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RUDOLF STEINER GE S AMTAU S GABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE
Band I Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der
menschlichen Geschichte
15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916
Bibliographie-Nr. 170.
Band II Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und
die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Okt. 1916
Bibliographie-Nr. 171.
Band III Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an
Goethes Leben
10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916
Bibliographie-Nr. 172.
Band IV Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Erster Teil
13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in Basel
am 21. Dezember 1916
Bibliographie-Nr. 173.
Band V Zeitgeschichtliche Betrachtungen - Zweiter Teil
12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917
Bibliographie-Nr. 174.
Band VI Mitteleuropa zwischen Ost und West
12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. Sept., 3. Dez. 1914, 23. Marz,
29. Nov. 1915, 18., 20. Marz 1916, 19., 20. Mai 1917, 14., 17. Februar,
2., 4. Mai 1918
Bibliographie-Nr. 174 a.
Band VII Die geistigen Hintergriinde des ersten Weltkrieges
16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. Sept. 1914, 13., 14. Februar,
22.-24. Nov. 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai 1917, 23., 24.
Februar, 23., 26. April 1918, 21. Marz 1921
Bibliographie-Nr. 174 b.
RUDOLF STEINER
Innere Entwicklungsimpulse
der Menschheit
Goethe und die Krisis
des neunzehnten Jahrhunderts
Sechzehn Vortrage, gehalten in Domach
vom 16. September bis 30. Oktober 1916
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte R. Friedenthal und J. Waegerf
1 . Auflage in dieser Zusammenstcllung
Gesamtausgabe Dornach 1964
2 . , neu durchgesehene Auflage
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Veroffentlichungen
Dornach, 16. September bis 1. Oktober 1916: «Innere Entwicklungs-
impulse der Menschheit. Der Sinn des geschichtlichen Werdens.*
(Kosmische und menschliche Geschichte III) Dornach 1933
Dornach 2.-30. Oktober: «Goethe und die Krisis des neunzehnten
Jahrhunderts. Wirksame Krafte der Gegenwart.* (Kosmische und
menschliche Geschichte IV) Dornach 1933
Bibliographic Nr. 171
Zeichnungen im Text auf Grund von Skizzen nach
Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, ausgefuhrt von A. Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1710-2
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wo lite urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge -
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 16. September 1916
In unsere Gegenwart fortwirkendes Griechentum und Romertum. Unter-
werfung des Griechischen dutch die Romer. Griechentum: Kunstlerisch-
philosophisch; Romertum: Juristisch-phantasielos. Griechische und romi-
sche Sprache. Romisches Recht. Christ en turn und romisches Staatswesen
in der rom.-katholischen Kirche verbunden. Vernichtung der Reste des
Griechentums dutch Schliefiung der Philosophenschulen unter Justinian;
Vertreibung des Origenes. Wiederaufleben des Griechentums in der
Renaissance. Raffaels «Schule von Athen.»
Zweiter Vortrag, 17. September 1916
Die Wirksamkeit Luzifers und Ahrimans im griechisch-lateinischen Zeit-
alter. Hoffnungen Luzifers bleiben unerfullt, Absichten Ahrimans wer-
den durchkreuzt. Aufgaben unserer Zeit: Reines Anschauen det Sinnes-
welt und freie Imaginationen. Goethe und Jakob Bohme. Mongolenstiir-
me. Entdeckung Amerikas. Dschingis Khan. Macchiavelli, Thomas von
Kempis, Musset, Bohme. Christus-Jesus-Darstellung in der Malerei
(Reni, Murillo, Lebrun, Rubens, Van Dyk, Rembrandt) und in der Lite-
ratur: Renan, David Friedr. Straufi, Solowjow.
Dritter Vortrag, 18. September 1916
Einschlag des Luziferischen von Osten (Dschingis Khan) und des Ahrima-
nischen von Westen (Mexikanische Mysterien). Der mexikanische Gott
Taotl als Geist des Todes will Vertreibung der Seelen von der Erde. Der
Gegner Taotls: Tetzkatlipoka. Vitzliputzli kampft gegen Taotl zur Zeit
des Mysteriums von Golgotha. Extreme der Christus-Anschauung: Re-
nans «Leben Jesu» und Solowjows Christus-Auffassung. «AUes Aufiere soli
entziinden Selbsterkenntnis; das Innere soil lehren Welterkenntnis* - als
Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft.
Vierter Vortrag, 23. September 19 16
Geisteswissenschaftliche Geschichtsbetrachtung. Das Fortschreiten vom
4. zum 5. nachatlantischen Zeitraum. Das Suchen nach Geist im Hypno-
tismus und Spiritismus durch Herabstimmung des bewufiten Erkennens.
Gefahr der «Homunkulisierung» der Menschheit. Aufgabe der Geistes-
wissenschaft ist die Erforschung des Lebendigen. Ku Hung Ming liber den
Untergang der europaischen Kultur als Konsequenz des Materialismus.
Funfter Vortrag, 24. September 1916
Atlantische Impulse in den mexikanischen Mysterien. Griechisches
Phantasieleben und roraanischer Egoismus. Der 5. Zeitraum mufi die
sinnliche Anschauung und die freie Imagination ausbilden. Luzifer und
Ahriman suchen atlantische Impulse zu erneuern. Die Mongolenzuge. In
Mexiko Kreuzigung eines eingeweihten Schwarzmagiers zur Zeit des My-
steriums von Golgatha. Marco Polo, Kublai Khan, Christoph Columbus.
Unsere Aufgabe: Losung des Trieb -Problems, des Geburts-Problems, des
Problems des Todes und des Bdsen.
SechsterVortrag, 25. September 1916
Goethes Geistesart. Luziferisches und Ahrimanisches bei den Kreuz-
ziigen. Der Templerorden. Philipp der Schone. Das Gold. Christlische
Einweihung bei den Templern. Der Templer-Prozefl. Die erzwungenen
Gestandnisse. Weiterleben der Templerimpulse z.B. in Julius Mosen, in
Goethes «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie» und
bei Anastasius Griin. Die Isis-Legende. Goethes Bedeutung fur Gegen-
wart und Zukunft. Goethe-Literatur: Lewes, Baumgartner, Herman
Grimm.
SiebenterVortrag, 30. September 1916
Die Faust-Gestalt. Goethes Faust und der historische Faust. Alte Magie,
alte Heilkunst. Der Osterspaziergang im «Faust». Faust und Wagner.
Fausts Bibeliibersetzung. Mephisto als fahrender Scholast. Mond und Sil-
ber, Gold und Sonne. Die alten und die neuen Mysterien. Die Isis-
Legende. Das elektrische Zeitalter. Geisteswissenschaft und soziales
Leben.
AchterVortrag, 1. Oktober 1916
Heinrich VIII. von England. Die Griindung der anglikanischen Kirche.
Ausbildung abstrakt-rationalistischen Denkens bei Locke, Voltaire, Mon-
tesquieu, Hume, Darwin. Die Hinrichtung von Thomas Morus. Folte-
rung und Hinrichtung der Templer. Defoes «Robinson». Bedeutung ma-
terialistischer Vorstellungen als Erziehungsmittel. Weltbild von Koperni-
kus, Kepler, Galilei. Neues Geistwissen geeignet, in das praktische Leben
einzugreifen.
NeunterVortrag, 2. Oktober 1916
Die Templer. Wolfram von Eschenbachs «Parzifal». Goethes Gedicht
«Die Geheimnisse*. Die kosmische Wesenheit des Atherorganismus. Die
Ideale der franzosischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit.
Magnetismus und Elektrizitat. Galvani. «Schwankende Erscheinung» und
«dauernde Gedanken».
ZehnterVortrag, 7. Oktober 1916
Uberreste atlantischer Mysterienmagie. Ost und West im 19. Jahrhun-
dert. In der westlichen Welt Frage nach der Verwandtschaft der Wesen,
nach Geburt und Vererbung. Das Bose, das Leiden und der Tod sind die
Fragen im Osten. Nachdenken iiber das Gluck im Westen, Sehnsucht
nach Erlosung im Osten. E. Renan und David Friedr. Straufi. Das Nutz-
lichkeitsprinzip. Darwin. Der Malthusianismus. Kampf urns Dasein,
Auslese der Passendsten. Gegensatz dazu Kropotkins Prinzip der gegen-
seitigen Hilfeleistung. H.P. Blavatsky zwischen ostlichen und westlichen
Beeinflussungen .
Elfter Vortrag, 14. Oktober 1916 239
Polaritat zwischen westlicher und ostlicher Kultur in Europa. Westliches
Gliicks- und ostlichesEdosungsstreben. Neue Erkenntnisse: Urphanome-
ne und freie Imaginationen. Bourgeois und Pilger. Calderons «Wunder-
tatiger Magus» und Goethes «Faust».
ZwOlfterVortrag, 15. Oktober 1916 259
Auseinandergehen des Lebensathers und des erdigen Elements in der
menschlichen Organisation. Im Westen: Beobachtung von Verwandlung
und Geburt, Streben nach Gliick und Niitzlichkeit. Osten: Aufsuchen
des Bosen und des Leidens, Hinlenkung auf den Tod, Suche nach Erlo-
sung und Befreiung. Das «BuroJulia». Spiritismus; Freuds Psychoanalyse;
Laurence Oliphant; H. P. Blavatsky; Ku Hung Ming. Pol der Utilitat, Pol
des Sakramentalismus. Bourgeois und Pilger. Blavatskys Personlichkeit.
DreizehnterVortrag, 21. Oktober 1916 277
Episodische Betrachtung. Versiegen der Goetheschen Anschauung des in
der Sinneswelt verborgenen Geistigen im 19. Jahrhundert. Haeckels bio-
genetisches Grundgesetz. Weiterbildung Goethescher Anschauungen
durch die Geisteswissenschaft. Kopf und iibriger Organismus des Men-
schen in der Entwicklung.
VierzehnterVortrag, 28. Oktober 1916 296
Faust und der Erdgeist. Der Einflufi des Materialismus auf das Gedanken-
leben im 19 . Jahrhundert. Die Erforschung des Leblosen. Die Beobach-
tungen von John Tyndall und Leconte. Die Theologie im Banne der Na-
turwissenschaft. Die Verkennung der Anthroposophie durch Theologen.
Funfzehnter Vortrag, 29. Oktober 1916 318
Jaures als Beispiel fiir die Erkenntnis-Ohnmacht der geistig Strebenden
im 19. Jahrhundert. Einflufi der Naturwissenschaft auf die Theologie.
Pfarrer Jofi iiber moderne Mystik. I.P.V. Troxler als Beispiel einer noch
im 19. Jahrhundert vorhandenen geistigen Erkenntniskraft.
Sechzehnter Vortrag, 30. Oktober 1916 337
I.P.V. Troxler. Pico von Mirandola. Die Zuriickdrangung der Gnosis in
der Entwicklung des Abendlandes. Paracelsus. Versuche, die alte Weis-
heit in den Dienst des Egoismus zu stellen. Die Theosophische Gesell-
schaft. Herman Grimm iiber die Zukunft der Menschheit.
Hinweise 359
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 373
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 375
ERSTER VORTRAG
Dornach, 16. September 1916
Ich werde versuchen, in diesen Tagen die Betrachtungen iiber das Ver-
haltnis des Menschen zum ganzen Universum weiter fortzusetzen, in-
dem ich sie auf ein anderes Gebiet, auf ein allgemeineres Gebiet bringe
und mir die Aufgabe setze, von einem bestimmten Gesichtspunkte aus
auf die in der Menschheitsentwickelung und namentlich in der Ent-
wickelung der Gegenwart wirksamen Krafte zu sprechen zu kommen.
Dazu brauche ich heute eine gewissermafien historische, eine geschicht-
liche Einleitung, eine geschichtliche Einleitung allerdings von den Ge-
sichtspunkten aus, die sich der Geisteswissenschaft ergeben. Wir haben
es ja ofter betont, inwieferne die gewohnliche geschichtliche Betrach-
tungsweise eigentlich Fable convenue ist, und wie erst von den Aus-
gangspunkten geisteswissenschaftlicher Betrachtung Klarung, Licht
auch in das geschichtliche Werden der Menschheit kommen kann. Wir
wissen ja, dafi, wenn wir die Evolution im grofien betrachten, wir
immer in den Vorgangen, die in der Gegenwart spielen, mit erblicken
miissen Zuriickgebliebenes aus der Vergangenheit. Wir nennen, wie wir
gesehen haben, dieses Zuriickgebliebene der Vergangenheit luziferisch
oder ahrimanisch, je nachdem es dieses oder jenes Wesens ist, worauf
wir auch in den letzten Betrachtungen gedeutet haben. Allein erst,
wenn man bei Dingen, die einem recht nahe liegen, die man in ihren
Wirkungen unmittelbar in der Umgebung betrachten kann, das Zu-
riickgebliebene und das im regelrechten Gange Fortschreitende be-
trachtet, kommt man zu einem vollig konkreten Verstandnis.
Daher mochte ich heute Ihre Blicke zunachst zuriickrichten nach
dem griechisch-lateinischen Zeitraum, also nach der vierten nachatlan-
tischen Periode, und mochte einiges von dem beibringen, was das Ver-
standnis eroffnen kann fur die Art, wie dieser griechisch-lateinische
Zeitraum in unsere Zeit hereinwirkt, wie gewissermafien die Krafte
dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes noch tatig sind, wie sie in
einer gewissen Beziehung mitten unter uns sind, um daraus zu verste-
hen, wie sich der Mensch der Gegenwart gegeniiber den Einflussen der
Evolution, in derwirja natiirlich immer mitten drinnenstehen, zurecht-
finden kann. Denn nur dadurch, daft man sich zurechtfindet, ist man
im wahren Sinne des Wortes Mensch, ist man im wahren Sinne des
Wortes imstande zu begreifen, was man sogar in jedem einzelnen Au-
genblicke des Lebens als das Richtige zu tun hat. Allerdings, wenn es
sich um konkrete Fragen handelt solcher Art, wie sie heute besprochen
werden sollen, so bin ich in der Gegenwart in einer eigentiimlichen
Lage, da die Moglichkeit des Miftverstandnisses, und zwar zumeist
sogar des willentlichen, absichtlichen Miftverstandnisses, ja sich so viel-
fach gezeigt hat. Ungefahr in demselben Vierteljahre wurde ich von
der einen Seite her als ein wiitender Pangermanist bezeichnet, und von
der anderen Seite her wurde gesagt, daft ich nichts verstiinde von wah-
rem Deutschtum und eigentlich nur romanisches Wesen in mir als
Krafte fiihlte und nur romanisches Wesen verstehen konnte. Wenn
man in dieser Weise verstanden wird, so ist es begreiflich, daft man
etwas von der Schwierigkeit des Verstandnisses, der Verstandigung
ahnt, und man kann ja dann doch nichts anderes tun, als das zu sagen,
was man fur wahr erkannt hat, ganz ohne auf das eine oder andere zu
achten, wenn es sich darum handelt, dieWahrheit selber zu formulieren.
So also wollen wir unsere Blicke zuriickwenden nach dem grie-
chisch-lateinischen Zeitraum, nach diesem Zeitraum, der zu uns her-
uberleuchtet zunachst durch alles das, was zuriickgeblieben ist vom
Griechentum, und durch alles das, was sich hereingelebt hat in die Ge-
genwart aus dem Romertum. Fuhren wir uns einmal vor die Seele, was
man empfinden kann als das griechische Wesen, dieses griechische We-
sen, welches immer wieder und wiederum die Sehnsucht so vieler aus-
gezeichneter Seelen bildet, in welches sich immer wieder und wiederum
so viele vertiefen wollen. Einiges vom griechischen Wesen weift ja wohl
jeder, entweder aus der Geschichte oder aus dem vielen sonstigen, das
als Denkmaler da ist vom griechischen Wesen. Da hat man von diesem
griechischen Wesen auf der einen Seite das, was in den Geschichts-
biichern steht. In diesen Geschichtsbuchern wird oftmals erzahlt, was
man die griechischen Taten nennen konnte, auch einiges von den grie-
chischen sozialen Einrichtungen. Angefangen wird oftmals beimTroja-
nischen Krieg; es wird weitergeschritten bis in die spateren Zeiten des
Griechentums, zu den Perserkriegen, in noch spatere Zeiten des Grie-
chentums, zum Peloponnesischen Krieg und so welter, bis zum Unter-
gang des Griechentums durch die Romer. Das alles ist aber, ich mochte
sagen, nur das eine Kapitel in dem grofien Weltenbuche, das uns iiber
griechisches Wesen spricht. Ein anderes Kapitel ist alles das, was wir
ja auch ofter von der einen oder der anderen Seite her beriihrt haben
in unseren Betrachtungen, was wir haben in den Gesangen Homers, in
den Dichtungen des Aschylos, Sopbokles, Euripides, soweit sie auf uns
gekommen sind, was wir haben in den Gesangen des grofien Pindar
und in den Erinnerungen an die grofie griechische Kunstwelt, was wir
haben an Hinterlassenschaf t der griechischen Philosophic
Das ist, ich mochte sagen, das andere Kapitel, ein Kapitel, aus dem
uns spricht ein unendlicher Reichtum menschlicher Erlebnisse, mensch-
licher Empfindungen und Gefuhle, menschlicher Anschauungen, ein
unendlicher Reichtum von Vorstellungen iiber den Weltenbau. Und in
das alles spielt hinein, gewissermafien es iiberglanzend, iiberstrahlend,
was wir an griechischen Mythen, an griechischen Gottersagen haben,
und von dem wir ja so oft gehort haben, wie es in bildhafter Form in
wunderbarer Art ausdriickt, was die Griechen erschauen konnten in
bezug auf die Weltengeheimnisse. Auch einiges von dem ist an unsere
Seele herangetreten, was das griechische Mysterienwesen ist. Und all
das gehort eben zu diesem anderen Kapitel des Griechentums, zu jenem
Kapitel, welches den Menschen, der zum Geistigen aufblicken will, viel
mehr interessieren mufi als das erste Kapitel. Und wenn wir heute spre-
chen von dem, was uns die Griechen sind, so ist natiirlich viel mehr ins
Auge zu fassen dieses zweite Kapitel als das erste, das uns ja doch nur
Nachricht geben kann von den verganglichen Taten, aus denen viel-
leicht der Ruhm der Helden spricht, aber die doch nur weniges hinter-
lassen haben von dem, was irgendwie fur heute noch eine Bedeutung
hat der Menschenseele gegeniiber, wahrend all das, was im zweiten
Kapitel vom Griechentum aus zu uns heruber spricht, heute noch fur
den Menschen, der da will, lebendig werden kann, indem er eintreten
kann selbst in das Begeisternde, eintreten kann in das Schopferische
dieses Griechentums. So konnen wir die eine Seite der griechisch-latei-
nischen Zeit uns vor unsere Seele stellen.
Dann sehen wir, wie dieses Griechentum immer mehr und mehr ent-
gegeneilt seiner Reife gerade auf geistigen Gebieten. Das ist wunderbar
zu sehen, wenn man es im einzelnen wirklich sachgemaft verfolgen will.
Man braucht nur gewissermafien den Extrakt des Geisteslebens zu
nehmen, man braucht nur zu nehmen die griechische Philosophic, wie
sie hervorgeht aus den alten grofien Philosophen, die Nietzsche «das
tragische Zeitalter der Griechen» genannt hat: Thales, Anaximander,
Heraklit, Parmenides, Anaxagoras. Wir blicken dann hin zu dem, der
in einer wunderbarenWeise ein neues Zeitalter eingeleitet hat, Sokrates,
und zu dem endlich, der ankniipfend an Sokrates die Menschheit in
einer unerhorten Weise herauf gehoben hat zu geistigen Idealen, geisti-
gen ideellen Anschauungen, zu Plato. Dann tritt uns derjenige ent-
gegen, der doch trotz allem, was die Menschheit spater gedacht hat,
die umfassendsten, die eindringlichsten Begriffe schon gefafit hat, zu
Aristoteles, der diese Begriffe so stark gefafit hat, dafi Jahrhunderte
und Jahrhunderte nachher das noch nachzudenken hatten, was Aristo-
teles gedacht hat, und dafi wir mit unserem Denken in der Aufienwelt
noch lange nicht so weit sind, mit alien Begriffen des Aristoteles schon
rechnen zu konnen. Goethe hat erst spater in seinem « Faust » eingesetzt:
«Faustens Unsterbliches» ; zuerst hatte er im Manuskript stehen: «Fau-
stens Entelechie» - Entelechie, diesen aristotelischen Begriff, der in
einer viel intimeren Weise das Menschlich-Seelische, das durch die
Pforte des Todes geht, ausdriickt, als selbst das Wort «Unsterbliches»,
das ein negatives Wort ist, wahrend Entelechie ein positives Wort ist.
Aber Goethe hat wohl selber gefuhlt, als er schrieb: «Faustens Ente-
lechie wird von den Engeln himmel warts getragen» -, dafi die neuere
Menschheit wenig Konkretes sich vorstellt bei dem Ausdruck Ente-
lechie; daher hat er den gebrauchlicheren Ausdruck «Faustens Unsterb-
liches» dann an die Stelle gesetzt. Aber er hat etwas gefuhlt von der
Tiefe des Entelechiebegriffs. Dieser Begriff und mancher andere Be-
griff, sie sind noch nicht gehoben, weil das Griechentum, als es zu seiner
Reife schritt, wirklich die Begriffe fein plastisch ausarbeitete und aus
der Wirklichkeit heraus holte, und die Menschheit des fiinften nach-
atlantischen Zeitraums und auch schon in der Einleitung dieses Zeit-
raums im ersten Mittelalter, viel zuviel zu tun hatte, grobere Begriffe
fur die auftere materielle Wirklichkeit zu verstehen, und die feineren
Begriffe, welche die aufiere materielle Wirklichkeit im Sinne des Ari-
stoteles verbinden mit der geistigen Wirklichkeit, zunachst gar nicht
ordentlich sich vor die Seele schaff en konnte.
So sehen wir ein Wunderbares sich entf alten in dem gesamten grie-
chischen Kulturleben. Und als dieses griechische Kulturleben seiner
Reife entgegengeht, als das Griechentum immer weiter und weiter-
schreitet, man mochte sagen, in einzelnen Teilen dann iiberreif wird,
da wird es gewissermafien, wie man so sagt, erobert, aufierlich iiber-
wunden von dem Romertum. Es ist ein merkwiirdiger Prozefi, wie die-
ses Griechentum von dem Romertum, wie man sagt, iiberwunden wird.
Und in den beiden Kulturstromungen, dem Griechentum und dem
Romertum, haben wir das, was den vierten nachatlantischen Zeitraum
zusammensetzt, so dafi das Verstandnis dieser beiden Kulturstromun-
gen aufierlich, exoterisch erlautern kann dasjenige, was innerlich wirkt
und webt in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum. Unterworfen
also wird aufierlich das Griechentum vom Romertum, unterworfen
wird es so, dafi man in dem ganzen Prozefi, der sich nun abspielt zwi-
schen dem Griechentum und dem Romertum, ein weltgeschichtlich
interessantestes Faktum vor sich hat.
Zunachst das Romertum. Anders als das Griechentum steht das Ro-
mertum im Verhaltnisse zur Gegenwart. Es gibt viele Seelen, welche
das Griechentum suchen; aber man mulS es suchen, man mufi es sich
gewissermafien immer erst herausholen aus einer grauen Geistestiefe.
So ist es nicht mit dem Romertum. Dieses Romertum lebt in einer Weise
viel starker, als man gewohnlich glaubt, in unserer gesamten europa-
ischen Gegenwart weiter fort, lebt noch. Wir brauchen nur daran zu
denken, wie lange Zeit iiberhaupt alles Denken der europaischen Vol-
ker, der an der europaischen Kultur teilnehmenden Volker, in lateini-
scher Sprache gepflogen wurde. Wir brauchen nur daran zu denken,
welche Bedeutung fur diejenigen, die heute sich vorbereiten fur fiih-
rende Lebensstellungen, noch immer die lateinische Sprache hat, das
heifk, das bis in unsere Tage herein kristallisierte Romertum; wieviel
von Vorstellungen, Empfindungen, von Seelenformationen aus dem
Romertum unmittelbar aufgenommen wird! Unendlich viel wird
gedacht im Stile des Romertums. Juristerei wird zum grofien Teil nur
im Stile des Romertums gedacht. Aber auch viele andere Begrif fe sind
heute noch so geformt, daift sie im Stil des Romertums geformt sind.
