Die Welträtsel und die Anthroposophie

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 


Die  Weltratsel 
und  die  Anthroposophie 


Zweiundzwanzig  offentliche  Vortrdge, 
gebalten  zwischen  dem  5.  Oktober  1905 
und  dem  3.  Mai  1906 
im  Architektenhaus  zu  Berlin 


1983 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen 
und  teilweise  liickenhaften  Zuhorer-Mitschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  H.  W.  Zbinden  und  H.  Wiesberger 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1966 

2.  Auflage  (fotomechanischer  Nachdruck) 

Gesamtausgabe  Dornach  1983 

Veroffentlichungen 

Vortrag  I  in  «Lucifer-Gnosis»,  Berlin  1906; 
Einzelausgaben  Berlin  1908,  1909,  1918,  1920,  Dornach  1926; 
ferner  in  «Luzifer-Gnosis.  Gesammelte  Aufsatze  1903-1908», 
Gesamtausgabe  Dornach  1 960 

Vortrag  X  in  «Zeichen  und  Symbole  des  Weihnachtsfestes» 
Dornach  1957,  1968,  1977, 1983 

Vortrag  XIII  und  XIV  in  Rudolf  Steiner  /  Edouard  Schure 
«Lucifer  -  Die  Kinder  des  Lucifer»,  Dornach  1955 


Bibliographie-Nr.  54 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1966  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  GmbH,  Buhl/Baden 

ISBN  3-7274-0540-6 


Zuden  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geistes- 
wissenschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  ge- 
schriebenen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er 
in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse, 
sowohl  offentlich  wie  auch  fiir  die  Mitglieder  der  Theoso- 
phischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen 
Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als 
«mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  ge- 
dacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige 
und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  re- 
geln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von 
Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Heraus- 
gabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner 
aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschrif- 
ten selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegemiber  alien  Vor- 
tragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde 
gemafi  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erfor- 
derlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen 
am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Zu  dieser  Ausgabe   8 

I.  Haeckei,  die  Weltratsel  und  die  Theosophie 
Berlin,  5.  Oktober  1905    9 

II.  Unsere  Weltlage.  Krieg,  Frieden  und  die 
Wissenschaft  des  Geistes 

Berlin,  12.  Oktober  1905    35 

III.  Grundbegriffe  der  Tbeosophie.  Seele  und  Geist 
des  Menschen 

Berlin,  19.  Oktober  1905    57 

IV.  Geisteswissenschaft  und  soziale  Frage 


Hamburg,  2.  Marz  1908  (statt  Berlin,  26.  Oktober  1905)  .  80 

V.  Die  Frauenfrage 

Hamburg,  17.  Nov.  1906  (statt  Berlin,  2.  Nov.  1905)  .    .  105 

VI.  Die  Grundbegriffe  der  Theoposophie. 
Menschenrassen 


Berlin,  9.  November  1905    132 

VII.  Der  Weisheitskern  in  den  Religionen 

Berlin,  16.  November  1905    155 

VIII.  Bruderschaft  und  Daseinskampf 

Berlin,  23.  November  1905    179 

IX.  Innere  Entwickelung 

Berlin,  7.  Dezember  1905    200 

X.  Das  Weihnachtsf est  als  Wahrzeichen  des  Sonnensieges 
Berlin,  14.  Dezember  1905    229 

XI.  Die  Weisheitslehren  des  Christentums 

Berlin,  l.Februar  1906    251 


XII.  Wiederverkorperung  und  Karma 

Berlin,  15.  Februar  1906    279 

XIII.  Luzifer 

Berlin,  22.  Februar  1906    307 

XIV.  Die  Kinder  des  Luzifer 

Berlin,  1.  Marz  1906    334 

XV.  Germanische  und  indische  Geheimlehre 

Berlin,  8.  Marz  1906    361 

XVI.  Die  Theosophen  des  19.  Jahrhunderts 

Berlin,  15.  Marz  1906    387 

XVII.  Siegfried  und  die  Gotterdammerung 

Berlin,  22.  Marz  1906    413 

XVIII.  Parzival  und  Lohengrin 

Berlin,  29.  Marz  1906    430 

XIX.  Das  Osterfest 

Berlin,  12.  April  1906    451 

XX.  Innere  Entwickelung 

Berlin,  19.  April  1906    463 

XXI.  Paracelsus 

Berlin,  26.  April  1906    477 

XXII.  Jakob  Bohme 

Berlin,  3.  Mai  1906    498 

Hinweise   513 

Personenregister   528 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   531 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe    .    .  539 


ZUDIESER  AUSGABE 


Die  Vortrage  dieses  Bandes  gehoren  dem  Teil  von  Rudolf  Steiners 
Vortragswerk  an,  mit  dem  er  sich  an  die  Offentlichkeit  wandte. 
«Berlin  war  der  Ausgangspunkt  fur  diese  offentliche  Vortragstatig- 
keit  gewesen.  Was  in  anderen  Stadten  mehr  in  einzelnen  Vortragen 
behandelt  wurde,  konnte  hier  in  einer  zusammenhangenden  Vor- 
tragsreihe  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  deren  Themen  ineinan- 
der  iibergriffen.  Sie  erhielten  dadurch  den  Charakter  einer  sorgfaltig 
fundierten  methodischen  Einfiihrungin  die  Geisteswissenschaft  und 
konnten  auf  ein  regelmafiig  wiederkehrendes  Publikum  rechnen, 
dem  es  darauf  ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich  erschliefienden 
Wissensgebiete  einzudringen,  wahrend  den  neu  Hinzukommenden 
die  Grundlagen  fur  das  Verstandnis  des  Gebotenen  immer  wieder 
gegeben  wurden.»  (Marie  Steiner) 

Die  vorliegende,  wahrend  des  Winterhalbjahres  1905/06  gehal- 
tene  Vortragsreihe  ist  die  dritte  der  offentlichen  Vortragsreihen, 
welche  Rudolf  Steiner  in  Berlin  seit  1903  regelmafiig  durchfiihrte.  In 
ihr  wird  zunachst  der  materialistischen  Weltanschauung  Ernst 
Haeckels  die  spiritualistische  Weltanschauung  der  Geisteswissen- 
schaft gegenubergestellt.  Von  hier  aus  ergeben  sich  Losungen  der 
brennenden  Fragen  der  Zeit,  der  Friedensfrage,  der  sozialen  Frage, 
der  Frauenfrage.  Es  wird  gezeigt,  wie  Geisteswissenschaft  ein  neues 
Menschenbild,  einen  neuen  Erkenntnisweg,  eine  neue  Gesamtschau 
vermittelt,  die  zu  einer  Erneuerung  von  Wissenschaft,  Kunst  und 
Religion  fiihren  kann.  Die  Wahrheiten  des  Christentums,  der  Sinn 
des  Mythos  und  der  Sage  werden  in  neuer  Weise  aufgezeigt.  Dies 
alles  gipfelt  in  einem  neuen  Verstandnis  der  christlichen  Feste: 
Weihnacht  als  Fest  des  Sonnensieges,  Ostern  als  Fest  von  Tod  und 
Auferstehung,  der  inneren  Auferstehung  zu  neuem  Menschentum. 


HAECKEL,  DIE  WELTRATSEL  UND  DIE 
THEOSOPHIE 


Berlin,  5.  Oktober  1905 

Wenn  ich  heute  iiber  das  Thema  spreche:  «Haeckel,  die 
Weltratsel  und  die  Theosophie»,  so  weifi  ich,  daft  dieses 
Thema  dem  Erforscher  des  geistigen  Lebens  aufierordent- 
liche  Schwierigkeiten  bereitet  und  dafi  ich  vielleicht  mit  mei- 
nen  Ausfuhrungen  nach  links  und  nach  rechts  schwer  Anstoft 
erregen  werde.  Dennoch  aber  scheint  es  mir  eine  Notwen- 
digkeit  zu  sein,  einmal  vom  theosophischen  Standpunkte 
aus  daruber  zu  sprechen,  denn  einerseits  hat  ja  das  Evange- 
lium,  das  Haeckel  aus  seinen  Forschungen  gewonnen  hat, 
durch  sein  Buch  «Die  Weltratsel»,  den  Zugang  zu  Tausen- 
den  und  aber  Tausenden  von  Menschen  gefunden.  Zehntau- 
send  Exemplare  der  «Weltratsel»  waren  nach  kurzer  Zeit 
abgesetzt,  und  in  viele  Sprachen  ist  das  Buch  iibersetzt  wor- 
den.  Selten  hat  ein  so  ernstes  Buch  eine  so  grofie  Verbreitung 
gefunden. 

Wenn  die  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft  klarma- 
chen  soil,  welches  ihre  Ziele  sind,  dann  mufi  sie  sich  mit  einer 
so  widitigen  Erscheinung,  die  sich  audi  mit  den  tiefsten  Fra- 
gen  des  Daseins  beschaftigt,  auseinandersetzen  und  ihre 
Stellung  dazu  zum  Ausdruck  bringen.  An  sich  ist  ja  die 
theosophische  oder  geisteswissenschaftliche  Lebensbetrach- 
tung  nicht  da  zum  Kampfe,  sondern  zur  Versohnung,  zum 
Ausgleich  der  Gegensatze.  Dann  bin  ich  audi  selbst  in  einer 
besonderen  Lage  gegenuber  der  Weltanschauung  Ernst 
Haeckels.  Denn  ich  kenne  die  Empfindungen  und  Gefuhle, 
die  heute  den  Menschen  teilweise  aus  seinem  wissenschafl- 


lichen  Gewissen,  teilweise  aus  der  allgemeinen  Weltlage  und 
Weltanschauung  heraus,  wie  durch  eine  faszinierende  Kraft 
hineinfiihren  konnen  in  die  einfachen,  grofien  Gedanken- 
gange,  aus  denen  sich  diese  Weltanschauung  Haeckels  zu- 
sammensetzt.  Ich  wiirde  wohl  nicht  wagen,  heute  so  unbe- 
fangen  zu  sprechen,  wenn  ich  in  bezug  auf  Haeckel  das 
ware,  was  man  einen  Gegner  nennt;  wenn  ich  nicht  genau 
bekannt  ware  mit  dem,  was  man  durchmachen  kann,  wenn 
man  sich  hineinlebt  in  dieses  wunderbare  Gebaude  seiner 
Ideen. 

Vor  allem  aber  wird  derjenige,  der  mit  ofFenem  Sinn  die 
Entwickelung  des  Geisteslebens  betrachtet,  in  Haeckels  Wir- 
ken  die  moralische  Kraft  anerkennen  mussen.  Mit  ungeheue- 
rem  Mut  hat  dieser  Mann  seit  Jahrzehnten  seine  Welt- 
anschauung durchgekampft,  schwer  durchgekampft  und  sich 
sehr  gegen  mannigfache  Widerwartigkeiten,  die  ihm  ent- 
gegentraten,  zu  wehren  gehabt.  Auf  der  andern  Seite  diir- 
fen  wir  nicht  verkennen,  dafi  in  Haeckel  eine  grofie  Kraft 
der  zusammenfassenden  Darstellung  und  des  zusammen- 
fassenden  Denkens  lebt.  Was  in  dieser  Beziehung  so  vielen 
Naturforschern  fehlt,  das  hat  er  in  hohem  Mafie.  Er  hat  es 
gewagt,  trotzdem  in  den  letzten  Jahrzehnten  die  eigentlich 
wissenschaftlichen  Stromungen  gegen  ein  solches  Unterneh- 
men  gerichtet  waren,  die  Resultate  seiner  Forschungen  in 
einer  Weltanschauung  zusammenzuf  assen.  Das  mufi  als  eine 
Tat  besonderer  Art  anerkannt  werden.  Auch  der  theosophi- 
schen  Weltanschauung  gegenuber  bin  ich  in  einer  eigentiim- 
lichen  Lage,  wenn  ich  iiber  Haeckel  spreche.  Wer  sich  mit 
dem  Entwickelungsgang  der  theosophischen  Bewegung  be- 
fa£t  hat,  der  weifi,  welche  scharfen  Worte  und  Kampfe  von 
seiten  der  Theosophen  und  auch  gerade  von  seiten  der  Be- 
grunderin  der  theosophischen  Bewegung,  von  seiten  der 
Frau  Helena  Petrowna  Blavatsky,  gegen  die  Konsequenzen 


gefiihrt  worden  sind,  die  Ernst  Haeckel  aus  seinen  For- 
schungen  gezogen  hat.  Gegen  wenige  Erscheinungen  auf 
dem  Gebiete  der  Weltanschauungen  wird  in  der  «Geheim- 
lehre»  mit  soldier  Leidenschaftlichkeit  gekampft,  wie  gerade 
gegen  die  Haeckelschen  Auseinandersetzungen.  Ich  darf 
wohl  behaupten,  unbefangen  zu  sprechen,  weil  idi  glaube, 
zum  Teil  in  meiner  Schrift  «Haeckel  und  seine  Gegner»,  wie 
auch  in  meinem  Buch  iiber  die  «Welt-  und  Lebensanschau- 
ungen  im  19.  Jahrhundert»,  dem  wirklichen  Wahrheits- 
gehalt  der  Haeckelschen  Weltanschauung  in  voll em  Sinne 
gerecht  geworden  zu  sein.  Ich  glaube  das  aus  seinen  Werken 
herausgesucht  zu  haben,  was  unverganglich,  was  frucht- 
bar  ist. 

Sehen  Sie  die  ganze  Lage  der  Weltanschauung  an,  inso- 
fern  sie  sich  auf  wissenschaftliche  Griinde  stiitzt.  Noch  in 
der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts  war  die  Geistesrich- 
tung  eine  ganz  andere  als  in  der  zweiten.  Und  Haeckels 
Auftreten  fiel  in  eine  Zeit,  in  welcher  es  sehr  nahe  lag,  dem 
jungen  sogenanntenDarwinismus  eine  materialistische  Kon- 
sequenz  zu  geben.  Wenn  man  versteht,  wie  nahe  es  damals 
lag,  als  Haeckel  in  die  Naturwissenschaft  hineinkam  als 
junger  enthusiastischer  Forscher,  alle  naturwissenschaft- 
lichen  Entdeckungen  materialistisch  zu  deuten,  dann  wird 
man  die  materialistische  Tendenz  begreifen  und  den  Weg 
der  Friedensstiflung  einschlagen  und  weniger  den  des 
Kampfes.  Wenn  Sie  diejenigen  betrachten,  welche  in  der 
Mitte  des  19.  Jahrhunderts  den  Blick  frei  nach  den  grofien 
Menschheitsratseln  gerichtet  haben,  so  werden  Sie  zweierlei 
finden.  Auf  der  einen  Seite  eine  vollige  Resignation  gegen- 
iiber  den  hochsten  Fragen  des  Daseins,  ein  Eingestandnis, 
vom  wissenschafllichen  Standpunkt  aus  nicht  durchdringen 
zu  konnen  zu  den  Fragen  nach  der  gottlichen  Weltordnung, 
nach  der  Unsterblichkeit,  der  Freiheit  des  Willens,  dem  Ur- 


sprung  des  Lebens,  kurz  zu  den  eigentlichen  Weltratseln. 
Auf  der  andern  Seite  werden  Sie  au&er  dieser  resignierenden 
Stimmung  nocli  Oberreste  einer  alten  religiosen  Tradition 
auch  bei  den  Naturforschern  finden.  Kiihnes  Vordringen  bei 
der  Untersuchung  dieser  Fragen,  vom  wissenschaftlichen 
Standpunkt  aus,  finden  Sie  in  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahr- 
hunderts  nur  bei  den  deutschen  Philosophen,  zum  Beispiel 
bei  Schellingy  Fichte  oder  audi  bei  Okeny  einem  Freiheits- 
mann  sondergleichen  auch  auf  andern  Gebieten  des  Lebens. 
Was  heute  bei  den  Naturforsdiern  spukt,  die  Weltanschau- 
ungen  begriinden  wollen,  konnen  Sie  schon  in  grofieren  Zu- 
gen  bei  Oken  finden.  Aber  es  weht  noch  ein  eigentumlicher 
Windhauch  dariiber  hin,  es  lebt  noch  darin  die  Empfindung 
des  alten  Spiritualismus,  der  sich  klar  ist,  da£  hinter  allem, 
was  man  durch  die  Sinne  wahrnehmen  und  durch  Instru- 
mente  erforschen  kann,  etwas  Geistiges  zu  suchen  ist. 

Haeckel  hat  selbst  immer  wieder  und  wieder  erzahlt,  wie 
durch  das  Gemiit  seines  groften  Lehrers,  des  unvergeft lichen 
Naturforschers  Johannes  M tiller,  dieser  eigentiimliche 
Hauch  wehte.  Sie  konnen  es  bei  Haeckel  nachlesen,  wie  ihm, 
als  er  auf  der  Berliner  Universitat  bei  Johannes  Miiller  be- 
schaftigt  war  und  die  Anatomie  der  Tiere  und  Menschen 
studierte,  die  grofie  Ahnlichkeit,  nicht  nur  in  der  aufieren 
Form,  sondern  in  dem,  was  sich  in  der  Form  erst  durchringt, 
in  der  Tendenz  der  Form,  auffiel.  Wie  er  dann  dem  Lehrer 
gegeniiber  aufierte,  dafi  dies  auf  eine  geheimnisvolle  Ver- 
wandtschafl  der  Tiere  und  Menschen  hindeute,  worauf  Jo- 
hannes Miiller,  der  so  tief  in  die  Natur  hineingesehen  hatte, 
erwiderte:  Ja,  wer  emmal  das  Geheimnis  der  Arten  ergriin- 
det,  der  wird  das  Hochste  erreichen.  -  Man  mufi  sich  eben 
hineindenken  in  das  Gemiit  eines  solchen  Forschers,  der 
sicher  nicht  Halt  gemacht  hatte,  wenn  fur  ihn  eine  Aussicht 
gewesen  ware,  in  das  Geheimnis  einzudringen.  Ein  anderes 


Mai,  als  Lehrer  und  Schiiler  auf  einer  Forsdiungsreise  waren, 
da  aufierte  Haeckel  wieder,  welche  grofie  Verwandtschaft 
unter  denTieren  bestehe;  da  sagte  abermals  Johannes  Miiller 
etwas  ganz  Ahnlidies.  Hiermit  wollte  ich  nur  eine  Stimmung 
kennzeichnen.  Lesen  Sie  bei  irgendeinem  bedeutenden  Na- 
turforscher  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts  nach,  zum 
Beispiel  bei  Burdach,  so  werden  Sie,  trotz  sorgfaltiger  Her- 
ausarbeitung  aller  naturwissenschaftlichen  Einzelheiten,  da, 
wo  vom  Reiche  des  Lebens  gesprochen  wird,  stets  einen 
Hinweis  darauf  finden,  dafi  da  nicht  blofi  physische  und 
chemisdie  Krafte  wirken,  sondern  dafi  etwas  Hoheres  in 
Betracht  komme. 

Als  dann  aber  die  Ausbildung  des  Mikroskopes  dem  Men- 
schen  ermoglichte,  hineinzuschauen  in  die  eigentiimliche  Zu- 
sammensetzung  des  lebendigen  Wesens  und  man  beobachten 
konnte,  dafi  man  es  mit  einem  feinen  Gewebe  kleinster 
Lebewesen  zu  tun  hat,  aus  welchen  sich  der  physische  Leib 
der  Wesen  zusammensetzt,  da  wurde  es  anders.  Dieser  phy- 
sische Korper,  welcher  Pflanzen  und  Tieren  als  Kleid  dient, 
lost  sich  fur  den  Naturforscher  in  Zellen  auf.  Die  Ent- 
deckungen  iiber  das  Leben  der  Zellen  wurden  von  den  Na- 
turforschern  am  Ende  der  dreifiiger  Jahre  des  19.  Jahrhun- 
derts gemacht.  Und  weil  man  so  viel  von  dem  Leben  der 
kleinsten  Lebewesen  in  sinnlicher  Weise  durch  das  Mikro- 
skop  erforschen  konnte,  war  es  naheliegend,  dafi  man  das, 
was  als  organisierendes  Prinzip  in  dem  Lebewesen  wirkt, 
vergafi  und  ubersah,  weil  es  durch  keinen  physischen  Sinn, 
uberhaupt  durch  nichts  Aufieres  erkannt  werden  kann. 

Damals  gab  es  noch  keinen  Darwinismus,  aber  unter  den 
Eindriicken  dieser  grofien  Erfolge,  die  auf  dem  Gebiete  der 
Erforschung  des  Sinnenfalligen  gemacht  wurden,  bildete 
sich  in  den  vierziger,  funfziger  Jahren  eine  materialistische 
Naturwissenschaft  heraus.  Da  dachte  man,  daft  man  aus 


dem,  was  man  sinnenf  allig  wahrnimmt  und  erklaren  kann, 
audi  die  ganze  Welt  begreifen  konne.  Was  heme  sehr  vielen 
geradezu  kindlich  vorkommt,  das  machte  damals  ungeheures 
Aufsehen  und  bildete  sozusagen  ein  Evangelium  fur  die 
Menschheit.  Kraft  und  StofF,  Biichner,  Moleschott,  das  wa- 
ren  die  Schlagworte  und  die  tonangebenden  Grofien.  Als  ein 
Ausdruck  kindlicher  Phantasie  f  ruherer  Menschheitsepochen 
gait  es,  wenn  man  bei  dem,  was  man  ins  kleinste  mit  den 
Augen  untersuchen  kann,  noch  etwas  vermutet,  das  uber  das 
Augenfallige,  das  sinnlich  Wahrnehmbare  hinausgeht. 

Nun  miissen  Sie  bedenken,  dafi  neben  aller  Urteilskraft, 
neben  aller  Forschung,  in  der  Entwickelung  des  Geisteslebens 
die  Gefuhle  und  Empfindungen  eine  grofte  Rolle  spielen. 
Derjenige,  der  da  glaubt,  dafi  Weltanschauungen  nur  nach 
den  kiihlen  Erwagungen  der  Urteilskraft  gebildet  werden, 
der  irrt  sich  sehr.  Da  spricht,  wenn  ich  mich  radikal  ausspre- 
chen  darf,  immer  auch  das  Herz  mit.  Da  wirken  audi  ge- 
heime  Erziehungsgrunde  mit.  Die  Menschheit  hat  in  ihrer 
letzten  Entwickelungsphase  eine  materialistische  Erziehung 
durchgemacht.  Diese  reicht  zwar  in  ihren  Anf  angen  weit  zu- 
riick,  ist  aber  erst  zu  der  Zeit,  von  der  wir  sprechen,  an 
ihrem  Hohepunkt  angelangt.  Wir  nennen  diese  Epoche  der 
materialistischen  Erziehung  das  Zeitalter  der  Aufklarung. 
Der  Mensch  mufite  sich  —  das  war  auch  die  letzte  Konse- 
quenz  gerade  der  christlichen  Weltanschauung  —  hier  auf 
diesem  festen  Boden  der  Wirklichkeit  zurechtfinden  lernen. 
Den  Gott,  den  er  so  lange  jenseits  der  Wolken  gesucht  hatte, 
sollte  er  nun  in  seinem  eigenen  Innern  suchen.  Das  wirkte 
tief  auf  die  ganze  Entwickelung  des  19.  Jahrhunderts  ein; 
und  der,  welcher  als  Zeitpsychologe  die  Entwickelung  der 
Menschheit  im  19.  Jahrhundert  studieren  will,  der  wird  alle 
Erscheinungen,  die  darin  auftreten,  wie  zum  Beispiel  die 
Freiheitsbewegung  in  den  dreifiiger  und  vierziger  Jahren, 


nur  als  einzelne,  gesetzmafiig  verlaufende  Stiirme  des  sich 
herausentwickelnden-Gefuhls  von  der  Bedeutung  physischer 
Wirklichkeit  erfassen.  Man  hat  es  mit  einer  Erziehungsrich- 
tung  der  Menschheit  zu  tun,  die  zunachst  mit  Gewalt  alien 
Ausblick  nach  einem  spirituellen,  nach  einem  geistigen  Le- 
ben  aus  dem  menschlichen  Herzen  herausrifi.  Und  nicht  aus 
der  Naturwissenschaft  heraus  ist  die  Konsequenz  gezogen, 
dafi  die  Welt  aus  sinnenf  alligen  Erscheinungen  bestehe,  son- 
dern  man  zog,  infolge  der  Menschheitserziehung  jener  Zeit, 
in  die  Erklarung  naturwissenschaftlicher  Tatsachen  den  Ma~ 
terialismus  hinein.  Wer  wirklich  die  Dinge  unbefangen  stu- 
diert,  wie  sie  sind,  der  wird  finden,  da£  es  so  ist,  wie  ich 
sagen  werde,  obgleich  ich  in  einer  kurzen  Stunde  mich  nicht 
dariiber  ausfuhrlich  aussprechen  kann. 

Die  ganz  gewaltigen  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der 
Naturerkenntnis,  der  Astronomie,  der  Physik  und  Chemie, 
durch  die  Spektralanalyse,  durch  die  erweiterte  theoretische 
Kenntnis  der  Warme  und  durch  die  Lehre  von  der  Ent- 
wickelung  der  Lebewesen,  die  man  die  Darwinsche  Theorie 
nennt,  fallen  in  diese  Periode  des  Materialismus.  Wenn  diese 
Entdeckungen  in  eine  Zeit  gefallen  waren,  in  der  man  noch 
so  gedacht  hatte  wie  urn  die  Wende  des  18.  zum  19.  Jahr- 
hundert,  als  man  noch  eine  mehr  spirituelle  Empfindung 
hatte,  dann  hatte  man  in  denselben  noch  ebenso  viele  Be- 
weise  fiir  das  Walten  und  Wirken  des  Geistes  in  der  Natur 
gesehen.  Gerade  zum  Beweise  des  Primats  des  Geistes  wiir- 
den  die  wunderbaren  Entdeckungen  der  Naturwissenschaft 
gefuhrt  haben.  Man  sieht  hieraus,  dafi  die  naturwissen- 
schaftlichen  Entdeckungen  an  sich  nicht  notwendig  und  un- 
ter  alien  Umstanden  zum  Materialismus  hinfiihren  mufiten; 
sondern  nur,  weil  viele  Trager  des  Geisteslebens  in  dieser 
Zeit  materialistisch  gesinnt  waren,  wurden  diese  Entdeckun- 
gen materialistisch  gedeutet.  Der  Materialismus  wurde  in 


die  Naturwissenschaft  hineingetragen,  und  unbewufit  haben 
Naturforscher,  wie  Ernst  Haeckel,  denselben  angenommen. 
Darwins  Entdeckung  selbst  hatte  nicht  zum  Materialismus 
drangen  miissen.  In  seinem  ersten  Werke  finden  Sie  den 
Satz:  «Ich  halte  dafiir,  dafi  alle  Lebewesen,  die  je  auf  der 
Erde  gewesen  sind,  von  einer  Urform  abstammen,  welcher 
das  Leben  vom  Schopfer  eingehaucht  wurde.»  Diese  Worte 
stehen  in  Darwins  Buch  «"Qber  die  Entstehung  der  Arten», 
jenem  Werke,  das  der  Materialismus  zu  seiner  Stiitze  macht. 

Es  ist  klar,  wer  als  materialistischer  Denker  an  diese  Ent- 
deckungen  herantrat,  der  mufite  dem  Darwinismus  eine  ma- 
terialistische  Farbung  geben.  Durch  Haeckels  materialistisch 
kiihne  Art  des  Denkens  erhielt  der  Darwinismus  seine  jet- 
zige  materialistischeTendenz.  Es  war  von  grofier  Wirkung, 
als  im  Jahre  1868  Haeckel  den  Zusammenhang  der  Men- 
schen  mit  den  Herrentieren  (Affen)  verkiindete.  In  jener 
Zeit  konnte  dies  nichts  anderes  heifien,  als  der  Mensch 
stamme  von  den  Herrentieren  ab.  Bis  heute  hat  aber  das 
Denken  einen  eigentumlichen  Entwickelungsgang  durchge- 
macht.  Haeckel  ist  dabei  stehengeblieben,  daf$  der  Mensch 
von  den  Herrentieren  abstamme,  diese  wieder  von  den  nie- 
deren  und  diese  niederen  wieder  von  den  allereinfachsten 
Lebewesen.  So  entwickelt  er  den  ganzen  Stammbaum  des 
Menschen.  Dadurch  war  fur  ihn  aller  Geist  aus  der  Welt 
ausgeschaltet  und  nur  als  Erscheinungsform  des  Materiellen 
vorhanden.  Haeckel  sucht  sich  noch  zu  helfen,  da  er  in  sei- 
nem Innersten,  neben  seiner  materialistischen  Denkerseele, 
eine  eigentiimlich  geartete,  spiritualistische  Gefuhlsseele  hat. 
Diese  beiden  haben  sich  in  ihm  nie  so  recht  ausgleichen,  nie 
so  recht  eine  bniderliche  Einigung  finden  konnen.  Er  kommt 
deshalb  dazu,  dafi  er  dem  kleinsten  Lebewesen  auch  eine  Art 
Bewufitsein  zuschreibt;  dabei  bleibt  aber  unerklart,  wie  sich 
das  komplizierte  menschliche  Bewu£tsein  aus  dem  Bewufk- 


sein  der  kleinsten  Lebewesen  entwickelt.  Haeckel  sagte  einst 
bei  Gelegenheit  eines  Gespraches:  Da  stofien  sich  die  Leute 
an  meinem  Materialismus;  aber  ich  leugne  ja  gar  nicht  den 
Geist,  ich  leugne  ja  gar  nicht  das  Leben;  ich  mochte  doch 
nur,  dafi  die  Leute  bedenken,  dafi,  wenn  sie  StofTe  in  eine 
Retorte  hineinbringen,  darinnen  bald  alles  lebt  und  webt.  - 
Das  zeigt  so  recht  deutlich,  wie  Haeckel  neben  der  wis- 
senschaftlichen  Denkerseele  eine  spiritualistische  Gefuhls- 
seele  hat. 

Einer  derjenigen,  die  damals,  als  Darwin  auftrat,  die  Ab- 
stammung  der  Menschen  vom  hoheren  Tier  ebenfalls  be- 
haupteten,  war  der  englische  Forscher  Huxley.  Er  hat  es  aus- 
gesprochen,  dafi  eine  so  grofie  Ahnlichkeit  im  aufieren  Bau 
zwischen  dem  Menschen  und  den  hoheren  Tieren  besteht, 
dafi  diese  Ahnlichkeit  grofier  sei,  als  die  Ahnlichkeit  zwi- 
schen  den  hoheren  und  niederen  Affenarten.  Man  konne 
daraus  nur  schliefien,  dafi  eine  Abstammung  des  Men- 
schen von  den  hoheren  Tieren  bestehe.  In  neuerer  Zeit 
haben  die  Forscher  neue  Tatsachen  gefunden;  auch  jene 
Empflndungen,  die  in  jahrhundertelanger  Erziehung  des 
Menschen  Herz  und  Seele  herangebildet  haben,  formten 
sich  um;  und  so  kam  es,  dafi  Huxley  in  den  neunziger 
Jahren,  kurz  vor  seinem  Tode,  die  fiir  ihn  merkwurdige 
Ansicht  ausgesprochen  hat:  So  sehen  wir  denn,  dafi  wir 
in  der  Natur  draufien  eine  Stufenfolge  des  Lebendigen 
finden,  vom  Einfachsten  und  Unvollkommensten  bis  zum 
Zusammengesetzten  und  Vollkommensten.  Diese  Reihen- 
folge  konnen  wir  ubersehen.  Warum  aber  sollte  sich  diese 
Reihenfolge  nicht  fortsetzen  in  ein  Gebiet,  das  wir  nicht 
ubersehen  konnen?  —  In  diesen  Worten  ist  der  Weg  ange- 
deutet,  auf  dem  der  Mensch  aus  der  Naturforschung  heraus 
sich  emporschwingen  kann  zur  Idee  eines  gottlichen  Wesens, 
das  hoch  iiber  dem  Menschen  steht,  eines  Wesens,  das  hoher 


uber  diesem  steht,  als  er  selbst  tiber  einem  einfadien  Zellen- 
wesen.  Huxley  sagte  einst:  Ich  will  lieber  von  solchen  Vor- 
fahren  abstammen,  die  tierahnlich  sind,  als  von  solchen, 
welche  die  menschliche  Vernunft  leugnen. 

