. Wenn also heute jemand siebenund- 
zwanzig Jahre alt wird, gewissermafien nur durch die Menschheit er- 
zogen wird, durch das, was von selber an einen heranfliegt durch die 
leiblich-physische Entwickelung, so kann er sich mit siebenundzwanzig 
Jahren ins Parlament wahlen lassen. Er wird gerade die Gegenwart 
verstehen, die Gegenwart wird ihn verstehen; aber fur das, was er ver- 
steht, fur das, was man von ihm versteht, konnte eigentlich die Ent- 
wickelung sich so abspielen, dafi sie morgen durch eine riesige Erden- 
katastrophe zugrunde geht; denn weitere Fermente fur eine Weiter- 
entwickelung wird er nicht in seiner Seele enthalten. Gerade solch ein 
Mann, der Selfmademan ware, der angeflogen bekommen hatte, was 
man von aufien heute bekommt, der dann mit siebenundzwanzig Jah- 
ren abgeschlossen hatte und meinetwillen Parlamentarier geworden 
ware, dann bald Minister und so weiter, ware der charakteristischste 
Ausdruck fur die Gegenwart. 

Der charakteristische Mensch dafiir ist Lloyd George. Er ist geradezu 
der absoluteste Ausdruck der Gegenwart. Wenn Sie seine Biographic 
ins Auge fassen, so werden Sie finden: Er ist der Mensch, der alles das 
in sich enthalt, was heute ein Mensch durch seine leiblich-geistige Ent- 
wickelung aus sich machen kann bis zu seinem siebenundzwanzigsten 
Jahre. Aber da er alles abweist, was nicht von selbst anfliegt, was aus 
der geistigen Welt heraus gewonnen wird, so kann er nie alter werden 
als siebenundzwanzig Jahre. Er ist ja gewifi heute schon an gezahlten 
Jahren viel alter, in Wirklichkeit aber siebenundzwanzig Jahre alt. Und 
so sind heute viele unter uns, die bleiben bei diesen siebenundzwanzig 
Jahren stehen, weil sie nichts aus der geistigen Welt heraus aufnehmen. 
Dafi man graue Haare bekommt, dafi man andere Alterserscheinungen 



zeigt, das macht es dabei nicht aus. Man kann heute eben siebenund- 
zwanzig Jahre sein, auch wenn man ein siebzigjahriger Greis ist den 
gezahlten Jahren nach, und kann franzosischer Ministerprasident sein 
und Clemenceau heifien. Das ist das Geheimnis der Menschheitsent- 
wickelung, dafi das Altwerden nicht mit der Erinnerung der Jahre 
zusammenhangt, sondern dafi heute derjenige, der wirklich alt werden 
will, dieses dadurch werden mufi, dafi er Geistiges in seine Seelen- 
entwickelung hereinbekommt. Es ist deshalb kein Zufall, dafi gerade 
in den entscheidenden Ereignissen Lloyd George den Weltenton an- 
gegeben hat. Denn den Weltenton fur das heutige Zeitalter, das ganz 
urmaterialistisch ist, mufite ein Mensch angeben, der in der charakte- 
ristischsten, in der typischsten Weise siebenundzwanzig Jahre alt ge- 
worden ist und nicht iiber diese siebenundzwanzig Jahre hinausgelangt 
ist. Er ist ja auch gerade just mit diesem Alter Parlamentarier geworden 
und hat alle diese Dinge mit einer grofien Genialitat entwickelt. Man 
lernt heute die Welt nicht kennen, wenn man sie blofi so ansieht, wie es 
die Vorstellungen ergeben, die heute an der Oberflache der sogenannten 
Zivilisation schwimmen. Man lernt die Welt nur kennen, wenn man sie 
in der eben angedeuteten Weise von innen heraus wirklich ansieht. 

Uns Menschen wird fur unsere Entwickelung zweierlei gegeben, ich 
mochte sagen, das HullenmajRige und der Inhalt. Den alten Leuten des 
ersten, zweiten, dritten Zeitraumes wurde mit den Hiillen, mit der leib- 
lichen Entwickelung auch noch das Geistige mitgegeben. In den leib- 
lichen Hiillen lebten noch die Mitglieder der hoheren Hierarchien. Wir 
entwickeln unsere Leiber nur so, dafi wir haben: in unseren Menschen- 
formen die Krafte der Geister der Form, in unserem Atherleib den Zeit- 
geist, in unserem Astralleib Erzengelwesen, in unserem Ich Engelwesen. 
Aber weiter kommt es nicht, denn wir mussen willkurlich und bewufk 
zu dem aufsteigen, was dem Menschen alter Zeiten einfach mit seiner 
Leibesentwickelung angeflogen ist. Und man lernt die moralische Ent- 
wickelung der Menschheit nicht kennen, ohne daft man auf solche Dinge 
wirklich Riicksicht nimmt. Die Leute schreiben heute Geschichte genau 
ebenso, wie die Blinden von der Farbe schreiben wiirden. Sie schreiben 
nur aufierliche Phrasen, die keinen Inhalt haben. Aus diesen aufierlichen 
Phrasen, die keinen Inhalt haben, entstehen dann Parteiprogramme, 



Gesellschaftsprogramme, entstehen jene sogenannten Ideale, nach denen 
man dies oder jenes Soziale bewirken will. Man kann heute nichts sozial 
bewirken, ohne dafi man aus den treibenden Kraften der Menschheits- 
entwickelung heraus schafft. Zeitverstandnis ist heute notwendig. Aber 
es kann nur aus geistigen Untergriinden herausgeholt werden. 

Wie merkwiirdig solches Zeitverstandnis oftmals aufgefafit wird, 
das kann man ja aus aufieren Dingen sehen. Wenn die Menschen xiber 
das Alltagliche heute hinauskommen wollen, dann machen sie oftmals 
allerlei Sachen. So konnte man zum Beispiel vernehmen, wie vor einiger 
Zeit, als vor der Kriegskatastrophe die Leute schon gar nicht mehr wufi- 
ten, was fiir Kinkerlitzchen der Zivilisation sie anfangen sollten, allerlei 
«01ympische Spiele» aufgefiihrt werden sollten. Ja, Olympische Spiele 
waren fiir die Griechen da. Unser Zeitalter ist soundso viele Jahr- 
hunderte iiber die Griechen hinausgegangen. Wir haben nicht mehr die 
Seelen- und Leibesverfassung, die die Griechen hatten. Wir miissen das- 
jenige finden, was unserer Seelen- und Leibesverfassung angemessen ist. 
Wir zeigen nur die Impotenz unseres Geistes, die vollige Leerheit von 
Seeleninhalten, wenn wir Altes unbedingt wieder und wiederum kauen 
wollen. Olympische Spiele waren moglich bei denjenigen Menschen, die 
bis in das dreiunddreifiigste Jahr hinein ihre Entwickelungsfahigkeit 
hatten. So ohne weiteres Dinge erneuern, die einmal fur die Menschheit 
da waren, das heifit nichts anderes, als wenn jemand, der funfund- 
dreifiig Jahre alt geworden ist, plotzlich beschlieEt, er will sich nun 
benehmen wie ein funfzehnjahriger Bube. So ungefahr war es, als das 
Ideal der Olympischen Spiele auftauchte. 

Dieses innere Verstandnissuchen aus den geistigen Grundlagen der 
Entwickelung heraus, das ist es, was unbedingt angestrebt werden mufi 
von unserer Gegenwart an. Denn eben die alten Zusammenhange, aus 
denen die Menschen bisher gearbeitet haben, sind morsch und briichig 
geworden. Ein Schneckenhaus halt sich ja auch noch eine Zeitlang, wenn 
die Schnecke schon tot ist. So hielten sich die alten Staaten, die aus ganz 
andern Schnecken, aus ganz andern Vorstellungen hervorgegangen sind. 
Aber notwendig ist es, da& heute neue soziale Gebilde aus dem erneuer- 
ten Vorstellungsleben der Menschen heraus sich wirklich entwickeln. 
Das grofie Sterben der alten sozialen Gebilde, das im Osten begonnen 



und Mitteleuropa ergriffen hat, das wird sich schon fortsetzen ! Aber gut 
ware es, wenn es verstanden wiirde und wenn die Leute weniger daran 
denken wurden, die alten Reiche aufzurichten, sondern daran denken 
wiirden, die realen Verhaltnisse der Gegenwart ins Auge zu fassen und 
aus diesen realen Verhaltnissen der Gegenwart heraus entsprechende 
neue soziale Gebilde zu gestalten. 

Im ganzen mufi man doch sagen: Geisteswissenschaft stellt an die 
Menschen die Anforderung, etwas weniger Bequemlichkeit zu ent- 
wickeln mit Bezug auf ihre Seelenwesenheit, als die Menschen heute zu 
haben geneigt sind. Die Menschen sind heute schon so, dafi sie gar nicht 
sich bewufit sind der treibenden Krafte der Entwickelung, in denen sie 
drinnenstecken. Es war mir interessant zu sehen, wie ein Mitglied unse- 
rer Gesellschaft in der letzten Dreigliederungszeitung iiber den Stil der 
«Kernpunkte der sozialen Frage» geschrieben hat. Uber diesen Stil der 
«Kernpunkte der sozialen Frage» haben ja viele allerlei Zeug ge- 
schwatzt: Schwer verstandlich, Schachtelsatze - und dergleichen. Es ist 
ganz gut, dafi jemand es einmal ausgesprochen hat, dafi ja schliefilich 
dieses Buch dazu da ist, um ein Aufruf zu sein an die Menschheitser- 
neuerung, dafi es nicht ein Schlafpulver sein soli fur diejenigen, die 
eine angenehme Lektiire haben wollen. 

