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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Neugestaltung des sozialen Organismus
Vierzehn offentliche Vortrage, gehalten in Stuttgart
zwischen dem 22. April und dem 30. Juli 1919
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Ruth Moering
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1963
2. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 330
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1963 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3300-0 (Ln) ISBN 3-7274-3301-9 (Kt)
Zu den Veroffentlicbungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muE gegen-
iiber alien Vortragsverdffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am SchluE dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermaften auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorbemerkung des Herausgebers
I. Offentlicher Vortrag fur die Versammlung der Unterzeichner des
Aufrufes «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt»
Stuttgart, 22. April 1919
Notwendigkeit volliger Neugestaltung der Weltverhaltnisse als Folge der
Kriegskatastrophe. Mangel jeglicher Voraussicht bei den fuhrenden Schichten.
Abwegige radikale Forderungen des Oberprokurators Pobjedonoszew. Arbei-
terfrage keine Brotfrage; Streben nach sozialen Welt- und Lebensanschauungen.
Marx' Lehre vom Mehrwert. Fehleinschatzung des Geisteslebens als Ideologic
infolge Einspannung des Proletariats in das Joch der neueren Wirtschaftsord-
nung, die vom dekadenten Biirgertum als fortschrittliche «sittliche Weltord-
nung» gefeiert wird. Recht erlebt als «Vorrechte», aber elementares Rechtsbe-
wufksein des Proletariats. Zerstorung des gesunden Wirtschaftslebens durch
Kauf der Arbeitskraft wie sonstige Ware. Widersinnige Abhangigkeit des Gei-
steslebens vom Staatsleben, notwendige Loslosung aus wirtschaftlichen Zwan-
gen. Die Arbeitskraft mufi heraus aus dem Kreislauf des Wirtschaftslebens!
Grundcharakter des Wirtschaftslebens: Waren erzeugen, Waren verbrauchen.
Bestimmung der Arbeitsverhaltnisse aus rein demokratischen Staats- und
Rechtsverhaltnissen. Grundimpuls des Staats- und Rechtslebens : Gleichheit
aller Menschen; des geistigen Lebens: individuelle Freiheit; des Wirtschafts-
lebens: Briiderlichkeit im gemeinsamen Schaffen.
II. Proletarische Forderungen und deren kiinftige praktische Verwirk-
lichung
Vortrag fiir die Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigaret-
tenfabrik, Stuttgart, 23. April 1919
Aus der Kritik an dem, was die fuhrenden Klassen angerichtet haben, miissen
neue Ideen hervorgehen. Umdenken mancher sozialistischen Ansichten erfor-
derlich. Verkennung der Beziehungen zwischen wirtschaftlichem und geistigem
Leben. Vorurteil gegen Befreiung des geistigen Lebens wegen dessen Fehlent-
wicklung durch Abhangigkeit von Staats- und Wirtschaftsleben. Unmenschliche
Verhaltnisse entstanden durch Gedankenlosigkeit der fuhrenden burgerlichen
Gesellschaftsklasse. Vergottlichung des Staates ebenso verkehrt fiir den Arbeiter
wie fiir das Biirgertum. Sache des demokratischen Staates ist das reine Rechts-
leben, also Regelung aller Arbeits- und Besitzverhaltnisse, unabhangig vom
Wirtschaftlichen. Verquickung von Wirtschaftsfragen mit politischen provo-
ziert falsche Reaktionen, wie z. B. Streik. Hoffnung auf das Menschheitsbe-
wufksein des Proletariats.
III. Was und wie soli sozialisiert werden?
Vortrag vor Arbeitern der Daimler-Werke,
Stuttgart-Unterturkheim, 25. April 1919
Die Zielsetzung der Sozialisierung mufi neu gedacht werden. Irrtiimlicher An-
satz beim Wirtschaftsleben. Fehlentwicklungen entstammen dem Geistes-
leben, das zu den Klassengegensatzen gefiihrt hat. Das Schulwesen mufi vom Staat
unabhangig auf eigene Fiifte gestellt werden. Sache des Staates sind Arbeits-
recht und Besitzrecht. Sozialisierung des Kapitals. Beispiel eines Buchverlages.
IV. Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der
Gegenwart und Zukunft
Offentlicber Vortrag, Stuttgart, 28. April 1919 108
Die moderne Arbeiterbewegung als Gedankenbewegung. Daher Notwendigkeit
vollstandiger Veranderung des kulturellen Lebens durch Unabhangigkeit von
Staat und Wirtschaft. Beziehungslosigkeit zwischen wissenschaftlichem Betrieb
und praktischem Leben. Folge: Soziale Veranderungen durch Anderungen des
Wirtschaftslebens erwartet. Notwendigkeit des Umdenkens vor Umanderung
von Einrichtungen.
V. Wege aus der sozialen Not und zu einem praktischen Ziele
Offentlicber Vortrag, Stuttgart, 3. Mai 1919 136
Einheitsstaat kein Allheilmittel. Verschmelzung der drei Lebensgebiete von
Kultur, Recht, Wirtschaft unheilvoll. Vertikale Volkerwanderung als Ergebnis
der proletarischen Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Vordringlichkeit
richtiger Einschatzung des Wirtschaftslebens. Voraussetzung fiir gesunde Ent-
wicklung ist Vertrauen. Gesundes Wirtschaftsleben nur moglich durch Loslo-
sung vom Staat. Seine Abhangigkeit von den Naturbedingungen. Lebensnot-
wendigkeit: Geistesleben auf sich selbst gestellt, Wirtschaftsleben auf sich selbst
gestellt, politisches oder Staatsleben auf sich selbst gestellt.
VI. Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft
Offentlicber Vortrag, Stuttgart, 13. Mai 1919 164
Kennzeichen der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung: Anlagefahigkeit des
Kapitals. Ursache der Kriege. Bauplan einer neuen Weltwirtschaftsordnung.
Grundlage eines wirklichen Sozialismus: Verstandnis des einen Menschen fiir
den anderen. Kapital als fiinftes Rad am Wirtschaftswagen. Richtige Einschat-
zung der Arbeitskraft. Zirkulation des Kapitals im sozialisierten gesellschaftli-
chen Organismus. Entkleidung seines Besitzcharakters. Menschliche Arbeits-
kraft kein wirtschaftlicher Wert. Festgestellter menschlicher Bedarf als Mafistab
des Warenwertes. Umwandlung der Markte in Genossenschaften. Sidney
Webbs Beispiel. Assoziationscharakter des Wirtschaftslebens in der Darstellung
der «Kernpunkte der sozialen Frage». Die Gesellschaftsordnung mufi der
Wiirde des Menschen dienen.
VII. Einzelheiten iiber die Neugestaltung des sozialen Organismus
OffentlicherVortrag, Stuttgart, 16. Mai 1919 194
Ratesystem als Widerlegung alter Vorstellungen von Sozialismus. Bestatigung
der Auffassung, daft Neugestaltungen an der Wirklichkeit der Gegenwart
abgelesen werden mussen. Der Gedanke eines «Sozialkapitalismus» von Her-
mann Beck bedeutet Fiskalisierung. Warten auf «Reifwerden» der Menschen
unsinnig, im Prozefi der Verwirklichung bilden sich reife Gedanken. System der
Allgemeinen Arbeiterrate in politische Richtung gehend, Betriebsrate in wirt-
schaftliche, weist auf Herauslosung der Wirtschaft aus dem Staatsleben. Prinzi-
pien des Genossenschaftswesens. Voraussetzung: Emanzipierung des Geistesle-
bens. Gesunde Bedingungen fur den sozialen Organismus schaffen. Im Schluft-
wort: Umdenken lernen.
VIII. Der Impuls zum dreigliedrigen Organismus kein «blofier Idealismus»,
sondern unmittelbar praktische Forderung des Augenblicks
Vortrag fur die Versammlung des Bundes fur Dreigliederung des
sozialen Organismus, Stuttgart, 31. Mai 1919 223
Plan des dreigegliederten sozialen Organismus entworfen angesichts utopisti-
scher Vorstellungen aus rein westlichen wirtschaftlichen Interessen, gipfelnd im
Vierzehn-Punkte-Programm Wilsons. Gegenwartiges Geistesleben unfahig,
soziales Wesen zu erfassen. Keine Entwicklung vollzieht sich von selbst.
Begriffsverwirrung in der burgerlichen Gesellschaft erzeugt patriarchalische
Rechtsverhaltnisse, Konkurrenzkampf im Wirtschaftlichen. Dagegen Ruf nach
Selbstbewufttheit in einem menschenwurdigen Dasein. Politische Entwicklung
seit Bismarck.
IX. Das Soziale in den Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen und die
Freiheit des Menschengeistes
OffentlicherVortrag, Stuttgart, 16. Juni 1919 245
Wichard von Moellendorffs Ausspruch, dem Wirtschaftsleben fehlen leitende
Gedanken. Doch auch Rechts- und Geistesleben in kritischer Epoche. Elemen-
tarische Unruhe in der ganzen Menschheit deutet auf umfassende Geistes-
kampfe zwischen Westen und Osten. Wirklichkeit im Osten: das Geistig-
Seelische im Menschen, auch Grundlage der sozialen Gemeinschaft; im Westen:
physisch-sinnliche Welt, Arbeit fiireinander. Haltung des Ostens fiihrte zum
Fatalismus, des Westens zum reinen Erwerbsleben. Zusammentreffen in der
Ideologic von der Selbstentwicklung durch wirtschaftliche Veranderung. Ent-
standene antisoziale Triebe; Hemmung des freien Willens; Beklemmung des
Rechtsgefiihls; Verdunkelung der Gedanken gegeniiber den Einrichtungen des
Rechts- und Wirtschaftslebens. Konsequenz: Suche nach dem Wesen des freien
Menschen. Der Mensch mufS zur Freiheit erzogen werden von der Schulzeit an.
Nur moglich in unabhangigem Geistesleben. Forderung des Reichssozialisie-
rungsministers Wissel nach wirtschaftlicher und geistiger Revolution. Aber
Ablehnung neuer Gedanken.
X. Freiheit fur den Geist, Gleichheit fur das Recht, Briiderlichkeit fur
das Wirtschaftsleben
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 18.Juni 1919 272
Lenin als Weltherrscher wiirde wirtschaftliches Papsttum bedeuten. Soziali-
sierung der Herrschaftsverhaltnisse ist notwendig. Heranbildung freien Men-
schentums durch sachgemafie Menschenerkenntnis. Beachtung der Entwick-
lungsphasen des Kindes in der Erziehung. Parallelen im Wirtschaftsleben.
Verwirklichung in einem freien Geistesleben als dritte Forderung zwischen Ruf
nach Demokratie und nach Sozialismus. Praktischer Idealismus spezifische
Aufgabe der Deutschen, orientiert an Denkern der Goethezeit.
XL Die Aufgaben der Schulen und der dreigliedrige soziale Organismus
Vortrag fur den Verein jiingerer Lehrer und Lehrerinnen,
Stuttgart, 19. J uni 1919 294
Einwendungen gegen Schulen nicht Einwendungen gegen die Lehrerschaft!
Lehrer eingeklemmt zwischen Elternhaus und Staat. Proletarierkinder am mei-
sten durch die Schule gepragt. Lehrerschaft mull sich an den grofien sozialen
Problemen der Zeit beteiligen. Unbrauchbarkeit sozialistischer Schulpro-
gramme mit dem inner en Widerspruch: Differenzierung des Lehrplans, aber
Einheit der Organisation. Erziehung zu Demokratie und Sozialismus durch
Schulmethodik auf Grund tieferer Betrachtung der Menschennatur. Unfahigkeit
der Naturwissenschaft, den Menschen zu erkennen. Oscar Hertwig. Drei
Epochen des Jugendalters. Bildung von Denken, Fiihlen und Wollen. Schaden
einseitiger Verstandesausbildung. Avenarius und Mach. Notwendigkeit neuer
Padagogik-Ausbildung. Unabhangigkeit des Geisteslebens als Grundforderung
fur neue Volks- und Kulturpadagogik. (Diskussion: Antworten auf Einwande.)
XII. Der Weg zu ubersinnlichen Erfahrungen und Erkenntnissen als
Grundlage wirklichen Menschenverstandnisses
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 9.fuli 1919 330
Die negative Beziehung des gegenwartigen Menschen zur geistigen Welt. Die
geisteswissenschaftliche Bewegung soil Zeugnis davon ablegen, dafi das Geistige
im Menschen und aufier dem Menschen keine Ideologic ist. Notwendigkeit der
Selbsterkenntnis. Aufmerksamwerden auf andere Erkenntnisart. Innere Kampfe
des Geistesforschers. Neue Form des Naturerkennens. Zusammenhang zwi-
schen Erkenntnis und Liebe. Verstarkung des Denkens. Gefahr der Mystik.
Willenserziehung. «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» Soziale
Probleme aus naturwissenschaftlichem Denken losen wollen. Irrtum der Marx-
schen Nationalokonomie. Befreiung des geknechteten Teils der Menschheit
nicht nur aus den Ketten der materiellen Welt; Befreiung durch die Erfullung
der Seele mit der Erkenntnis vom wahren geistigen Menschen.
XIII. Die iibersinnliche Wesenheit des Menschen und die Entwickelung der
Menschheit
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, ll.Juli 1919 355
Ursachenzusammenhang zwischen elementaren Bewegungen der Unruhe und
Pochen auf «schlichten Glauben». Notwendigkeit aktivierten Denkens; Abbau
der Lebensprozesse in der Hauptesorganisation. Irrtiimliche Theorie von zwei-
erlei Nerven. Willensschulung. Erkennen des Bildekrafteleibes in Imagination,
Inspiration und Intuition; entsprechendes Wirken in Natur und Geschichte,
Entwicklung der Kulturepochen. Im ersten Drittel der uns vorangehenden das
Christus-Ereignis, zunachst verstanden aus alter Geistesschau. Heute durch
Geisteswissenschaft moglich. Vorbereitung durch die Goethezeit. Gegenstro-
mung durch materialistische Philosophic, Beispiel Avenarius und Mach, Staats-
philosophen der Bolschewisten. Moglichkeit und Aufgabe Mitteleuropas.
XIV. Geschichte der sozialen Bewegung
Studienabend iiber «Die Kernpunkte der sozialen Frage»,
Stuttgart, 30. Juli 1919 383
Die sogenannten sozialen Utopisten Proudhon, Fourier, Louis Blanc: Losung
der ungerechten sozialen Verhaltnisse durch Einsicht und guten Willen. Karl
Marx' Erkenntnis von der Entstehung des mitteleuropaischen Proletariats aus
den Wirtschaftsverhaltnissen. Nur aus dessen Interessen heraus Fortschritt
moglich. Dagegen z. B. Wilhelm Weitling an Empfindungen appellierend,
Lassalle mit Ideen rechnend. Entriistungssozialismus bis in die achtziger Jahre
des 19. Jahrhunderts. Adler, Pernerstorfer, Wilhelm Liebknecht, Auer, Bebel,
Singer: Soziale Verhaltnisse entstehen aus geschichtlicher Notwendigkeit.
Unterschied zwischen Gothaer und Eisenacher Parteitag zum «Erfurter Pro-
gramme Verwandlung von Menschheitsforderungen in Wirtschaftsforderun-
gen. Spaltung in politische Partei und Gewerkschaft. Revisionist Bernstein.
Weltkriegskatastrophe fordert neue Anschauungen, aber die alten Programme
sind geblieben. Einziger Ausweg dreigegliederte Verhaltnisse, als Utopie abge-
lehnt. Unsinnige Argumentation von Heck gegen «drei Parlamente». Ent-
stehung von Rechtsverhaltnissen aus Besitzverhaltnissen, aus wirtschaftlichen
Verhaltnissen. Abstrakte volkswirtschaftliche Begriffe. Beispiel Ablafihandel
Tetzel. Verhaltnis von Kapital und Arbeit.
Aufruf: «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!»
Flugblatt Marx 1919 417
Hinweise 423
Personenregister 435
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 437
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 439
VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS
Die in diesem Band zusammengefafiten Vortrage hielt Rudolf Steiner im Rahmen
des «Bundes fur Dreigliederung des sozialen Organismus». Er sprach in der Zeit
vom April bis Ende Juli 1919 in Stuttgart und anderen wurttembergischen
Stadten, zum Teil in Industriewerken, haufiger noch offentlich vor manchmal
weit iiber tausend Zuhorern. Nachzuweisen sind etwa vierzig Vortrage, von
denen jedoch nur die vorliegenden - zumeist abgedruckt in den Schriften des
«Bundes fur Dreigliederung des sozialen Organismus» Stuttgart 1919 - erhalten
sind. In diesen Monaten hielt er fast ebensoviel Sitzungen ab mit Ausschiissen,
Betriebsraten und mit einem Kreis von Rednern, die vor anderen Zuhorern in
anderen Gebieten Deutschlands iiber die gleichen Themen zu sprechen beabsich-
tigten.
Vorangegangen waren im Jahre 1917, also noch wahrend des Weltkrieges,
Vorschlage fur eine vollstandige Neuordnung der mitteleuropaischen Verhalt-
nisse zur Vermeidung der Katastrophe, die viele kommen sahen. Rudolf Steiners
Anregungen wurden in Form von zwei Memoranden an Personlichkeiten in den
Kreisen der deutschen und der osterreichischen Regierung gegeben. - Sie sind
innerhalb der Gesamtausgabe in dem Band «Aufsatze iiber die Dreigliederung
des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915— 1921 », Bibl.-Nr. 24, enthalten. -
Es fehlte aber, obgleich ihnen Verstandnis entgegengebracht wurde, der Mut, die
notwendigen Schritte zu tun, so dafi es zum Zusammenbruch kam und der
verhangnisvolle Wilsonsche «Vierzehn-Punkte»-Entwurf als Grundlage fur den
Friedensvertrag diente.
In dieser Situation wurde der Versuch unternommen, sich direkt an die weiten
Kreise der Menschen zu wenden, die entweder aus der Arbeiterschaft oder aus
dem kulturellen Leben heraus um eine Neuregelung der Verhaltnisse bemiiht
waren, um bei ihnen ein Verstandnis wachzurufen fur die wahren Gesetzmafiig-
keiten des sozialen Organismus, wie Rudolf Steiner sie aus der anthroposophi-
schen Menschenkunde heraus entwickelt hat. Der diesem Band beigegebene
«Aufruf» (siehe S. 417) wurde von einer Reihe bekannter Personlichkeiten des
offentlichen Lebens unterzeichnet und weit verbreitet. Im April 1919 erschien
das Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnbtwendigkeiten
der Gegenwart und Zukunft» (GA Bibl.-Nr. 23). In Zeitungs- und Zeitschriften-
aufsatzen behandelte Rudolf Steiner einzelne Fragen eingehender. Auch sie sind
in der obengenannten Sammlung enthalten.
Zusehends formierten sich jedoch in Deutschland die Krafte, die am Bestehen-
den festhalten wollten. Gegen allerlei Widerstande kam es dennoch im Herbst
1919 durch Emil Molt, Direktor der Waldorf- Astoria-Zigarettenfabrik, zur
Begriindung der ersten Waldorfschule in Stuttgart, mit deren Leitung Rudolf
Steiner betraut wurde, nachdem er in zahlreichen Vortragen und Kursen die
zukiinftigen Lehrer und interessierten Menschen mit den menschenkundlichen
und methodisch-didaktischen Grundlagen einerseits und Aspekten fur eine neue
Sozialgestalt der Waldorfschule andererseits, vertraut gemacht hat.
Mit der Erarbeitung neuer Begriffe zur sozialen Dreigliederung beschaftigte
sich Rudolf Steiner in zahlreichen weiteren Vortragen und seminaristischen
Vortragsreihen. Eine Ubersicht ist am Schlufi der Hinweise gegeben.
R. M.
OFFENTLICHER VORTRAG FUR DIE VERSAMMLUNG
DER UNTERZE ICHNER DES AUFRUFES
* AN DAS DEUTSCHE VOLK UND AN DIE KULTURWELT*
Stuttgart, 22. April 1919
Gemafi dem Programm der heutigen Versammlung wird es an diesem
Abend besonders meine Aufgabe sein, einiges zu sprechen iiber den
Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», der in Ihren
Handen ist. Sie werden mir gestatten, dafi ich heute, wo ich zu einer
Versammlung zu sprechen habe, die im wesentlichen mit dem Inhalt
des Aufrufes bekannt ist, mehr aphoristisch spreche. Im Zusammen-
hange werde ich iiber die sozialen Anschauungen, die dem Aufruf und
meinem in einigen Tagen erscheinenden Buche iiber die soziale Frage
zugrunde liegen, dann am nachsten Montag zu sprechen haben. Das-
jenige, was heute aus mit der Menschheit mitfiihlenden Impulsen her-
aus zu einem solchen Aufruf, wie er Ihnen vorgelegt worden ist, f uhren
kann, das sind wahrhaflig nicht irgendwelche Programmideen, zu denen
man aus diesen oder jenen Interessen hinneigt, nein, das sind die laut,
laut und deutlich sprechenden Tatsachen, welche sich herausentwickelt
haben aus der furchtbaren Weltkatastrophe, die wir in den letzten
Jahren durchgemacht haben. Wenn man mit wachender Seele auf diese
Tatsachen den aufmerksamen Blick richtet, dann wird man vor alien
Dingen zu einem ganz bestimmten Eindruck kommen. Ich mochte die-
sen Eindruck in der folgenden Weise charakterisieren,
Wir haben es oftmals gehort: In den Schreckens jahren, die wir durch-
gemacht haben in dieser Weltkatastrophe, die iiber die Menschheit
hereingebrochen ist, ist etwas geschehen, was ohne Beispiel dasteht in
dem geschichtlichen Verlauf der Menschheitsentwickelung, den man
gewohnlich als solchen iiberblickt. Man hatte in weitesten Kreisen die
Empfindung, so etwas war in der ganzen grofien Zeitspanne, die man
als Geschichte bezeichnet, noch nicht da. Sollte nun nicht audi das an-
dere hervorgerufen werden, das allerdings, wie mir scheint, bisher noch
nicht vollig hervorgerufen ist, - das Gefiihl, dafi nun audi fiir eine
Neugestaltung der Weltverhaltnisse Dinge notwendig sind, die audi
gewissermafien hervorgeholt werden aus Menschheitsimpulsen, die in
radikaler Weise neu sind, die in radikaler Weise brechen, nicht nur mit
alten Einrichtungen, sondern die brechen vor alien Dingen mit alten
Denkgewohnheiten. Miissen wir nicht, indem wir hinblicken auf die
laut sprechenden Tatsachen, uns vor alien Dingen sagen: Uber grofie
Partien der zivilisierten Welt breiten sich Schatten aus, die eigentlich
chaotisch der jetzigen Menschheit von ihrer Vormenschheit iiberlassen
worden sind. Konnen wir demgegeniiber sagen, dafi sich aus dem Ge-
wirr heraus, aus dem Chaos heraus, solche Ideen, solche Gedanken
schon ergeben haben, die diesen Tatsachen gewachsen sind? Kommt es
uns nicht, wenn wir mit nuchternem Blick diese Tatsachen iiberschauen,
so vor, dafi wir uns sagen miissen: Alte Parteimeinungen sind da, alte
Gesellschaftsanschauungen sind da, gewisse Gedanken, wie es sein soil
unter den Menschen, sind da, aber alles das geniigt nicht, um irgendwie
zu einer Neugestaltung desjenigen zu fuhren, was aus der unmittel-
barsten Vergangenheit in unsere Gegenwart herein zuriickgeblieben ist.
Das stellt fiir diese Gegenwart grofie, umfassende Aufgaben. Wir
werden ihnen vielleicht doch am leichtesten gerecht, wenn wir ganz
offen und ehrlich - denn Offenheit und Ehrlichkeit werden dasjenige
sein, was allein uns in die Zukunft tragen kann — , wenn wir uns offen
und ehrlich fragen: Wodurch sind wir eigentlich in diese Verhaltnisse
hineingekommen? Wenn ich die bedeutsamste Erscheinung der Gegen-
wart bezeichnen soil und etwa fragen wollte: Woraus eigentlich haben
sich die gegenwartigen Zustande ergeben?, so kann ich nicht hinweisen
darauf , dafi sie sich blofi ergeben haben aus den Verirrungen der einen
oder der anderen Menschenklasse. Ich mochte sagen: Was sich eigent-
lich heute abspielt, es brandet herauf wie aus einem Abgrund. Was ist
das fiir ein Abgrund? Ein Abgrund ist es, der sich aufgetan hat im
Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte zwischen den bisher fiih-
renden Klassen der Menschheit und denjenigen, welche heraufstreben
aus dem Gefuhrtwerden und heute ihre Forderungen erheben. Nicht
von der einen Seite und nicht von der anderen Seite kommen im Grunde
genommen die Wirren, aber aus dem kommen die Wirren, was da-
zwischen liegt.Das ist keine pedantisdieBemerkung, das ist etwas, von
dem ich glaube, daft es sich tief begriinden lafit und zugleich Lidit wirft
auf das, was eigentlich zu geschehen hat. Auf der einen Seite haben wir
die bisher f iihrenden Kreise der Menschheit, die im Grundegenommen-
gestehen wir es uns nur alle offen und ehrlich - im Laufe der letzten
Jahrhunderte und insbesondere des letzten Jahrhunderts sich so ent-
wickelten, dafi sie nur wenig Geneigtheit erwiesen haben, irgendwie in
die Zukunft zu blicken, irgendeine Ahnung davon zu haben, was im
Schofie der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich liegen kann, inner-
halb welcher sie leben.
Wenn man hinblickt auf das, was unter dem EinflulS der Gedanken,
der Empfindungen, der Willensrichtung, des Handelns dieser bisher
fuhrenden Kreise der Menschheit geworden ist, dann erinnert man sich
an den Grad von Einsicht, an den Grad von Gedankenschlagkraft, der
da war, nun, sagen wir, im Friihjahr des Jahres 1914. Es ist schon not-
wendig, auf solche Dinge heute hinzuweisen. Im Friihling des Jahres
1914 konnten wir horen, dafi zu einer Versammlung, die wenigstens in
bezug auf politische Dinge erleuchtet sein sollte, zu einer Versamm-
lung derjenigen Manner, denen dazumal die Fiihrung des Volkes an-
vertraut war, der damalige Auftenminister sagte, er konne den Herren
des Deutschen Reichstages mitteilen, dafi die allgemeine Entspannung
Europas grofie Fortschritte mache. Die Beziehungen des Deutschen
Reiches zu Rufiland seien die denkbar befriedigendsten, denn die Pe-
tersburger Regierung sei gar nicht geneigt, hinzuhorchen auf die Trei-
bereien der Presse; die freundnachbarlichen Beziehungen zwischen
dem Deutschen Reiche und Rutland versprachen das Allerbeste. Ferner
sagte er, es seien Verhandlungen angekniipft worden mit England,
welche zwar noch nicht zum Abschlufi gekommen seien, die aber ver-
sprachen, daft das beste Verhaltnis mit England eintreten werde.
Ja, eben gerade, wenn man offen und ehrlich dasjenige ins Auge
fassen will, was Gedankenschlagkraft der fuhrenden Kreise und der
aus diesen fuhrenden Kreisen Auserlesenen in jener entscheidungsvollen
Zeit war, dann mufi man schon auf solche Dinge hinweisen. Das An-
gedeutete konnte gesagt werden in den Wochen, die unmittelbar voran-
gingen jener furchtbaren Zeit, in welcher innerhalb Europas, gering
gerechnet, zehn bis zwolf Millionen Menschen getotet und dreimal so-
viel zu Kriippeln geschlagen worden sind! Auf diese Dinge mufi hin-
geschaut werden, denn heute kommt es darauf an, von dem, was man
in den letzten Zeiten gewohnlich die Lebenspraxis genannt hat, endlich
abzukommen und Vertrauen zu gewinnen zu dem, was wirkliche Ein-
sicht in die Tatsachen vermag. Wenn wir uns nicht entschlieften, mutig
und ohne Hinterhaltauf dasjenige hinzublicken, wozu wir - nun, lassen
Sie es uns gestehen - durch die Gedankenlosigkeit gegeniiber dem, was
die Gegenwart fur die Zukunft in ihrem Schofie tragt, gefiihrt worden
sind, so konnen wir nicht vorwartskommen. Das ist es, was heute ins
Auge gefalSt werden mufi. Ich will wahrhaftig am heutigen Abend
nichts Personliches zu Ihnen sprechen, aber ich darf vielleicht einlei-
tungsweise doch auf eines hinweisen.