Und eben gerade diejenigen, die fur fuhrende Stellungen sich vorberei-
ten, sie miissen durch eine solche Erziehung, durch eine solche Schulung
hindurchgehen, daE sie mit der romisch-lateinischen Sprache eine grofte
Fiille von Empfindungen dieser Welt aufnehmen, so daft unser offent-
lichesLeben iiberall durchzogen ist von Begrif fen, die aus dem romisch-
lateinischen Wesen stammen, viel mehr, als der einzelne glaubt. Der
Bauer murrt vielleicht gegen dieses lateinische Wesen, aber zuletzt
nimmt er es hin; er lafit sich ja sogar auch die Messe in lateinischer
Sprache vortragen. Und wie lange ist es her, dafi die europaischen Vol-
ker sich gestemmt haben gegen das Obermafi desjenigen, was an Ein-
fliissen vom lateinischen Wesen, vom romisch-lateinischen Wesen aus-
gegangen ist? Bis ins Blut hinein dringt dieses romisch-lateinische We-
sen bei denjenigen, die zu fiihrenden Stellungen sich vorbereiten. Und
was die obere Schicht der europaischen Menschen denkt in bezug auf
Geschichtliches, Politisches, Juristisches, auch das Verwaltungsmafiige,
das ist nicht blofi dem Namen nach, sondern der Denkweise nach im
hohen Grade durchsetzt von romisch-lateinischem Wesen. Also anders
als zum Griechentum steht der europaische Mensch zum romisch-latei-
nischen Wesen, zu der anderen Stromung, zu der zweiten Stromung
des vierten nachatlantischen Zeitraums.
Und nun stellen wir einmal das Romertum neben das Griechentum
hin, wie man es mufi, wenn man wirklich verstehen will. Man kann
sich kaum unter den Fakten der neueren historischen Entwickelung,
wenn ich das Griechentum und Romertum zur neueren rechne, starkere
Gegensatze denken, trotz aller anderen Gegensatze auf dem Gebiet des
Geistes, als das Griechentum und das Romertum. Das Griechentum -
obzwar das nicht genau gesprochen ist, aber mit einem Ausdruck der
Gegenwart, der heute verstanden wird -, so wie es uns erscheint von
einem gewissen Distanzpunkte aus, ganz inPhantasie und kunstlerisch-
philosophisches Wesen getaucht, ganz erglanzend in Formen und inne-
ren Bedeutungen, ganz sprechend von Seele und Geist. Dagegen das
Romertum - nichts von alledem durch sein eigenes Wesen, nichts von
alledem, was gerade, wenn man das Griechentum an sich betrachtet,
das tief Bedeutsame am Griechentum ist. Die Romer, ein Volk - als
Volk - ohne Phantasie, ohne jene Ergriffenheit von unmittelbar kos-
mischem menschlichen Leben, in die alles griechische Seelenleben ge-
taucht war. Das unerhort freie Leben der Griechen - wenn auch das
Sklaventum in Griechenland ausgebreitet war, als Volkskultur zeigt
das griechische Leben Freiheit in unerhorter Weise das freie griechi-
sche Leben unterjocht von dem Rtimertum, unterjocht von einer rein
juristisch-phantasielosen, soldatisch-phantasielosen, politisch-phanta-
sielosen Kultur! Diejenigen, die selbst das Romertum in der neueren
Zeit lieben, aber es kennen und aus Kenntnis und nicht aus Unkenntnis
sprechen, die wissen, dafi das Romertum weder auf dem Gebiete der
Wissenschaft, noch auf dem Gebiete der Kunst irgendwie originell war.
Heriibergenommen von Griechenland hat das Romertum, nachdem es
das Griechentum politisch, soldatisch uberwunden hatte, dasjenige,
was im Griechentum lebte an Kunst, an Wissenschaft. Und selbst die
grofiten romischen Dichter, sie sind wirklich nichts anderes, verglichen
mit der Geistesgrofie der griechischen Kunst und griechischen Dich-
tung, als Nachahmer, blofie Nachahmer.
Und nun wird dieses Romertum grofi auf ganz anderen Gebieten.
Es wird eben gerade grofi auf denjenigen Gebieten, urn die sich die
Griechen weniger kummerten, fur die sich die Griechen weniger inter-
essiert haben: es wird grofi auf juristischem, auf politischem, auf sol-
datischem Gebiete. Es entwickelt Anschauungen, Empfindungen auf
diesen Gebieten, die eben durch die eigentiimliche Artung des romischen
Volkes so stark sind,dafi sie so lange fortwirken,wie wir heute verzeich-
nen konnten. Insbesondere zeigt sich der Unterschied des Griechentums
und des Romertums dann, wenn man innerlich, dem Geistigen nach, die
griechische Sprache und die romisch-lateinische Sprache betrachtet.
Geister, die tiefer gesehen haben, wie im 19. Jahrhundert Herbart,
wollten daher, dafi der Gymnasialunterricht anders eingerichtet werde
als er unter der machtig fortsturmenden Welle des Romertums gewor-
den ist. Dieser Gymnasialunterricht ist ja so, dafi man zunachst Latei-
nisch lernt und dann Griechisch. Herbart wollte, dafi man zuerst Grie-
chisch lernt und dann Lateinisch, weil er der ganz richtigen Meinung
war, daft man fur das Seelenhafte, innerlich intim Wirkende des grie-
chischen Idioms abgestumpft wird, wenn man vorher Lateinisch lernt.
Es ist bisher nicht dazu gekommen, aber es ist ein Ideal vieler einsich-
tiger Padagogen in der Gegenwart. Aber von Einsicht wird ja die Ge-
genwart nicht geleitet, und sie hat das Karma der Einsichtslosigkeit zu
tragen.
Die griechische Sprache zeigt als Sprache uberall, daft hinter dem
griechischen Geistesleben dasjenige steht, was hereingeflossen ist aus
den alten Imaginationen des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes. Aller-
dings, die heutige Menschheit ist ja oftmals nicht sehr geeignet dazu,
zu fuhlen hinter jedem griechischen Wort dieses Lebendige, das da war
in der griechischen Seele. Da war das Wort in der Tat mehr eine auftere
Gebarde fur ein voiles, inhaltsvolles Erleben. Gewift, die Imagination,
das bildhafte, visionelle Vorstellen war nicht mehr in dem Grade bei
den Griechen vorhanden wie im agyptisch-chaldaischen Zeitraum.
Aber den Worten merkt man noch an, daft ein Nachempfinden, ein
starkes inneres Nacherfiihlen in der griechischen Seele lebt von dem,
was das alte imaginative Vorstellen durchweht hat. Und in das Wort
drangt sich uberall hinein, ich mochte sagen, ein Nichtachten des blo-
fien Wortes in der griechischen Sprache, ein noch Gesattigtsein von
Seelenhaftigkeit. Den besten iiberlieferten griechischen Worten merkt
man diese Seelenhaftigkeit an. Man schaut durch das Wort hindurch;
man hort nicht das Wort unmittelbar, sondern schaut durch das Wort
hindurch auf einen Seelenprozeft, der sich abspielt. In der Lautung und
in der grammatikalischen Konfiguration der griechischen Sprache ist
dieses" ausgedriickt.
Anders ist das bei der romisch-lateinischen Sprache. Dasjenige, was
Sie verfolgen konnen mit Bezug auf die Mythologie, ist ein Charakte-
ristikon des lateinisch-romischen Idioms selber. Nehmen Sie die grie-
chischen My then mit den Gotternamen, die iiberliefert sind: Sie werden
uberall hinter den Gotternamen die konkretesten mythischen Begeben-
heiten finden. Und wiederum in den mythischen Begebenheiten drin-
nen werden die Gotter lebendig, so daft sie vor uns stehen, an uns vor-
iibergehen, daft sie sich unmittelbar - vergleichsweise gesprochen - wie
Fleisch und Blut, aber seelisch gemeint, uns darbieten. Nehmen Sie die
Gotternamen der Roraer, den Saturnus, den Jupiter: fast zu abstrakten
Begriffen sind sie geworden. Das, was dahintersteht im Griechentum,
hat sich verloren, zu abstrakten Begriffen sind sie geworden. Und so
ist es mit dem romisch-lateinischen Idiom. Vieles von dem, was hinter
der griechischen Sprache Hegt, hat sich verloren. Und das Wort selber,
wie es lautet, wie es in der Sprache grammatikalisch sich bildet, das
Wort selbst ist dasjenige geworden, auf das man die Aufmerksamkeit
richtet, in dem man lebt. Das unmittelbar Seelenhafte, das kernhaft
Gemutsinnige, das die griechische Sprache hat, das ist in der lateini-
schen Sprache selber einem Kalteren gewichen. Daher bedurfte es im
lateinisch-romischenWesen hinter der Sprache nicht jenesNachklanges
von imaginativem Leben - das war ja nicht mehr da -, sondern es be-
durfte des Affektes, der Leidenschaft, der Emotion, um gewissermafien
die Worte in Bewegung zu bringen. Denn die lateinische Sprache ist im
vollsten Sinne eine logische Sprache, und damit sie nicht blofi logisch
kalt verlauft,mufi dasjenige, was in ihr ausgedriickt wird, fortwahr end
angefacht werden von dem Emotionellen, das immer hinter dem romi-
schen Leben ist und das in der ganzen romischen Geschichte lebt. Dieses
ganze zweite Kapitel, das ich angefiihrt habe, findet sich nicht in der
gleichen Art in der romisch-lateinischen Geschichte. In dieser romisch-
lateinischen Geschichte sind die Dinge, die das erste grofie Kapitel aus-
fiillen, die Hauptsache. Und diese Hauptsache lernen zunachst auch
unsere jungen Leute als das Tonangebende in der Welt, in der mensch-
lichen Entwickelung. Und Juristerei zu fassen und menschliche Zusam-
menhange, wie sie sich aus der Emotion herausleben, darzustellen, das
ist gewissermaften das Geheimnis der lateinischen Sprache geworden.
Man mufi solche Dinge heute schon ohne Sympathie und Antipathie
betrachten, wenn man sie wirklich verstehen will; denn es ist wichtig,
diese Dinge zu verstehen, weil sie eine so grofie Rolle eben gerade in
unserem Bildungsleben spielen, weil sie sich so hineingenistet haben in
unser Bildungsleben. Bedenken wir, aber wie gesagt ganz ohne Sympa-
thie und Antipathie, rein historisch, welche Dinge eigentlich aufgenom-
men werden von dem jugendlichen Gemute, indem romische Geschichte
studiert wird. Vieles bleibt ja unausgesprochen; aber das Unausgespro-
chene wird ja erst recht vom astralischen Leibe aufgenommen und lebt
dann in den Empf indungen, lebt in den Gefiihlen der Menschen weiter.
Das, was wir heute Recht nennen, gewift, es war in der einen oder in
der anderen Weise vor der romischen Kultur da; aber so, wie wir heute
das Recht verstehen, ist es gewissermaften eine Erfindung der Romer.
Jenes Recht, das sich besonders gut eignet, geschrieben zu werden, jenes
Recht, das sich besonders gut eignet, in Paragraphen die Dinge abzu-
teilen, hiibsch einzuteilen, Begriffe iiber- und unterzuschachteln, es ist
eine Erfindung des romischen Volkes. Und warum hatten die Romer
denn nicht der Welt sagen sollen, was Recht ist und wie man recht han-
delt? Das wird ja doch, nicht wahr, unmittelbar illustriert, warum sie
das haben tun sollen, wenn man bedenkt, daft sie ihre eigene Geschichte
zuriickf iihren auf Romulus, der seinen Bruder erschlagen hatte, der alle
diejenigen, die etwas ausgefressen hatten in der Nachbarschaft, zusam-
mensammelte, um daraus die ersten romischen Burger zu machen; daft
sie zuruckfuhren die Moglichkeit, ihr Geschlecht fortzupflanzen, auf
den Raub der Sabinerinnen! Also scheint ja doch wirklich, mit Hilfe
jener Macht, die dadurch schaff t und wirkt, daft sie den Widerstand in
der richtigen Weise betatigt, dieses Volk in der Tat berufen worden zu
sein zur Erfindung des Rechts, zur Ausrottung des Unrechts, dieses
Volk, das sich selbst zuruckfiihrt - die Manner auf Rauber und die
Frauen auf Frauenraub! Durch den Gegensatz, durch den Kontrast
erklart sich ja mancherlei in der Weltgeschichte. Man mufi diese Dinge,
wie gesagt, ohne Sympathien und Antipathien betrachten, so betrach-
ten, wie sie sind.
Nun griinden die Romer nach und nach ein grofies Reich. Wir sehen,
wie zuerst unter dem Einflusse von alter magischer Weisheit die sieben
Konige wirtschaften, die mehr sind als eine blofte Mythe - das haben
wir oft hervorgehoben -, wie aber zuletzt diese sieben Konige imOber-
mute endigen. Wir gehen dann die Zeiten der Republik durch, von
denen sich die Menschheit noch immer nicht gesteht, wie wenig interes-
sant eigentlich fur einen Gegenwartsmenschen doch diese Zeiten der
romischen Republik im Grunde sind. Das heiftt, obwohl sie so wenig
interessant sind, so wenig bedeutungsvoll f iir den Menschen der Gegen-
wart, bilden sie ja immerhin noch einen groften Teil desjenigen, womit
man die Jugend heute bildet: diese Kampfe der Patrizier und Plebejer,
diese Kampfe, die dann zu jenen Tatsachen gefiihrt haben, innerhalb
welcher wir den wenig erfreulichen Streit zwischen Marius und Sulla
sehen, in welchem wir sehen, wie Rom erzittert vor dem Catilina, sehen
die unendliche Reihe von Sklavenkampf en der furchtbarsten Art. Diese
ganze Reihe, sie stent heute vielfach da als das Bildungsmittel fur un-
sere Jugend.
Und dann sehen wir, wahrend sich das auf dem romischen Boden
selber zutragt, dieses Romertum sich immer mehr und mehr ausbreiten,
so dafi es zum Imperium wird, gewissermaften die ganze damalige be-
kannte Welt zu umfassen strebt und nach und nach auch wirklich um-
fafk. Aber wir sehen, wie der Romer sich allein fiihlt, fiihlt in einer
Weise, bei der man manchmal nicht recht nachdenkt, wenn man sie
heute iiberblickt. Wie gut stimmen die Taten, nun, sagen wir eines
Caracalla oder anderer, zu der Erfindung des Rechtes fur die Mensch-
heit? Man beachtet heute viel zuwenig, wie diese Romer Recht und
Macht auf sich vereinigt haben bei furchtbarster Knechtung ihrer Ko-
lonien und furchtbarster Knechtung derjenigen Volker, iiber die sie
nach und nach ihre Eroberung ausgedehnt haben. Aber da die Ge-
schichte Roms so bekannt ist, ist es doch gut - weil es leicht ist -, sie
von einem reiferen Standpunkt, den man schon einnehmen kann, ein-
mal zu durchschauen. Man wird dann gewifi nichts in den Darstellun-
gen zu korrigieren haben, denn die werden schon richtig gegeben in der
Geschichte, aber man wird manches an den Gefuhlen, die man dabei
einzusaugen gekriegt hat, zu korrigieren haben. Man kann allerdings
Gefiihle korrigieren; denn man konnte ja zum Beispiel sagen, wenn
man nicht ohne Sympathie oder Antipathie die ganze Sache betrachtet,
sondern mit der sehr haufigen Sympathie und Antipathie: Ja, aber
haben denn die Romer nicht aus sich heraus spater das romischeBurger-
recht den Bewohnern ihrer Kolonien gegeben? - Nun, auf die Motive
geschaut, nimmt sich das doch sonderbar aus, denn der Caracalla war
es, dem man sehr selbstlose Motive nicht gerade zuzutrauen hat, son-
dern romisch-egoistische Motive, der den Kolonisten das romische Biir-
gerrecht gegeben hat. Das spricht genug fur die Art und Weise, wie die
Seelen lebten im alten Romertum. Es gab allerdings edle Juristen, die
mit Seelenhaftigkeit sich der Jurisprudenz gewidmet haben, wie zum
Beispiel den Papinian, ein edler Mann; aber Caracalla hat ihn hin-
morden lassen. Und so konnte man noch viele Beispiele anfuhren, die
schon zu einer Korrektur der Empf indung fiihren wiirden.
Heriibergenommen in der Weise, wie es eben konnte, hat das Romer-
tum das Griechentum. Das Griechentum flofi ein in das Romertum.
Geistig ist durchaus das Romertum von dem Griechentum iiberwunden
worden. Aber das Griechentum mufke diese Uberwindung mit seinem
Untergang bezahlen, mit seinem Untergang als politische, man kann
nicht sagen Einheit, denn die Griechen waren nie eine politische Ein-
heit, sondern als politische Gemeinschaft, mit seinem Untergang als
politische Gemeinschaft. Bossuet sagt mit Recht, allerdings indem er
seine Bewunderung an diese Worte kniipft, aber Worte konnen ja rich-
tig sein und man kann sie in verschiedener Weise empfinden: Das ein-
zige, wovon man reden hort, ist die Grofie des romischen Namens. -
Gerade in den besten Zeken des Romertums ist es die Grofie des romi-
schen Namens, das, was in das Wort ausgeflossen ist, das, was das Wort
als solches, als Eigenschaft fuhlt und empfindet. Und so zeigt denn
auch, sozial gefafit, das Romertum ungeheuren Reichtum, der aus den
Kolonien zusammenfliefk in Rom, und daneben ungeheure Armut
eines grofien Teiles der Bevolkerung.
In der ersten Zeit der Eroberung nimmt das Romertum das Grie-
chentum hiniiber. Dann sehen wir,wie in das Romertum sich vorschiebt
das Christentum, wie das Christentum sich in das Romertum hinein-
schiebt und wie das Christentum seinerseits iiber sich ergehen lassen
mufi das Formale, das da liegt in dem romischen Wesen. Man konnte
sagen: Hinein wachst alles das, was Institution ist des ersten Christen-
tums, in die Struktur des romischen Juristisch-Verwaltungsmafiigen.
Und so wird das alte Romertum in der Kirchenbildung konserviert,
bewahrt. Dieses Kirchentum zeigt in seinen Institutionen gerade in
allem die Formen, die aus dem Romertum heraus gebildet sind, nimmt
auch die lateinische Sprache auf, um in der lateinischen Sprache zu
denken und damit, mit der Ausbreitung des Christentums, das romisch-
lateinische Wesen iiber Europa mit auszubreiten. Allerdings, als dann
das Romertum aufgenommen hatte Griechentum und Christentum,
kam eine Zeit, wo man empfand, da!5 man eigentlich das Aufgenom-
mene nicht versteht, wo man es nicht wollte, wo man es wie einen
Fremdkorper empfand. Zunachst wirkte es machtig in der Zeit, als
man das Griechentum eroberte; aber allmahlich fiihlte sich das Romer-
tum in seinem juristischen, politischen Wesen erstarkt und empfand in
den Formen drinnen das Griechentum als etwas, was man nicht mehr
haben wollte. Und eine Folge davon ist ja, daft dann im 6. Jahrhundert
der ostromische Kaiser Justinian, der das ganze politisch-juristische
Wesen des Romertums kodifizieren liefi im Corpus juris civilis, so dafi
alles beieinander war, was gerade im politisch-juristischen Wesen das
Romertum hervorgebracht hat, dafi Justinian, der wie eine Inkarnation
des romisch-lateinischen Wesens war, trotzdem er driiben im ostromi-
schen Reiche herrschte, dafi er es war, der die athenischen Philosophen-
schulen nun endgultig schlofi, aufloste und die griechische Philosophic
ertotete, ihren Betrieb nicht mehr gestattete. Er war es, der auch die
urspriingliche freie Entfaltung des christlichen Wesens ertotete, indem
er hauptsachlich es bewirkte, daft Origenes, der die Weisheit des Grie-
chentums verbunden hat mit der Tiefe des Christentums, der noch
okkultes, also halb geisteswissenschaftliches Gut in das Christentum
hineingebracht hat, von der Kirche verdammt wurde. Es bewirkte die-
ses Justinian.
Und so sehen wir, wie ausf liefit in die Institutionen Europas das Ro-
mertum auf dem Umwege durch die Kirche, der sich dann die anderen
politischen Institutionen anpassen, gewissermafien sich aus ihr ergeben,
indem die Herrscher ein besonderes Gewicht darauf legen, sich zu
nennen «Defensor fidei» - wenn sie auch nachher, als sie sich scheiden
lassen wollten, diesen Titel ablegten und eine eigene Kirche griindeten!
Nun ja, diese Dinge betrachtet man nicht immer so mit aller Griind-
lichkeit. Also solche Herrscher, sie nennen sich Defensor fidei, sie
nennen sich den «allerchristlichsten K6nig» und so weiter. Die Institu-
tionen des offentlichen Lebens entwickeln sich herein aus dem Romer-
tum. Das Romertum infiziert gewissermafien alles, impft sein Wesen der
europaischen Bildung ein. Und so sehen wir denn, wie in den europa-
ischen Institutionen, nachdem Justinian den grofienKodex des romisch-
juristisch-politischen Denkens angelegt hatte, nachdem er die griechi-
sche Philosophic ausgerottet hatte, nachdem er den Origenes hat ver-
dammen lassen, so sehen wir, wie fortlebt in Europa das Romertum
ohne den Inhalt des Griechen turns; wie gewissermafien das Aufierliche,
das im Wort erstarrt und in der aufieren Institution erstarkt, bleibt, wie
das fortlebt, und wie es herausgedrangt hat das inhaltsvolle, geistig
vollsaftige Griechentum.
Die einsichtigen Okkultisten aller Jahrhunderte haben daher immer
ein gewisses Gefiihl gehabt, das sie erhalten haben, das einstimmig ist
unter denjenigen, die es nicht kaschieren wollen aus gewissen Griinden
heraus; sie haben das rechte Gefiihl gehabt, daft fortlebte auf vielen
Gebieten, wie man sagte, das Gespenst, der «Revenant» des alten R6-
mertums in den europaischen Institutionen.
Aber wir sehen immer wieder und wiederum, wie ins Folgende das
Vorhergehende hineinspielt, wie es wieder auflebt. Und so sehen wir,
dafi noch ein zweites Mai das Romertum von dem Griechentum be-
f ruchtet wird. Das erste Mai war es ja in der Zeit, als die Republik sich
ins Kaisertum hinuberentwickelte in Rom, wo griechische Kunst, grie-
chische Philosophic, griechisches Geistesleben hiniiberflofi nach Rom,
wo gewissermafien die Romer das Griechentum lebten. Sie verhielten
sich ja wie die grofien Herren und machten es sich leicht, dieses Grie-
chentum heriiberzunehmen: die philosophisch gebildeten Griechen
wurden grofienteils als Erzieher der Sonne romischer Burger angestellt,
als Sklaven eigentlich. So erhalt man eine Kultur, die man iiberwunden
hat, so nimmt man sie heriiber nach romischen Begrif fen.
Dann wiederum folgt eine besondere Epoche nach einer Epoche der
Stagnation, nach einer Epoche, von der die Geschichte sogar nur we-
niges verzeichnet, weil diese Epoche lebte in einer verkirchlichten Ju-
risprudenz und judiziell gewordenen Kirche, in einer verpolitisierten
Kirche; dann folgte wie ein Wiederaufleben des Griechentums die Zeit
von Dante bis zum Untergang der florentinischen Freiheit, die Zeit,
die wir bezeichnen als die Zeit der Renaissance, wo das Griechentum
wiederum auflebt im Romertum, wo die Romer wiederum griechisch
werden, wo insbesondere Raffael und die anderen, in deren Mitte Raf-
fael steht, Griechisches wiederum aufleben lassen im Romertum. Aber
es ist eine Renaissance; es ist keine Naissance, es ist eine Renaissance.
Und lange genug mufke Europa zuriickblicken zu dieser Renaissance.
Als Goethe nach Italien ging, suchte er nicht romisches Wesen auf -
studieren Sie das, was Goethe in Italien erlebte; was suchte er? Grie-
chisches Wesen in Italien! Oberall suchte er durch das Romertum hin-
durch griechische Art und Weise zu erkennen. Wahrhaftig, so zusam-
menwachsen vergleichsweise - ich will das mehr als Bild sagen, was
ich jetzt sagen werde so zusammenwachsen konnten wiederum in
der Renaissance Griechentum und Christentum, dafi jetzt die Nach-
welt gar nicht mehr unterscheiden kann Griechentum und Christen-
tum in den Schopfungen der Renaissance. Gestritten wird, wie ich
Ihnen ofter schon gesagt habe, ob das beriihmte Bild Raffaels «Die
Schule von Athen», wie es genannt wird, wirklich in den Mittelfiguren
Plato und Aristoteles darstelle, oder ob es darstellt Petrus und Paulus.
