Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die tieferen Geheimnisse 
des Menschheitswerdens 
im Lichte der Evangelien 



Zwolf Vortrage, 
gehalten in Berlin, Stuttgart, Zurich und Miinchen 
vom 11. Oktober 
bis 26.Dezember 1909 



1986 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann 



1 . Auflage in dieser Zusammenstelhmg 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1985 



Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 1 1 7 

Siegelzeichnung auf dem Einband von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1170-8 



Zu den Veroffentlicbungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo- 
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafl in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Berlin, 11. Oktober 1909 (Notizen) 

Buddha und die zwei Jesusknaben 

Vorgeschichte des Christus. Die drei geistigen Stromungen, die sich im Christus- 
Ereignis getroffen haben: die eine ist an Buddha gekniipft, die andere an Zarathu- 
stra, und die dritte war verkorpert in der althebraischen Kultur. Buddha und die 
Lehre von Mitleid und Liebe. Das Herabsenken des Nirmanakaya-Buddha in 
den nazarenischen Jesusknaben. Inkarnation des Zarathustra in dem bethlehe- 
mitischen Kinde. Der zwolfjahrige Jesus im Tempel. Die spatere Zusammenfuh- 
rung der beiden Familien. Das Zusammenstromen des Zarathustrismus und des 
Buddhismus und deren Vereinigung in Jesus von Nazareth. 

Berlin, 18. Oktober 1909 (Notizen) 

Die Evangelien. Buddha und die zwei Jesusknaben 

Der nazarenische Jesusknabe. Der Nirmanakaya des Buddha. Einstromen des 
Buddhismus in das Christentum. Der bethlehemitische Jesusknabe. Abstam- 
mung der beiden Jesusknaben. Zusammenflieften der zarathustrischen und der 
buddhistischen Stromung im zwolfjahrigen Jesus von Nazareth. Das Einfliefien 
der althebraischen Stromung. Die Mission des Buddha war es, die Lehre von 
Mitleid und Liebe zu bringen, aber Christus ist die Kraft der Liebe selbst. 
Worauf alle Entwicklung beruht. 

Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens 
im Lichte der Evangelien 

Berlin, Erster Vortrag, 2. November 1909 

Die vier verschiedenen Aspekte in der Christus-Darstellung der 
vier Evangelien 

Die Wesenheit des Christus Jesus: Licht und Liebe. Weltideen im Johannes- 
Evangelium, hingebende Opferstimmung im Lukas-Evangelium. Im Markus- 
Evangelium lebt die geistige Kraft der Erdensonne, das System aller verborgenen 
Natur- und Geisteskrafte der Welt. Das Matthaus-Evangeliutn gibt uns den 
Christus als harmonisches Menschenbild und die Geheimnisse der menschlichen 
Geschichte. 

Berlin, Zweiter Vortrag, 9. November 1909 

Die Mission des althebraischen Volkes 

Das urteilende Denken, um die Gottheit auch ohne hellseherische Kraft zu 
erkennen, so wie sie von aufien sich offenbart, wird durch das althebraische Volk 
ausgebildet. Die besondere Konstitution Abrahams mufi sich zu diesem Zwecke 
auf dem Wege der Vererbung weiter ubertragen. Die Verbindung des mathemati- 
schen Weltbildes mit der inneren Imagination wird durch Moses in Agypten 
vollzogen. In Arabien wird das Gesetz gepragt. Eine Beriihrung mit dem orienta- 
lischen Magiertum findet statt in der babylonischen Gefangenschaft. Wiederho- 
lung der Geschicke des althebraischen Volkes in dem Auftreten des bethlehemiti- 
schen Jesus. Das Menschenreich oder das Reich der Himmel. 



Berlin, Dritter Vortrag, 23 . November 1 909 

Die Vorbereitung fur das Verstandnis des Christus-Ereignisses. 
Die Sendung des althebraischen Volkes 

Zusammenfliefien der verschiedenen Geistesstrdmungen des Altertums in Jesus 
von Nazareth. Zuriicktreten der alten Hellsichtigkeit und der Bedeutung der 
Blutsverwandtschaft vor dem neu Eintretenden: dem Gebrauch des Ichs, dem 
Reich der Himmel. Vorbereitung dazu durch die Nasiraer. Die Johannestaufe. 
Die Kinder der Schlange und das Bild des Lammes. Johannes der Taufer als 
Erfuller der neuen Zeit, in welcher die geistige Welt durch die Erscheinungen der 
Aufienwelt in die Seele des Menschen hineinscheint. 

Stuttgart, 13. November 1909 

Uber das rechte Verhaltnis zur Anthroposophie 

Vollendung des ersten siebenjahrigen Zyklus im Leben der deutschen Sektion der 
Theosophischen Gesellschaft. Notwendigkeit der Mitteilung der Ergebnisse der 
Geisteswissenschaft vor der Entwicklung der hoheren Fahigkeiten des geistigen 
Schauens und Priifung dieser Ergebnisse durch das Denken. Visionares Hellse- 
hen und die Fahigkeit des griindlichen Denkens. Warum man sich nicht an 
fruhere Inkarnationen erinnert. "Warum die Gotter den Menschen haben entste- 
hen lassen. Wie ein denkender und ein nichtdenkender visionarer Hellseher die 
Erscheinungen der geistigen Welt sieht. Die Gedanken geben die Substanz her, 
das, was in der geistigen Welt ist, zu ergreifen. Einfachheit der Gehirnwindungen 
bei scharfen Denkern. Gefahren des visionaren Hellsehens. Ausbildung der 
Urteilskraft und Ruckerinnerung an die jetzige Inkarnation. 

Stuttgart, 14. November 1909 

Die Evangelien 

Die vier verschiedenen Aspekte der Darstellung des Christus-Ereignisses in den 
vier Evangelien: Johannes schildert den Christus Jesus von der Seite des Den- 
kens, Lukas von der Seite des Fiihlens, Markus von der Seite des Wollens und 
Matthaus, bei dem alle drei Krafte harmonisch zusammenwirken, schildert den 
Menschen Christus Jesus. Das Zusammenstromen des Buddhismus, des Zara- 
thustrismus und der althebraischen Geistesstromung im Christentum. Buddhas 
Lehre von Mitleid und Liebe. Die Buddha-Legende. Der kiinftige Maitreya- 
Buddha. Die Mission Abrahams und des althebraischen Volkes. Isaaks Opfe- 
rung. Was der Kulturmission des Joseph in Agypten zugrunde liegt. Zarathustras 
Wiedergeburt als Zarathas im alten Chaldaa. Die beiden Jesusknaben. Die salo- 
monische und die nathanische Linie des Hauses David. Simeon, der wiedergebo- 
rene Asita. 

Zurich, 19. November 1909 

Das Matthaus-Evangelium und das Christus-Problem 

Die vier Evangelien und die vier Kategorien der vorchristlichen Einweihung. Die 
Mission Abrahams und des althebraischen Volkes. Isaaks Opfer. Joseph in 
Agypten. Die zehn Gebote des Moses. Der Weg der drei Magier und des 
salomonischen Jesus als Wiederholung des Weges, den das jiidische Volk genom- 
men hat, auf hoherer Stufe. Die Bodhisattvas und das zukiinftige Christus- 
Verstandnis. 



Das Ich, der Gott im Innern 
und der Gott der aufteren Offenbarung 

Miinchen, Erster Vortrag, 4. Dezember 1909 146 

Gruppenseele und Individuality 

Gruppenseelenhaftigkeit und Ichheit. Die Spiritualisierung der Sprache. Die 
Erfassung des Mittelpunktwesens im Menschen durch den anthroposophischen 
Gedanken. Die Herausbildung des individuellen Ichs. 

Miinchen, Zweiter Vortrag, 7. Dezember 1909 167 

Der Gott im Innern und der Gott der aufSeren Offenbarung 

Die vier Evangelien stellen das Christus-Ereignis von vier verschiedenen Stand- 
punkten aus dar. Das Einfliefien der Zarathustra-Stromung in das Christentum. 
Die Mission des abrahamitischen Volkes. Die Schicksale des althebraischen 
Volkes und ihre Wiederholung auf hoherer Stufe bei der Verkorperung des Zara- 
thustra-Ichs im bethlehemitischen Jesus. 



Berlin, 21. Dezember 1909 188 

Der Weihnachtsbaum, ein Symbolum 

Die erste Feier des Christgeburtsfestes im vierten Jahrhundert. Die Paradieses- 
Legende. Die erste Nachricht von einem Weihnachtsbaum aus dem Elsafi. Uber 
die Mystiker Meister Eckhart und Johannes Tauler. Goethes Weihnachtsgedicht 
«Baume leuchtend, Baume blendend». Der Weihnachtsbaum als Sinnbild fur das 
Geisteslicht. Christus, der Geist des Weltenalls. Das Erleben des Weltengeistes 
durch die Jahreszeiten. Das Schauen der Geistessonne um die Weihnachtsmitter- 
nacht. «Die Sonne schaue um mitternachtige Stunde . . .». 

Berlin, 26. Dezember 1909 205 

Weihnachtsstimmung 

Anthroposophische Weisheit wird lichtdurchdrungene Warmekraft. Der alte 
Hardenberg und die Dichtungen seines Sohnes Novalis. Novalis als Verkiinder 
des spirituell zu erfassenden Christentums. Notwendigkeit, aus den spirituellen 
Erlebnissen heraus auf die Bedeutung des Christus-Ereignisses hinzuweisen. 
Unzulanglichkeit der «historischen Forschung» der materialistischen Theologie. 
Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen und der 
von ihnen ausgehende Impuls eines spirituellen und wortlichen Evangelienver- 
standnisses. Erfiillung mit dem Christus-Impuls. Gruppenseelenhaftigkeit und 
Hafi gegen das Individuelle. Durchchristete Ichheit und Gruppenseelenhaftigkeit 
im sechsten Kulturzeitraum. Die Geburt des Christus in uns. 



Hinweise 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . . 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



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BUDDHA UND DIE ZWEI JESUSKNABEN 



Berlin, 11. Oktober 1909 (Notion) 



Im letzten Basler Kursus war es zum ersten Male moglich, iiber ein 
Thema zu sprechen, das bis dahin innerhalb der Deutschen Sektion 
noch nicht beriihrt worden 1st. Ober das Christus-Ereignis selber ist 
freilich schon ofters gesprochen worden, besonders in Ankniipfung 
an das Johannes-Evangelium. Durch Ankniipfung an das Lukas- 
Evangelium, wie das in Basel geschehen ist, war es moglich, besonders 
auch das zu beriihren, was die Vorgeschichte des Christus genannt 
werden kann. Dabei hat man es mit sehr komplizierten Verhaltnissen 
zu tun. In den Leib des Jesus von Nazareth zog bekanntlich ein hohes 
Sonnenwesen ein und lebte drei Jahre lang darin, von der Jordan- 
taufe bis zum Mysterium von Golgatha. Uber dieses hohe Christus- 
Wesen ist schon ofters geredet worden. Aber uber das, was als die 
Personlichkeit des Jesus von Nazareth vor unserer Seele lebt und jene 
Wesenheit aufgenommen hat, kann nur in Ankniipfung an ein Evange- 
lium, welches die Geschichte des Jesus von seiner Kindheit an um- 
faBt, Genaueres gesagt werden. Die Entwickelung des Jesus von 
seiner Geburt bis zur Jordantaufe bildete das Hauptthema der Basler 
Vortrage. Schon in dieser Vorgeschichte haben wir sehr komplizierte 
Verhaltnisse vor uns. Das GroBte, muB man stets bedenken, ist eben 
nicht leicht zu fassen und so einfach darzustellen. Das Weltgebaude 
ist mit ein paar wenigen Strichen nicht zu zeichnen oder mit ein paar 
bequemen BegrifFen zu begreifen. 

Jene Personlichkeit, die in dem dreiBigsten Jahre die Christus- 
Wesenheit in sich aufnahm, ist in sehr komplizierter Weise zusammen- 
gesetzt. Nur aus der Akasha-Chronik heraus sind die richtigen An- 
haltspunkte zu gewinnen, warum in den verschiedenen Evangelien 
die Vorgeschichte Jesu verschieden dargestellt ist. 

Heute soli in kurzen Umrissen einiges iiber den Jesus von Nazareth 
erzahlt werden, um doch eine Ubersicht iiber das in den Basler Vor- 
tragen naher Ausgefuhrte zu haben. Es wird auch beabsichtigt, in den 
Mitgliedervortragen diesen Winter zu sprechen iiber das Matthaus- 



oder eventuell uber das Markus-Evangelium. Das Christus-Ereignis 
tritt dann in einer solchen neuen Darstellung wieder in ganz anderem 
Lichte an uns heran. Man kennt dieses Ereignis in der bloBen An- 
knupfung an das Johannes-Evangelium durchaus noch nicht ge- 
niigend. Doch kann zunachst nur skizzenhaft uber diese Dinge ge- 
sprochen werden. 

Die Chronik des Hellsehers, die Akasha-Chronik, enthiillt uns in 
lebendigen Schriftzeichen das, was im Laufe der Zeit geschehen ist. 
Der Gang der spirituellen Mitteilungen ist in der Regel so, daB zu- 
nachst Tatsachen der Akasha-Chronik bekanntgegeben werden, ohne 
Ankniipfung an eine bestimmte Urkunde. Erst nachher wird dann 
gezeigt, daB sich alle diese Dinge in gewissen Urkunden wiederfinden 
lassen, besonders in den Evangelien, die nur mit Zuhilfenahme der 
Tatsachen der Akasha-Chronik richtig zu verstehen sind. 

In Palastina sind seinerzeit die geistigen Stromungen zusammen- 
geflossen, die vorher in der Welt getrennt gegangen waren. An- 
kniipfend an das Lukas-Evangelium konnte man von drei geistigen 
Stromungen reden, die sich im Christus-Ereignis getroffen haben. 
Die eine ist an Buddha gekniipft, die andere an Zarathustra, und 
die dritte war verkorpert in der althebraischen Kultur. Diese drei 
Stromungen flossen in einem konkreten Ereignis zusammen, eben 
in jenem Christus-Ereignis. Man redet von solchen geistigen Stro- 
mungen meistens viel zu abstrakt. Tatsachlich aber verwirklichen 
sie sich in speziellen Wesen, die so gestaltet sein miissen, daB in 
ihnen die Stromungen zusammenflieBen konnten. Es ist also notig, 
solche Wesenheiten in ihrer inneren Zusammensetzung genau zu 
erforschen. 

Die buddhistische Stromung erreichte ihren Hohepunkt im Gau- 
tama Buddha. Er hatte vorher Verkorperungen durchgemacht. Jene 
Verkorperung im 6. Jahrhundert vor Christus war jedoch in seinem 
Dasein ein bedeutungsvoller Hohepunkt. Da wurde Gautama erst 
das, was man einen Buddha nennt. Vorher war er bloB Bodhisattva, 
das heiBt, ein groBer Lehrer der Menschheit. Diese letztere nimmt im 
Laufe der Zeit allmahlich andere Fahigkeiten an. Wir selber lebten 
wohl einst im alten Agypten, aber mit ganz andern Fahigkeiten aus- 



gestattet, als wir sie heute haben; alte Fahigkeiten sind zum Teil 
zuriickgegangen, neue hinzugetreten. 

Wer eine solche Entwickelung nicht beriicksichtigt, tut eben keinen 
unbefangenen BHck hinaus in die Welt. Heute zum Beispiel kann der 
Mensch aus sich heraus gewisse logische und Sittengesetze erkennen, 
kann seine Urteilskraft anwenden, aus sich heraus dies oder jenes 
erkennen. So war es aber in den Urzeiten nicht. Damals hatte zum 
Beispiel der Mensch nichts iiber das Sittliche in sich gefunden. Er 
wiirde solche Gesetze, wenn sie ihm in den heutigen Worten bei- 
gebracht worden waren, auch gar nicht verstanden haben. Es muBte 
an eine ganz andere Fahigkeit appelliert werden. So gibt es heute 
gewisse Wahrheitsbestande fur den Menschen, die noch vor drei- 
tausend Jahren nicht auffindbar gewesen waren, so zum Beispiel die 
Lehre vom Mitleid und von der Liebe. Heute belehrt uns eine innere 
Stimme iiber die Gesetze von Mitleid und Liebe. Damals hatte der 
Mensch vergeblich nach einer solchen Stimme gesucht. Da muBte, 
um ein haBliches Wort zu gebrauchen, dem Menschen Mitleid und 
Liebe einsuggeriert werden. 

Die Wesenheit, deren Aufgabe es wahrend Jahrtausenden war, Mit- 
leid und Liebe in die Menschen aus hoheren, geistigen Regionen ein- 
flieBen zu lassen, war jener Bodhisattva, der sich dann in Indien als 
Buddha inkarnierte. Als ein Mensch in der physischen Welt hatte er 
von Mitleid und Liebe nichts in sich gefunden. Durch ihre Ein- 
weihung ragten aber die Bodhisattvas in die geistigen Regionen 
empor, wo sie derartige Lehren wie diejenige von Mitleid und Liebe 
herunterholen konnten. Es kommt aber einmal der Moment, da die 
Menschheit reif geworden ist, das nunmehr selber zu finden, was 
ihr vorher eingefloBt worden war. So war es auch fur Mitleid und 
Liebe. 

Als jener Bodhisattva zum Buddha aufstieg, also in der betrerTenden 
Inkarnation im 6. Jahrhundert vor Christus - Sitzen des Bodhisattva 
unter dem Bodhibaum ging in seinem eigenen Wesen nicht nur 
Wichtiges vor, sondern auf der ganzen Erde liberhaupt. Damals ging 
in dem Mensch gewordenen Buddha jene Lehre von Mitleid und 
Liebe auf, beziehungsweise eine Umschreibung derselben, namlich 



die vom achtteiligen Pfad, der genaueren Ausfuhrung jener Lehre von 
Mitleid und Liebe. Dadurch, daB der Buddha diese Lehre lebendig in 
sich erkennen konnte, ward der Menschheit die Moglichkeit ge- 
scharTen, kiinftig dasselbe zu erleben. Seit damals konnen nun gewisse 
Menschen solches erkennen und nach dem Vorbild des groBen Buddha 
ein entsprechendes Leben fuhren, das gleichsam die Lehre vom acht- 
gliedrigen Pfad lebendig aus sich herauskristallisiert. 

Erst dann aber, wenn eine groBere Anzahl von Menschen so weit 
herangereift ist, das zu erfahren, was Buddha damals erfuhr, ist diese 
Sache zur eigenen und eigentlichen Angelegenheit der Menschheit 
geworden. So wird aus hoheren Spharen herab unserer Welt Mission 
nach Mission iibertragen. Bis nach etwa dreitausend Jahren, von jetzt 
ab gerechnet, sind genug Menschen reif geworden, den achtgliedrigen 
Pfad zu wandeln, und dann wird Mitleid und Liebe der Menschheit 
zu eigen geworden sein. Dann wird ein neues Ereignis kommen und 
eine neue Mission heranbringen, aus der geistigen in die physische 
Welt herunter. 

Einst lieB also der Buddha jene Lehre von Mitleid und Liebe in die 
Menschheit einstromen. Nun aber wirkt sie lebendig in ihr weiter, 
seitdem Buddha den AnstoB dazu gegeben. Wenn ein Bodhisattva 
nach etwa dreitausendjahriger Tatigkeit sein Amt verwaltet hat, wird 
er ein Buddha, der dann eben eine gewisse Mission an der Mensch- 
heit erfullt. 

Was ist nun aus jenem Buddha, dessen Mission gewesen ist, Mitleid 
und Liebe an die Menschheit zu bringen, geworden, nachdem er den 
physischen Korper verlassen hatte? Buddha bedeutet immer eine 
letzte Inkarnation. Er bedurfte nur noch der Gautama-Inkarnation, 
um eine Mission zu erfullen. Seit jener Zeit ist es nun jener Bodhi- 
sattva-Individualitat, weil sie Buddha geworden, nicht mehr moglich, 
in einen physischen Leib herabzusteigen. Sie kann sich bloB noch bis 
herab zum Atherleib inkarnieren. Jener Buddha kann also heute nur 
noch vom Hellseher geschaut werden. Eine solche Form, die eine 
Individualitat annimmt, ohne den physischen Leib mitzuenthalten, 
nennt man Nirmanakaya. Darin leitet die Wesenheit die Mission 
weiter, die ihr als Bodhisattva iibertragen worden war. So wurde 



auch das groBe Christus-Ereignis durch jenen im Nirmanakaya wal- 
tenden Buddha vorbereitet. 

Ein Elternpaar, namlich Joseph und Maria von Nazareth, erhielt 
ein Kind, Jesus mit Namen. Dieses war eigentumlicherweise so ver- 
anlagt, daB der Nirmanakaya-Buddha sich sagen konnte, dieses Kind 
hatte in seiner physischen Leiblichkeit die Moglichkeit, die Mensch- 
heit mittels derselben einen groBen Schritt vorwartszubringen, wenn 
er als Buddha seinen Beitrag liefern wiirde. Er senkte sich daher in 
seinem Nirmanakaya in jenes Kind herab. Unter dem Nirmanakaya 
hat man sich nicht einen geschlossenen Leib vorzustellen, wie wir ihn 
haben, sondern das, was sonst bloBe Krafte waren, sind hier besondere 
Wesenheiten geworden. Dieses System von Wesenheiten wird in den 
hoheren Welten durch das Ich der betreffenden zugrundeliegenden 
Individualist zusammengehalten, ahnlich wie in uns die Fahigkeiten 
des Denkens, Fiihlens und Wollens. Der Hellseher nimmt diese Schar 
zusammengehoriger Wesenheiten des Nirmanakaya-Buddha wahr. 

Analogien hierzu gibt es auch im Naturleben : zum Beispiel ist bei 
der Gallwespe der Vorderkorper mit dem Hinterkorper nur durch 
einen diinnen Stiel verbunden. Denkt man sich diesen unsichtbar, 
so hat man zwei unverbundene, aber doch zusammengehorige Teile. 
Ahnliche Zusammengehorigkeitsverhaltnisse waken im Bienenstock 
und Ameisenhaufen. 

Derartige Verhaltnisse waren dem Schreiber des Lukas-Evange- 
liums durchaus bekannt. Er wuBte auch, daB der Nirmanakaya- 
Buddha sich in das Jesuskind herabsenkte. Er dnickt es so aus, daB 
er sagt: Als das Kind zu Bethlehem geboren wurde, stieg aus den 
geistigen Welten eine Engelschar herab und verkundigte den Hirten, 
was geschehen sei. Dieselben sind aus gewissen Gninden hellsichtig 
geworden in jenem Augenblicke. 

Jenes Jesuskind entwickelte sich zunachst nur langsam heran. Es 
zeigte auBerlich keine besonders hervorragenden Eigenschaften, die 
auf einen Riesengeist gedeutet hatten. Aber dafiir machte sich bald 
eine tiefe Innerlichkeit und Seelenhaftigkeit bemerkbar, ein reges 
Gemutsleben. Der Hellseher hatte den Nirmanakaya-Buddha iiber 
diesem Kinde schweben sehen. In der indischen Legende wird uns 



erzahlt, daB ein alter Weiser zum Buddhakind gekommen sei und an 
ihm erkannt hatte, daB hier ein Bodhisattva zum Buddha heranreife. 
Der Alte brach darob in Tranen aus, weil er namlich den groBen 
Buddha selber nicht mehr erleben durfte. Asita, so hieB der Weise, 
wurde wiedergeboren und war wieder ein alter Mann, als Jesus jung 
war, namlich der Simeon des Lukas-Evangeliums. Er sah bei der Dar- 
stellung des Jesus im Tempel nun den Bodhisattva als wirklichen 
Buddha vor sich und konnte daher sagen : Herr, nun lassest du deinen 
Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland 
gesehen. - So sah der Weise nach fiinfhundert Jahren, was er vorher 
nicht hatte sehen konnen. 

Wenn man die Herkunft des Jesus im Lukas-Evangelium studiert 
und sie vergleicht mit der im Matthaus-Evangelium dargestellten, so 
zeigt sich eine gewisse Verschiedenheit, die man in der Wissenschaft 
durchaus nicht beachtet hat. Aus der Akasha-Chronik heraus freilich 
kann man den richtigen AufschluB erhalten, warum die beiden 
Stammbaume verschieden sind und sein miissen. 

Ungefahr in derselben Zeit, als Jesus geboren wurde, ward in 
Palastina einem andern Elternpaar, das auch Joseph und Maria hieB, 
auch ein Kind geschenkt, mit demselben Namen Jesus. Es gab also 
damals zwei Jesuskinder von zwei Elternpaaren desselben Namens. 
Der eine Jesus ist der bethlehemitische. Er lebte mit seinen Eltern zu 
Bethlehem; der andere hatte seine Eltern wohnhaft in Nazareth. Der 
erstere Jesus stammt aus der Linie des davidischen Hauses, welche 
durch Salomo durchging. Der nazarenische Jesus hingegen stammt 
aus der nathanischen Linie des davidischen Hauses. Lukas erzahlt 
mehr von dem einen, Matthaus vom andern Kinde. Das bethlehemi- 
tische Kind zeigte in seiner friihen Jugend ganz andere Fahigkeiten 
als das nazarenische. Ersteres zeigte sich in all den Eigenschaften, die 
auBerlich hervortreten konnen, gut entwickelt. So konnte dieses Kind 
zum Beispiel auch gleich von der Geburt an reden, wenn auch zunachst 
fur die Umgebung noch mehr oder weniger unverstandlich. Das andere 
Jesuskind zeigte eine mehr nach innen gehende Veranlagung. 

In dem bethlehemitischen Kinde nun war inkarniert der groBe 
Zarathustra der Vorzeit. Jener Zarathustra hatte bekanntlich seinen 



astralischen Leib an Hermes abgegeben und seinen Atherleib an 
Moses. Sein Ich wurde sechshundert Jahre vor Christus in Chaldaa 
als Nazarathos oder Zarathos wiedergeboren und schlieBlich noch- 
mals als der Jesus. Dieses Jesuskind muBte nach Agypten gefuhrt 
werden, um da fur einige Zeit in der ihm gemaBen Umgebung zu 
leben und die Eindriicke derseiben in sich wieder zu beleben. Man 
darf also durchaus nicht glauben, daB es derselbe Jesus ist, von dem 
Lukas spricht, wie derjenige, von dem Matthaus erzahlt. Durch die 
Verordnung des Herodes wurden alle Kinder bis zu zwei Jahren 
getotet. Da ware Johannes der Taufer auch mitbetroffen worden, 
wenn nicht inzwischen genug Zeit zwischen seiner Geburt und der 
des Jesus verstrichen ware. 

Im zwolften Lebensjahre geht die Ichheit des bethlehemitischen 
Jesuskindes, also das Zarathustra-Ich, iiber in den andern Jesus- 
knaben. Vom zwolften Jahre an also lebte im nazarenischen Jesus 
nicht mehr das friihere Ich, sondern nun das Zarathustra-Ich. Das 
bethlehemitische Kind starb bald, nachdem jenes Ich es verlassen 
hatte. Jene Ubertragung des Zarathustra-Ich auf den nazarenischen 
Jesus beschreibt uns Lukas in der Geschichte vom zwolfjahrigen 
Jesus im Tempel. Es war namlich seinen Eltern unerklarlich, warum 
ihr Kind plotzlich so weise redete. Diese Eltern besaBen auBer diesem 
kein weiteres Kind. Das andere Elternpaar hingegen hatte noch 
weitere Kinder, vier Knaben und zwei Madchen. Beide Familien 
wurden spater allerdings Nachbarsfamilien in Nazareth, ja, verschmol- 
zen schlieBlich in eine einzige Familie. Der Vater des bethlehemiti- 
schen Jesus war bereits ein alter Mann, als der Jesus geboren wurde. 
Er starb auch bald darauf, und die Mutter zog mit ihren Kindern 
nach Nazareth zu der andern Familie. 

So wirkte also der Buddha in seinem Nirmanakaya mit dem Ich 
des Zarathustra in dem Jesus von Nazareth. Buddha und Zarathustra 
wirkten in diesem Kinde zusammen. 

Im Matthaus-Evangelium ist zunachst mehr die Rede vom bethle- 
hemitischen Jesus. Da erschienen bei der Geburt die weisen Magier 
des Morgenlandes, die von dem Stern dahin gefuhrt wurden, wo der 
Zarathustra wiedergeboren ward. 



DIE EVANGELIEN, BUDDHA UND DIE ZWEI JESUSKNABEN 



Berlin, 18. Oktober 1909 (Notion) 

Das let2te Mai erzahlte ich hier den Inhalt des Basler Vortragszyklus, 
wo es sich urn das Lukas-Evangelium gehandelt hat. Wir haben dabei 
auf die Frage hingewiesen, die jemand steilen konnte: Ja, wenn nun 
schon so vieles gesagt ist in bezug auf das Johannes-Evangelium und 
im AnschluB daran iiber das Bild des Christus Jesus, kann es da mog- 
lich sein, daB auch im Hinblick auf die andern Evangelien etwas zu 
sagen ist, daB man in gewissem Sinne ein ebensolches Verstandnis 
bekame, wie wenn man das tiefste, das Johannes-Evangelium, hat auf 
sich wirken las sen? 

