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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER KUNST
RUDOLF STEINER
Das Faust-Problem
romantische und die klassische
Walpurgisnacht
Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu
Goethes «Faust»
Band II
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 30. September 1916 bis 19. Januar 1919,
ein offentlicher Vortrag in Prag am 12. Juni 1918
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Dr. Hans Erhard Lauer
1. Auflage Dornach 1931
2. Auflage Freiburg i. Br. 1955
3., neu durchgesehene und veranderte Auflage,
Gesamtausgabe Dornach 1967
4. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
erweitert um den Vortrag
vom 12. Juni 1918 in Prag
Gesamtausgabe Dornach 1981
Einzelausgabe:
Offentlicher Vortrag in Prag, 12. Juni 1918
«Goethes persdnliches Verhaltnis zu seinem <Faust>»
Dornach 1978
Bibliographie-Nr. 273
Einband-Entwurf von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-2730-2
Zu den Veroffentlichungen aus dem
Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof-
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs f rei gehalte-
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlalk,-
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte,
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Cber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auUert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Das Faust-Problem 9
Dornacb, 30. September 1916, nach einer Aujfiihrung der Szene im
Studierzimmer aus « Faust » I
Die «Romantische Walpurgisnacht» 38
Dornacb, 10. Dezember 1916
Goethes Ahnungen nach dem Konkreten hin. Schattenhafte Be-
grifTe und wirklichkeitsdurchtrankte Vorstellungen .... 59
Dornacb, 27. Januar 191 y, nach einer szenischen Darstellung aus
«Faust» II, zweiter Aujzug: «Hochgewdlbtes, enges gotisches Zim-
mer». « Labor atorium»
Faust und die Mutter 81
Dornacb, 2. November 19 17, nach einer szenischen Darstellung aus
«Faust» II: «Finstere Galeric». «Am Kaiserbof»
Faust und das Problem des Bosen 94
Dornacb, 3. November 1917
Die Helena-Sage und das Freiheitsratsel 108
Dornacb, 4. November 19 rj
Geisteswissenschaftliche Ausfuhrungen in Ankniipfung an die
«Klassische Walpurgisnacht» 123
Dornacb, 2j. September 19 18
Geisteswissenschaftliche Ausfuhrungen in Ankniipfung an die
«Klassische Walpurgisnacht» (Fortsetzung) 147
Dornacb, 28. September 19 18
Das Seelenleben Goethes vom geisteswissenschaft lichen Stand-
punkte 171
Dornacb, 29. September 1918
Die samothrakischen Kabiren-Mysterien. Das Geheimnis der
Menschwerdung 196
Dornach, ij. Januar 1919, nach einer Darstellung der «Kla$sischen
Wa lpurgisnacht»
Das Wirklichkeitsschauen in den griechischen Mythen . . . . 216
Dornach, 18. Januar 1919, nach einer Darstellung der «Klassischen
Walpurgisnachl»
Statt Homunkulismus und Mephistophelismus : Goetheanismus 232
Dornach, 19. Januar 1919
Goethes persdnliches Verhaltnis zu seinem «Faust»
Prag> 12. Juni 19 18 252
Die Kabiren. - Zeichnung von Rudolf Steiner nach den von ihm
entworfenen plastischen Figuren nach Seite 208
Hinweise 269
Zeittafel 277
Chronik 280
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 283
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 285
DAS FAUST- PROBLEM
Dornach, 3o. September 1916
nach einer Auffuhrung der Szene im Studierzimmer aus «Faust» I
Ich mochte heute wiederum an das eben Dargestellte ankniipfen, um
daraus eine Einheit zu gewinnen, die es dann moglich machen wird,
morgen zu einer umfassenderen Betrachtung zu kommen.
Wir haben gesehen, wie der Obergang vom 14., 15. ins 16., 17. Jahr-
hundert in der ganzen Entwickelung der Menschheit einen aufterordent-
lich bedeutenden Einscbnitt zeigt, der Obergang von dem griechisch-
lateinischen Zeitalter zu unserem fiinften nachatlantischen Zeitraum,
zu dem Zeitraum, in dem wir jetzt leben, aus dem unsere Impulse fur
alles Erkennen und auch fiir alles Handeln flieften, zu dem Zeitraum,
der bis zum vierten Jahrtausend wahren wird. Nun, aus alldem, was Sie
iiber Goethes «Faust» wissen und iiber den Zusammenhang dieses Goe-
theschen «Faust» mit der Faust-Gestalt, wie sie aus der Sage des i6.Jahr-
hunderts stammt, werden Sie einsehen, daft sowohl diese Faust-Gestalt
aus dem 16. Jahrhundert wie dasjenige, was Goethes Anschauung aus ihr
geformt hat, in innigem Zusammenhange steht mit all den "Obergangs-
impulsen, die das neue Zeitalter in geistiger Beziehung und damit auch
in aufierlich materieller Beziehung heraufgebracht haben. Nun ist bei
Goethe die Sache wirklich so, daft gerade dies Problem vom Herauf-
kommen der neuen Zeit und vom Fortwirken der Impulse der neuen
Zeit ungeheuer machtig war, dafi er ganz und gar inspiriert war die
sechzig Jahre, die er an seinem «Faust» geschaffen hat, von der Frage:
Welches sind die wichtigsten Aufgaben, die wichtigsten Gesinnungs-
richtungen der neueren Menschen? Und Goethe konnte wahrhaftig
zuriickblicken in das abgelaufene Zeitalter, das heute selbst der Wissen-
schaft so wenig mehr bekannt ist, jenes abgelaufene Zeitalter, das mit
dem 14., 1 Jahrhundert zu Ende geht. Was die Geschichte meldet -
ich habe es oflmals gesagt - iiber die Seelenstimmung der Menschen,
iiber die menschlichen Fahigkeiten und Bedurfnisse friiherer Jahrhun-
derte, das ist doch im Grunde etwas, was recht sehr «graue Theorie» ist.
In den Seelen der Menschen friiherer Jahrhunderte, der Jahrhunderte
noch, die dem Faust-Zeitalter vorangegangen sind, sah es gewaltig
anders aus als in den Seelen der Gegenwartsmenschen, in den Seelen der
gegenwartigen Menschheitsepoche. Und Goethe hat so recht eine Gestalt,
eine Personlichkeit in seinem «Faust» verkorpert, die zuriickblickt auf
die Seelenverfassung der Menschen in friiheren Jahrhunderten, in lang
vergangenen Jahrhunderten, und die zugleich vorwartsblickt auf die
Aufgaben der Gegenwart, auf die Aufgaben der Zukunft.
Indem Faust zunachst zuriickblickt auf das, was seinem Zeitalter
vorangeht, kann er im Grunde nur noch auf die Triimmer einer zu Ende
gegangenen Kultur blicken. Wir miissen zuerst immer den Faust des
1 6, Jahrhunderts ins Auge fassen, der eine historische Gestalt ist, der
wirklich gelebt hat, und der dann in die Volkssage iibergegangen ist.
Dieser Faust lebte noch in den alten Wissenschaften darinnen, die er
sich angeeignet hat, lebte in Magie, in Alchimie und in der Mystik dar-
innen, welche die Weisheit friiherer Jahrhunderte war, namentlich auch
die Weisheit der dem Christentum vorangegangenen Zeit war, die aber
in der Zeit, in welcher der historische Faust des 1 6. Jahrhunderts lebte,
schon griindlich im Verfall war. Das, was da in der Faust-Zeit als
Alchimie, als Magie, als Mystik von denjenigen angesehen worden ist,
unter denen Faust lebte, war durchaus schon krauses Zeug, war ein
Zeug, das auf Traditionen, auf Hinterlassenschaften aus alterer Zeit
fufke, in dem man sich aber nicht mehr auskannte. Die Weisheit, die
darinnen lebte, kannte man nicht mehr. Man hatte mancherlei gesunde
Formeln aus alten Zeiten, mancherlei richtige Einsichten aus alter Zeit,
aber verstand sie nurmehr schlecht. Also in ein Zeitalter eines ver-
fallenden Geisteslebens war in dieser Beziehung der geschichtliche Faust
hineingestellt. Und Goethe vermischt fortwahrend dasjenige, was der
geschichtliche Faust erlebte, mit dem, was er geformt hat zum Faust des
1 8. Jahrhunderts, zum Faust des 19. Jahrhunderts, ja zum Faust noch
vieler kommenden Jahrhunderte. Daher sehen wir auch den Goetheschen
Faust wieder zuriickblicken zur alten Magie, zur alten Art von Weisheit,
Mystik, die nicht Chemie im heutigen materialistischen Sinne getrieben
hat, die durch die Hantierungen mit der Natur in Zusammenhang kom-
men wollte mit einer geistigen Welt, aber die Kenntnisse schon nicht
mehr hatte, um in der richtigen Art der f riiheren Zeit mit der geistigen
Welt in Zusammenhang zu kommen. Was man in Jahrhunderten, die
nun langst vergangen sind, als Heilkunde betrachtet hat, ist nicht so
toricht, wie es eine heutige Wissenschafk oftmals machen will, nur ist die
eigentliche darinnensteckende Weisheit verlorengegangen, und sie war
zum Teil schon verloren im Zeitalter des Faust. Das kannte Goethe gut.
Aber er kannte es nicht mit dem Verstande allein, er kannte es mit dem
Herzen, er kannte es mit alien Seelenkraften, die an dem Wohl und
Heil der Menschheit hangen und die fur das Heil der Menschheit be-
sonders in Betracht kommen. Goethe wollte sich die Ratselfragen, die
fur ihn daraus entsprossen, beantworten, daft man erkennen konne, wie
man, immer weiter fortgehend, zu andern, fur die neuere Zeit ebenso
geeigneten Weisheiten in bezug auf die geistige Welt kommen konne,
wie es die Alten vermochten, deren Weisheit nach dem Gange der
Menschheit notwendig verglimmen mulke. Daher lalk er seinen Faust
Magier werden. Faust hat sich der Magie ergeben wie der Faust des
16. Jahrhunderts. Aber er bleibt doch unbefriedigt aus dem einfachen
Grunde, weil die eigentliche Weisheit der alten Magie eben schon ver-
glommen war. Aus dieser Weisheit stammte auch die alte Heilkunde.
Mit der alten Chemie, Alchimie stand alle Rezeptierkunde, alle Arznei-
kunde in Zusammenhang.
Nun beriihrt man, wenn man eine solche Frage beriihrt, sogleich die
tiefsten Geheimnisse der Menschheit, insofern diese namlich dahin
gehen, dal5 man in Wahrheit Krankheiten nicht heilen kann, ohne sie
zugleich erzeugen zu konnen. Die Wege zum Heilen der Krankheiten
sind zugleich die Wege zum Erzeugen der Krankheiten. Wir werden
gleich nachher horen, wie in der alten Weisheit durchaus der Grundsatz
herrschend war, daft derjenige, der Heiler war, zugleich Erzeuger von
Krankheiten sein konnte, und wie deshalb in alten Zeiten die Heil-
kunst mit einer tief moralischen Weltauffassung im Zusammenhang ge-
dacht wurde. Aber wir werden auch gleich nachher sehen, wie wenig sich
dasjenige hatte entwickeln konnen in diesen alten Zeiten, was man die
neuere Freiheit der menschlichen Entwickelung nennt, die eigentlich erst
in unserem funften, in dem auf den griechisch-romischen folgenden Zeit-
raum von der Menschheit in Angriff genommen worden ist. Wir werden
sehen, wie diese hatte sein mtissen, wenn die alte Weisheit verblieben
ware. Auf alien Gebieten aber muftte diese Weisheit zugrunde gehen,
damit der Mensch gewissermafien von vorne anfangen miisse, aber so,
daft er mit dem Wissen und mit dem Handeln zugleich zur Freiheit
streben konnte. Das hatte er nicht konnen unter dem Einflusse der alten
Weisheit. In solchen Obergangszeiten, wie diejenige war, in der Faust
lebte, ist der Verfall des Alten da; das Neue ist noch nicht gekommen.
Da entstehen denn solche Stimmungen, wie sie im «Faust» zu bemerken
sind in der Szene, die vorangeht derjenigen, die wir heute dargestellt
haben. In dieser Szene sehen wir ganz klar, wie Faust aus dem Zeitalter
heraus ist und sich heraus fiihlt, in dem noch alte Weisheit, aber die
schon nicht mehr vollig verstandene alte Weisheit, da war. Wir sehen,
wie Faust, von seinem Famulus Wagner begleitet, hinausgeht ins Griine
aus seiner Zelle, wie er zunachst das Volk betrachtet, welches das Oster-
fest im Freien, im Griinen feiert, wie er selbst osterliche Stimmung be-
kommt. Aber wir sehen sogleich, wie er nicht entgegennehmen will die
Huldigungen, die ihm von dem Volk dargebracht werden. Ein alter
Bauer tritt ja auf, tritt Faust gegeniiber und bringt Huldigungen dar,
weil das Volk glaubt, dafi Faust, der Sohn eines alten Adepten, eines
alten Heilkundigen, auch ein bedeutender Heilkundiger sei, der Heil
und Segen unter das Volk bringen kann. Ein alter Bauer tritt Faust
entgegen und sagt:
Fiirwahr, es ist sehr wohl getan,
Dafi ihr am frohen Tag erscheint;
Habt ihr es vormals doch mit uns
An bosen Tagen gut gemeint!
Gar mancher steht lebendig hier,
Den euer Vater noch zuletzt
Der heifien Fieberwut entrifi,
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
Auch damals ihr, ein junger Mann,
Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
Gar manche Leiche trug man fort,
Ihr aber kamt gesund heraus.;
Bestandet manche harte Proben;
Dem Heifer half der Heifer droben.
Das sagt der alte Bauer, erinnernd, wie Faust zusammenhangt mit
der alten Heilkunde, die aber sich nicht nur bezog auf die Heilung
physischer Krankheiten, sondern auf die Heilung auch der moralischen
Ubel des Volkes. Faust weift, daft er nicht mehr in einem Zeitalter ge-
lebt hat, in dem die alte Weisheit wirklich hilfreich der Menschheit
war, sondern schon in einer Verfallszeit. Und in seiner Seele glimmt
auf Bescheidenheit, aber zu gleicher Zeit Niedergeschlagenheit liber die
Unwahrheit, der er eigentlich gegeniibersteht, und er sagt:
Nur wenige Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
Hier safi ich oft gedankenvoll allein
Und quake mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tranen, Seufzen, Handeringen
Dacht ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
Der Menge Beifall tont mir nun wie Hohn.
O konntest du in meinem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruhmes wert gewesen!
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
Der iiber die Natur und ihre heil'gen Kreise,
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Miihe sann.
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Kuche schloft
Und, nach unendlichen Rezepten,
Das Widrige zusammengofi.
Da ward ein roter Leu, ein kiihner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermahlt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequalt.
Also Goethe hat sehr wohl studiert, wie man dazumal verfahren
ist, wie man den «roten Leu» - das Quecksilberoxyd, Schwefelqueck-
silber - behandelt hat, wie man die verschiedenen Chemikalien zu-
sammengemischt und ihren Prozessen iiberlassen hat, wie man Arze-
neien daraus fabriziert hat. Das alles aber entsprach nicht mehr der
alten Weisheit. Goethe kennt auch die Ausdrucksweise. Man hat durch-
aus das, was man darzustellen hatte, in Bildern dargestellt. Die Ver-
bindungen von Stoffen hat man wie eine Vermahlung dargestellt. Da-
her sagt er:
Aus einem Brautgemach ins andere gequalt.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Konigin im Glas —
Das war ein Kunstausdruck. Wie in der heutigen Chemie Kunst-
ausdriicke sind, so nannte man dazumal, wenn gewisse Substanzen einen
gewissen Zustand und Farbe erreicht haben, «die junge Konigin».
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Sie starben damals dem Faust weg, wie sie auch heute noch bei vielen
Arzeneien sterben.
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir mit hollischen Latwergen
In diesen Talern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,
Sie welkten hin, ich mufi erleben,
Daft man die frechen Morder lobt.
Das ist Selbsterkenntnis des Faust. So steht Faust nun vor sich selber
da, er, von dem Sie wissen, daft er in alten magischen Weistiimern sich
umgetan hat, um in die Geheimnisse der Natur und des Geistes einzu-
dringen. Durch alles das ist er aber vergeistigt worden. So wie Wagner,
sein Famulus, der sich Geniige getan hat mit der neueren Weisheit, die
im Schriftwerke ruht, die in Buchstaben ruht, kann es Faust nicht hal-
ten. Dieser Wagner ist ja eine Persdnlichkeit, welche weit geringere
Anspriiche an die Weisheit und an das Leben stellt. Und als Faust sich
hineintraumen will in die Natur, urn den Geist der Natur zu finden,
da denkt der Wagner nur an den Geist, der ihm aus den Theorien, aus
dem Pergamente, aus den Btichern flieftt. Was da iiber Faust kommt,
nennt er grillenhafte Stunden:
Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
- sagt Wagner -
Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden.
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
Er will nie mit dem Vogel hinausfliegen, um die Welt kennenzulernen!
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternachte hold und schon,
Ein selig Leben warmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein wiirdig Pergamen,
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
Ein vollstandiger Buchermensch, ein ganzer Theorienmensch!
So, nachdem das Volk abgegangen ist, stehen sie nun da: derjenige,
der hinein will zu des Lebens Quellen, der sein eigenes Wesen verbinden
will mit den geheimnisvollen Kraften der Natur, um diese geheimnis-
vollen Krafte der Natur zu erleben: Faust - und derjenige, der nichts
sieht als das auftere materielle Leben und dasjenige, was in den Btichern
eben durch Materie aufgezeichnet ist: Wagner. Man braucht nicht viel
nachzudenken, was, durch all das, was er erlebt hat bis zu diesem
Augenblicke, wie es uns Goethe darstellt, in Fausts Innerem vorge-
gangen ist; soviel aber kann man sich sagen nach alledem, was uns in
Faust entgegentritt, daft das Innere, man mochte sagen, sich um- und
umgekehrt hat, daft eine wirkliche Seelenentwickelung bei Faust statt-
gefunden hat, daft er ein gewisses inneres Schauen erlangt hat, sonst
hatte er nicht den Erdgeist rufen konnen, der im Tatensturm auf und
ab walk. Eine gewisse Fahigkeit, die auftere Welt nicht nur ihren au(Se-
ren Erscheinungen nach zu sehen, sondern den Geist zu sehen, der in
allem webt und lebt, hat sich Faust angeeignet. Da springt ihnen, Faust
und Wagner, ein Pudel von feme entgegen. Wie sie beide den Pudel
sehen, einen gewohnlichen Pudel, wie ihn Faust sieht und wie ihn
Wagner sieht, das charakterisiert die beiden Menschen ganz und gar.
Nachdem Faust sich hineingetraumt hat in das lebendige Geistweben
der Natur, erblickt er den Pudel:
Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel
streifen?
Wagner: Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
Faust: Betracht ihn recht! Fur was haltst du das Tier?
Wagner: Fur einen Pudel, der auf seine Weise
Sich auf der Spur des Herren plagt.
In Rreisen geht der Pudel ringsherum.
Faust: Bemerkst du, wie im weiten Schneckenkreise
Er um uns her und immer naher jagt?
Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein.
Faust sieht nicht blofi den Pudel, sondern im Inneren des Faust regt
sich etwas, er sieht etwas, was zum Pudel gehort wie ein Geistiges. Das
sieht Faust. Wagner sieht es selbstverstandlich nicht. Mit aufieren
Augen kann man ja das nicht sehen, was Faust sieht.
Wagner: Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel;
Es mag bei euch wohl Augentauschung sein.
Faust: Mir scheint es, daft er magisch leise Schlingen
Zu kunft'gem Band um unsre Fiifte zieht.
Wagner: Ich sen' ihn ungewifi und furchtsam uns umspringen,
Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.
Faust sieht also in dieser einfachen Erscheinung zugleich etwas Gei-
stiges. Halten wir das fest. Faust geht, indem sein Inneres ergriffen
ist von einem gewissen Geistzusammenhang selbst mit diesem Pudel,
nun in sein Studierzimmer. Nun, selbstverstandlich, dramatisch stellt
Goethe das so dar, dafi der Pudel da ist, wie er ist; das ist audi gut, das
Drama mufi das so darstellen. Aber im Grunde haben wir es doch nut
etwas, was Faust innerlidi erlebt, zu tun. Und wie jetzt diese Szene
sich abspielt, wie Faust hier etwas innerlich erlebt, das ist von Goethe
wirklich meisterlich in jedem Worte gesagt. Sie sind draufien geblieben,
Faust und Wagner, bis in die Nacht hinein, wo das aufiere Licht nidit
mehr wirkt, wo nur die Dammerung gewirkt hat. In die Dammerung
hinein sieht Faust dasjenige, was er geistig sehen will. Nun kommt er
nach Hause wiederum in seine Zelle. Nun ist er allein mit sich. Solch
ein Mensch wie Faust, nachdem er all das darchgemacht hat, mit sich
allein gelassen, ist in der Lage, Selbsterkenntnis, das heilk, das Leben
des Geistes im eigenen Selbst zu erleben. Er driickt es aus, wie gewisser-
mafien sein Innerstes rege geworden ist, aber auf geistige Art rege
geworden ist:
Verlassen nab' ich Feld und Auen,
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen
In uns die beflre Seele weckt.
Entschlafen sind nun wilde Triebe
Mit jedem ungesuimen Tun;
Es reget sich die Menschenliebe,
Die Liebe Gottes regt sich nun.
Der Pudel knurrt. Aber seien wir uns klar: es sind innere Erlebnisse,
audi das Pudelknurren ist inneres Erlebnis, wenn es audi dramatisch
aufterlich dargestellt wird. Faust hat sich mit der verfallenden Magie
eingelassen, mit Mephistopheles eingelassen. Mephistopheles ist kein
Geist, der ihn in die fortschreitenden, regularen geistigen Krafle hinein-
f iihrt, Mephistopheles ist der Geist, den Faust erst iiberwinden mufi, der
ihm beigesellt wird, dafi er ihn iiberwinde, der ihm zur Prufung, nicht
zur Belehrung, beigegeben ist. Das heifit: wir sehen jetzt Faust vor uns
stehen, wie er auf der einen Seite hinein will in die gottlich-geistige
Welt, weldie die Weltentwickelung vorwartstragt, und wie auf der an-
dern Seite die Krafte in seiner Seele rege sind, die ihn hinunterziehen ins
gewohnliche Triebleben, das den Menschen abbringt von dem geistigen
Streben. Gerade wenn Heiliges in seiner Seele sich regt, da spottet es;
die entgegenstehenden Triebe spotten. Dies ist jetzt in Form aufierlicher
Ereignisse wunderbar dargestellt: Faust, gewissermafien nach dem Gott-
lich-Geistigen mit all seinem Wissen hinstrebend, und seine eigenen
Triebe, die dagegen knurren, so wie der materialistische Sinn des Men-
schen knurrt gegen das geistige Streben. Und wenn Faust sagt: Sei ruhig,
Pudel! Knurre nicht - so beruhigt er im Grunde genommen sich selber.
Und nun spricht Faust, das heifit, in diesem Fall lafit Goethe Faust in
einer wunderbaren Weise sprechen. Erst wenn man eingeht auf die ein-
zelnen Worte, findet man, wie wunderbar Goethe das innere Leben des
Menschen in geistiger Entwickelung kennt:
Ach, wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt -
im Herzen, das Selbsterkenntnis, das heifit, den Geist im eigenen Selbst
sucht.
Vernunft f angt wieder an zu sprechen -.
Ein bedeutungsvoller Satz! Derjenige, der die geistige Entwickelung
durchmacht, in die Faust gebracht wird durch sein Leben, wei&, dafi
Vernunft nicht nur etwas Totes im Inneren ist, kennt nicht nur die
Kopfvernunft, weifi, wie lebendig Vernunft wird, wie inneres Geist-
weben Vernunft wird und wirklich spricht. Das ist kein blofSes dichte-
risches Bild:
Vernunft f angt wieder an zu sprechen,
Und HofTnung wieder an zu bluhn.
Vernunft spricht, f angt wieder an zu sprechen iiber das Vergangene,
das lebendig geblieben ist aus dem Vergangenen, und Hoffnung wieder
an zu bliihen, das heifit, unseren Willen finden wir umgestaltet, so dafi
wir wissen, wir werden durdi die Pf orte des Todes als ein geistig-leben-
diges Wesen gehen. Die Zukunft und die Vergangenheit gliedern sich
wunderbar zusammen. Goethe will Faust sagen lassen, dafi Faust weifl*
in der Selbsterkenntnis das innere Leben des Geistes zu finden.
Man sehnt sich nach des Lebens Bachen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
Und nun sucht Faust naherzukommen dem, wonach es ihn drangt,
nach des Lebens Quellen. Einen Weg sucht er zunachst: den Weg der
religiosen Erhebung. Er greift zum Neuen Testament, Und wie er jetzt
zum Neuen Testament greift, das ist eine wunderbare Darstellung
Goethescher weisheitsvoller Dramatik. Zu demjenigen greift er, wo die
tief sten Weisheitsworte der neueren Zeit darinnenstehen, zum Johannes-
Evangelium. Das will er in sein geliebtes Deutsch iibersetzen. Dafi
Goethe den Moment des Obersetzens wahlt, das ist bedeutungsvoll.
Derjenige, der das Wirken tief er Welten- und Geisterwesenheiten kennt,
weifi, dafi beim Heriibertragen von Weisheiten aus einer Sprache in eine
andere alle Geister der Verwirrung auftreten, alle Geister der Ver-
wirrung eingreifen. In den Grenzgebieten des Lebens auJftern sich ins-
besondere der menschlichen Entwickelung und dem menschlichen Heil
entgegenstehende Machte. Goethe wahlt absichtlich die Obersetzung,
um den Geist der Verkehrtheit, ja den Geist der Luge, der jetzt noch
im Pudel ist, hinzustellen neben den Geist der Wahrheit. Geht man auf
das ein, was an Gefuhlen und Empfindungen aus einer solchen Szene
herausfliefien kann, dann erscheint einem die wunderbare geistige Tiefe,
die in diesen Szenen lebt. Alle die Anfechtungen, die ich eben charakteri-
siert habe, die von dem kommen, was im Pudel steckt, die sich auf-
baumen, um die Wahrheit in die Unwahrheit zu entstellen, all das
wirkt fort und wirkt gerade hinein in eine Tat des Faust, die einem
recht Gelegenheit gibt, Wahrheit in Unwahrheit zu entstellen. Und wie
wenig man eigentlich bemerkt, dafi Goethe dies gewollt hat, das zeigen
heute noch immer die verschiedenen Faust-Erklarer, denn diese Faust-
Erklarer - was sagen sie denn gerade iiber diese Szene? Nun, Sie konnen
es lesen. Da wird gesagt: Goethe ist eben ein Mensch des aufieren Le-
bens, dem geniigt das Wort nicht, er mulS das Johannes-Evangelium
verbessern, er mufi eine richtigere Ubersetzung finden, nicht: Im An-
fang war das Wort, der Logos, sondern: Im Anfang war die Tat. Das
flndet Faust nach langem Zogern heraus. Das ist eine tiefe Goethe-
Weisheit.
Diese Weisheit ist nicht eine Faust -Weisheit, ist eine echte Wagner-
Weisheit, eine richtige Wagner -Weisheit! Geradeso wie jene Weisheit,
die so oft und oft betont wird, daft Faust spater dem Gretchen gegen-
iiber so schone Worte iiber das religiose Leben sagt: Wer kann ihn nen-
nen, wer bekennen, den Allumfasser, der alles halt und tragt, und so
weiter - Gretchen -Weisheit ist! Das, was da Faust dem Gretchen sagt,
das ist immer wieder und wieder zitiert worden, und es wird immer
wieder und wiederum als eine tiefe Weisheit hingestellt von den Herren,
die das zitieren, den Herren Gelehrten:
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub' ihn?
Wer empfinden
Und sich unterwinden
Zu sagen: ich glaub' ihn nicht?
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faftt und erhalt er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wolbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hierunten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf ?
