Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers: Methodik und Wesen der Sprachgestaltung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  OBER  SPRACHGESTALTUNG 


SPRACHGESTALTUNG  UND 
DRAMATIS  CHE  KUNST 


I 

Methodik  und  Wesen  der  Spracbgestaltung 

Aphoristische  Darstellungen  aus  den  Kursen 
iiber  kiinstlerische  Sprachgestaltung,  1919  und  1922 
Aufsatze,  Notizen,  aus  Seminarien  und  Vortragen 

Bibliographie-Nr.280 
II 

Die  Kunst  der  Rezitation  und  Deklamation 

Ein  Vortragszyklus,  gehalten  in  Dornach  1920 

Vier  Vortragsveranstaltungen  in  Dornach,  Darmstadt, 
Wien,  Stuttgart  1921-1923 

Seminar  von  Marie  Steiner,  Januar/Februar  1928 
Ansprachen  zu  Rezitationsveranstaltungen  1912-1915 

Bibliographic -Nr.  281 
III 

Sprachgestaltung  und  Dramatische  Kunst 

Ein  Vortragszyklus,  gehalten  in  Dornach 
vom  5.  bis  23.  September  1924 

Aphoristisches  iiber  Schauspielkunst 

Eine  Fragenbeantwortung,  Dornach,  10.  April  1921 

Marie  Steiner:  Sprachkurs  fur  die  Teilnehmer  des 
Dramatischen  Kurses,  Dornach,  2.  bis  4.  September  1924 

Bibliographie-Nr.  282 


RUDOLF  STEINER 
MARIE  STEINER-VON  SIVERS 


Methodik  und  Wesen 

der 

Sprachgestaltung 


Aphoristische  Darstellungen  aus  den  Kursen 
iiber  kiinstlerische  Sprachgestaltung 

Aufsatze,  Notizen,  aus  Seminarien  und  Vortragen 


1983 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  dcr  Rudolf  Steiner-Nachlaflverwakung 
Die  Herausgabe  besorgtc  Edwin  Frobose 


1.  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1955 

2,  Auflage  Gesamtausgabe  Dornach  1964 

3.  Auflage  (photomech.  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1975 

4.  Auflage  (photomech.  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1983 


Bibliographie-Nr.280 

Siegelzeichnung  auf  dem  Einband  von  Rudolf  Steiner 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwakung,  Dornach  /Schweiz 
©  1955  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-2800-7  (Ln)  ISBN  3-7274-2801-5  (Kt) 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Sterner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Sterner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  daft  seine  durchwegs  frei 
gehaitenen  Vortrage  nicht  schrifdich  festgehalten  wiirden,  da  sie 
als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafk,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  kor- 
rigieren  konnte,  mufl  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen 
sein  Vorbehalt  berucksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge- 
nommen  werden  mussen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteii 
dieser  Gesamtausgabe. 


INHALT 


edwin  frobose       Zur  Einfuhrung  XI 

rudolf  steiner  Aus  «Mein  Lebensgang»,  XXXVII.  Kapitel  ...  1 
marie  steiner       Notizblatt-Aufzeicbnung   1 

I 

rudolf  steiner     Grundbedingungen  anthroposophischen  Wirkens. 

Aus  dem  Eroffnungsvortrag  vom  24.  Dezember 

1923,  in:  «Die  Weihnachtstagung  zur  Begriindung 
der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft», 
Gesamtausgabe  Bibl.-Nr.  260    5 

marie  steiner       Die  Wege  zur  kunstlerischen  Einheit  der  Urpoesie. 

Manuskript   8 

rudolf  steiner     Sprech-Vbungen  mit  Erkldrungen.  Nachschrift  vcn 

Marie  Steiner  fur  ein  Lehrbuch  der  Sprachgestal- 
tung.  Manuskript  13 

Motto.  Aus  dem  Bericht  iiber  die  Anthroposo- 
phisch-padagogische  Tagung  in  Holland  im  Juli 

1924,  in  «Die  Konstitution  der  Allgemeinen  An- 
throposophischen Gesellschaft  1 924/25 »,  Gesamt- 
ausgabe  Bibl.-Nr.  260  a  13 

Padagogischer  Kursus  mit  dem  Lebrerkollegium 
der  Freien  Waldorfschule,  Stuttgart  1919.  Sprech- 
Vungen  mit  Erkldrungen.  Einige  Rezitationsbei- 
spiele.  In  «Erziehungskunst.  Seminarbesprechungen 
und  Lehrplanvortrage,  Gesamtausgabe  Bibl.-Nr. 
295    27 

Motto.  Aus  dem  Vortragszyklus  «Erziehungskunst. 
Methodisch-Didaktisches»,  Stuttgart,  vom  21.  Au- 
gust bis  5.  September  1919,  IV.  Vortrag.  Gesamt- 
ausgabe Bibl.-Nr.  294    27 

rudolf  steiner      Kursus  Uber  ktinstlerische  Sprachbehandlung  1922. 

I.  TeiL  Nachschrift  von  Marie  Steiner.  Dornach: 
17.  Juli  bis  5.  August.  Stuttgart  2.  bis  15.  Oktober. 
Manuskript  39 


Motto.  Aus  dem  Vortrag:  «Dichtung  und  Rezita- 
tion»,  Wien,  7.  Juni  1922,  in:  «Die  Kunst  der  Rezi- 
tation  und  Deklamation»,  Gesamtausgabe  Bibl.- 
Nr.  281  39 

Kursus  iiber  kiinstleriscbe  Spracbbehandlung  1922. 

II.  Teil.  Nachschrift  von  Marie  Steiner.  Manuskript  73 

Aus  einem  Notizbucb   vom  5.  August  1922  ...  74 

Wabrsprucbwort.  Fur  Marie  Steiner  zum  15.  Marz 

1922.  Faksimiie  75 

Bemerkungen  zum  praktischen  Vben  der  Kursteil- 
nehmer  91 

Aus  dem  Kursus  iiber  spracbliche  Kunst.  Den  Haag, 

1923.  Nachschrift  von  Marie  Steiner.  Manuskript  101 

Vbungen  fur  Laut-Empfindung.  Aus  dem  Nachlafi. 
Manuskript  105 

Obung  fur  Stotterer  105 

marie  steiner       Die  Kunst  der  Rezitation,  mit  Erganzungen  durch 

Rudolf  Steiner.  Manuskript  108 

Ein  Aufsatz  aus  dem  Jabre  1926.  Manuskript  ,    .  115 

Apborismus.  Manuskript  119 

Fur  die  Scbauspieler.  Manuskript  120 

Obung  fur  das  Sprecben  im  Atemstrom.  Sommer 
1927.  Manuskript  121 

Aus  Regiebucbern.  Manuskript  122 

Fragmentarisch  gebliebene  Aufzeichnungen.  Manu- 
skript  124 

Aus  dem  Regiebuch  fur  *  Faust*  125 

Aus  Notizbiicbern.  Manuskript  127 

II 

rudolf  steiner     Spracbe  und  Spracbgeist.  In  «Der  Goethanumge- 

danke  inmitten  der  Kulturkrisis  der  Gegenwart 
Gesammelte  Aufsatze  192 1-1 925 »,  Gesamtausgabe 
Bibl.-Nr.  36  134 


Richtlinien  in  der  Erziebungskunst  fur  die  Spracb- 
gestaltung  und  fiir  den  Deutsch-Sprachunterricht. 
Aus  den  Konferenzen  mit  dem  Lehrerkollegium 
der  Freien  Waldorf schule  in  Stuttgart,  1919  bis 
1924.  Manuskriptdruck  138 

Beitrdge  fur  eine  Erziehungsschule  der  Vortrags- 
kunst.  Aus  dem  «Orientierungskurs  fiir  anthroposo- 
phische  und  Dreigliederungsarbeit  in  der  Schweiz», 
2.,  5.  und  6.  Vortrag  vom  12.,  15.  und  16.  Oktober 
1921.  Nach  einer  vom  Vortragenden  nicht  durch- 
gesehenen  Nachschrift.  Gesamtausgabe  Bibl.-Nr. 
339    167 

Motto.  Aus  «Noch  ein  Wort  zur  Vortragskunst»  in: 
«Gesammelte  Aufsatze  zur  Dramaturgie  1889— 
1900»,  Gesamtausgabe  Bibl.-Nr.  29  167 

marie  steiner        Einleitende  Worte:  Rudolf  Steiner  ah  Redner.  Aus 

«Rudolf  Steiner  und  die  Kunste»,  in:  Marie  Stei- 
ner, Gesammelte  Schriften  Band  II  «Rudolf  Steiner 
und  die  redenden  Kiinste»,  Dornach  1974  ....  168 

rudolf  steiner     U ber  Sprachstorungen.  Fragenbeantwortung  aus 

der  «Konversation  iiber  Geisteswissenschaft»  am 
4.  Oktober  1920  im  Goetheanum  in  Dornach  wah- 
rend  des  ersten  Hochschulkurses.  Nach  einer  vom 
Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschrift     .  201 

Aphoristische  Ausfiihrungen  iiber  Sprachgestaltung 
und  dramatische  Kunst.  In  «Was  in  der  Anthro- 
posophischen  Gesellschaft  vorgeht»,  1.  Jahrgang, 
Nr.  36,  37,  38  vom  14.,  21.  und  28.  September  1924. 
In  Bibl.-Nr.  260  a  der  Gesamtausgabe  213 


SchlufWort    221 

Register  der  Sprech-Obungen   223 

Zeittafel   226 

Literaturhinweis   228 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   231 


ZUR  EINFt)HRUNG 


Im  Jahre  1923  wurde  Rudolf  Steiner  aufgefordert,  seinen  Lebens- 
lauf  darzustellen,  und  begann  in  der  Wochenschrift  «Das  Goethe- 
anum»  mit  der  Aufsatzreihe  «Mein  Lebensgang»,  die  dann  im  Fruh- 
jahr  1925  durch  das  Hinscheiden  von  Rudolf  Steiner  am  30.  Marz 
jah  abbrach.  Noch  kurze  Zeit  vorher  hatte  er  zur  Charakterisierang 
seines  Entwicklungsweges,  in  dem  Gegner  Widerspriiche  zu  erken- 
nen  glaubten,  die  geistige  Lage  urn  die  Jahrhundertwende  geschil- 
dert  und  in  Erinnerung  gerufen,  was  ihn  damals  bewegte.  Auf- 
schlussreich  ist  es  nun,  auf  welches  Lebensgebiet  Rudolf  Steiner  riick- 
blickend  hinweist.  Im  29-  Kapitel  seiner  Selbstbiographie  heisst  es : 

«Auf  geistigem  Gebiete  wollte  in  die  Erkenntniserrungenschaften 
des  letzten  Drittels  des  Jahrhunderts  ein  neues  Licht  in  das  Werden 
der  Menschheit  hereinbrechen.  Aber  der  geistige  Schlaf,  in  den  die 
materialistische  Ausdeutung  diese  Errungenschaften  versetzte,  ver- 
hinderte,  dieses  auch  nur  zu  ahnen,  geschweige  denn  zu  bemerken. 

So  kam  die  Zeit  herauf,  die  sich  in  geistiger  Richtung  durch  ihr 
eigenes  Wesen  hatte  entwickeln  miissen,  die  aber  ihr  eigenes  Wesen 
verleugnete.  Die  Zeit,  die  die  Unmoglichkeit  des  Lebens  2u  verwirk- 
lichen  begann. 

Einige  Satze  aus  Ausfiihrungen  mochte  ich  hierhersetzen,  die  ich 
im  Marz  1898  in  den  ,Dramaturgischen  Blattern',  die  seit  Beginn 
1898  dem  ,Magazin  fiir  Literatur'  als  Beiblatt  angeschlossen  waren, 
schrieb.  Von  der  ,Vortragskunst'  sage  ich :  ,Mehr  als  auf  irgendeinem 
andern  Gebiete  ist  auf  diesem  der  Lernende  ganz  sich  selber  und 
dem  Zufall  iiberlassen . . .  Bei  der  Gestalt,  welche  unser  offentliches 
Leben  angenommen  hat,  kommt  gegenwartig  fast  jeder  in  die  Lage, 
ofter  offentlich  sprechen  zu  miissen . . .  Die  Erhebung  der  gewohn- 


lichen  Rede  zum  Kunstwerk  ist  eine  Seltenheit . . .  Es  fehlt  uns  fast 
ganz  das  Gefiihl  fiir  die  Schonheit  des  Sprechens  und  noch  mehr  fiir 
charakteristisches  Sprechen . . .  Niemandem  wird  man  das  Recht  zu- 
gestehen,  iiber  einen  Sanger  zu  schreiben,  der  keine  Kenntnis  des 
richtigen  Singens  hat ...  In  bezug  auf  die  Schauspielkunst  stellt  man 
weit  geringere  Anforderungen . . .  Die  Leute,  die  verstehen,  ob  ein 
Vers  richtig  gesprochen  wird  oder  nicht,  werden  immer  seltener . . . 
Man  halt  kiinstlerisches  Sprechen  heute  vielfach  fiir  verfehlten 
Idealismus  . . .  Dazu  hatte  man  nie  kommen  konnen,  wenn  man  sich 
der  kunstlerischen  Ausbildungsfahigkeit  der  Sprache  besser  bewusst 
ware . . 

Was  mir  da  vorschwebte,  konnte  erst  viel  spater  in  der  Anthropo- 
sophischen  Gesellschaft  eine  Art  Verwirklichung  finden.  Marie  von 
Sivers  (Marie  Steiner),  die  fiir  Sprachkunst  Begeisterte,  widmete  sich 
zunachst  selbst  einem  echt  kunstlerischen  Sprechen;  und  mit  ihrer 
Hilfe  wurde  es  dann  moglich,  in  Kursen  fiir  Sprachgestaltung  und 
dramatische  Darstellung  fiir  Erhebung  dieses  Gebietes  zur  wahren 
Kunst  zu  wirken. 

Ich  durfte  dieses  hier  anfuhren,  urn  zu  zeigen,  wie  gewisse  Ideale 
sich  durch  mein  ganzes  Leben  hindurch  ihre  Entfaltung  suchen,  weil 
doch  viele  Menschen  in  meiner  Entwicklung  Widersprechendes 
finden  wollen.» 

Und  die  folgenden  Worte  sind  fast  die  letzten,  die  Rudolf  Steiner 
in  seiner  Selbstbiographie  niederschrieb :  «In  das  Programm  des 
Kongresses  (Miinchen  1907)  wurde  eine  kiinstlerische  Darbietung 
eingefiigt.  Marie  von  Sivers  hatte  Schures  Rekonstruktion  des  eleu- 
sinischen  Dramas  schon  vor  langer  Zeit  ubersetzt.  Ich  richtete  es 
sprachlich  fiir  eine  Auffiihrung  ein.  Dieses  Drama  fiigten  wir  dem 
Programm  ein.  Eine  Ankniipfung  an  das  alte  Mysterienwesen,  wenn 
auch  in  noch  so  schwacher  Form,  war  damit  gegeben  —  aber,  was 
die  Hauptsache  war,  der  Kongress  hatte  Kiinstlerisches  in  sich. 
Kiinstlerisches,  das  auf  den  Willen  hinwies,  das  spirituelle  Leben 
fortan  nicht  ohne  das  Kiinstlerische  in  der  Gesellschaft  zu  lassen. 
Marie  von  Sivers,  welche  die  Rolle  der  Demeter  ubernommen  hatte, 
wies  in  ihrer  Darstellung  schon  deutlich  auf  die  Nuancen  hin,  die 
das  Dramatische  in  der  Gesellschaft  erlangen  sollte.» 


Von  der  ersten  Kritik  iiber  erne  Auffiihrung  im  Wiener  Burg- 
theater  (1889)  bis  zu  dem  letzten  in  Dornach  im  September  gehal- 
tenen  Kursus  iiber  «Sprachgestaltung  und  dramatische  Kunst»  kon- 
nen  wir  diese  Entwicklung  verfolgen.  In  den  «Ver6ffentlichungen 
aus  dem  literarischen  Friihwerk»  *  liegt  seit  Jahren  in  Buchform  vor, 
was  Rudolf  Steiner  fiir  das  Gebiet  der  redenden  Kiinste  bereits  zu 
Beginn  unseres  Jahrhunderts  ausgehend  von  der  Sprache  impulsie- 
rend  darstellte.  Nach  seinem  Tode  wurden  auch  bald  die  Inhalte  des 
genannten  Kurses  vom  Herbst  1924  durch  Marie  Steiner  der  Offent- 
lichkeit  zuganglich  gemacht.*  Die  Fiille  des  durch  Rudolf  Steiner 
fiir  dieses  Lebensgebiet  Geschaffenen  zeigt  ein  Literaturhinweis  am 
Ende  dieses  Buches.  Ein  Werk  freilich  vermissen  wir  dabei,  auf  das 
Marie  Steiner  schon  1926  im  Vorwort  zur  Herausgabe  des  Kurses 
iiber  «Sprachgestaltung  und  dramatische  Kunst»  mit  folgenden 
Worten  hinweist: 

«Diesem  Buche  wird  bald  ein  zweites  folgen,  das  den  Unterbau 
zu  geben  hat  fiir  dasjenige,  was  in  diesen  Vortragen  ausgefiihrt  wird. 
Praktische  Anweisungen,  Redeiibungen,  einen  methodischen  Auf- 
bau  soil  es  bringen,  um  auf  moglichst  gradem  Wege  ans  Ziel  zu 
gelangen :  die  Beherrschung  von  Sprachgestaltung  und  Stil.  Es  wird 
in  der  Hauptsache  dasjenige  sein,  was  ich,  etwas  zusammengedrangt, 
in  einigen  praktischen  Ubungsstunden,  welche  diesen  Vortragen 
vorangingen,  bringen  durfte.  Auch  jene  Sprech-Ubungen,  an  denen 
sich  die  Teilnehmer  der  Veranstaltung**  versuchten,  hat  uns  Rudolf 
Steiner  bei  friiheren  Gelegenheiten  gegeben  und  Erklarungen  und 
Belehrungen  dazugefiigt,  durch  die  mancher  Sprachkurs,  den  ich  zu 
halten  hatte,  mit  Leben  erfiillt  wurde.  Sie  bilden  mit  diesem  Buche 
zusammen  ein  einheitliches  Ganzes  und  geben  so  ein  Gesamtbild 
desjenigen,  was  an  die  Stelle  von  physiologisch-mechanischen  Metho- 
den  treten  kann,  um  im  Menschen  die  lebendig  sprudelnden  Krafte 
der  Sprache  wieder  freizumachen  und  sie  zur  Kunst  zu  erheben.» 

So  notwendig  ein  solches  Lehrbuch  gewesen  ware  —  es  ist  dazu 
im  Laufe  des  Vierteljahrhunderts  unentwegter  Arbeit  im  Dienste  der 
anthroposophischen  Bewegung  nicht  gekommen.  Unwiederbringlich 


Siehe  Literaturhinweis 


**  Siehe  Seite  221 


ist  damit  ein  Buch  verlorengegangen,  auf  das  die  Schiiler  Marie 
Steiners  und  mit  ihnen  viele  andere  seit  Jahren  warteten.  Immer 
wieder  hat  Marie  Steiner  im  Laufe  der  Zeit  Versuche  unternom- 
men,  das  versprochene  Werk  zu  gestalten,  bereits  mit  dem  Schreiben 
des  Textes  begonnen  oder  versucht,  einzelne  wesentliche  Gesichts- 
punkte  zu  fixieren,  wie  wir  es  bei  manchem  der  jetzt  veroffentlichten 
Wortlaute  feststellen  konnen.  Doch  gab  das  Ubermass  von  Arbeit 
und  das  Hetztempo  des  Tages  nicht  die  Zeit  her,  um  das  Buch  zu 
vollenden.  Die  hier  verofTentlichten  Arbeiten  vermogen  es  nicht  zu 
ersetzen.  Was  ware  entstanden,  wenn  Marie  Steiner  aus  der  Fiille 
ihrer  Erfahrungswelt  dieses  Lehrbuch  hatte  schreiben  konnen?  Sie, 
die  die  deutsche,  russische,  franzosische,  englische  und  italienische 
Sprache  fliessend  beherrschte  und  so  imstande  war,  in  die  Wesens- 
tiefen  der  Dichtungen  der  verschiedenen  Volker  einzutauchen ! 

Wie  ist  doch  fur  viele  aus  ihrem  grossen  Schiilerkreis  manchmal 
nur  durch  ein  Wort,  dutch  eine  Bemerkung  in  einer  Probe  etwas 
entstanden,  das  weit  iiber  den  Augenblick  hinaus  sich  als  fruchtbar 
erwies.  «Leben  entziindend,  Leben  spendend  in  unser  Wesen  sich 
ergiessend»,  so  wirkten  die  Krafte  ihrer  Kunst,  ihres  Unterrichtes. 
Noch  unmittelbar  vor  ihrem  Tode  beschaftigte  sich  Marie  Steiner 
mit  dem  Plan  des  Lehrbuches  und  vertraute  diese  Aufgabe  einigen 
ihrer  Schiiler  an.  Besonders  war  sie  besorgt,  die  durch  Rudolf  Steiner 
geschaffenen  Sprech-Ubungen  zu  veroffentlichen.  So  erfullen  wir  mit 
der  Herausgabe  dieses  Buches  eine  ubernommene  Verpflichtung. 

Vor  allem  sind  es  diese  Ubungen  und  die  dazu  gehorigen  Erlau- 
terungen  durch  Rudolf  Steiner,  fur  die  ein  allgemeines  Interesse 
besteht,  zumal  sie  vielfach  benutzt  werden,  ohne  den  Urheber  zu 
nennen  oder  auf  ihn  zuriickzugehen.  Fast  ausnahmslos  haben  sich 
die  Sprech-Ubungen  im  Nachlass  Rudolf  Steiners  handschriftlich 
gefunden,  in  vereinzelten  Fallen  in  einer  bisher  unbekannten  Fas- 
sung,  die  wir  hier  auch  bekanntgeben ;  der  Wortlaut  erfolgt  nach 
der  Originalhandschrif  t.  Uberraschend  ist  es  nun,  wie  diese  Ubungen 
entstanden  sind.  Der  Zeitpunkt,  1919,  ist  ein  einschneidender  inner- 
halb  der  anthroposophischen  Bewegung  und  der  Anlass  ein  aus  dem 
Leben  unmittelbar  sich  ergebender.  Wir  konnen  an  dieser  Stelle 
nicht  auf  die  Entwicklung  der  Sprachgestaitung  durch  Marie  Steiner 


in.  den  beiden  ersten  Jahrzehnten  des  Jahrhunderts  eingehen,  son- 
dern  verweisen  auf  das  Buch  «Aus  dem  Wirken  von  Marie  Steiner»*, 
das  die  Skizze  ihres  Lebenslaufes  enthalt.  Nach  dem  Ende  des  Ersten 
Weltkrieges  drangten  von  alien  Seiten  Menschen  in  die  Anthropo- 
sophische  Gesellschaft.  In  Dornach  stand  das  Goetheanum.  Fur  den 
Sommer  1923  war  durch  Rudolf  Steiner  die  Auffuhrung  der  vier 
Mysteriendramen  geplant.  Vor  allem  war  es  die  Jugend,  die  damals 
den  Impuls  in  sich  trug,  Anthroposophie  sogleich  im  Leben  frucht- 
bar  zu  machen.  Die  Bewegung  fiir  «Dreigliederung  des  sozialen 
Organismus»  war  entstanden.  Rudolf  Steiner  gab  nach  alien  Seiten 
mit  vollen  Handen. 

In  dieser  Zeit  ereignete  sich  das  folgende:  «Es  diirfte  im  Mai  des 
Jahres  1919  gewesen  sein»,  schreibt  uns  dariiber  Emil  Leinhas**, 
«dass  ich,  auf  Grund  der  Anforderungen  an  meine  Stimme  durch  die 
vielen  Vortrage  und  Ansprachen  in  Arbeiterversammlungen,  emp- 
f  and,  dass  meine  Stimme  nicht  ganz  richtig  lag.  Ich  bat  deshalb  Rudolf 
Steiner,  ob  er  mir  und  meinen  Kollegen  im  Bund  fiir  Dreigliederung 
nicht  einige  Anweisungen  geben  konne,  damit  unsere  Stimmen 
besser  durchhalten  kbnnten.  Rudolf  Steiner  ging  darauf  sofort  ein 
und  sagte,  er  wolle  Frau  Dr.  Steiner  bitten,  uns  einige  Ubungen  zu 
geben.  Schon  nach  wenigen  Tagen  kamen  wir  —  Emil  Molt,  Dr.  Carl 
Unger,  Hans  Kiihn  und  ich  —  im  roten  Zimmer  der  Anthroposophi- 
schen  Gesellschaft  in  der  Landhausstrasse  70  in  Stuttgart  mit  Rudolf 
Steiner  und  Frau  Marie  Steiner  zusammen  —  Rudolf  Steiner  nahm 
auch  darnach  mindestens  noch  einige  Male  an  diesen  Stunden  teil  — 
und  empfingen  in  Anwesenheit  beider  die  ersten  Sprachiibungen, 
die  zum  Teil  sogar  ganz  individuell  auf  den  einen  oder  andern  von 
uns  abgestellt  waren.  So  erinnere  ich  mich,  dass  Rudolf  Steiner  die 
Ubung  ,Erfiillung  geht . .  .*  besonders  fiir  Emil  Molt  gab,  der  etwas 
kurzatmig  sprach.»  Dies  war  also  der  Anfang  fiir  die  Unterweisun- 
gen,  die  nunmehr  seit  Jahrzehnten  in  der  Sprachgestaltungs-Aus- 
bildung  benutzt  werden.  Eine  Zeittafel  am  Ende  des  Buches  ver- 
anschaulicht  die  wesentlichsten  Daten  der  Sprachgestaltungsarbeit. 


*  Siehe  Literaturverzeichnis 
**  Siehe  ferner  Emil  Leinhas,  Aus  der  Arbeit  mit  Rudolf  Steiner,  Basel  1950 


Vom  Beginn  ihrer  Arbeit  an  hatte  Marie  Steiner  die  Gepflogen- 
heit,  von  alien  Vortragen  und  Unterweisungen  durch  Rudolf  Steiner 
sich  Aufzeichnungen  oder  wenigstens  Notizen  zu  machen;  viele 
Studienhefte  entstanden  so,  die  heute  fur  uns  von  grosstem  Wert 
sind.  Auch  von  den  Sprachkursen,  die  sie  zu  geben  hatte  und  zu 
denen  Rudolf  Steiner  meistens  Erlauterungen  hinzufiigte,  besitzen 
wir  eine  Reihe  von  Niederschriften,  die  einen  wesentlichen  Teil 
dieses  Buches  bilden.  Sie  pflegte  dann  diese  Aufzeichnungen  oft 
nicht  nur  einmal  ins  reine  zu  iibertragen,  so  dass  wir  dadurch  ein 
zwar  nicht  liickenloses,  aber  fiir  das  Unmittelbare  des  damaligen 
Lebens  recht  umfangreiches  Arbeitsmaterial  besitzen,  das  wir  trotz 
seines  aphoristischen  Charakters  uns  entschlossen  haben  zu  ver- 
offentlichen.  Freilich  muss  der  Leser  dabei  hinnehmen,  die  gleiche 
Ubung  auch  an  anderm  Orte  oder  in  einem  andern  Zusamraenhang 
wiederzufinden,  doch  kann  er  sich  vielleicht  gerade  dadurch  in  das 
Wesen  des  Ubens  einleben,  das  ja  auf  standigem  Wiederholen  des 
schon  Bekannten  beruht.  Besonders  wertvoll  sind  diese  Eintragungen 
durch  Erganzungen,  die  Rudolf  Steiner  an  verschiedenen  Punkten 
mit  eigener  Hand  einfiigte.  Nicht  in  pedantischer  Weise  haben  wir 
diese  Aufzeichnungen  zusammengestellt,  sondern  wie  es  sich  orga- 
nisch  ergab.  Das  bezieht  sich  vor  allem  auf  die  Kurse  des  Jahres 
1922,  die  im  Sommer  und  Herbst,  oft  fast  wortlich  sich  entspre- 
chend,  gehalten  wurden.  Ferner  haben  wir  alle  im  Nachlass  Marie 
Steiners  befindlichen  Arbeiten  iiber  das  Wesen  der  Sprachgestaltung 
in  das  Buch  aufgenommen. 

Als  Einfiihrung  in  den  methodischen  Teil  des  Buches  konnen 
Bemerkungen  richtungweisend  sein,  mit  denen  Marie  Steiner  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  ihr  Lehrbuch  hat  beginnen  wollen  und  die 
wir  aus  diesem  Grunde  auch  an  den  Anfang  gestellt  haben.  Die  Dar- 
stellungen  fanden  sich  in  einem  Heft  vom  Winter  1927,  wo  in 
Dornach  ein  Seminar  fiir  Lehrkrafte  der  Sprachgestaltung  statt- 
gefunden  hat.  Damals  stellte  Marie  Steiner  das  grundlegende  Werk 
«Die  Kunst  der  Rezitation  und  Deklamation»,  Vortragsnachschrif- 
ten  von  Ausfiihrungen  Rudolf  Steiners,  zusammen,  dessen  prak- 
tische  Beispiele  mit  den  verschiedenen  Lehrkraften  durchgearbeitet 
wurden  und  einen  wesentlichen  Teil  der  seminaristischen  Unter- 


weisungen  bildeten.  Die  Bemerkungen  zu  den  grundlegenden  ersten 
Sprech-Ubungen  mit  einer  Einfiihrung,  um  sich  das  Wesen  der 
Sprachgestaltung  zum  Bewusstsein  zu  bringen,  haben  sich  erhalten. 

Ein  anderer  Versuch  liegt  vor  in  der  Durcharbeitung  der  Notizen 
zu  den  Kursen  vom  Sommer  und  Herbst  1922.  Ohne  dieses  reich- 
haltige  Material  waren  wir  sonst  auf  «Nachschriften»  angewiesen, 
die  weder  von  Rudolf  Steiner  noch  von  Marie  Steiner  durchgesehen 
wurden,  die  aber  bis  heute  als  «nicht  autorisierte  Aufzeichnungen» 
verbreitet  werden.  Verschiedene  Umstande  kamen  zusammen,  die  zu 
diesen  Sprachkursen  fuhrten.  Es  waren  nicht  in  erster  Linie  Schau- 
spieler  oder  angehende  Rezitatoren,  die  fur  ihre  Ausbildung  An- 
regungen  suchten,  sondern  vor  allem  waren  es  Freunde  aus  der 
Jugendbewegung,  deren  Bestreben,  wie  wir  bereits  andeuteten,  dar- 
auf  hinzielte,  die  Anthroposophie  praktisch  zu  verwirklichen.  Das 
kiinstlerische  Feld  bot  dazu  nach  vielen  Seiten  hin  Moglichkeiten. 
Bemerkenswert  ist  aber  ein  Hinweis  eines  Teilnehmers,  der  noch 
folgendes  mitteilt:  «Es  hiess  damals,  dass  man  eine  Auffiihrung  der 
Mysterienspiele  im  Goetheanum  plane,  dass  man  dafiir  geeignete 
Mitwirkende  herausfinden*wolle  und  dass  der  Kurs  bei  Herrn  und 
Frau  Dr.  Steiner  darauf  vorbereiten  solle.»  In  diesen  Kursen  wurden 
zunachst  die  seit  1919  gegebenen  Sprech-Ubungen  wiederholt,  dann 
gab  Rudolf  Steiner  neue  Ubungen  und  erweiterte  so  das  Gebiet  fiir 
die  Lautempfindung  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin.  Stil- 
gemasses  Sprechen  fiir  Lyrik  und  Epik  ergaben  sich  und  die  Unter- 
schiede  fiir  Rezitation  und  Deklamation  wurden  geschaffen.  Das  gab 
die  Grundlage,  um  den  Schritt  in  das  Dramatische  zu  tun.  Diese 
Unterweisungen  erhalten  noch  einen  besonderen  Hintergrund  da- 
durch,  dass  Georg  Kugelmann,  der  damals  soeben  die  Leitung  der 
Neukiinstlerischen  Biihnenspiele  in  Rostock  iibernommen  hatte,  mit 
seiner  Frau  bei  dem  Kursus  anwesend  war  und  Rudolf  Steiner  brief- 
lich  wesentliche  Fragen  stellte  fiir  die  Einstudierung  mittelalter- 
licher  Volks-  und  Mysterienspiele  mit  Studenten  und  jungen,  fiir 
Biihnenkunst  begeisterten  Leuten.  Auch  hier  beobachten  wir  wie- 
derum,  wie  nur  aus  realen,  durch  das  Leben  selbst  gegebenen  Um- 
standen  Rudolf  Steiner  fordernd  durch  praktische  Unterweisungen 
antwortet.  So  entstanden  die  ersten  Angaben  der  « Sprachgestaltung 


1 


fur  die  Buhne»,  wie  sie  von  ihm  bezeichnet  wurden;  auch  werden 
einige  dramatische  Szenen  durchgeiibt.  Die  Korrekturen,  die  Rudolf 
Steiner  damals  gab,  schienen  uns  so  wertvoll  zu  sein,  dass  wir  sie 
auch  an  entsprechender  Stelle  abdrucken. 

