Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Die Weltratsel
und die Anthroposophie
Zweiundzwanzig offentliche Vortrdge,
gebalten zwischen dem 5. Oktober 1905
und dem 3. Mai 1906
im Architektenhaus zu Berlin
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen
und teilweise liickenhaften Zuhorer-Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten H. W. Zbinden und H. Wiesberger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1983
Veroffentlichungen
Vortrag I in «Lucifer-Gnosis», Berlin 1906;
Einzelausgaben Berlin 1908, 1909, 1918, 1920, Dornach 1926;
ferner in «Luzifer-Gnosis. Gesammelte Aufsatze 1903-1908»,
Gesamtausgabe Dornach 1 960
Vortrag X in «Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes»
Dornach 1957, 1968, 1977, 1983
Vortrag XIII und XIV in Rudolf Steiner / Edouard Schure
«Lucifer - Die Kinder des Lucifer», Dornach 1955
Bibliographie-Nr. 54
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0540-6
Zuden Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegemiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Haeckei, die Weltratsel und die Theosophie
Berlin, 5. Oktober 1905 9
II. Unsere Weltlage. Krieg, Frieden und die
Wissenschaft des Geistes
Berlin, 12. Oktober 1905 35
III. Grundbegriffe der Tbeosophie. Seele und Geist
des Menschen
Berlin, 19. Oktober 1905 57
IV. Geisteswissenschaft und soziale Frage
Hamburg, 2. Marz 1908 (statt Berlin, 26. Oktober 1905) . 80
V. Die Frauenfrage
Hamburg, 17. Nov. 1906 (statt Berlin, 2. Nov. 1905) . . 105
VI. Die Grundbegriffe der Theoposophie.
Menschenrassen
Berlin, 9. November 1905 132
VII. Der Weisheitskern in den Religionen
Berlin, 16. November 1905 155
VIII. Bruderschaft und Daseinskampf
Berlin, 23. November 1905 179
IX. Innere Entwickelung
Berlin, 7. Dezember 1905 200
X. Das Weihnachtsf est als Wahrzeichen des Sonnensieges
Berlin, 14. Dezember 1905 229
XI. Die Weisheitslehren des Christentums
Berlin, l.Februar 1906 251
XII. Wiederverkorperung und Karma
Berlin, 15. Februar 1906 279
XIII. Luzifer
Berlin, 22. Februar 1906 307
XIV. Die Kinder des Luzifer
Berlin, 1. Marz 1906 334
XV. Germanische und indische Geheimlehre
Berlin, 8. Marz 1906 361
XVI. Die Theosophen des 19. Jahrhunderts
Berlin, 15. Marz 1906 387
XVII. Siegfried und die Gotterdammerung
Berlin, 22. Marz 1906 413
XVIII. Parzival und Lohengrin
Berlin, 29. Marz 1906 430
XIX. Das Osterfest
Berlin, 12. April 1906 451
XX. Innere Entwickelung
Berlin, 19. April 1906 463
XXI. Paracelsus
Berlin, 26. April 1906 477
XXII. Jakob Bohme
Berlin, 3. Mai 1906 498
Hinweise 513
Personenregister 528
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 531
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 539
ZUDIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfiihrungin die Geisteswissenschaft und
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen,
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder
gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Die vorliegende, wahrend des Winterhalbjahres 1905/06 gehal-
tene Vortragsreihe ist die dritte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfiihrte. In
ihr wird zunachst der materialistischen Weltanschauung Ernst
Haeckels die spiritualistische Weltanschauung der Geisteswissen-
schaft gegenubergestellt. Von hier aus ergeben sich Losungen der
brennenden Fragen der Zeit, der Friedensfrage, der sozialen Frage,
der Frauenfrage. Es wird gezeigt, wie Geisteswissenschaft ein neues
Menschenbild, einen neuen Erkenntnisweg, eine neue Gesamtschau
vermittelt, die zu einer Erneuerung von Wissenschaft, Kunst und
Religion fiihren kann. Die Wahrheiten des Christentums, der Sinn
des Mythos und der Sage werden in neuer Weise aufgezeigt. Dies
alles gipfelt in einem neuen Verstandnis der christlichen Feste:
Weihnacht als Fest des Sonnensieges, Ostern als Fest von Tod und
Auferstehung, der inneren Auferstehung zu neuem Menschentum.
HAECKEL, DIE WELTRATSEL UND DIE
THEOSOPHIE
Berlin, 5. Oktober 1905
Wenn ich heute iiber das Thema spreche: «Haeckel, die
Weltratsel und die Theosophie», so weifi ich, daft dieses
Thema dem Erforscher des geistigen Lebens aufierordent-
liche Schwierigkeiten bereitet und dafi ich vielleicht mit mei-
nen Ausfuhrungen nach links und nach rechts schwer Anstoft
erregen werde. Dennoch aber scheint es mir eine Notwen-
digkeit zu sein, einmal vom theosophischen Standpunkte
aus daruber zu sprechen, denn einerseits hat ja das Evange-
lium, das Haeckel aus seinen Forschungen gewonnen hat,
durch sein Buch «Die Weltratsel», den Zugang zu Tausen-
den und aber Tausenden von Menschen gefunden. Zehntau-
send Exemplare der «Weltratsel» waren nach kurzer Zeit
abgesetzt, und in viele Sprachen ist das Buch iibersetzt wor-
den. Selten hat ein so ernstes Buch eine so grofie Verbreitung
gefunden.
Wenn die Theosophie oder Geisteswissenschaft klarma-
chen soil, welches ihre Ziele sind, dann mufi sie sich mit einer
so widitigen Erscheinung, die sich audi mit den tiefsten Fra-
gen des Daseins beschaftigt, auseinandersetzen und ihre
Stellung dazu zum Ausdruck bringen. An sich ist ja die
theosophische oder geisteswissenschaftliche Lebensbetrach-
tung nicht da zum Kampfe, sondern zur Versohnung, zum
Ausgleich der Gegensatze. Dann bin ich audi selbst in einer
besonderen Lage gegenuber der Weltanschauung Ernst
Haeckels. Denn ich kenne die Empfindungen und Gefuhle,
die heute den Menschen teilweise aus seinem wissenschafl-
lichen Gewissen, teilweise aus der allgemeinen Weltlage und
Weltanschauung heraus, wie durch eine faszinierende Kraft
hineinfiihren konnen in die einfachen, grofien Gedanken-
gange, aus denen sich diese Weltanschauung Haeckels zu-
sammensetzt. Ich wiirde wohl nicht wagen, heute so unbe-
fangen zu sprechen, wenn ich in bezug auf Haeckel das
ware, was man einen Gegner nennt; wenn ich nicht genau
bekannt ware mit dem, was man durchmachen kann, wenn
man sich hineinlebt in dieses wunderbare Gebaude seiner
Ideen.
Vor allem aber wird derjenige, der mit ofFenem Sinn die
Entwickelung des Geisteslebens betrachtet, in Haeckels Wir-
ken die moralische Kraft anerkennen mussen. Mit ungeheue-
rem Mut hat dieser Mann seit Jahrzehnten seine Welt-
anschauung durchgekampft, schwer durchgekampft und sich
sehr gegen mannigfache Widerwartigkeiten, die ihm ent-
gegentraten, zu wehren gehabt. Auf der andern Seite diir-
fen wir nicht verkennen, dafi in Haeckel eine grofie Kraft
der zusammenfassenden Darstellung und des zusammen-
fassenden Denkens lebt. Was in dieser Beziehung so vielen
Naturforschern fehlt, das hat er in hohem Mafie. Er hat es
gewagt, trotzdem in den letzten Jahrzehnten die eigentlich
wissenschaftlichen Stromungen gegen ein solches Unterneh-
men gerichtet waren, die Resultate seiner Forschungen in
einer Weltanschauung zusammenzuf assen. Das mufi als eine
Tat besonderer Art anerkannt werden. Auch der theosophi-
schen Weltanschauung gegenuber bin ich in einer eigentiim-
lichen Lage, wenn ich iiber Haeckel spreche. Wer sich mit
dem Entwickelungsgang der theosophischen Bewegung be-
fa£t hat, der weifi, welche scharfen Worte und Kampfe von
seiten der Theosophen und auch gerade von seiten der Be-
grunderin der theosophischen Bewegung, von seiten der
Frau Helena Petrowna Blavatsky, gegen die Konsequenzen
gefiihrt worden sind, die Ernst Haeckel aus seinen For-
schungen gezogen hat. Gegen wenige Erscheinungen auf
dem Gebiete der Weltanschauungen wird in der «Geheim-
lehre» mit soldier Leidenschaftlichkeit gekampft, wie gerade
gegen die Haeckelschen Auseinandersetzungen. Ich darf
wohl behaupten, unbefangen zu sprechen, weil idi glaube,
zum Teil in meiner Schrift «Haeckel und seine Gegner», wie
auch in meinem Buch iiber die «Welt- und Lebensanschau-
ungen im 19. Jahrhundert», dem wirklichen Wahrheits-
gehalt der Haeckelschen Weltanschauung in voll em Sinne
gerecht geworden zu sein. Ich glaube das aus seinen Werken
herausgesucht zu haben, was unverganglich, was frucht-
bar ist.
Sehen Sie die ganze Lage der Weltanschauung an, inso-
fern sie sich auf wissenschaftliche Griinde stiitzt. Noch in
der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts war die Geistesrich-
tung eine ganz andere als in der zweiten. Und Haeckels
Auftreten fiel in eine Zeit, in welcher es sehr nahe lag, dem
jungen sogenanntenDarwinismus eine materialistische Kon-
sequenz zu geben. Wenn man versteht, wie nahe es damals
lag, als Haeckel in die Naturwissenschaft hineinkam als
junger enthusiastischer Forscher, alle naturwissenschaft-
lichen Entdeckungen materialistisch zu deuten, dann wird
man die materialistische Tendenz begreifen und den Weg
der Friedensstiflung einschlagen und weniger den des
Kampfes. Wenn Sie diejenigen betrachten, welche in der
Mitte des 19. Jahrhunderts den Blick frei nach den grofien
Menschheitsratseln gerichtet haben, so werden Sie zweierlei
finden. Auf der einen Seite eine vollige Resignation gegen-
iiber den hochsten Fragen des Daseins, ein Eingestandnis,
vom wissenschafllichen Standpunkt aus nicht durchdringen
zu konnen zu den Fragen nach der gottlichen Weltordnung,
nach der Unsterblichkeit, der Freiheit des Willens, dem Ur-
sprung des Lebens, kurz zu den eigentlichen Weltratseln.
Auf der andern Seite werden Sie au&er dieser resignierenden
Stimmung nocli Oberreste einer alten religiosen Tradition
auch bei den Naturforschern finden. Kiihnes Vordringen bei
der Untersuchung dieser Fragen, vom wissenschaftlichen
Standpunkt aus, finden Sie in der ersten Halfte des 19. Jahr-
hunderts nur bei den deutschen Philosophen, zum Beispiel
bei Schellingy Fichte oder audi bei Okeny einem Freiheits-
mann sondergleichen auch auf andern Gebieten des Lebens.
Was heute bei den Naturforsdiern spukt, die Weltanschau-
ungen begriinden wollen, konnen Sie schon in grofieren Zu-
gen bei Oken finden. Aber es weht noch ein eigentumlicher
Windhauch dariiber hin, es lebt noch darin die Empfindung
des alten Spiritualismus, der sich klar ist, da£ hinter allem,
was man durch die Sinne wahrnehmen und durch Instru-
mente erforschen kann, etwas Geistiges zu suchen ist.
Haeckel hat selbst immer wieder und wieder erzahlt, wie
durch das Gemiit seines groften Lehrers, des unvergeft lichen
Naturforschers Johannes M tiller, dieser eigentiimliche
Hauch wehte. Sie konnen es bei Haeckel nachlesen, wie ihm,
als er auf der Berliner Universitat bei Johannes Miiller be-
schaftigt war und die Anatomie der Tiere und Menschen
studierte, die grofie Ahnlichkeit, nicht nur in der aufieren
Form, sondern in dem, was sich in der Form erst durchringt,
in der Tendenz der Form, auffiel. Wie er dann dem Lehrer
gegeniiber aufierte, dafi dies auf eine geheimnisvolle Ver-
wandtschafl der Tiere und Menschen hindeute, worauf Jo-
hannes Miiller, der so tief in die Natur hineingesehen hatte,
erwiderte: Ja, wer emmal das Geheimnis der Arten ergriin-
det, der wird das Hochste erreichen. - Man mufi sich eben
hineindenken in das Gemiit eines solchen Forschers, der
sicher nicht Halt gemacht hatte, wenn fur ihn eine Aussicht
gewesen ware, in das Geheimnis einzudringen. Ein anderes
Mai, als Lehrer und Schiiler auf einer Forsdiungsreise waren,
da aufierte Haeckel wieder, welche grofie Verwandtschaft
unter denTieren bestehe; da sagte abermals Johannes Miiller
etwas ganz Ahnlidies. Hiermit wollte ich nur eine Stimmung
kennzeichnen. Lesen Sie bei irgendeinem bedeutenden Na-
turforscher der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts nach, zum
Beispiel bei Burdach, so werden Sie, trotz sorgfaltiger Her-
ausarbeitung aller naturwissenschaftlichen Einzelheiten, da,
wo vom Reiche des Lebens gesprochen wird, stets einen
Hinweis darauf finden, dafi da nicht blofi physische und
chemisdie Krafte wirken, sondern dafi etwas Hoheres in
Betracht komme.
Als dann aber die Ausbildung des Mikroskopes dem Men-
schen ermoglichte, hineinzuschauen in die eigentiimliche Zu-
sammensetzung des lebendigen Wesens und man beobachten
konnte, dafi man es mit einem feinen Gewebe kleinster
Lebewesen zu tun hat, aus welchen sich der physische Leib
der Wesen zusammensetzt, da wurde es anders. Dieser phy-
sische Korper, welcher Pflanzen und Tieren als Kleid dient,
lost sich fur den Naturforscher in Zellen auf. Die Ent-
deckungen iiber das Leben der Zellen wurden von den Na-
turforschern am Ende der dreifiiger Jahre des 19. Jahrhun-
derts gemacht. Und weil man so viel von dem Leben der
kleinsten Lebewesen in sinnlicher Weise durch das Mikro-
skop erforschen konnte, war es naheliegend, dafi man das,
was als organisierendes Prinzip in dem Lebewesen wirkt,
vergafi und ubersah, weil es durch keinen physischen Sinn,
uberhaupt durch nichts Aufieres erkannt werden kann.
Damals gab es noch keinen Darwinismus, aber unter den
Eindriicken dieser grofien Erfolge, die auf dem Gebiete der
Erforschung des Sinnenfalligen gemacht wurden, bildete
sich in den vierziger, funfziger Jahren eine materialistische
Naturwissenschaft heraus. Da dachte man, daft man aus
dem, was man sinnenf allig wahrnimmt und erklaren kann,
audi die ganze Welt begreifen konne. Was heme sehr vielen
geradezu kindlich vorkommt, das machte damals ungeheures
Aufsehen und bildete sozusagen ein Evangelium fur die
Menschheit. Kraft und StofF, Biichner, Moleschott, das wa-
ren die Schlagworte und die tonangebenden Grofien. Als ein
Ausdruck kindlicher Phantasie f ruherer Menschheitsepochen
gait es, wenn man bei dem, was man ins kleinste mit den
Augen untersuchen kann, noch etwas vermutet, das uber das
Augenfallige, das sinnlich Wahrnehmbare hinausgeht.
Nun miissen Sie bedenken, dafi neben aller Urteilskraft,
neben aller Forschung, in der Entwickelung des Geisteslebens
die Gefuhle und Empfindungen eine grofte Rolle spielen.
Derjenige, der da glaubt, dafi Weltanschauungen nur nach
den kiihlen Erwagungen der Urteilskraft gebildet werden,
der irrt sich sehr. Da spricht, wenn ich mich radikal ausspre-
chen darf, immer auch das Herz mit. Da wirken audi ge-
heime Erziehungsgrunde mit. Die Menschheit hat in ihrer
letzten Entwickelungsphase eine materialistische Erziehung
durchgemacht. Diese reicht zwar in ihren Anf angen weit zu-
riick, ist aber erst zu der Zeit, von der wir sprechen, an
ihrem Hohepunkt angelangt. Wir nennen diese Epoche der
materialistischen Erziehung das Zeitalter der Aufklarung.
Der Mensch mufite sich — das war auch die letzte Konse-
quenz gerade der christlichen Weltanschauung — hier auf
diesem festen Boden der Wirklichkeit zurechtfinden lernen.
Den Gott, den er so lange jenseits der Wolken gesucht hatte,
sollte er nun in seinem eigenen Innern suchen. Das wirkte
tief auf die ganze Entwickelung des 19. Jahrhunderts ein;
und der, welcher als Zeitpsychologe die Entwickelung der
Menschheit im 19. Jahrhundert studieren will, der wird alle
Erscheinungen, die darin auftreten, wie zum Beispiel die
Freiheitsbewegung in den dreifiiger und vierziger Jahren,
nur als einzelne, gesetzmafiig verlaufende Stiirme des sich
herausentwickelnden-Gefuhls von der Bedeutung physischer
Wirklichkeit erfassen. Man hat es mit einer Erziehungsrich-
tung der Menschheit zu tun, die zunachst mit Gewalt alien
Ausblick nach einem spirituellen, nach einem geistigen Le-
ben aus dem menschlichen Herzen herausrifi. Und nicht aus
der Naturwissenschaft heraus ist die Konsequenz gezogen,
dafi die Welt aus sinnenf alligen Erscheinungen bestehe, son-
dern man zog, infolge der Menschheitserziehung jener Zeit,
in die Erklarung naturwissenschaftlicher Tatsachen den Ma~
terialismus hinein. Wer wirklich die Dinge unbefangen stu-
diert, wie sie sind, der wird finden, da£ es so ist, wie ich
sagen werde, obgleich ich in einer kurzen Stunde mich nicht
dariiber ausfuhrlich aussprechen kann.
Die ganz gewaltigen Fortschritte auf dem Gebiete der
Naturerkenntnis, der Astronomie, der Physik und Chemie,
durch die Spektralanalyse, durch die erweiterte theoretische
Kenntnis der Warme und durch die Lehre von der Ent-
wickelung der Lebewesen, die man die Darwinsche Theorie
nennt, fallen in diese Periode des Materialismus. Wenn diese
Entdeckungen in eine Zeit gefallen waren, in der man noch
so gedacht hatte wie urn die Wende des 18. zum 19. Jahr-
hundert, als man noch eine mehr spirituelle Empfindung
hatte, dann hatte man in denselben noch ebenso viele Be-
weise fiir das Walten und Wirken des Geistes in der Natur
gesehen. Gerade zum Beweise des Primats des Geistes wiir-
den die wunderbaren Entdeckungen der Naturwissenschaft
gefuhrt haben. Man sieht hieraus, dafi die naturwissen-
schaftlichen Entdeckungen an sich nicht notwendig und un-
ter alien Umstanden zum Materialismus hinfiihren mufiten;
sondern nur, weil viele Trager des Geisteslebens in dieser
Zeit materialistisch gesinnt waren, wurden diese Entdeckun-
gen materialistisch gedeutet. Der Materialismus wurde in
die Naturwissenschaft hineingetragen, und unbewufit haben
Naturforscher, wie Ernst Haeckel, denselben angenommen.
Darwins Entdeckung selbst hatte nicht zum Materialismus
drangen miissen. In seinem ersten Werke finden Sie den
Satz: «Ich halte dafiir, dafi alle Lebewesen, die je auf der
Erde gewesen sind, von einer Urform abstammen, welcher
das Leben vom Schopfer eingehaucht wurde.» Diese Worte
stehen in Darwins Buch «"Qber die Entstehung der Arten»,
jenem Werke, das der Materialismus zu seiner Stiitze macht.
Es ist klar, wer als materialistischer Denker an diese Ent-
deckungen herantrat, der mufite dem Darwinismus eine ma-
terialistische Farbung geben. Durch Haeckels materialistisch
kiihne Art des Denkens erhielt der Darwinismus seine jet-
zige materialistischeTendenz. Es war von grofier Wirkung,
als im Jahre 1868 Haeckel den Zusammenhang der Men-
schen mit den Herrentieren (Affen) verkiindete. In jener
Zeit konnte dies nichts anderes heifien, als der Mensch
stamme von den Herrentieren ab. Bis heute hat aber das
Denken einen eigentumlichen Entwickelungsgang durchge-
macht. Haeckel ist dabei stehengeblieben, daf$ der Mensch
von den Herrentieren abstamme, diese wieder von den nie-
deren und diese niederen wieder von den allereinfachsten
Lebewesen. So entwickelt er den ganzen Stammbaum des
Menschen. Dadurch war fur ihn aller Geist aus der Welt
ausgeschaltet und nur als Erscheinungsform des Materiellen
vorhanden. Haeckel sucht sich noch zu helfen, da er in sei-
nem Innersten, neben seiner materialistischen Denkerseele,
eine eigentiimlich geartete, spiritualistische Gefuhlsseele hat.
Diese beiden haben sich in ihm nie so recht ausgleichen, nie
so recht eine bniderliche Einigung finden konnen. Er kommt
deshalb dazu, dafi er dem kleinsten Lebewesen auch eine Art
Bewufitsein zuschreibt; dabei bleibt aber unerklart, wie sich
das komplizierte menschliche Bewu£tsein aus dem Bewufk-
sein der kleinsten Lebewesen entwickelt. Haeckel sagte einst
bei Gelegenheit eines Gespraches: Da stofien sich die Leute
an meinem Materialismus; aber ich leugne ja gar nicht den
Geist, ich leugne ja gar nicht das Leben; ich mochte doch
nur, dafi die Leute bedenken, dafi, wenn sie StofTe in eine
Retorte hineinbringen, darinnen bald alles lebt und webt. -
Das zeigt so recht deutlich, wie Haeckel neben der wis-
senschaftlichen Denkerseele eine spiritualistische Gefuhls-
seele hat.
Einer derjenigen, die damals, als Darwin auftrat, die Ab-
stammung der Menschen vom hoheren Tier ebenfalls be-
haupteten, war der englische Forscher Huxley. Er hat es aus-
gesprochen, dafi eine so grofie Ahnlichkeit im aufieren Bau
zwischen dem Menschen und den hoheren Tieren besteht,
dafi diese Ahnlichkeit grofier sei, als die Ahnlichkeit zwi-
schen den hoheren und niederen Affenarten. Man konne
daraus nur schliefien, dafi eine Abstammung des Men-
schen von den hoheren Tieren bestehe. In neuerer Zeit
haben die Forscher neue Tatsachen gefunden; auch jene
Empflndungen, die in jahrhundertelanger Erziehung des
Menschen Herz und Seele herangebildet haben, formten
sich um; und so kam es, dafi Huxley in den neunziger
Jahren, kurz vor seinem Tode, die fiir ihn merkwurdige
Ansicht ausgesprochen hat: So sehen wir denn, dafi wir
in der Natur draufien eine Stufenfolge des Lebendigen
finden, vom Einfachsten und Unvollkommensten bis zum
Zusammengesetzten und Vollkommensten. Diese Reihen-
folge konnen wir ubersehen. Warum aber sollte sich diese
Reihenfolge nicht fortsetzen in ein Gebiet, das wir nicht
ubersehen konnen? — In diesen Worten ist der Weg ange-
deutet, auf dem der Mensch aus der Naturforschung heraus
sich emporschwingen kann zur Idee eines gottlichen Wesens,
das hoch iiber dem Menschen steht, eines Wesens, das hoher
uber diesem steht, als er selbst tiber einem einfadien Zellen-
wesen. Huxley sagte einst: Ich will lieber von solchen Vor-
fahren abstammen, die tierahnlich sind, als von solchen,
welche die menschliche Vernunft leugnen.
So haben sich die Begriffe und Empfindungen, das, was
die Seele denkt und fiihlt, verandert. Haeckel hat in seiner
Art seine Forschungen fortgesetzt. Schon im Jahre 1868 hat
er sein populares Buch «Natiirliche Sch6pfungsgeschichte»
veroffentlicht. Aus dieser kann man vieles lernen; man kann
lernen, wie die Reiche des Lebendigen in der Natur gesetz-
mafiig zusammenhangen. Man kann hineinschauen in die
grauen Zeiten der Vergangenheit und das Lebende in Zu-
sammenhang mit dem Ausgestorbenen bringen, von dem
nur noch die letzten Oberreste auf der Erde vorhanden sind.
Das hatte Haeckel genau eingesehen. Das Welthistorische,
das sich im weiteren abspielt, kann ich nur durch einen Ver-
gleich klarmachen. Derjenige, welcher den Willen hat, auf
solche Dinge einzugehen, wird finden, da£ dieser Vergleich
nicht mehr hinkt, als alle Vergleiche hinken, die aber trotz
alledem treffend sein konnen. Nehmen Sie an, es kame ein
Kunsthistoriker und beschriebe das grofie Reich der Malerei
von Leonardo da Vinci bis heute in einer schonen kunstge-
schichtlichen Abhandlung. Alles was in dieser Zeit nach sol-
dier Richtung hin geschaffen worden ist, trate vor Ihre Seele
hin und Sie wiirden glauben, hineinzuschauen in dieses frei
sich entwickelnde Weben und Wirken des Menschengeistes.