Schau ich nicht Aug' in Auge dir,
Und drangt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir . . .
und so weiter.
Das, was da Faust sagt, wird als eine tiefe Weisheit oftmals dargestellt!
Nun, hatte es Goethe als die allertiefste Weisheit gemeint, so hatte er
es nicht Faust in dem Moment in den Mund gelegt, da er das sechzehn-
jahrige Gretchen unterrichten will. Eine Gretchen -Weisheit ist es! Man
mufi die Dinge nur ernst nehmen. Die Gelehrten sind nur aufgesessen.
Sie haben dasjenige, was eine Gretchen -Weisheit ist, fur tiefe Philo-
sophic genommen. Und so wird denn auch das, was da als Bibel-
ubersetzung bei Faust auftritt, fur eine ganz besonders tiefe Weisheit
genommen, wahrend Goethe nichts anderes darstellen will, als, wie
Wahrheit und Irrtum den Menschen hin und her werfen, wenn er an
eine solche Aufgabe geht. Tief, tief hat Goethe diese zwei Seelen des
Faust gerade bei dieser Bibeliibersetzung dargestellt.
Geschrieben steht: «Im Anfang war das Wortl»
Wir wissen, es ist der griechische Logos. Das steht wirklich im Johan-
nes-Evangelium. Dagegen baumt sich dasjenige, was durch den Pudel
symbolisiert wird, in Faust auf, will ihn nicht zu dem tieferen Sinn des
Johannes-Evangeliums kommen lassen. Warum ist gerade das Wort, der
Logos, gewahlt von dem Schreiber des Johannes-Evangeliums? Weil
der Schreiber des Johannes-Evangeliums kennzeichnen will, daft das-
jenige, was das Wichtigste ist in der menschlichen Erdenentwickelung,
was den Menschen in der Erdenentwickelung aufterlich wirklich zum
Menschen macht, nicht sich nach und nach entwickelt hat, sondern in
den Urbeginnen da war. Wodurch unterscheidet sich der Mensch von
alien iibrigen Wesen? Dadurch, daft er sprechen kann, alle ubrigen
Wesen - Tiere, Pflanzen, Mineralien - nicht. Der Materialist glaubt,
daft der Mensch zum Wort, das heiftt zur Sprache, zum Logos, der vom
Denken durchzittert ist, erst gekommen sei, nachdem er die tierische
Entwickelung durchgemacht hat. Das Johannes-Evangelium nimmt die
Sache tiefer und sagt: Nein, im Urbeginne war das Wort. Das heiftt:
Des Menschen Entwickelung ist urspriinglich veranlagt; der Mensch ist
nicht bloft im materialistisch-darwinistischen Sinne hochste Spitze der
Tierwelt, sondern in den allerersten Absichten der Erdenentwickelung,
in den Urbeginnen, im Anfange war das Wort. Und nur dadurch kann
der Mensch auf Erden ein Ich entwickeln, wozu die Tiere nicht kom-
men, daft einverwoben ist das Wort der menschlichen Entwickelung.
Das Wort steht geradezu fiir das Ich des Menschen. Aber gegen diese
Wahrheit baumt sich der Geist, der dem Faust beigegeben ist, der Geist
der Unwahrheit, auf, und er mufi tiefer herunter, er kann noch nicht
verstehen die ganze tiefe Weisheit, die in dem Johannes -Worte liegt.
Hier stock 5 ich schon!
Aber es ist eigentlich der Pudel, der Hund in ihm, und was im Pudel
steckt, was ihn stocken macht. Er kommt nicht hoher hinauf , er kommt
im Gegenteil tiefer herunter.
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmoglich schatzen,
Ich mufi es anders iibersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Wahrend er den Mephistopheles an sich herankommen sieht, glaubt
er gerade, daft er vom Geist erleuchtet ist; er ist aber vom Geist der
Finsternis verfinstert und kommt herunter.
Geschrieben steht: «Im Anfang war der SinnU
Das ist nicht hoher als das Wort. Der Sinn waltet, wie wir leicht nach-
weisen konnen, auch im Leben der Tiere, doch das Tier kommt nicht
zum menschlichen Worte. Des Sinnes ist der Mensch fahig dadurch, dafi
er einen astralischen Leib hat. Faust steigt tiefer in sich herunter, vom
Ich in den astralischen Leib hinein.
. . . «Im Anfang war der Sinn.»
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dafi deine Feder sich nicht iibereile!
Er glaubt hoher zu kommen, aber er kommt tiefer.
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Nein, er steigt noch tiefer hinab von dem astralischen zu dem dichter-
materiellen Atherleibe und schreibt:
. . . «Im Anfang war die Kraft\»
Kraft ist dasjenige, was im Atherleibe lebt.
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dafS ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist!
Der Geist, der in dem Pudel steckt!
Auf einmai seh' ich Rat
Und schreibe getrost: «Im Anfang war die Tatl»
Und jetzt ist er beim volligen Materialismus angekqmmen, jetzt ist er
beim physischen Leib, durch den die aufiere Tat sich vollzieht.
Wort (Logos) - Ich
Sinn - Astralleib
Kraft - Atherleib
Tat - Physischer Leib
So haben Sie Faust lebend und webend in einem Stiick Selbsterkennt-
nis. Er ubersetzt die Bibel falsch, weil die verschiedenen Glieder der
menschlichen Wesenheit, die wir so oft besprochen haben - Ich, astra-
lischer Leib, Atherleib, physischer Leib in ihm in chaotischer Weise
durch den mephistophelischen Geist zusammenwirken. Jetzt zeigt sich
auch, wie diese Triebe waken, denn das auftere Bellen des Pudels ist
dasjenige, was sich in ihm gegen die Wahrheit aufbaumt. Er kann noch
nicht in seiner Erkenntnis die Weisheit des Christentums erfassen. Das
sehen wir an der Art und Weise, wie er Wort, Sinn, Kraft, Tat in Zu-
sammenhang bringt. Aber in ihm lebt schon der Drang, der Trieb zum
Christentum. Indem er das, was als der Christus in ihm lebt, lebendig
macht, besiegt er den Gegengeist. Er versucht es zunachst mit dem, was
er aus der alten Magie erhalten hat. Da weicht der Geist nicht, da zeigt
er sich nicht in seiner wahren Gestalt. Die vier Elemente und ihre
Geister: Salamander, Sylphe, Undine, Gnomen ruft er auf; das alles
beirrt den Geist nicht, der in dem Pudel steckt. Aber als er die Christus-
Gestalt auf ruft: den freventlich durchstochenen, durch alle Himmel
ergossenen - da mufi der Pudel seine wahre Gestalt zeigen.
Alles das ist im Grunde Selbsterkenntnis, eine Selbsterkenntnis, die
Goethe ganz deutlich macht. Was tritt auf? Ein fahrender Scholast!
Faust iibt wirklich Selbsterkenntnis; er steht im Grunde genommen sich
selbst gegeniiber. Erst haben in der Pudelgestalt die wilden Triebe, die
sich gegen die Wahrheit aufgelehnt haben, gewirkt, und jetzt gewisser-
maften wird er sich klar, klar-unklar! Der fahrende Scholast steht vor
ihm. Es ist aber nur das andere Ich des Faust. Er ist selber nicht viel
mehr geworden als ein fahrender Scholast mit all den Irrtiimlichkeiten,
die im fahrenden Scholasten sind; nur eben derber und griindlicher tritt
ihm jetzt, wo er durch seinen Zusammenschluft mit der geistigen Welt
die Triebe genauer kennenlernt, der fahrende Scholast, das heiftt sein
eigenes Selbst, wie er sich es bisher angeeignet hat, entgegen. Faust hat
gelernt wie ein Scholast, nur hat er sich dann der Magie ergeben, und
durch die Magie ist die Schulweisheit verteufelt worden. Was aus dem
alten guten Faust geworden ist, wie er noch ein fahrender Scholast war,
das ist er nur dadurch geworden, daft er noch die alte Magie darauf
gesetzt hat. In ihm steckt noch der fahrende Scholast: er tritt ihm in
verwandelter Gestalt entgegen. Es ist nur das eigene Selbst. Auch dieser
fahrende Scholast ist das eigene Selbst. Der Kampf, das alles loszuwer-
den, was einem da als eigenes Selbst entgegentritt, der ist nun in der
weiteren Szene enthalten.
Es ist von Goethe immer versucht, in den verschiedenen Gestalten,
mit denen Faust zusammen auftritt, nur das andere Ich des Faust zu
zeigen, damit Faust immer mehr und mehr sich selbst erkennt. Viel-
leicht erinnern sich manche von den Zuhorern, daft ich in f riiheren Vor-
tragen auseinandersetzte, wie auch der Wagner in Faust selber dar-
innensteckt, wie der Wagner auch nur ein anderes Ich des Faust ist.
Auch der Mephistopheles ist nur ein anderes Ich. Alles Selbsterkenntnis!
An der Welterkenntnis wird Selbsterkenntnis geiibt. Aber das alles ist
nicht in klarer Geist-Erkenntnis jetzt bei Faust; das alles ist in unklarer,
dumpfer, man mochte sagen, doch noch von alter atavistischer Hell-
seherkunst beeintrachtigter Geist-Seherkraft in Faust enthalten. Es ist
nicht geklart. Es ist nicht helle Erkenntnis, es ist traumhafte Erkenntnis.
Das wird uns dargestellt, wie die Traumgeister, die eigentlich Gruppen-
seelen von all denjenigen Wesen sind, die Mephistopheles begleiten,
Faust umgaukeln, und wie er zuletzt erwacht. Und da laftt Goethe
Faust ganz klar und deutlich sagen:
Bin ich denn abermals betrogen?
Verschwindet so der geisterreiche Drang,
Daft mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
Und daft ein Pudel mir entsprang?
Goethe gebraucht schon die Methode, immer wieder und wiederum
auf die Wahrheit hinzudeuten. Daft er es eigentlich als Innenerlebnis
des Faust meint, das ist in diesen vier Zeilen deutlich genug ausgespro-
chen. Audi diese Szene zeigt uns, wie Goethe rang nach Erkenntnis des
Oberganges der alten Zeit in die neue, in der er selbst lebte, des vierten
nachatlantischen Zeitraums in den fiinften nachatlantischen Zeitraum.
Die Grenze ist im 14., 15., 16. Jahrhundert. Wer im heutigen Denken
lebt, der kann sich, wenn er nicht besondere Studien macht, keine gute
Vorstellung machen von der Seelenentwickelung vergangener Jahr-
hunderte, so sagte ich vorhin. Und zu Fausts Zeiten waren nur noch die
Triimmer vorhanden. Wir erleben es oft, daft heute die Menschen nicht
zu der neueren Geistesforschung, wie wir sie anstreben, herankommen
wollen, sondern die alte Weisheit wieder aufwarmen wollen. Wie man-
cher glaubt, wenn er dasjenige, was die Alten besessen haben, wieder auf-
warmt bei sich, dadurch zu einer tieferen, magisch-mystischen Weisheit
iiber die Natur zu kommen! Zwei Unfuge, mochte ich sagen, stehen da
allem geistigen Streben der Menschen ungemein nahe. Das erste ist,
daft die Menschen alte, uralte Biicher sich kaufen und studieren und nun
hoher schatzen als die neuere Wissenschafl. Sie schatzen sie meist nur
deshalb hoher, weil sie sie nicht verstehen, weil die Sprache wirklich
schon nicht mehr verstanden werden kann. Das ist der eine Unfug, daft
man immer wieder und wiederum mit dem zum Kauderwelsch gewor-
denen Inhalt der alten Biicher kommt, wenn man von Geistesforschung
reden will. Das andere ist, daft man moglichst den neueren Bestrebungen
alte Namen geben will und sie sich damit geheiligt hat. Sehen Sie sich
manche, die sich okkulte oder geheime oder sonstige Gesellschaften nen-
nen, an. Ihr ganzes Bestreben geht dahin, moglichst weit sich zunick-
zudatieren, moglichst viel zu erklaren iiber eine legendarische Ver-
gangenheit, in alten Namengebungen sich zu gefallen. Das ist der zweite
Unfug. All das braucht man nicht mitzumachen, wenn man wirklich
die Bediirfnisse und Impulse unserer Zeit und der notwendigen Zukunft
durchschaut. Man kann jedes beliebige Buch aufschlagen aus der Zeit,
wo noch gewissermafien Traditionen vorhanden waren. Da sieht man
aus der Art und Weise, wie dargestellt wird, dafi Hinterlassenschaften,
Traditionen von einer alten Urweisheit vorhanden waren, welche die
Menschheit besessen hat, dafi aber diese Weisheit in Verfall geraten
war. Die Ausdrucksweise, alles ist noch da, sogar ziemlich spat noch da.
Es steht mir gerade ein Buch zur Verfugung, das gedruckt ist im
Jahre 1740, also sogar erst im i8.Jahrhundert. Ich will eine kleine Stelle
daraus vorlesen, eine Stelle, der gegeniiber man sicher sein kann, dafi
mancher, der heute geistige Wissenschaft sucht, wenn solch eine Stelle
an ihn herantritt, sagt: Abgrundartige, tiefe Weisheit! Oh, was ist
darinnen alles enthalten! - Es gibt sogar dann manche, die glauben, dafi
sie eine solche Stelle verstehen. Nun, ich will Ihnen zunachst vorlesen
die Stelle, die ich meine:
«Die Crone des Koniges soil von reinem Golde sein, und eine keusche
Braut soil ihm vermahlet werden. Darum, so du durch unserer Corper
wirken willt, so nimm den geitzigen grauen Wolff, so seines Namens
halben dem streitigen Marti unterworff en, von Gebuhrt aber ein Kind
des alten Saturni ist, so in den Thalern und Bergen der Welt gefunden
wird, und mit groftem Hunger besessen, und wirf ihm fiir den Leib des
Koniges, daft er daran seine Zehrung haben moge.»
So hat man in alten Zeiten diese chemischen Vorgange, die man ein-
gerichtet hat, benannt, hat gesprochen von gewissen chemischen Vor-
gangen, auf die'Faust auch anspielt, wenn er da von spricht, wie ein
roter Leu vermahlt wird der Lilie im Glase und so weiter. Es ist nicht
ordentlich, zu spotten iiber diese Dinge aus dem einfacheri Grunde, weil
die Art und Weise, die heute die Chemie spricht, fiir die Leute, die
spater kommen, wieder geradeso klingen wird, wie das fiir uns. Aber
klar sollen wir uns sein, daft das auch entstanden ist sogar schon in
einer sehr spaten Verfallzeit. Hingedeutet wird auf einen « grauen
Wolff ». Mit diesem « grauen Wolff » ist ein gewisses Erz gemeint, das
man in den Bergen uberall findet und das einer gewissen Prozedur
unterworfen wird. «K6nig» nannte man einen gewissen Zustand von
Substanzen. Und dasjenige, was hier erzahlt wird, soli auf eine gewisse
Hantierung hindeuten. Man nahm das graue Erz, behandelte es in
einer gewissen Weise. Dieses graue Erz nannte man den «geitzigen
grauen Wolff », das andere den «goldenen K6nig», wo das Gold, nach-
dem es in einer gewissen Weise behandelt wurde, der «goldene K6nig»
war. Und da entstand eine Verbindung. Diese Verbindung beschreibt
der Verfasser so noch: «Und wenn er den Konig verschlungen ...»
Also es entsteht das, dafi der « graue geitzige Wolff », das heifk, das
graue Erz, das in den Bergen gefunden war, sich mit dem goldenen
Konig - das ist ein gewisser Zustand des Goldes, nachdem es chemisch
behandelt worden ist — verschmolzen hat. Da ist das Gold verschwun-
den in das graue Erz hinein. Er stellt es dar: «Und wenn er den Konig
verschlungen, so mache ein gross Feuer, und wirff den Wolff darein ...»
Also der Wolf, der das Gold aufgefressen hat, den goldenen Konig,
wird in das Feuer geworfen. «Daft er gantz und gar verbrenne, so wird
der Konig wieder erloset werden.» Das Gold kommt wiederum zum
Vorschein!
«Wenn das dreymal geschiehet, so hat der Lowe den Wolff iiber-
wunden und wird nichts mehr an ihm zu verzehren finden, so ist dann
unser Leib vollkommen zum Anfang unsers Werkes.»
Also er macht auf diese Weise irgend etwas. Wollte man wissen, was
er macht, so rmifke man diese Prozeduren sehr ausfiihrlich beschreiben,
namentlich wie der goldene Konig gemacht wird; aber es lafk sich das
hier nicht beschreiben. Diese Prozeduren werden heute auch nicht mehr
ausgefiihrt. Aber was verspricht sich denn der Mann? Er verspricht sich
etwas, was durchaus nicht ganz aus der Lufl gegriffen ist, denn er hat
jetzt etwas gemacht. Wozu hat er denn das eigentlich gemacht? Das
heifk, derjenige, der das hat drucken lassen, wird es wohl gar nicht mehr
gemacht haben, sondern er hat es alten Biichern nachgeschrieben. Aber
wozu ist das gemacht worden in der Zeit, als man die Dinge noch ver-
standen hat? Das konnen Sie aus dem folgenden ersehen:
«Und wisse, dass dieses nur allein der rechte Weg ist hiezu, tuchtig
unsere Corper zu reinigen, denn der Leo saubert sich durch das Gebliite
des Wolffs, und des Gebliits Tinctur f reuet sich wunderbarlich mit der
Tinctur des Lowens, denn ihr beyder Gebliit sind in der Gesippschafft
naher Verwandnus.*
Also jetzt lobt er das, was er hat entstehen lassen. Eine Art Arzenei
hat er bekommen.
«Und wann sich der Lowe ersattiget hat, ist sein Geist starcker wor-
den denn zuvor, und seine Augen geben einen stoltzen Glantz von sich
wie die helle Sonne. »
Das ist alles die Eigenschaft dessen, was er da in der Retorte darinnen
hat!
«Sein inners Wesen vermag denn viel zu thun, und ist niitzlich zu
alle dem, dazu man ihn erfordert, und so er in seine Bereitschaft ge-
bracht wird, so danken ihm die Menschenkinder, mit schweren her-
fallenden Kranckheiten und mehrern Seuchen beladen, die zehen aus-
satzigen Manner lauffen ihm nach und begehren zu trincken von dem
Blut seiner Seelen, und alle, so Gebrechen haben, erfreuen sich hochlich
seines Geistes; denn wer von diesem giildenen Brunnen trinckt, empfin-
det eine gantze Erneuerung der Natur, Hinnehmung des Bosens, Starcke
des Gebliits, Krafft des Hertzens und eine vollkommene Gesundheit
aller Glieder.»
Sie sehen, es ist hingedeutet darauf, daft man es mit einer Arzenei zu
tun hat, aber es ist hier auch hinlanglich darauf hingedeutet, daft das
etwas zu tun hat auch mit dem, was als moralische Eigenschaft des Men-
schen auftritt. Denn natiirlich, nimmt es derjenige, der gesund ist, in
der entsprechenden Menge, dann tritt das auf, was der da beschreibt.
So meint er es, und so ist es auch bei den Alten gewesen, die noch etwas
von den Dingen verstanden haben.
«Denn wer von diesem giildenen Brunnen trinckt, empfindet eine
gantze Erneuerung der Natur. »
Also er hat gestrebt durch diese Kunst, die er da beschrieben hat, nach
einer Tinktur, durch die wirkliche Lebensregung in den Menschen hin-
einkommt:
« Kraft des Hertzens, Starcke des Gebliits und eine vollkommene Ge-
sundheit aller Glieder, sie seynd innen beschlossen, oder ausser dem
Leibe empfindlich: denn es eroffnet alle Nervos und Poros, damit das
Bose kan ausgetrieben werden, und das Gute dero State ruhiglich be-
wohnen kan.»
Ich habe dieses zunachst vorgelesen, um zu zeigen, wie schon selbst
noch in diesen Triimmern einer alten Weisheit ein Niederschlag zu
bemerken ist von dem, was man in alten Zeiten anstrebte. Man hat
angestrebt, durch auflerliche Mittel, die man sich aus der Natur her-
gestellt hat, den Korper anzuregen, das heifit, gewisse TUchtigkeiten
nicht blofl durdi inneres, moralisches Streben zu erlangen, sondern
durch Mittel der Natur selber, die man sich hergestellt hat. Halten Sie
das einmal einen Augenblick fest, denn da werden wir auf etwas Wich-
tiges gefiihrt, was unseren Zeitraum unterscheidet von friiheren Zeit-
raumen. Es ist heute durchaus billig, iiber den alten Aberglauben zu
spotten, denn dann handelt man sich dafiir ein, daft man vor der ganzen
Welt als ein gescheiter Mensch gilt, wahrend man sonst nicht als ein
gescheiter Mensch gilt, wenn man in uraltem Wissen etwas Vernunftiges
sieht. Etwas, was sogar der Menschheit verlorengegangen ist und ver-
lorengehen mufite aus gewissen Griinden, weil in diesem Streben der
alten Zeit die Menschen niemals hatten zur Freiheit kommen konnen.
Aber sehen Sie, Sie finden in alten Buchern, die jetzt in altere Zeiten
zuriickgehen als dieser Schmoker, der eben einer sehr spaten Verfallzeit
angehort, Sie finden in alten Buchern, was Sie gut kennen: Sonne und
Gold mit einem gemeinsamen Zeichen, mit diesem Zeichen: Q> Sie fin-
den Mond und Silber mit diesem Zeichen: <£ . Fur den heutigen Men-
schen ist dieses Zeichen angewendet auf Gold und Sonne, und dieses
Zeichen angewendet auf Mond und Silber, fur Seelenfahigkeiten, die
der heutige Mensch notwendigerweise hat, natiirlich ein voller Unsinn.
Es ist ein voller Unsinn, wie in der Literatur, die sich oftmals auch eine
«esoterische» Literatur nennt, uber diese Dinge gesprochen wird, denn
man hat meistens gar nicht die Mittel zu erkennen, warum in alten
Zeiten Sonne und Gold und Mond und Silber mit dem gleichen Zeichen
bezeichnet worden ist.
Gehen wir einmal aus von Mond und Silber mit diesem Zeichen: <[ .
Wenn wir zuriickgehen noch in die Zeit, sagen wir, ein paar Jahr-
tausende vor dem Mysterium von Golgatha, vor der christlichen Zeit-
rechnung, dann haben die Menschen nicht nur die Fahigkeiten besessen,
die schon in Triimmern waren zu der Zeit, als solche Dinge entstanden
sind, sondern sie haben noch hohere Fahigkeiten besessen. Wenn ein
Mensch der agyptisch-chaldaischen Kultur Silber gesagt hat, so hat er
zunachst nicht dasjenige gemeint, was wir meinen, wenn wir Silber
sagen. Wenn der Mensch in seiner damaligen Sprache das Wort ge-
braucht hat, das fur ihn Silber bedeutet hat, so hat er das ganz anders
angewendet. Soldi ein Mensch hat innere Fahigkeiten gehabt, und er
hat eine gewisse Art der Kraftwirksamkeit gemeint, die sich nicht bloft
in einem Stiickchen Silber findet, sondern die sich im Grunde iiber die
ganze Erde ausbreitet. Er wollte sagen, wir leben in Gold, wir leben
in Kupfer, wir leben in Silber. Gewisse Arten von Kniften hat er ge-
meint, die da leben, und die insbesondere stark ihm entgegenstromten
vom Monde. Und das hat er im grobsten materiellen Sinne sensitiv,
f ein auch in dem Stiickchen Silber empfunden. Er hat wirklich dieselben
Krafte vom Monde ausstromend, aber auch auf der ganzen Erde gefun-
den, und besonders ins Materielle umgesetzt in dem Stiickchen Silber.
Nun, der heutige aufgeklarte Mensch sagt: Ja, Mond - der leuchtet so
silberweift, da hat man halt geglaubt, daft er aus Silber besteht. - So
war es nicht, sondern ein heute verlorengegangenes, inneres Seelen-
erlebnis hatte man beim Mond, was in der ganzen Erdensphare als Kraft
lebte, und - ins Materielle umgesetzt - bei dem Stiickchen Silber. Es
muftte also die Kraft, die im Silber steckt, gewissermaften iiber die ganze
Erde ausgeb'reitet sein. Heute sieht das der Mensch natiirlich als einen
kompletten Blodsinn an, wenn man ihm das sagt, und dennoch ist es
nicht im Sinne der heutigen Wissenschaft ein kompletter Unsinn. Es ist
gar kein Unsinn, durchaus kein Unsinn, denn ich will Ihnen eines sagen,
was heute die Wissenschaft weift, wenn sie es auch nicht immer sagt.
Die heutige Wissenschaft weift, daft etwas iiber vier Pfund Silber, fein
verteilt, enthalten ist in einem Korper, aus dem Weltenmeere heraus-
geschnitten gedacht in Wurfelform, der eine englische Seemeile lang ist,
so daft im gesamten Weltenmeere, das die Erde umgibt, zwei Millionen
Tonnen Silber, fein verteilt, enthalten sind. Dies ist einfach eine wissen-
schaftliche Wahrheit, die auch heute gepriift werden kann. Das Welten-
meer enthalt zwei Millionen Tonnen Silber, fein verteilt, in aufterster
Homdopathie, konnte man sagen. Es ist wirklich das Silber ausgebreitet
iiber die Erde hin. Heute muft man das dadurch konstatieren, wenn
man es mit normalem Wissen konstatiert, daft man eben Meerwasser
schopft und mit alien moglichen minuziosen Untersuchungen methodisch
priift; aber dann findet man eben mit den Mitteln der heutigen Wissen-
schaft, daft zwei Millionen Tonnen Silber im Weltenmeere enthalten
sind. Diese zwei Millionen Tonnen Silber sind darinnen nicht etwa so
enthalten, daft sie sich irgendwie aufgelost haben oder ahnliches, son-
dern die gehoren dem Weltenmeere an; die gehoren zu seiner Natur und
Wesenheit. Und das wuftte die alte Weisheit; das wuftte sie durch die
noch vorhandenen feinen, sensitiven Krafte, die vom alten Hellsehen
herriihren. Und sie wuftte, daft, wenn man sich die Erde denkt, man
sich diese Erde nicht bloft zu denken hat so, wie die heutige Geologie
sie sich denkt, sondern daft eben in dieser Erde in feinster Weise Silber
aufgelost ist.
Ich konnte jetzt weitergehen, konnte zeigen, wie auch Gold aufgelost
ist, wie alle diese Metalle - aufter dem, daft sie materiell da oder dort
abgelagert sind - in feiner Auflosung wirklich enthalten sind. Die alte
Weisheit hatte also nicht Unrecht, als sie von Silber sprach. Das ist in
der Erdensphare enthalten. Als Kraft aber kannte man es, als gewisse
Arten von Kraft. Andere Krafte enthalt die Silbersphare, andere Krafle
die Goldsphare und so weiter. Man wuftte viel mehr noch von dem,
was da als Silber ausgebreitet ist in der Erdensphare; und man wuftte,
daft in diesem Silber die Kraft liegt, welche bewirkt Ebbe und Flut,
weil eine gewisse belebende Kraft dieses ganzen Erdenkorpers in diesem
Silber liegt, beziehungsweise identisch ist mit diesem Silber. Ebbe und
Flut wiirden gar nicht entstehen; diese eigentiimliche Bewegung der
Erde wird urspriinglich angefacht von dem Silbergehalt. Das hat nichts
mit dem Mond zu tun; aber der Mond hat mit derselben Kraft zu tun.
Daher treten Ebbe und Flut in gewisser Beziehung mit den Mond-
bewegungen auf , weil beide, Mondbewegungen und Ebbe und Flut, von
demselben Kraftesystem abhangig sind. Und die liegen in dem Silber-
gehalt des Weltenalls.
