Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Beantwortung 
von Welt- und Lebensfragen 
durch Anthroposophie 

Einundzwanzig Vortrage, 
gehalten zwischen dem 14. Marz 1908 
und 21. November 1909 
in verschiedenen Stadten 



1986 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften und Notizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten: 1. Auflage Ernst Weidmann, 
2. Auflage Anna-Maria Balaster und Ulla Trapp 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1970 

2. Auflage, neu durchgesehen und erweitert 
um die Vortrage vom 14. Marz 1908 
und 14. Februar 1909 
Gesamtausgabe Dornach 1986 



Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 108 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1986 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Durnau, Diirnau 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1081-7 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften auflert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

Uber die hoheren Welten 

Wien, 21, November 1908 

Astrale und devachanische Welt. Erlebnisse, die die Seek in der Astral- 
welt haben kann. Wesenheiten des Astralplanes. Uber Vogelziige. Tier- 
gruppenseelen und ihr Gegenbild. Michael und der Drache. Die Pflanzen- 
welt auf der astralen Ebene. Das Prinzip der Wiederholung - Atherleib. 
Das Prinzip des Abschlusses - Astralleib. Zusammenwirken von Atheri- 
schem und Astralem, zum Beispiel in der Bildung des Riickgrats. Tier-Ich 
und Pflanzen-Ich. Erlebnisse der Seele in der Devachanwelt. 

Was ist Selbsterkenntnis? 

Wien, 23. November 1908 

Die vier Stufen der wahren Selbsterkenntnis. Die niederste Art der Selbst- 
erkenntnis ist die, die der Mensch durch das gewohnliche Tagesbewufit- 
sein bekommt, indem er sich der physischen Organe bedient: Erkennen 
der Umgebung. Die zweite Stufe schaut hin auf das Wirken des Selbstes 
im Atherleibe: Erkennen von Zugehdrigkeit zu Familie, Rasse, Volk; was 
stammt von friiher, was reicht in die Zukunft? Unabhangigwerden der 
Individuality von der Vererbungslinie durch Sich-Erziehen zur Umbil- 
dung von Talenten und Fahigkeiten; Veranderungen der Aura. Die dritte 
Stufe ist die Erkenntnis der Wirkungen des Karma, die sich im Astralleibe 
ausleben. Fur die hochste Stufe der Selbsterkenntnis miissen wir Erkennt- 
nis des kosmischen Zusammenhanges unserer Erde erringen: Selbst- 
erkenntnis durch Welterkenntnis. 

Das Leben zwischen zwei Wiederverkorperungen 

Breslau, 2. Dezember 1908 

Die viergliedrige Menschenwesenheit im Wach- und Schlafzustand. Schlaf 
und Tod. Das dreieinhalbtagige Erinnerungstableau nach dem Tode; das 
Ablegen des Atherleibes. Die Kamalokazeit und ihre Dauer; das Ablegen 
des Astralleibes. Uber Astralleichname. Der Eintritt ins Devachan. 
Freundschaft, Kindes- und Mutterliebe und ihre Bedeutung. Das Tatig- 
sein des Menschen in der Devachanzeit und die Vorbereitung fur eine 
neue Geburt. 



Die Zehn Gebote 

Stuttgart, 14. Dezember 1908 

Wie waren die Inspirationen der Eingeweihten in den aufeinanderfolgen- 
den Kulturepochen? Was die Rishis lehrten, ging vom oberen Devachan 
aus. Die Eingeweihten der persischen Epoche konnten sich bis zum nie- 
deren Devachan erheben. Die agyptischen Eingeweihten waren heimisch 
in der Welt des Astralplanes. Wahrend der Vorhang der geistigen Welten 
sich mehr und mehr zuzog, war das Volk des Moses ausersehen, eine 
Offenbarung aus den geistigen Welten zu erhalten. Die Sendung des 
Moses: der Mensch sollte sich die Gottheit im Bilde des Ich vorstellen. 
Die zehn Gebote als Ich-Gebote. Ubersetzung und Erklarung der Zehn 
Gebote, die Anleitung geben, das Gottliche so zu verehren, dafi die 
aufiere Entwickelung des Menschengeschlechtes auf dem physischen Plan 
im Einklang mit dem Gottlichen sich vollziehen kann. 



Der Erkenntnispfad. 

Uber den inneren Zusammenhang des Menschen mit der Erde 

Pforzheim, 17. Januar 1909 

Freude und Schmerz in den drei Naturreichen. Die Himmelskdrper als 
Schauplatze geistiger Wesenheiten. Das Herabsteigen des Christus von 
der Sonne auf die Erde. Das Damaskus-Erlebnis des Paulus. Einflusse Lu- 
zifers und Ahrimans im Laufe der Menschheitsentwickelung. Erdbeben, 
Vulkanausbriiche und Menschheitskarma. Die Besanftigung der Natur- 
elemente durch das Wirken des Christusgeistes in den Menschenherzen. 



Fragen des Karmagesetzes 

St. Gallen, 21. November 1909 

Karma ist geistige Verursachung eines Ereignisses im Menschenleben 
durch ein Vorhergehendes. Beispiele fiir Karmawirkungen zwischen Ge- 
burt und Tod; Weingenufi, Zorn, Andacht, erzwungener Berufswechsel. 
Karmawirkungen aus fruheren Verkorperungen. Folgen von Disharmo- 
nie zwischen Vererbung und dem aus friiheren Verkorperungen Mitge- 
brachten. Wie wirkt sich das, was in Empfindungsseele, Verstandesseele 
und Bewufitseinsseele lebt, im Leiblichen aus? Schadelgestaltung. Karmi- 
sche Ursachen von Ungliicksfallen. Die Bedeutung des Todes. Verstand- 
nis fur das Christusereignis und seine Bedeutung fiir die Erreichung des 
Erdenzieles. 



11 



Novalis und seine «Hymnen an die Nacht» 

Berlin, Matinee, 26. Oktober 1908 114 

Das Leben des Novalis. Familie, Studium, Beruf; sein Verhaltnis zur 
Mathematik. Spirituelle Erlebnisse, Erinnerung an friihere Inkarnatio- 
nen. Sophie von Kiihn. Die «Hymnen an die Nacht». Novalis und das 
Mysterium von Golgatha. 



Novalis, der Seher. Das Weihnachtsmysterium 

Berlin, 22. Dezember 1908 122 

Das Damaskus-Erlebnis des Novalis. Er erkannte in Christus den «Gott 
der Zukunft», den «Menschensohn». Das Weihnachtsfest. Die Vorherver- 
kiindigung des Christus durch die Eingeweihten in den Mysterien der At- 
lantis und der nachatlantischen Kulturen. Das Mysterium von Golgatha. 
Christus bei den Toten. Das Ereignis von Golgatha bildet den Anfang fur 
ein Hinuberwirkenkonnen aus dem Physischen ins Geistige. Das Weih- 
nachtsmysterium: der Zukunftskeim des Christus. 



Marchendeutungen 

Berlin, 26. Dezember 1908 143 

Marchen miissen gedeutet werden aus der hinter der Marchenwelt liegen- 
den geistigen Wirklichkeit. Erzahlung der Marchen vom Schneidergesel- 
len und vom Rosmarienstengel und Goldvogelchen. Erleben und Wahr- 
nehmen der geistigen Umgebung durch Empfindungs-, Verstandes- und 
Bewufitseinsseele; Marchen als Nachbilder dieser Erlebnisse. Besprechung 
verschiedener Marchenmotrve: Riesen, Zwerge, weise Frauen, Schwe- 
stern, verzauberte Gestalten, Vermahlung. Erzahlung des Marchens von 
den drei Konigssohnen und ihren drei Schwestern; Kampfe mit Drachen. 
Reste atavistischen Hellsehens in den Marchen. 



Ill 

Die Stellung der Anthroposophie zur Philosophic 

Berlin, 14. Marz 1908 169 

Die Entstehung des Subjektivismus in der Philosophic und seine Uber- 
windung durch die Geisteswissenschaft. Das erste philosophische System, 



das nur aus der Quelle des Denkens in Begriffen schopft, finden wir bei 
Aristoteles. Er gibt eine Denktechnik, eine formale Logik, auf welche 
sich durch Jahrzehnte sowohl die christlichen Philosophen wie auch die 
Denker der arabischen Kulturstromung stiitzen. Die Scholastik; Nomina- 
lismus und Realismus. Der Subjektivismus, das Netz, in dem sich die Phi- 
losophic seit Kant verfangen hat. Die Beziehung zwischen Subjekt und 
Objekt. Die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Vorstellung 
und Begriff und die Bedeutung des innerlichen Konstruierens der Begriffe. 
Sinnlichkeitsfreies Denken. 



Uber Philosophic 

Munchen, 20. Marz 1908 (Notizen) 189 

Der Weg der Philosophic seit dem Altertum. Die Entwickelung des 
begrifflichen Denkens aus dem alten Sehertum. Der Aristotelismus und 
seine Nachwirkungen in der Scholastik und im Arabismus. Einige er- 
kenntnistheoretische Begriffe: Form und Materie; Gattung und Gat- 
tungsbegriff; Universalien vor und nach den Dingen. NominaUsmus und 
Realismus. Die Uberwindung des Kantianismus. 



Formale Logik I 

Berlin, 20. Oktober 1908 (Notizen) 197 

Die Aufgabe der formalen Logik. Gesetze des richtigen Denkens. Uber 
das Wesen des Begriffs. Was ist Wahrnehmung, Empfindung, Vorstel- 
lung? Unterscheidung zwischen Vorstellung und Begriff. Vorstellungs- 
verlauf und Begriffsverlauf. Die Verbindung von Vorstellungen durch 
Assoziation oder Apperzeption. Die Verknupfung von Begriffen zu 
Urteilen, von Urteilen zu Schlussen. Grenzen der formalen Logik. 

Formale Logik II 

Berlin, 28. Oktober 1908 (Notizen) 208 

Die Lehre von Begriffen, Urteilen und Schlussen. Differenzierung der 
Begriffe nach Umfang und Inhalt. Formen des Urteils: affirmativ - nega- 
tiv, partikular - universell, absolut - hypothetisch. Die einfachste Schlufi- 
figur. Kants Einteilung in analytische und synthetische Urteile. Unter- 
scheidung zwischen formal richtigen und existentialen Urteilen. Kriterien 
fur die Giiltigkeit von Urteilen. 



Uber Philosophic und formale Logik 

Munchen, 8. November 1908 (Notizen) 218 

Den aufieren Fortschritten der Naturwissenschaften steht heute ein Un- 
vermogen philosophischen Denkens und philosophischer Begriffsdurch- 
arbeitung gegenuber. Denkfehler und Denkgewohnheiten. Notwendig- 
keit einer Denktechnik. Logik, die Lehre von Begriff, Urteil, Schlufi. 
Zu Kants Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises. 



Das Bilden von Begriffen und die Kategorienlehre Hegels 

Berlin, 13. November 1908 (Notizen) 237 

Wahrnehmung, Vorstellung, Begriff. Die Stellung des Begriffnetzes zur 
sinnlichen und zur iibersinnlichen Wirklichkeit. Das Sich-Bewegen in 
reinen Begriffen nach der Methode Hegels. Die Kategorienlehre. Hegels 
Ausbildung der Kategorien im ersten Teil seiner «Wissenschaft der Lo- 
gik*. Konkordanz zwischen Begriff und Wirklichkeit. 



Praktische Ausbildung des Denkens 

Karlsruhe, 18. Januar 1909 256 

Wirklich praktisches Denken und blofie Denkgewohnheiten. Wie kann 
man die richtige Stellung zum Denken gewinnen? Die Ausbildung des 
Denkens durch Ubungen. Vertiefung der Gedankenkrafte. Ubungen zur 
Starkung des Gedachtnisses. Beispiele for Denkfehler. Uber die Bedeu- 
tung sachgemafien Denkens. 



ANHANG 

Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft 

Dusseldorf, 10. Juni 1908 (Notizen) 279 

Die Personlichkeit Nietzsches; sein Verhaltnis zur materialistischen Kul- 
tur des 19. Jahrhunderts und zum Griechentum. Einiges zur Biographie 
Nietzsches; seine Erkrankung; sein Verhaltnis zur Musik. Schopenhauer. 
Richard Wagner. Uber einige Gedanken in Nietzsches Schriften «Die 
Philosophic im tragischen Zeitalter der Griechen*, «Die Geburt der Tra- 
godie», «Also sprach Zarathustra*. Der Begriff des «Ubermenschen». 
Nietzsche konnte in der aufieren Kultur seiner Zeit nicht Antworten auf 
die Sehnsuchten und Ideale finden, die in seiner Seele lebten. 



Uber die Mission des Savonarola 

Berlin, 27. Oktober 1908 (Notizen) 293 

Das Christentum zeigt sich zur Zeit der Renaissance in zweifacher Ge- 
stalt, im inneren Erleben der Menschenseelen und in der aufieren Macht- 
entfaltung der Kirche. Savonarola, das Gewissen des Christentums. 

Aus einem Kapitel okkulter Geschichte. Die Rishis 

Stuttgart, 13. Dezember 1908 (Notizen) 298 

Veranderungen der nachtodlichen Seelenerlebnisse im Laufe der ge- 
schichtlichen Entwicklung. Die Eingeweihten der verschiedenen Kultur- 
epochen. Die Bedeutung des Ereignisses von Golgatha fur das Leben in 
der jenseitigen Welt in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. 

Okkulte Geschichte I 

Nachtodliches Leben in vor- und nachchristlicher Zeit 

Nurnberg, 16. Dezember 1908 (Notizen) 302 

Verschiedenheit der Seelenerlebnisse des Menschen im nachtodlichen 
Leben in der vor- und in der nachchristlichen Zeit. Das Bewufitsein des 
Atlantiers; sein Zusammenleben mit den gottlich-geistigen Wesenheiten. 
Das Leben in der physischen und in der geistigen Welt wahrend der indi- 
schen, persischen, agyptischen und griechisch-romischen Kulturepoche. 
Das Ereignis von Golgatha und die Verkiindigung des Christus in der 
Welt der Toten. Die Bedeutung dieses Ereignisses fur die drei Welten, 
in denen der Mensch lebt. 

Okkulte Geschichte II 

Das Aufkeimen zukunftiger Seelenkrafte 

Nurnberg, 9. Februar 1909 (fragmentarische Notizen). . . . 318 

Die Zeit der Atlantis: Eingeweihte, Orakelstatten, Fahigkeiten der 
Menschen. Welche dieser Fahigkeiten wurden herubergetragen in die 



nachatlantische Kultur? 

Hinweise 323 

Personenregister 330 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 333 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 335 



UBER DIE HOHEREN WELTEN 



Wien, 21. November 1908 



Auf den Wunsch Ihres Vorsitzenden werden wir heute iiber ein 
Thema sprechen, das gewisse Voraussetzungen an die Zuhorer stellt, 
also in einer gewissen Weise fiir vorgeschrittene Anthroposophen 
bestimmt ist. Wir werden in den folgenden offentlichen Vortragen 
Gelegenheit haben, denjenigen Rechnung zu tragen, die von den 
Grundlagen der anthroposophischen Weltanschauung noch wenig 
gehort haben, und manches, was vielleicht in den internen Vortra- 
gen sozusagen einer Aufklarung bedarf, wird wenigstens zum Teile 
in den offentlichen Vortragen eine solche erfahren. Wenn von vor- 
geschrittenen Anthroposophen gesprochen wird, so fassen Sie das 
keineswegs so auf, meine lieben Freunde, als ob damit gemeint ware, 
dafi man, um auf geisteswissenschaftlichem Felde vorgeschritten zu 
sein, theoretisch viel gelernt haben miifite; darauf kommt es eigent- 
lich nicht an. Worauf es ankommt, ist weniger eine Welt von 
solchen Theorien im Inneren der Seele, sondern eine gewisse Aus- 
bildung unserer Empfindungswelt, unserer Gefuhlswelt, eine ge- 
wisse Gesinnung, konnte man sagen, die man sich allmahlich aneig- 
net, wenn man wieder und wieder im anthroposophischen Kreise 
arbeitet. 

Diejenigen, welche viel und seit Jahren innerhalb dieses Kreises 
arbeiteten, oder innerhalb eines anderen solchen Kreises sich beta- 
tigten, die werden zuriickdenken an die Zeit, wo sie sozusagen zum 
ersten Male etwas gehort haben von dem, was die anthroposophi- 
sche Geisteswissenschaft der Menschheit zu sagen hat, und sie wer- 
den sich erinnern, dafi mancherlei von dem, was ihnen damals wie 
eine erste Botschaft zugekommen ist, nicht nur unwahrscheinlich, 
sondern vielleicht konfus, phantastisch - wenn nicht vielleicht noch 
Schlimmeres davon gesagt werden mtifke - geschienen hat. Aber im 
Laufe der Zeit haben sich solche, die dann der anthroposophischen 
Weltanschauung naher und naher traten, hineingewohnt in eine ge- 
wisse Empfindungs - und Gefuhlswelt, die es moglich macht, Dinge, 



die aus den hoheren Welten mitgeteilt werden, hinzunehmen, wie 
eben Erzahlungen von Tatsachen, die auf dem physischen Plane, in 
der physischen Welt geschehen, hingenommen werden. Dasjenige, 
was man Beweise fur die geisteswissenschaftlichen Mitteilungen 
nennen konnte, ist ganz und gar nicht auf dem Felde zu suchen, wie 
der Beweis fur die anerkannten wissenschaftlichen Wahrheiten. Mit 
solcher Beweisfiihrung wiirde man nicht viel anfangen konnen. Die 
Beweisfiihrung, die sich ergibt fur den, der sich einlebt in die anthro 
posophische Weltanschauung, liegt in der ganzen intimen Umgestal- 
tung, die das Seelenleben erfahrt. Und lange bevor der Mensch so 
glucklich sein kann, durch Anwendung der geisteswissenschaftli- 
chen oder okkulten Methoden hinaufzudringen zur Anschauung 
der geistigen Welten, bildet sich in ihm ein Vorgefuhl, eine Vorah- 
nung aus von der Richtigkeit, von der tiefen Begriindetheit dessen, 
was mitgeteilt wird iiber diese hoheren Welten. Mancherlei von 
dem, was uns eine Vorstellung wird geben konnen iiber die Art, wie 
der Mensch hinaufdringen kann in die hoheren Welten, wie er mit 
seinen eigenen geistigen Sinneswerkzeugen wahrnehmen kann in 
diesen hoheren Welten, wird Ihnen der nachste Vortrag «Was ist 
Selbsterkenntnis?» zur Anschauung bringen. Heute wollen wir 
mehr erzahlend einige Betrachtungen iiber diese hoheren Welten 
pflegen, iiber den Zusammenhang dieser Welten mit unserer physi- 
schen Welt. 

Sie alle kennen ja aus Ihren bisherigen anthroposophischen Ar- 
beiten aulSer unserer Welt zwei andere Welten, die sogenannte astra- 
lische und die sogenannte devachanische Welt, die von den Religio- 
nen, soweit sie hierzulande bekannt sind, die himmlische Welt ge- 
nannt wird, die eigentlich geistige Welt. Sie kennen vor allem diese 
Welten als Gebiete, die der Mensch zu durchlaufen hat zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. Sie wissen ja, dafi zunachst die 
astralische Welt als Kamaloka durchlaufen wird, dafi dann der 
Mensch in eine rein geistige Welt, in das Devachan eintritt, wo er 
heranreift zu einer neuen Geburt, um nach einer gewissen Zeit wie- 
der herunterzusteigen zu einem neuen Erdenleben, einem Leben in 
der physischen Welt. 



Nun ist es aber nicht genug, wenn man die Astral- und Devachan- 
welt eigentlich sich nur vorstellt als gewisse Gebiete, die der Mensch 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlauft, sondern 
diese Welten sind ja fortwahrend um uns. Wir leben fortwahrend 
nicht nur in der physischen Welt, sondern auch in der astralischen 
oder Seelenwelt, die uns mit ihren Wesenheiten und Tatsachen um- 
gibt. Man kann diese Astral- oder Seelenwelt so bezeichnen, daft 
man sagt, sie durchdringt unsere physische Welt, wie wenn man 
einen Schwamm mit Wasser durchtrankt. Der Unterschied dieser 
beiden Welten gegeniiber unserer physischen Welt ist nur der, daft 
unsere physische Welt wahrgenommen wird durch Werkzeuge un- 
seres Leibes, und daft sich zunachst fur den Menschen diese hoheren 
Welten der Wahrnehmung deshalb entziehen, weil er dafur keine 
Wahrnehmungsorgane ausgebildet hat. So wahr sie innerhalb unse- 
rer Welt sind, so wahr spielen ihre Wirkungen fortwahrend in unse- 
re Welt herein. Und vieles, was in der physischen Welt vorgeht, 
wurde sich der Mensch leichter erklaren konnen, wenn er die dahin- 
terliegende geistige Astral- und Devachanwelt kennen wurde, wenn 
er wiifite, daft in unserem Umkreis Wesen um uns sind und Tatsa- 
chen, welche mit unseren Sinnen nicht erfafit und begriffen werden 
konnen. Die Astralwelt enthalt zunachst nicht nur Tatsachen, die 
sich ubersinnlich in unserer Umgebung abspielen; sie enthalt auch 
Wesenheiten, die, wenn wir so sagen diirfen, in der Substanz dieser 
Welt ebenso verkorpert sind, wie der Mensch, die menschliche 
selbstbewuftte Wesenheit, hier in der physischen Welt verbunden ist 
mit Fleisch und Blut. Der Unterschied zu Wesenheiten wie den 
eben bezeichneten ist der, daft diese Wesenheiten keine so dichten 
physischen Leiber annehmen, daft sie mit unseren physischen 
Augen gesehen werden. Ihr grobster Leib ist der Astralleib. 

