Christus und die menschliche Seele

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GE  SAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 

Christus  und  die  menschliche  Seele 

Uber  den  Sinn  des  Lebens 
Theosophische  Moral 
Anthroposophie  und  Christentum 

10  Vortrage,  gehalten  in 
Kopenhagen  und  Norrkoping 
vom  23.  bis  30.  Mai  1912  und  12.  bis  16.  Juli  1914 


1994 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  der  2.  Auflage  besorgten 
Paul  G.  Bellmann,  Johannes  Hauri  und  Margrith  Zemann 


1.  Aufl  age  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1960 

2.,  neu  durchgesehene  Auflage 
Gesamtausgabe  Dornach  1982 

3.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1994 


Einzelausgaben  siehe  zu  Beginn  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  155 

Zeichen  auf  dem  Umschlag  nach  einem  Entwurf  Rudolf  Steiners 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1960  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-1550-9 


*Lu  den  Verbffentlichungen 
am  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  gliedert 
sich  in  die  drei  grofien  Abteilungen:  Schriften  -  Vortrage  -  Kiinst- 
lerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  SchlufS  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fur 
Mitglieder  derTheosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft  zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen  hatte 
Rudolf  Steiner  urspriinglich  nicht  gewollt,  dafi  sie  schriftlich  festge- 
halten  wiirden,  da  sie  von  ihm  als  «mundliche,  nicht  zum  Druck 
bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend 
unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und 
verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlafk,  das  Nachschreiben  zu 
regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr 
oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der 
Nachschriften  und  die  fiir  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht 
der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber 
alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  berucksichtigt 
werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst 
nur  als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  6f- 
fentlichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiogra- 
phie  «Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut 
ist  am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt 
gleichermaften  auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


OBER  DEN  SINN  DES  LEBENS 

ErsterVortrag,  Kopenhagen,  23.  Mai  1912  

Die  Frage  nach  dem  Sinn  des  Daseins.  Entstehen  und  Vergehen  in  der 
Natur  und  im  Menschenleben,  Die  hebraische  Legende  von  der  Erschaf- 
fung  des  Menschen.  Buddhas  Leidenslehre.  Die  Erde  als  Leib  geistiger 
Wesenheiten  und  der  Zusammenhang  des  Menschen  mit  seiner  Erden- 
umgebung.  Die  orientalischen  Weltanschauungen  bauen  auf  die  durch 
viele  Inkarnationen  wandelnde  Individualitat,  auf  die  Bodhisattvas,  die 
abendlandische  Kultur  baut  auf  die  Personlichkeit.  Die  Hinzufugung  des 
Individuellen  zum  Personlichen  durch  die  Geisteswissenschaft.  Elias, 
Johannes  der  Taufer  und  Raffael:  in  ihnen  lebt  dieselbe  Individualitat  als 
Verkiinder  des  Christus-Impulses.  Raffaels  Gemalde.  Der  Einflufi  seines 
friih  verstorbenen  Vaters  auf  seine  kunstlerische  Entwickelung.  Die  Wie- 
derverkorperung  Raffaels  in  Novalis. 

ZweiterVortrag,  Kopenhagen,  24.  Mai  1912  

Entstehen  und  Vergehen  zahlloser  Lebenskeime,  die  nicht  zur  Entwicke- 
lungsreife  gelangen.  Das  Reich  unermefilicher  Visionsmoglichkeiten  und 
das  Finden  derjenigen  Bilder,  die  wirklich  eine  geistige  Realitat  zum  Aus- 
druck  bringen,  durch  das  Sich-Erheben  zur  Inspiration.  Wie  diese  visiona- 
re  Welt  sich  verbinden  mufi  mit  der  Welt  draufien,  damit  die  Entwicke- 
lung des  Tier-  und  Pflanzenreiches  vorwartsschreken  kann.  Der  Mensch 
als  Mitakteur  irh  Weltprozefi.  Das  gottliche  Bewufitsein.  Die  fortschrei- 
tende  Erdenkultur  und  der  Christus-Impuls.  Die  Menschenseele  als  der 
Schauplatz,  wo  Gotterziele  erreicht  werden  sollen. 

THEOSOPHISCHE  MORAL 

E rster V ortrag ,  Norrkoping ,28.  Mai  1912  

Instinktive  Moral  und  moralische  Prinzipien.  Schopenhauers  Ausspruch: 
Moral  predigen  ist  leicht,  Moral  begriinden  schwer.  Hinfuhrung  zu  den 
Quellen  der  moralischen  Impulse.  Indische  Andacht  und  nordischer 
Starkmut.  Die  neuen  moralischen  Impulse  des  funften  nachatlantischen 
Kulturzeitraumes.  «Der  arme  Heinrich*  des  Hartmann  von  Aue.  Das  mo- 
ralische Wirken  des  Franz  von  Assisi.  Jugendliche  Verschwendungssucht 
und  Verschwendung  moralischer  Krafte.  Die  Heilwirkung  moralischer 
Impulse. 

ZweiterVortrag,  Norrkoping,  29.  Mai  1912  

Die  Kasten-Einteilung  der  Inder  und  die  Stande-Gliederung  der  europai- 
schen  Bevolkerung.  Ursache  der  Unmoralitat  der  unteren  Schichten  der 


europiiischen  Volker.  Strengste  Geheimhaltung  des  Weisheitsgutes  in 
den  europiiischen  Mysterien.  Unterschied  2wischen  Rassenentwickelung 
und  Seelenentwickelung.  Das  Aussterben  der  unteren  europiiischen  Be- 
volkerungsschichten.  Verwesungsdamonen  und  Aussatz.  Die  kolchischen 
Mysterien  am  Schwarzen  Meer:  Buddha-Impuls  und  Christus-Impuls. 
Franz  von  Assisi  als  Schiiler  dieser  Geheimschule  in  einer  fruheren  Inkar- 
nation.  Das  Wirken  des  Christus-Impulses  in  Franz  von  Assisi  als  Ur- 
sprung  seiner  moralischen  Kraft.  Uber  die  physische  Vorfahrenschaft  der 
Apostel.  Die  Moralitat  im  Menschen  ist  ein  urspriinglich  gottliches  Ge- 
schenk.  Unmorahtat  als  Folge  geistiger  Verirrungen  und  ihre  Wiedergut- 
machung.  Die  Tugenden  in  der  Lehre  Platos. 

DritterVortrag,  Norrkoping,  30.  Mai  1912  107 

Das  zerstorende  Bose  in  der  Menschheitsevolution.  Das  richtige  Verhal- 
ten  gegeniiber  dem  Bosen  durch  die  Herstellung  des  Gleichgewichtes 
zwischen  den  beiden  Abirrungen  der  Selbstaufgabe  und  des  Egoismus. 
Die  alten  instinktiven  und  die  neu  zu  erringenden  Tugenden.  Die  Tu- 
gend  der  Empfindungsseele:  Instinktive  Weisheit  wird  durch  den 
Christus-Impuls  umgewandelt  in  bewufite  Wahrhaftigkeit;  die  Tugend 
der  Verstandes-  oder  Gemiitsseele:  Starkmut,  Tapferkeit  wird  in  Lie  be 
umgewandelt;  die  Tugend  der  Bewufitseinsseele:  instinktive  Miifiigkeit, 
Besonnenheit  wird  Lebensweisheit.  Das  Zusammenwirken  der  morali- 
schen Impulse  mit  dem  Christus-Impuls  in  der  zukunftigen  Menschheits- 
evolution. Die  zukunftigen  Hiillen  des  Christus-Impulses:  die  Bildung 
des  Astralleibes  des  Christus  durch  die  Taten  des  Glaubens  und  Erstau- 
nens,  des  Atherleibes  durch  die  Taten  der  Liebe,  des  physischen  Leibes 
durch  die  Taten  des  Gewissens. 


CHRISTUS  UND  DIE  MENSCHLICHE  SEELE 

ErsterVortrag,  Norrkoping,  12.  Juli  1914  141 

Die  zwei  Zielpunkte  der  menschlichen  Seelenentwickelung  auf  Erden: 
der  freie  Wille  und  die  Erfassung  des  Gottlichen.  Die  beiden  damit  in 
Zusammenhang  stehenden  religiosen  Gaben:  Siindenfall  und  Versu- 
chung  und  das  Mysterium  von  Golgatha.  Die  vorbereitende  Stimmung  der 
Menschenseele  fur  die  Aufnahme  der  Christus-Wesenheit.  Der  Grund- 
charakter  des  Alten  Testamentes:  Wille;  der  heidnischen  Mysterien: 
Weisheit.  Die  Verfinsterung  der  Seele  und  die  Forderung  zum  «Erkenne 
dich  selbst*.  Der  Sinn  der  Unsterblichkeit  und  das  Hindurchtragen  der 
Individualist  durch  Bewufitheit  und  Liebe.  Die  tJberwindung  des  Todes 
im  Mysterium  von  Golgatha.  Uber  «christliche»  Gegner  der  Anthropo- 
sophie. 


ZweiterVortrag,  Norrkoping,  14.  Juli  1914 


161 


Das  Vertrauen  in  die  fortdauernde  Wirklichkeit  der  Weltenordnung  und 
das  Unsichere  unserer  Ideale.  Durch  den  Christus  wird  das,  was  der 
Mensch  auf  Erden  als  Weisheit  erringt,  nicht  nur  Keim  seines  eigenen 
Fortschreitens,  sondern  Saat  fiiir  die  ganze  Menschhek,  wenn  der  Mensch 
den  Christus  im  Leben  in  sich  aufgenommen  hat.  Alle  seine  Ideale,  die  er 
dem  Christus  ubergibt,  sind  Keime  fur  die  zukunftige  Realitat.  Das  hat 
auch  schon  fur  die  Ideale  auf  Erden  Giiltigkeit,  insbesondere  aber  nach 
dem  Tode.  Das  Beispiel  Christian  Morgensterns  und  Maria  Strauch- 
Spettinis. 

DritterVortrag,  Norrkoping,  15.  Juli  1914  176 

Uber  die  Siindenvergebung  durch  den  Christus.  Siinde  und  Schuld  als 
individuelle  Tatsache  und  als  objektive  Weltentatsache.  Die  iiberirdische 
Christus-Kraft.  Tilgung  der  Schuld  durch  das  Mysterium  von  Golgatha 
fiir  die  Erdenentwickelung. 

VierterVortrag,  Norrkoping,  16.  Juli  1914  195 

Wahrheit  als  Lebenskraft  und  als  Erkenntniskraft.  Warum  mufite  Chri- 
stus todverwandt  werden?  Die  phantomartige  Ausstrahlung  des  Men- 
schen.  Wiederbelebung  des  Toten  durch  das  Hereindringen  des  Christus. 
Die  Verbindung  des  Christus  mit  unseren  Erdenresten.  Christus,  der 
Sundentrager.  Die  Bekraftigung  des  Verhaltnisses  der  Seele  zum  Christus 
durch  die  Siindenvergebung. 


Die  Vorstellungsart  der  Geisteswissenschaft.  Anwendung  naturwissen- 
schaftlicher  Vorstellungsart  auf  das  geistige  Leben.  Der  Mensch  als  Instru- 
ment der  Geistesforschung.  Vorbereitungen  zur  Geistesforschung.  Ab- 
sonderung  des  Geistig-Seelischen  vom  Leiblichen.  Das  Sich-Erleben  aufler- 
halb  des  Leibes.  Das  Sichverbinden  mit  geistigen  Wesenheiten.  Das  Ken- 
nenlernen  des  eigenen  seelischen  Wesenskernes,  der  durch  wiederholte 
Erdenleben  geht.  Die  Erforschung  der  Menschheits-  und  Schicksals- 
fragen.  Die  Geisteswissenschaft  als  Instrument  zu  einem  tieferen  Verste- 
hen  des  Christentums.  Die  Vereinigung  des  kosmischen  Christus- 
Wesens  mit  der  Erdenmenschheit  im  Mysterium  von  Golgatha.  Das  My- 
sterium von  Golgatha  als  Mittelpunktsereignis  des  Erdendaseins. 

Hinweise  /  Namenregister    243/249 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragnachschriften   251 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  ....  253 


ANTHROPOSOPHIE  UND  CHRISTENTUM 


OffentlicherVortrag,  Norrkoping,  13.  Juli  1914 


215 


OBER  DEN  SINN  DES  LEBENS 


ERSTER  VORTRAG 
Kopenhagen,  23.  Mai  1912 


In  diesen  beiden  Abendbetrachtungen  mochte  ich  zu  Ihnen  sprechen, 
von  dem  Gesichtspunkte  der  okkulten  Forschung  aus,  iiber  eine  oft- 
mals  und  eindringlich  von  den  Menschen  hingestellte  Frage,  iiber  die 
Frage:  "Was  ist  der  Sinn  des  Lebens?  Nun  werden  wir,  wenn  wir  uns 
an  diesen  beiden  Abenden  in  unseren  Betrachtungen  nahern  wollen 
dem,  was  gesagt  werden  kann  iiber  diesen  Sinn  des  Lebens,  uns  heute 
erst  eine  Art  von  Grundlage,  eine  Art  von  Basis  schaffen  miissen,  auf 
die  wir  dann  sozusagen  das  Gebaude  von  Erkenntnissen  aufbauen 
werden,  die,  wenn  auch  kurz  und  skizzenhaft,  uns  doch  eine  Antwort 
geben  konnen  auf  die  gestellte  Frage. 

"Wenn  der  Mensch  zunachst  fur  seine  Sinneserkenntnis  und  fur  sein 
gewohnliches  Leben  an  sich  vortibergehen  lafit  dasjenige,  was  ihn  um- 
gibt,  was  er  beobachten  kann,  und  wenn  er  dann  auch  einen  Blick  auf 
das  eigene  Leben  wirft,  so  kommt  eigentlich  nicht  viel  mehr  dabei 
zustande  als  hochstens  eben  eine  Fragestellung,  eine  schwere,  bange 
Ratselfrage.  Da  sieht  der  Mensch  dann  entstehen  und  vergehen  die 
Wesenheiten  der  aufieren  Natur.  Er  kann  ja  das  jedes  Jahr  betrachten, 
wie  im  Friihling  die  Erde  ihm  schenkt,  aufgefordert  von  den  Kraften 
der  Sonne  und  des  Kosmos,  die  Pflanzenwesen,  die  da  griinen  und 
spriefien  und  ihre  Fruchte  tragen  den  Sommer  hindurch.  Gegen  den 
Herbst  zu,  da  sieht  der  Mensch  weiter,  wie  diese  "Wesenheiten  wieder 
vergehen.  Einige  bleiben  zwar  durch  Jahre  hindurch,  zuweilen  sogar 
recht,  recht  lange  Jahre,  wie  zum  Beispiel  unsere  lang  andauernden 
Baume.  Aber  auch  von  ihnen  weifi  der  Mensch,  dafi,  wenn  sie  ihn  auch 
manchmal  iiberdauern  in  ihrer  Lebenszeit,  sie  doch  vergehen,  ver- 
schwinden,  hinuntersinken  in  das,  was  in  der  groften  Natur  das  Gebiet 
des  Leblosen  ausmacht.  Insbesondere  weifi  er,  wie,  bis  in  die  allergrofi- 
ten  Tatsachen  des  Naturgeschehens  hinein,  iiberall  Entstehen  und  Ver- 


gehen  herrscht,  und  selbst  die  Kontinente,  die  heute  den  Boden  bilden, 
auf  dem  sich  ausbreiten  die  Kulturentwickelungen,  sie  waren,  wir 
wissen  das,  zu  gewissen  Zeiten  nicht  da.  Sie  haben  sich  erst  im  Laufe 
der  Zeit  erhoben,  und  wir  wissen  genau,  daft  sie  auch  wieder  in  Triim- 
mer  gehen  werden. 

So  sehen  wir  Entstehen  und  Vergehen  um  uns  herum.  Sie  konnen 
es  fiir  das  Pflanzen-  und  das  Mineralreich  sowohl  wie  auch  fur  das 
Tierreich  verfolgen,  dieses  Entstehen  und  Vergehen.  Was  ist  nun  der 
Sinn  des  Ganzen  ?  Immer  entsteht,  immer  vergeht  etwas  um  uns  herum. 
Was  ist  der  Sinn  dieses  Entstehens  und  Vergehens  ?  Wenn  wir  in  unser 
eigenes  Menschenleben  hineinblicken  und  da  sehen,  wie  wir  die  Jahre 
und  Jahrzehnte  hindurch  gelebt  haben,  so  haben  wir  auch  in  unserem 
eigenen  Leben  Entstehen  und  Vergehen  gesehen.  Wenn  wir  uns  ent- 
sinnen  an  die  friihere  Zeit  der  Jugend:  dahingeschwunden  ist  sie,  und 
nur  als  eine  Erinnerung  ist  sie  uns  geblieben.  Das,  was  da  geblieben  ist, 
ist  im  Grunde  nur  eine  Anregung  zu  einer  bangen  Lebensfrage.  Wir 
fragen  ja,  wenn  wir  dieses  oder  jenes  getan  haben:  Was  ist  daraus  ge- 
worden,  was  ist  entstanden  dadurch,  daft  wir  das  oder  jenes  getan 
haben?  Das  Wichtigste  dabei  ist,  daft  wir  selber  dabei  ein  Stikkchen 
weitergekommen  sind,  daft  wir  gescheiter  geworden  sind.  Meist  ist  die 
Sache  aber  so,  daft  wir  erst  dann,  wenn  die  Dinge  von  uns  gemacht 
worden  sind,  wissen,  wie  sie  hatten  gemacht  werden  sollen.  Dann 
wissen  wir,  daft  alles  viel  besser  hatte  gemacht  werden  konnen,  wenn 
wir  nicht  mehr  in  der  Lage  sind,  es  besser  zu  machen,  so  daft  wir  tat- 
sachlich  in  unser  Leben  einschlieften  all  die  Fehler,  die  wir  machen. 
Durch  unsere  Fehler,  durch  unsere  Irrtiimer  sammeln  wir  aber  gerade 
unsere  weitgehendsten  Erfahrungen. 

Eine  Frage  stellt  sich  uns  dar,  und  es  scheint,  als  ob  das,  was  wir 
mit  Sinnen  erfassen  und  mit  dem  Verstande  begreifen  konnen,  keine 
Antwort  darauf  geben  konnte.  In  dieser  Lage  sind  wir  Menschen 
heute,  daft  dasjenige,  was  um  uns  herum  ist,  uns  eine  bange  Lebens- 
frage, namlich  die  Frage:  Was  ist  der  Sinn  des  ganzen  Daseins?  auf- 
erlegt  und  namentlich  auch  die  Frage:  Warum  sind  wir  Menschen  in 
dieses  Dasein  so  hineingestellt  ?  Also  fiir  uns  Menschen  stellt  sich  zu- 
nachst  diese  Frage  vor  uns  hin. 


Eine  aufterordentlich  interessante  Legende  des  hebraischen  Alter- 
tums  sagt  uns,  dafi  in  diesem  hebraischen  Altertum  ein  Bewulksein 
vorhanden  war,  dafi  diese  bange  Frage,  die  wir  aufgeworfen  haben 
uber  den  Sinn  des  Lebens  und  namentlich  iiber  den  Sinn  des  Menschen, 
eigentlich  nicht  nur  den  Menschen,  sondern  noch  ganz  anderen  "Wesen 
aufgeht.  Diese  Legende  ist  aufierordentlich  lehrreich  und  heifit  so:  Als 
die  Elohim  daran  gehen  wollten,  den  Menschen  zu  schaffen  nach 
ihrem  Bilde  und  Gleichnisse,  da  fragten  die  sogenannten  Dienst-Engel 
der  Elohim,  also  gewisse  Geister  von  niedrigerer  Art,  als  die  Elohim 
selber  sind,  den  Jahve  oder  Jehova:  Warum  sollen  die  Menschen  nach 
dem  Bilde  und  Gleichnisse  des  Gottes  geschaffen  werden?  Da  ver- 
sammelte,  so  geht  die  Legende  weiter,  Jahve  die  Tiere  und  die  Pflan- 
zen, die  hervorsprieften  konnten  schon  zu  einer  Zeit,  bevor  noch  der 
Mensch  in  seiner  Erdengestalt  vorhanden  war,  und  dann  versammelte 
Jahve  oder  Jehova  auch  die  Engel,  die  sogenannten  Dienst-Engel,  das 
heifit  diejenigen,  die  unmittelbar  den  Dienst  bei  Jahve  oder  Jehova 
verrichteten.  Er  zeigte  diesen  nun  die  Tiere  und  auch  die  Pflanzen  und 
fragte  sie,  wie  denn  diese  Pflanzen  und  diese  Tiere  heifien,  was  sie  fiir 
Namen  haben.  Die  Engel  wufiten  nicht  die  Namen  der  Tiere  und  die 
Namen  der  Pflanzen.  Da  wurde  geschaffen  der  Mensch  so,  wie  er  war 
vor  dem  Siindenfalle.  Und  wieder  versammelte  Jehova  oder  Jahve  die 
Engel,  die  Tiere  und  die  Pflanzen  und  fragte  darauf  vor  den  Engeln 
den  Menschen,  wie  die  Tiere,  die  er  der  Reihe  nach  vor  dem  Blicke  des 
Menschen  vorbeigehen  Hefi,  hiefien,  welche  Namen  sie  hatten,  und 
siehe  da,  der  Mensch  konnte  antworten:  Dieses  Tier  tragt  diesen  Na- 
men, jenes  Tier  jenen,  diese  Pflanze  hat  diesen  Namen,  jene  Pflanze 
hat  jenen.  Und  dann  fragte  Jehova  den  Menschen:  Welches  ist  dein 
eigener  Name?  Da  sagte  der  Mensch:  Ich  mufi  eigentlich  Adam  hei$en. 
—  Adam  hangt  zusammen  mit  Adama  und  heifit:  aus  Erdenschlamm, 
Erdenwesen;  so  ist  Adam  zu  iibersetzen.  —  Und  wie  soli  ich  selber 
heiften?  fragte  dann  Jehova  den  Menschen.  Du  sollst  heifkn  Adonai, 
du  bist  der  Herr  aller  auf  der  Erde  geschaffenen  Wesen,  antwortete 
der  Mensch,  und  die  Engel  hatten  nun  eine  Ahnung,  welcher  Sinn 
verbunden  war  mit  dem  menschlichen  Dasein  auf  Erden. 

Religiose  Oberlieferungen  und  religiose  Ausdriicke  stellen  die  wich- 


tigsten  Lebensratsel  oft  sehr  einfach  dar,  aber  die  Sache  ist  deshalb 
doch  schwierig,  weil  wir  erst  hinter  ihre  Einfachheit  kommen  mussen, 
weil  wir  erst  einsehen  mussen,  was  dahintersteckt.  Gelingt  uns  dies, 
dann  enthiillen  sich  uns  grofie  Weistiimer,  dann  enthiillt  sich  uns  ein 
tiefes  Wissen.  So  wird  es  wohl  auch  bei  dieser  Legende  sein,  die  wir 
zunachst  nur  vor  uns  hinstellen  wollen,  denn  die  beiden  Vortrage 
werden  uns  eine  Art  von  Antwort  auf  die  fur  uns  in  dieser  Legende 
liegenden  Fragen  geben. 

Nun  wissen  Sie,  dafi  in  einer  ganz  grandiosen  Form  eine  gewisse 
Religionsstrdmung  die  Frage  nach  dem  Wert  und  Sinn  des  Daseins 
gestellt  hat,  indem  sie  ihrem  eigenen  Religionsstifter  in  einer  iiber- 
waltigend  grolSen  Form  diese  Frage  in  den  Mund  legte.  Sie  kennen 
sie  alle,  die  Mitteilungen  iiber  den  Buddha,  welche  besagen,  da&,  als 
er  aus  dem  Palaste,  in  den  er  hineingeboren  war,  hinausging  und  ihm 
gezeigt  worden  sind  die  Ereignisse  des  Lebens,  von  denen  er  innerhalb 
seines  Palastes  in  der  in  Betracht  kommenden  Inkarnation  noch  keine 
Ahnung  hatte,  er  im  tiefsten  bestiirzt  war  iiber  das  Leben  und  das 
Urteil  fallte:  Leben  ist  Leiden,  das,  wie  wir  wissen,  in  die  vier  Glieder 
zerfallt:  Geburt  ist  Leiden,  Krankheit  ist  Leiden,  Alter  ist  Leiden, 
Tod  ist  Leiden,  wozu  noch  hinzugefiigt  wird:  Vereint  sein  mit  den- 
jenigen,  die  man  nicht  liebt,  ist  Leiden,  getrennt  sein  von  denen,  die 
man  liebt,  ist  Leiden,  nicht  erreichen  konnen,  was  man  anstrebt,  ist 
Leiden.  —  Dann  wissen  wir,  dafi  der  Sinn  des  Lebens  innerhalb  dieser 
Religionsgemeinschaft  dadurch  herauskommt,  dafi  gesagt  wird:  Einen 
Sinn  bekommt  das  Leben,  das  Leiden,  nur  dadurch,  dafi  es  iiber- 
wunden  wird,  da$  es  iiber  sich  selbst  hinausgeht. 

Im  Grunde  genommen  sind  alle  die  verschiedenen  Religionsbekennt- 
nisse,  auch  alle  Philosophien  und  Weltanschauungen,  ein  Versuch,  die 
Frage  nach  dem  Sinn  des  Lebens  zu  beantworten.  Nun  werden  wir 
nicht  in  einer  philosophisch-abstrakten  Weise  an  die  Frage  herangehen, 
sondern  einstweilen  in  einer  Art  okkulter  Form  uns  etwas  vor  Augen 
stellen  von  den  Erscheinungen  des  Lebens,  von  den  Tatsachen  des 
Lebens.  Wir  werden  versuchen,  in  diese  Tatsachen  etwas  tiefer  hinein- 
zuschauen,  um  zu  sehen,  ob  eine  tiefere  okkulte  Lebensbetrachtung 
etwas  liefert  zur  Beantwortung  der  Frage  iiber  den  Sinn  des  Lebens. 


Greifen  wir  die  Sache  wieder  da  auf,  wo  wir  schon  hingedeutet 
haben  auf  das  jahrliche  Entstehen  und  Vergehen  in  der  sinnenfalligen 
Natur,  auf  das  Leben,  auf  das  Entstehen  und  Vergehen  in  der  Pflan- 
zenwelt.  Der  Mensch  sieht  im  Friihling  aus  der  Erde  herausspriefien 
die  Pflanzen.  Was  da  aus  der  Erde  herausspriefit  und  sprolk,  erweckt 
seine  Freude,  erweckt  seine  Lust.  Er  wird  gewahr,  dafi  sein  ganzes 
Dasein  zusammenhangt  mit  der  Pflanzenwelt,  denn  ohne  sie  konnte 
er  nicht  da  sein.  So  fiihlt  er,  wie  das,  was  gegen  den  Sommer  hin  aus 
der  Erde  alles  herauskommt,  mit  seinem  eigenen  Leben  zusammen- 
hangt. Er  fiihlt  dann  auch,  daft  im  Herbste  das,  was  in  gewisser  Weise 
zu  ihm  gehort,  wieder  vergeht. 

Es  liegt  nahe,  dafi  der  Mensch  das,  was  er  da  entstehen  und  ver- 
gehen sieht,  mit  seinem  eigenen  Leben  vergleicht.  Da  ist  es  fur  eine 
auftere,  rein  sinnenfallige  und  verstandesmafiige  Beobachtung  auch 
recht  naheliegend,  das  fruhlmgsmafiige  Hervorgehen  der  Pflanzen  aus 
der  Erde  zu  vergleichen,  sagen  wir,  mit  dem  Aufwachen  des  Menschen 
am  Morgen,  und  das  Hinwelken  und  Vergehen  der  Pflanzenwelt  im 
Herbste  zu  vergleichen  mit  dem  Einschlafen  des  Menschen  am  Abend. 
Aber  ein  solcher  Vergleich  ware  ganz  aufierlich.  Er  wurde  aufier  acht 
lassen  die  eigentlichen  Ereignisse,  in  die  wir  schon  durch  die  elemen- 
taren  Wahrheiten  des  Okkultismus  eindringen  konnen.  Was  geschieht, 
wenn  wir  des  Abends  einschlafen?  Wir  wissen,  wir  lassen  im  Bette 
zuriick  unseren  physischen  Leib  und  unseren  Atherleib.  Mit  unserem 
Astralleibe  und  unserem  Ich  Ziehen  wir  uns  aus  unserem  physischen 
Leibe  und  unserem  Atherleibe  heraus.  Wir  sind  dann  mit  unserem 
Astralleibe  und  unserem  Ich  wahrend  der  Nacht,  vom  Einschlafen 
bis  zum  Aufwachen,  in  einer  geistigen  Welt.  Wir  holen  uns  aus  dieser 
geistigen  Welt  die  Krafte,  die  wir  brauchen.  Aber  nicht  nur  unser 
Astralleib  und  unser  Ich,  sondern  auch  unser  physischer  Leib  und  unser 
Atherleib  machen  eine  Art  Wiederherstellung,  eine  Art  Regeneration 
durch  wahrend  des  nachtlichen  Schlafes,  wo  sie  gewohnlich,  vom 
Astralleibe  und  Ich  getrennt,  im  Bette  liegen. 

Wenn  man  hellseherisch  herabblickt  vom  Ich  und  dem  Astralleib 
auf  den  Ather-  und  physischen  Leib,  so  sieht  man,  was  durch  unser 
Tagesleben  zerstort  worden  ist,  sieht,  wie  das,  was  sich  da  in  der  Er- 


miidung  ausdruckt,  als  Zerstorung  vorhanden  ist  und  wahrend  der 
Nacht  wiederhergestellt  wird.  In  der  Tat,  das  ganze  bewulke  Leben 
des  Tages,  wenn  wir  es  ins  Auge  fassen  in  seinem  Zusammenhang  mit 
dem  menschlichen  BewuBtsein  und  in  seinem  Verhaltnis  zum  physi- 
schen  und  Atherleib,  ist  eine  Art  Zerstorungsprozefi  fiir  den  physischen 
und  Atherleib.  Wir  zerstoren  damit  immer  etwas,  und  die  Tatsache, 
daft  wir  zerstoren,  driickt  sich  in  der  Ermiidung  aus.  Das  Zerstorte 
wird  in  der  Nacht  dann  wiederhergestellt. 

Wenn  man  nun  hinschaut  auf  das,  was  da  geschieht,  wenn  wir  uns 
mit  dem  Astralleibe  und  Ich  herausgehoben  haben  aus  dem  Ather-  und 
physischen  Leibe,  dann  ist  es  so,  wie  wenn  wir  ein  verwustetes  Feld 
zuriickgelassen  hatten.  In  dem  Augenblicke  aber,  wo  wir  draufien  sind 
aus  dem  physischen  und  Atherleibe,  fangt  es  an,  sich  nach  und  nach 
wiederherzustellen.  Da  ist  es  so,  wie  wenn  die  Krafte,  die  dem  phy- 
sischen und  Atherleibe  angehoren,  anfangen  wtirden  zu  bluhen  und  zu 
sprossen,  wie  wenn  eine  ganze  Vegetation  auf  dem  Grunde  der  Zer- 
storung sich  erheben  wiirde.  Je  weiter  es  in  die  Nacht  hineingeht,  je 
langer  der  Schlaf  dauert,  desto  mehr  sprofit  und  spriest  es  da  im 
Atherleibe  auf.  Je  mehr  es  gegen  den  Morgen  zu  geht,  je  mehr  wir  mit 
unserem  Astralleibe  wieder  hineingehen  in  den  physischen  und  Ather- 
leib, desto  mehr  beginnt  wieder  mit  dem  physischen  und  Atherleibe 
eine  Art  Verwelken,  eine  Art  Verdorren. 

Kurz,  wenn  das  Ich  und  der  Astralleib  am  Abend  beim  Einschlafen 
des  Menschen  aus  der  geistigen  Welt  herabschauen  auf  den  physischen 
und  Atherleib,  dann  sehen  sie  dieselbe  Erscheinung,  wie  man  sie  in 
der  grofSen  Welt  draufien  sieht,  wenn  die  Pflanzen  sprossen  und  sprie- 
f?en  im  Friihlinge.  Wir  mussen  daher,  wenn  wir  innerlich  vergleichen, 
unser  Einschlafen  und  den  Beginn  des  Schlafzustandes  in  der  Nacht 
in  Wahrheit  vergleichen  mit  dem  Fruhling  in  der  Natur,  und  die  Zeit 
des  Aufwachens,  die  Zeit  des  Wiederhineinlebens  des  Ichs  und  des 
astralischen  Leibes  in  den  physischen  und  Atherleib  vergleichen  mit 
dem,  was  der  Herbst  drauften  in  der  Natur  ist.  Vergleichen  wir  so,  dann 
vergleichen  wir  richtig,  nicht  aber,  wenn  wir  in  umgekehrter  Weise 
vergleichen.  Umgekehrt  vergleichen  wir  aulSerlich.  In  uns  selbst  ent- 
spricht  der  Fruhling  dem  Einschlafen  und  der  Herbst  dem  Aufwachen. 