So  liegt  der  merkwurdige  Umstand  vor,  dass  diese  reichhaltigen 
Angaben  fur  stilgemasses  Sprechen,  die  1923  in  Holland  noch  eine 
Erweiterung  erfuhren,  nicht  in  erster  Linie  beruflich  Interessierten 
gegeben  wurden,  wie  es  in  den  Kursen  fur  Arzte  und  Naturwissen- 
schafter  beispielsweise  der  Fall  war.  Erst  im  Herbst  1924  kam  es  zu 
dem  «Kursus  fur  Sprachgestaltung  und  Dramatische  Kunst»,  der 
auch  «eine  kleine  Geschichte»  hatte,  wie  Rudolf  Steiner  damals 
bemerkte.  Jetzt  waren  es  Biihnenkunstler,  die  in  verschiedener 
Weise  ting  waren,  die  das  Zustandekommen  des  Kurses  bewirkten. 
Es  nahmen  etwa  achthundert  Personen  an  dem  Kursus  teil.  So  gross 
war  das  Interesse  fur  die  Buhnenkunst.  Schon  bald  nach  der  Ankiin- 
digung  des  Kurses  zeigte  es  sich,  dass  die  ursprunglich  begrenzte 
Teilnehmerzahl  nicht  eingehalten  werden  konnte.  Dann  hatte  er 
«viellekht  einen  andern  Charakter  bekommen»,  schreibt  Marie 
Steiner,  «so  erhielt  er  den  breiten  Menschheitszug.»  In  dieses 
menschheitliche  Element  war  die  Sprachgestaltung  von  allem  An- 
fang  an  gestellt. 

Zunachst  war  es  die  Schulbewegung,  der  Rudolf  Steiner  ein- 
dringlich  die  Pflege  des  kiinstlerischen  Sprechens  ans  Herz  legte. 
Wir  haben  die  1919  gegebenen  Sprech-Ubungen,  die  im  Laufe  der 
Jahre  schon  in  padagogischen  Zusammenhangen  veroffentlicht  wur- 
den, auch  in  den  ersten  Teil  dieses  Buches  aufgenommen.  Im  Laufe 
des  Seminars  nehmen  die  erzieherischen  Probleme  immer  mehr  Zeit 
in  Anspruch,  so  dass  Rudolf  Steiner  nur  wenige,  aber  recht  charak- 
teristische  Beispiele  fur  die  Rezitation  geben  konnte.  Im  zweiten  Teil 
des  Buches  finden  sich  dann  alle  Hinweise,  die  Rudolf  Steiner  inner- 
halb  der  mit  der  Lehrerschaft  der  Freien  Waldorfschule  abgehalte- 
nen  Konferenzen  im  Zusammenhang  mit  der  Sprachgestaltung  und 
dem  Deutsch-Sprachunterricht  getan  hat.  Trotz  des  oft  sehr  aphori- 
stischen  Charakters  dieser  Bemerkungen  sind  sie  doch  von  grosstem 
Wert;  werden  diese  Keime  dauernd  gepflegt,  so  konnen  sie  die 
schonsten  Fnichte  bringen.  Auch  hier  entstand  alles  aus  dem  Leben, 


hervorgerufen  durch  Situationen  in  den  verschiedenen  Klassen  oder 
durch  Fragen  der  Lehrer  selbst. 

Ein  anderes  wichtiges  Feld  ist  das  der  Erziehung  zu  kiinstlerischem 
Sprechen  der  Redner.  Wir  haben  ja  eingangs  darauf  hingewiesen, 
wie  die  Sprech-Ubungen  dadurch  ins  Leben  gerufen  wurden,  dass 
Vortragende  ein  Empfinden  fur  die  Schulung  ihrer  Stimmen  beka- 
men.  Schon  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  hatte  Rudolf  Steiner  in 
Aufsatzen  darauf  hingewiesen,  dass  eine  «Erziehungsschule  fiir  Vor- 
tragskunst»  eine  dringende  Notwendigkeit  ist.  Die  Anweisungen, 
die  Rudolf  Steiner  1921  in  dem  «Orientierungskurs  fiir  anthropo- 
sophische  und  Dreigliederungsarbeit  in  der  Schweiz»  den  Rednern 
gab,  fiihren  das  dort  Ausgesprochene  weiter.  Wir  verofTentHchen  die 
im  Zusammenhang  mit  unserra  Thema  wesentlichen  Teile  aus  die- 
sen  Vortragen. 

Nur  wenige  Ubungen  liegen  fiir  das  therapeutische  Gebiet  der 
Sprachgestaltung  vor.  Ohne  Zweifel  hatte  auch  hier  Rudolf  Steiner 
vieles  noch  gegeben,  wenn  es  ihm  vergonnt  gewesen  ware,  langer 
zu  wirken.  Ein  bisher  unbekannter  Hinweis  iiber  Sprachstorungen 
hat  sich  in  einer  «Konversation  iiber  Geisteswissenschaft»  gefunden, 
die  wahrend  des  ersten  Hochschulkurses  am  Goetheanum  im  Herbst 
1920  stattfand.  Dieser  Hinweis  wird  jetzt  zum  ersten  Male  veroffent- 
licht.  Die  hier  ausgesprochenen  Angaben  zeigen,  auf  was  fiir  intime 
Beobachtungen  es  auch  auf  diesem  Gebiete  bei  der  Sprachgestaltung 
ankommt.  Allgemein  bekannt  sind  ja  die  richtunggebenden  Worte 
Rudolf  Steiners  aus  dem  Vortrag  vom  13.  Oktober  1923*  iiber  die 
im  Atem  liegenden  Heilkrafte. 

Den  Ausklang  des  Buches  bilden  aphoristische  Ausfuhrungen,  die 
Rudolf  Steiner  wahrend  des  Kurses  fiir  « Sprachgestaltung  und  Dra- 
matische  Kunst»  fiir  die  Mitglieder  der  Allgemeinen  Anthropo- 
sophischen  Gesellschaft  geschrieben  hat.  Noch  einmal  wird  der  Weg 
geschildert,  aus  der  Sprache  heraus  zu  gestalten. 

Mochte  die  Gegenwart  diesem  menschlichsten  aller  Lebensgebiete 
das  notwendige  Verstandnis  entgegenbringen.  Darin  lage  im  Sinne 

*  Rudolf  Steiner,  Das  Miterlcbcn  des  Jahreslaufes  in  vier  kosmischen  Imaginationen,  in  Bibl.- 
Nr.  223/229  der  Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe. 

1  * 


von  Rudolf  Steiner  und  Marie  Steiner,  die  den  redenden  Kiin- 
sten  ihren  Mysrerien-  und  Menschheitscharakter  zuruckgaben,  der 
wahrste  Dank. 

Dornach,  Pfingsten  1955 

EDWIN  FROBOSE 


Man  braucht,  um  mit  den  Ideen  die  "Wesen- 
haftigkeiten  des  Geistigen  zu  umfassen  und  sie 
ideenhaft  zu  gestalten,  Beweglichkeit  der  Ideen- 
Tatigkeit.  Die  Erfiillung  der  Seele  mit  dem  Kiinst- 
lerischen  gibt  sie.  rudolf  steiner 

D  as  Erleben  des  Wortes  fiihrt  zu  Intimitaten  des  geistigen  Erken- 
nens,  die  wie  eine  Entsiegelung  wirken  der  im  Menschen  ver- 
borgenen  Geheimnisse.  Der  Mensch  tritt  uns  hier  entgegen  seinem 
innersten  Wesen  nach,  aus  den  Urgriinden  des  ihn  erschaffenden 
Seins  heraus,  so  wie  ihn  zusammengefugt  haben  die  richtung- 
gebenden  Krafte  der  Wandelsterne,  der  Planeten,  der  Ruhesterne, 
des  Tierkreises,  die  in  den  Lauten  ihre  Zeichen,  in  den  Zeichen  ihre 
Siegel  haben.  Ergreifen  wir  ihr  zusammenfassendes  Erklingen  inner- 
halb  der  dem  Menschen  durch  die  Gotrer  gegebenen  Sprache,  so 
erleben  wir  neue  Bewusstseinszustande.  Und  diese  Bewusstseins- 
zustande entreissen  uns  der  Erstarrung  durch  iibermassige  Intellek- 
tualisierung,  bringen  uns  dem  Urquell  des  Seins  naher.  Tauchen  wir 
unter  in  die  Laute,  so  befreien  wir  auch  den  Gedanken  aus  seiner 
Umkapselung  durch  das  graue  Gehirn,  das  ihm  sein  Leben  aussaugt, 
das  aus  dem  gefiigigen,  bildsamen  Werkzeug,  das  es  bleiben  sollte, 
ein  Vampir  geworden  ist,  der  den  Gedanken  ertotet.  Bringen  wir 
wieder  den  Gedanken  in  die  Sprache  zuriick,  die  ihn  geboren  hat, 
in  ihre  Laute,  ihre  Lichter  und  Schatten,  ihre  Farben,  ihre  Bilder, 
ihren  Pulsschlag,  ihre  Klanghebungen  und  -senkungen,  ihre  Be- 
wegungstendenzen,  ihre  Tiefen-,  Weiten-  und  Hohenrichtungen, 
ihre  Zonen,  ihre  plastische,  elastische,  ballende,  schnellende  Kraft 
—  ja  dann  erlebt  man  Weiten,  die  um  so  schoner  und  reicher  sind, 
als  wir  in  der  Lage  sind,  sie  zu  trennen  von  unserem  subjektiven 
Erleben  und  unterzutauchen  in  das  Leben  des  Weltenalls.  Wie  arm 
erscheinen  wir  uns  selbst  mit  unserem  engen  Gefuhlsleben,  ver- 
glichen  mit  dem  Reichtum,  den  wir  erfassen  durch  das  Untertauchen 
im  objektiven  Weltenleben.  Und  Wege  zu  diesem  Erfassen  weist  uns 
die  Sprache.  Denn  in  ihr  beriihren  wir  die  gdttlichen  Krafte,  die  uns 
erschafTen  haben  und  die  unsere  Meister  und  Fiihrer  sind.  Schaffende 
Machte  beriihren  wir,  die  sich  im  Menschen  ein  Gebiid  erschaffen 
haben.  marie  steiner 


I 


RUDOLF  STEINER 


GRUNDBEDINGUNGEN 
ANTHROPOSOPHISCHEN  WIRKENS 


Cjrosse  Schwierigkeiten  bereitet  uns,  dass  nicht  iiberall  in  durch- 
greifender  Aft  die  Impulsivitat  der  anthroposophischen  Bewegung 
in  der  richtigen  Weise  eingeschatzt  wird.  Man  kann  einfach  da  und 
dort  Urteile  hbren,  die  ganz  und  gar  die  anthroposophische  Bewe- 
gung dadurch  verleugnen,  dass  sie  sie  in  Parallele  bringen  mit  dem, 
was  durch  sie  fur  die  Menschheitsentwicklung  abgelost  werden  soli. 
Mir  ist  es  erst  in  den  letzten  Tagen  wiederum  passiert,  dass  mir 
jemand  gesagt  hat:  Wenn  man  vor  diese  oder  jene  Leute  hin- 
tragt,  was  die  Anthroposophie  gibt,  da  nehmen  es  sogar  die  starksten 
Praktiker  an;  man  darf  ihnen  nur  nicht  von  Anthroposophie  und 
Dreigliederung  sprechen,  man  muss  diese  verleugnen.  —  Sehen  Sie, 
das  ist  etwas,  was  von  vielen  gepflogen  worden  ist  seit  vielen  Jahren. 
Das  ist  das  Falscheste,  was  wir  tun  konnen.  Wir  miissen  iiberall 
unter  dem  Zeichen  der  vollen  Wahrheit,  auf  welchem  Gebiete  es 
auch  ist,  als  Vertreter  des  anthroposophischen  Wesens  in  der  Welt 
auftreten,  und  wir  miissen  uns  bewusst  werden,  dass,  insofern  wir 
das  nicht  konnen,  wir  eben  eigentlich  die  anthroposophische  Be- 
wegung nicht  fordern  konnen.  Alles  verschleierte  Eintreten  fiir  die 
anthroposophische  Bewegung  f  iihrt  doch  zuletzt  zu  keinem  Heil. 

Natiirlich  ist  in  solchen  Dingen  alles  individuell.  Es  kann  nicht 
alles  in  eine  Schablone  eingefasst  werden,  aber  was  ich  eigentlich 
meine,  ist  dieses.  Ich  will  es  an  mehreren  Beispielen  klarmachen,  was 
ich  meine. 

Da  ist  die  Eurythmie.  Die  Eurythmie  wird  so,  wie  ich  es  ja  auch 
gestern  im  Beginne  der  Eurythmievorstellung  gesagt  habe,  wirklich 
aus  den  tiefsten  Untergriinden  des  anthroposophischen  Wesens  her- 


ausgeholt  und  gepflegt.  Und  dessen  muss  man  sich  bewusst  sein,  dass 
mit  der  Eurythmie,  so  unvollkommen  sie  heute  noch  sein  mag,  etwas 
in  die  Welt  hineingestellt  wird,  was  ein  ganz  Urspriingliches  ist,  ein 
Primares,  und  was  in  keiner  Weise  verglichen  werden  darf  mit  etwas 
anderem,  was  scheinbar  ahnlich  heute  in  der  Welt  auftritt.  Diesen 
Enthusiasmus  miissen  wir  fur  unsere  Sache  aufbringen,  dass  wir  die 
ausserlichen  oberflachlichen  Vergleichsmoglichkeiten  ausschliessen. 
Ich  weiss,  wie  ein  solcher  Satz  missverstanden  werden  kann,  aber  ich 
spreche  ihn  dennoch  hier  im  Kreise  von  Ihnen,  meine  lieben  Freunde, 
aus,  denn  er  driickt  eine  der  Grundbedingungen  fur  das  Gedeihen 
der  anthroposophischen  Bewegung  in  der  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft  aus. 

Ebenso  habe  ich  zum  Beispiel  in  der  letzten  Zeit  viel  Blut  schwitzen 
miissen,  mdchte  ich  sagen  —  es  ist  natiirlich  symbolisch  gemeint  — , 
iiber  allerlei  Diskussionen  iiber  jene  Form  des  Rezitierens  und  Dekla- 
mierens,  wie  sie  in  unserer  Gesellschaft  durch  Frau  Dr.  Steiner  aus- 
gebildet  worden  ist.  Ebenso  wie  die  Eurythmie  ist  der  Grundnerv 
dieses  Deklamierens  und  Rezitierens  derjenige,  der  aus  anthropo- 
sophischer  Grundlage  herausgeholt  und  gepflegt  ist,  und  auf  diesen 
Grundnerv  muss  man  sich  einstellen.  Den  muss  man  erkennen  und 
nicht  glauben,  wenn  man  da  oder  dort  irgendeinen  Fetzen  von 
dem,  was  nun  gut  oder  sogar  besser  in  anderen  ahnlichen  Forma- 
tionen  da  ist,  hineinfiihrt,  so  kame  etwas  Besseres  heraus.  Dieses 
Urspriinglichen,  dieses  Primaren,  dessen  muss  man  sich  bewusst  sein 
auf  alien  unseren  Gebieten. 

Ein  drittes  Beispiel:  Eines  derjenigen  Gebiete,  wo  Anthroposophie 
besonders  fruchtbar  werden  kann,  ist  das  medizinische.  Ganz  gewiss 
wird  Anthroposophie  fiir  das  Medizinische,  namentlich  fiir  die 
Therapeutik,  unfruchtbar  bleiben,  wenn  die  Tendenz  besteht,  inner- 
halb  des  medizinischen  Betriebes  in  der  anthroposophischen  Be- 
wegung die  Anthroposophie  als  solche  in  den  Hintergrund  zu 
drangen  und  etwa  den  medizinischen  Teil  unserer  Sache  so  zu  ver- 
treten,  dass  wir  denen  gefallen,  die  vom  heutigen  Gesichtspunkte 
aus  Medizin  vertreten.  Wir  miissen  mit  aller  Courage  die  Anthropo- 
sophie in  alles  einzelne,  auch  das  Medizinische,  hineintragen.  Nur 
dann  kommen  wir  so  zurecht  —  wie  wir  zurechtkommen  miissen  — 


mit  der  Anthroposophie  selber  im  engeren  Sinne,  mit  dem,  was 
Eurythmie  sein  soil,  mit  dem,  was  Rezitation  und  Deklamation  sein 
soil,  mit  dem,  was  Medizin  sein  soli,  und  vielem  anderen,  das  ja  als 
einzelnes  innerhalb  unserer  Anthroposophischen  Gesellschaft  lebt. 

Sehen  Sie,  damit  habe  ich  die  Grundbedingungen  wenigstens 
angedeutet,  die  beim  Ausgang  unserer  Tagung*  vor  unsere  Herzen 
hingestellt  werden  miissen  fur  die  Begriindung  der  Allgemeinen 
Anthroposophischen  Gesellschaft. 


•  Weihnachten  1923/24 


MARIE  STEINER 


DIE  WEGE  ZUR  KUNSTLERISCHEN  EINHEIT 

DER  URPOESIE 


jzlnthroposophie  ist  die  Grundlage  des  Verstehens  dessen,  was 
gemeint  ist  mit  der  neuen  Sprachgestaltung.  Man  muss  zuerst 
Anthroposoph  sein,  um  zu  erfassen,  was  von  hier  aus  zum  Leben  will. 
Um  iiber  das  bloss  intellektuelle  Verstehen  hinauszukommen,  in  das 
tiefere  Erleben  der  Dinge,  um  die  es  sich  hier  handelt,  muss  man  den 
innern  Zugang  finden  zu  den  Quellen  der  Esoterik.  Diese  geben  uns 
das  Gefiihl  des  Verankertseins  im  Ganzen  des  Kosmos,  in  welchem 
wir  ein  allmahlich  dem  Lichte  sich  offnendes  Auge  sind  —  gleich 
dem  physischen  Auge  aus  der  Dumpfheit  des  durch  Lichtesscharfe 
zunachst  sich  verhornenden  Stories,  durch  Sinnenreiz  wiederum  zum 
Lichtreflektor  erweckt  — ,  ein  Organ  der  Ichwerdung. 

Indem  als  das  Ziel  unserer  Arbeit  die  Auffuhrung  der  Mysterien- 
dramen  Rudolf  Steiners  vor  uns  stand,  wurden  all  denen,  die  daran 
lernten,  die  Schwierigkeiten  des  Weges  klar,  und  mit  aufopfernder 
Geduld  und  Liebe  unterzog  man  sich  dieser  Arbeit.  Gleichsam  wie 
ein  Nebenstrom,  der  schopferischen  Kraft  der  Quelle"  entspringend, 
entstand  das  Chorsprechen  und  fiihrte  tiefer  in  den  Ursprungsgeist 
hinein.  Bei  voller  Konzentration,  die  die  Ichkraft  ungehemmt  walten 
und  dirigieren  lasst  innerhalb  des  Willenselementes  ohne  Abflauung 
durch  den  intellektuellen  Automatismus,  liessen  sich  bereits  schonste 
Resultate  erzielen. 

Am  schwersten  gelingt  es,  reales  Leben,  tragende  Kraft  und 
geistiges  Feuer  hineinzubringen  in  das  Sprechen  fur  die  Eurythmie. 
Die  Anforderungen,  die  hier  an  den  Sprecher  gestelk  werden,  sind 
tatsachlich  ungeheuer  grosse.  Allem  voran  steht  die  Forderung  der 
Selbstlosigkeit  innerhalb  der  kiinstlerischen  Gestaltung.  Man  muss 
sich  vergessen  konnen. 


Die  Eurythmie  webt  im  Elemente  der  Geistigkeit.  Sie  bedient  sich 
des  menschlichen  Korpers  als  eines  Instrumentes,  urn  auszudriicken 
dasjenige,  was  in  der  Formkraft  seines  Lebensleibes  liegt,  desjenigen, 
was  Schiller  in  «Das  Ideal  und  das  Leben»  also  bezeichnet:  «gdtt- 
lich  unter  Gottern,  die  Gestalt».  Die  Gestaltungskraft  liegt  dem 
Korper  zugrunde  und  halt  ihn  zusammen.  Es  ist  eine  geistige  Kraft. 
Verlasst  sie  den  menschlichen  Korper  und  uberlasst  ihn  den  Kraften 
der  Natur,  so  fallt  er  auseinander.  Die  Krafte  der  leblosen  Natur 
treiben  auseinander;  dasjenige,  was  schafft,  baut,  formt,  sind  geistige 
Krafte.  Sie  haben  den  Menschen,  sie  haben  die  Welt  aufgebaut.  Die 
Welt  ist  das  Wort  des  Geistes,  der  Mensch  ist  das  Wort  der  Welt. 
Wenn  er  sich  zum  Diener  des  Wortes  macht,  so  muss  er  fiihlen, 
durch  welche  Krafte  er  in  den  Kosmos  hineingestellt  ist,  und  diese 
innerhalb  seines  gesprochenen  Wortes  waken  lassen.  Er  muss  sich 
selbst  vergessen  und  dasjenige  zum  Ausdruck  bringen,  was  in  den 
Kraften  des  Wortes  west  und  webt.  Diese  treten  durch  die  Kunst  der 
Eurythmie  gebardenhaf  t  in  die  Erscheinung.  Der  menschliche  Korper 
gibt  sich  ihnen  hin.  Lebt  in  dem  gesprochenen  Worte  die  Kraft  der 
Richtung,  der  Dynamik,  des  Gleichgewichts,  des  Tragens,  des  Wurfs, 
so  fliessen  Wort  und  Formschwung  der  Gestalt  zusammen  in  der 
innern  und  aussern  Gebarde.  Belastet  der  Sprecher  das  Wort  durch 
seine  Subjektivitat,  ist  ihm  das  Wort  willkommene  Gelegenheit,  die 
Krafte  seiner  eigenen  Leidenschaftlichkeit  zu  entfesseln,  spiegelt  er 
sich  selbstgefallig  im  Wort,  saugt  er  auf  und  schwelt  er,  statt  als 
reine  Flamme  sich  zu  entfliehen  oder  den  Kraften  der  Form  sich 
willig  und  kunstsinnig  zu  unterwerfen,  dann  hat  er  sich  noch  nicht 
den  Fesseln  entrissen,  die  ihm  das  Zeitalter  des  Materialismus  mit 
seinem  Kultus  der  physischen  Sinnlichkeit  und  der  Personlichkeits- 
triebe  auferlegt  hat,  dann  kann  er  nicht  den  kosmischen  Menschen 
in  sich  befreien  und  bleibt  im  Sarge  seiner  Personlichkeit  stecken. 
Noch  scheint  die  Eurythmie  eine  so  stark  im  Geistigen  verankerte 
Kunst  zu  sein,  dass  eine  neue  innere  Organbildung  notwendig  ist, 
um  ihr  als  Werkzeug  dienen  zu  konnen,  besonders  wenn  man  sie 
in  ihrer  Unsichtbarkeit  ergreifen  soil,  in  der  im  Worte  unter- 
getauchten  Gebarde,  die  nun  auf  der  Biihne  durch  das  Instrument 
des  menschlichen  Korpers  sichtbar  wird,  durch  den  Sprecher  in 


Tragekraft  umgewandelt  werden  soli,  die  seine  Form-  und  Schwung- 
kraft  werden  soil  im  korperbefreiten  Strom  der  Luft. 

Die  Schwierigkeiten  dieses  Weges  sind  so  gross,  dass  mancher 
Kunstausiibende,  auf  den  verschiedenen  Gebieten  Strebende,  Rin- 
gende,  zur  Uberzeugung  kam :  Sprechen  sei  die  schwerste  Kunst. 

Sie  ist  es,  wenn  man  weiss,  dass  alle  schopferischen  Krafte  in  ihr 
verborgen  sind,  alle  bildenden,  alle  tonenden,  und  in  ihr  zum  Aus- 
druck  kommen  wollen,  befreit  von  der  Fesselung  an  die  Materie. 

Wie  aber  finden  wir  die  Wege  zu  dieser  Entfesselung? 

Da  geniigt  es  nicht,  dass  wir  in  der  Lage  sind,  subjektives  Erleben 
einer  dramatisch  komponierten  Gestalt  auf  der  Buhne  widerzu- 
spiegeln.  Freilich  bedeutet  es  schon  etwas,  wenn  wir  eine  uns  wesens- 
fremde  Dichtergestalt  nicht  nach  uns  subjektiv  farben,  sondern  sie 
in  ihrer  Objektivitat  von  uns  losen.  Eine  dramatische  Figur  hat  aber 
immer  eigene  Subjektivitat  an  sich,  in  die  wir  uns  umwandeln 
mussen. 

Epik  verlangt  voile  Objektivitat:  Raum  und  Zeit,  Historie  und 
Natur  sollen  in  zusammengedrangter  Wesenhaftigkeit  erklingen, 
wir  selbst  durchlassig  werden. 

Geistesmassige  Lyrik  verlangt  dasselbe.  Wir  mussen  in  die  Gott- 
heit  untertauchen,  wir  mussen  uns  zur  Gottlichkeit  erweitern,  wir 
konnen  es  nur,  indem  wir  die  Schopfung  der  Gotter,  den  Kosmos, 
erfuhlen  lernen.  Die  Schopfung  der  Gotter  spiegelt  sich  in  den 
Lauten,  die  plastisch-konsonantisch  die  Welt  formten,  innerlich- 
vokalisch  sie  durchseelten.  Wir  mussen  die  Krafte  der  Laute  als 
Fliigelschlage  empfinden,  die  —  unabhangig  von  uns  —  uns  willig 
in  den  Kosmos  hinaustragen.  Ein  schwerer  Weg,  denn  wir  mussen 
den  Geist  von  den  subjektiven  Seelenkraften  losen,  vom  Empfin- 
dungsgemassen  wie  vom  Intellektuellen,  und  in  dem  Kosmisch- 
Seelenhaften  die  Urbilder  des  Konsonantischen,  die  Formkrafte 
wirken  lassen.  Unser  eigenes  Inneres  mussen  wir  hinaustragen  und 
ihm  nachgehen. 

Auch  personlichst  gestimmte  Lyrik  muss  fur  die  Eurythmie  so 
gesprochen  werden,  dass  das  Innere  sich  nach  aussen  ergiesst,  nicht 
dass  das  Aussere  hineingesogen  wird.  Geschieht  das  letztere,  so 
miisste  der  Eurythmisierende,  wenn  er  mit  der  Wortgebarde  mit- 


ginge,  dauernd  seine  Glieder  an  sich  Ziehen,  er  wird  in  der  Be- 
wegungsentfaltung  gehemmt,  zuriickgehalten.  Metamorphosier t  sich 
das  innere  Gefiihlserlebnis  in  hinausdrangende  Gestaltungskraft, 
plastisch-musikalisch  gelost  im  Atemstrom,  koloriert  im  Tonklang, 
imaginativ  beseelt,  dann  wird  die  innere  Eurythmie  des  Wortes  zur 
tragenden  Kraft  desjenigen,  der  die  aussere  Gebarde  vollfiihren  und 
seinen  Korper  von  der  Schweremacht  zu  losen  und  in  Schwebekraft 
zu  wandeln  hat.  Den  Dienst,  den  der  Sprecher  der  Eurythmie  zu 
leisten  hat,  erhalt  er  als  Gabe  doppelt  wieder  durch  die  Schliissel, 
die  sie  ihm  gibt  zum  kiinstlerischen  Element  der  Sprache. 

«Der  Impuis  zum  Sprechen  geht  aus  vom  astralischen  Organis- 
mus,  der  vom  Ich  modirlziert  wird.»*  Das  Tier  bringt  es  nicht  bis 
zum  Sprechen.  Die  Alltagssprache  des  Menschen  bleibt  im  Un- 
bewussten  stecken.  Das  kiinstlerische  Sprechen  muss  das  Unter- 
bewusste  in  das  Bewusstsein  heraufheben. 

In  der  alten  Zeit  wurde  das  Sprechen  aus  der  Kunst  heraus  gefiihlt 
und  empfunden.  Die  Ursprache  war  Urpoesie,  driickte  sich  aus  in 
Rhythmus,  Takt,  Assonanz,  Alliteration,  in  Silbenschreiten  und 
-wagen.  Gedanke  und  Gefiihl  lebten  in  ihr  als  eine  Einheit.  Jetzt 
ist  der  Gedanke  abstrakt  geworden ;  das  Gefiihl  hat  sich  nach  innen 
gezogen;  dazwischen  liegt  die  zur  Prosa  gewordene  Sprache.  Die 
Wege  zur  kiinstlerischen  Einheit  der  Urpoesie  miissen  wieder 
gefunden  werden.  Um  sie  wiederzunnden,  sind  wir  von  Rudolf 
Steiner  hingewiesen  worden  auf  die  Bedeutung  der  fiinf  Ubungen 
der  griechischen  Gymnastik,  durch  die  der  Mensch  wieder  empfinden 
lernt  sein  Hineingestelltsein  in  die  Gesetzmassigkeiten  des  Kosmos, 
seine  Beziehungen  zur  Erde  und  zu  den  Dingen  der  Aussenwelt.* 

*  Der  Entwurf  zu  diesem  Aufsatz  diirfte  aus  dem  Jahre  1926,  spatestens  aus  dem 
Jahre  1927  stammen;  er  entstand  also  zu  Beginn  der  Arbeit  mit  den  im  Laufe  der 
Zeit  immer  mehr  nach  Dornach  kommenden  Schauspielern,  von  denen  die  meisten 
auch  an  dem  Kursus  fur  Sprachgestaltung  und  Dramatische  Kunst  (1924)  teil- 
genommen  hatten,  in  welchem  Rudolf  Steiner  das  zitierte  geisteswissenschaftliche 
Forschungsergebnis  und  den  Zusammenhang  der  fiinf  gymnastischen  Obungen  der 
Griechen  mit  der  Biihnenkunst  mitgeteilt  hat.  Wir  verweisen  hierbei  auf  die  grund- 
legenden  anthroposophischen  Bucher  und  ausserdem  auf  den  fur  das  kiinstlerische 
Studium  besonders  in  Betracht  zu  Ziehen  den  Vortragszyklus  «Anthroposophie,  Psy- 
chosophie,  Pneumatosophie*  (Gesamtausgabe  Bibl.-Nr.  115),  insbesondere  auf  die  ersten 
Vortrage  iiber  Anthroposophie  aus  dem  Jahre  1909- 


RUDOLF  STEINER 


SPRECH-OBUNGEN  MIT  ERKLARUNGEN 

NACHS CHRIFT  VON  MARIE  STEINER 
FUR  EIN  LEHRBUCH  DER  SPRACHGESTALTUNG 


In  der  kiinstlerischen  Gestaltung  der  Sprache  kommt  das 
gesunde  Zusammenwirken  und  Sich-Harmonisieren  von  Leib, 
Seek  und  Geist  zur  Offenbarung.  Der  Leib  zeigt,  ob  er  sich  den 
Geist  in  reenter  Art  einzugliedern  vermag;  die  Seele  offenbart, 
ob  der  Geist  in  ihr  auf  wahre  Art  lebt;  und  der  Geist  stellt  sich 
in  unmittelbarer  physischer  Wirkung  anschaulich  dar.  Die  an 
Sprachkursen  teilnehmenden  Personlichkeiten  erleben  so  die 
Offenbarung  der  Anthroposophie  an  der  Betatigung  des  Men- 
schen  ganz  unmittelbar.  Es  darf  als  eine  Erprobung  der  An- 
throposophie angesehen  werden,  dass  sie  in  der  Lage  ist,  die 
Sprachkunst  in  ihrer  vollen  Bedeutung  wieder  aufleben  zu  las- 
sen,  die  doch  durch  den  Materialismus  in  der  Weltanschauung 
in  eine  hilflose  Lage  gebracht  worden  ist.  -  In  der  lebendigen 
Teilnahme  an  den  Kursen  iiber  sprachliche  Kunst,  die  von 
Marie  Steiner  gegeben  wurden,  zeigt  sich,  dass  die  Bedeutung 
des  «Sprechen-K6nnens»  einem  sich  steigernden  Verstandnis 
entgegengeht. 

RUDOLF  STEINER 


Nur  wenn  man  horen  lernt,  kann  man  sprechen  lernen.  Die  beste 
Schulung  fur  den  Anfanger  ist,  nachzusprechen,  was  ihm  gut  vor- 
gesprochen  wird.  In  den  guten  alten  Schulen  liess  man  zunachst  nur 
nachmachen.  Es  ist  die  einzig  richtige  Methode  beim  Sprechen :  das 
Nachmachen,  das  Horenlernen.  Man  muss  da  durch  und  findet 
dann  das  Eigene. 

Die  vorgesprochenen  Ubungen  sollen  so  nachgesprochen  werden, 
dass  man  in  den  Ton  hineingeht ;  in  jede  Silbe,  in  jeden  Laut  muss 
man  sich  hineinlegen.  Man  muss  mit  der  Stimme  von  Wort  zu  Wort 
sich  getragen  fuhlen,  ganz  frei  dabei  werden,  so  dass  man  das  Gefiihl 
hat :  man  spricht  mit  der  umgebenden  Luf t  und  nicht  mit  der  Kehle. 
Die  vibrierende  Luft  rundherum  muss  man  fuhlen  und  ein  Echo 
geben  auf  dieses  Vibrieren. 

So  lernt  man  die  Sprache  als  einen  Organismus  erkennen,  der 
sich  hineinlegt  in  das,  was  man  richtig  hort.  In  der  ausseren  Luft 
muss  man  den  Ton  horen ;  da  liegt  der  Resonanzboden.  Die  Sprach- 
organe  geben  nur  den  Boden  her  zur  Bildung  von  Schwingungen. 
Man  muss  sich  seiner  Sprachwerkzeuge  bewusst  werden  und  die 
Resonanzlinien  fuhlen  lernen.  Alles  Suchen  von  Resonanzen  in 
Nase,  Zwerchfell,  Brust  und  Kopf  vermechanisiert  nur.  Selbstver- 
standliches  Sprechen  muss  entstehen  dadurch,  dass  man  sich  in  jede 
Silbe  hineinlegt  und  auch  in  die  Konsonantenverbindungen.  Spater, 
wenn  man  das  erlernt  hat,  macht  es  sich  schon  von  selber,  dass 
man  die  Nebensilben  zum  Beispiel  leichter  betont.  Physiologische 
Resonanzen  fiihren  zu  Einseitigkeiten.  Man  kann  alles  erreichen, 
wenn  man  von  den  Lauten  ausgeht ;  wenn  man  den  Ton  moduliert, 
lernt,  wie  ein  a  und  o  studiert  wird,  plastisch  gemacht  wird  dadurch, 
dass  man  den  Ton  von  riickwarts  nach  vorn  bringt ;  wenn  man  f  iihlt, 
wie  jeder  Konsonant  erst  plastisch  wird,  wenn  er  anders  beweglich 
gemacht  wird  durch  die  Nachbarschaft  der  Vokale. 