So  haben  sich  die  Begriffe  und  Empfindungen,  das,  was 
die  Seele  denkt  und  fiihlt,  verandert.  Haeckel  hat  in  seiner 
Art  seine  Forschungen  fortgesetzt.  Schon  im  Jahre  1868  hat 
er  sein  populares  Buch  «Natiirliche  Sch6pfungsgeschichte» 
veroffentlicht.  Aus  dieser  kann  man  vieles  lernen;  man  kann 
lernen,  wie  die  Reiche  des  Lebendigen  in  der  Natur  gesetz- 
mafiig  zusammenhangen.  Man  kann  hineinschauen  in  die 
grauen  Zeiten  der  Vergangenheit  und  das  Lebende  in  Zu- 
sammenhang  mit  dem  Ausgestorbenen  bringen,  von  dem 
nur  noch  die  letzten  Oberreste  auf  der  Erde  vorhanden  sind. 
Das  hatte  Haeckel  genau  eingesehen.  Das  Welthistorische, 
das  sich  im  weiteren  abspielt,  kann  ich  nur  durch  einen  Ver- 
gleich  klarmachen.  Derjenige,  welcher  den  Willen  hat,  auf 
solche  Dinge  einzugehen,  wird  finden,  da£  dieser  Vergleich 
nicht  mehr  hinkt,  als  alle  Vergleiche  hinken,  die  aber  trotz 
alledem  treffend  sein  konnen.  Nehmen  Sie  an,  es  kame  ein 
Kunsthistoriker  und  beschriebe  das  grofie  Reich  der  Malerei 
von  Leonardo  da  Vinci  bis  heute  in  einer  schonen  kunstge- 
schichtlichen  Abhandlung.  Alles  was  in  dieser  Zeit  nach  sol- 
dier Richtung  hin  geschaffen  worden  ist,  trate  vor  Ihre  Seele 
hin  und  Sie  wiirden  glauben,  hineinzuschauen  in  dieses  frei 
sich  entwickelnde  Weben  und  Wirken  des  Menschengeistes. 
Nehmen  Sie  ferner  an,  es  kame  jemand  und  sagte  beziiglich 
dieser  Beschreibung:  Aber  alles,  was  der  Kunsthistoriker 
hier  darstellt,  ist  ja  nichts  Wirkliches,  das  ist  ia  etwas,  was 
gar  nicht  da  ist,  das  ist  ja  nur  eine  Beschreibung  von  Phan- 
tasiegebilden,  die  es  gar  nicht  gibt,  und  was  gehen  mich  diese 
Phantasien  an;  man  mufi  das  Wirkliche  untersuchen,  um  zu 
einer  richtigen  kunstgeschichtlichen  Darstellung  zu  kommen. 


Ich  will  daher  einmal  die  Gebeine  des  Leonardo  da  Vinci 
einer  Priifung  unterziehen  und  versuchen,  den  Korper  des- 
selben  wieder  zusammenzustellen,  untersuchen,  was  er  fiir 
ein  Gehirn  gehabt  und  wie  dieses  gearbeitet  hat.  —  Dieselben 
Dinge  werden  also  sowohl  von  dem  Kunsthistoriker,  als 
audi  von  dem  anatomischen  Naturhistoriker  beschrieben. 
Kein  Fehler  braucht  zu  unterlaufen,  alles  konnte  richtig 
sein.  Dann  meinte  der  anatomische  Historiker,  wir  mussen 
auf  Tod  und  Leben  bekampfen,  was  die  idealistischen 
Kunsthistoriker  uns  erzahlen,  wir  mussen  es  als  eine  Phan- 
tasie  bekampfen,  denn  das  sei  ja  fast  so,  als  ware  iiber  die 
Menschen  ein  Aberglaube  gekommen,  der  uns  glauben  ma- 
chen  will,  dafi  neben  der  Gestalt  von  Leonardo  da  Vinci 
noch  so  ein  gasformiger  Wirbel  als  Seele  bestanden  habe. 

Dieser  Vergleich  ist  treffend,  obgleich  er  albern  erscheinen 
mag.  In  soldier  Lage  beflndet  sich  derjenige,  welcher  auf  die 
alleinigeRichtigkeit  der  «Naturlichen  Sch6pfungsgeschichte» 
schwort.  Audi  er  kann  nicht  so  bekampft  werden,  dafi  man 
ihm  Fehler  nachweist.  Die  mogen  zwar  vorhanden  sein, 
aber  darauf  kommt  es  hier  gar  nicht  an.  Wichtig  ist  es,  dafi 
das  Sinnenfallige  einmal  seinem  inneren  Zusammenhange 
nach  dargestellt  wurde.  Das  ist  im  Grunde  genommen  durch 
Haeckel  in  einer  grofien  und  umfassenden  Weise  geschehen. 
Es  ist  so  geschehen,  dafi  derjenige,  der  sehen  will,  audi  sehen 
kann,  wie  gerade  das  Geistige  bei  der  Bildung  der  Formen 
wirksam  ist,  wo  scheinbar  nur  die  Materie  waltet  und  webt. 
Daraus  kann  man  viel  lernen;  man  kann  ersehen,  wie  man 
geistig  den  materiellen  Zusammenhang  in  der  Welt  mit 
Ernst,  Wiirde  und  Ausdauer  erfafit.  Derjenige,  welcher  die 
«Anthropogenie»  Haeckels  durchnimmt,  der  sieht,  wie  die 
Gestalt  sich  aufbaut  von  den  einfachsten  Lebewesen  bis  zu 
den  kompliziertesten,  von  den  einfachsten  Organismen  bis 
hinauf  zum  Menschen.  Wer  zu  dem,  was  der  Materialist 


sagt,  nodi  den  Geist  hinzuzufugen  versteht,  der  studiert  in 
diesem  Haeckelismus  die  schonste  elementare  Theosophie. 

Die  Haeckelschen  Forschungsresultate  bilden  sozusagen 
das  erste  Kapitel  der  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft. 
Viel  besser  als  durch  irgend  etwas  anderes  kann  man  sich  in 
das  Werden  und  Umgestalten  der  organischen  Formen  hin- 
einfinden,  wenn  man  seine  Werke  studiert.  Allen  Grund 
haben  wir,  zu  zeigen,  was  durch  den  Fortschritt  dieser  ver- 
tieften  Naturerkenntnis  Grofies  geleistet  wurde. 

In  den  Zeiten,  da  Haeckel  diesen  Wunderbau  aufgefuhrt 
hat,  stand  man  den  tieferen  Ratseln  der  Menschheit  als 
unlosbaren  Problemen  gegeniiber.  In  einer  rhetorisch  glan- 
zenden  Rede  hat  Du  Bois-Reymond  im  Jahre  1 872  iiber  die 
Grenzen  der  Naturforschung  und  des  Naturerkennens  ge- 
sprochen.  Ober  weniges  ist  in  den  letzten  Jahrzehnten  mehr 
gesprochen  worden  als  iiber  diese  Rede  mit  dem  beruhmten 
«Ignorabimus».  Sie  war  eine  wichtige  Tat  und  stellt  einen 
wichtigen  Gegensatz  zu  Haeckels  eigener  Entwickelung  und 
seiner  Lehre  von  der  Abstammung  des  Menschen  dar.  In 
einer  andern  Rede  hat  Du  Bois-Reymond  als  die  grofien 
Ratselfragen  des  Daseins,  die  der  Naturforscher  nur  teil- 
weise  oder  gar  nicht  beantworten  kann,  «Sieben  Weltratsel» 
aufgestellt,  namlich: 

1 .  Den  Ursprung  von  Kraft  und  Materie. 

2.  Wie  ist  in  diese  ruhende  Materie  die  erste  Bewegung 
hineingekommen  ? 

3.  Wie  ist  innerhalb  der  bewegten  Materie  Leben  ent- 
standen? 

4.  Wie  erklart  es  sich,  da£  in  der  Natur  so  vieles  ist,  das 
den  Stempel  der  Zweckmafiigkeit  an  sich  tragt,  wie  sie  nur 
bei  den  von  der  menschlichen  Vernunft  ausgefiihrten  Taten 
vorhanden  zu  sein  pflegt? 

5.  Wie  erklart  es  sich,  da,  wenn  wir  unser  Gehirn  unter- 


suchen  konnten,  wir  doch  nur  durcheinanderwirbelnde  kleine 
Kiigelchen  finden  wiirden,  dafi  diese  Kiigelchen  es  zustande 
bringen,  dafi  ich  «rot»  sehe,  Orgelton  hore,  Sdimerz  emp- 
finde  und  so  weiter?  -  Denken  Sie  sich  wirbelnde  Atome 
und  es  wird  Ihnen  sofort  klar  sein,  daft  nie  die  Empfindung 
daraus  entstehen  kann,  die  sich  ausdriickt  in  den  Worten, 
«ich  sehe  rot,  ich  rieche  Rosenduft  und  so  weiter». 

6.  Wie  entwickelt  sich  innerhalb  der  Lebewesen  Ver- 
stand,  Vernunft,  das  Denken  und  die  Sprache? 

7.  Wie  kann  ein  freier  Wille  entstehen  in  einem  Wesen, 
das  so  gebunden  ist,  daft  jede  Handlung  hervorgerufen  wer- 
den  muft  durch  das  Wirbeln  der  Atome? 

In  Ankniipfung  an  diese  «Weltratsel»  von  Du  Bois- 
Reymond  hat  Haeckel  eben  sein  Buch  «Die  Weltratsel»  ge- 
nannt.  Er  wollte  die  Antwort  auf  die  Ausfiihrungen 
Du  Bois-Reymonds  geben.  Eine  besonders  wichtige  Stelle 
ist  in  jener  Rede  Du  Bois-Reymonds,  die  er  iiber  die  Gren- 
zen  des  Naturerkennens  gehalten  hat.  Auf  diese  wichtige 
Stelle  werden  wir  hingefuhrt  und  konnen  durch  sie  zur 
Theosophie  hiniibergeleitet  werden. 

Als  Du  Bois-Reymond  in  Leipzig  vor  den  Naturfor- 
schern  und  Arzten  sprach,  da  schaute  der  Geist  der  Natur- 
forschung  aus  nach  einer  reinen,  freieren  und  hoheren  Luft, 
nach  der  Luft,  welche  in  die  theosophische  Weltanschauung 
fiihrte.  Du  Bois-Reymond  sagte  damals  folgendes:  Wenn 
wir  den  Menschen  naturwissenschafllich  betrachten,  so  ist 
er  fur  uns  ein  Zusammenwirken  unbewufiter  Atome.  Den 
Menschen  naturwissenschaftlich  erklaren,  heifit  diese  Atom- 
bewegungen  bis  ins  letzte  hinein  verstehen.  -  Er  meint, 
wenn  man  in  der  Lage  ist,  anzugeben,  wie  die  Bewegung  der 
Atome  an  irgendeiner  Stelle  des  Gehirns  ist,  wenn  man  sagt, 
«ich  denke»,  oder  «gib  mir  einen  Apfel»,  so  hat  man  dieses 
Problem  naturwissenschaftlich  gelost.  Du  Bois-Reymond 


nennt  dieses  die  <<astronomische>>  Erkenntnis  des  Menschen. 
Wie  ein  Sternenhimmel  im  klemen  wiirden  sich  die  beweg- 
ten  Gruppen  von  menschlichen  Atomen  ausnehmen.  Was 
man  da  nicht  begriffen  hat,  ist  der  Umstand,  wie  es  kommt, 
da£  in  dem  Bewufitsein  des  Menschen,  von  dem  ich,  sagen 
wir,  ganz  genau  weifi,  so  und  so  bewegen  sich  seine  Atome  — 
Empfindung,  Gefiihl  und  Gedanke  entstehen.  Das  kann 
keine  Naturwissenschaft  feststellen.  Wie  das  Bewufitsein 
entsteht,  kann  keine  Naturwissenschaft  sagen.  Du  Bois- 
Reymond  schlofi  nun  wie  folgt:  Beim  schlafenden  Menschen, 
der  sich  der  Empfindung  nicht  bewufit  ist,  die  sich  ausdriickt 
in  den  Worten:  «ich  sehe  rot»,  haben  wir  die  physische 
Gruppe  der  bewegten  Korperteile  vor  uns.  Beziiglich  dieses 
schlafenden  Korpers  brauchen  wir  nicht  zu  sagen:  «Wir 
werden  nicht  wissen»,  «Ignorabimus».  Den  schlafenden 
Menschen  konnen  wir  verstehen.  Der  wache  Mensch  ist  da- 
gegen  fur  keinen  Naturforscher  verstandlich.  Im  schlafen- 
den Menschen  ist  das  nicht  vorhanden,  was  beim  wachenden 
vorhanden  ist,  namlich  das  Bewufksein,  durch  das  er  uns  als 
Geisteswesen  entgegentritt. 

Damals  war  bei  der  Mutlosigkeit  der  Naturwissenschaft 
ein  wei teres  Vordringen  nicht  moglich;  man  konnte  damals 
noch  nicht  an  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft  denken, 
weil  die  Naturwissenschaft  scharf  dieGrenze  bezeichnet,  den 
Punkt  hingesetzt  hatte,  bis  wohin  sie  in  ihrer  Weise  gehen 
will.  Wegen  dieser  Selbstbeschrankung,  die  sich  die  Natur- 
forschung  Hermit  auf erlegt  hat,  hat  die  theosophische  Welt- 
anschauung in  derselben  Zeit  ihren  Anf ang  genommen.  Nie- 
mand  wird  behaupten,  daft  der  Mensch,  wenn  er  abends 
einschlaft  und  des  Morgens  wieder  aufwacht,  am  Abend 
aufhore  zu  sein  und  am  nachsten  Morgen  von  neuem  ent- 
stehe.  Dennoch  sagt  Du  Bois-Reymond,  da$  in  der  Nacht 
beim  Menschen  dasjenige  nicht  da  ist,  was  bei  Tag  in  ihm 


vorhanden  ist.Hier  liegt  fur  die  theosophische  Weltanschau- 
ung die  MogHchkeit  einzusetzen.  Das  Sinnesbewufitsein 
spricht  nicht  bei  dem  schlaf enden  Menschen.  Tndem  aber  der 
Naturforscher  sich  darauf  stiitzt,  was  dieses  Sinnesbewufit- 
sein  vermittelt,  so  kann  er  nichts  iiber  das,  was  daruber  hin- 
ausgeht, iiber  das  Geistige,  sagen,  weil  ihm  dadurch  gerade 
dasjenige  fehlt,  was  den  Menschen  zum  geistigen  Wesen 
macht.  Mit  den  Mitteln  der  Naturforschung  konnen  wir 
also  in  das  Geistige  nicht  hineindringen.  Die  Naturforschung 
stiitzt  sich  darauf,  was  sinnlich  wahrnehmbar  ist.  Was  nicht 
mehr  wahrnehmbar  ist,  wenn  der  Mensch  schlaft,  das  kann 
nicht  Objekt  ihrer  Forschung  sein.  In  diesem,  bei  dem  schla- 
f  enden  Menschen  nicht  mehr  wahrnehmbar  en  Etwas  haben 
wir  aber  gerade  die  Wesenheit  zu  suchen,  die  den  Menschen 
zum  Geisteswesen  macht.  Nicht  friiher  kann  man  iiber  das- 
jenige etwas  aussagen,  was  iiber  das  rein  Materielle,  das 
Sinnliche,  hinausgeht,  als  bis  -  wovon  der  Naturforscher  als 
solcher,  wenn  er  nur  auf  das  Sinnenfallige  ausgeht,  nichts 
wissen  kann  -  Organe,  geistige  Augen  geschaffen  sind,  die 
auch  das  sehen,  was  iiber  das  Sinnliche  hinausgeht.  Deshalb 
darf  man  nicht  sagen,  hier  sind  die  Grenzen  der  Erkenntnis, 
sondern  nur,  hier  sind  die  Grenzen  der  sinnlichen  Erkennt- 
nis. Der  Naturforscher  nimmt  sinnlich  wahr,  ist  aber  nicht 
geistiger  Seher.  Seher  mufi  er  aber  werden,  um  das  schauen 
zu  konnen,  was  der  Mensch  Geistiges  in  sich  hat.  Das  ist  es 
auch,"  was  alle  tiefere  Weisheit  in  der  Welt  anstrebt,  nicht 
eine  blofie  Erweiterung  der  sinnlichen  Erkenntnis,  dem  Um- . 
kreise  nach,  sondern  eine  Erhohung  der  menschlichen  Fahig- 
keiten.  Das  ist  auch  der  grofie  Unterschied  zwischen  der 
heutigen  Naturwissenschaft  und  dem,  was  die  Theosophie 
lehrt.  Der  Naturforscher  sagt  sich:  Der  Mensch  hat  Sinne, 
mit  denen  er  wahrnimmt,  und  einen  Verstand,  mit  dem  er 
die  Sinneswahrnehmungen  kombiniert.  Was  man  damit 


nidit  erreichen  kann,  das  liegt  aufterhalb  der  naturwissen- 
schaftlichen  Erkenntnis.  -  Die  Theosophie  hat  eine  andere 
Anschauung.  Sie  sagt:  Du  hast  recht,  Naturforscher,  wenn 
du  von  deinem  Standpunkte  aus  urteilst,  du  hast  damit 
genau  so  recht,  wie  der  Blinde  von  seinem  Standpunkte  aus 
recht  hat  zu  sagen,  die  Welt  sei  licht-  und  farbenlos. 

Ich  mache  keine  Einwendungen  gegen  den  naturwissen- 
schaftlichen  Standpunkt;  ich  mochte  ihm  nur  die  Anschau- 
ung der  Theosophie  oder  Geisteswissenschafl  gegeniiberstel- 
len,  welche  sagt:  Es  ist  moglich,  nein,  es  ist  sicher,  dafi  der 
Menschnicht  stehenzubleiben  braucht  auf  dem  Standpunkte, 
auf  welchem  er  heute  steht.  Es  ist  moglich,  daft  sich  Organe, 
Geistesaugen  entwickeln,  in  ahnlicher  Weise,  wie  sich  in  die- 
sem  physischen  Leibe  Sinnesorgane,  Augen  und  Ohren,  ent- 
wickelt  haben.  Sind  diese  Organe  entwickelt,  dann  treten 
hohere  Fahigkeiten  auf.  Das  mufi  man  zunachst  glauben  — 
nein,  man  braucht  es  nicht  einmal  zu  glauben,  man  nehme 
es  nur  unbefangen  als  eine  Erzahlung  hin.  So  wahr  aber, 
wie  nicht  alle  Glaubigen  der  «Naturlichen  Schopfungs- 
geschichte»  gesehen  haben,  was  in  ihr  an  Tatsachen  ange- 
fiihrt  ist  —  denn  wie  viele  sind  es,  die  diese  Tatsachen  wirk- 
lich  gesehen  haben  — ,  ebensowenig  kann  man  die  Tatsache 
der  Erkenntnis  des  Obersinnlichen  hier  jedermann  vor- 
weisen.  Es  gibt  fur  den  gewohnlichen  Sinnenmenschen  keine 
Moglichkeit,  in  dieses  Gebiet  hineinzukommen.  Wir  konnen 
nur  mit  Hilfe  der  okkulten  Forschungsmethoden  in  die  gei- 
stigen  Gebiete  hineingelangen.  Wenn  der  Mensch  sich  zu 
einem  Werkzeug  umwandelt  fur  die  hoheren  Krafte,  um 
hineinzuschauen  in  die  dem  Sinnenmenschen  verborgenen 
Welten,  dann  treten  in  ihm  -  ich  werde  im  neunten  Vortrage 
iiber  «Innere  Entwickelung»  noch  ausfiihrlich  dariiber  spre- 
chen  -  ganz  besondere  Erscheinungen  auf.  Der  gewohnliche 
Mensch  ist  nicht  imstande,  sich  selbst  zu  schauen  oder  die 


Gegenstande  in  seiner  Umgebung  bewufit  in  sich  auf  zuneh- 
men,  wenn  seine  Sinne  schlafen.  Wenn  aber  der  Mensch  die 
okkulte  Forschungsmethode  anwendet,  dann  hort  diese  Un- 
fahigkeit  auf,  und  er  fangt  dann  an,  in  einer  bewufiten 
Weise  die  Eindriicke  in  der  astralen  Welt  wahrzunehmen. 

Zunachst  gibt  es  einen  Obergang,  den  jeder  kennt,  zwi- 
schen  dem  aufierlichen  Leben  der  Sinneswahrnehmung  und 
jenem  Leben,  das  selbst  im  tiefsten  Schlafe  nicht  erstirbt. 
Dieser  "Qbergang  ist  das  Chaos  der  Traume.  Jeder  kennt  es, 
meist  nur  als  Nachklang  dessen,  was  er  am  Tage  erlebt  hat. 
Wie  sollte  er  auch  im  Schlafe  etwas  Neues  aufnehmen  kon- 
nen?  Der  innere  Mensch  hat  ja  noch  keine  Wahrnehmungs- 
organe.  Aber  etwas  ist  doch  vorhanden.  Leben  ist  da.  Was 
aus  dem  Korper  beim  Schlafe  herausgetreten  ist,  das  er- 
innert  sich,  und  diese  Erinnerung  steigt  in  mehr  oder  weni- 
ger  verworrenen  Bildern  in  dem  Schlafenden  auf.  Wenn  Sie 
sich  weiter  iiber  diese  Dinge  informieren  wolJen,  so  nehmen 
Sie  die  Aufsatze  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hohe- 
ren  Wei  ten  ?»  zur  Hand.  An  Stelle  des  Chaos  beginnt  dann 
nach  und  nach  Ordnung  und  Harmonie  in  das  Reich  der 
Traume  zu  kommen.  Dies  ist  ein  Zeichen  daftir,  dafi  der 
Mensch  anfangt,  sich  geistig  zu  entwickeln;  und  dann  sieht 
er  im  Traume  nicht  blofi  die  Nachklange  der  Wirklichkeit 
in  chaotischer  Weise,  sondern  auch  Dinge,  die  es  fiir  das  ge- 
wohnliche  Leben  gar  nicht  gibt.  Gewifi  werden  die  Leute 
sagen,  welche  auf  dem  Gebiete  des  Tastbaren,  auf  dem  Ge- 
biete  desSinnlichen  bleiben  wollen:  Das  sind  ia  nur  Traume.- 
Wenn  Sie  aber  dabei  Einsicht  in  die  hochsten  Weltgeheim- 
nisse  erlangen,  so  kann  es  Ihnen  eigentlich  ganz  gleichgiiltig 
sein,  ob  Sie  sie  im  Traume  oder  auf  sinnliche  Weise  erhalten 
haben.  Denken  Sie,  Graham  Bell  hatte  das  Telephon  im 
Traume  erfunden.  Darauf  kame  es  doch  heute  gar  nicht  an, 
wenn  das  Telephon  auf  jeden  Fall  zu  einer  bedeutsamen 


und  nutzlichen  Einrichtung  geworden  ware.  Das  klare  und 
geordnete  Traumen  ist  also  der  Anf  ang. 

Wenn  der  Mensch  in  der  Stille  des  Nachtlebens  in  die 
Traume  sidi  einiebt,  wenn  er  eine  Weile  sich  gewohnt  hat, 
ganz  andere  Welten  wahrzunehmen,  dann  kommt  audi  bald 
die  Zeit,  da  er  audi  mit  diesen  neuen  Wahrnehmungen  in 
die  Wirklichkeit  hinauszutreten  lernt.  Dann  bekommt  diese 
ganze  Welt  ein  neues  Aussehen  fur  ihn,  und  er  ist  sich  dieses 
Neuen  so  bewufit,  wie  wir  des  Sinnlichen  uns  bewufk  sind, 
wenn  wir  durch  diese  Stuhlreihen,  durch  alles,  was  Sie  hier 
sehen,  hindurchschreiten.  Dann  ist  er  in  einem  neuen  Be- 
wufitseinszustand;  es  eroffnet  sich  etwas  Neues,  Wesenhaftes 
in  ihm.  Der  Mensch  kommt  dann  dadurch  audi  weiter  in  der 
Entwickelung,  zuletzt  zu  dem  Standpunkte,  wo  er  nicht  nur 
die  eigentiimlichen  Erscheinungen  der  hoheren  Welten  wie 
Lichterscheinungen  mit  geistigem  Auge  wahrnimmt,  son- 
dern  auch  Tone  der  hoheren  Welten  erklingen  hort,  so  dafi 
ihm  die  Dinge  ihre  geistigen  Namen  sagen  und  in  neuer  Be- 
deutung  ihm  entgegentreten.  In  der  Sprache  der  Mysterien 
wird  das  ausgedrvickt  mit  den  Worten:  Der  Mensch  sieht  die 
Sonne  um  Mitternacht,  das  heilk,  fur  ihn  sind  keine  raum- 
lichen  Hindernisse  mehr  da,  um  die  Sonne  auf  der  andern 
Seite  der  Erde  zu  sehen.  Dann  wird  ihm  auch  das,  was  die 
Sonne  im  Weltenraume  tut,  ofFenbar,  dann  wird  er  auch 
das,  was  die  Pythagoraer  als  eine  Wahrheit  vertreten  haben, 
die  Spharenharmonie,  wahrnehmen.  Dieses  Klingen  und 
Tonen,  diese  Spharenharmonie,  wird  fur  ihn  etwas  Wirk- 
liches.  Dichter,  die  zugleich  Seher  waren,  wufiten,  da£  es  so 
etwas  wie  Spharenharmonie  gibt.  Nur  der,  welcher  Goethe 
von  diesem  Standpunkt  aus  fafit,  kann  ihn  verstehen.  Die 
Worte  im  «Prolog  im  Himmel»  zum  Beispiel  kann  man  ent- 
weder  nur  als  Phrase  hinnehmen  oder  als  hohere  Wahrheit. 
Da,  wo  Faust  im  zwehen  Teile  in  die  Geisterwelt  eingefuhrt 


wird,  spridit  er  wieder  von  diesem  Tonen:  «Tonend  wird 
fiir  Geistesohren  schon  der  neue  Tag  geboren.» 

Da  haben  wir  den  Zusammenhang  zwischen  der  Natur- 
forschung  und  der  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft. 
Du  Bois-Reymond  hat  darauf  hingewiesen,  dafi  nur  der 
schlaf ende  Mensch  Gegenstand  fiir  die  Naturforschung  sein 
kann.  Wenn  nun  aber  der  Mensch  anfangt,  seine  inneren 
Sinne  zu  eroffnen,  wenn  er  anfangt,  zu  horen  und  zu 
schauen,  daft  es  auch  eine  geistige  Wirklichkeit  gibt,  dann 
beginnt  das  ganze  Gebaude  elementarer  Theosophie,  das 
Haeckel  so  wunderbar  aufgebaut  hat,  und  das  keiner  mehr 
bewundern  kann  als  ich,  einen  ganz  neuen  Glanz,  eine  ganz 
neue  Bedeutung  zu  bekommen.  Nach  diesem  Wunderbau 
sehen  wir  als  Urwesen  ein  einfaches  Lebewesen,  aber  ebenso 
konnen  wir  unser  Wesen  geistig  zuriickverfolgen  bis  zu 
einem  friiheren  Zustand  des  Bewufitseins. 

Ich  werde  nun  die  theosophisch  oder  geisteswissenschaft- 
lich  gehaltene  Abstammungslehre  auseinandersetzen.  Von 
«Beweisen»  fiir  dieselbe  raufi  natiirlich  in  einem  einzelnen 
Vortrage  ganz  abgesehen  werden.  Es  ist  natiirlich,  daft  fiir 
alle  diejenigen,  welche  nur  die  heute  ublichen  Vorstellungen 
iiber  die  Abstammung  des  Menschen  kennen,  alles  unwahr- 
scheinlich  und  phantastisch  klingen  wird,  was  ich  werde 
sagen  miissen.  Aber  alle  diese  Vorstellungen  sind  ja  den 
herrschenden  materialistischen  Gedankenkreisen  entsprun- 
gen.  Und  viele,  welche  vielleicht  gegenwartig  den  Vorwurf 
des  Materialismus  weit  von  sich  weisen  wollen,  sind  doch 
nur  in  einer  —  allerdings  begreif  lichen  -  Selbsttauschung  be- 
fangen.  Die  wahre  theosophische  oder  geisteswissenschaft- 
liche  Entwickelungslehre  ist  heute  kaum  bekannt.  Und  wenn 
Gegner  von  ihr  sprechen,  so  sieht  derjenige,  der  sie  kennt, 
aus  den  Einwiirf en  sof ort,  dafi  sie  von  einer  Karikatur  die- 
ser  Entwickelungslehre  sprechen.  Fiir  alle  diejenigen,  welche 


eine  Seele  oder  einen  Geist  nur  anerkennen,  die  innerhalb 
der  menschlichen  oder  tierischen  Organisation  zum  Aus- 
druck  kommen,  ist  die  theosophische  Vorstellungsart  ganz 
unverstandlich.  Mit  solchen  Personen  ist  jede  Diskussion 
liber  diesen  Gegenstand  unfruchtbar.  Sie  muftten  sich  erst 
f  rei  madien  von  den  materialistischen  Suggestionen,  in  denen 
sie  leben,  und  miifiten  sich  mit  der  Grundlage  geisteswissen- 
schaftlicher  Denkrichtung  bekanntmachen. 

Wie  die  sinnlich-naturwissenschaftliche  Forschungsme- 
thode  die  physisch-korperliche  Organisation  zuriickver- 
f olgt  bis  in  feme  unbestimmte  Urzeiten,  so  tut  es  die  geistes- 
wissenschaftliche  Denkweise  in  bezug  auf  Seele  und  Geist. 
Die  letztere  kommt  dabei  mit  den  bekannten  naturwissen- 
schaftlichen  Tatsachen  nicht  in  den  geringsten  Widerspruch; 
nur  mit  der  materialistischen  Ausdeutung  dieser  Tatsachen 
kann  sie  nichts  zu  tun  haben.  Die  Naturwissenschafl  verf  olgt 
die  physischen  Lebewesen  ihrer  Abstammung  nach  riick- 
warts.  Sie  wird  auf  immer  einfachere  Organismen  gefiihrt. 
Nun  sagt  sie,  die  vollkommenen  Lebewesen  stammen  von 
diesen  einfachen,  unvollkommenen  ab.  Das  ist,  soweit  die 
physische  Korperlichkeit  in  Betracht  kommt,  eine  Wahrheit, 
obgleich  die  hypothetischen  Formen  der  Urzeit,  von  denen 
die  materialistische  Wissenschaft  spricht,  nicht  ganz  mit  jenen 
ubereinstimmen,  von  denen  die  theosophische  oder  geistes- 
wissenschaflliche  Forschung  weifL  Doch  das  mag  uns  fiir 
unseren  jetzigen  Zweck  nicht  weiter  beriihren. 

In  sinnlich-physischerBeziehung  erkennt  auchdieGeistes- 
wissenschafl  dieVerwandtschaft  desMenschen  mit  den  hohe- 
ren  Saugetieren,  also  mit  den  menschenahnlichen  Affen,  an. 
Von  einer  Abstammung  aber  des  heutigen  Menschen  von 
einem  an  seelischem  Wert  dem  heutigen  Affen  gleichen  Wesen 
kann  nicht  die  Rede  sein.Die  Sache  verhalt  sich  ganz  anders. 
Alles,  was  der  Materialismus  in  dieser  Beziehung  vorbringt, 


beruht  auf  einem  einf adien  Denkfehler.  Dieser  Fehler  moge 
durch  einen  trivialen  Vergleich  klar  gemacht  werden,  der 
aber  trotzdem  nicht  unzutreffend  ist,  obgleich  er  trivial  ist. 
Man  nehme  zwei  Personen.  Die  eine  sittlich  minderwertig, 
intellektuell  unbedeutend;  die  andere  sittlich.  hochstehend, 
intellektuell  bedeu tend.  Man  konne,  sagen  wir,  durch  irgend- 
eine  Tatsache  die  Verwandtschaft  der  beiden  feststellen. 
Wird  man  nun  schliefien  diirfen,  dafi  die  hoherstehende  von 
einer  solchen  abstammt,  die  der  niedrigstehenden  gleich- 
wertig  ist?  Nimmermehr.  Man  konnte  durch  die  andere  Tat- 
sache uberrascht  werden,  welche  da  besagt:  die  beiden  Per- 
sonen sind  verwandt;  sie  sind  Briider.  Aber  der  gemeinsame 
Vater  war  weder  dem  einen  noch  dem  andern  Bruder  ganz 
gleichwertig.  Der  eine  der  Bruder  ist  herabgekommen;  der 
andere  hat  sich  emporgearbeitet. 

Den  in  diesem  Vergleich  angedeuteten  Fehler  macht  die 
materialistische  NaturwissenschafL  Sie  mufi,  nach  den  ihr 
bekannten  Tatsachen,  eine  Verwandtschaft  annehmen  zwi- 
schen  Affe  und  Mensch.  Aber  sie  diirfte  nun  nicht  folgern: 
der  Mensch  stammt  von  einem  affengleichen  Tiere  ab.  Sie 
miiftte  vielmehr  ein  Urwesen  -  einen  gemeinsamen  physi- 
schen  Stamm vater  -  annehmen;  aber  der  Affe  ist  der  herab- 
gekommene,  der  Mensch  der  hoher  hinauf  gestiegene  Bruder. 