Wie  stellt  sich  nun  die  Sache  dar,  wenn  der  okkulte  Beobachter, 
derjenige,  der  wirklich  in  die  geistige  Welt  sehen  kann,  den  Blick 
richtet  auf  die  auftere  Natur,  wie  sie  verlauft  im  Laufe  des  Jahres? 
Was  sich  fur  einen  solchen  okkulten  Blick  ergibt,  das  lehrt  uns,  dafi 
wir  nicht  aufierlich,  sondern  innerlich  vergleichen  miissen.  Was  uns 
die  okkulte  Beobachtung  zeigt,  das  lehrt  uns,  dafi  ebenso,  wie  mit  dem 
physischen  und  Atherleibe  des  Menschen  verbunden  sind  der  Astral- 
leib  und  das  Ich,  mit  der  Erde  verbunden  ist  dasjenige,  was  wir  das 
Geistige  der  Erde  nennen.  Die  Erde  ist  gleichsam  auch  ein  Leib,  ein 
weit  ausgedehnter  Leib.  Wenn  wir  sie  nur  betrachten  in  bezug  auf  ihr 
Physisches,  so  ist  das  so,  wie  wenn  wir  den  Menschen  nur  in  bezug 
auf  das  Physische  betrachten  wiirden.  Vollstandig  betrachten  wir  die 
Erde,  wenn  wir  sie  betrachten  als  den  Leib  von  geistigen  Wesenheiten, 
in  derselben  Weise,  wie  wir  auch  beim  Menschen  den  Geist  als  zu  dem 
Leibe  gehorig  betrachten.  Ein  Unterschied  ist  jedoch  da.  Der  Mensch 
hat  ein  einheitliches  Wesen,  das  seinen  physischen  und  atheri- 
schen  Leib  beherrscht.  Ein  einheitliches  Seelisch-Geistiges  entspricht 
dem,  was  physischer  Menschenleib  und  atherischer  Menschenleib 
ist.  Viele  Geister  zunachst  entsprechen  aber  dem  Erdenleibe.  Was 
also  beim  Menschen  eine  Einheit  ist  mit  Bezug  auf  das  Geistig- 
Seelische,  bei  der  Erde  ist  es  eine  Vielheit.  Das  ist  der  nachste  Unter- 
schied. 

Wenn  wir  diesen  Unterschied  hinnehmen,  dann  ist  gleich  darauf 
alles  tibrige  in  gewisser  Beziehung  ahnlich.  Fur  den  okkulten  Blick 
zeigt  es  sich  im  Friihling  so,  dafi  in  demselben  Mafie,  in  dem  die  Pf  lan- 
zen  aus  der  Erde  herauskommen,  in  dem  das  Griin  hervorspriefit,  die- 
jenigen  Geister,  die  wir  als  die  Erdengeister  bezeichnen,  von  der  Erde 
fortgehen.  Nur  ist  es  dabei  wieder  so,  dafi  sie  nicht  wie  beim  Menschen 
absolut  fortgehen,  sondern  sie  lagern  sich  in  gewisser  Weise  in  der  Erde 
um,  sie  gehen  auf  die  andere  Seite  der  Erde.  Wenn  auf  der  einen  Halb- 
kugel  der  Erde  Sommer  ist,  ist  auf  der  anderen  Winter.  Bei  der  Erde 
geschieht  das  so,  dafi  dasjenige,  was  ihr  Geistig-Seelisches  ist,  von  der 
nordlichen  Halbkugel  zur  siidlichen  bewegt  wird,  wenn  auf  der  nord- 
lichen  Halbkugel  Sommer  wird.  Das  andert  daran  nichts,  daft  der 
okkulte  Blick  fur  den  Menschen,  der  auf  irgendeinem  Teil  der  Erde 


den  Friihling  erlebt,  sieht,  daft  die  Geister  der  Erde  fortgehen.  Er  sieht, 
wie  sie  sich  erheben  und  hinausgehen  ins  weite  Weltall.  Er  sieht  sie 
nicht  hiniibergehen,  sondern  fortgehen,  ebenso  wie  er,  wenn  der 
Mensch  e'mschl'Ht,  das  Ich  mit  dem  Astralleibe  fortgehen  sieht.  Und 
ebenso  sieht  der  Hellseher  fortgehen  die  Geister  der  Erde  von  dem, 
womit  sie  verbunden  waren.  Wahrend  des  Winters,  als  die  Erde  mit 
Eis  und  Schnee  bedeckt  war,  da  waren  die  Krafte  eben  mit  der  Erde 
in  Verbindung.  Das  Umgekehrte  ist  der  Fall  im  Herbste.  Da  sieht  der 
okkulte  Blick  herankommen  die  Erdengeister,  sieht,  wie  sie  sich  wieder 
mit  der  Erde  verbinden.  Und  in  der  Tat  tritt  dann  fiir  die  Erde  etwas 
Ahnliches  ein  wie  beim  Menschen:  eine  Art  Selbstbewufksein.  Wah- 
rend des  Sommers  weift  der  geistige  Teil  der  Erde  nichts  von  dem,  was 
um  ihn  herum  im  Weltall  vorgeht.  Aber  im  Winter  weifi  der  Geist  der 
Erde,  was  im  Weltall  rings  um  ihn  vorgeht,  so  wie  der  Mensch,  wenn 
er  aufwacht,  dasjenige  weifi  und  schaut,  was  um  ihn  herum  vorgeht. 
So  gilt  die  Analogie  vollstandig,  nur  mufi  sie  umgekehrt  gemacht  wer- 
den  als  das  aufierliche  Bewufltsein  sie  macht. 

Wenn  wir  allerdings  die  Sache  ganz  vollstandig  betrachten  wollen, 
so  diirfen  wir  nicht  nur  sagen:  Wenn  im  Friihling  aus  der  Erde  heraus- 
spriefien  und  -sprossen  die  Pflanzen,  dann  gehen  die  Erdengeister  fort, 
denn  mit  den  herausspriefienden  und  -sprossenden  Pflanzen  kommen 
in  der  Tat  andere,  machtigere  Geister  heraus,  wie  aus  den  Untergriin- 
den  der  Erde,  wie  aus  den  Tiefen  der  Erde,  wie  aus  dem  Innern  der 
Erde.  Deshalb  haben  die  alten  Mythologien  recht  gehabt,  wenn  sie 
zwischen  oberen  und  unteren  Gottern  unterschieden  haben.  Nur  wenn 
der  Mensch  von  solchen  Gottern  gesprochen  hat,  die  im  Friihling  fort- 
gehen, im  Herbst  wiederkommen,  sprach  er  von  den  oberen  Gottern. 
Es  gab  machtigere  Gotter,  altere  Gotter.  Die  Griechen  rechneten  sie 
zu  den  chthonischen  Gottern.  Die  kommen  herauf ,  wenn  im  Sommer 
alles  spriefk  und  sprolk,  und  sie  senken  sich  wieder  hinunter,  wenn 
wahrend  des  Winters  die  eigentlichen  Erdengeister  sich  mit  dem  Leibe 
der  Erde  vereinigen. 

Das  sind  die  Tatsachen.  Nun  mochte  ich  gleich  hier  bemerken,  daft 
ein  gewisser  Gedanke,  der  aus  der  Natur-  und  okkulten  Forschung 
genommen  ist,  von  ungeheurer  Bedeutung  ist  fiir  das  menschliche 


Leben.  Durch  diese  Forschung  zeigt  sich  ja,  daft  wir  im  Grunde  ge- 
nommen  wirklich,  wenn  wir  den  einzelnen  Menschen  betrachten, 
etwas  vor  uns  haben  wie  ein  Abbild  des  groften  Erdenwesens  selber. 
Und  was  sehen  wir,  wenn  wir  den  Blick  hinrichten  auf  die  Pflanzen, 
die  anfangen  zu  sprossen  und  sprieften  ?  Da  sehen  wir  genau  dasselbe, 
was  der  Mensch  tut,  wenn  er  in  sich  lebt  im  Schlafen.  Wir  haben  genau 
gesehen,  daft  das  eine  vollstandig  dem  andern  entspricht.  Wie  die  ein- 
zelnen  Pflanzen  zu  dem  Menschenleibe  stehen,  was  sie  fur  das  Men- 
schenleben  bedeuten,  das  kann  man  nur  erkennen,  wenn  man  einen 
solchen  Zusammenhang  iiberschaut.  Denn  es  ist  in  der  Tat  wahr,  daft 
man  sieht,  wenn  man  genau  zuschaut,  wie  beim  Einschlafen  des  Men- 
schen in  seinem  physischen  und  atherischen  Leibe  alles  aufsprieftt  und 
sproftt,  daft  man  sieht,  wie  da  eine  ganze  Vegetation  beginnt,  sieht, 
wie  der  Mensch  eigentlich  ein  Baum  ist,  oder  ein  Garten,  in  dem  die 
Pflanzen  wachsen. 

Wer  das  mit  okkultem  Blick  verfolgt,  sieht,  wie  das  Sprieften  und 
Sprossen  im  Innern  der  Menschen  entspricht  dem,  was  drauften  in  der 
Natur  sprieftt  und  sproftt.  Und  so  konnen  Sie  sich  einen  Begriff  ma- 
chen,  was  da  werden  kann,  wenn  man  in  Zukunft  einmal  die  Geistes- 
wissenschaft,  die  man  heute  noch  grofttenteils  als  eine  Narretei  an- 
sieht,  aufs  Leben  anwenden  wird,  wenn  man  sie  fruchtbar  machen  wird. 
Da  haben  wir  zum  Beispiel  einen  Menschen,  dem  dieses  oder  jenes 
fehlt  in  seinen  aufleren  Tatsachen  des  Lebens.  Beobachten  wir  nun 
einmal,  wenn  dieser  Mensch  einschlaft,  welche  Pflanzenarten  aus- 
bleiben,  wenn  sein  physischer  und  sein  Atherleib  ihre  Vegetation  zu 
entwickeln  beginnen.  Sehen  wir,  daft  auf  der  Erde  an  einer  Stelle  ganze 
Pflanzengattungen  nicht  hervorkommen,  so  wissen  wir,  dafi  da  etwas 
nicht  ganz  stimmt  mit  dem  Wesen  der  Erde.  Ebenso  ist  es  auch  mit 
dem  Fortbleiben  gewisser  Pflanzen  im  physischen  und  Atherleib  des 
Menschen.  Um  den  Fehler  beim  Menschen  nun  gutzumachen,  brauchen 
wir  nur  auf  der  Erde  aufzusuchen  die  in  dem  betreffenden  Menschen 
fehlenden  Pflanzen  und  deren  Safte  in  entsprechender  Weise  anzu- 
wenden,  entweder  in  diatetischer  Form  oder  als  Arzneimittel,  und  wir 
werden  dann,  aus  deren  inneren  Kraften,  die  Beziehung  von  Arznei 
und  Krankheit  finden.  Daran  konnen  wir  sehen,  wie  eingreifen  wird 


Geisteswissenschaft  in  das  unmittelbare  Leben.  Wir  stehen  aber  erst 
am  Anfange  dieser  Sache. 

Damit  babe  ich  Ihnen  in  einem  Gleichnis  eine  Art  Naturgedanken 
gegeben  iiber  den  Zusammenbang  des  Menschen  und  die  Beziehung 
seines  ganzen  Wesens  zu  der  Umgebung,  in  der  er  ja  mit  seinem  Wesen 
selber  darinnensteckt. 

Wir  wollen  jetzt  einmal  auf  einem  geistigen  Gebiet  die  Sache  ins 
Auge  fassen.  Da  mochte  ich  gleich  aufmerksam  machen  auf  eine  Sache, 
die  aufterordentlich  wichtig  ist,  namlich,  daft  unsere  geisteswissen- 
schaftliche  Weltanschauung,  indem  sie  den  Blick  vom  Standpunkte 
des  Okkultismus  schweifen  laftt  iiber  die  Menschheitsentwickelung, 
um  den  Sinn  des  Daseins  zu  entziffern,  nicht  etwa  irgendeinera  Be- 
kenntnisse,  irgendeiner  Weltanschauung  einen  aufterlichen  Vorzug 
gibt  vor  irgendeinem  anderen  Bekenntnisse,  vor  irgendeiner  anderen 
Weltanschauung.  Wie  oft  ist  es  betont  worden  innerhalb  unserer 
okkulten  Stromung,  daft  wir  hinweisen  konnen  auf  dasjenige,  was  die 
Erdenmenschheit  entwickelt  und  erlebt  hat,  unmittelbar  nachdem  die 
grofte  atlantische  Katastrophe  iiber  die  Erde  hereingebrochen  war. 
Da  erlebten  wir  als  erste  grofte  nachatlantische  Kultur  die  uralt-heiKge 
indische  Kultur.  Auch  hier,  an  diesem  One,  haben  wir  schon  iiber 
diese  uralt-heilige  indische  Kultur  gesprochen  und  betont,  daft  es  eine 
so  hohe  Kultur  war,  daft  es  nur  ein  Nachklang  ist,  was  in  den  Veden 
oder  schriftlichen  Oberlieferungen,  die  auf  uns  gekommen  sind,  noch 
davon  vorhanden  ist.  Die  uralteLehre,  diehervorgegangen  ist  aus  jener 
Zeit,  ist  nur  in  der  Akasha-Chronik  zu  erblicken.  Da  blicken  wir 
auf  eine  Hohe  der  Kultur,  die  seither  nicht  wieder  erklommen  wor- 
den ist. 

Die  spateren  Epochen  hatten  eine  ganz  andere  Aufgabe.  Wir  wissen 
auch,  daft  ein  Hinunterstieg  stattgefunden  hat  seit  jenen  Zeiten.  Wir 
wissen  aber  auch,  daft  wieder  ein  Aufstieg  stattfinden  wird  und  daft, 
wie  wir  schon  bemerkt  haben,  Geisteswissenschaft  dazu  da  ist,  diesen 
Aufstieg  vorzubereiten.  Wir  wissen,  daft  im  siebenten  nachatlantischen 
Kulturzeitraum  eine  Art  Erneuerung  der  uralt-heiligen  indischen  Kul- 
tur da  sein  wird.  So  ist  es  also,  daft  wir  nicht  einen  Vorzug  geben 
irgendeiner  religiosen  Anschauung  oder  irgendeinem  Bekenntnis.  Mit 


gleichem  Mafie  werden  sie  gemessen,  iiberall  werden  sie  charakterisiert, 
iiberall  wird  der  Wahrheitskern  gesucht. 

Das  aber,  worauf  es  ankommt,  ist,  daft  wir  das  Wesenhafte  ins  Auge 
fassen.  Wir  diirfen  uns  nicht  beirren  Iassen  in  der  Betrachtung  iiber 
das  Wesen  jedes  einzelnen  Religionsbekenntnisses,  und  wenn  wir  so  an 
die  Weltanschauungen  herangehen,  dann  finden  wir  einen  Grund- 
unterschied.  Wir  finden  Weltanschauungen,  die  mebr  orientalisieren- 
der  Art  sind,  und  solche,  die  mehr  die  Kultur  des  Abendlandes  durch- 
drungen  haben.  Wenn  wir  uns  nun  dies  besonders  klarmachen,  dann 
haben  wir  etwas,  was  uns  grofte  Aufschlusse  gibt  iiber  den  Sinn  des 
Daseins.  Da  finden  wir,  daft  die  Alten  schon  etwas  hatten,  was  wir 
uns  jetzt  erst  wieder  mit  Miihe  erobern  miissen,  namlich  die  Lehre  von 
der  Wiederkunft  des  Lebens.  Die  orientalisierenden  Richtungen  hatten 
das  wie  etwas,  was  aus  den  tiefsten  Griinden  des  Lebens  heraufstieg. 
Sie  sehen  noch,  wie  diese  orientalisierenden  Richtungen  ihr  ganzes 
Leben  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  gestalten,  wenn  Sie  das  Verhalt- 
nis  des  orientalischen  Menschen  zu  seinen  Bodhisattvas  und  seinen 
Buddhas  ins  Auge  fassen.  Wenn  Sie  ins  Auge  fassen,  wie  es  dem  Orien- 
talen  weniger  darauf  ankommt,  eine  einzige  Gestalt  herauszunehmen 
mit  diesem  oder  jenem  bestimmten  Namen  als  die  regierende  Macht 
der  Menschheitsentwickelung,  so  sehen  Sie  zugleich,  wieviel  mehr  es 
ihm  darauf  ankommt,  die  durch  die  verschiedenen  Leben  hindurch- 
gehende  Individuality  zu  verfolgen. 

Die  Orientalisten  sagen,  es  gibt  soundsoviele  Bodhisattvas,  hohe 

Wesenheiten,  die  ausgegangen  sind  von  dem  Menschen,  aber  sich  nach 
und  nach  hinaufentwickelt  haben  zu  jener  Hohe,  welche  wir  damit 
bezeichnen,  daft  wir  sagen:  Eine  Wesenheit  ist  durch  viele  Inkarna- 
tionen  gegangen  und  ist  dann  zu  einem  Bodhisattva  geworden,  wie 
Gautama,  der  Sohn  des  Konigs  Sudhodana,  es  getan  hat.  Er  war 
Bodhisattva  und  wurde  Buddha.  Der  Name  Buddha  aber  wird  vielen 
gegeben  dafiir,  daft  sie  durch  viele  Verkorperungen  hindurchgegangen, 
Bodhisattva  geworden  und  dann  zur  nachsthoheren  Wurde,  zur 
Buddhawurde,  aufgestiegen  sind.  Der  Name  Buddha  ist  ein  General- 
name.  Er  gibt  eine  menschliche  Wiirde  an  und  ist  nicht  zu  denken, 
ohne  daft  man  auf  das  Geistig-Seelische  blickt,  das  durch  viele  Inkar- 


nationen  hindurch  geht.  In  dieser  Beziehung  stimmt  der  Brahmanismus 
mit  dem  Buddhismus  vollig  iiberein,  daft  er  den  Blick  hauptsachlich 
richtet  auf  das  Individuelle,  das  durchgeht  durch  die  verschiedenen 
Personlichkeiten,  und  weniger  auf  die  einzelnen  Personlichkeiten, 
denn  es  kommt  auf  dasselbe  heraus,  wenn  der  Buddhist  sagt:  EinBodhi- 
sattva  ist  dazu  bestimmt,  zu  der  hochsten  menschlichen  Wurde  auf- 
zusteigen,  zu  der  man  aufsteigen  kann,  und  dazu  mufi  er  durch  viele 
Inkarnationen  hindurchgehen,  das  Hochste  aber  sehe  ich  in  dem 
Buddha  -  oder  ob  der  Anhanger  des  Brahmanentums  sagt:  Die  Bodhi- 
sattvas  sind  in  der  Tat  hochentwickelte  Wesen  und  steigen  dann  zu 
den  Buddhas  auf,  aber  sie  sind  von  den  Avataren,  den  hoheren  geisti- 
gen  Individualitaten,  ausgegangen.  Sie  sehen,  die  Betrachtung  des 
Geistigen,  das  da  durchgeht  durch  viele  Inkarnationen,  ist  etwas,  das 
diesen  beiden  orientalischen  Anschauungen  eigen  ist. 

Nehmen  wir  aber  nun  das  Abendland  und  sehen  zu,  was  da  das 
Grofie  und  Gewaltige  war.  Um  in  dieser  Beziehung  etwas  tiefer  zu 
schauen,  miissen  wir  die  alte  hebraische  Weltanschauung  ansehen, 
miissen  die  Blicke  auf  das  personliche  Element  lenken.  Wenn  wir  von 
Plato,  von  Sokrates,  von  Michelangelo,  von  Karl  dem  Grofien  oder 
von  sonst  jemandem  reden,  so  reden  wir  immer  von  einem  Person- 
lichen,  wir  stellen  vor  die  Menschen  das  abgeschlossene  Leben  der 
Personlichkeiten  hin  mit  dem,  was  diese  Personlichkeiten  fiir  die 
Menschheit  geworden  sind.  Wir  richten  in  der  abendlandischen  Kultur 
nicht  den  Blick  auf  das  Leben,  das  von  Person  zu  Person  hindurch- 
gegangen  ist;  denn  das  war  gerade  die  Aufgabe  der  abendlandischen 
Kultur,  eine  Zeitlang  den  Blick  zu  richten  auf  das  einzelne  Leben. 
Wenn  man  im  Oriente  von  dem  Buddha  spricht,  dann  weift  man:  Die 
Bezeichnung  Buddha  ist  eine  Wiirde,  die  vielen  Personlichkeiten  zu- 
geeignet  ist.  Wenn  man  dagegen  den  Namen  Plato  nennt,  so  weift 
man,  dafi  es  nur  eine  einzelne  Personlichkeit  war.  So  war  die  Erziehung 
des  Abendlandes.  Das  Personliche  sollte  zunachst  geschatzt  und  ge- 
achtet  werden. 

Nehmen  wir  nun  unsere  eigene  Zeit.  Wie  muft  sich  diese  zu  dieser 
ganzen  Tatsachenreihe  stellen?  Die  Menschheit  ist  durch  die  Kultur 
des  Abendlandes  eine  Weile  erzogen  worden  in  dem  Hinschauen  auf 


das  Personliche.  Jetzt  muftte  zu  dem  Personlichen  das  Individuelle, 
die  Individualitat  hinzugefugt  werden.  Jetzt  stehen  wir  also  an  dem 
Punkte,  uns  wieder  zu  erobern  das  Individuelle,  aber  verstarkt,  durch- 
kraftet  von  der  Betrachtung  des  Personlichen. 

Nehmen  wir  einen  bestimmten  Fall.  Wir  richten  den  Blick  in  dieser 
Beziehung  auf  die  alte  hebraische  Weltanschauung,  die  vorherging 
der  abendlandischen.  Lenken  wir  den  Blick  auf  eine  so  gewaltige  Per- 
sonlichkeit wie  diejenige  des  Propheten  Elias.  "Wir  charakterisieren 
ihn  zunachst  als  Personlichkeit.  Im  Abendlande  wird  wenig  Bedacht 
darauf  genommen,  ihn  anders  zu  betrachten.  Wenn  man  absieht  von 
alien  Einzelheiten  und  die  Personlichkeit  im  groften  ins  Auge  fafit,  so 
sieht  man,  daft  Elias  im  Fortgang  der  Weltentwickelung  etwas  Bedeut- 
sames  war.  Er  driickte  aus  etwas  wie  eine  Vorlauferschaft  fur  den 
Christus-Impuls. 

Wenn  wir  zuruckblicken  in  die  Zeit  des  Moses,  so  sehen  wir,  wie 
etwas  verkiindigt  wird  dem  Volke,  wir  sehen,  daft  dem  Menschen  ver- 
kiindigt  wird  der  Gott  im  Menschen:  Ich>  der  Gott,  der  da  war,  der 
da  ist  und  der  da  sein  wird.  Im  Ich  mufi  er  erf  aft  t  werden,  aber  er 
wird  erfaftt  im  Althebraischen  so,  wie  die  Seele  des  Volkes  war.  Elias 
geht  nun  noch  weiter.  Durch  ihn  wird  noch  nicht  klar,  daft  das  Ich 
in  der  einzelnen  menschlichen  Individualitat  lebt  als  das  hftchste  Gott- 
liche;  aber  er  konnte  es  dem  Volke  seinerzeit  noch  nicht  klarer  machen, 
als  die  Welt  es  aufzunehmen  vermochte.  Daher  sehen  wir  da  sozusagen 
einen  Sprung  in  der  Entwickelung  gemacht.  Wahrend  noch  die  Moses- 
kultur  bei  den  Althebraern  sich  klar  war  dariiber:  In  dem  Ich  liegt 
das  Hochste  —  und  dieses  Ich  wurde  in  dieser  Moseszeit  in  der  Volks- 
seele  ausgedriickt  — ,  wird  bei  Elias  schon  auf  die  einzelne  Seele  hin- 
gedeutet.  Aber  es  bedurfte  auch  hier  eines  Impulses,  und  dazu  war 
wieder  eine  Vorlauferschaft  da,  die  wir  als  die  Personlichkeit  des 
Johannes  des  Taufers  kennen.  Wieder  war  es  ein  bedeutsames  Wort, 
in  dem  diese  Vorlauferschaft  des  Johannes  des  Taufers  zum  Ausdruck 
kommt.  Was  driickt  uns  dieses  Wort  aus?  Eine  grofte  okkulte  Tat- 
sache.  Er  weist  darauf  hin,  daft  die  Menschen  einmal,  als  Urmenschen, 
ein  altes  Hellsehen  hatten,  so  daft  sie  hineinsehen  konnten  in  die  gei- 
stige  Welt,  in  das  Gottlich-Wirksame;  dann  haben  sie  sich  aber  mehr 


und  mehr  dem  Materiellen  genahert.  Es  hat  sich  verschlossen  der 
Blick  fur  die  geistige  Welt.  Darauf  weist  Johannes  der  Taufer  hin, 
indem  er  sagt:  Andert  die  Seelenverfassung!  Blickt  nicht  mehr  auf 
das,  was  ihr  in  der  physischen  Welt  erringen  konnt,  sondern  seid  auf- 
merksam,  jetzt  kommt  ein  neuer  Impuls !  —  damit  meint  er  den  Chri- 
stus-Impuls  — ,  deshalb  sage  ich  euch,  ihr  miiftt  die  geistige  Welt  suchen 
mitten  unter  euch.  —  Da  tritt  herein  das  Geistige,  mit  dem  Christus- 
Impuls.  Dadurch  wurde  Johannes  der  Taufer  der  Vorlaufer  des 
Christus-Impulses. 

Jetzt  konnen  wir  eine  andere  Personlkhkeit,  die  merkwiirdige  Per- 
sonlkhkeit des  Malers  Raffael,  ins  Auge  fassen.  Diese  merkwiirdige 
Personlkhkeit  stellt  sich  einem,  wenn  man  sie  betrachtet,  sonderbar 
dar.  Vor  alien  Dingen  braucht  man  nur  Raffael  als  Maler  der  lateini- 
schen  Rasse  zu  vergleichen  mit  den  spateren  Malern,  meinetwillen  mit 
Tizian.  Wer  einen  Blick  hat  fiir  solche  Dinge  und  auch  nur  die  Nach- 
bildungen  der  Bilder  ansieht,  wird  den  Unterschied  finden.  Werfen 
Sie  einen  Blick  auf  die  Bilder  von  Raffael  und  auch  auf  die  von  Tizian. 
Raffael  hat  so  gemalt,  daft  er  die  christlichen  Ideen  in  seine  Bilder 
legte.  Er  hat  gemalt  fiir  die  europaischen  Menschen  als  Christen  des 
Abendlandes.  Seine  Bilder  sind  fiir  alle  Christen  des  Abendlandes  ver- 
standlkh,  und  sie  werden  es  immer  mehr  und  mehr  noch  werden. 
Nehmen  Sie  dagegen  die  spateren  Maler.  Die  haben  fast  ausschlkftlich 
fiir  die  lateinische  Rasse  gemalt,  so  daft  sogar  die  kirchlichen  Spaltun- 
gen  in  ihren  Bildern  zum  Ausdruck  kommen. 

Welche  Bilder  sind  aber  nun  Raffael  am  besten  gelungen?  Diejeni- 
gen,  mit  welchen  er  ankundigen  kann,  welche  Impulse  im  Christen  - 
tum  liegen !  Da,  wo  er  den  Jesusknaben  hinstellen  kann  in  irgendein 
Verhaltnis  zur  Madonna,  da,  wo  er  dieses  Christus-Verhaltnis  zur 
Madonna  wie  etwas,  was  Empfindungsimpuls  ist,  hinstellen  kann,  ge- 
lingen  ihm  die  Dinge  am  besten.  Er  hat  auch  im  Grunde  genommen 
am  besten  diese  Dinge  gemalt.  Eine  Kreuzigung  zum  Beispiel  haben 
wir  nicht  von  ihm,  wohl  aber  eine  Verklarung.  Da,  wo  er  das  Sprie- 
ftende  und  Sprossende,  das  Sich-Verkiindigende  malen  kann,  da  malt 
er  mit  Freude  und  malt  seine  groftten  und  besten  Bilder. 

Im  Grunde  genommen  geht  es  auch  so  mit  der  Wirkung  seiner  Bilder. 


Wenn  Sie  einmal  nach  Deutschland  kommen  und  in  Dresden  die 
Sixtinische  Madonna  anschauen,  da  werden  Sie  sehen,  daft  das  Kunst- 
werk  —  von  dem  man  sagt,  daft  die  Deutschen  froh  sein  konnen,  ein 
so  bedeutsames  Bild  in  ihrer  Mitte  zu  haben,  ja,  daft  die  Deutschen 
dieses  Bild  als  die  Bliite  der  Malerei  betrachten  diirf  en  —  ein  Geheimnis 
des  Daseins  enthiillt. 

Als  Goethe  seinerzeit  von  Leipzig  nach  Dresden  fuhr,  da  horte  er 
etwas  anderes  iiber  das  Bild  der  Madonna.  Die  Beamten  der  Galerie 
in  Dresden  sagten  ungefahr  so:  Da  haben  wir  auch  ein  Bild  von 
Raffael.  Es  ist  aber  nichts  Besonderes.  Es  ist  schlecht  gemalt.  Der 
Blick  des  Kindes,  das  ganze  Kind,  alles,  was  da  gemalt  ist  an  dem 
Kinde,  ist  gemein.  Die  Madonna  selber  ebenso.  Man  kann  nur  glauben, 
daft  sie  gemalt  worden  ist  von  einem  Stumper.  Und  nun  gar  noch 
unten  die  Figuren,  von  denen  man  nicht  weift,  ob  es  Kinderkopfe  oder 
Engel  sein  sollen.  —  Dieses  grobe  Urteii  hat  Goethe  damals  gehort. 
Daher  hatte  er  auch  zunachst  keine  richtige  Schatzung  des  Bildes. 
Alles,  was  wir  heute  iiber  das  Bild  horen,  das  lebte  sich  erst  nachher 
ein,  und  der  Umstand,  daft  Raffaels  Bilder  in  den  Nachbildungen 
ihren  Siegeszug  durch  die  Welt  machten,  ist  eine  Folge  dieser  besseren 
Einschatzung.  Man  braucht  nur  zu  erinnern  daran,  was  gerade  Eng- 
land fur  die  Reproduction  und  Verbreitung  der  Bilder  Raffaels  getan 
hat.  Was  aber  bewirkt  wurde  in  England  dadurch,  daft  so  gesorgt 
worden  ist  fur  die  Reproduktion  und  Verbreitung  Raffaelscher  Bilder, 
das  wird  man  erst  erkennen,  wenn  man  die  Sache  vom  geisteswissen- 
schaftlichen  Standpunkt  aus  mehr  betrachten  lernen  wird. 

So  ist  uns  Raffael  durch  seine  Bilder  wie  ein  Vorherverkiindiger 
ernes  Christentums,  das  international  werden  wird.  Der  spekulative 
Protestantismus  sah  die  Madonna  lange  Zeit  als  spezifisch  katholisch 
an.  Heute  ist  die  Madonna  auch  in  die  evangelischen  Lander  iiberall 
eingedrungen,  und  man  erhebt  sich  mehr  zu  der  okkulten  Auffassung, 
zu  einem  hoheren,  interkonfessionellen  Christentum.  So  wird  es  immer 
weitergehen. 

Wenn  wir  diese  Wirkungen  fur  ein  interkonfessionelles  Christen- 
tum erhoffen  diirfen,  so  wird  uns  das,  was  Raffael  gemacht  hat,  auch 
in  der  Geisteswissenschaft  helfen. 