Nehmen Sie ferner an, es kame jemand und sagte beziiglich
dieser Beschreibung: Aber alles, was der Kunsthistoriker
hier darstellt, ist ja nichts Wirkliches, das ist ia etwas, was
gar nicht da ist, das ist ja nur eine Beschreibung von Phan-
tasiegebilden, die es gar nicht gibt, und was gehen mich diese
Phantasien an; man mufi das Wirkliche untersuchen, um zu
einer richtigen kunstgeschichtlichen Darstellung zu kommen.
Ich will daher einmal die Gebeine des Leonardo da Vinci
einer Priifung unterziehen und versuchen, den Korper des-
selben wieder zusammenzustellen, untersuchen, was er fiir
ein Gehirn gehabt und wie dieses gearbeitet hat. — Dieselben
Dinge werden also sowohl von dem Kunsthistoriker, als
audi von dem anatomischen Naturhistoriker beschrieben.
Kein Fehler braucht zu unterlaufen, alles konnte richtig
sein. Dann meinte der anatomische Historiker, wir mussen
auf Tod und Leben bekampfen, was die idealistischen
Kunsthistoriker uns erzahlen, wir mussen es als eine Phan-
tasie bekampfen, denn das sei ja fast so, als ware iiber die
Menschen ein Aberglaube gekommen, der uns glauben ma-
chen will, dafi neben der Gestalt von Leonardo da Vinci
noch so ein gasformiger Wirbel als Seele bestanden habe.
Dieser Vergleich ist treffend, obgleich er albern erscheinen
mag. In soldier Lage beflndet sich derjenige, welcher auf die
alleinigeRichtigkeit der «Naturlichen Sch6pfungsgeschichte»
schwort. Audi er kann nicht so bekampft werden, dafi man
ihm Fehler nachweist. Die mogen zwar vorhanden sein,
aber darauf kommt es hier gar nicht an. Wichtig ist es, dafi
das Sinnenfallige einmal seinem inneren Zusammenhange
nach dargestellt wurde. Das ist im Grunde genommen durch
Haeckel in einer grofien und umfassenden Weise geschehen.
Es ist so geschehen, dafi derjenige, der sehen will, audi sehen
kann, wie gerade das Geistige bei der Bildung der Formen
wirksam ist, wo scheinbar nur die Materie waltet und webt.
Daraus kann man viel lernen; man kann ersehen, wie man
geistig den materiellen Zusammenhang in der Welt mit
Ernst, Wiirde und Ausdauer erfafit. Derjenige, welcher die
«Anthropogenie» Haeckels durchnimmt, der sieht, wie die
Gestalt sich aufbaut von den einfachsten Lebewesen bis zu
den kompliziertesten, von den einfachsten Organismen bis
hinauf zum Menschen. Wer zu dem, was der Materialist
sagt, nodi den Geist hinzuzufugen versteht, der studiert in
diesem Haeckelismus die schonste elementare Theosophie.
Die Haeckelschen Forschungsresultate bilden sozusagen
das erste Kapitel der Theosophie oder Geisteswissenschaft.
Viel besser als durch irgend etwas anderes kann man sich in
das Werden und Umgestalten der organischen Formen hin-
einfinden, wenn man seine Werke studiert. Allen Grund
haben wir, zu zeigen, was durch den Fortschritt dieser ver-
tieften Naturerkenntnis Grofies geleistet wurde.
In den Zeiten, da Haeckel diesen Wunderbau aufgefuhrt
hat, stand man den tieferen Ratseln der Menschheit als
unlosbaren Problemen gegeniiber. In einer rhetorisch glan-
zenden Rede hat Du Bois-Reymond im Jahre 1 872 iiber die
Grenzen der Naturforschung und des Naturerkennens ge-
sprochen. Ober weniges ist in den letzten Jahrzehnten mehr
gesprochen worden als iiber diese Rede mit dem beruhmten
«Ignorabimus». Sie war eine wichtige Tat und stellt einen
wichtigen Gegensatz zu Haeckels eigener Entwickelung und
seiner Lehre von der Abstammung des Menschen dar. In
einer andern Rede hat Du Bois-Reymond als die grofien
Ratselfragen des Daseins, die der Naturforscher nur teil-
weise oder gar nicht beantworten kann, «Sieben Weltratsel»
aufgestellt, namlich:
1 . Den Ursprung von Kraft und Materie.
2. Wie ist in diese ruhende Materie die erste Bewegung
hineingekommen ?
3. Wie ist innerhalb der bewegten Materie Leben ent-
standen?
4. Wie erklart es sich, da£ in der Natur so vieles ist, das
den Stempel der Zweckmafiigkeit an sich tragt, wie sie nur
bei den von der menschlichen Vernunft ausgefiihrten Taten
vorhanden zu sein pflegt?
5. Wie erklart es sich, da, wenn wir unser Gehirn unter-
suchen konnten, wir doch nur durcheinanderwirbelnde kleine
Kiigelchen finden wiirden, dafi diese Kiigelchen es zustande
bringen, dafi ich «rot» sehe, Orgelton hore, Sdimerz emp-
finde und so weiter? - Denken Sie sich wirbelnde Atome
und es wird Ihnen sofort klar sein, daft nie die Empfindung
daraus entstehen kann, die sich ausdriickt in den Worten,
«ich sehe rot, ich rieche Rosenduft und so weiter».
6. Wie entwickelt sich innerhalb der Lebewesen Ver-
stand, Vernunft, das Denken und die Sprache?
7. Wie kann ein freier Wille entstehen in einem Wesen,
das so gebunden ist, daft jede Handlung hervorgerufen wer-
den muft durch das Wirbeln der Atome?
In Ankniipfung an diese «Weltratsel» von Du Bois-
Reymond hat Haeckel eben sein Buch «Die Weltratsel» ge-
nannt. Er wollte die Antwort auf die Ausfiihrungen
Du Bois-Reymonds geben. Eine besonders wichtige Stelle
ist in jener Rede Du Bois-Reymonds, die er iiber die Gren-
zen des Naturerkennens gehalten hat. Auf diese wichtige
Stelle werden wir hingefuhrt und konnen durch sie zur
Theosophie hiniibergeleitet werden.
Als Du Bois-Reymond in Leipzig vor den Naturfor-
schern und Arzten sprach, da schaute der Geist der Natur-
forschung aus nach einer reinen, freieren und hoheren Luft,
nach der Luft, welche in die theosophische Weltanschauung
fiihrte. Du Bois-Reymond sagte damals folgendes: Wenn
wir den Menschen naturwissenschafllich betrachten, so ist
er fur uns ein Zusammenwirken unbewufiter Atome. Den
Menschen naturwissenschaftlich erklaren, heifit diese Atom-
bewegungen bis ins letzte hinein verstehen. - Er meint,
wenn man in der Lage ist, anzugeben, wie die Bewegung der
Atome an irgendeiner Stelle des Gehirns ist, wenn man sagt,
«ich denke», oder «gib mir einen Apfel», so hat man dieses
Problem naturwissenschaftlich gelost. Du Bois-Reymond
nennt dieses die <<astronomische>> Erkenntnis des Menschen.
Wie ein Sternenhimmel im klemen wiirden sich die beweg-
ten Gruppen von menschlichen Atomen ausnehmen. Was
man da nicht begriffen hat, ist der Umstand, wie es kommt,
da£ in dem Bewufitsein des Menschen, von dem ich, sagen
wir, ganz genau weifi, so und so bewegen sich seine Atome —
Empfindung, Gefiihl und Gedanke entstehen. Das kann
keine Naturwissenschaft feststellen. Wie das Bewufitsein
entsteht, kann keine Naturwissenschaft sagen. Du Bois-
Reymond schlofi nun wie folgt: Beim schlafenden Menschen,
der sich der Empfindung nicht bewufit ist, die sich ausdriickt
in den Worten: «ich sehe rot», haben wir die physische
Gruppe der bewegten Korperteile vor uns. Beziiglich dieses
schlafenden Korpers brauchen wir nicht zu sagen: «Wir
werden nicht wissen», «Ignorabimus». Den schlafenden
Menschen konnen wir verstehen. Der wache Mensch ist da-
gegen fur keinen Naturforscher verstandlich. Im schlafen-
den Menschen ist das nicht vorhanden, was beim wachenden
vorhanden ist, namlich das Bewufksein, durch das er uns als
Geisteswesen entgegentritt.
Damals war bei der Mutlosigkeit der Naturwissenschaft
ein wei teres Vordringen nicht moglich; man konnte damals
noch nicht an Theosophie oder Geisteswissenschaft denken,
weil die Naturwissenschaft scharf dieGrenze bezeichnet, den
Punkt hingesetzt hatte, bis wohin sie in ihrer Weise gehen
will. Wegen dieser Selbstbeschrankung, die sich die Natur-
forschung Hermit auf erlegt hat, hat die theosophische Welt-
anschauung in derselben Zeit ihren Anf ang genommen. Nie-
mand wird behaupten, daft der Mensch, wenn er abends
einschlaft und des Morgens wieder aufwacht, am Abend
aufhore zu sein und am nachsten Morgen von neuem ent-
stehe. Dennoch sagt Du Bois-Reymond, da$ in der Nacht
beim Menschen dasjenige nicht da ist, was bei Tag in ihm
vorhanden ist.Hier liegt fur die theosophische Weltanschau-
ung die MogHchkeit einzusetzen. Das Sinnesbewufitsein
spricht nicht bei dem schlaf enden Menschen. Tndem aber der
Naturforscher sich darauf stiitzt, was dieses Sinnesbewufit-
sein vermittelt, so kann er nichts iiber das, was daruber hin-
ausgeht, iiber das Geistige, sagen, weil ihm dadurch gerade
dasjenige fehlt, was den Menschen zum geistigen Wesen
macht. Mit den Mitteln der Naturforschung konnen wir
also in das Geistige nicht hineindringen. Die Naturforschung
stiitzt sich darauf, was sinnlich wahrnehmbar ist. Was nicht
mehr wahrnehmbar ist, wenn der Mensch schlaft, das kann
nicht Objekt ihrer Forschung sein. In diesem, bei dem schla-
f enden Menschen nicht mehr wahrnehmbar en Etwas haben
wir aber gerade die Wesenheit zu suchen, die den Menschen
zum Geisteswesen macht. Nicht friiher kann man iiber das-
jenige etwas aussagen, was iiber das rein Materielle, das
Sinnliche, hinausgeht, als bis - wovon der Naturforscher als
solcher, wenn er nur auf das Sinnenfallige ausgeht, nichts
wissen kann - Organe, geistige Augen geschaffen sind, die
auch das sehen, was iiber das Sinnliche hinausgeht. Deshalb
darf man nicht sagen, hier sind die Grenzen der Erkenntnis,
sondern nur, hier sind die Grenzen der sinnlichen Erkennt-
nis. Der Naturforscher nimmt sinnlich wahr, ist aber nicht
geistiger Seher. Seher mufi er aber werden, um das schauen
zu konnen, was der Mensch Geistiges in sich hat. Das ist es
auch," was alle tiefere Weisheit in der Welt anstrebt, nicht
eine blofie Erweiterung der sinnlichen Erkenntnis, dem Um- .
kreise nach, sondern eine Erhohung der menschlichen Fahig-
keiten. Das ist auch der grofie Unterschied zwischen der
heutigen Naturwissenschaft und dem, was die Theosophie
lehrt. Der Naturforscher sagt sich: Der Mensch hat Sinne,
mit denen er wahrnimmt, und einen Verstand, mit dem er
die Sinneswahrnehmungen kombiniert. Was man damit
nidit erreichen kann, das liegt aufterhalb der naturwissen-
schaftlichen Erkenntnis. - Die Theosophie hat eine andere
Anschauung. Sie sagt: Du hast recht, Naturforscher, wenn
du von deinem Standpunkte aus urteilst, du hast damit
genau so recht, wie der Blinde von seinem Standpunkte aus
recht hat zu sagen, die Welt sei licht- und farbenlos.
Ich mache keine Einwendungen gegen den naturwissen-
schaftlichen Standpunkt; ich mochte ihm nur die Anschau-
ung der Theosophie oder Geisteswissenschafl gegeniiberstel-
len, welche sagt: Es ist moglich, nein, es ist sicher, dafi der
Menschnicht stehenzubleiben braucht auf dem Standpunkte,
auf welchem er heute steht. Es ist moglich, daft sich Organe,
Geistesaugen entwickeln, in ahnlicher Weise, wie sich in die-
sem physischen Leibe Sinnesorgane, Augen und Ohren, ent-
wickelt haben. Sind diese Organe entwickelt, dann treten
hohere Fahigkeiten auf. Das mufi man zunachst glauben —
nein, man braucht es nicht einmal zu glauben, man nehme
es nur unbefangen als eine Erzahlung hin. So wahr aber,
wie nicht alle Glaubigen der «Naturlichen Schopfungs-
geschichte» gesehen haben, was in ihr an Tatsachen ange-
fiihrt ist — denn wie viele sind es, die diese Tatsachen wirk-
lich gesehen haben — , ebensowenig kann man die Tatsache
der Erkenntnis des Obersinnlichen hier jedermann vor-
weisen. Es gibt fur den gewohnlichen Sinnenmenschen keine
Moglichkeit, in dieses Gebiet hineinzukommen. Wir konnen
nur mit Hilfe der okkulten Forschungsmethoden in die gei-
stigen Gebiete hineingelangen. Wenn der Mensch sich zu
einem Werkzeug umwandelt fur die hoheren Krafte, um
hineinzuschauen in die dem Sinnenmenschen verborgenen
Welten, dann treten in ihm - ich werde im neunten Vortrage
iiber «Innere Entwickelung» noch ausfiihrlich dariiber spre-
chen - ganz besondere Erscheinungen auf. Der gewohnliche
Mensch ist nicht imstande, sich selbst zu schauen oder die
Gegenstande in seiner Umgebung bewufit in sich auf zuneh-
men, wenn seine Sinne schlafen. Wenn aber der Mensch die
okkulte Forschungsmethode anwendet, dann hort diese Un-
fahigkeit auf, und er fangt dann an, in einer bewufiten
Weise die Eindriicke in der astralen Welt wahrzunehmen.
Zunachst gibt es einen Obergang, den jeder kennt, zwi-
schen dem aufierlichen Leben der Sinneswahrnehmung und
jenem Leben, das selbst im tiefsten Schlafe nicht erstirbt.
Dieser "Qbergang ist das Chaos der Traume. Jeder kennt es,
meist nur als Nachklang dessen, was er am Tage erlebt hat.
Wie sollte er auch im Schlafe etwas Neues aufnehmen kon-
nen? Der innere Mensch hat ja noch keine Wahrnehmungs-
organe. Aber etwas ist doch vorhanden. Leben ist da. Was
aus dem Korper beim Schlafe herausgetreten ist, das er-
innert sich, und diese Erinnerung steigt in mehr oder weni-
ger verworrenen Bildern in dem Schlafenden auf. Wenn Sie
sich weiter iiber diese Dinge informieren wolJen, so nehmen
Sie die Aufsatze «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe-
ren Wei ten ?» zur Hand. An Stelle des Chaos beginnt dann
nach und nach Ordnung und Harmonie in das Reich der
Traume zu kommen. Dies ist ein Zeichen daftir, dafi der
Mensch anfangt, sich geistig zu entwickeln; und dann sieht
er im Traume nicht blofi die Nachklange der Wirklichkeit
in chaotischer Weise, sondern auch Dinge, die es fiir das ge-
wohnliche Leben gar nicht gibt. Gewifi werden die Leute
sagen, welche auf dem Gebiete des Tastbaren, auf dem Ge-
biete desSinnlichen bleiben wollen: Das sind ia nur Traume.-
Wenn Sie aber dabei Einsicht in die hochsten Weltgeheim-
nisse erlangen, so kann es Ihnen eigentlich ganz gleichgiiltig
sein, ob Sie sie im Traume oder auf sinnliche Weise erhalten
haben. Denken Sie, Graham Bell hatte das Telephon im
Traume erfunden. Darauf kame es doch heute gar nicht an,
wenn das Telephon auf jeden Fall zu einer bedeutsamen
und nutzlichen Einrichtung geworden ware. Das klare und
geordnete Traumen ist also der Anf ang.
Wenn der Mensch in der Stille des Nachtlebens in die
Traume sidi einiebt, wenn er eine Weile sich gewohnt hat,
ganz andere Welten wahrzunehmen, dann kommt audi bald
die Zeit, da er audi mit diesen neuen Wahrnehmungen in
die Wirklichkeit hinauszutreten lernt. Dann bekommt diese
ganze Welt ein neues Aussehen fur ihn, und er ist sich dieses
Neuen so bewufit, wie wir des Sinnlichen uns bewufk sind,
wenn wir durch diese Stuhlreihen, durch alles, was Sie hier
sehen, hindurchschreiten. Dann ist er in einem neuen Be-
wufitseinszustand; es eroffnet sich etwas Neues, Wesenhaftes
in ihm. Der Mensch kommt dann dadurch audi weiter in der
Entwickelung, zuletzt zu dem Standpunkte, wo er nicht nur
die eigentiimlichen Erscheinungen der hoheren Welten wie
Lichterscheinungen mit geistigem Auge wahrnimmt, son-
dern auch Tone der hoheren Welten erklingen hort, so dafi
ihm die Dinge ihre geistigen Namen sagen und in neuer Be-
deutung ihm entgegentreten. In der Sprache der Mysterien
wird das ausgedrvickt mit den Worten: Der Mensch sieht die
Sonne um Mitternacht, das heilk, fur ihn sind keine raum-
lichen Hindernisse mehr da, um die Sonne auf der andern
Seite der Erde zu sehen. Dann wird ihm auch das, was die
Sonne im Weltenraume tut, ofFenbar, dann wird er auch
das, was die Pythagoraer als eine Wahrheit vertreten haben,
die Spharenharmonie, wahrnehmen. Dieses Klingen und
Tonen, diese Spharenharmonie, wird fur ihn etwas Wirk-
liches. Dichter, die zugleich Seher waren, wufiten, da£ es so
etwas wie Spharenharmonie gibt. Nur der, welcher Goethe
von diesem Standpunkt aus fafit, kann ihn verstehen. Die
Worte im «Prolog im Himmel» zum Beispiel kann man ent-
weder nur als Phrase hinnehmen oder als hohere Wahrheit.
Da, wo Faust im zwehen Teile in die Geisterwelt eingefuhrt
wird, spridit er wieder von diesem Tonen: «Tonend wird
fiir Geistesohren schon der neue Tag geboren.»
Da haben wir den Zusammenhang zwischen der Natur-
forschung und der Theosophie oder Geisteswissenschaft.
Du Bois-Reymond hat darauf hingewiesen, dafi nur der
schlaf ende Mensch Gegenstand fiir die Naturforschung sein
kann. Wenn nun aber der Mensch anfangt, seine inneren
Sinne zu eroffnen, wenn er anfangt, zu horen und zu
schauen, daft es auch eine geistige Wirklichkeit gibt, dann
beginnt das ganze Gebaude elementarer Theosophie, das
Haeckel so wunderbar aufgebaut hat, und das keiner mehr
bewundern kann als ich, einen ganz neuen Glanz, eine ganz
neue Bedeutung zu bekommen. Nach diesem Wunderbau
sehen wir als Urwesen ein einfaches Lebewesen, aber ebenso
konnen wir unser Wesen geistig zuriickverfolgen bis zu
einem friiheren Zustand des Bewufitseins.
Ich werde nun die theosophisch oder geisteswissenschaft-
lich gehaltene Abstammungslehre auseinandersetzen. Von
«Beweisen» fiir dieselbe raufi natiirlich in einem einzelnen
Vortrage ganz abgesehen werden. Es ist natiirlich, daft fiir
alle diejenigen, welche nur die heute ublichen Vorstellungen
iiber die Abstammung des Menschen kennen, alles unwahr-
scheinlich und phantastisch klingen wird, was ich werde
sagen miissen. Aber alle diese Vorstellungen sind ja den
herrschenden materialistischen Gedankenkreisen entsprun-
gen. Und viele, welche vielleicht gegenwartig den Vorwurf
des Materialismus weit von sich weisen wollen, sind doch
nur in einer — allerdings begreif lichen - Selbsttauschung be-
fangen. Die wahre theosophische oder geisteswissenschaft-
liche Entwickelungslehre ist heute kaum bekannt. Und wenn
Gegner von ihr sprechen, so sieht derjenige, der sie kennt,
aus den Einwiirf en sof ort, dafi sie von einer Karikatur die-
ser Entwickelungslehre sprechen. Fiir alle diejenigen, welche
eine Seele oder einen Geist nur anerkennen, die innerhalb
der menschlichen oder tierischen Organisation zum Aus-
druck kommen, ist die theosophische Vorstellungsart ganz
unverstandlich. Mit solchen Personen ist jede Diskussion
liber diesen Gegenstand unfruchtbar. Sie muftten sich erst
f rei madien von den materialistischen Suggestionen, in denen
sie leben, und miifiten sich mit der Grundlage geisteswissen-
schaftlicher Denkrichtung bekanntmachen.
Wie die sinnlich-naturwissenschaftliche Forschungsme-
thode die physisch-korperliche Organisation zuriickver-
f olgt bis in feme unbestimmte Urzeiten, so tut es die geistes-
wissenschaftliche Denkweise in bezug auf Seele und Geist.
Die letztere kommt dabei mit den bekannten naturwissen-
schaftlichen Tatsachen nicht in den geringsten Widerspruch;
nur mit der materialistischen Ausdeutung dieser Tatsachen
kann sie nichts zu tun haben. Die Naturwissenschafl verf olgt
die physischen Lebewesen ihrer Abstammung nach riick-
warts. Sie wird auf immer einfachere Organismen gefiihrt.
Nun sagt sie, die vollkommenen Lebewesen stammen von
diesen einfachen, unvollkommenen ab. Das ist, soweit die
physische Korperlichkeit in Betracht kommt, eine Wahrheit,
obgleich die hypothetischen Formen der Urzeit, von denen
die materialistische Wissenschaft spricht, nicht ganz mit jenen
ubereinstimmen, von denen die theosophische oder geistes-
wissenschaflliche Forschung weifL Doch das mag uns fiir
unseren jetzigen Zweck nicht weiter beriihren.
In sinnlich-physischerBeziehung erkennt auchdieGeistes-
wissenschafl dieVerwandtschaft desMenschen mit den hohe-
ren Saugetieren, also mit den menschenahnlichen Affen, an.
Von einer Abstammung aber des heutigen Menschen von
einem an seelischem Wert dem heutigen Affen gleichen Wesen
kann nicht die Rede sein.Die Sache verhalt sich ganz anders.
Alles, was der Materialismus in dieser Beziehung vorbringt,
beruht auf einem einf adien Denkfehler. Dieser Fehler moge
durch einen trivialen Vergleich klar gemacht werden, der
aber trotzdem nicht unzutreffend ist, obgleich er trivial ist.
Man nehme zwei Personen. Die eine sittlich minderwertig,
intellektuell unbedeutend; die andere sittlich. hochstehend,
intellektuell bedeu tend. Man konne, sagen wir, durch irgend-
eine Tatsache die Verwandtschaft der beiden feststellen.
Wird man nun schliefien diirfen, dafi die hoherstehende von
einer solchen abstammt, die der niedrigstehenden gleich-
wertig ist? Nimmermehr. Man konnte durch die andere Tat-
sache uberrascht werden, welche da besagt: die beiden Per-
sonen sind verwandt; sie sind Briider. Aber der gemeinsame
Vater war weder dem einen noch dem andern Bruder ganz
gleichwertig. Der eine der Bruder ist herabgekommen; der
andere hat sich emporgearbeitet.
Den in diesem Vergleich angedeuteten Fehler macht die
materialistische NaturwissenschafL Sie mufi, nach den ihr
bekannten Tatsachen, eine Verwandtschaft annehmen zwi-
schen Affe und Mensch. Aber sie diirfte nun nicht folgern:
der Mensch stammt von einem affengleichen Tiere ab. Sie
miiftte vielmehr ein Urwesen - einen gemeinsamen physi-
schen Stamm vater - annehmen; aber der Affe ist der herab-
gekommene, der Mensch der hoher hinauf gestiegene Bruder.