Fur das eine wie fur das andere sprechen gewichtige Griinde; das eine
wie das andere wurde vertreten, so dafi an einem der hervorragend-
sten der Bilder nicht zu unterscheiden ist, ob man es mit griechischen
oder mit christlichen Gestalten zu tun hat. Aber es ist eben so zusam-
mengewachsen, dafi jene wunderbare Ehe, welche im griechischen Gei-
stesleben geschlossen war zwischen dem Geistigen und demMateriellen,
dafi jene wunderbare Ehe sich ebenso ausdriicken lafit durch Plato
und Aristoteles ,wie durch Petrus und Paulus. In dem Plato, den manche
sehen wollen in dem Bilde, das man «Die Schule von Athen» nennt,
sehen wir den Greis, der hinaufhebt die Hand ins himmlische Reich,
neben ihm stehend Aristoteles mit seiner begriff lichen Welt, hinunter-
weisend nach der materiellen Welt, um den Geist in der Materie zu
suchen. Ebensogut kann man in dem Hinaufweisenden den Petrus, in
dem Hinunterweisenden den Paulus sehen. Aber immer ist wahrend
dieser Renaissance rechtmafiig die Sache auf zwei Personen verteilt.
Gegeniiber der Renaissance, die ein Wiederaufleben des Griechen-
tums war, mufi etwas Urspriingliches wieder kommen. Das kann nur
kommen durch Synthese, durch die hohere Synthese. Sie ist dadurch
gegeben, dafi in derselben Person die eine wie die andere Geste sein
wird: die Geste hinauf zum Himmlischen, die Geste hinunter zum Ir-
dischen. Dann braucht man allerdings das Luziferische und das Ahri-
manische, einander kontrastierend. Was Sie sehen in einem der groflten
Kunstwerke der Renaissance auf zwei Personen verteilt, miissen Sie in
unserer Gruppe, die geschaffen werden soli, sehen in der einen Person
des Menschheitsreprasentanten: die eine wie die andere Geste!
Es brauchte das Mittelalter oder die beginnende Neuzeit diese Re-
naissance, dieses Wiederaufleben des Griechentums. Und wie viel
schreibt sich doch an lebendigem Leben, wie es seither verflossen ist,
von dieser Renaissance her! Wir sehen, wie bei einem Philosophen wie
Nietzsche diese Renaissance wieder auflebt in seinen besten Jahren;
wir sehen, wie sie aus der Gelehrsamkeit des Jacob Burckhardt heraus-
spriefit in einer so wunderbaren Weise. Bis in die neueste Zeit wirkt sie
nach, diese Renaissance, und sie stellt sich wie etwas aus der friiheren
griechischen Zeit Herubergehendes hinein in diese neuere Zeit. Man
kann sagen: Das Griechentum ist aufierlich vernichtet worden von
dem Romertum, aber viele Sprossen griechischer Geisteskrafte sind ge-
blieben. Ungefahr bis zum Jahre 333 - denn Justinian hat nur noch
den Sarg vernagelt, der zu zimmern begonnen wurde seit dem 4. Jahr-
hundert - haben sie noch gereicht, hereingereicht, diese griechischen
Geisteshelden. Und so wie zuriickgebliebene Triebe der geistigen Welt
kommen sie wieder hervor in der Renaissancezeit. Man mochte sagen :
Wie in der grofien Evolution gewisse Mondenkrafte zu einer bestimm-
ten Zeit wiederum aufleuchten, ohne deren Aufleuchten die mensch-
liche Vernunft und die menschliche Sprache nicht hatten geboren wer-
den konnen, so leuchtet das Griechentum wie ein zuriickgebliebener
Faktor wiederum auf im 15., 16. Jahrhundert und bildet die Renais-
sance. Da haben wir ein lebendiges Beispiel,wie dasjenige, was zuriick-
geblieben ist und was in einer spateren Zeit dennoch als Luziferisches
wirkt, zum Fortschritte der Menschheit gewendet wird in der Gesamt-
vernunft des Werdens. Gewifi, das zuriickgebliebene Griechentum, das
in der Renaissance erscheint, man kann es als etwas Luziferisches an-
sprechen, und es hat ja alle Nebenerscheinungen von Luziferischem
erzeugt, wenn wir neben den Gestalten von Leonardo, von Michel-
angelo, von Raffael solche Gestalten sehen wie AlexanderVL, den
Papst, oder wie Cesare Borgia und die anderen, die als die Begleit-
erscheinung dieser Renaissance erscheinen.
Europa brauchte diese Renaissance, denn diese Renaissance bot
Europa recht, recht viel. Und so haben wir denn wiederum, vom 15.,
16. Jahrhundert ab erst recht, wenn audi jetzt in einer verhullteren
Gestalt, die beiden Stromungen: die eine, die wieder erneuert war in
der Renaissance, die andere, die eigentlich immer fortgewirkt hat und
geblieben ist im Romanismus, die nur die mannigfaltigsten Formen
und Veranderungen durchgemacht hat. Und so laufen sie in der neue-
ren Zeit wiederum nebeneinander, die beiden Stromungen, tief ein-
schneidend nebeneinander, haben eine aufierordentlich grofie Bedeu-
tung. Und man mufi, wenn man so etwas bespricht, sich schon bekannt-
machen mit einer Lebens- undWeltenauffassung, die imstande ist, nicht
bei den Worten gleich Sympathien und Antipathien zu empfinden,
sondern objektiv zu charakterisieren, wirklich die Dinge anzusehen.
Wir haben viele Renaissancevorstellungen, vieleRenaissancebegriffe,
die weniger auf dem Wege der Schulung der Jugend als auf dem Wege
des mehr geistigen Lebens zu den Menschen kommen. Wiederum weifl
man von diesen Sachen nicht viel; aber sie leben bei jedem, diese Re-
naissancebegriffe, und sie sind ein anderes Element als das, was eigent-
lich nie verschwunden ist, sondern sich immer nur fortgebildet hat als
die Begriffe und Anschauungen des Romanismus. Eine Art imagina-
tiven Elementes, eine Rettung des imaginativen Elementes liegt in der
Renaissance, ein Sich-Entwinden dem blofien Logischen, ein Sich-Ent-
winden dem Kalten des Latinismus, der den emotionellen Nachschub
immer braucht, um sich zu beleben, weil er in sich selber kalt ist.
Dem stellt sich alles das gegeniiber, was als erhebendes Lebensele-
ment durch die Renaissance wiederum Europa zugefugt worden ist:
imaginatives Leben. Und dieses imaginative Leben mufite ja heriiber-
gebracht werden aus dem Griechentum; denn wir werden morgen
sehen, was gerade das bedeutete, dafi angefacht wurde imaginatives
Leben, schon als die neue Zeit begann, schon als der vierte in den fiinf-
ten nachatlantischen Zeitraum heriiberwuchs; was es bedeutete, dafi
die Renaissance gewissermafien Pate gestanden hat bei der Geburt des
fiinften nachatlantischen Zeitraums. Dieser funfte nachatlantische
Zeitraum mufi sich entwinden - indem er nicht gleich wiederum eben
allerlei Gefuhlsbegriffe anwendet, sondern indem er erkennt, er mufi
sich entwinden dem Romanismus, in der Bedeutung, wie wir versuch-
ten, es heute zu schildern. Die Grofie dieses Romanismus wird ja da-
(lurch nicht verkleinert. Aber in dem Gleichklang, in dem Waagehalten
und richtigen Abwagen liegt das Heil der Evolution, nicht in dem
Sich-Wenden zu dem einen oder zu dem anderen einseitigen Extrem.
Viele Begriffe leben innerhalb der europaischen Menschheit, die Ver-
fiihrer und Versucher sind, weil sie vom romisch-lateinischen Wesen
geblieben sind, und weil sie wie versucherische Begriffe leben, indem
sie einen Begriffs- und Empfindungskomplex in die Seele hereinbrin-
gen, dessen man sich nicht immer vollstandig bewufk ist. Gewifi - ich
wies schon darauf hin -, man kann nicht sagen, die Romer hatten das
politisch-judizielle Element vollig erfunden; aber in der Art haben sie
es doch erfunden, wie wir es heute charakterisieren wollten. Und gegen-
iiber dem, was der Grieche an den Menschen gesehen hat aus seinen
lebendigen Imaginationen oder beziehungsweise aus den Erbschaften
aus lebendigen Imaginationen heraus, hat der Romanismus einen be-
stimmten Begriff gebildet, der in dieser Bedeutung erst im Romanismus
auflebt und der eine Pflanze ist, die ganz aus juristisch-politischem
Boden herauswachst, wenn man die Sache rich tig versteht: das ist der
Begriff des romischen Civis, des romischen Burgers; der Mensch wird
zum Civis, zum romischen Burger. Damit wird dem Menschenbegriff
ein Politisch-Juristisches beigefiigt, eingefiigt dem Menschenbegriffe
ein juristisch-politisches Element. Und mit dem, was ich das letzte Mai
als Politisierung der Begriffswelt bezeichnet habe, hangt das, was ins
Blut der europaischen Volker iibergegangen ist mit dem Civisbegrif fe,
innig zusammen. Und es hat Juristen gegeben in der neueren Zeit, wel-
che die Zusammengehorigkeit der neueren Menschheit mit dem Romer-
tum einfach auf den Civisbegriff griindeten, durch den, wenn er leben-
dig empfunden wird, sich der Mensch hineinstellt auf politisch-juristi-
sche Weise in seine Gemeinschaft. Wenn er es sich auch nicht gesteht,
mit diesem Begriffe stellt er sich auf politisch-juristische Weise in die
Menschheit hinein. Von «Zoon politikon» sprach noch Aristoteles; er
setzte das Politische noch mit dem Zoon, mit dem Tiere zusammen.
Ja, das war uberhaupt noch ein ganz anderes, imaginatives Denken,
das war noch nicht ein politisches Denken; das war noch nicht ein
Politisieren der Begriffe.
Und so bildete sich denn jenes Element, das man bezeichnet mit
einer rein politisch-juristischen Kategorie. Man ist sich dessen nicht be-
wufit, daft man dieses Element bezeichnet mit einer juristisch-politi-
schen Kategorie, aber man stellt damit die Menschen durch Wahlver-
wandtschaft der Begriffe und Ideen hinein in ein politisch-juristisches
Element, indem man die Zusammengehdrigkeit mit dem politisch-
juristischen Romertum in all dem erfuhlt,wenn auch oftmals unbewufk
erfiihlt, was man in der neueren Zeit bezeichnet mit dem Begriffs-
ungetiim - denn alles das, was fur eine fruhere Zeit Bedeutung hat, in
spatere Zeit versetzt, kann auch zum Ungetum werden -, das sich auf
dem Civisbegriff aufbaut, mit dem Worte, hinter dem ein Begriffs-
ungetiim lebt, mit dem Worte «Zivilisation», mit dem solcher Unfug
getrieben wird. Und in alledem, was hinter dem Wort Zivilisation
steckt, steckt Romanismus. Das Pochen auf Zivilisation in der Art und
Weise, wie es heute vielf ach geschieht, ist unverstandener Romanismus,
oftmals nur erfiihlter Romanismus, wie es oftmals vorkommt, daft
man mit einem Worte, hinter dem man etwas besonders Hohes aus-
sprechen will, etwas ausspricht, bei dem man gar nicht weifi, wie sehr
man sich damit abhangig macht von historischen Machten. Fiir den-
jenigen, der den ganzen politisch-judiziellen Hintergrund dessen
schaut, was in dem Worte Zivilisation liegt, fiir den bewirkt das Aus-
sprechen des Wortes Zivilisation, wie es heute geschieht, oftmals etwas
wie eine Art von Gansehaut, wie eine Art von geheimem Gruseln,
Grauen. Solche Dinge mufi man schon aussprechen, denn Geisteswis-
senschaft ist nicht fiir die Kinderstube, wie es vielfach die Welt meint,
sondern Geisteswissenschaft ist fiir ernstes Weltenerkennen. Vor die-
sem ernsten Weltenerkennen werden wirklich viele Begriffe, welche
die Menschheit heute als ihre Gotzen anbetet, von ihren Altaren fallen.
Das mufi Geisteswissenschaft einsehen, denn sie ist nicht fiir die Kin-
derstube. Sie ist nicht dazu da, die Wesen der geistigen Welt zu einer
Art von vertrautem Umgang blofi zu machen, den man gern hat, wie
man mit Dichtern verkehrt, sondern die Geisteswissenschaft ist dazu
da, um in allem Ernste sich der geistigen Welt und ihren Kraften zu
nahern.
Morgen wollen wir dann diese Betrachtungen weiterleiten und ins
Geistige hineinzustellen wissen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 17. September 1916
Wir haben gestern versucht, gewissermafien die Charakteristik zu ge-
ben der Krafte, welche das Griechentum und das Romertum durch-
drangen, um daraus eine Anschauung dariiber zu gewinnen, was weiter
wirksam geworden ist aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum her-
iiber in den fiinften nachatlantischen Zeitraum, und wir haben einiges
angedeutet davon, wie dieses Heriiberwirken, dieses Sich-Weiterergie-
ften der Krafte des vierten nachatlantischen Zeitraums in den fiinften
hinein sich zeigte. Ich mochte nun, dafi Sie Ihre Aufmerksamkeit noch
einmal zuriicklenken auf die Art und Weise, wie wir das Griechentum,
wie wir das Romertum charakterisieren konnten.
Das Griechentum, so wie es sich entwickelt hat, war eine grofie Ent-
tauschung fur diejenigen Machte, die man die luziferischen Machte
nennen kann. Es ist ja natiirlich, dafi man diese Dinge sozusagen nur
aus der imaginativen Erkenntnis heraus geben kann, und so wollen wir
es auch heute halten. Also eine grofie Enttauschung war das Griechen-
tum, wie es sich entwickelt hat, denn die luziferischen Machte haben
etwas ganz anderes erwartet vom Griechentum. Bedenken wir nur
einmal, dafi das Griechentum, als der vierte nachatlantische Zeitraum,
in der nachatlantischen Zeit den luziferischen Machten hatte gewisser-
mafien das bringen sollen, was sie fiir sich als luziferische Machte an-
gestrebt haben wahrend der atlantischen Zeit. Die luziferischen Machte
haben gewisse Tatigkeiten, Krafteeinwirkungen entfaltet wahrend der
atlantischen Zeit. Sie haben fiir sich die Friichte wiederholentlich er-
wartet in der vierten nachatlantischen Kulturepoche. Was haben sie
denn eigentlich erwartet? Wenn man so etwas bespricht, kommt man
zu einer Anschauung des Inneren der luziferischen Seele. Man lernt
kennen dieses luziferische Leben, das besteht in fortwahrenden An-
strengungen in gewissen Zeitraumen, in der Erwartung, dafi diese An-
strengungen ihren Erfolg haben, und in immer neuen Enttauschungen.
Gewifi, ein sogenannter menschlicher Logiker konnte sich sagen: War-
um geben die luziferischen Machte ihr Streben nicht auf, da sie ja die
Schlufifolgerung Ziehen konnen, dafi sie immer wieder enttauscht wer-
den mussen? - Ein solcher Schlufi ware eben auch menschliche Weis-
heit, nicht luziferische Weisheit. Es haben das eben die luziferischen
Machte bisher jedenfalls nicht getan, sondern sie vergrofiern immer
wieder ihre Anstrengungen, nachdem sie immer neue Enttauschungen
erlebt haben.
Was haben die luziferischen Machte erwartet gerade von dem vier-
ten nachatlantischen Zeitraum? Sie haben erwartet, dafi sie sich in die-
sem Zeitraum bemachtigen konnen all der Seelenkrafte des griechischen
Volkes, welche darauf hinausliefen, die alten Imaginationen der chal-
daisch-agyptischen Zeit in die Phantasieschopfung hereinzunehmen.
Die luziferischen Machte haben angestrebt, so stark auf die Menschen
der griechischen Kultur zu wirken, dafi diese verfeinerten, ich mochte
sagen, bis zur Phantasie destillierten Imaginationen machtig erfiillt
hatten das ganze Wesen des Griechen, so dafi der Grieche gewisser-
mafien ganz aufgegangen ware in einer Seelenwelt, in einem alltag-
lichen Denken, Fiihlen, Wollen, das ganz bestanden hatte in feinen,
eben bis zur Phantasieanschauung verfeinerten Imaginationen. Wenn
der Grieche nichts anderes in seiner Seele entwickelt hatte als diese ver-
feinerten Phantasieimaginationen, wenn er sich ganz erfiillt hatte mit
diesen verfeinerten Gefuhlsimaginationen, dann hatten die luziferi-
schen Machte den Menschen, diesen griechischen Menschen, und damit
nachziehend einen grofien Teil der Menschheit iiberhaupt, herausheben
konnen aus der irdischen Evolution und in ihre luziferische Welt ein-
fiigen. Das war die Absicht der luziferischen Machte. Es war auch die
Hoffnung der luziferischen Machte seit der alten atlantischen Zeit, das
zu erreichen in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum, was wah-
rend der Atlantis selber nicht gelungen war: die Einverleibung der
Menschheit in den Kosmos auf der Stufe, die da die Menschheit er-
reicht hatte. Nichts Geringeres wollten die luziferischen Machte, als
fur sich eine Welt schaf fen, eine aparte, abgesonderte Welt, in welcher
ohne die Erdenschwere, mit vollstandiger ubersinnlicher Leichtigkeit,
die Menschenwesen wohnten, indem sie ganz aufgehen in dieser apar-
ten luziferischen Welt in einem Phantasieleben.
Also einen planetarischen Korper zu schaffen mit solchen Wesen,
die aus derMenschheit heraus zu der hochsten Entwickelung des Phan-
tasielebens gekommen sind, das war die Hoffnung der luziferischen
Wesenheiten. Und die luziferischen Wesenheiten machten alle Anstren-
gungen, die Griechen dazu zu bringen, sie als Seelen hinwegzufiihren
von der Erde. Dann wiirden die Seelen nach und nach die Erde ver-
lassen haben; die K6rper,die noch entstanden waren, wiirden verf alien
sein. Ich-lose Individuen wiirden entstanden sein. Die Erde ware der
Dekadenz entgegengegangen und ein besonderes luziferisches Reich
ware entstanden. Das ist nicht geschehen. Und wodurch ist es nicht
geschehen? Es ist nicht geschehen dadurch, dafi sich in den sich ver-
gottlichenden Wahnsinn der griechischen Dichter - um dies platonische
Wort zu gebrauchen - hineinmischte die genialeGrofie der griechischen
Philosophic, der griechischen Weisheit. Seine Philosophen: Heraklit,
Thales, Anaximander, Anaximenes, Parmenides, Sokrates, Plato, Ari-
stoteles, sie haben das Griechentum gerettet vor der vollstandigen Ver-
geistigung im Phantasieleben. Sie haben das Griechentum auf der Erde
erhalten. Sie sind diejenige Macht, welche die starksten Krafte gelief ert
hat zur Erhaltung des Griechentums innerhalb der Erdenevolution.
So mufi man im Zusammenhange betrachten die hinter der physi-
schen Wirklichkeit liegenden Krafte, welche die wahren Ursachen
sind fur das, was geschieht. Auf diese Weise ist also das Griechentum
der Erdenevolution erhalten geblieben. Mit Bezug auf diese Aufgabe
hatten die luziferischen Wesenheiten ohnehin nichts erreichen konnen,
wenn sie nicht unterstiitzt worden waren von den ahrimanischen We-
senheiten. Es haben die luziferischen Wesenheiten bei dieser Absicht
und bei dieser Hoffnung auch gerechnet auf die Unterstiitzung der
ahrimanischen Wesenheiten. Dieses mufi ja immer sein, daft in diesen
Wirkungen zwei Krafte zusammenstreben.
Ebenso wie die luziferischen Wesenheiten enttauscht worden sind
durch das Griechentum, so sind die ahrimanischen Wesenheiten ent-
tauscht worden durch das Romertum, wie es sich entwickelt hat. Denn
wie ihrerseits die luziferischen Wesenheiten im Griechentum erreichen
wollten das, was angedeutet worden ist: ein Hinwegfiihren der Men-
schenseelen von dem irdischen Planeten, so wollten auch die ahrima-
nischen Wesenheiten ihre Arbeit zu diesem Hinwegfiihren tun. Dazu
sollte die romische Kultur eine ganz bestimmte Gestalt annehmen. Im
Romertum haben die ahrimanischen Machte ihre starksten Krafte ein-
gesetzt, so wie im Griechentum die luziferischen. Denn die ahrimani-
schen Krafte haben darauf gerechnet, da/5 durch das Romertum auf
der Erde eine gewisse Erstarrung entstehe in einem ganz blinden Ge-
horsam und in einer blinden Unterwerfung unter das Romertum. Was
die ahrimanischen Machte mit dem Romertum wollten, bestand darin,
dafi sich iiber die ganze damals bekannte Erde hin ein romisches Reich
erstreckte, ein romisches Reich, welches alle menschliche Betatigung in
sich fassen sollte, welches mit strengstem Zentralismus und argster
Machtentfaltung von Rom aus hatte dirigiert werden sollen: gewisser-
mafien von Europa ausgehend eine grofie, eine weitverbreitete Staats-
maschine, die zu gleicher Zeit alles religiose und alles kiinstlerische
Leben aufgenommen und sie sich unterworfen hatte. Eine grofie Staats-
maschine, ein Staatsmechanismus, in dem beabsichtigt war von seiten
der ahrimanischen Machte, alle Individuality ersterben zu lassen, so
dafi ein jeglicher Mensch, ein jegliches Volk nur ein Glied in diesem
grofien Staatsmechanismus gewesen ware.
So wenig das Griechentum in den luziferischen Traum einzulullen
war wegen der Helligkeit seiner Philosophen, so wenig war aber das
Romertum so zum Erstarren zu bringen, wie es die ahrimanischen
Machte gewollt haben. Und den ahrimanischen Machten wirkte gerade
entgegen im Romertum das, was wir gestern angefiihrt haben als die
romischen Ideale; gerade das wirkte zunachst entgegen. Aber das allein
hatte gegen Ahriman nicht anstiirmen konnen, was an juristischen,
an politischen, an soldatischen Idealen sich entwickelte; denn gerade
innerhalb dieser romischen Welt entwickelten die ahrimanischen
Krafte etwas wie einen bedeutsamen grofien Versuch als Wiederholung
ihres Versuches in der atlantischen Zeit, unendlich starke Krafte und
Machte. Nur dadurch, dafi von einer anderen Seite her das durch-
brochen wurde, was die ahrimanischen Machte mit dem Romertum
vorhatten, nur dadurch ist der Ansturm Ahrimans verhindert worden;
zuerst verhindert worden durch etwas, was vielleicht gerade so aus-
sieht, als ob man es niedrig taxieren sollte. Das ist aber nicht der Fall.
Die Romer brauchten gerade das, was vielleicht, indem es gestern ge-
schildert worden 1st, so ausgesehen hat, als ob man es mit Antipathie
hatte schildern wollen, die Romer brauchten gerade diese Riicksichts-
losigkeit, diesen starren Egoismus, dieses Immerfort-und-fort-Aufriit-
teln der Emotionalitat, um gegen den Ansturm der ahrimanischen
Machte vorgehen zu konnen. Und die romische Geschichte ist nicht
etwa - ich bitte Sie, das ausdriicklich zu beachten - eine Offenbarung
ahrimanischer Machte! Die stehen dahinter: die romische Geschichte
ist ein Kampf gegen die ahrimanischen Machte. Und wenn sie so ver-
worren ist, wenn sie so selbstsuchtig ist, wenn sie so auf Verpolitisie-
rung der Welt gerichtet ist, so ist das deshalb, weil nur auf diese Weise
der Mechanisierung Ahrimans Widerstand geboten werden konnte.