Es  ist  merkwiirdig  —  drei  Personlichkeiten  treten  uns  so  entgegen, 
alle  drei  haben  sie  zu  tun  mit  einer  Vorlauferschaft  fiir  das  Christen- 
tum.  Und  jetzt  richten  wir  den  okkulten  Blick  auf  diese  drei  Person- 
lichkeiten. "Was  lehrt  uns  der?  Der  okkulte  Blick  lehrt  uns,  daft  es 
dieselbe  Individuality  ist,  die  in  Elias,  die  in  Johannes  dem  Taufer, 
die  in  Raffael  lebte.  So  unmoglich  es  scheint,  es  ist  doch  dieselbe  Seele, 
die  in  Elias,  in  Johannes  und  in  Raffael  gelebt  hat.  Jetzt  aber  fragen 
wir  uns,  wenn  der  okkulte  Blick,  der  forscht  und  nicht  etwa  aufterlich 
verstandesmaftig  vergleicht,  nun  erforscht,  daft  es  dieselbe  Seele  ist, 
die  in  Elias,  in  Johannes  dem  Taufer  und  in  Raffael  vorhanden  war: 
Wie  kommt  es  denn,  daft  Raffael,  der  Maler,  der  Trager  wird  fiir  die 
Individuality,  die  in  Johannes  dem  Taufer  gelebt  hatte?  Kann  man 
sich  vorstellen,  daft  diese  merkwiirdige  Seele  des  Johannes  des  Taufers 
in  den  Kraften  lebte,  die  in  Raffael  vorhanden  waren?  Da  kommt 
nun  wieder  die  okkulte  Forschung,  aber  nicht  so,  daft  sie  bloft  Theo- 
rien  in  die  Welt  setzt,  sondern  so,  daft  sie  sagt,  wie  die  Dinge  sind, 
wie  die  Dinge  wirklich  ins  Leben  eingepflanzt  sind!  Wie  schreiben 
die  Leute  heute  noch  Raffael-Biographien?  Sie  konnen  es  uberall 
sehen,  auch  die  besten  sind  heute  so  geschrieben,  daft  sie  einfach  an- 
geben:  Raffael  wurde  geboren  an  dem  Karfreitage  des  Jahres  1483. 
Raffael  ist  nicht  umsonst  an  einem  Karfreitage  geboren !  Ankiindigend 
schon  durch  diese  Geburt  seine  Sonderstellung  im  Christentum,  zeigt 
sich  bei  ihm,  daft  er  mit  den  christlichen  Geheimnissen  in  der  tiefsten 
und  bedeutungsvollsten  Weise  zu  tun  hat.  An  einem  Karfreitag  also 
war  Raffael  geboren.  Sein  Vater  war  Giovanni  Santi.  Giovanni  Santi 
starb,  als  Raffael  elf  Jahre  alt  war.  Als  Raffael  acht  Jahre  zahlte, 
hatte  er  ihn  in  die  Lehre  zu  einem  Maler  gegeben,  der  aber  nicht  so 
hervorragend  war.  Aber  wenn  man  nimmt,  was  in  dem  Giovanni 
Santi,  dem  Vater  Raffaels,  war,  so  hat  man  einen  eigentiimlichen  Ein- 
druck,  der  sich  noch  erhoht,  wenn  man  die  Sache  in  der  Akasha- 
Chronik  betrachtet.  Da  zeigt  sich,  daft  das,  was  lebte  in  der  Seele  des 
Giovanni  Santi,  viel  mehr  ist,  als  eigentlich  aus  ihm  herausgekommen 
war,  und  man  muft  der  Herzogin  recht  geben,  die  bei  seinem  Tode 
sagte:  Ein  Mensch  voll  Licht  und  Recht  und  allerbestem  Glauben  ist 
gestorben.  Als  Okkultist  konnte  man  sagen,  daft  in  ihm  ein  viel  gro- 


fierer  Maler  gelebt  hat,  als  aufterlich  zur  Geltung  gekommen  war.  Aber 
die  aufteren  Fahigkeiten,  die  von  den  physischen  und  Ather-Organen 
abhangen,  die  waren  bei  Giovanni  Santi  nicht  entwickelt.  Das  war 
die  Ursache,  weshalb  die  Fahigkeiten  seiner  Seele  sich  nicht  durch- 
ringen  konnten.  Aber  in  seiner  Seele  lebte  wirklich  ein  grower  Maler. 

Da  stirbt  er,  als  Raffael  elf  Jahre  alt  war.  Wenn  man  nun  verfolgt, 
was  da  vorliegt,  so  wird  zur  "Wahrheit,  daft  der  Mensch  zwar  den  Leib 
verliert,  aber  das,  was  seine  Sehnsucht  war,  was  die  Aspirationen,  die 
Impulse  seiner  Seele  waren,  das  lebt  sich  aus,  wirkt  und  wirkt  in  dem, 
womit  es  am  meisten  zusammenhangt. 

Zeiten  werden  kommen,  wo  man  die  Geisteswissenschaft  fruchtbar 
machen  wird  fur  das  Leben,  wie  diejenigen  sie  schon  fruchtbar  machen 
konnen,  welche  sie  lebensvoll  beherrschen  und  nicht  blofi  theoretisch. 
Ich  darf  hier  etwas  einfiigen,  bevor  ich  die  Sache  mit  Raffael  fortsetze. 
Ich  spreche  so,  dafi  ich  in  meinen  Beispielen  nicht  etwa  Spekulationen 
gebe.  Sie  sind  im  Gegenteil  immer  aus  dem  Leben  genommen.  Nehmen 
wir  nun  an,  ich  hatte  Kinder  zu  erziehen.  Wer  achtgibt  auf  die  Fahig- 
keiten, der  merkt  bei  jedem  Kinde  das  Individuelle  heraus.  Solche 
Erfahrungen  kann  man  aber  nur  machen,  wenn  man  Kinder  erzieht. 
Wenn  nun  bei  einem  Kinde  die  Mutter  oder  der  Vater  friih  gestorben 
ist  und  nur  der  eine  Teil  des  Elternpaares  noch  lebt,  da  kann  man 
das  Folgende  erleben.  Es  zeigen  sich  da  bei  dem  Kinde  gewisse  Nei- 
gungen,  die  vorher  nicht  vorhanden  waren  und  die  man  sich  somit 
nicht  erklaren  kann.  Als  Erzieher  mufi  man  sich  aber  mit  ihnen  be- 
schaftigen.  Der  Erzieher  tate  nun  gut,  wenn  er  sich  sagte:  Das,  was 
in  den  geisteswissenschaftlichen  Buchern  steht,  betrachten  die  Men- 
schen  zwar  als  eine  Narrheit.  Ich  will  es  aber  nicht  von  vornherein  als 
Narrheit  betrachten.  Ich  will  es  untersuchen  auf  seine  Richtigkeit. 
Dann  wird  er  bald  sagen  konnen:  Ich  finde,  dafi  da  Krafte  sind,  die 
friiher  schon  vorhanden  waren,  und  wieder  andere,  die  hineinwirken 
in  diejenigen,  welche  friiher  schon  da  waren.  Nehmen  wir  an,  der 
Vater  sei  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen,  und  jetzt  kommen  mit 
einer  gewissen  Starke  bei  dem  Kinde  Eigenschaften  heraus,  welche  in 
ihm  gelebt  haben.  Macht  man  diese  Voraussetzung  und  betrachtet  man 
die  Sache  in  dieser  Weise,  so  wendet  man  die  Erkenntnisse,  die  uns 


durch  die  Geisteswissenschaft  zufliefien,  in  verniinftiger  Weise  auf  das 
Leben  an  und  kommt  dann,  wie  man  bald  finden  wird,  zurecht  im 
Leben,  wahrend  man  vorher  nicht  zurechtgekommen  ist.  Der  durch 
die  Pforte  des  Todes  Gegangene  bleibt  also  verbunden  mit  seinen 
Kraften  mit  denjenigen,  mit  welchen  er  im  Leben  zusammenhing. 

Die  Menschen  beobachten  nur  nicht  genau  genug,  sonst  wiirden  sie 
haufiger  sehen,  dafi  Kinder  bis  zum  Tode  ihrer  Eltern  ganz  anders 
sind  als  nach  demselben.  Man  lenkt  nur  nicht  den  Blick  geniigend  auf 
die  Sachen;  aber  die  Zeit  wird  noch  kommen,  wo  man  das  auch  noch 
tun  wird. 

Wenn  man  den  Blick  auf  Raffael  richtet  und  sich  sagt:  Giovanni 
Santi,  der  Vater,  starb,  als  Raffael  elf  Jahre  alt  war;  er  hatte  zwar 
keine  besondere  Vollendung  als  Maler  erreichen  konnen,  aber  seine 
kraftvolle  Phantasie  blieb  ihm,  und  diese  entwickelte  sich  nun  hinein 
in  die  Seele  des  Raffael  -  so  sagen  wir  nichts  Trivialisierendes  und 
Verkleinerndes  fur  Raffael,  wenn  wir  den  Blick  hinrichten  auf  Raf- 
faels  Seele  und  sagen:  Giovanni  Santi  lebte  in  Raffael  weiter,  und 
daher  erscheint  dieser  uns,  als  ob  er  eine  voll  abgeschlossene  Person- 
lichkeit  ware;  er  erscheint  uns  so,  als  wenn  er  keiner  Steigerung  mehr 
f  ahig  ware,  weil  ein  Toter  seinen  Arbeiten  Leben  gibt. 

Jetzt  begreift  man,  da  in  dem  Menschen  Raffael,  in  seiner  eigenen 
Seele,  wiedererstanden  sind  die  energischen  Krafte  des  Johannes  des 
Taufers  und  nun  aufierdem  auch  leben  in  seiner  Seele  die  energischen 
Krafte  von  Giovanni  Santi,  daft  diese  beiden  Dinge  zusammen  das 
Ergebnis  in  der  Seele  des  Raffael  zeitigen  konnten,  was  als  Raffael 
vor  uns  steht. 

Gewift,  heute  kann  uber  so  aufierordentliche  Dinge  noch  nicht 
offentlich  geredet  werden.  In  fiinfzig  Jahren  wird  das  vielleicht  schon 
moglich  sein,  weil  die  Entwickelung  schnell  voranschreitet  und  die 
bisherige  Anschauung  rasch  ihrer  Dekadenz  entgegeneilt. 

Derjenige,  der  also  eingeht  auf  solche  Dinge,  sieht,  daft  wir  in  der 
Geisteswissenschaft  die  Aufgabe  haben,  das  Leben  von  einer  neuen 
Seite  iiberall  zu  betrachten.  Wie  man  in  der  Zukunft  heilen  wird  in 
der  Form,  wie  ich  es  angedeutet  habe,  so  wird  man  die  eigentiimlichen 
"Wunder  des  Lebens  betrachten,  indem  man  zuhilfe  ziehen  wird  die 


Taten,  die  aus  der  Geisterwelt  von  den  Menschen  noch  kommen, 
welche  durch  die  Pforte  des  Todes  gegangen  sind. 

Zwei  Dinge  mochte  ich  noch  vor  Ihre  Seele  hinstellen,  indem  ich 
von  den  Ratseln  des  Lebens  spreche.  Das  ist  etwas,  in  dem  uns  so 
recht  der  Sinn  des  Lebens  aufgehen  kann.  Es  ist,  wenn  wir  die  Er- 
scheinung  Raffaels  ansehen,  das  Schicksal,  dem  seine  Werke  entgegen- 
gehen.  Der,  welcher  heute  die  Bilder  in  Reproduktion  ansieht,  sieht 
nicht  das,  was  Raffael  gem  alt  hat,  auch  der,  welcher  nach  Dresden 
oder  Rom  geht,  nicht,  denn  diese  Bilder  sind  auch  schon  so  verdorben, 
daft  man  nicht  sagen  kann,  daft  man  die  Bilder  von  Raffael  noch  sieht. 
Leicht  ist  es  ins  Auge  zu  fassen,  was  aus  denselben  werden  wird,  wenn 
man  das  Schicksal  des  Abendmahl-Gemaldes  des  Leonardo  da  Vinci 
betrachtet,  welches  immer  mehr  und  mehr  dem  Verfall  entgegengeht. 
Wer  sich  dieses  iiberlegt,  der  weift,  daft  diese  Bilder  mit  der  Zeit  pul- 
verisiert  werden.  Er  wird  die  traurige  Oberzeugung  bekommen,  daft 
alles  das  verschwinden  wird,  was  die  grofien  Menschen  einst  geschaf- 
fen  haben.  Da  also  diese  Dinge  verschwinden  werden,  so  konnten  wir 
uns  fragen:  Welcher  Sinn  liegt  denn  in  dem  Entstehen  und  Vergehen 
derselben?  Wir  werden  sehen,  daft  im  Grunde  genommen  nichts 
bleibt  von  dem,  was  von  der  einzelnen  Personlichkeit  geschaffen 
worden  ist. 

Und  noch  eine  andere  Tatsache  mochte  ich  vor  Ihre  Seele  hinstellen, 
und  das  ist  diese:  Wenn  wir  heute  mit  der  Geisteswissenschaft  als 
Instrument  das  Christentum  begreifen  wollen  und  begreifen  sollen 
—  es  wurde  von  mir  schon  friiher  ausgefuhrt,  wie  wir  ins  Auge  fassen 
das  Christentum  als  einen  Impuls,  der  wirkt  fur  die  Zukunft  — ,  dann 
brauchen  wir  gewisse  Grundbegriffe,  durch  die  wir  wissen,  wie  der 
Christus-Impuls  weiterwirken  wird.  Das  brauchen  wir.  Nun  ist  es 
merkwiirdig,  daft  wir  vor  der  Tatsache  hier  stehen,  daft  wir  auf  ein 
Werden  des  Christentums  hinweisen  mtissen;  aber  wir  brauchen  dazu 
die  Geisteswissenschaft.  Nun  gibt  es  auch  eine  Personlichkeit,  bei  der 
wir  die  geisteswissenschaftlichen  Wahrheiten  in  einer  eigenartigen 
Form  finden,  und  zwar  in  kurzen  Satzen  dargestellt.  Wenn  wir  heran- 
gehen  an  diese  Personlichkeit,  so  sehen  wir,  daft  wir  bei  ihr  manches 
finden  konnen,  was  bedeutsam  ist  fur  die  Geisteswissenschaft.  Diese 


Personlichkeit  ist  der  deutsche  Dichter  Novalis.  Wenn  wir  seine 
Schriften  durchsehen,  so  fin  den  wir,  daft  er  die  Zukunft  des  Christen- 
tums  aus  dessen  okkulten  Wahrheiten  heraus  schildert.  Die  Geistes- 
wissenschaft  lehrt  uns,  daft  wir  es  dabei  mit  derselben  Individuality 
zu  tun  haben  wie  bei  Raffael,  derselben  Individuality  wie  bei  Johan- 
nes dem  Taufer  und  Elias. 

Wieder  haben  wir  da  eine  Vorschau  der  Fortentwickelung  des 
Christentums.  Das  ist  eine  Tatsache  okkulter  Art,  denn  niemand 
kommt  durch  Schliisse  zu  diesem  Resultat. 

Stellen  wir  die  einzelnen  Bilder  nochmals  zusammen.  Wir  haben  da 
das  Tragische  des  Unterganges  in  den  Geschopfen  und  in  den  Werken 
der  einzelnen  Personen.  Raffael  tritt  auf  und  laftt  sein  interkonfessio- 
nelles  Christentum  hineinstromen  in  die  Menschenseelen.  Aber  eine 
Ahnung  geht  uns  auf,  daft  sein  Schaffen  zugrunde  gehen,  seine  Werke 
einst  pulverisiert  sein  werden.  Es  tritt  wieder  auf  Novalis,  um  die 
Losung  der  Aufgabe  von  neuem  in  Angriff  zu  nehmen,  um  fortzu- 
setzen  das,  was  er  begonnen,  was  er  gearbeitet  hat. 

Jetzt  erscheint  uns  der  Gedanke  nicht  mehr  so  tragisch,  jetzt  sehen 
wir,  daft,  wie  die  Personlichkeit  in  ihren  Hiillen  zerrinnt,  auch  die 
Werke  zerrinnen,  daft  aber  der  Wesenskern  weiterlebt  und  weiterfiihrt 
das,  was  er  begonnen  hat.  Da  werden  wir  hingewiesen  also  wieder 
zur  Individuality.  Aber  weil  wir  energisch  die  abendlandische  Welt- 
anschauung und  damit  die  Personlichkeit  ins  Auge  gef  aftt  haben,  wird 
uns  erst  die  Bedeutung  der  Individuality  so  recht  klar.  So  sehen  wir, 
wie  bedeutsam  es  ist,  daft  das  Morgenland  auf  die  Individuality  das 
Auge  gerichtet  hat,  auf  die  Bodhisattvas,  die  durch  viele  Inkarnatio- 
nen  hindurchgegangen  sind,  und  wie  bedeutsam  es  ist,  daft  das  Abend- 
land  zunachst  das  Auge  gerichtet  hat  auf  die  Betrachtung  der  einzelnen 
Personlichkeit,  um  dann  erst  dazu  zu  kommen,  zu  erfassen,  was  die 
Individuality  ist. 

Nun  glaube  ich,  daft  es  viele  Theosophen  gibt,  die  sagen  werden: 
Nun,  das  miissen  wir  eben  glauben,  wenn  so  von  Elias,  von  Johannes 
dem  Taufer,  von  Raffael  und  Novalis  gesprochen  wird.  Fur  manche 
wird  es  in  der  Hauptsache  auch  so  sein,  daft  sie  es  glauben  miissen, 
denn  es  ist  ebenso  wie  mit  der  Tatsache,  daft  es  viele  glauben  miissen, 


wenn  von  wissenschaftlicher  Seite  behauptet  wird,  daft  dieses  oder 
jenes  Spektrum  sich  zeigt,  wenn  dieses  oder  jenes  Metall  oder  wenn 
zum  Beispiel  der  Orionnebel  vermittelst  der  Spektralanalyse  unter- 
sucht  wird.  Einige  haben  es  gewift  untersucht,  aber  die  andern,  die 
Mehrzahl,  die  glauben  es.  Darauf  kommt  es  aber  im  Grunde  gar  nicht 
an.  Es  kommt  darauf  an,  daft  die  Geisteswissenschaft  am  Anfange 
ihrer  Entwickelung  stent  und  immer  mehr  die  Seelen  dazu  bringen 
wird,  solche  Dinge,  wie  sie  heute  gesagt  worden  sind,  selber  einzu- 
sehen.  In  dieser  Beziehung  wird  die  Geisteswissenschaft  sehr  rasch  die 
Menschheitsevolution  weiterbringen. 

Ich  habe  einiges,  was  sich  als  okkulte  Gesichtspunkte  iiber  das  Leben 
ergeben  hat,  angefiihrt.  Nehmen  Sie  nur  die  drei  Gesichtspunkte,  die 
wir  ins  Auge  gefaftt  haben,  so  sehen  Sie,  wie  man  dadurch,  daft  man 
sieht,  wie  das  Leben  zum  Erdgeiste  steht,  der  Heilkunst  eine  neue 
Richtung  geben  kann,  ihr  neue  Impulse  zufuhrt;  wie  man  Raffael 
nicht  so  betrachtet,  daft  die  Personlichkeit  des  Raffael  allein  es  ist, 
welche  wirksam  war,  sondern  daft  auch  die  Krafte  da  hineinragten, 
die  vom  Vater  stammen,  und  wie  man  so  diese  Personlichkeit  erst 
recht  wird  verstehen  konnen.  Das  dritte  ist,  daft  wir  Kinder  erziehen 
konnen,  wenn  wir  wissen,  wie  die  Sache  liegt  mit  den  Kraften,  die  in 
sie  hineinspielen.  Aufterlich  geben  die  Menschen  durchaus  zu,  daft  sie 
selber  umrmgt  sind  von  einer  Unzahl  von  Kraften,  die  fortwahrend 
auf  sie  einwirken,  daft  der  Mensch  von  der  Luft,  von  der  Temperatur, 
von  der  Umgebung  und  den  anderen  Verhaltnissen  des  Klimas,  in 
denen  er  lebt,  fortwahrend  beeinflufit  wird.  Und  daft  seine  Freiheit 
dadurch  nicht  beeintrachtigt  ist,  das  weift  jeder  Mensch.  Das  sind  die 
Faktoren,  mit  denen  wir  schon  heute  rechnen.  Daft  aber  der  Mensch 
fortwahrend  umgeben  ist  von  geistigen  Kraften  und  daft  man  diese 
geistigen  Krafte  zu  untersuchen  hat,  das  wird  die  Menschheit  durch 
die  Geisteswissenschaft  lernen.  Sie  wird  rechnen  lernen  mit  diesen 
Kraften,  und  sie  wird  mit  ihnen  zu  rechnen  haben  in  wichtigen  Fallen 
von  Gesundheit  und  Krankheit,  von  Erziehung  und  Leben.  Sie  wird 
solcher  Einflusse,  wie  sie  aus  der  Umgebung,  aus  der  iibersinnlichen 
Welt  kommen,  eingedenk  sein  miissen,  wenn  zum  Beispiel  einem  ein 
Freund  dahingcstorben  ist  und  er  sich  dann  tragt  mit  diesen  oder  jenen 


Sympathien  und  Ideen,  die  dem  Dahingestorbenen  eigen  waren.  Das, 
was  jetzt  gesagt  worden  ist,  bezieht  sich  nicht  blofi  auf  Kinder,  son- 
dern  auf  alle  Lebensalter.  Die  Menschen  brauchen  durchaus  nicht  mit 
ihrem  Oberbewufitsein  zu  wissen,  wie  die  Krafte  der  iibersinnlichen 
Welt  tatig  sind.  Aber  ihre  gesamte  Gemiitsverfassung  kann  es  uns 
zeigen,  ja  ihre  Gesundheits-  oder  Krankheitszustande  konnen  es  uns 
zeigen. 

Und  noch  viel  weiter  gehen  die  Dinge,  die  den  Zusammenhang  des 
Menschen  in  bezug  auf  das  Leben  auf  dem  physischen  Plan  mit  den 
Tatsachen  der  iibersinnlichen  Welt  bedeuten.  Ich  mochte  eine  einf  ache 
Tatsache  vor  Sie  hinstellen,  die  Ihnen  zeigen  wird,  wie  dieser  Zu- 
sammenhang ist,  eine  Tatsache,  die  nicht  blofi  ausgedacht  ist,  sondern 
in  vielen  Fallen  beobachtet  wurde:  Ein  Mensch  merkt  in  einer  be- 
stimmten  Zeit,  dafi  er  Empfindungen  hat,  die  er  friiher  nicht  hatte, 
dafi  Sympathien  und  Antipathien  auftreten  bei  ihm,  die  er  friiher 
nicht  kannte,  dalS  ihm  das  oder  jenes  leicht  gelingt,  was  ihm  friiher 
nur  schwer  gelungen  ist.  Er  kann  sich  das  nicht  erklaren.  Seine  Um- 
gebung  kann  es  ihm  nicht  erklaren.  Die  Tatsachen  des  Lebens  selber 
geben  ihm  auch  nicht  die  Erklarung.  Bei  einem  Menschen,  bei  welchem 
wir  solches  beobachtet  haben,  wird  man  erfahren  konnen,  wenn  man 
aufmerksam  zu  Werke  geht  —  man  mu&  allerdings  auch  einen  Blick 
fiir  solche  Dinge  haben  — ,  da£  er  jetzt  Dinge  weifi  und  kann,  iiber 
die  er  friiher  nichts  gewufit,  die  er  friiher  nicht  gekannt  hat.  Geht 
man  der  Sache  weiter  nach,  wenn  man  durch  die  Lehren  des  Okkultis- 
mus  und  der  Geisteswissenschaft  durchgegangen  ist,  so  wird  man  von 
ihm  ungefahr  folgendes  horen  konnen:  Ich  komme  mir  jetzt  ganz 
merkwiirdig  vor.  Ich  traume  jetzt  etwas  von  einer  Personlichkeit,  die 
ich  nie  im  Leben  gesehen  habe.  Sie  spielt  in  meine  Traume  hinein,  ob- 
gleich  ich  mich  nie  mit  ihr  beschaftigte.  —  Verfolgt  man  die  Sache 
nun,  so  wird  man  finden,  daJS  er  bisher  keine  Veranlassung  gehabt  hat, 
sich  mit  ihr  zu  beschaftigen.  Nun  starb  aber  die  Person,  und  nun  erst 
tritt  sie  an  ihn  heran  in  der  geistigen  Welt.  Als  sie  ihm  geniigend  nahe 
gekommen  war,  zeigte  sie  sich  ihm  noch  als  Traumgestalt  in  einem 
Traume,  der  mehr  war  als  Traum.  Von  dieser  Person,  die  er  vorher 
im  Leben  nicht  gekannt  hat,  die  aber,  nachdem  sie  gestorben  war, 


Einfluft  auf  sein  Leben  gewann,  kamen  die  Impulse,  die  er  vorher 
nicht  gehabt  hatte. 

Es  kommt  nicht  darauf  an,  zu  sagen:  Es  ist  ja  nur  ein  Traum,  der 
hier  vorliegt.  Es  kommt  vielmehr  auf  das  an,  was  er  enthalt.  Es  kann 
etwas  sein,  was  zwar  in  Traumform  erscheint,  aber  der  Wirklichkeit 
viel  naher  ist  als  das  auftere  Bewufttsein.  Kommt  es  denn  etwa  darauf 
an,  ob  Edison  im  Traume  oder  bei  hellem  Tagbewufttsein  eine  Er- 
findung  machte  ?  Es  kommt  darauf  an,  ob  die  Erf indung  wahr,  brauch- 
bar  ist.  So  kommt  es  auch  nicht  darauf  an,  ob  ein  Erlebnis  im  Traum- 
bewufttsein  oder  im  aufteren  physischen  Bewufttsein  stattfindet,  son- 
dern  darauf,  ob  das  Erlebnis  wahr  oder  nicht  wahr  ist. 

Fassen  wir  zusammen,  was  wir  uns  klarmachen  konnten  aus  dem, 
was  jetzt  gesprochen  worden  ist,  so  konnen  wir  sagen:  Wir  konnten 
uns  klarmachen,  daft,  wenn  wir  die  okkulten  Erkenntnisse  zugrunde 
legen,  das  Leben  sich  uns  in  einem  ganz  anderen  Zusammenhang  dar- 
stellt,  als  wenn  wir  diese  okkulten  Erkenntnisse  nicht  haben.  In  dieser 
Beziehung  sind  die  in  materialistischer  Denkweise  gescheiten  Leute 
wirklich  recht  kuriose  Kinder.  Man  kann  sich  jede  Stunde  davon 
iiberzeugen.  Als  ich  heute  mit  der  Bahn  zu  Ihnen  hierher  fuhr,  hatte 
ich  eine  Broschiire  zur  Hand  genommen,  die  ein  deutscher  Physiologe 
geschrieben  hat  und  die  jetzt  in  zweiter  Auflage  erschienen  ist.  Darin 
sagt  er,  daft  man  nicht  sprechen  konne  von  einer  aktiven  Aufmerk- 
samkeit  in  der  Seele,  von  einem  Hinlenken  der  Seele  auf  etwas,  son- 
dern  daft  alles  abhange  von  der  Funktion  der  einzelnen  Gehirngan- 
glien,  und  weil  da  von  den  Gedanken  die  Bahnen  gemacht  werden 
miissen,  sei  alles  davon  abhangig,  wie  die  einzelnen  Gehirnzellen  funk- 
tionieren.  Keine  Intensitat  der  Seele  konne  da  eingreifen,  es  hinge  eben 
lediglich  davon  ab,  ob  diese  oder  jene  Verbindungsfaden  in  unserem 
Gehirn  gezogen  sind  oder  nicht  gezogen  sind.  Es  sind  wirklich  rechte 
Kinder,  diese  materialistischen  Gelehrten.  Wenn  man  so  etwas  in  die 
Hand  bekommt,  muft  man  sich  folgendes  denken:  Arglos  sind  diese 
Herren,  denn  in  derselben  Broschiire  findet  sich  der  Satz,  daft  man 
in  neuester  Zeit  gefeiert  habe  den  hundertsten  Geburtstag  von  Darwin 
und  daft  dabei  Berufene  und  Unberufene  gesprochen  hatten.  Natiir- 
lich  halt  sich  der  Verfasser  der  Broschiire  fiir  einen  ganz  besonders 


Berufenen.  Und  dann  kommt  die  ganze  Gehirnzellen-Theorie  und  ihre 
Verwendung.  Wie  stent  es  aber  mit  der  Logik  der  Sache  ?  Wenn  man 
gewohnt  ist,  die  Dinge  in  Wahrheit  zu  betrachten  und  dann  ins  Auge 
faftt,  was  diese  groften  Kinder  den  Menschen  iiber  den  Sinn  des  Lebens 
bieten,  da  kommt  man  auf  den  Gedanken,  daft  es  eigentlich  dasselbe 
ist,  wie  wenn  jemand  sagen  wiirde,  es  sei  einfach  Unsinn,  daft  irgend- 
einmal  ein  menschlicher  Wille  eingegriffen  hatte  in  die  Art  und  Weise, 
wie  iiber  die  Flache  Europas  hin  die  Eisenbahnen  gehen.  Denn  es  ist 
doch  ganz  dasselbe,  wenn  man  in  einem  gewissen  Zeitpunkte  alle 
Lokomotiven  in  ihren  Teilen  und  Funktionen  ins  Auge  fassen  und 
sagen  wiirde:  Die  Lokomotiven  sind  soundso  eingerichtet  und  fahren 
nach  soundso  vielen  Richtungen,  es  begegnen  sich  aber  die  verschie- 
denen  Richtungen  an  gewissen  Knotenpunkten  und  somit  kann  man 
alle  Lokomotiven  nach  alien  Richtungen  hin  ableiten.  —  Was  dadurch 
geschehen  wiirde,  ware  ein  groftes  Durcheinanderwirbeln  der  Loko- 
motiven und  Ziige  auf  den  europaischen  Eisenbahnen.  Ebensowenig 
aber  kann  man  erklaren,  daft  das,  was  in  den  Gehirnzellen  sich  abspielt 
als  menschliches  Gedankenleben,  lediglich  von  der  Beschaffenheit  der 
Zellen  abhangt.  "Wenn  solche  Gelehrten  dann  einmal  unvorbereitet 
einen  Vortrag  iiber  Okkultismus  oder  Geisteswissenschaft  zu  horen 
bekommen,  so  sehen  sie  das,  was  da  gesagt  wird,  als  den  heillosesten 
Unsinn  an.  Sie  sind  fest  iiberzeugt,  daft  niemals  ein  Wille  eingreifen 
kann  in  die  Art  und  Weise,  wie  die  europaischen  Lokomotiven  gehen, 
sondern  daft  es  abhangt  davon,  wie  sie  geheizt  und  gerichtet  sind. 

So  sehen  wir,  wie  wir  in  der  Gegenwart  vor  der  Frage  nach  dem 
Sinn  des  Lebens  stehen.  Auf  der  einen  Seite  wird  sie  in  uns  stark  ver- 
dunkelt,  auf  der  anderen  Seite  drangen  sich  uns  aber  auf  die  okkulten 
Tatsachen.  Wenn  wir  zusammenfassen,  was  heute  mitgeteilt  worden 
ist,  dann  werden  wir  mit  dieser  Grundlage  die  Frage  vor  unsere  Seele 
so  hinstellen,  wie  man  sie  sich  im  Okkultismus  stellen  kann,  namlich: 
Welches  ist  der  Sinn  des  Lebens  und  des  Daseins,  insbesondere  des 
menschlichen  Lebens  und  des  menschlichen  Daseins? 


ZWEITER  VORTRAG 
Kopenhagen,  24.  Mai  1912 


Es  ware  ein  schwerer  Irrtum,  wenn  man  glauben  wollte,  da£  die  Frage 
nach  dem  Sinn  des  Lebens  und  des  Daseins  einfach  so  aufgeworfen 
werden  konnte,  daft  man  sagt:  Welches  ist  der  Sinn  des  Lebens  und 
des  Daseins?  und  dafi  irgend  jemand  dann  eine  einfache  Antwort 
geben  konnte  in  ein  paar  Worten,  indem  er  vielleicht  sagt:  Dieses  ist 
der  Sinn  des  Lebens  und  des  Daseins  oder  jenes.  Auf  diese  Art  wiirde 
niemals  eine  wirkliche  Empfindung  entstehen  konnen,  niemals  eine 
Vorstellung  zustande  kommen  von  dem  Groftartigen,  Majestatischen 
und  Gewaltigen,  das  sich  verbirgt  hinter  dieser  Frage  nach  dem  Sinn 
des  Lebens. 

Allerdings,  man  konnte  auch  eine  abstrakte  Antwort  geben,  und 
Sie  werden  durchfuhlen,  durch  das,  was  ich  nachher  werde  zu  sagen 
haben,  wie  wenig  befriedigend  eine  solche  abstrakte  Antwort  ware. 
Man  konnte  sagen:  Der  Sinn  des  Lebens  besteht  eigentiich  darinnen, 
dafi  diejenigen  geistigen  Wesenheiten,  zu  denen  wir  hinaufschauen 
als  gottlichen  Wesenheiten,  den  Menschen  allmahlich  dazu  gelangen 
lassen,  mitzuarbeiten  an  der  Entwickelung  des  Daseins,  so  daft  der 
Mensch  gleichsam  im  Beginne  seiner  Entwickelung  unvollkommen 
ware,  nicht  mitarbeiten  konnte  an  dem  ganzen  Bau  des  Weltalls  und 
im  Laufe  der  Entwickelung  allmahlich  immer  mehr  und  mehr  heran- 
gezogen  wiirde,  an  dieser  Entwickelung  mitzuarbeiten. 