Heute vereinigen die Menschen, indem sie konsequent sein wollen, 
das Diskrepanteste. Sie konnen heute unter das sogenannte Volk gehen, 
das wird eine populare Darstellung verlangen. Vielleicht die popularste 
Darstellung werden diejenigen verlangen, die sich am freigeistigsten fuh- 
len. Sie werden einen geschlossenen Stil langweilig finden, diese Leute. 
Woher kommt denn dieses Streben nach sogenannter popularer Dar- 
stellung ? - Wenn die Leute es nur einmal bedenken wurden, wurden sie 
von solchen Urteilen, wie man sie oftmals hort, leichter zuriickkommen. 
Denn dasjenige, was heute auch viele kirchenfeindliche Leute als Popu- 
larity im Stil fordern, das ist nichts anderes als ein Ergebnis jener Dar- 
stellung, welche gewisse Vertreter der Bekenntnisse suchten, um die 
Leute moglichst dumm zu erhalten. Sie gaben ihnen in den Sonntag- 
nachmittagspredigten moglichst dasjenige, was «wasserklar» ist, was 
auch fur diejenigen wasserklar war, die wachend schlafen wollten bei 
den Predigten. Die aufierste Grenze des Predigtanhorens ist ja das alte 



Mutterchen, das immer geschlafen hat bei der Predigt und das man zur 
Rede gestellt hat. Da sagte sie: Nun, was hat denn der Mensch auf der 
Welt, wenn er nicht mehr das bifichen Kirchenschlaf hat ! - Der Unter- 
schied des Niveaus von diesem Schlafrigkeitszustand bis zur popularen 
Darstellung ist ja nicht sehr grofi. Sie ist im wesentlichen dadurch ent- 
standen, da£ man die Leute nicht zu einer gewissen freien lebendigen 
Entwickelung des Denkens kommen lassen wollte. Was sich die Leute 
angewohnt haben beim Anhoren der Predigten, das fordern heute die 
kirchenfeindlichen Sozialdemokraten als populare Darstellung. So sind 
die Zusammenhange. Die Leute finden heute den Stil der «Kernpunkte» 
schwer, die es weit zuriickweisen wiirden, Bekenntnisleute zu sein; aber 
den Stil schwer finden, das ruhrt davon her, dafi diese Leute erzogen 
worden sind durch die «Wasserklarheiten» des Sonntagnachmittags- 
Predigtdienstes. Das ist auch etwas, was sich die Menschen durch Gei- 
steswissenschaft aneignen miissen: unbefangen auf die Ereignisse hinzu- 
blicken. Uber die Entwickelungsgesetze mochten sich ja die Menschen 
am liebsten tauschen. 

Vor alien Dingen Energie im Seelenleben, das ist es, was fur die Zu- 
kunft der Menschheitsentwickelung im eminentesten Sinne gebraucht 
wird. Und gerade mit Bezug darauf leben wir ja heute in einer aufier- 
ordentlich schwierigen Zeit. Ich habe letzten Sonntag hier, wahrend 
«agyptische Finsternis» im Saal geherrscht hat, auf mancherlei Be- 
strebungen, die sich gerade gegen unsere Geisteswissenschaft geltend 
machen, hingewiesen. Es ist aber gar nicht so selten, dafi gerade in unse- 
ren Reihen ein entschiedenes, dezidiertes Denken dariiber iibelgenom- 
men wird, konnte man sagen. Das mufi scharf ausgesprochen werden 
aus dem Grunde, weil ja jene Art von Verleumdungsfeldzugen, die 
gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und was sie 
sozial als Konsequenz nach sich zieht, erst im Anfange sind. Wie tritt 
doch immer wieder und wiederum aus unseren Reihen einem das Ver- 
derbliche entgegen, dafi verlangt wird, man solle, wenn jemand ver- 
leumdet, den alten Herrn oder wer es ist, manchmal auch einen jungen 
Herrn, eine alte Frau, manchmal auch eine junge, moglichst schonend 
behandeln. Da wird gesagt: Wer verleumdet, soli vor alien Dingen in 
unseren Reihen auch moglichst schonend behandelt werden; man soil 



sich mit Leuten, die Verleumdungen in die Welt setzen, erst anfreun- 
den ! - Darauf kommt es nicht an heute ! Wer die Zeit versteht, sollte das 
einsehen. Es kommt heute nicht darauf an, dafi man sich auseinandersetzt 
mit den Menschen, die Verleumdungen iiber die Welt streuen, sondern 
darauf kommt es an, dafi man bei andern Menschen diese Menschen 
charakterisiert, dafi man sich mit ihnen nichts zu schaffen macht, dafi 
man sie als Menschen, die man an sich nicht herankommen lassen will, 
behandelt und die andern Menschen in entsprechender Weise aufklart, 
was das fur Individuen sind, die da in der Welt stehen. Das ist es, wor- 
auf es ankommt heute ! - Denn heute stehen wir vor ernsten Entwik- 
kelungsmomenten, und heute ist das Durch-die-Finger-Schauen das 
allerschlimmste, was gerade in Menschheitsdiensten geschehen kann. Be- 
quemer ist es, das Durch-die-Finger-Schauen, als das scharfe Erfassen 
desjenigen, um was es sich hier handelt. 

Vor alien Dingen miissen wir uns dariiber klar sein, dafi ein wirk- 
liches Verstandnis der sozialen Aufgabe der Gegenwart nur moglich ist 
vom Geiste aus. Aber dazu ist naturlich vieles andere erst herbeizu- 
schaffen, mochte ich sagen. Da ist auf der einen Seite unsere Wissen- 
schaft, die einer volligen Erneuerung bedarf. Wir konnen mit der alten 
Wissenschaft nichts mehr anfangen. Wir miissen die Moglichkeit haben, 
in den Geist der Natur wirklich einzudringen. Wir miissen die Moglich- 
keit haben, die Naturwissenschaft, die Medizin, die Biologie im allge- 
meinen wirklich geistig zu erfassen, dann konnen wir mit der Erziehung, 
die durchgemacht wird auf diese Weise, wirklich auch fruchtbare Ge- 
danken entwickeln fiir das soziale Denken. Sonst werden wir fortfah- 
ren, mit den alten Schlagworten Neues schaffen zu wollen. Das aber ist 
es gerade, was uns so stark in den Abgrund hinunterfuhrt. Aufwarts- 
kommen mufi die Menschheit; aber sie mufi es aus einer geistigen Er- 
neuerung heraus. Und wer sich nicht entschliefien wird, auf das Alte so 
hinzuschauen, dafi es wirklich von ihm als Altes angesehen wird, der 
wird eben nicht mitarbeiten konnen am Fortschritt der Menschheit. 

Ich habe ja in den verschiedensten Varianten dieses vor Ihnen ent- 
wickelt. Ich wollte heute darauf hmweisen, wie eigentlich die Mensch- 
heit - was ich ja auch schon ofter auseinandergesetzt habe - in bezug auf 
ihr Lebensalter immer jiinger und jiinger wird. Die urindischen Men- 



schen waren bis liber die Fiinfzigerjahre alt geworden, dann die per- 
sischen Menschen bis in die Vierzigerjahre, die agyptisch-chaldaischen 
bis zura Ende der Dreiftigerjahre, die griechischen Menschen bis in die 
Dreifiigerjahre hinein. Wir werden nicht in dieser Weise alt. Wir trotten 
noch fort, wenn wir nicht uns geistig innerlich beleben, aber alt werden 
wir nicht. Denn alt werden hiefi in alten Zeitaltern zu gleicher Zeit 
durch dasjenige, was der Mensch leiblich-physisch heranentwickelte, 
weiser werden. Die heutigen Menschen werden, indem sie alt werden, 
blofi alt, werden nicht weiser, sie werden Mumien. Sie werden weiser 
nur dann, wenn sie die Mumien mit irgend etwas innerlich ausfiillen. 
Die Agypter mumifizierten ihre Toten. Die Gegenwartsmenschen haben 
gar nicht notig, Mumien erst zu werden, denn sie wandeln schon als 
Mumien herum und sind nur dann keine Mumien, wenn erfafit wird 
in lebendiger, unmittelbarer Gegenwart das Geistige; dann wird die 
Mumie belebt. Das aber ist fur die Menschheit der Gegenwart notwen- 
dig, dafi die Mumien belebt werden. Sonst haben wir weiter jene Welten- 
vereinigungen, in denen allerlei Tone aus mumifizierten Menschen kom- 
men. Man nennt diese Vereinigungen «Parteien». Aber das, was von 
den mumifizierten Menschen gekommen ist, das wurde allmahlich zu 
rein ahrimanischen Stimmen, und die haben die Katastrophe der letzten 
Jahre herbeigefuhrt. Das ist die Kehrseite der Sache, das ist das ganz 
Ernste der Sache. Wenn der Mensch von der Gegenwart an nicht an- 
fangt, seine Mumie mit geistigem Inhalt zu erfullen, so erfullt sie sich 
durch die Einfliisterungen des Ahriman. Dann gehen die Menschen- 
mumien herum, aber aus ihnen sprechen die ahrimanischen Damonen. 
Die konnen nur verhindert werden, die Erde zu bevolkern, wenn die 
Menschen sich dazu entschliefien, ihren lebendigen Zusammenhang mit 
der Geisteswelt zu suchen. Ja, die Sache hat ihre sehr, sehr ernste Seite. 
Geisteswissenschaft heute zu treiben ist zu gleicher Zeit ein Austreiben 
des ahrimanischen Geistes aus der Menschheit, ist ein Verhindern des- 
sen, dafi die Menschheit von Ahrimanisch-Geistigem besessen werde. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 17. Januar 1920 



Ich habe gestern versucht, Ihnen den Charakter des Zeitpunktes mensch- 
licher Entwickelung, an dem wir angekommen sind, zu kennzeichnen. 
Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, wie im Fortgange der menschlichen 
Entwickelung die Menschheit gegenwartig dabei angekommen ist, un- 
bedingt angewiesen zu sein auf dasjenige, was wir nennen die Wissen- 
schaft der Initiation. Das heifit, es wird notwendig, da& erstens die Er- 
kenntniszweige des menschlichen Kulturlebens durchdrungen werden 
von dieser Wissenschaft der Initiation, zweitens aber auch, dafi das so- 
ziale Denken und das soziale Empfinden durchdrungen werde von den- 
jenigen Gefiihlen, Empfindungen, die fiir die menschliche Seele aus dem 
Bewufitsein heraus resultieren: Es gibt eine Geistesoffenbarung, eine 
ubersinnliche Offenbarung - man braucht sich ihr nur zuzuwenden. 

