Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GE S AMTAU S GABE 


VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 

DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 
KOSMISCHE  UND  MENSCHLICHE  GESCHICHTE 


Band  I       Das  Ratsel  des  Menschen.  Die  geistigen  Hintergriinde  der 
menschlichen  Geschichte 

15  Vortrage,  gehalten  in  Dornach  vom  29.  Juli  bis  3.  September  1916 
Bibliographie-Nr.  170. 

Band  II      Innere  Entwicklungsimpulse  der  Menschheit.  Goethe  und 
die  Krisis  des  neunzehnten  Jahrhunderts 

16  Vortrage,  gehalten  in  Dornach  vom  16.  September  bis  30.  Okt.  1916 
Bibliographie-Nr.  171. 

Band  III     Das  Karma  des  Berufes  des  Menschen  in  Ankniipfung  an 
Goethes  Leben 

10  Vortrage,  gehalten  in  Dornach  vom  4.  bis  27.  November  1916 
Bibliographie-Nr.  172. 

Band  IV     Zeitgeschichtliche  Betrachtungen  -  Erster  Teil 

13  Vortrage,  gehalten  in  Dornach  vom  4.  bis  31.  Dezember  und  in  Basel 
am  21.  Dezember  1916 
Bibliographie-Nr.  173. 

Band  V      Zeitgeschichtliche  Betrachtungen  -  Zweiter  Teil 

12  Vortrage,  gehalten  in  Dornach  vom  1.  bis  30.  Januar  1917 
Bibliographie-Nr.  174. 

Band  VI     Mitteleuropa  zwischen  Ost  und  West 

12  Vortrage,  gehalten  in  Miinchen  am  13.  Sept.,  3.  Dez.  1914,  23.  Marz, 
29.  Nov.  1915,  18.,  20.  Marz  1916,  19.,  20.  Mai  1917,  14.,  17.  Februar, 
2.,  4.  Mai  1918 
Bibliographie-Nr.  174  a. 


Band  VII    Die  geistigen  Hintergriinde  des  ersten  Weltkrieges 

16  Vortrage,  gehalten  in  Stuttgart  am  30.  Sept.  1914,  13.,  14.  Februar, 
22.-24.  Nov.  1915,  12.,  15.  Marz  1916,  11.,  13.,  15.  Mai  1917,  23.,  24. 
Februar,  23.,  26.  April  1918,  21.  Marz  1921 
Bibliographie-Nr.  174  b. 


RUDOLF  STEINER 


Innere  Entwicklungsimpulse 
der  Menschheit 

Goethe  und  die  Krisis 
des  neunzehnten  Jahrhunderts 

Sechzehn  Vortrage,  gehalten  in  Domach 
vom  16.  September  bis  30.  Oktober  1916 


1984 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  R.  Friedenthal  und  J.  Waegerf 


1 .  Auflage  in  dieser  Zusammenstcllung 
Gesamtausgabe  Dornach  1964 

2 . ,  neu  durchgesehene  Auflage 
(photomechanischer  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1984 


Veroffentlichungen 

Dornach,  16.  September  bis  1.  Oktober  1916:  «Innere  Entwicklungs- 
impulse  der  Menschheit.  Der  Sinn  des  geschichtlichen  Werdens.* 
(Kosmische  und  menschliche  Geschichte  III)  Dornach  1933 

Dornach  2.-30.  Oktober:  «Goethe  und  die  Krisis  des  neunzehnten 
Jahrhunderts.  Wirksame  Krafte  der  Gegenwart.*  (Kosmische  und 
menschliche  Geschichte  IV)  Dornach  1933 


Bibliographic  Nr.  171 

Zeichnungen  im  Text  auf  Grund  von  Skizzen  nach 
Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners,  ausgefuhrt  von  A.  Turgenieff 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
©  1964  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-1710-2 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Er  selbst  wo  lite  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei 
gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie 
als  «miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  kor- 
rigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen 
sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge  - 
nommen  werden  miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur 
als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offent- 
lichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie 
«Mein  Lebensgang*  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist 
am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  glei- 
chermafien  auch  fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Dornach,  16.  September  1916  

In  unsere  Gegenwart  fortwirkendes  Griechentum  und  Romertum.  Unter- 
werfung  des  Griechischen  dutch  die  Romer.  Griechentum:  Kunstlerisch- 
philosophisch;  Romertum:  Juristisch-phantasielos.  Griechische  und  romi- 
sche  Sprache.  Romisches  Recht.  Christ  en  turn  und  romisches  Staatswesen 
in  der  rom.-katholischen  Kirche  verbunden.  Vernichtung  der  Reste  des 
Griechentums  dutch  Schliefiung  der  Philosophenschulen  unter  Justinian; 
Vertreibung  des  Origenes.  Wiederaufleben  des  Griechentums  in  der 
Renaissance.  Raffaels  «Schule  von  Athen.» 

Zweiter  Vortrag,  17.  September  1916  

Die  Wirksamkeit  Luzifers  und  Ahrimans  im  griechisch-lateinischen  Zeit- 
alter.  Hoffnungen  Luzifers  bleiben  unerfullt,  Absichten  Ahrimans  wer- 
den  durchkreuzt.  Aufgaben  unserer  Zeit:  Reines  Anschauen  det  Sinnes- 
welt  und  freie  Imaginationen.  Goethe  und  Jakob  Bohme.  Mongolenstiir- 
me.  Entdeckung  Amerikas.  Dschingis  Khan.  Macchiavelli,  Thomas  von 
Kempis,  Musset,  Bohme.  Christus-Jesus-Darstellung  in  der  Malerei 
(Reni,  Murillo,  Lebrun,  Rubens,  Van  Dyk,  Rembrandt)  und  in  der  Lite- 
ratur:  Renan,  David  Friedr.  Straufi,  Solowjow. 

Dritter Vortrag,  18.  September  1916  

Einschlag  des  Luziferischen  von  Osten  (Dschingis  Khan)  und  des  Ahrima- 
nischen  von  Westen  (Mexikanische  Mysterien).  Der  mexikanische  Gott 
Taotl  als  Geist  des  Todes  will  Vertreibung  der  Seelen  von  der  Erde.  Der 
Gegner  Taotls:  Tetzkatlipoka.  Vitzliputzli  kampft  gegen  Taotl  zur  Zeit 
des  Mysteriums  von  Golgotha.  Extreme  der  Christus-Anschauung:  Re- 
nans  «Leben Jesu»  und  Solowjows  Christus-Auffassung.  «AUes  Aufiere  soli 
entziinden  Selbsterkenntnis;  das  Innere  soil  lehren  Welterkenntnis*  -  als 
Aufgabe  der  Anthroposophischen  Gesellschaft. 

Vierter  Vortrag,  23.  September  19 16  

Geisteswissenschaftliche  Geschichtsbetrachtung.  Das  Fortschreiten  vom 
4.  zum  5.  nachatlantischen  Zeitraum.  Das  Suchen  nach  Geist  im  Hypno- 
tismus  und  Spiritismus  durch  Herabstimmung  des  bewufiten  Erkennens. 
Gefahr  der  «Homunkulisierung»  der  Menschheit.  Aufgabe  der  Geistes- 
wissenschaft  ist  die  Erforschung  des  Lebendigen.  Ku  Hung  Ming  liber  den 
Untergang  der  europaischen  Kultur  als  Konsequenz  des  Materialismus. 

Funfter Vortrag,  24.  September  1916  

Atlantische  Impulse  in  den  mexikanischen  Mysterien.  Griechisches 
Phantasieleben  und  roraanischer  Egoismus.  Der  5.  Zeitraum  mufi  die 
sinnliche  Anschauung  und  die  freie  Imagination  ausbilden.  Luzifer  und 
Ahriman  suchen  atlantische  Impulse  zu  erneuern.  Die  Mongolenzuge.  In 


Mexiko  Kreuzigung  eines  eingeweihten  Schwarzmagiers  zur  Zeit  des  My- 
steriums  von  Golgatha.  Marco  Polo,  Kublai  Khan,  Christoph  Columbus. 
Unsere  Aufgabe:  Losung  des  Trieb -Problems,  des  Geburts-Problems,  des 
Problems  des  Todes  und  des  Bdsen. 

SechsterVortrag,  25.  September  1916  

Goethes  Geistesart.  Luziferisches  und  Ahrimanisches  bei  den  Kreuz- 
ziigen.  Der  Templerorden.  Philipp  der  Schone.  Das  Gold.  Christlische 
Einweihung  bei  den  Templern.  Der  Templer-Prozefl.  Die  erzwungenen 
Gestandnisse.  Weiterleben  der  Templerimpulse  z.B.  in  Julius  Mosen,  in 
Goethes  «Marchen  von  der  griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie»  und 
bei  Anastasius  Griin.  Die  Isis-Legende.  Goethes  Bedeutung  fur  Gegen- 
wart  und  Zukunft.  Goethe-Literatur:  Lewes,  Baumgartner,  Herman 
Grimm. 

SiebenterVortrag,  30.  September  1916  

Die  Faust-Gestalt.  Goethes  Faust  und  der  historische  Faust.  Alte  Magie, 
alte  Heilkunst.  Der  Osterspaziergang  im  «Faust».  Faust  und  Wagner. 
Fausts  Bibeliibersetzung.  Mephisto  als  fahrender  Scholast.  Mond  und  Sil- 
ber,  Gold  und  Sonne.  Die  alten  und  die  neuen  Mysterien.  Die  Isis- 
Legende.  Das  elektrische  Zeitalter.  Geisteswissenschaft  und  soziales 
Leben. 

AchterVortrag,  1.  Oktober  1916  

Heinrich  VIII.  von  England.  Die  Griindung  der  anglikanischen  Kirche. 
Ausbildung  abstrakt-rationalistischen  Denkens  bei  Locke,  Voltaire,  Mon- 
tesquieu, Hume,  Darwin.  Die  Hinrichtung  von  Thomas  Morus.  Folte- 
rung  und  Hinrichtung  der  Templer.  Defoes  «Robinson».  Bedeutung  ma- 
terialistischer  Vorstellungen  als  Erziehungsmittel.  Weltbild  von  Koperni- 
kus,  Kepler,  Galilei.  Neues  Geistwissen  geeignet,  in  das  praktische  Leben 
einzugreifen. 

NeunterVortrag,  2.  Oktober  1916  

Die  Templer.  Wolfram  von  Eschenbachs  «Parzifal».  Goethes  Gedicht 
«Die  Geheimnisse*.  Die  kosmische  Wesenheit  des  Atherorganismus.  Die 
Ideale  der  franzosischen  Revolution:  Freiheit,  Gleichheit,  Briiderlichkeit. 
Magnetismus  und  Elektrizitat.  Galvani.  «Schwankende  Erscheinung»  und 
«dauernde  Gedanken». 

ZehnterVortrag,  7.  Oktober  1916  

Uberreste  atlantischer  Mysterienmagie.  Ost  und  West  im  19.  Jahrhun- 
dert.  In  der  westlichen  Welt  Frage  nach  der  Verwandtschaft  der  Wesen, 
nach  Geburt  und  Vererbung.  Das  Bose,  das  Leiden  und  der  Tod  sind  die 
Fragen  im  Osten.  Nachdenken  iiber  das  Gluck  im  Westen,  Sehnsucht 
nach  Erlosung  im  Osten.  E.  Renan  und  David  Friedr.  Straufi.  Das  Nutz- 
lichkeitsprinzip.  Darwin.  Der  Malthusianismus.  Kampf  urns  Dasein, 


Auslese  der  Passendsten.  Gegensatz  dazu  Kropotkins  Prinzip  der  gegen- 
seitigen  Hilfeleistung.  H.P.  Blavatsky  zwischen  ostlichen  und  westlichen 
Beeinflussungen . 

Elfter  Vortrag,  14.  Oktober  1916  239 

Polaritat  zwischen  westlicher  und  ostlicher  Kultur  in  Europa.  Westliches 
Gliicks-  und  ostlichesEdosungsstreben.  Neue  Erkenntnisse:  Urphanome- 
ne  und  freie  Imaginationen.  Bourgeois  und  Pilger.  Calderons  «Wunder- 
tatiger  Magus»  und  Goethes  «Faust». 

ZwOlfterVortrag,  15.  Oktober  1916  259 

Auseinandergehen  des  Lebensathers  und  des  erdigen  Elements  in  der 
menschlichen  Organisation.  Im  Westen:  Beobachtung  von  Verwandlung 
und  Geburt,  Streben  nach  Gliick  und  Niitzlichkeit.  Osten:  Aufsuchen 
des  Bosen  und  des  Leidens,  Hinlenkung  auf  den  Tod,  Suche  nach  Erlo- 
sung  und  Befreiung.  Das  «BuroJulia».  Spiritismus;  Freuds  Psychoanalyse; 
Laurence  Oliphant;  H.  P.  Blavatsky;  Ku  Hung  Ming.  Pol  der  Utilitat,  Pol 
des  Sakramentalismus.  Bourgeois  und  Pilger.  Blavatskys  Personlichkeit. 

DreizehnterVortrag,  21.  Oktober  1916  277 

Episodische  Betrachtung.  Versiegen  der  Goetheschen  Anschauung  des  in 
der  Sinneswelt  verborgenen  Geistigen  im  19.  Jahrhundert.  Haeckels  bio- 
genetisches  Grundgesetz.  Weiterbildung  Goethescher  Anschauungen 
durch  die  Geisteswissenschaft.  Kopf  und  iibriger  Organismus  des  Men- 
schen  in  der  Entwicklung. 

VierzehnterVortrag,  28.  Oktober  1916  296 

Faust  und  der  Erdgeist.  Der  Einflufi  des  Materialismus  auf  das  Gedanken- 
leben  im  19 .  Jahrhundert.  Die  Erforschung  des  Leblosen.  Die  Beobach- 
tungen  von  John  Tyndall  und  Leconte.  Die  Theologie  im  Banne  der  Na- 
turwissenschaft.  Die  Verkennung  der  Anthroposophie  durch  Theologen. 

Funfzehnter  Vortrag,  29.  Oktober  1916  318 

Jaures  als  Beispiel  fiir  die  Erkenntnis-Ohnmacht  der  geistig  Strebenden 
im  19.  Jahrhundert.  Einflufi  der  Naturwissenschaft  auf  die  Theologie. 
Pfarrer  Jofi  iiber  moderne  Mystik.  I.P.V.  Troxler  als  Beispiel  einer  noch 
im  19.  Jahrhundert  vorhandenen  geistigen  Erkenntniskraft. 

Sechzehnter  Vortrag,  30.  Oktober  1916  337 

I.P.V.  Troxler.  Pico  von  Mirandola.  Die  Zuriickdrangung  der  Gnosis  in 
der  Entwicklung  des  Abendlandes.  Paracelsus.  Versuche,  die  alte  Weis- 
heit  in  den  Dienst  des  Egoismus  zu  stellen.  Die  Theosophische  Gesell- 
schaft.  Herman  Grimm  iiber  die  Zukunft  der  Menschheit. 

Hinweise  359 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften  373 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  375 


ERSTER  VORTRAG 
Dornach,  16.  September  1916 


Ich  werde  versuchen,  in  diesen  Tagen  die  Betrachtungen  iiber  das  Ver- 
haltnis  des  Menschen  zum  ganzen  Universum  weiter  fortzusetzen,  in- 
dem  ich  sie  auf  ein  anderes  Gebiet,  auf  ein  allgemeineres  Gebiet  bringe 
und  mir  die  Aufgabe  setze,  von  einem  bestimmten  Gesichtspunkte  aus 
auf  die  in  der  Menschheitsentwickelung  und  namentlich  in  der  Ent- 
wickelung  der  Gegenwart  wirksamen  Krafte  zu  sprechen  zu  kommen. 
Dazu  brauche  ich  heute  eine  gewissermafien  historische,  eine  geschicht- 
liche  Einleitung,  eine  geschichtliche  Einleitung  allerdings  von  den  Ge- 
sichtspunkten  aus,  die  sich  der  Geisteswissenschaft  ergeben.  Wir  haben 
es  ja  ofter  betont,  inwieferne  die  gewohnliche  geschichtliche  Betrach- 
tungsweise  eigentlich  Fable  convenue  ist,  und  wie  erst  von  den  Aus- 
gangspunkten  geisteswissenschaftlicher  Betrachtung  Klarung,  Licht 
auch  in  das  geschichtliche  Werden  der  Menschheit  kommen  kann.  Wir 
wissen  ja,  dafi,  wenn  wir  die  Evolution  im  grofien  betrachten,  wir 
immer  in  den  Vorgangen,  die  in  der  Gegenwart  spielen,  mit  erblicken 
miissen  Zuriickgebliebenes  aus  der  Vergangenheit.  Wir  nennen,  wie  wir 
gesehen  haben,  dieses  Zuriickgebliebene  der  Vergangenheit  luziferisch 
oder  ahrimanisch,  je  nachdem  es  dieses  oder  jenes  Wesens  ist,  worauf 
wir  auch  in  den  letzten  Betrachtungen  gedeutet  haben.  Allein  erst, 
wenn  man  bei  Dingen,  die  einem  recht  nahe  liegen,  die  man  in  ihren 
Wirkungen  unmittelbar  in  der  Umgebung  betrachten  kann,  das  Zu- 
riickgebliebene und  das  im  regelrechten  Gange  Fortschreitende  be- 
trachtet,  kommt  man  zu  einem  vollig  konkreten  Verstandnis. 

Daher  mochte  ich  heute  Ihre  Blicke  zunachst  zuriickrichten  nach 
dem  griechisch-lateinischen  Zeitraum,  also  nach  der  vierten  nachatlan- 
tischen  Periode,  und  mochte  einiges  von  dem  beibringen,  was  das  Ver- 
standnis eroffnen  kann  fur  die  Art,  wie  dieser  griechisch-lateinische 
Zeitraum  in  unsere  Zeit  hereinwirkt,  wie  gewissermafien  die  Krafte 
dieses  griechisch-lateinischen  Zeitraumes  noch  tatig  sind,  wie  sie  in 
einer  gewissen  Beziehung  mitten  unter  uns  sind,  um  daraus  zu  verste- 
hen,  wie  sich  der  Mensch  der  Gegenwart  gegeniiber  den  Einflussen  der 


Evolution,  in  derwirja  natiirlich  immer  mitten  drinnenstehen,  zurecht- 
finden  kann.  Denn  nur  dadurch,  daft  man  sich  zurechtfindet,  ist  man 
im  wahren  Sinne  des  Wortes  Mensch,  ist  man  im  wahren  Sinne  des 
Wortes  imstande  zu  begreifen,  was  man  sogar  in  jedem  einzelnen  Au- 
genblicke  des  Lebens  als  das  Richtige  zu  tun  hat.  Allerdings,  wenn  es 
sich  um  konkrete  Fragen  handelt  solcher  Art,  wie  sie  heute  besprochen 
werden  sollen,  so  bin  ich  in  der  Gegenwart  in  einer  eigentiimlichen 
Lage,  da  die  Moglichkeit  des  Miftverstandnisses,  und  zwar  zumeist 
sogar  des  willentlichen,  absichtlichen  Miftverstandnisses,  ja  sich  so  viel- 
fach  gezeigt  hat.  Ungefahr  in  demselben  Vierteljahre  wurde  ich  von 
der  einen  Seite  her  als  ein  wiitender  Pangermanist  bezeichnet,  und  von 
der  anderen  Seite  her  wurde  gesagt,  daft  ich  nichts  verstiinde  von  wah- 
rem  Deutschtum  und  eigentlich  nur  romanisches  Wesen  in  mir  als 
Krafte  fiihlte  und  nur  romanisches  Wesen  verstehen  konnte.  Wenn 
man  in  dieser  Weise  verstanden  wird,  so  ist  es  begreiflich,  daft  man 
etwas  von  der  Schwierigkeit  des  Verstandnisses,  der  Verstandigung 
ahnt,  und  man  kann  ja  dann  doch  nichts  anderes  tun,  als  das  zu  sagen, 
was  man  fur  wahr  erkannt  hat,  ganz  ohne  auf  das  eine  oder  andere  zu 
achten,  wenn  es  sich  darum  handelt,  dieWahrheit  selber  zu  formulieren. 

So  also  wollen  wir  unsere  Blicke  zuriickwenden  nach  dem  grie- 
chisch-lateinischen  Zeitraum,  nach  diesem  Zeitraum,  der  zu  uns  her- 
uberleuchtet  zunachst  durch  alles  das,  was  zuriickgeblieben  ist  vom 
Griechentum,  und  durch  alles  das,  was  sich  hereingelebt  hat  in  die  Ge- 
genwart aus  dem  Romertum.  Fuhren  wir  uns  einmal  vor  die  Seele,  was 
man  empfinden  kann  als  das  griechische  Wesen,  dieses  griechische  We- 
sen, welches  immer  wieder  und  wiederum  die  Sehnsucht  so  vieler  aus- 
gezeichneter  Seelen  bildet,  in  welches  sich  immer  wieder  und  wiederum 
so  viele  vertiefen  wollen.  Einiges  vom  griechischen  Wesen  weift  ja  wohl 
jeder,  entweder  aus  der  Geschichte  oder  aus  dem  vielen  sonstigen,  das 
als  Denkmaler  da  ist  vom  griechischen  Wesen.  Da  hat  man  von  diesem 
griechischen  Wesen  auf  der  einen  Seite  das,  was  in  den  Geschichts- 
biichern  steht.  In  diesen  Geschichtsbuchern  wird  oftmals  erzahlt,  was 
man  die  griechischen  Taten  nennen  konnte,  auch  einiges  von  den  grie- 
chischen sozialen  Einrichtungen.  Angefangen  wird  oftmals  beimTroja- 
nischen  Krieg;  es  wird  weitergeschritten  bis  in  die  spateren  Zeiten  des 


Griechentums,  zu  den  Perserkriegen,  in  noch  spatere  Zeiten  des  Grie- 
chentums, zum  Peloponnesischen  Krieg  und  so  welter,  bis  zum  Unter- 
gang  des  Griechentums  durch  die  Romer.  Das  alles  ist  aber,  ich  mochte 
sagen,  nur  das  eine  Kapitel  in  dem  grofien  Weltenbuche,  das  uns  iiber 
griechisches  Wesen  spricht.  Ein  anderes  Kapitel  ist  alles  das,  was  wir 
ja  auch  ofter  von  der  einen  oder  der  anderen  Seite  her  beriihrt  haben 
in  unseren  Betrachtungen,  was  wir  haben  in  den  Gesangen  Homers,  in 
den  Dichtungen  des  Aschylos,  Sopbokles,  Euripides,  soweit  sie  auf  uns 
gekommen  sind,  was  wir  haben  in  den  Gesangen  des  grofien  Pindar 
und  in  den  Erinnerungen  an  die  grofie  griechische  Kunstwelt,  was  wir 
haben  an  Hinterlassenschaf  t  der  griechischen  Philosophic 

Das  ist,  ich  mochte  sagen,  das  andere  Kapitel,  ein  Kapitel,  aus  dem 
uns  spricht  ein  unendlicher  Reichtum  menschlicher  Erlebnisse,  mensch- 
licher  Empfindungen  und  Gefuhle,  menschlicher  Anschauungen,  ein 
unendlicher  Reichtum  von  Vorstellungen  iiber  den  Weltenbau.  Und  in 
das  alles  spielt  hinein,  gewissermafien  es  iiberglanzend,  iiberstrahlend, 
was  wir  an  griechischen  Mythen,  an  griechischen  Gottersagen  haben, 
und  von  dem  wir  ja  so  oft  gehort  haben,  wie  es  in  bildhafter  Form  in 
wunderbarer  Art  ausdriickt,  was  die  Griechen  erschauen  konnten  in 
bezug  auf  die  Weltengeheimnisse.  Auch  einiges  von  dem  ist  an  unsere 
Seele  herangetreten,  was  das  griechische  Mysterienwesen  ist.  Und  all 
das  gehort  eben  zu  diesem  anderen  Kapitel  des  Griechentums,  zu  jenem 
Kapitel,  welches  den  Menschen,  der  zum  Geistigen  aufblicken  will,  viel 
mehr  interessieren  mufi  als  das  erste  Kapitel.  Und  wenn  wir  heute  spre- 
chen  von  dem,  was  uns  die  Griechen  sind,  so  ist  natiirlich  viel  mehr  ins 
Auge  zu  fassen  dieses  zweite  Kapitel  als  das  erste,  das  uns  ja  doch  nur 
Nachricht  geben  kann  von  den  verganglichen  Taten,  aus  denen  viel- 
leicht  der  Ruhm  der  Helden  spricht,  aber  die  doch  nur  weniges  hinter- 
lassen  haben  von  dem,  was  irgendwie  fur  heute  noch  eine  Bedeutung 
hat  der  Menschenseele  gegeniiber,  wahrend  all  das,  was  im  zweiten 
Kapitel  vom  Griechentum  aus  zu  uns  heruber  spricht,  heute  noch  fur 
den  Menschen,  der  da  will,  lebendig  werden  kann,  indem  er  eintreten 
kann  selbst  in  das  Begeisternde,  eintreten  kann  in  das  Schopferische 
dieses  Griechentums.  So  konnen  wir  die  eine  Seite  der  griechisch-latei- 
nischen  Zeit  uns  vor  unsere  Seele  stellen. 


Dann  sehen  wir,  wie  dieses  Griechentum  immer  mehr  und  mehr  ent- 
gegeneilt  seiner  Reife  gerade  auf  geistigen  Gebieten.  Das  ist  wunderbar 
zu  sehen,  wenn  man  es  im  einzelnen  wirklich  sachgemaft  verfolgen  will. 
Man  braucht  nur  gewissermafien  den  Extrakt  des  Geisteslebens  zu 
nehmen,  man  braucht  nur  zu  nehmen  die  griechische  Philosophic,  wie 
sie  hervorgeht  aus  den  alten  grofien  Philosophen,  die  Nietzsche  «das 
tragische  Zeitalter  der  Griechen»  genannt  hat:  Thales,  Anaximander, 
Heraklit,  Parmenides,  Anaxagoras.  Wir  blicken  dann  hin  zu  dem,  der 
in  einer  wunderbarenWeise  ein  neues  Zeitalter  eingeleitet  hat,  Sokrates, 
und  zu  dem  endlich,  der  ankniipfend  an  Sokrates  die  Menschheit  in 
einer  unerhorten  Weise  herauf  gehoben  hat  zu  geistigen  Idealen,  geisti- 
gen ideellen  Anschauungen,  zu  Plato.  Dann  tritt  uns  derjenige  ent- 
gegen,  der  doch  trotz  allem,  was  die  Menschheit  spater  gedacht  hat, 
die  umfassendsten,  die  eindringlichsten  Begriffe  schon  gefafit  hat,  zu 
Aristoteles,  der  diese  Begriffe  so  stark  gefafit  hat,  dafi  Jahrhunderte 
und  Jahrhunderte  nachher  das  noch  nachzudenken  hatten,  was  Aristo- 
teles gedacht  hat,  und  dafi  wir  mit  unserem  Denken  in  der  Aufienwelt 
noch  lange  nicht  so  weit  sind,  mit  alien  Begriffen  des  Aristoteles  schon 
rechnen  zu  konnen.  Goethe  hat  erst  spater  in  seinem  « Faust »  eingesetzt: 
«Faustens  Unsterbliches» ;  zuerst  hatte  er  im  Manuskript  stehen:  «Fau- 
stens  Entelechie»  -  Entelechie,  diesen  aristotelischen  Begriff,  der  in 
einer  viel  intimeren  Weise  das  Menschlich-Seelische,  das  durch  die 
Pforte  des  Todes  geht,  ausdriickt,  als  selbst  das  Wort  «Unsterbliches», 
das  ein  negatives  Wort  ist,  wahrend  Entelechie  ein  positives  Wort  ist. 
Aber  Goethe  hat  wohl  selber  gefuhlt,  als  er  schrieb:  «Faustens  Ente- 
lechie wird  von  den  Engeln  himmel warts  getragen»  -,  dafi  die  neuere 
Menschheit  wenig  Konkretes  sich  vorstellt  bei  dem  Ausdruck  Ente- 
lechie; daher  hat  er  den  gebrauchlicheren  Ausdruck  «Faustens  Unsterb- 
liches»  dann  an  die  Stelle  gesetzt.  Aber  er  hat  etwas  gefuhlt  von  der 
Tiefe  des  Entelechiebegriffs.  Dieser  Begriff  und  mancher  andere  Be- 
griff, sie  sind  noch  nicht  gehoben,  weil  das  Griechentum,  als  es  zu  seiner 
Reife  schritt,  wirklich  die  Begriffe  fein  plastisch  ausarbeitete  und  aus 
der  Wirklichkeit  heraus  holte,  und  die  Menschheit  des  fiinften  nach- 
atlantischen  Zeitraums  und  auch  schon  in  der  Einleitung  dieses  Zeit- 
raums  im  ersten  Mittelalter,  viel  zuviel  zu  tun  hatte,  grobere  Begriffe 


fur  die  auftere  materielle  Wirklichkeit  zu  verstehen,  und  die  feineren 
Begriffe,  welche  die  aufiere  materielle  Wirklichkeit  im  Sinne  des  Ari- 
stoteles  verbinden  mit  der  geistigen  Wirklichkeit,  zunachst  gar  nicht 
ordentlich  sich  vor  die  Seele  schaff en  konnte. 

So  sehen  wir  ein  Wunderbares  sich  entf  alten  in  dem  gesamten  grie- 
chischen  Kulturleben.  Und  als  dieses  griechische  Kulturleben  seiner 
Reife  entgegengeht,  als  das  Griechentum  immer  weiter  und  weiter- 
schreitet,  man  mochte  sagen,  in  einzelnen  Teilen  dann  iiberreif  wird, 
da  wird  es  gewissermafien,  wie  man  so  sagt,  erobert,  aufierlich  iiber- 
wunden  von  dem  Romertum.  Es  ist  ein  merkwiirdiger  Prozefi,  wie  die- 
ses Griechentum  von  dem  Romertum,  wie  man  sagt,  iiberwunden  wird. 
Und  in  den  beiden  Kulturstromungen,  dem  Griechentum  und  dem 
Romertum,  haben  wir  das,  was  den  vierten  nachatlantischen  Zeitraum 
zusammensetzt,  so  dafi  das  Verstandnis  dieser  beiden  Kulturstromun- 
gen aufierlich,  exoterisch  erlautern  kann  dasjenige,  was  innerlich  wirkt 
und  webt  in  diesem  vierten  nachatlantischen  Zeitraum.  Unterworfen 
also  wird  aufierlich  das  Griechentum  vom  Romertum,  unterworfen 
wird  es  so,  dafi  man  in  dem  ganzen  Prozefi,  der  sich  nun  abspielt  zwi- 
schen  dem  Griechentum  und  dem  Romertum,  ein  weltgeschichtlich 
interessantestes  Faktum  vor  sich  hat. 