Aber all das hatte nicht viel gefruchtet, aus dem einfachen Grunde,
weil das Romertum auch aufgenommen hat das Christentum, und da-
durch wiirde das Christentum im Romertum eine Form angenommen
haben, durch die Ahriman erst recht sein Ziel hatte erreichen konnen,
indem er gerade durch die geistige Abdammerung des ins Papsttum
verwandelten Romertums die Mechanisierung der Kultur der neueren
Zeit hatte bewirken konnen. So mufite dem Ahriman, der ja mit viel
aufierlicheren Mitteln wirkt als Luzifer, entgegengestellt werden eine
andere Macht, auch eine aufierliche Macht. Ahriman hat die Krafte
des Christentums in seinen Dienst verkehrt, wie wir eben gesehen ha-
ben. Es mufite ihm eine andere Macht entgegengestellt werden, und die
bestand in den anstiirmenden Volkern der Volkerwanderung. Dadurch,
dafi dem Romertum entgegengetreten worden ist in den anstiirmenden
Volkern der Volkerwanderung, ist verhindert worden, dafi jene starre
Mechanisierung unter einem alles umfassenden Romerreich eingetreten
ist. Studieren Sie die Vorgange wahrend der Volkerwanderung, so
werden Sie sehen, dafi Sie eine richtige Einsicht erst gewinnen, wenn
Sie diese auffassen als Vorstofie gegen die Mechanisierung in einem
allumfassenden romischen Reich. Uberall schiebt sich das, was aus der
Volkerwanderung kommt, in das Romerreich hinein, nicht um die
romische Geschichte aus der Welt zu schaffen, sondern um die hinter
der romischen Geschichte wirkende, ja von der romischen Geschichte
selbst bekampfte ahrimanische Macht zuruckzudrangen.
Auf diese Weise ist Ahriman, ist Luzifer enttauscht worden. Um so
bedeutungsvoller wollen sie ihre Aufgabe fiir den funften nachatlan-
tischen Zeitraum wieder aufnehmen. Und hier ist der Punkt, wo man
zu einem Verstandnisse kommt der Krafte, die in dem funften nach-
atlantischen Zeitraum wirksam sind, soweit ein solches Verstandnis
heute moglich ist.
Dieser vierte nachatlantische Zeitraum dehnt sich nach hinten und
vorn aus. Ungefahr ist sein Ende das Jahr 1413, seine Mitte das Jahr
333 nach Christi Geburt, und etwa 747 vor Christi Geburt ist sein
Anfang. Das haben wir ja ofter besprochen. Das sind Zahlen, die ja
natiirlich heute nur approximativ gelten. Ich sagte nun: Das, was Luzi-
fer und Ahriman nicht erreichen konnten im vierten nachatlantischen
Zeitraum, was ihre Enttauschung war, eben die Gestalt, die das Grie-
chentum und Romertum angenommen hatte, fuhrte sie zum verstark-
ten Anstreben im funften nachatlantischen Zeitraum, also voml5.Jahr-
hundert an. Und in den menschlichen Kraften, die da wirken seit dem
15. Jahrhundert, sind diese Anstrengungen schon darinnen. Natiirlich
kommt es nicht darauf an, ob etwas ein paar Jahrzehnte friiher oder
spater auftritt; in der aufieren physischen Wirklichkeit, wo man es ja
mit der grofien Tauschung zu tun hat, verschieben sich die Dinge zu-
weilen etwas. Dafi das Romertum, so wie es erhalten worden ist, fiir
die Entwickelung der Menschheit erhalten werden konnte, wird also
verdankt den Ereignissen der Volkerwanderung. Denn hatte sich das
Romertum so entwickelt, dafi ein grofies, umfassendes, mechanisiertes
Weltenreich entstanden ware, so ware dieses Weltenreich nur moglich
zu bewohnen gewesen von jenen Ich-losen Menschen, die auf der Erde
hatten zuriickbleiben sollen, nachdem die luziferischen Geister die
Seelen auf dem Wege des Griechentums hinausgebracht hatten.
Sie sehen also, wie Ahriman und Luzifer zusammenarbeiten. Die
Menschenseelen will Luzifer heraus haben und einen eigenen Planeten
mit ihnen begriinden; Ahriman mufite nun ihn unterstiitzen dadurch,
dafi, wahrend Luzifer gewissermafien den Saft aus der Zitrone heraus-
saugt, Ahriman ihn herausdriickt, indem er das, was zuriickbleibt, ver-
hartet. Und das versuchte er im Romischen Reiche zu tun. Sie sehen
da einen machtigen, umfassenden kosmischen Prozefi, der sich ent-
wickelt hat, der aber beabsichtigt war von den ahrimanischen und luzi-
ferischen Machten. Wie gesagt, diese waren enttauscht. Sie haben ihre
Anstrengungen weiter fortgesetzt, und der fiinfte nachatlantische Zeit-
raum wird schon noch merken und verstehen lernen, wie stark diese
Anstiirme sind, die ja erst ihren Anfang genommen haben, und die,
weil immer im Anfang eines Zeitraumes die Anstiirme, die von den
zuruckbleibenden Wesen ausgehen, am geringsten sind und dann im-
mer machtiger werden, und wie daher auch die Notwendigkeit, diese
Anstiirme zu verstehen, immer grofier und grofier wird. Schon vor
Ablauf des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes haben die luzi-
ferischen und ahrimanischen Machte begonnen, ihre Krafte einzu-
setzen, wenn auch die Manifestation, die Offenbarung dieses Ein-
setzens erst spater herausgekommen ist.
Will man verstehen, wie in dem fiinften nachatlantischen Zeitraum
diese Anstiirme wirken, so mufi man ein wenig das Augenmerk auf das
richten, was in der gerecht fortlaufenden Menschheitsentwickelung
mit dem Menschen selber beabsichtigt ist. Mit dem Menschen selber ist
beabsichtigt, dafi er wiederum ein Stuck vorschreitet, als Menschen-
geschlecht vorschreitet in der Gesamtentwickelung. Wie die Mensch-
heit als solche vorwartsgekommen ist im vierten nachatlantischen Zeit-
raum, das zeigt ja die Kulturentwickelung der Griechen, das zeigt die
politische Entwickelung der Romer. Es ist gerade durch den Kampf
gegen Luzifer und Ahriman das zustande gekommen, was hat zu-
stande kommen sollen; denn immer werden die Krafte dieser Machte
so gewendet, daft sie gewissermafien in den fortgehenden Weltenplan
hineinpassen, dafi man sieht, sie gehoren dazu. Man braucht sie als
widerstandige Krafte. Also, welche Fahigkeiten sollten die Menschen
des fiinften nachatlantischen Zeitraums, unseres Zeitraums, besonders
entwickeln? Wir wissen ja, dafi es sich um die Entwickelung der Be-
wulkseinsseele handelt, allein diese mufi sich wiederum zusammen-
setzen aus einer Reihe von Kraften, Seelenkraften, korperlichen Kraf-
ten. Das erste, was entwickelt werden mufi, wenn der Mensch richtig
auf der Erde bleiben soli, das ist ein wirkliches reines Anschauen der
Sinnenwelt. Ein solches reines Anschauen der Sinnenwelt war in den
fruheren Zeitraumen nicht da, weil immer in das menschliche Seelen-
leben das Visionare, das Imaginative hereinspielte, bei den Griechen
noch die Phantasie. Aber nachdem die Phantasie die Menschheit soweit
ergriffen hatte, wie sie im griechischen Leben eben sie ergriffen hat, da
wurde notwendig, dafi die Menschen die Fahigkeit entwickelten, un-
behelligt durch eine dahinterstehende Vision die aufiere Naturwirk-
lichkeit anzuschauen. Wir brauchen uns dabei nicht vorzustellen, dafi
das materialistische Weltbild damit gemeint ist; dieses materialistische
Weltenbild ist schon ein ahrimanisch verzerrtes Anschauen der Sinnes-
wirklichkeit. Aber, wie gesagt, die Sinneswirklichkeit ordentlich zu
beobachten, das war die eine Aufgabe des fiinften nachatlantischen
Zeitraums.
Die andere Aufgabe der Menschenseele ist diese: neben der reinen
Anschauung derWirklichkeit zu entwickeln freie Imagination, in einer
Beziehung eine Art Wiederholung der agyptisch-chaldaischen Zeit.
Darinnen ist der fiinfte nachatlantische Zeitraum noch nicht sehr weit.
Freie Imaginationen mussen entwickelt werden, wie sie gesucht werden
durch die Geisteswissenschaft, also nicht gebundene Imaginationen,
wie sie der dritte nachatlantische Zeitraum hatte, nicht zur Phantasie
destillierte Imaginationen, sondern freie Imaginationen, in denen man
sich so f rei bewegt, wie sich der Mensch sonst nur in seinem Verstande
frei bewegt. Daraus, dafi diese zwei Fahigkeiten entwickelt werden,
wird sich ergeben das rechte Entwickeln derBewufitseinsseele des fiinf-
ten nachatlantischen Zeitraums.
Goethe hat sehr schon empfunden das reine Anschauen, das er im
Gegensatz zum Materialismus bezeichnet hat mit seinem Urphanomen.
Sie konnen in Goethes Schriften und in meinen Erklarungen dazu uber
dieses Urphanomen viel gesprochen finden. Es ist die reine Anschau-
ung der Wirklichkeit, dieses Urphanomen. Aber Goethe hat nicht nur
den ersten Anstofi gegeben zu einer visionsfreien sinnlichen Beobach-
tung im Urphanomen, sondern er hat auch den ersten Anstofi gegeben
zur freien Imagination; denn gerade das, was wir in seinem «Faust»
gefunden haben, wenn es auch noch nicht weit ist in geisteswissen-
schaftlicher Beziehung, wenn es auch noch in gewisser Weise instinktiv
nur im Verhaltnis zur Geisteswissenschaft ist, es ist doch der erste An-
stofi des freien imaginativen Lebens, denn es ist nicht blofi eine Phan-
tasiewelt. Wir haben gesehen, wie tief wirklich diese Phantasiewelt ist,
die in freien Imaginationen in diesem wunderbaren Faust-Drama ent-
wickelt wird. So allerdings haben wir dem Urphanomen gegeniiber
das, was Goethe das typische intellektuelle Anschauen nennt. Sie kon-
nen in meinem Buche «Vom Mensch enratsel» dariiber Genaueres lesen.
Das mufi sich immer weiter und weiter ausbilden. Auf der einen Seite
mufi der fiinfte nachatlantische Zeitraum in der Wirklichkeit nicht nur
anschauen, sondern mit der Wirklichkeit leben konnen, so daft er ab-
seits von den materialistischen Physikern so wie Goethe etwa hantiert
in seinem physikalischen Kabinette, um die Instrumente so zu gebrau-
chen, dafi sie ihm die Urphanomene geben. So mufi man sich eine Han-
tierung auch in bezug auf das praktische Leben denken, welche dieses
praktische Leben mit dem Urphanomen durchdringt, welche also in
der Natur so zu Hause ist, dafi die Natur von dem Urphanomen aus
beherrscht wird, und eingeschlossen in dieses Urphanomen der Natur
miissen werden die Intentionen des Menschengeschlechtes, die aus der
freien Imagination kommen. Auf der einen Seite gewissermafien selbst-
los den Blick auf die Aufienwelt zur Erkenntnis und zur Arbeit zu
richten, und auf der anderen Seite das Ganze selbst mit starkster Ein-
setzung der Personlichkeit in innerliche Regung und Bewegung zu
bringen, um die Imaginationen zu finden fur die aufiere Tatigkeit und
aufiere Erkenntnis, das wird die Bewufitseinsseele und das Kulturleben
der Bewufitseinsseele nach und nach in die Wirklichkeit verwandeln.
Einseitigkeiten werden sich selbstverstandlich innerhalb dieses Kul-
turzeitraumes entwickeln. Die Erkenntnis wird nur nach der Aufien-
welt streben wie im Baconismus, oder sie wird nur nach dem Inneren
streben wie im Berkeleyismus. Davon haben wir gesprochen. Dieses
imaginative Leben, welches aus dem Inneren des Menschen hervor-
quellen will, wird sich unter allerlei Storungen entwickeln. Aber wir
konnen doch schon hinweisen auf gewisse Punkte der Entwickelung,
in denen dieser oder jener Mensch fiihlt, wie aus der Seele gerade dieses
imaginative Leben hervorkommt, dieses freie imaginative Leben. An-
fangs ist es noch sehr wenig frei, sehr gebunden; aber beachten wir, wie
ein in seiner Art so bedeutsamer Mensch wie Jakob Bobme, kurz nach-
dem der fiinfte nachatlantische Zeitraum begonnen hat, schon fiihlt,
wie das imaginative Leben in seiner Seele sich herausentwickeln will.
Er spricht es deutlich aus in seiner «Aurora», wie er fiihlt, daft das
imaginative Leben in ihm arbeitet. Frei mufi es erst werden; er fiihlt es
noch etwas unfrei, aber er fiihlt, dafi da das Gottlich-Schopferische in
ihm wirkt. Und so ist er in gewissem Sinne der Gegenpol zu dem Baco-
nismus, der da anstrebt, in einseitiger Weise nur auf die Aufienwelt den
Blick zu richten. Jakob Bohme ist ganz in der Innenwelt beschaftigt
und beschreibt in der « Aurora* schon:
«Ich sage vor Gott» - weil er von seinem Innern spricht, sagt er so
«dajR ich selber nicht weift, wie mir damit geschieht* - indem die Ima-
ginationen in ihm aufgehen -; «ohne daft ich den treibenden Willen
habe, weift ich auch nichts, was ich schreiben soll.» So spricht er vom
Aufgehen der Imaginationen; das ist der Anfang von Kraften, die
immer mehr und mehr die Menschheit des fiinften nachatlantischen
Zeitraums iiberkommen miissen, die da Jakob Bohme spurt. «Ich sage
vor Gott, daft ich selber nicht weift, wie mir damit geschieht; ohne daft
ich den treibenden Willen habe, weift ich auch nichts, was ich schreiben
soil. Denn so ich schreibe, diktiert es mir der Geist in grofter wunder-
licher Erkenntnis, daft ich oft nicht weift, ob ich nach meinem Geist in
dieser Welt bin und mich des hoch erfreue, da mir denn die stete und
gewisse Erkenntnis wird mitgegeben.»
Das Hereinstromen der imaginativen Welt beschreibt er. Wir sehen,
er fiihlt sich harmonisch ruhig in seiner Seele und beschreibt, wie nor-
malerweise im gerechten Fortgange der Entwickelung die Menschen-
seelen von diesen inneren Kraften sich sollen ergreifen lassen. Diese
Krafte sollen iiber die Menschenseele kommen im fiinften nachatlan-
tischen Zeitraum; aber sie sollen ergriffen werden im reinen geistigen
Inneren. Sie sollen nicht irgendwelche irrtiimliche Wege nehmen. Un-
gefahr so iiber diese Krafte im 17. Jahrhundert miifite man reden, wie
Jakob Bohme redet, dann redete man als ein ganz nur der gottlichen
allgemeinen Gerechtigkeit hingegebener Mann von diesen Kraften.
Dafi weder die eine Art von Kraften, das reine Anschauen der Ur-
phanomene, noch die andere Art von Kraften, die Entwickelung der
freien Imaginationen, die nicht in Visionen bestehen, sondern die eben
freie Imaginationen sind, aufkommen, dafi diese Krafte in der Men-
schenseele moglichst gestort werden, moglichst dazu verwendet werden,
um nun wiederum die Menschheit als Seele hinauszubringen aus dem
Erdenplan und mit ihnen einen besonderen Plan zu begriinden, das ist
nun die Wirkensart der luzif erischen und ahrimanischen Machte in dem
fiinften nachatlantischen Zeitraum.
Vieles mull ja zusammenwirken, damit die richtige Entfaltung, die
ruhige und langsame Entfaltung gestort werde. Horen Sie wohl: ich
sage nicht nur die ruhige, sondern die ruhige und langsame Entfaltung,
denn es soil ja der ganze Zeitraum von 1413 an durch 2160 Jahre un-
gefahr dazu verwendet werden, um diese Krafte, die ich angefiihrt
habe, freielmaginationen und Urphanomene beziehungsweise urphano-
menale Arbeit, nach und nach zu entwickeln. Stoflweise, mit alien mog-
lichen widerstrebenden Kraften, wirken nun die luziferischen und ahri-
manischen Machte dagegen. Wenn wir nur ins Auge fassen wollen, dafi
das, was geschieht, immer lange vorbereitet wird von der aufterirdi-
schen Welt, dann wird es uns nicht unverstandlich sein, dafi Vorberei-
tungen getroffen worden sind, um recht, recht starke Gegenwirkungen
gegen die normale Evolution der Menschheit zu be wirken. Wir haben
ja gesehen, dafi schon ins Griechentum und Romertum die luziferischen
und ahrimanischen Machte das hineingegossen haben, was sie in der
atlantischen Zeit entwickelt haben. In einer veranderten Form ver-
suchten sie nun diese Anstrengungen zu wiederholen schon vor dem
fiinften nachatlantischen Zeitraum fur diesen fiinften nachatlantischen
Zeitraum. Sie werden es also jetzt nicht unbegreiflich finden, wenn ich
sage, dafi notwendig war ein starker Anstofi mit Nachwirkungen, luzi-
ferisch-ahrimanischen Nachwirkungen der Atlantis auch fur diesen
fiinften nachatlantischen Zeitraum. Wir wissen ja, dafi die atlantischen
Wirkungen ausgestrahlt sind von dem, was ja Plato bereits kennt als
die Atlantis. Wir wollen es einmal schematisch so machen, dafi wir
etwa die Atlantis uns hier denken (siehe Zeichnung); dann wiirde hier
das europaische, asiatische Gebiet sein, und hier wiirde das amerika-
nische Gebiet sein. Davon strahlten also aus die alten atlantischen
Krafte, auch die alten atlantischen luziferischen und ahrimanischen
Krafte.
Nun wurde von diesen etwas zuriickbehalten, um als luziferische
und ahrimanische Machte zu wirken im fiinften nachatlantischen Zeit-
raum, und zwar auch von den guten Kraften etwas zuriickbehalten,
von den in der atlantischen Zeit berechtigten Kraften etwas zuriick-
behalten, was jetzt auch luziferisch und ahrimanisch ist. Nur wurde
der Mittelpunkt nach einem anderen Punkte der Erde verlegt. Die
Atlantis ist ja fort. Der Mittelpunkt wurde nach Asien hinuber verlegt,
so daft Sie also sich vorstellen wiirden auf der abgekehrten Seite des-
jenigen, was ich da schematisch gezeichnet habe, in Asien driiben, von
da ausstrahlend Nachwirkungen der alten atlantischen Kultur alsVor-
bereitung fur den fiinften nachatlantischen Zeitraum, ihn zu luziferi-
sieren und zu ahrimanisieren. Es waren im wesentlichenNachkommen
der alten atlantischen Lehrer, welche nun wirkten von einem Punkt
in Asien driiben. Ein Priester war dazu erzogen worden, das, was
man in der alten Atlantis gesehen hat, nachtraglich zu schauen, zu
schauen das, was der Atlantier nannte den Grofien Geist, und von
diesem Grofien Geist Auftrage zu empfangen. Und diese Auftrage
teilte der mit diesen Auftragen initiierte Priester einem jungen, aufier-
ordentlich starken, tatkraftigen, tiichtigen Menschen mit, der durch
diese Auftrage dann innerhalb seiner Gemeinschaft den Namen «Der
grofie Beherrscher der Erde» erhielt, Dschingis-Khan. Und der Grofie
Geist hatte durch seinen Nachfolger, auf dem Umwege durch diesen
Priester, an Dschingis-Khan den Auftrag gegeben, alles, was aufzu-
bringen war an Machten in Asien, dazu zu verwenden, um auszubrei-
ten das, was den funften nachatlantischen Zeitraum zuriickfiihren
konnte in eine luziferische Gestaltung. Diese starken Krafte, die noch
viel starker waren als die im Griechentum einsetzenden, die wurden
aufgewendet von dieser Seite her. Von dieser Seite her sollten alle
freien Imaginationen verwandelt werden in alte Imaginationen, in
visionare Imaginationen. Es sollte in der starksten Weise gearbeitet
werden, die Seele des Menschen ganz einzulullen in dammerndes Er-
leben der Imaginationen, nicht in freies, von der Vernunft durch-
tranktes Erleben der Imaginationen. Die Absicht bestand, mit den
besonderen Kraften, die da aus der Atlantis herein erhalten waren,
so nach demWesten zu wirken, daft die Kultur desWestens eine visio-
nare Kultur geworden ware. Dann hatte man die Seelen abtrennen
und einen besonderen Kontinent, einen besonderen planetarischen
Korper mit ihnen bilden konnen. Alle Unruhen, welche durch die
Mongolenstiirme und alles das, was damit zusammenhangt, in die Ent-
wickelung der neueren Menschheit gekommen sind undwasfortgewirkt
hat im funften nachatlantischen Zeitraum, nachdem sie vorbereitet
waren schon f riiher, alle diese Unruhen bedeuten den grofien, von Asien
ausgegangenen Versuch, die europaische Kultur zu «vervisionieren»,
um sie abzutrennen von den Bedingungen der fortlaufenden Evolution,
um sie gewissermafien hinwegzufiihren von der Erde. Der Osten emp-
fand sehr wohl immer wieder und wiederum dieses Durchvisionieren,
dieses Entfremdenwollen von der Erde.
Dem mufite ein Gegengewicht geschaffen werden.Und dieses Gegen-
gewicht war zunachst eines, das in die normale Entwickelung der
Menschheit gehort. Es mufite also gegeniiber dem, was unter dem Ein-
flusse des Priesters des Dschingis-Khan hat bewirkt werden sollen, die
«Erleichterung» des Menschengeschlechts, um es hinwegzufiihren von
der Erde, es mulke ein Erdenschwere-Gegengewicht geschaffen werden.
Und dieses wurde dadurch geschaffen, dafi die westliche Welt, dalS
Amerika gefunden wurde mit all dem, was Amerika barg, und dadurch
Erdenschwere, Lust, auf der Erde zu bleiben, fur die Menschen geschaf-
fen worden war. Die Entdeckung Amerikas und alles, was damit zu-
sammenhangt, uberhaupt das Sich-Hineinleben in die materiellen
Schauplatze der Erde, das bedeutete, von grofien Gesichtspunkten aus
gesehen, das Gegengewicht gegen die Tatigkeit des Dschingis-Khan.
Amerika sollte entdeckt werden, um die Menschen dahin zu bringen,
mit der Erde mehr zusammenzuwachsen, materieller und materieller zu
werden, damit sie Schwere habe, ein Gegengewicht gegen die Spirituali-
sierung, die durch dieNachkommen des Grofien Geistes angestrebt war.
Aber auf der anderen Seite setzten gleichzeitig mit diesem normalen
Prozefi des Ausdehnens des Menschheitsschauplatzes liber Amerika
wiederum die anderen, die ahrimanischen Machte des Grofien Geistes
ein. Ein Zug ging von dort heriiber nach Europa, der andere aber von
Asien nach der anderen Seite heriiber und durchsetzte Amerika, so dafi
durch das Entdecken Amerikas sich nicht nur die normalen Krafte ent-
wickelten, sondern von dort her zugleich Starke ahrimanische Ansturme
kamen, die zunachst noch schwach einsetzten - sie werden schon weiter
einsetzen, sie mussen nur erkannt werden -, in der Form, dafi gerade
die Evolution, welche das Romertum in der Kirche und im kirchlichen
Staate erreicht hatte, von diesem ahrimanischen Einsatz erfafit wurde.
Wahrend es verhaltnismafiig leicht zu sagen ist, wie der luziferische
Einflufi iiber dem Dschingis-Khan gewirkt hat, indem man eben ganz
genau weifi, daft einPriester initiiert worden ist von dem Nachkommen
des Grofien Geistes, ist es viel schwerer zu sagen, weil es in Einzelheiten
zerf allt, wie der ahrimanische Geist von der anderen Seite wirkte. Aber
Sie brauchen nur zu studieren, wie ergriffen wird das katholische, das
streng katholische Spanien von all den Goldschatzen, die in Amerika
gefunden werden, von all dem, was damit verbunden ist. Studieren Sie
gerade jene merkwiirdige Nachwirkung, die das alte Romertum als
Gespenst in einem solchen Herrscher hat wie in Ferdinand dem Katho-
lischen von Kastilien, oder in Karl V., insofern er Herrscher ist in
einem Reich, in dem die Sonne nicht untergeht: Immer wiederum neue
Versuche dieses Ausbreitens! Studieren Sie die Beziehungen Europas zu
dem aufbliihenden, nach und nach entdeckt werdenden Amerika, dann
werden Sie sehen, wie von da die Versuchungen kommen. Es ist im
ganzen eine Versuchungsgeschichte, zugleich hineinverwoben in eine
Geschichte, die in normalen Bahnen verlauf t.
Ich bitte Sie nur, durchaus nicht zu erzahlen, dafi ich heute etwa die
Entdeckung Amerikas als eine ahrimanische Tat hingestellt habe, son-
dern ich habe das Gegenteil davon gesagt. Ich sagte, dafl Amerika ent-
deckt werden mufite, gefunden werden mufite, dafi das ganze notwen-
dig war im fortschreitenden Weltengang, nur dafi sich hineingemischt
haben ahrimanische Krafte, die Ansturme sind gegen das, was im fort-
schreitenden Weltengang geschehen sollte. Die Dinge sind nicht so ein-
fach in der Wirklichkeit, dafi man sagen kann: Da ist Luzifer, da ist
Ahriman, und so verhalten sich Luzifer und Ahriman, und so verteilen
sie die Welt. So verhalten sich die Dinge nicht.
