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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Menschenschicksale und Volkerschicksale
Vierzehn Vortr'age, gehalten in Berlin
vom 1. September 1914 bis 6. Juli 1915
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung
Die Herausgabe besorgten Emil Leinhas und Hella Wiesberger
Die Durchsicht der 3. Auflage besorgte Caroline Wispier
1. Auflage (Zyklus 39) unter dem Titel «Zeitbetrachtungen»,
Berlin 1919
2., um die beiden Vortrage vom 16. Marz und 20. April 1919
erweiterte Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
Ein Teil der 2. Auflage erschien zusammen mit dem Zyklus
«Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode», Berlin 1915,
innerhalb der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in einem Band.
3., neu durchgesehene und erweiterte Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1981
Einzelausgabe
Vortrage vom 17. und 19. Januar 1915
«Das Wesen des Christus-Impulses
und seines dienenden michaelischen Geistes»
Dornach 1944
Bibliographie-Nr. 157
Einbandzeichen nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier & Cie AG, Schaffhausen
ISBN 3-72 74-1571-1
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo-
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte ursprunglich, daft seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvoll-
standige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und ver-
breitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung
der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in
ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte,
mulS gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafl
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge~
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster VORTRAG, Berlin, 1. September 1914
Um Menschenschicksale und Volkerschicksale
Der unvollendete Dornacher Bau und der Kriegsbeginn. Vora Glau-
ben an die Sieghaftigkeit des geistigen Lebens. Notwendige Einsicht
in die Weltnotwendigkeit der ernsten Zeitereignisse (Hinweis auf die
Bhagavad Gita). Die erst spater zu verstehende Sprache des darin
waltenden Weltenkarmas. Von der Kraft und Liebe, die aus der
geisteswissenschaftlichen Gesinnung erwachsen kann, um sich in der
rechten Weise helfend in die Zeitereignisse zu stellen. Mantrische
Spriiche.
Zweiter Vortrag, 31. Oktober 1914
Nationalitaten und Nationales im Lichte der
Geisteswissenschaft
Die gegenwartig besondere Notwendigkeit, die aufteren Erscheinun-
gen mit Geisteswissenschaft zu durchdringen. Das Ewige im Men-
schen und seine irdische Konfiguration, zu der das Nationale gehort.
Der Haft der Volker und die Aufhebung alles Nationalen durch den
Tod. Die Nationalitaten Europas als Reprasentanten einzelner We-
sensglieder des Menschen. Der Haft als Wiiten gegen das eigene ho-
here Selbst, das anderen Nationalitaten fur die Zukunft verbunden ist.
Die besonderen Charaktere der Volker Europas. Ihr unterschiedliches
Verhaltnis zu einem Angehdrigen fremder Nationen. Ihre verschiede-
nen Erfahrungen beim Durchschreiten der Todespforte. Ihr Verhalt-
nis zum Kriegfuhren. Die besondere Stellung Ruftlands; Grundstim-
mung des Gebets im Osten; Mereschkowski. Okkulte Erfahrungen
wahrend der Zeit um den Ausbruch des Krieges. Wie Geisteswissen-
schaft in ernster Zeit sich zu bewahren hat.
Dritter Vortrag, 28. November 1914
Vom Wesen der europaischen Volksseelen
Die Schwierigkeit, das irdische Leben als Maja zu durchschauen. Die
Begriindung, daft Sympathie und Antipathie in bezug auf die Erfor-
schung und Charakteristik der Volksseelen ausgeschlossen sind. Das
Verhaltnis der Seele im Schlaf zu den anderen Volksseelen. Von der
Gewalt geistiger Wahrheiten. Das Wirken der Volksgeister in der Er-
denentwicklung, aus dem sich die individuelle Seele mit dem Tode
lost; Sinn des Schlachtentodes. Die unterschiedliche Pragung franzo-
sischer und russischer Seelen durch ihren Volksgeist. Der Kampf ho-
herer Geistwesen um das Hereindringen einer spirituellen Stromung
in die Menschheitsevolution mit Hilfe durch den Tod gegangener
Seelen. Die gegenwartige Verkehrung der geistigen Kampfsituation in
den irdischen Bundnissen und Kampfen. Anthroposophie als Forde-
rung der geistigen Welt an den Menschen. Die Kriegsschuldfrage und
das zu erringende Verhaltnis zum Volksseelenkarma. Der zu leistende
Beitrag fiir die Zukunft durch ein spirituell erneuertes Gedanken-
leben.
VlERTER VORTRAG, 17. Januar 1915
Das Wesen des Christus-Impulses und seines dienenden
michaelischen Geistes. I
Die alle bisherigen Verstandnismoglichkeiten uberragende Grofie des
Christus-Impulses und sein lebendiges Wirken in der Geschichte.
Kampf um Rom zwischen Maxentius und Konstantin im Jahre 312.
Bis ins 879. Jahrhundert in West- und Sudeuropa Verbindung vieler
Seelen mit dem Christentum nur im Atherleib. Das 5. nachatlantische
Zeitalter und die besondere Aufgabe Englands einerseits, des konti-
nentalen Europas andererseits. Das Eingreifen des Christus-Impulses
durch die Tat der Jeanne d 5 Arc. Der Unterschied von Volker- und
Individualentwicklung; im allgemeinen nicht mehrfache Inkarnation
im gleichen Volkstum; Ausnahme in Mitteleuropa. Im heutigen
Osten: viele Seelen, die ehemals das Christentum im Atherleib trugen
und nun eine Gefuhlsverbindung dazu ausbilden. In Mitteleuropa:
seit Jahrhunderten Vorbereitung auf ein erkenntniswaches Verbinden
des Christus-Impulses mit dem Ich und Astralleib. Goethe; Faust.
Die sich erganzenden Zukunftsaufgaben von Mittel- und Osteuropa;
das Unheil fiir beide, wenn Mitteleuropa durch auftere Gewalt ge-
schadigt wiirde.
Funfter Vortrag, 19. Januar 1915
Das Wesen des Christus-Impulses und seines dienenden
michaelischen Geistes. II
Die groften historischen Zusammenhange werden immer aus der gei-
stigen Welt heraus geregelt. Der Unterschied, wie dies zur Zeit der
Jeanne d'Arc und heute geschieht. Die heutige Maschinenwelt, deren
damonisch-ahrimanische Geistigkeit zerstorerisch auf den Menschen
wirkt. Die innerlich offenbarende, geistige Impulsierung des Hirten-
madchens; Verchristlichung altromischen Sehertums; das Geheimnis
ihrer Geburt; der Charakter ihres Todes; Jeanne als Besiegerin luzife-
rischer Gegenmachte. - Wie heute durch menschliches Handeln gott-
lich-geistige Krafte in die ahrimanisierte Welt fliefien konnen; vom
Wesen Michaels; seine Kraft, bis in den physischen Verstand wirken
zu konnen. Widerstand gegen das Ahrimanische durch Spiritualisie-
rung der wachen Verstehenskrafte. Die Obereinstimmung der Zeit-
aufgabe mit der des deutschen Volksgeistes. Charakter der germani-
schen Seelenhaftigkeit: Opferkraft; im gabrielischen Zeitalter mehr
blutsmafiig, im michaelischen in bezug auf den Erkenntniswillen. Das
Unschadlichwerden der ahrimanischen Krafte, wenn sie durchschaut
werden.
Sechster Vortrag, 26. Januar 1915 116
Die Zeitforderung nach geistiger Erkenntnis
Das Hingelenktwerden heutiger Forscher auf das Vorhandensein der
geistigen Welt; Unfahigkeit zur Konsequenz; O. Binswanger; der Zu-
sammenhang von Nervenprozeft und Moralisch-Geistigem. - Das
Wesen der Religionssysteme: Vorstellungen zu vermitteln, die iiber
die Sinneswelt hinausfiihren und fur die geistige Welt starken; die
Notwendigkeit tieferer geistiger Erkraftung heute. Vom Sinn des
Krieges. Die grofie Zahl jung Verstorbener; die unverbrauchte Kraft
ihrer Atherleiber, die der Menschheitsentwicklung dienen kann, wenn
Menschen sich des Zusammenhangs mit der geistigen Welt bewufit
werden. Die Pflege des Verhaltnisses zu den Verstorbenen. Der Zug
einer gewissen - gefahrlichen - Spiritualisierung durch den Krieg. Die
nur spirituell zu verstehende Notwendigkeit des Krieges. Die Zeit-
forderung nach geistiger Anstrengung. Grund fur die Bequemlichkeit:
verborgene Furcht vor zu grower Wachheit in bezug auf irdische und
nachtodliche Realitaten. Zunahme nervoser Storungen (Dostojewski
gegeniiber Hamerling). Die heilende Kraft der Geisteswissenschaft.
Siebenter Vortrag, 22. Februar 1915 142
Personlich-Obersinnliches
Drei konkrete Erfahrungen mit Verstorbenen im Zusammenhang mit
ihren Bestattungsfeiern. Die dreifach verschieden aufgetretene Not-
wendigkeit, nach dem Tod zur Selbsterkenntnis zu kommen. Blen-
dende Oberfiille des Geistes nach dem Tod, die herabgedampft wer-
den mufi, urn Bewufitsein zu ermoglichen. Hilfe durch die Geistes-
wissenschaft. Geisteswissenschaft nicht als Theorie, sondern als Fiih-
rer zu einem lebensvolien Erfassen der geistigen Welt. - Die vielen
unverbrauchten Atherleiber jugendlich Gefallener, deren Krafte in die
Volksseele eingehen; ihr Streben, sich helfend mit den geistigen Kraf-
ten der Lebenden zum Erdenfortschritt zu vereinen. Die Erfahrung
eines solchen Zusammenwirkens mit einem Verstorbenen im Zusam-
menhang mit dem Dornacher Bau.
Achter Vortrag, 2. Marz 1915 167
Die drei Entscheidungen des imaginativen Erkenntnis-
weges
Das Verlassen des Leibes auf dem Erkenntnisweg durch drei Tore.
Das Tor des Todes: Belebung des Gedankens in der Meditation;
Uberwindung innerer Hemmnisse; das Sich-Auswachsen des Gedan-
kens zu einem Kopf-Flugelwesen; Ahrimans Interesse, sein Sichtbar-
werden zu verhindern; notwendige Uberwindung des Irdischen in
seinen Gedanken. — Das Tor der Elemente: der im Meer der belebten
Gedanklichkeit zu ergreifende Wille, Herr der Gedanken zu werden;
Imagination eines Furcht erzeugenden Lowen; seine Uberwindbarkeit
durch die Kraft der Schicksalsidentifikation. Gefahr des Egoismus;
Luzifers Interesse, sie zu verschleiern; graue Magie. - Das Tor der
Sonne: Begegnung mit dem aus der unteren organischen und niedrig-
sten seelischen Natur des Menschen gebildeten Drachen. Unterschied
von «Kopfhellsehen» und «Bauchhellsehen». Ergreifen der hoheren
Krafte der unteren Natur durch noch tiefere Identifikation mit dem
Schicksal. — Schwierigkeiten am Tor des Todes. Notwendigkeit der
Geisterkenntnis heute. Die Bedeutung des Todes als Belehrer fur die
Seele; besonders fiir die fruh Gefallenen.
Neunter Vortrag, 9. Marz 1915 192
Der Rhythmus von Schlafen und Wachen im grofien
Entwickelungsgange des Weltenwesens
Der hohere Erkenntnisprozeft: Bewufitmachen des im Schlaf Erleb-
ten. Die naturgemafie Evolution vom Mond zur Erde und zum Jupi-
ter unter dem Aspekt, dafi « Schlaf » bestimmter Organe Erwachen im
Denken ermoglicht. Der reale Weltvorgang der Meditation: feiner
Warme- und Lichtverbrauch, der einen schattigen, kiihlen Abdruck
im Weltenather hinterlafit. Abdriicke dieser Art, die jedes Ich-Erleb-
nis unwillkiirlich hinterlafit. Das nachtodliche Ankniipfen daran und
ihr karmabildendes Weiterwirken im folgenden Erdenleben. - Schlaf
und Wachen in bezug auf die Geistesgeschichte: Ubergang in den
Tiefschlaf des Materialismus im 19. Jahrhundert (J. Mosen, W. Jor-
dan, J.v. Auffenberg). Die heute sich nicht mehr natiirlich lockernde,
kompakte Verbindung von Geistig-Seelischem und Leiblich-Physi-
schem. Die Aufgabe, das Bewufitsein der geistigen Welt aus freiem
Willen meditativ zu erarbeiten. Das notwendige Zusammenkommen
spiritueller Erkenntnis mit den unverbrauchten Atherkraften der
Kriegsgefallenen.
Zehnter Vortrag, 16. Marz 1915 214
Die Schwierigkeiten des Geistesweges. Die Auspragung
der europaischen Nationalcharaktere durch ihre Volks-
geister
Hauptschwierigkeit des Geistesweges: die feste Verbindung der Seele
mit dem Leibe. Vergleich des Erinnerungsvorgangs mit dem geistiger
Erkenntnis: Siegelabdruck jedes sinnlichen Erlebnisses im Leiblichen,
der durch einen unterbewufken LeseprozefS im Erinnerungsvorgang
seelisch neu belebt wird; Abdruck jeder Meditation in den Welten-
ather. Erste Erfahrungen im Obersinnlichen; Erkenntnis der Zugeho-
rigkeit des geistig Erlebten zum eigenen hoheren Wesen. Meditation
als Arbeit an diesem Wesen. Die Beziehung hierarchischer Wesen
zum Menschen; insbesondere der Volksgeister zu den europaischen
Volkern. Entwicklungsgang des deutschen Volksgeistes; Grund fur
die Verwandtschaft des deutschen Geisteslebens mit dem Weg der
Geisteswissenschaft. Die Gegenwartsereignisse als Bekraftigung des
geistigen Zusammenhangs und als Mahnung fur die Oberwindung des
Materialismus.
Elfter Vortrag, 20. April 1915 233
Der atherische Mensch im physischen Menschen
Die Erfahrung der Seele beim Verlassen des physischen Leibes in be-
zug auf die Erdenwelt; ihr lebendiger Zusammenhang mit dem Wesen
des Erdenorganismus. Entsprechung zwischen Wachen und Schlaf
eines Menschentages und Winter und Sommer im Jahr des Erdgeistes.
Von der Kraft, die seit dem Mysterium von Golgatha im Erdgeist
lebt. Kompliziertheit des Menschenwesens. Die «Lebensalter» der
Seelenfahigkeiten: Erinnerung, Denken, Fixhlen und Wollen im Zu-
sammenhang mit den planetarischen Entwicklungsstufen der Erde
und den jeweils entstandenen Leibesgrundlagen. Die Erinnerung. Der
menschliche Wille und das Karma. Mogliches Durchschauen des
Karma durch den schweigenden Willen (Traum des E. Francisci).
Wirklichkeitsgemafies Beobachten des Lebens als Grundlage fur ein
erkennendes Zusammenwachsen mit der geistigen Welt. Vom Sinn
des Erdenlebens; Mahnung durch die Gegenwartsereignisse.
Zwolfter Vortrag, 10. Juni 1915 249
Uber die plastische Gruppe fur den Bau in Dornach
Der Bau in Dornach; akustische Aspekte. Schilderung der drei Ge-
stalten der plastischen Gruppe. Von den sichtbar zu machenden Kraf-
ten der Mittelgestalt aus der Erkenntnis der Christus-Wesenheit.
Michelangelos Christus-Darstellung im «Jungsten Gericht». Die not-
wendige Pendelbewegung des menschlichen Lebens zwischen dem
Luziferischen und Ahrimanischen. Goethes «Faust» und die Doppel-
heit der Mephistogestalt. Mitteleuropas selbstandige Aufgabe zwi-
schen dem luziferisch ausgerichteten Osten und dem ahrimanisch
onentierten Westen. Der durch die Gegenwartsereignisse geforderte
Ernst.
Dreizehnter Vortrag, 22. Juni 1915 267
Uber die prophetische Natur der Traume
Der Monden-, Sonnen- und Saturnmensch
Das Menschenleben zwischen vergangenen und zukiinftigen Daseins-
formen. Der prophetische Charakter der Traume im Gewand vergan-
gener Erlebnisse; Entstehung des Traumes aus der Wechselwirkung
von astralischem und Atherleib. Die im Menschen verborgen weiter-
lebenden planetarischen Ursachen des Erdendaseins: Das «Monden-
leben» als der «Traumer» im Menschen (Beispiel: Emersons Shake-
speare- und Goethedarstellung); das Hereinwirken der Angeloi in den
«Traumer», aber auch Luzifers und Ahrimans (Beispiel: Jushakov).
Der «Saturnmensch» als Grundlage fur irdisches Leben und aufiere
Wissenschaft; seine Bedeutung fur die zukiinftige Bildung eines mine-
ralischen Geriistes fiir den Jupiter. Das Wirken durch Geisteswissen-
schaft auf den «Sonnenmenschen», als Vorbereitung dafur, dal? auf
dem Jupiter Pflanzenwachstum moglich wird. Das Wirken zukiinfti-
ger Formen der Geisteswissenschaft als Vorbereitung dafur, dafi auf
dem Jupiter eine Tierwelt und die Grundlage einer Menschenkultur
moglich wird. Der Unsinn des rein physikalischen Atomismus. Die
makrokosmische Bedeutung von Gedanke, Wort und Moralitat des
Menschen. Der Vortrag als Erlauterung eines Christus-Wortes.
Vierzehnter Vortrag, 6. Juli 1915 292
Uber die kosmische Bedeutung unserer Sinneswahrneh-
mungen, unseres Denkens, Fuhlens und Wollens
Der Mensch als Welt- und Erdenwesen im Verhaltnis zu dem gerin-
gen Teil, der davon ins Bewufitsein kommt. Der kosmische Aspekt
der Sinneswahrnehmung; das «Sehen» als das Leuchtendmachen der
Erde fiir andere Planeten. Das menschliche Denken und sein Verhalt-
nis zum webenden Athermeer der in Bildern fliefienden Gedanken-
welt. Die noch umfassendere kosmische Bedeutung des Fuhlens und
Wollens: im Menschen entstehende Spiegelbilder von Eigenschaften
und Taten (Fiihlen), bzw. vom Wesen (Wollen) inspirierender, bzw.
weltenbauender Hierarchien. Fiihlen und Wollen als Bausteine zu-
kiinftiger Welten. - Verlust des friiheren Hellsehens urn der Freiheit
willen. Entwicklung des selbstandigen Denkens durch das immer
starkere Ergreifen des physischen Leibes. Das notwendige Gegen-
gewicht durch Geisteswissenschaft. Die Gefahr, daft die zwar geleug-
neten, aber gleichwohl vorhandenen spirituellen Krafte des Menschen
von Luzifer und Ahriman ergriffen werden. Beispiel aus der italieni-
schen Geschichte (Cola di Rienzi und d'Annunzio).
Hinweise 307
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
317
319
ERSTER VORTRAG
Berlin, 1. September 1914
Meine lieben Freunde, mit tief bewegtem Herzen ist es, daft ich in
diesen ernsten Stunden eine Weile unter Euch sein darf und mit
Euch sprechen darf. Unser erster Gedanke sei aber gerichtet an die-
jenigen lieben Freunde, die so oftmals mit uns hier vereint waren,
und die jetzt gerufen sind auf das Feld, wo in einer so eindringli-
chen Weise gekampft wird um Menschenschicksale, um Volker-
schicksale. Und daft wir dieser Freunde in treuer Liebe in dieser
Stunde gedenken und unsere Gedanken ihnen senden, unsere Ge-
danken, denen Kraft innewohnen moge, auf daft sie sich starken
konnen auf dem Plan, wo sie jetzt stehen - zum Zeichen dafiir er-
heben wir uns fur einen Augenblick von unsern Sitzen!
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zurufen wollen wir unsern Freunden, daft der Christus, von
dem so oft hier gesprochen worden ist, sie starkend, iiber sie wal-
tend auf dem Felde, wo jetzt Geschicke der Menschen und Ge-
schicke der Volker sich entscheiden, bei ihnen sei!
Meine lieben Freunde, Ihr wiftt, daft eine urspriingliche Absicht
bestand, den Bau, den wir als eine Warte fur das geistige Leben der
neueren Zeit errichten wollen, wie es unseren Seelen vorschwebt,
im August dieses Jahres fertig zu haben. Das Karma hat es anders
gewollt. Und wir muftten uns, gelassen selbstverstandlich, in dieses
Karma fiigen. Wir dachten eine Weile, daft es gerade in dieser Zeit
sein konnte, daft in diesem Bau Worte gesprochen werden diirften
von jener Siegeszuversicht des geistigen Lebens, von der wir uns
durch unsere Geisteswissenschaft immer mehr und mehr iiberzeu-
gen konnten. Nun steht oder stand in dieser Zeit unser Bau in
Dornach bei Basel nicht fertig da. Aber seine Umhullung steht da.
Die Saulen, die seine, die geistigen Himmelswelten reprasentieren-
den Kuppeln tragen sollten, sind an ihren Orten und sind verbun-
den mit diesen Symbolen des Himmelsdaches. Die Vollendung
wartet noch auf sich. Im Juli war es, wo ich in einem bestimmten
Stadium unseres Baues ahnen konnte, daft das eintreten werde, um
was ich mich bemuht habe: daft dieser Bau auch sein sollte eine
Probe dafiir, daft man durch Form und Zusammenstellung ein
wirklich gutes Horen, einen wirklich akustischen Raum erreichen
konne. Hoffen, sage ich, durfte man das. Denn von den Stellen aus,
wo ich durch Worte priifen konnte, wie die ganze Umschalung den
Ton behandelt, da klang es so, daft man hoffen kann, daft die Ab-
sicht erreicht werden wird, daft es auch an den richtigen Stellen
richtig tonen werde. Daft die Worte, die unserer Gesinnung ge-
weiht sind, also in diesem Raume tonen mogen, das ist unsere
Hoffnung.
Die ersten Tone, die unsere in Dornach arbeitenden Freunde
horten, waren der Widerklang des Feuers, das in unserer unmittel-
baren Nahe stattfand, das heraustonte aus den ersten Unterneh-
mungen der ernsten Ereignisse, innerhalb deren wir jetzt leben.
Denn unser Bau sieht hinunter auf dasjenige Feld im Oberelsaft, an
dessen nach der Schweiz hin gerichteten angrenzenden Gefildungen
er steht. Und es waren nicht nur die Signale der ernsten Ereignisse
unserer Zeit zu horen, sondern zu sehen war auch von den ver-
schiedenen Punkten unseres Baues aus das Feuer der Kanonen im
Oberelsaft. Was dort geschah, das sprach zuerst als Echo in unseren
Gegenden. In uns lebte, wenn wir uns inmitten der Arbeit zu unse-
ren Besprechungen trafen, der Gedanke, daft aus den ernsten Er-
eignissen, innerhalb welcher wir leben, der Menschheit erstehen
moge ein Friedensboden, auf dem erbliihen kann Heil und Segen
der Entwickelung der Menschheit.
Wie bricht, zuweilen zu dem einzelnen symbolisch sprechend,
ein solches Ereignis herein, wie wir es jetzt erleben! Vielleicht ist in
den Handen einiger von Euch, meine lieben Freunde, der erste
Band meines Buches «Die Ratsel der Philosophie», in dem ich dar-
stellen wollte den Entwickelungsgang der Menschheit im Suchen
nach den groften Weltenratseln, in dem ich darstellen wollte den
Zug des Gedankens durch Menschen- und Volkerherzen. Der
zweite Band ist, wie Ihr wiftt, noch nicht erschienen; aber er ist im
Drucke fertig bis in den dreizehnten Bogen hinein. Dieser drei-
zehnte Bogen behandelt auf den letzten Seiten, die noch gedruckt
sind, die Philosophic Boutroux' und Bergsons und geht dann iiber
zu Preuft, um als Letztes, was noch gedruckt worden ist, bevor das
grofte Ereignis begonnen hat, zu behandeln den - nach meinem
Empfinden dasjenige, was der Philosoph Bergson will, unendlich
tiefer ergreifenden - in der deutschen philosophisch-naturwissen-
schaftlichen Entwickelung stehenden Einsiedler Preuft. Mit wuch ti-
ger Kraft findet man bei dieser Denkerpersonlichkeit Preuft dasjeni-
ge, was ein naturwissenschaftlich Denkender iiber das Geistesleben
sagen konnte. So schlofi sich zusammen in diesem dreizehnten Bo-
gen dasjenige, was Gedanken behandeln sollte, die im Westen Eu-
ropas und solche, die im Herzen Europas ersprossen sind. Mitten
im Satze schlielk mein Druck ab, gleichsam symbolisch spaltend
das Geistesleben derjenigen Menschen, zwischen denen jetzt auf
dem physischen Plan der schwere Kampf entbrannt ist, der uns so
viel bewegt. Und in den ersten Augusttagen muftte ich oft die wei-
ften Seiten des unbedruckt gebliebenen Bogens mir anschauen, denn
auch das wirkte wie ein merkwiirdiges Symbolum auf mein Gemut.
Meine lieben Freunde, wir stehen nicht in einer Zeit, in der un-
tergeordnete Ereignisse des Menschenlebens entschieden werden.
So schnell auch diese Ereignisse hereingebrochen sind: tief eingrei-
fend sind sie und aus einer Notwendigkeit hervorgegangen, die
gleich derjenigen ist, mit der sich einmal Europens Geschicke in
den Zeiten der Volkerwanderung aus harten, schweren Kampfen
heraus entwickelt haben. Was in diesen Zeiten bei dem Bekenner
der Geisteswissenschaft sein mu!5, das ist die Zuversicht in den Sieg
und in die Sieghaftigkeit des geistigen Lebens und die Festigkeit in
dem Glauben, daft die weltenlenkenden Geister die Dinge so ent-
scheiden werden, wie es zum Heile der Menschheit notwendig ist.
Derjenige, der heute einen Trost braucht dafiir, dafi durch die
Geisteswissenschaft eng befreundete Menschen im Feuer einander
gegeniiberstehen, der versuche sich diesen Trost zu holen aus den
Worten, die uns klingen aus der Bhagavad Gita. Sie weisen uns in
alte Zeiten der Menschheitsentwickelung, dahin, wo aus einem ur-
spriinglichen primitiven Leben der Menschheit ein spateres Leben
hervorgetreten ist, in welchem nach den geistigen Gesetzen, die wir
ja kennen, vereint waren solche, die fruher als Briider mit Briidern,
Schwestern mit Schwestern gelebt haben. Der Ubergang war ge-
schehen zu einem andern Leben der Menschheit, zu einer Verbrei-
terung der Menschheit, so daft innerhalb jener Neuordnung der
Menschheit kampfend sich gegeniiberstanden diejenigen, die sich
Briider wufken. Aber der Geist, der durch die Menschheitsent-
wickelung geht, findet die rechten Worte, um Zuversicht und
Glauben und Sicherheit in die Seelen zu gieften, die sich also gegen-
iiberstehen.
