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RUDOLF STEINER GES AMTAUS G ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Geistige und soziale Wandlun
in der
Menschheitsentwickelung
Achtzehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 9. Januar bis 22. Februar 1920
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Susi Lotscher
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
Friihere Ausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 196
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners
ausgefiihrt von Assja Turgenieff und Hedwig Frey (siehe auch S. 295)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Kooperative Diirnau, Diirnau
ISBN 3-7274-1960-1
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 86 1 - 1 925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe S. 323 ff.
Erster Vortrag, Dornach, 9. Januar 1920 ^
Die Bedeutung der Wissenschaft von der Initiation fur die Erfassung der
Lebenswirklichkeiten
Zweiter Vortrag, 10. Januar 1920 23
Die Lebenstatsachen der Illusion und des Bosen
Dritter Vortrag, 11. Januar 1920 38
Menschenerkenntnis durch Welterkenntnis, eine christliche Forderung
unserer Zeit
Vierter Vortrag, 1 6 . Januar 1 920 55
Uber das Jungerwerden der Menschheit. Ein Entwicklungsmoment der
nachatlantischen Zeit
Funfter Vortrag, 17. Januar 1920 71
Von der Initiationswissenschaft im Hinblick auf die heutigen Gedanken-
formen. Uber Gegnerschaften gegen die Anthroposophie
Sechster Vortrag, 18. Januar 1920 89
Einige Bedingungen fur die Erfassung und das Verstandnis ubersinnlicher
Erfahrungen
Siebenter Vortrag, 30. Januar 1920 106
Das Goetheanum als Reprasentant eines Ideal-Realismus. Eine Zeitbe-
trachtung
Achter Vortrag, 3 1 . Januar 1 920 120
1st die «Dreigliederung des sozialen Organismus» Politik? - geisteswissen-
schaftlich beantwortet
Netjnter Vortrag, 1. Februar 1920 135
Uber das Wirken einzelner Personlichkeiten in der Geschichte. Historische
Hintergriinde westlicher und mitteleuropaischer Zusammenhange
Zehnter Vortrag, 6. Febmar 1920 151
Wessen bedarf die Menschheit zur Neugestaltung Europas?
Elfter Vortrag, 7. Februar 1920 167
Das Ergreifen geistiger Wirklichkeiten fur das praktische Leben durch die
Geisteswissenschaft
Zwolpter Vortrag, 8. Februar 1 920 180
Wandlungen der Bedurfnisse des sozialen Lebens in der Menschheitsent-
wicklung
Dreizehnter Vortrag, 13. Februar 1920 196
Die konkreten Beziehungen der hoheren Seelenfahigkeiten des Menschen
(Gedachtnis, Intelligenz, Sinnestatigkeit) zur geistigen Welt
Vierzehnter Vortrag, 14. Februar 1920 211
Die Metamorphosen der niederen Seelenfahigkeiten des Menschen (Fiihlen,
Begehren, Wollen) und ihr Verhaltnis zur Welt des Sozialen
Funfzehnter Vortrag, 15. Februar 1920 . 228
Zur geschichtlichen Entwicklung von Frankreich, Deutschland und Eng-
land. Eine geisteswissenschaftliche Betrachtung zur Dreigliederung
Sechzehnter Vortrag, 20. Februar 1920 244
Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, erster Vortrag
Siebzehnter Vortrag, 21. Februar 1920 260
Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, zweiter Vortrag
Achtzehnter Vortrag, 22. Februar 1920 275
Die geschichtliche Entwicklung des Imperialismus, dritter Vortrag
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 294
Hinweise zum Text 295
Textanderungen 319
Namenregister 321
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 323
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 335
ERSTER VORTRAG
Dornach, 9. Januar 1920
Aus den Betrachtungen, die hier angestellt worden sind vor meiner Ab-
reise, und sogar aus dem, ich mochte sagen, Grundtext der offentlichen
Vortrage ist zu entnehmen, daft es gewissermafien «abgelesen» ist von
dem Sinn der menschlichen Entwickelungsgeschichte, wie einzugreifen
hat, unbedingt einzugreifen hat in das aufiere Leben, in all dasjenige,
was im aufieren Leben gewulk und unternommen werden soil, die
Wissenschaft von der Initiation. Wenn man nicht imstande ist, heute in
vollem Ernste sich zu durchdringen mit dieser Wahrheit, dann schlaft
man gegeniiber den eigentlichen Zeitforderungen. Dieses Schlafen gegen-
iiber den eigentlichen Zeitforderungen ist ja bei den meisten Menschen
der Gegenwart eben durchaus der Fall. Man mufi sich namlich dariiber
klar sein, dafi die Gegenwart an die Menschheit Fragen stellt, die anders
nicht zu beantworten sind als aus der Wissenschaft der Initiation heraus.
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daft ja eine Wissenschaft der
Initiation zu alien Zeiten innerhalb der Menschheitsentwickelung da
war, dafi es zu alien Zeiten gewissermafien Eingeweihte in die Ereig-
nisse, in die Krafte des Daseins gegeben hat, sondern es handelt sich dar-
um, da$ es auch heute solche Eingeweihte in die Ereignisgriinde und in
die Krafte des Daseins gibt; allein wie es sich im Genaueren mit dieser
Sache verhalt, davon machen sich die wenigsten Menschen eine ordent-
liche Vorstellung. Und eigentlich mochten das die Menschen der Gegen-
wart gar nicht. Sie scheuen eigentlich doch zuriick vor dem, was man
nennen kann die Notwendigkeit des Eingreifens initiierter Wissen-
schaft in das BewuRtsein der Zeit. Man bekommt von dem Ernste der
Zeitlage nur dann eine Vorstellung, wenn man die Differenzierung
dieser Angelegenheit iiber die zivilisierte Welt hin beobachtet. Denn die
Dinge liegen ganz anders mit Bezug auf den Osten, sie liegen ganz
anders mit Bezug auf den Westen. Und wer heute glaubt, mit absoluten
Urteilen, die fur alles gelten sollen, auskommen zu konnen, der lebt
nicht in der Wirklichkeit, sondern der lebt eigentlich in einer abstrakten
Welt. Aber notwendig ist es, dafi die Dinge immer wieder und wiederum
von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden, damit
wenigstens in einigen Leuten der Ernst der Zeitlage zum Bewufitsein
getrieben werde.
Wenn man zunachst auf den Westen blickt, vorzugsweise auf die
Welt der englischsprechenden Erdenbevolkerung, so ist heute das off ent-
liche Urteil und dasjenige, was herausfliefit aus dem offentlichen Urteil
fiir die aufieren Geschehnisse, fur die aufieren Ereignisse, innerhalb die-
ser englischsprechenden Bevolkerung nicht etwa blofi abhangig von
dem, was - ich will mich heute einmal, ich mochte sagen, ganz dezidiert
ausdriicken - die Uneingeweihten traumen und als Lebensideale hin-
stellen. Gerade im Gebiete der englischsprechenden Bevolkerung ist auf
der einen Seite ein gewaltiger Gegensatz vorhanden zwischen dem, was
so im offentlichen aufieren Bewufitsein als Ideen vorkommt, und dem,
was hinter den Kulissen der Weltgeschichte diejenigen meinen, die in
die Ereignisse des Weltenganges wirklich eingeweiht waren oder sind.
Denn wenn man so das allgemeine Bewufitsein nimmt, wie es sich in
diesen Gegenden der zivilisierten Erde ausdriickt, zunachst in den besten
Bestrebungen, in den besten offentlichen Publikationen, so konnen wir
sagen: Es ist da vorhanden eine Art Ideal von einer gewissen Huma-
nitat, von einem Hinarbeiten der Menschheit nach einer gewissen
Humanitat, nach einem Zusammenfassen der menschlichen Wirksam-
keiten unter dem Gesichtspunkte der Humanitat, von dem Installieren
von Institutionen, welche sich in den Dienst der Humanitat stellen. Wir
wollen absehen von alledem, was reichlich vorhandene triibe, lug-
nerische Wasser sind; wir wollen sehen auf dasjenige, was im offent-
lichen Leben das Beste ist, das von den Uneingeweihten kommt. Das
ist ein gewisses Streben, die Menschen unter dem Gesichtspunkte der
Humanitat zusammenzufassen. - Hinter diesem aufieren Streben steht
das Wissen der Eingeweihten, das Wissen der tonangebenden Ein-
geweihten. Und ohne dafi die Offentlichkeit das weifi, ohne dafi die
Offentlichkeit Gelegenheit dazu hat, sich ein geniigendes Wissen von
den Dingen uberhaupt zu verschaffen, fliefien die Urteile, die richtung-
gebenden Krafte von seiten gewisser eingeweihter Kreise in die offent-
liche Meinung und in den davon abhangenden Gang der Ereignisse,
der aufieren Taten ein.
Es kann sich da oder dort irgendeine Gesellschaft auftun mit schonen
Programmen, schonen Idealen. Die Leute konnen von Idealismus nur
so triefen. Aber es lebt bei ihnen, ohne dafi sie es wissen, nicht nur das-
jenige, wovon sie reden, sondern es gibt Mittel und Wege, um in alle
diese Dinge eindringen zu lassen dasjenige, was man von einer gewissen
Seite, von seiten der Eingeweihten, eindringen lassen will. Und so ist
es denn gekommen, dafi im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, im Be-
ginne des 20. Jahrhunderts - wir wollen zunachst bei diesen Dingen ste-
henbleiben und nicht weiter zuriickgehen -, die gutmeinenden Men-
schen, die aber uneingeweiht waren, die von alien moglichen schonen
Idealen traumten, sich zusammentaten, um diese schonen Ideale durch
Vereinigung in Gesellschaften zu verwirklichen, dafi aber hinter diesem
Treiben Eingeweihte stehen, jene Eingeweihten, welche in den achtziger
Jahren - wie gesagt, wir wollen nicht weiter zuriickgehen - des 19. Jahr-
hunderts davon sprachen, dafi ein Weltkrieg kommen miisse, der vor
alien Dingen den europaischen Siidstaaten und dem europaischen Osten
ein ganz anderes Antlitz geben miisse.
Wenn man in der Lage ist, zu verfolgen, was innerhalb der Kreise der
Eingeweihten auf diesem Felde gelehrt und gesprochen worden ist, dann
weifi man, dafi da mit einer grofien Sicherheit vorausgesagt worden sind
die Dinge, die als die schrecklichen, furchtbaren Dinge in den letzten
fiinf Jahren sich iiber die zivilisierte Welt ergossen haben. Alle diese
Dinge waren den Eingeweihten der englischsprechenden Bevolkerung
durchaus nicht etwa ein Geheimnis, und durch alle Erorterungen hin-
durch geht die folgende Diskrepanz: Auf der einen Seite schone exo-
terische Ideale, das Ideal der Humanitat mit dem wirklichen Glauben
an dieses Ideal der Humanitat in den verschiedensten Formen von seiten
der Uneingeweihten; auf der andern Seite die Lehre, die bewufite,
streng vertretene Lehre, dafi alles dasjenige verschwinden miisse aus der
modernen Zivilisation, was romanische, was mitteleuropaische Kultur
ist, dafi pradominieren miisse, zur Weltherrschaft gelangen miisse, was
die Kultur der englischsprechenden Bevolkerung ist.
Wenn diese Dinge jetzt ausgesprochen werden, so haben sie viel mehr
Gewicht, als wenn sie vielleicht vor zwanzig Jahren ausgesprochen wor-
den sind, aus dem einf achen Grunde, weil man vor zwanzig Jahren den
Leuten, die die Sache aussprachen, sagen konnte: Nun ja, Ihr hort das
Gras wachsen. - Heute kann man darauf hinweisen, daiK ja ein grofier
Teil von all dem, was da ausgesprochen worden ist innerhalb der Ein-
geweihtenkreise, wirklich zur Realisierung gekommen ist.
Ich spreche so vorsichtig, als es moglich ist, um ja nicht irgendwie ab-
zuweichen von der Darstellung des rein Tatsachlichen. Aber diese Dar-
stellung des rein Tatsachlichen, das ist ja der Mehrzahl der Gegenwarts-
menschen etwas aufierordentlich Unbequemes. Sie mochte es so ab-
streifen, sie mochte es nicht an sich herankommen lassen. Es ist ja in der
Gegenwart etwas so sehr die Seelenwollust Anfeuerndes, wenn man den
Nationalismus in dieser oder jener Weise pflegt, wenn man vom Volker-
bund spricht, von der Wiederaufrichtung altheiliger nationaler Institu-
tionen und so weiter. Dafi wir in der Gegenwart in einer furchtbaren
Menschheitskrisis drinnen sind, das mochten die Menschen heute eben
durchaus noch nicht wissen.
Nun haben wir damit mit einigen Worten auf die Diskrepanz hin-
gewiesen zwischen dem, was die Uneingeweihten im Westen wissen, und
dem, was, ohne dafi sie es wissen, pulst in ihren Entschliissen. Man kann
ja wirklich erst dadurch wissen, wie man als Mensch eingegliedert ist in
das, was geschieht, wenn man sich bemiiht, das kennenzulernen, was da
ist in der Welt, wenn man sich nicht treiben und stolen lafit, sondern
wenn man versucht, Mittel und Wege zu finden, die wirklich Freiheit
des Willens moglich machen.
Und wenn man nach dem Osten sieht: iiber den ganzen Osten hin
gibt es auch diesen Zwiespalt zwischen Eingeweihten und Uneingeweih-
ten. Wie reden da die Uneingeweihten ? - Diese Uneingeweihten reden
da im Osten etwa so wie Rabindranath Tagore. Rabindranath Tagore
ist ein wunderbarer Idealist des Ostens, ein Mensch, der aufierordentlich
einschneidende Ideale zu vertreten hat. Alles ist schon an dem, was er
au£erlich zum Ausdruck bringt. Aber alles, was da von Tagore ausgeht,
ist eben die Rede eines uneingeweihten Menschen. Diejenigen, die im
Orient eingeweiht sind, die reden anders, beziehungsweise nach der
alten Gepflogenheit des Orients: Sie reden gar nicht. Sie haben andere
Wege, um dasjenige in Wirksamkeit, in soziale Wirksamkeit zu bringen,
was sie eigentlich wollen. Sie wollen erreichen, dafi nun nicht von
irgendeiner Seite Weltherrschaft angestrebt werde, denn sie sind sich
klar dariiber - sie glauben, sich klar dariiber zu sein - dafi, wenn es noch
irgendein Herrschaftsverhaltnis auf der Erde gibt, dieses nur sein kann
das der englisch-amerikanischen Menschheit. Das wollen sie aber nicht.
Deshalb wollen sie eigentlich die Zivilisation der Erde verschwinden
lassen. Sie sind ja im intensivsten Grade bekannt mit der spirituellen
Welt, und sie sind der Uberzeugung, dafi die Menschheit besser fort-
kommt, wenn sie sich den folgenden irdischen Inkarnationen entzieht.
Sie wollen daher daran arbeiten, dafi die Menschen sich den folgenden
Inkarnationen entziehen. Fur diese Eingeweihten des Orients werden
die Ergebnisse des Leninismus nichts Schreckhaftes haben, denn diese
Eingeweihten des Orients sagen sich: Wenn diese Institutionen des Leni-
nismus sich immer mehr und mehr iiber die Erde verbreiten, so ist das
der sicherste Weg, die Erdenzivilisation zugrunde zu richten. Das aber
wird gerade fur die Menschen das Giinstige sein, die durch ihre bisherige
Inkarnation sich die Moglichkeit verschafft haben, weiter fortzuleben
ohne die Erde.
Wenn man den Europaern von solchen Dingen spricht, so halten sie
das fur Paradoxic Innerhalb der Kreise der orientalischen Eingeweih-
ten redet man von diesen Dingen so, wie der Europaer in seinem Un-
verstand davon redet, dafi Erbsensuppe anders schmecke als Reissuppe;
denn fur sie sind das Realitaten, die durchaus nicht aufierhalb des Be-
reiches dieser alltaglichen Erorterungen zu liegen brauchen. Wenn man
die Verfassung der heutigen zivilisierten Welt betrachtet und sie wirk-
lich verstehen will, dann darf man nicht aufier acht lassen, dafi vom
Osten und Westen diese Dinge in unsere gegenwartige Zivilisation hin-
einwirken. Und arbeiten im Sinne des menschlichen Fortschrittes kann
man in der Gegenwart gar nicht anders als mit einem vollstandigen
Empfinden fur diese Einfliisse auf den Gang der Menschheitsentwicke-
lung. Das aufiere Leben, wie es sich darstellt, ist es denn ein Abdruck
desjenigen, was die Menschen exoterisch glauben, was die Menschen, die
sich nur beherrschen lassen von der Wissenschaft der Uneingeweihten,
meinen ?
Wer diese Frage ernstlich studieren mochte, dem empfehle ich, blofi
einmal sich acht Tage auszusuchen im Mai oder Juni des Jahres 1914
und Zeitungsartikel, Biicher vom Mai oder Juni 1914 zu lesen und sich
zu fragen, wieviel Wirklichkeitsgeist er darin findet, das heifit, wieviel
er darin findet von einem Wissen, dafi innerhalb der zivilisierten Mensch-
heit dasjenige gekeimt hat, was dann vom August ab in dieser zivilisier-
ten Menschheit ausgebrochen ist. Nichts haben sich die Uneingeweihten
von diesen Dingen traumen lassen ! Ebensowenig lassen sich die Unein-
geweihten auch heute noch traumen von dem, was eigentlich vorgeht.
Aber die Ereignisse des aufieren Lebens sind keine Abbildungen des
Wissens der Uneingeweihten. Es herrscht eine starke Diskrepanz zwi-
schen dem, was die Leute meinen, und dem, was sich im Leben wirklich
abspielt. Diese Diskrepanz sollte man sich zum Bewufitsein bringen und
sich die Frage sachgemafi beantworten: Wieviel wissen denn eigentlich
die Uneingeweihten heute vom Leben, von dem, was das Leben be-
herrscht ?
Die Leute reden iiber das Leben. Die Leute machen Theorien und
Ideale und Programme, aber ohne das Leben zu kennen. Und wenn ein-
mal etwas auftritt, was aus dem Leben heraus gestaltet ist, dann er-
kennen das die Menschen nicht an, dann halten sie gerade das fur Theo-
rien oder fur Absurditaten oder dergleichen. Fur das Leben haben nun
die Einflusse des Westens und des Ostens eine ganz verschiedene Be-
deutung. Diese verschiedene Bedeutung spielt in unserem Leben im
eklatantesten Sinne mit fur den, der solche Dinge beobachten kann.
Wenn das, was man im Westen als Theorien, als Programme, als soziale
Anschauungen hat, das Leben beherrschen sollte, da kame nichts heraus,
gar nichts, wirklich gar nichts. Dafi es eine westliche Zivilisation gibt,
dafi das westliche Leben uberhaupt Institutionen entwickeln kann, das
ruhrt nicht davon her, dafi dieses westliche Leben solche Ideen hat, wie
etwa Spencer oder Darwin oder andere, mehr sozial denkende Men-
schen haben; denn mit all diesen exoterischen Theorien und Anschau-
ungen ist in Wirklichkeit nichts anzufangen. Dafi das Leben doch fort-
geht, dafi das Leben nicht stillsteht, das ruhrt lediglich davon her, dafi
alte traditionelle Instinkte in der englischsprechenden Bevolkerung
leben und dafi man nach diesen Instinkten das Leben richtet, nicht nach
den Theorien. Die Theorien sind ja nur eine Dekoration, durch die man
schone Worte iiber das Leben spricht. Dasjenige, was das Leben regiert,
sind die Instinkte, die aus dem Unbewufiten der Seele an die Oberflache
heraufgetrieben werden. Das ist etwas, was in allerernstestem Sinne
beobachtet und erkannt werden mufi.
Und gehen wir nach dem Osten, beginnen wir meinetwillen diesen
Osten schon beim Rhein, denn sehr bald wird das Leben vom Rhein
ostwarts dem Osten immer mehr und mehr ahnlich werden. Schauen wir
uns das an, was da im Osten vorhanden ist. Betrachten Sie es zunachst
historisch: durch Deutschland, durch Rufiland, selbst noch durch Vorder-
asien. Wenn Sie es in Deutschland historisch betrachten, so finden Sie
etwas aufierordentlich Merkwiirdiges. Sie finden, dafi diese Deutschen
Geister hatten wie Goethe, wie Fichte, wie Schelling, wie Hegel, wie
Herder, dafi sie aber eigentlich in Wirklichkeit nichts davon wissen, dafi
sie solche Geister gehabt haben. Innerhalb Deutschlands war die Zivi-
lisation das Eigentum einer kleinen Geistesaristokratie. Niemals hat
diese Zivilisation Platz gegriffen in den weiteren Kreisen. Goethe ist fur
weitere deutsche Kreise eine unbekannte Personlichkeit geblieben, auch
nach 1862. Ich sage 1862, weil man ja vorher in Deutschland nur sehr
schwer die Werke Goethes hat auftreiben konnen. Sie waren noch nicht
frei, und die Cottas haben dafur gesorgt, dafi sie nicht eben leicht haben
aufgetrieben werden konnen. Seit jener Zeit sind sie frei zu drucken. Sie
werden zwar gelesen, aber sie sind niemals in das wirkliche geistige
Leben von so etwas wie einer deutschen Nation eingedrungen. Daher
beginnt es bereits bei den Deutschen mit einer Instinktunsicherheit im
hochsten Grade. Jenen intensiv eingreifenden geistigen Machten, die
ausstrahlen von einem Herder, einem Goethe, einem Fichte, diesen be-
stimmten Lebenstrieben steht gegenxiber eine im hochsten Grade so
zu nennende Instinktunsicherheit, eine Instinktunsicherheit aus dem
Grunde, weil in diesen Gegenden die Instinkte nicht konservativ ge-
blieben sind. Im Westen sind sie konservativer geblieben. Hier sind sie
nicht konservativ geblieben, aber sie sind auch nicht erneut worden,
sie sind nicht durchdrungen worden von dem, was die Geistessubstanz
ihnen hatte geben konnen.
Noch deutlicher wahrnehmbar ist dieses im eigentlichen europaischen
Osten. Denken Sie doch nur, welche Rolle in diesem europaischen Osten
die sogenannte orthodoxe Religion gespielt hat, wie sie eingeflossen ist
in die offentlichen Institutionen, wie sie gelebt hat ein aufieres Leben
und wie sie nichts, aber auch gar nichts war fur die Seelen. Das Konser-
vieren dieses ostlichen Orthodoxismus, der sich langst seinem Inhalte
nach ausgelebt hat, das bedeutet, dafi die Menschenseelen in die Un-
sicherheit des Lebens geradezu gestofien worden sind. Wer in West-
europa russische Menschen kennengelernt hat, der war selbstverstand-
lich im hochsten Grade beruhrt von dem eigentumlichen Verhaltnis, das
diese Menschen auf der einen Seite zu dem AUgemein-Menschlichen, auf
der andern Seite zu dieser orthodoxen Religion hatten. Wie vor vielen
Jahrhunderten der orthodoxen Religion entlaufene Seelen, welche die
Anhangsel, die Andenken von dieser orthodoxen Religion sich noch
umgehangt haben und welche den Glauben hatten, dafi ihnen diese
orthodoxe ReUgion doch etwas sein konne, so erscheinen einem diese
Menschen, welche sich gar nicht vorstellen konnten, wie sehr sie ent-
laufen waren dieser orthodoxen Religion. - Das ist dasjenige, was die
russische Seele charakterisiert. Und damit ist erst recht ausgegossen iiber
den europaischen Osten die Instinktunsicherheit, das Nicht-innerlich-
Gehaltenwerden durch Instinkte. Das eigentumlich Weiche, das iiber
den russischen Menschen ausgegossen ist, hangt letzten Endes mit
dieser Instinktunsicherheit zusammen.
Die ganze Menschheit Asiens kann heute, kann in den nachsten Jahr-
zehnten eine Beute der europaischen Eroberer werden, weil diejenigen,
die dort eingeweiht werden, sich gar nichts daraus machen, dafi die
allgemeine Menschheit eine Beute der Eroberer wird. Denn um so eher
werden die Glieder dieser allgemeinen Menschheit Geschmack daran
gewinnen, aus dem irdischen Leben sich herauszuziehen und die Erde
fur die nachste Inkarnation zu verlassen.
In diesen Kraftewirkungen stehen wir drinnen. Und es hat heute
iiberhaupt nur einen Sinn, iiber das Leben zu reden, wenn man seine
Worte durchdrungen sein lafit von dem Bewufitsein, dafi es eben heute
im Leben so ist, dafi man davon ausgehen mufi, dafi diejenigen Krafte aus
den Menschenseelen erlost, herausgeholt werden miissen, die nicht nach
der einen und nicht nach der andern Richtung gehen, sondern die gehen
nach einer wirklichen Erneuerung auch der Wissenschaft der Initiation.
Deshalb mufi immer wieder und wieder darauf hingewiesen werden,
wie der Gegenwartsmensch durchsteuern mufi zwischen dem extremen
Intellektualismus auf der einen Seite und dem Emotionalismus auf der
andern Seite.
Unser Leben verlauft in diesem Zwiespalte: zwischen einem immer
mehr und mehr sich steigernden und sich uberschlagenden Intellek-
tualismus und zwischen dem Emotionalismus, der in die wildesten, in
die animalischen Triebe des Menschenlebens hinuntertaucht und da-
durch die Impulse des Daseins sucht. Der Intellektualismus ist das-
jenige, was sich an Geistesleben aus dem heraus entwickelt, was groft
geworden ist seit dem 15. Jahrhundert. Aber dieses Geistesleben ist
schattenhaft, dieses Geistesleben ist diinn, dieses Geistesleben ist phra-
senhaft. Daher, weil dieses Geistesleben diinn, schattenhaft ist, bestim-
men sich die Krafte, die in diesem Geistesleben wirken, nicht nach
wirklich Geistigem, sondern nach den Instinkten, nach den Trieben,
nach dem Animalischen in der Menschheit. Die Menschheit hat heute
nicht die Kraft, mit ihren schattenhaften intellektuellen Ideen die
Triebe zu impulsieren und sie dadurch zu vergeistigen. Und so ist der
heutige Mensch in jedem Augenblick seines Lebens mit Bezug auf seine
Seele griindlich gespalten.
Nehmen Sie nur einmal an, Sie stehen beurteilend Ihren Mitmen-
schen gegemiber. Da sind Sie namlich intellektualistisch. Jedesmal,
wenn der Mensch heute in der Gegenwart Kritik iibt an seinen Mit-
menschen, wird er intellektualistisch. Wenn er mit ihnen zusammen-
wirken soli in sozialer Gemeinschaft, wird er emotionell; dann wird
er so, dafi er sich beherrschen lafit von den animalischen Trieben. Alles
dasjenige, was wir an Lebensarbeit suchen, tauchen wir allmahlich ins
Animalisch-Triebhafte; alles dasjenige, was wir an Lebensbeurteilun-
gen suchen, auch wenn es auf die Mitmenschen sich erstreckt, tauchen
wir ins Intellektualistische. Die Menschen der Gegenwart werden sich
gar nicht bewufit dieses Zwiespaltes in ihrer Seele. Sie merken gar
nicht, wie sie ganz anders sind, wenn sie iiber ihre Mitmenschen ur-
teilen, und dann, wenn sie mit ihren Mitmenschen zusammen handeln
sollen.
Das intellektualistische Leben aber uberschlagt sich. Das intellek-
tualistische Leben strebt iiber alle Wirklichkeiten hinaus. Das intellek-
tualistische Leben ist dasjenige, welches als solches eigentlich keinen
besonderen Wert legt auf die irdischen Verhaltnisse. Mit dem intellek-
tualistischen Leben ist es so, da$ man schone moralische Grundsatze
ausarbeitet inmitten einer sozialen Ordnung, in der die Leute Knechte,
in der sie versklavt sind. Ich habe das im Konkreten ofter hier ange-
fuhrt. Ich erinnere auch heute noch einmal an jene Enquete, die in Eng-
land in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgenommen worden ist iiber
die Kohlengrubenarbeiter, bei der sich herausgestellt hat unter vielen
andern Schaden, dafi neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder vor Sonnen-
aufgang in die Kohlenschachte hinuntergeschickt worden sind die ganze
Woche, dann heraufgeholt worden sind mch Sonnenuntergang, so da$
die armen Kinder niemals das Sonnenlicht, aufier am Sonntag, gesehen
haben, sich also im Unterirdischen entwickeln mufiten, unter Bedin-
gungen, deren Schilderung ich Ihnen ersparen werde; derm auch da
ware Sonderbares zu erzahlen. Aber bei den Kohlen, die so zutage
gefordert worden sind, haben sich dann die Leute unterhalten in
Spiegelzimmern iiber Nachstenliebe, iiber allgemeine Menschenliebe
ohne Unterschied von Rasse, Nation, Klasse und so weiter.