Wenn das so ware, dann ware eine Erklarung der drei andern 
Evangelien nicht etwa im Sinne der Geistesforschung. Denn was wir 
suchen innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung, das soil 
nicht genommen sein aus irgendeiner Urkunde; es soli nicht an uns 
herantreten als irgend etwas Oberliefertes, sondern als etwas, was mit 
den Mitteln der Geistesforschung erforscht werden kann. 

Der Geistesforscher stellt sich die Aufgabe, zu erkunden, wie sich 
das Ereignis von Palastina darstellt, ohne daB er irgendeine Urkunde 
zu Hilfe zieht. Ohne Berucksichtigung irgendeiner Urkunde stellt er 
seine Forschung an. Dann versucht er nachher zu zeigen, wie uns aus 
den Urkunden dieselben Wahrheiten und Berichte entgegenleuchten. 

Wir haben den Weg gewahlt beim Lukas-Evangelium und beim 
Johannes-Evangelium, daB wir aus dem ungeheuren Umfange der 
Akasha-Chronik herausgeholt haben, was man wiederfinden kann im 
Lukas-Evangelium und im Johannes-Evangelium. Dadurch, daB man 
die Forschungen der Geistesforscher auf diese Evangelien in dieser 
Weise anwendet, lernt man sie im gewissen Sinne erst kennen. Ich 
habe gezeigt, daB man da bei dem Lukas-Evangelium Gelegenheit 
hat, etwas anderes zu besprechen als bei dem Johannes-Evangelium. 
Es beginnt das Johannes-Evangelium mit der Personlichkeit des Jesus 
von Nazareth in der Zeit, als er dreiBig Jahre alt war. Es tritt uns da 
in ihm die hohe Sonnenwesenheit entgegen, die Christus- Wesenheit. 



Wir haben es hier zu tun mit den drei letzten Lebensjahren des 
Christus Jesus. 

Das Lukas-Evangelium dagegen gestattet uns, jene bedeutungs- 
vollen Vorgange kennenzulernen, welche moglich gemacht haben, 
daB diese bedeutende Wesenheit des Christus einflieBen konnte in die 
Personlichkeit des Jesus von Nazareth, zu zeigen das Zusammen- 
stromen des Zarathustrismus und des Buddhismus, und wir haben 
gesehen, wie sich diese zwei gewaltigen Geistesstromungen begegnen 
und sich vereinigen gerade im Jesus von Nazareth. Er trat uns das 
letzte Mai entgegen als menschliche Personlichkeit, die da geboren 
ward als ein Kind mit ganz besonderen innerlichen Anlagen, aber 
zunachst nicht mit jenen Anlagen, die den Menschen besonders zum 
Verstandnis der auBeren, gegenwartigen physischen Welt gefuhrt 
hatten. Uber dieser Personlichkeit, die als Kind uns entgegengetreten 
ist in dem nathanischen Jesuskinde, dem eigentlichen Jesus von 
Nazareth, uber ihr sehen wir strahlen das, was wir den Nirmanakaya 
des Buddha nannten, was wir als Aura dieses Kindes sehen. Es ist 
diejenige Gestalt, welche der Buddha annahm nach seiner letzten 
Inkarnation, in welcher er Buddha wurde. Wir konnten hervorheben, 
daB dasjenige, was wir unsere abendlandische esoterische Lehre 
nennen, voll rechtfertigt das, was in den morgenlandischen Schriften 
enthalten ist: daB die Individualist vor der Verkorperung des 
Buddha, in der sie im 6. Jahrhundert vor Christus auftrat, ein Bodhi- 
sattva war. 

Solch ein Bodhisattva wird in einer ganz bestimmten Verkorperung 
ein Buddha. Damit hatte jene Individualitat eine solche Entwicke- 
lungsstufe erlangt, daB sie nun nicht mehr in einem physischen 
Leib auf der Erde verkorpert zu werden brauchte. Das ist eine groBe 
Errungenschaft, daB eine Individualitat nicht mehr verkorpert zu 
werden braucht. DaB dieses sein kann, hangt aber nicht nur von 
der Hohe der Entwickelung einer Individualitat ab, sondern auch von 
der Art einer Individualitat. Nach dieser Verkorperung hatte der 
Bodhisattva-Buddha keine irdisch-fleischliche Verkorperung mehr 
durchzumachen. Er verkorperte sich dann nicht mehr in einem 
ircUsch-fleischlichen Leibe, sondern nur noch in dem, als unterste 



korperlich-leibliche Wesenheit, was wir den Ather- oder Lebensleib 
nennen. Darin verkorperte sich Hnfort eine solche Individualitat. Er 
stieg nicht mehr herunter zu einer fleischlichen Verkorperung, dieser 
Buddha, sondern nur zu einer solchen im Atherleibe. 

Ein solcher atherischer Leib, in dem sich eine Individualitat vor- 
wartsentwickelt hat, sieht - wenn er gesehen wird - nicht wie ein 
anderer Leib aus, der als physischer Leib auf der Erde besteht. Was 
wir als physischen Leib sehen bei einer Individualitat, die bis zur Ver- 
korperung im physischen Leib heruntersteigt, das ist da eine ge- 
schlossene Einheit. Da ist nirgends eine Unterbrechung. Ein solcher 
atherischer Leib aber, in dem sich eine Individualitat wie der Buddha 
verkorpert, ist nicht eine geschlossene Raumeinheit. Er ist eine Viel- 
heit von nicht zusammenhangenden Gliedern. Erinnern wir uns an 
die sogenannte Spaltung der Personlichkeit, die eintritt, wenn der 
Mensch sich immer mehr hinaufentwickelt. Dieser Vorgang ist be- 
schrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». 
Was zusammenhangt als ein Ganzes bei dem gewohnlichen Menschen, 
die Krafte, die wir Denken, Fiihlen und Wollen nennen, das steht 
dann sozusagen jedes fur sich da. Der Mensch wird iiber diese einst 
Herrscher werden; er ist nachher eine Dreiheit, man konnte sogar 
sagen eine Vielheit, wie es in meiner «Geheimwissenschaft im Um- 
riB» ausgefuhrt ist. 

In einem solchen Fall, wie bei der Verkorperung des Buddha in 
spateren Zeiten, haben wir einen solchen atherischen Leib, der aus 
nicht zusammenhangenden Wesen besteht. Bei den gewohnlichen 
Menschen ist es auch nur das Prinzip des physischen Leibes, welches 
den atherischen Leib zusammenhalt. 

Wenn ein solcher Bodhisattva-Buddha im atherischen Leib ver- 
korpert wieder erscheint, so erscheint er dann, wenn er sichtbar wird, 
als eine Vielheit, als eine Schar von Wesenheiten. Von dieser Schar 
von Wesenheiten erzahlt der Schreiber des Lukas-Evangeliums, wenn 
er von den Engeln spricht, die den Hirten auf dem Felde erschienen. 
Dieser atherische Leib, den man den Nirmanakaya des Buddha nennt, 
der schwebte iiber jenem nazarenischen Jesuskinde. Er ist es, welcher 
der Inspirator wird, der alles das, was der Buddha war, eintraufelt in 



das Christentum auf diese Weise. So sehen wir, wie hier der Buddhis- 
mus einstromt in das Christentum. Ganz konkret muB man sich das 
denken, nicht nur im Abstrakten. Wer verstehen will, wie sich das 
in Wirklichkeit abspielt, der muB hinweisen konnen auf das konkrete 
Ereignis, wo der bis zu jener nachsten Stufe fortgeschrittene Buddha 
sich dem Christentum einfugt. Das ist beschrieben im Lukas-Evange- 
lium, in der Engelschar, die der Nirmanakaya des Buddha ist. 

Dann haben wir beschrieben, wie ein zweiter Jesusknabe da ist, den 
wir den bethlehemitischen Jesusknaben nennen konnen, und haben 
gesagt, wie der nichts anderes ist als der wiederverkdrperte Zara- 
thustra. Es ist ein auBerordentlich friihreifes Kind. In jenem Kinde ist 
wiederverkorpert der Zarathustra. Das ist ausgedriickt im Matthaus- 
Evangelium. Denn im Matthaus-Evangelium soli geschildert werden 
die Individualist, die besonders verstandlich war fiir den Schreiber 
des Matthaus-Evangeliums, die hinzubrachte zu dem Christentum den 
Strom des Zarathustrismus. Daher wird auch geschildert, daB dieser 
Knabe abstammte aus der salomonisch-koniglichen Linie des Hauses 
David, wahrend der Jesus des Lukas-Evangeliums abstammte aus der 
nathanischen Linie des Hauses David, der priesterlichen Linie. 

Wenn wir das Christentum uns in seiner ganzen tiefen Bedeutung 
verstandlich machen wollen, dann miissen wir uns klarmachen, daB 
zusammenstromen muBten die wichtigsten Stromungen aus der Welt. 
Wir sehen, daB die davidische Konigslinie sich spaltet in eine salo- 
monische und in eine nathanische Linie. In der salomonischen Linie 
pflanzen sich fort die koniglichen Eigenschaften, in der nathanischen 
Linie die priesterlichen Eigenschaften. Die koniglichen Eigenschaften 
kommen besonders in den ersten zwei Lebensperioden des mensch- 
lichen Lebens heraus; die Eigenschaften, die vor alien Dingen so- 
zusagen hinausgehen auf ein verstandnisvolles Beherrschen der Welt- 
verhaltnisse, auf alles das, was den Menschen mit den Weltverhalt- 
nissen in Harmonie bringt. Das kann nur geschehen, wenn die Krafte 
des physischen und des atherischen Leibes richtig entwickelt sind. Da 
der Zarathustra vorzugsweise diese Eigenschaften in innerlicher Weise 
vollendet ausgebildet hatte, so muBte er sich jetzt gerade bis zum 
zwdlften Jahre all der Anlagen bedienen, die im physischen und 



Atherleibe herauskamen. Solche Anlagen konnten ihm im besonderen 
gegeben werden durch die im salomonischen Hause vererbten Eigen- 
schaften. Fur die Aufgabe, die er hatte, brauchte er aber auch die 
groBen Anlagen des Ich-Tragers, die groBen Anlagen des Astralleibes. 
Sie konnten ihm nur gegeben werden von einer Linie, die aus Gene- 
rationen heraus gerade diese Anlagen vererbte. Ware der Zarathustra 
bis zu dem dreiBigsten Jahre in dem Leibe geblieben, wo der Ather- 
leib und der physische Leib besonders ausgebildet waren, so hatte er 
seine Wesenheit nicht so vertiefen konnen. Darum zog er im zwolften 
Jahre hiniiber in den nazarenischen Jesus, so daB in demselben Kinde, 
worin der Nirmanakaya des Buddha wohnte, vom zwolften Jahre an 
aufgenommen wurde die Individualitat des Zarathustra. So sind diese 
beiden Stromungen zusammengeflossen in diesem nazarenischen Jesus 
in seinem zwolften Jahre. 

Als dritte Stromung sollte hinzukommen die althebraische Stro- 
mung. Nur durch dieses ZusammentrefTen konnte jene Individualitat 
auftreten, die den Christus in sich aufnahm. 

Wir fragen uns nun, wie ist das dazu eingeflossen, was die alt- 
hebraische Geistesstromung war? Wir wollen sehen, wie wir auf- 
zufassen haben das Ureigenste der althebraischen Geistesstromung. 
Denken wir auch einmal daran, was wir als das Wesen der Buddha- 
entwickelung angesehen haben. Was ist dadurch geschehen, daB aus 
dem Bodhisattva ein Buddha geworden ist? 

Diese Individualitat, die in dem Bodhisattva-Buddha verkorpert 
war, hatte die Aufgabe, von Epoche zu Epoche zu uberliefern, was 
man nennen kann die Lehre von Mitleid und Liebe. Wenn wir dies 
verstehen wollen, so miissen wir uns sagen, daB der Mensch fruher 
in einem ganz andern BewuBtseinszustande war. Wir diirfen nicht 
kurzsichtig sein wie die heutige Wissenschaft, die glaubt, daB immer 
dieselben Fahigkeiten da waren, die sich aus primitiven Anfangen 
nach und nach entwickelten, und daB der Mensch vorher auf der Stufe 
der Tierheit war. So war es eben nicht. Was wir heute menschliches 
Denken, Fuhlen und Wollen nennen, das war nicht immer da. Je 
weiter wir zuriickgehen in der Entwickelung der Menschheit, desto 
mehr wird dieser heutige BewuBtseinszustand ein traumhaftes, dam- 



merhaftes Hellsehen. Darum muBte auch alles das, was in alten Zeiten 
als Lehre gegeben werden sollte, anders gegeben werden als heute. 
Heute kann man gewisse moralische Prinzipien aussprechen; die ver- 
steht der Mensch dann. Wenn er solche Prinzipien hort, kann er heute 
sagen: GewiB, meine eigene Vernunft sagt mir das. - Aber dazu 
muBten erst die Vernunft und das Gewissen entwickelt sein. Es ist 
handgreiflich aus der auBeren Geschichte nachzuweisen, daB das 
Gewissen einmal angefangen hat. Aschylos spricht davon noch nicht. 
Diese besondere Seelenkraft trat erst in einer bestimmten Zeit ein, 
vorher war sie nicht da. 

Bevor es im Menschen ein Gewissen gegeben hat, bevor es ein 
logisches Denken gegeben hat, wenn man da an sein Gewissen, an 
sein Denken appelliert hatte, so ware es gewesen, als ob man zu einem 
Stein oder zu einer Pflanze sprache. 

Es brauchte damals die Seele Kraft, Impulse, und die muBten der 
Seele eingefloBt werden. Was zum Beispiei sich auf die Liebe bezieht, 
wurde wie suggestiv eingegeben durch die Individualitat, die man den 
Bodhisattva nennt, als diese Individualitat, die man Bodhisattva 
nennt, als der Buddha da war. Da war die Zeit gekommen, wo die 
Menschen aus sich selber heraus die Lehre von Mitleid und Liebe 
nach und nach gewinnen kormten, die Lehre von dem sogenannten 
achtgHedrigen Pfad. Diese Lehre, die ihm fruher von oben herunter 
gegeben werden muBte, konnte ihm erst als Lehre gegeben werden, als 
der Buddha da war. Darum muBte der Bodhisattva Buddha werden. 

JegMches, was vorgeht in der menschlichen Entwickelung, muB 
vorgehen an seinem bestimmten Ort und in einem bestimmten Volke, 
aus dem eine Anzahl von Menschen herausgegriffen werden, die Ver- 
standnis haben fur die Lehre. Vielleicht wird man einen Widerspruch 
finden zwischen diesem und dem, was fruher gesagt worden ist, weil 
fruher gesagt wurde, daB es die Mission des Christus war, die Liebe 
zu verbreiten. Aber wenn so etwas gesagt wird, ist es notwendig, 
ganz genau zuzuhoren. Es lag in der Mission des Buddha, die Lehre 
von Mitleid und Liebe zu bringen; aber Christus ist die Kraft der 
Liebe. Er brachte die Liebe selbst. Es ist etwas anderes, die Lehre 
von etwas zu bringen, als die Sache selbst zu bringen. 



Gerade damit war die Moglichkeit gegeben, daB die Kraft der 
Liebe herunterstromte und sich ofFenbarte durch dieses hohe Sonnen- 
wesen auf der Erde, da8 diese Lehre gebracht wurde durch den 
Buddha. Aber wiederum war es notwendig, daB diese Kraft der Liebe 
sich irdisch ofFenbarte innerhalb eines Volkes, das eine andere Entwicke- 
lung durchgemacht hatte als dasjenige, in welchem der Buddha lebte. 

Wodurch unterscheidet sich das, was der Welt gebracht worden ist 
durch den Buddha, von dem, was gebracht worden ist durch die 
Individualitat des Moses ? Man nennt mit Recht das, was der Buddha 
gebracht hat, das groBe Gesetz, Dharma. Der Buddha hat das Geset2 
so gebracht, in einer bestimmten Form, so daB es von der Seele in 
dieser Form erkannt werden konnte, daB die Menschen es innerhalb 
der eigenen Seele finden konnten. Moses hat ein Gesetz gebracht in 
einer ganz andern Art und Weise; er brachte es als Gebot. Es konnte 
nicht bei diesem Volke, dem er es brachte, als ein in der Seele selbst 
wurzelndes Gesetz angesehen werden, sondern als ein gottliches, aus 
den Hdhen gegebenes Gesetz. Buddha sagte : Ihr werdet in der tiefsten 
Kraft der Seele selber finden das Gesetz, das ich euch sage. - Aber 
Moses sagte: Es gibt das Gesetz der Gott, der da kommen wird. 

Es muBte sozusagen einem Volke ein Gesetz gegeben werden unter 
der Voraussetzung, daB man rechnete, dieses Volk steht auf einer 
jiingeren Stufe als das andere. Es hat gewisse Krafte noch nicht aus- 
gebildet. Darauf beruht alle Entwickelung, daB die Dinge nicht in 
gerader Linie weitergehen. 

Man faBt gewohnlich als Entwickelung auf, daB das Folgende 
immer aus dem Friiheren hervorgeht. So geht aber die Entwickelung 
nicht vor sich. Entwickelung kommt durch ganz andere Voraus- 
setzungen zustande. Wenn wir die Pflanze beobachten in ihrem Wachs- 
tum, so sehen wir zuerst den Keim, dann den Stengel emporwachsen, 
und wie sie dann ansetzt Blatt an Blatt und schlieBlich die Bliite. Jetzt 
kommt ein Punkt, wo nicht mehr das Spatere aus dem Fruheren sich 
nach und nach einfach entwickelt, sondern es tritt die Befruchtung 
ein. Es muB etwas anderes einstromen, ein Staubkornchen von einer 
andern Pflanze. Insbesondere im Geistesleben miissen nun die mannig- 
faltigsten Umstande und Stromungen zusammenjflieBen. 



In Palastma mufite sich vereinigen der Zarathustrismus, der 
Buddhismus und dann eine ganz andere Stromung. Diese Stromung 
konnte unter gewissen Verhaltnissen jiingere Lebenskrafte zufiihren. 
Lange, lange Zeit hatten gewir kt innerhalb dieses Volkes die Gebote 
Jahves. Hatte dieses Volk auch auf der Stufe gestanden, daB Buddha 
sechshundert Jahre vor Christus auch hatte an die eigene Seele dieser 
Menschen appellieren konnen, dann hatte das Volk spater nicht die 
jugendlichen Krafte gehabt. Daher muBte es von seinem Gesetzgeber 
erhalten Gebote, bei denen man nicht an die eigene Seele appellierte. 
Es muBte dieses Volk in Vorderasien auf einer fruheren Stufe zuriick- 
gehalten werden. 

Wir konnen Ahnliches hypothetisch fur das einzelne Menschen- 
leben anfiihren. Denke man sich, es wolle jemand kiinstlich einen 
Menschen dazu bringen, daB dieser in einem gewissen Lebensalter 
besonders schopferische Fahigkeiten entwickelt. Aber man moge das 
nicht etwa probieren! Dann muBte ein Kind ganz anders entwickelt 
werden, als das sonst geschieht. Denn wenn ich versuche, ihm im 
siebenten Jahre das beizubringen, was ihm heute die Schule beibringt, 
dann habe ich dadurch die Seele unfahig gemacht, dafi spater gewisse 
Krafte herauskommen. Ich will daher warten bis zum zehnten Jahre. 
Dann tritt dieses Kind mit ganz andern Kraften heran. Dann hat es 
etwas an jugendfrischer Kraft bewahrt. Es kommen dann Krafte heraus, 
die schopferische Krafte sind, die sonst etwa getotet worden waren. 

Sie sehen, wie in Vorderasien das ausgefiihrt worden ist. Es ist das 
hebraische Volk zuriickgehalten worden. Es konnte noch nicht auf- 
nehmen die Lehren des Buddha von Mitleid und Liebe. Das ist ihm 
als ein Gebot gegeben worden. Es hatte nicht den Appell des Buddha 
bekommen, aus sich heraus zu entwickeln die Lehre von Mitleid und 
Liebe. Nur an einer Stelle der Erdentwickelung, wo die Menschen am 
meisten vorgeschritten waren, konnte der Bodhisattva-Buddha diese 
Lehre bringen. Als dann ganz andere Krafte entwickelt worden waren, 
wurde an einer andern Stelle diese Stromung mit der andern vereinigt. 

Workmen haben wir nun zu suchen das, was da herunterfliefit durch 
die Generationen eines Volkes? Woran hangt das? Womit nimmt der 
Mensch dasjenige auf, was am ganzen Volke hangt? 



Vom ersten bis zum siebenten Jahre ist der Mensch noch eingehiillt 
in eine Atherhulle, die er dann abstreift. Dann umgibt ihn noch die 
Astralhiille, die er mit der Geschlechtsreife abwirft. Der Astralleib 
wird dann erst geboren. Wenn dann beim Menschen in der Zeit vom 
zwdlften bis funfzehnten Jahre der Astralleib geboren ist, so ist das 
dasjenige, worin all die Krafte sind, die der Mensch gemeinsam hat 
mit dem Volkstum. Diese astrale Hiille, die der Mensch nun abstreift, 
die enthalt alle die Eigenschaften, die der Mensch bis dahin in seinem 
Inneren haben konnte. Diese Hiille macht es also, daB der Mensch 
einem bestimmten Volkstum angehort. Was geschieht nun mit dieser 
Hiille, wenn sie abgestreift wird ? Diese Hiille, die da abgestreift wird, 
in der drinnen ist alles das, was der Mensch mit seinem Volkstum 
gemeinschaftlich hat. Sie vereinigt sich dann mit all den Hiillen, die 
auch die Vorfahren abgestreift haben. Wir haben gleichsam so eine 
Kette. 

Wahrend der Mensch bis zu seinem vierzehnten Jahre das in sich 
hat, da hangt er an einer Kette, die hinaufgeht zu den Vorfahren. Bis 
zu welchem Glied der Vorfahren geht sie hinauf ? Sie geht hinauf bis 
zum zweiundvierzigsten Glied, dem sechsmal siebenten Gliede! Es 
hangt der Mensch mit seinen Vorfahren so zusammen. Das wuBte 
man in alten Zeiten. Das weiB man auch heute innerhalb der Geistes- 
wissenschaft. Weil der Mensch in dieser Weise mit seinen Vorfahren 
zusammenhangt, deshalb lieBen die alten Agypter in ihrem Toten- 
buch den Menschen nach dem Tode vor zweiundvierzig Toten- 
richtern erscheinen. 

Soli eine bestimmte Eigenschaft des Menschen herauskommen, so 
daB sie in das Volk hineingehort, dann miissen diese Vorfahren so 
liegen, daB alle diese einzelnen Glieder diese bestimmten Eigenschaf- 
ten des Volkes zum Ausdruck bringen. Sollte der Zarathustra sich 
verkorpern, so muBte es sein in einer Hiille, die die wesentlichen 
Eigenschaften seines Volkes hatte. 

Darum laBt Matthaus den Zarathustra hineingeboren werden in 
das zweiundvierzigste Glied nach Abraham, das alle die Eigenschaften 
des Volkes hatte. Dadurch sind diese Einfliisse hineingekommen in 
die dritte Stromung. 



DIE VIER VERSCHIEDENEN ASPEKTE IN DER 
CHRISTUS-DARS TEL LUNG DER VIER EVANGELIEN 

Berlin, 2. November 1909 
Erster Vortrag 

Die Betrachtungen, die in Ankniipfung an das Johannes- und das 
Lukas-Evangelium gehalten worden sind, und die Gesinnung, von 
welcher aus sie ins Auge gefaBt worden sind, konnen nicht anders 
charakterisiert werden, als indem man sagt, diese Betrachtungen sind 
ausgegangen von folgendem Gesichtspunkt : Das, was wir als die 
Christus Jesus -Wesenheit bezeichnen, ist - soweit von ihr ein mensch- 
liches Verstandnis iiberhaupt in unserer gegenwartigen Zeit moglich 
ist - ein so GroBes, so Umfassendes, Gewaltiges, daB eine Betrachtung 
nicht davon ausgehen kann, in irgendeiner einseitigen Weise zu sagen, 
wer der Christus Jesus war und welche Bedeutung seine Wesenheit 
fur jeden einzelnen Menschengeist und fur jede einzelne Seele hat. 
Das wiirde innerhalb unserer Betrachtungen geschienen haben wie 
eine Unehrerbietung gegemiber dem groBten Weltenproblem, das es 
gibt. Ehrerbietung und Ehrfurcht, das sind die Worte, welche jene 
Gesinnungen bezeichnen, von denen aus unsere Betrachtungen durch- 
aus gegeben worden sind. Ehrfurcht und Ehrerbietung, die etwa sich 
ausdriicken konnten in der Stimmung : Versuche selber dasjenige, was 
menschliches Begreifen ist, gar nicht zu hoch zu stellen, wenn du dem 
groBten Problem gegenubertrittst. Versuche alles das, selbst was dir 
eine noch so hohe Geisteswissenschaft geben kann, niemals zu hoch 
zu stellen, und ginge es auch in die hochsten Regionen hinauf, wenn 
es sich darum handelt, dem groBten Problem des Lebens gegeniiber- 
zutreten. Und glaube nicht, daB ein menschliches Wort ausreichen 
wiirde, etwas anderes zunachst zu sagen als das, was dieses groBe und 
gewaltige Problem von einer Seite aus charakterisiert. Alle diejenigen 
Vortrage, die jemals im Verlauf der letzten drei Jahre gehalten worden 
sind, hatten zum Mittelpunkte ein Wort, das uns im Johannes-Evange- 
lium selber erscheint. «Ich bin das Licht der Welt» ist dieses Wort. 
Dieses Wort des Johannes-Evangeliums zu verstehen, waren alle Vor- 



trage gehalten, welche iiber das Johannes-Evangelium ausgefiihrt 
worden sind. Und es reichen die Vortrage, welche in Ankniipfung an 
das Johannes-Evangelium gehalten wurden, ungefahr dazu aus, nach 
und nach zu verstehen, wenn man sie sich zu eigen macht, diese Worte, 
die gesprochen worden sind, vielleicht nur ahnend zu verstehen, was 
es heiBt im Johannes-Evangelium selber : «Ich bin das Licht der Welt.» 

Wenn Sie ein Licht leuchten sehen, haben Sie dadurch, daB Sie in 
dieses Licht hineinschauen, verstanden, daB das, was da leuchtet, ein 
Licht ist? Und wenn Sie einiges begriffen haben iiber die Farbung und 
Eigenheit dieses Lichtes, haben Sie da verstanden, was da leuchtet? 
Kennen Sie die Sonne, weil Sie hinauf blicken zum Sonnenlicht und 
das weiBe Sonnenlicht als eine Offenbarung empfangen? Konnten Sie 
sich nicht vorstellen, daB es noch etwas anderes heiBt, das Leuchtende 
zu begreifen als das Licht in dem Leuchtenden ? Weil das Wesen, von 
dem wir gesprochen haben, von sich sagen kann: «Ich bin das Licht 
der Welt», waren wir genotigt, dieses Wort zu verstehen, und damit 
haben wir von jenem Wesen nicht mehr als diese seine LebensauBe- 
rung verstanden: «Ich bin das Licht der Welt.» Alles das, was an 
Betrachtungen aufgeboten worden ist in Ankniipfung an das Jo- 
hannes-Evangelium, war notwendig, um zu zeigen, daB jenes Wesen, 
welches in sich enthalt die Weltenweisheit, das Licht der Welt ist. 
Aber dieses Wesen ist weit mehr als das, was im Johannes-Evangelium 
charakterisiert werden konnte. Und wer da glaubt, aus den Vortragen 
iiber das Johannes-Evangelium den Christus Jesus verstehen zu wollen 
oder ihn umfaBt zu haben, der glaubt, aus einer einzelnen Lebens- 
auBerung, die er ahnend erkennt, das ganze leuchtende Wesen zu 
verstehen. 

Dann kamen die Vortrage iiber das Lukas-Evangelium, und wir 
haben daraus ein anderes ersehen. Konnte man ungefahr dasjenige, 
was in alien unseren Betrachtungen iiber das Johannes-Evangelium 
gesagt worden ist, wie ein Mittel zum Verstandnis der Worte «Ich 
bin das Licht der Welt» betrachten, so konnte eventuell, wenn man 
sie nur tief genug gefaBt hat, die Betrachtung iiber das Lukas- 
Evangelium aufgefaBt werden als eine Umschreibung der Worte: 
«Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun», oder: 



«Vater, in Deine Hande befehle ich meinen Geist.» Dasjenige, was 
der Christus Jesus ist - jetzt nicht bloB als Licht der Welt, sondern 
was er ist als die Wesenheit, die das groBte Opfer der Hingebung 
bringt, die alles in sich vereinigen darf, ohne sich selber zu verlieren, 
was charakterisiert worden ist als das Opfer der Hingebung die 
Wesenheit, die in sich selber schlieBt die Moglichkeit des groBten 
Opfers, der groBtdenkbaren Hingabe und dadurch der Quell ist von 
Mitleid und Liebe, der sich warm ergieBt durch alles zukiinftige 
Menschen- und Erdenleben, alles, was in diese Worte gefaBt werden 
konnte, gibt eine zweite Seite von dem, was wir die Wesenheit des 
Christus Jesus nennen. 

