Okkulte Geschichte

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Okkulte Geschichte 

Esoterische Betrachtungen 
karmischer Zusammenhange von Personlichkeiten 
und Ereignissen der Weltgeschichte 



Ein Zyklus von sechs Vortragen 
gehalten in Stuttgart 
vom 27. Dezember 1910 bis 1. Januar 1911 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage Berlin 1911 (Zyklus 16) 
2. Auflage (1. Buchausgabe) Dornach o. J. (1943) 

3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1956 

4. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1975 

5. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 



Bibliographie-Nr. 126 

Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Vortragsnachschriften 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1956 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl 

ISBN 3-7274-1260-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als «mundli- 
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif- 
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige 
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mul? 
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schluft 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien 
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Stuttgart, 27. Dezember 1910 

Das Unzureichende der iiblichen geschkhtlichen Betrachtungsweise. 
Die Tiefen historischer Ereignisse offenbaren sich in den Mythen. Die 
Einwirkung hoherer Wesen aus der geistigen Welt durch physische 
Menschen. Individualitaten als Werkzeuge des fortflieftenden Stromes 
der Menschheitsentwicklung. Die symbolische Bedeutung gewisser 
Ereignisse. Projektionen des friiheren Spirituellen auf den physischen 
Plan. Alexandrien und Hypatia. 

Zweiter Vortrag, 28. Dezember 1910 

Das Eingreifen hoherer iibersinnlicher Krafte durch die Tat der Jung- 
frau von Orleans, die das Ineinanderspiel der europaischen Volkerindi- 
vidualitaten ermoglicht und der neueren Geschichte ein anderes Gesicht 
gibt. Scotus Erigena. Die hinter den Gestalten von Gilgamesch und 
Eabani stehenden okkuken Hintergrunde. Das Bild des Kentauren. 

Dritter Vortrag, 29. Dezember 1910 

Die Modifikation des Inkarnationsverlaufs durch das Eingreifen geisti- 
ger Krafte aus den hoheren Hierarchien. Gesetzmafiigkeit im Zusam- 
menhang des individuellen Karma und der Einfliisse anderer Welten. 
Unterschied zwischen der Objektivitat eincr Offenbarung und eines 
Bewufitseinsinhaltes. Der Herabstieg von der hellseherischen zur rein 
personlichen Kultur. Das Weben des Ich im Ich. Aristoteles. Hypatia. 
Die Katharsis durch Furcht und Mitleid. 

Vierter Vortrag, 30. Dezember 1910 

Mit unserem Zeitraum beginnt ein Wiederaufsteigen zu hellseherischen 
Kulturen. Die Ursprache in ihrem Zusammenhang von Gedanke und 
Lautgefuge. Nachklang davon in der Sprache der Sumcrer. Kultbauten 
auf Grund der Himmelsmafie und Menschenmafie. Die Erdenmission 
der Babylonier. Im babylonischen Turmbau haben wir das Symbolum, 
dal? die Menschen auf ihre einzelne Personlichkeit beschrankt worden 
sind. Chaldaische Mysterienkultur; ihre Zahlentechnik. Auspragung 
des reinen Menschentums in der griechischen Kultur. Julian Apostata. 

Funfter Vortrag, 31. Dezember 1910 

Zusammenhang zwischen den einzelnen geschichtlichen Personlichkei- 
ten und den individuellen Faden der ganzen Menschheitsentwicklung. 
Das Hereinfliefien im Laufe der aufeinanderfolgenden Kulturen der 



Geister der nachsten Hierarchie in die Menschenseelen, Die Geister der 
Form offenbaren sich auch in dem Aufieren der Sinneswelt durch die 
Formen der Natur und wirken so auf den Menschen. Knotenpunkte der 
Entwicklung; ihr Zusammenhang mit Lage und Bewegung der Erde zu 
den benachbarten Weltenkorpern, mit der Stelhing der Erdachse zur 
Achse der Ekliptik. Die atlantische Katastrophe und die Impulse des 
Jahres 1250. Aufsteigende und absteigende Zyklen in der Menschheits- 
geschichte; damit verbundene katastrophale Natureinwirkungen und 
Revolutionierungen der Geister und Menschenseelen. Ihr Ansturm und 
ihr Abfluten; Durchkreuzung ihrer Gesetzmafiigkeit durch andere 
machtige Stromungen; Differenzierungen durch Spezialverhaltnisse. 
Kopernikus. Oberlin. 

Sechster Vortrag, 1 . Januar 1911 101 

Vorbereitung des im Griechentum sich ausdrxickenden reinen Men- 
schentums durch die vorangehende babylonische Kultur und das 
Mysterienwesen der vorhistorischen Zeiten. Was Seeleninhalt da ge- 
worden ist, Weben des Ich im Ich, war zuerst in den heiligen Tempel- 
statten von hoheren Wesenheiten in die Seelen hineingetragen, erlebte 
seine Auswirkung in der Kunst, Philosophic und im Volkscharakter der 
Griechen; in der flammenden Begeisterung, mit der die griechischen 
Helden den Persern entgegentraten. Im Laufe der Zeit zerfallt der 
einheitliche Weisheitsstrom in Einzelstromungen; Interessen des 
Staatslebens, Fragen des menschlich ZweckmafSigen gewinnen die 
Uberhand in der stufenweis absteigenden Kultur. Im Stoizismus, 
Epikureismus, Skeptizismus wird der Mensch auf die eigene Seele 
zumckgewiesen. Im Neuplatonismus will der Einzelne im mystischen 
Aufstieg wieder zur Wahrheit hinaufstreben. Das verrinnt und verrie- 
selt, bis dann 1250 eine neue Inspiration fur die Menschheit beginnt, 
welche die Wahrheitsfrage an die erste Stelle riickt und sie nicht trennt 
vom Guten und Praktischen. Das rieselt erst ab im 16. Jahrhundert; an 
der Eingangspforte der neuen Verfallszeit steht Kant. - Ahnungen des 
Wiederum-Hinaufsteigens aus den Volksinstinkten heraus. Gottersdh- 
ne der vorgriechischen und Weise der griechischen Zeit; bei den 
Hebraern Ubergang von den Patriarchen zu den Propheten; Heilige der 
nachgriechischen Volker, die sich ins Spirituelle wieder hinaufleben 
durch das, was im Physischen lebt. Wie das Friihere in das Spatere 
hinubergeht, sehen wir an der Individualitat des Novalis. 



Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 117 

Namenregister 123 

Rudolf Steineriiber die Vortragsnachschriften 125 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 127 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 27.Dezember 1910 



In der Geisteswissenschaft verhalt es sich so, dafi die Wahrheiten, die 
Erkenntnisse um so schwieriger werden, je weiter man von allgemeinen 
Verhaltnissen heruntersteigt zu besonderen konkreten Einzelheiten. Es 
konnte von Ihnen dies schon bemerkt werden, als in verschiedenen 
Arbeitsgruppen versucht wurde, im einzelnen geschichtlich zu sprechen 
etwa iiber die Wiederverkorperungen des grofien Fiihrers der Perser- 
religion, des Zarathustra - als gesprochen wurde iiber den Zusammen- 
hang des Zarathustra mit Moses, mit Hermes und auch mit dem Jesus 
von Nazareth. Auch bei anderen Gelegenheiten sind ja konkrete ge- 
schichtliche Fragen bereits beriihrt worden. Man steigt von Dingen, 
iiber welche das menschliche Herz noch dies oder jenes Unwahrschein- 
liche verhaltnismafiig leicht hinnimmt, in Gebiete hinab voll von Un- 
wahrscheinlichkeiten, sobald man heruntersteigt von den grofien Wahr- 
heiten iiber das geistig Durchtrankt- und Durchwobensein der Welt, 
von den grolSen Weltgesetzen zur geistigen Natur einer einzelnen 
Individuality, einer einzelnen Personlichkeit. Und bei noch nicht 
geniigend vorbereiteten Menschen beginnt in der Regel an diesem Ab- 
grund zwischen den allgemeinen und besonderen Wahrheiten die 
Unglaubigkeit. 

Nun werde ich Ihnen in den Vortragen - und zu denen die heutige 
Betrachtung eine Art von Einleitung geben soli -, die der okkulten 
Geschichte gewidmet sind und von historischen Tatsachen und ge- 
schichtlichen Personlichkeiten im Lichte der Geisteswissenschaft han- 
deln, manches Sonderbare zu sagen haben. Sie werden manches Sonder- 
bare horen, das auf Ihren guten Willen wird rechnen miissen, auf jenen 
guten Willen, der herangeschult ist durch alles dasjenige, was im Laufe 
von Jahren an geisteswissenschaf tlichen Erkenntnissen durch Ihre Seele 
gezogen ist. Denn das ist ja die schonste, die bedeutsamste Frucht, die 
wir gewinnen aus der spirituellen Weltanschauung, dafl, so kompliziert, 
so im einzelnen ausgebaut auch die Erkenntnisse sind, die wir gewinnen, 
wir zuletzt doch nicht vor uns haben blofi eine Summe von Dogmen, 



sondern dafi wir in uns, in unseren Herzen, in unseren Gemiitern durch 
diese geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise etwas besitzen, was 
uns hinausriickt iiber den Standpunkt, den wir sonst durch irgendeine 
andere Weltbetrachtung gewinnen konnen. Nicht Dogmen, nicht Lehr- 
satze, nicht ein blofies Wissen nehmen wir auf, sondern durch unsere 
Erkenntnisse werden wir andere Menschen. In gewisser Beziehung ge- 
hort zu solchen Partien geistiger Wissenschaft wie diejenigen, die wir 
jetzt betrachten werden, Seelenverstandnis, nicht intellektuelles Ver- 
standnis, Seelenverstandnis, das vielleicht an gar manchen Stellen auch 
geneigt sein mufi, Andeutungen anzuhoren und hinzunehmen, die grob, 
die brutal werden wiirden, wenn man sie in allzu scharfe Konturen 
hineinpressen wollte. Wovon ich Ihnen gerne Vorstellungen hervor- 
rufen mochte, das ist, dafi in dem ganzen auch geschichtlichen Werde- 
prozefi der Menschheit durch die verschiedenen Jahrtausende hindurch 
bis in unsere Tage hinein hinter allem Menschenwerden und mensch- 
lichen Geschehen geistige Wesenheiten, geistige Individualitaten als 
Leiter, als Fiihrer stehen, und dafi fur die grofiten, fiir die wichtigsten 
Tatsachen des historischen Verlaufes dieser oder jener Mensch mit sei- 
ner ganzen Seele, mit seinem ganzen Wesen wie ein Werkzeug von 
dahinterstehenden, planvoll wirkenden Individualitaten erscheint. 
Aber wir miissen uns mancherlei Begriffe aneignen, die man im gewohn- 
lichen Leben nicht hat, wenn wir die merkwiirdigen, geheimnisvollen 
Zusammenhange zwischen dem Friiheren und Spateren des geschicht- 
lichen Werdens einsehen wollen. 

Wenn Sie sich erinnern an manches, was gesagt worden ist im Laufe 
der Jahre, so kann Ihnen vor die Seele treten, dafi in alten Zeiten, in 
Zeiten auch der nachatlantischen Kulturentwickelung, wenn wir nur 
einige Jahrtausende vor unsere gewohnlich historisch genannte Zeit 
zuriickgehen, die Menschen mehr oder weniger abnorme hellseherische 
Zustande hatten; dafi zwischen dem, was wir heute das niichterne, nur 
auf die physische Welt beschrankte Wachen nennen, und dem bewufit- 
losen Schlafzustand mit seinem zweifelhaften Reich der Traume, ein 
Bewufitseinsreich war, durch welches der Mensch hineintauchte in eine 
geistige, in eine spirituelle Realitat. Und dasjenige, was heute von ge- 
lehrten Leuten, die so viele Mythen und Sagen wissenschaftlich er- 



dichten, als dichtende Volksphantasie ausgelegt wird, wir wissen, dafi 
es in Wahrheit zuriickfiihrt auf altes Hellsehen, auf hellsichtige Zu- 
stande der Menschenseele, die in jenen Zeiten hinter das physische 
Dasein sah und das also Geschaute in den Bildern der My the und auch 
der Marchen und Legenden zum Ausdruck gebracht hat. So dafi wirk- 
lich, wenn wir alte, und zwar richtige alte Mythen, Marchen und Sagen 
vor uns haben, wir mehr Erkenntnis, mehr Weisheit und Wahrheit in 
ihnen finden konnen als in unserer heutigen abstrakten Gelehrsamkeit 
und Wissenschaft. Also wir blicken sozusagen auf einen hellsichtigen 
Menschen zuriick, wenn wir den Blick in sehr alte Zeiten lenken, und 
wir wissen, dafi diese Hellsichtigkeit immer mehr und mehr abnimmt 
bei den verschiedenen Volkern verschiedener Zeiten. Heute, bei dem 
Vortrage in der Weihnachtsfeier, habe ich sogar darauf aufmerksam 
machen diirfen, wie in Europa verhaltnismafiig sehr spat noch Reste des 
alten Hellsehens im weitesten Umfange vorhanden waren. Das Er- 
loschen des Hellsehens und das Auftreten des auf den physischen Plan 
beschrankten Bewuikseins vollzieht sich zu verschiedenen Zeiten bei 
den verschiedenen Volkern. 

Sie konnen sich nun denken, dafi durch die Kulturepochen, wie wir 
sie aufgezahlt haben nach der grofien atlantischen Katastrophe, durch 
die altindische, altpersische, agyptisch-chaldaische, griechisch-latei- 
nische und durch unsere Kulturepoche hindurch, die Menschen sozu- 
sagen in verschiedenster Art wirken mufiten auf dem Plan der Welt- 
geschichte, weil sie in verschiedener Art verbunden waren mit der 
geistigen Welt. Wenn wir in die persische, auch noch in die agyptisch- 
chaldaische Zeit zuriickgehen, da ragt sozusagen das, was der Mensch 
in seiner Seele fiihlte, erlebte, hinauf in geistige Welten, und geistige 
Machte spielten in seine Seele herein. Was da eine lebendige Verbindung 
hatte zwischen der menschlichen Seele und den geistigen Welten, das 
hort im wesentlichen erst auf im vierten, im griechisch-lateinischen 
Zeitraum, und ganz und gar verschwunden ist es erst in unserer Zeit. 
Fur die aufiere Geschichte ist es in unserer Zeit nur da vorhanden, wo 
mit den Mitteln, die den Menschen heute zuganglich sind, bewufit die 
Verbindung wiederum gesucht wird zwischen dem, was in der Men- 
schenseele lebt, und den geistigen und spirituellen Welten. Also in alten 



Zeiten, wenn der Mensch hineinschaute in seine Seele, barg diese Seele 
nicht nur das in sich, was sie von der physischen Welt gelernt hatte, was 
sie erdacht hatte nach den Dingen der physischen Welt, sondern es lebte 
unmittelbar in ihr dasjenige, was wir zum Beispiel als geistige Hierar- 
chien iiber den Menschen hinauf bis in die geistigen Welten hinein ge- 
schildert haben. Das wirkte durch das Instrument der Menschenseele 
herunter auf den physischen Plan, und die Menschen wufken sich in 
Verbindung mit diesen Individualitaten der hoheren Hierarchies Wenn 
wir zuriickschauen meinetwillen noch in die agyptisch-chaldaische Zeit 
- allerdings miissen wir da die alteren Perioden nehmen -, so haben wir 
Menschen, die sozusagen historische Personlichkeiten sind; aber wir 
verstehen sie nicht, wenn wir sie in dem Sinn von heute als historische 
Personlichkeiten auffassen. 

Wenn wir heute von historischen Personlichkeiten sprechen, sind 
wir als Menschen des materialistischen Zeitalters davon iiberzeugt, dafi 
es nur die Impulse, die Intentionen der betreffenden Personlichkeiten 
sind, die da wirken im Laufe der Geschichte. So konnen wir im Grunde 
genommen nur noch die Menschen von drei Jahrtausenden verstehen, 
das heifit allenfalls noch annahernd die Menschen desjenigen Jahr- 
tausends, das mit der Geburt des Christus Jesus abschliefit, und dann 
die Menschen des 1. und des 2. christlichen Jahrtausends, in dem wir ja 
selber stehen. Plato, Sokrates, vielleicht auch Thales und Perikles, das 
sind Menschen, die man allenfalls noch als uns ahnlich verstehen kann. 
Geht man aber weiter zuriick, dann hort die Moglichkeit auf, Menschen 
zu verstehen, wenn man sie nur aus der Analogie mit den Menschen der 
Gegenwart verstehen will. So lafit sich etwa der agyptische Hermes, 
der grofie Lehrer der agyptischen Kultur, nicht mehr verstehen, auch 
nicht Zarathustra, und nicht einmal Moses. Wenn wir zuruckgehen 
jenseits des Jahrtausends, das der christlichen Zeitrechnung vorangeht, 
dann miissen wir schon damit rechnen, dafi uberall, wo wir es mit 
historischen Personlichkeiten zu tun haben, hohere Individualitaten, 
hohere Hierarchien hinter ihnen stehen, diese Personlichkeiten gleich- 
sam von sich besessen machen, im besten Sinne des Wortes allerdings. 
Nun zeigt sich eine eigentumliche Erscheinung, ohne deren Kenntnis 
wir nicht den historischen Werdegang verstehen konnen. 



Wir haben unterschieden bis zu unserer Zeit fiinf Zeitraume. Also 
wir haben den ersten nachatlantischen Kulturzeitraum weit zuriick- 
reichend in den Jahrtausenden, den indischen Zeitraum, wir haben den 
zweiten, den altpersischen, den dritten, den agyptisch-chaldaischen, 
den vierten, den griechisch-lateinischen, und den fiinften, unseren 
eigenen Zeitraum. Schon wenn wir von dem griechisch-lateinischen 
Charakter zuriickgehen zu dem agyptischen, da miissen wir diesen 
Obergang fiir die historische Betrachtungsweise machen, dafi wir an- 
statt einer rein menschlichen Betrachtungsweise, wie sie uns allenfalls 
noch den Gestalten der griechischen Welt gegeniiber bis ins Heroen- 
zeitalter dienen kann, einen anderen Mafistab anlegen, dafi wir an- 
fangen, hinter den einzelnen Personlichkeiten die geistigen Machte zu 
suchen, die Oberpersonliches darstellen, und die durch die Personlich- 
keiten als ihre Instrumente wirken. Diese geistigen Individualitaten 
miissen wir dabei ins seelische Auge fassen, so dafi wir also formlich 
sehen konnten einen Menschen, der auf dem physischen Plan steht, und 
hinter ihm wirksam eine Wesenheit der hoheren Hierarchien, die diesen 
Menschen gleichsam von hinten halt und ihn hinstellt auf den Platz, 
auf dem er zu stehen hat innerhalb der Menschheitsentwickelung. 

Nun ist es gerade schon interessant genug, von diesem Gesichtspunkt 
aus die Beziehungen anzuschlagen zwischen den eigentlich wichtigen 
Vorgangen, den historisch bestimmenden Vorgangen der agyptisch- 
chaldaischen Epoche und der griechisch-lateinischen Epoche. Das sind 
zwei aufeinanderfolgende Kulturepochen, und wir dringen zunachst, 
sagen wir, bis zum Jahre 2800, 3200 bis 3500 vor unserer Zeitrechnung, 
also verhaltnismafiig gar nicht sehr weit. Dennoch werden wir nicht 
begreifen, was da geschehen ist, was ja auch heute schon die alte Ge- 
schichte etwas blofilegt; wir werden es nur dann begreifen, wenn wir 
hinter den geschichtlichen Personlichkeiten die hoheren Individuali- 
taten sehen. Dann aber zeigt sich uns weiter, dafi wir von all den wich- 
tigen Dingen, die da im dritten Zeitraum geschahen, eine Art Wieder- 
holung haben in dem vierten, im griechisch-lateinischen Zeitraum. Es 
ist fast so, wie wenn sozusagen das, was durch hohere Gesetze fiir den 
vorhergehenden Zeitraum erklarlich ist, durch Gesetze der physischen 
Welt erklarlich wird fiir den folgenden; wie wenn es heruntergestiegen 



ware, sich um eine Stufe vergrobert hatte, physischer geworden ware: 
eine Art von Spiegelung in der physischen Welt zeigt sich uns fiir grofie 
Ereignisse der vorhergehenden Zeitraume. 

Ich will Ihnen eben heute eine Einleitung geben und mochte Sie des- 
halb hinweisen darauf , wie uns in einem bedeutsamen Mythos eine der 
wichtigsten Tatsachen des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes gegeben 
ist; wie sich dann dieses Ereignis widerspiegelt, aber um eine Stufe 
herunterversetzt, im griechisch-lateinischen Zeitraum. Also zwei par- 
allele Tatsachen mochte ich hinstellen, die zusammengehoren in okkul- 
ter Beziehung; die eine dann gleichsam um einen halben Plan hoher und 
die andere ganz auf der physischen Erde stehend, aber wie eine Art 
physisch gewordenen Schattenbildes eines geistigen Ereignisses der 
friiheren Epoche. Aufierlich hat die Menschheit solche Ereignisse, wo 
Machte der hoheren Hierarchien dahinterstehen, immer nur durch 
Mythen erzahlen konnen. Aber wir werden sehen, was gerade hinter 
dem Mythos liegt, der uns als das bedeutsamste Ereignis schildert, was 
aus der chaldaischen Zeit hereinragt. Wir wollen uns nur die Haupt- 
zixge des Mythos vor Augen stellen. 

Dieser Mythos besagt das folgende: Da war einmal ein grofier Konig, 
namens Gilgamesch. Aber schon aus dem Namen erkennt derjenige, der 
solche Namen zu beurteilen vermag, dafi wir es nicht blofi mit einem 
physischen Konig zu tun haben, sondern mit einer dahinterstehenden 
Gottheit, mit einer dahinterstehenden geistigen Individuality, von der 
der Konig von Erek besessen war, die durch ihn wirkte. Also wir haben 
es zu tun mit dem, was wir im realen Sinne einen Gottmenschen zu 
nennen haben. Er bedruckt die Stadt Erek, so wird uns erzahlt. Die 
Stadt Erek wendet sich an ihre Gottheit Aruru, und diese Gottheit lafit 
einen Heifer erstehen: aus der Erde heraus erwachst dieser Held. Das 
sind also die Bilder des Mythos; wir werden sehen, welche Tiefen von 
historischen Ereignissen hinter diesem Mythos liegen. Die Gottheit lafit 
erstehen aus der Erde heraus Eabani, eine Art von menschlicher Wesen- 
heit, welche im Verhaltnis zu Gilgamesch ausschaut wie eine niedere 
Wesenheit, denn es wird erzahlt, dafi er Tierfelle hatte, dafi er mit 
Haaren bedeckt war, da!5 er wie ein Wilder war; aber in seiner Wildheit 
lebte Gottbeseeltheit, altes Hellsehen, Hellwissen, alte Hell-Erkenntnis. 



Eabani lernt eine Frau aus Erek kennen, und er wird dadurch in die 
Stadt gezogen. Er wird der Freund des Gilgamesch und dadurch zieht 
Friede in die Stadt ein. Nun herrschen sie beide zusammen, Gilgamesch 
und Eabani. Da wird durch eine Nachbarstadt die Stadtgottin Ischtar 
der Stadt des Eabani und des Gilgamesch geraubt. Sie unternehmen 
beide einen Kriegszug gegen die rauberische Stadt. Sie iiberwinden den 
Konig und gewinnen die Stadtgottin zurttck. Nun ist die Stadtgottin 
wiederum in Erek eingezogen, Gilgamesch lebt ihr gegeniiber, und da 
tritt uns das Eigentiimliche entgegen, dafi Gilgamesch kein Verstandnis 
hat fur die eigenartige Natur der Stadtgottin. Eine Szene spielt sich nun 
ab, die einen unmittelbar erinnert an eine biblische Szene des Johannes- 
Evangeliums. Gilgamesch stent Ischtar gegeniiber. Er benimmt sich 
allerdings anders als der Christus Jesus; er wirft der Stadtgottin vor, 
dafi sie, bevor sie ihm gegeniibergetreten sei, viele andere Manner geliebt 
habe. Namentlich die Bekanntschaft mit dem letzten wirft er ihr vor. 
Darauf geht sie beschwerdefuhrend zu derjenigen Gottheit, zu der- 
jenigen Wesenheit der hoheren Hierarchies der gerade sie, die Stadt- 
gottin, zugeteilt ist: sie geht zu Anu. Und nun sendet Anu einen Stier 
auf die Erde herab, mit diesem Stier mu£ Gilgamesch kampfen. Wer 
sich an den stierbekampfenden Mithras erinnert, der findet einen An- 
klang daran an dieser Stelle, wo der von Anu heruntergesandte Stier 
bekampft werden mufi von Gilgamesch. Alle diese Ereignisse haben 
- und wir werden sehen, wenn wir den Mythos erklaren werden, wel- 
che Tiefen darin stecken - nun dahin gefuhrt, dafi Eabani mittlerweile 
gestorben ist. Gilgamesch ist jetzt allein. Ihm kommt ein Gedanke, der 
furchtbar an seiner Seele zehrt. Unter dem Eindruck dessen, was er da 
erlebt hat, wird ihm der Gedanke erst bewulk, dafi der Mensch doch 
sterblich ist. Ein Gedanke, den er fruher nicht beriicksichtigt hatte, der 
tritt ihm in seiner ganzen Furchtbarkeit vor die Seele. Und da ver- 
nimmt er von dem einzigen Erdenmenschen, der unsterblich geblieben 
ist, wahrend alle anderen Menschen in der nachatlantischen Zeit das 
Bewufksein der Sterblichkeit erlangt haben: er hort von dem unsterb- 
lichen Xisuthros weit im Westen driiben. Nun unternimmt er, weil er 
erforschen will die Ratsel von Leben und Tod, den schweren Zug nach 
dem Westen. - Schon heute kann ich sagen: Dieser Zug nach dem 



Western ist kein anderer als der Zug nach den Geheimnissen der alten 
Atlantis, nach den Ereignissen, die vor der grofien atlantischen Kata- 
strophe liegen. 

Dahin unternimmt Gilgamesch den Wanderzug. Sehr interessant ist 
es, dafi er vorbei mufi an einer Pforte, die behiitet ist von Skorpionen- 
riesen, dafi ihn der Geist einf iihrt in das Reich des Todes, dafi er eintritt 
in das Reich des Xisuthros und dafi er in diesem Reich des Xisuthros 
erfahrt, dafi alle Menschen immer mehr von dem Bewufitsein des Todes 
durchdrungen werden miissen in der nachatlantischen Zeit. Nun f ragt 
er Xisuthros, woher er denn ein Wissen habe von seinem ewigen Kern, 
warum er von dem Bewufitsein der Unsterblichkeit durchdrungen sei. 
Da sagt ihm Xisuthros: Du kannst es auch werden, aber du mufit nach- 
erleben, was ich durchleben mufite durch all die Uberwindungen von 
Furcht und Angst und Einsamkeit, die ich durchmachen mufite- Als der 
Gott Ea beschlossen hatte - in dem, was wir die atlantische Katastrophe 
nennen -, untergehen zu lassen, was von der Menschheit nicht weiter 
fortleben sollte, da trug er mir auf, mich zuriickzuziehen in eine Art 
Schiff. Hineinnehmen sollte ich die Tiere, die iibrigbleiben sollten, und 
diejenigen Individualitaten, die da in Wahrheit genannt werden die 
Meister. Mit diesem Schiff iiberdauerte ich die grofie Katastrophe. - 
So erzahlte Xisuthros dem Gilgamesch, und sagte: "Was da durchge- 
macht worden ist, das kannst du nur im Inneren erleben. Dadurch aber 
kannst du zum Bewufitsein der Unsterblichkeit kommen, wenn du 
sieben Nachte und sechs Tage nicht schlafst. - Gilgamesch will sich 
dieser Probe unterziehen, schlaft aber sehr bald ein. Da backt die Frau 
des Xisuthros sieben mystische Brote, die sollen ersetzen durch ihren 
Genufi das, was in den sieben Nachten und sechs Tagen hatte errungen 
werden sollen. Nun zieht Gilgamesch weiter mit dieser Art Lebens- 
elixier und macht etwas durch wie ein Bad im Jungbrunnen und kommt 
wieder an die Kiiste seiner Heimat, die etwa am Euphrat und Tigris 
liegt. Da wird ihm die Kraft des Lebenselixiers durch eine Schlange 
genommen, und er kommt also wieder ohne das Lebenselixier in seinem 
Lande an, aber doch mit dem Bewufitsein, dafi es eine Unsterblichkeit 
gibt und von Sehnsucht erfullt, wenigstens noch den Geist des Eabani 
zu sehen. Der erscheint ihm nun wirklich, und aus dem Gesprach, das 



sich dann abspinnt, erfahren wir die Art, wie sozusagen fiir die Kultur 
der agyptisch-chaldaischen Zeit das Bewufitsein des Zusammenhanges 
mit der geistigen Welt aufgehen konnte. Das ist wichtig, dieses Ver- 
haltnis von Gilgamesch und Eabani. 