Wiederum erleben wir heute Zeiten, in denen sich aus verschie-
densten Gegenden der Erde durch jene Geistesstromung, die wir
die unsrige nennen, Menschen zusammengefunden haben, die
durch ihre Empfindungen, durch das, was sie aus der Seele Tiefen
heraus tief verbindet, sich Briider, sich Schwestern nennen. Und
wiederum miissen sie einander gegeniiberstehen. Das Menschheits-
karma will es so. Aber, meine lieben Freunde, die Gewiftheit miis-
sen wir gewonnen haben durch das, was wir von unserer geistigen
Stromung in unsere Herzen und in unsere Seelen aufgenommen ha-
ben, daft der Geist, der durch die Menschheitsentwickelung walk,
uns in diesen Sturmeszeiten kraftige und mit Zuversicht erfulle, so
daft wir den Glauben in uns tragen konnen, dafi im Weltenkarma
das Rechte geschehen werde, daft gekampft werden mufi, dafi Blut
uber Blut fliefien mufi, damit erreicht werden konne, was der Wel-
ten-Schicksalslenker mit der Erdenmenschheit erreichen will. Auch
ein Opferblut wird dieses sein, ein heiliges Opferblut! Und diejeni-
gen unserer Lieben, die dieses Opferblut vergieften werden, sie
werden in den geistigen Reichen starke Heifer der Menschheit wer-
den nach den schonsten, nach den hehrsten Zielen. Denn auf viele
Arten sprechen die Weltengeister zu uns Menschen. Sie sprechen zu
uns auf die Art, wie wir es gewohnt sind innerhalb unserer Kreise
durch die Worte, die entnommen sind unserer geistigen Forschung
und unserer geistigen Gesinnung. Sie sprechen aber auch zu uns
durch die ernsten Zeichen des Kriegesdonners. Und so sehr es
mancher Seele naheliegen mochte, mit Bedauern darauf hinzublik-
ken, daft auch diese Sprache in der Weltenlenkung der Menschheit
gefuhrt werden mull - geistergriffene Seelen miissen bedenken kon-
nen, daft solche Sprache im Weltenkarma notwendig ist. Es ist die
Sprache, deren richtigen Sinn zu verstehen fur den einzelnen Fall
erst den folgenden Zeiten auferlegt ist, die auf dasjenige zuriickblik-
ken konnen, was ihnen dadurch geworden ist, daft ihre Vorfahren
ihren Leib zum Opfer gebracht haben, um aus diesem Opfer des
Kriegsfeldes heraus die verklarte Seele zum Heile der Menschheit in
die geistigen Spharen hinaufzuschwingen. Und mit diesem Funken
geistiger Ergriffenheit im Herzen konnen wir uns gestarkt hinein-
stellen in alle die Sorgen, in alle die tiefen Bekiimmernisse und Be-
trubnisse, aber auch in alle die Hoffnungen und in alle die Zuver-
sichten, welche Ereignisse solch ernster Art, wie die gegenwartigen,
vor unsern aufteren Augen darstellen und offenbaren.
Meine lieben Freunde, am 26. Juli konnte ich in Dornach zu un-
seren dort versammelten Freunden, anschlieftend an einen Vortrag,
der die Angelegenheiten unseres Baues betraf, die Worte sprechen,
die hinwiesen auf die ernsten Zeiten, die uns bevorstehen. Unter
den Zuhorern dieses 26. Juli waren auch diejenigen unserer damals
dort befindlichen Freunde, die jetzt schon drauften stehen auf dem
Felde der ernsten, der ernstesten Ereignisse. Damals durfte ich ne-
ben unserem Bau in Dornach, der eine Geisteswarte werden soil,
unseren Freunden die Worte ins Herz rufen: Moge dasjenige, was
wir uns durch unsere geistige Stromung und durch unsere geistige
Gesinnung angeeignet haben, in jedem einzelnen von uns dahin
wirken, daft er die Moglichkeit finde in dem, was jetzt kommen
werde, kraftvoll, zuversichtlich an dem Orte in der Welt zu stehen,
auf den ihn das Schicksal hinstellt.
Es waren Beweisstiicke dafur da, daft unsere geistige Bewegung
Kraft zu geben vermag, rechte Kraft auch in solchen Zeiten, in de-
nen wir jetzt leben, und in solchen ernsten Ereignissen, in denen
wir jetzt stehen. Und vielleicht gehort es auch zu dem Schmieden
dieser Kraft, daft diejenigen, an denen drauften die Kugeln vorbei-
pfeifen, die im Sturmesgebraus des Kriegsdonners leben miissen,
daft diese wissen diirfen, wie wir in treuer Liebe, und in uns hegend
alle die Gedanken, die ihnen starkend helfen wollen, ihrer geden-
ken, uns mit ihnen zusammengehorig fiihlen. Wie stiinde es um un-
sere Bewegung, wenn sie nicht geeignet ware, Seelenkrafte auf-
rechtzuerhalten dort, wo diese Seelenkrafte starken Priifungen der
Welt ausgesetzt sind! Moge uns die Kraft, die wir selber gewonnen
haben, dauernd fest zusammenhalten mit den lieben Freunden, die
drauften stehen, und moge diese Kraft so stark sein, da/5 sie in der
geistigen Welt etwas ist, daft der Geist, den wir in uns aufzuneh-
men versuchten, im Weltenwirken selber etwas sein konne; und
moge die Liebe, die wir vereint wissen mit unserem geistigen
Streben, sich insbesondere dort stark erweisen, wo unsere Freunde
drauften in der physischen Welt ein heiliges Opfer zu bringen
haben!
Meine lieben Freunde, vieles wird uns noch vor Augen treten im
Gefolge desjenigen, was jetzt begonnen hat. Wir aber haben es oft
ausgesprochen, das Wort von der kraftvollen Gelassenheit. Moge es
sich an unseren Seelen jetzt erfiillen. Nicht sei es das Wort von je-
ner bequemen Gelassenheit, die den Dingen zusieht in Gleichgul-
tigkeit, sondern es sei das Wort von jener tatkraftigen Gelassenheit,
die Mittel und Wege sucht, und durch treues geistiges Suchen auch
findet - um am rechten Orte das Rechte zu tun. Oftmals muftte ich
mich in diesem August fragen, ob es recht sei, unsere Freunde an
unserem Bau in Dornach zuriickzuhalten, und ob nicht mancher
an einem anderen Platz in dieser Zeit Bedeutungsvolleres leisten
konne. Doch es scheint, daft es gut ist, daft es zusammenhangt mit
gewissen Kraften, die der Geist in unseren Zeiten braucht, daft die-
ser Bail nicht stillesteht. So wird denn treulich an ihm auch in die-
sen schweren Zeiten fortgearbeitet. So soil er denn lebendig erhalten
werden in dem Gedanken, daft er ja gerade ein Wahrzeichen sein
soil fur das richtige Verstandnis der groften Taten, die in unserer
Zeit geschehen, ein Wahrzeichen fur das Verstandnis, daft bei al-
lem, was in unserer Zeit geschieht, auch des Geistes Kraft sein muV
se. Und den Glauben hegen wir, daft alle die Freunde, die bei ihrer
Pflicht in Dornach ausharren, weil dieses ihr Karma zu sein scheint,
auch in alledem, was sich an Wichtigem ergeben wird aus den ge-
waltig bewegenden Ereignissen, in denen wir stehen, ihre Stelle
werden ausfiillen konnen, jeder an dem Platze, an den ihn das
Karma hinstellt. Versuchen wir es, meine lieben Freunde, so wie es
uns erscheint nach dem, was der Tag an unsere Seelen heranbringt,
was der Tag uns beobachten laftt als unsere etwaige Pflicht in dieser
Zeit, versuchen wir das alles zu tun; versuchen wir jede Pflicht zu
tun, die wir ansehen miissen als eine Pflicht selbstloser Menschen-
liebe, als eine Pflicht der Opferwilligkeit in der Zeit, wo von den
Menschen so viele Opfer verlangt werden miissen. Beteiligen wir
uns an dem Opferdienst der Menschheitsentwickelung nach der
Art, wie es unseren Kraften vom Karma zugeteilt erscheint, helfen
wir iiberall, wo wir helfen konnen. Suchen wir die Moglichkeiten
auf, wo uns gestattet ist zu helfen, und vergessen wir nicht, daft wir
die Uberzeugung in uns aufgenommen haben, daft der Geist ein
wirksames Werkzeug im menschlichen Helfen, in der menschlichen
dienenden Liebe hat.
Als unsere Freunde in Dornach auch etwas zu verstehen verlang-
ten von aufteren Hilfeleistungen, von ersten Verbanden, da wurde
nicht nur in einer Reihe von Stunden Anleitung zu solchem Ver-
binden innerhalb unseres Baues zu geben versucht fur den Fall, daft
einstmals einen von uns sein Karma dazu rufen sollte, solche
Kenntnis anzuwenden, sondern es lag mir am Herzen, unseren
Freuden auch die Worte zu sagen, welche aus geistiger Anschauung
heraus, in der helfenden liebenden Seele erfiihlt, die werktatige gei-
stige Liebe hiniibertragen konnen aus der verbindenden Hand, aus
dem helfenden Leibe - auf geistige Art - in denjenigen, dem gehol-
fen werden soli. Wie in der menschlichen Organisation selber hei-
lende Krafte liegen, wie in dem Blute, das aus der Wunde flielk,
zugleich dasjenige lebt, was heilend auf die Wunde wirkt, darauf
wurde zuerst aufmerksam gemacht. Und dann wurde gesagt, dafi es
gut ist, das Herz beim Heilen gegeniiber dem hilfebediirftigen
Menschen zu erfiillen mit den Worten:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
Liebende Pflege
Warmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
Ich glaube zu wissen, dafi die Seek, die sich mit solcher Gesin-
nung erfiillt, der Hand, die helfen will, eine helfende Kraft zu ge-
ben in der Lage ist. Und wie sollten wir nicht nach allem, was
durch die Jahre durch unsere Seelen gezogen ist, davon iiberzeugt
sein, dafi die Erfiillung mit dem Christus-Geist in dieser Zeit uns
die Fahigkeit erteilen wird, in reenter Art don einzugreifen, wo es
das Schicksal fordert, wo uns das Schicksal hinstellt. Wie oft kon-
nen wir Gelegenheit erhalten, in dem, was uns die nachsten Zeiten
bringen konnen, zu erproben, ob wir von dem Christus in der rich-
tigen Weise durchdrungen sind, der von unseren eigenen Herzen
hiniiberwirkt in die Herzen der anderen Menschen, der den leiden-
den, den schmerzertragenden Menschen in eine Einheit mit uns sel-
ber verwebt. Wie oft wurde davon gesprochen, daft es zur Entwik-
kelung der Menschenseelen in die geistigen Welten hinein gehore,
das eigene Gefuhl verbinden zu konnen mit dem Schmerz, der in
dem andern lebt. Und gerade an den Stellen, wo die Ereignisse un-
serer Zeit Schmerz wirken werden, da wird oftmals des einen oder
des andern Platz von uns sein; da werden wir erproben konnen, ob
wir stark genug sind, um das rechte Gefuhl mit dem Schmerz des
andern zu verbinden, ob der Schmerz, der driiben in der anderen
Seele lebt, unser Schmerz, unser gefuhlter Schmerz sein kann.
Daft es so sein kann, daft die Menschheit allmahlich dazu kom-
men kann, daft der Schmerz, der in dem andern lebt, uns nicht sel-
ber meidet, sondern in uns fortwebt, dazu ist Christi Blut auf Gol-
gatha geflossen. Darum suchen wir auch die Gesinnung, die hiermit
angedeutet ist, gerade in diesen Zeiten in unseren Seelen zu verstar-
ken. Das kann geschehen mit Worten wie diesen, die man ganz wie
zu sich selber spricht, moglichst oft in den Gedanken, die uns ver-
binden mit dem Ernst dieser Zeit, indem man in der ersten Zeile
sich an den Mitmenschen wendet. Die Worte lauten:
So lang du den Schmerz erfuhlest,
Der mich meidet,
Ist Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.
Denn schwach nur bleibet der Geist,
Wenn er allein im eignen Leibe
Des Leidesfiihlens machtig ist.
Ja, meine lieben Freunde, jetzt sind die Zeiten, in denen eine jede
Seele, die gelernt hat in die geistige Welt aufzuschauen, die bitten-
den Gedanken an die Geister richten muft, von denen sie sich ge-
schiitzt glaubt, daft diese Geister helfen mogen, uns in der richtigen
Weise in die Zeit hineinzufuhren. Und empfinden werden wir das
Rechte in unserem Herzen, die rechten Krafte in unserer Seele,
wenn wir uns zu dem Geiste wenden, der uns fuhren soil durch
unsere Erdeninkarnationen hindurch zu unserm eigenen Rech-
ten. Und wie konnen wir wissen, daft unsere Bitten sich an den
rechten Geist wenden? Wir konnen es empfinden, wenn wir uns
an diesen Geist so wenden, wie es im Sinne des wahren Christus-
Impulses ist.
Denn der Geist, der uns zum Rechten fuhrt - dessen konnen wir
sicher sein, meine lieben Freunde -, er ist mit dem Christus ver-
bunden. Er halt Zwiesprache mit dem Christus. Er halt solche
Zwiesprache mit dem Christus in der geistigen Welt, daft aus dem,
wofiir jetzt gekampft wird, wofiir jetzt Blut vergossen wird, das
Rechte zum Heil der Menschheit geschehe. Im Geiste des Christus
wenden wir uns an den Geist, von dem wir beschiitzt sein wollen.
Dann wird es der richtige Geist sein.
Was das Wesen eines Geistes ist, das nennt man in der Sprache
der Geisteswissenschaft das Alter eines Geistes. Darum kommt die-
ses Wort in der Formel vor, von der jetzt Euch Mitteilung gesche-
hen soil. Das Wort Alter bedeutet darin etwa dasselbe wie das We-
sen des Geistes. Denn danach, wie die Geister alt sind, haben wir
sie ja unterscheiden gelernt. Wir sprechen von luziferischen und ah-
rimanischen Geistern gerade in diesem Sinne, daft wir wissen: sie
entwickeln in einem ihnen unrecht zukommenden Alter das, was
im richtigen Zeitalter das der Welt Angemessene in der Entwicke-
lung ist. Daher sprechen wir von dem Alter eines Geistes, wenn wir
von seiner Wesenheit sprechen. Die Formel, die jetzt mitgeteilt
werden soil, heiftt:
Du, meines Erdenraumes Geist,
Enthiille deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daft strebend sie finden kann
Im Chor der Friedensspharen
Dich, tonend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns.
Ja, versuchen wir fruchtbar zu machen dasjenige, was sich in un-
sere Seelen pflanzen konnte im Laufe unseres geistigen Strebens,
versuchen wir, dieses so fruchtbar zu machen, daft wir erhoffen
konnen, unseren Prufungen gewachsen zu sein. Versuchen wir den
Glauben, daft Liebe die Seele unseres geistigen Strebens ist, zu er-
weisen in einer Zeit, in welcher Liebe, Liebe, Liebe notwendig ist!
Meine lieben Freunde, das war es, was mir am Herzen lag, zu
Euren Seelen gerade am heutigen Abend zu sprechen. Moge die
Liebe, an die wir so oftmals appelliert haben, in uns kraftig Wurzel
fassen. Mogen wir die Moglichkeit finden, in ernsten Zeiten treu
zusammenzuhalten selber und zusammenzuhalten mit alien heiligen
Gutern der Menschheit. Dieses, meine lieben Freunde, mit meinen
Empfindungen zu verbinden und immer wieder und wieder auch
meine Gedanken mit den Eurigen zu vereinigen in den nachsten
Zeiten, das verspreche ich Euch. Und moge uns beschieden sein
nach dem Erleben der Symbole, von denen in den Eingangsworten
des heutigen Abends gesprochen worden ist, nachdem in unserem
Dornacher Bau widergehallt hat der Ton des Krieges, widerge-
schienen hat der Lichtschein des Krieges, moge uns beschieden
sein, daft gesprochen werden diirfe in kiirzerer oder langerer Zeit in
diesem Bau das Wort von der Zuversicht in den Sieg und die Sieg-
haftigkeit des Geistes, gesprochen werden diirfe in dem Bewuftt-
sein, daft dieser Bau von seiner erhohten Stelle aus herabschaut auf
eine Menschheit, welche durch die schweren Priifungen und durch
die schweren Kampfe dieser Zeiten sich ein Rechtes, ein Gutes, ein
Schemes, ein Wahres innerhalb der Menschheitsentwickelung er-
kampft hat. Mogen die Tage des Kampfes so verlaufen, daft in den
kiinftigen Tagen des Friedens mit Befriedigung auf die Opfer zu-
riickgeschaut werden darf, welche diese Zeiten gefordert haben.
Hoffen mochte ich, daft diese Worte, die ich am heutigen Abend
zu sprechen versuchte, Eure Seelen mit derjenigen Tiefe beruhren,
von der ich glaube, daft sie aus ihr entsprungen sind. Mogen sie
Euch einiges sein in den Zeiten, in denen mancher von uns so viel
zu ertragen hat. Mogen sie aber auch Euch dasjenige sein konnen,
was alle die Herzen, die jetzt mit edler Begeisterung und mit fro-
hem Kampfesmute erfullt sind, so erfiillt mit dieser edlen Begeiste-
rung und mit diesem Kampfesmute, daft die Geister, die da wissen,
was das Rechte ist, in diese Herzen mit Befriedigung schauen wer-
den. Erfiillen wir uns mit solchen Gesinnungen, und wir werden
die Moglichkeit haben, am rechten Orte das Rechte zu tun. Das ist
es, wozu uns unsere geistige Arbeit, die wir nun schon seit Jahren
zu vollbringen versuchten, Kraft geben soli und Kraft geben moge.
Auf Wiedersehen, meine lieben Freunde, in dieser Gesinnung
und aus diesen Empfindungen des Herzens heraus!
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 31. Oktober 1914
Meine lieben Freunde! Auch heute sollen unsere ersten Gedanken
denjenigen gelten, die draufien im Felde stehen und mit ihrem
Leibe und mit ihrem ganzen Sein fiir das einzutreten haben, was
unsere Zeit von ihnen fordert. Wir richten daher die Gedanken an
diejenigen geistigen Wesenheiten, welche diese draufien im Felde
Stehenden in Schutz nehmen.
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und fiir diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die
Pforte des Todes gegangen sind, sprechen wir:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, den wir seit vielen Jahren wahrend unseres Stre-
bens suchten, der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha
gegangen ist, der Christus-Geist, der Geist des Mutes, der Geist der
Kraft, der Geist der Einigung, der Geist des Friedens - Er moge
waken iiber all demjenigen, was Ihr in diesen Tagen zu verrichten
habt!
Mehr als zu anderen Zeiten mufi in diesen Tagen, in diesen Wo-
chen schwerer Ereignisse der Ernst unseres geistigen Strebens un-
sere Seelen durchweben, der Ernst, aus dem heraus wir empfinden
konnen, wie mit allem wahrhaft Menschlichen dasjenige zusam-
menhangt, was wir durch unsere geistige Stromung erstreben. Wir
streben das an, was nicht allein zu dem voriibergehenden Sein des
Menschen spricht, zu demjenigen Sein, welches hingeht mit des
Menschen physischem Leibe; wir sprechen von Weistiimern, wir
sprechen von Seelen- und geistigen Kraften, welche sich unmittel-
bar an jenes hohere Selbst im Menschen richten, welches mehr ist
als dasjenige, das hinwelken kann mit dem Leibe und seinem Da-
sein. Wir haben oftmals das Wort Maja gebraucht von den aufteren
Erscheinungen, und wir haben es oft betont, daft die aufteren Er-
scheinungen, die Zusammenhange des physischen Lebens dadurch
eine Maja werden, daft der Mensch sie eben mit seiner Erkenntnis,
mit seinem Erkenntnisvermogen nicht richtig durchdringt, durch-
schaut und dadurch nicht empfindet, nicht vernimmt, was als das
Bedeutungsvolle, als das eigentlich Wesenhafte aus den aufteren Er-
scheinungen zu uns spricht; sondern daft mit seinem Erkenntnis-
vermogen dieser Mensch selber einen Schleier, ein Gewebe der
Tauschung iiber die aufteren Ereignisse hinzieht. Dadurch werden
sie zur Maja.
Ein Weistum darf vor allem in diesen Tagen vor unsere Seele tre-
ten, weil wir ja verstehende Liebe, liebendes Verstandnis desjenigen
suchen, was um uns herum vorgeht, ein Weistum kann insbeson-
dere vor unsere Seele treten, eine Erkenntnis, die ja im Grunde ge-
nommen im Mittelpunkte steht von alledem, was wir erkenntnis-
maftig erstreben. Aber sie muft eben in diesen Tagen vor unsere
Seele treten mit all dem tiefen Ernst und der sittlichen Wiirde, die
in ihr ist. Das ist die Erkenntnis - sie ist uns ja schon zur einfach-
sten, elementarsten Erkenntnis des geistigen Lebens geworden -
von der Wiederkehr der Erdenleben, die Wahrheit, daft unsere
Seele im Laufe der Zeiten von Leib zu Leib schreitet. Dem gegen-
iiber, was da als das Ewige im Menschen von Leib zu Leib eilt in
der Aufeinanderfolge der irdischen Inkarnationen des Menschen,
steht das, was mit dem leiblich-physischen Dasein des Menschen
zusammenhangt, steht das auf dem physischen Plan, was diesem
aufteren physisch-leiblichen Dasein des Menschen die Konfigura-
tion, die Formation, das Geprage gibt. Und zu alledem, was dieses
auftere Geprage gibt, was gleichsam den Charakter des Menschen
bedingt, insofern er in einem physischen Leibe auf dem physischen
Plan lebt, gehort insbesondere dasjenige - wir diirfen in keinem
Augenblicke, besonders in dieser Zeit, das vergessen -, was man
zusammenzufassen hat unter dem Ausdruck der Nationalist.
Wenn wir den Seelenblick auf das richten, was wir als des Men-
schen hoheres Selbst bezeichnen, da verliert der Ausdruck Nationa-
list seine Bedeutung. Denn zu alledem, was wir ablegen, wenn wir
durch die Pforte des Todes gehen, gehort der ganze Umfang desje-
nigen, was sich befaftt mit dem Ausdruck der Nationalist. Und
wenn wir im Ernste dasjenige sein wollen, als was wir uns als gei-
stig strebende Menschen wissen wollen, so geziemt es sich fur uns,
daran zu denken, daft der Mensch, indem er durch seine aufeinan-
derfolgenden Inkarnationen geht, nicht einer, sondern verschiede-
nen Nationalitaten angehort, und daft das, was ihn mit der Natio-
nalitat verbindet, eben zu demjenigen gehort, was abgelegt wird, in
dem Augenblicke abgelegt werden muft, da wir durch die Pforte
des Todes gehen.
Wahrheiten, die in das Gebiet des Ewigen gehen, brauchen nicht
leicht zu begreifen zu sein. Sie konnen schon solche sein, gegen die
sich auch zu gewissen Zeiten das Gefuhl strauben mag; die man
sich besonders in schwierigen Zeiten schwierig erringen und in die-
sen schwierigen Zeiten schwierig auch in ihrer vollen Starke und
Klarheit bewahren kann. Aber der wahre Anthroposoph muft das,
und er wird gerade dadurch zum rechten Verstandnisse dessen
kommen, was ihn in der aufteren physischen Welt umgibt. Die
Bausteine zu diesem Verstandnisse sind ja bereits in unserem
anthroposophischen Streben dargebracht worden. In dem Vortrags-
zyklus iiber die Volksseelen finden Sie gewissermaften alles das ent-
halten, was Verstandnis geben kann iiber den Zusammenhang der
Menschen, insofern diese Menschenwesen im Ewigen sind, mit ih-
ren Nationalitaten. Diese Vortrage wurden allerdings inmitten des
Friedens gehalten, wo die Seelen geeigneter und bereiter sind, um
objektive, ungeschminkte Wahrheiten voll aufzunehmen. Vielleicht
ist es schwierig, diese Wahrheiten heute in derselben objektiven Wei-
se zu bewahren, wie sie damals hingenommen worden sind. Aber
gerade dadurch werden wir unsere Seelen in der allerbesten Weise
zu der Starke bereiten, die sie heute brauchen, wenn wir auch heu-
te diese Wahrheiten in der objektiven Weise hinnehmen konnen.
Stellen wir vor unser Seelenauge das Bild des auf dem Schlacht-
felde durch die Pforte des Todes gehenden Kriegers. Begreifen wir,
daft dies ein ganz besonderer Fall ist, durch die Pforte des Todes zu
gehen. Begreifen wir, daft der Eintritt erfolgt in eine Welt, welche
wir mit alien Fasern unseres seelischen Lebens durch die Geistes-
wissenschaft suchen, damit sie uns Klarheit hereinbringt auch in das
physische Leben. Bedenken wir, daft durch den Tod der Eintritt in
diese geistige Welt erfolgt, in die nicht unmittelbar andere Lebens-
impulse mitgenommen werden konnen - weil sie nicht fruchtbar
waren - als diejenigen, die unser geistiges Streben beleben und die
doch zuletzt darauf ausgehen, "ein briiderliches Band zu schlingen
um alle Menschen des Erdenrundes. In einem hoheren Lichte er-
scheint uns dann ein Volksausspruch, der einfach ist, wenn wir ihn
mit anthroposophischer Weisheit beleuchten, der Volksausspruch:
Der Tod macht alle gleich. Er macht sie alle gleich: Franzosen und
Englander und Deutsche und Russen. Das ist doch wahr. Und stel-
len wir dagegen dasjenige, was uns heute auf dem physischen Plan
umgibt, so werden wir wohl den Grund empfinden, um auf diesem
Felde liber die Maja hinuberzukommen und in den Ereignissen ihr
Wesenhaftes zu suchen. Stellen wir dem gegeniiber, mit welchen
Haft- und Antipathiegefiihlen Europas Volker in dieser Stunde er-
fullt sind. Stellen wir dem gegeniiber alles das, was von den einzel-
nen Gebieten der europaischen Erde die einzelnen Volker gegenein-
ander empfinden und in dem, was sie reden und schreiben, zum
Ausdruck bringen. Stellen wir auch einmal vor unser Seelenauge al-
les dasjenige hin, was da an Antipathien sich seelisch auslebt in un-
serer Zeit.
Wie sollen wir in der Wahrheit diese Dinge ansehen? Wo liegt
auf diesem Gebiete das, was hinuberfuhrt iiber die Maja, liber die
grofte Tauschung? Wir lernen auf der Erde einander nicht kennen,
wenn wir uns so ansehen, daft wir in dem allgemein Menschlichen
ein Abstraktes anschauen, sondern wir lernen uns nur dadurch
kennen, daft wir in die Lage kommen, wirklich die Eigentiimlich-
keiten der Menschen, die iiber die Erde verbreitet sind, zu verste-
hen, in ihrer Konkretheit zu verstehen, in dem, was sie im einzel-
nen sind, wie man einen Menschen im Leben nicht dadurch ken-
nenlernt, daft man einfach sagt: er ist ein Mensch wie ich, und er
muft alle Eigenschaften haben wie ich auch, sondern daft man von
sich absieht und auf seine, des anderen Eigenschaften eingeht.
Nun ist in dem Vortragszyklus iiber die Volksseelen gezeigt, wie
das, was als Seelenglieder in uns vorhanden ist - Empfindungsseele,
Verstandes- oder Gemiitsseele, Bewufttseinsseele, Ich und Geist-
selbst - verteilt ist auf die europaischen Nationen; wie jede Natio-
nalist im Grunde genommen eine Einseitigkeit reprasentiert. Und
weiter ist dort ausgesprochen, daft so, wie die einzelnen Seelenglie-
der in uns selbst zusammenzuwirken haben, so haben in Wahrheit
die einzelnen Nationalitaten zusammenzuwirken zu der gesamt-
europaischen Seele. Wenn wir auf die italienische, auf die spanische
Halbinsel hinblicken, so finden wir, daft dort das Nationale sich
auslebt als Empfindungsseele. In Frankreich lebt es sich aus als Ver-
standes- oder Gemiitsseele. Wenn wir auf die britischen Inseln ge-
hen, so sehen wir, wie es sich als Bewufttseinsseele auslebt. In Mit-
teleuropa lebt sich das Nationale aus als Ich. Und wenn wir nach
dem Osten hiniiberblicken, so ist dies die Gegend, wo es sich aus-
lebt - obwohl der Ausdruck nicht ganz richtig ist, wie wir nachher
sehen werden - als Geistselbst. Was sich so auslebt, steht im Natio-
nalen darinnen. Aber das, was im Menschen das Ewige ist, das geht
iiber das Nationale hinaus, das sucht der Mensch, wenn er sich gei-
stig vertieft. Dem gegeniiber ist das Nationale nur ein Kleid, eine
Hiille, und der Mensch erhebt sich um so hoher, je mehr er sich zu
dieser Einsicht durchringen kann. Insofern aber der Mensch in der
physischen Welt lebt, lebt er eben in der nationalen Hiille, in dem,
was seiner aufteren Leiblichkeit die Konfiguration gibt, was im
Grunde genommen auch gewissen Eigenschaften, Charaktereigen-
tiimlichkeiten seiner Seele die Konfiguration gibt.
