Document text
RUDOLF STEINER GE SAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Christus und die menschliche Seele
Uber den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
10 Vortrage, gehalten in
Kopenhagen und Norrkoping
vom 23. bis 30. Mai 1912 und 12. bis 16. Juli 1914
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/ SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 2. Auflage besorgten
Paul G. Bellmann, Johannes Hauri und Margrith Zemann
1. Aufl age in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1960
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1982
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 155
Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1550-9
*Lu den Verbffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchlufS des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
OBER DEN SINN DES LEBENS
ErsterVortrag, Kopenhagen, 23. Mai 1912
Die Frage nach dem Sinn des Daseins. Entstehen und Vergehen in der
Natur und im Menschenleben, Die hebraische Legende von der Erschaf-
fung des Menschen. Buddhas Leidenslehre. Die Erde als Leib geistiger
Wesenheiten und der Zusammenhang des Menschen mit seiner Erden-
umgebung. Die orientalischen Weltanschauungen bauen auf die durch
viele Inkarnationen wandelnde Individualitat, auf die Bodhisattvas, die
abendlandische Kultur baut auf die Personlichkeit. Die Hinzufugung des
Individuellen zum Personlichen durch die Geisteswissenschaft. Elias,
Johannes der Taufer und Raffael: in ihnen lebt dieselbe Individualitat als
Verkiinder des Christus-Impulses. Raffaels Gemalde. Der Einflufi seines
friih verstorbenen Vaters auf seine kunstlerische Entwickelung. Die Wie-
derverkorperung Raffaels in Novalis.
ZweiterVortrag, Kopenhagen, 24. Mai 1912
Entstehen und Vergehen zahlloser Lebenskeime, die nicht zur Entwicke-
lungsreife gelangen. Das Reich unermefilicher Visionsmoglichkeiten und
das Finden derjenigen Bilder, die wirklich eine geistige Realitat zum Aus-
druck bringen, durch das Sich-Erheben zur Inspiration. Wie diese visiona-
re Welt sich verbinden mufi mit der Welt draufien, damit die Entwicke-
lung des Tier- und Pflanzenreiches vorwartsschreken kann. Der Mensch
als Mitakteur irh Weltprozefi. Das gottliche Bewufitsein. Die fortschrei-
tende Erdenkultur und der Christus-Impuls. Die Menschenseele als der
Schauplatz, wo Gotterziele erreicht werden sollen.
THEOSOPHISCHE MORAL
E rster V ortrag , Norrkoping ,28. Mai 1912
Instinktive Moral und moralische Prinzipien. Schopenhauers Ausspruch:
Moral predigen ist leicht, Moral begriinden schwer. Hinfuhrung zu den
Quellen der moralischen Impulse. Indische Andacht und nordischer
Starkmut. Die neuen moralischen Impulse des funften nachatlantischen
Kulturzeitraumes. «Der arme Heinrich* des Hartmann von Aue. Das mo-
ralische Wirken des Franz von Assisi. Jugendliche Verschwendungssucht
und Verschwendung moralischer Krafte. Die Heilwirkung moralischer
Impulse.
ZweiterVortrag, Norrkoping, 29. Mai 1912
Die Kasten-Einteilung der Inder und die Stande-Gliederung der europai-
schen Bevolkerung. Ursache der Unmoralitat der unteren Schichten der
europiiischen Volker. Strengste Geheimhaltung des Weisheitsgutes in
den europiiischen Mysterien. Unterschied 2wischen Rassenentwickelung
und Seelenentwickelung. Das Aussterben der unteren europiiischen Be-
volkerungsschichten. Verwesungsdamonen und Aussatz. Die kolchischen
Mysterien am Schwarzen Meer: Buddha-Impuls und Christus-Impuls.
Franz von Assisi als Schiiler dieser Geheimschule in einer fruheren Inkar-
nation. Das Wirken des Christus-Impulses in Franz von Assisi als Ur-
sprung seiner moralischen Kraft. Uber die physische Vorfahrenschaft der
Apostel. Die Moralitat im Menschen ist ein urspriinglich gottliches Ge-
schenk. Unmorahtat als Folge geistiger Verirrungen und ihre Wiedergut-
machung. Die Tugenden in der Lehre Platos.
DritterVortrag, Norrkoping, 30. Mai 1912 107
Das zerstorende Bose in der Menschheitsevolution. Das richtige Verhal-
ten gegeniiber dem Bosen durch die Herstellung des Gleichgewichtes
zwischen den beiden Abirrungen der Selbstaufgabe und des Egoismus.
Die alten instinktiven und die neu zu erringenden Tugenden. Die Tu-
gend der Empfindungsseele: Instinktive Weisheit wird durch den
Christus-Impuls umgewandelt in bewufite Wahrhaftigkeit; die Tugend
der Verstandes- oder Gemiitsseele: Starkmut, Tapferkeit wird in Lie be
umgewandelt; die Tugend der Bewufitseinsseele: instinktive Miifiigkeit,
Besonnenheit wird Lebensweisheit. Das Zusammenwirken der morali-
schen Impulse mit dem Christus-Impuls in der zukunftigen Menschheits-
evolution. Die zukunftigen Hiillen des Christus-Impulses: die Bildung
des Astralleibes des Christus durch die Taten des Glaubens und Erstau-
nens, des Atherleibes durch die Taten der Liebe, des physischen Leibes
durch die Taten des Gewissens.
CHRISTUS UND DIE MENSCHLICHE SEELE
ErsterVortrag, Norrkoping, 12. Juli 1914 141
Die zwei Zielpunkte der menschlichen Seelenentwickelung auf Erden:
der freie Wille und die Erfassung des Gottlichen. Die beiden damit in
Zusammenhang stehenden religiosen Gaben: Siindenfall und Versu-
chung und das Mysterium von Golgatha. Die vorbereitende Stimmung der
Menschenseele fur die Aufnahme der Christus-Wesenheit. Der Grund-
charakter des Alten Testamentes: Wille; der heidnischen Mysterien:
Weisheit. Die Verfinsterung der Seele und die Forderung zum «Erkenne
dich selbst*. Der Sinn der Unsterblichkeit und das Hindurchtragen der
Individualist durch Bewufitheit und Liebe. Die tJberwindung des Todes
im Mysterium von Golgatha. Uber «christliche» Gegner der Anthropo-
sophie.
ZweiterVortrag, Norrkoping, 14. Juli 1914
161
Das Vertrauen in die fortdauernde Wirklichkeit der Weltenordnung und
das Unsichere unserer Ideale. Durch den Christus wird das, was der
Mensch auf Erden als Weisheit erringt, nicht nur Keim seines eigenen
Fortschreitens, sondern Saat fiiir die ganze Menschhek, wenn der Mensch
den Christus im Leben in sich aufgenommen hat. Alle seine Ideale, die er
dem Christus ubergibt, sind Keime fur die zukunftige Realitat. Das hat
auch schon fur die Ideale auf Erden Giiltigkeit, insbesondere aber nach
dem Tode. Das Beispiel Christian Morgensterns und Maria Strauch-
Spettinis.
DritterVortrag, Norrkoping, 15. Juli 1914 176
Uber die Siindenvergebung durch den Christus. Siinde und Schuld als
individuelle Tatsache und als objektive Weltentatsache. Die iiberirdische
Christus-Kraft. Tilgung der Schuld durch das Mysterium von Golgatha
fiir die Erdenentwickelung.
VierterVortrag, Norrkoping, 16. Juli 1914 195
Wahrheit als Lebenskraft und als Erkenntniskraft. Warum mufite Chri-
stus todverwandt werden? Die phantomartige Ausstrahlung des Men-
schen. Wiederbelebung des Toten durch das Hereindringen des Christus.
Die Verbindung des Christus mit unseren Erdenresten. Christus, der
Sundentrager. Die Bekraftigung des Verhaltnisses der Seele zum Christus
durch die Siindenvergebung.
Die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft. Anwendung naturwissen-
schaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben. Der Mensch als Instru-
ment der Geistesforschung. Vorbereitungen zur Geistesforschung. Ab-
sonderung des Geistig-Seelischen vom Leiblichen. Das Sich-Erleben aufler-
halb des Leibes. Das Sichverbinden mit geistigen Wesenheiten. Das Ken-
nenlernen des eigenen seelischen Wesenskernes, der durch wiederholte
Erdenleben geht. Die Erforschung der Menschheits- und Schicksals-
fragen. Die Geisteswissenschaft als Instrument zu einem tieferen Verste-
hen des Christentums. Die Vereinigung des kosmischen Christus-
Wesens mit der Erdenmenschheit im Mysterium von Golgatha. Das My-
sterium von Golgatha als Mittelpunktsereignis des Erdendaseins.
Hinweise / Namenregister 243/249
Rudolf Steiner iiber die Vortragnachschriften 251
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 253
ANTHROPOSOPHIE UND CHRISTENTUM
OffentlicherVortrag, Norrkoping, 13. Juli 1914
215
OBER DEN SINN DES LEBENS
ERSTER VORTRAG
Kopenhagen, 23. Mai 1912
In diesen beiden Abendbetrachtungen mochte ich zu Ihnen sprechen,
von dem Gesichtspunkte der okkulten Forschung aus, iiber eine oft-
mals und eindringlich von den Menschen hingestellte Frage, iiber die
Frage: "Was ist der Sinn des Lebens? Nun werden wir, wenn wir uns
an diesen beiden Abenden in unseren Betrachtungen nahern wollen
dem, was gesagt werden kann iiber diesen Sinn des Lebens, uns heute
erst eine Art von Grundlage, eine Art von Basis schaffen miissen, auf
die wir dann sozusagen das Gebaude von Erkenntnissen aufbauen
werden, die, wenn auch kurz und skizzenhaft, uns doch eine Antwort
geben konnen auf die gestellte Frage.
"Wenn der Mensch zunachst fur seine Sinneserkenntnis und fur sein
gewohnliches Leben an sich vortibergehen lafit dasjenige, was ihn um-
gibt, was er beobachten kann, und wenn er dann auch einen Blick auf
das eigene Leben wirft, so kommt eigentlich nicht viel mehr dabei
zustande als hochstens eben eine Fragestellung, eine schwere, bange
Ratselfrage. Da sieht der Mensch dann entstehen und vergehen die
Wesenheiten der aufieren Natur. Er kann ja das jedes Jahr betrachten,
wie im Friihling die Erde ihm schenkt, aufgefordert von den Kraften
der Sonne und des Kosmos, die Pflanzenwesen, die da griinen und
spriefien und ihre Fruchte tragen den Sommer hindurch. Gegen den
Herbst zu, da sieht der Mensch weiter, wie diese "Wesenheiten wieder
vergehen. Einige bleiben zwar durch Jahre hindurch, zuweilen sogar
recht, recht lange Jahre, wie zum Beispiel unsere lang andauernden
Baume. Aber auch von ihnen weifi der Mensch, dafi, wenn sie ihn auch
manchmal iiberdauern in ihrer Lebenszeit, sie doch vergehen, ver-
schwinden, hinuntersinken in das, was in der groften Natur das Gebiet
des Leblosen ausmacht. Insbesondere weifi er, wie, bis in die allergrofi-
ten Tatsachen des Naturgeschehens hinein, iiberall Entstehen und Ver-
gehen herrscht, und selbst die Kontinente, die heute den Boden bilden,
auf dem sich ausbreiten die Kulturentwickelungen, sie waren, wir
wissen das, zu gewissen Zeiten nicht da. Sie haben sich erst im Laufe
der Zeit erhoben, und wir wissen genau, daft sie auch wieder in Triim-
mer gehen werden.
So sehen wir Entstehen und Vergehen um uns herum. Sie konnen
es fiir das Pflanzen- und das Mineralreich sowohl wie auch fur das
Tierreich verfolgen, dieses Entstehen und Vergehen. Was ist nun der
Sinn des Ganzen ? Immer entsteht, immer vergeht etwas um uns herum.
Was ist der Sinn dieses Entstehens und Vergehens ? Wenn wir in unser
eigenes Menschenleben hineinblicken und da sehen, wie wir die Jahre
und Jahrzehnte hindurch gelebt haben, so haben wir auch in unserem
eigenen Leben Entstehen und Vergehen gesehen. Wenn wir uns ent-
sinnen an die friihere Zeit der Jugend: dahingeschwunden ist sie, und
nur als eine Erinnerung ist sie uns geblieben. Das, was da geblieben ist,
ist im Grunde nur eine Anregung zu einer bangen Lebensfrage. Wir
fragen ja, wenn wir dieses oder jenes getan haben: Was ist daraus ge-
worden, was ist entstanden dadurch, daft wir das oder jenes getan
haben? Das Wichtigste dabei ist, daft wir selber dabei ein Stikkchen
weitergekommen sind, daft wir gescheiter geworden sind. Meist ist die
Sache aber so, daft wir erst dann, wenn die Dinge von uns gemacht
worden sind, wissen, wie sie hatten gemacht werden sollen. Dann
wissen wir, daft alles viel besser hatte gemacht werden konnen, wenn
wir nicht mehr in der Lage sind, es besser zu machen, so daft wir tat-
sachlich in unser Leben einschlieften all die Fehler, die wir machen.
Durch unsere Fehler, durch unsere Irrtiimer sammeln wir aber gerade
unsere weitgehendsten Erfahrungen.
Eine Frage stellt sich uns dar, und es scheint, als ob das, was wir
mit Sinnen erfassen und mit dem Verstande begreifen konnen, keine
Antwort darauf geben konnte. In dieser Lage sind wir Menschen
heute, daft dasjenige, was um uns herum ist, uns eine bange Lebens-
frage, namlich die Frage: Was ist der Sinn des ganzen Daseins? auf-
erlegt und namentlich auch die Frage: Warum sind wir Menschen in
dieses Dasein so hineingestellt ? Also fiir uns Menschen stellt sich zu-
nachst diese Frage vor uns hin.
Eine aufterordentlich interessante Legende des hebraischen Alter-
tums sagt uns, dafi in diesem hebraischen Altertum ein Bewulksein
vorhanden war, dafi diese bange Frage, die wir aufgeworfen haben
uber den Sinn des Lebens und namentlich iiber den Sinn des Menschen,
eigentlich nicht nur den Menschen, sondern noch ganz anderen "Wesen
aufgeht. Diese Legende ist aufierordentlich lehrreich und heifit so: Als
die Elohim daran gehen wollten, den Menschen zu schaffen nach
ihrem Bilde und Gleichnisse, da fragten die sogenannten Dienst-Engel
der Elohim, also gewisse Geister von niedrigerer Art, als die Elohim
selber sind, den Jahve oder Jehova: Warum sollen die Menschen nach
dem Bilde und Gleichnisse des Gottes geschaffen werden? Da ver-
sammelte, so geht die Legende weiter, Jahve die Tiere und die Pflan-
zen, die hervorsprieften konnten schon zu einer Zeit, bevor noch der
Mensch in seiner Erdengestalt vorhanden war, und dann versammelte
Jahve oder Jehova auch die Engel, die sogenannten Dienst-Engel, das
heifit diejenigen, die unmittelbar den Dienst bei Jahve oder Jehova
verrichteten. Er zeigte diesen nun die Tiere und auch die Pflanzen und
fragte sie, wie denn diese Pflanzen und diese Tiere heifien, was sie fiir
Namen haben. Die Engel wufiten nicht die Namen der Tiere und die
Namen der Pflanzen. Da wurde geschaffen der Mensch so, wie er war
vor dem Siindenfalle. Und wieder versammelte Jehova oder Jahve die
Engel, die Tiere und die Pflanzen und fragte darauf vor den Engeln
den Menschen, wie die Tiere, die er der Reihe nach vor dem Blicke des
Menschen vorbeigehen Hefi, hiefien, welche Namen sie hatten, und
siehe da, der Mensch konnte antworten: Dieses Tier tragt diesen Na-
men, jenes Tier jenen, diese Pflanze hat diesen Namen, jene Pflanze
hat jenen. Und dann fragte Jehova den Menschen: Welches ist dein
eigener Name? Da sagte der Mensch: Ich mufi eigentlich Adam hei$en.
— Adam hangt zusammen mit Adama und heifit: aus Erdenschlamm,
Erdenwesen; so ist Adam zu iibersetzen. — Und wie soli ich selber
heiften? fragte dann Jehova den Menschen. Du sollst heifkn Adonai,
du bist der Herr aller auf der Erde geschaffenen Wesen, antwortete
der Mensch, und die Engel hatten nun eine Ahnung, welcher Sinn
verbunden war mit dem menschlichen Dasein auf Erden.
Religiose Oberlieferungen und religiose Ausdriicke stellen die wich-
tigsten Lebensratsel oft sehr einfach dar, aber die Sache ist deshalb
doch schwierig, weil wir erst hinter ihre Einfachheit kommen mussen,
weil wir erst einsehen mussen, was dahintersteckt. Gelingt uns dies,
dann enthiillen sich uns grofie Weistiimer, dann enthiillt sich uns ein
tiefes Wissen. So wird es wohl auch bei dieser Legende sein, die wir
zunachst nur vor uns hinstellen wollen, denn die beiden Vortrage
werden uns eine Art von Antwort auf die fur uns in dieser Legende
liegenden Fragen geben.
Nun wissen Sie, dafi in einer ganz grandiosen Form eine gewisse
Religionsstrdmung die Frage nach dem Wert und Sinn des Daseins
gestellt hat, indem sie ihrem eigenen Religionsstifter in einer iiber-
waltigend grolSen Form diese Frage in den Mund legte. Sie kennen
sie alle, die Mitteilungen iiber den Buddha, welche besagen, da&, als
er aus dem Palaste, in den er hineingeboren war, hinausging und ihm
gezeigt worden sind die Ereignisse des Lebens, von denen er innerhalb
seines Palastes in der in Betracht kommenden Inkarnation noch keine
Ahnung hatte, er im tiefsten bestiirzt war iiber das Leben und das
Urteil fallte: Leben ist Leiden, das, wie wir wissen, in die vier Glieder
zerfallt: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden,
Tod ist Leiden, wozu noch hinzugefiigt wird: Vereint sein mit den-
jenigen, die man nicht liebt, ist Leiden, getrennt sein von denen, die
man liebt, ist Leiden, nicht erreichen konnen, was man anstrebt, ist
Leiden. — Dann wissen wir, dafi der Sinn des Lebens innerhalb dieser
Religionsgemeinschaft dadurch herauskommt, dafi gesagt wird: Einen
Sinn bekommt das Leben, das Leiden, nur dadurch, dafi es iiber-
wunden wird, da$ es iiber sich selbst hinausgeht.
Im Grunde genommen sind alle die verschiedenen Religionsbekennt-
nisse, auch alle Philosophien und Weltanschauungen, ein Versuch, die
Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Nun werden wir
nicht in einer philosophisch-abstrakten Weise an die Frage herangehen,
sondern einstweilen in einer Art okkulter Form uns etwas vor Augen
stellen von den Erscheinungen des Lebens, von den Tatsachen des
Lebens. Wir werden versuchen, in diese Tatsachen etwas tiefer hinein-
zuschauen, um zu sehen, ob eine tiefere okkulte Lebensbetrachtung
etwas liefert zur Beantwortung der Frage iiber den Sinn des Lebens.
Greifen wir die Sache wieder da auf, wo wir schon hingedeutet
haben auf das jahrliche Entstehen und Vergehen in der sinnenfalligen
Natur, auf das Leben, auf das Entstehen und Vergehen in der Pflan-
zenwelt. Der Mensch sieht im Friihling aus der Erde herausspriefien
die Pflanzen. Was da aus der Erde herausspriefit und sprolk, erweckt
seine Freude, erweckt seine Lust. Er wird gewahr, dafi sein ganzes
Dasein zusammenhangt mit der Pflanzenwelt, denn ohne sie konnte
er nicht da sein. So fiihlt er, wie das, was gegen den Sommer hin aus
der Erde alles herauskommt, mit seinem eigenen Leben zusammen-
hangt. Er fiihlt dann auch, daft im Herbste das, was in gewisser Weise
zu ihm gehort, wieder vergeht.
Es liegt nahe, dafi der Mensch das, was er da entstehen und ver-
gehen sieht, mit seinem eigenen Leben vergleicht. Da ist es fur eine
auftere, rein sinnenfallige und verstandesmafiige Beobachtung auch
recht naheliegend, das fruhlmgsmafiige Hervorgehen der Pflanzen aus
der Erde zu vergleichen, sagen wir, mit dem Aufwachen des Menschen
am Morgen, und das Hinwelken und Vergehen der Pflanzenwelt im
Herbste zu vergleichen mit dem Einschlafen des Menschen am Abend.
Aber ein solcher Vergleich ware ganz aufierlich. Er wurde aufier acht
lassen die eigentlichen Ereignisse, in die wir schon durch die elemen-
taren Wahrheiten des Okkultismus eindringen konnen. Was geschieht,
wenn wir des Abends einschlafen? Wir wissen, wir lassen im Bette
zuriick unseren physischen Leib und unseren Atherleib. Mit unserem
Astralleibe und unserem Ich Ziehen wir uns aus unserem physischen
Leibe und unserem Atherleibe heraus. Wir sind dann mit unserem
Astralleibe und unserem Ich wahrend der Nacht, vom Einschlafen
bis zum Aufwachen, in einer geistigen Welt. Wir holen uns aus dieser
geistigen Welt die Krafte, die wir brauchen. Aber nicht nur unser
Astralleib und unser Ich, sondern auch unser physischer Leib und unser
Atherleib machen eine Art Wiederherstellung, eine Art Regeneration
durch wahrend des nachtlichen Schlafes, wo sie gewohnlich, vom
Astralleibe und Ich getrennt, im Bette liegen.
Wenn man hellseherisch herabblickt vom Ich und dem Astralleib
auf den Ather- und physischen Leib, so sieht man, was durch unser
Tagesleben zerstort worden ist, sieht, wie das, was sich da in der Er-
miidung ausdruckt, als Zerstorung vorhanden ist und wahrend der
Nacht wiederhergestellt wird. In der Tat, das ganze bewulke Leben
des Tages, wenn wir es ins Auge fassen in seinem Zusammenhang mit
dem menschlichen BewuBtsein und in seinem Verhaltnis zum physi-
schen und Atherleib, ist eine Art Zerstorungsprozefi fiir den physischen
und Atherleib. Wir zerstoren damit immer etwas, und die Tatsache,
daft wir zerstoren, driickt sich in der Ermiidung aus. Das Zerstorte
wird in der Nacht dann wiederhergestellt.
Wenn man nun hinschaut auf das, was da geschieht, wenn wir uns
mit dem Astralleibe und Ich herausgehoben haben aus dem Ather- und
physischen Leibe, dann ist es so, wie wenn wir ein verwustetes Feld
zuriickgelassen hatten. In dem Augenblicke aber, wo wir draufien sind
aus dem physischen und Atherleibe, fangt es an, sich nach und nach
wiederherzustellen. Da ist es so, wie wenn die Krafte, die dem phy-
sischen und Atherleibe angehoren, anfangen wtirden zu bluhen und zu
sprossen, wie wenn eine ganze Vegetation auf dem Grunde der Zer-
storung sich erheben wiirde. Je weiter es in die Nacht hineingeht, je
langer der Schlaf dauert, desto mehr sprofit und spriest es da im
Atherleibe auf. Je mehr es gegen den Morgen zu geht, je mehr wir mit
unserem Astralleibe wieder hineingehen in den physischen und Ather-
leib, desto mehr beginnt wieder mit dem physischen und Atherleibe
eine Art Verwelken, eine Art Verdorren.
Kurz, wenn das Ich und der Astralleib am Abend beim Einschlafen
des Menschen aus der geistigen Welt herabschauen auf den physischen
und Atherleib, dann sehen sie dieselbe Erscheinung, wie man sie in
der grofSen Welt draufien sieht, wenn die Pflanzen sprossen und sprie-
f?en im Friihlinge. Wir mussen daher, wenn wir innerlich vergleichen,
unser Einschlafen und den Beginn des Schlafzustandes in der Nacht
in Wahrheit vergleichen mit dem Fruhling in der Natur, und die Zeit
des Aufwachens, die Zeit des Wiederhineinlebens des Ichs und des
astralischen Leibes in den physischen und Atherleib vergleichen mit
dem, was der Herbst drauften in der Natur ist. Vergleichen wir so, dann
vergleichen wir richtig, nicht aber, wenn wir in umgekehrter Weise
vergleichen. Umgekehrt vergleichen wir aulSerlich. In uns selbst ent-
spricht der Fruhling dem Einschlafen und der Herbst dem Aufwachen.
Wie stellt sich nun die Sache dar, wenn der okkulte Beobachter,
derjenige, der wirklich in die geistige Welt sehen kann, den Blick
richtet auf die auftere Natur, wie sie verlauft im Laufe des Jahres?