# 

Die  Laute  sollen  erfiihlt  werden,  sollen  ins  Bewusstsein  treten, 
dazu  verwenden  wir  zunachst  einfache  Artikulationsiibungen : 


Dass  er  dir  log  uns  darf  es  nicht  loben* 
Nimm  nicht  Nonnen  in  nimmermude  Muhlen 
Rate  mir  mehrere  Ratsel  nur  richtig 

Redlich  ratsam 
Riistet  riihmlich 
Riesig  rachend 
Ruhig  rollend 
Reuige  Rosse 

Protzig  preist 
Bader  briinstig 
Polternd  putzig 
Bieder  bastelnd 
Puder  patzend 
Bergig  briistend 

Lernen  Sie  jeden  Laut  erfuhlen,  werden  Sie  sich  Ihrer  Sprach- 
werkzeuge  bewusst. 

# 

Bewusstseinsdurchleuchtung,  das  1st  es,  was  wir  zu  erstreben 
haben. 

Mit  dem  Bewusstsein  hinemgehen  in  die  Sprachwerkzeuge,  das 
heisst  nicht,  sie  nur  physisch  stark  erfuhlen,  sondern  sie  durch  die 
Bewusstseinsdurchdringung  von  der  Physis  losen  und  in  den  Atem- 
strom  hineinlegen.  Bewusstsein  erfasst  schon  das  Wesenhafte  der 
Sache  und  lasst  sich  vom  Wesenhaften  mitnehmen,  wahrend  der 
Intellekt  so  seltsam  am  Wesen  vorbeigehen  kann.  Er  spiegelt  ab, 
photographiert  und  bekommt  dadurch  so  leicht  etwas  Mechanisches, 
Abstraktes,  immer  diznner  Werdendes. 

Heute  versteht  die  Welt  unter  Geist  —  den  Intellekt;  sie  weiss 
gar  nicht,  dass  der  Intellekt  nur  eine  Sprosse  ist  zum  Geist  hin, 
solange  er  Dienste  leistet  der  Bewusstseinserweckung.  Er  kann  sich 

*  Die  Sprech-Obungen  werden  in  dem  vorliegenden  Buche  nach  der  Originalhand- 
schrift  von  Rudolf  Steiner  zum  ersten  Male  abgedruckt. 


nach  zwei  Seiten  hinwenden :  dem  Geiste  zu,  der  Erhellung,  Erleuch- 
tung;  oder  aber  der  Wahrnehmung,  dem  einfachen  Deduzieren. 
Bleibt  er  auf  dieser  Stufe  stecken,  wird  er  eingefangen  von  der 
Materie  und  dem  Automatismus ;  er  schliesst  sich  in  sich  ab,  verliert 
seine  Verbindung  mit  dem  Jenseitigen,  er  wird  dann  tatsachlich 
Sarg  des  Denkens ;  sein  innerer  Tod  schniirt  ihn  ab  vom  Geist. 

Das  Ergreifen  des  Wesenhaften  in  der  Sprache  kann  einen  zum 
Geist-Erleben  zuriickfuhren.  Tasten  wir  uns  langsam  dazu  heran, 
von  den  Grundelementen  ausgehend. 

Diese  sind  das  Erfiihlen  des  Lautes  und  des  Atems;  ihr  allmah- 
liches  Heraufheben  in  die  Bewusstseinssphare. 

# 

Werden  Sie  sich  Ihres  Atems  bewusst,  indem  Sie  ihn  einteilen 
und  ihn  in  seinem  Dahinstromen  verfolgen. 

Sie  brauchen  sich  nicht  auf  eine  Methode  zu  verschwbren:  die- 
jenige,  die  Ihrem  Organismus  am  besten  angepasst  ist,  wird  sich 
dann  einstellen. 

Erfiillung  geht 
Durch  Hoffnung 
Geht  durch  Sehnen 
Durch  Wollen 
Wollen  weht 
Im  Webenden 
Weht  im  Bebenden 
Webt  bebend 
Webend  bindend 
Im  Finden 
Findend  windend 
Kiindend 

Wir  haben  hier  ganz  kurze  Zeilen  —  geben  einen  Atemzug  ganz 
aus  in  jeder  Zeile,  der  Atem  muss  vor  jeder  Zeile  neu  in  Ordnung 
gebracht  werden. 

Mit  dieser  Ubung  soil  man  gleichsam  turnen,  um  den  Atem  zu 
regulieren. 


Lernen  Sie  daran  biegsam  werden  fur  Konsonanten  und  Kon- 
sonantenverbindungen.  Indem  Sie  sie  innerhalb  des  Atemstromes 
erfiihlen,  erreichen  Sie  dies. 

Bei  den  vorigen  Ubungen  hatten  Sie  die  Aufmerksamkeit  zu 
richten  auf  die  Organe,  an  denen  der  Laut  anschlug,  und  konnten 
so  zum  Bewusstsein  Ihrer  Sprachwerkzeuge  kommen,  sie  erkennen. 
Jetzt  mussen  Sie  zum  Bewusstsein  Ihres  Atemstroms  kommen. 

Grossen  Nutzen  hat  man  davon,  wenn  man  die  Worte  umgekehrt 
anwendet,  zum  Beispiel :  Wollen  —  Nellow. 

Unbehindert  vom  Sinn  kann  man  die  Wertigkeit  der  Laute  voll 
ausschopfen.  Versuchen  Sie,  mitzugehen  mit  der  Schwingung  des 
Doppel-1,  zu  spiiren,  was  es  am  o  und  e  tut.  Am  Laut  selbst  ist  zu 
lernen,  wie  Sie  es  zu  tun  haben,  um  den  Laut  zu  sprechen.  Versuchen 
Sie,  zu  horen  mit  Ihrem  ganzen  Menschen  und  zu  horen,  was  die 
Luft  tut,  wenn  Sie  sprechen:  so,  wie  wenn  Sie  in  einer  Luftkugel 
drinnen  waren  und  aufpassten,  was  in  der  Sie  umgebenden  Luft 
geschieht,  wenn  Ihr  eigener  Atemstrom  skh  in  sie  hineinergiesst. 
Freilich,  wenn  ein  anderer  spricht,  klingt  das  Ohr  starker.  Das  Selbst- 
horen  ist  etwas  wie  den  Laut  fuhlen :  wie  wenn  Sie  ergreifen  wollten 
in  Brust  und  Kopf  etwas,  was  sich  durch  die  Ohren  ergiesst.  Sie 
fuhlen  den  Laut  nur,  wenn  Sie  sich  sensitiv  erhaiten  die  Trommel- 
fellbewegungen,  ebenso  die  Schwingungen,  die  durch  die  Eusta- 
chische  Trompete  klingen,  vom  Munde  ausgehend.  Man  ergreift 
sie  zun'achst  innerlich,  aber  das  Ohr  klingt  mit.  So  muss  man  sich 
angewohnen  das  Horen,  vor  allem  das  Sich-selber-Zuhoren  —  und 
das  ist  in  gewisser  Hinsicht  ein  Fuhlen. 

Das  Rollen  des  r  muss  man  in  verschiedener  Weise  empflnden 
vom  Wellenwerfen  des  1.  Was  die  Luft  dabei  macht,  soil  man  sich 
gewohnen  zu  fuhlen.  Pfifflaute,  Wellenlaute,  Zitter-  und  Stosslaute 
und  Blaselaute  soil  man  in  ihrer  Eigenart  fuhlen ;  nicht  von  einer 
physiologischen  Einstellung  der  Organe  ausgehen,  um  den  Laut  zu 
suchen  —  das  fiihrt  nie  zur  natiirlichen  Selbstverstandlichkeit  in  der 
Handhabung  der  organischen  Funktionen  — ,  sondern  vom  Horen, 
vom  Selbsthoren. 

Was  in  Zwerchfell,  in  Brust  und  Kopf  vorgeht,  soil  unbewusst 
vorgehen.  Man  sollte  gar  nicht  das  Gefiihl  haben,  dass  man  die 


Kehle  und  andere  Organe  gebraucht,  sondern  die  Luf t.  Was  die  Luft 
macht,  soli  man  sich  gewohnen  zu  f  iihlen ;  zum  Beispiel  wenn  man 
ein  mm  oder  nn  oder  11  anschlagt. 

Am  Laut  miissen  Sie  lernen  alles,  was  zu  lernen  ist.  Der  Atem 
selber  muss  sich  unbewusst  einstellen,  wenn  man  den  Laut  emp- 
findet  und  empfindend  hort. 

Jetzt  wollen  wir  eine  Ubung  machen,  an  der  Sie  verstehen  lernen 
konnen,  was  es  heisst,  sich  in  den  Ton  hineinlegen,  ihn  lebendig 
machen. 

In  den  unermesslich  weiten  Raumen, 
In  den  endenlosen  Zeiten, 
In  der  Menschenseele  Tiefen, 
In  der  Weltenoffenbarung: 
Suche  des  grossen  Ratsels  Losung. 

Lassen  Sie  die  vier  Zeilen  allmahlich  anschwellen;  nehmen  Sie 
die  eigenen  Tone  zunachst  mit,  so  dass  alles  mitklingt  und  mit- 
schwingt;  erleben  Sie  dann  die  ausserhalb  Ihrer  tonende  Luft,  in 
die  Sie  sich  mit  Ihrem  Atemstrom  hineinlegen ;  lernen  Sie  sie  horen ; 
lernen  Sie  sie  erkennen  als  eine  Wesenheit,  in  die  Sie  Ihren  schwa- 
chen  Ton  hineinlegen,  der  an  ihr  erstarkt  und  sich  allmahlich 
objektiviert. 

Es  liegt  eine  Erwartung  in  den  ersten  vier  Zeilen,  die  den  Ton 
anschwellen  lasst.  Sie  wird  zur  Erfullung  in  der  fiinften  Zeile, 
die  ruhige  Erkenntnis  ausdriickt,  dem  wollenden  Bewusstsein  ent- 
steigend. 

I.  Lassen  Sie  sich  fallen !       Erfiillung  gent 

Durch  Hoffnung 
Geht  durch  Sehnen 
Durch  Wollen 
Wollen  weht 
Im  Webenden 
Weht  im  Bebenden 
Webt  bebend 
Webend  bindend 
Im  Finden 
Findend  windend 
Kiindend 


Auf  einem  Notizblatt  von  Rudolf  Steiner 

19 


II.  Jetzt  dirigieren  Sie! 

In  den  unermesslich  weiten  Raumen, 
In  den  endenlosen  Zeiten, 
In  der  Menschenseele  Tiefen, 
In  der  Weltenoffenbarung: 
Suche  des  grossen  Ratsels  Losung. 

Sie  miissen  Atembewusstsein  erlangen.  Sie  miissen  Bewusstsein 
davon  erlangen,  wie  Sie  den  Ton  von  innen  horen,  nicht  von  aussen. 
Lassen  Sie  frei,  los  vom  Intellekt,  dann  fallt  er  in  den  Atemstrom 
und  wird  mitgenommen. 

Mitgenommen  wird  das  erfiihlte  wesenhafte  Bewusstsein  des 
Lautes ;  indem  man  selbst  drinsteckt,  hort  man  von  innen ;  dadurch 
ergriindet  man  die  Lautqualit'aten  des  Wortes.  Bleibt  man  an  der 
Oberflache,  streift  man  nur  mit  dem  Intellekt  dariiber  hin,  so  hort 
man  nur  Gerausche,  ergreift  nicht  das  innere  Erklingen  des  Lebens. 

Die  erste  Ubung  ist  sehr  geeignet,  um  sich  im  Fallenlassen  zu 
finden.  Es  ist  etwas  anderes  —  ein  plotzliches  Hineintauchen  in  das 
Luftelement,  gleich  einem  Sprung  ins  Wasser,  oder  ein  langsames 
Dirigieren  des  Kahns,  wie  in  der  zweiten  Ubung. 

Ergreifen  Sie  zuerst  das  Steuer,  ichbewusst,  dann  Iassen  Sie  sich 
gehen,  geben  Sie  sich  hin  dem  Elemente,  das  Sie  tragt.  Aber  fuhlen 
Sie  Ihr  Steuer :  die  Ichkraf  t.  Sie  f ormt  sich  den  Kahn,  der  Sie  tragt, 
den  Luftkahn,  in  den  sich  Ihr  Atemstrom  hineinlegt.  Fuhlen  Sie, 
wie  er  auf  den  Wellen  und  Wogen  der  Luft  rhythmisch  dahingleitet. 
Sie  befreien  einen  Gefangenen  in  sich,  wenn  Sie  das  tun. 

Wiederholung  der  zwei  Atemiibungen  bilde  den  Ausgangspunkt 
fiir  eine  neue  Unterrichtsstunde.  Recht  praktisches  Erf iihlen  des  vor- 
her  Gesagten  sei  das  Ziel:  Horen  lernen. 

Sich  hineintasten  in  das  Horen. 

Den  Atem  frei  machen  von  sich,  ihn  seiner  Selbstandigkeit  iiber- 
geben,  ihm  folgen. 

Nun  eine  ahnliche  Ubung ;  der  Auf  bau  ist  der  umgekehrte : 


Du  findest  dich  selbst: 
Suchend  in  Weltenfernen, 
Strebend  nach  Weltenhohen, 
Kampfend  in  Weltentiefen. 

Die  Fernen,  die  Hohen,  die  Tiefen  sollen  erklingen. 

Um  dies  zu  erreichen,  muss  man  die  Laute  mitnehmen  im  Atem- 
strom.  Die  Laute  und  ihre  Verbindungen  regulieren  dann  den  Atem- 
strom.  Steigen  Sie  recht  tief  hinein  in  die  Vokale  und  in  die  Kon- 
sonantenverbindungen,  die  sich  mit  der  Luftsubstanz  draussen  ver- 
binden  und  vom  Atemstrom  fortgetragen  werden.  Lassen  Sie  sich 
mitnehmen. 

Sprechen  Sie  es  dann  einmal  ver standesmassig  und  achten  Sie  auf 
den  Unterschied. 

Nun  eine  Ubung  fur  Sinneinteilung: 

Nimm  mir  nicht,  was,  wenn  ich  freiwillig  dir  es  reiche,  dich  begliickt. 

Wir  haben  hier  drei  Satze:  Den  Hauptsatz  «Nimm  mir  nicht*, 
den  Nebensatz  «was  dich  begliickt*,  den  eingeschobenen  dritten  Satz 
«wenn  ich  freiwillig  dir  es  reiche*.  Er  muss  sprachlich  anders  gestaltet 
werden  als  das  Vorangegangene.  Sie  nehmen  aber  bei  «dich  begliickt* 
den  Betonungscharakter  wieder  auf,  den  Sie  bei  «was»  haben  fallen- 
lassen. 

Nun  eine  weitere  Artikulationsiibung : 

Lalle  Lieder  lieblich 
Lipplicher  Laffe 
Lappiger  lumpiger 
Laichiger  Lurch 

Stellen  Sie  sich  einen  grunen  Frosch  vor,  den  Sie  mit  offenem 
Mund  vor  sich  haben,  und  reden  Sie  ihn  humoristisch  affektiv  an  . . . 


Driicken  Sie  die  Auff order ung  aus,  die  in  den  Worten  liegt ;  dann 
haben  Sie  sich  2ugleich  in  die  Situation  versetzt. 

# 

ReineArtikulationsiibungen  zumGeschmeidigmachender  Sprach- 
organe.  Sie  sollen  auswendig  gelernt  werden,  damit  man  dann  recht 
tut nerisch  sie  handhaben  kann.  Erst  wenn  man  sie  auswendig  kennt, 
schnurrt  man  sie  mit  vollem  Nutzen  ab. 

Pfiffig  pfeifen 
Pfaffische  Pferde 
Pflegend  Pfliige 
Pferchend  Pfirsiche 

Pfiffig  pfeifen  aus  Napfen 
Pfaffische  Pferde  schliipfend 
Pflegend  Pfliige  hiipfend 
Pferchend  Pfirsiche  kniipfend 

Kopfpfiffig  pfeifen  aus  Napfen 
Napfpfaffische  Pferde  schliipfend 
Wipfend  pflegend  Pfliige  hiipfend 
Tipfend  pferchend  Pfirsiche  kniipfend 


Ketzer  petzten  jetzt  klaglich 
Letztlich  leicht  skeptisch 

Ketzerkrachzer  petzten  jetzt  klaglich 
Letztlich  plotzlich  leicht  skeptisch 


Schlinge  Schlange  geschwinde 
Gewundene  Fundewecken  weg 

Gewundene  Fundewecken 
Geschwinde  schlinge  Schlange  weg 


Zuwider  zwingen  zwar 
Zweizweckige  Zwacker  zu  wenig 
Zwanzig  Zwerge 
Die  sehnige  Krebse 
Sicher  suchend  schmausen 
Dass  schmatzende  Schmachter 
Schmiegsam  schnellstens 
Schnurrig  schnalzen 

Zum  Geschmeidigmachen  der  Sprachorgane : 

Nur  r enn  nimmer  reuig 
Gierig  grinsend 
Knoten  knipsend 
Pfander  kniipfend 

Klipp  plapp  plkk  glick 
Klingt  Klapperrichtig 
Knatternd  trappend 

Rossegetrippel  (erste  Fassung:  Rossegetrampel) 

Mar  sch  schmachtender 
Klappriger  Racker 
Krackle  plappernd  linkisch 
Flink  von  vorne  fort 

Krackle  plappernd  linkisch 
Flink  von  vorne  fort 
Marsch  schmachtender 
Klappriger  Racker 

# 

Fur  Stotterer: 

Nimm  mir  nimmer 
Was  sich  wasserig 
Mit  Teilen  mitteilt 

Nimmer  nimm  mir 
Wasserige  Wickel 
Was  sich  schlecht  mitteilt 
Mit  Teilen  deiner  Rede 


Im  Laufe  dieser  Ubungen  zeigen  sich  gewohnlich  die  Sprach- 
fehler  oder  gewisse  storende  Gewohnheiten  bei  einzelnen  Person- 
lichkeiten,  die  dem  kiinstlerischen  Sprechen  im  Wege  sind.  Hier 
muss  man  natiirlich  individualisieren.  Es  konnen  nur  einzelne 
Beispiele  angefiihrt  werden.  So  gibt  es  zum  Beispiel  zusammen- 
gequetschte  Stimmen,  die  breiter  gemacht  werden  miissen.  Da  wiirde 
folgende  Ubung  helfen: 

Ei  ist  weisslich,  weisslich  ist  Ei 

Blei  ist  neu  im  Streu,  neu  im  Streu  ist  Blei 

Die  Maid  ist  blaulich,  blaulich  maidlich 

Erste  Fassung :       Ei  ist  weiss,  weiss  ist  Ei 

Blei  ist  neu,  neu  ist  Blei 
Maid  ist  blaulich,  blaulich  Maid  ist 

Da  muss  man  auch  beachten  den  Unterschied  zwischen  ei  —  Blei, 
was  mehr  im  Munde  liegt,  und  ai  —  Maid,  was  mehr  im  Halse 
unten  ist. 

Oder  der  Ton  muss  aus  der  Nase  heraus.  Da  ware  eine  gute 
tJbung : 

Der  Base  Nase  ass  Mehl 
Rasen  Masse  kratze  kahl 

Geben  Sie  acht,  dass  die  Nasensehnen  nicht  mitklingen. 

# 

Mit  dem  Atem  sprechen:  Der  Atem  muss  sich  nicht  verstecken, 
sondern  ein  fortlaufender  Strom  sein.  Meistens  versteckt  sich  der 
Atem;  das  gewohnliche  Sprechen  zerhackt  den  Atemstrom.  Das 
muss  man  iiberwinden,  um  jenes  Niveau  des  Sprechens  zu  suchen, 
wo  man  den  fortdauernden  Atemstrom  vernimmt.  Durch  den  gan- 
zen  Redefluss  sollte  es  durchgehen  wie  ein  Wind.  Nicht  wie  einzelne 
Baume  sollten  die  Worte  dastehen,  sondern  es  sollte  sich  anhoren 
wie  ein  Wind,  der  durch  die  Baume  geht. 


Versuchen  Sie  auch  zu  unterscheiden  im  Sprachstrom  selbst,  im 
Schwimmen  darin.  Zum  Beispiel: 

Sturm- Wort  rumort  um  Tor  und  Turm 
Mokh-Wurm  bohrt  durch  Tor  und  Turm 
Dumm  tobt  Wurm-Molch  durch  Tor  und  Turm 

Beim  ersten  Satz  konnen  Sie  schwimmen  in  dem  Sprachstrom. 
Versuchen  Sie  nun  in  der  Empfindung  zu  unterscheiden,  wie  der 
zweite  Satz  anders  ist;  und  dann  wieder  der  dritte,  wie  der  ganz 
anders  ist. 

* 

Sende  aufwarts 
Sehnend  Verlangen  - 
Sende  vorwarts 
Bedachtes  Streben  - 
Sende  riickwarts 
Gewissenhaft  Bedenken 

Hier  muss  man  die  Aufmerksamkeit  darauf  richten,  wie  die  drei 
Zeilen  zu  nuancieren  sind ;  jede  Zeile  verlangt  eine  gewisse  Nuance. 

Um  sich  fur  etwas  vorzubereiten,  kann  man  ausgehen  von  einer 
solchen  Ubung  wie  der  obigen. 

Es  kommt  an  auf  das  Aufwarts,  Vorwarts,  Riickwarts. 

Trotzdem  aufwarts  mehr  zu  sein  scheint  als  vor-  und  riickwarts, 
muss  doch  rhetorisch  eine  sanfte  Steigerung  verzeichnet  werden. 

Versuchen  Sie  hierbei  zu  empfinden,  wie  die  Zunge  eine  Art  von 
Kahn  werden  muss,  durch  alle  sechs  Zeilen. 

Die  Stimme  stellt  sich,  wenn  sie  in  die  richtige  Lage  gebracht 
wird.* 


*  Hier  brechen  die  Aufzeichnungen  ab. 


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Auf  einem  Notizblatt  von  Rudolf  Steiner 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung   Buch:28Q  Seite:26 


RUDOLF  STEINER 


PADAGOGISCHER  KURS  1919 
SPRECH-OBUNGEN  MIT  ERKLARUNGEN 

EINIGE  REZITATIONSBEISPIELE 


Man  muss  sich  ein  starkes  Bewusstsein  dafiir  aneignen,  dass 
artikuliertes  Sprechen  menschliches  Eigentum  ist.  Der  Mensch 
muss  sich  auch  zum  Bewusstsein  bringen,  wie  er  in  der  Welt 
den  anderen  drei  Reichen  der  Natur  gegeniibersteht.  Wenn  er 
sich  dessen  bewusst  ist,  weiss  er,  dass  sein  Ich  wesentlich  mit- 
bedingt  ist  durch  alles,  was  Sprache  ist  ...  Glauben,  dass  der 
Sprachgenius  in  dem  Aufbau  der  Sprache  wirkt,  das  ist  von 
einer  grossen  Bedeutung  ...  Indem  man  sich  bewusst  hinein- 
lebt  in  das  Gefiige  der  Sprache,  lernt  man  von  dem  Sprach- 
genius selbst  sehr  viel.  Und  etwas  Konkretes  empfinden  lernen 
von  dem  Wirken  und  Weben  des  Sprachgeistes,  das  ist  von 
ausserordentlicher  Wichtigkeit  ...  Wir  verdanken  vieles  in 
unserem  Ichgefuhl,  dass  wir  uns  als  Personlichkeit  fiihlen,  ge- 
rade  der  Sprache.  Und  es  kann  sich  schon  im  Menschen  sogar 
bis  zu  etwas  wie  Gebetsstimmung  das  Gefiihl  erheben:  «Ich 
hore  sprechen  in  der  Sprache  urn  mich  her;  da  fliesst  die  Kraft 
der  Sprache  in  mich  herein!  * 

RUDOLF  STEINER 


udolf  Steiner*:  Es  ist  wirklich  von  einer  grossen  Bedeutung,  dass 
wir  auch  nebenhergehend  etwas  pflegen  von  deutlichem  Sprechen. 
Es  hat  einen  gewissen  Einfluss,  eine  gewisse  Wirkung.  Nun  sind  zu 
einer  anderen  Gelegenheit**  einmal  Satze  von  mir  formuliert  wor- 
den,  die  weniger  daraufhin  ausgebildet  sind,  einen  besonders  tiefen 
Sinn  zu  geben,  als  darauf ,  dass  man  die  Sprachorgane  in  einer  eben 
organischen  Weise  in  Bewegung  dabei  bringt,  auch  in  allseitige 
Bewegung  bringt.  Ich  mochte  nun,  dass  Sie  ganz  «ohne  Genieren» 
diese  Satze  herumgehen  lassen  und  jeder  sie  nachspricht,  auf  dass  wir 
an  solchen  Satzen,  indem  wir  sie  ofter  iiben,  unsere  Sprachorgane 
elastisch  machen,  sie  gleichsam  in  Turnen  versetzen.  Frau  Dr.  Steiner 
wird  diese  Satze  kunstgerecht  vorsprechen,  und  ich  bitte  die  einzel- 
nen  Teilnehmer,  die  Satze  dann  nachzusprechen.  Diese  Satze  sind 
nicht  auf  das  Verstehen,  nicht  auf  den  Sinn,  sondern  auf  das  Turnen 
der  Sprachorgane  hin  gebildet: 

Dass  er  dir  log  uns  darf  es  nicht  loben 
Nimm  nicht  Nonnen  in  nimmermude  Miihlen 

Das  n  kehrt  immer  wieder,  aber  in  andern  Verbindungen,  und  da 
turnt  das  Sprachorgan  in  richtiger  Weise.  Bei  dem  m  in  «Nimm» 
langer  verweilen ;  lange  i,  kurze  i ;  auch  zwei  n  kommen  zusammen. 

Rate  mir  mehrere  Ratsel  nur  richtig 
Die  Organe  kommen  so  in  richtige  turnerische  Tatigkeit. 

Ich  wiirde  Ihnen  empfehlen,  besonders  darauf  zu  achten,  sich  in 
die  Laute,  in  die  Silben  formlich  hineinzulegen,  formhch  hinein- 
zuwachsen,  auf  ein  solch  deutliches  Hineinwachsen  wirklich  auf- 
merksam  zu  sein,  so  dass  Sie  sich  bewusst  sind:  Sie  sprechen  jeden 
Laut,  Sie  heben  jeden  einzelnen  Laut  ins  Bewusstsein  herauf.  Das  ist 

*  Manuskriptdruck  nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
und  Notizen 

**  Siehe  Vorwort  des  Herausgebers,  und  Emil  Leinhas,  Aus  der  Arbeit  mit  Rudolf 
Steiner,  Basel  1950,  S.  69 


ja  die  Schwache,  die  man  sehr  haufig  im  Sprechen  hat,  dass  man  hiipft 
iiber  Laute,  wahrend  das  Sprechen  dazu  bestimmt  ist,  verstanden  zu 
werden,  und  eher  so  lauten  soli,  dass  man  zunachst  in  einer  gewissen 
karikierten  Weise  Silben  betont,  die  gar  nicht  betont  werden.  Schau- 
spieler  iiben  sich,  nicht  «FreundetU  zu  sagen,  sondern  «Vteunderl». 
Also  mit  Bewusstsein  jeden  Buchstaben  aussprechen!  Es  wird  sogar 
gut  sein,  dass  Sie  solche  Prozeduren  machen,  wenn  auch  nicht  regel- 
massig,  wie  der  Demosthenes.  Sie  wissen  ja,  als  es  gar  nicht  mehr 
ging,  hat  er  Steinchen  auf  die  Zunge  gelegt  und  seine  Stimme  durch 
Ubung  so  gestarkt,  dass  sie  das  Rauschen  des  Stromes  iibertonte,  um 
eine  Sprache  sich  anzueignen,  in  der  er  von  den  Athenern  gehort 
werden  konnte  . . . 

# 

Wiederholung  der  gestrigen  Sprech-Ubungen.  Dann  neue  Sprech- 
Ubungen. 

Redlich  ratsam 
Riistet  riihmlich 
Riesig  rachend 
Ruhig  rollend 
Reuige  Rosse 

Protzig  preist 
Bader  briinstig 
Polternd  putzig 
Bieder  bastelnd 
Puder  patzend 
Bergig  briistend 

Lesen  einer  Fabel  von  Lessing. 

Rudolf  Steinet:  Den  Titel  lasst  man  moglichst  fallen  bei  so  etwas 
und  betont  ihn  nicht  besonders. 

Die  Nachtigall  und  der  Pfau 

Eine  gesellige  Nachtigall  fand  unter  den  Sangern  des  Waldes  Neider 
die  Menge,  aber  keinen  Freund.  «Vielleicht  finde  ich  ihn  unter  einer 
anderen  Gattung»,  dachte  sie  und  flog  vertrauiich  zu  dem  Pfau  herab. 
«Schoner  Pfau,  ich  bewundere  dich! »  -  «Ich  dich  auch,  liebliche  Nach- 


tigail.»  -  «So  lass  uns  Freunde  sein»,  sprach  die  Nachtigall  weiter. 
«Wir  werden  uns  nicht  beneiden  diirfen,  du  bist  dem  Auge  so  an- 
genehm,  wie  ich  dem  Ohr.»  Die  Nachtigall  und  der  Pfau  wurden 
Freunde. 

Kneller  und  Pope  waren  bessere  Freunde  als  Pope  und  Addison. 

Dr.  Steiner  sagte  statt  dessen  scherzweise :  Frankreich  und  Italien 
sind  bessere  Freunde  als  Italien  und  England.  So  kann  man  auch 
sagen ;  die  Anwendung  kann  in  der  verschiedensten  Weise  gemacht 
werden. 

* 

Rudolf  Steiner:  Heute  wollen  wir  eine  Ubung  probieren,  die  dazu 
bestimmt  ist,  den  Atem  etwas  langer  zu  machen. 

Erf  ullung  geht 
Durch  Hoffnung 
Geht  durch  Sehnen 
Durch  Wollen 
Wollen  weht 
Im  Webenden 
Weht  im  Bebenden 
Webt  bebend 
Webend  bindend 
Im  Finden 
Findend  windend 
Kiindend 

Erreichen  werden  Sie  das  nur,  was  erreicht  werden  soil,  indem 
Sie  die  Zeilen  richtig  abteilen.  Dann  werden  Sie  den  Atem  richtig 
rhythmisieren.  Diese  Ubung  bezieht  sich  darauf,  dass  man  mit  der 
Stimme  turnt,  um  den  Atem  zu  regulieren. 

In  Worten  wie  «  Erf  ullung »,  « Wollen  »  miissen  beide  1  gespro- 
chen  werden.  Man  darf  nicht  ins  erste  1  ein  h  hineinsprechen, 
sondern  man  muss  beide  1  nebeneinander  sprechen.  Man  muss 
ferner  versuchen,  nicht  scheppernd  zu  sprechen,  sondern  Ton  in  die 
Stimme  zu  bekommen,  tiefer  aus  der  Brust  herauszuholen,  voile 
Vokale  zu  sprechen,  damit  das  Blecherne  herauskommt. 


Vor  einer  jeden  der  oben  abgeteilten  Zeilen  soil  der  Atem  bewusst 
sich  in  Ordnung  bringen.  Die  zusammenstehenden  Worte  miissen 
auch  zusammengehorig  gelesen  werden. 

Sie  wissen  ja,  fur  gewohnlich  macht  man  etwa  die  folgenden 
Sprech-Ubungen : 

Barbara  sass  stracks  am  Abhang 
Oder :    Barbara  sass  nah  am  Abhang 
Oder :     Abraham  a  Sancta  Klara  kam  an* 

Lesen  einer  Fabel  von  Lessing. 

Das  Ross  und  der  Stier 

Auf  einem  feurigen  Rosse  flog  stolz  ein  dreister  Knabe  daher.  Da  rief 
ein  wilder  Stier  dem  Rosse  zu :  «Schande !  Von  einem  Knaben  Hess 
ich  mich  nicht  regieren!»  -  «Aber  ich»,  versetzte  das  Ross,  «denn 
was  fiir  Ehre  konnte  es  mir  bringen,  einen  Knaben  abzuwerfen?* 

Rudolf  Sterner  (nachdem  alle  Teilnehmer  die  Fabel  vorgelesen 
haben):  Sie  werden  wohl,  nachdem  Sie  das  schon  so  oft  gehort 
haben,  das  Gef  uhl  haben,  dass  das  so  geschrieben  ist,  wie  man  Fabeln 

*  Die  Obung:  Barbara  sass  nah  am  Abhang, 

Sprach  gar  sangbar  -  zaghaft  langsam; 
Mannhaft  kam  alsdann  am  Waldrand 
Abraham  a  Sancta  Clara! 

gehort  zu  dem  Arbeitsmaterial,  das  der  bekannte  Stimmbildner  Julius  Hey  mit 
vielen  ahnlichen  Beispielen  in  «Die  Kunst  der  Sprache*  (,Der  kleine  Hey'), 
B.  Schott's  Sonne,  Mainz-Leipzig  1914,  veroffentlichte.  Dr.  Steiner  fand  die  Laut- 
folge  brauchbar  und  nannte  auch  noch  die  e-trbung: 

Es  streben  der  Seele  Gebete 
Den  helfenden  Engeln  entgegen; 
Entdeckend  des  Herzens  Wehe, 
Wenn  Schmerzen  es  brennend  verzehren! 