Das ist das Extrem des intellektualistischen Lebens. Nirgends offnen
sich die Tiiren zur Wirklichkeit. Man schwebt mit seinem Intellekt
jenseits der Menschlichkeit. Ein Wirklichkeitsgeist ist lediglich der-
jenige, der bei allem, was er denkt, weifi, wie das, was er denkt, zu-
sammenhangt mit dem, was draufien in der Welt geschieht. Das ist
Aufgabe der Geisteswissenschaft, diesen Wirklichkeitssinn in der
Menschheit wiederum zu erwecken. Aus solchen Untergriinden heraus
mufi heute ofter offentlich ausgesprochen werden, was ich neulich in
Basel ausgesprochen habe: Die Religionsbekenntnisse haben durch Jahr-
hunderte das Monopol sich gebildet fiir alles dasjenige, was iiber Seele
und Geist - Geist ist ja abgeschafft worden im Jahre 869 -, also was
iiber die Seele zu sagen ist. Es durften die Menschen, die aufierlich iiber
die Natur forschten, den Geist in der Natur nicht suchen. Und man
mufi sagen: Das vollkommenste Bild einer Weltanschauung von diesem
Gesichtspunkte haben zum Beispiel die aufierordentlich gescheiten
Jesuiten geschaffen; wenn die Naturforscher werden, dann ist in ihrer
Naturforschung nichts von Geist enthalten! Nimmt dann jemand das
ernst, was ein Jesuit iiber die Natur schreibt, so wird er selbstverstand-
lich Materialist unter dem heutigen Zeitgeiste. Heute mufi man unter-
scheiden zwischen dem, was theoretisch richtig ist, und dem, was wirk-
lich wesenhaft ist. Theoretisch richtig ist, dafi die Jesuiten eine spiri-
tuelle Weltanschauung verfechten. Wirklich wesenhaft ist, dafi die
Jesuiten den Materialismus verbreiten! - Theoretisch richtig war es,
dafi Newton neben seiner mechanistischen Weltanschauung jedesmal
den Hut zog, wenn er das Wort «Gott» aussprach. Wirklich wesenhaft
ist, da£ aus der Newtonschen mechanistischen Weltanschauung der
Materialismus einer spateren Zeit hervorgegangen ist. Denn nicht das
entscheidet, was man theoretisch meint, sondern das entscheidet, was
in den Wirklichkeitsgesetzen liegt. Und die intellektualistische Welt-
anschauung liefert niemals Weltanschauungsgesetze. Diese intellektua-
listische Weltanschauung fuhrt zuletzt zum vollstandigen Luziferia-
nismus. Sie luziferianisiert in Wirklichkeit die Welt.
Neben diesem Intellektualismus haben wir in der Gegenwart den
Emotionalismus, das Leben aus den Instinkten, aus dem Animalischen
heraus in der Art, wie ich das angefuhrt habe. Dieses Instinktleben,
dieses animalische Leben, das beherrscht eigentlich das offentliche Da-
sein in dem Moment, wo der Mensch geneigt ist, eben zu leben, wo er
nicht mehr blofi zu urteilen braucht. Urteilen kann man, dafi es zum
Beispiel schandlich ist, nun, sagen wir, die Leute in den Bergwerken
so und so zu behandeln. So kann man urteilen. Aber man hat Berg-
werksaktien! Indem man die Coupons abschneidet, ist man es selber,
der die Leute in dieser Weise martert, man merkt es nur nicht. Dies
meine ich mehr als ein Symbolum des Lebens, denn so verlauft unser
Leben. Die Menschen denken auf der einen Seite und handeln auf der
andern Seite. Aber sie merken nicht, welche gewaltige Diskrepanz
zwischen dem einen und dem andern besteht.
An diesem Zustande ist heute vielfach schuld die Bequemlichkeit der
Menschen gegeniiber alien Gelegenheiten, die uns Einsichten in das
Leben verschaffen. Man will heute im Leben ein «guter Mensch» sein,
ohne das Bestreben zu haben, dieses Leben wirklich kennenzulernen.
Aber es lafit sich heute nicht in Wirklichkeit leben, ohne das Leben
kennenzulernen. Dieser Weltkrieg, er ist aus der Tatsache heraus ent-
standen, daft die Menschen, welche die sogenannten «Regierenden»
waren - manche sind es noch -, dem Leben ganz feme standen. Man-
che stehen noch - auf ihren Platzen namlich.
Aber was konnte deutlicher die vollstandige Lebensfremdheit der
Menschen zeigen, auf die es so viel ankommt, angekommen ist in den
letzten Jahrzehnten, als jene von unserer Kultur, von unserer Zivilisa-
tion so deutlich sprechenden «Memoiren», die sich jetzt so haufen. Alle
Woche gibt einer, zunachst von den besiegten Machten, die andern wer-
den auch nachkommen, seine Memoiren heraus. Dabei zeigt sich so recht,
wie richtig das Urteil desjenigen war, der da gesagt hat: Man glaubt gar
nicht, rait wie wenig Verstand die Welt regiert wird. - Aber die Kon-
sequenzen aus solchen Voraussetzungen werden ja nicht gerne von den
Menschen der Gegenwart gezogen. Denn diese Menschen der Gegenwart
wollen zum Beispiel nicht durchschauen, daft es kein soziales Empfinden
und soziales Wissen geben kann ohne ein wirkliches Weltwissen. Man
kann noch Zoologie begriinden ohne ein Weltwissen, weil die Tiere
durch ihre physische Organisation auf eine bestimmte Tatigkeit, auf
ein bestimmtes Funktionieren hin organisiert sind. Beim Menschen
ist gerade das Charakteristische, daft seine Organisation offengelas-
sen ist fur das, was er aus dem Weltwissen aufnehmen soli. Und so kann
es kein soziales Wissen geben, ohne daft ihm ein Weltwissen zugrun-
de liegt. Man kann niemals eine wirkliche Sozialkunde aufbauen, ohne
daft man weift, daft alles dasjenige, was der Mensch zu erstreben
hat durch sein Inneres, ein Ergebnis ist der ganzen Entwickelung,
die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umrift» dargestellt fin-
den bis zur jetzigen Erdenentwickelung, und daft alles dasjenige, was
der Gegenwartsmensch durch die soziale Gemeinschaft aufnimmt,
ein Keim ist fiir dasjenige, was weiter geschehen soil mit der Erden-
entwickelung.
Verstehen kann man das soziale Leben nicht, ohne daft man die Welt
uberhaupt versteht. Es ist unmoglich, daft heute die Menschen eingreifen
mit Programmen oder Ideen oder Idealen in das offentliche Leben, ohne
sich eine geistige Grundlage fiir dieses Eingreifen zu legen; denn was
iiberall mangelt, das ist ein Ergriffensein der Seele von dem, worauf es
eigentlich ankommt.
Da erlebt man sonderbare Dinge. Der ausgezeichnete deutsche sozia-
listische Theoretiker Karl Kautsky hat nun auch ein Buch geschrieben:
«Wie der Weltkrieg entstand». Da spricht er zunachst iiber die Schuld-
frage. Auf den ersten Seiten findet sich bei Kautsky ein merkwurdiges
Gestandnis. Ich mochte das Folgende vorausschicken. Ich mochte sagen,
dafi Kautsky zu denjenigen gehort, die in den letzten Jahrzehnten mit
alien Mitteln eine Parteidoktrin und Parteidisziplin in das Proletariat
einhammerten, die Lehre in die Kopf e einhammerten, dalS nicht einzelne
Menschen als Menschen fur die Weltereignisse verantwortlich sind, son-
dern zum Beispiel der Kapitalismus. Und so finden Sie denn iiberall
nicht die Rede von Kapitalisten, sondern vom Kapitalismus. Mit solchen
Parteidoktrinen kann man agitieren, man kann Parteien begriinden,
man kann wirksame Hammer finden fiir die Kopfe der Menschen, so
dafi solche Doktrinen Glaubensbekenntnisse werden. Sobald man geno-
tigt ist, ich will gar nicht sagen, in die Wirklichkeit arbeitend einzugrei-
fen, sondern nur zu urteilen iiber die Wirklichkeit, da geht die ganze
Doktrin floten! Denn nun, wo Kautsky iiber die Schuldigen schreibt,
was tut er ? Er miifite ja sein ganzes Buch ungeschrieben lassen, wenn er
seine alten Litaneien vom KapitaKsmus fortsetzen wollte. Was tut er
also ? Er legt auf der ersten Seite ein Bekenntnis, ein merkwurdiges Be-
kenntnis ab, das ich Ihnen nur mit ein paar Worten aus seinem Buche
anfuhren will: «Man kann nicht den Kapitalismus als den einzig Schul-
digen hinstellen. Denn der Kapitalismus ist nichts als eine Abstraktion,
die gewonnen wird aus der Beobachtung zahlreicher Einzelerscheinun-
gen und die ein unentbehrliches Hilfsmittel ist bei dem Streben, diese in
ihren gesetzmafiigen Zusammenhangen zu erforschen. Bekdmpfen kann
man aber eine Abstraktion nicht, aufier theoretisch; nicht aber praktisch.
Praktisch konnen wir nur Einzelerscheinungen bekampfen ... bestimm-
te Institutionen und Personen als Trager bestimmter gesellschaftlicher
Funktionen.»
Nun ist der sozialistische Theoretiker nur davor hingestellt, ich will
gar nicht sagen, ins soziale Leben aufbauend einzugreifen, sondern nur
das soziale Leben in einer Frage zu beurteilen, und nun ist plotzlich der
Kapitalismus eine Abstraktion. Da kommt er erst darauf! In dem
Augenblich, wo derselbe Karl Kautsky Veranlassung nehmen wurde,
die Wirklichkeitsidee von der Dreigliederung zu besprechen, da wiirde
in miktarischer Organisation wiederum auf marschieren der Kapitalismus,
nicht als Abstraktion, sondern als etwas hochst Wirkliches ! - Man merkt
gar nicht, wo der Unterschied liegt zwischen dem, was als soziale An-
schauung aus einer wirklichen Lebensbeobachtung herausgeholt ist, und
dem, was aus einem allgemeinen abstrakten Denken oder auch abstrakten
Empfinden herausgeholt ist.
Einsicht, das ist dasjenige, was der Mensch der Gegenwart suchen mufi
als Schutzmittel gegen jenen Illusionismus, in den er verf alien mufi durch
den auf die Spitze getriebenen Intellektualismus. So suchte ich Sie heute
von einer gewissen Seite her auf wichtige Dinge der Gegenwart aufmerk-
sam zu machen. Ich werde morgen und ubermorgen diese Dinge weiter
ausbauen, fortsetzen.
.i
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 10. Januar 1920
Ich werde, um den Ubergang zu schaffen von der kulturhistorischen
Betrachtung von gestern zu den Perspektiven, zu denen ich morgen
dann iibergehen will, heute eine Art Episode einfugen, die Ihnen viel-
leicht etwas weit hergeholt zu sein scheinen wird, die aber doch einmal,
wenn auch als eine ziemlich schwierige Betrachtung, eingefiigt werden
mufi.
Zwei Machte greifen in das menschliche Leben ein, die innerhalb die-
ses Lebens ratselhaft erscheinen, die verlangen, verstanden zu werden,
denn sie fallen eigentlich aus dem denkgewohnten Gang des Lebens
heraus. Das eine ist die Tatsache, dafi der Mensch illusionsfahig ist, dafi
der Mensch sich Illusionen hingeben kann. Das andere ist, dafi der
Mensch dem Bosen verfallen kann. Die Wirkung der Illusion und die
Wirkung des Bosen im Leben gehoren ja ganz gewifi zu den grofiten
Ratseln dieses Lebens.
Nun habe ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten Veranlassung
genommen, auf das in bezug auf diese beiden Lebenstatsachen vorlie-
gende Geheirnnis hinzuweisen. Das Geheimnis, das dabei vorliegt, ist
nur ein solches, dafi sein Denken herausfallt aus den gewohnten Bahnen.
Und verwandt ist alles dasjenige, was man zu denken hat in bezug auf
die Illusion und in bezug auf das Bose im Leben, mit dem Problem, mit
dem Ratsel von Krankheit und Tod, die ja eigentlich vom Menschen
- wie alle diese Ratsel - nur deshalb nicht in ihrer vollen Tiefe empfun-
den werden, weil der Mensch sich gewohnt hat, Illusionen, das Bose,
Krankheit und Tod im Leben drinnen zu haben. Allein diese Dinge
mufite derjenige ganz unverstandlich finden, der von einer materiahsti-
schen Auffassung des Lebens ausgeht. Insbesondere miilke der materia-
listisch Gesinnte immer wieder und wiederum sich fragen: Wie ist ver-
einbar jene Abweichung von dem gewohnten Gang der Naturgesetze
im Leben, jene Abweichung, die in Krankheit und Tod erscheint? -
Denn die Naturgesetze, die durch die Organismen durchwirken sollen,
die drucken sich zweifellos ja aus in dem normalen, in dem gesunden
Gang des Lebens. Krankheit und Tod aber greifen abnormerweise in
den Gang des Lebens ein.
Man wird allmahlich, um iiberhaupt in der ganzen krank geworde-
nen Weltanschauung der zivilisierten Menschheit Gesundes zu ent-
wickeln, gerade einsehen miissen, dafi Krankheit und Tod, das Bose
und die Illusion nur zu begreifen sind vom Gesichtspunkte einer spiri-
tuellen Weltanschauung. Der Mensch, so wie er als ein Ausdruck der
ihm bekannten Welttatsachen dasteht, mufi sich klar dariiber sein, dafi
seine Entwickelung nicht moglich ist, wenn in diese Entwickelung nur
hereinspielen diejenigen Naturtatsachen, die er zunachst iiberblickt,
wenn er an nichts anderem Teil hatte als an demjenigen, wo von die
heute gewohnte Wissenschaft redet. Denn betrachten Sie einmal einfach
vom Gesichtspunkte des gesunden Menschenverstandes das Folgende.
Denken Sie sich einmal: Die Vital-, die Lebenskrafte werden in Ihnen
lebendiger, als sie im sogenannten normalen Zustande sind, lebendiger
zum Beispiel im Fieber, lebendiger, als Ihnen moglich ist, sie zu beherr-
schen. In all diesen Fallen, in denen Sie nicht aufkommen, nicht die
Oberhand gewinnen iiber die in Ihnen wirkenden Naturkrafte, hort das
Bewufitsein auf, oder wenigstens geht das Bewufitsein in einen abnor-
men Zustand iiber.
Wer das Leben unbefangen betrachtet, der mufi sich sagen: Leben und
Bewufitsein haben ist durchaus zweierlei. Bewufitsein haben hangt
davon ab, dafi man selber die Oberherrschaft iiber das Leben hat. Wenn
das Leben tiberwuchert, wenn das Leben fiebrig wird und man die Herr-
schaft iiber dieses Leben verliert, dann ist es unmoglich, das Bewufitsein
in der richtigen Weise weiter zu haben. Daraus folgt aber doch unmittel-
bar, dafi dasjenige, was im Organismus das Leben erregt, und dasjenige,
was im Organismus Lebenskrafte sind, nicht zu gleicher Zeit die Krafte
des Bewufitseins sein konnen. Wenn man die Entwickelung der Mensch-
heit, wie sie sich im Kosmos zugetragen hat, iiberblickt, so wissen Sie ja,
dafi dieses Erdenbewufitsein, das man gewohnlich meint, wenn man
iiberhaupt vom Menschheitsbewulksein redet, und das wir heute auch
zunachst einzig und allein beriicksichtigen wollen, erst im Laufe der Zeit
eingetreten ist; dafi diesem Erdenbewufitsein andere, weniger helle Be-
wufitseinszustande vorangegangen sind. Ich habe Sie ja oftmals hinge-
wiesen darauf, wie diesem unserem Erdenplaneten eine planetarische
Verkorperung, die wir die Mondenverkorperung der Erde nennen, vor-
angegangen ist. Damals, als die menschliche Wesenheit verbunden war
mit diesem planetarischen Mondenzustande, da hatte der Mensch nur
eine Art Traumbewufttsein. Aber er war auch - Sie brauchen das nur
in meiner «Geheimwissenschaft im Umrif?» nachzulesen - viel, viel mehr
als heme durchsetzt von Vitalkraften.
Und gehen wir weiter zuriick zu noch friiheren planetarischen Ver-
korperungen unserer Erde, so linden wir immer mehr und mehr Lebens-
prozesse im Menschen. Der Mensch lebt das Leben des ganzen Kosmos
mit. Aber wir finden kein anderes Bewulksein hinter dem Monden-
bewufitsein, als dasjenige unseres traumlosen Schlafes ist, also, vom
irdischen Standpunkt aus gesprochen, iiberhaupt kein Bewufksein.
Durch diese Zustande, in denen der Mensch gewissermafien lebendiger
war, aber in denen er wegen dieser Lebendigkeit nicht das Erdenbewufit-
sein haben konnte, entwickelte er sich hindurch bis zu diesem Erden-
bewufitsein. Und auch dariiber haben wir ja schon gesprochen, wovon
dieses Erdenbewufitsein abhangt. Davon hangt es ab, dafi wir, was die
heutige Physiologie noch nicht geniigend berucksichtigt, in unserem
Haupte, in unserem Kopfe Vorgange sich abspielend haben, die, wenn
sie sich iiber den ganzen Leib erstreckten, uns fortwahrend in jedem
Augenblick den Tod bringen mulken. Unsere Nerven-Sinnesprozesse
sind Prozesse, welche ganz gleichwertig sind mit dem, was in unserem
Organismus vorgeht, wenn er ein Leichnam ist. Nur, solange wir leben,
wird dieses fortdauernde Sterben unseres Nerven-Sinnesorganismus
paralysiert, von den andern Lebensprozessen in unserem Organismus
ausgeglichen. Wir miissen gewissermafien in jedem Augenblich von un-
serem Rumpf- und Gliedma^enorganismus aus zum Leben erweckt
werden. Denn wiirde unsere Organisation nur den Kraften unseres
Hauptes folgen, dann wiirden wir fortwahrend sterben beziehungs-
weise zum Sterben geeignet sein.
Sie sehen, es ist notwendig, dafi in das menschliche Leben hereinspielt
der Sterbeprozefi, der Zerstorungsprozefi. Ohne dafi dieser Zerstorungs-
prozefi in die menschliche Organisation hereinspielte, wiirde sich der
Mensch nicht hinentwickeln konnen zur Helligkeit des Bewufitseins.
Diese Dinge miissen als Notwendigkeiten der kosmischen Entwickelung
eingesehen werden. Und toricht ist es im Grunde genommen, wenn die
Leute sich denken: Gott ist aUmachtig, er hatte die Sache doch anders
einrichten konnen. - Das wiirde ungefahr gleichkommen dem Satze:
Gott ist allmachtig, er kann ein Dreieck doch auch mit vier Ecken
machen. - Dasjenige, um was es sich da handelt, ist ein Gesetz unbeding-
ter Notwendigkeit. Bewufitseinsentwickelung ist ohne Eingliederung
des Todesprinzipes in die menschliche Organisation nicht moglich.'
Nun aber, insoweit wir in der Erdenorganisation leben, insoweit wir
Erdenwesen sind, sind wir ganz eingegliedert in diese Erdenorganisa-
tion, in diese Erdenwesenheit. Gewissermafien die Gesetze der Erden-
wesenheit gehen durch unseren Organismus hindurch. Hier ist es notig,
dafi man unterscheide zwischen denjenigen kosmischen Gesetzen, welche
die eigentlichen Erdengesetze sind, und denjenigen kosmischen Geset-
zen, die man nicht im eigentlichen Sinne als Erdengesetze ansehen kann.
Es ist eine ziemlich schwierige Sache, die hier beriihrt wird. Stellen wir
Tafel 1* uns nur schematisch vor, wir hatten es mit der Erde zu tun, mit der Son-
Mrtte ne, mit noch manchem andern im sogenannten Weltenall; alles, was da
drinnen wirkt und lebt, hangt miteinander zusammen. Aber man mufi
etwas weglassen, wenn es moglich sein soil, zu sagen: Alles, was da
drinnen wirkt und lebt, hangt miteinander zusammen. - Man raufi weg-
lassen alles dasjenige, fur das unser Mond der Mittelpunkt ist.
Wir leben namlich tatsachlich kosmisch in zwei Weltenspharen, die
zwar durcheinanderwirken, die aber innerlich wesenartig voneinander
verschieden sind. Was zur Sonne und zur Erde gehort in bezug auf die
wirksamen Krafte, das hangt zusammen und in das hat sich gewisser-
mafien hineingeschoben alles das, was zu den wirksamen Kjraften des
Tafel 2 Mondes gehort. Ich imifite also eigentlich so zeichnen: Erde (E), Sonne
(S), und noch manches andere.
Ich zeichne die scheinbare Bewegung der Erde und der Sonne (1). Ich
mxilke dann zeichnen den Mond. Wenn das die Sphare des Mondes
ist (2), das die Sphare der Sonne ist (1), so mufke ich jetzt beides inein-
anderschieben (3), so dafi sie zwar raumlich zusammenfallen, innerlich
den Kjraften nach aber eine Zweiheit sind, sich nicht unmittelbar mit-
einander vereinigen.
26
!f Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 295.
• * . * * * (i
V / >>" / ./
•n y y'
' ' ' (3)
Und wir Menschen leben in dieser Zweiheit. Alles, was zum Monde
gehort, ist namlich ein Rest, ein Uberbleibsel - Sie konnen das in meiner
«Geheimwissenschaft>> genauer nachlesen - des alten Mondenzustan-
des, gehort gar nicht zu dem, was die Erde in ihrem normalen Fort-
schritt geworden ist. Es ist dieses Stuck, das zum Monde gehort, zuriick-
geblieben wie ein Fremdkorper, hat sich hineingelagert, und wir
nehmen an beiden teil.
Fur den, der das Weltenwesen wirklich verstehen will, ist es unerlafi-
lich, Kunde zu haben von dieser Selbstandigkeit des Erden-Sonnen-
wesens und des Mondenwesens. Denn daran ist zu kntipfen etwas aufier-
ordentlich Wichtiges, etwas, was sogar so wichtig ist, dafi die Wissen-
schaft der Gegenwart nicht nur nichts davon ahnt, sondern es hochst
wahrscheinlich fur die grofite Torheit halt, wenn sie davon hort.
Jeder Mensch, wenn er embryonal seine Entwickelung durchmacht,
macht diese Entwickelung nicht etwa blofi dadurch durch, dafi er den
Kraften folgt, die im Leibe der Mutter entfesselt werden durch die Be-
fruchtung. Wenn man so etwas glauben machen will, so kommt das
gleich der Behauptung: Hier habe ich eine Magnetnadel, die richtet sich
in einer bestimmten Richtung, also hat sie die Krafte in sich. - Das fallt
keinem Physiker ein. Jeder Physiker sagt: Die Erde ist auch ein grofier
Magnet, und der zieht die eine Spitze der Magnetnadel an, und das
andere Ende zieht die andere Spitze an. - Da redet man ganz gut davon,
dafi das, was in sich geschlossen ist, in seiner Tatigkeit, in seiner Wirk-
samkeit, in seiner Stellung abhangig ist von dem Grofien. Nur wenn
der Mensch entsteht im Mutterleib, da mochte man alles in diesen
Mutterleib hineinwerfen, was an ihm organisierend ist, wahrend da
gerade die kosmischen Krafte wirksam sind, vom Kosmos herein die
Krafte den Menschen ausgestalten. Und so ist es, da£ des Menschen
Hauptesorganisation, alles das, was mit seinem Nerven-Sinnesapparat
zusammenhangt, mit den Mondenkraften zusammenhangt und die
iibrige Organisation mit den Sonnenkraften. Und dadurch werden wir
Menschen im Leben auch ein zwiespaltiges Wesen. Wir werden als
Hauptesmensch ein Mondenwesen, als iibriger Mensch ein Sonnen-
wesen. Aber hier kompliziert sich nun die Sache ganz wesentlich.
Wenn Sie hier namlich nicht genau zusehen, so werden Sie gleich
einen Knauel von Mifiverstandnissen in die Sache hineinbringen.
Insofern der Mensch ein Haupteswesen ist, ist er ein Mondenwesen,
das heifit, in sein Haupt sind die Mondenkrafte hineinorganisiert. In-
sofern er die iibrige Organisation ist, ist er ein Sonnenwesen, das heifit,
in sein iibriges Wesen sind die Krafte des Sonnenhaften hineinorgani-
siert.
Dadurch aber ist das Haupt, der Kopf, wenn der Mensch wachend
der Welt gegeniibersteht, besonders empfanglich fur alles, was von der
Sonne kommt. Das Sonnenlicht, wenn es auf die Gegenstande fallt,
nimmt der Mensch auf durch sein Auge. Das Haupt, der Nerven-Sinnes-
apparat ist eine Mondenschopfung; was der aber alles hineinbekommt,
das ist gerade das Sonnenhafte. Und in der ubrigen Organisation ist der
Mensch ein Sonnenwesen, das heifit, er ist als Sonnenwesen organisiert.
Was aber, insofern er auf der Erde sich entwickelt, in ihn hineinwirkt,
das ist alles mondenhaft.
So dafi Sie sagen konnen: Der Mensch ist als Haupteswesen ein
Mondengefafi, das aufnimmt die Stromungen des Sonnenhaften. Der
Mensch ist als iibrige Organisation ein Sonnenwesen, das aufnimmt
die Stromungen der Mondenkrafte.
Sie sehen daraus: Wenn man nicht genau zusieht, wenn man nicht
genau die Dinge fafit, sondern bequeme Begriffe sucht, dann kommt
man nicht zurecht. Derm da kann einer kommen und kann sagen: Der
Mensch ist als Haupteswesen, als Kopfeswesen ein Mondenwesen. -
Der andere sagt: Das ist nicht wahr, er ist ein Sonnenwesen, denn in
ihm spielen sich die Sonnenprozesse ab. - Beides ist richtig. Man mufi
nur die Art und Weise des Zusammenwirkens dieser Dinge kennen-
lernen. Ich habe schon ofter gesagt, die Wirklichkeit ist nicht so bequem
fur uns zu fassen, dafi ein paar hingepfahlte Begriffe gemigen wiirden,
diese Wirklichkeit aufzufassen; sondern es handelt sich darum, dafi
man sich schon ein wenig anstrengen mulS, um nur die Begriffe zu bilden,
welche mit dieser Wirklichkeit sich annahernd decken. In dem Menschen
selbst wirken in zwiefacher Weise Mondenwesen und Sonnenwesen
ineinander. Und alles dasjenige, was als Lebensvorgange sich abspielt,
das kann nicht verstanden werden, wenn der Mensch nicht in diesem
zwiespaltigen Zusammenhange mit dem Kosmos aufgefafit wird.
Eine der wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart sollte fur die
heute - wenn sie richtig fuhlt - gequalte Menschheit die Erkenntnis sein:
Wie haben wir doch verloren die alten, im atavistischen Hellsehen der
Menschheit bekannten Begriffe, und wie stehen wir erst im Anfange des
Kopernikanismus, des Galileismus ! - Der alte Agypter, so miifite sich
der Mensch sagen, der kannte den Menschen noch als ein Glied des gan-
zen Kosmos. Aber dieser Kosmos war ihm, diesem Agypter, viel hoher
organisiert als der Mensch selber. Heute blickt der Mensch nach dem
Kosmos hinaus und sieht eine grofie Maschinerie, die er mit seinen ma-
thematischen Formeln berechnet. Die Planeten bewegen sich fur ihn um
die Fixsterne gerade so, wie wenn man berechnen wollte, dafi sich die
Arme und die Beine am Menschen nach mathematischen Gesetzen be-
wegen ! In all dem, was da im Kosmos ist und in das der Mensch ein-
geschlossen ist, in all dem lebt eben Organisation - Seele und Geist. Und
ohne dafi man die Beseeltheit und die Durchgeistigtheit des Kosmos ins
Auge f afit, kann man nichts vom Menschenleben, das in diese Beseeltheit
und in diese Durchgeistigtheit des Kosmos eingefafit ist, verstehen.