Man kann, selbst ohne hellseherische Erkenntnisse, bloft auf solche
Dinge eingehen, und man wird mit einer Sicherheit des Beweises, der
auf keinem Gebiete der Wissenschaft sonst erreicht wird als hochstens
in der Mathematik, nachweisen konnen, daft es eine alte Wissenschaft
gegeben hat, die solche Dinge wuftte, die solche Dinge gut kannte. Und
mit solchem Kennen und Konnen hing zusammen, was alte Weisheit
war, jene Weisheit, die wirklich die Natur beherrschte, und die erst
wiederum errungen werden mufi durdi Geistesforschung von der Gegen-
wart in die Zukunft hinein. Wir leben gerade in dem Zeitalter, in dem
eine alte Art der Weisheit verlorengegangen ist, und eine neue Art der
Weisheit erst heraufkommt. Was hatte diese alte Weisheit im Gefolge?
Sie hatte das im Gefolge, was ich schon angedeutet habe. Man konnte
wirklich, wenn man also die Geheimnisse des Weltenalls kannte, den
eigenen Menschen tiichtiger machen. Denken Sie, durch aufiere Mittel
konnte man den Menschen tiichtiger machen! Also die Moglichkeit war
vorhanden, daft ein Mensch einfach dadurch, daft er sich gewisse Sub-
stanzen herstellte und diese in entsprechender Menge zu sich nahm,
Fahigkeiten sich aneignete, von denen wir heute mit Recht annehmen,
daft der Mensch sie nur als angeborene Fahigkeiten haben kann, als
Genie, als Talent und so weiter. Nicht dasjenige, was der Darwinismus
phantastisch traumt, ist im Anfange der Erdenentwickelung, sondern
solche Moglichkeit, die Natur zu beherrschen und dem Menschen selbst
moralische und geistige Fahigkeiten zu geben aus der Behandlung der
Natur heraus. Sie werden es nun begreiflich finden, daft man daher die
Behandlung der Natur in ganz bestimmten Grenzen haiten mufite:
deshalb die Geheimnisse der uraltesten Mysterien. Wer solche Erkennt-
nisse, die wirklich etwas mit diesen Naturgeheimnissen zu tun hatten,
die nicht bloft Begriff e und Ideen und Empfindungen waren, nicht bloft
Glaubensvorstellungen, wer solche Erkenntnisse erlangen sollte, der
muftte zuerst sich als vollkommen dazu geeignet erweisen, nichts, aber
auch gar nichts mit diesen Kenntnissen fur sich selber machen zu wollen,
sondern lediglich diese Erkenntnisse, diese Tiichtigkeiten, die er sich
durch diese Erkenntnisse aneignete, im Dienste der sozialen Ordnung
anzuwenden. Daher wurden diese Erkenntnisse, sagen wir, in den agyp-
tischen Mysterien so geheimgehalten. Die Vorbereitung bestand dar-
innen, daft derjenige, dem solche Erkenntnis tibermittelt wurde, eine
Garantie dafiir abgab, daft er das Leben, das er vorher fiihrte, in genau
derselben Weise weiterfiihrte, daft er nicht den geringsten Vorteil sich
verschaffte, sondern die Tiichtigkeit, die er von jetzt ab erlangte durch
die Behandlung der Natur, bloft in dem Dienst der sozialen Ordnung
geltend machte. Unter dieser Voraussetzung hat man einzelne zu Ein-
geweihten werden lassen, die dann jene alte Kultur leiteten, deren
Wunderwerke zu sehen sind und die nicht verstanden werden, weil man
nicht weift, woraus sie erflossen sind.
Aber die Menschheit hatte so niemals f rei werden konnen. Man hatte
sozusagen den Menschen durch Natureinfliisse zum Automaten machen
miissen. Ein Zeitalter muftte heraufkommen, wo der Mensch durch
blofie innere moralische Krafte wirkte. So wird sozusagen verhullt vor
ihm die Natur, weil er sie entweiht hatte, indem in der neuen Zeit seine
Triebe freigelassen wurden. Und am meisten sind seine Triebe frei-
gelassen worden seit dem 14., 15. Jahrhundert. Daher verglimmt die
alte Weisheit, da bleibt nur mehr eine Buchweisheit, die nicht verstan-
den wird. Denn niemand wiirde sich heute abhalten lassen, wenn er
solche Dinge wirklich verstiinde, wie nur den Satz, den ich Ihnen vor-
gelesen habe, diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil zu gebrauchen.
Das aber wiirde die schlimmsten Triebe in der menschlichen Gesellschaft
hervorrufen, schlimmere Triebe, als jenes tastende Fortschreiten hervor-
bringt, das man heute wissenschaftliche Betriebe nennt, wo man so im
Laboratorium, ohne daft man in die Dinge hineinsehen kann, heraus-
kriegt: dieser Stoff beriihrt den andern in dieser Weise, - wo man, ohne
in die Dinge hineinzusehen, etwas herauskriegt - nun, wie jetzt der
Inhalt der Chemie ist. Man laviert so fort. Und Geisteswissenschaft
wird erst wieder den Weg finden miissen hinein in die Geheimnisse der
Natur. Aber zu gleicher Zeit wird sie eine soziale Ordnung begriinden
miissen, die ganz anders ist als die heutige soziale Ordnung, so daft der
Mensch erkennen kann, was die Natur im Innersten zusammenhalt,
ohne deshalb zum Kampf der wildesten Triebe verfuhrt zu werden.
Es ist Sinn und es ist Weisheit in der menschlichen Entwickelung, und
das suchte ich jetzt schon durch eine ganze Reihe von Vortragen Ihnen
zu beweisen. Das, was geschieht in der Geschichte, geschieht - wenn
auch oft durch so zerstorerische Krafte als moglich - doch so, daft ein
Sinn durch das geschichtliche Werden hindurchgeht, wenn es auch oft-
mals nicht der Sinn ist, den der Mensch sich ertraumt, und wenn der
Mensch auch viel leiden muft durch die Wege, welche der Sinn der Ge-
schichte oftmals geht. Durch alles, was im Laufe der Zeit geschieht - es
geschieht ja gewift so, daft das Pendel manchmal nach dem Bosen,
manchmal nach dem weniger Bosen ausschlagt-, werden aber doch durch
dieses Ausschlagen gewisse Gleichgewichtslagen erreicht. Und so war
denn auch bis ins 14., 1 5. Jahrhundert - wenigstens einzelnen - eine
gewisse Summe von Naturkraften bekannt, deren Kenntnis verloren-
gegangen ist, weil die Menschen der neueren Zeit nicht die richtige Ge-
sinnung dazu haben wiirden.
Sehen Sie, so schon ist das in dem Symbole beschrieben, das die
Naturkraft in der agyptischen Legende von der Isis ausdriickt. Dieses
Isis-Bild, was fiir eitfen ergreifenden Eindruck macht es uns, wenn wil-
es uns vorstellen, wie es dasteht in Stein, aber - im Stein zugleich -
der Schleier von oben bis unten: das verschleierte Bild zu Sais. Und die
Inschrift tragt es: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die
Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher geliiftet. - Das hat
wiederum zu einer ungemein gescheiten - obwohl sehr gescheite Leute
diese gescheite Erklarung aufgenommen haben, mufi es doch einmal
gesagt werden zu einer sehr gescheiten Erklarung gefiihrt. Man sagt
da: Die Isis driickt also aus das Symbolum fiir die Weisheit, die vom
Menschen nie erreicht werden kann. Hinter diesem Schleier ist eine
Wesenheit, die ewig verborgen bleiben muE, denn der Schleier kann
nicht geliiftet werden. Und doch ist die Inschrift diese: Ich bin die Ver-
gangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch
kein Sterblicher geliiftet. - Alle die gescheiten Leute, die also sagen, man
kann das Wesen nicht ergriinden, sie sagen logisch ungefahr dasselbe,
wie wenn einer sagt: Ich heifte Miiller, meinen Namen wirst du nie
erfahren. - Es ist ganz genau dasselbe, was Sie immer iiber dieses Bild
reden horen, wie wenn einer sagt: Ich heifte Miiller, meinen Namen
wirst du nie erfahren. - Wenn man das: Ich bin die Vergangenheit, die
Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher
geliiftet - so auslegt, ist natiirlich diese Auslegung ein volliger Unsinn.
Denn es steht ja da, was die Isis ist: Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft - die dahinfliefknde Zeit! Wir werden morgen noch genauer
iiber diese Dinge reden. Es ist die dahinflieEende Zeit. Aber ganz etwas
anderes, als was diese sogenannte geistvolle Erklarung will, ist aus-
gedriickt in den Worten: Meinen Schleier hat noch kein Sterblicher ge-
liiftet. - Ausgedriickt ist, dafi man sich dieser Weisheit nahern mufi wie
denjenigen Frauen, die den Schleier genommen hatten, deren Jung-
fraulichkeit bestehen bleiben mufke: in Ehrfurcht, mit einer Gesinnung,
die alle egoistischen Triebe ausschlieftt. Das ist gemeint. Sie ist wie eine
verschleierte Nonne, diese Weisheit friiherer Zeit. Auf die Gesinnung
wird hingedeutet durch die Sprache von diesem Schleier.
Und so handelte es sich darum, dafi in den Zeiten, in denen uralte
Weisheit lebendig war, die Menschen sich dieser Weisheit in der ent-
sprechenden Weise naherten, respektive gar nicht zugelassen wurden,
wenn sie sich ihr nicht in der entsprechenden Weise naherten. Aber der
Mensch mulke sich selbst iiberlassen sein in der neueren Zeit. Da konnte
er nicht diese Weisheit der alten Zeit, die Weisheitsformen der alten
Zeit, haben. Die Kenntnis gewisser Naturkrafte ging verloren, jener
Naturkrafte, die nicht erkannt werden konnen, ohne da£ man sie im
Inneren erfahrt, ohne da$ man sie innerlich zugleich lebt. Und in dem
Zeitalter, in dem, wie ich lhnen vor acht Tagen auseinandergesetzt habe,
der Materialismus einen gewissen Hohepunkt erlangte, im i9«Jahr-
himdert, kam eine Naturkraft herauf, die in ihrer besonderen Eigenart
dadurch charakterisiert ist, daft jeder heute sagt: Die Naturkraft haben
wir, aber verstehen kann man sie nicht, fur die Wissenschaft ist sie ver-
borgen. - Sie wissen, wie gerade die Naturkraft der Elektrizitat in
menschliche Verwendung kam; und die elektrische Kraft ist eine solche,
dafi der Mensch sie durch seine normalen Krafte im Inneren nicht er-
leben kann, dafi sie im Aufieren bleibt. Und mehr, als man glaubt, ist
dasjenige, was im 19. Jahrhundert grofi geworden ist, durch die Elek-
trizitat grofi geworden. Es ware ein leichtes, zu zeigen, wieviel, wie
unendlich viel von der elektrischen Kraft abhangt in unserer gegenwar-
tigen Kultur, wieviel mehr noch in der Zukunft abhangen wird, wenn
die elektrische Kraft durch die moderne Art, ohne in das Innere ein-
zugehen, verwendet werden wird. Viel mehr noch! Aber gerade die
elektrische Kraft ist eine solche, die an die Stelle der alten, gekannten
Kraft gesetzt worden ist in der menschlichen Kulturentwickelung, und
an der der Mensch heranreifen soli in moralischer Beziehung. Heute
denkt er bei ihrer Anwendung nicht an irgendeine Moral. Weisheit ist
in der fortlaufenden geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Der
Mensch wird heranreifen, indem er eine Zeitlang noch tiefere Scha-
digungen - Schadigungen sind ja, wie unsere Tage zeigen, geniigend
da -, indem er noch tiefere Schadigungen in seinem niedern Ich-Trager,
dem wiisten Egoismus, entfalten kann. Hatte der Mensch noch die alten
Krafte, so ware das ganz ausgeschlossen. Gerade die elektrische Kraft
als Kulturkraft macht das moglich; die Dampfkraft in einer gewissen
Weise auch, aber da ist es noch weniger der Fall.
Nun steht die Sache so, daft, wie ich Ihnen fruher einmal auseinander-
setzte, das erste Siebentel unseres Kulturzeitraumes, der bis ins vierte
Jahrtausend dauern wird, vorbei ist. Der Materialismus hat einen ge-
wissen Hochpunkt erreicht; die sozialen Formen, in denen wir leben,
die ja zu solch traurigen Ereignissen in unseren Jahren gefiihrt haben,
sind wirklich so, daft sie nicht mehr funfzig Jahre die Menschheit tragen
werden, ohne daft eine griindliche Anderung der menschlichen Seelen
geschieht. Das elektrische Zeitalter ist fur den, der die Weltentwicke-
lung geistig durchschaut, zu gleicher Zeit eine Aufforderung, eine gei-
stige Vertiefung, eine wirkliche geistige Vertiefung zu suchen. Denn zu
jener Kraft, die unbekannt im Aufteren bleibt fur die Sinnesbeobach-
tung, raufi die geistige Kraft hinzukommen in die Seelen, die im tiefsten
Inneren so verborgen ruht wie die elektrischen Krafte, die auch erst
erweckt werden miissen. Denken Sie sich, wie geheimnisvoll die elek-
trische Kraft ist; sie wurde erst durch Galvani, Volta aus ihren geheimen
Verborgenheiten herausgeholt. So geheim verborgen ruht auch das-
jenige, was in den menschlichen Seelen sitzt, und was die Geisteswissen-
schaft erforscht. Beide miissen zueinander kommen wie Nord- und
Siidpol. Und so wahr, wie die elektrische Kraft heraufgezogen ist als
die in der Natur verborgene Kraft, so wahr wird heraufziehen die
Kraft, die in der Geisteswissenschaft gesucht wird als die in der Seele
verborgene Kraft, die dazugehort; wenn auch heute noch vielfach die
Menschen vor dem, was Geisteswissenschaft will, so stehen - nun, wie
ungefahr einer gestanden haben wiirde in der Zeit, wo eben Galvani,
Volta die Frosche prapariert und bemerkt hatten an dem Zucken des
Schenkels, daft da eine Kraft wirkt in diesem zuckenden Froschschenkel.
Hat da die Wissenschaft gewuftt, daft in diesem Froschschenkel alles
lag von Beruhrungselektrizitat, alles, was heute an Elektrizitat bekannt
ist? Denken Sie sich in die Zeit hinein, wo Galvani in seinem einfachen
Versuchshaus gewesen ist und seinen Froschschenkel zum Fensterhaken
hinaushangt, und dieser zu zucken beginnt, und er zum ersten Male
dies feststellte! Es handelt sich da nicht um Elektrizitat, nicht wahr,
die erregt ist, sondern um Beriihrungselektrizitat. Als Galvani das zum
ersten Male feststellte, konnte er da annehmen, mit der Kraft, mit der
da der Froschschenkel angezogen wird, wird man einmal Eisenbahnen
iiber die Erde befordern, mit der wird man einmal den Gedanken um
den Erdball herumkreisen lassen? Es ist noch nicht so sehr lange her,
dafi Galvani an seinen Froschschenkeln diese Kraft beobachtet hat.
Einen, der dazumal schon sich versprochen hatte, was alles aus dieser
Erkenntnis fliefien wird, den hatte man gewifi fiir einen Narren an-
gesehen. So kam es denn auch so, daJS man heute denjenigen fiir einen
Narren ansieht, der die ersten Anfange einer geistigen Wissenschaft
darzustellen hat. Es wird eine Zeit kommen, wo dasjenige, was von
Geisteswissenschaft ausgeht, ebenso bedeutsam sein wird fiir die Welt -
aber jetzt die moralische, geistig-seelische Welt - wie dasjenige, was von
dem Galvani-Froschschenkel ausgegangen ist, fiir die materielle Welt,
fiir die materielle Kultur. So vollziehen sich die Fortschritte in der
Menschheitsentwickelung. Nur wenn man auf solche Dinge achtet, dann
entwickelt man auch den Willen, mitzugehen mit dem, was erst in den
Anf angen sein kann. Hat die andere Kraft, die elektrische Kraft, die aus
ihrer Verborgenheit gezogen worden ist, blofi eine aufiere materielle
Kulturbedeutung und nur mittelbar eine Bedeutung fiir die moralische
Welt, so wird dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommt, die
grofke soziale Bedeutung haben. Denn die sozialen Ordnungen der
Zukunft werden geregelt werden durch das, was Geisteswissenschaft
den Menschen geben kann. Und alles dasjenige, was aufiere materielle
Kultur sein wird, wird in mittelbarer Weise ebenfalls von dieser Gei-
steswissenschaft angeregt werden. Darauf kann ich heute am Schlusse
nur hinweisen.
Wir wollen dann morgen das Bild des Faust, das wir heute gesehen
haben, der noch halb in der alten, aber halb schon in der neueren Zeit
drinnen steht, wie ich Ihnen heute gesagt habe, zu einer Art von Welt-
anschauungsbild noch erweitern.
DIE «RO MANTIS CHE WALPURG ISNACHT»
Dornach, 10. Dezember 1916
Ich mochte Ihnen nur einige Bemerkungen machen iiber die «Walpurgis-
nacht», die wir gestern gespielt haben und morgen wieder spielen wer-
den, weil es mir doch von Bedeutung scheint, eine richtige Vorstellung
davon zu haben, wie sich diese «Walpurgisnacht» hineinstellt in den
Fortgang und Gesamtzusammenhang der Faust-Dichtung. Es ist merk-
wiirdig, daE, nachdem Faust Gretchen ins Ungliick gebracht hat so weit,
daft die Mutter durch Gift - durch den Schlaftrunk — zugrunde gegangen
ist, nachdem der Bruder erschlagen worden ist durch die gemeinsame
Schuld von Faust und Gretchen, Faust flieht und gewissermaften Gret-
chen vollstandig im Stiche lafit und nichts weift von alledem, was vor-
geht.
Soldi eine Sache hat natiirlich nicht geringen Eindruck gemacht auf
diejenigen, die gerade mit einer gewissen Liebe die Faust-Dichtung be-
trachtet haben. Und ich will Ihnen nur die Worte Schrders vorlesen,
der sicher den «Faust» mit einer ungeheuren Liebe betrachtet hat. Sie
konnen iiber ihn in meinem letzten Buche «Vom Menschenratsel» lesen.
Karl Julius Schroer sagt iiber die «Walpurgisnacht»: «Es ist anzuneh-
men, daft Faust, von Mephisto fortgerissen, geflohen sei. Er lieft Gret-
chen im Jammer zuriick. Ihre Mutter war tot, ihr Bruder erschlagen.
Unmittelbar nach diesem Ereignis folgte ihre Entbindung. Sie verfiel in
Wahnsinn, ertrankte ihr Kind und irrte umher, bis sie eingefangen und
in den Kerker geworfen wurde.
Obwohl Faust alles, was nach dem Tode Valentins mit Gretchen ge-
schah, nicht wissen konnte, so war er doch unter solchen Umstanden
geschieden, daft es ganz unnatiirlich scheinen mufi, ihn so wie hier - den
zweiten Tag darauf ? - als behaglichen Spazierganger auf dem Blocks-
berge zu sehen. So erscheint er uns namlich in den Worten Vs. 3838 ff.
Es ist ersichtlich, da£ auch die Walpurgisnacht nicht in vollem Zusam-
menhange mit dem Ganzen gedichtet ist. Der Dichter ist aus allem
Pathos offenbar heraus und steht dem Stoff mit einer Anwandlung von
Ironie gegeniiber. Der allgemeine Grundgedanke, der den Auftritt mit
dem Ganzen verbindet, ist deutlich. Mephistopheles f iihrt Faust mit sich
fort auf den Blocksberg, urn ihn zu betauben und Gretchen vergessen zu
machen; die Liebe in Faust ist aber starker, als Mephistopheles begreifen
kann. Der Hexenspuk zieht ihn nicht an: das Bild Gretchens taucht in
ihm auf mitten in dem wiisten Taumel. - Dieser Gedanke tritt, freilich
nicht kraftig genug, hervor, und die ganze Walpurgisnacht erscheint im
Verhaltnis zur dramatischen Handlung viel zu groft. Sie war zu einem
selbstandigen Ganzen geworden, das noch obendrein durch den ange-
schlossenen Walpurgisnachtstraum iibermaftig erweitert wird. Dies gilt
natiirlich nur vor der Walpurgisnacht als Bestandteil der Trag6die.»
Also selbst ein Mann, der den «Faust» sehr lieb hat, kann sich nicht
eigentlich einverstanden erklaren damit, daft zwei Tage, nachdem das
grofte Ungliick geschehen war, Faust als riistiger Spazierganger mit
Mephistopheles zusammen auf dem Blocksberg erscheint.
Nun mochte ich zunachst rein aufterlich dem aber entgegenstellen,
daft die « Walpurgisnacht* zu den reifsten Teilen der Faust-Dichtung
gehort. Sie ist geschrieben 1800 bis 1801. Goethe hat als ganz junger
Mann am «Faust» zu schreiben begonnen, so daft wir zuriickgehen kon-
nen in den Anfang der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts: 1772, 1773,
1774. Da beginnt er die ersten Szenen aufzuschreiben. Nun war er um
so viel alter geworden, hatte die groften Erfahrungen hinter sich, die sich
unter anderem auch ausgesprochen haben in dem «Marchen von der
griinen Schlange und der schonen Lilie», das fruher geschrieben ist, und
er fiigt in seinen Faust jetzt die «Walpurgisnacht» ein; der «Walpurgis-
nachtstraum» ist sogar ein Jahr fruher geschrieben als die «Walpurgis-
nacht» selber. Wir diirfen uns daraus doch die Vorstellung bilden, daft
es Goethe sehr ernst war mit dem Hineingeheimnissen der «Walpurgis-
nacht» in den «Faust». Aber man kommt nie und nimmer aus einer ge-
wissen Unmoglichkeit des Verstandnisses heraus, wenn man nicht ins
Auge faftt, daft Goethe wirklich spirituell die Sache gemeint hat.
Ich kenne so ziemlich die Faust-Kommentare, die geschrieben worden
sind bis zum Jahre 1900 - spater nur noch weniger --, aber bis zum
Jahre 1900 kenne ich sie so ziemlich alle; nachher habe ich mich nicht
mehr so stark mit dem, was dariiber geschrieben worden ist, eingelassen.
Aber so viel ist mir ganz gut bekannt, daft niemand eigentlich daraui
eingegangen ist, die Sache spirituell zu nehmen. Nicht wahr, man kann
leicht einwenden, daft es eigentlich eine Zumutung ist an unserEmp-
finden, an unser Gefuhl, daft Faust zwei Tage nach dem groften Ungliick
seelenvergniigt spazierengehen soli. Aber Goethe war wirklich nicht der
plattherzige Wald- und Wiesenmonist, als der er oftmals vorgestellt
wird, sondern er war ein Mensch, wie das gerade auch die Einzelheiten
der «Walpurgisnacht» zeigen, welcher tief griindlich eingeweiht war in
gewisse spirituelle Zusammenhange. Wer bekannt ist mit diesen Zu-
sammenhangen, der sieht daran, daft in der «Walpurgisnacht» nichts
dilettantisch, sondern alles sachgemaft ist; er sieht daran, wenn ich mich
jetzt des trivialen Ausdrucks bedienen will, daft etwas dahinter ist, daft
es nicht eine blofte Dichtung ist, sondern daft es aus spirituellem. Ver-
standnis geschrieben ist. Fur den, der mit gewissen Dingen bekannt ist,
ist es merklich gerade an Einzelheiten, ob jemand Wirklichkeiten er-
zahlt - also ein Dichter mit spirituellem Verstandnis schildert -, oder ob
jemand sich etwas ausgedacht hat iiber geistige Welten und das, was
damit zusammenhangt, etwa die Hexenwelt. In solchen Dingen muft
man eben auch ein biftchen Aufmerksamkeit entwickeln.
Ich will Ihnen, obwohl ich auch diese Geschichte verhundertfachen
konnte, eine einfache kleine Geschichte erzahlen, welche Ihnen anschau-
lich machen soil, wie man erkennen kann an Einzelheiten, ob man es zu
tun hat mit etwas, wo was dahinter ist oder nicht. Selbstverstandlich
kann man noch irren; da kommt es dann auf das, wie erzahlt wird, an.
Ich war einmal in einer Gesellschaft, in der Theologen, Historiker, Dich-
ter und so weiter waren. In dieser Gesellschaft erzahlte man - es ist das
jetzt lange her, es war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also
fast dreiftig Jahre her - das Folgende: Einmal predigte in einer Pariser
Kirche ein Domherr in sehr fanatischer Weise gegen den Aberglauben,
indem er nur dasjenige zulassen woilte, was die Kirche zulaftt, und vor
alien Dingen verwehren woilte, daft die Leute an gewisse Dinge glau-
ben, welche eben ihm eigentlich unheimlich waren. So namentlich woilte
er begreiflich machen, der betreffende Domherr in seiner fanatischen
Predigt, daft Freimaurerei zwar ein sehr boses Ding sei - Sie wissen,
katholische Geistliche predigen sehr haufig iiber Freimaurerei und reden
dabei alles mogliche von der Gefahrlichkeit der Freimaurerei aber
nun wollte er nur gelten lassen, daft es eine sehr verwerfliche Lehre sei
und daft auch die Menschen, die dabei sind, recht bose Menschen seien;
er wollte aber nicht gelten lassen, daft irgend etwas Spirituelles in man-
chen solchen Briiderschaften stecke. Und das horte denn ein Mensch an,
der wiederum von einem andern hineingefuhrt war, und dem kam das
sehr sonderbar vor, daft da der Domherr einer groften Gemeinde den
Leuten etwas vorerzahlte, was er fur unrichtig hielt, weil er wirklich
glaubte, daft geistige Krafte durch solche Gesellschaften schon gehen. Die
beiden erwarteten nach der Predigt den Domherrn, und nun beredeten
sie sich mit ihm; er aber beharrte sehr fanatisch auf seiner Meinung, daft
man es mit nichts Geistigem zu tun habe, sondern daft das eben bloft
schlechte Menschen seien mit einer sehr bosen Lehre. Da sagte der eine,
der etwas wuftte iiber die Sache: Hochwtirden, ich mache Ihnen den
Vorschlag, kommen Sie nachsten Sonntag in einer bestimmten Zeit mit
mir; ich werde Sie an einen verborgenen Ort einer gewissen Loge setzen,
wo Sie die Dinge mit ansehen konnen. - Und der sagte: Ja, das werde
ich tun, aber darf ich mir auch Reliquien mitnehmen? - Er fing namlich
an, sich zu furchten! Er nahm sich also Reliquien mit; dann wurde er
dahin gefuhrt und saft dort im Verborgenen. Als das bestimmte Zeichen
losging, da sah er, daft sich zum Prasidentenstuhle hin eine sehr merk-
wiirdige Personlichkeit blassen Gesichtes bewegte, und bewegte so, daft
sie nicht die Fiifte vorsetzte, einen nach dem andern, sondern sich vor-
gleiten lieft. Das wurde nun in einer bestimmten Weise erzahlt, und
weiter erzahlte der Betreffende, nun habe er seine Reliquien wirken
lassen, den Segen gesprochen und so weiter, da sei plotzlich eine Unruhe
in die ganze Versammlung gekommen, und die ganze Sache sei zer-
stoben!
Nachdem ein sehr fortgeschrittener Priester, der dabei war, ein Theo-
loge, seine Meinung dahin abgegeben hatte, er glaube einfach nicht an
die Sache, und ein anderer Priester vorbrachte, er habe in einem Kolle-
gium in Rom gehort, daft fur die Wahrhaftigkeit jenes Domherrn zehn
Priester einen Eid in Rom abgelegt hatten, jener erste Priester aber
noch meinte: Ich glaube lieber noch, daft zehn Priester einen falschen
Eid ablegen, als daft das Unmogliche moglich ist, da sagte ich dazumal:
Mir ist die Art und Weise genug, wie erzahlt worden ist. Denn auf das
Wie kam es an, auf die Sache von dem Fortgleiten.
Sie treffen dieses Fortgleiten audi hier in der «Walpurgisnacht»:
Gretchen, wie es wieder erscheint, gleitet fort. Also selbst eine solche
Einzelheit ist sachgemaft von Goethe dargestellt. Und so ist jede Einzel-
heit sachgemaft, nichts im spirituellen Sinne dilettantisch dargestellt.