Nun habe ich sozusagen Ihnen die Bilder eines Mythos hingestellt, 
des bedeutenden Gilgamesch-Mythos, des Mythos, von dem wir sehen 
werden, dafi er uns in die spirituellen Tiefen fiihren wird, die hinter 
dem chaldaisch-babylonischen Kulturzeitraum liegen. Ich wollte Ihnen 
diese Bilder vorfiihren, die Ihnen zeigen werden, dafi sozusagen zwei 
Individualitaten dastehen: die Individuality einer Wesenheit, die in 
sich hereinragen hat eine gottlich-geistige Wesenheit: Gilgamesch - und 
eine, die mehr Mensch ist, aber so, dafi wir sie nennen mochten eine 
junge Seele, die noch wenige Inkarnationen durchgemacht hat und 
daher noch altes Hellsehen in spate Zeiten hereingetragen hat: Eabani. 

Aufierlich ist uns dieser Eabani so dargestellt, dafi er in Tierfelle 
gekleidet ist. Es wird uns damit seine Wildheit angedeutet; aber eben 
durch diese Wildheit ist er noch nut alter Hellsichtigkeit begabt einer- 
seits, und auf der anderen Seite ist er eine junge Seele, die viel weniger 
Inkarnationen durchlebt hat als andere auf der Hohe der Entwicke- 
lung stehende Seelen. So stellt uns Gilgamesch dar eine Wesenheit, die 
zur Initiation reif war, die nur diese Initiation nicht mehr erreichen 
konnte, denn der Gang nach Westen ist der Gang zu einer Initiation, 
die nicht zu Ende gefiihrt worden ist. Wir sehen auf der einen Seite den 
eigentlichen Inauguratur der chaldaisch-babylonischen Kultur in Gil- 
gamesch und hinter ihm wirksam eine gottlich-geistige Wesenheit, eine 
Art Feuergeist, und dann neben ihm eine andere Individualitat, eine 
junge Seele, den Eabani, eine Individualitat, die spat erst zur Erden- 
inkarnation heruntergekommen ist. Wenn Sie die «Geheimwissenschaft 
im Umrifi» lesen, so werden Sie sehen, dafi die Individualitaten erst 
nach und nach von den Planeten wieder heruntergekommen sind. - Von 
dem Austausch dessen, was diese beiden wissen, hangt die babylonisch- 
chaldaische Kultur ab, und wir werden sehen, dafi die ganze baby- 
lonisch-chaldaische Kultur ein Ergebnis dessen ist, was von Gilgamesch 
und Eabani herriihrt. Da ragt Hellsichtigkeit von dem Gottmenschen 
Gilgamesch und Hellsichtigkeit von der jungen Seele Eabani in die 



chaldaisch-babylonische Kultur hinein. Dieser Prozefi von zweien, die 
nebeneinander wirken, von denen der eine dem anderen notwendig ist, 
das spiegelt sich nun ab im spatern vierten Kulturzeitraum, im grie- 
chisch-lateinischen, und zwar auf dem physischen Plan. Zum vollen 
Verstandnis einer solchen Abspiegelung werden wir allerdings erst all- 
mahlich gelangen. Es spiegelt sich also ein mehr geistiger Vorgang auf 
dem physischen Plane ab, als dieMenschheit sehr weit heruntergestiegen 
ist, als sie nicht mehr die Zusammengehorigkeit der menschlichen Per- 
sonlichkeit mit der geistig-gottlichen Welt fiihlt. 

Diese Geheimnisse der geistig-gottlichen Welt sind bewahrt worden 
in den Mysterienstatten. So zum Beispiel war vieles von den alten, hei- 
ligen Geheimnissen, die da kundeten den Zusammenhang der mensch- 
lichen Seele mit den gottlich-geistigen Welten, aufbewahrt worden in 
dem Mysterium der Diana von Ephesus und im ephesischen Tempel. 
Da war vieles darinnen, was einem Zeitalter, das herausgegangen war 
zur menschlichen Personlichkeit, nicht mehr verstandlich war. Und 
wie ein Wahrzeichen des geringen Verstandnisses der blofi aufiern 
Personlichkeit fiir das, was spirituell geblieben ist, steht uns die halb 
mythische Figur des Herostrat da, die nur auf das Aufierlichste der Per- 
sonlichkeit sieht; Herostrat, der die Feuerfackel wirft in den Tempel 
des Heiligtums von Ephesus. Wie ein Wahrzeichen des Zusammen- 
stofies der Personlichkeit mit dem, was von alten spirituellen Zeiten 
geblieben ist, erscheint uns diese Tat. Und an demselben Tage, wo ein 
Mensch, blofi um seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen, die 
Feuerfackel wirft in den Tempel des Heiligtums von Ephesus, an dem 
gleichen Tage wird der Mensch geboren, der zur Personlichkeitskultur 
das allermeiste getan hat auf demjenigen Grund und Boden, auf dem 
die blofie Personlichkeitskultur uberwunden werden soil: Herostrat 
wirft die Fackel an dem Tage, da Alexander der Grofie geboren wird, 
der Mensch, der ganz Personlichkeit ist. So steht Alexander der Grofie 
da als das Schattenbild des Gilgamesch. 

Dahinter steckt eine tief e Wahrheit. Wie das Schattenbild des Gilga- 
mesch steht Alexander der Grofie im vierten, im griechisch-lateinischen 
Zeitraum, wie die Projektion eines Geistigen auf den physischen Plan. 
Und der Eabani, der ist, projiziert auf den physischen Plan, Aristoteles y 



der Lehrer Alexanders des Grofien. So sonderbar das ist: Alexander und 
Aristoteles stehen nebeneinander wie Gilgamesch und Eabani. Und wir 
sehen sozusagen, wie im ersten Drittel des vierten nachatlantischen 
Zeitraumes von Alexander dem Grofien heriibergetragen wird - nur in 
die Gesetze des physischen Planes iibersetzt - das, was von Gilgamesch 
der chaldaisch-babylonischen Kultur gegeben worden war. Das driickt 
sich wunderbar aus, indem als eine Nachwirkung der Taten Alexanders 
des GrofSen an der Statte des agyptisch-chaldaischen Kulturschauplat- 
zes Alexandria gegriindet wird, urn es, wie in ein Zentrum, gerade dort 
hinzusetzen, wohin der dritte Zeitraum, der agyptisch-babylonisch- 
chaldaische, so machtig gereicht hatte. Und alles sollte sich zusammen- 
finden in diesem alexandrinischen Kulturzentrum. Da sind nach und 
nach wirklich zusammengekommen all die Kulturstromungen, die sich 
begegnen sollten aus der nachatlantischen Zeit. Wie in einem Zentrum 
trafen sie sich gerade in Alexandrien, an der Statte, die hingestellt war 
auf den Schauplatz des dritten Kulturzeitraums, mit dem Charakter 
des vierten Zeitraums. Und Alexandria iiberdauerte die Entstehung des 
Christentums. Ja, in Alexandrien entwickelten sich erst die wichtigsten 
Dinge des vierten Kulturzeitraumes, als das Christentum schon da war. 
Da waren die grofien Gelehrten tatig, da waren insbesondere die drei 
allerwesentlichsten Kulturstromungen zusammengeflossen: die alte 
heidnisch-griechische, die christliche und die mosaisch-hebraische. Die 
waren zusammen in Alexandria, die wirkten da durcheinander. Und es 
ist undenkbar, dafi die Kultur Alexandriens, die ganz auf Personlichkeit 
gebaut war, durch irgend etwas anderes hatte inauguriert werden kon- 
nen als durch das mit Personlichkeit inspirierteWesen, wie es Alexander 
der Grofie war. Denn jetzt nahm gerade durch Alexandrien, durch die- 
sen Kulturmittelpunkt, alles das, was friiher iiberpersonlich war, was 
friiher iiberall hinaufgeragt hat von der menschlichen Personlichkeit in 
die hoheren geistigen Welten, einen personlichen Charakter an. Die 
Personlichkeiten, die da vor uns stehen, haben sozusagen alles in sich; 
wir sehen nurmehr ganz wenig die Machte, die von hoheren Hierar- 
chien aus sie lenken und sie an ihren Platz stellen. All die verschiedenen 
Weisen und Philosophen, die in Alexandria gewirkt haben, sind ganz 
ins Menschlich-Personliche umgesetzte alte Weisheit; iiberall spricht 



das Personliche aus ihnen. Das ist das Eigenartige: Alles, was im alten 
Heidentum nur dadurch erklarlich war, dafi immer darauf hingewiesen 
wurde, wie Gotter heruntergestiegen sind und sich mit Menschentoch- 
tern verbunden haben, um Helden zu erzeugen, all das wird umgesetzt 
in die personliche Tatkraft der Menschen in Alexandria. Und was das 
Judentum, die mosaische Kultur in Alexandria fur Formen angenom- 
men hat, das konnen wir aus dem ersehen, was uns gerade die Zeiten, 
in denen das Christentum schon da war, zeigen. Da ist nichts mehr 
vorhanden von jenen tiefen Auffassungen eines Zusammenhanges der 
Menschenwelt mit der geistigen "Welt, wie sie in der Prophetenzeit 
immerhin vorhanden war, wie sie selbst in den letzten zwei Jahr- 
hunderten vor dem Beginne unserer Zeitrechnung noch zu finden ist: 
da ist auch im Judentum alles Personlichkeit geworden. Tiichtige Men- 
schen sind da, mit aufierordentlicher Vertiefung in die Geheimnisse der 
alten Geheimlehren, aber personlich ist alles geworden, Personlichkei- 
ten wirken in Alexandria. Und das Christentum tritt zuerst in Alexan- 
dria auf, man mochte sagen, wie in seiner entarteten Kindheitsstufe. 

Das Christentum, das berufen ist, das Personliche im Menschen 
immer weiter hinaufzufuhren in das Unpersonliche, es trat gerade in 
Alexandria besonders stark auf. Namentlich wirkten die christlichen 
Personlichkeiten so, dafi wir oftmals den Eindruck haben: es sind in 
ihren Taten schon Vorwegnahmen spaterer Handlungen rein personlich 
wirkender Bischofe und Erzbischofe. So wirkte der Erzbischof Theo- 
philos im 4. Jahrhundert, so wirkte sein Nachfolger und Verwandter, 
der heilige Kyrillos. Wir konnen sie sozusagen nur beurteilen von ihren 
menschlichen Schwachen aus. Das Christentum, das das Grofite der 
Menschheit geben soil, zeigt sich zuerst in seinen allergroftten Schwa- 
chen und von seiner personlichen Seite. Aber es sollte in Alexandria ein 
Wahrzeichen vor die ganze Entwickelung der Menschheit hingestellt 
werden. 

Da haben wir wiederum eine solche Projektion von friiherem Spiri- 
tuellerem auf den aufieren physischen Plan. Es gab eine wunderbare 
Personlichkeit in den alten orphischen Mysterien; sie machte die Ge- 
heimnisse dieser Mysterien durch; sie gehorte zu den allersympathisch- 
sten, zu den allerinteressantesten Schiilern der alten griechischen 



orphischen Mysterien. Sie war gut vorbereitet, namentlich durch eine 
gewisse keltische Geheimschulung, die sie in friiheren Inkarnationen 
durchgemacht hatte. Diese Individualitat hat mit einer tiefen Inbrunst 
die Geheimnisse der orphischen Mysterien gesucht. Das sollte ja an der 
eigenen Seele durchlebt werden von den Schiilern der orphischen Ge- 
heimnisse, was in dem Mythos enthalten ist von dem Dionysos Zagreus, 
der von den Titanen zerstiickelt wird, dessen Leib aber Zeus zu einem 
hoheren Leben emporfuhrt. Als ein individuelles menschliches Erlebnis 
sollte es gerade von den Orphikern nacherlebt werden, wie der Mensch 
dadurch, dafi er einen gewissen Mysterienweg durchrnacht, sozusagen 
sich auslebt in der aufieren Welt, mit seinem ganzen Wesen zerstiickelt 
wird, aufhort, sich in sich selber zu finden. 

Wahrend es sonst eine abstrakte Erkenntnis ist, wenn wir auf die 
gewohnliche Art und Weise die Tiere, Pflanzen, Mineralien erkennen, 
weil wir aufierhalb ihrer bleiben — so raufi derjenige, der eine wirkliche 
Erkenntnis im okkulten Sinn erlangen will, sich so iiben, wie wenn er in 
den Tieren, Pflanzen, Mineralien, in Luft und Wasser, in Quellen und 
Bergen, in den Steinen und Sternen, in den anderen Menschen darinnen 
ware, wie wenn er eins ware mit ihnen. Und dennoch mufi er die starke 
innere Seelenkraft entwickeln als Orphiker, um wiederhergestellt als 
ganz in sich geschlossene Individualitat zu triumphieren iiber die Zer- 
stuckelung in der aufleren Welt. Es gehorte in einer gewissen Weise zum 
Hochsten, was man an Einweihungsgeheimnissen hat erleben konnen, 
wenn dasjenige, was ich Ihnen eben angedeutet habe, menschliches 
Erlebnis geworden war. Und viele Schuler der orphischen Mysterien 
haben solche Erlebnisse durchgemacht, haben auf diese Weise ihre Zer- 
stuckelung in der Welt erlebt und haben damit das Hochste durch- 
gemacht, was in vorchristlichen Zeiten als eine Art Vorbereitung fur 
das Christentum hat erlebt werden konnen. 

Zu den orphischen Mysterienschulern gehort unter anderen auch die 
sympathische Personlichkeit, die nicht mit einem aufieren Namen auf 
die Nachwelt gekommen ist, die sich aber deutlich zeigt als ein Schuler 
der orphischen Mysterien, und auf die ich jetzt hindeute. Schon als 
Jiingling und dann viele Jahre hindurch war diese Personlichkeit mit 
all den griechischen Orphien eng verbunden. Sie hat gewirkt in der- 



jenigen Zeit, die der griechischen Philosophic vorangegangen ist und 
die nicht mehr in den Geschichtsbiichern der Philosophic aufgezeichnet 
ist; denn das, was mit Thales und Heraklit aufgezeichnet ist, das ist ein 
Nachklang von dem, was die Mysterienschiiler friiher in ihrer Art 
gewirkt haben. Und zu diesen Mysterienschiilern gehort derjenige, von 
dem ich Ihnen jetzt eben spreche als einem Schiiler der orphischen 
Mysterien, der dann wiederum zu seinem Schiiler hatte jenen Phere- 
kydes von Syros, der in dem Miinchner Zyklus «Der Orient im Lichte 
des Okzidents» vom vorigen Jahre angefuhrt worden ist. 

Sehen Sie, diese Individualist, die in jenem Schiiler der orphischen 
Mysterien war, sie finden wir durch Forschung in der Akasha-Chronik 
wiederverkorpert im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Wir 
finden sie in ihrer Wiederverkorperung hineingestellt mitten in das 
Treiben der Kreise von Alexandria, wobei umgesetzt sind die orphischen 
Geheimnisse in personliche Erlebnisse, freilich hochster Art. Es ist merk- 
wiirdig, wie das alles bei der Wiederverkorperung in personliche Erleb- 
nisse umgesetzt war. Am Ende des 4. Jahrhunderts der nachchristlichen 
Zeit als die Tochter eines grofien Mathematikers, des Theon, sehen wir 
diese Individuality wiedergeboren. Wir sehen, wie in ihrer Seele alles 
das auflebt, was man durchleben konnte von den orphischen Mysterien 
an der Anschauung der grofien, mathematischen, lichtvollen Zusam- 
menhange der Welt. Das alles war jetzt personliches Talent, personliche 
Fahigkeit. Jetzt brauchte selbst diese Individuality einen Mathema- 
tiker zum Vater, um etwas vererbt zu erhalten; so persdnlich mufken 
diese Fahigkeiten sein. 

So blicken wir zuriick auf Zeiten, wo der Mensch noch in Zusam- 
menhang war mit den geistigen Welten wie bei jener orphischen Per- 
sonlichkeit, so sehen wir ihr Schattenbild unter den jenigen, die da 
lehrten in Alexandria an der Grenzscheide des 4. zum 5. Jahrhundert. 
Und noch nichts hatte diese Individualist auf genommen von dem, was, 
man konnte sagen, die Menschen damals iiber die Schattenseiten des 
christlichen Anfangs hinwegsehen liefS; denn zu grofS war noch in dieser 
Seele alles das, was ein Nachklang war aus den orphischen Mysterien, 
zu grofi, als da!5 es von jenem anderen Licht, dem neuen Christus- 
Ereignis, hatte erleuchtet werden konnen. Was als Christentum rings- 



herum auf trat, etwa in Theophilos und Kyrillos, das war wahrhaf tig so, 
dafi jene orphische Individualitat, die jetzt einen personlichen Charak- 
ter angenommen hatte, Grofteres und Weisheitsvolleres zu sagen und 
zu geben hatte als diejenigen, die das Christentum in jener Zeit zu 
Alexandria vertraten. 

Vom tief sten Hafi erfiillt waren Theophilos sowohl als auch Kyrillos 
gegen alles, was nicht christlich-kirchlich war in dem engen Sinn, wie es 
gerade diese beiden Erzbischofe aufgefafit haben. Ganz personlichen 
Charakter hatte das Christentum da angenommen, so einen Personlich- 
keitscharakter, dafi diese beiden Erzbischofe sich personliche Soldlinge 
anwarben. Uberall wurden die Menschen zusammengeholt, die sozu- 
sagen Schutztruppen der Erzbischofe bilden sollten. Auf Macht im 
personlichsten Sinn kam es ihnen an. Und was sie ganz beseelte, das 
war der Hafi gegen das, was aus alten Zeiten herriihrte und doch so viel 
grower war als das in einem Zerrbild erscheinende Neue. Der tiefste 
Ha£ lebte in den christlichen Wiirdentragern Alexandriens namentlich 
gegen die Individualitat des wiedergeborenen Orphikers. Und daher 
brauchen wir uns nicht zu verwundern, dafi die wiederverkorperte 
Orphiker-Individualitat angeschwarzt wurde als schwarze Magierin. 
Und das war geniigend, um den ganzen Pobel, der als Soldlinge an- 
geworben war, aufzustacheln gegen die hehre, einzigartige Gestalt des 
wiederverkorperten Orpheus-Schiilers. Und diese Gestalt war noch 
jung, und sie war trotz ihrer Jugend, trotzdem sie manches durch- 
zumachen hatte, was auch in der damaligen Zeit einem Weibe durch 
lange Studien hindurch grofie Schwierigkeiten machte, sie war hinauf- 
gestiegen zu dem Lichte, das leuchten konnte iiber alle Weisheit, iiber 
alle Erkenntnis der damaligen Zeiten. Und es war ein Wunderbares, 
wie in den Lehrsalen der Hypatia - denn so hiefi der wiederverkorperte 
Orphiker wie da die reinste, lichtvollste Weisheit in Alexandrien zu 
den begeisterten Horern drang. Sie hat zu ihren Fiifien gezwungen nicht 
etwa nur die alten Heiden, sondern auch solche einsichtsvolle, tief- 
gehende Christen wie den Synesius. Sie war von einem bedeutsamen 
Einflufi und man konnte das in die Personlichkeit umgesetzte Wieder- 
aufleben der alten heidnischen Weisheit des Orpheus in Hypatia in 
Alexandria erleben. 



Und wahrhaftig symbolisch wirkte das Weltenkarma. Was das Ge- 
heimnis ihrer Einweihung ausmachte, es erschien wirklich hineinproji- 
ziert, abgeschattet, auf den physischen Plan. Und damit beriihren wir 
ein Ereignis, das symbolisch wirksam und bedeutend ist fur manches, 
was sich in historischen Zeiten abspielt. Wir beriihren eines jener Ereig- 
nisse, das scheinbar nur ein Martyrertod ist, das aber ein Symbolum ist, 
in dem sich spirituelle Krafte und Bedeutungen aussprechen. 

Der Wut derer, die um den Erzbischof von Alexandrien waren, ver- 
fiel an einem Marztage des Jahres 415 Hypatia. Ihrer Macht, ihrer 
geistigen Macht wollte man sich entledigen. Die ungebildetsten, wilden 
Horden waren hereingehetzt auch von der Umgebung Alexandriens, 
und unter Vorspiegelungen holte man die jungfrauliche Waise ab. Sie 
bestieg den Wagen und auf ein Zeichen machten sich die aufgehetzten 
Leute iiber sie her, rissen ihr die Kleider vom Leibe, schleppten sie in 
eine Kirche und rissen ihr buchstablich das Fleisch von den Knochen. 
Sie zerfleischten und zerstuckelten sie, und die Stiicke ihres Leibes wur- 
den von den durch ihre gierigen Leidenschaften vollig entmenschten 
Massen noch in der Stadt herumgeschleift. Das ist das Schicksal der 
grofien Philosophin Hypatia. 

Symbolisch, mochte ich sagen, ist da etwas angedeutet, das tief zu- 
sammenhangt mit der Griindung Alexanders des Grofien, Alexandriens, 
wenn es auch spat erst nach der Begriindung Alexandriens sich zutragt. 
In diesem Ereignis sind abgespiegelt wichtige Geheimnisse des vierten 
nachatlantischen Zeitalters, das so Grofies, Bedeutendes in sich hatte, 
und das auch dasjenige, was es zeigen mufite als Auflosung des Alten, 
als Hinwegf egung des Alten, in einer so paradox grofiartigen Weise vor 
die Welt hingestellt hat in einem so bedeutsamen Symbolum, wie es die 
Hinschlachtung - anders kann man es nicht nennen - der bedeutendsten 
Frau von der Wende des 4. zum 5. Jahrhundert, der Hypatia, war. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 28.Dezember 1910 



Es ist gestern einleitend zunachst darauf aufmerksam gemacht worden, 
wie wir gewisse altere geschichtliche Ereignisse der Menschheit nur 
dann richtig verstehen konnen, wenn wir nicht bloft auf die Krafte und 
Fahigkeiten der Personlichkeiten selbst blicken, sondern wenn wir vor- 
aussetzen, dafi durch die betreffenden Personlichkeiten, wie durch 
Werkzeuge hindurch, Wesenheiten wirken, die sozusagen ihre Taten 
aus hoheren Welten herunterstromen lassen in unsere Welt. Wir miissen 
uns vorstellen, dafi diese Wesenheiten hier in unserer Welt nicht un- 
mittelbar angreifen konnen an unsere physischen Dinge, bei unseren 
physischen Tatsachen, weil sie wegen ihrer gegenwartigen Entwicke- 
lungsstufe sich nicht in einem physischen Leibe verkorpern konnen, der 
seine Elemente aus unserer physischen Welt nimmt. Wollen sie daher 
wirken innerhalb unserer physischen Welt, dann miissen sie sich des 
physischen Menschen bedienen, seiner Hand, aber auch seines Ver- 
standes, seiner Auffassungsfahigkeiten. Wir finden den Einflufi und 
die Einwirkung solcher Wesenheiten der hoheren Welten um so deut- 
licher ausgepragt, je weiter wir zuriickgehen in den Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung. Man darf aber nicht etwa glauben, dafi dieses Her- 
unterstromen von Kraften und Wirkungsweisen aus den hoheren Wel- 
ten in die physische Welt durch Menschen bis in unsere Zeit herein 
jemals aufgehort habe. 

Fur den Geisteswissenschaf ter, der, wie wir es seit Jahren nun schon 
entfalten konnten, in sich aufgenommen hat, was unser Empfinden und 
unser Vorstellen hinfuhrt zu derVoraussetzung der hoheren Welten, fur 
den wird ja eine solche Tatsache, wie sie eben charakterisiert worden 
ist, gewifi von vorneherein etwas Verstandliches haben, denn er ist 
gewohnt, sozusagen die Verbindungsfaden immer zu ziehen, die unsere 
Erkenntnis, unser Denken, unseren Willen mit den Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien verkniipfen. Aber der Geisteswissenschafter 
kommt ja zuweilen auch in die Lage, sich wehren zu miissen gegeniiber 
den materialistischen Vorstellungen, die nun schon einmal in unserer 



Gegenwart vorhanden sind, gegeniiber den Vorstellungen, die es den 
Menschen, die der spirituellen Entwickelung fernestehen, unmoglich 
machen, irgendwie auch nur einzugehen auf das, was iiber dasHerunter- 
wirken hoherer Welten in unsere physische Welt gesagt werden mufi. 

In unserer Zeit gehort es ja im Grunde genommen schon zu den ver- 
alteten Anschauungen, wenn man nur von dem Waken abstrakter Ideen 
innerhalb der Menschheitsereignisse, innerhalb der Geschichte spricht. 
Schon das gilt heute manchen Menschen fiir etwas ganz Unerlaubtes 
gegeniiber wahrer Wissenschaftlichkeit, wenn man davon spricht, dafi 
gewisse Ideen, abstrakte Ideen, die eigentlich im Grunde doch nur in 
unserem Verstande leben konnen, dafi diese sich ausleben in den auf- 
einanderfolgenden Epochen der Geschichte. Einen letzten Schein sozu- 
sagen von Glauben an solche abstrakte Ideen — von denen man aller- 
dings nicht begreifen kann, wie sie wirken sollen, da es doch abstrakte 
Ideen sind -, wenigstens einen gewissen letzten Schein von Glauben an 
solche abstrakte Ideen hat ja im 19. Jahrhundert selbst die Geschichts- 
schreibung des Ranke noch gehabt. Aber auch dieser Glaube an wir- 
kende Ideen der Geschichte wird nach und nach von unserer fort- 
schreitenden materialistischen Entwickelung iiber Bord geworf en, und 
es gilt heute in gewisser Beziehung auch der Geschichte gegeniiber fiir 
das Zeichen eines aufgeklarten Kopfes, wenn man lediglich daran 
glaubt, daf5 alles, was die Epochen charakterisiert, was in den Epochen 
aufgetreten ist, im Grunde genommen nur durch das Zusammenfliefien 
physisch anschaulicher aufierer Taten entsteht, aufierer Bediirfnisse, 
aufSerer Interessen und eben Ideen der physischen Menschen. Die Zeit 
ist ja heute schon voriiber, in der noch in einer gewissen Weise wie durch 
Inspiration solche Geister wie etwa Herder die Entwickelung derf 
Menschheitsgeschichte so dargestellt haben, dafi man iiberall merkt: 
es liegt wenigstens die Voraussetzung lebendiger Machte, lebendiger 
ubersinnlicher Machte zugrunde, die sich durch die Taten der Men- 
schen, durch das Leben der Menschen aufiern. Und wer ein ganz ge- 
scheiter Kopf heute sein will, wird sagen: Na, so ein Mensch wie 
Lessing hat ja manche recht verniinftige Idee gehabt, aber dann kam er 
am Ende seines Lebens auf so konfuses Zeug, wie er es in seiner «Erzie- 
hung des Menschengeschlechts» geschrieben hat, wo er sich nicht anders 



mehr zu helfen wufite, als die strenge Gesetzmafiigkeit im Flusse des 
historischen Werdens an die Idee der Wiederverkorperung zu kniipfen. 
In den letzten Satzen seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» hat 
ja Lessing in der Tat zura Ausdruck gebracht, was die Geisteswissen- 
schaft aus den okkulten Tatsachen heraus schildert: dafi Seelen, die in 
alten Epochen gelebt haben, die da aufgenommen haben die lebendig 
wirksamen Krafte, diese Krafte heriibertragen in ihre neuen Verkor- 
perungen, so dafi nicht ein abstrakter, nicht blofi ein ideenhafter Fort- 
flufi vorhanden ist, sondern ein wirklicher, ein realer Fortflufi des 
Geistes hinter dem materiellen Geschehen. Wie gesagt, ein gescheiter 
Kopf wird sagen: Da ist er im Alter noch auf solche konfuse Ideen 
gekommen wie auf die Wiederverkorperung; iiber die mufi man hin- 
wegsehen. - Das erinnert einen immer wiederum an die so bitter- 
ironische und doch so kluge Notiz, die sich einmal Hebbel in sein Tage- 
buch geschrieben hat, wo er sagt, es ware ein schones Motiv, dafi ein 
Gymnasiallehrer in seiner Schule den Plato durchnimmt, dafi sich der 
wiederverkorperte Plato unter seinen Schulern befindet, und dafi der 
den Plato, wie ihn der Gymnasiallehrer durchnimmt, so schlecht ver- 
steht, dafi der Lehrer ihm arge Strafen auferlegen mufi. 