Was hat nun jenes Urwesen auf der einen Seite zum Men-
schen emporgehoben, auf der andern ins Affentum hinab-
gestofien? Die Theosophie oder Geisteswissenschaft sagt:
Das hat die Menschenseele selbst getan. Diese Menschenseele
war audi schon zu jener Zeit vorhanden, als da auf dem
physisch-sichtbaren Erdboden als hochste sinnliche Wesen
nur jene gemeinsamen Urvater des Menschen und des Affen
herumwandelten. Aus der Schar dieser Urvater waren die
besten imstande, sich dem Hoherbildungsprozefi der Seele
zu unterwerfen; die minderwertigen waren es nicht. So hat
die heutige Menschenseele einen Seelenvorfahren, wie der
Korper einen korperlichen Vorfahren hat. Fiir die sinnliche
Wahrnehmung ware zur Zeit jener «Urvater» die Seele
allerdings nicht im heutigen Sinne innerhalb des Korpers
nachweisbar gewesen. Sie gehorte in einer gewissen Be-
ziehung noch den «hoheren Welten» an. Sie hatte audi an-
dere Fahigkeiten und Krafte als die gegenwartige Menschen-
seele. Die heutige Verstandestatigkeit und Moralgesinnung
fehlte ihr. Sie baute sich nicht aus den Dingen der Auften-
welt Werkzeuge und errichtete nicht Staaten. Ihre Tatigkeit
war noch in erheblichem Mafie auf die Umarbeitung, die
Umbildung der «Urvater-Leiber» selbst gerichtet. Sie ge-
staltete das unvollkommene Gehirn um, so dafi dieses spater
Trager der Gedankentatigkeit werden konnte. Wie die
heute nach aufien gerichtete Seele Maschinen baut, so baute
die Vorfahrenseele noch an dem menschlichen Vorfahren-
korper selbst. Man kann naturlich einwerfen: Ja, warum
kann denn die Seele heute nicht mehr in dem Mafie am eige-
nen Korper bauen? - Das kommt eben daher, dafi die Kraft,
die friiher aufgebracht worden ist zur Organumbildung,
spater sich nach auften auf die Beherrschung und Regelung
der Naturkrafle richtete.
So kommt man in der Urzeit auf einen zweifachen Ur-
sprung des Menschen. Dieser ist geistig-seelisch nicht erst
durch die Vervollkommnung der sinnlichen Organe ent-
standen. Sondern die « Seele » des Menschen war schon da,
als die «Urvater» noch auf Erden wandelten. Sie hat sich
-dies naturlich nur vergleichsweise gesprochen- selbst einen
Teil aus der «Urvater-Schar» ausgewahlt, dem sie einen
aufierlich korperlichen Ausdruck verliehen hat, der ihn zum
heutigen Menschen machte. Der andere Teil aus dieser Schar
ist verkiimmert, herabgekommen, und bildet die heutigen
menschenahnlichen Affen. Diese haben sich also - im wah-
ren Sinne des Wortes - aus dem Menschenvorf ahren als des-
sen Abzweigung gebildet. Jene «Urvater» sind die physi-
schen Menschenvorf ahren; aber sie konnten es nur dadurch
sein, dafi sie die Fahigkeit der Umbildung durch die Men-
schenseelen in sich trugen. So stammt der Mensch physisch
von diesem «Urvater» ab; seelisch aber von seinem «Seelen-
vorfahren». Nun kann man wieder weiter in bezug auf den
Stammbaum der Wesen zuriickgehen. Da kommt man zu
einem physisch noch unvollkommeneren «Urvater». Aber
auch zu dessen Zeit war der «Seelenvorfahr» des Menschen
schon vorhanden. Dieser hat selbst diesen «Urvater» zum
Affendasein emporgehoben, wieder die nicht entwickelungs-
fahigen Briider auf der betreffenden Stufe zuriicklassend.
Aus diesen sind dann Wesen geworden, deren Nachkommen
heute noch unter den Affen in der Saugetierreihe stehen.
Und so kann man hinaufgehen in jene urferne Vergangen-
heit, in der auf der damals ganz anders als heute aussehen-
den Erde nur jene einf achsten Lebewesen vorhanden waren,
aus denen Haeckel alle hoheren entstehen lafit. Auch ihr
Zeitgenosse war schon der «Seelenvorfahr» des Menschen.
Er hat die brauchbaren umgestaltet und die unbrauchbaren
auf jeder besonderen Stufe zuriickgelassen. Die ganze
Summe der irdischen Lebewesen stammt also in Wahrheit
vom Menschen ab. Was heute als «Seele» in ihm denkt und
handelt, hat die Entwickelung der Lebewesen bewirkt. Als
unsere Erde im Anfang war, war er selbst noch ein ganz
seelisches Wesen. Er begann seine Laufbahn, indem er einen
einfachsten Korper sich bildete. Und die ganze Reihe der
Lebewesen bedeutet nichts anderes als die zuriickgebliebenen
Stuf en, durch die er seinen Korperbau heraufentwickelt hat
bis zur heutigen Vollkommenheit. Die heutigen Lebewesen
geben naturlich nicht mehr diejenige Gestalt wieder, welche
ihre Vorfahren auf einer bestimmten Stufe hatten, als sie
sich vom Menschenstammbaum abzweigten. Sie sind nicht
stehengeblieben, sondern nach einem bestimmten Gesetze,
das hier wegen der notwendigen Kiirze der Darstellung
nicht weiter beriicksichtigt werden kann, verkiimmert. Das
Interessante ist nun, dafi man aufierlich audi durch die
Geisteswissenschaft auf einen Stammbaum des Menschen
kommt, der dem von Haeckel konstruierten gar nicht so un-
ahnlich ist. Doch macht Haeckel aus den physischen «Ur-
vatern» des Menschen iiberall — hypothetische - Tiere. In
Wahrheit sind aber an alle die Stellen, an die Haeckel Tier-
namen setzt, die noch unvollkommenen Vorfahren des Men-
schen zu setzen, und die Tiere - ja sogar alle Wesen — sind
nur die verkiimmerten, herabgekommenen Formen, welche
jene Stufen beibehalten haben, durch die hindurch sich die
Menschenseele gebildet hat. AuBerlich besteht also eine Ahn-
lichkeit zwischen den Haeckelschen und den theosophischen
oder geisteswissenschafliichen Stammbaumen; innerlich —
dem Sinne nach - sind sie himmelweit verschieden.
Daher kommt es, dafi man aus Haeckels Ausfuhrungen
so gut elementare Geisteswissenschaft lernen kann. Man
braucht nur die von ihm bearbeiteten Tatsachen theo-
sophisch oder geisteswissenschafllich zu durchdringen und
seine eigene naive Philosophic zu einer hoheren zu erheben.
Wenn Haeckel solche «hohere» Philosophie abkanzelt und
kritisiert, so ist er eben selbst naiv; wie etwa, wenn jemand,
der es nur bis zum Einmaleins gebracht hat, sagen wollte:
Was ich weifi, ist wahr, und die ganze hohere Mathematik
ist nur ein phantastisches Zeug. - Die Sache liegt doch gar
nicht so, dafi jemand, der Theosoph ist, das widerlegen will,
was elementare Tatsache der Naturwissenschaft ist; sondern
nur so, dafi der von materialistischen Suggestionen einge-
nommene Forscher gar nicht weifi, wovon die Theosophie
redet.
Es hangt von dem Mensdhien ab, was er fur eine Philo-
sophic hat. Das hat Fichte gesagt mit den Worten: Wer kein
wahrnehmendes Auge hat, kann die Farben nicht sehen, wer
keine aufnahmefahige Seele besitzt, der kann den Geist
nicht sehen. -Auch Goethe hat denselbenGedanken in dem
bekannten Spruche zum Ausdruck gebracht: «WaY nicht das
Auge sonnenhaft, die Sonne konnt' es nie erblicken; lag'
nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie konnt* uns Gott-
liches entziicken?» Und einen Ausspruch Fetter backs ins
rechte Licht setzend, kann man sagen: Jeder sieht das Bild
von Gott so, wie er selbst ist. Der Sinnliche macht sich einen
sinnlichenGott, derjenige, welcher dasSeelische wahrnimmt,
weift auch das Seelische in seinem Gott zu finden. - Wenn
Lowen, Stiere und Ochsen sich Gotter machen konnten, so
wiirden sie Lowen, Stieren und Ochsen ahnlich sein, be-
merkte schon ein Philosoph im alten Griechenland. In dem
Fetischanbeter lebt auch etwas als hochstes geistiges Prinzip,
er hat es aber noch nicht in sich gefunden; er ist daher auch
noch nicht dazu gekommen, in seinem Gott mehr zu sehen
als den Holzklotz. Der Fetischanbeter kann nicht mehr an-
beten, als er in sich selbst fuhlt. Er erachtet sich selbst noch
gleich dem Holzklotz. Wer nicht mehr sieht als wirbelnde
Atome, wer das Hochste nur in den kleinen, blofi materiel-
len Punktchen sieht, der hat eben in sich selber nichts von
dem Hoheren erkannt.
Haeckel hat sich zwar das, was er uns in seinen Schriften
darbietet, ehrlich erworben, und ihm mufite es daher ge-
stattet sein, auch die Fehler seiner Tugenden zu haben. Das
Positive seiner Arbeit wird wirken, das Negative wird ver-
schwinden. Von einem hoheren Gesichtspunkte aus gesehen,
kann man sagen: Der Fetischanbeter betet den Fetisch, ein
lebloses Wesen an, und der materialistische Atomist betet
nicht nur ein kleines Gotzchen an, sondern eine Menge klei-
ner Gotzchen, die er Atome nennt. Das Wort «anbeten» ist
natiirlich nicht wortlich zu nehmen, denn der «materiali-
stisdie» Denker hat sidi zwar nicht den Fetischismus, wohl
aber das «Beten» abgewohnt. So grofi der Aberglaube des
Fetischanbeters ist, so grofi ist der des Materialisten. Das
materialistische Atom ist niclits anderes als ein Fetisch. In
dem Holzklotz sind namlich audi nur Atome. Haeckel sagt
nun an einerStelle: «Gott sehen wir im Stein, in derPflanze,
im Tier, im Mensdien. Oberall ist Gott.» Er sieht aber nur
den Gott, den er begreift. Goethe lafit doch so bezeichnend
den Erdgeist zu Faust sprechen: «Du gleichst dem Geist, den
du begreifst, nicht mir.» So sieht der Materialist die wir-
belnden Atome im Stein, in der Pflanze, im Tier und in dem
Menschen und vielleicht auch im Kunstwerk, und beruft sich
darauf, dafi er eine einheitliche Weltanschauung besitze und
den alten Aberglauben uberwunden habe. Eine einheitliche
Weltanschauung haben aber auch die Theosophen, und wir
konnen dieselben Worte gebrauchen wie Haeckel: Wir sehen
Gott im Stein, in der Pflanze und im Menschen, aber wir
sehen nicht einen Wirbel von Atomen, sondern den leben-
digen Gott, den geistigen Gott, den wir in der Natur drau-
fien zu finden trachten, weil wir ihn in uns selbst auch
suchen.
UNSERE WELTLAGE. KRIEG, FRIEDEN
UND DIE WISSENSCHAFT DES GEISTES
Berlin, 12. Oktober 1905
Die Geistesforschung kann sich nicht in die unmittelbaren
Angelegenheiten des Tages mischen. Dabei darf audi nicht
der Glaube etwa aufkommen, dafi die Geist - Erkenntnis
etwas sein soil, das iiber aller Wirklichkeit in den Wolken
schwebt und nichts zu tun hatte mit der Praxis des Lebens.
Wir wollen weder die Ereignisse, die heute unmittelbar die
Welt aufwuhlen, in der Art etwa, wie man die Tagesereig-
nisse behandelt, vortragen, noch wollen wir zu denen ge-
horen, welche blind und taub sein mochten gegen dasjenige,
was unmittelbar das menschliche Herz bewegt, was uns un-
mittelbar angeht. Zwischen diesen zwei Klippen mufi ja
der Geistesforscher stets den Weg hindurchfinden, so dafi er
niemals aufgeht in den Meinungen und den Anschauungen
des Alltags; auf der andern Seite darf er sich niemals in
blofie leere Abstraktionen verwickeln oder Autoritaten ver-
f alien. Ofter durfte ich es von dieser Stelle aus sagen: Prak-
tisch, unmittelbar praktisch, viel praktischer, als gewohnlich
die Tagespraktiker meinen, soil uns die Geisteswissenschaft
machen. Aber sie soli uns dadurch praktisch machen, dafi sie
uns hineinfuhrt in die tieferliegenden Krafte des Lebens und
uns iiber die Sachen aufklart von diesen tieferliegenden
Kraften aus, dafi sie unser Handeln im Einklang mit den
grofien Weltgesetzen lenkt. Denn allein dann kann man in
der Welt etwas erreichen, kann man in das Getriebe der
Welt eingreifen, wenn man das im Sinne der grofien Welt-
gesetze macht.
Nach dieser Voraussetzung lassen Sie mich zunachst auf
ein paar Tatsachen hinweisen, die uns einzig und allein die
Widitigkeit unserer heutigen Fragen und, ich mochte sagen,
die Aktualitat derselben ins Gedachtnis rufen sollen.
Die eine Tatsache, die jedem vielleicht in Erinnerung ist,
ist die, dafi am 24. August 1898 der Bevollmachtigte des
Zaren den in Petersburg akkreditierten auswartigen Ver-
tretern ein Rundschreiben iibersandte, in dem unter an-
derem die folgenden Worte sich finden: «Die Aufrecht-
erhaltung des allgemeinen Friedens und eine mogliche
Herabsetzung der iibermafiigen Rustungen, welche auf alien
Nationen lasten, stellen sich in der gegenwartigen Lage der
ganzen Welt als ein Ideal dar, auf das die Bemuhungen aller
Regierungen gerichtet sein miifiten.
Das humane und hochherzige Streben Sr. Majestat des
Kaisers, meines erhabenen Herrn, ist ganz dieser Aufgabe
gewidmet. In derOberzeugung, dafi dieses erhabene Endziel
den wesentlichsten Interessen und den berechtigten Wiin-
schen aller Machte entspricht, glaubt die kaiserliche Regie-
rung, dafi der gegenwartige Augenblick aufierst giinstig
dazu sei, auf dem Wege internationaler Beratung die wirk-
samsten Mittel zu suchen, um alien Volkern die Wohltaten
wahren und dauernden Friedens zu sichern und vor allem
der fortschreitenden Entwickelung der gegenwartigen Rii-
stungen ein Ziel zu setzen.»
In diesem Schriftstiick finden sich ferner die folgenden
Worte: «Da die fmanziellen Lasten eine steigende Richtung
verfolgen und die Volkswohlfahrt an ihrer Wurzel treffen,
so werden die Arbeit und das Kapital zum grofien Teile von
ihrer natiirlichen Bestimmung abgelenkt und in unproduk-
tiver Weise aufgezehrt. Hunderte von Millionen werden
aufgewendet, um furchtbare Zerstorungsmaschinen zu be-
schaffen, die heute als das letzte Wort der Wissenschaft be-
trachtet werden und sdion morgen dazu verurteilt sind, jeden
Wert zu verlieren inf olge irgendeiner neuen Entdeckung auf
diesem Gebiete . . . Daher entsprechen in dem Mafie, wie die
Riistungen einer jeden Madit anwachsen, diese immer weni-
ger und weniger dem Zweck, den sich die betreff ende Regie-
rung gesetzt hat.» Das Schriftstiick schliefit damit, daft eine
Konferenz mit Gottes Hilfe ein giinstiges Vorzeichen des
kommenden Jahrhunderts sein soil. - Zweifellos entspringt
dieses Manifest einem Vorsatz. Wie dieser Vorsatz hat in
Erfullung gehen konnen, das lehren uns die neuesten Ereig-
nisse. Dieser Vorsatz ist nidit gerade neu, denn wir konnen
sogar Jahrhunderte weit zuriickgehen, und da treffen wir
im 16., 17. Jahrhundert einen Fiirsten, Heinrich IV. von
Frankreich, der dazumal die Idee zu einer solchen allge-
meinen Friedenskonferenz anregte. Sieben von den damali-
gen sechzehn Landern war en gewonnen, als Heinrich IV.
ermordet wurde. Sein Werk hat niemand fortgesetzt. Wahr-
scheinlich konnten wir wohl, wenn es darum zu tun ware,
die Vorsatze zu diesem Zweck, die von diesen Stellen aus-
fliefien, noch viel weiter zuriickverfolgen.
Dies ist die eine Tatsachenreihe. Die andere ist diese: Die
Haager Friedenskonferenz fand statt. Sie alle kennen den
Namen der verdienstvollen Personlichkeit, welche ihr Ideal
mit einer seltenen Hingebung und audi mit einer seltenen
Sachkenntnis verfolgt, den Namen Bertha von Suttner. Ein
Jahr nach der Haager Friedenskonferenz suchte sie die
Akten zu sammeln zu einem Buche, in dem sie die zum Teil
schonen und herrlichen Reden verzeichnete. Dem Buche
schickte sie eine Vorrede voraus. Ich bitte zu berucksichtigen,
es war ein Jahr vergangen, nachdem Bertha von Suttner auf
dieses Werk der Friedenskonferenz hat sehen konnen. Die
Folgen ahnte sie schon, nachdem ein Jahr vergangen war.
Im diametralen Gegensatz dazu hatten wir inzwischen den
blutigen Transvaalkrieg mit abgelehnter Vermittlung, und
heute haben wir wieder Krieg. Wenn wir uns heute ein
wenig umsehen in der Welt, sehen wir den Kampf sehr
vieler edler Menschen urn den Friedensgedanken, schon in
den Herzen hochsinniger Idealisten die Liebe zu einem all-
gemeinen Weltf rieden, und doch ist auf der andern Seite in
andern Zeiten auf unserem Erdenkreis kaum so viel Blut
geflossen wie jetzt. Es ist dies eine ernste, sehr ernste Ange-
legenheit fiir jeden, der sich audi mit den grofien seelischen
Fragen beschaftigt.
Einerseits haben wir die hingebenden Friedensapostel in
ihrer regsamen Tatigkeit. Wir haben die ausgezeichneten
Leistungen der Bertha von Suttner, welche mit seltener
Grofie alle Furchtbarkeiten des Kampfes und des Krieges
hinzustellen verstand; aber vergessen wir nicht, daft wir
audi die Kehrseite haben. Vergessen wir nicht, dafi auch sehr
viele unter unseren urteilsfahigen Menschen sind, die auf
der andern Seite uns immer und immer wieder versichern,
dafi sie den Kampf fiir notig halten gerade zum Fortschritt,
als etwas, was die Krafte stahlt. Nur im Kampf gegen den
Widerstand wiichsen die Krafte. Der Forscher, der so viele
Denker an sich herangezogen hat, wie oft hat er es aus-
gesprochen, dafi er den starken Krieg wiinscht und dafi nur
der starke Krieg die Krafte in der Natur vorwartsbringen
kann. Vielleicht hat er das nicht in so radikalen Worten
ausgesprochen, aber so denken dennoch viele. Selbst inner-
halb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung sind Stim-
men laut geworden, dafi es eine Schwache, geradezu eine
Versiindigung ware am Geist der nationalen Starke, wenn
man etwas gegen den Krieg, der zur nationalen Ehre, zur
nationalen Macht gefuhrt hat, einwende. Jedenfalls stehen
sich heute die Ansichten auf diesem Gebiete noch immer
schroft, sehr schroff gegeniiber. Aber die Haager Friedens-
konferenz hat eines gebracht. Sie hat die Stimmen gebracht
einer Reihe von Leuten, welche an der Spitze der Fiihrung
der offentlichen Angelegenheiten stehen. Eine grofte Reihe
der Reprasentanten der Staaten hat dazumal ihre Zustim-
mung dazu gegeben,- dafi die Haager Konferenz stattfinden
konnte. Man sollte glauben, dafi eine Sadie, die eine solche
Zustimmung von solchen Stellen gefunden hat, im eminen-
testen Sinne aussichtsvoll sein mtifke.
Nun, um wirklich Stellung nehmen zu konnen in der
Weise, wie eine spirituelle Welt- und Lebensanschauung
Stellung nehmen lafit, miissen wir etwas tiefer in die ganzen
Dinge hineinsehen. Wenn wir die Frage des Friedens als
eine ideale Frage verfolgen, wie sie sich im Laufe der Zeit
entwickelt hat, und daneben dieTatsachen des Kampfes und
Streites verfolgen, so miissen wir doch wohl sagen, dafi
vielleicht die Art und Weise, wie dieses Ideal eines allge-
meinen Friedens verfolgt wird, die Aufmerksamkek und
eine Untersuchung herausfordert. Viele von denen, die das
Kriegshandwerk gefuhrt haben, sind es selbst, in deren
Herzen Schmerz und vielleicht sogar Abscheu vor den Fol-
gen und Wirkungen des Krieges vorhanden ist. Solche Dinge
legen uns wohl die Frage in den Mund: Kommen denn die
Kriege iiberhaupt von irgend etwas, das sich durch Grund-
satze und Ansichten aus der Welt schaffen lafk? Wer tiefer
in die Seelen der Menschen hineinsieht, der weifi, dafi zwei
getrennte, ganz verschiedene Wege dasjenige hervorrufen,
was zum Kriege fiihrt. Das eine ist das, was wir Urteilskraft
und Verstand, was wir Idealismus nennen, das andere ist
die menschliche Begierde, die menschlichen Neigungen, die
menschlichen Sympathien und Antipathien. Manches ware
anders in der Welt, wenn es ohne weiteres moglich ware, die
Begierden, Wiinsche und Leidenschaften nach den Grund-
satzen des Herzens und Verstandes zu regeln. Das ist nam-
lich nicht moglich, sondern das Umgekehrte ist bis jetzt in
der Mensdiheit immer dagewesen. Was die Leidenschaft
will, was die Begierde verlangt, dazu schafft der Verstand,
dazu sdiafft selbst das Herz eine Maske mit seinem Idealis-
mus. Und wenn Sie die Geschichte der menschlichen Ent-
wickelung verfolgen, dann konnen Sie immer und immer
wieder die Frage stellen, wenn Sie da und dort Grundsatze,
da oder dort Idealismus aufleuchten sehen: Welche Begier-
den und Leidenschaften lauern im Hintergrunde? Wenn wir
dieses bedenken, dann konnte es gar wohl sein, daft man mit
den schonsten Grundsatzen gerade heute noch nichts anfan-
gen konnte in dieser Frage, dann konnte es sein, daft etwas
anderes notwendig ist, weil einfach die menschlichen Leiden-
schaften, Triebe und Begierden noch nicht weit genug sind,
um dem Idealismus des Einzelnen zu folgen. Sie sehen, die
Frage liegt tiefer, und wir mussen sie audi defer erfassen.
Wir mussen wirklich einenBlick in die menschlicheSeele und
ihre Grundkrafte hinein tun, wenn wir die ganze Sache rich-
tig beurteilen wollen. Der Mensch sieht nicht immer genug
von seinem Entwickelungsgang, der Mensch sieht oft nur
eine kleine Spanne Zeit, und da mufi eine weitgehende Welt-
anschauung uns den Blick eroffnen, der auf der einen Seite
tief hineinfuhrt und uns auf der andern Seite die grofteren
Zeitraume iiberblicken lafit, damit wir uber die Krafte ein
Urteil bekommen, die uns in die Zukunft hineinfiihren
sollen.
Sehen wir uns einmal die menschliche Seele an, da, wo
wir sie vielleicht in einem Punkte tief und griindlich studie-
ren konnen. Da haben wir heute etwas, was wir vor acht
Tagen beriihren konnten, von einer andern Seite her. Da
haben wir eine naturwissenschaftliche Theorie, den soge-
nannten Darwinismus. Innerhalb dieser naturwissenschaft-
lichen Ansicht spielt ein Begriff eine grofte Rolle. Und dieser
Begriff heifit: Kampf urns Dasein. Unter dem Zeichen des
Kampfes urns Dasein stand jahrzehntelang unsere gesamte
Naturwissenschaft, unsere ganze Anschauung. Da sagten ja
die Natur forscher so: Diejenigen Wesenheiten in der Welt,
welche im Kampfe urns Dasein am besten sich erhalten, die
am meisten Vorsprung gewinnen iiber ihre Mitgeschopfe,
die bleiben, die andern vergehen. So dafi wir uns nicht zu
wundern brauchen, wenn diejenigen Wesenheiten, die wir
urn uns herum haben, die am besten angepafiten sind, denn
sie haben sich durch Jahrmillionen hindurch herausgebildet.
Die Tiichtigsten sind iibriggeblieben, die Untuchtigen sind
untergegangen.
Der Kampf urns Dasein ist die Losung der Forschung ge-
worden.Und woraus ist dieser Kampf da hineingekommen?
Nicht aus der Natur ist er gekommen. Darwin selbst, ob-
gleich er ihn in grofierem Stile betrachtet als seine Nach-
folger, hat ihn von einer iiber die Menschengeschichte sich
verbreitenden Anschauung des Malthas genommen, jener
Anschauung, dafi die Erde in einer solchen Progression Nah-
rungsmittel hervorbringt, dafi diese Zunahme in viel gerin-
gerem Mafie steigt als die Zunahme der Bevolkerung. Die-
jenigen, welche sich mit diesen Dingen beschaftigt haben,
werden wissen, dafi man sagt: Die Zunahme der Nahrungs-
mittel steigt im arithmetischen, die Zunahme der Bevolke-
rung im geometrischenVerhaltnis.Das bedingt einen Kampf
urns Dasein, einen Krieg aller gegen alle. — Davon aus-
gehend, hat Darwin audi am Ausgange der Natur den
Kampf urns Dasein angenommen. Und diese Anschauung
entspricht nicht einer blofien Idee, sondern den modernen
Lebensgestaltungen. Bis in die Verhaltnisse des Einzelnen
ist in der Form der allgemeinen wirtschafllichenKonkurrenz
dieser Kampf urns Dasein zur tatsachlichen Wirklichkeit ge-
worden. Man hat diesen Daseinskampf in nachster Nahe
gesehen, man hat ihn fur etwas NatiirHches im Menschen-
reich gehalten und dann in die Naturwissenschaft aufge-
nommen.