Zunachst  das  Romertum.  Anders  als  das  Griechentum  steht  das  Ro- 
mertum im  Verhaltnisse  zur  Gegenwart.  Es  gibt  viele  Seelen,  welche 
das  Griechentum  suchen;  aber  man  mulS  es  suchen,  man  mufi  es  sich 
gewissermafien  immer  erst  herausholen  aus  einer  grauen  Geistestiefe. 
So  ist  es  nicht  mit  dem  Romertum.  Dieses  Romertum  lebt  in  einer  Weise 
viel  starker,  als  man  gewohnlich  glaubt,  in  unserer  gesamten  europa- 
ischen  Gegenwart  weiter  fort,  lebt  noch.  Wir  brauchen  nur  daran  zu 
denken,  wie  lange  Zeit  iiberhaupt  alles  Denken  der  europaischen  Vol- 
ker,  der  an  der  europaischen  Kultur  teilnehmenden  Volker,  in  lateini- 
scher  Sprache  gepflogen  wurde.  Wir  brauchen  nur  daran  zu  denken, 
welche  Bedeutung  fur  diejenigen,  die  heute  sich  vorbereiten  fur  fiih- 
rende  Lebensstellungen,  noch  immer  die  lateinische  Sprache  hat,  das 
heifk,  das  bis  in  unsere  Tage  herein  kristallisierte  Romertum;  wieviel 
von  Vorstellungen,  Empfindungen,  von  Seelenformationen  aus  dem 
Romertum  unmittelbar  aufgenommen  wird!  Unendlich  viel  wird 


gedacht  im  Stile  des  Romertums.  Juristerei  wird  zum  grofien  Teil  nur 
im  Stile  des  Romertums  gedacht.  Aber  auch  viele  andere  Begrif fe  sind 
heute  noch  so  geformt,  daift  sie  im  Stil  des  Romertums  geformt  sind. 
Und  eben  gerade  diejenigen,  die  fur  fuhrende  Stellungen  sich  vorberei- 
ten,  sie  miissen  durch  eine  solche  Erziehung,  durch  eine  solche  Schulung 
hindurchgehen,  daE  sie  mit  der  romisch-lateinischen  Sprache  eine  grofte 
Fiille  von  Empfindungen  dieser  Welt  aufnehmen,  so  daft  unser  offent- 
lichesLeben  iiberall  durchzogen  ist  von  Begrif  fen,  die  aus  dem  romisch- 
lateinischen  Wesen  stammen,  viel  mehr,  als  der  einzelne  glaubt.  Der 
Bauer  murrt  vielleicht  gegen  dieses  lateinische  Wesen,  aber  zuletzt 
nimmt  er  es  hin;  er  lafit  sich  ja  sogar  auch  die  Messe  in  lateinischer 
Sprache  vortragen.  Und  wie  lange  ist  es  her,  dafi  die  europaischen  Vol- 
ker  sich  gestemmt  haben  gegen  das  Obermafi  desjenigen,  was  an  Ein- 
fliissen  vom  lateinischen  Wesen,  vom  romisch-lateinischen  Wesen  aus- 
gegangen  ist?  Bis  ins  Blut  hinein  dringt  dieses  romisch-lateinische  We- 
sen bei  denjenigen,  die  zu  fiihrenden  Stellungen  sich  vorbereiten.  Und 
was  die  obere  Schicht  der  europaischen  Menschen  denkt  in  bezug  auf 
Geschichtliches,  Politisches,  Juristisches,  auch  das  Verwaltungsmafiige, 
das  ist  nicht  blofi  dem  Namen  nach,  sondern  der  Denkweise  nach  im 
hohen  Grade  durchsetzt  von  romisch-lateinischem  Wesen.  Also  anders 
als  zum  Griechentum  steht  der  europaische  Mensch  zum  romisch-latei- 
nischen Wesen,  zu  der  anderen  Stromung,  zu  der  zweiten  Stromung 
des  vierten  nachatlantischen  Zeitraums. 

Und  nun  stellen  wir  einmal  das  Romertum  neben  das  Griechentum 
hin,  wie  man  es  mufi,  wenn  man  wirklich  verstehen  will.  Man  kann 
sich  kaum  unter  den  Fakten  der  neueren  historischen  Entwickelung, 
wenn  ich  das  Griechentum  und  Romertum  zur  neueren  rechne,  starkere 
Gegensatze  denken,  trotz  aller  anderen  Gegensatze  auf  dem  Gebiet  des 
Geistes,  als  das  Griechentum  und  das  Romertum.  Das  Griechentum  - 
obzwar  das  nicht  genau  gesprochen  ist,  aber  mit  einem  Ausdruck  der 
Gegenwart,  der  heute  verstanden  wird  -,  so  wie  es  uns  erscheint  von 
einem  gewissen  Distanzpunkte  aus,  ganz  inPhantasie  und  kunstlerisch- 
philosophisches  Wesen  getaucht,  ganz  erglanzend  in  Formen  und  inne- 
ren  Bedeutungen,  ganz  sprechend  von  Seele  und  Geist.  Dagegen  das 
Romertum  -  nichts  von  alledem  durch  sein  eigenes  Wesen,  nichts  von 


alledem,  was  gerade,  wenn  man  das  Griechentum  an  sich  betrachtet, 
das  tief  Bedeutsame  am  Griechentum  ist.  Die  Romer,  ein  Volk  -  als 
Volk  -  ohne  Phantasie,  ohne  jene  Ergriffenheit  von  unmittelbar  kos- 
mischem  menschlichen  Leben,  in  die  alles  griechische  Seelenleben  ge- 
taucht  war.  Das  unerhort  freie  Leben  der  Griechen  -  wenn  auch  das 
Sklaventum  in  Griechenland  ausgebreitet  war,  als  Volkskultur  zeigt 
das  griechische  Leben  Freiheit  in  unerhorter  Weise  das  freie  griechi- 
sche Leben  unterjocht  von  dem  Rtimertum,  unterjocht  von  einer  rein 
juristisch-phantasielosen,  soldatisch-phantasielosen,  politisch-phanta- 
sielosen  Kultur!  Diejenigen,  die  selbst  das  Romertum  in  der  neueren 
Zeit  lieben,  aber  es  kennen  und  aus  Kenntnis  und  nicht  aus  Unkenntnis 
sprechen,  die  wissen,  dafi  das  Romertum  weder  auf  dem  Gebiete  der 
Wissenschaft,  noch  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  irgendwie  originell  war. 
Heriibergenommen  von  Griechenland  hat  das  Romertum,  nachdem  es 
das  Griechentum  politisch,  soldatisch  uberwunden  hatte,  dasjenige, 
was  im  Griechentum  lebte  an  Kunst,  an  Wissenschaft.  Und  selbst  die 
grofiten  romischen  Dichter,  sie  sind  wirklich  nichts  anderes,  verglichen 
mit  der  Geistesgrofie  der  griechischen  Kunst  und  griechischen  Dich- 
tung,  als  Nachahmer,  blofie  Nachahmer. 

Und  nun  wird  dieses  Romertum  grofi  auf  ganz  anderen  Gebieten. 
Es  wird  eben  gerade  grofi  auf  denjenigen  Gebieten,  urn  die  sich  die 
Griechen  weniger  kummerten,  fur  die  sich  die  Griechen  weniger  inter- 
essiert  haben:  es  wird  grofi  auf  juristischem,  auf  politischem,  auf  sol- 
datischem  Gebiete.  Es  entwickelt  Anschauungen,  Empfindungen  auf 
diesen  Gebieten,  die  eben  durch  die  eigentiimliche  Artung  des  romischen 
Volkes  so  stark  sind,dafi  sie  so  lange  fortwirken,wie  wir  heute  verzeich- 
nen  konnten.  Insbesondere  zeigt  sich  der  Unterschied  des  Griechentums 
und  des  Romertums  dann,  wenn  man  innerlich,  dem  Geistigen  nach,  die 
griechische  Sprache  und  die  romisch-lateinische  Sprache  betrachtet. 
Geister,  die  tiefer  gesehen  haben,  wie  im  19.  Jahrhundert  Herbart, 
wollten  daher,  dafi  der  Gymnasialunterricht  anders  eingerichtet  werde 
als  er  unter  der  machtig  fortsturmenden  Welle  des  Romertums  gewor- 
den  ist.  Dieser  Gymnasialunterricht  ist  ja  so,  dafi  man  zunachst  Latei- 
nisch  lernt  und  dann  Griechisch.  Herbart  wollte,  dafi  man  zuerst  Grie- 
chisch  lernt  und  dann  Lateinisch,  weil  er  der  ganz  richtigen  Meinung 


war,  daft  man  fur  das  Seelenhafte,  innerlich  intim  Wirkende  des  grie- 
chischen  Idioms  abgestumpft  wird,  wenn  man  vorher  Lateinisch  lernt. 
Es  ist  bisher  nicht  dazu  gekommen,  aber  es  ist  ein  Ideal  vieler  einsich- 
tiger  Padagogen  in  der  Gegenwart.  Aber  von  Einsicht  wird  ja  die  Ge- 
genwart  nicht  geleitet,  und  sie  hat  das  Karma  der  Einsichtslosigkeit  zu 
tragen. 

Die  griechische  Sprache  zeigt  als  Sprache  uberall,  daft  hinter  dem 
griechischen  Geistesleben  dasjenige  steht,  was  hereingeflossen  ist  aus 
den  alten  Imaginationen  des  agyptisch-chaldaischen  Zeitraumes.  Aller- 
dings,  die  heutige  Menschheit  ist  ja  oftmals  nicht  sehr  geeignet  dazu, 
zu  fuhlen  hinter  jedem  griechischen  Wort  dieses  Lebendige,  das  da  war 
in  der  griechischen  Seele.  Da  war  das  Wort  in  der  Tat  mehr  eine  auftere 
Gebarde  fur  ein  voiles,  inhaltsvolles  Erleben.  Gewift,  die  Imagination, 
das  bildhafte,  visionelle  Vorstellen  war  nicht  mehr  in  dem  Grade  bei 
den  Griechen  vorhanden  wie  im  agyptisch-chaldaischen  Zeitraum. 
Aber  den  Worten  merkt  man  noch  an,  daft  ein  Nachempfinden,  ein 
starkes  inneres  Nacherfiihlen  in  der  griechischen  Seele  lebt  von  dem, 
was  das  alte  imaginative  Vorstellen  durchweht  hat.  Und  in  das  Wort 
drangt  sich  uberall  hinein,  ich  mochte  sagen,  ein  Nichtachten  des  blo- 
fien  Wortes  in  der  griechischen  Sprache,  ein  noch  Gesattigtsein  von 
Seelenhaftigkeit.  Den  besten  iiberlieferten  griechischen  Worten  merkt 
man  diese  Seelenhaftigkeit  an.  Man  schaut  durch  das  Wort  hindurch; 
man  hort  nicht  das  Wort  unmittelbar,  sondern  schaut  durch  das  Wort 
hindurch  auf  einen  Seelenprozeft,  der  sich  abspielt.  In  der  Lautung  und 
in  der  grammatikalischen  Konfiguration  der  griechischen  Sprache  ist 
dieses"  ausgedriickt. 

Anders  ist  das  bei  der  romisch-lateinischen  Sprache.  Dasjenige,  was 
Sie  verfolgen  konnen  mit  Bezug  auf  die  Mythologie,  ist  ein  Charakte- 
ristikon  des  lateinisch-romischen  Idioms  selber.  Nehmen  Sie  die  grie- 
chischen My  then  mit  den  Gotternamen,  die  iiberliefert  sind:  Sie  werden 
uberall  hinter  den  Gotternamen  die  konkretesten  mythischen  Begeben- 
heiten  finden.  Und  wiederum  in  den  mythischen  Begebenheiten  drin- 
nen  werden  die  Gotter  lebendig,  so  daft  sie  vor  uns  stehen,  an  uns  vor- 
iibergehen,  daft  sie  sich  unmittelbar  -  vergleichsweise  gesprochen  -  wie 
Fleisch  und  Blut,  aber  seelisch  gemeint,  uns  darbieten.  Nehmen  Sie  die 


Gotternamen  der  Roraer,  den  Saturnus,  den  Jupiter:  fast  zu  abstrakten 
Begriffen  sind  sie  geworden.  Das,  was  dahintersteht  im  Griechentum, 
hat  sich  verloren,  zu  abstrakten  Begriffen  sind  sie  geworden.  Und  so 
ist  es  mit  dem  romisch-lateinischen  Idiom.  Vieles  von  dem,  was  hinter 
der  griechischen  Sprache  Hegt,  hat  sich  verloren.  Und  das  Wort  selber, 
wie  es  lautet,  wie  es  in  der  Sprache  grammatikalisch  sich  bildet,  das 
Wort  selbst  ist  dasjenige  geworden,  auf  das  man  die  Aufmerksamkeit 
richtet,  in  dem  man  lebt.  Das  unmittelbar  Seelenhafte,  das  kernhaft 
Gemutsinnige,  das  die  griechische  Sprache  hat,  das  ist  in  der  lateini- 
schen  Sprache  selber  einem  Kalteren  gewichen.  Daher  bedurfte  es  im 
lateinisch-romischenWesen  hinter  der  Sprache  nicht  jenesNachklanges 
von  imaginativem  Leben  -  das  war  ja  nicht  mehr  da  -,  sondern  es  be- 
durfte des  Affektes,  der  Leidenschaft,  der  Emotion,  um  gewissermafien 
die  Worte  in  Bewegung  zu  bringen.  Denn  die  lateinische  Sprache  ist  im 
vollsten  Sinne  eine  logische  Sprache,  und  damit  sie  nicht  blofi  logisch 
kalt  verlauft,mufi  dasjenige, was  in  ihr  ausgedriickt  wird,  fortwahr  end 
angefacht  werden  von  dem  Emotionellen,  das  immer  hinter  dem  romi- 
schen  Leben  ist  und  das  in  der  ganzen  romischen  Geschichte  lebt.  Dieses 
ganze  zweite  Kapitel,  das  ich  angefiihrt  habe,  findet  sich  nicht  in  der 
gleichen  Art  in  der  romisch-lateinischen  Geschichte.  In  dieser  romisch- 
lateinischen  Geschichte  sind  die  Dinge,  die  das  erste  grofie  Kapitel  aus- 
fiillen,  die  Hauptsache.  Und  diese  Hauptsache  lernen  zunachst  auch 
unsere  jungen  Leute  als  das  Tonangebende  in  der  Welt,  in  der  mensch- 
lichen  Entwickelung.  Und  Juristerei  zu  fassen  und  menschliche  Zusam- 
menhange,  wie  sie  sich  aus  der  Emotion  herausleben,  darzustellen,  das 
ist  gewissermaften  das  Geheimnis  der  lateinischen  Sprache  geworden. 

Man  mufi  solche  Dinge  heute  schon  ohne  Sympathie  und  Antipathie 
betrachten,  wenn  man  sie  wirklich  verstehen  will;  denn  es  ist  wichtig, 
diese  Dinge  zu  verstehen,  weil  sie  eine  so  grofie  Rolle  eben  gerade  in 
unserem  Bildungsleben  spielen,  weil  sie  sich  so  hineingenistet  haben  in 
unser  Bildungsleben.  Bedenken  wir,  aber  wie  gesagt  ganz  ohne  Sympa- 
thie und  Antipathie,  rein  historisch,  welche  Dinge  eigentlich  aufgenom- 
men  werden  von  dem  jugendlichen  Gemute,  indem  romische  Geschichte 
studiert  wird.  Vieles  bleibt  ja  unausgesprochen;  aber  das  Unausgespro- 
chene  wird  ja  erst  recht  vom  astralischen  Leibe  aufgenommen  und  lebt 


dann  in  den  Empf indungen,  lebt  in  den  Gefiihlen  der  Menschen  weiter. 
Das,  was  wir  heute  Recht  nennen,  gewift,  es  war  in  der  einen  oder  in 
der  anderen  Weise  vor  der  romischen  Kultur  da;  aber  so,  wie  wir  heute 
das  Recht  verstehen,  ist  es  gewissermaften  eine  Erfindung  der  Romer. 
Jenes  Recht,  das  sich  besonders  gut  eignet,  geschrieben  zu  werden,  jenes 
Recht,  das  sich  besonders  gut  eignet,  in  Paragraphen  die  Dinge  abzu- 
teilen,  hiibsch  einzuteilen,  Begriffe  iiber-  und  unterzuschachteln,  es  ist 
eine  Erfindung  des  romischen  Volkes.  Und  warum  hatten  die  Romer 
denn  nicht  der  Welt  sagen  sollen,  was  Recht  ist  und  wie  man  recht  han- 
delt?  Das  wird  ja  doch,  nicht  wahr,  unmittelbar  illustriert,  warum  sie 
das  haben  tun  sollen,  wenn  man  bedenkt,  daft  sie  ihre  eigene  Geschichte 
zuriickf iihren  auf  Romulus,  der  seinen  Bruder  erschlagen  hatte,  der  alle 
diejenigen,  die  etwas  ausgefressen  hatten  in  der  Nachbarschaft,  zusam- 
mensammelte,  um  daraus  die  ersten  romischen  Burger  zu  machen;  daft 
sie  zuruckfuhren  die  Moglichkeit,  ihr  Geschlecht  fortzupflanzen,  auf 
den  Raub  der  Sabinerinnen!  Also  scheint  ja  doch  wirklich,  mit  Hilfe 
jener  Macht,  die  dadurch  schaff t  und  wirkt,  daft  sie  den  Widerstand  in 
der  richtigen  Weise  betatigt,  dieses  Volk  in  der  Tat  berufen  worden  zu 
sein  zur  Erfindung  des  Rechts,  zur  Ausrottung  des  Unrechts,  dieses 
Volk,  das  sich  selbst  zuruckfiihrt  -  die  Manner  auf  Rauber  und  die 
Frauen  auf  Frauenraub!  Durch  den  Gegensatz,  durch  den  Kontrast 
erklart  sich  ja  mancherlei  in  der  Weltgeschichte.  Man  mufi  diese  Dinge, 
wie  gesagt,  ohne  Sympathien  und  Antipathien  betrachten,  so  betrach- 
ten,  wie  sie  sind. 

Nun  griinden  die  Romer  nach  und  nach  ein  grofies  Reich.  Wir  sehen, 
wie  zuerst  unter  dem  Einflusse  von  alter  magischer  Weisheit  die  sieben 
Konige  wirtschaften,  die  mehr  sind  als  eine  blofte  Mythe  -  das  haben 
wir  oft  hervorgehoben  -,  wie  aber  zuletzt  diese  sieben  Konige  imOber- 
mute  endigen.  Wir  gehen  dann  die  Zeiten  der  Republik  durch,  von 
denen  sich  die  Menschheit  noch  immer  nicht  gesteht,  wie  wenig  interes- 
sant  eigentlich  fur  einen  Gegenwartsmenschen  doch  diese  Zeiten  der 
romischen  Republik  im  Grunde  sind.  Das  heiftt,  obwohl  sie  so  wenig 
interessant  sind,  so  wenig  bedeutungsvoll  f  iir  den  Menschen  der  Gegen- 
wart,  bilden  sie  ja  immerhin  noch  einen  groften  Teil  desjenigen,  womit 
man  die  Jugend  heute  bildet:  diese  Kampfe  der  Patrizier  und  Plebejer, 


diese  Kampfe,  die  dann  zu  jenen  Tatsachen  gefiihrt  haben,  innerhalb 
welcher  wir  den  wenig  erfreulichen  Streit  zwischen  Marius  und  Sulla 
sehen,  in  welchem  wir  sehen,  wie  Rom  erzittert  vor  dem  Catilina,  sehen 
die  unendliche  Reihe  von  Sklavenkampf en  der  furchtbarsten  Art.  Diese 
ganze  Reihe,  sie  stent  heute  vielfach  da  als  das  Bildungsmittel  fur  un- 
sere  Jugend. 

Und  dann  sehen  wir,  wahrend  sich  das  auf  dem  romischen  Boden 
selber  zutragt,  dieses  Romertum  sich  immer  mehr  und  mehr  ausbreiten, 
so  dafi  es  zum  Imperium  wird,  gewissermaften  die  ganze  damalige  be- 
kannte  Welt  zu  umfassen  strebt  und  nach  und  nach  auch  wirklich  um- 
fafk.  Aber  wir  sehen,  wie  der  Romer  sich  allein  fiihlt,  fiihlt  in  einer 
Weise,  bei  der  man  manchmal  nicht  recht  nachdenkt,  wenn  man  sie 
heute  iiberblickt.  Wie  gut  stimmen  die  Taten,  nun,  sagen  wir  eines 
Caracalla  oder  anderer,  zu  der  Erfindung  des  Rechtes  fur  die  Mensch- 
heit?  Man  beachtet  heute  viel  zuwenig,  wie  diese  Romer  Recht  und 
Macht  auf  sich  vereinigt  haben  bei  furchtbarster  Knechtung  ihrer  Ko- 
lonien  und  furchtbarster  Knechtung  derjenigen  Volker,  iiber  die  sie 
nach  und  nach  ihre  Eroberung  ausgedehnt  haben.  Aber  da  die  Ge- 
schichte  Roms  so  bekannt  ist,  ist  es  doch  gut  -  weil  es  leicht  ist  -,  sie 
von  einem  reiferen  Standpunkt,  den  man  schon  einnehmen  kann,  ein- 
mal  zu  durchschauen.  Man  wird  dann  gewifi  nichts  in  den  Darstellun- 
gen  zu  korrigieren  haben,  denn  die  werden  schon  richtig  gegeben  in  der 
Geschichte,  aber  man  wird  manches  an  den  Gefuhlen,  die  man  dabei 
einzusaugen  gekriegt  hat,  zu  korrigieren  haben.  Man  kann  allerdings 
Gefiihle  korrigieren;  denn  man  konnte  ja  zum  Beispiel  sagen,  wenn 
man  nicht  ohne  Sympathie  oder  Antipathie  die  ganze  Sache  betrachtet, 
sondern  mit  der  sehr  haufigen  Sympathie  und  Antipathie:  Ja,  aber 
haben  denn  die  Romer  nicht  aus  sich  heraus  spater  das  romischeBurger- 
recht  den  Bewohnern  ihrer  Kolonien  gegeben?  -  Nun,  auf  die  Motive 
geschaut,  nimmt  sich  das  doch  sonderbar  aus,  denn  der  Caracalla  war 
es,  dem  man  sehr  selbstlose  Motive  nicht  gerade  zuzutrauen  hat,  son- 
dern romisch-egoistische  Motive,  der  den  Kolonisten  das  romische  Biir- 
gerrecht  gegeben  hat.  Das  spricht  genug  fur  die  Art  und  Weise,  wie  die 
Seelen  lebten  im  alten  Romertum.  Es  gab  allerdings  edle  Juristen,  die 
mit  Seelenhaftigkeit  sich  der  Jurisprudenz  gewidmet  haben,  wie  zum 


Beispiel  den  Papinian,  ein  edler  Mann;  aber  Caracalla  hat  ihn  hin- 
morden  lassen.  Und  so  konnte  man  noch  viele  Beispiele  anfuhren,  die 
schon  zu  einer  Korrektur  der  Empf  indung  fiihren  wiirden. 

Heriibergenommen  in  der  Weise,  wie  es  eben  konnte,  hat  das  Romer- 
tum  das  Griechentum.  Das  Griechentum  flofi  ein  in  das  Romertum. 
Geistig  ist  durchaus  das  Romertum  von  dem  Griechentum  iiberwunden 
worden.  Aber  das  Griechentum  mufke  diese  Uberwindung  mit  seinem 
Untergang  bezahlen,  mit  seinem  Untergang  als  politische,  man  kann 
nicht  sagen  Einheit,  denn  die  Griechen  waren  nie  eine  politische  Ein- 
heit,  sondern  als  politische  Gemeinschaft,  mit  seinem  Untergang  als 
politische  Gemeinschaft.  Bossuet  sagt  mit  Recht,  allerdings  indem  er 
seine  Bewunderung  an  diese  Worte  kniipft,  aber  Worte  konnen  ja  rich- 
tig  sein  und  man  kann  sie  in  verschiedener  Weise  empfinden:  Das  ein- 
zige,  wovon  man  reden  hort,  ist  die  Grofie  des  romischen  Namens.  - 
Gerade  in  den  besten  Zeken  des  Romertums  ist  es  die  Grofie  des  romi- 
schen Namens,  das,  was  in  das  Wort  ausgeflossen  ist,  das,  was  das  Wort 
als  solches,  als  Eigenschaft  fuhlt  und  empfindet.  Und  so  zeigt  denn 
auch,  sozial  gefafit,  das  Romertum  ungeheuren  Reichtum,  der  aus  den 
Kolonien  zusammenfliefk  in  Rom,  und  daneben  ungeheure  Armut 
eines  grofien  Teiles  der  Bevolkerung. 

In  der  ersten  Zeit  der  Eroberung  nimmt  das  Romertum  das  Grie- 
chentum hiniiber.  Dann  sehen  wir,wie  in  das  Romertum  sich  vorschiebt 
das  Christentum,  wie  das  Christentum  sich  in  das  Romertum  hinein- 
schiebt  und  wie  das  Christentum  seinerseits  iiber  sich  ergehen  lassen 
mufi  das  Formale,  das  da  liegt  in  dem  romischen  Wesen.  Man  konnte 
sagen:  Hinein  wachst  alles  das,  was  Institution  ist  des  ersten  Christen- 
tums,  in  die  Struktur  des  romischen  Juristisch-Verwaltungsmafiigen. 
Und  so  wird  das  alte  Romertum  in  der  Kirchenbildung  konserviert, 
bewahrt.  Dieses  Kirchentum  zeigt  in  seinen  Institutionen  gerade  in 
allem  die  Formen,  die  aus  dem  Romertum  heraus  gebildet  sind,  nimmt 
auch  die  lateinische  Sprache  auf,  um  in  der  lateinischen  Sprache  zu 
denken  und  damit,  mit  der  Ausbreitung  des  Christentums,  das  romisch- 
lateinische  Wesen  iiber  Europa  mit  auszubreiten.  Allerdings,  als  dann 
das  Romertum  aufgenommen  hatte  Griechentum  und  Christentum, 
kam  eine  Zeit,  wo  man  empfand,  da!5  man  eigentlich  das  Aufgenom- 


mene  nicht  versteht,  wo  man  es  nicht  wollte,  wo  man  es  wie  einen 
Fremdkorper  empfand.  Zunachst  wirkte  es  machtig  in  der  Zeit,  als 
man  das  Griechentum  eroberte;  aber  allmahlich  fiihlte  sich  das  Romer- 
tum  in  seinem  juristischen,  politischen  Wesen  erstarkt  und  empfand  in 
den  Formen  drinnen  das  Griechentum  als  etwas,  was  man  nicht  mehr 
haben  wollte.  Und  eine  Folge  davon  ist  ja,  daft  dann  im  6.  Jahrhundert 
der  ostromische  Kaiser  Justinian,  der  das  ganze  politisch-juristische 
Wesen  des  Romertums  kodifizieren  liefi  im  Corpus  juris  civilis,  so  dafi 
alles  beieinander  war,  was  gerade  im  politisch-juristischen  Wesen  das 
Romertum  hervorgebracht  hat,  dafi  Justinian,  der  wie  eine  Inkarnation 
des  romisch-lateinischen  Wesens  war,  trotzdem  er  driiben  im  ostromi- 
schen  Reiche  herrschte,  dafi  er  es  war,  der  die  athenischen  Philosophen- 
schulen  nun  endgultig  schlofi,  aufloste  und  die  griechische  Philosophic 
ertotete,  ihren  Betrieb  nicht  mehr  gestattete.  Er  war  es,  der  auch  die 
urspriingliche  freie  Entfaltung  des  christlichen  Wesens  ertotete,  indem 
er  hauptsachlich  es  bewirkte,  daft  Origenes,  der  die  Weisheit  des  Grie- 
chentums  verbunden  hat  mit  der  Tiefe  des  Christentums,  der  noch 
okkultes,  also  halb  geisteswissenschaftliches  Gut  in  das  Christentum 
hineingebracht  hat,  von  der  Kirche  verdammt  wurde.  Es  bewirkte  die- 
ses Justinian. 

Und  so  sehen  wir,  wie  ausf  liefit  in  die  Institutionen  Europas  das  Ro- 
mertum auf  dem  Umwege  durch  die  Kirche,  der  sich  dann  die  anderen 
politischen  Institutionen  anpassen,  gewissermafien  sich  aus  ihr  ergeben, 
indem  die  Herrscher  ein  besonderes  Gewicht  darauf  legen,  sich  zu 
nennen  «Defensor  fidei»  -  wenn  sie  auch  nachher,  als  sie  sich  scheiden 
lassen  wollten,  diesen  Titel  ablegten  und  eine  eigene  Kirche  griindeten! 
Nun  ja,  diese  Dinge  betrachtet  man  nicht  immer  so  mit  aller  Griind- 
lichkeit.  Also  solche  Herrscher,  sie  nennen  sich  Defensor  fidei,  sie 
nennen  sich  den  «allerchristlichsten  K6nig»  und  so  weiter.  Die  Institu- 
tionen des  offentlichen  Lebens  entwickeln  sich  herein  aus  dem  Romer- 
tum. Das  Romertum  infiziert  gewissermafien  alles,  impft  sein  Wesen  der 
europaischen  Bildung  ein.  Und  so  sehen  wir  denn,  wie  in  den  europa- 
ischen  Institutionen,  nachdem  Justinian  den  grofienKodex  des  romisch- 
juristisch-politischen  Denkens  angelegt  hatte,  nachdem  er  die  griechi- 
sche Philosophic  ausgerottet  hatte,  nachdem  er  den  Origenes  hat  ver- 


dammen  lassen,  so  sehen  wir,  wie  fortlebt  in  Europa  das  Romertum 
ohne  den  Inhalt  des  Griechen turns;  wie  gewissermafien  das  Aufierliche, 
das  im  Wort  erstarrt  und  in  der  aufieren  Institution  erstarkt,  bleibt,  wie 
das  fortlebt,  und  wie  es  herausgedrangt  hat  das  inhaltsvolle,  geistig 
vollsaftige  Griechentum. 

Die  einsichtigen  Okkultisten  aller  Jahrhunderte  haben  daher  immer 
ein  gewisses  Gefiihl  gehabt,  das  sie  erhalten  haben,  das  einstimmig  ist 
unter  denjenigen,  die  es  nicht  kaschieren  wollen  aus  gewissen  Griinden 
heraus;  sie  haben  das  rechte  Gefiihl  gehabt,  daft  fortlebte  auf  vielen 
Gebieten,  wie  man  sagte,  das  Gespenst,  der  «Revenant»  des  alten  R6- 
mertums  in  den  europaischen  Institutionen. 

Aber  wir  sehen  immer  wieder  und  wiederum,  wie  ins  Folgende  das 
Vorhergehende  hineinspielt,  wie  es  wieder  auflebt.  Und  so  sehen  wir, 
dafi  noch  ein  zweites  Mai  das  Romertum  von  dem  Griechentum  be- 
f ruchtet  wird.  Das  erste  Mai  war  es  ja  in  der  Zeit,  als  die  Republik  sich 
ins  Kaisertum  hinuberentwickelte  in  Rom,  wo  griechische  Kunst,  grie- 
chische  Philosophic,  griechisches  Geistesleben  hiniiberflofi  nach  Rom, 
wo  gewissermafien  die  Romer  das  Griechentum  lebten.  Sie  verhielten 
sich  ja  wie  die  grofien  Herren  und  machten  es  sich  leicht,  dieses  Grie- 
chentum heriiberzunehmen:  die  philosophisch  gebildeten  Griechen 
wurden  grofienteils  als  Erzieher  der  Sonne  romischer  Burger  angestellt, 
als  Sklaven  eigentlich.  So  erhalt  man  eine  Kultur,  die  man  iiberwunden 
hat,  so  nimmt  man  sie  heriiber  nach  romischen  Begrif fen. 

Dann  wiederum  folgt  eine  besondere  Epoche  nach  einer  Epoche  der 
Stagnation,  nach  einer  Epoche,  von  der  die  Geschichte  sogar  nur  we- 
niges  verzeichnet,  weil  diese  Epoche  lebte  in  einer  verkirchlichten  Ju- 
risprudenz  und  judiziell  gewordenen  Kirche,  in  einer  verpolitisierten 
Kirche;  dann  folgte  wie  ein  Wiederaufleben  des  Griechentums  die  Zeit 
von  Dante  bis  zum  Untergang  der  florentinischen  Freiheit,  die  Zeit, 
die  wir  bezeichnen  als  die  Zeit  der  Renaissance,  wo  das  Griechentum 
wiederum  auflebt  im  Romertum,  wo  die  Romer  wiederum  griechisch 
werden,  wo  insbesondere  Raffael  und  die  anderen,  in  deren  Mitte  Raf- 
fael  steht,  Griechisches  wiederum  aufleben  lassen  im  Romertum.  Aber 
es  ist  eine  Renaissance;  es  ist  keine  Naissance,  es  ist  eine  Renaissance. 
Und  lange  genug  mufke  Europa  zuriickblicken  zu  dieser  Renaissance. 