In bezug auf die historische Auffassung der Menschheitsentwicke- 
lung ist ja von der friiheren geistigen Erfassung gar manches verloren- 
gegangen, und die Geisteswissenschaft wird sich wirklich wehren miis- 
sen gegeniiber dem Ansturm des materialistischen Denkens, das von 
alien Seiten her eindringt und einfach toricht findet, was aus den 
geistigen Tatsachen heraus mitzuteilen ist. Wir haben es ja im Grunde 
genommen recht herrlich weit gebracht, zum Beispiel auch darin, wie 
alle jene gewaltigen Bilder, jene gewaltigen symbolischen Vorstellun- 
gen, welche dem alten hellseherischen Erkennen der Menschen ent- 
f lossen sind und die in den Mythologien, in den Heroengestalten, in den 
Legenden- und Marchengestalten zum Ausdruck kommen, heute Er- 
klarer sonderbarster Art finden. Das Kurioseste auf diesem Gebiete ist 
wohl jenes Biichlein «Orpheus» von Salomon Reinach, das in vielen 
Kreisen Frankreichs in unserer Zeit ein gewisses Aufsehen gemacht hat. 
Da wird alles das, woraus die Ideen der Demeter, des Orpheus, die 
Ideen anderer mythologischer Kreise ausgeflossen sein sollen, zuriick- 



gefiihrt auf rein materialistische Geschehnisse, und manchmal ist es 
urgrotesk, wie die historische Existenz dieser oder jener Gestalt ab- 
geleitet wird, die, sagen wir, hinter dem Hermes oder dem Moses steckt, 
und in welch trivialer Weise diese Gestalten sozusagen aus freier 
Menschheitsdichtung, aus der Phantasie heraus zu erklaren gesucht 
werden. Nach der Methode des Salomon Reinach wiirde es leicht sein, 
nach sechzig bis siebzig Jahren, das heifit, wenn das aufiere Gedachtnis 
an ihn ein wenig verwischt ware, nachzuweisen, dafi es niemals einen 
solchen Reinach gegeben habe, sondern dafi es nur die Volksdichtung 
ist, die die alte Idee vom Reineke Fuchs auf den Salomon Reinach 
iibertragen hat. Das wiirde nach seiner Methode absolut moglich sein. 
So absurd ist das Ganze, was in diesem Buchlein «Orpheus», wie in der 
Vorrede auseinandergesetzt wird, «fur die weitesten Kreise unserer 
gegenwartigen Gebildeten, ja auch fur die jiingsten Kreise» geschrieben 
worden ist! «Fiir die jiingsten Kreise», denn er betont, dafi er alles ver- 
mieden habe - obwohl er nicht vermieden hat, die Idee der Demeter auf 
ein Schwein zuriickzuf uhren -, was Anstofi erregen konnte bei jiingeren 
weiblichen Personlichkeiten. Er verspricht aber, dafi, wenn sein Buch 
den Einf lufi gewinnt, den er erhofft, er dann fur die Mamas eine beson- 
dere Auflage seines Biichleins schreiben wird, welche alles das enthalten 
soli, was man jetzt noch den Tochtern vorenthalten mui So weit haben 
wir es also gebracht. 

Man mochte gerade die Anhanger der Geisteswissenschaft immer 
darauf hinweisen, daf$ es moglich ist, auf rein aufiere Vernunftsgriinde 
hin das Walten geistiger Machte, geistiger Krafte durch Menschen bis 
in unser Jahrhundert herein wirklich zu beweisen, ganz abgesehen von 
der rein okkult-esoterischen Forschung, die uns hier hauptsachlich be- 
schaftigen wird. Aber damit wir uns dariiber verstandigen, wie die 
Geisteswissenschaft eine gewisse Moglichkeit gewinnen kann, rein 
aufierlich das Walten iibersinnlicher Machte in der Geschichte zu ver- 
teidigen, lassen Sie mich auf folgendes hinweisen. 

Wer ein wenig Einblick gewinnt in die Entwickelung der modernen 
Menschheit, wie sie sich vollzogen hat etwa im 14., 15. bis ins 16. Jahr- 
hundert hinuber, der wird wissen, dafi von einer ganz unendlich tief en 
Bedeutung war, wie in diese neuzeitliche aufiere Menschheitsentwicke- 



lung eine bestimmte Personlichkeit historisch eingegriff en hat, von der 
man wirklich, ich mochte sagen, mit aufierlichsten Griinden nachweisen 
kann, dafi durch sie geistig-iibersinnliche Machte gewirkt haben. Man 
kann namlich die Frage aufwerfen, um ein klein wenig Licht hinzu- 
breiten iiber okkulte Auffassung der Geschichte: Was ware aus der 
Entwickelung des neueren Europa geworden, wenn im Beginne des 
15. Jahrhunderts sich nicht hineingestellt hatte in die Entwickelung das 
Madchen von Orleans, die Jungfrau von Orleans? Derjenige namlich, 
welcher die Entwickelung dieser Zeit einmal auch nur ganz aufierlich 
ins Auge fafit, der mufi sich sagen: Man streiche einmal die Taten der 
Jungfrau von Orleans hinweg aus dem geschichtlichen Werden, dann 
mufi man nach demjenigen, was man rein nach aufieren geschichtlichen 
Forschungen wissen kann, sich klar sein: ohne das Wirken hoherer iiber- 
sinnlicher Machte durch das Madchen von Orleans hatte im 15. Jahr- 
hundert Frankreich, ja ganz Europa tatsachlich eine andere Gestalt 
bekommen miissen. Denn damals ging alles, was sich abspielte in den 
Willensimpulsen, in den Gehirnen der physischen Kopfe, dahin, Eu- 
ropa sozusagen zu iiberziehen durch alle Staaten hindurch mit einer die 
Volkerindividualitaten ausstreichenden und ausloschenden allgemeinen 
Staatsauffassung. Und unter deren Einflufi ware ganz gewifi unendlich 
viel von dem unmoglich geworden, was sich in den letzten Jahrhunder- 
ten durch das Ineinanderspiel der europaischen Volkerindividualitaten 
innerhalb Europas herausgebildet hat. 

Man denke sich einmal die Tat der Jungfrau von Orleans hinweg- 
gestrichen aus der Geschichte, man denke sich Frankreich seinem 
Schicksal iiberlassen, ohne dafi sie eingegriff en hatte, man frage sich: 
Was ware aus Frankreich ohne diese Tat geworden? - Und dann be- 
denke man, welche Rolle Frankreich in den nachf olgenden Jahrhunder- 
ten fur das ganze Geistesleben der Menschheit gespielt hat! Und dazu 
stelle man die nicht hinwegzuleugnende, sondern durch aufiere Doku- 
mente zu belegenden Tatsachen von der Sendung des Madchens von 
Orleans! Man mache sich klar, dafi dieses Madchen mit einer wahr- 
haftig auch im Sinne ihrer Zeit nicht besonders hohen aufieren Bildung 
plotzlich in einem Alter von noch nicht zwanzig Jahren im Herbst 1428 
fiihlt, wie zu ihr sprechen geistige Machte der iibersinnlichen Welten, 



Machte, denen sie allerdings die Formen zuerteilt, die ihr gelaufig sind, 
so dafi sie sie durch die Brille ihrer Vorstellungen sieht; aber das ist kein 
Einwand gegen die Realitat dieser Machte. Stellen Sie sich vor, dafi sie 
weifi: iibersinnliche Machte lenken ihre Willenskraft nach einem ganz 
bestimmten Punkte hin. Ich erzahle Ihnen zunachst von diesen Tat- 
sachen nicht, was durch die Akasha-Chronik erzahlt werden kann, 
sondern nur das, was aktenmafiig, rein historisch festgestellt ist. 

Wir wissen, dafi dieses Madchen von Orleans sich zunachst einem 
Verwandten geoffenbart hat, bei dem sie - man mochte fast sagen zu- 
fallig - Verstandnis gefunden hat; dafi sie nach mancherlei Umwegen 
und Schwierigkeiten in das Hoflager des Konigs Karl gefiihrt wurde, 
der mit dem ganzen f ranzosischen Heerwesen sozusagen am Ende seines 
Witzes angelangt war; und wir wissen, dafi sie, nachdem man ihr alles 
Erdenkliche in den Weg gelegt hatte, zuletzt unter einer ganzen Menge 
von Leuten, in die Konig Karl so hineingestellt war, dafi er durchaus 
nicht fur aufiere Augen zu unterscheiden war, ihn richtig herausgefun- 
den hat, indem sie kurzweg auf ihn losgegangen ist. Man weifi auch, 
dafi sie ihm dazumal etwas anvertraut hat — er wollte sie dadurch prii- 
fen wovon man sagen kann, dafi nur er allein und die ubersinnlichen 
Welten das Entsprechende gewufit haben. Und Sie wissen ja vielleicht 
aus der aufieren Geschichte, wie dann sie es war, die unter den fort- 
wahrenden Impulsen und unter dem fortwahrenden Eindruck ihres 
starken Glaubens - man wiirde besser sagen, durch ihr unmittelbares 
Schauen - die Heere unter den grofiten Schwierigkeiten zum Siege 
fuhrte und den Konig zur Kronung. 

Wer hat dazumal eingegriffen in den Gang der historischen Ent- 
wickelung? Doch niemand anders als Angehorige hoherer Hierarchien! 
Das Madchen von Orleans war ein aufieres Werkzeug dieser Wesen- 
heiten, und sie, diese Wesenheiten der hoheren Hierarchien, haben die 
Taten der Geschichte gelenkt. Es mag ja sein, dafi irgendein Verstand 
sich sagt: Hatte ich sie gelenkt, so hatte ich sie kluger gelenkt -, weil er 
dieses oder jenes, was geschehen ist in dem Auf treten der Jungfrau von 
Orleans, seinemDenken nicht angemessen findet. Anhanger der Geistes- 
wissenschaft sollen aber nicht Gottertaten durch Menschenverstand 
korrigieren wollen, was ja allerdings heute innerhalb unserer sogenann- 



ten Zivilisation uberali vorkommt. Sehen Sie, es haben sich natiirlich 
auch Leute gefunden, welche ganz im Sinne unserer heutigen Zeit die 
Geschichte der modernen Welt sozusagen entlasten wollten von den 
Taten der Jungfrau von Orleans. Und ein fur unsere heutige Zeit cha- 
rakteristisches Werk nach dieser materialistischen Richtung hin hat 
Anatole France geschrieben. Man mochte eigentlich doch nur wissen, 
wie sich das materialistische Denken abfindet mit Mitteilungen, welche 
wahrhaftig - und ich rede immer noch von Dokumenten der aufteren 
Geschichte - recht gut begriindet sind. So mochte ich, weil wir gerade 
hier an diesem Orte sind und ich manchmal gerne Riicksicht nehme auf 
lokale Verhaltnisse, Ihnen anfiihren ein Dokument, auf das man sich 
schon einmal hier berufen hat. 

Die Stuttgarter wissen gewifi, dafi hier an diesem Orte einmal ein 
bedeutender Evangelienforscher gelebt hat. Man braucht als Geistes- 
wissenschafter durchaus nicht einverstanden zu sein mit dem auch 
mancherlei recht Gescheiten, das Gfrdrer - so hiefi der Evangelien- 
forscher - in seiner Evangelienforschung dargeboten hat, und man 
kann ganz sicher sein, dafi Gfrorer, wenn er horte, was jetzt auf dem 
Gebiete der Geisteswissenschaft verkundet wird, diejenige Redensart 
gebrauchen wiirde, die er oftmals gebraucht hat fur seine Gegner, die er 
mit seiner Starrkopfigkeit durchaus nicht immer leicht angelassen hat: 
die Redensart, dafi dieseTheosophen auch solche Leute seien, «bei denen 
es unter dem Hute nicht recht richtig ist». Deshalb aber war doch dazu- 
mal die Zeit noch nicht gekommen, wo man sozusagen in rein materia- 
listischer Weise iiber historische Dokumente hinweggehen kann, wie 
man das heute macht, wenn diese historischen Dokumente Tatsachen 
betreffen, die unbequem sind, die augenscheinlich das Wirken leben- 
diger hoherer Krafte innerhalb unserer physischen Welt anzeigen. Und 
so mochte ich heute auch wiederum ein kleines Dokument zitieren, einen 
Brief, der in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts veroffentlicht wor- 
den ist. Ich mochte Ihnen nur einige Stellen vorlesen, so wie sich dazu- 
mal zur Rechtfertigung seines Glaubens Gfrorer auf diesen Brief 
berufen hat. Ich mochte Ihnen eine Stelle aus einer Charakteristik der 
Jungfrau von Orleans vorlesen und Sie dann fragen, was eine solche 
lebendige Schilderung bedeutet. 



Nachdem der Schreiber dieses Briefes, auf den sich Gfrorer beruft, 
aufgezahlt hat, was die Jungfrau von Orleans vollbracht hat, fahrt 
er fort: 

«Dieses und vieles andere hat die Jungfrau (von Orleans) vollfiihrt 
und mit Gottes Hilfe wird sie noch Grofteres verrichten. Das Magdelein 
ist von anmutiger Schonheit und besitzt mannliche Haltung, es spricht 
wenig und zeigt eine wunderbare Klugheit; in seinen Reden hat es eine 
gefallig-feine Stimme nach Frauenart. Es iftt maftig, noch maftiger 
trinkt es Wein. An schonen Rossen und Waffen hat es sein Gefallen. 
Bewaffnete und edle Manner liebt es sehr. Die Zusammenkunft und das 
Gesprach mit vielen ist der Jungfrau zuwider; sie flieftt oft von Tranen 
iiber, liebt ein frohliches Gesicht, erduldet unerhorte Arbeit, und in der 
Fuhrung und Ertragung der Waffen ist sie so beharrlich, daft sie sechs 
Tage lang Tag und Nacht ohne Unterlaft vollstandig gewappnet bleibt. 
Sie spricht: Die Englischen hatten kein Recht an Frankreich, und 
darum habe sie, wie sie sagt, Gott gesandt, auf daft sie jene austreibe und 
iiberwinde, jedoch erst nach vorher geschehener Mahnung. Dem Konig 
erweist sie die hochste Verehrung; sie sagt, er sei von Gott geliebt und in 
besonderem Schutze, weshalb er auch erhalten werden wiirde.VomHer- 
zog von Orleans, EuremNef fen, sagt sie, er werde auf wunderbare Weise 
befreit werden, jedoch erst, nachdem zuvor eine Mahnung an die Engli- 
schen, die ihn gefangenhalten, zu seiner Befreiung geschehen sein werde. 

Und damit ich, erlauchter Fiirst, meinem Bericht ein Ende mache: 
Noch Wunderbareres geschieht und ist geschehen, als ich Euch schreiben 
oder mit Worten ausdriicken kann. Wahrend ich dieses schreibe, ist die 
genannte Jungfrau schon nach der Gegend der Stadt Rheims in Cham- 
pagne gezogen, wohin der Konig eilends zu seiner Salbung und Kronung 
unter Gottes Beistand aufgebrochen ist. Erlauchtester und Groftmach- 
tigster Fiirst und mein hochst zu verehrender Herr! ich empfehle mich 
Euch sehr demiitig, indem ich den Allerhochsten bitte, daft er Euch be- 
hiite und Eure Wiinsche erfiille. 

Geschrieben Biteromis am 21. Tage des Monats Junius. 

Euer demiitiger Diener Percival, Herr von Bonlamiulk, Rat und 
Kammerer des Konigs der Franzosen und des Herrn Herzogs von Or- 
leans, Seneschal des Konigs, gebiirtig aus Berry. » 



Einer, der das Madchen kennt, schreibt aus unmittelbarer Nahe des 
Konigs diesen Brief. Es ist in der Tat dann erstaunlich, wenn aus rein 
okkulten Griinden und Beweismitteln heraus man alle diese Sachen 
wiederfinden mufi - denn sie sind auf findbar in der Akasha-Chronik - 
und sieht, wie gerade in solchen Fallen man auch aufierlich geschicht- 
liche Dokumente durchaus beibringen kann. Kurz, es erscheint einem 
fast wahnsinnig, an dem zu zweifeln, was durch die Jungfrau von 
Orleans wirkte. Und wenn wir dann noch in Betracht ziehen, dafi 
durch ihre Taten die ganze Geschichte der neueren Zeit ein anderes 
Gesicht bekommen hat, so gibt uns das ein Recht zu sagen, dafi wir hier 
unmittelbar hereinwirken sehen, aufierlich dokumentarisch belegbar, 
die ubersinnliche Welt. Wenn dann der Geistesforscher weitergeht und 
Umschau halt auf seine Art nach dem eigentlichen Inspirator, der auf 
die Jungfrau von Orleans gewirkt hat, dann findet er, durchforschend 
die aufeinanderfolgenden Zeiten, etwas ganz Merkwiirdiges. Er findet, 
wie derselbe Geist, der durch die Jungfrau von Orleans als sein Werk- 
zeug dazumal gewirkt hat, sozusagen in ganz anderer Form, in ganz 
anderer Art inspirierend auch auf eine andere Personlichkeit gewirkt 
hat, die als Philosoph am Hofe Karls des Kahlen lebte: Scotus Erigena, 
durch dessen philosophisch-theologische Ideen in einem friihen Zeit- 
raum Europa so tief beeinflufk worden ist. Und so sehen wir, dafi die- 
selben Machte in verschiedenen Epochen in verschiedener Art durch 
Menschen als durch ihre Werkzeuge wirken; dafi Kontinuitat, fort- 
laufendes Geschehen ist in dem, was wir Geschichte nennen. 

Nun habe ich Ihnen gestern gezeigt, wie in einem bedeutsamen 
Mythos aus der babylonisch-chaldaischen Zeit hingewiesen wird auf 
das Hereinwirken der geistigen Welten auf Menschen, von denen vieles 
im Verlauf der Geschichte abhing fur den dritten unserer nachatlan- 
tischen Zeitraume, wie den Verlauf des ganzen geschichtlichen Werdens 
im alten Chaldaa, im alten Babylonien. Wir miissen aber allerdings jetzt 
auch vom Standpunkt der okkulten Wissenschaf t die beiden Personlich- 
keiten betrachten, die sich hinter den sagenhaften Namen Gilgamesch 
und Eabani verbergen. Okkult-historisch haben wir in ihnen Person- 
lichkeiten zu sehen, die am Ausgangspunkt dessen stehen, was wir 
babylonische, was wir chaldaische Kultur nennen. Was von ihnen hat 



kommen konnen an Impulsen, das finden wir wieder in der Entwicke- 
lung der eigentlich geistigen Kultur des alten Babyloniens und Chal- 
daas. Nun war Gilgamesch eine solche Personlichkeit, welche viele 
Inkarnationen in der Art hinter sich hatte, dafi man gewissermaften 
diese Personlichkeit als eine alte Seele innerhalb der Menschheits- 
entwickelung bezeichnen kann. 

Sie wissen ja aus der Darstellung in meiner «Geheimwissenschaft im 
Umrifi», dafi wahrend des lemurischen Zeitraums der Erdentwickelung 
nur ganz wenige Menschen die Ereignisse der Erdentwickelung auf der 
Erde selbst sozusagen iiberdauert haben, dafi nur wenige auf der Erde 
blieben wahrend des lemurischen Zeitraums; dafi die Mehrzahl der 
Seelen, bevor die eigentliche Gefahr der Mumifizierung alles Mensch- 
lichen begann, sich von der Erde hinweghob nach anderen Planeten und 
weiterlebte auf Mars, Saturn, Venus, Jupiter und so weiter; dafi dann 
vom Ende des lemurischen Zeitraums an und wahrend des atlantischen 
Zeitraums nach und nach diese Seelen wieder herunterkamen auf die 
Erde, um unter den veranderten irdischen Verhaltnissen sich in irdi- 
schen Leibern zu verkorpern und in immer neuen Inkarnationen zu 
erscheinen. Da haben wir also solche Seelen, die verhaltnismafiig f riih 
heruntergekommen sind aus der Planetenwelt, und andere, die spat, 
erst in spaten Zeitraumen der atlantischen Entwickelung niederge- 
stiegen sind. Die ersteren Seelen, die also friiher heruntergekommen 
sind, haben mehr Inkarnationen innerhalb der Erde hinter sich als die 
spater herniedergestiegenen, und diese konnen wir daher im Gegensatz 
zu den ersteren, jiingere Seelen nennen, Seelen, die also weniger in sich 
aufgenommen haben. 

Eine alte Seele war diejenige Individualitat, die sich hinter dem 
Namen Gilgamesch verbirgt, und eine jiingere, die in Eabani verkorpert 
war am Ausgangspunkte der babylonischen Kultur. Ja, in bezug auf 
dieses Jiingere oder Altere der menschlichen Seelen zeigt sich - man 
mochte fast sagen selbst zur Oberraschung des Okkultisten - etwas sehr 
Merkwiirdiges. Wenn zum Beispiel irgend jemand heute es so weit ge- 
bracht hat, dafi er die Wahrheiten der Geisteswissenschaft ein wenig 
zugibt, sonst aber noch immer an den Vorurteilen und Werturteilen der 
aufieren Welt hangt, dann wird es ihm ja plausibel erscheinen, dafi zum 



Beispiel Philosophen- oder Gelehrtenseelen unserer heutigen Zeit zu den 
alteren Seelen gerechnet werden miissen. Die okkulte Forschung ergibt 
das gerade Gegenteil, so sonderbar es klingt, und es ist fur den Okkul- 
tisten selbst iiberraschend, dafi zum Beispiel in Kant eine junge Seele 
lebte. Ja, die Tatsachen sagen es, da ist nichts dagegen zu machen. Und 
man konnte nun darauf hinweisen, dafi die jungeren Seelen sich aller- 
dings in der Mehrzahl in den farbigen Rassen verkorpern, dafi also die 
farbigen Rassen, namentlich die Negerrasse, vorzugsweise jiingere See- 
len zur Verkorperung bringen. Aber gerade das Eigentumliche jener 
menschlichen Denkungsart, die sich in Gelehrsamkeit, in der heutigen 
materialistischen Wissenschaft auslebt, die bedingt jiingere Seelen. Und 
es ist sogar nachweisbar, dafi bei mancher Personlichkeit, bei der man 
es gar nicht voraussetzen wiirde, die vorhergehende Inkarnation durch- 
aus bei den Wilden liegt. Ja, das sagen wieder die Tatsachen! Das alles 
mufi durchaus festgehalten werden, es ist so. Das nimmt natiirlich den 
Urteilen, die wir iiber unsere Umwelt haben, nichts von ihrer Bedeu- 
tung, nichts von ihrem Werte; dennoch mufi es erfafit werden zum 
Gesamtverstandnis dessen, um was es sich handelt. In diesem Sinne 
haben wir es mit Eabani im alten Babylonien zu tun mit einer jungen 
Seele, in Gilgamesch mit einer alten Seele. Eine solche alte Seele, die 
wird ihrer ganzen Natur nach fruh erfassen, was gewissermafien nicht 
nur Kulturelement, Kulturfaktor der Gegenwart ist, sondern was als 
Kultureinschlag in die Gegenwart hereinfallt und weit hinausblicken 
lafit in die Perspektive der Zukunft. 

Es mag sich ja allerdings mancher dagegen verwahren, wenn man 
ihm plausibel machen wiirde, dafi die oftmals von ihm so inferior ge- 
haltenen Theosophen zumeist altere Seelen sind als diejenigen, die aka- 
demische Vortrage halten. Aber die Forschung zeigt es, und wenn auch 
die geistige Forschung nicht etwa dazu mifibraucht werden soil, die 
Werturteile umzustofien und Spott zu treiben mit dem, was einmal der 
Einschlag unserer Kultur ist, so mufi man doch der Wahrheit streng ins 
Auge schauen. So war denn Gilgamesch eine Personlichkeit, die es ver- 
moge ihrer Seelenkonstitution mit demjenigen hielt, was zu den fort- 
geschrittensten Geisteselementen und Geistesfaktoren der damaligen 
Zeit gehorte, was fur die damalige Zeit weit hineinleuchtete in die 



Zukunft, und was auch damals mir erreicht werden konnte dadurch, 
dafi eine solche Personlichkeit eine Art Initiation durchmachte. In einer 
gewissen Initiation, in einer Mitteilung dessen, was man nur durch die 
Initiation empf angen kann, sollte dem Gilgamesch gegeben werden, was 
ihn befahigte, Fermente fiir die babylonische Kultur zu liefern. Also 
eine Einweihung sollte er bis zu einem gewissen Grade durchmachen. 

Betrachten wir ihn einmal, diesen Gilgamesch, wie er sich in die 
Menschheitsentwickelung hineinstellen mufite vor dieser Einweihung. 
Da war er ein Mensch des dritten nachatlantischen Zeitraumes. In die- 
sem Zeitraume aber war fiir das natiirliche menschliche Hellsehen, fiir 
das, was der Mensch konnte und vermochte durch seine natiirlichen 
Krafte, dazumal schon die Abenddammerung gekommen. Das war 
nicht mehr in dem Grade vorhanden, dafi die Menschen in grofierer 
Anzahl zuriickschauen konnten in ihre friiheren Inkarnationen. "Wenn 
wir weiter zuriickgehen in den zweiten, in den ersten nachatlantischen 
Zeitraum, da wiirden wir finden, dafi die Mehrzahl der Menschen auf 
unserer Erde noch zuriickschauen konnten in ihre friiheren Inkarnatio- 
nen, in das Verfliefien ihres Seelenlebens vor ihrer gegenwartigen Ge- 
burt. Aber das war allmahlich verloren worden. Bei Gilgamesch war 
die Sache so, dafi von vornherein diejenige Wesenheit, die sich durch 
ihn offenbaren sollte und die sich nur offenbaren konnte durch ihn, 
indem sie ihn nach und nach zu einer Art Initiation fiihrte, dafi diese 
Wesenheit sozusagen immer ihre Hand iiber ihn hielt. Sie stellte ihn hin 
auf den Platz, durch den er seine eigene Stellung in der Weltgeschichte 
beurteilen lernte. Es wurde sozusagen durch Ereignisse ubersinnlicher 
Art, welche uns in dem Mythos, den ich gestern angefiihrt habe, in 
Bildern entgegentreten, ihm ein Freund an die Seite gegeben, ein Freund, 
dessen Barbarei, dessen Unzivilisiertheit uns dadurch angedeutet wird, 
dafi er halb tierisch an aufierer Gestalt ist. Es wird gesagt, dafi dieser 
Freund Tierfelle am Leibe trug, das heifit, dafi er sozusagen noch wie die 
Menschen des Urzustandes behaart war, dafi seine Seele so jung war, 
dafi sie einen Leib sich aufbaute, der den Menschen noch in verwilderter 
Gestalt zeigt. So hatte Gilgamesch, der fortgeschrittenere, in Eabani 
einen Menschen neben sich, der durch seine junge Seele und seine da- 
durch bedingte Leibesorganisation noch ein altes Hellsehen hatte. Um 



sich selber zu orientieren, war ihm dieser Freund beigegeben worden. 
Mit Hilfe dieses Freundes gelang es ihm dann, gewisse Dinge auszu- 
fiihren, wie, sagen wir, die Zuriickftihrung jener geistigen Macht, die 
uns wiederum im Mythos unter dem Bilde der Stadtgottin von Erek, 
Ischtar, dargestellt wird. Ich habe Ihnen gesagt, dafi die Stadtgottin 
gestohlen worden war von der Nachbarstadt und daft daher die beiden, 
Gilgamesch und Eabani, Krieg begannen gegen die Nachbarstadt, den 
Konig dieser Nachbarstadt besiegten und die Stadtgottin wieder zu- 
ruckfuhrten. 

Wenn man solche Dinge, die uns in diesen alten Mythen dargestellt 
werden, richtig historisch verstehen will, dann mufi man schon auf die 
okkulten Hintergriinde der Sache eingehen. Es verbirgt sich ja hinter 
diesem Raube der Stadtgottin etwas Ahnliches wie hinter dem Raube 
der Helena, die nach Troja entfiihrt wird durch Paris. Wir miissen uns 
dariiber klar sein, dafi es durchaus auf guten Griinden beruht, was in 
meiner kleinen Schrift «Blut ist ein ganz besonderer Saft» ausgefuhrt 
ist. Da werden Sie hingewiesen darauf, dafi in den Volkern der alten 
Zeit ein gewisses Gesamtbewufitsein vorhanden war, dafi der Mensch 
nicht nur sein personliches Ich empfand innerhalb seiner Haut, sondern 
daft er sich als ein Glied des Stammes, der Stadtgemeinschaft empfand. 
So wie die einzelne menschliche Seele als Zentralfaktor fiir unsere 
Finger, Zehen, Hande, Beine, die zusammengehoren, fiir unseren gan- 
zen Organismus empfunden wird, so fuhlte sich der Mensch in alten 
Zeiten gegeniiber der Gruppenseele wie ein Glied, dem er zugehorte. 
So etwas war in alteren Zeiten noch in den alten Stadtgemeinden, selbst 
in Griechenland, vorhanden. Ein gemeinschaftlicher Geist, eine Volks- 
Ichheit, eine Stammes-Ichheit, lebte und webte durch die einzelnen 
Volkspersonlichkeiten hindurch. Aber dasjenige, was zum mensch- 
lichen Bewufitsein kommen konnte von einer solchen gemeinsamen 
Ichheit, das mufite gewissermafien in Mysterien, in geheimen Tempel- 
statten verwaltet werden. Da waren die alten Mysterienpriester und 
verwalteten die gemeinsamen spirituellen Angelegenheiten einer Stadt 
oder eines Stammes. Und man spricht nicht blofi figiirlich, sondern in 
einer gewissen Weise real und richtig, wenn man sagt, eine solche Tem- 
pelstatte war wirklich wie eine Wohnung fiir das Stadt-Ich, fiir die 



Gruppenseele. Da hatte sie ihren zentralen Wohnsitz und die Tempel- 
priester waren ihre Diener. Sie waren diejenigen, welche die Auftrage 
dieser Gruppenseele durch Inspiration empfingen — was man Orakel 
nannte - und sie hinaustrugen in die Welt, damit dieses oder jenes ge- 
schehe; denn die Orakel sind ja damals durchaus in dem Sinne aufzu- 
fassen, den ich Ihnen jetzt charakterisiert habe. 