So, mochte ich sagen, leben wir in der Mondensphare. Aber mit uns
lebt in dieser Mondensphare alles dasjenige, was luziferisch ist. Und auf
dem Umwege durch unsere Hauptesorganisation, durch unsere Kopfes-
organisation bringt uns gerade das Luziferische dazu, diese Kopfesorga-
nisation erst geeignet zu machen fur das Sonnenhafte unseres Erden-
daseins. Und das Luziferische durchdringt unsere Kopfesorganisation.
Aber es ist dem Irdischen so f remd wie der Mond selbst mit seiner Sphare.
Ebensowenig wie unser Nerven-Sinnesapparat herausorganisiert ist aus
denselben Kraften, aus denen unser Herz, unsere Lunge, unser Magen
herausorganisiert sind, ebensowenig ist herausorganisiert aus unserem
Irdisch-Geistig-Seelischen dasjenige, was in uns luziferische Krafte sind.
Die sind uns eingegossen mit dem Mondenhaften.
Die wenigsten Menschen wissen viel mehr von dem Hereinwirken
dieses Mondenhaften in das irdische Leben, als was ihnen von mond-
beglanzten Zaubernachten, von Liebesnachten, die im Mondenschein
zugebracht werden, die Dichter singen. Man weifi von der Verwandt-
schaft jener Ausflusse der Phantasie mit dem Mondenschein, der in das
Liebesleben, wenn es das hohere Liebesleben, das romantische Liebes-
leben ist, hereinspielt. Aber dies ist nur der schattenhafteste Teil des-
jenigen, was vom Monde kommt. Nicht blofi das Phantasiemafiige, das
sich abspielt zwischen den Liebenden in den mondbeglanzten Zauber-
nachten, spielt von dieser Mondessphare in unser gewohnliches Dasein
hinein, sondern tiefgehende Krafte spielen aus dieser Sphare herein,
Krafte, die sich vom Alltagsleben, von demjenigen, was die Menschen
an die Erde bindet, ablosen, so wie in der Regel vom philistrosen All-
tagsleben sich ablost das Liebesspiel in den mondbeglanzten Zauber-
nachten. Und das aufierste Extrem, das sich auslebt, wie hereinspielend
aus dieser dem Irdischen ganz fremden Sphare, ist die Kraft der Illusion,
die der Mensch entwickeln kann. Wurde nicht diese Kraftesphare des
Mondes in uns hereinspielen, so wiirden wir als Menschen nicht der
Illusion fahig sein.
Dann aber wiirden wir uns auch nicht loslosen konnen von dem
vitalen, von dem organisatorischen Leben unseres Organismus, und
wir wiirden nicht zu jener Helligkeit des Bewufitseins aufsteigen kon-
nen, die uns Menschen notwendig ist. Um uns zu dieser Helligkeit des
Bewufitseins zu erheben, ist es notwendig, dafi wir leben konnen in Vor-
stellungen, die ganz sich loslosen vom Alltagsorganismus. Dann aber miis-
sen wir sie selbst zusammenhalten mit dem Alltagsorganismus. Dann
ist es in unsere Macht gestellt, das, was da durch unser Haupt hin-
durchspielt, mit diesem Alltagsorganismus zusammenzuhalten, nicht
die Illusionen sich losreifien zu lassen von der Wirklichkeit, sondern sie
in der rechten Weise auf die Wirklichkeiten zu beziehen. Damit wir iiber-
haupt in der Welt sirmlichkeitsfreie Begriffe entfalten konnen, miissen
wir auch illusionsfahig sein. Es ist einfach eine Notwendigkeit, dafi der
Mensch illusionsfahig sei. Und diese Illusionsfahigkeit, sie hangt eben
auch zusammen mit seiner Moglichkeit, nicht fortwahrend in Fiebrigkeit
oder in Ohnmacht zu sein, das heifit, zum hellen Bewufitsein aufzu-
steigen. Lafit er dann die Ziigel schiefien, bleibt er also nicht Herr der
Illusion, sondern wird die Illusion Herr iiber ihn, dann ist das nur eine
notwendige Beigabe der Tatsache, dafi wir illusionsfahig sein miissen.
So habe ich Ihnen zunachst von der einen Seite her kosmisch-huma-
nistisch die Illusionsfahigkeit im Menschen aufgezeigt ihrem Ursprunge
nach, habe Sie an eine Stelle der Weltbetrachtung gewiesen, in der zu-
sammenfliefit dasjenige, was wir Naturnotwendigkeit nennen, und
dasjenige, was wir innerliche menschliche Aktivitat nennen, wahrend
beide ftir die gewohnliche heutige mechanistische Betrachtungsweise
auseinanderf alien.
Nun aber die andere Sphare. Sie werden vielleicht bemerkt haben,
dafi ich eine kleine Retusche angebracht habe, und da Sie ja wahrschein-
lich aufierordentlich aufmerksam sind, werden Sie in Ihrem Inneren mir
das als eine Art Vorwurf schon in Gedanken entgegengeschleudert
haben, dafi ich eine Art Retusche angebracht habe. Ich habe namlich
zuerst gesagt: Ineinandergewoben sind die Erden-Sonnensphare und die
Mondensphare. - Nachher habe ich geredet von der Sonnensphare. Ich
habe auch in einem gewissen Sinne Recht gehabt. Denn dasjenige, was
in die Nerven-Sinnesorganisation hereinwirkt, auch von der Erde aus,
ist immer Sonnenwirkung. Selbst die beleuchteten Flachen der Gegen-
stande sind nur das zuriickgeworfene Sonnenlicht. Und so ist alles
dasjenige, was hereinspielt, auch wenn es von der Erde kommt, in-
sofern es in unser bewufites Leben hereinspielt, Sonnenwirkung. Aber
nicht alles. Ich konnte es nur bisher auslassen. Richtig ist es, dafi alles
dasjenige, was Sie zunachst in Ihrem Bewufitsein verarbeiten, mit der
Sonne zusammenhangt. Aber dafi Sie, wenn Sie sich auf die Waage
stellen, ein Gewicht haben, das ist Erdenwirkung. In Wahrheit aber ist
die Sonnensphare, also das, was ich bisher als eine einheitliche Sphare
schildern durfte, wiederum in sich differenziert. Die Erde ist ein gewis-
ser Einschlufi in dieser Erden-Sonnensphare. Und diese Erde, indem sie
eine Art Einschlufi ist in die Erden-Sonnensphare, wirkt in dasjenige
hinein, was uns von der Sonne kommt. Sie lafk uns nicht reines Son-
nenwesen sein. Wiederum raufi man auch, was diesen Punkt betrifft,
den Kosmos nicht blofi als einen Mechanismus ansehen, sondern ihn
in seiner Beseeltheit und Durchgeistigtheit betrachten.
Der Mensch folgt ja, indem er eingespannt ist in die Erden-Sonnen-
sphare, in seinen unterbewufiten Kraften durchaus mehr den eigent-
lichen Erdenkraften. In seinen bewufiten Tatigkeiten folgt er schon
dem, was die Sonne auf die Erde sendet. Aber wenn man untersucht,
was schwer ist, dasjenige, was mit all dem zusammenhangt, wodurch
wir eine gewisse Schwere haben, wenn wir uns auf die Waagschale stel-
len, so ist das nicht blofi eine Gravitation, die Newton beschrieben hat,
sondern das ist zu gleicher Zeit alles dasjenige, was wir als hereinspie-
lend erleben in unser moralisches Leben. Bei der Sonne ist es wirklich so,
wie der Dichter sagt: Sie scheint den Guten wie den Bosen. Ihr ist es
gleichgiiltig. Untersucht man aber geisteswissenschaftlich die Erde, dann
findet man: Ihr ist es nicht gleichgiiltig, sondern diese Erde ist der Aus-
druck gewisser Krafte, die sich herausheben wollen aus unserem gesam-
ten Planetensystem. Wie der Mond sich hereingeschlichen hat, so mochte
sich die Erde «driicken». Sie mochte heraus, sie mochte selbstandig wer-
den. Wir Menschen hatten etwas ganz Bestimmtes nicht, wenn wir nicht
unter dem Einflufi dieser selbstandig werden wollenden Erdenkrafte
lebten: Wir hatten das Selbstandigkeitsgefiihl nicht. Konnten Sie, ohne
durch die Erdenschwere niedergezogen zu werden, mit den Elementen
sausen, Sie kamen nie zur Selbstandigkeit. Nur dadurch, dafi Sie stets
von der Erde angezogen werden - wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen
darf, aber als den Ausdruck einer Tatsache, nicht einer Theorie -, da-
durch entwickelt sich die Selbstandigkeit. Und dazu ist dieser Erden-
einschlufi in die Erden-Sonnensphare da, dafi er uns die Selbstandig-
keit gebe.
Sie konnen nun wieder einen Einwand machen, den Sie ja wahr-
scheinlich im Gemiite schon gemacht haben: Ist es bei den Tieren nicht
ebenso?! - Nein, da ist es nicht ebenso. Derm das tierische Haupt hangt
an einem horizontalen Riickgrat; das menschliche Haupt sitzt mit seiner
ganzen Schwere auf dem ubrigen Organismus. Das macht den Unter-
schied. Das macht es, dafi der Mensch dieses Selbstandigkeitsgefiihl
hat, dafi der Mensch in ganz anderer Weise eingespannt ist in die Er-
den- und in die Sonnenkrafte als das Tier.
Solchen Fragen, wie sie uns hier beschaftigen, kann man nur nahe-
kommen, wenn man gewissermafien in Alternative fragt: Was wiirde
aus uns Menschen, wenn wir nur dem Erdeneinflusse, vom Monden-
einflusse abgesehen, iiberlassen waren?! - Was wiirde aus uns Menschen,
wenn wir Menschen nur dem Sonneneinflufi iiberlassen waren?! - Wenn
wir Menschen nur dem Sonneneinflufi iiberlassen waren, wiirden wir
eine Art Engel sein, aber dumm. Nicht, dafi ich sagen will, die Engel
seien dumm. Die Engel sind schon gescheit; aber wir waren eine Art
Engel, jedoch nicht gescheit wie die Engel, sondern dumm. Denn uns
fehlte das Selbstandigkeitsgefuhl. Wir waren nur Glieder in der Or-
ganisation des Kosmos. Dafi wir selbstandig sind, das verdanken wir
dem Erdendasein. Wenn wir aber nur unter dem Einflufi des Erden-
daseins waren, wenn die Sonne nicht auf uns wirkte, was waren wir
dann?! - Bestien, Raubtiere, Wesen, welche die wildesten Instinkte
entwickeln.
Hier haben Sie einen der Punkte, an dem Sie wirklich tief hinein-
schauen konnen in die Konstitution des Weltenalls, deshalb tief hinein-
schauen konnen, weil Sie sich sagen miissen: Das, was im Weltenall
wirkt, kann nicht blofi von einer Seite her wirken. Denn wiirde es von
einer Seite her wirken, so wiirde es eben ein radikales Extrem darstellen
miissen. Waren wir nur unter Erdeneinflufi, so wiirde dieser Erden-
Tafel2 einflufi in uns die wildesten Instinkte entwickeln. Auflodern wiirden
itte, rot unsere wil^en Instinktflammen. Wiirde er aber nicht wirken, der Erden-
einflufi, so wiirden wir nie selbstandige Wesen werden. Er mufi da sein,
sonst wiirden wir nie selbstandige Wesen werden. Wir miissen die
Moglichkeit haben, wilde Tiere zu sein, damit wir selbstandige Wesen
Tafd2 werden konnen. Damit wir aber nicht wilde Tiere werden, mufi ent-
ePfeUe gggenwirken d e m Erdeneinflufi der Sonneneinflufi, mufi ihn paraly-
sieren. Das geschieht. Und indem es so geschieht, blicken Sie durch auf
den Ursprung des Bosen. Er ist einfach damit gegeben, dafi wir ins Er-
dendasein eingespannt sind. So dafi wir in der Tat auf der einen Seite
einem radikalen Extrem ausgesetzt sind, dem Erdenextrem, welches,
wenn es allein auf uns wirken wiirde, uns zu bosen Wesen machen
wiirde, uns nur mit Illusionen anfiillen wiirde.
In beides hinein wirkt vom Kosmos her das Sonnenhafte. Das Son-
nenhafte macht moglich, dafi wir uns so entwickeln, dafi wir nicht dem
Illusionaren verfallen. Und das Sonnenhafte macht mogHch, dafi wir
uns so entwickeln, dafi wir nicht dem Bosen verfallen. Unter der Illusion
liegt die Moglichkeit, intelligente Menschen zu werden. Ware alles das-
jenige nicht da, was uns illusionsfahig macht, wir wiirden niemals in-
telligente Menschen werden. Kosmisch ausgedriickt: Waren wir nicht
Geschopfe des Mondes, wir waren auf der einen Seite nicht illusions-
fahige Menschen, auf der andern Seite nicht intelligenzfahige Menschen.
Waren wir nicht der Erde unterworfen und ihren Kraften, wir waren
auf der einen Seite nicht der Moglichkeit des Bosen ausgesetzt; aber wir
waren zu gleicher Zeit verurteilt, keine Selbstandigkeit im Leben zu
entwickeln.
Sie sehen, wie der Mensch die Moglichkeit haben mufi, damit er in-
telligent sei, Illusionen zu haben. Er hatte durch lange Zeiten Illusionen.
Darin kam sein Wille, der erst im Laufe der Zeit in seine Seelenkonstitu-
tion hineingeboren wurde, und er konnte die Illusion zum Ausflusse
seines eigenen Wesens machen, er konnte ein Liigner werden. Denn die
Luge ist, objektiv, vom Menschen abgesehen, dasselbe wie die Illusion.
Nur dafi dasjenige, was der Wirklichkeit nicht entspricht, bei der Luge
willkurlich vom Menschen in Gegensatz gegen die Wirklichkeit ge-
stellt wird.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:19 6
Seite: 3 4
So ist dasjenige, was von der Mondensphare hereinwirkt in den Men-
schen, gleichzeitig der Schopfer, das Schopferwesen seiner Intelligenz,
gleichzeitig das Schopferwesen seiner Lugenhaftigkeit. In alten Zeiten
hat man so etwas eingesehen und hat Sprichworte aus Wahrheiten ge-
formt. Wir Deutschen, wenn wir den Mond so sehen: 3) , sagen, man Tafel 1
kann ihn erganzen zu einem § - der Mond nimmt zu. - Wenn wir den
Mond so sehen: <[ , sagen wir, man kann ihn erganzen zu einem a - der
Mond nimmt ab. - Wenn Sie schon ins Franzosische zuriickgehen, also
in die Nachwirkung der romanischen Sprache, da miissen Sie zu dem
abnehmenden Mond sagen: La lune decroit, - von decroitre. Da sagt der
Mond nicht selber das, wie er sich benimmt; er sagt das Gegenteil. Dieser
Mond hat namlich erst fur die Deutschen angefangen, die Wahrheit zu
sagen. Daher das lateinische Sprichwort: Der Mond ist ein Liigner. -
Aber dieses Sprichwort hat auch seine esoterische Seite; denn die Krafte,
die vom Monde kommen, sind zu gleicher Zeit die Krafte des mensch-
lichen Liigenwesens, und das Sprichwort: Der Mond ist ein Liigner - hat
einen sehr, sehr tiefen Hintergrund, wie Sie jetzt gesehen haben. Nur als
die Zivilisation iiber das 15. Jahrhundert heraufgekommen ist, da hat
nun dieser Mond angefangen, in bezug auf sein Aufteres fur gewisse
Sprachen die Wahrheit zu sagen, wie der Materialismus uberhaupt in
bezug auf sein Aufieres die Wahrheit sagt. Aber mit Bezug auf sein
Inneres ist der Mond jetzt erst recht ein Liigner.
Ich sage Ihnen das blofi fur die Mnemotechnik, so dafi Sie sich erin-
nern dieser tiefeinschneidenden, kosmisch-menschlichen Wahrheit. Und
sehen Sie, das Beste, was wir Menschen haben, die Selbstandigkeit, hangt
innerlich zusammen mit dem Bosen. Das Beste, was wir Menschen
haben, die Intelligenz, hangt innerlich zusammen mit der Illusions-
fahigkeit, mit der Moglichkeit des Irrtums. Und wir Menschen miissen
auch entwickelungsfahig sein. Wir miissen die Moglichkeit haben, nicht
stehenzubleiben. Entwickelungsfahig konnten wir nicht sein, wenn wir
nicht aufgerufen wiirden, Neues zu bilden auf Grundlage des Zerstor-
ten. Das heifk, wir miissen in uns Krankheit und Todesmoglichkeit
tragen, damit wir in uns entwickeln konnen die fortbildenden Krafte.
Diese aufierordentlich wichtigen Wahrheiten haben die Weltanschau-
ungen der letzten Jahrhunderte vollstandig zugedeckt, vollstandig be-
graben. Denn Wissenschaft nennt man ja heme, wenn sie sich auf etwas
anderes erstreckt als Mathematik und Mechanik, nur dasjenige, was auf
der Erde vorgeht. Von aufierhalb der Erde wirken nur mathematisch
und mechanisch ergreifbare Gesetze herein. Die Menschheit wird erst
wiederum verstehen miissen, dafi ganz andere Krafte wirken in diesem
Weltenraum, in dem der Mond seine Wege geht, in dem die Sterne ihre
Wege gehen, als blofi von mechanisch-mathematisch berechenbaren
Antrieben beherrschte Wege. Und wenn Sie bedenken, dafi eigentlich
das Alleralltaglichste in uns eine Wirkung des Kosmos ist, dafi das
Alleralltaglichste nicht verstanden werden kann, ohne dafi sich der
Mensch betrachtet als eine Wirkung des Kosmos, wie wollen Sie denn
dann fruchtbare Gedanken hineingiefien in dasjenige, was als Welt-
anschauung das menschliche Leben durchdringen soli?! Der Mensch
ist heute weltverlassen. Er ahnt nichts von seinem Zusammenhange
mit der Welt. Und er mochte sich ein soziales Dasein begriinden und
weifi nicht einmal, mit wem, weil er keine Ahnung hat, was er ist.
Ja, ehe nicht die Fragen in die Menschenseelen einziehen: Wie wenig
wissen wir unter dem Einflufi der letzten Jahrhunderte von der Welt,
wieviel haben wir notig zu wissen?! - eher kommt auch in alle sozialen
Bestrebungen kein Heil hinein. Wo es geht, Mechanisch-Mathematisches
irgendwo zu sagen, da lassen sich die Menschen der Gegenwart noch
herbei, Zusammenhange zu konstruieren. Sie wissen, mit den Perioden
der Sonnenflecken wird allerlei in Zusammenhang gebracht, Seuchen
und dergleichen auf der Erde. Es gibt so einzelne Stellen, in denen die
Menschen das Erdendasein wiederum an die Ereignisse des Kosmos an-
kniipfen mochten. Dafi alles, was sich abspielt im Erdendasein, ein
Ergebnis des Kosmos ist, das mochten die Menschen heute leugnen,
daran mochten sie nicht denken. Verstanden werden konnen die Din-
ge, die sich auf der Erde unter Menschen abspielen, niemals, wenn sie
nicht kosmisch verstanden werden. Und niemals kann der Mensch
wirksame Ideen fur die Erdenarbeit finden, wenn er diese wirksamen
Ideen nicht durchtrankt von dem Bewufitsein seiner Zusammengeho-
rigkeit mit dem Kosmos.
Man hat heute ein bitteres Gefiihl, wenn man sich nur historisch an-
schaut, was sich eigentlich abspielt. Wenn Sie hier eine Wand haben, da
allerlei Schattenfiguren iiber die Wand hinhuschen sehen, so werden
Sie nachforschen, woher diese Schattenfiguren kommen. Wenn Sie iiber
die Erdenoberflache die Ereignisse der letzten funf bis sechs Jahre ziehen
sehen, forschen Sie nicht nach, trotzdem das auch nur die Projektionen,
die Schatten sind von dem, was im ganzen Kosmos vor sich geht. Und
die grofien Fragen, die sich heute abspielen zwischen den verschiedenen
Gebieten der Erde, konnen nur verstanden werden, wenn das Verstand-
nis durchdrungen wird von kosmischer Idealitat.
Ich habe heute einen Artikel gelesen, worin geredet wird von der
Hoffnung, dafi die Staatsmannschaft Grofibritanniens die richtigen Im-
pulse finden werde, um Ordnung zu schaffen zwischen dem, was in Rut-
land vor sich geht, und dem, was in den Westlandern vor sich geht. Da
will man so etwas ausbauen in der Mitte, in dem zugrunde gerichteten
Deutschland. - Diese Hoffnungen werden sich nicht erfullen; denn al-
les, was aus solchem Geiste heraus spricht, was wartet auf die Erkennt-
nisse derjenigen, die aus dem Alten heraus schaffen, das fuhrt zu nichts.
Fruchtbar fur die Zukunft ist heute allein dasjenige, das aus ganz
Neuem heraus schafft. Erst wenn die Menschheit aufwacht, um solches
einzusehen, dann wird der Beginn des Heiles fur viele Schaden in der
Menschheitsentwickelung sein.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 11. Januar 1920
Was ich gestern hier vorgetragen habe, ist scheinbar etwas sehr Ent-
legenes. Dennoch, wer sich wirklich Vorstellungen machen will iiber
das in unserer Zeit geistig und sozial Notwendige, der mufi sich auch
bekanntmachen mit solchen Vorstellungen. Es mufi unser Denken und
Empfinden, unser ganzes Menschenwesen durchdrungen werden von
Gefiihlen, die aus solchen Vorstellungen herruhren. Ich will kurz zu-
sammenfassend das noch einmal sagen, was gewissermafien gestern den
Hauptklang der Auseinandersetzungen bildete. Es ist dasjenige, was
uns ja von andern Gesichtspunkten aus mehr abstrakt schon bekannt
war, dafi der Mensch im wesentlichen eine zweifache Organisation hat;
wir konnten auch sagen eine dreifache, aber wir wollen das dritte, das
mittlere Glied heute weniger noch beriicksichtigen.
Zunachst liegt vor seine Hauptesorganisation, seine Nerven-Sinnes-
organisation, und dann liegt vor die Organisation des iibrigen Men-
schen. Fur die nach Bequemlichkeit drangenden Gedanken der Gegen-
wart ist eine solche Sache deshalb schwer einzusehen, weil die Menschen
heute alles hiibsch, fast raumlich, abgeteilt wissen mochten. Wenn man
spricht von Hauptesorganisation und von der Organisation des iibrigen
Menschen, dann stellen sich die Leute am liebsten vor: das Haupt bis
hier zum Hals und dann der iibrige Mensch. So sind die Dinge natiirlich
nicht gemeint, sondern es handelt sich darum, dafi in einer gewissen Be-
ziehung wiederum der ganze Mensch Haupt ist, nur kommt das Haupt-
sein, das Kopfsein, am Kopfe am deutHchsten zum Ausdrucke. Und
der ganze Mensch ist auch Rumpf- und Gliedmafienmensch, nur kommt
das Rumpf- und Gliedmafiensein eben am Rumpf und an den Glied-
mafien am deutHchsten zum Vorschein. Die Sinne sind gewissermafien
iiber den ganzen Menschen verteilt; aber insofern sie iiber den ganzen
Menschen verteilt sind, rechnen wir sie zur Hauptesorganisation, weil
diejenigen Sinne, die im Haupte lokalisiert sind, die am weitesten
fortgeschrittenen Sinne sind.
Sie werden aus diesen Andeutungen verstehen, wie ich die angefiihrte
Gliederung des Menschen eigentlich meine. Nun aber haben wir gesehen,
dafi nicht nur eine aus inneren Kraften und Vorgangen im Menschen
herkommende Notwendigkeit zu dieser Gliederung vorliegt, sondern
dafi tatsachlich der Mensch in einer andern Weise dem Kosmos einge-
ordnet ist als Kopfesmensch und in einer andern Weise dem Kosmos
eingegliedert ist als Rumpf- und Gliedmafienmensch. Unser Haupt ist
gewissermafien das am weitesten Fortgeschrittene; aber es gehdrt eigent-
lich - und das zeigt nicht nur die okkulte Erkenntnis, sondern das zeigt
auch die wirklich vernunftig betrachtete Embryologie - unsere Hauptes-
organisation nicht der irdischen und Sonnensphare an, sondern der
Mondensphare. Die Krafte, die in unserer Hauptesorganisation inner-
lich tatig sind, das sind Mondenkrafte. Und in unserer ubrigen Organi-
sation sind die Erden- und Sonnenkrafte tatig.
Mit dieser Wesenheit des Menschen hangt die ganze Erdenentwicke-
lung der Menschheit zusammen. Und jetzt ist ein Zeitpunkt gekommen,
in dem eingesehen werden mufi, wie ein Schritt nach vorwarts zu tun
ist, der davon abhangt, wie wir in die Lage kommen, unsere Mensch-
heitsorganisation in Tatigkeit zu versetzen. In der menschlichen Erden-
entwickelung liegt ja zunachst vor allem dasjenige, was sich abgespielt
hat im menschlichen Geistes- und Seelenleben, sagen wir bis zu dem
Mysterium von Golgatha. Das ist der grofie Einschnitt in die ganze
menschliche Erdenentwickelung. Und wenn man von alledem aus-
nimmt, was sich bis zum Mysterium von Golgatha entwickelt hat, die
althebraische, die altjiidische Entwickelung, so kann man sagen: Das
jenige, was sich bis dahin entwickelt hat, tragt einen durchaus einheit-
lichen Charakter,
Die alte heidnische Kultur, die in der verschiedensten Weise, wie ich
es geschildert habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», von den
Mysterien des Altertums ausgeht, tragt in einer gewissen Beziehung
einen einheitlichen Charakter. Welches ist dieser einheitliche Charakter ?
Dieser einheitliche Charakter besteht darin, dafi eine Urweisheit der
Menschheit vorliegt, dafi tatsachlich eine Uroffenbarung iiber die ganze
Erde hin stattgefunden hat. Diese Uroffenbarung, warum konnte sie
denn stattfinden ? Sie konnte stattfinden aus dem Grunde, weil in den
alten Zeiten der Erdenentwickelung das menschliche Haupt, der mensch-
liche Kopf, wenn ich so sagen darf, noch nicht so weit vorgeschritten
war, wie er es in unserer Zeit ist oder wie er es auch zur Zeit des My-
steriums von Golgatha schon war. Er war in dem Sinne, wie ich Ihnen
das gestern auseinandergesetzt habe, noch lebendig. Er war noch erfiillt
von der Moglichkeit, Traume zu haben, die nicht mit dem zusammen-
hingen, was allein die Erdenerfahrung und das Erdenerlebnis gibt. Er
war in der Lage, in sich wieder hervorzurufen, was der Mensch in alten
Traumerlebnissen - also bei einem herabgedammerten Bewufitsein
gegenuber dem unsrigen - zur alten Mondenzeit hatte.
Das alles wurde beniitzt von den Offenbarern der alten Zeiten, um
die Menschheit gewissermafien hinzuleiten zu dem Punkte der Ent-
wickelung, an dem sie sein sollte beim Einbruche des Mysteriums von
Golgatha. Das, was da geoffenbart wurde und von der Menschheit
durch die Ihnen eben charakterisierte Organisation hat empfangen wer-
den konnen, das war so, dafi gegenuber dem, was die heutige Mensch-
heit weifi, ein umfassendes Weisheitsgut in Urzeiten da war, das immer
mehr und mehr abnahm. Wir wiirden heute nicht zufrieden sein mit
diesem Weisheitsgut, derm es war vielfach eben nur so, daS es zum In-
halt hatte alte atavistische Hellseher-Traumvorstellungen. Wir wollen
heute richtige, klare Vorstellungen haben, aber wir sind in diesen lich-
ten, klaren Vorstellungen eben noch nicht sehr weit.