Was  hat  nun  jenes  Urwesen  auf  der  einen  Seite  zum  Men- 
schen  emporgehoben,  auf  der  andern  ins  Affentum  hinab- 
gestofien?  Die  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft  sagt: 
Das  hat  die  Menschenseele  selbst  getan.  Diese  Menschenseele 
war  audi  schon  zu  jener  Zeit  vorhanden,  als  da  auf  dem 
physisch-sichtbaren  Erdboden  als  hochste  sinnliche  Wesen 
nur  jene  gemeinsamen  Urvater  des  Menschen  und  des  Affen 
herumwandelten.  Aus  der  Schar  dieser  Urvater  waren  die 
besten  imstande,  sich  dem  Hoherbildungsprozefi  der  Seele 
zu  unterwerfen;  die  minderwertigen  waren  es  nicht.  So  hat 


die  heutige  Menschenseele  einen  Seelenvorfahren,  wie  der 
Korper  einen  korperlichen  Vorfahren  hat.  Fiir  die  sinnliche 
Wahrnehmung  ware  zur  Zeit  jener  «Urvater»  die  Seele 
allerdings  nicht  im  heutigen  Sinne  innerhalb  des  Korpers 
nachweisbar  gewesen.  Sie  gehorte  in  einer  gewissen  Be- 
ziehung  noch  den  «hoheren  Welten»  an.  Sie  hatte  audi  an- 
dere  Fahigkeiten  und  Krafte  als  die  gegenwartige  Menschen- 
seele. Die  heutige  Verstandestatigkeit  und  Moralgesinnung 
fehlte  ihr.  Sie  baute  sich  nicht  aus  den  Dingen  der  Auften- 
welt  Werkzeuge  und  errichtete  nicht  Staaten.  Ihre  Tatigkeit 
war  noch  in  erheblichem  Mafie  auf  die  Umarbeitung,  die 
Umbildung  der  «Urvater-Leiber»  selbst  gerichtet.  Sie  ge- 
staltete  das  unvollkommene  Gehirn  um,  so  dafi  dieses  spater 
Trager  der  Gedankentatigkeit  werden  konnte.  Wie  die 
heute  nach  aufien  gerichtete  Seele  Maschinen  baut,  so  baute 
die  Vorfahrenseele  noch  an  dem  menschlichen  Vorfahren- 
korper  selbst.  Man  kann  naturlich  einwerfen:  Ja,  warum 
kann  denn  die  Seele  heute  nicht  mehr  in  dem  Mafie  am  eige- 
nen  Korper  bauen?  -  Das  kommt  eben  daher,  dafi  die  Kraft, 
die  friiher  aufgebracht  worden  ist  zur  Organumbildung, 
spater  sich  nach  auften  auf  die  Beherrschung  und  Regelung 
der  Naturkrafle  richtete. 

So  kommt  man  in  der  Urzeit  auf  einen  zweifachen  Ur- 
sprung  des  Menschen.  Dieser  ist  geistig-seelisch  nicht  erst 
durch  die  Vervollkommnung  der  sinnlichen  Organe  ent- 
standen.  Sondern  die  « Seele »  des  Menschen  war  schon  da, 
als  die  «Urvater»  noch  auf  Erden  wandelten.  Sie  hat  sich 
-dies  naturlich  nur  vergleichsweise  gesprochen- selbst  einen 
Teil  aus  der  «Urvater-Schar»  ausgewahlt,  dem  sie  einen 
aufierlich  korperlichen  Ausdruck  verliehen  hat,  der  ihn  zum 
heutigen  Menschen  machte.  Der  andere  Teil  aus  dieser  Schar 
ist  verkiimmert,  herabgekommen,  und  bildet  die  heutigen 
menschenahnlichen  Affen.  Diese  haben  sich  also  -  im  wah- 


ren  Sinne  des  Wortes  -  aus  dem  Menschenvorf  ahren  als  des- 
sen  Abzweigung  gebildet.  Jene  «Urvater»  sind  die  physi- 
schen  Menschenvorf  ahren;  aber  sie  konnten  es  nur  dadurch 
sein,  dafi  sie  die  Fahigkeit  der  Umbildung  durch  die  Men- 
schenseelen  in  sich  trugen.  So  stammt  der  Mensch  physisch 
von  diesem  «Urvater»  ab;  seelisch  aber  von  seinem  «Seelen- 
vorfahren».  Nun  kann  man  wieder  weiter  in  bezug  auf  den 
Stammbaum  der  Wesen  zuriickgehen.  Da  kommt  man  zu 
einem  physisch  noch  unvollkommeneren  «Urvater».  Aber 
auch  zu  dessen  Zeit  war  der  «Seelenvorfahr»  des  Menschen 
schon  vorhanden.  Dieser  hat  selbst  diesen  «Urvater»  zum 
Affendasein  emporgehoben,  wieder  die  nicht  entwickelungs- 
fahigen  Briider  auf  der  betreffenden  Stufe  zuriicklassend. 
Aus  diesen  sind  dann  Wesen  geworden,  deren  Nachkommen 
heute  noch  unter  den  Affen  in  der  Saugetierreihe  stehen. 
Und  so  kann  man  hinaufgehen  in  jene  urferne  Vergangen- 
heit,  in  der  auf  der  damals  ganz  anders  als  heute  aussehen- 
den  Erde  nur  jene  einf  achsten  Lebewesen  vorhanden  waren, 
aus  denen  Haeckel  alle  hoheren  entstehen  lafit.  Auch  ihr 
Zeitgenosse  war  schon  der  «Seelenvorfahr»  des  Menschen. 
Er  hat  die  brauchbaren  umgestaltet  und  die  unbrauchbaren 
auf  jeder  besonderen  Stufe  zuriickgelassen.  Die  ganze 
Summe  der  irdischen  Lebewesen  stammt  also  in  Wahrheit 
vom  Menschen  ab.  Was  heute  als  «Seele»  in  ihm  denkt  und 
handelt,  hat  die  Entwickelung  der  Lebewesen  bewirkt.  Als 
unsere  Erde  im  Anfang  war,  war  er  selbst  noch  ein  ganz 
seelisches  Wesen.  Er  begann  seine  Laufbahn,  indem  er  einen 
einfachsten  Korper  sich  bildete.  Und  die  ganze  Reihe  der 
Lebewesen  bedeutet  nichts  anderes  als  die  zuriickgebliebenen 
Stuf en,  durch  die  er  seinen  Korperbau  heraufentwickelt  hat 
bis  zur  heutigen  Vollkommenheit.  Die  heutigen  Lebewesen 
geben  naturlich  nicht  mehr  diejenige  Gestalt  wieder,  welche 
ihre  Vorfahren  auf  einer  bestimmten  Stufe  hatten,  als  sie 


sich  vom  Menschenstammbaum  abzweigten.  Sie  sind  nicht 
stehengeblieben,  sondern  nach  einem  bestimmten  Gesetze, 
das  hier  wegen  der  notwendigen  Kiirze  der  Darstellung 
nicht  weiter  beriicksichtigt  werden  kann,  verkiimmert.  Das 
Interessante  ist  nun,  dafi  man  aufierlich  audi  durch  die 
Geisteswissenschaft  auf  einen  Stammbaum  des  Menschen 
kommt,  der  dem  von  Haeckel  konstruierten  gar  nicht  so  un- 
ahnlich  ist.  Doch  macht  Haeckel  aus  den  physischen  «Ur- 
vatern»  des  Menschen  iiberall  —  hypothetische  -  Tiere.  In 
Wahrheit  sind  aber  an  alle  die  Stellen,  an  die  Haeckel  Tier- 
namen  setzt,  die  noch  unvollkommenen  Vorfahren  des  Men- 
schen zu  setzen,  und  die  Tiere  -  ja  sogar  alle  Wesen  —  sind 
nur  die  verkiimmerten,  herabgekommenen  Formen,  welche 
jene  Stufen  beibehalten  haben,  durch  die  hindurch  sich  die 
Menschenseele  gebildet  hat.  AuBerlich  besteht  also  eine  Ahn- 
lichkeit  zwischen  den  Haeckelschen  und  den  theosophischen 
oder  geisteswissenschafliichen  Stammbaumen;  innerlich  — 
dem  Sinne  nach  -  sind  sie  himmelweit  verschieden. 

Daher  kommt  es,  dafi  man  aus  Haeckels  Ausfuhrungen 
so  gut  elementare  Geisteswissenschaft  lernen  kann.  Man 
braucht  nur  die  von  ihm  bearbeiteten  Tatsachen  theo- 
sophisch  oder  geisteswissenschafllich  zu  durchdringen  und 
seine  eigene  naive  Philosophic  zu  einer  hoheren  zu  erheben. 
Wenn  Haeckel  solche  «hohere»  Philosophie  abkanzelt  und 
kritisiert,  so  ist  er  eben  selbst  naiv;  wie  etwa,  wenn  jemand, 
der  es  nur  bis  zum  Einmaleins  gebracht  hat,  sagen  wollte: 
Was  ich  weifi,  ist  wahr,  und  die  ganze  hohere  Mathematik 
ist  nur  ein  phantastisches  Zeug.  -  Die  Sache  liegt  doch  gar 
nicht  so,  dafi  jemand,  der  Theosoph  ist,  das  widerlegen  will, 
was  elementare  Tatsache  der  Naturwissenschaft  ist;  sondern 
nur  so,  dafi  der  von  materialistischen  Suggestionen  einge- 
nommene  Forscher  gar  nicht  weifi,  wovon  die  Theosophie 
redet. 


Es  hangt  von  dem  Mensdhien  ab,  was  er  fur  eine  Philo- 
sophic hat.  Das  hat  Fichte  gesagt  mit  den  Worten:  Wer  kein 
wahrnehmendes  Auge  hat,  kann  die  Farben  nicht  sehen,  wer 
keine  aufnahmefahige  Seele  besitzt,  der  kann  den  Geist 
nicht  sehen.  -Auch Goethe  hat  denselbenGedanken  in  dem 
bekannten  Spruche  zum  Ausdruck  gebracht:  «WaY  nicht  das 
Auge  sonnenhaft,  die  Sonne  konnt'  es  nie  erblicken;  lag' 
nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft,  wie  konnt*  uns  Gott- 
liches  entziicken?»  Und  einen  Ausspruch  Fetter  backs  ins 
rechte  Licht  setzend,  kann  man  sagen:  Jeder  sieht  das  Bild 
von  Gott  so,  wie  er  selbst  ist.  Der  Sinnliche  macht  sich  einen 
sinnlichenGott,  derjenige,  welcher  dasSeelische  wahrnimmt, 
weift  auch  das  Seelische  in  seinem  Gott  zu  finden.  -  Wenn 
Lowen,  Stiere  und  Ochsen  sich  Gotter  machen  konnten,  so 
wiirden  sie  Lowen,  Stieren  und  Ochsen  ahnlich  sein,  be- 
merkte  schon  ein  Philosoph  im  alten  Griechenland.  In  dem 
Fetischanbeter  lebt  auch  etwas  als  hochstes  geistiges  Prinzip, 
er  hat  es  aber  noch  nicht  in  sich  gefunden;  er  ist  daher  auch 
noch  nicht  dazu  gekommen,  in  seinem  Gott  mehr  zu  sehen 
als  den  Holzklotz.  Der  Fetischanbeter  kann  nicht  mehr  an- 
beten,  als  er  in  sich  selbst  fuhlt.  Er  erachtet  sich  selbst  noch 
gleich  dem  Holzklotz.  Wer  nicht  mehr  sieht  als  wirbelnde 
Atome,  wer  das  Hochste  nur  in  den  kleinen,  blofi  materiel- 
len  Punktchen  sieht,  der  hat  eben  in  sich  selber  nichts  von 
dem  Hoheren  erkannt. 

Haeckel  hat  sich  zwar  das,  was  er  uns  in  seinen  Schriften 
darbietet,  ehrlich  erworben,  und  ihm  mufite  es  daher  ge- 
stattet  sein,  auch  die  Fehler  seiner  Tugenden  zu  haben.  Das 
Positive  seiner  Arbeit  wird  wirken,  das  Negative  wird  ver- 
schwinden.  Von  einem  hoheren  Gesichtspunkte  aus  gesehen, 
kann  man  sagen:  Der  Fetischanbeter  betet  den  Fetisch,  ein 
lebloses  Wesen  an,  und  der  materialistische  Atomist  betet 
nicht  nur  ein  kleines  Gotzchen  an,  sondern  eine  Menge  klei- 


ner  Gotzchen,  die  er  Atome  nennt.  Das  Wort  «anbeten»  ist 
natiirlich  nicht  wortlich  zu  nehmen,  denn  der  «materiali- 
stisdie»  Denker  hat  sidi  zwar  nicht  den  Fetischismus,  wohl 
aber  das  «Beten»  abgewohnt.  So  grofi  der  Aberglaube  des 
Fetischanbeters  ist,  so  grofi  ist  der  des  Materialisten.  Das 
materialistische  Atom  ist  niclits  anderes  als  ein  Fetisch.  In 
dem  Holzklotz  sind  namlich  audi  nur  Atome.  Haeckel  sagt 
nun  an  einerStelle:  «Gott  sehen  wir  im  Stein,  in  derPflanze, 
im  Tier,  im  Mensdien.  Oberall  ist  Gott.»  Er  sieht  aber  nur 
den  Gott,  den  er  begreift.  Goethe  lafit  doch  so  bezeichnend 
den  Erdgeist  zu  Faust  sprechen:  «Du  gleichst  dem  Geist,  den 
du  begreifst,  nicht  mir.»  So  sieht  der  Materialist  die  wir- 
belnden  Atome  im  Stein,  in  der  Pflanze,  im  Tier  und  in  dem 
Menschen  und  vielleicht  auch  im  Kunstwerk,  und  beruft  sich 
darauf,  dafi  er  eine  einheitliche  Weltanschauung  besitze  und 
den  alten  Aberglauben  uberwunden  habe.  Eine  einheitliche 
Weltanschauung  haben  aber  auch  die  Theosophen,  und  wir 
konnen  dieselben  Worte  gebrauchen  wie  Haeckel:  Wir  sehen 
Gott  im  Stein,  in  der  Pflanze  und  im  Menschen,  aber  wir 
sehen  nicht  einen  Wirbel  von  Atomen,  sondern  den  leben- 
digen  Gott,  den  geistigen  Gott,  den  wir  in  der  Natur  drau- 
fien  zu  finden  trachten,  weil  wir  ihn  in  uns  selbst  auch 
suchen. 


UNSERE  WELTLAGE.  KRIEG,  FRIEDEN 
UND  DIE  WISSENSCHAFT  DES  GEISTES 


Berlin,  12.  Oktober  1905 

Die  Geistesforschung  kann  sich  nicht  in  die  unmittelbaren 
Angelegenheiten  des  Tages  mischen.  Dabei  darf  audi  nicht 
der  Glaube  etwa  aufkommen,  dafi  die  Geist  -  Erkenntnis 
etwas  sein  soil,  das  iiber  aller  Wirklichkeit  in  den  Wolken 
schwebt  und  nichts  zu  tun  hatte  mit  der  Praxis  des  Lebens. 
Wir  wollen  weder  die  Ereignisse,  die  heute  unmittelbar  die 
Welt  aufwuhlen,  in  der  Art  etwa,  wie  man  die  Tagesereig- 
nisse  behandelt,  vortragen,  noch  wollen  wir  zu  denen  ge- 
horen,  welche  blind  und  taub  sein  mochten  gegen  dasjenige, 
was  unmittelbar  das  menschliche  Herz  bewegt,  was  uns  un- 
mittelbar angeht.  Zwischen  diesen  zwei  Klippen  mufi  ja 
der  Geistesforscher  stets  den  Weg  hindurchfinden,  so  dafi  er 
niemals  aufgeht  in  den  Meinungen  und  den  Anschauungen 
des  Alltags;  auf  der  andern  Seite  darf  er  sich  niemals  in 
blofie  leere  Abstraktionen  verwickeln  oder  Autoritaten  ver- 
f alien.  Ofter  durfte  ich  es  von  dieser  Stelle  aus  sagen:  Prak- 
tisch,  unmittelbar  praktisch,  viel  praktischer,  als  gewohnlich 
die  Tagespraktiker  meinen,  soil  uns  die  Geisteswissenschaft 
machen.  Aber  sie  soli  uns  dadurch  praktisch  machen,  dafi  sie 
uns  hineinfuhrt  in  die  tieferliegenden  Krafte  des  Lebens  und 
uns  iiber  die  Sachen  aufklart  von  diesen  tieferliegenden 
Kraften  aus,  dafi  sie  unser  Handeln  im  Einklang  mit  den 
grofien  Weltgesetzen  lenkt.  Denn  allein  dann  kann  man  in 
der  Welt  etwas  erreichen,  kann  man  in  das  Getriebe  der 
Welt  eingreifen,  wenn  man  das  im  Sinne  der  grofien  Welt- 
gesetze  macht. 


Nach  dieser  Voraussetzung  lassen  Sie  mich  zunachst  auf 
ein  paar  Tatsachen  hinweisen,  die  uns  einzig  und  allein  die 
Widitigkeit  unserer  heutigen  Fragen  und,  ich  mochte  sagen, 
die  Aktualitat  derselben  ins  Gedachtnis  rufen  sollen. 

Die  eine  Tatsache,  die  jedem  vielleicht  in  Erinnerung  ist, 
ist  die,  dafi  am  24.  August  1898  der  Bevollmachtigte  des 
Zaren  den  in  Petersburg  akkreditierten  auswartigen  Ver- 
tretern  ein  Rundschreiben  iibersandte,  in  dem  unter  an- 
derem  die  folgenden  Worte  sich  finden:  «Die  Aufrecht- 
erhaltung  des  allgemeinen  Friedens  und  eine  mogliche 
Herabsetzung  der  iibermafiigen  Rustungen,  welche  auf  alien 
Nationen  lasten,  stellen  sich  in  der  gegenwartigen  Lage  der 
ganzen  Welt  als  ein  Ideal  dar,  auf  das  die  Bemuhungen  aller 
Regierungen  gerichtet  sein  miifiten. 

Das  humane  und  hochherzige  Streben  Sr.  Majestat  des 
Kaisers,  meines  erhabenen  Herrn,  ist  ganz  dieser  Aufgabe 
gewidmet.  In  derOberzeugung,  dafi  dieses  erhabene  Endziel 
den  wesentlichsten  Interessen  und  den  berechtigten  Wiin- 
schen  aller  Machte  entspricht,  glaubt  die  kaiserliche  Regie- 
rung,  dafi  der  gegenwartige  Augenblick  aufierst  giinstig 
dazu  sei,  auf  dem  Wege  internationaler  Beratung  die  wirk- 
samsten  Mittel  zu  suchen,  um  alien  Volkern  die  Wohltaten 
wahren  und  dauernden  Friedens  zu  sichern  und  vor  allem 
der  fortschreitenden  Entwickelung  der  gegenwartigen  Rii- 
stungen ein  Ziel  zu  setzen.» 

In  diesem  Schriftstiick  finden  sich  ferner  die  folgenden 
Worte:  «Da  die  fmanziellen  Lasten  eine  steigende  Richtung 
verfolgen  und  die  Volkswohlfahrt  an  ihrer  Wurzel  treffen, 
so  werden  die  Arbeit  und  das  Kapital  zum  grofien  Teile  von 
ihrer  natiirlichen  Bestimmung  abgelenkt  und  in  unproduk- 
tiver  Weise  aufgezehrt.  Hunderte  von  Millionen  werden 
aufgewendet,  um  furchtbare  Zerstorungsmaschinen  zu  be- 
schaffen,  die  heute  als  das  letzte  Wort  der  Wissenschaft  be- 


trachtet  werden  und  sdion  morgen  dazu  verurteilt  sind,  jeden 
Wert  zu  verlieren  inf  olge  irgendeiner  neuen  Entdeckung  auf 
diesem  Gebiete . . .  Daher  entsprechen  in  dem  Mafie,  wie  die 
Riistungen  einer  jeden  Madit  anwachsen,  diese  immer  weni- 
ger  und  weniger  dem  Zweck,  den  sich  die  betreff  ende  Regie- 
rung  gesetzt  hat.»  Das  Schriftstiick  schliefit  damit,  daft  eine 
Konferenz  mit  Gottes  Hilfe  ein  giinstiges  Vorzeichen  des 
kommenden  Jahrhunderts  sein  soil.  -  Zweifellos  entspringt 
dieses  Manifest  einem  Vorsatz.  Wie  dieser  Vorsatz  hat  in 
Erfullung  gehen  konnen,  das  lehren  uns  die  neuesten  Ereig- 
nisse.  Dieser  Vorsatz  ist  nidit  gerade  neu,  denn  wir  konnen 
sogar  Jahrhunderte  weit  zuriickgehen,  und  da  treffen  wir 
im  16.,  17.  Jahrhundert  einen  Fiirsten,  Heinrich  IV.  von 
Frankreich,  der  dazumal  die  Idee  zu  einer  solchen  allge- 
meinen  Friedenskonferenz  anregte.  Sieben  von  den  damali- 
gen  sechzehn  Landern  war  en  gewonnen,  als  Heinrich  IV. 
ermordet  wurde.  Sein  Werk  hat  niemand  fortgesetzt.  Wahr- 
scheinlich  konnten  wir  wohl,  wenn  es  darum  zu  tun  ware, 
die  Vorsatze  zu  diesem  Zweck,  die  von  diesen  Stellen  aus- 
fliefien,  noch  viel  weiter  zuriickverfolgen. 

Dies  ist  die  eine  Tatsachenreihe.  Die  andere  ist  diese:  Die 
Haager  Friedenskonferenz  fand  statt.  Sie  alle  kennen  den 
Namen  der  verdienstvollen  Personlichkeit,  welche  ihr  Ideal 
mit  einer  seltenen  Hingebung  und  audi  mit  einer  seltenen 
Sachkenntnis  verfolgt,  den  Namen  Bertha  von  Suttner.  Ein 
Jahr  nach  der  Haager  Friedenskonferenz  suchte  sie  die 
Akten  zu  sammeln  zu  einem  Buche,  in  dem  sie  die  zum  Teil 
schonen  und  herrlichen  Reden  verzeichnete.  Dem  Buche 
schickte  sie  eine  Vorrede  voraus.  Ich  bitte  zu  berucksichtigen, 
es  war  ein  Jahr  vergangen,  nachdem  Bertha  von  Suttner  auf 
dieses  Werk  der  Friedenskonferenz  hat  sehen  konnen.  Die 
Folgen  ahnte  sie  schon,  nachdem  ein  Jahr  vergangen  war. 
Im  diametralen  Gegensatz  dazu  hatten  wir  inzwischen  den 


blutigen  Transvaalkrieg  mit  abgelehnter  Vermittlung,  und 
heute  haben  wir  wieder  Krieg.  Wenn  wir  uns  heute  ein 
wenig  umsehen  in  der  Welt,  sehen  wir  den  Kampf  sehr 
vieler  edler  Menschen  urn  den  Friedensgedanken,  schon  in 
den  Herzen  hochsinniger  Idealisten  die  Liebe  zu  einem  all- 
gemeinen  Weltf  rieden,  und  doch  ist  auf  der  andern  Seite  in 
andern  Zeiten  auf  unserem  Erdenkreis  kaum  so  viel  Blut 
geflossen  wie  jetzt.  Es  ist  dies  eine  ernste,  sehr  ernste  Ange- 
legenheit  fiir  jeden,  der  sich  audi  mit  den  grofien  seelischen 
Fragen  beschaftigt. 

Einerseits  haben  wir  die  hingebenden  Friedensapostel  in 
ihrer  regsamen  Tatigkeit.  Wir  haben  die  ausgezeichneten 
Leistungen  der  Bertha  von  Suttner,  welche  mit  seltener 
Grofie  alle  Furchtbarkeiten  des  Kampfes  und  des  Krieges 
hinzustellen  verstand;  aber  vergessen  wir  nicht,  daft  wir 
audi  die  Kehrseite  haben.  Vergessen  wir  nicht,  dafi  auch  sehr 
viele  unter  unseren  urteilsfahigen  Menschen  sind,  die  auf 
der  andern  Seite  uns  immer  und  immer  wieder  versichern, 
dafi  sie  den  Kampf  fiir  notig  halten  gerade  zum  Fortschritt, 
als  etwas,  was  die  Krafte  stahlt.  Nur  im  Kampf  gegen  den 
Widerstand  wiichsen  die  Krafte.  Der  Forscher,  der  so  viele 
Denker  an  sich  herangezogen  hat,  wie  oft  hat  er  es  aus- 
gesprochen,  dafi  er  den  starken  Krieg  wiinscht  und  dafi  nur 
der  starke  Krieg  die  Krafte  in  der  Natur  vorwartsbringen 
kann.  Vielleicht  hat  er  das  nicht  in  so  radikalen  Worten 
ausgesprochen,  aber  so  denken  dennoch  viele.  Selbst  inner- 
halb  unserer  geisteswissenschaftlichen  Bewegung  sind  Stim- 
men  laut  geworden,  dafi  es  eine  Schwache,  geradezu  eine 
Versiindigung  ware  am  Geist  der  nationalen  Starke,  wenn 
man  etwas  gegen  den  Krieg,  der  zur  nationalen  Ehre,  zur 
nationalen  Macht  gefuhrt  hat,  einwende.  Jedenfalls  stehen 
sich  heute  die  Ansichten  auf  diesem  Gebiete  noch  immer 
schroft,  sehr  schroff  gegeniiber.  Aber  die  Haager  Friedens- 


konferenz  hat  eines  gebracht.  Sie  hat  die  Stimmen  gebracht 
einer  Reihe  von  Leuten,  welche  an  der  Spitze  der  Fiihrung 
der  offentlichen  Angelegenheiten  stehen.  Eine  grofte  Reihe 
der  Reprasentanten  der  Staaten  hat  dazumal  ihre  Zustim- 
mung  dazu  gegeben,-  dafi  die  Haager  Konferenz  stattfinden 
konnte.  Man  sollte  glauben,  dafi  eine  Sadie,  die  eine  solche 
Zustimmung  von  solchen  Stellen  gefunden  hat,  im  eminen- 
testen  Sinne  aussichtsvoll  sein  mtifke. 

Nun,  um  wirklich  Stellung  nehmen  zu  konnen  in  der 
Weise,  wie  eine  spirituelle  Welt-  und  Lebensanschauung 
Stellung  nehmen  lafit,  miissen  wir  etwas  tiefer  in  die  ganzen 
Dinge  hineinsehen.  Wenn  wir  die  Frage  des  Friedens  als 
eine  ideale  Frage  verfolgen,  wie  sie  sich  im  Laufe  der  Zeit 
entwickelt  hat,  und  daneben  dieTatsachen  des  Kampfes  und 
Streites  verfolgen,  so  miissen  wir  doch  wohl  sagen,  dafi 
vielleicht  die  Art  und  Weise,  wie  dieses  Ideal  eines  allge- 
meinen  Friedens  verfolgt  wird,  die  Aufmerksamkek  und 
eine  Untersuchung  herausfordert.  Viele  von  denen,  die  das 
Kriegshandwerk  gefuhrt  haben,  sind  es  selbst,  in  deren 
Herzen  Schmerz  und  vielleicht  sogar  Abscheu  vor  den  Fol- 
gen  und  Wirkungen  des  Krieges  vorhanden  ist.  Solche  Dinge 
legen  uns  wohl  die  Frage  in  den  Mund:  Kommen  denn  die 
Kriege  iiberhaupt  von  irgend  etwas,  das  sich  durch  Grund- 
satze  und  Ansichten  aus  der  Welt  schaffen  lafk?  Wer  tiefer 
in  die  Seelen  der  Menschen  hineinsieht,  der  weifi,  dafi  zwei 
getrennte,  ganz  verschiedene  Wege  dasjenige  hervorrufen, 
was  zum  Kriege  fiihrt.  Das  eine  ist  das,  was  wir  Urteilskraft 
und  Verstand,  was  wir  Idealismus  nennen,  das  andere  ist 
die  menschliche  Begierde,  die  menschlichen  Neigungen,  die 
menschlichen  Sympathien  und  Antipathien.  Manches  ware 
anders  in  der  Welt,  wenn  es  ohne  weiteres  moglich  ware,  die 
Begierden,  Wiinsche  und  Leidenschaften  nach  den  Grund- 
satzen  des  Herzens  und  Verstandes  zu  regeln.  Das  ist  nam- 


lich  nicht  moglich,  sondern  das  Umgekehrte  ist  bis  jetzt  in 
der  Mensdiheit  immer  dagewesen.  Was  die  Leidenschaft 
will,  was  die  Begierde  verlangt,  dazu  schafft  der  Verstand, 
dazu  sdiafft  selbst  das  Herz  eine  Maske  mit  seinem  Idealis- 
mus.  Und  wenn  Sie  die  Geschichte  der  menschlichen  Ent- 
wickelung  verfolgen,  dann  konnen  Sie  immer  und  immer 
wieder  die  Frage  stellen,  wenn  Sie  da  und  dort  Grundsatze, 
da  oder  dort  Idealismus  aufleuchten  sehen:  Welche  Begier- 
den  und  Leidenschaften  lauern  im  Hintergrunde?  Wenn  wir 
dieses  bedenken,  dann  konnte  es  gar  wohl  sein,  daft  man  mit 
den  schonsten  Grundsatzen  gerade  heute  noch  nichts  anfan- 
gen  konnte  in  dieser  Frage,  dann  konnte  es  sein,  daft  etwas 
anderes  notwendig  ist,  weil  einfach  die  menschlichen  Leiden- 
schaften, Triebe  und  Begierden  noch  nicht  weit  genug  sind, 
um  dem  Idealismus  des  Einzelnen  zu  folgen.  Sie  sehen,  die 
Frage  liegt  tiefer,  und  wir  mussen  sie  audi  defer  erfassen. 
Wir  mussen  wirklich  einenBlick  in  die  menschlicheSeele  und 
ihre  Grundkrafte  hinein  tun,  wenn  wir  die  ganze  Sache  rich- 
tig  beurteilen  wollen.  Der  Mensch  sieht  nicht  immer  genug 
von  seinem  Entwickelungsgang,  der  Mensch  sieht  oft  nur 
eine  kleine  Spanne  Zeit,  und  da  mufi  eine  weitgehende  Welt- 
anschauung uns  den  Blick  eroffnen,  der  auf  der  einen  Seite 
tief  hineinfuhrt  und  uns  auf  der  andern  Seite  die  grofteren 
Zeitraume  iiberblicken  lafit,  damit  wir  uber  die  Krafte  ein 
Urteil  bekommen,  die  uns  in  die  Zukunft  hineinfiihren 
sollen. 

Sehen  wir  uns  einmal  die  menschliche  Seele  an,  da,  wo 
wir  sie  vielleicht  in  einem  Punkte  tief  und  griindlich  studie- 
ren  konnen.  Da  haben  wir  heute  etwas,  was  wir  vor  acht 
Tagen  beriihren  konnten,  von  einer  andern  Seite  her.  Da 
haben  wir  eine  naturwissenschaftliche  Theorie,  den  soge- 
nannten  Darwinismus.  Innerhalb  dieser  naturwissenschaft- 
lichen  Ansicht  spielt  ein  Begriff  eine  grofte  Rolle.  Und  dieser 


Begriff  heifit:  Kampf  urns  Dasein.  Unter  dem  Zeichen  des 
Kampfes  urns  Dasein  stand  jahrzehntelang  unsere  gesamte 
Naturwissenschaft,  unsere  ganze  Anschauung.  Da  sagten  ja 
die  Natur  forscher  so:  Diejenigen  Wesenheiten  in  der  Welt, 
welche  im  Kampfe  urns  Dasein  am  besten  sich  erhalten,  die 
am  meisten  Vorsprung  gewinnen  iiber  ihre  Mitgeschopfe, 
die  bleiben,  die  andern  vergehen.  So  dafi  wir  uns  nicht  zu 
wundern  brauchen,  wenn  diejenigen  Wesenheiten,  die  wir 
urn  uns  herum  haben,  die  am  besten  angepafiten  sind,  denn 
sie  haben  sich  durch  Jahrmillionen  hindurch  herausgebildet. 
Die  Tiichtigsten  sind  iibriggeblieben,  die  Untuchtigen  sind 
untergegangen. 

Der  Kampf  urns  Dasein  ist  die  Losung  der  Forschung  ge- 
worden.Und  woraus  ist  dieser  Kampf  da  hineingekommen? 
Nicht  aus  der  Natur  ist  er  gekommen.  Darwin  selbst,  ob- 
gleich  er  ihn  in  grofierem  Stile  betrachtet  als  seine  Nach- 
folger,  hat  ihn  von  einer  iiber  die  Menschengeschichte  sich 
verbreitenden  Anschauung  des  Malthas  genommen,  jener 
Anschauung,  dafi  die  Erde  in  einer  solchen  Progression  Nah- 
rungsmittel  hervorbringt,  dafi  diese  Zunahme  in  viel  gerin- 
gerem  Mafie  steigt  als  die  Zunahme  der  Bevolkerung.  Die- 
jenigen, welche  sich  mit  diesen  Dingen  beschaftigt  haben, 
werden  wissen,  dafi  man  sagt:  Die  Zunahme  der  Nahrungs- 
mittel  steigt  im  arithmetischen,  die  Zunahme  der  Bevolke- 
rung im  geometrischenVerhaltnis.Das  bedingt  einen  Kampf 
urns  Dasein,  einen  Krieg  aller  gegen  alle.  —  Davon  aus- 
gehend,  hat  Darwin  audi  am  Ausgange  der  Natur  den 
Kampf  urns  Dasein  angenommen.  Und  diese  Anschauung 
entspricht  nicht  einer  blofien  Idee,  sondern  den  modernen 
Lebensgestaltungen.  Bis  in  die  Verhaltnisse  des  Einzelnen 
ist  in  der  Form  der  allgemeinen  wirtschafllichenKonkurrenz 
dieser  Kampf  urns  Dasein  zur  tatsachlichen  Wirklichkeit  ge- 
worden.  Man  hat  diesen  Daseinskampf  in  nachster  Nahe 


gesehen,  man  hat  ihn  fur  etwas  NatiirHches  im  Menschen- 
reich  gehalten  und  dann  in  die  Naturwissenschaft  aufge- 
nommen. 