So haben wir charakterisiert diese Wesenheit als diejenige, welche 
in ihrem Mitleid das groBe Opfer realisieren kann, und welche leuchtet 
durch die Kraft ihres Lichtes \iber alles Menschendasein. Licht und 
Liebe haben wir geschildert, wie sie waren in der Wesenheit des 
Christus Jesus. Und wer im vollstandigen Umfang die Johannes- und 
Lukas-Evangelienbetrachtungen nimmt, der kann in gewisser Be- 
ziehung eine Ahnung von dem erhalten, was in dem Christus Jesus 
« Licht » war und was in ihm « Liebe und Mitleid » war. Zwei Eigen- 
schaften in ihrer universellen Bedeutung haben wir versucht zu ver- 
stehen in Christus Jesus. Was uber den Christus zu sagen war als das 
geistige Licht der Welt, das als urewige Weisheit sich in alle Dinge 
hineinergieBt, um in ihnen zu leben und zu weben, das kann sich der 
geistigen Betrachtung ergeben, das glanzt uns wiederum entgegen aus 
dem Johannes-Evangelium, und es gibt keine Weisheit, die man er- 
reichen kann, die nicht in gewisser Weise im Johannes-Evangelium 
enthalten ware. Alle Weisheit der Welt ist in diesem Johannes- 
Evangelium enthalten, weil derjenige, der die Weisheit der Welt im 
Christus Jesus betrachtet, sie betrachtet, wie sie sich nicht nur reali- 
siert hat in urferner Vergangenheit, sondern auch realisieren wird in 
urferne Zukunft hinein. Daher schwebt man in den Betrachtungen, 
die sich an das Johannes-Evangelium ankniipfen, hoch in den Liiften 
wie der Adler liber allem menschlichen Dasein. So schwebt man, 
wenn man die groBen Ideen zu entfalten hat, die ein Verstandnis des 
Johannes-Evangeliums ermoglichen, mit den umspannenden und um- 



fassenden Ideen uber dem, was in der einzelnen menschlichen Seele 
vorgeht. Die umspannenden Weltideen beschaftigen jene Sophia, 
welche uns flieBt, wenn wir in Ankniipfung an das Johannes-Evange- 
lium Betrachtungen anstellen. Und dann erscheint uns das, was aus 
dem Johannes-Evangelium flieBt, selber in Adlerhohe kreisend iiber 
alledem, was im taglichen und stiindlichen und augenblicklichen 
Menschenschicksal vor sich geht. 

Und wenn man dann heruntersteigt und betrachtet das einzelne 
menschliche Leben von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Jahr 
zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahr- 
tausend, wenn man darin betrachtet insbesondere jene Krafte, welche 
man die menschliche Liebe nennt, dann sieht man diese Liebe durch 
Jahrtausende wallen und weben in den lebenden menschlichen Herzen 
und Seelen. Dann sieht man, wie diese Liebe auf der einen Seite die 
groBten, bedeutsamsten, heroischsten Taten innerhalb der Menschheit 
vollbringt, dann sieht man, wie die groBten Opfer der Menschheit 
geflossen sind aus der Liebe zu dem oder jenem Wesen, zu der oder 
jener Sache. Dann sieht man, wie diese Liebe in den menschlichen 
Herzen das Hochste vollbringt, wie sie aber zu gleicher Zeit etwas ist 
wie ein zweischneidiges Schwert: Da haben wir eine Mutter; sie liebt 
ihr Kind innig, tief. Das Kind begeht irgendeine Ausschreitung; die 
Mutter liebt ihr Kind, sie kann es nicht uber das Herz bringen in 
ihrer tiefen, inbrunstigen Liebe, das Kind zu strafen. Und eine zweite 
Ausschreitung begeht dieses Kind, und die Mutter kann es abermals 
in ihrer tiefen Liebe nicht iiber das Herz bringen, das Kind zu be- 
strafen. Und so geht es weiter, und das Kind wachst heran, wird 
unbrauchbar, ein Storenfried fur das Leben. Wenn man solche be- 
deutungsvolle Dinge beriihrt, ist es nicht gut, Beispiele aus der 
Gegenwart zu nehmen, und es soil deshalb ein fernerliegendes Bei- 
spiel angefuhrt werden. In der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts war 
eine Mutter, welche innig, innig ihr Kind liebte. Ausdrucklich soil es 
gesagt werden: nichts kann diese Liebe hoch genug preisen, unter 
alien Umstanden ist Liebe etwas, was zu den hochsten menschlichen 
Eigenschaften gehort. Jene Mutter nun liebte ihr Kind und konnte es 
nicht iiber das Herz bringen, ihr Kind zu strafen wegen eines kleinen 



Diebstahls, den es in der Familie beging. Dann beging es einen zweiten 
Diebstahl, und sie konnte es wieder nicht bestrafen - das Kind wurde 
eine beriichtigte Giftmischerin. Sie wurde es aus der nicht von Weis- 
heit geleiteten Mutterliebe. Die Liebe vollfuhrt die groBten Taten, 
wenn sie von Weisheit durchflossen ist. Das aber war gerade die Be- 
deutung jener Liebe, die von Golgatha geflossen ist in die Welt, daB 
sie in einem Wesen vereint ist mit dem Licht der Welt, mit der Weis- 
heit. Daher ist das Hinblicken auf den Christus Jesus, wenn wir die 
beiden Eigenschaften betrachten so, daB wir erkennen, daB die Liebe 
das Hochste ist in der Welt, aber zu gleicher Zeit erkennen, wie Liebe 
und Weisheit im tiefsten Sinne zusammengehoren. 

Was haben wir aber verstanden, wenn man nun alle diese Betrach- 
tungen iiber das Johannes- und Lukas-Evangelium angestellt hat? 
Man hat nichts weiter verstanden als jene Eigenschaft des Christus 
Jesus, die man nennen kann das universelle Licht der Weisheit, die 
universelle Warme der Liebe, die in ihm so geflossen sind wie in 
keinem andern Wesen in der Welt, die keiner menschlichen Er- 
kenntniskraft jemals zuganglich sein kann. Und wahrend man in 
Ankniipfung an das Johannes-Evangelium von groBen, gewaltigen 
Ideen spricht, welche wie in Adlerhohen iiber die menschlichen Kopfe 
hinweggehen, findet man in Anlehnung an das Lukas-Evangelium 
das, was in jedes einzelne Menschenherz in jedem Augenblicke hinein- 
spricht. Das ist das Bedeutsame des Lukas-Evangeliums, daB es uns 
mit solcher Warme erfullt, welche der auBere Ausdruck der Liebe ist, 
mit dem Verstandnis fur jene Liebe, die bereit ist zum groBten Opfer, 
die bereit ist, sich selbst hinzugeben und nichts anderes will, als sich 
selber hingeben. 

Man fuhlt so ungefahr - will man ein Bild haben fur jene Stimmung, 
fur jene Gemiitslage, in der man ist bei der Betrachtung, die ankniipft 
an das Lukas-Evangelium, wenn man es im richtigen Sinne betrach- 
tet - dasjenige, was uns in jenen Mithrasbildern entgegentritt, wo man 
den dahineilenden Opferstier hat. Auf ihm sieht man den Menschen 
sitzen, oben den Gang der groBen Weltenereignisse und unten den 
Gang der irdischen Ereignisse. Der Mensch stoBt sein Beil hinein in 
den Leib des verblutenden Opferstieres, der sein Leben hingibt, damit 



der Mensch dasjenige iiberwinden kann, was er iiberwinden muB. 
Wenn man diesen unter dem Menschen befindlichen Opferstier be- 
trachtet, der hingeopfert werden muB, damit der Mensch seinen 
Lebensweg gehen kann, dann hat man ungefahr die Gefuhls- und 
Gemiitslage, welche die richtige Grundstimmung abgibt fur eine an 
das Lukas-Evangelium ankniipfende Betrachtung. Was der Opferstier 
zu alien Zeiten den Menschen war, die das verstanden haben, was im 
Opferstier liegt, in dem Ausdruck der in sich selber zu vertiefenden 
Liebe, die verstehen etwas von der Schilderung der Eigenschaften 
der Liebe, die gegeben werden soil durch die Betrachtung des Lukas- 
Evangeliums. Denn nichts anderes als eine zweite Eigenschaft des 
Christus Jesus sollte geschildert werden. Kennt aber der, der zwei 
Eigenschaften an einem Wesen kennt, das ganze Wesen? Weil uns in 
diesem Wesen das groBte Ratsel entgegentritt, sind die Ausfuhrungen 
zum Verstandnis zweier Eigenschaften notig gewesen. Niemand aber 
sollte sich vermessen, aus der Betrachtung zweier Eigenschaften dieses 
Wesen selber ins Auge fassen zu konnen. 

Zwei Eigenschaften des Christus Jesus haben wir geschildert und 
nicht unterlassen, alles das zu tun, was uns zu einem ahnenden Ver- 
standnis der hohen Bedeutung dieser zwei Eigenschaften hat bringen 
konnen. Aber wir haben zu viel Ehrerbietung und Ehrfurcht vor 
diesem Wesen selber, als daB wir glauben wollten, wir hatten schon 
etwas begrifFen von den andern Eigenschaften, die dieses Wesen noch 
in sich birgt. Nun ware noch ein Drittes moglich, und dieses dritte, da 
es ja anknupft an etwas, was in den Betrachtungen innerhalb unserer 
Bewegung noch nicht gegeben ist, kann nur im allgemeinen charak- 
terisiert werden. Man konnte sagen: Wenn man den Christus des 
Johannes-Evangeliums schildert, schildert man ihn, wie er wirkt 
zwar als eine hohe Wesenheit, aber wie eine Wesenheit, die sich be- 
dient des Reiches der weisheitsvollen Cherubim. So schildert man ihn 
im Sinne des Johannes-Evangeliums mit der Stimmung, die hervor- 
gerufen wird durch die in Adlerhohen schwebenden Cherubim. Schil- 
dert man ihn im Sinne des Lukas-Evangeliums, dann schildert man 
das, was als das warme Liebesfeuer aus dem Herzen des Christus 
quillt. Man schildert das, was er der Welt dadurch war, daB er wirkte 



in jener Hohe, in der die Seraphim sind. Das Liebefeuer der Seraphim 
stromt durch die Welt, und unserer Erde wurde es mkgeteilt durch 
den Christus Jesus. 

Nun hatten wir ein Drittes zu schildern: dasjenige, was der Christus 
der Erdenwelt dadurch geworden ist, daft er nicht nur das Licht der 
Weisheit, die Warme der Liebe, nicht nur das cherubimische und 
seraphische Element innerhalb des Erdendaseins war, sondern daB 
er «war» und «ist» in unserem Erdendasein, wenn wir ihn in seiner 
ganzen Kraft betrachten, was man bezeichnen kann als «wirkend 
durch das Reich der Throne », durch welches alles Starke und alle 
Kraft in die Welt kommt, um das auszufiihren, was im Sinne der 
Weisheit, im Sinne der Liebe ist. Dies sind die drei hochsten der 
geistigen Hierarchien: Cherubim, Seraphim und Throne. Die Sera- 
phim fuhren uns hinein in die Tiefen des menschlichen Herzens mit 
ihrer Liebe, die Cherubim fuhren uns hinauf in Adlerhohen. Weisheit 
strahlt heraus aus dem Reich der Cherubim. Zum Opfer wird die 
ergebungsvolle Liebe, das symbolisiert uns der Opferstier. Starke, 
die durch die Welt pulst, Starke, welche die Kraft entwickelt, um 
alles zu realisieren, schopferische Kraft, die durch die Welt pulst, das. 
symbolisiert uns in aller Symbolik der Lowe. Jene Starke, welche ein- 
gezogen ist in unsere Erde durch den Christus Jesus, jene Starke, 
welche alles ordnet und richtet, welche ein Hochstes an Macht be- 
deutet, wenn es entwickelt wird: das schildert uns als dritte Eigen- 
schaft am Christus Jesus der Schreiber des Markus-Evangeliums. 

Wenn wir im Sinne des Johannes-Evangeliums von dem hohen 
Sonnenwesen, das wir als den Christus bezeichnen, sprechen als vom 
Lichte der Erdensonne im geistigen Sinne, wenn wir im Sinne des 
Lukas-Evangeliums von der Warme der Liebe sprechen, die aus- 
quillt von der Erdensonne des Christus, dann sprechen wir, wenn wir 
im Sinne des Markus-Evangeliums sprechen, von der Kraft der Erden- 
sonne im geistigen Sinne selber. Alles das, was an Kraften in der 
Erde vorhanden ist, was da und dort webt an geheimen und ofTenen 
Erdenkraften und -machten, das wiirde uns entgegentreten bei einer 
Betrachtung, die im Hinblick auf das Markus-Evangelium geschieht. 
Kann man sich vermessen, wenn auch nur ahnend, die Ideen, die 



auf die Erde gekommen sind, wie die Erdengedanken des Christus zu 
verstehen, wenn man sich zu ihm emporhebt im Stone des Johannes- 
Evangeliums, kann man den Warmehauch der Opferliebe fiihlen, 
wenn man die Warme des Lukas-Evangeliums durch sich selber 
stromen MBt, kann man das Denken des Christus ahnen im Johannes- 
Evangelium, das Fiihlen des Christus durch das Lukas-Evangelium, 
so lernt man das Wollen des Christus durch das Markus-Evangelium 
kennen. Die einzelnen Krafte, durch die er Liebe und Weisheit reali- 
siert, lernt man da kennen. 

Drei Eigenschaften wiirde man ahnend erfaBt haben, wenn man zu 
den Betrachtungen iiber das Johannes- und Lukas-Evangelium hinzu- 
gefugt hatte die Betrachtungen uber das Markus-Evangelium. Man 
wiirde dann sagen : In Ehrfurcht haben wir uns Dir genahet und haben 
eine Ahnung bekommen von Deinem Denken, Fiihlen und Wollen, 
wie uns diese drei Eigenschaften Deiner Seele vorschweben als die 
groBten Erdenvorbilder. 

So haben wir unsere Betrachtungen angestellt, wie wenn wir im 
ganz Kleinen einen Menschen betrachten und sagen, er besteht aus 
Empfindungs-, Verstandes- und BewuBtseins seele, und betrachten 
jetzt die Eigentiimlichkeiten der Empfindungs-, Verstandes- oder 
Gemiits- und BewuBtseinsseele. Wenn wir das Wort BewuBtseins- 
seele auf den Christus anwenden, so konnen wir sagen : sie wird uns 
ahnend zum Verstandnis gebracht im Johannes-Evangelium ; Gemiits- 
seele des Christus : sie wird uns zum Verstandnis gebracht durch das 
Lukas-Evangelium; Empfindungsseele mit all ihren Kraften des 
Wollens : durch das Markus-Evangelium. Dieses wird uns, wenn wir 
es einmal betrachten konnen, AufschluB geben iiber die offenen und 
verborgenen Naturkrafte, die in unserer Welt sind, konzentriert in 
der einzigen Individualitat des Christus ; es wird uns AufschluB geben 
iiber das Wesen aller Krafte, die in der Welt sind. Im Johannes- 
Evangelium haben wir uns in die Gedanken, im Lukas-Evangelium 
in die Gefiihle dieser Wesenheit vertieft, und weil hierbei der Mensch 
nicht so tief in diese Individualitat hineinzugehen braucht, sind diese 
Betrachtungen einfach gegeniiber dem, was uns im Markus-Evange- 
lium entgegentritt - als das System aller verborgenen Natur- und 



Geisteskrafte der Welt. Das alles steht in der Akasha-Chronik. Das 
alles wird sich uns widerspiegeln, wenn wir das gewaltige Dokument 
des Markus-Evangeliums auf uns wirken lassen. Dann werden wir 
ahnend verstehen, was in der einzelnen Wesenheit des Christus kon- 
zentriert ist: dasjenige, was sonst verteilt ist iiber die einzelnen Wesen- 
heiten der Welt. Wir werden verstehen konnen, und es wird uns in 
einem hoheren Glanze und Lichte erscheinen, was wir als die elemen- 
taren Richt- und Grundlinien der verschiedenen Wesenheiten kennen- 
gelernt haben. Wenn wir das Markus-Evangelium, das die Geheim- 
nisse des ganzen Weltenwillens enthalt, uns enthullen, so nahern wir 
uns in Ehrerbietung dem Weltenmittelpunkt, dem Christus Jesus, 
indem wir nach und nach sein Denken, Fiihlen . und Wollen 
erfassen. 

Wenn wir Denken, Fiihlen und Wollen ineinanderwirkend be- 
trachten, so gibt das uns ungefahr ein Bild des ganzen Menschen. 
Aber wir konnen nicht umhin, auch beim einzelnen Menschen Denken, 
Fiihlen und Wollen getrennt zu betrachten. Wenn wir alles zusammen- 
fassen, wird unser Blick auch hier nicht mehr ausreichen, um alles 
iiberschauen zu konnen. Wahrend wir uns verhaltnismaBig unsere 
Aufgabe erleichtern dadurch, daB wir die drei Eigenschaften getrennt 
und jede fur sich betrachten, so wird unser Bild erblassen, wenn wir 
diese drei Eigenschaften in der menschlichen Seele zusammenfassend 
betrachten. Unsertwegen tun wir das, weil unsere Kraft nicht aus- 
reicht, alles zusammen zu betrachten, denn wenn wir die Eigenschaf- 
ten zusammenfassen, so erblaBt das Bild. 

Hat man die drei Evangelien, das Johannes-, Lukas- und Markus- 
Evangelium betrachtet und dadurch eine Ahnung bekommen von 
dem Denken, Fiihlen und Wollen des Christus Jesus, dann kann man 
zusammenfassen, was diese drei Eigenschaften wiederum in eine Har- 
monic bringen kann. Da wird dann notwendigerweise das Bild un- 
deutlich und blaB werden miissen, denn keine menschliche Kraft kann 
ausreichend das zusammenfassen, was von uns auseinandergehalten 
wurde. Denn im Wesen ist eine Einheit und keine Trennung vor- 
handen; zuletzt erst diirfen wir es in eine Einheit zusammenfassen. 
Dann aber wird es vor uns erblassen. Dafur wird aber zuletzt das- 



jenige vor uns stehen, was der Christus Jesus als Erdenmensch, als 
Mensch erst war. 

Die Betrachtung, was der Christus Jesus als Mensch war, wie er als 
Mensch gewirkt hat in den dreiunddreiBig Jahren seines Erdendaseins, 
kann entwickelt werden in Ankniipfung an das Matthaus-Evangelium. 
Das, was im Matthaus-Evangelium enthalten ist, gibt uns ein in sich 
harmonisches Menschenbild. Wenn wir im Johannes-Evangelium ge- 
schildert haben einen dem gesamten Weltenall angehorigen kosmi- 
schen Gottesmenschen, wenn wir im Lukas-Evangelium schildern 
muBten ein sich hinopferndes einzelnes Liebewesen, und im Markus- 
Evangelium den Weltenwillen in einer einzelnen Individualist zu 
schildern hatten, so haben wir im Matthaus-Evangelium die wahre 
Gestalt des einzelnen Menschen von Palastina, jenes Menschen, der da 
gelebt hat dreiunddreiBig Jahre, in dem eine Einheit ist von alledem, 
was wir durch die Betrachtung der drei andern Evangelien gewinnen 
konnen. In Ankniipfung an das Matthaus-Evangelium tritt uns die 
Gestalt des Christus Jesus ganz menschlich, als der einzelne Erden- 
mensch entgegen, den man aber nicht verstehen kann, wenn die 
andern Betrachtungen nicht vorausgegangen sind. Wenn auch der 
einzelne Erdenmensch dann verblaBt, so ist doch in diesem blassen 
Bilde wiedergegeben, was durch die andern Betrachtungen gewonnen 
worden ist. Ein Bild von der Personlichkeit des Christus kann erst 
eine Betrachtung geben, die ankniipft an das Matthaus-Evangelium. 

So stellt sich jetzt die Sache dar, die wir vorher anders charakteri- 
sieren muBten, als wir an das erste Evangelium herangingen. Da wir 
jetzt die Betrachtung zweier Evangelien hinter uns haben, konnen wir 
sagen, wie diese Evangelien innerlich zueinander stehen, und wie wir 
ein Bild des Christus Jesus erst gewinnen konnen, wenn wir, in ent- 
sprechender Weise vorbereitet, herangehen an den Menschen, der da 
geworden ist auf der Erde durch den Christus Jesus. Der Gottmensch 
tritt uns entgegen in den Betrachtungen, ankmipfend an das Johannes- 
Evangelium, und in Ankniipfung an das Lukas-Evangelium das jenige 
Wesen, das in sich vereinigt die Stromungen, die da flossen von alien 
Seiten in dem, was sich auf der Erde entwickelt hat im Zarathustris- 
mus, Buddhismus, in der Lehre von Mitleid und Liebe. Alles, was 



vorher da war, trat uns entgegen, als wir an die Betrachtungen heran- 
gingen im Hinblick auf das Lukas-Evangelium. Wenn das Matthaus- 
Evangelium betrachtet wird, dann wird uns vor alien Dingen intim 
und genau entgegentreten dasjenige, was herausgeboren wird aus 
seinem eignen Volke, aus dem althebraischen Volke: der Mensch 
Jesus, wie er wurzelt in seinem Volke, der Mensch Jesus, wie er so 
sein muBte gerade innerhalb des althebraischen Volkes. Und wir 
werden erkennen, warum das Blut des althebraischen Volkes in einer 
ganz bestimmten Weise verwendet werden muBte, um beizutragen fur 
die Erdenmenschheit gerade dieses Blut des Christus Jesus. 

Es wird uns bei der Betrachtung des Matthaus-Evangeliums das 
Wesen des althebraischen Altertums entgegentreten; aber nicht nur 
das Wesen des althebraischen Altertums, sondern die Mission dieses 
Volkes fur die ganze Welt, die Geburt der neuen Zeit, die Geburt des 
Christentums aus der althebraischen Welt heraus. Und wenn man 
lernen kann groBe, bedeutsame, umfassende Ideen durch das Jo- 
hannes-Evangelium, wenn man gewinnen kann ein Gefiihl fur die 
warmste, grenzenlos warme Opferliebe durch das Lukas-Evangelium, 
wenn man gewinnen kann eine Erkenntnis von den Kraften aller 
Wesen und Reiche durch die Betrachtung des Markus-Evangeliums, 
so bekommt man nun eine Erkenntnis und ein Gefiihl von dem, was 
da lebt innerhalb der Menschheit und innerhalb der menschlichen 
Entwickelung auf der Erde durch den Christus Jesus in Palastina. Was 
der Christus Jesus als Mensch war, was er als Mensch ist, alle Ge- 
heimnisse der menschlichen Geschichte und menschlichen Entwicke- 
lung sind im Matthaus-Evangelium enthalten. Sind im Markus- 
Evangelium die Geheimnisse enthalten von alien Reichen und Wesen- 
heiten der Erde und des Kosmos, der zur Erde gehort, so sind im 
Matthaus-Evangelium die Geheimnisse der menschlichen Geschichte 
zu suchen. Lernt man die Ideen der Sophia durch das Johannes- 
Evangelium, lernt man die Mysterien des Opfers und der Liebe durch 
das Lukas-Evangelium, lernt man die Krafte der Erde und der Welt 
durch das Markus-Evangelium, so lernt man Menschenleben, mensch- 
liche Geschichte, Menschenschicksal kennen durch die Betrachtung 
im Hinblick auf das Matthaus-Evangelium. 



Hatte man in den sieben Jahren unserer geisteswissenschaftlichen 
Bewegung vier Jahre zur Verarbeitung der Richt- und Grundlinien 
und drei Jahre zu ihrer Vertiefung verwendet, als ein Licht, das auf 
die verschiedenen Gebiete des Lebens geworfen werden soli, so 
wiirde jetzt folgen konnen die Betrachtung des Markus-Evangeliums. 
Dann hatte zuletzt das ganze Gebaude gekront werden konnen durch 
die Betrachtung des Christus Jesus im Hinblick auf das Matthaus- 
Evangelium. Da aber das Menschenleben unvollkommen ist, und das 
nicht der Fall war, mindestens nicht bei alien, die in der geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung stehen, so ist es nicht moglich, sogleich, ohne 
MiBverstandnis zu erwecken, zur Betrachtung des Markus-Evange- 
liums uberzugehen. Man wiirde die Gestalt des Christus vollig ver- 
kennen, wenn man glaubte, aus der Betrachtung des Johannes- oder 
Lukas-Evangeliums konnte folgen irgendein Wissen iiber das Wesen 
des Christus Jesus. Man wiirde wiederum glauben, da6 man einseitig 
alles anwenden darf, was in bezug auf das Markus-Evangelium gesagt 
werden miiBte. Und die MiBverstandnisse wiirden noch groBer sein, 
als sie schon gewesen sind. Daher muB mit Riicksicht darauf der 
andere Weg gewahlt werden. Es muB jetzt folgen, so gut es moglich 
ist, in der nachsten Zeit eine Betrachtung im Hinblick auf das Mat- 
thaus-Evangelium. Damit wird zunachst verzichtet auf die groBen 
Tiefen des Markus-Evangeliums, es wird aber dafiir vermieden wer- 
den, daB wieder jemand glaubt, daB mit einer Eigenschaft der ganze 
Mensch bereits geschildert sei. Dadurch wird es moglich, MiBver- 
standnisse zu beseitigen. Und es wird zunachst eine Betrachtung an- 
gestellt werden, soweit es moglich ist, iiber den Hervorgang des 
Christus Jesus aus dem althebraischen Volke, iiber dasjenige, was man 
nennen kann die Geburt des Christentums in Palastina. Dariiber sollen 
im Hinblick auf das Matthaus-Evangelium in nachster Zeit unsere 
Betrachtungen angestellt werden, und dadurch soil vermieden wer- 
den, daB wiederum verwechselt wird eine der Eigenschaften mit der 
Betrachtung der ganzen Wesenheit. Dann wird leichter das folgen 
konnen, was im Hinblick auf das Markus-Evangelium wird zu sagen 
sein. 



DIE MISSION DES ALTHEBRAlSCHEN VOLKES 



Berlin, 9. November 1909 
Zweiter Vortrag 

In der letzten Vortragsstunde wurde bereits auseinandergesetzt, daB 
wir einige Betrachtungen anstellen wollen iiber die Evangelien, und 
es wurde der Grand charakterisiert, warum wir uns jetzt einiges aus 
dem Matthaus-Evangelium vorhalten wollen. Es ist in gewisser Be- 
ziehung die menschlichste Seite des Christus Jesus, die uns in diesem 
Evangelium entgegentritt. Auf der andern Seite ist darin audi ge- 
geben ein vollstandiger XJberblick iiber die geschichtlichen Ereig- 
nisse, welche zeigen, wie der Christus Jesus aus der Menschheit selber 
herauswachst. Da damit gezeigt ist, wie die groBte Erscheinung der 
Erdenentwickelung aus der Geschichte herausgewachsen ist, so liegt 
es nahe zu vermuten, daft die tieferen Geheimnisse des Menschheits- 
werdens uns gerade in diesem Evangelium entgegentreten konnen. 

Ich mochte auch heute wiederum nicht unterlassen, ausdriicklich 
zu betonen, daB die Dinge, die bei dieser Gelegenheit gesagt werden, 
subtil sind, und daB man sehr leicht die geisteswissenschaftliche Be- 
wegung schwer schadigen kann, wenn man in irgendeiner einseitigen 
Weise das, was diese Geheimnisse anbetrirTt, vor die Welt bringt. 
Daher sollte mit einer jeglichen Mitteilung iiber diese Dinge die groBt- 
denkbare Vorsicht verkniipft werden. Es ware nicht einmal zuviel 
verlangt, wenn ein jeder sich in die Geduld finden wiirde, erst dann 
iiber ein Christus-Bild etwas mitzuteilen, wenn er dasselbe von den 
vier Seiten her charakterisiert bekommen hat, die in den vier Evange- 
lien gegeben sind. An der Betrachtung iiber das Lukas-Evangelium 
ist schon zu ersehen, wie die beiden groBen vorchristlichen Geistes- 
stromungen, der Zarathustrismus und das, was im Buddhismus seinen 
vorchristlichen AbschluB erlangt, zusammengeflossen sind, um sich 
zu ergieBen in den groBen christlichen Strom des irdischen Geistes- 
lebens. 

Das Matthaus-Evangelium hat es zuerst mit einem ganz andern 
Thema zu tun, namlich zu zeigen, wie jene Korperlichkeit, in der sich 



inkarnierte die Individualist des Zoroaster, herauswachst aus dem 
althebraischen Volke. Es setzt sich zur Aufgabe, zu zeigen, welchen 
Anteil das althebraische Volk an der gesamten Entwickelung der 
Menschheit hat. Es konnte leicht jemand meinen, wenn die Indivi- 
dualist des Zoroaster sich verkorpert hat in dem bethlehemitischen 
Jesus, daB dann nur die Korperlichkeit herausgeboren ware aus dem 
althebraischen Volke und daB damit nichts anderes gesagt ware, als 
daB Zoroaster wiedergeboren ware in einer Leiblichkeit, die aus dem 
althebraischen Volke herauswuchs. Wollte man eine solche Gefuhls- 
nuance hineinlegen, so ergabe sich ein ganz falsches Bild von der 
Wahrheit. 