Das  ware  aber  eine  abstrakte  Antwort,  die  uns  aufierordentlich 
wenig  sagen  wiirde.  Wir  mtissen  vielmehr,  um  eine  Antwort  auf  eine 
so  bedeutungsvolle  Frage  auch  nur  zu  ahnen,  uns  vertiefen  in  gewisse 
Geheimnisse  des  Daseins  und  des  Lebens.  Da  wollen  wir  von  den  Be- 
trachtungen  ausgehen,  die  sich  uns  auf  der  Grundlage  derjenigen  er- 
geben,  die  wir  schon  gestern  angestellt  haben.  Wir  wollen  uns  heute 
sozusagen  nur  noch  etwas  intensiver  hineinarbeiten  in  diese  Geheim- 


nisse  des  Daseins.  Wir  konnen  uns  eigentlich  nicht  bloft  daran  genugen 
lassen,  wenn  wir  die  Welt  urn  uns  herum  betrachten,  Entstehen  und 
Vergehen  zu  sehen.  Wir  haben  schon  gestern  darauf  aufmerksam  ge- 
macht,  wie  ratselvoll  dieses  Entstehen  und  Vergehen  an  unsere  Seele 
herankommt,  wenn  wir  uns  fragen  nach  dem  Sinn,  der  da  ist  in  all 
diesem  Entstehen  und  Vergehen.  Aber  es  gibt  etwas,  was  uns  eine  noch 
schwierigere  Ratselfrage  vorlegt. 

Wenn  wir  uns  dieses  Entstehen  und  Vergehen  einmal  genauer  be- 
trachten,  wird  die  Sache  noch  ratselvoller.  Wir  sehen  dann  schon  im 
Entstehen  sozusagen  etwas  hochst  Merkwiirdiges,  etwas  hochst  Son- 
derbares,  das  uns  tragisch,  traurig  stimmen  konnte,  wenn  wir  es  nur 
oberflachlich  betrachten.  Tun  wir  einen  Blick  mit  den  Erkenntnissen, 
die  wir  haben  aus  der  physischen  Welt,  sehen  wir  in  die  Weiten  des 
Weltmeeres  oder  in  die  Weiten  irgendeiner  anderen  Daseinsform,  so 
wissen  wir,  daft  unzahlige  Lebenskeime  entstehen  und  daft  wenige 
von  diesen  Lebenskeimen  wirklich  zu  voll  ausgebildeten  Wesen  wer- 
den.  Denken  Sie  sich  nur  einmal,  wieviel  Keime  von  verschiedenen 
Fischen  alljahrlich  im  Meere  abgelegt  werden,  die  nicht  ihr  Ziel,  nam- 
lich  ausgebildete  Wesen  zu  werden,  erreichen,  sondern  vorher  wieder 
verschwinden,  und  wie  nur  eine  kleine  Anzahl  dieser  Keime  das  Ziel, 
ausgebildete  Wesen  zu  werden,  erreichen  kann ! 

Gestern  haben  wir  den  Blick  hingewendet  auf  die  Tatsache,  daft 
alles,  was  entsteht,  sozusagen  wieder  zugrunde  geht.  Nun  aber  drangt 
sich  uns  die  andere  Tatsache  auf,  daft  aus  einem  unbegrenzten  Reiche 
unermeftlicher  Moglichkeiten  nur  wenige  Wirklichkeiten  auftauchen, 
daft  also  schon  im  Entstehen  etwas  Ratselvolles  liegt,  indem  das,  was 
da  scheint  sich  zum  Dasein  zu  ringen,  gar  nicht  einmal  so  recht  zur 
Entstehung  kommen  kann. 

Betrachten  wir  einen  konkreten  Fall.  Wenn  wir  ein  Ackerfeld  be- 
saen,  auf  dem  meinetwillen  Weizen  oder  Korn  gedeiht,  da  sehen  wir 
hervorsprieften  eine  grofte  Anzahl  Weizen-  oder  Kornahren.  Wir  wis- 
sen ganz  gut,  daft  aus  jedem  einzelnen  Korn  dieser  Kornahren  wieder 
eine  neue  Weizen-  oder  Kornahre  entstehen  kann.  Und  nun  fragen  wir 
uns:  Wieviele  der  Korner  der  Ahren,  die  wir  da  iiberschauen  auf  dem 
Saatfelde,  erreichen  dieses  Ziel?  Lassen  wir  einmal  den  Gedanken 


schweifen  zu  den  unendlich  vielen  Kornern,  die  einen  ganz  anderen 
Weg  gehen  als  den,  der  das  Ziel  der  Korner  ist,  namlich  wiederum  zur 
Ahre  zu  werden;  da  haben  wir,  was  wir  bei  alien  Lebenskeimen  sehen, 
in  einem  konkreten  Falle  vor  uns.  So  dafi  wir  sagen  miissen:  Das 
Lebendige,  das  uns  umgibt,  entsteht  schon  als  solches  nur  dadurch, 
dafi  es  in  seinem  Entstehen  unermeftliche  Lebenskeime  wie  in  den 
Abgrund  des  Ziellosen  hmunterzudrangen  scheint. 

Halten  wir  das  fest,  halten  wir  fest,  dafi  rund  in  unserer  Umgebung 
das,  was  da  ist,  sich  auf  einem  Unterboden  der  reichsten,  unermefilich 
reichen  Moglichkeiten  erhebt,  die  nie  zu  Wirklichkeiten  werden  im 
gewohnlichen  Sinne  des  Wortes.  Halten  wir  fest,  dafi  auf  einem  sol- 
chen  Boden  der  Moglichkeiten  sich  erheben  die  Wirklichkeiten,  und 
betrachten  wir  es  als  die  eine  Seite  des  ratselvollen  Lebensdaseins,  die 
sich  unserem  Auge  darbietet. 

Jetzt  woilen  wir  einmal  nach  der  anderen  Seite  ausblicken,  die  auch 
da  ist,  die  aber  allerdings  nur  durch  Vertiefung  in  die  okkulten  Wahr- 
heiten  uns  bewufit  werden  kann.  Die  andere  Seite  ist  diese,  die  sich 
dem  Menschen  darbietet,  wenn  er  den  Weg  zur  okkulten  Erkenntnis 
geht.  Dieser  Weg  zur  okkulten  Erkenntnis  wird  zuweilen,  wie  Sie 
wissen,  als  etwas  Gefahrliches  geschildert.  Und  warum?  Einfach  aus 
dem  Grunde,  weil  wir,  wenn  wir  den  Pfad  zur  okkulten  Erkenntnis 
gehen  wollen,  eintreten  in  ein  Reich,  das  keineswegs  so  ohne  weiteres, 
so,  wie  es  sich  uns  darbietet,  hingenommen  werden  darf. 

Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  gehe  mit  den  Mitteln,  die  Ihnen  bekannt 
sind  und  die  Sie  finden  in  meinem  Buche:  «Wie  erlangt  man  Erkennt- 
nisse  der  hoheren  Welten?»,  den  okkulten  Pfad  und  kame  so  weit, 
dafi  sich  aus  den  Untergriinden  seiner  Seele  erhobe  dasjenige,  was  wir 
Imaginationen  nennen.  Wir  wissen,  was  das  fiir  Gebilde  sind.  Es  sind 
visionare  Bilder,  die  dem  Menschen,  wenn  er  den  okkulten  Pfad  ge- 
gangen  ist,  als  eine  ganz  neue  Welt  gegeniibertreten.  Wenn  ein  Mensch 
wirklich  ernsthaft  diesen  okkulten  Pfad  geht,  so  gelangt  er  dazu,  dafi 
sich  die  ganze  physische  Welt,  die  um  ihn  herum  ist,  verdunkelt.  An 
Stelle  dieser  physischen  Welt  tritt  eine  Welt  auf-  und  abwogender 
Bilder  auf,  auf-  und  abwogender  Eindriicke  tonartiger,  geruchs- 
artiger,  geschmacksartiger,  lichtartiger  Natur.  Das  dringt  und  wirbelt 


in  unseren  okkulten  Gesichtskreis  herein,  und  wir  machen  die  Erfah- 
rungen,  die  wir  nennen  konnen  die  Erfahrungen  der  imaginativen 
Visionen,  die  uns  von  alien  Seiten  dann  umgeben,  die  unsere  Welt 
sind,  in  der  wir  mit  unserer  Seele  leben  und  weben. 

Nehmen  wir  nun  an,  ein  Mensch  wiirde  sich  verlassen  darauf,  dafi 
er  in  dieser  visionaren  "Welt,  in  die  er  auf  diese  Art  eintritt,  eine  voile 
Wirklichkeit  vor  sich  hatte;  dieser  Mensch  wiirde  sich  in  einem 
schweren,  sehr  schweren  Irrtum  befinden.  Und  hier  stehen  wir  an  dem 
Punkte,  wo  die  Gefahr  beginnt.  Unermefilich  ist  das  Reich  des  visio- 
naren Lebens,  solange  wir  uns  nicht  von  der  Imagination,  die  uns  eine 
visionare  Welt  vorzaubert,  erheben  zu  der  Inspiration.  Diese  erst  sagt 
uns:  Nach  diesem  einen  Bilde  mufit  du  dich  hinwenden,  dahin  mulk 
du  deinen  okkulten  Blick  richten,  dann  wirst  du  eine  Wahrheit  er- 
leben,  und  unzahlige  andere  Bilder,  die  rings  um  dieses  herum  sind, 
miissen  verschwinden  in  ein  wesenloses  Nichts.  Dann  wird  dieses  eine 
Bild  aus  unermefilich  vielen  hervorgehen  und  sich  dir  bewahren  als 
ein  Ausdruck  der  Wahrheit. 

Also,  wir  treten,  wenn  wir  uns  auf  dem  okkulten  Pfade  befinden, 
in  ein  Reich  unermeftlicher  Visionsmoglichkeiten  und  miissen  uns  da- 
zu  entwickeln>  sozusagen  herauszugliedern,  auszuwahlen  aus  diesem 
Reiche  der  unermelSlichen  Visionsmoglichkeiten  diejenigen,  welche 
wirklich  eine  geistige  Realitat  zum  Ausdrucke  bringen.  Es  gibt  keine 
andere  Moglichkeit  der  Sicherung  als  die  eben  angedeutete,  denn  wenn 
jemand  kame  und  sagte:  Man  tritt  also  ein  in  ein  Reich  unermefllich 
reicher  Visionen,  welche  sind  wahr,  welche  sind  falsch?  Kannst  du 
mir  nicht  eine  Regel  geben,  wodurch  ich  die  wahren  von  den  falschen 
unterscheide  ?  —  so  wiirde  diese  Fragen  kein  Okkultist  mit  einer  Regel 
beantworten.  Jeder  Okkultist  mulke  antworten:  Wenn  du  unter- 
scheiden  lernen  willst,  dann  muftt  du  dich  weiterentwickeln.  Dann 
aber  tritt  auch  fiir  dich  die  Moglichkeit  ein,  daft  du  den  Blick  hinrich- 
test  auf  dasjenige,  was  deinem  Anblicke  standhalt.  Denn  diejenigen, 
welche  standhalten,  sind  solche,  die  auf  deinem  Standpunkte  sind, 
diejenigen  aber,  welche  von  dir  ausgeloscht  werden,  sind  blofi  Neben- 
bilder. 

Die  Gefahr  liegt  nun  darin,  da£  viele  Menschen  sich  aulkrordent- 


lich  wohi  und  wohlig  befinden  in  dem  Reiche  der  Visionen  und,  wenn 
sie  eine  visionare  Welt  vor  sich  haben,  gar  nicht  weiter  sich  entwickeln, 
gar  nicht  weiterstreben  wollen,  da  ihnen  diese  visionare  Welt  au&er- 
ordentlich  gefallt.  Man  kann  sich  nicht  zur  Wahrheit  entwickeln  im 
geistigen  Leben,  wenn  man  sich  dieser  Seligkeit,  sozusagen  dem 
Schwelgen  in  der  visionaren  Welt,  einfach  hingibt.  Man  kann  sich 
dann  nicht  erheben  zur  Realitat,  zur  Wahrheit.  Man  mufi  mit  alien 
Mitteln,  die  uns  zur  Verfugung  stehen,  weiterstreben.  Dann  sondert 
sich  wirklich  aus  der  unermefilichen  Moglichkeit  der  Visionen  das 
Geistig-Wirkliche  heraus. 

Und  nun  vergleichen  Sie  die  zwei  Dinge,  die  ich  Ihnen  charakte- 
risiert  habe.  Auf  der  einen  Seite  draufien  die  Welt,  die  unzahlige 
Moglichkeiten  der  Lebenskeime  aus  sich  hervorgehen  und  nur  wenige 
davon  an  ihr  Ziel  gelangen  lafk,  und  auf  der  anderen  Seite  die  innere 
Welt,  zu  der  uns  der  Erkenntnispfad  fuhrt:  eine  unermejBliche  Welt 
von  Visionen,  zu  vergleichen  mit  der  Welt  der  Moglichkeiten  der 
Lebenskeime.  Wenige  davon  sind  solche  Visionen,  zu  denen  wir  zu- 
letzt  kommen,  die  zu  vergleichen  sind  mit  dem,  was  aus  den  vielen 
Lebenskeimen  als  das  wenige  wirkliche  Leben  sich  erhebt.  Diese  zwei 
Dinge  entsprechen  einander  vollstandig  in  der  Welt,  diese  zwei  Dinge 
gehoren  durchaus  in  der  Welt  zusammen. 

Nun  aber  wollen  wir  den  Gedanken  ein  wenig  fortsetzen.  Wir 
wollen  fragen:  Hat  derjenige  Mensch  recht,  der  nun  kleinmiitig  und 
traurig  1st  iiber  das  Leben  und  das  Dasein,  weil  dieses  Leben  draufien 
unzahlige  Keime  sozusagen  nur  halb  entstehen  und  nur  wenige  davon 
ans  Ziel  gelangen  lafk?  Haben  wir  die  Moglichkeit,  zu  trauern  dar- 
iiber,  haben  wir  die  Moglichkeit  zu  sagen:  Drauften  ist  ein  wiitender 
Kampf  urns  Dasein,  dem  nur  wenige  zuf  allig  entkommen  ?  Betrachten 
Sie  unser  konkretes  Beispiel  von  dem  Saatfelde,  dem  Korn-  oder 
Weizenfelde.  Nehmen  wir  an,  es  wiirden  alle  Weizenkorner,  welche 
entstehen,  wirklich  an  ihr  Ziel  gelangen  und  wieder  Ahren  werden. 
Was  ware  da  die  Folge?  Es  ware  einfach  die  Welt  nicht  moglich,  denn 
die  Wesenheiten,  die  sich  vom  Korn  oder  Weizen  ernahren  miissen, 
hatten  keine  Nahrung!  Damit  diejenigen  Wesenheiten,  die  wir  nur 
allzugut  kennen,  hinaufkommen  konnten  auf  die  jetzige  Stufe  der 


Entwickelung,  muftten  hmter  ihrem  Ziele  zuriickbleiben  die  Wesen- 
heiten,  die  wir  eben  angefuhrt  haben,  die  sozusagen  in  den  Abgrund 
hinuntersinken  miissen  gegeniiber  der  Sphare  ihres  eigenen  Zieles. 
Wir  haben  aber  trotzdem  keinen  Grund  zur  Trauer,  wenn  wir  nicht 
sagen  wollen,  es  liegt  uns  Uberhaupt  nichts  an  der  Welt;  denn  wenn 
uns  an  der  Welt  etwas  liegt,  wenn  uns  daran  liegt,  daft  sie  besteht  — 
und  die  Welt  besteht  nur  aus  Wesenheiten  — ,  so  miissen  diese  Wesen- 
heiten  sich  ernahren  konnen.  Wenn  sie  sich  ernahren  sollen,  dann 
miissen  andere  Wesenheiten  sich  opfern.  Daher  konnen  auch  nur 
wenige  von  den  Lebenskeimen  wirklich  an  ihr  Ziel  gelangen.  Die 
anderen  miissen  andere  Wege  gehen.  Sie  miissen  deshalb  andere  Wege 
gehen,  weil  die  Welt  bestehen  soil,  weil  wirklich  nur  dadurch  die  Welt 
weise  eingerichtet  sein  kann. 

Wir  sind  also  nur  dadurch  umgeben  von  einer  Welt,  wie  wir  sie 
haben,  daft  sich  gewisse  Wesenheiten  opfern,  bevor  sie  zu  ihrem  Ziele 
gelangen.  Wenn  wir  den  Weg  der  sich  opfernden  verfolgen,  so  finden 
wir  sie  in  den  anderen  Wesen,  die  iibergeordnet  sind,  in  den  Wesen, 
die  dieses  Opfer  brauchen,  damit  sie  da  sein  konnen.  Da  haben  wir 
sozusagen  an  einer  Ecke  erfaftt  den  Sinn  auch  des  scheinbar  so  ratsel- 
vollen  Daseins,  das  entstehen  und  auch  in  die  Vernichtung  hinunter- 
sinken kann.  Und  dennoch  haben  wir  entdeckt,  daft  gerade  darin  sich 
Weisheit  im  Dasein  enthiillt,  also  Sinn  enthiillt,  und  daft  nur  unser 
Nachdenken  zu  kurz  ist,  wenn  wir  jammern  daruber,  daft  so  vieles 
scheinbar  ziellos  in  den  Abgrund  hinuntersinken  muft. 

Jetzt  gehen  wir  wieder  zu  der  anderen,  zu  der  geistigen  Seite. 
Nehmen  wir  einmal  das,  was  wir  die  unermeftliche  Welt  der  Visionen 
genannt  haben.  Da  miissen  wir  allerdings  darauf  eingehen,  was  diese 
unermeftliche  Welt  der  Visionen  eigentlich  bedeutet.  Sie  ist  nicht  ein- 
fach  in  dem  Sinne  falsch,  diese  unermeftliche  Welt  der  Visionen,  daft 
man  sagt:  Das  ist  falsch,  was  da  hinuntersinkt,  und  das,  was  da  zuletzt 
bleibt,  ist  richtig.  Nicht  in  dem  Sinne  ist  diese  Welt  falsch.  Das  ist  ein 
ebenso  kurzsichtiges  Urteil,  wie  wenn  man  glaubte,  das  waren  keine 
Lebenskeime,  die  nicht  zum  Leben  kommen,  und  das  waren  keine 
richtigen  Imaginationen,  die  fur  uns  im  Unermeftlichen  untergehen. 
Geradeso,  wie  es  uns  im  aufteren,  realen  Leben  entgegentritt,  daft  nur 


wenige  Wesen  ihr  Ziel  erreichen,  so  kann  auch  von  dem  unermefi- 
lichen  Geistesleben  nur  weniges  in  unseren  Horizont  hineintreten. 
Und  warum? 

Diese  Frage  nach  dem  Warum  wird  aufierordentlich  lehrreich  fiir 
uns  sein.  Nehmen  wir  an,  der  Mensch  wiirde  sich  den  in  unermefilicher 
Mannigfaltigkeit  in  ihn  einstromenden  Visionen  einfach  hingeben. 
Wem  einmal  die  visionare  Welt  eroffnet  ist,  in  den  stromen  fort- 
wahrend  Visionen  ein,  da  kommt  und  geht  eine  nach  der  anderen  und 
wogt  und  webt  eine  in  der  anderen.  Man  kann  sich  gar  nicht  erwehren 
der  Bilder  und  Eindriicke,  die  da  im  Geistigen,  auf-  und  abwogend, 
uns  umpulsen.  Aber  wenn  wir  genau  zusehen,  dann  finden  wir  bei  so 
jemandem,  der  sich  einfach  dieser  visionaren  Welt  hingibt,  etwas 
hochst  Eigentiimliches.  Erstens  finden  wir,  wenn  uns  so  jemand  ent- 
gegentritt,  der  sich  nicht  weiterentwickeln,  sondern  beim  Visionaren 
stehenbleiben  will,  dafi  er  dieses  oder  jenes  erfahren,  dafi  er  dieses 
oder  jenes  Erlebnis  gehabt  hat.  Gut,  sagen  wir,  du  hast  geistige  Er- 
lebnisse  gehabt,  du  hast  das  erlebt,  fiir  dich  sind  es  Wirklichkeiten. 
Schon,  das  ist  eine  Kundgebung  aus  der  geistigen  Welt.  Aber  wir 
werden  sehr  bald  merken,  dafi,  wenn  ein  anderer  kommt  und  iiber 
dieselbe  Sache  seine  Visionen  uns  mitteilt  und  er  auch  nicht  weiter  ist 
als  der  erstere,  seine  Visionen  iiber  dieselbe  Sache  eine  ganz  andere 
Gestalt  haben,  so  daf$  zwei  verschiedene  Aussagen  vorliegen  konnen 
iiber  dieselbe  Sache.  Ja,  wir  werden  noch  schlimmere  Erfahrungen 
machen  konnen.  Wir  werden  finden,  dafi  solche  Menschen,  welche 
stehenbleiben  wollen  bei  der  blofi  visionaren  Welt,  selber  iiber  ein 
und  dieselbe  Sache  zu  verschiedenen  Zeiten  verschiedene  Aussagen 
machen,  einmal  dieses  erzahlen,  das  andere  Mai  jenes.  Es  ist  eben 
schlimm,  dafi  Visionare  gewohnlich  ein  schlechtes  Gedachtnis  haben 
und  gewohnlich  nicht  mehr  wissen,  was  sie  das  erstemal  erzahlt  haben. 
Sie  sind  sich  nicht  bewufit  dessen,  was  sie  da  erzahlt  haben. 

Kurz,  wir  haben  es  zu  tun  mit  einer  unermefilichen  Mannigfaltig- 
keit der  Erscheinungen.  Wollten  wir  als  Menschen  mit  unserem 
jetzigen  Erden-Ich  dies  alles,  was  sich  uns  in  der  visionaren  Welt 
darbietet,  richtig  beurteilen,  dann  mitfken  wir  unendlich  vieles  ver- 
gleichen.  Dabei  wiirde  aber  gar  nichts  herauskommen.  Als  Grundsatz 


mufi  gelten,  daft  zunachst  diese  visionare  Welt  allerdings  eine  Offen- 
barung  des  Geistes  ist,  daft  sie  aber  als  Aussage  zunachst  gar  nichts 
wert  ist.  Mogen  noch  so  viele  Visionen  an  uns  herankommen  —  sie 
sind  Kundgebungen  der  geistigen  Welt,  aber  Wahrheiten  sind  es 
nicht.  Wenn  sie  Wahrheiten  werden  sollen,  rniilke  man  erst  die  ver- 
schiedenen  Visionen  des  einzelnen  und  mannigfaltiger  anderer  Men- 
schen  miteinander  vergleichen.  Das  kann  aber  nicht  sein.  Ein  Ersatz 
dafiir  wird  geschaffen  durch  die  Weiterentwickelung  nach  der  Inspi- 
ration hin.  Dann  aber  tritt  das  Folgende  auf :  Wir  erfahren  dann,  daft, 
wenn  die  Menschen  zu  dem  Standpunkte  der  Inspiration  sich  erheben, 
bei  alien  die  Aussagen  gleich  sind.  Da  gibt  es  keine  Verschiedenheiten 
mehr,  nichts,  was  fur  den  einen  sich  anders  darstellt  als  fur  den  an- 
deren.  Da  sind  die  Erfahrungen  bei  alien,  die  die  gleiche  Entwicke- 
lungsstufe  erreicht  haben,  tatsachlich  gleich. 

Nun  gehen  wir  zu  der  anderen  Frage,  die  ihr  auch  in  gewisser 
Weise  entspricht:  zu  dem,  was  sich  uns  in  der  aufteren  Welt  darge- 
boten  hat.  Da  werden  die  wenigen  ans  Ziel  gelangten  Lebenskeime  in 
Vergleich  gesetzt  mit  den  vielen,  die  in  den  Abgrund  schon  hinunter- 
gesunken  sind.  Wir  wissen,  damit  die  auftere  Welt  bestehen  kann,  ist 
dieser  Untergang  notwendig.  Wie  ist  es  aber  mit  der  geistigen  Welt, 
mit  diesen  Visionen  und  Inspirationen  ?  Da  miissen  wir  vor  alien 
Dingen  uns  klar  sein,  daft  dasjenige,  was  wir  da  vor  uns  haben,  wenn 
wir  die  Visionen  auswahlten,  dann  wirklich  als  geistige  Realitaten 
vor  uns  steht,  daft  wir  damit  nicht  etwa  blofte  Bilder  vor  uns  haben, 
die  uns  nur  Erkenntnisse  im  gewohnlichen  Sinne  liefern.  So  ist  es 
nicht,  und  die  Tatsache,  daft  es  nicht  so  ist,  will  ich  Ihnen  an  etwas 
sehr  Bedeutungsvollem  klarmachen.  Ich  will  Ihnen  klarmachen,  wie 
es  mit  den  ausgewahlten  Visionen  steht  im  Verhaltnis  zur  Welt,  so 
wie  wir  uns  zuerst  klargemacht  haben,  wie  es  mit  den  ausgewahlten, 
ans  Ziel  gelangten  Lebenskeimen  im  Verhaltnis  zu  den  Lebenskeimen 
iiberhaupt  steht.  Diese  werden  eben  als  Nahrung  beniitzt  von  den 
anderen.  Wie  ist  es  nun  aber  mit  den  ausgewahlten  Visionen,  mit  dem, 
was  im  Menschen  wirklich  als  reale  Vision  lebt? 

Auf  einiges  mull  ich  hier  aufmerksam  machen.  Sie  diirfen  nicht 
glauben,  daft  derjenige,  der  es  zum  Hellsehen  gebracht  hat,  das  er- 


reicht  hat,  dafi  in  ihm  jetzt  die  Welt  des  Geistes  lebt  und  in  anderen 
nicht.  Sie  diirfen  sich  das  Hellsehen  nicht  so  vorstellen,  daft  Sie  sich 
etwa  sagen:  Da  ist  der  Hellseher  und  da  ist  der  andere  Mensch,  in  der 
Seele  des  Hellsehers  lebt  der  Ausdruck  geistiger  Wirklichkeit,  in  der 
Seele  des  anderen  nicht.  Das  ware  nicht  richtig.  Sie  mufiten  vielmehr 
so  sagen,  wenn  Sie  es  richtig  ausdrikken  wollten:  Da  stehen  zwei 
Menschen.  Der  eine  ist  ein  Hellseher,  der  andere  nicht.  Dasjenige, 
was  der  Hellseher  sieht,  lebt  in  beiden.  In  dem  Nichthellseher  sowohl 
wie  in  dem  Hellseher  leben  dieselben  Dinge,  dieselben  geistigen  Im- 
pulse. Diese  sind  auch  in  der  Seele  des  Nichthellsehers  vorhanden.  Der 
Hellseher  unterscheidet  sich  von  dem  Nichthellseher  nur  dadurch, 
dafi  er  sie  sieht,  wahrend  der  andere  sie  nicht  sieht.  Der  eine  tragt  sie 
in  sich  und  sieht  sie,  der  andere  tragt  sie  auch  in  sich  und  sieht  sie 
nicht.  —  Wer  glauben  wiirde,  dafi  der  Hellseher  etwas  in  sich  hat, 
was  der  andere  nicht  in  sich  hat,  der  wiirde  sich  einem  grofien  Irrtum 
hingeben.  So  wie  das  Dasein  zum  Beispiel  einer  Rose  nicht  davon  ab- 
hangt,  ob  der  Mensch  sie  sieht  oder  nicht  sieht,  ebenso  ist  es  auch  mit 
dem  Hellsehen:  es  lebt  die  Realitat  in  der  Seele  des  Hellsehers  und  in 
der  Seele  des  Nichthellsehers,  obgleich  der  letztere  sie  nicht  sieht.  Der 
Unterschied  besteht  nur  darin,  dafi  der  eine  sie  sieht  und  der  andere 
sie  nicht  sieht.  Es  ist  also  so,  daft  in  der  Tat  in  den  Seelen  der  Men- 
schen  der  Erde  all  die  Dinge  leben,  die  der  Hellseher  durch  sein  Hell- 
sehen eben  wahrnimmt.  Dies  wollen  wir  uns  einmal  recht  gut  in  die 
Seele  schreiben. 

Jetzt  aber  wollen  wir  auf  ein  scheinbar  ganz  anderes  Betrachtungs- 
gebiet  iibergehen,  welches  uns  mit  dem,  was  wir  gesagt  haben,  spater 
wieder  vereinigen  wird.  Jetzt  richten  wir  den  Blick,  sagen  wir,  auf 
die  Tierwelt.  Die  Tierwelt  umgibt  uns  in  den  mannigfaltigsten  ein- 
zelnen  Formen,  in  den  Formen  der  Lowen,  Baren,  Wolfe,  Lammer, 
Haifische,  Walfische  und  so  weiter.  Der  Mensch  unterscheidet  diese 
Tierformen,  indem  er  sich  aufiere  Begriffe  davon  macht,  indem  er 
sich  den  Begriff  des  Lowen,  des  Wolfes,  des  Lammes  und  so  weiter 
bildet.  Nun  darf  man  aber  nicht  verwechseln  dasjenige,  was  der 
Mensch  als  Begriff  bildet,  mit  dem,  was  der  Lowe,  der  Wolf  in  Wirk- 
lichkeit ist.  Sie  wissen,  darauf  brauche  ich  nur  aufmerksam  zu  ma- 


chen,  dafi  wir  in  der  Geisteswissenschaft  sprechen  von  den  sogenann- 
ten  Gruppenseelen.  Alle  Lowen  haben  eine  gemeinsame  Lowen-Grup- 
penseele,  alle  Wolfe  eine  Wolf-Gruppenseele.  Gewisse  abstrakte  Phi- 
losophen  sagen  zwar,  das  Gemeinsame  der  Tiere  existiere  nur  im 
Begriffe,  es  existiere  die  Wolfheit  nicht  draufien  in  der  Welt.  Das  ist 
aber  nicht  richtig.  Wer  das  glaubt,  dafi  die  Wolfheit  als  solche,  also 
das,  was  objektiv  in  der  geistigen  Welt  die  Gruppenseele  ist,  nicht 
aufier  unserem  Begriffe  existiert,  der  braucht  sich  nur  das  Folgende 
zu  iiberlegen.  Aufier  uns,  draufien  in  der  Welt,  gibt  es  Wesen,  die  wir 
Wolf  nennen.  Nehmen  wir  nun  an,  das  Seelische,  das  Charakteri- 
stische  des  Wolfes  sei  eine  Folgeerscheinung  der  Beschaffenheit  der 
Materie,  aus  welcher  der  Wolf  besteht.  Wir  wissen,  dafi  sich  die  Ma- 
terie  des  Korpers  eines  tierischen  Wesens  fortwahrend  andert.  Ein 
Tier  nimmt  neue  Materie  auf  und  gibt  die  alte  ab.  Dadurch  andert 
sich  der  Bestand  der  Materie  fortwahrend.  Worauf  es  aber  ankommt, 
das  ist  die  Tatsache,  dafi  etwas  im  Wolfe  vorhanden  ist,  was  die  auf- 
genommene  Materie  in  Wolfsmaterie  umwandelt.  Nehmen  wir  an, 
man  hatte  durch  alle  Finessen  der  Naturwissenschaft  herausgebracht, 
wieviel  Zeit  der  Wolf  braucht,  um  alle  Materie  zu  erneuern.  Nehmen 
wir  ferner  an,  man  sperrte  ihn  ebensolange  ein  und  fiitterte  ihn  mit 
lauter  Lammern,  so  dafi  er,  solange  er  braucht,  um  seine  Materie, 
seinen  sinnlichen  Korper  ganz  auszutauschen,  mit  lauter  Lamm- 
Materie  gefiittert  worden  ware.  Wenn  der  Wolf  nichts  anderes  ware 
als  die  physische  Stofflichkeit,  aus  der  sein  Korper  aufgebaut  ist,  so 
mufite  er  jetzt  ein  Lamm  geworden  sein.  Aber  Sie  werden  nicht  glau- 
ben,  dafi  der  Wolf  dadurch,  dafi  er  so  lange  Zeit  Lammer  gefressen 
hat,  jetzt  auch  ein  Lamm  geworden  sein  mufi.  Sie  werden  sehen,  dafi 
den  Begriffen,  die  wir  uns  bilden  von  den  verschiedenen  Tierformen, 
Realitaten  entsprechen,  die  etwas  Ubersinnliches  sind  gegeniiber  dem, 
was  in  der  sinnlichen  Welt  draufien  ist. 

So  ist  es  nun  bei  alien  Tieren.  Die  Gruppenseele,  das,  was  der 
ganzen  Tiergattung  zugrunde  liegt,  das  macht  es,  dafi  das  eine  Tier 
Wolf,  das  andere  Lamm,  das  eine  Lowe,  das  andere  Tiger  ist.  Die 
Gruppenseele  aber  macht  sich  der  Mensch  klar  in  seinem  Begriffe. 
Die  Begriffe,  die  sich  der  Mensch  nun  gewohnlich  bildet,  gerade  von 


der  Tierwelt,  sind  eigentlich  recht  unvollkommen.  Daft  sie  unvoll- 
kommen  sind,  das  riihrt  davon  her,  daft  der  Mensch  in  seiner  gegen- 
wartigen  Beschaffenheit  recht  wenig  tief  in  die  Realitaten  eindringt, 
daft  der  Mensch  eigentlich  nur  an  der  Oberflache  der  Wesenheiten 
haftet.  Wiirde  er  tiefer  gelangen,  so  wiirde  er,  indem  er  sich  den 
Begriff  des  Wolfes  bildet,  in  seiner  Seele  nicht  nur  haben  den  ab- 
strakten  Begriff,  sondern  er  wiirde  den  Gemiitszustand  haben,  der 
diesem  Begriffe  entspricht.  Mit  dem  Begriffe  wiirde  sich  ein  Gemuts- 
zustand bilden,  und  der  Mensch  wiirde,  indem  er  sich  den  Begriff 
des  Wolfes  bildet,  das  durchmachen,  was  das  Wolfsdasein  ist.  Er 
wiirde  die  Blutgierigkeit  des  Wolfes  fiihlen  und  auch  fiihlen  die  Ge- 
duld  des  Lammes. 