Nun war die Verwaltung solcher Tempelstatten mit gewissen Ge- 
heimnissen verbunden, und viele Kampfe in den alten Zeiten spielten 
sich so ab, dafi die Tempelpriester einer Stadt von der Nachbarstadt als 
Gef angene hinweggeschleppt wurden, dafi also sozusagen mit den Tem- 
pelpriestern die wichtigsten Geheimnisse einer Stadt weggeschleppt 
wurden in die Nachbarstadt. Da haben Sie die reale Tatsache, welche 
dem Bilde entspricht, dafi die Stadtgottin Ischtar, die Volksseele von 
Erek, geraubt wird durch die Nachbarstadt. Die Tempelpriester, die 
Verwalter der Tempelgeheimnisse, waren zu Gefangenen gemacht 
worden, weil die Nachbarstadt hof f te, auf diese Weise in den Besitz der 
heiligen Geheimnisse und damit der Macht der betreffenden Stadt zu 
kommen. Das ist der reale Hintergrund. 

Und solche Dinge konnte Gilgamesch in der Seelenverf assung, in der 
er sich zunachst befand, nicht selber wahrnehmen, weil er nicht hinein- 
sah in diese Zusammenhange. Aber eine jiingere Seele konnte ihm 
sozusagen wie der hellseherische Sinn dienen, der ihm half, den Tempel- 
schatz fiir seine Vaterstadt zuriickzuerobern. Da wurde ihm, dem Gil- 
gamesch, so recht zum Bewufitsein gebracht, dafi es im menschlichen 
Leben gerade in Obergangszeiten so etwas gibt, wie es in der Legende 
von dem Blinden und dem Lahmen dargestellt wird, von denen jeder 
einzelne hilflos ist, die aber zusammen sich weiterbringen, indem der 
Blinde den Lahmen auf die Schulter nimmt und der Lahme dem Blinden 
sein Sehvermogen leiht. Da sehen wir bei Gilgamesch und Eabani ins 
Spirituelle umgesetzt ein solches Zusammenwirken von Menschen ganz 
verschiedener Begabung. Wir treffen das insbesondere in den histori- 
schen Tatsachen der alteren Zeiten auf Schritt und Tritt an. Und es ist 
wichtig, so etwas zu verstehen, denn dann erst kann man verstehen, 
warum uns so oft in Mythen und Sagen Freunde, die gemeinsam etwas 
zu vollbringen haben, vorgefiihrt werden: Freunde, die dann gewohn- 



lich so ungleich sind in bezug auf ihre Seelenverfassung, wie es eben 
Gilgamesch und Eabani waren. Das aber, was Gilgamesch aufierdem 
durch Eabani, seinen Freund, sich fiir seine Seele erobern konnte, das 
war, dafi er gleichsam von Eabani angesteckt wurde mit einer eigenen 
hellseherischen Kraft, so dafi er in gewisser Weise zuriickschauen 
konnte in seine eigenen fruheren Inkarnationen. So lernte Gilgamesch 
wirklich von Eabani das Zuriickschauen in f riihere Inkarnationen. Das 
war etwas, was schon aufierhalb der normalen Fahigkeiten des Gilga- 
mesch lag. Und nun stellen wir uns lebendig vor, wie Gilgamesch 
beeinflufit gewesen sein mochte von diesem Zuriickschauen in seine 
fruheren Inkarnationen. 

Was konnte er sich etwa sagen von dem Tage an, da in seiner Seele 
die Moglichkeit auftauchte, zuriickzublicken in dasjenige, was seine 
Seele durchlebt hatte in friiherer Inkarnation? Das befremdete ihn 
zunachst. Er konnte sich nicht recht in seine eigene Wesenheit hinein- 
finden, wie sie in fruheren Inkarnationen war; er erkannte sich sozu- 
sagen nicht so recht wieder. So wiirde es ja uberhaupt den Menschen 
gehen, wenn sie anfingen, in ihre fruheren Inkarnationen zuriickzu- 
blicken. Da wiirde es meist anders ausschauen als in den Einbildungen, 
die immer wieder und wieder auftreten, wenn gesagt wird, irgendein 
Mensch sei eine Reinkarnation von dieser oder jener Personlichkeit. Da 
kann es einem ja passieren, dafi man irgendeine Personlichkeit findet, 
die eine ganze Reihe von historischen, grofien Namen als diejenigen 
ihrer vorhergehenden Inkarnationen anf iihrt. Es soil sogar ganze Grup- 
pen von Menschen geben, die davon iiberzeugt sind, dafi es in ihren 
fruheren Inkarnationen nichts unter dem Range einer Konigin oder 
einer Prinzessin gibt! — In diesen Dingen, mit denen es so ernst stehen 
sollte, darf eben keine Phantasie obwalten; damit darf kein Unfug ge- 
trieben werden. 

Nun, derjenige, der so wie Gilgamesch damals zunachst auf die 
Reihenfolge seiner Inkarnationen zuriickblickt, der kann wirklich zu- 
weilen auch iiberrascht sein. Er blickte ja zuriick auf Inkarnationen, da 
er noch hineinverwoben war in allerlei Zusammenhange, die durch die 
Gruppenseelenhaftigkeit gegeben waren. Er hatte sich allerdings in 
gewisser Weise fiir seine Person herausgearbeitet aus diesen Zusammen- 



hangen, er hatte auch erst durch Eabani den ganzen Wert erfahren 
konnen dessen, was durch die Stadtgottin in der Mythe symbolisiert 
wird. Da er aber zuriickschaute, da gefiel ihm manches nicht in seinen 
friiheren Inkarnationen, da konnte er sich sagen: das ist doch nicht nach 
meinem Geschmack. Da fand er, dafi zum Beispiel seine Seele in den 
Inkarnationen ganz besondere Freundschaften, ganz besondere mensch- 
liche Zusammenhange gehabt hatte, deren er sich jetzt hatte schamen 
mogen. Da kam denn heraus, was uns dargestellt wird im Mythos, dafi 
er demgegeniiber, was ihm auf dem Umwege durch Eabani die Stadt- 
gottin offenbart hatte, anfing, in gewisser Weise zu schelten, dafi er 
Vorwiirfe machte seiner Seele. Im Mythos wird angedeutet, dafi er der 
Gottin Vorwiirfe machte iiber ihre Bekanntschaften, denn er wurde 
eifersiichtig auf solche Bekanntschaften. Da blickte er sozusagen auf 
den Horizont seiner Seele und die Schauungen standen so lebendig vor 
ihm, wie Menschen um einen anderen herumstehen in der aufieren phy- 
sischen Welt, gegeniiber denen man diese oder jene Sympathie oder 
Antipathie empfindet. Und in alledem, was nun Gilgamesch der Stadt- 
gottin an Vorwiirf en macht, erkennen wir, dafi er eigentlich mit dem- 
jenigen redet, was auf dem Grunde seiner Seele sich abspielt. Wenn uns 
also gesagt wird zum Beispiel, dafi er der Stadtgottin den Vorwurf 
machte, dafi sie vorher Bekanntschaft gehabt hatte mit irgendeinem 
Menschen, der da in der Mythe Ischulanu genannt wird, so bedeutet das 
nichts anderes, als dafi seine eigene Bekanntschaft mit einem gewissen 
Menschen, der der Gartner seines Herrn in der vorhergehenden Inkar- 
nation war, ihm nicht gefiel. Also dasjenige, was sich in der Seele des 
Gilgamesch abspielte, und wodurch er eigentlich erst jene innere Ge- 
drungenheit, jene innere Erf ulltheit seiner Seele erhielt, die er brauchte, 
als er der Inaugurator der babylonischen Kultur werden sollte, das alles 
wird uns dargestellt in dem Zuriickkommen zu einer gewissen Hell- 
sichtigkeit, in dem Hinaufsteigen in iibersinnliche Welten, was ihm, 
weil er eine alte Seele war, in gewisser Beziehung schon verloren war. 
Das wird uns im Mythos dargestellt. 

Und dann sollte er eine Art von Einweihung durchmachen dadurch, 
dafi er zunickgefuhrt wurde zu jener Art von Anschauung, die seine 
eigene Seele wahrend der atlantischen Inkarnationen hatte. Was uns 



nun der Mythos darstellt als die See- und Irrfahrten des Gilgamesch 
nach dem Westen, das ist nichts anderes als die innere Initiationsfahrt 
seiner Seele, durch die sie hinauf f ahrt auf geistige Hohen, auf denen sie 
wahrnehmen kann, was um sie herum war in der alten atlantischen Zeit, 
da die Seele noch hellsichtig in die geistige Welt hineinschaute. Daher 
erzahlt der Mythos, daft Gilgamesch auf dieser seiner spirituellen Fahrt 
zusammengebracht wurde mit der grofien atlantischen Herrscher- 
personlichkek Xisuthros. Das war eine Personlichkeit, welche gewissen 
hoheren Hierarchien angehorte und wahrend der atlantischen Zeit in 
den Regionen der Menschheit lebte, seither aber dieser Menschheit ent- 
riickt war und in hoheren Gebieten des Daseins wohnte. Diese Person- 
lichkeit sollte er, der Gilgamesch, kennenlernen, um aus der Anschauung 
ihrer Wesenheit dasjenige zu gewinnen, was notwendig war, um zu 
wissen, wie die Seelen sind, wenn sie hineinschauen konnen in die geisti- 
gen Welten. So sollte er wiederum hinaufgefiihrt werden in die spiri- 
tuellen Spharen dadurch, dal5 er zuriickgefuhrt wurde in seiner Seele 
bis in die atlantischen Zeiten hinein. Und wenn ihm auf getragen wird, 
er soli sieben Nachte und sechs Tage nicht schlafen, so bedeutet das 
nichts anderes als eine Ubung, durch welche die Seele gestaltet werden 
sollte, um vollig einzudringen in die entsprechenden, eben charakteri- 
sierten geistigen Regionen. Wenn uns nun gesagt wird, dafi er dies nicht 
aushielt, dann bedeutet das wiederum etwas sehr Wichtiges: es bedeutet, 
daft Gilgamesch uns dargestellt werden soil als eine Personlichkeit, die 
hart an den Rand der Initiation gebracht wird, die gleichsam durch die 
Pforte der Initiation hineinschauen sollte in die geistigen Geheimnisse, 
die aber durch die ganze Art der Zeitverhaltnisse doch nicht in alle 
Tiefen dringen konnte. Kurz, es soil gesagt werden, daft der Inaugura- 
tor, der Einrichter der babylonischen Kultur gewissermafien an der 
Pforte der Initiation stehengeblieben ist, dafi er nicht ganz klar in die 
hoheren geistigen Welten hineinschauen konnte, und dafi er deshalb der 
babylonischen Kultur so recht das Geprage gegeben hat, welches ein 
Abdruck ist von einem blofien Hineinschauen in die Initiations- 
geheimnisse. 

Wir werden nun sehen, wie diese aufiere babylonische Kultur tat- 
sachlich so ist, dafi sie rechtf ertigt, was eben gesagt worden ist. Wahrend 



uns zum Beispiel alles darauf hinweist, dafi wir in Hermes eine Person- 
lichkeit vor uns haben, welche tief, tief hineinschaute in die heiligsten 
Geheimnisse der Initiation und deshalb der grofie Initiator der agyp- 
tischen Kultur werden konnte, so miissen wir sagen, dafi die aufiere 
babylonische Kultur in einer Weise zubereitet worden ist, wie wir es 
eben charakterisiert haben: namlich durch eine fiihrende Personlich- 
keit, die in ihrer Seele alle diejenigen Eigenschaften hatte, die sich ent- 
wickeln, wenn man nicht ganz in das Innerste der heiligen Geheimnisse 
eindringt. Deshalb haben wir in der Tat im alten Babylonien die histo- 
rische Entwickelung so, dafi wir deutlich nebeneinandergehend einen 
aufieren Kulturverlauf und einen esoterisch-inneren haben. Wahrend 
im agyptischen Leben diese beiden mehr ineinanderspielen, fallen sie 
gewissermafien in der alten babylonischen Kultur durchaus auseinan- 
der. Und innerhalb dessen, was wir als die babylonische Kultur anzu- 
sehen haben, wie sie inauguriert worden ist durch Gilgamesch, lebte 
dasjenige, was in den heiligsten, verborgensten Mysterien der Chaldaer 
liegt. 

Diese Initiierten der Mysterien waren allerdings in das Innerste ein- 
geweiht, aber das zog sich doch nur wie ein kleiner Strom durch die 
aufiere Kultur hindurch. Diese aufiere Kultur war ein Ergebnis der 
Impulse des Gilgamesch. Nun hat sich uns ja aus all diesen Betrach- 
tungen ergeben, dafi Gilgamesch als Personlichkeit im Grunde genom- 
men nicht so weit war, dafi er eine vollige Einweihung hatte erleben 
konnen. Gerade dadurch aber, dafi er nicht in der Zeit, in der er wirkte, 
sozusagen seine eigenen personlichen Impulse auslebte, das, was seine 
Kraft war, der Welt mitteilte, war er ganz besonders dazu imstande, 
durch sich durchwirken zu lassen eine der geistigen Wesenheiten, die 
wir zu der Klasse der Feuergeister, also der Archangeloi, der Erzengel, 
rechnen. Solch eine Wesenheit wirkte durch Gilgamesch, und die Ord- 
nung der babylonischen Verhaltnisse, die treibenden Krafte derselben, 
fur die Gilgamesch das Werkzeug war, haben wir bei einem solchen 
Feuergeist zu suchen. So haben wir uns diesen Gilgamesch so recht vor- 
zustellen unter einem Bilde, das uns geben konnte das Symbolum des 
alten Kentauren. Solche alten Symbole, sie entsprechen mehr der Wirk- 
lichkeit als man gewohnlich denkt. EinKentaur, halb Her, halb Mensch, 



sollte immer darstellen, wie in den machtigeren Menschen der alten 
Zeiten wirklich in gewisser Weise auseinanderfiel das hochste spirituelle 
Menschentum und dasjenige, was die einzelnen Personlichkeiten mit der 
tierischen Organisation verband. Wie ein Kentaur, so wirkte dieser 
Gilgamesch auf diejenigen, die ihn beurteilen konnten, und so wirkt er 
heute noch auf diejenigen, die ihn beurteilen konnen. 

Es ist sehr merkwiirdig, dafi gerade dieses Bild des Kentauren heute 
wiederum auftaucht auf dem Felde des modernen naturwissenschaft- 
Hchen Denkens. Da ist jungst ein Buch erschienen, das ganz auf natur- 
wissenschaftliche Tatsachen fufien will, das aber doch in gewisser Weise 
vorurteilslos mit diesen Tatsachen umgeht und daher nicht so dilettan- 
tisch, so sinnlos alles durcheinanderwirft, wie es diejenigen tun, die sich 
Monisten nennen. Es sucht der Verfasser wirklich den Menschen zu 
verstehen, wie er als selbstandige seelisch-geistige Wesenheit der phy- 
sischenLeibesorganisation gegeniibertritt. Und da kommt ein auf natur- 
wissenschaftliche Unterlagen sich stiitzender Mensch zu einem eigen- 
tumlichen Bild. Er hat ganz gewifi nicht an den Kentauren gedacht, als 
er sich dieses Bild ausmalte, aber er sagt zu dem, was sich aus natur- 
wissenschaftlichen Vorstellungen ergibt iiber die Beziehungen der Seele 
zum Leibe: Das lafit sich vergleichen mit dem Reiten des Reiters auf 
dem Pferde. Man kann gar nicht anders sich vorstellen, wozu die wirk- 
lich verstandenen naturwissenschaftlichen Tatsachen zwingen, als da£ 
man sagt: Selbstandig ist die Seele, die den Leib als Werkzeug benutzt 
wie der Reiter sein Pferd. - Der Kentaur ist wieder da, die Dinge wer- 
den tatsachlich schnell gehen, und ehe es sich die Menschen vermeinen, 
werden geisteswissenschaftliche Vorstellungen unter dem Zwange ge- 
rade naturwissenschaftlicher Tatsachen sich in unsere Zeitgenossen ein- 
leben miissen. Denn noch nicht lange ist es her, da hatte ich mit einem 
Philosophen gesprochen, der viel auf materialistische Vorstellungen 
hielt und aus seinen materialistischen Vorstellungen heraus mir sagte: 
«Das Bild des Kentauren ist naturlich so entstanden: Die alten Bewoh- 
ner Griechenlands sahen gewisse Volkerschaften auf ihren Pf erden vom 
Norden kommen, und da es meistens neblig war, so hatten sie die Vor- 
stellung, dafi Reiter und Pferd eine einzige Gestalt seien. In ihrem 
Aberglauben konnten sie sich das leicht einbilden.» 



In der Tat eine recht einfache Vorstellung, wenig philosophisch 
vielleicht, aber doch recht einfach! Diese Vorstellung des Kentauren, 
die nicht dadurch entstanden ist, dafi die Griechen nicht haben unter- 
scheiden konnen den Reiter von seinem Pferd, sondern die dadurch 
entstanden ist, dafi die alteren Volker wirklich die geistige Wesenheit 
des Menschen selbstandig zu der physischen Natur haben denken miis- 
sen - diese Vorstellung taucht wieder auf in unserer Zeit, ganz selb- 
standig aus naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus. So miissen 
wir sagen, wir sind heute schon trotz aller materialistischen Vorstel- 
lungen auf dem Wege, dafi selbst der Materialismus, wenn er nur auf 
Tatsachen sich stiitzen will, nach und nach zu dem hinfiihrt, was die 
Geisteswissenschaft aus ihren okkulten Quellen heraus zu sagen hat. 
Wollen wir aber eine solche Gestalt wie Gilgamesch, die ja auch der 
aufieren Forschung jetzt schon nahegetreten ist, so wie wir das fur 
unsere Betrachtungen tun miissen, an die Spitze der okkulten Betrach- 
tung stellen, dann miissen wir uns klar sein, dafi wir es da zu tun haben 
mit einem Hereinwirken eines Wesens der hoheren geistigen Hier- 
archies So dafi, wenn wir eigentlich jeden Menschen in bezug auf seine 
Geistigkeit hin im Bild des Kentauren anschauen miissen, wir bei einem 
solchen Menschen, der so wirkt wie Gilgamesch, noch insbesondere 
annehmen miissen, dafi das Geistige des Kentauren dirigiert wird von 
hoheren Machten, die ihre Krafte hereinsenden in den Fortschritt der 
Menschheit. Und wir werden sehen, wenn wir noch weiter hinauf- 
gehen in der Geschichte, dafi sich uns das noch deutlicher darstellen 
wird. Wir werden weiter sehen, wie sich das dann modifiziert bis in 
unsere Gegenwart herein und wie geistige Krafte immer andere Gestal- 
ten annehmen, wenn sie durch Menschen wirken, je mehr wir in unsere 
unmittelbare Gegenwart hereinkommen. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 29.Dezember 1910 



Einiges von dem, was bis jetzt als skizzenhafter Einblick in den okkul- 
ten Verlauf der menschlichen Entwickelung gesagt worden ist, wird Sie 
ja schon hinweisen darauf, dafi der Verlauf der Inkarnationen, wie er 
durch den individuellen Charakter und die individuelle Entwickelung 
der Menschen selbst gegeben ist, durch das Eingreifen geistiger Krafte 
aus den hoheren Hierarchien modifiziert wird. Reinkarnation ist eben 
kein ganz so einfaches Geschehen in der Menschheitsentwickelung, wie 
man es gerne aus einer gewissen theoretischen Bequemlichkeit heraus 
annehmen mochte. Gewifi, die Tatsache liegt vor, dafi der Mensch sich 
immer wieder verkorpert, dafi das, was wir seinen Wesenskern nennen, 
in immer neuer Inkarnation erscheint; und ebenso ist es wahr, dafi ein 
Ursachenzusammenhang ist zwischen den Leben, die spater als Inkar- 
nationen auftreten, und den friiheren Leben. Auch das Gesetz des 
Karma liegt vor, das sozusagen der Ausdruck ist dieses Ursachen- 
zusammenhanges. Dariiber hinausgehend aber gibt es etwas anderes, 
und dieses andere fuhrt uns erst zum Verstandnis des historischen Ent- 
wickelungsganges der Menschheit. Die Entwickelung der Menschheit 
wiirde ganz anders ablaufen, wenn nichts anderes in Betracht kame als 
die Ursachenzusammenhange zwischen einer und der nachsten oder 
zwischen vorhergehenden uncfnachfolgenden Inkarnationen des Men- 
schen. Fortwahrend aber greifen in das menschliche Leben in jeder In- 
karnation mehr oder weniger - und insbesondere bei historisch fuhren- 
denPersonlichkeiten - ganz bedeutsame andere Krafte ein und bedienen 
sich des Menschen als eines Werkzeuges. Daraus kann geschlossen wer- 
den, dafi der eigentliche, rein im Menschen selbst liegende karmische 
Verlauf desLebens durch die Inkarnationen hindurch modifiziert wird; 
und das ist auch der Fall. 

Nun kann man von einer gewissen Gesetzmafiigkeit sprechen - wir 
wollen uns zunachst nur auf die nachatlantischen Zeiten beschranken ~, 
von einer Gesetzmafiigkeit, wie in den nachatlantischen Zeiten bis in 
unsere Gegenwart herein die Einfliisse anderer Welten und das indivi- 



duelle Karma des Menschen zusammenhangen. Und es geht nicht 
anders, als durch eine schematische Zeichnung Ihnen klarzumachen, 
wie diese Einfliisse sich gestalten und wie sie sich zu der Individualitat 
des Menschen stellen. Stellen wir uns einmal vor: Diese hier in der Mitte 
der Tafel gezeichnete Flache soli dasjenige sein, was wir gewohnt sind, 
das menschliche Ich zu nennen, unseren gegenwartigen menschlichen 
Wesenskern. (Siehe Zeichnung S. 47.) Und zeichnen wir nun die an- 
deren Wesensglieder des Menschen ein, indem wir zunachst absehen 
von der Gliederung der Seele in Empfindungsseele, Verstandesseele und 
Bewufitseinsseele. Also haben wir hier schematisch dargestellt den 
Astralleib, den Atherleib, den physischen Leib. 

Nun wollen wir, weil wir bei der nachatlantischen Entwickelung 
bleiben wollen, uns klarmachen, worin denn die Zukunft des Menschen, 
nach dem, was wir schon an den verschiedenen Orten besprochen 
haben, zunachst bestehen wird. Wir wissen ja, dafi wir mitten drinnen- 
stehen in der nachatlantischen Entwickelung, die eigentliche Mitte 
allerdings schon etwas iiberschritten haben. Es braucht hier nur kurz 
wiederholt zu werden, was bei anderen Gelegenheiten gesagt worden 
ist: dafi innerhalb der griechisch-lateinischen Kulturepoche vorzugs- 
weise dasjenige zu einer besonderen Entwickelung gekommen ist, was 
wir nennen die Verstandes- oder Gemiitsseele, und dafi wir jetzt in der 
Entwickelung der Bewufitseinsseele stehen. In der babylonisch-agyp- 
tischen Kulturperiode ist die Empfindungsseele zur Entwickelung ge- 
kommen, vorher in der persischen Entwickelungsepoche der Empfin- 
dungs- oder Astralleib und in der uralt indischen Entwickelung der 
Atherleib des Menschen. Die Anpassung des physischen Leibes an unsere 
nachatlantischen irdischen Verhaltnisse ist schon in den letzten Epochen 
vor der grofien atlantischen Katastrophe geschehen. So dafi, wenn wir 
jetzt iibergehen dazu, auch die anderen Glieder einzuzeichnen, wir 
sagen konnen: Es entwickelt sich das Ich innerhalb unserer nach- 
atlantischen Zeit so, dafi die Entwickelung wahrend der indischen 
Periode vorzugsweise im Atherleib verlauft, die der persischen im 
Astralleib, die der agyptisch-chaldaischen in der Empfindungsseele, die 
der griechischen in der Verstandesseele und unsere Kultur in der Be- 
wufitseinsseele - in dem fiinften Gliede des Menschen, wenn wir die 



einzelnen Seelenglieder rechnen. In einem sechsten Kulturzeitraum 
werden die Menschen sich weiter hinaufentwickeln, und es wird in ge- 
wisser Art hereinwachsen das Seelenhafte des Menschen in Manas. In 
einer siebenten, der letzten nachatlantischen Kulturepoche, wird dann 
zur Entwickelung kommen eine Art Hineinwachsen des Menschen in 
den Lebensgeist oder die Buddhi, wahrend das, was hineinwachsen 
konnte in Atma, nach der grofien Katastrophe, die unsere nachatlan- 
tische Zeit abschliefien wird, erst in einem spateren Zeitalter sich ent- 
wickeln wird. 



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Das sind Dinge, die bekannt sind aus dem Zyklus iiber die Apoka- 
lypse. Jetzt aber miissen wir darauf Riicksicht nehmen, dafi fiir den 
ersten Zeitraum, den indischen, der Mensch in bezug auf seine Ent- 
wickelung noch unterhalb dessen war, worin das Ich lebt; dafi im 
Grunde genommen die altindische, die vorvedische Kultur eine im 
wesentlichen inspirierte Kultur war, das heifit also eine Kultur, welche 
gleichsam in die menschliche Seele einflofi ohne jene Arbeit des Ich, 
welche wir heute als unsere Gedanken- und Vorstellungsarbeit kennen. 
Der Mensch mufi sich seit der agyptischen Kulturperiode sozusagen 



aktiv verhalten mit seinem Ich. Er mufi sein Ich durch die Sinne herum- 
wenden in dem Umkreis der Aufienwelt, damit er Eindriicke empfangt; 
er mufi gewissermafien bei dem Sich-Fortarbeiten mit seinem eigenen 
Anteil aktiv dabei sein. Die altindische Kultur war eine mehr passive 
Kultur, eine Kultur, die sozusagen errungen wurde durch eine Hingabe 
an das, was wie eine Inspiration in die menschliche Wesenheit herein- 
floft. Daher wird es auch begreiflich erscheinen, dafi wir diese alt- 
indische Kultur auf eine andere Tatigkeit zuruckzufuhren haben als 
diejenige, die heute das menschliche Ich ausfuhrt; dafi sozusagen die 
heutige Tatigkeit des Ich fur die damalige indische Seele dadurch 
ersetzt werden mufke, daft sich in die menschliche "Wesenheit hohere 
Wesenheiten hineinsenkten und die menschliche Seele inspirierten. 