So also sehen wir das Zusammenwirken vieler Krafte, die wir ver-
suchten zu belauschen auf ihrem Felde hinter dem physischen Plan.
Alle diese Krafte bemachtigten sich wieder anderer. Sie suchen sich
dessen, was hereinragt an Menschenkraften aus dem vierten nachatlan-
tischen Zeitraum, zu bemachtigen und es in ihrer Art zu verzerren, es
in ihren Dienst zu stellen. Sie brauchen nur zu studieren eine solche
Begleiterscheinung der Renaissance, wie es Macbiavelli ist, dann wer-
den Sie ein menschliches personliches Symbolum f inden fur diese ganze
Art, die da beginnt, die Politisierung des Gedankenlebens. Machiavelli
ist geradezu ein Ausdruck, eine Offenbarung dieser Politisierung des
Gedankenlebens, ein grofier, gewaltiger Geist, aber ein Geist, der unter
dem Ansturm der Machte, von denen ich gesprochen habe, ganz die
Gesinnungen erneuert, die aus dem heidnischen antiken Romertum
kommen. Wenn wir wirklich die Geschichte studieren, wie Machiavelli
nicht eine einzelne Personlichkeit, ein einzelner Mensch ist, sondern
nur der besonders signifikante Ausdruck fur viele so Denkende, dann
sehen wir die Dinge recht. Da sehen wir das, was schnell vorwarts-
stiirmen, was mit den hinterlassenen atavistischen Kraften, also luzi-
ferischen Kraften, schnell vorwartsstiirmen will. Ware es nach Machia-
vellis Sinn gegangen, so ware schon ganz Europa verpolitisiert. Solchen
Kraften, die wie im Sturm wirken, wirken dann die normal wirkenden
entgegen. Einer solchen rein politischen und alles menschliche Denken
zum Politischen machenden Figur, wie es der Machiavelli ist, konnen
wir eine Personlichkeit, die fast Zeitgenosse war, gegentiberstellen: den
Thomas a Kempis, der ganz in der langsamen, allmahlichen Entwicke-
lung drinnensteht und der ein ganz und gar nicht politischer Geist ist,
der langsam und allmahlich wirkt.
Und so konnen wir diese einzelnen Stromungen verfolgen. Wir wer-
den normale finden; wir werden solche finden, die aus friiheren Zeiten
hereinstromen und beniitzt werden von den Kraften, die wir angefiihrt
haben. In der Geschichte wirken viele Krafte zusammen. Man mufi
durchaus seinen Blick auf diese Zusammenhange richten. In einem sol-
chen Menschen wie Jakob Bohme finden wir, wie er die freie Imagina-
tion aufspriefien fiihlt. Man kdnnte sagen: Jakob Bohme ist eine solche
Personlichkeit, die durch die ganze Art ihres Seelenlebens sehr stark es
dahin gebracht hat, nicht gestort zu werden durch die luziferischen und
ahrimanischen Anstiirme und den geraden Weg der Evolution zu gehen.
Dagegen konnen Sie im Osten Europas, in der ostlichen Kultur zahl-
reiche Personlichkeiten finden, die gar sehr leiden unter der luziferi-
schen Stoning, unter der Stoning, die dahin geht, immer wieder und
wiederum wegzuholen den Menschen von der Erde, von dem physi-
schen Leib, immer wieder und wiederum zu verfallen in eine Lage, in
eine Situation, die den ganzen Menschen wie in eine Vision von sich
selber verwandelt, also ihn ganz zu verseelen. Das ist die Tendenz, die
dem Osten Europas eingeimpft worden ist. Dem Westen Europas ist
dafiir viel mehr das Verspiiren des Gezogenwerdens nach der anderen
Seite eingeimpft worden, des Hingezogenwerdens der imaginativen
Welt zu der Kdrperschwere, zu der physischen Schwere, um das, was
freie Imagination werden soil, zu etwas zu machen, was nicht blofi in
der Seele wirkt, sondern was im Organismus wirkt, was die Seele hin-
einstopft in den Organismus und dadurch den Organismus mitleben
laftt an den Imaginationen. Man kann kaum pragnanter das, was ich
da meine, ausdriicken, als es Alfred de M us set getan hat, um seinen
eigenen Seelenzustand zu charakterisieren. Musset ist eine von denjeni-
gen Personlichkeiten, die imaginatives Leben in sich verspiirten, aber
die den Ansturm gegen dieses imaginative Leben fuhlten, jenen An-
sturm, der dahin ging, dieses imaginative Leben hineinzustopfen in die
Korperlichkeit. Da drinnen wird dieses imaginative Leben, weil es da-
hin nicht gehort, weil es frei in der Seele schwebend sich entwickeln
soil, von Erdenschwere und von all dem, was nur korperlich ist, er-
griffen, wahrend es seelisch verlaufen soil. «Elle et lui», das Buch, das
George Sand aus ihren Beziehungen zu Musset geschrieben hat, das ent-
halt gerade eine schone Selbstbeschreibung des Seelenlebens Mussets,
und einige Satze mochte ich daraus mitteilen, aus denen Sie sehen wer-
den, wie er selbst sich drinnenstehen fiihlt in einem solchen angefoch-
tenen imaginativen Leben. Es sagt Musset: «Die Schopfung verwirrt
mich und lafit mich erzittern. Die fur meinen Wunsch stets zu lang-
same Ausfuhrung erregt mir furchtbares Herzklopfen, und weinend,
nur mit Mtihe laute Schreie zuriickhaltend, gebare ich eine Idee - sie
berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich
an. Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschliipft mir;
besser ich vergesse sie und erwarte eine andere. Aber diese andere iiber-
kommt mich so verworren und so unermefilich, dafi mein armes Wesen
sie nicht fassen kann. Sie driickt und qualt mich, bis sie realisierbar
geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburts-
wehen ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren
kann. So vergeht mein Leben, wenn ich mich von diesem Riesenkiinst-
ler, der in mir ist» - nehmen Sie den Gegensatz zu Jakob Bohme, der
den Gott in sich spurt; er einen Riesenkiinstler, der in ihm ist - «beherr-
schen lasse. Es ist also besser, daft ich lebe, wie ich mir vorgenommen
habe zu leben, dafi ich Exzesse jeder Art begehe, um diesen nagenden
Wurm zu toten, den andere bescheiden <Inspiration>, den ich ganz of fen
<Krankheit> nenne.»
Fast in jedem Satze ein Parallelsatz zu dem, was ich Ihnen als Jakob
Bohmeschen Ausspruch mitgeteilt habe, aber auch ungemein charak-
teristisch. Erinnern Sie sich, wie ich vorhin gesagt habe: Langsam will -
wir werden darauf noch morgen zu sprechen kommen - die normal
fortschreitende Entwickelung gehen; hier wilder Anstofi, darum ist
ihm das nicht schnell genug. Und er beschreibt es selber. Es ist eine
wunderbare Selbstschau, die er da gibt. Er sagt: «Die Schopfung ver-
wirrt mich und lafit mich erzittern», weil immer das Schneller-gehen-
Wollen von ahrimanischer Seite hineinstiirmt in das, was langsam ge-
hen will. «Die fur meinen Wunsch stets zu langsame Ausfuhrung erregt
mir furchtbares Herzklopf en» : da haben Sie die ganze Psychologie des
Menschen, der in freien Imaginationen leben will und von aufstofien-
den ahrimanischen Kraften gestort wird. «Und weinend, nur mit Miihe
laute Schreie zuriickhaltend» - denken Sie, so physisch wirken in ihm
die Imaginationen, dafi er schreien mochte, wenn sie sich in ihm au-
ftern - «gebare ich eine Idee - sie berauscht mich im Augenblicke, und
am anderen Morgen ekelt sie mich an.» Weil sie statt aus der Seele aus
dem Organismus herkommt! «Forme ich sie um, so wird es noch schlim-
mer, sie entschlupft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine an-
dere.* Weil er immer schneller will, schneller als die normale Entwicke-
lung gehen kann. «Aber diese andere iiberkommt mich so verworren
und so unermefilich, dafi mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie
driickt und qualt mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stel-
len sich die anderen Leiden, die Geburtswehen, ein, wahrhaft physische
Schmerzen, die ich nicht definieren kann.» Und deshalb, sagt er, mochte
er lieber, indem er hinblickt auf diesen Riesenkiinstler, der in ihm wirkt,
das Leben so fiihren, wie er es sich vorgenommen hat, namlich nichts
zu tun zu haben mit all dieser imaginativen Welt; denn er nennt das
eine «Krankheit».
Dagegen nehmen Sie den Jakob Bohmeschen Satz: «Ich sage vor
Gott, dafi ich selber nicht weifi, wie mir damit geschieht.» Das ist Selig-
keit zum Ausdrucke gebracht. Verwirrt ist es zum Ausdrucke gebracht,
wenn gesagt wird: «Die Schopfung verwirrt mich und laftt mich er-
zittern. Die fur meinen Wunsch stets zu langsame Ausfuhrung erregt
mir furchtbares HerzkIopfen.» Bei Jakob Bohme alles seelisch! Und
wenn er schreiben will, so kommt es ihm so vor, als ob nicht ein Riesen-
kunstler, der ihn ungliicklich macht, sondern ein Geist ihm diktiert,
indem er versetzt ist in diese Welt, wo ihm der Geist diktiert; er sei in
dieser Welt und sei dessen hocherfreut, da ihm dann stete und gewisse
Erkenntnis gegeben wird, stete, langsam verlaufende. Jakob Bohme ist
geneigt, die langsam verlaufende Erkenntnis hinzunehmen; dem geht
die Sache nicht zu langsam, weil er nicht das, was ich Ihnen als das
Schnell-Dahinstoftende beschrieben habe, als ein Beherrschendes fiihlt,
sondern dagegen geschiitzt ist.
So konnten wir immer mehr und mehr Erscheinungen anfuhren,
wenn wir Zeit dazu hatten, die uns zeigen wiirden, wie die Menschen
hineingestellt sind in diesen Prozefi der Welt. Diese Menschen, die ich
angefuhrt habe, sind ja allerdings herausgegriffen als solche, deren
Namen die Geschichte erhalten hat. Aber in einer gewissen Weise
untersteht die ganze Menschheit, der eine so, der andere so, dieser sel-
ben Sache. Man wahlt nur solche Beispiele aus, um dasjenige, was in
weitem Umkreis lebt, zur Sprache zu bringen, um es charakterisieren
zu konnen an besonderen Beispielen. Und versuchen Sie das, was wir
da hingestellt haben, zu uberblicken, dann werden Sie gar mancherlei
verstehen konnen, das sich entwickelt hat. Man konnte ja auch auf
einige andere Erscheinungen des Lebens eingehen, allein, bleiben wir
heute einmal stehen mehr bei dem geistigen Leben, dann noch bei dem
besonderen geistigen Leben, bei dem Erkenntnisleben. Da konnen sich
uns ja auf diesem besonderen Gebiete Eigenschaften zeigen, welche
die neuere Menschheit charakterisieren, und welche uns manches ver-
standlich machen konnen. Da es ja nicht moglich ist, viel iiber das
aufiere Leben zu sagen - wegen des Vorhandenseins der heutigen Vor-
urteile und alles dessen, was mit dem Gebundensein der Seele in den
heutigen Zeitverhaltnissen zusammenhangt -, so ist es ja natiirlich
auch nur in hochst eingeschranktem Mafie mir hier an dieser Stelle
moglich, zu sprechen iiber die Dinge, die da wirken bis in die unmittel-
bare Gegenwart unsererTage herein. Das geht nicht, das habe ich schon
ofter angedeutet. Aber ich mochte gewissermafien auf solche Erschei-
nungen doch hinweisen, die weniger die Emotionen, die weniger die
Leidenschaften erregen. Lassen Sie mich zunachst einige Erscheinungen
schildern, Erscheinungen des Erkenntnis- und Gefiihlslebens, die ich
herausgreife, vorlaufig jetzt einen Strich machend unter die Betrach-
tungen, die ich angestellt habe, indem ich Ihnen gezeigt habe, welche
Krafte da wirken in diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum. Um
nun diese einzelnen Erscheinungen hineinzustellen in jene Krafte, wol-
len wir sie zunachst historisch einmal anschauen.
Nehmen wir eine Erscheinung heraus, die uns allerdings in tiefstem
Sinne interessieren mufi, eine sehr bedeutsame Erscheinung; nehmen
wir die Erscheinung, die sich aufiert in dem menschlichen Verstehen
der Wesenheit des Christus, und nehmen wir naheliegende Erscheinun-
gen des Verstandnisses fur die Wesenheit des Christus. Da haben wir
eine neuere Erscheinung in dem «Leben Jesu» von Ernest Renan, das
Anfang der sechziger Jahre im 19. Jahrhundert erschien, rasch viele
Auflagen erlebte, ich glaube die zwanzigste Auflage schon im Jahre
1900, nach dem Tode von Ernest Renan. Da haben wir «Das Leben
Jesu», das aber eigentlich in Wirklichkeit kein Leben Jesu ist, von
David Friedrich Straufi. Und da haben wir - wir konnen nun nicht
sagen: ein Leben Jesu, aber gewisse Anschauungen hochst bedeutsamer
Art im Osten Europas; nicht ein Leben Jesu, aber eine Auseinander-
setzung iiber den Christus, die da gipfelt in dem, was Solowjow ge-
schrieben hat iiber den Christus und sein Eingreifen in die Erdenevolu-
tion. Welche bedeutsamen drei Aufierungen des menschlichen Geistes-
lebens des 19. Jahrhunderts - dieses «Leben Jesu» von Ernest Renan,
dieses « Leben Jesu», das aber eigentlich kein Leben Jesu ist, wir werden
gleich horen, warum, von David Friedrich Straufi, dieses Eingreifen
des Christus in die Erdenentwickelung, wie das Solowjow ausgefuhrt
hat. Wenigstens gipf ein seine Ausfuhrungen in der Christus-Idee.
Welches ist der Nerv der Renanschen Ausfuhrungen iiber das Leben
Jesu? Wenn Sie das Renansche Buch «Das Leben Jesu» richtig wiir-
digen wollen, das heifit verstehen wollen als ein Dokument der Zeit,
dann miissen Sie es vergleichen mit friiheren Darstellungen des Lebens
Jesu. Sie brauchen nicht einmal blofi auf die literarischen Darstellungen
des Lebens Jesu zu blicken, sondern Sie konnen auf alle Darstellungen -
auch auf die malerischen Darstellungen - des Lebens Jesu blicken. Denn
derselbe Gang sozusagen driickt sich iiberall aus, den die Darstellung
des Lebens Jesu nimmt. In den ersten christlichen Romerzeiten hat man
nicht nur das Christentum vom Osten heriibergenommen, sondern auch
die Darstellung Jesu. Man hat ja griechische Darstellungen gegeben,
griechische Verbildlichung, und es ist dem Osten geblieben die Fahig-
keit, Christus darzustellen. Das byzantinische Jesus-Gesicht ist ja auch
im Westen immer wieder und wiederum dargestellt worden aus dem
Romertum heraus, bis dann etwa vom 13. Jahrhundert ab sich zum
ersten Mai die spater in einer solchen Weise, wie ich das in diesen Tagen
auch schon angedeutet habe, sich auslebenden Nationalideen, National-
impulse aufgekommen sind, wo dann aus dem nationalen Impuls all-
mahlich umgeandert worden ist das stereotyp-traditionell fortwirkende
Jesus-Gesicht, wo dieNationen an sich gerissen haben den Jesus-Typus,
in ihrer Art den Jesus-Typus dargestellt haben.
Da machen sich wiederum die verschiedensten Impulse geltend, den
Jesus-Typus darzustellen. Verfolgen Sie, wie merkwiirdig das nationale
Anschauen sich hineinstiehlt, mochte ich sagen, in die Darstellungen
des Jesus-Kopfes bei Guido Rent, bei Murillo, bei Lebrun. Das sind so
drei Beispiele, die man herausgreifen konnte. Da haben wir iiberall die
Sehnsucht, den Jesus-Typus national darzustellen. Er ist iiberall so, dalS
man sieht: es fliefk in Guido Reni viel mehr, als das noch bei seinen
Vorgangern der Fall war, der italienische Seelentypus in das Gesicht
des Jesus, bei Murillo der spanische, bei Lebrun der franzosische. Aber
bei diesen drei Darstellungen sehen wir iiberall das Prinzip der kirch-
lichen Tradition. Sie werden nicht Bilder bei ihnen finden, bei denen
Sie nicht die machtige Kirche dahinterstehen sehen. Dagegen finden
Sie ein Auflehnen, man mochte sagen, ein malerisches Auf lehnen gegen
die umfassende Macht des Kirchentums, die man in der Malerei des
Murillo, des Lebrun, des Guido Reni erblickt, ein Auflehnen, ein freies
Herausarbeiten aus der Menschlichkeit selber bei Rubens ,bei vanDyck,
bei Rembrandt. Das ist geradezu malerisches Rebellentum, wenn Sie es
betrachten mit Bezug auf die Darstellung des Jesus-Antlitzes. Jeden-
falls aber sehen wir aus diesem Fortgang, wie das, was sich an Vorstel-
lungen an Jesus angliedert, nicht im Stillstande ist, sondern wie die
Krafte, die in der Welt wirken, selbst auf dieses Gebiet hereinwirken.
Wie der Romanismus wie ein Hauch Hegt iiber den sich zum Nationa-
len emporhebenden Lebrun, Murillo, Guido Reni, wie das Ansturmen
gegen den Romanismus so deutlich zum Ausdrucke kommt in den Ge-
sichtern - nicht einmal blofi dem Jesus-Gesicht, sondern den anderen
Gesichtern der heiligen Geschichte - bei Rubens, bei van Dyck, insbe-
sondere dann bei Rembrandt. Und so sehen wir, wie sich unter den
verschiedenen Impulsen, die sich in der menschlichen Evolution herauf-
erheben, alle geistigen Betatigungen nach und nach ausgestalten.
Und ebenso wiirden Sie finden fiir die Zeiten, in denen die darstel-
lende, die bildende Kunst mehr abgelost wird vom Worte seit dem
16. Jahrhundert, wie da - denn dieselbe Bedeutung, wie sie fiir die frii-
heren Zeiten die bildlichen Darstellungen hatten, haben fiir solche
Sachen die Wortdarstellungen seit dem 16. Jahrhundert - wiederum in
Flufi kommt die Gestalt des Jesus, die Gestalt des Christus, die nie fest
und starr ist, sondern immer so gefafit wird, wie die verschiedenen
Krafte zusammenfliefien in den Darstellern. Und ich mochte sagen:
Wie vorlaufig letzte Produkte stehen da der Renansche Jesus, der
David Friedrich Straufische, der kein Jesus ist, der Solowjowsche Chri-
stus. Und wie gewaltig unterschieden voneinander!
Der Renansche Jesus: Ganz ein Jesus, der als Mensch in Palastina
lebt wie eine historische Menschengestalt. Dabei ist dieses Palastina
selbst mit dem Aufwande aller moderner Gelehrsamkeit wunderbar
anschaulich geschildert, ich mochte sagen so geschiidert, dafi man
die ganze palastinensische Landschaft mit ihrer Menschheit vor sich
hat, und in der realistisch-naturalistisch geschilderten Landschaft mit
ihrer Menschheit wandelnd die Jesus-Gestalt, und der Versuch, aus
Landschaft und Menschentum in Palastina diese Jesus-Gestalt zu er-
klaren, wie sie aufwachst, wie sie als Mensch wird, wie ein solcher
Mensch werden konnte in Palastina. Das Hervorragende der Schil-
derung Renans wird man erst gewahr, wenn man friihere Darstel-
lungen damit vergleicht. Friihere Darstellungen nehmen den inneren
Gang des durch die Evangelien Geschilderten, und das versetzen sie in
eine Landschaft, die uberhaupt nirgendwo ist. Es wurden eben einfach
die Tatsachen so, wie sie geschildert werden in den Evangelien, friiher
immer wieder erzahlt; die Landschaft, die wird da ganz unberiicksich-
tigt gelassen, es wird so geschildert, dafi es uberall sein kann. Da geht
Renan einmal so zu Werke, daft er nun das Heilige Land realistisch in
alien Einzelheiten schildert, so dafi Jesus in diesem Heiligen Lande
drinnen ein richtiger Palastinenser wird. Der Christus Jesus, der der
ganzen Menschheit gehoren soil, wird zu einem Jesus, der als historische
Personlichkeit in Palastina lebt und geht, ein Palastinenser ist, begrif fen
wird aus dem Palastina zwischen dem Jahre 1 und dem Jahre 33, be-
griffen wird aus den dortigen Sitten, aus den dortigen Anschauungen,
begriffen wird aus der dortigen Landschaft. Eine realistische Schilde-
rung. Es sollte einmal der Jesus geschildert werden als historische Jesus-
Personlichkeit, wie eine andere historische Personlichkeit geschildert
wird. Fur Renans Geist hatte es keinen Sinn, emen abstrakten Sokrates
zu schildern, der uberall sein konnte, der schliefilich zu jeder Zeit sein
konnte; fur Renan aber hat es ebensowenig Sinn, einen abstrakten Jesus
zu schildern, der uberall sein konnte. Er will, ganz gemafi der Wissen-
schaft des 19. Jahrhunderts, den Jesus als eine historische Figur zwi-
schen dem Jahre 1 und 33 schildern, wie er in Palastina aus den pala-
stinensischen Verhaltnissen heraus begreifbar ist. Der Jesus hat gelebt
zwischen dem Jahre 1 und 33, ist im Jahre 33 gestorben, wie ein anderer
Mensch gestorben ist in dem oder jenem Jahre, und sein Fortwirken
besteht wie das Fortwirken eines anderen historischen Menschen, der in
einem gewissen Jahre gestorben ist. Ganz hereingestellt in die moderne
Anschauung: Jesus als eine historische Personlichkeit, begriffen aus sei-
nem Milieu heraus, das gibt uns das «Leben Jesu» von Ernest Renan.
Betrachten wir jetzt das «Leben Jesu», das eigentlich kein Leben
Jesu ist, von David Friedrich Straufi. Ich sage, es ist kein Leben Jesu;
denn David Friedrich Straufi geht zwar auch als ein sehr gelehrter
Mann zu Werke, untersucht das, was er untersuchen will, mit Griind-
lichkeit, mit einer ebensolchen Griindlichkeit, wie es auf seinem Gebiete
Ernest Renan tat. Aber David Friedrich Straufi lenkt nicht seine Auf-
merksamkeit auf den historischen Jesus; der ist ihm zunachst nur die
Figur, an die er etwas ganz anderes anheftet. David Friedrich Straufi
untersucht das, was nun von Jesus gesagt wird, insoferne der Jesus der
Christus war, insoferne der Jesus wunderbar in die Welt eintritt, auf
wunderbare Weise sich entwickelt, grofie Lehren einer bestimmten Art
aufiert, durch Leiden und Tod geht, der Auferstehung entgegengeht.
Diese Erzahlungen der Evangelien untersucht David Friedrich Straufi.