Von  solchen  Anschauungen  geht  Ernst  Haeckel  aus,  der 
in  der  kriegerischen  Betatigung,  im  Krieg  geradezu  einen 
Kulturhebel  gesehen  hat.  Der  Kampf  sei  das,  was  stark 
macht,  das  Schwache  soli  untergehen,  die  Kultur  fordere, 
dafi  das  Schwache  untergeht.  -  Die  Nationalokonomie  hat 
dann  diesen  Kampf  wieder  auf  die  Menschenwelt  zuriick 
angewendet.  So  haben  wir  grofie  Theorien  innerhalb  unse- 
rer  Nationalokonomie,  innerhalb  unserer  sozialen  Theorien, 
welche  den  Kampf  urns  Dasein  wie  etwas  ganz  Berechtigtes 
und  von  der  menschlichen  Entwickelung  nicht  zu  Trennen- 
des  ansehen.  Man  ist  in  diesen  Sachen  —  nicht  vorurteilslos, 
sondern  mit  diesen  Prinzipien  —  weiter  zuriickgegangen  in 
die  altesten  Zeiten,  und  da  versuchte  man  das  Leben  bar- 
barischer  wilder  Volkerschaften  zu  studieren.  Man  glaubte, 
den  Menschen  in  seiner  Kulturentwickelung  belauschen  zu 
konnen  und  glaubte,  da  das  wildeste  Kriegsprinzip  zu  fin- 
den.  Huxley  hat  gesagt:  Sehen  wir  hinaus  in  die  Natur  der 
Tiere,  so  gleicht  der  Kampf  urns  Dasein  einem  Gladiatoren- 
kampf,  und  das  ist  Naturgesetz.  Und  sehen  wir  von  den 
hoheren  Tieren  auf  die  niederen  und  stellen  wir  uns  ein  auf 
den  bisherigen  Gang  der  Weltentwickelung,  so  belehrt  uns 
die  Tatsachenwelt  iiberall,  dafi  wir  in  einem  allgemeinen 
Kampf  urns  Dasein  leben. 

Sie  sehen,  das  konnte  ausgesprochen  werden,  das  konnte 
als  ailgemeines  Weltgesetz  vertreten  werden.  Wer  sich  klar 
dariiber  ist,  dafi  nicht  Worte  auf  die  Lippen  kommen,  die 
nicht  tief  in  der  Menschenseele  begriindet  sind,  der  wird  sich 
sagen,  dafi  dieGefiihle,  dieEmpfindungen,  die  ganzeSeelen- 
verfassung  unserer  Besten  heute  noch  immer  von  der  An- 
schauung  ausgeht,  dafi  Krieg,  Kampf  imMenschengeschlecht, 


ja  in  der  ganzen  Natur  etwas  Gesetzmafiiges  ist,  etwas,  dem 
man  nicht  entrinnen  kann.  -  Sie  konnen  nun  sagen:  Aber 
die  Forscher  sind  ja  vielleidit  ganz  humane  Menschen  ge- 
wesen,  die  in  ihrem  tiefsten  Idealismus  den  Frieden,  den 
Ausgleich  ersehnten  und  herbeiwiinschten.  Doch  ihr  Stand, 
ihre  Wissenschaft  hat  sie  iiberzeugt,  dafi  dem  nicht  so  ist, 
und  vielleicht  haben  sie  mit  blutendem  Herzen  ihre  Theorie 
hingeschrieben.  -  Dies  ware  ein  Einwand,  wenn  nicht  zu- 
nachst  etwas  ganz  anderes  eingetreten  ware.  Wir  diirfen 
sagen,  dafi  unter  alien  denen,  die  glaubten  wissenschaftlich 
und  nationalokonomisch  zu  denken,  im  ganzen  West-  und 
Mitteleuropa  in  den  sechziger  und  siebziger  Jahren  die  ge- 
kennzeichnete  Theorie  gang  und  gabe  war.  Gang  und  gabe 
war  die  Stimme,  dafi  Krieg  und  Kampf  ein  Naturgesetz  sei, 
dem  man  nicht  entrinnen  konne.  Grundlich  hatte  man  auf- 
geraumt,  so  glaubte  man,  mit  der  alten  Auffassung  von 
Rousseau,  dafi  nur  die  menschliche  Unnatur  in  den  allge- 
meinen  Frieden  der  Natur  Kampf  und  Krieg,  Gegensatz 
und  Disharmonie  hineingebracht  hat.  Es  war  ja  noch  am 
Ende  des  18.  Jahrhunderts  diese  Rousseausche  Stimmung 
verbreitet,  dafi,  wenn  man  hineinsieht  in  das  Leben  und 
Treiben  der  Natur,  die  noch  unbeeinflufk  ist  von  der  Ober- 
kuitur  des  Menschen,  man  dann  uberallEinklang  undFriede 
sieht.  Nur  der  Mensch  mit  seiner  Willkiir  und  seiner  Kultur 
hat  den  Kampf  und  Streit  in  die  Welt  gebracht.  -  Das  war 
noch  Rousseausche  Anschauung,  und  die  Forscher  versicher- 
ten  uns  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts:  Ja,  schon 
ware  es,  wenn  es  so  ware,  aber  es  ist  nicht  der  Fall.  Die  Tat- 
sachen  belehren  uns  in  anderer  Weise. 

Und  doch  fragen  wir  uns  einmal  ernstlich:  Hat  das  Ge- 
fiihl  gesprochen  oder  haben  die  Tatsachen  gesprochen? 
Schwer  konnten  wir  etwas  einwenden,  wenn  die  Tatsachen 
in  dieser  Weise  sprachen.  Da  trat  im  Jahre  1880  ein  merk- 


wiirdiger  Mann  auf,  ein  Mann,  der  einen  Vortrag  hielt  in 
der  Naturf orscherversammlung  vom  Jahre  1 8  8  o  in  St.Peters- 
burg  in  Rutland,  einen  Vortrag,  der  fiir  alle  diejenigen,  die 
sich  fiir  dieseFrage  griindlich  interessieren,  von  einer  groften 
und  tiefgehendenBedeutung  ist.Dieser  Mann  ist  der  Zoologe 
Ke filer.  Er  ist  bald  danach  gestorben.  Sein  Vortrag  handelte 
tiber  das  Prinzip  der  gegenseitigen  Hilfe  in  der  Natur.  Fiir 
alle  diejenigen,  welche  solche  Dinge  ernsthaft  anfassen,  geht 
von  der  Forschung  und  wissenschaftlichen  Reife,  welche  da- 
mit  angeregt  wird,  ein  ganz  neuer  Zug  aus.  Hier  wurden 
zum  erstenmal  in  der  neueren  Zeit  Tatsachen  aus  der  ganzen 
Natur  zusammengestellt,  die  beweisen,  dafi  alle  friiheren 
Theorien  iiber  den  Kampf  urns  Dasein  mit  der  Wirklichkeit 
nicht  iibereinstimmen. 

In  diesem  Vortrag  finden  Sie  auseinandergesetzt  und 
durch  die  Tatsachen  bewiesen,  dafi  die  tierischen  Arten,  die 
tierischen  Gruppen  sich  nicht  entwickeln  durch  den  Kampf 
urns  Dasein,  dafi  es  in  Wahrheit  einen  Kampf  urns  Dasein 
nur  ausnahmsweise  zwischen  zwei  Arten  gibt,  nicht  aber  in 
der  Art  selbst,  deren  Individuen  sich  im  Gegenteil  Hilfe 
leisten,  und  dafi  die  Arten  am  dauerhaftesten  sind,  deren 
Individuen  am  meisten  veranlagt  sind  zu  solcher  gegenseiti- 
gen Hilfe.  Nicht  Kampf,  sondern  gegenseitige  Hilfe  ge- 
wahrt  lange  Existenz.  Dadurch  war  ein  neuer  Gesichtspunkt 
erreicht.  Nur  hat  es  die  moderne  Forschung  zuwege  ge- 
bracht,  dafi  durch  eine  merkwurdige  Verkettung  von  Um- 
standen  eine  Personlichkeit,  die  fiir  die  Gegenwart  auf  dem 
unglaublichsten  Standpunkt  stent,  Fiirst  Kropotkiny  die 
Sache  weitergefuhrt  hat.  Er  hat  bei  Tieren  und  Stammen  an 
einer  Unsumme  von  festgelegten  Tatsachen  zeigen  konnen, 
welche  Bedeutung  in  der  Natur  und  im  Menschenleben  die- 
ses Prinzip  der  gegenseitigen  Hilfe  hat.  Ich  kann  jedem 
empfehlen,  dieses  auch  in  deutscherObersetzung  vorliegende 


Buch,  iibersetzt  von  Gustav  Landauer,  zu  studieren.  Dieses 
Buch  bnngt  eine  Summe  von  Begriffen  und  Vorstellungen 
in  den  Menschen  hinein,  die  eine  Schule  sind  fiir  den  Auf- 
stieg  zu  einer  spirituellen  Gesinnung.  Nun  verstehen  wir 
aber  dieseTatsachen  erst  dann  rich  tig,  wenn  wir  sie  im  Sinne 
der  sogenannten  esoterischen  Anschauung  beleuchten,  wenn 
wir  diese  Tatsachen  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  durchdringen.  Ich  konnte  ja  schon  deutlich  sprechende 
Beispiele  vorfiihren,  allein  Sie  konnen  sie  in  dem  angefiihr- 
ten  Buche  lesen.  Das  Prinzip  der  gegenseitigen  Hilf  eleistung 
in  der  Natur  ist:  Diejenigen  kommen  am  weitesten,  die  die- 
ses Prinzip  am  meisten  ausgepragt  haben.  -  Die  Tatsachen 
sprechen  also  deutlich  und  werden  immer  deutlicher  fiir  uns 
sprechen.  In  der  geisteswissenschaftlichen  Anschauung  spre- 
chen wir,  wenn  wir  von  einer  einzelnen  Tierart  sprechen, 
genau  so,  wie  wir  von  einem  einzelnen  Menschen,  von  der 
einzelnen  Individuality  eines  Menschen  sprechen.  Eine 
Tierart  ist  uns  dasselbe  auf  niederem  Gebiete,  was  auf  hohe- 
rem  Gebiete  das  einzelne  menschliche  Individuum  ist.  Ich 
habe  es  schon  einmal  hier  gesagt:  Eine  Tatsache  mufi  man 
sich  so  recht  klar  vor  Augen  fiihren,  um  zu  verstehen,  in 
welchem  Gegensatz  der  Mensch  gegeniiber  dem  ganzenTier- 
reich  ist.  Dieser  Gegensatz  driickt  sich  in  dem  Ausspruche 
aus:  Der  Mensch  hat  eine  Biographie,  das  Tier  hat  keine 
Biographic  Beim  Tiere  sind  wir  zufrieden,  wenn  wir  die 
Gattung  beschrieben  haben.  Beim  Menschen  sagen  wir: 
Vater,  Grofivater,  Enkel,  Sohn;  beim  Lowen  unterscheidet 
sich  das  nicht  so,  dafi  wir  jeden  einzelnen  besonders  beschrei- 
ben  sollten.  Gewifi,  ich  weifi,  dafi  da  viel  eingewendet  wer- 
den kann;  ich  weifi,  dafi  der,  welcher  einen  Hund  oder  einen 
AfFen  liebt,  glaubt,  eine  Biographie  des  Hundes  oder  des 
AfFen  schreiben  zu  konnen.  Eine  Biographie  soil  aber  nicht 
enthalten,  was  der  andere  von  demWesen  wissen  kann,  son- 


dern  das,  was  das  Wesen  selbst  gewuftt  hat.  Selbstbewuftt- 
sein  gehort  zu  einer  Biographie,  und  in  diesem  Sinne  hat  nur 
der  Mensch  eine  Biographic  Diese  entspricht  dem,  was  beim 
Tiere  eine  Beschreibung  der  ganzen  Gattung  oder  Art  ist. 
Daft  jede  Tiergruppe  eine  Gruppenseele  hat,  ist  der  auftere 
Ausdruck  fiir  die  Tatsache,  daft  jeder  individuelle  Mensch 
eine  Seele  in  sich  tragt. 

Ich  habe  es  audi  hier  schon  auseinandersetzen  diirf  en,  daft 
unmittelbar  mit  unserer  physischen  Welt  eine  verborgene 
Welt  verbunden  ist,  die  astrale  Welt,  die  nicht  aus  solchen 
Gegenstanden  und  Wesenheiten  besteht,  die  man  mit  den 
Sinnen  wahrnehmen  kann,  sondern  die  aus  dem  Stoff  ge- 
woben  ist,  aus  dem  unsere  Leidenschaften  und  Begierden  ge- 
woben  sind.  Wenn  Sie  den  Menschen  priifen,  so  konnen  Sie 
sehen:  er  hat  seine  Seele  bis  herunter  auf  den  physischen 
Plan  oder  auf  die  physische  Welt  gefuhrt.  Auf  dieser  physi- 
schen Welt  gibt  es  keine  individuelle  Seele  fiir  das  Tier.  Sie 
finden  aber  fiir  das  Tier  eine  individuelle  Seele,  die  auf  dem 
sogenannten  Astralplan  ist,  auf  der  hinter  unserer  physi- 
schen Welt  verborgenen  astralen  Welt.  Die  Tiergruppen 
haben  individuelle  Seelen  in  der  astralen  Welt.  Da  haben 
wir  den  Unterschied  zwischen  dem  Menschen  und  dem  Tier- 
reiche.  Wenn  wir  uns  nun  fragen:  Was  kampft  denn  in 
Wahrheit,  wenn  wir  im  Tierreiche  den  Kampf  urns  Dasein 
verfolgen?  -  dann  miissen  wir  sagen:  Die  Wahrheit  ist,  daft 
hinter  diesem  Kampf,  der  zwischen  den  Arten  im  Tierreich 
ausgefochten  wird,  der  astrale  Kampf  der  seelischen  Leiden- 
schaften und  Begierden  steht,  der  in  den  Gattungs-  oder 
Gruppenseelen  wurzelt.- Wiirde  aber  innerhalb  der  Gattung 
im  Tierreich  von  einem  Daseinskampf  die  Rede  sein,  dann 
ware  das  so,  als  wenn  sich  im  Menschen  die  eigene  Seele  in 
ihren  verschiedenen  Teilen  bekampfen  wiirde.  Dies  ist  eine 
wichtige  Wahrheit.  Es  kann  die  Regel  nicht  sein,  daft  inner- 


halb  einer  tierischen  Art  der  Kampf  ist,  sondern  es  kann  nur 
zwischen  den  Arten  der  Daseinskampf  stattfinden.  Denn 
die  Seele  der  ganzen  Art  ist  eine  einheitliche,  und  weil  sie 
einheitlich  ist,  mufi  sie  die  Teile  beherrschen.  Es  ist  die 
gegenseitige  Hilfeleistung  innerhalb  der  Tierwelt,  die  wir 
bei  den  Arten  verfolgen  kbnnen,  einfach  der  Ausdruck  der 
einheitlichen  Tatigkeit  der  Art  oder  der  Gruppenseeie.  Und 
wenn  Sie  hinblicken  auf  alle  diese  Beispiele,  die  Sie  in  dem 
erwahnten  interessanten  Buche  angefiihrt  finden,  dann  be- 
kommen  Sie  eine  schone  Einsicht  in  die  Art  und  Weise,  wie 
die  Gruppenseelen  wirken.  Zum  Beispiel,  wenn  ein  Indi- 
viduum  einer  gewissen  Krebsart  durch  Zufall  auf  den  Riik- 
ken  geworfen  wird,  so  dafi  es  nicht  selbst  wieder  aufstehen 
kann,  dafi  dann  eine  grofiere  Anzahl  von  in  der  Nahe  be- 
flndlichen  Tieren  herbeikommt  und  dem  Tiere  aufhilfl. 
Diese  gegenseitige  Unterstutzung  kommt  aus  einem  gemein- 
schaftlichen  Seelenorgan  der  Tiere  heraus.  Und  verfolgen 
Sie  einmal  die  Art  und  Weise,  wie  Kafer  sich  unterstiitzen, 
um  eine  gemeinschaftliche  Brut  zu  pflegen  oder  zu  schiitzen, 
um  eine  tote  Maus  zu  bewaltigen  und  so  weiter,  wie  sie  sidi 
da  verbinden,  sich  unterstiitzen,  gemeinschaftliche  Arbeit 
ausfuhren,  dann  sehen  Sie  die  Gruppenseeie  an  der  Arbeit. 
Das  konnen  Sie  bis  herein  in  die  hochsten  Tierarten  ver- 
folgen. Es  ist  wahr,  wer  einen  Sinn  hat  fur  dieses  Treiben 
in  der  gegenseitigen  Hilfeleistung  bei  den  Tieren,  der  be- 
kommt  nach  und  nach  auch  einen  Einblick,  einen  Begriff, 
eine  Ahnung  von  dem  Treiben  der  Gruppenseelen.  Und  ge- 
rade  da  kann  er  sich  das  Sehen  mit  den  Augen  des  Geistes 
aneignen.  Da  wird  das  Auge  sonnenhafl. 

Beim  Menschen  nun  haben  wir  es  zu  tun  mit  einer  indi- 
vidual gewordenen  Gruppenseeie.  In  jedem  einzelnen  Men- 
schen wohnt  eine  solche  Gruppenseeie.  Und  so  ist  es  fiir  den 
Menschen,  wie  es  fiir  die  verschiedenen  Tiergattungen  ist, 


in  der  Tat  moglich,  dafi  er  als  einzelner  in  einen  Kampf  ein- 
tritt  gegen  jeden  einzelnen  andern.  Nun  aber  sehen  wir  uns 
einmal  den  Zweck  des  Kampfes  an,  ob  der  Kampf  um  des 
Kampfes  willen  in  der  Weltenentwickelung  da  ist.  Was  ist 
denn  geworden  aus  dem  Kampf  der  Arten?  Es  sind  die- 
jenigen  Arten  ubrig,  welche  sich  am  meisten  gegenseitig 
unterstiitzen,  und  diejenigen,  welche  unter  sicli  am  kriege- 
rischsten  sind,  die  sind  zugrunde  gegangen.  So  lautet  das 
Naturgesetz.  Daher  miissen  wir  sagen,  dafi  in  der  aufieren 
Natur  der  Fortschritt  in  der  Entwickelung  darin  besteht, 
dafi  an  die  Stelle  des  Kampfes  der  Friede  tritt.  Da  wo  die 
Natur  an  einem  bestimmten  Punkte,  an  dem  grofienWende- 
punkte  angelangt  ist,  da  herrscht  in  der  Tat  der  Ausgleich; 
der  Friede,  zu  dem  sich  der  ganze  Kampf  durchgebildet  hat, 
ist  vorhanden.  Bedenken  Sie  doch  einmal,  dafi  Pflanzen 
untereinander  als  Arten  einen  Daseinskampf  fuhren.  Aber 
bedenken  Sie,  wie  schon  und  grofiartig  sich  das  Pflanzen- 
und  das  Tierreich  in  ihrem  gemeinschaftlichen  Entwicke- 
lungsprozefi  gegenseitig  unterstiitzen:  Das  Tier  atmetSauer- 
stoff  ein  und  Stickstoff  aus,  die  Pflanze  atmet  Sauerstoff  aus 
und  Stickstoff  ein.  So  ist  ein  Friede  des  Universums  moglich. 

Was  die  Natur  auf  diese  Weise  durch  ihre  Kraft  hervor- 
bringt,  es  ist  fiir  den  Menschen  bestimmt,  dafi  er  es  bewufit 
aus  seiner  individuellen  Natur  hervorbringe.  Stufenweise 
ist  der  Mensch  fortgeschritten  und  stufenweise  hat  sich  bei 
ihm  dasjenige  gebildet,  was  wir  als  das  Selbstbewufitsein 
unserer  individuellen  Seele  erkennen.  Unsere  Weltlage  miis- 
sen wir  so  betrachten,  dafi  wir  sie  herausentwickelt  denken 
und  dann  ihre  Tendenz  nach  der  Zukunft  hin  verfolgen. 
Gehen  Sie  zuriick  in  f  ruhere  Zeiten,  dann  sehcn  Sie  im  Men- 
schenreiche  bei  seinem  Aufgange  noch  Gruppenseelen  wal- 
ten,  die  in  kleinen  Stammen  und  Familien  vorhanden  sind; 
da  haben  wir  es  also  audi  beim  Menschen  mit  Gruppenseelen 


zu  tun.  Je  weiter  Sie  in  der  Welt  zuriickblicken,  desto  kom- 
pakter,  desto  einheitlidier  ersdieinen  Ihnen  die  Menschen, 
die  so  zusammengefafk  sind.  Wie  ein  Geist  ist  es,  der  die 
alte  Dorfgemeinde  durchdrang,  die  dann  zum  primitiven 
Staate  wurde.  Sie  konnten  studieren,  wie  es  noch  etwas 
anderes  war,  als  Alexander  der  Grofie  seine  Massen  in  den 
Krieg  fiihrte,  als  wenn  heute  Menschenmassen  mit  ihren 
viel  ausgebildeteren  individuellen  Willen  in  einen  Krieg  ge- 
fiihrt  werden.  Das  mufi  man  riditig  beleuchten.  Denn  das 
ist  der  Gang  der  fortschreitenden  Kultur,  dafi  die  Menschen 
immer  individueller,  selbstandiger  und  bewufiter  werden, 
selbstbewufiter.  Aus  Gruppen,  aus  Gemeinsamkeiten  hat 
sich  das  Menschengeschlecht  herausgebildet.  Und  geradeso 
wie  wir  Gruppenseelen  haben,  welche  die  einzelnen  Tier- 
arten  leiten  und  lenken,  so  waren  die  Volker  geleitet  und 
gelenkt  von  den  grofien  Gruppenseelen.  Immer  mehr  und 
mehr  entwachst  der  Mensch  durch  seine  fortschreitende  Er- 
ziehung  der  Lenkung  der  Gruppenseele  und  wird  immer  selb- 
standiger und  selbstandiger.  Diese  Selbstandigkeit  brachte 
ihn  dahin,  dafi  er,  wahrend  er  friiher  doch  in  den  Gruppen 
nur  mehr  oder  weniger  feindlich  seinem  Nebenmenschen 
entgegengetreten  ist,  er  heute  tatsachlich  in  einem  die  ganze 
Menschheit  durchdringenden  Daseinskampf  mitten  drin- 
nensteht.  Das  ist  unsere  Weltlage,  und  diese  ist  das  Schicksal 
insbesondere  unserer  Rasse,  das  heifk  unserer  unmittelbaren 
Gegenwart. 

In  derGeisteswissenscharl  unterscheiden  wir  in  der  gegen- 
wartigen  Weltenentwickelung  zunachst  fiinf  aufeinander- 
folgende  grofie  Rassen,  dann  sogenannte  Unterrassen.  Die 
erste  Unterrasse  wurde  entwickelt  in  uralten  Zeiten,  im  fer- 
nen  Indien.  Zunachst  war  diese  Unterrasse  durchsetzt  von 
einer  Priesterkultur.  Diese  Priesterkultur  gab  ja  unserer 
jetzigen  Rasse  die  ersten  Impulse.  Sie  war  herubergekom- 


men  aus  der  atlantisdien  Kultur,  die  auf  einem  Boden  war, 
der  heute  den  Grund  des  Atlantisdien  Ozeans  bildet.  Diese 
Rasse  gab  den  Ton  an;  dann  wurde  sie  gefolgt  von  andern 
Unterrassen,  und  wir  sind  jetzt  die  funfte.  Das  ist  nicht  eine 
Einteilung,  die  der  Anthropologic  oder  einer  Rassentheorie 
entlehnt  ist,  sondern  eine  soldie,  wie  sie  im  sedisten  Vor- 
trage  dieser  Reihe  naher  ausgefiihrt  werden  wird.  Die  funfte 
Rasse  ist  die,  welche  den  Menschen  am  weitesten  gebracht 
hat  in  seinem  Sondersein,  in  seinem  individuellen  Bewufk- 
sein.  Das  Christentum  hat  den  Menschen  geradezu  dazu 
vorbereitet,  ein  solches  Sonderbewufitsein  zu  erlangen:  der 
Mensch  mufite  dieses  Selbstbewufitsein  erringen.  Wenn  wir 
zuriickblicken  auf  die  Zeit  vor  Christus,  wo  im  alten  Agyp- 
ten  die  gigantischen  Pyramiden  gebaut  worden  sind,  da 
hat  ein  Heer  von  Sklaven  Arbeiten  verrichtet,  von  deren 
Schwierigkeiten  und  Muhen  heute  sich  kein  Mensch  mehr 
eine  richtige  Vorstellung  macht.  Aber  mit  Selbstverstand- 
lichkeit  und  einem  ungeheuren  Frieden  haben  zu  der  weit- 
aus  grofiten  Zeit  diese  Arbeiter  gerade  gebaut.  Sie  haben 
gebaut,  weil  in  jener  Zeit  die  Lehre  von  Reinkarnation  und 
Karma  eine  Selbstverstandlichkeit  war.  Das  sagt  Ihnen  kein 
Buch,  aber  das  wird  Ihnen,  wenn  Sie  in  die  Geisteswissen- 
schaft  eindringen,  allmahlich  ganz  klar.  Jeder  Sklave,  der 
da  seine  Hande  wundarbeitete  und  in  Not  und  Elend  war, 
der  wufite  fur  sich  genau:  Das  ist  ein  Leben  unter  vielen, 
und  ich  habe  das,  was  ich  jetzt  erleide,  als  Folge  dessen  zu 
tragen,  was  ich  in  den  friiheren  Leben  mir  vorbereitet  habe! 
Wenn  das  aber  nicht  der  Fall  ist,  so  werde  ich  in  einem 
kiinftigen  Leben  die  Wirkung  dieses  meines  jetzigen  Lebens 
erfahren;  der,  welcher  mir  heute  befiehlt,  ist  auf  demselben 
Standpunkte  gewesen,  wie  ich  es  heute  bin,  oder  er  wird  es 
noch  sein. 

Unter  dieser  Gesinnung  aber  ware  niemals  das  ganze 


selbstbewufke  Erdenleben  zur  Entfaltung  gekommen,  und 
die  hohen  Machte,  welche  das  Schicksal  des  Menschen- 
gesdiledits  im  Grofien  leiten,  wufiten,  was  sie  taten,  als  sie 
eine  Zeitlang,  durch  Jahrtausende  hindurdi,  das  Bewufitsein 
von  Reinkarnation  und  Karma  schwinden  liefien.  Das  war 
die  grofie  bisherige  Entwickelung  des  Christentums,  dafi  es 
verschwinden  gemadit  hat  das  Hinaufsehen,  das  Hinauf- 
blicken  zu  einem  Jenseits,  das  ausgleichend  wirken  soil,  und 
aufmerksam  gemadit  hat  auf  die  ungeheure  Wichtigkeit  des 
Diesseits. 

Mag  es  ja  in  seiner  radikalen  Ausfiihrung  zu  weit  ge- 
gangen  sein,  aber  das  mulke  geschehen,  denn  die  Dinge  der 
Welt  entwickeln  sich  nicht  nach  der  Logik,  sondern  nach 
andern  Gesetzen.  Man  hat  von  diesem  Erdenleben  eine 
Ewigkeit  von  Strafen  abgeleitet;  die  Entwickelungstendenz 
hat  dazu  gefuhrt,  wenn  es  auch  ungereimt  ist.  So  hat  die 
Menschheit  gelernt,  sich  bewufit  zu  sein  dieser  einen  Erden- 
existenz.  Dadurch  wurde  die  Erde,  dieser  physische  Plan, 
dem  Menschen  unendlich  wichtig.  Und  es  mufite  so  werden, 
es  mufite  so  kommen.  Alles,  was  heute  geschieht,  was  den 
Erdkreis  in  materieller  Beziehung  erobert  hat,  alles  das 
konnte  sich  nur  entwickeln  aus  einer  Gesinnung  heraus, 
welche  auf  einer  Erziehung  fufk  fiir  diese  Erde,  abgesehen 
von  dem  Gedanken  von  Reinkarnation  und  Karma.  So 
sehen  wir  die  Folge  dieser  Erziehung:  das  vollstandige  Her- 
ableben  des  Menschen  auf  den  physischen  Plan.  Denn  da 
nur  konnte  sich  die  individuelle  Seele  entwickeln,  da  ist  sie 
abgesondert,  eingeschlossen  in  diesen  Leib  und  kann  nur 
herausschauen  als  ein  abgeschlossenes  Sonderdasein  durch 
seine  Sinne.  Damit  haben  wir  immer  mehr  und  mehr  von 
menschlicher  Konkurrenz,  immer  mehr  und  mehr  von  der 
Wirkung  desSonderdaseins  hineingebracht  in  dasMenschen- 
geschlecht.  Wir  diirfen  uns  nicht  wundern,  wenn  das  Men- 


schengeschlecht  heute  noch  lange  nicht  reif  sein  kann,  um 
das,  was  heranerzogen  werden  mufke,  wiederum  auszu- 
schalten.  Wir  haben  ja  gesehen,  dafi  die  gegenwartigenArten 
der  Tiere  durdi  ihre  gegenseitige  Hilfe  zu  ihrer  Vollkom- 
menheit  sidi  entwickelt  haben,  und  dafi  der  Kampf  nur  von 
Art  zu  Art  gewaltet  hat.  Wenn  aber  die  menschliche  Indi- 
vidualist dasselbe  ist  wie  die  Gruppenseele  der  Tiere,  dann 
wird  die  menschliche  Seele  zu  einem  Selbstbewulksein  nur 
kommen  konnen,  indem  sie  denselben  Kampf  durchmacht 
wie  die  Tiere  draufien  in  der  Natur.  Solange  der  Mensch 
noch  nicht  die  Selbstandigkeit  ganz  herausentfaltet  hat,  so- 
lange wird  der  Kampf  noch  dauern.  Aber  der  Mensch  ist 
dazu  berufen,  in  bewulker  Weise  das  zu  erreichen,  was 
draufien  auf  dem  physischen  Plane  da  ist.  Daher  wird  es 
ihn  fiihren  auf  den  Bewufitseinsstufen  seines  Reiches  zu 
gegenseitiger  Hilfe  und  Unterstutzung,  weil  das  Menschen- 
geschlecht  eine  einzige  Art  ist.  Und  die  Kampf  losigkeit,  wie 
sie  im  Tierreich  zu  flnden  ist,  mufi  in  bezug  auf  das  ganze 
Menschengeschlecht  erst  erreicht  werden:  ein  vollstandiger, 
allumfassender  Friede.  Nicht  der  Kampf  hat  die  einzelne 
Tierart  grofi  gemacht,  sondern  die  gegenseitige  Hilfe  und 
Unterstutzung.  Das  jenige,  was  als  Gruppenseele  in  der  Tier- 
art  als  einzelne  Seele  lebt,  das  ist  friedlich  mit  sich  selbst, 
das  ist  die  einheitliche  Seele.  Nur  die  menschliche  indivi- 
duelle  Seele  ist  in  diesem  physischen  Sondersein  eine  be- 
sondere. 

Das  ist  die  grofie  Errungenschaft  fiir  unsere  Seele,  die  wir 
aus  der  spirituellen  Entwickelung  uns  aneignen,  da£  wir  in 
Wahrheit  erkennen  die  gemeinschaftliche  Seele,  welche  das 
ganze  Menschengeschlecht  durchzieht,  die  Einheit  in  der 
ganzen  Menschheit,  die  wir  nicht  als  unbewufites  Geschenk 
empfangen,  sondern  die  wir  uns  bewufit  erringen  miissen. 
Diese  einheitliche  Seele  im  ganzen  Menschengeschlecht  wahr- 


haft  und  wirklich  zu  entwickeln,  das  ist  die  Aufgabe  der 
geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung.  Das  spriciht  sich 
in  unserem  ersten  Grundsatz  aus:  einen  Bruderbund  zu 
griinden  iiber  die  ganze  Erde  hin,  ohne  Rucksicht  auf  Rasse, 
Geschlecht,  Farbe  und  so  weiter.  Das  ist  die  Anerkennung 
der  Seele,  die  der  ganzen  Menschheit  gemeinsam  ist.  Bis  in 
die  Leidenschaften  hinein  mufi  die  Lauterung  stattfinden, 
die  es  dem  Menschen  selbstverstandlich  macht,  da£  in  sei- 
nem  Bruder  die  gleiche  Seele  lebt.  Im  Physischen  sind  wir 
getrennt,  im  Seelischen  sind  wir  eine  Einheit  als  Ich  des 
Menschengeschlechtes.  Aber  nur  im  wahren  wirklichenLeben 
konnen  wir  das  erfassen  und  uns  da  hineinfinden.  Daher 
kann  es  nur  die  Pflege  spirituellen  Lebens  sein,  welche  uns 
durchdringt  mit  dem  gemeinschaftlichen  Hauch  dieser  ein- 
heitlichen  Seele.  Nicht  die  gegenwartigen  Menschen  mit 
ihren  Grundsatzen,  sondern  die  Zukunftsmenschen,  welche 
immer  mehr  und  mehr  das  Bewulksein  fiir  diese  Einheits- 
seele  entwickeln,  die  werden  es  sein,  die  den  Grund  zu  einem 
neuen  Geschlecht,  zu  einer  neuen  Rasse  legen,  die  in  gegen- 
seitiger  Hilfe  ganz  aufgeht.  Daher  besagt  unser  erster 
Grundsatz  etwas  ganz  anderes,  als  was  sonst  gewohnlich 
gesagt  wurde.  Wir  kampfen  nicht,  wir  bekampfen  auch 
nicht  den  Krieg  oder  etwas  anderes,  weil  der  Kampf  uber- 
haupt  nicht  zur  hoheren  Entwickelung  fiihrt.  Aus  dem 
Kampf  heraus  hat  sich  jede  Tierart  als  eine  besondere  Rasse 
entwickelt.  Uberlassen  Sie  alien  Kampf  um  uns  herum  den 
Bissigen,  die  noch  nicht  reif  genug  sind,  das  aufzusuchen, 
was  die  gemeinschaftliche  Seele  im  Menschengeschlecht  im 
spirituellen  Leben  auf sucht. 