Und nun sehen wir in Abneigung, in Haft die Angehorigen der
verschiedenen Nationalitaten gegeneinander. Ich spreche jetzt nicht
von dem, was im Waffenkampfe vor sich geht. Ich spreche von
dem, was in den Gefiihlen, in den Leidenschaften der Menschen-
seelen vor sich geht. Da haben wir eine Seele: die hat sich darauf
vorzubereiten, nun empfangen zu werden von einer geistigen Welt,
durch welche sie nun zwischen dem Tode und der nachsten Geburt
durchzugehen hat, und welche sie fiihren wird zu einer Inkarna-
tion, die einer ganz anderen Nationalitat angehoren wird als der,
welche sie verlaftt. Gerade an dieser Tatsache sehen wir am besten,
am klarsten, am starksten, wie sich der Mensch gegen das straubt,
was sein eigenes hoheres Selbst in ihm ist. Blicken wir heute auf ir-
gendeinen «Nationalen», auf einen national Fiihlenden, der insbe-
sondere seine Antipathie gegen die Angehorigen einer anderen Na-
tionalitat wendet, vielleicht sogar in seinem Lande gegen diese an-
dere Nationalitat wiitet: was bedeutet dieses Wiiten, diese Antipa-
thie? Es bedeutet das Vorgefuhl: in dieser Nationalitat wird meine
nachste Verkorperung sein! Schon ist im Unterbewuftten das ho-
here Selbst verbunden mit der anderen Nationalitat. Gegen dieses
hohere Selbst straubt sich das, was auf dem physischen Plan einge-
sponnen ist in die Nationalitaten des physischen Planes. Das ist das
Wiiten der Menschen gegen ihr eigenes hoheres Selbst. Und wo
dieses Wiiten am starksten ist, wo am meisten gehaftt und gelogen
wird iiber andere Nationalitaten, da ist fur den, der die Sachen
nicht mit Maja, sondern mit Wahrheit ansieht, der wahre Grund
dafiir der, daft bei den Angehorigen jener Nation, die gegen eine
andere am meisten wiitet, am grausamsten sich benimmt und am
meisten liigt, die Tatsache vorliegt, daft ein grofter Teil ihrer Ange-
horigen mit der nachsten Inkarnation iiberzugehen hat in jene an-
dere Nationalitat.
Das ist der Ernst unserer Lehre, das ist die sittliche Wiirde, die
dahintersteckt. Vieles im Menschen straubt sich gegen die Aner-
kennung seines hoheren Selbstes, seines Ewigen; vieles, unendlich
vieles. Daher ist es in der Gegenwart ungeheuer schwierig, objektiv
zu reden. Es ist immerhin eine eigentiimliche Erscheinung, eine
ganz eigentiimliche Erscheinung, daft, bevor dieser Krieg begonnen
hat, unendlich anerkennende Stimmen von England heriiberge-
kommen sind gegeniiber deutschem Charakter, deutscher Tuchtig-
keit, namentlich aber gegeniiber deutschem Geistesleben. Eine
Probe dafur versuchte ich im letzten offentlichen Vortrage zu ge-
ben. Diese Beispiele konnten ins Ungeheure vermehrt werden, und
sie sollen auch noch vermehrt werden. Was war das?
Okkultistisch angesehen, war es das Gefiihl dafur, daft tatsachlich
in dem, was im letzten offentlichen Vortrage gesagt worden ist iiber
den faustischen Seelencharakter, der in Mitteleuropa angestrebt
wird, etwas Sichverjiingendes liegt, etwas das Spirituelle Suchendes,
etwas zum Spirituellen Vorbereitendes, etwas, zu dem sich ganz
Europa hinwenden wird, wirklich hinwenden wird; das wurde in
den Zeiten, welche den unsrigen vorangegangen sind, instinktiv er-
fiihlt. Man wollte etwas verstehen von dem, was da in Mitteleuropa
vorgeht. Man wird aber, da man im Nationalen stent, ganz ver-
standnisvoll damit verbunden sein konnen erst im Leben zwischen
Tod und neuer Geburt. Da wird man verstandnisvoll damit ver-
bunden sein konnen; da wird man den Weg hinfinden zu den mit-
teleuropaischen Lehrern. Es ist sogar unangenehm, dies jetzt zu sa-
gen, weil es von dem Angehorigen Mitteleuropas wie eine Renom-
misterei aussieht; aber man muft schon die objektiven Wahrheiten
sagen. Was aber so instinktiv empfunden wird, was gesucht werden
wird im Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Die Vereinigung
mit Seelen, die so nach dem allgemein Menschlichen gestrebt haben,
mit der Goethe-Seele, mit der Schiller- Seele, mit der Fichte-Seele -
was da empfunden wurde von der Tatsache, daft man, wenn man
durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufsuchen wird vor allem
die Goethe-Seele, die Fichte-Seele, die Schiller-Seele und andere
Seelen, die in Mitteleuropa ihre letzte Inkarnation hatten -, gegen
diese Tatsache, die sich so instinktiv ausgesprochen hat, straubt sich
noch ein letztes Mai unendliches nationales Leidenschaftliches.
Wenn wir dieses Strauben in die Worte gekleidet empfinden, die
jetzt von Westen und Nordwesten so haufig zu uns heriibertonen,
so haben wir an die Stelle der Maja, der Tauschung, die verstandene
Wirklichkeit gesetzt. Dann verstehen wir, wie der Erdenmensch,
der in sich den ewigen Menschen hat, nicht will, was der ewige
Mensch in ihm will; wie sich ihm die Liebe, die er im Ewigen emp-
finden muE, in Hafi umwandelt im Zeitlichen.
Wir werden am besten zur verstehenden Liebe, zum liebevollen
Verstandnis kommen, wenn wir uns in dem Sinne, wie es unsere
geistige Wissenschaft uns geben kann, iiber die Charaktere der eu-
ropaischen Menschheit unterrichten. Wir diirfen das, denn wir
sprechen ja stets zum hoheren Selbst des Menschen. Und wer mit
uns denken und fiihlen will, der anerkennt dieses hohere Selbst und
kann daher alles horen, was iiber die aufiere Hiille gesprochen wer-
den mufi; denn er weifi, dafi die Rede von der aufteren Hiille ist.
Es ist ja im gewissen Sinne jedem Volke eine bestimmte Mission
auferlegt. Wir werden einmal, wenn wir den Bau in Dornach betre-
ten, in der Aufeinanderfolge der Saulen, ihrer Kapitale und der Ar-
chitrave dariiber, in den Formen ausgedriickt finden, was in den
europaischen Impulsen zum Ausdruck kommt. Doch dariiber will
ich jetzt nicht sprechen, weil es gut ist, dariiber zu sprechen, wenn
man den Bau vor sich hat. Das habe ich vor einigen Tagen dort ge-
tan. Wenn wir aber das, was ohne dieses auf unsere Seele Eindruck
machen kann, uns vor Augen halten, dann erkennen wir vor alien
Dingen in den Bewohnern der siidlichen Halbinseln - Italien und
Spanien — Volker, die gewissermaften in ihrer modernen Mission al-
les wiederkehren lassen, was in alten Zeiten wahrend der dritten
nachatlantischen Kulturperiode sich abgespielt hat, in der agyp-
tisch-chaldaischen Kultur. Sobald wir dies verstehen, blicken wir
erst richtig in die Seele des italischen oder spanischen Nationalen.
Das laik sich bis in die Einzelheiten hinein verfolgen. So dafi man
sagen kann: was sich uns geistig darstelle, wir finden es in der
Wirklichkeit. Und was ist denn das Charakteristische - wir haben
es so oft besprochen - der agyptisch-chaldaischen Kultur gewesen?
Das war es, daft grofte, kosmische Astrologie empfunden wurde!
Daft man Sterne und Sternbilder nicht in der Weise ansah, wie wir
heute dieselben ansehen, sondern daft man geistige Wesen sah, wel-
che in diesen Sternbildern ihre aufteren Verkorperungen hatten; daft
man iiberall Geistiges ausgebreitet sah. Wenn sich das wiederholen
soli als nationale Aufgabe in der Zeit nach dem Mysterium von
Golgatha, so muft es sich so wiederholen, daft es seelisch verinner-
licht ist, daft ihm das grofte kosmische Tableau der Agypter und
Chaldaer wie aus der Seele neugeboren entgegentritt. Wo ware das
klarer der Fall als dort, wo die Kultur der italischen Halbinsel ihren
Hdhepunkt erreicht hat, in Dantes «G6ttlicher Kom6die»? Aber
bis in die Einzelheiten ist es so, daft, wie aus der Seele herausgebo-
ren, innerlich wiedererstanden das zutage tritt, was in der alten
agyptisch-chaldaischen Kultur vorhanden war.
Was in der griechischen Kultur das Wesentliche war, tritt im
franzosischen Volke zutage, sogar bis in die Charaktere der fiihren-
den Personlichkeiten. Voltaire zum Beispiel wird man nur verste-
hen, wenn man ihn mit einem wirklichen Griechen vergleicht. Und
wenn man sich die Formen der Kunstwerke Corneilles, Ratines an-
sieht, so wird man sehen, wie gerungen wird mit der griechischen
Form. Das hat ja eine grofte kulturhistorische Bedeutung. Das Rin-
gen mit der aufteren Form, mit dem, was Aristoteles iiber die Form
erkundet hat, das lebt in Racine und Corneille fort. Und wenn wir
das, was in der vierten nachatlantischen Kulturperiode tonangebend
war als Kultur der Verstandes- oder Gemiitsseele, wiedersuchen in
der franzosischen Kultur, dann miissen wir dort das finden, was
sich in ihr als Grofttes ausspricht, was sich, indem sich die Verstan-
des- oder Gemiitsseele hermacht iiber die Welt, damit gerade befas-
sen kann. Der groftte Dichter also, der nicht seinesgleichen finden
kann in solcher Form, muft ein solcher sein, daft er aus der Ver-
standes- oder Gemiitsseele heraus gestaltet. Da erreicht ein Volk
seine Grofte, wo es seine Unvergleichlichen an die Oberflache
bringt. Wer ist in der franzosischen Dichtung der, der nicht uber-
troffen werden kann? Das ist Moliere! Da erreicht die franzosische
Seele ihre eigentliche, charakterisierte Hohe; da kann sie nicht iiber-
troffen werden. Ein Abglanz davon wirkt noch in Voltaire.
Was nun nicht eine Wiederholung von Altem ist, sondern her-
eingehort in den fiinften nachatlantischen Zeitraum, was gleichsam
eine Neuschopfung dieses Zeitraumes ist, das ist die britische Seele.
Dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum strebt ja vorzugsweise nach
der Entfaltung der Bewufttseinsseele; stellt diese heraus. Die Be-
wulkseinsseele ist besonders ausgepragt in der britischen Volks-
eigentiimlichkeit. Das Eigentumliche der britischen Seele ist dieses
Stehen gegeniiber den Ereignissen. Schon vor vierzehn, fiinfzehn
Jahren, als ich die erste Auflage der «Ratsel der Philosophie»
schrieb, habe ich danach gerungen, einen Ausdruck zu finden fur
die britischen Philosophen; und damals ergab sich mir: Sie sind Zu-
schauer des Lebens; sie stellen sich hin, wie sich die Bewufitseins-
seele als Zuschauer dem Leben gegeniiber hinstellt. Und wer ist der
grolke Schopfer der britischen Seele, der sich hinstellt und die briti-
schen Charaktereigentumlichkeiten bis in die tiefste Seele hinein
zum Ausdruck bringt? Das ist Shakespeare! Da ist die britische
Seele unvergleichlich im Zuschauerzustande.
Gehen wir jetzt hiniiber nach Mitteleuropa, so finden wir, «was
immer wird und niemals ist», wie ich es schon im offentlichen Vor-
trage charakterisiert habe: das eigentliche Ich, das Innerlichste des
Menschen. Wie verhalt es sich zu den Seelengliedern? Es bildet
seine einzekien Beziehungen zur Empfindungsseele, Verstandes-
oder Gemiitsseele und zur BewuEtseinsseele; es zieht die Faden zu
alien hin. Betrachten wir das gleich an Goethe! Wir sehen, wie er
sich sehnt nach Italien. Und wie wir es bei ihm sehen, so haben sich
die Besten Mitteleuropas immer gesehnt nach Italien, um das zu
finden, was das Ich befruchtet und was es empfangt aus der Emp-
findungsseele heraus. Und mit der Verstandes- oder Gemiitsseele
tauscht das Ich die Krafte gegenseitig aus. Versuchen wir im Laufe
der Jahrhunderte zu sehen, wie jenes enge Band, welches zwischen
Ich und Verstandes- oder Gemiitsseele besteht, tatsachlich auch da
ist. Beachten wir, wie noch Friedrich der Grofte, der deutscheste
Fiirst, eigentlich nur franzosisch spricht und schreibt, wie er auch
besonders die franzosische Kultur schatzt, was sich zum Beispiel in
seinem Verhaltnis zu Voltaire zeigt. Ebenso sehen wir, wie der
deutsche Philosoph Leibniz seine Werke in der franzosischen Spra-
che schreibt. Das ist gerade so, wie es das Ich mit der Verstandes-
oder Gemiitsseele macht. Und wenn das Ich aus den Tiefen der
Seele heraus nach dem sucht, wonach es strebt, da drangt sich etwas
aus den Tiefen des Ich, aus unergriindlichen Tiefen des Ich herauf :
die Bewufttseinsseele sucht es zu erfassen. Wir sehen es an Goethe.
Ich habe oft auseinandergesetzt, daft er zu ergreifen sucht, wie die
Organismen auseinander hervorgehen; eine grofte umfassende
Lehre der Organismen stellt er auf. Das geht aus der Tiefe des Ich
hervor. Doch das kann man nicht gleich verstehen; die Menschheit
braucht einen leichteren Verstand; sie braucht die Dinge so, wie sie
sich aus der Bewufttseinsseele ergeben. Sie nimmt nicht das, was
Goethe gegeben hat, sondern sie nimmt dasselbe in der Uberset-
zung in die Bewufttseinsseele an, sie nimmt Darwin an. Heute sind
wir noch nicht so weit, daft man Goethes «Farbenlehre» anerken-
nen kann, aber die Obersetzung derselben in die Bewufttseinsseele,
die man bei Newton findet, gilt heute allgemein als physikalische
Lehre.
Diese Dinge weisen uns hinein in die Art und Weise, wie sich die
einzelnen, jetzt aber nationalen Charaktere gegeniiberstehen, und
wir erheben uns von der aufteren Maja, in welcher die Menschen
befangen sind, zur Wahrheit, wenn wir die Dinge geisteswissen-
schaftlich betrachten lernen, zu jener Wahrheit, die uns zeigen
kann, daft so, wie die einzelnen Seelenkrafte im Menschen Krieg
fiihren, auch die einzelnen in den Volksseelen inkorporierten See-
lenkrafte miteinander den Krieg fiihren. Und es ist kein Zufall, daft
in unserer Zeit - wo das, was eben gesagt worden ist, als Leh-
re hervorgetreten ist - der grofte Lehrmeister, der Krieg auftritt,
der auf so blutige, auf so furchtbare Weise zu den Menschen
spricht, was wir auch geistig zu den Menschen sprechen. Es ist kein
Zufall, daft, wahrend wir dieses hier so besprechen diirfen, drauften
vielleicht eines der blutigsten Ringen waltet, und daft es im Grunde
genommen denselben Wahrheiten entspricht, die man nur durch-
dringen muft in der Maja, um sie in der Wirklichkeit zu
verstehen.
Wir miissen einmal, um iiber diese Dinge zu sprechen, von den
Worten hinwegfegen alle Empfindungsnuancen von Antipathie und
Sympathie und sie nur als Charakteristika gebrauchen, dann werden
wir die Sachen in der richtigen Weise verstehen. Denn es handelt
sich um Dinge, die das Selbst des Menschen in sich tragt, insofern
es eingehiillt ist in das Nationale. Das konnen wir nun bis in die
Einzelheiten verfolgen. Ich will zunachst, um vorzubereiten zu
dem, was wir verstehen sollen, eines sagen.
Nehmen wir den Angehorigen Mitteleuropas, der in der
Ich-Kultur lebt. In dem offentlichen Vortrage habe ich gesagt: der
Bewohner Mitteleuropas strebt so nach seinem Gott, daft er mit
dem Gotte verbunden ist; er will mit seinem Gott zusammensein.
Wenn wir auf das Denken schauen, konnen wir den allgemeinen
Satz aussprechen: der Mensch denkt. Aber mit dem allgemeinen
Satze «der Mensch denkt» ist eigentlich ungemein wenig gesagt, ist
recht wenig gesagt. Man mull gerade durch die Geisteswissenschaft
lernen, genauer zu schauen. Man mulS allmahlich lernen, an die
Stelle desjenigen, was so gedankenlos hingesprochen wird, das
Richtige zu setzen. Fur die, welche sich nicht besonders um die rea-
len Verhaltnisse kummern, ist es ja richtig, was so hingesprochen
wird. Aber richtig ist es, wenn man sagt: der Bewohner Mitteleu-
ropas oder Skandinaviens denkt - «denkt» als Tatigkeit betrachtet,
weil es auf die Entfaltung des Denkens ankommt. Daft das Seelen-
wesen denkt, darauf kommt es in Mitteleuropa bis in die nor-
dischen Lander hinauf an. Das Verbundensein des Menschen mit
dem Gedanken ist so, daft dieser Gedanke das ureigenste Tatig-
keitsprodukt der Seele ist, dafi die Tatigkeit der Seele nichts anderes
ist als das Sichverfangen der Seele im Gedanken.
Vom Franzosen in derselben Weise zu sprechen, ist nicht richtig.
Da miissen wir sagen: hat Gedanken. Denn «denken» und «Ge-
danken haben» ist im feineren Unterschiede nicht dasselbe. Zum
Verstandnis der Sache kann das helfen, was in den «Ratseln der
Philosophie» ausgesprochen ist. Im Westen Europas hat man Ge-
danken; die Gedanken sind etwas, was kommt, was einem gege-
ben wird, wie einem auch die Sinnesempfindungen gegeben wer-
den. So ist es auch mit den Gedanken: sie treten herein in die Seele,
sie leben sich in ihf aus, man hat sie, man berauscht sich auch an
ihnen, man ist begliickt, sie zu haben. Dem Deutschen wirft man
sogar vor, dafi seine Gedanken etwas Kaltes haben. Das kann viel-
leicht schon sein, weil er sie erst bilden mull in seiner individuellen
Seele; sie miissen erst dort warm gemacht werden, und sie bleiben
nur solange warm, als sie in der unmittelbaren Tatigkeit sind.
Das nur zur Vorbereitung. Denn in der Tat: in den einzelnen na-
tionalen Aufierungen nehmen wir iiberall das Ausleben dessen
wahr, was in den Prinzipien der Geisteswissenschaft gegeben ist,
welche Sie in den Vortragen iiber die Volksseelen finden. Nehmen
wir einzelne Aufterungen der nationalen Charaktere.
Der italienische, der spanische Charakter ist bestimmt durch die
Empfindungsseele. Bis in die Einzelheiten konnen wir das im Le-
ben verfolgen. Wir finden iiberall - das bezieht sich natiirlich nicht
auf das Leben im hoheren Selbst - die Empfindungsseele. Sobald
sich der Mensch dieser Lander im Nationalen auslebt, lebt er sich
aus in der Empfindungsseele. Diese ist insbesondere anhanglich an
alles, was Heimat ist, und empfindet als einen Gegensatz dazu die
Fremde. Suchen Sie nun zu verstehen, was zum Beispiel alles im
italienischen Nationalen lebt, so werden Sie finden, dafi der Italie-
ner den anderen, der Nicht-Italiener ist, als den Fremden empfin-
det, der in der Fremde lebt. Und alle Kampfe, welche im neun-
zehnten Jahrhundert in Italien gefiihrt worden sind, wurden im
ausgesprochensten Mafie um die Heimat gefiihrt. Das ist die Wie-
derholung der agyptisch-chaldaischen Kultur.
Sehen wir jetzt auf den Bewohner Westeuropas, des franzosi-
schen Gebietes. Wie gesagt, wir miissen dabei alles abstreifen, was
Sympathien und Antipathien sind! Er wiederholt die griechische
Kultur. Er wird daher den Auswartigen auch so empfinden, wie
ihn der Grieche empfunden hat: er nennt ihn Barbar. - Eine Wie-
derholung des Griechentums ! - Man kann es verstehen, trotzdem
es gegossen ist in die wiitendsten Antipathiegefiihle. Und es ist im-
mer etwas von der Nuance dabei, wie man im alten Griechenland
von der nichtgriechischen Menschheit gesprochen hat.
Dem englischen Volke ist besonders iibertragen die Pflege der
Bewufitseinsseele, die sich auslebt im Materialismus. Da mufi man
besonders alles abstreifen, was Antipathien sind. Die Pflege des
Materialismus bringt hervor, was die Menschen einfach im Raume
nebeneinander hinstellt. Darin zeigt sich etwas, was in den Zeiten
vorher gar nicht in dieser Weise empfunden wurde: man empfindet
den Konkurrenten. Die Bewufitseinsseele empfindet den anderen
als Konkurrenten im physischen Dasein.
Wie ist es bei den Bewohnern Mitteleuropas, bis zu den Skandi-
naviern? Es wiirde zu anderen Zeiten ungemein verlockend sein,
dies in seinen Einzelheiten durchzufuhren. Was empfindet der
Deutsche, wo er dem anderen gegenubersteht, da, wo der Italiener
den Fremden, der Franzose den Barbaren, der Englander den Kon-
kurrenten empfindet? Man mufi iiberall die pragnanten Worte dafur
finden: der Deutsche hat den Feind, dem man gegenubersteht, zum
Beispiel auch im Duell, wobei gar nichts damit verbunden zu sein
braucht von irgendeiner Antipathie sogar, sondern wo man kampft
um die Existenz oder um etwas, was mit der Existenz zusammen-
hangt. Der Feind braucht nicht in der geringsten Weise herabge-
mindert zu sein. Es lafit sich dies wieder bis in die Einzelheiten ver-
folgen. Gerade dieser Krieg zeigt, daft der Deutsche dem Feind ge-
genubersteht wie im Duell.
Blicken wir nun nach Osten. Wir haben davon gesprochen, da£
auf den siidlichen zwei Halbinseln die Empfindungsseele sich aus-
lebt, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemiitsseele, auf den
britischen Inseln die Bewufitseinsseele; in Mitteleuropa bis hinauf
nach Skandinavien lebt das Nationale sich aus im Ich, wobei es sich
in den einzelnen Gebieten differenziert, aber im ganzen von dem,
was man Ich-Seele nennt, empfunden wird. Als Geistselbst, sagte
ich, lebt es sich aus im Osten. Was ist der Charakter des Geist-
selbst? Es kommt heran an den Menschen, senkt sich auf ihn her-
unter. Im Ich strebt man; in den drei Seelengliedern strebt man
auch; das Geistselbst senkt sich herunter. Es wird schon einmal
iiber den Osten als wirkliches Geistselbst sich heruntersenken. Die
Dinge sind wahr, die wir oft betont haben. Aber dazu gehort Vor-
bereitung, Vorbereitung von der Art, dafi die Seele empfangt, dafS
sie sich einarbeitet in dem Empfangen. Was hat denn das russische
Volk bis jetzt im Grunde genommen anderes getan als empfangen?
Wir haben innerhalb unserer Bewegung den grofken russischen
Philosophen, Solowjow, iibersetzen lassen. Wenn wir uns in ihn hin-
einvertiefen - es ist alles westeuropaisches Geistesleben, westeuro-
paische Kultur. Es ist etwas anderes dadurch, daft es aus der russi-
schen Volksseele herausgeboren ist. Aber was schwebt da, im Ge-
gensatz zur westeuropaischen Kultur, im russischen Volke heran?
Italien, Spanien ist die Wiederholung der dritten nachatlantischen
Kulturepoche, das franzosische Volk die Wiederholung der Kultur
des alten Griechenland. Der Brite zeigt das, was neu hinzugekom-
men ist, aber was man ganz gewifi auf dem physischen Plan er-
wirbt. In Mitteleuropa ist es das Ich, das aus sich herausarbeiten
muE. In Rutland haben wir das Empfangende. Empfangen worden
ist zunachst das byzantinische Christentum, das sich wie eine
Wo Ike niedergelassen hat und sich dann ausbreitete; und empfangen
worden ist schon unter Peter dem Ersten die westeuropaische Kul-
tur. Erst das Material, mochte man sagen, ist da zum Empfangen.
Das, was da ist, ist Spiegelung des Westeuropaischen, und die Ar-
beit der Seele ist Vorbereitung zum Empfangen. Erst dann wird das
Russentum in seinem rechten Elemente sein, wenn es so weit ist,
daft es erkennt: es mull das, was in Westeuropa ist, empfangen
werden, wie etwa die Germanen das Christentum empfangen ha-
ben, oder wie die Germanen in Goethe das Griechentum in sich
aufgenommen haben. Das wird noch eine Weile dauern. Und weil
sich gegen das, was der Mensch im Osten aufnehmen muft, sein
Physisches straubt, so straubt sich noch der Osten gegen das, was
zu ihm kommen mufi. Das Geistselbst mull herunterkommen. Nun
ist das, was da von dem Westen heriiberkommt, zwar nicht das
Geistselbst. Aber die Seele verhalt sich so dazu, bereitet sich gleich-
sam schon vor, um zu empfangen. Als was sieht daher der Russe
den anderen an? Als den, der «gegenubersteht», als den auf sein
Bewufttsein Herabschwebenden. Daher ist der andere, der beim
Italiener der Fremde, beim Franzosen der Barbar, beim Briten der
Konkurrent, beim Deutschen der Feind ist, er ist dort der Ketzer.
Daher hatte bis jetzt der Russe im Grunde genommen nur Reli-
gionskriege! Alle Kriege sind bisher nur Religionskriege gewesen. Al-
le Volker sollten bef reit werden oder zum Christentum gebracht wer-
den, die Balkanvolker und so weiter. Und jetzt auch empfindet der
russische Bauer den anderen als das «B6se». Er empfindet den ande-
ren als den Ketzer; er glaubt immer, Religionskriege zu fuhren. Jetzt
auch! Diese Dinge gehen bis in die Einzelheiten hinein, und man
lernt sie verstehen, wenn man den guten Willen dazu hat, wirklich
in die Dinge hineinzuschauen. Und so konnen wir auch fragen:
Wie erscheint uns nun das, was uns von Osten entgegentritt?