In derselben Zeit, in der von den fuhrenden Leuten solche Dinge,
wie ich sie eben angefiihrt habe, von der «allgemeinen Entspannung»
und dergleichen gesprochen worden sind, mu{ke ich in einer kleinen
Versammlung in Wien dasjenige zusammenfassen, was ich mir als Vor-
stellung gebildet hatte durch Jahrzehnte hindurch iiber die Zukunfts-
moglichkeiten des europaischen, des modernen zivilisierten Lebens
uberhaupt. Vor einer kleinen Gesellschafb mufite ich es damals sagen -
eine grolSere hatte mich wahrscheinlich ausgelacht, denn alle die, die
dazumal die Fuhrung der Menschheit in Handen hatten, die waren nur
geneigt, solche Dinge als Phantasterei anzusehen. Was ich damals zu
sagen hatte, habe ich in folgende Worte gefalk, nur wiederholend, was
ich im Laufe der letzten Jahrzehnte in der einen oder anderen Form
bereits ausgesprochen hatte:
Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden im-
mer starker werden, bis sie sich zuletzt in sich selbst vernichten werden.
Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie
iiberall furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwurbildungen aufspros-
sen. Das ist die grofie Kultursorge, die auftritt fur denjenigen, der das
Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedriickend wirkt,
und was selbst dann, wenn man alien Enthusiasmus sonst fur das Er-
kennen der Lebensvorgange durch die Mittel einer geist-erkennenden
Wissenschaft unterdrucken konnte, einen dazu bringen muftte, von dem
Heilmittel zu sprechen, das Heilmittel der "Welt gleichsam entgegen-
zuschreien fiir das, was so stark schon im Anzug ist und was immer
starker und starker werden wird. Was auf einem Felde, in einer Sphare
so sein mufi, wie die Natur schafft durch Oberflufi in freier Konkur-
renz - in dem Verbreiten geistiger Wahrheiten - das wird zur Krebs-
bildung, wenn es in der geschilderten Weise in die soziale Kultur
eintritt.
Mir scheint, dafi mit diesen Auseinandersetzungen genauer getrorTen
ist, was auf den Fruhling des Jahres 1914 folgte, wo diese Worte ge-
sprochen worden sind, als mit all den Worten, welche die sprachen, die
sich dazumal fiir Lebenspraktiker hielten, die da glaubten, daft sie aus
den Wirklichkeiten heraus schopften, wahrend sie nur aus ihren polki-
schen, aus ihren Lebensillusionen heraus schopften.
"Wenn ich kurz bezeichnen soil, was zu solchen Dingen gefiihrt hat,
nun, es ist eben der Mangel einer jeglichen Voraussicht, der Mangel
eines Willens zur Voraussicht in dasjenige, was im Schofie der Gegen-
wart liegt als Entwickelungskeime der Zukunft. Nidit angeklagt - blofi
charakterisiert soli werden!
Uberblickt man, was in den letzten Jahrhunderten allmahlich her-
aufgekommen ist in jenen fiihrenden Schichten, die zuletzt eingelaufen
sind in die sogenannte burgerliche Gesellschaftsklasse, so mufi man
sagen: Es ist ja viel aufierordentlich Lobliches angestrebt worden, vie-
les, das man nicht anders bezeichnen kann als: es sind gewaltige Fort-
schritte gemacht worden in der allgemein menschlichen Kultur bis zur
Gegenwart. Aber was haben gerade diese Fortschritte notwendig ge-
macht? Sie haben notwendig gemacht, dalS man sich in einen furchtbaren
Lebenswiderspruch hineinverwickelt hat. Man brauchte einfach, als in
der neueren Zeit heraufkam auf der einen Seite die moderne Technik
mit ihrem notwendigen Zubehor des modernen Kapitalismus, und
auf der anderen Seite die moderne Weltanschauung, die parallel geht
der kapitalistischen und technischen Entwickelung, man brauchte not-
wendig eine gewisse Verbreiterung der Bildung. Ich werde etwas sehr
Paradoxes sagen mussen, allein die Wahrheiten, die uns heute not-
wendig sind, klingen vielleicht den Denkgewohnheiten der Zeit noch
etwas paradox. Ich kenne unter denjenigen, die in hervorragender
Weise sich geaufiert haben, eigentlich nur einen Mann, der in der rich-
tigen Weise gesagt hat, wie eigentlich die Welt behandelt werden
miifite, wenn es so fortgehen sollte, wie es in diesen leitenden, fiihren-
den Kreisen seit Jahrhunderten gemacht worden ist; einen Mann kenne
ich, der ausgesprochen hat, was, wenn sie konsequent waren, diese
leitenden, fiihrenden Kreise eigentlich tun miifiten. Und dieser Mann,
eben das ist das Paradoxe, ist das Oberhaupt des Heiligen Synods,
wie er in Rufiland heifit, es ist der Oberprokurator Pobjedonoszew. Es
gibt eine Schrift dieses Mannes, welche in einer aufierordentlich ein-
dringlichen und geistvollen Weise radikal verurteilt alien Parlamen-
tarismus der neueren Zeit, radikal verurteilt die Demokratie, vor alien
Dingen aber die Presse der westlichen Welt. Pobjedonoszew war vor-
aussichtig genug, zu wissen, dafi man entweder diese Dinge aus der
Welt scharfen mufi, Parlamentarismus, Presse, Demokratie, oder dafi
man zum Vernichten desjenigen kommen werde, wovon die leitenden,
fiihrenden Kreise glauben, dafi es das Richtige fiir die neuere Zeit sei.
Selbstverstandlich hatte nur ein soldier Vorsitzender des Heiligen
Synods den Mut, in solch radikaler Weise zu sprechen. Dasjenige, was
in den Seelen der Menschen, die am fortschrittlichsten dachten, in den
leitenden, fiihrenden Kreisen lebte, es war ein innerer Widerspruch.
Es war im Grunde genommen ein Widerspruch schon gegen die Er-
findung der Buchdruckerkunst. Unmoglich war es, durch all die neueren
Einrichtungen die weiteren Kreise zum Selbsturteil, zum einsichtigen
Denken heranzurufen und zugleich in der Weise weiter zu wirtschaf-
ten, wie man gewirtschaftet hatte. Das mufite notwendig fiihren zu
dem, wozu es gefuhrt hat: zur Selbstvernichtung dieser Kultur. Das ist
auf der einen Seite. Hatte man in den weitesten Kreisen die Konse-
quenz des Oberprokurators Pobjedonoszew gezogen, dann hatte man
sich gesagt, lange schon gesagt: Etwas anderes, etwas radikal anderes
ist notwendig als das, was wir haben heraufkommen lassen in den
letzten Jahrhunderten. Das ist zu sagen auf der einen Seite. Ohne An-
klage sage ich das, nur zur Charakteristik. An den Ausfuhrungen des
Oberprokurators konnte man sehen, wenn sie audi fiir die neuere Zeit
selbstverstandlich ein Unsinn waren, dafi man eine radikale Umkehr
notwendig habe. Denn eigentlich hatte man sich nur halten konnen,
wenn man so gedadit hatte wie er. Das ist das Paradoxe, was zunachst
nach der einen Seite hin zu sagen ist. Das stent auf der einen Seite des
Abgrundes. Dann kommt der Abgrund, und auf der anderen Seite
stehen die heraufziehenden Proletarier, diejenigen, die aus anderen
Lebenskreisen herangerufen worden sind im Laufe der letzten Jahr-
hunderte zur Maschine, in die Fabriken; gerufen worden sind so, dafi
ihr Leben hineingestellt worden ist in den fiir sie seelenverodenden
modernen Kapitalismus. Aus ihrer Seele heraus erhoben sich jene For-
derungen, die heute wahrhaftig keine Brotfragen blofi sind; sie sind
das auch - aber das Wichtige ist heute nicht die Brotfrage, denn die ist
im Grunde genommen in Mitteleuropa fiir alle Menschen berechtigt -,
sondern es ist, wie wir gleich sehen werden, eine umfassende Wirt-
schafts-, Rechts- und Geistesfrage. Aber sehen wir uns nun von einem
Standpunkte aus, wie ich ihn hier einnehmen will bezuglich der Cha-
rakteristik gerade dieser Seite, die andere Seite des Abgrundes an.
Sehen wir dasjenige an, was in der proletarischen Welt heraufkommt.
Wahrhaftig, es war etwas Bedeutsames, das mitzuerleben, was sich da
entwickelte. Wahrend auf der einen Seite die burgerlichen Kreise die
Oberschicht bildeten und eine gewisse Kultur ausgestalteten, die sich
nur entwickeln konnte auf dem Unterbau des Proletariats, wahrend
also die Oberschicht des Biirgertums ihre eigene Kultur entwickelte,
konnte man sehen, wie schon seit Jahrzehnten die geringe Zeit, die der
Proletarier neben seiner Arbeit eriibrigte, fiir ihn ausgefullt war mit
dem Erstreben einer sozialen Welt- und Lebensanschauung. Die ist aus
ganz andern Untergrunden erwachsen als die biirgerliche Kultur. Was
das bedeutet, das weifi man nur, wenn man gelernt hat, durch Lebens-
schicksale, nicht nur iiber das Proletariat zu denken, sondern mit dem
Proletariat zu denken. Das ist es, worauf es heute ankommt, um diese
Seite zu beurteilen. Und was sehen wir auf dieser Seite? Nun, es gibt
heute schon Gegenden der bisher zivilisierten Welt, wo das Proletariat
aufgerufen ist, aus dem Chaos heraus Ordnung zu machen. Wir haben
sie sich entwickeln gesehen, wahrhaftig durch alien Scharfsinn, der dem
unverbrauchten Intellekt des Proletariats, an den ich glaube, ent-
spricht, - wir haben sie gesehen, die Idee, die mit ungeheurer Stofikraft
begabte Idee der sozialen Weltanschauung des Proletariats. Wir haben
sie sich entwickeln gesehen bis zum Ausbruch der Weltkatastrophe. Wir
wissen es, wie innerhalb des Proletariats umfassende Anschauungen
entstanden sind iiber dasjenige, was geschehen soil. Jetzt stehen zahl-
reiche von denen, welche sich diese Ideen in ihrer Weise gebildet haben,
welche glauben, sich durchgerungen zu haben zu einer proletarischen
Weltanschauung, jetzt stehen sie so, dafi sie diese Weltanschauung aus-
fiihren konnten, jetzt sind ihnen gewisse Einrichtungen iiberliefert
iiber grofie Teile Europas hin. Sehen wir, dafi sie es konnen? Wir sehen,
dafi auch von dieser Seite die Gedanken viel zu kurz sind f iir diese Tat-
sachen.
Wir sehen, wie auf der einen Seite eine wie in den Niedergang
hineintreibende Weltanschauung lebt, wie auf der anderen Seite eine
gewisse Welten-Menschheitsstromung nicht hat dazu kommen konnen,
im entscheidenden Augenblick diejenigen Impulse, diejenigen sozialen
Impulse zu finden, welche zu einer Neugestaltung fuhren konnen. Zwi-
schen den beiden liegt der Abgrund, und aus diesem Abgrund herauf
brandet dasjenige, was uns heute schon entgegenschlagt und was wahr-
haftig der Menschheit, der biirgerlichen und der proletarischen, immer
starker entgegenschlagen wird, wenn diese Menschheit nicht die Hin-
neigung finden wird zum Begreif en desjenigen, was die Gegenwart und
die nachste Zukunft aus den Lebensnotwendigkeiten der Menschheits-
entwickelung heraus notig haben. Auf diese Lebensnotwendigkeiten
kann man hinblicken, wenn man gerade die proletarische Bewegung,
wie sie heraufkommt, beobachtet, wenn man sieht, wie sie sich allmah-
lich gebildet hat.
Man kann sagen, in drei Lebensgebieten entwickelt sich, was in der
proletarischen Seele lebt, entwickelt sich aber auch, was als unweigerlich
zu befriedigende Forderung der Gegenwart und der nachsten Zukunft
sich geltend macht. In drei Lebensgebieten. Diejenigen, die etwas be-
kannt geworden sind mit der proletarischen Welt- und Lebensauffas-
sung der letzten Jahrzehnte, die von den einsichtigen Menschen dieser
Bewegung immer wieder zusammengefalSt wurde in die Worte: So
kann es nicht weitergehen, wie es geworden ist -, die fanden vor alien
Dingen, wie tief eingeschlagen hat in die proletarischen Gemiiter der
neueren Zeit eine Idee, welche ausging von demjenigen Proletarier-
fiihrer, dessen Name seit siebzig Jahren im europaischen und amerika-
nischen Proletariat lebt, und der trotz all seiner Nachfolger noch nicht
iiberboten ist, welche ausgegangen ist von Karl Marx. Man muft nur
wissen, wie in die modernen Gemiiter, die, von der Arbeit abgehetzt,
in ihren Abendversammlungen sich aufklaren wollten iiber das, was
geschehen soli, eingeschlagen hat alles dasjenige, was zusammenhangt
mit dem Worte Mehrwert. Das riihrte an die tiefsten Empfindungen des
Proletariats. Aber das riihrte nicht nur an die tiefsten Empfindungen
des Proletariats, nein, es riihrte zu gleicher Zeit an die intensivsten
Forderungen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung. Nur mufi
man, wenn man soldie Dinge wirklich verstehen will, tiefer blicken
als nur in dasjenige hinein, was sich die Menschen mit ihrem Verstand,
mit ihrem Kopfbewufitsein sagen. In den Tiefen der Menschenseele
ruht oft noch etwas ganz, ganz anderes als das, was sich die Menschen
bewufit klar zu machen wissen. Unendlich Bedeutungsvolles wurde
aufgeriihrt in der Proletarierseele, wenn von Mehrwert gesprochen
wurde. Unendlich viel wurde aufgeriihrt von dem, wovon der Prole-
tarier sich keine klar bewufken Vorstellungen macht, was aber in ihm
lebt und was jetzt zum Ausbruch kommt mit elementarischer Gewalt,
und was verstanden werden mufi, wenn man zu irgendeinem Ausweg
aus den Wirren kommen will. - Ob vor der Beurteilung der volkswirt-
schaftlichen Wissenschaft die Lehre vom «Mehrwert» im Sinne von
Karl Marx bestehen kann, darauf kommt es fiir das Gemeinte nicht
an. Audi wenn diese Idee auf Irrtum beruhte, miifite ihre soziale, ihre
sozialagitatorische Wirkung in der Arbeiterklasse als geschichtliche Er-
scheinung ins Auge gefafit werden.
Was lebte denn eigentHch in den tiefsten Untergriinden der Prole-
tarierseele, wenn von Mehrwert gesprochen wurde? Nun, die fiihren-
den, leitenden Kreise, sie sprachen von der Entwickelung der Mensch-
heit, sie fiihlten sich in dieser Entwickelung der Menschheit darin. Ja,
wenn sie ausdriicken wollten, was eigentlich zugrunde liegt dieser Ent-
wickelung der Menschheit, dann sagten sie, je nach ihrem Bediirfnis,
gottliche Weltregierung, sittliche Weltordnung, geschichtliche Ideen
oder dergleichen. Der Proletarier, der mit dem Heraufdammern der
neuen Zeit, in der Morgenrote dieser neueren Zeit ubernommen hatte
als ein Erbgut diese biirgerliche "Weltanschauung, dem wurden gewisse
Begriffe geboten, die sich im Laufe der Zeit ausgebildet hatten. Aber er
konnte nichts sehen, wenn er hinschaute auf die fiihrenden Kreise, von
einer Offenbarung desjenigen, wovon diese fiihrenden Kreise als von
gottlicher Weltenlenkung, sittlicher Weltordnung und geschichtlichen
Ideen sprachen. Warum konnte er nichts sehen? Nun, er war einge-
spannt - das ist ja erst in der letzten Zeit und wahrhaftig nicht durch
die Verdienste der fiihrenden Kreise etwas besser geworden -, er war
eingespannt in keine sittliche Weltordnung oder gottliche Weltord-
nung, sondern in das Joch der neueren Wirtschaftsordnung. Und er
sah hin auf dasjenige, was sich als Geistesleben entwickelte bei den
fiihrenden Klassen. Was empfand er da? Er empfand das einzige Ver-
haltnis, das er in Wahrheit hatte - denn das andere konnte er nicht
haben - zu dieser Kulturanschauung, zu diesem Kulturgut der leiten-
den, fiihrenden Kreise. Was hatte er fur ein Verhaltnis dazu? Er pro-
duzierte an demjenigen, was dieses Kulturgut kostete, er produzierte
fiir andere Mehrwert, das allein verstand er.
Und was man ihm geben wollte von diesem Kulturgut so in allerlei
Volksunterhaltungen, Volkstheatervorstellungen, in Volkskursen, in
kiinstlerischen Volksdarbietungen anderer Art, das war doch nur etwas,
wozu er ein inneres Verhaltnis nicht gewinnen konnte. Denn das kann
man nur gewinnen, wenn man lebendig sozial in dem entsprechenden
Geistesleben drinnen steht. Aber der Abgrund zwischen den beiden
Klassen hatte sich aufgetan, und ini Grunde genommen war es eine
Unwahrheit, wenn der Proletarier irgend etwas empfand in dem, was
ihm da als Kulturgutbrocken zugeworf en worden ist. Und so kam eines
herauf - ich will es heute nur kurz bezeichnen, am Montag werde ich
etwas mehr dariiber sagen - eines kam herauf, was dem Kultureinsich-
tigen tief ins Herz schnitt, wenn er, wie derjenige, der heute vor Ihnen
spreehen darf , teilgenommen hat an dem proletarischen Leben und pro-
letarischen Streben. Das kam herauf, daft innerhalb des Proletariats
sich festsetzte die seelenverodende Anschauung, dafi alles Geistesleben,
Kunst, Religion, Sitte, Recht, alle Wissenschaft im Grunde genommen
nichts sind als das Spiegelbild des Wirtschaftslebens. Unter den ein-
sichtigen Proletariern konnte man ein Wort immer wieder horen zur
Bezeichnung alles Geisteslebens, das Wort Ideologic Dasjenige, was
der Proletarier empfand, indem er hinschaute auf Kunst, auf Wissen-
sdiaft der neueren Zeit, auf Religion, Sitte und Redit, das war fiir ihn
nichts anderes als etwas, was wie ein Rauch aufsteigt aus dem einzig
wirklichen, dem materiellen wirtschaftlichen Leben - Ideologic Und
die Anschauung entstand, jene Anschauung, die einem eben tief ins
Herz schnitt, jene Anschauung, welche alles geistige Leben, den gesam-
ten Inhalt des menschlichen Geistes als Ideologic auffafite. Man kann
theoretisch, und das taten die modernen Proletarier, namentlich ihre
Fiihrer -, man kann diese Anschauung haben: Alles Geistesleben ist im
Grunde genommen nur entspringend aus den unwirklichen mensch-
lichen Gedanken, die aufsteigen aus den Bedingungen des Wirtschafts-
lebens man kann diese Anschauung audi streng wissenschaftlich be-
weisen. Oh, was lafit sich nicht alles streng wissenschaftlich beweisen!
Wir haben in der neueren Zeit viel davon gelernt. Selbstverstandlich
lafit sich so streng wie nur moglich diese Anschauung auch wissenschaft-
lich beweisen, aber eines lafit sich nicht mit dieser Anschauung: es lafit
sich nicht mit ihr leben. Und das ist das grofie tragische Geschick der
neueren' Zeit, dafi das Proletariertum ein letztes grofies Vertrauen ent-
gegengebracht hat der burgerlichen Gesellschaftsklasse, indem es iiber-
nommen hat, was in der neueren Zeit innerhalb der burgerlichen
Gesellschaftsordnung aus dem Geistesleben geworden ist. Das, was da
geworden ist, es wurde iibernommen von dem Proletariat, und es
wurde als ein leeres Gewebe von Gedanken empfunden, wie Rauch,
mochte man sagen, der aufsteigt aus den wirtschaftlichen Verhaltnissen.
Mit dem Geistesleben lalk sich aber nur leben, wenn man es so erlebt,
dafi man durch dasselbe in seiner tiefsten Seele kraftig getragen wird.
Sonst verodet die Seele, sonst wird die Seele leer.
Und niemand versteht die furchtbaren Schaden der neueren Kul-
tur, der nicht hinweisen kann auf dieses Unterbewufite, der nicht Ein-
sicht hat in dieses Unterbewufite, der nicht weifi, dafi gerade unter
dieser scheinbar so leicht zu beweisenden Lebensauffassung von der
Ideologic des Geisteslebens die Seele veroden mufite und diese daher
aus der Verodung heraus dazu kam, eben zu verzweifeln an irgend
etwas anderem im Leben als hochstens an einer Aufbesserung der aufie-
ren materiellen Verhaltnisse. Das liegt zugrunde dem, was man be-
zeichnen mufi als die eigentlichen Geistesforderungen des modernen
Proletariats. Das ist dasjenige, was nidit anders gekennzeichnet werden
kann als dafi man sagt, die biirgerliche Gesellsdiaflsordnung der neue-
ren Zeit hat an das Proletariat einen Seeleninhalt, einen Geistesinhalt
iiberliefert, der Seele und Geist des Menschen nicht adeln kann, und
jetzt schlagt dieser biirgerlichen Gesellsdiaflsordnung das entgegen, was
aus den verodeten Seelen, aus den leergelassenen Seelen geworden ist.
Man hat sie herbeiruf en miissen, diese Seelen, mit der notwendig zu ver-
breitenden Demokratie zur Teilnahme an der Bildung. Man durfte und
konnte sie nicht ausschliefien und wollte es audi selbstverstandlich nicht.
Aber man hat sie gerufen zu einer Empfindung von dem modernen
Geistesleben, deren Konsequenz man nicht selber gezogen hat, weil
man sie nicht selber zu Ziehen brauchte. Man lebte, wenn man Ange-
horiger der biirgerlichen Gesellschaftsklasse war, noch in den Impulsen,
die von alten religiosen Vorstellungen, von alten sittlichen oder astheti-
schen Anschauungen heraufkamen aus alten Zeiten. Der Proletarier
wurde hingestellt an die Maschine, wurde eingepfercht in die Fabrik,
in den Kapitalismus. Daraus erwuchs ihm nichts, was ihm die grofie
Frage beantworten konnte: Was bin ich eigentlich wert als Mensch in
der Welt? Er konnte sich nur allein an das wenden, was die wissen-
schaftliche Orientierung in der neueren Zeit war. Das Geistesleben
wurde ihm zur Ideologic, zu etwas Seelenverodendem. Daraus ent-
sprangen seine bis heute allerdings noch immer unbestimmten Forde-
rungen. Nur das Verstandnis dieser Tatsache kann dazu bringen, einen
heilsamen Weg in die Zukunft zu gehen. Die Dinge liegen viel ernster
und auf ganz anderem Gebiete, als man heute gewohnlich glaubt.
Der Proletarier hat nun seinerseits nach und nach gar wohl gesehen,
wie in der neueren Zeit dasjenige entsprang, was Geistesleben war -
es wiirde heute die Zeit nicht ausreichen, um den Gedanken voll zu
Ende zu fiihren -, aus der Wirtschaftsordnung der biirgerlichen Kreise.
Wie die Leute gestellt waren, wie ihre Existenz und ihre wirtschaft-
lichen Verhaltnisse waren, so war audi ihr Geistesleben. Ich darf
gerade, wenn ich diese Dinge erzahle, vielleicht auf ein personliches
Erlebnis hinweisen, denn ich halte dieses personliche Erlebnis fiir aufler-
ordentlich charakteristisch. Ich war lange Jahre an der von Wilhelm
Liebknecht gegriindeten ArbeiterbildungssdiuleLehrer der verschieden-
sten Zweige des menschlichen Wissens. Ich war da auchLehrer der Rede-
ubungen. Im Umgang mit den Schiilern, die heute im Parteileben drin-
nen stehen, die da und dort audi eine Rolle spielen, konnte ich viel von
dem sehen, was gerade urn die Wende des neunzehnten und zwanzigsten
Jahrhunderts groft geworden ist. Ich habe mich dazumal, indem ich
audi Geschichte vortrug, um eines bemiiht, ich habe mich bemiiht,
meinen Schiilern, die es auch verstanden, klarzumachen, was dasGeistes-
leben zur Ideologic gemacht hat, und das ist eben das Wirtschaftsleben
der letzten vier Jahrhunderte. Und indem der Proletarier und der pro-
letarische Theoretiker sich im wesentlichen beschrankt auf die Beobach-
tungen des Lebens in den letzten vier Jahrhunderten, kommt er dazu,
das ganze Geistesleben als Ideologic anzusehen. Aber dazu ist es eigent-
lich erst in den letzten vier Jahrhunderten geworden. Unter diesem
Irrtum lebt die proletarische Weltanschauung, daft sie eine Tatsache der
letzten vier Jahrhunderte fur eine Tatsache der ganzen menschheit-
lichen Entwickelung nimmt. Ich habe immer wieder gesagt: Fur die
letzten vier Jahrhunderte ist das richtig, aber wir stehen jetzt eben vor
der Zeitforderung, an die Stelle der Ideologie wiederum wirkliches, die
menschliche Seele tragendes Geistesleben setzen zu miissen. Nicht in
dem Konstatieren dessen, daft das Geistesleben Ideologie ist, liegt das
Heilsame, sondern in dem Willen, wieder ein Geistesleben zu schaffen,
das nicht Ideologie ist. Denn diese Ideologie ist das Erbgut gerade der
biirgerlichen Gesellschaftsordnung. Ich wurde dazumal von den Partei-
fuhrern aus der Schule hinausgedrangt, trotzdem die Schuler selber fur
mich waren und mich auch verstanden hatten. Man konnte sich nicht
so leicht Verstandnis mit denjenigen Ideen verschaffen, die doch vor
alien Dingen die tragenden Ideen einer sozialen Neugestaltung sein
miissen, wenn man zunachst auf die soziale Frage als auf eine Geistes-
frage blickt.
Das zweite, was wir sehen als Lebensgebiet, aus dem sich herauf-
entwickelt hat, was in den proletarischen Forderungen zutage tritt, das
liegt auf dem Rechtsgebiet, auf demjenigen Gebiet, welches, wie der
Aufruf besagt, das eigentliche Staatsgebiet sein soil. Was ist denn
eigentlich Recht? Ja, idi habe mich wahrlich bemiiht, durch. Jahrzehnte
hindurch, die verschiedenen Anschauungen der Mensdien gerade iiber
die Ideen des Rechtes zu durdischauen. Ich mufi gestehen, wenn man
lebensgemafl, wirklichkeitsgemafi, also nicht theoretisch an das heran-
tritt, was man unter dem Recht versteht, so sagt man sich zuletzt: Das
Recht ist etwas, was als ein Urspriingliches, als ein Elementares aus
jeder gesunden Menschenbrust kommt. So wie die Fahigkeit, blau oder
rot als Farbe zu sehen, aus dem gesunden Auge kommt, und so wie
man niemals jemand, der ein krankes oder blindes Auge hat, die Vor-
stellung der blauen oder roten Farbe beibringen kann, so kann man
niemand das beibringen, was auf irgendeinem konkreten Gebiete Recht
ist, wenn nicht das Rechtsbewufitsein, das etwas Elementares, etwas
Urspriingliches ist, wie das Farbe-Sehen oder Ton-H6ren etwas Ele-
mentares ist, in ihm lebt. Dieses Rechtsbewufitsein quillt, ich mochte
sagen, aus einer ganz anderen Ecke des Seelenlebens hervor als alles,
was sonst im Geistesleben in der Entwickelung der Menschheit geschaf-
fen wird. Was sonst im Geistesleben geschafTen wird, das beruht alles
auf Begabung. Das Rechtsbewufitsein hat im Grunde genommen mit
der Begabung nichts zu tun. Es ist etwas, was sich aus der menschlichen
Natur elementar entwickelt, aber nur im Umgange mit Menschen, so
wie man audi die Sprache nur im Umgang mit Menschen lernen kann.