Man kann ja iiberzeugt sein, dafi zahlreiche Menschen kommen und 
sagen: Ja, aber es ist doch gewissenhaft Geschichte studiert worden, und 
was sich da aus der Geisteswissenschaft heraus ergeben soli iiber den 
Charakter des gegenwartigen Zeitraumes, so wie sich dieser entwickelt 
hat aus den vorhergehenden, davon spricht ja die Geschichte nicht. 

Ja, sie spricht nicht davon, weil sie eben, unbeeinflu^t von wirklicher 
Geist-Erkenntnis, nicht nach ihren wirklichen Antrieben und Kraften 
fragt. Um zu wissen, was durch die Geschichte spricht, mufi man erst 
die Geschichte in der richtigen Weise zu fragen verstehen. 

Nun handelt es sich darum, dafi die drei aufeinanderfolgenden nach- 
atlantischen Zeitraume, der urindische, der urpersische, der agyptisch- 
chaldaische, solche sind, in denen gewissermafien in dem gestern gemein- 
ten Sinne die Menschheit immer jiinger geworden ist, das heilk, dafi sie im 
zweiten Zeitraume nicht entwickelungsfahig geblieben ist in diejenigen 
Jahre hinein, in denen sie im ersten Zeitraume noch entwickelungsfahig 
war und so weiter. Im griechisch-lateinischen Zeitraume, also in dem- 
jenigen, der im 8. vorchristUchen Jahrhundert begonnen und im 15. Jahr- 
hundert geendet hat, war es so, dafi die Menschen entwickelungsfahig 
geblieben sind bis in den Beginn der Dreifiigerjahre hinein. Als im 



15. Jahrhundert dieser Zeitraum schlofi, waren die Menschen deutlich 
entwickelungsfahig bis iiber das achtundzwanzigste Jahr hinaus. Heute 
reicht die Entwickelungsfahigkeit, wie wir ja betont haben, nur bis zum 
siebenundzwanzigsten Jahre und wird immer mehr und mehr herunter- 
steigen. 

Nun kann der Mensch, einfach durch die physisch-leibliche Kon- 
stitution, erst von den Dreifiigerjahren an in Beziehung zur geistigen 
Welt kommen. Mifiverstehen Sie mich nicht ! Er kann natiirlich, wenn er 
sich der Geisteswissenschaft zuwendet, auch heute schon friiher dazu 
kommen; aber wenn der Mensch durch seine eigene, an das Physisch- 
Leibliche gebundene Entwickelung geistige Krafte aus dem Weltenall 
hereinbekommen soil, so kann das nur geschehen, wenn er entwicke- 
lungsfahig bleibt bis in die Dreifiigerjahre hinein. Das tut er nicht. Da- 
her kann von unserem Zeitpunkte an gar keine Rede davon sein, dafi 
auf naturlichem Wege die Entwickelung der Menschheit vorwarts- 
schreiten kann. Sie kann nur vorwartsschreiten, wenn die Menschheit 
befruchtet wird von der Wissenschaft der Initiation. 

Nun habe ich Ihnen schon in einem der vorigen Vortrage angedeutet, 
dafi es ja in Gegenden der westlichen Zivilisation, namentlich in anglo- 
amerikanischen Gebieten, Eingeweihte gibt. Aber das Eigentumliche 
dieser Eingeweihten ist, dafi sie von ihrem Gesichtspunkte aus im Sinn 
haben, eigentlich nur dasjenige als Wissenschaft der Initiation zu for- 
dern, was die britisch-amerikanische Weltherrschaft allmahlich uber die 
Erde bringen kann. So merkwiirdig das klingt, es ist so. Und man kann 
sagen: Jede einzelne Behauptung, die von dieser Seite ausgeht, tragt ein 
Geprage, dem der Kundige anhort, dafi es so ist. Vor alien Dingen 
weisen auf alle diese Dinge hin die verschiedenen Arten, wie in west- 
lichen Gegenden die Wissenschaft der Initiation gehandhabt wird. 

Sie haben ja gesehen: In gewissen, allerdings in gewissen Grenzen 
wird hier nicht zuruckgehalten mit bestimmten Initiationswahrheiten. 
Und wenn Sie das durchblicken, was im Lauf e der Jahre vor Ihnen vor- 
getragen worden ist, so werden Sie darin, wenn Sie wirklich unschlafend 
die Dinge verfolgen, eine ganze Reihe von wichtigen Initiationswahr- 
heiten finden, welche geeignet sind, nicht bloft einen Teil der Mensch- 
heit, sondern iiber die Erde hin die ganze Menschheit iiber die jetzige 



Krise hinauszubringen und einer wirklichen Weiterentwickelung ent- 
gegenzufiihren. Aber Sie werden namentlich unter den westlichen Ein- 
geweihten immer Leute finden, welche verponen, verurteilen, dafi so 
viel, wie hier mitgeteilt worden ist, heute an die Offentlichkeit mit- 
geteilt wird. Das hangt zusammen mit einer schiefen Auffassung von 
der Wissenschaft der Initiation. Um Ihnen diese schiefe Auffassung 
begreiflich zu machen, mufi ich heute das Folgende vorausschicken. 

Die Wissenschaft der Initiation wendet sich schlechterdings immer an 
den einzelnen Menschen. Auch wenn sie zu einer Summe von Menschen 
spricht, so wendet sie sich in Wirklichkeit an den einzelnen Menschen. 
Man kann nicht die wahre Wissenschaft der Initiation so vortragen, wie 
man in friiheren Zeiten auf die Menschen gewirkt hat. Die katholische 
Kirche zum Beispiel verpflanzte diese Art auch in die Gegenwart herein, 
iibrigens nicht blofi die katholische Kirche, sondern auch gewisse Partei- 
richtungen bedienen sich heute noch derselben Methode. Man hat ja so 
gewirkt, dafi man, wenn ich mich so ausdriicken darf, die Massenpsyche 
zu Hilfe nimmt, dafi man appelliert an das, was einer Menschengemein- 
schaft in einer gewissen, ich mochte sagen, hypnotisierenden Weise etwas 
einimpft. Sie wissen ja, dafi man in der Regel, wenn man nur die ent- 
sprechenden Mittel anwendet, einer Versammlung Dinge leichter bei- 
bringen kann als jedem einzelnen, zu dem man sprechen wollte. Es ist 
etwas Wahres an einer solchen Massenhypnose. 

Dieser Mittel, die durchaus wirksam sind, kann sich eine wahre Weis- 
heit der Initiation nicht bedienen. Sie mu& so sprechen, dafi sie zu jedem 
einzelnen Menschen spricht und dafi sie an die Uberzeugungskraft jedes 
einzelnen Menschen appelliert. Die Art zu sprechen, der sich die heute 
auf der Hohe der Menschheitsentwickelung stehende Initiationswissen- 
schaft bedienen mufi, war bisher noch nicht da. Daher ist die Art, wie 
zum Beispiel hier und in meinen Buchern gesprochen wird, manchen 
Menschen heute noch ein Greuel, weil eben schon durch die Art des 
Sprechens streng die Regel eingehalten wird, nur an die Uberzeugungs- 
kraft der einzelnen Individuality zu appellieren. 

Damit ist zugleich ein wichtiges soziales Prinzip gegeben, auf das ich 
schon in anderem Zusammenhange in diesen Tagen hingedeutet habe 
und das Sie systematisch und prinzipiell durchgefiihrt finden in meinem 



Buche «Die Philosophic der Freiheit». Wenn man nur mit ethischen, 
mit moralischen Impulsen an den einzelnen appellieren will, dann kann 
man nicht aus allgemeinen Abstraktionen heraus organisieren wollen, 
dann kann man nicht Gruppen von Menschen wie Herdentiere zusam- 
menfassen, urn ihnen irgendeine gemeinsame Direktive zu geben, son- 
dern dann kann man sich eben nur an den einzelnen wenden und dann 
warten, dafi, weil jeder einzelne in seinem Stehen im Ganzen drinnen 
das Richtige will, so auch im Ganzen sich das Richtige vollziehen wird. 

Auf ein anderes Prinzip als auf dieses Prinzip des allgemeinen Men- 
schenverhaltens kann die Sozialmoral der Zukunft gar nicht begriindet 
werden. Als ich meine «Philosophie der Freihek» veroffentlicht hatte, 
erschien zurn Beispiel im «Athenaeum» eine Besprechung, in der gesagt 
wurde, solch eine Anschauung fiihre in einen theoretischen Anarchismus 
hinein. Sie fiihrt aber nur dann in einen Anarchismus hinein, wenn es 
nicht gelingen sollte, die Menschen zu wirklichen Menschen zu machen, 
das heiik, wenn die Menschen durchaus Untermenschen sein wollen, 
wenn sie durchaus unter solchen Gesichtspunkten zusammengehalten 
sein wollen, wie die Glieder einer Tiergruppe zusammengehalten sind. 
Lowen sind schon durch ihre Lowenform als Lowen zusammengehal- 
ten, Hyanen auch, Hunde auch; aber die Entwickelung der Menschheit 
geht dahin, dafi nicht Menschengruppen, weder unter Blutsorganisa- 
tionsbanden noch auch unter ideellen Organisationsbanden in der 
Zukunft organisiert werden sollen wie Hammelherden, sondern dafi 
tatsachlich das, was im Zusammenwirken der Menschen entsteht, aus 
der Kraft der Individualitaten heraus geschieht. 

Ich habe vor einigen Tagen hier einen Vergleich gebraucht, der etwas 
grotesk klingen mag, der aber doch die ganze Sache, wie ich glaube, be- 
leuchten kann. Ich weifi nicht, ob es nicht auch Menschen gibt, welche 
es als etwas besonders Erlosendes empfinden wiirden, wenn man iiberall 
Aufschriften fande: Verordnung dieser und dieser Behorde: Derjenige, 
der hier in der Richtung nach vorne geht, mufi dem andern ausweichen, 
der in der andern Richtung geht. - Selbst in bevolkerten Stadten kom- 
men ja die Menschen in der Regel miteinander noch aus auf der Strafie, 
sie gehen aneinander vorbei; aus ihrer Vernunft heraus, aus dem, was 
sie als Impuls in sich haben, stofien sie sich nicht fortwahrend. Diesem 



Ideal steuert die Menschheit zu. Dafi sie das nicht einsieht, das ist ihr 
Ungliick. Es kommt darauf an, auch in den wichtigen Dingen die Direk- 
tiven seines Handelns in sich selber zu tragen, so dafi der andere sich 
darauf verlassen kann, auch ohne dafi ein gemeinsames Gesetz, das die 
beiden zu Untermenschen macht, sie aufeinander dressiert, damit der 
andere sich so verhalt, dafi der eine neben ihm bestehen kann. 