Wir  drucken  diese  tJbungen  im  vollen  Wortlaut  ab,  weil  ein  gewisser  ,Sinn'  auch 
bei  diesen  Sprech-Obungen  noch  vorhanden  ist,  wahrend  die  durch  Rudolf  Steiner 
gegebenen  tJbungen  rein  dem  Laut-Element  entstammen. 


und  viele  Dinge  im  18.  Jahrhundert  eben  geschrieben  hat.  Man  hat 
so  das  Gefiihl,  dass  sie  nicht  ganz  fertig  geworden  sind,  wie  manche 
Dinge  damals  nicht  ganz  fertig  geworden  sind.  Dr.  Steiner  verliest 
die  Fabel  und  sagt  dann :  Jetzt,  im  20.  Jahrhundert,  wiirde  man  die 
Fabel  etwa  in  folgender  Weise  fortf iihren  kdnnen  : 

Stierehre!  Und  suchte  ich  die  Ehre,  indem  ich  storrisch  stehenbliebe, 
so  ware  das  nicht  Pferdeehre,  sondern  Eselsehre. 

So  wiirde  man  es  in  der  jetzigen  Zeit  machen.  Dann  wiirden  die 
Kinder  auch  gleich  merken,  dass  es  drei  Ehren  gibt :  eine  Stierehre, 
eine  Pferdeehre  und  eine  Eselsehre.  Der  Stier  wirft  ab,  das  Pferd 
tragt  den  Knaben  ruhig  weiter,  weil  es  ritterlich  ist,  der  Esel  bleibt 
storrisch  stehen,  weil  er  darin  seine  Ehre  sieht. 

# 

Sprech-lJbung:    In  den  unermesslich  weiten  Raumen, 

In  den  endenlosen  Zeiten, 
In  der  Menschenseele  Tiefen, 
In  der  Weltenoffenbarung: 
Suche  des  grossen  Ratsels  Losung. 

Die  Satze  verhalten  sich  so,  dass  die  vier  ersten  wie  eine  Erwar- 
tung  klingen  und  die  letzte  Zeile  die  Gesamterfullung  ist  der  vier 
ersten  Zeilen.  Die  ei  nicht  wie  ai  sprechen. 

Jetzt  gehen  wir  wiederum  zuriick  zu  der  anderen  Sprech-Ubung : 

Protzig  preist 
Bader  brunstig 
Polternd  putzig 
Bieder  bastelnd 
Puder  patzend 
Bergig  briistend 

Daran  konnen  Sie  sehr  viel  lernen. 

Jetzt  wiederholen  wir  den  Satz: 


Dass  er  dir  log  uns  darf  es  nicht  loben 


Nun  ein  Ahnliches,  aber  dabei  kommt  eine  Nuance  nach  dem 
Affektiven  hin.  Es  sind  vier  Zeilen,  auf  die  ich  Sie  aufmerksam 
machen  mochte.  Ich  werde  sie  Ihnen  nachher  diktieren.  Das  Affek- 
tive  soil  mehr  in  der  ersten  Zeile  zum  Ausdruck  kommen : 

Lalle  Lieder  lieblich 
Lipplicher  Laffe 
Lappiger  lumpiger 
Laichiger  Lurch 

Also  Sie  stellen  sich  vor,  dass  Sie  vor  sich  haben  einen  griinen 
Frosch,  der  Sie  anguckt  mit  etwas  aufgespannten  Lippen,  und  den 
reden  Sie  an  mit  den  drei  letzten  Zeilen.  Aber  Sie  muten  ihm  in 
der  ersten  Zeile  zu,  er  solle  «liebliche  Lieder  lallen».  Diese  erste 
Zeile  miissen  Sie  wie  humoristisch-affektiv,  wie  eine  Zumutung  an 
ihn  sagen. 

Jetzt  noch  ein  Prosastiick,  eine  Fabel  von  Lessing : 

Die  Eiche 

Der  rasende  Nordwind  hatte  seine  Starke  in  einer  stiirmischen  Nacht 
an  einer  erhabenen  Eiche  bewiesen.  Nun  lag  sie  gestreckt.  Eine  Menge 
niedriger  Straucher  lagen  unter  ihr  zerschmettert.  Ein  Fuchs,  der  seine 
Grube  nicht  weit  davon  hatte,  sah  sie  des  Morgens  darauf.  «Was  fur 
ein  Baum»,  rief  er.  « Hatte  ich  doch  nimmermehr  gedacht,  dass  er  so 
gross  gewesen  ware.» 

Worin  besteht  denn  die  Fabelmoral? 

Ein  Teilnehmer :  Dass  man  erst  beim  Tode  bemerkt,  wie  gross  ein 

Mensch  war. 

Ein  Teilnehmer :  Dass  ein  Kleiner  erst  merkt,  wenn  ein  Grosser 

gestiirzt  ist,  was  er  war. 
Rudolf  Steiner:    Aber  warum  wird  gerade  der  Fuchs  verwendet,  der 

doch  schlau  ist  ? 

Ein  Teilnehmer :  Weil  die  Fuchsschlauheit  an  die  Erhabenheit  des 

Baumes  nicht  herankommt. 


Rudolf  Steiner :  In  welchem  Satz  wiirde  mit  Bezug  auf  die  Fuchs- 
schlauheit  die  Fabelmoral  stecken?  —  «  Hatte  ich  doch  niemals  ge- 
dacht,  dass  er  so  gross  gewesen  ware.» 

Er  hatte  eben  nie  hinaufgeschaut,  er  hatte  inn  nur  immer  unten 
angeschaut,  war  nur  unten  um  ihn  herumgegangen,  und  da  hatte 
der  Baum  einen  kleinen  Raum  eingenommen.  Er  hatte  nur  das 
gesehen,  trotz  seiner  Schlauheit,  was  man  unten  von  dem  Umfange 
sieht. 

Ich  mache  Sie  darauf  aufmerksam:  Fabeln,  die  an  sich  in  einer 
Fabelwelt  spielen,  diirfen  realistisch  gelesen  werden,  niemals  aber 

Gedichte. 

*  •  _ 

Sprech-Ubung:  Nimm  mir  nicht,  was,  wenn  ich  freiwillig  dir  es  reiche, 

dich  beglxickt. 

Rudolf  Steiner;  Der  Spruch  ist  mehr  gemeint  fur  die  Sinnabtei- 
lung,  so  dass  Sie  folgendes  haben:  Erst  einen  Satz,  der  kurz  ist: 
«Nimm  mir  nicht»,  und  dann  den  Satz:  «was  dich  begluckt»,  der  aber 
unterbrochen  ist  durch  den  andern:  «wenn  ich  freiwillig  dir  es  reiche». 
Es  ist  die  Absicht  diese,  dass  das  im  Sprechen  zur  Geltung  kommt. 
Man  muss  merken,  Sie  nehmen  denselben  Betonungscharakter 
wiederum  auf,  den  Sie  bei  «was»  ausgelassen  haben  und  bei  «dich» 
wiederum  einsetzen  lassen. 

Sprech-Ubungen :       Redlich  ratsam 

Riistet  riihmlich 
Riesig  rachend 
Ruhig  rollend 
Reuige  Rosse 

Nimm  nicht  Nonnen  in  nimmermiide  Miihlen 

Pfiffig  pfeifen 
Pfaffische  Pferde 
Pflegend  Pfliige 
Pferchend  Pfirsiche 


Wochenspruch  (letzte  August- Woche)  aus  dem  «Seelenkalender»: 

Ich  fiihle  fruchtend  fremde  Macht 
Sich  starkend  mir  mich  selbst  verleihn, 
Den  Keim  empfind  ich  reifend 
Und  Ahnung  lichtvoll  weben 
Im  Innern  an  der  Selbstheit  Macht. 

# 

Sprech-Ubungen :    PMg  pfeifen  aus  Napfen 

Pfaffische  Pferde  schlupfend 
Pflegend  Pfliige  hiipfend 
Pferchend  Pfirsiche  kniipfend 

Kopfpfiffig  pfeifen  aus  Napfen 
Napfpfaffische  Pferde  schlupfend 
Wipfend  pflegend  Pfliige  hiipfend 
Tipfend  pferchend  Pfirsiche  kniipfend 

Das  pf  sollte  recht  regsam  turnerisch  gemacht  werden. 

Ein  Stiick,  wobei  zum  Teil  auf  die  Form,  zum  Teil  auf  den  Inhalt 
zu  achten  ist,  ist  das  Folgende: 

Das  Gebet 
Galgenlied  von  Christian  Morgenstern 

Die  Rehlein  beten  zur  Nacht, 

Hab  acht! 

Halb  neun ! 

Halb  zehn ! 

Halb  elf! 

Halb  zwolf! 

Zwolf ! 

Die  Rehlein  beten  zur  Nacht, 
Hab  acht! 

Sie  falten  die  kleinen  Zehlein, 
Die  Rehlein. 

# 


Rudolf  Steiner:  Bei  der  sprachlichen  Ubung,  die  wir  hier  vor- 
nehmen,  handelt  es  sich  ja  hauptsachlich  um  eiti  Geschmeidigmachen 
der  Sprachorgane. 

Sprech-Ubungen :       Ketzer  petzten  jetzt  klaglich 

Letztlich  leicht  skeptisch 

Zuwider  zwingen  zwar 
Zweizweckige  Zwacker  zu  wenig 
Zwanzig  Zwerge 
Die  sehnige  Krebse 
Sicher  suchend  schmausen 
Dass  schmatzende  Schmachter 
Schmiegsam  schnellstens 
Schnurrig  schnalzen 

Gan2  vollkommen  ist  so  etwas  nur,  wenn  es  auswendig  gesagt 
wird.  Man  sollte  sich  gewohnen,  dass  die  Zunge  es  wie  von  selbst 
sagt. 

Aus  « Wir  f  anden  einen  Pf ad»  von  Christian  Morgenstern : 

Wer  vom  Ziel  nicht  weiss, 
Kann  den  Weg  nicht  haben, 
Wird  im  selben  Kreis 
All  sein  Leben  traben; 
Kommt  am  Ende  hin, 
Wo  er  hergeriickt, 
Hat  der  Menge  Sinn 
Nur  noch  mehr  zerstiickt. 

# 

Sprech-Ubungen:        Ketzerkrachzer  petzten  jetzt  klaglich 

Letztlich  plotzlich  leicht  skeptisch 

Erst  dann  sind  die  Dinge  richtig,  wenn  man  sie  auswendig  her- 
schnurren  kann.  Bewusst  jede  Silbe  sprechen. 

Nur  renn  nimmer  reuig 
Gierig  grinsend 
Knoten  knipsend 
Pfander  kniipfend 


Aus  «Wir  fanden  einen  Pfad»  von  Christian  Morgenstern: 


Wer  vom  Ziel  nicht  weiss, 
Kann  den  Weg  nicht  haben, 
Wird  im  selben  Kreis 
All  sein  Leben  traben; 
Kommt  am  Ende  hin, 
Wo  er  hergeriickt, 
Hat  der  Menge  Sinn 
Nur  noch  mehr  zerstiickt. 

Wer  vom  Ziel  nichts  kennt, 
Kann's  doch  heut  erfahren; 
Wenn  es  ihn  nur  brennt 
Nach  dem  Gottlkh-Wahren; 
Wenn  in  Eitelkeit 
Er  nicht  ganz  versunken 
Und  vom  Wein  der  Zeit 
Nicht  bis  oben  trunken. 


Rudolf  Steiner:  Die  Nuancen,  in  denen  die  Strophen  gelesen 
werden  miissen,  werden  wir  erst  morgen,  nach  Vorlesung  der  dritten 
Strophe  ersehen  konnen. 


Sprech-Ubung:  Klipp  plapp  plick  glick 

Klingt  Klapperrichtig 
Knatternd  trappend 
Rossegetrippel 

Aus  «Wir  fanden  einen  Pfad»  von  Christian  Morgenstern : 

Wer  vom  Ziel  nicht  weiss, 
Kann  den  Weg  nicht  haben, 
Wird  im  selben  Kreis 
All  sein  Leben  traben; 
Kommt  am  Ende  hin, 
Wo  er  hergeriickt, 
Hat  der  Menge  Sinn 
Nur  noch  mehr  zerstiickt. 


Wer  vom  Ziel  nichts  kennt, 
Kami's  doch  heut  erfahren; 
Wenn  es  ihn  nur  brennt 
Nach  dem  Gottlich-Wahren; 
Wenn  in  Eitelkeit 
Er  nicht  ganz  versunken 
Und  vom  Wein  der  Zeit 
Nicht  bis  oben  trunken. 

Denn  zu  fragen  ist 
Nach  den  stillen  Dingen, 
Und  zu  wagen  ist, 
Will  man  Licht  erringen; 
Wer  nicht  suchen  kann, 
Wie  nur  je  ein  Freier, 
Bleibt  im  Trugesbann 
Siebenfacher  Schleier.* 

* 

Sprech-Ubungen :        Schlinge  Schlange  geschwinde 

Gewundene  Fundewecken  weg 

Gewundene  Fundewecken 
Geschwinde  schlinge  Schlange  weg 

Marsch  schmachtender 
Klappriger  Racker 
Krackle  plappernd  linkisch 
Flink  von  vorne  fort 

Krackle  plappernd  linkisch 
Flink  von  vorne  fort 
Marsch  schmachtender 
Klappriger  Racker 

Rudolf  Steiner  zur  letzten  Ubung :  Zum  Einsetzen  gut.  Auf  einen 
hinweisen,  der  n'achste  oder  ein  anderer  setzt  fort.** 


*  Von  den  am  Tage  vorher  in  Aussicht  gestellten  Angaben  fehlt  die  Nachschrift. 

**  Im  Zusammenhang  mit  diesen  seminaristischen  Obungen  weisen  wir  hin  auf  den 
14.  Vortrag  vom  5.  September  1919  in  dem  Kursus  «AlIgemeine  Menschenkunde 
als  Grundlage  der  Padagogik»,  Gesamtausgabe  Bibl.-Nr.  293. 


RUDOLF  STEINER 


KURSUS  OBER 
KONSTLERISCHE  SPRACHGESTALTUNG  1922 

I.  TEIL 

NACHSCHRIFT  VON  MARIE  STEINER 


Es  kommt  darauf  an,  dass  jeglicher  Deklamations-  und  Rezi- 
tations-Unterricht  auch  nicht  anders  verlaufen  darf,  als  dass 
man  den  Zogling  sich  einleben  lasst  in  die  Sprachgestaltung 
selber,  in  dasjenige,  was  seelisch  nachlebt  in  dieser  Sprachgestal- 
tung; dass  man  den  Zogling  dazu  bringt,  dass  er  imstande  ist, 
richtig  zu  horen.  Wer  imstande  ist,  wirklich  richtig  zu  horen, 
was  Dichtung  zu  offenbaren  vermag,  bei  dem  wird  der  rkhtige 
Atem,  die  rkhtige  Einstellung,  das  Mechanistische  wie  in  einer 
Resonanz  ganz  von  selber  zum  richtigen  Horen  kommen.  Das 
ist  das  Wichtige,  dass  man  im  Elemente  des  Deklamatorischen 
und  Rezitatorischen  selbst  den  Zogling  leben  lasst  und  alles 
iibrige  dem  Zogling  selbst  iiberlasst.  Er  muss  aufgehen  in  dem, 
was  gegenstandlich  tonlich,  musikalisch,  bildhaft  ist,  in  dem, 
was  wirklich  dichterisch  gestaltet  lebt.  Nur  auf  diese  Weise, 
dass  man  den  Zogling  dazu  bringt,  dass  er  gewissermassen  fur 
das,  was  -  nun  sagen  wir  -  ihm  vordeklamiert  wird,  dass  er  fur 
das  -  wenn  ich  mich  jetzt  paradox  ausdriicken  darf  -  em  rich- 
tiges  Obfgejiihl  entwickelt  und  durch  dieses  hindurch  eine  rich- 
tige  Empfindung  fur  das,  was  geistig  sich  bewegt  auf  den  Wellen 
dessen,  was  ihm  sein  Ohrgefiihl  gibt,  nur  dann  wird  er  von 
diesem  Erleben,  das  er  gewissermassen  in  seiner  Umgebung, 
nicht  in  sich,  wahrnimmt  (das  ist  zunachst  eine  Illusion,  aber 
die  muss  gepflegt  werden),  nur  dann  wird  er  das,  was  er  wie 
ihn  umgebend  vibrieren  fiihlt,  in  sich  selbst  hineinbeziehen. 
Man  sollte  nur  durch  bestimmte  Wortformen,  die  kiinstlerisch 
gestaltet  sind,  so,  dass  sie  gerade  auf  die  menschliche  Organi- 
sation hintendiert  sind,  man  sollte  durch  das  Rezitieren  solcher 
Wortfolgen  den  Atem  gestalten  lernen  und  ebenso  alles  iibrige, 
was  an  «Einstellung»  da  ist;  dann  wird  man  gerade  dem  am 
besten  geniigen,  was  aus  der  uns  ja  so  hochstehenden  Goethe- 
schen  Kunstanschauung  und  Kunstempfindung  hervorgegan- 
gen  ist. 

°  RUDOLF  STEINER 


In  Ankniipf ung  an  das  Gesagte  *  will  ich  folgendes  hinzuf iigen : 

Sie  miissen  versuchen,  von  den  Lauten  aus  zuriickzuwirken  auf 
die  Stimmbildung.  Sie  miissen  empfinden  lernen,  wie  man  sich  bei 
gewissen  Lauten  innerlich  halten  muss.  Zum  Beispiel  in  den  hellen 
Vokalen  e  und  i  im  Gegensatz  zu  den  dunklen  a,  o,  u,  au.  Die 
dumpfen  Vokale  a,  o,  u,  au  sind  so,  dass  sie  im  beruhigten  Menschen, 
im  Blutmenschen  entstehen,  e  und  i  im  bewegten,  erregten  Menschen. 

Von  einer  besonderen  Wichtigkeit  ist,  dass  Sie  e  und  i  in  ihrer 
feineren  Unterscheidung  auf  den  Organismus  wirken  lassen.  Wenn 
Sie  den  Vokal  e,  namentlich  in  der  zuruckgehaltenen  Rede,  bei 
der  man  zunachst  nicht  ans  Zuhoren,  sondern  an  das  Ausdriicken 
(Sich-selbst-Offenbaren)  denkt,  so  dass  der  Redestrom  in  das  ner- 
vbse  System  zuriickgetrieben  wird,  als  Trainierung  gebrauchen, 
so  festigen  Sie  die  Rede**.  Daher  ist  er  der  Vokal,  der  zugleich 
am  besten  einen  feststehenden  Gedankengang  ausdriickt,  am  direk- 
testen  wirkt,  wie  ein  Diktum.  Daher  ist  er  beliebt  bei  Monologen, 
wenn  man  zu  sich  selbst  spricht  und  andere  nicht  zuhoren.  Die- 
jenigen  Menschen,  die  in  sich  hineinbruten,  sollten  e  am  meisten 
lieben.  Daher  ist  e  am  wichtigsten  fur  die  Konsolidierung  der 
Sprachorgane.  Und  es  ist  gut,  sich  damit  zu  trainieren. 

Zum  Beispiel: 

Lebendige  Wesen  treten  wesendes  Leben 
Man  muss  sich  beruhigen. 

Erste  Fassung: 

Lebende  Wesen  treten  wesendes  Leben 

*  Diese  dem  Leser  schon  bekannten  Obungen,  die  in  dem  Sommer-  und  Herbst- 
kursus  von  1922  ebenfalls  durchgenommen  wurden,  bringen  wir  an  dieser  Stelle 
nicht.  Doch  gab  Rudolf  Steiner  1921  diese  Obungen  auch  Vortragenden  zur  Schu- 
lung,  so  dass  wir  sie  auf  Seite  185  ff.  im  Zusammenhang  mit  Unterweisungen  fur  Redner, 
die  das  Gebiet  der  Sprachgestaltung  beriihren,  abdmcken. 

**  Der  kursiv  gesetzte  Wortlaut  ist  eine  handschriftliche  Erganzung  von  Rudolf  Stei- 
ner im  Manuskript  Marie  Steiners. 


Wenn  Sie  dieses  in  vierzehn  Tagen  hunder tmal  sich  sagen,  werden 
Sie  sehen,  dass  Ihnen  das  mehr  dient  als  alles  mechanische  Stellen  der 
Sprache.  Wenn  Sie  Ihre  Sprachorgane  durchlaufen  lassen  durch  diese 
Wogen,  treiben  Sie  Nervenkraft  in  Ihre  Sprachorgane  hinein. 

Wenn  man  erkennt,  dass  die  e  geneigt  sind,  das  nervose  Leben 
zu  entwickeln,  im  Gegensatz  zum  Blutleben,  so  leitet  hingegen  das 
i  den  Nervenstrom  wieder  nach  aussen.  Daher  werden  Sie  sehen, 
dass  Ihre  Nervenkraft  nach  aussen  wirkt,  wenn  Sie  i  sagen.  Wenn 
die  Sprachorgane  mit  i  arbeiten,  werden  Sie  mehr  in  das  Uber- 
zeugende  hineintreiben  statt  ins  Innere. 

Grosse  Wirkung  werden  Sie  erzielen,  wenn  Sie  nach  dem  i  das 
e  safjen  * 

'      Wirklich  findig  wird  Ich  im  irdischen  Lebenswesen 

Man  geht  vom  Erregten  zum  Ruhigen  iiber. 
Es  ist  direkt  so,  dass  Sie  fuhlen  konnen,  wie  ein  aufsteigender 
Nervenstrom  in  die  Sprachorgane  rinnt. 
Sie  mussen  das  umkehren: 

Im  irdischen  Lebenswesen  wird  Ich  wirklich  findig 

Zuerst  treibt  also  der  Redestrom  nach  innen  hinein,  dann  wieder 
zuriick  nach  aussen. 

Nun  ist  es  so,  wenn  Sie  das  e  dem  i  zusetzen  und  achten,  was  dann 
aus  dem  i  wird,  werden  Sie  sehen,  dass  durch  diesen  Zusatz  von  e  der 
Nervenstrom  sich  halt,  sich  verdichtet: 

Die  Liebestriebe  werte  nicht  gering 

Das  e  tritt  an  das  i  heran.  Ein  e  dem  i  beigemischt,  der  Strom 
stockt,  Konsolidierung  der  Sprachorgane. 

Ersetzt  wird  so  das  mechanische  Sprachstellen. 

Wenn  Sie  in  vierzehn  Tagen  hundertmal  das  durch  sich  gehen 
lassen,  regen  Sie  richtig  den  Strom  an,  der  durch  Sie  gehen  soil. 

Nun  mussen  die  Nerven  in  richtiger  Weise  Stiitzen  finden  in  den 
Nachbarorganen,  zum  Beispiel  im  Fett  (ei  =  geeignet  fur  Dick- 
werden).  Wenn  harmonisch  ausgebildet  werden  soil,  muss  man 
streben  nach  Konsolidierung.  und  nach  Ausbreitung  des  Nerven- 
stromes. 


Das  wird  erreicht  durch  folgende  Ubung: 

Breite  weise  Wiesen  iiber  das  Land 

Es  ist  ein  Sich-Ausweiten.  Es  gibt  also  die  Moglichkeit,  durch  die 
Lautbildung  selber  jene  Einstellung  der  Sprachorgane  zu  erreichen, 
die  gebraucht  wird. 

Man  lernt  richtig  atmen,  wenn  man  eine  Anzahl  richtig  ein- 
gestellter  Laute  durch  die  Sprachorgane  laufen  lasst  und  sich  so 
trainiert.  Wenn  man  von  den  Lauten  aus  trainiert,  kriegt  jeder  das 
Individuelle,  entwickelt  seine  eigene  Natur. 

# 

Man  kann  sich  helfen  im  Deklamieren  und  auch  im  Rezitieren 
dadurch,  dass  man  die  valeurs,  die  Wertigkeiten  der  Vokale  ins  Auge 
fasst.  Es  ist  eine  Notwendigkeit,  dass  Sie  beim  Deklamieren  und 
iiberhaupt  beim  Reden  auf  diese  Art  der  Sprachgestaltung  aufmerk- 
sam  werden.  —  Zum  Beispiel :  Sie  wollen  einen  Dialog  studieren ; 
da  miissen  Sie  wissen,  wie  der  Dialog  sprachgestaltend  aufgebaut  ist. 
Nehmen  wir  an,  es  handle  sich  dabei  urn  einen  ruhigen  Menschen 
und  um  einen  andern  aufgeregten ;  bei  guten  Dichtern  ist  das  oft 
kontrastiert.  Sie  werden  aber  sehen,  dass  bei  wirklich  guten  Dichtern 
der  Ruhige  und  der  Aufgeregte  schon  durch  die  Laute  charakterisiert 
sind.  Der,  welcher  redet,  muss  ein  Gefuhl  dafiir  haben,  diejenigen 
Vokale  besonders  zu  bedenken,  die  mehr  dem  ruhigen  oder  mehr 
dem  aufgeregten  Charakter  entsprechen.  Um  dies  Gefuhl  zu  ent- 
wickeln,  sind  Ubungen  notig  wie  zum  Beispiel  die  folgende. 

Nehmen  Sie  an,  die  eine  Personlichkeit  ist  mehr  ein  Blutmensch, 
er  kommt  nicht  lekht  aus  dem  Hauschen,  ist  innerlich  gefestigt, 
ruhig.  Die  andere  ist  ein  Nervenmensch,  kommt  leicht  aus  dem 
Hauschen,  ist  aufgeregt,  zappelt. 

Diejenigen  Vokale,  die  das  wiedergeben,  was  im  Blutmenschen 
lebt,  sind  a,  u,  o,  au. 

Bei  einer  Rede,  wo  noch  andere  Vokale  sind,  muss  man  ein 
besonderes  Augenmerk  auf  diese  Vokale  legen  und  sie  voller  klingen 
lassen. 


Die  Vokale  des  Nervenmenschen  sind  i,  e. 

Die  i  und  e  kommen  den  Nervenmenschen  ganz  von  selbst  auf 
die  Zunge.  Bei  den  Sprachen  der  verschiedenen  Volker  kann  man 
auf  den  Rassencharakter  schliessen,  je  nach  dem  Uberwiegen  der 
einen  oder  der  andern  Vokale.  Man  kann  studieren,  wie  bei  ruhigen 
und  in  sich  gefestigten  Menschenvolkern  das  a  und  o,  bei  nervosen 
das  e  und  i  uberwiegen. 

Freilich  muss  man  beriicksichtigen,  dass  schon  Lichtenberg*, 
der  ja  vor  vielen  Jahrzehnten  gelebt  hat,  mit  einem  gewissen  Recht 
ausgesprochen  hat,  dass  neunundneunzig  Prozent  mehr  Dichter  und 
Schriftsteller  leben,  als  die  Menschen  zu  ihrem  Heile  brauchen 
konnen. 

Der  Rezitator  kann  aber  viel  tun,  indem  er  das  eine  hervorhebt, 
das  andere  fallen  lasst,  Klang  gibt  dem  Ruhigen,  spitz  betont,  wenn 
es  sich  handelt  um  einen  zappligen  Menschen. 

1.  Der  Ruhige:   Sahst  du  das  Blass  an  Wang  und  Mund? 

2.  Der  Nervose:  Nichts  im  Gesicht  bemerkte  ich. 

Die  Nerven  vibrieren  unwillkiirlich  bei  diesen  Lauten. 

1.  Du  kannst  nur  schauen,  was  krass. 
Man  muss  da  das  Blut  in  Ruhe  halten. 

2.  Nimm  mir  nicht  mich  selbst. 
Der  Zapplige. 

1.  Allzustark  wachst  du  kaum. 

2.  Eben  deswegen  will  ich  dies  nicht. 

Sie  werden  achten  miissen  mit  dem  ganzen  Empfinden  auf  das 
Sprechen,  wenn  Sie  aus  der  ganzen  Empfindung  sprechen  wollen. 

Nehmen  Sie  zum  Beispiel  das  Wort  Wagen.  Ein  Wagen  (Singu- 
lar), das  ist  etwas  Festes,  in  sich  Beschlossenes.  Die  Wagen  (Plural), 

*  Georg  Christoph  Lichtenberg  (1742-1799) 


da  sind  die  Konturen  nicht  so  scharf,  das  Ding  wird  auseinander- 
gerissen.  Im  Dialekt  finden  wir  aber  eine  andere  Erscheinung;  da 
geht  das  a  iiber  in  o;  der  Bauer  sagt:  Wog'n  im  Singular;  es  wird 
noch  fester.  Die  Wagen,  das  sind  beim  Bauer  mehrere ;  das  o  hellt 
sich  auf  in  a.  So  miissen  Sie  empfinden  das  Dumpferwetden  und 
das  Hellerwerden.  Heller  wird  der  Laut,  weil  sich  die  Sache  zer- 
streut;  zum  Beispiel  Baum,  Baume. 

Sie  miissen  sich  in  Laute  hineinfuhlen  lernen.* 

Nehmen  Sie  das  Wort  mdchtig.  Sie  haben  da,  nicht  wahr,  ein 
bestimmtes  Gefiihl.  Aber  Macht  empfindet  der  moderne  Mensch 
schon  nicht,  Macht  ist  ihm  verlorengegangen.  Dagegen  empfindet 
er  es  oft  als  unangenehm,  wenn  zum  Beispiel  ein  Kind  Larm  macht. 
Er  will  das  Kind  beruhigen :  sch  . . .  sch  . . . 

Stumpfen  Sie  mit  diesem  Laut  ab  das  Wort  mdchtig,  so  erhalten 
Sie  schmdchtig. 

So  entwickeln  Sie  Lautverstdndnis,  im  Gegensatz  zu  Sinnver- 
stdndnis. 

In  den  meisten  Worten  liegt  etwas  drin,  was  man  richtig  heraus- 
bekommt  beim  Deklamieren,  wenn  man  weiss,  dass  man  zum  Bei- 
spiel bei  manchem  errdten  mochte,  bei  manchem  erblassen. 

Weinen :  darin  liegt  ein  inneres  Abwehren  beim  Traurigsein. 

Wein :  das  Wort  hat  etwas,  was  —  in  sozialer  Beziehung  —  schon 
anklingt  an  das  Betriibtsein.  Sie  sehen  hierbei  das  Schaffen  des 
innern  Sprachgeistes. 

Und  gehen  Sie  weiter.  Sie  haben :  Wein  . . .  sch,  sch  . . .  Schwein. 

Hat  man  das,  so  hat  man  einen  richtigen  Unterton  in  der  Rede.  Es 
ist  wichtig,  gefiihlt  zu  haben,  was  der  Laut  macht,  wenn  er  sich  mit 
andern  verbindet. 

Nehmen  wir  das  Wort  Mar ;  wir  kennen  es  in  der  Zusammen- 
setzung  Nachtmar.  In  Mdren  finden  wir  es  wieder:  «Uns  ist  in  alten 
maeren  wunders  vil  geseit  —  von  heleden  lobebaeren,  von  grozer 
arebeit ...» 

*  An  dieser  Stelle  im  Kursus  weist  Dr.  Steiner  auf  seinen  Aufsatz  «Sprache  und 
Sprachgeist»  vom  29.  Juli  1922  hin,  den  wir  wiederum  auf  Seite  134  2um  Abdruck 
bringen. 


Diese  Gesange  wurden  friiher  schreitend  gesprochen,  im  Aufund- 
abschreiten.  In  diesem  Laut  liegt  etwa  f olgender  Gefiihlsinhalt :  Ich 
will  darstellen  etwas,  was  in  Bewegung  ist,  so  dass  ich  nachkomme. 
-  Sie  finden  das  wieder  im  Wort:  Marsch  (fort). 

Stellen  Sie  sich  vor,  Sie  waren  ein  innerlich  stolzer  Mensch,  der 
nicht  mit  Gliicksgiitern  gesegnet  ist,  und  Sie  sind  zu  jemandem 
gekommen,  der  es  ist  und  der  diese,  seine  Uberlegenheit,  die  viel- 
leicht  nur  durch  seine  soziale  Stellung  bedingt  ist,  hat  merken  lassen. 
Sie  sind  in  Alfekt  gekommen  und  haben  ihn  beleidigt;  das  haben 
Sie  einem  Freunde  erzahlt,  der  es  nicht  billigt  und  verlangt,  dass  Sie 
es  wiedergutmachen. 

Wahr  ist's  —  ich  habe  ihn  beleidigt. 
Kann  man  mir's  veriibeln  ? 
Kaum  trat  ich  in  sein  Haus 

—  Noch  war  die  Tiire  nicht  zu  - 

Traf  mich  schon  sein  verachtender  Blick. 

Bei  dieser  Ubung  haben  Sie  Gelegenheit,  die  Sprache  aus  der 
Situation  zu  gestalten.  Es  ist  eine  Notwendigkeit,  dass  Sie  die  Sprache 
gestalten  lernen  in  grossem  Umfang. 

Hier  haben  Sie  f unf  Zeilen,  von  denen  die  erste  gibt :  einen  Tat- 
bestand ;  die  zweite :  eine  Situation,  wo  Sie  versuchen,  sich  recht  zu 
geben;  die  dritte:  eine  Motivierung;  die  vierte:  eine  allgemeine 
Erklarung;  die  f unite:  Fortsetzung  der  Motivierung. 

Die  nachsten  fiinf  Zeilen  sind,  damit  es  sich  scharfer  einlebt,  in 
ahnlicher  Weise  gebaut. 

Nun  ja  -  ich  will's  wieder  gutmachen. 
Doch  darf  ich  dann  auch  glauben, 
Dass  er  den  Stachel  mir  nimmt 

-  Wie  konnen  Blicke  doch  stechen  -, 
Der  sich  mir  tief  in  die  Seele  bohrte? 

Zuerst:  Sie  geben  etwas  zu,  dann  lenken  Sie  den  Sinn  auf  sich 
zurikk.  Reflexion.  Zweitens  und  Drittens:  Fragesatz;  Situation,  wo 


Sie  versuchen,  die  Motivierung  weiterzufuhren,  Viertens :  Besinnung 
auf  eine  allgemeine  Regel,  allgemeine  Erklarung.  Fiinftens:  Riick- 
kehr  zum  Fragesatz. 

So  wird  sich  vieles  formen. 