Mit was haben wir es denn eigentlich zu tun? Mit etwas haben wir
es zu tun, welches bezeugt, daft es fur Goethe gar nicht in Frage kam,
ob Faust nach zwei Tagen, nachdem das Ungliick geschehen war, als ein
seelenvergniigter Wald- und Wiesenwanderer auf dem Blocksberg er-
scheine, sondern wir haben es zu tun mit einem geistigen Erlebnis des
Faust in der «Walpurgisnacht», das er nicht abweisen konnte, das ge-
rade als Folge der ihn erschiitternden Ereignisse, die er durchgemacht
hat, kommt. Wir haben es also damit zu tun, daft Fausts Seele heraus-
gerissen wird aus seinem Leib und Mephisto gefunden hat in der geisti-
gen Welt. Und innerhalb der geistigen Welt machen sie die Wanderung
nach dem Brocken, das heiftt, sie kommen zusammen mit denjenigen,
die auch nun, wenn sie die Brockenwanderung machen, aus ihrem Leibe
herausgeriickt sind, denn selbstverstandlich liegt der physische Leib der-
jenigen Menschen, welche die Wanderung nach dem Brocken machen,
im Bette.
In den Zeiten, in denen man solche Dinge besonders intensiv getrie-
ben hat, haben sich diejenigen, die diese Brockenwanderung machen
wollten - der Tag dazu, respektive die Nacht, ist vom 30. April zum
i.Mai -, gesalbt»mit einer gewissen Salbe, wodurch die vollstandigere
Trennung, die von astralischem Leib und Ich, hergestellt werden konnte,
als sie sonst im Schlafe vorhanden ist. Dadurch machen sie im Geiste
diese Brockenfahrt durch. Das ist ein Erlebnis - selbstverstandlich recht
niederer Art -, aber es ist ein Erlebnis, das schon durchgemacht werden
kann. Nur darf niemand glauben, daft er irgendwo auf leichte Art Aus-
kunft iiber die Zusammensetzung der Hexensalbe erlangen kann, ge-
radesowenig als Sie Auskunft erlangen werden auf leichte Weise, wie
man es so wie van Helmont macht, urn mit bestimmten Chemikalien,
die man einreibt an einer bestimmten Korperstelle, aus seinem Leib
bewuftt herauszuriicken. Das ist bei van Helmont geschehen. Aber derlei
Dinge werden denjenigen nicht empfohlen, die - wie der Franz in
Hermann Babrs «Himmelfahrt» - es zu langweilig iinden, die Ubungen
zu machen, urn die Sadie in gerechter Weise zu absolvieren. Ich weift
aber wohl, daft mancher gar nicht ungliicklich ware, wenn ihm derlei
Mittel verraten wiirden!
Faust trifft nun - also Faustens Seele - mit Mephisto wirklich die
aus ihrem Leib herausgeriickten und in der Nacht vom 30. April zum
1. Mai sich zusammenfmdenden Hexen. Das ist ein wirklicher geistiger
Vorgang, und dieser wirkliche geistige Vorgang wird nun von Goethe
sachgemaft geschildert. Goethe stellt also nicht nur dar, daft man eine
subjektive Vision haben kann, sondern ihm ist klar, wenn man wirklich
aus seinem Leib herausgeht, so trifft man auch andere Seelen, die aus
ihrem Leib herausgegangen sind. Das deutet schlieftlich Mephisto sehr
genau an, wenn er sagt:
In die Traum- und Zaubersphare
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Wirklich in eine andere Sphare sind sie eingegangen. In die Seelen-
welt sind sie eingegangen; da treffen sie mit den andern Seelen zusam-
men. Und in dieser Welt finden wir sie selbstverstandlich so darinnen,
wie sie darinnen sein miissen unter der Nachwirkung desjenigen, was
aus ihrem physischen Leben ist. Faust rauS ja wieder zuruckkehren in
seinen physischen Leib. Solange man iiberhaupt dazu veranlagt ist, wie-
der zuriickzukehren in seinen physischen Leib, das heiftt, nicht physisch
stirbt, so lange tragt man, wenn man mit seinem astralischen Leib her-
ausgeht, gewisse Neigungen, Affinitaten des physischen Daseins an sich.
Daher sagt Faust sehr begreiflich, daft er sich wohl fiihle in der Friih-
lingsluft, in der April-Mailufl; denn die vernimmt er natiirlich, da er
nicht ganz getrennt ist von seinem Leib, sondern nur herauften ist und
ihn wieder beziehen will, die vernimmt er natiirlich durchaus. Man
kann, wenn man so herauften ist wie Faust hier aus seinem physischen
Leib, alles dasjenige, was fliissig, luftformig ist in der Welt, wahrneh-
men, nur nicht das Feste. In alien Wesen drauften in der Natur ist ja
Fliissigkeit darinnen. Der Mensch ist weit iiber neunzig Prozent eine
Flu'ssigkeitssaule, und nur ganz wenig Prozent feste Korper sind in ihm.
Also Sie diirfen nur nicht glauben, daft er, wie er so drauften ist, nicht
einen andern Menschen sehen konnte; nur sieht er bloft dasjenige, was
fliissig ist. Deshalb kann er audi die Natur, die vom Fliissigen durch-
drungen ist, wahrnehmen. Sachgemaft alles, was da geschildert ist! Faust
kann es so wahrnehmen. Aber Mephistopheles - also Ahriman ein
ahrimanisches Wesen hat kein Verstandnis fur die gegenwartige Erde; er
gehort eigentlich demjenigen an, was zuruckgeblieben ist; daher hat er
es gar nicht besonders gern, wenn es beim Friihling ankommt. Erinnern
Sie sich,wie ich in einem der letzten Vortrage auseinandersetzte, im
Winter kann man sich erinnern an das Mondhafte. Aber das jetzige
Mondhafte, wenn der Mond der Erdenmond ist, sagt ihm gar nicht be-
sonders zu. Dasjenige Mondhafte aber, was mit dem fruheren Mond-
haften zusammenkommt, wenn das Feurige, Leuchtende aus der Erde
hervorkommt, das ist sein Element: die Irrlichter, nicht das Monden-
licht. Ganz sachgemaft dieser Zug zu den Irrlichtern, die er herausholt
aus dem noch jetzt in der Erde Mondhaften!
Ich bemerke nur nebenbei: das Manuskript, das vorliegt zu der «Wal-
purgisnacht», ist undeutlich, und es mufi irgendeine Nachlassigkeit vor-
liegen, denn in den Ausgaben findet sich iiberall etwas fast Unmogliches;
und eigentlich ist mir erst, als wir hier unsere Voriibungen machten zu
der Vorstellung, aufgefallen, daft Korrekturen notwendig sind gerade
in der «Walpurgisnacht». Es ist in den Ausgaben so, daft erstens dieser
Wechselgesang zwischen Faust, Mephistopheles und den Irrlichtern nicht
verteilt ist auf die einzelnen Personen. Nun haben die Gelehrten allerlei
Verteilungen gemacht, aber die stimmen nicht, so daft ich so verteilt
habe, daft dasjenige, was sich so sehr hauflg findet als dem Faust zu-
geteilt, dem Mephistopheles gehort:
In die Traum- und Zaubersphare
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Fiihr' uns gut und mach' dir Ehre!
- sagt er zum Irrlicht -
Daft wir vorwarts bald gelangen
In den weiten, oden Raumen. •
Selbst bei Schroer finde ich es hier bei Faust angezeichnet, das gehort
aber dem Mephistopheles, wie es audi gestern gesprochen worden ist,
wenn Sie sich erinnern. Das Nachste:
Seh' die Baume hinter Baumen,
Wie sie schnell voriiberriicken,
Und die Klippen, die sich biicken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!
- das gehort dem Irrlicht.
Dann ist die Reihe an Faust, in den hereinkommen diejenigen Dinge,
welche ihn erinnern an das erschiitternde Erlebnis, das er hinter sich
hatte:
Durch die Steine, durch den Rasen
Eilet Bach und Bachlein nieder.
Hor' ich Rauschen? Hor 5 ich Lieder?
Hor' ich holde Liebesklage>
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wieder.
Dann ist merkwiirdigerweise gerade bei Schroer das nachste dem Me-
phistopheles zugeteilt; das ist natiirlich dem Irrlicht zuzuteilen.
Uhu! Schuhu! tont es naher . . . und so weiter.
Das hat Schroer dem Mephistopheles zuerteilt; das ist natiirlich falsch.
Dann ist das letzte dem Faust zuzuteilen:
Aber sag' mir, ob wir stehen,
Oder ob wir weitergehen?
Alles, alles scheint zu drehen,
Fels und Baume, die Gesichter
Schneiden, und die irren Lichter,
Die sich mehren, die sich blahen.
Ich will gleich bemerken, da£ audi in dem Nachfolgenden sich noch
Fehler befinden. Nachdem Faust die Worte gesprochen hat:
Wie ras't die Windsbraut durch die Luft!
Mit welchen Schlagen trifft sie meinen Nacken! —
finden Sie dem Mephistopheles zugeteilt eine lange Rede; sie gehort
nicht dem Mephistopheles - sie ist in alien Ausgaben dem Mephisto-
pheles zugeteilt -, nur die drei Zeilen gehoren dem Mephistopheles:
Du muftt des Felsens alte Rippen packen,
Sonst stiirzt sie dich hinab in dieser Schliinde Gruft.
Ein Nebel verdichtet die Nacht.
Hore, wie's durch die Walder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen . . . und so weiter.
Das gehort nun dem Faust. Und erst wieder die letzten Zeilen:
Horst du Stimmen in der Hohe?
In der Feme, in der Nahe?
. Ja, den ganzen Berg entlang
Stromt ein wiitender Zaubergesang!
gehoren dem Mephistopheles. Das mufite korrigiert werden, weil die
Dinge doch richtig stehen mussen. Dann habe ich mir nur eine Zeile ein-
zuschieben erlaubt. Weil natiirlich einiges, gerade wenn es unter Hexen
zugeht, wirklich nicht auffuhrbar ist, habe ich mir eine Zeile einzu-
schieben erlaubt, aber die gehort ja nicht dazu.
Nun, ich muE gestehen, es hat mich eigentlich etwas betriibt, zu sehen,
wie korrumpiert die Oberlieferung ist in samtlichen Ausgaben, und wie
niemand darauf gekommen ist, die Sachen in der richtigen Weise zu ver-
teilen. Man mufi durchaus sich klar sein dariiber, daft Goethe den
«Faust» so nach und nach geschrieben hat, und daft natiirlich - er nannte
das Manuskript selber ein konfuses Manuskript - manches schon durch-
aus korrigiert werden mufi; es mufi aber sachgemaft geschehen. Nicht
Goethe soli korrigiert werden selbstverstandlich, aber diejenigen, welche
die Ausgaben gemacht haben.
Aus dem Gesagten ist also verstandlich, daft Mephistopheles skh auch
des Irrlichtes als Wegeweiser bedient, und daft sie gleichsam einziehen
in eine Welt, die eben so wahrgenommen wird, so beweglich, wogend,
wie wahrgenommen wird, wenn das Feste fort ist. Nun versetzen Sie
sich in alles dasjenige, was da gesprochen wird, wie sachgemaft wiederum
das Feste fortgelassen ist, wie das durchaus stimmt mit allem, daft
Goethe nun die Irrlichter, Mephisto, Faust als Wesen, die aufter dem
Leibe sind, zeigt. Mephisto hat nicht einen physischen Leib, er nimmt
ihn nur an; Faust lebt augenblicklich nicht in seinem physischen Leib;
Irrlichter sind elementarische Wesenheiten, die natiirlich nicht den phy-
sischen Leib ergreifen konnen, weil der f est ist. Das alles, indem Goethe
es zusammen wie Wechselgesang fortfuhrt, zeigt, daft er uns einfuhren
will in das Wesenhafte der geistigen Welt, nicht in etwas bloft Visio-
nares, sondern in das Wesenhafte der geistigen Welt. Daft es nun aber,
wenn man so im Geistigen ist, auch anders aussieht, darauf werden wir
gleich aufmerksam gemacht, denn wahrscheinlich wird ein ganz ge-
w T 6hnlicher Beschauer nicht im Berg den Mammon gliihen sehen, das
Gold im Inneren. Uberhaupt das Ganze, was beschrieben wird - man
braucht das nun nicht zu erklaren -, zeigt, wie hier eine aufter dem Leibe
befindliche Seele geschildert wird. Wir haben es also zu tun mit einem
wirklichen Zusammenhang, der uns dargestellt wird innerhalb geistiger
Wesenheiten, und Goethe laftt einflieften dasjenige, was ihn selber ver-
bindet mit der Erkenntnis der geistigen Welt. Daft Goethe so sachgemaft
den Mephistopheles uberhaupt in seine Dichtung einfuhren konnte,
bezeugt, daft er schon mit diesen Dingen gut bekannt war, daft er be-
kannt war damit, daft Mephistopheles ein Wesen ist, das zuriickgeblie-
ben ist. Daher fuhrt er Zuruckgebliebene sogar ein. Denken Sie doch
einmal - eine Stimme, die kommt:
Welchen Weg kommst du her?
Eine Stimme von unten - das ist also eine solche Stimme, die mehr
von einem Wesen herriihrt, das untermenschliche Instinkte hat - ant-
wortet ihr:
Ubern Ilsenstein!
Da guckt' ich der Eule ins Nest hinein.
Die macht' ein paar Augen!
Stimme:
O fahre zur Holle!
Was reit'st du so schnelle!
Stimme: Mich hat sie geschunden,
Da sieh nur die Wunden;
Nun bedenken Sie, daft spater darauf geantwortet wird:
Stimme, oben: Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!
Stimme von unten: Wir mochten gerne mit in die Hoh.
Stimme von oben: Wer ruft da aus der Felsenspalte?
Und dann werden wir durch eine Stimme angesprochen, die drei-
hundert Jahre kriecht. Das heiftt: Goethe ruft die Geister auf, die drei-
hundert Jahre zuriick sind. Drei Jahrhunderte liegt die Entstehung des
Faust zuriick, der Faust-Sage; im 16. Jahrhundert ist sie entstanden. Die
Geister, die zuriickgeblieben sind aus jener Zeit, die sich nun vermischen
mit denen, die als gegenwartige Hexen nach dem Brocken kommen,
treten auch auf, denn die Sachen mulS man wortlich nehmen. Also
Goethe sagt: Oh, es walten in unserem Zusammenhang immer noch
solche Seelen mit, und sie sind verwandt den Hexenseelen, da sie zuriick-
geblieben sind dreihundert Jahre. - Da, wo alles unter die Leitung des
Mephistopheles kommt, in der «Walpurgisnacht», konnen solche, ich
mochte sagen, noch ganz junge «Mephistopherln» auch erscheinen mitten
unter den Hexenseelen. Und dann kommt eine Halbhexe, welche aus
der Gegenwart ist; denn die Stimme, die fruher gerufen hat:
Nehmt mich mit. Nehmt mich mit!
Ich steige schon dreihundert Jahr,
das ist nicht die Halbhexe, sondern ein wirklich dreihundert Jahre altes
Wesen. So alt werden die Hexen nicht, wenn sie auch auf den Blocksberg
gehen. - Die Halbhexe, die trippelt langsam, kommt langsam in die
Hohe. Da also trifft sich wirklich Geistiges, sogar Geistiges, welches die
Zeit iiberwunden hat, gewissermaften zuriickgeblieben ist in der Zeit.
Manche Worte sind geradezu wunderbar. Das sagt die eine Stimme,
gerade diejenige, die dreihundert Jahre schon steigt:
Und kann den Gipfel nicht erreichen.
Ich ware gern bei meinesgleichen.
Damit driickt Goethe sehr schon aus, dafi die Hexenseelen und diejeni-
gen, die auf solche Weise Verstorbenen angehoren, die so intensiv zu-
riickbleiben, etwas Verwandtes haben. Zu «ihresgleichen» wollen diese
zuriickbleibenwollenden Seelen. Sehr interessant!
Dann sehen wir, wie Mephistopheles immer eigentlich den Faust beim
Gewohnlichen, beim Trivialen erhalten will; er will ihn unter den
Hexenseelen erhalten. Aber Faust will die tieferen Geheimnisse des
Daseins kennenlernen, und deshalb will er noch mehr, noch weiter; er
will zu dem wirklich Bosen, zu den bosen Urgrimden:
Doch droben mocht' ich lieber sein!
Schon seh' ich Glut und Wirbelrauch.
Dort stromt die Menge zu dem Bosen;
Da mufi sich manches Ratsel losen.
Fur dieses Tiefere, was Faust selbst im Bosen aufsuchen will, hat
Mephistopheles nicht das rechte Verstandnis; er mag auch nicht den
Faust dahin fuhren, denn da wird die Geschichte namlich etwas -
penibel. Zu den Hexen noch gefuhrt zu werden als Seele, das geht; aber
wenn einer wie Faust in diese Gemeinschaft hineingefiihrt wird, dann
kann er, wenn er weiterkommt zum Bosen, fur manche Menschen hochst
gefahrliche Dinge entdecken, denn man wiirde den Ursprung fur so
manches, was auf der Erde ist, da im Bosen entdecken. Daher war es
auch fiir manche Leute besser, die Hexen zu verbrennen. Denn wenn
man auch selbstverstandlich die Hexerei nicht gerade zu protegieren
braucht, so konnte doch dadurch, daft Hexen auftreten und gewisser-
maften durch ihre medialen Eigenschaften von gewissen Menschen, die
hinter manche Geheimnisse kommen wollen, beniitzt werden konnten,
so konnte, wenn die Medialitat weit genug ginge, der Ursprung von
manchem, was in der Welt ist, dadurch ans Tageslicht kommen. Dazu
lafit man es nun nicht kommen; daher verbrannte man die Hexen.
Diejenigen, welche die Hexen verbrannt haben, hatten ein entschiedenes
Interesse daran, dafi nicht dasjenige verraten werden konnte, was her-
auskommt, wenn irgendein Kundiger weiter in die Hexengeheimnisse
hineingeht. Nun, auf solche Dinge kann man nur hinweisen. Man
wiirde von mancherlei den Ursprung gefunden haben, und niemand,
der eigentlich so etwas nicht zu scheuen hat, ist fiir das Hexenverbrennen
gewesen.
Aber Mephisto will, wie gesagt, Faust mehr beim Trivialen erhalten.
Und Faust wird dann schon ungeduldig, denn er hat von einem Mephi-
stopheles doch die Vorstellung, daft er ein wirklicher Teufel ist, und
daft er ihm nicht triviale Zauberkiinste vormache, daft er ihn ordentlich
ins Bose hineinfiihre, nachdem er ihn schon einmal aus dem Leibe her-
ausgebracht hat. Dann will er, daft er sich ihm als «Teufel» produziert
und nicht als ein ganz gewohnlicher Zauberer, der nur in die Kinker-
litzchen der geistigen Welt einzufuhren vermag. Aber Mephistopheles
lenkt ab; er will doch nur in das Triviale einfuhren. Aufterordentlich
interessant ist nun, wie von dem eigentlich Bosen, das dem Faust nicht
jetzt schon in diesem Stadium verraten werden soil, Mephistopheles
ablenkt und ihn wieder so auf das Elementare aufmerksam macht. Und
eine wunderbare Stelle ist diese:
Siehst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen;
Mit ihrem tastenden Gesicht
Hat sie mir schon was abgerochen.
Wunderbar sachgemaft ist das in die Geruchsphare Heruntergeruckte!
Es ^t wirklich so: in dieser Welt, in die Mephistopheles da den Faust
eingefuhrt hat, da riecht sich's viel mehr, als sich's schaut. «Tastendes
Gesicht» - wunderbar anschaulich ausgedriickt, weil es nicht solch ein
Geruch ist, wie die Menschen ihn haben, weil es auch nicht ein Gesicht
ist, weil es so ist, wie wenn man aus den Augen etwas herausstrecken
konnte, um mit feinen Augenstrahlen die Dinge zu betasten. Daft so
etwas in den niederen Tieren lebt, das ist wahr, denn die Schnecke hat
nicht bloft Fuhler, sondern diese Fiihler verlangern sich in aufterordent-
lich lange Atherstangen, und mit denen kann wirklich solch ein Tier
dasjenige, was weich ist, betasten, aber nur atherisch betasten. Denken
Sie, wie sachgemaft, gar nicht dilettantisch.
Aber nun kommen sie zu einem munteren Klub - wir sind natiirlich
in einer geistigen Welt! -, da kommen sie zu einem munteren Klub. Und
Goethe hatte schon verstanden, nicht einer zu werden von der Sorte,
die von der geistigen Welt nur reden mit einem tragisch verlangerten
Gesicht, sondern audi mit dem notigen Humor und mit der notigen
Ironie zu sprechen, wenn diese am Platze sind. Warum sollten denn
nicht ein alter General, ein Minister, «Seine Exzellenz», ein Parvenu
und auch ein Autor, wenn sie gerade miteinander ihre Sachen sprechen
und etwas - im Deutschen nennt man es picheln -, etwas Wein schliirf en,
und nach und nach das selber so wenig interessant finden, was sie reden,
daft sie dabei einschlafen, warum sollten sie denn nicht, wenn sie unter
der besonderen Wirkung desjenigen stehen, was im Klub spielt, wenn
sie so ein bifichen knobeln und noch die Spielleidenschaft unter ihnen
ist, warum sollten denn nicht diese Seelen so herausriicken, daft man sie
in einem munteren Klub unter den andern, die da herausgegangen sind,
zusammen findet? In einem Klub: den General, Seine Exzellenz den
Minister, den Parvenu und nun auch den Dichter? Warum sollte denn
das nicht sein? Die trifft man also auch, denn sie sind aufter ihrem Leibe.
Und wenn man Gliick hat, so kann man auch solch eine Gesellschafl
finden, denn sie sind manchmal schon so, die Gesellschaften, daft sie
miteinander durch ihr eigenes Amusement einschlafen. Sie sehen, Goethe
verkennt nicht gerade die Sache. Aber Mephistopheles ist so iiberrascht,
daft hier einmal durch die Natur selber, ohne daft es durch etwas an-
deres als nur durch einen etwas abnormen Fortgang des naturgemaften
Lebens so weit kommt, sie in ihren Seelen in diesen Zustand ge-
raten, - er ist so iiberrascht, daft es in dieser Weise an ihn herantritt,
daft er sich noch an a here Schichten seines Daseins erinnern muft. Des-
halb wird er plotzlich alt an der Stelle, das kann er in der Gestalt gar
nicht erleben; da pfuscht es ihm sogar herein aus der Menschenwelt, und
das mochte er nicht. Denn sogar zu dem Irrlicht sagt er, es soli nicht
zickzack gehen, sondern gerade, sonst blast er ihm sein Flackerlicht aus.
Es will das Irrlicht, indem es zickzack geht, den Menschen nachmachen;
er will aber geradeaus gehen, die Menschen gehen zickzack. So stort ihn
auch, daft da nur durch einen abnormen Gang des Lebens - nicht durch
Hollenveranstaltung - vier ehrenwerte Mitglieder der menschlichen
Gesellschafl in die Blocksbergzone eintreten.
Dann aber geht es schon wieder besser. Zunachst ist die Trodelhexe
da, die natiirlich auch aus ihrem Leib gefahren ist, mit all ihren Kiin-
sten, die so schon angefiihrt werden:
Kein Kelch, aus dem sich nicht in ganz gesundem Leib
Verzehrend heiftes Gift ergossen,
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswiirdig Weib
Verfiihrt, kein Schwert, das nicht den Bund gebrochen.
Da flihlt er sich schon wiederum, da ja diese Hexe ganz gewift «gesalbt»
ist, in seinem Elemente, spricht sie als «Frau Muhme» an; aber er sagt:
Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
Getan geschehn! Geschehn getan!
Verleg 5 sie sich auf Neuigkeiten!
Nur Neuigkeiten ziehn uns an.
Er mochte etwas haben, das den Faust mehr interessieren kann. Faust
aber ist gar nicht so sehr angezogen, fiihlt sich nun darinnen in einem
sehr niedrigen geistigen Elemente und sagt jetzt - und das bitte ich Sie
zu beachten -, sagt jetzt wunderbar:
Daft ich mich nur nicht selbst vergesse!
Daft ich nicht das Bewufttsein verliere! - Also er will nicht die ganze
Sache bei herabgedrangtem Bewufttsein, atavistisch etwa erleben, son-
dern bei vollem Bewufttsein erleben. Aber bei einer solchen Hexenmesse
konnte man leicht das Bewufttsein herablahmen, das soil nicht sein.
Denken Sie sich, wie weit Goethe geht.
Und jetzt wird darauf hingewiesen, wie das Seelische heraus muft
aus dem Leibe, wie auch noch ein Stuck Atherleib herausgeholt werden
muft, was wahrend der ganzen Erdenentwickelung sonst nicht geschieht,
als wie in einem besonderen Herausfahren, ich mochte sagen, in einer
Art Natur-Initiation. Der Atherleib des Faust ist mitgegangen zum Teil ;
das wird, weil der Atherleib - ich habe das ofter erwahnt - des Mannes
weiblich ist, als Lilith gesehen. Das fuhrt hinauf in Zeiten, in denen der
Mensch uberhaupt nicht so konstituiert war. Lilith ist der Sage nach
Adams erste Frau und Luzifers Mutter. Also hier sehen wir, wie schon
luziferische Kunste, die dem Mephistopheles audi zu Hilfe stehen, mit-
spielen, wie aber doch etwas Niedriges dabei ist. Das ist in. der nach-
folgenden Rede der Fall, die einer Verfuhrung gleichkommt. Faust
fiirditet sich ohnedies schon, daft ihm das Bewufttsein schwinden konnte,
und dafur mochte Mephistopheles schon sorgen, daft Faust das Bewufit-
sein verliert und so recht untertaucht. Er hat ihn nun dazu gebracht,
sogar ein Stuck Atherleib herauszuziehen, so daft er die Erscheinung der
Lilith haben kann. Er mochte schon, daft es recht weit kame, daher ver-
fiihrt er ihn zu diesem Hexentanz, wo er selber mit der alten Hexe
tanzt und Faust mit der jungen Hexe. Und da ergibt sich denn, daft
Faust nicht das Bewufttsein verlieren kann. Er kann nicht das Bewuftt-
sein verlieren!
Nun haben wir also von Goethe richtig geschildert eine Szene, die
unter Geistern vorgeht. Wenn die Seelen aus dem Leibe sind, konnen
sie es erleben. Goethe konnte es so darstellen. Aber auch andere Seelen
konnen hineinkommen in solche Gesellschaft. Sie bringen nur wiederum
ihre irdischen Eigenschaften mit. Goethe wuftte wohl, daft in Berlin
Nicolai lebte, der sogar ein Freund Lessings war. Dieser Nicolai war
einer der fanatischsten Aufklarer seiner Zeit, derjenigen Menschen, die
dazumal - ja, wenn es schon einen Monistenbund gegeben hatte, so
waren sie ihm beigetreten, waren sogar «Vorstande» im Monistenbund
geworden, denn von solcher Sorte waren die Menschen im 18. Jahr-
hundert! -, die dazumal gegen alles Spirituelle zu Felde zogen. So einer
ist der Proktophantasmist - das Wort will ich nicht iibersetzen, das
konnen Sie sich im Lexikon nachschlagen -, aber das ist so einer. Also
der Nicolai, der hat nicht nur, als Goethe «Die Leiden des jungen Wer-
ther» schrieb, «Die Freuden des jungen Werther» geschrieben, um die
Goethesche Sentimentalitat zu verspotten vom freigeistigen Stand-
punkte aus, sondern er hat auch, um dadurch, heute wiirde man sagen,
richtig Monist sein zu konnen, in der Berliner Akademie der Wissen-
schaflen iiber die Verwerflichkeiten des Aberglaubens der geistigen Welt
geschrieben. Und er konnte das! - Er litt an Visionen, sah hinein in die
geistige Welt; aber er hatte das arztliche Gegenmittel, das man schon
damals kannte; er lieft sich namlich an einer gewissen Gegend des Leibes
Blutegel setzen. Da vergingen die Visionen. Und daher konnte er in
jenem Vortrage der Akademie der Wissenschaften eine materialistische
Deutung des Visionaren geben; denn er konnte zeigen an seinem eigenen
Beispiel, daft man, wenn man sich Blutegel setzen laftt, dann die Visio-
nen vertreibt. Also ist alles nur unter dem Einflusse des Materiellen!