Eine  wirkliche  Friedensgesellschaft  ist  eine  solche,  die 
nach  Geist-Erkenntnis  strebt,  und  die  wirkliche  Friedens- 
bewegung  ist  die  geisteswissenschaftliche  Stromung.  Sie  ist 
die  Friedensbewegung,  so  wie  in  der  Praxis  einzig  und  allein 


eine  Friedensbewegung  sein  kann,  weil  sie  ausgeht  auf  das, 
was  im  Mensdien  lebt  und  der  Zukunft  entgegengeht. 

Wie  ein  Zug  von  Osten  her  hat  sich  immer  das  spirituelle 
Leben  entwickelt.  Der  Osten  war  das  Gebiet,  in  dem  das 
spirituelle  Leben  gepflegt  worden  ist.  Und  hier  im  Westen 
war  das  Gebiet,  in  dem  die  aufiere  materielle  Kultur  ent- 
faltet  worden  ist.  Daher  wird  auch  nach  dem  Osten  gesehen 
als  nach  einem  Gebiete,  wo  die  Mensdien  traumen  und 
sdilafen.  Wer  aber  weifi,  was  in  den  Seelen  jener  vorgeht, 
die  von  uns  Traumende  oder  Schlafende  genannt  werden, 
wenn  sie  in  Welten  aufsteigen,  welche  die  westlichen  Volker 
nicht  kennen?  —  Nun  miissen  wir  heraus  aus  unserer  mate- 
riellen  Kultur  mit  Beriicksichtigung  alles  dessen,  was  in  der 
physischen  Welt  urn  uns  herum  ist.  Mit  dem,  was  wir  auf 
dem  physischen  Plan  erobert  haben,  miissen  wir  hinauf  in 
das  Geistige,  in  das  Spirituelle.  Es  ist  in  gewissem  Mafie 
mehr  als  symbolisch  bedeutend,  dafi  in  England  der  Dar- 
winismus  noch  in  Huxley  einen  Vertreter  gefunden  hat,  der 
aus  seiner  westlichen  Anschauung  heraus  notig  hatte  zu 
sagen:  Die  Natur  zeigt  uns,  dafi  die  MenschenafFen  gegen- 
einander  kampften,  und  der  Starkste  war  es,  der  auf  dem 
Plane  blieb  -,  wahrend  vom  Osten  die  Parole  ausging:  Stiit- 
zung,  gegenseitigeHilfe,  das  ist  es,  was  die  Zukunft  sichert!- 
Wir  haben  eine  ganz  besondere  Aufgabe  hier  in  Mittel- 
europa.  Nichts  wiirde  es  uns  helfen,  einseitig  morgenlan- 
disch  oder  einseitig  englisch  zu  sein.  Wir  miissen  das  Mor- 
genrot  des  Ostens  und  die  physische  Wissenschaft  des  Westens 
zu  einer  grofien  Harmonie  vereinigen.  Dann  werden  wir 
verstehen,  wie  vereinigt  wird  die  Idee  der  Zukunft  mit  der 
Idee  des  Kampfes  um  das  Sonderdasein. 

Es  ist  mehr  als  zufallig,  dafi  in  jenem  Grundbuch  der 
Theosophie,  demjenigen  Buch,  aus  dem  der,  welcher  sich 
tief  er  einlassen  will  auf  das  spirituelle  Leben,  Licht  auf  dem 


Wege  finden  kann,  das  zweite  Kapitel  bedeutsam  mit  einem 
Satz  schliefit,  der  mit  dieser  Idee  zusammenfallt.  Nicht  wie 
eine  Phrase  steht  es  hier  in  «Licht  auf  den  Weg»,  sondern 
weil  die  Entwickelung  zum  Geist  den  Menschen  dahin  fiih- 
ren  wird,  wo  die  Menschen  erkennen  werden,  dafi  mit  der 
gemeinsamen  Seele,  die  sich  hineinlebt  in  die  einzelne  Men- 
schenseele,  die  in  ihr  auflebt  und  aufleuchtet,  zu  gleicher 
Zeit  die  schonen  Worte  zusammenstimmen,  womit  die  bei- 
den  Kapitel  in  «Licht  auf  den  Weg»  schliefien.  Derjenige, 
der  sich  ganz  hineinvertiefl  in  dieses  herrliche  Buchelchen, 
das  die  Seeie  nicht  nur  mit  dem  Inhalt  erf iillt,  der  uns  inner- 
lich  fromm  und  gut  macht  und  audi  nach  und  nach  dem 
Menschen  durch  die  Kraft  der  Worte  wirkliches  Hellsehen 
gibt,  er  sieht  den  Ausgleich  im  einzelnen,  wenn  er  das  durch- 
lebt  hat,  was  in  jedem  Kapitel  steht.  Und  dann  senken  sich 
auf  und  in  die  Seele  die  letzten  Worte:  «Der  Friede  sei  mit 
dir.»  Das  wird  sich  am  Schlusse  der  ganzen  Menschheit  mit- 
teilen  durch  dasjenige,  was  wir  als  Geisteskraft  hegen  und 
pflegen.  Dann  senkt  sich  spirituell  der  Menschengenius  iiber 
das  Menschengeschlecht,  dessen  hauptsachliche  Worte  sein 
werden:  Der  Friede  sei  mit  dir.  -  Das  eroffnet  uns  die  rich- 
tige  Perspektive.  Da  miissen  wir  nicht  nur  von  Friede  spre- 
chen,uns  denFrieden  als  Ideal  hinstellen,Vertrage  schliefien, 
Schiedsgerichtsspriiche  herbeisehnen,  da  miissen  wir  das  gei- 
stige  Leben,  das  Spirituelle  pflegen,  dann  rufen  wir  in  uns 
die  Kraft  hervor,  die  als  Kraft  der  gegenseitigen  Hilfe- 
leistung  sich  iiber  das  ganze  Menschengeschlecht  ausgiefit. 
Wir  bekampfen  nicht,  wir  tun  etwas  anderes:  Wir  pflegen 
die  Liebe,  und  wir  wissen,  dafi  mit  diesem  Pflegen  der  Liebe 
der  Kampf  verschwinden  mufi.  Wir  stellen  nicht  Kampf 
gegen  Kampf.  Wir  stellen  die  Liebe,  indem  wir  sie  hegen 
und  pflegen,  gegen  den  Kampf.  Das  ist  etwas  Positives.  Wir 
arbeiten  an  uns  in  der  Ausgiefkmg  der  Liebe  und  begriinden 


eine  Gesellschafl,  die  auf  Liebe  gebaut  ist.  Das  ist  unser 
Ideal.  Dann  werden  wir,  wenn  wir  das  seeliscli  lebendig 
durchdringen,  in  einer  neuen  Weise,  in  der  Weise,  wie  es 
das  Christentum  will,  einen  uralten  Spruch  wahrmachen. 
Und  ein  neues  Christentum  oder  vielmehr  das  alte  Christen- 
tum wird  fur  die  neue  Menschheit  erwachen.  Seinem  Volke 
hat  Buddha  einen  Spruch  gegeben,  der  eine  solche  Pflege  in 
Aussicht  nimmt.  Aber  eine  solche  Pflege  der  Liebe  hat  audi 
das  Christentum  in  vielleicht  noch  schoneren  Worten,  wenn 
man  sie  rich  tig  versteht:  Nicht  durch  Kampf  iiberwindet 
man  den  Kampf,  nicht  durch  Hafi  iiberwindet  man  den 
Hafi,  sondern  den  Kampf  und  den  Hafi  iiberwindet  man  in 
Wahrheit  allein  durch  die  Liebe. 


GRUNDBEGRIFFE  DER  THEOSOPHIE 
SEELE  UND  GEIST  DES  MENSCHEN 


Berlin,  19.  Oktober  1905 

Es  ist  noch  nicht  lange  her,  da  gait  es  in  gewissen  Kreisen 
im  eminentesten  Sinne  als  unwissenschaftlich,  von  einer  Seele 
des  Menschen  als  einer  besonderen  Wesenheit  zu  sprechen. 
Und  gar  noch  neben  der  Seele  von  einem  Geiste  zu  sprechen, 
das  fmdet  heute  das  allergeringste  Verstandnis.  Nun  ist  das 
Thema,  das  wir  uns  heute  gestellt  haben,  reichlich  grofi  in 
seinem  Umfange.  Einige  Hauptlinien  zu  zeigen,  wird  mir 
wohl  nur  moglich  sein.  Innerhalb  der  geisteswissenschaffc- 
lichen  Weltanschauung  werden  wir  namlich  zu  jener  alter  en 
Einteilung  des  Menschen  gefuhrt,  die  eine  Dreiteilung  ist 
gegenuber  dem,  was  imBewufitsein  des  gegenwartigen  Men- 
schen fast  einzig  und  allein  noch  irgendwelche  Geltung  hat, 
gegenuber  der  Zweiteilung  von  Korper  und  Seele.  Die  Drei- 
teilung, zu  welcher  die  theosophische  oder  geisteswissen- 
schaflliche  Weltanschauung  wieder  zuriickgreifen  mufi,  ist 
die  von  Korper,  Seele  und  Geist.  Nun  lassen  Sie  zunachst 
einmal  uns  ein  wenig  verstandigen  dariiber,  was  wir  eigent- 
lich  unter  Korper,  Seele  und  Geist  verstehen.  Der  Korper 
des  Menschen  ist  etwas,  woriiber  es  nicht  vieler  Vorstellun- 
gen  zu  einer  Verstandigung  bediirfen  wird.  Aber  auf  der 
andern  Seite  ist  die  Vorstellung  des  Korperlichen,  die  Vor- 
stellung  des  aufierlichen  Physischen  heute  so  sehr  das  ein- 
zige,  was  unsere  gegenwartige  Menschheit  beschafligt,  dafi 
die  Verstandigung  iiber  den  Unterschied  von  Seele  und 
Geist  und  schon  iiber  das  Wesen  der  Seele  selbst  recht  schwie- 
rig  ist.  Wir  mussen  nun  heute,  im  Gegensatz  zu  manchem 


andern  Vortrag,  den  ich  hier  gehalten  habe,  auf  eine  redit 
intime  Genauigkeit  unserer  Begriffe  und  Ideen,  die  wir  hier 
entwickeln  wollen,  sehen  und  ich  mufi  Sie  daher  bitten, 
heute  Ihre  Aufmerksamkeit  zunachst  einmal  fiir  feinere 
Unterschiede  in  den  mensdilichen  Vorstellungen  in  Anspruch 
nehmen  zu  diirfen. 

Wenn  ein  Mensch  vor  Ihnen  steht,  so  werden  Sie  ohne 
weiteres  zugeben,  dafi  in  dem  Raume,  den  der  betreffende 
Mensch  ausfiillt,  des  Menschen  Leib  vorhanden  ist.  Denn 
von  diesem  Menschenleib  liefern  Ihnen  Ihre  Sinne  ein  Zeug- 
nis.  Nun  aber  kann  der  Mensdi  selbst  sich  durch  seine  Sinne 
wenigstens  teilweise  betrachten,  und  wir  konnen  daher 
sagen,  der  Mensch  ist  fiir  einen  andern  sinnbegabten  Men- 
schen und  fiir  sich  selbst  ein  leibliches,  ein  korperhaftes 
Wesen.  Aber  in  dem  Raume,  den  der  Mensch  ausfiillt,  ist 
zweifellos  noch  viel  mehr  vorhanden  als  dasjenige,  was  Ihre 
Sinne  sehen  konnen.  Es  ist  vielleicht  fiir  das  menschliche 
Leben  in  seiner  Ganzheit  begriffen  das,  was  der  andere  mit 
seinen  Augen  sehen  und  mit  seinen  Handen  betasten  kann, 
das  Allergeringfugigste.  Denn  wenn  der  Mensch  von  seinem 
Leben  spricht,  so  spricht  er  sehr  selten  von  seinem  korper- 
lichen,  sinnenfalligen  Aufieren.  Er  spricht  dann  von  seinem 
Schicksal,  von  Lust  und  Leid,  von  Schmerz  und  allem,  was 
im  Inneren  lebt  und  zunachst  nicht  fiir  die  Sinne  wahr- 
nehmbar  ist.  Ein  Mensch  kann  vor  Ihnen  stehen  und  ein 
anderer  neben  ihm.  Das,  was  Ihre  Sinne  wahrnehmen  an 
den  beiden  Menschen,  ist  zunachst  nicht  das  ganz  Wesent- 
Hche,  sondern  es  kommt  dazu,  dafi  vielleicht  in  dem  einen 
Menschen  ein  trauriges  inneres  Seelendasein  lebt  und  in 
dem  andern  Menschen  ein  durchaus  lusterfiilltes,  freudiges 
Seelenleben.  In  beiden  Fallen  fiillt  also,  wie  Sie  sehen,  des 
Menschen  innere  Wesenheit  den  Raum  noch  etwas  anders 
aus  als  das  korperliche  Dasein.  Wenn  Sie  einen  Blinden  vor 


einen  Mensdien  hinstellen,  so  nimmt  dieser  Blinde  das  kor- 
perlidie  Dasein  desselben  zunachst  nicht  wahr.  Er  wird 
unter  Umstanden,  wenn  er  nicht  besonders  durch  seinen 
Tastsinn  oder  auf  andere  Weise  aufmerksam  gemacht  wird, 
zu  der  Behauptung  verleitet  werden  konnen,  dafi  im  Raume 
niemand  ist,  weil  sein  Auge  ihm  nichts  erofTnet.  Um  von 
einem  aufieren  sinnenf  alligen  Dasein  Uberzeugt  zu  sein,  da- 
zu  gehoren  eben  Sinne,  Sinne,  die  fahig  sind,  dieses  aufiere 
korperliche  Dasein  wahrzunehmen.  Nun  miissen  wir  uns 
fragen:  Ware  denn  dieses  aufierliche  korperliche  Dasein 
nicht  auch  dann  da,  wenn  es  nicht  wahrgenommen  wiirde? 
Stiinde  ich  nicht  audi  an  diesem  Orte,  wenn  ringsherum 
lauter  Blinde  und  Taube  waren,  die  mich  nicht  sehen  und 
horen  konnen?  Fur  mich  ware  ich  da,  in  mir  ware  ich  da. 
Und  ebenso  wie  ich  meinem  korperlichen  Dasein  nach  in 
mir  da  bin  und  dieses  unterschieden  werden  mufi  von  der 
Wahrnehmung  von  seiten  der  andern,  so  miissen  wir  uns 
jetzt  audi  heraufschwingen  zu  einer  Moglichkeit,  diesen 
selben  Unterschied  fur  das  zu  machen,  was  ich  als  eine 
zweite  Art  des  Daseins  aufgezahlt  habe,  fiir  die  Lust  und 
den  Schmerz,  fiir  das  Leben,  das  den  Raum  ausfullt,  ohne 
dafi  die  Sinne  das  Raumerfiillende  wahrnehmen.  Wenn  ein 
Mensch  vor  einem  Blinden  steht  und  dieser  Blinde  plotzlich 
sehend  wird,  so  wird  das  aufiere  Dasein  fiir  den  Blinden  ein 
wahrnehmbares  Dasein  und  die  Frage  entsteht:  Konnte  nun 
nicht  auch  das  zunachst  fiir  die  korperlichen  Sinne  nicht 
wahrnehmbare  Dasein  von  Lust  und  Leid,  von  Schmerz 
und  Freude,  von  Zorn  und  Leidenschaft,  das  im  Menschen 
ebenso  lebt  wie  sein  rotes  Blut,  seine  Nerven  und  Knochen, 
da  sein  als  ein  fiir  den  andern  Menschen  bestehendes  Wahr- 
nehmbares? 

Der  Mensch  weifi  von  dem,  was  er  wahrnehmen  kann. 
Der  Mensch  ist  ein  Wesen,  welches  in  Entwickelung  begrif- 


fen  ist,  ein  Wesen,  welches  von  unvollkommenen  Stufen  in 
einer  fernen  Vergangenheit  sich  heraufentwickelt  hat  zu 
seinem  gegenwartigen  Dasein.  Alle  Organe,  die  am  und  im 
Menschen  sind,  haben  sich  nach  und  nach  entwickelt.  Nach 
und  nach  ist  am  aufieren  Dasein  heranentwickelt  worden 
die  Seh-  und  Horf  ahigkeit,  nach  und  nach  ist  erst  die  auiSere 
physische  Welt  zu  einer  wahrnehmbaren  Welt  fiir  den  Men- 
schen geworden,  zu  einer  Welt,  von  der  er  weifi,  die  er  be- 
obachten  kann.  Wenn  der  Mensch  so  in  der  Entwickelung 
ist,  konnten  wir  da  nicht  f ragen,  ob  er  sich  nicht  auch  weiter- 
entwickeln  konne?  Kann  ihm  nicht  wahrnehmbar  werden, 
was  ihm  heute  noch  nicht  wahrnehmbar  ist?  —  Ebenso  wie 
der  Raum,  in  dem  ein  Mensch  stent,  zunachst  fiir  den  Blin- 
den  finster  und  dunkel  ist  und  dann,  wenn  er  sehend  wird, 
der  Blinde  anfangt  Farben  wahrzunehmen  und  die  physi- 
sche Gestalt,  so  konnte  es  doch  auch  sein,  daft  das,  was  noch 
im  Raume  lebt,  was  die  Seele  durchzuckt,  auch  sichtbar, 
wahrnehmbar  gemacht  wiirde.  Zu  seiner  aufieren,  sinnlichen 
Sichtbarkeit  ist  der  Mensch  durch  die  aufieren  Krafte  der 
Welt  gefuhrt  worden.  Da  hat  er  nichts  dazu  getan.  Er  ist 
von  der  Naturordnung  hereingestellt  worden  auf  den  phy- 
sischen  Plan,  mit  sinnlichen  Organen  bewaffnet,  um  die 
sinnliche  Welt  wahrzunehmen.  Aber  der  Mensch  kann  seine 
Weiterentwickelung  selbst  in  die  Hand  nehmen,  der  Mensch 
kann  sich  fahig  machen,  aufier  der  sinnlichen  Welt  um  ihn 
herum,  weiteres  zu  erleben. 

Diese  Entwickelung  zu  einem  hoheren  Leben  wurde  seit 
urdenklichen  Zeiten  immerdar  gepflegt  und  gehegt  in  ge- 
wissen  menschlichen  Gemeinschaften.  Ebenso  wie  die  Men- 
schen zunachst  sinnliche  Augen  und  sinnliche  Ohren  haben, 
so  wurde  durch  die  eigene  Tatigkeit  des  Menschen  das  Ver- 
mogen,  durch  seelische  Augen,  wenn  ich  mich  so  ausdriicken 
darf,  und  durch  seelische  Ohren  wahrzunehmen,  immer- 


dar  in  einzelnen  Menschen  ausgebildet.  So  wahr  es  ist,  dafi, 
wenn  das  Auge  sidi  auf sdiliefit,  es  eine  f arbige  Welt  um  sidi 
herum  wahrnimmt,  wo  sonst  Finsternis  und  Dunkelheit 
war,  so  wahr  ist  es  audi,  dafi  durch  eine  entsprechende 
Sdiulung  das  seelische  Auge  aufgeschlossen  wird,  so  dafi 
das,  was  in  den  AfFekten,  in  Lust  und  Leid  lebt,  wahrnehm- 
bar  wird.  Anders  als  der  gewohnliche  Unterricht  ist  die 
Unterweisung,  die  zu  einer  solchen  hdheren  Entwickelung 
des  Menschen  fuhrt.  Im  einzelnen  wird  unser  neunter  Vor- 
trag  dasjenige  besprechen,  was  von  dieser  inneren  Entwicke- 
lung offentlich  iiberhaupt  besprochen  werden  kann.  Der- 
jenige,  der  mehr  wissen  will  uber  diese  innere  Entwickelung, 
wird  noch  Weiteres  dariiber  erfahren  konnen.  Heute  kann 
ich  nur  auf  den  neunten  Vortrag  verweisen.  Das  Notwen- 
digste  soil  aber  angedeutet  werden. 

Von  jenem  Unterrichte,  den  der  Mensch  erhalten  muft, 
um  seelische  Augen  und  Ohren  zu  erhalten,  weift  die  auftere 
Kultur  von  heute  sehr  wenig.  Und  von  dem,  was  man  er- 
fahren kann,  ist  nur  Geringfiigiges  bekannt.  Aber  gerade 
die  geisteswissenschaflliche  Weltanschauung  ist  dazu  be- 
rufen,  ein  Verstandnis  fur  das  Obersinnliche  wachzurufen, 
weil  es  ein  notwendiges  Erfordernis  fur  die  Kultur  ist. 
Heute  geht  aller  Unterricht  darauf  hinaus,  moglichst  viel  an 
Inhalt  fur  den  Verstand,  an  Inhalt  fur  die  Vernunft  auf- 
zunehmen.  Dies  bedeutet  aber  nichts  anderes,  als  dafi  in  uns 
eine  Vorstellungswelt  erweckt  wird,  die  auf  die  aufiere  sinn- 
liche  Welt  Bezug  hat.  Immer  weitere  Kreise  zieht  unser 
aufieres  sinnliches  Erkennen.  Aber  das  ist  nicht  so  notwen- 
dig;  es  ist  fur  unsere  gegenwartige  Kultur,  so  grofiartig  es 
ist  in  seinen  Errungenschaften,  nicht  dasjenige,  was  den 
Menschen  vertieft.  Es  gab  zu  alien  Zeiten  eine  andere  Unter- 
weisung, eine  Unterweisung,  welche  nidit  nach  der  aufieren 
Breite  der  Sinnenwelt  geht,  sondern  nach  der  Tiefe  des 


Weltenseins  hinzielt.  Von  ihr  konnen  Sie  sich  einen  Begriff 
madien,  wenn  ich  sie  Ihnen  nur  mit  ein  paar  Worten  schil- 
dere. 

Alles,  was  Sie  gegenwartig  in  den  wissenschaftlichen 
Schriften  lesen,  ist  durch  aufiere  sinnliche  Beobaditung  zu- 
stande  gekommen.  Es  wird  von  der  Wissenschaft  mehr  oder 
weniger  als  etwas  betraditet,  in  das  nichts  hineingehort,  was 
nicht  durch  die  aufiere  Beobaditung  zustande  gekommen  ist. 
Man  setzt  voraus,  daft  der  Mensch,  so  wie  er  ist,  bleiben 
soli,  dafi  er  schon  die  Fahigkeit  hat,  das,  was  ihm  diese  Wis- 
senschaft bieten  kann,  aufzunehmen.  Im  wesentlichen  ist  es 
aber  ganz  und  gar  anders,  wenn  es  sich  um  dieUnterweisung 
handelt,  welche  zu  seelischer  Wahrnehmungsfahigkeit  des 
Menschen  fiihren  soil.  In  solchen  Schulen  wird  anderes  ge- 
lehrt.  Da  wird  zunachst  nicht  dem  Menschen  ein  Lehrmate- 
rial  iibergeben,  welches  moglichst  viele  Begriffe  iibermittelt, 
sondern  da  ist  es  so  gewesen,  dafi  ein  Schuler  zu  einem,  sagen 
wir,  Meister  kam  und  vermoge  seiner  ganzen  Charakter- 
anlage  fiir  reif  befunden  worden  ist,  die  inneren  Sinne  zu 
entwickeln.  Dann  mufite  er  nicht  viel  neuen  Inhalt  in  sich 
aufnehmen,  sondern  er  mufite  zunachst  ein  ganz  anderer 
Mensch  werden.  Er  bekam  nicht  ein  Buch,  nicht  einen  beson- 
deren  Inhalt,  sondern  zunachst  einen  sogenannten  ewigen 
Gedankeninhalt,  etwas  Ewiges,  das  herriihrte  von  denjeni- 
gen  Menschen,  welche  weiter  waren  in  ihrer  Entwickelung 
als  die  iibrigen  Kulturmenschen. 

Wir  miissen  uns  einmal  verstandigen  dariiber,  was  wir 
unter  einem  solchen  ewigen  Gedankeninhalt  verstehen.  Ver- 
suchen  Sie  einmal,  in  Ihrer  Seele  Umschau  zu  halten  und  sich 
zu  fragen:  Wieviel  gehort  von  den  Vorstellungen  und  Ge- 
danken,  die  in  mir  leben,  von  den  Gefiihlen  und  dem,  was 
sonst  in  meiner  Seele  ist,  der  Zeit  und  dem  Orte  an,  in  wel- 
chen  ich  lebe?  -  Versuchen  Sie  einmal  dariiber  nachzuden- 


ken,  was  Ihre  Seele  durdizieht  vom  Morgen  bis  zum  Abend, 
und  was  anders,  ganz  anders  sein  wiirde,  wenn  Sie  statt  in 
Berlin  in  Moskau  waren,  und  dann,  wenn  Sie  nicht  am  An- 
fange  des  20.  Jahrhunderts,  sondern  am  Ende  des  18.  Jahr- 
hunderts  leben  wiirden.  Ziehen  Sie  alles  dasjenige,  was  Sie 
auf  diese  Weise  aus  Raum  und  Zeit,  in  denen  Sie  leben,  her- 
aus  genommen  haben,  von  Ihrem  Seeleninhalt  ab.  Versuchen 
Sie  sich  klarzuwerden,  wieviel  von  dem,  was  Sie  sich  vor- 
stellen,  audi  fiir  einen  Menschen  an  einem  andern  Ort  und 
in  einer  andern  Zeit  gelten  wiirde.  Es  ist  nicht  viel.  Aber  es 
gibt  Dinge,  die  nicht  blofi  fiir  heute  und  fiir  Berlin  gelten, 
sondern  audi  fiir  andere  Orte  und  andere  Zeiten.  Wenn  wir 
in  diesem  Sinne  aufsteigen,  finden  wir  immer  mehr  und 
mehr,  dafi  wir,  wie  von  einem  grofien  geistigen  Fuhrer  der 
Menschheit,  den  Sinn  vor  alien  Dingen  auf  solche  ewigen 
Gedankeninhalte  hingelenkt.  Die  religiosen  Schriften  aller 
Zeiten  sind  voll  von  solchen  Dingen,  die  unabhangig  sind 
von  Raum  und  Zeit.  Und  um  das  Trivialste  zu  nennen, 
kann  ich  sagen,  Mathematik  ist  etwas,  was  unabhangig  ist 
von  Raum  und  Zeit.  Was  sich  mit  Zeitlichem  und  Raum- 
lichem  beschaftigt,  ist  selbst  zeitlich  und  verganglich.  Be- 
schaftigt sich  aber  die  Seele  mit  Unverganglichem,  dann 
wird  sie  ewig  und  unverganglich  und  nimmt  auf,  was  un- 
sterblich  ist.  Daher  wird  der  Seele  zunachst  von  dem  Meister 
ein  ewigerGedankeninhalt  gegeben,der  jedem  gegeben  wer- 
den  kann,  gleichgiiltig,  ob  er  in  Amerika,  in  Japan  oder  an 
der  Siidspitze  Afrikas  lebt,  ein  Gedankeninhalt,  der  nur  mit 
dem  Innersten  der  Seele  verwandt  ist. 

Dann  hatte  der  Schuler  von  sich  abzulosen  die  sinnliche 
Aufienwelt  und  mit  dem  zu  leben,  was  in  seinem  Inneren 
als  Kraft  lebt.  Mit  ungeheurer  Geduld  mufite  die  Vertiefung 
in  das  menschliche  Innere  der  Seele  geschehen.  Des  Men- 
schen Inneres  ist  ein  Lebendiges,  und  wie  aus  der  blofien 


Zellenmasse  der  Wunderbau  des  physischen  Auges  entstan- 
den  ist,  so  entsteht  in  der  Seele  das  geistige  Auge  durch  den 
ewigen  Geistesinhalt,  wenn  sie  sich  so  vertieft  und  in  der 
Meditation  lebt.  Das  physische  Auge  war  nicht  immer  da.  Es 
ist  entstanden  durch  den  Zusammenfluft  der  aufieren  physi- 
sdien Krafle.  In  der  Seele  ist  der  Mensch  imstande,  das  see- 
lische  Auge  zu  erwecken,  wenn  er  von  dem  seelischen  Inhalte 
sich  weiterentwickeln  lafit.  In  Geduld  harrten  und  harrten 
solche  Schiiler,  die  einen  groften  Teil  des  Tages  zu  ihren 
Obungen  verwenden  mufken.  Es  gab  Zeiten  in  der  Kultur, 
in  denen  das  moglich  war.  So  harrten  sie,  bis  die  durch  die 
seelische  Vertiefung  erweckten  inneren  Krafle  ihnen  die 
Wahrnehmung  gaben  f ur  das,  was  als  Lust  und  Leid,  als  In- 
stinkte,  Leidenschaften  und  Trieb  den  Raum  ausfullte. 

Ein  physisches  Auge  sieht  dadurch,  dafi  die  aufiere  Licht- 
quelle  Strahlen  auf  einen  Gegenstand  wirft.  Ohne  Licht 
wird  nicht  gesehen.  Auge  und  Licht  gehoren  zusammen.  In 
der  sinnlichen  Auftenwelt  sind  Auge  und  Licht  zwei  ge- 
trennte  Dinge.  In  der  Seele  wird  das  seelische  Auge  erweckt, 
und  das  ist  zugleich  die  Quelle  eines  neuen  seelischen  Lichtes. 
Wir  selbst  miissen  dieses  Licht  von  uns  ausstrahlen,  welches 
das  Seelische,  das  vor  uns  steht,  sichtbar  macht.  Wenn 
Sie  auf  diese  Weise,  durch  Versenkung  in  Ihr  Inneres 
und  die  damit  verbundene  Erweckung  des  inneren  Lebens, 
das  innere  Licht  erhalten  haben,  dann  fangt  Ihr  eigener 
Astralkorper  von  innen  heraus  zu  leuchten  an  und  be- 
leuchtet  alles  in  Wahrheit  und  Wirklichkeit  wie  die  Sonne 
die  Gegenstande.  Aber  Sie  beleuchten  nicht  die  aufiere  Welt, 
sondern  das,  was  seelisch  ist,  was  im  Menschen  lebt  als 
Affekt;  das  wird  dann  durch  die  Strahlen,  die  Sie  selbst 
aussenden,  fiir  Sie  sichtbar.  So  kann  der  Mensch  dasjenige, 
was  ist,  aber  was  aufierlich  nicht  wahrnehmbar  ist,  fiir  sich 
wahrnehmbar  machen. 


Alle  die  grofien  Fuhrer  der  Menschheit,  die  uns  da  von 
der  Seele  gesprodien  haben:  glauben  Sie  nicht,  dafi  sie  nur 
leere  Phrasen  und  Worte  im  Sinne  hatten.  Man  weifi,  wenn 
man  blofl  an  die  sinnlidie  Welt  glaubt,  nidits  von  den 
Tiefen,  welche  die  Mensdienkultur  bewegt  und  bewirkt 
haben.  Aus  der  unmittelbaren  Ansdiauung  wird  gewohnhch 
gesprochen.  Fassen  Sie  zum  Beispiel  das  Verhaltnis  von 
Seele  und  Korper  ins  Auge,  wie  ich  es  eben  besprochen  habe, 
dann  miissen  Sie  sich  sagen,  dieses  Verhaltnis  von  Seele  und 
Korper  ist  ein  solches,  dafi  das  Korperliche,  das  vor  uns 
steht,  durchstromt  und  durchsetzt  wird  von  einem  Seeli- 
schen.  Und  so  wahr  es  ist,  dafi  dieser  Korper,  den  Sie  Ihr 
eigen  nennen,  von  aufien  durch  Nahrungsmittel  genahrt 
wird  und  dadurch  von  aufien  sich  belebt  und  erganzt,  ebenso 
wahr  ist  es,  dafi  dieser  Korper  durch  das  Seelische  belebt, 
durchhellt  und  durchstromt  wird.  Wenn  dieser  Korper 
schlafl,  ist  das  Seelische  zunachst  nicht  in  ihm,  dann  ist  es 
von  ihm  getrennt,  es  ist  aufier  ihm.  Dann  konnen  wir  nicht 
davon  sprechen,  dafi  das  Seelisdie  in  den  Korper  einstromt. 
Ein  deutscher  Theosoph,  ein  tiefer  Geist,  hat  sich  iiber  dieses 
Verhaltnis  von  Seele  und  Leib  in  einer  wunderbar  reiz- 
vollen  Art  ausgesprochen,  die  man  nur  dann  richtig  ver- 
steht,  wenn  man  solche  Voraussetzungen  macht,  wie  wir  sie 
eben  gemacht  haben.  Dieser  Theosoph  -  so  diirfen  wir  ihn 
nennen  —  spricht  von  dem  Schlafe,  wenn  die  Seele  nicht 
in  dem  Korper  ist,  in  einer  eigentumlichen  Art.  Er  sagt: 
«Schlaf  ist  Seelenverdauung;  der  Korper  verdaut  die  Seele. 
Wachen  ist  Einwirkungszustand  des  Seelenreizes  -  der  Kor- 
per geniefit  die  Seele.»  Es  ist  dies  ein  wunderbarer  Vergleich. 
Wie  man  bei  der  Nahrungsaufnahme  die  Nahrung  geniefit, 
so  geniefit  -  meint  dieser  Theosoph  -  der  Korper  die  Seele, 
die  in  ihm  lebt.  Und  so  wie  der  Korper,  nachdem  er  die 
Nahrung  genossen  hat,  sie  verdaut,  so  verdaut  der  Korper 


im  Schlafzustand  das,  was  die  Seele  in  ihn  hineingesenkt 
hat.  Sehr  schon  ist  dieser  Ausspruch  unseres  deutschen  Dich- 
ter-Theosophen  Novalis.  Bei  ihm  konnen  Sie  einen  Quell 
der  schonsten  geisteswissenschaftlichen  Weisheit  finden.  Er 
kann  nur  von  der  geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung 
aus  verstanden  werden.  Unzahliges  aus  der  deutschen  Gei- 
steswelt  konnte  ich  anfuhren,  was  Ihnen  zeigen  wiirde,  wie 
die  grofien  Seher  der  Menschheit  von  Seele  und  Leib  und 
ihrem  Verhaltnis  zueinander  mit  Sachkenntnis  sprachen. 