Nun miissen wir gleich, wenn wir von den Wesenheiten spre- 
chen, die also zum untersten Gliede ihres geistigen Organismus 
ebenso den Astralleib haben, wie der Mensch zum untersten Gliede 
den physischen Leib hat, von vornherein aufmerksam machen, wie 
nun derjenige, dessen hellseherisches Bewufitsein geofmet ist, der al- 
so schauen kann, diese Wesenheiten wahrnimmt. Diese Wesenhei- 



ten unterscheiden sich ganz wesentlich von den auf dem physischen 
Plane existierenden Wesenheiten unserer verschiedenen Naturrei- 
che. Wir sind hier umgeben von Mineralien, Pflanzen, Tieren und 
Menschen. Wenn wir eine charakteristische Eigenschaft dieser We- 
senheiten der verschiedenen Naturreiche einmal hinstellen wollen, 
so ist es das Standige, das Bleibende der Form. Einen Menschen, den 
Sie heute gesehen haben, werden Sie morgen oder ubermorgen oder 
selbst nach Jahren noch daran erkennen, dafi seine aufiere Form be- 
standig geblieben ist. Ebenso ist es der Fall beim Tier, bei der Pflan- 
ze, beim Mineral. Das ist nun ganz und gar nicht der Fall bei den 
Wesenheiten, die nur auf dem astralischen Plan verkorpert sind. Die 
haben fortwahrend eine wechselnde Gestaltung, eine Gestaltung, 
die bei vielen Wesenheiten in jedem Augenblick eine andere wird; 
denn die Gestalt, welche auf dem astralischen Plan wahrgenommen 
wird, ist ein genauer Abdruck der inneren Seelenerlebnisse und 
Seelenbetatigungen dieser Wesenheiten. 

Denken Sie sich nur einmal, wenn Sie Hire Seele betrachten am 
Morgen, wo Sie gerade einen freudigen Brief erhalten haben, und die 
frohe Botschaft die Seele angefullt hat mit Freude und Lust, und so- 
zusagen dieses Gefiihl in Ihrer Seele lebt, denken Sie sich nun, wenn 
Sie Ihre aufiere Gestalt jedesmal dem Seelenleben entsprechend an- 
derten, wie anders diese Bilder aussehen wiirden als nachmittags, 
etwa wenn Sie eine Todesnachricht erhalten, oder in dem Augen- 
blicke, wo Zorn und Furcht Sie durchzittern. Wenn dann jedesmal 
Ihre aufiere Gestalt geandert wiirde und diese zum Ausdruck brach- 
te, was in der Seele vorgeht, dann hatten Sie ein Bild dessen, was auf 
dem Astralplan vorgeht. Daher also das Verwirrende, das Hinhu- 
schende und sich fortwahrend Verandernde der Formen der Astral- 
wesenheiten. So also miifiten Sie sich vorstellen, dafi das hellseheri- 
sche Bewufitsein, wenn es die Aufmerksamkeit vom physischen Pla- 
ne abwendet, umgeben ist von einer solchen astralen Bilderwelt. Na- 
tiirlich kann alles das, was sich da abspielt, nicht geschildert werden; 
es konnen nur Einzelheiten skizzenhaft hingestellt werden. 

Das Leben auf dem astralen Plan ist viel reicher als auf der physi- 
schen Welt. Sie miissen sich nur vorstellen, dafi da in der Astralwelt 



lichte Bilder, die nicht an einem aufieren Gegenstande haften, hin- 
huschen, dafi sie eine gewisse Form haben, die entweder licht oder 
weniger licht, weniger leuchtend oder getriibt sind, dafi sie in jedem 
Augenblicke sich andern, und das sie nichts anderes sind als ein Aus- 
druck fur Seelen, sagen wir, die da leben auf dem astralen Plane. 
Aber diese lichten Korper zeigen nicht blofi Licht und verschiedene 
Farbenbildungen, sondern auch alle anderen dem Physischen ahnli- 
che Sinneseindriicke; nur werden diese nicht mit aufieren, sondern 
mit den Geistorganen der Seele wahrgenommen. 

Es ist nun ein Unterschied zwischen der Wahrnehmung eines 
Lichtkorpers auf dem astralen Plane und der einer Farbe oder eines 
Lichtkorpers auf dem physischen Plan. Demgegeniiber, was dort als 
Licht entgegentritt, hat das Bewufitsein nicht das Gefiihl, als sei es 
aufterhalb dessen, sondern es hat das Gefiihl: Du lebst darin. - Das 
ist zunachst recht schwer, sich vorzustellen; denn Sie miissen sich 
denken, dafi in dem Augenblicke, wo das hellseherische Bewufitsein 
im Menschen aufgeht, der Mensch noch etwas anderes fiih.lt, als dafi 
nur der Raum sich mit astralen Tatsachen und Wesenheiten anfiillt, 
sondern er fiihlt, als wenn er wiichse, als wenn er grower und grofier 
wiirde. Es dehnt sich das Bewufitsein: «Das bin ich» iiber die Haut 
hinaus. Das ist das Wesentliche des hellseherischen Bewufkseins. Er 
spurt, wie wenn er sich hinausbreite und in das, was er wahrnimmt, 
hineinkroche, so dafi er innerhalb dieser Leuchtkorper lebt und 
Warme- und Kalteempfindungen verspurt; er verspiirt auch Ge- 
schmack. Alle diese Empfindungen, die er zunachst aus der Sinnen- 
welt kennt und die hier mit dem aufieren begrenzten Korper ver- 
kniipft sind, durchstromen und durchhuschen den Raum, und vor 
alien Dingen tritt noch etwas auf. Hier in der physischen Welt hat 
der Mensch natiirlich das Gefiihl, dafi nur dasjenige zu einem Wesen 
gehort, was sozusagen raumlich mit dem Wesen zusammenhangt. 
Es wiirde Sie sonderbar iiberraschen, wenn irgendein physisches 
Wesen hineinliefe in den Raum und hinterher ein anderes, und je- 
mand behauptete, die beiden gehoren zusammen, obzwar keine Ver- 
bindung zwischen ihnen da ist. Man wiirde sie fur getrennte Wesen 
halten; denn man wird niemals raumlich getrennte Korper in der 



physischen Welt als ein Wesen ansehen. In der Astralwelt ist das 
durchaus der Fall, dafi das, was gar nicht raumlich zusammenhangt, 
ein Wesen ist, und da haben Sie keinen anderen Mafistab dafiir, an- 
zuerkennen, dafi das ein Wesen ist, als dafi, sagen wir, Sie drinnen 
sind und nun das BewulStsein haben, diese zwei voneinander ganz 
abstehenden Glieder gehoren zu einer Wesenheit. Verwirrend ist al- 
so, dafi sich das hellseherische Bewulksein nicht immer gleicht, und 
dafi das, was zusammengehort, nicht immer als solches erblickt 
werden kann. Ja, es kann noch weitergehen: Dafi Sie ein Wesen 
sehen konnen, das Ihnen erscheint als eine Reihe voneinander 
getrennter Kugeln, hier eine leuchtende Kugel, weit davon eine 
zweite, dann eine dritte, vierte und so weiter. Daraus werden Sie 
sehen, dafi es auf dem Astralplan in griindlichster Weise anders 
aussieht als hier. 

Aber es gibt ja etwas, das mit dem Menschen selbst verbunden ist 
und das in dieser Verbindung mit dem Menschen zu gleicher Zeit al- 
le Eigenheiten der astralischen Welt als Wirkungen auf den Men- 
schen aufiert; das ist des Menschen eigener Astralleib. Das ist das 
dritte Glied seiner Wesenheit, von dem Sie erfahren haben, daft es in 
einer gewissen Weise eine selbstbegrenzte Gestalt hat. Wahrend des 
Lebens zwischen Geburt und Tod kann man allerdings sehen, dafi 
im wesentlichen der Astralleib sich wie eine Art ovale Wolke aus- 
nimmt, in welche der physische und Atherleib eingebettet sind. Ei- 
ne Art Eiform ist der Korper, auf dessen aufieren Grenzen bestandig 
wogende Bewegungen geschehen, so daft von einer Regelmafiigkeit 
keine Rede sein kann. Der Astralleib zeigt eine verhaltnismafiig fe- 
ste, bestandige Form, solange er im physischen Leibe drinnensteckt. 
Solange das der Fall ist, so lange bleibt diese Form. Schon in der 
Nacht, wenn der Astralleib sich herauszieht, beginnt dieser sich dem 
Seelenleibe anzupassen. Da kann man schon sehen, wie ein Mensch, 
der bei Tage in bosartigen Gefuhlen lebt, in der Nacht eine andere 
Form zeigt als ein Mensch, der wahrend des Tages in guten Gefiih- 
len gelebt hat. Im allgemeinen bleibt aber doch die Form des astrali- 
schen Leibes in der Nacht bestehen, weil die Krafte des physischen 
und Atherleibes sehr stark wirken und auch in der Nacht noch 



nachwirken, und den Astralleib in seiner Form im wesentlichen, 
aber nur im wesentlichen, erhalten. 

Aber wenn der Mensch im Tode, nach Beendigung seines physi- 
schen Lebens, zunachst den physischen Leib abstofit und dann auch 
denjenigen Teil des Atherleibes abstofk, der abzustofien ist, dann 
zeigt der Astralleib schon wahrend der Kamalokazeit durchaus eine 
wechselnde Form. Ganz und gar angepafit ist dieser Leib in seiner 
Form und Bildgestalt seinem Seelenleben, so dafi ein Mensch, der 
seinen Leib im Tode mit hafilichen Gefuhlen verloren hat, eine ab- 
schreckende Gestalt zeigt, wahrend ein Mensch, der mit schonen 
Gefuhlen gestorben ist, schone, sympathische Formen des Astrallei- 
bes zeigt. Es kann so weit kommen, daft Menschen, die ganz und gar 
aufgehen in sinnlichen Begierden und die sich nicht erheben konnen 
zu irgendwelchen edlen Gefuhlen und Trieben, nach dem Tode eine 
Zeitlang wirklich die Form von allerlei grotesken Tieren annehmen, 
nicht solchen, wie sie auf dem physischen Plan leben, sondern sol- 
chen, die nur daran erinnern. Derjenige nun, der Erlebnisse hat auf 
dem astralen Plan und verfolgen kann, welche Gestalten sich da dem 
hellseherischen Bewufitsein darbieten, der weifi, welches Bild einer 
Seele mit edlem und einer mit unedlem Inhalt entspricht; von dem 
kann also alles an den Gestalten erlebt und erschaut werden. Ich sag- 
te schon, dafi dieser astrale Menschenleib keineswegs absolut etwa 
ganz bestimmte innere und aufiere Formen zeigt, sondern nur in- 
nerhalb bestimmter Grenzen ist das der Fall. Auch schon im physi- 
schen Leben, namentlich in jenem Teil des Leibes, der nach dem 
Einschlafen austritt, palk sich in einer gewissen Weise der Astralleib 
doch auch dem an, was die Seele erlebt. Und da kann man aus gewis- 
sen Bildungen und Gestaltungen, die der Astralleib in sich annimmt, 
sehen, was innerhalb des Menschen vorgeht und was er erlebt. 

Nur bezuglich einiger Dinge, die die Seele erleben kann, mochte 
ich Ihnen einiges angeben, namlich, wie dann der astrale Leib gese- 
hen wird. Nehmen Sie an, ein Mensch sei schwatzhaft, neugierig 
oder er neige zum Jahzorn oder anderen ahnlichen, sagen wir, Untu- 
genden. Da driicken sich diese Untugenden in einer ganz bestimm- 
ten Weise in seinem Astralleib aus. Wenn der Mensch zum Beispiel 



geplagt wird von Zorn, Arger, namentlich wenn er jahzornig ist, 
dann zeigen sich in seinem Astralleib knollige Bildungen, Verdich- 
tungen durch den Astralleib. Er wird unrein. Von diesen Verdich- 
tungen gehen recht schlimm aussehende schlangenartige Fortsetzun- 
gen aus, die sich auch in der Farbung von anderen Substanzen unter- 
scheiden. Namentlich bei jahzornigen Menschen kann das leicht be- 
obachtet werden. Wenn die Menschen schwatzhaft sind, dann zeigt 
sich dieses namentlich dadurch, dafi der Astralleib allerlei Verdich- 
tungen zeigt, die man so charakterisieren konnte, dafi man sagt, 
durch die Verdichtungen werde nach alien Seiten ein Druck im 
Astralleib ausgeiibt. Wenn die Menschen neugierig sind, dann zeigt 
sich das im Astralleib, indem er sich in Falten legt; gewisse Teile 
werden faltig schlaff, und es hangen sozusagen gewisse Teile einan- 
der entgegen; es zeigt sich ein allgemeines Schlaffwerden, Sie sehen 
also, dafi dieser astrale Menschenleib in einer gewissen Art die allge- 
meinen Eigenschaften der Astralwelt teilt, daft er seine Form den 
inneren Seelenerlebnissen des Menschen anpafit. 

Nun finden wir, wenn wir die Astralwelt im allgemeinen durch- 
forschen, zunachst gewisse Wesenheiten, von denen der Mensch, 
der nur das Physische kennt, eigentlich keine Ahnung haben kann. 
Vor alien Dingen erscheint ihm diese physische Welt in einer ganz 
anderen Art, als sie ihm vorher erschienen ist. So zum Beispiel fin- 
den wir als ganz besondere Wesenheiten die Gruppenseelen der Tie- 
re. Der Mensch, wie er uns hier entgegentritt, hat eine individuelle 
Seele, die, eine jede fur sich, eine Ich-Wesenheit hat. Die Tiere haben 
nicht in der gleichen Weise eine Ich-Wesenheit. Bei ihnen haben die 
gleichgestalteten Formen, also alle Lowen, alle Tiger, alle Schildkro- 
ten dasjenige, was man eine gemeinsame, eine Gruppenseele nennen 
kann. Und Sie miissen sich vorstellen, dafi auf dem astralen Plane ei- 
ne Ichheit lebt, gleichgiiltig wo die Tiere im Physischen leben. Alle 
sind eingebettet in eine Ichheit, die auf dem astralen Plane eine wirk- 
liche Personlichkeit ist, und dort kann man dieser Personlichkeit, 
dieser Gruppenseele begegnen, wie hier einem Menschen. 

Ein Beispiel: Nehmen Sie einmal einen Vogelzug, wenn die Vogel 
anfangen, von den nordlichen Gegenden zum Aquator zu ziehen. 



Wer nicht oberflachlich diese wirklich aufterordentlich weisheits- 
vollen Vogelziige beobachtet, wird staunen dariiber, wieviel von 
dem, was man Intelligenz nennt, zu einem solchen Zuge der Vogel 
gehdrt. Die einen ziehen in diese, andere in die andere Region; Ge- 
fahren bestehen sie, sie landen, wo sie landen miissen. Da sieht das 
gewohnliche physische Bewufttsein nur die dahinziehenden Schwar- 
me. Das hellseherische Bewufttsein aber sieht die Gruppenseele, das 
Wirken der Personlichkeiten, die da leiten und lenken, was da vor- 
geht. Tatsachlich sind es solche kstrale Personlichkeiten, die das 
Ganze fiihren und leiten. Diese Gruppenseelen sind es, die uns zu- 
nachst als eine Bevolkerung der Astralwelt entgegentreten. Die 
Mannigfaltigkeit, die in der Gruppenseele der Tiere auf dem Astral- 
plan herrscht, diese Buntheit ist eine unendlich viel groftere. Nur ne- 
benbei sei erwahnt, daft auf dem astralen Plan Platz fur alle ist, weil 
sich dort die Wesen durchdringen; denn das Gesetz der Undurch- 
dringlichkeit gilt nur fiir den physischen Plan. Nur fuhlen sie dort 
die Einfliisse, wenn sie durchdrungen werden, gute wie bose; im in- 
nerlichen Erleben spiiren sie das Durchgehen. Sie konnen also durch 
einander durchgehen; sie konnen auch an ein und demselben Orte 
leben. Es herrscht dort das Gesetz der Durchdringlichkeit. 

Aber das ist wiederum nur ein Teil der Astralbevolkerung, aller- 
dings einer, den wir im vollen, richtigen Sinne erst erkennen, wenn 
wir ihn ganz erfassen. Glauben Sie nicht, daft derjenige schon einen 
Begriff von einer Gruppenseele irgendeiner Tierform hat, der, sagen 
wir, aufmerksam ist, wie diese in der Astralwelt eingebettet ist und 
wie zu dieser Gruppenseele hinauf sein Bewufttsein geleitet wird. 
Das geniigt nicht. Gerade hier tritt uns lebendig entgegen, daft das, 
was raumlich getrennt ist, zusammengehort, so daft wir fiir jede 
Tiergruppenseele, die weisheitsvoll das Ganze leitet, ein Gegenbild 
haben, und zwar ein schlimmes Gegenbild. Darin besteht die Tier- 
heit, daft sie einmal hinaufweist in die Astralwelt, aber dann hinun- 
terweist in jenen Teil der Astralwelt, wo Hafilichkeit und Widrig- 
keit herrschen, so daft wir fiir jede Tiergruppe eine Lichtgestalt und 
eine haftliche Gestalt haben, welche sich einmal abgesondert hat von 
der Lichtgestalt als das Bose, Haftliche, was einmal in ihr drinnen 



war. Da konnen Sie nun sehen, wie die alten Bilder und Kunstwerke 
aus einer hoheren Erkenntnis hervorgegangen sind. Heute erkennt 
man als eine Individuality nur das, was im Menschen lebt. Und 
man kann daher, wenn man etwas Hoheres darstellen will, nur zur 
Phantasie greifen. So war das durchaus nicht immer. Damals, als ein 
grofier Teil der Menschheit, namentlich der, welcher kunstlerisch 
wirkte, ein gewisses hellseherisches Bewulksein oder doch Uberlie- 
ferungen vom Hellsehen hatte, da hat man immer dargestellt das, 
was sich wirklich in den hoheren Welten vorfindet. Und so haben 
Sie in dem Ihnen bekannten Michael mit dem Drachen oder Sankt 
Georg mit dem Drachen eine wunderbare Darstellung der Verhalt- 
nisse, welche der Hellseher auf dem astralen Plane bezuglich der 
Tierformen immer vorfindet. Sie erhebt ihn zu einer hoheren Ge- 
staltung, die weise ist und weit hinausragt iiber die Weisheit der 
Menschen. Aber diese Weisheit ist errungen dadurch, das heraus- 
geworfen worden ist aus der Astralitat solcher Wesenheiten die 
schlimme Seite. Diese schlimme Gestalt haben Sie in dem widrigen 
Drachen. Wenn der Hellseher aufsieht von der lebenden Form, so 
sieht er alles, was fiir die lebendige Form angeordnet wird von der 
hoheren Wesenhek, die weise ist, die nur nicht die Liebe kennt. 
Aber diese Ausbildung der lichten Seelengestalt ist nur errungen 
worden dadurch, dafi unter die Fiifie getreten worden sind die bosen 
Eigenschaften, die in der Wesenheitsform waren. Der Mensch hat 
seine heutige Natur dadurch errungen, dafi er heute noch in seinem 
Karma Gut und Bose vermischt hat, wahrend auf das Tier die mora- 
lischen Unterschiede von Gut und Bose sich nicht anwenden lassen. 
Aber der Begriff der lichtvollen Wesenheit ist mit dem Zuge nach 
oben, der des Gefallenseins mit dem, was iiberwunden worden ist, 
verkniipft. Alte Kunst hat meist so geschaffen in bedeutungsvollen 
Symbolen, und was da geschaffen worden ist, ist nichts weiter als ein 
Ergebnis hellseherischer Betrachtungen. Das wird erst dann begrif- 
fen werden, wenn man die astralischen Urbilder wieder erkennen 
wird. 

Auch die Pflanzenwelt bietet auf der astralischen Ebene etwas Ei- 
gentiimliches dar. Wenn der Hellseher eine Pflanze betrachtet, wie 



sie mit der Wurzel im Boden wurzelt, Blatter und Bliiten ansetzt, 
hat er zunachst vor sich die Pflanze, bestehend aus dem physischen 
Leibe und dem Atherleib. Das Tier hat noch den Astralleib. Nun 
konnen Sie einmal die Frage aufwerfen: Haben die Pflanzen gar 
nichts von einem Astralleibe? Es ware falsch, wiirde man das be- 
haupten; er ist nur nicht drinnen, wie er in dem Tiere drinnen ist. 
Wenn das hellseherische Bewufksein die Pflanze beschaut, so sieht 
es namentlich oben, wo die Bliiten sind oder entstehen, die ganze 
Pflanze eingetaucht in eine astrale Wolke, eine helle Wolke, die die 
Pflanze namentlich an diesen Teilen umgibt und einhiillt, wo sie 
blunt und Fruchte tragt. Also die Astralitat senkt sich gleichsam auf 
die Pflanze nieder und hiillt einen Teil der Pflanze ein. Der Astral- 
leib der Pflanze ist eingebettet in diese Astralitat. Und das Eigen- 
tiimliche davon ist, dafi, wenn Sie sich die ganze Pflanzendecke der 
Erde denken, so werden Sie finden, daft die Astralleiber der Pflanzen 
einer an den anderen grenzen und sie ein Ganzes bilden, von dem 
die Erde eingehiillt ist wie von physischer Luft, von der Pflanzen- 
astralitat. Wenn die Pflanzen nur einen Atherleib hatten, wiirden 
sie so wachsen, dafi sie nur Blatter, keine Bliiten ansetzen wiirden, 
denn das Prinzip des Atherleibes ist Wiederholung. Wenn eine Wie- 
derholung abgeschlossen und ein Abschlufi gebildet werden soil, 
mufi ein Astralleib dazukommen. 

So konnen Sie am Menschenleibe selbst betrachten, wie das Athe- 
rische und das Astrale zusammenwirken. Denken Sie sich die aufein- 
anderfolgenden Ringe des Riickgrats. Da gliedert sich Ring an Ring. 
Solange dies geschieht, wirkt hauptsachlich das atherische Prinzip 
im Organismus. Oben, wo die knocherne Schadelkapsel eintritt, 
dort iiberwiegt das Astrale, namlich dort hat das Astrale das Uberge- 
wicht. Also das Prinzip der Wiederholung ist das Prinzip des Atheri- 
schen, und das Prinzip des Abschlusses ist dasjenige des Astralen. 
Die Pflanze wiirde oben nicht abgeschlossen sein in der Bliite, wenn 
sich nicht in das Atherische das Astrale der Pflanzennatur senken 
wiirde. 