Durch solche Betrachtungen soil uns immer klarer werden, daB 
eine solche Individualist, wie die des Zarathustra, die Leiblichkeit als 
Instrument braucht. Wenn aus den hochsten der Welten, aus der gott- 
lichsten der gottlichen Welten irgendeine Individualist auf die Erde 
herabstiege und sich in einer ungeeigneten Korperlichkeit inkarnierte, 
so konnte sie aus einer solchen nichts anderes machen als das, wozu 
dieselbe das Instrument eben sein kann. Diese falsche Gefuhlsnuance, 
von der eben gesprochen worden ist, konnte leicht mancherlei MiB- 
verstandnisse herbeifuhren. In der theosophischen Bewegung hat man 
lange nicht verstanden, daB des Menschen Leiblichkeit der Tempel 
der Seele ist. Man muB beriicksichtigen, was von uns schon so oft 
betont worden ist: daB das menschliche Ich in drei Hullen wohnt, von 
denen eine jede alter ist als das Ich selber. Dieses Ich ist ein Erden- 
wesen, das jiingste unter den menschlichen Gliedern. Der astralische 
Leib nahm auf dem alten Monde, der atherische oder Lebensleib auf 
der alten Sonne seinen Anfang, hat also drei planetarische Entwicke- 
lungsstufen hinter sich; der physische Leib ist in seiner Art der voll- 
kommensteTeil und hat vier planetarische Entwickelungsstufen hinter 
sich. Der physische Leib ist von Aon zu Aon ausgestaltet worden, so 
daB er heute dieses vollkommene Werkzeug ist, in dem das mensch- 
liche Ich sich entwickeln konnte, um den Menschen allmahlich wieder 
zu den Hohen des Geistigen aufsteigen zu lassen. Wenn der physische 
Leib so unvollkommen ware wie der astralische Leib und das Ich, so 
ware eine menschliche Entwickelung auf Erden nicht moglich. 



Nehmen Sie das in vollem Ernste, so konnen Sie nicht mehr eine 
falsche Gefuhlsnuance verbinden mit der Vorstellung, daB der Zoro- 
aster aus dem hebraischen Volke herausgeboren worden sei. Jenes 
Volk muBte eben so beschaffen sein, wie es war, wenn es die Leiblich- 
keit liefern sollte fur eine Wesenheit wie den Zarathustra. Wenn wir 
uns vorstellen, daB diese Wesenheit, seit jener Zeit, als sie noch 
Lehrer des urpersischen Volkes war, sich immer hoher entwickelt hat, 
so mussen wir eben sagen, daB es notig war, ihr ein Instrument zu 
geben aus einer Volkheit heraus von einer seiner Wesenheit an- 
gemessenen GroBe. Ein fur ihn taugliches Instrument muBte ge- 
schafTen werden. Durch Saturn, Sonne, Mond und Erde hindurch 
haben sich die Gotter bemuht, den physischen Leib des Menschen im 
allgemeinen auszugestalten. Daraus diirfen wir wohl den SchluB 
Ziehen, daB die intimere Zubereitung eines Menschenleibes manches 
notwendig machte an geistig-gottlicher Arbeit, um den Menschenleib 
in der speziellen Form zur Ausbildung zu bringen, wie er dem Zara- 
thustra damals diente. 

Damit solches moglich war, muBte die ganze Geschichte des alt- 
hebraischen Volkes so ablaufen, wie sie eben abgelaufen ist. Die 
Akasha-Chronik zeigt uns, daB das, was im Alten Testament da ist, 
wirklich mit den geschichtlichen Tatsachen iibereinstimmt. Es muBte 
sozusagen im althebraischen Volke alles so eingerichtet sein, daB es 
zuletzt in jener einen Personlichkeit des bethlehemitischen Jesus 
gipfelte. Dazu aber waren besondere Einrichtungen notwendig. Es 
war notwendig, daB aus der Gesamtsumme der Kultur der nach- 
atlantischen Zeit dasjenige herausgenommen wurde, was am meisten 
fahig war, jene Krafte in der Menschheit zu entwickeln, die entwickelt 
werden muBten, auf daB die Menschheit etwas an die Stelle des alten 
hellseherischen Vermogens setzen konnte. Es war gerade das hebra- 
ische Volk dazu ausersehen, zunachst eine solche Korperlichkeit dar- 
zubieten, die bis in die feinsten Fasern des Gehirns hinein so organi- 
siert war, daB das, was wir Erkenntnis der Welt nennen, ohne den 
EinfluB des alten Hellsehens zustande kam. Das sollte die Mission 
dieses Volkes sein. In dem Stammvater dieses Volkes, in Abraham, 
war auch tatsachlich eine solche Individualitat auserlesen, daB dessen 



Leiblichkeit ein geeignetes Instrument war fur das urteilende Denken. 
Alles, was vorher groB und bedeutend war, stand noch unter den 
Nachwirkungen alten Hellsehens. Nun sollte aber eine Personlichkeit 
ausersehen werden, welche das geeignetste Gehirn hatte, um sich 
nicht drangen und stoBen zu lassen von den hellseherischen Imagina- 
tionen und Intuitionen, sondern berufen war, die Dinge rein mit dem 
Verstande zu betrachten. Dazu aber bedurfte es eines besonders ein- 
gerichteten Gehirnes, und die Personlichkeit, die dieses Gehirn hatte, 
muBte ausersehen werden. Diese haben wir zu sehen in Abram oder 
Abraham. 

Und auch das stimmt mit den Beobachtungen der Akasha-Chronik 
iiberein, daB die Richtung, aus der jener Abraham herkam, von jen- 
seits des Euphrat nach dem Westen ging, gegen Kanaan zunachst. 
Abraham wurde hergeholt, wie es in der Bibel heiBt, aus Ur inChaldaa. 
Wahrend in der agyptischen sowohl wie in der chaldaisch-babyloni- 
schen Kultur noch die Nachklange des alten dammerhaften Hell- 
sehens da waren, wurde aus dem chaldaischen Volke ein Individuum 
auserlesen, welches nicht mehr darauf aufbaute, sondern auf die Be- 
obachtungen der Erscheinungen der AuBenwelt. Damit sollte jene 
Kultur eingeleitet werden, deren Friichte noch heute unserer ganzen 
westlichen Kultur und Zivilisation einverleibt sind. Jenes kombina- 
torische Denken, die mathematische Logik, wurde durch Abraham 
eingeleitet; ihn sah man bis ins Mittelalter hinein in gewissem Sinne 
als Vertreter der Arithmetik an. Die ganze Anlage seines Denkens war 
eben eine solche, die Welt nach dem Verhaltnis von MaB und Zahl 
anzusehen. 

Eine derartig beschaffene Personlichkeit war dazu geeignet, ein 
lebendiges Verhaltnis zu gewinnen zu derjenigen Gottheit, welche 
sich offenbaren sollte durch das Medium der AuBenwelt. Alle andern 
Gottheiten auBer Jahve kiindigten sich im Inneren der menschlichen 
Seele an, und man muBte Imagination, Intuition und so weiter in 
seiner Seele erwecken, um etwas von ihnen zu wissen. Im alten Indien 
sah man hinaus, sah die Sonne aufgehen, sah die verschiedenen Reiche 
der Erde, die Vorgange des Luftkreises, des Meeres und so weiter, 
aber all das betrachtete man als eine groBe Tauschung, als Maja, worin 



der Inder nichts von einer Gottlichkeit gefunden hatte, wenn er sie 
nicht durch innere Imagination gewonnen und dann hinterher mit den 
Erscheinungen der AuBenwelt in Beziehung gebracht hatte. Auch bei 
Zarathustra haben wir es uns so zu denken, daB er nicht hatte hin- 
weisen konnen auf das groBe Sonnenwesen, wenn ihm nicht im 
Inneren aufgegangen ware das groBe Wesen des Ahura Mazdao. 
Besonders aber sehen wir dies an den agyptischen Gottheiten, die 
ganz aus inneren Seelenerlebnissen herausgeholt und nachher mit 
auBeren Dingen in Beziehung gebracht werden. 

Alles, was an vorhebraischen Gottheiten da war, muB von diesem 
Gesichtspunkte aus aufgefaBt werden. Jahve jedoch ist diejenige Gott- 
heit, welche einen von aufien her anschaut, von auBen an den Menschen 
herankommt, sich in Wind und Wetter offenbart. Wenn der Mensch 
alles, was in der AuBenwelt an Zahl, MaB und Gewicht vorhanden 
ist, durchdringt, nahert er sich dem Jahvegott. In fruherer Zeit war 
der Gang ein entgegengesetzter. Brahma wurde zuerst im Inneren 
der Seele erkannt und von da wird dann erst hinausgegangen. Den 
Jahve jedoch erkennt man zuerst drauBen und dann erst kann er auch 
im eigenen Inneren nachgewiesen werden. Das ist die geistige Seite 
dessen, was genannt wird: der Bund Jahves mit Abraham. Dieser 
Mann war eben eine Personlichkeit, die den Jahve fassen und ver- 
stehen konnte. Die Leiblichkeit des Abraham war so, daB dieser den 
Jahve oder Jehova als den die Welterscheinungen drauBen durch- 
lebenden und durchwebenden Gott verstehen konnte. 

Nun handelt es sich darum, aus dieser Eigentumlichkeit jenes einen 
Marines, des Abraham, die Mission eines ganzen Volkes zu folgern. 
Es war notwendig, daB Abrahams Geisteskonstitution sich auch auf 
andere iibertrug. Dieselbe ist aber an die physischen Werkzeuge ge- 
bunden; denn alles, was nach auBen gebracht werden soli, ist ge- 
bunden an eine ganz bestimmte Organisation des physischen Leibes. 
Die alten auf der Grundlage des dammerhaften Hellsehens aufgebau- 
ten Religionen brauchten nicht so viel Gewicht darauf zu legen, ob 
die einzelnen Teile des Gehirns so oder so geformt waren; das Ver- 
standnis des Jehova aber war streng gebunden an die Konstitution 
des physischen Gehirnes. Nur auf dem Wege der physischen Ver- 



erbung innerhalb eines durch Blutsverwandtschaft zusammenhangen- 
den Volkes konnte eine Obertragung solcher Eigenschaften ge- 
schehen. 

Da muBte etwas gan2 Besonderes geschehen. Abraham muBte eine 
Nachkommenschaft haben, die weiterbaute jene eigenartige Konsti- 
tution des physischen Leibes, die bis dahin die Gotter aufgebaut 
hatten und die in Abraham in hochster Blute vorhanden war. Es 
muBte nun als selbstandig von den Menschen der Auf bau des physi- 
schen Leibes in die Hand genommen werden, damit das weitergefuhrt 
wurde, was bislang die Gotter getan haben, und zwar durch viele 
Generationen hindurch muBte dies geschehen. Es muBte ein den Jahve 
verstehendes Gehirn sich durch physische Vererbung erhalten. Der 
Bund des Jahve mit Abraham sollte auch auf die Nachkommen iiber- 
gehen. Dazu aber gehorte eine ungeheure Hingebung der Individua- 
litat des Abraham an den Jahve; denn man erlangt die Moglichkeit, 
eine gewisse Konstitution mehr und mehr auszubilden, nur dann, 
wenn man dieselbe in dem Sinne gebraucht, wie sie geschaffen ist. 
Wenn man die Hand zum Beispiel besonders geschickt machen will 
zu einem gewissen Zwecke, so kann das nur geschehen, indem man 
sie in dem Sinne weiter ausbildet, in dem sie geschaffen ist. Wollte 
man die physischen Eigenschaften des Gehirns als eines Jahve-Begrei- 
fers ausbilden, so muBte diese Hingabe und dieses Begreifen des Jahve 
bei Abraham einen denkbar hochsten Grad erreichen. 

Und das war auch tatsachlich der Fall. In der Bibel wird uns erzahlt, 
wie dies geschah. Eine Hingabe wird dann am groBten, wenn man 
hinopfert, was man selber fur die Zukunft werden soil. Abraham soli 
dem Jahve seinen Sohn Isaak hinopfern. Er wiirde damit das ganze 
hebraische Volk hinopfern und alles, was er selber war und was in die 
Welt durch ihn getragen werden sollte. Abraham war der erste 
Jehova-Versteher. Wollte er sich diesem ganz ergeben zeigen, so 
muBte er sich ihm ganz hingeben. Durch Hingabe seines einzigen 
Sprosses verzichtete er auf jede Fortpflanzung seines Stammes in 
der Welt. 

Und er hat es so weit gebracht in der Hingabe, daB er den Isaak 
hingeopfert hat; sein Wille war es. Und er bekommt den Isaak wieder 



zuriick. Was heiGt das? Das heiBt etwas ganz Ungeheures. Er be- 
kommt ihn von Jahve selber zuriick, das heiBt, Abraham geht so 
weit, die Mission, die er vermoge der Individuality seines Selbstes 
hat, nicht durch sich auf die Nachwelt weiter zu iibertragen, sondern 
sie als Gabe des Jahve oder Jehova in seinem eigenen Sohn zu emp- 
fangen. Wer sich das uberlegt, wird bemerken, daB hierin eine welt- 
geschichtliche Tatsache Hegt, die in die Geheimnisse des geschicht- 
lichen Werdens der Menschheit in unbegrenztem MaBe hinein- 
leuchtet. 

Nun sehen wir zu, wie die Ereignisse weitergehen. Durch jene Hin- 
gabe des Abraham an den Jahve wird es moglich, daB wirklich das 
sich fortsetzt, was bisher die Gotter geschafTen haben. Das, was die 
physische Menschheit ist, wurde aus dem Weltenall herausgeboren. 
Wir wissen ja, wie das, was die menschliche Leiblichkeit auf der Erde 
ist, zusammenhangt nach Zahl, MaB und Gewicht mit all den Ge- 
setzen, welche die Sternenwelten beherrschen. Der Mensch ist aus den 
Sternenwelten herausgeboren; er tragt in sich die Gesetze der Sternen- 
welten. Es muBten die Gesetze der Sternenwelten sozusagen hinein- 
geschrieben werden in das durch die Generationen des althebraischen 
Volkes von Abraham aus herunterflieBende Blut. In dem althebra- 
ischen Volke muBte alles so geordnet sein, daB der Strom von Gesetz- 
maBigkeit weiterfloB, der aus dem Weltenall heraus nach MaBgabe 
von Zahl, MaB und Gewicht den menschlichen physischen Leib ge- 
ordnet hat im Sinne der Sternenordnung. Das finden wir wieder in 
einem Ausspruch, der in der Bibel so ungeheuer entstellt ist. So heiBt 
es dort, daB Gott die Israeliten so zahlreich machen will wie die 
Sterne am Himmel. Gemeint ist aber, daB er in der Art, wie sie sich 
fortpflanzen und verbreiten auf der Erde, die Gesetze, die Zahlen- 
verhaltnisse walten lassen will, wie sie in den Sternen am Himmel 
herrschen. Nach der Zahlenharmonie der Sterne soil das hebraische 
Volk in seiner Fortpflanzung geordnet sein. 

Wir sehen, wie das geschieht. Isaak hatte zwei Sonne, Jakob und 
Esau. Wir sehen auch, wie alles das, was da durch das Blut der Gene- 
rationen hinunterrinnt - wahrend das der Esau-Richtung Angehorige 
ausgeschaltet und die geeignete Richtung herausgeholt wird -, wie 



sich das weiter gestaltet. Jakob hatte zwolf Sonne entsprechend den 
zwolf Teilen des Tierkreises, durch welche die Sonne am Himmel 
zieht, um die Ordnung der Sterne zu bewirken. Das ist die innere 
Gesetzmafiigkeit. Es erscheint uns tatsachlich im Leben und in der 
Fortpflanzungsart des hebraischen Volkes ein Abbild von Zahl und 
MaB, wie sie am Himmel herrschen. Abraham war bereit, seinen Sohn 
Isaak zu opfern. Damit hat er seine ganze Mission von Jahve wieder 
entgegengenommen. An Stelle des Isaak wurde geopfert ein Widder 
oder Lamm. Was heiBt das ? 

Hier verbirgt sich etwas ungeheuer Tiefes. Jene menschliche Leib- 
lichkeit, die sich fortpflanzen sollte und an welche jene Fahigkeiten 
gebunden waren, welche das Begreifen der Welt nach MaB und Zahl, 
nach mathematischer Logik bedingen, sollte erhalten bleiben und als 
Geschenk des Jahve entgegengenommen werden. Um sie aber un- 
vermischt durch irgend etwas anderes zu haben, war es notwendig, 
daB verzichtet wurde auf ein jegliches dammerhaftes altes Hellsehen, 
daB verzichtet wurde auf allerlei Imaginationen, Intuitionen, auf jedes 
EinflieBen solcher Offenbarungen, wie sie in alien iibrigen Religionen 
der alten Zeiten bis zur chaldaischen und agyptischen herauf vorhan- 
den sind. Auf jede Gabe aus der geistigen Welt muBte verzichtet 
werden. Die letzte Gabe aus der geistigen Welt, die noch bleibt, wenn 
alle friiheren verdunkelt sind, wird in der mystischen Symbolik durch 
den Widder bezeichnet. Die beiden Widderhorner bedeuten: dasOpfer 
der zweiblattrigen Lotosblume. Die letzte hellseherische Gabe wird 
hingeopfert, nachdem die friiheren schon friiher abgelegt worden 
sind. Um die Leiblichkeit in dieser Organisation in Isaak zu erhalten, 
wird die letzte hellseherische Fahigkeit, die Widdergabe, die zwei- 
blattrige Lotosblume hier hingeopfert. 

Nun lebt das Volk in seiner Mission so weiter, daB gerade diese 
Abraham-Fahigkeiten sich fortpflanzen von Generation zu Genera- 
tion. In dem Augenblicke, wo atavistisch wieder auftritt diese Hell- 
sehergabe, wo wieder einer hineinsieht in die geistigen Welten, macht 
sich eine solche Reaktion geltend, daB diese Personlichkeit zunachst 
ausgeschieden wird, daB sie nicht geduldet wird innerhalb der Volks- 
gemeinschaft. Die Antipathie gegen diese Gabe des Widders macht 



sich geltend in Feindschaft. Das zeigt sich bei Joseph. In seinen Trau- 
men hatte er prophetische Erleuchtungen aus der geistigen Welt. Er 
wird ganz selbstverstandlich herausgeschoben aus dem Volke, weil 
das, was er hatte, aus der eigentlichen Mission des hebraischen Volkes 
herausfiel. Von den Briidern wird er verstoBen, weil in ihm ein Erb- 
stiick alter Hellsehergabe wieder auftritt. Deshalb muBte Joseph nach 
Agypten gehen, weil er herausfiel aus der Mission seines Volkes. 

So bedeutsam sind diese Dinge, die uns da erzahlt werden! Nun 
sehen wir weiter, wie sozusagen gerade durch jene Personlichkeit, 
durch welche in einem alten Erb stuck erhalten ist das, worauf das alte 
hebraische Volk nur zuriickschauen konnte als auf etwas, was vor 
Abraham war, wie durch diese Personlichkeit, durch den Joseph, 
wiederum das herbeigefuhrt wird, was zur Entwickelung des alt- 
hebraischen Volkes so notwendig war zur Erfullung seiner Mission. 
Es war in gewisser Weise fur das althebraische Volk das Tor ge- 
schlossen gegeniiber jener Welt, die dazu gefiihrt hatte, durch das alte 
dammerhafte Hellsehen dem Indertum, Persertum seine Religion zu 
geben. Da war das Tor geschlossen. Man sah hinaus in die Welt, 
ordnete nach MaB und Zahl, und als die Einheit, in die man alles 
ordnete, erblickte man Jahve oder Jehova. Das einzige, was man noch 
wuBte, war, daB dies, was man drauBen erblickte, was in Jahve als 
Schopfer der Welter scheinungen einem entgegentrat, eines und das- 
selbe war mit der menschlichen Ichheit. Aber dariiber stiegen keine 
Imaginationen, keine eigenen inneren Erlebnisse innerhalb dieser 
Volksgemeinschaften auf. In jener Zeit, sage ich ausdrucklich, gab es 
dariiber keine eigenen Erlebnisse. Deshalb muBte man es auch von 
auBen lernen, das heiBt, man muBte es bei einem Volke lernen, das 
diese Erlebnisse noch hatte. 

So bildet die Personlichkeit des Joseph das Bindeglied zwischen 
dem althebraischen Volke und den Agyptern, also dem Volke, bei 
dem man das lernen konnte, was das althebraische Volk nicht mehr 
als Erlebnis hatte. Das, was man heute selber zusammenbringen kann, 
wenn man die eigenen inneren Erlebnisse gehabt hat - die Erkennt- 
nisse, Erlebnisse der AuBenwelt und die der inneren Imagination 
das muBte man zusammenbringen dadurch, daB man sich hinbegab 



zu einem Volke, das diese Erlebnisse noch in hohem MaBe hatte, zu 
dem agyptischen Volke. Solche innere Fahigkeiten muBte man in 
Harmonie bringen mit dem, was man selber durch mathematische 
Logik gewonnen hatte. Aber hinfuhren konnte zu diesem agyptischen 
Volke nur eine solche Persdnlichkeit, die selber etwas hatte von sol- 
cher Imagination. Joseph war das richtige Verbindungsglied, weil er 
selber noch solche Fahigkeiten besaB. Denn er konnte den Agyptern 
dienen, weil er zweierlei vermochte: Erstens hatte er die alte Hell- 
sehergabe aus der Zeit vor Abraham. Er konnte sich hineinfinden in 
das, was das alte agyptische Volk durch Hellsehergabe erlangte. Aber 
was dieses Volk nicht hatte, war die mathematische Logik, das heiBt, 
es konnte nicht anwenden im physischen Leben das, was es als Imagi- 
nation besaB. Der Pharao war darum unfahig, die Dinge richtig an- 
zuordnen, als etwas eintrat, was bisher nicht immer dagewesen war. 
Imaginationen konnte man haben, aber, wenn eine gewisse Unord- 
nung eingetreten war, in kluger Weise maB- und zahlvoll nach- 
zudenken und die Verhaltnisse zu ordnen, dazu brauchte es eine 
andere Fahigkeit, welche die Agypter nicht besaBen, und diese hatte 
Joseph. Daher war er fahig, am agyptischen Hofe die richtigen Rat- 
schlage zu geben. So war er das richtige Verbindungsglied zwischen 
dem hebraischen Volke und den Agyptern. Dadurch konnte er es 
herbeifuhren, daB die Jahve- oder Jehova-Lehre, die bis dahin wie 
eine Zusammenfassung der auBeren Wirklichkeit, wie ein mathema- 
tisches Weltbild war, Farbe und Inhalt bekam von der inneren Imagi- 
nation, die man in Agypten hatte. 

Diesen Zusammenhang und Zusammenklang zwischen altagypti- 
schen Erlebnissen und den Erkenntnissen des Weltzusammenhangs 
hat Moses gebracht. Als das gemacht war, konnte das Volk wieder 
zumckgefuhrt werden, um das in Agypten Erfahrene, nicht Erlebte, 
zu verarbeiten nach seiner Art. Denn es handelte sich ja gerade darum, 
daB diese Gabe unvermischt von andern Volkern erhalten blieb, daB 
unverfalscht blieb die Blutseigentiimlichkeit. Es muBte aber heriiber- 
gerettet werden das, was die alten Volker hatten gewinnen konnen. 
So ist die Erbschaft von alten Zeiten her das, was an Weisheitsgiitern 
im agyptischen Volke war, durch Moses einverleibt worden dem alt- 



hebraischen Volke mit seinen mathematisch-logischen Fahigkeiten. 
Dann aber muBte das Volk wieder herausgerissen werden, denn es 
sollte ja vererben, was als neue Fahigkeit durch das abrahamitische 
Volk allein moglich war. 

Nun lebte dieses Volk weiter. Dadurch, daB es die Vorbedingungen 
immer mehr verfeinerte und daB das Blut dieses Volkes sich immer 
mehr richtete nach diesen Vorbedingungen, daB es sich so ausbildete, 
wie es sich in der Generationenreihe ausgebildet hat, dadurch war es 
moglich, in einem bestimmten Zeitpunkte aus dem Blute dieses Volkes 
die Leiblichkeit des Jesuskindes hervorgehen zu lassen, in die ein- 
ziehen konnte die Personlichkeit des Zarathustra oder Zoroaster. 
Dazu muBte dieses Volk stark und machtig gemacht werden. 

Wenn wir im Sinne des Matthaus-Evangeliums weiter die Zeit der 
Richter und Konige und die verschiedenen Schicksale des alt- 
hebraischen Volkes verfolgen, so werden wir sehen, wie auch jene 
Verhaltnisse, die uns dieses Volk zeigen so, daB es oftmals abirrt, 
gerade notwendig waren, um zustande zu bringen, was zustande ge- 
kommen ist. Insbesondere war es auch notwendig, daB das Volk das 
Ungltick hatte, das sich ausdriickt in dem Wegfuhren in die babylo- 
nische Gefangenschaft. Wir werden sehen, wie die Volkseigentumlich- 
keit sich ausgebildet hat, und wie hier notwendig war der Zusammen- 
stoB mit der andern Seite der alten Tradition, die in Babylon vor- 
handen war, als das Volk reif war, mit dem wieder zusammengefuhrt 
zu werden, was es verlassen hatte. Das ist das eine. Das andere ist das, 
daB gerade in jener Zeit, in welcher das hebraische Volk mit dem 
babylonischen zusammengefuhrt wurde, ein groBer, gewaltiger Lehrer 
des Ostens dort lehrte, und daB einige der Besten des hebraischen 
Volkes noch unter dem Lichte dieses groBen Lehrers stehen konnten. 
Das ist die Zeit, in der Zarathustra als Nazarathos oder Zaratos dort 
lehrte, in jenen Gegenden, in welche die Juden gefuhrt worden sind. 
Einige der besten Propheten standen noch unter seinem EinfluB. Da 
konnte er noch so viel machen an diesem Volke, als man machen muB, 
wenn das Blut schon eine gewisse Wirkung getan hat, und dann ge- 
wisse Einflusse von auBen hinzutreten miissen. 

Es ist fast so, daB man nicht sehr weit fehlgeht, wenn man diese 



ganze Entwickelung mit der Entwickelung des einzelnen, allmahlich 
heranwachsenden Menschen vergleicht. Da haben wir zunachst das 
Kind, das geboren wird. Es wachst heran bis zum siebenten Jahre 
und stent in der leiblichen Pflege der Eltern. Da sind es vorzugsweise 
die Einfliisse des physischen Planes, die einwirken miissen. Dann 
beginnt die Entwickelung, die dadurch einsetzt, daB der Atherleib erst 
in richtiger Weise geboren wird. Die Entwickelung basiert darauf, 
daB das Gedachtnis ausgebildet wird, daB also das, was im Atherleib 
sich heranentwickeln kann, in der richtigen Weise sich erkraftet. In 
der dritten Periode beginnt das, was man nennen kann : der Mensch 
tritt mit seinem astralischen Leibe jetzt in ein Verhaltnis zur AuBen- 
welt; da muB er aufnehmen das, was man nennen kannUrteilsfahigkeit. 

In gewisser Weise machte das althebraische Volk diesen Weg in 
ganz eigenartiger Weise durch, Es macht zuerst die erste Periode 
durch, von Abraham bis zur Zeit der ersten Konige. Es ist dies zu 
vergleichen mit der ersten Periode des einzelnen Lebens bis zum 
siebenten Jahre. Hier werden alle Dinge getan, die imstande sind, die 
Bluteigentiimlichkeiten zu befestigen. Alles, was da erzahlt wird, die 
Wanderung Abrahams, die Ausbildung der zwolf Stamme, die Ein- 
gliederung der mosaischen Gesetzgebung, die Fahrlichkeiten in der 
Wuste, ist zu vergleichen mit dem, was in den ersten sieben Lebens- 
jahren auf den Menschen vom physischen Plane her einflieBt. Dann 
kommt die zweite Periode : die innere Verfestigung, die Konigsherr- 
schaft bis zur babylonischen Gefangenschaft. Dann kommt der Ein- 
fluB des Chaldaertums, des orientalischen Magiertums auf das 
hebraische Volk. Und der Leiter, der schon damals, 550 bis 600 vor 
unserer Zeitrechnung, einfiieBen lieB in das hebraische Volk diesen 
orientalischen EinfluB, war schon damals die Individuality des Zara- 
thustra. Und so hat er schon damals vorgearbeitet, um eine geeignete 
Leiblichkeit zu finden. So entwickeln sich in den Generationen her- 
unter, von Abraham an, immer mehr die Moglichkeit und die Be- 
dingungen, daB herausgeboren werden konnte die geeignete Leiblich- 
keit, die dann die Wiederverkorperung des Zarathustra sein konnte. 