Das  dritte,  wovon  wir  sprechen  miissen,  ist  der  Geist. 
Lust  und  Leid,  Schmerz  und  Freude,  Leidenschaft,  Instinkt 
und  Begierde  und  was  wir  sonst  noch  ahnlich  benennen  kon- 
nen, fassen  wir  unter  dem  Namen  Seele  zusammen.  Und 
fragt  man,  was  die  Seele  ist,  dann  sagen  wir:  Was  im  Inneren 
zunachst  zum  lebendigen  Dasein  kommt,  das  ist  die  Seele. 
Die  Wahrnehmung  dieser  Seele  kann  derjenige  erlangen, 
der  eine  Ausbildung  erhalten  hat,  wie  ich  sie  eben  geschildert 
habe.  Geist  ist  nicht  nur  im  Inneren  des  Menschen  vorhan- 
den,  sondern  im  Grunde  genommen,  durch  eine  sehr  banale 
Vernunfttatigkeit  kann  man  sich  uberzeugen,  uberall  in  der 
Welt.  Alle  Menschen  in  der  Welt  denken,  denken  in  dem, 
was  um  sie  herum  ist.  Sie  verschaff en  sich  durch  ihre  Ge- 
danken  Kenntnis  von  der  Welt  um  sie  herum.  Diese  Gedan- 
ken  sind  nicht  nur  ein  Ausdruck  dessen,  was  in  der  Aufien- 
welt  lebt,  sondern  auch  von  etwas,  was  in  der  Aufienwelt 
nicht  lebt.  Wenn  Sie  das  Weltenall  uberblicken,  dann  er- 
blickt  Ihr  Sinn  eine  Unsumme  von  Sternen  und  Vorgangen, 
eine  ganze  Sternenwelt,  und  dann  kommt  Ihr  Nachdenken 
und  verschafrl;  sich  einen  Begriff  von  dieser  Sternenwelt. 
Wenn  Ihr  Sinn  einen  Wassertropfen  sieht,  dann  verscharft 
sich  Ihr  Nachdenken  einen  Begriflf  von  diesem  Wasser- 
tropfen. Kiirzer  gesagt,  Sie  sind  nicht  zufrieden,  die  Sachen 
wahrzunehmen,  Sie  wollen  sie  auch  begreifen.  Das  ist  etwas 


anderes  als  das  blofie  sinnKche  Wahrnehmen.  Wenn  Sie  em 
Glas  haben  ohne  Wasser  darin,  so  konnen  Sie  audi  kein 
Wasser  herausscbopfen.  Wenn  kein  Gedanke  und  kein  Be- 
griff  im  Raume  draufien  ware,  dann  konnte  man  auch  keine 
herausholen.  Es  ware  illusionar,  uber  die  Welt  nachzuden- 
ken,  wenn  die  Welt  nicht  nach  Gedanken  aufgebaut  ware. 
Der  Stein,  iiber  den  Sie  nadidenken  und  den  Sie  begreifen, 
mufi  durch  einen  Gedanken  entstanden  sein,  sonst  konnte 
der  Gedanke  nicht  herausgeholt  werden.  Wenn  Sie  sich  nicht 
in  groteske  Widerspriiche  verwickeln  wollen,  so  miissen  Sie 
zugeben,  dafi  die  Gedanken  in  der  Welt  draufien  ebenso 
wahr  sind  wie  die  Gedanken  in  Ihrem  Kopfe  drinnen.  Sie 
denken,  und  die  Gedanken,  die  in  Ihnen  leben,  sind  keine 
andern  als  die,  welche  die  Welt  aufgebaut  haben. 

So  finden  wir  in  unserer  Seele  noch  etwas,  was  zwar  auch 
nicht  sinnlich  wahrnehmbar  ist,  was  aber  nicht  blofi  Innen- 
leben  ist,  sondern  uns  zum  Begreifen  des  ganzen  Univer- 
sums  herausfuhrt.  Dafi  uns  unsere  Ideen  und  BegrifFe  nicht 
durch  die  Sinne  wahrnehmbar  werden,  das  miissen  Sie  zu- 
geben, denn  sonst  hatte  der  Mensch  ja  auch  die  BegrifFe  der 
Sternenwelt,  die  er  aber  erst  in  seiner  Seele  bilden  mufi.  So 
lebt  der  Begriff  im  Inneren  und  er  lebt  auch  in  der  Aufien- 
welt.  Seele  nennen  wir  dasjenige,  was  im  Inneren  beschlos- 
sen  ist.  Der  Schmerz  gehort  in  unser  eigenes  Innere.  Er  hat 
seine  Grenzen  in  den  Grenzen  unserer  Seele.  Was  ich  fuhle, 
was  ich  als  Leid  und  Freude  habe,  das  ist  etwas,  was  mich 
innerlich  durchwebt  und  durchlebt,  was  aber  den  Sternen- 
raum  zunachst  wenig  angeht.  Was  in  meinem  Kopfe  als  Ge- 
danke aufleuchtet,  das  hat  mit  der  ganzen  Aufienwelt  etwas 
zu  tun.  Das  ist  zunachst  Geist  draufien  in  der  Welt,  und 
dann  die  Wiederholung  des  Geistes  in  der  eigenen  Seele. 

So  haben  wir  ein  Dreif aches:  Das  Sinnliche  in  der  Welt, 
das  stoffliche,  materielle  Dasein,  wahrgenommen  durch  die 


aufieren  Sinne;  die  Seele,  die  wir  erleben  und  welche  die- 
jenige  Seele,  die  auf  jene  Weise  unterrichtet  ist,  von  der  ich 
gesprochen  habe,  ebenfalls  wahrnehmen  kann,  und  den 
Geist,  den  wir  voraussetzen  in  der  ganzen  Welt,  als  das  sie 
durchflutende  Fluidum  und  als  das,  was  uns  die  Wesenheit 
der  Dinge  zunachst  verkiindet.  Wahrnehmen  kann  der 
Mensch  diesen  Geist  zunachst  da,  wo  er  als  soldier  auftritt. 
Was  er  da  wahrnehmen  kann,  ist  seine  aufiere  Physio- 
gnomic, das,  wie  sich  der  Geist  in  der  aufieren  sinnlichen 
Wirklichkeit  zum  Ausdruck  bringt.  Nicht  den  Geist  sieht 
man  in  der  Welt,  sondern  dasjenige,  wodurch  sich  der  Geist 
zum  sinnlichen  Ausdruck  verhilft. 

Im  Geiste  denkt  der  Mensch.  Der  Gedanke  lebt  zwar  in 
der  Welt,  aber  sehen  kann  ihn  der  Mensch  nicht.  Er  kann 
ihn  nur  denken.  So  wahr  Sie  selbst  denken  iiber  die  Welt 
und  so  wahr  sich  in  Ihnen  ein  geistiges  Spiegelbild  von  der 
Welt  bildet,  so  wahr  bildet  es  sich  auch  in  jedem  andern 
Menschen.  Und  dieser  andere  Mensch  ist  nicht  nur  Trieb 
und  Leidenschaft,  sondern  in  ihm  lebt  auch  dieses  geistige 
Spiegelbild  der  Welt.  Das  kann  nun  wiederum  fur  eine 
hohere  Anschauung  durch  die  Augen  und  Ohren  des  Geistes 
wahrgenommen  werden.  Wahr  ist  es,  dafi  jene  innere  Schu- 
lung,  von  der  ich  gesprochen  habe,  nicht  nur  die  Fahigkeit 
erzeugt,  die  Seele  des  Menschen  wahrzunehmen,  sondern  es 
kann  der  Mensch  auch  die  Fahigkeit  in  sich  ausbilden,  den 
Gedanken  des  andern  zu  sehen,  das  Weltbild,  die  ganze 
Umwelt  zu  begreif en  und  wahrzunehmen.  Dann,  wenn  der 
Mensch  nicht  nur  das  aufiere  Abbild  dieses  Gedankens  wahr- 
nimmt,  sondern  den  Gedanken  selbst,  wenn  er  imstande  ist, 
seine  geistigen  Ohren  dem  Weltenall  zu  eroffnen,  so  dafi  er 
nicht  nur  durch  seine  Sinne  den  Sternenhimmel  wahrnehmen 
kann,  sondern  dasjenige,  wodurch  alles  Sinnliche  geworden 
ist,  fur  das  alles  Sinnliche  die  aufiere  Physiognomie  ist,  dann 


wird  er  wahrhaft  und  wirklich  die  Gedanken,  den  Geist  der 
Welt  wahrnehmen.  Der  Stern  erscheint  ihm  dann  nidit  nur 
als  Stern,  sondern  der  Stern  sagt  ihm  etwas.  Die  Steine,  zum 
Beispiel  der  Bergkristall  erscheint  ihm  nicht  nur  wasserhell, 
sondern  er  sagt  ihm  audi  seine  Wesenheit  an,  und  es  ist  mog- 
lich,  dafi  der  Mensch  durch  eine  solche  Vertiefung,  wie  sie 
angedeutet  worden  ist,  einem  jeglichen  Ding  in  ganz  neuer 
Art  entgegentritt,  so  dajR  die  Dinge  rings  um  ihn  herum 
tonend  sprechen,  ihm  ihren  innersten  Namen  sagen,  uns 
selbst  ihr  Wesen  ankiindigen.  Das  meinten  die  alten  Pytha- 
goraer,  die  eine  solche  Schulung  hatten,  und  die  in  ein  solches 
Horen  der  Welt  einweihten,  wenn  sie  von  der  Spharenmusik 
sprachen.  Nicht  ein  blofier  Vergleich  war  es,  es  war  das 
unmittelbare  Wahrnehmen  und  Bewufitwerden  dessen,  was 
sonst  hinter  den  Dingen  sich  verbirgt.  Dieser  Schleier  der 
Natur  zerstiebt  vor  den  geistigen  Ohren,  und  die  Har- 
monie,  die  hinter  diesem  Schleier  verborgen  ist,  tont  her- 
aus.  Das  meint  auch  Goethe  mit  seinen  Worten  im  «Prolog 
im  Himmel».  Nicht  eine  Phrase  ist  es,  die  da  steht.  Es  ware 
eine  Phrase,  wenn  Goethe  von  einer  tonenden  Sonne  spre- 
chen wiirde.  Aber  nein,  er  spricht:  «Die  Sonne  tont  nach 
alter  Weise  in  Bruderspharen  Wettgesang,  und  ihre  vor- 
geschriebne  Reise  vollendet  sie  mit  Donnergang.»  Das 
sind  die  aus  der  Weltenmusik  herausklingenden  Worte  des 
Weltgeistes.  Goethe  setzt  dies  spater  noch  einmal  fort,  da 
wo  er  sagt:  « Tonend  wird  fur  Geistesohren  schon  der 
neue  Tag  geboren.»  Wenn  der  Mensch  diese  Fahigkeit  ent- 
wickelt,  wird  fur  ihn  das  Geistige  bewufit.  Dann  liegt 
ihm  der  Gedanke  so  wahrnehmbar  vor  seiner  Seele,  wie 
dem  gewohnlichen  Menschen  der  Korper. 

Korper,  Seele  und  Geist  sind  die  drei  Glieder  der 
menschlichen  Wesenheit.  Der  Mensch  ist  zunachst  ein  leib- 
liches,  korperliches  Wesen.  In  seinem  Inneren  lebt  und 


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entwickelt  sich  das  seelisclie  Dasein.  Und  in  diesem  wie- 
derum  spiegelt  sidi  und  lebt  auf  als  ein  Drittes  der  Geist 
der  ganzen  Welt,  soweit  ihn  der  Mensch  erfassen  kann. 
Von  aufien  in  das  Innere  und  von  innen  wieder  hinaus, 
das  ist  der  Weg,  den  der  Mensch  vom  Korper  durch  die 
Seele  zum  Geist  macht.  Was  gibt  uns  nun  uberhaupt  die 
Moglichkeit,  ein  solches  seelisches  Dasein  zu  haben?  Diese 
Moglichkeit  verdanken  wir  der  Tatsache,  dafi  wir  in  der 
Seele  leben  konnen.  Wir  leben  in  Lust  und  Leid,  in 
Schmerz  und  Freude,  wenn  wir  es  zunachst  audi  noch  nicht 
aufierlich  wahrnehmen.  Wir  leben  audi  in  unserem  Korper, 
aber  den  nehmen  wir  audi  von  aufien  wahr.  Es  ist  ein  Un- 
terschied  zwischen  diesen  zwei  Gebieten  des  Daseins.  In  der 
geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung  nennt  man  das- 
jenige,  was  man  so  um  sich  herum  hat,  wie  man  zunachst 
das  aufiere  Korperliche  um  sich  herum  hat:  Dasein  volliger 
Bewufitheit.  Unser  Bewufitsein  verbindet  sich  zunachst  mit 
dem  korperlichen  Dasein.  Dieses  Bewufitsein  lebt  so  nur 
auf  dem  physischen  Plan  und  den  physischen  Plan  nennen 
wir  das,  was  sich  um  uns  herum  fur  die  Sinne  ausbreitet. 
Etwas  anderes  ist  das,  was  in  unserer  Seele  lebt.  Das  nennt 
man  Leben,  und  dieses  Leben  nennt  man  ein  Dasein  auf 
dem  sogenannten  astralen  Plan.  Der  physische  Plan  und 
der  astrale  Plan  sind  die  beiden  Gebiete,  in  denen  der 
Mensch  lebt.  Auf  dem  physischen  Plan  ist  sich  der  Mensch 
bewufit,  auf  dem  astralen  Plane  lebt  er  nur.  Da  bildet  er 
sich  die  Dinge,  die  aufier  ihm  sind,  noch  nicht  bewufk. 
Aber  er  lebt  im  Seelischen  oder  Astralen. 

Die  dritte  Art  des  Daseins  ist  das  geistige  Dasein.  In  ihm 
leben  wir  im  allgemeinen  als  gegenwartige  Menschen  noch 
nicht  oder  hochstens  nur  teilweise.  Indem  wir  uns  aber  in 
den  Geist  hineinleben,  verbindet  sich  dieser  Geist  selbst 
allmahlich  mit  unserer  Seele  und  wir  konnten  sagen,  diese 


Seele  breitet  sidi  iiber  die  ganze  Umwelt  aus,  sie  wird 
immer  grofier  und  grofier.  Wenn  der  Mensch  die  Aufien- 
welt  ergreift,  den  Sinn  und  den  Geist  der  Auftenwelt  er- 
fafit,  dann  ist  er  nidit  mehr  blofi  in  seinem  Inneren  be- 
schlossen,  sondern  dann  schreitet  er  ktihn  aus  sidi  selbst 
heraus  und  verbindet  sidi  mit  den  Dingen  um  ihn  her. 
Vergleichen  Sie  in  dieser  Beziehung  das  Tier  mit  dem  Men- 
schen.  Das  Tier  lebt  sozusagen  ganz  in  der  Seele.  Es  schafft 
sich  nicht  BegrifiFe  von  der  Umwelt.  Es  erweitert  seine  Seele 
nicht  iiber  das  Geistige  der  Welt.  Dies  ist  audi  der  Unter- 
sdiied  des  Menschen  vom  Tier.  Das  Tier  lebt  und  webt 
sozusagen  in  seinem  Inneren.  Der  Mensch  aber  tritt  wieder 
aus  seinem  Inneren  heraus.  Wir  konnten  das  audi  mit  den 
Worten  benennen:  Der  Mensch  entselbstet  sich.  Seele,  Innen- 
leben  hat  der  Mensch  immer.  Dieses  Innenleben  ist  da.  Aber 
die  Entwickelung  des  Menschen  besteht  darinnen,  dafi  er 
dieses  Innenleben  ausdehnt  iiber  seine  Umwelt,  iiber  das- 
jenige,  was  um  ihn  her  ist,  iiber  den  Geist,  dafi /es  ausfliefit  und 
ausstromt  iiber  die  ganze  Welt.  Wenn  das  geschieht,  dann 
verbindet  sich  des  Menschen  Seele  mit  dem  Ewigen.  Dann 
tritt  diese  Ehe  der  Menschenseele  mit  dem  Ewigen,  dem 
Weltengeiste  ein.  Dann,  wenn  diese  Verbindung  des  Men- 
schen mit  dem  ewigen  Weltengeist  eintritt,  verwandelt  sich 
diese  ganze  Summe  von  Lust  und  Leid,  diese  ganze  Welt 
von  Trieben  und  Begierden  und  Leidenschaften  in  unserem 
Inneren,  der  ganze  Astralkorper  des  Menschen  wird  ein 
anderer.  Diejenige  Lust,  diejenigen  Instinkte  des  Menschen, 
die  ihm  gegeben  sind,  so  wie  er  aus  der  Hand  der  Natur 
hervorgegangen  ist,  die  er  mit  dem  Tiere  gemein  hat,  alles 
dieses  seelische  Leben  verschwindet  und  vergeht  und  gehort 
als  solches  dem  Verganglichen  an.  Versuchen  Sie  sich  einmal 
zu  vergegenwartigen,  was  an  solchen  Instinkten,  Leiden  und 
Freuden  im  Menschen  lebt  und  wie  sich  dieses  Leben  abspielt 


im  Menschen.  Sie  hangen  zusammen  mit  dem  Vergang- 
lichen. 

Nun  beginnt  der  Mensch  herauszutreten  aus  dem  Kreise 
dieses  Verganglichen.  Er  veredelt  seine  Triebe  und  Begier- 
den,  seine  Leidenschaften,  er  hort  auf,  blofi  an  dem,  was  an 
Ort  und  Zeit  gebunden  ist,  Gefallen  und  Miftfallen  zu 
finden.  Er  erhebt  sich  zu  dem,  was  hinter  den  Dingen  liegt 
und  durch  den  Schleier  des  Sinnlichen  eben  verborgen  ist. 
Das  ist  etwas  Wichtiges,  wenn  der  Mensch  anfangt,  Freude 
haben  zu  konnen  an  dem,  was  nicht  bloft  sein  Auge  ihm 
gibt,  sondern  audi  an  dem,  was  durch  die  Eindrucke  seiner 
Augen  aus  der  geistigen  Welt  in  seine  Seele  sich  senkt.  Das 
ist  ein  grojfter  Moment  in  der  menschlichen  Entwickelung, 
wenn  der  Mensch  nicht  mehr  bloft  seinen  sinnlichen  Instink- 
ten  folgt,  sondern  von  ubersinnlichen  Motiven,  von  sitt- 
lichen  Ideen  und  Begriffen  geleitet  wird,  die  nicht  von 
aufien,  sondern  vom  Geiste  her  eindringen.  Ebenso  wie  der 
Korper  von  Seele  durchsetzt  ist,  so  durchsetzt  sich  die  Seele 
mit  dem  Geist.  Nehmen  Sie  den  Menschen  auf  gewissen 
fruheren  Entwickelungsstufen,  da  finden  Sie  ihn  als  korper- 
liches  Wesen  und  dieses  durchsetzt  von  der  Seele.  Wahrend 
der  Mensch  als  Korper  vor  Ihnen  steht,  lebt  er  in  seinen 
Trieben  und  Leidenschaften  sein  Dasein  aus.  Immer  mehr 
und  mehr  kommt  von  dem  Obersinnlichen  in  die  Seele  hin- 
ein.  Sie  wird  durchsetzt  mit  dem  Geistigen.  Dieses  letztere, 
also  wenn  die  Seele  allmahlich  durchsetzt  wird  mit  dem 
Geistigen,  hebt  die  Seele  heraus  aus  Zeit  und  Raum,  und  so 
viel  in  der  Seele  iiber  Zeit  und  Raum  Erhabenes  ist,  so  viel 
ist  in  ihr  Unvergangliches,  so  viel  bleibt  von  ihr  als  eine 
unverganglicheWirkung  ihrer  selbst.So  sehen  Sie,  daft  eben- 
so wie  die  Seele  eingebettet  ist  in  einen  Korper,  der  Geist 
eingebettet  ist  in  die  Seele.  Und  wie  die  Einbettung  der 
Seele  in  den  Korper  uns  auf  eine  urferne  Vergangenheit 


hinweist,  in  der  sie  nach  und  nach  miteinander  verbun- 
den  wurden,  so  weist  die  Verbindung  der  Seele  mit  dem 
Geist  in  die  Zukunffc  der  Menschheit  hinein.  Ganz  stufen- 
weise  gesdiieht  diese  Entwickelung.  Sie  gesdiieht  zunachst 
so,  dafi  immer  mehr  und  mehr  der  Geist  die  Seele  durch- 
setzt. 

Bedenken  Sie,  wie  der  Anfang  des  geistigen  Inhalts  in  der 
Seele  zunachst  ist.  Denken  Sie,  Sie  haben  einen  Gegenstand 
vor  sich.  Sie  sehen  ihn  an  als  sinnlichen  Gegenstand.  Sie 
drehen  sich  um:  der  sinnliche  Gegenstand  ist  nicht  mehr  vor 
Ihnen.  Aber  ein  Bild  dieses  sinnlichen  Gegenstandes  ist  vor 
Ihnen.  Wir  nennen  das  die  Vorstellung  von  dem  Gegen- 
stand, in  einer  gewissen  Beziehung  die  Erinnerung  an  ihn. 
Das  bleibt  in  der  Seele.  Das  ist  das  erste  Element,  wie  der 
Geist  in  der  Seele  Platz  greifl.  Es  geschieht  in  der  Form  der 
Erinnerung.  Wir  konnten  nicht  irgend  etwas  von  demGeiste 
unserer  Umwelt  in  uns  aufnehmen,  wenn  wir  nicht  im- 
stande  waren,  audi  dann  von  den  Gegenstanden  noch  etwas 
zu  wissen,  wenn  sie  nicht  mehr  vor  uns  stehen.  In  der  Er- 
innerung lebt  das  erste  Element  des  Geistes  in  dem  Men- 
schen.  Und  wie  es  den  Gegenstanden  der  Umwelt  gegeniiber 
ist,  so  ist  es  audi  der  eigenen  Seele  gegeniiber.  Machen  wir 
uns  nur  einmal  klar,  welche  Rolle  die  Erinnerung  in  unse- 
rem  Seelenleben  spielt.  Das  Tier  lebt  ganz  in  der  Gegen- 
wart.  Natiirlich  sind  die  Stufen,  die  ich  angebe,  die  Grade, 
die  ich  mache,  extremer  ausgesprochen,  als  sie  in  Wirklich- 
keit  sind.  Audi  die  Tiere  haben  eine  gewisse  geistige  Ent- 
wickelung durchzumachen,  aber  man  mufi  im  Ausdruck  in 
ein  gewisses  Extrem  verfallen,  um  die  Sache  klarzumachen. 
Was  das  Tier  heute  empfindet  und  erlebt,  ist  fur  dasselbe 
die  Hauptsache.  Was  fiir  die  Menschen  zunachst  die  Ver- 
geistigung  des  ganzen  Wesens  ausmacht,  das  ist,  dafi  er  iiber 
die  Gegenwart  hinaus  zu  leben  vermag.  Indem  wir  von  unse- 


rem  Geistigen  die  Erinnerung  mit  in  unsere  Gegenwart,  in 
unser  Heute  heraufnehmen,  vergeistigen  wir  uns  immer 
mehr  und  mehr;  dadurch  ergreifen  wir  den  Geist  im  ersten 
Element.  Ich  habe  das  Geistige  vor  mir,  wenn  ich  mich  an 
die  Erlebnisse  von  gestern  erinnere.  Die  Erinnerung  ist  eines 
der  wichtigsten  Momente  fur  die  Vergeistigung  des  seeli- 
schen  Lebens.  Nun  kniipft  die  Erinnerung  den  Faden  an  das 
mit  dem  Aufleren  zusammenhangende  geistig-seelische  Da- 
sein  an,  das  sich  von  der  Geburt  bis  in  die  Gegenwart  zieht. 
Konnten  wir  uns  nicht  an  vergangene  Tage  erinnern,  dann 
hatten  wir  nur  wenig  geistigen  Inhalt.  Es  gibt  heute  noch 
Volkerschaften,  welche  eine  soldie  Erinnerung  nicht  haben. 
Es  gibt  noch  Volker,  welche  vergessen,  welche  Erlebnisse 
sie  in  der  Kalte  machen  und  daher  jeden  Abend  von  neuem 
sich  eine  schiitzende  Hiille  suchen  miissen.  Diese  Erinnerung 
aufgenommen  und  immer  mehr  und  mehr  ausgebildet,  das 
ist  das,  was  derjenige  sucht,  der  nach  hoherer  Entwickelung 
strebt.  Hier  beginnt  die  Moglichkeit,  iiber  unser  vergang- 
liches  Dasein,  das  zwischen  Geburt  und  Tod  eingeschlossen 
ist,  hinauszublicken. 

Denken  Sie  sich,  dafi  Sie  es  sich  zum  Prinzip  gemacht 
haben,  Sinn  und  Vernunft  in  das  Leben  hineinzubringen 
durch  die  Erinnerung,  und  nicht  blofi  in  der  Gegenwart  zu 
leben,  sondern  immer  mehr  zu  lernen,  das  ganze  Leben  wie 
ein  Tableau  vor  sich  zu  haben,  mit  dem  Bewufitsein,  dafi 
nur  aus  diesem  Ihrem  ganzen  zeitlichen  Wesen  heraus- 
fliefien  kann,  was  Sie  vollbringen  wollen.  Wenn  das  der 
Fall  ist  und  wenn  das  wieder  ebenso  zur  Weckung  innerer 
Krafte  verwendet  wird,  wie  ich  das  vorhin  angedeutet  habe, 
als  ich  von  dem  Auf  lebenlassen  der  seelischen  Inhalte  durch 
die  Versenkung  sprach,  dann  konnen  wir  den  Ruckblick 
immer  weitertreiben,  ihn  gegenstandlicher  und  gegenstand- 
licher  zu  machen  versuchen  und  bis  zu  der  Geburt  zuriick- 


fiihren.  Man  kann  das  madien.  Es  gehort  aber  unendlidie 
Geduld  dazu;  wir  werden  ja  von  diesen  Methoden  noch 
spredien.  Dann  erblickt  man  von  der  Seele  audi  dasjenige, 
was  nidit  zwischen  Geburt  und  Tod  eingeschlossen  ist.Dann 
lernt  man  das,  was  innerhalb  dieses  Lebens  zwischen  Geburt 
und  Tod  vorgeht,  anzukniipfen  an  anderes.  Da  lerne  ich, 
durch  die  ureigenste  Betrachtung  in  der  Erinnerung,  mein 
Heute  an  das  Gestern  anzukniipfen  und  sinnvoll  die  Wir- 
kung  von  heute  mit  der  Ursache  von  gestern  zusammenzu- 
fiigen;  da  lerne  ich,  den  inneren  Faden  von  Ursache  und  Wir- 
kung  in  meiner  Seele  zu  verfolgen.  Dann  leitet  mich  dieselbe 
Kraft,  die  mich  in  mein  jetziges  Leben  zuriickleitet,  iiber 
die  Geburt  hinaus.  Weil  ich  gelernt  habe,  Ursache  und  Wir- 
kung  in  der  Seele  selbst  anzuschauen,  dadurch  wird  zum 
Erlebnis,  was  vor  der  Geburt  war,  wie  der  Mensch  vor  der 
Geburt  gelebt  hat.  Durch  die  allmahliche  Ausbildung  dieses 
Sinnes  erlangt  der  Mensch  Kunde  von  den  vorhergehenden 
Lebenslaufen,  und  es  wird  fur  ihn  das  Gesetz  der  Wieder- 
verkorperung  oder  Reinkarnation  eine  wahre  Tatsache. 
Durch  die  Scharfung  des  Blickes  fur  das  Zeitliche  in  der 
Innenwelt  erlangen  wir  die  seelische  Fahigkeit,  die  Reinkar- 
nation oder  Wiederverkorperung  fur  uns  zu  einer  Tatsache 
zu  machen.  Was  tun  wir  in  diesem  Fall?  In  diesem  Falle 
durchsetzen  wir  die  Seele  mit  dem,  was  uns  in  Zusammen- 
hang  bringt  mit  dem  Seelischen.  Und  da  erweitert  sich  unset 
Blick  im  Inneren.  Wahrend  wir  durch  das  Begreifen  der 
Auftenwelt  den  Geist  der  Aufienwelt  erfassen  und  unsere 
Seele  liber  die  Aufienwelt  ergiefien  und  verbreiten,  ver- 
breiten  wir  das  Bewufksein  iiber  das  Seelische  selbst,  indem 
wir  dann  iiber  die  Geburt  hinauskommen.  So  erweitert  sich 
unser  Blick  immer  mehr  und  mehr,  und  so  blicken  wir  auf 
von  dem,  was  an  Ort  und  Zeit  gebunden  ist,  zu  dem,  was 
in  der  Zeitenfolge  aufeinander  folgt.  Von  da  aus  bemach- 


tigen  wir  uns  dann  des  Wesenkernes  des  Menschen,  der  un- 
verganglich  und  ewig  ist. 

Immer  mehr  und  mehr  vergeistigt  sich  der  Mensch.  Die 
erste  Stufe  ist  die,  wenn  er  aus  des  Daseins  Lust  und  Leid 
herausgeht  und  fur  das  Obersinnliche  Gefiihle,  so  etwas  wie 
Lust  und  Leid  hat.  Je  weiter  er  dieses  ausbildet,  desto  mehr 
bewahrheitet  sich  fiir  ihn  der  schone  Satz  Platos:  Der  Kor- 
per  ist  -verganglich,  weil  er  von  Verganglichem  sich  nahrt, 
der  Geist  aber  ist  unverganglich,  weil  er  von  ewiger  Nah- 
rung  sich  nahrt.  -  So  ist  das  Verhaltnis  von  Leib,  Seele  und 
Geist.  Der  Leib  vergeht.  Was  man  von  dem  Menschen  sehen 
kann,  wird  mit  dem  Tode  der  Erde  ubergeben.  Was  aber 
als  Lust  und  Leid  im  Menschen  lebt,  das  Seelische,  ist  nicht 
mit  derGeburt  entstanden,  sondern  ist  mit  etwas  verkniipfl, 
was  iiber  die  Geburt  hinausreicht.  Es  erweitert  sich  damit 
das  Seelendasein  iiber  die  Grenzen  von  Geburt  und  Tod. 
Dasjenige  aber,  was  der  Mensch  in  sich  aufnimmt,  indem  er 
aus  seiner  Seele  wieder  herausgeht  und  mit  dem  Geiste  sich 
verbindet,  das  verbindet  diese  Seele  selbst  mit  den  ewigen 
Quellen  des  Daseins.  Das  vergottlicht  die  Seele.  So  wird  des 
Menschen  Seele  sichtbar  aufier  dem  Leib.  Soweit  sie  an  den 
Leib  gebunden  und  mit  ihm  eins  ist,  ist  sie  etwas  Vergang- 
liches.  Verbindet  sich  die  Seele  mit  dem  Geistigen,  so  wird 
sie  dadurch  mehr  und  mehr  ein  Ewiges  und  Unvergang- 
liches.  Damit  kommen  wir  zu  dem  Punkt,  wo  wir  begreifen, 
was  menschliche  Selbsterkenntnis  ist,  was  wahres  Erkennen 
des  menschlichen  Inneren  ist. 