Dieses Arbeiten nach der Individualitat hin, das ist es, was nun ein- 
mal verknttpft ist mit den allerwichtigsten Impulsen der Menschheits- 
entwickelung. Auf so etwas wird man niemals menschliche Individua- 
litaten bringen konnen, wenn man ihnen nur iiberliefern kann, was 
etwa die gegenwartige Naturerkenntnis bildet oder was die gegen- 
wartige Sozialwissenschaft oder die gegenwartigen Sozialmotive bildet. 
Zu einer solchen Individualitat, wie die ist, von der ich eben gesprochen 
habe, kommt der Mensch nur, wenn in ihm eine Gedankenmasse erweckt 
wird, die aus der Wissenschaft der Initiation stammt. Nur durch seine 
Beziehung zum Ubersinnlichen wird der Mensch von solchen Gedan- 
ken erfiillt, die ihn zu einer freien Individualitat machen, die aber 
auch in der sozialen Ordnung in moglichster Freiheit wirken kann. 
Alles hangt eben daran, dafi die Menschheit Herz und Sinn offnet fur 
das, was aus der Wissenschaft der Initiation kommt. 

Das grofie Vertrauen, das mufi das wichtigste Sozialmotiv der Zu- 
kunft werden. Die Menschen miissen aufeinander bauen konnen. Anders 
gehen die Dinge nicht vorwarts. Das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, 
erscheint dem, der es ernst meint mit der ganzen Menschheit, wenn er 
nur geniigend eingeweiht ist in ubersinnliche Dinge, in dem Sinne als 
eine Selbstverstandlichkeit, daft er sagen mufi: Entweder geschieht 
dieses oder die Menschheit geht in den Abgrund hinein. Ein Drittes 
gibt es demgegeniiber nicht. 

Man kann ja sagen, man konne sich nicht vorstellen, daft eine soziale 
Ordnung auf allgemeines Vertrauen begriindet wird. Darauf kann man 
nur antworten: Schon, wenn ihr euch das nicht vorstellen konnt, dann 
miifit ihr euch eben vorstellen: Die Menschheit mufi in den Sumpf hin- 
ein. - Diese Dinge sind nun einmal ernst, und sie miissen als solche 
ernst genommen werden. 

In einer gewissen Abstraktheit wissen das auch die Eingeweihten der 



westlichen Lander. Allein sie sagen folgendes: Wir haben die Wissen- 
schaft der Initiation bis zu einem gewissen Grade, wir konnten sie ver- 
offentlichen. - Sie wiirden allerdings nur eine solche Wissenschaft der 
Initiation veroffentlichen, die zu den Zielen fiihrt, die ich angedeutet 
habe; auch bewegen wir uns jetzt auf einem Gebiete, das ebenso an- 
wendbar ist auf die wahre Wissenschaft der Initiation wie auf die ein- 
seitige. - Die Eingeweihten der westlichen Lander konnen also sagen: 
Wir haben die Wissenschaft der Initiation; wir konnen sie veroffent- 
lichen, aber das ist so, dafi sie nur an den einzelnen Menschen sich rich- 
tet. - Jetzt beginnt fur diese Leute die grofie Angst, die schreckliche 
Furcht. Sie sagen: Ja, wenn wir also in der Zukunft nur zu den einzelnen 
reden, dann entfesseln wir Kampfe aller gegen alle, denn dann sind die 
Menschen nicht organisiert, dann ist auf allgemeines Vertrauen gebaut, 
dann kommen die Menschen in den Kampf aller gegen alle hinein. - 
Diese Angst steht vor den Leuten. Daher wollen sie die wichtigsten In- 
itiationswahrheiten, ich mochte sagen, in der Dunkelkammer behal- 
ten und die Menschheit in einem scheinbaren Lichte, aber schlafend, der 
Zukunft entgegenwandeln lassen. 

Diese Dinge sind ja durchaus aktuell, seitdem mit der Mitte des 
19. Jahrhunderts der Hohepunkt des Materialismus in der modernen 
Zivilisation erreicht worden ist und seitdem sich die Leute eben fragen 
muiken: Wie weit gehen wir mit der Wissenschaft der Initiation ? - Sie 
wagten es bisher nicht, eine wirkliche Wissenschaft der Initiation liber 
gewisse kleinere Kreise hinausgehend der Menschheit mitzuteilen. 

Nun darf eine gewisse Erziehung, die die Menschheit durchgemacht 
hat, nicht abreifien, sie ist aber heute schon dank einer ganz verfehlten 
Theologie im Abreifien. Sie konnen diese Erziehung verfolgen, wenn 
Sie nicht jene Fable convenue studieren, die man gewohnlich «Ge- 
schichte» nennt, sondern wenn Sie die wirkliche Geschichte studieren. 
Die Menschen wissen ja heute eigentlich gar nicht, wie das, was man mit 
bestimmten Worten bezeichnet, sich im Laufe der Zeit geandert hat. Die 
Leute reden von Katholizismus, von Kaisertum, von Aristokratie, von 
Burgertum und glauben, wenn sie dieselben Worte im 14. Jahrhundert 
finden, so bedeuten sie ungefahr dasselbe, vielleicht nur mit einer klei- 
nen Nuance etwas anderes. Solange man nicht dariiber sich klar ist, dafi 



das, was im 14. Jahrhundert Katholizismus, Kaisertum, Burgertum, 
Aristokratie bedeutet hat, gar nichts mehr mit dem gemein hat, was wir 
heute mit diesen Worten bezeichnen, so lange kennt man die Geschichte 
nicht. Man mufi sich durchaus klar sein, wie die Seelenverfassung der 
Menschen sich im Laufe von wenigen Jahrhunderten wirklich stark ver- 
andert hat. 

Worauf beruhte denn im wesentlichen bis ins 15. Jahrhundert, in 
seinen Nachwirkungen sogar noch weitergehend, das, was aus der allge- 
meinen Menschheitserziehung heraus wirkte in das Bewufitsein der 
Seelen der zivilisierten Welt? Das alles beruhte darauf, dafi die Men- 
schen durch diese Jahrhunderte in der Lage waren, in ihr Vorstellungs- 
leben Ubersinnliches aufzunehmen, nicht so, wie es jetzt durch die 
Geisteswissenschaft aufgenommen werden soli, aber wie sie es damals 
eben nach ihren noch atavistischen Bewufitseinszustanden aufnehmen 
konnten. Ein Grundfaktum erfullte die Menschenseelen. Es war das 
Grundf aktum, das sich anschliefk an das Mysterium von Golgatha. Man 
wufke auf die damalige Art: Die Christus-Wesenheit ist herunter- 
gekommen aus iiberirdischen Hohen, ist verkorpert gewesen in dem 
Menschen Jesus von Nazareth, und mit dem Mysterium von Golgatha 
hat sich etwas zugetragen, was sich nach gewohnlichen, von der Natur- 
erkenntnis auffindbaren Gesetzen nicht zutragen kann. - Man hatte in 
den Begriffen und Vorstellungen, die man sich vom Mysterium von 
Golgatha machte, solche Ideen, solche Vorstellungen, die hinausgin- 
gen iiber die irdische Sphare. 

Mit solchen Vorstellungen schafft man ganz andere Gedankenf ormen 
als mit den Vorstellungen, die der Durchschnittsmensch heute hat. Die 
Gedanken, die sich die Menschen heute machen, gehen gar nicht hinein 
bis in das Leben des Ubersinnlichen. Die Gedanken, die sich die Men- 
schen mit einer solchen Ankniipfung an das Mysterium von Golgatha 
machten, wie ich es eben charakterisiert habe, die waren geeignet, Gedan- 
kenf ormen hervorzuruf en, welche eine Realitat hatten im Ubersinnlichen. 
Daher kann man den gegenwartigen Zeitpunkt auch so charakte- 
risieren, dafi man sagt: Die Menschheit hat allmahlich die Fahigkeit verlo- 
ren, solche Gedankenformen zu bilden, die im Ubersinnlichen eine Be- 
deutung haben. - So kann man ja auf der Erde auch keine sozialen 



Ordnungen schaffen, die die Erde weiterbringen. Daher tragt alles das, 
was ungefahr seit dem 16. Jahrhundert an sozialen Ideen in die Menschheit 
hineingebracht worden ist, den Charakter, der sich etwa folgender- 
mafien schildern lafit: Wir treffen nach den Gedankenformen, welche 
die Gedankenformen der Neuzeit sind, soziale Einrichtungen. Solche 
sozialen Einrichtungen sind alle zum Zerbrechen da, das heifit, sie lau- 
fen eine Zeitlang, dann zerbrechen sie. Sie haben keine innere Kraft der 
Fortentwickelung. - Das ist sogar das Geheimnis der neueren Entwicke- 
lung. Die Menschen mogen auf Grundlage derjenigen aufieren Welt- 
bildung, die sich ergeben hat seit dem 16. Jahrhundert, noch so willig 
soziale Einrichtungen treffen, alle diese sozialen Einrichtungen tragen 
den Todeskeim schon im Entstehen in sich, weil sie nicht mit Gedanken- 
formen verbunden sind, die im Ubersinnlichen eine Realitat haben. 
Solange es in der Gegenwart nicht Menschen gibt, welche so etwas ein- 
sehen, ist mit dieser Gegenwart iiberhaupt iiber einen sozialen Fort- 
schritt gar nicht zu sprechen. Es kommt nicht darauf an, dafi man in 
abstrakter Art, vielleicht aus irgendeinem spirituellen Gedankengespinst 
soziale Ideen ableitet. Darauf kommt es gar nicht an. In meinen «Kern- 
punkten der sozialen Frage» steht nicht etwa zuerst ein langeres Kapitel 
iiber Geisteswissenschaft, aus dem dann soziale Gesetze deduziert wer- 
den, sondern es wird aus der Wirklichkeit selber heraus aufmerksam 
gemacht auf das, was zu geschehen hat. Darauf kommt es nicht an, dafi 
man aus irgendeinem spirituellen Gespinst das soziale Leben heraus- 
deduziert, sondern darauf, daft man selber erfullt ist von solchen Ge- 
danken, die im Ubersinnlichen wurzeln. Denn dieses Erfiilltsein macht 
es aus, dafi alles, was man denkt, eine Realitat im Ubersinnlichen hat. 