Von solchen Anschauungen geht Ernst Haeckel aus, der
in der kriegerischen Betatigung, im Krieg geradezu einen
Kulturhebel gesehen hat. Der Kampf sei das, was stark
macht, das Schwache soli untergehen, die Kultur fordere,
dafi das Schwache untergeht. - Die Nationalokonomie hat
dann diesen Kampf wieder auf die Menschenwelt zuriick
angewendet. So haben wir grofie Theorien innerhalb unse-
rer Nationalokonomie, innerhalb unserer sozialen Theorien,
welche den Kampf urns Dasein wie etwas ganz Berechtigtes
und von der menschlichen Entwickelung nicht zu Trennen-
des ansehen. Man ist in diesen Sachen — nicht vorurteilslos,
sondern mit diesen Prinzipien — weiter zuriickgegangen in
die altesten Zeiten, und da versuchte man das Leben bar-
barischer wilder Volkerschaften zu studieren. Man glaubte,
den Menschen in seiner Kulturentwickelung belauschen zu
konnen und glaubte, da das wildeste Kriegsprinzip zu fin-
den. Huxley hat gesagt: Sehen wir hinaus in die Natur der
Tiere, so gleicht der Kampf urns Dasein einem Gladiatoren-
kampf, und das ist Naturgesetz. Und sehen wir von den
hoheren Tieren auf die niederen und stellen wir uns ein auf
den bisherigen Gang der Weltentwickelung, so belehrt uns
die Tatsachenwelt iiberall, dafi wir in einem allgemeinen
Kampf urns Dasein leben.
Sie sehen, das konnte ausgesprochen werden, das konnte
als ailgemeines Weltgesetz vertreten werden. Wer sich klar
dariiber ist, dafi nicht Worte auf die Lippen kommen, die
nicht tief in der Menschenseele begriindet sind, der wird sich
sagen, dafi dieGefiihle, dieEmpfindungen, die ganzeSeelen-
verfassung unserer Besten heute noch immer von der An-
schauung ausgeht, dafi Krieg, Kampf imMenschengeschlecht,
ja in der ganzen Natur etwas Gesetzmafiiges ist, etwas, dem
man nicht entrinnen kann. - Sie konnen nun sagen: Aber
die Forscher sind ja vielleidit ganz humane Menschen ge-
wesen, die in ihrem tiefsten Idealismus den Frieden, den
Ausgleich ersehnten und herbeiwiinschten. Doch ihr Stand,
ihre Wissenschaft hat sie iiberzeugt, dafi dem nicht so ist,
und vielleicht haben sie mit blutendem Herzen ihre Theorie
hingeschrieben. - Dies ware ein Einwand, wenn nicht zu-
nachst etwas ganz anderes eingetreten ware. Wir diirfen
sagen, dafi unter alien denen, die glaubten wissenschaftlich
und nationalokonomisch zu denken, im ganzen West- und
Mitteleuropa in den sechziger und siebziger Jahren die ge-
kennzeichnete Theorie gang und gabe war. Gang und gabe
war die Stimme, dafi Krieg und Kampf ein Naturgesetz sei,
dem man nicht entrinnen konne. Grundlich hatte man auf-
geraumt, so glaubte man, mit der alten Auffassung von
Rousseau, dafi nur die menschliche Unnatur in den allge-
meinen Frieden der Natur Kampf und Krieg, Gegensatz
und Disharmonie hineingebracht hat. Es war ja noch am
Ende des 18. Jahrhunderts diese Rousseausche Stimmung
verbreitet, dafi, wenn man hineinsieht in das Leben und
Treiben der Natur, die noch unbeeinflufk ist von der Ober-
kuitur des Menschen, man dann uberallEinklang undFriede
sieht. Nur der Mensch mit seiner Willkiir und seiner Kultur
hat den Kampf und Streit in die Welt gebracht. - Das war
noch Rousseausche Anschauung, und die Forscher versicher-
ten uns im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Ja, schon
ware es, wenn es so ware, aber es ist nicht der Fall. Die Tat-
sachen belehren uns in anderer Weise.
Und doch fragen wir uns einmal ernstlich: Hat das Ge-
fiihl gesprochen oder haben die Tatsachen gesprochen?
Schwer konnten wir etwas einwenden, wenn die Tatsachen
in dieser Weise sprachen. Da trat im Jahre 1880 ein merk-
wiirdiger Mann auf, ein Mann, der einen Vortrag hielt in
der Naturf orscherversammlung vom Jahre 1 8 8 o in St.Peters-
burg in Rutland, einen Vortrag, der fiir alle diejenigen, die
sich fiir dieseFrage griindlich interessieren, von einer groften
und tiefgehendenBedeutung ist.Dieser Mann ist der Zoologe
Ke filer. Er ist bald danach gestorben. Sein Vortrag handelte
tiber das Prinzip der gegenseitigen Hilfe in der Natur. Fiir
alle diejenigen, welche solche Dinge ernsthaft anfassen, geht
von der Forschung und wissenschaftlichen Reife, welche da-
mit angeregt wird, ein ganz neuer Zug aus. Hier wurden
zum erstenmal in der neueren Zeit Tatsachen aus der ganzen
Natur zusammengestellt, die beweisen, dafi alle friiheren
Theorien iiber den Kampf urns Dasein mit der Wirklichkeit
nicht iibereinstimmen.
In diesem Vortrag finden Sie auseinandergesetzt und
durch die Tatsachen bewiesen, dafi die tierischen Arten, die
tierischen Gruppen sich nicht entwickeln durch den Kampf
urns Dasein, dafi es in Wahrheit einen Kampf urns Dasein
nur ausnahmsweise zwischen zwei Arten gibt, nicht aber in
der Art selbst, deren Individuen sich im Gegenteil Hilfe
leisten, und dafi die Arten am dauerhaftesten sind, deren
Individuen am meisten veranlagt sind zu solcher gegenseiti-
gen Hilfe. Nicht Kampf, sondern gegenseitige Hilfe ge-
wahrt lange Existenz. Dadurch war ein neuer Gesichtspunkt
erreicht. Nur hat es die moderne Forschung zuwege ge-
bracht, dafi durch eine merkwurdige Verkettung von Um-
standen eine Personlichkeit, die fiir die Gegenwart auf dem
unglaublichsten Standpunkt stent, Fiirst Kropotkiny die
Sache weitergefuhrt hat. Er hat bei Tieren und Stammen an
einer Unsumme von festgelegten Tatsachen zeigen konnen,
welche Bedeutung in der Natur und im Menschenleben die-
ses Prinzip der gegenseitigen Hilfe hat. Ich kann jedem
empfehlen, dieses auch in deutscherObersetzung vorliegende
Buch, iibersetzt von Gustav Landauer, zu studieren. Dieses
Buch bnngt eine Summe von Begriffen und Vorstellungen
in den Menschen hinein, die eine Schule sind fiir den Auf-
stieg zu einer spirituellen Gesinnung. Nun verstehen wir
aber dieseTatsachen erst dann rich tig, wenn wir sie im Sinne
der sogenannten esoterischen Anschauung beleuchten, wenn
wir diese Tatsachen mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft durchdringen. Ich konnte ja schon deutlich sprechende
Beispiele vorfiihren, allein Sie konnen sie in dem angefiihr-
ten Buche lesen. Das Prinzip der gegenseitigen Hilf eleistung
in der Natur ist: Diejenigen kommen am weitesten, die die-
ses Prinzip am meisten ausgepragt haben. - Die Tatsachen
sprechen also deutlich und werden immer deutlicher fiir uns
sprechen. In der geisteswissenschaftlichen Anschauung spre-
chen wir, wenn wir von einer einzelnen Tierart sprechen,
genau so, wie wir von einem einzelnen Menschen, von der
einzelnen Individuality eines Menschen sprechen. Eine
Tierart ist uns dasselbe auf niederem Gebiete, was auf hohe-
rem Gebiete das einzelne menschliche Individuum ist. Ich
habe es schon einmal hier gesagt: Eine Tatsache mufi man
sich so recht klar vor Augen fiihren, um zu verstehen, in
welchem Gegensatz der Mensch gegeniiber dem ganzenTier-
reich ist. Dieser Gegensatz driickt sich in dem Ausspruche
aus: Der Mensch hat eine Biographie, das Tier hat keine
Biographic Beim Tiere sind wir zufrieden, wenn wir die
Gattung beschrieben haben. Beim Menschen sagen wir:
Vater, Grofivater, Enkel, Sohn; beim Lowen unterscheidet
sich das nicht so, dafi wir jeden einzelnen besonders beschrei-
ben sollten. Gewifi, ich weifi, dafi da viel eingewendet wer-
den kann; ich weifi, dafi der, welcher einen Hund oder einen
AfFen liebt, glaubt, eine Biographie des Hundes oder des
AfFen schreiben zu konnen. Eine Biographie soil aber nicht
enthalten, was der andere von demWesen wissen kann, son-
dern das, was das Wesen selbst gewuftt hat. Selbstbewuftt-
sein gehort zu einer Biographie, und in diesem Sinne hat nur
der Mensch eine Biographic Diese entspricht dem, was beim
Tiere eine Beschreibung der ganzen Gattung oder Art ist.
Daft jede Tiergruppe eine Gruppenseele hat, ist der auftere
Ausdruck fiir die Tatsache, daft jeder individuelle Mensch
eine Seele in sich tragt.
Ich habe es audi hier schon auseinandersetzen diirf en, daft
unmittelbar mit unserer physischen Welt eine verborgene
Welt verbunden ist, die astrale Welt, die nicht aus solchen
Gegenstanden und Wesenheiten besteht, die man mit den
Sinnen wahrnehmen kann, sondern die aus dem Stoff ge-
woben ist, aus dem unsere Leidenschaften und Begierden ge-
woben sind. Wenn Sie den Menschen priifen, so konnen Sie
sehen: er hat seine Seele bis herunter auf den physischen
Plan oder auf die physische Welt gefuhrt. Auf dieser physi-
schen Welt gibt es keine individuelle Seele fiir das Tier. Sie
finden aber fiir das Tier eine individuelle Seele, die auf dem
sogenannten Astralplan ist, auf der hinter unserer physi-
schen Welt verborgenen astralen Welt. Die Tiergruppen
haben individuelle Seelen in der astralen Welt. Da haben
wir den Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier-
reiche. Wenn wir uns nun fragen: Was kampft denn in
Wahrheit, wenn wir im Tierreiche den Kampf urns Dasein
verfolgen? - dann miissen wir sagen: Die Wahrheit ist, daft
hinter diesem Kampf, der zwischen den Arten im Tierreich
ausgefochten wird, der astrale Kampf der seelischen Leiden-
schaften und Begierden steht, der in den Gattungs- oder
Gruppenseelen wurzelt.- Wiirde aber innerhalb der Gattung
im Tierreich von einem Daseinskampf die Rede sein, dann
ware das so, als wenn sich im Menschen die eigene Seele in
ihren verschiedenen Teilen bekampfen wiirde. Dies ist eine
wichtige Wahrheit. Es kann die Regel nicht sein, daft inner-
halb einer tierischen Art der Kampf ist, sondern es kann nur
zwischen den Arten der Daseinskampf stattfinden. Denn
die Seele der ganzen Art ist eine einheitliche, und weil sie
einheitlich ist, mufi sie die Teile beherrschen. Es ist die
gegenseitige Hilfeleistung innerhalb der Tierwelt, die wir
bei den Arten verfolgen kbnnen, einfach der Ausdruck der
einheitlichen Tatigkeit der Art oder der Gruppenseeie. Und
wenn Sie hinblicken auf alle diese Beispiele, die Sie in dem
erwahnten interessanten Buche angefiihrt finden, dann be-
kommen Sie eine schone Einsicht in die Art und Weise, wie
die Gruppenseelen wirken. Zum Beispiel, wenn ein Indi-
viduum einer gewissen Krebsart durch Zufall auf den Riik-
ken geworfen wird, so dafi es nicht selbst wieder aufstehen
kann, dafi dann eine grofiere Anzahl von in der Nahe be-
flndlichen Tieren herbeikommt und dem Tiere aufhilfl.
Diese gegenseitige Unterstutzung kommt aus einem gemein-
schaftlichen Seelenorgan der Tiere heraus. Und verfolgen
Sie einmal die Art und Weise, wie Kafer sich unterstiitzen,
um eine gemeinschaftliche Brut zu pflegen oder zu schiitzen,
um eine tote Maus zu bewaltigen und so weiter, wie sie sidi
da verbinden, sich unterstiitzen, gemeinschaftliche Arbeit
ausfuhren, dann sehen Sie die Gruppenseeie an der Arbeit.
Das konnen Sie bis herein in die hochsten Tierarten ver-
folgen. Es ist wahr, wer einen Sinn hat fur dieses Treiben
in der gegenseitigen Hilfeleistung bei den Tieren, der be-
kommt nach und nach auch einen Einblick, einen Begriff,
eine Ahnung von dem Treiben der Gruppenseelen. Und ge-
rade da kann er sich das Sehen mit den Augen des Geistes
aneignen. Da wird das Auge sonnenhafl.
Beim Menschen nun haben wir es zu tun mit einer indi-
vidual gewordenen Gruppenseeie. In jedem einzelnen Men-
schen wohnt eine solche Gruppenseeie. Und so ist es fiir den
Menschen, wie es fiir die verschiedenen Tiergattungen ist,
in der Tat moglich, dafi er als einzelner in einen Kampf ein-
tritt gegen jeden einzelnen andern. Nun aber sehen wir uns
einmal den Zweck des Kampfes an, ob der Kampf um des
Kampfes willen in der Weltenentwickelung da ist. Was ist
denn geworden aus dem Kampf der Arten? Es sind die-
jenigen Arten ubrig, welche sich am meisten gegenseitig
unterstiitzen, und diejenigen, welche unter sicli am kriege-
rischsten sind, die sind zugrunde gegangen. So lautet das
Naturgesetz. Daher miissen wir sagen, dafi in der aufieren
Natur der Fortschritt in der Entwickelung darin besteht,
dafi an die Stelle des Kampfes der Friede tritt. Da wo die
Natur an einem bestimmten Punkte, an dem grofienWende-
punkte angelangt ist, da herrscht in der Tat der Ausgleich;
der Friede, zu dem sich der ganze Kampf durchgebildet hat,
ist vorhanden. Bedenken Sie doch einmal, dafi Pflanzen
untereinander als Arten einen Daseinskampf fuhren. Aber
bedenken Sie, wie schon und grofiartig sich das Pflanzen-
und das Tierreich in ihrem gemeinschaftlichen Entwicke-
lungsprozefi gegenseitig unterstiitzen: Das Tier atmetSauer-
stoff ein und Stickstoff aus, die Pflanze atmet Sauerstoff aus
und Stickstoff ein. So ist ein Friede des Universums moglich.
Was die Natur auf diese Weise durch ihre Kraft hervor-
bringt, es ist fiir den Menschen bestimmt, dafi er es bewufit
aus seiner individuellen Natur hervorbringe. Stufenweise
ist der Mensch fortgeschritten und stufenweise hat sich bei
ihm dasjenige gebildet, was wir als das Selbstbewufitsein
unserer individuellen Seele erkennen. Unsere Weltlage miis-
sen wir so betrachten, dafi wir sie herausentwickelt denken
und dann ihre Tendenz nach der Zukunft hin verfolgen.
Gehen Sie zuriick in f ruhere Zeiten, dann sehcn Sie im Men-
schenreiche bei seinem Aufgange noch Gruppenseelen wal-
ten, die in kleinen Stammen und Familien vorhanden sind;
da haben wir es also audi beim Menschen mit Gruppenseelen
zu tun. Je weiter Sie in der Welt zuriickblicken, desto kom-
pakter, desto einheitlidier ersdieinen Ihnen die Menschen,
die so zusammengefafk sind. Wie ein Geist ist es, der die
alte Dorfgemeinde durchdrang, die dann zum primitiven
Staate wurde. Sie konnten studieren, wie es noch etwas
anderes war, als Alexander der Grofie seine Massen in den
Krieg fiihrte, als wenn heute Menschenmassen mit ihren
viel ausgebildeteren individuellen Willen in einen Krieg ge-
fiihrt werden. Das mufi man riditig beleuchten. Denn das
ist der Gang der fortschreitenden Kultur, dafi die Menschen
immer individueller, selbstandiger und bewufiter werden,
selbstbewufiter. Aus Gruppen, aus Gemeinsamkeiten hat
sich das Menschengeschlecht herausgebildet. Und geradeso
wie wir Gruppenseelen haben, welche die einzelnen Tier-
arten leiten und lenken, so waren die Volker geleitet und
gelenkt von den grofien Gruppenseelen. Immer mehr und
mehr entwachst der Mensch durch seine fortschreitende Er-
ziehung der Lenkung der Gruppenseele und wird immer selb-
standiger und selbstandiger. Diese Selbstandigkeit brachte
ihn dahin, dafi er, wahrend er friiher doch in den Gruppen
nur mehr oder weniger feindlich seinem Nebenmenschen
entgegengetreten ist, er heute tatsachlich in einem die ganze
Menschheit durchdringenden Daseinskampf mitten drin-
nensteht. Das ist unsere Weltlage, und diese ist das Schicksal
insbesondere unserer Rasse, das heifk unserer unmittelbaren
Gegenwart.
In derGeisteswissenscharl unterscheiden wir in der gegen-
wartigen Weltenentwickelung zunachst fiinf aufeinander-
folgende grofie Rassen, dann sogenannte Unterrassen. Die
erste Unterrasse wurde entwickelt in uralten Zeiten, im fer-
nen Indien. Zunachst war diese Unterrasse durchsetzt von
einer Priesterkultur. Diese Priesterkultur gab ja unserer
jetzigen Rasse die ersten Impulse. Sie war herubergekom-
men aus der atlantisdien Kultur, die auf einem Boden war,
der heute den Grund des Atlantisdien Ozeans bildet. Diese
Rasse gab den Ton an; dann wurde sie gefolgt von andern
Unterrassen, und wir sind jetzt die funfte. Das ist nicht eine
Einteilung, die der Anthropologic oder einer Rassentheorie
entlehnt ist, sondern eine soldie, wie sie im sedisten Vor-
trage dieser Reihe naher ausgefiihrt werden wird. Die funfte
Rasse ist die, welche den Menschen am weitesten gebracht
hat in seinem Sondersein, in seinem individuellen Bewufk-
sein. Das Christentum hat den Menschen geradezu dazu
vorbereitet, ein solches Sonderbewufitsein zu erlangen: der
Mensch mufite dieses Selbstbewufitsein erringen. Wenn wir
zuriickblicken auf die Zeit vor Christus, wo im alten Agyp-
ten die gigantischen Pyramiden gebaut worden sind, da
hat ein Heer von Sklaven Arbeiten verrichtet, von deren
Schwierigkeiten und Muhen heute sich kein Mensch mehr
eine richtige Vorstellung macht. Aber mit Selbstverstand-
lichkeit und einem ungeheuren Frieden haben zu der weit-
aus grofiten Zeit diese Arbeiter gerade gebaut. Sie haben
gebaut, weil in jener Zeit die Lehre von Reinkarnation und
Karma eine Selbstverstandlichkeit war. Das sagt Ihnen kein
Buch, aber das wird Ihnen, wenn Sie in die Geisteswissen-
schaft eindringen, allmahlich ganz klar. Jeder Sklave, der
da seine Hande wundarbeitete und in Not und Elend war,
der wufite fur sich genau: Das ist ein Leben unter vielen,
und ich habe das, was ich jetzt erleide, als Folge dessen zu
tragen, was ich in den friiheren Leben mir vorbereitet habe!
Wenn das aber nicht der Fall ist, so werde ich in einem
kiinftigen Leben die Wirkung dieses meines jetzigen Lebens
erfahren; der, welcher mir heute befiehlt, ist auf demselben
Standpunkte gewesen, wie ich es heute bin, oder er wird es
noch sein.
Unter dieser Gesinnung aber ware niemals das ganze
selbstbewufke Erdenleben zur Entfaltung gekommen, und
die hohen Machte, welche das Schicksal des Menschen-
gesdiledits im Grofien leiten, wufiten, was sie taten, als sie
eine Zeitlang, durch Jahrtausende hindurdi, das Bewufitsein
von Reinkarnation und Karma schwinden liefien. Das war
die grofie bisherige Entwickelung des Christentums, dafi es
verschwinden gemadit hat das Hinaufsehen, das Hinauf-
blicken zu einem Jenseits, das ausgleichend wirken soil, und
aufmerksam gemadit hat auf die ungeheure Wichtigkeit des
Diesseits.
Mag es ja in seiner radikalen Ausfiihrung zu weit ge-
gangen sein, aber das mulke geschehen, denn die Dinge der
Welt entwickeln sich nicht nach der Logik, sondern nach
andern Gesetzen. Man hat von diesem Erdenleben eine
Ewigkeit von Strafen abgeleitet; die Entwickelungstendenz
hat dazu gefuhrt, wenn es auch ungereimt ist. So hat die
Menschheit gelernt, sich bewufit zu sein dieser einen Erden-
existenz. Dadurch wurde die Erde, dieser physische Plan,
dem Menschen unendlich wichtig. Und es mufite so werden,
es mufite so kommen. Alles, was heute geschieht, was den
Erdkreis in materieller Beziehung erobert hat, alles das
konnte sich nur entwickeln aus einer Gesinnung heraus,
welche auf einer Erziehung fufk fiir diese Erde, abgesehen
von dem Gedanken von Reinkarnation und Karma. So
sehen wir die Folge dieser Erziehung: das vollstandige Her-
ableben des Menschen auf den physischen Plan. Denn da
nur konnte sich die individuelle Seele entwickeln, da ist sie
abgesondert, eingeschlossen in diesen Leib und kann nur
herausschauen als ein abgeschlossenes Sonderdasein durch
seine Sinne. Damit haben wir immer mehr und mehr von
menschlicher Konkurrenz, immer mehr und mehr von der
Wirkung desSonderdaseins hineingebracht in dasMenschen-
geschlecht. Wir diirfen uns nicht wundern, wenn das Men-
schengeschlecht heute noch lange nicht reif sein kann, um
das, was heranerzogen werden mufke, wiederum auszu-
schalten. Wir haben ja gesehen, dafi die gegenwartigenArten
der Tiere durdi ihre gegenseitige Hilfe zu ihrer Vollkom-
menheit sidi entwickelt haben, und dafi der Kampf nur von
Art zu Art gewaltet hat. Wenn aber die menschliche Indi-
vidualist dasselbe ist wie die Gruppenseele der Tiere, dann
wird die menschliche Seele zu einem Selbstbewulksein nur
kommen konnen, indem sie denselben Kampf durchmacht
wie die Tiere draufien in der Natur. Solange der Mensch
noch nicht die Selbstandigkeit ganz herausentfaltet hat, so-
lange wird der Kampf noch dauern. Aber der Mensch ist
dazu berufen, in bewulker Weise das zu erreichen, was
draufien auf dem physischen Plane da ist. Daher wird es
ihn fiihren auf den Bewufitseinsstufen seines Reiches zu
gegenseitiger Hilfe und Unterstutzung, weil das Menschen-
geschlecht eine einzige Art ist. Und die Kampf losigkeit, wie
sie im Tierreich zu flnden ist, mufi in bezug auf das ganze
Menschengeschlecht erst erreicht werden: ein vollstandiger,
allumfassender Friede. Nicht der Kampf hat die einzelne
Tierart grofi gemacht, sondern die gegenseitige Hilfe und
Unterstutzung. Das jenige, was als Gruppenseele in der Tier-
art als einzelne Seele lebt, das ist friedlich mit sich selbst,
das ist die einheitliche Seele. Nur die menschliche indivi-
duelle Seele ist in diesem physischen Sondersein eine be-
sondere.
Das ist die grofie Errungenschaft fiir unsere Seele, die wir
aus der spirituellen Entwickelung uns aneignen, da£ wir in
Wahrheit erkennen die gemeinschaftliche Seele, welche das
ganze Menschengeschlecht durchzieht, die Einheit in der
ganzen Menschheit, die wir nicht als unbewufites Geschenk
empfangen, sondern die wir uns bewufit erringen miissen.
Diese einheitliche Seele im ganzen Menschengeschlecht wahr-
haft und wirklich zu entwickeln, das ist die Aufgabe der
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Das spriciht sich
in unserem ersten Grundsatz aus: einen Bruderbund zu
griinden iiber die ganze Erde hin, ohne Rucksicht auf Rasse,
Geschlecht, Farbe und so weiter. Das ist die Anerkennung
der Seele, die der ganzen Menschheit gemeinsam ist. Bis in
die Leidenschaften hinein mufi die Lauterung stattfinden,
die es dem Menschen selbstverstandlich macht, da£ in sei-
nem Bruder die gleiche Seele lebt. Im Physischen sind wir
getrennt, im Seelischen sind wir eine Einheit als Ich des
Menschengeschlechtes. Aber nur im wahren wirklichenLeben
konnen wir das erfassen und uns da hineinfinden. Daher
kann es nur die Pflege spirituellen Lebens sein, welche uns
durchdringt mit dem gemeinschaftlichen Hauch dieser ein-
heitlichen Seele. Nicht die gegenwartigen Menschen mit
ihren Grundsatzen, sondern die Zukunftsmenschen, welche
immer mehr und mehr das Bewulksein fiir diese Einheits-
seele entwickeln, die werden es sein, die den Grund zu einem
neuen Geschlecht, zu einer neuen Rasse legen, die in gegen-
seitiger Hilfe ganz aufgeht. Daher besagt unser erster
Grundsatz etwas ganz anderes, als was sonst gewohnlich
gesagt wurde. Wir kampfen nicht, wir bekampfen auch
nicht den Krieg oder etwas anderes, weil der Kampf uber-
haupt nicht zur hoheren Entwickelung fiihrt. Aus dem
Kampf heraus hat sich jede Tierart als eine besondere Rasse
entwickelt. Uberlassen Sie alien Kampf um uns herum den
Bissigen, die noch nicht reif genug sind, das aufzusuchen,
was die gemeinschaftliche Seele im Menschengeschlecht im
spirituellen Leben auf sucht.
