Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes "Faust". Band II: Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische Walpurgisnacht

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE OBER KUNST 



RUDOLF STEINER 



Das Faust-Problem 

romantische und die klassische 
Walpurgisnacht 

Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu 
Goethes «Faust» 



Band II 



Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 30. September 1916 bis 19. Januar 1919, 
ein offentlicher Vortrag in Prag am 12. Juni 1918 



1981 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Dr. Hans Erhard Lauer 



1. Auflage Dornach 1931 

2. Auflage Freiburg i. Br. 1955 

3., neu durchgesehene und veranderte Auflage, 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

4. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
erweitert um den Vortrag 
vom 12. Juni 1918 in Prag 
Gesamtausgabe Dornach 1981 



Einzelausgabe: 
Offentlicher Vortrag in Prag, 12. Juni 1918 
«Goethes persdnliches Verhaltnis zu seinem <Faust>» 
Dornach 1978 



Bibliographie-Nr. 273 

Einband-Entwurf von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt 

ISBN 3-7274-2730-2 



Zu den Veroffentlichungen aus dem 
Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs f rei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miind- 
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. 
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlalk,- 
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur 
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, 
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt 
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet.» 

Cber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auUert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften 
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser 
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu 
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Das Faust-Problem 9 

Dornacb, 30. September 1916, nach einer Aujfiihrung der Szene im 
Studierzimmer aus « Faust » I 

Die «Romantische Walpurgisnacht» 38 

Dornacb, 10. Dezember 1916 

Goethes Ahnungen nach dem Konkreten hin. Schattenhafte Be- 
grifTe und wirklichkeitsdurchtrankte Vorstellungen .... 59 

Dornacb, 27. Januar 191 y, nach einer szenischen Darstellung aus 
«Faust» II, zweiter Aujzug: «Hochgewdlbtes, enges gotisches Zim- 
mer». « Labor atorium» 

Faust und die Mutter 81 

Dornacb, 2. November 19 17, nach einer szenischen Darstellung aus 
«Faust» II: «Finstere Galeric». «Am Kaiserbof» 

Faust und das Problem des Bosen 94 

Dornacb, 3. November 1917 

Die Helena-Sage und das Freiheitsratsel 108 

Dornacb, 4. November 19 rj 

Geisteswissenschaftliche Ausfuhrungen in Ankniipfung an die 

«Klassische Walpurgisnacht» 123 

Dornacb, 2j. September 19 18 

Geisteswissenschaftliche Ausfuhrungen in Ankniipfung an die 

«Klassische Walpurgisnacht» (Fortsetzung) 147 

Dornacb, 28. September 19 18 

Das Seelenleben Goethes vom geisteswissenschaft lichen Stand- 

punkte 171 

Dornacb, 29. September 1918 



Die samothrakischen Kabiren-Mysterien. Das Geheimnis der 

Menschwerdung 196 

Dornach, ij. Januar 1919, nach einer Darstellung der «Kla$sischen 
Wa lpurgisnacht» 

Das Wirklichkeitsschauen in den griechischen Mythen . . . . 216 

Dornach, 18. Januar 1919, nach einer Darstellung der «Klassischen 
Walpurgisnachl» 

Statt Homunkulismus und Mephistophelismus : Goetheanismus 232 

Dornach, 19. Januar 1919 

Goethes persdnliches Verhaltnis zu seinem «Faust» 

Prag> 12. Juni 19 18 252 

Die Kabiren. - Zeichnung von Rudolf Steiner nach den von ihm 
entworfenen plastischen Figuren nach Seite 208 

Hinweise 269 

Zeittafel 277 

Chronik 280 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 283 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 285 



DAS FAUST- PROBLEM 



Dornach, 3o. September 1916 
nach einer Auffuhrung der Szene im Studierzimmer aus «Faust» I 

Ich mochte heute wiederum an das eben Dargestellte ankniipfen, um 
daraus eine Einheit zu gewinnen, die es dann moglich machen wird, 
morgen zu einer umfassenderen Betrachtung zu kommen. 

Wir haben gesehen, wie der Obergang vom 14., 15. ins 16., 17. Jahr- 
hundert in der ganzen Entwickelung der Menschheit einen aufterordent- 
lich bedeutenden Einscbnitt zeigt, der Obergang von dem griechisch- 
lateinischen Zeitalter zu unserem fiinften nachatlantischen Zeitraum, 
zu dem Zeitraum, in dem wir jetzt leben, aus dem unsere Impulse fur 
alles Erkennen und auch fiir alles Handeln flieften, zu dem Zeitraum, 
der bis zum vierten Jahrtausend wahren wird. Nun, aus alldem, was Sie 
iiber Goethes «Faust» wissen und iiber den Zusammenhang dieses Goe- 
theschen «Faust» mit der Faust-Gestalt, wie sie aus der Sage des i6.Jahr- 
hunderts stammt, werden Sie einsehen, daft sowohl diese Faust-Gestalt 
aus dem 16. Jahrhundert wie dasjenige, was Goethes Anschauung aus ihr 
geformt hat, in innigem Zusammenhange steht mit all den "Obergangs- 
impulsen, die das neue Zeitalter in geistiger Beziehung und damit auch 
in aufierlich materieller Beziehung heraufgebracht haben. Nun ist bei 
Goethe die Sache wirklich so, daft gerade dies Problem vom Herauf- 
kommen der neuen Zeit und vom Fortwirken der Impulse der neuen 
Zeit ungeheuer machtig war, dafi er ganz und gar inspiriert war die 
sechzig Jahre, die er an seinem «Faust» geschaffen hat, von der Frage: 
Welches sind die wichtigsten Aufgaben, die wichtigsten Gesinnungs- 
richtungen der neueren Menschen? Und Goethe konnte wahrhaftig 
zuriickblicken in das abgelaufene Zeitalter, das heute selbst der Wissen- 
schaft so wenig mehr bekannt ist, jenes abgelaufene Zeitalter, das mit 
dem 14., 1 Jahrhundert zu Ende geht. Was die Geschichte meldet - 
ich habe es oflmals gesagt - iiber die Seelenstimmung der Menschen, 
iiber die menschlichen Fahigkeiten und Bedurfnisse friiherer Jahrhun- 
derte, das ist doch im Grunde etwas, was recht sehr «graue Theorie» ist. 



In den Seelen der Menschen friiherer Jahrhunderte, der Jahrhunderte 
noch, die dem Faust-Zeitalter vorangegangen sind, sah es gewaltig 
anders aus als in den Seelen der Gegenwartsmenschen, in den Seelen der 
gegenwartigen Menschheitsepoche. Und Goethe hat so recht eine Gestalt, 
eine Personlichkeit in seinem «Faust» verkorpert, die zuriickblickt auf 
die Seelenverfassung der Menschen in friiheren Jahrhunderten, in lang 
vergangenen Jahrhunderten, und die zugleich vorwartsblickt auf die 
Aufgaben der Gegenwart, auf die Aufgaben der Zukunft. 

Indem Faust zunachst zuriickblickt auf das, was seinem Zeitalter 
vorangeht, kann er im Grunde nur noch auf die Triimmer einer zu Ende 
gegangenen Kultur blicken. Wir miissen zuerst immer den Faust des 
1 6, Jahrhunderts ins Auge fassen, der eine historische Gestalt ist, der 
wirklich gelebt hat, und der dann in die Volkssage iibergegangen ist. 
Dieser Faust lebte noch in den alten Wissenschaften darinnen, die er 
sich angeeignet hat, lebte in Magie, in Alchimie und in der Mystik dar- 
innen, welche die Weisheit friiherer Jahrhunderte war, namentlich auch 
die Weisheit der dem Christentum vorangegangenen Zeit war, die aber 
in der Zeit, in welcher der historische Faust des 1 6. Jahrhunderts lebte, 
schon griindlich im Verfall war. Das, was da in der Faust-Zeit als 
Alchimie, als Magie, als Mystik von denjenigen angesehen worden ist, 
unter denen Faust lebte, war durchaus schon krauses Zeug, war ein 
Zeug, das auf Traditionen, auf Hinterlassenschaften aus alterer Zeit 
fufke, in dem man sich aber nicht mehr auskannte. Die Weisheit, die 
darinnen lebte, kannte man nicht mehr. Man hatte mancherlei gesunde 
Formeln aus alten Zeiten, mancherlei richtige Einsichten aus alter Zeit, 
aber verstand sie nurmehr schlecht. Also in ein Zeitalter eines ver- 
fallenden Geisteslebens war in dieser Beziehung der geschichtliche Faust 
hineingestellt. Und Goethe vermischt fortwahrend dasjenige, was der 
geschichtliche Faust erlebte, mit dem, was er geformt hat zum Faust des 
1 8. Jahrhunderts, zum Faust des 19. Jahrhunderts, ja zum Faust noch 
vieler kommenden Jahrhunderte. Daher sehen wir auch den Goetheschen 
Faust wieder zuriickblicken zur alten Magie, zur alten Art von Weisheit, 
Mystik, die nicht Chemie im heutigen materialistischen Sinne getrieben 
hat, die durch die Hantierungen mit der Natur in Zusammenhang kom- 
men wollte mit einer geistigen Welt, aber die Kenntnisse schon nicht 



mehr hatte, um in der richtigen Art der f riiheren Zeit mit der geistigen 
Welt in Zusammenhang zu kommen. Was man in Jahrhunderten, die 
nun langst vergangen sind, als Heilkunde betrachtet hat, ist nicht so 
toricht, wie es eine heutige Wissenschafk oftmals machen will, nur ist die 
eigentliche darinnensteckende Weisheit verlorengegangen, und sie war 
zum Teil schon verloren im Zeitalter des Faust. Das kannte Goethe gut. 
Aber er kannte es nicht mit dem Verstande allein, er kannte es mit dem 
Herzen, er kannte es mit alien Seelenkraften, die an dem Wohl und 
Heil der Menschheit hangen und die fur das Heil der Menschheit be- 
sonders in Betracht kommen. Goethe wollte sich die Ratselfragen, die 
fur ihn daraus entsprossen, beantworten, daft man erkennen konne, wie 
man, immer weiter fortgehend, zu andern, fur die neuere Zeit ebenso 
geeigneten Weisheiten in bezug auf die geistige Welt kommen konne, 
wie es die Alten vermochten, deren Weisheit nach dem Gange der 
Menschheit notwendig verglimmen mulke. Daher lalk er seinen Faust 
Magier werden. Faust hat sich der Magie ergeben wie der Faust des 
16. Jahrhunderts. Aber er bleibt doch unbefriedigt aus dem einfachen 
Grunde, weil die eigentliche Weisheit der alten Magie eben schon ver- 
glommen war. Aus dieser Weisheit stammte auch die alte Heilkunde. 
Mit der alten Chemie, Alchimie stand alle Rezeptierkunde, alle Arznei- 
kunde in Zusammenhang. 

Nun beriihrt man, wenn man eine solche Frage beriihrt, sogleich die 
tiefsten Geheimnisse der Menschheit, insofern diese namlich dahin 
gehen, dal5 man in Wahrheit Krankheiten nicht heilen kann, ohne sie 
zugleich erzeugen zu konnen. Die Wege zum Heilen der Krankheiten 
sind zugleich die Wege zum Erzeugen der Krankheiten. Wir werden 
gleich nachher horen, wie in der alten Weisheit durchaus der Grundsatz 
herrschend war, daft derjenige, der Heiler war, zugleich Erzeuger von 
Krankheiten sein konnte, und wie deshalb in alten Zeiten die Heil- 
kunst mit einer tief moralischen Weltauffassung im Zusammenhang ge- 
dacht wurde. Aber wir werden auch gleich nachher sehen, wie wenig sich 
dasjenige hatte entwickeln konnen in diesen alten Zeiten, was man die 
neuere Freiheit der menschlichen Entwickelung nennt, die eigentlich erst 
in unserem funften, in dem auf den griechisch-romischen folgenden Zeit- 
raum von der Menschheit in Angriff genommen worden ist. Wir werden 



sehen, wie diese hatte sein mtissen, wenn die alte Weisheit verblieben 
ware. Auf alien Gebieten aber muftte diese Weisheit zugrunde gehen, 
damit der Mensch gewissermafien von vorne anfangen miisse, aber so, 
daft er mit dem Wissen und mit dem Handeln zugleich zur Freiheit 
streben konnte. Das hatte er nicht konnen unter dem Einflusse der alten 
Weisheit. In solchen Obergangszeiten, wie diejenige war, in der Faust 
lebte, ist der Verfall des Alten da; das Neue ist noch nicht gekommen. 
Da entstehen denn solche Stimmungen, wie sie im «Faust» zu bemerken 
sind in der Szene, die vorangeht derjenigen, die wir heute dargestellt 
haben. In dieser Szene sehen wir ganz klar, wie Faust aus dem Zeitalter 
heraus ist und sich heraus fiihlt, in dem noch alte Weisheit, aber die 
schon nicht mehr vollig verstandene alte Weisheit, da war. Wir sehen, 
wie Faust, von seinem Famulus Wagner begleitet, hinausgeht ins Griine 
aus seiner Zelle, wie er zunachst das Volk betrachtet, welches das Oster- 
fest im Freien, im Griinen feiert, wie er selbst osterliche Stimmung be- 
kommt. Aber wir sehen sogleich, wie er nicht entgegennehmen will die 
Huldigungen, die ihm von dem Volk dargebracht werden. Ein alter 
Bauer tritt ja auf, tritt Faust gegeniiber und bringt Huldigungen dar, 
weil das Volk glaubt, dafi Faust, der Sohn eines alten Adepten, eines 
alten Heilkundigen, auch ein bedeutender Heilkundiger sei, der Heil 
und Segen unter das Volk bringen kann. Ein alter Bauer tritt Faust 
entgegen und sagt: 

Fiirwahr, es ist sehr wohl getan, 
Dafi ihr am frohen Tag erscheint; 
Habt ihr es vormals doch mit uns 
An bosen Tagen gut gemeint! 
Gar mancher steht lebendig hier, 
Den euer Vater noch zuletzt 
Der heifien Fieberwut entrifi, 
Als er der Seuche Ziel gesetzt. 
Auch damals ihr, ein junger Mann, 
Ihr gingt in jedes Krankenhaus, 
Gar manche Leiche trug man fort, 
Ihr aber kamt gesund heraus.; 



Bestandet manche harte Proben; 
Dem Heifer half der Heifer droben. 

Das sagt der alte Bauer, erinnernd, wie Faust zusammenhangt mit 
der alten Heilkunde, die aber sich nicht nur bezog auf die Heilung 
physischer Krankheiten, sondern auf die Heilung auch der moralischen 
Ubel des Volkes. Faust weift, daft er nicht mehr in einem Zeitalter ge- 
lebt hat, in dem die alte Weisheit wirklich hilfreich der Menschheit 
war, sondern schon in einer Verfallszeit. Und in seiner Seele glimmt 
auf Bescheidenheit, aber zu gleicher Zeit Niedergeschlagenheit liber die 
Unwahrheit, der er eigentlich gegeniibersteht, und er sagt: 

Nur wenige Schritte noch hinauf zu jenem Stein, 

Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten. 

Hier safi ich oft gedankenvoll allein 

Und quake mich mit Beten und mit Fasten. 

An Hoffnung reich, im Glauben fest, 

Mit Tranen, Seufzen, Handeringen 

Dacht ich das Ende jener Pest 

Vom Herrn des Himmels zu erzwingen. 

Der Menge Beifall tont mir nun wie Hohn. 

O konntest du in meinem Innern lesen, 

Wie wenig Vater und Sohn 

Solch eines Ruhmes wert gewesen! 

Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann, 

Der iiber die Natur und ihre heil'gen Kreise, 

In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise, 

Mit grillenhafter Miihe sann. 

Der, in Gesellschaft von Adepten, 

Sich in die schwarze Kuche schloft 

Und, nach unendlichen Rezepten, 

Das Widrige zusammengofi. 

Da ward ein roter Leu, ein kiihner Freier, 

Im lauen Bad der Lilie vermahlt, 

Und beide dann mit offnem Flammenfeuer 

Aus einem Brautgemach ins andere gequalt. 



Also Goethe hat sehr wohl studiert, wie man dazumal verfahren 
ist, wie man den «roten Leu» - das Quecksilberoxyd, Schwefelqueck- 
silber - behandelt hat, wie man die verschiedenen Chemikalien zu- 
sammengemischt und ihren Prozessen iiberlassen hat, wie man Arze- 
neien daraus fabriziert hat. Das alles aber entsprach nicht mehr der 
alten Weisheit. Goethe kennt auch die Ausdrucksweise. Man hat durch- 
aus das, was man darzustellen hatte, in Bildern dargestellt. Die Ver- 
bindungen von Stoffen hat man wie eine Vermahlung dargestellt. Da- 
her sagt er: 

Aus einem Brautgemach ins andere gequalt. 
Erschien darauf mit bunten Farben 
Die junge Konigin im Glas — 

Das war ein Kunstausdruck. Wie in der heutigen Chemie Kunst- 
ausdriicke sind, so nannte man dazumal, wenn gewisse Substanzen einen 
gewissen Zustand und Farbe erreicht haben, «die junge Konigin». 

Hier war die Arzenei, die Patienten starben, 

Sie starben damals dem Faust weg, wie sie auch heute noch bei vielen 
Arzeneien sterben. 

Hier war die Arzenei, die Patienten starben, 

Und niemand fragte: wer genas? 

So haben wir mit hollischen Latwergen 

In diesen Talern, diesen Bergen 

Weit schlimmer als die Pest getobt. 

Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben, 

Sie welkten hin, ich mufi erleben, 

Daft man die frechen Morder lobt. 

Das ist Selbsterkenntnis des Faust. So steht Faust nun vor sich selber 
da, er, von dem Sie wissen, daft er in alten magischen Weistiimern sich 
umgetan hat, um in die Geheimnisse der Natur und des Geistes einzu- 
dringen. Durch alles das ist er aber vergeistigt worden. So wie Wagner, 
sein Famulus, der sich Geniige getan hat mit der neueren Weisheit, die 
im Schriftwerke ruht, die in Buchstaben ruht, kann es Faust nicht hal- 



ten. Dieser Wagner ist ja eine Persdnlichkeit, welche weit geringere 
Anspriiche an die Weisheit und an das Leben stellt. Und als Faust sich 
hineintraumen will in die Natur, urn den Geist der Natur zu finden, 
da denkt der Wagner nur an den Geist, der ihm aus den Theorien, aus 
dem Pergamente, aus den Btichern flieftt. Was da iiber Faust kommt, 
nennt er grillenhafte Stunden: 

Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden, 

- sagt Wagner - 

Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden. 
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt, 
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden. 

Er will nie mit dem Vogel hinausfliegen, um die Welt kennenzulernen! 

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden 

Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! 

Da werden Winternachte hold und schon, 

Ein selig Leben warmet alle Glieder, 

Und ach! entrollst du gar ein wiirdig Pergamen, 

So steigt der ganze Himmel zu dir nieder. 

Ein vollstandiger Buchermensch, ein ganzer Theorienmensch! 

So, nachdem das Volk abgegangen ist, stehen sie nun da: derjenige, 
der hinein will zu des Lebens Quellen, der sein eigenes Wesen verbinden 
will mit den geheimnisvollen Kraften der Natur, um diese geheimnis- 
vollen Krafte der Natur zu erleben: Faust - und derjenige, der nichts 
sieht als das auftere materielle Leben und dasjenige, was in den Btichern 
eben durch Materie aufgezeichnet ist: Wagner. Man braucht nicht viel 
nachzudenken, was, durch all das, was er erlebt hat bis zu diesem 
Augenblicke, wie es uns Goethe darstellt, in Fausts Innerem vorge- 
gangen ist; soviel aber kann man sich sagen nach alledem, was uns in 
Faust entgegentritt, daft das Innere, man mochte sagen, sich um- und 
umgekehrt hat, daft eine wirkliche Seelenentwickelung bei Faust statt- 
gefunden hat, daft er ein gewisses inneres Schauen erlangt hat, sonst 
hatte er nicht den Erdgeist rufen konnen, der im Tatensturm auf und 



ab walk. Eine gewisse Fahigkeit, die auftere Welt nicht nur ihren au(Se- 
ren Erscheinungen nach zu sehen, sondern den Geist zu sehen, der in 
allem webt und lebt, hat sich Faust angeeignet. Da springt ihnen, Faust 
und Wagner, ein Pudel von feme entgegen. Wie sie beide den Pudel 
sehen, einen gewohnlichen Pudel, wie ihn Faust sieht und wie ihn 
Wagner sieht, das charakterisiert die beiden Menschen ganz und gar. 
Nachdem Faust sich hineingetraumt hat in das lebendige Geistweben 
der Natur, erblickt er den Pudel: 

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel 

streifen? 

Wagner: Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir. 

Faust: Betracht ihn recht! Fur was haltst du das Tier? 

Wagner: Fur einen Pudel, der auf seine Weise 
Sich auf der Spur des Herren plagt. 

In Rreisen geht der Pudel ringsherum. 

Faust: Bemerkst du, wie im weiten Schneckenkreise 
Er um uns her und immer naher jagt? 
Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel 
Auf seinen Pfaden hinterdrein. 

Faust sieht nicht blofi den Pudel, sondern im Inneren des Faust regt 
sich etwas, er sieht etwas, was zum Pudel gehort wie ein Geistiges. Das 
sieht Faust. Wagner sieht es selbstverstandlich nicht. Mit aufieren 
Augen kann man ja das nicht sehen, was Faust sieht. 

Wagner: Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel; 

Es mag bei euch wohl Augentauschung sein. 

Faust: Mir scheint es, daft er magisch leise Schlingen 
Zu kunft'gem Band um unsre Fiifte zieht. 

Wagner: Ich sen' ihn ungewifi und furchtsam uns umspringen, 
Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht. 

Faust sieht also in dieser einfachen Erscheinung zugleich etwas Gei- 



stiges. Halten wir das fest. Faust geht, indem sein Inneres ergriffen 
ist von einem gewissen Geistzusammenhang selbst mit diesem Pudel, 
nun in sein Studierzimmer. Nun, selbstverstandlich, dramatisch stellt 
Goethe das so dar, dafi der Pudel da ist, wie er ist; das ist audi gut, das 
Drama mufi das so darstellen. Aber im Grunde haben wir es doch nut 
etwas, was Faust innerlidi erlebt, zu tun. Und wie jetzt diese Szene 
sich abspielt, wie Faust hier etwas innerlich erlebt, das ist von Goethe 
wirklich meisterlich in jedem Worte gesagt. Sie sind draufien geblieben, 
Faust und Wagner, bis in die Nacht hinein, wo das aufiere Licht nidit 
mehr wirkt, wo nur die Dammerung gewirkt hat. In die Dammerung 
hinein sieht Faust dasjenige, was er geistig sehen will. Nun kommt er 
nach Hause wiederum in seine Zelle. Nun ist er allein mit sich. Solch 
ein Mensch wie Faust, nachdem er all das darchgemacht hat, mit sich 
allein gelassen, ist in der Lage, Selbsterkenntnis, das heilk, das Leben 
des Geistes im eigenen Selbst zu erleben. Er driickt es aus, wie gewisser- 
mafien sein Innerstes rege geworden ist, aber auf geistige Art rege 
geworden ist: 

Verlassen nab' ich Feld und Auen, 
Die eine tiefe Nacht bedeckt, 
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen 
In uns die beflre Seele weckt. 
Entschlafen sind nun wilde Triebe 
Mit jedem ungesuimen Tun; 
Es reget sich die Menschenliebe, 
Die Liebe Gottes regt sich nun. 

Der Pudel knurrt. Aber seien wir uns klar: es sind innere Erlebnisse, 
audi das Pudelknurren ist inneres Erlebnis, wenn es audi dramatisch 
aufterlich dargestellt wird. Faust hat sich mit der verfallenden Magie 
eingelassen, mit Mephistopheles eingelassen. Mephistopheles ist kein 
Geist, der ihn in die fortschreitenden, regularen geistigen Krafle hinein- 
f iihrt, Mephistopheles ist der Geist, den Faust erst iiberwinden mufi, der 
ihm beigesellt wird, dafi er ihn iiberwinde, der ihm zur Prufung, nicht 
zur Belehrung, beigegeben ist. Das heifit: wir sehen jetzt Faust vor uns 
stehen, wie er auf der einen Seite hinein will in die gottlich-geistige 



Welt, weldie die Weltentwickelung vorwartstragt, und wie auf der an- 
dern Seite die Krafte in seiner Seele rege sind, die ihn hinunterziehen ins 
gewohnliche Triebleben, das den Menschen abbringt von dem geistigen 
Streben. Gerade wenn Heiliges in seiner Seele sich regt, da spottet es; 
die entgegenstehenden Triebe spotten. Dies ist jetzt in Form aufierlicher 
Ereignisse wunderbar dargestellt: Faust, gewissermafien nach dem Gott- 
lich-Geistigen mit all seinem Wissen hinstrebend, und seine eigenen 
Triebe, die dagegen knurren, so wie der materialistische Sinn des Men- 
schen knurrt gegen das geistige Streben. Und wenn Faust sagt: Sei ruhig, 
Pudel! Knurre nicht - so beruhigt er im Grunde genommen sich selber. 
Und nun spricht Faust, das heifit, in diesem Fall lafit Goethe Faust in 
einer wunderbaren Weise sprechen. Erst wenn man eingeht auf die ein- 
zelnen Worte, findet man, wie wunderbar Goethe das innere Leben des 
Menschen in geistiger Entwickelung kennt: 

Ach, wenn in unsrer engen Zelle 
Die Lampe freundlich wieder brennt, 
Dann wird's in unserm Busen helle, 
Im Herzen, das sich selber kennt - 

im Herzen, das Selbsterkenntnis, das heifit, den Geist im eigenen Selbst 
sucht. 

Vernunft f angt wieder an zu sprechen -. 

Ein bedeutungsvoller Satz! Derjenige, der die geistige Entwickelung 
durchmacht, in die Faust gebracht wird durch sein Leben, wei&, dafi 
Vernunft nicht nur etwas Totes im Inneren ist, kennt nicht nur die 
Kopfvernunft, weifi, wie lebendig Vernunft wird, wie inneres Geist- 
weben Vernunft wird und wirklich spricht. Das ist kein blofSes dichte- 
risches Bild: 

Vernunft f angt wieder an zu sprechen, 
Und HofTnung wieder an zu bluhn. 

Vernunft spricht, f angt wieder an zu sprechen iiber das Vergangene, 
das lebendig geblieben ist aus dem Vergangenen, und Hoffnung wieder 
an zu bliihen, das heifit, unseren Willen finden wir umgestaltet, so dafi 



wir wissen, wir werden durdi die Pf orte des Todes als ein geistig-leben- 
diges Wesen gehen. Die Zukunft und die Vergangenheit gliedern sich 
wunderbar zusammen. Goethe will Faust sagen lassen, dafi Faust weifl* 
in der Selbsterkenntnis das innere Leben des Geistes zu finden. 

Man sehnt sich nach des Lebens Bachen, 
Ach! nach des Lebens Quelle hin. 

Und nun sucht Faust naherzukommen dem, wonach es ihn drangt, 
nach des Lebens Quellen. Einen Weg sucht er zunachst: den Weg der 
religiosen Erhebung. Er greift zum Neuen Testament, Und wie er jetzt 
zum Neuen Testament greift, das ist eine wunderbare Darstellung 
Goethescher weisheitsvoller Dramatik. Zu demjenigen greift er, wo die 
tief sten Weisheitsworte der neueren Zeit darinnenstehen, zum Johannes- 
Evangelium. Das will er in sein geliebtes Deutsch iibersetzen. Dafi 
Goethe den Moment des Obersetzens wahlt, das ist bedeutungsvoll. 
Derjenige, der das Wirken tief er Welten- und Geisterwesenheiten kennt, 
weifi, dafi beim Heriibertragen von Weisheiten aus einer Sprache in eine 
andere alle Geister der Verwirrung auftreten, alle Geister der Ver- 
wirrung eingreifen. In den Grenzgebieten des Lebens auJftern sich ins- 
besondere der menschlichen Entwickelung und dem menschlichen Heil 
entgegenstehende Machte. Goethe wahlt absichtlich die Obersetzung, 
um den Geist der Verkehrtheit, ja den Geist der Luge, der jetzt noch 
im Pudel ist, hinzustellen neben den Geist der Wahrheit. Geht man auf 
das ein, was an Gefuhlen und Empfindungen aus einer solchen Szene 
herausfliefien kann, dann erscheint einem die wunderbare geistige Tiefe, 
die in diesen Szenen lebt. Alle die Anfechtungen, die ich eben charakteri- 
siert habe, die von dem kommen, was im Pudel steckt, die sich auf- 
baumen, um die Wahrheit in die Unwahrheit zu entstellen, all das 
wirkt fort und wirkt gerade hinein in eine Tat des Faust, die einem 
recht Gelegenheit gibt, Wahrheit in Unwahrheit zu entstellen. Und wie 
wenig man eigentlich bemerkt, dafi Goethe dies gewollt hat, das zeigen 
heute noch immer die verschiedenen Faust-Erklarer, denn diese Faust- 
Erklarer - was sagen sie denn gerade iiber diese Szene? Nun, Sie konnen 
es lesen. Da wird gesagt: Goethe ist eben ein Mensch des aufieren Le- 
bens, dem geniigt das Wort nicht, er mulS das Johannes-Evangelium 



verbessern, er mufi eine richtigere Ubersetzung finden, nicht: Im An- 
fang war das Wort, der Logos, sondern: Im Anfang war die Tat. Das 
flndet Faust nach langem Zogern heraus. Das ist eine tiefe Goethe- 
Weisheit. 