Wenn Sie eine Pflanze verfolgen, wie sie den Sommer hindurch 
wachst und dann im Herbste Fruchte tragt und dann anfangt zu wel- 



ken, also wenn die Bliite anfangt zu ersterben, dann zieht sich das 
Astrale wieder aus der Pflanze zuriick nach oben. Das ist ganz be- 
sonders schon zu beoachten. Wahrend das physische Bewufitsein 
des Menschen im Friihling seine Freude haben kann an dem Erblii- 
hen der Pflanzen, wie sich Flur um Flur mit herrlichen Bliiten be- 
deckt, gibt es fur das hellseherische Bewulksein noch eine andere 
Freude. Wenn gegen den Herbst zu die Pflanzen, die einjahrig sind, 
absterben, dann leuchtet es und huscht hinauf wie huschende Ge- 
stalten, die sich als astrale Wesenheiten herausbegeben aus den 
Pflanzen, die sie den Sommer hindurch versorgt haben. Hier ist wie- 
der eine Tatsache, die uns in dem poetischen Bilde entgegentritt, das 
nicht verstanden werden kann, wenn nicht hierin das hellseherische 
Bewufksein verfolgt werden kann. Da sind wir schon in einem inti- 
men Felde des astralen Bewufkseins. Aber bei Volkern der Vorzeit, 
wo solche intime Hellseher vorhanden waren, da war auch schon 
dieses Sehen im Herbst vorhanden. Sie finden bei dem hellseheri- 
schen Volke Indiens in der Kunst das wunderbare Phanomen darge- 
stellt, dafi ein Schmetterling oder ein Vogel hinausfliegt aus einem 
Blutenkelch. Wiederum ein solches Beispiel, wie in der Kunst etwas 
aufsteigt, wo durchaus das hellseherische Bewufitsein zugrunde 
liegt aus jenen fernen Zeiten her, wo entweder das hellseherische 
Bewufksein in den Kiinstlern gewirkt hat oder als eine Tradition 
beachtet wurde. 

Ein Astralleib ist also auch in der Pflanze vorhanden. Das Tier 
hat physischen Leib, Atherleib, Astralleib. Das Ich des Tieres haben 
wir gefunden in der Gruppenseele. Wir haben jetzt vom Astralleib 
der Pflanze gesprochen, den wir, wenn die Pflanze welk wird, als ein 
sich herausziehendes Wesen charakterisiert haben. Hat die Pflanze 
auch ein Ich? Ja, es gibt dasselbe fur die Pflanzen, was wir beim Tier 
die Gruppenseele nennen, nur herrscht hier das Eigentumliche vor, 
dafi alle die Pflanzen-Iche nach einem einzigen Ort der Erde sich 
richten, namlich nach dem Mittelpunkt der Erde. Es ist, als ob die 
Erde von alien Seiten bestrahlt wiirde von den Gruppen-Ichen aller 
Pflanzen, und deshalb wachst die Pflanze gegen die Erde zu. Dieses 
Ich aber kann auf dem astralen Plan nicht beobachtet werden. Dort 



findet der Hellseher die tierischen Gruppenseelen. Er findet auch je- 
ne Doppelwesen, wie wir sie im Symbol von Michael mit dem Dra- 
chen gesehen haben. Er findet auch, was nun geschildert worden ist, 
aber die Pflanzen-Iche wiirde er vergeblich auf dem astralen Plane su- 
chen. Die sind erst in der hoheren, in der eigentlich geistigen Welt, 
in den groberen, unteren Partien des Devachans, im Rupa-Devachan. 
Da sind die eigentlichen Pflanzenseelen, die Pflanzen-Iche, und die 
stecken alle so ineinander, dafi sie mit ihrem eigentlichen Mittel- 
punkte alle ineinander sind, im Mittelpunkte der Erde vereinigt sind. 

Da kann nun die Frage entstehen: Es sind doch der physische 
Plan, der astrale Plan, der devachanische Plan eigentlich ineinander, 
so dafi der Hellseher sich raumlich nirgends anders befindet, als wo 
der physische Mensch sich befindet; wie unterscheidet man da ei- 
gentlich den einen von dem anderen? Es ist bald gesagt, wodurch 
der physische Plan sich vom astralen unterscheidet. Der physische 
Plan ist da, solange man sieht, hort, tastet, und wenn der Mensch in- 
nere Fahigkeiten entwickelt, dann werden ihm zwischen und in 
dem Physischen die astralen Wesen unterscheidbar. Dort, wo solche 
Wesen in unser Bewufitsein eintreten, die mit physischen Organen 
nicht wahrzunehmen sind, da beginnt der astrale Plan. Aber wann 
beginnt dann der devachanische Plan? Nun gibt es die Moglichkeit, 
Grenzen anzugeben zwischen dem astralen und devachanischen 
Plan, obwohl sie ineinander verschwimmen; es gibt durchaus eine 
aufiere und eine innere Moglichkeit, den Aufstieg vom astralen zum 
devachanischen Plane zu erkennen. Die aufiere Moglichkeit ist fol- 
gende: Wenn der Mensch sein hellseherisches Bewufitsein ent- 
wickelt, mufi er zunachst Augenblicke im Leben haben, wo er die 
physische Welt in gewisser Beziehung verlafit. Das ist schon ein ho- 
herer Grad menschlicher Entwickelung, wenn er sozusagen gleich- 
zeitig die physische und dann in ihr, diese durchsetzend, die astrale 
Welt erblickt, also zum Beispiel das Physische eines Tieres und den 
astralen Leib eines Tieres sieht. Aber das kann nur erreicht werden 
bei einem gewissen Grade von Entwickelung, nachdem man etwas 
anderes durchgemacht hat, namlich, dafi man die physische Welt 
nicht sieht, wenn man die astrale Welt sieht. 



Dieses Hineinleben des Menschen im Beginn der Entwickelung 
in die astrale Welt zeigt sich dadurch, da# sich folgendes abspielt. 
Der Mensch ist an einem bestimmten Orte. Er hort allerlei um sich, 
sieht die Gegenstande, er tastet sie, er schmeckt sie. Wenn nun der 
Mensch sich nach und nach hellseherisch in die astrale Welt einlebt, 
dann ist es so, dafi diese sinnlichen Eindrucke zuerst anfangen, wei- 
ter und weiter vom Menschen abzuziehen, so dafi der Ton wie in 
weiter, weiter Feme zu sein und dann ganz und gar zu verschwin- 
den scheint. Ebenso ist es mit den Tastwahrnehmungen: Der 
Mensch wird nach und nach dasjenige, was sonst getastet wird, nicht 
als unmittelbar empfinden; er wird mit gewissen Gefiihlen die K6r- 
per durchdringen, in sie hineintasten. Ebenso die Farbenwelt, die 
Lichtwelt; der Mensch breitet sich aus, er lebt sich in diese Lichtwelt 
hinein. So zieht dasjenige, was die sinnliche Welt ist, vom Menschen 
ab, und an ihre Stelle treten die Erscheinungen, wie sie vorhin be- 
sprochen worden sind. Das erste nun zunachst, was da beobachtet 
werden mufi, ist das, dafi da, wo die Astralwelt wirklich vom Men- 
schen beschritten wird, sozusagen vollstandig die Tonwahrnehmun- 
gen, die Gehorwahrnehmungen, die Schallwelt, die Tonwelt ausge- 
loscht sind. Das ist eine Zeitlang iiberhaupt in der Astralwelt nicht 
vorhanden. Der Mensch mufi sozusagen diesen Abgrund durch- 
machen, in einer tonlosen Welt zu leben. Allerdings ist sie dadurch 
ausgezeichnet, dafi sich in ihr mannigfaltige Eindrucke finden, na- 
mentlich eine differenzierte Bilderwelt. Wenn er hoher steigt in der 
Entwickelung, lernt er etwas kennen, was ihm jetzt ganz neu ist, 
namlich das, was wie ein geistiges Gegenbild zur Tonwelt zu be- 
zeichnen ist. Er lernt zuerst innerhalb der Astralwelt kennen das, 
was neu auftritt als geistiges Horen. Das ist nun freilich schwer zu 
beschreiben. 

Nehmen Sie nun folgendes an: Sie sehen eine leuchtende Gestalt. 
Eine andere kommt ihr entgegen; sie nahern sich und durchdringen 
sich. Eine dritte kommt, kreuzt den Weg und so weiter. Nun, was 
sich Ihnen darbietet, das sehen Sie nicht blofi an mit dem hellseheri- 
schen Bewufitsein, sondern das gibt Ihnen in die Seele die mannigfal- 
tigsten Gefiihle. So kann es sein, daft in Ihnen die Gefuhle einer gei- 



stigen Lust entstehen, dann wieder Unlust, aber die verschiedenst 
differenzierten Gefuhle, wenn sich die Wesen durchdringen, oder 
wenn sie sich annahern oder entfernen. Und so lebt sich die hell- 
sehend werdende Seele ein, so dafi das Zusammenwirken auf dem 
astralen Plan nach und nach durchgliiht und durchsetzt wird von 
erhabenen oder widersprechenden Gefiihlen rein geistiger Art. Das 
ist die geistige Musik, die wahrgenommen wird. Aber mit dem 
Momente, wo dies auftritt, ist man schon im Gebiete des Devachan. 
Also das Devachan beginnt aufierlich, wo die Tonlosigkeit beginnt 
aufzuhoren, die zum Teile auf dem astralen Plane eine schauerliche 
Tonlosigkeit ist. Denn der Mensch hat keine Ahnung, was es heifk, 
in einer unendlichen Tonlosigkeit zu leben, die nicht nur keinen 
Ton darbietet, sondern die auch zeigt, dafi sie keinen in sich hat. Das 
Gefuhl der Entbehrung auf der physischen Welt ist eine Kleinigkeit 
gegen die Gefuhle der Seele, wenn diese Unmoglichkeit empfunden 
wird, dafi da etwas heraustonen kann aus dem unendlich sich aus- 
breitenden Raum. Dann kommen eben die Moglichkeiten, das Zu- 
sammenwirken der Wesenheiten, ihre Harmonie und Disharmonie 
wahrzunehmen, die Tonwelt beginnt. Das ist das Devachan, aufier- 
lich in den For men betrachtet. 

Auch in anderer Weise kann die Seelenempfindung den Ubergang 
von der Astralwelt zum Devachan anzeigen. In der physischen Welt 
begleitet der Mensch in seiner Seele die Dinge ja nach dem Charak- 
ter, den er hat. Der eine geht an einem Bilde vorbei und empfindet 
nichts, der andere fiihlt eine Welt von Seligkeit, indem er vor dem 
Bilde steht. Menschen gehen aneinander vorbei; der eine sagt von 
dem anderen, dafi er der Rechte sei und sieht vermoge seiner Seelen- 
eigentiimlichkeit, dafi er zu dem anderen gehort, er empfindet eine 
aufleuchtende Freude. So ist es eigentlich in den hoheren Welten 
sehr bald nicht mehr. Da fordert der Mensch mit einer inneren Not- 
wendigkeit die Erlebnisse einer Gefiihlswelt heraus, und da konnen 
Sie nicht etwa kalt oder niichtern vor gewissen Erlebnissen des astra- 
len und devachanischen Planes vorbeigehen, sondern gewisse Erleb- 
nisse fordern Ihnen ab eine Hingebung, ein voiles Eingehen; andere 
hingegen stofien Sie ab. 



Das ist es, was dem nicht richtig Vorbereiteten gefahrlich werden 
kann, weil er namlich in fortwahrend wechselnden Empfindungen 
leben muf$, die unter Umstanden innerlich zerstoren, innerlich zer- 
reifien und daher wieder auf die Gesundheit schadigend riickwirken 
miissen. Da kann er von Stufe zu Stufe merken, in welcher Welt er 
ist. Wahrend er in der Astral welt ist, kennt er hauptsachlich zwei 
Gefiihlsnuancen in der mannigfaltigsten Weise. Die eine ist die, die 
besonders stark hervortritt, wenn der Mensch unmittelbar nach 
dem Tode in dem Gebiete der Astralwelt ist, das wir Kamaloka nen- 
nen. Da ist er ja sozusagen mit seinen Gefuhlen noch nicht losge- 
kommen vom Leben der physischen Welt; da verlangt er nach ihr, 
er begehrt ihrer. Nehmen wir zum Beispiel einen Feinschmecker, 
der Verlangen nach leckeren Speisen hat. Nach dem Tode und nach 
dem Ubergang in die Astralwelt hat er noch immer die Lust, aber 
nicht mehr die physischen Organe. Daher lechzt er gierig nach dem, 
was nur Zunge und Gaumen einem Menschen bieten konnen. Da- 
her wird ihm dieses, was er in seiner Seele erlebt, zur peinigendsten 
Nuance dieses Gefuhls, zum Gefiihle der Entbehrung. Entbehrung 
ist uberhaupt etwas, was auf der einen Seite unserer Gefiihlswelt 
steht, wenn wir in der Astralwelt sind. Man lernt da, wenn man das 
Bewufitsein entwickelt hat, nicht jene peinigende Entbehrung ken- 
nen, wie ein Gestorbener sie hat, aber das Gefiihl des Suchens nach 
etwas, das Gefiihl der Entbehrung wird auch den Hellseher iiber- 
kommen, wenn nicht ein anderes zum Erhalten des Gleichgewichtes 
da ware. Betritt er unvorbereitet oder nicht in der richtigen Weise 
vorbereitet den astralen Plan, dann wird sich das geltend machen. 
Nicht Rast und nicht Ruhe hat die Seele; eine Unruhe, eine Rastlo- 
sigkeit wird die Seele von einem zum anderen drangen. Um das zu 
vermeiden, gibt es nur eines: die entgegengesetzte Gefuhlsnuance 
mufi ausgebildet werden, und in alien Geheimschulen wird diese 
Gefuhlsnuance vorbereitet : die Entsagung. Man bereitet sich fur ein 
richtiges Leben in der Astralwelt durch alles das vor, was in einer ge- 
wissen Weise mit Entsagung bezeichnet werden kann. Wenn Sie sich 
die geringste Kleinigkeit hier versagen, ist es durchaus wahr, dafi Sie 
sozusagen einen Stein in die Treppe zum astralen Plan einlegen. Die 



ruhigere Betrachtung der Astralwelt wird errungen dadurch, dafi 
man sich dazu vorbereitet durch die Gefiihlswelt der Entsagung. 
Wahrend das Gefiihl der Begierde die Astralwelt zu einer Welt des 
Schmerzes und der Unlust macht, macht das, was man durch Entsa- 
gung erwirkt, dafi man immer klarer und klarer, deutlicher und 
deutlicher die Gebilde und Wesenheiten des astralen Planes beob- 
achten kann, so dafi man nicht mehr hin und her schwanken mufi 
zwischen Begierde und Entsagung. Das sind die Gefiihlsnuancen im 
astralen Plane, und so lange diese vorzugsweise in der Seele tatig 
sind, ist man im astralen Plan. 

Dann kommen neue Gefiihlserlebnisse der Seele. Vor alien Din- 
gen macht sich dort, wo die Seele die Grenze der Devachanwelt 
uberschreitet, das Gefiihl der Beseligung geltend, der Seligkeit. 
Selbst wenn man das Devachan unwiirdig betreten wiirde, das heilk, 
wenn man durch irgendeinen Zauber oder durch schwarze Magie 
vor dem Tode dort eintreten konnte, wiirde man sehr bald in einem 
Meer von Seligkeiten geringeren oder hoheren Grades schwimmen. 
Nun konnte man sagen, das ist doch sonderbar, dafi selbst ein un- 
wiirdiges Betreten des Devachan Beseligung verleiht. Es ist so, aber 
es hat in gewisser Weise auch seine Nachteile, lautet die Antwort. 
Dieses Gefiihl aus- und hinfliefiender Seligkeit ist auf dem devacha- 
nischen Plane untrennbar mit etwas anderem verkniipft, namlich 
mit dem Verluste des Selbst, der Selbstbewufitseinskraft, der inneren 
Ich-Kraft. Wir wiirden zerfliefien, wenn nicht eine andere Gefuhls- 
nuance hinzutreten wiirde. Das ist die, die man in der Geheimwis- 
senschaft das Gefiihl der opferwilligen Hingabe, der Opferfahigkeit 
nennt. 

Im astralen Plan finden wir also Entbehrung und Entsagung, auf 
dem devachanischen Plane Seligkeit und Opferwilligkeit. Und es ist 
sonderbar, aber doch wahr, dafi, wenn der Mensch auf dem devacha- 
nischen Plane gar nicht das Gefiihl hatte: Du sollst dich hingeben 
dem, was um dich ist -, sondern mit seinem Ich nur die Seligkeit ge- 
niefien wollte, wiirde er zerfliefien im Meere der devachanischen 
Wesenheiten. Wenn er aber mit dem Gefiihle sich durchtrankt : Ich 
will mich opfern, ich will ausstromen lassen, was ich mir erworben 



habe -, dann bewahrt er sich im Devachan vor dem Zerfliefien, vor 
dem Vergehen. Das hochste Gefiihl der Liebe, der schaffenden Lie- 
be, das mufi als zweite Gefiihlsnuance im Devachan da sein. Und das 
ist etwas, was Ihnen auch verstandlich macht, wie das Wirken irn 
Devachan zwischen Tod und einer neuen Geburt geschieht. Indem 
der Mensch aus dem Kamaloka, wo er zunachst in Entbehrung ge- 
lebt und die Dauer seines Aufenthaltes dadurch verkiirzt, dafi er ent- 
sagen gelernt hat, in das Devachan kommt, mufi er gleich beginnen, 
an die Arbeit einer nachsten Inkarnation zu gehen. Langsam baut er 
sich die Urbilder seines nachsten Erdenlebens auf. Er wird es um so 
besser aufbauen, wenn er zum Gefiihl der Seligkeit, das unbedingt 
eintritt, gelernt hat hinzuzufugen die opferwillige Hingabe seines 
Wesens an das, was ihn umgibt. In dem Mafie, als er sich hinopfert 
mit seiner Seele, in dem Mafie baut sich das Urbild seiner kunftigen 
Personlichkeit auf. Wiirde er das nicht konnen, dann wiirde er 
entweder ganz und gar vergehen oder riesig lange brauchen, bis er 
wieder zu einem irdischen Dasein kommen konnte. So sehen wir so- 
zusagen, wie die Seele aufterlich in den Formen - beim Ubergange 
aus der stummen, leuchtenden Astralwelt in die tonende Devachan- 
welt - die Grenzen findet; viel wichtiger aber ist, wie sie sich inner- 
lich hineinlebt in die andere Welt. - Das sind so einige Hindeutun- 
gen auf die Verhaltnisse der hoheren Welten, die der Mensch betritt 
in der Beobachtung des alten griechischen Weisheitsspruches «Er- 
kenne dich selbst!» Man konnte noch vieles hinzufugen, aber es 
kann ja immer nur ein Stuck davon gegeben werden, was zur Cha- 
rakteristik der hoheren Welten zu gelten habe. So lebt man sich all- 
mahlich ein, und indem man sich einlebt, wird man auch die Wir- 
kungen auf die physische Welt erkennen lernen, und so wird auch 
diese Welt immer durchsichtiger. 



WAS 1ST SELBSTERKENNTNIS? 



Wien, 23. November 1908 



Wir haben vorgestern hier ein im eminentesten Sinne okkultes The- 
ma behandelt, einen Ausblick gehalten in die hoheren Welten. Wir 
haben dann gestern im offentlichen Vortrag uns damit beschaftigt, 
durch welche Methode und Verrichtung der Mensch in die Lage 
kommt, die in seiner Seele schlummernden Fahigkeiten und Krafte 
so zu erwecken, dafi ihm nach und nach die Erkenntnis dieser hohe- 
ren Welten moglich wird. Das Thema, das uns heute obliegen wird, 
stent in einem gewissen inneren Zusammenhange mit den beiden, 
und es steht in einer gewissen Beziehung auch mit allem anthropo- 
sophischen Streben. Nicht nur, dafi in der Theorie so oftmals der 
Ausspruch gehort wird, daft eigentlich die anthroposophische Gei- 
steswissenschaft nichts anderes sei als eine umfassende, universelle 
Selbsterkenntnis des Menschen, eine Selbsterkenntnis des Menschen 
so, dafi ihm aufgeht der tiefste Grund, das tiefste Wesen des eigenen 
Ich und sich mit ihm Welterkenntnis erschliefit. Aber nicht nur, sa- 
ge ich, dafi Sie diesen Ausspruch oftmals in der theosophischen Lite- 
ratur und auch sonst finden konnen, sondern wahre, echte Selbster- 
kenntnis ist auch dasjenige, was wie eine Begleiterscheinung parallel 
laufen mufi allem wirklichen Forschen auf dem Gebiete der hoheren 
Welten, parallel laufen mufi aller Entwickelung der inneren Seelen- 
krafte. Das «Erkenne dich selbst», dieser uralte Menschheitsspruch, 
bedeutet viel, sehr viel gerade fur den Anthroposophen. Nun wollen 
wir heute das, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne Selbster- 
kenntnis nennen kann, betrachten auf den verschiedensten Stufen 
der menschlichen Entwickelung. Wir wollen ausgehen von der ge- 
wohnlichsten, alltaglichsten Selbsterkenntnis und wollen aufsteigen 
bis zu jener Selbsterkenntnis, die Welterkenntnis im anthroposophi- 
schen Sinne genannt werden kann, und wir wollen bei alien einzel- 
nen Dingen, die wir zu besprechen haben, das, was man «geheim- 
wissenschaftlich» nennen konnte, die okkulte Seite, durchaus mit 
beriicksichtigen. 