Die  Antwort  des  Freundes,  die  zwischen  diesen  zwei  Satzen  liegt: 

Lerne  doch  das  Leben  nehmen,  wie  es  ist. 
Siehst  du  das  Elend  jener  Menschen  nicht, 
Die  weltfremd  Entschliisse  fassen 
-  Das  Herz  gar  manches  verfuhrt  den  Kopf  - 
Und  die  statt  zu  gehen  stets  stolpern  ? 

Lernen  Sie  die  Worte  plastisch  gestalten ;  ein  nur  musikalisches 
Sprechen  geniigt  nicht.  Eine  schone  Stimme  allein  ist  noch  etwas 
Animalisches.  Man  muss  die  Sprache  gestalten. 

Das  Dramatische  muss  schon  in  der  Gestaltung  des  Satzes  liegen, 
nicht  im  Drama  : 

Hast  du  doch  dies  Buch  gelesen? 
Hast  du  doch  dies  Buch  gelesen! 

Der  andere  hat  es  ihm  wehren  wollen : 

Hast  du  meinen  Rat  in  den  Wind  geschlagen  ? 
Hast  du  doch  dies  Buch  gelesen? 

Mit  etwas  Ironie: 

Du  solltest  dariiber  etwas  wissen! 
Hast  du  doch  dies  Buch  gelesen! 

# 

Wenn  wir  versuchen  werden,  heriiberzuleiten  die  bewusste  Be- 
handlung  der  Sprachwerkzeuge  in  die  Handhabung  der  Lautgestal- 
tung,  werden  wir  erkennen,  wie  verkehrt  es  ist,  von  rein  physiologi- 
schen  Gesichtspunkten  dabei  auszugehen.  Heute  hat  man  das  Bestre- 
ben,  vom  Standpunkt  der  Muskeleinstellung  und  so  weiter  zu  trainie- 
ren,  damit  Stimmgestaltung  entsteht.  Es  ist  nicht  richtig,  von  einer 


physiologischen  Einstellung  der  Organe  auszugehen,  um  den  Laut 
zu  suchen.  Das  fiihrt  nie  zur  natiirlichen  Selbstverstandlichkeit  in 
der  Handhabung  der  organischen  Funktionen.  Das  Sprechen  muss 
ausgehen  vom  Horen,  und  zwar  vom  Selbsthoren.  Also  Sie  miissen 
lernen,  sich  selbst  horen,  wenn  Sie  anschlagen  ein  mm  oder  nn 
oder  11.  Horen  heisst  in  diesem  Falle  nicht  ganz  dasselbe  wie  im 
gewohnlichen  Leben.  Horen  ist  hier  etwas  wie  den  Laut  fuhlen,  wie 
wenn  Sie  ergreifen  etwas  in  Brust  und  Kopf,  was  sich  durch  die 
Ohren  ergiesst.  Sie  fuhlen,  wenn  Sie  sich  sensitiv  erhalten,  die 
Trommelfellbewegungen.  Sprechen  beruht  also  auf  dem  Horen 
und  das  Horen  ist  eigentlich  ein  Gefuhl.  Ausserdem  stellen  Sie  sich 
vor,  dass  der  Ton  an  Ihr  Ohr  anschlagt :  das  Trommelfell  fangt  an 
zu  klopfen.  Ebenso  wichtig  sind  die  Schwingungen,  die  durch  die 
Eustachische  Trompete  klingen,  vom  Munde  ausgehend.  Man  ergreif  t 
sie  zunachst  innerlich,  aber  das  Ohr  klingt  mit.  Wenn  ein  anderer 
spricht,  klingt  das  Ohr  starker.  Horen  hangt  immer  mit  dem  ganzen 
Menschen  zusammen.  Es  ist,  wie  wenn  Sie  in  einer  Luftkugel  waren 
und  aufpassen,  was  die  Luft  tut,  wenn  Sie  sprechen.  Was  in  Ihrem 
Zwerchfell,  in  Brust  und  Kopf  vorgeht,  soil  unbewusst  vorgehen. 
Am  Laut  miissen  Sie  lernen  alles,  was  zu  lernen  ist.  Der  Atem  selber 
muss  sich  unbewusst  einstellen,  wenn  man  den  Laut  empfindet  und 
empfindend  hort.  Am  Laut  ist  zu  lernen,  was  zu  tun  ist,  um  den  Laut 
zu  sprechen.  Man  sollte  gar  nicht  das  Gefuhl  haben,  dass  man  die 
Kehle  und  andere  Organe  gebraucht,  sondern  die  Luft  Was  die  Luft 
macht,  soil  man  sich  gewohnen  zu  fuhlen.  Pfifflaute,  Wellenlaute, 
Zitter-,  Stoss-  und  Blaselaute  soli  man  in  ihrer  Eigenart  fuhlen.  Man 
muss  sich  angewohnen  das  Horen ;  vor  allem  lernen  das  Sich-selber- 
Zuhdren,  und  das  ist  in  gewisser  Hinsicht  ein  Fiihlen. 

Das  Rollen  der  r  muss  man  vom  Wellenwerfen  des  1  in  ver- 
schiedener  Weise  empfinden.  Das  Sprechenlernen  ist  etwas,  was 
immer  auf  dem  ganzen  Menschen  beruht.  Ein  geordnetes  Verhdltnis 
jinden  zwischen  dem  Atem  und  der  Blutzirkulation :  Das  ist  Rezi- 
tierenkdnnen  ! 

Auf  dem  Verhaltnis  zwischen  Atem  und  Blutzirkulation,  vier  zu 
eins,  beruht  die  ganze  Prosodie,  die  Poetik  und  alles  andere.  Als  die 
Griechen  zuerst  den  Hexameter  ausbildeten,  beruhte  dies  auf  dem 


Verhaltnis  zwischen  Atemzug  und  Pulsschlag.  Der  Hexameter  ist 
das  Urversmass,  beruht  auf  dem  Verhaltnis  von  eins  zu  vier.  Dies  ist 
individuell  fur  jeden  Menschen.  Vier  zu  eins  ist  nur  annahernd,  und 
der  einzelne  muss  es  durch  das  Gefuhl  finden.  (Es  ist  gleich  den 
Gesetzen,  nach  denen  die  Blume  wachst,  die  aber  auch  durch 
spirituelle  Erkenntnis  in  das  Gefuhl  aufgenommen  werden.  Die 
spirituelle  Erkenntnis  ist  ebenso  lebendig  wie  die  Natur  selbst.)  Ein 
Atemzug  hat  vier  Pulsschlage.  Das  nahmen  die  Griechen  noch  hell- 
fuhlend  wahr.  Im  Hexameter  schufen  sie  ein  Abbild  dieses  urspriing- 
lichen  Rhythmus:  drei  Daktylen,  Zasur,  drei  Daktylen,  Pause  ent- 
sprechen  vier  Pulsschlagen  und  wieder  vier  Pulsschlagen  oder  zwei 
Atemziigen. 

So  beruht  der  Hexameter  auf  dem,  was  der  Mensch  als  Atem- 
rhythmus  hat.  Deshalb  sind  alle  Zwerchfell-Einstellungen  und  so 
weiter  unniitz.  Die  menschliche  Natur  stellt  sich  von  selbst  ein,  und 
man  lernt  an  der  Sprache. 

Machen  Sie  die  nachste  Ubung  so,  dass  Sie  versuchen,  folgendes 
in  der  Empfindung  zu  unterscheiden : 

Sturm- Wort  rumort  um  Tor  und  Turm 
Molch-Wurm  bohrt  durch  Tor  und  Turm 
Dumm  tobt  Wurm-Molch  durch  Tor  und  Turm 

Beim  ersten  Satz  konnen  Sie  schwimmen  in  dem  Sprachstrom, 
der  zweite  ist  anders,  der  dritte  wieder  ganz  anders.  Versuchen  Sie 
das  zu  unterscheiden  im  Sprachstrom  selbst,  im  Schwimmen  darin. 

* 

Sie  lernen  fast  Verrenkungen  der  Stimme  machen,  wenn  Sie  fol- 
gendes iiben : 


Abracadabra 
Rabadacabra 
Bradacaraba 
Cadarabraba 

Am  a  lernen  Sie  alles.  Stellen  Sie  nur  die  Silben  um.  Welten 
kann  man  da  im  Unterschied  er leben.  Da  schmiegt  sich  die  Stimme 
hinein.* 

Vokale  sprechen,  heisst  sein  Inneres  ausgiessen  im  Sprachstrom. 
Da  werden  Sie  selbst  zur  Fliissigkeit,  schwimmen  im  allgemeinen 
Sprachstrom  darin. 

Konsonanten  sprechen,  heisst  die  Fliissigkeit  gestalten,  in  Form 
giessen.  Konsonanten  sprechen,  heisst  mit  der  Welt  leben. 

Vokalisieren  heisst,  sein  Inneres  ausdriicken. 

Konsonantisteren :  Wechselverhaltnis  des  Menschen  zur  Welt. 

Um  empfinden  zu  lernen,  was  in  den  Lauten  liegt,  kann  ich  Ihnen 
eine  einfache  Meditation  anempfehlen  iiber  Wurfel  und  Kugel. 
Stellen  Sie  sich  vor,  dass  einer  Sie  veranlassen  wollte,  eine  Kugel 
auszuspucken.  Dann  wiirden  Sie  den  d-Laut  aussprechen.  Den  Laut 
d  aussprechen,  heisst  sich  gegen  etwas  wehren ;  da  spuckt  man  das 
Kuglige  aus,  das  Runde.  D  ist  rund.  —  Das  Wiirflige  miissen  Sie  mit 
k  ausspucken.  Wir  miissen  ein  Gefiihl  kriegen  fur  das  Runden  und 
Eckigmachen  des  Lautes. 

Was  liegt  im  a  ?  Ein  Sich-Verwundern.  Im  e  ?  Etwas  wegschieben. 

Vokale  driicken  unsere  Willens-  oder  Gefiihlsimpulse,  Konsonan- 
ten mehr  die  Vorstellungen  aus.  In  Konsonanten  sprechen,  heisst  in 
der  Aussenwelt  leben  und  verkehren.  In  Vokalen  reden,  heisst  sein 
Inneres  aussprechen. 

Will  ich  im  Drama  das  gestalten,  was  die  Aussenwelt  ist,  werde 
ich  Konsonanten  h'aufen.  Will  ich  Inneres  gestalten,  werde  ich 
Vokale  haufen.  Bei  grossen  Dichtern  wird  das  beachtet. 


*  Auf  Seite  5 1  folgt  eine  Erlauterung  dieser  Cbung. 


Verweilen  wir  noch  bei  der  Heranbildung  des  Sprechens  an  den 
Lauten  selber. 

Was  man  praktisch  erlernen  muss,  ist : 

1.  Deutlichkeit  des  Sprechens, 

2.  Flussigkeit  des  Sprechens, 

3.  Geschlossenheit  des  Sprechens, 

4.  Gliederung  des  Sprechens. 

Alle  diese  Dinge  muss  man  praktisch  an  den  Lauten  selber  lernen. 
Unter  Deutlichkeit  ist  das  zu  verstehen,  dass  wirklich  der  voile  Laut 
gestaltet  wird. 

Nun  lernt  man  auch  alle  iibrigen  Laute  gestalten,  wenn  man 
iibend  sich  angewohnt,  s  und  m  ordentlich  zu  sprechen.  Durch 
Ubungen  in  diesen  Lauten  lernt  man  iiberhaupt  deutlich  zu  sprechen. 

Machen  Sie  diese  einfachen  Ubungen  hundertmal  in  vierzehn 
Tagen.  Lernen  Sie  daran  empfinden,  wie  man  sich  in  deutliche 
Sprache  hineinfindet : 

Mause  messen  mein  Essen 

Einfach  das  tun:  hundertmal  in  vierzehn  Tagen.  Dadurch  wird 
die  Stimme  deutlich,  so  dass  der  andere,  der  zuhoren  soli,  unter- 
scheidet  zwischen  den  Lauten. 

Dann  darf  die  Stimme  nicht  zerhackt  sein,  sie  muss  fliissig  sein. 
Die  Stimme  muss  auf  so  einem  Niveau  gehalten  sein,  dass  der  Atem- 
strom  fliesst;  das  kann  man  an  einer  Ubung  lernen.  Das  Flussige 
der  Stimme  wird  erlangt  namentlich  dadurch,  dass  man  in  das  1 
sich  hineinfindet : 

Lammer  leisten  leises  Lauten 

Geschlossenheit.  Unter  Geschlossenheit  der  Stimme  verstehe  ich, 
dass  die  einzelnen  Laute  nicht  nackt  und  unbekleidet  in  die  Welt 
hinausgelassen  werden.  Alles  was  lebt,  bildet  eine  Haut  um  sich. 
Das  kleinste  Tier  tut  es.  Das  muss  auch  der  Laut  tun,  so  dass  er  nicht 
spritzt,  nicht  nackt  hinausgeht,  sondern  angezogen  ist. 

Im  b  erreicht  man  eine  Empfindung  fur  die  Geschlossenheit  der 
Laute : 


Bei  biedern  Bauern  bleib  brav 


Diese  Empfindung  erreicht  man  dadurch,  dass  man  sich  in  den 
Laut  hineinlegt: 

bei  m  die  Empfindung  der  Deutlichkeit, 
bei  1   die  Empfindung  der  Fliissigkeit, 
bei  b  die  Empfindung  der  Geschlossenheit. 

Jetzt  haben  wir  noch  die  Gliederung  zu  beachten.  Man  muss  in 
der  Lage  sein,  einen  Satz  so  zu  gliedern,  dass  der  Zuhbrer  nicht  die 
grosse  Muhe  hat,  ihn  selbst  zu  gliedern.  Der  Rezitator  muss  dafiir 
sorgen,  dass  der  Satz  ins  Ohr  geht.  Das  erreicht  man,  wenn  man 
k-Ubungen  macht.  Der jenige,  der  solche  k-Ubungen  macht,  bekommt 
eine  gewisse  Force,  um  einzuteilen.  Wenn  man  nicht  k-Ubungen 
gemacht  hat,  hat  man  nicht  den  Mut,  einen  Strichpunkt  und  anderes 
richtig  einzugliedern. 

Komm  kurzer  kraftiger  Kerl 

Was  ich  auseinandersetzte,  steckt  schon  in  der  Ubung  Abracadabra, 
von  der  ich  Ihnen  jetzt  die  mantrische  Deutung  geben  werde. 

In  ziemlich  alten  Zeiten  haben  die  Leute  schon  das  Sprechen 
gelernt,  und  zwar  so,  dass  sie  mantrische  Opferspriiche  daran  gelernt 
haben. 

Ein  in  sich  abgeschlossenes  Lautgebilde  hat  man  darin,  in  dem 
Abracadabra.  A  ist  der  Urlaut,  den  schon  das  Kind  sprechen  lernt. 
A  ist  der  ganze  Mensch.  Es  gibt  nichts  im  menschlichen  Organis- 
mus,  was  nicht  erzittert  beim  a.  Man  kann  es  in  der  Spitze  der  klei- 
nen  Zehe  fuhlen;  es  ist  das  erste  Totalgefuhl,  das  das  Kind  hat. 
Dadurch  war  das  a  der  Laut  bei  denen,  die  was  verstanden  haben 
vom  ganzen  Menschen. 

B  driickt  aus  die  Umhullung  des  Menschen,  das  Haus,  in  dem  er 
wohnt.  Mit  dem  Haus  laufen  kann  die  Schnecke  noch,  nicht  der 
Mensch.  Das  Laufen  ist  also  noch  nicht  drinnen  in  dem  a. 

A:  ist  der  ganze  Mensch. 

Ab:  es  ist  der  Mensch  mit  dem  Haus. 


Abr:  der  Mensch  lauft  mit  dem  Haus. 

Abra:  der  Mensch  lauft  mit  dem  Haus  und  kriecht  wieder  heraus. 

Abrac:  der  Mensch  mit  seinem  Haus  ist  gelaufen,  kriecht  heraus  und  stellt 

sich  kraftig  hin  als  Mensch.  Dass  er  immer  Mensch  bleibe,  deshalb  kommt 

das  a  immer  wieder. 
Abraca:  er  stellt  sich  kraftig  hin  und  fuhlt  sich  als  Mensch. 
Abracad:  er  wird  des  andern  Menschen  ansichtig. 
Abracada:  er  zeigt  auf  ihn. 

Abracadab:  der  andere  Mensch  hat  auch  sein  Haus. 
Abracadabr:  der  andere  Mensch  lauft  auch  und  hat  sein  Haus. 
Abracadabra:  das  ist  ein  Mensch  wie  ich. 

Im  Sinne  der  Ursprache  haben  Sie  also  gesagt: 

Ich  als  Mensch  fiihle  mich  in  meinem  Hause,  laufend,  fiihle  einen 
anderen  Menschen  mit  seinem  Haus,  auch  laufend.  Zusammen  sind 
wir  ein  Mensch,  wie  er  ist 

Das  wurde  in  den  Varianten,  die  ich  bereits  angefiihrt  habe, 
empfunden. 

Man  lernt  also,  nicht  indem  man  Organe  einstellt,  sonder n  indem 
man  an  der  Stimmgestaltung  selber  das  Sprechen  lernt. 

# 

Wir  wollen  nun  betrachten,  wie  man  am  Laute  lernen  kann,  die 
Stimme  zu  stellen,  uns  klar  daruber  werden,  was  man  am  Laute 
lernen  soli. 

Indem  Sie  die  Laute  t  und  d  aussprechen,  werden  Sie  ein  Gefiihl 
haben,  das  lokalisiert  ist  im  vorderen  Teil  des  Mundes,  an  der  Zunge. 
Sie  werden  bemerken  wie  ein  Tasten  desjenigen,  was  ausgedriickt 
wird  wahrend  des  Sprechens.  Man  tastet  bei  diesen  Buchstaben  ab, 
was  man  spricht.  Indem  man  dies  tut,  wachst  man  intim  in  die 
Sprachgestaltung,  hat  etwas,  was  nicht  verstandlich  Gedanken  aus- 
driickt.  Man  muss  gleichsam  Sympathie  und  Antipathie  schon  bei 
der  Lautgestaltung  selbst  empfinden.  Ich  will  Ihnen  eine  tJbung 
hierfiir  geben.  Weil  heute  das  Sprachgefiihl  sehr  abgestumpft  ist, 
muss  man  drastische  Beispiele  wahlen.  Nehmen  Sie  an,  Sie  wollen 
eine  Tiir  durchbrechen . . .  Man  fuhlt  heute  nicht,  was  in  den  Lauten 


liegt,  sollte  sich  aber  dazu  erziehen.  T  -  da  ist  ein  starkes  Anstossen 
mit  der  Zunge,  ein  starkes  Befuhlen.  D  —  man  fiihlt  sanfter. 

Tritt  dort  die  Tiire  dutch 

Fiihlen  Sie  bei  jedem  d-Laut  das  Betasten,  Beriihren ;  bei  t  das  starkere 
Betasten. 

Sie  haben  ein  Gedicht,  wollen  es  so  zur  Geltung  bfingen,  dass  Sie 
moglichst  die  Menschen  das  Gedicht  erleben  lassen  wollen.  Das 
konnen  Sie  auf  zweierlei  Art. 

Denken  Sie  an  jemanden,  der  —  sagen  wir  —  ein  seidenes  Kleid 
tragt:  Sie  konnen  es  betrachten  und  sich  dabei  ergotzen;  oder  Sie 
konnen  etwas  anderes  erleben :  Sie  konnen  es  betasten  und  bereiten 
sich  auf  diese  Weise  einen  Genuss.  Zwei  Erlebnisse  haben  Sie  also 
gehabt. 

Im  Gedicht  konnen  Sie  die  Prosa  erleben,  das  Inhaltliche  heraus- 
arbeiten  oder  aber  die  Lautgestaltung  erleben. 

# 

Fast  bei  der  Majoritat  der  Menschen  liegt  die  Stimme  zu  nah  an 
den  Lippen.  Dadurch  kann  das  Wort  zu  sehr  vorne  liegen;  dann 
muss  man  es  nach  riickwarts  schicken. 

Halt !  Hebe  hurtig  hohe  Humpen ! 

Sie  werden  durch  dieses  Zuriickschieben  vollere  Wucht  den  Worten 
geben.  Dann  werden  Ihre  Worte  eine  uberzeugendere  Kraft 
gewinnen.  Durch  das  Zuriickschieben  kriegen  Sie  die  voile  Wucht 
hinein  in  die  Worte. 

Hole  Heinrich  hierher  hohe  Halme 

Wenn  Sie  vorne  an  den  Lippen  tanzeln,  konnen  Sie  das  nicht 
sprechen.  Sie  miissen  also  sich  gewohnen,  Worte  zu  studieren  auf 
die  Gestaltung  hin.  Doch  ist  das,  was  ich  Ihnen  sage,  auf  die  deutsche 
Sprache  abgestimmt.  Jede  Sprache  hat  ihre  andern  organischen 
Gesetze.  Deshalb  hat  man  Worte  im  Deutschen,  an  denen  man 
studieren  kann,  was  es  heisst :  Fiihlen  in  den  Worten.  Zum  Beispiel : 


Horch.  Eine  Welt  liegt  darin.  Das  h  in  ,horch'  hat  so  tiefe  Begriin- 
dung  wie  nur  moglich ;  auch  dass  es  mit  ch  schliesst.  Es  legt  sich  das 
ch  in  den  ganzen  Atem  hinein ;  h  gestaltet  plastisch,  ch  geht  mit  dem 
Atem  sogar  hinein  in  die  Dinge.  Es  sagt  uns :  Hore  zu  . . .  und  gehe 
hinein  in  das,  was  du  horst,  nimm  es  auf . 

Erleben  Sie  nun  das  Hinuberstromen  des  Menschen  in  anderes  im 
Wortchen  «Ich»,  wodurch  das  Erf  as  sen  des  andern  ausgedriickt  wird. 
Happig  —  nab'  ich  . . .  Jetzt  vergleichen  Sie  dies  mit  solchen  Bildun- 
gen  wie  launig,  straflich,  langlich.  Launig:  der  Laune  gleich;  ig  = 
gleich,  man  wird  alien  Dingen  gleich,  wenn  man  ich  =  ig  sagt. 
Mein  Atem  stromt  heraus  und  geht  in  den  Dingen  unter ;  man  wird 
alien  Dingen  gleich. 

Was  ich  sage,  ist  aus  der  Sprachgestaltung  heraus,  nicht  etymolo- 
gisch  oder  philologisch-linguistisch. 

So  handelt  es  sich  darum,  dass  man  fuhlen  lernen  soli  die  Laut- 
bilder,  wenn  man  rezitieren  lernen  will. 

Denken  Sie  sich  nun :  man  will  jemanden  dazu  bringen,  aus  Ruhe 
in  Tatigkeit  iiberzugehen.  Nehmen  Sie  folgendes  Lautbild: 

Pfeife  pfiffige  Pfeiferpfiffe 

Es  liegt  etwas  darin,  dass  man  den  andern  weiterschiebt.  Fuhlen  Sie 
ganz  jene  Wucht  des  Weiterschiebens,  wie  sie  sich  ausdruckt  im 
Wortchen:  Pfui. 

Dann  versuchen  Sie  so  etwas  in  der  Milderung  zu  iiben : 

Empfange  empfindend  Pfunde  Pfeffer 

Auf  den  Sinn  kommt  es  bei  solchen  Ubungen  nicht  an.  Wenn  man 
vom  Sinne  absieht,  entdeckt  man  schneller  den  Geist  der  Laute.  Wer 
im  Laute  zu  leben  lernt,  der  empf angt  Weltenoffenbarungen. 

Wenn  Sie  lernen  wollen,  zu  jemandem  vertraulkh  zu  sprechen, 
so  lernen  Sie  es  beim  sch : 

Schwinge  schwere  Schwalbe 

Schnell  im  Schwunge  schmerzlos 

(Erste  Fassung:  statt  schmerzlos  =  schnurrig) 


Der  Dichter  hat  es  von  selber,  wenn  er  einer  ist,  dass  er  die  Laute  so 
zusammenstellt ;  der  Rezitator  muss  sein  Lautgefiihl  daran  bilden. 

So  handelt  es  sich  darum,  die  sprachliche  Einstellung  2u  finden, 
das  Gedicht  zu  erleben  als  Rezitator.  —  Das  Haupterlebnis  ist  ein 
Lautgestaltungserlebnis ;  daran  muss  sich  der  Rezitator  erinnern; 
man  muss  lernen,  Poetisches  zu  erleben.  —  Wenn  man  einem  Griechen 
solche  Rezitation  geboten  hatte,  wie  sie  heute  als  ausgezeichnet  gilt, 
ware  es  gelungen,  den  starken  Griechen  nervos  zu  machen ;  er  hatte 
nicht  gewusst,  ob  man  narrisch  oder  gescheit  sei.  Die  Griechen  hatten 
das  feine  Gefiihl  fiir  die  Lautgestaltung,  konnten  die  Sprache  erleben, 
was  wir  auf  dem  Bewusstseins-Niveau  wieder  erleben  miissen. 

Denken  Sie  an  die  Szene  in  der  Ilias,  als  Achilles  den  Hektor 
ermordet  hat  und  Priamos  kommt  und  klagt: 

Denn  ich  dulde,  was  nie  ein  Mensch  auf  Erden  geduldet. 

Mir  an  den  Mund  die  Hand  zu  ziehen,  die  den  Sohn  mir  gemordet. 

Muss  man  nicht  sich  sagen:  da  lebt  Priamos  ganz  in  dem  Erlebnis. 
Das  Abtasten  des  Erlebnisses  ist  da.  —  Im  m  liegt  das  Mitgehen  mit 
dem  Strom  der  Sprache. 

# 

Heute  will  ich  Ihnen  die  Ubungen  zur  Ausgestaltung  des  Sprach- 
wesens  von  einer  andern  Seite  schildern.  Wir  miissen  uns  klar  dar- 
iiber  sein,  dass  der  Sprachorganismus  in  gewissem  Sinne  der  ganze 
Mensch  ist.  Im  Kehlkopf  und  in  den  benachbarten  Organen  spielt 
sich  zwar  die  Sprache  zunachst  ab  als  meine  Tatigkeit.  Aber  es  ist 
doch  der  ganze  Mensch  an  der  Sprache  beteiligt.  Insbesondere  kann 
das  klar  werden,  wenn  man  die  Sprache  als  Grundlage  der  kiinst- 
lerischen  poetischeri  Ausgestaltung  des  von  der  menschlichen  Seele 
Erlebten  nimmt.  Es  kann  der  Mensch,  indem  er  spricht,  vorzugsweise 
betatigen  die  dumpfen  Regungen  des  Lebens,  die  sonst  gar  nicht 
zum  Bewusstsein  kommen.  Es  kann  dies  so  herausgeholt  werden  aus 
dem  Bewusstsein  wie  die  Tatsache,  dass  man  wachst:  Es  ist  eine 
Tatigkeit  im  Kinde,  dass  es  grosser  wird,  es  geht  etwas  vor.  Wenn 
das  Kind  sprechen  lernt,  ist  es  nur  ein  Ubertragen  dessen,  was  das 
Kind  in  den  andern  Organen  gemacht  hat,  auf  die  Sprachorgane. 


Wenn  die  Poesie  in  Urzeiten  ergriffen  wird,  ist  das,  was  darin  an 
poetischer  Gestaltungskraf  t  lebt,  nicht  viel  anders  als  eine  Betatigung 
der  vom  Korper  frei  gewordenen  Wachstums  krafte,  Und  so  muss 
man  empfinden  die  epische  Darstellung.  Sie  verlauft  so,  dass  der 
Mensch  die  am  meisten  unbewussten  Krafte  entfesselt.  Der  Mensch 
ist  episch  kiinstlerisch,  so  wie  er  wachst.  Innerhalb  des  epischen 
Sprachstroms  sind  wir  namentlich  tatig  in  den  Lauten,  die  vorzugs- 
weise  durch  den  Gaumen  gebildet  werden.  Daher  konnen  wir,  wenn 
wir  Gaumenlaute  iiben,  den  epischen  Stil  uns  aneignen.  Und  wir 
konnen  ohne  mystisches  Verziicktsein,  wenn  wir  episch  stilhaft  an 
den  Gaumenlauten  iiben,  gewahren,  dass  wir  mit  unserm  Atherleib 
arbeiten.  Also:  Gaumenlaute  iiben,  heisst  seinen  Atherleib  an- 
strengen. 

Ich  sage  dieses,  damit  Sie  ein  Gefiihl  haben,  dass  Sie  nicht  theoreti- 
sieren  miissen,  sondern  den  Korper  trainieren. 

Wenn  Sie  dagegen  den  dramatischen  Stil  ins  Auge  f  assen,  werden 
Sie  nicht  mehr  das  Gefiihl  haben,  das  Dramatische  komme  wie  aus 
den  Wachstumskraften  heraus.  Ein  anderer  muss  uns  gegeniiber- 
stehen :  die  Krafte  der  Sympathie  und  der  Antipathie  treten  in  Aktion. 
Das  heisst,  der  Tfager  unserer  Empfmdungen  und  Emotionen  tritt 
in  Aktion :  unser  Astralleib.  Und  was  im  Dramatischen  dabei  heraus- 
kommt,  ist,  was  durch  die  Zunge  geschieht.  Wir  werden  spater  solche 
Stellen  rezitieren,  in  denen  Zungenlaute  gehauft  sind:  da  lebt  das 
astralische  Vibrieren  drin.  Und  wenn  Sie  es  mit  fein  empfindenden 
Dichtern  zu  tun  haben,  werden  Sie  sehen,  dass  Sie  sagen  konnen,  Sie 
spiiren  die  Worte  wie  einen  Geschmack  auf  der  Zunge.  Das  Drama- 
tische muss  man  schmecken  lernen. 

Wo  unser  Ich  engagiert  ist,  wo  wir  am  meisten  an  die  Oberflache 
unseres  Organismus  gehen,  haben  wir  es  mit  dem  lyrischen  Stil  zu 
tun.  Da  muss  man  Lippenlaute  einiiben ;  da  vibriert  unser  Ich,  unser 
an  die  Aussenwelt  sich  hingebendes  Ich.  Versuchen  Sie  zu  spiiren  an 
p  b  w,  wie  das  ganze  menschliche  Wesen  an  die  Oberflache  dringt. 
Wenn  Sie  gerade  w  aussprechen,  jenes  w,  bei  dem  der  Mensch  so 
stark  an  die  Oberflache  geht,  dass  er  nicht  wie  sonst  ein  Verschliessen 
in  die  Lippen  bringt,  sondern  einen  Spalt  an  den  Lippen  lasst,  werden 
Sie  fiihlen  ein  Vibrieren  und  werden  das  w  empfinden  an  der  ganzen 


Oberflache.  Will  jemand  an  einer  Stelle  seiner  Dichtung  etwas 
bringen,  was  wie  Gansehaut  uber  den  Riicken  der  Zuhorer  lauft, 
tut  er  gut,  w  zu  haufen.  Sie  haben  ein  Beruhren  der  Lippen  bei  pbm, 
bei  w  aber  einen  Spalt. 

Man  kann  wiederum  sagen:  an  der  deutschen  Sprache  kann 
gerade  iiber  die  Wertigkeit  der  Laute  so  viel  gesagt  werden.  An  sol- 
chen  Worten  wie  « warm»  —  vergleiche  das  Wort  in  den  romanischen 
Sprachen  —  werden  Sie  wirkliches  innerliches  Miterleben  der  Seele 
mit  dem  Worte  verspiiren  konnen.  In  den  romanischen  Sprachen  ist 
eigentlich  ausgedriickt  die  Wirkung  der  Aussenwelt  auf  den  Men- 
schen,  wenn  er  warm  wird.  Im  Deutschen  das  innere  Erleben,  daher : 
w,  das  herausstromt,  a,  dann  r,  das  Fortbewegende,  und  zuletzt  m,  der 
Lippenlaut,  der  da  sagt,  dass  man  sich  bewusst  wird  dessen,  was  im 
Worte  lebt. 

Die  deutsche  Sprache  ist  eine  Seelensprache.  Daher  ist  es  schade, 
dass  man  sie  nur  so  erlebt  wie  die  westlichen  Sprachen.  Diese 
sind  Kleider  des  Menschen;  die  deutsche  Sprache,  namentlich  wenn 
sie  erfasst  wird  auf  den  Stufen,  wo  sie  noch  Dialekt  ist,  ist  durchaus 
Erlebnissprache.  Daher  ist  es  gut,  um  in  der  Rezitation  fort- 
zukommen,  hinzuhorchen  auf  das,  was  im  Dialekt  darinnenliegt. 
Es  gibt  in  Siiddeutschland  ein  Wort  fiir  einen  in  der  Feme  abzucken- 
den  Blitz  (nicht  Wetter leuchten).  Sie  erleben  in  «Himmlitzer»  den 
Blitz  in  seiner  Dreizackigkeit,  nicht  nur  in  der  Schnelligkeit  des 
Dahinschiessens. 

Sie  miissen  also  studieren : 

den  lyrischen  Stil  an  den  Lippenlauten, 
den  dramatischen  Stil  an  den  Zungenlauten, 
den  epischen  Stil  an  den  Gaumenlauten. 

Wenn  Sie  bei  einer  Stelle  empfinden,  dass  sie  dramatisch  wirkt, 
so  unterstreichen  Sie  die  Zungenlaute,  heben  Sie  sie  in  Ihrem  Rezi- 
tieren  besonders  hervor. 

Ich  empfehle  Ihnen  hier  eine  andere  Ubung.  Nehmen  wir  an,  Sie 
haben  es  zu  tun  gehabt  mit  einem  langweiligen  Menschen.  Sie 
erinnern  sich  dessen,  was  er  gesagt  hat,  unterstreichen  in  Gedanken 


die  Zungenlaute,  heben  Sie  laut  hervor  —  natiirlich  wenn  er  nicht  da 
ist  —  und  finden  das,  was  er  gesagt  hat,  ganz  interessant  und  drama- 
tisch.  Ebenso  ist  es,  wenn  Sie  einen  urlangweiligen  philosophischen 
Satz  ansehen  und  die  Lippenlaute  betonen ;  dann  nimmt  er  lyrischen 
Charakter  an. 