Eine alte Weisheit war uber die Menschheit hin ergossen. Aus dieser
Weisheit wurde vieles gesagt uber die Wesen, die die Natur beherrschen,
uber die Krafte, die die Natur beherrschen, aber sehr wenig von dem
Menschen selbst. Der Mensch war ja noch nicht zu seinem irdischen _
Bewufitsein gekommen. Er war gewissermafien noch ganz geleitet am
Gangelbande hoherer Machte. Er konnte weise werden, aber das Selbst-
bewufitsein, das leuchtete noch nicht auf. Der apollinische Spruch: «Er-
kenne dich selbst» ist wie eine Sehnsucht in die Menschheit hinein-
gestellt, wie etwas, was von den hihrenden Geistern Griechenlands in
die Zukunft hineingerufen worden ist. Eine Weisheit war da, welche
von der Natur, allerdings auch von der Natur des Kosmos handelte.
In dieses Leben der Menschheit wurde hineingestellt die alte hebraische
Offenbarung. Wenn Sie sich die alte hebraische Offenbarung vor die
Seele riicken, so hat sie eine gewisse Eigentumlichkeit. Sie unterscheidet
sich ganz und gar von den heidnischen Weisheitsoffenbarungen, die um
sie herum sich ausbreiteten. Sie verschmahte es gewissermafien, die Weis-
heiten iiber die Natur und das Weltenall in sich zu enthalten. Sie ent-
hielt im Grunde genommen iiber die Natur und das Weltenall nur das
eine: Gott hat sie erschaffen mit dem Menschen, und der Mensch hat
in der Welt dem Gotte zu dienen. Die ganze althebraische Offenbarung
ist auf das Ziel hin abgestellt, dem Menschen zu zeigen, wie er seinem
Jahve-Gotte dienen konne. An was wird denn in dieser althebraischen
Offenbarung appelliert ? - Dasjenige, woran nicht appelliert wird, das
hat die alte heidnische Offenbarung: die Hauptesorganisation, die noch
in sich hervorrufen konnte Erinnerungen an die alte Mondenzeit. An
die konnte bei der hebraischen Offenbarung nicht appelliert werden.
Es mufite an die iibrige Organisation des Menschen appelliert werden.
Aber erinnern Sie sich, was ich gestern gesagt habe: Diese iibrige Organi-
sation des Menschen kann gerade verstehen und aufnehmen, weil sie
sonnenhaft ist, das, was vom Monde kommt. Was vom Monde kommt,
ist dasjenige, was im Extrem zu den Illusionen fiihrt, zu dem fuhrt,
was im Innern des Menschen sich offenbaren kann. Das aber ist der
Inhalt der althebraischen Offenbarung. Es ist zunachst ganz vom Men-
schen nur gehandelt. Der Mensch steht in dieser althebraischen Offen-
barung ganz im Mittelpunkt.
Aber man war in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha noch
nicht durchgedrungen zur Selbsterfassung, zur Selbsterkenntnis des
Menschen. Man mufite einen Weg suchen, der eigentlich ein Umweg war.
Und der ging iiber das jiidische Volkstum. Daher ist die jiidische Reli-
gion zunachst nicht eine Menschheitsreligion. Sie wendet sich nicht an
den einzelnen Menschen, sondern an das ganze hebraische Volk. Sie ist
eine Volksreligion. Sie redet von dem Menschen, aber nur auf dem
Umwege durch das Volk.
Diese zwei Dinge waren da, als das Mysterium von Golgatha in die
Erdenentwickelung eingriff: Verglimmende altheidnische Weltenweis-
heit und Menschheitsbewufitsein in Form von Volksbewufksein. Da
hinein wurde gestellt das Mysterium von Golgatha. Man konnte es nur
begreifen mit dem, was da war. Man mufi unterscheiden die Tatsache
des Mysteriums von den Mitteln, es aufzufassen, es zu empfinden. Die
Heiden konnten es nur begreifen mit den Resten ihrer Weltenweisheit.
Die Juden konnten es nur begreifen mit dem, was geoffenbart war. Und
so wurde es auch zunachst begriffen. Der Rest der alten Weisheit zeigte
sich in der gnostischen Auffassung des Ereignisses von Goigatha. Das-
jenige, was der jiidischen Offenbarung zu verdanken war, das wurde
immer mehr und mehr der Inhalt des katholischen Erfassens, des ro-
misch-katholischen Erfassens des Mysteriums von Goigatha. Und es
mufite nun, um iiberhaupt etwas vom Mysterium von Goigatha zu
erfassen, der Umweg gemacht werden durch diese zwei Weltenstro-
mungen.
Dabei zeigte sich allerdings folgendes. Der alten heidnischen Weisheit
ging, weil sie eine vergHmmende war, weil ihr Ursprung weit zuriick-
lag, immer mehr und mehr die Fahigkeit verloren, von den Menschen
begriffen zu werden. Die Menschen wurden viel zu bequem, die in gno-
stischer Form auftretende Weisheit iiber das Mysterium von Goigatha
weiter fortzupflanzen. Nur ganz diinne Reste des alten heidnischen
Weltbegreifens blieben zuriick. Das ist die eine Stromung.
Frischer, intensiver war die judische Verkundigung. Aber sie hatte
keine Weltenweisheit. Sie sprach nur vom Menschen und von Geboten
an den Menschen. Sie stellte ganz den Menschen in den Mittelpunkt der
Weltanschauung. Sie pflanzte sich fort in den Kirchen des Abendlandes.
Die letzten Reste der heidnischen Weisheit, deren Ursprung man nicht
mehr erkannte, blieben zuriick als Begriffe fur dasjenige, was nun
naturwissenschaftHche Erfahrung ist. Mit den letzten Resten alter heid-
nischer Weisheit begriffen Galilei, Giordano Bruno, Kopernikus das-
jenige, was an neuen Weltenerfahrungen vorHegt. Kein Wunder, dafi
dies allmahUch etwas sehr Unbefriedigendes werden mufite. Man hatte
ja nur die letzten abstrakten Reste der altheidnischen Weisheit anzu-
wenden gewufit auf dasjenige, was man durch die neuen Mittel der
Naturwissenschaft bekam. Und von dem, was man iiber den Menschen
wufite aus der jiidischen Offenbarung, fand sich keine Briicke hiniiber
zu dieser Weisheit. Und so ging das fort, und so lebte es sich fort bis
in unsere Tage herein. Wir haben auf der einen Seite eine Wissenschaft,
die nur mit den allerletzten Brockenresten der alten heidnischen Weis-
heit arbeitet und die von sich aus keine Mittel findet, den Menschen
zu begreifen, die deshalb im 19. Jahrhundert darin gipfelte, auf das
Begreifen des eigentlichen Menschen zu verzichten und nur das zu be-
greifen, was sich scheinbar ergibt, wenn man den Menschen als die letzte
Konsequenz der tierischen Reihe ansieht. Nicht den Menschen begrei-
fen, sondern das hochste Tier begreifen und das den Menschen nennen,
das wurde das Ideal dieser mit den letzten Brocken des Heidnischen
arbeitenden Wissenschaft.
Dasjenige, was sich anschlofi an die judische Offenbarung, das verlor
allmahlich die Moglichkeiten, von dem aus, was es iiber den Menschen
zu sagen hatte, irgend etwas iiber die Natur zu sagen. Versuchen Sie
einmal die Theologie, wie sie sich entwickelt hat, durchzunehmen, ob
darin irgend etwas sich findet, was heute eine fur das Zeitbewufksein
befriedigende Erklarung auch nur der einfachsten Naturvorgange geben
konnte. Gewifi, moralische Betrachtungen konnen angekniipft werden
aus dieser Tradition heraus an die Naturvorgange. Aber mit der mora-
lischen Betrachtung, dafi Gott ein Erdbeben von Messina habe kommen
lassen, um die Menschen zu bestrafen, ist das heutige Zeitbewufitsein
nicht zufrieden, und die Briicke heriiberzuschlagen von dem, was die
Gotter arbeiten, bis zu dem, was in der Natur sich ereignet und aus-
bricht, ist die Theologie allmahlich unfahig geworden. Sie ist daher in
vieler Beziehung Phrase, wahrend unsere Naturwissenschaft in gran-
dioser Weise Material iiber Material vor sich hat, das unendliche Ge-
heimnisse einschliefit, aber nichts damit anzufangen weifi, weil ihr die
Begriffe fehlen, um die Dinge miteinander zu verbinden. Unter diesem
Zwiespalt entwickelte sich das ganze neuere Bewufttsein, entwickelte
sich so etwas wie zum Beispiel der Agnostizismus, dem es das Kenn-
zeichen eines erleuchteten Geistes wurde, wenn er sich sagen konnte:
Der Mensch ist aufierstande, iiber das Wesen der Dinge etwas zu wissen.
Er ist einfach nicht darauf hinorganisiert, iiber das Wesen der Dinge
etwas zu wissen.
Gegen eine solche Anschauung mufi dasjenige, was in den Menschen
tief als Sehnsucht vorhanden ist, ankampfen. Es kampft an in dem, was
der Mensch wissen will iiber die Welt, es kampft an in der aufieren
sozialen Ordnung. Und einsehen wird man miissen, wie wekergekom-
men werden mufi, weil wir in gewissen Dingen mit unseren Vorstellun-
gen, mit unseren Ideen noch in weitaus alten Zeiten stehen. Was hat
denn die jiidische Offenbarung aus sich hervorgetrieben? Das Kenn-
zeichnendste von dem, was sie hervorgetrieben hat, das ist die national-
jiidische Politik. Diese nationaljiidische Politik, nachdem sie ihren Ein-
flufi ausgeubt hat auf das Romanentum, hat ihren Weg genommen bis in
die neueste Zeit herein. Und die betrachtlichsten Volker der Gegenwart,
was streben sie denn an auf dem politischen Felde ? - Nationale Politik
zu treiben ! Das aber ist althebraische Politik. Wir sind mit Bezug auf
unser offentliches Leben noch nicht bis zum Christentum vorgedrun-
gen. Wir stehen noch im Alten Testamente. Und die Gegenwart hat die
Aufgabe, im Gebiete des offentlichen Lebens bis zum Christentum
vorzudringen. Sie wird nicht vordringen, wenn sie nicht auf der andern
Seite unterstiitzt wird durch das wissenschaftliche Vordringen zum
Christentum. Dazu ist aber notwendig, daft man den Menschen wirk-
lich kennenlernt.
Nehmen Sie - der Art der Betrachtung nach - meine «Geheimwissen-
schaft»; da wird viel iiber kosmische Entwickelung gesprochen, iiber Sa-
turn-, Sonnen-, Mond-, Erdenentwickelung und so weiter, dafi denjeni-
gen Menschen, die heute die «ganz gescheiten» sind, entweder angst und
bange wird oder sie zu einem Lacheln oder zum Arger veranlafit wer-
den. Wenn Sie genauer ansehen, was da in meiner «Geheimwissenschaft»
stent, so werden Sie finden: Was da als Welterkenntnis gegeben ist, das
ist zugleich Menschenerkenntnis. Denn eigentlich ist in der ganzen Welt-
erkenntnis iiberall der Mensch drinnen. Was vom Menschen zur Satura-
zeit veranlagt, dann weiter ausgebildet worden ist, wie die andern
Wesen sich angegliedert haben, das ist betrachtet. Sie konnen da gar
nicht Welterkenntnis und Menschenerkenntnis auseinanderhalten.
Das ist aber in der Gegenwart vom Wissensgebiete aus eine christliche
Forderung. Ebenso ist es vom sozialen Gebiete aus eine christliche For-
derung, daft wir von alien andern menschlichen Zusammenhangen ab-
sehen lernen und abzielen lernen lediglich auf den Menschen selbst. Vom
Standpunkt der Phrase wird iiber diese Dinge schon seit langem phan-
tasiert, vom Standpunkt der Wirklichkeit aus noch wenig. Denn vom
Standpunkt der Wirklichkeit aus existieren noch immer als iiberwalti-
gende Krafte im politischen Leben der Welt die nationalen Zusammen-
hange, in denen der Mensch zum grofien Teil heute vollstandig unter-
geht. Dasjenige, was an die Stelle dieser nationalen Zusammenhange
treten mu£, ist ein Verhaltnis, gebaut auf die Empfindung dessen, was
der Mensch ist, von Mensch zu Mensch uber die ganze zivilisierte Erde
hin. Aber um ein solches Verhaltnis zu begriinden, dazu gehort eine
gewisse innere Kraft des Geistes, eine gewisse innere Kraft der mensch-
lichen Seele. Und wenn wir uns fragen: Ist denn der Mensch eigentlich
in dem sogenannten gesegneten 19. Jahrhundert seelisch starker gewor-
den? - so findet man, wo immer man herumzusehen vermag, wenn
man aufrichtig und ehrlich ist, iiberall: in bezug auf die Intensitat der
Begriffe und Ideale ist der Mensch nicht starker, sondern schwacher ge-
worden. Diejenigen, die mich kennen, werden wissen, wie so etwas
gemeint ist.
Ich darf hier eine personliche Bemerkung einschalten. Es ist jetzt
Jahrzehnte her, da war ich in Wien in einem Gesprache mit einem Mann,
der seither sich als Historiker einen grofien Namen gemacht hat. Wir
sprachen iiber die deutsche Entwickelung. Der Mann war der abstrak-
ten Anschauung, die er damals so aufierte: Nun ja, diese deutsche Ent-
wickelung, die ist da und die geht halt in der Art weiter, wie sie da
ist. - Ich sagte: Das ist eine Abstraktion, das ist nicht etwas, was aus der
Wirklichkeit heraus geholt ist. Das kommt mir etwa so vor, wie wenn
jemand sagt: Hier ist eine Pflanze, sie hat schon Frucht getrieben, nun
werden wieder neue Bliiten kommen, dann wieder Fruchte, dann wie-
der Bliiten, und das wachst so immer weiter. - Wenn bei der Pflanze
die Bliiten- und Fruchtbildung erreicht ist, kann man nicht sagen: Das
geht so weiter, wie es da ist. - Es kann ja allerdings aus dem Samen, der
von der Bliite entstand, etwas Neues, eine neue Pflanze entstehen; aber
man darf sich nicht vorstellen, dafi aus der Bliite die alte Pflanze in einer
neuen Gestalt wieder heraustritt und das sich so fortsetzt, wie es da
war. Ich sagte: Dasjenige, was die Substanz, die Essenz des deutschen
Wesens ist, hat seine Bliite und Frucht erreicht zur Goethe-, Schiller-,
Herder-, Hegel-Zeit. Das ist ein Hohepunkt. Das kann nicht einfach
fortgesetzt werden. Seither stehen wir in der Dekadenz, seither sind
wir in absteigender Bewegung. - Ich aufierte damals diese Ideen. Ver-
standnis, wie Sie sich denken konnen, fand ich wenig; denn man war
schon eingetreten in die Zeit, wo solche Ideen zu intensiv waren, als dafi
sie die menschliche Seele hatten ergreifen konnen, und ich mufite den-
ken, wie es ganz anders war noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.
Da gab es zum Beispiel innerhalb der deutschen Entwickelung einen
Mann, der eine Literaturgeschichte geschrieben hat, Gervinus. Man
kann viel gegen ihn haben; in dem ganzen Schreiben dieser Literatur-
geschichte liegt ein ungeheurer Radikalismus. Sie schliefit namlich mit
dem Tode Goethes ab, und sie bestreitet den nachfolgenden Geschlech-
tern, im alten Stil immer weiter und weiter zu dichten, so, wie wenn
neue Bliiten herauswuchsen aus den Blattern der Pflanze. Damals
war man noch radikal genug, zu sagen: Mit Goethe ist es aus; wollt
ihr weiter euch entwickehi, so miifit ihr nach neuen Ansatzen su-
chen! - Die konnte Gervinus nicht geben; aber er schlofi das Alte ab,
er machte einen Strich darunter.
Gewifi, es ist ja seit jener Zeit manches Schone auch gedichtet worden
in der deutschen Sprache, aber es ist Epigonentum. Es fliefit darin nicht
die Essenz, die in Herder, Goethe, Schiller fliefk, nicht die philosophische
Essenz, die Hegel-Schelling-Essenz, die Fichte-Essenz. Einzigund allein,
dafi Hamerling im Punkte seiner Reife einen neuen Ton hineingebracht
hat in seinem «Homunculus», der aber eine Satire geworden ist.
Die Forderungen standen schon dazumal vor der Ture, ein Neues zu
ergreifen, wirklichen Sinn zu entwickeln fur einen neuen Ansatz der
ganzen neuen Zivilisation. Dieser Ruf nach einem neuen Ansatz, der
sollte heute durch die ganze Welt gehen. Denn nur von da aus ist einiges
Heil fur die zukiinftige Entwickelung der Menschheit zu erhoffen. Aus-
geloscht miifite werden alles dasjenige, was nicht ankniipft an die Emp-
findung des einzelnen Menschen. Ein aufieres Zeichen dafiir konnen Sie
daraus ersehen, wie krampfhaft alte Vorstellungen heute wieder hervor-
gezogen werden. Um doch etwas zu sagen in der Gegenwart, werden
alte Vorstellungen hervorgezogen. Bei einem der gegenwartig fiihren-
den Geister Mitteleuropas findet man eine so recht aus diesem dekaden-
ten Zeitbewufitsein heraus gesprochene Anschauung, die zeigt, woran
sich die Menschheit heute nicht halten kann. Dieser Mann fragt: Wie
kommen wir denn wiederum zu einem sittlichen Leben ? - Er sieht ein,
in den letzten fiinf Jahren hat sich die Abgebrauchtheit der alten Moral
gezeigt, die Luge hat ihren Siegeszug durch alle Volker gehalten. Die
althebraische Jahve-Politik hat so sehr alle Volker ergriffen, da& man
glauben mochte, damals in Palastina gab es ein Judentum, und jetzt
mochten alle Volker fur sich jeweilen eine solche Politik treiben, wie die
Juden sie in Palastina getrieben haben. Sie mochten alle so werden, sie
mochten alle mit Ausschlufi der Errungenschaften des Christentums
Weltpolitik treiben. Der Inhalt fehlt. Daher greift man zu Dingen, die
eigentlich keinen Inhalt haben. Statt nach neuen Quellen der Sittlichkeit
aus geistigen, neuen, fruchtbaren Anschauungen heraus zu suchen, fragt
man: Wo liegen die Quellen einer neuen Sittlichkeit ? - und gibt f olgende
Antwort: Die Macht ist ein unentbehrliches Mittel, um das Gute zu
schaffen. Darum soil man, falls man sie nicht schon besitzt, nach derjeni-
gen Macht streben, die fur das jeweilig zu verwirklichende Gute erfor-
derlich ist. - Man mochte ein Gutes haben in der Welt und gibt den
schonen Rat: Suche dir die Macht, um das Gute zu verwirklichen. - Als
zweiter Grund der neuen Ethik figuriert: Mit der Macht, die man hat,
kann man das Gute schaffen. Darum soil man auch die Macht uberall
zur Verwirklichung des Guten verwenden.
Aber man mufi doch das Gute erst haben, man mufi doch das Gute
erst erkennen! So zu sprechen ist das Gegenteil von dem, was sich
durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft in der neueren Mensch-
heitszivilisation verbreiten mulL Denn da handelt es sich nicht darum,
irgend etwas auf Macht zu begriinden. Auf Macht kann man nur etwas
begriinden, wenn man Menschengruppen zusammenf afit. Wenn Mensch
dem Menschen gegenuberstehen soli, kann man nichts auf Macht griin-
den, sondern nur auf dasjenige, was sich im Menschen entwickelt, so
dafi der Mensch einen Wert hat. Der Mensch hat sich zu erarbeiten ei-
nen Wert, durch den er Leistungen vollbringt fur den Menschen, und
er hat zu gleicher Zeit zu entwickeln eine Empfanglichkeit, solchen
Menschenwert anzuerkennen.
Das ist die einzige mogliche Grundlage fur jegliche Sittlichkeit der
Zukunft: Menschenwert entwickeln und die Fahigkeit, Menschenwert
anzuerkennen. Dies mit andern Worten ausgedriickt, bedeutet: Alle
Sittlichkeit mufi auf wirkliches Vertrauen aufgebaut werden! - Weil
man nicht vordringen wollte zu solchen Anschauungen, konnte
man jene Moralforderungen nicht begreifen, die in meiner «Philosophie
der Freiheit» enthaiten sind. Da wird begriindet eine sogenannte indivi-
dualistische Moral und es wird darauf gebaut, dafi man, wenn in jedem
einzelnen Menschen dasjenige entwickelt wird, was entwickelt werden
kann, nicht die Gesetzgebungen braucht, sondern dann warten kann,
was die Menschen tun werden in ihrem gegenseitigen Verkehr. Und ich
mufke dazumal manchem Menschen sagen: Sieh einmal, wenn wir auf
der Strafie gehen, der eine hin, der andere her, brauchen wir da eine
Gesetzgebung, dafi wir einander ausweichen ? Dafi der eine links geht,
der andere rechts geht, das tut man aus den Anforderungen des Daseins
heraus, die man verniinftigerweise einsieht. - So handelt man sittlich,
wenn alle die Dinge, die im Menschenwesen liegen, wirklich zur Ent-
wickelung kommen. Ohne das gibt es keine Moral der Zukunft.
Dies ist aber die einzige Moral, die wirklich auf eine neuerfafke
Christlichkeit aufgebaut sein wird. Darauf mufi sie aufgebaut sein:
Alles, das ihr irgendeinem als dem Menschen tut, das habt ihr mir
getan. — Der Christus ist in die Menschheit gekommen, auf daft jeder
einzelne Mensch den andern Menschen seinem Werte nach erkennt. Und
wenn die Menschen einander so behandeln in der Welt, dann ist die
Grundlage fur dasjenige gegeben, was eine neue Sittlichkeit ist. Dann ist
aber auch erst von unserem gegenwartigen Gesichtspunkt aus das My-
sterium von Golgatha neu begriffen. Dieses Mysterium von Golgatha
ist eine Tatsache. Begriffen werden muli es von jedem Weltenzeitalter
in einer neuen Form. Nicht die Lehren, die da sind, sind das Mafi-
gebende; die mussen sich von Zeitalter zu Zeitalter andern. Das Mafi-
gebende ist, dafi einmal das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Fur
die Bekenntnisse der Gegenwart stellt es sich immer mehr und mehr
heraus, dafi ihnen das Mysterium von Golgatha immer gleichgiiltiger
und gleichgiiltiger wird. Sie legen keinen Wert darauf, da& es aus dem
Zeitbewufitsein heraus begriffen werde; sie legen nur den einen Wert
darauf, dafi ihre Lehren sich fortpflanzen. Aber diese Lehren werden
unfahig sein, das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Und so haben
wir heute schon eine Abart der Theologie, welche von dem Christus gar
nicht mehr spricht, sondern nur von dem Menschen Jesus von Nazareth,
dem «schlichten Mann», der in Palastina gewandelt hat, so eine Art
Sokrates. Und man kann dann nicht begreifen, warum eigentlich die-
jenigen, die von diesem Christus reden, von ihm reden als vom Mittel-
punkt der Menschheitsentwickelung. So ernst liegen schon die Fragen,
die dem heutigen Zeitalter auferlegt sind. Und gerade dieser Ernst wird
eingesehen werden miissen. Aber es wird im Einklang gearbeitet werden
miissen auf der einen Seite mit dem wissenschaftlichen Gebiete, auf der
andern Seite mit dem sozialen Gebiete. Die Dinge laufen ja doch durch-
aus ineinander. Ich glaube, dafi es heute den orthodox ausgebildeten
Akademiker sonderbar anmuten wird, wenn man ihm zum Beispiel die
Zumutung stellt, die Botanik miisse «christlich» werden. Aber sie mufi
christlich werden, das heifit, der Geist, der durch das Gemiit die Mensch-
heit ergriffen hat, mufi auch bis in die Botanik hinein wirken. Und ein
wenig reden ja sozialistisch gesinnte Menschen, aber nur wenig, nur
einzelne Teile dieser sozialistisch gesinnten Masse, davon, dafi christ-
liche Gesinnung - urchristliche Gesinnung sagt man dann wohl - Platz
greifen miisse im gegenseitigen Sich-Verhalten der Menschen. Einen
besonderen Wert legt man trotzdem nicht darauf, die sozialen
Ideen mit dem christlichen Prinzip zu durchdringen.
Es ist ja allerdings auch eine dritte Abart vorhanden; aber es handelt
sich darum, dafi wir lernen, auf der einen Seite in der Welt den Christus
zu finden, dafi wir lernen, auf der andern Seite in uns die Fahigkeiten
zu entzunden, diesen Christus zu verstehen. Was zusammenwirken mufi
im Grofien wie im Einzelnen im sozialen Leben, ist Entwickelung eines
gewissen Menschenwertes und Entwickelung der Fahigkeit, diesen
Menschenwert vertrauensvoll zu erkennen und sich danach im Ver-
haltnis von Mensch zu Mensch auch wirklich zu verhalten !
Als man im 19. Jahrhundert am wenigsten begriff, wie da herein
wollte ein neuer Geist, um das Mysterium von Golgatha neu zu begrei-
fen, da sprach man von praktischem Christentum, weil man in bezug
auf das Christentum so unpraktisch wie moglich geworden war. Jetzt,
nachdem die Ereignisse der letzten Jahre in der Menschheitsentwicke-
lung voriibergezogen sind, ware es allerdings notwendig, dafi mog-
lichst viele Menschen sich aufraffen, einzusehen, wie in der Tat eine
neue Geistoffenbarung in die Menschheitsentwickelung herein will und
wie sie erfafit werden mufi von den Menschen. Solange wir unser ganzes
geistiges Leben an die aufieren Machte verpfandet halten, an Staats-
machte, oder wie man sie sonst hat in der Welt, so lange wird fiir dieses
Geistesleben keine MogKchkeit bestehen, das, was herein will an spiri-
tueller Offenbarung in die Menschheit, wirklich aufzunehmen. Dazu ist
notwendig, dafi das Geistesleben wirklich, wie es in unserer Dreigliede-
rungsidee gefordert wird, auf eigene Fiifie gestellt werde, dafi es sich
aus seinen eigenen Impulsen heraus entwickelt. Aus diesen eigenen Im-
pulsen heraus wird die Wissenschaft mit geistigen Methoden durch-
trankt werden, und an den geistigen Methoden, die man fiir die Wissen-
schaft entwickelt, wird sich die Kraft entziinden, auch das soziale Leben
moralisch zu durchdringen mit dem, was Geist ist. Wir mussen im
sozialen Wirken, im sozialen Leben der Menschen lernen, Geistiges zu
realisieren, zu aktualisieren. Dazu aber ist es notwendig, hinauszukom-
men iiber dasjenige, was wir heute Worthulsen nennen mussen. Wir
leben ja ein Geistesleben in Worthulsen, in Phrasen. Man kann heute
die Erfahrung machen, dafi jemand schone Dinge sagt, die einem dem
Inhalt nach gefallen konnen; wenn man ihm naherriickt, findet man
seine Seele leer von geistigem Inhalt. Warum ? - Weil man ja heute iiber-
all die Phrasen zusammenklauben kann. Man braucht ja heute nicht
verbunden zu sein mit dem, was herumschwirrt an Worthulsen im
menschlichen Leben. Es gibt keinen andern Weg, um wiederum die Ver-
bindung mit dem Geiste zu finden, als zunachst den Fiihrer zu suchen,
damit die Menschenseele wirklich von sich aus zum Geiste hingelangen
kann, den Fiihrer, der sich aber nicht anders finden lafit als dadurch, dafi
man ihn sucht in der Uberzeugung, der Mensch konne das, was er
heute werden soli, in der Welt nur dadurch werden, dafi er nicht blofi
bei dem bleibt, was in ihm vorhanden ist an Vererbtem, an Blutskraf ten,
sondern dadurch, dafi er etwas in sich entwickelt, das hinausgeht iiber
das blofi Vererbte, iiber das blofi aus der aufieren Welt Aufzunehmende.