Paradox, aber ganz wahr gesprochen, kann man das Folgende sagen: 
Denken Sie sich, ein Mensch, ich will sagen ein «Staatsmann» - ein 
Wort, das man gegenwartig in Anfuhrungszeichen sagt -, redet allerlei 
gescheite Dinge, das heifst solche Dinge, welche die Menschen heute ge- 
scheit nennen, hat aber niemals eine Beziehung gekniipft zur ubersinn- 
lichen Welt. Das, was er redet, in Wirklichkeit umgesetzt, wird den 
Todeskeim in sich tragen. - Ein anderer redet. Wenn man nicht weifi, 
dafi er sich mit Geisteswissenschaft beschaftigt, braucht man es aus seiner 
Rede auch gar nicht zu merken, er redet nur in einer etwas andern Art 



iiber die Dinge. Aus dem, was er zum Beispiel iiber soziale Fragen sagt, 
braucht man gar nicht zu merken, dafi er sich mit Geisteswissenschaft 
beschaftigt, aber dafi er sich mit Geisteswissenschaft beschaftigt, das 
gibt seinen Ideen den realen Impuls. 

Also es handelt sich darum, daft man heute nicht ausreicht mit einer 
abstrakten Logik, sondern dafi man Wirklichkeit reden mu£. Derm 
heute stehen wir ja bereits in einem Stadium der Menschheitsentwicke- 
hing, daft, sagen wir, ein Journalist die schonsten Dinge schreiben kann, 
die die Leute bewundern, weil sie sagen: Ja, wenn ich das lese, es ist ja 
die reinste Geisteswissenschaft! - Darum handelt es sich eben nicht! 
Heute handelt es sich gar nicht mehr um die Wortlaute, sondern heute 
handelt es sich um den Grund der Seele, aus dem so etwas kommt, es 
handelt sich um dasjenige, was der Mensch als Substanz in sich tragt ! 

Wenn ich von einem ganz andern Feld her den Vergleich ziehen soli, 
so soil es der sein, den ich ofters schon gebraucht habe: Es gibt heute 
Dichter, die dichten ungemein leicht, machen schone Verse, die man 
bewundern kann. Dennoch gilt auch das: Es wird heute neunundneunzig 
Prozent zu viel gedichtet. - Andere aber gibt es, deren Verse sind wie 
ein Gestammel; aber diese Verse, die wie ein Gestammel klingen, kon- 
nen aus echtem Menschheitsfond, das heiftt Geistesfond stammen, wah- 
renddem die, die man bewundert, weil die Sprachen einfach soweit sind, 
daft jeder Tor heute aus der Sprache heraus etwas Bewundernswertes 
schaffen kann, wertloser Wortschall sein konnen. 

Es ist heute durchaus notwendig, daft man iiber den bloften Wortlaut 
zu dem Motiv hingeht, das heiftt, daft man sich nicht im Abstrakten 
halt, daft man nicht dem Wortlaut nach liest, sondern daft man sich ins 
voile Leben hineinstellt und aus dem Leben heraus die Erscheinungen 
beurteilt. Und so handelt es sich darum, daft Geisteswissenschaft, wie 
sie hier gemeint ist, vor alien Dingen befruchtend wirken mufi auf 
die verschiedenen Lebenszweige, sonst wird das nicht eintreten, was 
eintreten mufi. 

Wenn zwei Menschen miteinander reden, verstandigen sie sich durch 
die Sprache. Aber die Sprache war in verhaltnismaftig gar nicht weit 
zuriickliegender Zeit etwas ganz anderes als heute. Wenn man sich heute 
durch die Sprache verstandigt, so wird man eigentlich mehr oder we- 



niger ein Sklave der Sprache. Die Menschen haben friiher durch den 
Sprachgenius viel gelernt, und sie dachten eigentlich nicht selbst sehr viel, 
sie liefien die Sprache fur sich denken. Das ging nur so lange, bis der 
Zeitraum eintrat, den ich Ihnen gestern charakterisiert habe. Heute 
kommt der Mensch nur weiter, wenn er sich mit seinem Denken und 
Empfinden von der Sprache emanzipieren kann. Die Sprache lauft ge- 
wissermafien heute wie ein Mechanismus, in dem wir drinnenstehen, 
und statt unserer lebt eigentlich immer mehr und mehr der Ahriman in 
der Sprachenentwickelung drinnen. Ahriman redet eigentlich heute, 
wenn die Menschen reden. Und die Menschen mussen sich nach und 
nach gewohnen, aus ganz anderem heraus sich zu verstehen als aus dem 
blofien Wortlaut der Sprachen. Man mufi viel tiefer drinnenstehen im 
Leben, um heute den andern Menschen zu verstehen, als in dem Zeit- 
alter, wo auf den Fliigeln der Sprache noch das enthalten war, was die 
Menschen miteinander ausgetauscht hatten. Heute ist das auf den Flii- 
geln der Sprache nicht mehr enthalten. Heute kann man im Grunde ge- 
nommen ein von wirklicher Erkenntnis ganz leerer Mensch sein. Aber 
damit, daft die Sprache - jede heutige zivilisierte Sprache - allmahlich 
Satzformen, Sentenzen, ja ganze Theorien, die schon in der Sprache 
liegen, ausgebildet hat, braucht man nur das, was in der Sprache liegt, 
ein bifichen umzuandern, dann hat man etwas scheinbar von sich aus 
Geschaffenes, in Wirklichkeit hat man im Grunde genommen nur ein 
wenig durcheinandergewurfelt, was schon da war. 

Es liefie sich heute sehr leicht, so grotesk es Ihnen klingen wird, fol- 
gendes Experiment machen. Nehmen Sie die Enunziationen gut bour- 
geoises nur etwas nach der einen oder nach der andern Seite hin zum 
Materialismus geneigter Professoren, Philosophieprofessoren, Natur- 
wissenschaftsprofessoren und dergleichen, nehmen Sie das, was diese 
Leute im Laufe der letzten Jahrzehnte, in der zweiten Halfte des 19. 
Jahrhunderts gesagt haben, so lafit sich sehr leicht durch ein klein we- 
nig Umdenken foigendes erreichen. Nehmen Sie, ich will sagen, irgend- 
ein Elaborat eines ziemlich braven Philosophen, eines braven Dut- 
zendphilosophen von der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, der 
sich iiber diese oder jene sozialen Dinge geaufiert hat, da konnen Sie nun 
gewisse Eigenschaftsworte wegnehmen und durch andere ersetzen, die 



wieder in einem andern Satz stehen. Sie konnen die Dinge ein bifichen 
umwerfen - und es entsteht daraus die Lebensanschauung des Herrn 
Trotzkij! Man braucht, um heute mit einer Lebensanschauung ein 
Trotzkij zu sein, gar nicht selber denken zu konnen, sondern nur die 
Sprache in sich denken zu lassen in der Weise, wie ich es eben geschildert 
habe. Aber da arbeiten, weil die Sprache sich in einer gewissen Weise 
von ihnen emanzipiert hat, nicht die Menschen, da arbeiten ahrima- 
nische Machte in der Menschheitskultur. 

Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das kann man als Erlebnis haben. 
Man mufi nur die inneren Seelenaugen fur solche Dinge offen haben. 
Wer nicht mit Worten, sondern mit Gedanken arbeitet, fur den ist die 
Sprache heute ein ganz schauderhaftes Instrument. Es schreibt sich heute 
fur den, der mit Gedanken arbeitet, in der Tat nicht leicht. Denn wollen 
Sie einen Satz hinschreiben, so pariert er Ihnen nicht, weil soundso 
viele Leute ahnliche Satze geschrieben haben. Immer wiederum will der 
Satz sich formen aus der Gesamtpsyche heraus, aber Sie miissen erst 
sein Feind werden, um dasjenige, was Ihnen in der Seele liegt, wirklich 
satzgemafi zu formen. Wer heute fur die Offentlichkeit wirkt und nicht 
diese Feindseligkeit der Sprache empfinden kann, der gerat immer in 
die Gefahr, sich dem Denken der Sprache zu liberlassen und schone 
Programme auszusinnen aus der Sprache heraus. 

Die Notwendigkeit, den Gedanken Geltung zu verschaffen, mufi 
heute schon beginnen im Kampfe mit der Sprache. Nichts ist gefahr- 
licher, als wenn heute ein Mensch sich immer tragen lafit von der Sprache, 
in dem Sinne: So driickt man das aus, so driickt man jenes aus. - Denn 
indem eine stereotype Art des Ausdriickens da ist, indem man sagen 
kann: Das kann man nur so sagen -, begibt man sich eigentlich in den 
gewohnten Strom des Sprechens hinein und arbeitet nicht aus dem 
urspriinglichen Gedanken heraus. 

Schrecklich wirken unsere Schulen in dieser Beziehung. Die Schul- 
meister, die eigentlich jeden scheinbar ungeschickten, aber wenigstens 
eigenen Gedanken auf das Konventionelle hin korrigieren, iiben grofie 
Verbrechen in der Schule aus. Man sollte geradezu forschen nach jedem 
ungeschickten, aber substantial individuellen Satze, den irgendein Bube 
oder irgendein Madchen in der Schule hinschreibt. Man sollte daran in 



der Schule Besprechungen kniipfen und sollte gar nicht mit der verfluch- 
ten roten Tinte das Konventionelle an die Stelle desjenigen setzen, was 
aus den jugendlichen Individualitaten heute herauskommt. Denn heute 
ist es das Allerwichtigste, darauf hinzuschauen, was aus den jugend- 
lichen Individualitaten herauskommt. Vielleicht wird es sich in einer 
Weise enthullen, wie es uns nicht immer bequem ist, wie wir es leicht 
als fehlerhaft ansehen. Wollte man die Goetheschen Jugendbriefe mit 
dem Auge eines Gymnasiallehrers korrigieren, dann miifiten viele Dinge 
korrigiert werden ! Der osterreichische Dichter Robert Hamerling hat 
bei seiner Lehramtsprufung die schlechteste Zensur im «deutschen Auf- 
satz» gehabt! Und es bleibt ja doch etwas Wahres an dem, was Hebbel 
sich in sein Tagebuch geschrieben hat, ich habe es ofters erwahnt: Er 
wollte ein Drama schreiben mit dem Motiv, dafi gerade ein Gymnasial- 
lehrer der hoheren Klassen einen Schiiler vor sich hat, der der wieder- 
verkorperte Plato ist, mit dem er den Plato liest in der Klasse; da 
findet der Gymnasiallehrer, dafi dieser «wiederverkorperte Plato» nicht 
das Allergeringste versteht vom Plato ! Dieses Motiv hat sich der Dich- 
ter Friedrich Hebbel fur ein Drama notiert, das dann nicht zur Aus- 
fuhrung gekommen ist. Aber es ist etwas Wahres daran. 