Als  Goethe  nach  Italien  ging,  suchte  er  nicht  romisches  Wesen  auf  - 
studieren  Sie  das,  was  Goethe  in  Italien  erlebte;  was  suchte  er?  Grie- 
chisches  Wesen  in  Italien!  Oberall  suchte  er  durch  das  Romertum  hin- 
durch  griechische  Art  und  Weise  zu  erkennen.  Wahrhaftig,  so  zusam- 
menwachsen  vergleichsweise  -  ich  will  das  mehr  als  Bild  sagen,  was 
ich  jetzt  sagen  werde  so  zusammenwachsen  konnten  wiederum  in 
der  Renaissance  Griechentum  und  Christentum,  dafi  jetzt  die  Nach- 
welt  gar  nicht  mehr  unterscheiden  kann  Griechentum  und  Christen- 
tum in  den  Schopfungen  der  Renaissance.  Gestritten  wird,  wie  ich 
Ihnen  ofter  schon  gesagt  habe,  ob  das  beriihmte  Bild  Raffaels  «Die 
Schule  von  Athen»,  wie  es  genannt  wird,  wirklich  in  den  Mittelfiguren 
Plato  und  Aristoteles  darstelle,  oder  ob  es  darstellt  Petrus  und  Paulus. 
Fur  das  eine  wie  fur  das  andere  sprechen  gewichtige  Griinde;  das  eine 
wie  das  andere  wurde  vertreten,  so  dafi  an  einem  der  hervorragend- 
sten  der  Bilder  nicht  zu  unterscheiden  ist,  ob  man  es  mit  griechischen 
oder  mit  christlichen  Gestalten  zu  tun  hat.  Aber  es  ist  eben  so  zusam- 
mengewachsen,  dafi  jene  wunderbare  Ehe,  welche  im  griechischen  Gei- 
stesleben  geschlossen  war  zwischen  dem  Geistigen  und  demMateriellen, 
dafi  jene  wunderbare  Ehe  sich  ebenso  ausdriicken  lafit  durch  Plato 
und  Aristoteles ,wie  durch  Petrus  und  Paulus.  In  dem  Plato,  den  manche 
sehen  wollen  in  dem  Bilde,  das  man  «Die  Schule  von  Athen»  nennt, 
sehen  wir  den  Greis,  der  hinaufhebt  die  Hand  ins  himmlische  Reich, 
neben  ihm  stehend  Aristoteles  mit  seiner  begriff  lichen  Welt,  hinunter- 
weisend  nach  der  materiellen  Welt,  um  den  Geist  in  der  Materie  zu 
suchen.  Ebensogut  kann  man  in  dem  Hinaufweisenden  den  Petrus,  in 
dem  Hinunterweisenden  den  Paulus  sehen.  Aber  immer  ist  wahrend 
dieser  Renaissance  rechtmafiig  die  Sache  auf  zwei  Personen  verteilt. 

Gegeniiber  der  Renaissance,  die  ein  Wiederaufleben  des  Griechen- 
tums  war,  mufi  etwas  Urspriingliches  wieder  kommen.  Das  kann  nur 
kommen  durch  Synthese,  durch  die  hohere  Synthese.  Sie  ist  dadurch 
gegeben,  dafi  in  derselben  Person  die  eine  wie  die  andere  Geste  sein 
wird:  die  Geste  hinauf  zum  Himmlischen,  die  Geste  hinunter  zum  Ir- 
dischen.  Dann  braucht  man  allerdings  das  Luziferische  und  das  Ahri- 
manische,  einander  kontrastierend.  Was  Sie  sehen  in  einem  der  groflten 
Kunstwerke  der  Renaissance  auf  zwei  Personen  verteilt,  miissen  Sie  in 


unserer  Gruppe,  die  geschaffen  werden  soli,  sehen  in  der  einen  Person 
des  Menschheitsreprasentanten:  die  eine  wie  die  andere  Geste! 

Es  brauchte  das  Mittelalter  oder  die  beginnende  Neuzeit  diese  Re- 
naissance, dieses  Wiederaufleben  des  Griechentums.  Und  wie  viel 
schreibt  sich  doch  an  lebendigem  Leben,  wie  es  seither  verflossen  ist, 
von  dieser  Renaissance  her!  Wir  sehen,  wie  bei  einem  Philosophen  wie 
Nietzsche  diese  Renaissance  wieder  auflebt  in  seinen  besten  Jahren; 
wir  sehen,  wie  sie  aus  der  Gelehrsamkeit  des  Jacob  Burckhardt  heraus- 
spriefit  in  einer  so  wunderbaren  Weise.  Bis  in  die  neueste  Zeit  wirkt  sie 
nach,  diese  Renaissance,  und  sie  stellt  sich  wie  etwas  aus  der  friiheren 
griechischen  Zeit  Herubergehendes  hinein  in  diese  neuere  Zeit.  Man 
kann  sagen:  Das  Griechentum  ist  aufierlich  vernichtet  worden  von 
dem  Romertum,  aber  viele  Sprossen  griechischer  Geisteskrafte  sind  ge- 
blieben.  Ungefahr  bis  zum  Jahre  333  -  denn  Justinian  hat  nur  noch 
den  Sarg  vernagelt,  der  zu  zimmern  begonnen  wurde  seit  dem  4.  Jahr- 
hundert  -  haben  sie  noch  gereicht,  hereingereicht,  diese  griechischen 
Geisteshelden.  Und  so  wie  zuriickgebliebene  Triebe  der  geistigen  Welt 
kommen  sie  wieder  hervor  in  der  Renaissancezeit.  Man  mochte  sagen : 
Wie  in  der  grofien  Evolution  gewisse  Mondenkrafte  zu  einer  bestimm- 
ten  Zeit  wiederum  aufleuchten,  ohne  deren  Aufleuchten  die  mensch- 
liche  Vernunft  und  die  menschliche  Sprache  nicht  hatten  geboren  wer- 
den konnen,  so  leuchtet  das  Griechentum  wie  ein  zuriickgebliebener 
Faktor  wiederum  auf  im  15.,  16.  Jahrhundert  und  bildet  die  Renais- 
sance. Da  haben  wir  ein  lebendiges  Beispiel,wie  dasjenige,  was  zuriick- 
geblieben  ist  und  was  in  einer  spateren  Zeit  dennoch  als  Luziferisches 
wirkt,  zum  Fortschritte  der  Menschheit  gewendet  wird  in  der  Gesamt- 
vernunft  des  Werdens.  Gewifi,  das  zuriickgebliebene  Griechentum,  das 
in  der  Renaissance  erscheint,  man  kann  es  als  etwas  Luziferisches  an- 
sprechen,  und  es  hat  ja  alle  Nebenerscheinungen  von  Luziferischem 
erzeugt,  wenn  wir  neben  den  Gestalten  von  Leonardo,  von  Michel- 
angelo, von  Raffael  solche  Gestalten  sehen  wie  AlexanderVL,  den 
Papst,  oder  wie  Cesare  Borgia  und  die  anderen,  die  als  die  Begleit- 
erscheinung  dieser  Renaissance  erscheinen. 

Europa  brauchte  diese  Renaissance,  denn  diese  Renaissance  bot 
Europa  recht,  recht  viel.  Und  so  haben  wir  denn  wiederum,  vom  15., 


16.  Jahrhundert  ab  erst  recht,  wenn  audi  jetzt  in  einer  verhullteren 
Gestalt,  die  beiden  Stromungen:  die  eine,  die  wieder  erneuert  war  in 
der  Renaissance,  die  andere,  die  eigentlich  immer  fortgewirkt  hat  und 
geblieben  ist  im  Romanismus,  die  nur  die  mannigfaltigsten  Formen 
und  Veranderungen  durchgemacht  hat.  Und  so  laufen  sie  in  der  neue- 
ren  Zeit  wiederum  nebeneinander,  die  beiden  Stromungen,  tief  ein- 
schneidend  nebeneinander,  haben  eine  aufierordentlich  grofie  Bedeu- 
tung.  Und  man  mufi,  wenn  man  so  etwas  bespricht,  sich  schon  bekannt- 
machen  mit  einer  Lebens-  undWeltenauffassung,  die  imstande  ist,  nicht 
bei  den  Worten  gleich  Sympathien  und  Antipathien  zu  empfinden, 
sondern  objektiv  zu  charakterisieren,  wirklich  die  Dinge  anzusehen. 

Wir  haben  viele  Renaissancevorstellungen,  vieleRenaissancebegriffe, 
die  weniger  auf  dem  Wege  der  Schulung  der  Jugend  als  auf  dem  Wege 
des  mehr  geistigen  Lebens  zu  den  Menschen  kommen.  Wiederum  weifl 
man  von  diesen  Sachen  nicht  viel;  aber  sie  leben  bei  jedem,  diese  Re- 
naissancebegriffe,  und  sie  sind  ein  anderes  Element  als  das,  was  eigent- 
lich nie  verschwunden  ist,  sondern  sich  immer  nur  fortgebildet  hat  als 
die  Begriffe  und  Anschauungen  des  Romanismus.  Eine  Art  imagina- 
tiven  Elementes,  eine  Rettung  des  imaginativen  Elementes  liegt  in  der 
Renaissance,  ein  Sich-Entwinden  dem  blofien  Logischen,  ein  Sich-Ent- 
winden  dem  Kalten  des  Latinismus,  der  den  emotionellen  Nachschub 
immer  braucht,  um  sich  zu  beleben,  weil  er  in  sich  selber  kalt  ist. 

Dem  stellt  sich  alles  das  gegeniiber,  was  als  erhebendes  Lebensele- 
ment  durch  die  Renaissance  wiederum  Europa  zugefugt  worden  ist: 
imaginatives  Leben.  Und  dieses  imaginative  Leben  mufite  ja  heriiber- 
gebracht  werden  aus  dem  Griechentum;  denn  wir  werden  morgen 
sehen,  was  gerade  das  bedeutete,  dafi  angefacht  wurde  imaginatives 
Leben,  schon  als  die  neue  Zeit  begann,  schon  als  der  vierte  in  den  fiinf- 
ten  nachatlantischen  Zeitraum  heriiberwuchs;  was  es  bedeutete,  dafi 
die  Renaissance  gewissermafien  Pate  gestanden  hat  bei  der  Geburt  des 
fiinften  nachatlantischen  Zeitraums.  Dieser  funfte  nachatlantische 
Zeitraum  mufi  sich  entwinden  -  indem  er  nicht  gleich  wiederum  eben 
allerlei  Gefuhlsbegriffe  anwendet,  sondern  indem  er  erkennt,  er  mufi 
sich  entwinden  dem  Romanismus,  in  der  Bedeutung,  wie  wir  versuch- 
ten,  es  heute  zu  schildern.  Die  Grofie  dieses  Romanismus  wird  ja  da- 


(lurch  nicht  verkleinert.  Aber  in  dem  Gleichklang,  in  dem  Waagehalten 
und  richtigen  Abwagen  liegt  das  Heil  der  Evolution,  nicht  in  dem 
Sich-Wenden  zu  dem  einen  oder  zu  dem  anderen  einseitigen  Extrem. 
Viele  Begriffe  leben  innerhalb  der  europaischen  Menschheit,  die  Ver- 
fiihrer  und  Versucher  sind,  weil  sie  vom  romisch-lateinischen  Wesen 
geblieben  sind,  und  weil  sie  wie  versucherische  Begriffe  leben,  indem 
sie  einen  Begriffs-  und  Empfindungskomplex  in  die  Seele  hereinbrin- 
gen,  dessen  man  sich  nicht  immer  vollstandig  bewufk  ist.  Gewifi  -  ich 
wies  schon  darauf  hin  -,  man  kann  nicht  sagen,  die  Romer  hatten  das 
politisch-judizielle  Element  vollig  erfunden;  aber  in  der  Art  haben  sie 
es  doch  erfunden,  wie  wir  es  heute  charakterisieren  wollten.  Und  gegen- 
iiber  dem,  was  der  Grieche  an  den  Menschen  gesehen  hat  aus  seinen 
lebendigen  Imaginationen  oder  beziehungsweise  aus  den  Erbschaften 
aus  lebendigen  Imaginationen  heraus,  hat  der  Romanismus  einen  be- 
stimmten  Begriff  gebildet,  der  in  dieser  Bedeutung  erst  im  Romanismus 
auflebt  und  der  eine  Pflanze  ist,  die  ganz  aus  juristisch-politischem 
Boden  herauswachst,  wenn  man  die  Sache  rich  tig  versteht:  das  ist  der 
Begriff  des  romischen  Civis,  des  romischen  Burgers;  der  Mensch  wird 
zum  Civis,  zum  romischen  Burger.  Damit  wird  dem  Menschenbegriff 
ein  Politisch-Juristisches  beigefiigt,  eingefiigt  dem  Menschenbegriffe 
ein  juristisch-politisches  Element.  Und  mit  dem,  was  ich  das  letzte  Mai 
als  Politisierung  der  Begriffswelt  bezeichnet  habe,  hangt  das,  was  ins 
Blut  der  europaischen  Volker  iibergegangen  ist  mit  dem  Civisbegrif fe, 
innig  zusammen.  Und  es  hat  Juristen  gegeben  in  der  neueren  Zeit,  wel- 
che  die  Zusammengehorigkeit  der  neueren  Menschheit  mit  dem  Romer- 
tum  einfach  auf  den  Civisbegriff  griindeten,  durch  den,  wenn  er  leben- 
dig  empfunden  wird,  sich  der  Mensch  hineinstellt  auf  politisch-juristi- 
sche  Weise  in  seine  Gemeinschaft.  Wenn  er  es  sich  auch  nicht  gesteht, 
mit  diesem  Begriffe  stellt  er  sich  auf  politisch-juristische  Weise  in  die 
Menschheit  hinein.  Von  «Zoon  politikon»  sprach  noch  Aristoteles;  er 
setzte  das  Politische  noch  mit  dem  Zoon,  mit  dem  Tiere  zusammen. 
Ja,  das  war  uberhaupt  noch  ein  ganz  anderes,  imaginatives  Denken, 
das  war  noch  nicht  ein  politisches  Denken;  das  war  noch  nicht  ein 
Politisieren  der  Begriffe. 

Und  so  bildete  sich  denn  jenes  Element,  das  man  bezeichnet  mit 


einer  rein  politisch-juristischen  Kategorie.  Man  ist  sich  dessen  nicht  be- 
wufit,  daft  man  dieses  Element  bezeichnet  mit  einer  juristisch-politi- 
schen  Kategorie,  aber  man  stellt  damit  die  Menschen  durch  Wahlver- 
wandtschaft  der  Begriffe  und  Ideen  hinein  in  ein  politisch-juristisches 
Element,  indem  man  die  Zusammengehdrigkeit  mit  dem  politisch- 
juristischen  Romertum  in  all  dem  erfuhlt,wenn  auch  oftmals  unbewufk 
erfiihlt,  was  man  in  der  neueren  Zeit  bezeichnet  mit  dem  Begriffs- 
ungetiim  -  denn  alles  das,  was  fur  eine  fruhere  Zeit  Bedeutung  hat,  in 
spatere  Zeit  versetzt,  kann  auch  zum  Ungetum  werden  -,  das  sich  auf 
dem  Civisbegriff  aufbaut,  mit  dem  Worte,  hinter  dem  ein  Begriffs- 
ungetiim  lebt,  mit  dem  Worte  «Zivilisation»,  mit  dem  solcher  Unfug 
getrieben  wird.  Und  in  alledem,  was  hinter  dem  Wort  Zivilisation 
steckt,  steckt  Romanismus.  Das  Pochen  auf  Zivilisation  in  der  Art  und 
Weise,  wie  es  heute  vielf  ach  geschieht,  ist  unverstandener  Romanismus, 
oftmals  nur  erfiihlter  Romanismus,  wie  es  oftmals  vorkommt,  daft 
man  mit  einem  Worte,  hinter  dem  man  etwas  besonders  Hohes  aus- 
sprechen  will,  etwas  ausspricht,  bei  dem  man  gar  nicht  weifi,  wie  sehr 
man  sich  damit  abhangig  macht  von  historischen  Machten.  Fiir  den- 
jenigen,  der  den  ganzen  politisch-judiziellen  Hintergrund  dessen 
schaut,  was  in  dem  Worte  Zivilisation  liegt,  fiir  den  bewirkt  das  Aus- 
sprechen  des  Wortes  Zivilisation,  wie  es  heute  geschieht,  oftmals  etwas 
wie  eine  Art  von  Gansehaut,  wie  eine  Art  von  geheimem  Gruseln, 
Grauen.  Solche  Dinge  mufi  man  schon  aussprechen,  denn  Geisteswis- 
senschaft  ist  nicht  fiir  die  Kinderstube,  wie  es  vielfach  die  Welt  meint, 
sondern  Geisteswissenschaft  ist  fiir  ernstes  Weltenerkennen.  Vor  die- 
sem  ernsten  Weltenerkennen  werden  wirklich  viele  Begriffe,  welche 
die  Menschheit  heute  als  ihre  Gotzen  anbetet,  von  ihren  Altaren  fallen. 
Das  mufi  Geisteswissenschaft  einsehen,  denn  sie  ist  nicht  fiir  die  Kin- 
derstube. Sie  ist  nicht  dazu  da,  die  Wesen  der  geistigen  Welt  zu  einer 
Art  von  vertrautem  Umgang  blofi  zu  machen,  den  man  gern  hat,  wie 
man  mit  Dichtern  verkehrt,  sondern  die  Geisteswissenschaft  ist  dazu 
da,  um  in  allem  Ernste  sich  der  geistigen  Welt  und  ihren  Kraften  zu 
nahern. 

Morgen  wollen  wir  dann  diese  Betrachtungen  weiterleiten  und  ins 
Geistige  hineinzustellen  wissen. 


ZWEITER  VORTRAG 
Dornach,  17.  September  1916 


Wir  haben  gestern  versucht,  gewissermafien  die  Charakteristik  zu  ge- 
ben  der  Krafte,  welche  das  Griechentum  und  das  Romertum  durch- 
drangen,  um  daraus  eine  Anschauung  dariiber  zu  gewinnen,  was  weiter 
wirksam  geworden  ist  aus  dem  vierten  nachatlantischen  Zeitraum  her- 
iiber  in  den  fiinften  nachatlantischen  Zeitraum,  und  wir  haben  einiges 
angedeutet  davon,  wie  dieses  Heriiberwirken,  dieses  Sich-Weiterergie- 
ften  der  Krafte  des  vierten  nachatlantischen  Zeitraums  in  den  fiinften 
hinein  sich  zeigte.  Ich  mochte  nun,  dafi  Sie  Ihre  Aufmerksamkeit  noch 
einmal  zuriicklenken  auf  die  Art  und  Weise,  wie  wir  das  Griechentum, 
wie  wir  das  Romertum  charakterisieren  konnten. 

Das  Griechentum,  so  wie  es  sich  entwickelt  hat,  war  eine  grofie  Ent- 
tauschung  fur  diejenigen  Machte,  die  man  die  luziferischen  Machte 
nennen  kann.  Es  ist  ja  natiirlich,  dafi  man  diese  Dinge  sozusagen  nur 
aus  der  imaginativen  Erkenntnis  heraus  geben  kann,  und  so  wollen  wir 
es  auch  heute  halten.  Also  eine  grofie  Enttauschung  war  das  Griechen- 
tum, wie  es  sich  entwickelt  hat,  denn  die  luziferischen  Machte  haben 
etwas  ganz  anderes  erwartet  vom  Griechentum.  Bedenken  wir  nur 
einmal,  dafi  das  Griechentum,  als  der  vierte  nachatlantische  Zeitraum, 
in  der  nachatlantischen  Zeit  den  luziferischen  Machten  hatte  gewisser- 
mafien  das  bringen  sollen,  was  sie  fiir  sich  als  luziferische  Machte  an- 
gestrebt  haben  wahrend  der  atlantischen  Zeit.  Die  luziferischen  Machte 
haben  gewisse  Tatigkeiten,  Krafteeinwirkungen  entfaltet  wahrend  der 
atlantischen  Zeit.  Sie  haben  fiir  sich  die  Friichte  wiederholentlich  er- 
wartet in  der  vierten  nachatlantischen  Kulturepoche.  Was  haben  sie 
denn  eigentlich  erwartet?  Wenn  man  so  etwas  bespricht,  kommt  man 
zu  einer  Anschauung  des  Inneren  der  luziferischen  Seele.  Man  lernt 
kennen  dieses  luziferische  Leben,  das  besteht  in  fortwahrenden  An- 
strengungen  in  gewissen  Zeitraumen,  in  der  Erwartung,  dafi  diese  An- 
strengungen  ihren  Erfolg  haben,  und  in  immer  neuen  Enttauschungen. 
Gewifi,  ein  sogenannter  menschlicher  Logiker  konnte  sich  sagen:  War- 
um  geben  die  luziferischen  Machte  ihr  Streben  nicht  auf,  da  sie  ja  die 


Schlufifolgerung  Ziehen  konnen,  dafi  sie  immer  wieder  enttauscht  wer- 
den  mussen?  -  Ein  solcher  Schlufi  ware  eben  auch  menschliche  Weis- 
heit,  nicht  luziferische  Weisheit.  Es  haben  das  eben  die  luziferischen 
Machte  bisher  jedenfalls  nicht  getan,  sondern  sie  vergrofiern  immer 
wieder  ihre  Anstrengungen,  nachdem  sie  immer  neue  Enttauschungen 
erlebt  haben. 

Was  haben  die  luziferischen  Machte  erwartet  gerade  von  dem  vier- 
ten  nachatlantischen  Zeitraum?  Sie  haben  erwartet,  dafi  sie  sich  in  die- 
sem  Zeitraum  bemachtigen  konnen  all  der  Seelenkrafte  des  griechischen 
Volkes,  welche  darauf  hinausliefen,  die  alten  Imaginationen  der  chal- 
daisch-agyptischen  Zeit  in  die  Phantasieschopfung  hereinzunehmen. 
Die  luziferischen  Machte  haben  angestrebt,  so  stark  auf  die  Menschen 
der  griechischen  Kultur  zu  wirken,  dafi  diese  verfeinerten,  ich  mochte 
sagen,  bis  zur  Phantasie  destillierten  Imaginationen  machtig  erfiillt 
hatten  das  ganze  Wesen  des  Griechen,  so  dafi  der  Grieche  gewisser- 
mafien  ganz  aufgegangen  ware  in  einer  Seelenwelt,  in  einem  alltag- 
lichen  Denken,  Fiihlen,  Wollen,  das  ganz  bestanden  hatte  in  feinen, 
eben  bis  zur  Phantasieanschauung  verfeinerten  Imaginationen.  Wenn 
der  Grieche  nichts  anderes  in  seiner  Seele  entwickelt  hatte  als  diese  ver- 
feinerten Phantasieimaginationen,  wenn  er  sich  ganz  erfiillt  hatte  mit 
diesen  verfeinerten  Gefuhlsimaginationen,  dann  hatten  die  luziferi- 
schen Machte  den  Menschen,  diesen  griechischen  Menschen,  und  damit 
nachziehend  einen  grofien  Teil  der  Menschheit  iiberhaupt,  herausheben 
konnen  aus  der  irdischen  Evolution  und  in  ihre  luziferische  Welt  ein- 
fiigen.  Das  war  die  Absicht  der  luziferischen  Machte.  Es  war  auch  die 
Hoffnung  der  luziferischen  Machte  seit  der  alten  atlantischen  Zeit,  das 
zu  erreichen  in  diesem  vierten  nachatlantischen  Zeitraum,  was  wah- 
rend  der  Atlantis  selber  nicht  gelungen  war:  die  Einverleibung  der 
Menschheit  in  den  Kosmos  auf  der  Stufe,  die  da  die  Menschheit  er- 
reicht  hatte.  Nichts  Geringeres  wollten  die  luziferischen  Machte,  als 
fur  sich  eine  Welt  schaf fen,  eine  aparte,  abgesonderte  Welt,  in  welcher 
ohne  die  Erdenschwere,  mit  vollstandiger  ubersinnlicher  Leichtigkeit, 
die  Menschenwesen  wohnten,  indem  sie  ganz  aufgehen  in  dieser  apar- 
ten  luziferischen  Welt  in  einem  Phantasieleben. 

Also  einen  planetarischen  Korper  zu  schaffen  mit  solchen  Wesen, 


die  aus  derMenschheit  heraus  zu  der  hochsten  Entwickelung  des  Phan- 
tasielebens  gekommen  sind,  das  war  die  Hoffnung  der  luziferischen 
Wesenheiten.  Und  die  luziferischen  Wesenheiten  machten  alle  Anstren- 
gungen,  die  Griechen  dazu  zu  bringen,  sie  als  Seelen  hinwegzufiihren 
von  der  Erde.  Dann  wiirden  die  Seelen  nach  und  nach  die  Erde  ver- 
lassen  haben;  die  K6rper,die  noch  entstanden  waren,  wiirden  verf alien 
sein.  Ich-lose  Individuen  wiirden  entstanden  sein.  Die  Erde  ware  der 
Dekadenz  entgegengegangen  und  ein  besonderes  luziferisches  Reich 
ware  entstanden.  Das  ist  nicht  geschehen.  Und  wodurch  ist  es  nicht 
geschehen?  Es  ist  nicht  geschehen  dadurch,  dafi  sich  in  den  sich  ver- 
gottlichenden  Wahnsinn  der  griechischen  Dichter  -  um  dies  platonische 
Wort  zu  gebrauchen  -  hineinmischte  die  genialeGrofie  der  griechischen 
Philosophic,  der  griechischen  Weisheit.  Seine  Philosophen:  Heraklit, 
Thales,  Anaximander,  Anaximenes,  Parmenides,  Sokrates,  Plato,  Ari- 
stoteles,  sie  haben  das  Griechentum  gerettet  vor  der  vollstandigen  Ver- 
geistigung  im  Phantasieleben.  Sie  haben  das  Griechentum  auf  der  Erde 
erhalten.  Sie  sind  diejenige  Macht,  welche  die  starksten  Krafte  gelief ert 
hat  zur  Erhaltung  des  Griechentums  innerhalb  der  Erdenevolution. 

So  mufi  man  im  Zusammenhange  betrachten  die  hinter  der  physi- 
schen  Wirklichkeit  liegenden  Krafte,  welche  die  wahren  Ursachen 
sind  fur  das,  was  geschieht.  Auf  diese  Weise  ist  also  das  Griechentum 
der  Erdenevolution  erhalten  geblieben.  Mit  Bezug  auf  diese  Aufgabe 
hatten  die  luziferischen  Wesenheiten  ohnehin  nichts  erreichen  konnen, 
wenn  sie  nicht  unterstiitzt  worden  waren  von  den  ahrimanischen  We- 
senheiten. Es  haben  die  luziferischen  Wesenheiten  bei  dieser  Absicht 
und  bei  dieser  Hoffnung  auch  gerechnet  auf  die  Unterstiitzung  der 
ahrimanischen  Wesenheiten.  Dieses  mufi  ja  immer  sein,  daft  in  diesen 
Wirkungen  zwei  Krafte  zusammenstreben. 

Ebenso  wie  die  luziferischen  Wesenheiten  enttauscht  worden  sind 
durch  das  Griechentum,  so  sind  die  ahrimanischen  Wesenheiten  ent- 
tauscht worden  durch  das  Romertum,  wie  es  sich  entwickelt  hat.  Denn 
wie  ihrerseits  die  luziferischen  Wesenheiten  im  Griechentum  erreichen 
wollten  das,  was  angedeutet  worden  ist:  ein  Hinwegfiihren  der  Men- 
schenseelen  von  dem  irdischen  Planeten,  so  wollten  auch  die  ahrima- 
nischen Wesenheiten  ihre  Arbeit  zu  diesem  Hinwegfiihren  tun.  Dazu 


sollte  die  romische  Kultur  eine  ganz  bestimmte  Gestalt  annehmen.  Im 
Romertum  haben  die  ahrimanischen  Machte  ihre  starksten  Krafte  ein- 
gesetzt,  so  wie  im  Griechentum  die  luziferischen.  Denn  die  ahrimani- 
schen Krafte  haben  darauf  gerechnet,  da/5  durch  das  Romertum  auf 
der  Erde  eine  gewisse  Erstarrung  entstehe  in  einem  ganz  blinden  Ge- 
horsam  und  in  einer  blinden  Unterwerfung  unter  das  Romertum.  Was 
die  ahrimanischen  Machte  mit  dem  Romertum  wollten,  bestand  darin, 
dafi  sich  iiber  die  ganze  damals  bekannte  Erde  hin  ein  romisches  Reich 
erstreckte,  ein  romisches  Reich,  welches  alle  menschliche  Betatigung  in 
sich  fassen  sollte,  welches  mit  strengstem  Zentralismus  und  argster 
Machtentfaltung  von  Rom  aus  hatte  dirigiert  werden  sollen:  gewisser- 
mafien  von  Europa  ausgehend  eine  grofie,  eine  weitverbreitete  Staats- 
maschine,  die  zu  gleicher  Zeit  alles  religiose  und  alles  kiinstlerische 
Leben  aufgenommen  und  sie  sich  unterworfen  hatte.  Eine  grofie  Staats- 
maschine,  ein  Staatsmechanismus,  in  dem  beabsichtigt  war  von  seiten 
der  ahrimanischen  Machte,  alle  Individuality  ersterben  zu  lassen,  so 
dafi  ein  jeglicher  Mensch,  ein  jegliches  Volk  nur  ein  Glied  in  diesem 
grofien  Staatsmechanismus  gewesen  ware. 

So  wenig  das  Griechentum  in  den  luziferischen  Traum  einzulullen 
war  wegen  der  Helligkeit  seiner  Philosophen,  so  wenig  war  aber  das 
Romertum  so  zum  Erstarren  zu  bringen,  wie  es  die  ahrimanischen 
Machte  gewollt  haben.  Und  den  ahrimanischen  Machten  wirkte  gerade 
entgegen  im  Romertum  das,  was  wir  gestern  angefiihrt  haben  als  die 
romischen  Ideale;  gerade  das  wirkte  zunachst  entgegen.  Aber  das  allein 
hatte  gegen  Ahriman  nicht  anstiirmen  konnen,  was  an  juristischen, 
an  politischen,  an  soldatischen  Idealen  sich  entwickelte;  denn  gerade 
innerhalb  dieser  romischen  Welt  entwickelten  die  ahrimanischen 
Krafte  etwas  wie  einen  bedeutsamen  grofien  Versuch  als  Wiederholung 
ihres  Versuches  in  der  atlantischen  Zeit,  unendlich  starke  Krafte  und 
Machte.  Nur  dadurch,  dafi  von  einer  anderen  Seite  her  das  durch- 
brochen  wurde,  was  die  ahrimanischen  Machte  mit  dem  Romertum 
vorhatten,  nur  dadurch  ist  der  Ansturm  Ahrimans  verhindert  worden; 
zuerst  verhindert  worden  durch  etwas,  was  vielleicht  gerade  so  aus- 
sieht,  als  ob  man  es  niedrig  taxieren  sollte.  Das  ist  aber  nicht  der  Fall. 
Die  Romer  brauchten  gerade  das,  was  vielleicht,  indem  es  gestern  ge- 


schildert  worden  1st,  so  ausgesehen  hat,  als  ob  man  es  mit  Antipathie 
hatte  schildern  wollen,  die  Romer  brauchten  gerade  diese  Riicksichts- 
losigkeit,  diesen  starren  Egoismus,  dieses  Immerfort-und-fort-Aufriit- 
teln  der  Emotionalitat,  um  gegen  den  Ansturm  der  ahrimanischen 
Machte  vorgehen  zu  konnen.  Und  die  romische  Geschichte  ist  nicht 
etwa  -  ich  bitte  Sie,  das  ausdriicklich  zu  beachten  -  eine  Offenbarung 
ahrimanischer  Machte!  Die  stehen  dahinter:  die  romische  Geschichte 
ist  ein  Kampf  gegen  die  ahrimanischen  Machte.  Und  wenn  sie  so  ver- 
worren  ist,  wenn  sie  so  selbstsuchtig  ist,  wenn  sie  so  auf  Verpolitisie- 
rung  der  Welt  gerichtet  ist,  so  ist  das  deshalb,  weil  nur  auf  diese  Weise 
der  Mechanisierung  Ahrimans  Widerstand  geboten  werden  konnte. 