Selbsterkenntnis ist nun um so wichtiger innerhalb der anthropo- 
sophischen Weltanschauung zu besprechen, als sie, richtig verstan- 
den, das Hochste einschliefien kann, um was es sich im anthroposo- 
phischen Streben handeln kann, falsch verstanden, etwas aufieror- 
dentlich Gefahrliches werden kann. Falsch verstandene Selbst- 
erkenntnis ist dasjenige, was insbesondere im Anfang des geistes- 
wissenschaftlichen Strebens von der wahren Bahn, die uns in der 
Anthroposophie vorgezeichnet wird, eher ab- als hinfuhrt. Goethe, 
der in vieler Beziehung auf diesem Felde durchaus bewandert war, 
sagte einmal, dafi er schon ein gewisses Mifitrauen habe gegen den 
Ausdruck Selbsterkenntnis, dafi dieser etwas bedeute, was Men- 
schen vertreten, die im Grunde genommen in irgendeiner Art durch 
falsche Melancholie, Selbstbetaubung, in ein ganz unrichtiges Fahr- 
wasser hineingekommen sind. Und dies ist eine durchaus richtige 
Ausdrucksweise. Wir haben ja auf geisteswissenschaftlichem Felde 
immer wieder Gelegenheit, die komplizierte Menschennatur ins Au- 
ge zu fassen, wenn wir uns erinnern an dasjenige, was wir alle wis- 
sen: daft wir in anthroposophischer Hinsicht den Menschen glie- 
dern in den physischen Leib, in das, was wir den Atherleib, den 
Astralleib und den eigentlichen Ich-Trager nennen. Und wenn wir 
ins Auge fassen, dafi im Grunde dasjenige, was wir das Selbst nen- 
nen, mit alien diesen Gliedern der Menschennatur zu tun hat, so 
werden wir leicht dazu kommen, dafi Selbsterkenntnis etwas aufier- 
ordentlich Kompliziertes ist. 

Um die einfachste, niederste Art der Selbsterkenntnis gleich vor- 
wegzunehmen, erinnern wir uns daran, dafi wir bei diesen vier Glie- 
dern der menschlichen Natur allerdings unterscheiden mussen - je 
nach dem gegenwartigen Verhaltnisse dieser Glieder - den wachen- 
den und den traumlos schlafenden Menschen, dafi wir sagen mussen, 
dafi beim schlafenden Menschen der physische und der Atherleib 
verlassen sind vom Astralleib und dem Ich-Trager und die beiden 
letzteren aufierhalb des Leibes sind. Wir wissen aber gleichzeitig, 
dafi fur den gegenwartigen Menschheitszyklus normal ist, daft das 
Ich des Menschen nur dann seiner selbst bewufit werden kann, 
wenn es sich der physischen Organe bedient, um auf dem physi- 



schen Plan die Wahrnehmungen zu machen. So sprechen wir zwar 
im geisteswissenschaftlichen Sinne von einem Ich-Trager, der dauert 
durch diejenigen Zustande hindurch, die wir als den bewufitlosen 
Schlaf bezeichnen. Wir miissen aber von diesem Ich-Trager sagen, 
dafi er die heutige Seite des Bewufitseins und Selbstbewufitseins nur 
entwickeln, also ins unmittelbare Beobachtungsfeld hereinbekom- 
men kann, wenn er sich der physischen Organe bedient, also am 
Morgen wieder hineinsteigt in den physischen und Atherleib. Da 
haben wir das fur den heutigen Menschen normale Selbstbewufit- 
sein vor uns, und wir miissen uns fragen: Was ist das Wesen dieses 
Selbstbewufitseins auf der niedersten Stufe? - Besser aber ist die 
Frage noch bezeichnet, wenn wir so sagen : Wie kommt der Mensch 
dazu, dasjenige zu erkennen, das vom Morgen bis zum Abend in sei- 
nem physischen Leibe wohnt und sich der physischen Organe be- 
dient, wie kommt der Mensch zu einer Erkenntnis des Wesens des 
Ganzen oder des Selbst ? - Leicht kann da geglaubt werden, dafi der 
Mensch nun in sein Inneres blicken mufi, dafi er sozusagen sich 
selbst erforschen mufi. Da kommen wir nun an alle moglichen Ar- 
ten der Selbsterkenntnis, die da gepflogen und angeraten werden. 
Zum Beispiel soil der Mensch beobachten, was er tut, was seine Ei- 
genschaften sind und seine Fehler, er soil hineinbriiten in sein Inne- 
res und zu erkennen suchen, wieviel er wert sei, wie tiichtig er zu 
dieser oder jener Handlung sei und dergleichen. Hier beginnen schon 
die Gefahren der falsch verstandenen Selbsterkenntnis, und darum 
miissen wir von den Gefahren sprechen. Wir haben ja immer im Au- 
ge, dafi der Mensch versuchen soil, hinaufzukommen in die hoheren 
Welten. Wir wissen auch, dafi dieses Hinaufsteigen etwas ist, was 
aus dem Menschen etwas ganz anderes macht, als er heute ist, und 
deshalb ist es natiirlich, dafi da manche Hindernisse in den Weg tre- 
ten. Durch falsche Selbsterkenntis wird der Aufstieg ebenso gefahr- 
voll, wie er erst moglich wird durch eine richtige Selbsterkenntnis. 
Diese Art Selbsterkenntnis, die man eher ein Bebriiten seines alltag- 
lichen Ich nennen mochte, ein Achtgeben auf seine Fehler, ist eine 
falsche und eine Gefahr, die den Menschen tatsachlich eher zuriick- 
wirft, weil namlich der umfassende Mafistab fur das Urteil fehlt. 



Wenn der Mensch durch eine gewohnliche Erwagung seiner Vor- 
ziige und Fehler sagt: Das hast du richtig gemacht, das hast du un- 
richtig gemacht, da mufit du dich bessern -, setzt das voraus, dafi er 
einen Mafistab habe, nach dem er sich richten kann. Dieser Mafistab 
wird sozusagen auch zu einem Wertmesser fiir dasjenige, was der 
Mensch auch in der Zukunft darstellen wird. Und auf diese Art wird 
der Mensch eigentlich niemals iiber sich selbst hinauskommen, und 
das ist gerade das, was der Anthroposoph sich immer vorzusagen 
hat: Nicht stehenbleiben, sondern immer und immer, Schritt fiir 
Schritt iiber diesen Punkt hinauskommen. - Ein Ausspruch, der be- 
herzigt werden sollte, ist : Alles, was du in bezug auf Entwickelung 
der Seele unternimmst und was dich auf dem Lebenspfade vorwarts 
bringt, ist gut getan; alles, was dich auf dem Punkte erhalt, ist im 
Grunde genommen fiir deine Seele ein Verlust. - Keine Selbster- 
kenntnis, die den Menschen dahin treibt, dafi er in Reue zerknirscht 
ist oder ihn zu einer Selbstbefriedigung fiihrt, kann den Menschen 
vorwarts bringen. Wenn wir nur eine Moglichkeit gewinnen wol- 
len, einzusehen, worauf es ankommt, miissen wir uns die Frage vor- 
legen : Wo von hangt denn der eigentliche Mensch gewohnlich ab ? - 
Sie werden sich leicht hineinversetzen in den Gedanken : Wie ware 
es denn mit meinen Vorstellungen, meinen Empfindungen und Ge- 
fuhlen, wenn diese Individualitat, die ja von Inkarnation zu Inkarna- 
tion gegangen ist und von Inkarnation zu Inkarnation gehen wird, 
wie ware es, wenn diese Individualitat nicht, sagen wir, vor so und 
soviel Jahren in Wien geboren ware, sondern funfzig Jahre fruher et- 
wa in Moskau? Was wiirde diese Individualitat dann fiir einen Inhalt 
haben; welche Empfindungen, Gefiihle, Vorstellungen, Gedanken 
und Ideen wiirden dann diese Individualitat durchziehen und ihr 
den eigentiimlichen Grundton geben? Ganz andere! Sie kommen 
am leichtesten dazu, sich das ganz genau vorzustellen, wenn Sie ein- 
mal dariiber reflektieren, wie vom Morgen bis zum Abend Ihre Vor- 
stellungen und Empfindungen laufen, wieviel bei diesen abhangt da- 
von, wann und wo Sie in die Welt geraten sind. Versuchen Sie, sich 
einmal genau eine Rechnung zu machen, ziehen Sie vom Inneren 
der Seele alles ab, was bedingt ist von dem Wann und Wo der Geburt. 



Alle diese Vorstellungen werfen Sie aus dem Seelenleben hinaus. 
Versuchen Sie einmal dariiber nachzudenken, was dann noch bleibt, 
und versuchen Sie vor alien Dingen noch nachzudenken, wieviele 
von diesen Vorstellungen, die vom Morgen bis zum Abend durch 
die Seele ziehen, iiberhaupt Giiltigkeit und Wert haben aufier durch 
Ort und Zeit Ihres Lebens zwischen Geburt und Tod. Da werden 
Sie sehen, wie bedeutsam es ist fiir das Ich, wohl darauf zu achten, 
wie weit es unter den Einfliissen des Wann und Wo steht. Das ler- 
nen Sie nicht erkennen dadurch, dafi Sie in Ihr Inneres hineinbrii- 
ten, sondern das lernen Sie erkennen durch eine gute Beriicksichti- 
gung des Dichterspruches : Willst du dich selbst betrachten, lerne 
dich durch die anderen kennen! - durch die Umgebung. Und so 
werden wir in eigenartiger Weise vom Bebriiten der Seele ab- und 
dazu gefiihrt, dafi wir sagen: Wir miissen, um unser Ich kennenzu- 
lernen, uns ein offenes Auge, einen offenen Sinn schaffen fiir die Ei- 
genart des Weltinhalts, in den wir nach Wann und Wo hineingebo- 
ren sind. Je mehr wir uns bemiihen, diesen offenen Sinn zu haben 
fiir die Aufienwelt, fiir das, was um uns ist, desto mehr kommen wir 
im geisteswissenschaftlichen Sinne zu dem, was wir auf diesem nie- 
dersten Gebiete Selbsterkenntnis nennen konnen. 

Lernen wir durch freien Blick sozusagen die ganze Tonfarbung 
unserer eigenen Zeit kennen; versuchen wir einmal, uns klarzuma- 
chen, wie in der mannigfachsten Weise uns zur Verfiigung steht das 
Eigenartige unseres Zeitalters, unseres Ortes, in dem wir leben. 
Hochst eigenartig ist diese Selbsterkenntnis, die uns hinweist von 
unserem Selbst auf unsere Umgebung. Lernen wir diese unsere 
Auftenwelt kennen, versuchen wir in ihren Geist einzudringen, das 
zu erforschen, was uns herauskristallisiert hat, dann werden wir wie 
ein Spiegelbild unser Ich erkennen. Das ist ein objektiver Weg. Das 
Hineinschauen in sich selbst ist eine Gefahr. Man soil die Ursachen 
erkennen, warum man so und so ist. Die kann man in der Umge- 
bung kennenlernen; dadurch werden wir von uns abgelenkt. Da ha- 
ben wir also zunachst das, was uns die Fahigkeit gibt, uns zu erken- 
nen, soweit wir ein Ich sind, das sich des physischen Organs bedient, 
um mit seiner Mitwelt zu leben. 



Nun bedient sich dieses Ich des Organs des Atherleibes, des Le- 
bensleibes, desjenigen feinen Organismus, der dem anthroposophi- 
schen Geisteswissenschafter seiner Beschaffenhek nach ganz gelaufig 
ist, der den physischen Leib durchzieht und der ein fortwahrender 
Kampfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes. Das Selbst 
nun, wenn es morgens untertaucht in den physischen und in den 
Atherleib, wirkt im heutigen Menschheitszyklus in beiden Leibern, 
also auch im Atherleib. Da kommt dabei nicht dasjenige in Betracht, 
was Ort und Zeit, das Wann und Wo aus uns machen, sondern da 
kommt mehr in Betracht. Am Atherleibe hangt noch etwas ganz 
anderes, was in gewisser Beziehung noch tiefer mit unserem Selbst 
verkniipft ist, was schon hinausgeht iiber Geburt und Tod. Da kom- 
men wir dann zu dem, was in einer gewissen Beziehung dieses Selbst 
mit sich bringt, was von fruher herstammt und in die Zukunft hin- 
einreicht, was dieses Selbst schon hat, wenn es in einem physischen 
Leibe verkorpert wird. Aufierlich angesehen, indem man einfach 
den Menschen oberflachlich betrachtet, stellt sich besonders am 
Atherleibe dasjenige dar, was wir als Talente, Anlagen, besondere 
Fahigkeiten des Selbst zu bezeichnen haben, und hier sind wir schon 
in einer gewissen Beziehung auf einem schwierigeren Gebiete der 
Selbst erkenntnis. Obwohl sie gegen das, was auf den hoheren Stufen 
der hoheren Entwickelung Selbsterkenntnis ist, eine verhaltnisma- 
fiig noch niedere Stufe ist, wird der Mensch auch da nicht weit kom- 
men, wenn er hineinbriitet in sein Inneres und sich klarwerden will: 
Welches sind deine Talente und Fahigkeiten? 

Es wiirde heute zu weit fiihren, aus dem Wesen des Menschen 
heraus die Begriindung zu geben zu dem, was ich jetzt sagen werde. 
Es lauern da der Selbsterkenntnis die schlimmsten Feinde auf, wenn 
der Mensch beginnt, sich klarwerden zu wollen iiber seine Talente 
und Fahigkeiten durch Selbstbebrutung. Gerade da mufi er seine Be- 
trachtungen von sich heraus auf die Umgebung, vom Personlichen 
auf das Unpersonliche himiberziehen. Da haben wir die Betrach- 
tung nunmehr zu lenken, wo es auf das Gebiet des Atherleibes geht, 
auf unsere Zusammengehorigkeit mit dieser oder jener Rasse. Da ha- 
ben wir uns zu fragen, zu welchem Gliede der Menschheit gehorst 



du eigentlich? Und wir sollen uns bemiihen, die Eigenart dieser 
Menschheitsgruppe, zu der wir gehoren durch Familie, Rasse, Volk, 
im Vergleich mit den universellen Eigenschaften des ganzen Men- 
schengeschlechts zu erforschen. Lernen wir also kennen dasjenige, 
was sich in der Vererbungslinie hindurchzieht, was vom Urgrofiva- 
ter auf den Grofivater und so weiter sich fortentwickelt, und was das 
Selbst innerhalb dieser Vererbungslinie eigentumlich farbt, was also 
nicht zusammenhangt direkt mit Wann und Wo, sondern zusam- 
menhangt mit tieferen Grundgesetzen des Menschendaseins, lernen 
wir diese Eigentiimlichkeiten kennen, dann werden wir wiederum 
den richtigen Hintergrund finden, um dann erst zu sehen, wie sich 
unser eigenes Selbst von diesem Hintergrunde abhebt. Aber jedes 
Selbstbebriiten des Selbst vor Betrachtung dieses Hintergrundes ist 
vom Ubel. So also verlangt zwar die Anthroposophie von uns eine 
unbequemere Art der Selbsterkenntnis als diejenige ist, die oft phra- 
senhaft gemeint ist, aber auf eine andere Weise kommt man eben 
nicht zu einer wirklichen Selbsterkenntnis, weil der Maftstab fehlt, 
weil man nur in einen eigenen Punkt hineinbriitet und keinen Ver- 
gleichungsmafistab hat. 

Nun mochte ich gleich die okkulten Tatsachen ankniipfen. Wir 
wissen alle, dafi dieser Menschenleib umgeben ist von einer Aura, 
eingebettet ist in diese astrale Aura, die wie eine ovale Wolke dem 
hellseherischen Bewufitsein sichtbar ist. Dadurch, daft der Mensch 
in eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort hineingeboren 
ist, wird das Mafi seiner Aura in einer gewissen Weise bestimmt. Ein 
Mensch, welcher einen sehr geringen Gesichtskreis hat, der also ei- 
gentlich in seinem Selbst nur das erleben kann und beurteilen will 
und nur von den Willensimpulsen leiten lassen will, was ungesehen 
aus der Umgebung ihn anspornt, der also das Produkt des Wann 
und Wo ist, der zeigt dem hellseherischen Bewufksein in seiner Au- 
ra etwas Zusammengeprefkes, Gedriicktes. Die Aura ist in diesem 
Falle nicht grofi und reicht nicht weit hinaus iiber den physischen 
Leib. Im Augenblick, wo der Mensch seinen Gesichtskreis erwei- 
tert, in dem Augenblick, wo er also einen offenen Sinn, ein offenes 
Auge fiir die Beobachtung seiner Umgebung entwickelt, sehen wir 



tatsachlich, wie sich die Aura nach alien Seiten hin vergroftert, wie 
sie umfassender wird mit Bezug auf die Grenzen des physischen 
Leibes. Der Mensch wird also innerlich geistig grower dadurch, daft 
er seinen Horizont in Bezug auf seine Begriffswelt und Gefiihlswelt 
erweitert. Fiir das hellseherische Bewufttsein zeigt sich das in gerade- 
zu auffallender Weise, wie bei Menschen, die ein Echo ihrer Umge- 
bung sind, die Aura klein ist. Wenn aber die Menschen anfangen, ihr 
Urteil zu einem feineren, unabhangigen zu machen, so daft sie dazu 
kommen, sich einmal zu unterscheiden von dem Landlaufigen, dann 
sieht das hellseherische Bewufttsein, wie sich die Aura erweitert, wie 
sie grofi wird, wie der Mensch in sich feiner und umfassender wird. 

So grotesk es fur viele klingen mag - Erkenntnis der Umgebung 
ist der erste Schritt der Selbsterkenntnis. Erkenntnis der Familie, 
Rasse ist der zweite Schritt. Bei dem Menschen, der in seinen 
Gefiihls- und Willensimpulsen versucht, frei zu werden von dem, in 
das er hineingestellt ist, in Volk, Rasse, Familie und so weiter, bei 
ihm sieht das hellseherische Bewufttsein nicht nur, wie die Aura wei- 
ter wird, sondern auch wie sie in sich beweglicher wird, Vibrationen 
erhalt, wahrend sie fruher tot war, unbeweglich. Nun, damit ist ja 
schon gesagt, daft - allerdings nicht unmittelbar, aber in einer gewis- 
sen Weise - dasjenige, was wir besondere Farbungen und Fahigkei- 
ten nennen, mit dieser Vererbungslinie zusammenhangt. 

Wie konnen wir uns nun erheben iiber dasjenige, was so die Be- 
stimmungsgrunde, die Ursachen des inneren Gefuges des Selbst 
sind? Es ist noch nicht viel erreicht fiir den Menschen, wenn er sich 
auf diese Weise erkennt. In bezug auf seine Talente und Fahigkeiten 
wird in der Regel nicht viel getan sein, wenn sich der Mensch nur ei- 
ne Vorstellung iiber Abstammung und Vererbungslinie bildet, da 
wird er nicht zu einem Herausgehen kommen. Hier kann nur die 
geisteswissenschaftliche Erfahrung sprechen. Es handelt sich darum, 
daft aus der geisteswissenschaftlichen Erfahrung gegeben werde das, 
was den Menschen unabangig macht von Talenten und Fahigkeiten. 
Dieses Heilmittel sieht dem, was es erreichen soil, gar nicht ahnlich, 
doch ist es das Heilmittel: Wenn der Mensch versucht, ein warmes, 
inniges Gefiihl sich anzueignen fiir das, was ihn zunachst wenig 



interessiert, fur das, was ihm Muhe macht, sich dafur zu interessie- 
ren, und namentlich, wenn er sein Interesse vielseitig macht, dann 
wird er seine Individualist aus den ererbten Fahigkeiten heraus- 
arbeiten. 

Der erste Schritt, die Erkenntnis der Umgebung, wird verhaltnis- 
mafiig bald vollzogen sein; der zweite - dieses Sich-Erziehen - bildet 
nw Iangsam die Talente um. Ja, es mufi sogar darauf aufmerksam ge- 
macht werden, dafi zuweilen fur diese Inkarnation verzichtet wer- 
den mufi darauf, dafi ein Umschaffen der Talente vollzogen werde, 
aber der Weg wird eingeleitet, und es ist aufierordentlich wichtig, 
dafi wir das wirklich versuchen. Dann wird sich dem hellseherischen 
Bewufitsein sehr bald zeigen, wie die Aura in sich beweglich wird, 
wie sie vibrierend wird. Wir werden wenigstens in den ersten An- 
fangen eine Umwandlung unserer eigenen Natur sehen. In dieser 
nach und nach erfolgenden Selbsterziehung ergibt sich dann ganz 
von selbst dasjenige, was wir eine unpersonliche Selbsterkenntnis 
nennen konnen. 

Nun kommen wir zum dritten wichtigen Gebiete. Wir kommen 
nun dazu, dasjenige an unserem Selbst zu betrachten, was dieses Selbst 
auslebt dadurch, dafi es in einem Astralleibe steckt, in dem Trager 
von Lust und Schmerz, von Leidenschaften und so weiter. Dieser 
Astralleib ist im traumlosen Schlaf aus dem physischen und Ather- 
leibe herausgehoben. Der gewohnliche Mensch hat den Astralleib 
niemals bewufit abgetrennt vom physischen und Atherleibe. Das hell- 
seherische Bewufitsein kann es, aber das normale Bewufitsein kann es 
nicht. Welches Gesetzmafiige in der Menschennatur wird nun gera- 
de sein Charakteristisches in dem astralen Leibe ausleben? Da lebt 
dasjenige im Selbst sich aus, was wir nennen das Karma, dasjenige, 
was Eigenart des Selbst oder der Individuality ist, was nicht nur in 
der Vererbungslinie sich fortentwickelt, sondern was von Inkarna- 
tion zu Inkarnation geht, was also zusammenhangt mit eigenen Ta- 
ten, mit den eigenen Erlebnissen der Seele durch Inkarnationen hin- 
durch. Was der Mensch erlebt durch seine Korper, das also, was als 
ein Gesetz von Ursache und Wirkung rein geistiger An sich auslebt, 
das kommt bei der dritten Stufe der Selbsterkenntnis in Betracht. 