Diese Weisheit ist nicht eine Faust -Weisheit, ist eine echte Wagner- 
Weisheit, eine richtige Wagner -Weisheit! Geradeso wie jene Weisheit, 
die so oft und oft betont wird, daft Faust spater dem Gretchen gegen- 
iiber so schone Worte iiber das religiose Leben sagt: Wer kann ihn nen- 
nen, wer bekennen, den Allumfasser, der alles halt und tragt, und so 
weiter - Gretchen -Weisheit ist! Das, was da Faust dem Gretchen sagt, 
das ist immer wieder und wieder zitiert worden, und es wird immer 
wieder und wiederum als eine tiefe Weisheit hingestellt von den Herren, 
die das zitieren, den Herren Gelehrten: 

Wer darf ihn nennen? 

Und wer bekennen: 

Ich glaub' ihn? 

Wer empfinden 

Und sich unterwinden 

Zu sagen: ich glaub' ihn nicht? 

Der Allumfasser, 

Der Allerhalter, 

Faftt und erhalt er nicht 

Dich, mich, sich selbst? 

Wolbt sich der Himmel nicht da droben? 

Liegt die Erde nicht hierunten fest? 

Und steigen freundlich blickend 

Ewige Sterne nicht herauf ? 

Schau ich nicht Aug' in Auge dir, 

Und drangt nicht alles 

Nach Haupt und Herzen dir . . . 

und so weiter. 

Das, was da Faust sagt, wird als eine tiefe Weisheit oftmals dargestellt! 
Nun, hatte es Goethe als die allertiefste Weisheit gemeint, so hatte er 
es nicht Faust in dem Moment in den Mund gelegt, da er das sechzehn- 



jahrige Gretchen unterrichten will. Eine Gretchen -Weisheit ist es! Man 
mufi die Dinge nur ernst nehmen. Die Gelehrten sind nur aufgesessen. 
Sie haben dasjenige, was eine Gretchen -Weisheit ist, fur tiefe Philo- 
sophic genommen. Und so wird denn auch das, was da als Bibel- 
ubersetzung bei Faust auftritt, fur eine ganz besonders tiefe Weisheit 
genommen, wahrend Goethe nichts anderes darstellen will, als, wie 
Wahrheit und Irrtum den Menschen hin und her werfen, wenn er an 
eine solche Aufgabe geht. Tief, tief hat Goethe diese zwei Seelen des 
Faust gerade bei dieser Bibeliibersetzung dargestellt. 

Geschrieben steht: «Im Anfang war das Wortl» 

Wir wissen, es ist der griechische Logos. Das steht wirklich im Johan- 
nes-Evangelium. Dagegen baumt sich dasjenige, was durch den Pudel 
symbolisiert wird, in Faust auf, will ihn nicht zu dem tieferen Sinn des 
Johannes-Evangeliums kommen lassen. Warum ist gerade das Wort, der 
Logos, gewahlt von dem Schreiber des Johannes-Evangeliums? Weil 
der Schreiber des Johannes-Evangeliums kennzeichnen will, daft das- 
jenige, was das Wichtigste ist in der menschlichen Erdenentwickelung, 
was den Menschen in der Erdenentwickelung aufterlich wirklich zum 
Menschen macht, nicht sich nach und nach entwickelt hat, sondern in 
den Urbeginnen da war. Wodurch unterscheidet sich der Mensch von 
alien iibrigen Wesen? Dadurch, daft er sprechen kann, alle ubrigen 
Wesen - Tiere, Pflanzen, Mineralien - nicht. Der Materialist glaubt, 
daft der Mensch zum Wort, das heiftt zur Sprache, zum Logos, der vom 
Denken durchzittert ist, erst gekommen sei, nachdem er die tierische 
Entwickelung durchgemacht hat. Das Johannes-Evangelium nimmt die 
Sache tiefer und sagt: Nein, im Urbeginne war das Wort. Das heiftt: 
Des Menschen Entwickelung ist urspriinglich veranlagt; der Mensch ist 
nicht bloft im materialistisch-darwinistischen Sinne hochste Spitze der 
Tierwelt, sondern in den allerersten Absichten der Erdenentwickelung, 
in den Urbeginnen, im Anfange war das Wort. Und nur dadurch kann 
der Mensch auf Erden ein Ich entwickeln, wozu die Tiere nicht kom- 
men, daft einverwoben ist das Wort der menschlichen Entwickelung. 
Das Wort steht geradezu fiir das Ich des Menschen. Aber gegen diese 
Wahrheit baumt sich der Geist, der dem Faust beigegeben ist, der Geist 



der Unwahrheit, auf, und er mufi tiefer herunter, er kann noch nicht 
verstehen die ganze tiefe Weisheit, die in dem Johannes -Worte liegt. 

Hier stock 5 ich schon! 

Aber es ist eigentlich der Pudel, der Hund in ihm, und was im Pudel 
steckt, was ihn stocken macht. Er kommt nicht hoher hinauf , er kommt 
im Gegenteil tiefer herunter. 

Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort? 
Ich kann das Wort so hoch unmoglich schatzen, 
Ich mufi es anders iibersetzen, 
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. 

Wahrend er den Mephistopheles an sich herankommen sieht, glaubt 
er gerade, daft er vom Geist erleuchtet ist; er ist aber vom Geist der 
Finsternis verfinstert und kommt herunter. 

Geschrieben steht: «Im Anfang war der SinnU 

Das ist nicht hoher als das Wort. Der Sinn waltet, wie wir leicht nach- 
weisen konnen, auch im Leben der Tiere, doch das Tier kommt nicht 
zum menschlichen Worte. Des Sinnes ist der Mensch fahig dadurch, dafi 
er einen astralischen Leib hat. Faust steigt tiefer in sich herunter, vom 
Ich in den astralischen Leib hinein. 

. . . «Im Anfang war der Sinn.» 

Bedenke wohl die erste Zeile, 

Dafi deine Feder sich nicht iibereile! 

Er glaubt hoher zu kommen, aber er kommt tiefer. 

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? 

Nein, er steigt noch tiefer hinab von dem astralischen zu dem dichter- 
materiellen Atherleibe und schreibt: 

. . . «Im Anfang war die Kraft\» 
Kraft ist dasjenige, was im Atherleibe lebt. 



Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, 
Schon warnt mich was, dafS ich dabei nicht bleibe. 
Mir hilft der Geist! 

Der Geist, der in dem Pudel steckt! 

Auf einmai seh' ich Rat 
Und schreibe getrost: «Im Anfang war die Tatl» 

Und jetzt ist er beim volligen Materialismus angekqmmen, jetzt ist er 
beim physischen Leib, durch den die aufiere Tat sich vollzieht. 

Wort (Logos) - Ich 

Sinn - Astralleib 

Kraft - Atherleib 

Tat - Physischer Leib 

So haben Sie Faust lebend und webend in einem Stiick Selbsterkennt- 
nis. Er ubersetzt die Bibel falsch, weil die verschiedenen Glieder der 
menschlichen Wesenheit, die wir so oft besprochen haben - Ich, astra- 
lischer Leib, Atherleib, physischer Leib in ihm in chaotischer Weise 
durch den mephistophelischen Geist zusammenwirken. Jetzt zeigt sich 
auch, wie diese Triebe waken, denn das auftere Bellen des Pudels ist 
dasjenige, was sich in ihm gegen die Wahrheit aufbaumt. Er kann noch 
nicht in seiner Erkenntnis die Weisheit des Christentums erfassen. Das 
sehen wir an der Art und Weise, wie er Wort, Sinn, Kraft, Tat in Zu- 
sammenhang bringt. Aber in ihm lebt schon der Drang, der Trieb zum 
Christentum. Indem er das, was als der Christus in ihm lebt, lebendig 
macht, besiegt er den Gegengeist. Er versucht es zunachst mit dem, was 
er aus der alten Magie erhalten hat. Da weicht der Geist nicht, da zeigt 
er sich nicht in seiner wahren Gestalt. Die vier Elemente und ihre 
Geister: Salamander, Sylphe, Undine, Gnomen ruft er auf; das alles 
beirrt den Geist nicht, der in dem Pudel steckt. Aber als er die Christus- 
Gestalt auf ruft: den freventlich durchstochenen, durch alle Himmel 
ergossenen - da mufi der Pudel seine wahre Gestalt zeigen. 

Alles das ist im Grunde Selbsterkenntnis, eine Selbsterkenntnis, die 
Goethe ganz deutlich macht. Was tritt auf? Ein fahrender Scholast! 



Faust iibt wirklich Selbsterkenntnis; er steht im Grunde genommen sich 
selbst gegeniiber. Erst haben in der Pudelgestalt die wilden Triebe, die 
sich gegen die Wahrheit aufgelehnt haben, gewirkt, und jetzt gewisser- 
maften wird er sich klar, klar-unklar! Der fahrende Scholast steht vor 
ihm. Es ist aber nur das andere Ich des Faust. Er ist selber nicht viel 
mehr geworden als ein fahrender Scholast mit all den Irrtiimlichkeiten, 
die im fahrenden Scholasten sind; nur eben derber und griindlicher tritt 
ihm jetzt, wo er durch seinen Zusammenschluft mit der geistigen Welt 
die Triebe genauer kennenlernt, der fahrende Scholast, das heiftt sein 
eigenes Selbst, wie er sich es bisher angeeignet hat, entgegen. Faust hat 
gelernt wie ein Scholast, nur hat er sich dann der Magie ergeben, und 
durch die Magie ist die Schulweisheit verteufelt worden. Was aus dem 
alten guten Faust geworden ist, wie er noch ein fahrender Scholast war, 
das ist er nur dadurch geworden, daft er noch die alte Magie darauf 
gesetzt hat. In ihm steckt noch der fahrende Scholast: er tritt ihm in 
verwandelter Gestalt entgegen. Es ist nur das eigene Selbst. Auch dieser 
fahrende Scholast ist das eigene Selbst. Der Kampf, das alles loszuwer- 
den, was einem da als eigenes Selbst entgegentritt, der ist nun in der 
weiteren Szene enthalten. 

Es ist von Goethe immer versucht, in den verschiedenen Gestalten, 
mit denen Faust zusammen auftritt, nur das andere Ich des Faust zu 
zeigen, damit Faust immer mehr und mehr sich selbst erkennt. Viel- 
leicht erinnern sich manche von den Zuhorern, daft ich in f riiheren Vor- 
tragen auseinandersetzte, wie auch der Wagner in Faust selber dar- 
innensteckt, wie der Wagner auch nur ein anderes Ich des Faust ist. 
Auch der Mephistopheles ist nur ein anderes Ich. Alles Selbsterkenntnis! 
An der Welterkenntnis wird Selbsterkenntnis geiibt. Aber das alles ist 
nicht in klarer Geist-Erkenntnis jetzt bei Faust; das alles ist in unklarer, 
dumpfer, man mochte sagen, doch noch von alter atavistischer Hell- 
seherkunst beeintrachtigter Geist-Seherkraft in Faust enthalten. Es ist 
nicht geklart. Es ist nicht helle Erkenntnis, es ist traumhafte Erkenntnis. 
Das wird uns dargestellt, wie die Traumgeister, die eigentlich Gruppen- 
seelen von all denjenigen Wesen sind, die Mephistopheles begleiten, 
Faust umgaukeln, und wie er zuletzt erwacht. Und da laftt Goethe 
Faust ganz klar und deutlich sagen: 



Bin ich denn abermals betrogen? 
Verschwindet so der geisterreiche Drang, 
Daft mir ein Traum den Teufel vorgelogen, 
Und daft ein Pudel mir entsprang? 

Goethe gebraucht schon die Methode, immer wieder und wiederum 
auf die Wahrheit hinzudeuten. Daft er es eigentlich als Innenerlebnis 
des Faust meint, das ist in diesen vier Zeilen deutlich genug ausgespro- 
chen. Audi diese Szene zeigt uns, wie Goethe rang nach Erkenntnis des 
Oberganges der alten Zeit in die neue, in der er selbst lebte, des vierten 
nachatlantischen Zeitraums in den fiinften nachatlantischen Zeitraum. 
Die Grenze ist im 14., 15., 16. Jahrhundert. Wer im heutigen Denken 
lebt, der kann sich, wenn er nicht besondere Studien macht, keine gute 
Vorstellung machen von der Seelenentwickelung vergangener Jahr- 
hunderte, so sagte ich vorhin. Und zu Fausts Zeiten waren nur noch die 
Triimmer vorhanden. Wir erleben es oft, daft heute die Menschen nicht 
zu der neueren Geistesforschung, wie wir sie anstreben, herankommen 
wollen, sondern die alte Weisheit wieder aufwarmen wollen. Wie man- 
cher glaubt, wenn er dasjenige, was die Alten besessen haben, wieder auf- 
warmt bei sich, dadurch zu einer tieferen, magisch-mystischen Weisheit 
iiber die Natur zu kommen! Zwei Unfuge, mochte ich sagen, stehen da 
allem geistigen Streben der Menschen ungemein nahe. Das erste ist, 
daft die Menschen alte, uralte Biicher sich kaufen und studieren und nun 
hoher schatzen als die neuere Wissenschafl. Sie schatzen sie meist nur 
deshalb hoher, weil sie sie nicht verstehen, weil die Sprache wirklich 
schon nicht mehr verstanden werden kann. Das ist der eine Unfug, daft 
man immer wieder und wiederum mit dem zum Kauderwelsch gewor- 
denen Inhalt der alten Biicher kommt, wenn man von Geistesforschung 
reden will. Das andere ist, daft man moglichst den neueren Bestrebungen 
alte Namen geben will und sie sich damit geheiligt hat. Sehen Sie sich 
manche, die sich okkulte oder geheime oder sonstige Gesellschaften nen- 
nen, an. Ihr ganzes Bestreben geht dahin, moglichst weit sich zunick- 
zudatieren, moglichst viel zu erklaren iiber eine legendarische Ver- 
gangenheit, in alten Namengebungen sich zu gefallen. Das ist der zweite 
Unfug. All das braucht man nicht mitzumachen, wenn man wirklich 



die Bediirfnisse und Impulse unserer Zeit und der notwendigen Zukunft 
durchschaut. Man kann jedes beliebige Buch aufschlagen aus der Zeit, 
wo noch gewissermafien Traditionen vorhanden waren. Da sieht man 
aus der Art und Weise, wie dargestellt wird, dafi Hinterlassenschaften, 
Traditionen von einer alten Urweisheit vorhanden waren, welche die 
Menschheit besessen hat, dafi aber diese Weisheit in Verfall geraten 
war. Die Ausdrucksweise, alles ist noch da, sogar ziemlich spat noch da. 

Es steht mir gerade ein Buch zur Verfugung, das gedruckt ist im 
Jahre 1740, also sogar erst im i8.Jahrhundert. Ich will eine kleine Stelle 
daraus vorlesen, eine Stelle, der gegeniiber man sicher sein kann, dafi 
mancher, der heute geistige Wissenschaft sucht, wenn solch eine Stelle 
an ihn herantritt, sagt: Abgrundartige, tiefe Weisheit! Oh, was ist 
darinnen alles enthalten! - Es gibt sogar dann manche, die glauben, dafi 
sie eine solche Stelle verstehen. Nun, ich will Ihnen zunachst vorlesen 
die Stelle, die ich meine: 

«Die Crone des Koniges soil von reinem Golde sein, und eine keusche 
Braut soil ihm vermahlet werden. Darum, so du durch unserer Corper 
wirken willt, so nimm den geitzigen grauen Wolff, so seines Namens 
halben dem streitigen Marti unterworff en, von Gebuhrt aber ein Kind 
des alten Saturni ist, so in den Thalern und Bergen der Welt gefunden 
wird, und mit groftem Hunger besessen, und wirf ihm fiir den Leib des 
Koniges, daft er daran seine Zehrung haben moge.» 

So hat man in alten Zeiten diese chemischen Vorgange, die man ein- 
gerichtet hat, benannt, hat gesprochen von gewissen chemischen Vor- 
gangen, auf die'Faust auch anspielt, wenn er da von spricht, wie ein 
roter Leu vermahlt wird der Lilie im Glase und so weiter. Es ist nicht 
ordentlich, zu spotten iiber diese Dinge aus dem einfacheri Grunde, weil 
die Art und Weise, die heute die Chemie spricht, fiir die Leute, die 
spater kommen, wieder geradeso klingen wird, wie das fiir uns. Aber 
klar sollen wir uns sein, daft das auch entstanden ist sogar schon in 
einer sehr spaten Verfallzeit. Hingedeutet wird auf einen « grauen 
Wolff ». Mit diesem « grauen Wolff » ist ein gewisses Erz gemeint, das 
man in den Bergen uberall findet und das einer gewissen Prozedur 
unterworfen wird. «K6nig» nannte man einen gewissen Zustand von 
Substanzen. Und dasjenige, was hier erzahlt wird, soli auf eine gewisse 



Hantierung hindeuten. Man nahm das graue Erz, behandelte es in 
einer gewissen Weise. Dieses graue Erz nannte man den «geitzigen 
grauen Wolff », das andere den «goldenen K6nig», wo das Gold, nach- 
dem es in einer gewissen Weise behandelt wurde, der «goldene K6nig» 
war. Und da entstand eine Verbindung. Diese Verbindung beschreibt 
der Verfasser so noch: «Und wenn er den Konig verschlungen ...» 

Also es entsteht das, dafi der « graue geitzige Wolff », das heifk, das 
graue Erz, das in den Bergen gefunden war, sich mit dem goldenen 
Konig - das ist ein gewisser Zustand des Goldes, nachdem es chemisch 
behandelt worden ist — verschmolzen hat. Da ist das Gold verschwun- 
den in das graue Erz hinein. Er stellt es dar: «Und wenn er den Konig 
verschlungen, so mache ein gross Feuer, und wirff den Wolff darein ...» 
Also der Wolf, der das Gold aufgefressen hat, den goldenen Konig, 
wird in das Feuer geworfen. «Daft er gantz und gar verbrenne, so wird 
der Konig wieder erloset werden.» Das Gold kommt wiederum zum 
Vorschein! 

«Wenn das dreymal geschiehet, so hat der Lowe den Wolff iiber- 
wunden und wird nichts mehr an ihm zu verzehren finden, so ist dann 
unser Leib vollkommen zum Anfang unsers Werkes.» 

Also er macht auf diese Weise irgend etwas. Wollte man wissen, was 
er macht, so rmifke man diese Prozeduren sehr ausfiihrlich beschreiben, 
namentlich wie der goldene Konig gemacht wird; aber es lafk sich das 
hier nicht beschreiben. Diese Prozeduren werden heute auch nicht mehr 
ausgefiihrt. Aber was verspricht sich denn der Mann? Er verspricht sich 
etwas, was durchaus nicht ganz aus der Lufl gegriffen ist, denn er hat 
jetzt etwas gemacht. Wozu hat er denn das eigentlich gemacht? Das 
heifk, derjenige, der das hat drucken lassen, wird es wohl gar nicht mehr 
gemacht haben, sondern er hat es alten Biichern nachgeschrieben. Aber 
wozu ist das gemacht worden in der Zeit, als man die Dinge noch ver- 
standen hat? Das konnen Sie aus dem folgenden ersehen: 

«Und wisse, dass dieses nur allein der rechte Weg ist hiezu, tuchtig 
unsere Corper zu reinigen, denn der Leo saubert sich durch das Gebliite 
des Wolffs, und des Gebliits Tinctur f reuet sich wunderbarlich mit der 
Tinctur des Lowens, denn ihr beyder Gebliit sind in der Gesippschafft 
naher Verwandnus.* 



Also jetzt lobt er das, was er hat entstehen lassen. Eine Art Arzenei 
hat er bekommen. 

«Und wann sich der Lowe ersattiget hat, ist sein Geist starcker wor- 
den denn zuvor, und seine Augen geben einen stoltzen Glantz von sich 
wie die helle Sonne. » 

Das ist alles die Eigenschaft dessen, was er da in der Retorte darinnen 
hat! 

«Sein inners Wesen vermag denn viel zu thun, und ist niitzlich zu 
alle dem, dazu man ihn erfordert, und so er in seine Bereitschaft ge- 
bracht wird, so danken ihm die Menschenkinder, mit schweren her- 
fallenden Kranckheiten und mehrern Seuchen beladen, die zehen aus- 
satzigen Manner lauffen ihm nach und begehren zu trincken von dem 
Blut seiner Seelen, und alle, so Gebrechen haben, erfreuen sich hochlich 
seines Geistes; denn wer von diesem giildenen Brunnen trinckt, empfin- 
det eine gantze Erneuerung der Natur, Hinnehmung des Bosens, Starcke 
des Gebliits, Krafft des Hertzens und eine vollkommene Gesundheit 
aller Glieder.» 

Sie sehen, es ist hingedeutet darauf, daft man es mit einer Arzenei zu 
tun hat, aber es ist hier auch hinlanglich darauf hingedeutet, daft das 
etwas zu tun hat auch mit dem, was als moralische Eigenschaft des Men- 
schen auftritt. Denn natiirlich, nimmt es derjenige, der gesund ist, in 
der entsprechenden Menge, dann tritt das auf, was der da beschreibt. 
So meint er es, und so ist es auch bei den Alten gewesen, die noch etwas 
von den Dingen verstanden haben. 

«Denn wer von diesem giildenen Brunnen trinckt, empfindet eine 
gantze Erneuerung der Natur. » 

Also er hat gestrebt durch diese Kunst, die er da beschrieben hat, nach 
einer Tinktur, durch die wirkliche Lebensregung in den Menschen hin- 
einkommt: 

« Kraft des Hertzens, Starcke des Gebliits und eine vollkommene Ge- 
sundheit aller Glieder, sie seynd innen beschlossen, oder ausser dem 
Leibe empfindlich: denn es eroffnet alle Nervos und Poros, damit das 
Bose kan ausgetrieben werden, und das Gute dero State ruhiglich be- 
wohnen kan.» 

Ich habe dieses zunachst vorgelesen, um zu zeigen, wie schon selbst 



noch in diesen Triimmern einer alten Weisheit ein Niederschlag zu 
bemerken ist von dem, was man in alten Zeiten anstrebte. Man hat 
angestrebt, durch auflerliche Mittel, die man sich aus der Natur her- 
gestellt hat, den Korper anzuregen, das heifit, gewisse TUchtigkeiten 
nicht blofl durdi inneres, moralisches Streben zu erlangen, sondern 
durch Mittel der Natur selber, die man sich hergestellt hat. Halten Sie 
das einmal einen Augenblick fest, denn da werden wir auf etwas Wich- 
tiges gefiihrt, was unseren Zeitraum unterscheidet von friiheren Zeit- 
raumen. Es ist heute durchaus billig, iiber den alten Aberglauben zu 
spotten, denn dann handelt man sich dafiir ein, daft man vor der ganzen 
Welt als ein gescheiter Mensch gilt, wahrend man sonst nicht als ein 
gescheiter Mensch gilt, wenn man in uraltem Wissen etwas Vernunftiges 
sieht. Etwas, was sogar der Menschheit verlorengegangen ist und ver- 
lorengehen mufite aus gewissen Griinden, weil in diesem Streben der 
alten Zeit die Menschen niemals hatten zur Freiheit kommen konnen. 
Aber sehen Sie, Sie finden in alten Buchern, die jetzt in altere Zeiten 
zuriickgehen als dieser Schmoker, der eben einer sehr spaten Verfallzeit 
angehort, Sie finden in alten Buchern, was Sie gut kennen: Sonne und 
Gold mit einem gemeinsamen Zeichen, mit diesem Zeichen: Q> Sie fin- 
den Mond und Silber mit diesem Zeichen: <£ . Fur den heutigen Men- 
schen ist dieses Zeichen angewendet auf Gold und Sonne, und dieses 
Zeichen angewendet auf Mond und Silber, fur Seelenfahigkeiten, die 
der heutige Mensch notwendigerweise hat, natiirlich ein voller Unsinn. 
Es ist ein voller Unsinn, wie in der Literatur, die sich oftmals auch eine 
«esoterische» Literatur nennt, uber diese Dinge gesprochen wird, denn 
man hat meistens gar nicht die Mittel zu erkennen, warum in alten 
Zeiten Sonne und Gold und Mond und Silber mit dem gleichen Zeichen 
bezeichnet worden ist. 

Gehen wir einmal aus von Mond und Silber mit diesem Zeichen: <[ . 
Wenn wir zuriickgehen noch in die Zeit, sagen wir, ein paar Jahr- 
tausende vor dem Mysterium von Golgatha, vor der christlichen Zeit- 
rechnung, dann haben die Menschen nicht nur die Fahigkeiten besessen, 
die schon in Triimmern waren zu der Zeit, als solche Dinge entstanden 
sind, sondern sie haben noch hohere Fahigkeiten besessen. Wenn ein 
Mensch der agyptisch-chaldaischen Kultur Silber gesagt hat, so hat er 



zunachst nicht dasjenige gemeint, was wir meinen, wenn wir Silber 
sagen. Wenn der Mensch in seiner damaligen Sprache das Wort ge- 
braucht hat, das fur ihn Silber bedeutet hat, so hat er das ganz anders 
angewendet. Soldi ein Mensch hat innere Fahigkeiten gehabt, und er 
hat eine gewisse Art der Kraftwirksamkeit gemeint, die sich nicht bloft 
in einem Stiickchen Silber findet, sondern die sich im Grunde iiber die 
ganze Erde ausbreitet. Er wollte sagen, wir leben in Gold, wir leben 
in Kupfer, wir leben in Silber. Gewisse Arten von Kniften hat er ge- 
meint, die da leben, und die insbesondere stark ihm entgegenstromten 
vom Monde. Und das hat er im grobsten materiellen Sinne sensitiv, 
f ein auch in dem Stiickchen Silber empfunden. Er hat wirklich dieselben 
Krafte vom Monde ausstromend, aber auch auf der ganzen Erde gefun- 
den, und besonders ins Materielle umgesetzt in dem Stiickchen Silber. 
Nun, der heutige aufgeklarte Mensch sagt: Ja, Mond - der leuchtet so 
silberweift, da hat man halt geglaubt, daft er aus Silber besteht. - So 
war es nicht, sondern ein heute verlorengegangenes, inneres Seelen- 
erlebnis hatte man beim Mond, was in der ganzen Erdensphare als Kraft 
lebte, und - ins Materielle umgesetzt - bei dem Stiickchen Silber. Es 
muftte also die Kraft, die im Silber steckt, gewissermaften iiber die ganze 
Erde ausgeb'reitet sein. Heute sieht das der Mensch natiirlich als einen 
kompletten Blodsinn an, wenn man ihm das sagt, und dennoch ist es 
nicht im Sinne der heutigen Wissenschaft ein kompletter Unsinn. Es ist 
gar kein Unsinn, durchaus kein Unsinn, denn ich will Ihnen eines sagen, 
was heute die Wissenschaft weift, wenn sie es auch nicht immer sagt. 
Die heutige Wissenschaft weift, daft etwas iiber vier Pfund Silber, fein 
verteilt, enthalten ist in einem Korper, aus dem Weltenmeere heraus- 
geschnitten gedacht in Wurfelform, der eine englische Seemeile lang ist, 
so daft im gesamten Weltenmeere, das die Erde umgibt, zwei Millionen 
Tonnen Silber, fein verteilt, enthalten sind. Dies ist einfach eine wissen- 
schaftliche Wahrheit, die auch heute gepriift werden kann. Das Welten- 
meer enthalt zwei Millionen Tonnen Silber, fein verteilt, in aufterster 
Homdopathie, konnte man sagen. Es ist wirklich das Silber ausgebreitet 
iiber die Erde hin. Heute muft man das dadurch konstatieren, wenn 
man es mit normalem Wissen konstatiert, daft man eben Meerwasser 
schopft und mit alien moglichen minuziosen Untersuchungen methodisch 



priift; aber dann findet man eben mit den Mitteln der heutigen Wissen- 
schaft, daft zwei Millionen Tonnen Silber im Weltenmeere enthalten 
sind. Diese zwei Millionen Tonnen Silber sind darinnen nicht etwa so 
enthalten, daft sie sich irgendwie aufgelost haben oder ahnliches, son- 
dern die gehoren dem Weltenmeere an; die gehoren zu seiner Natur und 
Wesenheit. Und das wuftte die alte Weisheit; das wuftte sie durch die 
noch vorhandenen feinen, sensitiven Krafte, die vom alten Hellsehen 
herriihren. Und sie wuftte, daft, wenn man sich die Erde denkt, man 
sich diese Erde nicht bloft zu denken hat so, wie die heutige Geologie 
sie sich denkt, sondern daft eben in dieser Erde in feinster Weise Silber 
aufgelost ist. 