Aber  all  das  hatte  nicht  viel  gefruchtet,  aus  dem  einfachen  Grunde, 
weil  das  Romertum  auch  aufgenommen  hat  das  Christentum,  und  da- 
durch  wiirde  das  Christentum  im  Romertum  eine  Form  angenommen 
haben,  durch  die  Ahriman  erst  recht  sein  Ziel  hatte  erreichen  konnen, 
indem  er  gerade  durch  die  geistige  Abdammerung  des  ins  Papsttum 
verwandelten  Romertums  die  Mechanisierung  der  Kultur  der  neueren 
Zeit  hatte  bewirken  konnen.  So  mufite  dem  Ahriman,  der  ja  mit  viel 
aufierlicheren  Mitteln  wirkt  als  Luzifer,  entgegengestellt  werden  eine 
andere  Macht,  auch  eine  aufierliche  Macht.  Ahriman  hat  die  Krafte 
des  Christentums  in  seinen  Dienst  verkehrt,  wie  wir  eben  gesehen  ha- 
ben. Es  mufite  ihm  eine  andere  Macht  entgegengestellt  werden,  und  die 
bestand  in  den  anstiirmenden  Volkern  der  Volkerwanderung.  Dadurch, 
dafi  dem  Romertum  entgegengetreten  worden  ist  in  den  anstiirmenden 
Volkern  der  Volkerwanderung,  ist  verhindert  worden,  dafi  jene  starre 
Mechanisierung  unter  einem  alles  umfassenden  Romerreich  eingetreten 
ist.  Studieren  Sie  die  Vorgange  wahrend  der  Volkerwanderung,  so 
werden  Sie  sehen,  dafi  Sie  eine  richtige  Einsicht  erst  gewinnen,  wenn 
Sie  diese  auffassen  als  Vorstofie  gegen  die  Mechanisierung  in  einem 
allumfassenden  romischen  Reich.  Uberall  schiebt  sich  das,  was  aus  der 
Volkerwanderung  kommt,  in  das  Romerreich  hinein,  nicht  um  die 
romische  Geschichte  aus  der  Welt  zu  schaffen,  sondern  um  die  hinter 
der  romischen  Geschichte  wirkende,  ja  von  der  romischen  Geschichte 
selbst  bekampfte  ahrimanische  Macht  zuruckzudrangen. 

Auf  diese  Weise  ist  Ahriman,  ist  Luzifer  enttauscht  worden.  Um  so 


bedeutungsvoller  wollen  sie  ihre  Aufgabe  fiir  den  funften  nachatlan- 
tischen  Zeitraum  wieder  aufnehmen.  Und  hier  ist  der  Punkt,  wo  man 
zu  einem  Verstandnisse  kommt  der  Krafte,  die  in  dem  funften  nach- 
atlantischen  Zeitraum  wirksam  sind,  soweit  ein  solches  Verstandnis 
heute  moglich  ist. 

Dieser  vierte  nachatlantische  Zeitraum  dehnt  sich  nach  hinten  und 
vorn  aus.  Ungefahr  ist  sein  Ende  das  Jahr  1413,  seine  Mitte  das  Jahr 
333  nach  Christi  Geburt,  und  etwa  747  vor  Christi  Geburt  ist  sein 
Anfang.  Das  haben  wir  ja  ofter  besprochen.  Das  sind  Zahlen,  die  ja 
natiirlich  heute  nur  approximativ  gelten.  Ich  sagte  nun:  Das,  was  Luzi- 
fer  und  Ahriman  nicht  erreichen  konnten  im  vierten  nachatlantischen 
Zeitraum,  was  ihre  Enttauschung  war,  eben  die  Gestalt,  die  das  Grie- 
chentum  und  Romertum  angenommen  hatte,  fuhrte  sie  zum  verstark- 
ten  Anstreben  im  funften  nachatlantischen  Zeitraum,  also  voml5.Jahr- 
hundert  an.  Und  in  den  menschlichen  Kraften,  die  da  wirken  seit  dem 
15.  Jahrhundert,  sind  diese  Anstrengungen  schon  darinnen.  Natiirlich 
kommt  es  nicht  darauf  an,  ob  etwas  ein  paar  Jahrzehnte  friiher  oder 
spater  auftritt;  in  der  aufieren  physischen  Wirklichkeit,  wo  man  es  ja 
mit  der  grofien  Tauschung  zu  tun  hat,  verschieben  sich  die  Dinge  zu- 
weilen  etwas.  Dafi  das  Romertum,  so  wie  es  erhalten  worden  ist,  fiir 
die  Entwickelung  der  Menschheit  erhalten  werden  konnte,  wird  also 
verdankt  den  Ereignissen  der  Volkerwanderung.  Denn  hatte  sich  das 
Romertum  so  entwickelt,  dafi  ein  grofies,  umfassendes,  mechanisiertes 
Weltenreich  entstanden  ware,  so  ware  dieses  Weltenreich  nur  moglich 
zu  bewohnen  gewesen  von  jenen  Ich-losen  Menschen,  die  auf  der  Erde 
hatten  zuriickbleiben  sollen,  nachdem  die  luziferischen  Geister  die 
Seelen  auf  dem  Wege  des  Griechentums  hinausgebracht  hatten. 

Sie  sehen  also,  wie  Ahriman  und  Luzifer  zusammenarbeiten.  Die 
Menschenseelen  will  Luzifer  heraus  haben  und  einen  eigenen  Planeten 
mit  ihnen  begriinden;  Ahriman  mufite  nun  ihn  unterstiitzen  dadurch, 
dafi,  wahrend  Luzifer  gewissermafien  den  Saft  aus  der  Zitrone  heraus- 
saugt,  Ahriman  ihn  herausdriickt,  indem  er  das,  was  zuriickbleibt,  ver- 
hartet.  Und  das  versuchte  er  im  Romischen  Reiche  zu  tun.  Sie  sehen 
da  einen  machtigen,  umfassenden  kosmischen  Prozefi,  der  sich  ent- 
wickelt hat,  der  aber  beabsichtigt  war  von  den  ahrimanischen  und  luzi- 


ferischen  Machten.  Wie  gesagt,  diese  waren  enttauscht.  Sie  haben  ihre 
Anstrengungen  weiter  fortgesetzt,  und  der  fiinfte  nachatlantische  Zeit- 
raum  wird  schon  noch  merken  und  verstehen  lernen,  wie  stark  diese 
Anstiirme  sind,  die  ja  erst  ihren  Anfang  genommen  haben,  und  die, 
weil  immer  im  Anfang  eines  Zeitraumes  die  Anstiirme,  die  von  den 
zuruckbleibenden  Wesen  ausgehen,  am  geringsten  sind  und  dann  im- 
mer machtiger  werden,  und  wie  daher  auch  die  Notwendigkeit,  diese 
Anstiirme  zu  verstehen,  immer  grofier  und  grofier  wird.  Schon  vor 
Ablauf  des  vierten  nachatlantischen  Kulturzeitraumes  haben  die  luzi- 
ferischen  und  ahrimanischen  Machte  begonnen,  ihre  Krafte  einzu- 
setzen,  wenn  auch  die  Manifestation,  die  Offenbarung  dieses  Ein- 
setzens  erst  spater  herausgekommen  ist. 

Will  man  verstehen,  wie  in  dem  fiinften  nachatlantischen  Zeitraum 
diese  Anstiirme  wirken,  so  mufi  man  ein  wenig  das  Augenmerk  auf  das 
richten,  was  in  der  gerecht  fortlaufenden  Menschheitsentwickelung 
mit  dem  Menschen  selber  beabsichtigt  ist.  Mit  dem  Menschen  selber  ist 
beabsichtigt,  dafi  er  wiederum  ein  Stuck  vorschreitet,  als  Menschen- 
geschlecht  vorschreitet  in  der  Gesamtentwickelung.  Wie  die  Mensch- 
heit  als  solche  vorwartsgekommen  ist  im  vierten  nachatlantischen  Zeit- 
raum, das  zeigt  ja  die  Kulturentwickelung  der  Griechen,  das  zeigt  die 
politische  Entwickelung  der  Romer.  Es  ist  gerade  durch  den  Kampf 
gegen  Luzifer  und  Ahriman  das  zustande  gekommen,  was  hat  zu- 
stande  kommen  sollen;  denn  immer  werden  die  Krafte  dieser  Machte 
so  gewendet,  daft  sie  gewissermafien  in  den  fortgehenden  Weltenplan 
hineinpassen,  dafi  man  sieht,  sie  gehoren  dazu.  Man  braucht  sie  als 
widerstandige  Krafte.  Also,  welche  Fahigkeiten  sollten  die  Menschen 
des  fiinften  nachatlantischen  Zeitraums,  unseres  Zeitraums,  besonders 
entwickeln?  Wir  wissen  ja,  dafi  es  sich  um  die  Entwickelung  der  Be- 
wulkseinsseele  handelt,  allein  diese  mufi  sich  wiederum  zusammen- 
setzen  aus  einer  Reihe  von  Kraften,  Seelenkraften,  korperlichen  Kraf- 
ten.  Das  erste,  was  entwickelt  werden  mufi,  wenn  der  Mensch  richtig 
auf  der  Erde  bleiben  soli,  das  ist  ein  wirkliches  reines  Anschauen  der 
Sinnenwelt.  Ein  solches  reines  Anschauen  der  Sinnenwelt  war  in  den 
fruheren  Zeitraumen  nicht  da,  weil  immer  in  das  menschliche  Seelen- 
leben  das  Visionare,  das  Imaginative  hereinspielte,  bei  den  Griechen 


noch  die  Phantasie.  Aber  nachdem  die  Phantasie  die  Menschheit  soweit 
ergriffen  hatte,  wie  sie  im  griechischen  Leben  eben  sie  ergriffen  hat,  da 
wurde  notwendig,  dafi  die  Menschen  die  Fahigkeit  entwickelten,  un- 
behelligt  durch  eine  dahinterstehende  Vision  die  aufiere  Naturwirk- 
lichkeit  anzuschauen.  Wir  brauchen  uns  dabei  nicht  vorzustellen,  dafi 
das  materialistische  Weltbild  damit  gemeint  ist;  dieses  materialistische 
Weltenbild  ist  schon  ein  ahrimanisch  verzerrtes  Anschauen  der  Sinnes- 
wirklichkeit.  Aber,  wie  gesagt,  die  Sinneswirklichkeit  ordentlich  zu 
beobachten,  das  war  die  eine  Aufgabe  des  fiinften  nachatlantischen 
Zeitraums. 

Die  andere  Aufgabe  der  Menschenseele  ist  diese:  neben  der  reinen 
Anschauung  derWirklichkeit  zu  entwickeln  freie  Imagination,  in  einer 
Beziehung  eine  Art  Wiederholung  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit. 
Darinnen  ist  der  fiinfte  nachatlantische  Zeitraum  noch  nicht  sehr  weit. 
Freie  Imaginationen  mussen  entwickelt  werden,  wie  sie  gesucht  werden 
durch  die  Geisteswissenschaft,  also  nicht  gebundene  Imaginationen, 
wie  sie  der  dritte  nachatlantische  Zeitraum  hatte,  nicht  zur  Phantasie 
destillierte  Imaginationen,  sondern  freie  Imaginationen,  in  denen  man 
sich  so  f rei  bewegt,  wie  sich  der  Mensch  sonst  nur  in  seinem  Verstande 
frei  bewegt.  Daraus,  dafi  diese  zwei  Fahigkeiten  entwickelt  werden, 
wird  sich  ergeben  das  rechte  Entwickeln  derBewufitseinsseele  des  fiinf- 
ten nachatlantischen  Zeitraums. 

Goethe  hat  sehr  schon  empfunden  das  reine  Anschauen,  das  er  im 
Gegensatz  zum  Materialismus  bezeichnet  hat  mit  seinem  Urphanomen. 
Sie  konnen  in  Goethes  Schriften  und  in  meinen  Erklarungen  dazu  uber 
dieses  Urphanomen  viel  gesprochen  finden.  Es  ist  die  reine  Anschau- 
ung der  Wirklichkeit,  dieses  Urphanomen.  Aber  Goethe  hat  nicht  nur 
den  ersten  Anstofi  gegeben  zu  einer  visionsfreien  sinnlichen  Beobach- 
tung  im  Urphanomen,  sondern  er  hat  auch  den  ersten  Anstofi  gegeben 
zur  freien  Imagination;  denn  gerade  das,  was  wir  in  seinem  «Faust» 
gefunden  haben,  wenn  es  auch  noch  nicht  weit  ist  in  geisteswissen- 
schaftlicher  Beziehung,  wenn  es  auch  noch  in  gewisser  Weise  instinktiv 
nur  im  Verhaltnis  zur  Geisteswissenschaft  ist,  es  ist  doch  der  erste  An- 
stofi  des  freien  imaginativen  Lebens,  denn  es  ist  nicht  blofi  eine  Phan- 
tasiewelt.  Wir  haben  gesehen,  wie  tief  wirklich  diese  Phantasiewelt  ist, 


die  in  freien  Imaginationen  in  diesem  wunderbaren  Faust-Drama  ent- 
wickelt  wird.  So  allerdings  haben  wir  dem  Urphanomen  gegeniiber 
das,  was  Goethe  das  typische  intellektuelle  Anschauen  nennt.  Sie  kon- 
nen  in  meinem  Buche  «Vom  Mensch  enratsel»  dariiber  Genaueres  lesen. 
Das  mufi  sich  immer  weiter  und  weiter  ausbilden.  Auf  der  einen  Seite 
mufi  der  fiinfte  nachatlantische  Zeitraum  in  der  Wirklichkeit  nicht  nur 
anschauen,  sondern  mit  der  Wirklichkeit  leben  konnen,  so  daft  er  ab- 
seits  von  den  materialistischen  Physikern  so  wie  Goethe  etwa  hantiert 
in  seinem  physikalischen  Kabinette,  um  die  Instrumente  so  zu  gebrau- 
chen,  dafi  sie  ihm  die  Urphanomene  geben.  So  mufi  man  sich  eine  Han- 
tierung  auch  in  bezug  auf  das  praktische  Leben  denken,  welche  dieses 
praktische  Leben  mit  dem  Urphanomen  durchdringt,  welche  also  in 
der  Natur  so  zu  Hause  ist,  dafi  die  Natur  von  dem  Urphanomen  aus 
beherrscht  wird,  und  eingeschlossen  in  dieses  Urphanomen  der  Natur 
miissen  werden  die  Intentionen  des  Menschengeschlechtes,  die  aus  der 
freien  Imagination  kommen.  Auf  der  einen  Seite  gewissermafien  selbst- 
los  den  Blick  auf  die  Aufienwelt  zur  Erkenntnis  und  zur  Arbeit  zu 
richten,  und  auf  der  anderen  Seite  das  Ganze  selbst  mit  starkster  Ein- 
setzung  der  Personlichkeit  in  innerliche  Regung  und  Bewegung  zu 
bringen,  um  die  Imaginationen  zu  finden  fur  die  aufiere  Tatigkeit  und 
aufiere  Erkenntnis,  das  wird  die  Bewufitseinsseele  und  das  Kulturleben 
der  Bewufitseinsseele  nach  und  nach  in  die  Wirklichkeit  verwandeln. 

Einseitigkeiten  werden  sich  selbstverstandlich  innerhalb  dieses  Kul- 
turzeitraumes  entwickeln.  Die  Erkenntnis  wird  nur  nach  der  Aufien- 
welt streben  wie  im  Baconismus,  oder  sie  wird  nur  nach  dem  Inneren 
streben  wie  im  Berkeleyismus.  Davon  haben  wir  gesprochen.  Dieses 
imaginative  Leben,  welches  aus  dem  Inneren  des  Menschen  hervor- 
quellen  will,  wird  sich  unter  allerlei  Storungen  entwickeln.  Aber  wir 
konnen  doch  schon  hinweisen  auf  gewisse  Punkte  der  Entwickelung, 
in  denen  dieser  oder  jener  Mensch  fiihlt,  wie  aus  der  Seele  gerade  dieses 
imaginative  Leben  hervorkommt,  dieses  freie  imaginative  Leben.  An- 
fangs  ist  es  noch  sehr  wenig  frei,  sehr  gebunden;  aber  beachten  wir,  wie 
ein  in  seiner  Art  so  bedeutsamer  Mensch  wie  Jakob  Bobme,  kurz  nach- 
dem  der  fiinfte  nachatlantische  Zeitraum  begonnen  hat,  schon  fiihlt, 
wie  das  imaginative  Leben  in  seiner  Seele  sich  herausentwickeln  will. 


Er  spricht  es  deutlich  aus  in  seiner  «Aurora»,  wie  er  fiihlt,  daft  das 
imaginative  Leben  in  ihm  arbeitet.  Frei  mufi  es  erst  werden;  er  fiihlt  es 
noch  etwas  unfrei,  aber  er  fiihlt,  dafi  da  das  Gottlich-Schopferische  in 
ihm  wirkt.  Und  so  ist  er  in  gewissem  Sinne  der  Gegenpol  zu  dem  Baco- 
nismus,  der  da  anstrebt,  in  einseitiger  Weise  nur  auf  die  Aufienwelt  den 
Blick  zu  richten.  Jakob  Bohme  ist  ganz  in  der  Innenwelt  beschaftigt 
und  beschreibt  in  der  « Aurora*  schon: 

«Ich  sage  vor  Gott»  -  weil  er  von  seinem  Innern  spricht,  sagt  er  so 
«dajR  ich  selber  nicht  weift,  wie  mir  damit  geschieht*  -  indem  die  Ima- 
ginationen  in  ihm  aufgehen  -;  «ohne  daft  ich  den  treibenden  Willen 
habe,  weift  ich  auch  nichts,  was  ich  schreiben  soll.»  So  spricht  er  vom 
Aufgehen  der  Imaginationen;  das  ist  der  Anfang  von  Kraften,  die 
immer  mehr  und  mehr  die  Menschheit  des  fiinften  nachatlantischen 
Zeitraums  iiberkommen  miissen,  die  da  Jakob  Bohme  spurt.  «Ich  sage 
vor  Gott,  daft  ich  selber  nicht  weift,  wie  mir  damit  geschieht;  ohne  daft 
ich  den  treibenden  Willen  habe,  weift  ich  auch  nichts,  was  ich  schreiben 
soil.  Denn  so  ich  schreibe,  diktiert  es  mir  der  Geist  in  grofter  wunder- 
licher  Erkenntnis,  daft  ich  oft  nicht  weift,  ob  ich  nach  meinem  Geist  in 
dieser  Welt  bin  und  mich  des  hoch  erfreue,  da  mir  denn  die  stete  und 
gewisse  Erkenntnis  wird  mitgegeben.» 

Das  Hereinstromen  der  imaginativen  Welt  beschreibt  er.  Wir  sehen, 
er  fiihlt  sich  harmonisch  ruhig  in  seiner  Seele  und  beschreibt,  wie  nor- 
malerweise  im  gerechten  Fortgange  der  Entwickelung  die  Menschen- 
seelen  von  diesen  inneren  Kraften  sich  sollen  ergreifen  lassen.  Diese 
Krafte  sollen  iiber  die  Menschenseele  kommen  im  fiinften  nachatlan- 
tischen Zeitraum;  aber  sie  sollen  ergriffen  werden  im  reinen  geistigen 
Inneren.  Sie  sollen  nicht  irgendwelche  irrtiimliche  Wege  nehmen.  Un- 
gefahr  so  iiber  diese  Krafte  im  17.  Jahrhundert  miifite  man  reden,  wie 
Jakob  Bohme  redet,  dann  redete  man  als  ein  ganz  nur  der  gottlichen 
allgemeinen  Gerechtigkeit  hingegebener  Mann  von  diesen  Kraften. 
Dafi  weder  die  eine  Art  von  Kraften,  das  reine  Anschauen  der  Ur- 
phanomene,  noch  die  andere  Art  von  Kraften,  die  Entwickelung  der 
freien  Imaginationen,  die  nicht  in  Visionen  bestehen,  sondern  die  eben 
freie  Imaginationen  sind,  aufkommen,  dafi  diese  Krafte  in  der  Men- 
schenseele moglichst  gestort  werden,  moglichst  dazu  verwendet  werden, 


um  nun  wiederum  die  Menschheit  als  Seele  hinauszubringen  aus  dem 
Erdenplan  und  mit  ihnen  einen  besonderen  Plan  zu  begriinden,  das  ist 
nun  die  Wirkensart  der  luzif  erischen  und  ahrimanischen  Machte  in  dem 
fiinften  nachatlantischen  Zeitraum. 

Vieles  mull  ja  zusammenwirken,  damit  die  richtige  Entfaltung,  die 
ruhige  und  langsame  Entfaltung  gestort  werde.  Horen  Sie  wohl:  ich 
sage  nicht  nur  die  ruhige,  sondern  die  ruhige  und  langsame  Entfaltung, 
denn  es  soil  ja  der  ganze  Zeitraum  von  1413  an  durch  2160  Jahre  un- 
gefahr  dazu  verwendet  werden,  um  diese  Krafte,  die  ich  angefiihrt 
habe,  freielmaginationen  und  Urphanomene  beziehungsweise  urphano- 
menale  Arbeit,  nach  und  nach  zu  entwickeln.  Stoflweise,  mit  alien  mog- 
lichen  widerstrebenden  Kraften,  wirken  nun  die  luziferischen  und  ahri- 
manischen Machte  dagegen.  Wenn  wir  nur  ins  Auge  fassen  wollen,  dafi 
das,  was  geschieht,  immer  lange  vorbereitet  wird  von  der  aufterirdi- 
schen  Welt,  dann  wird  es  uns  nicht  unverstandlich  sein,  dafi  Vorberei- 
tungen  getroffen  worden  sind,  um  recht,  recht  starke  Gegenwirkungen 
gegen  die  normale  Evolution  der  Menschheit  zu  be  wirken.  Wir  haben 
ja  gesehen,  dafi  schon  ins  Griechentum  und  Romertum  die  luziferischen 
und  ahrimanischen  Machte  das  hineingegossen  haben,  was  sie  in  der 
atlantischen  Zeit  entwickelt  haben.  In  einer  veranderten  Form  ver- 
suchten  sie  nun  diese  Anstrengungen  zu  wiederholen  schon  vor  dem 
fiinften  nachatlantischen  Zeitraum  fur  diesen  fiinften  nachatlantischen 
Zeitraum.  Sie  werden  es  also  jetzt  nicht  unbegreiflich  finden,  wenn  ich 
sage,  dafi  notwendig  war  ein  starker  Anstofi  mit  Nachwirkungen,  luzi- 
ferisch-ahrimanischen  Nachwirkungen  der  Atlantis  auch  fur  diesen 
fiinften  nachatlantischen  Zeitraum.  Wir  wissen  ja,  dafi  die  atlantischen 
Wirkungen  ausgestrahlt  sind  von  dem,  was  ja  Plato  bereits  kennt  als 
die  Atlantis.  Wir  wollen  es  einmal  schematisch  so  machen,  dafi  wir 
etwa  die  Atlantis  uns  hier  denken  (siehe  Zeichnung);  dann  wiirde  hier 
das  europaische,  asiatische  Gebiet  sein,  und  hier  wiirde  das  amerika- 
nische  Gebiet  sein.  Davon  strahlten  also  aus  die  alten  atlantischen 
Krafte,  auch  die  alten  atlantischen  luziferischen  und  ahrimanischen 
Krafte. 

Nun  wurde  von  diesen  etwas  zuriickbehalten,  um  als  luziferische 
und  ahrimanische  Machte  zu  wirken  im  fiinften  nachatlantischen  Zeit- 


raum,  und  zwar  auch  von  den  guten  Kraften  etwas  zuriickbehalten, 
von  den  in  der  atlantischen  Zeit  berechtigten  Kraften  etwas  zuriick- 
behalten, was  jetzt  auch  luziferisch  und  ahrimanisch  ist.  Nur  wurde 
der  Mittelpunkt  nach  einem  anderen  Punkte  der  Erde  verlegt.  Die 
Atlantis  ist  ja  fort.  Der  Mittelpunkt  wurde  nach  Asien  hinuber  verlegt, 
so  daft  Sie  also  sich  vorstellen  wiirden  auf  der  abgekehrten  Seite  des- 
jenigen,  was  ich  da  schematisch  gezeichnet  habe,  in  Asien  driiben,  von 
da  ausstrahlend  Nachwirkungen  der  alten  atlantischen  Kultur  alsVor- 
bereitung  fur  den  fiinften  nachatlantischen  Zeitraum,  ihn  zu  luziferi- 
sieren  und  zu  ahrimanisieren.  Es  waren  im  wesentlichenNachkommen 
der  alten  atlantischen  Lehrer,  welche  nun  wirkten  von  einem  Punkt 
in  Asien  driiben.  Ein  Priester  war  dazu  erzogen  worden,  das,  was 
man  in  der  alten  Atlantis  gesehen  hat,  nachtraglich  zu  schauen,  zu 
schauen  das,  was  der  Atlantier  nannte  den  Grofien  Geist,  und  von 
diesem  Grofien  Geist  Auftrage  zu  empfangen.  Und  diese  Auftrage 
teilte  der  mit  diesen  Auftragen  initiierte  Priester  einem  jungen,  aufier- 
ordentlich  starken,  tatkraftigen,  tiichtigen  Menschen  mit,  der  durch 
diese  Auftrage  dann  innerhalb  seiner  Gemeinschaft  den  Namen  «Der 
grofie  Beherrscher  der  Erde»  erhielt,  Dschingis-Khan.  Und  der  Grofie 
Geist  hatte  durch  seinen  Nachfolger,  auf  dem  Umwege  durch  diesen 


Priester,  an  Dschingis-Khan  den  Auftrag  gegeben,  alles,  was  aufzu- 
bringen  war  an  Machten  in  Asien,  dazu  zu  verwenden,  um  auszubrei- 
ten  das,  was  den  funften  nachatlantischen  Zeitraum  zuriickfiihren 
konnte  in  eine  luziferische  Gestaltung.  Diese  starken  Krafte,  die  noch 
viel  starker  waren  als  die  im  Griechentum  einsetzenden,  die  wurden 
aufgewendet  von  dieser  Seite  her.  Von  dieser  Seite  her  sollten  alle 
freien  Imaginationen  verwandelt  werden  in  alte  Imaginationen,  in 
visionare  Imaginationen.  Es  sollte  in  der  starksten  Weise  gearbeitet 
werden,  die  Seele  des  Menschen  ganz  einzulullen  in  dammerndes  Er- 
leben  der  Imaginationen,  nicht  in  freies,  von  der  Vernunft  durch- 
tranktes  Erleben  der  Imaginationen.  Die  Absicht  bestand,  mit  den 
besonderen  Kraften,  die  da  aus  der  Atlantis  herein  erhalten  waren, 
so  nach  demWesten  zu  wirken,  daft  die  Kultur  desWestens  eine  visio- 
nare Kultur  geworden  ware.  Dann  hatte  man  die  Seelen  abtrennen 
und  einen  besonderen  Kontinent,  einen  besonderen  planetarischen 
Korper  mit  ihnen  bilden  konnen.  Alle  Unruhen,  welche  durch  die 
Mongolenstiirme  und  alles  das,  was  damit  zusammenhangt,  in  die  Ent- 
wickelung  der  neueren  Menschheit  gekommen  sind  undwasfortgewirkt 
hat  im  funften  nachatlantischen  Zeitraum,  nachdem  sie  vorbereitet 
waren  schon  f  riiher,  alle  diese  Unruhen  bedeuten  den  grofien,  von  Asien 
ausgegangenen  Versuch,  die  europaische  Kultur  zu  «vervisionieren», 


um  sie  abzutrennen  von  den  Bedingungen  der  fortlaufenden  Evolution, 
um  sie  gewissermafien  hinwegzufiihren  von  der  Erde.  Der  Osten  emp- 
fand  sehr  wohl  immer  wieder  und  wiederum  dieses  Durchvisionieren, 
dieses  Entfremdenwollen  von  der  Erde. 

Dem  mufite  ein  Gegengewicht  geschaffen  werden.Und  dieses  Gegen- 
gewicht  war  zunachst  eines,  das  in  die  normale  Entwickelung  der 
Menschheit  gehort.  Es  mufite  also  gegeniiber  dem,  was  unter  dem  Ein- 
flusse  des  Priesters  des  Dschingis-Khan  hat  bewirkt  werden  sollen,  die 
«Erleichterung»  des  Menschengeschlechts,  um  es  hinwegzufiihren  von 
der  Erde,  es  mulke  ein  Erdenschwere-Gegengewicht  geschaffen  werden. 
Und  dieses  wurde  dadurch  geschaffen,  dafi  die  westliche  Welt,  dalS 
Amerika  gefunden  wurde  mit  all  dem,  was  Amerika  barg,  und  dadurch 
Erdenschwere,  Lust,  auf  der  Erde  zu  bleiben,  fur  die  Menschen  geschaf- 
fen worden  war.  Die  Entdeckung  Amerikas  und  alles,  was  damit  zu- 
sammenhangt,  uberhaupt  das  Sich-Hineinleben  in  die  materiellen 
Schauplatze  der  Erde,  das  bedeutete,  von  grofien  Gesichtspunkten  aus 
gesehen,  das  Gegengewicht  gegen  die  Tatigkeit  des  Dschingis-Khan. 
Amerika  sollte  entdeckt  werden,  um  die  Menschen  dahin  zu  bringen, 
mit  der  Erde  mehr  zusammenzuwachsen,  materieller  und  materieller  zu 
werden,  damit  sie  Schwere  habe,  ein  Gegengewicht  gegen  die  Spirituali- 
sierung,  die  durch  dieNachkommen  des  Grofien  Geistes  angestrebt  war. 

Aber  auf  der  anderen  Seite  setzten  gleichzeitig  mit  diesem  normalen 
Prozefi  des  Ausdehnens  des  Menschheitsschauplatzes  liber  Amerika 
wiederum  die  anderen,  die  ahrimanischen  Machte  des  Grofien  Geistes 
ein.  Ein  Zug  ging  von  dort  heriiber  nach  Europa,  der  andere  aber  von 
Asien  nach  der  anderen  Seite  heriiber  und  durchsetzte  Amerika,  so  dafi 
durch  das  Entdecken  Amerikas  sich  nicht  nur  die  normalen  Krafte  ent- 
wickelten,  sondern  von  dort  her  zugleich  Starke  ahrimanische  Ansturme 
kamen,  die  zunachst  noch  schwach  einsetzten  -  sie  werden  schon  weiter 
einsetzen,  sie  mussen  nur  erkannt  werden  -,  in  der  Form,  dafi  gerade 
die  Evolution,  welche  das  Romertum  in  der  Kirche  und  im  kirchlichen 
Staate  erreicht  hatte,  von  diesem  ahrimanischen  Einsatz  erfafit  wurde. 
Wahrend  es  verhaltnismafiig  leicht  zu  sagen  ist,  wie  der  luziferische 
Einflufi  iiber  dem  Dschingis-Khan  gewirkt  hat,  indem  man  eben  ganz 
genau  weifi,  daft  einPriester  initiiert  worden  ist  von  dem  Nachkommen 


des  Grofien  Geistes,  ist  es  viel  schwerer  zu  sagen,  weil  es  in  Einzelheiten 
zerf  allt,  wie  der  ahrimanische  Geist  von  der  anderen  Seite  wirkte.  Aber 
Sie  brauchen  nur  zu  studieren,  wie  ergriffen  wird  das  katholische,  das 
streng  katholische  Spanien  von  all  den  Goldschatzen,  die  in  Amerika 
gefunden  werden,  von  all  dem,  was  damit  verbunden  ist.  Studieren  Sie 
gerade  jene  merkwiirdige  Nachwirkung,  die  das  alte  Romertum  als 
Gespenst  in  einem  solchen  Herrscher  hat  wie  in  Ferdinand  dem  Katho- 
lischen  von  Kastilien,  oder  in  Karl  V.,  insofern  er  Herrscher  ist  in 
einem  Reich,  in  dem  die  Sonne  nicht  untergeht:  Immer  wiederum  neue 
Versuche  dieses  Ausbreitens!  Studieren  Sie  die  Beziehungen  Europas  zu 
dem  aufbliihenden,  nach  und  nach  entdeckt  werdenden  Amerika,  dann 
werden  Sie  sehen,  wie  von  da  die  Versuchungen  kommen.  Es  ist  im 
ganzen  eine  Versuchungsgeschichte,  zugleich  hineinverwoben  in  eine 
Geschichte,  die  in  normalen  Bahnen  verlauf  t. 

Ich  bitte  Sie  nur,  durchaus  nicht  zu  erzahlen,  dafi  ich  heute  etwa  die 
Entdeckung  Amerikas  als  eine  ahrimanische  Tat  hingestellt  habe,  son- 
dern  ich  habe  das  Gegenteil  davon  gesagt.  Ich  sagte,  dafl  Amerika  ent- 
deckt werden  mufite,  gefunden  werden  mufite,  dafi  das  ganze  notwen- 
dig  war  im  fortschreitenden  Weltengang,  nur  dafi  sich  hineingemischt 
haben  ahrimanische  Krafte,  die  Ansturme  sind  gegen  das,  was  im  fort- 
schreitenden Weltengang  geschehen  sollte.  Die  Dinge  sind  nicht  so  ein- 
fach  in  der  Wirklichkeit,  dafi  man  sagen  kann:  Da  ist  Luzifer,  da  ist 
Ahriman,  und  so  verhalten  sich  Luzifer  und  Ahriman,  und  so  verteilen 
sie  die  Welt.  So  verhalten  sich  die  Dinge  nicht. 