Es fragt sich nun : Kann der Mensch etwas tun, um auf diesem Ge- 
biete zu einer Selbsterkenntnis zu kommen? Ich konnte bei einer 
Fragenbeantwortung darauf hindeuten, wie schwierig es im jetzigen 
Menschheitszyklus ist, auch nur zu begreifen, wie die Wirkung des 
Karma ist. Ich habe gesagt, es sei beispielsweise in dem Karma eines 
Menschen vorgezeichnet, dafi er in einer Zeit, etwa in vierzehn Ta- 
gen, eine Reise machen mufi. Nun nimmt er sich aber vor, dafi er in 
drei Wochen etwas tun miisse, weil er das Karma nicht schaut, weil 
er nichts davon weift. Dazu nun richtet er alles, bis er die Nachricht 
erhalt, daft er die Reise jetzt unternehmen mull. Nun kommen die 
zwei Richtungslinien miteinander in Kollision. Das, was er getan 
hat, kommt in Widerspruch mit seiner Karmalinie. Sie sehen daraus, 
dafi sich dem Karma immer Neues angliedert. Dadurch verstarken 
und verketten sich die Karmalinien. Damit nun soil gesagt sein, dafi 
der Mensch in seiner normalen Entwickelung den Weg des Selbst, 
des Ich, schwer ermessen kann, insofern diese Karmaverkettung in 
Betracht kommt; denn wenn er nicht ein hellseherisches Bewufk- 
sein von einer hohen Entwickelung hat, kann er nicht wissen, was 
in seinem Karma liegt. 

Nun handelt es sich darum: Kann im normalen Leben Selbster- 
kenntnis bis zu diesem Punkte errungen werden? Da mufi ich Ihnen 
nun gleich jenes Mittel angeben, welches die geisteswissenschaftliche 
Erfahrung uns gibt, welches dem Menschen sozusagen moglich 
macht, dasjenige nicht zu Ubersehen, was karmisch richtig ist, und 
in einem gewissen Momente das Richtige zu vollziehen. Es ist eine 
ganz falsche Auffassung, der man zeitweilig begegnet, namlich, dafi 
der Mensch durch das Karma unfrei sei. Karma macht nicht unfrei. 
Eben vermoge seiner Freiheit kann der Mensch alle Augenblicke et- 
was tun, was Karma erzeugt. Das Karma schliefit also nicht aus, daft 
die karmische Linie verwoben, hin und her verkniipft werden kann. 
Kann nun der Mensch etwas tun, um sich in eine gewisse Beziehung 
zu seinem Karma zu stellen, in einer Weise, dafi er diesem Karma 
nicht gar zu sehr entgegenwirkt und dadurch neue Ursachen legt, 
die ihn statt vorwarts nur zuruck bringen? Da gibt es eines, was 
so wirkt, dafi der Mensch immer mehr und mehr in die Richtung 



hineinkommt, die seine Karmalinie einhalten will, und zwar gibt es 
da etwas, was in den Kreisen, die die anthroposophische Weltan- 
schauung pflegen, ja immer geiibt und besprochen wird. Es ist gera- 
de dasjenige, was sich als Gesinnung in der Seele ergibt unter dem 
Einflufi einer Weltanschauung wie die anthroposophische. Das ist 
dasjenige, was den Menschen in das Karma immer mehr hinein- 
bringt. Wir miissen uns in der anthroposophischen Weise richtig 
einstellen; die Bequemlinge, die nur davon sprechen, dafi der 
Mensch sich in sich vertiefen soli, den Gott in sich suchen soil, wer- 
den den Menschen wenig weiter fiihren auf seiner Bahn, sondern 
dasjenige gerade bringt ihn weiter, was ihn von seiner Person weg- 
fuhrt, was ihm eine Weltanschauung gibt, die ihm ubersinnliche 
Weltanschauung moglich macht. Alles, was uns in der Anthroposo- 
phie geboten wird, lafit uns hineinschauen in die ubersinnlichen Ge- 
schehnisse. Zunachst kann der Mensch wohl nicht selbst Hellseher 
sein; er mufi hinnehmen, was ihm von hellseherischen Forschern ge- 
sagt wird. Es ist auch nicht geradezu notwendig, daft er Hellseher 
sein mufi, geradesowenig wie einer gleich das Teleskop oder Mikros- 
kop zur Hand nehmen mufi. Dasjenige, was der Forscher auf diesem 
Gebiete mitteilt, ist durchaus durch eine vorurteilslose Logik zu er- 
fassen. Der Mensch mufi sich sozusagen selbst zu einem Instrumente 
machen, um selbst auf ubersinnlichem Gebiete forschen zu konnen; 
eingesehen kann aber alles werden, ohne dafi man selbst ein Instru- 
ment werden mufi. 

Wenn so der Anthroposoph sich ein Bild macht, wie es in den 
hoheren Welten aussieht, wie es zugeht hinter den sinnlichen Tatsa- 
chen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung fur sein ganzes Gemiits- 
und Empfindungsleben. Das miissen wir uns einmal recht in die See- 
le sprechen, dafi wir uns nicht hingeben der bequemen Ausrede: es 
komme nicht darauf an, dafi man viel lerne, sondern dafi man diese 
oder jene moralischen Prinzipien habe. - Es ist einmal so, dafi in der 
anthroposophischen Geisteswissenschaft das Lernen nicht erspart 
werden kann und dafi derjenige auf dem Holzwege ist, der sagt: Was 
kummert mich jene Theorie von hoheren Welten und so weiter? - 
Gewifi kommt es auf die anthroposophische Gesinnung an; das ist 



eine selbstverstandliche Bedingung; aber so wie ein Ofen das Zim- 
mer warm macht, wenn er geheizt wird, weil Brennmaterial hinein- 
gelegt und entziindet worden ist, so auch ist es mit dem Menschen. 
Aber wenn Sie dem Ofen nur predigen, nur sagen : Lieber Ofen, dei- 
ne Pflicht ist, das Zimmer warm zu machen so wird er das Zim- 
mer nicht warmen. Predigen Sie den Menschen immer nur, es sei ih- 
re Pflicht zu lieben und so weiter, so wird wenig daraus werden. Es 
niitzt wenig, daiR wir uns als Moralprediger hinstellen, denn alles 
Moralpredigen lalk die Menschheit so, wie sie ist. Wenn Sie den 
Ofen heizen, macht er das Zimmer warm. Geben Sie ihm die Feue- 
rung, dann wird sie die Veranlassung zur Warme des Zimmers wer- 
den. Geben Sie dem Menschen die Weltanschauung, die ihm die 
Anthroposophie geben kann iiber die iibersinnlichen Tatsachen, 
dann folgt dasjenige, was im ersten Grundsatz der Theosophischen 
Gesellschaft enthalten ist - die allgemeine Verbriiderung -, ganz 
notwendig. Anthroposophische Gesinnung mufi sein, aber das im- 
mer zu wiederholen, hilft nichts. Sie tritt sicher auf in der Gestalt, 
als welche sie wirksam ist fur die Welt, wenn sich die Erkenntnis der 
hoheren Welt, die ubersinnliche Welterkenntnis erschliefit. Wie die 
Pflanzen sich der einen Sonne erschlieften, ebenso streben alle, die 
nach dieser Welterkenntnis streben, der einen Zentralsonne zu, und 
alle die anderen Folgen ergeben sich von selbst. So ist anthroposo- 
phische Gesinnung, wie sie sich aus der geisteswissenschaftlichen 
Erkenntnis ergibt. 

Das ist dasjenige, was dem Menschen moglich macht, im Sinne 
seines Karma dann von selbst zu leben. Es handelt sich also nun- 
mehr darum, dafi der Mensch dazu kommt, die anthroposophi- 
sche Lehre in die Tatsachen umzusetzen. Es ist notwendig, soli 
Karma nicht eine abstrakte Idee bleiben, soil sie wirksam werden, 
dafi man daran geht, diese Karmaidee probeweise in das Leben 
einzufiihren, probeweise wenigstens, weil man schon der Man- 
nigfaltigkeit und der Unruhe unseres alltaglichen Lebens we- 
gen nicht standig in Selbstbeobachtung bleiben kann. Es ist not- 
wendig, dafi man sich die Frage vorlegt, was heilk das: karmisch 
denken? 



Nehmen wir einen radikalen Fall als Beispiel an : Jemand hat ei- 
nem anderen - mir zum Beispiel - eine Ohrfeige versetzt. Was heifk 
in einem solchen Falle «karmisch denken» ? Ich war in einem friihe- 
ren Leben da, der andere auch. Ich habe vielleicht damals, in dem 
friiheren Leben, ihm zu seiner jetzigen Handlungsweise die Ursache 
gegeben, ihn dazu gedrangt, ihn erst gleichsam abgerichtet dazu. Ich 
will nicht theoretisieren, ich will eine Hypothese aufstellen, die eine 
Lebenshypothese werden soil. Gibt er mir nun den Schlag, wenn ich 
so denke? Nein, er gibt ihn mir gar nicht. Ich selbst gebe ihn mir, 
denn ich habe ihn selbst dahin gestellt auf den Platz, ich habe die 
Hand, die er gegen mich aufhob, selbst erhoben. 

Nunmehr kann das Weitere nur die Erfahrung geben, und die 
gibt folgendes: Wenn der Mensch versucht, ernsthaft so die Karma- 
idee ins Auge zu fassen, ab und zu solch eine Frage zu stellen, in 
vollem Ernste und in voller Wiirde, wird er tatsachlich sehen, daft 
er einen Erfolg davon hat. Das kann Ihnen kein Mensch beweisen. 
Sie miissen es sich selbst beweisen, indem Sie es tun. Da werden 
Sie sehen, daft tatsachlich Ihr inneres Leben ein ganz anderes wird, 
Sie bekommen ganz andere Gefiihle, Willensimpulse iiber das 
Leben, und ein ganz anderes inneres Leben zeigt seine Konsequen- 
zen; es wird sich zeigen an einer ganz anderen Stelle. Wo Sie gro- 
fien Schmerz, Enttauschungen erfahren hatten, nehmen Sie den 
Schmerz ruhig hin; Sie sind aquilibriert deswegen, weil Sie das so 
getan und gedacht haben. Es tritt die Folge ein, daft iiber das 
ganze Seelenleben eine merkwiirdige Ruhe kommt, eine Art 
gesetzmaftigen Erfassens der Geschehnisse, keineswegs eines fata- 
listischen. 

Das ist auch der Weg, den man einschlagen muft, wenn man nach 
und nach die Karmaidee, das Wahrhalten dieser Idee zur Gewiftheit 
ausbilden will. Gegen die Karmaidee laftt sich streiten. Wer Griinde 
vorbringen will, der kann es. Man kann auch theoretisch so etwas 
nicht beweisen, sondern nur durch die Probe, und da gibt Ihnen die 
Erfahrung dasjenige, was dabei herauskommt. Die Erfahrung gibt, 
wenn sie intensiv wird, die Mittel, Karma zunachst zu begreifen. 
Dann merkt man aus der Gruppierung der Dinge, daft es wirklich 



etwas ist, was in den Dingen liegt, so wie man merkt, ob man ein 
Phantasiebild hat, oder ob man die Wirklichkeit des Bugelstahls hat, 
wenn man ihn angreift. So mufi die Erfahrung selbst jene Zusam- 
menfassung der Tatsachen des Lebens geben, wodurch wir nach und 
nach unsere Willkiir, unsere inneren Willensimpulse eingliedern in 
unser Karma. Diese Arbeit unseres Lebens, die kompliziert ist, ist 
etwas, was zu den besten Mitteln zur Erreichung einer dritten Stufe 
der wahren Selbsterkenntnis gehort. Dadurch lernen Sie nach und 
nach fuhlen, was der Niederschlag im gegenwartigen aus dem friihe- 
ren Leben ist. 

Diese Erkenntnis ist nicht so billig wie ein Hineinbruten, weil sie 
doch wieder erst von der Umgebung zu sich kommen mull. Es han- 
delt sich vor allem darum, aus sich herauszugehen, selbst bei der 
hochsten Selbsterkenntnis, die Welterkenntnis ist. Fichte hat gesagt: 
Die meisten Menschen wiirden sich lieber fiir ein Stuck Lava im 
Monde, als fiir ein Ich halten. - Da lernt man das Ich mehr in seinem 
punktuellen Dasein, mehr als einen Punkt kennen. Dieses Ich er- 
kennt man als ein punktuelles Abbild der ganzen Welt. In diesem 
Sinne ist Selbsterkenntnis, wenn man will, Gotteserkenntnis, nicht 
im pantheistischen Sinne, sondern wie ein Tropfen von gleicher 
Substanz und Wesenheit ist mit dem ganzen Meere. Und wie er infol- 
ge der Wesensgleichheit das Wesen und die Art des ganzen Meeres 
erkennen lafit, so ist der Mensch von dem gleichen Wesen mit der 
Gottheit, die er erkennen kann; aber keinem wiirde es einf alien, den 
Tropfen fiir das Meer zu erklaren. Wir konnen Substanz und We- 
senheit des Gottlichen wie die des Meeres aus dem Tropfen erken- 
nen, aber kein Mensch wird sich vermessen zu sagen, mir geniigt die 
Erkenntnis des Tropfens; und sicher wird jeder sagen, mir ist es zu 
tun um die Erkenntnis des Meeres, und das geschieht, wenn Sie dar- 
auf herumfahren. Sie lernen also insbesondere das Gottliche erken- 
nen, wenn Sie den Tropfen des Gottlichen in sich, in Ihrem Inneren 
erfassen, aber Sie lernen dasjenige, wovon das in Ihrem Inneren wie- 
der nur ein Tropfen oder Funke ist, nicht anders kennen, als in- 
dem Sie sich selbstlos in die grofien iibersinnlichen Welten in hoch- 
ster Art vertiefen. Wollen wir uns selbst erkennen, mussen wir ganz 



aus uns herausgehen und miissen die iibersinnlichen Welten in der 
allertiefsten Art erforschen. 

Fiir die dritte Stufe moge das von Reinkarnation und Karma Ge- 
sagte geniigen. Fiir die hochste Selbsterkenntnis miissen wir errin- 
gen die Erkenntnis des grofien kosmischen Zusammenhanges unse- 
rer Erde; denn wir sind ein Teil unserer Erde, wie ein Finger ein Teil 
des ganzen Organismus ist. Der Finger gibt sich nicht der Illusion 
hin, dafi er eine selbstandige Wesenheit ist; schneiden Sie ihn ab, 
und er ist kein Finger mehr. Konnte er auf ihrem Organismus her- 
umgehen, dann konnte er sich wie der Mensch der Illusion hinge- 
ben, dafi er ein selbstandiger Organismus sei. Der Mensch bedenkt 
nicht, dafi, wenn Sie ihn einige Meilen iiber die Erde hinaufheben, er 
kein Mensch mehr ist. Der Mensch ist ein Glied im Erdorganismus, 
die Erde wieder ein Glied im Kosmos. Dies konnen wir nur erschau- 
en, wenn wir den Grund des kosmischen Zusammenhanges erfas- 
sen. Alles Nachdenken iiber das Selbst ohne umfassende Welter- 
kenntnis, ohne zu begreifen, wie das Ich alle vorhandengewesenen 
Ereignisse brauchte, ist umsonst; ohne das zu iiberblicken, konnen 
wir nicht zu einer Erkenntnis gelangen, auch nicht des Ich-Selbst. 
Wir kommen zu einer Erkenntnis des Tag-Ich, wenn wir die Umge- 
bung nach Wann und Wo untersuchen. Die Erkenntnis, wie sich das 
Ich im Atherleibe auslebt, finden wir, wenn wir die Vererbungslinie 
betrachten. Die Erkenntnis, wie das Ich sich im Astralleibe auslebt, 
finden wir, wenn wir das Karma leben, und die letzte Erkenntnis, 
wenn wir uns Welterkenntnis verschaffen; denn da ist ausgebreitet, 
was zusammengedrangt im punktuellen Ich des Menschen ist. Welt- 
erkenntnis ist Selbsterkenntnis. 

Wenn Sie sich dasjenige genau vor die Seele fiihren, was in den 
Aufsatzen «Aus der Akasha-Chronik» iiber die Entwickelung der 
Erde geschildert wird, was scheinbar ganz fremd fiir die Seele ist, wie 
es zuletzt mit Notwendigkeit zur heutigen Konfiguration hinfiihrt, 
dann haben Sie Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis! So fiihrt 
uns die Selbsterkenntnis immer weiter und weiter aus uns heraus, 
immer zum Unpersonlichen. Wie durch Anwendung des Karma im 
Leben die Aura heller und lichter wird, so wird durch die eigentliche 



Erkenntnis der kosmischen Zusammenhange die Aura kraftvoller 
und fahig, aus sich heraus urspriinglich freie Impulse zu schaffen. 
Hier kommen Sie zur Losung der Frage nach Freiheit und Unfrei- 
heit. Denn Freiheit ist ein Entwickelungsprodukt, und man gelangt 
zu ihr immer mehr, je mehr man zur Selbsterkenntnis gelangt. 
Dann kommt man durch eine solche Ubung der Selbsterkenntnis 
im geschilderten Sinne dazu, mancherlei auf dem geisteswissen- 
schaftlichen Felde im richtigen Sinne zu erfassen, sich in die anthro- 
posophische Geistesstromung hineinzufiihlen. Mancherlei spukt als 
Kinderkrankheit in der anthroposophischen Bewegung, das wegfal- 
len muC, namentlich wenn einmal solche Dinge begriffen worden 
sind, wie sie als Anweisung zur Selbsterkenntnis gegeben wurden. 
Es wird die unpersonliche Art der anthroposophischen Erkenntnis 
immer besser erkannt werden. Sie ist ja errungen dadurch, daft sie 
von denjenigen Forschern gewonnen worden ist, welche nicht allein 
ihre Seele umgestaltet haben als Instrument der Selbsterkenntnis, 
sondern auch sie entwickelt haben - wie eben heute erzahlt worden 
ist -, die also dazu gekommen sind, unpersonlich zu erzahlen, was 
die hoheren Welten darbieten. Ein erster Grundsatz, der gewonnen 
werden soli, ist der alte, schone Grundsatz des griechischen Weisen : 
Wer zur Wahrheit kommen will, darf der eigenen Meinung nicht 
achten. - Daher werden Sie die Erfahrung machen, dafi derjenige, 
der wirklich auf geisteswissenschaftlichen Wegen erfahren ist, sagt : 
Ja, mit Meinungen kann ich nicht dienen; ich kann Beschreibungen 
geben von Erfahrungen, nicht Regulationsprinzipien, keine Postula- 
te des Handelns, und solche Beschreibungen sollen als Lehren ein- 
fliefien in die Theorie der Geisteswissenschaft. - Meinungen und 
Standpunkte mufi sich der Geisteswissenschafter abgewohnen. Er 
hat keinen Standpunkt, weil alle Anschauungen sind wie Bilder, die 
von verschiedenen Standpunkten aus entstehen, und die so verschie- 
den sind wie die Menschen, welche die Welt von den verschieden- 
sten Seiten anschauen. Von einer Seite ist das Bild von materialisti- 
scher Anschauung, dann von anderen Seiten von einer spirituellen, 
einer mechanistischen, vitahstischen Anschauung. Das alles sind An- 
schauungen. Sie nicht nur theoretisch zu erkennen, sondern so zu 



leben mit einer Weltanschauung, daft sich alle Anschauungen wie 
Bilder von verschiedenen Seiten ausnehmen, das ist die innere Tole- 
ranz, um die es sich handelt. Es soli nicht Meinung und Meinung 
sich bekampfen. Dann ergibt sich die innere und aus dieser die aufie- 
re Toleranz, die wir brauchen, wenn die Menschheit ihrem Heile in 
der Zukunft entgegengehen will. 

Auch mufi besonderer Wert auf die Einsicht gelegt werden, dafi 
dasjenige, was an Ideen durch die anthroposophische Weltstromung 
fliefit, ein Produkt des Unpersonlichen ist. Dadurch wird man da- 
hin kommen, eines auszuschalten aus der anthroposophischen Be- 
wegung in dem Sinne, wie es in den fruheren Zeiten und auch noch 
heute da ist: Autoritat im schlimmen Sinne. Nennen wir das Mi- 
kroskop eine Autoritat? Es ist eine Notwendigkeit, ein Durchgangs- 
punkt. So miissen auch die Menschen ein Durchgangspunkt wer- 
den, aber wir miissen uns erheben zum Unpersonlichen, weil nur 
durch Menschen in die Welt kommen kann, was kommen soil. 
Autoritatenglaube ist aus dem anthroposophischen Lexikon zu 
streichen, und darum gerade gelangen Menschen, die sich in diese 
Erkenntnis einleben, zu einer Unbefangenheit, so daft sie durch das 
Personliche in das Unpersonliche des Weltenganges hineinkommen. 



DAS LEBEN 

ZWISCHEN ZWEI WIEDERVERKORPERUNGEN 

Breslau, 2. Dezember 1908 

Wir haben gestern vor einem etwas grofieren Kreise einiges bespre- 
chen konnen iiber die Wege, die in die hoheren Welten hineinfiih- 
ren. Heute mag es gestattet sein, einiges iiber die hoheren Welten 
selbst zu sagen, und zwar wollen wir gleich eines der wichtigsten Ka- 
pitel aus dem Gebiet der iibersinnlichen Welten herausgreifen und 
wollen einen Blick werfen auf die Vorgange, die sich mit dem Men- 
schen abspielen zwischen dem Tode und einer neuen Wiedergeburt. 
Es ist dies eines der wichtigsten Kapitel aus dem Gebiete des hohe- 
ren Lebens deswegen, weil es die grundlegendsten Tatsachen und 
Vorgange der menschlichen Entwickelung betrifft, und da das phy- 
sische Dasein des Menschen zusammenhangt und verwoben ist mit 
bedeutsamen Vorgangen in jenen Welten, mufi man in diese Ge- 
heimnisse eindringen, wenn man das menschliche Wesen iiberhaupt 
begreifen will. 