Dieses Rechtsbewufitsein, ob es laut und deutlich spricht, ob es dunkel
aus der menschlichen Seele hervorquillt, das ist etwas, was die mensch-
licheSeele in sich ausbilden will. Als der Proletarier durch die modernen
Bildungsverhaltnisse, durch die Demokratie, teilnahm an dem allge-
meinen Geistes- und Rechtsleben, Rechtsstaatsleben, da entstand audi
bei ihm die Frage nach dem Rechte. Er aber fand, indem er nach dem
Rechte fragte - ja, was fand er? Sehen Sie hinein in seine Seele, dann
finden Sie die Antwort auf diese Frage. Er fand, wenn er von seinem
Gesichtspunkte aus den Rechtspunkt beurteilte, nicht Rechte, sondern
Vorrechte, bedingt durch die Unterschiede der Klassen der Menschheit.
Er fand, dafi dasjenige, was sich als positive Rechte festgesetzt hatte,
eigentlich nur hervorgegangen war aus Vorrechten der bevorzugten
Klasse, als Benachteiligung des Rechtes bei den besitzlosen Klassen. Er
fand auf dem Rechtsboden den Klassenkampf anstatt der Auslebung
des Rechtes. Das erfiillte ihn mit dem Bewufttsein, daft er audi nur
vorwarts dringen konne, wenn er ein klassenbewuftter Proletarier ist,
wenn er aus dieser Klasse heraus sich sein Recht suche. Das fiihrt ihn
zu dem zweiten Gliede seiner Weltanschauung: die Klassenunterschiede
zu uberwinden, damit auf dem Boden, auf dem sich im Laufe der ge-
schichtlichen Entwickelung diese Klassenunterschiede ergeben haben,
die Struktur des Rechtsstaatslebens entstehen konne.
Das dritte Gebiet, aus dem hervorsprossen diejenigen Forderungen,
die die proletarischen Forderungen und zu gleicher Zeit notwendige
Forderungen der Gegenwart sind, das ist das Wirtschaftsgebiet. Dieses
Wirtschaftsgebiet, wie es sich so deutlich herausgebildet hat durch die
kapitalistische Weltordnung und durch die moderne Technik, wie traf
es den Proletarier? Wie traf diese Wirtschaftsordnung, dieser Wirt-
schaftskreislauf den Proletarier? Nun, so traf es ihn, daft er sich vollig
eingesponnen sah in diesem Wirtschaftskreislauf. Die anderen, sie hatten
das Geistesleben, das er allerdings als Ideologie ansah, an dem teilzu-
nehmen fiir ihn eigentlich eine Liige war, weil er nicht in dem sozialen
Zusammenhang stand, aus dem es entsprungen war. Die burger lichen
Kreise, sie hatten ihre besonderen Vorrechte und Kulturgiiter, und sie
hatten ein Wirtschaftsleben, das nebenher ging. Fiir sie war das Leben
dreigeteilt, wenn sie es audi zusammenfaftten in den Einheitsstaat. Er
aber, der Proletarier, er fiihlte sich mit seiner ganzen Personlichkeit
eingespannt in dieses Wirtschaftsleben. Wieso? Darauf bekommt man
wiederum eine Antwort, wenn man hinschaut auf die Empfmdungen -
iiberall mufi man, wenn man diese Dinge verstehen will, auf das reale
Leben hinschauen die sich in der modernen Proletarierseele im Laufe
der letzten sechs bis sieben Jahrzehnte immer heftiger entwickelten.
Ebenso wie dem Proletarier klar wurde, daft er von dem Geistesleben
nichts hat, daft er keine anderen Beziehungen dazu hat, als daft er den
Mehrwert dafiir produzieren darf, so bekam er von dem neuen Wirt-
schaftsleben selbstverstandlich die Empfindung, daft in diesem Wirt-
schaftsleben etwas darinnen ist, was nicht darin sein darf, wenn er
als Proletarier eine menschenwurdige Antwort gerade auf diese Frage
bekommen will: Was ist das menschliche Leben wert im menschlichen
Weltzusammenhang ?
Im wesentlichen bewegt sich im Wirtschaftslebenskreislauf eigentlich
nur das, was mit Ware oder menschlicher Leistung bezeichnet werden
darf. Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenverbrauch, das ist
im Grunde genommen das Wirtschaftsleben. Fiir die leitenden, fiihren-
den Kreise war es audi so, fiir den Proletarier aber war es anders.
Eingesponnen war in diesem Wirtschaftskreislauf seine Arbeitskraft.
Ebenso, wie man Waren kaufte auf dem Warenmarkte, so kaufte man
die menschliche Arbeitskraft dem Proletarier ab. Wie die Ware ihren
Preis hatte, so hatte die menschliche Arbeitskraft in Form des Lohnes
ihren Preis auf dem Arbeitsmarkte. Das ist wiederum etwas, was
an die unbewufken Empfindungen der Proletarierseele riihrte, wieder
etwas, was gar nicht notwendigerweise zur voll bewuflten Klarheit zu
kommen brauchte, was aber gerade in elementarer Weise in den grofien,
bedeutenden, laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart sich auslebte.
Zum Tiefsten der Proletarierseele sprach es daher, als Karl Marx die
Worte anklingen liefi von der «Ware Arbeitskraft». Im Grunde ge-
nommen stand der Proletarier riickschauend in der geschichtlichen Ent-
wickelung der Menschheit drinnen, indem er diese Worte von der Ware
Arbeitskraft in seinem Sinne verstand. Im Altertum brauchte die Wirt-
schaftskultur Sklaven. Der ganze Mensch wurde verkauft wie eine Ware
oder wie ein Tier. Nachher kam in einer anderen Wirtschaftsordnung
die Leibeigenschaft. Weniger schon wurde verkauft vom Menschen,
aber immerhin noch viel. Nun kam die neuere Zeit herauf, welche,
damit sie sich kapitalistisch ausgestalten konnte, die breite Masse des
Proletariats zu einer gewissen Schulbildung herbeirufen mufite, welche
kultivieren mufite in einer gewissen Weise die Demokratie. Und nicht
zur rechten Zeit wurde verstanden, dasjenige zu sehen, was als Keim
fiir die Zukunft im Schofie der Gegenwart ruht. Nicht zur rechten
Zeit wurde beobachtet, wie es notwendig ist, den Kauf und Verkauf
der menschlichen Arbeitskraft herauszureiflen aus dem Wirtschafls-
kreislauf. Als eine Fortsetzung des alten Sklaventums empfand der
moderne Proletarier die Tatsache, daft er seine Arbeitskraft auf dem
Arbeitsmarkte verkaufen mufite nach Angebot und Nachfrage, wie
man Ware kauft und verkauft. So fiihlte er sich in den Wirtschafts-
prozeft eingesponnen, fiihlte sich nicht aus diesem herausragend, wie
die anderen Schichten der Bevolkerung. Er fiihlte sich ganz in ihn hin-
eingestellt. Denn mufi man seine Arbeitskraft verkaufen, so verkauft
man doch den ganzen Menschen, denn man mufi ja den ganzen Men-
schen dahin tragen, wo man die Arbeitskraft verkauft. Die Zeit war
gekommen, wo man hatte einsehen sollen, dafi die menschliche Arbeits-
kraft so eingegliedert werden mufite in den sozialen Organismus, dafi
sie nicht Ware ist, wo das alte Lohnverhaltnis nicht weiter bestehen
durfte. Das hat man iibersehen. Das ist die Tragik der burgerlichen
Lebensanschauung, dafi uberall der richtige Zeitpunkt verpafit worden
ist, dafi verpafit worden ist, was notwendig war im Laufe der mo-
dernen kapitalistischen und demokratischen Entwickelung. Das ist das-
jenige, was schliefilich, nicht von unten aus dem Proletariat herauf, son-
dern aus dem Nichtverstehen der Zeit, aus dem Schofie des Burgertums,
das gegenwartige Chaos im Grunde genommen hervorgerufen hat.
«Meine Schuld, meine grofie Schuld», sollten sich die leitenden Kreise
gar oftmals sagen, dann wiirde aus dieser Empfindung heraus das deut-
liche Gefiihl fliefien von dem, was eigentlich zu geschehen hat. Damit
ist das gekennzeichnet, was heraufgefuhrt hat diese Gegenwart, das,
was jetzt aus dem Abgrund heraufbrandet als eine dreifache For de-
rung, als eine Geistesforderung, eine Rechtsforderung, eine Wirtschafts-
forderung. Und nicht darf weitergebaut werden auf den Irrtum, dafi
aus der Wirtschaftsordnung alles Heil kommen konne. Denn das ist
gerade das Schlimme, das Schadliche, dafi der moderne Proletarier ganz
in die Wirtschaftsordnung hinein versklavt worden ist. Heraus mufi er
aus der Wirtschaftsordnung!
Ich konnte nur eine Skizze geben desjenigen, was sich geschichtlich
entwickelt hat. Wer diese Dinge, wie sie sich ergeben haben im Laufe
der neueren Zeit, mit einem einsichtigen Blick verfolgt, wer den guten
Willen und die innere Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hat, iiber alle
nationalokonomischen, geschichtlichen und sonstigenUrteile der Gegen-
wart hin auf das Wirkliche zu sehen, der kommt gerade aus dem, was
so in der Zeit sich entwickelt hat, einzig und allein durch die Beobach-
tung der Verhaltnisse namentlich der letzten drei bis vier Jahrzehnte,
auf die Notwendigkeit dieser Dreigliederung, von der der Aufruf
spricht.
Der Proletarier hat in bezug auf das Geistesleben nur gesehen,
daft dieses von dem Wirtschaftsleben abhangig ist. Er hat sich daraus
die Vorstellung gebildet, daft alles Geistesleben von dem Wirtschafts-
leben abhangig sein miisse. Er konnte nicht ubersehen, daft dieses Gei-
stesleben durch seine innere Schwache, durch die Tatsache, daft es nicht
mehr die Stofikraft der alten Weltanschauungen hatte, sich selbst verur-
teilt hat, ein Anhangsel des Wirtschaftslebens zu sein. So kam er zu sei-
ner Anschauung von der Ideologie. Der Proletarier hatte etwas anderes
weniger beachtet, was aber aus dem angefuhrten Grunde auch auf
seiten der Biirgerlichen ungesehen geblieben ist, wie das Geistesleben
auch in Abhangigkeit gekommen ist von dem Staatsleben. Ich will
sogar die historische Berechtigung dieser Abhangigkeit in der neueren
Zeit als etwas Notwendiges ansehen. Aber auch das ist notwendig, den
richtigen Zeitpunkt in Betracht zu ziehen, in dem dieses Geistesleben
emanzipiert werden mufi, nicht nur von dem Wirtschaftsleben, sondern
auch von dem Staatsleben. Im Laufe der letzten vier Jahrhunderte ist
das Geistesleben der zivilisierten Welt immer abhangiger geworden
von dem Staatsleben. Man hat dies geradezu als einen Fortschritt der
neueren Zeit angesehen. Gewifi, das war notwendig, um das Geistes-
leben herauszuheben aus den Fesseln der Kirche; jetzt aber ist dies nicht
mehr notwendig. Man hat es als Fortschritt angesehen, das Geistes-
leben ganz unter die Fittiche des Staatslebens zu stellen. Wie konnte
man spotten iiber das Mittelalter, das wir wahrhaftig nicht wieder her-
auffuhren wollen, wie konnte man daniber spotten, wie damals die
Philosophic, das heilk fiir das Mittelalter die Wissenschaft iiberhaupt,
die Schleppe nachgetragen habe der Theologie. Nun, dazu ist es ja
gekommen, dafi wenigstens nicht iiberall die moderne Wissenschaft
die Schleppe nachtragt der Theologie. Aber zu etwas anderem ist die
Wissenschaft gekommen, ist das Geistesleben gekommen: zu der Ab-
hangigkeit dieses Geisteslebens von den Bediirfnissen des Staatslebens,
das eingerichtet wurde nach und nach - das hat insbesondere die Welt-
kriegskatastrophe gezeigt — ganz nach den Bediirfnissen des modernen
Wirtschaftslebens, die nicht allgemein menschliche Bediirfnisse waren.
Gerade die Kriegskatastrophe hat uns das in Deutschland an einzelnen
Erscheinungen sehr zum Bewufksein gebracht, ich mochte sagen sym-
ptomatisch. Gewifi, ich konnte das Symptom verhundertfachen, ja ver-
tausendfachen, aber Sie werden mich verstehen, wenn ich hinweise auf
dasjenige, was aus einem gewissen Gelehrtentum hervorgegangen ist
gerade wahrend der Kriegszeit, die ja alles zum Extrem brachte. Die
Sadie war aber schon immer da. Ein sehr bedeutender Naturforscher
der jiingsten Vergangenheit, vor dem idi als Naturforscher selbstver-
standlich den allergrofiten Respekt habe, hat ein Wort gesprochen, das
ganz besonders bezeichnend ist fur die Abhangigkeit der Wissenschaft
vom modernen Staate, er hat ein Wort gesprochen als Generalsekretar
der Berliner Akademie der Wissenschaften, mit dem er diese Akademie
der Wissenschaften nannte «Die wissenschaftliche Schutztruppe der
Hohenzollern». Nun, man braucht nicht iiberall gerade so weit zu
gehen. Mit Bezug auf Mathematik und Chemie ist die entsprechende
Tatsache sehr kaschiert, doch auch da ist sie vorhanden. Aber gehen
Sie hinauf in diejenigen Gebiete, die eine grofie Lebensfrage der Welt-
anschauung beriihren, auf das Geschichtsgebiet, da ist in der neueren
Zeit das Geistesleben wahrhaftig nichts anderes geworden als die wis-
senschaftliche Schutzmacht fur den modernen Staat. Das Geistesleben
aber kann man nicht in seinem inneren Wesen kultivieren dadurch,
dafi man Gesetze gibt iiber Lehrfreiheit, iiber freie Wissenschaft und
freie Lehre. Gesetze haben auf das Geistesleben gar keinen Einflufi,
denn das Geistesleben ruht auf den elementaren menschlichen Bega-
bungen. Und wer das offizielle Geistesleben der neueren Zeit kennt,
der weifi, wenn das auch paradox klingt - ich sage es nicht einmal
gerne, denn ich habe mich mit einem gewissen Widerwillen zu dieser
Uberzeugung durchringen miissen dafi dieses moderne offizielle Gei-
stesleben nach und nach entwickelt hat einen gewissen Hafi auf die
Begabungen und eine gewisse Vorliebe fiir Produktion des Durch-
schnittlichen in der menschlichen Natur. Alles Geistesleben aber mufi
auf den urspriinglichen menschlichen Begabungen beruhen.
Wer hineinsieht in den Zusammenhang der menschlichen und indi-
viduellen Begabungen mit der sozialen menschlichen Gesellschaftsord-
nung, der weifi, dafi das Geistesleben sich in Wirklichkeit nur beweisen
kann, wenn es genotigt ist, aus seinem eigenen Wesen heraus diese Wirk-
lichkeit zu beweisen, wenn es auf sich selbst gestellt ist von der nieder-
sten Schule an bis hinauf zu den Hochschulen, von dem, was heute ge-
radezu als Anhangsel des Staates empfunden wird bis zur freien Gestal-
tung des Kiinstlerischen und so weiter. Die Sozialdemokratie hat bisher
nur Gelegenheit gef unden, aus Empfindungen heraus, die vielleicht ver-
kehrt sind, das soli hier nicht taxiert werden, die Forderung aufzu-
stellen: Religion mufi Privatsache sein. In einer ahnlichen Weise mufi
alles Geistesleben gegeniiber der Staats- und Wirtschaftsordnung Pri-
vatsache werden, wenn es seine eigene Wirklichkeit fortwahrend be-
weisen will. Diese Wirklichkeit kann nur bewiesen werden, wenn dieses
Geistesleben auf sich selbst gestellt ist. Dieses Geistesleben, wenn es
auf sich selbst gestellt wird, wird ferner nicht mehr jenen Unfug trei-
ben, den es getrieben hat, indem es sich hineingenistet hat zum Beispiel
in die Rechtsordnung des Staates. Man wird das Ungeheuerliche ein-
sehen miissen, das darin besteht, daft in ein Staatsparlament, wie es
der Deutsche Reichstag war, eine bloft auf geistigen Untergriinden -
man mag liber sie denken dem Inhalt nach, wie man will - basierte
Partei wie das Zentrum, sich hineingeschlichen hat, da hinein, wo nur
Menschenrechte formuliert werden sollten und dergleichen. In dem
Augenblick, wo in das Staatsleben eine solche Partei hineinkommt,
wird dieses Staatsleben unbedingt von der einen Seite, von der geisti-
gen Seite her, getrubt. Denn im Staatsleben kann nur das gedeihen,
worin alle Menschen gleich sind, so wie sie bis zu einem gewissen
Grade in der Sprache gleich sind. Innerhalb des Staatslebens kann nur
das gedeihen, was nicht auf besonderer menschlicher Begabung beruht,
sondern was von Mensch zu Mensch aus dem urspriinglichen Rechts-
bewufttsein heraus ausgemacht wird. Es entsteht sowohl aus dem
Durchschauen des Geisteslebens wie aus dem Durchschauen der Zu-
stande, die in der neueren Zeit entstanden sind aus der Verquickung
des Geisteslebens mit dem Staate, die Forderung, das Geistesleben als
eigene Organisation vollig abzutrennen und auf sich selbst zu stellen.
Man braucht nicht zu befiirchten, was besonders auf sozialistischer Seite
gefiirchtet werden wird, daft zum Beispiel die Einheitsschule, die von
dieser Seite gefordert wird, dadurch gefahrdet werden konnte, daft
schon die niederste Schule auf die eigene Grundlage des Geisteslebens,
in eine selbstandige geistige Verwaltung, gestellt wird. Die Bedingun-
gen des sozialen Lebens werden so sein in der Zukunft, dafi nicht Son-
derschulen fiir Stande und Klassen werden entstehen konnen. Gerade
wenn der niederste Lehrer nicht Staatsdiener ist, sondern nur von einer
geistigen Verwaltung abhangig ist, dann wird daraus nichts anderes
entstehen konnen als die Einheitsschule. Denn wodurch sind die Stande
entstanden? Gerade dadurch, dafi verquickt wurde das Geistesleben
mit dem Staatsleben.
Auf der anderen Seite mufi losgelost werden von dem Staatsleben
das Wirtschaftsleben. Indem man erne solche Forderung erhebt, steht
man erst recht tief im praktischen Leben drinnen. Denn im Grunde
genommen kann man sagen, das Wirtschaftsleben hat, indem es sich
in der neueren Zeit entwickelt hat, etwas so eigenmachtig Zwingendes,
dafi es hinweggeschritten ist iiber die veralteten Staats- und sonstigen
Vorstellungen. Dariiber machen sich allerdings die Menschen heute
noch nicht viel BegrifTe, weil sie gerade auf das nicht hinschauen, was
die notwendigen Forderungen der neueren Zeit sind. Lassen Sie mich
Ihnen ein konkretes Beispiel vorfuhren, ein Beispiel, das aber verhun-
dertfacht werden konnte, und das zeigt, wie sich das Wirtschaftsleben
in sich emanzipiert hat von den anderen Gebieten, von dem Geistes-
leben und dem Rechtsleben, in der modernen menschlichen Entwicke-
lung. Ich will hinweisen auf die notwendige Gewinnung von Roheisen
im Beginn der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Da
brauchte man fur die deutsche Eisenindustrie ungef ahr 799 000 Tonnen
Roheisen, die von etwas mehr als 20000 Arbeitern zutage gefordert
wurden. In der verhaltnismafiig kurzen Zeit bis zum Ende der acht-
ziger Jahre brauchte man fiir die deutsche Eisenindustrie gegenuber
den friiheren 799000 Tonnen Roheisen schon 4 500000 Tonnen Roh-
eisen. Diese 4 500 000 Tonnen Roheisen wurden ungef ahr - es ist nur
ein ganz geringer Unterschied - von derselben Anzahl, von 20000
Arbeitern zutage gefordert. Was heifit das? Das heifit, dafi unbeschadet
alles desjenigen, was sonst in der Menschheitsentwickelung vorgegan-
gen ist, unbeschadet dessen, was sich abgespielt hat in der menschheit-
Hchen Entwickelung, mit 20000 Menschen rein durch technische Ver-
besserungen, durch technische Ausgestaltungen Ende der achtziger Jahre
ungefahr fiinfmal mehr Eisen gefordert wurde als in den sechziger
Jahren. Das heiftt, das, was dem Technisdi-Wirtschaftlichen angehort,
das hat sich selbstandig gemadit, das hat sich herausgehoben aus der
iibrigen menschheitlichen Entwickelung. Aber man war nicht aufmerk-
sam darauf, man hat es gar nicht gesehen - und dieses Beispiel konnte
verhundertfacht werden wie das Wirtschaftsleben sich emanzipierte.
Nirgends ist gefolgt dasjenige, was Menschen getan haben auf dem
wirtschaftlichen Gebiete selber, dem Fortschritte, der innerhalb des
Wirtschaftslebens durch die Technik geschehen war. - Man verkenne
nicht die Meinung des hier Ausgefiihrten. Diese Meinung ist, daft wohl
die Technik fortgeschritten ist, daft aber nicht auch eine Idee dafur
vorhanden war, den technischen Fortschritt von einem entsprechenden
sozialen Fortschritt begleitet sein zu lassen. - Derjenige, der Tatsachen
zu beobachten versteht, der weift, daft dieses moderne Wirtschaftsleben
sich emanzipiert hat, und daft, wenn man dieses Emanzipieren vom
Staatsleben fordert, man nichts anderes fordert, als daft die Menschen
das zugestehen und solche Einrichtungen treffen sollen, wie sie sich von
selbst ausgestaltet haben. So folgt noch aus manchem Beispiel, das nicht
ich oder andere erdenken, das in den Tatsachen selbst lebt, die Not-
wendigkeit der Emanzipation des Wirtschaftslebens. Es ist das, was
die Tatsachen fordern. Was wird aber die Folge sein?
Nun, eine Grundforderung, eine Fundamentalforderung des mo-
dernen Lebens kann nur erfullt werden durch die Abgliederung des
Wirtschaftslebens von dem Staatsleben. In entgegengesetztem Sinne als
mancher sozialistische Denker der neueren Zeit denkt, muft hier die
Entwickelung vorschreiten. Wahrend mancher sozialistische Denker
denkt, daft das Wirtschaftsleben sich entwickeln muft wie in einer
groften Genossenschaft, daft es umfassen muft auch das Geistesleben
und Staatsleben, muft gerade das Wirtschaftsleben sich absondern und
nur verlaufen in dem Kreislauf Warenproduktion, Warenzirkulation,
Warenkonsum. Das ist es aber, was allein zu einer Befriedigung not-
wendiger Lebensforderungen der Gegenwart fuhren kann.
Sehen Sie, das Wirtschaftsleben grenzt auf der einen Seite an die
Naturbedingungen. Die Naturbedingungen konnen wir nur bis zu
einem gewissen Grade meistern. Ob eine Gegend fruchtbar ist, ob der
Boden Rohstoffe fur die Industrie enthalt, ob fruchtbare oder un-
fruchtbare Jahre da sind, das sind Naturbedingungen; die liegen dem
Wirtschaftsleben zugrunde. Dieses baut sich als auf eine Unterlage von
der einen Seite her darauf auf. Von der anderen Seite her mufi es sich in
Zukunft auf etwas anderem aufbauen, was ebensowenig innerhalb des
Wirtschaftslebens geregelt werden kann wie die Naturkraft im Boden.
Ober die Naturkrafte kann man ja keine Verordnungen machen. Auf
der anderen Seite mufi das Wirtschaftsleben angrenzen an das Rechts-
leben des Staates. So wie also das Wirtschaftsleben auf der einen Seite
an die Naturbedingungen angrenzt, so muft es angrenzen auf der an-
deren Seite an das Rechtsleben des Staates. Dazu gehoren audi die
Besitzverhaltnisse, gehoren die Arbeitsverhaltnisse, das Arbeitsrecht.
Heute steht die Sache so, daft der Arbeiter noch immer trotz des Ar-
beitsvertrages in den Kreislauf des Wirtschaftslebens mit seiner Arbeits-
kraft eingespannt ist. Diese Arbeitskraft mufi heraus aus dem Kreislauf
des Wirtschaftslebens, trotz der Angst Walther Rathenaus. Und zwar
so mufi sie heraus, daft auf dem Rechtsboden des Staates, der vollig
unabhangig ist vom Wirtschaftsleben, Maft, Zeit, Art der Arbeit aus
rein demokratischen Rechtsverhaltnissen heraus geordnet werden. Der
Arbeiter wird dann, bevor er in das Wirtschaftsleben eintritt, aus der
demokratischen Staatsordnung heraus Maft, Zeit und Art seiner Arbeit
selbst mitbestimmt haben. Wie dieses Maft, diese Art, dieser Charakter
der Arbeitskraft bestimmt ist, das wird zugrunde liegen dem Wirt-
schaftsleben von der einen Seite, wie ihm die Naturbedingungen zu-
grunde liegen von der anderen Seite. Nichts wird im Wirtschaftsleben
imstande sein, den Grundcharakter dieses Wirtschaftslebens auszu-
dehnen auf die menschliche Arbeitskraft. Der Grundcharakter des
Wirtschaftslebens ist, Ware zu erzeugen, um Ware zu verbrauchen. Das
ist das einzig Gesunde des Wirtschaftslebens. Und das Wirtschaftsleben
hat gerade das innere Wesen, daft dasjenige, was in seinem Kreislauf
eingespannt ist, bis zum letzten Ende verbraucht werden mull. Wird
die menschliche Arbeitskraft eingespannt in den Wirtschaftsprozeft,
dann wird sie verbraucht. Menschliche Arbeitskraft darf aber nicht
restlos verbraucht werden, darf daher nicht Ware sein. Sie mufi auf
dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhangigen Rechtslebens des
Staates bestimmt werden, wie unten im Boden durch die vom Wirt-
schaftskreislauf unabhangigen Naturkrafte eine Grundlage fur dieses
Wirtschaftsleben geschafTen ist. Bevor der Arbeiter anfangt zu arbeiten,
hat er aus dem Rechtsleben heraus Art und Mafi und Zeit seiner Arbeit
bestimmt.
Ich kenne alle Einwande, die gegen das Gesagte gemacht werden
konnen. Eines wird man einwenden konnen vor allem. Als eine not-
wendige Konsequenz dieser Anschauung ergibt sich ja doch, wird man
sagen konnen, daft dasjenige, was man Nationalwohlstand nennt, in
Abhangigkeit kommt von dem, was Arbeitsrecht ist. Ja, das wird audi
geschehen, aber das wird eine gesunde Abhangigkeit sein. Das wird eine
solche Abhangigkeit sein, die nicht fragt nach Produzieren und Produ-
zieren und immer wieder Produzieren, sondern die fragt: Wie erhalt
sich der Mensch, der in den Wirtschaftsprozeft eingreif en mufi, an Leib
und Seele gesund trotz dem Wirtschaftsprozeft? Wie wird ihm neben
dem Verbrauch der Arbeitskraft gesichert das Vorhandensein der Ar-
beitsruhe, damit er teilnehmen kann an dem allgemeinen Geistesleben,
das ein allgemein menschliches Geistesleben werden mufi, nicht ein
Klassengeistesleben? Dazu braucht er die Arbeitsruhe. Und nur dann,
wenn so viel soziales Bewufitsein entsteht, daft die Arbeitsruhe audi
die rein menschlichen Bediirfnisse des Proletariats befriedigt, wenn ein-
gesehen wird, daft diese Arbeitsruhe ebenso zum Arbeiten, zum sozialen
Leben gehort wie die Arbeitskraft, dann kommen wir aus den Wirren
und aus dem Chaos der Gegenwart heraus. Es ist schon notwendig, daft
diejenigen, fur die das Angedeutete dasBeiftenineinensauren Apfelist,
doch darein beiften. Sonst werden sie auf ganz andere Weise gewahr
werden, was die modernen Forderungen bedeuten, die nicht aus Men-
schenseelen allein entspringen oder aus menschlichen Kopfen, sondern
aus dem geschichtlichen Werden der Menschheit selber. Dann, wenn diese
Forderung bezuglich des Arbeitsrechtes erfullt wird, dann wird jeg-
liche Preisbildung in gesunder Weise abhangig sein von dem Arbeits-
rechte und nicht umgekehrt, wie es heute trotz mancher Arbeiterschutz-
gesetzgebung noch ist, wird der Lohn, das heiftt, der Preis der mensch-
lichen Arbeitskraft, von den sonstigen Verhaltnissen des Wirtschafts-
kreislaufes abhangen. Der Mensch wird bestimmend werden fur das-
jenige, was im Wirtschaftsleben da sein kann. Allerdings wird man nach
einer gewissen Richtung hin ebenso wie der Natur gegeniiber, der man
durch technisdie Einrichtungen nur in beschranktem Mafie beikommt,
verniinftig sein miissen in der Bestimmung des Arbeitsrechtes und der
Besitzverhaltnisse. Aber im ganzen mufi das Wirtsdiaftsleben einge-
spannt sein zwischen dem Rechtsleben und den Naturbedingungen.