Eine wirkliche Friedensgesellschaft ist eine solche, die
nach Geist-Erkenntnis strebt, und die wirkliche Friedens-
bewegung ist die geisteswissenschaftliche Stromung. Sie ist
die Friedensbewegung, so wie in der Praxis einzig und allein
eine Friedensbewegung sein kann, weil sie ausgeht auf das,
was im Mensdien lebt und der Zukunft entgegengeht.
Wie ein Zug von Osten her hat sich immer das spirituelle
Leben entwickelt. Der Osten war das Gebiet, in dem das
spirituelle Leben gepflegt worden ist. Und hier im Westen
war das Gebiet, in dem die aufiere materielle Kultur ent-
faltet worden ist. Daher wird auch nach dem Osten gesehen
als nach einem Gebiete, wo die Mensdien traumen und
sdilafen. Wer aber weifi, was in den Seelen jener vorgeht,
die von uns Traumende oder Schlafende genannt werden,
wenn sie in Welten aufsteigen, welche die westlichen Volker
nicht kennen? — Nun miissen wir heraus aus unserer mate-
riellen Kultur mit Beriicksichtigung alles dessen, was in der
physischen Welt urn uns herum ist. Mit dem, was wir auf
dem physischen Plan erobert haben, miissen wir hinauf in
das Geistige, in das Spirituelle. Es ist in gewissem Mafie
mehr als symbolisch bedeutend, dafi in England der Dar-
winismus noch in Huxley einen Vertreter gefunden hat, der
aus seiner westlichen Anschauung heraus notig hatte zu
sagen: Die Natur zeigt uns, dafi die MenschenafFen gegen-
einander kampften, und der Starkste war es, der auf dem
Plane blieb -, wahrend vom Osten die Parole ausging: Stiit-
zung, gegenseitigeHilfe, das ist es, was die Zukunft sichert!-
Wir haben eine ganz besondere Aufgabe hier in Mittel-
europa. Nichts wiirde es uns helfen, einseitig morgenlan-
disch oder einseitig englisch zu sein. Wir miissen das Mor-
genrot des Ostens und die physische Wissenschaft des Westens
zu einer grofien Harmonie vereinigen. Dann werden wir
verstehen, wie vereinigt wird die Idee der Zukunft mit der
Idee des Kampfes um das Sonderdasein.
Es ist mehr als zufallig, dafi in jenem Grundbuch der
Theosophie, demjenigen Buch, aus dem der, welcher sich
tief er einlassen will auf das spirituelle Leben, Licht auf dem
Wege finden kann, das zweite Kapitel bedeutsam mit einem
Satz schliefit, der mit dieser Idee zusammenfallt. Nicht wie
eine Phrase steht es hier in «Licht auf den Weg», sondern
weil die Entwickelung zum Geist den Menschen dahin fiih-
ren wird, wo die Menschen erkennen werden, dafi mit der
gemeinsamen Seele, die sich hineinlebt in die einzelne Men-
schenseele, die in ihr auflebt und aufleuchtet, zu gleicher
Zeit die schonen Worte zusammenstimmen, womit die bei-
den Kapitel in «Licht auf den Weg» schliefien. Derjenige,
der sich ganz hineinvertiefl in dieses herrliche Buchelchen,
das die Seeie nicht nur mit dem Inhalt erf iillt, der uns inner-
lich fromm und gut macht und audi nach und nach dem
Menschen durch die Kraft der Worte wirkliches Hellsehen
gibt, er sieht den Ausgleich im einzelnen, wenn er das durch-
lebt hat, was in jedem Kapitel steht. Und dann senken sich
auf und in die Seele die letzten Worte: «Der Friede sei mit
dir.» Das wird sich am Schlusse der ganzen Menschheit mit-
teilen durch dasjenige, was wir als Geisteskraft hegen und
pflegen. Dann senkt sich spirituell der Menschengenius iiber
das Menschengeschlecht, dessen hauptsachliche Worte sein
werden: Der Friede sei mit dir. - Das eroffnet uns die rich-
tige Perspektive. Da miissen wir nicht nur von Friede spre-
chen,uns denFrieden als Ideal hinstellen,Vertrage schliefien,
Schiedsgerichtsspriiche herbeisehnen, da miissen wir das gei-
stige Leben, das Spirituelle pflegen, dann rufen wir in uns
die Kraft hervor, die als Kraft der gegenseitigen Hilfe-
leistung sich iiber das ganze Menschengeschlecht ausgiefit.
Wir bekampfen nicht, wir tun etwas anderes: Wir pflegen
die Liebe, und wir wissen, dafi mit diesem Pflegen der Liebe
der Kampf verschwinden mufi. Wir stellen nicht Kampf
gegen Kampf. Wir stellen die Liebe, indem wir sie hegen
und pflegen, gegen den Kampf. Das ist etwas Positives. Wir
arbeiten an uns in der Ausgiefkmg der Liebe und begriinden
eine Gesellschafl, die auf Liebe gebaut ist. Das ist unser
Ideal. Dann werden wir, wenn wir das seeliscli lebendig
durchdringen, in einer neuen Weise, in der Weise, wie es
das Christentum will, einen uralten Spruch wahrmachen.
Und ein neues Christentum oder vielmehr das alte Christen-
tum wird fur die neue Menschheit erwachen. Seinem Volke
hat Buddha einen Spruch gegeben, der eine solche Pflege in
Aussicht nimmt. Aber eine solche Pflege der Liebe hat audi
das Christentum in vielleicht noch schoneren Worten, wenn
man sie rich tig versteht: Nicht durch Kampf iiberwindet
man den Kampf, nicht durch Hafi iiberwindet man den
Hafi, sondern den Kampf und den Hafi iiberwindet man in
Wahrheit allein durch die Liebe.
GRUNDBEGRIFFE DER THEOSOPHIE
SEELE UND GEIST DES MENSCHEN
Berlin, 19. Oktober 1905
Es ist noch nicht lange her, da gait es in gewissen Kreisen
im eminentesten Sinne als unwissenschaftlich, von einer Seele
des Menschen als einer besonderen Wesenheit zu sprechen.
Und gar noch neben der Seele von einem Geiste zu sprechen,
das fmdet heute das allergeringste Verstandnis. Nun ist das
Thema, das wir uns heute gestellt haben, reichlich grofi in
seinem Umfange. Einige Hauptlinien zu zeigen, wird mir
wohl nur moglich sein. Innerhalb der geisteswissenschaffc-
lichen Weltanschauung werden wir namlich zu jener alter en
Einteilung des Menschen gefuhrt, die eine Dreiteilung ist
gegenuber dem, was imBewufitsein des gegenwartigen Men-
schen fast einzig und allein noch irgendwelche Geltung hat,
gegenuber der Zweiteilung von Korper und Seele. Die Drei-
teilung, zu welcher die theosophische oder geisteswissen-
schaflliche Weltanschauung wieder zuriickgreifen mufi, ist
die von Korper, Seele und Geist. Nun lassen Sie zunachst
einmal uns ein wenig verstandigen dariiber, was wir eigent-
lich unter Korper, Seele und Geist verstehen. Der Korper
des Menschen ist etwas, woriiber es nicht vieler Vorstellun-
gen zu einer Verstandigung bediirfen wird. Aber auf der
andern Seite ist die Vorstellung des Korperlichen, die Vor-
stellung des aufierlichen Physischen heute so sehr das ein-
zige, was unsere gegenwartige Menschheit beschafligt, dafi
die Verstandigung iiber den Unterschied von Seele und
Geist und schon iiber das Wesen der Seele selbst recht schwie-
rig ist. Wir mussen nun heute, im Gegensatz zu manchem
andern Vortrag, den ich hier gehalten habe, auf eine redit
intime Genauigkeit unserer Begriffe und Ideen, die wir hier
entwickeln wollen, sehen und ich mufi Sie daher bitten,
heute Ihre Aufmerksamkeit zunachst einmal fiir feinere
Unterschiede in den mensdilichen Vorstellungen in Anspruch
nehmen zu diirfen.
Wenn ein Mensch vor Ihnen steht, so werden Sie ohne
weiteres zugeben, dafi in dem Raume, den der betreffende
Mensch ausfiillt, des Menschen Leib vorhanden ist. Denn
von diesem Menschenleib liefern Ihnen Ihre Sinne ein Zeug-
nis. Nun aber kann der Mensdi selbst sich durch seine Sinne
wenigstens teilweise betrachten, und wir konnen daher
sagen, der Mensch ist fiir einen andern sinnbegabten Men-
schen und fiir sich selbst ein leibliches, ein korperhaftes
Wesen. Aber in dem Raume, den der Mensch ausfiillt, ist
zweifellos noch viel mehr vorhanden als dasjenige, was Ihre
Sinne sehen konnen. Es ist vielleicht fiir das menschliche
Leben in seiner Ganzheit begriffen das, was der andere mit
seinen Augen sehen und mit seinen Handen betasten kann,
das Allergeringfugigste. Denn wenn der Mensch von seinem
Leben spricht, so spricht er sehr selten von seinem korper-
lichen, sinnenfalligen Aufieren. Er spricht dann von seinem
Schicksal, von Lust und Leid, von Schmerz und allem, was
im Inneren lebt und zunachst nicht fiir die Sinne wahr-
nehmbar ist. Ein Mensch kann vor Ihnen stehen und ein
anderer neben ihm. Das, was Ihre Sinne wahrnehmen an
den beiden Menschen, ist zunachst nicht das ganz Wesent-
Hche, sondern es kommt dazu, dafi vielleicht in dem einen
Menschen ein trauriges inneres Seelendasein lebt und in
dem andern Menschen ein durchaus lusterfiilltes, freudiges
Seelenleben. In beiden Fallen fiillt also, wie Sie sehen, des
Menschen innere Wesenheit den Raum noch etwas anders
aus als das korperliche Dasein. Wenn Sie einen Blinden vor
einen Mensdien hinstellen, so nimmt dieser Blinde das kor-
perlidie Dasein desselben zunachst nicht wahr. Er wird
unter Umstanden, wenn er nicht besonders durch seinen
Tastsinn oder auf andere Weise aufmerksam gemacht wird,
zu der Behauptung verleitet werden konnen, dafi im Raume
niemand ist, weil sein Auge ihm nichts erofTnet. Um von
einem aufieren sinnenf alligen Dasein Uberzeugt zu sein, da-
zu gehoren eben Sinne, Sinne, die fahig sind, dieses aufiere
korperliche Dasein wahrzunehmen. Nun miissen wir uns
fragen: Ware denn dieses aufierliche korperliche Dasein
nicht auch dann da, wenn es nicht wahrgenommen wiirde?
Stiinde ich nicht audi an diesem Orte, wenn ringsherum
lauter Blinde und Taube waren, die mich nicht sehen und
horen konnen? Fur mich ware ich da, in mir ware ich da.
Und ebenso wie ich meinem korperlichen Dasein nach in
mir da bin und dieses unterschieden werden mufi von der
Wahrnehmung von seiten der andern, so miissen wir uns
jetzt audi heraufschwingen zu einer Moglichkeit, diesen
selben Unterschied fur das zu machen, was ich als eine
zweite Art des Daseins aufgezahlt habe, fiir die Lust und
den Schmerz, fiir das Leben, das den Raum ausfullt, ohne
dafi die Sinne das Raumerfiillende wahrnehmen. Wenn ein
Mensch vor einem Blinden steht und dieser Blinde plotzlich
sehend wird, so wird das aufiere Dasein fiir den Blinden ein
wahrnehmbares Dasein und die Frage entsteht: Konnte nun
nicht auch das zunachst fiir die korperlichen Sinne nicht
wahrnehmbare Dasein von Lust und Leid, von Schmerz
und Freude, von Zorn und Leidenschaft, das im Menschen
ebenso lebt wie sein rotes Blut, seine Nerven und Knochen,
da sein als ein fiir den andern Menschen bestehendes Wahr-
nehmbares?
Der Mensch weifi von dem, was er wahrnehmen kann.
Der Mensch ist ein Wesen, welches in Entwickelung begrif-
fen ist, ein Wesen, welches von unvollkommenen Stufen in
einer fernen Vergangenheit sich heraufentwickelt hat zu
seinem gegenwartigen Dasein. Alle Organe, die am und im
Menschen sind, haben sich nach und nach entwickelt. Nach
und nach ist am aufieren Dasein heranentwickelt worden
die Seh- und Horf ahigkeit, nach und nach ist erst die auiSere
physische Welt zu einer wahrnehmbaren Welt fiir den Men-
schen geworden, zu einer Welt, von der er weifi, die er be-
obachten kann. Wenn der Mensch so in der Entwickelung
ist, konnten wir da nicht f ragen, ob er sich nicht auch weiter-
entwickeln konne? Kann ihm nicht wahrnehmbar werden,
was ihm heute noch nicht wahrnehmbar ist? — Ebenso wie
der Raum, in dem ein Mensch stent, zunachst fiir den Blin-
den finster und dunkel ist und dann, wenn er sehend wird,
der Blinde anfangt Farben wahrzunehmen und die physi-
sche Gestalt, so konnte es doch auch sein, daft das, was noch
im Raume lebt, was die Seele durchzuckt, auch sichtbar,
wahrnehmbar gemacht wiirde. Zu seiner aufieren, sinnlichen
Sichtbarkeit ist der Mensch durch die aufieren Krafte der
Welt gefuhrt worden. Da hat er nichts dazu getan. Er ist
von der Naturordnung hereingestellt worden auf den phy-
sischen Plan, mit sinnlichen Organen bewaffnet, um die
sinnliche Welt wahrzunehmen. Aber der Mensch kann seine
Weiterentwickelung selbst in die Hand nehmen, der Mensch
kann sich fahig machen, aufier der sinnlichen Welt um ihn
herum, weiteres zu erleben.
Diese Entwickelung zu einem hoheren Leben wurde seit
urdenklichen Zeiten immerdar gepflegt und gehegt in ge-
wissen menschlichen Gemeinschaften. Ebenso wie die Men-
schen zunachst sinnliche Augen und sinnliche Ohren haben,
so wurde durch die eigene Tatigkeit des Menschen das Ver-
mogen, durch seelische Augen, wenn ich mich so ausdriicken
darf, und durch seelische Ohren wahrzunehmen, immer-
dar in einzelnen Menschen ausgebildet. So wahr es ist, dafi,
wenn das Auge sidi auf sdiliefit, es eine f arbige Welt um sidi
herum wahrnimmt, wo sonst Finsternis und Dunkelheit
war, so wahr ist es audi, dafi durch eine entsprechende
Sdiulung das seelische Auge aufgeschlossen wird, so dafi
das, was in den AfFekten, in Lust und Leid lebt, wahrnehm-
bar wird. Anders als der gewohnliche Unterricht ist die
Unterweisung, die zu einer solchen hdheren Entwickelung
des Menschen fuhrt. Im einzelnen wird unser neunter Vor-
trag dasjenige besprechen, was von dieser inneren Entwicke-
lung offentlich iiberhaupt besprochen werden kann. Der-
jenige, der mehr wissen will uber diese innere Entwickelung,
wird noch Weiteres dariiber erfahren konnen. Heute kann
ich nur auf den neunten Vortrag verweisen. Das Notwen-
digste soil aber angedeutet werden.
Von jenem Unterrichte, den der Mensch erhalten muft,
um seelische Augen und Ohren zu erhalten, weift die auftere
Kultur von heute sehr wenig. Und von dem, was man er-
fahren kann, ist nur Geringfiigiges bekannt. Aber gerade
die geisteswissenschaflliche Weltanschauung ist dazu be-
rufen, ein Verstandnis fur das Obersinnliche wachzurufen,
weil es ein notwendiges Erfordernis fur die Kultur ist.
Heute geht aller Unterricht darauf hinaus, moglichst viel an
Inhalt fur den Verstand, an Inhalt fur die Vernunft auf-
zunehmen. Dies bedeutet aber nichts anderes, als dafi in uns
eine Vorstellungswelt erweckt wird, die auf die aufiere sinn-
liche Welt Bezug hat. Immer weitere Kreise zieht unser
aufieres sinnliches Erkennen. Aber das ist nicht so notwen-
dig; es ist fur unsere gegenwartige Kultur, so grofiartig es
ist in seinen Errungenschaften, nicht dasjenige, was den
Menschen vertieft. Es gab zu alien Zeiten eine andere Unter-
weisung, eine Unterweisung, welche nidit nach der aufieren
Breite der Sinnenwelt geht, sondern nach der Tiefe des
Weltenseins hinzielt. Von ihr konnen Sie sich einen Begriff
madien, wenn ich sie Ihnen nur mit ein paar Worten schil-
dere.
Alles, was Sie gegenwartig in den wissenschaftlichen
Schriften lesen, ist durch aufiere sinnliche Beobaditung zu-
stande gekommen. Es wird von der Wissenschaft mehr oder
weniger als etwas betraditet, in das nichts hineingehort, was
nicht durch die aufiere Beobaditung zustande gekommen ist.
Man setzt voraus, daft der Mensch, so wie er ist, bleiben
soli, dafi er schon die Fahigkeit hat, das, was ihm diese Wis-
senschaft bieten kann, aufzunehmen. Im wesentlichen ist es
aber ganz und gar anders, wenn es sich um dieUnterweisung
handelt, welche zu seelischer Wahrnehmungsfahigkeit des
Menschen fiihren soil. In solchen Schulen wird anderes ge-
lehrt. Da wird zunachst nicht dem Menschen ein Lehrmate-
rial iibergeben, welches moglichst viele Begriffe iibermittelt,
sondern da ist es so gewesen, dafi ein Schuler zu einem, sagen
wir, Meister kam und vermoge seiner ganzen Charakter-
anlage fiir reif befunden worden ist, die inneren Sinne zu
entwickeln. Dann mufite er nicht viel neuen Inhalt in sich
aufnehmen, sondern er mufite zunachst ein ganz anderer
Mensch werden. Er bekam nicht ein Buch, nicht einen beson-
deren Inhalt, sondern zunachst einen sogenannten ewigen
Gedankeninhalt, etwas Ewiges, das herriihrte von denjeni-
gen Menschen, welche weiter waren in ihrer Entwickelung
als die iibrigen Kulturmenschen.
Wir miissen uns einmal verstandigen dariiber, was wir
unter einem solchen ewigen Gedankeninhalt verstehen. Ver-
suchen Sie einmal, in Ihrer Seele Umschau zu halten und sich
zu fragen: Wieviel gehort von den Vorstellungen und Ge-
danken, die in mir leben, von den Gefiihlen und dem, was
sonst in meiner Seele ist, der Zeit und dem Orte an, in wel-
chen ich lebe? - Versuchen Sie einmal dariiber nachzuden-
ken, was Ihre Seele durdizieht vom Morgen bis zum Abend,
und was anders, ganz anders sein wiirde, wenn Sie statt in
Berlin in Moskau waren, und dann, wenn Sie nicht am An-
fange des 20. Jahrhunderts, sondern am Ende des 18. Jahr-
hunderts leben wiirden. Ziehen Sie alles dasjenige, was Sie
auf diese Weise aus Raum und Zeit, in denen Sie leben, her-
aus genommen haben, von Ihrem Seeleninhalt ab. Versuchen
Sie sich klarzuwerden, wieviel von dem, was Sie sich vor-
stellen, audi fiir einen Menschen an einem andern Ort und
in einer andern Zeit gelten wiirde. Es ist nicht viel. Aber es
gibt Dinge, die nicht blofi fiir heute und fiir Berlin gelten,
sondern audi fiir andere Orte und andere Zeiten. Wenn wir
in diesem Sinne aufsteigen, finden wir immer mehr und
mehr, dafi wir, wie von einem grofien geistigen Fuhrer der
Menschheit, den Sinn vor alien Dingen auf solche ewigen
Gedankeninhalte hingelenkt. Die religiosen Schriften aller
Zeiten sind voll von solchen Dingen, die unabhangig sind
von Raum und Zeit. Und um das Trivialste zu nennen,
kann ich sagen, Mathematik ist etwas, was unabhangig ist
von Raum und Zeit. Was sich mit Zeitlichem und Raum-
lichem beschaftigt, ist selbst zeitlich und verganglich. Be-
schaftigt sich aber die Seele mit Unverganglichem, dann
wird sie ewig und unverganglich und nimmt auf, was un-
sterblich ist. Daher wird der Seele zunachst von dem Meister
ein ewigerGedankeninhalt gegeben,der jedem gegeben wer-
den kann, gleichgiiltig, ob er in Amerika, in Japan oder an
der Siidspitze Afrikas lebt, ein Gedankeninhalt, der nur mit
dem Innersten der Seele verwandt ist.
Dann hatte der Schuler von sich abzulosen die sinnliche
Aufienwelt und mit dem zu leben, was in seinem Inneren
als Kraft lebt. Mit ungeheurer Geduld mufite die Vertiefung
in das menschliche Innere der Seele geschehen. Des Men-
schen Inneres ist ein Lebendiges, und wie aus der blofien
Zellenmasse der Wunderbau des physischen Auges entstan-
den ist, so entsteht in der Seele das geistige Auge durch den
ewigen Geistesinhalt, wenn sie sich so vertieft und in der
Meditation lebt. Das physische Auge war nicht immer da. Es
ist entstanden durch den Zusammenfluft der aufieren physi-
sdien Krafle. In der Seele ist der Mensch imstande, das see-
lische Auge zu erwecken, wenn er von dem seelischen Inhalte
sich weiterentwickeln lafit. In Geduld harrten und harrten
solche Schiiler, die einen groften Teil des Tages zu ihren
Obungen verwenden mufken. Es gab Zeiten in der Kultur,
in denen das moglich war. So harrten sie, bis die durch die
seelische Vertiefung erweckten inneren Krafle ihnen die
Wahrnehmung gaben f ur das, was als Lust und Leid, als In-
stinkte, Leidenschaften und Trieb den Raum ausfullte.
Ein physisches Auge sieht dadurch, dafi die aufiere Licht-
quelle Strahlen auf einen Gegenstand wirft. Ohne Licht
wird nicht gesehen. Auge und Licht gehoren zusammen. In
der sinnlichen Auftenwelt sind Auge und Licht zwei ge-
trennte Dinge. In der Seele wird das seelische Auge erweckt,
und das ist zugleich die Quelle eines neuen seelischen Lichtes.
Wir selbst miissen dieses Licht von uns ausstrahlen, welches
das Seelische, das vor uns steht, sichtbar macht. Wenn
Sie auf diese Weise, durch Versenkung in Ihr Inneres
und die damit verbundene Erweckung des inneren Lebens,
das innere Licht erhalten haben, dann fangt Ihr eigener
Astralkorper von innen heraus zu leuchten an und be-
leuchtet alles in Wahrheit und Wirklichkeit wie die Sonne
die Gegenstande. Aber Sie beleuchten nicht die aufiere Welt,
sondern das, was seelisch ist, was im Menschen lebt als
Affekt; das wird dann durch die Strahlen, die Sie selbst
aussenden, fiir Sie sichtbar. So kann der Mensch dasjenige,
was ist, aber was aufierlich nicht wahrnehmbar ist, fiir sich
wahrnehmbar machen.
Alle die grofien Fuhrer der Menschheit, die uns da von
der Seele gesprodien haben: glauben Sie nicht, dafi sie nur
leere Phrasen und Worte im Sinne hatten. Man weifi, wenn
man blofl an die sinnlidie Welt glaubt, nidits von den
Tiefen, welche die Mensdienkultur bewegt und bewirkt
haben. Aus der unmittelbaren Ansdiauung wird gewohnhch
gesprochen. Fassen Sie zum Beispiel das Verhaltnis von
Seele und Korper ins Auge, wie ich es eben besprochen habe,
dann miissen Sie sich sagen, dieses Verhaltnis von Seele und
Korper ist ein solches, dafi das Korperliche, das vor uns
steht, durchstromt und durchsetzt wird von einem Seeli-
schen. Und so wahr es ist, dafi dieser Korper, den Sie Ihr
eigen nennen, von aufien durch Nahrungsmittel genahrt
wird und dadurch von aufien sich belebt und erganzt, ebenso
wahr ist es, dafi dieser Korper durch das Seelische belebt,
durchhellt und durchstromt wird. Wenn dieser Korper
schlafl, ist das Seelische zunachst nicht in ihm, dann ist es
von ihm getrennt, es ist aufier ihm. Dann konnen wir nicht
davon sprechen, dafi das Seelisdie in den Korper einstromt.