Nun miissen wir uns ja dariiber klar sein, dafi jederzeit, verfiihrt 
durch die zuriickbleibenden luziferischen und ahrimanischen Machte, 
die Menschen sich gegen den normalen Fortschritt der Menschheit ge- 
straubt haben. Heute stehen wir vor der Notwendigkeit, etwas ganz 
Neues aus dem geistigen Leben heraus zur Rettung der Menschheit 
suchen zu miissen. Kein Wunder, daft sich die Menschen in der heftigsten 
Weise aus alien moglichen logischen Torheiten und Urimoralitaten her- 
aus strauben. Und so mufite ich schon seit langer Zeit immer als Anhang- 
sel an unsere Zeitbetrachtung auch gewissermafien pro domo reden. 

Ich habe Ihnen vor etwa acht Tagen hier mitgeteilt, in welcher ver- 
leumderischen, gemeinen Weise gegenwartig durch einen grofien Teil 
der deutschen Zeitungen Dinge gehen, die ihrer Quelle nach ja bekannt 
sind, aber die mit aller Wucht sich gerade gegen das wenden mochten, 
was von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ausgeht und 
was an Sozialem damit zusammenhangt. Es ist so recht unmittelbar ein, 
ich mochte sagen, «am Hause» selbst erlebtes Beispiel, wie stark sich die 



gegnerischen Machte riihrig machen. Aber es gibt eine gewisse Ver- 
anlassung, aus der heraus ich Ihnen diese Sache heute etwas genauer 
charakterisieren mochte. Zu diesem Zwecke mochte ich noch einmal 
darauf aufmerksam machen, was geschehen ist. Es ist geschehen, dafi 
plotzlich durch eine Reihe deutscher Zeitungen die Verleumdung ging, 
die in folgenden Satzen zusammengefafit ist. Ich habe diese Satze ja 
vorgelesen. Wir wollen sie uns aber noch einmal vor die Seele fiihren, 
denn sie sind es eigentlich wert als Charakteristikum fur gewisse 
Kulturpilze der Gegenwart: 

«Rudolf Steiner als politischer Denunziant. Der bekannte theoso- 
phische Scharlatan Dr. Rudolf Steiner, der eine Anhangerschaft von 
Millionen Manner und Frauen beeinflufit, hat im Friihjahr 1919 in 
Stuttgart einen Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus ge- 
griindet, der urspriinglich nur eine rehgios-kommunistische Gemein- 
schaft sein sollte, dann aber in politische Beriihrung mit den Bolsche- 
wisten und Kommunisten geraten ist und jetzt eine sehr seltsame und 
widerwartige politische Agitation ausiibt. Wir erfahren dariiber aus 
Dresden das Folgende: Aus authentischen Nachrichten geht einwandfrei 
hervor», - ich bitte, sich diesen Satz «aus authentischen Nachrichten geht 
einwandfrei hervor» zu notieren ! - «dafi der Bund fur Dreigliederung 
die Namen aller angeblich im reaktionaren Sinn tatigen Offiziere fest- 
stellt und gegen diese Material uber volkerrechtswidrige Handlungen 
an Hand von Zeugenaussagen sammelt, das dann der Entente zwecks 
Auslieferung zugestellt werden soil. Die Richtigkeit derartiger Beschul- 
digungen ist Herrn Steiner und Genossen vollkommen gleichgultig, und 
dafi sie sogar vor bewulk falschen Angaben nicht zuriickschrecken, be- 
weist die Stelle eines Briefes, in dem es heifit: Beschuldigungen von 
Diebstahlen sind zu unterlassen, da die Unwahrheit hier leichter nach- 
zuweisen ist. Ebenso darf man keine zu unglaublichen Beschuldigungen, 
wie Verstiimmelungen von Kindern, erheben.» 

Nun geht natiirlich diese Satz fiir Satz erlogenste, verleumderischeste 
Sache durch eine Reihe deutscher Zeitungen ! Man kann darin iiber das 
Verschiedenste erstaunt sein, aber nehmen wir doch ein Faktum heraus. 
Da ist die Rede von Briefen, die geschrieben worden sein sollen und auf 
die man sich beruft als auf authentische Dokumente. Ich habe in der 



Nummer der «Dreigliederung», die noch nicht erschienen ist, ausdriick- 
lich darauf hingewiesen, dafi ich sehr wohl die triiben Quellen kenne, 
aus denen solche Dinge stammen. Nun will ich Ihnen aber ein niedliches 
Dokument vorlesen, aus dem Sie sehen werden, wie die authentischen 
Grundlagen fur diejenigen Menschen sind, die solche Dinge in die Welt 
streuen. 

Nachdem diese ganze Flut von Gemeinheit abgelaufen war, nachdem 
ich auch von verschiedenen andern Seiten Bestatigungen dessen, was ich 
ohnedies gewufit habe iiber die triiben Quellen, erfahren hatte, bekam 
ich folgenden Brief eines Freundes. Dieser Brief ist mir erst jetzt zu- 
gekommen, aber er ist geschrieben - ich bitte das zu beriicksichtigen -, 
bevor diese Zeitungsartikel erschienen sind. Also das, was dieser Brief 
enthalt, ist konstatiert worden, bevor die Zeitungsartikel erschienen 
sind. Ich bitte, dieses Faktum ins Auge zu fassen. In diesem Brief steht: 

«Ein langjahriges Mitglied unserer anthroposophischen Gesellschaft, 
augenblicklich noch aktiver Offizier, hat Einsicht von den zwei Briefen 
bekommen, die bei den Behorden kursieren und selbstverstandlich viel 
Aufsehen erregen. Diese Briefe tragen die Aufschrift: An IRD oder R 
in Berlin, sind also wohl an dieselbe Stelle gerichtet, ob aber von dem- 
selben Verfasser, lafit sich nicht sagen, da eine Unterschrift fehlt. In dem 
ersten Brief ist die Rede vom Steinerbund und Freimaurer, und zwar 
wird gesagt, in der nachsten Zeit wurden vom Steinerbund Flugblatter 
verteilt werden, die so abgefafit waren, als ob sie von den Monarchisten 
kamen, die aber in Wahrheit den Zweck hatten, die monarchistische und 
die antisemitische Bewegung lacherlich zu machen. Also mit andern 
Worten: der Steinerbund werde versuchen, unter dem Deckmantel der 
Monarchisten diese Richtung zu bekampfen. Diese Flugblatter seien 
schon gedruckt, und fur jeden Bezirk ware eine andere fingierte Unter- 
schrift vorgesehen.» 

Also Sie sehen, da gibt es Fabriken fiir Brieffalschungen ! Diese 
Briefe zirkulieren wirklich. Weiter heilk es: 

«Im zweiten Brief wird folgender Vorschlag gemacht: Da noch immer 
viele monarchistisch gesinnte Offiziere sich im Heere befinden, ware es 
unbedingt erforderlich, diese unschadlich zu machen, und zwar durch 
folgende schamlose Mittel. Es sollte unter den Angehorigen des Trup- 



penteils, dem der betreffende Offizier wahrend des Feldzuges angehort 
hat, nach Leuten gesucht werden, die unter Eid moglichst viele Schand- 
taten der Betreffenden aussagen sollen. Dabei wird noch naher gesagt, 
daft dies aber nur glaubwiirdige Vergehen sein miifiten, nicht etwa 
Frauenschandung, Kindsmord und ahnliche Dinge. Dieses Siindenregi- 
ster sollte dann durch einen Herrn Grelling» - das ist der einzige Name, 
der in dem Brief genannt wird - «an die Entente ubermittelt werden, und 
diese wiirde dann die sofortige Auslieferung der Betreffenden fordern.» 

Beide Briefe hat der Betreffende mit eigenen Augen gelesen. 

Das ist also der Brief, auf den sich diese Zeitungsnotiz beruft, der 
Brief, der wahrscheinlich in unzahligen Exemplaren zirkuliert und der 
die Aufschrift tragt: An diese und diese Stelle in Berlin! Es werden 
also zuerst die Briefe gefalscht, fabriziert, dann werden Zeitungsarti- 
kel gemacht. Das ist die Methode, in der gekampft wird ! 

Ich mochte wissen, ob noch andere Dinge dazugehoren, um es einmal 
begreiflich zu machen, dafi es heute notig ist, aufzuwachen ! - Aus dem, 
was in den letzten Jahren geschehen ist, ist ein moralischer Boden fur 
die Menschheit hervorgegangen, der allerdings in den Unmoglichkeiten 
wurzelte, die schon vorangegangen sind, und der solche Bliiten treibt. 