Was sich fur einen solchen okkulten Blick ergibt, das lehrt uns, dafi
wir nicht aufierlich, sondern innerlich vergleichen miissen. Was uns
die okkulte Beobachtung zeigt, das lehrt uns, dafi ebenso, wie mit dem
physischen und Atherleibe des Menschen verbunden sind der Astral-
leib und das Ich, mit der Erde verbunden ist dasjenige, was wir das
Geistige der Erde nennen. Die Erde ist gleichsam auch ein Leib, ein
weit ausgedehnter Leib. Wenn wir sie nur betrachten in bezug auf ihr
Physisches, so ist das so, wie wenn wir den Menschen nur in bezug
auf das Physische betrachten wiirden. Vollstandig betrachten wir die
Erde, wenn wir sie betrachten als den Leib von geistigen Wesenheiten,
in derselben Weise, wie wir auch beim Menschen den Geist als zu dem
Leibe gehorig betrachten. Ein Unterschied ist jedoch da. Der Mensch
hat ein einheitliches Wesen, das seinen physischen und atheri-
schen Leib beherrscht. Ein einheitliches Seelisch-Geistiges entspricht
dem, was physischer Menschenleib und atherischer Menschenleib
ist. Viele Geister zunachst entsprechen aber dem Erdenleibe. Was
also beim Menschen eine Einheit ist mit Bezug auf das Geistig-
Seelische, bei der Erde ist es eine Vielheit. Das ist der nachste Unter-
schied.
Wenn wir diesen Unterschied hinnehmen, dann ist gleich darauf
alles tibrige in gewisser Beziehung ahnlich. Fur den okkulten Blick
zeigt es sich im Friihling so, dafi in demselben Mafie, in dem die Pf lan-
zen aus der Erde herauskommen, in dem das Griin hervorspriefit, die-
jenigen Geister, die wir als die Erdengeister bezeichnen, von der Erde
fortgehen. Nur ist es dabei wieder so, dafi sie nicht wie beim Menschen
absolut fortgehen, sondern sie lagern sich in gewisser Weise in der Erde
um, sie gehen auf die andere Seite der Erde. Wenn auf der einen Halb-
kugel der Erde Sommer ist, ist auf der anderen Winter. Bei der Erde
geschieht das so, dafi dasjenige, was ihr Geistig-Seelisches ist, von der
nordlichen Halbkugel zur siidlichen bewegt wird, wenn auf der nord-
lichen Halbkugel Sommer wird. Das andert daran nichts, daft der
okkulte Blick fur den Menschen, der auf irgendeinem Teil der Erde
den Friihling erlebt, sieht, daft die Geister der Erde fortgehen. Er sieht,
wie sie sich erheben und hinausgehen ins weite Weltall. Er sieht sie
nicht hiniibergehen, sondern fortgehen, ebenso wie er, wenn der
Mensch e'mschl'Ht, das Ich mit dem Astralleibe fortgehen sieht. Und
ebenso sieht der Hellseher fortgehen die Geister der Erde von dem,
womit sie verbunden waren. Wahrend des Winters, als die Erde mit
Eis und Schnee bedeckt war, da waren die Krafte eben mit der Erde
in Verbindung. Das Umgekehrte ist der Fall im Herbste. Da sieht der
okkulte Blick herankommen die Erdengeister, sieht, wie sie sich wieder
mit der Erde verbinden. Und in der Tat tritt dann fiir die Erde etwas
Ahnliches ein wie beim Menschen: eine Art Selbstbewufksein. Wah-
rend des Sommers weift der geistige Teil der Erde nichts von dem, was
um ihn herum im Weltall vorgeht. Aber im Winter weifi der Geist der
Erde, was im Weltall rings um ihn vorgeht, so wie der Mensch, wenn
er aufwacht, dasjenige weifi und schaut, was um ihn herum vorgeht.
So gilt die Analogie vollstandig, nur mufi sie umgekehrt gemacht wer-
den als das aufierliche Bewufltsein sie macht.
Wenn wir allerdings die Sache ganz vollstandig betrachten wollen,
so diirfen wir nicht nur sagen: Wenn im Friihling aus der Erde heraus-
spriefien und -sprossen die Pflanzen, dann gehen die Erdengeister fort,
denn mit den herausspriefienden und -sprossenden Pflanzen kommen
in der Tat andere, machtigere Geister heraus, wie aus den Untergriin-
den der Erde, wie aus den Tiefen der Erde, wie aus dem Innern der
Erde. Deshalb haben die alten Mythologien recht gehabt, wenn sie
zwischen oberen und unteren Gottern unterschieden haben. Nur wenn
der Mensch von solchen Gottern gesprochen hat, die im Friihling fort-
gehen, im Herbst wiederkommen, sprach er von den oberen Gottern.
Es gab machtigere Gotter, altere Gotter. Die Griechen rechneten sie
zu den chthonischen Gottern. Die kommen herauf , wenn im Sommer
alles spriefk und sprolk, und sie senken sich wieder hinunter, wenn
wahrend des Winters die eigentlichen Erdengeister sich mit dem Leibe
der Erde vereinigen.
Das sind die Tatsachen. Nun mochte ich gleich hier bemerken, daft
ein gewisser Gedanke, der aus der Natur- und okkulten Forschung
genommen ist, von ungeheurer Bedeutung ist fiir das menschliche
Leben. Durch diese Forschung zeigt sich ja, daft wir im Grunde ge-
nommen wirklich, wenn wir den einzelnen Menschen betrachten,
etwas vor uns haben wie ein Abbild des groften Erdenwesens selber.
Und was sehen wir, wenn wir den Blick hinrichten auf die Pflanzen,
die anfangen zu sprossen und sprieften ? Da sehen wir genau dasselbe,
was der Mensch tut, wenn er in sich lebt im Schlafen. Wir haben genau
gesehen, daft das eine vollstandig dem andern entspricht. Wie die ein-
zelnen Pflanzen zu dem Menschenleibe stehen, was sie fur das Men-
schenleben bedeuten, das kann man nur erkennen, wenn man einen
solchen Zusammenhang iiberschaut. Denn es ist in der Tat wahr, daft
man sieht, wenn man genau zuschaut, wie beim Einschlafen des Men-
schen in seinem physischen und atherischen Leibe alles aufsprieftt und
sproftt, daft man sieht, wie da eine ganze Vegetation beginnt, sieht,
wie der Mensch eigentlich ein Baum ist, oder ein Garten, in dem die
Pflanzen wachsen.
Wer das mit okkultem Blick verfolgt, sieht, wie das Sprieften und
Sprossen im Innern der Menschen entspricht dem, was drauften in der
Natur sprieftt und sproftt. Und so konnen Sie sich einen Begriff ma-
chen, was da werden kann, wenn man in Zukunft einmal die Geistes-
wissenschaft, die man heute noch grofttenteils als eine Narretei an-
sieht, aufs Leben anwenden wird, wenn man sie fruchtbar machen wird.
Da haben wir zum Beispiel einen Menschen, dem dieses oder jenes
fehlt in seinen aufleren Tatsachen des Lebens. Beobachten wir nun
einmal, wenn dieser Mensch einschlaft, welche Pflanzenarten aus-
bleiben, wenn sein physischer und sein Atherleib ihre Vegetation zu
entwickeln beginnen. Sehen wir, daft auf der Erde an einer Stelle ganze
Pflanzengattungen nicht hervorkommen, so wissen wir, dafi da etwas
nicht ganz stimmt mit dem Wesen der Erde. Ebenso ist es auch mit
dem Fortbleiben gewisser Pflanzen im physischen und Atherleib des
Menschen. Um den Fehler beim Menschen nun gutzumachen, brauchen
wir nur auf der Erde aufzusuchen die in dem betreffenden Menschen
fehlenden Pflanzen und deren Safte in entsprechender Weise anzu-
wenden, entweder in diatetischer Form oder als Arzneimittel, und wir
werden dann, aus deren inneren Kraften, die Beziehung von Arznei
und Krankheit finden. Daran konnen wir sehen, wie eingreifen wird
Geisteswissenschaft in das unmittelbare Leben. Wir stehen aber erst
am Anfange dieser Sache.
Damit babe ich Ihnen in einem Gleichnis eine Art Naturgedanken
gegeben iiber den Zusammenbang des Menschen und die Beziehung
seines ganzen Wesens zu der Umgebung, in der er ja mit seinem Wesen
selber darinnensteckt.
Wir wollen jetzt einmal auf einem geistigen Gebiet die Sache ins
Auge fassen. Da mochte ich gleich aufmerksam machen auf eine Sache,
die aufterordentlich wichtig ist, namlich, daft unsere geisteswissen-
schaftliche Weltanschauung, indem sie den Blick vom Standpunkte
des Okkultismus schweifen laftt iiber die Menschheitsentwickelung,
um den Sinn des Daseins zu entziffern, nicht etwa irgendeinera Be-
kenntnisse, irgendeiner Weltanschauung einen aufterlichen Vorzug
gibt vor irgendeinem anderen Bekenntnisse, vor irgendeiner anderen
Weltanschauung. Wie oft ist es betont worden innerhalb unserer
okkulten Stromung, daft wir hinweisen konnen auf dasjenige, was die
Erdenmenschheit entwickelt und erlebt hat, unmittelbar nachdem die
grofte atlantische Katastrophe iiber die Erde hereingebrochen war.
Da erlebten wir als erste grofte nachatlantische Kultur die uralt-heiKge
indische Kultur. Auch hier, an diesem One, haben wir schon iiber
diese uralt-heilige indische Kultur gesprochen und betont, daft es eine
so hohe Kultur war, daft es nur ein Nachklang ist, was in den Veden
oder schriftlichen Oberlieferungen, die auf uns gekommen sind, noch
davon vorhanden ist. Die uralteLehre, diehervorgegangen ist aus jener
Zeit, ist nur in der Akasha-Chronik zu erblicken. Da blicken wir
auf eine Hohe der Kultur, die seither nicht wieder erklommen wor-
den ist.
Die spateren Epochen hatten eine ganz andere Aufgabe. Wir wissen
auch, daft ein Hinunterstieg stattgefunden hat seit jenen Zeiten. Wir
wissen aber auch, daft wieder ein Aufstieg stattfinden wird und daft,
wie wir schon bemerkt haben, Geisteswissenschaft dazu da ist, diesen
Aufstieg vorzubereiten. Wir wissen, daft im siebenten nachatlantischen
Kulturzeitraum eine Art Erneuerung der uralt-heiligen indischen Kul-
tur da sein wird. So ist es also, daft wir nicht einen Vorzug geben
irgendeiner religiosen Anschauung oder irgendeinem Bekenntnis. Mit
gleichem Mafie werden sie gemessen, iiberall werden sie charakterisiert,
iiberall wird der Wahrheitskern gesucht.
Das aber, worauf es ankommt, ist, daft wir das Wesenhafte ins Auge
fassen. Wir diirfen uns nicht beirren Iassen in der Betrachtung iiber
das Wesen jedes einzelnen Religionsbekenntnisses, und wenn wir so an
die Weltanschauungen herangehen, dann finden wir einen Grund-
unterschied. Wir finden Weltanschauungen, die mebr orientalisieren-
der Art sind, und solche, die mehr die Kultur des Abendlandes durch-
drungen haben. Wenn wir uns nun dies besonders klarmachen, dann
haben wir etwas, was uns grofte Aufschlusse gibt iiber den Sinn des
Daseins. Da finden wir, daft die Alten schon etwas hatten, was wir
uns jetzt erst wieder mit Miihe erobern miissen, namlich die Lehre von
der Wiederkunft des Lebens. Die orientalisierenden Richtungen hatten
das wie etwas, was aus den tiefsten Griinden des Lebens heraufstieg.
Sie sehen noch, wie diese orientalisierenden Richtungen ihr ganzes
Leben von diesem Gesichtspunkte aus gestalten, wenn Sie das Verhalt-
nis des orientalischen Menschen zu seinen Bodhisattvas und seinen
Buddhas ins Auge fassen. Wenn Sie ins Auge fassen, wie es dem Orien-
talen weniger darauf ankommt, eine einzige Gestalt herauszunehmen
mit diesem oder jenem bestimmten Namen als die regierende Macht
der Menschheitsentwickelung, so sehen Sie zugleich, wieviel mehr es
ihm darauf ankommt, die durch die verschiedenen Leben hindurch-
gehende Individuality zu verfolgen.
Die Orientalisten sagen, es gibt soundsoviele Bodhisattvas, hohe
Wesenheiten, die ausgegangen sind von dem Menschen, aber sich nach
und nach hinaufentwickelt haben zu jener Hohe, welche wir damit
bezeichnen, daft wir sagen: Eine Wesenheit ist durch viele Inkarna-
tionen gegangen und ist dann zu einem Bodhisattva geworden, wie
Gautama, der Sohn des Konigs Sudhodana, es getan hat. Er war
Bodhisattva und wurde Buddha. Der Name Buddha aber wird vielen
gegeben dafiir, daft sie durch viele Verkorperungen hindurchgegangen,
Bodhisattva geworden und dann zur nachsthoheren Wurde, zur
Buddhawurde, aufgestiegen sind. Der Name Buddha ist ein General-
name. Er gibt eine menschliche Wiirde an und ist nicht zu denken,
ohne daft man auf das Geistig-Seelische blickt, das durch viele Inkar-
nationen hindurch geht. In dieser Beziehung stimmt der Brahmanismus
mit dem Buddhismus vollig iiberein, daft er den Blick hauptsachlich
richtet auf das Individuelle, das durchgeht durch die verschiedenen
Personlichkeiten, und weniger auf die einzelnen Personlichkeiten,
denn es kommt auf dasselbe heraus, wenn der Buddhist sagt: EinBodhi-
sattva ist dazu bestimmt, zu der hochsten menschlichen Wurde auf-
zusteigen, zu der man aufsteigen kann, und dazu mufi er durch viele
Inkarnationen hindurchgehen, das Hochste aber sehe ich in dem
Buddha - oder ob der Anhanger des Brahmanentums sagt: Die Bodhi-
sattvas sind in der Tat hochentwickelte Wesen und steigen dann zu
den Buddhas auf, aber sie sind von den Avataren, den hoheren geisti-
gen Individualitaten, ausgegangen. Sie sehen, die Betrachtung des
Geistigen, das da durchgeht durch viele Inkarnationen, ist etwas, das
diesen beiden orientalischen Anschauungen eigen ist.
Nehmen wir aber nun das Abendland und sehen zu, was da das
Grofie und Gewaltige war. Um in dieser Beziehung etwas tiefer zu
schauen, miissen wir die alte hebraische Weltanschauung ansehen,
miissen die Blicke auf das personliche Element lenken. Wenn wir von
Plato, von Sokrates, von Michelangelo, von Karl dem Grofien oder
von sonst jemandem reden, so reden wir immer von einem Person-
lichen, wir stellen vor die Menschen das abgeschlossene Leben der
Personlichkeiten hin mit dem, was diese Personlichkeiten fiir die
Menschheit geworden sind. Wir richten in der abendlandischen Kultur
nicht den Blick auf das Leben, das von Person zu Person hindurch-
gegangen ist; denn das war gerade die Aufgabe der abendlandischen
Kultur, eine Zeitlang den Blick zu richten auf das einzelne Leben.
Wenn man im Oriente von dem Buddha spricht, dann weift man: Die
Bezeichnung Buddha ist eine Wiirde, die vielen Personlichkeiten zu-
geeignet ist. Wenn man dagegen den Namen Plato nennt, so weift
man, dafi es nur eine einzelne Personlichkeit war. So war die Erziehung
des Abendlandes. Das Personliche sollte zunachst geschatzt und ge-
achtet werden.
Nehmen wir nun unsere eigene Zeit. Wie muft sich diese zu dieser
ganzen Tatsachenreihe stellen? Die Menschheit ist durch die Kultur
des Abendlandes eine Weile erzogen worden in dem Hinschauen auf
das Personliche. Jetzt muftte zu dem Personlichen das Individuelle,
die Individualitat hinzugefugt werden. Jetzt stehen wir also an dem
Punkte, uns wieder zu erobern das Individuelle, aber verstarkt, durch-
kraftet von der Betrachtung des Personlichen.
Nehmen wir einen bestimmten Fall. Wir richten den Blick in dieser
Beziehung auf die alte hebraische Weltanschauung, die vorherging
der abendlandischen. Lenken wir den Blick auf eine so gewaltige Per-
sonlichkeit wie diejenige des Propheten Elias. "Wir charakterisieren
ihn zunachst als Personlichkeit. Im Abendlande wird wenig Bedacht
darauf genommen, ihn anders zu betrachten. Wenn man absieht von
alien Einzelheiten und die Personlichkeit im groften ins Auge fafit, so
sieht man, daft Elias im Fortgang der Weltentwickelung etwas Bedeut-
sames war. Er driickte aus etwas wie eine Vorlauferschaft fur den
Christus-Impuls.
Wenn wir zuruckblicken in die Zeit des Moses, so sehen wir, wie
etwas verkiindigt wird dem Volke, wir sehen, daft dem Menschen ver-
kiindigt wird der Gott im Menschen: Ich> der Gott, der da war, der
da ist und der da sein wird. Im Ich mufi er erf aft t werden, aber er
wird erfaftt im Althebraischen so, wie die Seele des Volkes war. Elias
geht nun noch weiter. Durch ihn wird noch nicht klar, daft das Ich
in der einzelnen menschlichen Individualitat lebt als das hftchste Gott-
liche; aber er konnte es dem Volke seinerzeit noch nicht klarer machen,
als die Welt es aufzunehmen vermochte. Daher sehen wir da sozusagen
einen Sprung in der Entwickelung gemacht. Wahrend noch die Moses-
kultur bei den Althebraern sich klar war dariiber: In dem Ich liegt
das Hochste — und dieses Ich wurde in dieser Moseszeit in der Volks-
seele ausgedriickt — , wird bei Elias schon auf die einzelne Seele hin-
gedeutet. Aber es bedurfte auch hier eines Impulses, und dazu war
wieder eine Vorlauferschaft da, die wir als die Personlichkeit des
Johannes des Taufers kennen. Wieder war es ein bedeutsames Wort,
in dem diese Vorlauferschaft des Johannes des Taufers zum Ausdruck
kommt. Was driickt uns dieses Wort aus? Eine grofte okkulte Tat-
sache. Er weist darauf hin, daft die Menschen einmal, als Urmenschen,
ein altes Hellsehen hatten, so daft sie hineinsehen konnten in die gei-
stige Welt, in das Gottlich-Wirksame; dann haben sie sich aber mehr
und mehr dem Materiellen genahert. Es hat sich verschlossen der
Blick fur die geistige Welt. Darauf weist Johannes der Taufer hin,
indem er sagt: Andert die Seelenverfassung! Blickt nicht mehr auf
das, was ihr in der physischen Welt erringen konnt, sondern seid auf-
merksam, jetzt kommt ein neuer Impuls ! — damit meint er den Chri-
stus-Impuls — , deshalb sage ich euch, ihr miiftt die geistige Welt suchen
mitten unter euch. — Da tritt herein das Geistige, mit dem Christus-
Impuls. Dadurch wurde Johannes der Taufer der Vorlaufer des
Christus-Impulses.
Jetzt konnen wir eine andere Personlkhkeit, die merkwiirdige Per-
sonlkhkeit des Malers Raffael, ins Auge fassen. Diese merkwiirdige
Personlkhkeit stellt sich einem, wenn man sie betrachtet, sonderbar
dar. Vor alien Dingen braucht man nur Raffael als Maler der lateini-
schen Rasse zu vergleichen mit den spateren Malern, meinetwillen mit
Tizian. Wer einen Blick hat fiir solche Dinge und auch nur die Nach-
bildungen der Bilder ansieht, wird den Unterschied finden. Werfen
Sie einen Blick auf die Bilder von Raffael und auch auf die von Tizian.
Raffael hat so gemalt, daft er die christlichen Ideen in seine Bilder
legte. Er hat gemalt fiir die europaischen Menschen als Christen des
Abendlandes. Seine Bilder sind fiir alle Christen des Abendlandes ver-
standlkh, und sie werden es immer mehr und mehr noch werden.
Nehmen Sie dagegen die spateren Maler. Die haben fast ausschlkftlich
fiir die lateinische Rasse gemalt, so daft sogar die kirchlichen Spaltun-
gen in ihren Bildern zum Ausdruck kommen.
Welche Bilder sind aber nun Raffael am besten gelungen? Diejeni-
gen, mit welchen er ankundigen kann, welche Impulse im Christen -
tum liegen ! Da, wo er den Jesusknaben hinstellen kann in irgendein
Verhaltnis zur Madonna, da, wo er dieses Christus-Verhaltnis zur
Madonna wie etwas, was Empfindungsimpuls ist, hinstellen kann, ge-
lingen ihm die Dinge am besten. Er hat auch im Grunde genommen
am besten diese Dinge gemalt. Eine Kreuzigung zum Beispiel haben
wir nicht von ihm, wohl aber eine Verklarung. Da, wo er das Sprie-
ftende und Sprossende, das Sich-Verkiindigende malen kann, da malt
er mit Freude und malt seine groftten und besten Bilder.
Im Grunde genommen geht es auch so mit der Wirkung seiner Bilder.
Wenn Sie einmal nach Deutschland kommen und in Dresden die
Sixtinische Madonna anschauen, da werden Sie sehen, daft das Kunst-
werk — von dem man sagt, daft die Deutschen froh sein konnen, ein
so bedeutsames Bild in ihrer Mitte zu haben, ja, daft die Deutschen
dieses Bild als die Bliite der Malerei betrachten diirf en — ein Geheimnis
des Daseins enthiillt.
Als Goethe seinerzeit von Leipzig nach Dresden fuhr, da horte er
etwas anderes iiber das Bild der Madonna. Die Beamten der Galerie
in Dresden sagten ungefahr so: Da haben wir auch ein Bild von
Raffael. Es ist aber nichts Besonderes. Es ist schlecht gemalt. Der
Blick des Kindes, das ganze Kind, alles, was da gemalt ist an dem
Kinde, ist gemein. Die Madonna selber ebenso. Man kann nur glauben,
daft sie gemalt worden ist von einem Stumper. Und nun gar noch
unten die Figuren, von denen man nicht weift, ob es Kinderkopfe oder
Engel sein sollen. — Dieses grobe Urteii hat Goethe damals gehort.
Daher hatte er auch zunachst keine richtige Schatzung des Bildes.
Alles, was wir heute iiber das Bild horen, das lebte sich erst nachher
ein, und der Umstand, daft Raffaels Bilder in den Nachbildungen
ihren Siegeszug durch die Welt machten, ist eine Folge dieser besseren
Einschatzung. Man braucht nur zu erinnern daran, was gerade Eng-
land fur die Reproduction und Verbreitung der Bilder Raffaels getan
hat. Was aber bewirkt wurde in England dadurch, daft so gesorgt
worden ist fur die Reproduktion und Verbreitung Raffaelscher Bilder,
das wird man erst erkennen, wenn man die Sache vom geisteswissen-
schaftlichen Standpunkt aus mehr betrachten lernen wird.
So ist uns Raffael durch seine Bilder wie ein Vorherverkiindiger
ernes Christentums, das international werden wird. Der spekulative
Protestantismus sah die Madonna lange Zeit als spezifisch katholisch
an. Heute ist die Madonna auch in die evangelischen Lander iiberall
eingedrungen, und man erhebt sich mehr zu der okkulten Auffassung,
zu einem hoheren, interkonfessionellen Christentum. So wird es immer
weitergehen.
Wenn wir diese Wirkungen fur ein interkonfessionelles Christen-
tum erhoffen diirfen, so wird uns das, was Raffael gemacht hat, auch
in der Geisteswissenschaft helfen.
Es ist merkwiirdig — drei Personlichkeiten treten uns so entgegen,
alle drei haben sie zu tun mit einer Vorlauferschaft fiir das Christen-
tum. Und jetzt richten wir den okkulten Blick auf diese drei Person-
lichkeiten. "Was lehrt uns der? Der okkulte Blick lehrt uns, daft es
dieselbe Individuality ist, die in Elias, die in Johannes dem Taufer,
die in Raffael lebte. So unmoglich es scheint, es ist doch dieselbe Seele,
die in Elias, in Johannes und in Raffael gelebt hat. Jetzt aber fragen
wir uns, wenn der okkulte Blick, der forscht und nicht etwa aufterlich
verstandesmaftig vergleicht, nun erforscht, daft es dieselbe Seele ist,
die in Elias, in Johannes dem Taufer und in Raffael vorhanden war:
Wie kommt es denn, daft Raffael, der Maler, der Trager wird fiir die
Individuality, die in Johannes dem Taufer gelebt hatte? Kann man
sich vorstellen, daft diese merkwiirdige Seele des Johannes des Taufers
in den Kraften lebte, die in Raffael vorhanden waren? Da kommt
nun wieder die okkulte Forschung, aber nicht so, daft sie bloft Theo-
rien in die Welt setzt, sondern so, daft sie sagt, wie die Dinge sind,
wie die Dinge wirklich ins Leben eingepflanzt sind! Wie schreiben
die Leute heute noch Raffael-Biographien? Sie konnen es uberall
sehen, auch die besten sind heute so geschrieben, daft sie einfach an-
geben: Raffael wurde geboren an dem Karfreitage des Jahres 1483.