Wenn wir fragen, was damals sozusagen von aufien her in diese 
menschliche Seele hineingebracht wurde, was hineingesenkt wurde von 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien, dann konnen wir sagen: Es ist 
dasselbe, was spater einmal der Mensch erringen wird als seine eigene 
Tatigkeit, als seine eigene Aktivitat, wenn er sich emporgehoben haben 
wird zu dem, was wir als Atma oder Geistesmensch bezeichnen. Mit 
anderen Worten, es wird sich in der Zukunft die menschliche Indivi- 
dualist zu einem Einarbeiten in Atma emporheben. Dieses Einarbeiten 
wird eine Eigenarbeit der menschlichen Seele, des menschlichen Wesens- 
kernes sein, etwas, was mit dem innersten Wesen unmittelbar verbun- 
den ist. Und so wie dann der Mensch selbst in sich arbeiten wird, so 
arbeiteten Wesenheiten hoherer Hierarchien an der indischen Seele. 
Wenn wir beschreiben wollen, was in den Atherleibern der indischen 
Seelen vorging, so konnen wir sagen: Es arbeitete gleichsam noch ein 
verdunkeltes, im Dammerschlummer liegendes Ich-Bewufksein, es 
arbeitete Atma im Atherleib. Wir konnen ganz gut sagen, dafi die alte 
indische Seele ein Schauplatz war, auf dem sich im Grunde genommen 
eine ubermenschliche Arbeit abspielte: ein Arbeiten hoherer Wesen- 
heiten innerhalb des Atherleibes der alten Inder. Und das, was da hin- 
einverwoben wurde in den Atherleib, war eine Arbeit, wie sie der 
Mensch spater in der angedeuteten Weise erreichen wird, wenn Atma 
am Atherleib arbeitet. - In der persischen Kultur war es dann so, dafi 
Buddhi oder der Lebensgeist im Astralleib, im Empfindungsleib arbei- 



tete. - Und in der chaldaisch-babylonisch-agyptischen Kultur arbeitete 
dann Manas oder Geistselbst in der Empf indungsseele. So also ist in der 
agyptisch-babylonisch-chaldaischen Kultur immer noch nicht ausge- 
pragt ein voiles aktives Arbeiten des Ich innerhalb der Seele selbst. Der 
Mensch ist, wenn auch in geringerem Grade als vorher, doch noch ein 
passiver Schauplatz fur eine Arbeit des Manas in der Empf indungsseele. 
Erst in der griechisch-lateinischen Zeit tritt sozusagen der Mensch voll 
aktiv in sein eigenes Seelenleben ein. Wir wissen ja, dafi es die Verstan- 
desseele ist, in der sich das Ich als selbstandiges inneres menschliches 
Glied zuerst geltend macht, und wir konnen deshalb sagen: Innerhalb 
der griechischen Kultur arbeitet in der Tat das Ich im Ich, das heifit, 
der Mensch als solcher im Menschen. Wir werden noch sehen im Ver- 
lauf e dieser Vortrage, dafi innerhalb der griechischen Epoche das Eigen- 
artige der damaligen Kultur gerade dadurch hervortritt, dafi das Ich 
im Ich arbeitet. 

Jetzt aber sind wir schon seit geraumer Zeit iiber diese Kulturepoche 
hinaus; und wahrend es in der vorgriechischen Zeit so war, dafi ge- 
wissermafien hohere Wesenheiten sich hineinversenkten in den mensch- 
lichen Wesenskern und darin arbeiteten, haben wir in unserer Zeit eine 
entgegengesetzte Aufgabe zu erfiillen. Wir mussen das, was wir durch 
unser Ich erarbeitet haben, was wir imstande sind, durch unsere Aktivi- 
tat aus den Eindriicken der Aufienwelt in uns aufzunehmen, zunachst 
auf ganz menschliche Art erwerben konnen. Dann aber diirfen wir 
nicht stehenbleiben bei dem Standpunkte, bei dem die Menschen der 
griechisch-lateinischen Zeit stehengeblieben sind, indem wir nur das 
Menschliche, das reine Menschentum als solches herausarbeiten. Sondern 
das, was wir uns erarbeiten, mussen wir hinauftragen und es einver- 
weben dem, was da kommen soli, wir mussen sozusagen die Richtung 
hinauf nehmen nach dem, was spater kommen soil: Manas oder Geist- 
selbst. Das ist aber erst in der sechsten Kulturperiode zu erwarten. Jetzt 
stehen wir zwischen der vierten und sechsten. Die sechste verspricht der 
Menschheit, dafi die Menschheit in der Lage sein werde, hinaufzu- 
tragen in hohere Regionen das, was erarbeitet wird durch die aufieren 
Eindriicke, die das Ich durch seine Sinne empfangt. In unserer fiinften 
Kulturepoche sind wir nur in der Lage, sozusagen den Ansturm zu 



unternehmen, alles das, was wir uns erarbeiten an aufieren Eindrticken 
und was wir erlangen durch Verarbeitung dieser Eindnicke, so auszu- 
pragen, dafi es die Richtung nach oben empfangen kann. Wir leben in 
dieser Beziehung wahrhaftig in einer Obergangsepoche, und wenn Sie 
sich daran erinnern, was gestern iiber die in der Jungfrau von Orleans 
wirksame geistige Macht gesagt worden ist, so werden Sie sehen, dafi 
schon in der Jungfrau von Orleans etwas von dem wirkte, was sich in 
entgegengesetzter Richtung bewegt als die Einwirkungen hdherer 
Machte in der vorgriechischen Zeit. Wenn, sagen wir, irgendein An- 
gehoriger der persischen Kultur den Einf lufi einer iibersinnlichen Macht 
empfing, die sich seiner als Werkzeug bediente, so wirkte eben diese 
Macht in seinen menschlichen Wesenskern herein; sie lebte sich da aus, 
und der Mensch schaute, erlebte das, was ihm diese geistige Macht ein- 
pflanzte, womit sie ihn inspirierte. Der Mensch unserer Zeit kann, wenn 
er zu solchen geistigen Machten in Beziehung tritt, das, was er in der 
physischen Welt durch die Arbeit seines Ich, durch die Eindriicke seines 
Ich erlebt, sozusagen hinauf tragen, er kann ihm die Richtung nach oben 
geben. Daher ist es bei solchen Personlichkeiten wie bei der Jungfrau 
von Orleans so, dafi sich die Kundgebungen, die Manifestationen jener 
geistigen Machte, die zu ihr sprechen wollen, zwar in der Sphare befin- 
den, bis zu welcher sie aufragt, dafi sich aber vor diese Offenbarung 
etwas hinstellt, was zwar nicht die Realitat dieser Offenbarungen 
beeintrachtigt, was ihnen aber eine bestimmte Gestalt gibt; es ist das, 
was das Ich hier in der physischen Welt erlebt. Mit anderen Worten: 
die Jungfrau von Orleans hat Offenbarungen, aber sie kann sie nicht 
so unmittelbar sehen wie die Alten, sondern es stellt sich zwischen sie 
in ihrer Ichheit und diese objektiven Machte die Vorstellungswelt hin- 
ein, welche die Jungfrau von Orleans aufgenommen hat in der physi- 
schen Welt: das Bild der Jungfrau Maria, des Erzengels Michael, so wie 
sie sie aufgenommen hat aus ihren christlichen Vorstellungen; die stellen 
sich dazwischen. 

Da haben wir zu gleicher Zeit ein Beispiel, wie wir unterscheiden 
mussen, wenn es sich um spirituelle Dinge handelt, zwischen der Objek- 
tivitat einer Offenbarung und der Objektivitat eines Bewufitseins- 
inhaltes. Die Jungfrau von Orleans sah die Jungfrau Maria und den 



Erzengel Michael in einem gewissen Bilde. Diese Bilder diirfen wir uns 
nicht unmittelbar in die spirituelle Realitat hineindenken; der Gestalt 
dieser Bilder diirfen wir nicht unmittelbare Objektivitat zuschreiben. 
Wenn aber jemand sagen wiirde, es sei nur eine Einbildung, so ist das 
Unsinn. Denn es kommen der Jungfrau Offenbarungen aus der geisti- 
gen Welt entgegen, die der Mensch in der Gestalt, wie er sie sehen soil 
in der nachatlantischen Periode, allerdings erst in der sechsten Kultur- 
epoche, wird sehen konnen. Aber wenn auch die Jungfrau von Orleans 
die wahre Gestalt nicht sieht, so senkt sich diese wahre Gestalt doch auf 
sie nieder. Die Jungfrau von Orleans bringt ihr die religiosen Vorstel- 
lungen ihrer Zeit entgegen, sie deckt sie gleichsam zu; es wird aus ihr 
herausgefordert ihre Vorstellungswelt durch die spirituelle Macht. So 
ist also die Offenbarung als objektiv anzusprechen. Wenn auch in 
unserer Zeit irgend jemand nachweisen kann, dafi bei einer Kund- 
gebung aus der geistigen Welt subjektive Elemente einfliefien, wenn wir 
das Bild, das sich der Betref fende macht von der spirituellen Welt, nicht 
als objektiv ansehen konnen, wenn das auch ein Schleier ist, so diirfen 
wir deshalb doch nicht die objektiven Offenbarungen als solche Schleier 
deuten. Sie sind objektiv. Sie zaubern aus unserer eigenen Seele den 
Inhalt heraus. Wir mussen unterscheiden zwischen der Objektivitat des 
Inhaltes und der der Tatsachen, die aus der geistigen Welt kommen. - 
Ich mufite das insbesondere deshalb betonen, weil auf diesem Felde 
sowohl von denen, welche die spirituelle Welt anerkennen, wie auch 
von den Gegnern zwar entgegengesetzte, aber doch iiberall Fehler 
gemacht werden. 

So also stellt uns die Jungfrau von Orleans gleichsam eine historische 
Personlichkeit dar, die schon ganz in dem Sinne unserer Epoche wirkt, 
wo ja zum Geistigen hinaufgerichtet sein mufi alles das, was wir sozu- 
sagen produzieren konnen auf Grundlage unserer aufieren Eindriicke. 
Was heifit das aber, wenn wir es anwenden auf unsere Kultur? Das 
heifit: Wir mogen den Blick hinauswenden zunachst naiv auf unsere 
Umgebung. Wenn wir aber dabei bleiben, das Auge blofi auf die aufieren 
Eindriicke zu richten, dann tun wir nicht unsere Schuldigkeit. Wir tun 
sie nur dann, wenn wir uns bewufit sind, dafi wir die aufieren Eindriicke 
beziehen mussen auf hinter ihnen stehende geistige Machte. Wenn wir 



Wissenschaft treiben und machen es so wie die Gelehrsamkeit, dann 
tun wir nicht unsere Schuldigkeit. Wir miissen alles das, was wir 
erfahren konnen iiber die Gesetze der Naturerscheinungen, iiber die 
Gesetze der Seelenerscheinungen so betrachten, dafi wir es wie eine 
Sprache anschauen, die uns hinauffiihren soli in eine gottlich-geistige 
Offenbarung. Wenn wir das Bewuiksein haben, dafi wir alle physi- 
kalischen, chemischen, biologischen, physiologischen, psychologischen 
Gesetze so betrachten sollen, dafi wir sie auf etwas Geistiges beziehen, 
was sich uns offenbart, dann tun wir unsere Schuldigkeit. 

So ist es in bezug auf die Wissenschaften unserer Zeit, und so ist es 
mit der Kunst. Diejenige Kunst, die wir charakterisieren als die grie- 
chische Kunst, die sozusagen einfacher auf den Menschen reflektierte, 
die ganz und gar darstellte das blofi Menschliche, das Arbeiten des Ich 
mit dem Ich, insoweit sich das Ich im sinnlich-physischen Material aus- 
driickt, diese Kunst hat ihre Epochen gehabt. In unserer Zeit ist bei den 
wirklich grofien kunstlerischen Personlichkeiten wie instinktiv der 
Drang entstanden, die Kunst zu einer Art von Opferdienst fur die 
gottlich-geistigen Welten zu gestalten, das heifit das, was zum Beispiel 
in Tone gekleidet wird, anzusehen als eine Interpretation geistiger 
Mysterien. So wird man kulturhistorisch-okkult einmal anzuschauen 
haben bis in alle Einzelheiten hinein Richard Wagner. So wird man 
gerade ihn anzusehen haben als einen reprasentativen Menschen unseres, 
des fiinften Kulturzeitraumes, der den Drang immer gefiihlt hat, aus- 
zudriicken in dem, was in ihm in Tdnen lebte, den Zug nach der spiri- 
tuellen Welt, der das Kunstwerk als eine aufiere Sprache der spirituellen 
Welt betrachtete. Und da stehen im Grunde genommen die Uberbleibsel 
der alten Kultur und die Morgenrote einer neuen Kultur scharf, schroff 
selbst, in unserer Zeit sich gegeniiber. Haben wir doch gesehen, wie 
sozusagen das rein menschliche Weben in den Tonen, die rein formale 
Musik, die Richard Wagner iiberwinden wollte, in heftiger Weise von 
den Gegnern Richard Wagners verteidigt wurde, weil sie nicht imstande 
waren, zu fiihlen, dafi gerade bei Richard Wagner ein neuer Impuls 
instinktiv wie eine Morgenrote aufging. 

Ich weifi nicht, ob die meisten von Ihnen wissen, dafi Richard Wag- 
ner lange Zeit hindurch die herbsten, die furchtbarsten Kritiker und 



Ablehner gef unden hat. Diese Kritiker und Ablehner haben eine gewisse 
Art von Anfiihrung gehabt in dem aufierordentlich geistvollen musi- 
kalischen Schaffen Eduard Hanslicks in Wien, der das interessante 
Biichelchen «Vom musikalisch Sch6nen» geschrieben hat. Ich weift 
nicht, ob Sie wissen, dafi damit dem Neuaufgehen einer historischen 
Morgenrote das Alte sozusagen entgegengestellt war. Dieses Buch « Vom 
musikalisch Sch6nen» kann ein historisches Denkmal fur die spatesten 
Zeiten werden. Denn was wollte Hanslick? Er sagt: Man kann nicht in 
dieser Weise Musik machen wie Richard Wagner; das ist gar keine 
Musik, denn da nimmt die Musik sozusagen den Anlauf , auf etwas hin- 
weisen zu wollen, was aufierhalb des Musikalischen stent, auf etwas 
Obersinnliches. Musik sei aber «Arabeske in Tonen» - das war ein 
Lieblingswort des Hanslick. Das heifit, eine arabeskenartige Aneinan- 
derfiigung von Tonen, und der musikalisch-asthetische Genufi kann 
darin bestehen, sich rein menschlich zu erfreuen an der Art und Weise, 
wie die Tone ineinander und nacheinander erklingen. Hanslick sagte, 
Richard Wagner sei uberhaupt kein Musiker, er verstehe gar nicht das 
Wesen des Musikalischen. Das Wesen der Musik musse liegen in einer 
blofien Architektonik des Tonmaterials. - Was kann man iiber eine 
solche Erscheinung sagen? Nichts anderes, als dafi Hanslick im eminen- 
testen Sinne ein Nachzugler, ein Reaktionar der vierten Kulturepoche 
war. Da hatte er recht - fur diese Kulturepoche; aber was fur eine Kul- 
turepoche richtig ist, gilt nicht mehr fur die nachste. Man kann von 
seinem Standpunkt aus sagen, Richard Wagner sei kein Musiker. Dann 
aber miifite man weiter sagen: Es ist diese Epoche jetzt vorbei, wir 
miissen uns nun mit dem zuf riedengeben, was aus dieser Epoche stammt, 
wir miissen uns versohnen damit, dafi sich das im Hanslickschen Sinne 
Musikalische erweitert iiber sich selbst hinaus zu einem Neuen. 

Und so konnten wir auf mancherlei Gebieten diesen Zusammenstofi 
des Alten und des Neuen gerade in unserer Kulturepoche studieren. 
Aufierordentlich interessant ist das insbesondere in den einzelnen 
Zweigen der Wissenschaft. Es wiirde viel zu weit fiihren, wenn wir 
zeigen wollten, wie es da iiberall Reaktionare gibt und solche, die her- 
ausarbeiten aus den einzelnen Wissenschaften, was die Wissenschaft 
werden soil: der Ausdruck eines hinter den Erscheinungen stehenden 



Gottlich-Geistigen. Das Grundelement, von dem sich die Gegenwart 
durchdringen mufi, urn immer bewulker das Gottlich-Geistige zum 
Zielpunkte, zum Perspektivpunkt fiir unsere Arbeit zu machen, das soil 
eben die Geisteswissenschaf t sein, und die Geisteswissenschaft soli iiber- 
all erwecken die Impulse von unten nach oben; sie soil iiberall die 
menschlichen Seelen auffordern zum Opfer, das heifit zum opfern 
dessen, was wir durch die aufieren Eindriicke erwerben, gegeniiber 
dem, was wir erreichen sollen im Hinaufarbeiten in die Regionen des 
Geistselbstes, Lebensgeistes und Geistesmenschen. 

Wenn wir dieses Bild der menschlichen Geschichte, der okkulten 
Geschichte uns vor Augen stellen, dann werden wir es begreiflich fin- 
den, dafi eine Seele, die in der indischen und dann in der persischen 
Epoche inkarniert war, durchdrungen sein konnte von dem inspirieren- 
den Elemente emer Individualist der hoheren Hierarchien; dafi dann 
aber, als sie eintrat in die griechisch-lateinische Zeit, diese Seele mit sich 
allein war, dafi diese Seele so arbeitete, dafi das Ich im Ich eben arbeitete. 
Alles das, was in der vorgriechischen Epoche fiir alle einzelnen Zyklen 
der nachatiantischen Kulturen wie eine gottliche Eingebung, wie eine 
Of fenbarung von oben erscheint - und es gilt das auch noch im Beginne 
der griechischen Kulturperiode fiir das 9., 10., 1 1 . Jahrhundert der vor- 
christlichen Zeit -, was sich uns darstellt als eine inspirierte Kultur, in 
die von aufien einfliefit, was sie geistig erhalten soil, das gestaltet sich 
immer mehr und mehr dazu, rein menschlich-personlich sich darzu- 
leben. Und am starksten findet das seinen Ausdruck gerade eben im 
Griechentum. Einen solchen Ausdruck des aufieren Menschen, wie er 
sich in der physischen Welt darlebt, fiir das, was der Mensch als auf sich 
gestellte Ich-Wesenheit ist, hat keine Zeit vorher gesehen und wird 
keine Zeit nachher wieder sehen konnen. Das rein Menschlich-Person- 
liche, das ganz in sich abgeschlossene Menschlich-Personliche tritt in 
der antiken Lebensweise des Griechen und in seinen Schopfungen 
historisch zutage. Vergleichen wir, wie in seine Gottergestalten der 
griechische Plastiker hineingeheimnifit hat das Menschlich-Personliche! 
Wir konnen sagen: So wie uns ein griechisches plastisches Kunstwerk 
entgegentritt, soweit es durch physische Mittel zu erkennen ist, so steht 
der Mensch ganz als Personlichkeit vor uns. Und wenn wir bei den 



Kunstwerken der Griechen nicht vergessen konnten, daft dieser Inkar- 
nation, die uns da ausgedriickt wird, andere Inkarnationen vorangingen 
und andere folgen werden, wenn wir nur einen Augenblick denken 
wiirden, daft der Apollogestalt und Zeusgestalt nur eine einzelne Inkar- 
nation aus vielen zugrundeliegt, so wiirden wir nicht richtig empf inden 
dem griechischen Kunstwerk gegeniiber. Da miissen wir vergessen kon- 
nen, daft der Mensch in aufeinanderfolgenden Inkarnationen sich ver- 
korperte. Da ist die Personlichkeit ganz hineingegossen in die Form der 
einen Personlichkeit. Und so war das ganze Leben der Griechen. 

Gehen wir dagegen weiter zuriick, da werden die Gestalten sym- 
bolisch; da deuten die Gestalten etwas an, was nicht rein menschlich ist, 
da driicken sie etwas aus, was der Mensch noch nicht in sich selber 
fuhlt. Da konnte er nur in Symbolen ausdriicken, was hereinkam aus 
gottlich-geistigen Welten. Daher die alte symbolisierende Kunst* - Und 
sehen wir wiederum, wie die Kunst heraufkommt gerade zu dem Volk, 
welches das Material hergeben soli zu unserem, zum funften Kultur- 
zeitraum - wir brauchen uns da nur die altere deutsche Kunst zu ver- 
gegenwartigen da sehen wir, wie wir es nicht mit einer Symbolik, 
aber auch nicht mit einer Auspragung des rein Menschlichen zu tun 
haben, sondern mit dem in sich vertieften Seelischen; wir sehen, wie da 
das Seelische sozusagen nicht ganz hineinkann in die Menschengestalt. 
Wer konnte gerade die Gestalten Albrecht Diirers anders charakteri- 
sieren, als daft bei ihnen dasjenige, was nach der iibersinnlichen Welt im 
Menschen verlangt, man mochte sagen, im griechischen Sinne genom- 
men nur einen unvollkommenen Ausdruck findet in der aufteren Aus- 
gestaltung der Korperlichkeit. Daher die Vertiefung nach dem See- 
lischen, je weiter die Kunst heraufkommt. 

Und jetzt werden Sie es nicht mehr unbegreiflich finden, daft ich in 
der ersten Stunde sagte: Es erscheint in der physischen Welt das, was 
friiher verkorpert war, wie ein Abbild; in die Individuality flossen 
herein Wesenheiten der hoheren Hierarchien. So dafi, wenn wir von 
einem Menschen der griechischen Welt in friiheren Zeiten sagen miissen, 
er war inkarniert, wir nicht nur diese in sich geschlossene Wesenheit 
sehen miissen, sondern hinter ihr stehend die Individuality einer hohe- 
ren Hierarchic So tritt uns in der griechisch-lateinischen Periode 



Alexander, so tritt uns Aristoteles gegeniiber. Wir verfolgen ihre Indi- 
vidualitaten nach riickwarts. Da miissen wir von Alexander zuriick- 
gehen zu Gilgamesch und sagen: Bei Gilgamesch ist diese Individualitat, 
die dann wie auf den physischen Plan herausprojiziert als Alexander 
erscheint; hinter ihr miissen wir einen Feuergeist sehen, der sich seiner 
als Werkzeug bedient. Und bei Aristoteles sehen wir, zuriickgehend in 
der Zeit, die Machte des alten Hellsehens wirken in dem Freunde des 
Gilgamesch. So also sehen wir sowohl junge wie alte Seelen, hinter 
denen fruher Hellsichtigkeit stand, ganz herausgestellt in der griechi- 
schen Zeit auf den physischen Plan. Und so tritt uns das ganz besonders 
bei der grofien Mathematikerin Hypatia entgegen, bei der sozusagen die 
ganze mathematische und philosophische Weisheit ihrer Zeit als per- 
sonliches Konnen, als personliche Wissenschaft und Weisheit lebte. Das 
war abgeschlossen in der Personlichkeit der Hypatia. Und wir werden 
noch sehen, wie diese Individualitat gerade die weibliche Personlichkeit 
annehmen mufite, um eine so weiche Zusammengeschlossenheit alles 
dessen auszupragen, was sie fruher aufgenommen hatte in den orphi- 
schen Mysterien, um alles das als personliche Wirkungsweise auszu- 
pragen, was sie dort vermittels der Inspiratoren als ein Schiiler der 
orphischen Mysterien aufgenommen hatte. 

So sehen wir also, wie in aufeinanderfolgende Menschheitsinkarna- 
tionen Einfliisse aus der geistigen Welt modifizierend eintreten. Und 
nur hinweisen kann ich darauf, dafi gerade eine solche Individualitat 
wie diejenige, die als Hypatia inkarniert war, die also mitbrachte die 
Weisheit der orphischen Mysterien und sie personlich auslebte, dann in 
einer nachfolgenden Inkarnation berufen war, nun den umgekehrten 
Weg einzuschlagen: alle personliche Weisheit wiederum hinaufzutragen 
zum Gottlich-Geistigen. Daher erscheint Hypatia ungefahr um die 
Wende des 12. zum 13. Jahrhundert als ein bedeutender, umfassender, 
universeller Geist der neueren Geschichte, der einen grofien Einf lufi hat 
auf das, was Zusammenfassung des naturwissenschaftlichen und auch 
des philosophischen Erkennens ist. So also sehen wir, wie hineindringen 
in die aufeinanderfolgenden Inkarnationen der einzelnen Individuali- 
taten die historischen Machte. 

Wenn wir so den Verlauf der Geschichte betrachten, dann sehen wir 



wirklich eine Art Niederstieg aus geistigen Hohen bis in die griechisch- 
lateinische Zeit und dann wiederum einen Aufstieg: ein Aufsammeln 
des rein vom physischen Plan zu gewinnenden Materials wahrend der 
griechischen Zeit - das dauert natiirlich herein bis in unsere Zeit - und 
ein Wiederhinauftragen in die geistige Welt, zu dem ein Impuls ge- 
schaffen werden soli durch die Geisteswissenschaft, und wozu schon 
einen instinktiven Impuls gehabt hat eine solche Personlichkeit wie 
Hypatia, die im 13. Jahrhundert wieder verkorpert war. 

Ich mochte an dieser Stelle, meine lieben Freunde, weil die allgemeine 
Theosophische Gesellschaft in gewisser Beziehung ein Tummelplatz ist 
von Mifiverstandnissen, ich mochte hinweisen darauf, dafi wirklich 
unendlich viel von diesen MifSverstandnissen wie rein aus den Fingern 
gesogen ist. So will man gerne dasjenige, was zum Beispiel hier vor- 
getragen wird innerhalb unserer deutschen Bewegung, in einen ge- 
wissen Gegensatz bringen zu dem, was urspriinglich die Offenbarung 
der theosophischen Bewegung in der neueren Zeit war. Deshalb ergreif e 
ich gerne die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie das, was hier aus 
urspriinglich rosenkreuzerischem Quell gegeben wird, in Harmonie 
steht mit mancherlei von dem, was gerade urspriinglich der theosophi- 
schen Bewegung gegeben worden ist. Und wir haben ja in diesem 
Augenblick gerade Gelegenheit, auf etwas hinzuweisen, was von dieser 
Art ist. Es ist also von mir gesagt und ganz unabhangig von Traditionen 
entwickelt worden, dafi gewisse spatere historische Personlichkeiten 
gleichsam die Schattenbilder sind von fruheren, durch die Mythen dar- 
gestellten Personlichkeiten, hinter denen hohere Hierarchien stehen. 
Solches darf man nicht in Widerspruch bringen mit denjenigen Mani- 
festationen, die durch H. P. Blavatsky in die Theosophische Gesell- 
schaft hineingebracht worden sind. Denn sonst konnte man durch ein 
reines Mifiverstandnis sich sehr wohl in einen Widerspruch versetzen 
zu den guten alten Lehren, die durch das aufterordentliche, brauchbare 
Instrument von H. P. Blavatsky der theosophischen Bewegung zuge- 
flossen sind. Aber in bezug auf das, was hier entwickelt worden ist, 
mochte ich Ihnen eine Stelle aus den spateren Schriften der Blavatsky 
vorlesen, wo sie auf die «Entschleierte Isis», ihr altestes okkultes Werk, 
hinweist. Da mochte ich die folgende Stelle Ihnen vorlesen, damit Sie 



sehen, wie das, was von solchem Widerspruch gesagt wird, im Grande 
genommen, ich kann nicht anders sagen, aus den Fingern gesogen ist: 

«Aul5er dem bestandigen Wiederholen der alten stets bestehenden 
Tatsache von Reinkarnation und Karma - und zwar in der Art, wie 
es die alteste Wissenschaft der Welt, nicht der Spiritismus von heute, 
gelehrt hat - sollten die Okkultisten eine zyklische und mit der Evo- 
lution Schritt haltende Reinkarnation lehren: jene Art der Wieder- 
geburt, geheimnisvoll und noch unverstandlich fur die vielen, die nichts 
wissen von jener Geschichte der Welt, auf welche wir vorsichtig hin- 
gewiesen haben in der <Entschleierten Isis>. Eine allgemeine Wieder- 
geburt fur jedes Individuum mit Zwischenpausen von Kama Loca und 
Devachan, und eine zyklische bewufite Inkarnation mit einem grofien 
und gottlichen Ziel fur Wenige. Jene grofien Charaktere, die in der 
Geschichte der Menschheit gleich Riesen emporragen, wie Siddharta 
Buddha und Jesus auf geistigem Gebiet, wie Alexander von Mazedonien 
und Napoleon der Grofie auf dem Gebiete physischer Eroberungen, 
sind nichts als widergespiegelte Bilder grofier Urbilder, welche existier- 
ten - nicht vor zehntausend Jahren, wie in der <Entschleierten Isis> vor- 
sichtig erwahnt wurde -, sondern wahrend Millionen von aufeinander- 
folgenden Jahren, vom Beginne des Manvantara an. Denn wie oben 
erklart wurde - mit Ausnahme der wirklichen Avataras sind diese 
Abbilder ihrer Urbilder, ein jedes entsprechend seiner eigenen Eltern- 
Flamme, dieselben ungebrochenen Strahlen (Monaden), genannt Devas, 
Dhyan Chohans oder Dhyani Buddhas oder auch Planetengeister und 
so weiter, die durch aonenlange Ewigkeit gleich ihren Urbildern leuch- 
ten. Nach ihrem Bilde werden einige Menschen geboren, und wenn 
irgendein besonderes humanitares Ziel in Aussicht genommen ist, wer- 
den diese letzteren hypostatisch beseelt von ihren gottlichen Urbildern, 
die immer wieder hervorgebracht werden durch die geheimnisvollen 
Machte, welche die Schicksale der Welt leiten und lenken.» 