Wenn  das  heute  nicht  so  ist,  so  riihrt  das  davon  her  —  ich  kann  es 
nur  symbolisch  sagen,  denn  sonst  wiirde  es  zu  weit  fiihren,  die  ent- 
sprechende  Realitat  wissen  Sie  ja  bereits  — ,  daft  der  Mensch,  nachdem 
die  luziferischen  Einfliisse  stattgefunden  hatten,  abgehalten  wurde 
von  den  Gottern,  zu  der  Erkenntnis  auch  noch  das  Leben  zu  haben. 
Er  sollte  nicht  essen  von  dem  Baume  des  Lebens.  Er  hat  daher  also 
nur  die  Erkenntnis  und  kann  nicht  das  Wirkliche  des  Lebens  nach- 
leben.  Das  kann  er  nur  dann,  wenn  er  Okkultist  ist,  wenn  er  in 
okkulter  Weise  eindringt  in  dieses  Gebiet.  Dann  hat  er  nicht  nur  den 
abstrakten  Begriff,  sondern  dann  lebt  er  in  dem,  was  wir  mit  den  Aus- 
drucken  «dieBlutgier  des  Wolf  es»,«die  Geduld  desLammes»  bezeichnen. 

Jetzt  werden  Sie  begreifen,  wie  grofi  der  Unterschied  ist  zwischen 
diesen  beiden  Dingen.  Das  bekampft  sich  alles  in  uns,  da  die  Begriffe 
durchdrungen  sind  von  dem  innersten  Wesen  der  Seelensubstanz. 
Aber  diese  Begriffe  muft  sich  der  Okkultist  und  Hellseher  machen, 
er  muft  zu  diesen  Begriffen  aufsteigen.  Wenn  der  Hellseher  zu  diesen 
Dingen  aufgestiegen  ist,  dann  kann  man  sagen:  Da  lebt  jetzt  schon 
etwas  davon  in  ihm.  Und  tatsachlich,  ein  lebendiges  Bild  der  ganzen 
tierischen  Welt  draufien  lebt  in  ihm.  —  Wie  gut  hat  es  doch  der  andere 
Mensch,  der  nicht  Hellseher  geworden  ist,  konnte  man  da  sagen.  Aber 
ich  habe  ja  gerade  schon  vorhin  darauf  hingewiesen,  daft  der  Hell- 
seher sich  in  dieser  Beziehung  nicht  unterscheidet  von  den  anderen 
Menschen !  Das,  was  in  dem  einen  ist,  ist  auch  in  dem  anderen.  Der 


Unterschied  besteht  nur  darin,  dafi  der  eine  es  sieht,  wahrend  der 
andere  es  nicht  sieht.  Die  ganze  Welt,  von  der  ich  gesprochen  habe, 
ist  in  Wirklichkeit  in  der  Seele  eines  jeden  Menschen,  nur  sieht  sie  der 
gewohnliche  Mensch  nicht.  Das  ist  dasjenige,  was  aus  den  verborgenen 
Untergriinden  der  Seele  heraufspielt,  was  den  Menschen  in  sich  un- 
ruhig  macht,  was  den  Menschen  in  Zweifel  hineinreifk,  ihn  da-  und 
dorthin  zieht,  das,  was  das  Spiel  seiner  Begierden  und  Instinkte  aus- 
macht.  Dasjenige,  was  sich  nicht  iiber  eine  gewisse  Schwelle  herauf- 
drangt,  sich  nur  in  Schwachen  ausdriickt  und  auslebt,  ist  doch  vor- 
handen.  Wer  eine  derartige  Gemiitsveranlagung  hat,  der  hangt  so 
zusammen  mit  der  Welt,  daft  ihn  diese  Gefuhle  erfiillen,  ergreifen  im 
Kampfe  und  im  Leben  und  ihn  in  schwerwiegende  Verhaltnisse  zu 
Wesen  und  Menschen  bringen.  Das  ist  einmal  so.  Und  warum? 

Wenn  das  nicht  so  ware,  dann  ware  in  gewisser  Beziehung  die  Ent- 
wickelung  unserer  Erde  mit  dem  Tierischen  am  Ende  angekommen. 
Dann  ware  das  Tierreich  so,  wie  es  ist,  eine  Art  von  Ende.  Es  konnte 
nicht  weiterkommen.  Die  ganzen  Gruppenseelen  der  Tiere,  die  da 
um  uns  herum  lebcn,  wiirden  sich  nicht  in  die  folgenden  Verkorpe- 
rungen  unserer  Erde  hinuberentwickeln  konnen.  Das  ware  eine  son- 
derbare  Sache.  Diese  Gruppenseelen  der  Tiere  waren  in  der  Lage  — 
verzeihen  Sie  mir  den  Vergleich,  aber  er  wird  Ihnen  klarmachen,  was 
gemeint  ist  —  eines  Amazonenstaates,  in  den  nie  ein  Mann  hinein 
diirfte.  Er  wiirde  notwendig  aussterben  ohne  mannliche  Wesenheit. 
Er  wiirde  zwar  geistig  nicht  aussterben,  denn  die  Seelen  wiirden  in 
andere  Reiche  iibergehen,  aber  als  Amazonenstaat  stande  ihm  dieses 
Schicksal  bevor.  So  wiirde  auch  der  Staat  der  tierischen  Gruppen- 
seelen aussterben,  wenn  nichts  anderes  da  ware  als  er.  Das  namlich, 
was  in  den  tierischen  Gruppenseelen  lebt,  das  mulS  befruchtet  werden 
und  kann  nicht  anders  iiber  die  Klippe  in  der  Erdenentwickelung, 
in  die  nachste  Erdenverkorperung,  das  Jupiterdasein,  hinwegkom- 
men  —  kann  nicht  hiniibergelangen,  wenn  es  nicht  befruchtet  wird 
von  dem,  was  ich  geschildert  habe.  Dadurch  gehen  die  Formen  der 
Erdentiere  zugrunde,  sie  sterben  aus,  die  Gruppenseelen  aber  werden 
befruchtet  und  erscheinen  auf  dem  Jupiter  als  fur  ein  hoheres  Dasein 
ausgebildet,  sie  gelangen  also  zu  ihrer  nachsten  Stufe  des  Daseins. 


Was  geschieht  also  durch  den  Menschen,  indem  er  da  unten  die 
lebendigen  Formen  der  Gruppenseelen  abbildet?  Er  bildet  dadurch 
aus  die  Befruchtungskeime  fiir  die  Gruppenseelen,  die  sich  sonst  nicht 
weiterentwickeln  konnten.  Wenn  wir  dies  ins  Auge  fassen,  dann 
konnen  wir  uns  das  Folgende  sagen:  Also  sehen  wir  schon  im  tieri- 
schen  Reiche,  dafi  der  Mensch  in  sich  entwickelt,  auf  auftere  Anregung 
hin,  indem  er  das  Tierreich  anschaut,  gewisse  innere  Impulse,  die 
Befruchtungskeime  sind  fiir  die  tierische  Gruppenseele.  Diese  Im- 
pulse, die  da  im  Leben  als  Befruchtungskeime  fiir  die  tierische  Grup- 
penseele entstehen,  entstehen  auf  aufiere  Anregung.  Nicht  auf  auftere 
Anregung  entstehen  die  Visionen  des  Hellsehers  und  auch  nicht  die- 
jenige,  welche  ausgewahlt  wird  als  reale  Vision.  Die  ist  nur  da  in  der 
geistigen  Welt  und  lebt  in  den  Seelen  der  Menschen. 

Glauben  Sie  nur  ja  nicht,  dafS,  wenn  von  einer  Anzahl  Getreide- 
korner  soundsoviele  verzehrt  werden,  wahrend  nur  wenige  sich 
wieder  zur  Ahre  entwickeln  konnen,  dafi  da  nichts  vorgeht  in  der 
geistigen  Welt!  Wahrend  die  Korner  aufgezehrt  werden,  geht  das 
Geistige,  das  mit  den  Getreidekornern  verbunden  ist,  in  den  Menschen 
iiber.  Das  zeigt  sich  am  besten  fiir  den  hellseherischen  Blick,  wenn 
er  hinschaut  auf  ein  Meer,  wo  soundsoviele  Fischkeime  enthalten 
sind,  und  beobachtet,  wie  wenige  sich  zu  vollgiiltigen  Fischen  ent- 
wickeln. Diejenigen,  die  zu  vollgiiltigen  Fischen  sich  entwickeln, 
zeigen  in  ihrem  Innern  kleine  Flammchen,  diejenigen  aber,  die  sich 
physisch  nicht  entwickeln,  die  physisch  in  den  Abgrund  hinunter- 
gehen,  entwickeln  machtige  Flammen-Lichtbildungen.  Da  ist  das 
Geistige  um  so  bedeutsamer.  So  ist  es  auch  mit  denjenigen  Getreide- 
und  Weizenkornern,  die  gegessen  werden.  Das  Materielle  davon  wird 
gegessen;  indem  es  zermiirbt  wird,  tritt  aus  diesen  nicht  zu  ihrem 
Ziele  gelangten  Weizenkornern  heraus  eine  geistige  Kraft,  die  unseren 
Umkreis  erfullt.  Das  ist  fiir  den  Hellseher  ebenso,  wenn  er  einen 
Menschen  ansieht,  der  Reis  oder  ahnliches  ilk.  Wahrend  der  Mensch 
das  Materielle  in  sich  aufnimmt,  mit  sich  vereinigt,  spriihen  in  Stro- 
men  die  geistigen  Krafte  heraus,  die  mit  dem  Korne  verbunden  waren. 
Das  alles  ist  keine  so  einfache  Sache  fiir  den  okkulten  Blick,  ganz  be- 
sonders  nicht,  wenn  die  Nahrung  keine  Pflanze  war.  Aber  darauf  will 


ich  heute  nicht  eingehen,  da  die  Geisteswissenschaft  nicht  agitieren  soil 
fur  irgendeine  Parteirichtung,  also  auch  nicht  fur  den  Vegetarismus. 

Es  schliefien  sich  also  zusammen  die  geistigen  Wesenheiten.  Alles, 
was  scheinbar  zugrunde  geht,  gibt  ab  an  die  Umgebung  das  Geistige. 
Dieses  Geistige,  das  abgegeben  wird  an  die  Umgebung,  das  vereinigt 
sich  tatsachlich  mit  dem,  was  im  Menschen  drinnen,  wenn  er  Hell- 
seher  wird  oder  auch  sonst,  in  seiner  visionaren  Welt  lebt.  Und  die 
nach  der  Inspiration  ausgewahlten  Visionen  sind  dasjenige,  was  das, 
ich  mochte  sagen,  aus  den  nicht  zum  Ziele  gekommenen  Lebenskeimen 
ausgeprefite  Geistige  befruchtet  und  weiter  zur  Evolution  bringt. 

So  stent  unser  Inneres  durch  dasjenige,  was  es  da  innerlich  ent- 
wickelt,  in  einem  fortwahrenden  Verhaltnisse  zu  der  aufieren  Welt, 
wirkt  zusammen  mit  dieser  aufieren  Welt.  Diese  au/Sere  Welt  ware 
dem  Verderben  anheimgegeben,  konnte  sich  nicht  weiterentwickeln, 
wenn  wir  nicht  entgegenbrachten  die  befruchtenden  Keime.  Drauften 
in  der  Welt  ist  auch  eine  Geistigkeit,  aber  sozusagen  nur  eine  halbe 
Geistigkeit.  Damit  sie  Nachwuchs  habe,  diese  Geistigkeit  draufien, 
mufi  die  andere  Geistigkeit  zu  ihr  hinzutreten,  die  innerhalb  uns  selbst 
lebt.  Was  in  uns  lebt,  ist  keineswegs  nur  ein  erkenntnismafiiges  Ab- 
bild  des  Aufieren,  sondern  das,  was  dazu  gehort.  Es  tritt  mit  dem, 
was  aufier  uns  ist,  zusammen  und  entwickelt  sich  weiter.  Geradeso 
wie  Nord-  und  Sudpol  als  Magnetismus  oder  Elektrizitat  zusammen- 
treten  miissen,  damit  etwas  geschieht,  so  mufi  zusammentreten  das- 
jenige, was  sich  in  unserem  Innern  ausbildet  in  der  Welt  der  Visionen, 
mit  dem,  was  draufien  aufspriiht  von  dem  scheinbar  Zugrundege- 
gangenen.  Wunderbare  Ratsel,  die  sich  aber  allmahlich  aufklaren, 
die  uns  zeigen,  wie  Inneres  mit  dem  AuJfteren  zusammenhangt. 

Nun  werfen  wir  einen  Blick  auf  das,  was  uns  drauften  umgibt,  und 
auf  das,  was  wir  als  ausgewahlte  Visionen  haben,  auf  das,  was  sich 
aussondert  von  den  unermeftlichen  Moglichkeiten  der  Visionen.  Das- 
jenige, was  wir  so  erheben  zu  einer  fur  uns  giiltigen  Vision,  dient  zu 
unserer  inneren  Entwickelung.  Was  dann  hinuntersinkt,  wenn  wir  das 
ganze  unermefiliche  Feld  des  visionaren  Lebens  iiberblicken,  was  da 
einzeln  hinuntersinkt,  das  versinkt  nicht  in  nichts,  sondern  es  dringt 
in  die  Aufienwelt  und  befruchtet  dieselbe.  Was  wir  ausgewahlt  haben 


von  den  Visionen,  das  dient  zu  unserer  Weiterentwickelung.  Die 
anderen,  die  gehen  von  uns  weg  und  vereinigen  sich  mit  dem,  was 
um  uns  ist,  mit  dem  nicht  zum  Ziele  gelangten  Leben. 

So  wie  das  Lebewesen  zu  seiner  Ernahrung  aufnehmen  mufi  das- 
jenige,  was  nicht  zum  Leben  gekommen  ist,  so  miissen  wir  aufnehmen 
dasjenige,  was  wir  nicht  abgeben  an  die  Aufienwelt  zur  Befruchtung 
der  Aufienwelt.  Das  hat  also  seinen  Zweck.  Und  ersterben  miifite 
alles  in  der  Welt,  was  geistig  fortwahrend  entsteht,  wenn  wir  unsere 
Visionen  nicht  fallen  liefien  und  nicht  nur  auswahlten  diejenigen, 
welche  sich  nach  der  Inspiration  ergeben. 

Jetzt  kommen  wir  zum  zweiten  Punkte,  der  Gef  ahr  des  visionaren 
Lebens.  Was  tut  derjenige,  welcher  alle  die  unermefilich  vielen  und 
mannigfaltigen  Visionen  einfach  als  Wahrheit  bezeichnet  und  nicht 
auswahlt  das  fur  ihn  Richtige,  nicht  tilgt  die  weitaus  grofiere  Zahl 
der  Visionen?  Was  tut  der?  Der  tut  geistig  dasselbe,  was  ein  Mensch 
tun  wiirde  —  wenn  Sie  es  sich  ins  Physische  iibersetzen,  dann  werden 
Sie  gleich  sehen,  was  er  tut  — ,  der  einem  Saatfelde  gegeniibersteht  und 
nicht  einen  grofien  Teil  zur  Nahrung  verwendete,  sondern  alle  Korner 
wieder  zum  Aussaen  beniitzte.  Es  wiirde  nicht  lange  dauern,  so  reichte 
die  Erde  nicht  mehr  hin,  um  all  das  Korn  zu  tragen.  Das  ginge  also 
nicht  so  weiter,  denn  alles  andere  wiirde  aussterben,  es  wiirde  nichts 
mehr  Nahrung  haben.  So  ist  es  auch  mit  dem  Menschen,  der  alles  als 
Wahrheit  betrachtet,  der  keine  Vision  tilgt  und  alles  in  sich  darinnen 
behalt.  Da  wirkt  er  in  sich  so,  wie  wenn  er  alle  Weizenkorner  ein- 
sammeln  und  wieder  aussaen  wiirde.  So  wie  die  Welt  bald  mit  lauter 
Weizenfeldern  und  Weizenkornern  uberschuttet  sein  wiirde,  so  wiirde 
sich  der  Mensch  iiberschutten  mit  Visionen,  der  nicht  unter  den 
Visionen  auswahlte. 

Ich  habe  Ihnen  die  Umgebung  geschildert,  sowohl  physisch  wie 
geistig,  die  Tiere,  sowie  auch  die  Begriffe,  die  der  Mensch  sich  dafiir 
bildet.  Aber  ich  habe  auch  gezeigt,  wie  der  Mensch  seinen  Visionen 
das  Ziel  zu  geben  hat  und  wie  diese  visionare  Welt  sich  verbinden 
mufi  mit  der  Welt  draufien,  damit  die  Entwickelung  vorwartsschrei- 
ten  kann.  Wie  ist  es  aber,  wenn  wir  den  Menschen  nun  ins  Augefassen? 
Er  steht  einem  Tiere  gegenuber,  betrachtet  dessen  Gruppenseele,  sagt 


Wolf,  das  heiftt,  er  hat  sich  den  Begriff  Wolf  gemacht,  und  indem  er 
Wolf  sagt,  ist  in  ihm  aufgeschossen  das  Bild,  von  dem  allerdings  der 
Nichthellseher  die  Gemiitssubstanz  nicht  hat,  sondern  nur  den  ab- 
strakten  Begriff.  Was  in  der  Gemiitssubstanz  lebt,  das  verbindet  sich 
mit  der  Gruppenseele  und  befruchtet  sie,  wenn  der  Mensch  den 
Namen  Wolf  ausspricht.  Wenn  er  den  Namen  nicht  aussprechen 
wiirde,  so  wiirde  das  Tierreich  als  solches  ersterben.  Und  dasselbe 
gilt  auch  von  dem  Pflanzenreiche. 

Das,  was  ich  charakterisiert  habe  von  dem  Menschen,  gilt  nur  fiir 
den  Menschen.  Was  ich  charakterisiert  habe,  gilt  nicht  fiir  die  Tiere 
und  auch  nicht  fiir  die  Engel  und  so  weiter.  Die  haben  ganz  andere 
Aufgaben.  Der  Mensch  allein  ist  dazu  da,  sein  Wesen  der  Auftenwelt 
gegeniiberzustellen,  damit  Befruchtungskeime  entstehen,  die  sich  im 
«Namen»  zum  Ausdruck  bringen.  Damit  ist  in  des  Menschen  Inneres 
die  Moglichkeit  zur  Fortentwickelung  des  Tier-  und  Pflanzenreiches 
gelegt. 

Gehen  wir  jetzt  zu  dem  Ausgangspunkte  zuriick,  den  wir  gestern 
gewahlt  haben.  Jahve  oder  Jehova  wurde  gefragt  von  den  Dienst- 
Engeln,  warum  er  durchaus  den  Menschen  schaffen  wollte.  Die  Engel 
konnten  es  nicht  begreifen.  Da  versammelte  Jehova  die  Tiere  und 
Pflanzen  und  fragte  die  Engel,  welches  die  Namen  dieser  Wesen  sind. 
Sie  wuftten  es  nicht.  Sie  haben  andere  Aufgaben  als  die  Befruchtung 
der  Gruppenseelen.  Der  Mensch  aber  konnte  die  Namen  sagen.  Damit 
zeigt  Jahve,  daft  er  den  Menschen  braucht,  weil  sonst  die  Schopfung 
ersterben  wiirde.  Im  Menschen  entwickelt  sich  dasjenige  weiter,  was 
in  der  Schopfung  bis  zum  Ende  gekommen  ist  und  was  neu  angefacht 
werden  muft,  damit  die  Entwickelung  weitergehe.  Daher  muftte  zur 
Schopfung  hinzukommen  der  Mensch,  damit  die  Befruchtungskeime 
entstehen  konnten,  die  sich  im  «Namen»  zum  Ausdruck  bringen. 

So  sehen  wir,  daft  wir  mit  unserem  Leben  nicht  unnotig  hineinge- 
stellt  sind  in  die  Schopfung.  Denken  wir  den  Menschen  hinweg,  so 
wiirden  sich  die  "Dbergangsreiche  nicht  weiterentwickeln  konnen.  Sie 
wiirden  dem  Schicksale  verf alien,  welchem  verf alien  wiirde  eine 
Pflanzen  welt,  die  nicht  befruchtet  wird.  Einzig  und  allein  dadurch, 
daft  der  Mensch  hineingestellt  ist  ins  Erdendasein,  wird  die  Briicke 


geschaffen  zwischen  der  Welt,  die  friiher  war,  und  derjenigen,  die 
spater  ist,  und  der  Mensch  selber  nimmt  dasjenige  fiir  sich,  fur  seine 
Entwickelung,  was  in  der  Unsumme  von  Wesen  als  Name  lebt,  und 
bewirkt  dadurch,  daft  er  mit  der  ganzen  Entwickelung  aufsteigt. 

Da  haben  wir,  nicht  in  einfacher,  abstrakter  Weise,  die  Frage  be- 
an twortet:  Welches  ist  der  Sinn  des  Lebens?  obwohl  im  Grunde  ge- 
nommen  die  abstrakte  Antwort  darinnenliegt.  Der  Mensch  ist  ge- 
worden  ein  Mithelfer  der  geistigen  Wesenheiten.  Er  ist  es  geworden 
durch  sein  ganzes  Wesen.  Was  in  ihm  ist,  ist  geworden  der  Befruch- 
tungskeim  fiir  die  ganze  Schopfung.  Er  muft  da  sein,  und  ohne  ihn 
konnte  die  Schopfung  nicht  da  sein.  So  fiihlt  sich  der  Mensch,  indem 
er  sich  darinnenstehend  weift  in  der  Schopfung,  als  ein  Teilnehmer 
an  dem  gottlich-geistigen  Schaffen. 

Jetzt  weift  er  auch,  warum  er  in  sich  ein  solches  Leben  fiihrt,  warum 
drauften  die  Welt  der  Sterne,  der  Wolken,  der  Naturreiche  ist,  mit 
alledem,  was  geistig  dazugehort,  und  in  ihm  eine  Welt  des  Seelen- 
lebens  vorhanden  ist.  Denn  jetzt  sieht  der  Mensch:  Diese  zwei  Welten 
gehoren  zusammen,  und  nur  indem  sie  gegenseitig  aufeinander  wirken, 
geht  die  Entwickelung  vorwarts.  Drauften  breitet  sich  im  Raume  die 
unermefiliche  Welt  aus.  Da  drinnen  in  uns  ist  unsere  Seelenwelt.  Wir 
merken  es  nicht,  daft  das,  was  in  uns  lebt,  hinausspruht  und  sich  ver- 
bindet  mit  dem,  was  drauften  lebt.  Wir  merken  es  nicht,  daft  wir  der 
Schauplatz  der  Verbindung  sind.  Das,  was  in  uns  ist,  ist  sozusagen 
der  eine  Pol,  und  das,  was  drauften  ist  in  der  Welt,  das  ist  der  andere 
Pol,  die  beide  sich  zum  Fortgange  der  Weltentwickelung  miteinander 
verbinden  miissen.  Und  der  Sinn,  der  Sinn  des  Menschen,  liegt  dar- 
innen,  daft  wir  dabei  sein  durfen. 

Die  gewohnliche  Erkenntnis  des  normalen  Bewufttseins  weift  nicht 
viel  von  diesen  Dingen.  Aber  indem  wir  in  der  Erkenntnis  dieser 
Dinge  fortschreiten,  werden  wir  immer  mehr  bewuftt,  daft  in  uns 
gleichsam  der  Ort  ist,  wo  Nord-  und  Siidpol  der  Welt  —  wenn  ich  es 
damit  vergleichen  darf  —  ihre  entgegengesetzten  Krafte  austauschen, 
sich  miteinander  vereinigen,  so  daft  die  Weiterentwickelung  vor  sich 
gehen  kann.  Wir  lernen  durch  die  okkulte  Wissenschaft,  daft  in  uns 
der  Schauplatz  ist  fiir  den  Ausgleich  der  Krafte  der  Welt.  Wir  fiihlen, 


wie  in  uns  wie  in  einem  Zentrum  die  gottlich-geistige  Welt  lebt,  wie 
sie  sich  mit  der  Auftenwelt  verbindet  und  wie  die  beiden  so  sich  gegen- 
seitig  befruchten. 

Wenn  wir  uns  so  als  Schauplatz  fiihlen  und  wissen,  wir  sind  dabei, 
dann  stellen  wir  uns  richtig  hinein  in  das  Leben,  erfassen  den  ganzen 
Sinn  des  Lebens  und  erkennen,  daft  das,  was  zunachst  unbewuftt  ist, 
dadurch,  daft  wir  in  der  Geisteswissenschaft  weiterdringen,  uns  im- 
mer  mehr  bewuftt  werden  wird.  Darauf  beruht  alle  Entwickelung  der 
hoheren  Geisteskrafte.  Wahrend  esdem  normalen  Bewufttsein  entzogen 
ist,  zu  wissen:  Da  vereinigt  sich  in  dir  etwas  mit  dem,  was  da  drauften 
ist,  ist  es  dem  hoheren  Bewufttsein  erlaubt,  zuzuschauen.  Dieses  ent- 
wickelt  wirklich  dasjenige,  was  zur  Auftenwelt  dazu  gehort.  Daher 
ist  es  notwendig,  daft  ein  gewisser  Reifezustand  eintritt,  daft  man 
nicht  in  wilder  Weise  vermischt  das,  was  drinnen  ist,  und  das,  was 
drauften  ist.  Denn  sobald  wir  zu  einem  hoheren  Bewufttsein  auf- 
steigen,  ist  das  eine  Wirklichkeit,  was  in  uns  lebt.  Schein  ist  es  so 
lange,  als  man  im  gewohnlichen,  normalen  Bewufttsein  lebt. 

Teilnehmen  werden  wir  an  dem  Gottlich-Geistigen.  Warum  aber 
werden  wir  so  teilnehmen?  Hat  denn  das  Ganze  iiberhaupt  einen 
Sinn,  wenn  wir  sozusagen  nur  eine  Art  Ausgleichs-Apparat  fur  die 
entgegengesetzten  Krafte  smd  ?  Konnten  diese  Krafte  sich  nicht  auch 
ohne  uns  ausgleichen?  Eine  sehr  einfache  Uberlegung  zeigt  uns,  wie 
die  Sache  steht.  Nehmen  Sie  an,  es  ist  das  eine  Kraftmasse  (es  wird 
gezeichnet).  Der  eine  Teil  lebt  innen,  der  andere  drauften.  Daft  diese 
Teile  einander  gegeniiberstehen,  das  ist  ohne  uns  zustande  gekommen. 
Wir  halten  sie  zunachst  auseinander.  Daft  sie  aber  iiberhaupt  zusam- 
menkommen,  das  hangt  von  uns  ab.  Wir  bringen  sie  zusammen  in  uns. 
Dieser  Gedanke  ist  ein  Gedanke,  der  die  allertiefsten  Geheimnisse  in 
uns  aufregt,  wenn  wir  ihn  richtig  iiberlegen.  Als  eine  Dualitat  stellen 
uns  die  Gotter  die  Welt  gegeniiber:  drauften  die  objektive  Wirklich- 
keit,  in  uns  das  Seelenleben.  Wir  stehen  dabei  und  sind  diejenigen,  die 
den  Strom  gleichsam  schlieften  und  so  die  beiden  Pole  zusammen- 
bringen.  Das  geschieht  in  uns,  geschieht  auf  dem  Schauplatze  unseres 
Bewufttseins. 

Da  tritt  nun  ein  dasjenige,  was  fur  uns  die  Freiheit  ist.  Damit 


werden  wir  selbstandige  Wesenheiten.  In  dem  ganzen  Weltenbau 
haben  wir  nicht  bloft  einen  Schauplatz,  sondern  ein  Feld  der  Mit- 
arbeit  zu  sehen.  Damit  ist  allerdings  ein  Gedanke  angeregt,  den  die 
Welt  nicht  so  leicht  versteht,  nicht  einmal,  wenn  man  ihn  ihr  philo- 
sophisch  vorfiihrt,  denn  ich  habe  das  vor  Jahren  versucht  in  meinem 
Bikhelchen  «Wahrheit  und  Wissenschaft»,  indem  ich  dargestellt  habe, 
daft  zunachst  die  Sinnestatigkeit  da  ist  und  dann  die  innere  Welt, 
daft  aber  das  Zusammensein,  das  Zusammenwirken  notwendig  ist. 
Da  ist  der  Gedanke  philosophisch  durchgefiihrt.  Ich  versuchte  damals 
noch  nicht  die  okkulten  Geheimnisse  dahinter  zu  zeigen,  aber  die 
Welt  hat  nicht  einmal  das  Philosophische  verstanden  in  jener  Zeit. 

Nun  sehen  wir,  wie  wir  den  Sinn  unseres  Lebens  zu  denken  haben. 
Es  kommt  Sinn  hinein:  Wir  werden  zu  Mitakteuren  gemacht  im  Welt- 
prozeft.  Was  in  der  Welt  ist,  wird  in  zwei  entgegengesetzte  Lager 
getrennt,  und  wir  werden  hineingestellt,  um  diese  zusammenzu- 
bringen.  Dabei  ist  die  Sache  keineswegs  so,  daft  wir  uns  vorzustellen 
haben,  diese  Arbeit  ware  eine  engbegrenzte.  Ich  kenne  einen  spaftigen 
Herrn  in  Deutschland,  der  viel  fiir  deutsche  Zeitschriften  schreibt. 
Er  schrieb  neulich  in  einer  Zeitung,  daft  es  notwendig  ware  fiir  die 
Weltenentwickelung,  daft  der  Mensch  immerfort  auf  dem  Stand- 
punkte  bleibe,  die  gewohnlichen  Weltenratsel  nicht  losen  zu  konnen, 
und  daft  es  nicht  richtig  ware,  wenn  der  Mensch  dazu  kame,  dieselben 
verstandesmaftig  zu  durchdringen,  zu  losen.  Denn  wenn  der  Mensch 
die  Verstandesratsel  gelost  hatte,  dann  waren  keine  mehr  da,  und  es 
ware  nichts  mehr  fiir  ihn  zu  tun.  —  Also  miissen  immer  iiber  die  Ver- 
standesratsel Zweifel  da  sein,  und  es  miissen  immer  unvollkommene 
Dinge  geschehen!  Dieser  Mann  hat  namlich  keine  Ahnung  davon, 
daft,  wenn  das  normale  Bewufttsein  an  seinem  Ende  angekommen  ist, 
dann  das  Bewufttsein  selber  fortschreitet,  und  daft  da  erne  neue  Po- 
laritat  auftritt,  die  eine  neue  Aufgabe  darstellt  und  wieder  zu  ver- 
einigen  ist.  Wie  lange  zu  vereinigen?  So  lange,  bis  der  Mensch  tat- 
sachlich  erreicht  hat,  daft  sich  in  seinem  Bewufttsein  wiederholt  hat 
das  gottliche  Bewufttsein. 

Jetzt  konnen  wir  uns,  nachdem  wir  uns  erne  Ahnung  verschafft 
haben  von  der  ganz  unermeftlichen  Grofte  des  Ratsels,  zu  der  ab- 


strakten  Antwort  erheben,  jetzt,  da  wir  wissen,  daft  in  uns  aufleben 
die  Befruchtimgskeime  fur  eine  geistige  "Welt,  die  nicht  ohne  uns  vor- 
wartsgehen  kann.  Jetzt  wollen  wir  auch  sehen,  wie  es  stent  mit  dem 
Sinn  des  Lebens,  denn  jetzt  arbeiten  wir  auf  breiter  Unterlage.  Jetzt 
ist  es  so,  daft  wir  uns  sagen  miissen:  Einstmals  war  in  der  Evolution 
das  gottliche  Bewufttsein.  Das  war  in  seiner  Unermeftlichkeit.  Damit 
stehen  wir  im  Beginne  des  Daseins.  Dieses  gottliche  Bewufttsein  bildet 
zunachst  Abbilder.  Wodurch  unterscheiden  sich  nun  diese  Abbilder 
von  dem  gottlichen  Bewufttsein?  Dadurch,  daft  sie  viele  waren,  wah- 
rend  das  gottliche  Bewufttsein  nur  eins  ist.  Dadurch  ferner,  daft  sie 
leer  waren,  wahrend  das  gottliche  Bewufttsein  voll  Inhalt  war,  so 
daft  die  Abbilder  erst  als  Vielheit  vorhanden  sind,  dann  aber  auch 
leer,  so,  wie  wir  das  leere  Ich  hatten  gegeniiber  dem  von  einer  ganzen 
Welt  erfullten  gottlichen  Ich.  Aber  dieses  leere  Ich  wird  zum  Schau- 
platze  gemacht,  wo  sich  fortwahrend  verbinden  die  gottlichen  In- 
halte,  die  in  zwei  entgegengesetzte  Lager  geteilt  werden.  Und  in  dem 
das  leere  Bewufttsein  fort  und  fort  Ausgleiche  schafft,  erfullt  es  sich 
immer  mehr  mit  dem,  was  urspriinglich  im  gottlichen  Bewufttsein 
war.  Es  geht  also  die  Evolution  so  vorwarts,  daft  das  einzelne  Bewuftt- 
sein erfullt  wird  mit  dem,  was  im  Beginne  das  gottliche  Bewufttsein 
an  Inhalt  hatte.  Durch  den  fortwahrenden  Ausgleich  in  den  Indivi- 
dualitaten  geschieht  das. 