Raffael ist nicht umsonst an einem Karfreitage geboren ! Ankiindigend
schon durch diese Geburt seine Sonderstellung im Christentum, zeigt
sich bei ihm, daft er mit den christlichen Geheimnissen in der tiefsten
und bedeutungsvollsten Weise zu tun hat. An einem Karfreitag also
war Raffael geboren. Sein Vater war Giovanni Santi. Giovanni Santi
starb, als Raffael elf Jahre alt war. Als Raffael acht Jahre zahlte,
hatte er ihn in die Lehre zu einem Maler gegeben, der aber nicht so
hervorragend war. Aber wenn man nimmt, was in dem Giovanni
Santi, dem Vater Raffaels, war, so hat man einen eigentiimlichen Ein-
druck, der sich noch erhoht, wenn man die Sache in der Akasha-
Chronik betrachtet. Da zeigt sich, daft das, was lebte in der Seele des
Giovanni Santi, viel mehr ist, als eigentlich aus ihm herausgekommen
war, und man muft der Herzogin recht geben, die bei seinem Tode
sagte: Ein Mensch voll Licht und Recht und allerbestem Glauben ist
gestorben. Als Okkultist konnte man sagen, daft in ihm ein viel gro-
fierer Maler gelebt hat, als aufterlich zur Geltung gekommen war. Aber
die aufteren Fahigkeiten, die von den physischen und Ather-Organen
abhangen, die waren bei Giovanni Santi nicht entwickelt. Das war
die Ursache, weshalb die Fahigkeiten seiner Seele sich nicht durch-
ringen konnten. Aber in seiner Seele lebte wirklich ein grower Maler.
Da stirbt er, als Raffael elf Jahre alt war. Wenn man nun verfolgt,
was da vorliegt, so wird zur "Wahrheit, daft der Mensch zwar den Leib
verliert, aber das, was seine Sehnsucht war, was die Aspirationen, die
Impulse seiner Seele waren, das lebt sich aus, wirkt und wirkt in dem,
womit es am meisten zusammenhangt.
Zeiten werden kommen, wo man die Geisteswissenschaft fruchtbar
machen wird fur das Leben, wie diejenigen sie schon fruchtbar machen
konnen, welche sie lebensvoll beherrschen und nicht blofi theoretisch.
Ich darf hier etwas einfiigen, bevor ich die Sache mit Raffael fortsetze.
Ich spreche so, dafi ich in meinen Beispielen nicht etwa Spekulationen
gebe. Sie sind im Gegenteil immer aus dem Leben genommen. Nehmen
wir nun an, ich hatte Kinder zu erziehen. Wer achtgibt auf die Fahig-
keiten, der merkt bei jedem Kinde das Individuelle heraus. Solche
Erfahrungen kann man aber nur machen, wenn man Kinder erzieht.
Wenn nun bei einem Kinde die Mutter oder der Vater friih gestorben
ist und nur der eine Teil des Elternpaares noch lebt, da kann man
das Folgende erleben. Es zeigen sich da bei dem Kinde gewisse Nei-
gungen, die vorher nicht vorhanden waren und die man sich somit
nicht erklaren kann. Als Erzieher mufi man sich aber mit ihnen be-
schaftigen. Der Erzieher tate nun gut, wenn er sich sagte: Das, was
in den geisteswissenschaftlichen Buchern steht, betrachten die Men-
schen zwar als eine Narrheit. Ich will es aber nicht von vornherein als
Narrheit betrachten. Ich will es untersuchen auf seine Richtigkeit.
Dann wird er bald sagen konnen: Ich finde, dafi da Krafte sind, die
friiher schon vorhanden waren, und wieder andere, die hineinwirken
in diejenigen, welche friiher schon da waren. Nehmen wir an, der
Vater sei durch die Pforte des Todes gegangen, und jetzt kommen mit
einer gewissen Starke bei dem Kinde Eigenschaften heraus, welche in
ihm gelebt haben. Macht man diese Voraussetzung und betrachtet man
die Sache in dieser Weise, so wendet man die Erkenntnisse, die uns
durch die Geisteswissenschaft zufliefien, in verniinftiger Weise auf das
Leben an und kommt dann, wie man bald finden wird, zurecht im
Leben, wahrend man vorher nicht zurechtgekommen ist. Der durch
die Pforte des Todes Gegangene bleibt also verbunden mit seinen
Kraften mit denjenigen, mit welchen er im Leben zusammenhing.
Die Menschen beobachten nur nicht genau genug, sonst wiirden sie
haufiger sehen, dafi Kinder bis zum Tode ihrer Eltern ganz anders
sind als nach demselben. Man lenkt nur nicht den Blick geniigend auf
die Sachen; aber die Zeit wird noch kommen, wo man das auch noch
tun wird.
Wenn man den Blick auf Raffael richtet und sich sagt: Giovanni
Santi, der Vater, starb, als Raffael elf Jahre alt war; er hatte zwar
keine besondere Vollendung als Maler erreichen konnen, aber seine
kraftvolle Phantasie blieb ihm, und diese entwickelte sich nun hinein
in die Seele des Raffael - so sagen wir nichts Trivialisierendes und
Verkleinerndes fur Raffael, wenn wir den Blick hinrichten auf Raf-
faels Seele und sagen: Giovanni Santi lebte in Raffael weiter, und
daher erscheint dieser uns, als ob er eine voll abgeschlossene Person-
lichkeit ware; er erscheint uns so, als wenn er keiner Steigerung mehr
f ahig ware, weil ein Toter seinen Arbeiten Leben gibt.
Jetzt begreift man, da in dem Menschen Raffael, in seiner eigenen
Seele, wiedererstanden sind die energischen Krafte des Johannes des
Taufers und nun aufierdem auch leben in seiner Seele die energischen
Krafte von Giovanni Santi, daft diese beiden Dinge zusammen das
Ergebnis in der Seele des Raffael zeitigen konnten, was als Raffael
vor uns steht.
Gewift, heute kann uber so aufierordentliche Dinge noch nicht
offentlich geredet werden. In fiinfzig Jahren wird das vielleicht schon
moglich sein, weil die Entwickelung schnell voranschreitet und die
bisherige Anschauung rasch ihrer Dekadenz entgegeneilt.
Derjenige, der also eingeht auf solche Dinge, sieht, daft wir in der
Geisteswissenschaft die Aufgabe haben, das Leben von einer neuen
Seite iiberall zu betrachten. Wie man in der Zukunft heilen wird in
der Form, wie ich es angedeutet habe, so wird man die eigentiimlichen
"Wunder des Lebens betrachten, indem man zuhilfe ziehen wird die
Taten, die aus der Geisterwelt von den Menschen noch kommen,
welche durch die Pforte des Todes gegangen sind.
Zwei Dinge mochte ich noch vor Ihre Seele hinstellen, indem ich
von den Ratseln des Lebens spreche. Das ist etwas, in dem uns so
recht der Sinn des Lebens aufgehen kann. Es ist, wenn wir die Er-
scheinung Raffaels ansehen, das Schicksal, dem seine Werke entgegen-
gehen. Der, welcher heute die Bilder in Reproduktion ansieht, sieht
nicht das, was Raffael gem alt hat, auch der, welcher nach Dresden
oder Rom geht, nicht, denn diese Bilder sind auch schon so verdorben,
daft man nicht sagen kann, daft man die Bilder von Raffael noch sieht.
Leicht ist es ins Auge zu fassen, was aus denselben werden wird, wenn
man das Schicksal des Abendmahl-Gemaldes des Leonardo da Vinci
betrachtet, welches immer mehr und mehr dem Verfall entgegengeht.
Wer sich dieses iiberlegt, der weift, daft diese Bilder mit der Zeit pul-
verisiert werden. Er wird die traurige Oberzeugung bekommen, daft
alles das verschwinden wird, was die grofien Menschen einst geschaf-
fen haben. Da also diese Dinge verschwinden werden, so konnten wir
uns fragen: Welcher Sinn liegt denn in dem Entstehen und Vergehen
derselben? Wir werden sehen, daft im Grunde genommen nichts
bleibt von dem, was von der einzelnen Personlichkeit geschaffen
worden ist.
Und noch eine andere Tatsache mochte ich vor Ihre Seele hinstellen,
und das ist diese: Wenn wir heute mit der Geisteswissenschaft als
Instrument das Christentum begreifen wollen und begreifen sollen
— es wurde von mir schon friiher ausgefuhrt, wie wir ins Auge fassen
das Christentum als einen Impuls, der wirkt fur die Zukunft — , dann
brauchen wir gewisse Grundbegriffe, durch die wir wissen, wie der
Christus-Impuls weiterwirken wird. Das brauchen wir. Nun ist es
merkwiirdig, daft wir vor der Tatsache hier stehen, daft wir auf ein
Werden des Christentums hinweisen mtissen; aber wir brauchen dazu
die Geisteswissenschaft. Nun gibt es auch eine Personlichkeit, bei der
wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in einer eigenartigen
Form finden, und zwar in kurzen Satzen dargestellt. Wenn wir heran-
gehen an diese Personlichkeit, so sehen wir, daft wir bei ihr manches
finden konnen, was bedeutsam ist fur die Geisteswissenschaft. Diese
Personlichkeit ist der deutsche Dichter Novalis. Wenn wir seine
Schriften durchsehen, so fin den wir, daft er die Zukunft des Christen-
tums aus dessen okkulten Wahrheiten heraus schildert. Die Geistes-
wissenschaft lehrt uns, daft wir es dabei mit derselben Individuality
zu tun haben wie bei Raffael, derselben Individuality wie bei Johan-
nes dem Taufer und Elias.
Wieder haben wir da eine Vorschau der Fortentwickelung des
Christentums. Das ist eine Tatsache okkulter Art, denn niemand
kommt durch Schliisse zu diesem Resultat.
Stellen wir die einzelnen Bilder nochmals zusammen. Wir haben da
das Tragische des Unterganges in den Geschopfen und in den Werken
der einzelnen Personen. Raffael tritt auf und laftt sein interkonfessio-
nelles Christentum hineinstromen in die Menschenseelen. Aber eine
Ahnung geht uns auf, daft sein Schaffen zugrunde gehen, seine Werke
einst pulverisiert sein werden. Es tritt wieder auf Novalis, um die
Losung der Aufgabe von neuem in Angriff zu nehmen, um fortzu-
setzen das, was er begonnen, was er gearbeitet hat.
Jetzt erscheint uns der Gedanke nicht mehr so tragisch, jetzt sehen
wir, daft, wie die Personlichkeit in ihren Hiillen zerrinnt, auch die
Werke zerrinnen, daft aber der Wesenskern weiterlebt und weiterfiihrt
das, was er begonnen hat. Da werden wir hingewiesen also wieder
zur Individuality. Aber weil wir energisch die abendlandische Welt-
anschauung und damit die Personlichkeit ins Auge gef aftt haben, wird
uns erst die Bedeutung der Individuality so recht klar. So sehen wir,
wie bedeutsam es ist, daft das Morgenland auf die Individuality das
Auge gerichtet hat, auf die Bodhisattvas, die durch viele Inkarnatio-
nen hindurchgegangen sind, und wie bedeutsam es ist, daft das Abend-
land zunachst das Auge gerichtet hat auf die Betrachtung der einzelnen
Personlichkeit, um dann erst dazu zu kommen, zu erfassen, was die
Individuality ist.
Nun glaube ich, daft es viele Theosophen gibt, die sagen werden:
Nun, das miissen wir eben glauben, wenn so von Elias, von Johannes
dem Taufer, von Raffael und Novalis gesprochen wird. Fur manche
wird es in der Hauptsache auch so sein, daft sie es glauben miissen,
denn es ist ebenso wie mit der Tatsache, daft es viele glauben miissen,
wenn von wissenschaftlicher Seite behauptet wird, daft dieses oder
jenes Spektrum sich zeigt, wenn dieses oder jenes Metall oder wenn
zum Beispiel der Orionnebel vermittelst der Spektralanalyse unter-
sucht wird. Einige haben es gewift untersucht, aber die andern, die
Mehrzahl, die glauben es. Darauf kommt es aber im Grunde gar nicht
an. Es kommt darauf an, daft die Geisteswissenschaft am Anfange
ihrer Entwickelung stent und immer mehr die Seelen dazu bringen
wird, solche Dinge, wie sie heute gesagt worden sind, selber einzu-
sehen. In dieser Beziehung wird die Geisteswissenschaft sehr rasch die
Menschheitsevolution weiterbringen.
Ich habe einiges, was sich als okkulte Gesichtspunkte iiber das Leben
ergeben hat, angefiihrt. Nehmen Sie nur die drei Gesichtspunkte, die
wir ins Auge gefaftt haben, so sehen Sie, wie man dadurch, daft man
sieht, wie das Leben zum Erdgeiste steht, der Heilkunst eine neue
Richtung geben kann, ihr neue Impulse zufuhrt; wie man Raffael
nicht so betrachtet, daft die Personlichkeit des Raffael allein es ist,
welche wirksam war, sondern daft auch die Krafte da hineinragten,
die vom Vater stammen, und wie man so diese Personlichkeit erst
recht wird verstehen konnen. Das dritte ist, daft wir Kinder erziehen
konnen, wenn wir wissen, wie die Sache liegt mit den Kraften, die in
sie hineinspielen. Aufterlich geben die Menschen durchaus zu, daft sie
selber umrmgt sind von einer Unzahl von Kraften, die fortwahrend
auf sie einwirken, daft der Mensch von der Luft, von der Temperatur,
von der Umgebung und den anderen Verhaltnissen des Klimas, in
denen er lebt, fortwahrend beeinflufit wird. Und daft seine Freiheit
dadurch nicht beeintrachtigt ist, das weift jeder Mensch. Das sind die
Faktoren, mit denen wir schon heute rechnen. Daft aber der Mensch
fortwahrend umgeben ist von geistigen Kraften und daft man diese
geistigen Krafte zu untersuchen hat, das wird die Menschheit durch
die Geisteswissenschaft lernen. Sie wird rechnen lernen mit diesen
Kraften, und sie wird mit ihnen zu rechnen haben in wichtigen Fallen
von Gesundheit und Krankheit, von Erziehung und Leben. Sie wird
solcher Einflusse, wie sie aus der Umgebung, aus der iibersinnlichen
Welt kommen, eingedenk sein miissen, wenn zum Beispiel einem ein
Freund dahingcstorben ist und er sich dann tragt mit diesen oder jenen
Sympathien und Ideen, die dem Dahingestorbenen eigen waren. Das,
was jetzt gesagt worden ist, bezieht sich nicht blofi auf Kinder, son-
dern auf alle Lebensalter. Die Menschen brauchen durchaus nicht mit
ihrem Oberbewufitsein zu wissen, wie die Krafte der iibersinnlichen
Welt tatig sind. Aber ihre gesamte Gemiitsverfassung kann es uns
zeigen, ja ihre Gesundheits- oder Krankheitszustande konnen es uns
zeigen.
Und noch viel weiter gehen die Dinge, die den Zusammenhang des
Menschen in bezug auf das Leben auf dem physischen Plan mit den
Tatsachen der iibersinnlichen Welt bedeuten. Ich mochte eine einf ache
Tatsache vor Sie hinstellen, die Ihnen zeigen wird, wie dieser Zu-
sammenhang ist, eine Tatsache, die nicht blofi ausgedacht ist, sondern
in vielen Fallen beobachtet wurde: Ein Mensch merkt in einer be-
stimmten Zeit, dafi er Empfindungen hat, die er friiher nicht hatte,
dafi Sympathien und Antipathien auftreten bei ihm, die er friiher
nicht kannte, dalS ihm das oder jenes leicht gelingt, was ihm friiher
nur schwer gelungen ist. Er kann sich das nicht erklaren. Seine Um-
gebung kann es ihm nicht erklaren. Die Tatsachen des Lebens selber
geben ihm auch nicht die Erklarung. Bei einem Menschen, bei welchem
wir solches beobachtet haben, wird man erfahren konnen, wenn man
aufmerksam zu Werke geht — man mu& allerdings auch einen Blick
fiir solche Dinge haben — , da£ er jetzt Dinge weifi und kann, iiber
die er friiher nichts gewufit, die er friiher nicht gekannt hat. Geht
man der Sache weiter nach, wenn man durch die Lehren des Okkultis-
mus und der Geisteswissenschaft durchgegangen ist, so wird man von
ihm ungefahr folgendes horen konnen: Ich komme mir jetzt ganz
merkwiirdig vor. Ich traume jetzt etwas von einer Personlichkeit, die
ich nie im Leben gesehen habe. Sie spielt in meine Traume hinein, ob-
gleich ich mich nie mit ihr beschaftigte. — Verfolgt man die Sache
nun, so wird man finden, daJS er bisher keine Veranlassung gehabt hat,
sich mit ihr zu beschaftigen. Nun starb aber die Person, und nun erst
tritt sie an ihn heran in der geistigen Welt. Als sie ihm geniigend nahe
gekommen war, zeigte sie sich ihm noch als Traumgestalt in einem
Traume, der mehr war als Traum. Von dieser Person, die er vorher
im Leben nicht gekannt hat, die aber, nachdem sie gestorben war,
Einfluft auf sein Leben gewann, kamen die Impulse, die er vorher
nicht gehabt hatte.
Es kommt nicht darauf an, zu sagen: Es ist ja nur ein Traum, der
hier vorliegt. Es kommt vielmehr auf das an, was er enthalt. Es kann
etwas sein, was zwar in Traumform erscheint, aber der Wirklichkeit
viel naher ist als das auftere Bewufttsein. Kommt es denn etwa darauf
an, ob Edison im Traume oder bei hellem Tagbewufttsein eine Er-
findung machte ? Es kommt darauf an, ob die Erf indung wahr, brauch-
bar ist. So kommt es auch nicht darauf an, ob ein Erlebnis im Traum-
bewufttsein oder im aufteren physischen Bewufttsein stattfindet, son-
dern darauf, ob das Erlebnis wahr oder nicht wahr ist.
Fassen wir zusammen, was wir uns klarmachen konnten aus dem,
was jetzt gesprochen worden ist, so konnen wir sagen: Wir konnten
uns klarmachen, daft, wenn wir die okkulten Erkenntnisse zugrunde
legen, das Leben sich uns in einem ganz anderen Zusammenhang dar-
stellt, als wenn wir diese okkulten Erkenntnisse nicht haben. In dieser
Beziehung sind die in materialistischer Denkweise gescheiten Leute
wirklich recht kuriose Kinder. Man kann sich jede Stunde davon
iiberzeugen. Als ich heute mit der Bahn zu Ihnen hierher fuhr, hatte
ich eine Broschiire zur Hand genommen, die ein deutscher Physiologe
geschrieben hat und die jetzt in zweiter Auflage erschienen ist. Darin
sagt er, daft man nicht sprechen konne von einer aktiven Aufmerk-
samkeit in der Seele, von einem Hinlenken der Seele auf etwas, son-
dern daft alles abhange von der Funktion der einzelnen Gehirngan-
glien, und weil da von den Gedanken die Bahnen gemacht werden
miissen, sei alles davon abhangig, wie die einzelnen Gehirnzellen funk-
tionieren. Keine Intensitat der Seele konne da eingreifen, es hinge eben
lediglich davon ab, ob diese oder jene Verbindungsfaden in unserem
Gehirn gezogen sind oder nicht gezogen sind. Es sind wirklich rechte
Kinder, diese materialistischen Gelehrten. Wenn man so etwas in die
Hand bekommt, muft man sich folgendes denken: Arglos sind diese
Herren, denn in derselben Broschiire findet sich der Satz, daft man
in neuester Zeit gefeiert habe den hundertsten Geburtstag von Darwin
und daft dabei Berufene und Unberufene gesprochen hatten. Natiir-
lich halt sich der Verfasser der Broschiire fiir einen ganz besonders
Berufenen. Und dann kommt die ganze Gehirnzellen-Theorie und ihre
Verwendung. Wie stent es aber mit der Logik der Sache ? Wenn man
gewohnt ist, die Dinge in Wahrheit zu betrachten und dann ins Auge
faftt, was diese groften Kinder den Menschen iiber den Sinn des Lebens
bieten, da kommt man auf den Gedanken, daft es eigentlich dasselbe
ist, wie wenn jemand sagen wiirde, es sei einfach Unsinn, daft irgend-
einmal ein menschlicher Wille eingegriffen hatte in die Art und Weise,
wie iiber die Flache Europas hin die Eisenbahnen gehen. Denn es ist
doch ganz dasselbe, wenn man in einem gewissen Zeitpunkte alle
Lokomotiven in ihren Teilen und Funktionen ins Auge fassen und
sagen wiirde: Die Lokomotiven sind soundso eingerichtet und fahren
nach soundso vielen Richtungen, es begegnen sich aber die verschie-
denen Richtungen an gewissen Knotenpunkten und somit kann man
alle Lokomotiven nach alien Richtungen hin ableiten. — Was dadurch
geschehen wiirde, ware ein groftes Durcheinanderwirbeln der Loko-
motiven und Ziige auf den europaischen Eisenbahnen. Ebensowenig
aber kann man erklaren, daft das, was in den Gehirnzellen sich abspielt
als menschliches Gedankenleben, lediglich von der Beschaffenheit der
Zellen abhangt. "Wenn solche Gelehrten dann einmal unvorbereitet
einen Vortrag iiber Okkultismus oder Geisteswissenschaft zu horen
bekommen, so sehen sie das, was da gesagt wird, als den heillosesten
Unsinn an. Sie sind fest iiberzeugt, daft niemals ein Wille eingreifen
kann in die Art und Weise, wie die europaischen Lokomotiven gehen,
sondern daft es abhangt davon, wie sie geheizt und gerichtet sind.
So sehen wir, wie wir in der Gegenwart vor der Frage nach dem
Sinn des Lebens stehen. Auf der einen Seite wird sie in uns stark ver-
dunkelt, auf der anderen Seite drangen sich uns aber auf die okkulten
Tatsachen. Wenn wir zusammenfassen, was heute mitgeteilt worden
ist, dann werden wir mit dieser Grundlage die Frage vor unsere Seele
so hinstellen, wie man sie sich im Okkultismus stellen kann, namlich:
Welches ist der Sinn des Lebens und des Daseins, insbesondere des
menschlichen Lebens und des menschlichen Daseins?
ZWEITER VORTRAG
Kopenhagen, 24. Mai 1912
Es ware ein schwerer Irrtum, wenn man glauben wollte, da£ die Frage
nach dem Sinn des Lebens und des Daseins einfach so aufgeworfen
werden konnte, daft man sagt: Welches ist der Sinn des Lebens und
des Daseins? und dafi irgend jemand dann eine einfache Antwort
geben konnte in ein paar Worten, indem er vielleicht sagt: Dieses ist
der Sinn des Lebens und des Daseins oder jenes. Auf diese Art wiirde
niemals eine wirkliche Empfindung entstehen konnen, niemals eine
Vorstellung zustande kommen von dem Groftartigen, Majestatischen
und Gewaltigen, das sich verbirgt hinter dieser Frage nach dem Sinn
des Lebens.
Allerdings, man konnte auch eine abstrakte Antwort geben, und
Sie werden durchfuhlen, durch das, was ich nachher werde zu sagen
haben, wie wenig befriedigend eine solche abstrakte Antwort ware.
Man konnte sagen: Der Sinn des Lebens besteht eigentiich darinnen,
dafi diejenigen geistigen Wesenheiten, zu denen wir hinaufschauen
als gottlichen Wesenheiten, den Menschen allmahlich dazu gelangen
lassen, mitzuarbeiten an der Entwickelung des Daseins, so daft der
Mensch gleichsam im Beginne seiner Entwickelung unvollkommen
ware, nicht mitarbeiten konnte an dem ganzen Bau des Weltalls und
im Laufe der Entwickelung allmahlich immer mehr und mehr heran-
gezogen wiirde, an dieser Entwickelung mitzuarbeiten.
Das ware aber eine abstrakte Antwort, die uns aufierordentlich
wenig sagen wiirde. Wir mtissen vielmehr, um eine Antwort auf eine
so bedeutungsvolle Frage auch nur zu ahnen, uns vertiefen in gewisse
Geheimnisse des Daseins und des Lebens. Da wollen wir von den Be-
trachtungen ausgehen, die sich uns auf der Grundlage derjenigen er-
geben, die wir schon gestern angestellt haben. Wir wollen uns heute
sozusagen nur noch etwas intensiver hineinarbeiten in diese Geheim-
nisse des Daseins. Wir konnen uns eigentlich nicht bloft daran genugen
lassen, wenn wir die Welt urn uns herum betrachten, Entstehen und
Vergehen zu sehen. Wir haben schon gestern darauf aufmerksam ge-
macht, wie ratselvoll dieses Entstehen und Vergehen an unsere Seele
herankommt, wenn wir uns fragen nach dem Sinn, der da ist in all
diesem Entstehen und Vergehen. Aber es gibt etwas, was uns eine noch
schwierigere Ratselfrage vorlegt.