Der Mensch ist gewissermafien, wie er im physischen Leben da-
steht, ungerecht gegen sein eigenes hoheres Selbst. Wer in der Ver-
standes- oder Gemiitsseele lebt, bei dem sich insbesondere die
Phantasie ausbildet, der «hat» die Gedanken, dem stellt sich das, als
was er sich selber vorkommen mufi, insofern er ein Nationaler ist,
hin vor sein hoheres Selbst. Das empfindet er als seine Glorie, als
das, was gleichsam ein drittes Selbst ist, ein nationales Selbst, das
sich zwischen ihn, wie er als hoheres Selbst ist und als nationaler
Mensch, hineinstellt. Aus dem heraus kampft er. Und nach dem
Tode hat er zunachst dies zu uberwinden, wenn er es nicht schon
vorher durch die Geisteswissenschaft iiberwunden hat. Er mulS
durch das hindurch, was sich ihm zunachst vor die Seele stellt wie
die Inspiration desjenigen, als was er sich selber vorstellt.
Und der, welcher als Nationaler in der Bewufttseinsseele lebt? Er
hat vor allem den Hang zu dem, was sich die Bewufkseinsseele in
der physischen Welt aneignet. Das steht da wie eine wehtuende Er-
innerung in der Welt, die sich ausbreitet im Leben zwischen Tod
und neuer Geburt.
Der Bewohner Mitteleuropas sucht. Das tritt sogar zutage, wo er
von den Gegnern abfallig besprochen wird, wenn gesagt wird, er
sei nur dazu da, den Acker zu pfliigen und in den Wolken zu su-
chen. Mag er immer wie weit gekommen sein: er sucht schon hier
das geistige Selbst. Daher sucht er in gewissem Sinne schon in sei-
nem Streben wahrend der Erdenlaufbahn das hinwegzuschaffen,
was immer hinweggeschafft werden mufi, wenn man durch die
Pforte des Todes eintritt in die geistige Welt.
Wer seine letzte Inkarnation in einem Russenleibe durchgemacht
hat, hat zunachst, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, das
Bewufksein eines Angelos anzunehmen, wie in den SchoE eines
Angelos einzugehen — wenn er sich nicht durch Geisteswissenschaft
anders vorbereitet hat -, hat in das sich einzuleben, was von den
nachsten Stufen der hoheren Hierarchien herunterkommt.
Aus alien diesen Griinden konnen wir sagen: Schauen wir nach
Westen, so finden wir es naturlich, daft aus dem Wesen der Men-
schen, sofern sie Nationale sind, Kampf entsteht, denn der Natio-
nal ist doit verbunden mit dem, was eben die auftere Hiille ist. Es
ist ganz naturlich, daft Kampf entsteht. In der geistigen Welt kann
das, was in dieser berechtigt ist, sich ungehindert ausbreiten. Das,
als was man sich selber in seiner Phantasie erscheint, mufi sich
durch auftere Mittel geltend machen. Das bedarf, um hervorzutre-
ten, daft es sich ausbreiten kann. Was die Konkurrenz sucht, rriuft
sich selbstverstandlich ausbreiten wollen. Wir finden es nicht unver-
standlich, daft von den Vertretern der Bewufttseinsseele Kampf her-
iiberkommt. Wenn wir wirklich in Mitteleuropa das Ich suchen, so
wollen wir sehen, ob die Eigenschaften des Ich schon anwendbar
sind. Ich habe zum Beispiel schon hervorgehoben, daft das Ich je-
den Morgen von neuem angefacht werden mufi. Wenn wir in die
Schlafenssphare mit dem Ich hineingehen, so ist es in derselben un-
angefacht; jeden Morgen beim Aufwachen mufi es aufs neue ange-
facht werden. Wenn ich von Osterreich sprechen darf: schon in
meiner Jugend wurde davon gesprochen, daft Osterreich einmal bei
dieser oder jener Gelegenheit zerfallen werde. Wir haben etwas an-
deres gewuftt: es mag in sich noch so viel Zentrifugalkraft haben, es
wird von auften zusammengehalten, es konnte nicht auseinanderfal-
len. Sehen wir auf Deutschland. Hat es einen Ich-Charakter in sei-
nem Aufteren, in seiner Form? Es ist doch eine weithin sprechende
Tatsache, daft durch einen groften Teil des Jahrhunderts die Deut-
schen getrieben haben zur Einigung. Im Innern haben sie dieselbe
nicht geschaffen. Durch einen aufteren Anstofi, ja sogar nicht ein-
mal in Deutschland, sondern im Aufieren, mitten in Frankreich, ist
das heutige Deutschland zustande gekommen, wie es dem Ich-Cha-
rakter entspricht. Man versteht die Welt nur, wenn man sie gei-
steswissenschaftlich versteht. Das Ich hat im Grunde genommen
nicht die Tendenz, um sich zu schlagen; denn die uberschiissigen
Krafte des physischen Planes gehen dann liber in das Geisrige. Die-
ses konnte ja an der deutschen Geschichte, an der Geschichte
Osterreichs, an der Geschichte der skandinavischen Volker immer
und immer wieder nachgewiesen werden. Daher das Bewufitsein
ein richtiges ist: der Deutsche oder der Bewohner Mitteleuropas
muE zum Kriege erst sozusagen herausgeholt werden; er kann ihn
im Grunde genommen nicht aus sich selbst heraus beginnen. Wenn
er einen Krieg aus Initiative fiihrt, dann macht er es so, wie die In-
itiative es im Ich macht, und diese Kriege sind ja auch geniigend im
Innern gefuhrt worden. So mufi man das empfinden, was das Ver-
haltnis Mitteleuropas zum Kriege ist.
Aber was bildet sich fur den, der Volkscharaktere empfinden
kann, denn dann im Osten? Das ist iiberhaupt das Allerunnatiir-
lichste, wenn der Russe Krieg fiihrt. Und wiirde er sich selbst er-
kennen, so wiirde er es auch als das Allerunnatiirlichste empfinden,
Krieg zu fiihren. Wir im Westen, wenn wir auch alles Russische
noch so gut verstehen, wir konnen keine Tolstoianer werden. Aber
dem Russen ist es unnatiirlich, Krieg zu fiihren. Ihm muE erst der
Krieg aufgedrangt werden, denn er ist etwas fur den tiefsten Volks-
charakter Unnatiirliches. Der Russe steht dem Krieg so gegeniiber
wie einem Religionskrieg, wie etwas, was von auften kommt. Man
kann ihm den Krieg nicht plausibel machen; denn vielmehr mochte
er erbeteriy was an ihn herankommen soil. Daher ist es ganz selbst-
verstandlich, dafi man gar nicht im innersten russischen Volks-
charakter die Motive zum Kriege sucht, sondern in dem, was ihm
von auften als solche aufgedrangt wird. Und mehr als irgendwo an-
ders mufi in diesem Falle gesagt werden: dort ist es nicht das Volk,
das den Krieg macht - das Volk ist es nur aufierlich und nur seinem
Glauben nach -, aber es ist das, wogegen sich das Volk am meisten
wenden mu$. In Rutland ist ein Krieg immer im argsten Sinne eine
Maja, eine Tauschurig. Aus diesem Grunde ist es, daft man so klar
und prazise sagen kann, was ich im offentlichen Vortrage als Frage
aufwarf: Wer hatte den Krieg verhindern konnen? - wenn man
iiberhaupt davon sprechen will, daft er hatte verhindert werden
konnen. Den Franzosen war der Krieg seit dem Jahre 1871 natiir-
lich, und davon zu sprechen, daft sie ihn hatten verhindern konnen,
ware nicht natiirlich. Wem ein Konkurrenzkampf aufgedrungen ist,
der hat selbstverstandlich kein Recht, dariiber entriistet zu sein,
wenn irgendwo eine Neutralitatsverletzung stattgefunden hat, und
man muft in diesem Falle die Entriistung umdeuten in das nationale
Element hinein; aber daft er den Krieg fiihrt, ist selbstverstandlich.
Das kann ihm nicht veriibelt werden. Da ist der Krieg ebensowenig
von der Hand zu weisen, wie man, wenn man die Natur der Lebe-
wesen interpretiert, aus dem Element der Bewufttseinsseele heraus
ein anderes Wort finden mufi als vom Ich-Standpunkte aus, und
deshalb vom Kampf urns Dasein spricht. Goethe hat dieses Wort
nicht gepragt, weil es vom Ich-Standpunkte aus nicht anwendbar
ist. Aber wo es sich darum handelt, daft der Krieg eine Unwahrheit
ist, daft er sogar erst uminterpretiert werden muft in einen Reli-
gionskrieg, da ist zu sagen, daft er, weil er aufterlich aufgetreten ist,
auch aufterlich hatte verhindert werden konnen. Wenn man in alle
Tiefen blickt, in die man blicken kann - es ist nun der Krieg selbst-
verstandlich eine Notwendigkeit gewesen, aber das ist eine andere
Sache -, so muft gesagt werden: Wahr ist es, Ruftland hatte Zu-
schauer bleiben konnen, und der Krieg hatte verhindert werden
konnen. Ware es Zuschauer geblieben, so hatte der Krieg verhin-
dert werden konnen. Denn hier ist der Krieg aufgepfropft auf einen
Volkscharakter, wo er im Grunde genommen ganz unnatiirlich ist.
Wenn man iiber solche Dinge spricht, dann hat man sie aus der
geistigen Welt heraus, dann gehen sie daraus hervor; aber sie kon-
nen immer bewahrheitet, bestatigt gefunden werden in der aufteren
Welt, und was man aus dem Geistigen heraus findet, bestatigt sich
in der aufteren Welt. Wir wiirden sagen: eine natiirliche Geste ware
es fur den russischen Nationalcharakter, betend zu warten auf das,
was zu ihm kommen soil. Es ist sehr eigentumlich : die russischen
Intellektuellen - ich habe darauf auch schon hingewiesen - erwarten
auch, und sie empfinden auch, daft etwas Zukiinftiges an sie heran-
kommen mufi. Nun ist zwar das noch sehr weit in der Zukunft,
was an sie herankommen mufi, und wir haben gesehen, wie abge-
lehnt wurde, was jetzt aufgenommen werden soil. Es ist vielleicht
mehr als ein aufteres Symbolum, daft, wahrend jetzt die Kampfe im
Schwarzen Meer vor sich gehen, der Russe noch immer dort hinun-
tersieht, um gleichsam auf eine Verkorperung dessen zu schauen,
was er geistig erwarten soli, indem er hinweist auf die Hagia So-
phia. Mereschkowski erzahlt uns von zwei Reisen, die er zur Hagia
Sophia gemacht hat. Er hat in der Hagia Sophia gleichsam ein aufte-
res Symbolum fur das empfunden, was er in seinen Gefuhlen nicht
kennt, aber was er erwartet, und er hat es das an die Russen heran-
kommende Christentum genannt. Er wiirde es aber richtig erken-
nen, wenn er wiiftte, daft das durch die faustische Natur durchge-
gangene Christentum den Russen ergreifen mufi. Das weift er aber
noch nicht. Er glaubt, es in der Hagia Sophia vor sich zu haben.
Wie steht er dem Christentum gegeniiber? Wenn wir auf das blik-
ken, woriiber Solowjow spricht, so ist das etwas, woriiber ich sagen
kann, daft er ein gewisses Verstandnis dafiir hat. Denn als ihm wie-
der einmal von Petersburg und dem Heiligen Synod Schwierigkei-
ten gemacht worden sind, da meinte er: Ja, so geht es einem schon
einmal, wenn man schwierig durchdringt mit dem, was man sagen
will. Die einen klagen mich an als einen liberalen westeuropaischen
Atheisten, die andern als einen Orthodoxen, und wieder andere
schauen mich gar an als einen Jesuiten. — Und er schlieftt damit,
daft er sagt: Ja, was kann man noch alles werden, wenn man beur-
teilt wird von den Petersburger Halunken! - Das sind nicht meine
Worte, sondern die Worte eines guten Russen, eines Russen, an
dem man sehen kann, wie es nicht leicht ist, die Gefiihle der Sym-
pathie oder Antipathie so ohne weiteres abzustreifen. Aber nehmen
wir an, der russische Intellektuelle iiberlaftt sich sich selbst. Wir ha-
ben gesagt: es ist die Welt erwartungsvoller Stimmung, die natiirlich
ist fur das, was kommen soil, und das nicht mit Schwertern und
Kanonen zu erkampfen ist. Deshalb ist der Panslawismus so verlo-
gen. Wenn er sich sich selbst uberlaEt, dann iiberlafk sich Meresch-
kowski dem, was er empfand, als er der Hagia Sophia gegeniiber-
stand. Er hat es nur verwechselt mit dem westeuropaischen
Christentum, das durch das faustische Streben durchgegangen ist.
Aber wie spricht er davon?
Ich habe versucht, das was man bei den einzelnen Volkern ge-
geniiber dem Kriege empfinden kann, auf die pragnante Formel zu
bringen, und habe gesagt: Der Russe glaubt Krieg zu fiihren urn die
Religion, der Englander urn die Konkurrenz, der Franzose urn die
Glorie, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche
fiihrt den Kampf um die Existenz. Und wir werden nun sagen
konnen: Italien will die Heimat bewahren; Frankreich empfangt
seine eigene [Glorie- ]Vorstellung als das nationale Ideal; der Eng-
lander handelt; der Deutsche strebt; der Russe betet - und das ist
natiirlich. Ich meine nicht das aufiere Gebet, sondern die Herzens-
stimmung. Was sagt denn Mereschkowski am Schlusse des Buches,
das ich vorgestern angefuhrt habe? «Die Hagia Sophia - hell, trau-
rig und durchflutet von bernsteinklarem Lichte des letzten Ge-
heimnisses - hob meine gefallene, erschreckte Seele. Ich blickte auf
zum Gewolbe, das dem Himmelsdome gleicht, und dachte: da
steht sie, von Menschenhand erschaffen, sie - die Annaherung der
Menschen an den dreieinigen Gott auf Erden. Diese Annaherung
hat bestanden, und mehr noch wird dereinst kommen. Wie sollten,
die an den Sohn glauben, nicht zum Vater kommen, der die Welt
bedeutet? Wie sollten die nicht zum Sohne kommen, die die Welt
lieben, welche auch der Vater also liebte, dafi er seinen Sohn fur sie
hingab? Denn sie geben ihre Seele hin fur ihn und fur ihre Freunde;
sie haben den Sohn, weil sie die Liebe haben, nur den Namen ken-
nen sie nicht. » Den ganzen Zusammenhang haben sie nicht! Und
dann schliefk er: «Und es trieb mich, fur sie alle zu beten, in diesem
zur Stunde heidnischen, aber einzigen Tempel der Zukunft zu be-
ten um die Verleihung jener wahren, sieghaften Kraft an mein
Volk: um den bewufiten Glauben an den dreieinigen Gott.» Nun,
da haben Sie das Gebet! Da haben Sie die ganze Unnatur eines
Kampf es, der von Ost nach West geht!
Wenn wir so versuchen, zum inneren Verstandnisse desjenigen
zu kommen, was uns jetzt entgegentritt, wenn wir versuchen, aus
der Maja herauszukommen und in die Wahrheit hineinzukommen,
dann diirfen wir uns auch sagen, daft wir nicht eine abstrakte An-
throposophie treiben, die sich furchtet vor dem Erkennen. Denn es
hiefie Furcht haben vor dem Erkennen, wenn man wegen unse-
res ersten Grundsatzes davor zuriickbeben wiirde, die Volkscharak-
tere in ihren wahren Grundlagen zu erkennen. Gerade dann befol-
gen wir ihn, wenn wir uns dem Menschen nahern, wie er ist, und
wirklich in seine Seele blicken wollen. Und dann sprechen wir am
meisten zu dem Unverganglichen des Menschen, und dann finden
wir auch das, was iiber das Nationale hinausgeht, was zu dem Ewi-
gen hingeht, und finden die Gefuhle und Empfindungen, die sich
an das Ewige im Menschen richten konnen. Und dann finden wir
die Moglichkeit, dasjenige herbeizufuhren, was doch herbeigefiihrt
werden muE. Denn denken Sie, Menschenheil und Menschenfort-
schritt leiden nicht, wenn die Stimmungen, die jetzt die europa-
ischen Volker durchdringen, bleiben sollten? Stimmungen, die ja
aufierdem nur aus der Maja herausgeboren sind! Von dem Ge-
sichtspunkt der Notwendigkeit, die darin besteht, dafi sich die
Menschen wieder verstehen lernen, dafi eine Fortsetzung desjenigen
da ist, was im gewissen Sinne von Mitteleuropa aus schon ange-
bahnt war, ist es erforderlich, daft diese Atmosphare, in der wir le-
ben - diese geistige Atmosphare, die heute so furchtbar tumultuari-
siert ist -, auch noch andere Einschlage habe als die tumultuari-
schen. Wie konnten wir es nicht empfinden, wenn wir im geistigen
Leben darinnenstehen, wie tumultuarisch heute die geistige Atmo-
sphare ist! Je tiefer man darinnensteht, desto mehr mufi man das
empfinden. Wahrhaftig Erschiitterndes konnte sich erschlieften aus
dem geistigen Leben heraus. Der Okkultist konnte vieles erfahren.
Aber so vieles, so Erschiitterndes, so Eindringliches war nicht zu
erfahren wie in den letzten drei Monaten.
Wie oft habe ich die okkultistische Wahrheit betont, dafi Dinge,
die in der physischen Welt so sind, in der geistigen den entgegenge-
setzten Charakter zeigen. Einige unserer Freunde werden sich auch
erinnern, wie oft ich davon gesprochen habe, dafi der Krieg in der
geistigen Luft hange und eigentlich nur durch etwas zuriickgehalten
werde, was auch im physischen Leben einen geistigen Impuls be-
deutet: die Furcht. Die Furchtkrafte haben ihn zuriickgehalten, so-
lange er astralisch war. Furcht hat ihn zuriickgehalten, daE er nicht
fruher zum Ausbruch kam. Nun, aufierlich geht ja der Krieg von
dem Attentat von Sarajewo aus. Das hat ja auch seine bedeutungs-
volle Seite. Das ist das Erschiitternde an der Sache. Und da wir ja
hier unter uns zusammen sind, mufi es auch moglich sein, solche
Dinge auszusprechen. Die Individualist, welche damals hingemor-
det worden ist und dann durch die Pforte des Todes ging, zeigte
nachher einen Anblick, wie ich ihn vorher weder selber gesehen,
noch ihn von anderen habe schildern horen. Ich habe verschiedent-
lich geschildert, wie Seelen aussehen, wenn sie durch die Pforte des
Todes gehen. Diese Seele aber zeigte etwas Merkwiirdiges. Sie war
wie ein Kristallisationszentrum, um das sich bis zum Ausbruch des
Krieges alles wie herumkristallisierte, was Furchtelemente waren.
Nachher zeigte sie sich als etwas ganz anderes. War sie vorher eine
grofie kosmische Kraft, die alle Furcht anzog, so ist sie jetzt etwas
Entgegengesetztes. Die Furcht, die hier auf dem physischen Plan
gewaltet hatte, hielt alle zuriick. Nachdem aber dann diese Seele in
den geistigen Plan hinaufgekommen war, wirkte sie in entgegenge-
setzter Weise und brachte den Krieg.
Diese Dinge zu erleben, das erschiittert die Seele. Und so gibt es
viele Dinge, die jetzt darinnenstehen in dem Auf- und Abwogen je-
ner astralischen Impulse, die aus den Gemutern der Menschen in
die geistige Welt hinaufziehen. Und Ihnen darf ich es sagen: ein
Gleiches wie in den letzten Monaten habe ich vorher nicht erlebt;
etwas, was die Seelen in so furchtbare Wogen gebracht hat. Daraus
aber ist auch zu entnehmen, was dort in der geistigen Atmosphare
spielt. Und es miissen, wenn das kommen soli, was in der geistigen
Atmosphare kommen mufi, in dieselbe Gedanken hinein, die nur
von Seelen kommen konnen, welche die geistige Welt begriffen ha-
ben. So intensiv und so inbrunstig man nur bitten kann, werden
daher Ihre Seelen gebeten, Gedanken zu fassen, die wir anzuregen
versuchen durch Betrachtungen wie die heutigen, oder die wir das
letztemal gepflogen haben, die also in dieser Weise aus der geistigen
Erkenntnis hervorgehen, und die nur Seelen, welche durch die Gei-
steswissenschaft hindurchgegangen sind, in die geistige Welt hinauf-
senden konnen. Denn schon wahrend des Krieges und nachher erst
recht, werden die Seelen solche Gedanken brauchen. Denn die Ge-
danken sind Realitaten ! Man mochte sein heiftestes Gebet in die gei-
stige Welt senden, daft das, was aus diesem Kriege und nach diesem
hervorgehe, unter keinen anderen Auspizien hervorgehe als durch
Gedanken, die nicht aus der menschlichen Maja, sondern aus der
Wahrheit und der spirituellen Wirklichkeit herriihren. Je mehr Sie
solche Gedanken in die geistige Welt hinaufsenden, desto mehr tun
Sie fur das, was aus diesen Weltenkampfen hervorgehen soil, und
desto mehr tun Sie fur das, was fur die ganze Evolution der
Menschheit notwendig ist.
In dieses Gebet also mochte ich ausklingen lassen, was ich durch
diese Betrachtung an Ihre Seelen heranbringen wollte. Und wenn
das, was wir betrachtet haben, wirklich in unsere Seelen ubergegan-
gen ist, wenn unsere Seelen als Seelen, die jetzt in der Geisteswis-
senschaft gelebt haben, in die geistige Welt hinaufstromen lassen das
die Menschen Befriedende, dann hat sich unsere Geisteswissen-
schaft in diesen schicksalschweren Zeiten bewahrt! Dann hat sie
sich so bewahrt, daft unsere Kampfer drauften ihren Mut nicht um-
sonst ausgelebt haben; dafi das Blut der Schlachten nicht umsonst
geflossen ist! Dann ist nicht umsonst in der Welt das Leid der Leid-
tragenden, dann waren nicht umsonst die Opfertaten, die gebracht
worden sind. Dann wird Geistesfrucht erwachsen aus unseren
schicksalschweren Tagen, wird erwachsen um so mehr, als die
Menschen imstande sein werden, solche Gedanken, wie die ange-
deuteten, in die geistige Welt hinaufzusenden.
Ich bemerke ausdrucklich, daft die Worte, die ich jetzt sprechen
werde, siebengliedrig sind und eine Art Mantram bilden, wobei zu
beachten ist, dafi in der vorletzten Zeile «Lenken Seelen» zu lesen
ist: wenn Seelen lenken.
Dariiber wollte ich sprechen, dafi diese Ereignisse, die so von
der Wirklichkeit sprechen, sich uns dadurch ins rechte Licht riik-
ken, daft wir uns erheben von der Maja zur rechten Wirklichkeit.
Oh, die Seelen werden sich finden, die also unsere Gegenwart an-
zuschauen verstehen werden. Die Seelen werden sich finden, wenn
sie sich finden werden im Sinne der Lehren, welche Krishna gibt
auch iiber kampfende Seelen. Und wenn es wirklich moglich ist,
daft sich in unserer harten, schicksalschweren Zeit bewahrt, daft die
Seelen, die durch Geisteswissenschaft gegangen sind, in der Lage
sind, geistbefruchtende Gedanken in die geistige Welt hinaufzusen-
den, dann wird die rechte Frucht hervorgehen aus dem, was in so
schweren Kampfen und mit so harten Opfern geschieht. Daher
kann ich, was ich zu Ihren Seelen heute sprechen wollte, ausklingen
lassen in das, was ich so gern sehen wiirde als Bewufttsein, als in-
nerstes Bewufttsein derjenigen Seelen, die durch Geisteswissenschaft
gegangen sind:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geistbewuftt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 28. November 1914
Unsere ersten Gedanken sollen auch diesmal wieder hin zu den
schutzenden Geistern gerichtet sein, welche diejenigen bewahren,
die drauften auf den Feldern der Ereignisse unserer Tage stehen; an
die schutzenden Geister derjenigen richten wir uns, die mit uns in-
nerhalb unserer Bewegung stehen, jetzt aber drauften sind und mit
ihrem Leben und mit ihrem ganzen physischen Sein einzutreten ha-
ben fur das, was die Zeit von ihnen fordert. Und im weiteren Sinne
wenden wir uns auch an die schutzenden Geister aller derjenigen,
die, auch ohne daft sie unserer Gemeinschaft angehoren, drauEen
auf diesen Feldern Leben und Leib darzubringen haben:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mo gen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und mit Bezug auf diejenigen, welche schon durch die Pforte des
Todes gegangen sind, sagen wir:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Dafi, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, den wir durch unsere Bewegung suchen, den wir
durch die Jahre hindurch gesucht haben, so wir hier zusammen-
kamen, er moge walten iiber euch, und seine Fittiche iiber euch
ausbreiten, damit ihr entsprechend eurem Karma eure Aufgabe zu
Ende fiihren konnt!
Meine lieben Freunde, ich weift nicht, wie viele von den Freun-
den es empfunden haben werden, daft es in unsern gegenwartigen
Tagen in offentlichen Vortragen, wie sie gestern und vorgestern ge-
geben werden muftten - und insbesondere in offentlichen Vortragen
von der Art, wie gestern einer gegeben werden muftte -, noch
schwerer ist als sonst, zu sprechen, weil gar leicht das, was gespro-
chen werden mu!5, dem Miftverstandnis ausgesetzt sein kann. Ge-
rade wenn wir mit Herz und Sinn innerhalb unserer Bewegung ste-
hen, miissen wir das Wort, von dem ich auch das letztemal, als ich
hier sprechen durfte, Andeutungen gemacht habe, wirklich immer
mehr zur Vertiefung in unserer Seele bringen, das Wort, das im
Grunde genommen das auftere Leben, das Leben des physischen
Planes, so wie es dem Menschen gewohnlich entgegentritt — nicht
an sich - Maja ist, eine Art Phantasmagoric ist, und daft die Wahr-
heit, die Wirklichkeit erst dahinter steht. Wir miissen uns klar sein,
daft diese Wahrheit von der Maja nicht nur mit unseren Theorien
oder uberhaupt nur mit unserm Verstande erfaftt werden kann,
sondern daft sie erfaftt werden muft mit alien unsern Seelenkraften,
mit unserm ganzen Seelenleben, vor alien Dingen auch mit unseren
Gefiihls- und Empfindungsimpulsen. Denn ebenso wie unser Ver-
stand, der sich auf das Sinnliche richtet, es unbegreiflich findet, daft
diese uns umgebende Welt nicht die wahre, wirkliche sein soil, so
finden mehr noch unsere Gefuhle, unsere Willensimpulse diese
Wahrheit unbegreiflich. Man muft nicht nur durch das Sicheinleben
in die Geisteswissenschaft anders denken lernen, man muft auch
anders fiihlen lernen und anders zu den Quellen seines Wollens
herabsteigen lernen.
Wie leicht konnte so etwas, wie es gestern vorgebracht worden
ist, weil es ja schwierig ist, diese Dinge, da fur die Verhaltnisse der
geistigen Welt eine Sprache nicht gepragt ist, ganz adaquat zum
Ausdruck zu bringen, wie leicht konnte das zum Beispiel gestern
Gesprochene so aufgefafit werden, dafi diese Charakteristik auf
diese oder jene Volksseele mehr oder weniger sympathisch oder
antipathisch ansprechend gefallt ist, in unserer Zeit, wo so viel
von Sympathien und Antipathien, selbstverstandlich von der Zeit
herausgefordert, im menschlichen Denken und Fiihlen mit-
spricht. Und dennoch, wenn Geisteswissenschaft aus rechter Ge-
sinnung heraus spricht, dann mufi schon einmal geglaubt werden,
dafi diese Dinge, wenn sie auch scharf charakterisiert werden
miissen, wie zum Beispiel die Charaktere der Volksseelen, nicht
mit Sympathie und Antipathie im gewohnlichen Sinne des Wor-
tes gesprochen werden diirfen. Wenn sie mit Sympathie und Anti-
pathie gesprochen werden, dann konnten sie namlich nicht
wahr sein, dann miifiten sie unwahr, miifiten verlogen sein. War-
um dieses?