Ein deutscher Theosoph, ein tiefer Geist, hat sich iiber dieses
Verhaltnis von Seele und Leib in einer wunderbar reiz-
vollen Art ausgesprochen, die man nur dann richtig ver-
steht, wenn man solche Voraussetzungen macht, wie wir sie
eben gemacht haben. Dieser Theosoph - so diirfen wir ihn
nennen — spricht von dem Schlafe, wenn die Seele nicht
in dem Korper ist, in einer eigentumlichen Art. Er sagt:
«Schlaf ist Seelenverdauung; der Korper verdaut die Seele.
Wachen ist Einwirkungszustand des Seelenreizes - der Kor-
per geniefit die Seele.» Es ist dies ein wunderbarer Vergleich.
Wie man bei der Nahrungsaufnahme die Nahrung geniefit,
so geniefit - meint dieser Theosoph - der Korper die Seele,
die in ihm lebt. Und so wie der Korper, nachdem er die
Nahrung genossen hat, sie verdaut, so verdaut der Korper
im Schlafzustand das, was die Seele in ihn hineingesenkt
hat. Sehr schon ist dieser Ausspruch unseres deutschen Dich-
ter-Theosophen Novalis. Bei ihm konnen Sie einen Quell
der schonsten geisteswissenschaftlichen Weisheit finden. Er
kann nur von der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung
aus verstanden werden. Unzahliges aus der deutschen Gei-
steswelt konnte ich anfuhren, was Ihnen zeigen wiirde, wie
die grofien Seher der Menschheit von Seele und Leib und
ihrem Verhaltnis zueinander mit Sachkenntnis sprachen.
Das dritte, wovon wir sprechen miissen, ist der Geist.
Lust und Leid, Schmerz und Freude, Leidenschaft, Instinkt
und Begierde und was wir sonst noch ahnlich benennen kon-
nen, fassen wir unter dem Namen Seele zusammen. Und
fragt man, was die Seele ist, dann sagen wir: Was im Inneren
zunachst zum lebendigen Dasein kommt, das ist die Seele.
Die Wahrnehmung dieser Seele kann derjenige erlangen,
der eine Ausbildung erhalten hat, wie ich sie eben geschildert
habe. Geist ist nicht nur im Inneren des Menschen vorhan-
den, sondern im Grunde genommen, durch eine sehr banale
Vernunfttatigkeit kann man sich uberzeugen, uberall in der
Welt. Alle Menschen in der Welt denken, denken in dem,
was um sie herum ist. Sie verschaff en sich durch ihre Ge-
danken Kenntnis von der Welt um sie herum. Diese Gedan-
ken sind nicht nur ein Ausdruck dessen, was in der Aufien-
welt lebt, sondern auch von etwas, was in der Aufienwelt
nicht lebt. Wenn Sie das Weltenall uberblicken, dann er-
blickt Ihr Sinn eine Unsumme von Sternen und Vorgangen,
eine ganze Sternenwelt, und dann kommt Ihr Nachdenken
und verschafrl; sich einen Begriff von dieser Sternenwelt.
Wenn Ihr Sinn einen Wassertropfen sieht, dann verscharft
sich Ihr Nachdenken einen Begriflf von diesem Wasser-
tropfen. Kiirzer gesagt, Sie sind nicht zufrieden, die Sachen
wahrzunehmen, Sie wollen sie auch begreifen. Das ist etwas
anderes als das blofie sinnKche Wahrnehmen. Wenn Sie em
Glas haben ohne Wasser darin, so konnen Sie audi kein
Wasser herausscbopfen. Wenn kein Gedanke und kein Be-
griff im Raume draufien ware, dann konnte man auch keine
herausholen. Es ware illusionar, uber die Welt nachzuden-
ken, wenn die Welt nicht nach Gedanken aufgebaut ware.
Der Stein, iiber den Sie nadidenken und den Sie begreifen,
mufi durch einen Gedanken entstanden sein, sonst konnte
der Gedanke nicht herausgeholt werden. Wenn Sie sich nicht
in groteske Widerspriiche verwickeln wollen, so miissen Sie
zugeben, dafi die Gedanken in der Welt draufien ebenso
wahr sind wie die Gedanken in Ihrem Kopfe drinnen. Sie
denken, und die Gedanken, die in Ihnen leben, sind keine
andern als die, welche die Welt aufgebaut haben.
So finden wir in unserer Seele noch etwas, was zwar auch
nicht sinnlich wahrnehmbar ist, was aber nicht blofi Innen-
leben ist, sondern uns zum Begreifen des ganzen Univer-
sums herausfuhrt. Dafi uns unsere Ideen und BegrifFe nicht
durch die Sinne wahrnehmbar werden, das miissen Sie zu-
geben, denn sonst hatte der Mensch ja auch die BegrifFe der
Sternenwelt, die er aber erst in seiner Seele bilden mufi. So
lebt der Begriff im Inneren und er lebt auch in der Aufien-
welt. Seele nennen wir dasjenige, was im Inneren beschlos-
sen ist. Der Schmerz gehort in unser eigenes Innere. Er hat
seine Grenzen in den Grenzen unserer Seele. Was ich fuhle,
was ich als Leid und Freude habe, das ist etwas, was mich
innerlich durchwebt und durchlebt, was aber den Sternen-
raum zunachst wenig angeht. Was in meinem Kopfe als Ge-
danke aufleuchtet, das hat mit der ganzen Aufienwelt etwas
zu tun. Das ist zunachst Geist draufien in der Welt, und
dann die Wiederholung des Geistes in der eigenen Seele.
So haben wir ein Dreif aches: Das Sinnliche in der Welt,
das stoffliche, materielle Dasein, wahrgenommen durch die
aufieren Sinne; die Seele, die wir erleben und welche die-
jenige Seele, die auf jene Weise unterrichtet ist, von der ich
gesprochen habe, ebenfalls wahrnehmen kann, und den
Geist, den wir voraussetzen in der ganzen Welt, als das sie
durchflutende Fluidum und als das, was uns die Wesenheit
der Dinge zunachst verkiindet. Wahrnehmen kann der
Mensch diesen Geist zunachst da, wo er als soldier auftritt.
Was er da wahrnehmen kann, ist seine aufiere Physio-
gnomic, das, wie sich der Geist in der aufieren sinnlichen
Wirklichkeit zum Ausdruck bringt. Nicht den Geist sieht
man in der Welt, sondern dasjenige, wodurch sich der Geist
zum sinnlichen Ausdruck verhilft.
Im Geiste denkt der Mensch. Der Gedanke lebt zwar in
der Welt, aber sehen kann ihn der Mensch nicht. Er kann
ihn nur denken. So wahr Sie selbst denken iiber die Welt
und so wahr sich in Ihnen ein geistiges Spiegelbild von der
Welt bildet, so wahr bildet es sich auch in jedem andern
Menschen. Und dieser andere Mensch ist nicht nur Trieb
und Leidenschaft, sondern in ihm lebt auch dieses geistige
Spiegelbild der Welt. Das kann nun wiederum fur eine
hohere Anschauung durch die Augen und Ohren des Geistes
wahrgenommen werden. Wahr ist es, dafi jene innere Schu-
lung, von der ich gesprochen habe, nicht nur die Fahigkeit
erzeugt, die Seele des Menschen wahrzunehmen, sondern es
kann der Mensch auch die Fahigkeit in sich ausbilden, den
Gedanken des andern zu sehen, das Weltbild, die ganze
Umwelt zu begreif en und wahrzunehmen. Dann, wenn der
Mensch nicht nur das aufiere Abbild dieses Gedankens wahr-
nimmt, sondern den Gedanken selbst, wenn er imstande ist,
seine geistigen Ohren dem Weltenall zu eroffnen, so dafi er
nicht nur durch seine Sinne den Sternenhimmel wahrnehmen
kann, sondern dasjenige, wodurch alles Sinnliche geworden
ist, fur das alles Sinnliche die aufiere Physiognomie ist, dann
wird er wahrhaft und wirklich die Gedanken, den Geist der
Welt wahrnehmen. Der Stern erscheint ihm dann nidit nur
als Stern, sondern der Stern sagt ihm etwas. Die Steine, zum
Beispiel der Bergkristall erscheint ihm nicht nur wasserhell,
sondern er sagt ihm audi seine Wesenheit an, und es ist mog-
lich, dafi der Mensch durch eine solche Vertiefung, wie sie
angedeutet worden ist, einem jeglichen Ding in ganz neuer
Art entgegentritt, so dajR die Dinge rings um ihn herum
tonend sprechen, ihm ihren innersten Namen sagen, uns
selbst ihr Wesen ankiindigen. Das meinten die alten Pytha-
goraer, die eine solche Schulung hatten, und die in ein solches
Horen der Welt einweihten, wenn sie von der Spharenmusik
sprachen. Nicht ein blofier Vergleich war es, es war das
unmittelbare Wahrnehmen und Bewufitwerden dessen, was
sonst hinter den Dingen sich verbirgt. Dieser Schleier der
Natur zerstiebt vor den geistigen Ohren, und die Har-
monie, die hinter diesem Schleier verborgen ist, tont her-
aus. Das meint auch Goethe mit seinen Worten im «Prolog
im Himmel». Nicht eine Phrase ist es, die da steht. Es ware
eine Phrase, wenn Goethe von einer tonenden Sonne spre-
chen wiirde. Aber nein, er spricht: «Die Sonne tont nach
alter Weise in Bruderspharen Wettgesang, und ihre vor-
geschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang.» Das
sind die aus der Weltenmusik herausklingenden Worte des
Weltgeistes. Goethe setzt dies spater noch einmal fort, da
wo er sagt: « Tonend wird fur Geistesohren schon der
neue Tag geboren.» Wenn der Mensch diese Fahigkeit ent-
wickelt, wird fur ihn das Geistige bewufit. Dann liegt
ihm der Gedanke so wahrnehmbar vor seiner Seele, wie
dem gewohnlichen Menschen der Korper.
Korper, Seele und Geist sind die drei Glieder der
menschlichen Wesenheit. Der Mensch ist zunachst ein leib-
liches, korperliches Wesen. In seinem Inneren lebt und
69
entwickelt sich das seelisclie Dasein. Und in diesem wie-
derum spiegelt sidi und lebt auf als ein Drittes der Geist
der ganzen Welt, soweit ihn der Mensch erfassen kann.
Von aufien in das Innere und von innen wieder hinaus,
das ist der Weg, den der Mensch vom Korper durch die
Seele zum Geist macht. Was gibt uns nun uberhaupt die
Moglichkeit, ein solches seelisches Dasein zu haben? Diese
Moglichkeit verdanken wir der Tatsache, dafi wir in der
Seele leben konnen. Wir leben in Lust und Leid, in
Schmerz und Freude, wenn wir es zunachst audi noch nicht
aufierlich wahrnehmen. Wir leben audi in unserem Korper,
aber den nehmen wir audi von aufien wahr. Es ist ein Un-
terschied zwischen diesen zwei Gebieten des Daseins. In der
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nennt man das-
jenige, was man so um sich herum hat, wie man zunachst
das aufiere Korperliche um sich herum hat: Dasein volliger
Bewufitheit. Unser Bewufitsein verbindet sich zunachst mit
dem korperlichen Dasein. Dieses Bewufitsein lebt so nur
auf dem physischen Plan und den physischen Plan nennen
wir das, was sich um uns herum fur die Sinne ausbreitet.
Etwas anderes ist das, was in unserer Seele lebt. Das nennt
man Leben, und dieses Leben nennt man ein Dasein auf
dem sogenannten astralen Plan. Der physische Plan und
der astrale Plan sind die beiden Gebiete, in denen der
Mensch lebt. Auf dem physischen Plan ist sich der Mensch
bewufit, auf dem astralen Plane lebt er nur. Da bildet er
sich die Dinge, die aufier ihm sind, noch nicht bewufk.
Aber er lebt im Seelischen oder Astralen.
Die dritte Art des Daseins ist das geistige Dasein. In ihm
leben wir im allgemeinen als gegenwartige Menschen noch
nicht oder hochstens nur teilweise. Indem wir uns aber in
den Geist hineinleben, verbindet sich dieser Geist selbst
allmahlich mit unserer Seele und wir konnten sagen, diese
Seele breitet sidi iiber die ganze Umwelt aus, sie wird
immer grofier und grofier. Wenn der Mensch die Aufien-
welt ergreift, den Sinn und den Geist der Auftenwelt er-
fafit, dann ist er nidit mehr blofi in seinem Inneren be-
schlossen, sondern dann schreitet er ktihn aus sidi selbst
heraus und verbindet sidi mit den Dingen um ihn her.
Vergleichen Sie in dieser Beziehung das Tier mit dem Men-
schen. Das Tier lebt sozusagen ganz in der Seele. Es schafft
sich nicht BegrifiFe von der Umwelt. Es erweitert seine Seele
nicht iiber das Geistige der Welt. Dies ist audi der Unter-
sdiied des Menschen vom Tier. Das Tier lebt und webt
sozusagen in seinem Inneren. Der Mensch aber tritt wieder
aus seinem Inneren heraus. Wir konnten das audi mit den
Worten benennen: Der Mensch entselbstet sich. Seele, Innen-
leben hat der Mensch immer. Dieses Innenleben ist da. Aber
die Entwickelung des Menschen besteht darinnen, dafi er
dieses Innenleben ausdehnt iiber seine Umwelt, iiber das-
jenige, was um ihn her ist, iiber den Geist, dafi /es ausfliefit und
ausstromt iiber die ganze Welt. Wenn das geschieht, dann
verbindet sich des Menschen Seele mit dem Ewigen. Dann
tritt diese Ehe der Menschenseele mit dem Ewigen, dem
Weltengeiste ein. Dann, wenn diese Verbindung des Men-
schen mit dem ewigen Weltengeist eintritt, verwandelt sich
diese ganze Summe von Lust und Leid, diese ganze Welt
von Trieben und Begierden und Leidenschaften in unserem
Inneren, der ganze Astralkorper des Menschen wird ein
anderer. Diejenige Lust, diejenigen Instinkte des Menschen,
die ihm gegeben sind, so wie er aus der Hand der Natur
hervorgegangen ist, die er mit dem Tiere gemein hat, alles
dieses seelische Leben verschwindet und vergeht und gehort
als solches dem Verganglichen an. Versuchen Sie sich einmal
zu vergegenwartigen, was an solchen Instinkten, Leiden und
Freuden im Menschen lebt und wie sich dieses Leben abspielt
im Menschen. Sie hangen zusammen mit dem Vergang-
lichen.
Nun beginnt der Mensch herauszutreten aus dem Kreise
dieses Verganglichen. Er veredelt seine Triebe und Begier-
den, seine Leidenschaften, er hort auf, blofi an dem, was an
Ort und Zeit gebunden ist, Gefallen und Miftfallen zu
finden. Er erhebt sich zu dem, was hinter den Dingen liegt
und durch den Schleier des Sinnlichen eben verborgen ist.
Das ist etwas Wichtiges, wenn der Mensch anfangt, Freude
haben zu konnen an dem, was nicht bloft sein Auge ihm
gibt, sondern audi an dem, was durch die Eindrucke seiner
Augen aus der geistigen Welt in seine Seele sich senkt. Das
ist ein grojfter Moment in der menschlichen Entwickelung,
wenn der Mensch nicht mehr bloft seinen sinnlichen Instink-
ten folgt, sondern von ubersinnlichen Motiven, von sitt-
lichen Ideen und Begriffen geleitet wird, die nicht von
aufien, sondern vom Geiste her eindringen. Ebenso wie der
Korper von Seele durchsetzt ist, so durchsetzt sich die Seele
mit dem Geist. Nehmen Sie den Menschen auf gewissen
fruheren Entwickelungsstufen, da finden Sie ihn als korper-
liches Wesen und dieses durchsetzt von der Seele. Wahrend
der Mensch als Korper vor Ihnen steht, lebt er in seinen
Trieben und Leidenschaften sein Dasein aus. Immer mehr
und mehr kommt von dem Obersinnlichen in die Seele hin-
ein. Sie wird durchsetzt mit dem Geistigen. Dieses letztere,
also wenn die Seele allmahlich durchsetzt wird mit dem
Geistigen, hebt die Seele heraus aus Zeit und Raum, und so
viel in der Seele iiber Zeit und Raum Erhabenes ist, so viel
ist in ihr Unvergangliches, so viel bleibt von ihr als eine
unverganglicheWirkung ihrer selbst.So sehen Sie, daft eben-
so wie die Seele eingebettet ist in einen Korper, der Geist
eingebettet ist in die Seele. Und wie die Einbettung der
Seele in den Korper uns auf eine urferne Vergangenheit
hinweist, in der sie nach und nach miteinander verbun-
den wurden, so weist die Verbindung der Seele mit dem
Geist in die Zukunffc der Menschheit hinein. Ganz stufen-
weise gesdiieht diese Entwickelung. Sie gesdiieht zunachst
so, dafi immer mehr und mehr der Geist die Seele durch-
setzt.
Bedenken Sie, wie der Anfang des geistigen Inhalts in der
Seele zunachst ist. Denken Sie, Sie haben einen Gegenstand
vor sich. Sie sehen ihn an als sinnlichen Gegenstand. Sie
drehen sich um: der sinnliche Gegenstand ist nicht mehr vor
Ihnen. Aber ein Bild dieses sinnlichen Gegenstandes ist vor
Ihnen. Wir nennen das die Vorstellung von dem Gegen-
stand, in einer gewissen Beziehung die Erinnerung an ihn.
Das bleibt in der Seele. Das ist das erste Element, wie der
Geist in der Seele Platz greifl. Es geschieht in der Form der
Erinnerung. Wir konnten nicht irgend etwas von demGeiste
unserer Umwelt in uns aufnehmen, wenn wir nicht im-
stande waren, audi dann von den Gegenstanden noch etwas
zu wissen, wenn sie nicht mehr vor uns stehen. In der Er-
innerung lebt das erste Element des Geistes in dem Men-
schen. Und wie es den Gegenstanden der Umwelt gegeniiber
ist, so ist es audi der eigenen Seele gegeniiber. Machen wir
uns nur einmal klar, welche Rolle die Erinnerung in unse-
rem Seelenleben spielt. Das Tier lebt ganz in der Gegen-
wart. Natiirlich sind die Stufen, die ich angebe, die Grade,
die ich mache, extremer ausgesprochen, als sie in Wirklich-
keit sind. Audi die Tiere haben eine gewisse geistige Ent-
wickelung durchzumachen, aber man mufi im Ausdruck in
ein gewisses Extrem verfallen, um die Sache klarzumachen.
Was das Tier heute empfindet und erlebt, ist fur dasselbe
die Hauptsache. Was fiir die Menschen zunachst die Ver-
geistigung des ganzen Wesens ausmacht, das ist, dafi er iiber
die Gegenwart hinaus zu leben vermag. Indem wir von unse-
rem Geistigen die Erinnerung mit in unsere Gegenwart, in
unser Heute heraufnehmen, vergeistigen wir uns immer
mehr und mehr; dadurch ergreifen wir den Geist im ersten
Element. Ich habe das Geistige vor mir, wenn ich mich an
die Erlebnisse von gestern erinnere. Die Erinnerung ist eines
der wichtigsten Momente fur die Vergeistigung des seeli-
schen Lebens. Nun kniipft die Erinnerung den Faden an das
mit dem Aufleren zusammenhangende geistig-seelische Da-
sein an, das sich von der Geburt bis in die Gegenwart zieht.
Konnten wir uns nicht an vergangene Tage erinnern, dann
hatten wir nur wenig geistigen Inhalt. Es gibt heute noch
Volkerschaften, welche eine soldie Erinnerung nicht haben.
Es gibt noch Volker, welche vergessen, welche Erlebnisse
sie in der Kalte machen und daher jeden Abend von neuem
sich eine schiitzende Hiille suchen miissen. Diese Erinnerung
aufgenommen und immer mehr und mehr ausgebildet, das
ist das, was derjenige sucht, der nach hoherer Entwickelung
strebt. Hier beginnt die Moglichkeit, iiber unser vergang-
liches Dasein, das zwischen Geburt und Tod eingeschlossen
ist, hinauszublicken.
Denken Sie sich, dafi Sie es sich zum Prinzip gemacht
haben, Sinn und Vernunft in das Leben hineinzubringen
durch die Erinnerung, und nicht blofi in der Gegenwart zu
leben, sondern immer mehr zu lernen, das ganze Leben wie
ein Tableau vor sich zu haben, mit dem Bewufitsein, dafi
nur aus diesem Ihrem ganzen zeitlichen Wesen heraus-
fliefien kann, was Sie vollbringen wollen. Wenn das der
Fall ist und wenn das wieder ebenso zur Weckung innerer
Krafte verwendet wird, wie ich das vorhin angedeutet habe,
als ich von dem Auf lebenlassen der seelischen Inhalte durch
die Versenkung sprach, dann konnen wir den Ruckblick
immer weitertreiben, ihn gegenstandlicher und gegenstand-
licher zu machen versuchen und bis zu der Geburt zuriick-
fiihren. Man kann das madien. Es gehort aber unendlidie
Geduld dazu; wir werden ja von diesen Methoden noch
spredien. Dann erblickt man von der Seele audi dasjenige,
was nidit zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist.Dann
lernt man das, was innerhalb dieses Lebens zwischen Geburt
und Tod vorgeht, anzukniipfen an anderes. Da lerne ich,
durch die ureigenste Betrachtung in der Erinnerung, mein
Heute an das Gestern anzukniipfen und sinnvoll die Wir-
kung von heute mit der Ursache von gestern zusammenzu-
fiigen; da lerne ich, den inneren Faden von Ursache und Wir-
kung in meiner Seele zu verfolgen. Dann leitet mich dieselbe
Kraft, die mich in mein jetziges Leben zuriickleitet, iiber
die Geburt hinaus. Weil ich gelernt habe, Ursache und Wir-
kung in der Seele selbst anzuschauen, dadurch wird zum
Erlebnis, was vor der Geburt war, wie der Mensch vor der
Geburt gelebt hat. Durch die allmahliche Ausbildung dieses
Sinnes erlangt der Mensch Kunde von den vorhergehenden
Lebenslaufen, und es wird fur ihn das Gesetz der Wieder-
verkorperung oder Reinkarnation eine wahre Tatsache.
Durch die Scharfung des Blickes fur das Zeitliche in der
Innenwelt erlangen wir die seelische Fahigkeit, die Reinkar-
nation oder Wiederverkorperung fur uns zu einer Tatsache
zu machen. Was tun wir in diesem Fall? In diesem Falle
durchsetzen wir die Seele mit dem, was uns in Zusammen-
hang bringt mit dem Seelischen. Und da erweitert sich unset
Blick im Inneren. Wahrend wir durch das Begreifen der
Auftenwelt den Geist der Aufienwelt erfassen und unsere
Seele liber die Aufienwelt ergiefien und verbreiten, ver-
breiten wir das Bewufksein iiber das Seelische selbst, indem
wir dann iiber die Geburt hinauskommen. So erweitert sich
unser Blick immer mehr und mehr, und so blicken wir auf
von dem, was an Ort und Zeit gebunden ist, zu dem, was
in der Zeitenfolge aufeinander folgt. Von da aus bemach-
tigen wir uns dann des Wesenkernes des Menschen, der un-
verganglich und ewig ist.
Immer mehr und mehr vergeistigt sich der Mensch. Die
erste Stufe ist die, wenn er aus des Daseins Lust und Leid
herausgeht und fur das Obersinnliche Gefiihle, so etwas wie
Lust und Leid hat. Je weiter er dieses ausbildet, desto mehr
bewahrheitet sich fiir ihn der schone Satz Platos: Der Kor-
per ist -verganglich, weil er von Verganglichem sich nahrt,
der Geist aber ist unverganglich, weil er von ewiger Nah-
rung sich nahrt. - So ist das Verhaltnis von Leib, Seele und
Geist. Der Leib vergeht. Was man von dem Menschen sehen
kann, wird mit dem Tode der Erde ubergeben. Was aber
als Lust und Leid im Menschen lebt, das Seelische, ist nicht
mit derGeburt entstanden, sondern ist mit etwas verkniipfl,
was iiber die Geburt hinausreicht. Es erweitert sich damit
das Seelendasein iiber die Grenzen von Geburt und Tod.
Dasjenige aber, was der Mensch in sich aufnimmt, indem er
aus seiner Seele wieder herausgeht und mit dem Geiste sich
verbindet, das verbindet diese Seele selbst mit den ewigen
Quellen des Daseins. Das vergottlicht die Seele. So wird des
Menschen Seele sichtbar aufier dem Leib. Soweit sie an den
Leib gebunden und mit ihm eins ist, ist sie etwas Vergang-
liches. Verbindet sich die Seele mit dem Geistigen, so wird
sie dadurch mehr und mehr ein Ewiges und Unvergang-
liches. Damit kommen wir zu dem Punkt, wo wir begreifen,
was menschliche Selbsterkenntnis ist, was wahres Erkennen
des menschlichen Inneren ist.