Ich konnte jetzt weitergehen, konnte zeigen, wie auch Gold aufgelost 
ist, wie alle diese Metalle - aufter dem, daft sie materiell da oder dort 
abgelagert sind - in feiner Auflosung wirklich enthalten sind. Die alte 
Weisheit hatte also nicht Unrecht, als sie von Silber sprach. Das ist in 
der Erdensphare enthalten. Als Kraft aber kannte man es, als gewisse 
Arten von Kraft. Andere Krafte enthalt die Silbersphare, andere Krafle 
die Goldsphare und so weiter. Man wuftte viel mehr noch von dem, 
was da als Silber ausgebreitet ist in der Erdensphare; und man wuftte, 
daft in diesem Silber die Kraft liegt, welche bewirkt Ebbe und Flut, 
weil eine gewisse belebende Kraft dieses ganzen Erdenkorpers in diesem 
Silber liegt, beziehungsweise identisch ist mit diesem Silber. Ebbe und 
Flut wiirden gar nicht entstehen; diese eigentiimliche Bewegung der 
Erde wird urspriinglich angefacht von dem Silbergehalt. Das hat nichts 
mit dem Mond zu tun; aber der Mond hat mit derselben Kraft zu tun. 
Daher treten Ebbe und Flut in gewisser Beziehung mit den Mond- 
bewegungen auf , weil beide, Mondbewegungen und Ebbe und Flut, von 
demselben Kraftesystem abhangig sind. Und die liegen in dem Silber- 
gehalt des Weltenalls. 

Man kann, selbst ohne hellseherische Erkenntnisse, bloft auf solche 
Dinge eingehen, und man wird mit einer Sicherheit des Beweises, der 
auf keinem Gebiete der Wissenschaft sonst erreicht wird als hochstens 
in der Mathematik, nachweisen konnen, daft es eine alte Wissenschaft 
gegeben hat, die solche Dinge wuftte, die solche Dinge gut kannte. Und 
mit solchem Kennen und Konnen hing zusammen, was alte Weisheit 



war, jene Weisheit, die wirklich die Natur beherrschte, und die erst 
wiederum errungen werden mufi durdi Geistesforschung von der Gegen- 
wart in die Zukunft hinein. Wir leben gerade in dem Zeitalter, in dem 
eine alte Art der Weisheit verlorengegangen ist, und eine neue Art der 
Weisheit erst heraufkommt. Was hatte diese alte Weisheit im Gefolge? 
Sie hatte das im Gefolge, was ich schon angedeutet habe. Man konnte 
wirklich, wenn man also die Geheimnisse des Weltenalls kannte, den 
eigenen Menschen tiichtiger machen. Denken Sie, durch aufiere Mittel 
konnte man den Menschen tiichtiger machen! Also die Moglichkeit war 
vorhanden, daft ein Mensch einfach dadurch, daft er sich gewisse Sub- 
stanzen herstellte und diese in entsprechender Menge zu sich nahm, 
Fahigkeiten sich aneignete, von denen wir heute mit Recht annehmen, 
daft der Mensch sie nur als angeborene Fahigkeiten haben kann, als 
Genie, als Talent und so weiter. Nicht dasjenige, was der Darwinismus 
phantastisch traumt, ist im Anfange der Erdenentwickelung, sondern 
solche Moglichkeit, die Natur zu beherrschen und dem Menschen selbst 
moralische und geistige Fahigkeiten zu geben aus der Behandlung der 
Natur heraus. Sie werden es nun begreiflich finden, daft man daher die 
Behandlung der Natur in ganz bestimmten Grenzen haiten mufite: 
deshalb die Geheimnisse der uraltesten Mysterien. Wer solche Erkennt- 
nisse, die wirklich etwas mit diesen Naturgeheimnissen zu tun hatten, 
die nicht bloft Begriff e und Ideen und Empfindungen waren, nicht bloft 
Glaubensvorstellungen, wer solche Erkenntnisse erlangen sollte, der 
muftte zuerst sich als vollkommen dazu geeignet erweisen, nichts, aber 
auch gar nichts mit diesen Kenntnissen fur sich selber machen zu wollen, 
sondern lediglich diese Erkenntnisse, diese Tiichtigkeiten, die er sich 
durch diese Erkenntnisse aneignete, im Dienste der sozialen Ordnung 
anzuwenden. Daher wurden diese Erkenntnisse, sagen wir, in den agyp- 
tischen Mysterien so geheimgehalten. Die Vorbereitung bestand dar- 
innen, daft derjenige, dem solche Erkenntnis tibermittelt wurde, eine 
Garantie dafiir abgab, daft er das Leben, das er vorher fiihrte, in genau 
derselben Weise weiterfiihrte, daft er nicht den geringsten Vorteil sich 
verschaffte, sondern die Tiichtigkeit, die er von jetzt ab erlangte durch 
die Behandlung der Natur, bloft in dem Dienst der sozialen Ordnung 
geltend machte. Unter dieser Voraussetzung hat man einzelne zu Ein- 



geweihten werden lassen, die dann jene alte Kultur leiteten, deren 
Wunderwerke zu sehen sind und die nicht verstanden werden, weil man 
nicht weift, woraus sie erflossen sind. 

Aber die Menschheit hatte so niemals f rei werden konnen. Man hatte 
sozusagen den Menschen durch Natureinfliisse zum Automaten machen 
miissen. Ein Zeitalter muftte heraufkommen, wo der Mensch durch 
blofie innere moralische Krafte wirkte. So wird sozusagen verhullt vor 
ihm die Natur, weil er sie entweiht hatte, indem in der neuen Zeit seine 
Triebe freigelassen wurden. Und am meisten sind seine Triebe frei- 
gelassen worden seit dem 14., 15. Jahrhundert. Daher verglimmt die 
alte Weisheit, da bleibt nur mehr eine Buchweisheit, die nicht verstan- 
den wird. Denn niemand wiirde sich heute abhalten lassen, wenn er 
solche Dinge wirklich verstiinde, wie nur den Satz, den ich Ihnen vor- 
gelesen habe, diese Dinge zu seinem eigenen Vorteil zu gebrauchen. 
Das aber wiirde die schlimmsten Triebe in der menschlichen Gesellschaft 
hervorrufen, schlimmere Triebe, als jenes tastende Fortschreiten hervor- 
bringt, das man heute wissenschaftliche Betriebe nennt, wo man so im 
Laboratorium, ohne daft man in die Dinge hineinsehen kann, heraus- 
kriegt: dieser Stoff beriihrt den andern in dieser Weise, - wo man, ohne 
in die Dinge hineinzusehen, etwas herauskriegt - nun, wie jetzt der 
Inhalt der Chemie ist. Man laviert so fort. Und Geisteswissenschaft 
wird erst wieder den Weg finden miissen hinein in die Geheimnisse der 
Natur. Aber zu gleicher Zeit wird sie eine soziale Ordnung begriinden 
miissen, die ganz anders ist als die heutige soziale Ordnung, so daft der 
Mensch erkennen kann, was die Natur im Innersten zusammenhalt, 
ohne deshalb zum Kampf der wildesten Triebe verfuhrt zu werden. 

Es ist Sinn und es ist Weisheit in der menschlichen Entwickelung, und 
das suchte ich jetzt schon durch eine ganze Reihe von Vortragen Ihnen 
zu beweisen. Das, was geschieht in der Geschichte, geschieht - wenn 
auch oft durch so zerstorerische Krafte als moglich - doch so, daft ein 
Sinn durch das geschichtliche Werden hindurchgeht, wenn es auch oft- 
mals nicht der Sinn ist, den der Mensch sich ertraumt, und wenn der 
Mensch auch viel leiden muft durch die Wege, welche der Sinn der Ge- 
schichte oftmals geht. Durch alles, was im Laufe der Zeit geschieht - es 
geschieht ja gewift so, daft das Pendel manchmal nach dem Bosen, 



manchmal nach dem weniger Bosen ausschlagt-, werden aber doch durch 
dieses Ausschlagen gewisse Gleichgewichtslagen erreicht. Und so war 
denn auch bis ins 14., 1 5. Jahrhundert - wenigstens einzelnen - eine 
gewisse Summe von Naturkraften bekannt, deren Kenntnis verloren- 
gegangen ist, weil die Menschen der neueren Zeit nicht die richtige Ge- 
sinnung dazu haben wiirden. 

Sehen Sie, so schon ist das in dem Symbole beschrieben, das die 
Naturkraft in der agyptischen Legende von der Isis ausdriickt. Dieses 
Isis-Bild, was fiir eitfen ergreifenden Eindruck macht es uns, wenn wil- 
es uns vorstellen, wie es dasteht in Stein, aber - im Stein zugleich - 
der Schleier von oben bis unten: das verschleierte Bild zu Sais. Und die 
Inschrift tragt es: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die 
Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher geliiftet. - Das hat 
wiederum zu einer ungemein gescheiten - obwohl sehr gescheite Leute 
diese gescheite Erklarung aufgenommen haben, mufi es doch einmal 
gesagt werden zu einer sehr gescheiten Erklarung gefiihrt. Man sagt 
da: Die Isis driickt also aus das Symbolum fiir die Weisheit, die vom 
Menschen nie erreicht werden kann. Hinter diesem Schleier ist eine 
Wesenheit, die ewig verborgen bleiben muE, denn der Schleier kann 
nicht geliiftet werden. Und doch ist die Inschrift diese: Ich bin die Ver- 
gangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch 
kein Sterblicher geliiftet. - Alle die gescheiten Leute, die also sagen, man 
kann das Wesen nicht ergriinden, sie sagen logisch ungefahr dasselbe, 
wie wenn einer sagt: Ich heifte Miiller, meinen Namen wirst du nie 
erfahren. - Es ist ganz genau dasselbe, was Sie immer iiber dieses Bild 
reden horen, wie wenn einer sagt: Ich heifte Miiller, meinen Namen 
wirst du nie erfahren. - Wenn man das: Ich bin die Vergangenheit, die 
Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher 
geliiftet - so auslegt, ist natiirlich diese Auslegung ein volliger Unsinn. 
Denn es steht ja da, was die Isis ist: Vergangenheit, Gegenwart und 
Zukunft - die dahinfliefknde Zeit! Wir werden morgen noch genauer 
iiber diese Dinge reden. Es ist die dahinflieEende Zeit. Aber ganz etwas 
anderes, als was diese sogenannte geistvolle Erklarung will, ist aus- 
gedriickt in den Worten: Meinen Schleier hat noch kein Sterblicher ge- 
liiftet. - Ausgedriickt ist, dafi man sich dieser Weisheit nahern mufi wie 



denjenigen Frauen, die den Schleier genommen hatten, deren Jung- 
fraulichkeit bestehen bleiben mufke: in Ehrfurcht, mit einer Gesinnung, 
die alle egoistischen Triebe ausschlieftt. Das ist gemeint. Sie ist wie eine 
verschleierte Nonne, diese Weisheit friiherer Zeit. Auf die Gesinnung 
wird hingedeutet durch die Sprache von diesem Schleier. 

Und so handelte es sich darum, dafi in den Zeiten, in denen uralte 
Weisheit lebendig war, die Menschen sich dieser Weisheit in der ent- 
sprechenden Weise naherten, respektive gar nicht zugelassen wurden, 
wenn sie sich ihr nicht in der entsprechenden Weise naherten. Aber der 
Mensch mulke sich selbst iiberlassen sein in der neueren Zeit. Da konnte 
er nicht diese Weisheit der alten Zeit, die Weisheitsformen der alten 
Zeit, haben. Die Kenntnis gewisser Naturkrafte ging verloren, jener 
Naturkrafte, die nicht erkannt werden konnen, ohne da£ man sie im 
Inneren erfahrt, ohne da$ man sie innerlich zugleich lebt. Und in dem 
Zeitalter, in dem, wie ich lhnen vor acht Tagen auseinandergesetzt habe, 
der Materialismus einen gewissen Hohepunkt erlangte, im i9«Jahr- 
himdert, kam eine Naturkraft herauf, die in ihrer besonderen Eigenart 
dadurch charakterisiert ist, daft jeder heute sagt: Die Naturkraft haben 
wir, aber verstehen kann man sie nicht, fur die Wissenschaft ist sie ver- 
borgen. - Sie wissen, wie gerade die Naturkraft der Elektrizitat in 
menschliche Verwendung kam; und die elektrische Kraft ist eine solche, 
dafi der Mensch sie durch seine normalen Krafte im Inneren nicht er- 
leben kann, dafi sie im Aufieren bleibt. Und mehr, als man glaubt, ist 
dasjenige, was im 19. Jahrhundert grofi geworden ist, durch die Elek- 
trizitat grofi geworden. Es ware ein leichtes, zu zeigen, wieviel, wie 
unendlich viel von der elektrischen Kraft abhangt in unserer gegenwar- 
tigen Kultur, wieviel mehr noch in der Zukunft abhangen wird, wenn 
die elektrische Kraft durch die moderne Art, ohne in das Innere ein- 
zugehen, verwendet werden wird. Viel mehr noch! Aber gerade die 
elektrische Kraft ist eine solche, die an die Stelle der alten, gekannten 
Kraft gesetzt worden ist in der menschlichen Kulturentwickelung, und 
an der der Mensch heranreifen soli in moralischer Beziehung. Heute 
denkt er bei ihrer Anwendung nicht an irgendeine Moral. Weisheit ist 
in der fortlaufenden geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Der 
Mensch wird heranreifen, indem er eine Zeitlang noch tiefere Scha- 



digungen - Schadigungen sind ja, wie unsere Tage zeigen, geniigend 
da -, indem er noch tiefere Schadigungen in seinem niedern Ich-Trager, 
dem wiisten Egoismus, entfalten kann. Hatte der Mensch noch die alten 
Krafte, so ware das ganz ausgeschlossen. Gerade die elektrische Kraft 
als Kulturkraft macht das moglich; die Dampfkraft in einer gewissen 
Weise auch, aber da ist es noch weniger der Fall. 

Nun steht die Sache so, daft, wie ich Ihnen fruher einmal auseinander- 
setzte, das erste Siebentel unseres Kulturzeitraumes, der bis ins vierte 
Jahrtausend dauern wird, vorbei ist. Der Materialismus hat einen ge- 
wissen Hochpunkt erreicht; die sozialen Formen, in denen wir leben, 
die ja zu solch traurigen Ereignissen in unseren Jahren gefiihrt haben, 
sind wirklich so, daft sie nicht mehr funfzig Jahre die Menschheit tragen 
werden, ohne daft eine griindliche Anderung der menschlichen Seelen 
geschieht. Das elektrische Zeitalter ist fur den, der die Weltentwicke- 
lung geistig durchschaut, zu gleicher Zeit eine Aufforderung, eine gei- 
stige Vertiefung, eine wirkliche geistige Vertiefung zu suchen. Denn zu 
jener Kraft, die unbekannt im Aufteren bleibt fur die Sinnesbeobach- 
tung, raufi die geistige Kraft hinzukommen in die Seelen, die im tiefsten 
Inneren so verborgen ruht wie die elektrischen Krafte, die auch erst 
erweckt werden miissen. Denken Sie sich, wie geheimnisvoll die elek- 
trische Kraft ist; sie wurde erst durch Galvani, Volta aus ihren geheimen 
Verborgenheiten herausgeholt. So geheim verborgen ruht auch das- 
jenige, was in den menschlichen Seelen sitzt, und was die Geisteswissen- 
schaft erforscht. Beide miissen zueinander kommen wie Nord- und 
Siidpol. Und so wahr, wie die elektrische Kraft heraufgezogen ist als 
die in der Natur verborgene Kraft, so wahr wird heraufziehen die 
Kraft, die in der Geisteswissenschaft gesucht wird als die in der Seele 
verborgene Kraft, die dazugehort; wenn auch heute noch vielfach die 
Menschen vor dem, was Geisteswissenschaft will, so stehen - nun, wie 
ungefahr einer gestanden haben wiirde in der Zeit, wo eben Galvani, 
Volta die Frosche prapariert und bemerkt hatten an dem Zucken des 
Schenkels, daft da eine Kraft wirkt in diesem zuckenden Froschschenkel. 
Hat da die Wissenschaft gewuftt, daft in diesem Froschschenkel alles 
lag von Beruhrungselektrizitat, alles, was heute an Elektrizitat bekannt 
ist? Denken Sie sich in die Zeit hinein, wo Galvani in seinem einfachen 



Versuchshaus gewesen ist und seinen Froschschenkel zum Fensterhaken 
hinaushangt, und dieser zu zucken beginnt, und er zum ersten Male 
dies feststellte! Es handelt sich da nicht um Elektrizitat, nicht wahr, 
die erregt ist, sondern um Beriihrungselektrizitat. Als Galvani das zum 
ersten Male feststellte, konnte er da annehmen, mit der Kraft, mit der 
da der Froschschenkel angezogen wird, wird man einmal Eisenbahnen 
iiber die Erde befordern, mit der wird man einmal den Gedanken um 
den Erdball herumkreisen lassen? Es ist noch nicht so sehr lange her, 
dafi Galvani an seinen Froschschenkeln diese Kraft beobachtet hat. 
Einen, der dazumal schon sich versprochen hatte, was alles aus dieser 
Erkenntnis fliefien wird, den hatte man gewifi fiir einen Narren an- 
gesehen. So kam es denn auch so, daJS man heute denjenigen fiir einen 
Narren ansieht, der die ersten Anfange einer geistigen Wissenschaft 
darzustellen hat. Es wird eine Zeit kommen, wo dasjenige, was von 
Geisteswissenschaft ausgeht, ebenso bedeutsam sein wird fiir die Welt - 
aber jetzt die moralische, geistig-seelische Welt - wie dasjenige, was von 
dem Galvani-Froschschenkel ausgegangen ist, fiir die materielle Welt, 
fiir die materielle Kultur. So vollziehen sich die Fortschritte in der 
Menschheitsentwickelung. Nur wenn man auf solche Dinge achtet, dann 
entwickelt man auch den Willen, mitzugehen mit dem, was erst in den 
Anf angen sein kann. Hat die andere Kraft, die elektrische Kraft, die aus 
ihrer Verborgenheit gezogen worden ist, blofi eine aufiere materielle 
Kulturbedeutung und nur mittelbar eine Bedeutung fiir die moralische 
Welt, so wird dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommt, die 
grofke soziale Bedeutung haben. Denn die sozialen Ordnungen der 
Zukunft werden geregelt werden durch das, was Geisteswissenschaft 
den Menschen geben kann. Und alles dasjenige, was aufiere materielle 
Kultur sein wird, wird in mittelbarer Weise ebenfalls von dieser Gei- 
steswissenschaft angeregt werden. Darauf kann ich heute am Schlusse 
nur hinweisen. 

Wir wollen dann morgen das Bild des Faust, das wir heute gesehen 
haben, der noch halb in der alten, aber halb schon in der neueren Zeit 
drinnen steht, wie ich Ihnen heute gesagt habe, zu einer Art von Welt- 
anschauungsbild noch erweitern. 



DIE «RO MANTIS CHE WALPURG ISNACHT» 



Dornach, 10. Dezember 1916 

Ich mochte Ihnen nur einige Bemerkungen machen iiber die «Walpurgis- 
nacht», die wir gestern gespielt haben und morgen wieder spielen wer- 
den, weil es mir doch von Bedeutung scheint, eine richtige Vorstellung 
davon zu haben, wie sich diese «Walpurgisnacht» hineinstellt in den 
Fortgang und Gesamtzusammenhang der Faust-Dichtung. Es ist merk- 
wiirdig, daE, nachdem Faust Gretchen ins Ungliick gebracht hat so weit, 
daft die Mutter durch Gift - durch den Schlaftrunk — zugrunde gegangen 
ist, nachdem der Bruder erschlagen worden ist durch die gemeinsame 
Schuld von Faust und Gretchen, Faust flieht und gewissermaften Gret- 
chen vollstandig im Stiche lafit und nichts weift von alledem, was vor- 
geht. 

Soldi eine Sache hat natiirlich nicht geringen Eindruck gemacht auf 
diejenigen, die gerade mit einer gewissen Liebe die Faust-Dichtung be- 
trachtet haben. Und ich will Ihnen nur die Worte Schrders vorlesen, 
der sicher den «Faust» mit einer ungeheuren Liebe betrachtet hat. Sie 
konnen iiber ihn in meinem letzten Buche «Vom Menschenratsel» lesen. 
Karl Julius Schroer sagt iiber die «Walpurgisnacht»: «Es ist anzuneh- 
men, daft Faust, von Mephisto fortgerissen, geflohen sei. Er lieft Gret- 
chen im Jammer zuriick. Ihre Mutter war tot, ihr Bruder erschlagen. 
Unmittelbar nach diesem Ereignis folgte ihre Entbindung. Sie verfiel in 
Wahnsinn, ertrankte ihr Kind und irrte umher, bis sie eingefangen und 
in den Kerker geworfen wurde. 

Obwohl Faust alles, was nach dem Tode Valentins mit Gretchen ge- 
schah, nicht wissen konnte, so war er doch unter solchen Umstanden 
geschieden, daft es ganz unnatiirlich scheinen mufi, ihn so wie hier - den 
zweiten Tag darauf ? - als behaglichen Spazierganger auf dem Blocks- 
berge zu sehen. So erscheint er uns namlich in den Worten Vs. 3838 ff. 
Es ist ersichtlich, da£ auch die Walpurgisnacht nicht in vollem Zusam- 
menhange mit dem Ganzen gedichtet ist. Der Dichter ist aus allem 
Pathos offenbar heraus und steht dem Stoff mit einer Anwandlung von 



Ironie gegeniiber. Der allgemeine Grundgedanke, der den Auftritt mit 
dem Ganzen verbindet, ist deutlich. Mephistopheles f iihrt Faust mit sich 
fort auf den Blocksberg, urn ihn zu betauben und Gretchen vergessen zu 
machen; die Liebe in Faust ist aber starker, als Mephistopheles begreifen 
kann. Der Hexenspuk zieht ihn nicht an: das Bild Gretchens taucht in 
ihm auf mitten in dem wiisten Taumel. - Dieser Gedanke tritt, freilich 
nicht kraftig genug, hervor, und die ganze Walpurgisnacht erscheint im 
Verhaltnis zur dramatischen Handlung viel zu groft. Sie war zu einem 
selbstandigen Ganzen geworden, das noch obendrein durch den ange- 
schlossenen Walpurgisnachtstraum iibermaftig erweitert wird. Dies gilt 
natiirlich nur vor der Walpurgisnacht als Bestandteil der Trag6die.» 

Also selbst ein Mann, der den «Faust» sehr lieb hat, kann sich nicht 
eigentlich einverstanden erklaren damit, daft zwei Tage, nachdem das 
grofte Ungliick geschehen war, Faust als riistiger Spazierganger mit 
Mephistopheles zusammen auf dem Blocksberg erscheint. 

Nun mochte ich zunachst rein aufterlich dem aber entgegenstellen, 
daft die « Walpurgisnacht* zu den reifsten Teilen der Faust-Dichtung 
gehort. Sie ist geschrieben 1800 bis 1801. Goethe hat als ganz junger 
Mann am «Faust» zu schreiben begonnen, so daft wir zuriickgehen kon- 
nen in den Anfang der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts: 1772, 1773, 
1774. Da beginnt er die ersten Szenen aufzuschreiben. Nun war er um 
so viel alter geworden, hatte die groften Erfahrungen hinter sich, die sich 
unter anderem auch ausgesprochen haben in dem «Marchen von der 
griinen Schlange und der schonen Lilie», das fruher geschrieben ist, und 
er fiigt in seinen Faust jetzt die «Walpurgisnacht» ein; der «Walpurgis- 
nachtstraum» ist sogar ein Jahr fruher geschrieben als die «Walpurgis- 
nacht» selber. Wir diirfen uns daraus doch die Vorstellung bilden, daft 
es Goethe sehr ernst war mit dem Hineingeheimnissen der «Walpurgis- 
nacht» in den «Faust». Aber man kommt nie und nimmer aus einer ge- 
wissen Unmoglichkeit des Verstandnisses heraus, wenn man nicht ins 
Auge faftt, daft Goethe wirklich spirituell die Sache gemeint hat. 

Ich kenne so ziemlich die Faust-Kommentare, die geschrieben worden 
sind bis zum Jahre 1900 - spater nur noch weniger --, aber bis zum 
Jahre 1900 kenne ich sie so ziemlich alle; nachher habe ich mich nicht 
mehr so stark mit dem, was dariiber geschrieben worden ist, eingelassen. 



Aber so viel ist mir ganz gut bekannt, daft niemand eigentlich daraui 
eingegangen ist, die Sache spirituell zu nehmen. Nicht wahr, man kann 
leicht einwenden, daft es eigentlich eine Zumutung ist an unserEmp- 
finden, an unser Gefuhl, daft Faust zwei Tage nach dem groften Ungliick 
seelenvergniigt spazierengehen soli. Aber Goethe war wirklich nicht der 
plattherzige Wald- und Wiesenmonist, als der er oftmals vorgestellt 
wird, sondern er war ein Mensch, wie das gerade auch die Einzelheiten 
der «Walpurgisnacht» zeigen, welcher tief griindlich eingeweiht war in 
gewisse spirituelle Zusammenhange. Wer bekannt ist mit diesen Zu- 
sammenhangen, der sieht daran, daft in der «Walpurgisnacht» nichts 
dilettantisch, sondern alles sachgemaft ist; er sieht daran, wenn ich mich 
jetzt des trivialen Ausdrucks bedienen will, daft etwas dahinter ist, daft 
es nicht eine blofte Dichtung ist, sondern daft es aus spirituellem. Ver- 
standnis geschrieben ist. Fur den, der mit gewissen Dingen bekannt ist, 
ist es merklich gerade an Einzelheiten, ob jemand Wirklichkeiten er- 
zahlt - also ein Dichter mit spirituellem Verstandnis schildert -, oder ob 
jemand sich etwas ausgedacht hat iiber geistige Welten und das, was 
damit zusammenhangt, etwa die Hexenwelt. In solchen Dingen muft 
man eben auch ein biftchen Aufmerksamkeit entwickeln. 

Ich will Ihnen, obwohl ich auch diese Geschichte verhundertfachen 
konnte, eine einfache kleine Geschichte erzahlen, welche Ihnen anschau- 
lich machen soil, wie man erkennen kann an Einzelheiten, ob man es zu 
tun hat mit etwas, wo was dahinter ist oder nicht. Selbstverstandlich 
kann man noch irren; da kommt es dann auf das, wie erzahlt wird, an. 
Ich war einmal in einer Gesellschaft, in der Theologen, Historiker, Dich- 
ter und so weiter waren. In dieser Gesellschaft erzahlte man - es ist das 
jetzt lange her, es war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also 
fast dreiftig Jahre her - das Folgende: Einmal predigte in einer Pariser 
Kirche ein Domherr in sehr fanatischer Weise gegen den Aberglauben, 
indem er nur dasjenige zulassen woilte, was die Kirche zulaftt, und vor 
alien Dingen verwehren woilte, daft die Leute an gewisse Dinge glau- 
ben, welche eben ihm eigentlich unheimlich waren. So namentlich woilte 
er begreiflich machen, der betreffende Domherr in seiner fanatischen 
Predigt, daft Freimaurerei zwar ein sehr boses Ding sei - Sie wissen, 
katholische Geistliche predigen sehr haufig iiber Freimaurerei und reden 



dabei alles mogliche von der Gefahrlichkeit der Freimaurerei aber 
nun wollte er nur gelten lassen, daft es eine sehr verwerfliche Lehre sei 
und daft auch die Menschen, die dabei sind, recht bose Menschen seien; 
er wollte aber nicht gelten lassen, daft irgend etwas Spirituelles in man- 
chen solchen Briiderschaften stecke. Und das horte denn ein Mensch an, 
der wiederum von einem andern hineingefuhrt war, und dem kam das 
sehr sonderbar vor, daft da der Domherr einer groften Gemeinde den 
Leuten etwas vorerzahlte, was er fur unrichtig hielt, weil er wirklich 
glaubte, daft geistige Krafte durch solche Gesellschaften schon gehen. Die 
beiden erwarteten nach der Predigt den Domherrn, und nun beredeten 
sie sich mit ihm; er aber beharrte sehr fanatisch auf seiner Meinung, daft 
man es mit nichts Geistigem zu tun habe, sondern daft das eben bloft 
schlechte Menschen seien mit einer sehr bosen Lehre. Da sagte der eine, 
der etwas wuftte iiber die Sache: Hochwtirden, ich mache Ihnen den 
Vorschlag, kommen Sie nachsten Sonntag in einer bestimmten Zeit mit 
mir; ich werde Sie an einen verborgenen Ort einer gewissen Loge setzen, 
wo Sie die Dinge mit ansehen konnen. - Und der sagte: Ja, das werde 
ich tun, aber darf ich mir auch Reliquien mitnehmen? - Er fing namlich 
an, sich zu furchten! Er nahm sich also Reliquien mit; dann wurde er 
dahin gefuhrt und saft dort im Verborgenen. Als das bestimmte Zeichen 
losging, da sah er, daft sich zum Prasidentenstuhle hin eine sehr merk- 
wiirdige Personlichkeit blassen Gesichtes bewegte, und bewegte so, daft 
sie nicht die Fiifte vorsetzte, einen nach dem andern, sondern sich vor- 
gleiten lieft. Das wurde nun in einer bestimmten Weise erzahlt, und 
weiter erzahlte der Betreffende, nun habe er seine Reliquien wirken 
lassen, den Segen gesprochen und so weiter, da sei plotzlich eine Unruhe 
in die ganze Versammlung gekommen, und die ganze Sache sei zer- 
stoben! 