Dieses Wirtsdiaftsleben selber, es mufi aufgebaut werden auf den rein
wirtschaftlichen Kraften, auf Assoziationen, die zum Teil aus den Be-
rufsstanden heraus sich bilden werden, aber namentlich aus der Har-
monie von Konsumtion und Produktion.
Ich kann heute aus Mangel an Zeit nicht eingehen auf die Ursadien
der grofien Wirtschaftskrisen, namentlidi nicht darauf, wie sie zuletzt
hineingefiihrt haben in die grofie Katastrophe, Bagdadbahn und der-
gleichen, aber notwendig ist doch, zu betrachten - und man kann es
konkret zeigen -, wie diese Dinge eigentlich gedacht werden miissen.
Sehen Sie, ein gesundes Wirtsdiaftsleben kann sich nur ergeben, wenn
die Konsumtionsverhaltnisse als das Ausschlaggebende betrachtet wer-
den, nicht die Produktionsverhaltnisse. Nun darf ich vielleicht etwas
anfiihren, was als Versuch einmal unternommen worden ist, was nur
deshalb nicht gelungen ist, weil eben innerhalb der ganzen alten Wirt-
schaftsordnung soldi ein einzelner Versuch scheitern mufi. Er kann erst
gelingen, wenn in radikaler Weise die Wirtschaftsordnung emanzipiert
ist von dem anderen Leben. In einer Gesellschaft, die ja die meisten
von Ihnen nicht sehr lieben, weil sie viel verleumdet worden ist, ver-
suchten wir, bevor die Kriegskatastrophe herankam, auf einem kleinen
Gebiete, auf dem Gebiete der Brotproduktion, einiges von dem zu
bewerkstelligen, was ausgebaut, natiirlich unermefilich ausgebaut, Wirt-
schaftsordnung der Zukunft werden mufi. Wir waren eine Gesellschaft,
wir konnten Konsumenten fur Brot zur Verfugung stellen. Die Konsu-
menten waren zuerst da, und es handelte sich darum, dafi nach dem
Bedarf der Konsumtion produziert wurde. Aus verschiedenen Griinden
ist die Sache gescheitert, besonders aber wahrend der Kriegskata-
strophe, wo solche Dinge nicht moglich waren. Nehmen Sie aber ein
anderes Beispiel, das Ihnen vielleicht sonderbar erscheinen wird, weil
es gegeniiber dem «Idealismus» der heutigen Zeit in ungerechtfertigter
Weise fur viele - die Idealisten des Materialismus sind ja sonderbare
Leute - das Geistesleben mit dem Wirtschaftsleben verquickt. In der-
selben Gesellschaft, die, wie gesagt, viele von Ihnen nicht lieben wer-
den, versuchte ich auch immer das wirtschaftliche Element der geistigen
Produktion auf eine gesunde Basis zu stellen. Bedenken Sie nur ein-
mal, auf welcher ungesunden Basis, wirtschaftlich gedacht, die heutige
geistige Produktion vielfach steht. Sie ist in dieser Beziehung wahr-
haftig mustergiiltig fiir das, was auch auf den breitesten Gebieten
unseres Wirtschaftslebens nicht herrschen sollte. Der oder jener - nun,
wer ist denn heute nicht Schriftsteller? - schreibt ein Buch oder Bucher.
Solch ein Buch wird in der Auflage von tausend Exemplaren gedruckt.
Nun gibt es heute wahrhaftig recht viele Bucher, die in solcher Auflage
gedruckt werden, von denen aber etwa fiinfzig verkauft werden, die
anderen werden makuliert. Was ist da eigentlich geschehen, wenn 950
Bucher makuliert werden? Da haben soundso viele Setzer, soundso
viele Buchbinder unproduktiv gearbeitet, es wurde Arbeit geleistet, zu
der nicht das geringste Bediirfnis vorlag. Das geschieht auf dem gei-
stigen Gebiet in bezug auf das Wirtschaftsleben, in bezug auf das Mate-
rielle. Ich glaubte, daft das Gesunde dieses sei: daft selbstverstandlich
zuerst die Bediirfnisse geschaffen werden miissen. Und innerhalb dieser
Gesellschaft, die mit Recht oder mit Unrecht viele von Ihnen nicht lie-
ben, ist die Notwendigkeit eingetreten, eine solche Buchhandlung zu
begriinden, wo ein Buch nur dann erscheint, wenn man sicher ist, da!5
es Abnehmer findet, wo nur so viel Exemplare produziert werden, als
Bediirfnis da ist, so daft nicht menschliche Arbeit von Setzern und
Buchbindern in das Nichts zersplittert wird, sondern wo das, was ge-
schaffen wird, den menschlichen Bediirfnissen, die man meinetwillen
unrecht finden mag, angepaftt ist. Und das ist es, was zu geschehen
hat, daft die Produktion den Bediirfnissen angepaftt werden muft. Das
kann aber nur geschehen, wenn auf Grundlage von Assoziationen in
der geschilderten Art das Wirtschaftsleben aufgebaut wird.
Seit dem achtzehnten Jahrhundert tont herein in das moderne soziale
Leben die dreifache Devise: Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit. Wem
tonten diese drei Worte nicht so in das menschliche Herz hinein, daft
er weift, mit ihnen ist Groftes gesagt. Aber es hat gescheite Leute
im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gegeben, die bewiesen haben,
diese drei menschlichen Impulse widersprechen sich. Sie widersprechen
sich audi wirklich. Drei teure menschliche Devisen widersprechen sich.
Warum denn? Weil sie entstanden sind in einer Zeit, in der man, so-
weit diese Devisen in Betracht kommen, richtige menschliche Impulse
empfand, aber in der man noch hypnotisiert war vom Einheitsstaat.
Man konnte noch nicht durchschauen, dafi nur in der Dreigliederung in
einen geistigen Organismus, einen Wirtschaftsorganismus, einen Staats-
organismus das Heil der Zukunft liegen kann. Und so glaubte man in
einem Einheitsstaat Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit verwirk-
lichen zu konnen. Da widersprechen sie sich. Gliedern Sie den gesunden
sozialen Organismus in seine drei naturgemafien Glieder, dann haben
Sie die Losung fur dasjenige, woran die Menschenseele briitet seit mehr
als einem Jahrhundert: Freiheit ist der Grundimpuls des geistigen
Lebens, wo auf die Freiheit der individuellen menschlichen Fahigkeiten
gebaut werden mufi. Gleichheit ist der Grundimpuls des Staats- und
Rechtslebens, wo alles hervorgehen mufi aus dem Bewufitsein der
Gleichheit der menschlichen Rechte. Briiderlichkeit ist das, was auf dem
wirtschaftlichen Lebensgebiet herrschen mufi im grofien Stile; aus den
Assoziationen wird diese Briiderlichkeit sich entwickeln. Einen Sinn
bekommen plotzlich diese drei Worte, einen ungeahnten Sinn, wenn
man das Vorurteil von dem Einheitsstaat fallen lafit und sich durch-
ringt zu der Uberzeugung von der Notwendigkeit der Dreigliederung.
Alle diese Dinge kann ich ja nur andeuten, und ich kann verstehen,
wenn heute noch viele sagen: diese Dinge erscheinenmirunverstandlich.
Ich habe mich immer wieder bemiiht, in dem Aufrufe den Grund des
eigentlichen Nichtverstehens zu suchen. Und viele waren unter denen,
die da sagten, dafi sie ihn unverstandlich finden, bei denen ich zum
Beispiel nicht recht verstehen kann, wie sie dann rechtfertigen wollen,
was sie alles verstanden haben, wenn es ihnen zu verstehen befohlen
worden ist in den letzten viereinhalb Jahren. Da haben die Leute
manches verstanden, was ich wahrhaftig nicht verstanden habe. Aber
mit diesem Aufruf dringt etwas an die Menschenseele, das sie verstehen
soli aus ihrer freiesten innersten Entschliefiung heraus. Dazu bedarf
es allerdings der inneren Kraft der Seele. Aber dieser inneren Kraft der
Seele wird es bediirfen, wenn wir herauskommen wollen aus dem
Chaos und den Wirren dieser Zeit. Der Aufruf war zunachst versucht
worden mitten in der furchtbaren Zeit drinnen, in der wir standen,
denn er war zuerst gedacht - jetzt sind wir ja in ein anderes Stadium
eingetreten - als Grundlage fur eine solche auswartige Politik, von der
ich annehmen konnte, dafi bei einer gewissen Belebung der Ideen dieses
Aufrufes, trotzdem sie nur scheinen wie innerpolitische Ideen, es mog-
lich. gewesen ware, dafi sie hineingetont hatten in den Donner der
Kanonen in den letzten Jahren. Dann ware von Mitteleuropa etwas
ausgeflossen, wovon man hatte glauben konnen, es hatte so in die Welt
hmausgetont, dafi es gewachsen gewesen ware den sogenannten Vier-
zehn Punkten Woodrow Wilsons. Diesen vierzehn Punkten, die wahr-
haftig in einem ganz anderen als im mitteleuropaischen Interesse gef afit
sind, hatte das mitteleuropaische Interesse entgegengestellt werden miis-
sen. Dann ware eine Moglichkeit gewesen, von Verstandigung zu spre-
dien, wahrend alles andere Verstandigungsgerede hohl war. Das ist es,
was zuerst versucht worden ist da, wo es hatte Wirkung haben konnen.
Aber man predigte tauben Ohren. Diejenigen Leute, die dazumal noch
Einflufi hatten, diejenigen, die die Nachfolger derer waren, die von
den «Fortschritten der allgemeinen Entspannung» vor dem Hinmor-
den von zehn bis zwolf Millionen Menschen gesprochen haben, ihnen
wurde gesagt : Sie haben die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen
oder etwas Verderbliches zuerwarten. Dasjenige, was in diesem Aufruf e
steht, so sprach ich im Jahre 1917 in einem entscheidenden Augenblick,
das ist nicht der Einfall eines Menschen, das ist aus hingebungsvollem
Beobachten der Entwickelungsnotwendigkeiten Mittel- und Osteuropas
entstanden. Sie haben die Wahl, entweder das, was sich verwirklichen
will, aus Vernunft zunachst hinzustellen vor die Menschheit, damit
diese Menschheit Mitteleuropas wieder ein Ziel hat und davon sprechen
kann wie die westlichen Menschen, oder Sie stehen vor den furchtbar-
sten Kataklysmen und Revolutionen. Man horte sich solche Sachen
dazumal an, man verstand sie audi; aber man hatte nicht den Willen,
oder besser gesagt, man fand nicht die Brucke vom Verstandesverstehen
bis zur Entfaltung des Willens. Heute sprechen die Tatsachen laut da-
von, dafi diese Briicken vom Verstehen zum Wollen gefunden werden
miissen. Das ist es, was durch diesen Aufruf der Menschheit gesagt
werden soil. Verstanden werden soil dieser Aufruf aus freiem innerem
Entschliefien heraus. Verstanden werden soil er aus dem Denkwillen
heraus.
Was ich dazu beitragen kann durch das in diesen Tagen erschei-
nende Budi «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwen-
digkeiten der Gegenwart und Zukunft», das werde ich dazu tun. Aber
die Menschheit wird sich dazu bekennen miissen, daft ganz neue Denk-
gewohnheiten fur den Neuaufbau notwendig sind, daft etwas notwen-
dig ist, was nicht links und nicht rechts in soldier Weise gedacht worden
ist. Man sollte die Dinge nicht leicht nehmen. Die Menschheit wird sich
dazu bequemen miissen. Dazu bequemt sie sich ja, aufterlich durch die
Tatsachen gezwungen, einzusehen, daft die Zeit voriiber ist, in welcher
man der Menschheit weismachte: Gliicklich, zufrieden, sozial lebens-
f ahig konnt ihr nur sein, wenn Thron und Altar in Ordnung sind. Vom
Osten von Europa tont heute ein anderes Lied heriiber: «Thron und
Altar» sollen ersetzt werden durch «Kontor und Fabrik». In dem Schofte
desjenigen, was in Kontor und Fabrik entsteht, liegt etwas ganz Ahn-
liches wie in dem, was unter dem Einflufi von Thron und Altar ent-
standen ist. Einzig und allein, wenn wir uns bequemen, weder nach
links noch nach rechts zu schauen, sondern nur auf die groften histori-
schen Entwickelungsnotwendigkeiten, werden wir den Weg finden,
durch den wir ankommen bei dem, was wir brauchen, namlich bei
nichts Aufiermenschlichem, weder bei Thron und Altar noch bei Kontor
und Fabrik, sondern bei dem befreiten Menschen. Denn dadurch, daft
Sie den sozialen Organismus dreigliedern, lassen Sie den Menschen teil-
nehmen an alien drei Gliedern. Er steht im Wirtschaftsleben, er steht
im demokratischen Staate, er steht im Geistesleben drinnen oder hat
ein bestimmtes Verhaltnis dazu. Er wird nicht zersplittert, sondern er
wird das verbindende Glied der drei Gebiete sein. Nicht um Aufrich-
tung der alten Standesunterschiede handelt es sich, sondern gerade um
eine Uberwindung der alten Standesunterschiede, um ein vollstandiges
Ausleben des freien Menschen, dadurch, daft der soziale Organismus
selbst in gesunder Weise das aufiere Leben des Menschen gliedert. Das
ist das, um was es sich in Zukunft handelt. Wir konnen den Menschen
nur befreien, wir konnen ihn nur auf sich selbst stellen, wenn wir ihn
so in die Welt stellen, dafl er, ohne dafi sein Menschentum zersplittert
wird, in alien drei Gebieten drinnen steht.
Man kann ja allerdings sehen, wie diese Dinge heute noch unter Um-
standen recht schwer begriffen werden. Neulich hielt idi in einer Stadt
in der Schweiz audi einen Vortrag iiber diese Sachen. Da stand ein
Diskussionsredner auf, der sagte, die Dreigliederung verstehe er nicht
recht, denn die Gerechtigkeit wiirde sich dann nur entwickeln auf dem
Boden des Staates, sie musse doch audi das Geistesleben, das Wirt-
schaftsleben durchdringen, also es miisse auf alien drei Gebieten die
Gerechtigkeit entwickelt werden. Ich antwortete mit einem Vergleich,
um die Sache klarzumachen. Ich sagte: Nehmen wir einmal an, eine
landliche Familiengemeinschaft bestiinde aus dem Herrn, der Frau, aus
Kindern, Magden und Knechten und aus drei Kiihen. Die ganze Fa-
milie braucht Milch zum Leben, aber es ist doch nicht notwendig, dafi
die ganze Familie Milch produziere, wenn die drei Kiihe Milch produ-
zieren, wird die ganze Familie Milch haben. - So wird dann in alien
drei Gebieten des sozialen Organismus Gerechtigkeit waken, wenn
auf dem Rechtsboden, auf dem Boden des emanzipierten Staates die
Gerechtigkeit produziert wird. Es handelt sich darum, aus den ge-
scheiten Gedanken und Ideen zu den einfachen Wirklichkeitsgedanken
und Wirklichkeitsideen zuruckzukehren. Ich bin der Oberzeugung, die-
ser Aufruf wird aus dem Grunde nicht verstanden, weil ihn die Leute
nicht einfach genug nehmen. Die ihn einfach nehmen, die werden sehen,
wie aus ihm und seinen Ideen die Sehnsucht sprechen will, dafi wir aus
den Wirren der Gegenwart, aus dem Chaos der Gegenwart, aus den
Priifungen der Gegenwart allmahlich zu einem Leben kommen, in dem
sich gerade durch die Dreigliederung des sozialen Organismus der ein-
heitlich gesunde Mensch, der seelisch, leiblich, geistig gesunde Mensch
entwickeln kann.
Schlujlwort nach der Diskussion
Jemand stellt die Frage an Dr. Steiner, wo in unserem deutschen Leben augen-
blicklich, in der Form, wie die heutige Regierung besteht, die beste Moglichkeit sich
zeigt, die ausgesprochenen Ideen in die Wirklichkeit zu iibertragen. Wird die Hoff-
nung vorhanden sein, dafi bei einem Umsturz mehr zu erwarten ist fur diese Ge-
danken, die heute abend hier vorgetragen worden sind, oder wird mehr zu erwar-
ten sein fiir den Ausbau dieser Ideen, wenn die heutige mehrheitssozialistische
Regierung bestehen bleibt?
Dr.Steiner: Wer versucht, tiefer in dasjenige einzudringen, was
dieser Aufruf eigentlich meint, der wird, wie ich glaube, nicht schwer
die Richtung finden konnen, in der die bedeutungsvollen, inhalts-
schweren Fragen des verehrten Vorredners gestellt sind. Ich mochte auf
die historische Erscheinung, welche der verehrte Herr Vorredner be-
riihrt hat, mit ein paar Worten eingehen. - Sehen Sie, ich habe es im
Vortrage nur an zwei Stellen getan, allein ich glaube, daft das heutige
offentliche Leben fiir denjenigen, der wirklich versucht, in dasselbe ein-
zudringen, und der es wagt, der sich zutraut es zu wagen, mitzureden,
dafi dieses off entliche Leben in einer gewissen Weise seine Spiegelbilder
in das personliche Erleben schon hineingeworfen haben mufi. - Ich
habe nur an zwei Stellen Personliches angefiihrt, allein ich darf gerade
vielleicht ankniipfend an diese Frage sagen: Ich bin ja eigentlich selber
aus proletarischen Kreisen hervorgegangen, und ich weift mich heute
noch zu erinnern, wie ich als Kind zum Fenster hinausgesehen habe, als
die ersten osterreichischen Sozialdemokraten in grofien Demokraten-
hiiten vorbeigingen, um die erste osterreichische Versammlung im be-
nachbarten freien Walde abzuhalten. Es waren zum grofken Teil Berg-
arbeiter. Von da ab konnte ich eigentlich alles miterleben, was sich
innerhalb der sozialistischen Bewegung abgespielt hat in der Art, wie
ich es im Vortrag charakterisiert habe und wie es sich ergibt, wenn man
vom Schicksal bestimmt ist, nicht blofi iiber das Proletariat, sondern
mit dem Proletariat zu denken, wobei man sich ja noch immer einen
freien Ausblick auf das Leben und alle einzelnen Gebiete des Lebens
wahren kann. Vielleicht habe ich gerade Zeugnis dafiir abgelegt im
Jahre 1 892, als ich meine «Philosophie der Freiheit» geschrieben habe,
die wahrhaftig gerade fiir diejenige Struktur des menschlichen Gesell-
schaftslebens eingetreten ist, welche heute von mir angesehen wird als
notwendig gerade zur Entwickelung der menschlichen Begabung. Nun,
sehen Sie, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte
man an vielen Diskussionen und dergleichen innerhalb der sozialen
Bewegung teilnehmen, in denen sich spiegelte, was da heraufkam an
sozialistischen Ideen. Ich mochte sagen, ein gewisser Grundton war in
alledem.
Es wiirde natiirlich zu weit fiihren, dariiber zu sprechen, denn die
Geschichte des modernen Sozialismus ist eine sehr grofie; es wiirde
zu weit fiihren, wollte ich iiber dieses Kapitel ausfiihrlicher werden,
daher wird das, was ich sage, schon dem Schicksal unterliegen, dafi man
gewissermafSen obenhin charakterisieren muft. In alledem, was in der
proletarisch-sozialistischen Weltanschauung so recht lebte, war etwas,
was ich bezeichnen mochte als Gesellschaftskritik. Es war etwas, was
mit ungeheurer Scharfe, mit der Scharfe des menschlichen Selbsterleb-
nisses hinweisen konnte auf den ganzen Prozefi des modernen Lebens
seit vier Jahrhunderten. Man erlebte die sozialen Unmoglichkeiten der
Gegenwart. Allein auch wenn man in kleinem Kreise iiber diese Dinge
sprach, die Kundigsten, die Tatigsten - ich fiihre als Beispiel den jiingst
verstorbenen Viktor Adler und E. Pernerstorjer an -, die Kundigsten
horten mit der Diskussion in einem bestimmten Augenblick auf, dann
wenn Vorstellungen entwickelt werden sollten iiber dasjenige, was
geschehen soli, wenn jene innere Konsequenz, auf die man hinwies, die
innere Konsequenz der modernen Wirtschaftsordnung, zu ihrer Auf-
losung fiihrte, was man nannte «die Expropriation der Expropria-
teure». Was soli dann geschehen? Wenn man die Nullitat desjenigen,
was damals als Antwort auf diese Frage gegeben wurde, was dann
geschehen solle, ins Auge faftte, konnte man schon eine gewisse Kultur-
sorge bekommen, denn man konnte dazumal schon in eine Zukunft
blicken, die jetzt eigentlich da ist. In jene Zukunft, in der diejenigen,
die so dachten, wie die Leute damals gedacht haben, aufgerufen wer-
den zu positivem Schaffen. Diejenigen, die nun hervorgegangen sind
aus diesen Anschauungen, die einem solche Kultursorgen machten -
man brauchte ja wahrhaftig nicht ein fanatischer Bourgeois zu sein, um
diese Kultursorge in der Diskussion mit Sozialdemokraten zu bekom-
men, das konnte aus ehrlichem menschlichem Denken und Wollen her-
vorgehen -, die Nachkommen dieser Leute sind eben die gegenwartigen
Mehrheitssozialisten, und die Kultursorge ist heute vor Tatsachen ge-
fiihrt. Das ist auf der einen Seite. Auf der anderen Seite haben alle die
Leute, die so gesprodien haben, gesagt: Lafit uns nur ans Ruder kom-
men, dann wird sich das iibrige schon ergeben. - Wenn man nicht glau-
ben konnte, daft sich «das iibrige schon ergeben werde», wurde man
doch mehr oder weniger Prophet desjenigen, wovor man heute steht:
vor der Ratlosigkeit der Nachfolger dieser Leute gegeniiber den Tat-
sachen. Dazumal war man ein fanatischer Kerl, wenri man hinwies auf
das, was heute eingetreten ist.
WahrhafKg, ich bewundere Karl Marx wegen seiner Gedanken-
scharfe, wegen seines umfassenden historischen Blickes, wegen seines
grofiartigen umfassenden Gefiihles fiir die proletarischen Impulse der
neueren Zeit, wegen seiner gewaltigen kritischen Einsicht in den Selbst-
zersetzungsprozelS des modernen Kapitalismus und wegen seiner vielen
genialen Eigenschaften. Wer ihn aber kennt, der weifi, dafi Karl Marx
im Grunde genommen eben der grofie Sozialkritiker war, der jedoch
immer da im Stiche lafit, wo hingewiesen werden soli auf das, was
eigentlich zu geschehen hat. Schon da liegt der Ursprung desjenigen,
was wir heute als Tatsachen sehen, besser gesagt, als Unvermogen sehen,
zu einem positiven Aufbau zu kommen. Nun sehen wir heute nicht
nur die Konsequenz der Tatsachen, sondern auch die Konsequenz der
Meinungen. Sehen Sie, als ich neulich an einer anderen Stelle, auch in
Basel, aber vor einem anderen Publikum als das vorhin gemeinte, einen
Vortrag hielt, da antwortete ein Diskussionsredner, es sei vor alien
Dingen notwendig, wenn man zum Heile kommen wolle, dafi Lenin
Weltherrscher wurde. Die anderen sozialen Angelegenheiten seien
national. International sei, Lenin miisse Weltherrscher werden. Nun,
gegeniiber einer solchen Bemerkung mufite ich mir doch folgendes zu
sagen erlauben: Wie wir auch den Begriff der Sozialisierung auffassen,
mehr oder weniger der eine aus Einsicht, der andere aus Vorliebe oder
unter dem Zwange der Tatsachen, - seien wir doch auch in diesen Din-
gen ein wenig konsequent. Wenn man sozialisieren will, dann glaube
ich, mufi das erste sein, was man sozialisiert, die Herrschaftsverhalt-
nisse. Wer einen Weltherrscher fordert, der mag auf manchem Gebiet
sozialisieren, auf dem Gebiet der Herrschaftsverhaltnisse sozialisiert er
gewifi nicht. Sozialisierung der Herrschaft ist das, was zunachst wirk-
lich eine Grundforderung ist. So, sehen Sie, kann man heute radikal
sein und grundkonservativ, sogar furchtbar reaktionar sein. So sind
oft die, die heraufgekommen sind durch das, was ich charakterisiert
habe.
Man mufi heute in vielen Dingen paradox denken, weil das, was
wahr ist, den Denkgewohnheiten so sehr widerspricht, daft die Leute
heute lieber Widerspriiche hinstellen als einfache Wahrheiten. Aber
wir brauchen auch die Konsequenz der Meinungen. Betrachten wir ein-
mal die Meinung eines so konsequenten Denkers - man mag sich zu
ihm stellen, wie man will -, wie Lenin ist. Denn konsequent ist er
schon, auch in bezug auf ein gewisses Handeln ist er konsequent. Be-
trachtet man seine Anschauung, so mufi man zunachst sagen, er ist sei-
ner Meinung nach ganz feststehend, mehr als alle anderen, vor allem
mehr als die Mehrheitssozialisten, auf dem, was Marxismus ist. Und in
einem seiner Biicher, das ist sehr interessant, macht er gerade aus dem
Marxismus heraus eine hochst interessante Bemerkung. Sie ist um so
interessanter, wenigstens in formeller Beziehung, als sie nicht gemacht
wird von einem, der in seinen vier Wanden iiber sozialistische Parteien
schreibt, oder von einem, der vielleicht ein Minister oder sonst im
offentlichen Amt ist, sondern von einem allmachtigen Manne. Er be-
spricht jene Anschauungen des Marxismus, in denen darauf hingewiesen
wird, wie der alte burgerliche Staat iibergehen mufi in den proletari-
schen Staat, wie dieser proletarische Staat aber nur die einzige Aufgabe
habe, sich selbst allmahlich zu toten. Also Begrundung eines Staates,
der solche Gesetze macht, die ihn schlieftlich toten. In diesem Staate
wird eine Gesellschaftsordnung sein, durch die alleMenschen gleich sind
nicht nur in bezug auf das Gesetz, sondern auch in bezug auf wirt-
sdiaftliche und geistige Verhaltnisse. Oh, die geistigen Arbeiter werden
keinen Pfennig mehr haben als die physischen Arbeiter. Aber gleich-
zeitig ist Lenin durchaus der Ansicht, daft das nur ein Dbergang ist.
Denn es musse, und das leitet er auch aus dem Marxismus her, nachdem
der proletarische Staat getotet sein wird, also alles das, was er heute
anstrebt, untergegangen sein wird, dann das andere kommen, das
eigentliche grofte Ideal, das darin sich ausleben wird, daft eine Gesell-
schaftsordnung da sein wird, in welcher jeder haben wird, jetzt nicht
das gleiche wie der andere, sondern wo jeder haben wird nach seiner
Begabung und seinen Bediirfnissen. Aber - jetzt bedenken Sie dieses
grofie Aber aber, sagt Lenin, dieser Zustand ist mit den gegenwar-
tigen Menschen nicht zu erreichen, da mufi erst ein neuer Menschen-
schlag kommen. Sehen Sie, das ist audi in einer gewissen Beziehung ein
richtiges Denken, nur in eigentiimlicher Weise ein richtiges Denken. Da
haben Sie auf der einen Seite das Negative und auf der anderen Seite
das Negative, das zur heutigen Tatsadienkonsequenz gefuhrt hat, wo
die Leute vor Aufgaben stehen, die sie aus alten Theorien, aus alten
Dogmen heraus nicht bewaltigen konnen. Sie haben die Meinungs-
konsequenz. Es soil etwas durchgefuhrt werden, aber fiir Menschen,
die noch nicht da sind.