So  also  sehen  wir  das  Zusammenwirken  vieler  Krafte,  die  wir  ver- 
suchten  zu  belauschen  auf  ihrem  Felde  hinter  dem  physischen  Plan. 
Alle  diese  Krafte  bemachtigten  sich  wieder  anderer.  Sie  suchen  sich 
dessen,  was  hereinragt  an  Menschenkraften  aus  dem  vierten  nachatlan- 
tischen  Zeitraum,  zu  bemachtigen  und  es  in  ihrer  Art  zu  verzerren,  es 
in  ihren  Dienst  zu  stellen.  Sie  brauchen  nur  zu  studieren  eine  solche 
Begleiterscheinung  der  Renaissance,  wie  es  Macbiavelli  ist,  dann  wer- 
den Sie  ein  menschliches  personliches  Symbolum  f inden  fur  diese  ganze 
Art,  die  da  beginnt,  die  Politisierung  des  Gedankenlebens.  Machiavelli 
ist  geradezu  ein  Ausdruck,  eine  Offenbarung  dieser  Politisierung  des 
Gedankenlebens,  ein  grofier,  gewaltiger  Geist,  aber  ein  Geist,  der  unter 


dem  Ansturm  der  Machte,  von  denen  ich  gesprochen  habe,  ganz  die 
Gesinnungen  erneuert,  die  aus  dem  heidnischen  antiken  Romertum 
kommen.  Wenn  wir  wirklich  die  Geschichte  studieren,  wie  Machiavelli 
nicht  eine  einzelne  Personlichkeit,  ein  einzelner  Mensch  ist,  sondern 
nur  der  besonders  signifikante  Ausdruck  fur  viele  so  Denkende,  dann 
sehen  wir  die  Dinge  recht.  Da  sehen  wir  das,  was  schnell  vorwarts- 
stiirmen,  was  mit  den  hinterlassenen  atavistischen  Kraften,  also  luzi- 
ferischen  Kraften,  schnell  vorwartsstiirmen  will.  Ware  es  nach  Machia- 
vellis  Sinn  gegangen,  so  ware  schon  ganz  Europa  verpolitisiert.  Solchen 
Kraften,  die  wie  im  Sturm  wirken,  wirken  dann  die  normal  wirkenden 
entgegen.  Einer  solchen  rein  politischen  und  alles  menschliche  Denken 
zum  Politischen  machenden  Figur,  wie  es  der  Machiavelli  ist,  konnen 
wir  eine  Personlichkeit,  die  fast  Zeitgenosse  war,  gegentiberstellen:  den 
Thomas  a  Kempis,  der  ganz  in  der  langsamen,  allmahlichen  Entwicke- 
lung  drinnensteht  und  der  ein  ganz  und  gar  nicht  politischer  Geist  ist, 
der  langsam  und  allmahlich  wirkt. 

Und  so  konnen  wir  diese  einzelnen  Stromungen  verfolgen.  Wir  wer- 
den  normale  finden;  wir  werden  solche  finden,  die  aus  friiheren  Zeiten 
hereinstromen  und  beniitzt  werden  von  den  Kraften,  die  wir  angefiihrt 
haben.  In  der  Geschichte  wirken  viele  Krafte  zusammen.  Man  mufi 
durchaus  seinen  Blick  auf  diese  Zusammenhange  richten.  In  einem  sol- 
chen Menschen  wie  Jakob  Bohme  finden  wir,  wie  er  die  freie  Imagina- 
tion aufspriefien  fiihlt.  Man  kdnnte  sagen:  Jakob  Bohme  ist  eine  solche 
Personlichkeit,  die  durch  die  ganze  Art  ihres  Seelenlebens  sehr  stark  es 
dahin  gebracht  hat,  nicht  gestort  zu  werden  durch  die  luziferischen  und 
ahrimanischen  Anstiirme  und  den  geraden  Weg  der  Evolution  zu  gehen. 

Dagegen  konnen  Sie  im  Osten  Europas,  in  der  ostlichen  Kultur  zahl- 
reiche  Personlichkeiten  finden,  die  gar  sehr  leiden  unter  der  luziferi- 
schen Stoning,  unter  der  Stoning,  die  dahin  geht,  immer  wieder  und 
wiederum  wegzuholen  den  Menschen  von  der  Erde,  von  dem  physi- 
schen  Leib,  immer  wieder  und  wiederum  zu  verfallen  in  eine  Lage,  in 
eine  Situation,  die  den  ganzen  Menschen  wie  in  eine  Vision  von  sich 
selber  verwandelt,  also  ihn  ganz  zu  verseelen.  Das  ist  die  Tendenz,  die 
dem  Osten  Europas  eingeimpft  worden  ist.  Dem  Westen  Europas  ist 
dafiir  viel  mehr  das  Verspiiren  des  Gezogenwerdens  nach  der  anderen 


Seite  eingeimpft  worden,  des  Hingezogenwerdens  der  imaginativen 
Welt  zu  der  Kdrperschwere,  zu  der  physischen  Schwere,  um  das,  was 
freie  Imagination  werden  soil,  zu  etwas  zu  machen,  was  nicht  blofi  in 
der  Seele  wirkt,  sondern  was  im  Organismus  wirkt,  was  die  Seele  hin- 
einstopft  in  den  Organismus  und  dadurch  den  Organismus  mitleben 
laftt  an  den  Imaginationen.  Man  kann  kaum  pragnanter  das,  was  ich 
da  meine,  ausdriicken,  als  es  Alfred  de  M us set  getan  hat,  um  seinen 
eigenen  Seelenzustand  zu  charakterisieren.  Musset  ist  eine  von  denjeni- 
gen  Personlichkeiten,  die  imaginatives  Leben  in  sich  verspiirten,  aber 
die  den  Ansturm  gegen  dieses  imaginative  Leben  fuhlten,  jenen  An- 
sturm,  der  dahin  ging,  dieses  imaginative  Leben  hineinzustopfen  in  die 
Korperlichkeit.  Da  drinnen  wird  dieses  imaginative  Leben,  weil  es  da- 
hin nicht  gehort,  weil  es  frei  in  der  Seele  schwebend  sich  entwickeln 
soil,  von  Erdenschwere  und  von  all  dem,  was  nur  korperlich  ist,  er- 
griffen,  wahrend  es  seelisch  verlaufen  soil.  «Elle  et  lui»,  das  Buch,  das 
George  Sand  aus  ihren  Beziehungen  zu  Musset  geschrieben  hat,  das  ent- 
halt  gerade  eine  schone  Selbstbeschreibung  des  Seelenlebens  Mussets, 
und  einige  Satze  mochte  ich  daraus  mitteilen,  aus  denen  Sie  sehen  wer- 
den, wie  er  selbst  sich  drinnenstehen  fiihlt  in  einem  solchen  angefoch- 
tenen  imaginativen  Leben.  Es  sagt  Musset:  «Die  Schopfung  verwirrt 
mich  und  lafit  mich  erzittern.  Die  fur  meinen  Wunsch  stets  zu  lang- 
same  Ausfuhrung  erregt  mir  furchtbares  Herzklopfen,  und  weinend, 
nur  mit  Mtihe  laute  Schreie  zuriickhaltend,  gebare  ich  eine  Idee  -  sie 
berauscht  mich  im  Augenblicke,  und  am  anderen  Morgen  ekelt  sie  mich 
an.  Forme  ich  sie  um,  so  wird  es  noch  schlimmer,  sie  entschliipft  mir; 
besser  ich  vergesse  sie  und  erwarte  eine  andere.  Aber  diese  andere  iiber- 
kommt  mich  so  verworren  und  so  unermefilich,  dafi  mein  armes  Wesen 
sie  nicht  fassen  kann.  Sie  driickt  und  qualt  mich,  bis  sie  realisierbar 
geworden  ist,  und  dann  stellen  sich  die  anderen  Leiden,  die  Geburts- 
wehen  ein,  wahrhaft  physische  Schmerzen,  die  ich  nicht  definieren 
kann.  So  vergeht  mein  Leben,  wenn  ich  mich  von  diesem  Riesenkiinst- 
ler,  der  in  mir  ist»  -  nehmen  Sie  den  Gegensatz  zu  Jakob  Bohme,  der 
den  Gott  in  sich  spurt;  er  einen  Riesenkiinstler,  der  in  ihm  ist  -  «beherr- 
schen  lasse.  Es  ist  also  besser,  daft  ich  lebe,  wie  ich  mir  vorgenommen 
habe  zu  leben,  dafi  ich  Exzesse  jeder  Art  begehe,  um  diesen  nagenden 


Wurm  zu  toten,  den  andere  bescheiden  <Inspiration>,  den  ich  ganz  of  fen 
<Krankheit>  nenne.» 

Fast  in  jedem  Satze  ein  Parallelsatz  zu  dem,  was  ich  Ihnen  als  Jakob 
Bohmeschen  Ausspruch  mitgeteilt  habe,  aber  auch  ungemein  charak- 
teristisch.  Erinnern  Sie  sich,  wie  ich  vorhin  gesagt  habe:  Langsam  will  - 
wir  werden  darauf  noch  morgen  zu  sprechen  kommen  -  die  normal 
fortschreitende  Entwickelung  gehen;  hier  wilder  Anstofi,  darum  ist 
ihm  das  nicht  schnell  genug.  Und  er  beschreibt  es  selber.  Es  ist  eine 
wunderbare  Selbstschau,  die  er  da  gibt.  Er  sagt:  «Die  Schopfung  ver- 
wirrt  mich  und  lafit  mich  erzittern»,  weil  immer  das  Schneller-gehen- 
Wollen  von  ahrimanischer  Seite  hineinstiirmt  in  das,  was  langsam  ge- 
hen will.  «Die  fur  meinen  Wunsch  stets  zu  langsame  Ausfuhrung  erregt 
mir  furchtbares  Herzklopf en» :  da  haben  Sie  die  ganze  Psychologie  des 
Menschen,  der  in  freien  Imaginationen  leben  will  und  von  aufstofien- 
den  ahrimanischen  Kraften  gestort  wird.  «Und  weinend,  nur  mit  Miihe 
laute  Schreie  zuriickhaltend»  -  denken  Sie,  so  physisch  wirken  in  ihm 
die  Imaginationen,  dafi  er  schreien  mochte,  wenn  sie  sich  in  ihm  au- 
ftern  -  «gebare  ich  eine  Idee  -  sie  berauscht  mich  im  Augenblicke,  und 
am  anderen  Morgen  ekelt  sie  mich  an.»  Weil  sie  statt  aus  der  Seele  aus 
dem  Organismus  herkommt!  «Forme  ich  sie  um,  so  wird  es  noch  schlim- 
mer,  sie  entschlupft  mir;  besser  ich  vergesse  sie  und  erwarte  eine  an- 
dere.* Weil  er  immer  schneller  will,  schneller  als  die  normale  Entwicke- 
lung gehen  kann.  «Aber  diese  andere  iiberkommt  mich  so  verworren 
und  so  unermefilich,  dafi  mein  armes  Wesen  sie  nicht  fassen  kann.  Sie 
driickt  und  qualt  mich,  bis  sie  realisierbar  geworden  ist,  und  dann  stel- 
len  sich  die  anderen  Leiden,  die  Geburtswehen,  ein,  wahrhaft  physische 
Schmerzen,  die  ich  nicht  definieren  kann.»  Und  deshalb,  sagt  er,  mochte 
er  lieber,  indem  er  hinblickt  auf  diesen  Riesenkiinstler,  der  in  ihm  wirkt, 
das  Leben  so  fiihren,  wie  er  es  sich  vorgenommen  hat,  namlich  nichts 
zu  tun  zu  haben  mit  all  dieser  imaginativen  Welt;  denn  er  nennt  das 
eine  «Krankheit». 

Dagegen  nehmen  Sie  den  Jakob  Bohmeschen  Satz:  «Ich  sage  vor 
Gott,  dafi  ich  selber  nicht  weifi,  wie  mir  damit  geschieht.»  Das  ist  Selig- 
keit  zum  Ausdrucke  gebracht.  Verwirrt  ist  es  zum  Ausdrucke  gebracht, 
wenn  gesagt  wird:  «Die  Schopfung  verwirrt  mich  und  laftt  mich  er- 


zittern.  Die  fur  meinen  Wunsch  stets  zu  langsame  Ausfuhrung  erregt 
mir  furchtbares  HerzkIopfen.»  Bei  Jakob  Bohme  alles  seelisch!  Und 
wenn  er  schreiben  will,  so  kommt  es  ihm  so  vor,  als  ob  nicht  ein  Riesen- 
kunstler,  der  ihn  ungliicklich  macht,  sondern  ein  Geist  ihm  diktiert, 
indem  er  versetzt  ist  in  diese  Welt,  wo  ihm  der  Geist  diktiert;  er  sei  in 
dieser  Welt  und  sei  dessen  hocherfreut,  da  ihm  dann  stete  und  gewisse 
Erkenntnis  gegeben  wird,  stete,  langsam  verlaufende.  Jakob  Bohme  ist 
geneigt,  die  langsam  verlaufende  Erkenntnis  hinzunehmen;  dem  geht 
die  Sache  nicht  zu  langsam,  weil  er  nicht  das,  was  ich  Ihnen  als  das 
Schnell-Dahinstoftende  beschrieben  habe,  als  ein  Beherrschendes  fiihlt, 
sondern  dagegen  geschiitzt  ist. 

So  konnten  wir  immer  mehr  und  mehr  Erscheinungen  anfuhren, 
wenn  wir  Zeit  dazu  hatten,  die  uns  zeigen  wiirden,  wie  die  Menschen 
hineingestellt  sind  in  diesen  Prozefi  der  Welt.  Diese  Menschen,  die  ich 
angefuhrt  habe,  sind  ja  allerdings  herausgegriffen  als  solche,  deren 
Namen  die  Geschichte  erhalten  hat.  Aber  in  einer  gewissen  Weise 
untersteht  die  ganze  Menschheit,  der  eine  so,  der  andere  so,  dieser  sel- 
ben  Sache.  Man  wahlt  nur  solche  Beispiele  aus,  um  dasjenige,  was  in 
weitem  Umkreis  lebt,  zur  Sprache  zu  bringen,  um  es  charakterisieren 
zu  konnen  an  besonderen  Beispielen.  Und  versuchen  Sie  das,  was  wir 
da  hingestellt  haben,  zu  uberblicken,  dann  werden  Sie  gar  mancherlei 
verstehen  konnen,  das  sich  entwickelt  hat.  Man  konnte  ja  auch  auf 
einige  andere  Erscheinungen  des  Lebens  eingehen,  allein,  bleiben  wir 
heute  einmal  stehen  mehr  bei  dem  geistigen  Leben,  dann  noch  bei  dem 
besonderen  geistigen  Leben,  bei  dem  Erkenntnisleben.  Da  konnen  sich 
uns  ja  auf  diesem  besonderen  Gebiete  Eigenschaften  zeigen,  welche 
die  neuere  Menschheit  charakterisieren,  und  welche  uns  manches  ver- 
standlich  machen  konnen.  Da  es  ja  nicht  moglich  ist,  viel  iiber  das 
aufiere  Leben  zu  sagen  -  wegen  des  Vorhandenseins  der  heutigen  Vor- 
urteile  und  alles  dessen,  was  mit  dem  Gebundensein  der  Seele  in  den 
heutigen  Zeitverhaltnissen  zusammenhangt  -,  so  ist  es  ja  natiirlich 
auch  nur  in  hochst  eingeschranktem  Mafie  mir  hier  an  dieser  Stelle 
moglich,  zu  sprechen  iiber  die  Dinge,  die  da  wirken  bis  in  die  unmittel- 
bare  Gegenwart  unsererTage  herein.  Das  geht  nicht,  das  habe  ich  schon 
ofter  angedeutet.  Aber  ich  mochte  gewissermafien  auf  solche  Erschei- 


nungen  doch  hinweisen,  die  weniger  die  Emotionen,  die  weniger  die 
Leidenschaften  erregen.  Lassen  Sie  mich  zunachst  einige  Erscheinungen 
schildern,  Erscheinungen  des  Erkenntnis-  und  Gefiihlslebens,  die  ich 
herausgreife,  vorlaufig  jetzt  einen  Strich  machend  unter  die  Betrach- 
tungen,  die  ich  angestellt  habe,  indem  ich  Ihnen  gezeigt  habe,  welche 
Krafte  da  wirken  in  diesem  fiinften  nachatlantischen  Zeitraum.  Um 
nun  diese  einzelnen  Erscheinungen  hineinzustellen  in  jene  Krafte,  wol- 
len  wir  sie  zunachst  historisch  einmal  anschauen. 

Nehmen  wir  eine  Erscheinung  heraus,  die  uns  allerdings  in  tiefstem 
Sinne  interessieren  mufi,  eine  sehr  bedeutsame  Erscheinung;  nehmen 
wir  die  Erscheinung,  die  sich  aufiert  in  dem  menschlichen  Verstehen 
der  Wesenheit  des  Christus,  und  nehmen  wir  naheliegende  Erscheinun- 
gen des  Verstandnisses  fur  die  Wesenheit  des  Christus.  Da  haben  wir 
eine  neuere  Erscheinung  in  dem  «Leben  Jesu»  von  Ernest  Renan,  das 
Anfang  der  sechziger  Jahre  im  19.  Jahrhundert  erschien,  rasch  viele 
Auflagen  erlebte,  ich  glaube  die  zwanzigste  Auflage  schon  im  Jahre 
1900,  nach  dem  Tode  von  Ernest  Renan.  Da  haben  wir  «Das  Leben 
Jesu»,  das  aber  eigentlich  in  Wirklichkeit  kein  Leben  Jesu  ist,  von 
David  Friedrich  Straufi.  Und  da  haben  wir  -  wir  konnen  nun  nicht 
sagen:  ein  Leben  Jesu,  aber  gewisse  Anschauungen  hochst  bedeutsamer 
Art  im  Osten  Europas;  nicht  ein  Leben  Jesu,  aber  eine  Auseinander- 
setzung  iiber  den  Christus,  die  da  gipfelt  in  dem,  was  Solowjow  ge- 
schrieben  hat  iiber  den  Christus  und  sein  Eingreifen  in  die  Erdenevolu- 
tion.  Welche  bedeutsamen  drei  Aufierungen  des  menschlichen  Geistes- 
lebens  des  19.  Jahrhunderts  -  dieses  «Leben  Jesu»  von  Ernest  Renan, 
dieses  « Leben  Jesu»,  das  aber  eigentlich  kein  Leben  Jesu  ist,  wir  werden 
gleich  horen,  warum,  von  David  Friedrich  Straufi,  dieses  Eingreifen 
des  Christus  in  die  Erdenentwickelung,  wie  das  Solowjow  ausgefuhrt 
hat.  Wenigstens  gipf ein  seine  Ausfuhrungen  in  der  Christus-Idee. 

Welches  ist  der  Nerv  der  Renanschen  Ausfuhrungen  iiber  das  Leben 
Jesu?  Wenn  Sie  das  Renansche  Buch  «Das  Leben  Jesu»  richtig  wiir- 
digen  wollen,  das  heifit  verstehen  wollen  als  ein  Dokument  der  Zeit, 
dann  miissen  Sie  es  vergleichen  mit  friiheren  Darstellungen  des  Lebens 
Jesu.  Sie  brauchen  nicht  einmal  blofi  auf  die  literarischen  Darstellungen 
des  Lebens  Jesu  zu  blicken,  sondern  Sie  konnen  auf  alle  Darstellungen  - 


auch  auf  die  malerischen  Darstellungen  -  des  Lebens  Jesu  blicken.  Denn 
derselbe  Gang  sozusagen  driickt  sich  iiberall  aus,  den  die  Darstellung 
des  Lebens  Jesu  nimmt.  In  den  ersten  christlichen  Romerzeiten  hat  man 
nicht  nur  das  Christentum  vom  Osten  heriibergenommen,  sondern  auch 
die  Darstellung  Jesu.  Man  hat  ja  griechische  Darstellungen  gegeben, 
griechische  Verbildlichung,  und  es  ist  dem  Osten  geblieben  die  Fahig- 
keit,  Christus  darzustellen.  Das  byzantinische  Jesus-Gesicht  ist  ja  auch 
im  Westen  immer  wieder  und  wiederum  dargestellt  worden  aus  dem 
Romertum  heraus,  bis  dann  etwa  vom  13.  Jahrhundert  ab  sich  zum 
ersten  Mai  die  spater  in  einer  solchen  Weise,  wie  ich  das  in  diesen  Tagen 
auch  schon  angedeutet  habe,  sich  auslebenden  Nationalideen,  National- 
impulse  aufgekommen  sind,  wo  dann  aus  dem  nationalen  Impuls  all- 
mahlich  umgeandert  worden  ist  das  stereotyp-traditionell  fortwirkende 
Jesus-Gesicht,  wo  dieNationen  an  sich  gerissen  haben  den  Jesus-Typus, 
in  ihrer  Art  den  Jesus-Typus  dargestellt  haben. 

Da  machen  sich  wiederum  die  verschiedensten  Impulse  geltend,  den 
Jesus-Typus  darzustellen.  Verfolgen  Sie,  wie  merkwiirdig  das  nationale 
Anschauen  sich  hineinstiehlt,  mochte  ich  sagen,  in  die  Darstellungen 
des  Jesus-Kopfes  bei  Guido  Rent,  bei  Murillo,  bei  Lebrun.  Das  sind  so 
drei  Beispiele,  die  man  herausgreifen  konnte.  Da  haben  wir  iiberall  die 
Sehnsucht,  den  Jesus-Typus  national  darzustellen.  Er  ist  iiberall  so,  dalS 
man  sieht:  es  fliefk  in  Guido  Reni  viel  mehr,  als  das  noch  bei  seinen 
Vorgangern  der  Fall  war,  der  italienische  Seelentypus  in  das  Gesicht 
des  Jesus,  bei  Murillo  der  spanische,  bei  Lebrun  der  franzosische.  Aber 
bei  diesen  drei  Darstellungen  sehen  wir  iiberall  das  Prinzip  der  kirch- 
lichen  Tradition.  Sie  werden  nicht  Bilder  bei  ihnen  finden,  bei  denen 
Sie  nicht  die  machtige  Kirche  dahinterstehen  sehen.  Dagegen  finden 
Sie  ein  Auflehnen,  man  mochte  sagen,  ein  malerisches  Auf lehnen  gegen 
die  umfassende  Macht  des  Kirchentums,  die  man  in  der  Malerei  des 
Murillo,  des  Lebrun,  des  Guido  Reni  erblickt,  ein  Auflehnen,  ein  freies 
Herausarbeiten  aus  der  Menschlichkeit  selber  bei  Rubens ,bei  vanDyck, 
bei  Rembrandt.  Das  ist  geradezu  malerisches  Rebellentum,  wenn  Sie  es 
betrachten  mit  Bezug  auf  die  Darstellung  des  Jesus-Antlitzes.  Jeden- 
falls  aber  sehen  wir  aus  diesem  Fortgang,  wie  das,  was  sich  an  Vorstel- 
lungen  an  Jesus  angliedert,  nicht  im  Stillstande  ist,  sondern  wie  die 


Krafte,  die  in  der  Welt  wirken,  selbst  auf  dieses  Gebiet  hereinwirken. 
Wie  der  Romanismus  wie  ein  Hauch  Hegt  iiber  den  sich  zum  Nationa- 
len  emporhebenden  Lebrun,  Murillo,  Guido  Reni,  wie  das  Ansturmen 
gegen  den  Romanismus  so  deutlich  zum  Ausdrucke  kommt  in  den  Ge- 
sichtern  -  nicht  einmal  blofi  dem  Jesus-Gesicht,  sondern  den  anderen 
Gesichtern  der  heiligen  Geschichte  -  bei  Rubens,  bei  van  Dyck,  insbe- 
sondere  dann  bei  Rembrandt.  Und  so  sehen  wir,  wie  sich  unter  den 
verschiedenen  Impulsen,  die  sich  in  der  menschlichen  Evolution  herauf- 
erheben,  alle  geistigen  Betatigungen  nach  und  nach  ausgestalten. 

Und  ebenso  wiirden  Sie  finden  fiir  die  Zeiten,  in  denen  die  darstel- 
lende,  die  bildende  Kunst  mehr  abgelost  wird  vom  Worte  seit  dem 
16.  Jahrhundert,  wie  da  -  denn  dieselbe  Bedeutung,  wie  sie  fiir  die  frii- 
heren  Zeiten  die  bildlichen  Darstellungen  hatten,  haben  fiir  solche 
Sachen  die  Wortdarstellungen  seit  dem  16.  Jahrhundert  -  wiederum  in 
Flufi  kommt  die  Gestalt  des  Jesus,  die  Gestalt  des  Christus,  die  nie  fest 
und  starr  ist,  sondern  immer  so  gefafit  wird,  wie  die  verschiedenen 
Krafte  zusammenfliefien  in  den  Darstellern.  Und  ich  mochte  sagen: 
Wie  vorlaufig  letzte  Produkte  stehen  da  der  Renansche  Jesus,  der 
David  Friedrich  Straufische,  der  kein  Jesus  ist,  der  Solowjowsche  Chri- 
stus. Und  wie  gewaltig  unterschieden  voneinander! 

Der  Renansche  Jesus:  Ganz  ein  Jesus,  der  als  Mensch  in  Palastina 
lebt  wie  eine  historische  Menschengestalt.  Dabei  ist  dieses  Palastina 
selbst  mit  dem  Aufwande  aller  moderner  Gelehrsamkeit  wunderbar 
anschaulich  geschildert,  ich  mochte  sagen  so  geschiidert,  dafi  man 
die  ganze  palastinensische  Landschaft  mit  ihrer  Menschheit  vor  sich 
hat,  und  in  der  realistisch-naturalistisch  geschilderten  Landschaft  mit 
ihrer  Menschheit  wandelnd  die  Jesus-Gestalt,  und  der  Versuch,  aus 
Landschaft  und  Menschentum  in  Palastina  diese  Jesus-Gestalt  zu  er- 
klaren,  wie  sie  aufwachst,  wie  sie  als  Mensch  wird,  wie  ein  solcher 
Mensch  werden  konnte  in  Palastina.  Das  Hervorragende  der  Schil- 
derung  Renans  wird  man  erst  gewahr,  wenn  man  friihere  Darstel- 
lungen damit  vergleicht.  Friihere  Darstellungen  nehmen  den  inneren 
Gang  des  durch  die  Evangelien  Geschilderten,  und  das  versetzen  sie  in 
eine  Landschaft,  die  uberhaupt  nirgendwo  ist.  Es  wurden  eben  einfach 
die  Tatsachen  so,  wie  sie  geschildert  werden  in  den  Evangelien,  friiher 


immer  wieder  erzahlt;  die  Landschaft,  die  wird  da  ganz  unberiicksich- 
tigt  gelassen,  es  wird  so  geschildert,  dafi  es  uberall  sein  kann.  Da  geht 
Renan  einmal  so  zu  Werke,  daft  er  nun  das  Heilige  Land  realistisch  in 
alien  Einzelheiten  schildert,  so  dafi  Jesus  in  diesem  Heiligen  Lande 
drinnen  ein  richtiger  Palastinenser  wird.  Der  Christus  Jesus,  der  der 
ganzen  Menschheit  gehoren  soil,  wird  zu  einem  Jesus,  der  als  historische 
Personlichkeit  in  Palastina  lebt  und  geht,  ein  Palastinenser  ist,  begrif fen 
wird  aus  dem  Palastina  zwischen  dem  Jahre  1  und  dem  Jahre  33,  be- 
griffen  wird  aus  den  dortigen  Sitten,  aus  den  dortigen  Anschauungen, 
begriffen  wird  aus  der  dortigen  Landschaft.  Eine  realistische  Schilde- 
rung.  Es  sollte  einmal  der  Jesus  geschildert  werden  als  historische  Jesus- 
Personlichkeit,  wie  eine  andere  historische  Personlichkeit  geschildert 
wird.  Fur  Renans  Geist  hatte  es  keinen  Sinn,  emen  abstrakten  Sokrates 
zu  schildern,  der  uberall  sein  konnte,  der  schliefilich  zu  jeder  Zeit  sein 
konnte;  fur  Renan  aber  hat  es  ebensowenig  Sinn,  einen  abstrakten  Jesus 
zu  schildern,  der  uberall  sein  konnte.  Er  will,  ganz  gemafi  der  Wissen- 
schaft  des  19.  Jahrhunderts,  den  Jesus  als  eine  historische  Figur  zwi- 
schen dem  Jahre  1  und  33  schildern,  wie  er  in  Palastina  aus  den  pala- 
stinensischen  Verhaltnissen  heraus  begreifbar  ist.  Der  Jesus  hat  gelebt 
zwischen  dem  Jahre  1  und  33,  ist  im  Jahre  33  gestorben,  wie  ein  anderer 
Mensch  gestorben  ist  in  dem  oder  jenem  Jahre,  und  sein  Fortwirken 
besteht  wie  das  Fortwirken  eines  anderen  historischen  Menschen,  der  in 
einem  gewissen  Jahre  gestorben  ist.  Ganz  hereingestellt  in  die  moderne 
Anschauung:  Jesus  als  eine  historische  Personlichkeit,  begriffen  aus  sei- 
nem  Milieu  heraus,  das  gibt  uns  das  «Leben  Jesu»  von  Ernest  Renan. 