Zunachst erlebt der Mensch seine Seele in seinem Inneren,
indem er Lust und Leid, Freude und Schmerz erlebt. Dann
aber gehen dieser Seele die Vorstellungen auf, welche wieder
verschwinden. Es lebt da etwas auf, was den blofien Sinn en
verborgen ist. Was da in der Seele auflebt, hat der Mensch
zunachst als den blofien Gedanken in sich. Aber er verbindet
im Laufe des Lebens diesen Gedanken mit seiner Seele. Er
lernt fiihlen und mitempfinden mit dem Geistigen und hat
zuletzt das Geistige gern und liebt es, wie er vorher nur das
Sinnliche gern und lieb gehabt hat. Die Begierde erstreckt
sich schliefilich iiber alles Geistige. Die Selbstsucht wird zu
einer selbstlosen Liebe zum Unverganglichen. In der Selbst-
sucht wird des Menschen Liebe in der Seele erfafit. Aber in-
dem wir sie tief im Inneren als Geist erfassen, wird uns
klar, dafi wir dieses Selbst in der ganzen iibrigen Welt fin-
den, dafi wir verbunden sind mit der ganzen iibrigen Welt
und dafi, wie wir aus dem Physischen geboren sind, es eben-
so wahr ist, dafi wir als Geist stundlich aus dem geistigen
Universum, der geistig-gottlichen Welt heraus geboren wer-
den. Suchen wir daher unser hoheres Selbst, das wie ein
Funke in uns vorhanden ist, dann werden wir das Geistige
in der ganzen Umwelt sehen. Das ist die grofie Weisheits-
erkenntnis, welche die Vedantaphilosophie zusammenge-
fafk hat in dem Spruch: Tat tvam asi — Das bist du. - Wenn
der Mensch seines Geistes sich bewufit ist und seine Ent-
wickelung beginnt im Hinausschreiten in die Welt, dann
erweitert sich sein Selbst zu dem Geiste des Universums, zu
einem Geistselbst-Dasein, und wir sind dann unserer ur-
eigenen Wesenheit nach uberall. Dann wird fur uns das,
was blofies Begreif en war, seelisch verwandter Inhalt, und
das ist wirkliche Erhebung der Seele zum Geist, Erhebung
in wirkliches geistiges Leben.
Es gibt einen Anfang des geistigen Lebens, der ist aber
diirr und kalt. Da gibt es nun Menschen, welche nur warm
werden, wenn es sich um Seelisches handelt, Menschen, die
sich freuen und die leiden, nur wenn es sich um Seelisches,
um Schmerz und Lust handelt. Sie sagen, es bleibe das
Geistige etwas Odes und Kaltes. Schauen sie hinauf in die
Sternenwelt, dann finden sie die Gedanken dariiber abstrakt ;
aber sie sind diirr und kalt in ihrem Verstande. Wenn aber
die Seele den Geist ergreift, dann fuhlen wir, dann denken
wir nicht blofi mit dem Universum, denn dann verwandelt
sich die Anschauung durdi Vernunft und Verstand in ein
seelisches Erfassen des ganzen Universums. Was friiher blofi
Lust war, wird jetzt Lust am Geistigen, was Liebe war im
Seelischen, wird jetzt Liebe zum Geistig-Gottlichen in der
Welt. Unser Gefuhl, das wir im Inneren verschlossen haben,
breitet sich aus iiber die ganze Welt. Unser Selbst fliefit aus,
und wir werden Eins mit dem Allgeist. Entselbstet werden
wir, und wirfinden uns wiederum im Allgeist. Das ist etwas
Hoheres als das blofie Denken. Im Seelischen hat es der
Mensch zur Empfindung gebracht. Im Geistigen f angt er an,
den Verstand betatigen zu konnen. Aber er wird auch dahin
kommen, wo er mit der Empfindung den Geist erreichen
wird. Dann befindet er sich auf der Stufe zum Gottlichen.
Das ist die Leiter, die er zu gehen hat mit eigener Kraft, die
Seele mit dem Geist zu verbinden, dafi sie eins werden. Das
ist wahre Selbstbetrachtung. Wenn wir, wie wir einem
Freunde begegnen und Warme im Herzen empfinden, den
gottlichen Geist, der die Welt durchflutet, nicht nur mit dem
Verstande begreifen, sondern mit dem Herzen ergreifen,
erfuhlen und empfinden, dann dringen wir durch den Kopf
und seine Weisheit zu dem Herzen und seiner Weisheits-
liebe fur die ganze Welt vor. So erheben wir uns, indem
wir unsere Seele erheben, und so lernen wir nicht blofi unser
engherziges Innere kennen, sondern wir erweitern unser
Selbst und flnden uns drauften in der Welt. Oft und oft wird
es betont: Schau nur hinein in dein Inneres, da wirst du den
Gottmenschen finden. - Nein, in sich selbst kann man nur
das flnden, was man in sich hat. Will man mehr in sich fin-
den, so mufi man dieses hohere Selbst erst entwickeln, und
man entwickelt es, indem man das hohere Selbst ausbreitet
iiber die ganze Welt. Nicht ein miifiiges Besdiauen seines
Inneren meinten diejenigen, welche dem Menschen Selbst-
erkenntnis angeraten haben. Diese Selbsterkenntnis ist so
gemeint, wie wir sie jetzt erfafk haben, als einen Hinauf-
stieg von der Seele zum Geist. Dann fiihlt der Mensch
keinen Unterschied mehr zwischen sidi und dem Tier, der
Pflanze und dem Stein. Eine allgemeine Weltbruderschafts-
empfindung durchzieht sein Herz.Und dann, und nur dann,
wenn der Mensch solches im Auge hat, versteht er als letztes
Ziel der Entwickelung vom Leiblich-Seelischen zum Geistig-
Seelischen das schone Wort des Dichters, der zugleich ein
Seher war: «Einem gelang es; er hob den Schleier der Gottin
zu Sais. - Aber was sah er? Er sah - Wunder des Wunders -
sich selbst!» Und der Geisteswissenschafter fiigt hinzu: In
diesem Selbst findet er das Gottliche, und das ist eben Theo-
sophie, gottliche Weisheit, das Herz, die Seele so hinaufzu-
heben zum Geist, dafi es gelingt, die Weisheit mit dem Gott-
lichen zu verbinden und nicht nur Verstandnis, sondern
Allgemeingefuhl fiir die gottliche Welt zu haben.
GEISTESWISSENSCHAFT UND SOZIALE FRAGE
Hamburg, 2. Marz 1908
Wer heute das Wort « soziale Frage» hort, bei dem regen sich,
je nach seiner Lebenslage und Erfahrung und nach dem
Ernste, mit dem er das Leben zu nehmen in der Lage ist, die
verschiedensten Empfindungen. Und so muft es sein gegen-
iiber einer Frage, welche die heutige Zeit eigentlich tiefer be-
schaftigen sollte, als sie sie beschaftigt. Zwar scheint das para-
dox ausgesprodien. Diejenigen, welche unmittelbar beriihrt
werden von dem, was das Wort soziale Frage einschlieftt,
beschaftigen sich gewifi genug mit derselben. Jene aber, die
heute noch davor bewahrt sind, in unmittelbare Beruhrung
zu kommen mit dem, was der sozialen Frage als Ursache
zugrunde liegt, sind noch immer nicht griindlich genug da-
von iiberzeugt, dafi diese Frage in unserer Zeit etwas be-
deutet, womit sich zu beschaftigen eines jeden denkenden
Menschen unbedingte Pflicht ist. Und diejenigen, die in den
Tag hineinleben, die Augen wohl auch zumachen vor den
Anforderungen desTages, konnten es erleben, dafi entweder
sie selbst oder ihre Nachkommen, gerade durch ihre Un-
kenntnis, iible Erfahrungen machen konnten. Man hort
heute noch immer, wenn von sozialer Frage in dem Sinne
gesprochen wird, da£ unsere Zeit einen Ausweg finden mufS
aus der Lage, in die viele Menschen durch die Gestaltung
unseres sozialen Zusammenlebens geraten sind, man hort
oftmals die Worte: Reiche und Arme habe es immer ge-
geben, eine soziale Frage habe es immer gegeben, so lange
die Menschheit lebt und strebt. Es sei daher nicht zu ver-
wundern, wenn auch in unserer Zeit die, welche nicht mit
Glucksgiitern gesegnet sind, in einer mehr oder weniger
deutlidien Weise dies zum Ausdruck bringen und im
Kampfe sidi das erobern wollen, was ihnen durch das Ge-
schick nidit zukommt. Reidie und Arme, solche, die bedriickt
sind und solche, die mehr oder weniger mit Glucksgiitern
gesegnet sind, habe es immer gegeben. - Mit diesen Worten
will man wohl das ganz Eigenartige und Eigentumliche der
sozialen Frage hinwegwischen, unklar machen. Man weist
hin auf die Sklavenaufstande des Altertums, auf die Re-
volten im Mittelalter und auf andere Ereignisse, wo sich die
Bedriickten ihr Recht zu verschalfen suchten und trostet sich
mit solchen Erscheinungen.
Ein jeder sollte heute eigentlich wissen, dafi das, was man
gegenwartig soziale Frage nennt, wirklich etwas Neues ist
im Menschenleben, dafi sie etwas ganz anderes ist als ahn-
liche Bewegungen in andern Zeiten des geschichtlichen
Lebens. Denn jene, die heute eine Losung der sozialen Frage
suchen, sind vor alien Dingen Menschen innerhalb unserer
gesellschaftlichen Ordnung, die es mit diesem Charakter, so
wie sie heute vor uns stehen, erst seit einer kurzen Zeit gibt.
Das Bedruckende ist ein Ergebnis hochstens der letzten hun-
dertzwanzig bis hundertdreifiig Jahre; das ist geschaffen
durch die gegenwartigen, unendlich bedeutungsvollen Fort-
schritte der Menschenkultur. Wir sehen diesen Fortschritt
heraufltommen mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als jene
Maschinen und so weiter den Kopfen unserer Erfinder ent-
sprangen. Seit jenen Zeiten, seit welchen das Leben immer
mehr in den Industriezentren und Stadten zusammenfliefit,
entsteht erst der Lohnarbeiter, der Proletarier im heutigen
Sinne des Wortes. Was man heute soziale Frage nennt, ist
nidit zu trennen von dieser eigentlich erst durch die ge-
waltigenFortschritte der Menschenkultur geschaffenenMen-
schenklasse. Der Sklave des Altertums kampfte eigentlich
nur dann, wenn er sich besonders bedriickt fiihlte, und er
hatte nicht das Bewufksein, dafi durdi irgendeine andere
soziale Ordnung seinem Leben, seiner Bedriickung Abhilfe
gesdiaffen werden konnte. Ahnlich war es audi im Mittel-
alter. Der moderne Proletarier kommt aber immer mehr
mit der Forderung, dafi nicht dieses oder jenes einzelne zu
bekampfen sei, sondern dafi nur eine griindlidie Reform,
vielleicht audi Umwalzung der Verhaltnisse iiberhaupt,
seine Lage andern konne. Und eine gewaltige Ausbreitung,
eine viel grofiere Ausbreitung als diejenigen glauben, die
sich die Augen verschliefien, hat diese Oberzeugung inner-
halb der arbeitenden Menschheit gefunden. Es ist manchmal
fiir den, der die Dinge durchschaut, ganz staunenswert, dafi
es immer doch noch Menschen gibt, die nicht den Ernst
haben, auf alle diese Dinge einzugehen.
Nun konnte es recht sonderbar erscheinen, wenn gegen-
iiber einer so praktischen Anforderung des Tages, gegen-
iiber einer solchen Lebensfrage jemand kommt, um sie vom
Standpunkte der Geisteswissenschaft zu beleuchten. Haben
doch die meisten Menschen von ihr die Vorstellung, dafi sie
etwas Unpraktisches, das unpraktischste Zeug der Welt sei,
dafi sie den Kopfen einiger Traumer entsprungen sei und
sich mit allerlei Dingen befafit, die nichts zu tun haben mit
dem Wirklichen. Es horen wohl die Leute, dafi es eine
Weltenstromung gibt, die sich die geisteswissenschaftliche
nennt, die von dem lehrt, was in der Welt als Obersinnliches
vorhanden ist und den verschiedenen Wesen, die um uns
herum sind, was dem Menschen selbst als sein Obersinnliches
zugrunde liegt. Man hort wohl audi, dafi diese Geistes-
forschung von vielen Tatsachen spricht, so zum Beispiel von
den wiederholten Erdenleben und von dem grofien Gesetz
iiber die geistige Verursachung unserer Handlungen und
Schicksale. Man hort davon, dafi sie hinauffuhrt in allerlei
hohere Wei ten und so weiter. Man kann nun leicht glauben:
Was kann jemand, der sidi mit solchen Dingen befafit,Prak-
tisches und Wissenswertes uber eine Lebensfrage wie die
soziale ausmadien!
Aber mit der Lebenspraxis hat es eine eigene Bewandtnis.
Wir wollen heute einmal uber dieses Thema sprechen, ge-
rade um zu zeigen, wie Geisteswissenschafl nur dann eine
wirkliche Bedeutung hat, wenn sie fahig ist, in die prak-
tischen Lebensfragen einzugreifen. Wir fragen uns dabei:
Worauf haben wir unser Augenmerk zu richten, wenn von
der sozialen Frage die Rede ist? - Nicht wahr, dafi die
soziale Frage vorhanden ist, davon kann uns der Augen-
schein uberzeugen, und dieser Augenschein uberzeugt den,
der sich mit dem Leben befalk, aufs eindringlichste. Wir
konnten hinweisen, dafi mit der Bliite unserer Industrie
- gerade in England — soziale Verhaltnisse furchtbarster Art
eingetreten sind. Es war fur diejenigen, welche die Industrie
fruchtbar machen wollten fiir das, was sie ihre Welt nann-
ten, einzig und allein die Frage: Wie ist am billigsten die
Arbeitskrafl herzustellen? — Und da sehen wir denn jene
Ausschreitungen, die oft geschildert worden sind, wie die
Industrie neben starkem Licht auch starken Schatten er-
zeugt und wie sich die Segnungen unserer Maschinen, Eisen-
bahn und Dampfschiffe durch das 19. Jahrhundert ent-
wickeln. Wir sehen aber auch, wie im Gefolge davon der
Mensch arbeiten mufi, zuweilen eine Arbeitszeit hindurch,
die zweifellos alles Menschenmogliche iibersteigt. Wir wis-
sen, dafi nicht blofi Erwachsene im Laufe des 19. Jahrhun-
derts in den Industrien Englands gehalten worden sind in
zwolf-, sechzehn-, achtzehn- und zwanzigstiindiger Arbeits-
zeit, ja zuweilen noch langer. Die Menschen, die nicht un-
mittelbar beriihrt werden, wissen nur nichts von diesen
Dingen. Wir wissen auch, dafl Kinder im zartesten Alter in
einer schier unglaublidien Weise in Fabriken beschaftigt
worden sind. Wir wissen, wie die Menschen biind geworden
sind gegen das Unmogliche einer solchen Sache.
Wir braudien nur auf eine Tatsache hinzudeuten, auf die
Tatsache, dafi einmal in einem Parlament die Rede davon
war, ob es nicht unerhort sei, dafi Kinder achtzehn bis neun-
zehn Stunden, wie es der Fall war, in der Industrie be-
schaftigt werden und ein Arzt sich dagegen wandte damit,
dafi das unter Umstanden eben nicht anders moglich sei!
Und als man den Herrn fragte, ob er denn eine Arbeitszeit
von vierundzwanzig Stunden nicht fiir etwas Unmogliches
ansehen wiirde, da sagte der Mann: Ich habe mich durch
tiefe Griinde iiberzeugt, dafi die Gemeinplatze, die in sol-
chen Dingen geredet werden, durchaus nicht immer ernst
genommen werden diirfen, und ich bin nicht in der Lage,
irgendeine Arbeitszeit anzugeben unterhalb vierundzwan-
zig Stunden, die irgendwie als der Gesundheit unzutraglich
bezeichnet werden kbnnte. - Eine solche Sache charakte-
risiert viel mehr als die Tatsache selbst die Lage, in welche
die Menschheit gebracht worden ist durch das, was fiir sie
zu gleicher Zeit ein soldier Segen ist. Und wer hatte denn
im Leben nicht selbst erfahren, wenn er die Augen aufzu-
machen versteht, wie zuweilen tatsachlich Menschen im zar-
testen Kindesalter, wenn sie zur Schule geschickt werden,
nichts lernen konnen, wie alles von den Bestrebungen und
Idealen, sie zu Menschen zu machen, nichts fruchtet, weil
sie infolge der sozialen Not nicht ausgeriistet sind mit jenen
Kraften, die einigermafien hinreichend wirken zu einem
menschenwurdigen Dasein.
Es ist nicht moglich, die soziale Not zu schildern, in die
vielfach die Menschheit gebracht worden ist; das wiirde eine
zu grofie Zahl von Bildern aufzurollen notig machen. Wir
brauchen aber nur das, was gesagt ist, zu benutzen fiir an-
deres, nur das, was Sie gesehen haben, als Empfmdungs-
gehalt in wis aufsteigen zu lassen, und wir werden nidit
mehr leugnen konnen, da£ eines sicher ist: Die grofien Fort-
sdiritte des mensdilichen Geistes, jene gewaltigen Fort-
schritte, welche die Maschinen und so weiter konstruiert
haben, welche unsere ganze Erde umsponnen haben mit
einem Verkehrsnetz sondergleichen, diese Entwickelung des
mensdilichen Geistes hat nicht, gar nicht Schritt gehalten
mit einem andern Nachdenken, mit dem Nachdenken dar-
iiber, welches die bestmoglichste Art des mensdilichen Zu-
sammenlebens ist. Niemand wiirde heute glauben, dafi eine
Maschine sich von selber konstruiere, daiS keine Verstandes-
kraft, keine Geisteskraft angewendet werden muft, um die
Maschine ins Leben zu rufen und ein Verkehrssystem zu
schaffen. Aber wie viele sind heute, die, wenn sie es audi
nicht zugeben, in ihrem innersten Gefuhle der Anschauung,
dafi das menschiiche Zusammenleben sich ganz von selber
machen mufite, da£ nicht Geisteskraft dazu gehort, um in
dieses Getriebe ebenso einzugreifen, wie man in das Ge-
triebe einer Fabrik eingreift.
Zwar braucht man nicht so weit zu gehen, wie ein grofier
Naturforsdier des 19. Jahrhunderts, der da gesagt hat: Oh,
die Menschheit hat im Wissen und Verstehen der Welt Fort-
schritte ungeheuerlichster Art gemacht, aber in bezug auf
Moral ist die Menschheit nicht einen Schritt weitergekom-
men! - Man braucht nicht so weit zu gehen, aber das, was
eben gesagt worden ist, dafi die wenigsten Menschen, die
nicht unmittelbar vom sozialenElend beriihrt werden, heute
die Notwendigkeit empfinden, sich mit der sozialen Frage
zu befassen, ist eine nicht wegzuleugnende Tatsadie.
Wenn wir aber zu denjenigen hinsdiauen, die sich ent-
weder mit der sozialen Frage befassen oder sich mit ihr
befassen sollten, wie sieht es denn da aus? Da gibt es zum
Beispiel ein vor nidit langer Zeit erschienenes Buch vom Re-
gierungsrat Kolb: «Als Arbeiter in Amerika». Der Mann
hat mit ungeheurer Selbstlosigkeit, mit einer wirklichen
Hingabe eine Zeitlang sich herausgeschalt aus seinem Biiro-
kratenamt und ist nach Amerika gegangen. Um das soziale
Leben kennenzulernen, hat er in einer Fahrradfabrik
schwer gearbeitet. Ich mufi vorausschidcen - damit ich nicht
etwa der Gef ahr ausgesetzt werden konnte, dafi man mir
in die Schuhe schiebt, ich werde ungerecht in der Beurtei-
lung - da$ diese Tat des Mannes eine aufierordentlich an-
erkennenswerte ist, dafi sie nicht hoch genug geschatzt wer-
den kann. Aber schauen wir uns jetzt eine einzige Aufterung
dieses Buches an. Da steht ein Satz in diesem Buche, charak-
teristisch genug, der heifit: «Wie oft hatte ich fruher, wenn
ich einen gesunden Mann betteln sah, mit moralischer Ent-
riistung gefragt: warum arbeitet der Lump nicht? - Jetzt
wufite ich's.* So sagt der betrefFende Regierungsrat. «In der
Theorie», fiigt er hinzu, «sieht sich's eben anders an als in
der Praxis, und selbst mit den unerfreulichsten Kategorien
der Nationalokonomie hantiert sich's am Studiertisch noch
ganz ertraglich.»
Nun, man mochte sagen, eine ganze Welt von Menschen-
empfindungen und Menschenwirken spricht aus solchem
Satze. Wir haben einen Mann vor uns, der es zu einer
solchen Stellung gebracht hat, die man aufierlich als Re-
gierungsrat bezeichnet. Der verrat, daiS er das Leben so
wenig gekannt hat, dafi er jeden, der nicht arbeitete, als
Lump bezeichnete, dafi er sich erst hat aus seinem Amt her-
ausschalen miissen und weit weg nach Amerika gehen, um
das Leben, fur das er Rat erteilen sollte, auf das sich seine
Handlungen bezogen, kennenzulernen. Man kann also
studieren, es zu einem hervorragenden Platz bringen und
kann solches notig haben! Man hat nicht Augen, um nach
links und rechts zu sehen, man weifi nichts vom Leben. Das
ist moglich!
Wenn wir solches gewahr werden, dann diirfen wir die
Frage aufwerfen, ob es denn nicht sein konnte, dafi es in
gewissen Dingen aus dem Grunde so arg stent, weil man-
dier, auf den es ankommt, es verschmaht, mit dem Leben
bekanntzuwerden. Es wird viel geredet heute von allerlei
Verbesserungen, Vorschlagen und Dingen, die eingerichtet
werden sollen. Sie miissen von Menschen eingerichtet wer-
den. Sollte nidit ein wenig Unterschied sein zwischen Din-
gen, die von Menschen eingerichtet sind, die vom Leben
etwas verstehen, und von Menschen, die in einer soldi gran-
diosen Weise zugeben, dafi sie nichts verstehen? Was nutzt
alles Reden, wenn man nicht einsieht, dafi es darauf an-
kommt, wer dariiber redet und ob der, der dariiber redet,
etwas weifi. Wieviel konnte dann von dem, was durch das
Leben schwirrt, vielleicht ganz leeres Gesdiwatz sein und
wieviel konnte von dem, was leeres Gesdiwatz ist, gar in
Wirklichkeit umgesetzt werden und Leben gewinnen? -
Die Frage ist wohl berechtigt. Derjenigen aber, welche heute
nachdenken iiber die soziale Frage, gibt es viele; viel zu
viele, wenn wir die Frage ernster ins Auge f assen, wenn wir
ins Auge fassen, was notwendig ist, um etwas von dieser
Frage wirkHch Nutzliches zu verstehen. Es gibt heute eine
ganze Reihe von Leuten, die sagen: In dem Augenblick, wo
die Verhaltnisse besser werden, wo die Verhaltnisse ge-
andert werden, da wird audi das Leben der Menschen und
ihre Lage besser sein. - Wir wissen, dafi vor alien Dingen
die vielleicht verbreitetste, umfassendste soziale Theorie in
der Gegenwart, der Sozialismus selber, sich auch auf diesen
Standpunkt stellt. Wir wissen, daft er immer betont: Ach,
kommt uns nicht mit allerlei Vorschlagen, wie die Menschen
besser werden sollen, wie die Menschen sich verhalten sol-
len! Kommt uns nidit mit allerlei sittlichen Forderungen!
Worauf es ankommt, ist lediglich - das betonen sie - die
Zustande zu verbessern.
Symptomatisch kann einem das entgegentreten an einem
solchen Weltverbesserer, der an verschiedenenOrtenDeutsch-
lands mit seinen sozialen Theorien auftritt, der immer er-
zahlt: Ja, da behaupten die Leute, daft die Mensdien erst
besser werden miifiten, wenn die Zustande besser werden
sollen. Aber, sagt er, alles hangt davon ab, daft die Mensch-
heit in die richtigen Zustande hineinversetzt werde. — Und
er erzahlt audi, wie man da und dort einmal die Wirts-
hauser eingeschrankt hat und wie dann tatsachlich in einem
solchen Orte weniger Betrunkene waren, und es dadurch
einer Anzahl von Leuten besser gegangen sei. Er predigt
dann dem Arbeiter, daft Menschenliebe, gegenseitige Bru-
derlidikeit leere Phrase sei. Alles kame darauf an, solche
Arbeits- und Lebensbedingungen herbeizufuhren, daft ein
jeglicher seine auskommliche Existenz habe, dann wiirde
audi der moralische Zustand iiber die Erde schon von selber
kommen.
Nun, Sie wissen ja, daft der Sozialismus in der Aus-
gestaltung einer solchen Anschauung weitgehend ist. Das
ist nichts anderes als eine Folge des Materialismus in un-
serer Zeit, des Materialismus, der nicht, wie die Geistes-
wissenschaft, in das Innere des Menschen zu blicken vermag
und zu erkennen vermag, daft alles, was an Zustanden, in-
sofern es fiir die soziale Ordnung in Betracht kommt, von
Menschen geschaffen ist, die Folge ist von Menschengedan-
ken und Menschenempfindungen, sondern der glaubt, daft
der Mensch ein Produkt der aufteren Verhaltnisse sei. Dieser
Glaube ist im hochsten Grade lahmend fiir die gedeihliche
Betrachtung des sozialen Lebens. Er ist lahmend, und wir
wollen nicht irgendeinen theoretischen Beweis heute dafiir
anfiihren, sondern wir wollen einen geschichtlichen Beleg
beibringen.