Man glaubt so leicht, dafi der, welcher durch entsprechende
Entwickelung seiner Seele zu der Anschauung der geistigen Welten
aufzusteigen versucht, zu der objektiven Anschauung dieser geisti-
gen Welten, ein innerlich gefuhls- oder willenstrockener Mensch
werden konnte. Das kann er wahrhaftig nicht werden. Der
Mensch, der sich erst ausdorren wiirde in bezug auf sein Gefuhls-
und Willensleben, in bezug auf diejenigen Impulse, die sonst in der
menschlichen Gefuhls-, Empfindungs- und Leidenschaftswelt zum
Vorschein kommen, der Mensch, der sich erst ausdorren wiirde
von diesem inneren Feuer, wiirde ganz gewifi nicht zu einer objek-
tiven Anschauung der geistigen Welt aufsteigen konnen. Im Gegen-
teil: alles an innerem Gefiihlsleben, alles an innerem Willensleben
mufi zusammengenommen werden, mulS gerade so feurig als mog-
lich werden. Aber es mufi umgewandelt werden in der Seele; es
kann nicht so bleiben, wie es im gewohnlichen Leben ist. Es mufi
erst so umgewandelt werden, dafi der Mensch durch dieses Ge-
fuhls- und Willensimpulsleben etwas bekommt wie einen Neuauf-
bau seiner Gefuhls- und Willenswelt. Gerade dadurch mufi sich das
entwickeln, was inneres Auge, inneres Ohr genannt werden kann.
Ein innerlich ausgedorrter Mensch kann man nicht werden, wenn
man die geistige Welt sucht. Aber dann, wenn sie angeschaut wird,
wenn man durch alle inneren Kampfe, durch alle inneren Uberwin-
dungen zu dieser geistigen Welt hingekommen ist, dann allerdings
bietet sie sich als geistige Welt so dar, daft sie zum Beispiel in uns
zwar noch Sympathie und Antipathie hervorrufen kann, daft aber
in der Charakteristik, die von ihr gegeben wird, so wenig lebt aus
eben entstehender Sympathie und Antipathie, als in der Rose lebt
von eben entstehender Sympathie, wenn wir sie anschauen. Wir
konnen mit ihr Sympathie und Antipathie empfinden, aber sie
selbst steht in ihrer Objektivitat da, und wir konnen sie, wenn wir
sie in ihrer Wesenheit erfassen wollen, nur charakterisieren. Bei
demjenigen, der gewissermaften dazu gezwungen ist, die geistige
Welt zu charakterisieren, bei ihm ist in jedem einzelnen Falle im
Grunde genommen die Unmoglichkeit gegeben, aus Sympathie und
Antipathie heraus zu sprechen.
Gestern wurde versucht, die italienische, die franzosische, die
britische, die deutsche Volksseele zu charakterisieren. Gewift wird
es unter den Zuhorern solche gegeben haben, die geglaubt haben,
daft da nicht objektive Charakteristik, sondern Sympathien und
Antipathien sprechen. Wenn aber Sympathie und Antipathie spre-
chen wiirden, so miiftte die Charakteristik selber verlogen sein, so
wiirde sie niemals verlaftlich sein konnen. Das konnen Sie aus die-
sem einzelnen Falle wohl begreifen, wenn ich das Folgende sage.
Sie wissen alle, daft der Mensch nicht nur dieses Wesen ist, als wel-
ches er vor uns steht, wenn wir ihn mit Tagesaugen betrachten. Da
lebt er seiner eigentlichen Wesenheit nach in seinem physischen
Leibe, da blickt er uns gleichsam durch seinen physischen Leib an.
Diejenige Wesenheit aber, derer er sich aus bestimmten Griinden
- die Sie kennen - im gewdhnlichen Erdenleben nicht bewufit ist,
diese Wesenheit, die eigentlich innerhalb des Ich und des astrali-
schen Leibes lebt, lebt er ganz abgesondert vom physischen Leib
und Atherleib vom Einschlafen bis zum Aufwachen durch. Beim
Geistesforscher ist es ja so, daft er dadurch zu den Ergebnissen sei-
ner Forschung kommt, daft er sich dasjenige durchleuchtet, was
sonst zwischen Einschlafen und Aufwachen unbewuftt bleibt. Er
erlebt dadurch - durch innere Erlebnisse - dasjenige, was sonst hin-
ter den aufteren Eindriicken der Welt, hinter der Phantasmagoric
der Welt verborgen bleibt.
Nun ist gestern im offentlichen Vortrage gesagt worden, daft der
Volksgeist, die Volksseele, im Leibe des Menschen lebt. Heme
kann ich sagen: Insbesondere lebt die Volksseele im Atherleibe des
Menschen, in dem wir sind in der Zeit vom Aufwachen bis zum
Einschlafen. Beim Aufwachen tauchen wir mit unserem Untertau-
chen in den Leib zugleich in die Volksseele ein. Schlafend sind wir
nicht in der Volksseele, sondern nur vom Aufwachen bis zum Ein-
schlafen.
Nun entsteht die Frage: Wenn nun der Geistesforscher dasjenige
gerade innerlich belebt und durchleuchtet, was nicht im physischen
Leibe lebt, wie ist es dann mit seinem vom Leibe abgesonderten
Leben in der Volksseele? Da wirkt die Volksseele trennend, wenn
wir in den Leib untertauchen. Da kann der Geistesforscher ja nicht
in der Volksseele leben, wenn er das bewuftt durchlebt, was der
Mensch im Schlafe durchlebt. Das Eigentiimliche ist, daft es zu je-
der Zeit, in jeder Gegenwart eine gewisse, man mochte sagen, re-
gierende Anzahl von Volksseelen gibt, und die Art, wie sich diese
Volksseelen zueinander verhalten, macht uberhaupt das gesamte
Erdenleben der Menschheit aus, insofern es physisch verlauft.
Wenn man in den physischen Leib untertaucht, taucht man damit
in die Volksseele unter. Kommt man aus seinem physischen Leib
heraus und erlebt bewuftt aufterhalb desselben, dann taucht man
ebenso - unter all den anderen Erlebnissen, die man durchmacht -
jetzt nicht in die eigene, sondern in die anderen Volksseelen unter,
mit Ausnahme der eigenen, in der man wahrend des Tageslebens im
physischen Leibe lebt. Nehmen Sie im vollen Gewicht, was ich
eben gesagt habe. Daft wir mit dem Einschlafen also nicht in eine
einzelne Volksseele untertauchen, sondern daft wir untertauchen in
das Zusammenwirken, gleichsam in den Reigen der anderen Volks-
seelen, nur daft in dieses Reigenspiel nicht diejenige Volksseele hin-
einspielt, in die wir untertauchen, wenn wir in den physischen Leib
kommen. Der Geistesforscher durchlebt tatsachlich innerhalb seiner
Forschung mit den anderen Volksseelen - nur in ihrem Zusam-
menklang - dasselbe, was man sonst auf dem physischen Plane
gegeniiber der einzelnen Volksseele erlebt, die dem Volke angehort,
in welchem man sonst darinnensteht.
Nun frage ich Sie: Wenn nun der Geistesforscher tatsachlich das
kennt, wie man nicht nur in der eigenen Volksseele lebt, sondern
wie man in den anderen Volksseelen lebt, wenn er das durchzuma-
chen hat, hat er dann einen besonderen Grund, mit anderer Objek-
tivitat die eigene Volksseele zu schildern als andere Volksseelen?
Das hat er nicht. Und hier liegt die Moglichkeit, iiber die Vorurteile
der Sympathien und Antipathien hinuberzukommen und objektiv
zu schildern. Es ist selbstverstandlich, daft nicht nur der Geistes-
forscher, der das einfach bewuftt durchmacht, was alle Menschen
durchmachen, sondern daft jede Menschenseele vom Einschlafen bis
zum Aufwachen in alien Volksseelen in ihrem Zusammenspiel lebt,
mit Ausnahme derjenigen, in welcher die Seele lebt wahrend des
Tagwachens. Das ist das, was uns die Geisteswissenschaft gibt, da-
mit der Horizont unseres Fiihlens und Empfindens wirklich erwei-
tert wird. Oftmals sprechen wir ja davon, daft die Geisteswissen-
schaft geeignet ist, eben durch die Art von Erkenntnis, die sie gibt,
die Liebe ohne Unterschied von Volk, Rasse, Stand und so weiter
wirklich zu geben. Dieser Satz ist so tief begriindet, daft der, wel-
cher einsieht, daft er, wenn er sich in dem Teile als Mensch nimmt,
der geistig in ihm ist, sich ja gar nicht ausschlieften kann in Haft
und Antipathie von dem, was Menschtum ist -, daft er sich sagen
muft: Es ist eigentlich ein Unsinn, nicht zu lieben! Um aber zu sa-
gen: es ist eigentlich ein Unsinn, nicht zu lieben, muft uns eben die
Geisteswissenschaft ergreifen wie ein Leben, nicht bloft wie ein
Wissen. Deshalb treiben wir diese Geisteswissenschaft auch nicht
wie ein bloftes Wissen, sondern so treiben wir sie, daft sie in jahre-
langem Zusammenleben in unseren Zweigen wie eine geistige Nah-
rung, die wir aufnehmen und in uns verarbeiten, wirklich mit uns
eins wird.
Ich sagte: Das Gewohnliche ist das, daft der Mensch vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen in dem Zusammenspiel der Volks-
seelen lebt, der anderen als derjenigen, die seine Volksseele gerade
ist. Das ist das Gewohnliche. Aber es gibt auch ein Mittel, um ge-
wissermaften in Einseitigkeit in der einen oder in der anderen
Volksseele zu leben. Es gibt ein Mittel, daft man gezwungen wird,
in dem Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen
nicht mit dem ganzen Zusammenspiel, nicht mit dem ganzen Rei-
gentanz gleichsam der anderen Volksseelen zu leben, sondern mehr
oder weniger gebannt zu sein, mit einer oder mit mehreren anderen
Volksseelen zusammenzuleben, die herausgehoben werden aus dem
ganzen Zusammensein aller Volksseelen. Ein solches Mittel gibt es,
und es besteht darin, daft wir eine oder mehrere Volksseelen - Vol-
ker - besonders hassen. Dieser Haft namlich, den wir aufbringen,
gibt die besondere Kraft, in unserem Schlafzustande mit denjenigen
Volksseelen leben zu miissen, die wir am meisten hassen oder die
wir iiberhaupt hassen. Man kann sich also nicht besser dazu vorbe-
reiten, in dem unbewuftten Zustande zwischen Einschlafen und
Aufwachen vollig in eine Volksseele aufzugehen und mit ihr so le-
ben zu miissen wie mit der, mit welcher man im physischen Leibe
lebt, als dadurch, daft man sie haftt, aber ehrlich haftt, mit dem Ge-
fiihl haftt, und sich nicht bloft einredet, sie zu hassen.
Wenn solche Dinge ausgesprochen werden, dann merkt man, wie
tief und ernst die Wahrheit von der Maja genommen werden muft.
Denn nicht nur, daft unser Verstand, so wie er einmal konstruiert
ist, nicht einsehen will, daft die Dinge in ihren Tiefen anders sind als
in ihrer aufteren Phantasmagoric, sondern es baumt sich unser Fiih-
len, unser Wollen auf gegen das, was wahr ist fur die geistige Welt.
Wenn man solche Wahrheiten nimmt, wie die von dem Leben in
den andern Volksseelen und besonders in der, welche man haftt,
dann wird man sich sagen miissen, daft die grofite Anzahl der Men-
schen die geistige Wahrheit nicht nur aus dem Grunde von sich
weist, weil sie der Verstand nicht einsehen kann, sondern deshalb,
weil sie sie gar nicht haben wollen, weil sie sie stort auch in dem
Empfinden, dem sich der gewohnliche Erdenmensch hingibt. So-
bald man tiefer und ernsthafter auf die Wahrheiten der geistigen
Welt eingeht, dann sind sie gar nicht bequem, dann sind sie gar
nicht das, was der Mensch, wenn er auf dem physischen Plan allein
leben will, eigentlich liebt. Sie sind imbequem. Sie durchriitteln und
durchschiitteln uns und fordern, je tiefer sie sind, eigentlich in je-
dem Augenblicke von uns, daft wir anders sein sollen, als wir ge-
wohnt sind auf dem physischen Plan zu sein. Und dies, daft sie als
ein lebendiges Inneres etwas anderes von uns fordert, als wir auf
dem physischen Plane sind, das ist zumeist einer der Griinde,
warum die Menschen die geistige Wahrheit zuriickweisen. Wir
konnen gar nicht anders, als nicht bloft mit einem Teile der Welt
oder der Menschheit verbunden zu sein, sondern wir mussen ver-
bunden sein mit der ganzen Welt und mit der ganzen Menschheit.
Unser physisches Sein bedeutet im Grunde genommen nur den ei-
nen Pendelausschlag, der andere Pendelausschlag ist das Entgegen-
gesetzte in vieler Beziehung; man kennt ihn nur nicht im gewohn-
lichen Leben. Man kann sagen, es wird ernst, sobald man nur auf
die tieferen Wahrheiten vom geistigen Leben eingeht. Und unend-
lich richtunggebend konnen diese tieferen Wahrheiten vom geisti-
gen Leben fur dasjenige werden, was Menschheitsentwickelung,
was Menschheitsfortschritt gerade in unserer Zeit von uns fordert.
Lassen Sie uns aus der geistigen Forschung ein Beispiel heraus-
heben, das insbesondere fur die Gegenwart wichtig sein kann.
Sie sehen leicht ein, wenn die Dinge so stehen, wie ich jetzt eben
von ihnen gesprochen habe, wenn wir also beim Untertauchen in
den physischen Leib und Atherleib das Miterleben mit dem haben,
was man im gewohnlichen Sinne den Volksgeist, die Volksseele
nennt, so gehort dieses Miterleben der Schicksale des einzelnen
Volksgeistes zu den Erlebnissen nach dem Tode, die wir nach und
nach abstreifen. Oft wurde in bezug auf viele Dinge gesprochen,
die der Mensch nach dem Tode abstreift; aber zu diesen Dingen
gehort auch das Verbundensein mit dem Volksgeist. Der Volksgeist
wirkt im Fortschritt der Erdenentwickelung, er wirkt in dem, wie
sich von Generation zu Generation die Menschheit auf der Erde
fortentwickelt. Nach dem Tode, zwischen Tod und neuer Geburt,
mussen wir uns, wie wir aus anderem uns herausentwickeln, so
auch aus dem Volksgeist herauslosen. Das begriindet zugleich das
Bedeutsame des Heldentodes, des Todes auf dem Schlachtfelde zum
Beispiel, das empfunden wird. Wer ihn richtig fiihlt - und es fiihlen
ihn sicher richtig die, welche mit der richtigen Gesinnung durch
diesen Tod gehen -, der weifi, dafi dieser Tod ein Tod der Liebe
ist, daft er erlitten wird nicht fur das Personliche, nicht fur das, was
man mitbehalten kann in der ganzen Zeit zwischen Tod und neuer
Geburt fur sich; sondern dafi er erlitten wird fur die Volksseele, in-
dem selbstlos hingegeben wird dieser physische Leib und Atherleib.
Man kann sich den Tod auf dem Schlachtfelde nicht denken, ohne
ihn durchdrungen zu wissen von wirklicher innigster Liebe, vom
Getragenwerden der Menschen von dem, was zum Heile der
Menschheit in der Zukunft beitragt. Das ist das Grofie, das Bedeut-
same, das Ungeheure gerade dieses Todes auf dem Schlachtfelde,
wenn er in richtiger Gesinnung erlebt wird. Denn er ist undenkbar,
ohne verbunden zu sein mit der Liebe.
Aber das Zusammensein mit dem einzelnen Volksgeist miissen
wir zwischen Tod und neuer Geburt abstreifen. Es mull von uns
abf alien. Wir miissen in eine Region hineinkommen, wo wir nicht
mit dem einzelnen Volksgeiste als solchem leben. Allerdings ist es
dann nicht so, dafi wir unmittelbar in andere Volksgeister iiber-
gehen konnen. Das ist zwischen dem Einschlafen und dem Auf-
wachen der Fall. Wir miissen iiberhaupt frei werden von dem, was
blofi irdisch ist, und miissen eingehen in das Leben, das sich loslost
von dem, was die Entwickelung der Menschheit auf der Erde aus-
macht. Also loslosen miissen wir uns auch von alledem, was uns
mit den Volksgeistern verbindet. Und das ist wieder das, was,
wenn wir es uns als Erkenntnis aneignen, unseren Empfindungs-
horizont erweitert, vergrofiert, indem es uns hinblicken lalk auf das
andere, das wir suchen, und das nicht um uns herum ist, wenn wir
auf dem Horizont des physischen Daseins leben.
Nun ist es - das konnen Sie schon aus der gestrigen Charakteri-
stik der einzelnen Volksgeister entnehmen - im Bewufttsein dieser
Volksgeister gelegen, dafi der eine mehr hinneigt zu der Individuali-
st des Menschen, zu dem, was der Mensch als Individuality ist,
der andere neigt weniger dazu hin. Ich habe es damit verglichen,
daft der eine Mensch mehr in sein Inneres hineinschaut, der andere
mehr mit der Aulknwelt lebt. Bei den Volksgeistern ist es so, dafi
der eine sich mehr, der andere sich weniger mit den einzelnen
Menschenindividuen beschaftigt. Das bedingt wieder, indem wir
dem einen oder dem andern Volksgeist angehoren, wie wir mit dem
zusammenhangen, was der Volksgeist besonders in unserem Ather-
leibe stiftet, was er dort zubereitet. Daher gibt es gewisse Unter-
schiede in dem Abstreifen, in dem nach und nach sich Herausstrei-
fen aus dem, was der Volksgeist mit uns macht, nach dem Tode.
Da haben wir zum Beispiel den franzosischen Volksgeist. Es ist
ein Volksgeist, dessen Inspirationen mit einer hochentwickelten
Kultur zusammenhangen, mit einer Kultur, die nur dadurch denk-
bar ist, dafi dieser Volksgeist zuriicksieht auf das alte Griechentum,
wie ich es auch schon auseinandergesetzt habe. Dieser Volksgeist
arbeitet nun so an den Menschen, die dem betreffenden Volke an-
gehoren - das ist gerade die Natur derjenigen Volksgeister, die
hochentwickelten Kulturen entsprechen daft tiefe Eindriicke im
menschlichen Atherleib entstehen, dafi sich die Signatur des Volks-
geistes scharf einpragt in den Atherleib. Das hangt mit dem zu-
sammen, worauf ich gestern aufmerksam gemacht habe, daft der
Franzose an dem Bilde hangt, das er sich von sich selber macht.
Denn daft solche von den Einwirkungen des Volksgeistes in den
Atherleib herruhrende Eindriicke geschehen, das hat wieder zur
Folge, daft, wenn die Seele den Leib im Tode verlaftt, scharf e Aus-
pragungen im Atherleibe und auch noch im astralischen Leibe des
Menschen vorhanden sind. Gerade wenn man einem solchen Volke
angehort wie dem franzosischen, kommt die Seele mit scharf ausge-
pragtem astralischem Leib aus dem physischen Dasein heraus. Die
Folge davon ist, daft man viel zu tun hat im Abstreifen desjenigen,
was vom Volksgeiste nach dem Tode bleibt.
Vergleichen wir nun ein solches Abstreifen der Natur des Volks-
geistes, wie es durch das franzosische Volk bedingt wird, mit dem,
was zum Beispiel durch die russische Volksseele bedingt wird, so
haben wir bei der letzteren eigentlich das Entgegengesetzte. Die
russische Volksseele ist gleichsam jung, und sie beschaftigt sich
noch weniger mit den Menschenindividuen, die ihr anvertraut sind.
Daher sind die Menschenindividuen, wenn sie durch die Pforte des
Todes gehen, in bezug auf den atherischen und astralischen Leib
durch die russische Volksseele wenig gepragt. Wenn wir nun die
ganze Situation ansehen in der geistigen Welt, so finden wir, wenn
wir auf die Seelen hinblicken, die durch die Todespforte gegangen
sind, daft wir die Seelen des franzosischen Volkes mit scharf ausge-
pragten Atherleibern wie auch mit scharf ausgepragten astralischen
Leibern antreffen, daft wir dagegen die russischen Seelen mit durch
den Volksgeist wenig ausgepragten Ather- und astralischen Leibern
wiederfinden. Die Folge davon ist, daft diese verschiedenen Seelen
von den leitenden Geistern, welche die Menschheitsevolution
vorwartsbringen miissen, zu Verschiedenem gebraucht werden
konnen.
Nun stehen wir in einer Zeit, die wirklich nicht vorwartskom-
men kann, wenn sich nicht fur die Menschheit eine gewisse Summe
von spirituellen Wahrheiten offenbart. Das ist ja oftmals ausein-
andergesetzt worden, ist bis zu dem Grade auseinandergesetzt wor-
den, daft gesagt worden ist, daft bis zu einem gewissen Zeitraume
unseres Jahrhunderts die Offenbarung des Christus sich in der gei-
stigen Welt dem Menschen eroffnen wird. Aber wir konnen es so
nehmen, daft wir sagen: Es muft Spirituelles hereinkommen in die
Welt. Dieses Spirituelle, das in die Menschheitsentwickelung her-
einkommt, erkampfen zuerst die Geister in der iibersinnlichen
Sphare; und in dieser iibersinnlichen Sphare kampfen fur das Her-
eindringen der spirituellen Strdmung in die Menschheitsentwicke-
lung hohere Geister, Geister hoherer Hierarchien. Aber sie bedie-
nen sich bei ihrem Kampfe als mitspielender Krafte derjenigen, wel-
che von den Menschen kommen, die durch die Pforte des Todes
gegangen sind. Der Mensch im Leben zwischen Tod und neuer
Geburt arbeitet und wirkt ja immer mit an dem, was in der Welt
geschieht. Und da er in verschiedener Weise gestaltet ist, so wirkt
er ganz verschieden mit, je nachdem er zum Beispiel aus einem
franzosischen oder aus einem russischen Leibe kommt. Daher kon-
nen sich die Geister der verschiedenen hoheren Hierarchien dieser
Seelen in verschiedener Weise bedienen.
Was in der Menschheitsentwickelung bevorsteht, das hangt aller-
dings damit zusammen, daft gegenwartig in der geistigen Welt ein
machtiger Kampf stattfindet. Nur bedeutet Kampf in der geistigen
Welt etwas anderes als Kampf in der physischen Welt. Ein Kampf
in der geistigen Welt bedeutet ein Zusammenwirken zur Ausgestal-
tung eines Fruchtbaren. Es ist dieser Kampf etwas, was fur die
Menschheitsentwickelung notwendig ist; kurz, es ist ein Kampf,
der zu etwas fiihrt. Ihn kampfen gewisse Geister der hoheren Hier-
archien aus. Und sie kampfen ihn so aus, daft sie sich gewisser jun-
ger, aus dem ostlichen Kulturgebiete kommender Seelen und gewis-
ser aus den westlichen Kulturen herauskommender Seelen bedie-
nen. Es ist ein Kampf, der noch lange dauern wird, ein Kampf der
russischen Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind,
und der franzdsischen Seelen, die durch den Tod gegangen sind; ein
Krieg des geistigen Rutland gegen das geistige Frankreich. Es ist
ein furchtbarer Krieg, wenn wir die Worte des physischen Planes
gebrauchen. Wer heute den Blick in die geistige Welt richtet, der
erblickt dies en Kampf des geistigen Ruftland gegen das geistige
Frankreich, und voll ist die geistige Welt davon. Es ist ein erschiit-
ternder Kampf!
Und nun erblicken wir, wenn wir dieses voraussetzen, das, was
auf dem physischen Plan vor sicht geht: da wird ein Biindnis ge-
schlossen. Das ist das Spiegelbild des Kampfes in der geistigen
Welt. Diese Dinge gehoren zu den Schwierigkeiten, welche die
Geistesforschung durchzumachen hat. Glauben Sie nur nicht, daft
man nun etwa generalisieren konne, indem man einfach sagt: Man
kann leicht die geistigen Wahrheiten ableiten, wenn man immer das
Entgegengesetzte von den Dingen denkt, die auf dem physischen
Plane vor sich gehen. Man wiirde zu dem Falschesten und Torich-
testen kommen, wenn man dies als Regel anwenden wollte. Denn
es ist dies vielleicht unter hundert Fallen fiinfmal der Fall, in funf-
undneunzig Fallen aber nicht. Alle geistigen Wahrheiten sind indi-
viduell und miissen immer individuell angeschaut werden; sie kon-
nen nicht durch blofte Dialektik gefunden werden. Aber die Wahr-
heit, die ich ausgesprochen habe, gehort zu denjenigen, die heute
ganz besonders erschiitternd sind, denn sie kann uns wieder einmal
darauf aufmerksam machen, wie anders die Welt gestaltet ist, wenn
wir hinter den Schleier der Maja sehen, und wie in dem, was aufiere
Menschentaten sind, das Entgegengesetzte von dem gegeben sein
kann, was eigentlich die Realitat, das Geistige ist.
Wenn wir die Dinge so betrachten, dann ist es ja ganz unmog-
lich, dafi sich nicht auch unsere Gefuhle in der Betrachtung desjeni-
gen, was aufterlich vor sich geht, umandern. Denn wir kommen
zu dem Begriff, dafi in den aufierlichen Vorgangen eigentlich erst
unterschieden werden mufi, um das Wahre zu schauen. So wie
irgendein Wolkengebilde, wenn wir es in der Feme sehen, undeut-
lich ausschaut, in der Nahe aber ganz anders ist, so nehmen sich
auch die Dinge im Volkergeschehen in Wahrheit aus. Und mitten
darinnen, ich mochte sagen, zwischen den kampfenden Parteien im
Osten und Westen, liegt nun geistig das deutsche Gebiet, das dazu
da ist, nach beiden Seiten hin zu vermitteln, wirklich nach beiden
Seiten hin zu vermitteln - was es auch tut. Und wahrend nach bei-
den Seiten hin die Vermittlung im Geiste geschieht, sehen wir in der
physischen Welt das Losschlagen von beiden Seiten und nach
beiden Seiten.
In einem gewissen Sinne hangt das, was wir jetzt erleben, zu-
sammen mit dem tiefsten Impulse der Menschheitsentwickelung in
unserer Zeit. Ich habe ja oftmals gesagt: Warum treiben wir eigent-
lich Anthroposophie? Wir treiben sie, weil sie eine Weltaufgabe ist,
eine Forderung, die von der geistigen Welt aus an die Menschheit
gestellt wird. Es muE eine Anzahl von Imaginationen sich der
Menschheit mitteilen; die Menschen miissen im Laufe der nachsten
Zeit eine Anzahl von geistigen Wahrheiten auf nehmen. So ist es,
mochte ich sagen, vorgezeichnet im Gange der Menschheitsent-
wickelung. Es besteht demgegeniiber natiirlich der Widerspruch,
der wirkliche Widerspruch, der Widerstreit, da& die Menschen erst
nach und nach reif werden miissen, und da£ dies langsam geht.
Aber die Imaginationen wollen herein in die Menschheitsentwicke-
lung. Es will etwas herein in die Menschheitsentwickelung, was, ich
mochte sagen, ein Snick uber dem physischen Plan daruber, was
hdher liegt. Die Menschen weisen das heute noch zuriick, weisen es
im umfanglichsten Sinne zuriick. Daher erscheint das Gegenbild.