Goethe hat da nicht etwa nur so b'lindlings aus der Luft gegriffen, son-
dern er hat den Nicolai, Friedrich Nicolai, geboren 1733, Buchhandler
und Schriftsteller, gestorben 1 8 1 1 , sehr gut gekannt. Und damit kein
Zweifel ist, daft er den Nicolai meint, so laftt er den Proktophantasmist
noch sagen, nachdem dieser unter die Geister als Geist selber gezogen
ist und sie wegdiskutieren wollte, er laftt ihn nach einiger Zeit sagen:
Ihr seid noch immer da! Nein! das ist unerhort.
Sie sollten jetzt schon weg sein, denn er will sie ja wegdiskutieren.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklart!
Heute wiirde man sagen: wir haben ja den Monismus verbreitet.
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Nun muft er es doch sehen, denn er kann es ja wirklich sehen; er ist ja
einer, der an Visionen leidet, denn solche Menschen sind nun auch ge-
eignet, sich zu vereinigen in der «Walpurgisnacht».
Goethe hat wiederum nicht dilettantisch geschildert, sondern einen
Menschen genommen, der durch seine Imaginationen, wenn die Sache
gerade giinstig ablauft, in der Nacht vom 30. April auf i.Mai eben
auch bewuftt in die geistige Welt eintreten und den Hexen begegnen
kann. Es muft gerade ein solcher sein. Goethe schildert nicht dilettan-
tisch, sondern er verwendet schon Menschen, die durchaus brauchbar
sind. Aber sie bleiben in den Neigungen, in den Affinitaten, die sie auf
der Welt haben. Daher will er, der Proktophantasmist, auch als Geist
die Geister abschaffen; und Goethe macht das sehr deutlich. Denn Fried-
rich Nicolai selber hat als Nachtrag zu dieser Abhandlung - die Ab-
handlung iiber die Blutegelgeistertheorie - einen Geisterspuk auch be-
sprochen, welcher sich zugetragen hat auf dem Gute Wilhelm von Hum-
boldts in Tegel. Wilhelm von Humboldt wohnte in der Nahe von
Berlin, in Tegel; Friedrich Nicolai hat sich audi als ein Aufgeklarter
iiber den hergemacht; deshalb laflt Goethe ihn sagen:
Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel.
Tegel ist ein Vorort von Berlin, da hatten die Humboldts ein Gut; dort
ist der Spuk passiert, um den sich Goethe sehr wohl bekiimmerte; auch
wuftte er, daft den der Friedrich Nicolai beschrieben hat, aber als Geg-
ner, als Aufgeklarter.
Wie lange nab' ich nicht am Warm hinausgekehrt
Und nie wird's rein; das ist doch unerhort!
Na, selbst im Hause des aufgeklarten Wilhelm von Humboldt in Tegel
spukt's. Den «Geistesdespotismus» will er nicht leiden, denn die Geister
folgen ihm nicht, die sind nicht gehorsam:
Mein Geist kann ihn nicht exerzieren.
Und um vollends hinzuweisen darauf, daf5 er wirklich in sachgemafter
Weise eine Personlichkeit nimmt, wie eben den Nicolai, fiihrt er noch
die Worte an:
Heut, seh ich, will mir nichts gelingen;
Doch eine Reise nehm' ich immer mit,
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
Namlich Nicolai hat damals eine Reise durch Deutschland und die
Schweiz gemacht und beschrieben; da hat er alles aufgezeichnet, was
ihm so begegnet ist an Merkwiirdigem, und da finden sich viele recht
gescheite, aufgeklarte Bemerkungen. Besonders hat er sich iiberall gegen
den Aberglauben gewendet, wie er es nannte. Also selbst auf die
Schweizer Reise wird angespielt!
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.
Die Teufel, weil er gegen die Geister vorgegangen; die Dichter - «Die
Freuden des jungen Werther» - gegen Goethe.
Solchen Leuten gegeniiber ist schon Mephistopheles im klaren. Des-
halb sagt er:
Er wird sich gleich in eine Pfiitze setzen,
Das ist die Art, wie er sich soulagiert,
Und wenn Blutegel sich an seinem Steift ergetzen,
Ist er von Geistern und von Geist kuriert.
Audi ein Hinweis eben auf die Blutegeltheorie des Friedrich Nicolai.
Sie konnen sie in den Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften
zu Berlin lesen. 1799 hat Friedrich Nicolai diesen Vortrag gehalten.
Nun aber, nachdem diese Sache abgetan ist, sieht Faust eine sehr
gewohnliche Erscheinung: ein rotes Mauschen springt aus dem Munde
der schdnen Hexe. Das ist eine sehr gewohnliche Erscheinung und ist
ein Beweis dafiir, daft Faust voll bewuftt geblieben ist; denn, wenn er
nicht voll bewuftt, sondern nur traumhaft ware, so wiirde es bei dem
roten Mauschen bleiben, aber er kann diese zunachst durch sinnliche
Triebe hervorgerufene Vision nun in dasjenige verwandeln, was es
wirklich fur ihn sein soil. Die Szene erstarrt - ich denke, das ist ein
grower Eindruck - und das rote Mauschen wird zum Gretchen. Es bleibt
nur der rote Blutstrang um den Hals. Die Imagination hat sich auf-
gelost. Faust vermag uberzugehen von einer niedrigen Imagination
zu dem Sehen der Seele von Gretchen, die durch ihr Ungliick nun vor
ihm in ihrer wahren Gestalt sichtbar wird.
Sie mogen denken, wie immer Sie wollen, aber die Zusammenhange
in der geistigen Welt sind mannigfaltig, vielleicht auch verwirrend;
und das, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe iiber die Verwandlung
einer niedrigen Vision von einem roten Mauschen in etwas Hdheres,
Wahrhaftiges, Tiefes, das ist durchaus eine geistige Tatsache. Es ist
hochst wahrscheinlich, daft die ganze Szene von Goethe urspriinglich
anders gedacht war; es findet sich eine kleine Skizze, in der die Szene
etwas anders dargestellt wird, so, wie Mephistopheles sie dem Faust
vorzaubern mochte; aber Faust ist genug bewuftt geworden, um sich
hier dem Mephistopheles zu entziehen und eine Seele zu sehen, zu der
ihn Mephistopheles selber nie gefuhrt hatte; selbst fur Mephistopheles
bleibt sie die «Medusa», woraus Sie sehen, daft Goethe darauf hin-
deuten will, wie zwei verschiedene Seelen ein und dieselbe geistige
Wirklichkeit in ganz verschiedener Weise deuten konnen; die eine wahr,
die andere in der einen oder andern Richtung falsch. Mephistopheles
aus seinen niederen Trieben heraus, welche solche Erscheinungen f arben,
kommt zu dem frivolen Ausspruch: Jeder sieht eben so etwas wie sein
Liebchen. Und jetzt sehen wir auch, daft es sich um ein geistiges Erlebnis
des Faust handelt, zu dem er hat kommen miissen. Er ist nicht der
riistige Spazierganger, sondern er ist derjenige, der ein geistiges Erlebnis
durchmacht; und das, was er hier sieht als Gretchen, das ist im Grunde
genommen dasjenige, was in ihm lebt, und was das andere nur an die
Oberflache fuhrt.
Nun will Mephisto den Faust ablenken von dem Ganzen, was nun
die tiefere geistige Wirklichkeit ist, und fuhrt ihn dann vor etwas - am
Schlusse der «Walpurgisnacht» mufi das durchaus so angesehen wer-
den -, was Mephisto nur hereinversetzt: namlich eine Art Theater. Das
ist durchaus eine Zauberkunst des Mephistopheles. Aufgefuhrt wird
dasjenige, was folgt: «Der Walpurgisnachtstraum». Aber das Ganze
wird in die Blocksbergszene versetzt, weil es so dargestellt werden soil,
wie Mephisto eben Faust haben will, und der ganze «WaIpurgisnachts-
traum», iiber den ich heute nicht weiter reden will, der wird eigentlich
von Mephisto vorgefuhrt, um Faust in ganz bestimmte Gedanken-
richtungen hineinzubringen. Aber eine merkwiirdige Art von dichte-
rischer Umschreibung ist da. Erinnern Sie sich, wie Mephisto sagt:
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhochste Kraft,
Laft nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Liigengeist bestarken,
So hab' ich dich schon unbedingt -
Im «Walpurgisnachtstraum» ist alles verniinftig; aber Faust soli vor-
gemacht werden, daft er sich an diesem Vernunftigen nur ergotzen soli.
Goethe hat das italienische «dilettare» umgedeutet in das deutsche
«dilettieren»; es ist eigentlich «ergotzen». Und Servibilis ist schon von
Goethe erfunden als ein Diener des Mephistopheles, der Faust dazu
bringen soil, daft er sich an dem Vernunftigen ergotzt, das heiftt, daft
er es in einer niedrigen, frivolen Weise nehme. Deshalb wird, trotzdem
der «Walpurgisnachtstraum» ernst zu nehmen ist, gesagt:
Gleich fangt man wieder an.
Ein neues Stuck, das letzte Stuck von sieben;
Soviel zu geben ist allhier der Brauch.
Ein Dilettant hat es geschrieben,
Und Dilettanten spielen's auch.
Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
Mich dilettiert's den Vorhang aufzuziehn.
Also das ist die Art, wie Mephistopheles jetzt Faust dazu verfuhren
will, daft er das Vernlinftige des «Walpurgisnachtstraumes» verachte.
Deshalb laftt er es ihm in einer solchen Aura gleichsam vorgesetzt sein.
Denn das ist ihm recht, wenn er das Vernlinftige hereinschwindeln kann
auf den Blocksberg; das findet er gut. Denn nach seiner Ansicht gehort
es dahin.
Sie sehen, wir haben es wirklich bei Goethe hier zu tun mit einer
Dichtung, die liber die niedrigere spirituelle Welt durchaus handelt,
und die uns zeigt, daft Goethe beschlagen war in spirituellen Erkennt-
nissen. Auf der andern Seite kann uns auch das aufmerksam machen,
wie sehr es notig ist, daft die Menschen ein wenig an Geisteswissenschaft
herankommen, denn sonst - wie soli man Goethe verstehen? Selbst
Goethe liebende, hervorragende Menschen konnen sonst nur finden,
daft dieser Goethe ein so graft licher Kerl ist!
Das sagen sie nicht, sie vertuschen es dann. Das gehort auch zu den
Lebensliigen!
Er ist ein so graftlicher Kerl, daft er, nachdem er den Faust das Ungluck
hat anstellen lassen mit Gretchens Mutter, mit Gretchens Bruder, ihn
nach zwei Tagen als Wanderer seelenvergnligt nach dem Blocksberg
flihrt. Aber man muft immer wiederholen: Goethe war schon nicht jener
quietschvergnligte Wald- und Wiesen-Goethe, als der er den Menschen
bisher erschienen ist, sondern man wird sich bequemen miissen, zu er-
kennen, daft in ihm etwas ganz anderes noch ist, und daft vieles erst ans
Tageslicht kommen muft, was in Goethes Dichtung steckt.
GOETHES AHNUNGEN NACH DEM KONKRETEN HIN
SCHATTENHAFTE BEGRIFFE
UND WIRKLICHKEITSDURCHTRANKTE VORSTELLUNGEN
Dornach, 2j.]anuar 19 ij
nach einer szenischen Darstellung aus * Faust* II
Zweiter Aufzug: Hochgewolbtes, enges gotisches Zimmer. Laboratorium
Von den Szenen, die Sie eben gesehen haben, mochte man, daft sie ver-
standnisvollen Eingang fanden in weitesten Kreisen der Gegenwart,
denn diese Szenen enthalten viele Keime der Entwickelung, in welcher
audi die geisteswissenschaftliche Stromung lauft. Man kann sagen, daft
Goethe, indem er diese Szenen aus langjahriger, allseitiger Erfahrung
heraus schrieb, vieles geahnt hat von dem, was durch die Geisteswissen-
schaft wie eine Saat aufgehen muft. Sowohl wie ein kulturhistorisches
Dokument als audi wie ein Ausdruck einer tiefen Erkenntnis stehen
gerade diese Szenen des zweiten Teiles des «Faust» vor unserer Seele.
Wir durfen schon, wenn wir an solche tiefste Manifestationen Goethe-
schen Geistes herantreten, die uns jetzt schon gewohnten geisteswissen-
schaftlichen Vorstellungen zu Hilfe nehmen, um zum vollen Verstand-
nisse zu kommen.Denn in diesen geisteswissenschaftlichen Vorstellungen
liegt formuliert, zum vollen Bewufttsein gebracht, was Goethe aus einer
inneren Imagination heraus mit den Erfahrungen seiner Zeit aus-
gestaltete.
Wir haben in der ersten der beiden Szenen zunachst etwas wie ein
bedeutsames kulturhistorisches Dokument. Als Goethe, herangereift
durch alles dasjenige, was er in sich aufgenommen hatte aus den Natur-
wissenschaften auf der einen Seite, aus der Vertiefung heraus, welche
diese naturwissenschaftlichen Anschauungen durch seine mystischen
Studien erfahren haben, aus jener Vertiefung heraus ferner, die ihm
die griechische Kunst gegeben hatte, als Goethe diese Vorstellungen, die
da in ihm lebten, zu Gestalten formte, da war zugleich die Zeit, in
welcher aus unendlichem Erkenntnis-Enthusiasmus heraus die Geister
versuchten, heranzukommen an die hochsten Probleme des Daseins. Es
ist etwas, was gerade in unseren Kreisen nicht iiberraschen darf, nicht
iiberraschen kann, daft das Streben nach der geistigen Welt, wenn es
recht intensiv auftritt, man kann sagen seine Karikaturen treibt, richtig
seine Karikaturen treibt. Sowohl das mystische Streben wie audi das
tiefere philosophische Erkenntnisstreben, sie treiben ihre Karikaturen.
In Goethes unmittelbarer Nachbarschafl entwickelte sich zu der Zeit, in
der in Goethes Geist diese Szenen sich entfalteten, wirklich ein bedeut-
sames, man kann sagen philosophisch-theosophisches Streben. Da lehrte
Johann Gottlieb Fichte aus einem ungeheuren Erkenntnis-Enthusiasmus
heraus. Sie konnen aus den skizzenhaften Ausfuhrungen in meinen
Biichern, sowohl in dem einen iiber «Die Ratsel der Philosophie» wie
auch aus dem letzten Buche «Vom Menschenratsel» ersehen, wie Fichte
in elementarer Weise strebte, dasjenige zu gestalten, was im Innersten
der Menschenseele an Gottlich-Geistigem lebt, so daft durch diese Ent-
faltung des Gottiich-Geistigen im Inneren der Seele der Mensch sich
seines gottlich-geistigen Ursprunges selber bewufk wird. Fichte suchte
das voile Leben des Ich, des schaffenden, wirkenden Ich, aber auch des
gotterfiillten Ich in der Menschenseele zu erfassen. Damit versuchte er,
den Anschluft des inneren menschlichen Lebens an das ganze kosmische
Leben zu erfiihlen. Und aus diesem Enthusiasmus heraus sprach er. Es
ist nur zu erklarlich, dafi gerade ein soldier Geistvorstoft vielfach An-
stoft erregte. Nicht wahr, aus dem Konkreten der Geisteswissenschaft
heraus konnte Fichte noch nicht sprechen, dazu war die Zeit noch nicht
reif . Man mochte sagen, wie in abstrakten, umf assenden Begriffen suchte
Fichte das Gefuhl lebendig zu machen, das dann durch die Eindriicke
der Geisteswissenschaft im Menschen belebt werden kann. Dadurch
hatte seine Sprache vielfach etwas Abstraktes, aber etwas von leben-
digem Fiihlen, von lebendiger Empfindung durchdrungenes Abstraktes.
Und es bedurfte schon des starken Eindruckes, den eine solche Person-
lichkeit unmittelbar machen kann, um iiberhaupt dasjenige, was Fichte
zu sagen hatte, ernst zu nehmen. Gedruckt nahm es sich vielfach recht
paradox aus, noch paradoxer als die Paradoxien - die notwendigen
Paradoxien - der Geisteswissenschaft es oftmals sein miissen, weil das-
jenige, was wahr ist, den Menschen, die daran nicht gewohnt sind, viel-
fach nur als das Lacherliche erscheint. Deshalb konnte gerade ein solcher
Geist wie Fichte, der die Wahrheit sogar noch in ganz abstrakter Form
sagen mufite, lacherlich gefunden werden.
Auf der andern Seite konnten Menschen, die schon den grofien Ein-
druck Fichtes bekamen, die Dinge iibertreiben, wie ja alles leicht im
Leben iibertrieben wird. Und dann kamen Karikaturen der Fichteschen
Wesenheit heraus, Karikaturen audi der andern, die aus ahnlicher Ge-
sinnung dazumal in Jena lehrten. Lehrte in Jena doch auch Schelling,
der dann aus einem ahnlichen Streben wie Fichte sich wirklich durch-
rang, wie ich oftmals betonte, zu einer recht tiefen Auffassung des
Christentums, ja des Mysteriums von Golgatha, der sich geradezu zu
einer Art von Theosophie hinwendete, die er dann, allerdings ohne von
seinen Zeitgenossen verstanden zu werden, in seiner « Philosophic der
Mythologie» und in seiner «Philosophie der Offenbarung» zum Aus-
drucke brachte, die aber schon lebte in jener Abhandlung, die er in An-
lehnung an Jakob Bohme geschrieben hat iiber die menschliche Freiheit
und andere damit zusammenhangende Gegenstande, schon lebte in
seinem Gesprache « Bruno oder iiber das gottliche und das naturliche
Prinzip der Dinge», namentlich lebte in seiner schonen Abhandlung
«t)ber die Gottheiten von Samothrake», wo er ein Bild aufrollte von
dem, was nach seiner Ansicht wirklich gelebt hat in jenen alten Myste-
rien. Dann gab es solche Geister wie Friedrich Schlegel, die in energischer
Weise auf die verschiedenen Zweige des menschlichen Wissens dasjenige
anwendeten, was diese mehr philosophisch gearteten Naturen aus dem
Zentrum der Weltenordnung herauszulocken versuchten. Hegel hatte
begonnen, seine Philosophie aufzuzeichnen. Das alles hatte sich in
Goethes Nachbarschaft abgespielt. Diese Menschen versuchten iiber alles
Relative in der Welt, iiber alles dasjenige, was die Menschen in der
Alltaglichkeit beherrscht, hinauszudringen zu dem Absoluten, zu dem-
jenigen, was nicht bloft in Relativitaten lebt. So suchte Fichte hinaus-
zudringen iiber das gewohnliche alltagliche Ich zu dem absoluten Ich,
das in der Gottheit verankert ist und in der Ewigkeit webt. So suchten
Schelling und Hegel zu dringen zu dem absoluten Sein.
Die Art, wie die Zeit solches aufnahm, war natiirlich verschieden.
Man kann sich - insbesondere heute, wo die Geisteswissenschaft an
unsere Herzen herandringen kann - schon eine lebendige Vorstellung
verschaffen, in welcher Gemiitsverfassung sich so ein Fichte, so ein
Schelling, so ein Hegel befinden mochten, wenn sie iiber dasjenige spra-
chen, was ihnen so klar vor dem geistigen Auge stand, und die Men-
schen dagegen sich stumpf verhielten, stumpf, feindselig. Und dann
kann man es begreifen, daft der jugendliche Fichte, indem er den Zopfen
in Jena entgegentrat, die alles nach ihrer Art zu wissen vermeinten,
audi einmal zornentflammt sein konnte. Fichte war ofter zornentflammt,
nicht nur, als man ihn von Jena wegschickte, sondern er war auch ofter
zornentflammt, wenn er sah, daft er sein Bestes gab, und es in kein
Herz, keine Seele hineinging, weil die Leute alles besser zu wissen ver-
meinten aus den alten herkommlichen Vorstellungen und dem Wissen,
das sie aufgenommen hatten. Und da kann man es dann schon begrei-
fen, daft sich manchmal solch ein Geist wie Fichte, wenn er die Zopfe
von Jena vor sich hatte, zu dem Ausspruch hat hinreiften lassen konnen,
wenn er da zu tun haben sollte mit diesen alten Kerlen, man solle alle,
die iiber dreiftig Jahre alt sind, totschlagen. - Es war ein Geisteskampf
allererster Art, der dazumal in Jena entbrannte. Man schwarzte das
auch an, was dazumal in Jena lebte. Ein Wasserdichter, der aber gerade
Publikum hatte, der Kotzebue, schrieb ein sehr interessantes drama-
tisches Pamphlet, das geistvoll ist, geistvoll dadurch, daft er schilderte
so eine Art, konnte man sagen, Jung-Baccalaureus, der in Jena aus-
gebildet worden ist, und der, indem er nach Hause kehrt zu seiner
Mutter, in lauter Phrasen spricht, wie er sie in Jena gehort hat. Die
werden alle wortlich hineingenommen in dieses Pamphlet, das da heiftt
«Der hyperboreische Esel oder die neue Bildung». Es nimmt sich das
alles sehr geistvoll aus; es ist aber doch nichts anderes als eine niedrige
Denunziation eines groften Wollens. Das miissen wir natiirlich fern-
halten von dem, was Goethe seinerseits auch tadeln wollte: die Kari-
katur, die sich herausentwickelt aus dem Groften, denn wir miissen uns
klar sein dariiber, daft der Briefwechsel zwischen Goethe und Fichte,
der Briefwechsel zwischen Goethe und Schelling zeigt, daft Goethe voll
zu wiirdigen verstand diese nach dem Absoluten strebenden Geister.
Aber Goethe war, wenn man bei ihm auch nicht okkulte Prinzipien
geradezu systematisch verarbeitet findet, man kann sagen ein ganz in
der Aura des Okkulten lebender Geist, der da wuftte, wie dasjenige,
was lebt im guten Fortschritte der Weltentwickelung, nach der einen
Seite ahrimanisch, nach der andern Seite - wenn er auch diese Ausdriicke
nicht gebrauchte, auf Ausdriicke kommt es nicht an - luziferisch ab-
biegen kann, und daft eigentlich die Weltentwickelung immer imPendel-
schlag ist zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen. Und
Goethe wollte alles aus dem Tiefsten heraus entwickeln, iiberall zeigen,
wie im Grunde genommen das Streben nach dem Hochsten zu gleicher
Zeit eine Gefahr sein kann. Was kann nicht alles eine Gefahr werden!
Das Allerbeste kann eine Gefahr werden, selbstverstandlich. Und ge-
rade dieses Problem trat Goethe so lebhaft vor das Seelenauge, wie das
Beste eine Gefahr werden kann, wenn sich die ahrimanischen, die luzi-
ferischen Machte in die Dinge hineinmischen.
Da hatte er seine Faust-Dichtung im Auge, jenen Faust, der nach den
tiefsten Geheimnissen des Daseins strebte, der verwirklicht zeigen sollte,
was Goethe immer vor der Seele stand: das unmittelbare Anschauen des
Geistig-Lebendigen in allem Naturlichen und Geschichtlichen. Goethe
selber strebte zuriick nach den Geheimnissen des geistigen Daseins der
griechischen Vorzeit. Er wollte sich verbinden mit demjenigen, was
schaffend lebendig in einem fertiggewordenen Zeitraume, im vierten
nachatlantischen Zeitraume, vorhanden war. Das wollte er gestalten in
seinem Faust, der nach dem Lebendigen der Helena hinstrebt. Die Wege
sucht Goethe, auf denen er seinen Faust zu Helena fiihren kann. Aber
Goethe war klar, daft dies eine Gefahr bedeutet. So berechtigt, so hoch-
sinnig das Streben ist, das in solchem liegt, eine Gefahr bedeutet es, weil
es sehr leicht in das luziferische Fahrwasser hineinfuhren kann.
So zeigt uns denn Goethe zunachst den Faust ins luziferische Fahr-
wasser hineingeratend, paralysiert durch die Erscheinung der Helena,
paralysiert durch die Verbindung mit dem Spirituellen. Aus dem Reich
der Mutter hat Faust Helena heraufgeholt, zunachst nur als geistige
Kraft vor sich gehabt. Paralysiert ist er durch das, was er spirituell
erleben kann. Das Innere des Faust ist ausgefiillt mit dem, was er
aufgenommen hatte. Er lebt in dem lebendigen Geistigen, in dem
spirituellen Elemente des alten Griechenlandes, aber er ist dadurch
paralysiert.
Und so finden wir ihn, indem Mephisto ihn zuriickgebracht hat in
seine Zelle, in sein Laboratorium, und ihn paralysiert zeigt durch das
Zusammenleben mit dem geistigen Elemente der Vergangenheit.
Wen Helena paralysiert,
Der kommt so leicht nicht zu Verstande . . .
meint Mephistopheles. Wir sehen audi, wie eine gewisse Scheidung ein-
getreten ist zwischen Faust, der in das luziferische Fahrwasser geraten
ist, und Mephistopheles. Faust ist gewissermaften mit seiner Seele - ob
sie nun mehr oder weniger bewufk dies erlebt, was sie erlebt - in einem
andern geistigen Fahrwasser, in das er durch luziferische Impulse ge-
kommen ist, als diejenigen geistigen Wege sind, in denen Mephisiophe-
les wandelt. Sie sind wie durch eine Bewufkseinsgrenze jetzt voneinan-
der geschieden.
Faust traumt, so sagt man in der profanen Sprache. Er weift nichts
von seiner alten Welt, in der er als der ihm gegenwartigen lebt. Me-
phisto hat sie aber um sich, und durch Mephisto lebt denn auch alles
ahrimanisch wieder auf. Und so haben wir im Grunde genommen die
zwei Welten gerade in dieser Szene hart aneinanderstoftend, ganz sach-
gema£ aneinanderstofSend. Es ist merkwiirdig, wie griindlich Goethe in
seiner instinktiv geisteswissenschaftlichen Art eigentlich ist. Dieses An-
einanderstoften, es wird uns ganz deutlich gemacht durch den Famulus,
der jetzt eingefuhrt wird, der ahnungslos hin und her pendelt, konnte
man sagen, zwischen den gefahrlichsten Dingen, die sich in seiner Um-
gebung abspielen.
Diesen Ahnungslosen sehen wir zunachst, der uns gewissermaften
reprasentiert eine Art von Menschen, die wie gefangen sind von der
Ahnungslosigkeit, der Unaufmerksamkeit, fur die sie oftmals nichts
konnen. Er sieht nicht, was um ihn herum vorgeht. In diesem Sinne
kann man auch die ganze Rede auffassen, die von diesem Famulus
kommt.
Anders schon wird uns das ganze Milieu, in dem wir jetzt leben,
durch die Begegnung des zum Baccalaureus gewordenen fruheren Schii-
lers mit Mephistopheles dargestellt. Der Baccalaureus, man sieht es ihm
an, geht ganz aus der Umgebung hervor, die ich Ihnen vorhm geschil-
dert habe. Aber er stellt eine Karikatur davon dar, ist von alledem infi-
ziert, was die Kant-Fichte-Schelling-Hegelsche Philosophic, die Schle-
gelschen Auseinandersetzungen haben geben konnen; aber er nimmt
alles im engumgrenzten, egoistischen Sinne. Warum tut er denn das? Ja,
diese Frage mufi man sich schon vorlegen. Warum ist denn eigentlich der
Baccalaureus dasjenige geworden, als was er sich uns darstellt? Hat
Goethe etwa wollen die ihm werte Philosophic der Jenenser verspotten
in dem Baccalaureus? Ganz und gar nicht. Aber in seinem Sinne ist
hineingeschickt worden in dieses philosophische Fahrwasser der Schiiler,
der da hat als ein Geleitwort von Mephistopheles erhalten:
Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.
Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,
Dir wird gewifi einmal bei deiner Gottahnlichkeit bange!
Den Impuls hat der Baccalaureus gewordene Schiiler von Mephisto-
pheles selber. Mephistopheles kann sich nicht beklagen, daft ihn der
Baccalaureus so behandelt, dafi er sagen mufi:
Du weifk wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?
Denn er hat das alles in ihn gepflanzt; er hat das gesat in seiner Seele.
Der Baccalaureus ist schon gefolgt dem Spruch und der Muhme, der
beriihmten Schlange. Und er fiihlt sich zunachst gar nicht bange, das
wird erst kommen. Er fiihlt sich gar nicht bange in seiner Gottahnlich-
keit, die er ja sehr deutlich ausspricht, indem er darauf aufmerksam
macht, dafi er es ist, der die Welt erschaffen hat, der die Welt gestaltet
hat. - Schliefilich ist dieses ja aus der Kantschen Philosophic fur manche
karikatursuchenden Menschenkinder geworden, wird es auch noch heute
vielfach.
Ja, man kann schon Menschenkinder kennenlernen, welche die Kant-
sche Philosophic noch ichlicher auffassen als dieser Baccalaureus. Wir
haben einmal einen Menschen kennengelernt, der so infiziert war von
Kantscher, Fichtescher Philosophic, daft er wirklich die Meinung hatte,
er habe die ganze Welt erschaffen. Das war in ihm zur fixen Idee ge-
worden, er habe die ganze Welt erschaffen. Ich sagte ihm dazumal: Nun
ja, gewifi, als Vorstellung, als Ihre Vorstellung haben Sie ja die Welt
erschaffen, aber zu der Vorstellung kommt noch etwas hinzu, denn Sie
haben audi die Vorstellung Ihrer eigenen Stiefel erschaffen, aber der
Schuster hat sie gemacht, diese Stiefel, und Sie konnen nicht sagen, daft
Sie diese Stiefel gemacht haben, obwohl Sie die Vorstellung dieser Stie-
fel gemacht haben! - Im Grunde beruht alle echte Widerlegung, sogar
der Schopenhauerschen Philosophic von der «Welt als Vorstellung», auf
diesem Schusterproblem, nur sieht man diese Dinge nicht immer im
rechten Lichte.
Also der Baccalaureus ist schon gewissermaften ein Opfer des Me-
phisto, so wie er ihm jetzt selber entgegentritt. Nach dem Absoluten
haben die Philosophen gestrebt. In dem Baccalaureus wird das Streben
nach dem Absoluten zu einer Karikatur. Mephisto rauE ihm sagen:
Kommt nur nicht absolut nach Haus.
Man sieht den Zusammenhang mit der Kultur, mit der Geisteskultur
der damaligen Zeit in sehr geistvoller "Weise durch Goethe dargestellt.
Daher sind diese Szenen, weil sie aus der lebendigen Wirklichkeit her-
aus sind, auch so lebendig und so ungemein dramatisch. Und Goethe
hat immer wieder und wiederum das Bestreben, die Menschen hinaus-
zufiihren iiber jene etwas nach Kellergeruch duftenden Vorstellungen,
die man so leicht hort: Ach, wir wollen uns nur mit dem Guten verbin-
den; nichts Ahrimanisches und Luziferisches soli da sein; das raufi man
fliehen. - Weil Goethe nicht liebt diese nach Kellergeruch duftenden
Vorstellungen, stellt er auch zuweilen den Mephistopheles recht sym-
pathisch dar, recht gemutvoll, konnte man sagen. Denn wie gemtitvoll
ist es doch, wenn der gute Mephistopheles, als der Baccalaureus gar zu
absolut wird, mit seinem Stuhl hinunterriickt von dem Baccalaureus
zu dem - Publikum. Namentlich zu dem jiingeren Parterre, dachte sich
Goethe, riickt Mephistopheles heran und sucht jetzt dort ein Unter-
kommen. Und Goethe lalk den Mephistopheles nicht bloft Teuflisches,
sondern ganz TrefFendes sagen, weil Goethe weifi, wieviel Mephisto-
phelisches dem Leben beigemischt sein mufi, wenn das Leben gedeihen
soli, wie ungesund die Vorstellungen sind, die in der angedeuteten Weise
nach Kellergeruch duften. Und es ist schon der Muhe wert, einmal nach-
zudenken dartiber, wie auch Goethe nicht ganz kalt geblieben ist bei der
Kalte der stumpfen Menge. Daher lalk er seinen Mephistopheles sich
sogar etwas erziirnt aussprechen iiber die Leute, denen er ansieht, wie
kalt sie bleiben bei den Weisheitsspriichen, die er doch auftert. Es ist das
schon eine Kalte, auf die Goethe auch hinweisen wollte, obwohl diese
Kalte lange noch nicht so kalt war, wie heute oftmals die Gesinnung und
die Stimmung der Seele ist gegeniiber demjenigen, was aus dem geistigen
Leben an die Menschheit herandringen kann.
Und dann sehen wir, wie eine echt ahrimanische Tatigkeit sich ent-
faltet in der Erzeugung des Homunkulus. Goethe ist es nicht leicht ge-
worden, gerade diejenige Partie seines «Faust» zu dichten, die wir hier
vor uns gehabt haben. Kleine Dichter werden mit allem fertig! Sogar
mit dem groften Problem unter Umstanden wiirde ein kleiner Dichter
rasch fertig geworden sein: Faust und Helena zusammenzubringen.
Aber Goethe war eben kein kleiner Dichter, daher ist ihm das Dichten
schwer und sauer geworden. Daher muftte er einen Weg suchen, Faust
wirklich mit der Helena zusammenzufiihren, mit der er zusammen
lebte, ich mochte sagen, in einem andern Bewufttseinszustande, wie wir
gesehen haben. Goethe muftte den Weg suchen. Er war sich gar nicht
gleich klar, wie er diesen Weg finden sollte. Zuerst sollte Faust hin-
untergef iihrt werden in die Unterwelt und von Proserpina sich die Hilf e
erbitten, daft Helena leibhaftig zu ihm herankomme. Aber Goethe emp-
fand dasjenige, was er da darstellen wiirde, um sich die Helena von der
Proserpina zu holen, so, daft er keine Begriffe und Vorstellungen fand,
um die Sache darzustellen. Denn bedenken Sie nur, um was es sich han-
delte. Es handelte sich darum, daft Faust soweit gekommen war, im
Unterbewufttsein seiner Seele, imaginativ, an die Helena heranzu-
kommen; aber er sollte mit denjenigen Fahigkeiten an sie herankom-
men, die ihm im Leben natiirlich waren. Dazu muftte Helena in diese
Bewufttseinssphare herein steigen. Also Goethe muftte gewissermaften
eine Verkorperung der Helena zustande bringen. Dazu beniitzte er das-
jenige, was er wuftte aus Paracelsus, den er wohl studiert hatte, nament-
lich die Abhandlung von Paracelsus 5 «De generatione rerum» kam ihm
sehr zugute. Da schildert Paracelsus, wie man durch gewisse Vorgiinge
Homunkeln erzeugen kann. Es ist selbstverstandlich fur den heutigen
Menschen sehr leicht, zu sagen: Nun ja, das war halt ein mittelalterliches
Vorurteil des Paracelsus. - Es ist fur den heutigen Menschen leicht, zu
sagen: Kein Mensch braudit zu glauben an dasjenige, was da Paracelsus
phantasiert. - Gewift, es braucht es ja meinetwillen auch keiner. Aber
bedenken sollte man doch, daft Paracelsus in jener Abhandlung «De ge-
neratione rerum» ausdriicklich versichert, durch gewisse Vorgange ware
man imstande, etwas zu erzeugen, was zwar keinen Korper hat - bitte,
darauf zu achten! Paracelsus sagt ausdriicklich: es hat keinen Korper -,
was aber Fahigkeiten hat, die ahnlich sind den menschlichen Seelen-
fahigkeiten, nur sich bis zur Hellsichtigkeit steigern. Also Paracelsus
dachte an gewisse Hantierungen, die den Menschen dahin bringen, vor
sich ein korperloses Wesen zu haben, das aber so wie der Mensch eine
Art Verstandestatigkeit, eine Art Intellektualitat, ja sogar in hoherer
Steigerung entfaltet. Das hat Goethe zu Hilfe genommen. Er hat sich
etwa gedacht: rein spirituell griff herein die Helena in die Bewufttseins-
sphare des Faust, aber sie muft dichter werden.
Dieses Dichterwerden, das lieft er geschehen durch ein solches Wesen,
wie der Homunkulus es ist, der gewissermaften die Briicke baut zwi-
schen dem rein Geistigen, Spirituellen, indem er selber korperlos ist,
aber bei Gelegenheit von korperlichen Hantierungen entsteht, zu dem
Korperlichen hiniiber, so daft man sagen kann: Durch die Anwesenheit
des Homunkulus wird es moglich, die ganz spirituelle Helena herein-
zufuhren in diejenige korperliche Welt, in der Faust heimisch ist.
Natiirlich brauchte Goethe zu alldem eine Art Miftverstandnis noch.
Und das Miftverstandnis wird auf dem Umwege durch Wagner herbei-
gefiihrt. Wagner ist durch seinen materialistischen Sinn dazu verfiihrt,
an die ganz materielle Herstellung des Homunkulus zu glauben; er
wiirde dasjenige nicht zustande bringen, was ein wirklicher Homun-
kulus ist, denn dazu bedarf es geistiger Krafte, die Wagner nicht zur
Verfugung stehen. Diese geistigen Krafte werden dadurch herbeige-
fiihrt, daft Mephistopheles, das ahrimanische Element, herankommt.
Denn dadurch wird wiederum der ahrimanische Impuls gegeben, dafi
wirklich aus dem etwas wird, was Wagner da zusammenkohobiert.
Hatte Wagner auf seinem Wege ganz allein, vielleicht durch Zuhilfe-
kommen von irgendwelchen ja uberall verborgenen Kraften seinerseits
etwas zustande gebracht, dann ware es ihm vielleicht so gegangen wie
jenem Mann, der mir vor einiger Zeit schrieb, daft er, nachdem er sich
lange bemiiht hatte, nun wirklich lebende kleine Mannchen in seinem
Zimmer zustande gebracht habe, aber nun nicht mehr loskommen
konne; er konne nicht mehr sich retten vor ihnen! Er wollte Rat, wie er
sich retten konnte vor diesen Geschopfen, die er als Iebendige Mechanis-
men hervorgebracht hat. Sie verfolgten ihn seither iiberall. Man kann
sich schon vorstellen, was aus dem Verstande soldier Menschen wird!
Diese Menschen, die solche abenteuerlichen Dinge erleben, gibt es natiir-
lich heute noch immer, ebenso wie es die Spotter gibt gegen diese Dinge.
Durch ein niedliches Zusammentreffen, das aber audi nur ein nied-
liches Zusammentreffen ist, behauptete ja gerade in der Zeit iibrigens,
in der Goethe diese Szene schrieb, Johann Jakob Wagner in Wiirzburg,
dafl man Homunkeln erzeugen konne, und er gab sogar Wege an, wie
man Homunkeln erzeugen kann. Es ist dies aber selbstverstandlich
nicht wahr, dafi Goethe von ihm den Namen genommen hat. Denn der
Name riihrt schon her aus dem alten «Faust», der damals vorhanden
war; der wurde niedergeschrieben, als dieser Johann Jakob Wagner noch
ein Saugling war.
Es gehort also wiederum Mephistopheles dazu, daft aus dem, was
Wagner zustande bringt, wirklich der Homunkulus wird. Aber er wird
nun. Und er wird eigentlich imGrunde genommen so, wie Goethe gelernt
hatte den Homunkulus darzustellen nach der Anleitung des Paracelsus.
Und der Homunkulus wird in der Tat sogleich hellsichtig, denn er schaut
den Traum des Faust, beschreibt dasjenige, was Faust gewissermafien
luziferisch abgezogen, wie in einem andern Bewufkseinszustand, erlebt,
wie Faust wirklich hingelangt in die griechische Welt. Die Zusammen-
kunft des Zeus mit Leda, der Mutter der Helena: wir erkennen sie in der
Beschreibung, die der Homunkulus von dem Traum des Faust gibt.
Wir sehen also, wie Goethe unmittelbar nebeneinanderstellt das-
jenige, was zuerst spirituell im Faust lebt, und den Homunkulus, der
es zu deuten, aufzufassen weifi. Wir sehen, wie Goethe heruberarbeitet
in die gewohnliche physische Welt, so dafi die Helena in die gewohnliche
physische Welt dann eintreten kann. Und durch all die Vorgange, die
geschildert werden in der «Klassischen Walpurgisnacht», sehen wir, wie
Goethe versucht, aus dem Ewig-Geistigen der Helena, mit der Faust zu-
sammen gelebt hat, das Korperliche zu gestalten, indem der Homun-
kulus durchgeht durch alle Reiche der Natur und seine Korperlosigkeit
ablegt, sich verkorperlicht, sich verbindet mit dem geistigen Elemente
der Helena. Und dadurch, daft das dann durchgeht durch alle Reiche der
Natur, wird die Helena aufterlich auf dem physischen Plane das, als was
sie uns im dritten Akte des zweit'en Teiles des «Faust» entgegentritt.
Durch den Homunkulus und durch die Umwandlung, die der Homun-
kulus vollziehen kann mit dem, womit Faust spirituell zusammen lebt,
wird die Helena neu geboren. Das ist es, worauf es Goethe ankommt.
Deshalb hat er den Homunkulus hineingesetzt, deshalb zeigt er die Ver-
wandtschaft dessen, was Faust sozusagen traumt, mit dem, was der
Homunkulus schaut.
Damit aber steht Goethe auch wahrem Okkultismus sehr nahe, jenem
wahren Okkultismus, auf den ich ofter hingewiesen habe, und von dem
alle Denkweise wegfiihrt, die nur in Abstraktionen sich ergeht, die nur
in abstrakten BegrifFen leben will. Ich habe ofter darauf aufmerksam
gemacht, wie eine gewisse einseitige Ausbildung des christlichen Prinzips
gerade dahin gefuhrt hat, wesenlose, schattenhafte BegrifFe zu zeitigen
als Weltanschauung, die nicht imstande sind, gewissermaften hinein-
zugreifen ins reale Leben. Und unter solchen BegrifFen steht die Mensch-
heit heute. Die Menschheit hat auf der einen Seite das rein mechanische
Naturwissen, das aber kein Wissen ist, sondern nur eine Hantierung,
woraus das Lebendige herausgetrieben ist.
Encheiresin naturae nennt's die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiS, nicht wie,
sagt der Mephisto. Das auf der einen Seite, das nur immer abschreiben
will, was aufierlich geschieht. Und auf der andern Seite die abgezogenen
BegrifFe von irgendeinem Geistigen, das entweder pantheistisch vorge-
stellt wird, oder einem Geistigen, das in irgendeinem Wolkenkuckucks-
heim von schattenhaften BegrifFen lebt, die nicht in der Lage sind, wirk-
lich unterzutauchen ins Leben, zu erfassen das wirkliche Leben.
Deshalb habe ich darauf hingewiesen, wie Geisteswissenschaft im-
stande ist, den realen, unmittelbaren Menschen wieder zu verstehen,
zum Beispiel zu sagen: Dieses Haupt des Menschen ist nur auf der einen
Seite dasjenige, was der Anatom daraus macht, indem er es rein aufter-
lich schildert, es ist auch nicht blofi dasjenige, was auflerlich eine abstrakt
im Wolkenkuckucksheim der Begriffe segelnde Seele verkorpert, son-
dern dieses Haupt mufi man verstehen als hervorgegangen durch Me-
tamorphose aus dem Leib der vorhergehenden Inkarnation und, wie ich
in den letzten Vortragen ausgefuhrt habe, aus dem ganzen Kosmos,
aus der Sphare des ganzen Kosmos heraus gebildet. - Dieses Gestalten,
im Gestalten in die materielle Welt eingreifen durch die Begriffe, nicht
das Schwefeln in allgemeinen abstrakten BegrifTen, ist das Wesentliche,
was konkrete Geisteswissenschaft anstreben mufi. Denn gerade das-
jenige, wovor sich manche in der Gegenwart lebende christliche Pasto-
ren und sonstige ahnliche Leute in ihren wesenlosen Abstraktionen von
Gott und dem Ewigen am meisten fiirchten, das ist dieses lebendige
Erf assen der Welt, das konkrete Erfassen des Materiellen, das auch eine
Offenbarung des Geistigen ist. Dieses Untertauchen mit den Begriffen
in die wirkliche Welt ist es, was die Menschen heute nicht haben wollen.
Das ist es aber gerade, auf das auch Goethe ganz energisch hinweisen
will. Daher kontrastiert er diesen Geist des Homunkulus, der das wirk-
liche, konkrete Geistige schaut, wie es dann in dem Bewufitsein des
Faust, wenn auch von anderer Art, lebt, dieses Schauen kontrastiert er
mit der Art, wie Mephisto die Welt gern haben mochte aus der Ver-
einseitigung des christlichen Mittelalters heraus: die Ausloschung alles
desjenigen, was. spirituell an die Menschenseele herankommt. Darum
sieht der Homunkulus dasjenige, was weder Wagner noch Mephisto-
pheles sehen. Und daher, weil Mephistopheles sagt:
Was du nicht alles zu erzahlen hast!
So klein du bist, so grofi bist du Phantast.
Ich sehe nichts -,
antwortet Homunkulus:
Das glaub ich. Du aus Norden,
Im Nebelalter jung geworden,
Im Wust von Rittertum und Pf afferei,
Wo ware da dein Auge frei!
Im Diistern bist du nur zu Hause.
Goethe erstrebt bewufit ein konkretes Erfassen der Wirklichkeit.
Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dafi selbstverstandlich an der
Stelle, wo der Homunkulus zu Mephistopheles spricht, durch irgend-
welchen Umstand ein Vers ausgef alien ist; denn wir sehen iiberall den
Reim:
Das glaub ich. Du aus Norden,
Im Nebelalter jung geworden,
Im Wust von Rittertum und Pfdfferei,
Wo ware da dein Auge fret!
Im Diistern bist du nur zu Hause.
Auf «zu Hause» fehlt der Reim.
Verbraunt Gestein, bemodert, widrig,
Spitzbogig, schnorkelhaftest, niedrig!
Also, es ist durch irgendwelchen Umstand beim Diktieren ein Vers
ausgefallen, denn es fehlt der Reim - und es ist kein Grund, daft der
Reim hier nicht stehen solite -, also ein Vers, der etwa so gelautet haben
muf$:
Was aber soli uns die dumpfe Klause -
so daft Homunkulus, nachdem er gesehen hat, dafi der Mephisto ihn
nicht versteht, ihn deutlich darauf verweist, wie die Menschen entfernt
worden sind von der konkreten geistigen Welt durch die Verabstrahie-
rung, durch die nebelhaften Begriffe, die ausgebildet worden sind, und
die ins Enge getrieben worden sind eben in solchen Verrichtungen, wie
die waren, aus denen Faust herausgewachsen ist, der ihnen aber ent-
wachsen ist. Aber Mephisto fiihlt sich da wohl in seiner Teuflischkeit.
Daher meint Homunkulus etwa:
Das glaub ich. Du aus Norden,
Im Nebelalter jung geworden.
Das Mittelalter ist hier gemeint, aber mit Anspielung an das alte Nifl-
heim:
Im Nebelalter jung geworden -
Jung geworden ist ein alter Ausdruck, der sehr gut ist. So wie man
alt wird vom Physischen aus, so wird man jung vom Geistigen aus,
wenn man geboren wird. Und dieses war ein alter deutscher Ausdruck;
statt « geboren werden» sagte man «jung werden», womit man bezeugte,
daft in der Sprache schon ein Verstandnis dafiir enthalten ist. Also:
Du aus Norden,
Im Nebelalter jung geworden,
Im Wust von Rittertum und PfafFerei,
Wo ware da dein Auge frei!
Im Dustern bist du nur zu Hause.
Was aber soil uns die dumpf e Klause?
Und nun blickt er umher in der dumpfen Klause und sieht da alles,
was da ist:
Verbraunt Gestein, vermodert, widrig,
Spitzbogig, schnorkelhaftest, niedrig,
Dann:
Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,
denn der mufi in das lebendige Leben eingefuhrt werden, weil er nidit
blofi abstrakte BegrifTe will; er will nicht biofi zum Beispiel das Grie-
chentum gesdiildert haben dadurch, dafi man es zeigt, so wie es Huma-
nisten oder Philologen gemacht haben, sondern er will lebendig mit
diesem Griechentum leben, indem der Reprasentant dieses Griechen-
tums, die Helena, leibhaftig vor ihn treten soli.
So sehen wir iiberall gerade in dieser Szene Goethes wunderbare
Ahnung nach dem Konkreten hin. Es ist ja, man konnte sagen, bei
diesen Altersdichtungen Goethes jedes Wort aus einer tiefen Welt-
erfahrung heraus geschrieben. Und das gibt diesen Worten Gewicht,
ungeheures Gewicht, gibt ihnen audi eine Unverganglichkeit. Denn wie
schon sind solche Worte gerade von Mephistopheles gesprochen, wo-
durch sie ihre besondere Farbung erhalten:
O weh! hinweg! und lafit mir jene Streite
Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.
Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan,
So fangen sie von vorne wieder an;
Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt
Von Asmodeus, der dahinter steckt.
Von dem Zwietrachtteufel, mit dem sich der Mephisto recht verwandt
flihlt.
Sie streiten sich, so heifk's, urn Freiheitsrechte.
Man fiihlt sich fast in die Gegenwart herein versetzt, denn da heifk
es auch: Sie streiten sich um Freiheitsrechte! Schon Goethe antwortet:
Genau besehn sind's Knechte gegen Knechte.
Im Ganzen mochte man sagen: O konnte doch die Zeit kommen, wo
auch aus dem Gedichte eines solchen Strebens, wie man es gerade ge-
offenbart durch diese Szene bei Goethe findet, an das ja durchaus an-
geknupft werden soil aus Geisteswissenschaftlich-Anthroposophischem
der Gegenwart - o konnte doch dasjenige, was in dem Gedichte eines
solchen Strebens liegt, die Leute mehr ergreifen, konnte es sich ein-
biirgern in die Seelen! Wir kamen wahrhaftig als Menschen weiter.
Aber statt dessen hat seit Goethes Zeiten die Verabstrahierung alles
Strebens noch unendlich weitere Fortschritte gemacht. Und hier ist der
Punkt, wo gerade der, der sich geisteswissenschaftlich bestrebt, ver-
suchen sollte - meinetwillen sich heraufrankend an Goethe -, sich klar-
zumachen den Unterschied zwischen konkret-geistigem Streben und
abstrakt-geistigem Streben. Die Beschafligung mit Geisteswissenschaft
gibt solche Begriffe, durch die man wirklich untertaucht in das Reale,
in das Wirkliche, durch die man verstehen lernt dieses Wirkliche. Der
Materialismus gibt gar keine wirklichen Begriffe, der gibt nur Begriffs-
schatten. Wo kann denn der Materialismus so etwas verstehen, wie den
von uns klargemachten Unterschied zwischen dem Haupte des Menschen
und dem iibrigen Leib? Oder wie kann der Materialismus zum Beispiel
folgendes verstehen? Nehmen wir einen Begriff, der unendlich wich-
tig ist.
Wir wissen, der Mensch hat seinen physischen Leib, seinen Atherleib,
seinen astralischen Leib, sein Ich. Das Tier hat seinen physischen Leib,
seinen Atherleib, seinen Astralleib. Wir sehen das Tier. Interessant ist
es, Tiere zu beobachten, wenn sie so, nachdem sie auf der Weide sich
reichlich vollgefressen haben, daliegen und verdauen. Es ist interessant
zu beobachten. Warum denn? Weil das Tier ganz mit seinem astrali-
schen Wesen in seinen Atherleib zuriickgezogen ist. Was tut denn eigent-
lich die Seele des Tieres, wenn es da verdaut? Mit unendlichem Wohl-
behagen nimmt die Seele teil an dem, was in dem Leibe geschieht. Es
liegt da und schaut sich beim Verdauen zu. Mit unendlichem Wohl-
behagen schaut es sich zu; das Wohlbehagen ist bei dem Tier ganz un-
geheuer. Interessant ist es, zum Beispiel eine Kuh verdauen zu sehen,
geistig, wenn sie daliegt und nun wirklich ihr innerlich sichtbar werden
alle die Vorgange, die sich da abspielen, indem die Nahrungsstoffe in
den Magen aufgenommen sind und vom Magen nun in die iibrigen
Partien des Leibes befordert werden. Dem schaut das Tier mit innerstem
Behagen zu, weil eine innige Korrespondenz zwischen seinem Astralleib
und seinem Atherleib besteht. Das Astralische lebt in dem, was der
atherische Leib spiegelt von den physisch-chemischen Vorgangen, durch
die sich die Nahrungsstoffe einfuhren in den Organismus. Das ist eine
ganze Welt, welche die Kuh sieht! Allerdings besteht diese Welt nur aus
Kuh und aus den Vorgangen, die in der Kuh stattfinden. Aber wahr-
haftig, wenn auch alles dasjenige, was dieser astralische Leib in dem
Atherleib der Kuh wahrnimmt, blofi die Vorgange in dem ganzen Urn-
kreis, in der Sphare der Kuh sind, so vergrofiert sich das alles, so dafi,
es so groft wird fur das Bewufksein der Kuh, wie unser menschliches
Bewufksein grofi ist, indem es bis zum Firmament geht. Ich miilke Ihnen
die Vorgange, die da zwischen dem Magen und dem iibrigen Organis-
mus der Kuh stattfinden, als eine grofie Sphare zeichnen, die sich ent-
faltet, weit hinaus entwickelt, indem in diesem Augenblick fur die Kuh
nur der Kuh-Kosmos, aber in riesiger Grofte, da ist.
Das ist kein Scherz, das ist so. Und die Kuh fiihlt sich ungeheuer ge-
hoben, wenn sie so ihren Kosmos sieht, sich als Kosmos sieht. Da sieht
man in die konkrete Natur der Tiere hinein. Denn dadurch, da!5 der
Mensch ein Ich hat, reiftt dieses Ich den astralischen Leib von jener
innigen Verbindung mit dem Atherleibe los, in der dieser astralische
Leib mit dem Atherleib zum Beispiel bei der Kuh ist. Er wird los-
gerissen. Und dadurch ist dem Menschen die Moglichkeit entzogen,
wenn er nach dem Essen verdaut, das ganze Verdauungsgeschaft des
Kosmos zu iiberblicken. Es bleibt fur ihn das alles unbewuftt. Dagegen
beschrankt das Ich durch seine Tatigkeit die Impulse des Atherleibes so,
daft sie nur in dem Bereiche der Sinnesorgane von dem astralischen Leib
erfaftt werden. So daft dasjenige, was beim Tier als Ganzes mit dem
astralischen Leib zusammen lebt, beim Menschen nur in den Sinnes-
organen konzentriert ist. Dadurch aber wird fur den Menschen der
Sinnesprozeft so groft, wie fiir gewisse Augenblicke der tierische Prozefi
fur das Tier wird.
Es ist in gewissem Sinne eine Unvollkommenheit des Menschen, daft
er, wenn er sein Nachmittagsschlafchen eben beginnt, nicht traumend
seiner Verdauung zusehen kann, denn er wiirde eine ganze Welt sehen.
Aber dieser Welt entreifit das Ich den astralischen Leib des Menschen
und laftt ihn schauen als Kosmos nur dasjenige, was in den Sinnes-
organen selber erlebt wird.