Wir werden heute in eine Welt hereingeboren mit bestimmten Anlagen;
diese Anlagen werden uns in der Schule entwickelt, aber so, dafi als
Antrieb bei dieser Entwickelung nur die Traditionen figurieren, die
iiberkommen sind. Wir mussen dahin kommen, zu wissen, dafi in jedem
Menschen ein verborgener Keim steckt, der nicht da ist durch die blofie
Vererbung, auch nicht da ist durch das, was heute an Antrieben in der
Erziehung drinnensteckt. Wir miissen den Glauben haben, in jedem
Menschen liege heute etwas darinnen, das nur durch Geisteskrafte und
durch die Uberzeugung von dem Dasein der Geisteskrafte aus ihm her-
aus erweckt werden konne. Aus dem, wonach heute erzogen und gelebt
wird, kann blofl das Jahve-Bewufitsein erlebt werden. Das Christus-
Bewufitsein kann nur erweckt werden, wenn man nicht nur den Glau-
ben hat an die Entwickelung des Menschen, sondern an die Umwand-
lung des Menschen, wenn man den Glauben daran hat, dafi aus dem
Menschen etwas wird, was nicht in ihm veranlagt ist dadurch, dafi er
einen Leib geerbt hat von seinen Vorfahren, sondern was in ihm sitzt
dadurch, dafi er fruhere Erdenleben durchgemacht hat in friiheren
menschlichen Weltenlaufen. Damals pradominierte allerdings das Ver-
erbungsprinzip und iiberglanzte in der menschlichen Wesenheit das, was
aus den wiederholten vorigen Erdenleben heriiberkam. Jetzt sind die
vererbten Eigenschaften schwach geworden, und diejenigen Eigenschaf-
ten im Menschen werden immer starker, welche aus den friiheren Inkar-
nationen nicht mit dem Blute, sondern mit der Seele heriiberkommen.
Das kann ins Bewufksein iibernommen werden. Und wenn es im
Bewufitsein lebt des einen Menschen, so begegnet dieser dem andern
Menschen mit ganz andern Empfindungen, als sie die Menschen ge-
meiniglich heute haben.
Damit habe ich Ihnen, wenn auch, weil es sich um ein wirklich weit-
gehendes Thema handelt, in einer vielleicht stammelnden Weise etwas
von dem dargelegt, was mit Urnotwendigkeit hereinziehen mufi in un-
sere menschheitliche Entwickelung. Wenn diese Forderung im Leben
auftritt, so stofk sie heute noch an an die allerschwersten Vorurteile,
die im Leben vorhanden sind. Sie wird bekampft. Und ich habe Ihnen
von manchem Bekampfen dessen, was gerade rnit der hier gemeinten
anthroposophisch orientierten Weltanschauung angestrebt wird, in der
letzten Zeit erzahlen miissen. Ich mochte heute nur noch zweierlei an-
fiihren in dieser Richtung. Ich habe Ihnen neulich einmal den Brief
unseres Freundes Dr. Stein vorgelesen, der in herzerfrischender Weise
zeigte, wie da einem Kirchenmann entgegengetreten werden mufite,
dessen Heifer, als ihm aus Bibelstellen etwas anthroposophisch Klingen-
des nachgewiesen werden sollte, sich sogar aufschwang zu dem Be-
kenntnis: Dann irrt eben Christus -, nach seiner Ansicht ! Also nicht er,
der Kirchenmann irrt, sondern Christus ! - Als ich nach Stuttgart ge-
kommen bin, wurde mir mitgeteilt, dafi aus unseren Kreisen heraus
allerlei Urteile registriert worden sind dariiber, wie es doch scharf sei,
einem alten Herrn, der ja sogar Schriften von mir gelesen hat, in einer
solchen Weise entgegenzutreten. Man musse doch Riicksicht nehmen
auf erstens - zweitens - drittens ... Das ist leider auch in unseren Reihen
noch vielfach verbreitet, dafi einem gerade dann, wenn es sich darum
handelt, an irgendeinem Punkte Ernst zu entwickeln, von denjenigen
Menschen, die unsere Bewegung am liebsten auf dem sektiererischen
Gesichtspunkte erhalten mochten, in den Rucken gefallen wird. Das ist
das eine, was ich erwahnen muf$.
Das andere ist, dafi ich Sie schon bekanntmachen mufi mit dem An-
wurf, der jetzt durch die deutsche Presse gegangen ist, dessen trube
Quellen - das erwahne ich ausdriicklich hier - mir sehr gut bekannt sind,
und bei dem es ziemlich gleichgiiltig ist, was darinnensteht; denn bei
den Leuten, die so etwas verbreiten, handelt es sich nicht darum, den
Glauben an diese Dinge, die sie verbreiten, zu erwecken, sondern iiber-
haupt nur irgend etwas zu fabrizieren, was eine unbequeme Personlich-
keit oder Zeitstromung herabsetzen kann. So will ich trotz des ja nicht
sehr erleuchteten Saales diese «unerleuchteten» Auslassungen, die jetzt
durch einen Teil der Presse gehen, vorlesen:
«Der Theosoph Steiner als Handlanger der Entente. - Dem <Mann-
heimer Generalanzeigen wird aus Berlin berichtet: Theosoph Dr. Ru-
dolf Steiner, der eine Anhangerschaft von mehreren Millionen Mannern
und Frauen beeinflufit» - ich bemerke ausdriicklich: dieser Satz, der
wird fur den, der irgendwie hineinschaut in das Gemache der Gegen-
wart, aufierordentlich beweisend sein, und man wird in der Zeit, die da
kommt, in der sich solche Angriffe wesentlich verstarken werden, sehen,
warum solche Angriffe gesagt werden, neben andern erlogenen Din-
gen -, «hat im Friihjahr 1919 in Stuttgart den Bund fur Dreigliederung
des sozialen Organismus begriindet, der urspriinghch nur eine religios-
kommunistische Gemeinschaft sein sollte, dann aber in politische Be-
riihrung mit den Bolschewisten und Kommunisten geraten ist und jetzt
eine seltsame und widerwartige politische Agitation ausiibt. Die <B. Z.>
erfahrt aus Dresden das Folgende: Aus zuverlassigen Nachrichten
geht einwandfrei hervor», - ich bitte, den Ton zu beriicksichtigen -
«dafi der Bund fur Dreigliederung die Namen aller angeblich im
reaktiomren Sinne tatigen Offiziere feststellt und gegen diese Material
iiber volkerrechtswidrige Handlungen an der Hand von Zeugenaus-
sagen sammelt, das dann der Entente zwecks Auslieferung zugestellt
werden soli. Die Richtigkeit derartiger Beschuldigungen ist Herrn Stei-
ner und Genossen vollkommen gleichgiiltig, und dafi sie sogar vor be-
wufit falschen Angaben nicht zuriickschrecken, beweist die Stelle eines
Briefes, in dem es heiik: Beschuldigungen von Diebstahlen sind zu
unterlassen, da die Unwahrheit hier leichter nachzuweisen ist. Ebenso
darf man keine allzu unglaublichen Beschuldigungen wie Verstumme-
lungen von Kindern, erheben.»
Nun, dafi jeder Satz, jedes Wort - verzeihen Sie, wenn ich in diesem
Zusammenhange den Ausdruch gebrauche - eine «erstunkene» Luge ist,
das ist ja ganz selbstverstandlich. Aber diese Dinge werden in der Ge-
genwart fabriziert. Sie beweisen, dafi man dasjenige, was von der
Geistesstromung kommt, die hier vertreten wird, genug ernst nimmt,
um diese bosartigen Mittel iiberhaupt fiir notwendig zu halten. Sie
konnen iiberzeugt sein: kleine sektiererische Bewegungen, das heifit
solche, die in der Anzahl kleine Bewegungen sein sollen, die bombar-
diert man nicht mit derlei Dingen. Wiinschen mochte man nur - ich
habe das auch in dem vorgestern abgesendeten Artikel fur unsere
zweitnachste «Dreigliederungs»-Nummer ausgesprochen -, dafi die
Zahl der naiven Leute immer geringer und geringer wiirde, die noch
immer glauben, dafi es, wenn man solche Dinge widerlegt, den Leuten
etwas fnilfe, die heute aus den triiben Quellen heraus, um die es sich
hier handelt, arbeiten. Die interessieren Widerlegungen aufierordent-
lich wenig; denn ihnen geht es nicht darum, die Wahrheit irgendwie
auch nur zu beriihren, sondern sie kampfen gegen alles dasjenige, was
als ein neuer Geist in die Menschheit einziehen soil, mit jedem Mittel.
Sie folgen den Kraften, von denen sie besessen sind.
Ich mufite Ihnen auch dieses Beispiel vorfiihren aus dem Grunde,
damit nach und nach doch ein Gefuhl von dem Ernste hervorgerufen
werde, der eigentlich walten sollte bei all denjenigen, die sich irgendwie
ernsthaftig zugeneigt finden zu dem, was hier als anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft angegeben wird. Man mochte ja wirk-
lich Worte finden, wie sie unsere heutige abgebrauchte Sprache kaum
hat, um diesen Ernst in den Seelen zu erwecken. Denn notwendig ist er !
Aber die Seelen sind oftmals wie gelahmt. In sie dringt nicht mehr das-
jenige ein, was notwendig in sie dringen mufi, wenn die Zeit nicht in
die vollstandige Dekadenz hineinfiihren soil. Man kann nicht in
der alten Weise fortwirtschaften. Man sollte auch nicht mehr «Ideale»
nennen, was man aus den alten Stromungen heraus nimmt. Man sollte
sich schon immer mehr und mehr bewufit werden, dafi ein volliger
Neubau in der Menschheitsentwickelung notwendig ist.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 16. Januar 1920
Ich werde heute noch einmal das Gesetz der menschlichen Entwickelung
in der nachatlantischen Zeit besprechen, aus dem Grunde, weil ich ver-
schiedene Ausfuhrungen an dieses Gesetz werde in den nachsten Tagen
anzukniipfen haben. Es wird ja das in unserer Zeit so notwendige Ver-
standnis fur die bedeutsamen Anforderungen der Gegenwart und der
nachsten Zukunft im Bewufitsein der Menschen nicht Platz greifen kon-
nen, wenn nicht ein eindringliches Verstandnis vorliegt fur die Art und
Weise, wie die Menschen zu dem gegenwartigen Standpunkte der Zivili-
sationsentwickelung gekommen sind. Eine nur vom geisteswissenschaft-
lichen Gesichtspunkte aus zu fassende Seelenentwickelung hat die
Menschheit seit jener Zeit durchgemacht, die wir bezeichnen als die Zeit
der grofien atlantischen Katastrophe. Wir kommen da, wenn wir dieses
Zeitalter der grofien atlantischen Katastrophe ins Auge fassen, nicht so
weit zuriick, als vielfach die gegenwartige wissenschaftliche Ausdeutung
der Menschheitsentwickelung mit der Menschheit zuriickgehen mochte,
sondern wir kommen zuriick etwa in die Zeiten, welche geologisch be-
zeichnet werden als das Eiszeitalter, in dem ja auch von der aufieren
Wissenschaft grofie Umwalzungen angenommen werden fur die Gegen-
den, die wir heute die Gegenden des zivilisierten Europa nennen. Wir
kommen zuriick etwa bis in das 8. oder 9. Jahrtausend vor dem Myste-
rium von Golgatha und bezeichneten ja immer als das erste grofie Kul-
turzeitalter, das aufgegangen ist in der nachatlantischen Zivilisation
nach dieser atlantischen Katastrophe, das urindische Kulturzeitalter.
Wir haben notig, unseren Blick namentUch darauf zu lenken, da£ die
Seelenbeschaffenheit der Menschen in jenen alten Zeiten eine wesentlich
andere war als spater, namentlich als in unserer Zeit. Es ist vom geistes-
wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus bedeutsam, gerade auf die See-
lenentwickelung der Menschen zu sehen. Die aufiere leibliche Entwic-
kelung und auch die Entwickelung der materiellen Kulturzusammen-
hange kann ja erst verstanden werden, wenn man die Seelenentwicke-
lung wirklich durchdringt.
Wenn wir nun die zwei Jahrtausende in Betracht Ziehen, die, im 8.,
9. Jahrtausend beginnnend, dann weitergehend das urindische Zeitalter
ausmachen, so treffen wir da auf eine Menschheit, die unter ganz, ganz
andern Bedingungen sich entwickelte, als was iiberhaupt heute als
Menschheitsentwickelung bekannt ist. Namentlich mufi ins Auge gefafit
werden, wie ich schon ofters gesagt habe, da$ ja der heutige Mensch eine
Entwickelung so durchmacht, dafi seine physisch-leibliche Entwicke-
lung parallel geht der seelisch-geistigen Entwickelung, dafi aber heute
der Mensch eigentlich diese Entwickelung nur in den ersten Lebensjahr-
zehnten durchmacht. Im ersten Lebensjahrzehnt ist ja jener wichtige
leibliche Ubergang, den wir bezeichnen als den des Zahnwechsels um
das siebente Jahr herum und den wir parallelisieren konnen mit wich-
tigen geistig-seelischen Vorgangen. Dann wiederum ist vorhanden fur
den gegenwartigen Menschen ein tief Eingreifendes in seiner leiblichen
Entwickelung, das wiederum ubergreift auf die geistig-seelische Ent-
wickelung, mit der Geschlechtsreife im vierzehnten, funfzehnten Jahr.
Dann ist, wie auch fur den heutigen Menschen noch deutlich ersichtlich
ist, bis in die Zwanzigerjahre hinein ein gewisser Zusammenhang da
des Geistig-Seelischen mit der leiblichen Entwickelung. Er ist weniger
schroff, weniger deutlich als in den Zeiten um das siebente, um das vier-
zehnte Jahr herum, aber fur einen genaueren Beobachter doch deutlich
wahrnehmbar.
In solcher Parallelitat zwischen dem leiblichen Entwickeln und dem
geistigen Entwickeln war die Menschheit der urindischen Zeit bis hin-
auf in die Zeiten der Funfzigerjahre des Menschen, bis in das sechste
Lebensjahrzehnt hinein. Man war so von dem, was im Leibe vorgeht,
geistig-seelisch zugleich in dieser Weise abhangig. Man hat bis ins
hochste Alter die Umschwiinge so erlebt, wie man eben heute erlebt die
Umschwunge beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife und so weiter.
Also der Mensch lebte mit sein Leibesleben bis in die Zeit hinein, wo er
sein sechstes Lebensjahrzehnt hatte, die Funfzigerjahre. Und ich habe
darauf aufmerksam gemacht, was das eigentlich bedeutet fur das Leben
des Menschen. Man wurde ein Mensch, sagen wir, von dreifiig Jahren;
man sagte sich als ein Mensch von dreifiig Jahren: Ich werde auch ein-
mal vierzig, funfzig Jahre alt sein; dann werde ich rein durch meine
leibliche Entwickelung in ganz anderer Weise reif sein vor der Welt als
jetzt. - Man lebte so dem Altera entgegen auch noch in hoheren Lebens-
jahrzehnten, wie man heute eigentlich nur als Kind dem Altern ent-
gegenlebt. Man machte Wachstum, Reiferwerden mit bis in die hochsten
Jahrzehnte des Lebens. Und man hatte das Bewufitsein: Je alter man
wird, desto mehr Dinge der Welt werden einem klar, desto mehr tritt
herein in das Seelenleben, man mochte sagen, aus unbekannten Tiefen
des Weltendaseins. Man hatte solche Epochen in der Entwickelung eben
noch im hochsten Alter, wie man jetzt den Zahnwechsel und die Ge-
schlechtsreife hat.
Das anderte sich ja insofern, als dieser Parallelismus zwischen leib-
licher und geistiger Entwickelung immer mehr und mehr herunterriickte.
Beim nachsten Kulturzeitraum, beim urpersischen, wie ich ihn genannt
habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», war das nur bis zu
dem Beginn der Funfzigerjahre oder gar bis zum Ende der Vierziger-
jahre der Fall. Und im agyptisch-chaldaischen Zeitraum, da war das
nur der Fall bis zum Beginn der Vierzigerjahre; und in der Zeit, in der
die heute noch fur uns bedeutsame griechisch-lateinische Kultur sich
ausbreitete, waren die Menschen entwickelungsfahig bis in die begin-
nenden Dreifiigerjahre hinein. Der Mensch fuhlte sich jung in Griechen-
land bis in die beginnenden Dreifiigerjahre. Und er sagte sich, dafi etwas
heranwiichse mit ihm, wenn er die Dreifiigerjahre erreicht haben werde.
Heute sind wir bereits mit dem Beginn der Dreifiigerjahre vertrocknete
Mumien, wenn wir blofi auf unsere leiblich-physische Entwickelung
sehen. Heute horen wir in einem viel friiheren Zeitraum auf, einen
Zusammenhang zu haben mit der leiblich-physischen Entwickelung.
Das alles aber hangt zusammen mit andern Dingen der Menschheits-
entwickelung. Der erste Zeitraum nach der grofien atlantischen Kata-
strophe, der urindische Zeitraum, hatte Menschen, welche im hohen
Grade das ganze Leben des Universums mitmachten, welche namentlich
mitmachten in ihren Hauptes-, in ihren Kopferlebnissen das Leben des
Universums. Wir wissen ja vom Universum nur dasjenige, was erkundet
wird auf den Sternwarten durch die Teleskope, was errechnet wird
durch die Astronomen. Der Mensch des urindischen Zeitalters fuhlte in
seinem Kopfe den Gang der Sterne. Er erlebte mit nicht nur die irdische
Natur in Fruhling, Sommer, Herbst und Winter, sondern er erlebte mit
die kosmischen Ereignisse, er erlebte mit das Zeitalter, sagen wir, einer
bestimmten Siriuskonstellation, und so weiter. Dasjenige, was spater
kunstvoll astrologisch errechnet worden ist, das wurde miterlebt im
Menschen, so wie heute erlebt wird die Gesattigtheit nach einer genos-
senen Mahlzeit oder der Hunger bei einer erwarteten Mahlzeit. Es
wurde Sonnengang und Sternengang im eigenen Haupte also miterlebt.
Das hatte zur Folge, dafi der Mensch damals sich durchaus nicht
eigentlich als Erdenbiirger blofi fiihlte, sondern dafi er sich fiihlte als
Angehoriger einer iiberirdischen Welt, der blofi auf die Erde versetzt
ist. Er fiihlte sich als ein Wanderer wahrend eines kurzen Wanderzu-
ges iiber die Erde dahinpilgern. Er fiihlte eine gewisse Verwandtschaft
mit dem, was aufierirdisch ist.
Das wurde schon im zweiten nachatlantischen Zeitraume anders. Da
wurde es so, dafi weniger das Leben des Universums gefuhlt wurde,
mehr aber alles dasjenige, was sich, ich mochte sagen, auf das Beleuch-
tungswesen, auf das Lichtwesen des Universums bezieht. Anders erlebte
der Mensch des urpersischen Zeitraumes den Tag, anders die Nacht. Er
fiihlte sich wirklich noch anwesend im Universum in der Zeit zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen. Diese Zeit hatte fur ihn einen realen
Inhalt, wahrend sie heute ja nur etwas wie ein Loch bedeutet im be-
wufken Menschenleben. Eine Art Miterleben des Universums war im-
merhin noch vorhanden. So dafi wir sagen konnen: In demselben Mafie,
in dem die physisch-leibliche Entwickelungsfahigkeit des Menschen
heruntergeriickt wird aus den hoheren Lebensjahrzehnten in die nied-
rigeren, in demselben Mafie hort das Zusammenleben des Menschen
mit dem Universum auf.
Wir konnen also sagen (siehe die Ubersicht): Im ersten nachatlanti-
schen, urindischen Zeitraume haben wir ein Miterleben mit dem Phy-
sisch-Leiblichen bis in die Jahre vom achtundvierzigsten oder neunund-
vierzigsten bis sechsundfiirifzigsten Lebensjahre und auch dariiber
hinaus. In dem zweiten, in dem urpersischen Zeitraume haben wir dann
vom zweiundvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre noch
Entwickelungsmomente in der leiblich-physischen Entwickelung des
Menschen, welche sich vergleichen lassen mit unserem Zahnwechsel
oder mit der Geschlechtsreife und dergleichen. Im dritten Zeitraume,
den wir gewohnt sind, den agyptisch-chaldaischen zu nennen, haben wir
vom funfunddreifiigsten Jahre bis zum zweiundvierzigsten Jahre solche
leiblichen Entwickelungsmomente. Und in dem, was wir gewohnt
sind, als den griechischen Zeitraum zu betrachten, in dem vierten nach-
atlantischen, griechisch-lateinischen, da geht diese Entwickelung vom
achtundzwanzigsten bis zum funfunddreifiigsten Jahre hinauf .
I Urindisch 49 bis 56 von 8167 bis 5567 vor Christus Tafei3
II Urpersisch 42 bis 49 von 5567 bis 2907 vor Christus
III Agyptisch-chaldaisch 35 bis 42 von 2907 bis 747 vor Christus
IV Griechisch-lateinisch 28 bis 35 von 747 v.Chr. bis 1413 n.Chr.
V Jetzt 21 bis 28 von 1413 bis ...
Wenn Sie dies beachten, so werden Sie sich sagen: Die Entwicke-
lungsfahigkeit des Menschen riickt immer weiter und weiter herab.
Und mit diesem Herabrucken der Entwickelungsfahigkeit des Men-
schen verschliefien sich ihm gewissermafien die Tore zum Miterleben
der universellen Ereignisse. - Wenn Sie es sich merken wollen -
nicht notieren, aber merken - so konnen wir sagen: Der erste Zeitraum
reicht von 8167 bis 5567 vor Christus; der zweite von 5567 bis 2907,
so ungefahr; der dritte von 2907 bis 747 vor Christus; der vierte, der
griechische Zeitraum von 747 vor dem Mysterium von Golgatha
bis 1413 nach dem Mysterium von Golgatha; und dann beginnt unser
funfter Zeitraum, die Zek also, in der wir annahernd entwickelungsf a-
hig bleiben nur noch vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzig-
sten Lebensjahre. Das beginnt 1413, und darinnen leben wir. Und wenn
wir genau sprechen wollen, so mussen wir sagen: Der gegenwartige
Mensch bleibt entwickelungsfahig bis in das siebenundzwanzigste
Jahr hinein. Er fangt dann an, gewissermafien sich in seinem Seelisch-
Geistigen ganz zu emanzipieren von dem Physisch-Leiblichen. Eman-
zipieren von dem Physisch-Leiblichen ist also etwas, was immer mehr
und mehr hereinriickt. Sie sehen daraus, dafi einmal der Zeitpunkt kom-
men wird, wo die Menschen nur entwickelungsfahig sein werden bis
zu ihrem vierzehnten Jahre, wo das Geschlechtsreifezeitalter aufho-
ren wird, eine Bedeutung zu haben in der menschlichen Entwickelung.
Das ist ein Zeitraum, der ganz gewifi eintreten wird. Die Geologen
mogen noch so lange Zeitraume berechnen fiir die Entwickelung des
Menschtums auf der Erde, fur die Entwickelung der physischen Mensch-
heit der Erde; diese physische Menschheit auf der Erde wird sich nicht
langer entwickeln als bis zu dem Moment, wo diese obere Altersgrenze
bis in das vierzehnte, dreizehnte Lebensjabr heruntergeriickt ist. Denn
von diesem Zeitpunkte an wird sich die physische Menschheit auf der
Erde nicht mehr entwickeln konnen. Die Frauen werden keine Kinder
mehr gebaren. Dann wird es mit der physischen Menschheit auf der
Erde zu Ende gegangen sein. Ich habe einmal gesagt: Die Berechnungen,
welche die landlaufigen Geologen machen, beruhen alle auf einem ge-
wissen Fehler. - Man kann heute nach der Art und Weise, wie Flufi-
schlamm angeschwemmt wird oder wieviel Schlamm der Niagara ab-
setzt und dergleichen, geologische Zeitraume berechnen und danach
dann «feststellen», was da fur eine Fauna, Flora vor soundso vielen
Jahren auf der Erde geherrscht hat. Diese Berechnungen sind alle etwa
so angestellt, wie wenn man heute berechnen wiirde, welche Verande-
rungen, sagen wir, im Magen vorgingen seit zehn Jahren, und dann
ausrechnet, wie der Magen ausgeschaut hat vor hundertfunfzig Jahren.
Ja man kann sogar ebenso, wie heute die Geologen, berechnen, wie die
Erde nach Millionen von Jahren aussehen wird, ausrechnen, wie der
Magen ausgesehen hat vor dreihundert Jahren. Nur wird die Erde nach
Millionen von Jahren nicht mehr da sein, ebensowenig wie der physische
Mensch da war vor dreihundert Jahren, als sein Magen in einer be-
stimmten Weise ausgesehen haben soli. Nach diesen physischen Geset-
zen, welche zugrunde gelegt werden diesen wissenschaftlichen Werken,
kann man selbstverstandlich ganz richtig rechnen, aber was man ausrech-
net, ist ebensowenig «richtig», wie man ausrechnen kann, wie ein mensch-
licher Magen vor dreihundert Jahren ausgesehen hat. Diese Dinge, die
ich da anfuhre, die werden heute von der exakten Wissenschaft zuriickge-
wiesen. Aber dasjenige, was wirklich ist, was das Tatsachliche ist, das
kann ja von dieser exakten Wissenschaft eben durchaus nicht gefunden
werden. Denn Sie konnen lange rechnen, wie die Erde aussehen wird
nach hunderttausend Jahren, wie da die Menschen sein werden und
dergleichen: Die Menschen werden nicht mehr existieren auf der Erde !
Das sind Dinge, welche heute schon zwingen sollten, die Briicke zu
bauen nach geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hin. Denn dadurch
allein konnen Einsichten kommen in die wirkliche Entwickelung der
Menschen und Einsichten in gewisse Notwendigkeiten, die aufzuneh-
men sind in dieses menschliche Bewufitsein. Nun ist es Ihnen vielleicht
nicht schwierig, einzusehen, dafi der Mensch in alteren Zeiten gewisser-
mafien einfach dadurch, dafi er ein leiblich-physischer Mensch war,
gewisse Offenbarungen erlebte, Offenbarungen, die man eben nur erle-
ben kann, wenn man physisch entwickelungsfahig bleibt bis iiber ein ge-
wisses Zeitalter hinaus. Beim alten Perser, beim alten Inder gar, da war
das Gehirn wekh und biegsam und plastisch bis in die Funfzigerjah-
re hinein, so plastisch, wie es heute nur in der ersten Jugend der Fall
ist. Einfach durch dieses plastische Gehirn bekam man Offenbarungen,
die man nicht bekommen kann, wenn man noch Kind ist, die man
nur bekommen kann, wenn der Leib plastisch bleibt bis in das hoch-
ste Alter hinein. Unser mumifiziertes Gehirn, das schon mit dreifiig
Jahren ganz vertrocknet ist, das kann diese Offenbarungen auf je-
nem alten naturlichen Wege nicht erringen. Das ergibt eben die Not-
wendigkeit, auf einem andern, auf einem blofi geistigen Wege fur
das emanzipierte Geistig-Seelische einen Inhalt zu bekommen.
Das ergibt Ihnen fur unser Zeitalter zu gleicher Zeit die eminente
Notwendigkeit, zum spirituellen Leben sich hinzuwenden. Denn mit
funfunddreifiig Jahren hat man die Halfte, die aufsteigende Halfte des
Lebens erreicht, von da geht es abwarts. Alles, was man erst in der ab-
steigenden Halfte erreichen kann, das erreicht ja der heutige Mensch
von selbst gar nicht. Wenn er nichts dazu tut, um es auf andere Weise
als durch seine leibliche Entwickelung zu erreichen, so kommt das gar
nicht an inn heran. Man sollte von solchen Einsichten aus begreifen,
wie notwendig es fur den heutigen Menschen ist, sich zur Geistes-
wissenschaft hinzuwenden.