Wenn wir uns dieses Entstehen und Vergehen einmal genauer be-
trachten, wird die Sache noch ratselvoller. Wir sehen dann schon im
Entstehen sozusagen etwas hochst Merkwiirdiges, etwas hochst Son-
derbares, das uns tragisch, traurig stimmen konnte, wenn wir es nur
oberflachlich betrachten. Tun wir einen Blick mit den Erkenntnissen,
die wir haben aus der physischen Welt, sehen wir in die Weiten des
Weltmeeres oder in die Weiten irgendeiner anderen Daseinsform, so
wissen wir, daft unzahlige Lebenskeime entstehen und daft wenige
von diesen Lebenskeimen wirklich zu voll ausgebildeten Wesen wer-
den. Denken Sie sich nur einmal, wieviel Keime von verschiedenen
Fischen alljahrlich im Meere abgelegt werden, die nicht ihr Ziel, nam-
lich ausgebildete Wesen zu werden, erreichen, sondern vorher wieder
verschwinden, und wie nur eine kleine Anzahl dieser Keime das Ziel,
ausgebildete Wesen zu werden, erreichen kann !
Gestern haben wir den Blick hingewendet auf die Tatsache, daft
alles, was entsteht, sozusagen wieder zugrunde geht. Nun aber drangt
sich uns die andere Tatsache auf, daft aus einem unbegrenzten Reiche
unermeftlicher Moglichkeiten nur wenige Wirklichkeiten auftauchen,
daft also schon im Entstehen etwas Ratselvolles liegt, indem das, was
da scheint sich zum Dasein zu ringen, gar nicht einmal so recht zur
Entstehung kommen kann.
Betrachten wir einen konkreten Fall. Wenn wir ein Ackerfeld be-
saen, auf dem meinetwillen Weizen oder Korn gedeiht, da sehen wir
hervorsprieften eine grofte Anzahl Weizen- oder Kornahren. Wir wis-
sen ganz gut, daft aus jedem einzelnen Korn dieser Kornahren wieder
eine neue Weizen- oder Kornahre entstehen kann. Und nun fragen wir
uns: Wieviele der Korner der Ahren, die wir da iiberschauen auf dem
Saatfelde, erreichen dieses Ziel? Lassen wir einmal den Gedanken
schweifen zu den unendlich vielen Kornern, die einen ganz anderen
Weg gehen als den, der das Ziel der Korner ist, namlich wiederum zur
Ahre zu werden; da haben wir, was wir bei alien Lebenskeimen sehen,
in einem konkreten Falle vor uns. So dafi wir sagen miissen: Das
Lebendige, das uns umgibt, entsteht schon als solches nur dadurch,
dafi es in seinem Entstehen unermeftliche Lebenskeime wie in den
Abgrund des Ziellosen hmunterzudrangen scheint.
Halten wir das fest, halten wir fest, dafi rund in unserer Umgebung
das, was da ist, sich auf einem Unterboden der reichsten, unermefilich
reichen Moglichkeiten erhebt, die nie zu Wirklichkeiten werden im
gewohnlichen Sinne des Wortes. Halten wir fest, dafi auf einem sol-
chen Boden der Moglichkeiten sich erheben die Wirklichkeiten, und
betrachten wir es als die eine Seite des ratselvollen Lebensdaseins, die
sich unserem Auge darbietet.
Jetzt woilen wir einmal nach der anderen Seite ausblicken, die auch
da ist, die aber allerdings nur durch Vertiefung in die okkulten Wahr-
heiten uns bewufit werden kann. Die andere Seite ist diese, die sich
dem Menschen darbietet, wenn er den Weg zur okkulten Erkenntnis
geht. Dieser Weg zur okkulten Erkenntnis wird zuweilen, wie Sie
wissen, als etwas Gefahrliches geschildert. Und warum? Einfach aus
dem Grunde, weil wir, wenn wir den Pfad zur okkulten Erkenntnis
gehen wollen, eintreten in ein Reich, das keineswegs so ohne weiteres,
so, wie es sich uns darbietet, hingenommen werden darf.
Nehmen wir an, ein Mensch gehe mit den Mitteln, die Ihnen bekannt
sind und die Sie finden in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?», den okkulten Pfad und kame so weit,
dafi sich aus den Untergriinden seiner Seele erhobe dasjenige, was wir
Imaginationen nennen. Wir wissen, was das fiir Gebilde sind. Es sind
visionare Bilder, die dem Menschen, wenn er den okkulten Pfad ge-
gangen ist, als eine ganz neue Welt gegeniibertreten. Wenn ein Mensch
wirklich ernsthaft diesen okkulten Pfad geht, so gelangt er dazu, dafi
sich die ganze physische Welt, die um ihn herum ist, verdunkelt. An
Stelle dieser physischen Welt tritt eine Welt auf- und abwogender
Bilder auf, auf- und abwogender Eindriicke tonartiger, geruchs-
artiger, geschmacksartiger, lichtartiger Natur. Das dringt und wirbelt
in unseren okkulten Gesichtskreis herein, und wir machen die Erfah-
rungen, die wir nennen konnen die Erfahrungen der imaginativen
Visionen, die uns von alien Seiten dann umgeben, die unsere Welt
sind, in der wir mit unserer Seele leben und weben.
Nehmen wir nun an, ein Mensch wiirde sich verlassen darauf, dafi
er in dieser visionaren "Welt, in die er auf diese Art eintritt, eine voile
Wirklichkeit vor sich hatte; dieser Mensch wiirde sich in einem
schweren, sehr schweren Irrtum befinden. Und hier stehen wir an dem
Punkte, wo die Gefahr beginnt. Unermefilich ist das Reich des visio-
naren Lebens, solange wir uns nicht von der Imagination, die uns eine
visionare Welt vorzaubert, erheben zu der Inspiration. Diese erst sagt
uns: Nach diesem einen Bilde mufit du dich hinwenden, dahin mulk
du deinen okkulten Blick richten, dann wirst du eine Wahrheit er-
leben, und unzahlige andere Bilder, die rings um dieses herum sind,
miissen verschwinden in ein wesenloses Nichts. Dann wird dieses eine
Bild aus unermefilich vielen hervorgehen und sich dir bewahren als
ein Ausdruck der Wahrheit.
Also, wir treten, wenn wir uns auf dem okkulten Pfade befinden,
in ein Reich unermeftlicher Visionsmoglichkeiten und miissen uns da-
zu entwickeln> sozusagen herauszugliedern, auszuwahlen aus diesem
Reiche der unermelSlichen Visionsmoglichkeiten diejenigen, welche
wirklich eine geistige Realitat zum Ausdrucke bringen. Es gibt keine
andere Moglichkeit der Sicherung als die eben angedeutete, denn wenn
jemand kame und sagte: Man tritt also ein in ein Reich unermefllich
reicher Visionen, welche sind wahr, welche sind falsch? Kannst du
mir nicht eine Regel geben, wodurch ich die wahren von den falschen
unterscheide ? — so wiirde diese Fragen kein Okkultist mit einer Regel
beantworten. Jeder Okkultist mulke antworten: Wenn du unter-
scheiden lernen willst, dann muftt du dich weiterentwickeln. Dann
aber tritt auch fiir dich die Moglichkeit ein, daft du den Blick hinrich-
test auf dasjenige, was deinem Anblicke standhalt. Denn diejenigen,
welche standhalten, sind solche, die auf deinem Standpunkte sind,
diejenigen aber, welche von dir ausgeloscht werden, sind blofi Neben-
bilder.
Die Gefahr liegt nun darin, da£ viele Menschen sich aulkrordent-
lich wohi und wohlig befinden in dem Reiche der Visionen und, wenn
sie eine visionare Welt vor sich haben, gar nicht weiter sich entwickeln,
gar nicht weiterstreben wollen, da ihnen diese visionare Welt au&er-
ordentlich gefallt. Man kann sich nicht zur Wahrheit entwickeln im
geistigen Leben, wenn man sich dieser Seligkeit, sozusagen dem
Schwelgen in der visionaren Welt, einfach hingibt. Man kann sich
dann nicht erheben zur Realitat, zur Wahrheit. Man mufi mit alien
Mitteln, die uns zur Verfugung stehen, weiterstreben. Dann sondert
sich wirklich aus der unermefilichen Moglichkeit der Visionen das
Geistig-Wirkliche heraus.
Und nun vergleichen Sie die zwei Dinge, die ich Ihnen charakte-
risiert habe. Auf der einen Seite draufien die Welt, die unzahlige
Moglichkeiten der Lebenskeime aus sich hervorgehen und nur wenige
davon an ihr Ziel gelangen lafk, und auf der anderen Seite die innere
Welt, zu der uns der Erkenntnispfad fuhrt: eine unermejBliche Welt
von Visionen, zu vergleichen mit der Welt der Moglichkeiten der
Lebenskeime. Wenige davon sind solche Visionen, zu denen wir zu-
letzt kommen, die zu vergleichen sind mit dem, was aus den vielen
Lebenskeimen als das wenige wirkliche Leben sich erhebt. Diese zwei
Dinge entsprechen einander vollstandig in der Welt, diese zwei Dinge
gehoren durchaus in der Welt zusammen.
Nun aber wollen wir den Gedanken ein wenig fortsetzen. Wir
wollen fragen: Hat derjenige Mensch recht, der nun kleinmiitig und
traurig 1st iiber das Leben und das Dasein, weil dieses Leben draufien
unzahlige Keime sozusagen nur halb entstehen und nur wenige davon
ans Ziel gelangen lafk? Haben wir die Moglichkeit, zu trauern dar-
iiber, haben wir die Moglichkeit zu sagen: Drauften ist ein wiitender
Kampf urns Dasein, dem nur wenige zuf allig entkommen ? Betrachten
Sie unser konkretes Beispiel von dem Saatfelde, dem Korn- oder
Weizenfelde. Nehmen wir an, es wiirden alle Weizenkorner, welche
entstehen, wirklich an ihr Ziel gelangen und wieder Ahren werden.
Was ware da die Folge? Es ware einfach die Welt nicht moglich, denn
die Wesenheiten, die sich vom Korn oder Weizen ernahren miissen,
hatten keine Nahrung! Damit diejenigen Wesenheiten, die wir nur
allzugut kennen, hinaufkommen konnten auf die jetzige Stufe der
Entwickelung, muftten hmter ihrem Ziele zuriickbleiben die Wesen-
heiten, die wir eben angefuhrt haben, die sozusagen in den Abgrund
hinuntersinken miissen gegeniiber der Sphare ihres eigenen Zieles.
Wir haben aber trotzdem keinen Grund zur Trauer, wenn wir nicht
sagen wollen, es liegt uns Uberhaupt nichts an der Welt; denn wenn
uns an der Welt etwas liegt, wenn uns daran liegt, daft sie besteht —
und die Welt besteht nur aus Wesenheiten — , so miissen diese Wesen-
heiten sich ernahren konnen. Wenn sie sich ernahren sollen, dann
miissen andere Wesenheiten sich opfern. Daher konnen auch nur
wenige von den Lebenskeimen wirklich an ihr Ziel gelangen. Die
anderen miissen andere Wege gehen. Sie miissen deshalb andere Wege
gehen, weil die Welt bestehen soil, weil wirklich nur dadurch die Welt
weise eingerichtet sein kann.
Wir sind also nur dadurch umgeben von einer Welt, wie wir sie
haben, daft sich gewisse Wesenheiten opfern, bevor sie zu ihrem Ziele
gelangen. Wenn wir den Weg der sich opfernden verfolgen, so finden
wir sie in den anderen Wesen, die iibergeordnet sind, in den Wesen,
die dieses Opfer brauchen, damit sie da sein konnen. Da haben wir
sozusagen an einer Ecke erfaftt den Sinn auch des scheinbar so ratsel-
vollen Daseins, das entstehen und auch in die Vernichtung hinunter-
sinken kann. Und dennoch haben wir entdeckt, daft gerade darin sich
Weisheit im Dasein enthiillt, also Sinn enthiillt, und daft nur unser
Nachdenken zu kurz ist, wenn wir jammern daruber, daft so vieles
scheinbar ziellos in den Abgrund hinuntersinken muft.
Jetzt gehen wir wieder zu der anderen, zu der geistigen Seite.
Nehmen wir einmal das, was wir die unermeftliche Welt der Visionen
genannt haben. Da miissen wir allerdings darauf eingehen, was diese
unermeftliche Welt der Visionen eigentlich bedeutet. Sie ist nicht ein-
fach in dem Sinne falsch, diese unermeftliche Welt der Visionen, daft
man sagt: Das ist falsch, was da hinuntersinkt, und das, was da zuletzt
bleibt, ist richtig. Nicht in dem Sinne ist diese Welt falsch. Das ist ein
ebenso kurzsichtiges Urteil, wie wenn man glaubte, das waren keine
Lebenskeime, die nicht zum Leben kommen, und das waren keine
richtigen Imaginationen, die fur uns im Unermeftlichen untergehen.
Geradeso, wie es uns im aufteren, realen Leben entgegentritt, daft nur
wenige Wesen ihr Ziel erreichen, so kann auch von dem unermefi-
lichen Geistesleben nur weniges in unseren Horizont hineintreten.
Und warum?
Diese Frage nach dem Warum wird aufierordentlich lehrreich fiir
uns sein. Nehmen wir an, der Mensch wiirde sich den in unermefilicher
Mannigfaltigkeit in ihn einstromenden Visionen einfach hingeben.
Wem einmal die visionare Welt eroffnet ist, in den stromen fort-
wahrend Visionen ein, da kommt und geht eine nach der anderen und
wogt und webt eine in der anderen. Man kann sich gar nicht erwehren
der Bilder und Eindriicke, die da im Geistigen, auf- und abwogend,
uns umpulsen. Aber wenn wir genau zusehen, dann finden wir bei so
jemandem, der sich einfach dieser visionaren Welt hingibt, etwas
hochst Eigentiimliches. Erstens finden wir, wenn uns so jemand ent-
gegentritt, der sich nicht weiterentwickeln, sondern beim Visionaren
stehenbleiben will, dafi er dieses oder jenes erfahren, dafi er dieses
oder jenes Erlebnis gehabt hat. Gut, sagen wir, du hast geistige Er-
lebnisse gehabt, du hast das erlebt, fiir dich sind es Wirklichkeiten.
Schon, das ist eine Kundgebung aus der geistigen Welt. Aber wir
werden sehr bald merken, dafi, wenn ein anderer kommt und iiber
dieselbe Sache seine Visionen uns mitteilt und er auch nicht weiter ist
als der erstere, seine Visionen iiber dieselbe Sache eine ganz andere
Gestalt haben, so daf$ zwei verschiedene Aussagen vorliegen konnen
iiber dieselbe Sache. Ja, wir werden noch schlimmere Erfahrungen
machen konnen. Wir werden finden, dafi solche Menschen, welche
stehenbleiben wollen bei der blofi visionaren Welt, selber iiber ein
und dieselbe Sache zu verschiedenen Zeiten verschiedene Aussagen
machen, einmal dieses erzahlen, das andere Mai jenes. Es ist eben
schlimm, dafi Visionare gewohnlich ein schlechtes Gedachtnis haben
und gewohnlich nicht mehr wissen, was sie das erstemal erzahlt haben.
Sie sind sich nicht bewufit dessen, was sie da erzahlt haben.
Kurz, wir haben es zu tun mit einer unermefilichen Mannigfaltig-
keit der Erscheinungen. Wollten wir als Menschen mit unserem
jetzigen Erden-Ich dies alles, was sich uns in der visionaren Welt
darbietet, richtig beurteilen, dann mitfken wir unendlich vieles ver-
gleichen. Dabei wiirde aber gar nichts herauskommen. Als Grundsatz
mufi gelten, daft zunachst diese visionare Welt allerdings eine Offen-
barung des Geistes ist, daft sie aber als Aussage zunachst gar nichts
wert ist. Mogen noch so viele Visionen an uns herankommen — sie
sind Kundgebungen der geistigen Welt, aber Wahrheiten sind es
nicht. Wenn sie Wahrheiten werden sollen, rniilke man erst die ver-
schiedenen Visionen des einzelnen und mannigfaltiger anderer Men-
schen miteinander vergleichen. Das kann aber nicht sein. Ein Ersatz
dafiir wird geschaffen durch die Weiterentwickelung nach der Inspi-
ration hin. Dann aber tritt das Folgende auf : Wir erfahren dann, daft,
wenn die Menschen zu dem Standpunkte der Inspiration sich erheben,
bei alien die Aussagen gleich sind. Da gibt es keine Verschiedenheiten
mehr, nichts, was fur den einen sich anders darstellt als fur den an-
deren. Da sind die Erfahrungen bei alien, die die gleiche Entwicke-
lungsstufe erreicht haben, tatsachlich gleich.
Nun gehen wir zu der anderen Frage, die ihr auch in gewisser
Weise entspricht: zu dem, was sich uns in der aufteren Welt darge-
boten hat. Da werden die wenigen ans Ziel gelangten Lebenskeime in
Vergleich gesetzt mit den vielen, die in den Abgrund schon hinunter-
gesunken sind. Wir wissen, damit die auftere Welt bestehen kann, ist
dieser Untergang notwendig. Wie ist es aber mit der geistigen Welt,
mit diesen Visionen und Inspirationen ? Da miissen wir vor alien
Dingen uns klar sein, daft dasjenige, was wir da vor uns haben, wenn
wir die Visionen auswahlten, dann wirklich als geistige Realitaten
vor uns steht, daft wir damit nicht etwa blofte Bilder vor uns haben,
die uns nur Erkenntnisse im gewohnlichen Sinne liefern. So ist es
nicht, und die Tatsache, daft es nicht so ist, will ich Ihnen an etwas
sehr Bedeutungsvollem klarmachen. Ich will Ihnen klarmachen, wie
es mit den ausgewahlten Visionen steht im Verhaltnis zur Welt, so
wie wir uns zuerst klargemacht haben, wie es mit den ausgewahlten,
ans Ziel gelangten Lebenskeimen im Verhaltnis zu den Lebenskeimen
iiberhaupt steht. Diese werden eben als Nahrung beniitzt von den
anderen. Wie ist es nun aber mit den ausgewahlten Visionen, mit dem,
was im Menschen wirklich als reale Vision lebt?
Auf einiges mull ich hier aufmerksam machen. Sie diirfen nicht
glauben, daft derjenige, der es zum Hellsehen gebracht hat, das er-
reicht hat, dafi in ihm jetzt die Welt des Geistes lebt und in anderen
nicht. Sie diirfen sich das Hellsehen nicht so vorstellen, daft Sie sich
etwa sagen: Da ist der Hellseher und da ist der andere Mensch, in der
Seele des Hellsehers lebt der Ausdruck geistiger Wirklichkeit, in der
Seele des anderen nicht. Das ware nicht richtig. Sie mufiten vielmehr
so sagen, wenn Sie es richtig ausdrikken wollten: Da stehen zwei
Menschen. Der eine ist ein Hellseher, der andere nicht. Dasjenige,
was der Hellseher sieht, lebt in beiden. In dem Nichthellseher sowohl
wie in dem Hellseher leben dieselben Dinge, dieselben geistigen Im-
pulse. Diese sind auch in der Seele des Nichthellsehers vorhanden. Der
Hellseher unterscheidet sich von dem Nichthellseher nur dadurch,
dafi er sie sieht, wahrend der andere sie nicht sieht. Der eine tragt sie
in sich und sieht sie, der andere tragt sie auch in sich und sieht sie
nicht. — Wer glauben wiirde, dafi der Hellseher etwas in sich hat,
was der andere nicht in sich hat, der wiirde sich einem grofien Irrtum
hingeben. So wie das Dasein zum Beispiel einer Rose nicht davon ab-
hangt, ob der Mensch sie sieht oder nicht sieht, ebenso ist es auch mit
dem Hellsehen: es lebt die Realitat in der Seele des Hellsehers und in
der Seele des Nichthellsehers, obgleich der letztere sie nicht sieht. Der
Unterschied besteht nur darin, dafi der eine sie sieht und der andere
sie nicht sieht. Es ist also so, daft in der Tat in den Seelen der Men-
schen der Erde all die Dinge leben, die der Hellseher durch sein Hell-
sehen eben wahrnimmt. Dies wollen wir uns einmal recht gut in die
Seele schreiben.
Jetzt aber wollen wir auf ein scheinbar ganz anderes Betrachtungs-
gebiet iibergehen, welches uns mit dem, was wir gesagt haben, spater
wieder vereinigen wird. Jetzt richten wir den Blick, sagen wir, auf
die Tierwelt. Die Tierwelt umgibt uns in den mannigfaltigsten ein-
zelnen Formen, in den Formen der Lowen, Baren, Wolfe, Lammer,
Haifische, Walfische und so weiter. Der Mensch unterscheidet diese
Tierformen, indem er sich aufiere Begriffe davon macht, indem er
sich den Begriff des Lowen, des Wolfes, des Lammes und so weiter
bildet. Nun darf man aber nicht verwechseln dasjenige, was der
Mensch als Begriff bildet, mit dem, was der Lowe, der Wolf in Wirk-
lichkeit ist. Sie wissen, darauf brauche ich nur aufmerksam zu ma-
chen, dafi wir in der Geisteswissenschaft sprechen von den sogenann-
ten Gruppenseelen. Alle Lowen haben eine gemeinsame Lowen-Grup-
penseele, alle Wolfe eine Wolf-Gruppenseele. Gewisse abstrakte Phi-
losophen sagen zwar, das Gemeinsame der Tiere existiere nur im
Begriffe, es existiere die Wolfheit nicht draufien in der Welt. Das ist
aber nicht richtig. Wer das glaubt, dafi die Wolfheit als solche, also
das, was objektiv in der geistigen Welt die Gruppenseele ist, nicht
aufier unserem Begriffe existiert, der braucht sich nur das Folgende
zu iiberlegen. Aufier uns, draufien in der Welt, gibt es Wesen, die wir
Wolf nennen. Nehmen wir nun an, das Seelische, das Charakteri-
stische des Wolfes sei eine Folgeerscheinung der Beschaffenheit der
Materie, aus welcher der Wolf besteht. Wir wissen, dafi sich die Ma-
terie des Korpers eines tierischen Wesens fortwahrend andert. Ein
Tier nimmt neue Materie auf und gibt die alte ab. Dadurch andert
sich der Bestand der Materie fortwahrend. Worauf es aber ankommt,
das ist die Tatsache, dafi etwas im Wolfe vorhanden ist, was die auf-
genommene Materie in Wolfsmaterie umwandelt. Nehmen wir an,
man hatte durch alle Finessen der Naturwissenschaft herausgebracht,
wieviel Zeit der Wolf braucht, um alle Materie zu erneuern. Nehmen
wir ferner an, man sperrte ihn ebensolange ein und fiitterte ihn mit
lauter Lammern, so dafi er, solange er braucht, um seine Materie,
seinen sinnlichen Korper ganz auszutauschen, mit lauter Lamm-
Materie gefiittert worden ware. Wenn der Wolf nichts anderes ware
als die physische Stofflichkeit, aus der sein Korper aufgebaut ist, so
mufite er jetzt ein Lamm geworden sein. Aber Sie werden nicht glau-
ben, dafi der Wolf dadurch, dafi er so lange Zeit Lammer gefressen
hat, jetzt auch ein Lamm geworden sein mufi. Sie werden sehen, dafi
den Begriffen, die wir uns bilden von den verschiedenen Tierformen,
Realitaten entsprechen, die etwas Ubersinnliches sind gegeniiber dem,
was in der sinnlichen Welt draufien ist.
So ist es nun bei alien Tieren. Die Gruppenseele, das, was der
ganzen Tiergattung zugrunde liegt, das macht es, dafi das eine Tier
Wolf, das andere Lamm, das eine Lowe, das andere Tiger ist. Die
Gruppenseele aber macht sich der Mensch klar in seinem Begriffe.