Ich wollte dieses nur als Beispiel anfiihren. Denn man sieht daraus,
daft es der konkreten Geisteswissenschaft darauf ankommt, in die Wesen
wirklich hinunterzusteigen mit den Begriffen; nicht schattenhafte Be-
griff e zu konstruieren, sondern Begriffe, die in die Wirklichkeit eintau-
chen. Und alle Begriffe der Geisteswissenschaft sollen ja so sein, daft
sie in die Wirklichkeit eintauchen. Das aber ist gerade die Begleit-
erscheinung der materialistischen 2eit, daft sie diese Begriffe, die in die
Wirklichkeit untertauchen, verschmaht. Sie will solche nicht haben. Fiir
die Erkenntnis der Natur fiihrt das blofi zu dem Mangel, daft man
nichts in Wirklichkeit erkennt. Aber fiir das Leben fiihrt das zu einem
weit grofteren Mangel. Es macht den Menschen unmoglich, Sinn zu
haben fur konkrete, inhaltsvolle Begriffe. Daher ist die Erziehung im
Materialismus zugleich eine Erziehung zu inhaltsleeren, schattenhaften
Begriffen. Die Dinge gehen durchaus parallel: nicht spirituell verstehen
konnen die Wirklichkeit, alles fiir einen Mechanismus ansehen, und un-
fahig sein, zu irgendwelchen Begriffen zu kommen, die wirklich in die
Verhaltnisse der Welt, des Menschen einlaufen konnen.
Und in dieser Beziehung muft man die Gegenwart verstehen, denn
darinnen liegen gerade die Schwierigkeiten der Gegenwart. In der Ge-
genwart gibt es gewift idealistische Naturen, aber sie sind die idealisti-
schen Naturen einer materialistischen Zeit, und daher reden sie in
schattenhaften allgemeinen BegrifFen, die nicht eingreifen konnen in die
Wirklichkeit, die hochstens eingreifen konnen auf dem Umwege der
Leidenschaft, auf dem Umwege, daft man sich auf blast und sie moglichst
stark in die Welt hinausposaunt. Wahrend man also auf der einen Seite
mit Bezug auf die Erkenntnis der Natur nur die Unmoglichkeit hat,
die Natur zu verstehen, hat man auf der andern Seite als die notwendige
Parallelerscheinung das Deklamieren von schattenhaften Begriffen. Und
wenn man so redet, redet man wahrhaftig nicht von irgend etwas selber
Unrealem, sondern von demjenigen, was in der schlimmsten Weise mit
den leidvollen Ereignissen der Gegenwart zusammenhangt.
Zu Goethes Zeiten war die Sache noch nicht so weit gediehen, aber
heute stehen wir schon vor dem Unverstandnis vieler Leute, iiberhaupt
einen Unterschied zu finden zwischen einem schattenhaften und einem
wirklichen Begriffe. Der Wagner, wie ihn Goethe schildert, lebt audi
in schattenhaften Begriffen, und der Homunkulus versucht es ihm sogar
klarzumachen, wie er in schattenhaften Begriffen lebt, zum Beispiel
durch die Worte, nachdem der Wagner in Angst gefragt hat:
Und ich?
Was wird aus mir, wenn die andern fortziehen?
Eh nun,
Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.
Entfalte du die alten Pergamente,
Nach Vorschrift sammle Lebenselemente
Und fiige sie mit Vorsicht eins ans andre.
Das Was bedenke, mehr bedenke Wie?
Indessen ich ein Stiickchen Welt durchwandre,
Entdeck' ich wohl das Tiipfchen auf das i.
Wenn ich diese Stelle lese, mufi ich mich immer erinnern, daft sie so
recht aus dem Leben ist, gerade aus dem Gelehrtenleben. Denn ich weift
von einer Doktorpromotion, wo ein junger Doktorand einem sehr ge-
lehrten Herrn, der Historiker war, aber als Historiker vorzugsweise als
Urkundenmensch iiber die historische Wissenschaft Professor war, ge-
geniiberstand: das war derjenige, welcher der hauptsachlichste Lehrer
dieses jungen Doktoranden war. Unter den Fragen, die er ihm stellte,
war diese, daft er fragte: Nun, sagen Sie mir, Herr Kandidat, in welcher
papstlichen Urkunde kommt zum erstenmal der I-Punkt vor? - Das
wuftte der gleich, unter welchem Papste in den Urkunden der I-Punkt
vorkommt: Innozenz IV.! - Nun saft ein anderer Historiker, der nicht
so war, daneben, und der wollte so ein biftchen den Mephisto spielen,
und deshalb sagte er: Na, Herr Kollege, jetzt mufi ich auch einmal, da
ich der andere Examinator bin, an den Kandidaten eine Frage stellen.
Sagen Sie mir, Herr Kandidat, wann hat denn dieser Innozenz IV. den
papstlichen Stuhl bestiegen? - Der Kandidat wuftte nichts. Wann ist
denn der Innozenz IV. gestorben? - Der Kandidat wufke nichts. Nun,
mein lieber Herr Kandidat, dann sagen Sie mir was anderes, was Sie
iiberhaupt iiber den Innozenz wissen, aufter dem, daft in seinen Ur-
kunden der I-Punkt zuerst vorkommt! - Der wuftte gar nichts. Da sagte
der Professor der Urkundenlehre, der alten Pergamente: Aber Herr
Kandidat, es ist ja gerade, wie wenn Ihnen heute ein Brett vor den
Kopf genagelt ware! - Da sagte der andere, der so den Mephisto spielen
wollte: Oh, Herr Kollege, er ist ja Ihr Lieblingsschiiler! Wer hat ihm
denn dieses Brett vor den Kopf genagelt?
Nun, so konnte auch der gute Wagner, anders als der Homunkulus,
in seinem Pergamente das Tupfelchen auf das i entdecken. Aber seit
jener Zeit ist, ich mochte sagen, universell und historisch die abstrakte,
rein in Begriff en lebende Denkweise gekommen. Und so sehen wir dann,
daft wirklich das tief in die ganze Weltgeschichte eingreifende Schau-
spiel sich vollziehen kann, daft in wichtiger Angelegenheit ein Doku-
ment vor die Welt hintritt, das in lauter Schattenbegriffen lebt. Man
kann sich nichts Unwirklicheres und Unrealeres denken als jene Note,
die neulich Woodrow Wilson an den Senat der amerikanischen Staaten
gerichtet hat! Heute, wo es nur frommt, zu versuchen, die Wirklich-
keiten der Welt zu verstehen, sieht man die Ohnmacht an hervorragen-
der Stelle, anderes zu fassen als nur Schattenbegriffe, Begriffsschatten.
Da darf man sich wohl fragen: Soli denn das Leid ins Unendliche
fortgesetzt werden deshalb, weil an den hervorragendsten Stellen aus
der Kultur des Materialismus heraus die Menschen die Wirklichkeit
fliehen und nur noch Begriffsschatten fassen konnen? - Ich weift, daft,
wenn man an solche traurigen Ereignisse der Gegenwart streift, man
wenig Verstandnis findet, weil heute die wenigsten Menschen audi nur
fassen konnen den Unterschied zwischen Begriffsschatten und Wirklich-
keit. Denn derjenige, der ein blower Idealist ist - es ist ja immer an-
erkennenswert, Idealist zu sein — , aber nicht versteht die spirituelle
Wirklichkeit, der wird sogar schon finden, so unendlich schon, wenn so
nett von Freiheit und Menschenrechten gesprochen wird und von inter-
nationalen Staatenverbanden und dergleichen. Man wird gar nicht ein-
sehen, worin eigentlich das Unheilbringende dieser Dinge liegt, man
wird es in weitesten Kreisen gar nicht einsehen.
Man wird so wenig verstanden, daft man selbst Verstandnis gewinnt
fiir die Worte, die der Mephisto spricht, nachdem er abriickt von dem
Baccalaureus. Denn schlieftlich, so wie der Baccalaureus redet, so redet
heute mancher, der als ein grower Mann gilt, der, wenn er auch nicht
die ganze Welt erschaffen will, so die ganze Welt nach dem diistersten
Schattenbegriff regieren will. Und mit Bezug auf das Verstandnis
solcher Dinge wollen die Menschen durchaus nicht vorrikken. Sie bleiben
immer Kinder, bleiben Kinder, die da glauben konnen, mit Begriffs-
schablonen konne die Welt regiert werden. Deshalb kann man Ver-
standnis haben auch fiir die mephistophelischen Worte:
Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,
Euch guten Kindern laft ich's gehen;
Bedenkt: der Teufel, der ist alt,
So werdet alt, ihn zu verstehen!
Diejenigen, die da glauben, daft man mit Begriffsschatten die Welt
regieren kann, verstehen noch nicht einmal dasjenige, was Goethe durch
den Teufel, da wo der Teufel die Wahrheit ausspricht, sagt!
Wie, ich mochte sagen, ein Kolleg zum Verstandnis des Reellen, des
Wirklichen in unserer von Begriffsschablonen beherrschten Zeit kann
man auffassen gerade die Homunkulusszene im zweiten Teil von
Goethes «Faust». Aber man mu!5 diese Dinge wirklich in vollem Ernste
nehmen. Und insbesondere an uns ware es, uns recht klare Begriffe zu
machen iiber den Unterschied all der Deklamationen, die jetzt so reich-
lich durch die Welt gehen, die seit Jahrzehnten durch die Welt gegangen
sind, und die endlich die Situation von heute herbeigefiihrt haben.
FAUST UND DIE M OTTER
Dornacb, 2. November 191J
nach einer szenischen Darstellung aus « Faust* II: «Finstere Galerie». «Am Kaiserhof*
Die Betrachtimgen des heutigen Abends mochte ich ankniipfen an die
Szenen, die wir eben gesehen haben. Es wird sich uns dasjenige, was
in Ankniipfung an diese Szenen gesagt werden kann, recht gut einfiigen
in den Lauf unserer gegenwartigen Betrachtungen.
Ich habe nun schon ofter hier iiber die bedeutungsvolle «Miitter»-
Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» gesprochen. Allein diese
Szene ist eine solche, auf die man immer wieder und wiederum aus dem
Grunde zuruckkommen kann, weil sie durch ihren bedeutungsvollen
Inhalt, abgesehen von dem asthetischen Wert, durch den sie sich in die
Dichtung einfugt, eine Art Hohepunkt neuzeitlichen Geisteslebens wirk-
Iich in sich schlieftt. Man wird leicht sagen konnen, wenn man diese
«Mutter»-Szene auf sich wirken laftt, daft sie eine ganze Summe von
Andeutungen, die Goethe machen wollte, in sich schlieftt. Sie ist ebenso
herausgeholt aus Goethes unmittelbaren seelischen Erlebnissen, wie sie
auf der andern Seite Licht wirft auf bedeutungsvolle, tief e Erkenntnisse,
die man einfach bei Goethe anerkennen mull, wenn man nur einiger-
mafien versteht, was diese Szene bedeutet, in der Faust durch Mephisto-
pheles die Moglichkeit geboten wird, in das Reich der Miitter hinunter-
zusteigen. Fassen wir einmal ins Auge, daft der Astrologe, als Faust
wieder erscheint, wieder heraufkommt von den Mtittern, von Faust als
Priester spricht, daft Faust sich selbst als Priester nunmehr bezeichnet.
Wir miissen dann in dieser Umwandlung desjenigen, was Faust vorher
war, zum Priester, etwas Bedeutungsvolles sehen. Er ist hinunter-
gestiegen zu den Muttern. Eine Umwandlung ist mit ihm vorgegangen.
Man braucht nur zu bedenken, ganz abgesehen von dem ubrigen, was
man liber die Sache weift, was wir im Lauf der Jahre liber die Sache zu
sagen hatten, wie die griechischen Dichter, indem sie von den Mysterien
sprechen, andeuten, daft derjenige, der in die Mysterien eingeweiht
wird, kennenlernt die drei Weltmiitter: Rhea, Demeter und Proserpina.
Die drei Mutter, ihre Wesenheit, dasjenige, was sie eigentlich sind, sollte
durch unmittelbare Anschauung derjenige kennenlernen, der in Grie-
chenland in die Mysterien eingeweiht wurde.
Wenn man die bedeutungsvolle Art ins Auge faftt, wie Goethe in
dieser «Mutter»-Szene spricht, und wenn man das ins Auge faftt, was er
vorgehen laftt in der nachsten Szene, dann wird man nicht mehr in
Abrede stellen konnen, daft Faust in der Tat in Regionen, in Reiche
gefiihrt wird, die Goethe sich gleich gedacht hat den Reichen der Mutter,
in die der griechische Mysterieneingeweihte gefiihrt wurde. Damit ist
aber schon angedeutet, daft Bedeutungsvollstes von Goethe gemeint ist.
Nun vergegenwartigen Sie sich: in dem Augenblicke, wo Mephisto-
pheles das Wort «Miitter» erwahnt, schaudert es Faust. Und dann
spricht Faust die bedeutungsvollen Worte:
Die Mutter! Mutter! - 's klingt so wunderlich!
Eingeleitet wird das Ganze damit, daft Mephistopheles sagt:
Ungern entdeck' ich hoheres Geheimnis.
Also um ein Geheimnis, um ein Mysterium handelt es sich wirklich,
um etwas, was Goethe gewissermaften in dieser halb und halb verbor-
genen Art fiir notig fand, im Zusammenhange mit seiner Faust-Ent-
wickelung der Welt mitzuteilen.
Wir miissen uns fragen und wir konnen es auf Grundlage der Be-
trathtungen, die wir im Laufe der Jahre angestellt haben: Was soil denn
eigentlich in diesem Augenblicke, wo hoheres Geheimnis vor Faust ent-
hiillt werden soil, mit Faust geschehen? In welche Welt wird er eigent-
lich gefiihrt? - Die Welt, in die er gefiihrt wird, in die er eintreten soil,
sie ist die Welt, die unmittelbar als geistige Welt angrenzt an unsere
physische Welt.
Nun erinnern Sie sich wohl, daft ich gerade im Laufe dieser Betrach-
tungen gesagt habe, daft das t)berschreiten der Schwelle zu dieser un-
mittelbar angrenzenden Welt schon gar vorsichtig aus dem Grunde ins
Auge gefaftt werden muft, weil zwischen unserer Welt, die wir durch
die Sinne betrachten und durch den Verstand begreifen, und jener Welt,
aus der sich unsere sinnliche Welt heraus erhebt, gewissermaften als
Grenzland ein solches Gebiet ist, in dem man sehr leicht, wenn man
nicht in geniigender Reife und in geniigender Vorbereitung in dieses
eintritt, der Tauschung, der Illusion verfallt. Man mochte sagen: Feste
Formen, feste Konturen, Grenzen gibt es eigentlich nur in der Welt, die
wir durch unsere Sinne sehen. In der Welt, die angrenzt an diese Welt
unserer Sinne als ubersinnliche, gibt es solche feste Formen, solche feste
Grenzen nicht. - Das ist gerade das, was dem materialistischen Ver-
stande der Gegenwart so schwer beizubringen ist, daft in dem Augen-
blicke, wo man die Schwelle iibertritt, alles in Bewegung ist, daft diese
Welt, die unseren Sinnen gegeben ist, nur wie Erstarrungsformen sich
heraushebt aus einer durch und durch bewegten Welt.
In diese durch und durch bewegte Welt, die wir die imaginative Welt
nennen, soli nun Faust versetzt werden. Aber durch einen aufieren An-
lafi soil er in diese Welt versetzt werden, nicht nach und nach in sorg-
faltiger meditativer Art, sondern durch einen aufteren Anlaft soli er
versetzt werden. Mephistopheles, also die Kraft des Bosen, die in die
physische Welt hereinwirkt, soil ihn in diese Welt versetzen.
Nun mufi man etwas sehr scharf ins Auge fassen, wenn man auf
diesem Gebiete nicht mifiverstandlichen Auffassungen sich hingeben
will. Sehen Sie, wir auf anthroposophischem Gebiete suchen Erkennt-
nisse der geistigen Welt. Auch dasjenige, was in dem Buche «Wie er-
langt manErkenntnisse der hoheren Welten?» oder in ahnlichenBiichern
gesagt ist von der Praxis, um in die geistige Welt einzudringen, geht
nicht weiter als bis dahin, wo vermittelt wird, Erkenntnisse dieser Welt
zu gewinnen. Hier mufi selbstverstandlich, soweit es sich handelt um
die heutige Zeit und um die Notwendigkeit, heute diese Dinge der Welt
zu ubergeben, Halt gemacht werden. Wurde man weitergehen, so wiirde
das Gebiet beginnen, welches man bezeichnen kann als dasjenige des
Handelns in der ubersinnlichen Welt. Das mu!5 gewissermafien jedem
selbst iiberlassen werden. Wenn er die Sicherheit der Erkenntnis findet,
dann mufi ihm das Handeln selbst iiberlassen werden. Aber bei dem,
was sich abspielen soil zwischen Faust und Mephistopheles, ist es nicht
so. Faust soil wirklich die Abgeschiedenen, Paris und Helena, herauf-
bringen, er soli also nicht nur in die geistige Welt hineinschauen, er soil
gewissermaften nicht nur ein Eingeweihter, er soli ein Magier werden,
beziehungsweise er soil magische Handlungen vollziehen. Ja, hier zeigt
es sich an der ganzen Art und Weise, wie Goethe die Szene behandelt,
daft er griindlich vertraut war mit gewissen Geheimnissen der mensch-
lichen Seele. Der Bewufttseinszustand des Faust soil umgeandert wer-
den. Aber zu gleicher Zeit soil Faust die Kraft iibergeben werden, aus
iibersinnlichen Impulsen heraus zu handeln.
Mephisto gehort als soldier, als ahrimanische Kraft, so wie er Faust
gegeniibersteht, dieser Welt, in der wir mit unseren Sinnen leben, an,
aber als iibersinnliche Wesenheit. Er ist ja versetzt. Er hat keine Gewalt
iiber die Welten, in die Faust nunmehr hineinversetzt werden soil. Die
sind fur ihn eigentlich nicht da. In einen andern Bewufttseinszustand
soil Faust iibergehen, in jenen Bewufttseinszustand, der unter dem
Grunde unserer sinnlichen Welt wahrnimmt das Weben und Wesen,
das Wogen und Werden, das nie stillesteht und aus dem sich unsere
sinnliche Welt heraus erhebt. Und mit den Kraften, die da unten sind,
soil Faust bekannt werden.
Die Mutter, das ist eine Bezeichnung, die fur den Eintritt in diese
Welt nicht ohne Bedeutung ist. Fassen Sie ins Auge den Zusammenhang
des Wortes Mutter mit allem Wachsenden, mit allem Werdenden. Im
Miitterlichen schlieftt sich zusammen das Physisch-Sinnliche mit dem-
jenigen, was nicht physisch-sinnlich ist. Stellen Sie sich das Werden des
menschlichen Geschopfes vor, das physische Werden, die Inkarnation.
Sie miissen sich einen gewissen Prozeft vorstellen, der sich abspielt durch
ein Zusammenwirken zwischen dem Kosmos und dem miitterlichen
Prinzip, be vor eine Vereinigung des Weiblichen und des Mannlichen
geschieht. Der physisch werdende Mensch bereitet sich im weiblichen
Wesen vor. Wir fassen jetzt diese Vorbereitung so auf, daft wir sie nur
ins Auge fassen bis zu dem Augenblick hin, wo die Befruchtung ist, also
vor der Befruchtung. Es ist eine ganz mangelhafte einseitig-materiali-
stische Vorstellung, wenn man glaubt, daft einfach in der Frau all die
Krafte vorgebildet liegen, die zum Menschenkeime, zum physischen
Menschenkeime fiihren. Das ist nicht der Fall, sondern es findet eine
Wirkung kosmischer, spharischer Krafte statt. In die Frau wirken hin-
ein die Krafte des Kosmos. Der Menschenkeim ist immer ein Ergebnis
kosmischer Wirksamkeiten. Das, was die Naturwissenschaft, was der
naturwissenschaftliche Materialismus als Eizelle beschreibt, ist gewisser-
maften nur auf dem Mutterboden erzeugt, aber ist ein Abbild, heraus-
erzeugt aus dem groften Weltenei.
Fassen wir also diesen werdenden Menschenkeim vor der Befruchtung
ins Auge, und fragen wir uns: Was wollten die Griechen mit ihren drei
Miittern, der Rhea, Demeter und Proserpina? Unter diesen dreiMiittern
stellten sie sich jene Krafte vor, die aus dem Kosmos hereinwirken und
den Menschenkeim vorbereiten, aber aus jenem Teil des Kosmos, der
nun nicht sinnlich, sondern iibersinnlich ist. Die Mutter, Demeter, Rhea,
Proserpina, gehorten der iibersinnlichen Welt an. Kein Wunder, daft
Faust ahnt: ein unbekanntestes Reich deutet sich ihm an, als das Wort
Mutter ausgesprochen wird.
Bedenken Sie, was nun Faust eigentlich erleben soil. Wurde es sich
blofi um imaginative Erkenntnisse handeln, so wiirde er nur regelrecht
meditativ eingefiihrt zu werden brauchen, aber, wie gesagt, er soil
magische Handlungen vollziehen. Dazu ist notwendig, daft der ge-
wohnliche Verstand, der gewohnliche Intellekt, in dem der Mensch die
Sinneswelt wahrnimmt, aufhort. Dieser Intellekt beginnt, wenn die
Inkarnation im physischen Leibe beginnt, hort auf mit dem physischen
Tode. Dieser Intellekt soil abgedampft, abgetriibt werden. Davor steht
Faust also, daft dieser Intellekt seine Wirksamkeit einstellen soil. In
eine andere Region soli er mit seiner Seele aufgenommen werden. Das
ist natiirlich etwas, was bedeutungsvoll in die Entwickelung des Faust
eingreifen soil.
Von seiten des Mephisto gesehen - wie nimmt sich denn da die Sache
aus? Nicht wahr, dadurch, daft Mephisto den Faust in diesen andern
Bewufttseinszustand versetzen soil, wird die Sache gefahrlich. Aber sie
wird gewissermaften audi fur Mephisto hochst unbehaglich, sie wird
auch fur Mephisto in gewissem Sinne gefahrlich. Denn, was kann
passieren? Entweder Faust kommt hiniiber in den andern Bewufttseins-
zustand, lernt die andere Welt kennen, aus der er hohere Krafte heraus-
zaubern kann, und er kommt mit seinem vollen Bewufttsein hin und
zuriick, dann entwachst er dem Mephisto, denn Faust lernt eine Welt
erkennen, in der Mephisto nicht zu Hause ist. Damit ist er entwachsen
dem Mephisto. Oder aber das gelingt in der denkbar schlechtestenWeise,
dann wiirde Faust in seinem Verstande getriibt werden. Mephisto setzt
sich selber wirklich in eine hochst peinliche Situation. Aber er mufi etwas
tun. Er mufi Faust die Moglichkeit geben, sein Versprechen zu erfiillen.
Er hofft, dafi in irgendeiner Weise sich die Sadie applanieren lassen
werde, denn er will weder das eine noch das andere. Er will nicht, dafi
Faust ihm entwachst, noch will er auch, dafi Faust ganz und gar para-
lysiert werde.
Das bitte ich Sie alles zu bedenken und dann ins Auge zu fassen, dafi
Goethe das alles andeuten wollte, also in dieser Szene des Faust wirklich
die Welt hinweisen wollte' darauf: es gibt ein spirituelles Reich, dieses
ist die Art und Weise, wie sich der Mensch zu diesem ubersinnlichen
Reich verhalten kann. So hangen die Dinge zusammen.
Die Erkenntnis von diesen Dingen ist dem funften nachatlantischen
Zeitraum wohl eigentlich zum grofien Teil verlorengegangen. Goethe,
sagte ich, verwandte dasjenige, was sich ihm personlich ergeben hatte,
in den grofien Augenblicken geistiger Erkenntnis. Personlich ist Goethe
dieses ganze Verhaltnis zu den Miittern vor die Seele getreten aus der
Lektiire des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe
gelesen hat, spricht von den Miittern. Insbesondere eine Szene im
Plutarch scheint auf Goethe dem Gemute nach einen tiefen Eindruck
gemacht zu haben: Die Romer sind mit den Karthagern im Kriege.
Nikias ist romisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Kar-
thagern entreifien. Er soil an die Karthager deshalb ausgeliefert wer-
den. Da stellt er sich wahnsinnig und lauft auf den Strafien herum und
ruft: Die Mutter, die Mutter verfolgen mich! - Sie sehen daraus, dafi in
der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mutter
nicht mit dem gewohnlichen sinnlichen Verstande, sondern mit einem
Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in
Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im
Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die
Idee der Mutter einzufuhren in den Faust.
In Plutarch wird auch davon gesprochen, dafi die Welt eine drei-
eckige Form habe. Nun mufi man naturlich sich die Dinge so vorstellen,
dafi dieser Ausdruck, die Welt habe dreieckige Form, nicht klotzig-
raumlich gemeint ist, sondern das Raumliche ist nur ein Sinnbild fur
Unraumliches und Unzeitliches. Aber da wir im Raume leben, miissen
raumliche Bilder fur das Oberbildliche und tJberraumliche und Uber-
zeitliche gebraucht werden.
Dreieckig also - so wird in Plutarch geschildert - sei die Welt. (Eine
Zeichnung wird entworfen.) Das ist die Gesamtwelt: in der Mitte dieses
Weltendreiecks - meinte Plutarch - befindet sich das Feld der Wahrheit.
Nun unterscheidet Plutarch gegeniiber dieser Gesamtwelt 183 Welten.
183 Welten, sagt er, sind im Umkreise, sie bewegen sich ringsherum, in
der Mitte das ruhige Feld der Wahrheit. Dieses ruhige Feld der Wahr-
heit, abgetrennt durch die Zeit, sagt er, von den 183 Welten, die rings-
herum sich drehen: iiberall an jeder Seite 60, in den Ecken je eine =183.
Wenn also diese Plutarchsche Imagination genommen wird, so haben
wir dreigliedrig die Welt gedacht: die Wolkenbildung ringsherum, die
183 Welten wellend und wogend. Das ist zu gleicher Zeit die Imagina-
tion fiir die Mutter. Die Zahl 183 ist von Plutarch angegeben.
Also Plutarch, der in gewissem Sinne die Mysterienweisheiten be-
herrschte, gibt die merkwtirdige Zahl an: 183 Welten. Rechnen wir
einmal heraus, wieviel Welten wir kriegen, wenn wir richtig rechnen
bis zu der Welt des Plutarch hin. Da miissen wir so rechnen:
Erst einmal das ganze Weltengeschehen als eine Welt i
Dieses Weltengeschehen gliedert sich fur uns so, daft wir fertige
Weltenbildungen haben: Saturn, Sonne, Mond - Sie wissen -
das sind 3
Aber jede von diesen Welten: Saturn, Sonne, Mond gliedern
wir so, wie wir auch das Irdische gliedern. Wir gliedern das
Irdische: in die polarische Zeit, in die hyperboraische Zeit,
dann haben wir die lemurische Zeit, die atlantische, die nach-
atlantische und so weiter: 7. In jeder 7 Perioden, denn wir
unterscheiden die indische, die urpersische, die chaldaisch-agyp-
tische, die griechisch-lateinische, die gegenwartige; zwei andere
werden folgen. Wenn wir auf Saturn, Sonne und Mond das 49
nehmen, so haben wir auf jedem 49 aufeinanderfolgende Wei- 49
ten, die sich so fortbilden. 49
Dann haben wir, wenn wir zu den drei aufeinanderfolgenden
Welten noch die Erde hinzufiigen, die nicht eine fertige Bildung
darstellt, dann in der Erdenbildung: die polarische Zeit: 7; die
hyperboraische: 7; die lemurische Zeit: 7; das sind 21. Die
atlantische Zeit: 7 28
rechnen wir das einmal zusammen: 179
Nun sind wir mit der Atlantis fertig. Plutarch lebte im 4. Zeit-
alter; wir miissen also noch hinzurechnen 4
Sie sehen, wenn wir unsere Rechnung anwenden und richtig rechnen,
die einzelnen Glieder und die ganzen Welten, wie sie sich so fort-
gewalzt haben bis zu der vierten nachatlantischen Periode, in der
Plutarch lebte, so konnte man wirklich sagen: diese Rechnung ergibt
183 Welten.
Aufterdem aber, wenn wir unsere Erde nehmen, auf der wir uns noch
entwickeln, der gegeniiber wir also nicht von einem Abschluft sprechen
konnen, und sehen hinauf zu Saturn, Sonne, Mond, haben wir dort die
Mutter, die nur die griechischen Mysterien in einer andern Form aus-
gesprochen haben: Proserpina, Demeter, Rhea. Denn alle die Krafte,
die in Saturn, Sonne und Mond sind, sie wirken ja nach, wirken herein
in unsere Zeit. Und dasjenige, was physische Krafte sind, ist immer nur
die Abschattierung, die Abbildung des Spirituellen. Alles Physische ist
immer nur das Bild des Spirituellen.