Nun, sehr verehrte Anwesende, gegeniiber alledem versucht unser
Aufruf etwas fiir Menschen, die da sind. Und gerade dadurch unter-
scheidet sich unser Aufruf von allem anderen, dafi er radikal anders
ist als im Grunde genommen alles andere, was auf diesem Gebiete jetzt
auftritt. Was tritt sonst auf? Programme! Nun, Programme sind heute
so billig wie Brombeeren. Man griindet eine Gesellschaft, eine Partei,
macht ein Programm, das ist sehr leicht. Aber darum handelt es sich
nicht. Dieser Aufruf steht nicht auf theoretischem, auf dogmatischem,
sondern auf einem Wirklichkeitsboden, auf einem wirklich praktischen
Boden. Daher richtet er sich nicht an Programme, sondern an Menschen.
Oft und oft hat man gesagt, wenn der Mensch von Geburt an einsam
auf eine Insel versetzt wird, lernt er niemals sprechen, sprechen lernt
er nur in der Gesellschaft von Menschen. So konnen sich die sozialen
Impulse niemals in einzelnen Menschen entwickeln, sondern nur im Zu-
sammenleben mit den anderen Menschen. In einer eigentiimlichen Weise
entwickeln sie sich im einzelnen Menschen. Daflir ein Beweis. Sie kennen
heute unter den Bolschewiken Lenin, Trotzki und so weiter. Ich will
Ihnen einen anderen Bolschewisten nennen, an den Sie vielleicht noch
nicht gedacht haben, und bei dem Sie sehr erstaunt sein werden, wenn
ich ihn einen Bolschewisten nenne. Dieser Bolschewist ist Johann Gott-
lieb Fichte! Kein Mensch kann grofieren Respekt haben vor Johann
Gottlieb Fichte als ich, aber lesen Sie seinen «Geschlofinen Handels-
staat», lesen Sie die Gesellschaftsordnung, die er darin entwirft. Wahr-
haftig, sie wird in Rutland verwirklicht. Was liegt da eigentlich zu-
grunde? Fichte war ein grofier Philosoph, war ein grofier Denker, kann
man sagen, alle diejenigen geistigen Wege, die er gegangen ist, die geht
man mit Recht, wenn man dasjenige, was im menschlidien Innern ver-
anlagt ist, was aus der menschlichen Begabung herausfliefit, zur Ent-
faltung bringt. Aber die neuere Zeit hat gerade den Menschen auf die
Spitze der individuellen Personlichkeit gestellt. Auf der einen Seite
miissen wir heute diese Personlichkeit ausbilden, aber aus ihr kommt
ebensowenig eine soziale Ordnung, wie aus dem einzelnen Menschen
die Sprache kommt, wenn er sich allein entwickelt. Soziale Ideen, soziale
Impulse, soziale Einrichtungen konnen sich nur entwickeln in der So-
zietat selber. Daher sollte man keine sozialen Programme aufstellen,
sondern blofi finden: Wie miissen die Menschen sozial organisiert sein,
wie miissen sie zusammen leben, damit sie in diesem Zusammenleben
die richtigen sozialen Impulse finden? Das ist das, was gesucht wird in
diesem Aufruf. Das ist das, worauf es ankommt: Wie die Menschen
gegliedert sein miissen im sozialen Organismus, damit sie im Zusam-
menhang, der sich dann ergibt aus der richtigen Gliederung, die sozialen
Impulse finden. Dieser Aufruf glaubt nicht an die Idee, die bei sozialen
Denkern so sehr haufig da ist, daft man gescheiter sei als alle anderen
Menschen. Das bildet sich der nicht ein, der den Aufruf geschrieben hat;
aber er glaubt, mit diesem Aufrufe zu einem brennenden Punkt der
Wirklichkeit hingefiihrt zu haben. Zu den Menschen, zu denen ich oft
gesprochen habe im kleineren Kreis, habe ich wiederholt gesagt: Ich
konnte mir denken, dafi von dem, was zugrunde liegt dem Aufrufe,
kein Stein auf dem andern bleibt, dafi alles anders wird, als es zunachst
ausgedacht ist, aber darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an,
dafi man die Wirklichkeit so angreift, wie es hier gemeint ist, dann
werden die Menschen, die die Wirklichkeit so angreifen, etwas heraus-
finden, was audi wirklichkeitsgemaft sein wird. Es kommt mir nicht
auf ein Programm, nicht auf Einzelheiten an, sondern darauf, daft die
Menschen so zusammenwirken, dafi durch das Zusammenwirken die
sozialen Impulse gefunden werden. Das ist das, was heute einem wirk-
lichkeitsgemafien Denken zugrunde liegen mufi: die Menschen in das
richtige Verhaltnis zu bringen. Wenn der Mensch aus sich selber her-
ausspinnen will, wie Lenin, wie Trotzki, wie audi Fichte getan haben,
irgendein sozialistisches Programm, so wird nichts daraus, weil das
sozialistische Wollen nur im sozialen Zusammenhang sich entwickeln
kann.
Daher hat man aufzusuchen die richtige Struktur, die richtige Ge-
staltung des gesunden sozialen Organismus. Das, was heute als sozia-
listische Theorie lebt, erinnert einen an alten Aberglauben, den Goethe
im «Faust» behandelt hat, erinnert daran, wie man im Mittelalter aus
den reinen Verstandesideen heraus zusammensetzen wollte gewisse
Substanzen der Welt, urn einen Homunkulus zu erzeugen. Darauf sieht
man heute als auf einen mittelalterlichen Aberglauben gewifi mit Recht
zuriick. Aber in der menschlichen Entwickelung scheint es so zu sein,
dafi der Aberglaube aus dem einen Gebiet in ein anderes fluchtet. Die
Homunkulusse sucht man nicht mehr in der Retorte, aber man versucht
aus allerlei Gedankeningredienzien zusammenzusetzen ein Idealbild
der sozialen Ordnung, Das ist soziale Homunkulusbildung, soziale
Alchimie. Unter diesem Aberglauben leidet heute die Welt. Dieser
Aberglaube mufi verschwinden. Klar mufi werden, dafi die Wirklich-
keit angefafit werden mufi, dafi darauf hingewiesen werden mufi, wie
die Menschen im sozialen Organismus stehen mussen. Deshalb sagte
ich: Schliefilich kommt es mir nicht darauf an, wie diejenigen heifien,
die sich beteiligen werden an dem Neuaufbau da oder dort. Darauf
kommt es nicht an, welche ehemaligen Klassen und Gesellschaftskreise
diejenigen sein werden, die sich an diesem Neuaufbau beteiligen. Dar-
auf kommt es nicht an, ob sie dasjenige, was notwendig ist, so oder so
nennen, ob es Diktatur einzelner in der "Obergangszeit, ob es schon
verbreitete Demokratie sein wird, das alles sind schliefilich doch sekun-
dare Fragen. Das, um was es sich handelt, ist, dafi das Richtige gedacht,
dafi das Richtige empfunden, dafi das Richtige gewollt wird. Immer
wieder mochte ich betonen, man kann allerlei schone Gedanken uber
die sozialen Einrichtungen haben, man mufi sich heute auf jedem Platze,
wo man nur kann, der Neugestaltung der sozialen Einrichtung wid-
men, das ist ganz richtig. Aber derjenige, der tiefer in die Verhaltnisse
hineinzuschauen glaubt, der mufi audi annehmen, dafi sich ihm aus
diesen Verhaltnissen heraus das Folgende offenbart.
Machen Sie heute noch so gute Einrichtungen, lassen aber die Denk-
gewohnheiten der Menschen so wie sie sind, dann haben Sie in zehn
Jahren von diesen Einrichtungen nichts. Heute brauchen wir nicht blofi
eine Anderung der Einrichtungen. So paradox es klingt, was wir heute
brauchen, sind andere Kopfe auf unseren Schultern! Kopfe, in denen
neue Ideen sind! Denn die alten Ideen haben uns in das Chaos hinein-
gebracht. Das mufi eingesehen werden. Daher handeit es sich heute
darum, Aufklarung iiber die Lebensbedingungen des gesunden sozialen
Organismus in den weitesten Kreisen zu verbreiten. Wichtig ist es
heute, anzufangen mit dem freien Geistesleben, anzufangen damit,
uberall die Moglichkeiten zu erweitern, die Menschen zum Verstandnis
der gesunden Bedingungen des sozialen Organismus zu bringen. Wir
brauchen vor alien Dingen Menschen, welche nicht soziale Alchimie,
sozialen Homunkulismus treiben, sondern Menschen, die aus der sozia-
len Wirklichkeit heraus schafFen. Deshalb glaube ich nicht, wenn auch
auf den vergangenen Umsturz ein anderer Umsturz und noch ein
anderer und noch ein anderer f olgt, ohne dafi griindlich umgelernt wird
mit Bezug auf die Gedanken, dafi ein Umsturz etwas Heilsames bringt.
Erst dann, wenn es ein Ideal wird, einzugehen auf die gesunde Organi-
sation des Geisteslebens, Verbreitung gesunder Ideen, Erregung gesun-
der Empfindungen, dann werden die Menschen da sein - gleichgiiltig,
wie sie sich geltend machen, sei es in der Rateregierung oder in etwas
anderem -, welche imstande sein werden, die Gesundung des sozialen
Organismus herbeizufiihren. Das halte ich fur das Wichtigste. Das
Wichtigste ist die Revolutionierung der menschlichen Gedanken-, Emp-
findungs- und Willenswelt. Aus dieser Grundlage heraus wird sich erst
dasjenige ergeben konnen, was der Herr Vorredner herbeisehnt. Ich
glaube nicht, dafi ohne diese Grundlagen durch irgend etwas anderes
das Heil kommen kann. Weil ich die Sache so ernst betrachte, habe ich
mich auf das Gebiet begeben, das in dem Aufrufe seinen Ausdruck
gefunden hat. Nur wenn sich immer mehr und mehr Menschen finden,
die den ehrlichen Willen und den Mut haben, diese Dreigliederung
radikal zuerst zu verstehen und dann durchzufiihren - durchzufiihren
ist sie von jedem Punkte aus, an dem man heute im praktischen Leben
drinnensteht -, wenn geniigend Menschen mit neuen Gedanken ablosen
werden die Menschen mit alten, unfruchtbaren Gedanken, dann wird
auf irgendeine Weise dasjenige werden, was zum Heile der Menschen
und zur Bef reiung der Menschen geschehen mufi.
Ein kommunistischer Redner zweifelt daran, dafi die Sozialisierung in der Form
des Vortrages mit den heutigen Menschen durdigefuhrt werden konne.
Dr. Steiner: Im Grunde genommen ist wohl nicht viel zu sagen in
Ankniipfung an das, was der verehrte Vorredner gesagt hat, und zwar
aus dem Grunde, weil er sich ja letzten Endes fiir die Dreigliederung
ausgesprochen hat und eigentlich nur an einem gewissen Pessimismus
laboriert, namentlich an dem Pessimismus, da!5 die Menschen heute un-
reif seien zu dieser Dreigliederung und erst durchgehen miissen durch
einen Kommunismus in dem Sinne der Lenin und Trotzki. Es ist gesagt
worden, als ob diese hier besprochen worden waren in einer Weise, dafi
sie nicht zu ihrem Rechte gekommen sind. Ich sagte nur, «man mag
dariiber denken, wie man will», das ist das einzige, was ich iiber den
Inhalt gesagt habe. Ich habe nur die Form charakterisiert. Es scheint
mir, dafi eigentlich der verehrte Herr Vorredner nicht daran glaubt,
dafi die Menschheit geistig wirklich dazu gebracht werden konnte, an-
dere Kopfe auf die Schultern zu setzen. Nun, sehen Sie, wir haben ja
alle audi das mitgemacht, daft die Menschen vor fiinf Monaten noch
den Weltkrieg wollten und so weiter. Aber, sehr verehrte Anwesende,
ich glaube, dafi es gegeniiber allem, was heute gesagt werden kann von
Menschen, gerade einen ungeheuren Lehrmeister gibt: das ist die Tat-
sachenwelt selbst. Das ist diese furchtbare Weltkatastrophe selbst. Ich
glaube allerdings nicht, dafi fiir alle Menschen schon Zeit genug war,
seitdem die Weltkriegskatastrophe in eine neue Phase eingetreten ist,
umzulernen. Aber dem Pessimismus des Herrn Vorredners, in der
Form, wie er ihn hat, kann ich zunachst aus ganz bestimmteli Griinden
nicht beitreten. Namentlich aus folgenden Griinden heraus nicht. Sehen
Sie, wenn die Sache einfach so lage, dafi man auf keinem anderen Wege
zur Dreigliederung kommen konnte, als auf dem Umwege durch den
Kommunismus - glauben Sie mir, ich leide wahrhaftig nicht an irgend-
einer Kleinlichkeit oder Schwachmiitigkeit gegeniiber dem, was not-
wendig ist -, dann konnte man auch dem zustimmen. Wenn nur das
moglich ware, was der Vorredner bezeichnet hat, durch den Kommu-
nismus zur Dreigliederung zu kommen, sofort wiirde ich meinen, dafl
eben der Weg gemadit werden mufi. Aber ich habe nicht ohne Bedacht,
sondern aus jahrzehntelangen Lebenserfahrungen heraus die Sache
gesagt von Thron und Altar auf der einen Seite, Kontor und Fabrik
auf der anderen Seite. Sehen Sie, ich bin ja vielleicht zweieinhalbmal
so alt als der Herr Vorredner ist. Nun, man hat ja gewifi auch in die-
sem Alter heute, ich will das nur mit ein paar Worten streifen, die
Meinung, dafi recht viel von dem, was gemacht werden soil, nur durch
die Jugend gemacht werden kann. Ich habe die Meinung, daft man am
Ende des sechsten Lebensjahrzehntes stehen und eine ebenso junge
Seele haben kann wie der Herr Vorredner. Das mag egoistisch sein.
Aber ich habe das sehr wohl bedacht, was ich sagte iiber Thron und
Altar auf der einen Seite, Kontor und Fabrik auf der anderen Seite.
Sehen Sie, die Sache liegt einfach so: Wenn man irgendeine soziale
Struktur schafft, schafft man ja nicht irgend etwas fur alle Ewigkeit im
stabilen Zustand oder auch nur fur lange Zeiten, sondern man schafrt
etwas Werdendes, etwas Wachsendes. Und fur den, der sich die notige
Lebenserfahrung errungen hat, liegt die Sache so, daft er gut weifi,
wenn einer ein Kind ist und wachst, wird er zu einer anderen Gestal-
tung kommen, wenn er erwachsen ist. So hat man, wenn man eingeht
auf die Lebensbedingungen des sozialen Organismus, auch die bestimmte
Vorstellung, wie das wird und wachst. Da sehe ich auf der einen Seite
etwas, was alt geworden ist, hervorgehend aus alteren Gemeinschaften:
die privatwirtschaftliche Verwaltung der neueren Zeit, den Kapitalis-
mus der heutigen Zeit mit seiner furchtbaren Schadlichkeit. Das haben
wir erlebt als Zersetzung unter Thron und Altar. Jetzt fangen wir
wiederum neuerdings an mit dem Kommunismus, nur etwas anders
gestaltet - tiicht unter der Devise «Thron und Altar», sondern unter
der Devise «Kontor und Fabrik».
Gut, fangen wir von neuem an. Nach einiger Zeit wird man nicht
bei der Dreigliederung sein, sondern bei einer anderen Form, bei einer
furchtbar verburokratisierten Form unter der Devise «Kontor und
Fabrik», unter dem, was heute im Kommunismus vorbereitet wird. Da
wird es nicht geben, was heute der Besitzlose durch den Besitzenden
erfahrt. Da wird es geben, Sie mogen es nun glauben oder nicht,
Stellenjagerei, um dasjenige zu erreichen durch Erjagen von bestimm-
ten Stellen, was man heute durch kapitalistischen Profit erjagt. Da wird
es geben anstelle der Schaden von heute ein ungeheures Spitzeltum,
Spionentum. Das alles bedenken diejenigen nicht, die heute so aus kur-
zen Gedanken heraus eine vergangene Gesellschaftsordnung einrichten
wollen, um wiederum anzufangen, und dann glauben konnen, daft,
wenn man mit dem anfangt, was man schon durchprobiert hat, an des-
sen Greisenhaftigkeit wir angelangt sind, wir zu anderen Zustanden
gelangen. Gewift, gegeniiber dem, was wir erlebt haben, wie so viele
Menschen geglaubt haben an das, was ihnen befohlen worden ist, wah-
rend sie nur schwer herankommen an so etwas wie den Aufruf, kann
man schon pessimistisch werden. Den Pessimismus als Zeiterscheinung
begreife ich vollstandig. Und in einer gewissen Beziehung habe ich
auch, nun seit Monaten iiber diese Dinge redend, etwas empfunden,
was wie eine Tragik der Zeit erscheint, daft man so wenig mit burger-
lichen Personlichkeiten in Diskussion kommen kann. Das betrachte ich
als eine sehr bedeutsame Erscheinung. Das ist etwas, was sehr, sehr zum
Pessimismus auffordert. Da erlebt man so manches. Zum Beispiel neu-
lich in einer siidlichen Stadt erlebte ich, daft in einer Zeitungsbespre-
chung von privater Seite gesagt worden ist, nun ja, der habe ja ganz
gute Bemerkungen gemacht im ersten Teile seines Vortrages iiber das
Geistesleben, aber gewunscht hatte man doch, daft aufgetaucht ware
ein Redner, welcher die privatwirtschaftliche Kapitalistik als seine An-
gelegenheit betrachtet und sie verteidigt hatte, denn man konne sie
schon verteidigen. Es sei traurig, daft kein einziger solcher Redner auf-
getreten sei. Da mochte man doch glauben, daft die kapitalistische
Ordnung an ihrem Ende angekommen sei. - Ein Knauel von Wider-
spriichen. Erstens, man muft zugeben, die privatkapitalistische Verwal-
tung, die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung miiftte verteidigt
werden, sie muft also doch etwas Haltbares darstellen. Das zweite ist
aber, daft der Schreiber selber an ihr zweifelt, weil kein Redner sich
zur Verteidigung fand. Das dritte, wenn der Einsender selber dage-
wesen ist, ja warum hat er denn eigentlich nicht selber geredet?
Es ist so, wie wenn die Menschen sich selber ausloschen und dadurch
beweisen wiirden, wie sehr sie in der Nullitat angekommen sind. Das
alles kann idi auch verstehen, dennoch aber, fiir den, der nicht pessi-
mistisch denkt, gibt es nur das: Wie kommen wir dazu, moglichst viele
Menschen zu finden, die diese Dreigliederung verstehen, dann konnen
wir sie tatsachlich in sehr kurzer Zeit verwirklichen. Ich habe nirgends
gesagt, dafi sie erst in zehn Jahren zu verwirklichen ist. Nein, schon
heute lafit sich von jedem Punkte aus diese Dreigliederung verwirk-
lichen. Und deshalb, dafl es in die Kopfe hineingeht, deshalb wollen wir
sie alle tief genug nehmen und fiir sie arbeiten. Um aber iiberhaupt an
dem Heil der Menschen mitwirken zu wollen, mu& man nicht pessi-
mistisch sein, sondern an seine Arbeit glauben. Man mufi den Mut
haben, wirklich daran zu denken, dafi man auch imstande sei, das zu
verwirklichen, was man fiir das Richtige halt. Ich halte es fiir Selbst-
vernichtung, wenn jemand sagt: Wir haben Ideen, die sich verwirk-
lichen lassen, aber ich glaube nicht daran. Diese Frage halte ich nicht
fiir eine Wirklichkeitsfrage, sondern nur die: Was tun wir, damit eine
wirklichkeitsgemafte Idee sich so schnell als moglich verwirkliche? Den-
ken wir nicht daran, wie die Kopfe heute sind, sondern wie sie werden
mussen.
Fassen wir Mut, und wir werden nicht auf einen neuen Men-
schenschlag zu warten brauchen, sondern wir werden die Menschen
schon finden, die zwar niedergedriickt waren durch die Gewalt in den
letzten Jahren, und die auf eine andere Art die neuen Kopfe auf ihre
Schultern bringen werden als manche Menschen denken. Also nicht
pessimistisch sein, sondern arbeiten und wirken, dann werden wir
sehen, ob die Ideen durchdringen werden oder ob wir Anlaft zum
Pessimismus haben. Ware dieser Anlafi vorhanden, dann glaube ich
allerdings, dafi die zehn Jahre des Ubergangs nicht zur Dreigliederung
fiihren wiirden, sondern zu etwas anderem. Wir haben viel ruiniert
und wiirden noch mehr ruinieren, und ehe zehn Jahre abgelaufen sind,
ware die Zeit da, wo wir vor der Moglichkeit stehen wiirden, nichts
mehr ruinieren zu konnen, weil alles ruiniert ist. Deshalb ist es besser
zu arbeiten, als in Mutlosigkeit zu verfallen.
PROLETARISCHE FORDERUNGEN UND DEREN KONFTIGE
PRAKTISCHE VERWIRK LI CHUNG
Vortrag fur die Angestellten der Waldorf-Astoria
Stuttgart, 23.April 1919
Wir stehen heute in einer hochst bedeutungsvollen Zeit, die sich durch
laut sprechende Tatsachen schon iiber einen grofien Teil Europas hin
ankiindigt, durch Tatsachen, die immer weitere und weitere Verbreitung
gewinnen werden, und in dieser bedeutungsvollen Zeit ist es notwen-
dig, gerade in diesen Kreisen ernstlich, ganz ernstlich nadizudenken
iiber die Aufgaben, die man als Mensch, als arbeitender Mensdi haben
kann; iiber die Rechte, die man haben mufi; iiber das, was das Leben
iiberhaupt geben soil. Ernst nadizudenken und vor allem in einer ganz
bestimmten Weise nadizudenken — dariiber. wird es notwendig sein,
einleitend einige Worte zu spredien.
Sehen Sie, die meisten von Ihnen werden sidi im Laufe der Jahre
Ansichten gebildet haben dariiber, was zur sogenannten Losung der
sozialen Frage, der sozialen Bewegung zu geschehen hat. Manches von
dem, was als soldie Ansicht gebildet worden ist, wird audi innerhalb
der Arbeiterschafl umgedacht werden miissen. Dariiber wird jetzt, wo
wir vor ganz anderen Dingen stehen als vielleicht nodi vor ganz kurzer
Zeit dariiber wird in der allernachsten Zeit und schon heute anders
gedacht werden miissen. Wie man sich bemuhen mufi zu denken, dar-
iiber wollen wir gerade heute spredien. Aber wir miissen uns zuerst
dariiber verstandigen, daft es vor alien Dingen heute darauf ankommt,
dafi wir Vertrauen zueinander haben und aus dem Vertrauen heraus
irgend etwas wirklich schaflfen konnen. Dieses Vertrauen konnte immer
weniger und weniger vorhanden sein in der Zeit, die jetzt abgelaufen
ist und die ja, welche Unmoglichkeiten sie enthielt, dadurch gezeigt hat,
dafi sie in jene furchtbare Katastrophe hineinfiihrte, durch die in Eu-
ropa, gering gerechnet, zehn bis zwolf Millionen Menschen totgeschla-
gen und dreimal so viel zu Kriippeln geschlagen worden sind. Das ist
nun die letzte Konsequenz dessen gewesen, wie von den bisher fiihren-
den Klassen der Menschheit sozial verkehrt gedacht und gewollt wor-
den ist. Aus einer ganz anderen Klasse der Menschheit gehen heute
die durchaus berechtigten Zeitforderungen hervor, sie gehen hervor
aus dem Proletariat. Aber dadurch ist audi das Proletariat heute vor
ganz andere Auf gaben gestellt, als es noch vor ganz kurzer Zeit gestellt
war.
Ich will, um auf diese Aufgaben hinzudeuten, nur das eine sagen,
dafi selbst fiihrende Sozialdemokraten kurze Zeit bevor die Oktober-
Katastrophe, die November-Katastrophe in Deutschland eingetreten
ist, gesagt haben: Ja, wenn dieser Krieg voriiber ist, dann wird die
deutsche Regierung sich zu dem Proletariat ganz anders stellen mlissen,
als sie sich vorher gestellt hat. Sie wird das Proletariat beriicksichtigen
miissen bei alien Regierungshandlungen, in alien Gesetzgebungen. Sie
wird es nicbt mehr in der Weise behandeln konnen, das Proletariat,
wie sie es friiher behandelt hat. - Sehen Sie, das wurde von fiihrenden
Sozialdemokraten vor verhaltnismafiig kurzer Zeit gesagt. Was heifk
das aber? Das heifit, diese fiihrenden Sozialdemokraten haben kurze
Zeit vor der November-Revolution noch damit gerechnet, dafi nach
dem Kriege die alte deutsche Regierung obenauf sein werde. Nun stehen
wir vor der Tatsache, dafi, wie sonst in Europa, in Mitteleuropa diese
Regierungen hinweggef egt worden sind. Dadurch hebt es sich von selber
auf, dafl sie die sozialen Forderungen beriicksichtigen konnen. Man
mufi eben heute iiber diese Dinge rein aus den Tatsachen heraus ganz
anders sprechen als noch vor kurzem selbst von einsichtsvollen, gut
nachdenkenden Sozialdemokraten gesprochen worden ist. Denn heute
steht der Proletarier selbst vor der Notwendigkeit, aus dem Chaos, aus
den Wirren der Gegenwart etwas Verniinftiges zu schaffen. Daher ist
es heute notwendig, dafi man auf etwas noch ganz anderes sieht, als
man vor kurzer Zeit gesehen hat.
Sehen Sie, wenn vor kurzer Zeit jemand, so wie ich jetzt vor Ihnen,
geredet hat, dann ist man aufmerksam gewesen auf dasjenige, was er
dem Inhalt nach gesagt hat. Man hat gepriift, ob die Dinge, die gesagt
wurden, mit den alten sozialen Ideen oder den Idealen des Prole-
tariats iiberhaupt iibereinstimmten, und man hat den BetrefFenden
abgelehnt, wenn er nicht ganz genau, in vieler Beziehung wenigstens
denHauptsachen nadi, dasselbe gesagt hat. Heute mufi die Sadie anders
werden, sonst kommen wir nicht heraus, sondern immer defer hinein
ins Chaos, in die Wirren. Heute miissen wir, ich mochte sagen, zur
Erweckung des gegenseitigen Vertrauens etwas ganz anderes anwenden.
Wir miissen die Absichten sorgf altig priif en, miissen priifen, ob, was dem,
was gesprochen wird, zugrunde liegt, ehrlich und aufrichtig gemeint
ist. Heute mufi eigentlich ein jeder zu Worte kommen konnen, der es,
gleichgiiltig, wie er sich das ausmalt, was zu geschehen hat, ehrlich und
aufrichtig mit den Forderungen der proletarischen Welt meint. Wie wir
jetzt diese Forderungen befriedigen, ist heute erst die zweite Frage.
Die erste Frage ist die, dafi derjenige, der heute iiber Neugestaltung
oder Neuaufbau reden will, es ehrlich meinen mufi mit den Forde-
rungen des Weltproletariats; es in der Richtung ehrlich meinen mufi,
dafi er iiberzeugt davon ist, die Forderungen als solche, dasjenige, was
der Proletarier will, ist berechtigt. Denn erst, wenn man diese Forde-
rungen als berechtigt anerkennt, kann auf einer gewissen Grundlage
gesprochen werden, dann kann man dariiber sprechen, wie diese For-
derungen erfullt und befriedigt werden konnen.