Das Matthaus-Evangelium stellt insbesondere diese Entwickelung 
ganz wunderbar getreu dar, indem es eine Dreigliederung eintreten 



laBt. Wir haben drei mal vierzehn Glieder: von Abraham bis David 
vierzehn Glieder, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft 
vierzehn Glieder, von der babylonischen Gefangenschaft bis zum 
Christus Jesus wieder vierzehn Glieder. Das gibt drei mal vierzehn 
oder zweiundvierzig Glieder, gleichsam zeigend, daB in dieser Leib- 
lichkeit des Jesus der Extrakt da ist von alledem, was von Abraham 
herunter durch die ganzen Schicksale des althebraischen Volkes zu- 
bereitet ist. Und jetzt soil auftreten ein Menschenwesen, welches alle 
die Eigenschaften, die da sozusagen durch die Generationenfolge zu- 
sammengestellt sind, seelisch im seelischen "Wirken zum Ausdruck 
bringt, sie in seiner ganzen Personlichkeit, in einem Menschen zu- 
sammenfaBt. Die ganze hebraische Entwickelung seit Abraham sollte 
in einem Menschen zusammengefaBt werden. Und das sollte gipfeln 
in dem Jesus des Matthaus-Evangeliums. Wie konnte das geschehen? 
Das ist nur moglich, wenn wiederholt wird der ganze Entwickelungs- 
gang in seelischer Art. Zarathustra geht ungefahr aus von der Stelle 
in Ur in Chaldaa, geistig aus den Mysterien heraus, woher Abraham 
gekommen ist. Der Goldstern erscheint dort zuerst, geht von da aus, 
die dortigen Magier folgen ihm. Geistig geschieht dasselbe, was 
physisch durch Abraham geschehen ist. Den Weg, den Abraham 
gemacht hat, den geht geistig der Stern, dem die Magier folgen: das 
ist der sich inkarnierende Zarathustra selber, der da den Weg geht, den 
Abraham gegangen ist, und er senkt sich nieder iiber der Geburts- 
statte. Das ist der Moment, wo sich die Individualitat des Zarathustra 
inkarniert in dem bethlehemitischen Jesuskinde. Die Magier wissen 
das. Sie folgen dem Stern, das heiBt ihrem groBen Lehrer Zarathustra, 
der sich da inkarniert. 

Es handelt sich nun darum, daB wirklich der Weg weitergemacht 
wird, daB wirklich in der Personlichkeit des einen Jesus darinnen ist 
der gesamte Extrakt der ganzen hebraischen Entwickelung. Wir sehen 
zunachst, daB im Geiste wiederholt wird ein Opfer, das Isaak-Opfer ; 
wenigstens im Geiste wird es wiederholt durch das Opfer der drei 
Magier aus dem Morgenlande; Gold, Weihrauch und Myrrhen wur- 
den von ihnen dargebracht. Zu gleicher Zeit sehen wir, daB wiederum 
etwas eintritt, das erinnert an fruhere Ereignisse des althebraischen 



Volkes. Mit der ganzen Geburt dieses Jesusknaben ist etwas ver- 
bunden, das ein Abbild ist der Schicksale des althebraischen Volkes. 
Da war ein Joseph, der eine Erbschaft hatte im Traumen, und das Ver- 
bindungsglied darstellt zwischen dem hebraischen und dem agypti- 
schen Volke; jetzt ist es wieder ein Joseph, der da Traume hat, und 
dem im Traume gewiesen wird nicht nur, daB Jesus geboren wird, 
sondem daB er mit dem Jesus nach Agypten ziehen solle. 

Und nun geht der Weg des Zarathustra in dem Leibe des Jesus- 
knaben weiter. Wie er verfolgt hat den Weg, den auf dem physischen 
Plane Abraham genommen hat von Ur in Chaldaa bis Kanaan, so geht 
er jetzt den Weg weiter nach Agypten - und das Jesuskind wird 
wieder zuruckgefuhrt aus Agypten, wie das hebraische Volk zuriick- 
gefuhrt worden ist. Da haben wir beim Auftreten des bethlehemiti- 
schen Jesus, den man erst spater den Nazarener genannt hat, eine 
Wiederholung der ganzen Schicksale des althebraischen Volkes bis 
zur Rxickkehr aus Agypten in das gelobte Land Palastina. Das, was 
sich da abgespielt hat durch lange, lange Jahrhunderte als auBere 
Geschichte des hebraischen Volkes, wiederholt sich jetzt in dem 
Schicksale jener Menschenwesenheit, die den Zarathustra in dem 
Leibe des bethlehemitischen Jesus darstellt. Dies ist im Sinne des 
Matthaus-Evangeliums, im GroBen gedacht, das Geheimnis mensch- 
licher Geschichte uberhaupt. Man versteht menschliche Geschichte 
nicht, wenn man nicht die einzelnen groBen leitenden Individualitaten, 
die eine besondere Mission haben, so versteht, daB sich in ihrem ein- 
zelnen Schicksale die ganze Entwickelung durch Jahrhunderte hin- 
durch wiederholt; daB sie aufnehmen in einer Inkarnation einen 
Extrakt dessen, was in der Geschichte durch Jahrhunderte geschaffen 
worden ist. Der Christus Jesus muBte ja noch viel mehr aufnehmen, 
aber die Leiblichkeit muBte zunachst besonders zubereitet werden, 
und das konnte nur durch die geschilderten Einrichtungen geschehen. 

Wie steht es mit dem Zeitpunkt, in dem gerade jene kurze Rekapi- 
tulation der ganzen Geschichte des hebraischen Volkes in der Person- 
lichkeit des Jesus stattfinden sollte? Was ist das fur ein Zeitpunkt in 
der Geschichte? Dazu nehme man folgende Entwickelungstatsachen 
zusammen, die ich nun seit Jahren in Ihrer Vorstellungswelt vor- 



zubereiten versucht habe. Nehmen Sie das zusammen: Die Mensch- 
heit ging aus von einer uralten Entwickelung, in welcher alles das, 
was die Menschen zusammenband in Liebe, gebunden war an die 
Blutsbande. Das liebte sich, was durch Blutsbande verbunden war, 
und man heiratete nur in engen Blutsverbanden. Eine andere Liebe 
gab es in den alten Zeiten nicht. Deshalb war die Liebe gebunden an 
die Blutsverwandtschaft. Das wird genannt Nahehe; von der Nahehe 
ging die Menschheit aus. Immer mehr sind dann diese einzelnen Ver- 
bande in den verschiedensten Gegenden der Erde durcheinander- 
geworfen worden. Wir konnen bei alien Volkern verfolgen, wie es als 
besonderes Ereignis angesehen wird, wenn Manner und Frauen von 
einem in den andern Stamm hinein heiraten, wenn der Ubergang ein- 
tritt zur Fernehe. In alien Mythen und Sagen, zum Beispiel im 
Gudrun-Liede, wird das als besonderes Ereignis charakterisiert. Das 
machte immer einen besonderen Eindruck. Wahrend dieser Entwicke- 
lung der Menschheit sind zwei Stromungen tatig. In diesem Zusam- 
menfiihren durch Blutsbande wirkte immer schon das gottlich- 
geistige Prinzip, das die Menschheit zusammenfuhren soli, das aus der 
ganzen Menschheit Eines machen soil. Ihm wirkte entgegen das luzi- 
ferische Prinzip, das jeden Menschen auf sich selbst stellen will, das 
den einzelnen Menschen so machtig und groB machen will, als es 
moglich ist. Beide Prinzipien miissen da sein in der Menschennatur, 
beide Krafte miissen in der Menschenentwickelung wirken. 

Nun waren diese beiden Machte am Werke im Verlaufe des Fort- 
schritts der Menschheitsentwickelung: die gottlich-geistigen Machte 
und die auf dem Monde zunickgebliebenen luziferischen Machte, die 
den Menschen abhalten wollten, sich zu verlieren, ihn vielmehr ganz 
selbstandig machen wollten. Diese beiden Machte waren in der 
Menschheitsentwickelung immer am Werke. Dadurch wurde das Ich 
des Menschen, das ja ein Erdenprodukt 1st, immer hin und her ge- 
rissen. Auf der einen Seite wurde es hingelenkt zur Menschenliebe, 
auf der andern Seite zur inneren Selbstandigkeit. Nun, zu einer be- 
stimmten Zeit trat eine Art von Krisis ein in bezug auf das Zusammen- 
wirken dieser beiden Machte. Diese Krisis, diese Entscheidung in der 
Menschheit war da, als durch die Taten des Romischen Reiches fur 



einen groBen Kreis der Erde die Volker ganz durcheinandergewiirfelt 
waren. Es war das in der Tat ein Entscheidungsmoment in der 
Menschheitsentwickelung, der Entscheidungsmoment, wo sich klar 
herausstellen sollte, was werden sollte aus der unentschiedenen Frage 
von Nahehe und Fernehe. Die Menschen standen vor der Gefahr, 
entweder ihr Ich zu verlieren durch Verbleiben in den einzelnen 
Stammen oder alien Zusammenhang mit der Menschheit zu verlieren 
und bloB einzelne, selbstandige, egoistische Individuen zu werden. 
Dieser Zeitpunkt war also da. 

Was muBte in diesem Zeitpunkte geschehen? Etwas ganz Be- 
stimmtes. Das menschliche Ich muBte dazu reif werden, das, was man 
erst Selbstandigkeit, Freiheit nennen kann, in sich zu entwickeln, und 
aus sich heraus frei die seelische Liebe zu entfalten, die nicht mehr an 
die Blutsbande gebunden war. Das Ich stand vor dem Entscheidungs- 
punkt. Es muBte vollig entfesselt, seiner selbst vollstandig bewuBt 
werden. So stand mit Ausnahme der orientalischen Volker die ganze 
Menschheit der alten Welt vor einer neuen Geburt des Ich, vor einer 
solchen Geburt des Ich, durch welche dieses Ich zu der aus dem Ich 
selber herausgeborenen Liebe kommen sollte. Das Ich sollte aus Frei- 
heit heraus die Liebe, und aus der Liebe heraus die Freiheit ent- 
wickeln. Und im Grunde genommen ist erst ein solches Wesen ganz 
Mensch. Der erst ist ein wahrer Mensch, der ein solches Ich ent- 
wickelt. Denn der, welcher nur liebt, weil Blutsbande da sind, der 
wird gestoBen zur Liebe und driickt nur das auf einer hoheren Stufe 
aus, was auf einer niedrigen Stufe auch im Tierreiche vorhanden ist. 
In dem Momente erst, den wir eben beschrieben haben, ist die voile 
Menschwerdung dagewesen. In diesem Moment sollte iiber die Erde 
hingehen jener EinfluB, der den Menschen zum Menschen machte. 

Erinnern Sie sich daran, was ich Ihnen unzahlige Male schon gesagt 
habe: daB der Mensch seiner Wesenheit nach aus drei Gliedern be- 
steht, aus dem physischen Leib, den er hat in Gemeinschaft mit den 
Mineralien, aus dem atherischen Leib, den er mit den Pflanzen ge- 
meinsam hat, und aus dem astralischen Leib, in dem im Grunde 
genommen auch die Liebe bisher gesessen hat, den er gemeinsam hat 
mit den Tieren. Durch sein voll entwickeltes Ich ist der Mensch die 



Krone der Erdenschopfung. Alle andern Erdenwesen haben Namen, 
die man ihnen von auBen geben kann, sie sind Objekte. Das Ich hat 
einen Namen, den es nur sich selber geben kann. In dem Ich spricht 
die Gottheit, in dem Ich sprechen nicht mehr irdische Verhaltnisse, in 
dem Ich spricht das Reich des Geistes. Der Geist aus den Himmeln 
spricht, wenn dieses Ich vollstandig zu sich selber gekommen ist. 
Man konnte sagen, bisher hat es gegeben drei Reiche: das Mineral-, 
Pflanzen- und das Tierreich, und ein Reich, das sich zwar heraushob 
aus diesen, das es aber noch nicht zur Vollkommenheit gebracht hat, 
das noch nicht seine ganze uberirdische Wesenheit in sich hinein- 
bekommen hat. Dieses Reich, welches darin besteht, daB in eine Ich- 
heit das, was sonst nirgends auf Erden zu finden ist, die geistige Welt, 
die Reiche der Himmel hineingenommen werden, dieses Reich nannte 
man nach dem Sprachgebrauch der Bibel das Reich oder die Reiche 
der Himmel; in der Bibel wird es gewohnlich iibersetzt « Reich 
Gottes». 

Und das Reich der Himmel ist nichts anderes als eine Umschreibung 
des Ausdrucks «Menschenreich». Wenn wir sagen: mineralisches, 
pflanzliches, tierisches Reich, so konnen wir im Sinne der Bibel als 
viertes Reich anfuhren: das Reich der Himmel. Das Menschenreich, 
so konnen wir im Sinne der Bibel sagen, ist das Reich der Himmel, so 
daB der, der dazumal im Mysteriensinne hineinschaute in den ganzen 
Gang der Menschheitsentwickelung, folgendes sagen konnte : Schaut 
zuriick in vergangene Zeiten; da wurde die Menschheit zur Mensch- 
heit gefuhrt, da war noch nicht das Reich der Himmel auf Erden. 
Jetzt ist der Zeitpunkt da, wo das Reich der Himmel auf Erden 
kommt. - Dies hat der Vorlaufer des Christus Jesus und der Christus 
Jesus selbst gesagt: «Das Reich der Himmel ist nahe herbeigekom- 
men», und dadurch haben sie ihre Zeit in ihrem tiefsten Wesen 
charakterisiert. In diese Zeit muBte aber gerade die Geburt des 
Christus Jesus fallen. Er sollte jene Krafte der Menschheit bringen, 
durch welche das Ich jene Eigenschaften entwickeln konnte. So ist die 
ganze Menschheitsentwickelung in zwei Teile geteih: in einen vor- 
christlichen, in dem das Reich der Himmel noch nicht auf der Erde 
war, und in einen Teil, in dem das Reich der Himmel auf Erden war, 



das Menschenreich in seiner hochsten Bedeutung. Das althebraische 
Volk war ausersehen, die leibliche Korperlichkeit, die korperlichen 
Hiillen zu geben, die gewachsen waren als eine Wesenheit, um den 
Trager dieses Reiches der Himmel aufzunehmen. 

Das sind jene Geheimnisse, die sich ergeben, wenn man im tieferen 
Sinne ankniipfend an das Matthaus-Evangelium geschichtlich die 
Sachen ins Auge faBt. So daB wir zu den beiden charakterisierten 
Stromungen, zu den beiden Beitragen zum Christentum, die wir 
kennengelernt haben, zum Zarathustrismus und zum Buddhismus, 
hinzufiigen noch als dritte Stromung die althebraische Stromung, den 
Beitrag des althebraischen Volkes. Wir konnten jetzt das Folgende 
sagen: Da waren Fiihrer, wie der Buddha und der Zarathustra. Diese 
wollten die Opfer ihrer religiosen Stromungen darbringen. Und da 
muBte ein Tempel auferbaut werderi. Der Tempel konnte nur auf- 
erbaut werden durch das althebraische Volk. Dieses Volk baute den 
Tempel der Leiblichkeit des Jesus auf. In diesen Tempel konnten 
diese beiden ersten Stromungen einziehen. Da opferte zunachst der 
Zarathustra, indem er sich in diesen Leib verkorperte; da opferte 
spater der Buddha, indem er in den andern Jesus seinen Nirmanakaya 
einflieBen lieB. So flieBen diese beiden Stromungen zusammen. 

Um Ihnen doch etwas zu geben, was in gewisser Beziehung ab- 
geschlossene Gedanken sind, habe ich Ihnen heute nur ganz fliichtig 
abstrakte Skizzen geben konnen von diesen tiefen Geheimnissen. 
Aber um abgeschlossene Gedanken einmal zu geben, habe ich heute 
im allgemeinen schematisch charakterisiert. Wir werden das spater 
fortsetzen, um ein Bild zu bekommen von der Mission des alt- 
hebraischen Volkes und von dem ganz eigenartigen Herauswachsen 
des Christus Jesus aus diesem Volke. Da wird sich uns das Einzigartige 
ergeben, wie aus der Geschichte, aus dem zeitlichen Verlauf der Ent- 
wickelung, eine Wesenheit herauswachst von einer ewigen Geltung, 
von einer Geltung von unverganglicher Dauer. So wird sich allmah- 
lich zeigen, wie sich aus einer verganglichen Welt herausentwickeln 
konnte dasjenige, was einer Ewigkeit standhalten wird. 



DIE VORBEREITUNG Ft)R DAS VERSTANDNIS 
DES CHRISTUS-EREIGNISSES 

DIE SENDUNG DES ALTHEBRAISCHEN VOLKES 

Berlin, 23. November 1909 
Drifter Vortrag 

Als einen Beitrag, der ankniipfte an das Matthaus-Evangelium, haben 
wir das letzte Mai etwas zu sagen gehabt in unserer Betrachtung iiber 
die Sendung des alten hebraischen Volkes, iiber das Hervorgehen des 
Christus Jesus aus diesem Volke. Denn es soil uns ja in Ankmipfung 
an die Evangelien unsere Betrachtung allmahlich daruber Klarheit 
verschaffen, wie die verschiedenen Geistesstromungen zusammen- 
geflossen sind, um dann in der groBen christlichen Geistesstromung 
gemeinsam fur die Weiterentwickelung der Erde zu sorgen. Nun 
konnte in einer kurzen Betrachtung nur ganz skizzenhaft gezeigt 
werden, welcher Teil in der Gesamtmenschheitsentwickelung zu- 
gefallen ist dem althebraischen Volke. Man kann aber das Matthaus- 
Evangelium nicht verstehen, wenn man nicht wenigstens auf einzelne 
andere Glieder dieses Volkes ein wenig eingeht. Um uns ganz deutlich 
verstehen zu konnen, miissen wir uns noch einmal ganz genau vor die 
Seele riicken, worin die Sendung jenes Volkes eigentlich besteht. Sie 
haben gesehen, daB sie sich von den Missionen der andern vorchrist- 
lichen Volker unterscheidet. Diese sind noch verkniipft mit dem, was 
man nennen konnte die Ergebnisse des alten Hellsehens der Mensch- 
heit. Solche Ergebnisse finden wir bei alien Volkern des Altertums ; 
man konnte dieselben nennen eine uralte Weisheit. 

Wollen wir hier ganz sinngemaB charakterisieren, so konnen wir 
sagen, in der alten Atlantis haben die Menschen noch allgemein in die 
geistige Welt hineingesehen. Wenn auch nur die Eingeweihten die 
hoheren Erlebnisse haben konnten, so hatte doch ein jeder wenigstens 
einen BegrifF von der geistigen Welt, weil in gewissen Zwischen- 
zustanden der Mensch der atlantischen Zeit noch hineinschauen 
konnte in ein geistiges Gebiet. Es sollte diese Fahigkeit aber ersetzt 
werden durch diejenige, welche heutzutage die hauptsachlichsteFahig- 



keit des Menschen ist : Verstandestatigkeit, Begreifen der AuBenwelt 
mit den physischen Sinnen, kurz, Leben in der physischen AuBenwelt. 
Langsam und allmahlich wurde dies im Laufe der vorchristlichen Zeit 
heranentwickelt, so daB wir sagen konnen, beim alten indischen Volke 
war im Grunde genommen noch ein ausgiebiger Rest des alten Hell- 
sehens vorhanden. Was die heiligen Rishis gelehrt flatten, war auch 
ein Erbstiick aus alter Zeit, war uralte Weisheit. Auch noch in der 
zweiten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit, in der persischen, 
war das, was die Schiiler und Bekenner des Zarathustra wuBten, ge- 
stiitzt auf die Erbstiicke des alten Hellsehens. Ahnlich ist auch die 
chaldaische Astronomie von der alten Weisheit durchdrungen, ebenso 
das, was die alten Agypter hatten. Eine solche Wissenschaft, welche 
rechnet mit den nachatlantischen Fahigkeiten des Menschen, ware 
sowohl den Agyptern wie den Chaldaern noch ganz unverstandlich 
geblieben. Wissenschaft, welche in Begriffs- und Ideenbildern sich 
ausdriickt, die physischer Art sind, gab es damals noch nicht. Solch 
ein Nachdenken, wie wir es haben, existierte nicht. 

Es ist gar nicht unnotig, sich einmal klarzumachen, welches der 
Unterschied ist zwischen einem wirklichen Seher unserer Zeit und 
etwa einem altchaldaischen oder altagyptischen Seher. Wer heute, und 
zwar wirklich aus den naturgemaBen Voraussetzungen unserer Zeit, 
zum Sehertume kommt, bei dem verhalt sich die Sache so: Er be- 
kommt das, was man nennt die Offenbarungen aus der geistigen Welt, 
was man nennen kann seine Eingebungen, Erfahrungen und Erleb- 
nisse aus der geistigen Welt so, daB er aus seinem gewohnlichen 
irdischen Denken heraus durchdringen muB diese Eingebungen mit 
dem, was er als logisches, vernunftiges Denken hier in der physischen 
Welt gewinnen kann. Vollstandig zu verstehen sind die der heutigen 
Zeit angehorigen Erfahrungen des Sehers gar nicht, wenn ihnen nicht 
entgegengekommen wird von einer Seele, die sich erst ordentlich 
geschult hat an logischem und vernunftigem Denken. Diese heutigen 
Eingebungen und Offenbarungen bleiben unverstandlich; sie ver- 
langen, daB die Seele ihnen sich nahert mit dem logischen Denken. 
Wer sie heute hat, ohne daB er den Willen hat zum logischen Denken, 
ohne daB er den Willen hat zur entsagungsvollen, verniinftigen Aus- 



bildung seiner irdischen Krafte, der kann nur zu dem kommen, was 
man nennt visionares Hellsehen, das durchaus nicht vollstandig ver- 
standen werden konnte, ein Hellsehen, welches unverstandlich bleibt 
und daher auch irrefuhrend ist. Nur eine Seele, welche den wirklich 
intensiven Willen hat, zu lernen in einer vemunftigen Weise, kommt 
in der richtigen Weise den heutigen Eingebungen des Sehertums ent- 
gegen. Deshalb muB in einer solchen geistigen Bewegung, wie es die 
unsere ist, der groBte Wert darauf gelegt werden, daB nicht etwa in 
einseitiger Weise das Sehertum ausgebildet wird und die Offen- 
barungen der geistigen Welt in einseitiger Weise verkiindigt werden, 
sondern es muB auch darauf hingearbeitet werden, daB die Seele den 
Eingebungen und Offenbarungen etwas entgegenbringt. Es muB wirk- 
lich ebenso logische Arbeit geleistet werden, wenn die Ausbildung 
des Sehertums gewollt wird. Beide konnen in unserer Zeit nicht ge- 
trennt werden. 

Fur den agyptischen oder chaldaischen Seher war das ganz anders. 
Er bekam mit seinen Eingebungen, die einen ganz andern Weg mach- 
ten, zugleich die logischen Gesetze. Daher brauchte er keine be- 
sondere Logik. Ihrn wurden, wenn er durch eine geistige Schulung 
durchgegangen war, die fertigen Gesetze schon in den Eingebungen 
gegeben. Dazu taugt der heutige Organismus nicht mehr. Dariiber hat 
er sich hinausentwickelt, denn die Menschheit schreitet vorwarts. 

Wenn man diesen Unterschied genau ins Auge faBt, dann wird es 
erst ganz verstandlich, was es heiBt, daB immer noch Reste alten Hell- 
sehens in der vorchristlichen Zeit vorhanden waren, mit der einzigen 
Ausnahme des althebraischen Volkes, das zuerst ausersehen war, solch 
einen menschlichen Organismus zu entwickeln, welcher dazu ver- 
anlagt war, die auBere physische Welt nach MaB, Zahl und so weiter 
zu durchschauen und so allmahlich von der physischen Welt auf- 
zusteigen zur Erkenntnis des Geistigen, das sich zusammenschloB in 
dem Bilde des Jahve oder Jehova. Das war das Wesentliche, daB in 
Abraham ein Mensch auserwahlt worden war, dessen Gehirn so ge- 
baut war, daB er der Stammvater eines ganzen Volkes werden konnte, 
das von ihm aus diese Eigenschaften weiter vererbte. Nicht nur sollten 
die Eingebungen, die im Inneren aufsteigen, empfangen werden, 



sondem sie sollten wie eine Gabe angesehen werden, die von auBen 
kommt. Es bekam alles das, was von Abraham stammt, zunachst 
nicht von innen, sondern alles wie eine Offenbarung zunachst von 
auBen. Damit ist etwas auBerordentlich Wichtiges gegeben fur die 
Unterscheidung der ganzen Anlage jenes Volkes von den iibrigen 
Volkern des Altertums ; es unterscheidet sich radikal von den iibrigen 
Volkern. 

Sie konnen sich denken, daB nicht auf einmal die alten Fahigkeiten, 
die alten Erbstiicke verlorengehen konnten, sondern daB auch bei 
diesem Volke noch alte Reste vorhanden blieben. Dies ist angedeutet 
bei Joseph, der noch mancherlei gemein hatte mit den andern Volkern. 
Dadurch konnte er das Verbindungsglied bilden zwischen dem alten 
hebraischen und dem agyptischen Volke, welches noch ganz in der 
Geistesstromung der vorchristlichen Volker drinnensteckte. Erst nach 
und nach konnten sich die neuen Fahigkeiten entwickeln. 

Warum wurde ein Volk gerade so vorbereitet? Warum muBte ein 
Volk dazu ausersehen werden, herausgetrennt zu werden aus dem 
gesamten iibrigen vorchristlichen Geistesleben, und warum sollte es 
ganz besondere Fahigkeiten bekommen? Aus dem Grunde muBte 
dies geschehen, damit die Moglichkeit gegeben war, Menschen vor- 
zubereiten auf den groBen Zeitpunkt, der gerade damals eintrat, als 
der Christus Jesus auf die Erde kam. Es war das der Zeitpunkt, wo 
alle alte Hellsichtigkeit und Blutsverwandtschaft ihre Bedeutung ein- 
gebiiBt hatte und etwas Neues eintrat fur den Menschen, namlich der 
vollige Gebrauch des Ich. Durch die radikale Blutsmischung ging 
verloren, was in alten Zeiten groBe Bedeutung hatte, dafur aber trat 
der voile Gebrauch des menschlichen Ich ein. So ward das eigentliche 
Menschenreich oder das Reich der Himmel zu den iibrigen Reichen 
noch hinzugeboren. 

Nun sind im allgemeinen die Menschen durchaus nicht geneigt, 
wenn etwas Neues geboren wird, das auch wirklich zu erkennen. Die- 
jenigen Ereignisse, die im Geistigen vorgehen, erkennen die Men- 
schen nicht so ohne weiteres. Sie reden zwar immer leicht von irgend- 
welchen kiinftigen Propheten, die da kommen sollten. Das war iiblich 
in der vorchristlichen wie in der nachchristlichen Zeit. Im 12. und 



13. Jahrhundert gab es eine wahre Sucht nach Prophetic An ver- 
schiedenen Orten traten Menschen auf, verkiindigten, daB der Christus 
in der nachsten Zeit wiederkommen werde, wiesen hin auf die Orte, 
wo er erscheinen werde. Auch in andern Zeiten traten vereinzelt solche 
Erscheinungen auf. Man sprach davon, daB dieser oder jener die 
Inkarnation eines neuen Christus sein werde. Selbstverstandlich brau- 
chen keine Worte verloren zu werden uber solche Prophezeiungen, 
denn selbst wenn sie eingetroffen waren, so wiirden sie deutlich die 
Mangel an sich getragen haben. Solche Prophezeiungen haben nam- 
lich einen standigen Mangel : sie reden prophetisch von dem, was da 
erscheinen soil, aber sie versaumen, die Menschen so vorzubereiten, 
daB diese erkennen, was da kommen wird, und die Gemiiter in solch 
eine Verfassung zu bringen, daB sie das Erscheinende wirklich ver- 
stehen konnten. 

Den Menschen, denen solches verkiindet wurde, muBte es ergangen 
sein wie jenem Gymnasiallehrer, von dem Hebbel in seinen Tagebuch- 
notizen berichtet: der Lehrer priigelt namlich einen Schiiler, weil er 
den Plato nicht verstehen konnte. Hebbel fiigt witzig hinzu, daB dieser 
Schiiler der reinkarnierte Plato sei. So ergeht es tatsachlich den Men- 
schen, die immer reden von einem wiedererscheinenden Christus. Es 
wiirde ihnen so ergehen, daB sie wenig vorbereitet waren auf den 
Inhalt, selbst wenn er erschiene. Solche Menschen wiirden den 
Christus fiir etwas ganz anderes halten als fur den Christus. 