Was die Menschen bis jetzt auch an aufieren sozialen Gebilden her-
vorgebracht haben, ist durchaus noch unter dem Einflufi der alten pla-
stischen Leiblichkeit entstanden. Aber jetzt ist das Zeitalter hereinge-
brochen, in dem diese alten Gebilde morsch werden und in dem Neues
nur geschaffen werden kann, wenn man es aus dem Geiste heraus
schafft. Dies ist heute schon offen daliegend, wenn man auch nur die
aufieren Ereignisse verfolgt. Aber man versteht die aufieren Ereignisse
nur, wenn man sie im Zusammenhange mit dem Geiste verfolgt. Ich
will Sie auf ein von dem eben besprochenen Thema scheinbar recht
feme liegendes Gebiet hinweisen. Ich habe ja ofter erwahnt: Die
abgetakelten Feldherren, Staatsmanner schreiben jetzt ihre Memoiren.
Unter den Leuten, die da ihre Memoiren geschrieben haben, ist ver-
haltnismaJKig einer der Besten, der Interessantesten der Frivolling und
Zyniker, der eine gewisse Zeit hindurch die osterreichischen Geschik-
ke geleitet hat, Czernin. Auch der hat ja seine Memoiren geschrieben.
Ich iiberschatze ihn nicht, wenn ich sage, daft er einer der Besten ist,
die Memoiren geschrieben haben; denn ich mulS ihn zu gleicher Zeit
einen Frivolling und Zyniker nennen, einen Oberflachling. Aber es
sind seine Memoiren noch zu den interessantesten zu rechnen.
Darin ist eine interessante Stelle, da setzt sich Czernin damit aus-
einander, was hatte verhindern konnen oder herbeigefuhrt hat diese
Weltkriegskatastrophe. Er setzt sich damit auseinander als Osterreicher
und sagt: Dieses Osterreich, durch den Weltkrieg ist es zugrunde gegan-
gen. Aber es ware auch ohne den Weltkrieg zugrunde gegangen, denn es
war reif, zugrunde zu gehen. Es konnte nicht mehr bestehen. Es war
innerlich morsch. - Er driickt sich sogar etwas dramatisch aus, indem er
sagt: Zugrunde gehen mufiten wir ja doch, wir konnten uns blofi unsere
Todesart wahlen. Anderes konnten wir nicht wahlen als die Todesart.
Wir wahlten uns die schlechteste. Nun ja, etwas Besseres ist nicht ver-
standen worden. Vielleicht ware eine andere langsamer gewesen, weni-
ger schmerzlich. - So driickt er sich aus.
Das ist im Grunde genommen ein ganz richtiges Apercu, denn dieses
Osterreich war ein Staatsgebilde, zusammengefiigt nach den Vorstel-
lungsintentionen, die noch aus einer alten Zeit stammten. Wenn sie
auch nicht, ich mochte sagen, mehr wuchsen in den Gehirnen, so waren
sie doch noch luziferisch da. Heute sehen die Leute, wie diese alten
Gebilde anfangen morsch zu werden und abzusterben. Richtig wiirden
die Leute nur sehen, wenn sie die inneren Grunde, die Zeitengriinde fur
das Absterben dieser Gebilde sehen wiirden. Allein es sieht ja jeder erst
etwas, wenn das betreffende Gebilde katastrophai zugrunde gegangen
ist. Um was es sich heute fur einen Menschen, der wirklich auf der Hohe
seiner Zeit steht, handeln wiirde, das wiirde sein, nicht nur mit allerlei
sozialen Ideen zu kommen und die alten Staatsgebilde zu nehmen, als
ob man diese alten Staatsgebilde, diese alten Staatsrahmen iiberhaupt
nehmen konnte. Das kann man nicht. Man mufi sich bekanntmachen
damit, dafi der alte Staatsbegriff aufgehort hat, einen Sinn zu haben,
dafi etwas anderes an seine Stelle treten mufi: der dreigeteilte soziale
Organismus. Dieser dreigeteilte soziale Organismus wird sich schon
selbst seine Staatsgrenzen schaffen; die alten haben ihre innere Zusam-
menhangsmoglichkeit verloren.
Aber die Leute sind heute eben Schlafer. Sie machen das mit, was sich
katastrophal abspielt. Aber hinzusehen auf die inneren Bewegkrafte des
Daseins, dazu wollen sich die Menschen nicht entschliefien. Sie werden
sich nur entschliefien, wenn sie aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen
heraus die Dinge wirklich begreifen lernen. Dann wird durch wirklich
geistiges Erfassen des Daseins auch die Briicke gebaut zwischen dem
Erfassen des rein Naturlichen und des Sozialen. Denn zuletzt haben
doch beide Gebiete Gesetze, die miteinander etwas zu tun haben. Nur
wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die Zeit betrachtet, dann
wird man zu der notigen Einsicht in das kommen, was heute wirklich
vorgeht. Man wird sich entschliefien miissen, zu sagen: Der Mensch darf
sich heute nicht zufriedengeben, wenn er etwas tun will fur die aufstei-
gende Menschheitsentwickelung, mit dem, was ihm von aufien anfliegt,
denn es fliegt ihm nur bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre etwas
an. Nachher mumifiziert er; nachher mufi das Geistig-Seelische aus der
geistigen Welt heraus seine Krafte holen.
Ein Mensch, der heute nur sich aus dem heraus entwickelt, was die
Aufienwelt an ihn heranbringt, ist iiberhaupt nur bis zu seinem sieben-
undzwanzigsten Jahr entwickelungsfahig. Sie konnen folgenden Ge-
danken als einen eminent richtigen fassen: Wenn heute die meisten Men-
schen, die in sogenannte hohere Stellungen aufriicken, noch allerlei
Gymnasial- oder ahnliche Bildungen durchmachen, so wird diese sieben-
undzwanzigjahrige Grenze etwas verschoben, weil aus alten Uberliefe-
rungen in den Menschen etwas hereinkommt, was sie daraus aufnehmen.
Wenn aber aus unserem gegenwartigen Leben einer herauswachst, so
recht als Selfmademan, und dann siebenundzwanzig Jahre alt wird,
ohne dafi er dieses Selfmademan- Wesen durchtrankt hat mit Gymnasial-
bildung im gewohnlichen Sinne und dergleichen, so kann er mit sieben-
undzwanzig Jahren so weit sein, dafi er gerade in all dem drinnensteckt,
was heute nur fur die Gegenwart der Erde gilt, was keine Entwicke-
lungsmoglichkeit nach der Zukunft gibt, was seinen Abschlufi finden
mufi in der Gegenwart. Denn wenn jemand etwas in seiner Seele haben
soil, was eine Entwickelungskraft nach der Zukunft gibt, dann mulS er
das aus dem Geiste heraus haben. Wenn also heute jemand siebenund-
zwanzig Jahre alt wird, gewissermafien nur durch die Menschheit er-
zogen wird, durch das, was von selber an einen heranfliegt durch die
leiblich-physische Entwickelung, so kann er sich mit siebenundzwanzig
Jahren ins Parlament wahlen lassen. Er wird gerade die Gegenwart
verstehen, die Gegenwart wird ihn verstehen; aber fur das, was er ver-
steht, fur das, was man von ihm versteht, konnte eigentlich die Ent-
wickelung sich so abspielen, dafi sie morgen durch eine riesige Erden-
katastrophe zugrunde geht; denn weitere Fermente fur eine Weiter-
entwickelung wird er nicht in seiner Seele enthalten. Gerade solch ein
Mann, der Selfmademan ware, der angeflogen bekommen hatte, was
man von aufien heute bekommt, der dann mit siebenundzwanzig Jah-
ren abgeschlossen hatte und meinetwillen Parlamentarier geworden
ware, dann bald Minister und so weiter, ware der charakteristischste
Ausdruck fur die Gegenwart.
Der charakteristische Mensch dafiir ist Lloyd George. Er ist geradezu
der absoluteste Ausdruck der Gegenwart. Wenn Sie seine Biographic
ins Auge fassen, so werden Sie finden: Er ist der Mensch, der alles das
in sich enthalt, was heute ein Mensch durch seine leiblich-geistige Ent-
wickelung aus sich machen kann bis zu seinem siebenundzwanzigsten
Jahre. Aber da er alles abweist, was nicht von selbst anfliegt, was aus
der geistigen Welt heraus gewonnen wird, so kann er nie alter werden
als siebenundzwanzig Jahre. Er ist ja gewifi heute schon an gezahlten
Jahren viel alter, in Wirklichkeit aber siebenundzwanzig Jahre alt. Und
so sind heute viele unter uns, die bleiben bei diesen siebenundzwanzig
Jahren stehen, weil sie nichts aus der geistigen Welt heraus aufnehmen.
Dafi man graue Haare bekommt, dafi man andere Alterserscheinungen
zeigt, das macht es dabei nicht aus. Man kann heute eben siebenund-
zwanzig Jahre sein, auch wenn man ein siebzigjahriger Greis ist den
gezahlten Jahren nach, und kann franzosischer Ministerprasident sein
und Clemenceau heifien. Das ist das Geheimnis der Menschheitsent-
wickelung, dafi das Altwerden nicht mit der Erinnerung der Jahre
zusammenhangt, sondern dafi heute derjenige, der wirklich alt werden
will, dieses dadurch werden mufi, dafi er Geistiges in seine Seelen-
entwickelung hereinbekommt. Es ist deshalb kein Zufall, dafi gerade
in den entscheidenden Ereignissen Lloyd George den Weltenton an-
gegeben hat. Denn den Weltenton fur das heutige Zeitalter, das ganz
urmaterialistisch ist, mufite ein Mensch angeben, der in der charakte-
ristischsten, in der typischsten Weise siebenundzwanzig Jahre alt ge-
worden ist und nicht iiber diese siebenundzwanzig Jahre hinausgelangt
ist. Er ist ja auch gerade just mit diesem Alter Parlamentarier geworden
und hat alle diese Dinge mit einer grofien Genialitat entwickelt. Man
lernt heute die Welt nicht kennen, wenn man sie blofi so ansieht, wie es
die Vorstellungen ergeben, die heute an der Oberflache der sogenannten
Zivilisation schwimmen. Man lernt die Welt nur kennen, wenn man sie
in der eben angedeuteten Weise von innen heraus wirklich ansieht.
Uns Menschen wird fur unsere Entwickelung zweierlei gegeben, ich
mochte sagen, das HullenmajRige und der Inhalt. Den alten Leuten des
ersten, zweiten, dritten Zeitraumes wurde mit den Hiillen, mit der leib-
lichen Entwickelung auch noch das Geistige mitgegeben. In den leib-
lichen Hiillen lebten noch die Mitglieder der hoheren Hierarchien. Wir
entwickeln unsere Leiber nur so, dafi wir haben: in unseren Menschen-
formen die Krafte der Geister der Form, in unserem Atherleib den Zeit-
geist, in unserem Astralleib Erzengelwesen, in unserem Ich Engelwesen.
Aber weiter kommt es nicht, denn wir mussen willkurlich und bewufk
zu dem aufsteigen, was dem Menschen alter Zeiten einfach mit seiner
Leibesentwickelung angeflogen ist. Und man lernt die moralische Ent-
wickelung der Menschheit nicht kennen, ohne daft man auf solche Dinge
wirklich Riicksicht nimmt. Die Leute schreiben heute Geschichte genau
ebenso, wie die Blinden von der Farbe schreiben wiirden. Sie schreiben
nur aufierliche Phrasen, die keinen Inhalt haben. Aus diesen aufierlichen
Phrasen, die keinen Inhalt haben, entstehen dann Parteiprogramme,
Gesellschaftsprogramme, entstehen jene sogenannten Ideale, nach denen
man dies oder jenes Soziale bewirken will. Man kann heute nichts sozial
bewirken, ohne dafi man aus den treibenden Kraften der Menschheits-
entwickelung heraus schafft. Zeitverstandnis ist heute notwendig. Aber
es kann nur aus geistigen Untergriinden herausgeholt werden.
Wie merkwiirdig solches Zeitverstandnis oftmals aufgefafit wird,
das kann man ja aus aufieren Dingen sehen. Wenn die Menschen xiber
das Alltagliche heute hinauskommen wollen, dann machen sie oftmals
allerlei Sachen. So konnte man zum Beispiel vernehmen, wie vor einiger
Zeit, als vor der Kriegskatastrophe die Leute schon gar nicht mehr wufi-
ten, was fiir Kinkerlitzchen der Zivilisation sie anfangen sollten, allerlei
«01ympische Spiele» aufgefiihrt werden sollten. Ja, Olympische Spiele
waren fiir die Griechen da. Unser Zeitalter ist soundso viele Jahr-
hunderte iiber die Griechen hinausgegangen. Wir haben nicht mehr die
Seelen- und Leibesverfassung, die die Griechen hatten. Wir miissen das-
jenige finden, was unserer Seelen- und Leibesverfassung angemessen ist.
Wir zeigen nur die Impotenz unseres Geistes, die vollige Leerheit von
Seeleninhalten, wenn wir Altes unbedingt wieder und wiederum kauen
wollen. Olympische Spiele waren moglich bei denjenigen Menschen, die
bis in das dreiunddreifiigste Jahr hinein ihre Entwickelungsfahigkeit
hatten. So ohne weiteres Dinge erneuern, die einmal fur die Menschheit
da waren, das heifit nichts anderes, als wenn jemand, der funfund-
dreifiig Jahre alt geworden ist, plotzlich beschlieEt, er will sich nun
benehmen wie ein funfzehnjahriger Bube. So ungefahr war es, als das
Ideal der Olympischen Spiele auftauchte.
Dieses innere Verstandnissuchen aus den geistigen Grundlagen der
Entwickelung heraus, das ist es, was unbedingt angestrebt werden mufi
von unserer Gegenwart an. Denn eben die alten Zusammenhange, aus
denen die Menschen bisher gearbeitet haben, sind morsch und briichig
geworden. Ein Schneckenhaus halt sich ja auch noch eine Zeitlang, wenn
die Schnecke schon tot ist. So hielten sich die alten Staaten, die aus ganz
andern Schnecken, aus ganz andern Vorstellungen hervorgegangen sind.
Aber notwendig ist es, da& heute neue soziale Gebilde aus dem erneuer-
ten Vorstellungsleben der Menschen heraus sich wirklich entwickeln.
Das grofie Sterben der alten sozialen Gebilde, das im Osten begonnen
und Mitteleuropa ergriffen hat, das wird sich schon fortsetzen ! Aber gut
ware es, wenn es verstanden wiirde und wenn die Leute weniger daran
denken wurden, die alten Reiche aufzurichten, sondern daran denken
wiirden, die realen Verhaltnisse der Gegenwart ins Auge zu fassen und
aus diesen realen Verhaltnissen der Gegenwart heraus entsprechende
neue soziale Gebilde zu gestalten.
Im ganzen mufi man doch sagen: Geisteswissenschaft stellt an die
Menschen die Anforderung, etwas weniger Bequemlichkeit zu ent-
wickeln mit Bezug auf ihre Seelenwesenheit, als die Menschen heute zu
haben geneigt sind. Die Menschen sind heute schon so, dafi sie gar nicht
sich bewufit sind der treibenden Krafte der Entwickelung, in denen sie
drinnenstecken. Es war mir interessant zu sehen, wie ein Mitglied unse-
rer Gesellschaft in der letzten Dreigliederungszeitung iiber den Stil der
«Kernpunkte der sozialen Frage» geschrieben hat. Uber diesen Stil der
«Kernpunkte der sozialen Frage» haben ja viele allerlei Zeug ge-
schwatzt: Schwer verstandlich, Schachtelsatze - und dergleichen. Es ist
ganz gut, dafi jemand es einmal ausgesprochen hat, dafi ja schliefilich
dieses Buch dazu da ist, um ein Aufruf zu sein an die Menschheitser-
neuerung, dafi es nicht ein Schlafpulver sein soli fur diejenigen, die
eine angenehme Lektiire haben wollen.
Heute vereinigen die Menschen, indem sie konsequent sein wollen,
das Diskrepanteste. Sie konnen heute unter das sogenannte Volk gehen,
das wird eine populare Darstellung verlangen. Vielleicht die popularste
Darstellung werden diejenigen verlangen, die sich am freigeistigsten fuh-
len. Sie werden einen geschlossenen Stil langweilig finden, diese Leute.
Woher kommt denn dieses Streben nach sogenannter popularer Dar-
stellung ? - Wenn die Leute es nur einmal bedenken wurden, wurden sie
von solchen Urteilen, wie man sie oftmals hort, leichter zuriickkommen.
Denn dasjenige, was heute auch viele kirchenfeindliche Leute als Popu-
larity im Stil fordern, das ist nichts anderes als ein Ergebnis jener Dar-
stellung, welche gewisse Vertreter der Bekenntnisse suchten, um die
Leute moglichst dumm zu erhalten. Sie gaben ihnen in den Sonntag-
nachmittagspredigten moglichst dasjenige, was «wasserklar» ist, was
auch fur diejenigen wasserklar war, die wachend schlafen wollten bei
den Predigten. Die aufierste Grenze des Predigtanhorens ist ja das alte
Mutterchen, das immer geschlafen hat bei der Predigt und das man zur
Rede gestellt hat. Da sagte sie: Nun, was hat denn der Mensch auf der
Welt, wenn er nicht mehr das bifichen Kirchenschlaf hat ! - Der Unter-
schied des Niveaus von diesem Schlafrigkeitszustand bis zur popularen
Darstellung ist ja nicht sehr grofi. Sie ist im wesentlichen dadurch ent-
standen, da£ man die Leute nicht zu einer gewissen freien lebendigen
Entwickelung des Denkens kommen lassen wollte. Was sich die Leute
angewohnt haben beim Anhoren der Predigten, das fordern heute die
kirchenfeindlichen Sozialdemokraten als populare Darstellung. So sind
die Zusammenhange. Die Leute finden heute den Stil der «Kernpunkte»
schwer, die es weit zuriickweisen wiirden, Bekenntnisleute zu sein; aber
den Stil schwer finden, das ruhrt davon her, dafi diese Leute erzogen
worden sind durch die «Wasserklarheiten» des Sonntagnachmittags-
Predigtdienstes. Das ist auch etwas, was sich die Menschen durch Gei-
steswissenschaft aneignen miissen: unbefangen auf die Ereignisse hinzu-
blicken. Uber die Entwickelungsgesetze mochten sich ja die Menschen
am liebsten tauschen.
Vor alien Dingen Energie im Seelenleben, das ist es, was fur die Zu-
kunft der Menschheitsentwickelung im eminentesten Sinne gebraucht
wird. Und gerade mit Bezug darauf leben wir ja heute in einer aufier-
ordentlich schwierigen Zeit. Ich habe letzten Sonntag hier, wahrend
«agyptische Finsternis» im Saal geherrscht hat, auf mancherlei Be-
strebungen, die sich gerade gegen unsere Geisteswissenschaft geltend
machen, hingewiesen. Es ist aber gar nicht so selten, dafi gerade in unse-
ren Reihen ein entschiedenes, dezidiertes Denken dariiber iibelgenom-
men wird, konnte man sagen. Das mufi scharf ausgesprochen werden
aus dem Grunde, weil ja jene Art von Verleumdungsfeldzugen, die
gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und was sie
sozial als Konsequenz nach sich zieht, erst im Anfange sind. Wie tritt
doch immer wieder und wiederum aus unseren Reihen einem das Ver-
derbliche entgegen, dafi verlangt wird, man solle, wenn jemand ver-
leumdet, den alten Herrn oder wer es ist, manchmal auch einen jungen
Herrn, eine alte Frau, manchmal auch eine junge, moglichst schonend
behandeln. Da wird gesagt: Wer verleumdet, soli vor alien Dingen in
unseren Reihen auch moglichst schonend behandelt werden; man soil
sich mit Leuten, die Verleumdungen in die Welt setzen, erst anfreun-
den ! - Darauf kommt es nicht an heute ! Wer die Zeit versteht, sollte das
einsehen. Es kommt heute nicht darauf an, dafi man sich auseinandersetzt
mit den Menschen, die Verleumdungen iiber die Welt streuen, sondern
darauf kommt es an, dafi man bei andern Menschen diese Menschen
charakterisiert, dafi man sich mit ihnen nichts zu schaffen macht, dafi
man sie als Menschen, die man an sich nicht herankommen lassen will,
behandelt und die andern Menschen in entsprechender Weise aufklart,
was das fur Individuen sind, die da in der Welt stehen. Das ist es, wor-
auf es ankommt heute ! - Denn heute stehen wir vor ernsten Entwik-
kelungsmomenten, und heute ist das Durch-die-Finger-Schauen das
allerschlimmste, was gerade in Menschheitsdiensten geschehen kann. Be-
quemer ist es, das Durch-die-Finger-Schauen, als das scharfe Erfassen
desjenigen, um was es sich hier handelt.
Vor alien Dingen miissen wir uns dariiber klar sein, dafi ein wirk-
liches Verstandnis der sozialen Aufgabe der Gegenwart nur moglich ist
vom Geiste aus. Aber dazu ist naturlich vieles andere erst herbeizu-
schaffen, mochte ich sagen. Da ist auf der einen Seite unsere Wissen-
schaft, die einer volligen Erneuerung bedarf. Wir konnen mit der alten
Wissenschaft nichts mehr anfangen. Wir miissen die Moglichkeit haben,
in den Geist der Natur wirklich einzudringen. Wir miissen die Moglich-
keit haben, die Naturwissenschaft, die Medizin, die Biologie im allge-
meinen wirklich geistig zu erfassen, dann konnen wir mit der Erziehung,
die durchgemacht wird auf diese Weise, wirklich auch fruchtbare Ge-
danken entwickeln fiir das soziale Denken. Sonst werden wir fortfah-
ren, mit den alten Schlagworten Neues schaffen zu wollen. Das aber ist
es gerade, was uns so stark in den Abgrund hinunterfuhrt. Aufwarts-
kommen mufi die Menschheit; aber sie mufi es aus einer geistigen Er-
neuerung heraus. Und wer sich nicht entschliefien wird, auf das Alte so
hinzuschauen, dafi es wirklich von ihm als Altes angesehen wird, der
wird eben nicht mitarbeiten konnen am Fortschritt der Menschheit.
Ich habe ja in den verschiedensten Varianten dieses vor Ihnen ent-
wickelt. Ich wollte heute darauf hmweisen, wie eigentlich die Mensch-
heit - was ich ja auch schon ofter auseinandergesetzt habe - in bezug auf
ihr Lebensalter immer jiinger und jiinger wird. Die urindischen Men-
schen waren bis liber die Fiinfzigerjahre alt geworden, dann die per-
sischen Menschen bis in die Vierzigerjahre, die agyptisch-chaldaischen
bis zura Ende der Dreiftigerjahre, die griechischen Menschen bis in die
Dreifiigerjahre hinein. Wir werden nicht in dieser Weise alt. Wir trotten
noch fort, wenn wir nicht uns geistig innerlich beleben, aber alt werden
wir nicht. Denn alt werden hiefi in alten Zeitaltern zu gleicher Zeit
durch dasjenige, was der Mensch leiblich-physisch heranentwickelte,
weiser werden. Die heutigen Menschen werden, indem sie alt werden,
blofi alt, werden nicht weiser, sie werden Mumien. Sie werden weiser
nur dann, wenn sie die Mumien mit irgend etwas innerlich ausfiillen.
Die Agypter mumifizierten ihre Toten. Die Gegenwartsmenschen haben
gar nicht notig, Mumien erst zu werden, denn sie wandeln schon als
Mumien herum und sind nur dann keine Mumien, wenn erfafit wird
in lebendiger, unmittelbarer Gegenwart das Geistige; dann wird die
Mumie belebt. Das aber ist fur die Menschheit der Gegenwart notwen-
dig, dafi die Mumien belebt werden. Sonst haben wir weiter jene Welten-
vereinigungen, in denen allerlei Tone aus mumifizierten Menschen kom-
men. Man nennt diese Vereinigungen «Parteien». Aber das, was von
den mumifizierten Menschen gekommen ist, das wurde allmahlich zu
rein ahrimanischen Stimmen, und die haben die Katastrophe der letzten
Jahre herbeigefuhrt. Das ist die Kehrseite der Sache, das ist das ganz
Ernste der Sache. Wenn der Mensch von der Gegenwart an nicht an-
fangt, seine Mumie mit geistigem Inhalt zu erfullen, so erfullt sie sich
durch die Einfliisterungen des Ahriman. Dann gehen die Menschen-
mumien herum, aber aus ihnen sprechen die ahrimanischen Damonen.
Die konnen nur verhindert werden, die Erde zu bevolkern, wenn die
Menschen sich dazu entschliefien, ihren lebendigen Zusammenhang mit
der Geisteswelt zu suchen. Ja, die Sache hat ihre sehr, sehr ernste Seite.
Geisteswissenschaft heute zu treiben ist zu gleicher Zeit ein Austreiben
des ahrimanischen Geistes aus der Menschheit, ist ein Verhindern des-
sen, dafi die Menschheit von Ahrimanisch-Geistigem besessen werde.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 17. Januar 1920
Ich habe gestern versucht, Ihnen den Charakter des Zeitpunktes mensch-
licher Entwickelung, an dem wir angekommen sind, zu kennzeichnen.
Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, wie im Fortgange der menschlichen
Entwickelung die Menschheit gegenwartig dabei angekommen ist, un-
bedingt angewiesen zu sein auf dasjenige, was wir nennen die Wissen-
schaft der Initiation. Das heifit, es wird notwendig, da& erstens die Er-
kenntniszweige des menschlichen Kulturlebens durchdrungen werden
von dieser Wissenschaft der Initiation, zweitens aber auch, dafi das so-
ziale Denken und das soziale Empfinden durchdrungen werde von den-
jenigen Gefiihlen, Empfindungen, die fiir die menschliche Seele aus dem
Bewufitsein heraus resultieren: Es gibt eine Geistesoffenbarung, eine
ubersinnliche Offenbarung - man braucht sich ihr nur zuzuwenden.
Man kann ja iiberzeugt sein, dafi zahlreiche Menschen kommen und
sagen: Ja, aber es ist doch gewissenhaft Geschichte studiert worden, und
was sich da aus der Geisteswissenschaft heraus ergeben soli iiber den
Charakter des gegenwartigen Zeitraumes, so wie sich dieser entwickelt
hat aus den vorhergehenden, davon spricht ja die Geschichte nicht.
Ja, sie spricht nicht davon, weil sie eben, unbeeinflu^t von wirklicher
Geist-Erkenntnis, nicht nach ihren wirklichen Antrieben und Kraften
fragt. Um zu wissen, was durch die Geschichte spricht, mufi man erst
die Geschichte in der richtigen Weise zu fragen verstehen.
Nun handelt es sich darum, dafi die drei aufeinanderfolgenden nach-
atlantischen Zeitraume, der urindische, der urpersische, der agyptisch-
chaldaische, solche sind, in denen gewissermafien in dem gestern gemein-
ten Sinne die Menschheit immer jiinger geworden ist, das heilk, dafi sie im
zweiten Zeitraume nicht entwickelungsfahig geblieben ist in diejenigen
Jahre hinein, in denen sie im ersten Zeitraume noch entwickelungsfahig
war und so weiter. Im griechisch-lateinischen Zeitraume, also in dem-
jenigen, der im 8. vorchristUchen Jahrhundert begonnen und im 15. Jahr-
hundert geendet hat, war es so, dafi die Menschen entwickelungsfahig
geblieben sind bis in den Beginn der Dreifiigerjahre hinein. Als im
15. Jahrhundert dieser Zeitraum schlofi, waren die Menschen deutlich
entwickelungsfahig bis iiber das achtundzwanzigste Jahr hinaus. Heute
reicht die Entwickelungsfahigkeit, wie wir ja betont haben, nur bis zum
siebenundzwanzigsten Jahre und wird immer mehr und mehr herunter-
steigen.