Auf  solche  Dinge  zu  achten  ist  uberhaupt  gut,  und  einmal  sich  zu 
iiben  in  den  Dingen,  die  unabhangig  vom  Sinn  einen  durchfuhren 
durch  den  Sprachorganismus.  Zum  Beispiel: 

Bei  meiner  Waffe 
Sie  Vieh  schieden 
Nur  erlag  Inger  ich 

Da  gehen  Sie  von  den  Lippen  wieder  weit  nach  riickwarts  f  s  v  sch  d ; 
ganz  hinten:  nur  erlag  Inger  ich.  Bei  solchen  Ubungen  werden  Sie 
bemerken,  wie  r  eine  dreifache  Gestalt  hat  und  so  geiibt  werden  muss. 

Wenn  Sie  das  Konsonantische  einmal  richtig  iibend  in  sich  wirken 
lassen,  so  bekommen  Sie  zuletzt  den  ganzen  menschlichen  Sprach- 
organismus in  seine  richtige  Konfiguration  hinein.  Man  kann  dann 
natiirlich  den  Sinn  der  Sprache  nicht  gleich  herausbekommen,  denn 
der  Sinn  ist  erst  in  zweiter  Instanz  in  der  Sprache  vorhanden.  Um  das 
hier  Gemeinte  besser  zu  verstehen,  nehmen  wir  etwas  aus  primitiven 
Sprachen,  die  sich  so  ausmachen,  als  ob  sie  nur  Sinnanklang  haben. 
Da  ist  die  Bemuhung  vorhanden,  den  Sprachstrom  laufen  zu  lassen, 
wie  er  selbst  will.  Das  ist  auch  die  Bemuhung  des  Dichters,  der  im 
Grunde  darnach  strebt,  den  Sprachstrom  aus  dem  Abstrakten  zu 
emanzipieren. 

Bei  meiner  Waffe 
Sie  Vieh  schieden 
Nur  erlag  Inger  ich 

Indem  Sie  dies  aussprechen,  werden  Sie  bemerken,  dass  Sie  vorne 
anfangen  zu  sprechen  an  den  Lippen ;  die  Vokale  spielen  hier  keine 
Rolle,  sie  sind  nur  da  zur  Fettung. 

Draussen  wird  die  Resonanz  zur  stehenden  Welle  gemacht  und 
kehrt  in  sich  selbst  zuriick. 


So  gehen  Sie  von  der  Lippengestaltung  zur  Zahnbeherrschung 
und  von  da  aus  zur  Zungengestaltung  und  Gaumengestaltung.  Sie 
sind  also  von  vorne  nach  riickwarts  geschritten. 

Wenn  Sie  folgendes  machen: 

Ich  ringe  Groll 
Rind  war  beim  Baum 

da  ist  die  Geschichte  so,  dass,  indem  ich  habe:  ich  ringe  Gro ...  da 
bin  ich  im  Gaumen,  bei :  oil  Rind . . .  bin  ich  auf  der  Zunge,  bei :  war 
beim  Baum ...  in  den  Lippen. 

Da  sind  Sie  von  riickwarts  nach  vorne  gegangen. 

Das  eine  Mai  gehe  ich  zu  mir  zuriick,  das  andere  Mai  aus  mir 
heraus. 

Da  haben  Sie  also  die  Konsonanten  so  angeordnet,  dass  Sie  sie  von 
vorne  nach  riickwarts  und  wieder  von  riickwarts  nach  vorne  in  der 
Sprachgestaltung  verfolgen  kbnnen. 

Bei  meinem  Beispiel  finden  Sie  gleich  eine  Beriicksichtigung  des 
Ganges  von  vorne  nach  riickwarts. 

Mit  Ausnahme  des  Zahnkonsonantengebietes  haben  Sie  iiberall  r 
und  zuletzt  beim  Gaumengebiete  wieder  r.  Aus  dem  Grunde,  weil  es 
drei  r  gibt:  ein  Lippen-r,  ein  Zungen-r,  ein  Gaumen-r. 

Sie  werden  von  selbst  angeregt  werden,  wenn  Sie  solche  Ubungen 
machen,  die  entsprechende  r-Farbung  zu  geben.  Daraus  sehen  Sie, 
dass  das  r  einen  andern  Charakter  hat  als  die  andern  Konsonanten. 

Der  Mensch  wird  im  r  ganz  wild,  kommt  aus  sich  heraus ;  r  kann 
iiberall  rollen ;  beim  r  ist  man  immer  aus  sich  heraus,  wahrend  beim 
h  und  ch  man  noch  ganz  in  sich  bleibt.  Selbst  in  der  Hingabe  bei  ch. 
Beim  h  nehmen  wir  den  Astralleib  ganz  in  den  Sprachorganismus 
zuriick,  wie  bei  den  Vokalen. 

Wenn  man  so  sich  halt  an  diese  Dinge,  kann  man  finden,  wie  der 
Sinn  in  die  Sprache  hereinkommt,  dadurch  dass  gewissermassen 
gesprungen  wird. 

Indem  wir  nicht  den  Gang  einhalten,  der  durch  unsern  Organis- 
mus  bedingt  wird,  kommt  Sinn  in  die  Sprache  hinein. 

Ich  ringe  gross  Schaf 

Voll  Rind  nieder  beim  Weih 


Aus  einera  Notizbuch  von  Rudolf  Steiner 


Ich  ringe  .  .  . 
gross  Schaf  .  , 
voll  Rind  nieder 
beim  Weih  . 


vom  Gaumen 

zu  den  Zahnen  iiberspringend  die  Zunge 
zuriick  zur  Zunge 
dann  wieder  Lippen 


Also  folgende  Kurve  (siehe  Zeichnung). 

Das  ist,  was  allmahlich  den  Sinn  hereinbringt  in  die  Sprache.  Man 
trainier t  sich  durch  solche  Ubungen. 

Der  Dichter  geht  zuriick  zu  dem,  was  die  Sprachorgane  noch 
wollen.  Zum  Beispiel : 


Vorschreitend  von  Zunge  zu  Zahnen  zu  Lippen,  zuriick  zu  Zunge, 
zu  Zahnen,  Zunge,  wieder  Lippen,  zuriick  zu  den  Zahnen,  zuriick  zu 
Zunge,  ein  kleines  Vorschreiten,  wieder  ansetzen. 


Und  es  wallet  und  siedet  und  brauset  und  zischt 


Der  Dichter  versucht  in  gewisser  Weise  den  Gang,  der  in  den 
Sprachorganen  liegt,  zu  beniitzen.  Es  werden  erst  vollere,  dann  kiir- 
zere  Bewegungen  genommen.  Durch  Verkomplizierung  der  Kurven, 
unter  denen  dann  hart  das  Musikalische  der  Sprache  liegt,  auch  das 
Bildhafte,  kommt  dann  der  Sinn  zustande,  der  sich  immer  mehr  vom 
Musikalischen  entfernt. 

Verfolgen  wir  sprachgestaltlich  —  nicht  mystisch  —  die  Szene  im 
Geistgebiet.*  Ich  habe  darin  folgendes  versucht:  erglitzernd  —  klin- 
gen,  erklingend  —  glitzern,  Gaumenlaut  g  und  k,  Zungenlaut  1; 
immer  vom  Gaumen  zur  Zunge  und  wieder  zuruck  von  der  Zunge 
zum  Gaumen.  Daher  wirkt  in  der  Sprache  dieses  eigentiimlich 
Kuglige,  weil  sich's  immer  wieder  schliesst.  Dann  rechtfertigt  man 
durch  dieses  Gestaltende  den  Sinn. 

In  der  Dichtung  muss  man  die  Welt  um  Verzeihung  bitten,  dass 
in  ihr  «Sinn»  ist,  und  durch  die  Sprachgestaltung  muss  der  Rezitator 
um  Entschuldigung  bitten.  Das  sind  die  Regeln  des  menschlichen 
Anstandes  gegenuber  dem  Kosmos. 

Folgendes  kann  als  Ubergang  dienen  zum  dramatischen  Sprechen. 
Wir  haben  in  den  letzten  Stunden  betrachtet,  wie  die  Konsonanten 
trainierend  eingreifen  in  den  Sprachorganismus.  Der  Rezitator  muss 
in  bewusster  Weise  an  sich  beobachten,  was  durch  Lippenlaute, 
Zungen-,  Zahn-  und  Gaumenlaute  in  ihm  vorgeht,  und  dann  sollte 
man  das  zur  Stimmung  machen,  was  da  vorgeht.  Man  bereitet  sich 
auch  ebenso  zu  der  Stimmung  fur  das  Rezitieren  und  Deklamieren 
sprachlich  vor.  Wenn  Sie  sich  etwas  aufsuchen,  das  Sie  besonders 
veranlasst,  Ihre  Lippen  zu  gebrauchen,  das  viel  Lippliches  enth'alt, 
dann  gewinnen  Sie  die  Moglichkeit,  lyrische  Stimmung  hervor- 
zurufen.  Sie  werden  zum  Beispiel  selbst  der  sogenannten  objektiven 
Lyrik  gegenuber,  die  oft  bei  Goethe  auf tritt  und  deren  Meister  beson- 
ders Martin  Greif  war,  durch  diese  Stimmung,  die  aus  dem  Gebrauch 
der  Lippenlaute  kommt,  auch  die  richtige  Stimmung  zum  Vortrag 
bekommen. 

*  7.  Bild:  «Die  Pforte  der  Einweihung»,  Mysteriendrama  von  Rudolf  Steiner.  Siehe 
auch  die  Obung  auf  Seite  98. 


Was  ist  objektive  Lyrik?  Fast  Schilderung  und  dennoch  Lyrik. 
Eine  objektive  Lyrik  ist  eine  solche,  die  sich  stark  dem  Schildern 
nahert,  wo  der  Dichter  nicht  stark  herausquetscht  aus  sich,  sondern 
wo  ganz  in  lyrischer  Art  herausschallt  etwas  wie  «Wandrers  Nacht- 
lied»  von  Goethe:  tiber  alien  Gipfeln  ist  Ruh. 

Das  ganze  Gefiihl  ist  diesmal  in  eine  Schilderung  hereingeheimnist 
und  man  rezitiert  es  am  besten,  wenn  man  so  redet,  dass  die  Stim- 
mung  der  Lippenlautsprache  namentlich  darin  waltet.  —  Nicht  um- 
sonst  hat  die  Liebe  einen  Zungenlaut  und  einen  Lippenlaut.  Und 
selbst  wenn  Sie  die  etwas  rauhere  Liebe  nehmen,  die  der  Lateiner 
hat  ~  amor  — ,  so  haben  Sie  dort  auch  den  Lippenlaut  in  m,  und  r 
muss  hier  Lippenlaut  bleiben,  wenn  es  innerlich  berechtigt  blei- 
ben  soil. 

Eine  andere  Stimmung  werden  Sie  auch  uben  konnen,  wenn  Sie 
das  ganze  Hin-  and  Herspielen  zwischen  der  Zunge  und  den  andern 
Organen  ins  Auge  f assen.  Dadurch  kommt  man  in  die  dramatische 
Stimmung  hinein. 

Wenn  Sie  aber  versuchen,  die  Stimmung  zu  praparieren  durch 
Gaumenlaute,  dann  bekommen  Sie  die  epische  Stimmung,  wo  der 
Mensch  schon  verdaut  haben  muss,  was  er  vorbringt. 

Auf  diese  Weise  werden  Sie  sich  aufsuchen  miissen: 
eine  lippenreiche  Rede  zur  Vorbereitung  der  lyrischen  Stimmung, 
eine  zungenreiche  Rede  zur  Vorbereitung  der  dramatischen  Stim- 
mung, 

eine  gaumenreiche  Rede  zur  Vorbereitung  der  epischen  Stimmung. 

Es  ist  wirklich  so,  dass  die  Lippen  das  Innerste  des  Menschen,  aber 
ganz  bewusst,  aus  sich  heraustreiben,  der  Astralleib  schwebt  auf  den 
Lippen,  und  nur  so  ist  es  zu  ertragen,  wenn  das  Innerste  iiberhaupt 
ausgesprochen  wird. 

Dagegen  ist  die  Zunge  ein  seelisches  Tastorgan  und  sogar  physio- 
logisch  ist  folgendes  richtig:  Wenn  wir  uns  mit  zwei  oder  drei 
Menschen  unterhalten,  fiihlen  wir  es  in  der  Zunge,  ob  der  Betref- 
fende  uns  schimpft  oder  lobt  oder  tadelt,  und  wollen  gleich  etwas 
darauf  sagen  —  und  dies  ist  es,  was  in  die  dramatische  Stimmung 
hineingehort. 

Es  ist  insbesondere  bei  der  Epik  interessant  zu  sehen,  wie  man 


verdaut  haben  soil  den  Inhalt  und  selbst  dasjenige,  was  man  von  der 
Zunge  aus  zu  sagen  hat,  nach  dem  Gaumen  zu  drehen  hat,  damit  die 
epische  Stimmung  herauskommt. 

Ebenso  sind  die  bei  der  Lyrik  herausstromenden  Lippenlaute 
bei  der  Epik  zuriick  in  den  Leib  zu  sprechen;  wie  wenn  Sie  das  Innere 
des  Menschen  als  Ausseres  denken  und  dann  in  sich  hineinsprechen. 

Zum  Beispiel: 

Es  stand  in  alten  Zeiten  ein  Schloss,  so  hoch  und  hehr . . . 

Immer  sollte  man  hierbei  die  Stimmung  haben:  man  muss  die 
Lippen  zuriicknehmen. 

Und  wenn  Sie  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  deklamieren  «Das 
Lied  vom  braven  Mann»  werden  Sie  sehen,  wie  Sie  versucht  werden, 
die  Lippen  zu  spitzen  bei: 

Hoch  klingt  das  Lied  vom  braven  Mann, 
Wie  Orgelton  und  Glockenklang. 
Wer  hohen  Muts  sich  riihmen  kann, 
Den  lohnt  nicht  Gold,  den  lohnt  Gesang. 
Gottlob!  dass  ich  singen  und  preisen  kann, 
Zu  singen  und  preisen  den  braven  Mann. 

Dagegen,  wo  es  episch  wird,  werden  Sie  versuchen,  die  Lippen 
zuruckzunehmen : 

Der  Tauwind  kam  vom  Mittagsmeer 

Und  schnob  durch  Welschland  triib  und  feucht; 

Die  Wolken  flogen  vor  ihm  her, 

Wie  wenn  der  Wolf  die  Herde  scheucht. 

Er  fegte  die  Felder,  zerbrach  den  Forst; 

Auf  Seen  und  Stromen  das  Grundeis  borst. 

Im  iibrigen  gebe  ich  Ihnen  den  Rat:  Lassen  Sie  das  Marktschreie- 
rische  in  Burgers  Ballade  weg,  lassen  Sie  aus  die  schlechte  Lyrik  und 
bleiben  Sie  bei  der  guten  Epik.* 

*  In  einem  von  Dr.  Steiner  gebrauchten  Buch:  Deklamatorium,  eine  Mustersammlung 
ernster  und  heiterer  Vortragsdichtungen  aus  der  Weltliteratur,  herausgegeben  von 
Maximilian  Bern  im  Reclam-Verlag,  sind  deshalb  auch  die  erste,  neunte,  elfte,  sieben- 
zehnte  und  die  letzte,  zwanzigste,  Strophe  von  ihm  gestrichen. 


Bevor  man  die  Stimme  zum  vollig  Dramatischen  umarbeiten 
kann,  muss  man  sie  noch  viel  bewusster  gebrauchen  lemen.  Deshalb, 
nachdem  wir  durch  die  Laute  selbst  den  Redestrom  trainiert  haben, 
mochte  ich  Sie  in  die  Lage  bringen,  noch  bewusster  die  Laute  zu 
empfinden.  Da  miissen  Sie  bedenken,  dass  sich  die  Laute  bewegen 
zwischen  a  und  u.  Warum  ?  Wenn  Sie  a  richtig  sagen  —  es  ist  gewis- 
sermassen  der  Urlaut  —  miissen  Sie  am  weitesten  die  Stimmritze 
hinten  offnen.  Die  a-Bewegung  ist  diejenige,  der  in  der  Aussenwelt 
am  meisten  entsprechen  die  hellen  Farben.  Und  das  Ansehen  der 
hellen  Farben  verfiihrt  den  Menschen  ohnedies  am  meisten,  den 
Mund  aufzumachen.  Sie  werden  bei  den  griechischen  Statuen  ofters 
einen  leise  geoff neten  Mund  sehen  -  die  Griechen  f anden  das  schon  -, 
weil  die  Griechen  namentlich  in  alter  Zeit  blau  —  die  dumpfen  Far- 
ben —  noch  nicht  so  gesehen  haben  wie  wir.  Die  Griechen  haben 
den  Himmel  grunlich  gesehen  —  heller  —  davon  das  leise  Offnen 
des  Mundes. 

Und  derjenige  Laut,  bei  dem  am  meisten  Mund  und  Zahnspalte 
zugezogen  wird,  so  dass  die  Lippe  gespitzt  wird  und  so  der  Laut  ver- 
hindert  wird  herauszukommen,  ist  u.  Zwischen  diesen  beiden  Extre- 
men  liegen  alle  Laute. 

Die  Griechen  haben  am  besten  gesprochen  a,  am  schlechtesten  u. 
U-sprechen  lernte  die  Menschheit  im  Fortschritt  ihrer  Entwicklung. 
Wenn  Sie  dann  die  Zahnreihen  weniger  offenhalten,  den  Mund- 
kanal  etwas  kleiner  machen  als  beim  a,  dann  sprechen  Sie  e.  — 
Wenn  Sie  die  Mundspalte  noch  kleiner  nehmen  als  beim  e  und  die 
Lippen  noch  mehr  zusammenbringen,  kriegen  Sie  das  i.  —  Wenn 
Sie  zum  o  gehen,  miissen  Sie  an  die  Lippen  heran,  die  Lippen  spitzen. 
Sie  machen  einen  Kreis  aus  den  Lippen,  die  sich  spitzen.  —  Beim  u 
sind  die  Lippen  am  meisten  zusammengezogen. 

Wenn  Sie  also  zum  Beispiel  sagen: 

Lalle  im  Oststurm 

kommen  Sie  vom  weitesten  Mundaufreissen  bis  zum  starksten  Lip- 
penspitzen  vorwarts.  Es  ist  eigentiimlich :  Wenn  Sie  so  die  Vokale 
betrachten,  werden  Sie  flnden,  dass  i  der  labilste  Vokal  ist;  a  und  u 
bestimmter,  am  leichtesten  zu  bilden.  Daher  lernt  das  Kind  erst  a, 


dann  u,  dann  i.  Zuletzt  i,  weil  es  der  kiinstlichste  Vokai  ist,  der  die 
Mitte  hat  zwischen  Mundaufmachen  und  Lippenspitzen ;  konfigu- 
riert  und  plastisch  ist  i.  Der  Sprecher  sollte  gut  mit  diesen  Dingen 
rechnen,  bewusst  sich  werden,  wie  die  Stellungen  sind. 

Ich  bemerke,  dass  es  einigen  schwer  wird,  die  Umlaute  in  der 
richtigen  Nuance  zu  sprechen.  Folgende  Lautzusammensetzung  wird 
als  Ubung  gute  Dienste  tun: 

Lalle  im  Ost  («sturm»  auslassen) 

Ganobii 

Uf 

Ich  habe  davon  gesprochen,  wie  selbst  in  die  Stimmung  der 
epischen,  dramatischen  und  lyrischen  Dichtung  die  Lautgestaltung 
hineinspielt.  Von  der  Sprache  selbst  ist  zu  lernen  der  Zusammen- 
hang  von  dem,  was  man  spricht  und  was  mechanisch-dynamisch 
im  Menschen  wirkt.  Nie  sollte  es  so  sein,  dass  man  vom  Mecha- 
nischen  ausgeht. 

Man  sollte  Vertrauen  zum  eigenen  Organismus  haben  und  ihm 
iiberlassen,  sich  am  richtigen  Sprechen  in  richtiger  Weise  einzu- 
stellen,  damit  er  sich  so  orientiere,  wie  es  zum  richtigen  Sprechen 
fuhrt,  wie  bei  der  Entfaltung  der  Wachstumskrafte,  wo  er  noch 
nicht  gestort  wird  durch  Eingreifen  von  aussen.  In  der  Zeit,  wo  er 
nicht  denken  kann,  bereitet  er  sich  ausgezeichnet  physisch  vor.  Man 
wiirde  ihn  sehr  storen,  wenn  man  ihm  Vortrage  halten  wiirde,  wie 
er  sein  Ohrlappchen  usw.  einstellen  soil,  urn  zum  richtigen  Horen 
zu  kommen.  Man  sollte  einen  Weg  einschlagen,  der  von  der  mensch- 
lichen  Natur  schon  vorgezeichnet  ist.  Die  Sprache  hat  ihren  eigenen 
Genius.  Aber  man  muss  sich  gemass  dem  Grade  der  Entwicklung 
der  Menschheit  die  Dinge  zum  Bewusstsein  bringen. 

Es  ist  gut,  darauf  zu  kommen,  wie  man  die  Unterschiede  zu 
behandeln  hat  zwischen 

Lippen-  j 
Zungen-  |  Lauten, 
Gaumen-  I 


den  Weg  zu  verfolgen,  den  man  gehen  muss  im  Organismus.  Zu- 
nachst  sollte  man  die  Dinge  iiben  an  einem  moglichst  regelmassigen 
Gang.  Ich  will  Ihnen  hier  Ubungen  geben,  deren  Bedeutung  ich 
spater  erklaren  werde.  Das  Uben  muss  ahnlich  werden  dem  Spre- 
chen  auf  niederen  Stufen,  in  volkstumlichen  Dialekten. 

Bei  seiner  Gartenture  sass  er 
Er  hat  dir  geraten 
Befolge  nur  aufs  beste 
Recht  vom  Herzen  gut 
Sowie  du  nur  gerade  vermagst 
Rechten  Rat 

Sie  werden  fuhlen,  wenn  Sie  versuchen  mit  plastisch  gerundeter, 
volltonender  Lautbildung,  mit  Fuhlen  und  Tasten  zu  sprechen,  dass 
sich  diese  Ubung  ausserordentlich  leicht  mit  Fiille  und  Deutlichkeit 
sprechen  lasst.  Aus  dem  Grunde,  weil,  wenn  Sie  die  Aufeinander- 
folge  der  Laute  verfolgen,  Sie  einen  regelmassigen  Gang  gefuhrt 
werden,  die  r  lassen  wir  zunachst  in  der  Betrachtung  aus.  B  —  Lippen, 
s  —  Zahne,  n  —  Zunge,  g  —  Gaumen,  dann  vom  Gaumen  zuriick 
zur  Zunge  —  t,  n  —  bleiben  etwas  bei  der  Zunge,  t  —  gleichfalls,  sass 
—  Zahne.  Kurz,  wenn  wir  verfolgen  den  Lautstrom,  ist  die  Regel, 
immer  den  Weg  zu  machen  von  vorne  nach  riickwarts,  von  ruck- 
warts  nach  vorne,  durch  die  Zeilen  durch,  so  dass  Sie  nicht  zu  sprin- 
gen  brauchen.  Sie  gehen  mit  den  Lauten  sukzessive;  und  daher 
spricht  sich  das  so  leicht  aus,  weil  man  nicht  springt,  sondern  sich 
bewegt. 

Nun  die  r,  die  iiberall  eingestreut  sind  —  als  Lippen-,  Zungen-, 
Gaumen-r.  Gerollt  kann  es  iiberall  werden;  aber  man  lernt,  wie 
man  es  am  besten  zu  sprechen  hat,  wenn  man  gerade  bei  der  betref- 
fenden  Stelle  ist.  —  Die  r  stehen  hier  so,  damit  Sie  Gelegenheit 
haben,  sie  da  anzutreffen,  wo  Sie  sie  gerade  als  Gaumen-,  Lippen- 
oder  Zungen-r  aussprechen  konnen.  Das  konnen  Sie  sich  bewusst 
machen  an  solchen  Ubungen.  Sie  lernen  da  verstehen,  wie  die  Laute 
sitzen. 


Lippenlaute:  b  p  m  w* 

Zahnlaute:  f*  v*  s  sch  z  c 

Zungenlaute:  n  d  t  1 

Gaumenlaute :  g  k  ch  und  ng 

Dieser  ietzte  Laut  ist  vorhanden  im  Deutschen,  wenn  er  audi  nicht 
aufgezahlt  wird.  Es  ist  nicht  richtig,  das  n  vom  g  zu  trennen  und 
zu  sagen  sin-gen,  sondern  ineinander,  halb  n,  halb  g. 

Es  ist  gut,  alles  von  verschiedenen  Seiten  zu  betrachten.  Es  kann 
zum  Beispiel  im  Leben  vorkommen,  dass  man  einem  Menschen  die 
Photographie  seines  Bruders  reicht,  und  er  hat  ihn  nicht  erkannt. 
Sie  haben  ihm  namlich  ein  Profilbild  gereicht,  und  er  ist  gewohnt, 
den  Bruder  en  face  zu  sehen.  Einseitigkeit  ist  immer  schadlich.  Man 
muss  von  verschiedenen  Seiten  her  betrachten.  Das  miissen  Sie  ins- 
besondere,  wenn  Sie  die  Sprache  gestalten  lernen. 

Achten  Sie  auf  das  a.  Das  Kind  kann  es:  Man  reisst  den  Mund 
auf  und  schickt  den  Sprachstrom  durch;  das  macht  das  Kind  gern. 

A  ist  am  wenigsten  konfiguriert,  beim  u  dagegen  miissen  Sie  die 
Lippen  spitzen,  nicht  nur  plastisch  gestalten,  sondern  am  meisten 
konfigurieren.  Die  andern  Vokale  liegen  dazwischen.  Wenn  Sie  die 
einfachen  Prozeduren  beim  a  modifizieren,  mehr  zusammenhalten, 
kriegen  Sie  e,  noch  mehr  zusammenhalten:  i,  und  wenn  Sie  die 
Lippen  zu  Hilfe  nehmen  und  damit  einen  Kreis  bilden :  o.  Da 
brauchen  Sie  aber  noch  nicht  die  Lippen  zu  spitzen,  sondern  erst 
beim  u. 

A  e  1  o  u 

hier  haben  Sie  richtige  plastische  Arbeit;  i  liegt  in  der  Mitte,  hat  das 
labilste  Gleichgewicht. 

Lalle  im  Oststurm 

*  Im  18.  Vortrag  des  Dramatischen  Kurses  vom  Herbst  1924  gliedert  sich  die  Angabe 
fur  diese  Laute  in  Zusammenwirken  von  Unterlippe  und  oberer  Zahnreihe.  Siehe 
auch  Seite  57  dieses  Buches. 


Ebensogut  ist  es,  die  Konsonanten  von  verschiedenen  Seiten 
kennenzulernen.  Man  kann  sie  auch  noch  anders  einteilen,  man 
kann  zunachst  auf  die  Laute  sehen,  bei  denen  man  blast.  Im  Genius 
der  Sprache  sind  die  Laute  unterschieden :  f  und  s ;  ef  und  es  werden 
Sie  sagen,  aber  niemals  ek  und  eg,  sondern  ka  und  ge:  k  und  g. 
Warum?  Weil  die  Leute  sich  aus  dem  Sprachgenius  gewohnen, 
Blaselaute  so  auszusprechen,  dass  sie  erst  die  Stimme  ansetzen,  dann 
blasen. 

Neben  den  Blaselauten  haben  wir  die  Stosslaute.  Da  stosst  man 
drauf.  Da  konnen  Sie  interessante  Studien  machen.  Zum  Beispiel 
die  Deutschen  sagen  ef  =  f,  dieGriechen  sagen  phi  =  <p.  InGriechen- 
land  war  es  ein  Stosslaut ;  im  Deutschen  ist  es  ein  Blaselaut  gewor- 
den.  Es  hangt  dies  mit  dem  Volkscharakter  zusammen,  dass  einzelne 
Stosslaute  zu  Blaselauten  geworden  sind  vom  Griechischen  ins 
Deutsche  hinuber. 

Wir  sollten  uns  abgewohnen,  das  h  zu  versteifen;  es  liegt  in 
jedem  Vokal  und  begleitet  ihn. 

Wir  sollten  auch  nicht  sagen  ce-ha,  sondern  ach,  denn  es  ist 
Blaselaut. 

Auch  esch  =  sch  ist  Blaselaut,  es  sollte  nicht  es-ce-ha  heissen.  Man 
wundert  sich,  dass  keine  Unart  da  ist  bei  es  =  s.  Auch  ew  ware  bes- 
ser  zu  sagen  als  we  -  w. 

Richtige  Stosslaute  sind  d  —  de,  t  =  te,  g  =  ge,  k  =  ka;  aber 
man  sollte  sagen,  statt  en  =  n :  ny  oder  ne,  statt  em  =  m :  me  oder  my. 

Besonders  wichtig  ist  es,  als  Stosslaut  zu  behandeln :  ng  =  singen. 

Zwei  Lautarten,  die  einen  andern  Charakter  haben,  sind : 

Zitterlaut  r 
Wellenlaut  1 

L  ist  seiner  Funktion  nach  Wellenlaut.  Wellen  kann  nur  die  Zunge. 
Zitterlaut  r  ist  in  allem  darin,  mit  Ausnahme  der  Zahne. 

Beispiele  auf  Grundlage  des  bereits  Gesagten. 

Ohne  zu  stolpern  f olgenden  Satz  sagen,  der  alle  Blaselaute  enthalt: 


Ach,  forsche  rasch ; 

Es  schoss  so  scharf  auf  Schussweise 

Fur  Stosslaute: 

Druck  die  Dinge,  die  beiden  Narrenkappen  Tag  um  Tag 

Andere  Fassung: 

Tritt  die  Dinge,  die  beiden  Narrenkappen  Tag  um  Tag 

Nachdem  die  einzelnen  Laute  und  deren  Bedeutung  im  Hinblick 
auf  das  Rezitieren  und  Deklamieren  durchgesprochen  worden  sind, 
mochte  ich  darauf  hinweisen,  dass  man  fur  den  epischen  Stil  ver- 
suchen  muss,  moglichst  bildhaft  zu  sprechen.  Der  epische  und  der 
lyrische  Stil  sind  einander  entgegengesetzt.  Der  lyrische  ist  mehr 
musikalisch,  der  epische  mehr  plastisch.  Beim  lyrischen  Stil  handelt 
es  sich  darum,  dass  man  von  seiten  des  Gefuhls  den  Willen  in  Aktion 
bringen  muss  in  die  Atemluft.  Der  lyrische  Stil  entsteht,  auch  wenn 
er  Hohen  des  Tones  gebrauchen  muss,  sehr  tief  aus  der  mensch- 
lichen  Wesenheit  heraus,  entsteht  dadurch,  dass  man  den  Willen 
sehr  aktiv  in  die  Ausatmung  bringt.  Der  epische  Stil  ist  so,  dass  man 
sagen  muss :  Es  muss  angestrebt  werden  durch  das,  was  man  spricht, 
die  Liicken,  die  Pausen,  in  weiterem  Umfange  eigentlich  die  Ein- 
atmung  zu  gestalten.  Ein  Gefiihl  muss  man  entwickeln  dafiir,  wann 
man  zwischen  den  Worten  still  und  ruhig  sein  muss,  um  diese  Stille 
zu  gestalten. 

So  dass  also  der  lyrische  Stil  vom  Strom  getragen  werden  muss, 
beim  epischen  Stil  dagegen  muss  man  masshalten.  Er  wird  bewirkt, 
indem  man  richtig  versteht,  die  Einatmung  zur  Pause  zu  benutzen. 
Das  ist  der  Gegensatz.  Sie  werden  ganz  von  selbst,  wenn  Sie  sich 
halten  an  das,  was  gesagt  worden  ist,  so  gestalten.  Sie  werden  so 
gestalten,  wenn  Sie  sich  halten  an  das,  was  ich  von  den  Lauten  gesagt 
habe  und  was  ich  jetzt  sagte :  vor  allem  die  Lautgestaltung  zum  Bild- 
lichen  zu  bringen  im  epischen  Stil. 

Wenn  die  Lautgestaltung  so  ist  wie  in  Uhlands  «Des  Sangers 
Fluch»,  konnen  Sie  viel  daran  lernen. 


Es  stand  in  alten  Zeiten  ein  Schloss,  so  hoch  und  hehr, 
Weit  glanzt'  es  iiber  die  Lande  bis  an  das  blaue  Meer. 

Sie  haben  nur  dann  den  epischen  Stil  in  der  Hand,  wenn  es  Ihnen 
gelingt,  zu  malen  in  Lauten  und  die  Pausen  in  richtiger  Weise  zu 
gestalten. 

Stilmalerei  kommt  nur  heraus,  wenn  stand  fur  sich  allein  steht, 
a  ausgeniitzt  wird,  und  das  Bild  des  Stehens  in  alten  Zeiten  fur  sich 
allein  wirkt,  fixiert  wird. 

Ein  Schloss  -     versuchen  Sie  gut  das  o  auszunutzen  zum  Abrunden 
des  Schlosses 

hoch  und  hehr  -  hier  f  olgt  die  Beschreibung :  die  Grosse  und  wie  es 

Eindruck  macht 

weit  glanzt  es  -  abgeschlossen,  hoch  und  hehr  darin  interpretiert 
iiber  die  Lande  -  wieder  etwas  f  iir  sich. 

Und  so  werden  Sie  die  Gliederung  zu  gestalten  haben,  damit 
durch  die  Lautgestaltung  die  Bilder  entstehen. 

# 

Es  gibt  Dichter,  welche  die  Lyrik  fast  an  die  Epik  heranbringen ; 
bei  Goethe  ist  dies  oft  der  Fall,  und  zur  Kunst  ist  dies  ausgebildet 
bei  Martin  Greif. 