Wenn zu einem sozialen Reformer irgend jemand ge-
eignet war, so war es um die Wende des 18. zum 19. Jahr-
hundert Robert Owen. Er hatte zweierlei Tugenden, die ihn
befahigten, von seinem Gesichtspunkte aus in das soziale
Leben einzugreifen: einen offenen Blick fiir den industriel-
len Fortschritt und fiir die Schaden, fiir Menschenwohl und
Menschengliick, die dieser Fortschritt bringt. Einen offenen
Blick und ein offenes Herz hatte er fiir menschliches Leid,
und auf der andern Seite hatte er einen guten Willen und
Initiative, um wenigstens einer Anzahl von Menschen ein
wiirdiges Dasein zu verschaffen. Er lebte zunachst in einer
materialistischen Zeit und war deshalb zunachst, wie so
viele, abhangig von der Theorie, daft man nur entspre-
chende Zustande herbeizufiihren brauchte, um darinnen
eine griindlich moralische Menschheit zu entwickeln. Und
so begriindete er eine kleine Kolonie in Amerika, die in
jeder Beziehung musterhaft genannt werden durfte, wenn
die Voraussetzung richtig gewesen ware. Er hatte den Leu-
ten ein menschenwurdiges Dasein durch auftere Einrichtun-
gen garantiert. Er hatte unter arbeitsamen und strebsamen
Leuten Verkommene, die durch das Beispiel der ersteren
angeregt werden sollten, ordentliche Menschen zu werden.
Dadurch gestaltete sich eine Musterwirtschafl; heraus, die
wiederum ihrem Urheber den Gedanken eingab, dasselbe in
grofterem Maftstabe zu versuchen. Es kam dann die zweke
Kolonie, die ebenso praktisch und menschenfreundlich ge-
staltet war. Aber er, der nicht nur die Theorie aufgestellt
hatte, daft die Anderung der Zustande die Verbesserung des
Menschenloses herbeifuhren mtisse, er muftte die Enttau-
schung erleben, die wir durch seine eigenen Worte charak-
terisieren. Dadurch, daft die Menschen nicht reif waren fiir
die Zustande, schrieb er nieder: Was hilft alle Verbesserung
der Zustande, wenn nicht vorher die allgemeine Sitte, das
allgemeine Wissen gehoben wird? Zuerst kommt es darauf
an, dem Mensdien in seinem Inneren Aufklarung zu geben,
vor allem iiber seine Seelenkrafte; dann ist erst daran zu
denken, dafi die soziale Frage einigermafien wiirdig ihrer
Losung entgegengehen wird.
So urteilt ein Praktiker, kein Theoretiker, und es ist in
gewisser Beziehung charakteristisch dafiir, wie wenig die
Menschheit aus Tatsachen lernt, daft trotz dieser Enttau-
schung immer wieder dieselben Theorien behauptet werden.
Aber wer ein klein wenig tiefer in die Seelen der Mensdien
unserer Zeit zu sehen vermag, der wird wissen, dafi eine
solche Einzelerscheinung zusammenhangt mit der Entwicke-
lung der Menschenseelen in der Gegenwart iiberhaupt. Ob
es der eine oder andere zugesteht, es ist die Grundiiberzeu-
gung, daiS heute alles gemacht werden kann, wenn man die
aufieren Verhaltnisse andert, und bei Schaden, die die
Menschheit bedrohen, schnell durch ein Gesetz Abhilfe
schafrt.. Das sind so die Grundiiberzeugungen in unserer
Zeit. Und wenn wir zum Beispiel immer wieder sehen, dafi
Gesetze damit motiviert werden, dafi man sagt: Die un-
erfahrene Menschheit darf nicht ausgeliefert werden diesen
oder jenen Leuten — , dann merkt man gar nicht, dafi man
eine ganz andere Aufgabe hatte, als Gesetze zu machen, dafi
man die unerfahrene Menschheit belehren soilte, so dafi sie
selbstbestimmend sein konnte fur ihre Taten.
Man lenkt nicht leicht den Blick von den Zustanden auf
die Menschen. Dies ist aber die Aufgabe der Geisteswissen-
schaft. Sie lenkt ganz ab von den Zustanden und ganz und
gar hin auf die Menschen. Fragen wir uns in bezug auf alle
Dinge, die als Zustande und Verhaltnisse um uns herum
sind: Woher kommen diese Verhaltnisse und diese Zu-
stande? - Insofern sie nicht von der Natur verhangt sind,
sind sie Ergebnisse des menschlidien Empfindens und Den-
kens. Das, was heute Zustande sind, waren Gedanken und
Willensimpulse von Mensdien, die vorher gelebt haben.
Und die Verhaltnisse sind so, weil Mensdien sie so gemacht
haben. Wollen wir bessere Zustande madien, dann miissen
wir vor alien Dingen mehr lernen, miissen bessere Gedanken
und Empfindungen und Willensimpulse entwickeln. Wenn
wir aber Umschau halten im Umkreise der Sozialtheore-
tiker, selbst der radikalsten, meinetwegen der Sozialdemo-
kratie, dann sind diese Theorien zumeist gar nicht irgend-
wie hinausgehend uber dasjenige, was die Menschen schon
immer gedacht haben. Sie sind denselben Gedanken und
Impulsen entsprungen, denen unsere Verhaltnisse entsprun-
gen sind und die zu unserer Lage gefuhrt haben. Wir miissen
imstande sein, Menschen zu haben, die das Leben kennen
und wissen, um was es sich bei den Kraften, die hinter dem
Leben stehen, handelt. Was hat Robert Owen gefehlt? Er
mufite es selbst zugeben: Menschenkenntnis! — Man lernt
niemals den Menschen kennen, wenn man eine Weltanschau-
ung, die nur auf das Aufiere sich richtet, aufstellt. Sobald
der materialistisch getriibte Blick, der sich nur auf den aufie-
ren Menschen richtet, sobald der Mensch nicht weifi, was
hinter dieser physischen Korperlichkeit sich verbirgt, und
er dadurch nicht die Fahigkeit erlangt, sozusagen hinter die
Kulissen zu schauen, ist er gar nicht imstande, wirklich nicht
imstande, irgend etwas iiber die Krafte zu verstehen, die
das Leben lenken und leiten. Das ist aber gerade die Auf-
gabe der Geist-Erkenntnis. Zugegeben mag werden, dafi
sie ihre Aufgabe heute nicht uberall im richtigen Mafie er-
fiillt; zugegeben mulS werden, dafi innerhalb der sie suchen-
den Kreise mit den hochsten Fragen des Daseins vielfach
gespielt wird. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf,
was die Geist-Erforschung uns sein kann. Und sie kann
nicht nur etwas sein, was uns lehrt, was uns Dogmen gibt,
sondern sie kann sein einemachtigeErziehung unserer inner-
sten Seelenkrafte. Das ist das Beste, was man aus der Geist-
Erkenntnis gewinnen kann, wenn wir die geisteswissen-
sdiaftliche Weltanschauung von dem Gesichtspunkt aus be-
trachten, zu was sie die Menschen machen kann. Dann stellt
sich das Bild so dar.
Wir haben hier sprechen konnen von Anschauungen,
welche die Geistesforschung iiber die mannigfachsten Ge-
biete des Lebens hat. Wir haben von ihren Lehren iiber
dieses und jenes sprechen konnen. Davon soli aber nicht die
Rede sein. Derjenige, der sich bekanntmacht mit der Geistes-
wissenschaft, wird aber eines merken: in bezug auf einen
wichtigen Punkt unterscheidet sie sich von allem, was sonst
heute Theorie ist. Und das ist wichtig. Heute wird der
Mensch namlich in den meisten Fallen recht bald fertig,
wenn er sich eine Weltanschauung bilden soli, und am lieb-
sten ist es ihm, wenn er moglichst bald ein abgerundetes
Weltenbild haben kann. Fur Kenner der Verhaltnisse ist
es klar, dafi manch einer Materialist oft nur aus dem ein-
zigen Grunde ist, weil er mit seinen Gedanken gar nicht weit
geht, weil er kurz denkt. Und der Materialismus macht es
seinen Anhangern leicht, sehr leicht. Man kann den Aufbau
der Welt aus rein materiellen Tatsachen leicht uberschauen
und einsehen, besonders wenn noch mit Lichtbildern illu-
striert wird, wie sich der Mensch entwickelt hat. Man
braucht nur hinzustarren und kann aus den im gewohn-
lichen Leben gewohnten Vorstellungen den ganzen Gang
der Weltenentwicklung verfolgen. Es ist leicht, alldem zu
folgen, was die Materialisten sagen iiber die Weltenratsel,
weil die Gedanken sich nicht verstricken, weil keine beson-
deren Anforderungen gestellt werden.
So leicht ist bei der Geisteswissenschaft die Sadie nicht.
Sie macht es den Mensdien nidit leicht, denn sie geht von
der wirklichen und wahren Voraussetzung aus, dafi die
Welt in ihren Geheimnissen tief ist und dafi man sich an-
strengen mu£, tief hinemschurfen mufi in den Grund der
Dinge, wenn man die Welt verstehen will. Und so ist das-
jenige, was die Geistesforschung iiber Mensdienwerden und
-wesen, iiber Weltenwerden und -wesen zu sagen hat,
etwas, was die Gedanken in die mannigfaltigsten Ver-
schlingungen bringt, was manchmal in Kleinigkeiten zu
vertiefen zwingt, manchmal zu den grofken Ausblicken den
Mensdien fiihrt. Aber es hat dies eine gewisse Folge, und
iiber diese Folge darf man einmal off en sprechen. Es schult
das Denken und es bereitet vor, da wo dieses komplizierte
Menschenleben uns im einzelnen Fall entgegentritt, dieses
Leben audi da zu verstehen. Manch einer wird sagen: Die
Welten, die uns die Geisteswissenschaft besdireibt, haben
midi ganz schwindlig gemacht. - Ja, ist das denn ein schlech-
tes Zeichen fur die Geisteswissenschaft? Es ware besser,
wenn diese Betrachtungsweise den Mensdien nicht schwind-
lig machte, sondern ihn kraftigte und starkte, dann ware er
bereit, das Leben mit starken Seelenkraften aufzufassen.
So sind aber die praktischen Vorstellungen iiber Welt und
Leben: Wenn ein Mensch iiber die Weltenratsel in kurzen
Gedanken denkt, dann denkt er audi iiber die soziale Ord-
nung in kurzen Gedanken. Und so sehen wir, dafi das, was
heute von den beriihmten Leuten iiber soziale Fragen ge-
dacht wird, ein recht genaues Bild ist von dem, was uns als
materialistisches Weltenbild geboten wird, unvermogend,
in die Tief en des Lebens einzudringen. Dabei hat ein jeder
das unbestimmte Gefiihl, dafi das, was ihm Sdiwierigkeiten
macht, irgendein phantastisches, traumhaftes Zeug ist, und
dafi die Geist-Erkenntnis etwas Phantastisches, Traum-
haftes, mindestens recht idealistisches Zeug sein miifite,
jedenfalls ungeeignet fiir wirklich edit praktisdie Lebens-
zwecke. Zwar hat Fichte vor mehr als hundert Jahren vor
seinen Jenenser Studenten gesagt: Jene praktischen Leute,
denen umf assende Ideen immer unpraktisch erscheinen, weil
Ideen und Ideale im Leben nicht immer anwendbar sind,
beweisen nur, dafi im Schopfungsplane nicht auf sie gerech-
net worden ist. Moge eine giitige Vorsehung ihnen Sonnen-
schein, Nahrungsmittel und kluge Gedanken geben. - Fichte
hat audi iiber das Unvermogen mancher Leute, die Geistig-
keit des Ich vorzustellen, gesprochen: «Die meisten Men-
schen wiirden leichter dazu zu bringen sein, sich fiir ein
Stuck Lava im Monde als fiir ein Ich zu halten.» Aber es ist
Lebensnotwendigkeit, sich das Ich vorzustellen.
Wenn wir das Leben und die soziale Frage von diesem
Gesichtspunkt aus betrachten, dann miissen wir sagen, wir
betrachten die Geisteswissenschaft als die grofte Schule des
Lebens, die es unmoglich macht, dafi man durch das Leben
geht, eine gewisse Stellung erhalt, sogar Rat, Berater im
Leben wird, und nachher weit, weit fortgehen mull, um
einmal auf Urlaub das Leben kennenzulernen, um nicht
mehr davon uberzeugt zu sein, daft jeder, der nicht arbeitet,
ein Lump ist. So etwas wird durch die Geisteswissenschaft
unmoglich.
Daher reden wir nicht blo£ von einem spirituellen Stand-
punkt aus, von irgendwelchen Anschauungen im Verhaltnis
der Geisteswissenschaft zum Sozialismus, sondern wir reden
von etwas anderem. Wir betrachten die Geisteswissenschaft
als eine reale Sache, nicht nur als eine Summe von Dogmen,
sondern als etwas, was Erkenntnis, Weisheit gibt, und zwar
solche, die in jedem Augenblick einflielk in das unmittelbare
Leben und uns die Augen offnet, so dafi wir diesem Leben
gewachsen sind. So ist die Geist-Erkenntnis die allgemeine
Grundlage fiir jeglidies Urteil, ob wir auf dem Gebiet des
sozialen Lebens oder dem der Padagogik urteilen. Unser
Urteil wird gesiinder, weil es aus der wahren Menschen-
natur entspringt, wenn wir von geisteswissenschafllichen
Gesichtspunkten ausgehen. Wir sagen, erst sei man durch-
drungen von dem, was Geistesforsdiung zu geben vermag,
dann kommt man selber zu einem richtigen Urteil. Es
konnte jemand fragen: Wie denkt ein Anhanger der Geistes-
wissenschaft, in welcher Weise der oder jener Parlamen-
tarier ttber eine Frage urteilen solle, wenn er seiner Ansidit
nach falsch geurteilt hat? — Dies ist vom spirituellen Ge-
sichtspunkte nicht riditig gefragt, sondern es mufi gesagt
werden: Es handelt sich gar nidit darum, zu sagen, wie der
oder jener denken soli, sondern man ist uberzeugt, dafi er,
wenn er durchdrungen ist von den Grundwahrheiten, ein
klares Urteil haben wird auf jedem Posten. Wir schreiben
ihm sein Urteil nicht vor, sondern er wird das richtige Urteil
flnden. In dieser Beziehung ist Geisteswissenschaft das
f reiheitlichste Lebensprinzip, das es geben kann. Sie dogma-
tisiert nicht, sondern sie stellt den Menschen vor die Mog-
lichkeit, iiberall immer das eigene, gesunde freie Urteil zu
haben.
Verhaltnisse - davon sind wir ausgegangen - werden
vielfach als dasjenige angesehen, was den Menschen anders
machen konnte, und man denkt abstrakt nach, wie Verhalt-
nisse geandert werden konnen. Die Geisteswissenschaft hat
es einzig und allein zu tun mit der realen Menschenseele, mit
Verhaltnissen von Mensch zu Mensch. Nun wiirde es heute
ganz unmoglich sein, auf einzelne konkrete Dinge in bezug
auf die soziale Frage einzugehen. Es darf aber doch auf dies
oder jenes hingewiesen werden, wollen wir die Bausteine
finden, die uns den Weg weisen, da wo wir im Leben stehen,
in richtiger Art einzugreifen. Denn an jedem von uns liegt
es, einzugreifen. Wollen wir die Bausteine finden, dann
fragen wir uns: Was ist denn eigentlich die Grundtatsache,
gleichsam das Grundphanomen, von dem alles Elend, alles
soziale Leid iiberhaupt in der Welt abhangen kann? - Diese
Grundtatsache kann uns die Geist-Erkenntnis zeigen, indem
sie uns vor eine, heute von der grofiten Zahl der Menschen
gar nicht verstandene und gar nicht anerkannte Tatsache
stellt. Diese Tatsache hangt zusammen mit einer Grund-
erscheinung aller Entwickelung. Man mochte sagen, trocken
ausgesprochen, sie zeigt uns durch eine tiefere Lebens-
betrachtung, dafi Not, Leid und Elend nicht aliein - und
am allerwenigsten, wenn man auf den Grund geht - ab-
hangt von aufieren Verhaltnissen, sondern von einer ge-
wissen Seelenverfassung und im Zusammenhang damit mit
deren auSeren Wirkungen.
Der Praktiker, der sich viel gescheiter diinkt, wird das
lacherlich finden. Aber es ist das Praktischste im Leben, was
man nur betonen kann. Es ist der Satz, von dem Sie sich
mehr und mehr iiberzeugen werden, dafi Not, Elend und
Leid nichts anderes sind als eine Folge des Egoismus. Wie
ein Naturgesetz haben wir diesen Satz aufzufassen, nicht
so, dafi etwa bei einem einzelnen Menschen, wenn er ego-
istisch ist, immer Not und Leid eintreten rmissen, sondern
dafi das Leid - vielleicht an einem ganz andern Orte - doch
mit diesem Egoismus zusammenhangt. Wie Ursache und
Wirkung, hangt der Egoismus mit Not und Leid zusammen.
Der Egoismus fiihrt im Menschenleben, in der sozialen
Menschenordnung, zum Kampf urns Dasein. Der Kampf
urns Dasein ist der eigentliche Ausgangspunkt fiir Not und
Leid, sofern sie sozial sind. Nun gibt es auf Grund unserer
heutigen Denkweise eine Oberzeugung, gegeniiber welcher
das, was jetzt behauptet ist, geradezu absurd erscheint. War-
urn? Weil man heute iiberzeugt ist, dafi ein grofier Teil, der
weitaus grofite Teil des menschlichen Lebens, auf Egoismus
gebaut sein mufi. Zwar mit Worten und Theorien will man
es nicht zugeben, aber in der Praxis wird man es bald zu-
geben. Man gibt es in folgender Weise zu. Man sagt: Es ist
ganz natiirlich, dafi der Mensch fiir seine Arbeit entlohnt
wird, dafi der Mensch den Ertrag seiner Arbeit personlich
erhalt - und doch ist das nichts anderes als die Umsetzung
des Egoismus in das nationalokonomische Leben. Wir leben
unter Egoismus sobald wir dem Prinzip leben: Wir miifiten
personlich entlohnt werden, was ich arbeite, mufi mir be-
zahlt werden. - Die Wahrheit liegt von diesem Gedanken
so weit ab, dafi sie ganz unsinnig erscheint. Wer sich viber-
zeugen will von der Wahrheit liber den Egoismus, der
miifite einmal intimer eingehen auf allerlei Weltengesetze.
Er miifite sich einmal nachdenklich der Frage hingeben, ob
denn die Arbeit, die als solche personlich entlohnt wird,
wirklich das Lebenerhaltende ist, ob es auf diese Arbeit an-
kommt? - Es ist sonderbar, diese Frage aufzuwerfen. Aber
nicht eher, als man dariiber nachdenken wird, wird man
iiber die soziale Frage aufklaren konnen.
Denken Sie sich - es ist dies ein paradoxer Vergleich —
einen Menschen auf eine Insel versetzt. Der sollte dort allein
sich versorgen. Sie werden sagen: Er mufi arbeiten! - Er
mufi aber nicht blofi arbeiten, das ist nicht das, worauf es
ankommt, sondern es mufi zu seiner Arbeit etwas hinzu-
treten. Und wenn die Arbeit blofi Arbeit ist, dann kann sie
unter Umstanden fiir sein Leben absolut nutzlos sein. Den-
ken Sie einmal, der Mensch auf der Insel tate gar nichts, als
vierzehn Tage lang Steine werfen. Das ware eine anstren-
gende Arbeit, und nach gewohnlichen menschlidien Begrif-
fen konnte er damit recht viel Lohn verdienen. Dennoch
steht diese Arbeit mit dem Leben nicht im geringsten Zu-
sammenhang. Arbeit ist nur dann lebenfordernd und hat
Wert, wenn etwas anderes hinzukommt, Wenn diese Arbeit
auf das Bearbeiten der Erde geht und die Erde das Produkt
gibt, dann hat Arbeit mit dem Leben etwas zu tun. Wir
sehen sogar bei niedrigen Wesen, dafi Arbeit getrennt ist
von der Produktion. So sehen wir eine Moglichkeit, zu dem
ungeheuer wichtigen Satze zu kommen, dafi Arbeit als
solche gar keine Bedeutung hat fur das Leben, sondern nur
diejenige, die weise geleitet ist. Durch von Menschen hinein-
gelegte Weisheit ist dasjenige hervorzubringen und zu schaf-
fen, was dem Menschen dient. Im Kleinsten nicht verstan-
den, siindigt das heutige soziale Denken gegen diesen Satz.
Und es kommt nicht darauf an, dafi irgend jemand schone
abstrakte Theorien ausdenkt, sondern der wirkliche Fort-
schritt hangt davon ab, dafi jeder einzelne Mensch im sozia-
len Sinne denken lernt. Das heutige Denken ist vielfach
unsozial. Unsozial ist es zum Beispiel, wenn jemand am
Sonntagnachmittag draufien ist und sagt, angeregt durch
Gelegenheit: Ich werde zwanzig Ansichtskarten schreiben. —
Richtig ist es und sozial gedacht, zu wissen und zu empfin-
den, dafi diese zwanzig Karten so und so viele Brieftrager
veranlassen, so und so viele Treppen zu steigen. Sozial ge-
dacht ist es, zu wissen, dafi jede Handlung, die man tut, im
Leben eine Wirkung hat. Nun kommt aber jemand und
sagt, er denke sozial insofern, als ihm klar sei, dafi durch
das Kartenschreiben mehr Brieftrager angestellt werden
miissen und Brot bekommen. - Das ist ebenso, wie wenn
man bei einer Arbeitslosigkeit aussinnt, was man bauen
will, um Arbeit zu schaffen. Aber es kommt nicht darauf an,
Arbeit zu schaffen, sondern darauf, dafi die Arbeit der
Menschen einzig und allein verwendet wird, wertvolles Gut
zu schaffen.
Wenn man dies bis in die letzten Konsequenzen durch-
geht, dann kommt es einem nicht mehr so absonderlich vor,
wenn der uralte Satz der Geisteswissenschaft ausgesprochen
wird, der heute so unverstandlich wie moglich klingt: In
einem sozialen Zusammenleben mufi der Antrieb zur Arbeit
niemals in der eigenen Personlichkeit des Menschen liegen,
sondern einzig und allein in der Hingabe fur das Ganze. -
Das wird auch ofter betont, aber niemals so verstanden, dafi
man sich klar ist, daft Elend und Not davon kommen, dafi
der einzelne das, was er erarbeitet, fiir sich entlohnt haben
will. Wahr ist es aber, dafi wirklicher sozialer Fortschritt
nur moglich ist, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, im
Dienste der Gesamtheit tue, und wenn die Gesamtheit mir
selbst dasjenige gibt, was ich notig habe, wenn, mit andern
Worten, das, was ich arbeite, nicht fiir mich selber dient.
Von der Anerkennung dieses Satzes, dafi einer das Ertragnis
seiner Arbeit nicht in Form einer personlichen Entlohnung
haben will, hangt allein der soziale Fortschritt ab. Zu ganz
andern Zielen fuhrt jemand eine Unternehmung, der da
weifi, dafi er nichts fiir sich haben soli von dem, was er er-
arbeitet, sondern dafi er der sozialen Gemeinschaft Arbeit
schuldet, und dafi, umgekehrt, er nichts fiir sich beanspru-
chen soil, sondern seine Existenz einzig auf das beschrankt,
was ihm die soziale Gemeinschaft schenkt. So absurd dies
heute fiir viele ist, so wahr ist es. Unser Leben steht heute
unter dem entgegengesetzten Zeichen: in dem Zeichen, daft
der Mensch immer mehr beanspruchen will, wie man sagt,
den vollen Ertrag seiner Arbeit. Solange das Denken sich
in dieser Richtung bewegen wird, so lange wird man in im-
mer iiblere Lagen hineinkommen.
Dieses unsoziale Denken verleitet dazu, alle Begriffe zu
verschieben. Denken Sie einmal, wie innerhalb des weitver-
breiteten Sozialismus von Ausbeutern und Ausgebeuteten
die Rede ist. Wer ist vor dem klaren Denken Ausbeuter und
wer ist der Ausgebeutete? Sehen wir den Menschen an, der
fur einen Hungerlohn ein Kleidungsstiick arbeitet. Wer ist
sein Ausbeuter? Es konnte von jenem die Rede sein, der das
Kleidungsstiick kauft und dafiir einen ganz geringen Preis
bezahlt. Kauft etwa nur der Reiche dieses Kleidungsstiick?
Kauft nicht derselbe Arbeiter, der iiber Ausbeutung klagt,
dieses selbe billige Kleidungsstiick? Und verlangt er nicht
heute, innerhalb der sozialen Ordnung, dafi es so billig wie
moglich sein soli? Sehen Sie, wie die Handarbeiterin, die
ink blutigen Fingern die Woche arbeitet, am Sonntag das
Kleid fur einen billigen Preis deshalb tragen kann,
…[truncated]