Ich mochte sogleich damit beginnen, das Leben des Menschen 
zwischen Tod und einer neuen Geburt zu schildern, doch miissen 
wir, um begreifen zu konnen, was da in dieser Zwischenzeit ge- 
schieht, zunachst das Wesen des Menschen ins Auge fassen. Fur die- 
jenigen, die sich schon langer mit anthroposophischen Dingen und 
Studien befafit haben, diirfte ja dasjenige, was in der Einleitung er- 
lautert werden wird, nichts Neues sein. Aber wir miissen doch diese 
Dinge von vornherein ganz genau ins Auge fassen, um uns fur ein 
vollstandiges Verstehen der darauffolgenden Beschreibungen vorzu- 
bereiten. 

Fur die anthroposophische Geisteswissenschaft ist das Wesen des 
Menschen nicht blofi jenes Wesen materieller Art, wie es den aufte- 
ren Sinnen erscheint, das wir mit den Handen tasten konnen und 
das durch die physische Gesetzmafiigkeit an die physische Welt ge- 
bunden ist. Geisteswissenschaft zeigt, dafi dieser physische Korper 
des Menschen nur ein Teil von seiner ganzen Wesenheit ist, und 



zwar hat der Mensch diesen physischen Leib gemeinsam mit der mi- 
neralischen Welt. Wir konnen uns draufien umsehen in der Natur - 
alles, was scheinbar toter, mineralischer Natur ist, besteht aus den- 
selben Stoffen, aus denen der menschliche Leib aufgebaut ist. Im 
Stein und im menschlichen Leibe zeigen sich dieselben physischen 
Vorgange, aber es ist ein grofier Unterschied zwischen den Vorgan- 
gen der gewohnlichen, leblosen physischen Korper und dem Wesen 
des Menschen. Ein aufierlicher physischer Korper, wie ein Stein, hat 
eine Form, und er behalt seine Form so lange, bis ein aufierer Vor- 
gang, wie ein Zerschlagen oder sonst eine Gewalt, die Form zer- 
stort. Der menschliche physische Leib dagegen oder der eines ande- 
ren lebenden Wesens wird im Tode zerstort durch die eigene Gesetz- 
maftigkeit der physisch-chemischen Stoffe, und der menschliche 
Leib ist in diesem Falle ein Leichnam. 

Die Geisteswissenschaft zeigt uns nun, dafi in dem Zustand zwi- 
schen Geburt und Tod, also wahrend unserer physischen Lebens- 
zeit, noch ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit vorhanden 
ist als ein fortwahrender Kampfer gegen diesen Zerfall des physi- 
schen Leibes. Wir nennen ihn den atherischen Leib oder Lebensleib. 
In uns alien ist er. Wiirde dieses zweite Glied nicht im Menschen 
sein, so wiirde der Leib in jedem Augenblicke nur den physischen 
Kraften folgen; er wiirde zerfallen. Der Kampfer gegen diesen Zer- 
fall ist der atherische Leib oder Lebensleib. Nur im Falle des Todes 
trennt sich dieser Lebensleib von dem physischen Korper. Diesen 
Lebensleib hat der Mensch gemeinsam mit jedem anderen Lebe- 
wesen; das Tier hat ihn, und auch die Pflanze hat einen solchen fort- 
wahrenden Kampfer. Auch in ihnen mufi gegen den Zerfall ein 
solcher fortwahrender Kampfer sein. 

Wenn der physische Leib als ein erstes, der Lebensleib als ein 
zweites Glied der Lebewesen bezeichnet worden ist, so hat der 
Mensch aber iiber dieses zweite Glied hinaus noch ein drittes Glied. 
Schon mit dem Verstande allein, mit der Logik sind wir imstande, 
das einzusehen. Wir wollen annehmen, ein Mensch stiinde vor uns. 
Ist in diesem Raume, den er einnimmt, ist in dieser Hand, die er ge- 
braucht, ist da nichts weiter vorhanden, als das bisher Erwahnte? 



Oh, es ist noch etwas mehr darinnen als Knochen und Muskeln, als 
allerhand chemische Bestandteile, die wir mit unseren Augen sehen, 
mit unseren Handen tasten konnen. Und ein jeder von uns weifi es 
auch ganz genau, dafi etwas mehr darinnen ist. Dieses Mehr, das ist 
die Summe seines Leides und seiner Lust; dieses Etwas kennt ein je- 
der, denn es ist ailes, was an Empfindungen und an Gefiihlen, von 
morgens bis abends, das ganze Leben hindurch ablauft. Es gibt einen 
unsichtbaren Trager dieser Empfindungen, und wir bezeichnen ihn 
als den astralischen Leib oder Empfindungsleib des Menschen. Die- 
ser fiir das physische Auge des Menschen nicht wahrnehmbare astra- 
lische Leib ist bedeutend grofier als der physische Leib. Fiir das hell- 
seherische Bewufitsein ist er erkennbar als eine lichtausstrahlende 
Wolke, in welcher der physische Korper eingebettet ist. Dieses drit- 
te Glied seiner Wesenheit hat der Mensch gemeinschaftlich mit dem 
Tiere, denn auch dieses besitzt einen astralischen Leib. 

Dann aber gibt es noch ein viertes Glied in der menschlichen We- 
senheit, die Krone des Erdenreichs, die Krone der menschlichen 
Natur. Dieses vierte Glied konnen wir ins Auge fassen, wenn wir ei- 
ner intimen Bewegung der menschlichen Seele nachspiiren. Eines 
gibt es im Menschen, das niemals von aufien an ihn herantreten 
kann. Es ist dieses ein Name, der einfache Name «Ich». Nur aus den 
tiefsten Tiefen der Seele kann dieser Name, diese Bezeichnung «Ich» 
herausklingen. Niemals kann ein anderer Mensch zu einem Mit- 
menschen «Ich» sagen. Nur zu sich selber kann der Mensch das spre- 
chen; nur aus ihm heraus, aus seinem eigenen tiefsten Inneren her- 
aus kann es kommen, und hier beginnt etwas ganz anderes, etwas 
Gottliches durch den Namen «Ich» herauszutonen. Das empfanden 
auch alle grofien Religionen, dafi in dem Ich etwas Heiliges liegt. 
Auch im Alten Testament ist dies deutlich erkennbar. Da ist der Na- 
me «Ich» gleichbedeutend mit dem Namen Gottes. Nur der Priester 
durfte bei besonders feierlichen Gelegenheiten, bei besonders feierli- 
chen Gottesdiensten den Gottesnamen aussprechen, und wenn er 
im Tempel den Namen «Jahve» ehrfurchtsvoll ertonen liefi, so be- 
deutete der Name «Jahve» nichts anderes als «Ich» oder «Ich bin». 
Dafi der Gott selber im Menschen sich ausspricht, sollte es bedeu- 



ten. Und nur dasjenige Wesen kann dieses Wort in der Seele zu sei- 
ner Seele aussprechen, in dessen Natur das Gotteswesen sich offen- 
bart. Die Offenbarung Gottes im Menschen ist ein viertes Glied der 
menschlichen Wesenheit. Aber nicht denken sollten wir nun, dafi 
wir nun Gott selber waren. Ein Funken ist es aus dem Meere der 
Gottheit, der im Menschen aufblitzt. Wie ein Tropfen aus dem Mee- 
re nicht das Meer selber ist, sondern nur ein Tropfen daraus, so ist 
das Ich des Menschen kein Gott, sondern ein Tropfen aus der gott- 
lichen Substanz: der Gott beginnt zu sprechen in der menschlichen 
Seele. 

Nur der Priester durfte Jahve, den heiligen Namen, bei besonders 
feierlichen Anlassen aussprechen. Dieses Gotteswesen in der Seele 
des Menschen zum Tonen zu bringen dadurch, dafi der Mensch sa- 
gen kann: «Ich bin», das ist die Krone der Schopfung. Dieser Ich- 
Trager, das vierte Glied in der menschlichen Natur, macht den Men- 
schen zum ersten unter den Wesen, die sichtbar sind in der irdischen 
Schopfung. Daher sprach man uberall in den alten Mysterien von 
der heiligen Vierheit, deren erstes Glied der sichtbare physische Leib 
ist, deren zweites Glied der atherische Leib oder Lebensleib, deren 
drittes Glied der astralische Leib oder Empfindungsleib und deren 
viertes Glied das Ich ist. Das sind die vier Glieder, die wir zunachst 
betrachten wollen. Und von der Art und Weise, wie sie miteinander 
verbunden sind, hangt das menschliche Leben, das menschliche Be- 
wufitsein ab. 

Nur im Tagesbewufitsein, im Wachen, durchdringen sich die vier 
Glieder der menschlichen Natur. Da haben wir den physischen Leib 
durchdrungen von dem Atherleib, nur feiner und etwas grofier, 
iiber den physischen Leib hinausragend. Dann haben wir den 
Astralleib, den Trager unserer Empfindungen, den Atherleib durch- 
dringend und wie ein grofies glanzendes Oval den mit dem Ather- 
leib verbundenen physischen Leib umragend. Und dann haben wir 
den Ich-Leib. Die vier Glieder der menschlichen Natur durchdrin- 
gen sich aber nur beim Wachen. Wenn der Mensch schlaft, tritt der 
Astralleib mit dem Ich-Trager heraus, wahrend der physische Leib 
mit dem Atherleib verbunden im Bette liegen bleibt. Am Morgen, 



oder wenn der Mensch erwacht, steigen die ersteren beiden der vier 
Glieder wieder herab und verbinden sich wieder mit den anderen 
beiden. 

Was tut nun beim gewohnlichen Menschen der astralische Leib in 
der Nacht? Er ist nicht untatig. Wie eine spiralige Wolke erscheint 
er dem Auge des Hellsehers, und es gehen Stromungen von ihm aus, 
die ihn mit dem daliegenden physischen Leibe verbinden. Wenn wir 
des Abends ermudet einschlafen, was ist da die Ursache dieser Ermli- 
dung? Dafi der astralische Leib den physischen Leib wahrend des 
Wachens am Tage gebraucht und dadurch abnutzt, das erscheint als 
Ermiidung. Die ganze Nacht aber, wahrend des Schlafens, arbeitet 
der astralische Leib an der Fortschaffung der Ermiidung. Daher 
riihrt die Erquickung durch den guten Schlaf, und daraus ist zu er- 
messen, wie wichtig ein wirklich gesunder Schlaf fur den Menschen 
ist. Er stellt in der richtigen Weise wieder her, was durch das Wach- 
leben abgenutzt wurde. Auch noch andere Schaden bessert der astra- 
lische Leib wahrend des Schlafes aus, so zum Beispiel Krankheiten 
des physischen und auch des Atherleibes. Sie werden es nicht nur 
aus eigener Lebenserfahrung an sich selbst und an anderen Men- 
schen beobachtet haben, Sie werden auch erfahren haben, dafi jeder 
vernunftige Arzt sagt, in gewissen Fallen sei der Schlaf ein unent- 
behrliches Heilmittel zur Wiedergesundung. Das ist die Bedeutung 
des Wechselzustandes zwischen Schlafen und Wachen. 

Jetzt wollen wir dazu iibergehen, einen noch wichtigeren Wech- 
selzustand zu betrachten, denjenigen zwischen Leben und Tod. 
Wenn vorhin gezeigt wurde, dafi, sobald der Schlaf eintritt, der astra- 
lische Korper mit dem Ich-Trager den mit dem atherischen Leibe ver- 
bundenen physischen Leib verlafk, so tritt im gewohnlichen Leben 
fast niemals, hochstens in gewissen Ausnahmefallen, welche spater 
noch erwahnt werden sollen, eine Trennung des Atherleibes von 
dem physischen Leibe ein. Erst im Tode findet normalerweise zum 
ersten Male eine Trennung des physischen Leibes von dem Atherlei- 
be statt. Jetzt also, im Tode, geht nicht blofi wie im Schlafe der astra- 
lische Leib mit dem Ich aus dem viergliedrigen Menschenwesen her- 
aus, sondern da verlassen die drei Glieder, Atherleib, Astralleib und 



Ich, den physichen Korper, und wir haben auf der einen Seite den 
physischen Korper, der als Leichnam zuriickbleibt, sofort von den 
physisch-chemischen Kraften angegriffen wird und der Zerstorung 
anheimfallt; auf der anderen Seite haben wir eine Verbindung von 
atherischem Leib, astralischem Leib und Ich-Trager. 

Hier liegt nun die Frage nahe, wie jemand iiberhaupt wissen kon- 
ne, wie jene Verhaltnisse beim Tode sich entwickeln. Nun, wenn Sie 
dem gestrigen, offentlichen Vortrage gefolgt sind, so werden Sie ver- 
stehen, dafi jene Menschen, welche imstande sind, in hohere Spha- 
ren zu schauen, auch in der Lage sind, iiber die Verhaltnisse nach 
dem Tode zu berichten. Und fiir einen jeden Menschen stehen Mit- 
tel offen und sind Wege geboten, sich solche Fahigkeiten zu erwer- 
ben, weshalb auch die Moglichkeit vorliegt, zu wissen, was der 
Mensch erlebt, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet. Wenn 
iiber irgendwelche Tatsachen berichtet wird, die nicht sogleich von 
jedermann kontrollierbar sind, so kann iiber deren Richtigkeit nur 
der entscheiden, welcher wirklich weifi. Wenn aber von seiten Un- 
wissender dem Wissenden der Einwurf gemacht wiirde, dafi auch 
dieser nichts wissen konne, so lage der Vorwurf des Hochmutes 
ganz auf Seiten derer, die nichts wissen und dabei behaupten, dafi 
man nichts wissen konne. Also nur der Wissende kann entscheiden, 
was man wissen kann. 

Wenn der Mensch durch den Tod geschritten ist, so hat er zu- 
nachst ein Gefuhl, dafi er in eine Welt hineinwachst, in der er immer 
grofier und grofier wird, und dafi er nicht mehr wie in dieser physi- 
schen Welt aufierhalb aller Wesenheiten sich befindet, nicht alien 
anderen Dingen gegeniibersteht, sondern gewissermafien innerhalb 
derselben, als ob er in alle Dinge hineinkrieche. In dem Zeitpunkte 
unmittelbar nach dem Tode fiihlen Sie kein Hier und Da, sondern 
ein Uberall; es ist, als wenn Sie selbst hineinschliipften in alle Dinge. 
Dann tritt eine Gesamterinnerung an Ihr ganzes vergangenes Leben 
ein, welches mit alien Einzelheiten wie ein grofies Tableau vor 
Ihnen stent. Dieses Erinnern lafit sich nicht vergleichen mit einem 
noch so guten Erinnern des fruheren Lebens, wie Sie das Erinnern 
im Erdenleben kennen, sondern dieses Erinnerungstableau steht 



mit einem Male in ganzer Gro&e da. Auf was beruht das? Es liegt 
daran, dafi der atherische Leib in Wahrheit der Trager des Gedacht- 
nisses ist. Solange noch im Erdendasein der atherische Leib im phy- 
sischen Korper darinnen steckte, mufite er durch das Physische wir- 
ken und war an die physischen Gesetze gebunden. Da ist er nicht 
frei; da vergifit er, denn da tritt beiseite alle Erinnerung, die nicht 
unmittelbar zum allernachsten gehort, was der Mensch gerade er- 
lebt. Im Tode aber, wie vorhin erlautert wurde, wird der atherische 
Leib, der Trager des Gedachtnisses, frei. Er braucht nicht mehr 
durch das Physische zu wirken, und daher treten die Erinnerungen 
in ungebundener Weise plotzlich auf. 

In Ausnahmefallen kann auch wahrend des Lebens diese Tren- 
nung von physischem und atherischem Leibe auftreten. Zum Bei- 
spiel in Fallen von Lebensgefahr, beim Ertrinken, beim Abstiirzen, 
das heifit in solchen Fallen, wo das Bewufitsein durch den Schrek- 
ken eine grofie Erschiitterung, einen Schock erhalt. Leute, die einem 
solchen Schock unterworfen gewesen waren, erzahlen mitunter, dafi 
wahrend einiger Augenblicke ihr ganzes Leben wie ein Tableau vor 
ihnen gestanden habe, so dafi die entschwundenen Erlebnisse aus 
friihester Lebenszeit plotzlich mit voller Deutlichkeit aus der Ver- 
gessenheit wieder auftauchten. Solche Erzahlungen beruhen nicht 
auf Tauschung, sondern auf Wahrheit; sie sind Tatsachlichkeiten. In 
jenem Moment des Aufblitzens des Erinnnerungstableaus geschieht 
etwas ganz Besonderes mit dem Menschen; nur darf bei solchem 
Schock das Bewufitsein nicht verloren werden. In jenem Moment 
des Abstiirzens oder eines anderen Schreckens, der die Veranlassung 
zu dem Schock gegeben hat, tritt namlich etwas ein, was der Hell- 
seher sehen kann. Nicht immer, aber doch manchmal, tritt der Teil 
des atherischen Leibes, der die Kopfgegend erfullt, ganz oder zum 
Teil aus dem Kopf heraus, und wenn dies auch nur auf einen Mo- 
ment geschieht, so wird doch dadurch die Erinnerung frei, weil der 
atherische Leib in solchem Momente von der physischen Materie, 
dem Hindernisse der ungehemmten Erinnerung, befreit ist. 

Wir konnen auch noch bei anderen Gelegenheiten einen teilwei- 
sen Austritt des atherischen Leibes beobachten. Wenn Sie sich ir- 



gendein Korperglied driicken oder stofien, so tritt mitunter ein ei- 
gentiimliches, prickelndes Gefiihl auf, und wir pflegen dieses Gefiihl 
zu bezeichnen, indem wir sagen, das Glied sei eingeschlafen. Kinder, 
welche beschreiben wollen, was fiir ein Gefiihl sie dabei haben, hat 
man schon oft den Ausdruck sagen horen : Ich fiihle in meiner Hand 
wie Selterswasser. Was ist das? Die eigentliche Ursache ist, dafi aus 
diesem Glied der zugehorige Teil des Lebensleibes fiir eine Weile 
herausgehoben ist. Der hellsehende Mensch kann dann den heraus- 
gehobenen Teil des Atherleibes wie eine Kopie des physischen Men- 
schenleibes in dessen Nahe wahrnehmen. So wird zum Beispiel bei 
einem Sturz der zugehorige entsprechende Teil des Atherleibes aus 
dem Kopfe durch die abstiirzende Bewegung herausgedriickt. 

Im Tode tritt dieses Erinnerungstableau sofort mit voller Starke 
ein, weil der ganze physische Korper verlassen wird. Man weifi auch 
die Dauer dieses Erinnerungstableaus nach dem Tode. Sie betragt 
drei bis vier Tage. Es ist nicht leicht, die Griinde hierfiir anzugeben. 
Diese Zeitdauer ist bei jedem Menschen verschieden und entspricht 
ungefahr der Fahigkeit des betreffenden Menschen, wie lange er es 
im Leben hatte aushalten konnen, wach zu bleiben, ohne einzu- 
schlafen. 

Danach tritt etwas anderes ein. Was dann eintritt, das ist, dafi sich 
eine Art zweiten Leichnams herauslost. Der Mensch lafit namlich 
nunmehr auch noch den Atherleib zuriick; doch behalt er davon 
einen gewissen Extrakt, eine Essenz, und das nimmt der Mensch mit 
und behalt es in alle Ewigkeit. Jetzt, nach Ablegung des Atherleibes, 
beginnt fiir den Menschen die Kamalokazeit, der Kamalokazustand. 
Wollen Sie sich klarmachen, was fiir ein Zustand das ist, so miissen 
Sie beachten, dafi der Mensch, nachdem er den physischen und athe- 
rischen Leib zuriickgelassen hat, von seinen vier Gliedern noch den 
Astralleib und das Ich behalten hat, und es taucht fiir uns nun die 
Frage auf, was fiir eine Bewandtnis es mit dem Astralleibe hat, mit 
dem das Ich nun in die Kamalokazeit hineinlebt. Der Astralleib ist 
der Trager von Lust und Schmerz, von Geniissen und Begierden, da- 
her horen diese nicht auf, wenn der physische Korper abgelegt wird; 
nur die Moglichkeit, die Begierden zu befriedigen, hort auf, da das 



Instrument zur Befriedigung der Begierden, der physische Leib, 
nicht mehr zur Verfugung steht. Alles, was der Mensch als empfin- 
dendes Wesen war im physischen Leibe, hort nicht auf zu sein. Der 
Mensch behalt das alles in seinem astralischen Leibe. Denken wir 
uns einmal eine gewohnliche Begierde, und wahlen wir der Einfach- 
heit halber eine solche recht banaler Art, zum Beispiel die Begierde 
nach einer leckeren Speise. Diese Begierde hat ihren Sitz nicht im 
physischen, sondern im astralischen Leibe. Daher ist diese Begierde 
nicht abgelegt mit dem physischen Leibe; sie bleibt. Der physische 
Leib war nur das Instrument, mit welchem diese Begierde befriedigt 
werden konnte. Wenn Sie ein Messer haben, urn damit zu schnei- 
den, so ist dieses das Instrument, und Sie verlieren nicht die Fahig- 
keit zum Schneiden, wenn Sie das Messer weglegen. So ist beim 
Tode nur das Werkzeug zum Genufi abgelegt, und deshalb ist der 
Mensch zunachst in einem Zustande, in dem alle seine verschiede- 
nen Begierden vertreten sind, welche nunmehr erst abgelegt werden 
miissen oder vielmehr abzulegen gelernt werden miissen. Die Zeit, 
in der das geschieht, ist die Kamalokazeit. Sie ist eine Priifungszeit, 
und sie ist sehr gut und wichtig fur die weitere Entfaltung des Men- 
schen. Denken Sie einmal, Sie litten Durst, und Sie waren in einer 
Gegend, wo es kein Wasser gabe, natiirlich auch kein Bier oder 
Wein, uberhaupt kein Getrank irgendwelcher Art. Da leiden Sie 
brennenden Durst, der nicht gestillt werden kann. In ahnlicher Wei- 
se erleidet der Mensch ein gewisses Durstgefuhl, wenn er nicht mehr 
das Instrument besitzt, mit welchem einzig er seine Begierden zu 
befriedigen imstande war. 