Zum  Beispiel :    Ubet  alien  Gipfeln 

Ist  Ruh, 

In  alien  Wipfeln 

Spiirest  du 

Kaum  einen  Hauch ; 

Die  Vogelein  schweigen  im  Walde. 

Warte  nur,  balde 

Ruhest  du  auch. 

Sie  sehen  da  hineinkommen  das  Emotionelle  erst  ganz  am  Schlusse. 
Erst  haben  Sie  mit  epischem  Masshalten  fast  eine  Beschreibung 
von  «Ober  alien  Gipfeln*  bis  «im  Walde* ;  jetzt  den  lyrischen  Ab- 
schluss : 

Warte  nur,  balde 
Ruhest  du  auch. 


Wenn  Sie  fiihlen  wollen,  wie  Sie  es  sagen  sollen,  so  werden  Sie 
erkennen:  Zu  den  ersten  Zeilen  brauchen  Sie  den  Kopf,  zu  den 
letzten  Zeilen  die  Brust  und  iiberhaupt  den  ganzen  Menschen.  Bei 
den  letzten  Zeilen  muss  man  die  Pausen  so  gestalten,  dass,  was  man 
sagt,  ein  Hinweis  auf  die  Pausen  ist.  Zuletzt  kommt  Gewalt  in  die 
Silben  selber.  Was  beim  epischen  Stil  in  Betracht  kommt,  ist  die 
Rezitation,  ist  das  Masshalten. 

Beim  lyrischen  Stil  ist  es  die  Deklamation;  da  handelt  es  sich 
darum,  Hochton  und  Tiefton  in  entsprechender  Weise  zu  unter- 
scheiden. 

Wenn  Sie  sich  gewohnen  wollen,  den  epischen  Stil  nach  und  nach 
ganz  in  Ihre  Gewalt  zu  bekommen,  konnen  Sie  bei  einzelnen  Wor- 
ten  es  uben,  die  innere  Plastik  haben : 

Otto,  tot,  Anna,  Ehe,  Elle,  Retter,  Esse,  Renner 

Worte,  die,  wenn  Sie  sie  aussprechen  mit  dem  ganzen  Sprechapparat, 
eine  gewisse  Fahigkeit  der  Plastik  haben,  weil  sie  sich  nach  ruck- 
warts  ebenso  aussprechen  lassen. 

Man  muss  sich  erst  zum  Bewusstsein  bringen,  dass  es  so  ist,  aber 
die  Sprachorgane  fiihlen  es,  dass  die  Worte  so  sich  plastisch  gestalten. 
Solche  Kreisworte  —  Kugeln  sind  es  —  sind  gut  zu  sprechen. 

Besonders  viel  werden  Sie  haben,  wenn  Sie  die  Zunge  oft  zu 
plastischem  Sprechen  von 

Reliefpfeiler 

veranlassen  (langes  Kugelwort)  oder  von  folgenden  Kugelsatzen: 

Ein  Ledergurt  trug  Redel  nie 

Ein  Neger  mit  Gazelle  zagt  im  Regen  nie 

Das  ist  ausserordentlich  trainierend  fur  die  Zunge,  solche  Dinge 
auszusprechen,  zum  Runden  der  Sprache. 

Es  ist  schon  Grund  da,  warum  durch  solche  Worte  die  Zunge 
trainiert  wird,  weil  sie  in  sich  einen  Abschluss  haben.  Den  epischen 
Stil  daran  zu  trainieren  ist  gut,  um  wohllautend  und  wohlklingend 
zu  rezitieren. 


Dann  ist  es  gut  fur  den  epischen  Stil,  wenn  Sie  versuchen,  Worte 
sich  im  Kreis  zu  denken: 

Frohlich  verlasse  uns 
Verlasse  frohlich  uns 
Uns  verlasse  frohlich 

Hintereinander ;  wenn  im  Kreise :  nach  der  Richtung  des  Uhrzeigers ; 
dann  ruckwarts. 

So  gibt  es  verschiedene  Arten  des  Darstellens,  die  epische,  die 
lyrische  und  die  dramatische.  Bedenken  Sie,  dass  bei  der  epischen 
Darstellung  das  Wort  etwas  ganz  anderes  ist  als  bei  der  lyrischen 
und  dramatischen ;  bei  der  epischen  ist  das  Wort  da,  urn  abzubilden ; 
der  Zuhorer  muss  ein  Bild  gewinnen  von  dem,  was  erzahlt  wird.  Da 
durch  den  Sprachgeist  das  erreicht  werden  soil,  muss  der  Sprachgeist 
mitwirken.  Das  kann  er  nur,  wenn  die  Worte  zu  Bildern  werden,  zu 
Bildern  sprachlich  gestaltet  werden.  Wie  Bilder,  die  man  malt  im 
Raum,  keine  drei  Dimensionen  haben,  so  hat  die  epische  Darstellung 
keine  drei  Seelendimensionen.  Diese  dritte  Seelendimension  ist  der 
Wille;  wir  wenden  sie  im  Epischen  nkht  an,  konnen  den  Willen 
also  zum  Schildern  verwenden,  denn  er  ist  j a  da  in  uns. 

Das  sind  die  Grundlagen  fur  das  Sprechen  des  epischen  Stils. 


RUDOLF  STEINER 


KURSUS  CBER 
Kt)NSTLERISCHE  SPRACHGESTALTUNG  1922 

II.  TEIL 


NACHSCHRIFT  VON  MARIE  STEINER 


AUS  EINEM  NOTIZBUCH  VON  RUDOLF  STEINER 


1.  Episch  -  das  Wort  ist  da  zum  Abbilden;  es  muss  ihm  die  dritte 
Seelendimension,  der  Wille,  fehlen.  Man  kann  daher  den  Wil- 
len,  das  heisst  Steigungen,  Senkungen  verwenden  zum  Schildern 
=  man  kann  die  Sprache  plastisch  machen.  Mass:  Rezitation. 

2.  Lyrisch  —  das  Wort  ist  da  zum  Ausstromen  des  Gef iihls ;  es  muss 
die  dritte  Seelendimension,  der  Wille,  drinnen  sein,  das  heisst 
man  muss  die  Sprache  musikalisch  machen.  Hdhe:  Deklamation. 

3.  Dramatisch  —  musikalisch  plastisch,  also,  wenn  der  Spieler  Eigenes 
auszusprechen  hat  —  deklamatorisch ;  wenn  er  nicht  Eigenes  aus- 
zusprechen  hat :  rezitatoriscb.  — 

Naiv:  rezitatorisch,  hoch 
Sentimental:  deklamatorisch,  tief 
Charakter:  rezitatorisch,  tief 
Held:  deklamatorisch,  hoch 


CUL^y       oA^vvts        t?cS~6£l/*  4U^C~JL£ ^ 


Aus  einem  Notizbuch  von  Rudolf  Steiner 


EfS  kommt  darauf  an,  dass  man  auch  im  weiteren  Sinne  aus  dem 
Menschen  herausholt  das,  was  kiinstlerische  Gestaltung  der  Sprache 
ist  im  Rezitieren  und  im  Deklamieren.  Uber  die  Bedeutung  der 
Lautgestaltung  sind  wir  uns  klargeworden.  Wenn  es  weiter  kommt 
zum  wirklichen  Deklamieren  des  Epischen  und  Lyrischen,  geht  es 
an  die  wirkliche  Wesenheit  des  Menschen  heran.  Da  muss  man 
wissen,  dass  alles  Sprechen  sich  abspielt  zwischen  dem  Atem  und 
der  Blutbewegung.  Und  zwar  ist  massgebend  dafiir,  dass  der  Puis 
der  Blutbewegung  konstant  viermal  schlagt  wahrend  eines  Atem- 
zugs.  18  Atemziige  sind  gleich  72  Pulsschlagen.  Nun  entspricht  in 
der  normalen  Sprache  ganz  genau  ein  vierteiliger  Pulsschlag  einem 
einmaligen  Atemzug.  Das  gibt  eine  Verteilung  sogar  des  Voka- 
lischen  und  Konsonantischen.  In  der  Normalsprache  waren  auch 
viermal  so  viele  Konsonanten  als  Vokale.  Und  man  wiirde  dann 
gewissermassen  am  selbstverstandlichsten,  am  gemessensten  spre- 
chen, wenn  man  dies  Verhaltnis  des  Vokalischen  zum  Konsonan- 
tischen so  beobachtet,  dass  man  zu  je  einem  Vokal  vier  Konsonan- 
ten hat. 

Nun  ist  das  natiirlich  nicht  bei  alien  Worten  der  Fall;  gerade 
dadurch  bekommen  die  Worte  ihre  Gefiihlsschattierung,  dass  dies 
nicht  der  Fall  ist. 

Wenn  Sie  das  Wort  «Groll»  aussprechen,  haben  Sie  ein  Wort, 
das  am  gemessensten  ausgesprochen  wird  durch  die  Lautgestaltung. 
Damit  es  so  sein  kann,  wird  das  1  verdoppelt.  Bei  den  meisten  Wor- 
ten ist  es  so,  dass  man  die  Atmung  betont,  daher  sind  die  eigent- 
Hchen  Sprechworte  diejenigen,  worin  ein  Vokal  und  drei  Konsonan- 
ten enthalten  sind  «Wurm,  Mensch».  Sie  konnen  dann  merken, 
wenn  Sie  in  einem  einsilbigen  Worte  nur  zwei  Konsonanten  haben, 
wie  Sie  dies  Wort  aus  sich  heraus  gegen  den  Atem  hinziehen.  Das 
gibt  den  verschiedenen  Sprachen  ihren  besondern  Charakter.  In  einer 
Sprache,  die  stark  konsonantisch  wirkt,  wird  durch  die  Sprache  selbst 
alles  herangebracht  ans  Blut ;  bei  einer  Sprache,  die  vokalisch  wirkt, 
an  den  Atem  und  damit  an  die  Uberlegung.  Die  Einsicht  in  dieses 
ist  nur  eine  Grundlage  fur  dramatisches  Sprechen,  das  sich  aus  der 
Situation  ergeben  muss. 

Versuche  ich  vokalisch  zu  betonen  und  damit  langsam  zu  spre- 


chen,  so  wende  ich  mich  dem  Atem  zu.  Akzentuiere  ich  scharf  die 
Konsonanten  und  spreche  schnell,  so  wende  ich  mich  dem  Blute 
zu.  Merken  Sie,  wie  Sie  durch  solche  Beobachtungen  feine  Nuancen 
im  dramatischen  Sprechen  herausbekommen.  Sie  werden  im  all- 
gemeinen  das,  was  stark  iiberlegt  ist,  langsam  sprechen  und  dabei 
vokalisieren.  Und  Sie  werden,  was  im  Affekt  herausgesprochen 
ist,  in  der  Emotion,  schnell  sprechen  und  dabei  konsonantisieren. 
Nun  kann  es  auch  vorkommen,  dass  sich  die  allgemeine  Regel, 
wenn  der  Mensch  stark  ausser  sich  kommt,  ins  Gegenteil  verkehrt. 
Gedanken  werden  im  allgemeinen  vokalisierend  und  langsam  aus- 
gedriickt  werden.  Will  ich  aber  andeuten,  dass  der,  welcher  sie  spricht, 
an  einer  Art  Ideenflucht  leidet,  ausser  sich  ist,  so  dass  nicht  er  die 
Gedanken,  sondern  die  Gedanken  ihn  haben,  muss  ich  zum  Kon- 
sonantisieren und  schnellen  Sprechen  iibergehen.  Der  Zuhorer  ist 
naiv,  er  hdrt  das  Naturgemasse ;  daher  wird  einer,  der  langsam 
phantasiert  auf  der  Biihne,  nie  befriedigen,  sondern  nur  derjenige, 
welcher  schnell  phantasiert.  —  Umgekehrt  ist  das  nun,  wenn  der 
Wille  in  Betracht  kommt,  die  Affekte.  Solange  ich  als  leidlich 
Gesunder  spreche,  muss  ich  konsonantisieren ;  bin  ich  halb  tot,  wie 
Attinghausen,  muss  ich  vokalisieren  und  langsam  sprechen.  Denn 
der  naive  Zuhorer  empfindet  so,  wie  wir  die  Sache  besprochen  haben. 
—  Wenn  Sie  also  einen  Kerl  haben,  der  Starkes  erlebt  hat,  und  er 
kommt,  um  zu  berichten,  da  iiberwiegt  bei  ihm  nicht  die  Uberlegen- 
heit  iiber  das,  was  er  berichtet,  sondern  der  Wunsch,  es  mitzuteilen ; 
dann  muss  er  konsonantisieren  und  schnell  sprechen.  Bei  dem- 
jenigen,  der  nun  zuhort,  miissen  wir  uns  klar  sein,  dass  er  in  der 
gegenteiligen  Stimmung  ist,  selbst  wenn  er  erschiittert  ist:  Er 
braucht  Uberlegenheit,  um  die  Sache  erst  zu  fassen;  er  wird  also 
unter  alien  Umstanden  zuerst  langsam  und  vokalisierend  sprechen. 
Und  besonderes  dramatisches  Leben  kommt  nun  hinein,  wenn  der 
Zuhorende  vom  langsam  vokalisierenden  Sprechen  ubergeht  zum 
Konsonantisieren  und  schnellen  Sprechen.  Denn  damit  zeigt  er  in 
der  Sprachgestaltung,  dass  er  Interesse  gefangen  hat  und  versteht. 
Das  aber  nimmt  wiederum  dem  Mitteilenden,  der  angekommen  ist, 
Aufregung;  er  wird  beruhigt  und  geht  iiber  ins  Vokalisieren  und 
langsame  Sprechen.  Und  damit  —  wenn  Sie  das  beobachten  —  haben 


Sie  den  dramatischen  Dialog  in  der  Sprachgestaltung.  Darin  konnen 
Sie  fruchtbare  Gesichtspunkte  finden  fiir  den  Dialog. 

Nehmen  wir  die  Szene,  die  dem  Monolog  des  Wilhem  Tell  voran- 
geht.  Es  handelt  sich  darum,  eine  solche  Szene  so  zu  studieren,  dass 
man  immer  herauszufinden  sucht,  wie  sie  zu  nuancieren  ist.  Des- 
wegen  will  ich  eine  Probe  vorangehen  lassen,  die  einzelne  Nuan- 
cen  gibt.  Der  als  Regisseur  fungiert,  muss  sich  bemiihen,  die  kon- 
trastierenden  Charaktere  herauszufinden.  Zum  Beispiel  Walter  Furst, 
Stauffacher  und  Baumgarten :  Menschen,  die  nicht  iiber  ein  gewisses 
Mass  des  Enthusiasmus  hinausgehen,  in  sich  halten  ihre  Begeiste- 
rung;  der  ruhigste:  Stauffacher;  etwas  feuriger:  Baumgarten; 
bieder:  Fiirst;  Hedwig:  sehr  stark  im  Affekt;  Attinghausen :  da 
muss  veranschaulicht  werden,  dass  er  ein  Sterbender  ist.  Rudenz: 
muss  so  gespielt  werden,  dass  man  immerhin  dessen  Egoismus  durch- 
merkt  und  eine  leise  Nuance  von  Phrase.  Melchtal:  der  feurigste, 
der  bis  ins  innerste  Mark  glaubt,  was  er  zu  sagen  hat. 

Dadurch  wird  der  Tell-Monolog  vorbereitet. 

Nun  will  ich  Sie  auf  eine  Art  Nuancierung  beim  Lesen  aufmerk- 
sam  machen.  Es  ist  noch  nicht  so  stark  herausgearbeitet,  wie  wenn 
gespielt  wird,  aber  man  muss  zunachst  zeigen,  wie  die  Faden  laufen 
miissen.  Zum  Schluss  der  Szene  —  vor  dem  Monolog  —  starke 
Steigerung. 


Tell :  ruhig  —  bis  «Mach  deine  Rechnung ...» 

«Zum  Ungeheuren  hast  du  mich  gewohnt»  —  lange 
Pause. 

«Die  armen  Kindlein»  —  gehalten,  allmahlich  in- 
grimmig. 


Hedwig:*        nicht  nur  nach  der  emotionellen  Hohe,  sondern 

auch  nach  der  emotionellen  Tiefe. 
Attinghausen:  allmahlich  schneller  werdend,  aber  verhauchend. 


*  Die  Szenen  (4.  Aufzug,  2.  und  3.  Auftritt)  werden  von  Rudolf  Steiner  und  andern 
Teilnehmern  gelesen.  Dann  macht  Rudolf  Steiner  folgende  Bemerkungen. 


muss  versuchen,  die  Vokale  voller  zu  nehmen,  weil 
sonst  Stimme  verlorengeht  im  Raum. 
Die  1  kommen  noch  nicht  heraus;  rieseln,  statt  dass 
sie  stromhaft  gesprochen  werden. 
gut.  —  «Auf  dieser  Bank  von  Stein . . .»,  das  war  noch 
nicht  ganz  durchempfunden. 

Dann  «Ich  laure  auf  ein  edles  Wild» :  eine  leise 
Nuance  von  Ironie;  das  muss  durch  ein  dumpferes 
und  kiirzeres  e  erreicht  werden.  Auch  muss  man 
immer  die  Vorstellungen  haben  der  Hantierungen, 
die  man  dabei  macht.  Deshalb  waren  die  Pausen 
zu  kurz. 

An  all  diesem  haben  Sie  vielleicht  gesehen,  wie  man  versuchen 
kann,  die  Sprache  zu  gestalten.  Bei  Attinghausen  recht  stark  fest- 
halten,  dass  er  zum  Schluss  ziemlich  schnell,  aber  verhauchend 
spricht. 

Das  Rezitieren  verlangt  das  gleiche  wie  das  Klavierspielen.  Zu- 
nachst  muss  man  die  Regeln  kennen,  dann  diese  in  die  Gewohnheit 
bringen,  so  dass  der  Zuhorer  nicht  merkt,  dass  man  Regeln  an- 
wendet.  Dadurch,  dass  man  sie  anwendet,  dass  man  verschieden- 
artig  gestaltet,  wird  der  Eindruck  der  naturgemassen  Wahrheit 
gewonnen.  In  jeder  Kunst  ist  es  so. 

Man  muss  sich  bewusst  sein,  dass  die  vierte  Wand  fehlt,  dass 
man  das  Leben  im  Relief  sieht.  Damit  hangt  der  Stil  zusammen, 
Deshalb  kann  nicht  bloss  naturalistisch  gesprochen  werden.  Des- 
halb miissen  Sie  auch  Stellungen  finden,  die  dem  Relief  entsprechen. 
Es  ist  unmoglich,  naturalistisch  sein  zu  wollen  auf  der  Biihne. 
Man  muss  Stellungen  finden  —  hochstens  im  Viertelprofil.  Solches 
durchzufiihren,  das  ist  Regiekunst.  Man  kann  sich  nicht  beim 
Sprechen  mit  dem  Riicken  zum  Publikum  drehen.  Es  ist  schon  so, 
dass  die  Biihne  gedacht  werden  muss  als  ein  Relief  des  Lebens. 

Dann  muss  man  sich  merken,  dass  alle  Konsonanten  in  grossen 
Salen  schwerer  zu  verstehen  sind  als  in  kleinen,  wenn  sie  nicht 


Rudenz : 
Melchtal : 
Tell: 


durch  Vokale  geniigend  unterstiitzt  werden.  Daher  muss  besondere 
Aufmerksamkeit  darauf  gerichtet  werden. 

Das  Dramatische  ist  eigentlich  eine  Synthese,  eine  Zusammen- 
fugung  von  Lyrischem  und  Epischem.  Natiirlich  unterstiitzt  durch  un- 
mittelbare  mimische  Darstellung. 

Nehmen  Sie  an,  Sie  haben  erkannt  an  etwas  Dramatischem,  das 
da  vorliegt,  jemand  wolle  mit  Eifer  etwas  mitteilen.  Da  schauen  Sie 
sich  die  Konsonanten  an,  lassen  die  Vokale  fallen ;  Sie  sprechen  die 
Konsonanten  mit  Nachdruck  und  nicht  zu  langsam,  Dann  rufen  Sie 
im  Zuschauer  den  Eindruck  hervor  durch  die  Sprachbehandlung : 
das  ist  einer,  der  im  Eifer  etwas  mitteilt.  Also :  Vokale  f allenlassen, 
Konsonanten  hervorheben  und  Langsamkeit  vermeiden, 

Nehmen  wir  nun  an,  es  soli  etwas  Bedachtiges  mitgeteilt  werden. 
Der  Zuhorer  soli  den  Eindruck  haben :  der  ist  ein  sinniger  Mensch, 
der  bringt  uns  etwas  zum  Bewusstsein.  Dann  muss  man  die  Vokale 
anstreichen,  die  Konsonanten  fallenlassen  und  langsam  sprechen. 
So  haben  Sie  einf ach  durch  die  Behandlung  der  Sprache  erreicht,  was 
zu  erreichen  ist.  Man  kann  dann  gerade  dadurch,  dass  man  auf  solche 
Dinge  Wert  legt,  die  richtigen  Ubergange  schaffen.  Nehmen  wir  an, 
jemand  teilt  etwas  mit,  merkt,  dass  ein  anderer  aufpasst,  kann  dann 
vom  schnellen  konsonantischen  Sprechen  zum  langsamen  voka- 
lischen  ubergehen :  Also  erst  war  er  im  Eifer,  dann  merkte  er,  dass 
er  nicht  verstanden  wird,  will  iiberzeugen,  geht  ins  Langsame  hin- 
iiber.  —  So  kommen  Schattierungen  hinein.  —  Oder  ein  Bedachtiger 
sagt  etwas,  merkt,  der  andere  versteht  ihn  nicht,  bleibt  einen  Augen- 
blick  stumm,  dann  geht  er  iiber  vom  langsamen  zum  schnellen 
Tempo.  Aus  dem  Sprachbilde  und  der  Emotion  muss  man  gewinnen, 
was  der  Zuschauer  zu  empfinden  hat.  —  Sie  werden  so  merken,  was 
zu  verstehen  ist  unter  Sprackgestaltung.  Derjenige,  der  rezitiert 
und  deklamiert,  sollte  nicht  so  aufdringlich  sein,  durch  sein  eigenes 
Gefiihlsleben  wirken  zu  wollen.  Das  gehort  in  die  Vorbereitung. 
Wenn  Sie  rezitieren,  miissen  Sie  dariiber  hinaus  sein  und  sprach- 
gestaltend  wirken. 

Es  gibt  heute  nicht  viele  gute  Buhnenleiter,  sondern  hochstens 
Reinhardts,  nicht  viele  gute  Sprecher,  sondern  hochstens  Moissis. 
Wenn  die  Biihne  vier  Wande  hatte,  konnte  man  so  regissieren  wie 


B  U  H  N  E  NAN  WE  ISUNGEN 


Aus  einem  Notizbuch  von  Rudolf  Steiner 


Q1 


Reinhardt.  Sonst  aber,  wenn  man  so  regissiert,  macht  man  nur  dem 
Publikum  und  sich  etwas  vor.  Beim  Malen  ist  nicht  die  Farbe  und 
das  Helldunkel  allein  das  Material.  Es  ist  die  Flache,  und  man  muss 
in  der  Flache  empfinden.  Die  reine  Raumperspektive  ist  im  Grunde 
etwas  Plastisches.  Sie  haben  nichts  Urspriingiiches,  wenn  Sie  eine 
Raumperspektive  malen,  sondern  etwas  Plastisches.  Das  Malen  muss 
mit  der  Flache  rechnen,  die  Biihne  mit  den  drei  Wanden.  Man  muss 
sich  bewusst  sein,  dass  die  Biihne  mit  dem  Zuschauer  ein  Ganzes  ist. 
So  kann  es  nicht  sein,  dass  man  nicht  Riicksicht  nimmt  auf  den  Zu- 
schauer. Wer  die  Totalitat  dessen,  was  vorliegt,  empfindet,  muss  sich 
sagen :  was  bedeutet  es,  wenn  ich  den  Schauspieler  von  hinten  nach 
vorne  schreiten  lasse  ?  Das  ist  etwas,  was  zu  den  kunstlerischen  Mitteln 
gehort.  Ebenso  wie  man  nicht  beliebig  Kleckse  machen  kann  auf  ein 
Bild,  kann  man  nicht  beliebig  auf  der-  Biihne  Bewegungen  machen. 

Zum  Beispiel,  es  geht  jemand  auf  der  Biihne  von  hinten  nach  vorne. 
Dies  wiirde  bedeuten :  Jetzt  sagt  er  etwas,  was  einen  intimen  Charak- 
ter  hat.  Der  Zuhorende  muss  schon  vorher  nach  vorne  placiert  worden 
sein;  der  andere  muss  ein  paar  Schritte  nach  vorn  machen.  Dann 
kommt  der  Charakter  der  Intimitat  heraus.  —  Wie  aber  kommt  der 
Charakter  der  Publizit'at  zum  Ausdruck?  Jemand  will  einer  Gruppe 
etwas  sagen,  also  offentlich.  Er  steht  da,  wird  anfangs  nach  hinten 
zu  gehen  mit  einer  Gebarde,  die  ungefahr  ausdrtickt:  Kinder,  ich 
will  euch  etwas  sagen! 

Das  sind  Dinge,  die  uns  vor  der  Phantasie  stehen  miissen,  wenn 
es  auf  das  Regissieren  ankommt.  Man  muss  Technik,  aber  auf 
menschliche  Art  kennen. 

Dann  weiter !  Sie  haben  jemand,  der  etwas  sagen  soil,  was  Interesse 
erregt:  Sie  werden  dann  von  links  nach  rechts  gehen  miissen,  nie 
von  rechts  nach  links.  Haben  Sie  eine  Passage,  fur  die  Sie  wissen: 
das  muss  eindringen,  muss  den  Verstand  erregen,  nicht  emotionelles 
Interesse,  werden  Sie  von  rechts  nach  links  gehen  miissen.  Und  zwar 
aus  dem  Grunde,  weil  das  linke  Auge  seelischer  ist,  das  rechte  intel- 
lektueller. 

Solche  Dinge  gehoren  notwendigerweise  dazu,  wirklich  ein 
Buhnenbild  zu  schaffen  und  das  Dramatische  in  richtiger  Weise  in 
der  Phantasie  auszugestalten.  Das  Dramatische  muss  in  die  Situation 


hineingestellt  werden.  Der  Naturalismus  hat  bloss  den  Diiettantis- 
mus  grossgezogen.  Kunst  ist  etwas  anderes,  als  bloss  Natiirliches  in 
der  Sinnenwelt.  Daher  muss  man  bei  den  Gebarden  nur  das  Not- 
wendige  tun.  Wenn  man  heute  eine  Biihne  sieht,  ziinden  sich  die 
Leute  fortwahrend  Zigaretten  an,  weil  die  Leute  keine  andere  Emp- 
findung  haben  als  das  Nachmachen  dessen,  was  im  Leben  vorgeht. 
Es  handelt  sich  aber  darum,  etwas  kiinstlerisch  zu  gestalten.  Wenn 
zum  Beispiel  ein  kleitier  Junge  das  tut,  kann  es  eine  Nuance  geben, 
charakterisieren.  Aber  bei  alten  Leuten  ist  man  nicht  wie  beim  «Stift» 
belehrt  dadurch  iiber  seinen  Charakter.  Es  konnte  sein,  dass  der  Stif t 
sich  Zigaretten  anziindet,  und  im  nachsten  Akt  sucht  man  ihn :  er  ist 
nicht  da.  Licht  ist  geworfen  auf  den  weiteren  Fortgang  des  Stiickes. 

Es  sollte  also  Regel  sein,  nur  das  zu  tun,  was  im  Verlauf  des 
Stiickes  notwendig  ist. 

Sie  werden  gesehen  haben,  dass  es  fur  die  Rezitation  und  Dekla- 
mation  darauf  ankommt,  die  Sprache,  das  Wort,  den  Laut  zu  erleben. 
Das  Tote  hat  an  der  Menschheitskultur  so  lange  gearbeitet,  dass  wir 
es  als  unsere  intensive  Aufgabe  betrachten  miissen,  das  Lebendige 
hineinzubringen.  Erleben  des  Lautes  ist  nicht  so  leicht,  wie  Sie  es 
vielleicht  annehmen.  Nehmen  wir  an,  Sie  wollten  aus  dem  Empfin- 
den  heraus  ein  Gerausch  erleben,  durch  die  Sprache  es  fliessen  lassen. 
Was  finden  Sie  heute  f iir  Theorien  iiber  die  Entstehung  der  Sprache  ? 
Zwei  Theorien  gibt  es:  die  sogenannte  Bim-bam-Theorie  und  die 
sogenannte  Wau-wau-Theorie. 

Die  Bim-bam-Theorie  nimmt  an,  dass  die  Sprache  so  zu  uns  spricht 
wie  Glocken;  ein  geheimnisvolles  Nacherleben  des  Unorgani- 
schen  ware  die  Sprache.  Wahrend  die  Wau-wau-Theorie  davon  aus- 
geht,  dass  die  Sprache  eine  menschliche  Weiterbildung  der  im  Tier- 
reich  vorhandenen  Laute  ware. 

Fiir  die  sprachliche  Handhabung  ist  durch  diese  Theorien  nicht 
viel  herausgekommen,  denn  es  bewegte  sich  auf  dem  Niveau  des 
Intellektuellen.  Die  Wahrheit  ist,  dass  die  Sprache  sich  bewegt  auf 
dem  Niveau  des  Emotionellen,  das  nur  verstanden  werden  kann 
durch  spirituelle  Erkenntnis.* 


*  Siehe  Fussnote  auf  Seite  1 1 


Krik  krak  kruk 

Nutzliche  Ubung,  um  Passagen  wiederzugeben  in  Gedichten,  wo 
Sie  denselben  Empfindungsausdruck  haben  wie  in  krak  oder  krik 
oder  kruk. 

Bei  Monologen  konnen  Sie  sich  sagen,  ob  Sie  ihn  erleben  in  der 
krak-  oder  krik-  oder  kruk-Stimmung. 

Kr  —  Gerausch 

krak:  etwas  Plotzliches;  krachendes  Gerausch. 

kruk :  etwas  Dauerndes  und  Lautes ;  nach  solcher  Vorubung  werden 

Sie  ungefahr  in  richtiger  Weise  rezitieren  einen  Herold. 
krik-Stimmung :  Scharf  eindringend.  —  Wenn  Sie  zum  Ausdruck 

bringen  wollen  etwas,  was  Sie  einscharfen  wollen,  zum  Bei- 

spiel  ein  pedantischer  Schulmeister. 
krak:  Mephistopheles  im  Faust,  Prolog  im  Himmel:  «Da  du,  o 

Herr,  dich  einmal  wieder  nahst ...» 
krik :  Wagner  im  Faust,  Osterspaziergang :  «Mit  euch,  Herr  Doktor, 

zu  spazieren ...»  oder  « Welch  ein  Gefuhl  musst  du,  o  grosser 

Mann ...» 

kruk :  Der  Herr  im  Faust,  Prolog  im  Himmel:  «Hast  du  mir  weiter 
nichts  zu  sagen? » 

Solch  scheinbar  sinnlose  Ubungen  sind  deshalb  ganz  niitzlich :  die 
Seele  ist  immer  in  einer  andern  Form  des  Erlebens. 

Besonders  in  unserer  Zeit,  wo  man  so  abstrakt  ist,  ist  es  nicht 
leicht,  sich  das  Erlebnis  der  Sprache  anzueignen.  Wer  empfindet  zum 
Beispiel  noch,  was  in  dem  Worte  Begeisterung  liegt.  Dass  «Begeiste- 
rung»  in  sich  hat  «Geist»,  dass  der  Geist  durch  einen  fahrt,  das 
bedenkt  keiner.  Der  Sprachgenius  spricht  heute  nicht  zu  den 
Menschen. 

Unendlich  reiches  Leben  spricht  sich  dadurch  aus,  dass  man  schon 
und  hasslich  als  polarische  Gegensatze  hat. 

Schein  ist,  was  flutet  durch  die  Welt.  Etwas  getriibt  fixiert  er  sich, 
ist  er  der  festgehaltene  Schein :  schon. 

Was  zuriickhalt  sein  Wesen,  was  sich  mir  nicht  zeigt,  hass  ich: 
hasslich.  Da  haben  Sie  den  Gegensatz. 


Wenn  ich  vom  Schonen  rede,  liebe  ich  den  Schein,  kann  ihn 
objektiv  bezeichnen ;  die  Hasslichkeit  verbirgt  sich  mir,  ich  kann  sie 
nicht  objektiv  bezeichnen,  so  bleibe  ich  subjektiv. 

Wer  sich  nicht  so  in  die  Sprache  hereinlebt,  dass  ihm  die  Worte 
etwas  zu  sagen  beginnen,  kann  nicht  zur  Kunst  des  Rezitierens 
kommen. 

# 

Der  Sprachgenius  hat  ein  kosmisches  Gewissen,  das  bezeugt  er  in 
den  Zeitaitern,  in  denen  man  den  Sprachgeist  horen  konnte. 

Nehmen  Sie  als  Beispiel: 

m-z-g 

Sie  wissen,  ein  Lippenlaut     ist  m:  Mund 
ein  Zahnlaut       ist   z:  Zahn 
ein  Gaumenlaut  ist  g:  Gaumen 

Selbst  wenn  der  Sprachgeist  Witze  macht,  tut  er  es  richtig :  Maul. 
Man  sollte  es  sich  aber  nicht  in  abstrakte  Formeln  festlegen,  dann 
haut  man  daneben. 

Zum  Beispiel:  w  ist  ein  weicher  Konsonant.  Das  kann  man  gut 
sehen  bei  folgender  Ubung: 

Weiche  wehetidem  Winde  auf  Wiesenwegen 

Hier  haben  wir  lauter  Konsonanten,  die  sich  im  w  zu  Hause  fiihlen. 
Alle  Konsonanten  sind  Hauser  des  Tierkreises,  alle  Vokale  Hauser 
der  Planeten.  Wenn  aber  jemand  eine  Theorie  daraus  macht,  werde 
ich  ihm  sagen :  Hast  du  nie  das  Wort  Wucht  gehort?  Da  ist  w  nicht 
in  seinem  eigenen  Haus.  Besiegt  ist  die  Stimmung  des  w.  Erhartet  ist 
die  weiche  Stimmung  des  w. 