Nachdem ein sehr fortgeschrittener Priester, der dabei war, ein Theo- 
loge, seine Meinung dahin abgegeben hatte, er glaube einfach nicht an 
die Sache, und ein anderer Priester vorbrachte, er habe in einem Kolle- 
gium in Rom gehort, daft fur die Wahrhaftigkeit jenes Domherrn zehn 
Priester einen Eid in Rom abgelegt hatten, jener erste Priester aber 
noch meinte: Ich glaube lieber noch, daft zehn Priester einen falschen 
Eid ablegen, als daft das Unmogliche moglich ist, da sagte ich dazumal: 



Mir ist die Art und Weise genug, wie erzahlt worden ist. Denn auf das 
Wie kam es an, auf die Sache von dem Fortgleiten. 

Sie treffen dieses Fortgleiten audi hier in der «Walpurgisnacht»: 
Gretchen, wie es wieder erscheint, gleitet fort. Also selbst eine solche 
Einzelheit ist sachgemaft von Goethe dargestellt. Und so ist jede Einzel- 
heit sachgemaft, nichts im spirituellen Sinne dilettantisch dargestellt. 

Mit was haben wir es denn eigentlich zu tun? Mit etwas haben wir 
es zu tun, welches bezeugt, daft es fur Goethe gar nicht in Frage kam, 
ob Faust nach zwei Tagen, nachdem das Ungliick geschehen war, als ein 
seelenvergniigter Wald- und Wiesenwanderer auf dem Blocksberg er- 
scheine, sondern wir haben es zu tun mit einem geistigen Erlebnis des 
Faust in der «Walpurgisnacht», das er nicht abweisen konnte, das ge- 
rade als Folge der ihn erschiitternden Ereignisse, die er durchgemacht 
hat, kommt. Wir haben es also damit zu tun, daft Fausts Seele heraus- 
gerissen wird aus seinem Leib und Mephisto gefunden hat in der geisti- 
gen Welt. Und innerhalb der geistigen Welt machen sie die Wanderung 
nach dem Brocken, das heiftt, sie kommen zusammen mit denjenigen, 
die auch nun, wenn sie die Brockenwanderung machen, aus ihrem Leibe 
herausgeriickt sind, denn selbstverstandlich liegt der physische Leib der- 
jenigen Menschen, welche die Wanderung nach dem Brocken machen, 
im Bette. 

In den Zeiten, in denen man solche Dinge besonders intensiv getrie- 
ben hat, haben sich diejenigen, die diese Brockenwanderung machen 
wollten - der Tag dazu, respektive die Nacht, ist vom 30. April zum 
i.Mai -, gesalbt»mit einer gewissen Salbe, wodurch die vollstandigere 
Trennung, die von astralischem Leib und Ich, hergestellt werden konnte, 
als sie sonst im Schlafe vorhanden ist. Dadurch machen sie im Geiste 
diese Brockenfahrt durch. Das ist ein Erlebnis - selbstverstandlich recht 
niederer Art -, aber es ist ein Erlebnis, das schon durchgemacht werden 
kann. Nur darf niemand glauben, daft er irgendwo auf leichte Art Aus- 
kunft iiber die Zusammensetzung der Hexensalbe erlangen kann, ge- 
radesowenig als Sie Auskunft erlangen werden auf leichte Weise, wie 
man es so wie van Helmont macht, urn mit bestimmten Chemikalien, 
die man einreibt an einer bestimmten Korperstelle, aus seinem Leib 
bewuftt herauszuriicken. Das ist bei van Helmont geschehen. Aber derlei 



Dinge werden denjenigen nicht empfohlen, die - wie der Franz in 
Hermann Babrs «Himmelfahrt» - es zu langweilig iinden, die Ubungen 
zu machen, urn die Sadie in gerechter Weise zu absolvieren. Ich weift 
aber wohl, daft mancher gar nicht ungliicklich ware, wenn ihm derlei 
Mittel verraten wiirden! 

Faust trifft nun - also Faustens Seele - mit Mephisto wirklich die 
aus ihrem Leib herausgeriickten und in der Nacht vom 30. April zum 
1. Mai sich zusammenfmdenden Hexen. Das ist ein wirklicher geistiger 
Vorgang, und dieser wirkliche geistige Vorgang wird nun von Goethe 
sachgemaft geschildert. Goethe stellt also nicht nur dar, daft man eine 
subjektive Vision haben kann, sondern ihm ist klar, wenn man wirklich 
aus seinem Leib herausgeht, so trifft man auch andere Seelen, die aus 
ihrem Leib herausgegangen sind. Das deutet schlieftlich Mephisto sehr 
genau an, wenn er sagt: 

In die Traum- und Zaubersphare 
Sind wir, scheint es, eingegangen. 

Wirklich in eine andere Sphare sind sie eingegangen. In die Seelen- 
welt sind sie eingegangen; da treffen sie mit den andern Seelen zusam- 
men. Und in dieser Welt finden wir sie selbstverstandlich so darinnen, 
wie sie darinnen sein miissen unter der Nachwirkung desjenigen, was 
aus ihrem physischen Leben ist. Faust rauS ja wieder zuruckkehren in 
seinen physischen Leib. Solange man iiberhaupt dazu veranlagt ist, wie- 
der zuriickzukehren in seinen physischen Leib, das heiftt, nicht physisch 
stirbt, so lange tragt man, wenn man mit seinem astralischen Leib her- 
ausgeht, gewisse Neigungen, Affinitaten des physischen Daseins an sich. 
Daher sagt Faust sehr begreiflich, daft er sich wohl fiihle in der Friih- 
lingsluft, in der April-Mailufl; denn die vernimmt er natiirlich, da er 
nicht ganz getrennt ist von seinem Leib, sondern nur herauften ist und 
ihn wieder beziehen will, die vernimmt er natiirlich durchaus. Man 
kann, wenn man so herauften ist wie Faust hier aus seinem physischen 
Leib, alles dasjenige, was fliissig, luftformig ist in der Welt, wahrneh- 
men, nur nicht das Feste. In alien Wesen drauften in der Natur ist ja 
Fliissigkeit darinnen. Der Mensch ist weit iiber neunzig Prozent eine 
Flu'ssigkeitssaule, und nur ganz wenig Prozent feste Korper sind in ihm. 



Also Sie diirfen nur nicht glauben, daft er, wie er so drauften ist, nicht 
einen andern Menschen sehen konnte; nur sieht er bloft dasjenige, was 
fliissig ist. Deshalb kann er audi die Natur, die vom Fliissigen durch- 
drungen ist, wahrnehmen. Sachgemaft alles, was da geschildert ist! Faust 
kann es so wahrnehmen. Aber Mephistopheles - also Ahriman ein 
ahrimanisches Wesen hat kein Verstandnis fur die gegenwartige Erde; er 
gehort eigentlich demjenigen an, was zuruckgeblieben ist; daher hat er 
es gar nicht besonders gern, wenn es beim Friihling ankommt. Erinnern 
Sie sich,wie ich in einem der letzten Vortrage auseinandersetzte, im 
Winter kann man sich erinnern an das Mondhafte. Aber das jetzige 
Mondhafte, wenn der Mond der Erdenmond ist, sagt ihm gar nicht be- 
sonders zu. Dasjenige Mondhafte aber, was mit dem fruheren Mond- 
haften zusammenkommt, wenn das Feurige, Leuchtende aus der Erde 
hervorkommt, das ist sein Element: die Irrlichter, nicht das Monden- 
licht. Ganz sachgemaft dieser Zug zu den Irrlichtern, die er herausholt 
aus dem noch jetzt in der Erde Mondhaften! 

Ich bemerke nur nebenbei: das Manuskript, das vorliegt zu der «Wal- 
purgisnacht», ist undeutlich, und es mufi irgendeine Nachlassigkeit vor- 
liegen, denn in den Ausgaben findet sich iiberall etwas fast Unmogliches; 
und eigentlich ist mir erst, als wir hier unsere Voriibungen machten zu 
der Vorstellung, aufgefallen, daft Korrekturen notwendig sind gerade 
in der «Walpurgisnacht». Es ist in den Ausgaben so, daft erstens dieser 
Wechselgesang zwischen Faust, Mephistopheles und den Irrlichtern nicht 
verteilt ist auf die einzelnen Personen. Nun haben die Gelehrten allerlei 
Verteilungen gemacht, aber die stimmen nicht, so daft ich so verteilt 
habe, daft dasjenige, was sich so sehr hauflg findet als dem Faust zu- 
geteilt, dem Mephistopheles gehort: 

In die Traum- und Zaubersphare 
Sind wir, scheint es, eingegangen. 
Fiihr' uns gut und mach' dir Ehre! 

- sagt er zum Irrlicht - 



Daft wir vorwarts bald gelangen 
In den weiten, oden Raumen. • 



Selbst bei Schroer finde ich es hier bei Faust angezeichnet, das gehort 
aber dem Mephistopheles, wie es audi gestern gesprochen worden ist, 
wenn Sie sich erinnern. Das Nachste: 

Seh' die Baume hinter Baumen, 
Wie sie schnell voriiberriicken, 
Und die Klippen, die sich biicken, 
Und die langen Felsennasen, 
Wie sie schnarchen, wie sie blasen! 

- das gehort dem Irrlicht. 

Dann ist die Reihe an Faust, in den hereinkommen diejenigen Dinge, 
welche ihn erinnern an das erschiitternde Erlebnis, das er hinter sich 
hatte: 

Durch die Steine, durch den Rasen 
Eilet Bach und Bachlein nieder. 
Hor' ich Rauschen? Hor 5 ich Lieder? 
Hor' ich holde Liebesklage> 
Stimmen jener Himmelstage? 
Was wir hoffen, was wir lieben! 
Und das Echo, wie die Sage 
Alter Zeiten, hallet wieder. 

Dann ist merkwiirdigerweise gerade bei Schroer das nachste dem Me- 
phistopheles zugeteilt; das ist natiirlich dem Irrlicht zuzuteilen. 

Uhu! Schuhu! tont es naher . . . und so weiter. 

Das hat Schroer dem Mephistopheles zuerteilt; das ist natiirlich falsch. 
Dann ist das letzte dem Faust zuzuteilen: 

Aber sag' mir, ob wir stehen, 
Oder ob wir weitergehen? 
Alles, alles scheint zu drehen, 
Fels und Baume, die Gesichter 
Schneiden, und die irren Lichter, 
Die sich mehren, die sich blahen. 



Ich will gleich bemerken, da£ audi in dem Nachfolgenden sich noch 
Fehler befinden. Nachdem Faust die Worte gesprochen hat: 

Wie ras't die Windsbraut durch die Luft! 

Mit welchen Schlagen trifft sie meinen Nacken! — 

finden Sie dem Mephistopheles zugeteilt eine lange Rede; sie gehort 
nicht dem Mephistopheles - sie ist in alien Ausgaben dem Mephisto- 
pheles zugeteilt -, nur die drei Zeilen gehoren dem Mephistopheles: 

Du muftt des Felsens alte Rippen packen, 

Sonst stiirzt sie dich hinab in dieser Schliinde Gruft. 

Ein Nebel verdichtet die Nacht. 

Hore, wie's durch die Walder kracht! 
Aufgescheucht fliegen die Eulen . . . und so weiter. 

Das gehort nun dem Faust. Und erst wieder die letzten Zeilen: 

Horst du Stimmen in der Hohe? 
In der Feme, in der Nahe? 
. Ja, den ganzen Berg entlang 
Stromt ein wiitender Zaubergesang! 

gehoren dem Mephistopheles. Das mufite korrigiert werden, weil die 
Dinge doch richtig stehen mussen. Dann habe ich mir nur eine Zeile ein- 
zuschieben erlaubt. Weil natiirlich einiges, gerade wenn es unter Hexen 
zugeht, wirklich nicht auffuhrbar ist, habe ich mir eine Zeile einzu- 
schieben erlaubt, aber die gehort ja nicht dazu. 

Nun, ich muE gestehen, es hat mich eigentlich etwas betriibt, zu sehen, 
wie korrumpiert die Oberlieferung ist in samtlichen Ausgaben, und wie 
niemand darauf gekommen ist, die Sachen in der richtigen Weise zu ver- 
teilen. Man mufi durchaus sich klar sein dariiber, daft Goethe den 
«Faust» so nach und nach geschrieben hat, und daft natiirlich - er nannte 
das Manuskript selber ein konfuses Manuskript - manches schon durch- 
aus korrigiert werden mufi; es mufi aber sachgemaft geschehen. Nicht 
Goethe soli korrigiert werden selbstverstandlich, aber diejenigen, welche 
die Ausgaben gemacht haben. 



Aus dem Gesagten ist also verstandlich, daft Mephistopheles skh auch 
des Irrlichtes als Wegeweiser bedient, und daft sie gleichsam einziehen 
in eine Welt, die eben so wahrgenommen wird, so beweglich, wogend, 
wie wahrgenommen wird, wenn das Feste fort ist. Nun versetzen Sie 
sich in alles dasjenige, was da gesprochen wird, wie sachgemaft wiederum 
das Feste fortgelassen ist, wie das durchaus stimmt mit allem, daft 
Goethe nun die Irrlichter, Mephisto, Faust als Wesen, die aufter dem 
Leibe sind, zeigt. Mephisto hat nicht einen physischen Leib, er nimmt 
ihn nur an; Faust lebt augenblicklich nicht in seinem physischen Leib; 
Irrlichter sind elementarische Wesenheiten, die natiirlich nicht den phy- 
sischen Leib ergreifen konnen, weil der f est ist. Das alles, indem Goethe 
es zusammen wie Wechselgesang fortfuhrt, zeigt, daft er uns einfuhren 
will in das Wesenhafte der geistigen Welt, nicht in etwas bloft Visio- 
nares, sondern in das Wesenhafte der geistigen Welt. Daft es nun aber, 
wenn man so im Geistigen ist, auch anders aussieht, darauf werden wir 
gleich aufmerksam gemacht, denn wahrscheinlich wird ein ganz ge- 
w T 6hnlicher Beschauer nicht im Berg den Mammon gliihen sehen, das 
Gold im Inneren. Uberhaupt das Ganze, was beschrieben wird - man 
braucht das nun nicht zu erklaren -, zeigt, wie hier eine aufter dem Leibe 
befindliche Seele geschildert wird. Wir haben es also zu tun mit einem 
wirklichen Zusammenhang, der uns dargestellt wird innerhalb geistiger 
Wesenheiten, und Goethe laftt einflieften dasjenige, was ihn selber ver- 
bindet mit der Erkenntnis der geistigen Welt. Daft Goethe so sachgemaft 
den Mephistopheles uberhaupt in seine Dichtung einfuhren konnte, 
bezeugt, daft er schon mit diesen Dingen gut bekannt war, daft er be- 
kannt war damit, daft Mephistopheles ein Wesen ist, das zuriickgeblie- 
ben ist. Daher fuhrt er Zuruckgebliebene sogar ein. Denken Sie doch 
einmal - eine Stimme, die kommt: 

Welchen Weg kommst du her? 

Eine Stimme von unten - das ist also eine solche Stimme, die mehr 
von einem Wesen herriihrt, das untermenschliche Instinkte hat - ant- 
wortet ihr: 

Ubern Ilsenstein! 
Da guckt' ich der Eule ins Nest hinein. 
Die macht' ein paar Augen! 



Stimme: 



O fahre zur Holle! 
Was reit'st du so schnelle! 



Stimme: Mich hat sie geschunden, 

Da sieh nur die Wunden; 

Nun bedenken Sie, daft spater darauf geantwortet wird: 

Stimme, oben: Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee! 
Stimme von unten: Wir mochten gerne mit in die Hoh. 
Stimme von oben: Wer ruft da aus der Felsenspalte? 

Und dann werden wir durch eine Stimme angesprochen, die drei- 
hundert Jahre kriecht. Das heiftt: Goethe ruft die Geister auf, die drei- 
hundert Jahre zuriick sind. Drei Jahrhunderte liegt die Entstehung des 
Faust zuriick, der Faust-Sage; im 16. Jahrhundert ist sie entstanden. Die 
Geister, die zuriickgeblieben sind aus jener Zeit, die sich nun vermischen 
mit denen, die als gegenwartige Hexen nach dem Brocken kommen, 
treten auch auf, denn die Sachen mulS man wortlich nehmen. Also 
Goethe sagt: Oh, es walten in unserem Zusammenhang immer noch 
solche Seelen mit, und sie sind verwandt den Hexenseelen, da sie zuriick- 
geblieben sind dreihundert Jahre. - Da, wo alles unter die Leitung des 
Mephistopheles kommt, in der «Walpurgisnacht», konnen solche, ich 
mochte sagen, noch ganz junge «Mephistopherln» auch erscheinen mitten 
unter den Hexenseelen. Und dann kommt eine Halbhexe, welche aus 
der Gegenwart ist; denn die Stimme, die fruher gerufen hat: 

Nehmt mich mit. Nehmt mich mit! 
Ich steige schon dreihundert Jahr, 

das ist nicht die Halbhexe, sondern ein wirklich dreihundert Jahre altes 
Wesen. So alt werden die Hexen nicht, wenn sie auch auf den Blocksberg 
gehen. - Die Halbhexe, die trippelt langsam, kommt langsam in die 
Hohe. Da also trifft sich wirklich Geistiges, sogar Geistiges, welches die 
Zeit iiberwunden hat, gewissermaften zuriickgeblieben ist in der Zeit. 
Manche Worte sind geradezu wunderbar. Das sagt die eine Stimme, 
gerade diejenige, die dreihundert Jahre schon steigt: 



Und kann den Gipfel nicht erreichen. 
Ich ware gern bei meinesgleichen. 

Damit driickt Goethe sehr schon aus, dafi die Hexenseelen und diejeni- 
gen, die auf solche Weise Verstorbenen angehoren, die so intensiv zu- 
riickbleiben, etwas Verwandtes haben. Zu «ihresgleichen» wollen diese 
zuriickbleibenwollenden Seelen. Sehr interessant! 

Dann sehen wir, wie Mephistopheles immer eigentlich den Faust beim 
Gewohnlichen, beim Trivialen erhalten will; er will ihn unter den 
Hexenseelen erhalten. Aber Faust will die tieferen Geheimnisse des 
Daseins kennenlernen, und deshalb will er noch mehr, noch weiter; er 
will zu dem wirklich Bosen, zu den bosen Urgrimden: 

Doch droben mocht' ich lieber sein! 
Schon seh' ich Glut und Wirbelrauch. 
Dort stromt die Menge zu dem Bosen; 
Da mufi sich manches Ratsel losen. 

Fur dieses Tiefere, was Faust selbst im Bosen aufsuchen will, hat 
Mephistopheles nicht das rechte Verstandnis; er mag auch nicht den 
Faust dahin fuhren, denn da wird die Geschichte namlich etwas - 
penibel. Zu den Hexen noch gefuhrt zu werden als Seele, das geht; aber 
wenn einer wie Faust in diese Gemeinschaft hineingefiihrt wird, dann 
kann er, wenn er weiterkommt zum Bosen, fur manche Menschen hochst 
gefahrliche Dinge entdecken, denn man wiirde den Ursprung fur so 
manches, was auf der Erde ist, da im Bosen entdecken. Daher war es 
auch fiir manche Leute besser, die Hexen zu verbrennen. Denn wenn 
man auch selbstverstandlich die Hexerei nicht gerade zu protegieren 
braucht, so konnte doch dadurch, daft Hexen auftreten und gewisser- 
maften durch ihre medialen Eigenschaften von gewissen Menschen, die 
hinter manche Geheimnisse kommen wollen, beniitzt werden konnten, 
so konnte, wenn die Medialitat weit genug ginge, der Ursprung von 
manchem, was in der Welt ist, dadurch ans Tageslicht kommen. Dazu 
lafit man es nun nicht kommen; daher verbrannte man die Hexen. 
Diejenigen, welche die Hexen verbrannt haben, hatten ein entschiedenes 
Interesse daran, dafi nicht dasjenige verraten werden konnte, was her- 



auskommt, wenn irgendein Kundiger weiter in die Hexengeheimnisse 
hineingeht. Nun, auf solche Dinge kann man nur hinweisen. Man 
wiirde von mancherlei den Ursprung gefunden haben, und niemand, 
der eigentlich so etwas nicht zu scheuen hat, ist fiir das Hexenverbrennen 
gewesen. 

Aber Mephisto will, wie gesagt, Faust mehr beim Trivialen erhalten. 
Und Faust wird dann schon ungeduldig, denn er hat von einem Mephi- 
stopheles doch die Vorstellung, daft er ein wirklicher Teufel ist, und 
daft er ihm nicht triviale Zauberkiinste vormache, daft er ihn ordentlich 
ins Bose hineinfiihre, nachdem er ihn schon einmal aus dem Leibe her- 
ausgebracht hat. Dann will er, daft er sich ihm als «Teufel» produziert 
und nicht als ein ganz gewohnlicher Zauberer, der nur in die Kinker- 
litzchen der geistigen Welt einzufuhren vermag. Aber Mephistopheles 
lenkt ab; er will doch nur in das Triviale einfuhren. Aufterordentlich 
interessant ist nun, wie von dem eigentlich Bosen, das dem Faust nicht 
jetzt schon in diesem Stadium verraten werden soil, Mephistopheles 
ablenkt und ihn wieder so auf das Elementare aufmerksam macht. Und 
eine wunderbare Stelle ist diese: 

Siehst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen; 

Mit ihrem tastenden Gesicht 

Hat sie mir schon was abgerochen. 

Wunderbar sachgemaft ist das in die Geruchsphare Heruntergeruckte! 
Es ^t wirklich so: in dieser Welt, in die Mephistopheles da den Faust 
eingefuhrt hat, da riecht sich's viel mehr, als sich's schaut. «Tastendes 
Gesicht» - wunderbar anschaulich ausgedriickt, weil es nicht solch ein 
Geruch ist, wie die Menschen ihn haben, weil es auch nicht ein Gesicht 
ist, weil es so ist, wie wenn man aus den Augen etwas herausstrecken 
konnte, um mit feinen Augenstrahlen die Dinge zu betasten. Daft so 
etwas in den niederen Tieren lebt, das ist wahr, denn die Schnecke hat 
nicht bloft Fuhler, sondern diese Fiihler verlangern sich in aufterordent- 
lich lange Atherstangen, und mit denen kann wirklich solch ein Tier 
dasjenige, was weich ist, betasten, aber nur atherisch betasten. Denken 
Sie, wie sachgemaft, gar nicht dilettantisch. 

Aber nun kommen sie zu einem munteren Klub - wir sind natiirlich 



in einer geistigen Welt! -, da kommen sie zu einem munteren Klub. Und 
Goethe hatte schon verstanden, nicht einer zu werden von der Sorte, 
die von der geistigen Welt nur reden mit einem tragisch verlangerten 
Gesicht, sondern audi mit dem notigen Humor und mit der notigen 
Ironie zu sprechen, wenn diese am Platze sind. Warum sollten denn 
nicht ein alter General, ein Minister, «Seine Exzellenz», ein Parvenu 
und auch ein Autor, wenn sie gerade miteinander ihre Sachen sprechen 
und etwas - im Deutschen nennt man es picheln -, etwas Wein schliirf en, 
und nach und nach das selber so wenig interessant finden, was sie reden, 
daft sie dabei einschlafen, warum sollten sie denn nicht, wenn sie unter 
der besonderen Wirkung desjenigen stehen, was im Klub spielt, wenn 
sie so ein bifichen knobeln und noch die Spielleidenschaft unter ihnen 
ist, warum sollten denn nicht diese Seelen so herausriicken, daft man sie 
in einem munteren Klub unter den andern, die da herausgegangen sind, 
zusammen findet? In einem Klub: den General, Seine Exzellenz den 
Minister, den Parvenu und nun auch den Dichter? Warum sollte denn 
das nicht sein? Die trifft man also auch, denn sie sind aufter ihrem Leibe. 
Und wenn man Gliick hat, so kann man auch solch eine Gesellschafl 
finden, denn sie sind manchmal schon so, die Gesellschaften, daft sie 
miteinander durch ihr eigenes Amusement einschlafen. Sie sehen, Goethe 
verkennt nicht gerade die Sache. Aber Mephistopheles ist so iiberrascht, 
daft hier einmal durch die Natur selber, ohne daft es durch etwas an- 
deres als nur durch einen etwas abnormen Fortgang des naturgemaften 
Lebens so weit kommt, sie in ihren Seelen in diesen Zustand ge- 
raten, - er ist so iiberrascht, daft es in dieser Weise an ihn herantritt, 
daft er sich noch an a here Schichten seines Daseins erinnern muft. Des- 
halb wird er plotzlich alt an der Stelle, das kann er in der Gestalt gar 
nicht erleben; da pfuscht es ihm sogar herein aus der Menschenwelt, und 
das mochte er nicht. Denn sogar zu dem Irrlicht sagt er, es soli nicht 
zickzack gehen, sondern gerade, sonst blast er ihm sein Flackerlicht aus. 
Es will das Irrlicht, indem es zickzack geht, den Menschen nachmachen; 
er will aber geradeaus gehen, die Menschen gehen zickzack. So stort ihn 
auch, daft da nur durch einen abnormen Gang des Lebens - nicht durch 
Hollenveranstaltung - vier ehrenwerte Mitglieder der menschlichen 
Gesellschafl in die Blocksbergzone eintreten. 



Dann aber geht es schon wieder besser. Zunachst ist die Trodelhexe 
da, die natiirlich auch aus ihrem Leib gefahren ist, mit all ihren Kiin- 
sten, die so schon angefiihrt werden: 

Kein Kelch, aus dem sich nicht in ganz gesundem Leib 
Verzehrend heiftes Gift ergossen, 
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswiirdig Weib 
Verfiihrt, kein Schwert, das nicht den Bund gebrochen. 

Da flihlt er sich schon wiederum, da ja diese Hexe ganz gewift «gesalbt» 
ist, in seinem Elemente, spricht sie als «Frau Muhme» an; aber er sagt: 

Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten. 
Getan geschehn! Geschehn getan! 
Verleg 5 sie sich auf Neuigkeiten! 
Nur Neuigkeiten ziehn uns an. 

Er mochte etwas haben, das den Faust mehr interessieren kann. Faust 
aber ist gar nicht so sehr angezogen, fiihlt sich nun darinnen in einem 
sehr niedrigen geistigen Elemente und sagt jetzt - und das bitte ich Sie 
zu beachten -, sagt jetzt wunderbar: 

Daft ich mich nur nicht selbst vergesse! 

Daft ich nicht das Bewufttsein verliere! - Also er will nicht die ganze 
Sache bei herabgedrangtem Bewufttsein, atavistisch etwa erleben, son- 
dern bei vollem Bewufttsein erleben. Aber bei einer solchen Hexenmesse 
konnte man leicht das Bewufttsein herablahmen, das soil nicht sein. 
Denken Sie sich, wie weit Goethe geht. 

Und jetzt wird darauf hingewiesen, wie das Seelische heraus muft 
aus dem Leibe, wie auch noch ein Stuck Atherleib herausgeholt werden 
muft, was wahrend der ganzen Erdenentwickelung sonst nicht geschieht, 
als wie in einem besonderen Herausfahren, ich mochte sagen, in einer 
Art Natur-Initiation. Der Atherleib des Faust ist mitgegangen zum Teil ; 
das wird, weil der Atherleib - ich habe das ofter erwahnt - des Mannes 
weiblich ist, als Lilith gesehen. Das fuhrt hinauf in Zeiten, in denen der 
Mensch uberhaupt nicht so konstituiert war. Lilith ist der Sage nach 
Adams erste Frau und Luzifers Mutter. Also hier sehen wir, wie schon 



luziferische Kunste, die dem Mephistopheles audi zu Hilfe stehen, mit- 
spielen, wie aber doch etwas Niedriges dabei ist. Das ist in. der nach- 
folgenden Rede der Fall, die einer Verfuhrung gleichkommt. Faust 
fiirditet sich ohnedies schon, daft ihm das Bewufttsein schwinden konnte, 
und dafur mochte Mephistopheles schon sorgen, daft Faust das Bewufit- 
sein verliert und so recht untertaucht. Er hat ihn nun dazu gebracht, 
sogar ein Stuck Atherleib herauszuziehen, so daft er die Erscheinung der 
Lilith haben kann. Er mochte schon, daft es recht weit kame, daher ver- 
fiihrt er ihn zu diesem Hexentanz, wo er selber mit der alten Hexe 
tanzt und Faust mit der jungen Hexe. Und da ergibt sich denn, daft 
Faust nicht das Bewufttsein verlieren kann. Er kann nicht das Bewuftt- 
sein verlieren! 