Nun sehen Sie, in mancher Beziehung werden Sie ja finden, dafi der
Aufruf, der Ihnen wohl audi bekannt geworden ist, von alteren, sozia-
listischen Forderungen abweicht. Dennoch glaube ich, dafi gerade, wenn
Verstandnis erweckt wird fur das, was durch diesen Aufruf und das in
diesen Tagen erscheinende Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
angestrebt wird, in einer intensiveren, richtigeren Weise das erreicht
wird, was die neuere proletarischeBewegung seit mehr als einem halben
Jahrhundert eigentlich will. Das Wollen war gewissermafien ein von
der Zeit selbst Gefordertes. Es konnte so nidit weitergehen, wie die
fiihrenden Klassen das angerichtet hatten. Aber aus der Kritik des Ver-
haltens der fiihrenden Klassen miissen heute hervorgehen Ideen dar-
iiber, wie man es zu machen hat - was man eigentlich zu tun hat. Nun
hat im Grunde genommen gerade das Proletariat in der allerbesten
Weise vorgearbeitet fur eine solche Gestaltung, wie dieser Aufruf sie
verlangt. Deshalb glaube ich, dafi, wenn manche Mifiverstandnisse be-
seitigt werden, gerade unter dem Proletariat das allerbedeutsamste Ver-
standnis fiir diesen mit den Verhaltnissen der Menschheit heute es ehr-
lich meinenden Aufruf entstehen wird.
Nicht wahr, was man erlebt hat, wenn man, wie ich, nicht iiber das
Proletariat, sondern immer mit dem Proletariat dachte, ist, daft das
Proletariat durch die Verhaltnisse der neueren Zeit ganz und gar ein-
gespannt worden ist in den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Was Wun-
der, wenn das Proletariat heute denjenigen, die die Fruchte dieses
Wirtschaftsprozesses in der sogenannten «hoheren Kultur» eingeheimst
haben, wenn heute das Proletariat diesen fuhrenden Klassen entgegen-
ruft: Wir wollen aus dem Wirtschaftsprozeft eine ganz neue soziale
Ordnung schaffen. - Die fuhrenden Klassen haben durch Jahrhunderte
hindurch, besonders im neunzehnten Jahrhundert, den Arbeiter ein-
gespannt in das Wirtschaftsleben, haben ihn so sehr im Wirtschaftsleben
beschaftigt, haben mit dem Wirtschaftsleben seine Zeit so sehr in An-
spmch genommen, daft der Arbeiter im Grunde genommen nichts
anderes sehen konnte als dieses Wirtschaftsleben. Er hat gesehen, wie
seine ganze Arbeitskraft von diesem Wirtschaftsleben in Anspruch ge-
nommen worden ist, wie er durch die Inanspruchnahme seiner Arbeits-
kraft Mehrwerte schaffte, durch welche die sogenannte «hohere Klasse»
ihre sogenannte «hohere Kultur» befriedigte. Er hat gesehen, von der
Wirtschaft lebte er schlecht - die anderen gut, und hat sich zuletzt
gesagt: Nun ja, alles ist Wirtschaftsleben, aus ihm heraus mufi daher
eine Ordnung kommen, welche irgendwie das Heil fiir die Zukunft
bringt. - Selbstverstandlich mufite diese Anschauung entstehen. Aber
es handelt sich nicht darum, daft wir aus dem heraus, in das wir gerade
hineingewachsen sind, iiber die soziale Ordnung urteilen, sondern daft
wir uns fragen: Was ist notwendig, damit der soziale Organismus rich-
tig lebensfahig wird? Und sehen Sie, iiber diesen lebensfahigen sozialen
Organismus, der es jedem Menschen moglich macht, sich in einer men-
schenwiirdigen Weise die Frage zu beantworten: Was bin ich eigentlich
als Mensch? - in einer solchen Weise nachzudenken, das war die Auf-
gabe, die zuerst gestellt war, bevor aus Lebenserfahrungen, die fast
ebenso alt sind wie die neuere soziale Bewegung, in dieser schwierigen,
in dieser Priifungszeit der Menschheit, dieser Aufruf an die Menschheit
erlassen worden ist. Er ist nicht aus irgendeinem fliichtigen Gedanken
heraus entsprungen, wie der Gedanken viele entstehen, die nun auch
irgendwelche soziale Programme entwerfen, sondern er ist entstanden
aus dem Miterleben der sozialen Bewegung, so lange ich zum Beispiel
sie miterleben konnte. Da konnte man schon sehen, dafi ein Haupt-
grund, warum wir heute in bezug auf die Losung der dringendsten
sozialen Fragen noch so weit zuriick sind, der ist, dafi eben gerade
die fiihrenden Klassen nicht imstande gewesen sind, aus ihren Gedanken
heraus etwas zu finden, was den sozialen Organismus in gesunder Weise
auf die Beine stellen konnte. Das lafit sich naturlich auch nicht aus
irgendwelchen biirgerlichen Gedanken heraus finden, sondern nur dann,
wenn man weder biirgerlich noch proletarisch, sondern nur menschlich
denkt.
Sie konnen sagen, sehr verehrte Anwesende, warum schliefien sich
diejenigen, welche diesen Aufruf vertreten, nicht einer sozialistischen
Partei an? Ich mochte mit einem sehr einfachen Hinweis antworten:
Sicherer als solches Anschliefien an irgendeine Partei, deren Programme
ja alle umgestaltet werden miissen, darf Ihnen heute sein, dafi der-
jenige, der diesen Aufruf zunachst verfaftt hat, jedenfalls einer biirger-
lichen Partei und einer biirgerlichen Vereinigung niemals angehort hat,
niemals angehoren konnte. Dieser Aufruf beginnt zunachst mit der Be-
sprechung des geistigen Lebens. Fur dieses geistige Leben wird eine
vollige Neugestaltung gefordert, sogar eine radikale Neugestaltung.
Ich glaube nicht, dafi heute jemand ohne weiteres gesund und urspriing-
lich iiber die Neugestaltung urteilen kann, wenn er nicht schon seit
Jahrzehnten das geistige Leben so treiben mulke, wie es in der Zukunft
einfach gesund betrieben werden mufi. Gewifi, wenn man solche Dinge
ausspricht, dann mufi man etwas radikal sprechen und mancher kann
dann sagen: Die Dinge sind nicht so schlimm gemeint. - Ich selbst habe
niemals zum Betriebe eines geistigen Lebens in irgendeiner Abhangig-
keit gelebt vom Staate oder anderen Korporationen. Ich habe mein
ganzes Leben hindurch versucht, das Geistesleben nur aus sich selbst
heraus zu pflegen. Das gerade soil durch den Aufruf als etwas allgemein
Menschliches angestrebt werden. Denn wer so das Geistesleben pflegen
mufite, wer niemals in seinen geistigen Bestrebungen abhangig sein
wollte von irgendeinem Staat oder von etwas anderem in den abgelau-
fenen biirgerlichen Institutionen, der erlebt gerade mit Bezug auf das
Geistesleben gar manches, was ihm Verstandnis bringt fur das proleta-
rische Leben der Gegenwart. Man weifi, wie schwer es war, sich heraus-
zuziehen aus den Fesseln des Geisteslebens, die so viel Unheil gebracht
haben - mehr als Sie selbst beute mit Ihrer sozialistischen Gesinnung
glauben konnen - gerade in Verbreitung von Not und Elend fiir das
leibliche und seeliscbe Leben des Proletariats.
Denn auf den materiellen Gebieten, auf den aufierlichen Wirtschafts-
gebieten teilen sich heute die Menschen in zwei Klassen: in die Klasse
der Biirgerlichen, die mit dem Adel verschmolzen ist, und in die Klasse
der Proletarier. Der Proletarier weift heute, weil er klassenbewufk
geworden ist, was er zu fordern hat. Er ist Proletarier. Er hatte nicht
die Wahl. Er wurde durch den Wirtschaftsprozefi in das Proletariat
hineingeworfen. Der geistige Arbeiter hatte unter der alten Wirtschafts-
ordnung und alten Staatsordnung nicht einmal die Wahl, entweder
geistiger Unternehmer zu werden oder Proletarier - Proletarier konnte
man da kaum werden, wenn man nicht seinen Frieden schloft mit den
herrschenden Machten. Auf geistigem Gebiete konnte man nur sich
durchwinden durch die Schwierigkeiten, die sich in der alten Ordnung
ergaben, oder, wenn man den Frieden mit den Machten schlofl, wenn
man mitarbeitete, wie der Proletarier mitarbeiten mufi auf materiellem
Gebiete, dann wurde man nicht Proletarier auf geistigem Gebiete, son-
dern Kuli. Entweder man muftte als geistiger Arbeiter alles auf sich
nehmen, was einen herauszog aus der alten Ordnung, oder man mufke
Kuli werden, hatte es schlechter als der Proletarier, wenn man sich in
das hineinbegab, was die soziale Struktur in der alten Ordnung heraus-
gebildet hatte. Weil das so ist - ich will keine personliche Bemerkung
machen, sondern auf sachlichem Boden bleiben -, weil das geistige Kuli-
tum so sehr Handlanger geworden ist der wirtschaftlichen und staat-
lichen Machte, daher sind wir von der einen Seite in ein solches Elend
hineingekommen. Der Arbeiter kann das von sich aus nicht so mit aller
Starke ubersehen, weil er eben seit dem Heraufkommen der neueren
Technik und des seelenverodenden Kapitalismus in die reine Wirt-
schaftsordnung hineingespannt worden ist. Derjenige, der nicht gerade
in dieser Weise, sondern in geistiger Weise hineingespannt worden ist,
der weifi, dafi gerade, was zum Heile der Menschheitsentwickelung
geschehen mufi, das ist, dafi das Geistesleben emanzipiert wird. Er
weifi, dafi es unmoglich ist, daft diejenigen, die die Fahigkeiten, die
Begabungen der Menschheit, das was der Mensch durch seine Geburt
mit auf die Welt bringt, zu pflegen haben, fernerhin nur die Diener
dessen sind, was sich in der neueren Zeit als Staats- oder Wirtschafts-
ordnung ausgebildet hat. Das Geistesleben zu befreien, das ist die erste
Aufgabe.
Dieses Geistesleben zu befreien, dagegen wenden sich heute noch
viele Vorurteile auch auf proletarischer Seite. Die Sache liegt ja so, dafi
dieses Geistesleben in der neueren Zeit gleichzeitig heraufgekommen
ist mit der Entwickelung der modernen Technik, mit der Entwickelung
des seelenverodenden Kapitalismus. Da ist audi ein neueres Geistes-
leben heraufgekommen, aber ein solches Geistesleben, das nur ein
Klassen-Geistesleben ist. In dieser Beziehung wurde man und wird
man noch sehr schwer verstanden. Ich mochte Ihnen ein Beispiel sagen.
Ich habe einmal vor jetzt zwanzig Jahren im Berliner Gewerkschafts-
haus in einem Vortrag vor der Berliner Arbeiterschaft, wobei auch
Burgerliche waren, die Behauptung, die flir mich eine Erkenntnis ist,
aufgestellt: Nicht etwa nur, was sonst in der Welt existiert, ist ein
Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, sondern vor alien
Dingen ist auch unser Wissenschaftsbetrieb ein Ergebnis der kapitalisti-
schen Wirtschaftsordnung. Das haben mir dazumal auch die meisten
fuhrenden Proletarier nicht geglaubt. Sie sagten: Wissenschaft ist doch
etwas, was durch sich selbst feststeht. Was wissen schafHich festgesetzt
ist, ist eben festgesetzt; da kommt nicht in Betracht, ob es proletarisch
oder biirgerlich gedacht ist. - Das waren Irrtumer, die in den Kopfen
der Menschen spukten, gleichgultig, ob sie proletarisch oder biirgerlich
waren; denn die burgerliche Weltanschauung wurde vom Proletariat
iibernommen. Und wir stehen heute vor der Notwendigkeit, nicht
dieses vom Biirgertum ubernommene Wissen weiter zu pflegen, sondern
uns fur ein freies Wissen zu entscheiden, das sich nur entwickeln kann,
wenn Vorurteile iiberwunden werden.
Man kann zum Beispiel sagen: Wir haben uns nun gliicklich dazu
durchgerungen, die Einheitsschule anzustreben; wenn nun das Geistes-
leben befreit werden und nicht Staatszwang die Kinder in die Schule
fiihren soli, sondern jeder aus freiem Willen heraus seine Kinder in die
Schule schicken kann, die er wahlt, da werden doch wieder die Hoher-
gestellten ihre eigenen Schulen begriinden. Die alte Standeschule wird
wieder auftauchen. Dieser Einwand war noch berechtigt in der alten
Ordnung, aber in sehr kurzer Zeit wird er nicht mehr berechtigt sein.
Die alten Stande werden nicht mehr da sein. Und was in diesem Auf-
ruf fur das Geistesleben gefordert wird, die Emanzipation des Geistes-
lebens von der untersten Schule bis herauf zur Universitat, die wird
nicht gefordert als einzelne Einrichtung, sondern im Zusammenhang
mit einer ganzen Neugestaitung, die es moglich machen soil, dafi bis
zu dem Zeitpunkte, wo der Mensch der Schule entwachst, etwas anderes
existieren wird als die Einheitsschule. Die Einwande, die gegen diese
Dinge gemacht werden, sind nur konservative Vorurteile. Dariiber
mufi man hinauskommen. Wir miissen sehen lernen, daft das Geistes-
leben emanzipiert werden mufi, dafi es freigestellt werden mufi auf
sich selbst, damit es nicht mehr ein Diener der Staats- und Wirtschafts-
ordnung ist, sondern ein Diener dessen, was das allgemeine menschliche
Bewufltsein an Geistesleben hervorbringen kann; damit das Geistes-
leben nicht fur eine Klasse da ist, sondern fur alle Menschen gleich.
Sehr verehrte Anwesende, Sie arbeiten heute von morgens an, so
weit Ihre Arbeit reicht, in der Fabrik. Sie gehen aus der Fabrik heraus
und gehen hochstens vorbei an den Bildungsanstalten, die fur gewisse
Menschen errichtet sind. In diesen Bildungsanstalten werden die f abri-
ziert, die bisher die herrschende Klasse waren, die die Regierung ge-
fiihrt haben und so weiter. Ich frage Sie: Hand aufs Herz, haben Sie
eine Ahnung davon, was da drinnen getrieben wird? Wissen Sie, was
da drinnen vorgeht? Nichts wissen Sie! Da zeigt sich unmittelbar an-
schaulich die Scheidung der Klassen. Da ist der Abgrund. Was in dem
Aufruf angestrebt wird, ist, dafi alles, was auf geistigem Boden getrie-
ben wird, alle angeht, und daft der geistigeArbeiter der ganzen Mensch-
heit verantwortlich ist. Das konnen Sie nicht erreichen, wenn Sie nicht
das geistige Leben befreien und auf sich stellen. Deshalb haben die
Worte von Karl Marx so eingeschlagen in Proletariergemiiter, die
Worte von dem Mehrwert. Der Proletarier wufke das im Kopfe selbst
nicht, aber im Herzen fiihlte er das richtig, und diese Herzensforde-
rungen kommen heute in weltgeschiditlichen Forderungen zum Aus-
druck.
Warum haben diese Forderungen so eingeschlagen? Warum? Warum
angstigt sich Walther Rathenau schon in bezug auf den Mehrwert?
Aus dem Grund, weil bis jetzt der Arbeiter von dem Mehrwert nichts
anderes weifi, als dafi er da ist. Verwendet wird er innerhalb von
Kreisen, die sich von den anderen streng abschlieften. Weift der Arbeiter
heute, dafi er fur Dinge arbeitet, die einfach nicht zu sein brauchen in
der Welt, die fruchtlose Arbeit sind, die hervorgebracht worden sind,
weil das burgerliche Leben auch auf geistigem Gebiete unzahligen Luxus
gebracht hat? Die meisten Leute verstehen heute aus Gedankenlosig-
keit heraus noch nicht, eine richtige Idee zu bekommen iiber das Ver-
haltnis vom Volkswirtschaftswert der Arbeit zum Geistesleben, das
doch das Fiihrende in der Menschheit sein muft. Ich will Ihnen ein Bei-
spiel sagen, das Ihnen etwas komisch vorkommen wird. Denken wir
uns einmal einen Studenten, der die Universitat absolvieren soli. Sie
wissen, er bekommt da eine Aufgabe gestellt, eine Doktorarbeit aus-
zuarbeiten iiber die Parenthese bei Homer. Das heifit, es gibt namlich
keine Parenthese bei Homer, aber er soil sich eine auskliigeln. Dazu
braucht er eineinhalb Jahre. Dann macht er eine nach den Forderungen
der heutigen Bildung und Wissenschaft vorziigliche Arbeit iiber die
Parenthese bei Homer. - Aber jetzt fragen wir nach dem Drinnen-
stehen dieser Doktorarbeit im volkswirtschaftlichen Zusammenhang.
Diese Doktorarbeit, wenn sie fertig ist, fertig gedruckt ist, wird sie in
eine Bibliothek hineingestellt. Wieder eine Doktorarbeit; kein Mensch
schaut danach, manchmal nicht einmal der Schreiber selbst. Aber prak-
tisch betrachtet, mufi der junge Student essen, raufi sich kleiden, mufi
Geld haben. Geld haben aber heilk heute: die Arbeit von so und so
viel Menschen haben. Der Proletarier mufi arbeiten fur diese Doktor-
arbeit. Er verrichtet Arbeit fur etwas, woran er nicht teilhaben darf.
Ein groteskes,komischesBeispielfurUnzahliges, es kann nicht nur ver-
hundertfacht, es kann vertausendfacht werden. Sie miissen also zu-
nachst fragen: Wie sehen die aus, die uns geistig fiihren sollen? Die
kommen von den Bildungsanstalten, an denen wir selbst nicht teilneh-
men diirfen. Das wird anders sein, wenn das Geistesleben emanzipiert
sein wird, wenn derjenige, der Geistiges pflegt, nicht mehr die Unter-
stiitzung einer wirtschaftlichen Korporation oder einer kapitalistischen
Ordnung haben wird, nicht die Unterstiitzung des Staates, sondern
wenn er jeden Tag wissen muE, dafi das, was er leistet, Wert hat fur
die Menschen, weil die Menschen Vertrauen dazu haben. Auf das Ver-
trauen zwischen der Menschheit und den geistigen Leitern mufi das
geistige Leben gestellt werden. Es kann niemand erwidern: Heute wer-
den ja schon die Leute nicht immer anerkannt, wenn sie begabt sind,
es gibt verkannte Talente, sogar verkannte Genies -, wie soil es da erst
in der Zukunft werden, wenn die Anerkennung auf dem Vertrauen
beruhen mufi? - denn womit sich einer privat beschaftigt, das ist seine
Sache, wir reden von dem, wie sich das Geistesleben in den sozialen
Organismus hineinstellt. Da mufi es sich so hineinstellen, wie ich es
geschildert habe. Es mufi sich frei hineinstellen. Nur dadurch, dafi das
Geistesleben allmahlich in den letzten Jahrhunderten hineingetrieben
worden ist in die Abhangigkeit von Staats- und Wirtschaftsleben, da-
durch ist es geworden, was es ist. Dadurch nur war es moglich, dafi
zuletzt aus diesem Geistesleben herausgewachsen sind diejenigen Leute,
die so gesprochen haben, wie ich es gestern erwahnte, diese Leute, denen
die Fiihrung der Menschen anvertraut war.
Sehen wir uns an diejenigen Leute, die am Ruder gestanden haben
bei Ausbruch des Weltkrieges. Der Aufienminister sagte zu den erleuch-
teten Herrn des deutschen Reichstages, die doch etwas verstehen sollten
von der Weltlage: Die allgemeine politische Entspannung hat in der
letzten Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. Wir stehen in dem besten
Verhaltnis zu Rufiland, das Petersburger Kabinett hort nicht auf die
Pressemeute. Unsere freundnachbarlichen Beziehungen mit Rufiland
sind auf dem besten Wege. Mit England sind aussichtsvolle Verhand-
lungen angekmipfl;, welche wohl in nachster Zeit zugunsten des Welt-
friedens werden zum Abschlusse kommen, wie uberhaupt die beiden
Regierungen so stehen, dafi sich die Beziehungen immer inniger und
inniger gestalten werden.
Nun also, so gesprochen im Mai 1914! Zu dieser Gescheitheit, zu die-
sem Grad von Einsicht in die Verhaltnisse mufite das Geistesleben
fuhren, das in den letzten Jahrhunderten in dieser Weise gegangelt
worden ist. Es gibt ja ausgezeichnete Wissenschafter, denn sie werden
gut gedrillt wissenschaftlich. Aber darum handelt es sich doch, dafi audi
Herz und Sinn gerade durch die geistige Bildung geweckt werden fur
das Leben; dafi man lernt, das Leben zu erkennen, daft man im Mai
nicht sagt «der Weltfrieden ist gesichert» und im August dann das ein-
treten kann, was zehn bis zwolf Millionen Menschen totgeschlagen
und dreimal so viel zu Kriippeln geschlagen hat. Das mufi eintreten
in der geistigen Bildung, und das kann nur eintreten, wenn das Geistes-
leben frei ist und die Leute nicht nur Wissende werden und Defini-
tionen geben konnen iiber allerlei, sondern daft sie gescheit werden.
Wenn sie gescheit werden, dann werden sie gerade aus diesem freien
Geistesleben heraus diejenigen werden, welche helfen konnen in der
Leitung der Betriebe, in der Leitung der Volkswirtschaft. Dann wird
der Arbeiter, der unter einer solchen Leitung ist, nicht mehr sagen:
Ich muft diesen Leiter bekampfen - sondern: Es ist gut, daft wir
diesen Leiter haben, der hat etwas im Kopfe, da wird meine Arbeit
die besten Friichte tragen. Wenn da ein dummer Leiter stent, werde
ich lange arbeiten miissen, wenn ein gescheiter Leiter dasteht, wird die
Arbeitszeit gekiirzt werden konnen, ohne daft der volkswirtschaftliche
Wohlstand unmoglich gemacht wird. - Nicht darauf kommt es an,
daft wir kurz arbeiten, sondern darauf, daft, wenn wir kurz arbeiten,
wir nicht bei den teuern Lebensmitteln und den teuern Wohnungen
nichts haben. Am Ganzen muS begonnen werden, zu einem Neuaufbau
zu kommen, nicht an einzelnen Punkten. Deshalb betone ich so stark,
daft vor alien Dingen eingegriffen werden mufi im Geistesleben, daft
es auf eine gesunde selbstandige Basis gestellt werden mufi.
Nun, man hat so lange gef ragt, was der Staat alles tun soli. Ja, sehen
Sie, dieser Staat ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte fiir
die herrschenden, fiihrenden Klassen - und viele andere haben es ihnen
nachgesagt - geradezu zu einer Art von Gott geworden. Bei vielem,
was namentlich wahrend dieses furchtbaren Krieges gesagt worden ist
iiber den Staat, erinnert man sich an das Gesprach, das Faust mit dem
sechzehnjahrigen Gretchen hat. Da sagt der Faust von dem Gotte: «Der
Allumfasser, der Allerhalter, fafit und erhalt er nidit dich, mich, sich
selbst?» Ja, mancher Unternehmer konnte heute oder vor kurzer Zeit
so unterrichtet haben seinen Arbeitnehmer von dem Staat, dafi er hatte
sagen konnen: Halt er nicht mich, dich, sich. selbst? - Er wurde dann
noch gedacht haben: besonders aber mich!
Ja, sehen Sie, das ist dasjenige, was wir in bezug auf diese, ich
mochte sagen, Vergottlichung des Staates lernen miissen. Denn der biir-
gerlichen Bevolkerung ist ja zum grofien Teil unter dem Zwange der
Tatsachen sehr rasch diese Vergottlichung entflogen. Und wenn der
Staat nicht mehr der grofie Protektor der Unternehmungen sein wird,
dann wird die Staatsbegeisterung in diesem Kreise nicht mehr da sein.
Aber es mufi audi dem Proletarier klarwerden, daft man den Staat
nicht als Gott behandeln darf . Man spricht natiirlich nicht von ihm als
von «Gott», aber man halt sehr viel davon. Den alten Rahmen des
Staates beniitzt man, das Wirtschaflsleben hineinzuleiten. Das Gesunde
ist aber, wenn man nicht das Wirtschaflsleben in den Staat iiberleitet,
sondern wenn man nur das politische Leben, das reine Rechtsleben dem
Staate iibertragt. Da ist er auf seinem Boden. Da besteht er zu Recht.
Das Wirtschaflsleben aber mu!5 auf eigenen Grund gestellt werden,
denn es mufi in ganz anderer Weise verwaltet werden als das Rechts-
leben des Staates. Dann konnen wir nur zu einer gesunden Grundlage
fur den sozialen Organismus kommen, wenn wir die Dreigliederung
vornehmen. Auf der einen Seite das Geistesleben, das sich selbst sein
Recht verschaffen mufi, das keine Daseinsberechtigung hat, wenn nicht
jeder, der etwas Geistiges leistet, das vor der Menschheit taglich er-
weisen mufi. In der Mitte das Staatsleben, das demokratisch sein mufi,
so demokratisch als moglich. Da darf nichts anderes entschieden wer-
den als das, was alle Menschen gleich angeht. Da mufi das zur Sprache
kommen, was jeden Menschen vor jedem Menschen als gleichberechtigt
hinstellt. Deshalb mufi man abtrennen den Staat. Wie sollen wir dar-
iiber verhandeln, ob einer das oder jenes besser kann? Das mufi ab-
getrennt werden vom Staat.
Im Staate kann nur die Rede sein von dem, worin alle Menschen
gleich sind. Worin sind denn alle Menschen gleich? Heute nur zwei
Beispiele, das eine fur den Besitz, das andere fiir die Arbeit. Gehen
wir von der Arbeit aus. Da hat das Wort von Karl Marx von der
« Arbeit als Ware* tief eingeschlagen in die Proletariergemuter. Warum?
Weil der Proletarier, wenn er audi im Oberstiibchen des Kopfes es
nicht genau definieren konnte, doch fuhlte, was damit gesagt war.
Gesagt war damit: Deine Arbeitskraft ist Ware. Wie man Waren ver-
kauft nach Angebot und Nachfrage auf dem Markte, so kauft man dir
auf dem Arbeitsmarkte deine Arbeit ab und gibt dir so viel dafiir, als
die wirtschaftliche Konjunktur ergibt. In der letzten Zeit haben sich die
Leute darauf eingelassen, dafi durch Versicherungen allerlei gebessert
wird. Das aber wurde wahrhaftig nicht herbeigefuhrt durdi biirgerliche
Kreise. Die hatten ja gerade in der neueren Zeit in furchtbarer Gedan-
kenlosigkeit gelebt. Nun, allerdings, wir wollen ihr nicht Unrecht tun,
eines hat sie geleistet: Statistiken hat sie geleistet. Eine solche Statistik,
eine solche Enquete ist zum Beispiel zustande gekommen durch die
englische Regierung in den vierziger Jahren, also in der Morgenrote
der sozialen Bewegung. Was hat diese Statistik ermittelt? Zunachst be-
zieht sich das hauptsachlich auf die englischen Bergwerke. Da hat sich
ergeben, dafi da unten in den Bergwerken arbeiten — es ist etwas besser
geworden, aber wahrhaftig nicht durch das Verdienst dieser Kreise
dafi da unten arbeiten neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder, Knaben
und Madchen. Da hat sich herausgestellt, dafi diese Kinder aufier am
Sonntag niemals das Sonnenlicht gesehen haben, weil ihre Arbeitszeit
so lang war, dafi sie vor Aufgang der Sonne in die Schachte gefiihrt
wurden und erst nach Untergang der Sonne zuriickkamen. Es wurde
ferner festgestellt, daft da unten in den Bergwerken halbnackte, oftmals
schwangere Frauen mit nackten Mannern zusammenarbeiteten. Oben
aber, in den mit Kohlen gut geheizten Zimmern haben sich die Leute
unterhalten iiber Nachstenliebe, Briiderlichkeit und wie die Menschen
einander lieben wollen. Sehen Sie, das hat man dazumal aufgenommen
in die Statistik, aber eine Lehre ist es wahrhaftig nicht geworden. Zum
Nachdenken dariiber hat es nicht gefiihrt. Der einzelne braucht dabei
nicht angeklagt zu werden, aber das, was die biirgerliche Gesellschafts-
klasse eigentlich, wenn man so sagen kann, verschuldet hat, dafi sie
uberall versaumt hat, im rechten Augenblick in der richtigen Weise
einzugreifen!
Im Proletariergemut ist der Gedanke entstanden: Im Altertum gab
es Sklaven, da verkaufte man den ganzen Menschen. Er wurde Eigen-
tum des Besitzers, wie eine Kuh ging er in dessen Besitz iiber. Spater
kam die Leibeigenschaft. Da verkaufte man etwas weniger aber immer
noch genug vom Menschen. In der neueren Zeit verkauft man die Ar-
beitskraft. Aber wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft verkaufen mufi,
mufi er ja doch mit der Arbeitskraft dorthin gehen, wo er sie verkauft.