Wuchtig  -  wogt  -  Wirbelwind 

So  muss  man  sich  praktisch  einleben  in  Stimmungen  und  nicht 
Theorien  geben. 


Du  zweifelst,  du  ziirnest,  du  zerreissest  zornig 


Sie  haben  mit  den  Lauten  gemalt,  was  geschieht,  werden  in  dem  z 
iiberall  dies  Zerstbrende  finden.  Werfen  Sie  in  solchen  Passagen, 
die  zerrissen  sind,  die  z  dem  Zuhorer  an  den  Kopf.  Empfinden  Sie 
konkret  den  Unter schied  mit  f olgendem : 

Zweifle  nicht,  ziirne  nicht,  zerreisse  nicht  zornig 

Man  kann  also  die  Moglichkeit  schaffen,  Milde  auszugiessen  iiber 
das,  was  die  Sprache  macht.  Sie  kann  sehr  schon  wirken,  wenn  sie 
besiegt  wird  in  ihrer  Urbedeutung  durch  das,  was  die  Seele  ihr 
abgewinnt. 

Bedenken  Sie,  wie  Sie  sich  hineinleben  in  das  s  allmahlich  im 
Sieh  silberne  Segel  auf  fiiessendem  Wasser 

und  wie  Sie  mit  Ihrer  Sprache  einen  ganzen  Weg  durchmachen, 
wenn  Sie  folgendes  sagen: 

Rauschende  Reden  rollten  im  Raume 

Nehmen  wir  an,  jemand  war  in  einer  Versammlung  und  will  in 
Kiirze  ausdriicken,  wie  es  war.  Es  gab  mehrere  Redner,  alle  waren 
sympathisch,  es  wurde  sprachlich  gut  gesprochen.  Das  Ganze  hatte 
etwas  Aneiferndes.  Er  will  zum  Bewusstsein  bringen,  dass  da  Inhalt 
war,  dann  die  bleibende  Wirkung,  dann,  dass  er  irgendwo  war,  wo 
es  geschehen  ist. 

Wollen  wir  den  Satz  fein  nuancieren.  Zunachst  haben  wir  einen 
Eindruck  auf  die  Sinne  in :  Rauschende 
dann  das  Bedachtige:  Reden 
den  Eindruck  auf  die  Emotionssphare  in :  rollten 
das  Rollen  kommt  zum  Gerinnen  (wie  eine 
Eischale)  in:  Raume 

Dann  ist  es  nuanciert  so,  wie  Sie  es  nur  durch  die  Empfindung  der 
Laute  selbst  nuancieren  konnen. 

Am  meisten  wird  Sie  auf  die  richtige  Fahrte  fiihren  das  Studium 
der  Sprache  selbst. 


Merken  Sie,  wie  der  Eindruck  des  Kornigen  schon  liegt  in  Worten 
wie  * 

Grau  Gries  Granat  Graupe 

und  wie  Sie  selbst  kornig  empfinden  miissen,  wenn  Sie  sagen : 

Greulich  ist  das 

Nehmen  wir  an,  Sie  wollten  empfinden,  was  alles  in  dem  spr 
liegt.  Sie  empfinden  es  am  besten,  wenn  Sie  von  hinten  nach  vorne 
gehen  mit  dem  Sprechen.  Zum  Beispiel  bei  Worten  wie : 

Sprache:  Mund  aufreissen 

Sprechen:  etwas  verengen 

Spritzen:  starker  verengen 

Sprossen:  bis  an  den  Mund 

Sprudeln:  dann  den  Mund  spitzen 

Diese  Dinge  haben  alle  lautlich  etwas  Verwandtes,  obwohl  sie 
Verschiedenes  bezeichnen. 

So  sollten  Sie  auch  versuchen,  zu  iiben  die  Lage,  das  Niveau  von 

Konsonantenzusammenhangen,  indem  Sie  die  verschiedenen  Hohen 

betrachten  in:  ,  , 

Bim  bam  bum 

Es  ist  gut,  gleichsam  Treppenlaufen  zu  iiben  mit  Worten  wie : 

Schl  =  Schliipfrig  schlemmen  schlicken 
Gl    =  Glas  gleich  glotzen 

Denken  Sie  an  den  feinen  Unterschied  von 

Fi    =  Flaum  Flocke  Flamme 

So  assoziieren  sich  die  Bewegungen  der  Sprache,  um  am  gegebenen 
Worte  die  Laute  richtig  auszusprechen.  Der  unbewusste  Sprach- 
genius  muss  manches  machen ;  doch  will  man  richtig  rezitieren,  muss 
man  sich  durch  solche  Ubungen  vorbereiten. 


Gestern  las  ich  eine  Passage  aus  Wilhelm  Tell,  wo  Schiller  das 
Charakteristische,  Individuell-Menschliche  darlebt. 


Es  ist  Schiller  sehr  gelungen,  da,  wo  es  ihm  auf  das  Asthetische 
ankam,  dies  wiederzugeben  in  der  Braut  von  Messina.  ImChor  haben 
wir  das  Erlebensecho  dessen,  was  man  spricht.  Hier  haben  wir  also 
etwas  Asthetisches. 

Ich  mdchte  Sie  darauf  aufmerksam  machen,  wie  Schiller  dadurch, 
dass  er  die  Schonheit,  das  Asthetische  verschieden  gestalten  will,  den 
Dialog  von  Don  Cesar  und  Don  Manuel  vorbereitet.  Was  ist  Don 
Cesar  fur  ein  Mensch  ?  Leidenschaft,  Blut  spricht  aus  ihm.  Also  ich 
lasse  ihn  schnell  konsonantisch  reden.  —  Don  Manuel  kontrastierend 
ist  der  Uberlegene ;  ich  lasse  ihn  langsam  vokalisch  sprechen. 

Ich  will  das  darstellen  lassen.  Es  wird  mir  nicht  einfallen,  Don 
Cesar  in  eine  blaue  Umhullung  zu  stecken,  Manuel  in  eine  rote,  son- 
dern  umgekehrt.  Ich  werde  Cesar,  weil  er  auf  dem  Wege  ist,  sich  zu 
massigen,  in  Gelb  hiillen;  Manuel,  weil  er  noch  aushalten  muss,  in 
Blaugriin  (blau  ware  das  alles  Verhaltende). 

Die  Worte  des  Cesar     sind  rbtlichgelb 
Die  Worte  des  Manuel  sind  blaugriin 

Schiller  bereitet  das  vor,  indem  er  das  Dramatische  zuerst  ein 
solches  sein  lasst,  das  haib  lyrisch  ist  in  Isabella.  Sie  ist  darauf  aus, 
die  Leute  zu  gewinnen. 

Beim  Chor  werden  wir  das  Richtige  nur  treffen,  wenn  wir  ihn 
in  eine  gewisse  Sphare  von  Allgemeinheit  bringen.  Er  konnte  aus 
der  Luft  kommen,  hat  etwas  Elementarisch-Geisthaftes.  In  beson- 
deren  Fallen  muss  deshalb  der  einzelne  heraustreten. 

Isabella  ist  in  tiefer  Trauer,  also  dunkel;  so  sind  auch  die  Worte.* 

Hier  ist  der  Dichter  in  der  Situation,  gar  nicht  anders  zu  konnen, 
als  das  Sprachliche  konsonantisch  zu  gestalten.  Alexander  Strakosch, 
der  bekannte  Rezitationslehrer  und  -kiinstler,  pflegte  zu  sagen,  wenn 
man  ihn  um  Rat  fragte:  «Mehr  Gefiihl,  Gefuhl.»  Er  hatte  nicht  die 
Moglichkeit,  sich  in  den  Lauten  zu  horen ;  es  war  ihm  nicht  moglich, 
vom  Abstrakten  ins  Konkrete  zu  kommen.  Ein  lieber  Herr  war  er. 
Einmal  war  die  Rede  von  Hamlet.  Alle  hielten  Reden  liber  ihre  Auf- 

•  Erster  Akt,  1.-3.  Auftritt 


fassung  des  bekannten  Monologs.  Als  Strakosch  um  die  seinige 
gefragt  wurde,  antwortete  er:  «Sehr  innerlich.» 

Um  die  Schonheiten  der  Braut  von  Messina  zu  erleben,  miissen 
Sie  den  Schliissel  zu  dieser  Dichtung  haben.  Sie  kommen  ihr  mit 
der  Phrase,  wie  man  heute  spricht,  nicht  nah,  sondern  miissen  in  die 
Plastik  hineingehen. 
Dialog  zwischen  Isabella  und  Diego. 

Das  Emotionelle  ist  immer  das  Konsonantische,  das  schneller  wird. 
Jetzt  das  Betrachtende. 

Jetzt  der  Chor:  Vollkommen  rezitatorisch,  da  muss  alles  Dekla- 
matorische  ausscheiden.  Erster  Chor:  «Dich  begriiss  ich  in  Ehr- 
furcht ...» 

Man  konnte  glauben,  der  erste  Chor  sei  tief  zu  nehmen,  der  zweite 
hoch.  Aus  der  Sprachgestaltung  kommt  das  Gegenteil  hervor. 

Zweiter  Chor :  «M6gen  sie's  wissen . . .»,  tief  —  emotionell. 

Einer  aus  dem  ersten  Chor :  «Und  jetzt  sehen  wir  uns  als  Knechte, 
Untertan  diesem  fremden  Geschlechte ! »  Ganz  emotionell. 

Beim  andern,  ein  zweiter  aus  dem  ersten  Chor:  «Wohl!  Wir 
bewohnen  ein  gliickliches  Land, . . .»,  ist  die  Bedachtigkeit  mit 
Emotion  durchsetzt.  Also  vokalisch-konsonantisch,  aber  das  Voka- 
lische  vorherrschend. 

# 

Es  gibt  ein  Gedkht,  wo  geschildert  wird,  was  fur  vorzugliche 
Helden  es  in  gewissen  Zeiten  des  Mittelalters  in  Sudrussland  gab.  In 
der  Prosa  wiirde  man  erzahlen,  dass  sie  da  sind  und  ihre  Namen 
nennen.  In  der  Dichtung  ist  die  Wirkung  in  folgender  Weise 
erreicht : 

Niemand  iibertrifft  den  II j a  an  Findigkeit. 
Niemand  iibertrifft  den  Dobrinja  an  Riesenkraft. 
Niemand  iibertrifft  den  Marko  an  Tollkuhnheit. 
Niemand  iibertrifft  den  Podok  an  Schonheit. 
Niemand  iibertrifft  den  Igor  an  Hof lichkeit. 
Niemand  iibertrifft  den  Jaroslav  an  Redekunst. 
Niemand  iibertrifft  den  Wladimir  an  Machtigkeit. 
Niemand  iibertrifft  den  Nikita  an  Zierlichkeit. 


Sie  haben  also  in  das  Gefiige  der  Periode  so  sich  hineinzuleben, 
dass  der  Zuhorer  Ihnen  gerne  zuhort,  indem  Sie  eine  Anzahl  von 
Eigenschaften  aufzahien.  Wenn  Sie  diese  Worte  mit  besonderer 
Rundung  sprechen,  nimmt  der  Zuhorer  das  hin,  Hier  sehen  Sie,  wie 
achtmal  wiederholt  wird  das  Wort  «Niemand»;  die  fremden  Namen 
sind  fur  den  Zuhorer  nicht  interessant.  Was  man  als  Aufgabe  hat, 
muss  sich  darauf  konzentrieren,  jene  Eigenschaften  herauszuholen 
in  der  Sprachgestaltung,  durch  welche  die  Aufmerksamkeit  des  Zu- 
horers  gefesselt  wird.  Der  Zuhorer  ist  so  interessiert  an  diesen  Eigen- 
schaften, dass  es  ihm  dazwischen  eine  Erholung  ist,  jene  Worte  zu 
horen,  die  ihm  nichts  sagen.  Der  Zuhorer  ist  nicht  gestort  in  seiner 
Auffassung  dessen,  was  ihm  die  Hauptsache  ist,  durch  anderes 
Nebensachliches. 

In  der  Vorbereitung  miissen  Sie  immer  dafiir  sorgen,  dass  dem 
Zuhorer  nichts  verlorengeht.  Sie  miissen  viel  erreichen  durch  Pausen 
oder  dadurch,  dass  Sie  die  Sprache  konfigurieren,  gewisse  Dinge 
fallenlassen,  andere  hervorheben. 

Wenn  Sie  in  einer  solchen  Periode,  wie  es  die  obige  ist,  die  Sprache 
so  gestalten,  dass  Sie  das  herausarbeiten,  was  darinnen  liegt,  in  dem 
Hervorbringen  der  Eigenschaften,  dann  haben  Sie  Kontakt  mit  dem 
Zuhorer.  Und  dafiir  muss  man  sorgen.  Deshalb  miissen  Sie  die  Eigen- 
schaf t  ausbilden,  Ihr  eigener  Zuhorer  zu  sein ;  in  der  Vorbereitung  es 
dazu  bringen,  dass  Ihnen  spater  zugehort  werden  muss,  weil  Sie  bei 
sich  selbst  sich  abgehort  haben. 

Die  Rezitation  ist  so  in  Verfall  geraten,  dass  es  heute  den  Men- 
schen  schon  schwierig  ist,  iiberhaupt  zu  ahnen,  dass  sie  eine  Kunst  ist. 

Die  Sprache  ist  aus  der  Phantasie  hervorgegangen ;  sie  geht  der 
Verstandesentwicklung  voran.  Der  Krebsschaden  unserer  Zeit  ist, 
dass  es  heute  so  viele  gescheite  Menschen  und  so  wenig  Kiinstier 
gibt.  Kunst  hangt  mit  Freude  zusammen.  Sie  miissen  Freude  erwer- 
ben  am  Sprechen.  Worte,  die  an  sich  hasslich  sind,  gibt  es  nicht. 
Wenn  Sie  versuchen,  die  Schonheit  der  Sprache  zu  ergrunden, 
werden  Sie  viel  zu  tun  haben  und  Freude  erwerben. 


Die  Kursteilnehmer  sprechen  die  Ubung:  Lalle  Lieder  lieblich... 
Rudolf  Steiner  macht  dazu  folgende  Bemerkungen: 

Beachten  Sie :  Jeder  Konsonant  wird  erst  plastisch,  wenn  man  fuhlt, 
wie  er  sich  anders  beweglich  macht  durch  die  Nachbarschaft  der 
Vokale.  — 

Versuchen  Sie,  den  Ton  aus  der  Lunge  heraus  nach  oben  zu  bringen ; 

Sie  miissen  sich  zur  Tonerzeugung  desjenigen  bedienen,  was  oben 

liegt ;  was  unten  liegt,  dient  nur  zur  Erzeugung  der  Luf t,  die  den 

Ton  vorne  bildet.  — 
Die  Stimme  ist  stark,  aber  die  Zunge  ist  noch  unplastisch;  der 

Schleim  klingt  mit.  — 
Erst  wenn  Sie  den  Ton  mehr  nach  vorne  riicken,  kriegen  Sie  die 

Laute  plastisch.  — 
Der  Laut  stosst  noch  an  der  Zunge  an,  muss  mehr  nach  vorne 

gebracht  werden.  — 
Die  Stimme  ist  noch  nicht  im  Laut  darinnen.  — 
Gut.  Nur  ist  etwas  noch  da,  was  die  Zwischenraume  zwischen  den 

Lauten  nicht  lost.  — 
Sie  haben  noch  zu  stark  den  Gedanken  und  gehen  nicht  in  den  Laut 

hinein.  — 

Den  Eindruck  des  Gedichts  muss  man  bekommen  durch  die  Laut- 
gestaltung,  nicht  durch  den  Gedankeninhalt.  Verlangen  Sie  aber 
das  letztere,  so  ware  es,  als  ob  eine  Statue  dem  Betrachter  sich 
entgegenbewegen  sollte.  — 

Nur  noch  etwas  stossig.  Sie  miissen  sich  gewohnen,  gerundete  Laute 
zu  bilden,  wie  man  in  der  Eurythmie  gerundete  Bewegungen 
macht.  — 

Es  schnappt  in  das  Deklamatorische  erst  ein,  wenn  man  die  Sache 
sich  ganz  assimiliert  hat,  wenn  man  an  den  Inhalt  nicht  mehr 
zu  denken  braucht.  Wenn  Sie  auswendig  ein  Gedicht  lernen, 
werden  Sie  nur  ein  Surrogat  erreichen  von  dem,  was  Sie  vortragen 
sollen. 

Nur  was  selbstverstandlich  eingeht,  in  die  Seele  sich  eingeschlichen 
hat  durch  Uberdenken,  Mitleben,  kann  zum  Kunstwerk  gestaltet 
werden.  Etwas  kann  Ihnen  helfen,  sich  dariiber  klarzuwerden. 


Versuchen  Sie,  das,  was  Sie  vor  zwanzig  Jahren  gelernt  haben,  in 
den  Ton  hereinzubringen.  Das  gibt  ein  Erlebnis,  wodurch  man 
mehr  lernt  als  durch  theoretischen  Unterricht.  — 

Machen  Sie  die  Ubung  langsamer,  damit  das  1  gestaltet  wird.  Der 
Ton  sitzt  noch  in  der  Nase  drinnen.  — 

Es  resoniert  ein  rauher  Ton  mit ;  in  solchem  Fall  tut  es  gut,  kleine 
Rezitationsiibungen  zu  machen,  nachdem  man  Zucker  geschleckt 
hat.  - 

Der  Ton  sitzt  zu  weit  im  Hinterhaupt.  — 

Gutes  Material.  Sie  werden  viel  errekhen,  wenn  Sie  sich  gewohnen, 
in  den  Ton  sich  hineinzulegen.  In  dem  Fortwallen  Ihres  Tones 
ist  aber  noch  etwas,  was  wie  eine  Schnur  wirkt;  er  muss  model- 
liert  werden.  — 

Das  letztere  ware  auch  hier  zu  sagen ;  nur  liegt  noch  ein  Sington  in 
der  Nase.  — 

Der  Ton  liegt  zu  weit  riickwarts,  nicht  vorn.  — 

Der  Ton  ist  zu  spitz;  man  konnte  versuchen,  aus  einer  Ahriman- 

Szene  etwas  zu  iiben,  wo  Gelegenheit  gegeben  ist,  die  Tone  in  die 

Backe  zu  treiben.*  — 
Braucht  mehr  Tiefe  im  Ton;  es  ist  wie  eine  Resonanz  im  rechten 

Nasenfliigel . . .  Wenn  man  Nasenresonanzen  durchfuhrt,  so  kom- 

men  Einseitigkeiten.  - 
Muss  den  Ton  mehr  modulieren  lernen,  wie  ein  a  und  o  studiert 

wird.  - 

Ja,  das  mussen  Sie  aber  aus  der  Dekadenz  herauskriegen ;  Sie  miis- 
sen  sich  in  Besitz  des  Tones  setzen,  statt  ihn  so  leger  herauszu- 
schmettern.  — 

Die  Geschichte  des  Demosthenes  ist  schon  eine  ernst  gemeinte.  Es 
kommt  darauf  an,  zu  versuchen,  gegen  die  Hindernisse  anzu- 
gehen,  die  man  sich  selbst  macht.  — 

Die  Stimme  stellt  sich,  wenn  sie  in  die  richtige  Lage  gebracht  wird. 
Zum  Beispiel  bei  der  Ubung:  Sende  aufwarts...  stellen  Sie  sich 

*  Die  Bemerkung  bezieht  sich  auf  eine  Gestalt  in  den  Mysterien-Dramen  Rudolf 
Steiners:  Ahriman.  Fur  die  sprachliche  Gestaltung  dieser  Rolle  gab  Rudolf  Steiner 
den  besonderen  Hinweis  der  «Backentasche». 


vor,  dass  die  Zunge  eine  Art  von  Kahn  werden  muss,  durch  die 

sechs  Zeilen  hindurch.  — 
Schwierigkeiten  bei  der  Atem-Ubung:  Erfiillung  geht... 
Sie  werden  sich  heifen,  wenn  Sie  die  Worte  umkehren.  Zum  Bei- 

spiel:  Wollen  -  nellow.  Auch  Worte  umkehren,  die  Doppel- 

konsonanten  haben  oder  Doppelvokale :  Seele  —  Elees.  — 
Sprechen  Sie  Worte  vorwarts  und  riickwarts:  Eva  —  Ave.  Das 
Innige,  was  im  Ave  liegt,  kommt  von  selbst  zustande,  wenn  man  es 
in  der  Umkehrung  als  Eva  iibt.  — 

Es  muss  Erlebnis  werden:  das  Ubergehen  vom  Gedanken  in  den 
Laut.  — 

# 

Die  Kursteilnehmer  sprechen  nacheinander  die  Atem-Ubung:  In 
den  unermesslich  weiten  Raumen . . . 

Rudolf  Steiner  bemerkt  dazu : 
Sich  hineinlegen  in  den  Ton.  Zunachst  den  eigenen  Ton  mitneh- 

men,  so  dass  alles  mitklingt  und  mitschwingt.  - 

Ferner  die  Ubungen :  Sturm-Wort  rumort  urn  Tor  und  Turm . . Ei  ist 
weisslich . . . 

Es  muss  sich  runden,  die  Konsonanten  stecken  in  den  Organen 

drinnen.  - 
Die  Nasensehnen  klingen  da  mit.  — 
Herauskriegen  das  Tremolieren.  — 
Wird  gehen;  braucht  Ubung.  — 
Das  Rauhe  heraus.  — 
Nur  Ton  noch.  — 
Die  Resonanz  tremoliert.  — 
Auf  den  Atem  achtgeben.  — 
Bisschen  Ubung  noch.  - 
Gut.  — 

Die  Stimme  ist  ein  bisschen  zusammengequetscht  in  der  Mitte ;  sie 

muss  breiter  werden.  — 
Bisschen  hoch,  nicht  schlecht.  — 
Mehr  hineinlegen  in  die  Tone.  — 

Sie  werden  viel  davon  haben,  wenn  Sie  versuchen,  die  dumpfen 
Laute  zu  biegen,  weil  die  Sprache  noch  nicht  artikuliert  ist.  — 


Es  geht.  — 

Geht  auch  gut,  wenn  oft  geiibt  wird.  - 

Recht  langsam  gehen;  angewohnen,  durch  langsameres  Reden  mehr 

Wirkung  zu  kriegen.  — 
Es  muss  aus  der  Nase  heraus.  — 
Etwas  dumpfer  kriegen.  — 

Suchen  Sie  die  Luft  anzustossen  am  Hintergaumen.  — 
Voller  den  Ton.  — 

Muss  beachten  Unterschied  zwischen  ei  —  Blei  —  im  Munde  und 

ai  —  Maid  —  weiter  unten.  — 
Gewohnen  Sie  sich  an  fur  ai  ein  helleres  ai.  - 

Die  Kursteilnehmer  sprechen  die  Ubungen: 

Mause  messen  mein  Essen 
Lammer  leisten  leises  Lauren 
Bei  biedern  Bauern  bleib  brav 
Komm  kurzer  kraftiger  Kerl 

Sie  miissen  aus  der  a-Stimmung  heraus.  Sie  dampfen  jeden  Vokal 
darauf  hin.  Machen  Sie  Ubungen,  die  kein  a  enthalten;  das  ist, 
was  hindert,  von  den  Leuten  hingenommen  zu  werden.  A  ist  der 
Laut,  der  die  andern  am  meisten  darauf  aufmerksam  macht,  dass 
man  da  ist.  In  b  dagegen  liegt  das  Sich-bergen :  ich  bin  in  meinem 
Hause  darin.  Das  alles  liegt  in  der  Ubung :  Abracadabra.  — 

Ich  wiirde  Ihnen  raten,  wenn  Sie  es  herauskriegen  wollen,  driicken 
Sie  auf  die  Nasenspitze,  dann  werden  Sie  die  Rundung  bekom- 
men,  die  Sie  brauchen.  — 

Ich  rate  Ihnen,  eine  Ubung  so  zu  machen,  dass  Sie  langsam  iiben 
und  zwischen  den  Silben  manchmal  eine  Ausspuckbewegung 
machen.  — 

Ihre  Stimme  kann  sich  ausbilden,  nur  miissen  Sie  beim  Uben  die 

Backen  zusammendrucken.  — 
Ihnen  wird  die  Ubung  helfen:  Bei  biedern  Bauern  bleib  brav.  - 


Ihnen  das  Abwechseln  der  Ubungen;  Lammer  leisten  leises  Lauten 

und  Komm  kurzer  kraftiger  Kerl.  — 
Ihnen:  Mause  messen  mein  Essen  und  Komm  kurzer  kraftiger 

Kerl.  - 

Alle  vier  Ubungen  hintereinander.  — 

Sie  brauchen  die  drei  andern,  und  gar  nicht :  Komm  kurzer  kraftiger 
Kerl.  - 

Ich  wiirde  Ihnen  raten,  moglichst  die  vier  Ubungen  mit  Gebarden 

zu  sprechen,  so  dass  Sie  Kraft  kriegen.  — 
Da  sind  die  drei  ersten  Ubungen  von  Nutzen,  die  letzte  weniger; 

Sie  mussen  das  o  iiben,  weil  Sie  ou  aussprechen. 
Lammer  leisten  leises  Lauten  und  Komm  kurzer  kraftiger  Kerl 
abwechselnd.  — 

Ich  wiirde  Ihnen  raten,  im  Laufschritt  zu  iiben.  — 

Da  muss  die  Stimme  von  den  Lippen  zuriickgeschoben  werden.  — 

Muss  sich  in  den  Laut  hereinlegen,  darin  weben.  — 

Bemiihen  Sie  sich,  Ihre  Stimme  nach  riickwarts  zu  schieben  und  mit 
den  Handen  in  der  Hosentasche  zu  iiben.  — 

Ein  bisschen  kleidhaf t ;  nicht  ganz  drinnen  in  der  Stimme ;  Sie  mus- 
sen darin  untertauchen.  — 

Die  Stimme  ist  nicht  schlecht,  aber  zu  weit  oben  in  der  Lage.  — 

Die  L-Ubung.  - 

Hauptsachlich  die  B-Ubung.  - 

Fur  Sie  ware  die  K-Ubung  eine  Wohltat.  — 

* 

Sie  mussen  noch  die  Ubung  machen:  Dumm  tobt  Wurm- 
Molch . . . 

Es  klingt  immer  ein  a  durch.  — 
Die  helle  Ubung :  Ei  ist  weisslich . . .  Es  klingt  ein  u  durch.  — 
Bei  der  Fabel  von  Ross  und  Stier :  an  der  hintern  Zunge  das  Letzte 

vom  Ross  sagen,  nicht  an  der  vordern.  — 
Bei  der  Fabel  von  Nachtigall  und  Pfau:  Sie  mussen  sich  nicht  die 
Moglichkeit  einer  Steigerung  benehmen;  das  tun  Sie,  wenn  Sie  so 
stark  anfangen.  — 


Besser,  weil  Steigerung  und  dann  Abfall  moglich  ist.  Es  ist  arti- 
kuliert,  aber  Sie  miissen  Ihre  Stimme  mehr  beherrschen,  nicht 
willkiirlich  laufen  lassen.  -- 

Notwendig,  das  leise  Singen  herauszuwetzen.  — 


Nebenbemerkung :  Einige  Leute  stossen  nach  jedem  dritten  Wort 
ein  aaa . . .  hervor.  Sie  sind  hartleibig.  Ein  weichleibiger  Mensch 
kann  nicht  wie  ein  hartleibiger  rezitieren.  Aber  Sie  konnen  nicht 
daraufhin  medizinische  Massregeln  treffen.  Sie  konnen  aber  alles 
erreichen,  wenn  Sie  von  den  Lauten  ausgehen. 


Die  Kursteilnehmer  iiben  das  6.  und  9-  Bild  aus  «Die  Priifung 
der  Seele»,  Mysteriendrama  von  Rudolf  Steiner. 

Die  Bauern  sind  nur  aus  der  Sprache  heraus  zu  charakterisieren. 


# 


5.  Bauer: 
4.  Bauerin : 


3.  Bauer: 

2.  Bauerin : 

3.  Bauerin: 

4.  Bauer: 


5.  Bauerin: 


1 .  Bauer : 

2.  Bauer : 


1.  Bauerin: 


hat  es  mit  i  zu  tun. 

e,  r.  -  In  den  Ton  hinein,  muss  sich  an  ein  geschickr 
tes  Sprechen  gewohnen  durch  Lippenubungen ; 
plastischer  werden. 
e,  r.  -  Das  gleiche. 

Sie  will  den  andern  etwas  sagen,  wovon  sie  glaubt, 

dass  sie  es  allein  weiss. 

Gaumenlaute  als  das  Massgebende. 

stark  konsonantisieren. 

Konsonantenvorbereitung  mit  m. 

liberaler  Bursche,  der  auf  e  und  i  gestimmt  ist; 

etwas  kreischender  Herr. 

Visionar :  u,  o. 

nachgemachte  Frommigkeit,  auf  das  e  angewiesen ; 

etwas  heuchlerisch. 

i;  revolution'ar  im  Ton. 


6.  Bauerin :        gesteigert  in  der  Frommigkeit ;  abstimmen  auf  Um- 

laute,  das  andere  danach  richten ;  inniger  sprechen. 

6.  Bauer :  gescheiter  Schwatzer,  verschmitzt ;  namentlich  ver- 

suchen  breites  e  zu  gebrauchen.  Dann  kriegt  man 
durch  Sprachgestaltung  das  heraus  —  dutch  breites 
e :  das  Unwahre,  leise  Erheuchelte. 

Jude:  sollte  nichts  Naturalistisches  haben,  aber  etwas 

Singendes  in  seiner  Rede.  S-Ubung  zur  Vorberei- 
tung. 

Monch:  gut,  wenn  er  mit  dumpferer  Stimme  genommen 

wiirde,  das  wiirde  dann  sich  abstufen. 

* 

Bertha:  recht  naiv,  nicht  sentimental. 

Joseph  Kiihne :  ist  zu  gleichgultig,  mit  zu  wenig  Anteil,  nicht  ein- 

dringlich  genug. 
Frau  Kiihne :     ist  zu  episch  gelesen,  nicht  dramatisch  genug. 
Lund  2. Bauer:  Es  muss  Leben  in  die  Sache  kommen. 
3.  Bauerin:        Wenn  Sie  sich  in  die  Szene  hineindenken,  werden 

Sie  aus  der  Situation  heraus  sprechen. 
Monch:  Der  Monolog  zeigt,  warum  der  Monch  dem  Rei- 

necke  unverstandlich  ist :  es  ist  eine  Umkehr  in  ihm. 


Aus  dem  Mysteriendrama  «Der  Huter  der  Schwelle»  von  Rudolf 
Steiner  wird  das  achte  Bild,  die  Szene  mit  den  sechs  Biirgern  und 
sechs  Biirgerinnen,  gelesen.  Rudolf  Steiner  bemerkt  dazu:  «In  den 
Namengebungen  ist  schon  angedeutet,  wie  diese  Leute  sind.» 


Ferdinand  Reinecke 
Michael  Edelmann 
Bernhard  Redlich 
Franziska  Demut 
Maria  Treufels 
Luise  Fiirchtegott 


Friedrich  Geist 
Caspar  Sturmer 
Georg  Wahrmund 
Marie  Kiihne 
Hermine  Hauser 
Katharina  Ratsam 


* 


Zur  Festigung  der  Sprache : 


Wage  dein  Wollen  klar, 
Richte  dein  Fiihlen  wahr, 
Stahle  dein  Denken  starr: 
Starres  Denken  tragt, 
Rechtes  Fiihlen  wahrt, 
Klarem  Wollen  folgt 
Die  Tat. 


Nuancierung  der  drei  Seelenkr'afte,  Philia,  Astrid,  Luna,  aus  dem 
Mysteriendrama  «Die  Pforte  der  Einweihung»: 

Philia:  Ich  will  erfiillen  mich 

Mit  klarstem  Lichtessein 

Aus  Weltenweiten, 

Ich  will  eratmen  mir 

Belebenden  Klangesstoff 

Aus  Atherfernen, 

Dass  dir,  geliebte  Schwester, 

Das  Werk  gelingen  kann. 


Astrid:  ^cn  wiM  verweben 

Erstrahlend  Licht 
Mit  dampfender  Finsternis, 
Ich  will  verdichten 
Das  Klangesleben. 
Es  soil  erglitzernd  klingen, 
Es  soli  erklftigend  glkzern, 
Dass  du,  geliebte  Schwester, 
Die  Seelenstrahlen  lenken  kannst. 


Luna:  Icn       erwarmen  Seelenstoff 

Und  will  erharten  Lebensathejr. 
Sie  sollen  sich  verdichten, 
Sie  sollen  sich  erfiihlen, 
Und  in  sich  selber  seiend 
Sich  schaffend  halten, 
Dass  du,  geliebte  Schwester, 
Der  suchenden  Menschenseele 
Des  Wissens  Sicherheit  erzeugen  kannst. 


M    die  Hingabe 
L    das  Hingeben 
N    das  Sich-in-sich-Zuriickziehen 
R    das  Aggressive 
S    das  Abtdtende 
W  B    das  Sich-Umgeben 

(Aus  einem  Notizbuch) 

# 

Wahrend  der  Sommer-  und  Herbst-Kurse  wurden  ausserdem  rezi- 
tiert  aus  « Wir  fanden  einen  Pfad  »  von  Christian  Morgenstern : 

Nun  wohne  Du  darin  . . .  zur  Ubung :  Schwinge  schwere 

Schwalbe  (Seite  54) 
O  Nacht,  du  Sternenbronnen . . .  als  O-Ubung 
An  Viele  /  An  Manche  /  An  Einige 
Wer  vom  Ziel  nicht  weiss . .  . 
Das  b
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