Betrachten  wir  jetzt  das  «Leben  Jesu»,  das  eigentlich  kein  Leben 
Jesu  ist,  von  David  Friedrich  Straufi.  Ich  sage,  es  ist  kein  Leben  Jesu; 
denn  David  Friedrich  Straufi  geht  zwar  auch  als  ein  sehr  gelehrter 
Mann  zu  Werke,  untersucht  das,  was  er  untersuchen  will,  mit  Griind- 
lichkeit,  mit  einer  ebensolchen  Griindlichkeit,  wie  es  auf  seinem  Gebiete 
Ernest  Renan  tat.  Aber  David  Friedrich  Straufi  lenkt  nicht  seine  Auf- 
merksamkeit  auf  den  historischen  Jesus;  der  ist  ihm  zunachst  nur  die 
Figur,  an  die  er  etwas  ganz  anderes  anheftet.  David  Friedrich  Straufi 
untersucht  das,  was  nun  von  Jesus  gesagt  wird,  insoferne  der  Jesus  der 
Christus  war,  insoferne  der  Jesus  wunderbar  in  die  Welt  eintritt,  auf 


wunderbare  Weise  sich  entwickelt,  grofie  Lehren  einer  bestimmten  Art 
aufiert,  durch  Leiden  und  Tod  geht,  der  Auferstehung  entgegengeht. 
Diese  Erzahlungen  der  Evangelien  untersucht  David  Friedrich  Straufi. 
Audi  Ernest  Renan  hat  natiirlich  die  Evangelien  genommen,  aber  sie 
gewissermafien  reduziert  auf  das,  was  er  aus  seiner  genauen  Palastina- 
Kenntnis  heraus  als  qualifiziert  ansehen  konnte  fur  eine  Weltanschau- 
ung mit  Bezug  auf  das  Leben  Jesu.  Das  interessiert  David  Friedrich 
Straufi  weiter  nicht,  sondern  Straufi  sagt  sich:  Dies  oder  jenes  erzahlen 
iiber  Christus,  der  im  Jesus  gelebt  hat,  die  Evangelien.  -  Nun  unter- 
sucht er,  inwiefern  das,  was  da  iiber  den  Christus  erzahlt  wird,  auch 
gelebt  hat  als  Mythos  da  oder  dort,  wie  das,  was  von  einer  wunder- 
baren  Geburt  erzahlt  wird,  sich  in  diesem  oder  jenem  Mythos  dieses 
oder  jenes  Volkes  findet,  wie  das,  was  von  der  Entwickelung  erzahlt 
wird,  sich  da  oder  dort  findet,  wie  endlich  das  Mysterium  von  Golgatha 
selber  sich  bereits  findet  in  den  Mythen  und  wie  es  in  den  Sagen,  da  f iir 
diesen,  dort  f  iir  jenen  Gott,  angewendet  wird.  Und  so  sieht  David  Fried- 
rich Straufi  in  der  Figur  des  historischen  Jesus  nur  die  Gelegenheit,  dafi 
sich  die  Mythenbildung  der  Menschheit  konzentriert  auf  eine  Person- 
lichkeit.  Der  Jesus  ist  ihm  gleichgultig;  er  ist  ihm  nur  insofern  von 
"Wert,  als  die  Mythen,  die  sonst  zerstreut  sind  in  der  Welt,  sich  konzen- 
trieren  auf  diesen  einen  Jesus,  dem  sie  alle  angehangt  werden.  Aber 
diese  Mythen  kommen  ihm  alle  aus  einem  gemeinsamen  Impuls  heraus; 
sie  sprechen  zu  David  Friedrich  Straufi  alle  von  der  mythenbildenden 
Kraft,  die  in  der  Menschheit  lebt.  Und  woher  kommt  fiir  David  Fried- 
rich Straufi  die  mythenbildende  Kraft?  Da  von  kommt  sie,  dafi  die 
Menschheit,  so  wie  sie  sich  entwickelte  auf  der  Erde  von  der  ersten  Ent- 
stehung  der  Erde  bis  zum  Untergange  der  Erde,  immer  in  sich  eine 
hohere  Kraft  haben  wird  als  die  blofi  aufiere,  auf  dem  physischen  Plan 
sich  entwickelnde  Kraft.  Durch  das  ganze  Menschengeschlecht  geht 
eine  Kraft  durch,  und  diese  Kraft  wird  immer  sich  richten  auf  Ober- 
irdisches,  und  es  wird  ausgedruckt  dieses  Uberirdische  in  den  Mythen, 
die  ausgebildet  werden.  Wir  wissen,  dafi  in  ihm  lebt  ein  Obersinnliches, 
das  sich  in  den  Mythen  ausdriicken  will,  das  nicht  in  der  aufieren  phy- 
sischen Wissenschaft  ausgedruckt  werden  kann,  sondern  das  sich  in  den 
Mythen  ausdriickt.  So  sieht  David  Friedrich  Straufi  nicht  in  dem  ein- 


zelnen  Jesus,  sondern  in  alien  Menschen  den  Christus,  der  seit  dem  Be- 
ginn  der  Menschheit  durch  alle  Menschen,  durch  die  ganze  Menschheit 
lebt  und  bewirkt,  dafi  von  ihm  Mythen  gedichtet  werden.  Nur  am 
starksten  entwickelt  sich  durch  die  Personlichkeit  des  Jesus  diese  my- 
thenbildende  Kraft.  Da  konzentriert  sie  sich.  Straufl  spricht  also  nicht 
von  einem  Jesus,  er  spricht  von  einem  Jesus,  der  eigentlich  kein  Jesus 
ist,  sondern  an  den  nur  angehangt  wird  das,  was  als  geistige  Christus- 
Kraft  durch  die  ganze  Menschheit  geht.  Die  Menschheit  selber  ist  der 
Christus  fur  David  Friedrich  Straufi,  und  vor  dem  Jesus  und  nach  dem 
Jesus  ist  der  Christus  immer  wirksam.  Und  die  wirkliche  Inkarnation 
des  Christus  ist  nicht  der  einzelne  Jesus  fur  David  Friedrich  Straufi, 
sondern  die  ganze  Menschheit,  der  Jesus  nur  der  hervorragendste  Re- 
prasentant  fur  die  Representation  des  Christus  durch  die  Menschheit. 

Da  ist  also  nicht  der  Jesus  als  historische  Figur  die  Hauptsache,  son- 
dern ein  abstraktes  Menschentum.  Der  Christus  ist  zur  Idee  geworden 
und  diese  Idee  inkarniert  sich  durch  die  ganze  Menschheit  hindurch. 
Es  ist  das  Destillierteste,  was  zunachst  der  Mensch  im  19.  Jahrhundert 
hat  begreifen  konnen:  das  Lebendige  in  der  Idee  zum  Christus  gewor- 
den, der  Christus  ganz  als  Idee  begriffen  und  iiber  den  Jesus  gewisser- 
mafien  hinweggeschritten!  Ein  «Leben  Jesu»,  das  kein  Leben  Jesu  ist, 
sondern  das  ein  Dokument  sein  soli  dafur,  daft  die  Idee,  das  Gottliche, 
in  der  ganzen  Menschheit  sich  inkarniert,  fortlaufend  sich  inkarniert. 
Der  Christus  in  ideeller  Verdiinnung  gedacht,  ideell  gedacht,  das  ist 
dieses  zweite  «Leben  Jesu»,  das  «Leben  Jesu»  von  David  Friedrich 
Straufi.  So  haben  wir  das  «Leben  Jesu»  von  Ernest  Renan  beschrieben 
als  die  historische  Figur  des  Jesus  zwischen  den  einzelnen  und  allein  fur 
sich,  bei  David  Friedrich  StraufS  die  Idee  des  Christus  durch  die  ganze 
Menschheit  durchgehend,  aber  etwas  in  destilliertem  Abstrakten  ver- 
bleibend. 

Und  jetzt  sehen  wir  bei  Solowjow  gar  nichts  mehr  von  Jesus,  sondern 
ganz  nur  den  Christus,  aber  den  Christus  lebendig  geahnt,  wie  er  jetzt 
nicht  als  eine  Idee,  die  in  den  Menschen  bewirkt,  dafi  ihre  Kraft  in 
Mythen  umgesetzt  wird,  wirkt,  sondern  wie  er  wirkt  als  lebendige  We- 
senheit,  die  nur  keinen  Leib  hat,  aber  zu  alien  Zeiten  wirkt,  immer 
unter  den  Menschen  ist  und  geradezu  die  auftere  Organisation  bewirken 


soli,  stiften  soli  die  soziale  Ordnung  -  der  Christus,  der  immer  da  ist, 
ein  lebendiges  Wesen  ist,  der,  ich  mochte  sagen,  einen  Jesus  gar  nicht 
gebraucht  hatte,  um  als  Christus  unter  die  Menschheit  zu  kommen. 
Obwohl  naturlich  alle  diese  Dinge  in  der  Wirklichkeit  noch  nicht  so 
radikal  hervortreten  bei  Solowjow,  so  macht  das  nichts;  es  ist  der 
Christus  als  solcher,  der  uberall  in  den  Vordergrund  tritt,  und  zwar 
der  Christus  als  der  Lebendige,  der  nur  durch  die  Imagination  erfafit 
werden  kann,  aber  durch  die  Imagination  so  erfafit  wird,  dafi  er  wie 
ein  reales  Wesen,  wie  ein  ubersinnlich-reales  Wesen  auf  der  Erde  wirkt. 

Da  haben  Sie  die  drei  Gestalten.  Wir  sehen,  wie  uns  dasselbe  im 
19.  Jahrhundert  in  dreifacher  Weise  entgegentritt:  das  «Leben  Jesu» 
von  Ernest  Renan,  ganz  realistisch,  das  realistische  Werk  der  Historie 
kat'exochen,  Jesus  als  historische  Personlichkeit,  mit  alien  Errungen- 
schaften  der  Gelehrsamkeit  des  19.  Jahrhunderts  geschrieben.  David 
Friedrich  Straufi:  die  Idee  der  Menschheit,  wirksam,  impulsiv,  durch 
die  ganze  Menschheit  sich  inkarnierend,  aber  in  der  Idee  bleibend, 
nicht  zum  Leben  erwachend.  Soiowjows  Christus:  lebendige  Kraft, 
lebendige  Weisheit,  spirituell.  Realistisches  Leben  Jesu  von  Ernest 
Renan,  idealistisches  Leben  Jesu  von  David  Friedrich  Straufi,  das  zu 
gleicher  Zeit  eine  idealistische  Darstellung  des  Christus-Impulses  ist, 
spirituelle  Darstellung  des  Christus-Impulses  durch  Solowjow. 

Ich  wollte  heute  zunachst  so,  wie  sie  sich  uns  nebeneinander  darstel- 
len,  diese  drei  Aufierungen  des  modernen  Lebens  in  der  Erkenntnis  der 
Jesus  Christus-Gestalt  hinstellen.  Wir  wollen  sie  dann  morgen  hinein- 
stellen  in  den  Zusammenhang,  der  sich  uns  ergibt  aus  den  Impulsen, 
die  wir  kennengelernt  haben. 


DRITTER  VORTRAG 
Dornach,  18.  September  1916 


Es  ist  aufierordentlich  schwierig,  iiber  die  Verhaltnisse  zu  sprechen, 
welche  im  vorigen  Vortrage  angedeutet  worden  sind,  well  in  der  neue- 
ren  Zeit,  in  unserer  Zeit  des  materialistischen  Denkens,  vielfach  die 
Vorstellungen  und  Begriffe  dafiir  fehlen.  Die  mufi  man  sich  erst  durch 
die  Geisteswissenschaft  aneignen.  So  kann  es  auch  nur  gewissermafien 
andeutend  sein,  was  mitgeteilt  werden  kann.  Aufierdem  liegt  ja  -  durch 
die  ganze  Entwickelung  unserer  neueren  Kultur  ist  das  bedingt  -  ein 
anderer  Grund  noch  vor:  der  Grund,  daf5  gegeniiber  den  Verhaltnissen, 
die  sich  fiir  den  neueren  Menschen  hinter  der  Erkenntnisschwelle  ver- 
bergen,  dieser  neuere  Mensch  in  seiner  Gesamtheit  etwas  schwachmutig 
geworden  ist.  Man  kann  es  nicht  anders  sagen,  wenn  man  das  Wort 
«feige»  vermeiden  will:  er  ist  schwachmutig  geworden.  Der  neuere 
Mensch  mochte  sich  am  liebsten  recht  wohlige  Gefiihle  verschaffen 
durch  die  Erkenntnis.  Das  ist  aber  nicht  immer  moglich.  Die  Erkennt- 
nis  kann  uns  auch  mit  innigster  Befriedigung  erfullen,  wenn  sie  uns 
nicht  gerade  angenehme  Sachen  sagt,  angenehme  Dinge  zeigt;  denn 
diese  nicht  angenehmen  Dinge  gehoren  ja  zur  Wahrheit  und  iiber  die 
Wahrheit  sollte  man  in  jedem  Falle  befriedigt  sein;  gewissermaften 
auch  iiber  die  schlimmsten  Wahrheiten  kann  man  ein  erhebendes  Gefiihl 
empfangen.  Aber  dazu  ist  vielfach,  wie  gesagt,  der  moderne  Mensch  zu 
schwachmutig;  er  will  Erhebung  auf  seine  Art.  Das  hangt  wiederum 
zusammen  gerade  mit  den  Geheimnissen  des  modernen  Daseins,  auf  die 
durch  solche  Betrachtungen,  wie  die  jetzt  angestellten,  gedeutet  werden 
soil. 

Der  moderne  Mensch  kann  die  besonderen  Fahigkeiten,  von  denen 
gestern  gesprochen  worden  ist,  die  freien  Imaginationen  im  Denken 
und  Handeln  und  das  urphanomenale  Verhalten  zur  Welt  im  Denken 
und  Handeln  sich  nur  aneignen,  wenn  iiber  gewisse  Vorgange,  die  sich 
auch  abspielen,  ein  Schleier  gebreitet  ist,  wenn  sie  sich  nicht  so  ohne 
weiteres  enthiillen.  Und  so  liegt  es  denn  auch  in  der  Notwendigkeit  der 
Evolution  des  fiinften  nachatlantischen  Zeitraumes,  dafi  der  Mensch 


gewisse  Dinge,  die  sich  abspielen,  die  gewissermajRen  hereinschlagen 
aus  untersinnlichen  und  iibersinnlichen  Welten  in  unsere  sinnliche  Welt, 
nicht  versteht.  Die  wkhtigsten  Ereignisse,  die  sich  vor  unseren  Augen 
um  uns  herum  abspielen,  versteht  ja  der  moderne  Mensch  gar  nicht.  Er 
ist  gewissermafien  davor  geschiitzt,  diese  Ereignisse  zu  verstehen,  weil 
er  nur  unter  diesem  Schutze  die  angedeuteten  zwei  Fahigkeiten  gehorig 
entwickeln  kann.  Nur  sind  bis  zu  unserem  Zeitpunkte  so  weit  die 
Grundlagen  geschaf fen,  dafi  es  weiter  nicht  geht,  in  der  Evolution  vor- 
zuschreiten,  ohne  dafi  in  gewissen  vorsichtigen  Weisen  und  Arten  doch 
auf  diese  Dinge  hingedeutet  werde.  Der  moderne  Mensch,  wie  er  so  mit 
seiner  Seele  miterlebt  nicht  nur  das,  was  um  ihn  geschieht,  sondern  das, 
was  er  selbst  tut,  was  er  seibst  verrichtet,  der  moderne  Mensch  hat  in 
seiner  Seele  gewissermafien  nur  schwache  Reflexe  dessen,  was  eigent- 
lich  vorgeht,  schwache  Reflexe  dessen,  was  treibt  und  quillt  in  der 
untersinnlichen  Natur,  die  hochstens  zuweilen  in  erschreckenden 
Traumbildern,  aber  da  auch  nur  schwach,  dem  modernen  Menschen 
heraufschauern.  Was  da  geschieht,  das  weifi  der  moderne  Mensch  nicht. 
Auch  vom  t)bersinnlichen  weifi  er  im  normalen  Zustande  wenig.  Unter 
dem,  was  wir  in  der  Seele  erfahren  als  moderne  Menschen,  liegt  gewis- 
sermafien  etwas,  das  man  nicht  anders  bezeichnen  kann  denn  als  erup- 
tive Krafte.  Es  ist  gerade  so,  als  ob  das,  was  der  moderne  Mensch  in 
seiner  Seele  erlebt,  so  ware,  dafi  man  es  vergleichen  konnte  mit  der 
Welt,  die  man  erlebt,  wenn  man  auf  einem  ganz  vulkanischen  Boden 
steht.  Da  kann  es  zunachst  ganz  beruhigend  ausschauen;  aber  man 
braucht  nur  ein  Papier  in  die  Hand  zu  nehmen  und  es  anzuziinden,  so 
quillt  uberall  der  Rauch  heraus!  Und  wiirde  man  in  diesem  Rauch  auch 
noch  sehen,  was  da  unten  quirlt  und  brodelt,  so  wiirde  man  wissen,  auf 
welchem  Boden  man  eigentlich  steht.  So  ist  es  auch  mit  dem  modernen 
Leben.  Da  beobachten  wir  im  modernen  Leben,  dafi  Ernest  Renan  sein 
«Leben  Jesu»  schreibt.  Wir  sehen  es  so,  wie  wir  sehen  iiber  einer  Solfa- 
tara  die  Landschaft,  Wir  sehen  das,  was  David  Friedrich  Strauft 
schreibt,  und  beschreiben  es  so,  wie  wir  es  gestern  beschrieben  haben  - 
zahm.  Wir  sehen,  was  Solowjow  schreibt;  wir  beschreiben  es,  wie  wir 
es  gestern  beschrieben  haben  -  zahm.  Das  ist  alles  zahm  beschrieben; 
das  ist  alles  so  beschrieben,  daft  wir  noch  nicht  angefangen  haben,  ein 


Papierschnitzelchen  anzuziinden  und  zu  sehen,  was  alles  unter  dem 
Boden  lebt  und  wirkt  an  eruptiven  Trieben  der  Menschheit. 

Es  ist  mit  dem,  was  ich  da  andeute,  recht  viel  gesagt.  Es  mufi  nur 
ordentlich  durchdacht  werden,  dann  werden  Sie  schon  sehen,  daft  viel 
gesagt  ist  damit.  Also  betrachten  wir  das,  was  wir  gestern  am  Ende  un- 
serer  Auseinandersetzungen  beschrieben  haben,  so  wie  das  Leben  iiber 
einem  Vulkan.  Und  es  ist  wiederum  ganz  im  Sinne  der  Evolution  ge- 
legen,  daft  das  so  ist,  daft  wir  wirklich  die  Dinge  so  zahm,  so  harmlos 
ansehen.  Das  ist  gut,  denn  unter  dieser  Zahmheit,  unter  dieser  Harm- 
losigkeit  entwickeln  sich  eben  die  Fahigkeiten,  die  wir  brauchen  im 
fiinften  nachatlantischen  Zeitraum.  Nur  entwickeln  sie  sich  nicht  be- 
wuftt  bei  den  meisten  Menschen,  und  es  muft  danach  getrachtet  werden 
durch  Geisteswissenschaft,  daft  sie  sich  auch  bewufit  entwickeln  kon- 
nen.  Daher  muft  zuweilen  eben  in  vorsichtiger  Art  auf  die  Dinge  hin- 
gedeutet  werden,  die  man  dann  gewahrt,  wenn  man  dieses  Papier- 
schnitzelchen eben  anzundet.  Warum  ist  das  alles  so?  Sehen  Sie,  das 
alles  ist  so  aus  dem  Grunde,  weil  ja  mit  unserer  fiinften  nachatlantischen 
Kultur  zunachst  die  ahrimanischen  Krafte  doch  etwas  ganz  anderes 
vorhaben.  In  der  vierten  nachatlantischen  Kultur  sind  sie  so  enttauscht 
worden  durch  die  romische  Evolution,  wie  wir  das  gestern  und  vor- 
gestern  beschrieben  haben.  Sie  haben  ihr  Ziel  nicht  erreicht;  sie  haben 
argere  Stiirme  daher  vorbereitet  fiir  unseren  fiinften  nachatlantischen 
Zeitraum,  weil  sie  wiederum  ihr  Ziel  erreichen  wollen. 

Nun  habe  ich  schon  angedeutet,  daft  von  zwei  Seiten  her  auch  lokal 
zum  Ausdrucke  kommt  das,  was  wie  Stiirme  hereinstoften  soil  in  unsere 
gewissermaften  zahme,  friedliche,  oder  zur  Zahmheit  und  Friedlichkeit 
bestimmte  Evolution  in  der  fiinften  nachatlantischen  Zeit.  Auf  das  eine 
habe  ich  gedeutet,  indem  ich  gesagt  habe,  wie  Dschingis-Khan  inspiriert 
worden  ist  durch  jenen  Priester,  der  einen  Nachkommen  des  Groften 
Geistes  der  alten  Atlantis  geschaut  hat;  auf  der  anderen  Seite  habe  ich 
hingedeutet,  wie  eine  gewisse  ahrimanische  Sturmkraft  ausgegangen  ist 
von  dem  Westen  und  tiberwunden  worden  ist  in  gewisser  Beziehung 
durch  all  das,  was  sich  an  die  Entdeckung  Amerikas  geschlossen  hat, 
respektive  in  all  dem  als  eine  Widerstandskraft  lebt.  Man  soli  nur  nicht 
glauben,  daft  die  Dinge,  die  man  nicht  sieht,  nicht  vorhanden  sind! 


Dadurch,  daft  das  nicht  zur  aufieren  physischen  Erdenwirklichkeit  ge- 
kommen  ist,  was  eigentlich  in  Angriff  genommen  worden  ist  von  den 
ahrimanischen  Machten  auf  der  westlichen  Halbkugel,  dadurch  ist  un- 
sere  fiinfte  nachatlantische  Kultur  vor  den  ersten  Stvirmen  gerettet. 
Aber  es  lebt  fort,  es  lebt  fort  gewissermafien  in  gespenstischer  Art.  Es 
ist  da,  es  drangt  sich  hinein  in  die  Triebe  der  Menschen.  Nur  wissen  die 
Menschen  nichts  davon,  dafi  es  sich  in  diese  Triebe  hineinlebt,  hinein- 
drangt.  Nun  kann  ich  Ihnen  eigentlich  nur  durch  eine  gewisse  Anein- 
anderreihung  von  Bildern  eine  Grundlage  fur  Vorstellungen  geben,  die 
Sie  sich  nach  und  nach  durch  Meditationen  selber  verschaffen  miissen, 
denn  nicht  leicht  wiirde  ich  Begriffe  finden  im  gegenwartigen  Begriffs- 
material,  um  anzudeuten,  was  eigentlich  in  den  Trieben  der  Menschen 
lebt,  die  unterschwellig  sind  und  die  in  das  gewohnliche  Seelenleben 
zwar  stofien  und  treiben,  aber  die  bedeckt  sind,  die  nicht  geschaut  wer- 
den,  die  nicht  gesehen  werden  im  modernen  normalen  Leben. 

Auf  dem  Boden,  der  betreten  worden  ist  durch  die  Entdeckung 
Amerikas,  hatten  sich  ja  allmahlich  im  Laufe  der  Jahrhunderte,  die 
verflossen  sind,  auf  der  westlichen  Halbkugel  ganz  besondere  Verhalt- 
nisse  herausgebildet.  Eine  allgemeine  Bevolkerung  war  dort,  die  weit 
entfernt  war,  diejenigen  Eigenschaften  auszubilden,  die  mittlerweile 
auf  der  ostlichen  Halbkugel,  in  Asien,  in  Europa,  entwickelt  worden 
sind.  Eine  den  allgemeinen  Denkfahigkeiten,  die  auf  der  ostlichen 
Halbkugel  sich  ausgebildet  haben,  fernestehende  Bevolkerung  war 
dort,  aber  innerhalb  dieser  Bevolkerung  eine  grofie  Anzahl  von  Men- 
schen, die  eingeweiht  waren  in  gewisse  Mysterien.  Mysterien  der  aller- 
verschiedensten  Art  gab  es  auf  dieser  westlichen  Halbkugel  vor  der 
Entdeckung  Amerikas,  Mysterien,  die  breite  Anhangerschaften  fur  ge- 
wisse Lehren  hatten,  welche  aus  diesen  Mysterien  heraus  kamen.  Und 
gewissermafien  wie  eine  einheitliche  Macht,  der  alles  gehorchte,  der 
alles  folgte,  wurde  ein  gespensterartiger  Geist  verehrt,  ein  Geist,  der  ein 
Nachkomme  war  des  Groften  Geistes  der  Atlantis,  ein  Geist,  der  aber 
allmahlich  einen  ahrimanischen  Charakter  angenommen  hatte,  indem 
er  mit  all  denjenigen  Kraften  wirken  wollte,  die  in  der  Atlantis  die 
richtigen  waren,  oder  schon  in  der  Atlantis  ahrimanische  waren.  So 
wollte  er  wirken.  Wenn  der  Atlantier  von  seinem  Grofien  Geiste  sprach, 


so  druckte  er  das  aus,  wie  schon  angedeutet  worden  ist  in  unseren  Be- 
trachtungen,  in  dem  Worte,  das  ahnlich  klang  dem  noch  in  China  er- 
haltenen  Worte  Tao.  Und  eine  ahrimanische  Karikatur,  ein  ahrima- 
nischer  Widerpart,  Gegner  dieses  Groften  Geistes  Tao,  der  aber  doch 
mit  ihm  verwandt  war,  der  wirkte  so,  daft  er  nur  vor  dem  atavistisch- 
visionaren  Schauen  sichtbar  werden  konnte,  aber  den  Leuten,  die  na- 
mentlich  in  Beziehung  standen  zu  den  weit  ausgebreiteten  Mysterien 
dieses  Geistes,  auch  immer,  wenn  sie  ihn  haben  wollten,  erschien,  so 
daft  sie  seine  Auftrage  und  seine  Gebote  empfangen  konnten.  Diesen 
Geist  nannte  man  mit  einem  Worte,  das  so  ahnlich  klang:  Taotl.* 
Das  war  also  eine  ahrimanische  Abart  des  Groften  Geistes,  Taotl, 
eine  machtige,  nicht  bis  zur  physischen  Inkarnation  kommende  We- 
senheit. 

In  die  Mysterien  des  Taotl  wurden  viele  eingeweiht.  Aber  die  Ein- 
weihung  war  durchaus  eine  solche,  die  einen  ahrimanischen  Charakter 
trug;  denn  diese  Einweihung  hatte  einen  ganz  bestimmten  Zweck,  ein 
ganz  bestimmtes  Ziel.  Sie  hatte  das  Ziel,  alles  Erdenleben,  auch  das 
Erdenleben  der  Menschen,  so  weit  zu  erstarren,  zu  mechanisieren,  daft 
iiber  diesem  Erdenleben  der  ja  schon  in  verschiedener  Weise  in  diesen 
Betrachtungen  angedeutete  besondere  luziferische  Planet  angelegt  wer- 
den konnte,  daft  die  Seelen  der  Menschen  herausgebracht  wurden;  her- 
ausgepreftt  werden  sollten  sie.  Das,  was  in  der  romischen  Kultur  durch 
die  ahrimanischen  Machte  in  der  gestern  angedeuteten  Weise  versucht 
worden  ist,  war  nur  ein  schwacher  nachatlantischer  Nachklang  des- 
jenigen,  was  durch  furchtbarste  magische  Ktinste  erreicht  werden  sollte 
in  einem  viel  umfanglicheren  Mafte  von  denjenigen,  welche  unter  der 
Fiihrung  des  Taotl  standen.  Ein  ganz  auf  Ertotung  jeder  Selbstandig- 
keit,  jeder  Seelenregung  von  innen  heraus  gerichtetes  allgemeinesErden- 
Todesreich,  konnte  man  sagen,  sollte  erstrebt  werden,  und  in  den  My- 
sterien des  Taotl  sollten  diejenigen  Krafte  erworben  werden,  welche 
den  Menschen  befahigten,  ein  solches  ganz  mechanisiertes  Erdenreich 
herzustellen.  Dazu  h'atte  man  vor  allem  kennen  miissen  die  groften  kos- 
mischen  Geheimnisse,  alle  die  groften  kosmischen  Geheimnisse,  die  sich 
beziehen  auf  dasjenige,  was  wirkt  und  lebt  im  Weltenall  und  seine  Wir- 
*  Hinweis  S.  362  beachten. 


kungen  aufiert  im  Erdendasein.  Diese  Weisheit  vom  Kosmos,  die  ist  im 
Grunde  genommen  in  alien  guten  und  schlechten  Mysterien  ja  immer 
dem  Wortlaute  nach  dieselbe,  weil  die  Wahrheit  immer  dieselbe  ist.  Es 
handelt  sich  nur  darum,  sie  in  solcher  Weise  zu  bekommen,  dafi  sie  ent- 
weder  in  gutem  oder  in  schlechtem  Sinne  gewendet  wird. 

Die  Weisheit  nun  von  dem  Kosmos,  die  an  sich  keine  schlechte  war, 
die  in  sich  sogar  heilige  Geheimnisse  enthielt,  diese  Weisheit  wurde 
sorgfaltig  von  den  Initiierten  des  Taotl  verborgen.  Sie  wurde  nieman- 
dem  mitgeteilt  anders  als  dadurch,  dafi  er  eben  im  richtigen  Sinne  in 
der  Taotl-Manier  initiiert  worden  ist.  Es  handelte  sich  also  darum,  dafi 
jemand  in  der  richtigen  Weise  initiiert  werden  mufite;  dann  wurde  ihm 
erst  als  Lehre  mitgeteilt,  was  die  Geheimnisse  des  Kosmos  sind.  Nun 
handelte  es  sich  darum,  diese  Geheimnisse  durch  Initiation  in  einer  ganz 
bestimmten  Seelenverfassung  zu  erhalten,  in  einer  solchen  Seelenverf as- 
sung,  daft  man  in  sich  die  Neigung,  die  Sympathie  dazu  verspiirte,  diese 
Geheimnisse  so  zu  verwenden  auf  der  Erde,  daft  sie  dieses  mechanische, 
starre  Todesreich  auf  der  Erde  aufrichteten.  So  sollte  man  sie  bekom- 
men. Und  man  bekam  sie,  man  empfing  sie  in  einer  besonderen  Weise: 
Keinem  wurde  die  Weisheit  mitgeteilt,  der  nicht  vorher  in  einer  ge- 
wissen  Art  einen  Mord  begangen  hatte.  Und  zwar  wurden  ihm  beim 
ersten  Mord  nur  gewisse  Geheimnisse  mitgeteilt.  Erst  bei  folgenden 
Morden  wurden  ihm  weitere  und  hohere  Geheimnisse  mitgeteilt.  Die 
Morde  mufken  aber  auch  unter  ganz  bestimmten  Bedingungen  began- 
gen werden.  Derjenige,  der  gemordet  werden  sollte,  der  wurde  auf 
einen  Aufbau  gelegt,  der  so  eingerichtet  war,  dafi  man  durch  ein  oder 
zwei  Stufen  von  alien  Seiten  zu  einer  Art  von  katafalkartiger  Vorrich- 
tung  kam,  die  oben  abgerundet  war,  so  dafi,  wenn  man  den  betreffen- 
den  zuErmordenden  darauf  legte,  er  imRiicken  stark  gekriimmt  wurde, 
und  durch  das  besondere  Anschnuren  an  jene  Vorrichtung  wurde  ihm 
der  Magen  herausgetrieben.  So  wurde  ihm  der  Magen  herausgetrieben, 
dafi  mit  einem  Schnitt,  zu  dem  der  betreffende  Einzuweihende  vorbe- 
reitet  worden  ist,  der  Magen  ausgeschnitten  werden  konnte. 

Diese  Art  des  Mordes  erzeugte  ganz  bestimmte  Gefiihle,  und  diese 
Gefiihle,  die  erregten  die  Empfindungen,  welche  fahig  machten,  die 
Weisheit,  die  dem  Betreffenden  spater  mitgeteilt  wurde,  in  der  ange- 


deuteten  Weise  zu  verwenden.  Wenn  dann  der  Magen  ausgeschnitten 
worden  war,  so  wurde  er  dem  Gotte  Taotl  geopfert,  wiederum  unter 
ganz  besonderen  Zeremonien.  Das  bewirkte,  dafi  die  Initiierten  dieser 
Mysterien  in  einer  ganz  bestimmten  Absicht  lebten,  in  der  Absicht 
eben,  die  ich  Ihnen  angedeutet  habe.  Das  bewirkte  ganz  bestimmte 
Gefuhlsrichtungen.  Wenn  die  Betreffenden,  die  initiiert  werden  sollten, 
reif  waren  auf  diesem  Initiationswege,  dann  erfuhren  sie  auch,  um  was 
es  sich  handelte;  dann  erfuhren  sie,  wie  die  Wechselwirkung  war  zwi- 
schen  dem  also  Ermordeten  und  demjenigen,  der  initiiert  worden  war. 
Der  also  Ermordete,  der  sollte  dadurch  vorbereitet  werden  in  seiner 
Seele,  in  das  luziferische  Reich  hinaufzustreben,  und  derjenige,  der  in- 
itiiert werden  sollte,  sollte  die  Weisheit  bekommen,  diese  Erdenwelt  so 
zu  gestalten,  daft  die  Seelen  aus  ihr  vertrieben  werden.  Und  dadurch, 
daft  eine  Verbindung  geschaffen  war  zwischen  dem  Ermordeten  und 
dem  Initiierten  -  nicht  Morder,  kann  man  sagen,  sondern  Initiierten  -, 
dadurch  war  dann  die  Moglichkeit  gegeben,  daft  der  Initiierte  mitge- 
nommen  wurde  von  der  anderen  Seele,  also  selber  im  rechten  Augen- 
blicke  die  Erde  verlassen  konnte. 

Es  sind  ja,  wie  Sie  wohl  ohne  weiteres  zugeben  werden,  diese  Myste- 
rien solche  der  alleremporendsten  Art,  solche,  die  eben  nur  einer  An- 
schauung  entsprechen,  die  man  im  vollsten  Sinne  eine  ahrimanische 
nennen  kann.  Gewisse  Empfindungen  sollten  dadurch  auf  der  Erde  er- 
zeugt  werden.  Nun,  selbstverstandlich  wurde  die  Evolution  der  Erde 
nicht  fortgehen,  wenn  auf  einem  betrachtlichen  Teile  der  Erde  Mensch- 
lichkeit  und  Sinn  fur  Menschlichkeit  ganz  aussterben  wiirde.  Deshalb 
starb  auch  hier  der  Sinn  fur  Menschlichkeit  nicht  ganz  aus,  und  es  wur- 
den  einzelne  an dere  Mysterien  begriindet,  welche  dazu  bestimmt  waren, 
den  Ausschreitungen  dieser  Mysterien  entgegenzuarbeiten.  Das  waren 
die  Mysterien,  in  denen  ein  Wesen  lebte,  das  nicht  bis  zur  f  leischlichen 
Inkarnation  kam,  das  aber  wiederum  von  den  ja  mit  gewissem  atavisti- 
schem  Hellsehen  befahigten  Menschen  geschaut  werden  konnte,  wenn 
die  Betreffenden  ordentlich  vorbereitet  worden  sind  durch  die  Myste- 
rien dieses  Wesens.  Und  dieses  Wesen  warTezkatlipoka.  So  nannte  man 
es;  ein  Wesen,  das  durch  seine  Eigenart  etwas  verwandt  war  -  obwohl 
es  zu  einer  viel  niedrigeren  Hierarchie  gehorte  -  dem  Jahve-Gott,  und 


das  da  auf  der  anderen  Halfte  der  Erde  entgegenwirkte  diesen  scheuft- 
lichen  Mysterien,  von  denen  gesprochen  worden  ist. 