Nun haben wir also von Goethe richtig geschildert eine Szene, die 
unter Geistern vorgeht. Wenn die Seelen aus dem Leibe sind, konnen 
sie es erleben. Goethe konnte es so darstellen. Aber auch andere Seelen 
konnen hineinkommen in solche Gesellschaft. Sie bringen nur wiederum 
ihre irdischen Eigenschaften mit. Goethe wuftte wohl, daft in Berlin 
Nicolai lebte, der sogar ein Freund Lessings war. Dieser Nicolai war 
einer der fanatischsten Aufklarer seiner Zeit, derjenigen Menschen, die 
dazumal - ja, wenn es schon einen Monistenbund gegeben hatte, so 
waren sie ihm beigetreten, waren sogar «Vorstande» im Monistenbund 
geworden, denn von solcher Sorte waren die Menschen im 18. Jahr- 
hundert! -, die dazumal gegen alles Spirituelle zu Felde zogen. So einer 
ist der Proktophantasmist - das Wort will ich nicht iibersetzen, das 
konnen Sie sich im Lexikon nachschlagen -, aber das ist so einer. Also 
der Nicolai, der hat nicht nur, als Goethe «Die Leiden des jungen Wer- 
ther» schrieb, «Die Freuden des jungen Werther» geschrieben, um die 
Goethesche Sentimentalitat zu verspotten vom freigeistigen Stand- 
punkte aus, sondern er hat auch, um dadurch, heute wiirde man sagen, 
richtig Monist sein zu konnen, in der Berliner Akademie der Wissen- 
schaflen iiber die Verwerflichkeiten des Aberglaubens der geistigen Welt 
geschrieben. Und er konnte das! - Er litt an Visionen, sah hinein in die 
geistige Welt; aber er hatte das arztliche Gegenmittel, das man schon 
damals kannte; er lieft sich namlich an einer gewissen Gegend des Leibes 
Blutegel setzen. Da vergingen die Visionen. Und daher konnte er in 



jenem Vortrage der Akademie der Wissenschaften eine materialistische 
Deutung des Visionaren geben; denn er konnte zeigen an seinem eigenen 
Beispiel, daft man, wenn man sich Blutegel setzen laftt, dann die Visio- 
nen vertreibt. Also ist alles nur unter dem Einflusse des Materiellen! 
Goethe hat da nicht etwa nur so b'lindlings aus der Luft gegriffen, son- 
dern er hat den Nicolai, Friedrich Nicolai, geboren 1733, Buchhandler 
und Schriftsteller, gestorben 1 8 1 1 , sehr gut gekannt. Und damit kein 
Zweifel ist, daft er den Nicolai meint, so laftt er den Proktophantasmist 
noch sagen, nachdem dieser unter die Geister als Geist selber gezogen 
ist und sie wegdiskutieren wollte, er laftt ihn nach einiger Zeit sagen: 

Ihr seid noch immer da! Nein! das ist unerhort. 
Sie sollten jetzt schon weg sein, denn er will sie ja wegdiskutieren. 

Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklart! 
Heute wiirde man sagen: wir haben ja den Monismus verbreitet. 

Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. 

Nun muft er es doch sehen, denn er kann es ja wirklich sehen; er ist ja 
einer, der an Visionen leidet, denn solche Menschen sind nun auch ge- 
eignet, sich zu vereinigen in der «Walpurgisnacht». 

Goethe hat wiederum nicht dilettantisch geschildert, sondern einen 
Menschen genommen, der durch seine Imaginationen, wenn die Sache 
gerade giinstig ablauft, in der Nacht vom 30. April auf i.Mai eben 
auch bewuftt in die geistige Welt eintreten und den Hexen begegnen 
kann. Es muft gerade ein solcher sein. Goethe schildert nicht dilettan- 
tisch, sondern er verwendet schon Menschen, die durchaus brauchbar 
sind. Aber sie bleiben in den Neigungen, in den Affinitaten, die sie auf 
der Welt haben. Daher will er, der Proktophantasmist, auch als Geist 
die Geister abschaffen; und Goethe macht das sehr deutlich. Denn Fried- 
rich Nicolai selber hat als Nachtrag zu dieser Abhandlung - die Ab- 
handlung iiber die Blutegelgeistertheorie - einen Geisterspuk auch be- 
sprochen, welcher sich zugetragen hat auf dem Gute Wilhelm von Hum- 
boldts in Tegel. Wilhelm von Humboldt wohnte in der Nahe von 



Berlin, in Tegel; Friedrich Nicolai hat sich audi als ein Aufgeklarter 
iiber den hergemacht; deshalb laflt Goethe ihn sagen: 

Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel. 

Tegel ist ein Vorort von Berlin, da hatten die Humboldts ein Gut; dort 
ist der Spuk passiert, um den sich Goethe sehr wohl bekiimmerte; auch 
wuftte er, daft den der Friedrich Nicolai beschrieben hat, aber als Geg- 
ner, als Aufgeklarter. 

Wie lange nab' ich nicht am Warm hinausgekehrt 
Und nie wird's rein; das ist doch unerhort! 

Na, selbst im Hause des aufgeklarten Wilhelm von Humboldt in Tegel 
spukt's. Den «Geistesdespotismus» will er nicht leiden, denn die Geister 
folgen ihm nicht, die sind nicht gehorsam: 

Mein Geist kann ihn nicht exerzieren. 

Und um vollends hinzuweisen darauf, daf5 er wirklich in sachgemafter 
Weise eine Personlichkeit nimmt, wie eben den Nicolai, fiihrt er noch 
die Worte an: 

Heut, seh ich, will mir nichts gelingen; 
Doch eine Reise nehm' ich immer mit, 
Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt 
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen. 

Namlich Nicolai hat damals eine Reise durch Deutschland und die 
Schweiz gemacht und beschrieben; da hat er alles aufgezeichnet, was 
ihm so begegnet ist an Merkwiirdigem, und da finden sich viele recht 
gescheite, aufgeklarte Bemerkungen. Besonders hat er sich iiberall gegen 
den Aberglauben gewendet, wie er es nannte. Also selbst auf die 
Schweizer Reise wird angespielt! 

Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt 
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen. 

Die Teufel, weil er gegen die Geister vorgegangen; die Dichter - «Die 
Freuden des jungen Werther» - gegen Goethe. 



Solchen Leuten gegeniiber ist schon Mephistopheles im klaren. Des- 
halb sagt er: 

Er wird sich gleich in eine Pfiitze setzen, 

Das ist die Art, wie er sich soulagiert, 

Und wenn Blutegel sich an seinem Steift ergetzen, 

Ist er von Geistern und von Geist kuriert. 

Audi ein Hinweis eben auf die Blutegeltheorie des Friedrich Nicolai. 
Sie konnen sie in den Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften 
zu Berlin lesen. 1799 hat Friedrich Nicolai diesen Vortrag gehalten. 

Nun aber, nachdem diese Sache abgetan ist, sieht Faust eine sehr 
gewohnliche Erscheinung: ein rotes Mauschen springt aus dem Munde 
der schdnen Hexe. Das ist eine sehr gewohnliche Erscheinung und ist 
ein Beweis dafiir, daft Faust voll bewuftt geblieben ist; denn, wenn er 
nicht voll bewuftt, sondern nur traumhaft ware, so wiirde es bei dem 
roten Mauschen bleiben, aber er kann diese zunachst durch sinnliche 
Triebe hervorgerufene Vision nun in dasjenige verwandeln, was es 
wirklich fur ihn sein soil. Die Szene erstarrt - ich denke, das ist ein 
grower Eindruck - und das rote Mauschen wird zum Gretchen. Es bleibt 
nur der rote Blutstrang um den Hals. Die Imagination hat sich auf- 
gelost. Faust vermag uberzugehen von einer niedrigen Imagination 
zu dem Sehen der Seele von Gretchen, die durch ihr Ungliick nun vor 
ihm in ihrer wahren Gestalt sichtbar wird. 

Sie mogen denken, wie immer Sie wollen, aber die Zusammenhange 
in der geistigen Welt sind mannigfaltig, vielleicht auch verwirrend; 
und das, was ich Ihnen jetzt dargestellt habe iiber die Verwandlung 
einer niedrigen Vision von einem roten Mauschen in etwas Hdheres, 
Wahrhaftiges, Tiefes, das ist durchaus eine geistige Tatsache. Es ist 
hochst wahrscheinlich, daft die ganze Szene von Goethe urspriinglich 
anders gedacht war; es findet sich eine kleine Skizze, in der die Szene 
etwas anders dargestellt wird, so, wie Mephistopheles sie dem Faust 
vorzaubern mochte; aber Faust ist genug bewuftt geworden, um sich 
hier dem Mephistopheles zu entziehen und eine Seele zu sehen, zu der 
ihn Mephistopheles selber nie gefuhrt hatte; selbst fur Mephistopheles 
bleibt sie die «Medusa», woraus Sie sehen, daft Goethe darauf hin- 



deuten will, wie zwei verschiedene Seelen ein und dieselbe geistige 
Wirklichkeit in ganz verschiedener Weise deuten konnen; die eine wahr, 
die andere in der einen oder andern Richtung falsch. Mephistopheles 
aus seinen niederen Trieben heraus, welche solche Erscheinungen f arben, 
kommt zu dem frivolen Ausspruch: Jeder sieht eben so etwas wie sein 
Liebchen. Und jetzt sehen wir auch, daft es sich um ein geistiges Erlebnis 
des Faust handelt, zu dem er hat kommen miissen. Er ist nicht der 
riistige Spazierganger, sondern er ist derjenige, der ein geistiges Erlebnis 
durchmacht; und das, was er hier sieht als Gretchen, das ist im Grunde 
genommen dasjenige, was in ihm lebt, und was das andere nur an die 
Oberflache fuhrt. 

Nun will Mephisto den Faust ablenken von dem Ganzen, was nun 
die tiefere geistige Wirklichkeit ist, und fuhrt ihn dann vor etwas - am 
Schlusse der «Walpurgisnacht» mufi das durchaus so angesehen wer- 
den -, was Mephisto nur hereinversetzt: namlich eine Art Theater. Das 
ist durchaus eine Zauberkunst des Mephistopheles. Aufgefuhrt wird 
dasjenige, was folgt: «Der Walpurgisnachtstraum». Aber das Ganze 
wird in die Blocksbergszene versetzt, weil es so dargestellt werden soil, 
wie Mephisto eben Faust haben will, und der ganze «WaIpurgisnachts- 
traum», iiber den ich heute nicht weiter reden will, der wird eigentlich 
von Mephisto vorgefuhrt, um Faust in ganz bestimmte Gedanken- 
richtungen hineinzubringen. Aber eine merkwiirdige Art von dichte- 
rischer Umschreibung ist da. Erinnern Sie sich, wie Mephisto sagt: 

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, 
Des Menschen allerhochste Kraft, 
Laft nur in Blend- und Zauberwerken 
Dich von dem Liigengeist bestarken, 
So hab' ich dich schon unbedingt - 

Im «Walpurgisnachtstraum» ist alles verniinftig; aber Faust soli vor- 
gemacht werden, daft er sich an diesem Vernunftigen nur ergotzen soli. 
Goethe hat das italienische «dilettare» umgedeutet in das deutsche 
«dilettieren»; es ist eigentlich «ergotzen». Und Servibilis ist schon von 
Goethe erfunden als ein Diener des Mephistopheles, der Faust dazu 
bringen soil, daft er sich an dem Vernunftigen ergotzt, das heiftt, daft 



er es in einer niedrigen, frivolen Weise nehme. Deshalb wird, trotzdem 
der «Walpurgisnachtstraum» ernst zu nehmen ist, gesagt: 

Gleich fangt man wieder an. 
Ein neues Stuck, das letzte Stuck von sieben; 
Soviel zu geben ist allhier der Brauch. 
Ein Dilettant hat es geschrieben, 
Und Dilettanten spielen's auch. 
Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde; 
Mich dilettiert's den Vorhang aufzuziehn. 

Also das ist die Art, wie Mephistopheles jetzt Faust dazu verfuhren 
will, daft er das Vernlinftige des «Walpurgisnachtstraumes» verachte. 
Deshalb laftt er es ihm in einer solchen Aura gleichsam vorgesetzt sein. 
Denn das ist ihm recht, wenn er das Vernlinftige hereinschwindeln kann 
auf den Blocksberg; das findet er gut. Denn nach seiner Ansicht gehort 
es dahin. 

Sie sehen, wir haben es wirklich bei Goethe hier zu tun mit einer 
Dichtung, die liber die niedrigere spirituelle Welt durchaus handelt, 
und die uns zeigt, daft Goethe beschlagen war in spirituellen Erkennt- 
nissen. Auf der andern Seite kann uns auch das aufmerksam machen, 
wie sehr es notig ist, daft die Menschen ein wenig an Geisteswissenschaft 
herankommen, denn sonst - wie soli man Goethe verstehen? Selbst 
Goethe liebende, hervorragende Menschen konnen sonst nur finden, 
daft dieser Goethe ein so graft licher Kerl ist! 

Das sagen sie nicht, sie vertuschen es dann. Das gehort auch zu den 
Lebensliigen! 

Er ist ein so graftlicher Kerl, daft er, nachdem er den Faust das Ungluck 
hat anstellen lassen mit Gretchens Mutter, mit Gretchens Bruder, ihn 
nach zwei Tagen als Wanderer seelenvergnligt nach dem Blocksberg 
flihrt. Aber man muft immer wiederholen: Goethe war schon nicht jener 
quietschvergnligte Wald- und Wiesen-Goethe, als der er den Menschen 
bisher erschienen ist, sondern man wird sich bequemen miissen, zu er- 
kennen, daft in ihm etwas ganz anderes noch ist, und daft vieles erst ans 
Tageslicht kommen muft, was in Goethes Dichtung steckt. 



GOETHES AHNUNGEN NACH DEM KONKRETEN HIN 

SCHATTENHAFTE BEGRIFFE 
UND WIRKLICHKEITSDURCHTRANKTE VORSTELLUNGEN 



Dornach, 2j.]anuar 19 ij 
nach einer szenischen Darstellung aus * Faust* II 
Zweiter Aufzug: Hochgewolbtes, enges gotisches Zimmer. Laboratorium 



Von den Szenen, die Sie eben gesehen haben, mochte man, daft sie ver- 
standnisvollen Eingang fanden in weitesten Kreisen der Gegenwart, 
denn diese Szenen enthalten viele Keime der Entwickelung, in welcher 
audi die geisteswissenschaftliche Stromung lauft. Man kann sagen, daft 
Goethe, indem er diese Szenen aus langjahriger, allseitiger Erfahrung 
heraus schrieb, vieles geahnt hat von dem, was durch die Geisteswissen- 
schaft wie eine Saat aufgehen muft. Sowohl wie ein kulturhistorisches 
Dokument als audi wie ein Ausdruck einer tiefen Erkenntnis stehen 
gerade diese Szenen des zweiten Teiles des «Faust» vor unserer Seele. 
Wir durfen schon, wenn wir an solche tiefste Manifestationen Goethe- 
schen Geistes herantreten, die uns jetzt schon gewohnten geisteswissen- 
schaftlichen Vorstellungen zu Hilfe nehmen, um zum vollen Verstand- 
nisse zu kommen.Denn in diesen geisteswissenschaftlichen Vorstellungen 
liegt formuliert, zum vollen Bewufttsein gebracht, was Goethe aus einer 
inneren Imagination heraus mit den Erfahrungen seiner Zeit aus- 
gestaltete. 

Wir haben in der ersten der beiden Szenen zunachst etwas wie ein 
bedeutsames kulturhistorisches Dokument. Als Goethe, herangereift 
durch alles dasjenige, was er in sich aufgenommen hatte aus den Natur- 
wissenschaften auf der einen Seite, aus der Vertiefung heraus, welche 
diese naturwissenschaftlichen Anschauungen durch seine mystischen 
Studien erfahren haben, aus jener Vertiefung heraus ferner, die ihm 
die griechische Kunst gegeben hatte, als Goethe diese Vorstellungen, die 
da in ihm lebten, zu Gestalten formte, da war zugleich die Zeit, in 
welcher aus unendlichem Erkenntnis-Enthusiasmus heraus die Geister 
versuchten, heranzukommen an die hochsten Probleme des Daseins. Es 



ist etwas, was gerade in unseren Kreisen nicht iiberraschen darf, nicht 
iiberraschen kann, daft das Streben nach der geistigen Welt, wenn es 
recht intensiv auftritt, man kann sagen seine Karikaturen treibt, richtig 
seine Karikaturen treibt. Sowohl das mystische Streben wie audi das 
tiefere philosophische Erkenntnisstreben, sie treiben ihre Karikaturen. 
In Goethes unmittelbarer Nachbarschafl entwickelte sich zu der Zeit, in 
der in Goethes Geist diese Szenen sich entfalteten, wirklich ein bedeut- 
sames, man kann sagen philosophisch-theosophisches Streben. Da lehrte 
Johann Gottlieb Fichte aus einem ungeheuren Erkenntnis-Enthusiasmus 
heraus. Sie konnen aus den skizzenhaften Ausfuhrungen in meinen 
Biichern, sowohl in dem einen iiber «Die Ratsel der Philosophie» wie 
auch aus dem letzten Buche «Vom Menschenratsel» ersehen, wie Fichte 
in elementarer Weise strebte, dasjenige zu gestalten, was im Innersten 
der Menschenseele an Gottlich-Geistigem lebt, so daft durch diese Ent- 
faltung des Gottiich-Geistigen im Inneren der Seele der Mensch sich 
seines gottlich-geistigen Ursprunges selber bewufk wird. Fichte suchte 
das voile Leben des Ich, des schaffenden, wirkenden Ich, aber auch des 
gotterfiillten Ich in der Menschenseele zu erfassen. Damit versuchte er, 
den Anschluft des inneren menschlichen Lebens an das ganze kosmische 
Leben zu erfiihlen. Und aus diesem Enthusiasmus heraus sprach er. Es 
ist nur zu erklarlich, dafi gerade ein soldier Geistvorstoft vielfach An- 
stoft erregte. Nicht wahr, aus dem Konkreten der Geisteswissenschaft 
heraus konnte Fichte noch nicht sprechen, dazu war die Zeit noch nicht 
reif . Man mochte sagen, wie in abstrakten, umf assenden Begriffen suchte 
Fichte das Gefuhl lebendig zu machen, das dann durch die Eindriicke 
der Geisteswissenschaft im Menschen belebt werden kann. Dadurch 
hatte seine Sprache vielfach etwas Abstraktes, aber etwas von leben- 
digem Fiihlen, von lebendiger Empfindung durchdrungenes Abstraktes. 
Und es bedurfte schon des starken Eindruckes, den eine solche Person- 
lichkeit unmittelbar machen kann, um iiberhaupt dasjenige, was Fichte 
zu sagen hatte, ernst zu nehmen. Gedruckt nahm es sich vielfach recht 
paradox aus, noch paradoxer als die Paradoxien - die notwendigen 
Paradoxien - der Geisteswissenschaft es oftmals sein miissen, weil das- 
jenige, was wahr ist, den Menschen, die daran nicht gewohnt sind, viel- 
fach nur als das Lacherliche erscheint. Deshalb konnte gerade ein solcher 



Geist wie Fichte, der die Wahrheit sogar noch in ganz abstrakter Form 
sagen mufite, lacherlich gefunden werden. 

Auf der andern Seite konnten Menschen, die schon den grofien Ein- 
druck Fichtes bekamen, die Dinge iibertreiben, wie ja alles leicht im 
Leben iibertrieben wird. Und dann kamen Karikaturen der Fichteschen 
Wesenheit heraus, Karikaturen audi der andern, die aus ahnlicher Ge- 
sinnung dazumal in Jena lehrten. Lehrte in Jena doch auch Schelling, 
der dann aus einem ahnlichen Streben wie Fichte sich wirklich durch- 
rang, wie ich oftmals betonte, zu einer recht tiefen Auffassung des 
Christentums, ja des Mysteriums von Golgatha, der sich geradezu zu 
einer Art von Theosophie hinwendete, die er dann, allerdings ohne von 
seinen Zeitgenossen verstanden zu werden, in seiner « Philosophic der 
Mythologie» und in seiner «Philosophie der Offenbarung» zum Aus- 
drucke brachte, die aber schon lebte in jener Abhandlung, die er in An- 
lehnung an Jakob Bohme geschrieben hat iiber die menschliche Freiheit 
und andere damit zusammenhangende Gegenstande, schon lebte in 
seinem Gesprache « Bruno oder iiber das gottliche und das naturliche 
Prinzip der Dinge», namentlich lebte in seiner schonen Abhandlung 
«t)ber die Gottheiten von Samothrake», wo er ein Bild aufrollte von 
dem, was nach seiner Ansicht wirklich gelebt hat in jenen alten Myste- 
rien. Dann gab es solche Geister wie Friedrich Schlegel, die in energischer 
Weise auf die verschiedenen Zweige des menschlichen Wissens dasjenige 
anwendeten, was diese mehr philosophisch gearteten Naturen aus dem 
Zentrum der Weltenordnung herauszulocken versuchten. Hegel hatte 
begonnen, seine Philosophie aufzuzeichnen. Das alles hatte sich in 
Goethes Nachbarschaft abgespielt. Diese Menschen versuchten iiber alles 
Relative in der Welt, iiber alles dasjenige, was die Menschen in der 
Alltaglichkeit beherrscht, hinauszudringen zu dem Absoluten, zu dem- 
jenigen, was nicht bloft in Relativitaten lebt. So suchte Fichte hinaus- 
zudringen iiber das gewohnliche alltagliche Ich zu dem absoluten Ich, 
das in der Gottheit verankert ist und in der Ewigkeit webt. So suchten 
Schelling und Hegel zu dringen zu dem absoluten Sein. 

Die Art, wie die Zeit solches aufnahm, war natiirlich verschieden. 
Man kann sich - insbesondere heute, wo die Geisteswissenschaft an 
unsere Herzen herandringen kann - schon eine lebendige Vorstellung 



verschaffen, in welcher Gemiitsverfassung sich so ein Fichte, so ein 
Schelling, so ein Hegel befinden mochten, wenn sie iiber dasjenige spra- 
chen, was ihnen so klar vor dem geistigen Auge stand, und die Men- 
schen dagegen sich stumpf verhielten, stumpf, feindselig. Und dann 
kann man es begreifen, daft der jugendliche Fichte, indem er den Zopfen 
in Jena entgegentrat, die alles nach ihrer Art zu wissen vermeinten, 
audi einmal zornentflammt sein konnte. Fichte war ofter zornentflammt, 
nicht nur, als man ihn von Jena wegschickte, sondern er war auch ofter 
zornentflammt, wenn er sah, daft er sein Bestes gab, und es in kein 
Herz, keine Seele hineinging, weil die Leute alles besser zu wissen ver- 
meinten aus den alten herkommlichen Vorstellungen und dem Wissen, 
das sie aufgenommen hatten. Und da kann man es dann schon begrei- 
fen, daft sich manchmal solch ein Geist wie Fichte, wenn er die Zopfe 
von Jena vor sich hatte, zu dem Ausspruch hat hinreiften lassen konnen, 
wenn er da zu tun haben sollte mit diesen alten Kerlen, man solle alle, 
die iiber dreiftig Jahre alt sind, totschlagen. - Es war ein Geisteskampf 
allererster Art, der dazumal in Jena entbrannte. Man schwarzte das 
auch an, was dazumal in Jena lebte. Ein Wasserdichter, der aber gerade 
Publikum hatte, der Kotzebue, schrieb ein sehr interessantes drama- 
tisches Pamphlet, das geistvoll ist, geistvoll dadurch, daft er schilderte 
so eine Art, konnte man sagen, Jung-Baccalaureus, der in Jena aus- 
gebildet worden ist, und der, indem er nach Hause kehrt zu seiner 
Mutter, in lauter Phrasen spricht, wie er sie in Jena gehort hat. Die 
werden alle wortlich hineingenommen in dieses Pamphlet, das da heiftt 
«Der hyperboreische Esel oder die neue Bildung». Es nimmt sich das 
alles sehr geistvoll aus; es ist aber doch nichts anderes als eine niedrige 
Denunziation eines groften Wollens. Das miissen wir natiirlich fern- 
halten von dem, was Goethe seinerseits auch tadeln wollte: die Kari- 
katur, die sich herausentwickelt aus dem Groften, denn wir miissen uns 
klar sein dariiber, daft der Briefwechsel zwischen Goethe und Fichte, 
der Briefwechsel zwischen Goethe und Schelling zeigt, daft Goethe voll 
zu wiirdigen verstand diese nach dem Absoluten strebenden Geister. 
Aber Goethe war, wenn man bei ihm auch nicht okkulte Prinzipien 
geradezu systematisch verarbeitet findet, man kann sagen ein ganz in 
der Aura des Okkulten lebender Geist, der da wuftte, wie dasjenige, 



was lebt im guten Fortschritte der Weltentwickelung, nach der einen 
Seite ahrimanisch, nach der andern Seite - wenn er auch diese Ausdriicke 
nicht gebrauchte, auf Ausdriicke kommt es nicht an - luziferisch ab- 
biegen kann, und daft eigentlich die Weltentwickelung immer imPendel- 
schlag ist zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen. Und 
Goethe wollte alles aus dem Tiefsten heraus entwickeln, iiberall zeigen, 
wie im Grunde genommen das Streben nach dem Hochsten zu gleicher 
Zeit eine Gefahr sein kann. Was kann nicht alles eine Gefahr werden! 
Das Allerbeste kann eine Gefahr werden, selbstverstandlich. Und ge- 
rade dieses Problem trat Goethe so lebhaft vor das Seelenauge, wie das 
Beste eine Gefahr werden kann, wenn sich die ahrimanischen, die luzi- 
ferischen Machte in die Dinge hineinmischen. 

Da hatte er seine Faust-Dichtung im Auge, jenen Faust, der nach den 
tiefsten Geheimnissen des Daseins strebte, der verwirklicht zeigen sollte, 
was Goethe immer vor der Seele stand: das unmittelbare Anschauen des 
Geistig-Lebendigen in allem Naturlichen und Geschichtlichen. Goethe 
selber strebte zuriick nach den Geheimnissen des geistigen Daseins der 
griechischen Vorzeit. Er wollte sich verbinden mit demjenigen, was 
schaffend lebendig in einem fertiggewordenen Zeitraume, im vierten 
nachatlantischen Zeitraume, vorhanden war. Das wollte er gestalten in 
seinem Faust, der nach dem Lebendigen der Helena hinstrebt. Die Wege 
sucht Goethe, auf denen er seinen Faust zu Helena fiihren kann. Aber 
Goethe war klar, daft dies eine Gefahr bedeutet. So berechtigt, so hoch- 
sinnig das Streben ist, das in solchem liegt, eine Gefahr bedeutet es, weil 
es sehr leicht in das luziferische Fahrwasser hineinfuhren kann. 

So zeigt uns denn Goethe zunachst den Faust ins luziferische Fahr- 
wasser hineingeratend, paralysiert durch die Erscheinung der Helena, 
paralysiert durch die Verbindung mit dem Spirituellen. Aus dem Reich 
der Mutter hat Faust Helena heraufgeholt, zunachst nur als geistige 
Kraft vor sich gehabt. Paralysiert ist er durch das, was er spirituell 
erleben kann. Das Innere des Faust ist ausgefiillt mit dem, was er 
aufgenommen hatte. Er lebt in dem lebendigen Geistigen, in dem 
spirituellen Elemente des alten Griechenlandes, aber er ist dadurch 
paralysiert. 

Und so finden wir ihn, indem Mephisto ihn zuriickgebracht hat in 



seine Zelle, in sein Laboratorium, und ihn paralysiert zeigt durch das 
Zusammenleben mit dem geistigen Elemente der Vergangenheit. 

Wen Helena paralysiert, 

Der kommt so leicht nicht zu Verstande . . . 

meint Mephistopheles. Wir sehen audi, wie eine gewisse Scheidung ein- 
getreten ist zwischen Faust, der in das luziferische Fahrwasser geraten 
ist, und Mephistopheles. Faust ist gewissermaften mit seiner Seele - ob 
sie nun mehr oder weniger bewufk dies erlebt, was sie erlebt - in einem 
andern geistigen Fahrwasser, in das er durch luziferische Impulse ge- 
kommen ist, als diejenigen geistigen Wege sind, in denen Mephisiophe- 
les wandelt. Sie sind wie durch eine Bewufkseinsgrenze jetzt voneinan- 
der geschieden. 

Faust traumt, so sagt man in der profanen Sprache. Er weift nichts 
von seiner alten Welt, in der er als der ihm gegenwartigen lebt. Me- 
phisto hat sie aber um sich, und durch Mephisto lebt denn auch alles 
ahrimanisch wieder auf. Und so haben wir im Grunde genommen die 
zwei Welten gerade in dieser Szene hart aneinanderstoftend, ganz sach- 
gema£ aneinanderstofSend. Es ist merkwiirdig, wie griindlich Goethe in 
seiner instinktiv geisteswissenschaftlichen Art eigentlich ist. Dieses An- 
einanderstoften, es wird uns ganz deutlich gemacht durch den Famulus, 
der jetzt eingefuhrt wird, der ahnungslos hin und her pendelt, konnte 
man sagen, zwischen den gefahrlichsten Dingen, die sich in seiner Um- 
gebung abspielen. 

Diesen Ahnungslosen sehen wir zunachst, der uns gewissermaften 
reprasentiert eine Art von Menschen, die wie gefangen sind von der 
Ahnungslosigkeit, der Unaufmerksamkeit, fur die sie oftmals nichts 
konnen. Er sieht nicht, was um ihn herum vorgeht. In diesem Sinne 
kann man auch die ganze Rede auffassen, die von diesem Famulus 
kommt. 