Und das Gegenbild der Imaginationen sind Leidenschaften, sind
Gefuhlsausbriiche, die aus der Tiefe der Menschennatur heraus-
kommen, die ebenso tief unter dem physischen Plan liegen wie die
Imaginationen iiber demselben. Wenn wir heute die Menschen mit
Haft, mit wirklicher Unwahrheit sich begegnen sehen - was sind
dann dieser Haft und diese Unwahrheit? Es sind die Spiegelbilder
der herausquellenwollenden Imaginationen, die nun in solcher
Form herauskommen, well sich die Menschen gegen sie strauben.
Was eine gewisse Strecke liber dem physischen Plane liegt, das
kommt als sein Verwandlungsprodukt heraus, als das, was ebenso
weit unter dem physischen Plane liegt; das muJ5 sich herausarbeiten.
Auch das konnen wir aus dem allgemeinen Menschenkarma be-
griindet linden, was auf diese Weise auf so unerfreuliche Art ge-
schieht.
Warum muft es denn geschehen, daft die Menschen gerade jetzt,
in unserem Zeitalter, eine gewisse Summe von spirituellen Wahrhei-
ten empfangen? Dariiber konnen wir uns in folgender Weise Ant-
wort geben.
Es sind zwei Falle moglich. Der eine ist der, daft der Mensch
einen gewissen Sinn hat fur spirituelle Wahrheiten, daft er ihnen
nicht ein taubes Ohr entgegenbringt, sondern sie aufnimmt in seine
Seele und in sein Herz, daft er gewissermaften Anthroposoph wird,
wie man in unserer Zeit Anthroposoph werden kann. Oder es ist
der andere Fall moglich, daft der Mensch die spirituellen Wahrhei-
ten abweist, daft er etwa sagt, das ist alles torichtes, dummes Zeug;
das alles entspringt aus den Kopfen von ein paar torichten Phan-
tasten, die gescheiter taten, wenn sie etwas anderes vornehmen
wiirden.
Nun, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, so tritt
er damit selbstverstandlich in die geistige Welt ein. Und wenn etwa
jemand sagen wiirde: Tritt man denn nur dadurch in die geistige
Welt ein, daft man sich zwischen Geburt und Tod ein Wissen er-
wirbt von dieser geistigen Welt? - so konnte man ihm in gewissem
Sinne sagen: Selbstverstandlich kommt in die geistige Welt auch
der, welcher nichts von ihr weift; ganz selbstverstandlich tritt auch
der in die geistige Welt ein. - Aber was 1st fur ein Unterschied zwi-
schen diesen beiden Menschentypen? Der Unterschied ist betracht-
lich. Ich rede jetzt immer nur von unserer Zeit, denn die geistigen
Wahrheiten sind individuell. Und wenn etwa jemand gegeniiber
dem ersten, was ich angefuhrt habe, sagen wiirde: Also verwandeln
sich Imaginationen, die nicht herauskommen konnen, immer in ei-
nen Lasterkrieg, wie er jetzt herrscht? - so ware das eine falsche
Ansicht; denn zu andern Zeiten konnen sie sich ganz anders verhal-
ten. Die geistigen Wahrheiten sind immer individuell, und das, was
ich jetzt sagen will, bildet eben nur eine individuelle Wahrheit fur
unsere Zeit.
Der Mensch, der durch die Pforte des Todes geht, ohne sich um
die Moglichkeit, Spirituelles in unserer Zeit aufzunehmen, gekum-
mert zu haben, iibergibt seine Seele den hoheren Welten, wenn er
durch die Pforte des Todes schreitet, fast so, wie er sie empfangen
hat, als er durch die Geburt in das physische Dasein hereingegangen
ist, und die hoheren Welten haben nichts von ihm, als was sie ihm
bei seiner Einkorperung ubergeben haben. Wer sich aber, nicht
bloft durch Glauben, sondern durch das Einleben in die geistigen
Welten hier aneignet, was aus der geistigen Welt heraus zu bekom-
men moglich ist, der iibergibt seine Seele bei seinem Tode den gei-
stigen Welten nicht so, wie er sie bei der Geburt empfangen hat,
sondern er iibergibt den iibersinnlichen Wesenheiten auch das, was
er sich hier erarbeitet hat an Begriffen, Vorstellungen und Empfin-
dungen, und das gehort nicht bloft ihm an, sondern das gehort den
iibersinnlichen Wesenheiten. Wer das nicht mitbringt, lebt selbst-
verstandlich auch in die geistige Welt hinein, aber er tragt nichts bei
zum Menschheitsfortschritt. Wiirde man also immer so gelebt ha-
ben oder wiirde man von einem bestimmten Zeitpunkt an so leben,
so wiirde kein Fortschritt zustande gekommen sein, oder von
einem bestimmten Zeitpunkt an wiirde die Menschheit immer so
geblieben sein, wie sie war. Daft Fortschritt, daft Weiterentwicke-
lung geschieht, daft die Seelen immer etwas Neues finden konnen,
wenn sie in neuen Inkarnationen die Erde betreten, hangt davon ab,
daft sie Gelegenheit finden, das, was die besondere Mission der Zeit
ist, in sich aufnehmen zu konnen. Es ist also letzten Endes eine Art
Entschluft, ob man sich zur geistigen Welt in ein Verhaltnis bringt
oder nicht. Es konnte ja zum Beispiel jemand sagen: Was liegt mir
am ganzen Menschheitsfortschritt? Was liegt mir an der Erden-
entwickelung? Mag die Erde stillestehen ! Ich lebe dariiber hin-
weg. - Wer keine rechte Liebe, kein Interesse zum Erdenfortschritt
hat, der kann ja so reden. Wer aber Liebe zum Menschheitsfort-
schritt als hochste Pflicht in sich tragt, der kann diesen Weg nicht
wahlen. Freiheit liegt auch auf diesem Gebiete. Daher werden
selbstverstandlich nur durch Freiheit und Liebe zum wahren Men-
schenfortschritt und Menschenheil die Seelen zur Anthroposophie
kommen. Man kann also auch nicht einmal aus blofiem Egoismus
Anthroposoph werden; denn wird man es, so tragt man etwas zum
Fortschritt bei, dem man sich sonst entzieht. Man wirkt also in
Liebe, nicht bloft fur sich, sondern fur etwas anderes.
Das ist das, was ich immer durchleuchten lassen mochte durch
alle Auseinandersetzungen derjenigen Geisteswissenschaft, die wir
suchen: daft diese Wissenschaft eine lebendige, eine tatige Kraft ist.
Ich rede nicht vom Schauen, ich rede von dieser Wissenschaft; das
Schauen bringt nur die Resultate hervor. Ich rede von dem Ein-
leben der Resultate im Menschen. Geisteswissenschaft ist ein
Lebendiges, ein Tatiges, etwas, was sich einlebt in die Seelen, was
wirkt und schafft an unseren Seelen. Deshalb habe ich oft den Ver-
gleich gebraucht: Von der Liebe blofi zu reden - und das Reden
nun besonders in der theosophischen Bewegung betrachtet - ist so,
als wenn man sich vor einen Ofen hinstellen und predigen wiirde,
er solle warm werden, denn das ware seine Pflicht als Ofen. Er
wird durch die schonste Predigt liber seine Ofenaufgabe nicht
warm werden. Aber er wird warm werden, wenn man Holz in ihn
hineinlegt und es anziindet. So ist es im Grunde genommen mit al-
lem Predigen von der Menschenliebe, und dieses Predigen hat auch
gegeniiber den Menschen kaum mehr Erfolg als das Predigen ge-
geniiber dem Ofen, daft er warm werden soil. Schlieftlich ist dieses
Predigen zu alien Zeiten gemacht worden und der Erfolg, er kann
ja beobachtet werden. Aber das, was nicht blofi Wissen ist von der
geistigen Welt, was nicht bloE Vorstellung, Wort ist, sondern was
im Worte ein Lebendiges, ein Wirkendes ist, das ist das Holz, das
wir unserer Seele geben, und das brennt, wenn es richtig von unse-
rer Seele aufgenommen wird. Gerade aus solchen Auseinanderset-
zungen, wie die heutige ist, kann man das entnehmen; da brennt
Erkenntnis auf, da wird Erkenntnis Liebe, denn der Mensch wird
umgewandelt durch das in seinen Tiefen, in seinen Fundamenten
erkannte Geistesleben. Es ist ihm sogar diese tiefe Umwandlung
recht unbequem; er weist die spirituelle Wahrheit von sich und
mochte lieber bei der Maja stehenbleiben.
Das ist aber auch im Grunde genommen der nachste Grund da-
fur, weshalb so oft gesagt wird, man solle die geistigen Wahrheiten
nicht allzuviel der Offentlichkeit iibergeben. Es sind ja schlieftlich
nicht Wahrheiten, die, wenn sie ausgesprochen werden, so neutral
wirken wie Physik oder Chemie, sondern es sind Wahrheiten, de-
nen gegeniiber die Menschenseele nicht ganz neutral bleiben kann,
die sie entweder ablehnen mufi oder aufnehmen wird. Aber zum
Aufnehmen muE sie sich in einer gewissen Weise aus demjenigen
umandern, was sie im gewohnlichen physischen Leben ist. Daher
wird die Welt schon etwas erregt, aufgeregt durch die Mitteilung
der tieferen geistigen Wahrheiten. Aber unsere Zeit ist dazu beru-
fen, diese Aufregung nicht zu scheuen, diese Aufregung wirklich
durchzumachen. Denn nur dadurch kann das Feld bereitet werden
fur ein neues Geistesleben, dem wir entgegenleben miissen und an
dessen Ausgangspunkt wir doch stehen. Und die Zeichen der Zeit
weisen uns darauf hin, wie notwendig es ist, gewisse Dinge zu ver-
stehen. Denn man kann gegeniiber vielem, was gerade heute in der
aufieren Welt geschieht, unverstandlich und unverstandig stehen.
Versuchen Sie einmal, Verschiedenes zusammenzufassen. Ich habe
ja hier gleichsam die Aufgabe, zu Ihnen intimer zu sprechen, als es
im offentlichen Vortrage geschehen kann. Ich habe die Aufgabe,
das, was ich in den offentlichen Vortragen, die mit den Zeitereignis-
sen zusammengehangen haben, sagte, so zu formulieren, dafi es
wirksame Wahrheit werden konnte; so zu pragen, daft es jetzt in
unserer Zeit richtig geredet ist. Versuchen Sie, da manches zusam-
menzunehmen, so werden Sie sehen, daft eine Bemiihung durch al-
les hindurchgegangen ist: ein wenig richtigere Begriffe, richtigere
Empfindungen und Gefiihle iiber den Zusammenhang auch der
unmittelbaren Zeitereignisse hervorzurufen, als sie sonst so leicht
verbreitet sind.
Versuchen Sie zum Beispiel das festzuhalten, dafi ich mich in
dem ersten offentlichen Vortrage bemiiht habe nachzuweisen, wie
wirldich dieses deutsche Volk im Grunde genommen ganz erfullt
war von der Tendenz nach Frieden, nach friedlicher Entwickelung,
und wie wirklich das vorliegt, dafi man sagen kann: das deutsche
Volk hat als solches den Krieg nicht gewollt. Aber wenn wir links
und rechts hinhdren, das sagen sie alle, das betonen sie alle: sie
haben den Krieg nicht gewollt! Die Franzosen haben den Krieg
nicht gewollt, die Englander haben den Krieg nicht gewollt, sie
mufken ihn aus «moralischen Griinden» unternehmen. Aber die
moralischen Grunde sind nur in achtzehn Stunden entstanden! Alle
betonen: sie haben den Krieg nicht gewollt. Hal ten wir uns an das -
es ist namlich in diesem sehr, sehr viel Wahrheit darin - und verfol-
gen Sie einmal, wie ich vorgegangen bin, indem ich darauf hinge-
wiesen habe: das deutsche Volk hat den Krieg nicht gewollt. Aber
daraus habe ich nicht folgen lassen: also hat ihn der andere gewollt.
Sondern ich habe im ersten offentlichen Vortrage ausdrucklich ge-
sagt: hochstens konnte man eine Frage aufwerfen, namlich die Fra-
ge: Wer hatte den Krieg verhindern konnen? - und habe damit auf
den russischen Osten gedeutet; denn der hatte den Krieg verhindern
konnen.
Aber das ist es, worauf ich besonders aufmerksam machte, daft
die richtige Antwort von der richtigen Fragestellung abhangt. Wenn
irgend jemand betont, er habe den Krieg nicht gewollt, so folgt dar-
aus nicht: also habe ihn der andere gewollt. Beide konnen ihn nicht
gewollt haben, und doch ist er entstanden. Wenn man von den
eigentumlichen Verhaltnissen Rufilands absieht, so kann man im
Grunde genommen sagen: Es ist wirklich der Krieg nicht gewollt
worden, was man «wollen» nennt auf dem physischen Plan. Son-
dern dieser Krieg ist mit einer elementaren Notwendigkeit durch
einander entgegengesetzte Krafte, durch elementar einander wider-
strebende Krafte auf unbegreifliche Weise entstanden. Denn noch
nie war im Grunde genommen ein solches welthistorisches Ereignis
in so wenigen Tagen wie aus einer Kiste heraus entsprungen und
hat gezeigt, dafi das, was in den aufteren Ereignissen sich abspielt,
etwas ist, was aus den geistigen Verhaltnissen heraustritt und sich
physisch kundgibt.
So betrachtet, sind die heutigen Ereignisse etwas, was wie ein
Exempel dasteht, um dem Menschen den Gedanken zu Gemiite zu
fiihren: Wenn die Frage aufgeworfen wird, hat es der gemacht, hat
es jener gemacht? - so wirst du nie das Richtige zur Antwort be-
kommen. Sondern du mufit einmal voraussetzen, dafi da noch et-
was anderes mitgewirkt hat, du mufit dich einmal bequemen, etwas
defer zu gehen. Erst dann wird man lernen, richtig iiber die Ereig-
nisse zu sprechen.
Noch aus einem anderen Grunde wird man sich zu einer tieferen
Ansicht iiber die Dinge aufraffen miissen. Wir erleben es, wie im
Widerspruche mit sich die heutige Welt sich zeigt. Die Menschen
konnen noch nicht anders, als die Dinge so aufzufassen, dafi sie
durchaus dem anderen die Schuld geben. Wird einmal eine Zek
kommen, in welcher die tieferen Wahrheiten iiber das Karma in die
Menschengemiiter iibergegangen sein werden, dann wird diese Art,
dem anderen die Schuld zu geben in bezug auf das, was zu durch-
leben ist, nicht mehr stattfinden. Denn dann wird man wissen, dafi
jedes Volk dasjenige in seinem Karma durchlebt, was es um seinet-
willen zu durchleben hat. Das Volk erlebt die Notwendigkeit, die
Krafte im Kampfe zu starken, nicht wegen des anderen, sondern
um seinetwillen, um vorwartszukommen; der andere ist in gewisser
Beziehung nur der Vollstrecker. Dadurch wird die Betrachtung ab-
gelenkt auf das Volksseelenkarma. Und die Aussage: Hier stehe ich
und dort steht der andere, der hat die Schuld, der macht es, daE ich
durch diese Ereignisse, durch diese Kampfe hindurch muft, der hat
sie angezettelt, das erscheint gegeniiber einer hoheren Betrachtung
so, wie wenn ein fiinfzigjahriger Mann ein Kind ansieht - das Kind
ist jung, und er ist alt; als das Kind noch nicht da war, war er noch
nicht alt, und indem das Kind heranwachst, wird er alt - und wenn
er nun sagen wollte: Das Kind, das hat die Schuld, daft ich alt
werde; denn wiirde das Kind nicht heranwachsen und alter werden,
so wiirde ich nicht alt werden! Aber das Kind kann ihn nur auf-
merksam machen auf das Altwerden.
Das ist zu beachten, daft jedes Volk dasjenige, was es erlebt, und
wenn es die schwersten Ereignisse sind, aus seinem Karma heraus
erleben mufi. Sagen Sie nicht, wenn eine solche Wahrheit in die
Menschengemiiter ubergehe, wird es etwas Untrostliches sein, was
so in die Gemiiter ubergeht; sondern das wird gerade zu einer
heroischen Lebensauffassung, zu einer tapferen Lebensauffassung
fiihren, zu einer Lebensauffassung, welche die Evolution in sich
schlieftt. Man wird, wenn eine solche Lebensauffassung die Men-
schen ergreift, es als verschwendete Krafte ansehen, die Schuld im-
mer im anderen zu sehen und immer nach dem gewohnlichen
Schluft zu verfahren. Man wird an die Krafte appellieren, die einen
selber vorwartsbringen konnen. Man wird lernen, sich auf jedem
Gebiete mit seinem Schicksal zu identifizieren. Wir haben ja im 6f-
fentlichen Vortrage gesehen, daft dieses Schicksal, das man so gern
als etwas Aufteres ansieht, erst dann richtig begriffen wird, wenn
wir in dieses Schicksal ausflieften. So ist es auch mit dem Volkskar-
ma. Wenn die Liebe auf die Erde kommt, dann wird diese Gesin-
nung unter die Menschen kommen.
An Sie aber, meine lieben Freunde, die Sie sich einer geistigen
Bewegung gewidmet haben, mochte ich auch heute wieder appellie-
ren - wie es auch friiher geschehen ist -, zu bedenken, daft es in der
Zukunft notwendig ist, daft der geistige Horizont, in dem wir
leben, nicht bloft mit solchen Gedanken angefullt werde, die friiher
auch schon da waren, sondern daft er angefullt werde mit neuen
Gedanken. Das konnen aber nur diejenigen sein, welche aus der
spirituellen Welt entspringen. Es wird nicht gleichgiiltig sein, ob in
der nachsten Zeit eine Anzahl von Menschen da sind oder nicht,
welche Gedanken in die geistige Welt hinaufsenden, wie diejenigen
sind, die aus einer solchen Betrachtung stammen, wie sie heute an-
gestellt worden ist. Wenn Sie sich entschlieften, zu meditieren iiber
diese Wahrheiten, dann tragen Sie dazu bei, daft das, was sich in
der Zukunft ergeben soli, sich in richtiger Weise und zum Men-
schenheil ergibt. Nicht untatig sind Sie fiir den Fortschritt der
Menschheit, wenn Sie diejenigen Gedanken meditieren, welche die
gegenwartige Zeit fordert, damit die Menschheit wirklich vorwarts-
schreite. Moge es recht vielen unter uns gelingen, neben die Arbeit,
die mit Blut und Tod getan wird, auch die geistige Arbeit hinzu-
stellen, welche darin besteht, daft wir die Welt mit richtigen Ge-
danken erfiillen, mit solchen Gedanken, die im Sinne der Mission
unserer Zeit liegen. Und dann werden wir fiihlen, daft dies die wah-
ren Gedanken der Liebe sind. Oh, gar mancher, der heute nach Zi-
taten sucht und dabei nach dem so viel beiiebten Biichmann greift,
um etwas Rechtes zu sagen, hat in diesen Tagen das Wort des alten
Heraklit angefuhrt, welches den Krieg den «Vater aller Dinge» sein
laftt. Heraklit hat es berechtigt gesagt, und die es nachsagen, sagen
es auch berechtigt. Aber aus dem Vater allein entsteht kein Kind.
Zu dem Kind gehort die Mutter. Wie der Krieg der Vater ist, so ist
das, was in friedenvoller Arbeit geschieht, die Mutter. Damit der
Vater nicht steril bleibe, wird die Mutter da sein miissen. Und sie
wird hervorgehen miissen aus den Gemiitern derer, die in geistiger
Weise die Aufgaben unserer Zeit begreifen und welche aus der Er-
kenntnis sich die Liebe zu erringen wissen.
Das ist das, was ich in diesem gegenwartigen Zusammensein in
Ihre Seelen legen mochte, damit gemaft den Forderungen unserer
Gegenwart unsere Geisteswissenschaft nicht eine Befriedigung un-
serer Neugier oder unseres Wissensdurstes bleibe, sondern damit
sie die rechten lebendigen Krafte gebe, die, indem wir sie ausbilden,
der wahre Trost werden fiir das Leid, das unsere Zeit mit sich
bringt. Denn der wahre Trost ist der, der nicht Schwache nach sich
zieht, sondern der Starke in seinem Gefolge hat, der sich aufrafft
- ob zum geistigen oder leiblichen - jedenfalls aber zum Tun. Im-
mer wieder und wieder mufi man schon daran denken, wie es in
unserer Zeit notwendig ist, daft eine Anzahl von Menschen einen
freien Drang nach spiritueller Vertiefung haben. Denn der bedeutet
schon, daft nicht der einzelne Mensch, sondern daft die ganze
Menschheit vorwartsschreitet. Und indem wir diese Gesinnung ha-
ben, erinnern wir uns am Schlusse noch einmal der Gedanken, die
wir hinaussenden in dem angedeuteten Sinne zu denjenigen, die
draufien stehen:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und mit Hinsicht auf die, welche schon durch die Pforte des
Todes gegangen sind:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 17. Januar 1915
Meine lieben Freunde, wie bei andern Gelegenheiten, wo ich seit
dem Anbruch unserer ernsten gegenwartigen Zeit zu Ihnen spre-
chen durfte, seien auch in diesem Moment unsere ersten Gedanken
hingelenkt zu denjenigen, die drauEen im Felde stehen, ihre Seelen
und ihre Leiber zum Opfer bringen den grofien Forderungen unse-
rer Zeit und mit ihrem ganzen physischen Sein einzustehen haben
fur diese Forderungen der Zeit:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
DaE, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und fur die schon durch die Pforte des Todes Gegangenen sagen
Wir ' Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Dafi, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen
ist, den wir suchen seit langem in unserer Bewegung, er sei bei euch
und fuhre euch zu den Zielen, die ihr suchen miifit!
Was ich insbesondere bei unserer letzten Betrachtung hier fliefien
lassen wollte durch die Worte, die damals gesprochen worden sind,
das war die geisteswissenschaftlich zu erkennende Wahrheit, wie
man gerade an den grofien, ernsten Ereignissen des Lebens zu sehen
in der Lage ist, daE die aufteren Erscheinungen in dem Lichte be-
trachtet werden miissen, das uns die Geisteswissenschaft gibt. Dann
erst erscheinen sie uns nicht mehr als Maja, als die grofie Tau-
schung, sondern dann erscheinen sie uns in ihrer tiefen Wahrheit.
Nicht als ob diese aufteren Erscheinungen selber Maja oder Tau-
schung waren, was eine orientalisierende Weltanschauung leicht als
Mifiverstandnis an die Seelen heranbringen konnte, sondern so ist
es, dafi unsere Sinne und unser Verstand in der Auslegung, in dem
Begreifen der aufieren Ereignisse irren, wenn wir diese aufteren Er-
eignisse nicht beleuchten mit dem Licht, das uns durch die Er-
kenntnis der geistigen Welt kommt.
An einzelne Tatsachen mochte ich heute ankniipfen, die in den
Jahren unseres anthroposophischen Strebens schon beruhrt worden
sind und die ich heute in eine etwas unserer Zeit entsprechende Per-
spektive riicken mochte.
Wir sind ja davon durchdrungen, dafi, seitdem das Mysterium
von Golgatha in die Erdenereignisse eingegrirfen hat, diejenigen
Impulse, diejenigen Krafte und Wesenheiten, welche durch dieses
Mysterium von Golgatha gegangen sind, als lebendige Krafte einge-
grirfen haben in alles Geschehen der Menschheitsentwickelung auf
der Erde. Mit andern Worten, ich mochte, konkreter ausgespro-
chen, sagen: In alien mafigebenden Ereignissen, in alledem, was
sich als wichtig und wesentlich zugetragen hat, ist der Christus-Im-
puls darinnen tatig durch die, welche seine Diener, seine spirituellen
Gehilfen sind. Gegenwartig nennt man ja so haufig Christen turn
nur dasjenige, was von den Menschen hat verstanden werden kon-
nen. Aber ich habe es ofter betont: Was durch das Christentum in
die Welt gekommen ist, das ist so grofS, so gewaltig, daft die
menschliche Vernunft, der menschliche Verstand, bis zu unserer
Gegenwart keineswegs in der Lage waren, auch nur das Elementar-
ste aus den Kraften des Christus-Impulses wirklich zu begreifen.
Wenn der Christus nur durch das hatte wirken sollen, was die
Menschen von ihm haben begreifen konnen, dann wiirde er wenig
haben wirken konnen. Aber nicht auf das kommt es an, was durch
die menschlichen Vernunftbegriffe in die Menschheit eingegangen
ist, was die Menschen sich haben vorstellen konnen von dem Chri-
stus, sondern dafi er seit dem Mysterium von Golgatha da ist, unter
den Menschen unmittelbar wirksam und in ihren Handlungsweisen
tatig. Nicht darauf, inwiefern er von den Menschen begriffen wor-
den ist, kommt es an, sondern daft er als lebendiges Wesen da war
und sich hat hineinfliefien lassen in das, was als mafigebende Tatsa-
chen in der Entwickelung geschehen ist. Gewifi, wir sind durch un-
sere Geisteswissenschaft auch heute nur imstande, ein wenig von
der Tiefe des Christus-Impulses zu begreifen; kommende Zeiten
werden immer mehr und mehr davon begreifen und schauen. Zum
Hochmut kann uns das nicht veranlassen, was wir heute von dem
Christus-Impuls begreifen konnen. Die Geisteswissenschaft will ei-
niges mehr begreifen, als man in verflossenen Zeiten von dem Chri-
stus hat begreifen konnen. In verflossenen Zeiten hat man iiber den
Christus nur nachdenken konnen mit den Mitteln, die der auftere
Verstand, die aufiere Vernunft, die aufiere Forschung geben. Jetzt
bekommen wir dazu die Geisteswissenschaft, sehen dadurch in die
iibersinnlichen Welten hinein, und aus den ubersinnlichen Welten
konnen wir uns manche Antwort geben iiber die Bedeutung des
Mysteriums von Golgatha. Am wenigsten waren in der Lage, gleich
zu begreifen, was der Christus ist, und was diejenigen spirituellen
Machte sind, welche als die Volksseelen und dergleichen in seinem
Dienste stehen, diejenigen Menschen, in deren Gebiet sozusagen
der Christus zuerst einziehen muftte. Dennoch mufke der Chri-
stus-Impuls hineinfliefien - zum Beispiel in die romische Welt. Und
gerade an einem Beispiele, das wir in einem andern Zusammen-
hange schon angefuhrt haben, konnen wir am allerbesten sehen,
wie der Christus als eine lebendige Macht tatig ist und seine spiritu-
ellen Diener anfuhrt, wenn es sich darum handelt, diejenigen Tatsa-
chen zu bewirken, die einfliefien miissen in die Entwickelung zum
rechten Fortschritt der Menschheit.