Zunachst  erlebt  der  Mensch  seine  Seele  in  seinem  Inneren, 
indem  er  Lust  und  Leid,  Freude  und  Schmerz  erlebt.  Dann 
aber  gehen  dieser  Seele  die  Vorstellungen  auf,  welche  wieder 
verschwinden.  Es  lebt  da  etwas  auf,  was  den  blofien  Sinn  en 
verborgen  ist.  Was  da  in  der  Seele  auflebt,  hat  der  Mensch 
zunachst  als  den  blofien  Gedanken  in  sich.  Aber  er  verbindet 


im  Laufe  des  Lebens  diesen  Gedanken  mit  seiner  Seele.  Er 
lernt  fiihlen  und  mitempfinden  mit  dem  Geistigen  und  hat 
zuletzt  das  Geistige  gern  und  liebt  es,  wie  er  vorher  nur  das 
Sinnliche  gern  und  lieb  gehabt  hat.  Die  Begierde  erstreckt 
sich  schliefilich  iiber  alles  Geistige.  Die  Selbstsucht  wird  zu 
einer  selbstlosen  Liebe  zum  Unverganglichen.  In  der  Selbst- 
sucht wird  des  Menschen  Liebe  in  der  Seele  erfafit.  Aber  in- 
dem  wir  sie  tief  im  Inneren  als  Geist  erfassen,  wird  uns 
klar,  dafi  wir  dieses  Selbst  in  der  ganzen  iibrigen  Welt  fin- 
den,  dafi  wir  verbunden  sind  mit  der  ganzen  iibrigen  Welt 
und  dafi,  wie  wir  aus  dem  Physischen  geboren  sind,  es  eben- 
so  wahr  ist,  dafi  wir  als  Geist  stundlich  aus  dem  geistigen 
Universum,  der  geistig-gottlichen  Welt  heraus  geboren  wer- 
den.  Suchen  wir  daher  unser  hoheres  Selbst,  das  wie  ein 
Funke  in  uns  vorhanden  ist,  dann  werden  wir  das  Geistige 
in  der  ganzen  Umwelt  sehen.  Das  ist  die  grofie  Weisheits- 
erkenntnis,  welche  die  Vedantaphilosophie  zusammenge- 
fafk  hat  in  dem  Spruch:  Tat  tvam  asi  —  Das  bist  du.  -  Wenn 
der  Mensch  seines  Geistes  sich  bewufit  ist  und  seine  Ent- 
wickelung  beginnt  im  Hinausschreiten  in  die  Welt,  dann 
erweitert  sich  sein  Selbst  zu  dem  Geiste  des  Universums,  zu 
einem  Geistselbst-Dasein,  und  wir  sind  dann  unserer  ur- 
eigenen  Wesenheit  nach  uberall.  Dann  wird  fur  uns  das, 
was  blofies  Begreif  en  war,  seelisch  verwandter  Inhalt,  und 
das  ist  wirkliche  Erhebung  der  Seele  zum  Geist,  Erhebung 
in  wirkliches  geistiges  Leben. 

Es  gibt  einen  Anfang  des  geistigen  Lebens,  der  ist  aber 
diirr  und  kalt.  Da  gibt  es  nun  Menschen,  welche  nur  warm 
werden,  wenn  es  sich  um  Seelisches  handelt,  Menschen,  die 
sich  freuen  und  die  leiden,  nur  wenn  es  sich  um  Seelisches, 
um  Schmerz  und  Lust  handelt.  Sie  sagen,  es  bleibe  das 
Geistige  etwas  Odes  und  Kaltes.  Schauen  sie  hinauf  in  die 
Sternenwelt,  dann  finden  sie  die  Gedanken  dariiber  abstrakt ; 


aber  sie  sind  diirr  und  kalt  in  ihrem  Verstande.  Wenn  aber 
die  Seele  den  Geist  ergreift,  dann  fuhlen  wir,  dann  denken 
wir  nicht  blofi  mit  dem  Universum,  denn  dann  verwandelt 
sich  die  Anschauung  durdi  Vernunft  und  Verstand  in  ein 
seelisches  Erfassen  des  ganzen  Universums.  Was  friiher  blofi 
Lust  war,  wird  jetzt  Lust  am  Geistigen,  was  Liebe  war  im 
Seelischen,  wird  jetzt  Liebe  zum  Geistig-Gottlichen  in  der 
Welt.  Unser  Gefuhl,  das  wir  im  Inneren  verschlossen  haben, 
breitet  sich  aus  iiber  die  ganze  Welt.  Unser  Selbst  fliefit  aus, 
und  wir  werden  Eins  mit  dem  Allgeist.  Entselbstet  werden 
wir,  und  wirfinden  uns  wiederum  im  Allgeist.  Das  ist  etwas 
Hoheres  als  das  blofie  Denken.  Im  Seelischen  hat  es  der 
Mensch  zur  Empfindung  gebracht.  Im  Geistigen  f  angt  er  an, 
den  Verstand  betatigen  zu  konnen.  Aber  er  wird  auch  dahin 
kommen,  wo  er  mit  der  Empfindung  den  Geist  erreichen 
wird.  Dann  befindet  er  sich  auf  der  Stufe  zum  Gottlichen. 
Das  ist  die  Leiter,  die  er  zu  gehen  hat  mit  eigener  Kraft,  die 
Seele  mit  dem  Geist  zu  verbinden,  dafi  sie  eins  werden.  Das 
ist  wahre  Selbstbetrachtung.  Wenn  wir,  wie  wir  einem 
Freunde  begegnen  und  Warme  im  Herzen  empfinden,  den 
gottlichen  Geist,  der  die  Welt  durchflutet,  nicht  nur  mit  dem 
Verstande  begreifen,  sondern  mit  dem  Herzen  ergreifen, 
erfuhlen  und  empfinden,  dann  dringen  wir  durch  den  Kopf 
und  seine  Weisheit  zu  dem  Herzen  und  seiner  Weisheits- 
liebe  fur  die  ganze  Welt  vor.  So  erheben  wir  uns,  indem 
wir  unsere  Seele  erheben,  und  so  lernen  wir  nicht  blofi  unser 
engherziges  Innere  kennen,  sondern  wir  erweitern  unser 
Selbst  und  flnden  uns  drauften  in  der  Welt.  Oft  und  oft  wird 
es  betont:  Schau  nur  hinein  in  dein  Inneres,  da  wirst  du  den 
Gottmenschen  finden.  -  Nein,  in  sich  selbst  kann  man  nur 
das  flnden,  was  man  in  sich  hat.  Will  man  mehr  in  sich  fin- 
den, so  mufi  man  dieses  hohere  Selbst  erst  entwickeln,  und 
man  entwickelt  es,  indem  man  das  hohere  Selbst  ausbreitet 


iiber  die  ganze  Welt.  Nicht  ein  miifiiges  Besdiauen  seines 
Inneren  meinten  diejenigen,  welche  dem  Menschen  Selbst- 
erkenntnis  angeraten  haben.  Diese  Selbsterkenntnis  ist  so 
gemeint,  wie  wir  sie  jetzt  erfafk  haben,  als  einen  Hinauf- 
stieg  von  der  Seele  zum  Geist.  Dann  fiihlt  der  Mensch 
keinen  Unterschied  mehr  zwischen  sidi  und  dem  Tier,  der 
Pflanze  und  dem  Stein.  Eine  allgemeine  Weltbruderschafts- 
empfindung  durchzieht  sein  Herz.Und  dann,  und  nur  dann, 
wenn  der  Mensch  solches  im  Auge  hat,  versteht  er  als  letztes 
Ziel  der  Entwickelung  vom  Leiblich-Seelischen  zum  Geistig- 
Seelischen  das  schone  Wort  des  Dichters,  der  zugleich  ein 
Seher  war:  «Einem  gelang  es;  er  hob  den  Schleier  der  Gottin 
zu  Sais.  -  Aber  was  sah  er?  Er  sah  -  Wunder  des  Wunders  - 
sich  selbst!»  Und  der  Geisteswissenschafter  fiigt  hinzu:  In 
diesem  Selbst  findet  er  das  Gottliche,  und  das  ist  eben  Theo- 
sophie,  gottliche  Weisheit,  das  Herz,  die  Seele  so  hinaufzu- 
heben  zum  Geist,  dafi  es  gelingt,  die  Weisheit  mit  dem  Gott- 
lichen  zu  verbinden  und  nicht  nur  Verstandnis,  sondern 
Allgemeingefuhl  fiir  die  gottliche  Welt  zu  haben. 


GEISTESWISSENSCHAFT  UND  SOZIALE  FRAGE 


Hamburg,  2.  Marz  1908 

Wer  heute  das  Wort  «  soziale  Frage»  hort,  bei  dem  regen  sich, 
je  nach  seiner  Lebenslage  und  Erfahrung  und  nach  dem 
Ernste,  mit  dem  er  das  Leben  zu  nehmen  in  der  Lage  ist,  die 
verschiedensten  Empfindungen.  Und  so  muft  es  sein  gegen- 
iiber  einer  Frage,  welche  die  heutige  Zeit  eigentlich  tiefer  be- 
schaftigen sollte,  als  sie  sie  beschaftigt.  Zwar  scheint  das  para- 
dox ausgesprodien.  Diejenigen,  welche  unmittelbar  beriihrt 
werden  von  dem,  was  das  Wort  soziale  Frage  einschlieftt, 
beschaftigen  sich  gewifi  genug  mit  derselben.  Jene  aber,  die 
heute  noch  davor  bewahrt  sind,  in  unmittelbare  Beruhrung 
zu  kommen  mit  dem,  was  der  sozialen  Frage  als  Ursache 
zugrunde  liegt,  sind  noch  immer  nicht  griindlich  genug  da- 
von  iiberzeugt,  dafi  diese  Frage  in  unserer  Zeit  etwas  be- 
deutet,  womit  sich  zu  beschaftigen  eines  jeden  denkenden 
Menschen  unbedingte  Pflicht  ist.  Und  diejenigen,  die  in  den 
Tag  hineinleben,  die  Augen  wohl  auch  zumachen  vor  den 
Anforderungen  desTages,  konnten  es  erleben,  dafi  entweder 
sie  selbst  oder  ihre  Nachkommen,  gerade  durch  ihre  Un- 
kenntnis,  iible  Erfahrungen  machen  konnten.  Man  hort 
heute  noch  immer,  wenn  von  sozialer  Frage  in  dem  Sinne 
gesprochen  wird,  da£  unsere  Zeit  einen  Ausweg  finden  mufS 
aus  der  Lage,  in  die  viele  Menschen  durch  die  Gestaltung 
unseres  sozialen  Zusammenlebens  geraten  sind,  man  hort 
oftmals  die  Worte:  Reiche  und  Arme  habe  es  immer  ge- 
geben,  eine  soziale  Frage  habe  es  immer  gegeben,  so  lange 
die  Menschheit  lebt  und  strebt.  Es  sei  daher  nicht  zu  ver- 
wundern,  wenn  auch  in  unserer  Zeit  die,  welche  nicht  mit 


Glucksgiitern  gesegnet  sind,  in  einer  mehr  oder  weniger 
deutlidien  Weise  dies  zum  Ausdruck  bringen  und  im 
Kampfe  sidi  das  erobern  wollen,  was  ihnen  durch  das  Ge- 
schick  nidit  zukommt.  Reidie  und  Arme,  solche,  die  bedriickt 
sind  und  solche,  die  mehr  oder  weniger  mit  Glucksgiitern 
gesegnet  sind,  habe  es  immer  gegeben.  -  Mit  diesen  Worten 
will  man  wohl  das  ganz  Eigenartige  und  Eigentumliche  der 
sozialen  Frage  hinwegwischen,  unklar  machen.  Man  weist 
hin  auf  die  Sklavenaufstande  des  Altertums,  auf  die  Re- 
volten  im  Mittelalter  und  auf  andere  Ereignisse,  wo  sich  die 
Bedriickten  ihr  Recht  zu  verschalfen  suchten  und  trostet  sich 
mit  solchen  Erscheinungen. 

Ein  jeder  sollte  heute  eigentlich  wissen,  dafi  das,  was  man 
gegenwartig  soziale  Frage  nennt,  wirklich  etwas  Neues  ist 
im  Menschenleben,  dafi  sie  etwas  ganz  anderes  ist  als  ahn- 
liche  Bewegungen  in  andern  Zeiten  des  geschichtlichen 
Lebens.  Denn  jene,  die  heute  eine  Losung  der  sozialen  Frage 
suchen,  sind  vor  alien  Dingen  Menschen  innerhalb  unserer 
gesellschaftlichen  Ordnung,  die  es  mit  diesem  Charakter,  so 
wie  sie  heute  vor  uns  stehen,  erst  seit  einer  kurzen  Zeit  gibt. 
Das  Bedruckende  ist  ein  Ergebnis  hochstens  der  letzten  hun- 
dertzwanzig  bis  hundertdreifiig  Jahre;  das  ist  geschaffen 
durch  die  gegenwartigen,  unendlich  bedeutungsvollen  Fort- 
schritte  der  Menschenkultur.  Wir  sehen  diesen  Fortschritt 
heraufltommen  mit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  als  jene 
Maschinen  und  so  weiter  den  Kopfen  unserer  Erfinder  ent- 
sprangen.  Seit  jenen  Zeiten,  seit  welchen  das  Leben  immer 
mehr  in  den  Industriezentren  und  Stadten  zusammenfliefit, 
entsteht  erst  der  Lohnarbeiter,  der  Proletarier  im  heutigen 
Sinne  des  Wortes.  Was  man  heute  soziale  Frage  nennt,  ist 
nidit  zu  trennen  von  dieser  eigentlich  erst  durch  die  ge- 
waltigenFortschritte  der  Menschenkultur  geschaffenenMen- 
schenklasse.  Der  Sklave  des  Altertums  kampfte  eigentlich 


nur  dann,  wenn  er  sich  besonders  bedriickt  fiihlte,  und  er 
hatte  nicht  das  Bewufksein,  dafi  durdi  irgendeine  andere 
soziale  Ordnung  seinem  Leben,  seiner  Bedriickung  Abhilfe 
gesdiaffen  werden  konnte.  Ahnlich  war  es  audi  im  Mittel- 
alter.  Der  moderne  Proletarier  kommt  aber  immer  mehr 
mit  der  Forderung,  dafi  nicht  dieses  oder  jenes  einzelne  zu 
bekampfen  sei,  sondern  dafi  nur  eine  griindlidie  Reform, 
vielleicht  audi  Umwalzung  der  Verhaltnisse  iiberhaupt, 
seine  Lage  andern  konne.  Und  eine  gewaltige  Ausbreitung, 
eine  viel  grofiere  Ausbreitung  als  diejenigen  glauben,  die 
sich  die  Augen  verschliefien,  hat  diese  Oberzeugung  inner- 
halb  der  arbeitenden  Menschheit  gefunden.  Es  ist  manchmal 
fiir  den,  der  die  Dinge  durchschaut,  ganz  staunenswert,  dafi 
es  immer  doch  noch  Menschen  gibt,  die  nicht  den  Ernst 
haben,  auf  alle  diese  Dinge  einzugehen. 

Nun  konnte  es  recht  sonderbar  erscheinen,  wenn  gegen- 
iiber  einer  so  praktischen  Anforderung  des  Tages,  gegen- 
iiber  einer  solchen  Lebensfrage  jemand  kommt,  um  sie  vom 
Standpunkte  der  Geisteswissenschaft  zu  beleuchten.  Haben 
doch  die  meisten  Menschen  von  ihr  die  Vorstellung,  dafi  sie 
etwas  Unpraktisches,  das  unpraktischste  Zeug  der  Welt  sei, 
dafi  sie  den  Kopfen  einiger  Traumer  entsprungen  sei  und 
sich  mit  allerlei  Dingen  befafit,  die  nichts  zu  tun  haben  mit 
dem  Wirklichen.  Es  horen  wohl  die  Leute,  dafi  es  eine 
Weltenstromung  gibt,  die  sich  die  geisteswissenschaftliche 
nennt,  die  von  dem  lehrt,  was  in  der  Welt  als  Obersinnliches 
vorhanden  ist  und  den  verschiedenen  Wesen,  die  um  uns 
herum  sind,  was  dem  Menschen  selbst  als  sein  Obersinnliches 
zugrunde  liegt.  Man  hort  wohl  audi,  dafi  diese  Geistes- 
forschung  von  vielen  Tatsachen  spricht,  so  zum  Beispiel  von 
den  wiederholten  Erdenleben  und  von  dem  grofien  Gesetz 
iiber  die  geistige  Verursachung  unserer  Handlungen  und 
Schicksale.  Man  hort  davon,  dafi  sie  hinauffuhrt  in  allerlei 


hohere  Wei  ten  und  so  weiter.  Man  kann  nun  leicht  glauben: 
Was  kann  jemand,  der  sidi  mit  solchen  Dingen  befafit,Prak- 
tisches  und  Wissenswertes  uber  eine  Lebensfrage  wie  die 
soziale  ausmadien! 

Aber  mit  der  Lebenspraxis  hat  es  eine  eigene  Bewandtnis. 
Wir  wollen  heute  einmal  uber  dieses  Thema  sprechen,  ge- 
rade  um  zu  zeigen,  wie  Geisteswissenschafl  nur  dann  eine 
wirkliche  Bedeutung  hat,  wenn  sie  fahig  ist,  in  die  prak- 
tischen  Lebensfragen  einzugreifen.  Wir  fragen  uns  dabei: 
Worauf  haben  wir  unser  Augenmerk  zu  richten,  wenn  von 
der  sozialen  Frage  die  Rede  ist?  -  Nicht  wahr,  dafi  die 
soziale  Frage  vorhanden  ist,  davon  kann  uns  der  Augen- 
schein  uberzeugen,  und  dieser  Augenschein  uberzeugt  den, 
der  sich  mit  dem  Leben  befalk,  aufs  eindringlichste.  Wir 
konnten  hinweisen,  dafi  mit  der  Bliite  unserer  Industrie 
-  gerade  in  England  —  soziale  Verhaltnisse  furchtbarster  Art 
eingetreten  sind.  Es  war  fur  diejenigen,  welche  die  Industrie 
fruchtbar  machen  wollten  fiir  das,  was  sie  ihre  Welt  nann- 
ten,  einzig  und  allein  die  Frage:  Wie  ist  am  billigsten  die 
Arbeitskrafl  herzustellen?  —  Und  da  sehen  wir  denn  jene 
Ausschreitungen,  die  oft  geschildert  worden  sind,  wie  die 
Industrie  neben  starkem  Licht  auch  starken  Schatten  er- 
zeugt  und  wie  sich  die  Segnungen  unserer  Maschinen,  Eisen- 
bahn  und  Dampfschiffe  durch  das  19.  Jahrhundert  ent- 
wickeln.  Wir  sehen  aber  auch,  wie  im  Gefolge  davon  der 
Mensch  arbeiten  mufi,  zuweilen  eine  Arbeitszeit  hindurch, 
die  zweifellos  alles  Menschenmogliche  iibersteigt.  Wir  wis- 
sen,  dafi  nicht  blofi  Erwachsene  im  Laufe  des  19.  Jahrhun- 
derts  in  den  Industrien  Englands  gehalten  worden  sind  in 
zwolf-,  sechzehn-,  achtzehn-  und  zwanzigstiindiger  Arbeits- 
zeit, ja  zuweilen  noch  langer.  Die  Menschen,  die  nicht  un- 
mittelbar  beriihrt  werden,  wissen  nur  nichts  von  diesen 
Dingen.  Wir  wissen  auch,  dafl  Kinder  im  zartesten  Alter  in 


einer  schier  unglaublidien  Weise  in  Fabriken  beschaftigt 
worden  sind.  Wir  wissen,  wie  die  Menschen  biind  geworden 
sind  gegen  das  Unmogliche  einer  solchen  Sache. 

Wir  braudien  nur  auf  eine  Tatsache  hinzudeuten,  auf  die 
Tatsache,  dafi  einmal  in  einem  Parlament  die  Rede  davon 
war,  ob  es  nicht  unerhort  sei,  dafi  Kinder  achtzehn  bis  neun- 
zehn  Stunden,  wie  es  der  Fall  war,  in  der  Industrie  be- 
schaftigt werden  und  ein  Arzt  sich  dagegen  wandte  damit, 
dafi  das  unter  Umstanden  eben  nicht  anders  moglich  sei! 
Und  als  man  den  Herrn  fragte,  ob  er  denn  eine  Arbeitszeit 
von  vierundzwanzig  Stunden  nicht  fiir  etwas  Unmogliches 
ansehen  wiirde,  da  sagte  der  Mann:  Ich  habe  mich  durch 
tiefe  Griinde  iiberzeugt,  dafi  die  Gemeinplatze,  die  in  sol- 
chen Dingen  geredet  werden,  durchaus  nicht  immer  ernst 
genommen  werden  diirfen,  und  ich  bin  nicht  in  der  Lage, 
irgendeine  Arbeitszeit  anzugeben  unterhalb  vierundzwan- 
zig Stunden,  die  irgendwie  als  der  Gesundheit  unzutraglich 
bezeichnet  werden  kbnnte.  -  Eine  solche  Sache  charakte- 
risiert  viel  mehr  als  die  Tatsache  selbst  die  Lage,  in  welche 
die  Menschheit  gebracht  worden  ist  durch  das,  was  fiir  sie 
zu  gleicher  Zeit  ein  soldier  Segen  ist.  Und  wer  hatte  denn 
im  Leben  nicht  selbst  erfahren,  wenn  er  die  Augen  aufzu- 
machen  versteht,  wie  zuweilen  tatsachlich  Menschen  im  zar- 
testen  Kindesalter,  wenn  sie  zur  Schule  geschickt  werden, 
nichts  lernen  konnen,  wie  alles  von  den  Bestrebungen  und 
Idealen,  sie  zu  Menschen  zu  machen,  nichts  fruchtet,  weil 
sie  infolge  der  sozialen  Not  nicht  ausgeriistet  sind  mit  jenen 
Kraften,  die  einigermafien  hinreichend  wirken  zu  einem 
menschenwurdigen  Dasein. 

Es  ist  nicht  moglich,  die  soziale  Not  zu  schildern,  in  die 
vielfach  die  Menschheit  gebracht  worden  ist;  das  wiirde  eine 
zu  grofie  Zahl  von  Bildern  aufzurollen  notig  machen.  Wir 
brauchen  aber  nur  das,  was  gesagt  ist,  zu  benutzen  fiir  an- 


deres,  nur  das,  was  Sie  gesehen  haben,  als  Empfmdungs- 
gehalt  in  wis  aufsteigen  zu  lassen,  und  wir  werden  nidit 
mehr  leugnen  konnen,  da£  eines  sicher  ist:  Die  grofien  Fort- 
sdiritte  des  mensdilichen  Geistes,  jene  gewaltigen  Fort- 
schritte,  welche  die  Maschinen  und  so  weiter  konstruiert 
haben,  welche  unsere  ganze  Erde  umsponnen  haben  mit 
einem  Verkehrsnetz  sondergleichen,  diese  Entwickelung  des 
mensdilichen  Geistes  hat  nicht,  gar  nicht  Schritt  gehalten 
mit  einem  andern  Nachdenken,  mit  dem  Nachdenken  dar- 
iiber,  welches  die  bestmoglichste  Art  des  mensdilichen  Zu- 
sammenlebens  ist.  Niemand  wiirde  heute  glauben,  dafi  eine 
Maschine  sich  von  selber  konstruiere,  daiS  keine  Verstandes- 
kraft,  keine  Geisteskraft  angewendet  werden  muft,  um  die 
Maschine  ins  Leben  zu  rufen  und  ein  Verkehrssystem  zu 
schaffen.  Aber  wie  viele  sind  heute,  die,  wenn  sie  es  audi 
nicht  zugeben,  in  ihrem  innersten  Gefuhle  der  Anschauung, 
dafi  das  menschiiche  Zusammenleben  sich  ganz  von  selber 
machen  mufite,  da£  nicht  Geisteskraft  dazu  gehort,  um  in 
dieses  Getriebe  ebenso  einzugreifen,  wie  man  in  das  Ge- 
triebe  einer  Fabrik  eingreift. 

Zwar  braucht  man  nicht  so  weit  zu  gehen,  wie  ein  grofier 
Naturforsdier  des  19.  Jahrhunderts,  der  da  gesagt  hat:  Oh, 
die  Menschheit  hat  im  Wissen  und  Verstehen  der  Welt  Fort- 
schritte  ungeheuerlichster  Art  gemacht,  aber  in  bezug  auf 
Moral  ist  die  Menschheit  nicht  einen  Schritt  weitergekom- 
men!  -  Man  braucht  nicht  so  weit  zu  gehen,  aber  das,  was 
eben  gesagt  worden  ist,  dafi  die  wenigsten  Menschen,  die 
nicht  unmittelbar  vom  sozialenElend  beriihrt  werden,  heute 
die  Notwendigkeit  empfinden,  sich  mit  der  sozialen  Frage 
zu  befassen,  ist  eine  nicht  wegzuleugnende  Tatsadie. 

Wenn  wir  aber  zu  denjenigen  hinsdiauen,  die  sich  ent- 
weder  mit  der  sozialen  Frage  befassen  oder  sich  mit  ihr 
befassen  sollten,  wie  sieht  es  denn  da  aus?  Da  gibt  es  zum 


Beispiel  ein  vor  nidit  langer  Zeit  erschienenes  Buch  vom  Re- 
gierungsrat  Kolb:  «Als  Arbeiter  in  Amerika».  Der  Mann 
hat  mit  ungeheurer  Selbstlosigkeit,  mit  einer  wirklichen 
Hingabe  eine  Zeitlang  sich  herausgeschalt  aus  seinem  Biiro- 
kratenamt  und  ist  nach  Amerika  gegangen.  Um  das  soziale 
Leben  kennenzulernen,  hat  er  in  einer  Fahrradfabrik 
schwer  gearbeitet.  Ich  mufi  vorausschidcen  -  damit  ich  nicht 
etwa  der  Gef ahr  ausgesetzt  werden  konnte,  dafi  man  mir 
in  die  Schuhe  schiebt,  ich  werde  ungerecht  in  der  Beurtei- 
lung  -  da$  diese  Tat  des  Mannes  eine  aufierordentlich  an- 
erkennenswerte  ist,  dafi  sie  nicht  hoch  genug  geschatzt  wer- 
den kann.  Aber  schauen  wir  uns  jetzt  eine  einzige  Aufterung 
dieses  Buches  an.  Da  steht  ein  Satz  in  diesem  Buche,  charak- 
teristisch  genug,  der  heifit:  «Wie  oft  hatte  ich  fruher,  wenn 
ich  einen  gesunden  Mann  betteln  sah,  mit  moralischer  Ent- 
riistung  gefragt:  warum  arbeitet  der  Lump  nicht?  -  Jetzt 
wufite  ich's.*  So  sagt  der  betrefFende  Regierungsrat.  «In  der 
Theorie»,  fiigt  er  hinzu,  «sieht  sich's  eben  anders  an  als  in 
der  Praxis,  und  selbst  mit  den  unerfreulichsten  Kategorien 
der  Nationalokonomie  hantiert  sich's  am  Studiertisch  noch 
ganz  ertraglich.» 

Nun,  man  mochte  sagen,  eine  ganze  Welt  von  Menschen- 
empfindungen  und  Menschenwirken  spricht  aus  solchem 
Satze.  Wir  haben  einen  Mann  vor  uns,  der  es  zu  einer 
solchen  Stellung  gebracht  hat,  die  man  aufierlich  als  Re- 
gierungsrat bezeichnet.  Der  verrat,  daiS  er  das  Leben  so 
wenig  gekannt  hat,  dafi  er  jeden,  der  nicht  arbeitete,  als 
Lump  bezeichnete,  dafi  er  sich  erst  hat  aus  seinem  Amt  her- 
ausschalen  miissen  und  weit  weg  nach  Amerika  gehen,  um 
das  Leben,  fur  das  er  Rat  erteilen  sollte,  auf  das  sich  seine 
Handlungen  bezogen,  kennenzulernen.  Man  kann  also 
studieren,  es  zu  einem  hervorragenden  Platz  bringen  und 
kann  solches  notig  haben!  Man  hat  nicht  Augen,  um  nach 


links  und  rechts  zu  sehen,  man  weifi  nichts  vom  Leben.  Das 
ist  moglich! 

Wenn  wir  solches  gewahr  werden,  dann  diirfen  wir  die 
Frage  aufwerfen,  ob  es  denn  nicht  sein  konnte,  dafi  es  in 
gewissen  Dingen  aus  dem  Grunde  so  arg  stent,  weil  man- 
dier,  auf  den  es  ankommt,  es  verschmaht,  mit  dem  Leben 
bekanntzuwerden.  Es  wird  viel  geredet  heute  von  allerlei 
Verbesserungen,  Vorschlagen  und  Dingen,  die  eingerichtet 
werden  sollen.  Sie  miissen  von  Menschen  eingerichtet  wer- 
den. Sollte  nidit  ein  wenig  Unterschied  sein  zwischen  Din- 
gen, die  von  Menschen  eingerichtet  sind,  die  vom  Leben 
etwas  verstehen,  und  von  Menschen,  die  in  einer  soldi  gran- 
diosen  Weise  zugeben,  dafi  sie  nichts  verstehen?  Was  nutzt 
alles  Reden,  wenn  man  nicht  einsieht,  dafi  es  darauf  an- 
kommt, wer  dariiber  redet  und  ob  der,  der  dariiber  redet, 
etwas  weifi.  Wieviel  konnte  dann  von  dem,  was  durch  das 
Leben  schwirrt,  vielleicht  ganz  leeres  Gesdiwatz  sein  und 
wieviel  konnte  von  dem,  was  leeres  Gesdiwatz  ist,  gar  in 
Wirklichkeit  umgesetzt  werden  und  Leben  gewinnen?  - 
Die  Frage  ist  wohl  berechtigt.  Derjenigen  aber,  welche  heute 
nachdenken  iiber  die  soziale  Frage,  gibt  es  viele;  viel  zu 
viele,  wenn  wir  die  Frage  ernster  ins  Auge  f  assen,  wenn  wir 
ins  Auge  fassen,  was  notwendig  ist,  um  etwas  von  dieser 
Frage  wirkHch  Nutzliches  zu  verstehen.  Es  gibt  heute  eine 
ganze  Reihe  von  Leuten,  die  sagen:  In  dem  Augenblick,  wo 
die  Verhaltnisse  besser  werden,  wo  die  Verhaltnisse  ge- 
andert  werden,  da  wird  audi  das  Leben  der  Menschen  und 
ihre  Lage  besser  sein.  -  Wir  wissen,  dafi  vor  alien  Dingen 
die  vielleicht  verbreitetste,  umfassendste  soziale  Theorie  in 
der  Gegenwart,  der  Sozialismus  selber,  sich  auch  auf  diesen 
Standpunkt  stellt.  Wir  wissen,  daft  er  immer  betont:  Ach, 
kommt  uns  nicht  mit  allerlei  Vorschlagen,  wie  die  Menschen 
besser  werden  sollen,  wie  die  Menschen  sich  verhalten  sol- 


len!  Kommt  uns  nidit  mit  allerlei  sittlichen  Forderungen! 
Worauf  es  ankommt,  ist  lediglich  -  das  betonen  sie  -  die 
Zustande  zu  verbessern. 

Symptomatisch  kann  einem  das  entgegentreten  an  einem 
solchen  Weltverbesserer,  der  an  verschiedenenOrtenDeutsch- 
lands  mit  seinen  sozialen  Theorien  auftritt,  der  immer  er- 
zahlt:  Ja,  da  behaupten  die  Leute,  daft  die  Mensdien  erst 
besser  werden  miifiten,  wenn  die  Zustande  besser  werden 
sollen.  Aber,  sagt  er,  alles  hangt  davon  ab,  daft  die  Mensch- 
heit  in  die  richtigen  Zustande  hineinversetzt  werde.  —  Und 
er  erzahlt  audi,  wie  man  da  und  dort  einmal  die  Wirts- 
hauser  eingeschrankt  hat  und  wie  dann  tatsachlich  in  einem 
solchen  Orte  weniger  Betrunkene  waren,  und  es  dadurch 
einer  Anzahl  von  Leuten  besser  gegangen  sei.  Er  predigt 
dann  dem  Arbeiter,  daft  Menschenliebe,  gegenseitige  Bru- 
derlidikeit  leere  Phrase  sei.  Alles  kame  darauf  an,  solche 
Arbeits-  und  Lebensbedingungen  herbeizufuhren,  daft  ein 
jeglicher  seine  auskommliche  Existenz  habe,  dann  wiirde 
audi  der  moralische  Zustand  iiber  die  Erde  schon  von  selber 
kommen. 

Nun,  Sie  wissen  ja,  daft  der  Sozialismus  in  der  Aus- 
gestaltung  einer  solchen  Anschauung  weitgehend  ist.  Das 
ist  nichts  anderes  als  eine  Folge  des  Materialismus  in  un- 
serer  Zeit,  des  Materialismus,  der  nicht,  wie  die  Geistes- 
wissenschaft,  in  das  Innere  des  Menschen  zu  blicken  vermag 
und  zu  erkennen  vermag,  daft  alles,  was  an  Zustanden,  in- 
sofern  es  fiir  die  soziale  Ordnung  in  Betracht  kommt,  von 
Menschen  geschaffen  ist,  die  Folge  ist  von  Menschengedan- 
ken  und  Menschenempfindungen,  sondern  der  glaubt,  daft 
der  Mensch  ein  Produkt  der  aufteren  Verhaltnisse  sei.  Dieser 
Glaube  ist  im  hochsten  Grade  lahmend  fiir  die  gedeihliche 
Betrachtung  des  sozialen  Lebens.  Er  ist  lahmend,  und  wir 
wollen  nicht  irgendeinen  theoretischen  Beweis  heute  dafiir 


anfiihren,  sondern  wir  wollen  einen  geschichtlichen  Beleg 
beibringen. 