Anders schon wird uns das ganze Milieu, in dem wir jetzt leben, 
durch die Begegnung des zum Baccalaureus gewordenen fruheren Schii- 
lers mit Mephistopheles dargestellt. Der Baccalaureus, man sieht es ihm 
an, geht ganz aus der Umgebung hervor, die ich Ihnen vorhm geschil- 
dert habe. Aber er stellt eine Karikatur davon dar, ist von alledem infi- 



ziert, was die Kant-Fichte-Schelling-Hegelsche Philosophic, die Schle- 
gelschen Auseinandersetzungen haben geben konnen; aber er nimmt 
alles im engumgrenzten, egoistischen Sinne. Warum tut er denn das? Ja, 
diese Frage mufi man sich schon vorlegen. Warum ist denn eigentlich der 
Baccalaureus dasjenige geworden, als was er sich uns darstellt? Hat 
Goethe etwa wollen die ihm werte Philosophic der Jenenser verspotten 
in dem Baccalaureus? Ganz und gar nicht. Aber in seinem Sinne ist 
hineingeschickt worden in dieses philosophische Fahrwasser der Schiiler, 
der da hat als ein Geleitwort von Mephistopheles erhalten: 

Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum. 

Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange, 

Dir wird gewifi einmal bei deiner Gottahnlichkeit bange! 

Den Impuls hat der Baccalaureus gewordene Schiiler von Mephisto- 
pheles selber. Mephistopheles kann sich nicht beklagen, daft ihn der 
Baccalaureus so behandelt, dafi er sagen mufi: 

Du weifk wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist? 

Denn er hat das alles in ihn gepflanzt; er hat das gesat in seiner Seele. 
Der Baccalaureus ist schon gefolgt dem Spruch und der Muhme, der 
beriihmten Schlange. Und er fiihlt sich zunachst gar nicht bange, das 
wird erst kommen. Er fiihlt sich gar nicht bange in seiner Gottahnlich- 
keit, die er ja sehr deutlich ausspricht, indem er darauf aufmerksam 
macht, dafi er es ist, der die Welt erschaffen hat, der die Welt gestaltet 
hat. - Schliefilich ist dieses ja aus der Kantschen Philosophic fur manche 
karikatursuchenden Menschenkinder geworden, wird es auch noch heute 
vielfach. 

Ja, man kann schon Menschenkinder kennenlernen, welche die Kant- 
sche Philosophic noch ichlicher auffassen als dieser Baccalaureus. Wir 
haben einmal einen Menschen kennengelernt, der so infiziert war von 
Kantscher, Fichtescher Philosophic, daft er wirklich die Meinung hatte, 
er habe die ganze Welt erschaffen. Das war in ihm zur fixen Idee ge- 
worden, er habe die ganze Welt erschaffen. Ich sagte ihm dazumal: Nun 
ja, gewifi, als Vorstellung, als Ihre Vorstellung haben Sie ja die Welt 
erschaffen, aber zu der Vorstellung kommt noch etwas hinzu, denn Sie 



haben audi die Vorstellung Ihrer eigenen Stiefel erschaffen, aber der 
Schuster hat sie gemacht, diese Stiefel, und Sie konnen nicht sagen, daft 
Sie diese Stiefel gemacht haben, obwohl Sie die Vorstellung dieser Stie- 
fel gemacht haben! - Im Grunde beruht alle echte Widerlegung, sogar 
der Schopenhauerschen Philosophic von der «Welt als Vorstellung», auf 
diesem Schusterproblem, nur sieht man diese Dinge nicht immer im 
rechten Lichte. 

Also der Baccalaureus ist schon gewissermaften ein Opfer des Me- 
phisto, so wie er ihm jetzt selber entgegentritt. Nach dem Absoluten 
haben die Philosophen gestrebt. In dem Baccalaureus wird das Streben 
nach dem Absoluten zu einer Karikatur. Mephisto rauE ihm sagen: 

Kommt nur nicht absolut nach Haus. 

Man sieht den Zusammenhang mit der Kultur, mit der Geisteskultur 
der damaligen Zeit in sehr geistvoller "Weise durch Goethe dargestellt. 
Daher sind diese Szenen, weil sie aus der lebendigen Wirklichkeit her- 
aus sind, auch so lebendig und so ungemein dramatisch. Und Goethe 
hat immer wieder und wiederum das Bestreben, die Menschen hinaus- 
zufiihren iiber jene etwas nach Kellergeruch duftenden Vorstellungen, 
die man so leicht hort: Ach, wir wollen uns nur mit dem Guten verbin- 
den; nichts Ahrimanisches und Luziferisches soli da sein; das raufi man 
fliehen. - Weil Goethe nicht liebt diese nach Kellergeruch duftenden 
Vorstellungen, stellt er auch zuweilen den Mephistopheles recht sym- 
pathisch dar, recht gemutvoll, konnte man sagen. Denn wie gemtitvoll 
ist es doch, wenn der gute Mephistopheles, als der Baccalaureus gar zu 
absolut wird, mit seinem Stuhl hinunterriickt von dem Baccalaureus 
zu dem - Publikum. Namentlich zu dem jiingeren Parterre, dachte sich 
Goethe, riickt Mephistopheles heran und sucht jetzt dort ein Unter- 
kommen. Und Goethe lalk den Mephistopheles nicht bloft Teuflisches, 
sondern ganz TrefFendes sagen, weil Goethe weifi, wieviel Mephisto- 
phelisches dem Leben beigemischt sein mufi, wenn das Leben gedeihen 
soli, wie ungesund die Vorstellungen sind, die in der angedeuteten Weise 
nach Kellergeruch duften. Und es ist schon der Muhe wert, einmal nach- 
zudenken dartiber, wie auch Goethe nicht ganz kalt geblieben ist bei der 
Kalte der stumpfen Menge. Daher lalk er seinen Mephistopheles sich 



sogar etwas erziirnt aussprechen iiber die Leute, denen er ansieht, wie 
kalt sie bleiben bei den Weisheitsspriichen, die er doch auftert. Es ist das 
schon eine Kalte, auf die Goethe auch hinweisen wollte, obwohl diese 
Kalte lange noch nicht so kalt war, wie heute oftmals die Gesinnung und 
die Stimmung der Seele ist gegeniiber demjenigen, was aus dem geistigen 
Leben an die Menschheit herandringen kann. 

Und dann sehen wir, wie eine echt ahrimanische Tatigkeit sich ent- 
faltet in der Erzeugung des Homunkulus. Goethe ist es nicht leicht ge- 
worden, gerade diejenige Partie seines «Faust» zu dichten, die wir hier 
vor uns gehabt haben. Kleine Dichter werden mit allem fertig! Sogar 
mit dem groften Problem unter Umstanden wiirde ein kleiner Dichter 
rasch fertig geworden sein: Faust und Helena zusammenzubringen. 
Aber Goethe war eben kein kleiner Dichter, daher ist ihm das Dichten 
schwer und sauer geworden. Daher muftte er einen Weg suchen, Faust 
wirklich mit der Helena zusammenzufiihren, mit der er zusammen 
lebte, ich mochte sagen, in einem andern Bewufttseinszustande, wie wir 
gesehen haben. Goethe muftte den Weg suchen. Er war sich gar nicht 
gleich klar, wie er diesen Weg finden sollte. Zuerst sollte Faust hin- 
untergef iihrt werden in die Unterwelt und von Proserpina sich die Hilf e 
erbitten, daft Helena leibhaftig zu ihm herankomme. Aber Goethe emp- 
fand dasjenige, was er da darstellen wiirde, um sich die Helena von der 
Proserpina zu holen, so, daft er keine Begriffe und Vorstellungen fand, 
um die Sache darzustellen. Denn bedenken Sie nur, um was es sich han- 
delte. Es handelte sich darum, daft Faust soweit gekommen war, im 
Unterbewufttsein seiner Seele, imaginativ, an die Helena heranzu- 
kommen; aber er sollte mit denjenigen Fahigkeiten an sie herankom- 
men, die ihm im Leben natiirlich waren. Dazu muftte Helena in diese 
Bewufttseinssphare herein steigen. Also Goethe muftte gewissermaften 
eine Verkorperung der Helena zustande bringen. Dazu beniitzte er das- 
jenige, was er wuftte aus Paracelsus, den er wohl studiert hatte, nament- 
lich die Abhandlung von Paracelsus 5 «De generatione rerum» kam ihm 
sehr zugute. Da schildert Paracelsus, wie man durch gewisse Vorgiinge 
Homunkeln erzeugen kann. Es ist selbstverstandlich fur den heutigen 
Menschen sehr leicht, zu sagen: Nun ja, das war halt ein mittelalterliches 
Vorurteil des Paracelsus. - Es ist fur den heutigen Menschen leicht, zu 



sagen: Kein Mensch braudit zu glauben an dasjenige, was da Paracelsus 
phantasiert. - Gewift, es braucht es ja meinetwillen auch keiner. Aber 
bedenken sollte man doch, daft Paracelsus in jener Abhandlung «De ge- 
neratione rerum» ausdriicklich versichert, durch gewisse Vorgange ware 
man imstande, etwas zu erzeugen, was zwar keinen Korper hat - bitte, 
darauf zu achten! Paracelsus sagt ausdriicklich: es hat keinen Korper -, 
was aber Fahigkeiten hat, die ahnlich sind den menschlichen Seelen- 
fahigkeiten, nur sich bis zur Hellsichtigkeit steigern. Also Paracelsus 
dachte an gewisse Hantierungen, die den Menschen dahin bringen, vor 
sich ein korperloses Wesen zu haben, das aber so wie der Mensch eine 
Art Verstandestatigkeit, eine Art Intellektualitat, ja sogar in hoherer 
Steigerung entfaltet. Das hat Goethe zu Hilfe genommen. Er hat sich 
etwa gedacht: rein spirituell griff herein die Helena in die Bewufttseins- 
sphare des Faust, aber sie muft dichter werden. 

Dieses Dichterwerden, das lieft er geschehen durch ein solches Wesen, 
wie der Homunkulus es ist, der gewissermaften die Briicke baut zwi- 
schen dem rein Geistigen, Spirituellen, indem er selber korperlos ist, 
aber bei Gelegenheit von korperlichen Hantierungen entsteht, zu dem 
Korperlichen hiniiber, so daft man sagen kann: Durch die Anwesenheit 
des Homunkulus wird es moglich, die ganz spirituelle Helena herein- 
zufuhren in diejenige korperliche Welt, in der Faust heimisch ist. 

Natiirlich brauchte Goethe zu alldem eine Art Miftverstandnis noch. 
Und das Miftverstandnis wird auf dem Umwege durch Wagner herbei- 
gefiihrt. Wagner ist durch seinen materialistischen Sinn dazu verfiihrt, 
an die ganz materielle Herstellung des Homunkulus zu glauben; er 
wiirde dasjenige nicht zustande bringen, was ein wirklicher Homun- 
kulus ist, denn dazu bedarf es geistiger Krafte, die Wagner nicht zur 
Verfugung stehen. Diese geistigen Krafte werden dadurch herbeige- 
fiihrt, daft Mephistopheles, das ahrimanische Element, herankommt. 
Denn dadurch wird wiederum der ahrimanische Impuls gegeben, dafi 
wirklich aus dem etwas wird, was Wagner da zusammenkohobiert. 
Hatte Wagner auf seinem Wege ganz allein, vielleicht durch Zuhilfe- 
kommen von irgendwelchen ja uberall verborgenen Kraften seinerseits 
etwas zustande gebracht, dann ware es ihm vielleicht so gegangen wie 
jenem Mann, der mir vor einiger Zeit schrieb, daft er, nachdem er sich 



lange bemiiht hatte, nun wirklich lebende kleine Mannchen in seinem 
Zimmer zustande gebracht habe, aber nun nicht mehr loskommen 
konne; er konne nicht mehr sich retten vor ihnen! Er wollte Rat, wie er 
sich retten konnte vor diesen Geschopfen, die er als Iebendige Mechanis- 
men hervorgebracht hat. Sie verfolgten ihn seither iiberall. Man kann 
sich schon vorstellen, was aus dem Verstande soldier Menschen wird! 
Diese Menschen, die solche abenteuerlichen Dinge erleben, gibt es natiir- 
lich heute noch immer, ebenso wie es die Spotter gibt gegen diese Dinge. 

Durch ein niedliches Zusammentreffen, das aber audi nur ein nied- 
liches Zusammentreffen ist, behauptete ja gerade in der Zeit iibrigens, 
in der Goethe diese Szene schrieb, Johann Jakob Wagner in Wiirzburg, 
dafl man Homunkeln erzeugen konne, und er gab sogar Wege an, wie 
man Homunkeln erzeugen kann. Es ist dies aber selbstverstandlich 
nicht wahr, dafi Goethe von ihm den Namen genommen hat. Denn der 
Name riihrt schon her aus dem alten «Faust», der damals vorhanden 
war; der wurde niedergeschrieben, als dieser Johann Jakob Wagner noch 
ein Saugling war. 

Es gehort also wiederum Mephistopheles dazu, daft aus dem, was 
Wagner zustande bringt, wirklich der Homunkulus wird. Aber er wird 
nun. Und er wird eigentlich imGrunde genommen so, wie Goethe gelernt 
hatte den Homunkulus darzustellen nach der Anleitung des Paracelsus. 
Und der Homunkulus wird in der Tat sogleich hellsichtig, denn er schaut 
den Traum des Faust, beschreibt dasjenige, was Faust gewissermafien 
luziferisch abgezogen, wie in einem andern Bewufkseinszustand, erlebt, 
wie Faust wirklich hingelangt in die griechische Welt. Die Zusammen- 
kunft des Zeus mit Leda, der Mutter der Helena: wir erkennen sie in der 
Beschreibung, die der Homunkulus von dem Traum des Faust gibt. 

Wir sehen also, wie Goethe unmittelbar nebeneinanderstellt das- 
jenige, was zuerst spirituell im Faust lebt, und den Homunkulus, der 
es zu deuten, aufzufassen weifi. Wir sehen, wie Goethe heruberarbeitet 
in die gewohnliche physische Welt, so dafi die Helena in die gewohnliche 
physische Welt dann eintreten kann. Und durch all die Vorgange, die 
geschildert werden in der «Klassischen Walpurgisnacht», sehen wir, wie 
Goethe versucht, aus dem Ewig-Geistigen der Helena, mit der Faust zu- 
sammen gelebt hat, das Korperliche zu gestalten, indem der Homun- 



kulus durchgeht durch alle Reiche der Natur und seine Korperlosigkeit 
ablegt, sich verkorperlicht, sich verbindet mit dem geistigen Elemente 
der Helena. Und dadurch, daft das dann durchgeht durch alle Reiche der 
Natur, wird die Helena aufterlich auf dem physischen Plane das, als was 
sie uns im dritten Akte des zweit'en Teiles des «Faust» entgegentritt. 
Durch den Homunkulus und durch die Umwandlung, die der Homun- 
kulus vollziehen kann mit dem, womit Faust spirituell zusammen lebt, 
wird die Helena neu geboren. Das ist es, worauf es Goethe ankommt. 
Deshalb hat er den Homunkulus hineingesetzt, deshalb zeigt er die Ver- 
wandtschaft dessen, was Faust sozusagen traumt, mit dem, was der 
Homunkulus schaut. 

Damit aber steht Goethe auch wahrem Okkultismus sehr nahe, jenem 
wahren Okkultismus, auf den ich ofter hingewiesen habe, und von dem 
alle Denkweise wegfiihrt, die nur in Abstraktionen sich ergeht, die nur 
in abstrakten BegrifFen leben will. Ich habe ofter darauf aufmerksam 
gemacht, wie eine gewisse einseitige Ausbildung des christlichen Prinzips 
gerade dahin gefuhrt hat, wesenlose, schattenhafte BegrifFe zu zeitigen 
als Weltanschauung, die nicht imstande sind, gewissermaften hinein- 
zugreifen ins reale Leben. Und unter solchen BegrifFen steht die Mensch- 
heit heute. Die Menschheit hat auf der einen Seite das rein mechanische 
Naturwissen, das aber kein Wissen ist, sondern nur eine Hantierung, 
woraus das Lebendige herausgetrieben ist. 

Encheiresin naturae nennt's die Chemie, 
Spottet ihrer selbst und weiS, nicht wie, 

sagt der Mephisto. Das auf der einen Seite, das nur immer abschreiben 
will, was aufierlich geschieht. Und auf der andern Seite die abgezogenen 
BegrifFe von irgendeinem Geistigen, das entweder pantheistisch vorge- 
stellt wird, oder einem Geistigen, das in irgendeinem Wolkenkuckucks- 
heim von schattenhaften BegrifFen lebt, die nicht in der Lage sind, wirk- 
lich unterzutauchen ins Leben, zu erfassen das wirkliche Leben. 

Deshalb habe ich darauf hingewiesen, wie Geisteswissenschaft im- 
stande ist, den realen, unmittelbaren Menschen wieder zu verstehen, 
zum Beispiel zu sagen: Dieses Haupt des Menschen ist nur auf der einen 
Seite dasjenige, was der Anatom daraus macht, indem er es rein aufter- 



lich schildert, es ist auch nicht blofi dasjenige, was auflerlich eine abstrakt 
im Wolkenkuckucksheim der Begriffe segelnde Seele verkorpert, son- 
dern dieses Haupt mufi man verstehen als hervorgegangen durch Me- 
tamorphose aus dem Leib der vorhergehenden Inkarnation und, wie ich 
in den letzten Vortragen ausgefuhrt habe, aus dem ganzen Kosmos, 
aus der Sphare des ganzen Kosmos heraus gebildet. - Dieses Gestalten, 
im Gestalten in die materielle Welt eingreifen durch die Begriffe, nicht 
das Schwefeln in allgemeinen abstrakten BegrifTen, ist das Wesentliche, 
was konkrete Geisteswissenschaft anstreben mufi. Denn gerade das- 
jenige, wovor sich manche in der Gegenwart lebende christliche Pasto- 
ren und sonstige ahnliche Leute in ihren wesenlosen Abstraktionen von 
Gott und dem Ewigen am meisten fiirchten, das ist dieses lebendige 
Erf assen der Welt, das konkrete Erfassen des Materiellen, das auch eine 
Offenbarung des Geistigen ist. Dieses Untertauchen mit den Begriffen 
in die wirkliche Welt ist es, was die Menschen heute nicht haben wollen. 

Das ist es aber gerade, auf das auch Goethe ganz energisch hinweisen 
will. Daher kontrastiert er diesen Geist des Homunkulus, der das wirk- 
liche, konkrete Geistige schaut, wie es dann in dem Bewufitsein des 
Faust, wenn auch von anderer Art, lebt, dieses Schauen kontrastiert er 
mit der Art, wie Mephisto die Welt gern haben mochte aus der Ver- 
einseitigung des christlichen Mittelalters heraus: die Ausloschung alles 
desjenigen, was. spirituell an die Menschenseele herankommt. Darum 
sieht der Homunkulus dasjenige, was weder Wagner noch Mephisto- 
pheles sehen. Und daher, weil Mephistopheles sagt: 

Was du nicht alles zu erzahlen hast! 

So klein du bist, so grofi bist du Phantast. 

Ich sehe nichts -, 

antwortet Homunkulus: 

Das glaub ich. Du aus Norden, 
Im Nebelalter jung geworden, 
Im Wust von Rittertum und Pf afferei, 
Wo ware da dein Auge frei! 
Im Diistern bist du nur zu Hause. 

Goethe erstrebt bewufit ein konkretes Erfassen der Wirklichkeit. 



Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dafi selbstverstandlich an der 
Stelle, wo der Homunkulus zu Mephistopheles spricht, durch irgend- 
welchen Umstand ein Vers ausgef alien ist; denn wir sehen iiberall den 
Reim: 

Das glaub ich. Du aus Norden, 

Im Nebelalter jung geworden, 

Im Wust von Rittertum und Pfdfferei, 

Wo ware da dein Auge fret! 

Im Diistern bist du nur zu Hause. 

Auf «zu Hause» fehlt der Reim. 

Verbraunt Gestein, bemodert, widrig, 
Spitzbogig, schnorkelhaftest, niedrig! 

Also, es ist durch irgendwelchen Umstand beim Diktieren ein Vers 
ausgefallen, denn es fehlt der Reim - und es ist kein Grund, daft der 
Reim hier nicht stehen solite -, also ein Vers, der etwa so gelautet haben 
muf$: 

Was aber soli uns die dumpfe Klause - 

so daft Homunkulus, nachdem er gesehen hat, dafi der Mephisto ihn 
nicht versteht, ihn deutlich darauf verweist, wie die Menschen entfernt 
worden sind von der konkreten geistigen Welt durch die Verabstrahie- 
rung, durch die nebelhaften Begriffe, die ausgebildet worden sind, und 
die ins Enge getrieben worden sind eben in solchen Verrichtungen, wie 
die waren, aus denen Faust herausgewachsen ist, der ihnen aber ent- 
wachsen ist. Aber Mephisto fiihlt sich da wohl in seiner Teuflischkeit. 
Daher meint Homunkulus etwa: 

Das glaub ich. Du aus Norden, 
Im Nebelalter jung geworden. 

Das Mittelalter ist hier gemeint, aber mit Anspielung an das alte Nifl- 
heim: 



Im Nebelalter jung geworden - 



Jung geworden ist ein alter Ausdruck, der sehr gut ist. So wie man 
alt wird vom Physischen aus, so wird man jung vom Geistigen aus, 
wenn man geboren wird. Und dieses war ein alter deutscher Ausdruck; 
statt « geboren werden» sagte man «jung werden», womit man bezeugte, 
daft in der Sprache schon ein Verstandnis dafiir enthalten ist. Also: 

Du aus Norden, 
Im Nebelalter jung geworden, 
Im Wust von Rittertum und PfafFerei, 
Wo ware da dein Auge frei! 
Im Dustern bist du nur zu Hause. 
Was aber soil uns die dumpf e Klause? 

Und nun blickt er umher in der dumpfen Klause und sieht da alles, 
was da ist: 

Verbraunt Gestein, vermodert, widrig, 
Spitzbogig, schnorkelhaftest, niedrig, 

Dann: 

Erwacht uns dieser, gibt es neue Not, 

denn der mufi in das lebendige Leben eingefuhrt werden, weil er nidit 
blofi abstrakte BegrifTe will; er will nicht biofi zum Beispiel das Grie- 
chentum gesdiildert haben dadurch, dafi man es zeigt, so wie es Huma- 
nisten oder Philologen gemacht haben, sondern er will lebendig mit 
diesem Griechentum leben, indem der Reprasentant dieses Griechen- 
tums, die Helena, leibhaftig vor ihn treten soli. 

So sehen wir iiberall gerade in dieser Szene Goethes wunderbare 
Ahnung nach dem Konkreten hin. Es ist ja, man konnte sagen, bei 
diesen Altersdichtungen Goethes jedes Wort aus einer tiefen Welt- 
erfahrung heraus geschrieben. Und das gibt diesen Worten Gewicht, 
ungeheures Gewicht, gibt ihnen audi eine Unverganglichkeit. Denn wie 
schon sind solche Worte gerade von Mephistopheles gesprochen, wo- 
durch sie ihre besondere Farbung erhalten: 

O weh! hinweg! und lafit mir jene Streite 
Von Tyrannei und Sklaverei beiseite. 



Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan, 
So fangen sie von vorne wieder an; 
Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt 
Von Asmodeus, der dahinter steckt. 

Von dem Zwietrachtteufel, mit dem sich der Mephisto recht verwandt 
flihlt. 

Sie streiten sich, so heifk's, urn Freiheitsrechte. 

Man fiihlt sich fast in die Gegenwart herein versetzt, denn da heifk 
es auch: Sie streiten sich um Freiheitsrechte! Schon Goethe antwortet: 

Genau besehn sind's Knechte gegen Knechte. 

Im Ganzen mochte man sagen: O konnte doch die Zeit kommen, wo 
auch aus dem Gedichte eines solchen Strebens, wie man es gerade ge- 
offenbart durch diese Szene bei Goethe findet, an das ja durchaus an- 
geknupft werden soil aus Geisteswissenschaftlich-Anthroposophischem 
der Gegenwart - o konnte doch dasjenige, was in dem Gedichte eines 
solchen Strebens liegt, die Leute mehr ergreifen, konnte es sich ein- 
biirgern in die Seelen! Wir kamen wahrhaftig als Menschen weiter. 

Aber statt dessen hat seit Goethes Zeiten die Verabstrahierung alles 
Strebens noch unendlich weitere Fortschritte gemacht. Und hier ist der 
Punkt, wo gerade der, der sich geisteswissenschaftlich bestrebt, ver- 
suchen sollte - meinetwillen sich heraufrankend an Goethe -, sich klar- 
zumachen den Unterschied zwischen konkret-geistigem Streben und 
abstrakt-geistigem Streben. Die Beschafligung mit Geisteswissenschaft 
gibt solche Begriffe, durch die man wirklich untertaucht in das Reale, 
in das Wirkliche, durch die man verstehen lernt dieses Wirkliche. Der 
Materialismus gibt gar keine wirklichen Begriffe, der gibt nur Begriffs- 
schatten. Wo kann denn der Materialismus so etwas verstehen, wie den 
von uns klargemachten Unterschied zwischen dem Haupte des Menschen 
und dem iibrigen Leib? Oder wie kann der Materialismus zum Beispiel 
folgendes verstehen? Nehmen wir einen Begriff, der unendlich wich- 
tig ist. 

Wir wissen, der Mensch hat seinen physischen Leib, seinen Atherleib, 



seinen astralischen Leib, sein Ich. Das Tier hat seinen physischen Leib, 
seinen Atherleib, seinen Astralleib. Wir sehen das Tier. Interessant ist 
es, Tiere zu beobachten, wenn sie so, nachdem sie auf der Weide sich 
reichlich vollgefressen haben, daliegen und verdauen. Es ist interessant 
zu beobachten. Warum denn? Weil das Tier ganz mit seinem astrali- 
schen Wesen in seinen Atherleib zuriickgezogen ist. Was tut denn eigent- 
lich die Seele des Tieres, wenn es da verdaut? Mit unendlichem Wohl- 
behagen nimmt die Seele teil an dem, was in dem Leibe geschieht. Es 
liegt da und schaut sich beim Verdauen zu. Mit unendlichem Wohl- 
behagen schaut es sich zu; das Wohlbehagen ist bei dem Tier ganz un- 
geheuer. Interessant ist es, zum Beispiel eine Kuh verdauen zu sehen, 
geistig, wenn sie daliegt und nun wirklich ihr innerlich sichtbar werden 
alle die Vorgange, die sich da abspielen, indem die Nahrungsstoffe in 
den Magen aufgenommen sind und vom Magen nun in die iibrigen 
Partien des Leibes befordert werden. Dem schaut das Tier mit innerstem 
Behagen zu, weil eine innige Korrespondenz zwischen seinem Astralleib 
und seinem Atherleib besteht. Das Astralische lebt in dem, was der 
atherische Leib spiegelt von den physisch-chemischen Vorgangen, durch 
die sich die Nahrungsstoffe einfuhren in den Organismus. Das ist eine 
ganze Welt, welche die Kuh sieht! Allerdings besteht diese Welt nur aus 
Kuh und aus den Vorgangen, die in der Kuh stattfinden. Aber wahr- 
haftig, wenn auch alles dasjenige, was dieser astralische Leib in dem 
Atherleib der Kuh wahrnimmt, blofi die Vorgange in dem ganzen Urn- 
kreis, in der Sphare der Kuh sind, so vergrofiert sich das alles, so dafi, 
es so groft wird fur das Bewufksein der Kuh, wie unser menschliches 
Bewufksein grofi ist, indem es bis zum Firmament geht. Ich miilke Ihnen 
die Vorgange, die da zwischen dem Magen und dem iibrigen Organis- 
mus der Kuh stattfinden, als eine grofie Sphare zeichnen, die sich ent- 
faltet, weit hinaus entwickelt, indem in diesem Augenblick fur die Kuh 
nur der Kuh-Kosmos, aber in riesiger Grofte, da ist. 

Das ist kein Scherz, das ist so. Und die Kuh fiihlt sich ungeheuer ge- 
hoben, wenn sie so ihren Kosmos sieht, sich als Kosmos sieht. Da sieht 
man in die konkrete Natur der Tiere hinein. Denn dadurch, da!5 der 
Mensch ein Ich hat, reiftt dieses Ich den astralischen Leib von jener 
innigen Verbindung mit dem Atherleibe los, in der dieser astralische 



Leib mit dem Atherleib zum Beispiel bei der Kuh ist. Er wird los- 
gerissen. Und dadurch ist dem Menschen die Moglichkeit entzogen, 
wenn er nach dem Essen verdaut, das ganze Verdauungsgeschaft des 
Kosmos zu iiberblicken. Es bleibt fur ihn das alles unbewuftt. Dagegen 
beschrankt das Ich durch seine Tatigkeit die Impulse des Atherleibes so, 
daft sie nur in dem Bereiche der Sinnesorgane von dem astralischen Leib 
erfaftt werden. So daft dasjenige, was beim Tier als Ganzes mit dem 
astralischen Leib zusammen lebt, beim Menschen nur in den Sinnes- 
organen konzentriert ist. Dadurch aber wird fur den Menschen der 
Sinnesprozeft so groft, wie fiir gewisse Augenblicke der tierische Prozefi 
fur das Tier wird. 