Der Mond, wenn Sie nicht seinen aufteren, klotzigen physischen Leib
nehmen, sondern die Krafte, die Impulse, die in ihm sind: er ist mit
seinen Kraften zugleich in der Erde. Die Mondenwesenheit gehort mit
zur Erdenwesenheit. Sie brauchen sich nur die Sache folgendermaften
vorzustellen, wenn Sie eine grobe Vorstellung haben wollen. Da ist die
Erde (eine Zeichnung wird entworfen), da hat sie einen Stiel, da ist der
Mond daran; sie dreht ihn herum auf dem Stiel; der Stiel ist nur nicht
physisch. Und alles dasjenige, was Mondenimpulse sind, sind nicht nur
auf dem Monde, sondern diese Sphare durchdringt die Erde.
Sind diese Krafte irgendwie vorhanden, die mit dem Mond zu-
sammenhangen? Die Griechen haben diese Krafte als sehr geheimnisvoll
betrachtet, als recht geheimnisvoll. Es hangt mit all den Verhangnissen
der neueren Zeit zusammen, daft diese Krafte, ohne daft der Mysterien-
charakter gewahrt geblieben ist, offenbar geworden sind. Wenn wir
diese Krafte ins Auge fassen, die mit dem Monde zusammenhangen
- wollen wir nur das eine ins Auge fassen -, dann haben wir die eine
der Mutter. Was ist diese eine der Mutter? Wir werden uns auf die
folgende Weise am besten nahern konnen dem, was diese eine der
Mutter ist.
Nehmen Sie, um ein Bild zu haben, irgendeinen Fluft, sagen wir, den
Rhein. Was ist eigentlich der Rhein? Wer nachdenkt - ich habe das schon
einmal hier erwahnt -, kann eigentlich nicht sagen: Das ist der Rhein. -
Man bezeichnet den Fluft als den Rhein. Aber was ist er real, der Rhein,
wenn wir hiniibergehen und ihn anschauen? Ist das Wasser der Rhein?
Nun, das ist nachstens fort und anderes ist da, das geht in die Nordsee
hinein und anderes kommt nach, das andert sich fortwahrend. Was ist
der Rhein? Ist der Rhein die Mulde, das Bett? Daran denkt wiederum
keiner. Wenn das Wasser nicht darinnen ware, wiirde niemand daran
denken, daft das der Rhein ware. Eigentlich, wenn Sie das Wort der
Rhein brauchen, brauchen Sie es nicht fur etwas, das real da ist, son-
dern fiir etwas, das sich fortwahrend andert, aber doch wiederum nicht
sich andert in gewisser Beziehung. Wenn Sie sich die Sache schematisch
so vorstellen (es wird gezeichnet), daft wir annehmen, das sei der Rhein,
und das sei das in ihm flieftende Wasser: nun ja, einmal verdunstet
dieses Wasser und kommt wiederum herunter. Wenn Sie alle Fliisse als
zusammengehorig betrachten, so miissen Sie doch sich vorstellen: es
verdunstet, kommt wieder herunter. In gewisser Beziehung kommt das
Wasser, das vom Ursprung zur Mundung hingeht, wiederum aus den-
selben Reserven des Wassers, das herauf- und hinuntergeht; der Kreis-
lauf des Wassers vollzieht sich da. Nur zersplittert sich, verbreitet sich
dieses Wasser in die ganze Umgebung. Natiirlich konnen Sie nicht jedem
Tropfen nachlaufen, aber man mull das Wasser, das zur Erde gehort,
als eine Einheit betrachten. Die Frage nach juvenilem Wasser kommt
hierbei nicht in Betracht. So ist es mit dem Wasser.
Etwas Ahnliches liefie sich auch mit der Luft machen. Aber es laftt
sich etwas Ahnliches mit etwas noch anderem machen. Wenn Sie hier
eine Telegraphenstation haben und hier (es wird wiederum gezeichnet)
die andere Telegraphenstation, so wissen Sie, daft eine Verbindung ist
nur durch einen Draht; die andere wird durch die ganze Erde her-
gestellt, denn der Strom geht in die Erde. Hier: darinnen ist die Erd-
leitungsplatte. Das Ganze geht durch die Erde durch.
Sie haben, wenn Sie sich diese zwei Dinge vorstellen: das Wasser, das
hingeht, sich verbreitert, sich zum Kreislauf veranlagt, und wenn Sie
sich vorstellen nach der andern Seite die Elektrizitat, die in die Erde
hinein sich so verbreitert - Sie haben zwei entgegengesetzte Dinge, ein
zweifach entgegengesetzt Wesenhaftes haben Sie. Ich deute das hier nur
an. Sie konnen sich das aus jeder elementaren Physik zusammenstellen.
Aber es fuhrt uns dies dahin, gewissermaften in der Elektrizitat das
Gegenbild, das unterirdische Gegenbild zu dem zu sehen, was iiber der
Erde vorgeht in dem Kreislauf des Wassers.
Was da unter der Erde als elektrisches Wesen waltet, das ist nun
zuriickgebliebener Mondenimpuls. Es gehort eigentlich gar nicht zur
Erde. Das ist zuriickgebliebener Mondenimpuls und wurde von den
Griechen so angesprochen. Die Griechen kannten namlich noch die Ver-
wandtschaft dieser iiber die ganze Erde verteilten Kraft mit den Kraften
der Fortpflanzung — diese Verwandtschaft gibt es namlich -, mit den
Kraften des Wachsens, Gedeihens. Das war eine der Mutter.
Nun konnen Sie sich denken: all die Ahnungen von diesen groften
Zusammenhangen stehen vor Faust nicht nur theoretisch, sondern er
soil sich in dieses Gebiet hineinbegeben, soil sich durchdringen mit diesen
Impulsen. In den griechischen Mysterien wurde allerdings diese Kraft
vor alien Dingen an die Einzuweihenden kundgegeben, diese Kraft
neben den andern beiden Muttern. Die Griechen haben alles, was mit
der Elektrizitat zusammenhangt, mysterienhaft im Geheimen gehalten.
Darinnen wird die Dekadenz liegen der Erdenzukunft, von der ich
von einem andern Gesichtspunkte aus schon gesprochen habe, dafi diese
Krafte nicht mehr heilig, nicht mehr mysterienhaft gehalten werden,
sondern herauskommen. Eine ist wahrend der funften nachatlantischen
Zeit herausgekommen: die Elektrizitat. Die andern werden im sechsten
und siebenten Zeitraum herauskommen bei der Dekadenz.
Das alles gehort selbst noch in den dekadenten neueren Geheim-
gesellschaften zu den Dingen, von denen die konservativen Mitglieder
nicht sprechen wollen. Goethe hat es mit Recht angemessen gefunden,
in der Art von den Dingen zu kiinden, in der er dazumal schon kiinden
konnte. Aber zu gleicher Zeit haben Sie hier eine der Stellen bei Goethe,
aus der Sie sehen konnen, daft der grofie Dichter nicht so dichtet wie
viele, die auch dichten, sondern da stent jedes Wort gepragt und fest-
gelegt an seinem Orte. Denken Sie einmal: die Mutter sind also ver-
wandt mit Elektrizitat. Goethe gehort zu denen, die diese Dinge wirk-
lich sachgemafi behandeln:
Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt!
Der Schlussel wird die rechte Stelle wittern,
Folg' ihm hinab, er fuhrt dich zu den Muttern.
Faust (schaudernd) :
Den Muttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag!
Wie wenn er vom elektrischen Schlag getroffen wird. Goethe braucht
das Wort Schlag mit voller Absicht, nicht als irgendein zufalliges Wort,
wie nichts in dieser Szene bei den Dingen, bei denen es sich um etwas
handelt, irgendwie zufallig dasteht.
Das Bild also, das vorbildet dasjenige, was er da finden soil als die
Impulse der 183 Welten, das gibt Mephisto dem Faust. Dieses Bild, das
wirkt schon in Faustens Seele so, wie es wirken soli, denn Faust hat
mancherlei durchgemacht, was ihn in die Nahe der geistigen Welten
bringt. Daher wirken diese Dinge schon fur ihn.
Das wollte ich heute hauptsachlich auseinandersetzen, daft Goethe
Bedeutungsvollstes in dieser « Mutter »-Szene auseinandersetzen will.
Daraus sehen Sie aber schon, aus welchen Welten her - aus andern Be-
wufkseinswelten - Faust die Helena und den Paris zu holen hat. Weil
Goethe so Bedeutungsvolles vorfuhrte, deshalb ist auch wirklich die
Sprache in diesen Szenen anders, als es auf den ersten Blick hin scheinen
konnte. Dasjenige, was nun Faust heraufholt aus dieser Welt, die ich
Ihnen angedeutet habe, sehen auch die andern, die sich zu einer Art von
Drama versammelt haben. Aber wodurch sehen sie es? Es ist ihnen
halb suggeriert. Wer suggeriert? Der Astrolog. Darum ist er auch als
Astrolog gewahlt. Seine Worte haben suggestive Kraft. Das ist auch
deutlich zum Ausdruck gekommen. Diese Astrologen hatten die Kunst
des Suggerierens schon in sich aufgenommen; nicht die beste, schon eine
solche, die ahrimanisch war. Was tut denn eigentlich unser Astrolog,
wenn er da so steht, und dieser Hof, der sich Ihnen, nun ja, als nicht
besonders gescheit, wenn ich so sagen darf, vorstellte? Was tut denn
eigentlich der Astrolog unter diesem Hofe? Er suggeriert ihnen das,
was notig ist, damit dasjenige, was durch Fausts verandertes Bewufk-
sein als eine besondere Welt herauf steigt, den andern gegenwartig wird.
Erinnern Sie sich, was ich Ihnen hier einmal dargestellt, einmal gesagt
habe: Man kann heute nachweisen, dajS die Worte, die man spricht, ihr
Erzittern in gewissen Substanzen zeigen. - Ich habe daran zeigen wol-
len, daft man heute schon experimentell das Wesen der Beschworungs-
szenen klarlegen konne. Aus dem Weihrauchnebel der entsprechenden
Worte entwickelt sich wirklich dasjenige, was Faust aus einer ganz
andern Welt fur sein Bewufksein herausbringt. Aber fur die Hofgesell-
schaft wird dieses gegenwartig, wird wirklich gesehen dadurch, dafi der
Astrolog das Suggestive hinzufiigt. Was tut der Astrolog? Er blast ein,
er ist der Einblaser fiir jedes der Ohren der HofgesellschafL Aber: Ein-
blasereien sind des Teufels Redekunst. Also indem das Wort gesprochen
wird:
Einblasereien sind des Teufels Redekunst,
wird die teuflische Kunst des Astrologen bezeichnet. Das ist die eine
Bedeutung dieses Satzes. Die andere ist diese unmittelbar auf die Szene
beziigliche: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten drin und blast ein.
Hier haben Sie das Urbild eines solchen Satzes mit absolutem Doppel-
sinn. Rein szenisch: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten und blast
ein! Aber in Wirklichkeit: der Astrolog blast der Hofgesellschaft ein!
Und das ist eine teuflische Kunst, so wie er sie iibt.
So werden Sie, wenn Sie richtig zu Werke gehen, in sehr vielen dieser
Satze, die hier gesprochen werden, Doppelsinn finden. Goethe gebraucht
diesen Doppelsinn, weil er darstellen will etwas, was wirklich geschieht,
und doch wiederum nicht in dem Sinne wirklich geschieht, wie das
Materiell-Klotzige wirklich geschieht. Aufgefuhrt werden kann es ja,
aber es ist nicht im sinnlichen Sinne wirklich. Aber Goethe wollte etwas
darstellen, was nun wirklich in der neueren Geschichte einen Impuls,
eine Rolle gespielt hat, was wirklich geschehen ist. Goethe meinte nicht
etwa nur, daf$ da einmal so etwas aufgefuhrt worden ist, sondern er
meinte, in die neuere Geschichte sind schon diese Impulse hineingeflos-
sen, sind darinnen. Das wirkt. Er wollte eine Wirklichkeit darstellen.
Er wollte gewissermafien sagen: In dem, was sich seit dem 16. Jahr-
hundert heraufentwickelt hat, da hat schon der Teufel mitgespielt. -
Und wenn Sie die Szene in diesem Sinne ernst nehmen, so haben Sie
wiederum die zweite Seite der Sache, haben Goethes Erkenntnis von dem
Mitspielen von ubersinnlichen Wesenheiten in den historischen Vor-
gangen. Und in dem Schluft haben Sie das, was ich ofter schon ange-
deutet habe, dafi Faust noch nicht reif ist, die Sache zu Ende zu fuhren,
dafi er nicht in der rechten Weise die Moglichkeit bekommen hat, in die
andere Welt hineinzugehen, sondern durch Mephistopheles' Kraft. Da-
her kommt dasjenige, was eben den Schlufi der Szene bildet.
Doch an diese Dinge will ich dann morgen noch ankniipfen, um
unsere Betrachtungen weiterzufuhren. Aber Sie sehen, es kann uns ge-
rade dasjenige, was Goethe sagen wollte, manches verdeutlichen, das
gar sehr in dem Laufe unserer bisherigen Betrachtungen liegt.
FAUST UND DAS PROBLEM DES BOSEN
Dornach, j. November 1917
Wenn wir die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwicke-
lung auf der Erde zunachst nur fiir die nachatlantische Zeit charakte-
risieren, so konnen wir zur Charakteristik dies oder jenes aus der
Geistesforschung heraus fiir die einzelnen Epochen angeben; dadurch
verschafft man sich allmahlich konkrete Vorstellungen iiber diese einzel-
nen Epochen. Heute wollen wir iiber die vierte, die griechisch-lateinische
Zeit, und iiber die fiinfte, unsere eigene Zeit, die ungef ahr mit dem Jahr
141 3 begonnen hat, einiges Besondere zu dem, was wir schon wissen,
hinzufugen. Man kann sagen: Jede solche Epoche hat eine besondere
Aufgabe - wobei ich Sie bitte, nicht zu denken an eine blofte theore-
tische, wissenschaflliche Aufgabe, an irgend etwas, was nur mit Erkennt-
nissen zu tun hat, sondern jede Epoche hat eine Aufgabe in dem Sinne,
daft diese Aufgabe lebensvoll gelost werden mufi; daft im Leben selber
Impulse auftreten miissen, mit denen sich die einzelnen Menschen, die
in diesen Epochen leben, abzufinden haben, an denen sie zu ringen
haben, aus denen heraus nicht nur ihre Vorstellungen entstehen, aus
denen heraus ihre Gemiitsbewegungen entstehen, dasjenige sich ergibt,
was sie lieben, was sie hassen, aber auch sich ergibt, was sie als Willens-
impuls in sich aufnehmen. Also im weitesten Umkreise konnen wir
sagen, daft eine jede solche Epoche eine Aufgabe zu losen hat.
Sehen wir auf die griechisch-lateinische Epoche, so finden wir, daft
sie die Aufgabe zu losen hat, die sich vorzugsweise bezieht auf das, was
man zusammenfassen kann mit den Worten Geburt und Tod im
Weltenall. Diese Dinge sind heute schon etwas verschwommen gewor-
den, weil nicht eigentlich im tiefsten Lebenssinne, sondern nur mehr in
einem theoretischeren Sinne die groften Probleme von Geburt und Tod
vor dem Menschen der funften nachatlantischen Zeit stehen. Dieser
Mensch der funften nachatlantischen Zeit hat nicht mehr eine genaue
Empfindung davon, wie tief in das Gemiit des Menschen der vierten
nachatlantischen Zeit die Erscheinungen der Geburt und des Todes ein-
griff en. Wir, die Menschen der funften nachatlantischen Zeit - und wir
stehen im Grunde genommen ziemlich am Anfange: 1413 hat diese
fiinfte nachatlantische Epoche begonnen, 2160 Jahre dauert eine solche
Epoche -, haben zu losen im weitesten Umfange lebenskraftig dasjenige
Gebiet, was man nennen kann das Problem des Bosen. Das bitte ich Sie
durchdringend ins Auge zu fassen. Das Bose, das in alien moglichen
verschiedenen Formen herantreten wird an den Menschen der funften
nachatlantischen Zeit, so herantreten wird, daft er wissenschaftlich wird
zu losen haben die Natur, das Wesen des Bosen, daft er wird zurecht-
zukommen haben in seinem Lieben und Hassen mit alledem, was aus
dem Bosen stammt, daft er wird zu kampfen, zu ringen haben mit den
Widerstanden des Bosen gegen die Willensimpulse - das gehort alles zu
den Aufgaben der funften nachatlantischen Zeit.
Ja noch intensiver, als Geburt und Tod dem Leben der vierten nach-
atlantischen Zeit angehorte, gehort das Problem des Bosen dieser fiinf-
ten nachatlantischen Zeit an. Warum? Sehen Sie, so lebensintensiv, wie
diese fiinfte nachatlantische Zeit das Problem des Bosen wird losen
miissen, so lebensintensiv hatte zu losen die Frage nach Geburt und
Tod die atlantische Zeit. In der atlantischen Zeit selber traten die Er-
scheinungen der Geburt und des Todes in viel anschaulicherer, viel un-
mittelbarerer, viel elementarerer Art an die Menschen heran als jetzt,
wo sich dasjenige, was sich hinter Geburt und Tod verbirgt, auch fur
das menschliche Anschauen und Empfinden mehr verbirgt. Und die
griechisch-lateinische Zeit war im Grunde genommen nur eine ab-
geschwachte Wiederholung desjenigen, was die Atlantier zu erleben
hatten mit Bezug auf Geburt und Tod. Daher war das, was in dieser
griechisch-lateinischen Zeit erlebt wurde, nicht so intensiv, wie intensiv
werden wird das Ringen der funften nachatlantischen Epoche, die 14 13
begonnen, mit all den Machten des Bosen, mit all dem, was aus dem
Bosen herausquillt, und wovon sich eigentlich der Mensch zu befreien
hat durch die entgegengesetzten Krafte, auf deren Entwickelung daher
ganz besonders angewiesen ist diese fiinfte nachatlantische Epoche. Man
braucht das, was ich soeben gesagt habe, nur intensiv genug ins Auge
zu fassen, dann wird sich manches, das wir in diesen Wochen charak-
terisiert haben, noch ganz besonders illustrieren. Manches wird wie eine
Folgeerscheinung dieses Obersatzes wirken, daft diese fiinfte nachatlan-
tische Zeit zu ringen hat mit dem Lebensproblem des Bosen.
Und nun fragen wir uns: Wie hat Goethe eingesehen, daft dies so ist,
als er den Menschheitsreprasentanten, den Faust, so dramatisch charak-
terisiert hat, daft er ihn in Kampf gestell* hat mit dem Vertreter des
Bosen, mit Mephistopheles? - Daraus koftnen Sie ersehen, daft dieses
Faust-Drama wirklich hervorgeholt ist aus den tiefsten Interessen des
Gegenwartszeitalters.
Es ist eine Eigentiimlichkeit des Menschen, daft er mit solchen Dingen,
mit denen er zu ringen hat, nur zurechtkommt, wenn er - wir haben
das auch in diesen Betrachtungen ofters betont - sein Bewufttsein liber
sie ausdehnt, wenn sie nicht unbewuftt bleiben. Das ist die eine Eigen-
tiimlichkeit. Das, was aus den Untergriinden der Weltordnung an
Moglichkeiten zu bosen Impulsen aufsteigen kann - dem Bewufttsein
muft es sich verraten.
Aber noch eine andere Notwendigkeit liegt vor. Es geniigt in der
Regel nicht, bloft zu wissen, was einer Epoche angehort. Man kann
eigentlich die Dinge nur richtig durch Vergleichung beurteilen. Es ge-
niigt also eigentlich nicht, zu wissen: jetzt in der fiinften nachatlanti-
schen Zeit hat der Mensch zu ringen mit dem Bosen in der geschichtlichen
Entwickelung des Erdenseins, sondern es ist notwendig, daft hinzutritt
ein gewisses Bewufttsein liber die vorhergehende Epoche, in diesem Falle
also liber die griechisch-lateinische Epoche, daft gewissermaften die Im-
pulse, die in der griechisch-lateinischen Epoche lebten, nun auch Impulse
des Menschen werden in der fiinften nachatlantischen Zeit. Bedenken
Sie, wie ganz wunderbar in Zusammenhang steht mit dieser aus der
Natur der menschlichen Entwickelung, der historischen Entwickelung
der Menschheit geholten Anschauung, was Goethe empfand. Goethe
hatte Sehnsucht, die Antike aus unmittelbarer Anschauung kennenzu-
lernen - so gut sie sich kennenlernen lieft in seiner Zeit -, sie in Italien
gewissermaften zu erraten aus dem, was sich ihm in Italien ergeben
hatte. Daher war die Sehnsucht nach Italien wie eine Krankheit in
Goethe lebend. Das hing aber damit zusammen, daft Goethe sich im
eminentesten Sinne als einen Sohn der fiinften nachatlantischen Zeit
empfand. Goethe strebte nicht mit einem solchen Impuls nach Italien,
wie irgendeinUniversitatsprofessor der Kunsthistorie, der schon glaubt,
daft er gesdieit ist auf jedem Gebiete, und nur sein Wissen ausdehnen
will. Das war nicht das, was Goethe anstrebte. Goethe strebte geradezu
eine Veranderung seines Bewufttseinszustandes an, eine andere Art des
Anschauens. Und vieles konnte angefiihrt werden, aus dem Ihnen das
hervorgehen konnte. Goethe sagte sich: Bleibe ich bloft im Norden, dann
wird meine Seele eine Anschauungsf orm haben, die nicht umfassend ge-
nug ist. Ich muft in der Atmosphare des Siidens leben, um andere An-
schauungsformen, BegrifTsformen, Gedankenformen, Empfindungsfor-
men zu bekommen. - Auch dasjenige,was im eminentesten Sinne nordi-
schen Gehalt hat, zum Beispiel die «Hexenkiiche», Goethe hat diese Szene
in Rom geschrieben, weil er glaubte, in die Natur des geistigen An-
schauens sich nur dadurch voll hineinleben zu konnen, daft sein Bewuftt-
seinszustand durch die dortige Atmosphare umgestaltet werde. In f einer,
intimer Art sich in Goethe hineinzufinden, das mufi man anstreben.
Nun kann man also sehen, daft Goethe seinen Faust nicht aus irgend-
einer wesenlosen Abstraktion heraus dem Mephistopheles gegenuber-
stellt, sondern weil er den Reprasentanten der fiinften nachatlantischen
Zeit innerhalb derMenschheitsentwickelunghinstellen wollte. Aber aus
dem andern Bestreben heraus, gewissermaften innerhalb zweier Bewuftt-
seinszustande lebendig zu vergleichen, erstand ihm die Notwendigkeit,
den Faust nicht nur erleben zu lassen Verhaltnisse, Begebenheiten des
fiinften nachatlantischen Zeitraums, sondern ihn zuruckzufuhren und
seine Seele untertauchen zu lassen in den vierten nachatlantischen
Zeitraum, damit auch dieser seinem Bewufttseinszustand das Geprage
gibt. Das geschieht dadurch, daft Faust mit der Helena zusammen-
kommt.
Mancherlei ist interessant an einzelnen Szenen zusammenzustellen
im umfassenden «Faust». Es ware zum Beispiel interessant, einmal hin-
tereinander aufzufuhren die «Hexenkuche», die Beschworungsszene am
«Kaiserhof» und dann die Erscheinungsszene der Helena selbst; denn
diese drei Szenen stellen drei aufeinanderfolgende Bekanntschaften des
Faust mit Helena dar. In der «Hexenkiiche» sieht Faust, wahrend sich
Mephistopheles mit den Meerkatzen und mit der Hexe unterhalt, im
Zauberspiegel ein Bild, dem gegenuber er nur spricht von der Schonheit
der Frau. Aber es wird schon erinnert durch die Worte des Mephisto-
pheles, daft auftaucht das Helena-Bild:
Du siehst mit diesem Trank im Leibe
Bald Helenen in jedem Weibe.
Da taucht zuerst dasjenige auf, was dann hier in der Szene am «Kai-
serhof» weitere Gestaltung gewinnt, und was endlich in der «Klassisch-
romantischen Phantasmagorie» im dritten Akt des zweiten Teiles in
seiner dritten Form auftritt. Diese drei Dinge hintereinander einmal
zusammengestellt zu sehen, ware aus dem Grunde interessant, weil
dann vielleicht die Menschen sehen wiirden, daft dieser «Faust» gar
sehr ein organisches, ein innerlich zusammengeordnetes lebendiges Ge-
bilde ist.
Nicht umsonst horen wir wiederum hier am «Kaiserhof» aus dem
Munde des Faust selber:
Hier wittert's nach der Hexenkiiche.
Wo es wiederum an die Helena geht, wittert's nach der «Hexenkuche».
Also es wird an die Helena erinnert. Die Satze sind alle wohl erwogen
gestellt. Goethe ist kein Dichter wie andere, sondern ein Dichter, der
wirklich aus grofien, weither impulsierten Notwendigkeiten heraus ge-
dichtet hat.
Aber fragen wir uns einmal genauer: Warum denn diese dreifache
Bekanntschaft des Faust mit Helena? Warum dieses? - Sind doch diese
drei Bekanntschaften recht sehr voneinander verschieden. In der ersten
Bekanntschaft, in der «Hexenkiiche», im Zauberspiegel, ist Faust zu-
nachst auf leichte Art entriickt. Er sieht ein Bild. Derjenige, der mit
den feineren Unterschieden der okkulten Wissenschaft bekannt ist, der
weift dieses Bild, welches Faust im Zauberspiegel sieht, wohl zu taxieren.
Ich habe Ihnen ofter davon gesprochen, wie unsere Gedanken, unsere
Vorstellungen im gewohnlichen Leben eigentlich die Leichen desjenigen
sind, was wir erleben. Hinter alien Gedanken stehen Imaginationen,
aber das Imaginative toten wir. Sie konnen es philosophisch etwas ge-
nauer sehen, wenn jetzt mein Buch erscheinen wird, das ein klemes
Kapitel iiber die Sache enthalt: «Von Seelenratseln». Dasjenige, was
Faust in der «Hexenkiiche» im Zauberspiegel sieht, ist etwas, was in ihm
lebt, zur Imagination erhoben. Er hat sonst die Vorstellung nur ab-
strakt; da erlebt er die Vorstellung der Helena, die Goethe aus dem
ganzen Bereich des Vorstellungslebens heraushebt, zur Imagination
umgestaltet. Wir haben also - ich bitte Sie, das zu beachten - erstens:
Eine imaginativ gewordene Vorstellung - «Hexenkiiche».
In der Beschworungsszene am «Kaiserhof» geht die Sache weiter. Da
wird mehr ergriffen als das blofte Vorstellungsleben bei Faust. Wenn
Faust blofi aufgenommen hatte das Bild, das er im Zauberspiegel sieht,
konnte er es nicht nach auften wiedergeben, gleichgiiltig, ob durch Rauch
oder durch etwas anderes. Daft er es nach aufien wiedergeben kann,
dazu ist notwendig, daft es zusammenhangt mit seinem Gefiihls- und
Emotionsleben. Man kann auch wirklich nur sagen, daft Goethe das,
was er da sagen will, so intensiv wie moglich andeutet. Daft Faust nicht
mehr bloft die Schonheit im Vorstellungsleben bewundert, wie in der
«Hexenkuche» im Bilde des Zauberspiegels, das geht Ihnen daraus her-
vor, daft Goethe die ganze Skala von Emotionen, von Gefiihlen, v
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