«Mehr durfte nicht gesagt werden zu der Zeit, als die <Entschleierte 
Isis> geschrieben wurde; deshalb blieb das Gesagte beschrankt auf die 
blofie Bemerkung, dafi es keinen hervorragenden Charakter in den 
Annalen der heiligen oder prof anen Geschichte gibt, dessen Urbild wir 
nicht finden konnten in den halb sagenhaften und halb realen Uber- 



lief erungen vergangener Religionen und My thologien. So wie der Stern, 
der in der schrankenlosen Unendlichkeit des Himmels in unermefilicher 
Entfernung iiber unseren Hauptern strahlt, sich spiegelt in den stillen 
Gewassern eines Sees, so wird widergespiegelt das Bild der Menschheit 
vorsintflutlicher Zeiten in jenen Perioden, die wir mit einem geschicht- 
lichen Ruckblick umf assen konnen ...» 

Wie gesagt, ich ergreife gerne die Gelegenheit, urn die Obereinstim- 
mung dessen, was wir in unmittelbarer Gegenwart erforschen konnen, 
mit dem, was in gewisser Beziehung urspriingliche Offenbarung war, 
hervorzuheben. Sie wissen ja, dafi es Grundsatz hier ist, in gewisser 
Hinsicht treu festzuhalten an den Traditionen der theosophischen Be- 
wegung; dafi aber auch nichts ungepriift hier wiederholt wird, das 
betone ich ausdriicklich; darauf kommt es an. Wo eine Ubereinstim- 
mung des Erkannten mit anderem betont werden kann, soil es wegen 
der Kontinuitat der Theosophischen Gesellschaft scharf hervorgehoben 
werden, der Gerechtigkeit gemafi; aber ungepriift soli nichts einfach 
wiederholt werden. Das hangt mit der Mission zusammen, die wir 
gerade innerhalb unserer deutschen theosophischen Bewegung haben - 
eben den eigenen Einschlag hineinzutragen, den individuellen Einschlag 
in diese theosophische Bewegung. Aber gerade solche Beispiele konnen 
Ihnen ein Bild davon geben, wie unbegriindet das Vorurteil ist, das da 
und dort hervorwachst, als ob wir durchaus in den Dingen immer etwas 
anderes haben wollten. Wir arbeiten treu weiter, wir kramen nicht 
sozusagen immerfort die alten Dogmen aus, wir priifen auch das, was 
heute von anderer Seite geboten wird. Und wir vertreten das, was mit 
dem besten okkulten Gewissen gesagt werden kann auf Grundlage der 
urspriinglichen okkulten Forschungen und der Methoden, die uns iiber- 
liefert sind durch unsere eigenen heiligen Oberlief erungen des Rosen- 
kreuzes. 

Es ist nun aufierordentlich interessant, an einer einzelnen Person- 
lichkeit zu zeigen, wie gewissermafien das Alte, das in die Menschheit 
hereininspiriert worden ist unter dem Einflufi hoherer Machte, sozu- 
sagen einen auf den physischen Plan hingeordneten Charakter bei den 
Menschen des griechisch-lateinischen Zeitalters angenommen hat. Da 
konnen wir als ein Beispiel anfiihren, wie Eabani in derjenigen seiner 



Inkarnationen, die zwischen der Personlichkeit des Eabani und des 
Aristoteles liegt, unter dem Einflufi der alten Mysterienlehren mit ihren 
aus den iibersinnlichen Welten herabkommenden Kraften aufnehmen 
konnte das, worauf eigentlich in gewissen Mysterienschulen die Fort- 
entwickelung der menschlichen Seele beruht. Wir wollen jetzt nicht 
wiederholen, was Charaktereigentumlichkeit der verschiedenen Myste- 
rienschulen war, wir wollen auf eine Art derselben unseren geistigen 
Blick richten, auf jene, wo durch die Erregung ganz bestimmter Gefuhle 
die Seele fortentwickelt wurde, so daft sie eindringen lernte in die iiber- 
physische Welt. In solchen Mysterien wurden in der Seele namentlich 
jene Empfindungen, jene Impulse erregt,die geeignet waren, von Grund 
aus alien Egoismus auszurotten aus der Seele. Es wurde der Seele klar- 
gemacht, wie sie im Grunde genommen immer egoistisch sein mufi, 
wenn sie im physischen Leibe verkorpert ist. Es wurde der ganze Urn- 
fang und die ganze Bedeutung des Egoismus fur den physischen Plan 
sozusagen in Impulsen auf die entsprechende Seele abgeladen. Und tief , 
tief zerknirscht fiihlte sich eine solche Seele, die sich sagen mulke: Ich 
habe bisher nichts anderes gekannt als den Egoismus, ich kann ja im 
physischen Leibe gar nichts anderes sein als ein Egoist. Ja, weit ist eine 
solche Seele entfernt worden von dem billigen Standpunkte solcher 
Menschen, die als jedes zweite Wort im Munde fiihren: Ich will ja die 
Sache nicht fur mich, sondern fur einen anderen. Den Egoismus zu 
iiberwinden und den Zug nach dem Allgemein-Menschlichen und Kos- 
mischen sich anzueignen, ist nicht so leicht, wie mancher sich vorstellt. 
Diesem Aneignen mufi vorangehen eine vollige Niederschmetterung 
der Seele iiber den Umfang des Egoismus in den Impulsen dieser Seele. 
Mitleid mit allem Menschlichen, mit allem Kosmischen mulke die Seele 
lernen in den Mysterien, die ich da meine, Mitleid durch die Uberwin- 
dung des physischen Planes. Dann konnte man von ihr hoffen, dafi sie 
wieder heruntertragen wurde aus den hoheren Welten das wahrhafte 
Mitgefuhl fiir alles Lebendige und alles Seiende. 

Aber noch ein anderes Gefiihl sollte namentlich entwickelt werden 
als ein Hauptgefiihl neben mancherlei anderem. Wenn der Mensch ein- 
dringen soil in die geistige Welt, dann mufi er sich klar sein, dafi dort 
alles anders ist als in der physischen Welt. Wie vor einem vollig Un- 



bekannten mufi man stehen, wenn man der geistigen Welt Auge in Auge 
gegenubertritt. Da ist wirklich das Gefiihl vorhanden, durch das man 
in Gefahr gerat, das Gefiihl der Furcht vor dem Unbekannten. Und 
deshalb mufite die Seele in solchen Mysterien durchleben alles, was die 
Seele des Menschen iiberhaupt an Furcht und Angst und Schreck und 
Grauen erleben konnte, um sich abzugewohnen die Gefuhle von Furcht 
und Angst und Schreck und Grauen. Dann war der Mensch gewappnet, 
hinauf zusteigen in die ihrem Inhalte nach ihm unbekannte geistige Welt. 
So mufke also die Seele des Schulers der Mysterien durchgehen durch 
die Erziehung zum umfassenden universellen Gefiihl des Mitleids und 
zum universellen Gefiihl der Furchtlosigkeit. Das machte jede Seele in 
denjenigen alten Mysterien durch, an denen Eabani teilnahm, als er 
wieder erschienen war in der Inkarnation, die zwischen Eabani und 
Aristoteles steht. Das machte auch er durch. Und nun trat das wie eine 
Erinnerung an friihere Inkarnationen in Aristoteles zutage. Er konnte 
deshalb die Theorie der Tragodie geben, weil er aus solchen Erinne- 
rungen heraus beim Anschauen der griechischen Tragodie darauf kam, 
wie in dieser ein Nachklang ist, gleichsam ein aufieres, auf den physi- 
schen Plan herausgetragenes Nachspiel der Mysterienerziehung, wo die 
Seele durch Mitleid und Furcht gelautert wird. So sollte der dramatische 
Held und der ganze Aufbau einer Tragodie vor den Zuschauern etwas 
darleben, woran der Zuschauer abgeschwacht erleben kann Mitleid mit 
dem Schicksal des tragischen Helden und Furcht vor dem Ausgang 
seines Schicksals, vor dem schauervollen Tod, der ihm winkt. So war 
hineinverwoben in den dramatischen Fortgang der Tragodie, in das 
Weben und Leben der Tragodie, was in der Seele des alten Mysten vor- 
ging: die Lauterung, die Reinigung, die Katharsis durch Furcht und 
Mitleid. Und wie ein Nachklang sollte auf dem physischen Plan der 
Angehorige der griechischen Kulturperiode empfinden den Durchgang 
durch Furcht und Mitleid. Kunstlerisch sollte man erleben, asthetisch 
geniefien das, was friiher ein grofSes Erziehungsprinzip war. Und als 
das, was Aristoteles in friiheren Inkarnationen gelernt hatte, in seine 
Personlichkeit kam, da war er der geeignete Mann, diese eigenartige 
Definition der Tragodie zu geben, die so klassisch geworden ist und so 
grofiartig gewirkt hat, dafi sie im 1 8. Jahrhundert noch von Lessing auf- 



genommen wurde und durch das 19. Jahrhundert hindurch eine solche 
Rolle gespielt hat, dafi iiber diese Definition ganze Bibliotheken ge- 
schrieben worden sind. Man wiirde iibrigens nicht viel verlieren, wenn 
der grofite Teil dessen, was in den Bibliotheken liegt, verbrannt wiirde, 
denn es wurde mit einem vollstandigen Verkennen dessen geschrieben, 
was vorhin gesagt worden ist, dafi wir es namlich damit zu tun haben, 
dafi in die Kunst etwas herunterprojiziert wird, was im Geistigen liegt. 
Und die das schrieben, ahnten nicht, dafi Aristoteles ein altes Myste- 
riengeheimnis gab, wenn er sagte: Eine Tragodie ist eine Zusammen- 
fiigung aufeinanderfolgender Handlungen, die gruppiert werden um 
einen Helden und die geeignet sind, im Zuschauer das Gefiihl von 
Furcht und Mitleid zu erregen, damit eine Lauterung in der Seele des 
Zuschauers eintreten konne. 

So sehen wir, dafi in einer einzelnen Personlichkeit, in dem, was sie 
will und sagt, abschattiert ist, was uns nur dann verstandlich wird, 
wenn wir durch die Personlichkeit durchblicken auf denjenigen, der 
dahintersteht, auf den Inspirator. Erst wenn Sie die Geschichte so 
betrachten, konnen Sie sehen, was die Personlichkeit und was die iiber- 
personlichen Machte fur das geschichtliche Leben bedeuten, wie da 
etwas hereinspielt in die individuellen Inkarnationen, was Frau Bla- 
vatsky nennt das Zusammenspiel von personlichen individuellen Inkar- 
nationen, und dem, was sie schildert, indem sie sagt: «Aber neben der 
alten stets bestehenden Tatsache von Reinkarnation und Karma sollten 
die Okkultisten eine zyklische und mit der Evolution Schritt haltende 
Reinkarnation verkiinden» und so weiter. Sie nennt das eine bewufite 
Reinkarnation, weil fur die meisten Menschen doch heute die aufein- 
anderfolgenden Inkarnationen fur das Ich unbewufit bleiben, wahrend 
die geistigen Machte, die da von oben hereinwirken, in der Tat mit 
Bewufitsein ihre Kraft von einem Zeitalter in das andere zyklisch hin- 
iibertragen. 

Das also, was da steht als eine Offenbarung dessen, was Blavatsky 
in ihrer ersten Zeit aus den Rosenkreuzermysterien heraus sagte, das 
ist durchaus zu kontrollieren und f estzustellen durch urspriingliche For- 
schungen. Daraus aber werden Sie sehen, dafi jene bequeme Art, die 
eine Inkarnation immer nur als die Wirkung einer vorhergehenden Ver- 



korperung auffafit, wesentlich modifiziert wird. Und Sie werden be- 
greifen, dafi Reinkarnation eine viel kompliziertere Tatsachenwelt ist, 
als man gewohnlich annimmt, und dafi wir sie vollkommen nur dann 
verstehen, wenn wir den Menschen angliedern an eine hohere iiber- 
physische Welt, die fortwahrend in unsere Welt hereinwirkt. Wir kon- 
nen sagen, dafl in jenem Zwischenraum, den wir als die griechisch- 
lateinische Kultur bezeichnen, dem Menschen Zeit gelassen wurde, alles 
das, was aus hoheren Welten in die Seele durch lange Inkarnationen- 
reihen hindurch gelegt worden war, nachzuempf inden, nachklingen zu 
lassen einmal iiber einem rein menschlichen Ich. Was die griechisch- 
lateinische Welt auslebte, war wie ein menschlich-persbnliches Aus- 
leben unendlicher Erinnerungen, die friiher von hoheren Welten in 
dieselben Individualitaten hineingelegt worden waren. Diirfen wir uns 
deshalb wundern, wenn die bedeutendsten Geister gerade der grie- 
chischen Welt das sich besonders zum Bewufitsein bringen? Sie sagten 
sich, wenn sie hineinschauten in ihre Innenwelt: Da stromt es heraus, 
da dehnen sich Welten in unsere Personlichkeit hinein; die sind aber 
Erinnerungen an das, was friiher von den geistigen Welten hinein- 
gegossen worden ist in uns. - Lesen Sie bei Plato, wie er das, was der 
Mensch erleben kann, zunickfuhrt auf eine Erinnerung der Seele an 
ihre vergangenen Erlebnisse. Da sehen Sie, wie aus einem tief realen 
Bewufitsein der vierten nachatlantischen Epoche heraus ein solcher 
Geist wie Plato geschopft hat. Wir lernen erst verstehen, was solch ein 
einzelner Ausspruch einer so markanten Personlichkeit bedeutet, wenn 
wir okkult hineinschauen konnen in den Geist der Epochen. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 30.Dezember 1910 



Sie werden entnehmen konnen aus den Andeutungen der letzten Tage, 
dafi die griechisch-lateinische Kultur in einer gewissen Beziehung in der 
Mitte der ganzen nachatlantischen Kultur stent. Die drei vorangehen- 
den Kulturepochen sind gleichsam die Vorbereitung zu jener Arbeit der 
menschlichen Seele, des Ich im Ich, wie wir das fur die griechische Kul- 
tur angedeutet haben. Wie ein Herabstieg aus hellseherischen An- 
schauungen zu der rein menschlichen Anschauung im Griechentum, so 
nehmen sich aus die altindische, persische, agyptische Kultur. Wie ein 
Wiederhinaufsteigen, ein Wiedererreichen hellseherischer Kulturen 
mufi uns das erscheinen, was mit unserem Zeitraume beginnt und was in 
immer ausgebreiteterem Mafie in den nachsten Jahrhunderten und 
Jahrtausenden fur die Menschheit erreicht werden mufi. So miissen wir 
sagen: In dem agyptisch-babylonisch-chaldaischen Kulturzeitraume 
haben wir sozusagen die letzte Vorbereitung fur das rein menschliche 
Griechentum. Der Mensch steigt damals, im dritten nachatlantischen 
Zeitraume, gleichsam herab von den alten hellseherischen Zustanden, 
durch die er noch unmittelbar hat teilnehmen konnen an der geistigen 
Welt, und bereitet vor die rein personliche, die rein menschliche Kultur, 
welche sich durch eine Arbeit der Seele, die man eben nennen kann «Ich 
im Ich», charakterisieren lafit. Daher zeigte sich uns auch, wie das mit 
der hellseherischen Kultur verbundeneZuruckschauen in friihere Inkar- 
nationen zunachst fiir Gilgamesch, den Inaugurator der babylonischen 
Kultur, undeutlich, verschwommen wurde; wie er sich selbst da nicht 
mehr auskannte, wo Eabani gewisse Fahigkeiten gleichsam auf ihn ver- 
erbte, um zuriickzuschauen in friihere Inkarnationen. Und ganz ent- 
sprechend diesem Herabstiirzen aus einer spirituellen Hohe und dem 
Einziehen in das blofi Personliche des einzelnen Menschen, ganz ent- 
sprechend dieser Eigenart der babylonischen Seele wirkt alies das, was 
wir durch die Arbeit dieser babylonischen Seelen auf die Nachwelt 
fortgepflanzt sehen. 

Wenn wir die Geschichte okkult betrachten wollen, so miissen wir 



ja sagen, dafi sich uns immer mehr und mehr aufdrangt, wie die Volker 
mit ihrer Arbeit, mit ihrem kulturellen Schaffen keineswegs isoliert 
dastehen in der Weltentwickelung, im Menschheitsfortschritt. Ein 
jedes Volk hat seine spirituelle Aufgabe, es hat einen ganz bestimmten 
Beitrag zu leisten fiir das, was wir den menschlichen Fortschritt nennen. 
Unsere Kultur ist ja heute schon eine ganz komplizierte, und sie ist 
dadurch so kompliziert geworden, dafi viele einzelne Kulturstrome 
zusammengeflossen sind. Wir haben in unserem heutigen Geistesleben 
und in unserem aufieren Leben einen Zusammenflufi der mannigfaltig- 
sten Volkerkulturen, die von den einzelnen Volkern mehr oder weniger 
einseitig, im Sinne ihrer Mission geleistet wurden und die dann in den 
gemeinsamen Strom hineingeflossen sind. Deshalb unterscheiden sich 
alle einzelnen Volker voneinander, deshalb konnen wir bei jedem Volke 
von seiner besonderen Mission sprechen. Und wir konnen fragen: Was 
konnen wir, die wir ja die Kulturarbeit unserer Vorfahren in unserer 
eigenen Kultur enthalten haben, was konnen wir heute aufweisen, das 
uns zeigt, was diese oder jene Volker uns zu geben hatten fiir den ge- 
meinsamen Menschenfortschritt? 

Da ist es recht interessant, gerade die Kulturaufgabe des babyloni- 
schen Volkes einmal ins Auge zu fassen. O dieses babylonische Volk, 
selbst dem aufteren Geschichtsschreiber hat es merkwiirdige Ratsel auf- 
gegeben in dem letzten Jahrhundert durch die Entzifferung der Keil- 
schrift. Und auch das, was nur aufierlich hat erkundet werden konnen, 
ist schon im hochsten Grade merkwurdig. Denn der aufiere Forscher 
kann heute sagen: Das, was man fruher Geschichte genannt hat, das hat 
sich fast verdoppelt in bezug auf die Zeit durch das, was man mit der 
Entzifferung der Keilschrift gelernt hat. Schon die aufiere Geschichts- 
forschung sieht an der Hand aufierer Urkunden formlich zuriick auf 
fiinf- bis sechstausend Jahre vor der christlichen Zeitrechnung und 
kann sagen: In dieser ganzen Zeit war in den Gegenden, in denen 
spater die Babylonier, die Assyrer wirkten, eine machtige, eine be- 
deutungsvolle Kultur vorhanden. Da finden wir vor alien Dingen in 
den altesten Zeiten ein hochst merkwiirdiges Volk, Sumerer wird es in 
der Geschichte genannt, und sein Wohnsitz war in den Gegenden des 
Euphrat und Tigris, mehr in den oberen Partien, aber auch gegen den 



unteren Lauf zu. Wir konnen, weil wir dazu die Zeit nicht haben, hier 
nicht so sehr auf die aufieren geschichtlichen Urkunden eingehen, wir 
miissen uns mehr mit dem beschaftigen, was die okkulte Geschichte 
uns lehren kann. 

Dieses Volk, es gehorte mit allem, was es denken und geistig schaf- 
fen konnte, und auch mit dem, was es aufierlich wirkte, einer verhalt- 
nismafiig sehr friihen Kulturstufe der nachatlantischen Entwickelung 
an. Und je weiter wir zuruckgehen in der Geschichte der Sumerer, die 
wir als die Vorbabylonier bezeichnen konnten, desto mehr wird uns 
klar, dafi innerhalb dieses Volkes hochbedeutsame geistige Oberliefe- 
rungen lebten, dafi eine bedeutungs voile spirituelle Weisheit vorhanden 
war, eine Weisheit, die wir etwa so charakterisieren konnen, dafi wir 
sagen: Die ganze Art des Lebens, die ganze Art nicht allein zu denken, 
sondern iiberhaupt zu leben in der Seele und im Geiste, war bei diesem 
Volk eine ganz andere als bei den spateren Menschen derWeltgeschichte. 
Fur Menschen der spateren Weltgeschichte stellte es sich zum Beispiel 
uberall heraus, dafi ein gewisser Abstand ist zwischen dem Gedachten 
und dem Gesprochenen. Wer sollte heute nicht wissen, dafi Denken und 
Sprechen doch zwei ganz verschiedene Dinge sind, dafi die Sprache in 
gewisser Beziehung in konventionellen Ausdrucksmitteln fur das be- 
steht, was die Menschen denken. Das geht schon daraus hervor, dafi wir 
eben viele Sprachen haben und im Grunde genommen doch eine grofie 
Anzahl gemeinsamer Vorstellungen in diesen verschiedenen Sprachen 
der Erde zum Ausdruck bringen. Also es ist ein gewisser Zwischenraum 
zwischen dem Denken und dem Sprechen vorhanden. So war es bei 
diesem alten Volke eigentlich nicht, sondern es hatte eine Sprache, die 
im Grunde genommen zur Seele ganz anders stand als alle alteren 
Sprachen. Namentlich wenn wir in recht alte Zeiten zuruckgehen, fin- 
den wir da wirklich etwas - wenn auch nicht mehr ganz rein erhalten - 
wie eine Art Ursprache der Menschheit. Zwar finden wir die Sprache 
der einzelnen Stamme und Rassen im weitesten Umkreise Europas, 
Asiens und Afrikas schon in gewisser Weise differenziert; aber eine Art 
gemeinsamen Sprachelements, das auf dem ganzen damals bekannten 
Erdkreis, namentlich von dem tieferen geistigen Menschen, verstanden 
werden konnte, war gerade bei den Sumerern vorhanden. Woher kam 



das? Weil die Seele dieser Menschen bei dem Tone, bei dem Laute etwas 
ganz Bestimmtes fiihlte und eindeutig ausdriicken mufite, was bei 
irgendeinem Gedanken und zu gleicher Zeit bei einem Laute gefiihlt 
werden kann. 

Sehen Sie, das, was damit gesagt worden ist, das mochte ich zunachst 
so ausdriicken, dafi selbst noch in jenen Namen, die ich Ihnen bei der 
Besprechung des Gilgamesch-Epos anfiihren mufite, selbst da noch auf- 
fallige Laute vorhanden sind: Ischtar, Ischulan und dergleichen. Wenn 
man diese Laute ausspricht und den Lautwert in okkulter Beziehung 
kennt, dann weifi man, dafi im Grunde genommen das Namen sind, die 
keine anderen Laute enthalten konnen, wenn sie die betreffenden 
Wesenheiten bezeichnen sollen, weil sich ein U, ein I, ein A nur auf 
etwas ganz Bestimmtes eindeutig beziehen kann. Das eben ist ja der 
Fortgang der Sprache gewesen, da£ die Menschen das Gefiihl dafur 
verloren haben, wie diese Dinge, die Laute - Mitlaute, Selbstlaute - in 
eindeutiger Weise sich auf irgend etwas beziehen konnen, so dafi man 
ein Ding in diesen alten Zeiten gar nicht anders hat bezeichnen konnen 
als mit einer ganz bestimmten Lautzusammenfugung. Ebensowenig wie 
wir im Grunde genommen heute, wenn wir ein Ding meinen, einen 
anderen Gedanken dariiber in England oder in Deutschland haben 
konnen, ebensowenig hat man damals, weil man noch das unmittelbare 
spirituelle alte Gefiihl hatte fur den Laut, irgendein Ding oder Wesen 
anders als mit einer eindeutigen Lautzusammenfugung bezeichnen 
konnen. So dafi die Sprache in alten Zeiten - und die alte sumerische 
Sprache hatte eben einen Nachklang dieser alten Zeiten - eine ganz 
bestimmte war, die einfach durch die Natur der Seele fur denjenigen, 
der sie horte, begreiflich war. Wenn wir so von der Sprache sprechen, 
miissen wir zurUckweisen in die allerersten Zeiten der nachatlantischen 
Kulturen. 

Dann aber hatte gerade das babylonische Volk die Aufgabe, diesen 
lebendigen spirituellen Zusammenhang des Menschen mit der geistigen 
Welt herunterzuf uhren in das Personliche, da wo die Personlichkeit auf 
sich gestellt ist in ihrer Einzelheit, in ihrer Sonderheit. Das war die Auf- 
gabe der Babylonier, die spirituelle Welt in den physischen Plan hin- 
unterzufiihren. Und verbunden damit ist, dafi dieses lebendige Gefiihl, 



dieses spirituelle Gefiihl fur die Sprache aufhort und die Sprache sich 
richtet nach Klima, nach geographischer Lage, nach der Volksrasse und 
dergleichen. Daher schildert uns die Bibel, die iiber diese Dinge Rich- 
tigeres erzahlt als die Phantastereien des sich Sprachf orscher nennenden 
Herrn Fritz Mauthner, daher schildert sie uns diese wichtige Tatsache 
in dem babylonischen Turmbau, wo alle eine gemeinsame Sprache 
sprechenden Menschen der Erde zerstreut werden. Auch diesen baby- 
lonischen Turmbau konnen wir spirituell verstehen, wenn wir wissen, 
wie in alten Zeiten gebaut wurde. Solche Gebaude, welche zu dem 
Zwecke gebaut wurden, gewisse der heiligen Weisheit gewidmete 
Handlungen vorzunehmen, oder welche Wahrzeichen sein sollten fur 
die heiligen Wahrheiten, solche Gebaude wurden in alten Zeiten in den 
Mafien gebaut, die entweder vom Himmel oder vom Menschen ge- 
nommen waren. Und das ist im Grunde genommen dasselbe; denn der 
Mensch ist als Mikrokosmos eine Nachbildung des Makrokosmos, so 
dafi die Mafie, welche in die Pyramide hineingeheimnifit sind, vom 
Himmel und vom Menschen genommen sind. 

Wenn wir also in alte Zeiten zunickgehen konnten, in verhaltnis- 
mafiig friihe Zeiten, da wurden wir bei den Kultbauten iiberall finden 
symbolische Nachahmungen der Menschen- oder Himmelsmafie. 
Lange, Breite und Tiefe, die Art und Weise, wie das Innere architek- 
tonisch gestaltet wurde, alles das war nachgebildet den Himmelsmafien 
oder den en des menschlichen Leibes. Aber es war das eben so geschehen: 
Wo man ein lebendiges Bewufitsein hatte von dem Zusammenhang des 
Menschen mit der spirituellen Welt, da waren die Mafie heruntergeholt 
aus der spirituellen Welt. Wie mufite es denn in der Zeit werden, in 
welcher heruntergefiihrt werden sollte die menschliche Erkenntnis 
sozusagen vom Himmel auf die Erde? Von dem allgemeinen Spirituell- 
Menschlichen zu dem Menschlich-Personlichen? Da konnten die Mafie 
nurmehr genommen werden vom Menschen selbst, von der mensch- 
lichen Personlichkeit, insofern sie Ausdruck ist der einzelnen Ichheit. 
Das aber mufite der babylonische Turm werden, die Kultstatte der- 
jenigen, die nurmehr von der Personlichkeit die Mafie hernehmen soil- 
ten. Aber zu gleicher Zeit mufite gezeigt werden, dafi die Personlichkeit 
erst nach und nach reif werden mufi, wiederum hinaufzusteigen in die 



geistigen Welten. Wir haben gesehen, es mufite erst durch den vierten 
und fiinften Zeitraum durchgegangen werden, um wiederum hinauf- 
zusteigen. Damals war es nicht moglich gewesen, in die Welt der spiri- 
tuellen Regionen einf ach wieder hinaufzusteigen. Das ist damit gemeint, 
dafi der babylonische Turmbau eine mifigliickte Sache sein mufite, dafi 
man den Himmel noch nicht mit dem erreichen konnte, was aus der 
menschlichen Personlichkeit genommen werden konnte. Ungeheuer 
Tiefes liegt in diesem Weltsymbolum, in dem babylonischen Turmbau, 
durch den die Menschen auf ihre einzelne menschliche Personlichkeit 
beschrankt worden sind, auf das, was die Personlichkeit in irgendeinem 
Volke unter einzelnen besonderen Verhaltnissen werden konnte. 

So wurden die Babylonier heruntergewiesen aus der spirituellen 
Welt auf unsere Erde; da war ihre Mission, da war ihre Aufgabe. Aber, 
wie ich schon erwahnt habe, der aufteren babylonischen Kultur lag 
zugrunde eine chaldaische Mysterienkultur, die esoterisch blieb, die 
aber doch in ganz bestimmter Weise einflofi in die aufiere Kultur. Und 
daher sehen wir iiberall noch die uralte Weisheit durchschimmern in 
dem, was die Babylonier als Mafinahmen treffen konnten. Aber sie 
muflten das so tun, dafi es nicht mit ihnen hinaufstieg in die spirituellen 
Regionen, sondern dafi sie es anwendeten auf unsere Erde. Und was in 
dieser Art in der Mission der Babylonier lag, das hat sich einverleibt der 
Kultur und ist bis in unsere Zeiten heruntergekommen. Das konnen wir 
zeigen. Wir miissen da nur ein wenig Respekt bekommen vor jener 
immerhin noch grofien, gewaltigen Aufschau in die spirituellen Welten, 
die noch die alten Traditionen in der Seele hegte und erst in der Abend- 
dammerung angekommen war. Wir miissen Respekt bekommen vor der 
tief en Himmelskunde der Babylonier und vor ihrer gewaltigen Mission, 
die darin bestand, aus dem, was der Menschheit durch die spirituelle 
Welt bekannt war, aus den Mafien des Himmels, alles das herauszu- 
holen, was fiir das aufiere praktische Leben notwendig der mensch- 
lichen Kultur einverleibt werden mufSte. Aber sie hatten zu gleicher 
Zeit die Mission, alles auf den Menschen zu beziehen. Und da ist es 
interessant, dafi gewisse Vorstellungen bis in unsere Zeiten herein gelebt 
haben, die gleichsam ein Nachklang jener eigentumlichen Gefuhle* 
waren, die die Babylonier noch lebendig empfanden: Gefiihle von 



einem Hereinfliefien des ganzen Makrokosmos in den Menschen, von 
einer menschlichen Gesetzmafiigkeit des irdischen personlichen Men- 
schen, der nachbildet die grofie Himmelsgesetzmafiigkeit. 