Die Begriffe, die sich der Mensch nun gewohnlich bildet, gerade von
der Tierwelt, sind eigentlich recht unvollkommen. Daft sie unvoll-
kommen sind, das riihrt davon her, daft der Mensch in seiner gegen-
wartigen Beschaffenheit recht wenig tief in die Realitaten eindringt,
daft der Mensch eigentlich nur an der Oberflache der Wesenheiten
haftet. Wiirde er tiefer gelangen, so wiirde er, indem er sich den
Begriff des Wolfes bildet, in seiner Seele nicht nur haben den ab-
strakten Begriff, sondern er wiirde den Gemiitszustand haben, der
diesem Begriffe entspricht. Mit dem Begriffe wiirde sich ein Gemuts-
zustand bilden, und der Mensch wiirde, indem er sich den Begriff
des Wolfes bildet, das durchmachen, was das Wolfsdasein ist. Er
wiirde die Blutgierigkeit des Wolfes fiihlen und auch fiihlen die Ge-
duld des Lammes.
Wenn das heute nicht so ist, so riihrt das davon her — ich kann es
nur symbolisch sagen, denn sonst wiirde es zu weit fiihren, die ent-
sprechende Realitat wissen Sie ja bereits — , daft der Mensch, nachdem
die luziferischen Einfliisse stattgefunden hatten, abgehalten wurde
von den Gottern, zu der Erkenntnis auch noch das Leben zu haben.
Er sollte nicht essen von dem Baume des Lebens. Er hat daher also
nur die Erkenntnis und kann nicht das Wirkliche des Lebens nach-
leben. Das kann er nur dann, wenn er Okkultist ist, wenn er in
okkulter Weise eindringt in dieses Gebiet. Dann hat er nicht nur den
abstrakten Begriff, sondern dann lebt er in dem, was wir mit den Aus-
drucken «dieBlutgier des Wolf es»,«die Geduld desLammes» bezeichnen.
Jetzt werden Sie begreifen, wie grofi der Unterschied ist zwischen
diesen beiden Dingen. Das bekampft sich alles in uns, da die Begriffe
durchdrungen sind von dem innersten Wesen der Seelensubstanz.
Aber diese Begriffe muft sich der Okkultist und Hellseher machen,
er muft zu diesen Begriffen aufsteigen. Wenn der Hellseher zu diesen
Dingen aufgestiegen ist, dann kann man sagen: Da lebt jetzt schon
etwas davon in ihm. Und tatsachlich, ein lebendiges Bild der ganzen
tierischen Welt draufien lebt in ihm. — Wie gut hat es doch der andere
Mensch, der nicht Hellseher geworden ist, konnte man da sagen. Aber
ich habe ja gerade schon vorhin darauf hingewiesen, daft der Hell-
seher sich in dieser Beziehung nicht unterscheidet von den anderen
Menschen ! Das, was in dem einen ist, ist auch in dem anderen. Der
Unterschied besteht nur darin, dafi der eine es sieht, wahrend der
andere es nicht sieht. Die ganze Welt, von der ich gesprochen habe,
ist in Wirklichkeit in der Seele eines jeden Menschen, nur sieht sie der
gewohnliche Mensch nicht. Das ist dasjenige, was aus den verborgenen
Untergriinden der Seele heraufspielt, was den Menschen in sich un-
ruhig macht, was den Menschen in Zweifel hineinreifk, ihn da- und
dorthin zieht, das, was das Spiel seiner Begierden und Instinkte aus-
macht. Dasjenige, was sich nicht iiber eine gewisse Schwelle herauf-
drangt, sich nur in Schwachen ausdriickt und auslebt, ist doch vor-
handen. Wer eine derartige Gemiitsveranlagung hat, der hangt so
zusammen mit der Welt, daft ihn diese Gefuhle erfiillen, ergreifen im
Kampfe und im Leben und ihn in schwerwiegende Verhaltnisse zu
Wesen und Menschen bringen. Das ist einmal so. Und warum?
Wenn das nicht so ware, dann ware in gewisser Beziehung die Ent-
wickelung unserer Erde mit dem Tierischen am Ende angekommen.
Dann ware das Tierreich so, wie es ist, eine Art von Ende. Es konnte
nicht weiterkommen. Die ganzen Gruppenseelen der Tiere, die da
um uns herum lebcn, wiirden sich nicht in die folgenden Verkorpe-
rungen unserer Erde hinuberentwickeln konnen. Das ware eine son-
derbare Sache. Diese Gruppenseelen der Tiere waren in der Lage —
verzeihen Sie mir den Vergleich, aber er wird Ihnen klarmachen, was
gemeint ist — eines Amazonenstaates, in den nie ein Mann hinein
diirfte. Er wiirde notwendig aussterben ohne mannliche Wesenheit.
Er wiirde zwar geistig nicht aussterben, denn die Seelen wiirden in
andere Reiche iibergehen, aber als Amazonenstaat stande ihm dieses
Schicksal bevor. So wiirde auch der Staat der tierischen Gruppen-
seelen aussterben, wenn nichts anderes da ware als er. Das namlich,
was in den tierischen Gruppenseelen lebt, das mulS befruchtet werden
und kann nicht anders iiber die Klippe in der Erdenentwickelung,
in die nachste Erdenverkorperung, das Jupiterdasein, hinwegkom-
men — kann nicht hiniibergelangen, wenn es nicht befruchtet wird
von dem, was ich geschildert habe. Dadurch gehen die Formen der
Erdentiere zugrunde, sie sterben aus, die Gruppenseelen aber werden
befruchtet und erscheinen auf dem Jupiter als fur ein hoheres Dasein
ausgebildet, sie gelangen also zu ihrer nachsten Stufe des Daseins.
Was geschieht also durch den Menschen, indem er da unten die
lebendigen Formen der Gruppenseelen abbildet? Er bildet dadurch
aus die Befruchtungskeime fiir die Gruppenseelen, die sich sonst nicht
weiterentwickeln konnten. Wenn wir dies ins Auge fassen, dann
konnen wir uns das Folgende sagen: Also sehen wir schon im tieri-
schen Reiche, dafi der Mensch in sich entwickelt, auf auftere Anregung
hin, indem er das Tierreich anschaut, gewisse innere Impulse, die
Befruchtungskeime sind fiir die tierische Gruppenseele. Diese Im-
pulse, die da im Leben als Befruchtungskeime fiir die tierische Grup-
penseele entstehen, entstehen auf aufiere Anregung. Nicht auf auftere
Anregung entstehen die Visionen des Hellsehers und auch nicht die-
jenige, welche ausgewahlt wird als reale Vision. Die ist nur da in der
geistigen Welt und lebt in den Seelen der Menschen.
Glauben Sie nur ja nicht, dafS, wenn von einer Anzahl Getreide-
korner soundsoviele verzehrt werden, wahrend nur wenige sich
wieder zur Ahre entwickeln konnen, dafi da nichts vorgeht in der
geistigen Welt! Wahrend die Korner aufgezehrt werden, geht das
Geistige, das mit den Getreidekornern verbunden ist, in den Menschen
iiber. Das zeigt sich am besten fiir den hellseherischen Blick, wenn
er hinschaut auf ein Meer, wo soundsoviele Fischkeime enthalten
sind, und beobachtet, wie wenige sich zu vollgiiltigen Fischen ent-
wickeln. Diejenigen, die zu vollgiiltigen Fischen sich entwickeln,
zeigen in ihrem Innern kleine Flammchen, diejenigen aber, die sich
physisch nicht entwickeln, die physisch in den Abgrund hinunter-
gehen, entwickeln machtige Flammen-Lichtbildungen. Da ist das
Geistige um so bedeutsamer. So ist es auch mit denjenigen Getreide-
und Weizenkornern, die gegessen werden. Das Materielle davon wird
gegessen; indem es zermiirbt wird, tritt aus diesen nicht zu ihrem
Ziele gelangten Weizenkornern heraus eine geistige Kraft, die unseren
Umkreis erfullt. Das ist fiir den Hellseher ebenso, wenn er einen
Menschen ansieht, der Reis oder ahnliches ilk. Wahrend der Mensch
das Materielle in sich aufnimmt, mit sich vereinigt, spriihen in Stro-
men die geistigen Krafte heraus, die mit dem Korne verbunden waren.
Das alles ist keine so einfache Sache fiir den okkulten Blick, ganz be-
sonders nicht, wenn die Nahrung keine Pflanze war. Aber darauf will
ich heute nicht eingehen, da die Geisteswissenschaft nicht agitieren soil
fur irgendeine Parteirichtung, also auch nicht fur den Vegetarismus.
Es schliefien sich also zusammen die geistigen Wesenheiten. Alles,
was scheinbar zugrunde geht, gibt ab an die Umgebung das Geistige.
Dieses Geistige, das abgegeben wird an die Umgebung, das vereinigt
sich tatsachlich mit dem, was im Menschen drinnen, wenn er Hell-
seher wird oder auch sonst, in seiner visionaren Welt lebt. Und die
nach der Inspiration ausgewahlten Visionen sind dasjenige, was das,
ich mochte sagen, aus den nicht zum Ziele gekommenen Lebenskeimen
ausgeprefite Geistige befruchtet und weiter zur Evolution bringt.
So stent unser Inneres durch dasjenige, was es da innerlich ent-
wickelt, in einem fortwahrenden Verhaltnisse zu der aufieren Welt,
wirkt zusammen mit dieser aufieren Welt. Diese au/Sere Welt ware
dem Verderben anheimgegeben, konnte sich nicht weiterentwickeln,
wenn wir nicht entgegenbrachten die befruchtenden Keime. Drauften
in der Welt ist auch eine Geistigkeit, aber sozusagen nur eine halbe
Geistigkeit. Damit sie Nachwuchs habe, diese Geistigkeit draufien,
mufi die andere Geistigkeit zu ihr hinzutreten, die innerhalb uns selbst
lebt. Was in uns lebt, ist keineswegs nur ein erkenntnismafiiges Ab-
bild des Aufieren, sondern das, was dazu gehort. Es tritt mit dem,
was aufier uns ist, zusammen und entwickelt sich weiter. Geradeso
wie Nord- und Sudpol als Magnetismus oder Elektrizitat zusammen-
treten miissen, damit etwas geschieht, so mufi zusammentreten das-
jenige, was sich in unserem Innern ausbildet in der Welt der Visionen,
mit dem, was draufien aufspriiht von dem scheinbar Zugrundege-
gangenen. Wunderbare Ratsel, die sich aber allmahlich aufklaren,
die uns zeigen, wie Inneres mit dem AuJfteren zusammenhangt.
Nun werfen wir einen Blick auf das, was uns drauften umgibt, und
auf das, was wir als ausgewahlte Visionen haben, auf das, was sich
aussondert von den unermeftlichen Moglichkeiten der Visionen. Das-
jenige, was wir so erheben zu einer fur uns giiltigen Vision, dient zu
unserer inneren Entwickelung. Was dann hinuntersinkt, wenn wir das
ganze unermefiliche Feld des visionaren Lebens iiberblicken, was da
einzeln hinuntersinkt, das versinkt nicht in nichts, sondern es dringt
in die Aufienwelt und befruchtet dieselbe. Was wir ausgewahlt haben
von den Visionen, das dient zu unserer Weiterentwickelung. Die
anderen, die gehen von uns weg und vereinigen sich mit dem, was
um uns ist, mit dem nicht zum Ziele gelangten Leben.
So wie das Lebewesen zu seiner Ernahrung aufnehmen mufi das-
jenige, was nicht zum Leben gekommen ist, so miissen wir aufnehmen
dasjenige, was wir nicht abgeben an die Aufienwelt zur Befruchtung
der Aufienwelt. Das hat also seinen Zweck. Und ersterben miifite
alles in der Welt, was geistig fortwahrend entsteht, wenn wir unsere
Visionen nicht fallen liefien und nicht nur auswahlten diejenigen,
welche sich nach der Inspiration ergeben.
Jetzt kommen wir zum zweiten Punkte, der Gef ahr des visionaren
Lebens. Was tut derjenige, welcher alle die unermefilich vielen und
mannigfaltigen Visionen einfach als Wahrheit bezeichnet und nicht
auswahlt das fur ihn Richtige, nicht tilgt die weitaus grofiere Zahl
der Visionen? Was tut der? Der tut geistig dasselbe, was ein Mensch
tun wiirde — wenn Sie es sich ins Physische iibersetzen, dann werden
Sie gleich sehen, was er tut — , der einem Saatfelde gegeniibersteht und
nicht einen grofien Teil zur Nahrung verwendete, sondern alle Korner
wieder zum Aussaen beniitzte. Es wiirde nicht lange dauern, so reichte
die Erde nicht mehr hin, um all das Korn zu tragen. Das ginge also
nicht so weiter, denn alles andere wiirde aussterben, es wiirde nichts
mehr Nahrung haben. So ist es auch mit dem Menschen, der alles als
Wahrheit betrachtet, der keine Vision tilgt und alles in sich darinnen
behalt. Da wirkt er in sich so, wie wenn er alle Weizenkorner ein-
sammeln und wieder aussaen wiirde. So wie die Welt bald mit lauter
Weizenfeldern und Weizenkornern uberschuttet sein wiirde, so wiirde
sich der Mensch iiberschutten mit Visionen, der nicht unter den
Visionen auswahlte.
Ich habe Ihnen die Umgebung geschildert, sowohl physisch wie
geistig, die Tiere, sowie auch die Begriffe, die der Mensch sich dafiir
bildet. Aber ich habe auch gezeigt, wie der Mensch seinen Visionen
das Ziel zu geben hat und wie diese visionare Welt sich verbinden
mufi mit der Welt draufien, damit die Entwickelung vorwartsschrei-
ten kann. Wie ist es aber, wenn wir den Menschen nun ins Augefassen?
Er steht einem Tiere gegenuber, betrachtet dessen Gruppenseele, sagt
Wolf, das heiftt, er hat sich den Begriff Wolf gemacht, und indem er
Wolf sagt, ist in ihm aufgeschossen das Bild, von dem allerdings der
Nichthellseher die Gemiitssubstanz nicht hat, sondern nur den ab-
strakten Begriff. Was in der Gemiitssubstanz lebt, das verbindet sich
mit der Gruppenseele und befruchtet sie, wenn der Mensch den
Namen Wolf ausspricht. Wenn er den Namen nicht aussprechen
wiirde, so wiirde das Tierreich als solches ersterben. Und dasselbe
gilt auch von dem Pflanzenreiche.
Das, was ich charakterisiert habe von dem Menschen, gilt nur fiir
den Menschen. Was ich charakterisiert habe, gilt nicht fiir die Tiere
und auch nicht fiir die Engel und so weiter. Die haben ganz andere
Aufgaben. Der Mensch allein ist dazu da, sein Wesen der Auftenwelt
gegeniiberzustellen, damit Befruchtungskeime entstehen, die sich im
«Namen» zum Ausdruck bringen. Damit ist in des Menschen Inneres
die Moglichkeit zur Fortentwickelung des Tier- und Pflanzenreiches
gelegt.
Gehen wir jetzt zu dem Ausgangspunkte zuriick, den wir gestern
gewahlt haben. Jahve oder Jehova wurde gefragt von den Dienst-
Engeln, warum er durchaus den Menschen schaffen wollte. Die Engel
konnten es nicht begreifen. Da versammelte Jehova die Tiere und
Pflanzen und fragte die Engel, welches die Namen dieser Wesen sind.
Sie wuftten es nicht. Sie haben andere Aufgaben als die Befruchtung
der Gruppenseelen. Der Mensch aber konnte die Namen sagen. Damit
zeigt Jahve, daft er den Menschen braucht, weil sonst die Schopfung
ersterben wiirde. Im Menschen entwickelt sich dasjenige weiter, was
in der Schopfung bis zum Ende gekommen ist und was neu angefacht
werden muft, damit die Entwickelung weitergehe. Daher muftte zur
Schopfung hinzukommen der Mensch, damit die Befruchtungskeime
entstehen konnten, die sich im «Namen» zum Ausdruck bringen.
So sehen wir, daft wir mit unserem Leben nicht unnotig hineinge-
stellt sind in die Schopfung. Denken wir den Menschen hinweg, so
wiirden sich die "Dbergangsreiche nicht weiterentwickeln konnen. Sie
wiirden dem Schicksale verf alien, welchem verf alien wiirde eine
Pflanzen welt, die nicht befruchtet wird. Einzig und allein dadurch,
daft der Mensch hineingestellt ist ins Erdendasein, wird die Briicke
geschaffen zwischen der Welt, die friiher war, und derjenigen, die
spater ist, und der Mensch selber nimmt dasjenige fiir sich, fur seine
Entwickelung, was in der Unsumme von Wesen als Name lebt, und
bewirkt dadurch, daft er mit der ganzen Entwickelung aufsteigt.
Da haben wir, nicht in einfacher, abstrakter Weise, die Frage be-
an twortet: Welches ist der Sinn des Lebens? obwohl im Grunde ge-
nommen die abstrakte Antwort darinnenliegt. Der Mensch ist ge-
worden ein Mithelfer der geistigen Wesenheiten. Er ist es geworden
durch sein ganzes Wesen. Was in ihm ist, ist geworden der Befruch-
tungskeim fiir die ganze Schopfung. Er muft da sein, und ohne ihn
konnte die Schopfung nicht da sein. So fiihlt sich der Mensch, indem
er sich darinnenstehend weift in der Schopfung, als ein Teilnehmer
an dem gottlich-geistigen Schaffen.
Jetzt weift er auch, warum er in sich ein solches Leben fiihrt, warum
drauften die Welt der Sterne, der Wolken, der Naturreiche ist, mit
alledem, was geistig dazugehort, und in ihm eine Welt des Seelen-
lebens vorhanden ist. Denn jetzt sieht der Mensch: Diese zwei Welten
gehoren zusammen, und nur indem sie gegenseitig aufeinander wirken,
geht die Entwickelung vorwarts. Drauften breitet sich im Raume die
unermefiliche Welt aus. Da drinnen in uns ist unsere Seelenwelt. Wir
merken es nicht, daft das, was in uns lebt, hinausspruht und sich ver-
bindet mit dem, was drauften lebt. Wir merken es nicht, daft wir der
Schauplatz der Verbindung sind. Das, was in uns ist, ist sozusagen
der eine Pol, und das, was drauften ist in der Welt, das ist der andere
Pol, die beide sich zum Fortgange der Weltentwickelung miteinander
verbinden miissen. Und der Sinn, der Sinn des Menschen, liegt dar-
innen, daft wir dabei sein durfen.
Die gewohnliche Erkenntnis des normalen Bewufttseins weift nicht
viel von diesen Dingen. Aber indem wir in der Erkenntnis dieser
Dinge fortschreiten, werden wir immer mehr bewuftt, daft in uns
gleichsam der Ort ist, wo Nord- und Siidpol der Welt — wenn ich es
damit vergleichen darf — ihre entgegengesetzten Krafte austauschen,
sich miteinander vereinigen, so daft die Weiterentwickelung vor sich
gehen kann. Wir lernen durch die okkulte Wissenschaft, daft in uns
der Schauplatz ist fiir den Ausgleich der Krafte der Welt. Wir fiihlen,
wie in uns wie in einem Zentrum die gottlich-geistige Welt lebt, wie
sie sich mit der Auftenwelt verbindet und wie die beiden so sich gegen-
seitig befruchten.
Wenn wir uns so als Schauplatz fiihlen und wissen, wir sind dabei,
dann stellen wir uns richtig hinein in das Leben, erfassen den ganzen
Sinn des Lebens und erkennen, daft das, was zunachst unbewuftt ist,
dadurch, daft wir in der Geisteswissenschaft weiterdringen, uns im-
mer mehr bewuftt werden wird. Darauf beruht alle Entwickelung der
hoheren Geisteskrafte. Wahrend esdem normalen Bewufttsein entzogen
ist, zu wissen: Da vereinigt sich in dir etwas mit dem, was da drauften
ist, ist es dem hoheren Bewufttsein erlaubt, zuzuschauen. Dieses ent-
wickelt wirklich dasjenige, was zur Auftenwelt dazu gehort. Daher
ist es notwendig, daft ein gewisser Reifezustand eintritt, daft man
nicht in wilder Weise vermischt das, was drinnen ist, und das, was
drauften ist. Denn sobald wir zu einem hoheren Bewufttsein auf-
steigen, ist das eine Wirklichkeit, was in uns lebt. Schein ist es so
lange, als man im gewohnlichen, normalen Bewufttsein lebt.
Teilnehmen werden wir an dem Gottlich-Geistigen. Warum aber
werden wir so teilnehmen? Hat denn das Ganze iiberhaupt einen
Sinn, wenn wir sozusagen nur eine Art Ausgleichs-Apparat fur die
entgegengesetzten Krafte smd ? Konnten diese Krafte sich nicht auch
ohne uns ausgleichen? Eine sehr einfache Uberlegung zeigt uns, wie
die Sache steht. Nehmen Sie an, es ist das eine Kraftmasse (es wird
gezeichnet). Der eine Teil lebt innen, der andere drauften. Daft diese
Teile einander gegeniiberstehen, das ist ohne uns zustande gekommen.
Wir halten sie zunachst auseinander. Daft sie aber iiberhaupt zusam-
menkommen, das hangt von uns ab. Wir bringen sie zusammen in uns.
Dieser Gedanke ist ein Gedanke, der die allertiefsten Geheimnisse in
uns aufregt, wenn wir ihn richtig iiberlegen. Als eine Dualitat stellen
uns die Gotter die Welt gegeniiber: drauften die objektive Wirklich-
keit, in uns das Seelenleben. Wir stehen dabei und sind diejenigen, die
den Strom gleichsam schlieften und so die beiden Pole zusammen-
bringen. Das geschieht in uns, geschieht auf dem Schauplatze unseres
Bewufttseins.
Da tritt nun ein dasjenige, was fur uns die Freiheit ist. Damit
werden wir selbstandige Wesenheiten. In dem ganzen Weltenbau
haben wir nicht bloft einen Schauplatz, sondern ein Feld der Mit-
arbeit zu sehen. Damit ist allerdings ein Gedanke angeregt, den die
Welt nicht so leicht versteht, nicht einmal, wenn man ihn ihr philo-
sophisch vorfiihrt, denn ich habe das vor Jahren versucht in meinem
Bikhelchen «Wahrheit und Wissenschaft», indem ich dargestellt habe,
daft zunachst die Sinnestatigkeit da ist und dann die innere Welt,
daft aber das Zusammensein, das Zusammenwirken notwendig ist.
Da ist der Gedanke philosophisch durchgefiihrt. Ich versuchte damals
noch nicht die okkulten Geheimnisse dahinter zu zeigen, aber die
Welt hat nicht einmal das Philosophische verstanden in jener Zeit.
Nun sehen wir, wie wir den Sinn unseres Lebens zu denken haben.
Es kommt Sinn hinein: Wir werden zu Mitakteuren gemacht im Welt-
prozeft. Was in der Welt ist, wird in zwei entgegengesetzte Lager
getrennt, und wir werden hineingestellt, um diese zusammenzu-
bringen. Dabei ist die Sache keineswegs so, daft wir uns vorzustellen
haben, diese Arbeit ware eine engbegrenzte. Ich kenne einen spaftigen
Herrn in Deutschland, der viel fiir deutsche Zeitschriften schreibt.
Er schrieb neulich in einer Zeitung, daft es notwendig ware fiir die
Weltenentwickelung, daft der Mensch immerfort auf dem Stand-
punkte bleibe, die gewohnlichen Weltenratsel nicht losen zu konnen,
und daft es nicht richtig ware, wenn der Mensch dazu kame, dieselben
verstandesmaftig zu durchdringen, zu losen. Denn wenn der Mensch
die Verstandesratsel gelost hatte, dann waren keine mehr da, und es
ware nichts mehr fiir ihn zu tun. — Also miissen immer iiber die Ver-
standesratsel Zweifel da sein, und es miissen immer unvollkommene
Dinge geschehen! Dieser Mann hat namlich keine Ahnung davon,
daft, wenn das normale Bewufttsein an seinem Ende angekommen ist,
dann das Bewufttsein selber fortschreitet, und daft da erne neue Po-
laritat auftritt, die eine neue Aufgabe darstellt und wieder zu ver-
einigen ist. Wie lange zu vereinigen? So lange, bis der Mensch tat-
sachlich erreicht hat, daft sich in seinem Bewufttsein wiederholt hat
das gottliche Bewufttsein.