Audi Ernest Renan hat natiirlich die Evangelien genommen, aber sie
gewissermafien reduziert auf das, was er aus seiner genauen Palastina-
Kenntnis heraus als qualifiziert ansehen konnte fur eine Weltanschau-
ung mit Bezug auf das Leben Jesu. Das interessiert David Friedrich
Straufi weiter nicht, sondern Straufi sagt sich: Dies oder jenes erzahlen
iiber Christus, der im Jesus gelebt hat, die Evangelien. - Nun unter-
sucht er, inwiefern das, was da iiber den Christus erzahlt wird, auch
gelebt hat als Mythos da oder dort, wie das, was von einer wunder-
baren Geburt erzahlt wird, sich in diesem oder jenem Mythos dieses
oder jenes Volkes findet, wie das, was von der Entwickelung erzahlt
wird, sich da oder dort findet, wie endlich das Mysterium von Golgatha
selber sich bereits findet in den Mythen und wie es in den Sagen, da f iir
diesen, dort f iir jenen Gott, angewendet wird. Und so sieht David Fried-
rich Straufi in der Figur des historischen Jesus nur die Gelegenheit, dafi
sich die Mythenbildung der Menschheit konzentriert auf eine Person-
lichkeit. Der Jesus ist ihm gleichgultig; er ist ihm nur insofern von
"Wert, als die Mythen, die sonst zerstreut sind in der Welt, sich konzen-
trieren auf diesen einen Jesus, dem sie alle angehangt werden. Aber
diese Mythen kommen ihm alle aus einem gemeinsamen Impuls heraus;
sie sprechen zu David Friedrich Straufi alle von der mythenbildenden
Kraft, die in der Menschheit lebt. Und woher kommt fiir David Fried-
rich Straufi die mythenbildende Kraft? Da von kommt sie, dafi die
Menschheit, so wie sie sich entwickelte auf der Erde von der ersten Ent-
stehung der Erde bis zum Untergange der Erde, immer in sich eine
hohere Kraft haben wird als die blofi aufiere, auf dem physischen Plan
sich entwickelnde Kraft. Durch das ganze Menschengeschlecht geht
eine Kraft durch, und diese Kraft wird immer sich richten auf Ober-
irdisches, und es wird ausgedruckt dieses Uberirdische in den Mythen,
die ausgebildet werden. Wir wissen, dafi in ihm lebt ein Obersinnliches,
das sich in den Mythen ausdriicken will, das nicht in der aufieren phy-
sischen Wissenschaft ausgedruckt werden kann, sondern das sich in den
Mythen ausdriickt. So sieht David Friedrich Straufi nicht in dem ein-
zelnen Jesus, sondern in alien Menschen den Christus, der seit dem Be-
ginn der Menschheit durch alle Menschen, durch die ganze Menschheit
lebt und bewirkt, dafi von ihm Mythen gedichtet werden. Nur am
starksten entwickelt sich durch die Personlichkeit des Jesus diese my-
thenbildende Kraft. Da konzentriert sie sich. Straufl spricht also nicht
von einem Jesus, er spricht von einem Jesus, der eigentlich kein Jesus
ist, sondern an den nur angehangt wird das, was als geistige Christus-
Kraft durch die ganze Menschheit geht. Die Menschheit selber ist der
Christus fur David Friedrich Straufi, und vor dem Jesus und nach dem
Jesus ist der Christus immer wirksam. Und die wirkliche Inkarnation
des Christus ist nicht der einzelne Jesus fur David Friedrich Straufi,
sondern die ganze Menschheit, der Jesus nur der hervorragendste Re-
prasentant fur die Representation des Christus durch die Menschheit.
Da ist also nicht der Jesus als historische Figur die Hauptsache, son-
dern ein abstraktes Menschentum. Der Christus ist zur Idee geworden
und diese Idee inkarniert sich durch die ganze Menschheit hindurch.
Es ist das Destillierteste, was zunachst der Mensch im 19. Jahrhundert
hat begreifen konnen: das Lebendige in der Idee zum Christus gewor-
den, der Christus ganz als Idee begriffen und iiber den Jesus gewisser-
mafien hinweggeschritten! Ein «Leben Jesu», das kein Leben Jesu ist,
sondern das ein Dokument sein soli dafur, daft die Idee, das Gottliche,
in der ganzen Menschheit sich inkarniert, fortlaufend sich inkarniert.
Der Christus in ideeller Verdiinnung gedacht, ideell gedacht, das ist
dieses zweite «Leben Jesu», das «Leben Jesu» von David Friedrich
Straufi. So haben wir das «Leben Jesu» von Ernest Renan beschrieben
als die historische Figur des Jesus zwischen den einzelnen und allein fur
sich, bei David Friedrich StraufS die Idee des Christus durch die ganze
Menschheit durchgehend, aber etwas in destilliertem Abstrakten ver-
bleibend.
Und jetzt sehen wir bei Solowjow gar nichts mehr von Jesus, sondern
ganz nur den Christus, aber den Christus lebendig geahnt, wie er jetzt
nicht als eine Idee, die in den Menschen bewirkt, dafi ihre Kraft in
Mythen umgesetzt wird, wirkt, sondern wie er wirkt als lebendige We-
senheit, die nur keinen Leib hat, aber zu alien Zeiten wirkt, immer
unter den Menschen ist und geradezu die auftere Organisation bewirken
soli, stiften soli die soziale Ordnung - der Christus, der immer da ist,
ein lebendiges Wesen ist, der, ich mochte sagen, einen Jesus gar nicht
gebraucht hatte, um als Christus unter die Menschheit zu kommen.
Obwohl naturlich alle diese Dinge in der Wirklichkeit noch nicht so
radikal hervortreten bei Solowjow, so macht das nichts; es ist der
Christus als solcher, der uberall in den Vordergrund tritt, und zwar
der Christus als der Lebendige, der nur durch die Imagination erfafit
werden kann, aber durch die Imagination so erfafit wird, dafi er wie
ein reales Wesen, wie ein ubersinnlich-reales Wesen auf der Erde wirkt.
Da haben Sie die drei Gestalten. Wir sehen, wie uns dasselbe im
19. Jahrhundert in dreifacher Weise entgegentritt: das «Leben Jesu»
von Ernest Renan, ganz realistisch, das realistische Werk der Historie
kat'exochen, Jesus als historische Personlichkeit, mit alien Errungen-
schaften der Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts geschrieben. David
Friedrich Straufi: die Idee der Menschheit, wirksam, impulsiv, durch
die ganze Menschheit sich inkarnierend, aber in der Idee bleibend,
nicht zum Leben erwachend. Soiowjows Christus: lebendige Kraft,
lebendige Weisheit, spirituell. Realistisches Leben Jesu von Ernest
Renan, idealistisches Leben Jesu von David Friedrich Straufi, das zu
gleicher Zeit eine idealistische Darstellung des Christus-Impulses ist,
spirituelle Darstellung des Christus-Impulses durch Solowjow.
Ich wollte heute zunachst so, wie sie sich uns nebeneinander darstel-
len, diese drei Aufierungen des modernen Lebens in der Erkenntnis der
Jesus Christus-Gestalt hinstellen. Wir wollen sie dann morgen hinein-
stellen in den Zusammenhang, der sich uns ergibt aus den Impulsen,
die wir kennengelernt haben.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 18. September 1916
Es ist aufierordentlich schwierig, iiber die Verhaltnisse zu sprechen,
welche im vorigen Vortrage angedeutet worden sind, well in der neue-
ren Zeit, in unserer Zeit des materialistischen Denkens, vielfach die
Vorstellungen und Begriffe dafiir fehlen. Die mufi man sich erst durch
die Geisteswissenschaft aneignen. So kann es auch nur gewissermafien
andeutend sein, was mitgeteilt werden kann. Aufierdem liegt ja - durch
die ganze Entwickelung unserer neueren Kultur ist das bedingt - ein
anderer Grund noch vor: der Grund, daf5 gegeniiber den Verhaltnissen,
die sich fiir den neueren Menschen hinter der Erkenntnisschwelle ver-
bergen, dieser neuere Mensch in seiner Gesamtheit etwas schwachmutig
geworden ist. Man kann es nicht anders sagen, wenn man das Wort
«feige» vermeiden will: er ist schwachmutig geworden. Der neuere
Mensch mochte sich am liebsten recht wohlige Gefiihle verschaffen
durch die Erkenntnis. Das ist aber nicht immer moglich. Die Erkennt-
nis kann uns auch mit innigster Befriedigung erfullen, wenn sie uns
nicht gerade angenehme Sachen sagt, angenehme Dinge zeigt; denn
diese nicht angenehmen Dinge gehoren ja zur Wahrheit und iiber die
Wahrheit sollte man in jedem Falle befriedigt sein; gewissermaften
auch iiber die schlimmsten Wahrheiten kann man ein erhebendes Gefiihl
empfangen. Aber dazu ist vielfach, wie gesagt, der moderne Mensch zu
schwachmutig; er will Erhebung auf seine Art. Das hangt wiederum
zusammen gerade mit den Geheimnissen des modernen Daseins, auf die
durch solche Betrachtungen, wie die jetzt angestellten, gedeutet werden
soil.
Der moderne Mensch kann die besonderen Fahigkeiten, von denen
gestern gesprochen worden ist, die freien Imaginationen im Denken
und Handeln und das urphanomenale Verhalten zur Welt im Denken
und Handeln sich nur aneignen, wenn iiber gewisse Vorgange, die sich
auch abspielen, ein Schleier gebreitet ist, wenn sie sich nicht so ohne
weiteres enthiillen. Und so liegt es denn auch in der Notwendigkeit der
Evolution des fiinften nachatlantischen Zeitraumes, dafi der Mensch
gewisse Dinge, die sich abspielen, die gewissermajRen hereinschlagen
aus untersinnlichen und iibersinnlichen Welten in unsere sinnliche Welt,
nicht versteht. Die wkhtigsten Ereignisse, die sich vor unseren Augen
um uns herum abspielen, versteht ja der moderne Mensch gar nicht. Er
ist gewissermafien davor geschiitzt, diese Ereignisse zu verstehen, weil
er nur unter diesem Schutze die angedeuteten zwei Fahigkeiten gehorig
entwickeln kann. Nur sind bis zu unserem Zeitpunkte so weit die
Grundlagen geschaf fen, dafi es weiter nicht geht, in der Evolution vor-
zuschreiten, ohne dafi in gewissen vorsichtigen Weisen und Arten doch
auf diese Dinge hingedeutet werde. Der moderne Mensch, wie er so mit
seiner Seele miterlebt nicht nur das, was um ihn geschieht, sondern das,
was er selbst tut, was er seibst verrichtet, der moderne Mensch hat in
seiner Seele gewissermafien nur schwache Reflexe dessen, was eigent-
lich vorgeht, schwache Reflexe dessen, was treibt und quillt in der
untersinnlichen Natur, die hochstens zuweilen in erschreckenden
Traumbildern, aber da auch nur schwach, dem modernen Menschen
heraufschauern. Was da geschieht, das weifi der moderne Mensch nicht.
Auch vom t)bersinnlichen weifi er im normalen Zustande wenig. Unter
dem, was wir in der Seele erfahren als moderne Menschen, liegt gewis-
sermafien etwas, das man nicht anders bezeichnen kann denn als erup-
tive Krafte. Es ist gerade so, als ob das, was der moderne Mensch in
seiner Seele erlebt, so ware, dafi man es vergleichen konnte mit der
Welt, die man erlebt, wenn man auf einem ganz vulkanischen Boden
steht. Da kann es zunachst ganz beruhigend ausschauen; aber man
braucht nur ein Papier in die Hand zu nehmen und es anzuziinden, so
quillt uberall der Rauch heraus! Und wiirde man in diesem Rauch auch
noch sehen, was da unten quirlt und brodelt, so wiirde man wissen, auf
welchem Boden man eigentlich steht. So ist es auch mit dem modernen
Leben. Da beobachten wir im modernen Leben, dafi Ernest Renan sein
«Leben Jesu» schreibt. Wir sehen es so, wie wir sehen iiber einer Solfa-
tara die Landschaft, Wir sehen das, was David Friedrich Strauft
schreibt, und beschreiben es so, wie wir es gestern beschrieben haben -
zahm. Wir sehen, was Solowjow schreibt; wir beschreiben es, wie wir
es gestern beschrieben haben - zahm. Das ist alles zahm beschrieben;
das ist alles so beschrieben, daft wir noch nicht angefangen haben, ein
Papierschnitzelchen anzuziinden und zu sehen, was alles unter dem
Boden lebt und wirkt an eruptiven Trieben der Menschheit.
Es ist mit dem, was ich da andeute, recht viel gesagt. Es mufi nur
ordentlich durchdacht werden, dann werden Sie schon sehen, daft viel
gesagt ist damit. Also betrachten wir das, was wir gestern am Ende un-
serer Auseinandersetzungen beschrieben haben, so wie das Leben iiber
einem Vulkan. Und es ist wiederum ganz im Sinne der Evolution ge-
legen, daft das so ist, daft wir wirklich die Dinge so zahm, so harmlos
ansehen. Das ist gut, denn unter dieser Zahmheit, unter dieser Harm-
losigkeit entwickeln sich eben die Fahigkeiten, die wir brauchen im
fiinften nachatlantischen Zeitraum. Nur entwickeln sie sich nicht be-
wuftt bei den meisten Menschen, und es muft danach getrachtet werden
durch Geisteswissenschaft, daft sie sich auch bewufit entwickeln kon-
nen. Daher muft zuweilen eben in vorsichtiger Art auf die Dinge hin-
gedeutet werden, die man dann gewahrt, wenn man dieses Papier-
schnitzelchen eben anzundet. Warum ist das alles so? Sehen Sie, das
alles ist so aus dem Grunde, weil ja mit unserer fiinften nachatlantischen
Kultur zunachst die ahrimanischen Krafte doch etwas ganz anderes
vorhaben. In der vierten nachatlantischen Kultur sind sie so enttauscht
worden durch die romische Evolution, wie wir das gestern und vor-
gestern beschrieben haben. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht; sie haben
argere Stiirme daher vorbereitet fiir unseren fiinften nachatlantischen
Zeitraum, weil sie wiederum ihr Ziel erreichen wollen.
Nun habe ich schon angedeutet, daft von zwei Seiten her auch lokal
zum Ausdrucke kommt das, was wie Stiirme hereinstoften soil in unsere
gewissermaften zahme, friedliche, oder zur Zahmheit und Friedlichkeit
bestimmte Evolution in der fiinften nachatlantischen Zeit. Auf das eine
habe ich gedeutet, indem ich gesagt habe, wie Dschingis-Khan inspiriert
worden ist durch jenen Priester, der einen Nachkommen des Groften
Geistes der alten Atlantis geschaut hat; auf der anderen Seite habe ich
hingedeutet, wie eine gewisse ahrimanische Sturmkraft ausgegangen ist
von dem Westen und tiberwunden worden ist in gewisser Beziehung
durch all das, was sich an die Entdeckung Amerikas geschlossen hat,
respektive in all dem als eine Widerstandskraft lebt. Man soli nur nicht
glauben, daft die Dinge, die man nicht sieht, nicht vorhanden sind!
Dadurch, daft das nicht zur aufieren physischen Erdenwirklichkeit ge-
kommen ist, was eigentlich in Angriff genommen worden ist von den
ahrimanischen Machten auf der westlichen Halbkugel, dadurch ist un-
sere fiinfte nachatlantische Kultur vor den ersten Stvirmen gerettet.
Aber es lebt fort, es lebt fort gewissermafien in gespenstischer Art. Es
ist da, es drangt sich hinein in die Triebe der Menschen. Nur wissen die
Menschen nichts davon, dafi es sich in diese Triebe hineinlebt, hinein-
drangt. Nun kann ich Ihnen eigentlich nur durch eine gewisse Anein-
anderreihung von Bildern eine Grundlage fur Vorstellungen geben, die
Sie sich nach und nach durch Meditationen selber verschaffen miissen,
denn nicht leicht wiirde ich Begriffe finden im gegenwartigen Begriffs-
material, um anzudeuten, was eigentlich in den Trieben der Menschen
lebt, die unterschwellig sind und die in das gewohnliche Seelenleben
zwar stofien und treiben, aber die bedeckt sind, die nicht geschaut wer-
den, die nicht gesehen werden im modernen normalen Leben.
Auf dem Boden, der betreten worden ist durch die Entdeckung
Amerikas, hatten sich ja allmahlich im Laufe der Jahrhunderte, die
verflossen sind, auf der westlichen Halbkugel ganz besondere Verhalt-
nisse herausgebildet. Eine allgemeine Bevolkerung war dort, die weit
entfernt war, diejenigen Eigenschaften auszubilden, die mittlerweile
auf der ostlichen Halbkugel, in Asien, in Europa, entwickelt worden
sind. Eine den allgemeinen Denkfahigkeiten, die auf der ostlichen
Halbkugel sich ausgebildet haben, fernestehende Bevolkerung war
dort, aber innerhalb dieser Bevolkerung eine grofie Anzahl von Men-
schen, die eingeweiht waren in gewisse Mysterien. Mysterien der aller-
verschiedensten Art gab es auf dieser westlichen Halbkugel vor der
Entdeckung Amerikas, Mysterien, die breite Anhangerschaften fur ge-
wisse Lehren hatten, welche aus diesen Mysterien heraus kamen. Und
gewissermafien wie eine einheitliche Macht, der alles gehorchte, der
alles folgte, wurde ein gespensterartiger Geist verehrt, ein Geist, der ein
Nachkomme war des Groften Geistes der Atlantis, ein Geist, der aber
allmahlich einen ahrimanischen Charakter angenommen hatte, indem
er mit all denjenigen Kraften wirken wollte, die in der Atlantis die
richtigen waren, oder schon in der Atlantis ahrimanische waren. So
wollte er wirken. Wenn der Atlantier von seinem Grofien Geiste sprach,
so druckte er das aus, wie schon angedeutet worden ist in unseren Be-
trachtungen, in dem Worte, das ahnlich klang dem noch in China er-
haltenen Worte Tao. Und eine ahrimanische Karikatur, ein ahrima-
nischer Widerpart, Gegner dieses Groften Geistes Tao, der aber doch
mit ihm verwandt war, der wirkte so, daft er nur vor dem atavistisch-
visionaren Schauen sichtbar werden konnte, aber den Leuten, die na-
mentlich in Beziehung standen zu den weit ausgebreiteten Mysterien
dieses Geistes, auch immer, wenn sie ihn haben wollten, erschien, so
daft sie seine Auftrage und seine Gebote empfangen konnten. Diesen
Geist nannte man mit einem Worte, das so ahnlich klang: Taotl.*
Das war also eine ahrimanische Abart des Groften Geistes, Taotl,
eine machtige, nicht bis zur physischen Inkarnation kommende We-
senheit.
In die Mysterien des Taotl wurden viele eingeweiht. Aber die Ein-
weihung war durchaus eine solche, die einen ahrimanischen Charakter
trug; denn diese Einweihung hatte einen ganz bestimmten Zweck, ein
ganz bestimmtes Ziel. Sie hatte das Ziel, alles Erdenleben, auch das
Erdenleben der Menschen, so weit zu erstarren, zu mechanisieren, daft
iiber diesem Erdenleben der ja schon in verschiedener Weise in diesen
Betrachtungen angedeutete besondere luziferische Planet angelegt wer-
den konnte, daft die Seelen der Menschen herausgebracht wurden; her-
ausgepreftt werden sollten sie. Das, was in der romischen Kultur durch
die ahrimanischen Machte in der gestern angedeuteten Weise versucht
worden ist, war nur ein schwacher nachatlantischer Nachklang des-
jenigen, was durch furchtbarste magische Ktinste erreicht werden sollte
in einem viel umfanglicheren Mafte von denjenigen, welche unter der
Fiihrung des Taotl standen. Ein ganz auf Ertotung jeder Selbstandig-
keit, jeder Seelenregung von innen heraus gerichtetes allgemeinesErden-
Todesreich, konnte man sagen, sollte erstrebt werden, und in den My-
sterien des Taotl sollten diejenigen Krafte erworben werden, welche
den Menschen befahigten, ein solches ganz mechanisiertes Erdenreich
herzustellen. Dazu h'atte man vor allem kennen miissen die groften kos-
mischen Geheimnisse, alle die groften kosmischen Geheimnisse, die sich
beziehen auf dasjenige, was wirkt und lebt im Weltenall und seine Wir-
* Hinweis S. 362 beachten.
kungen aufiert im Erdendasein. Diese Weisheit vom Kosmos, die ist im
Grunde genommen in alien guten und schlechten Mysterien ja immer
dem Wortlaute nach dieselbe, weil die Wahrheit immer dieselbe ist. Es
handelt sich nur darum, sie in solcher Weise zu bekommen, dafi sie ent-
weder in gutem oder in schlechtem Sinne gewendet wird.
Die Weisheit nun von dem Kosmos, die an sich keine schlechte war,
die in sich sogar heilige Geheimnisse enthielt, diese Weisheit wurde
sorgfaltig von den Initiierten des Taotl verborgen. Sie wurde nieman-
dem mitgeteilt anders als dadurch, dafi er eben im richtigen Sinne in
der Taotl-Manier initiiert worden ist. Es handelte sich also darum, dafi
jemand in der richtigen Weise initiiert werden mufite; dann wurde ihm
erst als Lehre mitgeteilt, was die Geheimnisse des Kosmos sind. Nun
handelte es sich darum, diese Geheimnisse durch Initiation in einer ganz
bestimmten Seelenverfassung zu erhalten, in einer solchen Seelenverf as-
sung, daft man in sich die Neigung, die Sympathie dazu verspiirte, diese
Geheimnisse so zu verwenden auf der Erde, daft sie dieses mechanische,
starre Todesreich auf der Erde aufrichteten. So sollte man sie bekom-
men. Und man bekam sie, man empfing sie in einer besonderen Weise:
Keinem wurde die Weisheit mitgeteilt, der nicht vorher in einer ge-
wissen Art einen Mord begangen hatte. Und zwar wurden ihm beim
ersten Mord nur gewisse Geheimnisse mitgeteilt. Erst bei folgenden
Morden wurden ihm weitere und hohere Geheimnisse mitgeteilt. Die
Morde mufken aber auch unter ganz bestimmten Bedingungen began-
gen werden. Derjenige, der gemordet werden sollte, der wurde auf
einen Aufbau gelegt, der so eingerichtet war, dafi man durch ein oder
zwei Stufen von alien Seiten zu einer Art von katafalkartiger Vorrich-
tung kam, die oben abgerundet war, so dafi, wenn man den betreffen-
den zuErmordenden darauf legte, er imRiicken stark gekriimmt wurde,
und durch das besondere Anschnuren an jene Vorrichtung wurde ihm
der Magen herausgetrieben. So wurde ihm der Magen herausgetrieben,
dafi mit einem Schnitt, zu dem der betreffende Einzuweihende vorbe-
reitet worden ist, der Magen ausgeschnitten werden konnte.
Diese Art des Mordes erzeugte ganz bestimmte Gefiihle, und diese
Gefiihle, die erregten die Empfindungen, welche fahig machten, die
Weisheit, die dem Betreffenden spater mitgeteilt wurde, in der ange-
deuteten Weise zu verwenden. Wenn dann der Magen ausgeschnitten
worden war, so wurde er dem Gotte Taotl geopfert, wiederum unter
ganz besonderen Zeremonien. Das bewirkte, dafi die Initiierten dieser
Mysterien in einer ganz bestimmten Absicht lebten, in der Absicht
eben, die ich Ihnen angedeutet habe. Das bewirkte ganz bestimmte
Gefuhlsrichtungen. Wenn die Betreffenden, die initiiert werden sollten,
reif waren auf diesem Initiationswege, dann erfuhren sie auch, um was
es sich handelte; dann erfuhren sie, wie die Wechselwirkung war zwi-
schen dem also Ermordeten und demjenigen, der initiiert worden war.
Der also Ermordete, der sollte dadurch vorbereitet werden in seiner
Seele, in das luziferische Reich hinaufzustreben, und derjenige, der in-
itiiert werden sollte, sollte die Weisheit bekommen, diese Erdenwelt so
zu gestalten, daft die Seelen aus ihr vertrieben werden. Und dadurch,
daft eine Verbindung geschaffen war zwischen dem Ermordeten und
dem Initiierten - nicht Morder, kann man sagen, sondern Initiierten -,
dadurch war dann die Moglichkeit gegeben, daft der Initiierte mitge-
nommen wurde von der anderen Seele, also selber im rechten Augen-
blicke die Erde verlassen konnte.
Es sind ja, wie Sie wohl ohne weiteres zugeben werden, diese Myste-
rien solche der alleremporendsten Art, solche, die eben nur einer An-
schauung entsprechen, die man im vollsten Sinne eine ahrimanische
nennen kann. Gewisse Empfindungen sollten dadurch auf der Erde er-
zeugt werden. Nun, selbstverstandlich wurde die Evolution der Erde
nicht fortgehen, wenn auf einem betrachtlichen Teile der Erde Mensch-
lichkeit und Sinn fur Menschlichkeit ganz aussterben wiirde. Deshalb
starb auch hier der Sinn fur Menschlichkeit nicht ganz aus, und es wur-
den einzelne an dere Mysterien begriindet, welche dazu bestimmt waren,
den Ausschreitungen dieser Mysterien entgegenzuarbeiten. Das waren
die Mysterien, in denen ein Wesen lebte, das nicht bis zur f leischlichen
Inkarnation kam, das aber wiederum von den ja mit gewissem atavisti-
schem Hellsehen befahigten Menschen geschaut werden konnte, wenn
die Betreffenden ordentlich vorbereitet worden sind durch die Myste-
rien dieses Wesens. Und dieses Wesen warTezkatlipoka. So nannte man
es; ein Wesen, das durch seine Eigenart etwas verwandt war - obwohl
es zu einer viel niedrigeren Hierarchie gehorte - dem Jahve-Gott, und
das da auf der anderen Halfte der Erde entgegenwirkte diesen scheuft-
lichen Mysterien, von denen gesprochen worden ist.