Die  Lehren  des  Tezkatlipoka  drangen  sehr  bald  aus  den  Mysterien 
heraus  und  wurden  exoterisch  verbreitet,  so  dafi  in  dieser  Welt  die 
Lehren  des  Tezkatlipoka  eigentlich  die  exoterischesten  waren,  dagegen 
die  des  Taotl  die  esoterischesten  waren,  weil  man  nur  eben  auf  die  be- 
schriebene  Art  hineinkam.  Aber  die  ahrimanischen  Machte  versuchten, 
die  Menschheit  gewissermafien  -  jetzt  spreche  ich  das  so,  wie  es  Ahri- 
man  denkt  -  zu  retten  vor  dem  Gotte  Tezkatlipoka.  Und  daher  wurde 
dem  Tezkatlipoka  ein  anderer  Geist  entgegengesetzt,  der  fiir  die  west- 
liche  Halbkugel  viel  Ahnlichkeit  hat  mit  dem  Geiste,  den  Goethe  als 
Mephistopheles  beschrieben  hat.  Es  ist  ein  Verwandter  von  ihm.  Er 
wurde  dort  bezeichnet  mit  einem  Worte,  das  so  ahnlich  klang  wie 
Quetsalkoatl.  Quetsalkoatl  war  also  ein  Geist  -  wir  miissen  uns  ihn  in 
das  andere  Milieu  hineinversetzt  denken  -,  welcher  fiir  dieses  andere 
Milieu  eben  ahnlich  war  dem  viel  seelischer  auftretenden  Mephistophe- 
les. Dieser  Geist  Quetsalkoatl,  der  auch  nie  unmittelbar  inkarniert  er- 
schien,  der  hatte  zu  seinem  Symbolum  etwas  Ahnliches  wie  es  auf  der 
ostlichen  Halbkugel  der  Merkurstab  war,  und  er  war  zugleich  auf  die- 
ser westlichen  Halbkugel  der  Geist,  welcher  durch  gewisse  magische 
Krafte  bosartige  Krankheiten  austeilen  konnte,  bosartige  Krankheiten, 
die  er  iiber  diejenigen  bringen  konnte,  die  er  verderben  wollte,  weil  er 
sie  losmachen  wollte  von  dem  verhaltnismafiig  guten  Gotte  Tezkatli- 
poka. Durch  solche  Dinge  wurden  hier  die  scharfen  Stofie  vorbereitet, 
die  von  ahrimanischer  Seite  allmahlich  in  die  Welt  der  menschlichen 
Triebe  hineingebohrt  werden  sollten. 

Nun  ereignete  sich  in  einem  bestimmten  Zeitpunkte  dieses,  dafi  ein 
Wesengeboren  wurde,  welches  sich  einebestimmte  Aufgabe  setzte  inner- 
halb  dieser  Kultur,  ein  Wesen,  das  im  heutigen  Mittelamerika  geboren 
wurde.  Die  Mexikaner,  die  alten  Ureinwohner  von  Mexiko,  kniipften 
an  das  Dasein  dieses  Wesens  eine  bestimmte  Anschauung.  Sie  sagten, 
dieses  Wesen  sei  dadurch  zur  Welt  gekommen,  daft  eine  Jungfrau  es  als 
Sohn  bekommen  habe,  eine  Jungfrau,  welche  in  Jungfrauenschaft  es 
empf  angen  hat  durch  uberirdische  Machte,  dadurch,  dafi  ein  gef iedertes 
Wesen  der  Befruchter  dieser  Jungfrau  war,  ein  aus  dem  Himmel  ge- 


kommenes  gefiedertes  Wesen.  Wenn  man  mit  den  okkulten  Mitteln,  die 
einem  zur  Verfiigung  stehen,  den  Dingen  nachgeht,  so  sieht  man,  wie 
dieses  Wesen,  dem  die  Altmexikaner  Jungfrauengeburt  zuschrieben, 
ungefahr  ein  Lebensalter  von  dreiunddreifiig  Jahren  erreichte,  und  es 
wurde  geboren  ungefahr  um  das  Jahr  1  unserer  Zeitrechnung.  Dies  er- 
gibt  sich,  wie  gesagt,  wenn  man  mit  okkulten  Mitteln  den  Dingen  nach- 
geht. Und  es  stellte  sich  eine  ganz  bestimmte  Aufgabe. 

Es  war  damals  namlich  in  Mittelamerika  ein  schon  durch  seine  Ge- 
burt  zum  hohen  Initiierten  des  Taotl  bestimmter  Mensch  geboren.  Die- 
ser  zum  hohen  Initiierten  bestimmte  Mensch  hatte  eben  schon  in  seinen 
vorhergehenden  irdischen  Inkarnationen  Initiationen  erreicht  auf  die 
angegebene  Weise,  und  dadurch,  daft  er  viele  Male,  sehr  viele  Male 
wiederholt  hat  die  Ihnen  beschriebene  und  nicht  weiter  zu  wieder- 
holende  Prozedur  des  Magenausschneidens,  dadurch  war  er  allmahlich 
mit  einem  hohen  irdisch-iiberirdischen  Wissen  ausgeriistet  worden. 
Es  war  dieses  einer  der  allergrofiten,  wenn  nicht  der  grofite  schwarze 
Magier,  den  die  Erde  jemals  uber  sich  hat  schreiten  sehen,  derjenige 
schwarze  Magier,  der  sich  daher  die  grofiten  Geheimnisse  angeeignet 
hat,  die  es  auf  diesem  Wege  anzueignen  gibt.  Er  stand  unmittelbar  vor 
einer  grofien  Entscheidung,  als  das  Jahr  30  heranriickte,  vor  der  grofien 
Entscheidung,  durch  fortdauernde  Initiation  wirklich  als  einzelneMen- 
schenindividualitat  so  machtig  zu  werden,  dafi  er  das  Grundgeheimnis 
gekannt  hatte,  durch  das  er  der  f olgenden  menschlichen  Erdenevolution 
einen  solchen  Anstofi  hatte  geben  konnen,  dafi  wirklich  die  Menschheit 
im  vierten  und  fiinften  nachatlantischen  Zeitraum  so  verfinstert  wor- 
den ware,  dafi  zustande  gekommen  ware  das,  was  die  ahrimanischen 
Machte  fur  diese  Zeitraume  angestrebt  haben.  Da  begann  zwischen  ihm 
und  jenem  Wesen,  dem  eine  Jungfrauengeburt  zugeschrieben  worden 
ist,  ein  Kampf,  von  dem  man  wiederum  findet,  wenn  man  nachforscht, 
dafi  er  drei  Jahre  gedauert  hat,  ein  Kampf  zwischen  jenem  Wesen,  dem 
Jungfrauengeburt  zugeschrieben  wird,  und  diesem  ubermachtigen  Ma- 
gier. Dieses  Wesen,  dem  die  Jungfrauengeburt  zugeschrieben  wird,  tragt 
ungefahr  den  Namen,  wenn  man  ihn  versucht  nachzubilden  in  unserer 
Sprache:  Vitzliputzli.  Vitzliputzli  ist  also  ein  Menschenwesen.  Von 
alien  diesen  Wesen,  die  sonst  nur  gespenstig  herumgingen,  so  dafi  sie 


nur  durch  atavistisches  Hellsehen  geschaut  werden  konnten,  war  dieses 
Wesen  Vitzliputzli  wirklich  Mensch  geworden  durch  die  Jungfrauen- 
geburt,  die  man  ihm  zugeschrieben  hat.  Der  dreijahrige  Kampf  endete 
damit,  dafi  Vitzliputzli  imstande  war,  den  grofien  Magier  kreuzigen  zu 
lassen,  und  durch  die  Kreuzigung  nicht  nur  seinen  Leib  zu  vertilgen, 
sondern  auch  seine  Seele  zu  bannen,  so  dafi  sie  ohnmachtig  wurde  in 
ihrem  Schaf fen,  so  dafi  das  Wissen  ohnmachtig  wurde,  das  Wissen  ge- 
totet  wurde,  das  sich  dieser  machtige  Magier  des  Taotl  angeeignet  hatte. 

Auf  diese  Weise  hat  sich  Vitzliputzli  die  Fahigkeit  erworben,  alle 
diejenigen  Seelen,  die  auf  die  angedeutete  Weise  schon  den  Drang  er- 
halten  haben,  Luzifer  zu  folgen  und  die  Erde  zu  verlassen,  wiederum 
fur  das  Erdenleben  zu  gewinnen,  ihnen  wiederum  den  Trieb  zumErden- 
leben,  zur  folgenden  Inkarnation  einzuimpfen  durch  den  machtigen 
Sieg,  den  er  iiber  den  grofien  schwarzen  Magier  davongetragen  hatte. 

So  lebt  fort  nicht  das,  was  fortgelebt  haben  wiirde  von  diesen  Ge- 
genden  her,  wenn  die  Mysterien  des  Taotl  ihre  Fruchte  getragen  hatten, 
sondern  es  lebt  fort  gleichsam  nur  in  der  atherischen  Welt  das,  was  an 
Kraften,  an  Nachkraften  geblieben  ist  von  dem  Treiben,  das  in  diesen 
Mysterien  war.  Alle  diese  Krafte  sind  vorhanden;  sie  sind  untersinnlich 
vorhanden,  und  sie  gehoren  zu  dem,  von  dem  ich  Ihnen  sagte,  man 
wiirde  es  schauen,  wenn  man  im  geistigen  Leben  ebenso  es  machen 
konnte,  wie  iiber  einer  Solfatara  das  Papier  anzuziinden.  Es  ist  da,  es 
ist  gewissermafien  unter  der  Vulkandecke  des  gewohnlichen  Lebens  da. 
So  dafi  hineinspielt  in  all  das,  was  den  funften  nachatlantischen  Zeit- 
raum  bildet,  in  bezug  auf  die  Seelenentwickelung  des  Menschen  auf  der 
einen  Seite  das,  was  von  dem  Inspirator  des  Dschingis-Khan  kam,  und 
auf  der  anderen  Seite  das,  was  als  das  Gespenst  der  Vorgange  nach- 
wirkt,  die  sich  auf  der  westlichen  Halbkugel  vollzogen  haben  und  die 
nur  noch  in  schwachen  Nachklangen  vorhanden  waren,  als  die  Euro- 
paer  Amerika  entdeckten.  Aber  es  weifi  ja  sogar  die  Geschichte,  dafi 
noch  viele  Europaer,  die  den  Boden  Amerikas,  den  Boden  Mexikos  be- 
traten,  dadurch  ermordet  worden  sind,  dafi  sie  von  der  dortigen  schon 
in  Dekadenz  befindlichen  Priesterschaft,  die  nicht  mehr  so  schlimm 
war  wie  die  alte,  auf  solche  Weise  den  Magen  ausgeschnitten  bekamen, 
wie  ich  sie  geschildert  habe.  Vielen  Europaern,  die  den  Boden  Mexikos 


nach  der  Entdeckung  Amerikas  betreten  haben,  ist  das  auf  diese  Weise 
passiert,  das  weifi  ja  sogar  auch  die  Geschichte. 

In  Vitzliputzli  verehrten  diese  Leute  also  ein  Sonnenwesen,  welches 
von  einer  Jungfrau  geboren  ist  auf  die  Weise,  wie  ich  es  beschrieben 
habe  und  von  dem  man  findet,  wenn  man  den  Dingen  mit  okkulten 
Mitteln  nachgeht,  daft  es  der  unbekannte  Zeitgenosse  des  Mysteriums 
von  Golgatha  auf  der  westlichen  Halbkugel  war. 

Man  kann  ja  diese  Dinge  auch  so  beschreiben  -  abstrakt  -,  wie  es  die 
Oberflachlinge  der  Gegenwart  machen,  daft  sie  gewissermaften  nicht 
weh  tun;  aber  will  man  ein  wirkliches  Erkennen,  dann  mufi  man  das 
Konkrete,  das  vorgegangen  ist,  schon  wenigstens  mit  einem  fluchtigen 
Blick  streifen,  wie  wir  es  heute  gestreift  haben.  Ja,  wenn  wir  diese  mo- 
derne  Menschenseele  betrachten,  so  sehen  wir,  wie  sie  nach  unten,  zum 
Untersinnlichen  hin,  nach  oben,  zum  Obersinnlichen  hin,  starken,  gro- 
ften  Gefahren  ausgesetzt  ist,  wie  da  die  Krafte  hereinspielen,  die  nur 
unbewuftt  bleiben.  Und  es  ist  gut,  daft  sie  unbewufit  bleiben,  weil  sich 
nur  dadurch  der  fiinfte  nachatlantische  Zeitraum  entwickeln  kann. 
Geliiftet  mufi  der  Schleier  nur  werden,  damit,  nachdem  seit  der  Ent- 
deckung Amerikas  geniigend  Zeit  verflossen  ist,  zu  der  Unbewufttheit 
auch  die  Bewufttheit  eintreten  kann;  denn  sonst  wiirden,  wenn  nicht 
die  Bewufttheit  eintreten  wiirde  nach  und  nach,  diese  Krafte  iibermach- 
tig  werden,  und  es  wiirden  Bedingungen,  die  verhaltnismaftig  zur  Wohl- 
tat  der  Menschheit  entstanden  sind  in  der  Zeit  der  Unbewufttheit, 
umschlagen  und  wiirden  zum  Fluch  der  Menschheit  werden.  Denn 
manches  ist  wirklich  darauf  angelegt,  zum  Fluch  der  Menschheit  zu 
werden,  das,  so  wie  es  entstanden  ist  von  dieser  oder  jener  Seite  her, 
allerdings  zur  Wohltat  der  Menschheit  geworden  ist. 

Ich  wollte  Ihnen  durch  das  heute  Geschilderte  andeuten,  was  da 
unten  unter  der  Oberflache  brodelt  und  quillt.  Und  nun  verlassen  wir 
diese  unterirdische  Gegend  und  gehen  wiederum  zum  Oberirdischen, 
ohne  daft  wir  irgendwie  gleich  unmittelbar  eine  Gedankenverbindung 
hervorrufen  wollen  -  die  konnen  wir  spater  einmal  hervorrufen  -  zwi- 
schen  den  beiden  Reichen.  Betrachten  wir  jetzt  einmal  die  Frage:  Wie 
ist  denn  dieses  ausgezeichnete,  genialische  «Leben  Jesu»  von  Ernest 
Renan  geschrieben?  Es  ist  so  geschrieben,  daft  wir  einen  Jesus  vor  uns 


haben,  der  als  ein  Mensch  iiber  die  Erde  wandelt,  wie  ich  es  gestern 
beschrieben  habe.  Solch  eine  geniale  Personlichkeit  wie  Ernest  Renan 
ist  sich  nicht  bewuflt,  aus  welchen  Griinden  heraus  sie  gerade  ein  sol- 
ches  «Leben  Jesu»  schreibt.  Es  ist  so  etwas  aus  ganz  bestimmten  Trieben 
heraus  geschrieben;  aber  die  Triebe  bleiben  im  Unbewufiten.  Diese 
Triebe,  aus  denen  Ernest  Renans  «Leben  Jesu»  geschrieben  ist,  man 
kann  sie  zusammenfassen  als  einen  Grundtrieb,  der  bisher  nur  Gutes 
hervorgebracht  hat,  in  gewissen  Grenzen  relativ  Gutes;  denn  das  «Le- 
ben  Jesu»  von  Ernest  Renan  ist  zumBeispiel  in  seiner  Art  ein  ausgezeich- 
netes  Werk.  Aber  vieles  ist  gemacht  worden  aus  demselben  Grundtrieb 
heraus.  Ich  habe  nur  das  eine  Erkenntnisbeispiel  gewahlt;  man  konnte 
auch  Lebensbeispiele  wahlen,  nur  wiirde  man  da  auf  Gebiete  kommen, 
welche  die  Menschen  sehr  irritieren.  Aus  dem  Grundtriebe  heraus,  der 
zu  etwas  ganz  Bestimmtem  sich  hinentwickeln  will,  ist  so  etwas  ge- 
schrieben, aus  dem  Grundtrieb  heraus,  das,  was  sich  als  Mensch  kund- 
gibt,  nur  aufierlich  anzuschauen,  nur  so  anzuschauen,  wie  es  sich  aufier- 
lich  in  die  Welt  hineinstellt.  Ich  habe  dieses  Beispiel  des  «Lebens  Jesu» 
aus  dem  Grunde  gewahlt,  weil  Ernest  Renan  aus  diesem  Grundtriebe 
heraus  sich  gerade  an  die  geheiligteste  Personlichkeit  der  Menschheit 
heranmacht  und  diese  aus  diesem  Grundtriebe  heraus  so  schildert,  daft 
sie  nur  als  aufiere  Personlichkeit  vor  uns  steht. 

Wohin  wiirde  dieser  Grundtrieb  endlich  fuhren,  wenn  er  sich  immer 
mehr  und  mehr  steigern  wiirde?  Er  wiirde  dahin  fuhren,  dafi  die  Men- 
schen nicht  mehr  die  Neigung  haben  wiirden,  in  ihre  eigenen  Seelen  zu 
schauen,  wenn  sie  die  Welt  betrachten.  Denn  Ernest  Renan  ist  ja  schon 
so  weit,  nicht  mehr  sich  zu  getrauen,  in  sein  eigenes  Innere  zu  schauen, 
wenn  er  von  dem  Christus  Jesus  spricht.  Er  spricht  nur  von  der  histo- 
rischen  Figur  und  sucht  sie  aufierlich  anzuschauen.  Das  kommt  aus  dem 
Grundtrieb,  uns  allmahlich  als  Menschheit  so  zu  verlieren,  daft  wir 
jeden  Menschen  auf  der  Welt  nur  aufierlich  anschauen,  dafi  wir  nicht 
mehr  miterleben,  was  sich  von  dem  Menschen  in  unserer  eigenen  Seele 
spiegelt.  Der  Grundtrieb  des  urphanomenalen  Anschauens  ist  zum  Ex- 
trem  gebracht;  der  eine  Grundtrieb  ist  zum  Extrem  gebracht:  Die 
Aufienwelt  soli  angeschaut  werden,  ohne  daft  das  Innere  irgendwie  rege 
gemacht  wird.  Die  einseitige  Ausbildung  dieses  Triebes  strebt  nach 


einem  menschlichen  Verkehr,  der  so  die  anderen  Menschen  ansieht,  daft 
er  eben  alles  nur  aufierlich  ansieht.  In  vieler  Beziehung  zeigt  uns  gerade 
unsere  unmittelbare  Gegenwart,  wie  weit  es  mit  diesem  Triebe  gekom- 
men  ist,  wie  die  Menschen  immer  mehr  und  mehr  nur  auf  gef  aftt  werden 
sollen  nicht  nach  ihrem  Seelischen,  sondern  nach  ihrem  Aufierlichen. 
Und  gerade  die  falsche  Ausbildung  der  Nationalideen,  die  die  Natio- 
nalist, die  dem  Seelenhaften  gegeniiber  etwas  Aufterliches  ist,  dem 
Menschen  aufpragt  und  ihn  nur  nach  dem  beurteilen  will,  ihn  gewisser- 
maften  so  ausgestalten  will  im  Leben,  daft  er  nur  noch  als  Angehoriger 
der  Nationalist  aufgefaftt  wird,  nicht  seinem  Innern  nach,  das  ist  eine 
der  Krafte,  die  diesem  Grundtrieb  ganz  besonders  dient.  Dadurch 
wiirde  die  Erdenmenschheit  immer  mehr  und  mehr  sich  innerhalb  na- 
tionaler  Grenzen  abschliefien,  und  es  wiirde  in  der  Zukunft  niemals 
diese  nationale  Grenze  uberschritten  werden  konnen. 

Aus  diesem  Grundtriebe  heraus  also  entsteht  das  Bild  eines  jeden 
Menschen  nur,  wie  er  aufterlich  sich  hineinstellt  in  die  Welt,  wenn  die- 
ser  Grundtrieb  sich  in  der  Erkenntnis  auslebt.  Nun  betrachten  wir  den 
anderen  Grundtrieb.  Der  andere  Grundtrieb,  der  entgegengesetzte 
Grundtrieb  wiirde  darinnen  bestehen,  daft  man  nur  die  inneren  Erleb- 
nisse  ins  Feld  fiihrt,  gar  nicht  den  Blick  auf  den  aufteren  Menschen 
richtet,  sondern  nur  auf  die  inneren  Erlebnisse,  das  nur  anschaut,  was 
man  innerlich  erleben  kann,  was  man  in  der  Seele  unmittelbar  erlebt. 
Wenn  man  diesen  Trieb  zur  Erkenntnisfrage  macht  mit  Bezug  auf  die 
Gestalt  des  Christus  Jesus,  da  miiftte  natiirlich  das  Interesse  fur  die 
Jesus-Gestalt  wegfallen,  denn  die  Jesus-Gestalt  kann  nach  Renanscher 
Weise  nur  aufterlich  erforscht  werden,  und  es  wiirde  das  Interesse  nicht 
haften  an  der  Jesus-Gestalt,  sondern  nur  an  der  Christus- Wesenheit. 
Da  wird  man  kein  Interesse  haben  an  der  Jesus-Gestalt  als  historische 
Figur,  sondern  nur  fur  die  Christus-Wesenheit.  Wenn  dieser  Trieb,  der 
der  entgegengesetzte  des  zuerst  geschilderten  ist,  der  auch  nun  strebt, 
allgemein  in  der  Erdenmenschheit  zu  werden,  wenn  der  sich  ausbreiten 
wiirde,  dann  wiirden  wiederum  die  Menschen  nebeneinander  hergehen, 
jeder  in  seinem  Innern  ein  reiches  Seelenleben  brodelnd  haben,  aber  sie 
wiirden  aneinander  vorbeigehen,  ohne  auch  nur  das  Bediirf nis  zu  haben, 
die  Menschen,  die  um  sie  herum  sind,  irgendwie  in  ihrer  Eigenart  auf- 


zufassen.  Es  wiirde  jeder  nur  gewissermaften  in  seinem  eigenen  Seelen- 
hause  leben  wollen.  Auf  Erkenntnisgebieten  der  geheiligtsten  Wesen- 
heit  der  Menschlichkeit  gegeniiber  lebt  sich  wiederum  dieser  Trieb  bei 
Solowjow  aus,  der  nur  das  Interesse  fur  die  Christus-Wesenheit  hat, 
nicht  fur  die  historische  Jesus-Figur. 

Sie  sehen,  nach  welchen  beiden  Extremen  die  moderne  Menschheit 
hintendiert.  Sie  tendiert  nach  zwei  Extremen  hin.  Das  eine  ist  der  Trieb, 
die  Welt  nur  von  auften  anzuschauen,  das  Urphanomenale  ins  Extreme 
zu  treiben;  das  andere  ist,  die  Welt  nur  in  freien  Imaginationen  inner- 
lich  zu  erfassen.  Das  alles  ist  im  Anfange,  hat  sich  bisher  in  wohltatiger, 
schoner  Weise  ausgebildet;  aber  das  alles  strebt  danach,  verkehrt  zu 
werden.  Geradeso,  wie  in  bezug  auf  aufierliche  Schilderung  Renans 
« Leben  Jesu»  ein  Meisterwerk  ist,  sind  die  Solowjowschen  Darstellun- 
gen  der  Christus-Wesenheit  das  Hochste,  was  auf  diesem  Gebiete  in  der 
Gegenwart  hat  geschaffen  werden  konnen.  Es  sind  wohltatige  Impulse, 
aber  sie  entspringen  dem  Trieb,  der  in  seiner  einseitigen  Ausbildung 
jeden  Menschen  in  sein  eigenes  Haus  zuriicktreiben  wiirde. 

Demgegeniiber  mufi  eine  Erkenntnis  gerade  durch  die  Geisteswissen- 
schaft  Platz  greifen,  eine  Erkenntnis,  die  zusammengefaftt  werden 
kann  in  zwei  Satze,  die  ich  Ihnen  heute  ganz  besonders  in  die  Seele 
schreiben  mochte.  Der  eine  Satz  ist  der,  daft  der  Mensch  niemals  zu 
einem  wirklichen  guten,  rechten,  starken  personlichen  Innenleben  kom- 
men  kann,  ohne  daft  er  das  warmste  Interesse  hat  f  ur  andere  Menschen. 
Alles  Innenleben,  das  wir  suchen,  bleibt  falsch,  bleibt  ein  versuche- 
risches,  wenn  es  nicht  einhergeht  mit  einem  liebevollen  Interesse  fur 
die  Eigenarten  der  anderen  Menschen.  Wir  sollen  geradezu  vorausset- 
zen,  daft  wir  uns  innerlich  finden  als  Menschen,  wenn  wir  Interesse 
haben  fur  die  Eigenarten  der  anderen  Menschen.  Liebevolles  Eingehen 
auf  die  Individualitaten  anderer  Menschen  -  was  zuweilen  verbunden 
ist  im  Leben  mit  einer  argen  Lebenstragik  -,  nur  das  ist  dasjenige,  was 
uns  zur  Selbsterkenntnis  bringen  kann.  Und  Selbsterkenntnis,  die  wir 
durch  Selbstgriibelei  suchen,  wird  niemals  eine  richtige  Selbsterkenntnis 
sein.  Also  unser  Inner  es  vertiefen  wir  im  interessevollen  Verkehr  mit 
den  anderen  Menschen.  Aber  dieser  Satz  ist,  so  wie  er  ausgesprochen 
wird,  etwas  andeutend,  was  nicht  unmittelbar  ausgefiihrt  werden  kann, 


weil  es  in  unmittelbarer  Wechselwirkung  stehen  mufi  mit  einem  an- 
deren.  Wir  erlangen  niemals  namlich  eine  richtige  Erkenntnis  der  Au- 
fienwelt,  wenn  wir  uns  nicht  dazu  entschliefien,  das  Menschliche,  das 
Allgemeinmenschliche  in  uns  selber  zu  erforschen,  in  uns  selber  kennen- 
zulernen.  Daher  wird  alle  Naturerkenntnis  der  modernen  Zeit  eine 
blofi  mechanische,  nicht  wahre,  sondern  falsche,  verkehrte  sein,  die 
nicht  so  fufit  auf  einer  Erkenntnis  des  Menschen,  wie  die  Wissenschaft, 
die  von  mir  als  Geheimwissenschaft  beschrieben  worden  ist  in  dem 
Buch  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi»,  wo  mit  der  Erkenntnis  des 
Menschen  die  Erkenntnis  der  Auftenwelt  gesucht  wird.  Das  Innere 
finden  wir  im  Aufieren,  das  Auftere  finden  wir  im  Inneren. 

Was  mit  Bezug  auf  gewisse  Zeiterscheinungen  dann  weiter  zu  sagen 
ist  fur  andere  Schopfungen,  die  wir  auch  schon  beruhrt  haben,  wie  zum 
Beispiel  das  sogenannte  «Leben  Jesu»  von  David  Friedrich  Straufi,  dar- 
uber  will  ich  dann  ein  nachstes  Mai  sprechen.  Heute  mochte  ich  nur 
sagen,  dafi,  als  vor  zweimal  sieben  Jahren  begonnen  worden  ist  mit 
unserem  Impuls  einer  theosophischen  Bewegung,  die  dann  die  anthropo- 
sophische  geworden  ist,  daran  gedacht  worden  ist,  dafi  durch  alles  das, 
was  in  dieser  Bewegung  fliefit,  ganz  besonders  im  Sinne  dieser  zwei 
Satze  gewirkt  werde:  Alles  Aufiere  soil  entziinden  Selbsterkenntnis; 
das  Innere  soli  lehren  Welterkenntnis.  In  diesen  Satzen,  beziehungsweise 
in  ihrer  Verwirklichung  in  der  Welt,  liegt  wahre  geistige  Einsicht  in 
das  Dasein  und  liegen  die  Impulse  zu  wirklicher  Menschenliebe,  zu 
sehender  Menschenliebe.  Und  eine  Verwirklichung  desjenigen,  was  in 
diesen  Satzen  liegt,  sollte  gesucht  werden  durch  unsere  Gesellschaft. 
Ware  in  den  zweimal  sieben  Jahren  all  das  zustande  gekommen,  was 
angestrebt  worden  ist,  waren  nicht  die  gegenteiligen  Machte  in  unserer 
Zeit  noch  stark  genug  gewesen,  vieles  zu  verhindern,  dann  wiirde  ich 
heute  ganz  anders  noch  sprechen  konnen  iiber  gewisse  Geheimnisse  des 
Daseins,  als  gesprochen  werden  kann.  Dann  wiirde  diese  Gesellschaft 
reif  geworden  sein,  dafi  in  ihrem  Schofie  heute  Dinge  ausgesprochen 
werden  konnten,  die  sonst  nirgends  ausgesprochen  werden  konnten. 
Aber  es  wiirde  dann  auch  eine  Garantie  dafiir  vorhanden  sein,  dafi 
diese  Geheimnisse  des  Daseins  in  der  richtigen  Weise  bewahrt  wiirden. 
Die  Vorgange  in  unserer  Gesellschaft  haben  aber  gezeigt,  dafi  gerade 


mit  Bezug  auf  das  Bewahren  die  Dinge  nicht  gehen,  nicht  gehen  durch 
die  mannigfaltigsten  Gegengewichte,  die  sich  der  Bewegung  angehangt 
haben.  Denn  da  wirklich  heute  kein  Schutz  mehr  vorhanden  ist,  wenig- 
stens  kein  durchdringender  Schutz  dafiir,  dafi  das,  was  bei  uns  gesagt 
wird,  in  beliebiger  Weise,  in  der  Ihnen  ja  auch  bekannten  Weise  ver- 
wendet  wird  draufien  in  der  Welt,  wie  es  von  manchen  Leuten  ver- 
wendet  wird,  und  eingehiillt  wird  in  solche  Gefiihle,  wie  es  von  seiten 
mancher  Leute  geschieht,  so  zeigt  sich  darinnen  im  Hinblick  auf  die 
zweimal  sieben  Jahre,  dafi  in  gewisser  Weise  die  Gesellschaft  hinter 
dem,  was  angestrebt  werden  mufite,  in  mancher  Beziehung  zuriick- 
geblieben  ist.  Solch  eine  Einsicht  soil  uns  nicht  zur  Mutlosigkeit  fuhren, 
aber  sie  soil  uns  dazu  fuhren,  nicht  blofi  schwelgen  zu  wollen  in  gewissen 
Erkenntnissen,  sondern  Lebensernst  genug  entwickeln  zu  wollen,  um 
die  Wahrheit  in  der  Gestalt  aufzunehmen,  in  der  sie  gerade  in  unserer 
Zeit  eigentlich  mitgeteilt  werden  mufite.  Wenn  es  moglich  ist,  dafi  her- 
vorragende  schriftstellernde  Mitglieder  unserer  Bewegung  so  denken, 
wie  es  sich  in  der  letzten  Zeit  gezeigt  hat,  dann  ist  es  eben  klar,  dafi 
erst  noch  andere,  tiefere  Impulse  in  den  Seelen  derjenigen  Menschen 
aufwachen  miissen,  die  sich  innerhalb  unserer  Gesellschaft  befinden, 
als  bisher  aufgewacht  sind.  Nicht  blofi,  um  angenehme  Erkenntnisse  zu 
haben,  sollen  wir  uns  verbinden,  sondern  um  einen  heiligen  Dienst  der 
Wahrheit  im  Interesse  der  Evolution  der  Menschheit  zu  leisten.  Dann 
werden  schondie  rechten  Erkenntnisse  unskommen;  dann  werden  nicht 
durch  allerlei  Vorurteile  diese  Erkenntnisse  zuruckgediimmt  werden. 