Nun kann der Mensch, einfach durch die physisch-leibliche Kon-
stitution, erst von den Dreifiigerjahren an in Beziehung zur geistigen
Welt kommen. Mifiverstehen Sie mich nicht ! Er kann natiirlich, wenn er
sich der Geisteswissenschaft zuwendet, auch heute schon friiher dazu
kommen; aber wenn der Mensch durch seine eigene, an das Physisch-
Leibliche gebundene Entwickelung geistige Krafte aus dem Weltenall
hereinbekommen soil, so kann das nur geschehen, wenn er entwicke-
lungsfahig bleibt bis in die Dreifiigerjahre hinein. Das tut er nicht. Da-
her kann von unserem Zeitpunkte an gar keine Rede davon sein, dafi
auf naturlichem Wege die Entwickelung der Menschheit vorwarts-
schreiten kann. Sie kann nur vorwartsschreiten, wenn die Menschheit
befruchtet wird von der Wissenschaft der Initiation.
Nun habe ich Ihnen schon in einem der vorigen Vortrage angedeutet,
dafi es ja in Gegenden der westlichen Zivilisation, namentlich in anglo-
amerikanischen Gebieten, Eingeweihte gibt. Aber das Eigentumliche
dieser Eingeweihten ist, dafi sie von ihrem Gesichtspunkte aus im Sinn
haben, eigentlich nur dasjenige als Wissenschaft der Initiation zu for-
dern, was die britisch-amerikanische Weltherrschaft allmahlich uber die
Erde bringen kann. So merkwiirdig das klingt, es ist so. Und man kann
sagen: Jede einzelne Behauptung, die von dieser Seite ausgeht, tragt ein
Geprage, dem der Kundige anhort, dafi es so ist. Vor alien Dingen
weisen auf alle diese Dinge hin die verschiedenen Arten, wie in west-
lichen Gegenden die Wissenschaft der Initiation gehandhabt wird.
Sie haben ja gesehen: In gewissen, allerdings in gewissen Grenzen
wird hier nicht zuruckgehalten mit bestimmten Initiationswahrheiten.
Und wenn Sie das durchblicken, was im Lauf e der Jahre vor Ihnen vor-
getragen worden ist, so werden Sie darin, wenn Sie wirklich unschlafend
die Dinge verfolgen, eine ganze Reihe von wichtigen Initiationswahr-
heiten finden, welche geeignet sind, nicht bloft einen Teil der Mensch-
heit, sondern iiber die Erde hin die ganze Menschheit iiber die jetzige
Krise hinauszubringen und einer wirklichen Weiterentwickelung ent-
gegenzufiihren. Aber Sie werden namentlich unter den westlichen Ein-
geweihten immer Leute finden, welche verponen, verurteilen, dafi so
viel, wie hier mitgeteilt worden ist, heute an die Offentlichkeit mit-
geteilt wird. Das hangt zusammen mit einer schiefen Auffassung von
der Wissenschaft der Initiation. Um Ihnen diese schiefe Auffassung
begreiflich zu machen, mufi ich heute das Folgende vorausschicken.
Die Wissenschaft der Initiation wendet sich schlechterdings immer an
den einzelnen Menschen. Auch wenn sie zu einer Summe von Menschen
spricht, so wendet sie sich in Wirklichkeit an den einzelnen Menschen.
Man kann nicht die wahre Wissenschaft der Initiation so vortragen, wie
man in friiheren Zeiten auf die Menschen gewirkt hat. Die katholische
Kirche zum Beispiel verpflanzte diese Art auch in die Gegenwart herein,
iibrigens nicht blofi die katholische Kirche, sondern auch gewisse Partei-
richtungen bedienen sich heute noch derselben Methode. Man hat ja so
gewirkt, dafi man, wenn ich mich so ausdriicken darf, die Massenpsyche
zu Hilfe nimmt, dafi man appelliert an das, was einer Menschengemein-
schaft in einer gewissen, ich mochte sagen, hypnotisierenden Weise etwas
einimpft. Sie wissen ja, dafi man in der Regel, wenn man nur die ent-
sprechenden Mittel anwendet, einer Versammlung Dinge leichter bei-
bringen kann als jedem einzelnen, zu dem man sprechen wollte. Es ist
etwas Wahres an einer solchen Massenhypnose.
Dieser Mittel, die durchaus wirksam sind, kann sich eine wahre Weis-
heit der Initiation nicht bedienen. Sie mu& so sprechen, dafi sie zu jedem
einzelnen Menschen spricht und dafi sie an die Uberzeugungskraft jedes
einzelnen Menschen appelliert. Die Art zu sprechen, der sich die heute
auf der Hohe der Menschheitsentwickelung stehende Initiationswissen-
schaft bedienen mufi, war bisher noch nicht da. Daher ist die Art, wie
zum Beispiel hier und in meinen Buchern gesprochen wird, manchen
Menschen heute noch ein Greuel, weil eben schon durch die Art des
Sprechens streng die Regel eingehalten wird, nur an die Uberzeugungs-
kraft der einzelnen Individuality zu appellieren.
Damit ist zugleich ein wichtiges soziales Prinzip gegeben, auf das ich
schon in anderem Zusammenhange in diesen Tagen hingedeutet habe
und das Sie systematisch und prinzipiell durchgefiihrt finden in meinem
Buche «Die Philosophic der Freiheit». Wenn man nur mit ethischen,
mit moralischen Impulsen an den einzelnen appellieren will, dann kann
man nicht aus allgemeinen Abstraktionen heraus organisieren wollen,
dann kann man nicht Gruppen von Menschen wie Herdentiere zusam-
menfassen, urn ihnen irgendeine gemeinsame Direktive zu geben, son-
dern dann kann man sich eben nur an den einzelnen wenden und dann
warten, dafi, weil jeder einzelne in seinem Stehen im Ganzen drinnen
das Richtige will, so auch im Ganzen sich das Richtige vollziehen wird.
Auf ein anderes Prinzip als auf dieses Prinzip des allgemeinen Men-
schenverhaltens kann die Sozialmoral der Zukunft gar nicht begriindet
werden. Als ich meine «Philosophie der Freihek» veroffentlicht hatte,
erschien zurn Beispiel im «Athenaeum» eine Besprechung, in der gesagt
wurde, solch eine Anschauung fiihre in einen theoretischen Anarchismus
hinein. Sie fiihrt aber nur dann in einen Anarchismus hinein, wenn es
nicht gelingen sollte, die Menschen zu wirklichen Menschen zu machen,
das heiik, wenn die Menschen durchaus Untermenschen sein wollen,
wenn sie durchaus unter solchen Gesichtspunkten zusammengehalten
sein wollen, wie die Glieder einer Tiergruppe zusammengehalten sind.
Lowen sind schon durch ihre Lowenform als Lowen zusammengehal-
ten, Hyanen auch, Hunde auch; aber die Entwickelung der Menschheit
geht dahin, dafi nicht Menschengruppen, weder unter Blutsorganisa-
tionsbanden noch auch unter ideellen Organisationsbanden in der
Zukunft organisiert werden sollen wie Hammelherden, sondern dafi
tatsachlich das, was im Zusammenwirken der Menschen entsteht, aus
der Kraft der Individualitaten heraus geschieht.
Ich habe vor einigen Tagen hier einen Vergleich gebraucht, der etwas
grotesk klingen mag, der aber doch die ganze Sache, wie ich glaube, be-
leuchten kann. Ich weifi nicht, ob es nicht auch Menschen gibt, welche
es als etwas besonders Erlosendes empfinden wiirden, wenn man iiberall
Aufschriften fande: Verordnung dieser und dieser Behorde: Derjenige,
der hier in der Richtung nach vorne geht, mufi dem andern ausweichen,
der in der andern Richtung geht. - Selbst in bevolkerten Stadten kom-
men ja die Menschen in der Regel miteinander noch aus auf der Strafie,
sie gehen aneinander vorbei; aus ihrer Vernunft heraus, aus dem, was
sie als Impuls in sich haben, stofien sie sich nicht fortwahrend. Diesem
Ideal steuert die Menschheit zu. Dafi sie das nicht einsieht, das ist ihr
Ungliick. Es kommt darauf an, auch in den wichtigen Dingen die Direk-
tiven seines Handelns in sich selber zu tragen, so dafi der andere sich
darauf verlassen kann, auch ohne dafi ein gemeinsames Gesetz, das die
beiden zu Untermenschen macht, sie aufeinander dressiert, damit der
andere sich so verhalt, dafi der eine neben ihm bestehen kann.
Dieses Arbeiten nach der Individualitat hin, das ist es, was nun ein-
mal verknttpft ist mit den allerwichtigsten Impulsen der Menschheits-
entwickelung. Auf so etwas wird man niemals menschliche Individua-
litaten bringen konnen, wenn man ihnen nur iiberliefern kann, was
etwa die gegenwartige Naturerkenntnis bildet oder was die gegen-
wartige Sozialwissenschaft oder die gegenwartigen Sozialmotive bildet.
Zu einer solchen Individualitat, wie die ist, von der ich eben gesprochen
habe, kommt der Mensch nur, wenn in ihm eine Gedankenmasse erweckt
wird, die aus der Wissenschaft der Initiation stammt. Nur durch seine
Beziehung zum Ubersinnlichen wird der Mensch von solchen Gedan-
ken erfiillt, die ihn zu einer freien Individualitat machen, die aber
auch in der sozialen Ordnung in moglichster Freiheit wirken kann.
Alles hangt eben daran, dafi die Menschheit Herz und Sinn offnet fur
das, was aus der Wissenschaft der Initiation kommt.
Das grofie Vertrauen, das mufi das wichtigste Sozialmotiv der Zu-
kunft werden. Die Menschen miissen aufeinander bauen konnen. Anders
gehen die Dinge nicht vorwarts. Das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe,
erscheint dem, der es ernst meint mit der ganzen Menschheit, wenn er
nur geniigend eingeweiht ist in ubersinnliche Dinge, in dem Sinne als
eine Selbstverstandlichkeit, daft er sagen mufi: Entweder geschieht
dieses oder die Menschheit geht in den Abgrund hinein. Ein Drittes
gibt es demgegeniiber nicht.
Man kann ja sagen, man konne sich nicht vorstellen, daft eine soziale
Ordnung auf allgemeines Vertrauen begriindet wird. Darauf kann man
nur antworten: Schon, wenn ihr euch das nicht vorstellen konnt, dann
miifit ihr euch eben vorstellen: Die Menschheit mufi in den Sumpf hin-
ein. - Diese Dinge sind nun einmal ernst, und sie miissen als solche
ernst genommen werden.
In einer gewissen Abstraktheit wissen das auch die Eingeweihten der
westlichen Lander. Allein sie sagen folgendes: Wir haben die Wissen-
schaft der Initiation bis zu einem gewissen Grade, wir konnten sie ver-
offentlichen. - Sie wiirden allerdings nur eine solche Wissenschaft der
Initiation veroffentlichen, die zu den Zielen fiihrt, die ich angedeutet
habe; auch bewegen wir uns jetzt auf einem Gebiete, das ebenso an-
wendbar ist auf die wahre Wissenschaft der Initiation wie auf die ein-
seitige. - Die Eingeweihten der westlichen Lander konnen also sagen:
Wir haben die Wissenschaft der Initiation; wir konnen sie veroffent-
lichen, aber das ist so, dafi sie nur an den einzelnen Menschen sich rich-
tet. - Jetzt beginnt fur diese Leute die grofie Angst, die schreckliche
Furcht. Sie sagen: Ja, wenn wir also in der Zukunft nur zu den einzelnen
reden, dann entfesseln wir Kampfe aller gegen alle, denn dann sind die
Menschen nicht organisiert, dann ist auf allgemeines Vertrauen gebaut,
dann kommen die Menschen in den Kampf aller gegen alle hinein. -
Diese Angst steht vor den Leuten. Daher wollen sie die wichtigsten In-
itiationswahrheiten, ich mochte sagen, in der Dunkelkammer behal-
ten und die Menschheit in einem scheinbaren Lichte, aber schlafend, der
Zukunft entgegenwandeln lassen.
Diese Dinge sind ja durchaus aktuell, seitdem mit der Mitte des
19. Jahrhunderts der Hohepunkt des Materialismus in der modernen
Zivilisation erreicht worden ist und seitdem sich die Leute eben fragen
muiken: Wie weit gehen wir mit der Wissenschaft der Initiation ? - Sie
wagten es bisher nicht, eine wirkliche Wissenschaft der Initiation liber
gewisse kleinere Kreise hinausgehend der Menschheit mitzuteilen.
Nun darf eine gewisse Erziehung, die die Menschheit durchgemacht
hat, nicht abreifien, sie ist aber heute schon dank einer ganz verfehlten
Theologie im Abreifien. Sie konnen diese Erziehung verfolgen, wenn
Sie nicht jene Fable convenue studieren, die man gewohnlich «Ge-
schichte» nennt, sondern wenn Sie die wirkliche Geschichte studieren.
Die Menschen wissen ja heute eigentlich gar nicht, wie das, was man mit
bestimmten Worten bezeichnet, sich im Laufe der Zeit geandert hat. Die
Leute reden von Katholizismus, von Kaisertum, von Aristokratie, von
Burgertum und glauben, wenn sie dieselben Worte im 14. Jahrhundert
finden, so bedeuten sie ungefahr dasselbe, vielleicht nur mit einer klei-
nen Nuance etwas anderes. Solange man nicht dariiber sich klar ist, dafi
das, was im 14. Jahrhundert Katholizismus, Kaisertum, Burgertum,
Aristokratie bedeutet hat, gar nichts mehr mit dem gemein hat, was wir
heute mit diesen Worten bezeichnen, so lange kennt man die Geschichte
nicht. Man mufi sich durchaus klar sein, wie die Seelenverfassung der
Menschen sich im Laufe von wenigen Jahrhunderten wirklich stark ver-
andert hat.
Worauf beruhte denn im wesentlichen bis ins 15. Jahrhundert, in
seinen Nachwirkungen sogar noch weitergehend, das, was aus der allge-
meinen Menschheitserziehung heraus wirkte in das Bewufitsein der
Seelen der zivilisierten Welt? Das alles beruhte darauf, dafi die Men-
schen durch diese Jahrhunderte in der Lage waren, in ihr Vorstellungs-
leben Ubersinnliches aufzunehmen, nicht so, wie es jetzt durch die
Geisteswissenschaft aufgenommen werden soli, aber wie sie es damals
eben nach ihren noch atavistischen Bewufitseinszustanden aufnehmen
konnten. Ein Grundfaktum erfullte die Menschenseelen. Es war das
Grundf aktum, das sich anschliefk an das Mysterium von Golgatha. Man
wufke auf die damalige Art: Die Christus-Wesenheit ist herunter-
gekommen aus iiberirdischen Hohen, ist verkorpert gewesen in dem
Menschen Jesus von Nazareth, und mit dem Mysterium von Golgatha
hat sich etwas zugetragen, was sich nach gewohnlichen, von der Natur-
erkenntnis auffindbaren Gesetzen nicht zutragen kann. - Man hatte in
den Begriffen und Vorstellungen, die man sich vom Mysterium von
Golgatha machte, solche Ideen, solche Vorstellungen, die hinausgin-
gen iiber die irdische Sphare.
Mit solchen Vorstellungen schafft man ganz andere Gedankenf ormen
als mit den Vorstellungen, die der Durchschnittsmensch heute hat. Die
Gedanken, die sich die Menschen heute machen, gehen gar nicht hinein
bis in das Leben des Ubersinnlichen. Die Gedanken, die sich die Men-
schen mit einer solchen Ankniipfung an das Mysterium von Golgatha
machten, wie ich es eben charakterisiert habe, die waren geeignet, Gedan-
kenf ormen hervorzuruf en, welche eine Realitat hatten im Ubersinnlichen.
Daher kann man den gegenwartigen Zeitpunkt auch so charakte-
risieren, dafi man sagt: Die Menschheit hat allmahlich die Fahigkeit verlo-
ren, solche Gedankenformen zu bilden, die im Ubersinnlichen eine Be-
deutung haben. - So kann man ja auf der Erde auch keine sozialen
Ordnungen schaffen, die die Erde weiterbringen. Daher tragt alles das,
was ungefahr seit dem 16. Jahrhundert an sozialen Ideen in die Menschheit
hineingebracht worden ist, den Charakter, der sich etwa folgender-
mafien schildern lafit: Wir treffen nach den Gedankenformen, welche
die Gedankenformen der Neuzeit sind, soziale Einrichtungen. Solche
sozialen Einrichtungen sind alle zum Zerbrechen da, das heifit, sie lau-
fen eine Zeitlang, dann zerbrechen sie. Sie haben keine innere Kraft der
Fortentwickelung. - Das ist sogar das Geheimnis der neueren Entwicke-
lung. Die Menschen mogen auf Grundlage derjenigen aufieren Welt-
bildung, die sich ergeben hat seit dem 16. Jahrhundert, noch so willig
soziale Einrichtungen treffen, alle diese sozialen Einrichtungen tragen
den Todeskeim schon im Entstehen in sich, weil sie nicht mit Gedanken-
formen verbunden sind, die im Ubersinnlichen eine Realitat haben.
Solange es in der Gegenwart nicht Menschen gibt, welche so etwas ein-
sehen, ist mit dieser Gegenwart iiberhaupt iiber einen sozialen Fort-
schritt gar nicht zu sprechen. Es kommt nicht darauf an, dafi man in
abstrakter Art, vielleicht aus irgendeinem spirituellen Gedankengespinst
soziale Ideen ableitet. Darauf kommt es gar nicht an. In meinen «Kern-
punkten der sozialen Frage» steht nicht etwa zuerst ein langeres Kapitel
iiber Geisteswissenschaft, aus dem dann soziale Gesetze deduziert wer-
den, sondern es wird aus der Wirklichkeit selber heraus aufmerksam
gemacht auf das, was zu geschehen hat. Darauf kommt es nicht an, dafi
man aus irgendeinem spirituellen Gespinst das soziale Leben heraus-
deduziert, sondern darauf, daft man selber erfullt ist von solchen Ge-
danken, die im Ubersinnlichen wurzeln. Denn dieses Erfiilltsein macht
es aus, dafi alles, was man denkt, eine Realitat im Ubersinnlichen hat.
Paradox, aber ganz wahr gesprochen, kann man das Folgende sagen:
Denken Sie sich, ein Mensch, ich will sagen ein «Staatsmann» - ein
Wort, das man gegenwartig in Anfuhrungszeichen sagt -, redet allerlei
gescheite Dinge, das heifst solche Dinge, welche die Menschen heute ge-
scheit nennen, hat aber niemals eine Beziehung gekniipft zur ubersinn-
lichen Welt. Das, was er redet, in Wirklichkeit umgesetzt, wird den
Todeskeim in sich tragen. - Ein anderer redet. Wenn man nicht weifi,
dafi er sich mit Geisteswissenschaft beschaftigt, braucht man es aus seiner
Rede auch gar nicht zu merken, er redet nur in einer etwas andern Art
iiber die Dinge. Aus dem, was er zum Beispiel iiber soziale Fragen sagt,
braucht man gar nicht zu merken, dafi er sich mit Geisteswissenschaft
beschaftigt, aber dafi er sich mit Geisteswissenschaft beschaftigt, das
gibt seinen Ideen den realen Impuls.
Also es handelt sich darum, daft man heute nicht ausreicht mit einer
abstrakten Logik, sondern dafi man Wirklichkeit reden mu£. Derm
heute stehen wir ja bereits in einem Stadium der Menschheitsentwicke-
hing, daft, sagen wir, ein Journalist die schonsten Dinge schreiben kann,
die die Leute bewundern, weil sie sagen: Ja, wenn ich das lese, es ist ja
die reinste Geisteswissenschaft! - Darum handelt es sich eben nicht!
Heute handelt es sich gar nicht mehr um die Wortlaute, sondern heute
handelt es sich um den Grund der Seele, aus dem so etwas kommt, es
handelt sich um dasjenige, was der Mensch als Substanz in sich tragt !
Wenn ich von einem ganz andern Feld her den Vergleich ziehen soli,
so soil es der sein, den ich ofters schon gebraucht habe: Es gibt heute
Dichter, die dichten ungemein leicht, machen schone Verse, die man
bewundern kann. Dennoch gilt auch das: Es wird heute neunundneunzig
Prozent zu viel gedichtet. - Andere aber gibt es, deren Verse sind wie
ein Gestammel; aber diese Verse, die wie ein Gestammel klingen, kon-
nen aus echtem Menschheitsfond, das heiftt Geistesfond stammen, wah-
renddem die, die man bewundert, weil die Sprachen einfach soweit sind,
daft jeder Tor heute aus der Sprache heraus etwas Bewundernswertes
schaffen kann, wertloser Wortschall sein konnen.
Es ist heute durchaus notwendig, daft man iiber den bloften Wortlaut
zu dem Motiv hingeht, das heiftt, daft man sich nicht im Abstrakten
halt, daft man nicht dem Wortlaut nach liest, sondern daft man sich ins
voile Leben hineinstellt und aus dem Leben heraus die Erscheinungen
beurteilt. Und so handelt es sich darum, daft Geisteswissenschaft, wie
sie hier gemeint ist, vor alien Dingen befruchtend wirken mufi auf
die verschiedenen Lebenszweige, sonst wird das nicht eintreten, was
eintreten mufi.
Wenn zwei Menschen miteinander reden, verstandigen sie sich durch
die Sprache. Aber die Sprache war in verhaltnismaftig gar nicht weit
zuriickliegender Zeit etwas ganz anderes als heute. Wenn man sich heute
durch die Sprache verstandigt, so wird man eigentlich mehr oder we-
niger ein Sklave der Sprache. Die Menschen haben friiher durch den
Sprachgenius viel gelernt, und sie dachten eigentlich nicht selbst sehr viel,
sie liefien die Sprache fur sich denken. Das ging nur so lange, bis der
Zeitraum eintrat, den ich Ihnen gestern charakterisiert habe. Heute
kommt der Mensch nur weiter, wenn er sich mit seinem Denken und
Empfinden von der Sprache emanzipieren kann. Die Sprache lauft ge-
wissermafien heute wie ein Mechanismus, in dem wir drinnenstehen,
und statt unserer lebt eigentlich immer mehr und mehr der Ahriman in
der Sprachenentwickelung drinnen. Ahriman redet eigentlich heute,
wenn die Menschen reden. Und die Menschen mussen sich nach und
nach gewohnen, aus ganz anderem heraus sich zu verstehen als aus dem
blofien Wortlaut der Sprachen. Man mufi viel tiefer drinnenstehen im
Leben, um heute den andern Menschen zu verstehen, als in dem Zeit-
alter, wo auf den Fliigeln der Sprache noch das enthalten war, was die
Menschen miteinander ausgetauscht hatten. Heute ist das auf den Flii-
geln der Sprache nicht mehr enthalten. Heute kann man im Grunde ge-
nommen ein von wirklicher Erkenntnis ganz leerer Mensch sein. Aber
damit, daft die Sprache - jede heutige zivilisierte Sprache - allmahlich
Satzformen, Sentenzen, ja ganze Theorien, die schon in der Sprache
liegen, ausgebildet hat, braucht man nur das, was in der Sprache liegt,
ein bifichen umzuandern, dann hat man etwas scheinbar von sich aus
Geschaffenes, in Wirklichkeit hat man im Grunde genommen nur ein
wenig durcheinandergewurfelt, was schon da war.
Es liefie sich heute sehr leicht, so grotesk es Ihnen klingen wird, fol-
gendes Experiment machen. Nehmen Sie die Enunziationen gut bour-
geoises nur etwas nach der einen oder nach der andern Seite hin zum
Materialismus geneigter Professoren, Philosophieprofessoren, Natur-
wissenschaftsprofessoren und dergleichen, nehmen Sie das, was diese
Leute im Laufe der letzten Jahrzehnte, in der zweiten Halfte des 19.
Jahrhunderts gesagt haben, so lafit sich sehr leicht durch ein klein we-
nig Umdenken foigendes erreichen. Nehmen Sie, ich will sagen, irgend-
ein Elaborat eines ziemlich braven Philosophen, eines braven Dut-
zendphilosophen von der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, der
sich iiber diese oder jene sozialen Dinge geaufiert hat, da konnen Sie nun
gewisse Eigenschaftsworte wegnehmen und durch andere ersetzen, die
wieder in einem andern Satz stehen. Sie konnen die Dinge ein bifichen
umwerfen - und es entsteht daraus die Lebensanschauung des Herrn
Trotzkij! Man braucht, um heute mit einer Lebensanschauung ein
Trotzkij zu sein, gar nicht selber denken zu konnen, sondern nur die
Sprache in sich denken zu lassen in der Weise, wie ich es eben geschildert
habe. Aber da arbeiten, weil die Sprache sich in einer gewissen Weise
von ihnen emanzipiert hat, nicht die Menschen, da arbeiten ahrima-
nische Machte in der Menschheitskultur.
Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das kann man als Erlebnis haben.
Man mufi nur die inneren Seelenaugen fur solche Dinge offen haben.
Wer nicht mit Worten, sondern mit Gedanken arbeitet, fur den ist die
Sprache heute ein ganz schauderhaftes Instrument. Es schreibt sich heute
fur den, der mit Gedanken arbeitet, in der Tat nicht leicht. Denn wollen
Sie einen Satz hinschreiben, so pariert er Ihnen nicht, weil soundso
viele Leute ahnliche Satze geschrieben haben. Immer wiederum will der
Satz sich formen aus der Gesamtpsyche heraus, aber Sie miissen erst
sein Feind werden, um dasjenige, was Ihnen in der Seele liegt, wirklich
satzgemafi zu formen. Wer heute fur die Offentlichkeit wirkt und nicht
diese Feindseligkeit der Sprache empfinden kann, der gerat immer in
die Gefahr, sich dem Denken der Sprache zu liberlassen und schone
Programme auszusinnen aus der Sprache heraus.
Die Notwendigkeit, den Gedanken Geltung zu verschaffen, mufi
heute schon beginnen im Kampfe mit der Sprache. Nichts ist gefahr-
licher, als wenn heute ein Mensch sich immer tragen lafit von der Sprache,
in dem Sinne: So driickt man das aus, so driickt man jenes aus. - Denn
indem eine stereotype Art des Ausdriickens da ist, indem man sagen
kann: Das kann man nur so sagen -, begibt man sich eigentlich in den
gewohnten Strom des Sprechens hinein und arbeitet nicht aus dem
urspriinglichen Gedanken heraus.
Schrecklich wirken unsere Schulen in dieser Beziehung. Die Schul-
meister, die eigentlich jeden scheinbar ungeschickten, aber wenigstens
eigenen Gedanken auf das Konventionelle hin korrigieren, iiben grofie
Verbrechen in der Schule aus. Man sollte geradezu forschen nach jedem
ungeschickten, aber substantial individuellen Satze, den irgendein Bube
oder irgendein Madchen in der Schule hinschreibt. Man sollte daran in
der Schule Besprechungen kniipfen und sollte gar nicht mit der verfluch-
ten roten Tinte das Konventionelle an die Stelle desjenigen setzen, was
aus den jugendlichen Individualitaten heute herauskommt. Denn heute
ist es das Allerwichtigste, darauf hinzuschauen, was aus den jugend-
lichen Individualitaten herauskommt. Vielleicht wird es sich in einer
Weise enthullen, wie es uns nicht immer bequem ist, wie wir es leicht
als fehlerhaft ansehen. Wollte man die Goetheschen Jugendbriefe mit
dem Auge eines Gymnasiallehrers korrigieren, dann miifiten viele Dinge
korrigiert werden ! Der osterreichische Dichter Robert Hamerling hat
bei seiner Lehramtsprufung die schlechteste Zensur im «deutschen Auf-
satz» gehabt! Und es bleibt ja doch etwas Wahres an dem, was Hebbel
sich in sein Tagebuch geschrieben hat, ich habe es ofters erwahnt: Er
wollte ein Drama schreiben mit dem Motiv, dafi gerade ein Gymnasial-
lehrer der hoheren Klassen einen Schiiler vor sich hat, der der wieder-
verkorperte Plato ist, mit dem er den Plato liest in der Klasse; da
findet der Gymnasiallehrer, dafi dieser «wiederverkorperte Plato» nicht
das Allergeringste versteht vom Plato ! Dieses Motiv hat sich der Dich-
ter Friedrich Hebbel fur ein Drama notiert, das dann nicht zur Aus-
fuhrung gekommen ist. Aber es ist etwas Wahres daran.