Die Lehren des Tezkatlipoka drangen sehr bald aus den Mysterien
heraus und wurden exoterisch verbreitet, so dafi in dieser Welt die
Lehren des Tezkatlipoka eigentlich die exoterischesten waren, dagegen
die des Taotl die esoterischesten waren, weil man nur eben auf die be-
schriebene Art hineinkam. Aber die ahrimanischen Machte versuchten,
die Menschheit gewissermafien - jetzt spreche ich das so, wie es Ahri-
man denkt - zu retten vor dem Gotte Tezkatlipoka. Und daher wurde
dem Tezkatlipoka ein anderer Geist entgegengesetzt, der fiir die west-
liche Halbkugel viel Ahnlichkeit hat mit dem Geiste, den Goethe als
Mephistopheles beschrieben hat. Es ist ein Verwandter von ihm. Er
wurde dort bezeichnet mit einem Worte, das so ahnlich klang wie
Quetsalkoatl. Quetsalkoatl war also ein Geist - wir miissen uns ihn in
das andere Milieu hineinversetzt denken -, welcher fiir dieses andere
Milieu eben ahnlich war dem viel seelischer auftretenden Mephistophe-
les. Dieser Geist Quetsalkoatl, der auch nie unmittelbar inkarniert er-
schien, der hatte zu seinem Symbolum etwas Ahnliches wie es auf der
ostlichen Halbkugel der Merkurstab war, und er war zugleich auf die-
ser westlichen Halbkugel der Geist, welcher durch gewisse magische
Krafte bosartige Krankheiten austeilen konnte, bosartige Krankheiten,
die er iiber diejenigen bringen konnte, die er verderben wollte, weil er
sie losmachen wollte von dem verhaltnismafiig guten Gotte Tezkatli-
poka. Durch solche Dinge wurden hier die scharfen Stofie vorbereitet,
die von ahrimanischer Seite allmahlich in die Welt der menschlichen
Triebe hineingebohrt werden sollten.
Nun ereignete sich in einem bestimmten Zeitpunkte dieses, dafi ein
Wesengeboren wurde, welches sich einebestimmte Aufgabe setzte inner-
halb dieser Kultur, ein Wesen, das im heutigen Mittelamerika geboren
wurde. Die Mexikaner, die alten Ureinwohner von Mexiko, kniipften
an das Dasein dieses Wesens eine bestimmte Anschauung. Sie sagten,
dieses Wesen sei dadurch zur Welt gekommen, daft eine Jungfrau es als
Sohn bekommen habe, eine Jungfrau, welche in Jungfrauenschaft es
empf angen hat durch uberirdische Machte, dadurch, dafi ein gef iedertes
Wesen der Befruchter dieser Jungfrau war, ein aus dem Himmel ge-
kommenes gefiedertes Wesen. Wenn man mit den okkulten Mitteln, die
einem zur Verfiigung stehen, den Dingen nachgeht, so sieht man, wie
dieses Wesen, dem die Altmexikaner Jungfrauengeburt zuschrieben,
ungefahr ein Lebensalter von dreiunddreifiig Jahren erreichte, und es
wurde geboren ungefahr um das Jahr 1 unserer Zeitrechnung. Dies er-
gibt sich, wie gesagt, wenn man mit okkulten Mitteln den Dingen nach-
geht. Und es stellte sich eine ganz bestimmte Aufgabe.
Es war damals namlich in Mittelamerika ein schon durch seine Ge-
burt zum hohen Initiierten des Taotl bestimmter Mensch geboren. Die-
ser zum hohen Initiierten bestimmte Mensch hatte eben schon in seinen
vorhergehenden irdischen Inkarnationen Initiationen erreicht auf die
angegebene Weise, und dadurch, daft er viele Male, sehr viele Male
wiederholt hat die Ihnen beschriebene und nicht weiter zu wieder-
holende Prozedur des Magenausschneidens, dadurch war er allmahlich
mit einem hohen irdisch-iiberirdischen Wissen ausgeriistet worden.
Es war dieses einer der allergrofiten, wenn nicht der grofite schwarze
Magier, den die Erde jemals uber sich hat schreiten sehen, derjenige
schwarze Magier, der sich daher die grofiten Geheimnisse angeeignet
hat, die es auf diesem Wege anzueignen gibt. Er stand unmittelbar vor
einer grofien Entscheidung, als das Jahr 30 heranriickte, vor der grofien
Entscheidung, durch fortdauernde Initiation wirklich als einzelneMen-
schenindividualitat so machtig zu werden, dafi er das Grundgeheimnis
gekannt hatte, durch das er der f olgenden menschlichen Erdenevolution
einen solchen Anstofi hatte geben konnen, dafi wirklich die Menschheit
im vierten und fiinften nachatlantischen Zeitraum so verfinstert wor-
den ware, dafi zustande gekommen ware das, was die ahrimanischen
Machte fur diese Zeitraume angestrebt haben. Da begann zwischen ihm
und jenem Wesen, dem eine Jungfrauengeburt zugeschrieben worden
ist, ein Kampf, von dem man wiederum findet, wenn man nachforscht,
dafi er drei Jahre gedauert hat, ein Kampf zwischen jenem Wesen, dem
Jungfrauengeburt zugeschrieben wird, und diesem ubermachtigen Ma-
gier. Dieses Wesen, dem die Jungfrauengeburt zugeschrieben wird, tragt
ungefahr den Namen, wenn man ihn versucht nachzubilden in unserer
Sprache: Vitzliputzli. Vitzliputzli ist also ein Menschenwesen. Von
alien diesen Wesen, die sonst nur gespenstig herumgingen, so dafi sie
nur durch atavistisches Hellsehen geschaut werden konnten, war dieses
Wesen Vitzliputzli wirklich Mensch geworden durch die Jungfrauen-
geburt, die man ihm zugeschrieben hat. Der dreijahrige Kampf endete
damit, dafi Vitzliputzli imstande war, den grofien Magier kreuzigen zu
lassen, und durch die Kreuzigung nicht nur seinen Leib zu vertilgen,
sondern auch seine Seele zu bannen, so dafi sie ohnmachtig wurde in
ihrem Schaf fen, so dafi das Wissen ohnmachtig wurde, das Wissen ge-
totet wurde, das sich dieser machtige Magier des Taotl angeeignet hatte.
Auf diese Weise hat sich Vitzliputzli die Fahigkeit erworben, alle
diejenigen Seelen, die auf die angedeutete Weise schon den Drang er-
halten haben, Luzifer zu folgen und die Erde zu verlassen, wiederum
fur das Erdenleben zu gewinnen, ihnen wiederum den Trieb zumErden-
leben, zur folgenden Inkarnation einzuimpfen durch den machtigen
Sieg, den er iiber den grofien schwarzen Magier davongetragen hatte.
So lebt fort nicht das, was fortgelebt haben wiirde von diesen Ge-
genden her, wenn die Mysterien des Taotl ihre Fruchte getragen hatten,
sondern es lebt fort gleichsam nur in der atherischen Welt das, was an
Kraften, an Nachkraften geblieben ist von dem Treiben, das in diesen
Mysterien war. Alle diese Krafte sind vorhanden; sie sind untersinnlich
vorhanden, und sie gehoren zu dem, von dem ich Ihnen sagte, man
wiirde es schauen, wenn man im geistigen Leben ebenso es machen
konnte, wie iiber einer Solfatara das Papier anzuziinden. Es ist da, es
ist gewissermafien unter der Vulkandecke des gewohnlichen Lebens da.
So dafi hineinspielt in all das, was den funften nachatlantischen Zeit-
raum bildet, in bezug auf die Seelenentwickelung des Menschen auf der
einen Seite das, was von dem Inspirator des Dschingis-Khan kam, und
auf der anderen Seite das, was als das Gespenst der Vorgange nach-
wirkt, die sich auf der westlichen Halbkugel vollzogen haben und die
nur noch in schwachen Nachklangen vorhanden waren, als die Euro-
paer Amerika entdeckten. Aber es weifi ja sogar die Geschichte, dafi
noch viele Europaer, die den Boden Amerikas, den Boden Mexikos be-
traten, dadurch ermordet worden sind, dafi sie von der dortigen schon
in Dekadenz befindlichen Priesterschaft, die nicht mehr so schlimm
war wie die alte, auf solche Weise den Magen ausgeschnitten bekamen,
wie ich sie geschildert habe. Vielen Europaern, die den Boden Mexikos
nach der Entdeckung Amerikas betreten haben, ist das auf diese Weise
passiert, das weifi ja sogar auch die Geschichte.
In Vitzliputzli verehrten diese Leute also ein Sonnenwesen, welches
von einer Jungfrau geboren ist auf die Weise, wie ich es beschrieben
habe und von dem man findet, wenn man den Dingen mit okkulten
Mitteln nachgeht, daft es der unbekannte Zeitgenosse des Mysteriums
von Golgatha auf der westlichen Halbkugel war.
Man kann ja diese Dinge auch so beschreiben - abstrakt -, wie es die
Oberflachlinge der Gegenwart machen, daft sie gewissermaften nicht
weh tun; aber will man ein wirkliches Erkennen, dann mufi man das
Konkrete, das vorgegangen ist, schon wenigstens mit einem fluchtigen
Blick streifen, wie wir es heute gestreift haben. Ja, wenn wir diese mo-
derne Menschenseele betrachten, so sehen wir, wie sie nach unten, zum
Untersinnlichen hin, nach oben, zum Obersinnlichen hin, starken, gro-
ften Gefahren ausgesetzt ist, wie da die Krafte hereinspielen, die nur
unbewuftt bleiben. Und es ist gut, daft sie unbewufit bleiben, weil sich
nur dadurch der fiinfte nachatlantische Zeitraum entwickeln kann.
Geliiftet mufi der Schleier nur werden, damit, nachdem seit der Ent-
deckung Amerikas geniigend Zeit verflossen ist, zu der Unbewufttheit
auch die Bewufttheit eintreten kann; denn sonst wiirden, wenn nicht
die Bewufttheit eintreten wiirde nach und nach, diese Krafte iibermach-
tig werden, und es wiirden Bedingungen, die verhaltnismaftig zur Wohl-
tat der Menschheit entstanden sind in der Zeit der Unbewufttheit,
umschlagen und wiirden zum Fluch der Menschheit werden. Denn
manches ist wirklich darauf angelegt, zum Fluch der Menschheit zu
werden, das, so wie es entstanden ist von dieser oder jener Seite her,
allerdings zur Wohltat der Menschheit geworden ist.
Ich wollte Ihnen durch das heute Geschilderte andeuten, was da
unten unter der Oberflache brodelt und quillt. Und nun verlassen wir
diese unterirdische Gegend und gehen wiederum zum Oberirdischen,
ohne daft wir irgendwie gleich unmittelbar eine Gedankenverbindung
hervorrufen wollen - die konnen wir spater einmal hervorrufen - zwi-
schen den beiden Reichen. Betrachten wir jetzt einmal die Frage: Wie
ist denn dieses ausgezeichnete, genialische «Leben Jesu» von Ernest
Renan geschrieben? Es ist so geschrieben, daft wir einen Jesus vor uns
haben, der als ein Mensch iiber die Erde wandelt, wie ich es gestern
beschrieben habe. Solch eine geniale Personlichkeit wie Ernest Renan
ist sich nicht bewuflt, aus welchen Griinden heraus sie gerade ein sol-
ches «Leben Jesu» schreibt. Es ist so etwas aus ganz bestimmten Trieben
heraus geschrieben; aber die Triebe bleiben im Unbewufiten. Diese
Triebe, aus denen Ernest Renans «Leben Jesu» geschrieben ist, man
kann sie zusammenfassen als einen Grundtrieb, der bisher nur Gutes
hervorgebracht hat, in gewissen Grenzen relativ Gutes; denn das «Le-
ben Jesu» von Ernest Renan ist zumBeispiel in seiner Art ein ausgezeich-
netes Werk. Aber vieles ist gemacht worden aus demselben Grundtrieb
heraus. Ich habe nur das eine Erkenntnisbeispiel gewahlt; man konnte
auch Lebensbeispiele wahlen, nur wiirde man da auf Gebiete kommen,
welche die Menschen sehr irritieren. Aus dem Grundtriebe heraus, der
zu etwas ganz Bestimmtem sich hinentwickeln will, ist so etwas ge-
schrieben, aus dem Grundtrieb heraus, das, was sich als Mensch kund-
gibt, nur aufierlich anzuschauen, nur so anzuschauen, wie es sich aufier-
lich in die Welt hineinstellt. Ich habe dieses Beispiel des «Lebens Jesu»
aus dem Grunde gewahlt, weil Ernest Renan aus diesem Grundtriebe
heraus sich gerade an die geheiligteste Personlichkeit der Menschheit
heranmacht und diese aus diesem Grundtriebe heraus so schildert, daft
sie nur als aufiere Personlichkeit vor uns steht.
Wohin wiirde dieser Grundtrieb endlich fuhren, wenn er sich immer
mehr und mehr steigern wiirde? Er wiirde dahin fuhren, dafi die Men-
schen nicht mehr die Neigung haben wiirden, in ihre eigenen Seelen zu
schauen, wenn sie die Welt betrachten. Denn Ernest Renan ist ja schon
so weit, nicht mehr sich zu getrauen, in sein eigenes Innere zu schauen,
wenn er von dem Christus Jesus spricht. Er spricht nur von der histo-
rischen Figur und sucht sie aufierlich anzuschauen. Das kommt aus dem
Grundtrieb, uns allmahlich als Menschheit so zu verlieren, daft wir
jeden Menschen auf der Welt nur aufierlich anschauen, dafi wir nicht
mehr miterleben, was sich von dem Menschen in unserer eigenen Seele
spiegelt. Der Grundtrieb des urphanomenalen Anschauens ist zum Ex-
trem gebracht; der eine Grundtrieb ist zum Extrem gebracht: Die
Aufienwelt soli angeschaut werden, ohne daft das Innere irgendwie rege
gemacht wird. Die einseitige Ausbildung dieses Triebes strebt nach
einem menschlichen Verkehr, der so die anderen Menschen ansieht, daft
er eben alles nur aufierlich ansieht. In vieler Beziehung zeigt uns gerade
unsere unmittelbare Gegenwart, wie weit es mit diesem Triebe gekom-
men ist, wie die Menschen immer mehr und mehr nur auf gef aftt werden
sollen nicht nach ihrem Seelischen, sondern nach ihrem Aufierlichen.
Und gerade die falsche Ausbildung der Nationalideen, die die Natio-
nalist, die dem Seelenhaften gegeniiber etwas Aufterliches ist, dem
Menschen aufpragt und ihn nur nach dem beurteilen will, ihn gewisser-
maften so ausgestalten will im Leben, daft er nur noch als Angehoriger
der Nationalist aufgefaftt wird, nicht seinem Innern nach, das ist eine
der Krafte, die diesem Grundtrieb ganz besonders dient. Dadurch
wiirde die Erdenmenschheit immer mehr und mehr sich innerhalb na-
tionaler Grenzen abschliefien, und es wiirde in der Zukunft niemals
diese nationale Grenze uberschritten werden konnen.
Aus diesem Grundtriebe heraus also entsteht das Bild eines jeden
Menschen nur, wie er aufterlich sich hineinstellt in die Welt, wenn die-
ser Grundtrieb sich in der Erkenntnis auslebt. Nun betrachten wir den
anderen Grundtrieb. Der andere Grundtrieb, der entgegengesetzte
Grundtrieb wiirde darinnen bestehen, daft man nur die inneren Erleb-
nisse ins Feld fiihrt, gar nicht den Blick auf den aufteren Menschen
richtet, sondern nur auf die inneren Erlebnisse, das nur anschaut, was
man innerlich erleben kann, was man in der Seele unmittelbar erlebt.
Wenn man diesen Trieb zur Erkenntnisfrage macht mit Bezug auf die
Gestalt des Christus Jesus, da miiftte natiirlich das Interesse fur die
Jesus-Gestalt wegfallen, denn die Jesus-Gestalt kann nach Renanscher
Weise nur aufterlich erforscht werden, und es wiirde das Interesse nicht
haften an der Jesus-Gestalt, sondern nur an der Christus- Wesenheit.
Da wird man kein Interesse haben an der Jesus-Gestalt als historische
Figur, sondern nur fur die Christus-Wesenheit. Wenn dieser Trieb, der
der entgegengesetzte des zuerst geschilderten ist, der auch nun strebt,
allgemein in der Erdenmenschheit zu werden, wenn der sich ausbreiten
wiirde, dann wiirden wiederum die Menschen nebeneinander hergehen,
jeder in seinem Innern ein reiches Seelenleben brodelnd haben, aber sie
wiirden aneinander vorbeigehen, ohne auch nur das Bediirf nis zu haben,
die Menschen, die um sie herum sind, irgendwie in ihrer Eigenart auf-
zufassen. Es wiirde jeder nur gewissermaften in seinem eigenen Seelen-
hause leben wollen. Auf Erkenntnisgebieten der geheiligtsten Wesen-
heit der Menschlichkeit gegeniiber lebt sich wiederum dieser Trieb bei
Solowjow aus, der nur das Interesse fur die Christus-Wesenheit hat,
nicht fur die historische Jesus-Figur.
Sie sehen, nach welchen beiden Extremen die moderne Menschheit
hintendiert. Sie tendiert nach zwei Extremen hin. Das eine ist der Trieb,
die Welt nur von auften anzuschauen, das Urphanomenale ins Extreme
zu treiben; das andere ist, die Welt nur in freien Imaginationen inner-
lich zu erfassen. Das alles ist im Anfange, hat sich bisher in wohltatiger,
schoner Weise ausgebildet; aber das alles strebt danach, verkehrt zu
werden. Geradeso, wie in bezug auf aufierliche Schilderung Renans
« Leben Jesu» ein Meisterwerk ist, sind die Solowjowschen Darstellun-
gen der Christus-Wesenheit das Hochste, was auf diesem Gebiete in der
Gegenwart hat geschaffen werden konnen. Es sind wohltatige Impulse,
aber sie entspringen dem Trieb, der in seiner einseitigen Ausbildung
jeden Menschen in sein eigenes Haus zuriicktreiben wiirde.
Demgegeniiber mufi eine Erkenntnis gerade durch die Geisteswissen-
schaft Platz greifen, eine Erkenntnis, die zusammengefaftt werden
kann in zwei Satze, die ich Ihnen heute ganz besonders in die Seele
schreiben mochte. Der eine Satz ist der, daft der Mensch niemals zu
einem wirklichen guten, rechten, starken personlichen Innenleben kom-
men kann, ohne daft er das warmste Interesse hat f ur andere Menschen.
Alles Innenleben, das wir suchen, bleibt falsch, bleibt ein versuche-
risches, wenn es nicht einhergeht mit einem liebevollen Interesse fur
die Eigenarten der anderen Menschen. Wir sollen geradezu vorausset-
zen, daft wir uns innerlich finden als Menschen, wenn wir Interesse
haben fur die Eigenarten der anderen Menschen. Liebevolles Eingehen
auf die Individualitaten anderer Menschen - was zuweilen verbunden
ist im Leben mit einer argen Lebenstragik -, nur das ist dasjenige, was
uns zur Selbsterkenntnis bringen kann. Und Selbsterkenntnis, die wir
durch Selbstgriibelei suchen, wird niemals eine richtige Selbsterkenntnis
sein. Also unser Inner es vertiefen wir im interessevollen Verkehr mit
den anderen Menschen. Aber dieser Satz ist, so wie er ausgesprochen
wird, etwas andeutend, was nicht unmittelbar ausgefiihrt werden kann,
weil es in unmittelbarer Wechselwirkung stehen mufi mit einem an-
deren. Wir erlangen niemals namlich eine richtige Erkenntnis der Au-
fienwelt, wenn wir uns nicht dazu entschliefien, das Menschliche, das
Allgemeinmenschliche in uns selber zu erforschen, in uns selber kennen-
zulernen. Daher wird alle Naturerkenntnis der modernen Zeit eine
blofi mechanische, nicht wahre, sondern falsche, verkehrte sein, die
nicht so fufit auf einer Erkenntnis des Menschen, wie die Wissenschaft,
die von mir als Geheimwissenschaft beschrieben worden ist in dem
Buch «Geheimwissenschaft im Umrifi», wo mit der Erkenntnis des
Menschen die Erkenntnis der Auftenwelt gesucht wird. Das Innere
finden wir im Aufieren, das Auftere finden wir im Inneren.
Was mit Bezug auf gewisse Zeiterscheinungen dann weiter zu sagen
ist fur andere Schopfungen, die wir auch schon beruhrt haben, wie zum
Beispiel das sogenannte «Leben Jesu» von David Friedrich Straufi, dar-
uber will ich dann ein nachstes Mai sprechen. Heute mochte ich nur
sagen, dafi, als vor zweimal sieben Jahren begonnen worden ist mit
unserem Impuls einer theosophischen Bewegung, die dann die anthropo-
sophische geworden ist, daran gedacht worden ist, dafi durch alles das,
was in dieser Bewegung fliefit, ganz besonders im Sinne dieser zwei
Satze gewirkt werde: Alles Aufiere soil entziinden Selbsterkenntnis;
das Innere soli lehren Welterkenntnis. In diesen Satzen, beziehungsweise
in ihrer Verwirklichung in der Welt, liegt wahre geistige Einsicht in
das Dasein und liegen die Impulse zu wirklicher Menschenliebe, zu
sehender Menschenliebe. Und eine Verwirklichung desjenigen, was in
diesen Satzen liegt, sollte gesucht werden durch unsere Gesellschaft.
Ware in den zweimal sieben Jahren all das zustande gekommen, was
angestrebt worden ist, waren nicht die gegenteiligen Machte in unserer
Zeit noch stark genug gewesen, vieles zu verhindern, dann wiirde ich
heute ganz anders noch sprechen konnen iiber gewisse Geheimnisse des
Daseins, als gesprochen werden kann. Dann wiirde diese Gesellschaft
reif geworden sein, dafi in ihrem Schofie heute Dinge ausgesprochen
werden konnten, die sonst nirgends ausgesprochen werden konnten.
Aber es wiirde dann auch eine Garantie dafiir vorhanden sein, dafi
diese Geheimnisse des Daseins in der richtigen Weise bewahrt wiirden.
Die Vorgange in unserer Gesellschaft haben aber gezeigt, dafi gerade
mit Bezug auf das Bewahren die Dinge nicht gehen, nicht gehen durch
die mannigfaltigsten Gegengewichte, die sich der Bewegung angehangt
haben. Denn da wirklich heute kein Schutz mehr vorhanden ist, wenig-
stens kein durchdringender Schutz dafiir, dafi das, was bei uns gesagt
wird, in beliebiger Weise, in der Ihnen ja auch bekannten Weise ver-
wendet wird draufien in der Welt, wie es von manchen Leuten ver-
wendet wird, und eingehiillt wird in solche Gefiihle, wie es von seiten
mancher Leute geschieht, so zeigt sich darinnen im Hinblick auf die
zweimal sieben Jahre, dafi in gewisser Weise die Gesellschaft hinter
dem, was angestrebt werden mufite, in mancher Beziehung zuriick-
geblieben ist. Solch eine Einsicht soil uns nicht zur Mutlosigkeit fuhren,
aber sie soil uns dazu fuhren, nicht blofi schwelgen zu wollen in gewissen
Erkenntnissen, sondern Lebensernst genug entwickeln zu wollen, um
die Wahrheit in der Gestalt aufzunehmen, in der sie gerade in unserer
Zeit eigentlich mitgeteilt werden mufite. Wenn es moglich ist, dafi her-
vorragende schriftstellernde Mitglieder unserer Bewegung so denken,
wie es sich in der letzten Zeit gezeigt hat, dann ist es eben klar, dafi
erst noch andere, tiefere Impulse in den Seelen derjenigen Menschen
aufwachen miissen, die sich innerhalb unserer Gesellschaft befinden,
als bisher aufgewacht sind. Nicht blofi, um angenehme Erkenntnisse zu
haben, sollen wir uns verbinden, sondern um einen heiligen Dienst der
Wahrheit im Interesse der Evolution der Menschheit zu leisten. Dann
werden schondie rechten Erkenntnisse unskommen; dann werden nicht
durch allerlei Vorurteile diese Erkenntnisse zuruckgediimmt werden.