Es sollte nun aber vorgesorgt werden. Und das muB man zum Ver- 
standnis des Matthaus-Evangeliums wissen, damit wenigstens einige 
Menschen da seien, welche das Christus-Ereignis verstehen konnen, 
das ja, wenn wir es von dieser Seite charakterisieren wollen, darin 
besteht, zu wissen, daB der Christus derjenige war, der den Menschen 
die Moglichkeit brachte, nunmehr nicht bloB physische Eindriicke zu 
empfangen, sondern von auBen zu empfangen den Geist. Dazu sollten 
einzelne Menschen vorbereitet werden. So wurden denn in der Tat 
im ganzen hebraischen Altertum in einer gewissen Beziehung einzelne 
Menschen darauf vorbereitet, ein Verstandnis zu gewinnen fiir das 
Christus-Ereignis. Diese Menschen - es waren ihrer nur wenige im 
alten hebraischen Volke - muB man sich einmal naher betrachten, 



wenn man verstehen will, wie die Vorbereitungen auf den kommenden 
Christus gepflogen wurden, wie das Volk mit seinen von Abraham 
herunter vererbten Eigenschaften fahig gemacht wurde, prophetisch 
zu verstehen das durch den Heiland gebrachte Menschen-Ich. Die- 
jenigen Menschen, welche vorbereitet wurden, hellseherisch wissen 
und erkennen zu konnen, was der Christus eigentlich bedeutet, nennt 
man Nasiraer. Diese konnten hellseherisch einsehen, was sich im alten 
hebraischen Volke vorbereitete, damit aus diesem Volke beraus der 
Christus geboren und verstanden werden konnte. Diese Nasiraer 
waren in bezug auf ihre Lebensweise, die in Hinsicht auf ihre innere 
Gestaltung durch ihre hellseherische Entwickelung gegeben war, an 
strenge Regeln gebunden, an Regeln, welche, weil sie einer ganz 
andern Zeit angehorten, ziemlich stark sich unterscheiden etwa von 
den Regeln, durch die man heute zur Entwickelung geistiger Erkennt- 
nisse kommt, die mit jenen doch noch eine gewisse Ahnlichkeit haben. 
Manches ist beim Nasiraat wichtig, was heute nur Nebenbedingung 
ist, manches ist nebensachlich, was heute Hauptsache ware. Daher soil 
niemand glauben, daB das, was friiher dazu fuhrte, hellsichtig ein 
Christus-Kenner zu werden, im Sinne eines heutigen Menschen zu 
demselben wichtigen und ausgiebigen Erkennen fuhren wurde. 

Das erste, was vom Nasiraer verlangt ward, war die vollige Ent- 
haltung von alien alkoholischen Getranken. Es war ferner strengstens 
verpont, etwas zu genieBen, was mit Essig zubereitet war. Fur die, 
welche die Vorschriften sehr strenge hielten, war es ferner notig, zu 
meiden alles das, was von der Weinbeere kam, weil man sich sagen 
konnte, in der Weinbeere sei das pflanzenbildende Prinzip iiber einen 
gewissen Punkt hinausgeschritten, iiber den Punkt namlich, der da- 
durch gegeben ist, daB die Sonnenkrafte bloB auf die Pflanze wirken. 
In der Weinrebe aber wirken nicht bloB die Sonnenkrafte, sondern 
schon etwas, das sich innerlich entwickelt, was reift schon bei jener 
jahrlich schwacher werdenden Sonnenkraft, die im Herbste waltet. 
Daher gab, was mit der Weinrebe zusammenhing, nur einen Trank 
fur diejenigen, die nicht hellseherisch im hoheren Sinne werden woll- 
ten, die bloB den Gott Dionysos verehrten und gleichsam aus der 
Erde aufsteigen lieBen ihre Fahigkeiten. 



Ferner war der Nasiraer gebunden, solange seine Vorbereitung im 
Nasiraat dauerte, nicht in Benihrung zu kommen mit alldem, was 
sterben kann und im Besitz eines astralischen Leibes ist; kurz, alles 
was tierisch ist, das sollte der Nasiraer vermeiden, mit sich in Beruh- 
rung zu bringen. Er muBte Vegetarier sein im strengsten Sinne des 
Wortes; daher haben in gewissen Gegenden die strengsten Nasiraer 
zu ihrer einzigen Nahrung das Johannisbrot gewahlt. Dieses Johannis- 
brot war ein besonders haufiger Nahmngsartikel fur diejenigen, 
welche das Nasiraat anstrebten. Dann ernahrten sie sich aber auch von 
dem Honig wilder Bienen, nicht der Zuchtbienen, und sonstiger 
honigsuchender Insekten. Eine solche Lebensweise wahlte spater 
auch der Taufer Johannes zu seiner eigenen, indem er sich nahrte von 
Johannisbrot und wildem Honig. In den Evangelien steht, er hatte 
Heuschrecken und wilden Honig gegessen; dies ist aber als ein Uber- 
setzungsfehler anzusehen, denn in der Wiiste hatte er schwerlich Heu- 
schrecken fangen konnen. Auf ahnliche Fehler habe ich Sie fruher 
schon aufmerksam gemacht. 

Bei den Nasiraern war es eine Hauptsache, zur Vorbereitung auf ihr 
Hellsehertum die Haare nicht schneiden zu lassen, solange sie in dieser 
Vorbereitung waren. Das hangt intim zusammen mit der ganzen Ent- 
wickelung der Menschheit. Man muG eben den Zusammenhang des 
Haarwuchses mit der gesamten Menschheitsentwickelung ins Auge 
fas sen konnen. Alles, was am Menschen an Wesenheit vorhanden ist, 
kann nur verstanden werden, wenn man es aus dem Geiste heraus zu 
begreifen sucht. So sonderbar es fur den Menschen klingt : in unseren 
Haaren haben wir einen Rest gewisser Strahlungen zu sehen, durch die 
vorher Sonnenkraft in den Menschen hineingetragen wurde. Fruher 
war dies etwas Lebendiges, was die Sonnenkraft in den Menschen 
hineintrug. Daher finden Sie dies da, wo man ein BewuBtsein an 
tiefere Dinge noch hatte, in gewisser Beziehung noch ausgedriickt: 
bei alten Lowenplastiken sieht man oft deutlich, daC der Bildhauer 
nicht einfach einen heutigen Lowen mit seiner mehr oder weniger 
pudelahnlichen Mahne kopieren wollte. Derjenige, welcher noch die 
gute Tradition aus alten Erkenntnissen hatte, stellte den Lowen so dar, 
daB man den Eindruck hatte, hier seien die Haare gleichsam wie von 



auBen in den Korper hineingesteckt, ahnlich wie Sonnenstrahlen, die 
hineindringen und in den Haaren gleichsam verhartet waren. So 
konnte sich also der Mensch sagen, daB es vielleicht in alten Zeiten 
durchaus noch moglich war, durch das Stehenlassen der Haare Krafte 
in sich aufzunejimen, besonders wenn die Haare frisch und gesund 
sind. Aber schon im hebraischen Altertum, bei den Nasiraern, hat man 
darin kaum noch mehr als ein Symbolum gesehen. 

DaB man das, was geistig hinter der Sonne liegt, in sich einstromen 
lieB, darin bestand wirklich in einer gewissen Beziehung der Fort- 
schritt der Menschheit. In dem Fortschritt von den alten im Menschen 
aufsteigenden hellseherischen Gaben zu dem Kombinieren und Den- 
ken iiber die AuBenwelt war bedingt, daB er immer weniger als ein 
behaartes Wesen auftrat. Die Menschen der atlantischen und der ersten 
nachatlantischen Zeit hat man sich vorzustellen mit reichem Haar- 
wuchs, ein Zeichen dafiir, daB sie von dem Geisteslicht noch stark 
iiberstrahlt worden sind. Die Wahl wurde getroffen, wie die Bibel 
erzahlt, zwischen dem unbehaarten Jakob und dem behaarten Esau. 
In dem letztern sehen wir einen Menschen, der abstammte von Abra- 
ham und letzte Reste einer alten Menschheitsentwickelung in sich 
hatte, die zum Ausdruck kamen in seinem Haarwuchs. Derjenige 
Mensch, der solche Eigenschaften hatte, daB er sich in die Welt hin- 
ausentwickelte, war in Jakob dargestellt. Er besaB die Gaben der 
Klugheit mit all ihren Schattenseiten; Esau wird von ihm beiseite 
geschoben. So wird in Esau wiederum ein SproB von der Hauptlinie 
abgeschoben. Von Esau stammen die Edomiter ab, in welchen sich 
noch alte menschliche Erbschaften fortpflanzten. 

In der Bibel sind tatsachlich alle diese Dinge sehr schon aus- 
gedriickt. Es sollte nun wieder ein BewuBtsein im Menschen ent- 
stehen von dem, was Geistesleben ist, und auf eine neue Art sollte es 
entstehen im Nasiraer, dadurch daB er die langen Haare trug wahrend 
seiner Vorbereitungszeit. Im Altertum ist das Verhaltnis der Haare 
zum Licht des Geistes sogar dadurch ausgedriickt, daB Licht und 
Haar mit Ausnahme eines geringtugigen Zeichens durch dasselbe 
Wort dargestellt werden. Uberhaupt weist die althebraische Sprache 
auf die tiefsten Geheimnisse der Menschheit hin. Sie muB als so etwas 



wie eine gewaltige SprachofTenbarung der Weisheit betrachtet werden. 
Das war der Sinn der Tatsache, daB die Nasiraer sich lange Haare 
wachsen lieBen. Heute braucht dies allerdings nicht mehr als Haupt- 
sache betrachtet zu werden. 

Wahrend der Vorberekungszek sollte der Nasiraer zu einer ganz 
bestimmten hellseherischen Erfahrung gebracht werden, welche eine 
Vorstellung davon verschaffen sollte, wie nahe die Menschheit schon 
dem Zeitpunkt des Herannahens des Christus sei. Derjenige, welcher 
zur Zeit des Christus der letzte groBe Nasiraer war, wird genannt 
Johannes der Taufer. Er hatte den AbschluB des Nasiraats nicht nur 
an sich erlebt, sondern ihn auch alle diejenigen erleben lassen, die er 
zu Menschen machen wollte. Dieser AbschluB ist aber nichts anderes 
als die Johannestaufe. Wir miissen sie nur so recht in ihrem Entwicke- 
lungswerte verstehen lernen. Was ist nun diese Taufe und wozu 
fiihrte sie? Sie bestand zunachst darin, daB der Mensch unter Wasser 
getaucht wurde, wodurch sich sein Atherleib am Kopfe etwas vom 
physischen Leibe lockerte, wahrend sonst der Mensch den Atherleib 
fest mit dem physischen Leib verbunden hat. Sie wissen ja, daB der 
Mensch beim Ertrinken infolge Lockerung seines Atherleibes auf 
einmal sein ganzes Lebenstableau vor sich sieht. So sah der Mensch 
bei der Johannestaufe auch sein Lebenstableau; er sah die Eigentiim- 
lichkeiten seines ganzen Lebens, was sonst vergessen geblieben ware. 
Er sah aber auch, was eigentlich der Mensch in dem betreffenden 
Zeitalter war. Der physische Leib wird herausentwickelt aus dem 
Atherleibe als seinem Bildner. Dieses Glied der menschlichen Wesen- 
heit jedoch, das den physischen Korper bildet, konnte nur beobachtet 
werden, wenn man es herauslockerte aus dem physischen Leibe. Dies 
geschah bei der Johannestaufe. 

Wenn ein Mensch diese Taufe dreitausend Jahre vor unserer Zeit- 
rechnung erlebt hatte, so wurde er sich bewuBt geworden sein, daB 
das beste Geistige, das dem Menschen gegeben werden kann, kommen 
muB als ein altes Erbstiick, denn es war ja eigentlich noch Erbstiick, 
was aus den geistigen Welten in alten Zeiten gegeben wurde. Dieses 
war als Bild im Atherleib und formte an dem physischen Leib. Gerade 
auch bei denjenigen, die iiber das normale Menschentum hinaus 



entwickelt waren, wiirde es sich bei dieser Taufe gezeigt haben, daB 
all ihr Wissen auf alter Eingebung beruht hatte. Solches bezeichnete 
man als das Erblicken del atherischen Seelennatur in Form der 
Schlange. Man nannte die, welche das erlebt hatten, die Kinder der 
Schlange, weil sie durchschaut hatten, wie sich die luziferischen 
Wesenheiten in die Menschen hinuntergesenkt haben. Was den physi- 
schen Leib formte, war ein Geschopf der Schlange. 

Jetzt aber, bei einer Johannestaufe nicht dreitausend Jahre vor 
Johannes dem Taufer, sondern zu seiner Zeit, stellte sich etwas ganz 
anderes heraus : daB namlich unter denen, die getauft wurden, schon 
solche waren, die in ihrer Natur zeigten, daB die Entwickelung der 
Menschheit fortgeschritten ist, daB das Ich, welches von der AuBen- 
welt befruchtet ist, jene groBe Gewalt hatte. Da zeigte sich auch ein 
ganz anderes Bild, als es sich friiher bei der Johannestaufe gezeigt 
hatte : der Mensch sah die schopferischen Krafte des Atherleibes nicht 
mehr in dem Bilde der Schlange, sondern in dem Bilde des Lammes. 
Dieser Atherleib war nicht mehr durchdrungen von innen her mit 
dem, was von den luziferischen Kraften kam, sondern er war ganz 
hingegeben der geistigen Welt, die durch die Erscheinungen der 
AuBenwelt hineinscheint in die Seele des Menschen. Dieses Erblicken 
des Lammes war das Erlebnis bei der Johannestaufe, das diejenigen 
hatten, welche wirklich verstehen konnten, was die Johannestaufe 
damals bedeutete. Diese waren es aber auch, die sich sagen konnten, 
der Mensch sei ein ganz anderer, ein neues Wesen geworden. Die 
wenigen, die das erlebten bei der Johannestaufe, konnten sagen: Ein 
groBes, gewaltiges Ereignis ist eingetreten, der Mensch ist ein anderer 
geworden; das Ich hat jetzt die Herrschaft gewonnen auf Erden! - 
Es waren die Leute, die Johannes taufte, dazu vorbereitet worden, die 
Zeichen der Zeit zu verstehen, zu verstehen, daB ein solch groBes 
Ereignis gekommen ist. 

Dies war immer die Aufgabe der Nasiraer. Sie wurden durch die 
Taufe dahin gebracht, daB sie immer wuBten, wie nahe das Kommen 
des Christus ist. Dies erkannten sie an der Beschaffenheit des Ather- 
leibes bei der Lockerung wahrend der Taufe. Johannes der Taufer 
sollte zeigen, daB nun die Zeit gekommen war, wo das Ich sich ein- 



leben konnte in die Menschennatur. Dadurch war er der Erfiiller der 
alten Zeit. Er durfte eine Gemeinde urn sich sammeln, welcher er 
zeigen konnte, daB das Christus-Prinzip durch die Wendung zum Ich 
nun einziehen konnte in die Menschheit. Johannes der Taufer hat das 
Nasiraat im hochsten Sinne ausgebildet, so daB es von einer Prophetie 
zur Erfiillung wurde. Er bildete eine Gemeinde um sich, die das 
nahende Christus-Ereignis verstehen konnte. So nur sind jene Worte 
zu verstehen, die der Taufer spricht. Gerade solche Worte sind un- 
endlich tief zu nehmen, und es geziemt sich wahrhaftig nicht mehr von 
einem Menschen, der heute sich mit solchen Dingen beschaftigen 
will, in Johannes dem Taufer nichts anderes zu sehen als einen zetern- 
den, fanatischen Menschen, der nur iiber die Pharisaer schimpft, sie 
ein Otterngeziicht nennt und ihnen zuruft: «Bildet euch nichts dar- 
auf ein, daB ihr Abraham zu eurem Vater habt, Gott kann dem Abra- 
ham aus diesen Steinen Kinder erwecken.» Johannes der Taufer ware 
wahrlich ein sonderbarer Keifer gewesen, wenn er sich nicht auch 
dariiber gefreut hatte, daB auch Pharisaer und Sadduzaer zu ihm 
kamen, um sich taufen zu lassen. Indessen, beschimpft er sie sofort bei 
ihrer Ankunft? Wozu das? 

Wenn man die Dinge aus ihrem Inneren heraus versteht, so zeigt 
sich sehr bald, daB nicht bloB fanatische Schimpferei dahinter liegt, 
sondern daB in der Tat eine hohe Bedeutung und ein tiefer Sinn da- 
hinter liegt. Diesen Sinn aber kann man nur verstehen, wenn man auf 
einen besondern Zug des althebraischen Volkes eingeht. Schon aus 
dem Gesagten konnen Sie entnehmen, daB in Abraham ein solcher 
Mensch ausgewahlt worden ist, der so organisiert war, daB im rechten 
Zeitmomente aus seinen Nachkommen der Jesus herausgeboren wer- 
den konnte. Dazu aber muBte das, was erst Anlage bei Abraham war, 
entwickelt werden. Wir miissen uns dariiber klar sein, daB zur Ent- 
faltung dieser Anlage notig war, daB immer einiges ausgestoBen 
wurde. Wir haben schon gesehen, wie Joseph abgestoBen worden ist. 
Aber auch schon friiher war manches abgestoBen worden, zum Bei- 
spiel Esau, der Stammvater der Edomiter, weil in ihm auch ein altes 
Erbstiick ubriggeblieben war. Nur das sollte namlich erhalten bleiben, 
was in der gekennzeichneten Richtung veranlagt war. Dies ist in wun- 



derbarer Weise darin ausgedriickt, da8 Abraham zwei Sohne hatte, 
Isaak, den Sohn der Sarah auf der einen Seite, und Ismael. Von Isaak 
stammt das althebraische Volk ab. In Abraham waren aber noch 
andere Eigenschaften. Wurden diese sich durch die Generationen 
hinunter vererben, so kame nicht das Richtige zustande. Daher muBte 
jenes andere radikal hinausgestoBen werden in eine andere Nach- 
kommenschaft, in die Ismaels, den Sohn der agyptischen Magd Hagar. 
Zwei Abstammungslinien gehen also von Abraham aus, die eine iiber 
Isaak und die andere iiber den verstoBenen Ismael, der das Blut einer 
Agypterin in sich hat und die fur die Mission des hebraischen Volkes 
nicht tauglichen Eigenschaften auf sich nehmen muBte. 

Nun aber geschieht etwas ganz Besonderes. Das hebraische Volk 
sollte in der Vererbungslinie das Richtige fortpflanzen, und das, was 
altes Erbgut, alte Weisheit ist, muB ihm von auBen iibermittelt wer- 
den. Die alten Hebraer muBten nach Agypten gehen, um das auf- 
zunehmen, was sie dort aufnehmen konnten. Moses konnte dies 
dem Volke geben, weil er ein agyptischer Eingeweihter war. Er 
hatte es freilich nicht geben konnen, wenn er es nur in der agyp- 
tischen Form gehabt hatte. Es ware falsch, sich vorzustellen, daB 
einfach die altagyptische Weisheit hineingepfropft worden sei in 
das, was von Abraham herunterstromte. Das wiirde sich nicht ver- 
tragen haben mit der Kultur des hebraischen Volkes, dies wiirde 
eine KulturmiBgeburt gegeben haben. Moses brachte noch etwas 
ganz anderes zu seiner agyptischen Einweihung hinzu. Daher konnte 
er auch das, was er aus der agyptischen Einweihung heraus be- 
kam, nicht so einfach den Israeliten geben. Er gab ihnen erst etwas, 
als er die Offenbarung am Sinai erhalten hatte, also erst auBerhalb 
Agyptens. 

Was ist denn die Offenbarung vom Sinai? Was bekam Moses da, 
und was gab er dem Volke? Er gab ihm etwas, das wohl auf den 
Stamm dieses Volkes gepfropft werden konnte, weil es mit ihm in 
einer ganz bestimmten Weise verwandt war. Es waren einst die Nach- 
kommen des Ismael ausgewandert und hatten sich angesiedelt in den 
Gegenden, welche nun von Moses mit seinem Volke durchzogen 
wurden. Jene Eigenschaften, die iiber Hagar zu den Ismaeliten gingen, 



welche zwar noch verwandt waren mit Abraham, aber dazu viele alte 
Erbstiicke sich mit bewahrt hatten, die fand Moses dort bei den 
Ismaeliten, welche eine Art von Eingeweihten hatten. Aus den Offen- 
barungen dieses Zweiges entnahm er die Moglichkeit, den Israeliten 
die OfFenbarung vom Sinai verstandlich zu machen. Daher lautet eine 
alte Legende des hebraischen Volkes: Es ward hinausgestoBen ein 
SproB des Abraham in Ismael nach Araba. Das heiBt in die Wiiste. 
Was innerhalb dieses Stammes erwuchs, war ebenfalls enthalten in 
dem Lehrgut des Moses. Das althebraische Volk bekam auf dem Sinai 
das als Lehre wieder zuriick durch Moses, was es ausgestoBen hatte 
aus seinem Blute; von auBen bekam es dieses wieder zuriick. 

Darin sieht man wieder die wunderbare Sendung des hebraischen 
Volksstammes, daB ihm alles so gegeben werden sollte, daB er es 
nachher als ein Geschenk wieder zuriickzuerhalten hat. Als ein Ge- 
schenk von auBen empfing Abraham in Isaak das gesamte hebraische 
Volk; wiederum bekommt Moses und sein Volk von den Nachkom- 
men des Ismael das, was es ausgestoBen hatte, wieder zuriick. Es sollte 
in Absonderung nur diese seine ihm eigene Organisation ausbilden 
und als Geschenk seines Gottes zuriickempfangen, was es aus- 
gestoBen hatte. So versohnte sich spater auch Jakob mit Esau wieder, 
wodurch das hebraische Volk wiederum das zuriick erhielt, was es 
einst in Esau ausgeschieden hatte. 

Man muB eben die Bibel sehr sorgfaltig lesen, um die Tragweite der 
Worte darin richtig wiirdigen zu konnen. Solche Dinge ziehen sich 
als charakteristischer Zug durch die ganze Geschichte des hebraischen 
Volkes hin. Von den Nachkommen der Hagar stammt etwas ab, das 
mit der Gesetzgebung des Moses zusammenhangt, wahrend abstammt 
das Blut, das die eigentlich israelitischen Fahigkeiten des Moses 
reprasentiert, von der Sarah. Agar oder Hagar heiBt im Hebraischen 
auch Sinai, was bedeutet der Steinberg, der groBe Stein. Man konnte 
auch sagen, von dem groBen Stein, der eine auBere Auspragung war 
von Hagar, bekam Moses seine GesetzesofFenbarung. Das, was dieses 
judische Volk als Gesetzgebung hatte, stammte nicht aus den besten 
Eigenschaften des Abraham, das stammte ab von Hagar, vom Sinai. 
So daB diejenigen, welche die Anhanger der bloBen Gesetzgebung 



sind, wie sie vom Sinai herstammte, die Pharisaer und Sadduzaer, der 
Gefahr ausgesetzt sind, in ihrer Entwickelung stehenzubleiben. Sie 
sind diejenigen, welche bei der Johannestaufe nicht das Lamm sehen 
wollen, sondern die Schlange. 

So verwandelt sich das, was sonst bloB Gekeife des Taufers ware, 
in eine scheme Ermahnung der Pharisaer und Sadduzaer, wenn er 
ihnen zuruft: Ihr, die ihr Anhanger der Schlange seid, gebt acht, daB 
ihr wirklich in der Taufe das Richtige schaut. - Namlich nicht die 
Schlange, sondern das Lamm. Er sagte ihnen ferner, sie brauchten 
sich nichts darauf einzubilden, daB sie Abraham zum Vater hatten, 
denn dies sei bei ihnen ein bloBes Wort; sie schworten auf das, was 
vom Stein Sinai kame, aber das hatte aufgehort, eine Bedeutung zu 
haben. Nun aber wird aus der Welt etwas herantreten als neugeborenes 
Ich, und dieses Ich zeige ich euch, sagte der Taufer: Ich zeige euch, 
wie das aus dem Judentum herauswachsen wird, was wirklich durch 
die Generationen heruntergetragen worden ist und was nicht mehr auf 
den einzigen Stein Sinai schworen wird, sondern auf das, was iiberall 
um uns herum ist. Gottes Kinder konnen dadurch erscheinen, daB 
hinter dem Sinnlichen das Geistige erschaut wird. Aus diesen Steinen 
kann Gottes Wort dem Abraham Kinder erwecken ! Ihr versteht jenen 
Ausspruch gar nicht: «Wir haben Abraham zum Vater. » 

Erst aus dem hier Gesagten heraus gewinnt jenes Wort seine voile 
Bedeutung. So etwas braucht nicht nur aus der Akasha-Chronik her- 
ausgeholt zu werden, sondern es steht schon in der Bibel. Vergleichen 
Sie, was im Galaterbrief der Apostel Paulus dariiber sagt. Hier ist das- 
jenige, was eben ausgesprochen worden ist, auch vom Apostel Paulus 
bestatigt. Auch er sagt, daB Hagar oder Agar dasselbe Wort sei wie 
Sinai, und daB das, was dort am Sinai gegeben worden ist, ein Testa- 
ment ist, uber das diejenigen hinauswachsen sollen, die durch Heran- 
bildung der eigentlichen Anlagen des Abraham durch die Genera- 
tionen hindurch verstehen sollen, was durch Christus in die Welt 
gekommen ist. 

Damit ist zu gleicher Zeit wiederum auf ein Wort hingewiesen, das 
man kunftig verstehen muB. Es ist so schade, daB man in einer Zeit, 
wo scheinbar die Intelligenz so hoch gewachsen ist, liber so wenig 



noch nachgedacht hat, so zum Beispiel iiber das Wort: «Tut BuBe!» 
Seiner Bedeutung nach wurde es etwa zu iibersetzen sein : Bewirkt in 
euch die Anderung des Sinnes. An den verschiedensten Stellen wird 
gesagt, daB Johannes taufte zur BuBe, das heiBt zur Anderung des 
Sinnes, mit Wasser. Als die Tauf linge aus dem Wasser herausstiegen, 
sollten sie den Sinn andern, nicht mehr zuriickschauen auf die alten 
Traditionen, sondern vorausblicken auf das, was das frei gewordene 
Ich, das gegeben ward in Christo Jesu, besaB. Der Sinn sollte aus der 
Richtung der alten Gotter nach der Richtung der neuen geistigen 
Wesenheiten oder Gotter gelenkt werden. In dieser Weise war Sinnes- 
anderung das Ziel der Johannestaufe. Johannes taufte deshalb mit 
Wasser, um in einigen Menschen die Kraft hervorzurufen, daB sie 
erkannten, daB das Reich der Himmel nahe herbeigekommen sei, und 
damit sie verstehen konnten, wer der Christus Jesus sei. 

Hiemit ist noch einiges hinzugefiigt zu dem, was wir kennen- 
gelernt haben als die Sendung des althebraischen Volkes. Das alles 
wird dazu fiihren, nach und nach auch den Christus besser zu ver- 
stehen. Gar wunderbar gliedert sich diese Sendung zusammen. Wir 
haben gesehen, wie in Abraham das veranlagt war, was sich in dem 
Volke durch Generationen hindurch weiter entwickelte. Dazu muBte 
manches abgestoBen werden, und die geeigneten Fahigkeiten muBten 
im Blute, in der Vererbung weiterentwickelt werden. Man konnte 
solche Fahigkeiten nur von auBen hereinbekommen. Das aber, wozu 
dieses Volk von Abraham her veranlagt und ausersehen war, wurde 
konzentriert in einem Wesen, in Jesus. 

Die Juden brauchten das, woran sie sich halten konnten, als eine 
Lehre; immer muBte es ihnen von auBen kommen, und zwar kam es 
aus dem, was von ihnen selber abgestoBen worden ist. Im Blute durfte 
das nicht bleiben, was auf Ismael iiberging, bloB in den Erkenntnissen 
durfte es sein. Daher empfing es das hebraische Volk in der Gesetz- 
gebung des Moses am Sinai wieder. Diese hatte ihren Sinn erfiillt, als 
die Zeit gekommen war, in der man nicht mehr brauchte, was von 
dem Stein gekommen war, sondern wo man das hatte, was aus der 
ganzen Welt der Menschheit zukommen sollte. So wurde langsam 
vorbereitet die Zeit, in der aus den Steinen die Sonne Gottes, das 



heiftt die Menschen entstehen konnten, wo hinter alien Steinen, ja 
hinter der ganzen Erde die geistige Welt sich eroffnete. 

Alles dies sind nur Teilstiicke zum Verstandnis der Mission des 
hebraischen Volkes. Nur wenn man diese Mission ganz versteht, kann 
man auch verstehen die groBe Gestalt des Christus Jesus, wie sie im 
Matthaus-Evangelium vor uns steht. 



Ober das rechte verhaltnis zur anthroposophie 



Stuttgart, 13. November 1909 



Was oftmals gesagt wird in den ver schiedenen Vortragen iiber die in 
der Siebenzahl ablaufenden Zyklen, ist keine Redensart; es entsprieht 
wirklich einem Gesetz des Daseins. Indem wir einen sieben jahrigen 
Zyklus in dem Leben unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung 
nun vollendet haben, darf es gesagt werden, daB wir eigentlich einige 
Momente ein wenig Einkehr halten sollten in unser ganzes Streben, 
in unset ganzes Arbeiten. Dieses Arbeiten ist ja nur dann moglich, 
wenn die spirituelle Bewegung so ablauft, daB sie sozusagen in ihrer 
inneren GesetzmaBigkeit etwas von den Gesetzen der groBen Welten- 
ordnung enthalt. Die Weltenordnung lauft ab in Zyklen, die man 
nach der Siebenzahl rechnen kann. Wir zahlen sieben planetarische 
Zustande, sieben Zustande innerhalb der planetarischen Welten und 
so weiter. Aber audi bei einer solchen Bewegung wie der unsrigen 
spielt die Siebenzahl eine gewisse Rolle, und es kehrt gewissermaBen 
das Streben nach sieben Jahren zu seinem Anfang zuriick, indem es 
sich einverleibt hat in der Zwischenzeit dasjenige, was erarbeitet wor- 
den ist. Es kehrt das Streben auf einer hoheren Stufe wiederum nach 
seinem Anfang zuriick. So etwas ist nur dann zu erreichen moglich, 
wenn auch die tiefere, innere GesetzmaBigkeit der Sache nicht auBer 
acht gelassen wird. 