Er mufi in die Fabrik gehen. Also er verkauft sich dort selbst mit der
Arbeitskraft. Er kann seine Arbeitskraft nicht in die Fabrik schicken.
Hinter dem Arbeitsvertrag steckt deshalb nicht viel. Erst dann ist ein
Heil zu erwarten, wenn die Verfiigung iiber die Arbeitskraft ganz her-
ausgenommen ist aus dem Wirtschaftlichen, wenn aus dem Staat heraus
die Entscheidung auf demokratischer Grundlage iiber das Mafi, iiber
die ganze Art und Weise, wie eigentlich gearbeitet werden soil, getrof-
fen wird. Bevor der Arbeiter iiberhaupt die Fabrik oder die Arbeits-
werkstatte betritt, ist schon auf demokratischer Grundlage aus dem
Staate heraus, mit seiner Stimme iiber seine Arbeit entschieden. Was
wird dadurch erreicht? Sehen Sie, das Wirtschaftsleben ist auf der einen
Seite abhangig von Naturkraften. Die konnen wir nur bis zu einem
gewissen Grade meistern. Die greifen ein in die menschlichen Verhalt-
nisse. Wieviel zum Beispiel in irgendeinem Lande Weizen gedeiht, wie-
viel Rohstoffe unter der Erde liegen, das ist von vornherein gegeben,
danach mu£ man sich richten. Man kann nicht sagen, man mufi die
Preise des einen oder des anderen so haben, wenn das der Menge der
Rohstoffe widersprechen wiirde. Das ist die eine Grenze. Eine andere
Grenze mull die Verwendung der menschlichen Arbeitskraft werden.
So wie die Naturkrafte unter dem Boden fur das Korn liegen und der
Mensch dariiber nichts vermag im Wirtschaftsleben, so mufi dem Wirt-
schaftsleben die Arbeitskraft geliefert werden von aufierhalb. Wenn
sie von innerhalb geliefert wird, wird der Lohn immer abhangig sein
von der wirtschaftlichen Konjunktur. Erst wenn aufierhalb des Wirt-
schaftslebens, ganz unabhangig, auf rein demokratischer, staatlicher
Grundlage festgestellt wird, welcher Art die Arbeit ist, wie lange die
Arbeit dauern darf, dann geht der Arbeiter mit seinem Arbeitsrecht in
die Arbeit hinein. Dann wird das Arbeitsrecht wie eine Naturkraft.
Dann ist das Wirtschaftliche eingeklemmt zwischen der Natur und dem
Rechtsstaat. Dann findet der Arbeiter nicht mehr im Staate, was er in
den letzten drei bis vier Jahrhunderten gefunden hat. Er findet nicht
mehr Klassenkampf, Klassenvorrecht, sondern Menschenrechte. Nur
auf diese Weise, dafi wir den Staat als ein besonderes soziales Gebilde
absondern von den beiden anderen Gebieten, kommen wir zum gedeih-
lichen sozialen Fortschritt, kommen wir zu einem Heil, wie es sich
iiberhaupt fur alle Menschen auf der Erde finden kann. Ober diese
Vorurteile, dafi der Staat vom Wirtschaftsleben aus geregelt werden
soli und nicht das Wirtschaftsleben von dem von ihm unabhangigen
Staate, iiber dieses Vorurteil miissen wir hinauskommen, sonst denken
wir immer verkehrt in die Zukunft hinein.
Ebenso wie mit dem Arbeitsrecht ist es mit dem Besitzrecht. Sehen
Sie, zuletzt gehen eigentlich die Grundlagen alles heutigen Besitzes auf
alte Eroberungen zuriick, auf alte Kriegsunternehmungen; aber das hat
sich umgestaltet. Volkswirtschaftlich hat der Eigentumsbegriff iiber-
haupt keinen Sinn. Er ist eine reine Illusion. Er ist nur da zur Beruhi-
gung fiir gewisse burgerliche Gerniiter. Volkswirtschaftlich - was be-
deutet denn der Eigentumsbegriff? Er bedeutet lediglich ein Recht,
namlich das Verfiigungsrecht iiber Sachen, iiber Boden, iiber Produk-
tionsmittel. Das Verfiigungsrecht mufi ebenso in die Kompetenz des
Staates hineingestellt werden wie das Arbeitsrecht. Das konnen Sie
nur, wenn Sie alle wirtschaftlichen und geistigen Gewalten fortschaffen
aus dem Staate heraus. Das konnen Sie nur, wenn Sie das Wirtschafts-
leben auf der einen Seite ganz selbstandig fiihren, auf der anderen Seite
ebenso selbstandig das Geistesleben, und so dem Staate nur iibrig
bleibt die Demokratie.
Es wird zunachst schon schwer sein, sich in diese Gedanken hinein-
zufinden, aber ich bin iiberzeugt, dafi der Proletarier es fiihlen wird,
wie diese Gedanken Zukunft enthalten. Innerhalb des wirtschaftlichen
Lebens darf sich nichts bewegen als Ware. Heute bewegt sich darin
auch Besitz, das heifit eigentlich Recht. Man kann heute audi einfach
Rechte kaufen. Mit der Arbeitskraft hat man ja auch das Recht der
Verfiigung iiber die Person. Mit dem Besitz von Produktionsmitteln,
von Boden kauft man das Recht, dariiber zu verfiigen. Rechte kauft
man. Rechte diirfen in der Zukunft nicht mehr gekauft werden; sie
miissen vom Staate, der mit Kauf und Verkauf nichts zu tun hat, ver-
waltet werden, so dafi jeder Mensch in der gleichen Weise teilhat an der
Verwaltung. Im Kreislauf des Wirtschaftslebens wird nichts anderes
zirkulieren als das, was sich darstellen lafit in Warenproduktion, Wa-
renzirkulation, Warenkonsumtion. Das geht immer durch den Ver-
brauch, und daher mufi der ganze Wirtschaftskorper in der Zukunft
auf assoziativer Grundlage erbaut sein, auf Koalitionen erbaut sein,
die sich aus Beruf sstanden ergeben, hauptsachlich aber aus dem Hervor-
brechen der notwendigen Konsumbediirfnisse. Heute werden wir ge-
rade durch das Darauflosproduzieren, also weil wir von der Erzeugung
des Reichtumes ausgehen, zu fortwahrenden Krisen gefiihrt, die von
dem sozialen Elend der Massen bewirkt sind. Geht man aus von der
Konsumtion, dann wird das Wirtschaftsleben auf eine gesunde Grund-
lage gestellt. Ich habe gestern ein Beispiel angefiihrt, wie man, wenn
auch noch mangelhaft, den Versuch machen kann, bei der geistigen
Produktion so vorzugehen, daft man nicht auf unfruchtbare Arbeit
rechnet. Das mochte ich Ihnen jetzt erzahlen. Sehen Sie, unsere Gesell-
schaft ist fiir viele jetzt noch vielleicht ein Greuel. Aber diese Gesell-
schaft hat auf dem Gebiete der geistigen Produktion doch gleich einen
Versuch gemacht mit etwas, was sich ausdehnen raulS iiber alle anderen
Zweige. Vor zwanzig Jahren ungefahr habe ich begonnen, Bucher zu
schreiben. Ich bin aber nicht dabei zu Werke gegangen wie viele meiner
Zeitgenossen zu Werke gehen. Sie wissen ja, viele Bucher werden ge-
schrieben, wenige gelesen. Wie hatte man auch nur Zeit, alles zu lesen,
was heute geschrieben wird. Aber das ist gerade auf diesem Gebiete
ein wirtschaftlicher Unfug. Denken Sie sich ein Buch - das ist in aber-
tausend Fallen der Fall -, ein Buch wird geschrieben. Der Schreiber des
Buches mufi essen. So und so viele Setzer miissen den Druck setzen.
Das Papier mufi fabriziert werden, so und so viele Binder miissen das
Buch einbinden. Dann kommt das Buch in, sagen wir, tausend Exem-
plaren heraus. Es werden vielleicht fiinfzig Exemplare verkauft,die an-
deren neunhundertfiinfzig Exemplare miissen zu Makulatur gemacht
werden. Was ist denn da in Wirklichkeit geschehen? Man muft ja immer
auf die Wirklichkeit sehen. Da haben so und so viele Leute, die mit der
Hand arbeiten mufiten, umsonst gearbeitet fur den, der das Buch ge-
schrieben hat. Sehen Sie, auf der unproduktiven, nutzlosen, in den
Wind gehauenen Arbeit beruht viel von dem heutigen Elend. Was
haben wir daher gemacht in unsrer Gesellschaft? Mit dem gewb'hnlichen
Buchhandel, der da ganz in der heutigen Wirtschaftsordnung darinnen
steht, da ist nichts anzufangen. Wir haben also selbst eine Buchhand-
lung begriindet. Aber niemals wurde ein Buch gedruckt, bevor so viele
Leute da waren, dafi alle Exemplare auch verkauft werden konnten,
das heifit, bevor die Bediirfnisse da waren. Das wird selbstverstandlich
nur erreicht durch Arbeit. Man mufite die Leute aufmerksam machen, -
natiirlich nicht durch eineTafel wie zumBeispiel «Maggi's guteSuppen-
wiirfel». Die Reklame kann ja dazu da sein, dafi man die Leute auf-
merksam macht: Die Ware ist da. Aber von den Bediirfnissen, der
Konsumtion mufi ausgegangen werden. Das kann aber nur geschehen,
wenn Konsumgenossenschaften begriindet werden, wenn das Genossen-
schaftswesen im wesentlichen auf einen wirtschaftlichen Boden gestellt
wird. Es ist nicht notwendig, das auf politischen Boden zu stellen,
wenn man Demokratie hat. Heute aber sieht es der Proletarier nicht,
er uberschaut es vorlaufig noch nicht gut. Und da ich ehrlich sprechen
will, darf ich wohl auch die letzte Frage beriihren, um zu zeigen, wie
der Proletarier. es am eigenen Schicksal erlebt, welche furchtbaren
Dinge hervorgebracht werden durch die Verschmelzung des Wirtschafts-
lebens mit dem Staatsleben. Was betrachten denn zahllose Proletarier
als die einzige Rettung in wirtschaftlichen Noten, da noch immer nicht
der Staat auf wirklich gesundem Boden steht, dem der Demokratie, die
unabhangig ist von den Bediirfnissen des Wirtschaftslebens? Man kann
zum Beispiel sagen, Arbeitsruhe mufi da sein, damit das Proletariat
teilnehmen kann an dem allgemein menschlichen freien Geistesleben.
Der Staat raufi mitten drinnen stehen zwischen Wirtschaftsleben und
Geistesleben, er mufi auf seinen eigenen demokratischen Boden gestellt
werden. Heute sind die Sachen verquickt worden durch biirgerliche
Interessen der letzten Jahrhunderte und sehr stark auch verquickt wor-
den innerhalb der ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Was
haben zahlreiche Proletarier als letztes Ziel ofhnals - wir sehen es
heute, wo die Tatsachen so laut sprechen -, was haben Sie, wenn Sie
um berechtigte Forderungen kampfen? Ich brauche nur ein Wort aus-
zusprechen, da riihre ich an etwas, woran zahlreiche Proletarier denken,
aber zugleich audi an etwas, woruber sie heute noch nicht richtig fiihlen
konnen, weil sie nicht die ganzen wirtschaftlichen Konsequenzen iiber-
schauen, - ich brauche nur das Wort «Streik» auszusprechen. Ich weifi,
sehr verehrte Anwesende, wenn der Proletarier hineingestellt ware in
die Moglichkeit, sich ohne Streik zu helfen, so wiirde er jeden Streik
ablehnen. Ich kann mir wenigstens keinen verniinftigen Proletarier
denken, der den Streik um des Streiks willen irgendwie wollte. Warum
ist er heute oftmals so geneigt dem Streik? Aus dem Grunde, weil unser
Wirtschaftsleben mit dem Staatsleben zusammengeht. Der Streik ist
eine reine Wirtschaftssache und auch nur von wirtschaftlicher Wirkung.
Es soil aber erzwungen werden eine staatliche Wirkung, eine politische
Wirkung oftmals auch. Das kann nur sein in einem ungesunden sozialen
Organismus, in dem noch nicht die Trennung eingetreten ist zwischen
Staat und Wirtschaftsleben. Derjenige, der ins Wirtschaftsleben hinein-
schaut, weifi, dafi es nur dann gesund sein kann, wenn niemals die
Produktion unterbunden wird. Mit jedem Streik unterbinden Sie die
Produktion. Wer streiken zu miissen glaubt, handelt aus Notwendig-
keiten, die sich aus der Verquickung zwischen Staats- und Wirtschafts-
leben gebildet haben. Das ist das grofie Ungliick, dafi wir heute zur
Zerstorung des Lebens gezwungen werden durch diese ungliickselige
Verquickung dessen, was dreigeteilt sein soil. Es gibt keinen anderen
Weg, endgiiltig Streik in der richtigen Weise zu vermeiden, als die
staatliche Demokratie auf eigenen Boden zu stellen und es unmoglich
zu machen, auf wirtschaftlichem Boden Rechte zu erkampfen. Wiirde
das eingesehen, ich weifi, die Leute wiirden sagen: Nun, wenn die
Menschen end) ich Vernunft annehmen, wenn sie uns nur sagen wiirden,
dafi sie auf etwas eingehen, was die sozialen Forderungen erfiillen soil,
dann wiirden wir nicht streiken, denn wir wissen ja auch, dafi nicht
alles von heute auf morgen erreicht werden kann; wir wollen warten,
aber wir wollen Garantien haben. - Ich habe wahrend des Krieges, um
aus der furchtbaren Misere herauszukommen, zu mancher sogenannten
«Autoritat» von dem Aufrufe gesprochen, ihnen den Aufruf vorgelegt.
Wichtigste fiihrende Personlichkeiten haben den Aufruf langst. Ich
habe ihnen gesagt: Was hier aufgestellt ist, ist nicht aus Menschenkop-
fen herausgesprungen. Ich bin nicht gescheiter als andere, aber ich habe
das Leben beobachtet und das hat mir gezeigt, dafi in den nachsten
zwanzig Jahren alle Arbeit verwendet werden mufi, urn diese Drei-
teilung zu verwirklichen, nicht als Programm - als Menschheitsforde-
rung. Sie haben die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen und
den vierzehn Punkten Wilsons dies als mitteleuropaisches Programm
entgegenzustellen - wenn wir uns nicht selbst helfen, kann uns audi
Wilson nicht helfen - entweder zur internationalen Politik den Auf-
ruf hinzustellen und zu sagen, was geschehen soil, wenn der Friede ein-
tritt; Sie haben die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen, oder Sie
stehen vor Revolutionen und Katastrophen. Vernunft haben die Leute
nicht angenommen. Hat sich das letztere erfiillt oder nicht? Das mufi
man heute fragen. Das ist das, was einen heute mit solcher Sorge er-
fiillt, daf$ im Grunde genommen die alte Gedankenlosigkeit heute
noch vorhanden ist, dafi sie nicht ersetzt wird durch fruchtbare, wirk-
lichkeitsgemalSe, praktische Ideen. DieDreigliederung ist wahre Lebens-
praxis. Deshalb bin ich uberzeugt, es wird kommen - und wir werden
sie erleben — wenn auch nur einigermaCen die Moglichkeit vorhanden
ist, daft das Proletariat einsieht: Es ist zu erzwingen, dafi wir in dieser
Weise sozial vorwarts kommen. Dann werden die unproduktiven so-
zialen Bestrebungen aufhoren. Es wird gearbeitet werden durch Ver-
nunft, aus proletarischen Gemutern heraus aus Vernunft, nachdem die
anderen nicht aus Vernunft gearbeitet haben. Das ist es, worauf es an-
kommt. Ich hatte es auch verschweigen kbnnen, hatte es vermeiden
konnen, iiber den Streik zu sprechen, aber ich wollte Ihnen zeigen, daft
ich alles das, wovon ich uberzeugt bin, jederzeit ausspreche. Das ist es,
was mir vielleicht ein Recht gibt, den Anspruch zu erheben und zu
sagen: Nehmen Sie vielleicht manches, was ich gesagt habe, so hin, als
ob es Ihren Anschauungen widersprechen wiirde; aber zweifeln Sie
nicht an der ehrlichen Bestrebung, dasjenige wirklich zu erreichen, was
das Proletariat erreichen will und mufi.
Seit mehr als einem Jahrhundert geht durch die Menschheit die
Devise: Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit. Viele, die gescheit waren,
haben im 19. Jahrhundert dariiber geschrieben, wie widerspruchsvoll
diese drei Worte seien. Sie hatten Recht. Warum? Weil diese Worte
noch aufgestellt waren unter der Hypnose des Einheitsstaates. Erst
wenn diese drei Worte, diese drei Impulse aufgestellt werden so, daft
die Freiheit dem Geistesleben, die Gleichheit dem demokratischen Staat,
die Bruderlichkeit der Assoziation des Wirtschaftslebens gehort, erhal-
ten sie ihre wirkliche Bedeutung. Erfiillen mufi sich im 20. Jahrhundert
noch dasjenige, was am Ende des 18. Jahrhunderts noch unverstanden
als die Dreigliederung durch die Menschheit pulsierte. Machen wollen
wir das, was wirkliche Gleichheit, Bruderlichkeit, Freiheit ist, aber ein-
sehen mussen wir zuerst, wie notwendig ist, dasjenige, was sozialer
Organismus ist, in seine drei Glieder zu teilen. Denn, wenn man ein-
sieht, wie notwendig es ist und wenn man Hoffnung hat, daft innerhalb
des Proletariats Verstandms erweckt werden muft fur diese Dreigliede-
rung, dann darf man audi den Glauben aussprechen, darf sagen: Ich
glaube einmal daran, daft eine gesunde, gute,zukunftsfreudigeldee die-
jenige ist, die mehr oder weniger unbewufit in der neueren proleta-
rischen Bewegung ruht. Der moderne Proletarier ist klassenbewuftt
geworden. Dahinter versteckt sich das Menschheitsbewufttsein, das
Bewufttsein, daft Menschenwiirde errungen werden mufi. Durch das
Leben selber will sich der Proletarier in einer menschenwurdigen Weise
die Frage beantworten konnen: Was bin ich als Mensch? Stehe ich als
Mensch menschenwurdig in der menschlichen Gesellschaft darinnen? Er
mufi eine Gesellschaftsordnung erringen, die ihn diese Frage mit «ja»
beantworten laftt. Dann werden die heutigen Forderungen abgelost
sein durch einen gesunden sozialen Organismus. Damit wird die Ar-
beiterschaft erreicht haben, was sie erreichen will: Die Befreiung des
Proletariats aus leiblicher und seelischer Not. Sie wird aber auch er-
reichen die Befreiung der ganzen Menschheit, das heiftt, die Befreiung
alles desjenigen Menschlichen im Menschen, was wert ist, wirklich
befreit zu werden.
WAS UND WIE SOLL SOZIALISIERT WERDEN?
Vortrag vor Arbeitern der Daimler -Werke
Stuttgart-Unterturkheim, 25. April 1919
In welchem Sinne mein Thema heute von mir behandelt werden soli,
Sie werden es ersehen aus dem Aufruf, welcher jedem von Ihnen in
die Hand gegeben worden ist. Es wird sich heute darum handeln, das-
jenige, was man in der Gegenwart Sozialisierung nennt, was wie ein
weltgeschichtlicher Ruf auf der einen Seite und wie ein allgemein
menschlicher Ruf auf der anderen Seite heute so machtig und gewal-
tig ertont, einmal von einem weiteren und breiteren Gesichtskreise zu
behandeln, als es gewohnlich behandelt wird. Und zwar nicht aus dem
Grunde, well das etwas irgendeiner Vorliebe Entsprechendes ware,
sondern weil die grofte, gewaltige Forderung unserer Zeit nur dann
in der richtigen Weise erfafit werden kann, wenn man das, um was es
sich da handelt, so weitherzig und so grofizugig als moglich anfafit.
Wenn ich vielleicht vor fiinf bis sechs Jahren in derselben Art, wie
ich heute zu Ihnen sprechen will, zu einer Versammlung der Arbeiter-
schaft gesprochen hatte, so waren die Bedingungen der Verstandigung
des Redners mit seinen Zuhorern ganz andere gewesen als heute. Das
ist so, es wird nur noch nicht in weitesten Kreisen gut verstanden.
Sehen Sie, vor fiinf bis sechs Jahren hatte eine Versammlung wie diese
mir zugehort, hatte nach den sozialen Anschauungen, die sie gehabt
hat, sich ein Urteil daruber gebildet, ob das eine oder andere, was der
Redner sagt, von den eigenen sozialen Anschauungen vielleicht in der
einen oder anderen Weise abweicht, und man hatte ihn dann abgelehnt,
wenn er irgend etwas vorgebracht hatte, was mit den eigenen Anschau-
ungen wenig ubereinstimmte. Heute mufi es auf etwas ganz anderes
ankommen, denn diese fiinf bis sechs Jahre sind als bedeutungsvolle,
einschneidende Ereignisse enthaltende iiber die Menschheit hingegan-
gen, und heute ist es schon notwendig, daft das Vertrauen zu jemand,
der in bezug auf Sozialisierung etwas sagen will, nicht nur dann ein-
setzt, wenn er genau dasselbe will, was man selbst will, sondern wenn
er zeigt, daft er mit Bezug auf die berechtigten Forderungen der Zeit,
die sich ausdriicken in der immer mehr und mehr anwachsenden prole-
tarischen Bewegung, dafi er fur diese berechtigten Forderungen der
Zeit ein ehrliches, aufrichtiges Gefuhl und Wollen hat. Heute stehen
wir ganz anderen Tatsachen gegeniiber - die Zeit hat sich rasch ent-
wickelt - als die waren, denen wir vor fiinf bis sechs Jahren gegen-
iiberstanden. Heute mufi ganz anderes ins Auge gefafk werden als vor
fiinf bis sechs Jahren. Dafiir sei zunachst einleitungsweise das Folgende
angefiihrt.
Sehen Sie, angesehene, sehr gescheite sozialistische Denker, sie haben,
noch kurz bevor die Herbstrevolution des Jahres 1918 in Deutschland
herangekommen ist, etwa das Folgende gesagt: Wenn dieser Krieg zu
Ende sein wird, dann wird die deutsche Regierung ganz anders die
sozialistischen Parteien behandeln miissen, als sie sie friiher behandelt
hat. Dann wird sie sie horen miissen. Dann wird sie sie in ihren Rat
ziehen miissen. - Nun, ich will die Sache nicht fortsetzen, wie gesagt,
so sprachen angesehene sozialistische Fiihrer. Was zeigt das? Das zeigt,
daft noch kurz vor dem November 1918 diese angesehenen Sozialisten-
fiihrer gedacht haben, man habe es nach dem Krieg zu tun mit irgend-
einer Regierung, die im alten Sinn da ware, und welche nur diese sozia-
listischen Personlichkeiten audi berucksichtigen wiirde. Wie schnell sind
die Sachen anders geworden, wie schnell ist etwas gekommen, was sich
also selbst diese sozialistischen Fiihrer nicht haben traumen lassen! Jene
Art von Regierung, von der sie geglaubt haben, dafi sie noch da sein
werde, sie ist in den Abgrund verschwunden. Das macht aber den
grolkn, gewaltigen Unterschied, das stellt heute Sie alle vor ganz an-
dere Tatsachen. Heute sind Sie in der Lage, nicht mehr «auch Beriick-
sichtigung» zu suchen, sondern heute sind Sie in der Lage, mitzutun an
der Neuentwickelung der sozialen Ordnung, die eintreten mu£. Da tritt
an Sie eine positive Forderung heran, die Forderung zu wissen, nach-
zudenken dariiber, was zu geschehen hat, wie wir in verniinftiger Weise
vorwarts kommen konnen in bezug auf die Gesundung des sozialen
Organismus. Da mufi nunmehr eine ganz andere Sprache geredet wer-
den als friiher. Da handelt es sich darum, dafi man vor alien Dingen
den Blick zuriickwirft und sich erinnert an das, was uns hineingefiihrt
hat in die furchtbare Lage der Gegenwart; was besser werden soil, was
anders werden mull. Dafiir lassen Sie mich nur audi einleitungsweise
einiges anfiihren.
Ich will Sie nicht viel mit personlich scheinenden Bemerkungen
plagen. Aber wenn man nicht ein Theoretiker ist, nicht ein abstrakter
Wissenschafter ist, sondern wenn man sich, wie ich, die Anschauungen
iiber die notwendige soziale Entwickelung in einer mehr als dreifiig-
jahrigen Lebenserfahrung erworben hat, dann flieftt in eines zusammen
dasjenige, was man im allgemeinen zu sagen hat, mit dem, was man
personlich empfindet. Ich will Sie, wie gesagt, nicht mit irgendwelchen
personlichen Ausfiihrungen besonders langweilen, aber das darf doch
vielleicht einleitungsweise bemerkt werden, dafi ich gezwungen war,
personlich gezwungen war, im Frijhling des Jahres 1914 in einer klei-
nen Versammlung in Wien - eine grofiere Versammlung hatte mich
wahrscheinlich dazumal aus den Griinden, von denen ich gleich sprechen
werde, ausgelacht - zusammenzufassen, was sich mir, ich mochte
bildlich sagen, in blutiger Lebenserfahrung iiber die soziale Frage
und soziale Bewegung an Anschauungen herausgebildet hatte. Ich
muftte dazumal als Abschlufi jahrzehntealter Erfahrungen, jahrzehnte-
langer Beobachtung des sozialen Lebens der heutigen sogenannten
zivilisierten Welt das Folgende sagen: Die in der Gegenwart herr-
schenden Lebenstendenzen werden immer starker werden, bis sie sich
zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige, der das
soziale Leben geistig durchblickt, iiberall, wie furchtbar die Anlagen
zu sozialen Geschwiirbildungen aufspriefien. Das ist die grofie Kultur-
sorge, die auftritt fur denjenigen, der das Dasein durchschaut. Das ist
das Furchtbare, was so bedriickend wirkt und was selbst dann, wenn
man alien Enthusiasmus sonst fur das Erkennen der Lebensvorgange
durch die Mittel einer geist-erkennenden Wissenschaft unterdriicken
konnte, einen dazu bringen miifite, von den Heilmitteln zu sprechen,
die dagegen verwendet werden konnen -, dafi man Worte dariiber der
Welt gleichsam entgegenschreien mochte. Wenn der soziale Organis-
mus sich so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann ent-
stehen Schaden der Kultur, die fur diesen Organismus dasselbe sind,
was Krebsbildungen im menschlichen natiirlidien Organismus sind.
Nun, wenn einer das im Fruhling 1914 gesagt hat, so haben ihn die
sogenannten gesdieiten Leute selbstverstandlich fiir einen Phantasten
gehalten. Denn was haben die sehr gescheiten Leute, diejenigen, denen
als aus der fiihrenden Klasse die Geschicke der Menschheit anvertraut
waren, was haben die denn eigentlich iiber dasjenige, was der Welt
bevorstand, gesagt? Man mufi heute ein wenig kritisch nachforschen,
wie die Kopfe dieser fiihrenden Leute beschaffen waren, sonst werden
die Menschen immer wiederum einwenden, es sei nicht notwendig, eine
so ernste Sprache zu fiihren, wie wir sie heute fuhren wollen. Was
haben diese sogenannten fiihrenden Personlichkeiten damals gesagt?
Horen wir uns zum Beispiel an den fiir die aufiere deutsche Politik
damals mitverantwortlichen Aufienminister. In einer entscheidenden
Sitzung des deutschen Reichstages, vor mehreren hundert ja audi mit
Politik erleuchteten Herren, hat er etwa folgendes zu sagen gewufit
iiber dasjenige, was bevorstand. Er sagte: Die allgemeine Entspannung
in Europa macht erfreuliche Fortschritte. Mit der Petersburger Regie-
rung stehen wir jeden Tag besser. Diese Regierung hort nicht hin auf
die Auslassungen der Pressemeute, und wir werden unsere freundnach-
barlichen Beziehungen zu Petersburg weiter so pflegen, wie wir sie
bisher gepflegt haben. Mit England sind wir in Unterhandlungen, die
freilich noch nicht zum Abschlufi gekommen sind, die aber doch so weit
gediehen sind, dafi wir hoffen konnen, in der nachsten Zeit schon zu
den allerbesten Beziehungen zu England zu kommen, die wir nur wiin-
schen konnen.