Und so wollen wir wenigstens in unsere Herzen das Ideal aufneh-
men, dafi doch vielleicht eine solche Gesellschaft auch entstehen konne,
welche notwendig ist in der allgemeinen Welt der Vorurteile, die unsere
Zeit durchsetzt und durchsaugt. Das, was ich sage, richtet sich natur-
lich nicht im geringsten an irgendeine einzelne Seele unter uns; nicht
im allergeringsten richtend wendet es sich an irgendeine einzelne Seele,
sondern lediglich darauf ist es gerichtet, das Ideal der Erkenntnis un-
serer Zeit zu betonen, das Ideal jenes Menschheitsdienstes, den wir als
notwendig erkennen sollten. Und ebenso warm, wie ich vor etwa acht
Tagen hier gesprochen habe, mochte ich auch heute wiederum betonen,
dafi nicht vergessen werden moge in unserem Kreise, dafi der Mensch-
heit in der Gegenwart notwendig ist ein Kreis von Menschen, zu dem
in unbefangenster Weise von dem ganzen heute zu offenbarenden
Wahrheitsgehalt gesprochen werden kann, ohne daf$ sich dagegen vor-
urteilsvolle Emotionen erheben. Wir miissen es als unser Karma hin-
nehmen, dafi sich in unserem Kreise Feindschaft erhoben hat, Feind-
schaft erhoben hat, Feindschaft aus dem unverstandigen Zeitgefiihl
und den unverstandigen Zeitideen, Zeitemotionen heraus; aber wir
sollten uns auch keinen Augenblick einer Tauschung dariiber hingeben,
dafi dieses Karma eben das unsere ist. Dann wird uns aus dieser Er-
kenntnis heraus der Impuls fiir das Rechte aufgehen. Und namentlich
sollen wir nicht so vieles, was wir aufnehmen, so schnell, als es ge-
schieht, vergessen, so vieles von dem, wo sich in einzelnen uberragenden
Satzen zusammenschliefien die sonst auseinandergelegten Wahrheiten;
wir sollen sie nicht bloft an uns voriiberziehen lassen, sondern sie in
unseren Herzen bewahren. In unserem Kreise ist so viel verbreitet die
Sehnsucht, zu vergessen, gerade oft das Wichtigste zu vergessen. Und
so sind wir noch nicht der lebendige Gesellschaf tsorganismus geworden,
den wir brauchen, beziehungsweise den die Menschheit braucht. Dazu
ist vor alien Dingen notwendig, dafi wir uns Gedachtnis aneignen fiir
das, was wir durch das Leben in der Gesellschaft lernen konnen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 23. September 1916
Mit Rikksicht darauf, dafi anlafilich der Generalversammlung des Jo-
hannesbau-Vereins Freunde anwesend sind, welche die letzten hier ge-
haltenen Vortrage nicht gehort haben, will ich nicht unmittelbar heute
fortsetzen mit dem Thema, das jetzt schon durch eine langere Zeit uns
beschaftigt hat. Ich will vielmehr in diesen Tagen Dinge besprechen,
allerdings episodisch, die beitragen konnen zu weiterem Verstandnisse
des in den letzten Wochen hier Vorgebrachten, die aber aus sich selbst
heraus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wiederum verstandlich
sein konnen. Nur kurz will ich skizzieren einen Hauptgedanken, der
vorgebracht worden ist, und der ja aus dem ganzen Charakter unserer
Geisteswissenschaft bis zu einem gewissen Grade verstandlich ist. Nur
wird er eben vertieft, wenn man zu seinem Verstandnisse noch hinzu-
nimmt die Tatsache, die wir in unseren verschiedenen letzten Betrach-
tungen anfuhren konnten. Es ist der Gedanke, daft alles dasjenige, was
menschliche Geschichte ist, nur dann in seiner wahren Wirklichkeit be-
trachtet werden kann, wenn man hinter dieser menschlichen Geschichte
die treibenden spirituellen Machte kennenlernt in ihrer individuellen
Gestalt, ebenso wie man ja die Natur nur kennenlernen kann, wenn
man dasjenige, was wirkt und lebt hinter den Wahrnehmungen der
Sinne, in seiner echten Gestalt kennenlernt. Wir haben ja nun schon
ofter betont, dafi Geisteswissenschaft sich zu dem, was man heute oft-
mals Wissenschaft nennt und womit man alles Wissenschaftliche um-
fassen will, so verhalt, dafi man sagen kann: Die heutige Wissenschaft,
die Wissenschaft, die seit drei bis vier Jahrhunderten mit Recht und
aus guten Grunden von der Menschheit getrieben wird, diese Wissen-
schaft gleicht der Beschreibung der einzelnen Buchstaben, die, sagen
wir, auf einem Blatte gedruckt oder geschrieben sind; hochstens noch
dem, was die grammatikalischen Regeln sind oder die Lautregeln, nach
denen sich diese Buchstaben zu Worten gruppieren oder zu Satzen zu-
sammenfiigen. Alles, was man Naturgesetze nennt, gleicht so den laut-
lichen oder den grammatikalischen Regeln. Wenn man also beginnen
wiirde, anschauend zu beschreiben eine bedruckte oder beschriebene
Seite, wenn man beschreiben wiirde: Da sehe ich zunachst etwas, einen
Strich, einen Strich nach rechts oben gehend, einen Strich nach links
unten gehend, und dann den nachsten Buchstaben beschreiben wiirde
und hbchstens noch die Regeln, wie die Sache der Lautlehre, der Gram-
matik angehoren wiirde, so gleicht ein solches Verhalten zu einer be-
schriebenen oder bedruckten Seite dem, was man heute, und zwar fiir
heute mit Recht, die Wissenschaft nennt. Aber unser Verhalten zu einer
solchen beschriebenen oder bedruckten Seite ware durchaus nicht der
Sache angemessen, wenn wir nur stehen blieben bei einer solchen An-
schauung, wie sie eben charakterisiert worden ist. Wir lesen und schrei-
ten vor von dem blofien Anschauen und Beschreiben desjenigen, was
wir doch eigentHch einzig und allein von der bedruckten Seite vor uns
haben, zu dem Sinn der Sache, den wir eben nur kennenlernen konnen,
wenn wir vom Beschreiben des Augenscheines zu dem fortschreiten,
was wir vermogen mit der beschriebenen oder bedruckten Seite anzu-
fangen, wenn wir uns mit unserem eigenen Geiste und seinen Kraften
in eine Beziehung setzen konnen durch dasjenige, was da bedruckt oder
geschrieben ist, zu dem, von dem das ausgeht, was bedruckt oder ge-
schrieben ist: zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als
Druckbuchstaben kennen, waltet. So sucht Geisteswissenschaft, im
Gegensatze zu der gewohnlichen Wissenschaft, zu lesen, nicht blofi das
Geschaute zu beschreiben, sondern zu lesen in den Tatsachen der Welt.
Denn ebenso, wie sie uns zunachst in ihren Formen, die wir beschreiben
konnen, in ihren Bewegungen, in ihrer inneren Gesetzmafiigkeit ent-
gegentreten, die Tatsachen der Natur und die Tatsachen des geschicht-
lichen Werdens, so sind uns zugleich - in ubertragenem Sinne natiirlich
ist das gemeint - diese Tatsachen der Natur und der Geschichte ge-
wissermafien Lettern, Buchstaben, die wir lesen konnen, wenn wir auf
diesem Gebiete lesen lernen, aus denen sich uns enthullt der Sinn des
Daseins, der Sinn des Lebens, der Sinn aller menschlichen Tatigkeit,
soweit dies den Menschen notwendig ist. So suchen wir den Sinn auch
des geschichtlichen Werdens, suchen die konkreten Krafte, die hinter
diesem geschichtlichen Werden stehen und es gewissermafien hervor-
zaubern aus sich, so wie der Schreiber aus seinen Gedanken hervor-
zaubert dasjenige, das wir nachher aus den toten Buchstaben der be-
schriebenen oder bedruckten Seiten lesen.
Nun haben wir versucht, gewissermafien den Sinn der neueren Zeit,
jener neueren Zeit, die wir als die funfte nachatlantische irdische Kul-
turperiode bezeichnen, zu ergriinden. Wir wissen, dafi diese Zeit un-
gefahr aufgeht in dem Zeitalter, welches die aufiere Geschichte auch
bezeichnet als den Obergang des Mittelalters zur neueren Zeit. Das
Mittelalter, vielleicht mit Ausnahme seiner allerletzten Jahrhunderte,
bis in das 14., ja noch bis in einen Teil des 15. Jahrhunderts herauf, be-
trachten wir als zugehorig zum vierten nachatlantischen Kulturzeit-
raum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen nach dem
eigentlichen Grundcharakter seines geistigen und materiellen Lebens;
er beginnt etwa im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha.
Wenn wir nur in dem Stil, wie es die gewohnliche Geschichte macht,
die Entwickelung der Menschheit betrachten - auch das ist ja schon
ofter hier und anderswo gesagt worden -, so kommt man sehr leicht
zu der Meinung, dafi in dieser menschlichen Entwickelung, solange man
von ihr so sprechen kann, enthalten ist das, was wir als Jetzt-Menschen
entwickeln, dafi diese menschliche Entwickelung ziemlich gleich ver-
laufen ist. Man stellt sich vor, es ginge die geschichtliche Entwickelung,
wenn man riickwarts blickt, nur so zuriick, und der Mensch ware sich
ziemlich gleich geblieben. Vor einer wirklichen geistigen Geschichts-
betrachtung gilt das nicht, wie wir wissen; da gilt, dafi in der Tat die
Menschheit sehr, sehr sich verandert. Und mehr als man heute glaubt,
wo man so wenig eigentlich iibersehen will von der Menschheitsent-
wickelung, ist der Mensch des 10., 12. Jahrhunderts der christlichen
Zeitrechnung ganz radikal verschieden von dem Menschen der gegen-
wartigen Zeit. Wenn man die ganze Konfiguration des Seelenlebens,
die ganze Konfiguration der menschlichen Gesinnungsweise und der
Lebensart ins Auge fafit, dann zeigt sich diese Verschiedenheit nicht
nur etwa auf den Hohen des Lebens, da, wo Weltanschauungsfragen
oder wissenschaf tliche Fragen, Erkenntnisfragen spielen, sondern diese
Verschiedenheit zeigt sich zu den einfachsten, primitivsten Menschen
heruntergehend. Der Bauer, der einfachste Bauer ist heute in seiner
ganzen Seelenkonfiguration, wenn die Welt auch nicht viel davon
weifi, innerlich ein wesentlich anderes Wesen als der Mensch des 8., 9.,
10. christlichen Jahrhunderts. Und wiederum konnen wir sagen, daft
dasjenige Zeitalter, das im wesentlichen den Charakter der Gegenwart
tragt, wie es so heraufkommt vom 15., 16. Jahrhundert an,seinen ersten
kleineren Abschnitt vollendet hat ungefahr in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist ja tatsachlich, wie wir
auch schon ofter angefuhrt haben, ein ganz wichtiger Zeitabschnitt.
Ich habe es ja schon ofter auch angedeutet, daft ein Ausspruch, der
immer wieder und wiederum getan wird, zu den falschesten Aus-
spriichen gehort, wenn man ihn in der Art fafit, wie er gewohnlich ge-
fafit wird: In der Natur oder im Leben, so sagt man, geschehen keine
Spriinge. In Wahrheit ist es so, dafi iiberall zu bemerken ist, wie das
wirkliche Leben iiberall Spriinge macht, sich nur durch Spriinge in
Wahrheit f ortentwickelt. Ein Sprung ist es, wenn von der Wurzel durch
Metamorphose - im Goetheschen Sinne gesprochen - das Blatt sich
entwickelt, aus dem Blatt wiederum das Blumenblatt, aus dem Blumen-
blatt die Fruchtorgane in der Pflanze. Und so ist es auch ein Vorurteil,
allerdings ein bequemes Vorurteil, zu glauben, daft die menschliche
Geschichte so ohne Spriinge weitergeht. Es ist nicht der Fall. Die
menschliche Geschichte schreitet fort, gewissermafien deutlich Wellen-
taler und Wellenberge machend, und nicht einfach so sukzessive das
eine an das andere reihend;sondern in gewissen Zeiten stellt sich schroff
als etwas anderes das Spatere neben das Vorhergehende hin. Die Men-
schen sind nur nicht geneigt, die Dinge so genau anzusehen, dafi ihnen
auf fallen wiirde, wie auf dem Grunde des Werdens waltende Machte
zu schauen sind, die in dieser Weise durch Abschnitte, wellenberg-,
wellentalartig dieses Werden vorwartsbringen.
Was einen gewissen Abschlufi erlangt hat im Jahre 1840, konnte
man sagen, also in der Mitte des 19. Jahrhunderts, das ist, dafi in dem
Zeitraume vom 15. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschheit
ganz bestimmte Fahigkeiten entwickelt hat, Fahigkeiten, die in der
fruheren Zeit nicht in derselben Art vorhanden waren. Man geht vollig
in die Irre, wenn man meint, daft, sagen wir, die kopernikanische Welt-
anschauung oder die Buchdruckerkunst in einem fruheren Jahrhun-
derte ebensogut hatte eintreten konnen in die menschliche Entwicke-
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lung wie in dem Jahrhunderte, in dem sie eingetreten sind. Das hangt
davon ab, dafi das Fortschreiten der menschlichen Entwickelung ge-
radeso einem Organismus entspricht wie die einzelne menschliche Ent-
wickelung; und so wie das Kind von zwolf, dreizehn Jahren nicht die
Fahigkeiten hat, um in der Welt dasselbe zu tun wie der Mann oder die
Frau von fiinfunddreiftig Jahren, so wie sich diese Fahigkeiten ent-
wickeln miissen, und wie diese Fahigkeiten dem Lebensalter des mensch-
lichen Individuums entsprechen, so ist es auch im ganzen Menschen-
geschlecht. Die Fahigkeiten, die besonders hervorgetreten sind in
Kopernikus, in Galilei, in Kepler, dann wiederum in den Mannern der
Naturwissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, diese Fahigkeiten
waren vorher nicht da. Sie entsprechen eben einem Zeitalter der mensch-
lichen Entwickelung, der menschlichen Gesamtentwickelung, das auf
die angedeuteten Jahrhunderte fallt; und nicht in derselben Weise hatte
der Grieche oder der Romer die Welt anschauen konnen, weil die Fa-
higkeiten einfach dazumal nicht da waren. Und so wie das einzelne
menschliche Individuum nichts Vollstandiges sein wiirde, wenn es nicht
nach und nach die verschiedenen, den Lebensaltern entsprechenden Fa-
higkeiten herausgestalten wiirde, so ware das Menschengeschlecht nichts
in seiner Art Vollstandiges, wenn nicht nach und nach diejenigen Fahig-
keiten herauskamen, die eben in der allgemeinen Menschennatur veran-
lagt sind. Dafi diese Fahigkeiten sich entwickeln, daft nach und nach
das Menschengeschlecht aus sich dasjenige heraussetzt, was in seinem
Wesen liegt,das ist ja imGrunde genommen menschliche Entwickelung.
Welcher Art sind nun diese besonderen Fahigkeiten, welche sich
vom 15. bis ins 19. Jahrhundert innerhalb der Menschheit entwickelt
haben? Es sind vorzugsweise die Krafte des verstandigen Auffassens
der Welt, des, konnte man sagen, vernunftigen Auffassens der Welt.
Man hat heute so allgemein den Glauben: Das Mittelalter hat die ptole-
maische Weltanschauung, dann kam die kopernikanische Weltanschau-
ung; wir haben es herrlich weit gebracht, denn dieses Mittelalter war
im Grunde genommen doch ganz toricht, daft es so etwas Unvollkom-
menes hatte wie die ptolemaische Weltanschauung, und jetzt haben wir
endlich das Richtige! - Diejenigen Menschen denken wenig der Wirk-
lichkeit gemafi, die nicht zugeben wollen, dafi, wenn wir einmal von
Kopernikus uns ebensoweit entfernt haben werden in der Zeit, wie die
Zeit des Kopernikus entfernt war von Ptolemaus, man iiber das Him-
melsgewolbe wiederum anders denken wird. Nichts von dem, was
kopernikanische Weltanschauung ist, wird dann anders angesehen
werden, als die kopernikanische Weltanschauung die ptolemaische an-
sah; denn im steten Flusse ist das Werden des menschlichen Geschlech-
tes. Mag es auch heute noch ganz wahnsinnig erscheinen, wenn man
sagt, dafi etwas an die Stelle der kopernikanischen Weltanschauung
treten wird, was sich von dieser ebenso unterscheidet wie die koperni-
kanische Weltanschauung von der ptolemaischen, es ist dies fur den-
jenigen ganz klar, der innerlich erfaftt, was im Werden der Menschheit
webt und lebt. Die besondere Art, so aufierlich nur den Ver stand anzu-
wenden auf die Naturerscheinungen, wie er angewendet werden mufite,
um die neuere Naturwissenschaf t der letzten drei bis vier Jahrhunderte
zu erzeugen, das ist eben etwas, was einer Fahigkeit gerade dieser Jahr-
hunderte entspricht.
Fur diejenigen nun, welche wissen, wie die Menschheitsgeschichte
vorschreitet, ist es klar, dafi eigentlich von der Mitte des 19. Jahrhun-
derts an das Menschengeschlecht reif war, andere Fahigkeiten nach
und nach zu entwickeln. Aber immer mehr und mehr mufi die Mensch-
heit ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. So ist es, mehr als
es jemals in einem Zeitalter fruher der Fall war, der Menschheit heute
in der Gegenwart uberlassen, etwas zu tun, um weitere Fahigkeiten zu
den in den letzten drei bis vier Jahrhunderten errungenen hinzuzuer-
werben. Warum sind denn die Fahigkeiten der letzten drei bis vier
Jahrhunderte gekommen, diese Fahigkeiten, welche scharfsinnig und
eindringlich gewissermafien die Oberflache der Erscheinungen logisch
beherrschen konnen, so dafi sie sie in Naturgesetze pragen konnen?
Warum sind denn diese Fahigkeiten gekommen, diese Fahigkeiten, die
wenig unter die Oberflache der Dinge dringen, aber sehr scharfsinnig
gerade alles dasjenige wissenschaftlich anschauen, was an der Ober-
flache der Dinge liegt? Diese Fahigkeiten sind aus dem Grunde ge-
kommen, weil nur dadurch der Mensch eine gewisse Stufe, eine gewisse
Etappe seines Werdens durchmachen kann.
Der Mensch hat fruher andere Fahigkeiten gehabt. Wenn wir zu-
riickgehen in der geschichtlichen Entwickelung, finden wir, dafi, je
weiter wir in die Vergangenheit zuriickgehen, immer mehr und mehr
der Mensch noch hineinblicken konnte in die geistige Welt. Aber diese
Fahigkeiten waren nicht so, dafi sie der Mensch frei handhaben konnte,
sondern sie waren mehr oder weniger unfreiwillig im Menschen auf-
tretend. So ahnlich, wie die Sehnsucht nach Schlaf iiber den Menschen
kommt, so war ihm in friiheren Zeiten die Kraft, dieses oder jenes zu
erkennen, gekommen; aber diese Kraft, dieses oder jenes zu erkennen,
die ging dafiir hinein in die geistige Welt. Damit der Mensch eine
Etappe vorwartsschreiten konnte auf dem Gebiete der freien Ent-
schluflfahigkeit, auf dem Gebiete der Entwickelung zur Freiheit, mufite
er abgeschlossen werden von den Kraften, die ihn friiher allerdings
naher der geistigen Welt gebracht haben, aber ihn auch unfreier gehai-
ten haben. Die Menschheit mufite eine Zeitlang durch eine Entwicke-
lungsperiode durchgehen, in der sie gewissermafien wie durch eine
Hiille oder durch einen Schleier abgeschlossen war von der geistigen
Welt, damit sie freier werden konnte. Allerdings ist diese Entwicke-
lung noch lange nicht abgeschlossen, aber ihr erster Entwickelungs-
prozefi ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen gewesen.
Und seit jener Zeit - das wissen diejenigen, welche etwas vom geistigen
Leben, das hinter dem sinnlichen ist, erkennen - ist es eine Notwendig-
keit, und es wird immer mehr und mehr eine Notwendigkeit werden,
dafi zu den rein verstandesmaftigen Betrachtungs- und Erkenntnis-
kraften hinzutreten andere Krafte, die in der menschlichen Seele
schlummern und die sich ebenso entwickeln miissen, wie sich die Krafte
entwickelt haben, welche die Menschheit zu den grofien Fortschritten
der letzten drei bis vier Jahrhunderte gebracht haben.
Also um der Freiheit willen hat die Menschheit die verstandesmaftige
Entwickelung der letzten drei, vier Jahrhunderte durchgemacht. Diese
verstandesmafiige Entwickelung hat zu einer im weitgehenden Sinne so
zu nennenden materialistischen Anschauung der Welt gefiihrt, einer
materialistischen Anschauung, die heute noch in vollem Schwunge ist
iiberall da, wo Weltanschauung in ausgedehntem, in intensivem Mafie
in das Weltgeschehen eingreift. Wieviel man auch davon redet auf den
wissenschaftlichen Gebieten, dafi der Materialismus schon zuruckge-
treten sei, diejenigen, die ihn so zuruckgetreten wahnen, die wissen oft-
mals gar nicht, wie tief sie noch in der materialistischen Anschauung
stecken. Diese materialistische Anschauung, die in ihrer Art in grofi-
artiger Weise herausgekommen ist in den letzten drei bis vier Jahrhun-
derten und die nicht kritisiert werden soli, weil die Menschheit sie auch
braucht, diese materialistische Anschauung kann aber niemals weiter-
kommen als zu einem Verstandnisse alles desjenigen, was tot ist, was
unlebendig ist; und wiirde nur die verstandesmafiige Anschauung der
"Welt herrschend werden im Erdenwerden der Menschen, so wiirde
man nur das Tote, das Leblose begreifen. Man wiirde alles Verstandnis
verlieren miissen fur das Lebendige, geschweige denn fur das Geistige.
Das Tote nur kann Gegenstand sein einer solchen Betrachtung, wie
wissenschaftlkhe Erkenntnis in ihrer grandiosen Ausgestaltung in ihrer
Art in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich zeigte.
Aber diejenigen Menschen - und es waren ja immer weniger und
weniger geworden gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten
die wissen, was der Menschheit not tut, die konnten sich auch erklaren,
warum von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wie durch einen inneren
Prozefi eine gewisse Sehnsucht entstand, von den geistigen Welten
etwas zu wissen. Und das Eigentumliche ist: Die Sehnsucht, von den
geistigen Welten zu wissen, zeigte sich so, dafi sie angepafit war der
materialistischen Zeitgesinnung. Auf materialistische Weise wollte man
den Geist kennenlernen. Denn dasjenige, was menschliche Angewohn-
heit ist, verliert sich viel weniger rasch als die Sehnsuchten nach diesem
oder jenem. Also auf materialistische Weise wollte man den Geist er-
kennen. Und diese materialistische Geist-Erkenntnis wurde von den-
jenigen oftmals gefordert, ausgiebig gefordert, welche gerade wissen,
was der Menschheit not tut. Aus diesem Grunde kamen die verschie-
denen materialistischen Wissenszweige herauf , die zum Beweise dienen
sollten, dafi es hinter dem Sinnlichen ein wirkendes Geistiges gibt. Alles
das, was angestellt worden ist, urn durch das hypnotische, durch das
Suggestionselement, ja durch den Spiritismus oder Spiritualismus, wie
man es nennt, dahin zu kommen, dafi es Geist in der Welt gibt, das ist ja
nichts anderes als ein Versuch, mit den Mitteln des Materialismus den
Geist zu erforschen. Die Menschheit hatte sich gewohnt, das, was sie
als wahr anerkannte, nur dann anzuerkennen, wenn es durch den La-
boratoriumsversuch oder durch dieKlinik konstatiert wird.Nun wollte
man auf dieselbe Weise durch aufiere Hantierungen, ganz nach dem
Muster der naturwissenschaftlichen Methode, eine Methode heraus-
gestalten, die gewissermaflen den Geist handgreiflich erweisen sollte.
Es wurden allerdings auf diesem Wege wichtige Resultate erzielt,
selbstverstandlich neben unendlich vielem Scharlatanhaften, Schwin-
delhaften. Und man weifi ja, dafi ernst zu nehmende Gelehrte, ernst zu
nehmende Wissenschafter sich auf diese Dinge durchaus eingelassen
haben, weil sie die Notwendigkeit empfanden,
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