Kamaloka ist eine Abgewohnungszeit fiir den Menschen, da er 
seine Begierden ablegen mufi, um sich in die geistige Welt hineinzu- 
leben. Diese Kamalokazeit dauert bei dem Menschen langere oder 
kurzere Zeit, je nachdem er mit dem Abgewohnen der Begierden 
fertig wird. Es kommt hierbei darauf an, wie der Mensch sich schon 
im Leben angewohnt hat, seine Begierden zu regeln, und wie er ge- 
lernt hat, im Leben zu geniefien und zu verzichten. Es gibt aber Ge- 
niisse und Begierden niederer und hoherer Art. Solche Genusse und 
Begierden, zu deren Befriedigung der physische Leib das eigenthche 



Instrument nicht ist, nennen wir hohere Geniisse und Begierden, 
und solche gehoren nicht zu denjenigen, die sich der Mensch nach 
dem Tode abzugewohnen hat. Nur solange der Mensch noch etwas 
hat, was ihn nach dem physischen Dasein hinzieht - niedere Geniis- 
se so lange bleibt er im astralischen Leben der Kamalokazeit. 
Wenn ihn dann nichts mehr hinunterzieht nach jener Abgewohne- 
zeit, dann ist er fahig geworden, in der geistigen Welt zu leben, dann 
tritt ein dritter Leichnam aus dem Menschen. Der Aufenthalt des 
Menschen in dieser Kamalokazeit dauert ungefahr so lange wie ein 
Drittel der Lebenszeit. 

Es kommt daher darauf an, wie alt der Mensch war, als er starb, 
das heifk, wir lange er im physischen Leibe gelebt hat. Jedoch ist die- 
se Kamalokazeit durchaus nicht immer eine greuliche oder unange- 
nehme. In jedem Falle wird der Mensch dadurch unabhangiger von 
den physischen Begierden, und je mehr er sich schon im Leben un- 
abhangig gemacht und sich Interessen im Anschauen geistiger Dinge 
verschafft hat, desto leichter wird diese Kamalokazeit fur ihn verlau- 
fen. Er wird durch sie freier, so dafi der Mensch dankbar wird fur 
diese Kamalokazeit. Das Gefiihl des Entbehrens im physischen Le- 
ben wird zur Seligkeit in der Kamalokazeit. Es treten also die entge- 
gengesetzten Gefiihle ein, denn alles, was man im Leben gelernt hat, 
gern zu entbehren, wird in der Kamalokazeit zum Genufi. Wenn 
dann, wie schon erwahnt wurde, aus dem Menschen der dritte 
Leichnam austritt, dann entschwebt mit diesem, dem astralischen 
Leibe alles, was der Mensch fernerhin in der geistigen Welt nicht 
brauchen kann. Fur den Hellseher sind diese astralischen Leichname 
sichtbar, und es dauert zwanzig, dreifiig bis vierzig Jahre, bis sie sich 
aufgelost haben. Da solche astralischen Leichname fortwahrend da 
sind, so gehen sie gelegentlich durch die Leiber Lebender, durch un- 
sere eigenen Leiber hindurch, besonders wahrend der Nacht, wenn 
unsere astralischen Leiber im Schlafe von den physischen Korpern 
getrennt sind, und daher riihren gewisse schadliche Einfliisse, die der 
Mensch empfangen kann. Geradeso wie fur den eigentlichen Men- 
schen nach dem Austritt des atherischen Leichnams ein Extrakt, ei- 
ne gewisse Essenz fiir alle Ewigkeit zuriickbleibt, so bleibt auch fur 



ihn nach dem Austritt des astralischen Leichnams fiir alle Ewigkeit 
eine gewisse Essenz zuriick als Frucht der letzten Verkorperung. 

Und jetzt beginnt fur den Menschen die Zeit des Devachan, der 
Eintritt in die geistige Welt, in die Heimat der Gotter und aller gei- 
stigen Wesenheiten. Wenn der Mensch in diese Welt eintritt, dann 
erlebt er ein Gefiihl, das man vergleichen kann mit der Befreiung ei- 
ner Pflanze, die in einer engen Felsspalte wuchs und plotzlich ans 
Licht emporwachst. Denn wenn der Mensch in diese Himmelswelt 
einzieht, erlebt er in sich die vollkommene geistige Freiheit, und er 
geniefk fortan die absolute Seligkeit. Denn, was ist eigentlich die 
Zeit des Devachan? Sie konnen sich davon eine Vorstellung ma- 
chen, wenn Sie erwagen, dafi der Mensch hier die Vorbereitung 
trifft zu einem neuen Leben, zu einer neuen Wiederverkorperung. 
In der physischen Welt, in dieser unteren Welt, hat der Mensch so 
viel erfahren und erlebt, und diese Erfahrungen hat er ja mit hinuber- 
genommen. Er hat sie wie eine Frucht des Lebens in sich aufgenom- 
men, was er nun frei in sich verarbeiten kann. Er bildet sich nun in 
der Devachanzeit ein Urbild fiir ein neues Leben. Das geschieht 
wahrend einer langen, langen Zeit. Das ist ein S chaff en am eigenen 
Sein, und jedes Schaffen, jedes Produzieren ist mit Seligkeit ver- 
kniipft. Dafi jedes Produzieren, jedes Schaffen mit Seligkeit verkniipft 
ist, davon konnen Sie sich eine Vorstellung machen, wenn Sie ein 
Huhn betrachten, das ein Ei ausbriitet. Warum tut es das? Weil es ei- 
ne Lust empfindet, das zu tun. So ist es auch fiir den Menschen eine 
Lust, im Devachan schaffend die Frucht des vergangenen Lebens 
hineinzuweben in den Plan zu einem neuen Leben. 

In der Kette der Wiederverkorperungen hat der Mensch ja schon 
viele Leben durchgemacht, aber er ist am Ende eines Lebens nie 
mehr dasselbe, was er am Anfang dieses Lebens gewesen war. In die- 
sem Leben, hineingezwangt in den physischen Korper, da mull er 
sich ja ganz passiv verhalten. Jetzt aber, wo er befreit ist, befreit von 
dem physischen Leibe, von dem Atherleibe und von dem astrali- 
schen Leibe, da webt er hinein in seinen ewigen Wesenskern ein Ur- 
bild, und dieses Hineinweben, es wird wahrgenommen als Seligkeit, 
als ein Gefiihl, das sich mit nichts vergleichen lafit, was er je in der 



physischen Welt als Seligkeit erleben kann. Sein Leben ist Seligkeit 
in der geistigen Welt. Glauben Sie aber nun nicht etwa, dafi das phy- 
sische Leben keine Bedeutung hatte in dieser geistigen Welt. Wenn 
sich im Leben Bande der Liebe und der Freundschaft angekniipft ha- 
ben von Seele zu Seele, so fallt mit dem Tode nur das Physische ab, 
aber das geistige Band bleibt und schlingt dauernde, unzerstorbare 
Briicken von Seele zu Seele, welche sich in den Urbildern zu Wir- 
kungen verdichten. Diese vermogen sich dann in den folgenden 
Wiederverkorperungen im Physischen auszuleben. Ebenso ist es in 
dem Verhaltnis, das zwischen Mutter und Kind besteht. Die Liebe 
einer Mutter zum Kinde ist die Antwort auf die vorgeburtliche Lie- 
be des Kindes zur Mutter, welches sich gerade zu dieser Mutter in- 
folge seiner Seelenverwandtschaft mit ihr durch Sehnsucht zur Wie- 
derverkorperung hingezogen fuhlte. Was sich dann im Leben, in der 
gemeinschaftlich durchlebten Verkorperung zwischen Mutter und 
Kind abspielt, bildet neue, seelische Bande, welche bleiben. Und al- 
les, was Seele an Seele band, ist schon eingewoben in das geistige Le- 
ben, das Sie vorfinden, wenn Sie nach dem Tode in die geistige Welt 
eintreten. Es ist also das Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt so beschaffen, dafi dasjenige nachwirkt, was im vorangegan- 
genen physischen Leben getan wurde. Ja sogar die Lieblingsbeschaf- 
tigungen, denen ein Mensch im Leben anhing, wirken nach. Aber 
immer freier und freier wird der Mensch nach dem Tode, weil er ein 
Vorbereiter wird fur die Zukunft, fur seine eigene Zukunft. 

Tut nun der Mensch noch etwas anderes in diesem Jenseits ? Oh, 
er ist in diesem Jenseits sehr tatig. Hier konnte zwar jemand die Fra- 
ge aufwerfen, wozu der Mensch denn da wiedergeboren wird, und 
weswegen er denn uberhaupt wieder auf diese Erde zuruckkommt, 
wenn er auch im Jenseits tatig sein kann. Nun, das geschieht des- 
halb, weil die Wiederverkorperungen niemals so eintreten, dafi der 
Mensch in ihrem Verlaufe unnotigerweise wiedergeboren wird. Im- 
mer kann er Neues hinzulernen, immer haben sich die Erdenver- 
haltnisse so gewandelt, dafi er in ganzlich veranderte Verhaltnisse 
hineinkommt, um Erfahrungen zu seiner weiteren Fortentwicke- 
lung zu machen. Das Antlkz der Erde, die Gegenden, das Tierreich, 



die Pflanzendecke, alles dies andert sich fortwahrend in verhaltnis- 
mafiig kurzer Zeit. Denken Sie einmal hundert Jahre zuriick. Welch 
ein Unterschied gegen heute ! Daft wie bei uns heute jeder Mensch 
im sechsten Lebensjahre lesen und schreiben lernt, ist noch gar nicht 
so lange her. Im Altertum gab es hochgelehrte Leute, die an der Spit- 
ze des Staatswesens standen und weder lesen noch schreiben konn- 
ten. Wo sind die Walder und Tierarten, die vor funfhundert Jahren 
das Land erfullten, das heute von Eisenbahnen durchzogen ist? Wie 
waren die Ortlichkeiten beschaffen, wo heute unsere grofien Stadte 
sich befinden, wie waren sie vor tausend Jahren? Dann namlich 
wird erst der Mensch wiedergeboren, dann tritt er erst in eine neue 
Wiedergeburt ein, wenn sich die Verhaltnisse so geandert haben, 
dafi der Mensch etwas Neues lernen kann. Verfolgen Sie die Jahr- 
hunderte, wie das Antlitz der Erde durch die Verstandeskrafte der 
Menschen verandert, niedergerissen und aufgebaut wird. Aber es an- 
dert sich auch noch vieles, woran die aufieren Verstandeskrafte der 
Menschen nicht arbeiten konnen. Die Pflanzendecke und die Tier- 
welt, sie verandern sich vor unseren Blicken; sie verschwinden, und 
andere Arten treten an ihre Stelle. Solche Veranderungen werden 
von der anderen Welt aus bewirkt. Ein Mensch, der uber eine Wiese 
schreitet, kann wohl sehen, wie iiber den Bach eine Briicke geschla- 
gen wird, aber er kann nicht sehen, wie die Pflanzendecke aufgebaut 
wird. Das machen die Toten. Diese sind dabei tatig, das Antlitz der 
Erde umzugestalten und umzuarbeiten, um sich fur eine neue Wie- 
derverkorperung den veranderten Schauplatz zu schaffen. 

Nachdem der Mensch wahrend einer langen, langen Zeit derge- 
stalt mit den Vorbereitungen zur neuen Wiederverkorperung be- 
schaftigt war, naht der Zeitpunkt, wo sie stattfinden soli. Was ge- 
schieht nun ? Was tut der Mensch dann, wenn er in seine neue Wie- 
dergeburt schreitet? Zu dieser Zeit befindet sich der Mensch in sei- 
nem Devachan, und da fuhlt er, dafi er sich zunachst einen neuen 
Astralleib angliedern mufi. Dann schiefk sozusagen die astralische 
Substanz von alien Teilen an ihn heran, und je nach seiner Eigenart 
kristallisiert sie sich sozusagen um ihn herum. Sie miissen sich das so 
vorstellen, wie die Eisenfeilspane der Anziehungskraft eines Magne- 



ten unterliegen und sich um ihn ordnen und gruppieren, so ordnet 
sich die astralische Substanz an das sich wiederverkorpernde Ich. 
Dann aber ist es noch notig, ein geeignetes Elternpaar auszusuchen, 
und so wird der Mensch hingeleitet zu diesem oder jenem Eltern- 
paar, aber nicht blofi gehorchend seiner eigenen Anziehungskraft. 
Denn hierbei greifen ein und sind tatig hocherhabene Wesenheiten, 
die heute noch, dem gegenwartigen Entwickelungszustande der 
Menschen angemessen, die Arbeit ubernommen haben, diese Ver- 
haltnisse in Richtigkeit und Gerechtigkeit karmisch zu ordnen. 
Wenn also gelegentlich einmal die Eltern mit den Kindern und zu 
den Kindern anscheinend nicht stimmen, dann braucht nicht etwa 
Unrichtiges oder Ungerechtigkeit vorzuliegen. Darin liegt vielleicht 
manchmal das Gute, dafi der Mensch in die kompliziertesten Bedin- 
gungen hineinkommt und sich mit den sonderbarsten Verhaltnissen 
abfinden soil, um dadurch zu lernen. 

Die Reihenfolge dieser sich immer wiederholenden Wiederver- 
korperungen ist jedoch nicht eine endlose. Es ist ein Anfang da und 
auch ein Ende. Einst, in einer fernen Vergangenheit, stieg der 
Mensch noch nicht herab zu Verkorperungen. Da kannte er noch 
nicht Geburt und Tod. Da fiihrte er eine Art engelhaften Daseins, 
nicht unterbrochen von solch einschneidenden Veranderungen sei- 
nes Zustandes, wie sie heute als Geburt und Tod vorhanden sind. 
Aber ebenso sicher wird fur den Menschen eine Zeit kommen, wo 
er eine geniigende Summe von Erfahrungen in den unteren Welten 
gesammelt haben wird, um einen geniigend gereiften, abgeklarten 
Bewufitseinszustand erworben zu haben, um in den erhabenen obe- 
ren Welten wirken zu konnen, ohne gezwungen zu sein, wieder in 
die unteren Welten unterzutauchen. 

Nach dem Anhoren der hier vorgetragenen Verhaltnisse iiber 
wiederholte Erdenleben glauben manche Leute, Angst haben zu 
miissen, dafi das Gefuhl der Elternliebe beeintrachtigt werden konn- 
te dadurch, dafi eine Mutter vernimmt, dafi das Kind nicht durchaus 
Fleisch ist von ihrem Fleisch, denn es ist ja an diesem Kinde etwas, 
das nicht von ihr ist, also etwas Fremdes. Doch diese Bande, die El- 
tern und Kinder umspannen, sind keineswegs dem Zufall unterwor- 



fen und gesetzlos. Es sind keine neuen Bande. Sie waren schon vor- 
handen in vorangegangenen Lebenslaufen und haben einstmals auch 
schon in verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Verbindun- 
gen bestanden. Diese Bande der Liebe vereinigen sie dauernd auch in 
den hdheren Welten in ewiger Wirklichkeit, und alle Menschen 
werden einst in ewiger Liebe umschlungen sein, auch wenn sie 
sich nicht mehr hinabsenken werden in den Kreislauf der Wieder- 
verkdrperungen. 



DIE ZEHN GEBOTE 



Stuttgart, 14. Dezember 1908 

Es soli uns heute ein wichtiges Menschheitsdokument beschaftigen, 
das, wenn es auch fern abzuliegen scheint aufterhalb des Rahmens 
unserer bisherigen Betrachtungsfolge, dennoch im inneren Zusam- 
menhang mit dieser stent. Es sind dies die Zehn Gebote, die wir ein- 
mal vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus beleuchten 
wollen, aus dem Grunde, weil vielleicht auch gerade gegeniiber die- 
sem Dokument der Menschheit die Geisteswissenschaft das richtige 
Licht zu seinem Verstandnis zu bringen vermag. 

Es wird von seiten der gelehrten Theologie vielfach behauptet, 
dafi diese Zehn Gebote mit mancherlei Gesetzen und Geboten ande- 
rer Volker des Altertums iibereinstimmen und eigentlich nichts Be- 
sonderes darstellen. Sie seien hochstens nur insofern bemerkens- 
wert, als sie eine Zusammenstellung dessen seien, was als Gebote 
und Gesetze bei den verschiedenen alten Volkern da und dort zu 
finden sei, zum Beispiel bei Lykurg von Sparta oder in den Gesetzes- 
tafeln des Hammurabi. 

Dasjenige, was uns beschaftigt hat, als wir den Entwickelungs- 
gang der Menschheit in der nachatlantischen Zeit betrachtet und auf 
unsere Seelen haben wirken lassen, das wird uns auch in einer gewis- 
sen Beziehung ein Leitfaden sein konnen, um uns begreiflich er- 
scheinen zu lassen das Grofie und Gewaltige, was in die Menschheit 
eingeschlagen hat, als die Zehn Gebote auf dem Sinai gegeben wor- 
den sind. Erinnern wir uns daran, was uns bei der Betrachtung des 
Entwickelungsganges der Menschheit in der nachatlantischen Zeit 
entgegengetreten ist. Wir haben gesehen, dafi die fiinf Kulturepo- 
chen - die indische, persische, chaldaisch-agyptisch-jiidische, die 
griechisch-romische und die germanische Kulturepoche - ein all- 
mahliches Erobern des physischen Planes durch die Menschheit be- 
deuten. Nun steht uns am Ende der dritten und am Anfang der vier- 
ten Epoche dasjenige gegeniiber, was wir die «Sendung des Moses» 
nennen konnen. Worin besteht diese Sendung? 



Da wollen wir uns noch einmal genauer vor die Seek fiihren, wie 
die Inspirationen der Eingeweihten eigentlich in den aufeinanderfol- 
genden Zeitraumen waren. Gestern haben wir von den Rishis ge- 
sprochen, die in der altindischen Zeit die Inspiratoren ihres Volkes 
waren. Es wurde von den Rishis mitgeteilt, dafi sie im gewohnlichen 
Leben sozusagen schlichte Menschen waren, dafi sie aber zu gewis- 
sen Zeiten das Instrument, das Mundstiick waren fur die Inspiratio- 
nen hoherer geistiger Wesenheiten. Diese Tatsache war besonders 
hervorstechend in den Zeiten des alten Indertums, und es konnten 
reden diese alten Rishis, diese grolken Lehrer der nachatlantischen 
Kulturepoche, von hohen geistigen Wahrheiten. Fragen wir uns ein- 
mal, in welche Regionen des Geistes hinein haben sich diese alten 
Rishis versetzt, wenn sie innerlich durchweht und durchzogen sein 
sollten von den hoheren Wesenheiten, die durch sie sprachen? Es er- 
hoben sich diese Rishis, wahrend in ihnen die hoheren Machte leb- 
ten, nicht blofi zum Astral- oder unteren Devachanplan, sondern 
hinauf bis zum oberen Devachan, so dafi das, was sie lehrten, ur- 
spriinglich vom oberen Devachan ausging. In jenen alten Zeiten, 
kurz nach der atlantischen Katastrophe, war das noch moglich, weil 
die alten indischen Leiber noch durchaus den Menschen die Mog- 
lichkeit boten, aus ihnen herauszukommen und mit den Wesen- 
heiten hoherer Welten in Beziehung zu treten. 

Nun schreiten die Kulturstufen fort. In der Kulturepoche des Za- 
rathustra, der uralt-persischen, wissen die hochsten Eingeweihten 
zwar noch zu erzahlen von den hochsten geistigen Wesenheiten, 
aber ihre Erhebung kann nicht so ohne weiteres bis in die oberen 
Partien des Devachan gehen. Sie konnen sich nur bis zu dem unte- 
ren Devachan erheben. Trotzdem aber konnen sie sich iiber die ho- 
heren Plane unterrichten lassen, denn diese hohen Wesenheiten des 
unteren Devachanplanes wissen ja auch von den hoheren Planen. 

In der Welt, in der die agyptischen Eingeweihten hauptsachlich 
heimisch waren, erhob man sich gewohnlich bis zum Astralplan, 
und es war keineswegs nur ein kleiner Kreis, der sich im alten Agyp- 
ten noch zu diesem Astralplan erheben konnte. Es war noch eine 
verhaltnismafiig grofie Anzahl von Menschen, die aus eigener Beob- 



achtung wufken, was auf dem Astralplan vorgehen kann. Wenig- 
stens in gewissen Zwischenzustanden des Lebens, zwischen Schlafen 
und Wachen zum Beispiel, erlebten viele die Gemeinschaft mit je- 
nen Wesenheiten, die nicht auf den physischen Plan herunterkom- 
men, die aber auf dem astralischen Plan noch heimisch sind. So dafi 
diejenigen, welche auf dem Astralplan aus und ein gingen, die alten 
agyptischen Eingeweihten, es noch leicht hatten, die Dinge zu ver- 
kiinden, die in hoheren Welten vorgingen. 

Indem wir uns immer mehr den spateren Kulturepochen nahern, 
zieht sich sozusagen der Vorhang vor den geistigen Welten immer 
mehr zu. Immer geringer wird die Zahl der Menschen, die imstande 
sind, selbst noch in den geistigen Welten Beobachtungen zu ma- 
chen, und dadurch wurde gegen die vierte Kulturepoche hin eine be- 
sondere Art der Verkiindigung durch die Eingeweihten notwendig. 
Einer derjenigen Eingeweihten, der in alien okkulten Kiinsten der 
agyptischen Eingeweihten bewandert war, war Moses; er bewegte 
sich durchaus frei auf dem Astralplan. Gerade sein Volk war dazu aus- 
ersehen, eine gewisse Offenbarung zu erhalten, die imstande war, den 
Menschen auch dann etwas zu sein, wenn sie nicht mehr in die ho- 
heren Welten hinaufblicken konnten. Es gab ja immer Eingeweihte, 
obwohl ihre Zahl immer geringer geworden war, die direkt oder in- 
direkt von den hoheren Welten wufken, weil sie bewufit aufierhalb 
ihres Leibes leben konnten. Der grofite Teil des Volkes jedoch mufi- 
te sein Leben ganz auf den physischen Plan beschranken. Die Aufga- 
be, die der Menschheit gegemiber zu erfiillen war in der Zeit, als die 
Sendung des Moses ihren Anfang nahm, war diese: denjenigen Men- 
schen, die ganz und gar auf den physischen Plan angewiesen waren, 
eine Offenbarung aus dem Geistigen zu geben, das hinter dem physi- 
schen Plane steht, wonach sie ihr Leben regeln konnten. Wie mufite 
nun diese Sendung des Moses zunachst gestaltet werden? 