Wenn Sie ein wenig zuriickblicken, wie wir gearbeitet haben in 
diesen sieben Jahren, so werden Sie eines bemerken konnen: es gab 
wirklich eine gewisse RegelmaBigkeit in dieser Arbeit. Sie konnen 
naturlich diese Dinge, die jetzt gesagt werden, nicht auf den Tag hin 
nehmen, aber wenn Sie sie im wesentlichen nehmen, so werden Sie 
sehen, daB sie so sind. Wir haben in den ersten vier Jahren unserer 
Arbeit sozusagen die Grundanlagen unseres Arbeitens gemacht. In 
den ersten vier Jahren haben wir uns verschafft eine gewisse Er- 
kenntnis vom Wesen des Menschen, eine gewisse Erkenntnis von den 
Wegen, die in die hoheren Welten hinauffuhren, und wir haben uns 
verschafft etwas iiber die groBen kosmischen Zusammenhange, iiber 



das, was man nennen kann die Priifung der Ergebnisse der Akasha- 
Chronik in bezug auf die Weltengeheimnisse. 

Diejenigen unserer Mitglieder, welche spater eingetreten sind, 
haben ja immer notig gehabt und werden es immer notig haben, diese 
feste Grundlage unseres Strebens, die unerlaBlich ist, sich nachher 
anzueignen. Denn es geniigt keineswegs, daB man sich blo8 das an- 
eignet, was, um einen Fortschrkt einer Bewegung in richtiger Weise 
moglich zu machen, in den letzten drei Jahren vorgekommen ist. 
Wenn Sie eine gewisse Riickschau halten, so werden Sie sehen, daB 
in den letzten drei Jahren in gewisser Beziehung ausgebaut worden 
sind selbst diejenigen Wahrheiten und Erkenntnisse, die Ihnen in den 
letzten Jahren, vielleicht etwas frappierend, entgegengetreten sind. 
Wenn Sie versuchen, den Zusammenhang herzustellen mit dem, was 
in den ersten vier Jahren unseres Arbeitens gepflegt worden ist, so- 
zusagen in dem viergliedrigen Unterbau des Ganzen, so werden Sie 
sehen, daB auch das, was frappierend war, was groBe, umfassende 
Wahrheiten sind, einen intimen Zusammenhang hat mit dem, was 
in den ersten vier Jahren geschehen ist. Davon werden Sie sich iiber- 
zeugen konnen, wenn Sie Einkehr in sich selber halten. Die jiingeren 
Mitglieder sollten es sich recht sehr ins Herz geschrieben sein lassen, 
daB sie durchaus nicht versaumen sollten, fur einen gediegenen 
Grundbau bei sich zu sorgen. Es wird ja immer mehr und mehr, 
viberall wo gearbeitet wird, dafur gesorgt, daB derjenige, der spater 
eintritt, nachholen kann, was in den ersten Jahren hier erarbeitet 
worden ist. Ohne dieses Nachholen ist ein wirkliches Mitkommen 
eigentlich nicht moglich. Wir sollen das, was geisteswissenschaftliche 
Bewegung ist, durchaus im tiefsten Sinne ernst nehmen. Im Zu- 
sammenhange damit darf vielleicht heute iiber ein Thema gesprochen 
werden, gerade mit Bezug auf unseren wichtigen Zeitabschnitt, iiber 
ein Thema, das mehr die Gesinnung und die ganze spirituelle Vor- 
stellungsart betrifft: Welches ist die richtige Art, in der sich der 
Anthroposoph zur Geisteswissenschaft selber stellen kann? 

Was hiermit gesagt sein soil, wird uns noch viel klarer werden, 
wenn wir die Frage etwas anders stellen, wenn wir sie so stellen: 
Warum wird denn iiberhaupt heute so, wie es geschieht, Anthropo- 



sophie gelehrt? Warum werden Mitteilungen gegeben iiber die hohe- 
ren Welten, Mitteilungen, die Ergebnisse der geistigen Forschung, des 
hellseherischen BewuBtseins sind? Konnte es vielleicht nicht so sein, 
daB in ganz anderer Weise vorgegangen wiirde, daB man vielleicht 
damit begiinne, einem jeden gewisse Anweisungen zu geben, wie er 
seine eigenen, inneren, in der Seele schlummernden Fahigkeiten ent- 
wickeln kann, so daB er sozusagen durch diese Anweisungen emp- 
fangen wiirde die Moglichkeit, nach und nach selber hinaufzudringen 
in die geistigen Welten, auch bevor er irgend etwas, wie es heute ge- 
schieht, mitgeteilt erhalt von dem, was Tatsachen in den hoheren 
Welten sind? Man muB sagen, es ist in einer gewissen Weise friiher 
die Gepflogenheit so gewesen; sie war so vor unserer geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung im modernen Sinne des Wortes. Da hat man 
lange Zeiten hindurch gesagt : Es niitzt ja eigentlich nicht viel, wenn 
irgend jemand hintritt vor die Welt und die Ergebnisse der geistigen 
Forschung mitteilt. - Und man hat sich so zuriickhaltend wie moglich 
benommen in bezug auf solche Mitteilungen. Man hat eigentlich sich 
darauf beschrankt, den Menschen gewisse Regeln zu geben, wie sie 
die in ihrer Seele schlummernden Fahigkeiten entwickeln sollen, und 
hat dann, im Grunde genommen, sie nicht mehr wissen lassen als 
das, was sie sich so selber durch eigene Anschauung langsam in den 
hoheren Welten erworben haben. Es konnte nun die Frage entstehen : 
Warum wird dieser Weg heute nicht eben ausschlieBlich eingeschla- 
gen, sondern warum wird heute aus den Ergebnissen der Geistes- 
forschung Anthroposophie mitgeteilt? 

Das ist nicht aus irgendeines Menschen Vorliebe oder Willkiir ent- 
sprungen, sondern das hat seine guten Griinde. Und wir werden 
besser verstehen, was wir gut verstehen sollten, wenn wir uns immer 
wiederum eines sagen: Was teilt eigentlich diese Geisteswissenschaft 
mit? Sie teilt mit Tatsachen, Wahrheiten aus dem Bereich der hoheren, 
der ubersinnlichen Welten; sie teilt mit dasjenige, was das hellsehe- 
rische BewuBtsein in diesen hoheren Welten erforschen kann. 

Nun ist es ja richtig, daB derjenige, dem solche Mitteilungen ge- 
macht werden und der nicht selbst hellseherisch ist, sich von den Tat- 
sachen als solchen zunachst nicht durch unmittelbare Anschauung 



iiberzeugen kann. Es ist richtig, daB er die Mitteilungen hinnimmt, 
und daB er sie sozusagen durch den hellseherischen Augenschein 
nicht priifen kann. GewiB, das ist ganz richtig. Aber es ware ganz 
falsch, zu giauben, daB der Mensch, der nicht hellseherisch ist, die 
heute mitgeteilten Erkenntnisse iiberhaupt nicht priifen konnte, iiber- 
haupt nicht einsehen konnte. Das zu giauben, ware ganz falsch und 
es ware eine unrichtige Meinung, wenn man behaupten wollte, daB 
man bloB auf Treu und Giauben, auf bloBe Autoritat hin das auf- 
nehmen miiBte, was aus dem hellseherischen BewuBtsein heraus mit- 
geteilt wird. Es wiirde geradezu etwas im hochsten Grade Unvoll- 
kommenes in diesen Mitteilungen liegen, etwas Mangelhaftes, wenn 
diese Mitteilungen bloB auf Autoritat, bloB auf Giauben Anspruch 
machen wollten. 

Was mitgeteilt wird auf rechtmaBige Weise, das kann - und das ist 
ja oft gesagt worden - erforscht werden nur durch das hellseherische 
BewuBtsein. Ist es aber, und meinetwillen auch nur von einem einzi- 
gen, erforscht, ist es einmal geschaut und wird es mitgeteilt, dann 
kann es jeder einsehen durch seine unbefangene Vernunft, durch das, 
was ihm zuganglich ist auf dem physischen Plan. Und es darf wohl 
gesagt werden: Wenn auch nicht jeder von denen, die hier sitzen, 
immer die Moglichkek hat, gleich alles im umfanglichsten Sinne zu 
priifen, so konnte er sich doch wenigstens diese Moglichkeit ver- 
schaffen, wenn er Zeit und Fahigkeit - aber nur Fahigkeiten dieses 
physischen Planes - dazu hatte. 

Nehmen wir selbst so schwierige Dinge, wie sie hier in den letzten 
Vortragen beriihrt worden sind, von den Inkarnationen des Zara- 
thustra, so schwierige Dinge also, die sich darauf bezogen, daB des 
Zarathustra astralischer Leib iibergegangen ist in Hermes, daB des 
Zarathustra atherischer Leib iibergegangen ist in Moses, dann darf 
niemand behaupten, daB derjenige, der diese Dinge aus der Geistes- 
forschung heraus kennt, bloB Anspruch machen wiirde auf den blin- 
den Giauben. Nein, das ist durchaus nicht der Fall! Wenn jemand 
kame und sagte: Gut, ich habe gar nichts von einem Hellseher. Da 
behauptet einer diese Sachen von Zarathustra und seinen Inkarna- 
tionen. Ich will jetzt alles das, was dem Menschen auf dem physischen 



Plan zur Verfugung steht, aufgreifen, alles, was die Geschichte iiber- 
liefert, alles, was in steinernen Dokumenten enthalten ist, alles, was in 
religiosen Urkunden enthalten ist, alles das will ich in der sorgfaltig- 
sten Weise priifen. - Und ein solcher sagte: Nehmen wir an, daB 
richtig sei, was der da sagt, stdmmt das mit den Tatsachen, die auBer- 
lich konstatiert werden konnen? - Und dann wiirde er alles, was 
auBerlich konstatiert werden kann, durchforschen und wiirde sehen, 
daB, je genauer er vorgeht bei seinen Forschungen, er um so mehr die 
Tatsachen, die der Hellseher mitteilt, bestatigt fande. 

Wenn das Wort Furcht uberhaupt eine Bedeutung dabei hatte, so 
konnte man sagen, die geisteswissenschaftliche Forschung kann even- 
tuell Furcht haben vor einer ungenauen Priifung, aber vor denjenigen 
nicht, die alles nehmen wollen, was der physischen Forschung zur 
Verfugung steht. Diese werden sehen, daB, je genauer sie vorgehen 
bei ihren Forschungen, sie desto mehr die Tatsachen, die der Hell- 
seher mitteilt, bestatigt finden werden. Fur diejenigen Dinge aber, die 
nicht so feme liegen und die nicht so schwierig sind, die sich auf 
Karma und Reinkarnation, auf das Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt beziehen, da braucht jemand nur das, was das 
Leben bietet, unbefangen zu betrachten. Je genauer er das betrachtet, 
desto mehr wird er bestatigt finden, was der Hellseher mitteilt; das 
heiBt, es gibt genugsam Moglichkeiten, sich zu iiberzeugen davon, 
daB das, was gewonnen wird aus den ubersinnlichen Welten, sich 
bestatigt an der auBeren physischen Welt. Und das ist etwas, was nicht 
so leicht hingenommen werden soli, sondern etwas, was wir als eine 
unerlaBliche Notwendigkeit betrachten sollen. Wir sollen zunachst 
die Tatsachen, die vielleicht nur wenige erforschen konnen, an dem 
Leben priifen. Wir sollen gar nicht immerfort die Phrase wiederholen : 
Das muB man auf Treu und Glauben hinnehmen ! - Nein, nehmt so 
wenig als moglich auf Treu und Glauben an, aber priift, priift, nur 
nicht befangen, sondern unbefangen! Das ist dasjenige, was man 
zunachst betonen kann. 

Nun aber handelt es sich ja darum, daB eine solche Priifung, wenn 
sie vorgenommen wird, in gewisser Beziehung anstrengend ist. Sie 
erfordert Denken, sie erfordert, daB man sozusagen arbeitet, daB man 



sich tatsachlich darauf einlaBt, Bestatigungen in der physischen Welt 
zu finden fiir das, was aus der hellseherischen Forschung heraus ge- 
sagt wird. Und da kommen wir auf ein Kapitel, das sehr wohl einmal 
besprochen werden kann, welches unserer eigentlichen Frage erst 
entspricht, namlich darauf : 1st es notwendig oder wenigstens gut fiir 
den heutigen Menschen, neben dem Streben, das ja berechtigt ist, 
selber hineinzudringen in die geistige Welt, ist es notwendig oder 
wenigstens gut, mit den gewohnlichen Erkenntnismitteln und den 
gewohnlichen Denkmethoden des physischen Planes sich eingehend 
und energisch zu beschaftigen? Mit andern Worten: Tut der Geistes- 
schiiler gut, jene Bequemlichkeit zu iiberwinden, die er ja heute 
reichlich mitbringt aus der nichtspirituellen Welt, tut er gut, jene 
Bequemlichkeit zu iiberwinden und ernsthaft seine Gedankenwelt 
auszubauen, sich wirklich der Mittel, mit denen man den Menschen 
auch vom physischen Plan aus erkennen kann, zu bemachtigen und 
ihrer sich zu bedienen? Tut er gut, vor alien Dingen recht viel zu 
lernen, namentlich zu lernen in bezug auf denkerische Art? Es ist 
sogar recht schwierig, ganz klar und prazis dem heutigen BewuBtsein 
beizubringen, was man darunter versteht. 

Da kam es mir vor, daB jemand, der vorwartskommen wollte auf 
anthroposophischem Felde, gleichzeitig aber sich schulen wollte, um 
die spirituellen Gedanken immer genauer zu denken, eine Lektiire von 
mir angewiesen haben wollte. Ich empfahl dem BetrefFenden zu seiner 
Denktrainierung, damit er immer mehr imstande sein werde, die Ge- 
danken, die er uberliefert erhalte, sich in scharfen Konturen hinein- 
zuzeichnen, er solle das Werk von Spinoza «Die Ethik» studieren. Es 
dauerte nur wenige Wochen, da schrieb mir die betrefFende Person- 
lichkeit: Ja, er wisse eigentlich nicht, warum er das studieren solle; 
denn es sei verhaltnismaBig ein dickes Buch und alles liefe darin doch 
nur darauf hinaus, das Dasein Gottes zu beweisen. Das habe er aber 
niemals bezweifelt und brauche deshalb nicht lange Gedankengange 
durchzumachen, um das Dasein Gottes zu beweisen. - Sehen Sie, das 
ist so richtig ein Beispiel fiir jene Bequemlichkeit, mit der heute viele 
Menschen an die Geisteswissenschaft herankommen. Sie sind so- 
zusagen schnell zufrieden, wenn sie sich einen Glauben erworben 



haben, und sie scheuen die Miihe, sich Stiick fur Stiick jene Vor- 
stellungen, die ja unbequem sind, zu erwerben, auszubauen. Dadurch 
kann aber niemals etwas anderes herauskommen als ein blinder 
Glaube, wahrend Sie schon sehen werden, daB die Sache aufhort, 
blinder Glaube zu sein, wenn Sie wirklich Ihr Denken schulen und 
nicht bloB gierig danach streben, jene Krafte auszubilden, die so- 
zusagen zu einer elementaren Stufe der Hellsichtigkeit fuhren. 

GewiB soli heute nichts gesagt werden gegen das Streben, die ver- 
borgenen Krafte in der Seele zu entwickeln. Das ist ein schones und 
ein gutes Streben. Aber auf der andern Seite soil auch betont werden, 
daB damit parallelgehen muB, daB es notwendig ist, daneben die 
physischen Gedankenkrafte, diejenigen Erkenntnisfahigkeiten, die 
uns zunachst hier gegeben sind auf dem physischen Plan, diese wenn 
auch in unbequemer Weise zu schulen, damit wir imstande sind, uns 
scharfe Vorstellungen und scharfe Begriffe zu machen von dem, was 
uns mitgeteilt wird aus den hoheren Welten. Man konnte sehr leicht 
glauben, daB der geringste Grad des Hellsehens besser sei als noch so 
viel Horen durch verniinftiges Begreifen von den Tatsachen der 
hoheren Welten. Es konnte jemand sagen: Ich weiB gar nicht, warum 
ich in dieser Gesellschaft bin. Da werden immer Dinge der hoheren 
Welten erzahlt; das ist ganz schon, aber mir ware es lieber, wenn ich 
auch nur ein klein, klein wenig sehen konnte durch hellsichtiges 
Schauen. 

Ich kenne einen sehr gelehrten Theosophen, der seine inbriinstige 
Sehnsucht, auch einmal hinauszukommen iiber die bloBe Gelehrsam- 
keit zum Sehen, damit ausgesprochen hat, daB er sagte: Wenn ich 
auch nur einmal in der Lage ware, das Ende des Schwanzchens eines 
Elementarwesens zu sehen ! - GewiB, es ist das begreif lich. Man kann 
es durchaus verstehen, daB jemand so sagt. Dieser Theosoph wiirde 
ja niemals sagen, daB er die Erkenntnisse der spirituellen Wahrheiten 
dafur hingeben wiirde. Aber auch das kann vorkommen, daB einer sie 
hingeben wiirde, wenn er dafiir auch nur ein wenig Hellsehen ein- 
tauschen konnte. Und dennoch, wenn jemand eine solche Empfindung 
hat, so ist sie ungeheuer irrtiimlich, und zwar in jeder Beziehung irr- 
tiimlich. Denn wir leben in der Zeit, welche in der Entwickelung der 



Gesamtheit das Zeitalter des bewuBten Denkens ist. Wie oft betont 
worden ist, bildete das altindische Zeitalter noch eine ganz andere Art 
des BewuBtseins aus, die an dammerhaftes, dumpfes Hellsehen er- 
innert. Nach und nach erst haben sich die heutigen Fahigkeiten ent- 
wickelt und erst wir haben mit der eigentlichen Entwickelung der 
BewuBtseinsseele das menschliche Denken in den Kreis der Erden- 
entwickelung hereinbekommen. Deshalb muB es auch heute ge- 
schehen, daB die Geisteswissenschaft heruntergeholt wird aus der 
ubersinnlichen Welt und daB sie appelliert an das verniinftige Denken 
des Menschen. 

Wir miissen uns einmal den folgenden Unterschied klarmachen : Bei 
einem bloB visionaren Hellsehen braucht jemand kein besonderer 
Denker zu sein. Sein Denken kann sehr primitiv sein und er kann doch 
verhaltnismaBig weit sein in bezug auf das Sehen auf dem astralischen 
und, bis zu einem gewissen Grade sogar devachanischen Plane. Er 
kann also da ziemlich weit sein, er kann vieles sehen. Der andere 
mogliche Fall ist, daB jemand sehr, sehr viel weiB von spirituellen 
Wahrheiten und noch gar nichts sieht, iiberhaupt nicht in der Lage 
ist, irgend etwas, wie gesagt auch nur das Ende des Schwanzchens 
eines Elementarwesens zu sehen. Auch das kann der Fall sein. Nun 
fragen wir uns einmal : Wie verhalten sich eigentlich diese verschiede- 
nen Fahigkeiten der menschlichen Seele zueinander? 

Da miissen wir vor alien Dingen betonen, daB man nicht ver- 
wechseln darf: Etwas haben, und sich dessen, was man hat, bewuBt 
sein. Das ist ungeheuer wichtig, daB man das ins Auge faBt. Sie wer- 
den diese Frage richtig verstehen, wenn wir sie etwas anders stellen. 
Sehen Sie, Sie alle waren einmal hellsehend in uralten Zeiten. Denn 
alle Menschen waren hellsehend, und zwar gab es Zeiten, in denen die 
Menschen zuriickgesehen haben weit, weit in der Zeitenwende. Und 
nun konnen Sie fragen: Ja, warum erinnern wir uns nicht an unsere 
friiheren Inkarnationen, wenn wir doch schon in der Zeitenwende 
riickwartsschauen konnten? 

Das muBte Ihnen ein Beweis sein fur die eine Tatsache, daB es 
Ihnen gar nichts geholfen hat fur diese Fahigkeit, zum Beispiel sich 
nun zuriickzuerinnern, daB Sie friiher in Ihre Inkarnationen zuriick- 



schauen konnten. Und Sie konnten die Frage aufwerfen: Niitzt es 
uns also zunachst eigentlich etwas fur eine folgende Inkarnation, 
wenn wir jetzt visionar hellsehend werden, fur die Ruckerinnerung? - 
Die eine Tatsache konnen Sie sich ja schon vor Augen halten: daB 
das alte Hellsehen nichts niitzt fur das Zuriickschauen heute, denn das 
haben Sie alle gehabt. Warum erinnern sich heute so viele Menschen 
nicht an ihre vorhergehenden Inkarnationen? Die Frage ist auBer- 
ordentlich wichtig. Es erinnern sich so viele nicht an ihre fruheren 
Inkarnationen, obwohl sie in hoherem oder geringerem MaBe hell- 
sichtig waren in fruheren Zeiten, weil sie damals nicht ausgebildet 
hatten diejenigen Fahigkeiten, die gerade die Fahigkeiten des Selbstes, 
des Ichs sind. Denn nicht darum handelt es sich, daB man hellsehe- 
rische Fahigkeiten ausgebildet hat, sondern daB man dasjenige, was 
gesehen werden soli, wirklich schon ausgebildet hat. 

Wenn nun die Menschen friiher noch so hellsichtig gewesen sind 
und nicht dafiir gesorgt haben, gerade diejenigen Fahigkeiten aus- 
zubilden, welche die Fahigkeiten des Ichs sind, namlich die Fahigkeit 
des Denkens, des Unterscheidungsvermogens, dasjenige, was die be- 
sondern Fahigkeiten des menschlichen Selbstes auf dieser Erde sind, 
so war ja das Ich nicht da in den vorhergehenden Inkarnationen. Es 
war die Selbsthek nicht da. Woran soli man sich dann erinnern? Man 
muB in der vorhergehenden Inkarnation dafiir sorgen, daB ein in sich 
geschlossenes Ich da war. Darauf kommt es an! So daB also heute nur 
diejenigen Menschen sich an friihere Inkarnationen erinnern konnen, 
die in diesen fruheren Inkarnationen gearbeitet haben mit den Mitteln 
des Denkens, der Logik, des Unterscheidungsvermogens. Diese kon- 
nen sich erinnern. Es kann also bei jemandem das Hellsehen noch so 
sehr ausgebildet werden: wenn er nicht in fruheren Inkarnationen 
gearbeitet hat mit den Mitteln des Unterscheidungsvermogens, des 
logischen Denkens, dann kann er sich an eine friihere Inkarnation 
nicht erinnern. Damals hat er nicht hingesetzt die Marke, an die er sich 
erinnern soil. Da werden Sie sehen, daB man eigentlich, wenn man 
Anthroposophie versteht, sich iiberlegen solite, daB man nicht schnell 
genug herangehen kann, diese Fahigkeiten gerade des gnindlichen 
Denkens sich zu erobern. 



Nun konnten Sie sagen : Wenn ich hellseherisch werde, dann werde 
ich mir diese Fahigkeit des logischen Denkens schon von selbst er- 
obern. - Das ist nicht richtig. Warum haben die Gotter uberhaupt 
Menschen entstehen lassen? Aus dem Grunde, weil sie nur in Men- 
schen Fahigkeiten entwickeln konnten, die sie sonst uberhaupt nicht 
hatten entwickeln konnen : die Fahigkeit zu denken, in Gedanken sich 
etwas vorzustellen, so daB diese Gedanken an Unterscheidung ge- 
bunden sind. Diese Fahigkeit kann erst auf unserer Erde ausgebildet 
werden; sie war fruher uberhaupt nicht da, sie muBte erst dadurch 
kommen, daB eben Menschen entstanden sind. 

Wenn wir einen Vergleich gebrauchen wollen, so konnen wir 
sagen : Nehmen wir an, Sie haben ein Samenkorn, einen Weizensamen 
etwa. Wenn Sie ihn noch so lange anschauen, da wird kein Weizen 
daraus. Sie miissen ihn in die Erde hineinlegen und ihn wachsen 
lassen, die Krafte des Wachstums auf ihn wirken lassen. Das, was die 
gottlich-geistigen Wesenheiten vor der Bildung des Menschen gehabt 
haben, laBt sich dem Weizensamen vergleichen. Sollte der in Form 
von Gedanken aufgehen, dann muBte er erst auf dem physischen 
Plan durch Menschen gepflegt werden. Es gibt keine andere Moglich- 
keit, Gedanken zu zuchten von den hoheren Welten herunter, als sie 
in Menscheninkarnationen aufgehen zu lassen. So daB dasjenige, was 
Menschen Her auf dem physischen Plane denken, ein Einzigartiges 
ist und zu dem hinzukommen muB, was in den hoheren Welten mog- 
lich ist. Der Mensch war tatsachlich notwendig, sonst hatten ihn die 
Gotter nicht entstehen lassen. Die Gotter haben den Menschen ent- 
stehen lassen, um das, was sie gehabt haben, auch noch in der Form 
des Gedankens durch den Menschen zu erhalten. So also wiirde uber- 
haupt das, was aus den hoheren Welten herunterkommt, nie die 
Form des Gedankens bekommen, wenn der Mensch ihm nicht diese 
Form des Gedankens geben konnte. Und wer nicht denken will auf 
der Erde, der entzieht den Gottern das, worauf sie gerechnet haben, 
und kann also das, was eigentlich Menschenaufgabe und Menschen- 
bestimmung ist auf der Erde, gar nicht erreichen. Er kann es nur 
erreichen in derjenigen Inkarnation, wo er sich darauf einlaBt, wirk- 
lich denkerisch zu arbeiten. 



Wenn man sich das tiberlegt, so folgt alles andere daraus. Was 
OfFenbarungen, wirkliche Tatsachen gibt iiber die geistige Welt, das 
kann in der mannigfaltigsten Weise in die Menschenseele einziehen. 
GewiB ist es moglich und in zahlreichen Fallen heute wirklich so, daB 
die Menschen zu einem visionaren Sehen kommen, ohne scharfe 
Denker zu sein - viel mehr Leute kommen zum Hellsehen, die keine 
scharfen Denker sind, als scharfe Denker aber es ist ein groBer 
Unterschied zwischen den Erfahrungen in der geistigen Welt der- 
jenigen, die scharfe Denker sind, und derjenigen, die keine scharfen 
Denker sind. Es ist ein Unterschied, den ich so ausdrucken kann: Was 
sich aus den hoheren Welten ofFenbart, das pragt sich am allerbesten 
ein in diejenigen Formen des Vorstellens, die wir als Gedanken diesen 
hoheren Welten entgegenbringen; das ist das beste GefaB. 

Wenn wir nun keine Denker sind, dann miissen sich die OfFen- 
barungen andere Formen suchen, zum Beispiel die Form des Bildes, 
die Form des Sinnbildes. Das ist die hauflgste Art, wie derjenige, der 
Nichtdenker ist, die OfFenbarungen erhalt. Und Sie konnen dann von 
solchen, die visionare Hellseher sind, ohne daB sie zugleich Denker 
sind, horen, wie von ihnen in Sinnbildern die OfFenbarungen erzahlt 
werden. Diese sind ja ganz schon, aber wir miissen uns zu gleicher 
Zeit bewuBt sein, daB das subjektive Erlebnis ein anderes ist, ob Sie 
als Denker OfFenbarungen haben oder als Nichtdenker. Wenn Sie als 
Nichtdenker OfFenbarungen haben, so ist das Sinnbild da; es steht da 
diese oder jene Figur. Das ofFenbart sich aus der geistigen Welt heraus. 
Sagen wir, Sie sehen eine Engelgestalt, dieses oder jenes Symbolum, 
das dieses oder jenes ausdriickt, meinetwillen ein Kreuz, eine Mon- 
stranz, einen Kelch ~ das ist da im iibersinnlichen Felde, das sehen Sie 
als fertiges Bild. Sie sind sich klar: Das ist keine Wirklichkeit, aber es 
ist ein Bild. 