Auf die Tatsache, die ich meine, mochte ich noch einmal hinwei-
sen. Im Jahre 312 unserer Zeitrechnung ist es geschehen, dafi derje-
nige, durch den innerhalb des Romischen Reiches das Christentum
zur Staatsreligion wurde, Konstantin, Sohn des Konstantius Chlo-
rus, mit se'mem Heere dem damaligen Beherrscher von Rom, Ma-
xentius, gegeniiberstand. Gewifi, so wie die beiden Heere sich ge-
geniiberstanden, mufke man sagen: so ungiinstig wie moglich stan-
den die Bedingungen fur Konstantin, denn sein Heer war funfmal
kleiner als das des Maxentius. Wir konnen uns aber vorstellen, dafi
nach dem Stande der damaligen Kriegskunst in beiden Heeren ganz
bedeutende Heeresleiter waren. Aber es kam gerade damals nicht
auf Menschenkunst an, sondern darauf, dafi dem fortflieftenden
Christus-Impuls die Moglichkeit gegeben wurde, auf die auch von
der damaligen Zeit geforderte Weise in die Menschheit einzugrei-
fen. Was man damals vom Christus-Impuls verstehen konnte, was
die Herzen der Menschen vom Christus-Impuls aufgenommen hat-
ten aus dem damaligen Zeitbewufksein heraus, davon konnen wir
uns tiberzeugen, wenn wir uns anschauen, was ein paar Jahrzehnte
spater sich um Rom und aus Rom vollzogen hat: wenn wir sehen,
wie Julian, der Apostat, aus der ehrlichen Oberzeugung dessen,
was man damals aus Menschen wissen gewinnen konnte, das
Christentum bekampft hat. Und wer sich auf die Art einlafk, wie
Julian und die Seinigen das Christentum bekampften, der wird sich
sagen: Ganz gewifi, vom Menschen wissen aus waren Julian und
seine Anhanger auf der Hohe ihrer Zeit; von diesem Standpunkte
aus waren sie viel aufgeklarter als die Christen ihrer Zeit, trotzdem
sie wieder zum Heidentum ubergegangen waren. Von ihnen kann
man sagen: sie vertraten, was man als Menschenwissen damals ver-
treten konnte. Aber was Menschenwissen ist, das durfte nicht im
Jahre 312 das Entscheidende sein, sondern es mufite die Moglich-
keit gegeben sein, dafi der Christus und seine Diener in die ge-
schichtliche Entwickelung der Menschheit eingriffen. Aber wenn
Maxentius und die Seinigen sich noch so sehr auf die Feldherrn-
kunst der Ihrigen hatten stiitzen konnen wie auch auf das, was
man sonst mit Menschenwissen und Menschenweisheit damals hat-
te erreichen konnen, und weiter nichts geschehen ware, dann
wiirde ganz zweifellos nicht das zum Vorschein gekommen sein,
was damals hatte zum Vorschein kommen miissen. Was geschah
also?
Was geschah, war folgendes: Der fortlaufende Christus-Impuls
floft hinein in diejenigen Tatigkeiten der Seelen, die nicht im Be-
wufttsein der Menschen lagen, von denen die Menschen nichts
wuftten. Und er lenkte tatsachlich die Menschen so, daft das zu-
stande kam, was zustande kommen sollte. Denn es wurde die
Schlacht zwischen Konstantin und Maxentius, die am 28. Oktober
312 am Saxa Rubra stattfand, nicht entschieden durch Menschen-
kunst; sondern sie wurde entschieden - so sehr sich auch die heu-
tige Aufklarung dagegen strauben mag, das anzuerkennen - durch
Traume, das heiftt, was man so «Traume» nennt, aber was sie fur
uns nicht sind. Denn alles dasjenige floft durch die Traume in die
Seelen der beiden Feldherren hinein, was durch die menschliche
Vernunft nicht in sie flieften konnte. Maxentius traumte vorher, daft
er seine Stadt verlassen miiftte. Er wandte sich auch noch an das
Sibyllinische Orakel; das sagte ihm, er werde das, was geschehen
sollte, erreichen, wenn er nicht innerhalb, sondern aufterhalb der
Stadt den Kampf wagen wiirde. Es war das Unklugste, was er hatte
tun konnen, insbesondere noch dadurch, daft sein Heer um so viel
starker war als das des Konstantin. Er hatte wissen miissen, daft er
das, was er aus den hoheren Welten bekam, erst hatte deuten miis-
sen, und daft der Orakelspruch ihn irrefuhren wiirde. Konstantin
wieder hatte einen Traum, der ihm sagte, er werde siegen, wenn er
unter dem Zeichen Christi sein Heer in den Kampf fuhren wiirde,
und so richtete er seine Taten dementsprechend ein. Was auf dem
Umwege des Traumes in die Seelen hineinfloft, das ging in die Tat
iiber, und das fiihrte das herbei, was damals die Welt so verandert
hat, so daft man nur ein wenig nachzudenken braucht, um sich zu
sagen: Was ware aus der Welt des Abendlandes geworden, wenn
eben nicht iibersinnliche Machte in einer so anschaulichen Weise in
die Ereignisse eingegriffen hatten?
Aber nun sehen wir uns die Ereignisse naher an. Seelen waren
damals im Westen und Siiden Europas inkarniert, die das Christen-
tum annehmen sollten, die zum Trager des Christentums werden
sollten. Durch ihren Verstand, durch ihre Vernunft konnten gerade
die erleuchtetsten Seelen damals nicht dazu kommen, Trager des
Christus-Impulses zu werden, weil die Zeit nicht dazu angebahnt
war. Sie muftten durch das, was aufterlich um sie herum geschaffen
worden ist, zum Christentum kommen. Man kann von diesen
Menschen sagen: sie zogen das Christentum gleichsam als ein Kleid
an, und sie wurden gar nicht in ihrem tieferen Wesen allzu sehr da-
von ergriffen. Sie wurden mehr dienende Glieder, als daft sie unmit-
telbar in ihrem tiefsten Wesen von dem Christus-Impuls waren er-
griffen worden. So war es im Grunde genommen noch lange Zeit
hindurch mit den besten Seelen im westlichen Gebiet Europas, bis
ins achte, neunte Jahrhundert hinein und noch wetter. Es war fur
sie notig, das Christentum als ein Kleid anzunehmen, dieses Kleid
des Christentums so zu tragen, daft sie es in ihrem Atherleibe tru-
gen und nicht in ihrem astralischen Leibe. Sie ermessen, was es be-
deutet, wenn ich sage, sie trugen das Christentum im Atherleibe.
Das heiftt, sie nahmen es so an, daft sie Christen waren im Wachzu-
stande, daft sie das Christentum aber nicht mitnehmen konnten,
wenn sie aus dem physischen und atherischen Leibe heraus waren.
Und so gingen sie auch durch die Pforte des Todes, daft wir von
ihnen sagen konnen: sie konnten aus dem Reiche, das der Mensch
durchzumachen hat zwischen Tod und neuer Geburt, hinunter-
schauen auf das, was sie in dem verflossenen Erdenleben waren.
Aber die christlichen Impulse, die aus dem damaligen Leben her-
vorgingen, mitzunehmen fur ihr weiteres Leben, das war ihnen
damals nicht unmittelbar moglich. Sie trugen eben das Christentum
mehr als ein Kleid.
Merken wir uns fur eine Betrachtung, die ich gleich nachher an-
stellen will, diesen Zusammenhang: wie die Seelen das Christentum
im aufteren Leben annahmen, und wie dieses Christentum nicht zu
demjenigen gehorte, was die Seelen, wenn der Mensch durch die
Pforte des Todes geht, durch die geistige Welt hindurch mit hin-
iibernehmen konnten, um sich zu einem neuen Erdendasein vorzu-
bereiten. Merken wir uns, daft diese Seelen in ein neues Erdenda-
sein nur so kommen konnten, daft sie das Christentum vergessen
hatten. Denn man erinnert sich in einem spateren Erdenleben nicht
bewuftt an das, was man im friiheren Leben als Kleid getragen hat.
Wenn das der Fall ware, brauchten unsere Gymnasialschiiler das
Griechische nicht wieder zu lernen, da viele von ihnen in Griechen-
land verkorpert waren; sie erinnern sich aber nicht an ihre griechi-
sche Inkarnation und miissen daher das Griechische neu lernen.
Aber durch das Leben, das jene im Westen Europas inkarniert ge-
wesenen Seelen durchgemacht hatten zwischen Tod und neuer Ge-
burt, konnten sie das Christentum nicht forttragen, weil sie diese
Impulse nicht innerlich verwoben hatten mit dem Ich und dem
astralischen Leib. Das war das Eigentumliche, wie sich diese Seelen
in spatere Verkorperungen hiniiberlebten. Merken wir uns das, und
betrachten wir nun eine andere Tatsache, auf die ich auch schon
hingewiesen habe.
Wir wissen, daft die Zeit, in der wir jetzt leben, der funfte nach-
atlantische Kulturzeitraum, hauptsachlich so um das funfzehnte,
sechzehnte Jahrhundert begonnen hat, damals, als sich fur die eu-
ropaische Welt das vorbereiten sollte, was vorzugsweise in unserer
Zeit zur Entwickelung der Bewufttseinsseele fiihren sollte. Das ist ja
das, um was es sich in unserm funften Kulturzeitraum handelt. Was
da bewirkt werden sollte, das muftte bewirkt werden im Hinblick
darauf, daft auch aufterlich im Erdendasein diejenigen Erdenver-
haltnisse eintraten, welche gerade dem Entwickeln der Bewuftt-
seinsseele giinstig waren, jener Seele, die sich entwickeln kann,
wenn sie sich hinlenkt auf das materielle Erdendasein, auf die aufte-
ren Tatsachen des physischen Daseins. Das muftte beginnen, und
das begann auch. Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, wie der
Gesichtskreis Europas uber die Erde hin durch die groften Entdek-
kungen und durch das, was sie im Gefolge hatten, erweitert wurde,
so daft die Bewufttseinsseele sich vorzugsweise unter materiellem
Einfluft entwickeln muftte. Wir brauchen dabei nur an eines zu
denken, worauf wir auch hingewiesen haben: zur Entfaltung und
Entwickelung der Bewufttseinsseele ist besonders berufen, einseitig
berufen, was zum Gebiete der britischen Volksseele gehort. Und
man kann sich kaum denken, wenn man alle Einzelheiten priift,
daft irgend etwas so planvoll vor sich gegangen war, wie dieses
Hinlenken der britischen Volksseele zu diesen materiellen Aufgaben
des Lebens. Das lag im Bereiche der Entwickelung der Menschheit
durchaus vorgezeichnet.
Stellen wir uns nun einmal vor, daft England im funfzehnten
Jahrhundert abgelenkt worden ware von seinem Hinneigen gerade
zu denjenigen Gebieten der Erde, auf die es durch die Entdeckung
der groften auftereuropaischen Gebiete hingelenkt worden war, und
daft die britische Volksseele im funfzehnten Jahrhundert dahin ge-
kommen ware, bedeutende Gebietserweiterungen auf dem europa-
ischen Kontinent zu erleben. Stellen wir uns vor, daft also die
Landkarte Europas in dieser Weise verandert worden ware. Un-
moglich ware es dann gewesen, erstens das zu erreichen, was eben
auf dem Gebiete der materiellen Kultur erreicht werden muftte, und
zweitens das zu erreichen, was in Europa erreicht werden muftte
durch jene Verinnerlichung des Lebens, die unter mancherlei Hin-
dernissen gerade von jenem Zeitpunkte an vor sich gegangen ist un-
ter der Mitwirkung des ja doch durch die deutsche Mystik vielfach
beeinfluftten Protestantismus. Griff aber der Christus-Impuis in die
Entwickelung ein, so muftte er dafur sorgen, daft die britischen In-
teressen ferngehalten wurden von dem Gebiete, wo die Seelen noch
vorbereitet werden sollten, um auftere, aufterliche Trager des Chri-
stus-Impulses zu sein.
Der Christus-Impuis muftte einflieften in die Taten des europa-
ischen Kontinentes. Er muftte so wirken, daft er viel mehr bewirkte
als das, was durch die Menschheit, durch ihre Menschheitskunste,
geschehen konnte. Und was geschah?
Das Wunderbare geschah, daft alles dasjenige, was diejenigen
nicht haben leisten konnen, die auf der Hohe ihrer Zeit standen,
das arme Hirtenmadchen von Orleans, Jeanne d'Arc, leistete. Da-
mals war es wirklich der durch seinen michaelischen Diener in der
Jeanne d'Arc wirkende Christus-Impuis, der verhinderte, daft
Frankreich etwa mit England zusammenflieften wiirde, und der
bewirkte, daft England auf seine Insel zuriickgedrangt wurde. Und
das Doppelte wurde damit erreicht: einmal, daft Frankreich die
Hande in Europa frei behielt, was wir studieren konnen, wenn wir
die folgenden Jahrhunderte in Frankreichs Geschichte verfolgen,
und daft dasjenige, was im franzosischen Volksgeiste noch lag,
durchaus ungehindert auf die europaische Kultur wirken konnte;
und das andere, was erreicht wurde, war, daft England sein Gebiet
angewiesen bekam aufterhalb des europaischen Kontinentes. Diese
Tat, welche so durch die Jeanne d'Arc hingestellt wurde, war nicht
etwa bloft fiir die Franzosen ein Segen, sondern auch fur die Eng-
ender selbst, indem sie auf ihr Gebiet gedrangt wurden.
Wenn wir es aber im Zusammenhange betrachten mit dem, was
im Fortschritt des Christus-Impulses auf der Erde liegt, so wurde
durch die Tat der Jeanne d'Arc etwas bewirkt, von dem wir sagen
konnen: Was sie davon mit einem wirklichen menschlichen Ver-
stande verstanden hat, das ist gleich Null gegeniiber dem, was der
Karte von Europa die heutige Gestalt gegeben hat. So muftten eben
die Ereignisse verlaufen, damit der Christus-Impuls in der richtigen
Weise sich ausbreiten konnte. Da sehen wir, hereinbrechend in die
geschichtlichen Ereignisse aus den unterirdischen Griinden der
Menschennatur heraus, was der lebendige Christus ist; nicht der,
den die Menschen verstehen. Denn wir konnen den Christus-Im-
puls in zweifacher Weise betrachten. Einmal konnen wir uns fra-
gen: Was verstanden damals die Menschen von dem Christus-Im-
pulse? Wenn wir die Geschichte aufschlagen und die Menschheits-
geschichte verfolgen, so finden wir in den verflossenen Jahrhunder-
ten streitende Theologen, die alle moglichen Theorien verteidigen
oder bekampfen, die darzulegen versuchen, wie man die menschli-
che Freiheit, die gottliche Trinitat und so weiter aufzufassen habe.
Unzahlige Theologen sehen wir so sich streiten, indem sie sich ge-
genseitig als rechtglaubige Theologen anerkennen oder im anderen
Falle verketzern. Daher sehen wir eine christliche Lehre sich aus-
breiten, ganz nach den Moglichkeiten der damaligen Zeit. Das ist
das eine. Aber darauf kommt es nicht an, ebensowenig wie es jetzt
darauf ankommt, was die Menschen mit dem gewohnlichen Ver-
stande tun konnen. Sondern darauf kommt es an, daft der Christus
unsichtbar unter den Menschen lebt als lebendiges Wesen und aus
den unsichtbaren Griinden herauf in die Taten der Menschheit ein-
flieften kann. Und das tat er an einer Stelle, wo er eben gar nicht
einzuflieften brauchte durch den menschlichen Verstand, durch die
menschliche Vernunft, sondern wo er einflieften konnte durch die
Seele einer «Unverstandigen», durch die Seele der Jungfrau von Or-
leans. Und als er einfloft, wie verhielten sich da diejenigen, welche
das Christentum als die offizielle Lehre begreifen konnten? Nun,
sie fanden, daft sie den Trager des Christus-Impulses verbrennen
muftten! Es hat einige Zeit gebraucht, bis diese offizielle Lehre zu
einer anderen Ansicht gekommen ist. Fur die offizielle Lehre mag
das von seinem Wert sein, aber fur die damaligen Ereignisse ist die
Heiligsprechung der Jungfrau von Orleans nicht gerade die rechte
Reputation.
Das ist so recht eines der Beispiele, an denen wir sehen konnen,
wie der Christus durch seine Diener - ich sagte, durch die Jungfrau
von Orleans wirkte er durch seinen michaelischen Geist - in die
Menschheitsentwickelung eingriff als lebendiges Wesen, nicht bloft
durch das, was die Menschen von ihm verstehen. Aber wir konnen
auch noch etwas anderes gerade an diesem Beispiel sehen. Das
Christentum war ja da. Die Leute nannten sich ja Christen, die ge-
wissermaften herum waren urn die Jungfrau von Orleans. Sie ver-
standen ja etwas unter ihrem Christentum. Aber man miiftte von
dem, was sie verstanden, sagen: Der, den ihr sucht, der ist nicht da,
und der da ist, den suchet ihr nicht, denn den kennt ihr nicht.
Trotzdem miissen wir uns klar sein, daft es wichtig, daft es wesent-
lich war, daft die Christus-Entwickelung auch in diesem aufterli-
chen Gewande, in dem sie dort auftrat, durch die Entwickelung
von Europa ging. Seelen gehorten dazu, die eben in diesem aufteren
Gewande das Christentum annehmen konnten, die es gleichsam
aufterlich tragen konnten. Sie waren noch immer die Nachziigler
derjenigen Seelen, die fruher dort verkorpert waren, Seelen also, die
den Christus noch immer nicht in ihr Ich aufnahmen, sondern im-
mer noch nur in den Atherleib aufnahmen. Und der grofte Unter-
schied zwischen der Jungfrau von Orleans und den andern war der,
daft sie in die tiefsten Griinde ihres astralischen Leibes den Chri-
stus-Impuls aufnahm und von den tiefsten Kraften des astralischen
Leibes aus fiir den Christus-Impuls wirkte. Gerade hier haben wir
einen der Punkte, wo wir uns klarmachen konnen, was uns klar
werden raulJ: den Unterschied zwischen der fortlaufenden Entwik-
kelung der Volker und der fortlaufenden Entwickelung der einzel-
nen menschlichen Individualitaten.
Wenn wir zum Beispiel die heutigen Franzosen betrachten, so le-
ben natiirlich innerhalb des franzosischen Volkes eine Anzahl
menschlicher Individualitaten. Diese Individualitaten sind nicht
etwa diejenigen, welche zum Beispiel in ihrer friiheren Inkarnation
innerhalb des Volkes gelebt haben, das da im Westen von Europa
das auftere Kleid des Christentums angenommen hat. Denn gerade
dadurch, daft im Westen von Europa eine Anzahl von Menschen
das Christentum als aufteres Kleid annehmen muftte, gingen die-
se Menschen so durch die Pforte des Todes, daft sie angewiesen
waren, unter anderen Bedingungen im nachsten Leben in ihrem
astralischen Leib und Ich mit dem Christentum vereinigt zu
sein. Gerade dadurch, daft sie im Westen von Europa verkor-
pert waren, war fiir sie die Notwendigkeit gegeben, ihre nachste
Verkorperung nicht in dem Westen von Europa zu haben. Es ist
iiberhaupt sehr selten der Fall - selten sage ich, es braucht aber dar-
um nicht immer so zu sein -, daft eine Seele aufeinanderfolgend in
mehreren Inkarnationen etwa derselben Erdengemeinschaft ange-
hort. Die Seelen gehen aus einer Erdengemeinschaft in die andere
hinuber.
Aber ein Beispiel haben wir - ich sage das, ohne Sympathien
oder Antipathien erregen zu wollen, noch um etwa jemandem
schmeicheln zu wollen -, ein Beispiel haben wir, wo Seelen in der
Tat mehrmals durch ein und dasselbe Volkstum durchgehen. Das
ist der Fall beim mitteleuropaischen Volke. Dieses mitteleuropa-
ische Volk hat viele Seelen, welche heute darin leben, und die auch
friiher innerhalb der germanischen Volker verkorpert waren. Sol-
cher Tatsache konnen wir nachgehen. Wir konnen sie oftmals mit
den Mitteln der okkulten Forschung, wie wir sie bis jetzt haben,
gar nicht vollig erklaren; aber sie steht da. Eine solche Tatsache, wie
sie zum Beispiel im dffentlichen Vortrag am letzten Donnerstag
«Die germanische Seele und der deutsche Geist» gezeigt wurde, be-
kommt Licht, wenn wir wissen, daft Seelen wiederholt innerhalb
der mitteleuropaischen Volksgemeinschaft erscheinen. Das ist die
Tatsache, daft wir gerade innerhalb dieser Volksgemeinschaft abge-
rissene Kulturepochen haben. Man soli sich nur vorstellen, was es
bedeutet, daft innerhalb der Morgenrote der germanischen Kultur
es eine Epoche gegeben hat, wie sie da war bei den Dichtern des
Nibelungenliedes, bei Walther von der Vogelweide und anderen;
und man soil sich vorstellen, daft spater eine Zeit begann, in wel-
cher eine neue Bliitezeit der germanischen Kultur einsetzte, und wo
die erste Bliite ganz vergessen war. Denn zur Zeit, als Goethe jung
war, wuftte man sozusagen nichts von der ersten Bliite germani-
schen Kulturlebens. Gerade weil die Seelen innerhalb dieser Volks-
gemeinschaft wiederkehren, mufite vergessen werden, was schon
einmal da war, damit die Seelen etwas Neues fanden, wenn sie wie-
derkehrten, und nicht unmittelbar an das ankniipfen konnten, was
aus den friiheren Zeiten geblieben war. Bei keinem andern Volke ist
es so, daft gewissermaften solche Metamorphose durchgemacht
worden ware wie beim mitteleuropaischen Volke: von jener Hohe,
welche vorhanden war im zehnten, elften, zwolften Jahrhundert,
zu jener andern Hohe, die wieder da war um die Zeit vom Ende
des achtzehnten und Beginn des neunzehnten Jahrhunderts und de-
ren Fortwirken wir erhoffen diirfen. Von dem ersten zum zweiten
Zeitpunkt geht kein fortlaufender Strom, was nur erklarlich wird,
wenn wir wissen, daft gerade auf diesem Gebiete der Geisteskultur
Seelen wiederkommen. Vielleicht hangt damit auch zusammen, was
ich Ihnen gegeniiber schon einmal eine erschutternde Tatsache ge-
nannt habe: daft eben wirklich nur zu bemerken war bei den mit-
teleuropaischen Kampfern der Gegenwart, daft sie, wenn sie durch
die Pforte des Todes gehen, weiter mitkampfen; daft, bald nachdem
sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, zu schauen ist, wie
sie mitkampfen. Daher kann man nach dieser Tatsache die schon-
sten Hoffnungen fur die Zukunft haben, wenn man eben sieht, daft
nicht nur die Lebendigen, im physischen Sinne Lebendigen, son-
dern auch die Toten, die Verstorbenen, mithelfen an dem, was ge-
schieht.
Werfen wir nun die Frage auf: Wie ist es etwa mit denjenigen
Seelen, die in den Zeiten, als das Christentum wie eine auftere Ge-
wandung angenommen worden ist, namentlich in der Zeit des sech-
sten, siebenten, achten, neunten Jahrhunderts in Westeuropa ver-
korpert waren und dort, oder auch unter den Romern, das
Christentum angenommen haben, es aber noch nicht vereinigen
konnten mit ihrem astralischen Leib und ihrem Ich? Wie ist es mit
diesen Seelen?
Ja, so grotesk es fur die materialistisch denkenden Menschen der
Gegenwart ist, so bedeutungsvoll werden die Lehren der Geistes-
wissenschaft fur das Leben, wenn man auf die konkreten Tatsachen
eingeht. Das betrachten die Menschen noch als das Hirngespinst ei-
niger narrischer Traumer, wenn man von wiederholten Erdenleben
spricht. Man nimmt diese Idee nicht an; aber man findet es verzeih-
lich, nachdem ja auch der grofte Lessing in einer schwachen Stunde
seines Lebens die Idee der wiederholten Erdenleben angenommen
hat, wenn auch heute wieder davon gesprochen wird. Aber wenn
wirklich eingegangen wird auf die Ergebnisse der okkulten For-
schung, dann ist man kein Verzeihung erheischender Narr mehr fur
die Menschen der groften Aufklarung. Dennoch aber miissen wir
eingehen auf einiges, was uns die okkulte Forschung gibt; denn da-
durch erst kommt Licht hinein in das, was sonst die grofie Tau-
schung bleiben muE.
Da ist das Merkwiirdige, daft uns von den Seelen, die wahrend
der auslaufenden Romerzeit, als das Christentum allmahlich Ein-
fluft gewann und dann zur Staatsreligion wurde, damals im Westen
lebten, jetzt eine ganz grofie Anzahl vom Osten entgegenkommt,
Seelen also, die im Osten aufwachsen und unter den Kampfern
Rufi lands sind. Ich sagte: merken wir uns die Tatsache, die wir
vorhin anfuhrten. Denn wir finden unter den Menschen, die im
Osten getotet werden, die dort kampfen oder gefangen genommen
werden, solche Seelen, die in den letzten Romerzeiten im Westen
Europas gelebt haben. Die kommen uns jetzt vom Osten entgegen,
die damals das Christentum in den Atherleib haben flieften lassen
und die jetzt in den Leibern einer verhaltnismaftig niedriger stehen-
den Kultur, durch das eigentiimliche Leben des Ostens, im Wach-
zustande das Christentum so in ihre Seelen hereinnehmen, daft sie
sich gefuhlsmaftig, instinktmaftig mit ihm verbinden. Also gerade in
ihren astralischen Leibern verbinden sie sich mit dem Christus-Im-
puls und holen dadurch dasjenige nach, was sie in ihren vorherge-
henden Inkarnationen nicht haben erreichen konnen. Das ist eine
sehr merkwiirdige Tatsache, die uns die okkulte Forschung in unse-
ren Tagen zeigen kann. Unter den vielen erschiitternden Tatsachen,
die, angeregt durch unsere Zeitereignisse, in das okkulte Feld her-
eintreten konnen, ist auch diese. Was konnen wir uns nun aus die-
sen Tatsachen klarmachen?
Wir miissen uns das Folgende klarmachen. Wir miissen uns erin-
nern, wie es im geraden Fortschritt des mitteleuropaischen Geistes-
lebens liegt, das germanische Seelenleben ganz bewuftt mit dem
Christentum zu verbinden, es hinaufzufuhren zu den Hohen einer
geraden christlichen Kultur. Dazu sind ja die Stromungen, die
Wege in wunderbarer Weise seit Jahrhunderten vorgezeichnet. Das
sehen wir sich anbahnen. Gerade wenn wir unsere Zeit mit alien
ihren Fehlern und Irrtumern in Betracht ziehen, da sehen wir, daft
keimhaft veranlagt ist in der mitteleuropaischen Kultur, daft mit al-
ien Kraften Vorbereitungen gemacht sind im deutschen Volksgeist,
in der germanischen Volksseele, damit bewuftt nun ergriffen werde
der Christus-Impuls.
Das ist eine Tatsache von unendlich hoherer Bedeutung noch als
diejenige des fiinfzehnten Jahrhunderts, als das Madchen von Orle-
ans Frankreich zu retten hatte, weil Frankreich damals eine bedeu-
tende Mission hatte. Wir stehen also vor der bedeutsamen Tatsache,
daft in der Zukunft der deutsche Geist dazu berufen ist, im vollen
Wachzustande mit den Tatsachen, die in das deutsche Geistesleben
eingeflossen sind, den Christus-Impuls immer bewuftter aufzuneh-
men. Er muftte wirken, dieser Christus-Impuls, durch die Jahr-
hunderte so, wie wir stets gezeigt haben, indem er sich in den See-
len durch die unterbewuftten Vorgange ankiindigte. Und er mufi
sich in der Zukunft mit den Seelen in der Weise verbinden, daft es
Menschen gibt - die es in Mitteleuropa geben muE -, die im Wach-
zustande, unter Anstrengung ihrer bewuftten Geisteskrafte, nicht
nur derjenigen, die im physischen Leibe und Atherleibe sind, auch
ihr Ich und ihren astralischen Leib mit dem Christus-Impuls ver-
binden. Wir sehen es bei den Besten angestrebt. Nehmen wir den
Allerbesten: Goethe. Aber was bei Goethe als ein besonderes Bei-
spiel angefiihrt werden kann, das liegt in alien Seelen, wenn sie es
auch nur dunkel erstreben.