Jetzt konnen wir uns, nachdem wir uns erne Ahnung verschafft
haben von der ganz unermeftlichen Grofte des Ratsels, zu der ab-
strakten Antwort erheben, jetzt, da wir wissen, daft in uns aufleben
die Befruchtimgskeime fur eine geistige "Welt, die nicht ohne uns vor-
wartsgehen kann. Jetzt wollen wir auch sehen, wie es stent mit dem
Sinn des Lebens, denn jetzt arbeiten wir auf breiter Unterlage. Jetzt
ist es so, daft wir uns sagen miissen: Einstmals war in der Evolution
das gottliche Bewufttsein. Das war in seiner Unermeftlichkeit. Damit
stehen wir im Beginne des Daseins. Dieses gottliche Bewufttsein bildet
zunachst Abbilder. Wodurch unterscheiden sich nun diese Abbilder
von dem gottlichen Bewufttsein? Dadurch, daft sie viele waren, wah-
rend das gottliche Bewufttsein nur eins ist. Dadurch ferner, daft sie
leer waren, wahrend das gottliche Bewufttsein voll Inhalt war, so
daft die Abbilder erst als Vielheit vorhanden sind, dann aber auch
leer, so, wie wir das leere Ich hatten gegeniiber dem von einer ganzen
Welt erfullten gottlichen Ich. Aber dieses leere Ich wird zum Schau-
platze gemacht, wo sich fortwahrend verbinden die gottlichen In-
halte, die in zwei entgegengesetzte Lager geteilt werden. Und in dem
das leere Bewufttsein fort und fort Ausgleiche schafft, erfullt es sich
immer mehr mit dem, was urspriinglich im gottlichen Bewufttsein
war. Es geht also die Evolution so vorwarts, daft das einzelne Bewuftt-
sein erfullt wird mit dem, was im Beginne das gottliche Bewufttsein
an Inhalt hatte. Durch den fortwahrenden Ausgleich in den Indivi-
dualitaten geschieht das.
Braucht das gottliche Bewufttsein das zu seiner Entwickelung ? So
fragen viele, die den Sinn des Lebens nicht ganz verstehen konnen.
Braucht das gottliche Bewufttsein dies zu seiner eigenen Vollkommen-
heit, zu seiner eigenen Entwickelung? Nein, das gottliche Bewufttsein
braucht das nicht. Es hat alles in sich. Aber das gottliche Bewufttsein
ist nicht egoistisch. Es gonnt einer unermeftlich groften Zahl von
Wesen denselben Inhalt, den es selber hat. Dafiir miissen diese Wesen
aber erst das Ganze erwerben, so daft sie das gottliche Bewufttsein in
sich haben und das gottliche Bewufttsein dadurch vermannigfaltigt
wird. In grofter Zahl erscheint dann, was einst in Einheit war im
Beginne der Weltentwickelung, was in der Folge aber wieder abfallt
auf dem Wege der Durchgottlichung der Einzel-Bewufttseine.
Diese Entwickelung, wie sie hier geschildert wird, war fiir den
Menschen im Grunde genommen immer so. Sie war so wahrend der
Saturnzeit, sie war ahnlich wahrend der Sonnen- und Mondenzeit.
Fur die Erdenzeit haben wir sie heute klar entwickelt. Fur die Saturn-
zeit macht die erste Anlage des physischen Leibes diese Entwickelung
durch und befruchtet anderseits nach auften, fiir die Sonnenzeit die
Anlage des Atherleibes und so weiter. Der Vorgang ist derselbe, wird
nur immer geistiger und geistiger. Immer weniger und weniger bleibt
zuletzt drauften iibrig, was noch zu befruchten ist. Indem die Men-
schen sich weiterentwickeln, wird immer mehr und mehr in ihnen
leben und immer weniger drauften sein, was noch zu befruchten ist.
Daher wird er am Ende das, was drauften ist, immer mehr in seinem
Innern haben. Die Auftenwelt wird zu seinem Innern werden. Ver-
innerlichung ist die andere Seite der Vorwartsentwickelung.
Vereinigung des Inneren mit dem Aufteren, Verinnerlichung des
Aufteren, das sind die zwei Punkte, nach denen sich die Menschen
vorwartsentwickeln. Sie werden immer ahnlicher werden dem Gott-
lichen und zuletzt immer innerlicher. Bei der Vulkanentwickelung
wird dann alles befruchtet sein. Alles Auftere wird Inneres geworden
sein. Vergottlichung ist Verinnerlichung. Verinnerlichung ist Vergott-
lichung. Das ist das Ziel und der Sinn des Lebens.
Aber wir kommen hinter die Sache erst dann, wenn wir sie uns
nicht so vorstellen, daft wir damit nur abstrakte Begriffe hinpfahlen,
sondern indem wir wirklich auf die Einzelheiten eingehen. DerMensch
mufi sich in die Sache vertiefen und so in die Einzelheiten eingehen,
daft, wenn er den Namen der Tiere und Pflanzen bildet, in seinem
Innern etwas entsteht, was das, was im Worte ist, verbindet mit dem,
was dem Tier- oder Pflanzenkeime zugrunde liegt und dann in der
geistigen Welt weiterlebt. Eine Aufbesserung in der Entwickelung
braucht schon unsere Weltanschauung, denn was hat denn der Dar-
winismus in dieser Richtung geleistet? Er spricht vom Kampfe urns
Dasein. Er beriicksichtigt aber nicht, daft auch das einer Fortent-
wickelung unterliegt, was bei ihm besiegt wird und zugrunde geht.
Der Darwinist sieht nur die Wesen, die das Ziel erreichen, und die
anderen, die zugrunde gehen. Die zugrunde gehen, die spriihen aber
das Geistige aus, so daft sich nicht nur das entwickelt, was im physi-
schen Kampfe siegt. Das, was scheinbar zugrunde geht, macht die
Entwickelung im Geistigen durch. Das ist das Bedeutsame.
So dringen wir in den Sinn des Lebens ein. Nichts, auch nicht das
Besiegte, auch nicht das Aufgegessene, geht zugrunde, sondern wird
geistig befruchtet, sprieEt geistig wieder hervor. Vieles ist in dem
Ganzen der Erden- und Menschheitsentwickelung zugrunde gegangen,
ohne daft der Mensch direkt etwas dazu tun konnte. Nehmen wir die
ganze vorchristliche Entwickelung. Wir wissen, wie sie war, diese
vorchristliche Entwickelung. Der Mensch ist von der geistigen "Welt
ausgegangen im Beginne. Allmahlich ist er dann hinuntergestiegen in
die physisch-sinnliche Welt. "Was er anfangs besessen, was in ihm ge-
lebt hat, das ist verschwunden, ebenso wie verschwunden sind die
Lebenskeime, die nicht ihr Ziel erreicht haben. Von dem Stamme der
menschlichen Entwickelung sehen wir Unzahliges hinuntersinken in
einen Abgrund. Wahrend Unzahliges hinuntersinkt in der aulteren
Entwickelung der menschlichen Kultur, des menschlichen Lebens,
entwickelt sich oben der Christus-Impuls. So wie im Menschen der
befruchtende Keim sich fiir seine Umwelt entwickelt, so entwickelt
sich fiir das, was im Menschen scheinbar zugrunde geht, der Christus-
Impuls. Dann tritt das Mysterium von Golgatha ein. Das ist die Be-
fruchtung dessen, was zugrunde gegangen ist, von oben herunter. Da
tritt tatsachlich mit dem, was scheinbar von dem Gottlichen abge-
fallen und in den Abgrund gesunken ist, eine Veranderung ein. Der
Christus-Impuls tritt ein und befruchtet es. Und von dem Mysterium
von Golgatha an sehen wir im weiteren Verlaufe der Erdenentwicke-
lung ein Wiederaufbluhen und ein Sich-wieder-Fortsetzen durch die
empfangene Befruchtung mit dem Christus-Impulse.
So haben wir das, was wir erkannt haben von der Polaritat, auch
bei diesem grofken Ereignisse der Erdenentwickelung bewahrheitet.
Es kommen heraus in unserem Zeitalter die in der alten agyptischen
Kultur zugrundegegangenen Kulturkeime. Denn sie sind in der Erden-
entwickelung enthalten. Der Christus-Impuls ist nun da hineinge-
fallen und hat sie befruchtet, und, indem er sie befruchtete, trat bei
uns die Wiederholung der agyptisch-chaldaischen Kultur auf . In der
Kultur, die der unsrigen folgen wird, tritt die urpersische Kultur auf,
befruchtetvon dem Christus-Keim. Im siebenten Zeitraume tritt auf die
urindischeKultur, die hohe spirituelle Kunst, die von den heiligen Rishis
gekommen ist, befruchtet von dem Christus-Keime, in neuer Gestalt.
So sehen wir auch in dieser fortlaufenden Entwickelung, daft das-
jenige, was wir beim Menschen kennengelernt haben, werden kann
zu einer Gegenseitigkeit: Inneres und Aufteres, Seelisches und Phy-
sisches, die sich gegenseitig befruchten. So ist oben der Christus-Im-
puis und unten die Befruchtung mit dem Christus-Keime vorhanden.
Unten die fortschreitende Erdenkultur, von oben, durch das Myste-
rium von Golgatha einfallend, der Christus-Impuls.
Jetzt sehen wir auch den Sinn des Christus-Erlebens ein: Miterleben
soil die Erde die Weltgeheimnisse, wie miterleben soil der einzelne
Mensch die gottlichen Geheimnisse. Dadurch wurde die Polaritat in
den Menschen gelegt, so wie in die Erde.
Wie zwei entgegengesetzte Pole hat sich entwickelt die Erde und
das, was dariiber ist, das, was sich erst vereinigt hat mit der Erde
durch das Mysterium von Golgatha. Christus und die Erde gehoren
zusammen. Sie muftten sich, damit sie sich vereinigen konnten, zuerst
getrennt voneinander als Polaritaten entwickeln. So sehen wir, daft
es notwendig ist, damit iiberhaupt in der Wirklichkeit die Dinge sich
ausleben, daft sie sich in Polaritaten differenzieren, und die Polari-
taten vereinigen sich dann wieder zum Fortschritte des Lebens. Das
ist der Sinn des Lebens.
Nun ist es nur zu wahr: Wenn wir diese Sache so iiberblicken, dann
fiihlen wir uns darinnenstehend in der Welt, fuhlen, daft die "Welt
ohne uns iiberhaupt nichts ware. Ein so tiefer Mystiker wie Angelus
Silesius hat den merkwiirdigen Ausspruch getan, der zunachst die
Menschen verdutzt machen konnte: «Ich weifi, daft ohne mich Gott
nicht ein Nu kann leben, werd' ich zunicht, er mufi von Not den Geist
aufgeben.» Konfessionelle Christen konnen wettern iiber einen solchen
Ausspruch. Sie bedenken aber dabei nicht einmal das Geschichtliche,
namlich daft Angelus Silesius, schon bevor er katholisch geworden
ist, um ganz auf dem Boden des Christentums zu stehen nach seiner
Meinung, ein recht frommer Mann war und dennoch diesen Aus-
spruch getan hat. Wer Angelus Silesius kennt, der wird nicht zugeben,
daft dieser Ausspruch aus Gottlosigkeit geschehen ist. Was in der Welt
ist, stellt sich eines dem andern entgegen, wie Polaritiiten, die nicht
zusammenkommen konnen, wenn der Mensch hinweggedacht wird. Der
Mensch stent mitten dazwischen und gehort dazu. Wenn der Mensch
denkt, denkt die Welt in ihm. Er ist der Schauplatz, er bringt nur die
Gedanken zusammen. Wenn der Mensch fiihlt und will, so ist es ebenso.
Jetzt konnen wir ermessen, was es heiftt, wenn wir den Blick hin-
ausrichten in die Raumesweiten, wenn wir sagen: Es ist das Gottliche,
das ihn erfullt, und das Gottliche ist das, was sich mit dem Erdenkeim
vereinigen mui?. In mir ist der Sinn des Lebens, kann der Mensch
sagen. Die Gotter haben sich Ziele gesetzt. Aber sie haben auch den
Schauplatz ausgewahlt, wo diese Ziele erreicht werden sollen. Die
Menschenseele ist der Schauplatz. Daher, wenn die Menschenseele nur
tief genug in sich hineinschaut, nicht blofi die Ratsel im weiten Raume
losen will, dann findet sie da drinnen etwas, wo die Gotter ihre Taten
verrichten und der Mensch dabei ist. Das versuchte ich auszudrikken
in den Worten, die in meinem letzten Mysterienspiele «Die Priifung
der Seele» stehen, wie da im Menscheninnern die Gotter wirken, wie
der Sinn der Welt sich in der Menschenseele auslebt und wie der Sinn
der Welt leben wird in der Menschenseele. Was ist der Sinn des
Lebens? Es ist der, daft dieser Sinn im Menschen selber leben wird.
Das suchte ich auszudriicken in den Worten, die die Seele in sich
selber sagen kann:
«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkrafte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ;
Beginne in den Geistesweiten
Und ende in den eignen Seelentiefen: —
Du findest Gotterziele
Erkennend dich in dir.»
Wenn man etwas sagen will, was wahr ist, nicht etwas, was einem
blofi eingef alien ist, so mufi es immer aus den okkulten Geheimnissen
heraus gesagt sein. Das ist aufterordentlich wichtig. Daher diirfen
Sie die Worte, die in okkulten Werken gebraucht sind, gleichgultig,
ob sie in Form von Prosa oder in Form von Dichtung auftreten, nicht
in demselben Stile denken, in dem andere, auftere Dichtwerke ent-
standen sind. Solche Werke, die wirklich der Wahrheit, der Welt und
ihren Geheimnissen entsprungen sind, sind so entstanden, daft die
Seele in sich wirklich sprechen laftt die Weltgedanken, sich wirklich
befeuern laftt von den Weltgefiihlen, nicht von den eigenen person-
lichen Gefuhlen, und sich wirklich geschaffen hat aus Willenswesen
heraus.
Das ist etwas, was zur Mission unserer Geistes-Bewegung gehort,
daft man unterscheiden lernt zwischen dem, was aus den Weltgeheim-
nissen herausstromt, und dem, was willkurliche Phantasie der Men-
schen erfunden hat. Immer mehr und mehr wird sich die Kultur-
entwickelung so erheben, daft an die Stelle des willkiirlichen Erfindens
dasjenige treten wird, was in der menschlichen Seele so lebt, daft es
die andere Polaritat ist des entsprechenden Geistigen. Solche Dinge,
die so geschaffen werden, sind selbst wieder befruchtende Keime, die
sich verbinden mit dem Geistigen. Die sind zu etwas da im Welten-
prozeft. Das ist etwas, was uns ein ganz anderes Verantwortungsge-
fiihl gibt gegeniiber den Dingen, die wir selber machen, wenn wir
wissen, daft das, was wir machen, Befruchtungskeime und nicht
sterile Keime sind, die einfach verpuffen. Dann miissen wir diese
Keime auch aus den Tiefen der Weltenseele heraus entstehen
lassen.
Nun konnen Sie fragen: Ja, wie gelangt man dazu? Durch Geduld.
Indem man immer mehr und mehr dazu kommt, einen jeglichen Ehr-
geiz personlicher Art in sich abzutoten. Der personliche Ehrgeiz ver-
fiihrt uns immer mehr und mehr dazu, dasjenige, was nur personlich
ist, produzieren zu konnen und nicht zu uns sprechen zu lassen das,
was Ausdruck des Gottlichen in uns ist. Wodurch konnen wir wissen,
daft das Gottliche in uns spricht? Ertoten miissen wir alles dasjenige,
was nur aus uns kommt, und vor alien Dingen miissen wir ertoten ein
jegliches ehrgeiziges Streben. Das erzeugt dann die richtige Polaritat
in uns, das gibt wirkliche befruchtende Keime in der Seele. — Unge-
duld ist der schlimmste Lebensfiihrer. Sie ist dasjenige, was die Welt
verdirbt. — Gelingt uns das, dann werden Sie sehen, wie das ausein-
andergesetzt worden ist, daft der Sinn des Lebens erreicht wird auf die
angezeigte Art, durch die Befruchtung des Aufteren mit dem Innern.
Dann wird uns aber auch klar sein, daft, wenn unser Inneres nicht das
richtige ist, wir unrichtige Befruchtungskeime in die Welt hinaus-
streuen. Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, daft Miftge-
burten in der Welt entstehen. Unsere gegenwartige Kultur ist reich an
solchen Miftgeburten. In aller Herren Landern wird heute zum Bei-
spiel, mit Dampfkraft, konnte man sagen, bald wird es mit Luft-
ballons gehen, gedichtet und geschrieben, wahrend ein beriihrnter
Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts schon geschrieben hat:
Ein einziges Land erzeugt heute fiinfmal soviel Biicher, als die Erde
zu ihrem Wohle notig hat. Und heute ist es noch viel schlimmer ge-
worden. Das sind Dinge, welche die gegenwartige Kultur umgeben
mit geistigen Wesenheiten, die nicht lebensfahig sind, die nicht ent-
stehen sollten und nicht entstehen wiirden, wenn die Menschen die
entsprechende Geduld hatten. Das wird auch, wie eine Art anderer
Pol, in der Menschenseele entstehen: Geduld, daft die Menschenseele
nicht bloft draufloswutet, was nur Ausfluft von Ehrgeiz und Egois-
mus ist.
Das ist nicht aufzufassen als Form einer moralischen Predigt, son-
dern als die Wiedergabe einer Tatsache. Es ist eine Tatsache, daft
durch ehrgeizige Produktionen in unserer Seele solche Befruchtungs-
keime entstehen, woraus Miftgeburten in der geistigen Welt hervor-
gehen. Diese zuriickzudrangen, allmahlich auch umzugestalten, ist
eine fruchtbare Aufgabe fur eine feme Zukunft. Das ist die Mission
der Geisteswissenschaft, diese Aufgabe zu losen, und das ist der Sinn
des Lebens, daft die geisteswissenschaftliche Weltanschauung damit
sich einreiht in den ganzen Sinn des Lebens, daft iiberall uns Sinn im
Leben entgegenstromt, daft iiberall im Leben alles sinnvoll ist. Das
ist es, was der Okkultismus den Menschen lehren will, daft wir mitten
im Sinn darinnenstehen und wir es wirkKch so sagen konnen:
«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkrafte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ;
Beginne in den Geistesweiten
Und ende in den eignen Seelentiefen: —
Du findest Gotterziele
Erkennend dich in dir.»
Das, meine lieben Freunde, ist der Sinn des Lebens, so, wie ihn der
Mensch zunachst zu verstehen notig hat.
Das ist es, was ich mit Ihnen habe besprechen wollen. Machen wir
es uns ganz verstandlich, ganz zu eigen, dann werden die Seelen, die
gottlich geworden sind, es in Ihrer Seele wirken lassen.
Schreiben Sie das Schwerverstandliche dieser Ausftthrungen dem
Umstande zu, daft das Karma es mit sich brachte, daft wir eine so
wichtige Angelegenheit, wie den Sinn des Lebens, in zwei kurzen
Vortragen erschopfen muftten und daft manches bloft angedeutet wer-
den konnte, was erst in der eigenen Seele sich ausleben kann. Betrach-
ten Sie es auch als eine Polaritat, daft eine Anregung gegeben werden
mufi, die meditierend weiter verarbeitet werden soil, daft durch diese
Weiterarbeit all unser Zusammenwirken Sinn bekommen, Inhalt be-
kommen, so sinnvoll werden soli, daft unsere Seelen ineinanderspielen.
Und das ist das Wesen wirklicher Liebe. Das ist auch ein Ausgleich
von Polaritaten. Da, wo theosophische Gedanken zu Seelen dringen
sollen, sollen sie die anderen Pole anregen, sollen sich an diesem Pol
ausgleichen. Das ist es, was wie eine theosophische Spharenmusik
wirken kann. Wenn wir in dieser Weise mit Harmonie in der geistigen
"Welt wirken, dann werden wir, wenn wir im theosophischen Leben
wirklich sind, im theosophischen Leben auch vereinigt sein.
So hatte ich es gern, daft wir auffassen unser heutiges Zusammen-
sein. Diese geistigen Angelegenheiten waren ein Ausdruck des Geistes
der Liebe und sind gewidmet dem Geiste der Liebe unter uns Theo-
sophen. So wird diese Liebe, durch den Ziindstoff, den wir haben,
dazu beitragen, die gegenseitigen geistigen Inhalte auszutauschen, so
wird diese Liebe etwas sein, durch die wir immer mehr und mehr
nicht nur erhalten, sondern immer mehr angefacht werden zu theo-
sophischem Streben, und die Geisteswissenschaft wird dann werden
eine Verbreiterin dieser das Innerste der Menschenseele beriihrenden
Liebe. Dann lebt sie weiter, diese Liebe. Dann erlangen wir als Men-
schen, die raumlich voneinander getrennt sein miissen, innerhalb der
Theosophischen Gesellschaft auch das, daft diese Liebe vorhalten
wird, von den Zeiten, durch die wir durch Karma zusammengefuhrt
worden sind, auch iiber die Zeiten hin, in denen wir raumlich auf dem
physischen Plane getrennt sind. So bleiben wir zusammen und be-
trachten als die rechte Veranlassung, immer zusammenzubleiben mit
dem Besten, was wir in unseren Seelen haben, daft wir uns mit unseren
besten geistigen Fahigkeiten zu gottlich-geistigen Hohen zusammen
hinaufgeschwungen haben. Und so, meine lieben Freunde, wollen wir
auch weiter zusammenbleiben.
THEOSOPHISCHE MORAL
ERSTER VORTRAG
Norrkoping, 28. Mai 1912
Wir haben, folgend einem Impulse, der sich mir ergeben hat, und
iiber den vielleicht noch weiter zu sprechen sein durfte, in diesen
Tagen zu betrachten eines der wichtigsten, eines der bedeutendsten
Gebiete unserer theosophischen Lebensanschauung. Es ist ja nicht
selten, dafi uns der Vorwurf gemacht wird, dafi wir uns so gerne
erheben in der Betrachtung weit entfernt liegender kosmischer Ent-
wickelungen in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen, dafi wir
uns in die Gebiete geistiger Welten gern erheben, indem wir so ent-
fernte Ereignisse der Vergangenheit und so weit ausblickende Per-
spektiven der Zukunft allzuoft nur betrachten, und fast aufier acht
lassen dasjenige Gebiet, welches den Menschen am allernachsten liegen
miifke: das Gebiet menschlicher Moral und menschlicher Ethik.
An dem, was da so oftmals gesagt wird, wenn uns der Vorwurf
gemacht wird, dafi wir dieses wichtigste Gebiet menschlichen Seelen-
und menschlichen sozialen Lebens weniger beriihrten als jenes eben
weiter abliegende Gebiet, an dem ist richtig, dafi dieses Gebiet, das
Gebiet menschlicher Moral, uns das allerwesentlichste sein mulS. Was
aber gesagt werden muft gegeniiber diesem Vorwurfe, das ist, dafi wir
uns diesem Gebiete, gerade wenn wir die ganze Bedeutung und Trag-
weite theosophischen Lebens und theosophischer Gesinnung in uns
empfinden, nur in heiligster Scheu nahern diirfen, so dafi wir uns
bewufit sind, dafi, wenn es im richtigen Sinne betrachtet sein will, es
den Menschen so nahe beriihrt als nur irgend moglich und die ernst-
lichste, die allerwiirdigste Vorbereitung erfordert.
Der Vorwurf, der gegen uns von jener Seite in der eben charakteri-
sierten Art erhoben wird, konnte vielleicht in die folgenden Worte
gekleidet werden. Es konnte gesagt werden: Wozu lange Weltbe-
trachtungen? "Wozu Erzahlungen iiber viele Reinkarnationen vieler
Wesen, iiber die komplizierten Verhaltnisse des Karma, wenn doch
das Allerwichtigste im Leben dasjenige ist, was ein auf der Hohe
dieses Lebens angekommener Weiser seinen Bekennern immer und
immer wiederholte, als er nach einem reichen Weisheitsleben, schon
krank und schwach, sich tragen lassen muftte: Kinder, liebet einander.
So sprach bekanntlich der Apostel, der Evangelist Johannes im hoch-
sten Alter, und oft und oft ist es betont worden, daft mit diesen drei
Worten: Kinder, liebet einander! der Extrakttiefster sittlicherLebens-
weisheit gegeben ist. Und es konnte da mancher sagen: Wozu also
alles andere, wenn das Gute, wenn die hehren sittlichen Ideale in einer
so einfachen Weise erfiillt werden konnen, wie es im Sinne dieser
Worte des Evangelisten Johannes ist?