Braucht  das  gottliche  Bewufttsein  das  zu  seiner  Entwickelung  ?  So 
fragen  viele,  die  den  Sinn  des  Lebens  nicht  ganz  verstehen  konnen. 
Braucht  das  gottliche  Bewufttsein  dies  zu  seiner  eigenen  Vollkommen- 
heit,  zu  seiner  eigenen  Entwickelung?  Nein,  das  gottliche  Bewufttsein 
braucht  das  nicht.  Es  hat  alles  in  sich.  Aber  das  gottliche  Bewufttsein 
ist  nicht  egoistisch.  Es  gonnt  einer  unermeftlich  groften  Zahl  von 
Wesen  denselben  Inhalt,  den  es  selber  hat.  Dafiir  miissen  diese  Wesen 
aber  erst  das  Ganze  erwerben,  so  daft  sie  das  gottliche  Bewufttsein  in 
sich  haben  und  das  gottliche  Bewufttsein  dadurch  vermannigfaltigt 
wird.  In  grofter  Zahl  erscheint  dann,  was  einst  in  Einheit  war  im 
Beginne  der  Weltentwickelung,  was  in  der  Folge  aber  wieder  abfallt 
auf  dem  Wege  der  Durchgottlichung  der  Einzel-Bewufttseine. 

Diese  Entwickelung,  wie  sie  hier  geschildert  wird,  war  fiir  den 


Menschen  im  Grunde  genommen  immer  so.  Sie  war  so  wahrend  der 
Saturnzeit,  sie  war  ahnlich  wahrend  der  Sonnen-  und  Mondenzeit. 
Fur  die  Erdenzeit  haben  wir  sie  heute  klar  entwickelt.  Fur  die  Saturn- 
zeit macht  die  erste  Anlage  des  physischen  Leibes  diese  Entwickelung 
durch  und  befruchtet  anderseits  nach  auften,  fiir  die  Sonnenzeit  die 
Anlage  des  Atherleibes  und  so  weiter.  Der  Vorgang  ist  derselbe,  wird 
nur  immer  geistiger  und  geistiger.  Immer  weniger  und  weniger  bleibt 
zuletzt  drauften  iibrig,  was  noch  zu  befruchten  ist.  Indem  die  Men- 
schen sich  weiterentwickeln,  wird  immer  mehr  und  mehr  in  ihnen 
leben  und  immer  weniger  drauften  sein,  was  noch  zu  befruchten  ist. 
Daher  wird  er  am  Ende  das,  was  drauften  ist,  immer  mehr  in  seinem 
Innern  haben.  Die  Auftenwelt  wird  zu  seinem  Innern  werden.  Ver- 
innerlichung  ist  die  andere  Seite  der  Vorwartsentwickelung. 

Vereinigung  des  Inneren  mit  dem  Aufteren,  Verinnerlichung  des 
Aufteren,  das  sind  die  zwei  Punkte,  nach  denen  sich  die  Menschen 
vorwartsentwickeln.  Sie  werden  immer  ahnlicher  werden  dem  Gott- 
lichen  und  zuletzt  immer  innerlicher.  Bei  der  Vulkanentwickelung 
wird  dann  alles  befruchtet  sein.  Alles  Auftere  wird  Inneres  geworden 
sein.  Vergottlichung  ist  Verinnerlichung.  Verinnerlichung  ist  Vergott- 
lichung. Das  ist  das  Ziel  und  der  Sinn  des  Lebens. 

Aber  wir  kommen  hinter  die  Sache  erst  dann,  wenn  wir  sie  uns 
nicht  so  vorstellen,  daft  wir  damit  nur  abstrakte  Begriffe  hinpfahlen, 
sondern  indem  wir  wirklich  auf  die  Einzelheiten  eingehen.  DerMensch 
mufi  sich  in  die  Sache  vertiefen  und  so  in  die  Einzelheiten  eingehen, 
daft,  wenn  er  den  Namen  der  Tiere  und  Pflanzen  bildet,  in  seinem 
Innern  etwas  entsteht,  was  das,  was  im  Worte  ist,  verbindet  mit  dem, 
was  dem  Tier-  oder  Pflanzenkeime  zugrunde  liegt  und  dann  in  der 
geistigen  Welt  weiterlebt.  Eine  Aufbesserung  in  der  Entwickelung 
braucht  schon  unsere  Weltanschauung,  denn  was  hat  denn  der  Dar- 
winismus  in  dieser  Richtung  geleistet?  Er  spricht  vom  Kampfe  urns 
Dasein.  Er  beriicksichtigt  aber  nicht,  daft  auch  das  einer  Fortent- 
wickelung  unterliegt,  was  bei  ihm  besiegt  wird  und  zugrunde  geht. 
Der  Darwinist  sieht  nur  die  Wesen,  die  das  Ziel  erreichen,  und  die 
anderen,  die  zugrunde  gehen.  Die  zugrunde  gehen,  die  spriihen  aber 
das  Geistige  aus,  so  daft  sich  nicht  nur  das  entwickelt,  was  im  physi- 


schen  Kampfe  siegt.  Das,  was  scheinbar  zugrunde  geht,  macht  die 
Entwickelung  im  Geistigen  durch.  Das  ist  das  Bedeutsame. 

So  dringen  wir  in  den  Sinn  des  Lebens  ein.  Nichts,  auch  nicht  das 
Besiegte,  auch  nicht  das  Aufgegessene,  geht  zugrunde,  sondern  wird 
geistig  befruchtet,  sprieEt  geistig  wieder  hervor.  Vieles  ist  in  dem 
Ganzen  der  Erden-  und  Menschheitsentwickelung  zugrunde  gegangen, 
ohne  daft  der  Mensch  direkt  etwas  dazu  tun  konnte.  Nehmen  wir  die 
ganze  vorchristliche  Entwickelung.  Wir  wissen,  wie  sie  war,  diese 
vorchristliche  Entwickelung.  Der  Mensch  ist  von  der  geistigen  "Welt 
ausgegangen  im  Beginne.  Allmahlich  ist  er  dann  hinuntergestiegen  in 
die  physisch-sinnliche  Welt.  "Was  er  anfangs  besessen,  was  in  ihm  ge- 
lebt  hat,  das  ist  verschwunden,  ebenso  wie  verschwunden  sind  die 
Lebenskeime,  die  nicht  ihr  Ziel  erreicht  haben.  Von  dem  Stamme  der 
menschlichen  Entwickelung  sehen  wir  Unzahliges  hinuntersinken  in 
einen  Abgrund.  Wahrend  Unzahliges  hinuntersinkt  in  der  aulteren 
Entwickelung  der  menschlichen  Kultur,  des  menschlichen  Lebens, 
entwickelt  sich  oben  der  Christus-Impuls.  So  wie  im  Menschen  der 
befruchtende  Keim  sich  fiir  seine  Umwelt  entwickelt,  so  entwickelt 
sich  fiir  das,  was  im  Menschen  scheinbar  zugrunde  geht,  der  Christus- 
Impuls.  Dann  tritt  das  Mysterium  von  Golgatha  ein.  Das  ist  die  Be- 
fruchtung  dessen,  was  zugrunde  gegangen  ist,  von  oben  herunter.  Da 
tritt  tatsachlich  mit  dem,  was  scheinbar  von  dem  Gottlichen  abge- 
fallen  und  in  den  Abgrund  gesunken  ist,  eine  Veranderung  ein.  Der 
Christus-Impuls  tritt  ein  und  befruchtet  es.  Und  von  dem  Mysterium 
von  Golgatha  an  sehen  wir  im  weiteren  Verlaufe  der  Erdenentwicke- 
lung  ein  Wiederaufbluhen  und  ein  Sich-wieder-Fortsetzen  durch  die 
empfangene  Befruchtung  mit  dem  Christus-Impulse. 

So  haben  wir  das,  was  wir  erkannt  haben  von  der  Polaritat,  auch 
bei  diesem  grofken  Ereignisse  der  Erdenentwickelung  bewahrheitet. 
Es  kommen  heraus  in  unserem  Zeitalter  die  in  der  alten  agyptischen 
Kultur  zugrundegegangenen  Kulturkeime.  Denn  sie  sind  in  der  Erden- 
entwickelung enthalten.  Der  Christus-Impuls  ist  nun  da  hineinge- 
fallen  und  hat  sie  befruchtet,  und,  indem  er  sie  befruchtete,  trat  bei 
uns  die  Wiederholung  der  agyptisch-chaldaischen  Kultur  auf .  In  der 
Kultur,  die  der  unsrigen  folgen  wird,  tritt  die  urpersische  Kultur  auf, 


befruchtetvon  dem  Christus-Keim.  Im  siebenten  Zeitraume  tritt  auf  die 
urindischeKultur,  die  hohe  spirituelle  Kunst,  die  von  den  heiligen  Rishis 
gekommen  ist,  befruchtet  von  dem  Christus-Keime,  in  neuer  Gestalt. 

So  sehen  wir  auch  in  dieser  fortlaufenden  Entwickelung,  daft  das- 
jenige,  was  wir  beim  Menschen  kennengelernt  haben,  werden  kann 
zu  einer  Gegenseitigkeit:  Inneres  und  Aufteres,  Seelisches  und  Phy- 
sisches,  die  sich  gegenseitig  befruchten.  So  ist  oben  der  Christus-Im- 
puis  und  unten  die  Befruchtung  mit  dem  Christus-Keime  vorhanden. 
Unten  die  fortschreitende  Erdenkultur,  von  oben,  durch  das  Myste- 
rium  von  Golgatha  einfallend,  der  Christus-Impuls. 

Jetzt  sehen  wir  auch  den  Sinn  des  Christus-Erlebens  ein:  Miterleben 
soil  die  Erde  die  Weltgeheimnisse,  wie  miterleben  soil  der  einzelne 
Mensch  die  gottlichen  Geheimnisse.  Dadurch  wurde  die  Polaritat  in 
den  Menschen  gelegt,  so  wie  in  die  Erde. 

Wie  zwei  entgegengesetzte  Pole  hat  sich  entwickelt  die  Erde  und 
das,  was  dariiber  ist,  das,  was  sich  erst  vereinigt  hat  mit  der  Erde 
durch  das  Mysterium  von  Golgatha.  Christus  und  die  Erde  gehoren 
zusammen.  Sie  muftten  sich,  damit  sie  sich  vereinigen  konnten,  zuerst 
getrennt  voneinander  als  Polaritaten  entwickeln.  So  sehen  wir,  daft 
es  notwendig  ist,  damit  iiberhaupt  in  der  Wirklichkeit  die  Dinge  sich 
ausleben,  daft  sie  sich  in  Polaritaten  differenzieren,  und  die  Polari- 
taten vereinigen  sich  dann  wieder  zum  Fortschritte  des  Lebens.  Das 
ist  der  Sinn  des  Lebens. 

Nun  ist  es  nur  zu  wahr:  Wenn  wir  diese  Sache  so  iiberblicken,  dann 
fiihlen  wir  uns  darinnenstehend  in  der  Welt,  fuhlen,  daft  die  "Welt 
ohne  uns  iiberhaupt  nichts  ware.  Ein  so  tiefer  Mystiker  wie  Angelus 
Silesius  hat  den  merkwiirdigen  Ausspruch  getan,  der  zunachst  die 
Menschen  verdutzt  machen  konnte:  «Ich  weifi,  daft  ohne  mich  Gott 
nicht  ein  Nu  kann  leben,  werd'  ich  zunicht,  er  mufi  von  Not  den  Geist 
aufgeben.»  Konfessionelle  Christen  konnen  wettern  iiber  einen  solchen 
Ausspruch.  Sie  bedenken  aber  dabei  nicht  einmal  das  Geschichtliche, 
namlich  daft  Angelus  Silesius,  schon  bevor  er  katholisch  geworden 
ist,  um  ganz  auf  dem  Boden  des  Christentums  zu  stehen  nach  seiner 
Meinung,  ein  recht  frommer  Mann  war  und  dennoch  diesen  Aus- 
spruch getan  hat.  Wer  Angelus  Silesius  kennt,  der  wird  nicht  zugeben, 


daft  dieser  Ausspruch  aus  Gottlosigkeit  geschehen  ist.  Was  in  der  Welt 
ist,  stellt  sich  eines  dem  andern  entgegen,  wie  Polaritiiten,  die  nicht 
zusammenkommen  konnen,  wenn  der  Mensch  hinweggedacht  wird.  Der 
Mensch  stent  mitten  dazwischen  und  gehort  dazu.  Wenn  der  Mensch 
denkt,  denkt  die  Welt  in  ihm.  Er  ist  der  Schauplatz,  er  bringt  nur  die 
Gedanken  zusammen.  Wenn  der  Mensch  fiihlt  und  will,  so  ist  es  ebenso. 

Jetzt  konnen  wir  ermessen,  was  es  heiftt,  wenn  wir  den  Blick  hin- 
ausrichten  in  die  Raumesweiten,  wenn  wir  sagen:  Es  ist  das  Gottliche, 
das  ihn  erfullt,  und  das  Gottliche  ist  das,  was  sich  mit  dem  Erdenkeim 
vereinigen  mui?.  In  mir  ist  der  Sinn  des  Lebens,  kann  der  Mensch 
sagen.  Die  Gotter  haben  sich  Ziele  gesetzt.  Aber  sie  haben  auch  den 
Schauplatz  ausgewahlt,  wo  diese  Ziele  erreicht  werden  sollen.  Die 
Menschenseele  ist  der  Schauplatz.  Daher,  wenn  die  Menschenseele  nur 
tief  genug  in  sich  hineinschaut,  nicht  blofi  die  Ratsel  im  weiten  Raume 
losen  will,  dann  findet  sie  da  drinnen  etwas,  wo  die  Gotter  ihre  Taten 
verrichten  und  der  Mensch  dabei  ist.  Das  versuchte  ich  auszudrikken 
in  den  Worten,  die  in  meinem  letzten  Mysterienspiele  «Die  Priifung 
der  Seele»  stehen,  wie  da  im  Menscheninnern  die  Gotter  wirken,  wie 
der  Sinn  der  Welt  sich  in  der  Menschenseele  auslebt  und  wie  der  Sinn 
der  Welt  leben  wird  in  der  Menschenseele.  Was  ist  der  Sinn  des 
Lebens?  Es  ist  der,  daft  dieser  Sinn  im  Menschen  selber  leben  wird. 
Das  suchte  ich  auszudriicken  in  den  Worten,  die  die  Seele  in  sich 
selber  sagen  kann: 

«In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken, 

In  deinem  Fiihlen  weben  Weltenkrafte, 

In  deinem  Willen  wirken  Weltenwesen. 

Verliere  dich  in  Weltgedanken, 

Erlebe  dich  durch  Weltenkrafte, 

Erschaffe  dich  aus  Willenswesen. 

Bei  Weltenfernen  ende  nicht 

Durch  Denkenstraumesspiel  ; 

Beginne  in  den  Geistesweiten 

Und  ende  in  den  eignen  Seelentiefen:  — 

Du  findest  Gotterziele 

Erkennend  dich  in  dir.» 


Wenn  man  etwas  sagen  will,  was  wahr  ist,  nicht  etwas,  was  einem 
blofi  eingef  alien  ist,  so  mufi  es  immer  aus  den  okkulten  Geheimnissen 
heraus  gesagt  sein.  Das  ist  aufterordentlich  wichtig.  Daher  diirfen 
Sie  die  Worte,  die  in  okkulten  Werken  gebraucht  sind,  gleichgultig, 
ob  sie  in  Form  von  Prosa  oder  in  Form  von  Dichtung  auftreten,  nicht 
in  demselben  Stile  denken,  in  dem  andere,  auftere  Dichtwerke  ent- 
standen  sind.  Solche  Werke,  die  wirklich  der  Wahrheit,  der  Welt  und 
ihren  Geheimnissen  entsprungen  sind,  sind  so  entstanden,  daft  die 
Seele  in  sich  wirklich  sprechen  laftt  die  Weltgedanken,  sich  wirklich 
befeuern  laftt  von  den  Weltgefiihlen,  nicht  von  den  eigenen  person- 
lichen  Gefuhlen,  und  sich  wirklich  geschaffen  hat  aus  Willenswesen 
heraus. 

Das  ist  etwas,  was  zur  Mission  unserer  Geistes-Bewegung  gehort, 
daft  man  unterscheiden  lernt  zwischen  dem,  was  aus  den  Weltgeheim- 
nissen  herausstromt,  und  dem,  was  willkurliche  Phantasie  der  Men- 
schen  erfunden  hat.  Immer  mehr  und  mehr  wird  sich  die  Kultur- 
entwickelung  so  erheben,  daft  an  die  Stelle  des  willkiirlichen  Erfindens 
dasjenige  treten  wird,  was  in  der  menschlichen  Seele  so  lebt,  daft  es 
die  andere  Polaritat  ist  des  entsprechenden  Geistigen.  Solche  Dinge, 
die  so  geschaffen  werden,  sind  selbst  wieder  befruchtende  Keime,  die 
sich  verbinden  mit  dem  Geistigen.  Die  sind  zu  etwas  da  im  Welten- 
prozeft.  Das  ist  etwas,  was  uns  ein  ganz  anderes  Verantwortungsge- 
fiihl  gibt  gegeniiber  den  Dingen,  die  wir  selber  machen,  wenn  wir 
wissen,  daft  das,  was  wir  machen,  Befruchtungskeime  und  nicht 
sterile  Keime  sind,  die  einfach  verpuffen.  Dann  miissen  wir  diese 
Keime  auch  aus  den  Tiefen  der  Weltenseele  heraus  entstehen 
lassen. 

Nun  konnen  Sie  fragen:  Ja,  wie  gelangt  man  dazu?  Durch  Geduld. 
Indem  man  immer  mehr  und  mehr  dazu  kommt,  einen  jeglichen  Ehr- 
geiz  personlicher  Art  in  sich  abzutoten.  Der  personliche  Ehrgeiz  ver- 
fiihrt  uns  immer  mehr  und  mehr  dazu,  dasjenige,  was  nur  personlich 
ist,  produzieren  zu  konnen  und  nicht  zu  uns  sprechen  zu  lassen  das, 
was  Ausdruck  des  Gottlichen  in  uns  ist.  Wodurch  konnen  wir  wissen, 
daft  das  Gottliche  in  uns  spricht?  Ertoten  miissen  wir  alles  dasjenige, 
was  nur  aus  uns  kommt,  und  vor  alien  Dingen  miissen  wir  ertoten  ein 


jegliches  ehrgeiziges  Streben.  Das  erzeugt  dann  die  richtige  Polaritat 
in  uns,  das  gibt  wirkliche  befruchtende  Keime  in  der  Seele.  —  Unge- 
duld  ist  der  schlimmste  Lebensfiihrer.  Sie  ist  dasjenige,  was  die  Welt 
verdirbt.  —  Gelingt  uns  das,  dann  werden  Sie  sehen,  wie  das  ausein- 
andergesetzt  worden  ist,  daft  der  Sinn  des  Lebens  erreicht  wird  auf  die 
angezeigte  Art,  durch  die  Befruchtung  des  Aufteren  mit  dem  Innern. 
Dann  wird  uns  aber  auch  klar  sein,  daft,  wenn  unser  Inneres  nicht  das 
richtige  ist,  wir  unrichtige  Befruchtungskeime  in  die  Welt  hinaus- 
streuen.  Was  ist  die  Folge  davon?  Die  Folge  davon  ist,  daft  Miftge- 
burten  in  der  Welt  entstehen.  Unsere  gegenwartige  Kultur  ist  reich  an 
solchen  Miftgeburten.  In  aller  Herren  Landern  wird  heute  zum  Bei- 
spiel,  mit  Dampfkraft,  konnte  man  sagen,  bald  wird  es  mit  Luft- 
ballons  gehen,  gedichtet  und  geschrieben,  wahrend  ein  beriihrnter 
Schriftsteller  des  achtzehnten  Jahrhunderts  schon  geschrieben  hat: 
Ein  einziges  Land  erzeugt  heute  fiinfmal  soviel  Biicher,  als  die  Erde 
zu  ihrem  Wohle  notig  hat.  Und  heute  ist  es  noch  viel  schlimmer  ge- 
worden.  Das  sind  Dinge,  welche  die  gegenwartige  Kultur  umgeben 
mit  geistigen  Wesenheiten,  die  nicht  lebensfahig  sind,  die  nicht  ent- 
stehen sollten  und  nicht  entstehen  wiirden,  wenn  die  Menschen  die 
entsprechende  Geduld  hatten.  Das  wird  auch,  wie  eine  Art  anderer 
Pol,  in  der  Menschenseele  entstehen:  Geduld,  daft  die  Menschenseele 
nicht  bloft  draufloswutet,  was  nur  Ausfluft  von  Ehrgeiz  und  Egois- 
mus  ist. 

Das  ist  nicht  aufzufassen  als  Form  einer  moralischen  Predigt,  son- 
dern  als  die  Wiedergabe  einer  Tatsache.  Es  ist  eine  Tatsache,  daft 
durch  ehrgeizige  Produktionen  in  unserer  Seele  solche  Befruchtungs- 
keime entstehen,  woraus  Miftgeburten  in  der  geistigen  Welt  hervor- 
gehen.  Diese  zuriickzudrangen,  allmahlich  auch  umzugestalten,  ist 
eine  fruchtbare  Aufgabe  fur  eine  feme  Zukunft.  Das  ist  die  Mission 
der  Geisteswissenschaft,  diese  Aufgabe  zu  losen,  und  das  ist  der  Sinn 
des  Lebens,  daft  die  geisteswissenschaftliche  Weltanschauung  damit 
sich  einreiht  in  den  ganzen  Sinn  des  Lebens,  daft  iiberall  uns  Sinn  im 
Leben  entgegenstromt,  daft  iiberall  im  Leben  alles  sinnvoll  ist.  Das 
ist  es,  was  der  Okkultismus  den  Menschen  lehren  will,  daft  wir  mitten 
im  Sinn  darinnenstehen  und  wir  es  wirkKch  so  sagen  konnen: 


«In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken, 
In  deinem  Fiihlen  weben  Weltenkrafte, 
In  deinem  Willen  wirken  Weltenwesen. 
Verliere  dich  in  Weltgedanken, 
Erlebe  dich  durch  Weltenkrafte, 
Erschaffe  dich  aus  Willenswesen. 
Bei  Weltenfernen  ende  nicht 

Durch  Denkenstraumesspiel  ; 

Beginne  in  den  Geistesweiten 

Und  ende  in  den  eignen  Seelentiefen:  — 

Du  findest  Gotterziele 

Erkennend  dich  in  dir.» 

Das,  meine  lieben  Freunde,  ist  der  Sinn  des  Lebens,  so,  wie  ihn  der 
Mensch  zunachst  zu  verstehen  notig  hat. 

Das  ist  es,  was  ich  mit  Ihnen  habe  besprechen  wollen.  Machen  wir 
es  uns  ganz  verstandlich,  ganz  zu  eigen,  dann  werden  die  Seelen,  die 
gottlich  geworden  sind,  es  in  Ihrer  Seele  wirken  lassen. 

Schreiben  Sie  das  Schwerverstandliche  dieser  Ausftthrungen  dem 
Umstande  zu,  daft  das  Karma  es  mit  sich  brachte,  daft  wir  eine  so 
wichtige  Angelegenheit,  wie  den  Sinn  des  Lebens,  in  zwei  kurzen 
Vortragen  erschopfen  muftten  und  daft  manches  bloft  angedeutet  wer- 
den konnte,  was  erst  in  der  eigenen  Seele  sich  ausleben  kann.  Betrach- 
ten  Sie  es  auch  als  eine  Polaritat,  daft  eine  Anregung  gegeben  werden 
mufi,  die  meditierend  weiter  verarbeitet  werden  soil,  daft  durch  diese 
Weiterarbeit  all  unser  Zusammenwirken  Sinn  bekommen,  Inhalt  be- 
kommen,  so  sinnvoll  werden  soli,  daft  unsere  Seelen  ineinanderspielen. 
Und  das  ist  das  Wesen  wirklicher  Liebe.  Das  ist  auch  ein  Ausgleich 
von  Polaritaten.  Da,  wo  theosophische  Gedanken  zu  Seelen  dringen 
sollen,  sollen  sie  die  anderen  Pole  anregen,  sollen  sich  an  diesem  Pol 
ausgleichen.  Das  ist  es,  was  wie  eine  theosophische  Spharenmusik 
wirken  kann.  Wenn  wir  in  dieser  Weise  mit  Harmonie  in  der  geistigen 
"Welt  wirken,  dann  werden  wir,  wenn  wir  im  theosophischen  Leben 
wirklich  sind,  im  theosophischen  Leben  auch  vereinigt  sein. 

So  hatte  ich  es  gern,  daft  wir  auffassen  unser  heutiges  Zusammen- 


sein.  Diese  geistigen  Angelegenheiten  waren  ein  Ausdruck  des  Geistes 
der  Liebe  und  sind  gewidmet  dem  Geiste  der  Liebe  unter  uns  Theo- 
sophen.  So  wird  diese  Liebe,  durch  den  Ziindstoff,  den  wir  haben, 
dazu  beitragen,  die  gegenseitigen  geistigen  Inhalte  auszutauschen,  so 
wird  diese  Liebe  etwas  sein,  durch  die  wir  immer  mehr  und  mehr 
nicht  nur  erhalten,  sondern  immer  mehr  angefacht  werden  zu  theo- 
sophischem  Streben,  und  die  Geisteswissenschaft  wird  dann  werden 
eine  Verbreiterin  dieser  das  Innerste  der  Menschenseele  beriihrenden 
Liebe.  Dann  lebt  sie  weiter,  diese  Liebe.  Dann  erlangen  wir  als  Men- 
schen,  die  raumlich  voneinander  getrennt  sein  miissen,  innerhalb  der 
Theosophischen  Gesellschaft  auch  das,  daft  diese  Liebe  vorhalten 
wird,  von  den  Zeiten,  durch  die  wir  durch  Karma  zusammengefuhrt 
worden  sind,  auch  iiber  die  Zeiten  hin,  in  denen  wir  raumlich  auf  dem 
physischen  Plane  getrennt  sind.  So  bleiben  wir  zusammen  und  be- 
trachten  als  die  rechte  Veranlassung,  immer  zusammenzubleiben  mit 
dem  Besten,  was  wir  in  unseren  Seelen  haben,  daft  wir  uns  mit  unseren 
besten  geistigen  Fahigkeiten  zu  gottlich-geistigen  Hohen  zusammen 
hinaufgeschwungen  haben.  Und  so,  meine  lieben  Freunde,  wollen  wir 
auch  weiter  zusammenbleiben. 


THEOSOPHISCHE  MORAL 


ERSTER  VORTRAG 
Norrkoping,  28.  Mai  1912 


Wir  haben,  folgend  einem  Impulse,  der  sich  mir  ergeben  hat,  und 
iiber  den  vielleicht  noch  weiter  zu  sprechen  sein  durfte,  in  diesen 
Tagen  zu  betrachten  eines  der  wichtigsten,  eines  der  bedeutendsten 
Gebiete  unserer  theosophischen  Lebensanschauung.  Es  ist  ja  nicht 
selten,  dafi  uns  der  Vorwurf  gemacht  wird,  dafi  wir  uns  so  gerne 
erheben  in  der  Betrachtung  weit  entfernt  liegender  kosmischer  Ent- 
wickelungen  in  ihrem  Zusammenhange  mit  dem  Menschen,  dafi  wir 
uns  in  die  Gebiete  geistiger  Welten  gern  erheben,  indem  wir  so  ent- 
fernte  Ereignisse  der  Vergangenheit  und  so  weit  ausblickende  Per- 
spektiven  der  Zukunft  allzuoft  nur  betrachten,  und  fast  aufier  acht 
lassen  dasjenige  Gebiet,  welches  den  Menschen  am  allernachsten  liegen 
miifke:  das  Gebiet  menschlicher  Moral  und  menschlicher  Ethik. 

An  dem,  was  da  so  oftmals  gesagt  wird,  wenn  uns  der  Vorwurf 
gemacht  wird,  dafi  wir  dieses  wichtigste  Gebiet  menschlichen  Seelen- 
und  menschlichen  sozialen  Lebens  weniger  beriihrten  als  jenes  eben 
weiter  abliegende  Gebiet,  an  dem  ist  richtig,  dafi  dieses  Gebiet,  das 
Gebiet  menschlicher  Moral,  uns  das  allerwesentlichste  sein  mulS.  Was 
aber  gesagt  werden  muft  gegeniiber  diesem  Vorwurfe,  das  ist,  dafi  wir 
uns  diesem  Gebiete,  gerade  wenn  wir  die  ganze  Bedeutung  und  Trag- 
weite  theosophischen  Lebens  und  theosophischer  Gesinnung  in  uns 
empfinden,  nur  in  heiligster  Scheu  nahern  diirfen,  so  dafi  wir  uns 
bewufit  sind,  dafi,  wenn  es  im  richtigen  Sinne  betrachtet  sein  will,  es 
den  Menschen  so  nahe  beriihrt  als  nur  irgend  moglich  und  die  ernst- 
lichste,  die  allerwiirdigste  Vorbereitung  erfordert. 

Der  Vorwurf,  der  gegen  uns  von  jener  Seite  in  der  eben  charakteri- 
sierten  Art  erhoben  wird,  konnte  vielleicht  in  die  folgenden  Worte 
gekleidet  werden.  Es  konnte  gesagt  werden:  Wozu  lange  Weltbe- 
trachtungen?  "Wozu  Erzahlungen  iiber  viele  Reinkarnationen  vieler 


Wesen,  iiber  die  komplizierten  Verhaltnisse  des  Karma,  wenn  doch 
das  Allerwichtigste  im  Leben  dasjenige  ist,  was  ein  auf  der  Hohe 
dieses  Lebens  angekommener  Weiser  seinen  Bekennern  immer  und 
immer  wiederholte,  als  er  nach  einem  reichen  Weisheitsleben,  schon 
krank  und  schwach,  sich  tragen  lassen  muftte:  Kinder,  liebet  einander. 
So  sprach  bekanntlich  der  Apostel,  der  Evangelist  Johannes  im  hoch- 
sten  Alter,  und  oft  und  oft  ist  es  betont  worden,  daft  mit  diesen  drei 
Worten:  Kinder, liebet  einander!  der Extrakttiefster  sittlicherLebens- 
weisheit  gegeben  ist.  Und  es  konnte  da  mancher  sagen:  Wozu  also 
alles  andere,  wenn  das  Gute,  wenn  die  hehren  sittlichen  Ideale  in  einer 
so  einfachen  Weise  erfiillt  werden  konnen,  wie  es  im  Sinne  dieser 
Worte  des  Evangelisten  Johannes  ist? 