So gab es im alten Babylonien einen Spruch, der da sagt: «Sieh dir 
an den Menschen, der da geht, nicht wie ein Greis und nicht wie ein 
Kind, der da geht als ein Gesunder und nicht als ein Kranker, der da 
nicht zu schnell lauf t und nicht zu langsam schreitet, und du wirst sehen 
das Mafi des Sonnenganges.» Ein merkwiirdiger Ausspruch, der uns 
aber tief, tief hineinweisen kann in die Seelen der alten Babylonier. 
Denn sie stellten sich vor, dafi ein Mensch mit einem guten, gesunden 
Schritt, ein Mensch, der eine Schnelligkeit einhalt in seinem Gehen, die 
der Gesundheit des Lebens entspringt, dafi ein solcher Mensch, wenn er 
nicht zu schnell und nicht zu langsam um die Erde herumgehen wiirde, 
zu einem solchen Rundgange 365V4 Tage brauchen wiirde - und das 
stimmt ungef ahr, vorausgesetzt, dafi er Tag und Nacht ununterbrochen 
wanderte. Und so sagten sie sich: Das ist die Zeit, in der ein gesunder 
Mensch die Erde umkreisen konnte, und auch die gleiche Zeit - denn sie 
glaubten ja an die scheinbare Bewegung der Sonne um die Erde -, in 
welcher die Sonne herumgeht um die Erde. Gehst du also als ein ge- 
sunder Mensch, nicht zu schnell, nicht zu langsam, um die Erde herum, 
so haltst du das Tempo ein des Sonnenganges um die Erde. Das heifit: 
«Mensch, es ist deiner Gesundheit eingepf lanzt, den Gang der Sonne um 
die Erde nachzugehen.» 

Das ist allerdings etwas, was uns Respekt einflofien kann vor der 
gewaltigen kosmischen Anschauung dieses babylonischen Volkes. Denn 
da von ausgehend haben sie dann geschaffen eine Einteilung dieses Um- 
zuges des Menschen um die Erde. Sie haben nach gewissen Teilmafien 
gerechnet und haben dann etwas herausbekommen, was ungefahr der 
Weg ist, den der Mensch zuriicklegt, wenn er zwei Wegstunden weit 
geht; dies aber kommt einer Meile gleich. Am gesunden Gang rechneten 
sie dieses Mafi heraus und nahmen es als eine Art Normalmafi, um den 
Boden zu messen in grofierem Mafistab. Und dieses Mafi, meine lieben 
Freunde, ist vorhanden geblieben bis vor kurzer Zeit - wo in der 
Menschenentwickelung alles ins Abstrakte gegangen ist - in der deut- 
schen Meile, die man ungefahr in zwei Stunden zurucklegen kann. So 



hat sich bis ins 19. Jahrhundert herein etwas erhalten, was herstammt 
aus der Mission der alten Babylonier, die sich das vom Kosmos herunter- 
geholt, die es dem Laufe der Sonne nachgerechnet hatten. 

Erst unsere Zeit hatte die Notwendigkeit, diese vom Menschen her- 
genommenen Mafie zuriickzufiihren auf abstrakte Mafie, die von etwas 
Totem hergenommen sind. Denn bekanntlich ist das gegenwartige Mafi 
ein abstraktes gegeniiber den konkreten, unmittelbar an dem Menschen 
und an der Himmelserscheinung ankmipfenden Mafien, die im Grunde 
genommen alle auf die Mission des alten babylonischen Volkes zuriick- 
fiihren. Auch bei anderen Mafien, wie zum Beispiel bei dem «Fufi» 
- dieses war hergenommen von einem menschlichen Glied oder bei 
der «Elle» — die hat man abgemessen an Hand und Arm des Menschen -, 
iiberall konnten wir finden, dafi da etwas zugrunde liegt, was am Men- 
schen, am Mikrokosmos als Gesetzmafiigkeit gefunden wurde. Und im 
Grunde genommen lag auch noch bis vor kurzem die ganze Denkweise 
der alten Babylonier unserem Mafisystem zugrunde- Die zwolf Tier- 
kreisbilder und die fiinf Planeten gaben ihnen funf mal zwolf — sech- 
zig; das ist eine Grundzahl. Gezahlt haben die alten Babylonier uber- 
haupt bis sechzig. Bei sechzig f ingen sie wieder von neuem an. Bei allem, 
was sie in den alltaglichen Dingen zahlten, legten sie die Zahl zwolf 
zugrunde, welche deshalb, weil sie aus den Gesetzen des Kosmos heraus 
ist, sich tatsachlich viel konkreter alien aufieren konkreten Verhaltnis- 
sen anschmiegt. Denn die Zahl hat zwolf Teile. Zwolf war ja das 
Dutzend, und das Dutzend ist nichts anderes als eine Gabe aus der 
Mission der Babylonier heraus. Wir haben iiberall die Zehn zugrunde 
liegen, eine Zahl, die uns grofie Schwierigkeiten bereitet, wenn wir sie 
in Teile zerlegen wollen, wahrend das Dutzend auch in seiner Bezie- 
hung zu sechzig und in seiner verschiedenen Teilbarkeit als die Grund- 
lage eines Zahl- und Mafisystems in hohem Mafie sich konkret in die 
Verhaltnisse hineinschmiegt. 

Das soil nicht eine Kritik unserer Zeit sein, wenn gesagt wird, dafi 
die Menschheit ins Abstrakte, selbst in bezug auf Rechnen und Zahlen 
hineingegangen ist, denn es kann eben eine Epoche nicht dasselbe tun 
wie die vorhergehende. Wenn wir uns den Lauf der Kultur von der 
atlantischen Katastrophe bis in die griechische Zeit und von da weiter 



durch die unsrige darstellen wollen, konnen wir sagen: Die indische, 
persische, agyptische steigen herunter; in der griechischen Kultur ist 
der Punkt, wo das reine Menschentum im physischen Plane ausgebildet 
wird, dann beginnt wiederum das Hinaufsteigen. Aber dieses Hinauf- 
steigen ist so, dafi es sozusagen nur einen Ast darstellt der wirklichen 
Entwickelung und dafi allerdings ein fortlaufendes Sinken in den 
Materialismus auf der anderen Seite vorhanden ist. Daher haben wir in 
unserer Zeit neben dem energischen spirituellen Streben nach aufwarts 
den krassesten Materialismus, der tief in die Materie hineingeht. Diese 
Dinge gehen naturlich nebeneinander. Wie ein Widerstand, der zu iiber- 
winden ist zur Entwickelung einer hoheren Kraft, so mufi diese materia- 
listische Stromung vorhanden sein. Im Sinne dieser Stromung liegt es 
aber, alles abstrakt zu machen; denn das ganze Dezimalsystem ist ein 
abstraktes System. Das ist keine Kritik, sondern nur eine Charakte- 
ristik. Und so will man das Konkrete sonst auch iiberwinden. Was sind 
nicht alles fur Vorschlage gemacht worden, zum Beispiel das Osterfest 
auf einen festen Tag des April zu verlegen, damit die Unbequemlich- 
keiten fur Handel und Industrie vermieden wiirden! Man beachtet 
nicht, dafi wir da noch etwas haben, was hereinragt aus alten Zeiten in 
seiner Bestimmung nach dem SternenhimmeL Alles soli ins Abstrakte 
einlaufen, und nur wie ein diinner Bach zieht sich zunachst das Kon- 
krete, das wiederum dem Spirituellen zueilt, in unsere Kultur hinein. 

Es ist aufierordentlich interessant, wie nicht nur innerhalb der Gei- 
steswissenschaft, sondern auch aufierhalb derselben die Menschheit 
instinktiv getrieben wird, den Weg nach aufwarts zu machen, wieder- 
um hinaufzusteigen, sagen wir zu einer ahnlichen Anschmiegung an 
Mafi und Zahl und Form, wie es bei den alten Babyloniern und Agyp- 
tern der Fall war. Denn in der Tat ist in unserer Zeit eine Art Wieder- 
holung der babylonischen und agyptischen Kultur da; es wiederholen 
sich ja die Zeitraume der Vorzeit, der agyptische Zeitraum in dem 
unsrigen, der persische im sechsten, der indische im siebenten Zeitraum. 
Es entspricht der erste dem siebenten, der zweite dem sechsten, der 
dritte unserem funften, der vierte steht fur sich da, die Mitte bildend. 
Daher wiederholt sich so vieles instinktiv, was Anschauung der alten 
Agypter war. Da konnen merkwiirdige Sachen vorkommen. Es konnen 



Menschen ganz drinnenstehen in urmaterialistischen Vorstellungen, 
urmaterialistischen Begriffen, und dennoch konnen sie durch die Macht 
der Tatsachen - nicht durch naturwissenschaftliche Theorien, denn die 
sind heute alle materialistisch - ins spirituelle Leben gefiihrt werden. 

Sehen Sie, da gibt es zum Beispiel einen interessanten Berliner Arzt, 
der hat eine merkwurdige Beobachtung gemacht. Ich will Ihnen das 
hier einmal auf der Tafel vorfuhren; das ist also eine rein tatsachliche 
Beobachtung, die gemacht worden ist, abgesehen von aller Theorie. 
Nehmen wir an, in diesem Punkte ware uns schematisch gegeben das 
Todesdatum irgendeiner Frau - also ich verzeichne nicht irgend etwas, 
was ausgedacht ist, sondern was beobachtet ist -, diese Frau ist die 
Groft mutter einer Familie. Eine bestimmte Anzahl von Tagen vor dem 
Tode dieser Grofimutter der Familie wird ein Enkelkind geboren, die 
Anzahl der Tage betragt 1428. Merkwiirdigerweise wird 1428 Tage 
nach dem Tode der Grofimutter wiederum ein Enkelkind geboren, und 
ein Urenkel wird geboren 9996 Tage nach dem Tode der Grofimutter. 
Dividieren Sie 9996 durch 1428: Sie erhalten 7. Das heifit, in einem 
Zeitraum, der das Siebenfache ist von dem Zeitraum zwischen der 
Enkelgeburt und dem Tode der Grofimutter, wird ein Urenkel geboren. 
Und nun zeigt derselbe Arzt, dafi dies nicht ein vereinzelter Fall ist, 
sondern dafi sich ganze Familien durchgehen lassen, und man immer in 
bezug auf Tod und Geburt absolut bestimmte Zahlenverhaltnisse an- 
trifft. Und das Interessanteste ist: Wenn Sie zum Beispiel nehmen die 
Zahl 1428, so haben Sie darin wiederum sieben als eine darin auf- 
gehende Zahl. Kurz, die Tatsachen zwingen heute die Leute dazu, 
gewisse Regelmafiigkeiten, Periodizitaten, die mit den alten heiligen 
Zahlen zusammenhangen, in der Aufeinanderfolge der aufieren Ge- 
schehnisse wiederzuf inden. Und heute ist schon die Zahl der tatsachlich 
von Fliefi - so heifit der Berliner Arzt - und von seinen Schiilern zu- 
sammengestellten Ergebnisse in dieser Richtung ein Beweis dafur, dafi 
ganz bestimmte Zahlen die regulativen Faktoren sind, die da regeln das 
gesetzmafiige Ablaufen solcher Ereignisse. Diese zusammengestellten 
Zahlen sind heute schon in iiberwaltigender Menge vorhanden. Die 
Auslegung ist dabei eine durchaus materialistische, aber die Macht der 
Tatsachen zwingt, an das Wirken der Zahl beim Weltgeschehen zu 



glauben. Ich bemerke ausdrticklich, daft es aufterordentlich falsch ist, 
wie von Flieft und seinen Schiilern dieses Prinzip noch beniitzt wird. 
Wie er seine Hauptzahlen, namentlich 23 und 28, die er auch wieder 
findet - 28=4X7-, wie er diese Zahlen verwendet, das wird noch 
vielfache Verbesserungen erfahren miissen. Dennoch aber sehen wir in 
einer solchen Betrachtung etwas wie ein instinktives Auftauchen der 
alten babylonischen Kultur beim Aufstiege der Menschheit. Natiirlich, 
die grofk Masse der Menschen hat kein Gefiihl, keinen Sinn fiir solche 
Dinge; sie bleiben vereinzelt in engeren Kreisen. Aber merkwiirdig mufi 
es uns erscheinen, wenn wir sehen, dafi jene Leute, wie zum Beispiel die 
Schiiler des Flieft, die solche Dinge finden, dann eigentiimliche Ge- 
danken und Gefuhle bekommen. So sagt einer dieser Schiiler des Fliefi: 
«Was wiirden, wenn diese Dinge in alteren Zeiten gewufit worden 
waren» - sie sind eben gewufit worden! -, «was wiirden die betref fen- 
den Menschen sagen?» Und eine besonders charakteristische Stelle 
scheint mir die folgende zu sein. 

Nachdem der Schiiler von Fliefi vieles in dieser Weise zusammen- 
gestellt hat, sagt er: «Zeitraume von der klarsten mathematischen 
Struktur werden hier der Natur entnommen und solche Dinge sind den 
viel Schwierigeres gewohnten, begabten Kopfen zu alien Zeiten un- 
erreichbar gewesen. Mit welcher religiosen Inbrunst Flatten die rechnen- 
den Babylonier hier geforscht und mit welchem Zauber waren die 
Fragen umgeben worden. » Also wie weit ist man schon im Ahnen 
dessen, was wirklich geschieht! Wie arbeitet der Instinkt des Men- 
schen wiederum nach dem spirituellen Leben! Gerade dort aber, wo die 
landlaufige Wissenschaft unserer Zeit gewohnlich blind vorubergeht, 
gerade dort ist vielfach das zu suchen, was tief lichtbringend ist fiir die 
okkulte Kraft, deren sich die Leute gar nicht bewufit sind. Denn die- 
jenigen, die hier auf dieses eigentiimliche Zahlengesetz hinweisen, die 
erklaren es ganz materialistisch. Aber die Macht der Tatsachen zwingt 
heute schon die Menschen wiederum, die spirituelle, mathematische 
Gesetzmafiigkeit in den Dingen anzuerkennen. So sehen wir in der Tat, 
wie tief wahr es ist, dafi im Grunde genommen alles das, was spater in 
dem Verlauf der Entwickelung der Menschheit auf personliche Art sich 
ausdriickt, wie es ein Schattenbild ist dessen, was friiher in elementarer, 



urspriinglicher Grofie vorhanden war, weil eben noch der Zusammen- 
hang mit der spirituellen Welt bestand. Das mochte ich betonen, damit 
es sich in Ihre Seelen schreibt, dafi die Babylonier bei ibrem Obergang 
zu dem vierten Kulturzeitraum es waren, die sozusagen den Himmel 
auf die Erde herunterzutragen hatten, die das Himmlische nocb hinein- 
zugeheimnissen hatten in Mafi, Zahl, Gewicht; und dafi wir bis in 
unsere Tage herein die Nachklange davon gespiirt haben, dafi wir 
wieder zuriickkehren werden zu dieser Zalentechnik, dafi sie sich mehr 
und mehr wieder gel tend machen mufi, wenn audi auf anderen Gebieten 
des Lebens ein abstraktes Mafi- und Zahlensystem selbstverstandlich 
das Richtige ist. So also konnen wir auch hier wiederum sehen, wie beim 
Herabsteigen ein gewisser Punkt erreicht worden ist in der griechisch- 
lateinischen Kultur des reinen Menschentums, des Auspragens der Per- 
sonlichkeit auf dem physischen Plan, und wie dann aufs neue ein Auf- 
stieg stattfindet. So dafi also in der Tat auch in bezug auf den Gang der 
nachatlantischen Kultur das Griechentum wie in der Mitte dasteht. 

Nun mussen wir uns doch vor Augen fuhren, dafi hereinbrach in die- 
ser griechischen Epoche der Impuls des Christentums, der die Mensch- 
heit immer mehr und mehr hinauffuhren soli in andere Regionen. Wir 
haben aber schon gesehen, wie dieses Christentum in den ersten Zeiten 
seiner Entwickelung nicht etwa gleich mit all seiner Bedeutung, seinem 
spirituellen Gehalt aufgetreten ist. Wir haben es an dem Benehmen der 
alexandrinischen Menschen gegen die Hypatia uns veranschaulicht, mit 
welchen Schwachen und Schattenseiten zunachst das Christentum be- 
haf tet war. Ja, wir haben es oftmals betont, dafi die Zeiten, wo man das 
Christentum verstehen wird in seiner ganzen Tiefe, eben erst kommen 
werden, dafi das Christentum noch unendliche Tiefen in sich hat und 
dafi es sozusagen mehr der Zukunf t als der Gegenwart, geschweige denn 
der Vergangenheit der Menschen angehort. So sehen wir, wie ein im 
Anfange Begriffenes im Christentum sich hineinstellt in das, was im 
Grunde genommen die Erbschaft angetreten hat einer Urweltsweisheit 
und -geistigkeit. Denn das, was das Griechentum empfangen hatte, was 
es in sich trug, war wirklich etwas wie ein Erbgut dessen, was die Men- 
schen sich in unzahligen Inkarnationen erworben hatten durch ihren 
lebendigen Zusammenhang mit der spirituellen Welt. Die ganze Spiri- 



tualitat, die in den Vorzeiten erlebt worden war, hatte sich hinein- 
gesenkt in die Seelen und Herzen der Griechen und lebte sich in ihnen 
aus. Daher konnen wir begreifen, dafi es Menschen hat geben konnen, 
welche beim Einleben des Christentums, besonders angesichts dessen, 
was in den ersten Jahrhunderten aus dem christlichen Impulse ge- 
worden war, dieses Ereignis nicht so hoch schatzen konnten wie das, 
was mit iiberwaltigender Grofte, iiberwaltigender Geistigkeit als altes 
Erbgut von Jahrtausenden ins Griechentum sich herein vererbt hat. 
Und eine ganz besonders charakteristische Personlichkeit gab es, die 
sozusagen in der eigenen Brust diesen Kampf des Alten mit dem Neuen 
erlebte, diesen Kampf uraltester Weisheitsschatze, uraltester spiritueller 
Schatze mit dem, was erst im Anfange war und schwach rieselte: 
diese Personlichkeit der griechisch-lateinischen Zeit vom 4. Jahrhun- 
dert, die solches auf dem Schauplatz ihrer Seele erlebte, war Julian 
Apostata. 

Oh, es ist interessant, das Leben des Julianus, des romischen Kaisers, 
zu verfolgen. Als Neffe des ehrgeizigen und rachsiichtigen Kaisers 
Konstantin geboren, war eigentlich Julianus schon als Kind dazu be- 
stimmt, getotet zu werden mit seinem Bruder. Nur weil man glaubte, 
daft mit der Totung doch zu grofies Aufsehen erregt wiirde, und weil 
man hoffte, das, was er schaden konnte, spater hintanhalten zu konnen, 
Hefi man ihn am Leben. Und unter mancherlei Irrfahrten zu diesen und 
jenen Menschengemeinschaften mufite Julianus seine Erziehung durch- 
machen. Und es wurde streng darauf gesehen, daft er das in seine Seele 
aufnahm, was dazumal in Rom und von Rom, von dem romischen 
Kaiserreiche aus Opportunitatsgriinden als christliche Entwickelung 
genommen wurde. Das aber war ein buntes Gemisch von dem, was sich 
allmahlich als katholische Kirche herausarbeitete, und dem, was als 
Arianismus lebte; man wollte es sozusagen mit keinem von beiden ver- 
derben. Und so hatte man gerade damals ziemlich stark das alte helle- 
nistisch-heidnische Ideal, die alten Gotter und die alten Mysterien in 
jederWeise bekampft. Alles, wie gesagt, wurde aufgeboten, um Julianus, 
von dem man doch hoffen konnte, daft er einmal auf den Thron der 
Casaren kommen wiirde, um Julianus sozusagen gut christlich zu 
machen. 



Ein merkwurdiger Drang aber sprach sich in dieser Seele aus. 
Niemals konnte diese Seele so recht tiefes Verstandnis gewinnen fur das 
Christentum. Oberall da, wo dieses Kind hingebracht wurde, und wo 
noch Oberreste waren nicht nur alten Heidentums, sondern alter Spiri- 
tualitat, da ging diesem Knaben das Herz auf . Er sog ein, was in der 
Kultur des vierten Zeitraumes an uralten, heiligen Oberlieferungen und 
Einrichtungen lebte. Und so kam es denn, dafi er auf seinen verschie- 
dentlichsten Irrfahrten, zu denen die Verfolgungen durch seinen Oheim, 
den Kaiser, ihn trieben, dennoch in die Nahe von Lehrern der soge- 
nannten neuplatonischen Schule kam und zu den Schiilern der Alexan- 
driner, die von Alexandria aus die alten Oberlieferungen empfangen 
hatten. Da wurde erst recht Julianus' Herz genahrt mit dem, wozu er 
solch tiefen Drang empfand. Und dann lernte er kennen, was noch an 
solch alten Weisheitsschatzen in Griechenland selber vorhanden war. 
Und mit all dem, was Griechenland ihm gab, was ihm die alte Welt an 
Weisheit gab, mufite Julianus ein lebendiges Gefiihl verbinden fur die 
Sprache des Sternenhimmels, fur die Geheimnisse, die in der Schrift des 
Sternenhimmels aus dem Weltenraume zu uns heruntersprechen. Und 
dann kam fur ihn die Zeit, da er durch einen der letzten Hierophanten 
eingeweiht wurde in die eleusinischen Mysterien. Und wir haben in 
Julianus das eigentumliche Schauspiel, dafi ein Inspirierter der alten 
Mysterien, der ganz drinnensteht in dem, was man erhalten kann, wenn 
das spirituelle Leben durch die Mysterien zur Wirklichkeit wird, wir 
haben das Schauspiel, dafi ein solcher Eingeweihter auf dem Throne der 
romischen Casaren sitzt. Und so sehr auch in der Schrift gegen die 
Christen, die von Julianus erhalten ist, sich Mifiverstandnisse ein- 
geschlichen haben, so wissen wir doch, welche Grofie in der Welt- 
anschauung des Julianus lebte, da, wo er aus der GrolSe seiner Initiation 
heraus spricht. 

Aber als ein Schiiler der Mysterien, die schon in der Abendrote 
waren, wufite er sich nicht recht in die Zeit hineinzustellen, deshalb 
ging er dem Martyrertum eines Inspirierten entgegen, der nicht mehr 
recht weifi, welche Geheimnisse geheimgehalten werden miissen und 
welche mitgeteilt werden diirf en. Aus dem Eifer und Enthusiasmus, den 
Julianus aufgenommen hatte durch seine hellenistische Erziehung und 



durch die Einweihung, aus den grofiartigen Erfahrungen, die er an der 
Hand seines Hierophanten hatte machen konnen, entwickelte sich in 
ihm der Wille, wiederherzustellen, was er als das lebendige Leben und 
Weben der alten Spiritualitat sah. Und so sehen wir, wie er durch viele 
Maftnahmen versucht, die alten Gotter wiederum einzufiihren in die 
Kultur, in die sich das Christentum hineingestellt hatte. Er ging sowohl 
in dem Aussprechen von Mysteriengeheimnissen, wie auch in dieser 
Stellung zum Christentum zu weit. Daher kam es, daft er im Jahre 363, 
als er einen Kriegszug unternehmen mufke gegen die Perser, von seinem 
Schicksal da ereilt wurde. Wie noch jeder, der unbefugt ausgesprochen 
hat, was nicht ausgesprochen werden darf , ereilt worden ist von seinem 
Schicksal, so geschah es auch dem Julianus, und es kann historisch belegt 
werden, dafi Julianus durch Christenhand auf diesem Zuge gegen die 
Perser gefallen ist. Denn nicht nur, dafi sich diese Kunde sehr bald 
hinterher verbreitete und niemals von irgendeinem der bedeutenden 
christlichen Schriftsteller desavouiert worden ist: es ware auch hochst 
auf f alii g, wenn die Perser den Tod ihres Erzfemdes herbeigefuhrt und 
sich dieses Todes nicht geriihmt hatten. Aber auch bei ihnen entstand 
gleich nachher die Anschauung, dafi er von Christenhand gefallen sei. 
Das war wirklich etwas wie ein Sturm, der da ausging von dieser 
inspirierten Seele, von dem Enthusiasmus, den Julian Apostata ge- 
wonnen hatte aus seiner Einweihung in die schon ihrer Abenddamme- 
rung entgegengehenden eleusinischen Mysterien. So war das Schicksal 
eines Menschen aus dem 4. Jahrhundert, eines ganz personlichen Men- 
schen, dessen Weltenkarma im Grunde genommen darin bestand, dafi 
er in personlichem Zorn, in personlichem Groll, in personlichem Enthu- 
siasmus ausleben sollte, was er als ein Erbe empfangen hatte. Das war 
das Grundgesetz seines Lebens. 

Es ist nun interessant, gerade dieses Leben, gerade diese Individuali- 
st zum Zwecke okkulter Geschichtsbetrachtung im spateren Verlaufe 
zu betrachten. Da wird geboren im 16. Jahrhundert, im Jahre 1546, ein 
merkwiirdiger Mensch, der aus einem adeligen Geschlechte des nord- 
lichen Europa stammt, dem sozusagen in die Wiege gelegt war alles, was 
ihn zu hohen Wiirden im Sinne des damaligen traditionellen Lebens 
hatte fiihren konnen, hineingeboren sogar in eine reiche Familie. Weil 



er im Sinne der Familientradition ein Mensch in hervorragender staat- 
licher oder sonstiger hoher Stellung werden sollte, war er selbstver- 
standlich fiir den juristischen Beruf bestimmt und mit einem Hauslehrer 
nach der Universitat Leipzig geschickt worden, urn Jurisprudenz zu 
studieren. Der Hauslehrer qualte den Knaben - denn er war noch ein 
Knabe, als er Jura studieren sollte er qualte den Knaben, solange es 
Tag war. Wenn aber der Hauslehrer den Schlaf des Gerechten schlief 
und iiber die juristischen Theorien traumte, da stahl sich der Knabe aus 
seinem Bett und beobachtete mit den sehr einfachen Instrumenten, die 
er sich selber konstruiert hatte, in der Nacht die Sterne. Und er brachte 
es sehr bald dahin, mehr iiber die Geheimnisse des Sternenhimmels zu 
wissen, nicht nur als irgendwelche Lehrer, sondern mehr noch, als 
damals in alien Biichern stand. Denn so zum Beispiel bemerkte er sehr 
bald eine ganz bestimmte Stellung von Saturn und Jupiter im Stern- 
bilde des Lowen, schaute nach in den Biichern und fand, dafi es dort 
ganz falsch verzeichnet war. Da entstand in ihm die Sehnsucht, mog- 
lichst genau vor alien Dingen kennenzulernen diese Sternenschrift, 
moglichst genau zu verzeichnen die Bahn der Sterne. Und was wunder, 
dafi dieser Mensch sehr bald trotz alien Widerstandes von seiner Familie 
sich die Erlaubnis auswirkte, Naturforscher und Astronom zu werden 
und nicht iiber den juristischen Biichern und Doktrinen sein Leben zu 
vertraumen. Und da er bedeutende Mittel flottmachen konnte, so war 
es ihm moglich, eine ganze Anstalt sich anzulegen. 

Dieses Institut war merkwurdig eingerichtet; in seinen oberen Stock- 
werken enthielt es Instrumente, dazu bestimmt, die Geheimnisse des 
Sternenhimmels zu beobachten, und im Keller Apparate, um die ver- 
schiedenen Mischungen und Entmischungen der Stoffe, der Materien 
zu formen. Und da arbeitete er, seine Zeit teilend zwischen den Beob- 
achtungen in den oberen Stockwerken und dem Kochen und Sieden und 
Mischen und Wiegen unten in den Kellern. Da arbeitete dieser Geist, 
um zu zeigen nach und nach, wie die Gesetze, die in den Sternen ge- 
schrieben sind, die planetarischen und Fixsterngesetze, die makro- 
kosmischen Gesetze, sich mikrokosmisch wiederfinden in den mathe- 
matischen Zahlen, die den Mischungen und Entmischungen der Stoffe 
zugrunde liegen. Und das, was er als ein lebendiges Verhaltnis zwischen 



Himmlischem und Irdischem fand, das wandte er an auf die Arznei- 
kunde und suchte Arzneien herzustellen, die namentlich deshalb so 
Boses wirkten um ihn herum, weil er sie umsonst an diejenigen abgab, 
denen er helfen wollte. Denn diejenigen, die dazumal als Arzte darauf 
bedacht waren, hohe Preise einzunehmen, wiiteten gegen diesen Mann, 
der so «Schauderhaftes» bewirkte mit dem, was er sich herunterholen 
wollte vom Himmel auf die Erde. 