Diese allgemeine Entspannung hat so grofie Fortschritte gemacht,
diese Beziehungen zu Petersburg sind von der Regierung so gut ein-
geleitet gewesen, diese Unterhandlungen mit England haben solche
Friichte getragen, dafi bald darauf die Zeit begann, in welcher, gering
gerechnet, zehn bis zwolf Millionen Menschen innerhalb Europas tot-
geschlagen und dreimal soviel zu Kriippeln geschlagen worden sind.
Nun darf ich Sie vielleicht fragen: Wie waren der Herr und diejenigen,
denen er als seiner Klasse angehorte, unterrichtet iiber dasjenige, was
in der Welt vorging? Wie stark war ihr Verstand in der Lage, das-
jenige einzusehen, was man braucht fur die allernachste Zeit? Waren
sie nicht wahrhaftig mit Blindheit geschlagen? Und kam dazu nidit
noch jener furchtbare, jener scheufiliche Hochmut, der jeden als einen
Phantasten bezeichnete, der darauf hinwies, dafi da ein soziales Krebs-
geschwur ist, welches in der nachsten Zeit in einer furchtbaren Weise
aufgehen werde? Solche Fragen, sie miissen heute gestellt werden. Sie
miissen aus dem Grunde gestellt werden, weil zahlreiche Personlich-
keiten heute wiederum, trotz der laut sprechenden Tatsachen, so blind
wie jene sind mit Bezug auf dasjenige, was heute erst im Anfange sei-
ner Entwickelung steht: die Gestalt der sozialen Bewegung, welche
diese mehr als ein halbes Jahrhundert schon dauernde soziale Bewegung
in ihrer neueren Form seit dem Herbst des Jahres 1918 angenommen
hat. Das mochte man heute bewirken, dafi es Menschen gabe - solche
Menschen miissen heute in der grofien Masse der proletarischen Bevol-
kerung sein welche in ihren Kopfen ein Bewufitsein von dem haben,
was eigentlich geschehen mufi.
Wer im Laufe der letzten Jahrzehnte gelernt hat, nicht nur, wie so
viele, die heute iiber Sozialismus reden, iiber das Proletariat zu den-
ken, wen sein Schicksal dazu gebracht hat, mit dem Proletariat zu
denken und zu empfinden, der mufi heute in einer viel ernsteren, in einer
viel breiteren Weise iiber die soziale Frage denken, als viele denken.
Der mufi hinschauen, was diese Bewegung heute geworden ist aus ihrer
Entwickelung heraus in den letzten fiinf, sechs, sieben Jahrzehnten,
seit Karl Marx 3 grofier Ruf durch die Welt gegangen ist; er mufi ge-
wahr werden, wie die soziale Bewegung, wie die sozialen Programme
heute es notwendig haben, aus dem Stadium der Kritik herauszutreten,
herauszutreten auf den Boden des SchafTens, auf den Boden, auf dem
man wissen kann, was zu geschehen hat zu einem Neuaufbau der
menschlichen Gesellschaftsordnung, dessen Notwendigkeit eigentlich
heute jeder, der nur mit wacher Seele lebt, empfinden mufi.
Auf drei elementaren Lebensgebieten hat die Arbeiterschaft emp-
funden, was ihr eigentlich frommt, was fur sie anders werden mufi in
ihrer ganzen Stellung zur Welt, zur menschlichen Gesellschaft und so
weiter. Aber die Verhaltnisse der letzten Jahrhunderte, namentlich des
neunzehnten Jahrhunderts und ganz besonders des Anfangs des zwan-
zigsten Jahrhunderts, haben bewirkt, dafl, wahrend mehr oder weni-
ger unbewufit, instinktiv der Arbeiter mit dem Herzen sehr wohl
ftihlte, dafi der Wege zu seinem Zukunftsideal drei sind, doch ge-
wissermafien das Augenmerk nur auf ein einziges Ziel hingerichtet
worden ist. Die moderne biirgerliche Gesellschaftsordnung hat alles
gewissermafien auf das Gebiet des Wirtschaftlichen abgeschoben. Dem
modernen Arbeiter war es nicht gestattet, nicht moglich, aus seinem
Arbeitsverhaltnis heraus eine ganz freie, voll bewufite Ansicht iiber
dasjenige zu bekommen, was eigentlich notwendig ist. Er konnte, weil
ihn eingespannt hat die moderne Technik, namentlich der moderne
Kapitalismus, in die blofie Wirtschaftsordnung, er konnte eigentlich
nur, weil das Biirgertum alles aufs Wirtschaftliche geschoben hat, glau-
ben, daft sich der Untergang des Alten, der Zusammenbruch des Alten,
und der zu ersehnende, zu erwirkende Aufbau auf dem wirtschaft-
lichen Gebiete ausbilden miilke, auf dem Gebiete, wo er sah, dafi
wirkte: Kapital, menschliche Arbeitskraft und Ware. Und heute, wenn
der so berechtigte Ruf nach Sozialisierung ertont, hat man eigentlich,
selbst wenn man die anderen Lebenszweige beriicksichtigt, nur im
Auge die wirtschaftliche Ordnung. Wie hypnotisiert, mochte ich sagen,
ist der Blick hingerichtet rein auf das wirtschaftliche Leben, rein auf
dasjenige, was gefafit wird unter den Namen Kapital, Arbeitskraft
und Ware, Lebensverhaltnisse, materielle Leistungen. Aber tief unten
im Herzen des Proletariers, wenn er es audi im Kopfoberstiibchen
nicht so genau weifi, da sitzt es, was ihm sagt, dafi die soziale Frage
eine dreigliedrige ist, dafi diese neuere soziale Frage, an der er leidet,
fur die er einstehen will, fur die er kampfen will, eine Geistesfrage,
eine Rechts- oder Staatsfrage und eine Wirtschaftsfrage ist. Deshalb
gestatten Sie mir heute, dafi ich diese soziale Frage, diese soziale Be-
wegung als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und als eine Wirt-
schaftsfrage behandle.
Sie brauchen nur auf das Wirtschaftsleben zu sehen, dann werden
Sie wahrnehmen konnen, wenn Sie mit wachen Augen auf dieses Wirt-
schaftsleben sehen, dafi noch ganz anderes in Frage kommt als allein
dieses Wirtschaftsleben. Wenn wir heute mit Recht nach Sozialisierung
ruf en, so miissen wir doch audi fragen: Ja, was soil sozialisiert werden
und wie soil sozialisiert werden? Denn von diesen beiden Gesichts-
punkten aus:
Was soli sozialisiert werden?
Wie soil sozialisiert werden?
miissen wir vor alien Dingen das wirtschaftliche Leben betrachten, wie
es sich entwickelt hat in der neuesten Zeit, und wie es in unseren Tagen
eigentlich, geben wir uns dariiber keinen Illusionen hin, wenigstens fiir
unsere Gegend mehr oder weniger im Zusammenbruch ist. Wir miissen
namlich heute von einem uns durchdringen konnen, davon, dafi wir
gar nicht mehr etwas lernen konnen von alledem, was die Leute im
Sinne des Kapitalismus, im Sinne der Privatwirtschaft als das Prak-
tische, als das den Menschen Angemessene angesehen haben. Wer sich
heute dem Glauben hingibt, dafi man weiter kommt mit Einrich-
tungen, welche nur so gedacht werden, wie man bisher gedacht hat,
der gibt sich wahrlich den allergrdlken Illusionen hin. Aber lernen
mufi man von diesen Einrichtungen. Sehen Sie, das Charakteristischste,
was sich im sozialen Leben seit langer Zeit, aber besonders bis heute so
stark ergeben hat, das ist ja das, dafi auf der einen Seite die bisher
fiihrenden Klassen stehen, gewohnt in ihrem Denken an dasjenige, was
ihnen bequem war seit langer Zeit; jene fiihrenden Klassen, welche
immer wieder in ihren Wortfuhrern und bei ihnen selbst in das Lob,
ja in eine wahre Lobhudelei ausgebrochen sind iiber all dasjenige, was
die neuere Kultur, die neuere Zivilisation so Herrliches, Grofies her-
vorgebracht hat. Wie konnte man immer wieder horen: Marchenhaft
gegen die friiheren Moglichkeiten eilt heute der Mensch iiber Meilen
hin; blitzschnell geht der Gedanke telegraphisch oder telephonisch
durch die Welt. Die auftere kiinstlerische, wissenschaflliche Kultur brei-
tet sich in ungeahnter Weise aus. - Ich konnte dieses Loblied, das nicht
ich singen will, das unzahlige Menschen, die teilnehmen konnten an
dieser Kultur, immer wieder gesungen haben, noch lange fortsetzen.
Heute aber mufi gefragt werden, ja, die Zeit fragt selbst danach: Wie
war allein in wirtschaftlichem Sinne diese neue Kultur moglich? Da-
durch war sie allein moglich, dafi sie sich erhoben hat als Oberkultur
iiber dem leiblichen und seelischen Elend, iiber der leiblichen und
seelischen Not der breiten Masse, die nicht teilnehmen durfte an der
so viel gelobten Kultur. Ware diese breite Masse nicht gewesen, hatte
die nicht gearbeitet, so hatte diese Kultur nicht sein konnen. Das ist es,
um was es sich handelt; das ist die geschichtliche Frage von heute, die
nicht uberhort werden darf .
Daraus ergibt sich aber das Kennzeichen des ganzen modernen Wirt-
schaftslebens. Dieses Kennzeichen besteht darin, daft heute leicht irgend-
ein Anhanger, ein Angehoriger der besitzenden Klasse einen beliebten
«Nachweis» liefern kann; in der letzten Zeit wird dieser Nachweis
wiederum reichlicher geliefert, eine Zeitlang hat man dariiber geschwie-
gen, weil man, da er so toricht ist, so dumm ist, endlich nicht mehr hat
der Arbeiterschaft, den wahrhaft sozial denkenden Menschen kommen
diirfen mit dieser Torheit. Aber heute hort man es wieder ofter, heute,
wo so viele Torheiten durch die Luft, durch die sogenannte geistige
Luft gehen. Leicht ist es denjenigen, die die heutige untergehende Wirt-
schafbsordnung noch vertreten wollen, zu sagen: Ja, wenn man nun
wirklich alles dasjenige aufteilt, was an Kapitalrente und Besitz von
Produktionsmitteln vorhanden ist, in der Aufteilung verbessert es
dasjenige, was der einzelne Proletarier hat, nicht besonders. - Es ist ein
torichter, dummer Einwand, weil es gar nicht auf diesen Einwand
ankommt, weil es sich gar nicht um diesen Einwand handelt, weil es
sich um etwas viel Grundlicheres, Grofteres und Gewaltigeres handelt.
Um was es sich handelt, ist dieses, daft eben diese ganze Wirtschafts-
kultur, wie sie sich entwickelt hat unter der Einfluftnahme der herr-
schenden Klassen, eine solche geworden ist, daft ein Oberschuft, ein
Mehrwert nur wenige eben mit den Friichten dieser Kultur beschenken
kann. Unsere ganze Wirtschaftskultur ist so, daft eben nur wenige die
Friichte genieften konnen. Es wird audi nicht mehr hergegeben an
Mehrwert, als das, was nur wenige genieften konnen. Wenn man das
Wenige aufteilen wiirde fiir die, die audi ein Recht haben, ein men-
schenwiirdiges Dasein zu fuhren, so wiirde das allerdings nicht einmal
im mindesten geniigen. Woher kommt das?
Diese Frage muft anders gestellt werden, als sie heute sehr viele
stellen. Ich mochte Ihnen nur einige Beispiele anfuhren, ich konnte
diese Beispiele nicht verhundert-, sondern vertausendfachen; einige
Beispiele vielleicht in Form von Fragen. Ich mochte fragen: Brauchten
innerhalb der deutsdien Wirtschaftskultur der letzten Jahrzehnte wirk-
lich zum Beispiel alle Maschinen genau so viel Kohlen, als unbedingt
no tig war fur diese Maschinen? Fragen Sie einmal sachlich, und Sie
werden zur Antwort bekommen, daft unsere Wirtschaftsordnung in
einem solchen Chaos war, daft viele Maschinen viel mehr Kohlen in
Anspruch nahmen in den letzten Jahrzehnten, als nach den technischen
Fortschritten notwendig gewesen ware. Was heifit das aber? Das
heiftt nichts anderes, als daft zur Produktion, zur Forderung dieser
Kohlen viel mehr Menschenarbeit aufgewendet worden ist, als hatte
aufgewendet werden sollen und hatte aufgewendet werden konnen,
wenn wahrhaftig sozialokonomisches Denken vorhanden gewesen
ware. Diese menschliche Arbeitskraft wurde nutzlos verwendet, sie
wurde verschwendet. Ich frage Sie: Ist es den Menschen bewuftt, daft
wir in den Jahren vor dem Krieg innerhalb der deutschen Wirtschaft
doppelt so viel Kohlen gebraucht haben, als hatten gebraucht werden
diirfen? Wir haben so viel Kohlen verschwendet, daft wir heute sagen
miissen, wir hatten mit der Halfte der Kohlenforderung ausgereicht,
wenn die Menschen, welche die Technik, die Wirtschaft zu versorgen
gehabt haben, auf ihrer Hohe gestanden hatten. Ich fiihre dieses Bei-
spiel aus dem Gnmde an, damit Sie sehen, daft ein Gegenpol vorhanden
ist zur Luxuskultur der wenigen auf der einen Seite. Diese Luxuskultur
hat es eben nicht dahin gebracht, fahige Kopfe aus sich heraus zu er-
zeugen, die wirklich gewachsen gewesen waren dem neueren Wirt-
schaftsleben. Dadurch ist unendlich viel Arbeitskraft verschwendet wor-
den. Dadurch ist die Produktivitat untergraben worden. Das sind die
geheimen Ursachen, ganz sachliche Ursachen sind es, durch die wir in
jene Lage hereingebracht worden sind, in der wir jetzt drinnenstehen.
Daher muft man audi die soziale und die Sozialisierungsfrage in tech-
nisch-sachlicher Weise losen. Die bisherige Kultur hat nicht die Kopfe
hervorgebracht, die gewachsen gewesen waren, irgendwie eine Indu-
striewissenschaft zu schaffen. Es gab keine Industriewissenschaft, alles
beruht auf Chaos, auf Zufallen. Vieles war uberlassen der Gerissen-
heit, dem Obervorteilen, dem unsinnigsten personlichen Wettbewerb.
Das aber muftte sein. Denn ware man durch Industriewissenschaft auf
das Sachliche eingegangen, dann ware langst nicht mehr das heraus-
gekommen, was nur eine Luxuskultur von dem Mehrwert der arbeiten-
den, produzierenden Bevolkerung fiir einzelne wenige ergeben hat.
Man mufi heute die Sozialisierungsfrage in einer ganz anderen Weise
anfassen, als sie viele anfassen.
Sehen Sie, es kann heute einer kommen und kann sagen: Ja, sieh
mal, du bist der Ansicht, daft es kiinftig nicht mehr faulenzende Ren-
tiers geben darf? - Jawohl, ich bin dieser Ansicht. Da wird er mir
sagen, wenn er im Sinne der gegenwartigen Wirtschaftsordnung als ihr
Anhanger kampfb Aber bedenke doch nur, wenn du alle die Renten-
vermogen zusammenzahlst und verteilst, wie wenig das ist, wie klein
das ist mit Bezug auf dasjenige, was nun all die Millionen von arbei-
tenden Menschen zusammen haben. - Ich werde ihm sagen: Ich weift
ebensogut wie du, daft die Rentenvermogen nur wemges sind, aber
sieh mal, eine Gegenfrage: Es ist ein ganz kleines Geschwur, das jemand
an irgendeiner Korperstelle hat. Dieses Geschwur ist im Verhaltnis zum
ganzen Korper sehr klein. Aber kommt es auf die Grofte des Geschwurs
an oder darauf, daft, wenn es auftritt, es zeigt, daft der ganze Korper
ungesund ist? Nicht darauf kommt es an, die Grofte des Rentenver-
mogens auszurechnen, nicht darauf, die Rentiers unbedingt moralisch
zu verurteilen - sie konnen ja nichts dafiir, sie haben diese Weisheit,
Rentiers zu sein, ererbt oder dergleichen — , sondern darauf kommt es
an, daft, ebenso wie sieh im natiirlichen menschlichen Organismus eine
Krankheit,einUngesundes in seiner Ganzheit zeigt, wenn ein Geschwur
ausbricht, so zeigt sieh das Ungesunde des sozialen Organismus, wenn
in ihm iiberhaupt Miifiiggang oder Rente moglich ist. Die Rentiers sind
einfach der Beweis, daft der soziale Organismus ungesund ist; sie sind
der Beweis, daft alle Miiftigganger wie alle diejenigen, die nicht selber
arbeiten konnen, zu ihrem Unterhalt die Arbeit anderer beniitzen.
Die Gedanken miissen einfach in ein ganz anderes Fahrwasser ge-
bracht werden. Man muft sieh iiberzeugen konnen davon, daft unser
Wirtschaftsleben ungesund geworden ist. Und man muft jetzt die Frage
stellen: Woher kommt es denn, daft innerhalb des Wirtschaftskreislau-
fes Kapital, Menschenarbeit, Ware sieh in einer so ungesunden Weise -
namentlich fiir die Frage der breiten Massen der Menschheit, ob man
als Arbeiter ein menschenwiirdiges Dasein fiihren kann - ausgestalten?
Das mull gefragt werden. Dann aber kann man nicht mehr innerhalb
des blofien Wirtschaftslebens stehenbleiben, dann wird man notwendig
dazu gefiihrt, wenn man diese Frage in all ihrer Tiefe sieht, die soziale
Frage dreigliedrig zu fassen, als Geistesfrage, als Staats- oder Rechts-
frage und als Wirtschaftsfrage. Deshalb miissen Sie mir schon audi ein
Viertelstiindchen es zugute halten, wenn ich zunachst spredie iiber die
soziale Frage als Geistesfrage. Denn derjenige, der sich gerade mit die-
ser Seite ein wenig befafSt hat, der weifi, warum wir keine Industrie-
wissenschaft haben, warum wir nicht haben dasjenige, was nun wirk-
lidi aus den Menschenkopfen heraus eine gesunde Leitung, eine gesunde
Sozialisierung unseres Wirtschaftslebens langst ergeben hat. Wenn ein
Ackerboden krank ist, dann wachst darauf audi keine Frucht. Wenn
das Geistesleben einer Menschheit in einem bestimmten Zeitalter nicht
gesund ist, dann wachst diejenige Frucht nicht darauf, welche wachsen
soli als okonomische Wirtschaftsiibersicht, als eine Moglichkeit, die
okonomische Wirtschaftsordnung so zu beherrschen, dafi wirklich ein
Heii fur die breiten Massen daraus entstehen kann. Auf dem Boden
eines kranken Geisteslebens der letzten Zeit ist entstanden all das
Chaos, welches heute in unserem Wirtschaftsleben vorhanden ist. Des-
halb miissen wir zuerst darauf hinschauen: Was geht denn vor da
drinnen in den Gebauden, an denen der Arbeiter hochstens vorbeigeht,
wenn er etwa am Sonntag von seiner Fabrik oder Arbeitsstatte befreit
iiber die Strafie geht? Was geht denn vor in denjenigen Anstalten, wo
das sogenannte hohere Geistesleben sich abspielt, von dem wiederum
Befehle ausgehen, Anordnungen ausgehen fiir das niedere Schulwesen,
fiir das gewohnliche Volksschulwesen? Ich frage Sie, Hand aufs Herz,
was wissen Sie eigentlich von dem, wie fabriziert werden in den Uni-
versitaten, in den Gymnasien, in den Realschulen diejenigen person-
lichen Fahigkeiten, welche im Geistesleben, im Rechtsleben, im Wirt-
schaftsleben die eigentlich leitenden sind? Nichts wissen Sie davon!
Einiges wissen Sie von dem, was Ihren Kindern in der Schule gelehrt
wird, aber audi da wissen Sie nicht, welche Absichten, welche Ziele fiir
diesen Schulunterricht aus den hoheren Unterrichtsanstalten in die ge-
wohnlichen Schulen herunterfliefien. Welche Wege die auf dem Boden
des Geisteslebens aufwachsenden Leute die Menschen fiihren, davon hat
die breite Masse des Proletariats im Grunde genommen keine Ahnung.
Und das ist mitgehorend zu dem, was den Abgrund, die tiefe Kluft
macht: auf der einen Seite das Proletariat, auf der anderen Seite die
anderen. Was ist denn zur Besserung geschehen im Laufe der neueren
Zeit? Weil es nicht anders ging, als der Demokratie gewisse Verbeu-
gungen zu machen, hat man einige Brocken in alien moglichen Formen
von der sogenannten neueren Bildung an das Volk abgegeben; Volks-
hochschulen wurden errichtet, Volkskurse abgehalten, Kiinstlerisches
dem Volke gezeigt, so wohlwollend: Es soil audi das Volk etwas haben
davon. Was man damit erreicht hat, mit alledem, was ist es denn
eigentlich? Nichts ist es, als eine furchtbare Kulturliige. Es hat alles das
die Kluft nur noch bedeutsamer aufgerichtet. Denn wann konnte denn
der Proletarier mit einem aufrechten, ehrlichen Empfinden aus dem
ganzen Herzen, aus der ganzen Seele heraus hinschauen auf das, was
innerhalb der burgerlichen Klasse gemalt, auf dasjenige, was innerhalb
der burgerlichen Klasse als Wissenschaft fabriziert wird, wie konnte er
darauf hinschauen? Wenn er mit denjenigen, die es hervorbringen, ein
gemeinsames soziales Leben hatte, wenn kein Klassenunterschied be-
stiinde! Denn es ist unmoglich, ein gemeinsames Geistesleben zu haben
mit denjenigen, zu denen man nicht sozial gehort. Das ist es, was geistig
vor alien Dingen die grofie Kluft gezogen hat. Das ist es, was einen
geistig hinweist auf dasjenige, was zu geschehen hat.
Sehr verehrte Anwesende! Es soil wahrhaftig, wie schon gesagt,
nicht viel Personliches von mir gebracht werden, aber das, was ich zu
Ihnen hier spreche, das spricht zu Ihnen jemand, der seine sechs Lebens-
jahrzehnte so zugebracht hat, daft er sich moglichst, und spater immer
mehr und mehr, ganz feme gehalten hat in seinem geistigen Streben
von denjenigen, die in geistigem Streben gestiitzt werden vom Staate
oder vom modernen Wirtschaftsleben. Nur dann konnte man ein wirk-
lich auf sich gebautes Geistesleben, ein gesundes Urteil sich bilden, wenn
man sich unabhangig gemacht hat von alledem, was mit dem modernen
Staat, mit dem modernen Wirtschaftsleben in geistiger Beziehung zu-
sammenhangt. Denn sehen Sie, Sie zahlen sich zum Proletariat, Sie
konnen sich dazu zahlen, Sie konnen sich mit Stolz einen Proletarier
nennen gegeniiber dem Beamten, der einer anderen Gesellschaftsord-
nung angehort. So ist es auf dem Gebiet der materiellen Welt. Sie
wissen, was der Proletarier gegeniiber dem Beamten in der Welt durch-
zumachen hat. Aber auf dem geistigen Gebiete, da gibt es im Grunde
genommen keine richtigen Proletarier; da gibt es nur diejenigen, die
Ihnen often gestehen: Hatte ich mich jemals gebeugt unter das Joch
eines Staates, einer Kapitalistengruppe, ich konnte heute nicht vor
Ihnen stehen und Ihnen dasjenige sagen, was ich Ihnen sage iiber die
modernen sozialen Ideen, denn in meinen Kopf ware dann das nicht
hereingegangen. - Das konnen nur eben diejenigen sagen, die sich frei-
gehalten haben vom Staat und von der kapitalistischen Wirtschaftsord-
nung, die sich ihr Geistesleben selbst aufgebaut haben. Die anderen
aber, sie sind nicht Proletarier, sie sind Kulis. Das ist es, dafi heute der
BegrifT des Geisteskuli, der im Geiste abhangig ist von dem gegenwar-
tigen Staat und der gegenwartigen Wirtschaftsordnung, daft der im
Geistigen die Leitung und damit auch im Grunde genommen wirtschaft-
lich und staatlich die Leitung in der Hand hat. Das ist es, was sich aus
der kapitalistischen biirgerlichen Wirtschaftsordnung im Lauf der letz-
ten Jahrhunderte herausgebildet hat, was den Staat dazu gebracht hat,
ein Diener zu sein der biirgerlichen Wirtschaftsordnung, was das Gei-
stesleben wiederum dazu gebracht hat, dem Staate sich zu unterwerfen.
Die Aufgeklarten, die nach ihrer Meinung Auf geklarten, die sehr ge-
scheiten Leute, sie sind stolz, wenn sie heute sagen konnen: Im Mittel-
alter, nun ja, da war es so, dafi die Philosophic - so nannte man dazu-
mal die gesamteWissenschaft - der Theologie dieSchleppe nachgetragen
hat. Wir wollen diese Zeit nicht zuruckwiinschen selbstverstandlich, ich
will gewift nicht das Mittelalter zuriickrufen, aber was ist denn im
Laufe der neuzeitlichen Entwickelung geworden? Der Theologie tragt
ja heute, weil er sehr stolz geworden ist, der Wissenschafter nicht mehr
die Schleppe nach, aber mit Riicksicht auf den Staat, was tut er denn
da? Nun, dafiir ein krasses Beispiel: Sehen Sie, es gibt einen modernen
groften Physiologen, er ist jetzt schon tot, er war auch die Leuchte der
Berliner Akademie der Wissenschaften. Ich schatze ihn sehr als Natur-
forscher. So wie Shakespeare einmal sagte: «Ehrenwerte Leute sind
sie alle», so mochte ich sagen: Gescheite Leute sind sie alle, alle, alle. -
Aber dieser Mann, er hat etwas verraten von dem, was gerade dieses
moderne Geistesleben charakterisiert. Er sagte namlich - man sollte es
nicht glauben, aber es ist doch wahr -, die Gelehrten der Berliner Aka-
demie der Wissenschaften fiihlten sich als die wissenschaftliche Schutz-
truppe der Hohenzollern. - Ja, sehen Sie, wiederum ein Beispiel, das
sich leicht verhundertfachen, vertausendfachen liefie.
Nun frage ich Sie: Ist es zu verwundern, dafi der moderne Prole-
taries wenn er hinschaute auf dieses Geistesleben, dieses Geistesleben
empfand als ein Luxusgeistesleben? Ist es zu verwundern, wenn er sich
sagt: Dieses Geistesleben, das wurzelt nicht in einem besonderen Geist,
das tragt die menschliche Seele wahrhaftig nicht, das verrat auch nicht,
dafi es der Ausflufi ist einer gottlichen oder moralischen Weltordnung.
Nein, es ist die Folge des Wirtschaftslebens. Wie die Leute ihr Kapital
einheimsen, so leben sie geistig. Das macht ihnen ihr Geistesleben mog-
lich. Deshalb konnte auch im modernen Proletariat nicht aufkommen
eine wirklich freie Anschauung iiber ein Geistesleben, das die Seele
wahrhaftig tragt. Aber ich weifi aus jahrzehntelanger Erfahrung: In
dem modernen Proletarier lebt die tiefe Sehnsucht nach einem wahren
Geistesleben, nicht nach einem solchen Geistesleben, welches haltmacht
an der biirgerlichen Grenze, sondern welches hineintrauf elt in die Seelen
aller Menschen. Deshalb steht in dem Aufruf, iiber den zu sprechen
mir heute Gebot ist, dafi dieses Geistesleben in der Zukunft auf sich
selbst gestellt sein mufi, und nicht nur die letzten Reste des Geistes-
lebens, der Kunst und dergleichen, enthalt, die noch geblieben sind. In
Berlin hat man auch diese schon stark in die Staatsallmacht einbeziehen
wollen.
Das g
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