Es geht heute nicht an, weiterzuschlafen, sondern zu wissen, in wel- 
chem Sumpf wir drinnenstecken. Es konnte ja leicht sein, wenn iiber 
diese Dinge nicht scharf gesprochen wiirde, daf$ sich auch in unseren 
Reihen noch Leute fanden, die zum Beispiel sagten: Soil man nicht doch 
lieber an all die schonen Herren, die da Briefe falschen und hernach mit 
den gefalschten Briefen Zeitungsartikel fabrizieren, schreiben, um sie 
umzustimmen ? - Es handelt sich heute wirklich darum, die Augen auf- 
zumachen und hinzusehen, was fur Menschen unter uns herumgehen, 
Menschen, denen gegeniiber man sich beschmutzen wiirde, wenn man 
sich im ernsthaften Sinne mit ihnen einlassen wiirde. Diese Dinge diirfen 
nicht einfach verschlafen werden, das mufi immer wieder und wiederum 
gesagt werden. Es mufi auf die Zusammenhange hingewiesen werden. 
Glauben Sie, dafi es ungestraft sein kann, dafi zum Beispiel in jenen 
jesuitischen Blattern, in denen die erlogenen Angaben stehen, von denen 
ich Ihnen ja auch schon gesprochen habe, jahrelang die Mar herumgetra- 
gen worden ist, ich sei ein entlaufener Priester, um dann einfach eine 



solche Sache zuriickzunehmen mit den Worten: Das ist etwas, was man 
gehort hat, «was sich aber nicht aufrechterhalten liefi» ? - Glauben Sie, 
dafi man ein Recht hat, einem solchen Jesuitenpater zu sagen: Du hast 
das zuruckgenommen, was du verbreitet hast ? - Nein, man hat ihm zu 
sagen: Du hast in der unverantwortlichsten Weise deine Pflicht verletzt, 
indem du ungepriift eine Sache in die Welt gesetzt hast, und deine Zu- 
rucknahme bedeutet gar nichts. - Es mulS heute mit Moral von jenen 
Menschen, die noch von Moral etwas verstehen, ernst gemacht wer- 
den. Wir haben, durch die ganze zivilisierte Welt gehend, in den letzten 
fiinf Jahren fast nur Erlogenes vernommen, und wir leben noch immer 
unter den Nachwirkungen der Luge. Es ist notwendig, diese Dinge 
ernsthaftig ins Auge zu fassen. 

Sie sehen hier ganz durchsichtig an einem Beispiel, wie die Dinge 
liegen. Wenn die Dinge einem nicht so ins Haus getragen werden durch 
das Karma, dafi das Individuelle zu gleicher Zeit ganz ausschlaggebend 
ist fur das Allgemeine, dann werden sich noch immer Leute finden, 
welche zu Kompromissen stimmen mochten, die zum Beispiel Verleum- 
der wie einen Ferriere noch immer wie einen Menschen behandeln, mit 
dem man sich einlafit auf gleich und gleich, wahrend er zum Abschaum 
der Menschen gehort, indem er in gewissenloser Weise etwas hinschreibt, 
was er ungepriift hinnimmt. Diese Dinge sind heute fur den Menschen, 
der auf einem gesunden Boden stehen will, nicht mehr erlaubt. 

Wenn ich vielleicht nicht dieses Beispiel vom Entstehen einer Sache 
gerade zur Hand hatte, wiirde man mir nicht so leicht glauben, dafi 
heute Fabriken fur Brieffalschungen bestehen, auf Grand deren «man» 
dann die Leute so in der Offentlichkeit behandelt, wie das in diesem 
Zeitungsartikel geschehen ist. 

Aber das geschieht heute ja immer und immer, und ein grower Teil 
dessen, was Sie lesen, besteht in nichts anderem als in den Bliiten dieses 
moralischen Sumpf es, und es gehort einfach heute zu einer gesunden, zu 
einer ernsthaften und ehrlichen Weltauffassung, diese Dinge zu wissen 
und diese Dinge entsprechend zu behandeln. Es ist heute den Menschen 
nicht gestattet, Kompromisse zu schliefien mit Menschen, die in dieser 
Weise mit der Verleumdung arbeiten. Denn damit rechtfertigt man das 
nicht, dafi man sagt: Man mufi gegen alle Menschen wohlwollend sein 



- Liebe gegen alle Menschen ! - Liebe gegen solche Menschen bedeutet 
aufierste Lieblosigkeit gegen die, die verleumdet, die entstellt werden. 
Es handelt sich doch darum, zu wissen, wohin man mit der Liebe soli. 
Denn das Verbrechen lieben, kann nimmermehr zur Gesundung der 
Menschheit fiihren. Daft solche Dinge kommen mufiten, das konnte man 
voraussehen. Aber man konnte es nicht nur an dem voraussehen, wie 
gearbeitet worden ist von gewissen Seiten. Sie brauchen ja nur die jesui- 
tische Literatur aufzuschlagen, die seit der kirchlichen Verurteilung der 
anthroposophischen Schriften im Juli 1919 losgelassen worden ist. Sie 
brauchen nur die Menschen ins Auge zu fassen, die da schreiben, und 
einmal zu priifen, was fur Zugange zur Wahrheit diese Menschen 
haben, dann haben Sie natiirlich alles das, was schlieftlich in solche 
Siimpfe hineinfiihren mufi. Ich will heute nicht iiber die ganz triiben 
Quellen sprechen, die mir sehr gut bekannt sind und durch deren 
Bekanntschaft ich auch weifi, wie alle diese Dinge zusammenhangen 
und wie sie nur ein Anfang sind. 

Wiinschen mochte ich nur, daft moglichst wenig Menschen so naiv 
sind, zu glauben, man konnte mit Widerlegungen da etwas ausrichten. 
Jenen Leuten handelt es sich nicht darum, dieses oder jenes zu behaup- 
ten, sondern nur, etwas Saftiges zu behaupten, wodurch sie den andern 
herabsetzen. Was sie behaupten, das ist diesen Leuten ganz gleichgultig. 

Aber nicht nur das ist zu beriicksichtigen, dafi wir heute zahlreiche 
solche Menschen unter uns haben, die in dieser Weise arbeiten, sondern 
auch das ist zu beriicksichtigen, dafi wir schon seit Jahrzehnten im gro- 
fien Publikum aus Schlafrigkeit entspringend eine weitgehende Tole- 
ranz haben gegen dieses Treiben, ein Nicht-hinsehen-Wollen darauf, 
wie eigentlich heute offentliche Meinung gemacht wird. Das aber ist der 
wichtigste Teil dessen, was zur Besserung fiihren kann. Solange nicht 
Leute von dem Kaliber des Jesuiten Zimmermann oder des Univer- 
sitatsprofessors Dessoir in der entsprechenden Weise behandelt werden, 
so lange kann keine Gesundung kommen. Die Menschen, die ihnen 
gegeniiberstehen und ihnen nicht die richtige Behandlung angedeihen 
lassen, die sind schuldiger noch als diese Individuen. Denn diese Indi- 
viduen betreiben bei diesen Dingen ihre Geschafte, wenn auch in so 
schmutziger Weise wie der Professor Dessoir. Ich habe Ihnen das vor 



einiger Zeit charakterisiert. Aber es handelt sich darum, dafi nun endlich 
aufgewacht werde. Derm von einem Dessoirschen Buch oder einer Zim- 
mermannschen Kritik fiihrt ein gerader Weg nach diesen Siimpfen hin, 
die ich Ihnen charakterisieren konnte. Ich mufite dieses auch nicht anders 
als in der Absicht anfiihren, die Symptome zu zeigen fur die Krafte, die 
in unserer Zeit wirksam sind, um jedes fiir den Geist berechtigte Streben 
niederzudriicken. Und so mochte ich auch noch die Tatsache erwahnen, 
dafi mir neulich hier ein Artikel gegeben worden ist, der angeblich be- 
stimmt war fiir das Brockhaussche Konversationslexikon, fur das jener 
beruchtigte Dessoir - bei uns nur beruchtigt! - die Artikel schreiben 
sollte iiber Anthroposophie; in derselben Zeit, in der er durch einen 
Mittelsmann sich diese Artikel von mir schreiben liefi, schrieb er an sei- 
nem Buche, diesem Schandbuche. Aber denken Sie jetzt den Fall, dafi 
dieser Artikel etwa hier liegen wiirde in unserem hiesigen Archiv! Er 
wiirde spater einmal dort gefunden werden als ein Artikel, der von mir 
herriihren soli. Da wiirde also einmal jemand sagen konnen: Ja, den Arti- 
kel im Archiv hat doch Steiner abgeschrieben aus Dessoirs Artikel im 
Lexikon und fiir sich in Anspruch genommen ! - Derlei Bliiten konnen 
getrieben werden, wenn man nicht wach ist! Es konnen einem erst die 
Dinge durch literarische Diebe gestohlen werden, und dann konnen sie 
in einer solchen Weise figurieren irgendwo, dafi nicht der, der sie ge- 
macht hat, sondern der, der sie gestohlen hat, als der Autor gilt und der, 
welcher der Autor ist, fiir den Dieb gilt ! 

Die moralische Frage mufi heute von mancherlei Seiten her in Angriff 
genommen werden; aber sie wird von niemandem in gedeihlicher Weise 
in Angriff genommen werden, der nicht auf dem Boden einer gesunden 
spirituellen Wissenschaft steht. Das ist das, was ich in dem Anhange 
zu dem heutigen Vortrage aus der Gegenwartsgeschichte heraus Ihnen 
doch auch mitteilen wollte. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 18. Januar 1920 