Wir sehen, wie Goethe den Reprasentanten der Menschheit, den
Faust, hinstellt, den er streben laftt nach dem Hochsten. In die grie-
chische Kultur hinein fiihrt er ihn im zweiten Teile der Dichtung,
fiihrt ihn hinein in alles, was Volker erleben, fiihrt ihn so hinein,
daft Faust in bedeutsamer Weise die Zukunft vorauslebt da, wo er
Land dem Meere abringen und etwas begriinden will, was ihm eine
feme Zukunft ist. Und wozu laftt er ihn zuletzt kommen? Goethe
hat es selbst einmal in einem Gesprache zu Eckermann gesagt: er
muftte die anschaulichen Vorstellungen des Christentums zu Hilfe
nehmen, um zu zeigen, wie Faust in die geistige Welt hinauf-
schwebt. Und wenn Sie das wunderbar scheme Bild nehmen, wie
die Mater gloriosa Fausts Seele empfangt, so haben Sie das Gegen-
bild zu jenem, was Raffael angeregt hat zu seinem bekanntesten
Bilde, der Sixtinischen Madonna: da bringt die jungfrauliche Mutter
die Seele herab. Am Ende des «Faust» sehen wir, wie die Jung-
frau-Mutter die Seele hinauftragt: es ist die Todes-Geburt der Seele.
So sehen wir ganz bewuftt aus dem Menschengeist heraus das in-
timste Streben, das, was aus dem Christentum zu erringen ist, sich
immer so zu erringen, daft es durch die Todespforte hindurch hin-
eingetragen werden kann in das Leben, das der Mensch nach der
Vorbereitung zwischen dem Tode und der nachsten Geburt in
einem neuen Erdenleben durchlebt. Was wir so bei Goethe selbst
sehen konnen, ist ein Charakterzug der deutschen Nation. Und an
diesem konnen wir ermessen, welche Aufgabe fur die Menschen da
ist. Das ist die Aufgabe, und das konnen wir uns ganz klar vor die
Seele hinschreiben: daft es zum wirklichen Segen des Menschheits-
fortschrittes nur werden kann, wenn nun in einem bestimmten
Kreise ein harmonisches Verhaltnis geschaffen wird zwischen Mit-
teleuropa und Osteuropa.
Man konnte sich denken, daft Osteuropa durch brutale Kraft sich
ausdehnen konnte nach Westen hin, uber Mitteleuropa. Man
konnte sich denken, daft es dahin kommen konnte. Das wiirde aber
genau dasselbe bedeuten, wie wenn im fiinfzehnten Jahrhundert die
Tat der Jeanne d'Arc nicht geschehen ware und England damals
Frankreich annektiert hatte. Wenn es dahin gekommen ware, das
sagte ich ausdrucklich, so ware damit etwas geschehen, was nicht
nur zum Unheile Frankreichs gewesen ware, sondern auch England
zum Unheil gereicht hatte. Und wiirde jetzt die deutsche Geistes-
kultur beeintrachtigt werden vom Osten heruber, so wiirde das
nicht bloft die deutsche Geisteskultur schadigen, sondern auch den
Osten mit. Das Schlimmste, was den Osten treffen konnte, ware,
daft er zeitweilig sich ausbreiten und die deutsche Geisteskultur
schadigen konnte. Denn ich sagte: die fruher in Westeuropa oder
auf der italienischen Halbinsel verkorperten Seelen, die jetzt im
Osten aufwachsen, sie vereinigen sich in den unterbewuftten Unter-
griinden des astralischen Leibes wie instinktiv mit dem Christus-
Impuls. Was aber der Christus-Impuls in ihnen werden soli, das
kann er nie werden durch eine gerade Fortentwickelung dessen,
was da instinktiv unter dem Namen des orthodoxen Katholizismus,
der ja im wesentlichen byzantinisch ist, in den Seelen lebt und der
ein Name, nicht ein Impuls ist. Es ist ebenso unmoglich fur ihn,
das zu werden, was er werden soil, wie es unmoglich ist, daft eine
Frau ohne einen Mann ein Kind haben konnte. Und wenn aus dem
Osten selbst heraus, wie er jetzt ist, etwas werden soli, so gliche das
dem torichten Bestreben, wie wenn eine Frau ohne einen Mann ein
Kind bekommen wollte. Was im Osten sich vorbereitet, das kann
nur dadurch etwas werden, daft in Mitteleuropa in kraftiger Weise,
bewuftt - das heiftt im vollen Wachzustande - aus dem, was die
Seelen aus der Ich-Natur heraus erstreben, die menschliche Ich-
Kraft und die menschlichen Erkenntniskrafte verbunden werden
mit dem Christus-Impuls. Nur dadurch, daft der deutsche Volks-
geist Seelen findet, welche so den Christus-Impuls in den astrali-
schen Leib und in das Ich hineinverpflanzen, wie er hineinver-
pflanzt werden kann eben im vollen Wachzustande, nur dadurch
kann fur eine Kultur der Zukunft das entstehen, was entstehen
mufi. Und es mufi entstehen durch eine Harmonisierung, durch
eine Verbindung mit dem, was in Mitteleuropa bewufit, immer be-
wufiter und bewufiter erreicht wird.
Dazu werden nicht nur ein, zwei Jahrhunderte, sondern noch
lange Zeiten notwendig sein. So lange Zeiten werden dazu gehoren,
daft ungefahr gerechnet werden kann, ich will sagen, vom Jahre
vierzehnhundert an etwa zweitausendeinhundert Jahre. Rechnet
man zum Jahre vierzehnhundert zweitausendeinhundert Jahre hin-
zu, dann bekommt man den Zeitpunkt, der annahernd in der Er-
denentwickelung das erscheinen lassen wird, was sich keimhaft ver-
anlagt hat im deutschen Geistesleben, seit es ein solches Geistesle-
ben gibt. Daraus aber ersehen wir, daft wir hinblicken mussen auf
eine Zukunft von nicht nur Jahrhunderten, sondern von mehr als
einem Jahrtausend, in welchem der mitteleuropaische, der deutsche
Volksgeist seine Aufgabe hat, seine Aufgabe, die schon daliegt und
die darin besteht, daft immer mehr und mehr solche Pflege des
Geisteslebens da sein mufi, durch welche im Wachbewufitsein auf-
genommen wird - bis in den astralischen Leib und das Ich hinein -
das Verstandnis dessen, was friiheren Zeiten unbewufit, lebendig als
der Christus-Impuls durch die europaischen Volker gegangen ist.
Wenn aber die Entwickelung diesen Gang nehmen wird, dann kann
nach und nach durch das Hinaufranken zu dem, was in Mitteleu-
ropa also erreicht wird, im Osten diejenige Stufe erstiegen werden,
die dort vermoge der besonderen Veranlagungen erstiegen werden
kann. Das ist der Wille der Weltenweisheit. Diesen Willen der Wel-
tenweisheit interpretieren wir nur dann im richtigen Sinne, wenn
wir uns sagen: Das grofite Ungliick auch fur den Osten Europas
ware es, wenn er diejenige geistige Macht schadigen wiirde, an der
er sich gerade hinaufranken mufi, die er gerade verehrend, freund-
schaftlich verehrend hegen und pflegen mufke. Er mufi eben noch
dazu kommen. Vorlaufig fehlt ihm noch sehr, sehr vieles dazu; ge-
rade den Besten fehlt dort noch sehr vieles dazu. In ihrer Kurzsich-
tigkeit lassen sie sich noch immer nicht ein auf das, was gerade das
mitteleuropaische Geistesleben dem Osten geben kann.
Ich habe das im ersten offentlichen Vortrage hier in Berlin bereits
auseinandergesetzt. Sie konnen am heutigen Abend sehen, welche
tieferen okkulten Griinde hinter dem liegen, was ich im offentlichen
Vortrage nur aufterlich, exoterisch habe sagen konnen. Aber das ist
ja immer so, daft beriicksichtigt werden muft, daft im offentlichen
Vortrage in den Formen zu sprechen ist, die dem Verstandnis der
Zuhorer naheliegen, und daft die eigentlichen Impulse, warum die-
ses gesagt, jenes ausgelassen wird, warum dieser oder jener Zusam-
menhang gesucht wird, bei den okkulten Tatsachen liegen. Aber je-
denfalls kann aus dem, was heute auseinandergesetzt worden ist,
das ersehen werden: wenn wir so aufterlich die Dinge iiberschauen,
dann bieten sie uns die grofte Tauschung, die Maja dar. Nicht als
ob die Auftenwelt an sich eine Tauschung ware, das ist sie nicht;
aber sie wird erst fur uns verstandnisvoll, wenn wir sie mit den Tat-
sachen, die aus der geistigen Welt kommen, beleuchten. Und fur
unseren Fall konnen uns die Tatsachen, die aus der geistigen Welt
flieften, zeigen, daft es notwendig ist, daft heute Mitteleuropa eben-
sowenig iiberwaltigt werden darf von Osteuropa, wie Frankreich
nicht iiberwaltigt werden durfte von England im Jahre 1429/1430.
Selbstverstandlich zeigt das, was angefiihrt worden ist, daft im
Osten Europas gar nicht verstanden werden kann, um was es sich
handelt, sondern daft es im Grunde genommen nur in Mitteleuropa
verstanden werden kann und daft wir dies also begreiflich finden
miissen. So daft wir in aller Demut, ohne alle Oberhebung diese un-
sere Aufgabe ins Auge zu fassen haben und daft wir es verstandlich
finden miissen, wenn man uns miftversteht. Ganz verstandlich miis-
sen wir es finden. Denn was sich im Osten vorbereitet, das kann
eben im Osten selber erst in der Zukunft richtig verstanden werden.
Das ist das eine, was sich aus unseren Betrachtungen ergibt. Das
andere ist das, daft wir den groften Ubergang in der Menschheits-
entwickelung fur unsere Zeit gerade durch solche Dinge ins Auge
fassen - wir haben ihn schon fruher von den verschiedensten Seiten
aus ins Auge gefalk -, dafi wir sehen konnen, wie dasjenige, was
durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung der
Menschheit eingeflossen ist, in unserer Zeit von denen, die es kon-
nen nach dieser Inkarnation, bewufker und immer bewufker erfafk
werden mufi. In den Zeiten des Konstantin oder der Jeanne d'Arc
zum Beispiel ware es unmoglich gewesen, daft der Christus-Impuls
bewufk hatte bewirken konnen, was er unbewufk wirken mufke.
Aber einmal mufi die Zeit kommen, in welcher er ganz bewufk
wirken kann. Deshalb bekommen wir durch die Geisteswissen-
schaft das, was wir immer bewufker und bewufker in unsere Seelen
aufnehmen konnen. Auch da diirfen wir - wirklich ohne sich we-
gen der Sympathien oder Antipathien, die etwa entstehen konnen,
zu erregen und ohne irgendwie jemandem schmeicheln zu wo lien —
auf eine Tatsache hinweisen. Und besser ist es ja immer, sich seine
Meinungen nach Tatsachen zu bilden als nach dem, wonach sie
heute vielfach gebildet werden. Denn wenn wir heute ein wenig
hinausschauen in die Welt, so sehen wir, daft die Meinungen wahr-
haftig nicht immer nach Tatsachen, sondern nach Passionen, nach
nationalen Leidenschaften gebildet werden. Aber man kann sich die
Meinungen, die zur menschlichen Seelengesinnung werden, auch
nach Tatsachen bilden.
Wahrend wir in Anatole France einen Menschen haben, der vom
aufklarerischen materialistischen Standpunkt der Gegenwart auf die
Jeanne d'Arc hinblickt, ist es dem deutschen Geistesleben seit Schil-
lers grofier Tat natiirlich, das Madchen von Orleans aus dem Milieu
des Obersinnlichen heraus zu begreifen. Selbst innerhalb Deutsch-
lands gibt es noch Menschen, die das als einen grofien Fehler Schil-
lers betrachten; aber diese Menschen sind die Literarhistoriker, und
bei denen ist es zu begreifen. Denn ihre Aufgabe ist es ja, die Lite-
ratur und die Kunst zu «verstehen» - und deshalb konnen sie es
nicht. Aber was wesentlich ist: wir haben dieses Werk, das es un-
ternimmt, aus den Untergriinden des spirituellen Lebens heraus wie
in Glorie auferstehen zu lassen die Gestalt, von der Schiller sagt:
«Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwarzen und das Erhabne in
den Staub zu ziehn.»
So haben wir gerade an dieser Anerkennung des Eingreifens des
Christus-Impulses in eine menschliche Personlichkeit, da wo es
nicht unser Volk selbst betrifft, eine Tatsache, die uns Vertrauen
einflofien kann zu dem, was ich im offentlichen Vortrage ausgefiihrt
habe: dafi man sehen kann im deutschen Geistesleben, dafi es in der
Art, wie es sich entwickelt hat, hintendiert nach der Spiritualitat,
nach der Geisteswissenschaft und dafi es zu seiner besonderen -
aber nicht ausschliefilichen - Aufgabe gehort, dasjenige, was im
deutschen Geistesleben durch die Jahrhunderte errungen und ange-
strebt worden ist, hinaufzufuhren zu der Geist-Erkenntnis. Und
dieser Aufgabe, welche die Seelenaufgabe des deutschen Volkes ist,
miissen die anderen Aufgaben dienen, die gleichsam leibliche Aus-
gestaltungen dieser Seelenaufgabe sind, miissen ihr zur Hand gehen.
Und was durch die Weltenweisheit geschehen mufi, das wird ge-
schehen. Aber notwendig ist, was schon einmal vorgebracht wor-
den ist, daE, wenn wir heute in einer Art von Dammerung leben,
sich eine wirkliche Sonnenzeit fur die Zukunft entwickeln wird.
Dazu ist aber notig, da£ es Menschen geben wird in der Zukunft,
die ihren Zusammenhang haben werden mit den geistigen Welten,
damit der Boden, der zubereitet wird mit dem Blut und dem Leid
so vieler, nicht umsonst zubereitet worden ist. Denn dadurch, daft
Seelen da sind, die ihren Zusammenhang mit den geistigen Welten
in sich tragen konnen, wird gerechtfertigt - und ware es das Greu-
lichste, das Furchtbarste, das Schreckenerregendste - alles, was ge-
schieht, wenn die mitteleuropaische Mission im Geistesleben er-
reicht wird. Das aber wird davon abhangen, dafi einzelne Seelen,
die durch ihr Karma an dieses Geistesleben herankommen konnen,
sich damit durchdringen und dann, wenn wieder die Sonne des
Friedens leuchten wird iiber die Gefilde Mitteleuropas, Geisteser-
kennen, Geisteserfuhlen in sich tragen. Dann wird durch die Hin-
neigung einiger Seelen, denen es durch die jetzige Inkarnation mog-
lich ist, dasjenige sich vollziehen konnen, was ich in diese Worte
zusammenziehen mochte, darin zusammenfassend, was ich zu Ih-
nen sprechen wollte, damit wir uns die Devise in die Seelen schrei-
ben, unter welcher Seelen in rechter Weise demjenigen entgegen-
wachsen konnen, was aus unserer schweren Zeit werden kann:
Aus dem Mut der Kampfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht -
Lenken Seelen geistbewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
FONFTER VORTRAG
Berlin, 19. Januar 1915
Unser Erstes sei wiederum, daft wir die Gedanken hinlenken zu
denen, die drauften auf den Feldern der Ereignisse der heutigen Zeit
stehen und fur das einzutreten haben, was die Zeit von ihnen for-
dert:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und fur die schon durch die Todespforte Gegangenen:
Geister eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Daft, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, den wir durch lange Jahre in unserer Bewegung
suchen, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, er
schwebe iiber euch, er strome durch euch und starke euch fur eure
schwere Aufgabe!
Es scheint in bezug auf den Spruch, der eben gesprochen worden
ist, nicht iiberall Klarheit zu herrschen, wie mir mitgeteilt worden
ist. Ich bemerke ausdriicklich, daft die rechte Lesung ist: «Geister
eurer Seelen. » Der Spruch ist so eingerichtet, daft er sowohl
gebraucht werden kann, wenn viele fur einen, als auch, wenn einer
fur viele, oder viele fur viele - wie wir es jetzt eben gemacht ha-
ben - den Spruch anwenden. Wenn er sich auf einen bezieht, ist
dann nur das zu andern, daft man sagt: «Geist deiner Seele, wir-
kender Wachter» und so weiter. Es scheint, daft ich mich das er-
stemal, als ich vor Wochen hier den Spruch gebraucht habe, ver-
sprochen habe, so daft die Meinung hat entstehen konnen, als ob
die Worte «Geister eurer Seelen» nicht ganz richtig waren. Sie sind
aber doch so richtig. Es ist die erste Zeile gleichsam eine Ansprache
an die Geister der zu schiitzenden Seelen; und mit dem Worte «eu-
rer» sind diejenigen gemeint, auf die man die Gedanken dabei hin-
richtet, wahrend man in der zweiten Zeile das «eure» auf die
«Wachter» hinlenkt. Ich bemerke, daft solche Spriiche immer von
dem Charakter sind, der manchmal dem rein grammatischen Bau
Schwierigkeiten macht, daft sie aber eben aus der geistigen Welt
heraus gegeben sind zu dem Ziele, dem sie dienen sollen, und es
handelt sich darum, daft bei solchen Spriichen zuweilen die Wort-
fiigung etwas Schwierigkeiten macht.
Meine lieben Freunde, es war wohlerwogen und aufterdem den
Aufgaben unserer Zeit im spirituellen Sinne entsprechend, daft wir
vorgestern den Blick auf Erscheinungen innerhalb der Menschheits-
entwickelung wendeten, die uns zeigen, wie die spirituellen, die gei-
stigen Impulse - namentlich diejenigen, die sich ankniipfen an das
Mysterium von Golgatha, an den Christus-Impuls wie diese Im-
pulse als lebendige in der Menschheitsentwickelung leben, wie sie in
der Menschheitsentwickelung gelebt haben, auch ohne daft die
Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer Vernunft dieses Wesen
des Christus-Impulses einsehen konnten. Und es war der Sache
entsprechend, hinzudeuten neben anderen Erscheinungen nament-
lich auf diejenige der Jungfrau von Orleans, durch welche dieser
Christus-Impuls durch seinen dienenden michaelischen Geist in der
Zeit des fiinfzehnten Jahrhunderts eine grofte Aufgabe gelost hat
zum Heile und zum Fortschritt der Menschheit. Es war aus dem
Grunde ganz besonders notwendig, auf diese Tatsache hinzuwei-
sen, weil es ja selbstverstandlich auch fur unsere Zeit gilt, daft alles,
was die grofien Zusammenhange regeln soil, aus den spirituellen
Welten heraus geordnet und geregelt wird, und da£ wir uns bewulk
sein mussen, daft uns die Krafte, die Impulse zu dem, was gesche-
hen soli, aus den spirituellen Welten kommen. Also in dieser Be-
ziehung gilt heute dasselbe, was - wenn wir so sagen diirfen - zur
Zeit der Jungfrau von Orleans gegolten hat. Aber die Zeiten sind
verschieden. Und das, was zur Zeit der Jungfrau von Orleans in ei-
ner gewissen Weise hat geschehen konnen, das mufi fur unsere Zeit
und fur die folgenden Zeiten in einer andern Art sich vollziehen,
mull anders verlaufen. Denn unsere Zeit ist seither eine ganz andere
geworden. In ganz anderer Weise wird die Menschheit seit dem
funfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, vor welchen ja das Ereignis
der Jungfrau von Orleans liegt, gefiihrt. Und auf diesen Unter-
schied und dadurch besonders auf den Grundcharakter unserer Zeit
wollen wir heute einmal etwas hinweisen.
Wenn wir mit unserer Seele in dem Zustande zwischen Einschla-
fen und Aufwachen sind, so sind wir ja mit unserer eigendichen
Wesenheit aufierhalb unseres physischen Leibes und unseres Ather-
leibes. Wir leben dann, schlafend, in unserem astralischen Leibe
und in unserem Ich. Wir mussen uns das ganz deutlich vorstellen,
daft wir mit dem, was wir eigentlich sind, dann aufterhalb unseres
Leibes sind. Wir sind zunachst, weil wir ja zwischen Geburt und
Tod in einer aufterordentlichen Weise an unseren Leib gebunden
sind, raumlich nicht sehr weit entfernt von unserem Leibe; wir sind
gewissermaften mit unserem Seelischen ausgebreitet in unserer Um-
gebung, aber in alledem, was eben die Eigentumlichkeit unserer
Umgebung ist.
Nun machen wir uns einmal klar, wie - wenigstens fur die weit-
aus grolke Zahl derjenigen Menschen, die bei den Geschicken der
Gegenwart in Betracht kommen - unsere Umgebung sich gerade
seit den letzten Jahrhunderten, seit dem funfzehnten, sechzehnten
Jahrhundert verandert hat. Man braucht sich nur vorzustellen, was
von den Maschinerien der Gegenwart, von den Mechanismen der
Gegenwart zur Zeit, als die Jungfrau von Orleans wirkte, vorhan-
den war. Wir konnen geradezu sagen, seit jener Zeit hat sich in me-
chanischer Beziehung die Erde vollkommen verandert, denn alles,
was wir an Maschinen erleben, ist erst nachher gekommen. Dieje-
nigen von Ihnen, die einmal aufmerksam nachts in einem Schlafwa-
gen gefahren sind, konnen eine merkwiirdige Erfahrung gemacht
haben, die Erfahrung, daft im Aufwachen - und man kann ja bei
einer solchen Gelegenheit recht oft aufwachen - etwas nachrumpelt
von dem, was ringsherum in der Maschinerie des Zuges ist, und
daft gewissermaften im traumhaften Aufwachen etwas vernommen
werden kann von diesem Gekrachze und Gequietsche des Zuges
oder des Dampfschiffes, wo man dann ist, wenn man aufwacht.
Das kommt davon her, daft unsere Seele eigentlich nicht in unserem
Leibe, sondern in der Umgebung des Leibes ist und hineinversetzt
ist in diese Mechanismen.
Nun sind wir nicht nur bei so aufterordentlichen Gelegenheiten
in das ganze Getriebe unserer Zeit hineinversetzt, sondern man darf
sagen: das maschinelle Leben erstreckt sich ja in der heutigen Zeit
auch hinaus auf das Land, und wir sind im Grunde genommen
immer in dieses maschinelle Leben der Zeit hineinversetzt. Unsere
Seele im schlafenden Zustande geht auf in alles, was Mechanismen
sind. Solche Mechanismen haben wir aber auferbaut. Ein Mecha-
nismus, den wir auferbaut haben, ist aber etwas ganz anderes als die
Natur drauften, die auferbaut ist von den Elementargeistern. Drau-
ften, wenn wir zum Beispiel im Walde sind, wo alles aufgebaut ist
von den Naturgeistern, da sind wir in einer ganz anderen Umge-
bung, als wenn wir in der Umgebung der Mechanismen sind, die
wir auferbaut haben. Denn was tun wir, indem wir das, was wir
der Natur entnehmen, mechanisch zusammenfugen fur unser Le-
ben zu Maschinen und Geraten? Da fiigen wir nicht nur die Teile
der Materie zusammen. Sondern dadurch, daft wir Teile der Mate-
rie zusammenfugen, geben wir jedesmal Gelegenheit, daft ein ahri-
manisch-damonischer Diener sich mit der Maschine vereinigt. Bei
jeder Maschine, bei jedem Mechanismus, bei allem, was in dieser
Beziehung zum heutigen Kulturleben gehort, vollziehen wir das,
daft wir damonischen Elementargeistern, den ahrimanischen Natu-
ren angehorenden Dienern einen Ansatzpunkt geben. Und indem
wir in dieser Umgebung der Maschinen leben, leben wir dann zu-
sammen mit diesen damonisch-ahrimanischen Elementargeistern.
Wir durchdringen uns mit ihnen; wir durchdringen uns nicht nur
mit dem Gequietsche und Geknarre der Mechanismen, sondern
auch mit dem, was im eminentesten Sinne fur unseren Geist, fur
unsere Seek etwas Zerstorendes hat.
Wohlgemerkt - ich habe bei ahnlichen Gelegenheiten oftmals
eine ahnliche Bemerkung gemacht -, es soli das, was ich sage, nicht
eine Kritik unseres ahrimanischen Zeitalters sein. Denn das mufi so
sein, daft wir iiberall Damonen hineinstromen lassen und uns von
ihnen umgeben lassen. Das liegt in der Entwickelung der Mensch-
heit. Und weil wir es einfach als notwendig anerkennen miissen,
deshalb werden wir, wenn wir den eigentlichen Impuls der Gei-
steswissenschaft verstehen, nun nicht etwa ein Lob anstimmen auf
die, welche da sagen: Also mu£ man sich moglichst schiitzen vor
den Damonen und die Kultur fliehen, mufi sich moglichst in der
Einsamkeit eine Kolonie erbauen, so daft man nichts mit diesen
damonisch-ahrimanischen Elementargeistern zu tun hat. Das ist nie
der Tenor gewesen, den ich bei meinen Ausfiihrungen angeschlagen
habe, sondern ich habe immer gesagt, daft das, was die Notwen-
digkeit der Entwickelung iiber uns bringt, voll hingenommen wer-
de, daft man sich nicht zur Flucht vor der Welt dadurch verleiten
laftt. Aber ins Auge gefaftt, verstanden muE es werden, daft unser
Zeitalter dazu angetan ist, daft wir unsere Umgebung immer mehr
mit damonischen Naturen durchdringen, daft wir immer mehr zu
tun haben mit dem, was unsere Kultur mechanisiert. Ein solches
Zeitalter erfordert etwas ganz anderes, als jenes Zeitalter erfordert
hat, aus dem die Jungfrau von Orleans zu ihrer Wirksamkeit beru-
fen worden ist. Dieses Zeitalter der Jungfrau von Orleans forderte,
ich mochte sagen, daft aus den sanftesten, den subtilsten Kraften
der Menschenseele herausgeboren wurde der Impuls, aus dem die
Jungfrau von Orleans wirken sollte, aus den sanftesten Kraften der
Seele. Man bedenke: ein Hirtenmadchen war sie, also umgeben von
der einfachsten, idyllischsten Natur. Fruh kam es iiber sie in Ge-
sichten, so daft sie durch die Imaginationen, die ihr gegeben waren,
den unmittelbaren Zusammenhang mit der geistigen Welt hatte. Al-
les sollte sie aus ihrem Innern herausbringen, aus ihrem Innern her-
aussprieften lassen, was sie zur Grundlage ihres Wirkens haben soll-
te. Ja, nicht nur das, sondern die ganz besonderen Umstande muft-
ten herbeigefiihrt werden, um in ihre Seele, in ihr intimstes Inneres
hinein durch die zartesten Krafte, welche die menschliche Seele hat,
ihre Mission zu pragen.
Wir wissen ja, daft in der Welt alles zyklisch vor sich geht, daft
sich die Dinge so abspielen, daft sich nach bestimmten Zyklen
wichtige Ereignisse ergeben. Wenn wir das Geburtsjahr - 1412 -
der Jungfrau von Orleans nehmen, so konnen wir uns da eine be-
stimmte Frage stellen. Wir konnen sagen: das Geburtsjahr dieser
Jungfrau von Orleans hat selbstverstandlich die Sonne an einem be-
stimmten Ort - astronomischen Ort - gesehen, bedeckend eines der
Sternbilder des Tierkreises. Ein wichtiger Zeitabschnitt verlauft
nun, indem die Sonne von einem solchen Sternbilde zum nachsten
weiterschreitet. Indem sie ganz im Tierkreis herumgeht, geht sie
durch die zwolf Sternbilder; aber ein wichtiger Zeitraum von unge-
fahr 2160 Jahren verlauft, wenn die Sonne von einem Sternbilde des
Tierkreises zum andern geht, also ein Sternbild weit vorriickt.
Wenn wir nun von der Geburt der Jungfrau von Orleans ungefahr
2160 Jahre zuriickgehen, so kommen wir zur Griindung Roms.
Wenn man zur Zeit der Griindung Roms iiber wichtige Angele-
genheiten des eb
…[truncated]