Zum Gliick hatte durch ein bestimmtes Ereignis dieser Mann die 
Gunst des danischen Konigs Friedrich II,, und solange er in dieser Gunst 
stehen konnte, so lange ging es gut, so lange wurde in der TatUngeheures 
geleistet an Einsichten in das spirituelle Wirken der Weltgesetze in dem 
Sinne, wie ich es eben charakterisiert habe. Ja, dieser Mann kannte 
etwas von dem spirituellen Verlauf der Weltgesetze. Er hat die Welt 
durch Dinge verbliifft, die heute allerdings nicht mehr ganz solchen 
Glauben finden wiirden. Denn als er einmal in Rostock war, da prophe- 
zeite er aus der Sternenkonstellation heraus den Tod des Sultans Soli- 
man, und der traf ein bis auf wenige Tage, eine Nachricht, die den 
Namen Tycho Brahe popular machte innerhalb Europas. Heute weifi 
die Welt von jenem Tycho Brahe, dessen Leben eigentlich so kurze Zeit 
hinter uns liegt, kaum mehr, als dafi er noch etwas einfaltig gewesen 
war, dafi er noch nicht ganz auf dem hohen materialistischen Stand- 
punkte unserer Zeit gestanden hatte. Er hat zwar tausend Sterne neu 
eingezeichnet in die Sternkarte, hat auch damals jene epochemachende 
Entdeckung eines aufleuchtenden und wieder verschwindenden Sternes 
gemacht und ihn beschrieben, den Nova-Stella, aber diese Dinge wer- 
den meistens verschwiegen. Die Welt weifi eigentlich nichts anderes, als 
dafi er noch so dumm war, ein Weltsystem auszudenken, wonach die 
Erde stillsteht und die Sonne mit den Planeten sich um die Erde dreht; 
das weifi die Welt heute. Dafi wir es mit einer bedeutsamen Personlich- 
keit des 16. Jahrhunderts zu tun haben, mit einer Personlichkeit, welche 
Unendliches, auch heute noch Brauchbares fur die Astronomie geleistet 
hat, dafi eine Unsumme von tiefer Weisheit in dem liegt, was er gegeben 
hat, das wird gewohnlich nicht verzeichnet, einfach aus dem Grunde 
nicht, weil Tycho Brahe bei der Aufstellung des genauen Systems aus 
eigenem tiefen Wissen heraus Schwierigkeiten sah, die Kopernikus nicht 



sah. Und wenn es gesagt werden darf, es erscheint zwar paradox: aber 
mit dem Kopernikanischen Weltensystem ist auch noch nicht das letzte 
Wort gesprochen. Und der Streit zwischen beiden Systemen wird die 
spatere Menschheit noch beschaftigen. Doch das nur nebenbei, weil es 
zu paradox ist fur die heutige Zeit. 

Erst unter dem Nachfolger seines ihm geneigten Konigs gelang es 
den Gegnern Tycho Brahes, die sich von alien Seiten auftaten — den 
damaligen Arzten, den Professoren der Kopenhagener Universitat -, 
den Nachfolger seines Gonners gegen ihn aufzuhetzen. Und so wurde 
Tycho Brahe vertrieben aus seinem Vaterlande und mufke wiederum 
nach dem Siiden Ziehen. Er hatte schon einmal in Augsburg sein erstes 
grolSes Planiglob aufgestellt und den vergoldeten Globus, auf den er 
immer wieder die neuen Sterne einzeichnete, die er entdeckte und deren 
zuletzt tausend geworden sind. In der Verbannung, in Prag mufite dann 
dieser Mann seinen Tod finden. Wir konnen heute noch, wenn wir nicht 
die gebrauchlichen Lehrbucher nehmen, sondern zu den Quellen gehen 
und etwa aus Kepler studieren, wir konnen heute noch sehen, wie 
Kepler zu seinen Gesetzen gerade dadurch gekommen ist, dafi ihm 
Tycho Brahe in so sorgfaltigen astronomischen Beobachtungen vor- 
gearbeitet hatte. Das war eine Personlichkeit, die wiederum, aber im 
grofien Stile, ganz das Geprage dessen trug, was grofi und bedeutend 
an Weisheit vor seiner Zeit war; die sich noch nicht hineinfinden 
konnte in das, was gleich nachher popular geworden ist in der mate- 
rialistischen Weltanschauung. Nicht wahr, ein eigentiimliches Schick- 
sal, dieser Tycho Brahe! 

Und nun denken Sie einmal nach, wenn Sie diese beiden personlichen 
Schicksale nebeneinanderstellen, wie unendlich lehrreich es ist, wenn 
wir wissen aus der Akasha-Chronik, dafi die Individualitat Julian 
Apostatas wiederum auftaucht in Tycho Brahe, dafi Tycho Brahe ge- 
wissermafien die Reinkarnation Julians des Abtriinnigen ist. So merk- 
wiirdig, so paradox spielt das Reinkarnationsgesetz, wenn sich modifi- 
zieren die karmischen Zusammenhange des einzelnen Menschen durch 
das, was welthistorisches Karma ist, wenn die Weltenmachte selber die 
menschliche Individualitat ergreifen, um sich ihrer als Werkzeug zu 
bedienen. 



Ich mochte allerdings ausdriicklich bemerken, dafi ich solche Dinge 
wie den Zusammenhang zwischen Julianus und Tycho Brahe nicht sage, 
damit sie morgen von alien Dachern gepfif fen und an alien Speise- und 
Kaffeetischen besprochen werden, sondern damit sie hier sich senken 
als Lehre der okkulten "Weisheit in mancherlei Seelen hinein und wir 
immer mehr und mehr verstehen lernen, was alles Obersinnliches dem 
Sinnlich-Physischen des Menschen in Wahrheit zugrunde liegt. 



FUNFTER vortrag 



Stuttgart, 3 1 . Dezember 1910 



Der Einblick in den Entwickelungsgang solcher Individualitaten, wie 
wir sie gestern sozusagen durch zwei Inkarnationen hmdurch haben 
verfolgen konnen, gestattet uns, in das geheimnisvolle Werden und 
Weben der Weltengeister wahrend der Menschheitsentwickelung, wah- 
rend der Menschengeschichte etwas hineinzuschauen. Denn wenn wir 
uns die Bilder vor Augen halten, die uns gestern wenigstens skizzenhaft 
vor die Seele ziehen konnten, die Bilder von Julianus dem Abtriinmgen 
und von der nachsten Auspragung dieser selben Individualitat im Ver- 
laufe des Menschheitswerdens als Tycho Brahe, als der grofie Astronom, 
dann kann uns eines besonders auffallen. Gerade bei solchen Person- 
lichkeiten, die innerhalb der Geschicbte etwas bedeuten, konnen wir 
beobachten, dafi sozusagen das Eigentumliche ihrer Individualitat von 
einer Inkarnation in die andere hintiberwirkt, dafi aber modifizierend 
in diesem reinen Reinkarnationsgang dasjenige sich geltend macht, was 
hohere geistige Individualitaten der oberen Hierarchien in der Ge- 
schichte vollbringen wollen, und zu dem sie sich nur der einzelnen 
Menschen als Werkzeuge bedienen. Denn wir rmissen uns ja sagen: Die 
Individualitat, die da auftrat als Julianus Apostata, hatte im 4. nach- 
christlichen Jahrhundert die Auf gabe, gewissermaj&en einen letzten An- 
stofi dazu zu geben, die spirituellen Weisheitsschatze friiherer Epochen 
der Menschheitsentwickelung ein letztes Mai zum gewaltigen Auf- 
flammen zu bringen und sie so zu bewahren vor dem Schicksal, das sie 
leicht hatten finden konnen, wenn es nur dem aufstrebenden Christen- 
tum uberlassen geblieben ware, mit diesem Weisheitsschatz zu wirt- 
schaften. Und auf der anderen Seite miissen wir uns sagen, dai(5 eine 
Individualitat, die in einer Personlichkeit inkarniert war, welche das 
Gliick hatte, sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht zu werden, 
bei ihrer Wiederinkarnation die Bedingungen hatte, auf sich wirken zu 
lassen eine unendliche Fiille von Zeitenkraften und von Wesenheiten, 
die in die Zeit hereinwirken, wie das ja im 16. Jahrhundert geschehen 
sollte. Und wir werden in der Tat vollig verstandlich finden das Grofie 



und Gewaltige, das uns gestern an der Personlichkeit Tycho Brahes 
vor Augen getreten ist und das ja seine Erklarung darin findet, daft eine 
Unsumme von makrokosmischer Wissenschaft in Verbindung mit dem 
Mikrokosmos bei Tycho Brahe auftreten konnte, weil er eben ein Ein- 
geweihter in einer friiheren Inkarnation gewesen war. So werden wir 
gewahr durch solche Betrachtungen der okkulten Geschichte, dafi es 
allerdings unmittelbar die Menschen sind, welche Geschichte machen, 
dafi aber letzten Grundes doch nur die Geschichte verstandlich werden 
kann, wenn wir den Zusammenhang finden zwischen den einzelnen in 
der Geschichte auftretenden und absterbenden Personlichkeiten und 
den individuellen Faden, die sozusagen durch die ganze Menschheits- 
entwickelung durchgehen und sich in den Personlichkeiten reinkar- 
nieren. Aber wir miissen immer damit zusammenhalten dasjenige, was 
aus anderen, aus uberphysischen Wei ten hereinstromt durch die Machte 
anderer Hierarchien, wenn wir das Menschentum auf unserer Erdober- 
flache im Laufe der Geschichte verstehen wollen. 

Nun ist uns ja bei unserer Betrachtung vor Augen getreten, wie in all 
den Kulturzeitraumen nach der atlantischen Katastrophe gewisse iiber- 
geordnete Machte aus den hoheren Hierarchien durch die Menschen 
hereingewirkt haben. Wir haben gesagt: Am starksten tritt das hervor 
bei der altindischen Seele, die sozusagen nur ein Schauplatz ist fur das 
Hereinwirken hoherer geistiger Wesenheiten. Etwas mehr tritt es zu- 
riick dann in der Seele des Urpersers. Und dann haben wir gesehen, 
dafi bei der agyptisch-chaldaischen Kultur die Seele schon die Aufgabe 
hatte - und das tritt uns besonders bei der Betrachtung der babyloni- 
schen Seele entgegen -, herunterzutragen das Oberpersonliche in das 
Personliche, das Spirituelle auf den physischen Plan. Die Personlichkeit 
gewinnt also immer mehr Bedeutung, je mehr wir uns der griechischen 
Zeit nahern, und in dieser, mufSten wir sagen, haben wir das Weben des 
Ich im Ich, die vollige Auspragung der Personlichkeit bei den starken 
und kraftigen Gestalten, die uns im griechischen Zeitraum entgegen- 
treten. In den Griechen und spater bei den Romern trat am meisten das 
zuriick, was nur der Individuality aus hoheren Welten zunachst ge- 
geben werden kann; dagegen trat das hervor, was der Mensch als sein 
eigentlich Menschliches in seiner Personlichkeit auspragt. 



Nun kann ja die Frage entstehen, und die Beantwortung dieser Frage 
wird uns erst den ganzen okkulten Gang der Geschichte tiefer begreif- 
lich machen konnen: Was sind denn das eigentlich fur Geister, welche 
durch die Inder, die Urperser, durch die Babylonier, Chaldaer und 
Agypter gewirkt haben, welchen Hierarchien gehoren sie an? Wir kon- 
nen aus den Forschungen, die uns durch die okkulten Quellen moglich 
sind, allerdings in einer gewissen Weise sagen, welche Individualitaten 
der hoheren Hierarchien sich in jeder dieser genannten Zeitlaufe der 
Menschen als Werkzeuge bedienten, um durch sie zu wirken. In die alte 
indische Seele herein, also in jene Seele, die sozusagen kulturschopf erisch 
war unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe, in diese ergossen 
ihreKrafte herein diejenigenWesenheiten, die wir gewohnt sind Angel oi 
oder Engel zu nennen. So dafi wir in einer gewissen Beziehung recht 
haben, wenn wir sagen: Wenn ein alter Inder sprach, wenn er das, was 
seine Seele bewegte, ausdriickte, so ist es so, dafi durch seine Seele nicht 
seine eigene Ichheit direkt sprach, sondern ein Engel, ein Angelos. Weil 
nun der Engel nur eine Stuf e uber der Menschheit steht, so ist er das dera 
Menschen verwandteste Wesen der hoheren Hierarchien, und daher 
konnte er sich sozusagen am meisten in seiner Eigenart aussprechen. Es 
kommt am meisten das menschlich Fremde gerade in der indischen Aus- 
drucksweise zustande, weil der Engel am verwandtesten dem Menschen 
ist, und sich daher am deutlichsten als Engel aussprechen kann. 

Schon weniger war es jenen Wesen der hoheren Hierarchien moglich, 
sich in ihrer unmittelbaren Eigenart auszusprechen, die sich durch die 
Urperser aussprachen. Denn das waren Wesenheiten der nachsthoheren 
Stufe, das waren die Erzengel, die durch die Seele des urpersischen Vol- 
kes sprachen. Und weil diese eben um zwei Stufen hoher stehen als der 
Mensch, so ist das, was sie mit den menschlichen Werkzeugen aus- 
sprechen konnen, ihrem eigenen Wesen fremder als das, was die Engel 
durch die Inder aussprechen konnten. So wird Stufe um Stufe die Sache 
immer menschlicher. Dennoch aber ist es immer vorhanden, dieses 
Herunterfliefien aus den hoheren Hierarchien. Durch die Seele der 
babylonischen, der chaldaischen, der agyptischen Bevolkerung sprechen 
sich aus die Geister der Personlichkeit. Da kommt deshalb auch die Per- 
sonlichkeit am allermeisten heraus, und da ist das, was der Mensch noch 



zu geben vermag aus dem, was herunterfliefit, seinem Ursprunge am 
fremdesten und wird am allermeisten menschlich-personlich. So haben 
wir, wenn wir fortschreiten bis herein zum babylonisch-agyptischen 
Zeitraum, eine fortdauernde Offenbarung der Engel, der Erzengel und 
der Geister der Personlichkeit. 

Wir konnen insbesondere be! den Persern genau verfolgen, wie sie 
ein Bewufitsein davon hatten, dafi da hereinwirkten als die hauptsach- 
lichsten Geister die Archangeloi in das, was wir den menschlichen Or- 
ganismus, den Gesamtorganismus nennen konnen. Allerdings miissen 
wir da nicht einen Durchschnittsperser nehmen, wenn wir das Herein- 
stromen dessen, was aus den hoheren Hierarchien herunterfliefk, in 
Betracht ziehen wollen. Es stromte auch auf den Durchschnittsperser 
herein; aber wissen, wie das geschieht, die Sache durchschauen, das 
konnten nur diejenigen, welche die unmittelbaren Schiiler waren des 
Inspirators der Urperserkultur, des Zarathustra selber. Und die wufken 
es in der Tat, denn Sie werden sich vielleicht erinnern aus mancherlei 
Darstellungen der Zarathustra-Lehre, die ich selbst schon gegeben habe, 
oder auch aus dem, was exoterisch iiberliefert ist, dafi sich in der An- 
schauung der Urperser das Urgottliche, Zervan Akarana offenbart 
durch die beiden gegensatzlichen Machte Ormuzd und Ahriman. Nun 
waren sich die alten Perser klar dariiber, dafi alle solche Dinge, die sich 
im Menschen of fenbaren, aus dem Makrokosmos herstammen, und dafi 
die Erscheinungen des Makrokosmos, namentlich also die Bewegungen 
und Stellungen der Sterne, einen geheimnisvollenZusammenhang haben 
mit dem, was im Mikrokosmos, im Menschen liegt. Daher sahen die 
Schiiler des Zarathustra den aufieren Ausdruck, das Bild fur Zervan 
Akarana, fur dasjenige, was durch alle Zeiten als Urwesen ewig webt 
und lebt, in dem Tierkreis, und das Wort «Zodiakus» erinnert noch an 
das Wort Zervan Akarana. Also in dem Tierkreise sahen sie es, und aus 
den zwolf Richtungen des Tierkreises sahen die Schiiler des Zarathustra 
herkommen zwolf Machte, von denen die eine Halfte nach der lichten 
Seite, gleichsam nach der Lichtseite des Tierkreises, da, wo die Sonne 
oben bei Tag durchlauft, gerichtet war; die andere Halfte war der fin- 
steren Seite des Tierkreises, dem Ahriman, wie sie sagten, zugewendet. 
Also von zwolf Seiten des Weltenalls herkommend und in die Men- 



schenorganisation eindringend, so dachte sich der Perser die makro- 
kosmischen Krafte; die stromten ein in die Menschheitsorganisation, 
wirkten und arbeiteten in ihr, so dafi sie im Menschen prasent, gegen- 
wartig sind. Daher mufi sich der menschlichen Intelligenz das, was sich 
heranentwickelt durch die Zwolfzahl, auch mikrokosmisch of fenbaren, 
das heifk, es mufi sich das durch die Zwolfzahl der Amshaspands 
(Erzengel) auch im Mikrokosmos ausdriicken, und zwar als eine letzte 
Manifestation sozusagen dieser zwolf geistigen makrokosmischen 
Wesenheiten, die schon fruher gewirkt haben, die vorbereitet haben, 
was nur eine letzte Ausbildung wahrend der persischen Kultur ge- 
funden hat. 

Die heutige Physiologie konnte wissen, wo die zwolf mikrokosmi- 
schen Gegenbilder der zwolf Amshaspands sind. Das sind die zwolf 
Hauptnerven, die aus dem Haupte entspringen; die sind nichts anderes 
als etwas, was durch das Hereinstrahlen der zwolf makrokosmischen 
Machte in den Menschen entstanden ist und im Menschen sich materiell 
verdichtet hat. Von den zwolf Seiten des Tierkreises aus wirkten die 
zwolf Erzengelwesen, so haben die alten Perser es sich vorgestellt, und 
um allmahlich das hervorzubringen, was heute unsere Intelligenz ist, 
wirkten sie in zwolf Strahlen herein in das menschliche Haupt. Natiir- 
lich wirkten sie in der urpersischen Zeit nicht zum erstenmal in den 
Menschen herein, sondern zuletzt so, dafi wir zwolf kosmische Strah- 
lungen, zwolf Erzengel-Strahlungen haben, die sich dann im Haupte 
des Menschen verdichtet haben zu den zwolf Hauptgehirnnerven, wie 
wenn sie da drin materiell gefroren waren. Und da man in spaterer Zeit 
selbstverstandlich immer auch das weilS, was man fruher schon gewufk 
hat, so konnten die Perser auch wissen, dafi niedrigere Geister als die 
Erzengel fruher in der indischen Kultur gewirkt hatten. Die nachste 
Stufe unter den Amshaspands, unter den Erzengeln, nannten die Perser 
Izads, und von denen unterschieden sie achtundzwanzig bis einund- 
dreifiig. Die sind also das, was weniger hohe Tatigkeit, was seelische 
Tatigkeit im Menschen bewirkt. Das sind diejenigen, die ihre Strahlen 
hereinsenden und die den achtundzwanzig beziehungsweise dreifiig bis 
einunddreifiig Riickenmarksnerven des Menschen entsprechen. So dafi 
Sie unsere moderne Physiologie ins Geistige, in Spirituelles makro- 



kosmisch umgesetzt haben in den zwolf Amshaspands des Zarathustris- 
mus und in den achtundzwanzig bis einunddreifiig Izads der nachst 
niedrigeren Hierarchic 

In der Tat ist es ja so in der historischen Entwickelung der Mensch- 
heit, dal$ das, was urspriinglich spirituell aufgetreten ist, uns wiederum 
durch anatomisches Zerschnitz.eln vor Augen tritt, weil die Dinge, die 
friiher dem hellseherischen Schauen spirituell zuganglich waren, in 
spateren Zeitaltern materialistisch zum Vorschein kommen. In der Tat, 
hier zeigt sich eine wunderbare Briicke zwischen Zarathustrismus in 
seiner Spiritualitat und unserer modernen Physiologie in ihremMateria- 
lismus. Es wird ja aller dings das Schicksal des grofiten Teiles der 
Menschheit sein, dafi eine solche Idee von dem Zusammenhange der 
persischen Amshaspands und Izads mit unseren Nerven als Wahnsinn 
insbesondere diejenigen betrachten, die heute materialistische Physio- 
logie studieren. Aber wir haben Zeit, denn der persische Zeitraum wird 
sich erst im sechsten, in dem Zeitraum, der nach dem unsrigen kommt, 
vollstandig wiederholen. Da wird erst die Grundbedingung gegeben 
sein, dafi bei einem grofien Teile der Menschheit solche Dinge verstan- 
den werden konnen. Daher miissen wir uns damit begnugen, dafi wir 
heute auf solche Dinge innerhalb der geisteswissenschaftlichen Welt- 
anschauung hindeuten konnen. Aber solche Hinweise miissen heute 
auch erfolgen, wenn im wahren Sinne des Wortes von geisteswissen- 
schaftlicher Weltanschauung geredet werden soli, und wenn man nicht 
blofi allgemein phrasenhaft darauf aufmerksam machen will, dafi der 
Mensch eine mikrokosmische Wiederholung des Makrokosmos ist. 

Auch in anderen Gegenden hat man gewufit, dafi das, was im Men- 
schen sich ausdriickt, von aufien hereinfliefit. Daher hat man zum Bei- 
spiel in gewissen Zeiten der germanischen Mythologie von zwolf Stro- 
men gesprochen, welche von Niflheim nach Muspelheim flieften. Die 
zwolf Strome sind nicht im physisch-materiellen Sinne gemeint, sondern 
sie sind das, was, hellseherisch geschaut, als ein gewisser Abglanz vom 
Makrokosmos hereinfliefit in den menschlichen Mikrokosmos, in das 
Wesen, das auf der Erde herumwandelt und sich durch makrokosmische 
Krafte entwickeln soli. Und das mufi ja allerdings betont werden, dafi 
diese Stromungen heute im Grunde genommen als astralische Strome zu 



sehen sind, wahrend sie in den atlantischen Zeiten, die unmittelbar auf 
Lemurien folgten, und in Lemurien selbst als atherische Stromungen 
gesehen werden konnten. Daher mufi ein mit der Erde verwandter Pla- 
net, der nur in einem friiheren Stadium der Entwickelung ist, so etwas 
Ahnliches zeigen. Und da man aus der Feme oft Dinge beobachten 
kann, die sich in der Nahe wegen der Vereinzelung unserem Wahr- 
nehmen entziehen, so konnte man bei einem ahnlichen Planeten wie die 
Erde, wenn er geniigend weit entfernt ist und solche friiheren Ent- 
wickelungsstufen unserer Erde durchmacht, diese zwolf Stromungen 
eventuell heute noch beobachten. Allerdings werden sie etwas anders 
ausschauen, als es einmal auf der Erde ausgeschaut hat, allerdings ist die 
Entfernung notwendig, denn wenn Sie zum Beispiel innerhalb eines 
Miickenschwarmes stehen, so erscheint Ihnen audi der Schwarm nicht 
mit den wolkenartigen Abschattierungen; die nehmen Sie nur wahr, 
wenn Sie ihn von ferneher sehen. Das, was ich jetzt gesagt habe, liegt 
jenen Beobachtungen zugrunde, die von Marskanalen sprechen. Dem, 
was man als Marskanale beschreibt, liegt in Wahrheit das zugrunde, 
was ich Ihnen eben angedeutet habe; man hat es da zu tun mit gewissen 
Kraftstromungen, die einem friiheren Zustand der Erde entsprechen 
und die in der altgermanischen Mythe als Stromungen beschrieben sind, 
die von Niflheim nach Muspelheim flossen. Das ist allerdings eine arge 
Ketzerei fur die heutige Schulphysiologie und Schulastronomie; aber 
diese werden sich ja schon im Laufe der nachsten Jahrtausende manche 
Korrektur gefallen lassen miissen. 

Das alles kann uns darauf hinweisen, in welchen Abgrund von tief er 
Weisheit wir ahnend hineinblicken, wenn der einfache Satz ausge- 
sprochen wird: Der menschliche Mikrokosmos ist eine Art Spiegelbild 
des Makrokosmos. Solche Satze machen uns so recht darauf aufmerk- 
sam, dafi diese Phrase sich unmittelbar beriihrt mit den tiefsten Weis- 
tumern; denn der Satz, der Mensch sei ein Mikrokosmos gegeniiber dem 
Makrokosmos, kann wirklich eine blofSe triviale Phrase sein, richtig 
erfafit aber kann sie uns darstellen die Zusammenf assung von Millionen 
und aber Millionen einzelner konkreter Weistiimer. Und das sollte her- 
vorgehoben werden, um Ihnen zu zeigen, wie die Konfiguration war bei 
den Seelen der urpersischen Menschenkultur. Da war, namentlich bei 



den leitenden Personlichkeiten, eine lebendige Empfindung von diesem 
Zusammenhange des Menschen mit dem Makrokosmos vorhanden. 

Nachdem nun bis zur babylonisch-agyptischen Kultur hin jene We- 
senheiten gewirkt hatten, welche wir der Reihe nach bezeichnet haben 
als Engel, Erzengel und Geister der Personlichkeit, folgte dann jene 
merkwiirdige griechisch-lateinische Kultur, welche die Personlichkeit 
als solche, das Weben des Ich im Ich ganz besonders zum Ausdrucke 
gebracht hat. Da offenbarten sich auch gewisse "Wesenheiten, die auf 
einer Stufe holier sind als die Geister der Personlichkeit; es offenbarten 
sich die Geister der Form. Aber die Offenbarung dieser Geister der 
Form geschah auf eine andere Art als die der Geister der Personlichkeit, 
der Erzengel und Engel. Wie offenbaren sich Engel, Erzengel und 
Geister der Personlichkeit in unserer nachatlantischen Zeit? Sie wirken 
in das menschliche Innere herein: die Engel fur den Inder inspirierend, 
die Erzengel auch noch ahnlich so bei dem Urperser, aber doch in einer 
Weise, dafi das «Menschliche» etwas mehr schon zur Geltung kommt; 
der Geist der Personlichkeit aber stand gleichsam hinter den Seelen der 
Agypter, sie antreibend, herauszustellen auf den physischen Plan das 
Spirituelle. Anders offenbaren sich die Geister der Form. Die offen- 
baren sich von unten nach oben als viel machtigere Geister, die nicht 
darauf angewiesen sind, sich des Menschen blofi als Werkzeug zu be- 
dienen; sie offenbaren sich in den Reichen der Natur, die um uns herum 
sind, in der Konf iguration der Wesen des mineralischen, pflanzlichen, 
tierischen Reiches. Und da mufi der Mensch, wenn er die Geister der 
Form an ihrer Offenbarung erkennen will, sein Auge nach aufien rich- 
ten, mufi die Natur beobachten, mufi ergriinden, was die Geister der 
Form in die Natur hineingeheimnifit haben. Daher empfangt der 
Mensch in dem griechischen Zeitraum, wo vorzugsweise die Geister der 
Form sich manifestieren, keinen direkten Einflufi, der inspirierend 
wirkt. Die Einwirkung der Geister der Form vollzieht sich vielmehr so, 
dafi der Mensch durch das AujRere der Sinnenwelt gereizt wird, dafi 
seine Sinne mit Freude, mit Beseligung sich hinwenden auf das, was 
ringsherum ausgebreitet ist, dafi er versucht zu idealisieren, auszugestal- 
ten, was ausgebreitet ist. Also von aufien her reizen die Geister der 
Form. Und einer der hauptsachlichsten Geister der Form ist derjenige, 



der sich hinter Jahve oder Jehovah verbirgt. Und obzwar die Geister 
der Form sieben an der Zahl sind und in den verschiedenen Natur- 
reichen wirken, so ist doch eine Empfindungsfahigkeit der gegenwar- 
tigen Menschen eigentlich nur fiir den einen Geist vorhanden, den wir 
als Jahve bezeichnen. Wenn wir das alles bedenken, so erscheint es uns 
begreif lich, dafi gegen den vierten Zeitraum hin der Mensch mehr oder 
weniger verlassen wird der Hauptsache nach von diesen dirigierenden 




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