Eines  beriicksichtigt  man  nicht,  wenn  man  aus  der  ganz  richtigen, 
oben  angefuhrten  Tatsache  die  Behauptung  herleitet,  daft  es  fiir  die 
Menschen  geniigte  zu  wissen,  daft  sie  einander  lieben  sollen.  Eines 
beriicksichtigt  man  dabei  nicht,  namlich  den  Umstand,  daft  derjenige, 
der  so  als  ein  Zeuge  angefiihrt  wird  fiir  diese  Worte,  diese  eben  am 
Ende  eines  reichen  Weisheitslebens  gesprochen  hat,  am  Ende  eines 
Lebens,  welches  in  sich  faftte  die  Niederschrift  des  tiefsten,  bedeu- 
tungsvollsten  Evangeliums,  und  daft  der,  der  sie  gesprochen  hat,  diese 
Worte,  erst  dann  sich  das  Recht  gab  sie  zu  sprechen,  nachdem  er  dieses 
reiche  Weisheitsleben,  das  zu  so  groften  und  gewaltigen  Ergebnissen 
gefiihrt  hat,  hinter  sich  hatte.  Ja,  wer  ein  Leben  wie  er  hinter  sich  hat, 
der  darf  alles  dasjenige,  was  Menschenseelen  fiihlen  konnen  bei  den 
tiefen  Weisheiten,  die  im  Johannes-Evan gelium  stehen,  zusammen- 
fassen  in  die  eben  angefuhrten  Worte  als  seiner  Weisheit  letzten 
Schluft,  der  aus  unergriindlichen  Seelentiefen  hineinflieftt  in  die  Tiefen 
auch  anderer  Herzen  und  anderer  Seelen.  Wer  aber  nicht  in  einer 
solchen  Lage  ist,  der  muft  sich  eben  das  Recht,  in  so  einfacher  Weise 
die  hochsten  sittlichen  Wahrheiten  auszusprechen,  erst  dadurch  holen, 
daft  er  sich  in  die  Griinde  der  Weltgeheimnisse  vertieft.  So  trivial  der 
viel  wiederholte  Satz  ist:  Wenn  zwei  dasselbe  sagen,  so  ist  es  doch 
nicht  dasselbe,  er  gilt  in  ganz  besonderem  Mafte  fiir  das  eben  Ange- 
fiihrte.  Wenn  irgend  jemand,  der  einfach  ablehnen  will,  etwas  iiber 
die  Weltgeheimnisse  zu  wissen  und  von  ihnen  zu  verstehen,  sagt:  Es 


ist  doch  so  einfach,  das  hochste  moralische  Leben  zu  charakterisieren, 
und  die  Worte  gebraucht:  Kinder,  liebet  einander,  so  ist  das  eben 
etwas  anderes,  als  wenn  der  Evangelist  Johannes  diese  Worte  sagt, 
und  noch  dazu  am  Ende  eines  so  reichen  Weisheitslebens.  Deshalb 
sollte  gerade  derjenige,  der  diese  Worte  des  Evangelisten  Johannes 
versteht,  einen  ganz  anderen  Schlufi  daraus  ziehen,  als  gewohnlich 
daraus  gezogen  wird.  Er  sollte  den  Schluft  daraus  ziehen,  daft  man 
zunachst  iiber  solch  tief  bedeutsame  Worte  zu  schweigen  hat,  und 
daft  man  sie  erst  aussprechen  darf,  wenn  man  die  notige  Vorbereitung, 
die  notige  Reife  dazu  sich  erworben  hat. 

Aber  nun,  nachdem  wir  dieses  wie  eine  ganz  gewift  manchem  doch 
recht  zu  Herzen  gehende  Aussage  gemacht  haben,  wird  sich  etwas 
ganz  anderes  in  unserer  Seele  ergeben,  was  von  einer  unendlich  tief- 
greifenden  Bedeutung  ist.  Der  Mensch  wird  sich  sagen:  Ja,  es  mag 
schon  so  sein,  daft  die  moralischen  Prinzipien  in  ihrer  tiefsten  Be- 
deutung erst  am  Ende  aller  Weisheit  begriffen  werden  konnen,  brau- 
chen  tut  sie  der  Mensch  aber  immer.  Wie  konnte  es  denn  dann  in  der 
Welt  uberhaupt  moglich  sein,  irgendeine  moralische  Gemeinschaft, 
ein  soziales  Werk  zu  fordern,  wenn  man  warten  miiftte  mit  der  Er- 
kenntnis  der  hochsten  moralischen  Prinzipien  bis  ans  Ende  des  Weis- 
heitsstrebens.  Das  Notwendigste  fiir  das  menschliche  Zusammenleben 
ist  die  Moral,  und  nun  behauptet  da  jemand,  daft  die  moralischen 
Prinzipien  erst  am  Ende  des  Weisheitsstrebens  zu  erlangen  sind.  Da 
konnte  allerdings  mancher  sagen,  daft  er  verzweifeln  mochte  an  der 
weisheitsvollen  Einrichtung  der  Welt,  wenn  das  so  ware,  wenn  das, 
was  man  am  notwendigsten  braucht,  erst  am  Ende  des  menschlichen 
Strebens  erreicht  werden  konnte. 

Die  Antwort  auf  das,  was  hiermit  charakterisiert  worden  ist,  geben 
uns  reichlich  die  Tatsachen  des  Lebens.  Sie  brauchen  nur  zwei  Tat- 
sachen  des  Lebens  zusammenzustellen,  die  Ihnen  zweifellos  recht  gut 
in  der  einen  oder  anderen  Form  bekannt  sind,  und  Sie  werden  gleich 
sehen,  daft  sowohl  das  eine  richtig  sein  kann,  daft  wir  zu  den  hochsten 
moralischen  Prinzipien  und  ihrem  Verstandnis  erst  beim  Abschluft 
des  Weisheitsstrebens  gelangen,  wie  auch  das  andere,  daft  die  Sachen, 
die  eben  angedeutet  worden  sind,  moralische  und  soziale  Gemein- 


schaften  und  Werke,  ohne  Moral  nicht  bestehen  konnen.  Sie  werden 
das  gleich  einsehen,  wenn  Sie  sich  zwei  Tatsachen  vor  die  Seele  riicken, 
die  Ihnen  in  der  einen  oder  anderen  Form  ganz  gewift  bekannt  sind. 
Oder  wer  hatte  nicht  schon  gesehen,  wie  ein  intellektuell  hoch  ent- 
wickelter  Mensch,  vielleicht  sogar  ein  solcher,  der  nicht  bloft  auftere 
Wissenschaftlichkeit  mit  einem  klugen  und  intellektuellen  Erfassen 
in  sich  aufgenommen  hat,  sondern  der  auch  theoretisch  und  praktisch 
viel  von  okkulten  und  von  spirituellen  Wahrheiten  begriffen  hat,  gar 
kein  besonders  moralischer  Mensch  ist.  Wer  hatte  nicht  schon  gesehen, 
daft  kluge,  geistig  hoch  entwickelte  Menschen  auf  moralische  Abwege 
gekommen  sind?  Und  wer  hatte  die  andere  Tatsache  nicht  erlebt, 
an  der  wir  so  unendlich  viel  lernen  konnen,  daft  er  zum  Beispiel  eine 
Kinderfrau  kennengelernt  hat  mit  eng  begrenztem  Horizonte,  mit  ge- 
ringer  Intellektualitat  und  wenigen  Erkenntnissen,  die  nicht  etwa 
ihre  eigenen  Kinder,  sondern,  in  fremden  Diensten  stehend,  anderer 
Leute  Kinder,  eines  nach  dem  anderen,  erzog  von  den  ersten  Wochen 
des  physischen  Daseins  an,  mitgewirkt  hat  an  deren  Erziehung  und 
bis  vielleicht  zu  ihrem  Tode  alles,  was  sie  hatte,  fur  diese  Kinder  ge- 
opfert  hat  in  einer  absolut  liebevollen  Weise,  in  der  selbstlosesten  Hin- 
gabe,  die  sich  nur  denken  laftt.  Und  ware  irgend  jemand  an  die  Frau 
herangekommen  mit  moralischen  Prinzipien,  gewonnen  an  den  aller- 
hochsten  Weisheitsschatzen,  wahrscheinlich  hatte  sie  sich  gar  nicht 
besonders  fur  diese  moralischen  Prinzipien  interessiert.  Wahrschein- 
lich wurde  sie  sie  hochst  unverstandlich  und  nutzlos  gefunden  haben. 
Aber,  was  sie  moralisch  gewirkt  hat,  das  bewirkt  mehr  als  eine  blofie 
Anerkennung,  das  bewirkt  oft  in  einem  solchen  Falle,  daft  wir  uns  in 
Ehrfurcht  beugen  vor  dem,  was  aus  dem  Herzen  ins  Leben  stromt 
und  unendlich  viel  Gutes  schafft. 

Tatsachen  solcher  Art  beantworten  Ratsel  des  Lebens  oft  viel 
klarer  als  theoretische  Auseinandersetzungen,  denn  wir  sagen  uns,  daft 
die  weisheitsvolle  Schopfung,  die  weisheitsvolle  Evolution  nicht  ge- 
wartet  hat,  bis  die  Menschen  die  moralischen  Prinzipien  erfunden 
haben,  um  moralisches  Handeln,  moralisches  Wirken  der  Welt  mit- 
zuteilen.  Deshalb  mussen  wir  sagen:  Es  ist  eben  zunachst,  wenn  wir 
absehen  von  den  unmoralischen  Handlungen,  deren  Grund  wir  noch  im 


Laufe  dieser  Vortrage  kennen  lernen  werden,  doch  etwas  vorhan- 
den,  was  als  ein  gottliches  Erbteil  in  der  menschlichen  Seele  liegt, 
gegeben  als  urspriingliche  Moralitat,  die  man  nennen  konnte  in- 
stinktive  Moralitat,  und  die  es  der  Menschheit  schon  moglich  macht 
zu  warten,  bis  die  moralischen  Prinzipien  ergrundet  werden  kon- 
nen. 

Aber  es  ist  vielleicht  ganz  unndtig,  sich  viel  Sorge  zu  machen  wegen 
der  Ergriindung  der  moralischen  Prinzipien.  Konnte  man  denn  nicht 
vielleicht  sagen,  daft  es  am  besten  sei,  wenn  die  Menschen  sich  ihren 
urspriinglichen  moralischen  Instinkten  uberlassen  und  sich  nicht  ver- 
wirren  durch  theoretische  Auseinandersetzungen  iiber  die  Moral  ?  Daft 
auch  dieses  nicht  der  Fall  ist,  das  sollen  gerade  diese  Vortrage  zeigen; 
sie  sollen  zeigen,  daft  wir  zum  mindesten  in  demjenigen  Menschheits- 
zyklus,  in  dem  wir  uns  gegenwartig  befinden,  theosophische  Moral 
suchen  miissen,  daft  theosophische  Moral  eine  Aufgabe  sein  mulS, 
welche  sich  ergibt  als  eine  Frucht  unseres  gesamten  theosophischen 
Strebens  und  unserer  theosophischen  Wissenschaft. 

Ein  neuzeitlicher  Philosoph,  der  gewift  auch  im  Norden  nicht  un- 
bekannte  Schopenhauer,  hat  neben  manchem  recht  Irrtiimlichen,  das 
seine  Philosophic  enthalt,  einen  sehr  richtigen  Satz  ausgesprochen  ge- 
rade in  bezug  auf  die  Prinzipien  der  Moral,  namlich:  Moral  predigen 
ist  leicht,  Moral  begriinden  schwer.  Recht  wahr  ist  dieser  Ausspruch, 
denn  es  gibt  eigentlich  kaum  etwas  Leichteres,  als  in  einer  Weise,  die 
zu  den  allernachsten  Prinzipien  des  menschlichen  Fiihlens  und  Emp- 
findens  geht,  auszusagen,  was  der  Mensch  tun  oder  lassen  soil,  damit 
er  ein  guter  Mensch  sei.  Zwar  beleidigt  es  sogar  manche  Seele,  wenn 
behauptet  wird,  daft  das  leicht  sei.  Aber  es  ist  einmal  leicht,  und 
derjenige,  der  das  Leben,  der  die  "Welt  kennt,  wird  auch  nicht  be- 
zweifeln,  daft  wohl  kaum  iiber  irgend  etwas  so  viel  gesprochen  wor- 
den  ist  als  iiber  die  richtigen  Grundsatze  des  sittlichen  Handelns.  Und 
insbesondere  das  eine  ist  auch  wahr,  daft  man  im  Grunde  genommen 
die  allermeiste  Zustimmung  bei  seinen  Mitmenschen  findet,  wenn  man 
von  diesen  allgemeinen  Grundsatzen  sittlichen  Handelns  spricht.  Es 
tut  so  wohl,  mochte  man  sagen,  den  zuhorenden  Gemiitern  und  man 
fiihlt  so  sehr,  daft  man  da  unbedingt  ubereinstimmen  kann  mit  dem, 


was  der  Redner  sagt,  wenn  er  die  allerallgemeinsten  Grundsatze  mo- 
ralischen  Verhaltens  des  Menschen  vorbringt. 

Aber  mit  moralischen  Lehren,  mit  moralischen  Predigten  ist  noch 
keine  Moral  begriindet.  Wirklich  nicht.  Wenn  namlich  mit  morali- 
schen Lehren,  mit  moralischen  Predigten  Moral  iiberhaupt  begriindet 
werden  konnte,  dann  gabe  es  heute  sicherlich  keine  unmoralischen 
Handlungen  mehr;  dann  miifite  die  ganze  Menschheit  von  moralischen 
Handlungen,  man  mochte  schon  sagen,  nur  so  triefen,  denn  es  hat  ja 
jeder  ganz  zweifellos  oft  und  oft  und  immer  wieder  Gelegenheit  ge- 
habt,  die  schonsten  moralischen  Grundsatze  zu  horen,  insbesondere 
deshalb  zu  horen,  weil  sie  so  gern  gepredigt  werden.  Aber  zu  wissen, 
was  man  tun  soli,  was  das  moralisch  Richtige  ist,  das  ist  das  Aller- 
wenigste  auf  moralischem  Boden.  Das  Allerwichtigste  auf  morali- 
schem  Boden  dagegen  ist,  daft  in  uns  Impulse  leben  konnen,  welche 
durch  ihre  innere  Starke,  ihre  innere  Gewalt  in  moralische  Hand- 
lungen sich  umsetzen,  welche  also  nach  aufien  hin  moralisch  sich  aus- 
leben.  Das  tun  bekanntlich  moralische  Predigten  oder  die  Resultate 
moralischer  Predigten  durchaus  nicht.  Das  aber  heiftt  Moral  begriin- 
den,  wenn  der  Mensch  hingefuhrt  wird  zu  den  Quellen,  aus  denen  er 
jene  Impulse  nehmen  mufi,  aus  denen  ihm  die  Krafte  zuteil  werden, 
die  zum  moralischen  Handeln  fiihren. 

Wie  schwer  diese  Krafte  zu  finden  sind,  das  zeigt  uns  die  einfache 
Tatsache,  daft  es  eigentlich  wirklich  unzahlige  Male  versucht  worden 
ist,  von  philosophischer  Seite  zum  Beispiel  eine  Ethik,  eine  Moral 
zu  begriinden.  Wieviel  verschiedene  Antworten  gibt  es  nicht  in  der 
Welt  auf  die  Frage:  Was  ist  das  Gute?  oder:  Was  ist  die  Tugend? 
Schreiben  Sie  sich  einmal  zusammen,  was  gesagt  haben  die  Philo- 
sophen,  von  Plato  und  Aristoteles  angefangen,  durch  die  Epikuraer, 
die  Stoiker,  die  Neuplatoniker,  die  ganze  Reihe  herauf  bis  in  die  neu- 
zeitlichen  philosophischen  Anschauungen  hinein;  schreiben  Sie  sich 
einmal  all  das  zusammen,  was  da  gesagt  worden  ist,  ich  will  nur  sagen 
von  Plato  bis  Herbert  Spencer,  iiber  die  Natur  und  das  Wesen  des 
Guten  und  der  Tugend,  und  Sie  werden  sehen,  wieviel  verschiedene 
Ansatze  gemacht  worden  sind,  um  zu  den  Quellen  des  moralischen 
Lebens,  zu  den  Quellen  der  moralischen  Impulse  vorzudringen. 


Die  Vortrage,  die  ich  hier  halten  will,  sollen  Ihnen  zeigen,  daft  in 
der  Tat  erst  die  okkulte  Vertiefung  des  Lebens,  das  Eindringen  in  die 
okkulten  Geheimnisse  des  Lebens  es  moglich  macht,  nicht  bloft  zu 
moralischen  Lehren,  sondern  zu  moralischen  Impulsen,  zu  den  mora- 
lischen  Quellen  des  Lebens  vorzudringen. 

Da  allerdings  zeigt  uns  ein  einziger  Blick,  daft  dies  Moralische  in 
der  "Welt  durchaus  nicht  immer  so  einfach  sich  darlebt,  als  man  von 
einem  gewissen  bequemen  Standpunkte  aus  glauben  mochte.  Lassen 
wir  fur  einige  Zeit  dasjenige,  was  man  heute  unter  dem  Moralischen 
anspricht,  zunachst  aufter  acht  und  betrachten  wir  das  Leben  der 
Menschen  einmal  auf  solchen  Gebieten,  auf  denen  wir  vielleicht  fiir 
eine  moralische  Lebensanschauung  viel  gewinnen  konnen. 

Unter  den  mancherlei  Dingen,  die  uns  der  Okkultismus  schon  ge- 
bracht  hat,  wird  die  Erkenntnis,  daft  bei  den  verschiedenen  Volkern 
in  den  verschiedenen  Erdgebieten  die  mannigfaltigsten  Anschauungen, 
die  mannigfaltigsten  Impulse  sich  geltend  gemacht  haben,  nicht  das 
Geringste  sein.  Vergleichen  wir  einmal  zwei  zunachst  weit  vonein- 
ander  abstehende  Menschheitsgebiete.  Gehen  wir  zuriick  in  das  ehr- 
wurdige  Leben  des  alten  Indiens  und  betrachten  wir,  wie  es  sich  nach 
und  nach  entwickelt  hat  bis  in  die  neuesten  Zeiten  herauf;  denn  Sie 
wissen  ja,  fiir  keines  der  Gebiete  des  eigentlichen  Lebens  auf  der  Erde, 
die  uns  bekannt  sind,  gilt  in  so  hohem  Mafte  wie  fiir  Indien  die  Tat- 
sache,  daft  dasjenige,  was  Charakteristikum  uralter  Zeiten  war,  sich 
erhalten  hat  bis  in  die  neuesten  Zeiten  herauf.  Fiir  kein  Gebiet  gilt 
das  mehr  als  fiir  das  Leben  innerhalb  der  indischen  und  einiger  an- 
deren  asiatischen  Kulturen.  Bis  in  die  neuesten  Zeiten  herauf  haben 
sich  die  Gefiihle,  die  Empfindungen,  die  Gedanken,  die  Anschauungen 
erhalten,  die  wir  schon  finden  in  diesen  Volksgebieten  in  ururalten 
Zeiten.  Das  ist  das  Eindrucksvolle,  daft  sich  in  diesen  Kulturen  er- 
halten hat  ein  Abglanz  uralter  Zeiten,  daft,  wenn  wir  das  betrachten, 
was  sich  bis  in  unsere  Zeit  herein  erhalten  hat,  wir  sozusagen  in  die 
alten  Zeiten  zugleich  hineinschauen. 

Nun  kommen  wir  aber  mit  konkreten,  bestimmten  Volksgebieten 
nicht  weit,  wenn  wir  etwa  von  vornherein  nur  unseren  eigenen  mo- 
ralischen Maftstab  anlegen.  Deshalb  wollen  wir  heute  das,  was  man 


uber  die  moralischen  Dinge  dieser  Zeiten  sagen  konnte,  zunachst  aus- 
geschlossen  sein  lassen  und  nur  fragen:  Was  hat  sich  herausgebildet 
aus  diesen  charakteristischen  Eigentiimlichkeiten  der  uralten,  ehr- 
wiirdigen  indischen  Kultur? 

Zunachst  finden  wir  da,  aufs  hochste  verehrt,  aufs  hochste  geheiligt, 
dasjenige,  was  man  nennen  kann  die  Andacht,  die  Hingabe  an  das 
Geistige.  Und  um  so  mehr  geheiligt  und  gewiirdigt  finden  wir  diese 
Hingabe  an  das  Geistige,  je  mehr  der  Mensch  in  der  Lage  ist,  in  sich 
selbst  Einkehr  zu  halten,  still  in  sich  zu  leben  und  das  Beste,  was  in 
ihm  ist,  abgesehen  von  aller  Wirksamkeit  in  der  aufieren  Welt,  ab- 
gesehen  von  allem,  was  der  Mensch  sein  kann  auf  dem  physischen 
Plane,  hinzulenken  zu  den  Urgriinden  der  geistigen  Welten.  Als 
hochste  Pflicht  sehen  wir  diese  andachtige  Hinlenkung  der  Seele  zu 
den  Urgriinden  des  Daseins  bei  denjenigen,  welche  zur  obersten  Kaste 
des  indischen  Lebens  gehort  haben  oder  gehoren,  bei  den  Brahminen. 
Alles,  was  sie  tun,  alle  ihre  Impulse  sind  hingeordnet  nach  dieser  An- 
dacht; und  es  gibt  nichts,  was  das  sittliche  Empfinden  und  Fiihlen 
dieser  Menschen  tiefer  beeindruckt,  als  diese  Hinlenkung  nach  dem 
Gottlich-Geistigen  in  einer  alles  Physische  vergessenden  Andacht,  in 
einer  intensiv  tiefen  Selbstbeobachtung  und  Selbstentaufterung.  Und 
wie  das  sittliche  Leben  dieser  Menschen  von  dem  eben  Bezeichneten 
durchdrungen  wird,  das  konnen  Sie  aus  der  anderen  Tatsache  ersehen, 
dal$  diejenigen,  welche,  namentlich  in  alteren  Zeiten,  anderen  Kasten 
angehort  haben,  es  als  selbstverstandlich  ansehen,  daft  die  Kaste  der 
Andacht,  die  Kaste  des  rehgiosen  und  rituellen  Lebens  als  etwas  Ehr- 
wiirdiges  und  Ausgesondertes  betrachtet  wird.  So  war  das  ganze 
Leben  durchzogen  von  diesen  eben  charakterisierten  Impulsen  der 
Hinlenkung  auf  das  Gottlich-Geistige.  Das  ganze  Leben  stand  in  dem 
Dienste  dieser  Hinlenkung,  und  mit  allgemeinen  Moralprinzipien,  die 
irgendeine  Philosophic  begriindet,  kann  man  das  nicht  verstehen,  um 
was  es  sich  hier  handelt.  Man  kann  es  nicht  verstehen  aus  dem  Grunde, 
weil  in  den  Zeiten,  in  denen  im  alten  Indien  sich  diese  Dinge  ent- 
wickelt  haben,  sie  zunachst  bei  anderen  Volkern  unmoglich  gewesen 
sind.  Diese  Impulse  brauchten  das  Temperament,  den  Grundcharakter 
gerade  dieses  Volkes,  damit  sie  sich  in  dieser  Intensitat  entwickeln 


konnten.  Dann  gingen  sie  im  Verlaufe  der  aufieren  Kulturstromung 
von  da  aus  und  verbreiteten  sich  iiber  die  iibrige  Erde  hin.  Wenn  wir 
das,  was  unter  dem  Gottlich-Geistigen  gemeint  ist,  verstehen  wollen, 
so  miissen  wir  zu  dieser  Urquelle  gehen. 

Und  jetzt  wenden  wir  den  Blick  weg  von  diesem  Volkstum  und 
wenden  ihn  zu  einem  anderen.  Wenden  wir  ihn  nach  dem  europaischen 
Gebiete.  Lenken  wir  den  Blick  zu  den  europaischen  Volkern  in  den 
Zeiten,  als  noch  nicht  das  Christentum  eingedrungen  war  in  die  euro- 
paische Kultur,  als  es  eben  anfing  einzudringen.  Ihnen  alien  ist  be- 
kannt,  dafi  gleichsam  dem  Christentum,  das  von  Osten  und  Suden 
her  nach  Europa  eindrang,  sich  entgegenlegte  das  europaische  Volks- 
tum mit  ganz  bestimmten  Impulsen,  mit  ganz  bestimmten  inneren 
Werten  und  Kraf  ten.  Und  wer  die  Geschichte  der  Einf  iihrung  des  Chri- 
stentums  in  Europa,  in  Mitteleuropa  und  auch  hier  im  Norden,  studiert, 
namentlich  wer  sie  mit  okkulten  Mitteln  studiert,  der  weifi,  was  es  auf 
dem  einen  oder  anderen  Gebiete  gekostet  hat,  um  mit  diesem  oder 
jenem  christlichen  Impulse  den  Ausgleich  zu  finden  mit  dem,  was  von 
Nord-  und  Mitteleuropa  dem  Christentum  entgegengebracht  worden  ist. 

Und  fragen  wir  jetzt,  wie  wir  gefragt  haben  beim  indischen  Volks- 
tum, welches  die  hervorragendsten  sittlichen  Impulse  waren,  was  da 
von  den  Volkern,  deren  Nachkommen  die  gegenwartige  europaische 
Bevolkerung  namentlich  des  Nordens,  Mitteleuropas  und  Englands 
ist,  als  moralisch  Gutes,  als  moralisches  Erbstiick  entgegengebracht 
worden  ist  dem  Christentum.  Wir  brauchen  nur  eine  einzige  der 
Haupttugenden  zu  nennen,  und  sogleich  wissen  wir,  dafi  wir  etwas 
recht  Charakteristisches  fiir  diese  nordische  Bevolkerung,  fur  die 
mitteleuropaische  Bevolkerung  sagen.  Wir  brauchen  nur  das  Wort 
Tapferkeit,  Starkmut  zu  sagen,  das  Eintreten  mit  der  ganzen  person- 
lichen  Menschenkraft,  um  in  der  physischen  Welt  zu  verwirklichen, 
was  der  Mensch  aus  seinen  innersten  Impulsen  heraus  wollen  kann, 
dann  haben  wir  die  allerhauptsachlichsten  Tugenden  genannt,  die 
entgegengebracht  wurden  von  den  Europaern  dem  Christentum.  Und 
die  anderen  Tugenden  sind  im  Grunde  genommen  —  wir  finden  dieses 
um  so  mehr,  je  weiter  wir  in  die  alten  Zeiten  zuriickgehen  —  die 
Folgen  dieser  Tugenden. 


Betrachten  wir  den  eigentlichen  Starkmut,  die  eigentliche  Tapf  erkeit 
nach  einigen  ihrer  Grundeigenschaften,  so  finden  wir,  daft  sie  besteht 
aus  einer  inneren  Lebensfiille,  die  ausgeben  kann.  Das  ist  es,  was  uns 
in  alten  Zeiten,  gerade  bei  den  europaischen  Volkern  am  meisten  auf- 
fallt.  Solch  ein  Mensch,  wie  er  der  alten  europaischen  Bevolkerung 
angehort,  hat  in  sich  mehr,  als  er  fur  seinen  personlichen  Gebrauch 
bedarf.  Aber  er  gibt  aus  das  Mehr,  weil  er  den  Impuls  dazu  hat,  das 
auszugeben.  Er  folgt  ganz  instinktiv  dem  Impulse,  das,  was  er  zuviel 
hat,  auszugeben.  Man  mochte  sagen:  Mit  nichts  mehr  war  der  alte 
europaische  Norden  verschwenderischer  als  mit  seinem  moralischen 
Oberfluft,  mit  seiner  Tiichtigkeit,  seiner  Tauglichkeit,  Lebensimpulse 
in  den  physischen  Plan  hinausstromen  zu  lassen.  Es  war  wirklich  so, 
wie  wenn  die  Menschen  der  europaischen  Urzeit,  jeder  einzelne,  mit- 
bekommen  hatte  eine  ganz  bestimmte  Fiille  von  Kraft,  die  mehr  be- 
deutete,  als  der  Mensch  fur  seinen  personlichen  Gebrauch  bedurfte, 
von  der  er  ausstromen  hat  konnen,  mit  der  er  verschwenderisch  hat 
sein  konnen,  die  er  hat  verwenden  konnen  zu  seinen  kriegerischen 
Taten,  zu  den  Taten  jener  uralten  Tugend,  welcher  die  neuere  Zeit 
unter  den  Untugenden  zu  nennenden  menschlichen  Eigenschaften 
einen  Platz  gegeben  hat;  die  er  verwendet  hat  zum  Beispiel  zu  dem, 
was  man  bezeichnet  hat  als  Groftmut.  Handeln  aus  Groftmut,  das  ist 
wieder  etwas,  was  so  charakteristisch  ist  fur  die  uralte  europaische 
Bevolkerung,  wie  charakteristisch  ist  das  Handeln  aus  Andacht  fur 
die  uralt  indische  Bevolkerung. 

Mit  Prinzipien,  mit  theoretischen  Moralgrundsatzen  hatte  man  der 
europaischen  Bevolkerung  der  Urzeiten  nicht  dienen  konnen,  denn 
sie  hatte  wenig  Verstandnis  dafiir  bewiesen.  Einem  Menschen  der 
europaischen  Urzeit  moralische  Predigten  zu  halten,  das  ware  so  ge- 
wesen,  wie  wenn  man  einem  Menschen,  der  das  Rechnen  nicht  liebt, 
den  Rat  geben  wollte,  er  solle  mit  aller  Prazision  aufschreiben  seine 
Einnahmen  und  Ausgaben.  Wenn  er  das  nicht  liebt,  dann  bedarf  es 
nur  des  einzigen  Umstandes,  daft  er  das  Aufschreiben  nicht  notig  hat, 
daft  er  also  genug  besitzt,  um  ausgeben  zu  konnen.  Dann  kann  er  das 
sorgfaltige  Rechnungfiihren  vermeiden,  wenn  er  einen  unerschopf- 
lichen  Quell  hat.  Es  ist  ein  nicht  unerheblicher  Umstand,  er  gilt  theo- 


retisch  durchaus  mit  Beziehung  auf  das,  was  der  Mensch  fiir  das 
Leben  wert  halt,  mit  Beziehung  auf  die  personliche  Tiichtigkeit,  auf 
das  personliche  Eintreten.  Fiir  die  Einrichtung  der  Welt  gilt  das  von 
den  moralischen  Gefiihlen  der  alten  europaischen  Bevolkerungen. 
Jeder  hatte  sozusagen  sein  gottliches  Erbstiick  mitbekommen,  fiihlte 
sich  voll  davon  und  gab  aus,  gab  aus  im  Dienste  des  Stammes,  im 
Dienste  der  Familie,  im  Dienste  auch  grojSerer  Volkszusammenhange. 
So  wurde  gewirkt,  so  wurde  gewirtschaftet,  so  wurde  gearbeitet. 

Nun  haben  wir  hier  zwei  Menschheitsgebiete  bezeichnet,  die  recht 
sehr  voneinander  verschieden  sind,  denn  das  Andachtsgefiihl,  wie  es 
beim  Indier  zu  Hause  war,  das  fehlte  der  europaischen  Bevolkerung 
absolut.  Deshalb  war  es  dem  Christentum  so  schwer,  dieses  Andachts- 
gefiihl der  europaischen  Bevolkerung  zu  bringen.  Ganz  andere  Vor- 
aussetzungen  waren  da. 

Und  nun,  nachdem  wir  diese  Dinge  vor  unsere  Augen  hingestellt 
haben,  fragen  wir  uns  einmal,  abgesehen  von  alien  Einwendungen 
eines  moralischen  Begriffs,  nach  dem  moralischen  Effekt.  Da  bedarf 
es  nicht  vieler  Uberlegung,  um  zu  wissen,  da$  dieser  moralische  Effekt 
da,  wo  die  beiden  Weltanschauungen  und  Gesinnungsrichtungen  in 
ihrer  reinsten  Form  sich  getroffen  haben,  ein  unendlich  grower  war. 
Unendliches  ist  der  Welt  gegeben  worden  durch  dasjenige,  was  nur 
hat  errungen  werden  konnen  dadurch,  dafi  ein  Volkstum  vorhanden 
war  wie  das  alte  indische,  mit  der  Hinordnung  alles  Empfindens 
nach  der  Andacht,  mit  der  Hinlenkung  zum  Hochsten.  Aber  Unend- 
liches ist  auch  der  Welt  gegeben  worden,  das  konnte  man  mit  Einzel- 
heiten  belegen,  durch  das,  was  die  Tapferkeit,  der  Starkmut  der  euro- 
paischen Menschen  der  alteren  vorchristlichen  Zeit  bewirken  sollte. 
Beide  Dinge  mufiten  zusammenwirken,  und  beide  Dinge  gaben  den 
moralischen  Effekt,  von  dem  wir  sehen  werden,  wie  er  heute  noch 
fortwirkt  und  wie  er  heute  nicht  nur  einem  Teile  der  Menschheit, 
sondern  der  ganzen  Menschheit  von  beiden  Seiten  zugute  gekommen 
ist,  wie  er  lebt  in  allem,  was  die  Menschheit  als  Hochstes  betrachtet, 
sowohl  der  Effekt  aus  dem  Indiertum  als  auch  der  Effekt  aus  dem 
uralten  Germanentum. 

Konnen  wir  so  ohne  weiteres  nun  sagen,  dasjenige,  was  diesen  mo- 


ralischen  Effekt  fur  die  Menschheit  hat,  sei  das  Gute?  Das  diirfen 
wir  ohne  Zweifel  sagen.  In  beiden  Kulturstromungen  mul$  es  das  Gute 
sein,  und  es  mufi  irgendein  Ding  sein,  was  wir  als  das  Gute  bezeichnen 
konnen.  Aber  wenn  wir  sagen  sollen:  Was  ist  das  Gute?  so  stehen  wir 
wieder  vor  einer  Ratselfrage.  Was  ist  das  Gute,  das  gewirkt  hat  in 
dem  einen  und  in  dem  anderen  Falle? 