In etwas anderer Weise werden schon fur das subjektive BewuBt- 
sein die Erfahrungen aus der geistigen Welt fur den Denker erlebt, 
nicht ganz so wie bei dem Nichtdenker. Da stehen sie nicht sozusagen 
auf einmal gegeben da, wie aus der Pistole heraus geschossen; da 
haben Sie sie anders vor sich. Nehmen Sie, ich will sagen, einen 
nichtdenkenden visionaren Hellseher und einen denkenden. Der nicht- 



denkende visionare Hellseher und der denkende visionare Hellseher 
wiirden beide dieselben Erfahrungen empfangen. Wollen wir einen 
bestimmten Fall setzen : Der nichtdenkende visionare Hellseher sieht 
diese oder jene Erscheinung der geistigen Welt, der denkende visio- 
nare Hellseher sieht sie noch nicht, sondern etwas spater, und in dem 
Momente, wo er sie sieht, da war sie bereits erfaBt von seinem Denken. 
Da kann er sie schon unterscheiden, er kann schon wissen, ob sie 
Wahrheit oder Unwahrheit ist. Er sieht sie etwas spater. Es tritt ihm 
aber, indem er sie etwas spater sieht, die Erscheinung aus der geistigen 
Welt so entgegen, daB er sie gedankendurchdrungen hat und unter- 
scheiden kann, ob sie Tauschung oder Wirklichkeit ist, so daB er 
sozusagen fruher etwas hat, bevor er es sieht. Er hat es naturlich im 
selben Momente wie der nichtdenkende visionare Hellseher, aber er 
sieht es etwas spater. Dann aber, wenn er es sieht, dann ist die Er- 
scheinung schon mit dem Urteil, mit dem Gedanken durchsetzt, und 
er kann genau wissen, ob sie ein Scheinbild ist, ob da seine eigenen 
Wiinsche objektiviert sind, oder ob sie objektive Realitat ist. Das ist 
der Unterschied im subjektiven Erlebnis. Der nichtdenkende visionare 
Hellseher sieht die Erscheinung sogleich, der denkende etwas spater. 
Dafiir aber wird sie auch beim ersteren so bleiben, wie er sie sieht, 
er kann sie so beschreiben. Der Denker aber wird sie ganz einreihen 
konnen in das, was dann in der gewohnlichen physischen Welt ist. 
Er wird sie in Beziehung bringen konnen zu dieser. Die physische 
Welt 1st eben auch, wie jene Erscheinung, eine OfTenbarung aus der 
geistigen Welt. 

Daraus sehen Sie schon, daB Sie dadurch, daB Sie ausgeriistet mit 
dem Instrument des Gedankens an die geistige Welt herangehen, 
Sicherheit haben in der Beurteilung dessen, was Ihnen gegeben wird. 
Nun aber kommt noch hinzu: Man konnte iiber den Wert von Mit- 
teilungen aus der geistigen Welt streiten, wenn man die entsprechen- 
den Erscheinungen nicht selber gesehen hat. Setzen wir zu den 
zweien, die wir einander gegeniibergestellt haben, einen dritten hinzu, 
der nun gar kein Hellseher ist, sondern dem nur mitgeteilt werden die 
Ergebnisse der geistigen Forschung, insofern sie auf dem Wege des 
scharfen Denkens im Verein mit dem visionaren Sehen gewonnen 



werden. Er nimmt sie und begreift sie als verniinftig. Ja, es sind Tat- 
sachen aus der geistigen Welt. Der visionare, denkende Seher hat sie 
und ein jeder hat sie, der sie vernunftigerweise begriffen hat, wenn er 
sich dessen auch nicht bewuBt ist. Sie brauchen lange nicht hellsichtig 
zu sein und haben dennoch den vollen Wert dessen, was Sie als Mit- 
teilungen empfangen, in sich. 

Es ist ein Unterschied zwischen dem, etwas zu haben, und sich 
dessen bewuBt zu sein, was man hat. Man kann sich daran sehr 
leicht das Verhaltnis eines solchen nicht sehenden Geistesschiilers 
zum hellsichtigen klarmachen. Denken Sie, Sie hatten eine Erbschaft 
gemacht, hatten aber noch nichts davon erfahren. Wenn dies der Fall 
ware, wenn Sie die Erbschaft gemacht hatten, Ihnen aber noch nichts 
bekannt ware, so hat sie auch schon heute den richtigen Wert fur Sie. 
Sie konnen es erst spater erfahren, daB Sie heute diese Erbschaft 
gemacht haben, Sie besitzen sie aber trotzdem. So ist es auch mit dem- 
jenigen, der durch die Anthroposophie Tatsachen der geistigen Welt 
erfahrt. Er hat sie, wenn er sie vernunftigerweise begriffen hat, er 
besitzt sie und kann nun abwarten die Zeit, wo er sich ihrer bewuBt 
wird. Das ist aber eben etwas, was durchaus nicht gleichbedeutend ist 
mit dem Besitz der Tatsachen. Insbesondere zeigt sich das nach dem 
Tode. Was niitzt eigentlich - wenn wir dieses triviale Wort anwenden 
wollen, um uns die Sache zu verdeutlichen was niitzt dem Menschen 
mehr nach dem Tode : wenn er ohne Gedanken visionar irgend etwas 
sieht, oder wenn er rein spirituelle Mitteilungen, ohne visionar zu 
schauen, empfangt? 

Da konnte man sehr leicht glauben, das visionare Sehen sei eine 
bessere Vorbereitung fur den Tod als das bloBe Horen der Tatsachen 
aus der geistigen Welt. Und dennoch! Nach dem Tode niitzt dem 
Menschen recht wenig, was er bloB visionar gesehen hat. Ist dagegen 
eine Tatsache da, fangt er sofort an, sich dessen bewuBt zu werden, 
was er an Mitteilungen empfangen hat, wenn er diese vernunftiger- 
weise begriffen hat. Gerade das hat den Wert nach dem Tode: was 
man verstanden hat, gleichgultig, ob es geschaut ist oder nicht. Und 
nehmen Sie den tiefsten Eingeweihten : durch sein Hellsehen kann er 
die ganze geistige Welt schauen, aber das erhoht seine Bedeutung 



nach dem Tode nicht, wenn er nicht in menschlichen Begriffen diese 
Tatsachen auszudriicken imstande ist. Nach dem Tode helfen ihm nur 
diejenigen Dinge, die er hier als Begriffe hat. Das sind die Samen- 
korner fur das Leben nach dem Tode. Naturlich, wer visionarer 
Hellseher ist und Denker, der kann es nutzbringend machen, was er 
visionar sieht. Aber zwei nichtdenkerische Menschen, von denen der 
eine hellsichtig ist und der andere nur hort, was dieser sieht, sind 
nach dem Tode in genau derselben Lage; denn das, was wir mit- 
bringen in das Leben nach dem Tode, das ist dasjenige, was wir uns 
hier erwerben mit Hilfe des scharfen Denkens. Das geht auf als ein 
Samen, nicht das, was wir herausholen aus den Welten, wo wir 
hineingehen. Wir bekommen das, was wir aus den hoheren Welten 
empfangen, nicht als ein freies Geschenk, damit wir es dann bequemer 
haben, wenn wir den physischen Plan verlassen, sondern dazu, daB 
wir es hier in die Miinze dieser Erde umsetzen. So viel wie wir in die 
Miinze dieser Erde umgesetzt haben, so viel hilft uns nach dem Tode. 
Das ist das Wesentliche. 

So ist es in bezug auf das Verhaltnis nach dem Tode. Aber auch hier 
auf dem physischen Plan ist das Verhaltnis ein anderes beim visionaren 
Hellseher und bei dem denkenden visionaren Hellseher. GewiB ist es 
interessant und schon, hineinzusehen in die geistigen Welten; aber es 
ist trotzdem ein Unterschied, diese geistigen Welten bloB visionar zu 
sehen, abgesehen davon, daB man, ohne diese Dinge denkerisch zu 
durchschauen, niemals vor Tauschungen bewahrt bleibt. Es gibt kein 
anderes Mittel gegen Tauschungen, als das Geschaute erst klar zu 
denken. Aber selbst abgesehen davon: Nehmen wir an, es habe ein 
visionarer Hellseher dieses oder jenes geschaut, so wie er es schaut - 
das konnen Sie seinen Schilderungen entnehmen -, so ist es doch 
durchdrungen von Elementen des physischen Planes. Oder hat Ihnen 
irgendeiner einen Engel beschrieben, der nicht durchdrungen ge- 
wesen ware von Elementen des physischen Planes? Er hat Fliigel 
gehabt, Fliigel haben aber die Vogel auch. Er hat einen menschlichen 
Oberleib gehabt, einen menschlichen Oberleib hat aber auch jeder 
Mensch auf dem physischen Plan. GewiB, wie die Dinge zusammen- 
gesetzt sind, von denen der visionare Hellseher erzahlt, das ist nicht 



auf dem physischen Plan vorhanden; aber die Elemente dazu sind auf 
dem physischen Plan vorhanden. Die Bilder sind durchaus aus Ele- 
menten des physischen Planes zusammengesetzt. Das ist nicht un- 
berechtigt. Aber Sie konnen daraus doch entnehmen, daB ein solches 
Bild einen Erdenrest hat. Was Sie da in Formen, in Bildern, die dem 
physischen Plan entnommen sind, an Ihren Schauungen haben, das 
gehort nicht der geistigen Welt an, das ist nur Versinnbildlichung der 
geistigen Welt mit Mitteln der physischen Welt. Ich habe das klar 
auseinandergesetzt in der «Geheimwissenschaft im UmriB». Ich habe 
da auseinandergesetzt, daB das wirklich fur das heutige Hellsehen bis 
zu dem Punkte gehen muB, daB es zwar zuerst zu seiner Vorentwicke- 
lung seine Bildhaftigkeit hat, daB es aber nicht stehenbleiben darf 
dabei, sondern vorriicken muB bis zu dem Punkte, wo auch der letzte 
Erdenrest von dem, was geschaut wird, abgeworfen wird. Dann ist 
allerdings eine gewisse Gefahr vorhanden fur den Hellseher, wenn er 
alle Erdenreste abstreift. Wenn er da zum Beispiel den Engel sieht und 
alles Irdische abstreift, so ist die Gefahr vorhanden, daB er dann 
nichts mehr sieht. Wenn er das weglaBt, was hinaufgetragen worden 
ist an Sinnbildlichkeit, dann besteht die Gefahr, daB er nichts mehr 
sieht. Was einen dann bewahrt, die Sache ganz zu verlieren, wenn man 
wirklich in die geistige Welt kommt, das ist der Same, der aus dem 
Denken aufgehen kann. Die Gedanken geben dann die Substanz her, 
das, was da ist in der geistigen Welt, zu ergreifen. Dadurch erhalten 
wir die Fahigkeit, wirklich in der geistigen Welt zu leben, daB wir das 
ergreifen in unserer sinnlichen Welt, was nicht mehr von Elementen 
der Sinnlichkeit durchsetzt ist und doch hier auf dem physischen 
Plane ist. Das sind einzig und allein die Gedanken. Wir diirfen nichts 
mitbringen in die geistige Welt als lediglich die Gedanken; von einem 
Kreis zum Beispiel nichts von der Kreide, sondern lediglich die Ge- 
danken von dem Kreise. Mit diesen konnen Sie aufsteigen in die gei- 
stigen Welten. Von dem Bilde diirfen Sie nichts mitbringen. 

Jetzt kann ich den friiher erwahnten subjektiven Vorgang noch 
genauer beschreiben. Nehmen wir noch einmal den Fall an, daB irgend 
etwas, sagen wir meinetwillen eine Monstranz, gesehen wird in dem 
geistigen Felde. Nun will ich die beiden Hellseher, den bloB visio- 



naren und den denkerischen, so charakterisieren, daB ich annehme, der 
eine sieht es hier, a, der andere, der denkerische Hellseher, erst hier, b. 

a b 

Von jetzt ab 1st es ihm erst bewuBt. Er bekommt es aber dadurch 
zugleich mit den Gedanken und kann es mit Gedanken durchdringen. 
In dem Moment allerdings, wo der denkerische Hellseher das Gebilde 
durchsetzt mit Gedanken, da wird es undeutlich fur den visionaren 
Hellseher, da wird es ihm schwarz und undeutlich - hier, b, an dieser 
Stelle. Es tritt erst nach einiger Zeit wieder auf. Gerade wo der Ge- 
danke sich mit dem Gebilde verbinden kann, da wird es undeutlich 
fur den visionaren Hellseher. Er ist eigentlich niemals imstande, den 
Gedanken damit zu verbinden. Deshalb hat er niemals das Erlebnis : 
Du bist mit deinem Ich dabeigewesen. - Dieses Erlebnis ist etwas, 
was dem bloB visionaren Hellseher fehlt. 

Das alles ist etwas, was sozusagen intimer auf die Sache eingeht und 
was ungeheuer wichtig ist zu bedenken, was einen darauf fuhren muB, 
daB man es wirklich notig hat, sein Denken auszubilden, die Bequem- 
lichkeit zu uberwinden, die darin liegt, daB man sich eben nicht ein 
erkennendes Wissen aneignen will. Es ist tausendmal besser, die spiri- 
tuellen Vorstellungen erst denkerisch erfaBt zu haben und darm, je 
nach seinem Karma spater oder friiher, selber hinaufsteigen zu konnen 
in die geistigen Welten, als zunachst zu sehen und nicht denkerisch 
erfaBt zu haben, was mitgeteilt wird in der Bewegung, die man die 
anthroposophische nennt. Tausendmal besser ist es, Geisteswissen- 
schaft zu kennen und noch nichts zu sehen, als etwas zu sehen und 
nicht die Moglichkeit zu haben, die Dinge auch denkerisch zu durch- 
dringen, weil dadurch Unsicherheit in die Sache hineinkommt. 

Sie konnen aber die Sache noch praziser zum Ausdruck bringen, 
indem Sie sagen: Es gibt in der Gegenwart scharfe Denker, die 
konnen vernunftigerweise die geisteswissenschaftliche Weltanschau- 
ung einsehen. Warum kommen manchmal gerade diese so schwer 
zum Hellsehen? - VerhaltnismaBig leicht wird es gerade denen, die 
nicht scharfe Denker sind, zum visionaren Hellsehen zu kommen, und 
sie werden dann leicht hochmutig gegemiber dem Denken, wahrend 



es schwierig ist fur die scharfen Denker, zur Hellsichtigkeit zu kom- 
men. Da ist haarscharf die Klippe vorhanden, wo ein gewisser mas- 
kierter Hochmut sich geltend macht. Es gibt ja kaum etwas, was den 
Hochmut so sehr ziichtet, wie ein nicht von Gedanken erhelltes Hell- 
sehen, und es ist deshalb so besonders gefahrlich, weil der BetrefFende 
in der Regel gar nicht weiB, daB er hochmutig ist, sondern sich sogar 
fur demiitig halt. Er weiB gar nicht zu beurteilen, was fur ein un- 
geheurer Hochmut dazugehort, die denkerische Arbeit der Menschen 
gering zu achten und auf gewisse Eingebungen den Hauptwert zu 
legen. Es steckt darin ein maskierter Hochmut, der ungeheuerlich ist. 

Die Frage ist nun diese: Warum ist es - was ja die Erfahrung lehrt - 
gerade manchem Denker so ungeheuer schwierig, es dahin zu bringen, 
nun auch hellsichtig zu werden? - Das hangt zusammen mit einer 
wichtigen Tatsache. Was man menschliche Unterscheidungskraft, 
Urteilskraft nennt, was der Denker gerade ausbildet, das logische 
Denken, das bewirkt namlich eine ganz bestimmte Anderung des 
ganzen Gehirnbaues. Das physische Instrument wird umgeandert 
durch scharfes Denken. Die physische Forschung weiB zwar wenig 
davon, aber es ist so ; es schaut ein physisches Gehirn anders aus, das 
ein Denker beniitzt hat, als eines, das einem Nichtdenker angehorte. 
DaB einer hellseherisch ist, andert es nicht viel. Bei einem, der nicht 
denkt, finden Sie das Gehirn in sehr komplizierten Windungen, beim 
scharfen Denker dagegen verhaltnismaBig einfach, ohne besondere 
Komplikationen. Gerade in der Vereinfachung der Gehirnwindungen 
driickt sich das Denken aus. Davon weiB die heutige Forschung 
nichts. 

Scharfes Denken ist das, was iiberschauen kann, nicht, was sich im 
Analysieren betatigt. Daher die groBere Einfachheit der Gehirn- 
windungen beim scharfen Denker. Wo die physische Forschung 
irgendwie nur sich herbeilaBt, bloB einmal das scharfe Denken, das 
fur physische Verhaltnisse gilt, zu priifen, da zeigt sich sehr bald, daB 
die physische Forschung bestatigt, was die Geisteswissenschaft be- 
hauptet. Die Untersuchung des Gehirns von Mendelejew, dem die 
Wissenschaft die Aufstellung des periodischen Systems der Elemente 
verdankt, bewahrheitet, was die Geisteswissenschaft sagt: seine Ge- 



hirnwindungen waren einfacher. Bei ihm war in gewissen Grenzen 
ein umfassendes Denken da, und da ergab auch die physische Unter- 
suchung durchaus die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe. Das ist 
nicht von besonderem Wert, das sei nur nebenbei erwahnt. Also, wie 
gesagt, es ist eine Veranderung des Werkzeuges des Denkens da. 
Diese Veranderung muB die Tatigkeit des Denkens selber herbei- 
rufen. Es wird ja keiner geboren mit all den Fahigkeiten, die er spater 
hat, vielleicht mit den Anlagen dazu; aber die Fahigkeiten muB er 
erst ausbilden, so daB tatsachlich mit dem Gehirn wahrend des Lebens 
eine Veranderung vorgeht. Es ist das Werkzeug des Denkens anders 
geworden nach dem denkerischen Leben, als es vorher gewesen war. 

Die Sache ist nun diese, daB unser Atherleib, den wir fur das hell- 
seherische BewuBtsein loskriegen miissen von unserem physischen 
Gehirn, durch diese denkerische Betatigung gekettet wird an das 
physische Gehirn. Diese Arbeit des Denkens kettet, verbindet den 
Atherleib stark mit dem Gehirn. Hat einer durch sein Karma noch 
nicht die Krafte, ihn wieder loszukriegen zur rechten Zeit, dann kann 
es sein, daB er in dieser Inkamation nichts Besonderes auf hellsehe- 
rischem Gebiete erreichen kann. Nehmen wir an, er habe das Karma, 
in einer friiheren Inkarnation ein scharfer Denker gewesen zu sein. 
Dann wird das Denken jetzt nicht so stark den Atherleib mit dem 
Gehirn engagieren, und er wird verhaltnismaBig leicht den Atherleib 
bald loskriegen und kann gerade dadurch, daB die denkerischen Ele- 
mente die besten Samen sind fur das Aufsteigen in die hoheren 
Welten, in feinster Weise die Geheimnisse der hoheren Welten er- 
forschen. Er muB naturlich erst wieder loskriegen den Atherleib von 
dem Gehirn. Wenn der Atherleib aber sich so verfangen hat im physi- 
schen Gehirn beim Hineinziselieren der denkerischen Tatigkeit, daB 
er erschopft ist, dann kann ihn sein Karma vielleicht lange warten 
lassen, bis er ihn wieder loskriegt. Wenn er aber dann aufsteigt, dann 
ist er durchgeschritten durch den Punkt des logischen Denkens. Dann 
ist das unverloren, dann kann ihm niemand wegnehmen, was er sich 
errungen hat, und das ist ungeheuer wichtig, weil die Hellsichtigkeit 
sonst immer wieder verlorengehen kann. Ich mache noch einmal 
darauf aufmerksam, daB Sie alle hellsichtig waren in friiheren Zeiten. 



Warum besitzen Sie die Fahigkeit des Hellsehens jetzt nicht mehr? 
Weil Sie dazumal nicht mit dem Erdendasein verkniipft und ver- 
bunden waren, weil Sie entriickt waren in die geistige Welt, weil Sie 
diese nicht heruntergeholt haben bis zu Ihren Fahigkeiten, weil das 
visionare Hellsehen auf einer Entriicktheit beruhte. 

Das ist, was wir ins Auge fassen miissen. Diese Feinheiten muB man 
sich in die Seele schreiben. Man muB sich klar sein dariiber, daB eine 
wirkliche Geheimwissenschaft heute die Aufgabe hat, diejenigen Er- 
gebnisse der geistigen Forschung mitzuteilen, die mit dem denke- 
rischen Gehalt durchdrungen sind, so daB man immer die Ergebnisse 
der hellseherischen Forschung so einkleidet, daB der nicht hellsehe- 
rische Mensch sie durch sein Denken begreifen kann. Dazu miissen 
sie aber erst mit dem Gedanken verbunden sein. Daher die Schwierig- 
keit alten Biichern gegenuber, in denen von Erscheinungen der hohe- 
ren Welten die Rede ist. Wenn Sie solche alte Biicher hernehmen, so 
werden Sie iiberall - wenn Sie mit der Gepflogenheit der heutigen 
Geisteswissenschaft herantreten - einen Mangel empfinden. Es sind 
vielleicht groBartige Mitteilungen, die Sie in diesen alten Biichern 
finden, aber es kann der heutige Mensch mit ihnen, wenn er nicht 
selber Hellseher ist und die Sache richtigstellen kann, nicht viel an- 
fangen, wahrend mit dem, was heute Geisteswissenschaft darbietet, 
jeder, der sich bemiiht, etwas anfangen kann, weil er es durchdringen 
kann mit dem, was er auf dem physischen Plan an Gedankenelementen 
gewinnen kann. Denn mit denselben Begriffen wird das erfaBt, was 
in der geistigen Welt 1st und was in der physischen Welt ist. Die 
heutige Naturwissenschaft redet von Entwickelung und die Geistes- 
wissenschaft redet von Entwickelung. Haben Sie den BegrifT der Ent- 
wickelung erfaBt, so konnen Sie verstehen, was in der Geisteswissen- 
schaft mitgeteilt wird. Sie konnen sich von Karma einen Begriff ver- 
schaffen, weil Sie sich ein denkerisches Bild davon verschaffen konnen. 
Freilich, wenn Sie einfach sagen, wie dies manche Theosophen tun: 
Jede geistige Ur sache hat eine geistige Wirkung und dies ist Karma -, 
dann haben Sie keinen Begriff von Karma. Bei einer Billardkugel 
konnen Sie auch das Gesetz von Ursache und Wirkung sehen, aber 
da haben Sie nicht den richtigen Vergleich mit Karma. Nehmen Sie 



dagegen einmal eine Kugel aus Eisen und werfen Sie diese in ein 
GefaB mit Wasser. Wenn die Kugel kalt ist, so bleibt das Wasser, wie 
es ist. Wenn Sie aber die Kugel heiB machen und dann hineinwerfen, 
dann wird das Wasser warm. Infolge des Ereignisses, das mit der 
Kugel geschehen ist, wird das Wasser warm. Das laBt sich mit dem 
Karma vergleichen, wenn ein spateres Ereignis die Folge ist eines 
friiheren Geschehnisses. 

So also miissen wir uns durchaus klar sein dariiber, daB jeder, der 
mit dem Gedanken durchdringt die Tatsachen der geistigen Welt, sie 
auch mitteilen kann in solcher Weise, daB derjenige, der die Gedanken 
hier auf dem physischen Plane gewonnen hat, dieselben Gedanken 
anwenden kann auf das, was mitgeteilt wird aus den geistigen Welten. 
Dann kann er das begreifen. Das soil sich jeder zu Gemiite fiihren. 
Jeder soil verstehen, daB es nicht darauf ankommt, Mitteilungen aus 
den hoheren Welten zu bekommen, sondern es kommt darauf an, 
daB man sie bekommt auf eine Art, die unseren irdischen Verhalt- 
nissen entspricht. Jeder sollte darauf achtgeben, daB er die Mit- 
teilungen aus den hoheren Welten nicht anders bekommt. Freilich ist 
die Bequemiichkeit da, einfach zu glauben, was mitgeteilt wird. Das 
ist aber von groBem libel. Denn, nicht wahr, wenn jemand glauben 
will, so ist das ungefahr so, wie wenn er sich erzahlen lassen will, daB 
es ein Licht gibt, wahrend er doch das Licht braucht, um ein Zimmer 
zu beleuchten. Da muB er das Licht haben, da hilft der bloBe Glaube 
nkhts. So ist es wichtig, daB man zunachst die Form ergreift, die 
Form des gewissenhaften, grundlichen Nachdenkens, um durch diese 
Form zuerst zu empfangen die Mitteilungen aus der geistigen Welt. 
Erforscht werden konnen sie nur, wenn man die Fahigkeit des Hell- 
sehens besitzt, aber begreifen kann sie jeder, wenn sie erforscht sind, 
der sie in richtiger Weise empfangt. 

Wenn man so denkt, dann werden alle die Gefahren, die wirklich 
sonst verkniipft sind mit dem, was man anthroposophische Be- 
wegung nennt, mehr oder weniger dadurch beseitigt sein. Die Ge- 
fahren treten aber sofort ein, wenn Leute hellseherische Fahigkeiten 
entwickeln und nicht darauf halten, zu gleicher Zeit ihr Denken und 
namentlich ihr Erkennen mit den Mitteln des Denkens zu bereichern. 



Diese Gier haben viele, nur ja etwas zu erhaschen aus der geistigen 
Welt und nicht sorgfaltig wirklich erkennend vorzugehen mit dem, 
was auf dem physischen Plan erobert werden muB. Kein Gott kann 
die Welt in Gedanken erfassen, wenn er sich nicht auf dieser physi- 
schen Erde inkarniert. Er kann die Welt erfassen in anderer Form; 
aber um sie zu erfassen in dieser Form, da muB er sich auf dieser Erde 
inkarnieren. Das bedenkend, kann sich jeder klarmachen, daB es mit 
gewissen Gefahren verbunden ist, Fahigkeiten in sich zu entwickeln, 
die man dann nicht richtig verwendet. Wer ein gewisses visionares 
Hellsehen entwickelt und es nicht richtig verwendet, indem er sich die 
Moglichkeit abschneidet, die Welt damit zu uberzeugen, wer nur auf 
dem astralischen Plan bleibt und seine Erfahrungen nicht herunter- 
bekommt auf den physischen Plan, der setzt sich der Gefahr aus, daB 
ein Abgrund sich auftut zwischen seinen Visionen und dem physischen 
Plan. 

Nehmen wir an, jemand habe ganz bedeutende Visionen, die dem 
astralischen Plane angehoren. Diese seien meinetwillen ganz Wirklich- 
keit - sie konnen es ja auch beim nichtdenkenden visionaren Hellseher 
sein -, aber nun tut sich zwischen ihm und demjenigen, was dem 
physischen Plan zugrunde liegt, ein Abgrund auf. Denken Sie sich 
einmal, dieses Handtuch ware der physische Plan. Nun stiinde der 
visionare Hellseher davor; er sieht seine Vision. Hinter dem physi- 
schen Plan ist aber die eigentliche geistige Welt. Der physische Plan 
ist Maja. Diesen physischen Plan, den schafft derjenige, der visionarer 
Hellseher ist, nicht weg; der verschwindet erst fur den, der ihn mit den 
Mitteln des Gedankens fortschafft. Da erst dringen Sie hinter den 
physischen Plan, so daB Sie das erst mit dem denkerischen Hellsehen 
verstehen. Der physische Plan ist da, aber Sie sehen die geistige Welt, 
die wirkliche geistige Welt nicht. Da tut sich der Abgrund auf, da 
bleibt der physische Plan als Maja vorhanden. Und diese Unmoglich- 
keit, den physischen Plan zu durchdringen, beruht darauf, daB das 
Gehirn nicht dazu fahig ist, sich auszuschalten. Wenn Sie gelernt 
haben, richtig zu denken, so brauchen Sie zum Denken Ihr Gehirn 
nicht unmittelbar. Dasjenige, was Denken ist, das arbeitet am Gehirn, 
aber die denkerische Tatigkeit braucht das Gehirn nicht unmittelbar. 



Es ist Unsinn, wenn jemand behaupten wollte: Das Gehim denkt. - 
Ich ging einmal - es ist jetzt vielleicht funfunddreiBig Jahre her - mit 
einem jungen Manne, der damals studierte, auf der StraBe, der damals 
auf dem besten Wege war, ganz Materialist zu werden. Der sagte: 
Nun ja, wenn er denke, da schwingen dadrinnen die Gehirnatome; 
jeder bestimmte Gedanke habe eine bestimmteForm, und er beschrieb, 
daB das eigentlich Unsinn ware, so etwas wie eine Seele voraus- 
zusetzen, die da denke. Denn da denke das Gehirn. - Ich sagte ihm: 
Ja, sage mir einmal, warum bist du denn eigentlich so verlogen? 
Wenn das so ist, dann kannst du doch nicht sagen: Ich denke. Du 
muBt dann sagen: Mein Gehirn denkt. Du muBt dann auch sagen: 
Mein Gehirn iBt, mein Gehirn sieht die Sonne. Das ware dann die 
Wahrheit. - Dann wiirde er bald sehen, welchen Unsinn er mit sich 
herumtragt. 

Also das Gehirn ist es nicht, was denkt. Das kann man sich, wie 
gesagt, durch recht triviale Uberlegungen klarmachen - wenn man 
nicht gerade ein recht moderner Materialist ist. Die denkerische Tatig- 
keit ist zunachst gar nicht darauf angewiesen, das Gehirn sozusagen 
als ihr Instrument zu gebrauchen. Wo der Gedanke rein wird, da 
ist das Gehirn nicht beteiligt. BloB bei der Versinnbildlichung ist es 
beteiligt. 

Wenn Sie sich einen Kreidekreis vorstellen, so geschieht dies nur 
durch das Gehirn; wenn Sie sich aber einen reinen, sinnbildlichkeits- 
freien Kreis denken, so ist der Kreis se
…[truncated]