Es ist in gewissem Sinne eine Unvollkommenheit des Menschen, daft 
er, wenn er sein Nachmittagsschlafchen eben beginnt, nicht traumend 
seiner Verdauung zusehen kann, denn er wiirde eine ganze Welt sehen. 
Aber dieser Welt entreifit das Ich den astralischen Leib des Menschen 
und laftt ihn schauen als Kosmos nur dasjenige, was in den Sinnes- 
organen selber erlebt wird. 

Ich wollte dieses nur als Beispiel anfiihren. Denn man sieht daraus, 
daft es der konkreten Geisteswissenschaft darauf ankommt, in die Wesen 
wirklich hinunterzusteigen mit den Begriffen; nicht schattenhafte Be- 
griff e zu konstruieren, sondern Begriffe, die in die Wirklichkeit eintau- 
chen. Und alle Begriffe der Geisteswissenschaft sollen ja so sein, daft 
sie in die Wirklichkeit eintauchen. Das aber ist gerade die Begleit- 
erscheinung der materialistischen 2eit, daft sie diese Begriffe, die in die 
Wirklichkeit untertauchen, verschmaht. Sie will solche nicht haben. Fiir 
die Erkenntnis der Natur fiihrt das blofi zu dem Mangel, daft man 
nichts in Wirklichkeit erkennt. Aber fiir das Leben fiihrt das zu einem 
weit grofteren Mangel. Es macht den Menschen unmoglich, Sinn zu 
haben fur konkrete, inhaltsvolle Begriffe. Daher ist die Erziehung im 
Materialismus zugleich eine Erziehung zu inhaltsleeren, schattenhaften 
Begriffen. Die Dinge gehen durchaus parallel: nicht spirituell verstehen 
konnen die Wirklichkeit, alles fiir einen Mechanismus ansehen, und un- 
fahig sein, zu irgendwelchen Begriffen zu kommen, die wirklich in die 
Verhaltnisse der Welt, des Menschen einlaufen konnen. 

Und in dieser Beziehung muft man die Gegenwart verstehen, denn 



darinnen liegen gerade die Schwierigkeiten der Gegenwart. In der Ge- 
genwart gibt es gewift idealistische Naturen, aber sie sind die idealisti- 
schen Naturen einer materialistischen Zeit, und daher reden sie in 
schattenhaften allgemeinen BegrifFen, die nicht eingreifen konnen in die 
Wirklichkeit, die hochstens eingreifen konnen auf dem Umwege der 
Leidenschaft, auf dem Umwege, daft man sich auf blast und sie moglichst 
stark in die Welt hinausposaunt. Wahrend man also auf der einen Seite 
mit Bezug auf die Erkenntnis der Natur nur die Unmoglichkeit hat, 
die Natur zu verstehen, hat man auf der andern Seite als die notwendige 
Parallelerscheinung das Deklamieren von schattenhaften Begriffen. Und 
wenn man so redet, redet man wahrhaftig nicht von irgend etwas selber 
Unrealem, sondern von demjenigen, was in der schlimmsten Weise mit 
den leidvollen Ereignissen der Gegenwart zusammenhangt. 

Zu Goethes Zeiten war die Sache noch nicht so weit gediehen, aber 
heute stehen wir schon vor dem Unverstandnis vieler Leute, iiberhaupt 
einen Unterschied zu finden zwischen einem schattenhaften und einem 
wirklichen Begriffe. Der Wagner, wie ihn Goethe schildert, lebt audi 
in schattenhaften Begriffen, und der Homunkulus versucht es ihm sogar 
klarzumachen, wie er in schattenhaften Begriffen lebt, zum Beispiel 
durch die Worte, nachdem der Wagner in Angst gefragt hat: 

Und ich? 

Was wird aus mir, wenn die andern fortziehen? 

Eh nun, 

Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun. 
Entfalte du die alten Pergamente, 
Nach Vorschrift sammle Lebenselemente 
Und fiige sie mit Vorsicht eins ans andre. 
Das Was bedenke, mehr bedenke Wie? 
Indessen ich ein Stiickchen Welt durchwandre, 
Entdeck' ich wohl das Tiipfchen auf das i. 

Wenn ich diese Stelle lese, mufi ich mich immer erinnern, daft sie so 
recht aus dem Leben ist, gerade aus dem Gelehrtenleben. Denn ich weift 
von einer Doktorpromotion, wo ein junger Doktorand einem sehr ge- 



lehrten Herrn, der Historiker war, aber als Historiker vorzugsweise als 
Urkundenmensch iiber die historische Wissenschaft Professor war, ge- 
geniiberstand: das war derjenige, welcher der hauptsachlichste Lehrer 
dieses jungen Doktoranden war. Unter den Fragen, die er ihm stellte, 
war diese, daft er fragte: Nun, sagen Sie mir, Herr Kandidat, in welcher 
papstlichen Urkunde kommt zum erstenmal der I-Punkt vor? - Das 
wuftte der gleich, unter welchem Papste in den Urkunden der I-Punkt 
vorkommt: Innozenz IV.! - Nun saft ein anderer Historiker, der nicht 
so war, daneben, und der wollte so ein biftchen den Mephisto spielen, 
und deshalb sagte er: Na, Herr Kollege, jetzt mufi ich auch einmal, da 
ich der andere Examinator bin, an den Kandidaten eine Frage stellen. 
Sagen Sie mir, Herr Kandidat, wann hat denn dieser Innozenz IV. den 
papstlichen Stuhl bestiegen? - Der Kandidat wuftte nichts. Wann ist 
denn der Innozenz IV. gestorben? - Der Kandidat wufke nichts. Nun, 
mein lieber Herr Kandidat, dann sagen Sie mir was anderes, was Sie 
iiberhaupt iiber den Innozenz wissen, aufter dem, daft in seinen Ur- 
kunden der I-Punkt zuerst vorkommt! - Der wuftte gar nichts. Da sagte 
der Professor der Urkundenlehre, der alten Pergamente: Aber Herr 
Kandidat, es ist ja gerade, wie wenn Ihnen heute ein Brett vor den 
Kopf genagelt ware! - Da sagte der andere, der so den Mephisto spielen 
wollte: Oh, Herr Kollege, er ist ja Ihr Lieblingsschiiler! Wer hat ihm 
denn dieses Brett vor den Kopf genagelt? 

Nun, so konnte auch der gute Wagner, anders als der Homunkulus, 
in seinem Pergamente das Tupfelchen auf das i entdecken. Aber seit 
jener Zeit ist, ich mochte sagen, universell und historisch die abstrakte, 
rein in Begriff en lebende Denkweise gekommen. Und so sehen wir dann, 
daft wirklich das tief in die ganze Weltgeschichte eingreifende Schau- 
spiel sich vollziehen kann, daft in wichtiger Angelegenheit ein Doku- 
ment vor die Welt hintritt, das in lauter Schattenbegriffen lebt. Man 
kann sich nichts Unwirklicheres und Unrealeres denken als jene Note, 
die neulich Woodrow Wilson an den Senat der amerikanischen Staaten 
gerichtet hat! Heute, wo es nur frommt, zu versuchen, die Wirklich- 
keiten der Welt zu verstehen, sieht man die Ohnmacht an hervorragen- 
der Stelle, anderes zu fassen als nur Schattenbegriffe, Begriffsschatten. 

Da darf man sich wohl fragen: Soli denn das Leid ins Unendliche 



fortgesetzt werden deshalb, weil an den hervorragendsten Stellen aus 
der Kultur des Materialismus heraus die Menschen die Wirklichkeit 
fliehen und nur noch Begriffsschatten fassen konnen? - Ich weift, daft, 
wenn man an solche traurigen Ereignisse der Gegenwart streift, man 
wenig Verstandnis findet, weil heute die wenigsten Menschen audi nur 
fassen konnen den Unterschied zwischen Begriffsschatten und Wirklich- 
keit. Denn derjenige, der ein blower Idealist ist - es ist ja immer an- 
erkennenswert, Idealist zu sein — , aber nicht versteht die spirituelle 
Wirklichkeit, der wird sogar schon finden, so unendlich schon, wenn so 
nett von Freiheit und Menschenrechten gesprochen wird und von inter- 
nationalen Staatenverbanden und dergleichen. Man wird gar nicht ein- 
sehen, worin eigentlich das Unheilbringende dieser Dinge liegt, man 
wird es in weitesten Kreisen gar nicht einsehen. 

Man wird so wenig verstanden, daft man selbst Verstandnis gewinnt 
fiir die Worte, die der Mephisto spricht, nachdem er abriickt von dem 
Baccalaureus. Denn schlieftlich, so wie der Baccalaureus redet, so redet 
heute mancher, der als ein grower Mann gilt, der, wenn er auch nicht 
die ganze Welt erschaffen will, so die ganze Welt nach dem diistersten 
Schattenbegriff regieren will. Und mit Bezug auf das Verstandnis 
solcher Dinge wollen die Menschen durchaus nicht vorrikken. Sie bleiben 
immer Kinder, bleiben Kinder, die da glauben konnen, mit Begriffs- 
schablonen konne die Welt regiert werden. Deshalb kann man Ver- 
standnis haben auch fiir die mephistophelischen Worte: 

Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, 
Euch guten Kindern laft ich's gehen; 
Bedenkt: der Teufel, der ist alt, 
So werdet alt, ihn zu verstehen! 

Diejenigen, die da glauben, daft man mit Begriffsschatten die Welt 
regieren kann, verstehen noch nicht einmal dasjenige, was Goethe durch 
den Teufel, da wo der Teufel die Wahrheit ausspricht, sagt! 

Wie, ich mochte sagen, ein Kolleg zum Verstandnis des Reellen, des 
Wirklichen in unserer von Begriffsschablonen beherrschten Zeit kann 
man auffassen gerade die Homunkulusszene im zweiten Teil von 
Goethes «Faust». Aber man mu!5 diese Dinge wirklich in vollem Ernste 



nehmen. Und insbesondere an uns ware es, uns recht klare Begriffe zu 
machen iiber den Unterschied all der Deklamationen, die jetzt so reich- 
lich durch die Welt gehen, die seit Jahrzehnten durch die Welt gegangen 
sind, und die endlich die Situation von heute herbeigefiihrt haben. 



FAUST UND DIE M OTTER 



Dornacb, 2. November 191J 
nach einer szenischen Darstellung aus « Faust* II: «Finstere Galerie». «Am Kaiserhof* 

Die Betrachtimgen des heutigen Abends mochte ich ankniipfen an die 
Szenen, die wir eben gesehen haben. Es wird sich uns dasjenige, was 
in Ankniipfung an diese Szenen gesagt werden kann, recht gut einfiigen 
in den Lauf unserer gegenwartigen Betrachtungen. 

Ich habe nun schon ofter hier iiber die bedeutungsvolle «Miitter»- 
Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» gesprochen. Allein diese 
Szene ist eine solche, auf die man immer wieder und wiederum aus dem 
Grunde zuruckkommen kann, weil sie durch ihren bedeutungsvollen 
Inhalt, abgesehen von dem asthetischen Wert, durch den sie sich in die 
Dichtung einfugt, eine Art Hohepunkt neuzeitlichen Geisteslebens wirk- 
Iich in sich schlieftt. Man wird leicht sagen konnen, wenn man diese 
«Mutter»-Szene auf sich wirken laftt, daft sie eine ganze Summe von 
Andeutungen, die Goethe machen wollte, in sich schlieftt. Sie ist ebenso 
herausgeholt aus Goethes unmittelbaren seelischen Erlebnissen, wie sie 
auf der andern Seite Licht wirft auf bedeutungsvolle, tief e Erkenntnisse, 
die man einfach bei Goethe anerkennen mull, wenn man nur einiger- 
mafien versteht, was diese Szene bedeutet, in der Faust durch Mephisto- 
pheles die Moglichkeit geboten wird, in das Reich der Miitter hinunter- 
zusteigen. Fassen wir einmal ins Auge, daft der Astrologe, als Faust 
wieder erscheint, wieder heraufkommt von den Mtittern, von Faust als 
Priester spricht, daft Faust sich selbst als Priester nunmehr bezeichnet. 
Wir miissen dann in dieser Umwandlung desjenigen, was Faust vorher 
war, zum Priester, etwas Bedeutungsvolles sehen. Er ist hinunter- 
gestiegen zu den Muttern. Eine Umwandlung ist mit ihm vorgegangen. 
Man braucht nur zu bedenken, ganz abgesehen von dem ubrigen, was 
man liber die Sache weift, was wir im Lauf der Jahre liber die Sache zu 
sagen hatten, wie die griechischen Dichter, indem sie von den Mysterien 
sprechen, andeuten, daft derjenige, der in die Mysterien eingeweiht 
wird, kennenlernt die drei Weltmiitter: Rhea, Demeter und Proserpina. 



Die drei Mutter, ihre Wesenheit, dasjenige, was sie eigentlich sind, sollte 
durch unmittelbare Anschauung derjenige kennenlernen, der in Grie- 
chenland in die Mysterien eingeweiht wurde. 

Wenn man die bedeutungsvolle Art ins Auge faftt, wie Goethe in 
dieser «Mutter»-Szene spricht, und wenn man das ins Auge faftt, was er 
vorgehen laftt in der nachsten Szene, dann wird man nicht mehr in 
Abrede stellen konnen, daft Faust in der Tat in Regionen, in Reiche 
gefiihrt wird, die Goethe sich gleich gedacht hat den Reichen der Mutter, 
in die der griechische Mysterieneingeweihte gefiihrt wurde. Damit ist 
aber schon angedeutet, daft Bedeutungsvollstes von Goethe gemeint ist. 

Nun vergegenwartigen Sie sich: in dem Augenblicke, wo Mephisto- 
pheles das Wort «Miitter» erwahnt, schaudert es Faust. Und dann 
spricht Faust die bedeutungsvollen Worte: 

Die Mutter! Mutter! - 's klingt so wunderlich! 

Eingeleitet wird das Ganze damit, daft Mephistopheles sagt: 

Ungern entdeck' ich hoheres Geheimnis. 

Also um ein Geheimnis, um ein Mysterium handelt es sich wirklich, 
um etwas, was Goethe gewissermaften in dieser halb und halb verbor- 
genen Art fiir notig fand, im Zusammenhange mit seiner Faust-Ent- 
wickelung der Welt mitzuteilen. 

Wir miissen uns fragen und wir konnen es auf Grundlage der Be- 
trathtungen, die wir im Laufe der Jahre angestellt haben: Was soil denn 
eigentlich in diesem Augenblicke, wo hoheres Geheimnis vor Faust ent- 
hiillt werden soil, mit Faust geschehen? In welche Welt wird er eigent- 
lich gefiihrt? - Die Welt, in die er gefiihrt wird, in die er eintreten soil, 
sie ist die Welt, die unmittelbar als geistige Welt angrenzt an unsere 
physische Welt. 

Nun erinnern Sie sich wohl, daft ich gerade im Laufe dieser Betrach- 
tungen gesagt habe, daft das t)berschreiten der Schwelle zu dieser un- 
mittelbar angrenzenden Welt schon gar vorsichtig aus dem Grunde ins 
Auge gefaftt werden muft, weil zwischen unserer Welt, die wir durch 
die Sinne betrachten und durch den Verstand begreifen, und jener Welt, 
aus der sich unsere sinnliche Welt heraus erhebt, gewissermaften als 



Grenzland ein solches Gebiet ist, in dem man sehr leicht, wenn man 
nicht in geniigender Reife und in geniigender Vorbereitung in dieses 
eintritt, der Tauschung, der Illusion verfallt. Man mochte sagen: Feste 
Formen, feste Konturen, Grenzen gibt es eigentlich nur in der Welt, die 
wir durch unsere Sinne sehen. In der Welt, die angrenzt an diese Welt 
unserer Sinne als ubersinnliche, gibt es solche feste Formen, solche feste 
Grenzen nicht. - Das ist gerade das, was dem materialistischen Ver- 
stande der Gegenwart so schwer beizubringen ist, daft in dem Augen- 
blicke, wo man die Schwelle iibertritt, alles in Bewegung ist, daft diese 
Welt, die unseren Sinnen gegeben ist, nur wie Erstarrungsformen sich 
heraushebt aus einer durch und durch bewegten Welt. 

In diese durch und durch bewegte Welt, die wir die imaginative Welt 
nennen, soli nun Faust versetzt werden. Aber durch einen aufieren An- 
lafi soil er in diese Welt versetzt werden, nicht nach und nach in sorg- 
faltiger meditativer Art, sondern durch einen aufteren Anlaft soli er 
versetzt werden. Mephistopheles, also die Kraft des Bosen, die in die 
physische Welt hereinwirkt, soil ihn in diese Welt versetzen. 

Nun mufi man etwas sehr scharf ins Auge fassen, wenn man auf 
diesem Gebiete nicht mifiverstandlichen Auffassungen sich hingeben 
will. Sehen Sie, wir auf anthroposophischem Gebiete suchen Erkennt- 
nisse der geistigen Welt. Auch dasjenige, was in dem Buche «Wie er- 
langt manErkenntnisse der hoheren Welten?» oder in ahnlichenBiichern 
gesagt ist von der Praxis, um in die geistige Welt einzudringen, geht 
nicht weiter als bis dahin, wo vermittelt wird, Erkenntnisse dieser Welt 
zu gewinnen. Hier mufi selbstverstandlich, soweit es sich handelt um 
die heutige Zeit und um die Notwendigkeit, heute diese Dinge der Welt 
zu ubergeben, Halt gemacht werden. Wurde man weitergehen, so wiirde 
das Gebiet beginnen, welches man bezeichnen kann als dasjenige des 
Handelns in der ubersinnlichen Welt. Das mu!5 gewissermafien jedem 
selbst iiberlassen werden. Wenn er die Sicherheit der Erkenntnis findet, 
dann mufi ihm das Handeln selbst iiberlassen werden. Aber bei dem, 
was sich abspielen soil zwischen Faust und Mephistopheles, ist es nicht 
so. Faust soil wirklich die Abgeschiedenen, Paris und Helena, herauf- 
bringen, er soli also nicht nur in die geistige Welt hineinschauen, er soil 
gewissermaften nicht nur ein Eingeweihter, er soli ein Magier werden, 



beziehungsweise er soil magische Handlungen vollziehen. Ja, hier zeigt 
es sich an der ganzen Art und Weise, wie Goethe die Szene behandelt, 
daft er griindlich vertraut war mit gewissen Geheimnissen der mensch- 
lichen Seele. Der Bewufttseinszustand des Faust soil umgeandert wer- 
den. Aber zu gleicher Zeit soil Faust die Kraft iibergeben werden, aus 
iibersinnlichen Impulsen heraus zu handeln. 

Mephisto gehort als soldier, als ahrimanische Kraft, so wie er Faust 
gegeniibersteht, dieser Welt, in der wir mit unseren Sinnen leben, an, 
aber als iibersinnliche Wesenheit. Er ist ja versetzt. Er hat keine Gewalt 
iiber die Welten, in die Faust nunmehr hineinversetzt werden soil. Die 
sind fur ihn eigentlich nicht da. In einen andern Bewufttseinszustand 
soil Faust iibergehen, in jenen Bewufttseinszustand, der unter dem 
Grunde unserer sinnlichen Welt wahrnimmt das Weben und Wesen, 
das Wogen und Werden, das nie stillesteht und aus dem sich unsere 
sinnliche Welt heraus erhebt. Und mit den Kraften, die da unten sind, 
soil Faust bekannt werden. 

Die Mutter, das ist eine Bezeichnung, die fur den Eintritt in diese 
Welt nicht ohne Bedeutung ist. Fassen Sie ins Auge den Zusammenhang 
des Wortes Mutter mit allem Wachsenden, mit allem Werdenden. Im 
Miitterlichen schlieftt sich zusammen das Physisch-Sinnliche mit dem- 
jenigen, was nicht physisch-sinnlich ist. Stellen Sie sich das Werden des 
menschlichen Geschopfes vor, das physische Werden, die Inkarnation. 
Sie miissen sich einen gewissen Prozeft vorstellen, der sich abspielt durch 
ein Zusammenwirken zwischen dem Kosmos und dem miitterlichen 
Prinzip, be vor eine Vereinigung des Weiblichen und des Mannlichen 
geschieht. Der physisch werdende Mensch bereitet sich im weiblichen 
Wesen vor. Wir fassen jetzt diese Vorbereitung so auf, daft wir sie nur 
ins Auge fassen bis zu dem Augenblick hin, wo die Befruchtung ist, also 
vor der Befruchtung. Es ist eine ganz mangelhafte einseitig-materiali- 
stische Vorstellung, wenn man glaubt, daft einfach in der Frau all die 
Krafte vorgebildet liegen, die zum Menschenkeime, zum physischen 
Menschenkeime fiihren. Das ist nicht der Fall, sondern es findet eine 
Wirkung kosmischer, spharischer Krafte statt. In die Frau wirken hin- 
ein die Krafte des Kosmos. Der Menschenkeim ist immer ein Ergebnis 
kosmischer Wirksamkeiten. Das, was die Naturwissenschaft, was der 



naturwissenschaftliche Materialismus als Eizelle beschreibt, ist gewisser- 
maften nur auf dem Mutterboden erzeugt, aber ist ein Abbild, heraus- 
erzeugt aus dem groften Weltenei. 

Fassen wir also diesen werdenden Menschenkeim vor der Befruchtung 
ins Auge, und fragen wir uns: Was wollten die Griechen mit ihren drei 
Miittern, der Rhea, Demeter und Proserpina? Unter diesen dreiMiittern 
stellten sie sich jene Krafte vor, die aus dem Kosmos hereinwirken und 
den Menschenkeim vorbereiten, aber aus jenem Teil des Kosmos, der 
nun nicht sinnlich, sondern iibersinnlich ist. Die Mutter, Demeter, Rhea, 
Proserpina, gehorten der iibersinnlichen Welt an. Kein Wunder, daft 
Faust ahnt: ein unbekanntestes Reich deutet sich ihm an, als das Wort 
Mutter ausgesprochen wird. 

Bedenken Sie, was nun Faust eigentlich erleben soil. Wurde es sich 
blofi um imaginative Erkenntnisse handeln, so wiirde er nur regelrecht 
meditativ eingefiihrt zu werden brauchen, aber, wie gesagt, er soil 
magische Handlungen vollziehen. Dazu ist notwendig, daft der ge- 
wohnliche Verstand, der gewohnliche Intellekt, in dem der Mensch die 
Sinneswelt wahrnimmt, aufhort. Dieser Intellekt beginnt, wenn die 
Inkarnation im physischen Leibe beginnt, hort auf mit dem physischen 
Tode. Dieser Intellekt soil abgedampft, abgetriibt werden. Davor steht 
Faust also, daft dieser Intellekt seine Wirksamkeit einstellen soil. In 
eine andere Region soli er mit seiner Seele aufgenommen werden. Das 
ist natiirlich etwas, was bedeutungsvoll in die Entwickelung des Faust 
eingreifen soil. 

Von seiten des Mephisto gesehen - wie nimmt sich denn da die Sache 
aus? Nicht wahr, dadurch, daft Mephisto den Faust in diesen andern 
Bewufttseinszustand versetzen soil, wird die Sache gefahrlich. Aber sie 
wird gewissermaften audi fur Mephisto hochst unbehaglich, sie wird 
auch fur Mephisto in gewissem Sinne gefahrlich. Denn, was kann 
passieren? Entweder Faust kommt hiniiber in den andern Bewufttseins- 
zustand, lernt die andere Welt kennen, aus der er hohere Krafte heraus- 
zaubern kann, und er kommt mit seinem vollen Bewufttsein hin und 
zuriick, dann entwachst er dem Mephisto, denn Faust lernt eine Welt 
erkennen, in der Mephisto nicht zu Hause ist. Damit ist er entwachsen 
dem Mephisto. Oder aber das gelingt in der denkbar schlechtestenWeise, 



dann wiirde Faust in seinem Verstande getriibt werden. Mephisto setzt 
sich selber wirklich in eine hochst peinliche Situation. Aber er mufi etwas 
tun. Er mufi Faust die Moglichkeit geben, sein Versprechen zu erfiillen. 
Er hofft, dafi in irgendeiner Weise sich die Sadie applanieren lassen 
werde, denn er will weder das eine noch das andere. Er will nicht, dafi 
Faust ihm entwachst, noch will er auch, dafi Faust ganz und gar para- 
lysiert werde. 

Das bitte ich Sie alles zu bedenken und dann ins Auge zu fassen, dafi 
Goethe das alles andeuten wollte, also in dieser Szene des Faust wirklich 
die Welt hinweisen wollte' darauf: es gibt ein spirituelles Reich, dieses 
ist die Art und Weise, wie sich der Mensch zu diesem ubersinnlichen 
Reich verhalten kann. So hangen die Dinge zusammen. 

Die Erkenntnis von diesen Dingen ist dem funften nachatlantischen 
Zeitraum wohl eigentlich zum grofien Teil verlorengegangen. Goethe, 
sagte ich, verwandte dasjenige, was sich ihm personlich ergeben hatte, 
in den grofien Augenblicken geistiger Erkenntnis. Personlich ist Goethe 
dieses ganze Verhaltnis zu den Miittern vor die Seele getreten aus der 
Lektiire des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe 
gelesen hat, spricht von den Miittern. Insbesondere eine Szene im 
Plutarch scheint auf Goethe dem Gemute nach einen tiefen Eindruck 
gemacht zu haben: Die Romer sind mit den Karthagern im Kriege. 
Nikias ist romisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Kar- 
thagern entreifien. Er soil an die Karthager deshalb ausgeliefert wer- 
den. Da stellt er sich wahnsinnig und lauft auf den Strafien herum und 
ruft: Die Mutter, die Mutter verfolgen mich! - Sie sehen daraus, dafi in 
der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mutter 
nicht mit dem gewohnlichen sinnlichen Verstande, sondern mit einem 
Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in 
Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im 
Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die 
Idee der Mutter einzufuhren in den Faust. 

In Plutarch wird auch davon gesprochen, dafi die Welt eine drei- 
eckige Form habe. Nun mufi man naturlich sich die Dinge so vorstellen, 
dafi dieser Ausdruck, die Welt habe dreieckige Form, nicht klotzig- 
raumlich gemeint ist, sondern das Raumliche ist nur ein Sinnbild fur 



Unraumliches und Unzeitliches. Aber da wir im Raume leben, miissen 
raumliche Bilder fur das Oberbildliche und tJberraumliche und Uber- 
zeitliche gebraucht werden. 




Dreieckig also - so wird in Plutarch geschildert - sei die Welt. (Eine 
Zeichnung wird entworfen.) Das ist die Gesamtwelt: in der Mitte dieses 
Weltendreiecks - meinte Plutarch - befindet sich das Feld der Wahrheit. 
Nun unterscheidet Plutarch gegeniiber dieser Gesamtwelt 183 Welten. 
183 Welten, sagt er, sind im Umkreise, sie bewegen sich ringsherum, in 
der Mitte das ruhige Feld der Wahrheit. Dieses ruhige Feld der Wahr- 
heit, abgetrennt durch die Zeit, sagt er, von den 183 Welten, die rings- 
herum sich drehen: iiberall an jeder Seite 60, in den Ecken je eine =183. 
Wenn also diese Plutarchsche Imagination genommen wird, so haben 
wir dreigliedrig die Welt gedacht: die Wolkenbildung ringsherum, die 
183 Welten wellend und wogend. Das ist zu gleicher Zeit die Imagina- 
tion fiir die Mutter. Die Zahl 183 ist von Plutarch angegeben. 

Also Plutarch, der in gewissem Sinne die Mysterienweisheiten be- 
herrschte, gibt die merkwtirdige Zahl an: 183 Welten. Rechnen wir 
einmal heraus, wieviel Welten wir kriegen, wenn wir richtig rechnen 
bis zu der Welt des Plutarch hin. Da miissen wir so rechnen: 



Erst einmal das ganze Weltengeschehen als eine Welt i 
Dieses Weltengeschehen gliedert sich fur uns so, daft wir fertige 
Weltenbildungen haben: Saturn, Sonne, Mond - Sie wissen - 
das sind 3 
Aber jede von diesen Welten: Saturn, Sonne, Mond gliedern 
wir so, wie wir auch das Irdische gliedern. Wir gliedern das 
Irdische: in die polarische Zeit, in die hyperboraische Zeit, 
dann haben wir die lemurische Zeit, die atlantische, die nach- 
atlantische und so weiter: 7. In jeder 7 Perioden, denn wir 
unterscheiden die indische, die urpersische, die chaldaisch-agyp- 
tische, die griechisch-lateinische, die gegenwartige; zwei andere 
werden folgen. Wenn wir auf Saturn, Sonne und Mond das 49 
nehmen, so haben wir auf jedem 49 aufeinanderfolgende Wei- 49 
ten, die sich so fortbilden. 49 
Dann haben wir, wenn wir zu den drei aufeinanderfolgenden 
Welten noch die Erde hinzufiigen, die nicht eine fertige Bildung 
darstellt, dann in der Erdenbildung: die polarische Zeit: 7; die 
hyperboraische: 7; die lemurische Zeit: 7; das sind 21. Die 
atlantische Zeit: 7 28 

rechnen wir das einmal zusammen: 179 
Nun sind wir mit der Atlantis fertig. Plutarch lebte im 4. Zeit- 
alter; wir miissen also noch hinzurechnen 4 

Sie sehen, wenn wir unsere Rechnung anwenden und richtig rechnen, 
die einzelnen Glieder und die ganzen Welten, wie sie sich so fort- 
gewalzt haben bis zu der vierten nachatlantischen Periode, in der 
Plutarch lebte, so konnte man wirklich sagen: diese Rechnung ergibt 
183 Welten. 