Eines beriicksichtigt man nicht, wenn man aus der ganz richtigen,
oben angefuhrten Tatsache die Behauptung herleitet, daft es fiir die
Menschen geniigte zu wissen, daft sie einander lieben sollen. Eines
beriicksichtigt man dabei nicht, namlich den Umstand, daft derjenige,
der so als ein Zeuge angefiihrt wird fiir diese Worte, diese eben am
Ende eines reichen Weisheitslebens gesprochen hat, am Ende eines
Lebens, welches in sich faftte die Niederschrift des tiefsten, bedeu-
tungsvollsten Evangeliums, und daft der, der sie gesprochen hat, diese
Worte, erst dann sich das Recht gab sie zu sprechen, nachdem er dieses
reiche Weisheitsleben, das zu so groften und gewaltigen Ergebnissen
gefiihrt hat, hinter sich hatte. Ja, wer ein Leben wie er hinter sich hat,
der darf alles dasjenige, was Menschenseelen fiihlen konnen bei den
tiefen Weisheiten, die im Johannes-Evan gelium stehen, zusammen-
fassen in die eben angefuhrten Worte als seiner Weisheit letzten
Schluft, der aus unergriindlichen Seelentiefen hineinflieftt in die Tiefen
auch anderer Herzen und anderer Seelen. Wer aber nicht in einer
solchen Lage ist, der muft sich eben das Recht, in so einfacher Weise
die hochsten sittlichen Wahrheiten auszusprechen, erst dadurch holen,
daft er sich in die Griinde der Weltgeheimnisse vertieft. So trivial der
viel wiederholte Satz ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es doch
nicht dasselbe, er gilt in ganz besonderem Mafte fiir das eben Ange-
fiihrte. Wenn irgend jemand, der einfach ablehnen will, etwas iiber
die Weltgeheimnisse zu wissen und von ihnen zu verstehen, sagt: Es
ist doch so einfach, das hochste moralische Leben zu charakterisieren,
und die Worte gebraucht: Kinder, liebet einander, so ist das eben
etwas anderes, als wenn der Evangelist Johannes diese Worte sagt,
und noch dazu am Ende eines so reichen Weisheitslebens. Deshalb
sollte gerade derjenige, der diese Worte des Evangelisten Johannes
versteht, einen ganz anderen Schlufi daraus ziehen, als gewohnlich
daraus gezogen wird. Er sollte den Schluft daraus ziehen, daft man
zunachst iiber solch tief bedeutsame Worte zu schweigen hat, und
daft man sie erst aussprechen darf, wenn man die notige Vorbereitung,
die notige Reife dazu sich erworben hat.
Aber nun, nachdem wir dieses wie eine ganz gewift manchem doch
recht zu Herzen gehende Aussage gemacht haben, wird sich etwas
ganz anderes in unserer Seele ergeben, was von einer unendlich tief-
greifenden Bedeutung ist. Der Mensch wird sich sagen: Ja, es mag
schon so sein, daft die moralischen Prinzipien in ihrer tiefsten Be-
deutung erst am Ende aller Weisheit begriffen werden konnen, brau-
chen tut sie der Mensch aber immer. Wie konnte es denn dann in der
Welt uberhaupt moglich sein, irgendeine moralische Gemeinschaft,
ein soziales Werk zu fordern, wenn man warten miiftte mit der Er-
kenntnis der hochsten moralischen Prinzipien bis ans Ende des Weis-
heitsstrebens. Das Notwendigste fiir das menschliche Zusammenleben
ist die Moral, und nun behauptet da jemand, daft die moralischen
Prinzipien erst am Ende des Weisheitsstrebens zu erlangen sind. Da
konnte allerdings mancher sagen, daft er verzweifeln mochte an der
weisheitsvollen Einrichtung der Welt, wenn das so ware, wenn das,
was man am notwendigsten braucht, erst am Ende des menschlichen
Strebens erreicht werden konnte.
Die Antwort auf das, was hiermit charakterisiert worden ist, geben
uns reichlich die Tatsachen des Lebens. Sie brauchen nur zwei Tat-
sachen des Lebens zusammenzustellen, die Ihnen zweifellos recht gut
in der einen oder anderen Form bekannt sind, und Sie werden gleich
sehen, daft sowohl das eine richtig sein kann, daft wir zu den hochsten
moralischen Prinzipien und ihrem Verstandnis erst beim Abschluft
des Weisheitsstrebens gelangen, wie auch das andere, daft die Sachen,
die eben angedeutet worden sind, moralische und soziale Gemein-
schaften und Werke, ohne Moral nicht bestehen konnen. Sie werden
das gleich einsehen, wenn Sie sich zwei Tatsachen vor die Seele riicken,
die Ihnen in der einen oder anderen Form ganz gewift bekannt sind.
Oder wer hatte nicht schon gesehen, wie ein intellektuell hoch ent-
wickelter Mensch, vielleicht sogar ein solcher, der nicht bloft auftere
Wissenschaftlichkeit mit einem klugen und intellektuellen Erfassen
in sich aufgenommen hat, sondern der auch theoretisch und praktisch
viel von okkulten und von spirituellen Wahrheiten begriffen hat, gar
kein besonders moralischer Mensch ist. Wer hatte nicht schon gesehen,
daft kluge, geistig hoch entwickelte Menschen auf moralische Abwege
gekommen sind? Und wer hatte die andere Tatsache nicht erlebt,
an der wir so unendlich viel lernen konnen, daft er zum Beispiel eine
Kinderfrau kennengelernt hat mit eng begrenztem Horizonte, mit ge-
ringer Intellektualitat und wenigen Erkenntnissen, die nicht etwa
ihre eigenen Kinder, sondern, in fremden Diensten stehend, anderer
Leute Kinder, eines nach dem anderen, erzog von den ersten Wochen
des physischen Daseins an, mitgewirkt hat an deren Erziehung und
bis vielleicht zu ihrem Tode alles, was sie hatte, fur diese Kinder ge-
opfert hat in einer absolut liebevollen Weise, in der selbstlosesten Hin-
gabe, die sich nur denken laftt. Und ware irgend jemand an die Frau
herangekommen mit moralischen Prinzipien, gewonnen an den aller-
hochsten Weisheitsschatzen, wahrscheinlich hatte sie sich gar nicht
besonders fur diese moralischen Prinzipien interessiert. Wahrschein-
lich wurde sie sie hochst unverstandlich und nutzlos gefunden haben.
Aber, was sie moralisch gewirkt hat, das bewirkt mehr als eine blofie
Anerkennung, das bewirkt oft in einem solchen Falle, daft wir uns in
Ehrfurcht beugen vor dem, was aus dem Herzen ins Leben stromt
und unendlich viel Gutes schafft.
Tatsachen solcher Art beantworten Ratsel des Lebens oft viel
klarer als theoretische Auseinandersetzungen, denn wir sagen uns, daft
die weisheitsvolle Schopfung, die weisheitsvolle Evolution nicht ge-
wartet hat, bis die Menschen die moralischen Prinzipien erfunden
haben, um moralisches Handeln, moralisches Wirken der Welt mit-
zuteilen. Deshalb mussen wir sagen: Es ist eben zunachst, wenn wir
absehen von den unmoralischen Handlungen, deren Grund wir noch im
Laufe dieser Vortrage kennen lernen werden, doch etwas vorhan-
den, was als ein gottliches Erbteil in der menschlichen Seele liegt,
gegeben als urspriingliche Moralitat, die man nennen konnte in-
stinktive Moralitat, und die es der Menschheit schon moglich macht
zu warten, bis die moralischen Prinzipien ergrundet werden kon-
nen.
Aber es ist vielleicht ganz unndtig, sich viel Sorge zu machen wegen
der Ergriindung der moralischen Prinzipien. Konnte man denn nicht
vielleicht sagen, daft es am besten sei, wenn die Menschen sich ihren
urspriinglichen moralischen Instinkten uberlassen und sich nicht ver-
wirren durch theoretische Auseinandersetzungen iiber die Moral ? Daft
auch dieses nicht der Fall ist, das sollen gerade diese Vortrage zeigen;
sie sollen zeigen, daft wir zum mindesten in demjenigen Menschheits-
zyklus, in dem wir uns gegenwartig befinden, theosophische Moral
suchen miissen, daft theosophische Moral eine Aufgabe sein mulS,
welche sich ergibt als eine Frucht unseres gesamten theosophischen
Strebens und unserer theosophischen Wissenschaft.
Ein neuzeitlicher Philosoph, der gewift auch im Norden nicht un-
bekannte Schopenhauer, hat neben manchem recht Irrtiimlichen, das
seine Philosophic enthalt, einen sehr richtigen Satz ausgesprochen ge-
rade in bezug auf die Prinzipien der Moral, namlich: Moral predigen
ist leicht, Moral begriinden schwer. Recht wahr ist dieser Ausspruch,
denn es gibt eigentlich kaum etwas Leichteres, als in einer Weise, die
zu den allernachsten Prinzipien des menschlichen Fiihlens und Emp-
findens geht, auszusagen, was der Mensch tun oder lassen soil, damit
er ein guter Mensch sei. Zwar beleidigt es sogar manche Seele, wenn
behauptet wird, daft das leicht sei. Aber es ist einmal leicht, und
derjenige, der das Leben, der die "Welt kennt, wird auch nicht be-
zweifeln, daft wohl kaum iiber irgend etwas so viel gesprochen wor-
den ist als iiber die richtigen Grundsatze des sittlichen Handelns. Und
insbesondere das eine ist auch wahr, daft man im Grunde genommen
die allermeiste Zustimmung bei seinen Mitmenschen findet, wenn man
von diesen allgemeinen Grundsatzen sittlichen Handelns spricht. Es
tut so wohl, mochte man sagen, den zuhorenden Gemiitern und man
fiihlt so sehr, daft man da unbedingt ubereinstimmen kann mit dem,
was der Redner sagt, wenn er die allerallgemeinsten Grundsatze mo-
ralischen Verhaltens des Menschen vorbringt.
Aber mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten ist noch
keine Moral begriindet. Wirklich nicht. Wenn namlich mit morali-
schen Lehren, mit moralischen Predigten Moral iiberhaupt begriindet
werden konnte, dann gabe es heute sicherlich keine unmoralischen
Handlungen mehr; dann miifite die ganze Menschheit von moralischen
Handlungen, man mochte schon sagen, nur so triefen, denn es hat ja
jeder ganz zweifellos oft und oft und immer wieder Gelegenheit ge-
habt, die schonsten moralischen Grundsatze zu horen, insbesondere
deshalb zu horen, weil sie so gern gepredigt werden. Aber zu wissen,
was man tun soli, was das moralisch Richtige ist, das ist das Aller-
wenigste auf moralischem Boden. Das Allerwichtigste auf morali-
schem Boden dagegen ist, daft in uns Impulse leben konnen, welche
durch ihre innere Starke, ihre innere Gewalt in moralische Hand-
lungen sich umsetzen, welche also nach aufien hin moralisch sich aus-
leben. Das tun bekanntlich moralische Predigten oder die Resultate
moralischer Predigten durchaus nicht. Das aber heiftt Moral begriin-
den, wenn der Mensch hingefuhrt wird zu den Quellen, aus denen er
jene Impulse nehmen mufi, aus denen ihm die Krafte zuteil werden,
die zum moralischen Handeln fiihren.
Wie schwer diese Krafte zu finden sind, das zeigt uns die einfache
Tatsache, daft es eigentlich wirklich unzahlige Male versucht worden
ist, von philosophischer Seite zum Beispiel eine Ethik, eine Moral
zu begriinden. Wieviel verschiedene Antworten gibt es nicht in der
Welt auf die Frage: Was ist das Gute? oder: Was ist die Tugend?
Schreiben Sie sich einmal zusammen, was gesagt haben die Philo-
sophen, von Plato und Aristoteles angefangen, durch die Epikuraer,
die Stoiker, die Neuplatoniker, die ganze Reihe herauf bis in die neu-
zeitlichen philosophischen Anschauungen hinein; schreiben Sie sich
einmal all das zusammen, was da gesagt worden ist, ich will nur sagen
von Plato bis Herbert Spencer, iiber die Natur und das Wesen des
Guten und der Tugend, und Sie werden sehen, wieviel verschiedene
Ansatze gemacht worden sind, um zu den Quellen des moralischen
Lebens, zu den Quellen der moralischen Impulse vorzudringen.
Die Vortrage, die ich hier halten will, sollen Ihnen zeigen, daft in
der Tat erst die okkulte Vertiefung des Lebens, das Eindringen in die
okkulten Geheimnisse des Lebens es moglich macht, nicht bloft zu
moralischen Lehren, sondern zu moralischen Impulsen, zu den mora-
lischen Quellen des Lebens vorzudringen.
Da allerdings zeigt uns ein einziger Blick, daft dies Moralische in
der "Welt durchaus nicht immer so einfach sich darlebt, als man von
einem gewissen bequemen Standpunkte aus glauben mochte. Lassen
wir fur einige Zeit dasjenige, was man heute unter dem Moralischen
anspricht, zunachst aufter acht und betrachten wir das Leben der
Menschen einmal auf solchen Gebieten, auf denen wir vielleicht fiir
eine moralische Lebensanschauung viel gewinnen konnen.
Unter den mancherlei Dingen, die uns der Okkultismus schon ge-
bracht hat, wird die Erkenntnis, daft bei den verschiedenen Volkern
in den verschiedenen Erdgebieten die mannigfaltigsten Anschauungen,
die mannigfaltigsten Impulse sich geltend gemacht haben, nicht das
Geringste sein. Vergleichen wir einmal zwei zunachst weit vonein-
ander abstehende Menschheitsgebiete. Gehen wir zuriick in das ehr-
wurdige Leben des alten Indiens und betrachten wir, wie es sich nach
und nach entwickelt hat bis in die neuesten Zeiten herauf; denn Sie
wissen ja, fiir keines der Gebiete des eigentlichen Lebens auf der Erde,
die uns bekannt sind, gilt in so hohem Mafte wie fiir Indien die Tat-
sache, daft dasjenige, was Charakteristikum uralter Zeiten war, sich
erhalten hat bis in die neuesten Zeiten herauf. Fiir kein Gebiet gilt
das mehr als fiir das Leben innerhalb der indischen und einiger an-
deren asiatischen Kulturen. Bis in die neuesten Zeiten herauf haben
sich die Gefiihle, die Empfindungen, die Gedanken, die Anschauungen
erhalten, die wir schon finden in diesen Volksgebieten in ururalten
Zeiten. Das ist das Eindrucksvolle, daft sich in diesen Kulturen er-
halten hat ein Abglanz uralter Zeiten, daft, wenn wir das betrachten,
was sich bis in unsere Zeit herein erhalten hat, wir sozusagen in die
alten Zeiten zugleich hineinschauen.
Nun kommen wir aber mit konkreten, bestimmten Volksgebieten
nicht weit, wenn wir etwa von vornherein nur unseren eigenen mo-
ralischen Maftstab anlegen. Deshalb wollen wir heute das, was man
uber die moralischen Dinge dieser Zeiten sagen konnte, zunachst aus-
geschlossen sein lassen und nur fragen: Was hat sich herausgebildet
aus diesen charakteristischen Eigentiimlichkeiten der uralten, ehr-
wiirdigen indischen Kultur?
Zunachst finden wir da, aufs hochste verehrt, aufs hochste geheiligt,
dasjenige, was man nennen kann die Andacht, die Hingabe an das
Geistige. Und um so mehr geheiligt und gewiirdigt finden wir diese
Hingabe an das Geistige, je mehr der Mensch in der Lage ist, in sich
selbst Einkehr zu halten, still in sich zu leben und das Beste, was in
ihm ist, abgesehen von aller Wirksamkeit in der aufieren Welt, ab-
gesehen von allem, was der Mensch sein kann auf dem physischen
Plane, hinzulenken zu den Urgriinden der geistigen Welten. Als
hochste Pflicht sehen wir diese andachtige Hinlenkung der Seele zu
den Urgriinden des Daseins bei denjenigen, welche zur obersten Kaste
des indischen Lebens gehort haben oder gehoren, bei den Brahminen.
Alles, was sie tun, alle ihre Impulse sind hingeordnet nach dieser An-
dacht; und es gibt nichts, was das sittliche Empfinden und Fiihlen
dieser Menschen tiefer beeindruckt, als diese Hinlenkung nach dem
Gottlich-Geistigen in einer alles Physische vergessenden Andacht, in
einer intensiv tiefen Selbstbeobachtung und Selbstentaufterung. Und
wie das sittliche Leben dieser Menschen von dem eben Bezeichneten
durchdrungen wird, das konnen Sie aus der anderen Tatsache ersehen,
dal$ diejenigen, welche, namentlich in alteren Zeiten, anderen Kasten
angehort haben, es als selbstverstandlich ansehen, daft die Kaste der
Andacht, die Kaste des rehgiosen und rituellen Lebens als etwas Ehr-
wiirdiges und Ausgesondertes betrachtet wird. So war das ganze
Leben durchzogen von diesen eben charakterisierten Impulsen der
Hinlenkung auf das Gottlich-Geistige. Das ganze Leben stand in dem
Dienste dieser Hinlenkung, und mit allgemeinen Moralprinzipien, die
irgendeine Philosophic begriindet, kann man das nicht verstehen, um
was es sich hier handelt. Man kann es nicht verstehen aus dem Grunde,
weil in den Zeiten, in denen im alten Indien sich diese Dinge ent-
wickelt haben, sie zunachst bei anderen Volkern unmoglich gewesen
sind. Diese Impulse brauchten das Temperament, den Grundcharakter
gerade dieses Volkes, damit sie sich in dieser Intensitat entwickeln
konnten. Dann gingen sie im Verlaufe der aufieren Kulturstromung
von da aus und verbreiteten sich iiber die iibrige Erde hin. Wenn wir
das, was unter dem Gottlich-Geistigen gemeint ist, verstehen wollen,
so miissen wir zu dieser Urquelle gehen.
Und jetzt wenden wir den Blick weg von diesem Volkstum und
wenden ihn zu einem anderen. Wenden wir ihn nach dem europaischen
Gebiete. Lenken wir den Blick zu den europaischen Volkern in den
Zeiten, als noch nicht das Christentum eingedrungen war in die euro-
paische Kultur, als es eben anfing einzudringen. Ihnen alien ist be-
kannt, dafi gleichsam dem Christentum, das von Osten und Suden
her nach Europa eindrang, sich entgegenlegte das europaische Volks-
tum mit ganz bestimmten Impulsen, mit ganz bestimmten inneren
Werten und Kraf ten. Und wer die Geschichte der Einf iihrung des Chri-
stentums in Europa, in Mitteleuropa und auch hier im Norden, studiert,
namentlich wer sie mit okkulten Mitteln studiert, der weifi, was es auf
dem einen oder anderen Gebiete gekostet hat, um mit diesem oder
jenem christlichen Impulse den Ausgleich zu finden mit dem, was von
Nord- und Mitteleuropa dem Christentum entgegengebracht worden ist.
Und fragen wir jetzt, wie wir gefragt haben beim indischen Volks-
tum, welches die hervorragendsten sittlichen Impulse waren, was da
von den Volkern, deren Nachkommen die gegenwartige europaische
Bevolkerung namentlich des Nordens, Mitteleuropas und Englands
ist, als moralisch Gutes, als moralisches Erbstiick entgegengebracht
worden ist dem Christentum. Wir brauchen nur eine einzige der
Haupttugenden zu nennen, und sogleich wissen wir, dafi wir etwas
recht Charakteristisches fiir diese nordische Bevolkerung, fur die
mitteleuropaische Bevolkerung sagen. Wir brauchen nur das Wort
Tapferkeit, Starkmut zu sagen, das Eintreten mit der ganzen person-
lichen Menschenkraft, um in der physischen Welt zu verwirklichen,
was der Mensch aus seinen innersten Impulsen heraus wollen kann,
dann haben wir die allerhauptsachlichsten Tugenden genannt, die
entgegengebracht wurden von den Europaern dem Christentum. Und
die anderen Tugenden sind im Grunde genommen — wir finden dieses
um so mehr, je weiter wir in die alten Zeiten zuriickgehen — die
Folgen dieser Tugenden.
Betrachten wir den eigentlichen Starkmut, die eigentliche Tapf erkeit
nach einigen ihrer Grundeigenschaften, so finden wir, daft sie besteht
aus einer inneren Lebensfiille, die ausgeben kann. Das ist es, was uns
in alten Zeiten, gerade bei den europaischen Volkern am meisten auf-
fallt. Solch ein Mensch, wie er der alten europaischen Bevolkerung
angehort, hat in sich mehr, als er fur seinen personlichen Gebrauch
bedarf. Aber er gibt aus das Mehr, weil er den Impuls dazu hat, das
auszugeben. Er folgt ganz instinktiv dem Impulse, das, was er zuviel
hat, auszugeben. Man mochte sagen: Mit nichts mehr war der alte
europaische Norden verschwenderischer als mit seinem moralischen
Oberfluft, mit seiner Tiichtigkeit, seiner Tauglichkeit, Lebensimpulse
in den physischen Plan hinausstromen zu lassen. Es war wirklich so,
wie wenn die Menschen der europaischen Urzeit, jeder einzelne, mit-
bekommen hatte eine ganz bestimmte Fiille von Kraft, die mehr be-
deutete, als der Mensch fur seinen personlichen Gebrauch bedurfte,
von der er ausstromen hat konnen, mit der er verschwenderisch hat
sein konnen, die er hat verwenden konnen zu seinen kriegerischen
Taten, zu den Taten jener uralten Tugend, welcher die neuere Zeit
unter den Untugenden zu nennenden menschlichen Eigenschaften
einen Platz gegeben hat; die er verwendet hat zum Beispiel zu dem,
was man bezeichnet hat als Groftmut. Handeln aus Groftmut, das ist
wieder etwas, was so charakteristisch ist fur die uralte europaische
Bevolkerung, wie charakteristisch ist das Handeln aus Andacht fur
die uralt indische Bevolkerung.
Mit Prinzipien, mit theoretischen Moralgrundsatzen hatte man der
europaischen Bevolkerung der Urzeiten nicht dienen konnen, denn
sie hatte wenig Verstandnis dafiir bewiesen. Einem Menschen der
europaischen Urzeit moralische Predigten zu halten, das ware so ge-
wesen, wie wenn man einem Menschen, der das Rechnen nicht liebt,
den Rat geben wollte, er solle mit aller Prazision aufschreiben seine
Einnahmen und Ausgaben. Wenn er das nicht liebt, dann bedarf es
nur des einzigen Umstandes, daft er das Aufschreiben nicht notig hat,
daft er also genug besitzt, um ausgeben zu konnen. Dann kann er das
sorgfaltige Rechnungfiihren vermeiden, wenn er einen unerschopf-
lichen Quell hat. Es ist ein nicht unerheblicher Umstand, er gilt theo-
retisch durchaus mit Beziehung auf das, was der Mensch fiir das
Leben wert halt, mit Beziehung auf die personliche Tiichtigkeit, auf
das personliche Eintreten. Fiir die Einrichtung der Welt gilt das von
den moralischen Gefiihlen der alten europaischen Bevolkerungen.
Jeder hatte sozusagen sein gottliches Erbstiick mitbekommen, fiihlte
sich voll davon und gab aus, gab aus im Dienste des Stammes, im
Dienste der Familie, im Dienste auch grojSerer Volkszusammenhange.
So wurde gewirkt, so wurde gewirtschaftet, so wurde gearbeitet.
Nun haben wir hier zwei Menschheitsgebiete bezeichnet, die recht
sehr voneinander verschieden sind, denn das Andachtsgefiihl, wie es
beim Indier zu Hause war, das fehlte der europaischen Bevolkerung
absolut. Deshalb war es dem Christentum so schwer, dieses Andachts-
gefiihl der europaischen Bevolkerung zu bringen. Ganz andere Vor-
aussetzungen waren da.
Und nun, nachdem wir diese Dinge vor unsere Augen hingestellt
haben, fragen wir uns einmal, abgesehen von alien Einwendungen
eines moralischen Begriffs, nach dem moralischen Effekt. Da bedarf
es nicht vieler Uberlegung, um zu wissen, da$ dieser moralische Effekt
da, wo die beiden Weltanschauungen und Gesinnungsrichtungen in
ihrer reinsten Form sich getroffen haben, ein unendlich grower war.
Unendliches ist der Welt gegeben worden durch dasjenige, was nur
hat errungen werden konnen dadurch, dafi ein Volkstum vorhanden
war wie das alte indische, mit der Hinordnung alles Empfindens
nach der Andacht, mit der Hinlenkung zum Hochsten. Aber Unend-
liches ist auch der Welt gegeben worden, das konnte man mit Einzel-
heiten belegen, durch das, was die Tapferkeit, der Starkmut der euro-
paischen Menschen der alteren vorchristlichen Zeit bewirken sollte.
Beide Dinge mufiten zusammenwirken, und beide Dinge gaben den
moralischen Effekt, von dem wir sehen werden, wie er heute noch
fortwirkt und wie er heute nicht nur einem Teile der Menschheit,
sondern der ganzen Menschheit von beiden Seiten zugute gekommen
ist, wie er lebt in allem, was die Menschheit als Hochstes betrachtet,
sowohl der Effekt aus dem Indiertum als auch der Effekt aus dem
uralten Germanentum.
Konnen wir so ohne weiteres nun sagen, dasjenige, was diesen mo-
ralischen Effekt fur die Menschheit hat, sei das Gute? Das diirfen
wir ohne Zweifel sagen. In beiden Kulturstromungen mul$ es das Gute
sein, und es mufi irgendein Ding sein, was wir als das Gute bezeichnen
konnen. Aber wenn wir sagen sollen: Was ist das Gute? so stehen wir
wieder vor einer Ratselfrage. Was ist das Gute, das gewirkt hat in
dem einen und in dem anderen Falle?