Wenn  zu  einem  sozialen  Reformer  irgend  jemand  ge- 
eignet  war,  so  war  es  um  die  Wende  des  18.  zum  19.  Jahr- 
hundert  Robert  Owen.  Er  hatte  zweierlei  Tugenden,  die  ihn 
befahigten,  von  seinem  Gesichtspunkte  aus  in  das  soziale 
Leben  einzugreifen:  einen  offenen  Blick  fiir  den  industriel- 
len  Fortschritt  und  fiir  die  Schaden,  fiir  Menschenwohl  und 
Menschengliick,  die  dieser  Fortschritt  bringt.  Einen  offenen 
Blick  und  ein  offenes  Herz  hatte  er  fiir  menschliches  Leid, 
und  auf  der  andern  Seite  hatte  er  einen  guten  Willen  und 
Initiative,  um  wenigstens  einer  Anzahl  von  Menschen  ein 
wiirdiges  Dasein  zu  verschaffen.  Er  lebte  zunachst  in  einer 
materialistischen  Zeit  und  war  deshalb  zunachst,  wie  so 
viele,  abhangig  von  der  Theorie,  daft  man  nur  entspre- 
chende  Zustande  herbeizufiihren  brauchte,  um  darinnen 
eine  griindlich  moralische  Menschheit  zu  entwickeln.  Und 
so  begriindete  er  eine  kleine  Kolonie  in  Amerika,  die  in 
jeder  Beziehung  musterhaft  genannt  werden  durfte,  wenn 
die  Voraussetzung  richtig  gewesen  ware.  Er  hatte  den  Leu- 
ten  ein  menschenwurdiges  Dasein  durch  auftere  Einrichtun- 
gen  garantiert.  Er  hatte  unter  arbeitsamen  und  strebsamen 
Leuten  Verkommene,  die  durch  das  Beispiel  der  ersteren 
angeregt  werden  sollten,  ordentliche  Menschen  zu  werden. 
Dadurch  gestaltete  sich  eine  Musterwirtschafl;  heraus,  die 
wiederum  ihrem  Urheber  den  Gedanken  eingab,  dasselbe  in 
grofterem  Maftstabe  zu  versuchen.  Es  kam  dann  die  zweke 
Kolonie,  die  ebenso  praktisch  und  menschenfreundlich  ge- 
staltet  war.  Aber  er,  der  nicht  nur  die  Theorie  aufgestellt 
hatte,  daft  die  Anderung  der  Zustande  die  Verbesserung  des 
Menschenloses  herbeifuhren  mtisse,  er  muftte  die  Enttau- 
schung  erleben,  die  wir  durch  seine  eigenen  Worte  charak- 
terisieren.  Dadurch,  daft  die  Menschen  nicht  reif  waren  fiir 


die  Zustande,  schrieb  er  nieder:  Was  hilft  alle  Verbesserung 
der  Zustande,  wenn  nicht  vorher  die  allgemeine  Sitte,  das 
allgemeine  Wissen  gehoben  wird?  Zuerst  kommt  es  darauf 
an,  dem  Mensdien  in  seinem  Inneren  Aufklarung  zu  geben, 
vor  allem  iiber  seine  Seelenkrafte;  dann  ist  erst  daran  zu 
denken,  dafi  die  soziale  Frage  einigermafien  wiirdig  ihrer 
Losung  entgegengehen  wird. 

So  urteilt  ein  Praktiker,  kein  Theoretiker,  und  es  ist  in 
gewisser  Beziehung  charakteristisch  dafiir,  wie  wenig  die 
Menschheit  aus  Tatsachen  lernt,  daft  trotz  dieser  Enttau- 
schung  immer  wieder  dieselben  Theorien  behauptet  werden. 
Aber  wer  ein  klein  wenig  tiefer  in  die  Seelen  der  Mensdien 
unserer  Zeit  zu  sehen  vermag,  der  wird  wissen,  dafi  eine 
solche  Einzelerscheinung  zusammenhangt  mit  der  Entwicke- 
lung  der  Menschenseelen  in  der  Gegenwart  iiberhaupt.  Ob 
es  der  eine  oder  andere  zugesteht,  es  ist  die  Grundiiberzeu- 
gung,  daiS  heute  alles  gemacht  werden  kann,  wenn  man  die 
aufieren  Verhaltnisse  andert,  und  bei  Schaden,  die  die 
Menschheit  bedrohen,  schnell  durch  ein  Gesetz  Abhilfe 
schafrt..  Das  sind  so  die  Grundiiberzeugungen  in  unserer 
Zeit.  Und  wenn  wir  zum  Beispiel  immer  wieder  sehen,  dafi 
Gesetze  damit  motiviert  werden,  dafi  man  sagt:  Die  un- 
erfahrene  Menschheit  darf  nicht  ausgeliefert  werden  diesen 
oder  jenen  Leuten  — ,  dann  merkt  man  gar  nicht,  dafi  man 
eine  ganz  andere  Aufgabe  hatte,  als  Gesetze  zu  machen,  dafi 
man  die  unerfahrene  Menschheit  belehren  soilte,  so  dafi  sie 
selbstbestimmend  sein  konnte  fur  ihre  Taten. 

Man  lenkt  nicht  leicht  den  Blick  von  den  Zustanden  auf 
die  Menschen.  Dies  ist  aber  die  Aufgabe  der  Geisteswissen- 
schaft.  Sie  lenkt  ganz  ab  von  den  Zustanden  und  ganz  und 
gar  hin  auf  die  Menschen.  Fragen  wir  uns  in  bezug  auf  alle 
Dinge,  die  als  Zustande  und  Verhaltnisse  um  uns  herum 
sind:  Woher  kommen  diese  Verhaltnisse  und  diese  Zu- 


stande?  -  Insofern  sie  nicht  von  der  Natur  verhangt  sind, 
sind  sie  Ergebnisse  des  menschlidien  Empfindens  und  Den- 
kens.  Das,  was  heute  Zustande  sind,  waren  Gedanken  und 
Willensimpulse  von  Mensdien,  die  vorher  gelebt  haben. 
Und  die  Verhaltnisse  sind  so,  weil  Mensdien  sie  so  gemacht 
haben.  Wollen  wir  bessere  Zustande  madien,  dann  miissen 
wir  vor  alien  Dingen  mehr  lernen,  miissen  bessere  Gedanken 
und  Empfindungen  und  Willensimpulse  entwickeln.  Wenn 
wir  aber  Umschau  halten  im  Umkreise  der  Sozialtheore- 
tiker,  selbst  der  radikalsten,  meinetwegen  der  Sozialdemo- 
kratie,  dann  sind  diese  Theorien  zumeist  gar  nicht  irgend- 
wie  hinausgehend  uber  dasjenige,  was  die  Menschen  schon 
immer  gedacht  haben.  Sie  sind  denselben  Gedanken  und 
Impulsen  entsprungen,  denen  unsere  Verhaltnisse  entsprun- 
gen  sind  und  die  zu  unserer  Lage  gefuhrt  haben.  Wir  miissen 
imstande  sein,  Menschen  zu  haben,  die  das  Leben  kennen 
und  wissen,  um  was  es  sich  bei  den  Kraften,  die  hinter  dem 
Leben  stehen,  handelt.  Was  hat  Robert  Owen  gefehlt?  Er 
mufite  es  selbst  zugeben:  Menschenkenntnis!  —  Man  lernt 
niemals  den  Menschen  kennen,  wenn  man  eine  Weltanschau- 
ung, die  nur  auf  das  Aufiere  sich  richtet,  aufstellt.  Sobald 
der  materialistisch  getriibte  Blick,  der  sich  nur  auf  den  aufie- 
ren  Menschen  richtet,  sobald  der  Mensch  nicht  weifi,  was 
hinter  dieser  physischen  Korperlichkeit  sich  verbirgt,  und 
er  dadurch  nicht  die  Fahigkeit  erlangt,  sozusagen  hinter  die 
Kulissen  zu  schauen,  ist  er  gar  nicht  imstande,  wirklich  nicht 
imstande,  irgend  etwas  iiber  die  Krafte  zu  verstehen,  die 
das  Leben  lenken  und  leiten.  Das  ist  aber  gerade  die  Auf- 
gabe  der  Geist-Erkenntnis.  Zugegeben  mag  werden,  dafi 
sie  ihre  Aufgabe  heute  nicht  uberall  im  richtigen  Mafie  er- 
fiillt;  zugegeben  mulS  werden,  dafi  innerhalb  der  sie  suchen- 
den  Kreise  mit  den  hochsten  Fragen  des  Daseins  vielfach 
gespielt  wird.  Darauf  kommt  es  nicht  an,  sondern  darauf, 


was  die  Geist-Erforschung  uns  sein  kann.  Und  sie  kann 
nicht  nur  etwas  sein,  was  uns  lehrt,  was  uns  Dogmen  gibt, 
sondern  sie  kann  sein  einemachtigeErziehung  unserer  inner- 
sten  Seelenkrafte.  Das  ist  das  Beste,  was  man  aus  der  Geist- 
Erkenntnis  gewinnen  kann,  wenn  wir  die  geisteswissen- 
sdiaftliche  Weltanschauung  von  dem  Gesichtspunkt  aus  be- 
trachten,  zu  was  sie  die  Menschen  machen  kann.  Dann  stellt 
sich  das  Bild  so  dar. 

Wir  haben  hier  sprechen  konnen  von  Anschauungen, 
welche  die  Geistesforschung  iiber  die  mannigfachsten  Ge- 
biete  des  Lebens  hat.  Wir  haben  von  ihren  Lehren  iiber 
dieses  und  jenes  sprechen  konnen.  Davon  soli  aber  nicht  die 
Rede  sein.  Derjenige,  der  sich  bekanntmacht  mit  der  Geistes- 
wissenschaft,  wird  aber  eines  merken:  in  bezug  auf  einen 
wichtigen  Punkt  unterscheidet  sie  sich  von  allem,  was  sonst 
heute  Theorie  ist.  Und  das  ist  wichtig.  Heute  wird  der 
Mensch  namlich  in  den  meisten  Fallen  recht  bald  fertig, 
wenn  er  sich  eine  Weltanschauung  bilden  soli,  und  am  lieb- 
sten  ist  es  ihm,  wenn  er  moglichst  bald  ein  abgerundetes 
Weltenbild  haben  kann.  Fur  Kenner  der  Verhaltnisse  ist 
es  klar,  dafi  manch  einer  Materialist  oft  nur  aus  dem  ein- 
zigen  Grunde  ist,  weil  er  mit  seinen  Gedanken  gar  nicht  weit 
geht,  weil  er  kurz  denkt.  Und  der  Materialismus  macht  es 
seinen  Anhangern  leicht,  sehr  leicht.  Man  kann  den  Aufbau 
der  Welt  aus  rein  materiellen  Tatsachen  leicht  uberschauen 
und  einsehen,  besonders  wenn  noch  mit  Lichtbildern  illu- 
striert  wird,  wie  sich  der  Mensch  entwickelt  hat.  Man 
braucht  nur  hinzustarren  und  kann  aus  den  im  gewohn- 
lichen  Leben  gewohnten  Vorstellungen  den  ganzen  Gang 
der  Weltenentwicklung  verfolgen.  Es  ist  leicht,  alldem  zu 
folgen,  was  die  Materialisten  sagen  iiber  die  Weltenratsel, 
weil  die  Gedanken  sich  nicht  verstricken,  weil  keine  beson- 
deren  Anforderungen  gestellt  werden. 


So  leicht  ist  bei  der  Geisteswissenschaft  die  Sadie  nicht. 
Sie  macht  es  den  Mensdien  nidit  leicht,  denn  sie  geht  von 
der  wirklichen  und  wahren  Voraussetzung  aus,  dafi  die 
Welt  in  ihren  Geheimnissen  tief  ist  und  dafi  man  sich  an- 
strengen  mu£,  tief  hinemschurfen  mufi  in  den  Grund  der 
Dinge,  wenn  man  die  Welt  verstehen  will.  Und  so  ist  das- 
jenige,  was  die  Geistesforschung  iiber  Mensdienwerden  und 
-wesen,  iiber  Weltenwerden  und  -wesen  zu  sagen  hat, 
etwas,  was  die  Gedanken  in  die  mannigfaltigsten  Ver- 
schlingungen  bringt,  was  manchmal  in  Kleinigkeiten  zu 
vertiefen  zwingt,  manchmal  zu  den  grofken  Ausblicken  den 
Mensdien  fiihrt.  Aber  es  hat  dies  eine  gewisse  Folge,  und 
iiber  diese  Folge  darf  man  einmal  off  en  sprechen.  Es  schult 
das  Denken  und  es  bereitet  vor,  da  wo  dieses  komplizierte 
Menschenleben  uns  im  einzelnen  Fall  entgegentritt,  dieses 
Leben  audi  da  zu  verstehen.  Manch  einer  wird  sagen:  Die 
Welten,  die  uns  die  Geisteswissenschaft  besdireibt,  haben 
midi  ganz  schwindlig  gemacht.  -  Ja,  ist  das  denn  ein  schlech- 
tes  Zeichen  fur  die  Geisteswissenschaft?  Es  ware  besser, 
wenn  diese  Betrachtungsweise  den  Mensdien  nicht  schwind- 
lig machte,  sondern  ihn  kraftigte  und  starkte,  dann  ware  er 
bereit,  das  Leben  mit  starken  Seelenkraften  aufzufassen. 
So  sind  aber  die  praktischen  Vorstellungen  iiber  Welt  und 
Leben:  Wenn  ein  Mensch  iiber  die  Weltenratsel  in  kurzen 
Gedanken  denkt,  dann  denkt  er  audi  iiber  die  soziale  Ord- 
nung  in  kurzen  Gedanken.  Und  so  sehen  wir,  dafi  das,  was 
heute  von  den  beriihmten  Leuten  iiber  soziale  Fragen  ge- 
dacht  wird,  ein  recht  genaues  Bild  ist  von  dem,  was  uns  als 
materialistisches  Weltenbild  geboten  wird,  unvermogend, 
in  die  Tief  en  des  Lebens  einzudringen.  Dabei  hat  ein  jeder 
das  unbestimmte  Gefiihl,  dafi  das,  was  ihm  Sdiwierigkeiten 
macht,  irgendein  phantastisches,  traumhaftes  Zeug  ist,  und 
dafi  die  Geist-Erkenntnis  etwas  Phantastisches,  Traum- 


haftes,  mindestens  recht  idealistisches  Zeug  sein  miifite, 
jedenfalls  ungeeignet  fiir  wirklich  edit  praktisdie  Lebens- 
zwecke.  Zwar  hat  Fichte  vor  mehr  als  hundert  Jahren  vor 
seinen  Jenenser  Studenten  gesagt:  Jene  praktischen  Leute, 
denen  umf  assende  Ideen  immer  unpraktisch  erscheinen,  weil 
Ideen  und  Ideale  im  Leben  nicht  immer  anwendbar  sind, 
beweisen  nur,  dafi  im  Schopfungsplane  nicht  auf  sie  gerech- 
net  worden  ist.  Moge  eine  giitige  Vorsehung  ihnen  Sonnen- 
schein,  Nahrungsmittel  und  kluge  Gedanken  geben.  -  Fichte 
hat  audi  iiber  das  Unvermogen  mancher  Leute,  die  Geistig- 
keit  des  Ich  vorzustellen,  gesprochen:  «Die  meisten  Men- 
schen  wiirden  leichter  dazu  zu  bringen  sein,  sich  fiir  ein 
Stuck  Lava  im  Monde  als  fiir  ein  Ich  zu  halten.»  Aber  es  ist 
Lebensnotwendigkeit,  sich  das  Ich  vorzustellen. 

Wenn  wir  das  Leben  und  die  soziale  Frage  von  diesem 
Gesichtspunkt  aus  betrachten,  dann  miissen  wir  sagen,  wir 
betrachten  die  Geisteswissenschaft  als  die  grofte  Schule  des 
Lebens,  die  es  unmoglich  macht,  dafi  man  durch  das  Leben 
geht,  eine  gewisse  Stellung  erhalt,  sogar  Rat,  Berater  im 
Leben  wird,  und  nachher  weit,  weit  fortgehen  mull,  um 
einmal  auf  Urlaub  das  Leben  kennenzulernen,  um  nicht 
mehr  davon  uberzeugt  zu  sein,  daft  jeder,  der  nicht  arbeitet, 
ein  Lump  ist.  So  etwas  wird  durch  die  Geisteswissenschaft 
unmoglich. 

Daher  reden  wir  nicht  blo£  von  einem  spirituellen  Stand- 
punkt  aus,  von  irgendwelchen  Anschauungen  im  Verhaltnis 
der  Geisteswissenschaft  zum  Sozialismus,  sondern  wir  reden 
von  etwas  anderem.  Wir  betrachten  die  Geisteswissenschaft 
als  eine  reale  Sache,  nicht  nur  als  eine  Summe  von  Dogmen, 
sondern  als  etwas,  was  Erkenntnis,  Weisheit  gibt,  und  zwar 
solche,  die  in  jedem  Augenblick  einflielk  in  das  unmittelbare 
Leben  und  uns  die  Augen  offnet,  so  dafi  wir  diesem  Leben 
gewachsen  sind.  So  ist  die  Geist-Erkenntnis  die  allgemeine 


Grundlage  fiir  jeglidies  Urteil,  ob  wir  auf  dem  Gebiet  des 
sozialen  Lebens  oder  dem  der  Padagogik  urteilen.  Unser 
Urteil  wird  gesiinder,  weil  es  aus  der  wahren  Menschen- 
natur  entspringt,  wenn  wir  von  geisteswissenschafllichen 
Gesichtspunkten  ausgehen.  Wir  sagen,  erst  sei  man  durch- 
drungen  von  dem,  was  Geistesforsdiung  zu  geben  vermag, 
dann  kommt  man  selber  zu  einem  richtigen  Urteil.  Es 
konnte  jemand  fragen:  Wie  denkt  ein  Anhanger  der  Geistes- 
wissenschaft, in  welcher  Weise  der  oder  jener  Parlamen- 
tarier  ttber  eine  Frage  urteilen  solle,  wenn  er  seiner  Ansidit 
nach  falsch  geurteilt  hat?  —  Dies  ist  vom  spirituellen  Ge- 
sichtspunkte  nicht  riditig  gefragt,  sondern  es  mufi  gesagt 
werden:  Es  handelt  sich  gar  nidit  darum,  zu  sagen,  wie  der 
oder  jener  denken  soli,  sondern  man  ist  uberzeugt,  dafi  er, 
wenn  er  durchdrungen  ist  von  den  Grundwahrheiten,  ein 
klares  Urteil  haben  wird  auf  jedem  Posten.  Wir  schreiben 
ihm  sein  Urteil  nicht  vor,  sondern  er  wird  das  richtige  Urteil 
flnden.  In  dieser  Beziehung  ist  Geisteswissenschaft  das 
f  reiheitlichste  Lebensprinzip,  das  es  geben  kann.  Sie  dogma- 
tisiert  nicht,  sondern  sie  stellt  den  Menschen  vor  die  Mog- 
lichkeit,  iiberall  immer  das  eigene,  gesunde  freie  Urteil  zu 
haben. 

Verhaltnisse  -  davon  sind  wir  ausgegangen  -  werden 
vielfach  als  dasjenige  angesehen,  was  den  Menschen  anders 
machen  konnte,  und  man  denkt  abstrakt  nach,  wie  Verhalt- 
nisse geandert  werden  konnen.  Die  Geisteswissenschaft  hat 
es  einzig  und  allein  zu  tun  mit  der  realen  Menschenseele,  mit 
Verhaltnissen  von  Mensch  zu  Mensch.  Nun  wiirde  es  heute 
ganz  unmoglich  sein,  auf  einzelne  konkrete  Dinge  in  bezug 
auf  die  soziale  Frage  einzugehen.  Es  darf  aber  doch  auf  dies 
oder  jenes  hingewiesen  werden,  wollen  wir  die  Bausteine 
finden,  die  uns  den  Weg  weisen,  da  wo  wir  im  Leben  stehen, 
in  richtiger  Art  einzugreifen.  Denn  an  jedem  von  uns  liegt 


es,  einzugreifen.  Wollen  wir  die  Bausteine  finden,  dann 
fragen  wir  uns:  Was  ist  denn  eigentlich  die  Grundtatsache, 
gleichsam  das  Grundphanomen,  von  dem  alles  Elend,  alles 
soziale  Leid  iiberhaupt  in  der  Welt  abhangen  kann?  -  Diese 
Grundtatsache  kann  uns  die  Geist-Erkenntnis  zeigen,  indem 
sie  uns  vor  eine,  heute  von  der  grofiten  Zahl  der  Menschen 
gar  nicht  verstandene  und  gar  nicht  anerkannte  Tatsache 
stellt.  Diese  Tatsache  hangt  zusammen  mit  einer  Grund- 
erscheinung  aller  Entwickelung.  Man  mochte  sagen,  trocken 
ausgesprochen,  sie  zeigt  uns  durch  eine  tiefere  Lebens- 
betrachtung,  dafi  Not,  Leid  und  Elend  nicht  aliein  -  und 
am  allerwenigsten,  wenn  man  auf  den  Grund  geht  -  ab- 
hangt  von  aufieren  Verhaltnissen,  sondern  von  einer  ge- 
wissen  Seelenverfassung  und  im  Zusammenhang  damit  mit 
deren  auSeren  Wirkungen. 

Der  Praktiker,  der  sich  viel  gescheiter  diinkt,  wird  das 
lacherlich  finden.  Aber  es  ist  das  Praktischste  im  Leben,  was 
man  nur  betonen  kann.  Es  ist  der  Satz,  von  dem  Sie  sich 
mehr  und  mehr  iiberzeugen  werden,  dafi  Not,  Elend  und 
Leid  nichts  anderes  sind  als  eine  Folge  des  Egoismus.  Wie 
ein  Naturgesetz  haben  wir  diesen  Satz  aufzufassen,  nicht 
so,  dafi  etwa  bei  einem  einzelnen  Menschen,  wenn  er  ego- 
istisch  ist,  immer  Not  und  Leid  eintreten  rmissen,  sondern 
dafi  das  Leid  -  vielleicht  an  einem  ganz  andern  Orte  -  doch 
mit  diesem  Egoismus  zusammenhangt.  Wie  Ursache  und 
Wirkung,  hangt  der  Egoismus  mit  Not  und  Leid  zusammen. 
Der  Egoismus  fiihrt  im  Menschenleben,  in  der  sozialen 
Menschenordnung,  zum  Kampf  urns  Dasein.  Der  Kampf 
urns  Dasein  ist  der  eigentliche  Ausgangspunkt  fiir  Not  und 
Leid,  sofern  sie  sozial  sind.  Nun  gibt  es  auf  Grund  unserer 
heutigen  Denkweise  eine  Oberzeugung,  gegeniiber  welcher 
das,  was  jetzt  behauptet  ist,  geradezu  absurd  erscheint.  War- 
urn?  Weil  man  heute  iiberzeugt  ist,  dafi  ein  grofier  Teil,  der 


weitaus  grofite  Teil  des  menschlichen  Lebens,  auf  Egoismus 
gebaut  sein  mufi.  Zwar  mit  Worten  und  Theorien  will  man 
es  nicht  zugeben,  aber  in  der  Praxis  wird  man  es  bald  zu- 
geben.  Man  gibt  es  in  folgender  Weise  zu.  Man  sagt:  Es  ist 
ganz  natiirlich,  dafi  der  Mensch  fiir  seine  Arbeit  entlohnt 
wird,  dafi  der  Mensch  den  Ertrag  seiner  Arbeit  personlich 
erhalt  -  und  doch  ist  das  nichts  anderes  als  die  Umsetzung 
des  Egoismus  in  das  nationalokonomische  Leben.  Wir  leben 
unter  Egoismus  sobald  wir  dem  Prinzip  leben:  Wir  miifiten 
personlich  entlohnt  werden,  was  ich  arbeite,  mufi  mir  be- 
zahlt  werden.  -  Die  Wahrheit  liegt  von  diesem  Gedanken 
so  weit  ab,  dafi  sie  ganz  unsinnig  erscheint.  Wer  sich  viber- 
zeugen  will  von  der  Wahrheit  liber  den  Egoismus,  der 
miifite  einmal  intimer  eingehen  auf  allerlei  Weltengesetze. 
Er  miifite  sich  einmal  nachdenklich  der  Frage  hingeben,  ob 
denn  die  Arbeit,  die  als  solche  personlich  entlohnt  wird, 
wirklich  das  Lebenerhaltende  ist,  ob  es  auf  diese  Arbeit  an- 
kommt?  -  Es  ist  sonderbar,  diese  Frage  aufzuwerfen.  Aber 
nicht  eher,  als  man  dariiber  nachdenken  wird,  wird  man 
iiber  die  soziale  Frage  aufklaren  konnen. 

Denken  Sie  sich  -  es  ist  dies  ein  paradoxer  Vergleich  — 
einen  Menschen  auf  eine  Insel  versetzt.  Der  sollte  dort  allein 
sich  versorgen.  Sie  werden  sagen:  Er  mufi  arbeiten!  -  Er 
mufi  aber  nicht  blofi  arbeiten,  das  ist  nicht  das,  worauf  es 
ankommt,  sondern  es  mufi  zu  seiner  Arbeit  etwas  hinzu- 
treten.  Und  wenn  die  Arbeit  blofi  Arbeit  ist,  dann  kann  sie 
unter  Umstanden  fiir  sein  Leben  absolut  nutzlos  sein.  Den- 
ken Sie  einmal,  der  Mensch  auf  der  Insel  tate  gar  nichts,  als 
vierzehn  Tage  lang  Steine  werfen.  Das  ware  eine  anstren- 
gende  Arbeit,  und  nach  gewohnlichen  menschlidien  Begrif- 
fen  konnte  er  damit  recht  viel  Lohn  verdienen.  Dennoch 
steht  diese  Arbeit  mit  dem  Leben  nicht  im  geringsten  Zu- 
sammenhang.  Arbeit  ist  nur  dann  lebenfordernd  und  hat 


Wert,  wenn  etwas  anderes  hinzukommt,  Wenn  diese  Arbeit 
auf  das  Bearbeiten  der  Erde  geht  und  die  Erde  das  Produkt 
gibt,  dann  hat  Arbeit  mit  dem  Leben  etwas  zu  tun.  Wir 
sehen  sogar  bei  niedrigen  Wesen,  dafi  Arbeit  getrennt  ist 
von  der  Produktion.  So  sehen  wir  eine  Moglichkeit,  zu  dem 
ungeheuer  wichtigen  Satze  zu  kommen,  dafi  Arbeit  als 
solche  gar  keine  Bedeutung  hat  fur  das  Leben,  sondern  nur 
diejenige,  die  weise  geleitet  ist.  Durch  von  Menschen  hinein- 
gelegte  Weisheit  ist  dasjenige  hervorzubringen  und  zu  schaf- 
fen,  was  dem  Menschen  dient.  Im  Kleinsten  nicht  verstan- 
den,  siindigt  das  heutige  soziale  Denken  gegen  diesen  Satz. 
Und  es  kommt  nicht  darauf  an,  dafi  irgend  jemand  schone 
abstrakte  Theorien  ausdenkt,  sondern  der  wirkliche  Fort- 
schritt  hangt  davon  ab,  dafi  jeder  einzelne  Mensch  im  sozia- 
len  Sinne  denken  lernt.  Das  heutige  Denken  ist  vielfach 
unsozial.  Unsozial  ist  es  zum  Beispiel,  wenn  jemand  am 
Sonntagnachmittag  draufien  ist  und  sagt,  angeregt  durch 
Gelegenheit:  Ich  werde  zwanzig  Ansichtskarten  schreiben.  — 
Richtig  ist  es  und  sozial  gedacht,  zu  wissen  und  zu  empfin- 
den,  dafi  diese  zwanzig  Karten  so  und  so  viele  Brieftrager 
veranlassen,  so  und  so  viele  Treppen  zu  steigen.  Sozial  ge- 
dacht ist  es,  zu  wissen,  dafi  jede  Handlung,  die  man  tut,  im 
Leben  eine  Wirkung  hat.  Nun  kommt  aber  jemand  und 
sagt,  er  denke  sozial  insofern,  als  ihm  klar  sei,  dafi  durch 
das  Kartenschreiben  mehr  Brieftrager  angestellt  werden 
miissen  und  Brot  bekommen.  -  Das  ist  ebenso,  wie  wenn 
man  bei  einer  Arbeitslosigkeit  aussinnt,  was  man  bauen 
will,  um  Arbeit  zu  schaffen.  Aber  es  kommt  nicht  darauf  an, 
Arbeit  zu  schaffen,  sondern  darauf,  dafi  die  Arbeit  der 
Menschen  einzig  und  allein  verwendet  wird,  wertvolles  Gut 
zu  schaffen. 

Wenn  man  dies  bis  in  die  letzten  Konsequenzen  durch- 
geht,  dann  kommt  es  einem  nicht  mehr  so  absonderlich  vor, 


wenn  der  uralte  Satz  der  Geisteswissenschaft  ausgesprochen 
wird,  der  heute  so  unverstandlich  wie  moglich  klingt:  In 
einem  sozialen  Zusammenleben  mufi  der  Antrieb  zur  Arbeit 
niemals  in  der  eigenen  Personlichkeit  des  Menschen  liegen, 
sondern  einzig  und  allein  in  der  Hingabe  fur  das  Ganze.  - 
Das  wird  auch  ofter  betont,  aber  niemals  so  verstanden,  dafi 
man  sich  klar  ist,  daft  Elend  und  Not  davon  kommen,  dafi 
der  einzelne  das,  was  er  erarbeitet,  fiir  sich  entlohnt  haben 
will.  Wahr  ist  es  aber,  dafi  wirklicher  sozialer  Fortschritt 
nur  moglich  ist,  wenn  ich  dasjenige,  was  ich  erarbeite,  im 
Dienste  der  Gesamtheit  tue,  und  wenn  die  Gesamtheit  mir 
selbst  dasjenige  gibt,  was  ich  notig  habe,  wenn,  mit  andern 
Worten,  das,  was  ich  arbeite,  nicht  fiir  mich  selber  dient. 
Von  der  Anerkennung  dieses  Satzes,  dafi  einer  das  Ertragnis 
seiner  Arbeit  nicht  in  Form  einer  personlichen  Entlohnung 
haben  will,  hangt  allein  der  soziale  Fortschritt  ab.  Zu  ganz 
andern  Zielen  fuhrt  jemand  eine  Unternehmung,  der  da 
weifi,  dafi  er  nichts  fiir  sich  haben  soli  von  dem,  was  er  er- 
arbeitet, sondern  dafi  er  der  sozialen  Gemeinschaft  Arbeit 
schuldet,  und  dafi,  umgekehrt,  er  nichts  fiir  sich  beanspru- 
chen  soil,  sondern  seine  Existenz  einzig  auf  das  beschrankt, 
was  ihm  die  soziale  Gemeinschaft  schenkt.  So  absurd  dies 
heute  fiir  viele  ist,  so  wahr  ist  es.  Unser  Leben  steht  heute 
unter  dem  entgegengesetzten  Zeichen:  in  dem  Zeichen,  daft 
der  Mensch  immer  mehr  beanspruchen  will,  wie  man  sagt, 
den  vollen  Ertrag  seiner  Arbeit.  Solange  das  Denken  sich 
in  dieser  Richtung  bewegen  wird,  so  lange  wird  man  in  im- 
mer iiblere  Lagen  hineinkommen. 

Dieses  unsoziale  Denken  verleitet  dazu,  alle  Begriffe  zu 
verschieben.  Denken  Sie  einmal,  wie  innerhalb  des  weitver- 
breiteten  Sozialismus  von  Ausbeutern  und  Ausgebeuteten 
die  Rede  ist.  Wer  ist  vor  dem  klaren  Denken  Ausbeuter  und 
wer  ist  der  Ausgebeutete?  Sehen  wir  den  Menschen  an,  der 


fur  einen  Hungerlohn  ein  Kleidungsstiick  arbeitet.  Wer  ist 
sein  Ausbeuter?  Es  konnte  von  jenem  die  Rede  sein,  der  das 
Kleidungsstiick  kauft  und  dafiir  einen  ganz  geringen  Preis 
bezahlt.  Kauft  etwa  nur  der  Reiche  dieses  Kleidungsstiick? 
Kauft  nicht  derselbe  Arbeiter,  der  iiber  Ausbeutung  klagt, 
dieses  selbe  billige  Kleidungsstiick?  Und  verlangt  er  nicht 
heute,  innerhalb  der  sozialen  Ordnung,  dafi  es  so  billig  wie 
moglich  sein  soli?  Sehen  Sie,  wie  die  Handarbeiterin,  die 
ink  blutigen  Fingern  die  Woche  arbeitet,  am  Sonntag  das 
Kleid  fur  einen  billigen  Preis  deshalb  tragen  kann,
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