Aufterdem aber, wenn wir unsere Erde nehmen, auf der wir uns noch 
entwickeln, der gegeniiber wir also nicht von einem Abschluft sprechen 
konnen, und sehen hinauf zu Saturn, Sonne, Mond, haben wir dort die 
Mutter, die nur die griechischen Mysterien in einer andern Form aus- 
gesprochen haben: Proserpina, Demeter, Rhea. Denn alle die Krafte, 
die in Saturn, Sonne und Mond sind, sie wirken ja nach, wirken herein 



in unsere Zeit. Und dasjenige, was physische Krafte sind, ist immer nur 
die Abschattierung, die Abbildung des Spirituellen. Alles Physische ist 
immer nur das Bild des Spirituellen. 

Der Mond, wenn Sie nicht seinen aufteren, klotzigen physischen Leib 
nehmen, sondern die Krafte, die Impulse, die in ihm sind: er ist mit 
seinen Kraften zugleich in der Erde. Die Mondenwesenheit gehort mit 
zur Erdenwesenheit. Sie brauchen sich nur die Sache folgendermaften 
vorzustellen, wenn Sie eine grobe Vorstellung haben wollen. Da ist die 
Erde (eine Zeichnung wird entworfen), da hat sie einen Stiel, da ist der 
Mond daran; sie dreht ihn herum auf dem Stiel; der Stiel ist nur nicht 
physisch. Und alles dasjenige, was Mondenimpulse sind, sind nicht nur 
auf dem Monde, sondern diese Sphare durchdringt die Erde. 

Sind diese Krafte irgendwie vorhanden, die mit dem Mond zu- 
sammenhangen? Die Griechen haben diese Krafte als sehr geheimnisvoll 
betrachtet, als recht geheimnisvoll. Es hangt mit all den Verhangnissen 
der neueren Zeit zusammen, daft diese Krafte, ohne daft der Mysterien- 
charakter gewahrt geblieben ist, offenbar geworden sind. Wenn wir 
diese Krafte ins Auge fassen, die mit dem Monde zusammenhangen 
- wollen wir nur das eine ins Auge fassen -, dann haben wir die eine 
der Mutter. Was ist diese eine der Mutter? Wir werden uns auf die 
folgende Weise am besten nahern konnen dem, was diese eine der 
Mutter ist. 

Nehmen Sie, um ein Bild zu haben, irgendeinen Fluft, sagen wir, den 
Rhein. Was ist eigentlich der Rhein? Wer nachdenkt - ich habe das schon 
einmal hier erwahnt -, kann eigentlich nicht sagen: Das ist der Rhein. - 
Man bezeichnet den Fluft als den Rhein. Aber was ist er real, der Rhein, 
wenn wir hiniibergehen und ihn anschauen? Ist das Wasser der Rhein? 
Nun, das ist nachstens fort und anderes ist da, das geht in die Nordsee 
hinein und anderes kommt nach, das andert sich fortwahrend. Was ist 
der Rhein? Ist der Rhein die Mulde, das Bett? Daran denkt wiederum 
keiner. Wenn das Wasser nicht darinnen ware, wiirde niemand daran 
denken, daft das der Rhein ware. Eigentlich, wenn Sie das Wort der 
Rhein brauchen, brauchen Sie es nicht fur etwas, das real da ist, son- 
dern fiir etwas, das sich fortwahrend andert, aber doch wiederum nicht 
sich andert in gewisser Beziehung. Wenn Sie sich die Sache schematisch 



so vorstellen (es wird gezeichnet), daft wir annehmen, das sei der Rhein, 
und das sei das in ihm flieftende Wasser: nun ja, einmal verdunstet 
dieses Wasser und kommt wiederum herunter. Wenn Sie alle Fliisse als 
zusammengehorig betrachten, so miissen Sie doch sich vorstellen: es 
verdunstet, kommt wieder herunter. In gewisser Beziehung kommt das 
Wasser, das vom Ursprung zur Mundung hingeht, wiederum aus den- 
selben Reserven des Wassers, das herauf- und hinuntergeht; der Kreis- 
lauf des Wassers vollzieht sich da. Nur zersplittert sich, verbreitet sich 
dieses Wasser in die ganze Umgebung. Natiirlich konnen Sie nicht jedem 
Tropfen nachlaufen, aber man mull das Wasser, das zur Erde gehort, 
als eine Einheit betrachten. Die Frage nach juvenilem Wasser kommt 
hierbei nicht in Betracht. So ist es mit dem Wasser. 

Etwas Ahnliches liefie sich auch mit der Luft machen. Aber es laftt 
sich etwas Ahnliches mit etwas noch anderem machen. Wenn Sie hier 
eine Telegraphenstation haben und hier (es wird wiederum gezeichnet) 
die andere Telegraphenstation, so wissen Sie, daft eine Verbindung ist 
nur durch einen Draht; die andere wird durch die ganze Erde her- 
gestellt, denn der Strom geht in die Erde. Hier: darinnen ist die Erd- 
leitungsplatte. Das Ganze geht durch die Erde durch. 

Sie haben, wenn Sie sich diese zwei Dinge vorstellen: das Wasser, das 
hingeht, sich verbreitert, sich zum Kreislauf veranlagt, und wenn Sie 
sich vorstellen nach der andern Seite die Elektrizitat, die in die Erde 
hinein sich so verbreitert - Sie haben zwei entgegengesetzte Dinge, ein 
zweifach entgegengesetzt Wesenhaftes haben Sie. Ich deute das hier nur 
an. Sie konnen sich das aus jeder elementaren Physik zusammenstellen. 
Aber es fuhrt uns dies dahin, gewissermaften in der Elektrizitat das 
Gegenbild, das unterirdische Gegenbild zu dem zu sehen, was iiber der 
Erde vorgeht in dem Kreislauf des Wassers. 

Was da unter der Erde als elektrisches Wesen waltet, das ist nun 
zuriickgebliebener Mondenimpuls. Es gehort eigentlich gar nicht zur 
Erde. Das ist zuriickgebliebener Mondenimpuls und wurde von den 
Griechen so angesprochen. Die Griechen kannten namlich noch die Ver- 
wandtschaft dieser iiber die ganze Erde verteilten Kraft mit den Kraften 
der Fortpflanzung — diese Verwandtschaft gibt es namlich -, mit den 
Kraften des Wachsens, Gedeihens. Das war eine der Mutter. 



Nun konnen Sie sich denken: all die Ahnungen von diesen groften 
Zusammenhangen stehen vor Faust nicht nur theoretisch, sondern er 
soil sich in dieses Gebiet hineinbegeben, soil sich durchdringen mit diesen 
Impulsen. In den griechischen Mysterien wurde allerdings diese Kraft 
vor alien Dingen an die Einzuweihenden kundgegeben, diese Kraft 
neben den andern beiden Muttern. Die Griechen haben alles, was mit 
der Elektrizitat zusammenhangt, mysterienhaft im Geheimen gehalten. 
Darinnen wird die Dekadenz liegen der Erdenzukunft, von der ich 
von einem andern Gesichtspunkte aus schon gesprochen habe, dafi diese 
Krafte nicht mehr heilig, nicht mehr mysterienhaft gehalten werden, 
sondern herauskommen. Eine ist wahrend der funften nachatlantischen 
Zeit herausgekommen: die Elektrizitat. Die andern werden im sechsten 
und siebenten Zeitraum herauskommen bei der Dekadenz. 

Das alles gehort selbst noch in den dekadenten neueren Geheim- 
gesellschaften zu den Dingen, von denen die konservativen Mitglieder 
nicht sprechen wollen. Goethe hat es mit Recht angemessen gefunden, 
in der Art von den Dingen zu kiinden, in der er dazumal schon kiinden 
konnte. Aber zu gleicher Zeit haben Sie hier eine der Stellen bei Goethe, 
aus der Sie sehen konnen, daft der grofie Dichter nicht so dichtet wie 
viele, die auch dichten, sondern da stent jedes Wort gepragt und fest- 
gelegt an seinem Orte. Denken Sie einmal: die Mutter sind also ver- 
wandt mit Elektrizitat. Goethe gehort zu denen, die diese Dinge wirk- 
lich sachgemafi behandeln: 

Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt! 
Der Schlussel wird die rechte Stelle wittern, 
Folg' ihm hinab, er fuhrt dich zu den Muttern. 

Faust (schaudernd) : 

Den Muttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag! 

Wie wenn er vom elektrischen Schlag getroffen wird. Goethe braucht 
das Wort Schlag mit voller Absicht, nicht als irgendein zufalliges Wort, 
wie nichts in dieser Szene bei den Dingen, bei denen es sich um etwas 
handelt, irgendwie zufallig dasteht. 

Das Bild also, das vorbildet dasjenige, was er da finden soil als die 



Impulse der 183 Welten, das gibt Mephisto dem Faust. Dieses Bild, das 
wirkt schon in Faustens Seele so, wie es wirken soli, denn Faust hat 
mancherlei durchgemacht, was ihn in die Nahe der geistigen Welten 
bringt. Daher wirken diese Dinge schon fur ihn. 

Das wollte ich heute hauptsachlich auseinandersetzen, daft Goethe 
Bedeutungsvollstes in dieser « Mutter »-Szene auseinandersetzen will. 
Daraus sehen Sie aber schon, aus welchen Welten her - aus andern Be- 
wufkseinswelten - Faust die Helena und den Paris zu holen hat. Weil 
Goethe so Bedeutungsvolles vorfuhrte, deshalb ist auch wirklich die 
Sprache in diesen Szenen anders, als es auf den ersten Blick hin scheinen 
konnte. Dasjenige, was nun Faust heraufholt aus dieser Welt, die ich 
Ihnen angedeutet habe, sehen auch die andern, die sich zu einer Art von 
Drama versammelt haben. Aber wodurch sehen sie es? Es ist ihnen 
halb suggeriert. Wer suggeriert? Der Astrolog. Darum ist er auch als 
Astrolog gewahlt. Seine Worte haben suggestive Kraft. Das ist auch 
deutlich zum Ausdruck gekommen. Diese Astrologen hatten die Kunst 
des Suggerierens schon in sich aufgenommen; nicht die beste, schon eine 
solche, die ahrimanisch war. Was tut denn eigentlich unser Astrolog, 
wenn er da so steht, und dieser Hof, der sich Ihnen, nun ja, als nicht 
besonders gescheit, wenn ich so sagen darf, vorstellte? Was tut denn 
eigentlich der Astrolog unter diesem Hofe? Er suggeriert ihnen das, 
was notig ist, damit dasjenige, was durch Fausts verandertes Bewufk- 
sein als eine besondere Welt herauf steigt, den andern gegenwartig wird. 
Erinnern Sie sich, was ich Ihnen hier einmal dargestellt, einmal gesagt 
habe: Man kann heute nachweisen, dajS die Worte, die man spricht, ihr 
Erzittern in gewissen Substanzen zeigen. - Ich habe daran zeigen wol- 
len, daft man heute schon experimentell das Wesen der Beschworungs- 
szenen klarlegen konne. Aus dem Weihrauchnebel der entsprechenden 
Worte entwickelt sich wirklich dasjenige, was Faust aus einer ganz 
andern Welt fur sein Bewufksein herausbringt. Aber fur die Hofgesell- 
schaft wird dieses gegenwartig, wird wirklich gesehen dadurch, dafi der 
Astrolog das Suggestive hinzufiigt. Was tut der Astrolog? Er blast ein, 
er ist der Einblaser fiir jedes der Ohren der HofgesellschafL Aber: Ein- 
blasereien sind des Teufels Redekunst. Also indem das Wort gesprochen 
wird: 



Einblasereien sind des Teufels Redekunst, 

wird die teuflische Kunst des Astrologen bezeichnet. Das ist die eine 
Bedeutung dieses Satzes. Die andere ist diese unmittelbar auf die Szene 
beziigliche: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten drin und blast ein. 

Hier haben Sie das Urbild eines solchen Satzes mit absolutem Doppel- 
sinn. Rein szenisch: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten und blast 
ein! Aber in Wirklichkeit: der Astrolog blast der Hofgesellschaft ein! 
Und das ist eine teuflische Kunst, so wie er sie iibt. 

So werden Sie, wenn Sie richtig zu Werke gehen, in sehr vielen dieser 
Satze, die hier gesprochen werden, Doppelsinn finden. Goethe gebraucht 
diesen Doppelsinn, weil er darstellen will etwas, was wirklich geschieht, 
und doch wiederum nicht in dem Sinne wirklich geschieht, wie das 
Materiell-Klotzige wirklich geschieht. Aufgefuhrt werden kann es ja, 
aber es ist nicht im sinnlichen Sinne wirklich. Aber Goethe wollte etwas 
darstellen, was nun wirklich in der neueren Geschichte einen Impuls, 
eine Rolle gespielt hat, was wirklich geschehen ist. Goethe meinte nicht 
etwa nur, daf$ da einmal so etwas aufgefuhrt worden ist, sondern er 
meinte, in die neuere Geschichte sind schon diese Impulse hineingeflos- 
sen, sind darinnen. Das wirkt. Er wollte eine Wirklichkeit darstellen. 
Er wollte gewissermafien sagen: In dem, was sich seit dem 16. Jahr- 
hundert heraufentwickelt hat, da hat schon der Teufel mitgespielt. - 
Und wenn Sie die Szene in diesem Sinne ernst nehmen, so haben Sie 
wiederum die zweite Seite der Sache, haben Goethes Erkenntnis von dem 
Mitspielen von ubersinnlichen Wesenheiten in den historischen Vor- 
gangen. Und in dem Schluft haben Sie das, was ich ofter schon ange- 
deutet habe, dafi Faust noch nicht reif ist, die Sache zu Ende zu fuhren, 
dafi er nicht in der rechten Weise die Moglichkeit bekommen hat, in die 
andere Welt hineinzugehen, sondern durch Mephistopheles' Kraft. Da- 
her kommt dasjenige, was eben den Schlufi der Szene bildet. 

Doch an diese Dinge will ich dann morgen noch ankniipfen, um 
unsere Betrachtungen weiterzufuhren. Aber Sie sehen, es kann uns ge- 
rade dasjenige, was Goethe sagen wollte, manches verdeutlichen, das 
gar sehr in dem Laufe unserer bisherigen Betrachtungen liegt. 



FAUST UND DAS PROBLEM DES BOSEN 



Dornach, j. November 1917 

Wenn wir die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwicke- 
lung auf der Erde zunachst nur fiir die nachatlantische Zeit charakte- 
risieren, so konnen wir zur Charakteristik dies oder jenes aus der 
Geistesforschung heraus fiir die einzelnen Epochen angeben; dadurch 
verschafft man sich allmahlich konkrete Vorstellungen iiber diese einzel- 
nen Epochen. Heute wollen wir iiber die vierte, die griechisch-lateinische 
Zeit, und iiber die fiinfte, unsere eigene Zeit, die ungef ahr mit dem Jahr 
141 3 begonnen hat, einiges Besondere zu dem, was wir schon wissen, 
hinzufugen. Man kann sagen: Jede solche Epoche hat eine besondere 
Aufgabe - wobei ich Sie bitte, nicht zu denken an eine blofte theore- 
tische, wissenschaflliche Aufgabe, an irgend etwas, was nur mit Erkennt- 
nissen zu tun hat, sondern jede Epoche hat eine Aufgabe in dem Sinne, 
daft diese Aufgabe lebensvoll gelost werden mufi; daft im Leben selber 
Impulse auftreten miissen, mit denen sich die einzelnen Menschen, die 
in diesen Epochen leben, abzufinden haben, an denen sie zu ringen 
haben, aus denen heraus nicht nur ihre Vorstellungen entstehen, aus 
denen heraus ihre Gemiitsbewegungen entstehen, dasjenige sich ergibt, 
was sie lieben, was sie hassen, aber auch sich ergibt, was sie als Willens- 
impuls in sich aufnehmen. Also im weitesten Umkreise konnen wir 
sagen, daft eine jede solche Epoche eine Aufgabe zu losen hat. 

Sehen wir auf die griechisch-lateinische Epoche, so finden wir, daft 
sie die Aufgabe zu losen hat, die sich vorzugsweise bezieht auf das, was 
man zusammenfassen kann mit den Worten Geburt und Tod im 
Weltenall. Diese Dinge sind heute schon etwas verschwommen gewor- 
den, weil nicht eigentlich im tiefsten Lebenssinne, sondern nur mehr in 
einem theoretischeren Sinne die groften Probleme von Geburt und Tod 
vor dem Menschen der funften nachatlantischen Zeit stehen. Dieser 
Mensch der funften nachatlantischen Zeit hat nicht mehr eine genaue 
Empfindung davon, wie tief in das Gemiit des Menschen der vierten 
nachatlantischen Zeit die Erscheinungen der Geburt und des Todes ein- 



griff en. Wir, die Menschen der funften nachatlantischen Zeit - und wir 
stehen im Grunde genommen ziemlich am Anfange: 1413 hat diese 
fiinfte nachatlantische Epoche begonnen, 2160 Jahre dauert eine solche 
Epoche -, haben zu losen im weitesten Umfange lebenskraftig dasjenige 
Gebiet, was man nennen kann das Problem des Bosen. Das bitte ich Sie 
durchdringend ins Auge zu fassen. Das Bose, das in alien moglichen 
verschiedenen Formen herantreten wird an den Menschen der funften 
nachatlantischen Zeit, so herantreten wird, daft er wissenschaftlich wird 
zu losen haben die Natur, das Wesen des Bosen, daft er wird zurecht- 
zukommen haben in seinem Lieben und Hassen mit alledem, was aus 
dem Bosen stammt, daft er wird zu kampfen, zu ringen haben mit den 
Widerstanden des Bosen gegen die Willensimpulse - das gehort alles zu 
den Aufgaben der funften nachatlantischen Zeit. 

Ja noch intensiver, als Geburt und Tod dem Leben der vierten nach- 
atlantischen Zeit angehorte, gehort das Problem des Bosen dieser fiinf- 
ten nachatlantischen Zeit an. Warum? Sehen Sie, so lebensintensiv, wie 
diese fiinfte nachatlantische Zeit das Problem des Bosen wird losen 
miissen, so lebensintensiv hatte zu losen die Frage nach Geburt und 
Tod die atlantische Zeit. In der atlantischen Zeit selber traten die Er- 
scheinungen der Geburt und des Todes in viel anschaulicherer, viel un- 
mittelbarerer, viel elementarerer Art an die Menschen heran als jetzt, 
wo sich dasjenige, was sich hinter Geburt und Tod verbirgt, auch fur 
das menschliche Anschauen und Empfinden mehr verbirgt. Und die 
griechisch-lateinische Zeit war im Grunde genommen nur eine ab- 
geschwachte Wiederholung desjenigen, was die Atlantier zu erleben 
hatten mit Bezug auf Geburt und Tod. Daher war das, was in dieser 
griechisch-lateinischen Zeit erlebt wurde, nicht so intensiv, wie intensiv 
werden wird das Ringen der funften nachatlantischen Epoche, die 14 13 
begonnen, mit all den Machten des Bosen, mit all dem, was aus dem 
Bosen herausquillt, und wovon sich eigentlich der Mensch zu befreien 
hat durch die entgegengesetzten Krafte, auf deren Entwickelung daher 
ganz besonders angewiesen ist diese fiinfte nachatlantische Epoche. Man 
braucht das, was ich soeben gesagt habe, nur intensiv genug ins Auge 
zu fassen, dann wird sich manches, das wir in diesen Wochen charak- 
terisiert haben, noch ganz besonders illustrieren. Manches wird wie eine 



Folgeerscheinung dieses Obersatzes wirken, daft diese fiinfte nachatlan- 
tische Zeit zu ringen hat mit dem Lebensproblem des Bosen. 

Und nun fragen wir uns: Wie hat Goethe eingesehen, daft dies so ist, 
als er den Menschheitsreprasentanten, den Faust, so dramatisch charak- 
terisiert hat, daft er ihn in Kampf gestell* hat mit dem Vertreter des 
Bosen, mit Mephistopheles? - Daraus koftnen Sie ersehen, daft dieses 
Faust-Drama wirklich hervorgeholt ist aus den tiefsten Interessen des 
Gegenwartszeitalters. 

Es ist eine Eigentiimlichkeit des Menschen, daft er mit solchen Dingen, 
mit denen er zu ringen hat, nur zurechtkommt, wenn er - wir haben 
das auch in diesen Betrachtungen ofters betont - sein Bewufttsein liber 
sie ausdehnt, wenn sie nicht unbewuftt bleiben. Das ist die eine Eigen- 
tiimlichkeit. Das, was aus den Untergriinden der Weltordnung an 
Moglichkeiten zu bosen Impulsen aufsteigen kann - dem Bewufttsein 
muft es sich verraten. 

Aber noch eine andere Notwendigkeit liegt vor. Es geniigt in der 
Regel nicht, bloft zu wissen, was einer Epoche angehort. Man kann 
eigentlich die Dinge nur richtig durch Vergleichung beurteilen. Es ge- 
niigt also eigentlich nicht, zu wissen: jetzt in der fiinften nachatlanti- 
schen Zeit hat der Mensch zu ringen mit dem Bosen in der geschichtlichen 
Entwickelung des Erdenseins, sondern es ist notwendig, daft hinzutritt 
ein gewisses Bewufttsein liber die vorhergehende Epoche, in diesem Falle 
also liber die griechisch-lateinische Epoche, daft gewissermaften die Im- 
pulse, die in der griechisch-lateinischen Epoche lebten, nun auch Impulse 
des Menschen werden in der fiinften nachatlantischen Zeit. Bedenken 
Sie, wie ganz wunderbar in Zusammenhang steht mit dieser aus der 
Natur der menschlichen Entwickelung, der historischen Entwickelung 
der Menschheit geholten Anschauung, was Goethe empfand. Goethe 
hatte Sehnsucht, die Antike aus unmittelbarer Anschauung kennenzu- 
lernen - so gut sie sich kennenlernen lieft in seiner Zeit -, sie in Italien 
gewissermaften zu erraten aus dem, was sich ihm in Italien ergeben 
hatte. Daher war die Sehnsucht nach Italien wie eine Krankheit in 
Goethe lebend. Das hing aber damit zusammen, daft Goethe sich im 
eminentesten Sinne als einen Sohn der fiinften nachatlantischen Zeit 
empfand. Goethe strebte nicht mit einem solchen Impuls nach Italien, 



wie irgendeinUniversitatsprofessor der Kunsthistorie, der schon glaubt, 
daft er gesdieit ist auf jedem Gebiete, und nur sein Wissen ausdehnen 
will. Das war nicht das, was Goethe anstrebte. Goethe strebte geradezu 
eine Veranderung seines Bewufttseinszustandes an, eine andere Art des 
Anschauens. Und vieles konnte angefiihrt werden, aus dem Ihnen das 
hervorgehen konnte. Goethe sagte sich: Bleibe ich bloft im Norden, dann 
wird meine Seele eine Anschauungsf orm haben, die nicht umfassend ge- 
nug ist. Ich muft in der Atmosphare des Siidens leben, um andere An- 
schauungsformen, BegrifTsformen, Gedankenformen, Empfindungsfor- 
men zu bekommen. - Auch dasjenige,was im eminentesten Sinne nordi- 
schen Gehalt hat, zum Beispiel die «Hexenkiiche», Goethe hat diese Szene 
in Rom geschrieben, weil er glaubte, in die Natur des geistigen An- 
schauens sich nur dadurch voll hineinleben zu konnen, daft sein Bewuftt- 
seinszustand durch die dortige Atmosphare umgestaltet werde. In f einer, 
intimer Art sich in Goethe hineinzufinden, das mufi man anstreben. 

Nun kann man also sehen, daft Goethe seinen Faust nicht aus irgend- 
einer wesenlosen Abstraktion heraus dem Mephistopheles gegenuber- 
stellt, sondern weil er den Reprasentanten der fiinften nachatlantischen 
Zeit innerhalb derMenschheitsentwickelunghinstellen wollte. Aber aus 
dem andern Bestreben heraus, gewissermaften innerhalb zweier Bewuftt- 
seinszustande lebendig zu vergleichen, erstand ihm die Notwendigkeit, 
den Faust nicht nur erleben zu lassen Verhaltnisse, Begebenheiten des 
fiinften nachatlantischen Zeitraums, sondern ihn zuruckzufuhren und 
seine Seele untertauchen zu lassen in den vierten nachatlantischen 
Zeitraum, damit auch dieser seinem Bewufttseinszustand das Geprage 
gibt. Das geschieht dadurch, daft Faust mit der Helena zusammen- 
kommt. 

Mancherlei ist interessant an einzelnen Szenen zusammenzustellen 
im umfassenden «Faust». Es ware zum Beispiel interessant, einmal hin- 
tereinander aufzufuhren die «Hexenkuche», die Beschworungsszene am 
«Kaiserhof» und dann die Erscheinungsszene der Helena selbst; denn 
diese drei Szenen stellen drei aufeinanderfolgende Bekanntschaften des 
Faust mit Helena dar. In der «Hexenkiiche» sieht Faust, wahrend sich 
Mephistopheles mit den Meerkatzen und mit der Hexe unterhalt, im 
Zauberspiegel ein Bild, dem gegenuber er nur spricht von der Schonheit 



der Frau. Aber es wird schon erinnert durch die Worte des Mephisto- 
pheles, daft auftaucht das Helena-Bild: 

Du siehst mit diesem Trank im Leibe 
Bald Helenen in jedem Weibe. 

Da taucht zuerst dasjenige auf, was dann hier in der Szene am «Kai- 
serhof» weitere Gestaltung gewinnt, und was endlich in der «Klassisch- 
romantischen Phantasmagorie» im dritten Akt des zweiten Teiles in 
seiner dritten Form auftritt. Diese drei Dinge hintereinander einmal 
zusammengestellt zu sehen, ware aus dem Grunde interessant, weil 
dann vielleicht die Menschen sehen wiirden, daft dieser «Faust» gar 
sehr ein organisches, ein innerlich zusammengeordnetes lebendiges Ge- 
bilde ist. 

Nicht umsonst horen wir wiederum hier am «Kaiserhof» aus dem 
Munde des Faust selber: 

Hier wittert's nach der Hexenkiiche. 

Wo es wiederum an die Helena geht, wittert's nach der «Hexenkuche». 
Also es wird an die Helena erinnert. Die Satze sind alle wohl erwogen 
gestellt. Goethe ist kein Dichter wie andere, sondern ein Dichter, der 
wirklich aus grofien, weither impulsierten Notwendigkeiten heraus ge- 
dichtet hat. 

Aber fragen wir uns einmal genauer: Warum denn diese dreifache 
Bekanntschaft des Faust mit Helena? Warum dieses? - Sind doch diese 
drei Bekanntschaften recht sehr voneinander verschieden. In der ersten 
Bekanntschaft, in der «Hexenkiiche», im Zauberspiegel, ist Faust zu- 
nachst auf leichte Art entriickt. Er sieht ein Bild. Derjenige, der mit 
den feineren Unterschieden der okkulten Wissenschaft bekannt ist, der 
weift dieses Bild, welches Faust im Zauberspiegel sieht, wohl zu taxieren. 
Ich habe Ihnen ofter davon gesprochen, wie unsere Gedanken, unsere 
Vorstellungen im gewohnlichen Leben eigentlich die Leichen desjenigen 
sind, was wir erleben. Hinter alien Gedanken stehen Imaginationen, 
aber das Imaginative toten wir. Sie konnen es philosophisch etwas ge- 
nauer sehen, wenn jetzt mein Buch erscheinen wird, das ein klemes 
Kapitel iiber die Sache enthalt: «Von Seelenratseln». Dasjenige, was 



Faust in der «Hexenkiiche» im Zauberspiegel sieht, ist etwas, was in ihm 
lebt, zur Imagination erhoben. Er hat sonst die Vorstellung nur ab- 
strakt; da erlebt er die Vorstellung der Helena, die Goethe aus dem 
ganzen Bereich des Vorstellungslebens heraushebt, zur Imagination 
umgestaltet. Wir haben also - ich bitte Sie, das zu beachten - erstens: 
Eine imaginativ gewordene Vorstellung - «Hexenkiiche». 

In der Beschworungsszene am «Kaiserhof» geht die Sache weiter. Da 
wird mehr ergriffen als das blofte Vorstellungsleben bei Faust. Wenn 
Faust blofi aufgenommen hatte das Bild, das er im Zauberspiegel sieht, 
konnte er es nicht nach auften wiedergeben, gleichgiiltig, ob durch Rauch 
oder durch etwas anderes. Daft er es nach aufien wiedergeben kann, 
dazu ist notwendig, daft es zusammenhangt mit seinem Gefiihls- und 
Emotionsleben. Man kann auch wirklich nur sagen, daft Goethe das, 
was er da sagen will, so intensiv wie moglich andeutet. Daft Faust nicht 
mehr bloft die Schonheit im Vorstellungsleben bewundert, wie in der 
«Hexenkuche» im Bilde des Zauberspiegels, das geht Ihnen daraus her- 
vor, daft Goethe die ganze Skala von Emotionen, von Gefiihlen, v
…[truncated]