Ich  mochte  Ihnen  nicht  moralische  Predigten  halten,  denn  das  be- 
trachte  ich  nicht  als  meine  Aufgabe.  Ich  betrachte  es  vielmehr  als 
meine  Aufgabe,  die  Tatsachen  Ihnen  vorzufiihren,  welche  zu  einer 
theosophischen  Moral  fiihren.  Daher  habe  ich  Ihnen  zunachst  zwei 
Systeme  bekannter  Tatsachen  angefuhrt,  von  denen  ich  nichts  anderes 
zu  beriicksichtigen  bitte,  als  dafi  die  Tatsache  der  Andacht  und  die 
Tatsache  der  Starkmut  moralische  Effekte  fur  die  Kulturentwicke- 
lung  der  Menschheit  haben. 

Nun  wenden  wir  den  Blick  zu  noch  anderen  Zeiten.  Sie  werden, 
wenn  Sie  unser  gegenwartiges  Leben  mit  seinen  sittlichen  Impulsen  in 
Betracht  ziehen,  sich  selbstverstandlich  sagen:  Wir  konnen  heute 
nicht  so  sein,  wenigstens  nicht  in  Europa,  wie  das  reinste  Ideal  des 
Indiertums  es  erfordert,  denn  man  kann  nicht  europaische  Kultur  mit 
indischer  Andacht  pflegen.  Aber  ebensowenig  ware  es  moglich,  das- 
jenige,  was  heute  unsere  Kultur  ist,  mit  der  alten,  aufs  hochste  zu 
preisenden  Starkmut-Tugend  der  europaischen  Bevolkerung  zu  er- 
reichen.  Und  ohne  weiteres  zeigt  sich  uns,  daft  in  den  Tiefen  der  mo- 
ralischen  Empfindung  der  europaischen  Bevolkerung  noch  etwas  an- 
deres liegt.  Wir  mtissen  also  noch  etwas  anderes  aufsuchen,  um  be- 
an tworten  zu  konnen  die  Frage:  Was  ist  das  Gute?  Was  ist  die 
Tugend  ? 

Ich  habe  ofter  darauf  hingewiesen,  dafi  wir  zu  unterscheiden  haben 
diejenige  Epoche,  die  wir  den  griechisch-lateinischen,  den  vierten 
nachatlantischen  Kulturzeitraum  nennen,  und  diejenige,  die  wir  nen- 
nen  den  fiinften  nachatlantischen  Kulturzeitraum,  in  dem  wir  gegen- 
wartig  leben.  Eigentlich  soil  das,  was  ich  zu  sagen  habe  in  bezug  auf 
das  moralische  Wesen,  die  Entstehung  des  fiinften  nachatlantischen 
Kulturzeitraums  charakterisieren.  Beginnen  wir  mit  einer  Sache,  die 
Sie  zunachst  fur  anfechtbar  halten  konnen,  da  sie  aus  der  Welt  der 


Dichtung,  der  Welt  der  Sage  genommen  ist.  Aber  sie  ist  doch  bezeich- 
nend  fur  die  Art  und  Weise,  wie  neue  moralische  Impulse  wirksam 
geworden  sind,  wie  sie  hineingeflossen  sind  in  die  Menschen,  als  nach 
und  nach  die  Entwickelung  unseres  fiinften  nachatlantischen  Kultur- 
zeitraums  einsetzte. 

Es  gab  einen  Dichter,  der  gelebt  hat  Ende  des  zwolften  und  Anfang 
des  dreizehnten  Jahrhunderts.  Er  starb  im  Jahre  1213  und  heiftt 
Hartmann  von  Aue.  Dieser  Dichter  hat  ganz  aus  der  Denkweise  und 
den  Tatsachen  der  damaligen  Zeit  heraus  seine  bedeutendste  Dichtung 
geschaffen,  und  zwar  aus  der  Anschauung  heraus,  die  dazumal  im 
Volke  iiberall  gelebt  hat:  die  Dichtung  «Der  arme  Heinrich».  Diese 
Dichtung  driickt  im  eminentesten  Sinne  aus,  wie  man  in  gewissen 
Kreisen  und  Volksgebieten  dazumal  iiber  gewisse  moralische  Impulse 
dachte.  In  dieser  Dichtung  ist  folgendes  enthalten:  Da  lebte  der  arme 
Heinrich  als  ein  reicher  Ritter,  denn  urspriinglich  war  er  kein  armer 
Heinrich,  sondern  ein  wohlbestallter  Rittersmann,  der  aber  aufter 
acht  lieft,  daft  die  sinnenfalligen  Dinge  des  physischen  Planes  hin- 
fallig,  verganglich  sind,  der  also  in  den  Tag  hineinlebte  und  dadurch 
sich  so  schnell  als  moglich  schlimmes  Karma  schaffte.  Daher  wird  er 
befallen  von  dem,  was  man  damals  nannte  die  Miselsucht,  eine  Art 
Aussatz,  und  da  er  zu  den  beruhmtesten  Arzten  der  ganzen  damaligen 
Welt  geht  und  keiner  ihm  helfen  kann,  so  gibt  er  sein  Leben  verloren 
und  verkauft  seine  Giiter.  Unter  die  Menschen  konnte  er  mit  seiner 
Krankheit  nicht  gehen.  Er  lebte  daher  abseits  von  ihnen  einsam  auf 
einem  Meierhofe,  treu  gepflegt  von  einem  alten  ergebenen  Diener,  der 
den  Wirtschaftshof  fiihrte,  und  dessen  Tochter.  Eines  Tages  wird  der 
Tochter  und  iiberhaupt  der  Familie  des  ganzen  Wirtschaftshofes  die 
Kunde  zuteil,  daft  nur  eines  helfen  kann  dem  Ritter,  der  dieses  Schick- 
sal  hat.  Kein  Arzt,  keine  Arznei  kann  ihm  helfen,  nur  wenn  eine  reine 
Jungfrau  in  Liebe  ihr  Leben  fur  ihn  opfert,  sollte  eine  Gesundung 
wieder  moglich  sein.  Trotz  aller  Ermahnungen  der  Eltern  und  des 
Ritters  Heinrich  selber  kommt  etwas  iiber  die  Tochter,  das  sie  glauben 
macht,  daft  sie  es  ware,  die  sich  opfern  miisse.  Da  begibt  sich  die  Toch- 
ter nach  Salerno,  der  beruhmtesten  medizinischen  Schule  der  dama- 
ligen Zeit.  Nicht  schreckt  sie  zuriick  vor  dem,  was  die  Arzte  von  ihr 


verlangen.  Sie  ist  bereit,  ihr  Leben  zu  opfern.  Der  Ritter  laftt  es  aber 
nicht  so  weit  kommen,  er  verhindert  es  und  zieht  mit  ihr  nach  Hause. 
Aber  die  Dichtung  erzahlt  uns,  daft  der  Ritter,  als  er  nach  Hause  kam, 
wirklich  nach  und  nach  gesund  zu  werden  begann  und  daft  er  dann 
mit  derjenigen,  die  seine  Erloserin  hat  werden  wollen,  noch  lange  Zeit 
lebte  und  einen  glucklichen  Lebensabend  hatte. 

Ja,  Sie  konnen  sagen:  Zunachst  ist  das  eine  Dichtung,  und  wir 
brauchen  nicht  wortlich  an  die  Tatsachen,  die  da  mitgeteilt  sind,  zu 
glauben.  Aber  die  Sache  wird  schon  anders,  wenn  wir  das,  was  Hart- 
mann  von  Aue,  der  mittelalterliche  Dichter,  dazumal  in  seinem 
«Armen  Heinrich»  gedichtet  hat,  vergleichen  mit  etwas,  was  wirklich 
geschehen  ist,  wie  wir  gut  wissen,  mit  dem  Leben  eines  Ihnen  wohl- 
bekannten  Menschen  und  den  Taten  desselben.  Ich  meine,  wenn  wir 
das,  was  darstellen  hat  wollen  Hartmann  von  Aue,  vergleichen  mit 
dem  Leben  des  damals  in  Italien  lebenden,  im  Jahre  1182  geborenen 
Franz  von  Assist. 

Nun  lassen  wir  einmal,  urn  zu  charakterisieren,  was  da,  wie  kon- 
zentriert  in  der  einen  Personlichkeit  des  Franz  von  Assisi,  an  Mora- 
lisch-Personlichem  vor  sich  geht,  die  Sache  so  vor  unserer  Seele  vor- 
iiberziehen,  wie  sie  sich  dem  Okkultisten  darstellt,  selbst  wenn  wir 
fiir  narrisch  und  aberglaubisch  gehalten  werden  sollten.  Nehmen  wir 
die  Dinge  ernst,  weil  sie  in  jener  Obergangszeit  auch  so  ernst  gewirkt 
haben. 

Wir  wissen,  daft  Franz  von  Assisi  der  Sohn  des  italienischen,  in 
Frankreich  viel  herumreisenden  und  Geschafte  treibenden  Kaufmanns 
Bernardone  und  seiner  Frau  war.  Wir  wissen  auch,  daft  der  Vater  des 
Franz  von  Assisi  ein  auf  aufterliches  Ansehen  viel  gebender  Mensch 
war.  Die  Mutter  war  eine  den  frommen  Tugenden  und  f einen  Cha- 
raktereigenschaften  des  Herzens  zugangliche,  andachtige,  ihren  reli- 
giosen  Empfindungen  lebende  Frau.  Die  Dinge,  die  nun  umspielen  in 
Form  von  Sagen  die  Geburt  des  Franz  von  Assisi  und  sein  Leben, 
entsprechen  durchaus  okkulten  Tatsachen.  Wenn  auch  okkulte  Tat- 
sachen haufig  von  der  Geschichte  in  Bilder  und  Legenden  gehullt 
werden,  so  entsprechen  diese  Legenden  aber  doch  okkulten  Tatsachen. 
So  ist  es  durchaus  wahr,  daft  einer  ganzen  Anzahl  von  Personen, 


bevor  Franz  von  Assisi  geboren  wurde,  wie  eine  visionare  Offen- 
barung,  wie  ein  Wissen,  eine  Erkenntnis  zugekommen  ist,  daft  eine 
wichtige  Personlichkeit  werde  geboren  werden.  Herausgehoben  ist 
von  der  aufieren  Geschichte  aus  der  grofien  Anzahl  von  Personen, 
die  das  getraumt  haben,  das  heiftt  die  in  prophetischer  Vision  gesehen 
haben,  daft  eine  wichtige  Personlichkeit  geboren  werden  wird,  heraus- 
gehoben ist  da  die  heilige  Hildegard.  -  Ich  betone  hier  nochmals  die 
Wahrheit  der  aus  den  Erforschungen  der  Akasha-Chronik  zu  recht- 
fertigenden  Tatsachen.  —  Sie  traumte,  daft  ihr  erschien  ein  Weib  mit 
einem  zerschundenen,  blutiiberstromten  Antlitz  und  daft  dieses  "Weib 
zu  ihr  sagte:  Die  Vogel  haben  ihre  Nester  hier  auf  der  Erde,  die  Fuchse 
haben  ihre  Hohlen  auf  der  Erde,  ich  aber  habe  in  der  Gegenwart 
nichts,  nicht  einmal  einen  Stab,  auf  den  ich  mich  stiitzen  kann.  Als 
Hildegard  erwachte  von  diesem  Traume,  da  wuftte  sie,  daft  die  wahre 
Gestalt  des  Christentums  mit  dieser  Personlichkeit  gemeint  ist.  Und 
so  traumten  noch  viele  anderePersonlichkeiten.  Diese  Personlichkeiten 
sahen  dazumal  aus  dem,  was  sie  wissen  konnten,  daft  die  auftere  Ein- 
richtung  und  Institution  der  Kirche  nicht  ein  Behalter,  eine  Hulle  fur 
das  wirkliche  Christentum  sein  konnte.  Das  sahen  sie  ein. 

Ein  Pilger,  wieder  haben  wir  eine  wahre  Tatsache  vor  uns,  kehrte 
einstmals,  als  der  Vater  des  Franz  von  Assisi  in  Handelsgeschaften  in 
Frankreich  war,  in  dem  Hause  von  Donna  Pica,  der  Mutter  des  Franz 
von  Assisi,  ein  und  sagte  ihr  direkt:  In  diesem  Hause,  wo  Uberfluft 
ist,  darfst  du  das  Kind,  das  du  erwartest,  nicht  zur  Welt  bringen!  Du 
muftt  es  gebaren  im  Stalle,  denn  es  muft  liegen  auf  Stroh,  urn  seinem 
Meister  nachzufolgen !  Diese  Aufforderung  ist  wirklich  an  die  Mutter 
des  Franz  von  Assisi  ergangen,  und  es  ist  keine  Legende,  sondern 
Wahrheit,  daft  die  Mutter,  weil  der  Vater  auf  Geschaftsreisen  in 
Frankreich  war,  dieses  auch  ausfiihren  konnte,  so  daft  die  Geburt  des 
Franz  von  Assisi  sichtatsachlich  im  Stalle  und  auf  Stroh  vollzogen  hat. 

Und  auch  das  andere  ist  wahr:  In  den  keineswegs  so  bevolkerten 
Ort  kam,  nachdem  das  Kind  einige  Zeit  alt  war,  ein  sonderbarer 
Mensch,  ein  Mann,  der  niemals  vorher  gesehen  worden  war  und  nie- 
mals  spater  in  dem  Orte  wiedergesehen  wurde.  Er  zog  wiederholt 
durch  die  Straften  und  sagte:  Ein  wichtiger  Mensch  ist  in  dieser  Stadt 


geboren  worden.  In  jener  Zeit  haben  die  Leute,  die  noch  ein  gutes 
visionares  Leben  fiihren  konnten,  auch  Glocken  lauten  gehort  wah- 
rend  der  Geburt  des  Franz  von  Assisi. 

Eine  ganze  Reihe  von  Erscheinungen  konnte  noch  angefuhrt  wer- 
den.  Wir  begniigen  uns  aber  mit  diesen,  die  nur  dazu  angefuhrt  wer- 
den,  um  zu  zeigen,  wie  bedeutsam  alles  aus  der  geistigen  Welt  heraus 
konzentriert  war  gegeniiber  der  Erscheinung  einer  einzelnen  Person- 
lichkeit  der  damaligen  Zeit.  Besonders  interessant  wird  uns  das  alles, 
wenn  wir  noch  etwas  anderes  betrachten.  Die  Mutter  hatte  den  be- 
sonderen  Gedanken:  Johannes  soil  das  Kind  heiften.  Daher  wurde  ihm 
auch  der  Name  Johannes  beigelegt.  Erst  als  der  Vater  von  Frankreich 
zuriickkam,  gab  er,  aus  seiner  Gesinnung  heraus,  weil  er  gute  Ge- 
schafte  dort  gemacht  hatte,  seinem  Sohn  den  Namen  Franziskus.  Ur- 
spninglich  hieft  das  Kind  aber  Johannes. 

Nun  brauchen  wir  nur  einzelnes  hervorzuheben  aus  dem  Leben 
dieses  sonderbaren  Menschen,  vor  alien  Dingen  seine  Jugendzeit.  Was 
tritt  uns  in  Franz  von  Assisi  fur  ein  Mensch  entgegen,  wenn  wir  ihn 
als  Knaben  betrachten  ?  Es  tritt  uns,  wie  uns  das  bei  den  vielen  Volker- 
mischungen  nach  den  Einwanderungen  von  Norden  her  nicht  aufzu- 
f  alien  braucht,  ein  Mensch  entgegen,  der  sich  ausnimmt  wie  ein  Nach- 
komme  des  alten  germanischen  Rittertums.  Tapfer,  kriegerisch,  von 
dem  Ideale  erfiillt,  mit  den  Kriegswaffen  Ruhm  und  Ehre  zu  erwer- 
ben,  das  war  es,  was  sich  wie  ein  Erbstuck  bei  ihm  ergab,  was  wie 
eine  Rasseneigenschaft  in  der  einzelnen  Personlichkeit  des  Franz  von 
Assisi  vorhanden  war.  Mehr  aufterlich,  mochte  man  sagen,  treten  bei 
ihm  diejenigen  Eigenschaften  auf,  die  in  einer  mehr  seelischen,  herz- 
haften  Art  im  alten  Germanentum  da  waren;  denn  nichts  anderes 
wurde  da  Franz  von  Assisi  als  das,  was  man  einen  Verschwender 
nennt.  Verschwenderisch  verfuhr  er  mit  den  reichen  Giitern  des 
Vaters,  des  damaligen  reichen  Handelsherrn.  Wohin  er  ging,  die 
Giiter,  die  Friichte  der  Arbeit  seines  Vaters,  verschwendete  er  reich- 
lich.  Er  hatte  alle  Hande  voll  iibrig  fur  alle  seine  Kameraden  und 
seine  Spielgenossen.  Kein  Wunder,  daft  er  bei  den  kindlichen  Kriegs- 
ziigen  von  seinen  Kameraden  immer  zum  Anfiihrer  gewahlt  wurde 
und  daft  er  dann  so  heranwuchs,  daft  man  in  ihm  etwas  sah  wie  einen 


richtigen  kriegerischen  Knaben.  Als  solcher  war  er  auch  in  der  ganzen 
Stadt  bekannt.  Zwischen  den  Knaben  der  Ortschaften  Assisi  und 
Perugia  gab  es  allerlei  Streitigkeiten.  Daran  nahm  er  nun  auch  Anteil, 
und  es  ereignete  sich,  daft  er  mit  seinen  Kameraden  gefangen  ge- 
nommen  und  gefangen  gehalten  wurde.  Er  war  es  nun,  der  nicht  nur 
die  Gefangenschaft  ritterlich  ertrug,  sondern  auch  alle  anderen  auf- 
munterte,  auszuhalten  in  ritterlicher  Weise,  bis  sie  nach  einem  Jahre 
wieder  nach  Hause  gehen  konnten.  Und  als  ein  im  Dienste  der  Ritter- 
lichkeit  notwendiger  Kriegszug  gegen  Neapel  unternommen  werden 
sollte,  da  ereignete  es  sich,  dafi  diesem  jungen  Menschen  eine  Traum- 
vision  erschien.  Er  sah  einen  grofien  Palast.  Darinnen  waren  iiberall 
Schilder  und  Waffen.  Er  sah  etwas  von  einem  Gebaude,  in  welchem 
iiberall  Stiicke  von  Waffen  aufbewahrt  waren.  Diesen  Traum  hatte 
er,  der  nur  allerlei  Tuche  im  Geschafte  und  im  Hause  seines  Vaters 
gesehen  hatte.  Er  sagte  sich  daher:  Das  ist  die  Aufforderung  an  dich, 
ein  Kriegsmann  zu  werden!  und  er  entschlofi  sich  daraufhin,  sich 
dem  Kriegszuge  gegen  Neapel  anzuschliefien.  Schon  auf  dem  Hin- 
wege,  und  noch  mehr  als  er  sich  dem  Kriegszuge  angeschlossen  hatte, 
bekam  er  spirituelle  Eindriicke,  spirituelle  Impressionen.  Er  horte 
etwas  wie  eine  Stimme,  die  sprach:  Nun  gehe  nicht  weiter,  du  hast 
das  fiir  dich  bedeutsame  Traumbild  falsch  gedeutet.  Gehe  zuriick 
nach  Assisi,  und  du  wirst  vernehmen,  wie  du  es  richtig  zu  deuten  hast. 

Er  folgte  diesen  Worten,  ging  zuriick  nach  Assisi,  und  siehe  da,  er 
hatte  etwas  wie  ein  inneres  Zwiegesprach  mit  einem  Wesen,  das  spi- 
rituell  zu  ihm  sprach  und  ihm  sagte:  Nicht  im  aufteren  Dienst  hast 
du  zu  suchen  deine  Ritterschaft.  Du  bist  bestimmt,  alle  Krafte,  welche 
du  anwenden  kannst,  umzugestalten  zu  Kraften  des  Seelischen,  urn- 
zugestalten  als  Waffen,  die  du  seelisch  gebrauchen  sollst.  Alle  Waffen, 
die  dir  erschienen  sind  im  Palaste,  bedeuten  dir  seelisch-geistige  Waf- 
fen des  Erbarmens,  des  Mitleids  und  der  Liebe.  Alle  Schilder  bedeuten 
dir  die  Vernunft,  die  du  anzuwenden  hast,  um  festzustehen  gegeniiber 
den  Miihsalen  eines  in  Erbarmen,  Mitleid  und  Liebe  zugebrachten 
Lebens.  —  Nachher  folgte  eine  kurze,  wenn  auch  nicht  ungefahrliche 
Krankheit,  von  der  er  aber  genas.  Danach  ergab  sich  fiir  ihn  etwas 
wie  eine  Riickschau  auf  das  ganze  friihere  Leben,  in  der  er  mehrere 


Tage  lebte.  Wie  umgeschmiedet  war  der  ganze  Rittersmann,  der  in 
seinen  kiihnsten  Traumen  sich  nur  danach  gesehnt  hatte,  ein  Kriegs- 
held  zu  werden,  zu  einem  Marine,  der  nun  alle  moralischen  Impulse 
des  Erbarmens,  des  Mitleids  und  der  Liebe  bis  in  das  letzte  hinein  suchte. 
AlleKrafte,  die  er  imDienste  des  physischen  Planes  verwenden  wollte, 
waren  umgewandelt  zu  moralischen  Impulsen  des  inneren  Lebens. 

Da  sehen  wir,  wie  gewissermaften  in  einer  einzelnen  Personlichkeit 
ein  moralischer  Impuls  ausgelost  wird.  Es  ist  nicht  bedeutungslos, 
dafi  wir  gerade  einen  grofien  moralischen  Impuls  betrachten,  denn 
wenn  auch  der  einzelne  nicht  immer  zu  den  hochsten  Hohen  der 
moralischen  Impulse  sich  aufschwingen  kann,  lernen  kann  man  von 
ihnen  doch  nur  da,  wo  die  Impulse  sich  radikal  aussprechen  und  wo 
wir  sie  wirken  sehen  in  ihrer  grolken  Macht.  Gerade  wenn  wir  unsere 
Aufmerksamkeit  richten  auf  das  Radikale,  und  das  Kleine  in  dem 
Lichte  betrachten,  das  uns  aus  dem  Radikalen,  dem  Groften  erscheint, 
kommen  wir  zu  einer  richtigen  Anschauung  liber  die  moralischen 
Impulse  des  Lebens. 

Aber,  was  ist  nun  mit  Franz  von  Assisi  geschehen?  Es  ist  unnotig, 
die  Kampfe  auseinanderzusetzen,  die  er  mit  seinem  Vater  gehabt  hat, 
als  er  zu  einer  ganz  anderen  Art,  zu  einer  ganz  anderen  Methode  der 
Verschwendung  iiberging.  Die  Verschwendung,  bei  der  auch  das  Haus 
des  Vaters  zur  Geltung  kam,  weil  es  durch  diese  Verschwendung  des 
Sohnes  zur  Beriihmtheit  und  zum  Ansehen  gekommen  war,  die  ver- 
stand  der  Vater  noch;  nicht  aber  verstand  er,  daft  der  Sohn  nach 
seiner  Umwandlung  seine  besten  Kleider  von  sich  warf  bis  auf  das 
Notwendigste  und  sie  dem  gab,  der  sie  brauchte.  Er  konnte  es  nicht 
begreifen,  als  seinen  Sohn  die  Anwandlung  iiberkam,  in  der  er  sich 
sagte:  Merkwurdig,  wie  wenig  geachtet  diejenigen  sind,  durch  welche 
die  christlichen  Impulse  im  Abendlande  so  Grofies  erhalten  haben. 
Danach  pilgerte  Franz  von  Assisi  nach  Rom  und  eine  grofie  Summe 
Geldes  legte  er  nieder  an  den  Grabern  der  Apostel  Petrus  und  Paulus. 
Diese  Dinge  verstand  der  Vater  nicht.  Ich  brauche  nicht  zu  schildern 
die  Kampfe,  die  es  da  gab,  ich  brauche  nur  anzudeuten,  daft  sich  fur 
Franz  von  Assisi  darin  zusammengedrangt  haben  die  ganzen  mora- 
lischen Impulse.  Die  so  zusammengedrangten  Impulse  hatten  dann  in 


Seelisches  umgewandelt  die  Tapferkeit.  Sie  hatten  sich  so  entwickelt, 
daft  sie  eine  besondere  Verstarkung  erfuhren  in  den  Meditationen 
und  ihm  erschienen  als  das  Kreuz  mit  dem  Crucif  ixus  daran.  In  diesen 
Zustanden  fiihlte  er  eine  innere,  personliche  Beziehung  zu  dem 
Kreuze  und  zu  dem  Christus,  und  davon  kamen  ihm  dann  die  Krafte, 
durch  die  er  so  ins  Unermefiliche  steigern  konnte  die  moralischen 
Impulse,  die  ihn  jetzt  durchstromten. 

Eine  merkwiirdige  Verwertung  fand  er  fur  das,  was  jetzt  in  ihm 
sich  entwickelte.  In  der  damaligen  Zeit  waren  namlich  die  Schrecken 
des  Aussatzes  tatsachlich  iiber  viele  europaische  Lander  hereinge- 
brochen.  Das  aufiere  Kirchenbekenntnis  fand  fur  diese  Aussatzigen, 
die  damals  so  zahlreich  waren,  eine  merkwiirdige  Art  von  Heilungs- 
prozeft.  Es  liefi  namlich  der  Priester  diese  Aussatzigen  zu  sich  kom- 
men  und  sagte  dann  zu  ihnen:  Du  bist  nun  einmal  mit  dieser  Krank- 
heit  geschlagen  in  diesem  Leben;  aber  gerade  dadurch,  dafi  du  jetzt 
fiir  das  Leben  verloren  bist,  bist  du  fur  Gott  gewonnen,  du  bist  gott- 
geweiht.  Dann  aber  wurde  er  hinausgeschickt  in  von  Menschen  ent- 
fernte  Statten,  wo  er  in  der  angedeuteten  Weise  einsam  und  verlassen 
sein  Leben  beschliefien  muftte. 

Ich  will  keinen  Tadel  aussprechen  iiber  diese  Kur.  Man  wufite  keine 
andere,  keine  bessere.  Aber  Franz  von  Assisi  wuftte  eine  bessere.  Und 
aus  diesem  Grunde  wird  es  erwahnt,  weil  es  uns  aus  den  unmittelbaren 
Erfahrungen  heraus  leiten  wird  zu  den  moralischen  Quellen.  Sie  wer- 
den  schon  sehen  in  den  nachsten  Tagen,  warum  wir  diese  Dinge 
durchnehmen.  Nun,  sie  fuhrten  Franz  von  Assisi  gerade  dazu,  alle 
die  Aussatzigen  iiber  all  aufzusuchen,  nichts  zu  scheuen  im  Umgang 
mit  diesen  Leuten.  Und  tatsachlich,  was  nichts  von  all  den  Mitteln 
der  damaligen  Zeit  heilen  konnte,  was  notwendig  machte,  dafl  man 
die  Leute  aus  der  menschlichen  Gesellschaft  ausstiefi,  das  heilte  in 
zahlreichen  Fallen  Franz  von  Assisi,  weil  er  sich  an  diese  Leute  heran- 
machte,  allerdings  mit  den  Kraften,  die  er  hatte  in  seinen  moralischen 
Impulsen,  die  ihn  vor  nichts  zuriickschrecken  liefien,  ihm  vielmehr 
den  Mut  gaben,  nicht  nur  sorgfaltig  zu  reinigen  die  einzelnen  wunden 
Stellen,  die  an  solchen  Menschen  vorhanden  waren,  sondern  mit  den 
letzteren  zu  leben,  sie  intensiv  zu  pflegen,  ja  sie  zu  kiissen  und  sie  zu 


durchstromen  mit  seiner  Liebe.  —  Es  ist  nicht  blofi  eine  Dichtung,  wie 
die  Heilung  des  arm  en  Heinrich  durch  die  Tochter  des  treuen  Dieners; 
es  ist  damit  ausgedriickt,  was  in  der  damaligen  Zeit  in  zahlreichen 
Fallen  geschehen  ist  durch  die  historisch  wohlbekannte  Personlichkeit 
des  Franz  von  Assisi.  Und  legen  Sie  sich  zurecht  dasjenige,  was  da 
geschehen  ist.  Geschehen  ist,  da£  in  einem  Menschen  wie  Franz  von 
Assisi  vorhanden  war  ein  ungeheurer  Fonds  psychischen  Lebens  als 
etwas,  was  wir  gefunden  haben  in  der  alten  europaischen  Bevolkerung 
als  Starkmut  und  Tapferkeit,  die  sich  umgewandelt  haben  in  Geistig- 
Seelisches  und  die  hinterher  geistig-seelisch  gewirkt  haben.  Wie  in 
den  alten  Zeiten  das,  was  da  gewirkt  hatte  als  Groftmut  und  Tapfer- 
keit, zur  personlichen  Verschwendung  gefiihrt  hatte  und  sich  noch 
bei  Franz  von  Assisi  in  seiner  jugendlichen  Verschwendungssucht 
zeigte,  so  fiihrte  es  ihn  jetzt  dazu,  dafi  er  ein  Verschwender  an  mora- 
lischen  Kraften  wurde.  Er  strotzte  von  moralischer  Kraft,  und  es  ging 
in  der  Tat  iiber  dasjenige,  was  er  in  sich  hatte,  auf  diejenigen,  denen 
er  seine  Liebe  zuwandte. 

Fiihlen  Sie  ganz,  daft  darin  eine  Realitat  ist,  eine  ebensolche  Reali- 
tat, wie  sie  in  der  Luft  ist,  die  wir  einatmen  und  ohne  die  wir  nicht 
leben  konnen,  Eine  ebensolche  Realitat  ist  es,  was  durch  alle  Glieder 
des  Franz  von  Assisi  und  von  da  in  alle  Herzen  stromte,  denen  er  sich 
widmete,  denn  Franz  von  Assisi  verschwendete  eine  Fiille  von  Kraf- 
ten, die  von  ihm  ausstromten.  Und  es  ist  dieses  etwas,  was  in  das 
ganze,  reife  Leben  von  Europa  ein-  und  zusammengestromt  ist,  was 
sich  in  Seelisches  verwandelt  hat  und  so  gleichsam  gewirkt  hat  in  der 
Wirklichkeit  draufien. 

Versuchen  Sie  iiber  diese  Tatsachen,  die  vielleicht  zunachst  schein- 
bar  nichts  mit  den  aktuellen  moralischen  Fragen  zu  tun  haben,  nach- 
zudenken.  Versuchen  Sie  zu  erfassen,  was  in  dem  liegt,  was  indische 
Andacht  und  nordischer  Starkmut  ist.  Versuchen  Sie  die  Heilwirkung 
solcher  moralischen  Krafte,  die  von  Franz  von  Assisi  angewendet 
wurden,  einmal  zu  iiberdenken.  Dann  werden  wir  morgen  sprechen 
konnen  iiber  das,  was  reale  moralische  Impulse  sind,  und  wir  werden 
sehen,  dafi  es  nicht  nur  Worte,  sondern  Realitaten  sind,  die  in  der 
Seele  schaffen  und  Moral  begriinden. 


ZWEITER  VORTRAG 
Norrkoping,  29.  Mai  1912 


Ich  habe  bereits  gestern  bemerkt,  daft  dasjenige,  was  hier  wird  zu 
sagen  sein  iiber  theosophische  moralische  Grundsatze  und  Impulse, 
gestiitzt  werden  soil  auf  Tatsachen,  und  deshalb  war  es,  daft  wir  ver- 
sucht  haben,  einige  Tatsachen  vor  uns  hinzustellen,  welche  im  emi- 
nenten  Sinne  moralische  Impulse  zeigen  konnen. 

Es  war  wohl  am  auffallendsten,  am  einleuchtendsten,  daft  bei  einer 
solchen  Personlichkeit  wie  Franz  von  Assisi  starke,  gewaltige  mora- 
lische Impulse  gewirkt  haben  miissen,  damit  diese  Personlichkeit  hat 
zu  ihren  Taten  gelangen  konnen.  Denn  was  sind  das  fur  Taten,  meine 
lieben  theosophischen  Freunde?  Es  sind  das  bei  Franz  von  Assisi 
Taten,  welche  das  Moralische  im  allerhochsten  Sinne  des  Wortes 
zeigen.  Umgeben  war  zunachst  Franz  von  Assisi  von  Menschen  mit 
sehr  schweren  Krankheiten,  fiir  welche  die  iibrige  Welt  dazumal  keine 
Hilfe  hatte.  Bei  ihm  wirkten  seine  moralischen  Impulse  nicht  nur  so, 
daft  viele  von  diesen  schwer  Kranken  in  ihrer  Seele  eine  moralische 
Stiitze,  einen  groften  Trost  hatten.  Das  war  gewift  fiir  viele  allein  zu 
erreichen.  Aber  es  war  fiir  manche  immerhin  auch  zu  erreichen,  daft 
die  moralischen  Impulse,  die  moralischen  Krafte, 
…[truncated]