Es ist unmoglich, dafi der Mensch von der Gegenwart ab in die Zukunft 
hinein zu einer wirklichen Selbsterkenntnis, zu einem Selbstgefuhl auch 
von seinem Wesen komme, ohne dafi er in Beziehung tritt zur Wissen- 
schaft der Initiation, aus dem Grunde, weil in allem, was der Mensch 
hier in dieser Welt erfahren kann, ohne dafi er Riicksicht nimmt auf die 
Wissenschaft der Initiation, die Krafte nicht darinstecken, aus denen 
heraus das menschliche Wesen wirklich geformt ist. Sie mussen nur, um 
sich eine entsprechende Vorstellung von dem zu machen, was ich damit 
eigentlich sagen will, an manches denken, was Ihnen ja gelaufig ist aus 
unseren anthroposophischen Betrachtungen. Sie mussen daran denken, 
dafi der Mensch aufier dem, dafi er hier sein Leben zwischen der Geburt 
und dem Tode durchmacht, immer wiederum Leben durchmacht zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Geradeso wie wir hier die Er- 
lebnisse haben durch die Werkzeuge unseres leiblichen Wesens, so haben 
wir die Erlebnisse zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und 
diese Erlebnisse sind durchaus nicht ohne Bedeutung fur das, was wir 
hier tun, wahrend wir im physischen Leibe unser irdisches Dasein ver- 
bringen. Diese Erlebnisse sind aber auch nicht ohne Bedeutung fur das- 
jenige, was uberhaupt auf der Erde geschieht. Denn nur ein Teil, und 
zwar ziemlich der geringere Teil desjenigen, was hier auf der Erde ge- 
schieht, ruhrt von den im physischen Leibe Lebenden her. Die Toten 
wirken ja fortwahrend herein in unsere physische Welt. Und die Krafte, 
von denen der Mensch heute im materialistischen Zeitalter gar nicht 
sprechen will, sind doch da. Es sind fortwahrend aus der geistigen Welt 
nicht nur von den Wesen der hoheren Hierarchien ausgehende Krafte 
hier in der physischen Welt vorhanden, welche unsere physische Um- 
gebung konfigurieren, durchdringen, sondern es sind auch Krafte hinein 
impragniert in das, was uns umgibt, was uns ergreift, die von den toten 
Menschen ausgehen. So dafi iiber das Menschenleben ein Vollstandiges 
ja nur erfahren werden kann, wenn man iiber das hinausblickt, was die 
Sinneserfahrung und auch die historische Erfahrung hier auf der Erde 



geben kann. Das, was vorhanden ist an solchen Kraften, ist aber schliefi- 
lich auch einzig und allein das, was iiberhaupt den ganzen Menschen, 
den ganzen Gang der menschlichen Entwickelung iiber die Erde hin ver- 
standlich macht. Es wird ein Jahr kommen in der physischen Erden- 
entwickelung, dieses Jahr wird, sagen wir, ungefahr das Jahr 5700 und 
einiges sein, in diesem Jahre, oder um dieses Jahr herum, wird der 
Mensch, wenn er seine richtige Entwickelung iiber die Erde hin 
vollzieht, nicht mehr die Erde so betreten, da£ er sich verkorpert in Lei- 
bern, die von physischen Eltern abstammen. Ich habe ofters gesagt, die 
Frauen werden in diesem Zeitalter unfruchtbar. Die Menschenkinder 
werden dann nicht mehr in der heutigen Weise geboren, wenn die Ent- 
wickelung iiber die Erde hin normal verlauft. 

Uber eine solche Tatsache darf man sich keinen Mifiverstandnissen 
hingeben. Es konnte zum Beispiel auch folgendes eintreten: Es konnten 
die ahrimanischen Machte, welche unter dem Einflufi der gegenwartigen 
Menschenimpulse sehr stark werden, die Erdenentwickelung verkehren; 
sie konnten die Erdenentwickelung in gewissem Sinne pervers machen. 
Dadurch wiirde - gar nicht zum Menschenheile - iiber diese Jahre im 
6. Jahrtausend hinaus die Menschheit in demselben physischen Leben 
erhalten werden konnen. Sie wiirde nur sehr stark vertieren; aber sie 
wiirde in diesem physischen Leben erhalten werden konnen. Das ist eine 
der Bestrebungen der ahrimanischen Machte, die Menschheit langer an 
die Erde zu fesseln, um sie dadurch von Hirer Normalentwickelung ab- 
zubringen. Aber wenn die Menschheit wirklich das ergreift, was in ihren 
besten Entwickelungsmoglichkeiten liegt, so kommt einfach im 6. Jahr- 
tausend diese Menschheit zum Irdischen in eine Beziehung, die fur wei- 
tere zweieinhalb Jahrtausende so ist, dafi der Mensch zwar noch mit der 
Erde ein Verhaltnis haben wird, aber ein Verhaltnis, das sich nicht mehr 
darin ausdriickt, daft physische Kinder geboren werden. Der Mensch 
wird gewissermafien als Geist-Seelenwesen - um es anschaulich aus- 
zudriicken, will ich sagen: in den Wolken, im Regen, in Blitz und 
Donner rumoren in den irdischen Angelegenheiten. Er wird gewisser- 
maften die Naturerscheinungen durchvibrieren; und in einer noch spa- 
teren Zeit wird das Verhaltnis zum Irdischen noch geistiger werden. 

Von alien diesen Dingen kann heute nur erzahlt werden, wenn man 



einen Begriff hat von dem, was geschieht zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. Obzwar nicht eine vollstandige Gleichheit herrscht zwi- 
schen der Art und Weise, wie der Mensch heute zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt zu den irdischen Verhaltnissen in Beziehung steht, 
und der Art, wie er dann, wenn er sich gar nicht mehr physisch verkor- 
pern wird, dazu in Beziehung stehen wird, so ist doch eine Ahnlich- 
keit vorhanden. Wir werden gewissermafien, wenn wir verstehen, der 
Erdenentwickelung ihren wirklichen Sinn zu geben, dann dauernd in 
ein solches Verhaltnis zu den irdischen Angelegenheiten kommen, wie 
wir jetzt dazu blofi stehen, wenn wir zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt leben. Es ist das jetzige Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt nur etwas, ich mochte sagen, geistiger, als es dann 
sein wird, wenn der Mensch dauernd in diesen Verhaltnissen sein wird. 

Aber man kann zum Verstandnis dieser Dinge noch lange nicht auf- 
steigen ohne die Wissenschaft der Initiation. Die meisten Menschen 
glauben heute noch immer, das Wesentliche im Aneignen der Wissen- 
schaft der Initiation bestehe darin, dafi man allerlei geistige Erfahrun- 
gen sammelt, aber nicht auf dem Wege, der uns einmal beschieden ist im 
physischen Leibe. Man schatzt heute selbst die Erfahrungen, die auf 
spiritistischem Wege gewonnen werden, hoher als das, was mit dem 
gesunden Menschenverstand eingesehen werden kann. Das riihrt nur 
davon her, dafi man diesen gesunden Menschenverstand eben heute gar 
nicht in einer irgendwie gesunden Weise verwendet. Alles, was durch 
einen Initiierten erkundet wird und mitgeteilt werden kann, ist, wenn 
man sich nur die notige Miihe gibt, durch den gewohnlichen, wirklich 
richtig gebrauchten gesunden Menschenverstand einzusehen. Auch der 
Initiierte hat die Aufgabe, vor alien Dingen das, was er erkunden kann 
aus der geistigen Welt, in die Sprache des gesunden Menschenverstandes 
zu iibersetzen. Es hangt viel mehr davon ab, daft diese Ubersetzung in 
die Sprache des gesunden Menschenverstandes richtig ist, als davon, dafi 
man Erfahrungen in der geistigen Welt macht. Natiirlich kann man 
nichts in den gesunden Menschenverstand iibertragen, wenn man nicht 
diese Erfahrungen macht. Aber die unverarbeiteten Erfahrungen, die 
einfach gewonnen werden, ohne daft man den gesunden Menschenver- 
stand zum Interpreten beniitzt, sind eigentlich wertlos, haben eigentlich 



nicht die richtige Bedeutung fur das Menschenleben. Wenn noch so viele 
ubersinnliche Erfahrungen gewonnen werden konnten und die Men- 
schen es verschmahen wiirden, den gesunden Menschenverstand in rich- 
tiger Weise anzuwenden, so wiirden diese Erfahrungen fur die Zukunft 
gar nichts der Menschheit niitzen. Im Gegenteil, diese Erfahrungen wiir- 
den der Menschheit erheblich schaden. Denn brauchbar ist eine iiber- 
sinnliche Erfahrung erst dann, wenn sie umgesetzt ist in die Sprache des 
gesunden Menschenverstandes. Und das eigentliche Ubel unserer Zeit 
liegt nicht darin, dafi die Menschen nicht ubersinnliche Erfahrungen 
haben. Ubersinnliche Erfahrungen konnten die Menschen genug haben, 
wenn sie sie haben wollten; die sind da. Man wendet nur den gesunden 
Menschenverstand nicht an, um zu ihnen zu kommen. Was heute fehlt, 
das ist gerade die Anwendung des gesunden Menschenverstandes. 

Es ist ja natiirlich nicht bequem, das einem Zeitalter und Geschlecht 
sagen zu miissen, das sich gerade besonders viel einbildet auf die Hand- 
habung dieses gesunden Menschenverstandes. Aber, womit es am schlech- 
testen bestellt ist in der Gegenwart, das ist nicht etwa die ubersinnliche 
Erfahrung; womit es am schlechtesten in der Gegenwart bestellt ist, das 
ist die gesunde Logik, das ist wirklich gesundes Denken, das ist vor 
alien Dingen auch die Kraft der Wahrhaftigkeit. In dem Augenblick, wo 
Unwahrhaftigkeit sich geltend macht, schmelzen die ubersinnlichen Er- 
fahrungen ab, da kommen die Menschen nicht zu einem Verstandnis der 
ubersinnlichen Erfahrungen. Das wollen die Menschen nur immer nicht 
glauben. Es ist aber doch so. Die erste Anforderung, um iiberhaupt mit 
der ubersinnlichen Welt zurechtzukommen, ist die, dafi man die pein- 
lichste Wahrhaftigkeit mit Bezug auf die sinnlichen Erfahrungen an- 
wendet. Wer es mit den sinnlichen Erfahrungen nicht genau nirnmt, der 
kann nie zur richtigen Erfassung der ubersinnlichen Welt k ommen. Man 
kann noch so viel horen iiber die ubersinnliche Welt, es bleibt leeres 
Wortgeschelle, wenn nicht vorhanden ist die peinlichste Gewissenhaftig- 
keit im Formulieren dessen, was hier in der physischen Welt vor sich 
geht. Wer aber die Menschheit heute beobachtet, wie sie umgeht mit der 
sinnenfalligen Wahrheit, der wird natiirlich zu dem allertriibsten Bilde 
kommen. Denn eigentlich handelt es sich den meisten Menschen heute 
gar nicht darum, irgend etwas, was sie erlebt haben, so zu formulieren, 



dafi die Formulierung ein Abbild desjenigen ist, was sie erlebt haben, 
sondern es handelt sich fur die Menschen darum, die Dinge so zu for- 
mulieren, wie sie sie haben wollen, wie es ihnen bequem ist, und die 
Menschen wissen gar nicht, wie die Impulse vorhanden sind, um nach 
der einen oder nach der andern Richtung hin abzuirren vo
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