Ich mochte Ihnen nicht moralische Predigten halten, denn das be-
trachte ich nicht als meine Aufgabe. Ich betrachte es vielmehr als
meine Aufgabe, die Tatsachen Ihnen vorzufiihren, welche zu einer
theosophischen Moral fiihren. Daher habe ich Ihnen zunachst zwei
Systeme bekannter Tatsachen angefuhrt, von denen ich nichts anderes
zu beriicksichtigen bitte, als dafi die Tatsache der Andacht und die
Tatsache der Starkmut moralische Effekte fur die Kulturentwicke-
lung der Menschheit haben.
Nun wenden wir den Blick zu noch anderen Zeiten. Sie werden,
wenn Sie unser gegenwartiges Leben mit seinen sittlichen Impulsen in
Betracht ziehen, sich selbstverstandlich sagen: Wir konnen heute
nicht so sein, wenigstens nicht in Europa, wie das reinste Ideal des
Indiertums es erfordert, denn man kann nicht europaische Kultur mit
indischer Andacht pflegen. Aber ebensowenig ware es moglich, das-
jenige, was heute unsere Kultur ist, mit der alten, aufs hochste zu
preisenden Starkmut-Tugend der europaischen Bevolkerung zu er-
reichen. Und ohne weiteres zeigt sich uns, daft in den Tiefen der mo-
ralischen Empfindung der europaischen Bevolkerung noch etwas an-
deres liegt. Wir mtissen also noch etwas anderes aufsuchen, um be-
an tworten zu konnen die Frage: Was ist das Gute? Was ist die
Tugend ?
Ich habe ofter darauf hingewiesen, dafi wir zu unterscheiden haben
diejenige Epoche, die wir den griechisch-lateinischen, den vierten
nachatlantischen Kulturzeitraum nennen, und diejenige, die wir nen-
nen den fiinften nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir gegen-
wartig leben. Eigentlich soil das, was ich zu sagen habe in bezug auf
das moralische Wesen, die Entstehung des fiinften nachatlantischen
Kulturzeitraums charakterisieren. Beginnen wir mit einer Sache, die
Sie zunachst fur anfechtbar halten konnen, da sie aus der Welt der
Dichtung, der Welt der Sage genommen ist. Aber sie ist doch bezeich-
nend fur die Art und Weise, wie neue moralische Impulse wirksam
geworden sind, wie sie hineingeflossen sind in die Menschen, als nach
und nach die Entwickelung unseres fiinften nachatlantischen Kultur-
zeitraums einsetzte.
Es gab einen Dichter, der gelebt hat Ende des zwolften und Anfang
des dreizehnten Jahrhunderts. Er starb im Jahre 1213 und heiftt
Hartmann von Aue. Dieser Dichter hat ganz aus der Denkweise und
den Tatsachen der damaligen Zeit heraus seine bedeutendste Dichtung
geschaffen, und zwar aus der Anschauung heraus, die dazumal im
Volke iiberall gelebt hat: die Dichtung «Der arme Heinrich». Diese
Dichtung driickt im eminentesten Sinne aus, wie man in gewissen
Kreisen und Volksgebieten dazumal iiber gewisse moralische Impulse
dachte. In dieser Dichtung ist folgendes enthalten: Da lebte der arme
Heinrich als ein reicher Ritter, denn urspriinglich war er kein armer
Heinrich, sondern ein wohlbestallter Rittersmann, der aber aufter
acht lieft, daft die sinnenfalligen Dinge des physischen Planes hin-
fallig, verganglich sind, der also in den Tag hineinlebte und dadurch
sich so schnell als moglich schlimmes Karma schaffte. Daher wird er
befallen von dem, was man damals nannte die Miselsucht, eine Art
Aussatz, und da er zu den beruhmtesten Arzten der ganzen damaligen
Welt geht und keiner ihm helfen kann, so gibt er sein Leben verloren
und verkauft seine Giiter. Unter die Menschen konnte er mit seiner
Krankheit nicht gehen. Er lebte daher abseits von ihnen einsam auf
einem Meierhofe, treu gepflegt von einem alten ergebenen Diener, der
den Wirtschaftshof fiihrte, und dessen Tochter. Eines Tages wird der
Tochter und iiberhaupt der Familie des ganzen Wirtschaftshofes die
Kunde zuteil, daft nur eines helfen kann dem Ritter, der dieses Schick-
sal hat. Kein Arzt, keine Arznei kann ihm helfen, nur wenn eine reine
Jungfrau in Liebe ihr Leben fur ihn opfert, sollte eine Gesundung
wieder moglich sein. Trotz aller Ermahnungen der Eltern und des
Ritters Heinrich selber kommt etwas iiber die Tochter, das sie glauben
macht, daft sie es ware, die sich opfern miisse. Da begibt sich die Toch-
ter nach Salerno, der beruhmtesten medizinischen Schule der dama-
ligen Zeit. Nicht schreckt sie zuriick vor dem, was die Arzte von ihr
verlangen. Sie ist bereit, ihr Leben zu opfern. Der Ritter laftt es aber
nicht so weit kommen, er verhindert es und zieht mit ihr nach Hause.
Aber die Dichtung erzahlt uns, daft der Ritter, als er nach Hause kam,
wirklich nach und nach gesund zu werden begann und daft er dann
mit derjenigen, die seine Erloserin hat werden wollen, noch lange Zeit
lebte und einen glucklichen Lebensabend hatte.
Ja, Sie konnen sagen: Zunachst ist das eine Dichtung, und wir
brauchen nicht wortlich an die Tatsachen, die da mitgeteilt sind, zu
glauben. Aber die Sache wird schon anders, wenn wir das, was Hart-
mann von Aue, der mittelalterliche Dichter, dazumal in seinem
«Armen Heinrich» gedichtet hat, vergleichen mit etwas, was wirklich
geschehen ist, wie wir gut wissen, mit dem Leben eines Ihnen wohl-
bekannten Menschen und den Taten desselben. Ich meine, wenn wir
das, was darstellen hat wollen Hartmann von Aue, vergleichen mit
dem Leben des damals in Italien lebenden, im Jahre 1182 geborenen
Franz von Assist.
Nun lassen wir einmal, urn zu charakterisieren, was da, wie kon-
zentriert in der einen Personlichkeit des Franz von Assisi, an Mora-
lisch-Personlichem vor sich geht, die Sache so vor unserer Seele vor-
iiberziehen, wie sie sich dem Okkultisten darstellt, selbst wenn wir
fiir narrisch und aberglaubisch gehalten werden sollten. Nehmen wir
die Dinge ernst, weil sie in jener Obergangszeit auch so ernst gewirkt
haben.
Wir wissen, daft Franz von Assisi der Sohn des italienischen, in
Frankreich viel herumreisenden und Geschafte treibenden Kaufmanns
Bernardone und seiner Frau war. Wir wissen auch, daft der Vater des
Franz von Assisi ein auf aufterliches Ansehen viel gebender Mensch
war. Die Mutter war eine den frommen Tugenden und f einen Cha-
raktereigenschaften des Herzens zugangliche, andachtige, ihren reli-
giosen Empfindungen lebende Frau. Die Dinge, die nun umspielen in
Form von Sagen die Geburt des Franz von Assisi und sein Leben,
entsprechen durchaus okkulten Tatsachen. Wenn auch okkulte Tat-
sachen haufig von der Geschichte in Bilder und Legenden gehullt
werden, so entsprechen diese Legenden aber doch okkulten Tatsachen.
So ist es durchaus wahr, daft einer ganzen Anzahl von Personen,
bevor Franz von Assisi geboren wurde, wie eine visionare Offen-
barung, wie ein Wissen, eine Erkenntnis zugekommen ist, daft eine
wichtige Personlichkeit werde geboren werden. Herausgehoben ist
von der aufieren Geschichte aus der grofien Anzahl von Personen,
die das getraumt haben, das heiftt die in prophetischer Vision gesehen
haben, daft eine wichtige Personlichkeit geboren werden wird, heraus-
gehoben ist da die heilige Hildegard. - Ich betone hier nochmals die
Wahrheit der aus den Erforschungen der Akasha-Chronik zu recht-
fertigenden Tatsachen. — Sie traumte, daft ihr erschien ein Weib mit
einem zerschundenen, blutiiberstromten Antlitz und daft dieses "Weib
zu ihr sagte: Die Vogel haben ihre Nester hier auf der Erde, die Fuchse
haben ihre Hohlen auf der Erde, ich aber habe in der Gegenwart
nichts, nicht einmal einen Stab, auf den ich mich stiitzen kann. Als
Hildegard erwachte von diesem Traume, da wuftte sie, daft die wahre
Gestalt des Christentums mit dieser Personlichkeit gemeint ist. Und
so traumten noch viele anderePersonlichkeiten. Diese Personlichkeiten
sahen dazumal aus dem, was sie wissen konnten, daft die auftere Ein-
richtung und Institution der Kirche nicht ein Behalter, eine Hulle fur
das wirkliche Christentum sein konnte. Das sahen sie ein.
Ein Pilger, wieder haben wir eine wahre Tatsache vor uns, kehrte
einstmals, als der Vater des Franz von Assisi in Handelsgeschaften in
Frankreich war, in dem Hause von Donna Pica, der Mutter des Franz
von Assisi, ein und sagte ihr direkt: In diesem Hause, wo Uberfluft
ist, darfst du das Kind, das du erwartest, nicht zur Welt bringen! Du
muftt es gebaren im Stalle, denn es muft liegen auf Stroh, urn seinem
Meister nachzufolgen ! Diese Aufforderung ist wirklich an die Mutter
des Franz von Assisi ergangen, und es ist keine Legende, sondern
Wahrheit, daft die Mutter, weil der Vater auf Geschaftsreisen in
Frankreich war, dieses auch ausfiihren konnte, so daft die Geburt des
Franz von Assisi sichtatsachlich im Stalle und auf Stroh vollzogen hat.
Und auch das andere ist wahr: In den keineswegs so bevolkerten
Ort kam, nachdem das Kind einige Zeit alt war, ein sonderbarer
Mensch, ein Mann, der niemals vorher gesehen worden war und nie-
mals spater in dem Orte wiedergesehen wurde. Er zog wiederholt
durch die Straften und sagte: Ein wichtiger Mensch ist in dieser Stadt
geboren worden. In jener Zeit haben die Leute, die noch ein gutes
visionares Leben fiihren konnten, auch Glocken lauten gehort wah-
rend der Geburt des Franz von Assisi.
Eine ganze Reihe von Erscheinungen konnte noch angefuhrt wer-
den. Wir begniigen uns aber mit diesen, die nur dazu angefuhrt wer-
den, um zu zeigen, wie bedeutsam alles aus der geistigen Welt heraus
konzentriert war gegeniiber der Erscheinung einer einzelnen Person-
lichkeit der damaligen Zeit. Besonders interessant wird uns das alles,
wenn wir noch etwas anderes betrachten. Die Mutter hatte den be-
sonderen Gedanken: Johannes soil das Kind heiften. Daher wurde ihm
auch der Name Johannes beigelegt. Erst als der Vater von Frankreich
zuriickkam, gab er, aus seiner Gesinnung heraus, weil er gute Ge-
schafte dort gemacht hatte, seinem Sohn den Namen Franziskus. Ur-
spninglich hieft das Kind aber Johannes.
Nun brauchen wir nur einzelnes hervorzuheben aus dem Leben
dieses sonderbaren Menschen, vor alien Dingen seine Jugendzeit. Was
tritt uns in Franz von Assisi fur ein Mensch entgegen, wenn wir ihn
als Knaben betrachten ? Es tritt uns, wie uns das bei den vielen Volker-
mischungen nach den Einwanderungen von Norden her nicht aufzu-
f alien braucht, ein Mensch entgegen, der sich ausnimmt wie ein Nach-
komme des alten germanischen Rittertums. Tapfer, kriegerisch, von
dem Ideale erfiillt, mit den Kriegswaffen Ruhm und Ehre zu erwer-
ben, das war es, was sich wie ein Erbstuck bei ihm ergab, was wie
eine Rasseneigenschaft in der einzelnen Personlichkeit des Franz von
Assisi vorhanden war. Mehr aufterlich, mochte man sagen, treten bei
ihm diejenigen Eigenschaften auf, die in einer mehr seelischen, herz-
haften Art im alten Germanentum da waren; denn nichts anderes
wurde da Franz von Assisi als das, was man einen Verschwender
nennt. Verschwenderisch verfuhr er mit den reichen Giitern des
Vaters, des damaligen reichen Handelsherrn. Wohin er ging, die
Giiter, die Friichte der Arbeit seines Vaters, verschwendete er reich-
lich. Er hatte alle Hande voll iibrig fur alle seine Kameraden und
seine Spielgenossen. Kein Wunder, daft er bei den kindlichen Kriegs-
ziigen von seinen Kameraden immer zum Anfiihrer gewahlt wurde
und daft er dann so heranwuchs, daft man in ihm etwas sah wie einen
richtigen kriegerischen Knaben. Als solcher war er auch in der ganzen
Stadt bekannt. Zwischen den Knaben der Ortschaften Assisi und
Perugia gab es allerlei Streitigkeiten. Daran nahm er nun auch Anteil,
und es ereignete sich, daft er mit seinen Kameraden gefangen ge-
nommen und gefangen gehalten wurde. Er war es nun, der nicht nur
die Gefangenschaft ritterlich ertrug, sondern auch alle anderen auf-
munterte, auszuhalten in ritterlicher Weise, bis sie nach einem Jahre
wieder nach Hause gehen konnten. Und als ein im Dienste der Ritter-
lichkeit notwendiger Kriegszug gegen Neapel unternommen werden
sollte, da ereignete es sich, dafi diesem jungen Menschen eine Traum-
vision erschien. Er sah einen grofien Palast. Darinnen waren iiberall
Schilder und Waffen. Er sah etwas von einem Gebaude, in welchem
iiberall Stiicke von Waffen aufbewahrt waren. Diesen Traum hatte
er, der nur allerlei Tuche im Geschafte und im Hause seines Vaters
gesehen hatte. Er sagte sich daher: Das ist die Aufforderung an dich,
ein Kriegsmann zu werden! und er entschlofi sich daraufhin, sich
dem Kriegszuge gegen Neapel anzuschliefien. Schon auf dem Hin-
wege, und noch mehr als er sich dem Kriegszuge angeschlossen hatte,
bekam er spirituelle Eindriicke, spirituelle Impressionen. Er horte
etwas wie eine Stimme, die sprach: Nun gehe nicht weiter, du hast
das fiir dich bedeutsame Traumbild falsch gedeutet. Gehe zuriick
nach Assisi, und du wirst vernehmen, wie du es richtig zu deuten hast.
Er folgte diesen Worten, ging zuriick nach Assisi, und siehe da, er
hatte etwas wie ein inneres Zwiegesprach mit einem Wesen, das spi-
rituell zu ihm sprach und ihm sagte: Nicht im aufteren Dienst hast
du zu suchen deine Ritterschaft. Du bist bestimmt, alle Krafte, welche
du anwenden kannst, umzugestalten zu Kraften des Seelischen, urn-
zugestalten als Waffen, die du seelisch gebrauchen sollst. Alle Waffen,
die dir erschienen sind im Palaste, bedeuten dir seelisch-geistige Waf-
fen des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe. Alle Schilder bedeuten
dir die Vernunft, die du anzuwenden hast, um festzustehen gegeniiber
den Miihsalen eines in Erbarmen, Mitleid und Liebe zugebrachten
Lebens. — Nachher folgte eine kurze, wenn auch nicht ungefahrliche
Krankheit, von der er aber genas. Danach ergab sich fiir ihn etwas
wie eine Riickschau auf das ganze friihere Leben, in der er mehrere
Tage lebte. Wie umgeschmiedet war der ganze Rittersmann, der in
seinen kiihnsten Traumen sich nur danach gesehnt hatte, ein Kriegs-
held zu werden, zu einem Marine, der nun alle moralischen Impulse
des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe bis in das letzte hinein suchte.
AlleKrafte, die er imDienste des physischen Planes verwenden wollte,
waren umgewandelt zu moralischen Impulsen des inneren Lebens.
Da sehen wir, wie gewissermaften in einer einzelnen Personlichkeit
ein moralischer Impuls ausgelost wird. Es ist nicht bedeutungslos,
dafi wir gerade einen grofien moralischen Impuls betrachten, denn
wenn auch der einzelne nicht immer zu den hochsten Hohen der
moralischen Impulse sich aufschwingen kann, lernen kann man von
ihnen doch nur da, wo die Impulse sich radikal aussprechen und wo
wir sie wirken sehen in ihrer grolken Macht. Gerade wenn wir unsere
Aufmerksamkeit richten auf das Radikale, und das Kleine in dem
Lichte betrachten, das uns aus dem Radikalen, dem Groften erscheint,
kommen wir zu einer richtigen Anschauung liber die moralischen
Impulse des Lebens.
Aber, was ist nun mit Franz von Assisi geschehen? Es ist unnotig,
die Kampfe auseinanderzusetzen, die er mit seinem Vater gehabt hat,
als er zu einer ganz anderen Art, zu einer ganz anderen Methode der
Verschwendung iiberging. Die Verschwendung, bei der auch das Haus
des Vaters zur Geltung kam, weil es durch diese Verschwendung des
Sohnes zur Beriihmtheit und zum Ansehen gekommen war, die ver-
stand der Vater noch; nicht aber verstand er, daft der Sohn nach
seiner Umwandlung seine besten Kleider von sich warf bis auf das
Notwendigste und sie dem gab, der sie brauchte. Er konnte es nicht
begreifen, als seinen Sohn die Anwandlung iiberkam, in der er sich
sagte: Merkwurdig, wie wenig geachtet diejenigen sind, durch welche
die christlichen Impulse im Abendlande so Grofies erhalten haben.
Danach pilgerte Franz von Assisi nach Rom und eine grofie Summe
Geldes legte er nieder an den Grabern der Apostel Petrus und Paulus.
Diese Dinge verstand der Vater nicht. Ich brauche nicht zu schildern
die Kampfe, die es da gab, ich brauche nur anzudeuten, daft sich fur
Franz von Assisi darin zusammengedrangt haben die ganzen mora-
lischen Impulse. Die so zusammengedrangten Impulse hatten dann in
Seelisches umgewandelt die Tapferkeit. Sie hatten sich so entwickelt,
daft sie eine besondere Verstarkung erfuhren in den Meditationen
und ihm erschienen als das Kreuz mit dem Crucif ixus daran. In diesen
Zustanden fiihlte er eine innere, personliche Beziehung zu dem
Kreuze und zu dem Christus, und davon kamen ihm dann die Krafte,
durch die er so ins Unermefiliche steigern konnte die moralischen
Impulse, die ihn jetzt durchstromten.
Eine merkwiirdige Verwertung fand er fur das, was jetzt in ihm
sich entwickelte. In der damaligen Zeit waren namlich die Schrecken
des Aussatzes tatsachlich iiber viele europaische Lander hereinge-
brochen. Das aufiere Kirchenbekenntnis fand fur diese Aussatzigen,
die damals so zahlreich waren, eine merkwiirdige Art von Heilungs-
prozeft. Es liefi namlich der Priester diese Aussatzigen zu sich kom-
men und sagte dann zu ihnen: Du bist nun einmal mit dieser Krank-
heit geschlagen in diesem Leben; aber gerade dadurch, dafi du jetzt
fiir das Leben verloren bist, bist du fur Gott gewonnen, du bist gott-
geweiht. Dann aber wurde er hinausgeschickt in von Menschen ent-
fernte Statten, wo er in der angedeuteten Weise einsam und verlassen
sein Leben beschliefien muftte.
Ich will keinen Tadel aussprechen iiber diese Kur. Man wufite keine
andere, keine bessere. Aber Franz von Assisi wuftte eine bessere. Und
aus diesem Grunde wird es erwahnt, weil es uns aus den unmittelbaren
Erfahrungen heraus leiten wird zu den moralischen Quellen. Sie wer-
den schon sehen in den nachsten Tagen, warum wir diese Dinge
durchnehmen. Nun, sie fuhrten Franz von Assisi gerade dazu, alle
die Aussatzigen iiber all aufzusuchen, nichts zu scheuen im Umgang
mit diesen Leuten. Und tatsachlich, was nichts von all den Mitteln
der damaligen Zeit heilen konnte, was notwendig machte, dafl man
die Leute aus der menschlichen Gesellschaft ausstiefi, das heilte in
zahlreichen Fallen Franz von Assisi, weil er sich an diese Leute heran-
machte, allerdings mit den Kraften, die er hatte in seinen moralischen
Impulsen, die ihn vor nichts zuriickschrecken liefien, ihm vielmehr
den Mut gaben, nicht nur sorgfaltig zu reinigen die einzelnen wunden
Stellen, die an solchen Menschen vorhanden waren, sondern mit den
letzteren zu leben, sie intensiv zu pflegen, ja sie zu kiissen und sie zu
durchstromen mit seiner Liebe. — Es ist nicht blofi eine Dichtung, wie
die Heilung des arm en Heinrich durch die Tochter des treuen Dieners;
es ist damit ausgedriickt, was in der damaligen Zeit in zahlreichen
Fallen geschehen ist durch die historisch wohlbekannte Personlichkeit
des Franz von Assisi. Und legen Sie sich zurecht dasjenige, was da
geschehen ist. Geschehen ist, da£ in einem Menschen wie Franz von
Assisi vorhanden war ein ungeheurer Fonds psychischen Lebens als
etwas, was wir gefunden haben in der alten europaischen Bevolkerung
als Starkmut und Tapferkeit, die sich umgewandelt haben in Geistig-
Seelisches und die hinterher geistig-seelisch gewirkt haben. Wie in
den alten Zeiten das, was da gewirkt hatte als Groftmut und Tapfer-
keit, zur personlichen Verschwendung gefiihrt hatte und sich noch
bei Franz von Assisi in seiner jugendlichen Verschwendungssucht
zeigte, so fiihrte es ihn jetzt dazu, dafi er ein Verschwender an mora-
lischen Kraften wurde. Er strotzte von moralischer Kraft, und es ging
in der Tat iiber dasjenige, was er in sich hatte, auf diejenigen, denen
er seine Liebe zuwandte.
Fiihlen Sie ganz, daft darin eine Realitat ist, eine ebensolche Reali-
tat, wie sie in der Luft ist, die wir einatmen und ohne die wir nicht
leben konnen, Eine ebensolche Realitat ist es, was durch alle Glieder
des Franz von Assisi und von da in alle Herzen stromte, denen er sich
widmete, denn Franz von Assisi verschwendete eine Fiille von Kraf-
ten, die von ihm ausstromten. Und es ist dieses etwas, was in das
ganze, reife Leben von Europa ein- und zusammengestromt ist, was
sich in Seelisches verwandelt hat und so gleichsam gewirkt hat in der
Wirklichkeit draufien.
Versuchen Sie iiber diese Tatsachen, die vielleicht zunachst schein-
bar nichts mit den aktuellen moralischen Fragen zu tun haben, nach-
zudenken. Versuchen Sie zu erfassen, was in dem liegt, was indische
Andacht und nordischer Starkmut ist. Versuchen Sie die Heilwirkung
solcher moralischen Krafte, die von Franz von Assisi angewendet
wurden, einmal zu iiberdenken. Dann werden wir morgen sprechen
konnen iiber das, was reale moralische Impulse sind, und wir werden
sehen, dafi es nicht nur Worte, sondern Realitaten sind, die in der
Seele schaffen und Moral begriinden.
ZWEITER VORTRAG
Norrkoping, 29. Mai 1912
Ich habe bereits gestern bemerkt, daft dasjenige, was hier wird zu
sagen sein iiber theosophische moralische Grundsatze und Impulse,
gestiitzt werden soil auf Tatsachen, und deshalb war es, daft wir ver-
sucht haben, einige Tatsachen vor uns hinzustellen, welche im emi-
nenten Sinne moralische Impulse zeigen konnen.
Es war wohl am auffallendsten, am einleuchtendsten, daft bei einer
solchen Personlichkeit wie Franz von Assisi starke, gewaltige mora-
lische Impulse gewirkt haben miissen, damit diese Personlichkeit hat
zu ihren Taten gelangen konnen. Denn was sind das fur Taten, meine
lieben theosophischen Freunde? Es sind das bei Franz von Assisi
Taten, welche das Moralische im allerhochsten Sinne des Wortes
zeigen. Umgeben war zunachst Franz von Assisi von Menschen mit
sehr schweren Krankheiten, fiir welche die iibrige Welt dazumal keine
Hilfe hatte. Bei ihm wirkten seine moralischen Impulse nicht nur so,
daft viele von diesen schwer Kranken in ihrer Seele eine moralische
Stiitze, einen groften Trost hatten. Das war gewift fiir viele allein zu
erreichen. Aber es war fiir manche immerhin auch zu erreichen, daft
die moralischen Impulse, die moralischen Krafte,
…[truncated]