Und  so  wollen  wir  wenigstens  in  unsere  Herzen  das  Ideal  aufneh- 
men,  dafi  doch  vielleicht  eine  solche  Gesellschaft  auch  entstehen  konne, 
welche  notwendig  ist  in  der  allgemeinen  Welt  der  Vorurteile,  die  unsere 
Zeit  durchsetzt  und  durchsaugt.  Das,  was  ich  sage,  richtet  sich  natur- 
lich  nicht  im  geringsten  an  irgendeine  einzelne  Seele  unter  uns;  nicht 
im  allergeringsten  richtend  wendet  es  sich  an  irgendeine  einzelne  Seele, 
sondern  lediglich  darauf  ist  es  gerichtet,  das  Ideal  der  Erkenntnis  un- 
serer Zeit  zu  betonen,  das  Ideal  jenes  Menschheitsdienstes,  den  wir  als 
notwendig  erkennen  sollten.  Und  ebenso  warm,  wie  ich  vor  etwa  acht 
Tagen  hier  gesprochen  habe,  mochte  ich  auch  heute  wiederum  betonen, 
dafi  nicht  vergessen  werden  moge  in  unserem  Kreise,  dafi  der  Mensch- 


heit  in  der  Gegenwart  notwendig  ist  ein  Kreis  von  Menschen,  zu  dem 
in  unbefangenster  Weise  von  dem  ganzen  heute  zu  offenbarenden 
Wahrheitsgehalt  gesprochen  werden  kann,  ohne  daf$  sich  dagegen  vor- 
urteilsvolle  Emotionen  erheben.  Wir  miissen  es  als  unser  Karma  hin- 
nehmen,  dafi  sich  in  unserem  Kreise  Feindschaft  erhoben  hat,  Feind- 
schaft  erhoben  hat,  Feindschaft  aus  dem  unverstandigen  Zeitgefiihl 
und  den  unverstandigen  Zeitideen,  Zeitemotionen  heraus;  aber  wir 
sollten  uns  auch  keinen  Augenblick  einer  Tauschung  dariiber  hingeben, 
dafi  dieses  Karma  eben  das  unsere  ist.  Dann  wird  uns  aus  dieser  Er- 
kenntnis  heraus  der  Impuls  fiir  das  Rechte  aufgehen.  Und  namentlich 
sollen  wir  nicht  so  vieles,  was  wir  aufnehmen,  so  schnell,  als  es  ge- 
schieht,  vergessen,  so  vieles  von  dem,  wo  sich  in  einzelnen  uberragenden 
Satzen  zusammenschliefien  die  sonst  auseinandergelegten  Wahrheiten; 
wir  sollen  sie  nicht  bloft  an  uns  voriiberziehen  lassen,  sondern  sie  in 
unseren  Herzen  bewahren.  In  unserem  Kreise  ist  so  viel  verbreitet  die 
Sehnsucht,  zu  vergessen,  gerade  oft  das  Wichtigste  zu  vergessen.  Und 
so  sind  wir  noch  nicht  der  lebendige  Gesellschaf tsorganismus  geworden, 
den  wir  brauchen,  beziehungsweise  den  die  Menschheit  braucht.  Dazu 
ist  vor  alien  Dingen  notwendig,  dafi  wir  uns  Gedachtnis  aneignen  fiir 
das,  was  wir  durch  das  Leben  in  der  Gesellschaft  lernen  konnen. 


VIERTER  VORTRAG 
Dornach,  23.  September  1916 


Mit  Rikksicht  darauf,  dafi  anlafilich  der  Generalversammlung  des  Jo- 
hannesbau-Vereins  Freunde  anwesend  sind,  welche  die  letzten  hier  ge- 
haltenen  Vortrage  nicht  gehort  haben,  will  ich  nicht  unmittelbar  heute 
fortsetzen  mit  dem  Thema,  das  jetzt  schon  durch  eine  langere  Zeit  uns 
beschaftigt  hat.  Ich  will  vielmehr  in  diesen  Tagen  Dinge  besprechen, 
allerdings  episodisch,  die  beitragen  konnen  zu  weiterem  Verstandnisse 
des  in  den  letzten  Wochen  hier  Vorgebrachten,  die  aber  aus  sich  selbst 
heraus,  wenigstens  bis  zu  einem  gewissen  Grade,  wiederum  verstandlich 
sein  konnen.  Nur  kurz  will  ich  skizzieren  einen  Hauptgedanken,  der 
vorgebracht  worden  ist,  und  der  ja  aus  dem  ganzen  Charakter  unserer 
Geisteswissenschaft  bis  zu  einem  gewissen  Grade  verstandlich  ist.  Nur 
wird  er  eben  vertieft,  wenn  man  zu  seinem  Verstandnisse  noch  hinzu- 
nimmt  die  Tatsache,  die  wir  in  unseren  verschiedenen  letzten  Betrach- 
tungen  anfuhren  konnten.  Es  ist  der  Gedanke,  daft  alles  dasjenige,  was 
menschliche  Geschichte  ist,  nur  dann  in  seiner  wahren  Wirklichkeit  be- 
trachtet  werden  kann,  wenn  man  hinter  dieser  menschlichen  Geschichte 
die  treibenden  spirituellen  Machte  kennenlernt  in  ihrer  individuellen 
Gestalt,  ebenso  wie  man  ja  die  Natur  nur  kennenlernen  kann,  wenn 
man  dasjenige,  was  wirkt  und  lebt  hinter  den  Wahrnehmungen  der 
Sinne,  in  seiner  echten  Gestalt  kennenlernt.  Wir  haben  ja  nun  schon 
ofter  betont,  dafi  Geisteswissenschaft  sich  zu  dem,  was  man  heute  oft- 
mals  Wissenschaft  nennt  und  womit  man  alles  Wissenschaftliche  um- 
fassen  will,  so  verhalt,  dafi  man  sagen  kann:  Die  heutige  Wissenschaft, 
die  Wissenschaft,  die  seit  drei  bis  vier  Jahrhunderten  mit  Recht  und 
aus  guten  Grunden  von  der  Menschheit  getrieben  wird,  diese  Wissen- 
schaft gleicht  der  Beschreibung  der  einzelnen  Buchstaben,  die,  sagen 
wir,  auf  einem  Blatte  gedruckt  oder  geschrieben  sind;  hochstens  noch 
dem,  was  die  grammatikalischen  Regeln  sind  oder  die  Lautregeln,  nach 
denen  sich  diese  Buchstaben  zu  Worten  gruppieren  oder  zu  Satzen  zu- 
sammenfiigen.  Alles,  was  man  Naturgesetze  nennt,  gleicht  so  den  laut- 
lichen  oder  den  grammatikalischen  Regeln.  Wenn  man  also  beginnen 


wiirde,  anschauend  zu  beschreiben  eine  bedruckte  oder  beschriebene 
Seite,  wenn  man  beschreiben  wiirde:  Da  sehe  ich  zunachst  etwas,  einen 
Strich,  einen  Strich  nach  rechts  oben  gehend,  einen  Strich  nach  links 
unten  gehend,  und  dann  den  nachsten  Buchstaben  beschreiben  wiirde 
und  hbchstens  noch  die  Regeln,  wie  die  Sache  der  Lautlehre,  der  Gram- 
matik  angehoren  wiirde,  so  gleicht  ein  solches  Verhalten  zu  einer  be- 
schriebenen  oder  bedruckten  Seite  dem,  was  man  heute,  und  zwar  fiir 
heute  mit  Recht,  die  Wissenschaft  nennt.  Aber  unser  Verhalten  zu  einer 
solchen  beschriebenen  oder  bedruckten  Seite  ware  durchaus  nicht  der 
Sache  angemessen,  wenn  wir  nur  stehen  blieben  bei  einer  solchen  An- 
schauung,  wie  sie  eben  charakterisiert  worden  ist.  Wir  lesen  und  schrei- 
ten  vor  von  dem  blofien  Anschauen  und  Beschreiben  desjenigen,  was 
wir  doch  eigentHch  einzig  und  allein  von  der  bedruckten  Seite  vor  uns 
haben,  zu  dem  Sinn  der  Sache,  den  wir  eben  nur  kennenlernen  konnen, 
wenn  wir  vom  Beschreiben  des  Augenscheines  zu  dem  fortschreiten, 
was  wir  vermogen  mit  der  beschriebenen  oder  bedruckten  Seite  anzu- 
fangen,  wenn  wir  uns  mit  unserem  eigenen  Geiste  und  seinen  Kraften 
in  eine  Beziehung  setzen  konnen  durch  dasjenige,  was  da  bedruckt  oder 
geschrieben  ist,  zu  dem,  von  dem  das  ausgeht,  was  bedruckt  oder  ge- 
schrieben  ist:  zu  dem  Geiste,  der  in  diesen  kleinen  Wesen,  die  wir  als 
Druckbuchstaben  kennen,  waltet.  So  sucht  Geisteswissenschaft,  im 
Gegensatze  zu  der  gewohnlichen  Wissenschaft,  zu  lesen,  nicht  blofi  das 
Geschaute  zu  beschreiben,  sondern  zu  lesen  in  den  Tatsachen  der  Welt. 
Denn  ebenso,  wie  sie  uns  zunachst  in  ihren  Formen,  die  wir  beschreiben 
konnen,  in  ihren  Bewegungen,  in  ihrer  inneren  Gesetzmafiigkeit  ent- 
gegentreten,  die  Tatsachen  der  Natur  und  die  Tatsachen  des  geschicht- 
lichen  Werdens,  so  sind  uns  zugleich  -  in  ubertragenem  Sinne  natiirlich 
ist  das  gemeint  -  diese  Tatsachen  der  Natur  und  der  Geschichte  ge- 
wissermafien  Lettern,  Buchstaben,  die  wir  lesen  konnen,  wenn  wir  auf 
diesem  Gebiete  lesen  lernen,  aus  denen  sich  uns  enthullt  der  Sinn  des 
Daseins,  der  Sinn  des  Lebens,  der  Sinn  aller  menschlichen  Tatigkeit, 
soweit  dies  den  Menschen  notwendig  ist.  So  suchen  wir  den  Sinn  auch 
des  geschichtlichen  Werdens,  suchen  die  konkreten  Krafte,  die  hinter 
diesem  geschichtlichen  Werden  stehen  und  es  gewissermafien  hervor- 
zaubern  aus  sich,  so  wie  der  Schreiber  aus  seinen  Gedanken  hervor- 


zaubert  dasjenige,  das  wir  nachher  aus  den  toten  Buchstaben  der  be- 
schriebenen  oder  bedruckten  Seiten  lesen. 

Nun  haben  wir  versucht,  gewissermafien  den  Sinn  der  neueren  Zeit, 
jener  neueren  Zeit,  die  wir  als  die  funfte  nachatlantische  irdische  Kul- 
turperiode  bezeichnen,  zu  ergriinden.  Wir  wissen,  dafi  diese  Zeit  un- 
gefahr  aufgeht  in  dem  Zeitalter,  welches  die  aufiere  Geschichte  auch 
bezeichnet  als  den  Obergang  des  Mittelalters  zur  neueren  Zeit.  Das 
Mittelalter,  vielleicht  mit  Ausnahme  seiner  allerletzten  Jahrhunderte, 
bis  in  das  14.,  ja  noch  bis  in  einen  Teil  des  15.  Jahrhunderts  herauf,  be- 
trachten  wir  als  zugehorig  zum  vierten  nachatlantischen  Kulturzeit- 
raum,  den  wir  als  den  griechisch-lateinischen  bezeichnen  nach  dem 
eigentlichen  Grundcharakter  seines  geistigen  und  materiellen  Lebens; 
er  beginnt  etwa  im  8.  Jahrhundert  vor  dem  Mysterium  von  Golgatha. 
Wenn  wir  nur  in  dem  Stil,  wie  es  die  gewohnliche  Geschichte  macht, 
die  Entwickelung  der  Menschheit  betrachten  -  auch  das  ist  ja  schon 
ofter  hier  und  anderswo  gesagt  worden  -,  so  kommt  man  sehr  leicht 
zu  der  Meinung,  dafi  in  dieser  menschlichen  Entwickelung,  solange  man 
von  ihr  so  sprechen  kann,  enthalten  ist  das,  was  wir  als  Jetzt-Menschen 
entwickeln,  dafi  diese  menschliche  Entwickelung  ziemlich  gleich  ver- 
laufen  ist.  Man  stellt  sich  vor,  es  ginge  die  geschichtliche  Entwickelung, 
wenn  man  riickwarts  blickt,  nur  so  zuriick,  und  der  Mensch  ware  sich 
ziemlich  gleich  geblieben.  Vor  einer  wirklichen  geistigen  Geschichts- 
betrachtung  gilt  das  nicht,  wie  wir  wissen;  da  gilt,  dafi  in  der  Tat  die 
Menschheit  sehr,  sehr  sich  verandert.  Und  mehr  als  man  heute  glaubt, 
wo  man  so  wenig  eigentlich  iibersehen  will  von  der  Menschheitsent- 
wickelung,  ist  der  Mensch  des  10.,  12.  Jahrhunderts  der  christlichen 
Zeitrechnung  ganz  radikal  verschieden  von  dem  Menschen  der  gegen- 
wartigen  Zeit.  Wenn  man  die  ganze  Konfiguration  des  Seelenlebens, 
die  ganze  Konfiguration  der  menschlichen  Gesinnungsweise  und  der 
Lebensart  ins  Auge  fafit,  dann  zeigt  sich  diese  Verschiedenheit  nicht 
nur  etwa  auf  den  Hohen  des  Lebens,  da,  wo  Weltanschauungsfragen 
oder  wissenschaf tliche  Fragen,  Erkenntnisfragen  spielen,  sondern  diese 
Verschiedenheit  zeigt  sich  zu  den  einfachsten,  primitivsten  Menschen 
heruntergehend.  Der  Bauer,  der  einfachste  Bauer  ist  heute  in  seiner 
ganzen  Seelenkonfiguration,  wenn  die  Welt  auch  nicht  viel  davon 


weifi,  innerlich  ein  wesentlich  anderes  Wesen  als  der  Mensch  des  8.,  9., 
10.  christlichen  Jahrhunderts.  Und  wiederum  konnen  wir  sagen,  daft 
dasjenige  Zeitalter,  das  im  wesentlichen  den  Charakter  der  Gegenwart 
tragt,  wie  es  so  heraufkommt  vom  15.,  16.  Jahrhundert  an,seinen  ersten 
kleineren  Abschnitt  vollendet  hat  ungefahr  in  der  Mitte  des  19.  Jahr- 
hunderts. Die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  ist  ja  tatsachlich,  wie  wir 
auch  schon  ofter  angefuhrt  haben,  ein  ganz  wichtiger  Zeitabschnitt. 

Ich  habe  es  ja  schon  ofter  auch  angedeutet,  daft  ein  Ausspruch,  der 
immer  wieder  und  wiederum  getan  wird,  zu  den  falschesten  Aus- 
spriichen  gehort,  wenn  man  ihn  in  der  Art  fafit,  wie  er  gewohnlich  ge- 
fafit  wird:  In  der  Natur  oder  im  Leben,  so  sagt  man,  geschehen  keine 
Spriinge.  In  Wahrheit  ist  es  so,  dafi  iiberall  zu  bemerken  ist,  wie  das 
wirkliche  Leben  iiberall  Spriinge  macht,  sich  nur  durch  Spriinge  in 
Wahrheit  f ortentwickelt.  Ein  Sprung  ist  es,  wenn  von  der  Wurzel  durch 
Metamorphose  -  im  Goetheschen  Sinne  gesprochen  -  das  Blatt  sich 
entwickelt,  aus  dem  Blatt  wiederum  das  Blumenblatt,  aus  dem  Blumen- 
blatt  die  Fruchtorgane  in  der  Pflanze.  Und  so  ist  es  auch  ein  Vorurteil, 
allerdings  ein  bequemes  Vorurteil,  zu  glauben,  daft  die  menschliche 
Geschichte  so  ohne  Spriinge  weitergeht.  Es  ist  nicht  der  Fall.  Die 
menschliche  Geschichte  schreitet  fort,  gewissermafien  deutlich  Wellen- 
taler  und  Wellenberge  machend,  und  nicht  einfach  so  sukzessive  das 
eine  an  das  andere  reihend;sondern  in  gewissen  Zeiten  stellt  sich  schroff 
als  etwas  anderes  das  Spatere  neben  das  Vorhergehende  hin.  Die  Men- 
schen  sind  nur  nicht  geneigt,  die  Dinge  so  genau  anzusehen,  dafi  ihnen 
auf fallen  wiirde,  wie  auf  dem  Grunde  des  Werdens  waltende  Machte 
zu  schauen  sind,  die  in  dieser  Weise  durch  Abschnitte,  wellenberg-, 
wellentalartig  dieses  Werden  vorwartsbringen. 

Was  einen  gewissen  Abschlufi  erlangt  hat  im  Jahre  1840,  konnte 
man  sagen,  also  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts,  das  ist,  dafi  in  dem 
Zeitraume  vom  15.  bis  in  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  die  Menschheit 
ganz  bestimmte  Fahigkeiten  entwickelt  hat,  Fahigkeiten,  die  in  der 
fruheren  Zeit  nicht  in  derselben  Art  vorhanden  waren.  Man  geht  vollig 
in  die  Irre,  wenn  man  meint,  daft,  sagen  wir,  die  kopernikanische  Welt- 
anschauung oder  die  Buchdruckerkunst  in  einem  fruheren  Jahrhun- 
derte  ebensogut  hatte  eintreten  konnen  in  die  menschliche  Entwicke- 


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lung  wie  in  dem  Jahrhunderte,  in  dem  sie  eingetreten  sind.  Das  hangt 
davon  ab,  dafi  das  Fortschreiten  der  menschlichen  Entwickelung  ge- 
radeso  einem  Organismus  entspricht  wie  die  einzelne  menschliche  Ent- 
wickelung; und  so  wie  das  Kind  von  zwolf,  dreizehn  Jahren  nicht  die 
Fahigkeiten  hat,  um  in  der  Welt  dasselbe  zu  tun  wie  der  Mann  oder  die 
Frau  von  fiinfunddreiftig  Jahren,  so  wie  sich  diese  Fahigkeiten  ent- 
wickeln  miissen,  und  wie  diese  Fahigkeiten  dem  Lebensalter  des  mensch- 
lichen Individuums  entsprechen,  so  ist  es  auch  im  ganzen  Menschen- 
geschlecht.  Die  Fahigkeiten,  die  besonders  hervorgetreten  sind  in 
Kopernikus,  in  Galilei,  in  Kepler,  dann  wiederum  in  den  Mannern  der 
Naturwissenschaft  des  18.  und  19.  Jahrhunderts,  diese  Fahigkeiten 
waren  vorher  nicht  da.  Sie  entsprechen  eben  einem  Zeitalter  der  mensch- 
lichen Entwickelung,  der  menschlichen  Gesamtentwickelung,  das  auf 
die  angedeuteten  Jahrhunderte  fallt;  und  nicht  in  derselben  Weise  hatte 
der  Grieche  oder  der  Romer  die  Welt  anschauen  konnen,  weil  die  Fa- 
higkeiten einfach  dazumal  nicht  da  waren.  Und  so  wie  das  einzelne 
menschliche  Individuum  nichts  Vollstandiges  sein  wiirde,  wenn  es  nicht 
nach  und  nach  die  verschiedenen,  den  Lebensaltern  entsprechenden  Fa- 
higkeiten herausgestalten  wiirde,  so  ware  das  Menschengeschlecht  nichts 
in  seiner  Art  Vollstandiges,  wenn  nicht  nach  und  nach  diejenigen  Fahig- 
keiten herauskamen,  die  eben  in  der  allgemeinen  Menschennatur  veran- 
lagt  sind.  Dafi  diese  Fahigkeiten  sich  entwickeln,  daft  nach  und  nach 
das  Menschengeschlecht  aus  sich  dasjenige  heraussetzt,  was  in  seinem 
Wesen  liegt,das  ist  ja  imGrunde  genommen  menschliche  Entwickelung. 

Welcher  Art  sind  nun  diese  besonderen  Fahigkeiten,  welche  sich 
vom  15.  bis  ins  19.  Jahrhundert  innerhalb  der  Menschheit  entwickelt 
haben?  Es  sind  vorzugsweise  die  Krafte  des  verstandigen  Auffassens 
der  Welt,  des,  konnte  man  sagen,  vernunftigen  Auffassens  der  Welt. 
Man  hat  heute  so  allgemein  den  Glauben:  Das  Mittelalter  hat  die  ptole- 
maische  Weltanschauung,  dann  kam  die  kopernikanische  Weltanschau- 
ung; wir  haben  es  herrlich  weit  gebracht,  denn  dieses  Mittelalter  war 
im  Grunde  genommen  doch  ganz  toricht,  daft  es  so  etwas  Unvollkom- 
menes  hatte  wie  die  ptolemaische  Weltanschauung,  und  jetzt  haben  wir 
endlich  das  Richtige!  -  Diejenigen  Menschen  denken  wenig  der  Wirk- 
lichkeit  gemafi,  die  nicht  zugeben  wollen,  dafi,  wenn  wir  einmal  von 


Kopernikus  uns  ebensoweit  entfernt  haben  werden  in  der  Zeit,  wie  die 
Zeit  des  Kopernikus  entfernt  war  von  Ptolemaus,  man  iiber  das  Him- 
melsgewolbe  wiederum  anders  denken  wird.  Nichts  von  dem,  was 
kopernikanische  Weltanschauung  ist,  wird  dann  anders  angesehen 
werden,  als  die  kopernikanische  Weltanschauung  die  ptolemaische  an- 
sah;  denn  im  steten  Flusse  ist  das  Werden  des  menschlichen  Geschlech- 
tes.  Mag  es  auch  heute  noch  ganz  wahnsinnig  erscheinen,  wenn  man 
sagt,  dafi  etwas  an  die  Stelle  der  kopernikanischen  Weltanschauung 
treten  wird,  was  sich  von  dieser  ebenso  unterscheidet  wie  die  koperni- 
kanische Weltanschauung  von  der  ptolemaischen,  es  ist  dies  fur  den- 
jenigen  ganz  klar,  der  innerlich  erfaftt,  was  im  Werden  der  Menschheit 
webt  und  lebt.  Die  besondere  Art,  so  aufierlich  nur  den  Ver stand  anzu- 
wenden  auf  die  Naturerscheinungen,  wie  er  angewendet  werden  mufite, 
um  die  neuere  Naturwissenschaf  t  der  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderte 
zu  erzeugen,  das  ist  eben  etwas,  was  einer  Fahigkeit  gerade  dieser  Jahr- 
hunderte entspricht. 

Fur  diejenigen  nun,  welche  wissen,  wie  die  Menschheitsgeschichte 
vorschreitet,  ist  es  klar,  dafi  eigentlich  von  der  Mitte  des  19.  Jahrhun- 
derts  an  das  Menschengeschlecht  reif  war,  andere  Fahigkeiten  nach 
und  nach  zu  entwickeln.  Aber  immer  mehr  und  mehr  mufi  die  Mensch- 
heit ihre  Angelegenheiten  selbst  in  die  Hand  nehmen.  So  ist  es,  mehr  als 
es  jemals  in  einem  Zeitalter  fruher  der  Fall  war,  der  Menschheit  heute 
in  der  Gegenwart  uberlassen,  etwas  zu  tun,  um  weitere  Fahigkeiten  zu 
den  in  den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderten  errungenen  hinzuzuer- 
werben.  Warum  sind  denn  die  Fahigkeiten  der  letzten  drei  bis  vier 
Jahrhunderte  gekommen,  diese  Fahigkeiten,  welche  scharfsinnig  und 
eindringlich  gewissermafien  die  Oberflache  der  Erscheinungen  logisch 
beherrschen  konnen,  so  dafi  sie  sie  in  Naturgesetze  pragen  konnen? 
Warum  sind  denn  diese  Fahigkeiten  gekommen,  diese  Fahigkeiten,  die 
wenig  unter  die  Oberflache  der  Dinge  dringen,  aber  sehr  scharfsinnig 
gerade  alles  dasjenige  wissenschaftlich  anschauen,  was  an  der  Ober- 
flache der  Dinge  liegt?  Diese  Fahigkeiten  sind  aus  dem  Grunde  ge- 
kommen, weil  nur  dadurch  der  Mensch  eine  gewisse  Stufe,  eine  gewisse 
Etappe  seines  Werdens  durchmachen  kann. 

Der  Mensch  hat  fruher  andere  Fahigkeiten  gehabt.  Wenn  wir  zu- 


riickgehen  in  der  geschichtlichen  Entwickelung,  finden  wir,  dafi,  je 
weiter  wir  in  die  Vergangenheit  zuriickgehen,  immer  mehr  und  mehr 
der  Mensch  noch  hineinblicken  konnte  in  die  geistige  Welt.  Aber  diese 
Fahigkeiten  waren  nicht  so,  dafi  sie  der  Mensch  frei  handhaben  konnte, 
sondern  sie  waren  mehr  oder  weniger  unfreiwillig  im  Menschen  auf- 
tretend.  So  ahnlich,  wie  die  Sehnsucht  nach  Schlaf  iiber  den  Menschen 
kommt,  so  war  ihm  in  friiheren  Zeiten  die  Kraft,  dieses  oder  jenes  zu 
erkennen,  gekommen;  aber  diese  Kraft,  dieses  oder  jenes  zu  erkennen, 
die  ging  dafiir  hinein  in  die  geistige  Welt.  Damit  der  Mensch  eine 
Etappe  vorwartsschreiten  konnte  auf  dem  Gebiete  der  freien  Ent- 
schluflfahigkeit,  auf  dem  Gebiete  der  Entwickelung  zur  Freiheit,  mufite 
er  abgeschlossen  werden  von  den  Kraften,  die  ihn  friiher  allerdings 
naher  der  geistigen  Welt  gebracht  haben,  aber  ihn  auch  unfreier  gehai- 
ten  haben.  Die  Menschheit  mufite  eine  Zeitlang  durch  eine  Entwicke- 
lungsperiode  durchgehen,  in  der  sie  gewissermafien  wie  durch  eine 
Hiille  oder  durch  einen  Schleier  abgeschlossen  war  von  der  geistigen 
Welt,  damit  sie  freier  werden  konnte.  Allerdings  ist  diese  Entwicke- 
lung noch  lange  nicht  abgeschlossen,  aber  ihr  erster  Entwickelungs- 
prozefi  ist  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  abgeschlossen  gewesen. 
Und  seit  jener  Zeit  -  das  wissen  diejenigen,  welche  etwas  vom  geistigen 
Leben,  das  hinter  dem  sinnlichen  ist,  erkennen  -  ist  es  eine  Notwendig- 
keit,  und  es  wird  immer  mehr  und  mehr  eine  Notwendigkeit  werden, 
dafi  zu  den  rein  verstandesmaftigen  Betrachtungs-  und  Erkenntnis- 
kraften  hinzutreten  andere  Krafte,  die  in  der  menschlichen  Seele 
schlummern  und  die  sich  ebenso  entwickeln  miissen,  wie  sich  die  Krafte 
entwickelt  haben,  welche  die  Menschheit  zu  den  grofien  Fortschritten 
der  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderte  gebracht  haben. 

Also  um  der  Freiheit  willen  hat  die  Menschheit  die  verstandesmaftige 
Entwickelung  der  letzten  drei,  vier  Jahrhunderte  durchgemacht.  Diese 
verstandesmafiige  Entwickelung  hat  zu  einer  im  weitgehenden  Sinne  so 
zu  nennenden  materialistischen  Anschauung  der  Welt  gefiihrt,  einer 
materialistischen  Anschauung,  die  heute  noch  in  vollem  Schwunge  ist 
iiberall  da,  wo  Weltanschauung  in  ausgedehntem,  in  intensivem  Mafie 
in  das  Weltgeschehen  eingreift.  Wieviel  man  auch  davon  redet  auf  den 
wissenschaftlichen  Gebieten,  dafi  der  Materialismus  schon  zuruckge- 


treten  sei,  diejenigen,  die  ihn  so  zuruckgetreten  wahnen,  die  wissen  oft- 
mals  gar  nicht,  wie  tief  sie  noch  in  der  materialistischen  Anschauung 
stecken.  Diese  materialistische  Anschauung,  die  in  ihrer  Art  in  grofi- 
artiger  Weise  herausgekommen  ist  in  den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhun- 
derten  und  die  nicht  kritisiert  werden  soli,  weil  die  Menschheit  sie  auch 
braucht,  diese  materialistische  Anschauung  kann  aber  niemals  weiter- 
kommen  als  zu  einem  Verstandnisse  alles  desjenigen,  was  tot  ist,  was 
unlebendig  ist;  und  wiirde  nur  die  verstandesmafiige  Anschauung  der 
"Welt  herrschend  werden  im  Erdenwerden  der  Menschen,  so  wiirde 
man  nur  das  Tote,  das  Leblose  begreifen.  Man  wiirde  alles  Verstandnis 
verlieren  miissen  fur  das  Lebendige,  geschweige  denn  fur  das  Geistige. 
Das  Tote  nur  kann  Gegenstand  sein  einer  solchen  Betrachtung,  wie 
wissenschaftlkhe  Erkenntnis  in  ihrer  grandiosen  Ausgestaltung  in  ihrer 
Art  in  den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderten  sich  zeigte. 

Aber  diejenigen  Menschen  -  und  es  waren  ja  immer  weniger  und 
weniger  geworden  gerade  in  den  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderten 
die  wissen,  was  der  Menschheit  not  tut,  die  konnten  sich  auch  erklaren, 
warum  von  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  an  wie  durch  einen  inneren 
Prozefi  eine  gewisse  Sehnsucht  entstand,  von  den  geistigen  Welten 
etwas  zu  wissen.  Und  das  Eigentumliche  ist:  Die  Sehnsucht,  von  den 
geistigen  Welten  zu  wissen,  zeigte  sich  so,  dafi  sie  angepafit  war  der 
materialistischen  Zeitgesinnung.  Auf  materialistische  Weise  wollte  man 
den  Geist  kennenlernen.  Denn  dasjenige,  was  menschliche  Angewohn- 
heit  ist,  verliert  sich  viel  weniger  rasch  als  die  Sehnsuchten  nach  diesem 
oder  jenem.  Also  auf  materialistische  Weise  wollte  man  den  Geist  er- 
kennen.  Und  diese  materialistische  Geist-Erkenntnis  wurde  von  den- 
jenigen  oftmals  gefordert,  ausgiebig  gefordert,  welche  gerade  wissen, 
was  der  Menschheit  not  tut.  Aus  diesem  Grunde  kamen  die  verschie- 
denen  materialistischen  Wissenszweige  herauf ,  die  zum  Beweise  dienen 
sollten,  dafi  es  hinter  dem  Sinnlichen  ein  wirkendes  Geistiges  gibt.  Alles 
das,  was  angestellt  worden  ist,  urn  durch  das  hypnotische,  durch  das 
Suggestionselement,  ja  durch  den  Spiritismus  oder  Spiritualismus,  wie 
man  es  nennt,  dahin  zu  kommen,  dafi  es  Geist  in  der  Welt  gibt,  das  ist  ja 
nichts  anderes  als  ein  Versuch,  mit  den  Mitteln  des  Materialismus  den 
Geist  zu  erforschen.  Die  Menschheit  hatte  sich  gewohnt,  das,  was  sie 


als  wahr  anerkannte,  nur  dann  anzuerkennen,  wenn  es  durch  den  La- 
boratoriumsversuch  oder  durch  dieKlinik  konstatiert  wird.Nun  wollte 
man  auf  dieselbe  Weise  durch  aufiere  Hantierungen,  ganz  nach  dem 
Muster  der  naturwissenschaftlichen  Methode,  eine  Methode  heraus- 
gestalten,  die  gewissermaflen  den  Geist  handgreiflich  erweisen  sollte. 

Es  wurden  allerdings  auf  diesem  Wege  wichtige  Resultate  erzielt, 
selbstverstandlich  neben  unendlich  vielem  Scharlatanhaften,  Schwin- 
delhaften.  Und  man  weifi  ja,  dafi  ernst  zu  nehmende  Gelehrte,  ernst  zu 
nehmende  Wissenschafter  sich  auf  diese  Dinge  durchaus  eingelassen 
haben,  weil  sie  die  Notwendigkeit  empfanden, 
…[truncated]