Nun miissen wir uns ja dariiber klar sein, dafi jederzeit, verfiihrt
durch die zuriickbleibenden luziferischen und ahrimanischen Machte,
die Menschen sich gegen den normalen Fortschritt der Menschheit ge-
straubt haben. Heute stehen wir vor der Notwendigkeit, etwas ganz
Neues aus dem geistigen Leben heraus zur Rettung der Menschheit
suchen zu miissen. Kein Wunder, daft sich die Menschen in der heftigsten
Weise aus alien moglichen logischen Torheiten und Urimoralitaten her-
aus strauben. Und so mufite ich schon seit langer Zeit immer als Anhang-
sel an unsere Zeitbetrachtung auch gewissermafien pro domo reden.
Ich habe Ihnen vor etwa acht Tagen hier mitgeteilt, in welcher ver-
leumderischen, gemeinen Weise gegenwartig durch einen grofien Teil
der deutschen Zeitungen Dinge gehen, die ihrer Quelle nach ja bekannt
sind, aber die mit aller Wucht sich gerade gegen das wenden mochten,
was von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ausgeht und
was an Sozialem damit zusammenhangt. Es ist so recht unmittelbar ein,
ich mochte sagen, «am Hause» selbst erlebtes Beispiel, wie stark sich die
gegnerischen Machte riihrig machen. Aber es gibt eine gewisse Ver-
anlassung, aus der heraus ich Ihnen diese Sache heute etwas genauer
charakterisieren mochte. Zu diesem Zwecke mochte ich noch einmal
darauf aufmerksam machen, was geschehen ist. Es ist geschehen, dafi
plotzlich durch eine Reihe deutscher Zeitungen die Verleumdung ging,
die in folgenden Satzen zusammengefafit ist. Ich habe diese Satze ja
vorgelesen. Wir wollen sie uns aber noch einmal vor die Seele fiihren,
denn sie sind es eigentlich wert als Charakteristikum fur gewisse
Kulturpilze der Gegenwart:
«Rudolf Steiner als politischer Denunziant. Der bekannte theoso-
phische Scharlatan Dr. Rudolf Steiner, der eine Anhangerschaft von
Millionen Manner und Frauen beeinflufit, hat im Friihjahr 1919 in
Stuttgart einen Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus ge-
griindet, der urspriinglich nur eine rehgios-kommunistische Gemein-
schaft sein sollte, dann aber in politische Beriihrung mit den Bolsche-
wisten und Kommunisten geraten ist und jetzt eine sehr seltsame und
widerwartige politische Agitation ausiibt. Wir erfahren dariiber aus
Dresden das Folgende: Aus authentischen Nachrichten geht einwandfrei
hervor», - ich bitte, sich diesen Satz «aus authentischen Nachrichten geht
einwandfrei hervor» zu notieren ! - «dafi der Bund fur Dreigliederung
die Namen aller angeblich im reaktionaren Sinn tatigen Offiziere fest-
stellt und gegen diese Material uber volkerrechtswidrige Handlungen
an Hand von Zeugenaussagen sammelt, das dann der Entente zwecks
Auslieferung zugestellt werden soil. Die Richtigkeit derartiger Beschul-
digungen ist Herrn Steiner und Genossen vollkommen gleichgultig, und
dafi sie sogar vor bewulk falschen Angaben nicht zuriickschrecken, be-
weist die Stelle eines Briefes, in dem es heifit: Beschuldigungen von
Diebstahlen sind zu unterlassen, da die Unwahrheit hier leichter nach-
zuweisen ist. Ebenso darf man keine zu unglaublichen Beschuldigungen,
wie Verstiimmelungen von Kindern, erheben.»
Nun geht natiirlich diese Satz fiir Satz erlogenste, verleumderischeste
Sache durch eine Reihe deutscher Zeitungen ! Man kann darin iiber das
Verschiedenste erstaunt sein, aber nehmen wir doch ein Faktum heraus.
Da ist die Rede von Briefen, die geschrieben worden sein sollen und auf
die man sich beruft als auf authentische Dokumente. Ich habe in der
Nummer der «Dreigliederung», die noch nicht erschienen ist, ausdriick-
lich darauf hingewiesen, dafi ich sehr wohl die triiben Quellen kenne,
aus denen solche Dinge stammen. Nun will ich Ihnen aber ein niedliches
Dokument vorlesen, aus dem Sie sehen werden, wie die authentischen
Grundlagen fur diejenigen Menschen sind, die solche Dinge in die Welt
streuen.
Nachdem diese ganze Flut von Gemeinheit abgelaufen war, nachdem
ich auch von verschiedenen andern Seiten Bestatigungen dessen, was ich
ohnedies gewufit habe iiber die triiben Quellen, erfahren hatte, bekam
ich folgenden Brief eines Freundes. Dieser Brief ist mir erst jetzt zu-
gekommen, aber er ist geschrieben - ich bitte das zu beriicksichtigen -,
bevor diese Zeitungsartikel erschienen sind. Also das, was dieser Brief
enthalt, ist konstatiert worden, bevor die Zeitungsartikel erschienen
sind. Ich bitte, dieses Faktum ins Auge zu fassen. In diesem Brief steht:
«Ein langjahriges Mitglied unserer anthroposophischen Gesellschaft,
augenblicklich noch aktiver Offizier, hat Einsicht von den zwei Briefen
bekommen, die bei den Behorden kursieren und selbstverstandlich viel
Aufsehen erregen. Diese Briefe tragen die Aufschrift: An IRD oder R
in Berlin, sind also wohl an dieselbe Stelle gerichtet, ob aber von dem-
selben Verfasser, lafit sich nicht sagen, da eine Unterschrift fehlt. In dem
ersten Brief ist die Rede vom Steinerbund und Freimaurer, und zwar
wird gesagt, in der nachsten Zeit wurden vom Steinerbund Flugblatter
verteilt werden, die so abgefafit waren, als ob sie von den Monarchisten
kamen, die aber in Wahrheit den Zweck hatten, die monarchistische und
die antisemitische Bewegung lacherlich zu machen. Also mit andern
Worten: der Steinerbund werde versuchen, unter dem Deckmantel der
Monarchisten diese Richtung zu bekampfen. Diese Flugblatter seien
schon gedruckt, und fur jeden Bezirk ware eine andere fingierte Unter-
schrift vorgesehen.»
Also Sie sehen, da gibt es Fabriken fiir Brieffalschungen ! Diese
Briefe zirkulieren wirklich. Weiter heilk es:
«Im zweiten Brief wird folgender Vorschlag gemacht: Da noch immer
viele monarchistisch gesinnte Offiziere sich im Heere befinden, ware es
unbedingt erforderlich, diese unschadlich zu machen, und zwar durch
folgende schamlose Mittel. Es sollte unter den Angehorigen des Trup-
penteils, dem der betreffende Offizier wahrend des Feldzuges angehort
hat, nach Leuten gesucht werden, die unter Eid moglichst viele Schand-
taten der Betreffenden aussagen sollen. Dabei wird noch naher gesagt,
daft dies aber nur glaubwiirdige Vergehen sein miifiten, nicht etwa
Frauenschandung, Kindsmord und ahnliche Dinge. Dieses Siindenregi-
ster sollte dann durch einen Herrn Grelling» - das ist der einzige Name,
der in dem Brief genannt wird - «an die Entente ubermittelt werden, und
diese wiirde dann die sofortige Auslieferung der Betreffenden fordern.»
Beide Briefe hat der Betreffende mit eigenen Augen gelesen.
Das ist also der Brief, auf den sich diese Zeitungsnotiz beruft, der
Brief, der wahrscheinlich in unzahligen Exemplaren zirkuliert und der
die Aufschrift tragt: An diese und diese Stelle in Berlin! Es werden
also zuerst die Briefe gefalscht, fabriziert, dann werden Zeitungsarti-
kel gemacht. Das ist die Methode, in der gekampft wird !
Ich mochte wissen, ob noch andere Dinge dazugehoren, um es einmal
begreiflich zu machen, dafi es heute notig ist, aufzuwachen ! - Aus dem,
was in den letzten Jahren geschehen ist, ist ein moralischer Boden fur
die Menschheit hervorgegangen, der allerdings in den Unmoglichkeiten
wurzelte, die schon vorangegangen sind, und der solche Bliiten treibt.
Es geht heute nicht an, weiterzuschlafen, sondern zu wissen, in wel-
chem Sumpf wir drinnenstecken. Es konnte ja leicht sein, wenn iiber
diese Dinge nicht scharf gesprochen wiirde, daf$ sich auch in unseren
Reihen noch Leute fanden, die zum Beispiel sagten: Soil man nicht doch
lieber an all die schonen Herren, die da Briefe falschen und hernach mit
den gefalschten Briefen Zeitungsartikel fabrizieren, schreiben, um sie
umzustimmen ? - Es handelt sich heute wirklich darum, die Augen auf-
zumachen und hinzusehen, was fur Menschen unter uns herumgehen,
Menschen, denen gegeniiber man sich beschmutzen wiirde, wenn man
sich im ernsthaften Sinne mit ihnen einlassen wiirde. Diese Dinge diirfen
nicht einfach verschlafen werden, das mufi immer wieder und wiederum
gesagt werden. Es mufi auf die Zusammenhange hingewiesen werden.
Glauben Sie, dafi es ungestraft sein kann, dafi zum Beispiel in jenen
jesuitischen Blattern, in denen die erlogenen Angaben stehen, von denen
ich Ihnen ja auch schon gesprochen habe, jahrelang die Mar herumgetra-
gen worden ist, ich sei ein entlaufener Priester, um dann einfach eine
solche Sache zuriickzunehmen mit den Worten: Das ist etwas, was man
gehort hat, «was sich aber nicht aufrechterhalten liefi» ? - Glauben Sie,
dafi man ein Recht hat, einem solchen Jesuitenpater zu sagen: Du hast
das zuruckgenommen, was du verbreitet hast ? - Nein, man hat ihm zu
sagen: Du hast in der unverantwortlichsten Weise deine Pflicht verletzt,
indem du ungepriift eine Sache in die Welt gesetzt hast, und deine Zu-
rucknahme bedeutet gar nichts. - Es mulS heute mit Moral von jenen
Menschen, die noch von Moral etwas verstehen, ernst gemacht wer-
den. Wir haben, durch die ganze zivilisierte Welt gehend, in den letzten
fiinf Jahren fast nur Erlogenes vernommen, und wir leben noch immer
unter den Nachwirkungen der Luge. Es ist notwendig, diese Dinge
ernsthaftig ins Auge zu fassen.
Sie sehen hier ganz durchsichtig an einem Beispiel, wie die Dinge
liegen. Wenn die Dinge einem nicht so ins Haus getragen werden durch
das Karma, dafi das Individuelle zu gleicher Zeit ganz ausschlaggebend
ist fur das Allgemeine, dann werden sich noch immer Leute finden,
welche zu Kompromissen stimmen mochten, die zum Beispiel Verleum-
der wie einen Ferriere noch immer wie einen Menschen behandeln, mit
dem man sich einlafit auf gleich und gleich, wahrend er zum Abschaum
der Menschen gehort, indem er in gewissenloser Weise etwas hinschreibt,
was er ungepriift hinnimmt. Diese Dinge sind heute fur den Menschen,
der auf einem gesunden Boden stehen will, nicht mehr erlaubt.
Wenn ich vielleicht nicht dieses Beispiel vom Entstehen einer Sache
gerade zur Hand hatte, wiirde man mir nicht so leicht glauben, dafi
heute Fabriken fur Brieffalschungen bestehen, auf Grand deren «man»
dann die Leute so in der Offentlichkeit behandelt, wie das in diesem
Zeitungsartikel geschehen ist.
Aber das geschieht heute ja immer und immer, und ein grower Teil
dessen, was Sie lesen, besteht in nichts anderem als in den Bliiten dieses
moralischen Sumpf es, und es gehort einfach heute zu einer gesunden, zu
einer ernsthaften und ehrlichen Weltauffassung, diese Dinge zu wissen
und diese Dinge entsprechend zu behandeln. Es ist heute den Menschen
nicht gestattet, Kompromisse zu schliefien mit Menschen, die in dieser
Weise mit der Verleumdung arbeiten. Denn damit rechtfertigt man das
nicht, dafi man sagt: Man mufi gegen alle Menschen wohlwollend sein
- Liebe gegen alle Menschen ! - Liebe gegen solche Menschen bedeutet
aufierste Lieblosigkeit gegen die, die verleumdet, die entstellt werden.
Es handelt sich doch darum, zu wissen, wohin man mit der Liebe soli.
Denn das Verbrechen lieben, kann nimmermehr zur Gesundung der
Menschheit fiihren. Daft solche Dinge kommen mufiten, das konnte man
voraussehen. Aber man konnte es nicht nur an dem voraussehen, wie
gearbeitet worden ist von gewissen Seiten. Sie brauchen ja nur die jesui-
tische Literatur aufzuschlagen, die seit der kirchlichen Verurteilung der
anthroposophischen Schriften im Juli 1919 losgelassen worden ist. Sie
brauchen nur die Menschen ins Auge zu fassen, die da schreiben, und
einmal zu priifen, was fur Zugange zur Wahrheit diese Menschen
haben, dann haben Sie natiirlich alles das, was schlieftlich in solche
Siimpfe hineinfiihren mufi. Ich will heute nicht iiber die ganz triiben
Quellen sprechen, die mir sehr gut bekannt sind und durch deren
Bekanntschaft ich auch weifi, wie alle diese Dinge zusammenhangen
und wie sie nur ein Anfang sind.
Wiinschen mochte ich nur, daft moglichst wenig Menschen so naiv
sind, zu glauben, man konnte mit Widerlegungen da etwas ausrichten.
Jenen Leuten handelt es sich nicht darum, dieses oder jenes zu behaup-
ten, sondern nur, etwas Saftiges zu behaupten, wodurch sie den andern
herabsetzen. Was sie behaupten, das ist diesen Leuten ganz gleichgultig.
Aber nicht nur das ist zu beriicksichtigen, dafi wir heute zahlreiche
solche Menschen unter uns haben, die in dieser Weise arbeiten, sondern
auch das ist zu beriicksichtigen, dafi wir schon seit Jahrzehnten im gro-
fien Publikum aus Schlafrigkeit entspringend eine weitgehende Tole-
ranz haben gegen dieses Treiben, ein Nicht-hinsehen-Wollen darauf,
wie eigentlich heute offentliche Meinung gemacht wird. Das aber ist der
wichtigste Teil dessen, was zur Besserung fiihren kann. Solange nicht
Leute von dem Kaliber des Jesuiten Zimmermann oder des Univer-
sitatsprofessors Dessoir in der entsprechenden Weise behandelt werden,
so lange kann keine Gesundung kommen. Die Menschen, die ihnen
gegeniiberstehen und ihnen nicht die richtige Behandlung angedeihen
lassen, die sind schuldiger noch als diese Individuen. Denn diese Indi-
viduen betreiben bei diesen Dingen ihre Geschafte, wenn auch in so
schmutziger Weise wie der Professor Dessoir. Ich habe Ihnen das vor
einiger Zeit charakterisiert. Aber es handelt sich darum, dafi nun endlich
aufgewacht werde. Derm von einem Dessoirschen Buch oder einer Zim-
mermannschen Kritik fiihrt ein gerader Weg nach diesen Siimpfen hin,
die ich Ihnen charakterisieren konnte. Ich mufite dieses auch nicht anders
als in der Absicht anfiihren, die Symptome zu zeigen fur die Krafte, die
in unserer Zeit wirksam sind, um jedes fiir den Geist berechtigte Streben
niederzudriicken. Und so mochte ich auch noch die Tatsache erwahnen,
dafi mir neulich hier ein Artikel gegeben worden ist, der angeblich be-
stimmt war fiir das Brockhaussche Konversationslexikon, fur das jener
beruchtigte Dessoir - bei uns nur beruchtigt! - die Artikel schreiben
sollte iiber Anthroposophie; in derselben Zeit, in der er durch einen
Mittelsmann sich diese Artikel von mir schreiben liefi, schrieb er an sei-
nem Buche, diesem Schandbuche. Aber denken Sie jetzt den Fall, dafi
dieser Artikel etwa hier liegen wiirde in unserem hiesigen Archiv! Er
wiirde spater einmal dort gefunden werden als ein Artikel, der von mir
herriihren soli. Da wiirde also einmal jemand sagen konnen: Ja, den Arti-
kel im Archiv hat doch Steiner abgeschrieben aus Dessoirs Artikel im
Lexikon und fiir sich in Anspruch genommen ! - Derlei Bliiten konnen
getrieben werden, wenn man nicht wach ist! Es konnen einem erst die
Dinge durch literarische Diebe gestohlen werden, und dann konnen sie
in einer solchen Weise figurieren irgendwo, dafi nicht der, der sie ge-
macht hat, sondern der, der sie gestohlen hat, als der Autor gilt und der,
welcher der Autor ist, fiir den Dieb gilt !
Die moralische Frage mufi heute von mancherlei Seiten her in Angriff
genommen werden; aber sie wird von niemandem in gedeihlicher Weise
in Angriff genommen werden, der nicht auf dem Boden einer gesunden
spirituellen Wissenschaft steht. Das ist das, was ich in dem Anhange
zu dem heutigen Vortrage aus der Gegenwartsgeschichte heraus Ihnen
doch auch mitteilen wollte.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 18. Januar 1920
Es ist unmoglich, dafi der Mensch von der Gegenwart ab in die Zukunft
hinein zu einer wirklichen Selbsterkenntnis, zu einem Selbstgefuhl auch
von seinem Wesen komme, ohne dafi er in Beziehung tritt zur Wissen-
schaft der Initiation, aus dem Grunde, weil in allem, was der Mensch
hier in dieser Welt erfahren kann, ohne dafi er Riicksicht nimmt auf die
Wissenschaft der Initiation, die Krafte nicht darinstecken, aus denen
heraus das menschliche Wesen wirklich geformt ist. Sie mussen nur, um
sich eine entsprechende Vorstellung von dem zu machen, was ich damit
eigentlich sagen will, an manches denken, was Ihnen ja gelaufig ist aus
unseren anthroposophischen Betrachtungen. Sie mussen daran denken,
dafi der Mensch aufier dem, dafi er hier sein Leben zwischen der Geburt
und dem Tode durchmacht, immer wiederum Leben durchmacht zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt. Geradeso wie wir hier die Er-
lebnisse haben durch die Werkzeuge unseres leiblichen Wesens, so haben
wir die Erlebnisse zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und
diese Erlebnisse sind durchaus nicht ohne Bedeutung fur das, was wir
hier tun, wahrend wir im physischen Leibe unser irdisches Dasein ver-
bringen. Diese Erlebnisse sind aber auch nicht ohne Bedeutung fur das-
jenige, was uberhaupt auf der Erde geschieht. Denn nur ein Teil, und
zwar ziemlich der geringere Teil desjenigen, was hier auf der Erde ge-
schieht, ruhrt von den im physischen Leibe Lebenden her. Die Toten
wirken ja fortwahrend herein in unsere physische Welt. Und die Krafte,
von denen der Mensch heute im materialistischen Zeitalter gar nicht
sprechen will, sind doch da. Es sind fortwahrend aus der geistigen Welt
nicht nur von den Wesen der hoheren Hierarchien ausgehende Krafte
hier in der physischen Welt vorhanden, welche unsere physische Um-
gebung konfigurieren, durchdringen, sondern es sind auch Krafte hinein
impragniert in das, was uns umgibt, was uns ergreift, die von den toten
Menschen ausgehen. So dafi iiber das Menschenleben ein Vollstandiges
ja nur erfahren werden kann, wenn man iiber das hinausblickt, was die
Sinneserfahrung und auch die historische Erfahrung hier auf der Erde
geben kann. Das, was vorhanden ist an solchen Kraften, ist aber schliefi-
lich auch einzig und allein das, was iiberhaupt den ganzen Menschen,
den ganzen Gang der menschlichen Entwickelung iiber die Erde hin ver-
standlich macht. Es wird ein Jahr kommen in der physischen Erden-
entwickelung, dieses Jahr wird, sagen wir, ungefahr das Jahr 5700 und
einiges sein, in diesem Jahre, oder um dieses Jahr herum, wird der
Mensch, wenn er seine richtige Entwickelung iiber die Erde hin
vollzieht, nicht mehr die Erde so betreten, da£ er sich verkorpert in Lei-
bern, die von physischen Eltern abstammen. Ich habe ofters gesagt, die
Frauen werden in diesem Zeitalter unfruchtbar. Die Menschenkinder
werden dann nicht mehr in der heutigen Weise geboren, wenn die Ent-
wickelung iiber die Erde hin normal verlauft.
Uber eine solche Tatsache darf man sich keinen Mifiverstandnissen
hingeben. Es konnte zum Beispiel auch folgendes eintreten: Es konnten
die ahrimanischen Machte, welche unter dem Einflufi der gegenwartigen
Menschenimpulse sehr stark werden, die Erdenentwickelung verkehren;
sie konnten die Erdenentwickelung in gewissem Sinne pervers machen.
Dadurch wiirde - gar nicht zum Menschenheile - iiber diese Jahre im
6. Jahrtausend hinaus die Menschheit in demselben physischen Leben
erhalten werden konnen. Sie wiirde nur sehr stark vertieren; aber sie
wiirde in diesem physischen Leben erhalten werden konnen. Das ist eine
der Bestrebungen der ahrimanischen Machte, die Menschheit langer an
die Erde zu fesseln, um sie dadurch von Hirer Normalentwickelung ab-
zubringen. Aber wenn die Menschheit wirklich das ergreift, was in ihren
besten Entwickelungsmoglichkeiten liegt, so kommt einfach im 6. Jahr-
tausend diese Menschheit zum Irdischen in eine Beziehung, die fur wei-
tere zweieinhalb Jahrtausende so ist, dafi der Mensch zwar noch mit der
Erde ein Verhaltnis haben wird, aber ein Verhaltnis, das sich nicht mehr
darin ausdriickt, daft physische Kinder geboren werden. Der Mensch
wird gewissermafien als Geist-Seelenwesen - um es anschaulich aus-
zudriicken, will ich sagen: in den Wolken, im Regen, in Blitz und
Donner rumoren in den irdischen Angelegenheiten. Er wird gewisser-
maften die Naturerscheinungen durchvibrieren; und in einer noch spa-
teren Zeit wird das Verhaltnis zum Irdischen noch geistiger werden.
Von alien diesen Dingen kann heute nur erzahlt werden, wenn man
einen Begriff hat von dem, was geschieht zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt. Obzwar nicht eine vollstandige Gleichheit herrscht zwi-
schen der Art und Weise, wie der Mensch heute zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt zu den irdischen Verhaltnissen in Beziehung steht,
und der Art, wie er dann, wenn er sich gar nicht mehr physisch verkor-
pern wird, dazu in Beziehung stehen wird, so ist doch eine Ahnlich-
keit vorhanden. Wir werden gewissermafien, wenn wir verstehen, der
Erdenentwickelung ihren wirklichen Sinn zu geben, dann dauernd in
ein solches Verhaltnis zu den irdischen Angelegenheiten kommen, wie
wir jetzt dazu blofi stehen, wenn wir zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt leben. Es ist das jetzige Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt nur etwas, ich mochte sagen, geistiger, als es dann
sein wird, wenn der Mensch dauernd in diesen Verhaltnissen sein wird.
Aber man kann zum Verstandnis dieser Dinge noch lange nicht auf-
steigen ohne die Wissenschaft der Initiation. Die meisten Menschen
glauben heute noch immer, das Wesentliche im Aneignen der Wissen-
schaft der Initiation bestehe darin, dafi man allerlei geistige Erfahrun-
gen sammelt, aber nicht auf dem Wege, der uns einmal beschieden ist im
physischen Leibe. Man schatzt heute selbst die Erfahrungen, die auf
spiritistischem Wege gewonnen werden, hoher als das, was mit dem
gesunden Menschenverstand eingesehen werden kann. Das riihrt nur
davon her, dafi man diesen gesunden Menschenverstand eben heute gar
nicht in einer irgendwie gesunden Weise verwendet. Alles, was durch
einen Initiierten erkundet wird und mitgeteilt werden kann, ist, wenn
man sich nur die notige Miihe gibt, durch den gewohnlichen, wirklich
richtig gebrauchten gesunden Menschenverstand einzusehen. Auch der
Initiierte hat die Aufgabe, vor alien Dingen das, was er erkunden kann
aus der geistigen Welt, in die Sprache des gesunden Menschenverstandes
zu iibersetzen. Es hangt viel mehr davon ab, daft diese Ubersetzung in
die Sprache des gesunden Menschenverstandes richtig ist, als davon, dafi
man Erfahrungen in der geistigen Welt macht. Natiirlich kann man
nichts in den gesunden Menschenverstand iibertragen, wenn man nicht
diese Erfahrungen macht. Aber die unverarbeiteten Erfahrungen, die
einfach gewonnen werden, ohne daft man den gesunden Menschenver-
stand zum Interpreten beniitzt, sind eigentlich wertlos, haben eigentlich
nicht die richtige Bedeutung fur das Menschenleben. Wenn noch so viele
ubersinnliche Erfahrungen gewonnen werden konnten und die Men-
schen es verschmahen wiirden, den gesunden Menschenverstand in rich-
tiger Weise anzuwenden, so wiirden diese Erfahrungen fur die Zukunft
gar nichts der Menschheit niitzen. Im Gegenteil, diese Erfahrungen wiir-
den der Menschheit erheblich schaden. Denn brauchbar ist eine iiber-
sinnliche Erfahrung erst dann, wenn sie umgesetzt ist in die Sprache des
gesunden Menschenverstandes. Und das eigentliche Ubel unserer Zeit
liegt nicht darin, dafi die Menschen nicht ubersinnliche Erfahrungen
haben. Ubersinnliche Erfahrungen konnten die Menschen genug haben,
wenn sie sie haben wollten; die sind da. Man wendet nur den gesunden
Menschenverstand nicht an, um zu ihnen zu kommen. Was heute fehlt,
das ist gerade die Anwendung des gesunden Menschenverstandes.
Es ist ja natiirlich nicht bequem, das einem Zeitalter und Geschlecht
sagen zu miissen, das sich gerade besonders viel einbildet auf die Hand-
habung dieses gesunden Menschenverstandes. Aber, womit es am schlech-
testen bestellt ist in der Gegenwart, das ist nicht etwa die ubersinnliche
Erfahrung; womit es am schlechtesten in der Gegenwart bestellt ist, das
ist die gesunde Logik, das ist wirklich gesundes Denken, das ist vor
alien Dingen auch die Kraft der Wahrhaftigkeit. In dem Augenblick, wo
Unwahrhaftigkeit sich geltend macht, schmelzen die ubersinnlichen Er-
fahrungen ab, da kommen die Menschen nicht zu einem Verstandnis der
ubersinnlichen Erfahrungen. Das wollen die Menschen nur immer nicht
glauben. Es ist aber doch so. Die erste Anforderung, um iiberhaupt mit
der ubersinnlichen Welt zurechtzukommen, ist die, dafi man die pein-
lichste Wahrhaftigkeit mit Bezug auf die sinnlichen Erfahrungen an-
wendet. Wer es mit den sinnlichen Erfahrungen nicht genau nirnmt, der
kann nie zur richtigen Erfassung der ubersinnlichen Welt k ommen. Man
kann noch so viel horen iiber die ubersinnliche Welt, es bleibt leeres
Wortgeschelle, wenn nicht vorhanden ist die peinlichste Gewissenhaftig-
keit im Formulieren dessen, was hier in der physischen Welt vor sich
geht. Wer aber die Menschheit heute beobachtet, wie sie umgeht mit der
sinnenfalligen Wahrheit, der wird natiirlich zu dem allertriibsten Bilde
kommen. Denn eigentlich handelt es sich den meisten Menschen heute
gar nicht darum, irgend etwas, was sie erlebt haben, so zu formulieren,
dafi die Formulierung ein Abbild desjenigen ist, was sie erlebt haben,
sondern es handelt sich fur die Menschen darum, die Dinge so zu for-
mulieren, wie sie sie haben wollen, wie es ihnen bequem ist, und die
Menschen wissen gar nicht, wie die Impulse vorhanden sind, um nach
der einen oder nach der andern Richtung hin abzuirren vo
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