Denken Sie sich, dafi den Leuten zunachst einmal klar gemacht 
werden mulke: Das, was draufien um euch herum ist, was ihr sehen 
und fiihlen konnt, das ist eben der physische Plan; da ist nirgends et- 
was Geistiges. Das miifit ihr nicht ansehen als das, was euch irgend- 
wie das Geistige darstellen konnte, sondern ihr miifit euch klar 



dariiber sein, daft das Geistige eben im Geistigen gesucht werden 
mufi, und dafi es nur ein einziges gibt, wo ihr das Geistige suchen 
konnt. 

In den Zeiten des alten Indertums, als die heiligen Rishis von den 
oberen Partien des Devachan aus sprachen, da konnte man auch Bil- 
der geben, welche das, was vom oberen Devachan aus gesprochen 
wurde, als aufieres Bild symbolisierten und vergleichsweise andeute- 
ten. Man konnte Bilder und Bildnisse geben, und es war verhaltnis- 
mafiig leicht, den Menschen begreiflich zu machen: Wir geben euch 
zwar Bilder, aber da ihr die aufiere Welt ja doch als Illusion, als Maja 
anseht, so werden diese Bilder euch nichts mehr sein als Bilder, Ab- 
bilder einer Welt des Ubersinnlichen. - Es war keine Gefahr vor- 
handen, dafi Gotzendienerei mit diesen Bildern getrieben werden 
konnte. Wie hatte das auch sein konnen bei einem Volk, das alles 
Sinnliche fur Maja, fur Illusion ansah? Dieses Volk hatte niemals 
Gotzendienerei treiben konnen. Das ist erst viel spater gekommen. 
Allerdings ist gerade spater in der morgenlandischen Kultur an Stelle 
des Symbols das Gotzenbild getreten. Aber leicht war es also den 
heiligen Rishis, dem ganzen indischen Volke klarzumachen : Dasje- 
nige, was wir euch zu verkiindigen haben, stammt aus den hoheren 
Partien des Devachan, und das Sichtbare, das Physische, ist ein Sinn- 
bild fur das, was so hoch und erhaben ist, daft ihr es nur im Sinnbild 
aufnehmen konnt. 

Wahrend der persischen Kultur konnten aber die Schtiler des Za- 
rathustra nicht in derselben Weise verfahren. Diese konnten nur 
noch eine Art von Zusammenhang ihres Volkes mit den unteren 
Partien des Devachanplanes herstellen. Daher waren sie nur imstan- 
de, in Bildern, aber in geistigen Bildern, von dem Ubersinnlichen zu 
sprechen. Sie haben kein sinnliches Bild genommen. Vor alien Din- 
gen sprachen sie ihrem Volke von dem eigentlichen geistigen, guten 
Wesen, das sie Ahura Mazdao nannten, demjenigen Wesen, das seine 
auftere Korperlichkeit in der Sonne hat, und mit dem der Mensch 
sich verbiindet gegen den finsteren Geist: Ahriman. Das wurde als 
ein sinnlich-ubersinnliches Bild sozusagen vor die Menschen hinge- 
stellt. Die Menschen sollten sich im Bilde vorstellen dieses geistige 



Lichtwesen. Aber nicht ein fertiges Bild, kein Bildnis sollten sie ma- 
chen. Allenfalls konnten sie sich diesen gottlichen Ahura Mazdao in 
einem Vorgange, zum Beispiel im Feuer vorstellen, aber nicht in ei- 
nem starren, aufieren, sinnlichen Bild. Alles, was sinnliche Bilder, 
Gotterbilder sind, stammt aus einer spateren Zeit. Die alte persische 
Kultur hatte bildliche Vorgange, die das Ubersinnliche ausdriicken 
sollten. Das war der Fortschritt. 

Nun kommen wir zu der dritten Kulturstufe, die uns hauptsach- 
lich im Agyptertum entgegentritt. Da stand, wie wir wissen, gewis- 
sermafien im Mittelpunkt alles religiosen Denkens und Fuhlens die 
Gestalt des Osiris. Sie werden leicht verstehen, was jetzt gesagt wer- 
den mufi. Was fiir ein Wesen ist Osiris, hauptsachlich in seiner gott- 
lichen Gestalt? Bedenken Sie, dafi die agyptischen Kulturfiihrer dem 
Menschen sagten: Wenn du deine Aufgabe hier in der physischen 
Welt richtig vollziehst, wenn du alles tust, was dich in bezug auf dei- 
ne Seele zu einem wiirdigen Menschen macht, dann wirst du nach 
dem Tode mit Osiris vereinigt sein. - Auf der anderen Seite wurde 
ihm gesagt: Der Osiris hat nur ein kurzes Leben hier auf Erden ge- 
habt, denn er wurde von seinem Bruder Typhon - Seth - iiberwun- 
den und lebt seit jener Zeit in den Welten, die die iiberirdischen 
sind. Sein unterstes Gebiet ist nicht mehr der physische, sondern der 
Astralplan, weiter steigt er nicht herab. Es ist nicht mehr moglich, 
dafi Osiris den physischen Plan betritt. Daher kann der Mensch im 
Leben nicht dem Osiris begegnen. Nach dem Tode aber, wenn er 
sich dessen wiirdig gemacht hat, dann wird er mit Osiris vereint 
sein, weil dann der Mensch die Welt, in der Osiris weilt, betritt. Der 
Mensch mufi also dem Osiris entgegenkommen, entweder wenn er 
gestorben ist, oder wenn er als Eingeweihter den astralen Plan be- 
tritt. Daher wurde dem Bekenner der Osiris-Religion klargemacht : 
Das Ubersinnliche, mit dem du selbst noch in einer Verbindung 
stehst, sollst du dir nicht anders als unter dem Bilde deiner eigenen 
Seele vorstellen, einer Seele, wie wir sie uns vorstellen unter dem Be- 
griff des Astralleibes. Es wurde der Osiris als eine ideale Menschen- 
gestalt hingestellt, die alle moglichen Tugenden hat, und da Triebe 
sowohl als auch Tugenden im Astralleibe sind, so wurde sozusagen 



eine astralische Menschenwesenheit als die Wesenheit des Osiris 
hingestellt. 

Fiir das Volk der Semiten, das durch die Schule des Agyptertums 
gewissermafien hindurchgegangen war, und welches jenes grofie Er- 
eignis vorbereiten sollte, durch welches das Geistige, der Christus, 
in die physische Welt heruntergestiegen ist - nicht nur wie Osiris bis 
zum Astralplan, sondern wie Christus, der auf den physischen Plan 
gekommen ist fiir dieses Volk durfte weder ein Gott im Gleich- 
nis, im Symbol leben, wie bei dem alten Indertum, noch durfte es ei- 
nen Gott in einem sinnlich-iibersinnlichen Bilde verehren, wie in 
der persischen Kultur, noch im Bilde einer Astralwesenheit, wie in 
der agyptischen Kultur, sondern einzig und allein unter der unsinn- 
lichen Vorstellung des Ich. Alle Bilder, die urspriinglich den alten 
Indern gegeben waren, um sich das Geistige vorzustellen, waren der 
physischen Welt, dem Mineralreiche entlehnt; es waren Bilder, wel- 
che in physisch-mineralischen Formen ausgepragt waren. Die Ge- 
stalt, unter der die Eingeweihten der persischen Kultur ihrem Volke 
das Ubersinnliche klarmachten, war demjenigen entnommen, was 
auch in dem menschlichen Atherleibe lebt, dem Lebendig-Atheri- 
schen, denn auch Ahura Mazdao wurde ihnen sichtbar dadurch, daft 
er in einer atherischen Form, der Sonnenaura, sich ihnen kundgab. 
Osiris war unter einer astralischen Gestalt bei den Agyptern vorge- 
stellt worden. Diejenige Gottheit aber, die sich dem judischen Volk 
ankiindigte, sollte keine anderen Eigenschaften haben als die des Ich, 
des vierten Gliedes der menschlichen Wesenheit. Unter dem Ich er- 
fafit der Mensch etwas, was allein zu sich selber «Ich» sagen kann. 

Damit war aber noch etwa anderes verbunden. Der Mensch sollte 
nunmehr die Sendung des Moses in sich hineingiefien; er sollte sich 
die Gottheit im Bilde dieses Ich vorstellen. Von nun an mufite den 
Menschen gesagt werden: So wie ein Ich in jedem Menschen lebt 
und Herrscher ist iiber alle Glieder der Menschennatur, so sollst du 
dir das Wesen vorstellen, das in der Welt als schopferisches Wesen 
webt und lebt und herrscht und waltet iiber alles Geschaffene. Kein 
sinnliches, kein Ather- und kein Astralbild kann das wiedergeben. 
Bloft unter der Gestalt des «Ich», einzig unter dem Namen «Ich bin 



der Ich-bin» sollst du dir das hochste Wesen vorstellen. - In dem 
«Ich-bin» selber sollte jeder Mensch ein Ebenbild der Gottheit emp- 
finden. Das war die Mission, die Sendung des Moses, dem Menschen 
zu sagen: Siehe hinein in dein Inneres; da allein findest du ein wirkli- 
ches Ebenbild der reinen Gottheit. - Daher sollte alle Wirkung un- 
ter den Menschen von nun an nur von Ich zu Ich gehen. Das sollte 
vorbereitet werden durch die Sendung des Moses. 

Stellen wir uns noch einmal hinein in die agyptische Kultur. Da 
war viel Wirkung, aber sie ging nicht von Ich zu Ich, sondern von 
Astralleib zu Astralleib. Was heifit das? Denken Sie sich, wie eine 
solche gigantische Pyramide gebaut worden ist. Ein grofies Heer 
von Menschen war notig, um solch eine Pyramide zustandezubrin- 
gen. Die Arbeiter an dem Bau einer solchen Pyramide folgten den 
Auftragen derjenigen, die die Baumeister waren, und das waren die 
Tempelpriester, die geistigen Fiihrer der Kultur. Glauben Sie nicht, 
dafi diese Auftrage so gegeben wurden, wie man heute Auftrage gibt, 
von Ich zu Ich. Das war nicht der Fall. Sie werden am leichtesten 
verstehen, was damals vorging, wenn wir das Wort «Suggestion» ge- 
brauchen. Krafte psychischer Natur wurden angewendet, um die 
Massen zu leiten. Die agyptischen Priester beherrschten solche Kraf- 
te in hohem Mafie. Sie wirkten nicht auf das Ich, indem sie sagten : 
Tue dies oder jenes -, sondern sie beherrschten die Menge, wie es 
derjenige tut, der psychische Krafte handhaben kann, so dafi die 
Menschen willenlos folgten diesen Priestern, mit Ubergehen des 
Ich. Die Priester standen als Eingeweihte in hohem Dienste. Ihnen 
war nicht zuzutrauen, dafi sie diese Krafte mifibrauchten; sie stellten 
sie in den Dienst des Guten. So waren es also Eingebungen, psychi- 
sche Eingebungen, durch die sie wirkten, und von einer Freiheit des 
Ich gegeniiber dem Tempelpriester war nicht die Rede. Wenn Sie 
das verstehen, so begreifen Sie auch, dafi im alten Indien die heiligen 
Rishis in noch hoherem Mafie spirituelle Krafte anwendeten. Bei ih- 
nen war es so : Wenn sie erschienen und bedeutsame Kundgebungen 
aus den geistigen Welten gaben, dann war es selbstverstandlich, dafi 
das ganze Volk ihnen willenlos folgte. Genauso wie bei uns die 
Hand dem Kopfe folgt, so folgten die grofien Menschenmassen ihren 



Fiihrern, den Eingeweihten. Das wurde immer weniger, je weiter 
der Mensch hinunterstieg auf den physischen Plan, aber im alten 
Agyptertum war noch viel Wirksamkeit dieser psychischen Krafte. 
Die Menschen aus dieser Art der Wirksamkeit herauszureifien und 
die Vorherverkiindigung des Dem-Ich-Gegeniiberstehens, das war 
die Sendung des Moses. In jedem Menschen den gottlichen Urquell 
zu suchen, das grofie Welten-Ich, das den Raum durchwellende und 
durchwehende Ich als Urbild anzusehen des eigenen Ich, das war der 
grofie Ruf, der mit der Sendung des Moses verknupft war. 

Von diesem Gesichtspunkte aus werden wir verstehen, wie sich 
dieses grofie Welten-Ich durch Moses verkiindigen mufite. In einer 
solchen Weise mufi man die Ankundigung der Ich-Gebote in die 
heutige Sprache ubersetzen, damit man wirklich das hat, was gefiihlt 
und empfunden und gedacht wurde, wenn man in jener Zeit zum 
Beispiel das erste Gebot horte. Alle lexikographischen Ubersetzun- 
gen geben das denkbar Ungenaueste wieder. Und nun mochte ich 
Ihnen das erste Gebot darstellen wie man es wirklich ubersetzen 
mufi, um dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was man sich damals 
beim Horen desselben vorgestellt hat. 

Erstes Gebot. Ich bin das ewig Gottliche, das du in dir empfin- 
dest. Ich habe dich aus dem Lande Agypten gefuhrt, wo du nicht 
Mir in dir folgen konntest. Fortan sollst du andere Gotter nicht 
uber Mich stellen. Du sollst nicht als hohere Gotter anerkennen, 
was dir eine Abbildung zeigt von etwas, das oben am Himmel 
scheint, das aus der Erde heraus oder zwischen Himmel und Erde 
wirkt. Du sollst nicht anbeten, was von alldem unter dem Gottli- 
chen in dir ist. Denn Ich bin als das Ewige in dir und bin ein fortwir- 
kendes Gottliches. Wenn du Mich nicht in dir erkennst, werde Ich 
als dein Gottliches verschwinden bei Kindern und Enkeln und Ur- 
enkeln, und deren Leib wird veroden. Wenn du Mich in dir er- 
kennst, werde Ich bis ins tausendste Geschlecht als Du fortleben, 
und die Leiber deines Volkes werden gedeihen. 

Da haben wir den Hinweis darauf, in dem einzelnen Ich das Ur- 
bild des «Ich», das Nachbild des gottlichen Ur-Ich zu erkennen, und 
zugleich den Hinweis darauf, dafi derjenige, der so sein Ich als Gott- 



liches erkennt, frei wird von der Art, wie die Menschen im alten 
Agypterlande ihren Fiihrern gegeniiberstanden. «Ich habe dich aus 
dem Lande Agypten gefuhrt, wo du nicht Mir in dir folgen konn- 
test.» Dem Willen der Eingeweihten folgte man da, da war der 
Mensch nicht frei. Diese Eingeweihten wendeten ihre psychischen 
Krafte an, denen man folgte. Die erste Morgenrote jener menschli- 
chen Freiheit, die dann als die Freiheit der Gnade im Christentum 
heraufgekommen ist, zeigt sich in diesem Hinweis: «Ich habe dich 
aus dem Lande Agypten gefuhrt, wo du nicht Mir in dir folgen 
konntest.» «Fortan sollst du andere Gotter nicht iiber mich stellen.» 
Gerade darum, damit das jiidische Volk das grofie vorbereitende 
Volk werden konnte fur die Kundgebung im Christentum, mufite 
klargelegt werden, dafi alle anderen Darstellungen des Gottlichen, 
des Urbildes des Ich, wegfallen mufiten. Was aufiere Gestalt eines 
Gottlichen ist, seien es selbst die Sternbilder oder irgend etwas ande- 
res, das mufite wegfallen. Durch gar nichts soli das Gottliche abge- 
bildet werden, denn der Mensch soli, damit er frei wird, damit er 
den Quell von allem, was in ihm ist, findet: er soil alles, was er 
empfinden kann iiber das Gottliche, in seinem Ich als dem Nachbil- 
de des grofien Welten-Ichs empfinden. «Du sollst nicht als hohere 
Gotter anerkennen, was dir ein Abbild zeigt von etwas, das oben am 
Himmel scheint, das aus der Erde heraus oder zwischen Himmel 
und Erde wirkt.» Ein bildloses Gottliches! Der einzige berechtigte 
Ausdruck dafur ist das menschliche Ich, das Abbild des «Ich bin der 
Ich-bin». «Du sollst nicht anbeten, was von alldem unter dem Gott- 
lichen in dir ist.» 

Wir haben es hervorgehoben: Aus dem physischen Leib wurde 
das Bild genommen im alten Indien, aus dem Atherleib in der persi- 
schen Kultur, aus dem Astralleib bei den Agyptern. Das alles ist un- 
ter dem Ich. Von daher soil fortan nichts im Bilde von dem Gottli- 
chen genommen werden. Wir wissen, dafi der physische Leib aus 
der mineralischen Natur, dafi der Atherleib aus der atherischen Na- 
tur und der Astralleib aus demjenigen Reiche entnommen ist, aus 
dem auch der Astralleib der Tiere entnommen ist. Von all dem, was 
in den unteren Gliedern der Menschennatur ist, was aus der ubrigen 



Natur herausgenommen ist, von all dem, was unter dem Ich ist, soil 
nichts genommen werden fiir das, was der Mensch anbetet. «Denn 
Ich bin das Ewige in dir und bin ein fortwirkendes G6ttliches.» Da 
haben Sie einen wichtigen Satz. Da wurde den Juden als Gesetz ge- 
geben, was vorher eine Tatsache war. Wir haben schon darauf auf- 
merksam gemacht, wie bei alien Volkern, durch die ein gemeinsa- 
mes Blut flofi, ein gewisses Bewufitsein durch die Generationen 
durchrann, wie der Sohn sich durch das Blut verbunden fiihlte mit 
dem Vater und mit dem Groflvater. Gemeinsames Blut fiihlte sich 
als gemeinsames Ich. Das Ich lebte durch die Generationen hin- 
durch. Der Gott, der sich zuerst als «Ich» ankiindigte im jiidischen 
Volke, mufite sich ankiindigen, indem er sagte, dafi Er es ist, der als 
der Gott durch die Generationen hindurchwirkt. «Wenn du Mich 
richtig in dir erfassest, dann erfassest du, was fortwirkt von Genera- 
tion zu Generations Es ist das iibersetzt worden mit: «Ich bin ein 
eifernder Gott», oder sogar mit: «ein zorniger Gott», wahrend die 
wirkliche Bedeutung ist: «Ich bin ein von Generation zu Generation 
fortwirkender Gott.» 

«Suche nie, eine unrichtige Vorstellung von Mir zu bekommen; 
bewahre das Richtige in dir, als Vorstellung von Mir, dann pflanzest 
du in dem Blute Gesundheit von Geschlecht zu Geschlecht fort.» Ei- 
ne richtige medizinische Vorstellung ist damit verbunden, denn der- 
jenige, der dieses Gebot gab, verband damit die Vorstellung, dafi 
dann, wenn der Mensch eine reine Vorstellung von seinem Zusam- 
menhang mit dem Gottlichen hat, auch eine gesundende Ich- Vor- 
stellung durch das Blut fliefit, und das Volk von Generation zu Ge- 
neration gesund bleibt. Wir bekommen keine richtige Vorstellung 
von dem lebensvollen Gehalt dessen, was Moses seinem Volk gab, 
als er die Gesetze verkiindete, wenn wir blofi begrifflich denken, 
was er sagte. Nein, es wird gesagt unter der Voraussetzung, daft der 
richtige Gedanke eine wirkende Realitat ist. «Wenn du dir eine fal- 
sche Vorstellung von dem Gottlichen machst, dann wird sich das 
von Geschlecht zu Geschlecht vererben, so daft es sich als Krank- 
heit, als Siechtum auftert.» Richtige Gedanken bewirken Gesund- 
heit, falsche aber Krankheit. Das ist eine im echten Sinn anthroposo- 



phisch oder okkult gehaltene Vorstellung. Das alles mufi man be- 
denken, sonst bekommt man keinen richtigen Begriff, keine richtige 
Vorstellung gegeniiber diesem ersten Gebot. Es wird dem jUdischen 
Volke darin aufgetragen: Stelle dir ja nicht deinen Gott vor unter ei- 
nem falschen Bilde. Wenn ihr vor dem goldenen Kalb hinkmet, 
dann fliefit eine falsche Vorstellung vom Gotte in euch ein, und dies 
falsche Gottesbild erzeugt, indem es mit dem Biute durch die Gene- 
rationen hinunterzieht, die fortwirkende Siinde, die dann in Krank- 
heit iibergeht. «Wenn du Mich nicht in dir erkennst, werde Ich als 
dein Gottliches verschwinden bei Kindern und Enkeln und Uren- 
keln, und deren Leiber werden veroden.» Du erzeugst lebensfahige 
Kinder, Enkel und Urenkel, wenn du die richtige Vorstellung des 
Gottlichen aufnimmst; sonst aber stirbt das aus, was vom Blute ab- 
hangt. Indem du in deinem Ich Mich, den Urquell des Ich, richtig er- 
kennst, geht eine Kraft iiber von Geschlecht zu Geschlecht, denn 
ein fortwirkendes Gottliches bin Ich. Aus den Leibern verschwinde 
Ich, wenn Ich in falscher Vorstellung in euch lebe. Das ist wiederum 
eine ganz okkult medizinische Anweisung. «Wenn du Mich in dir 
erkennst, werde Ich bis ins tausendste Glied fortleben, und die Lei- 
ber deines Volkes werden gelautert und deshalb gedeihen.» So wird 
das Physische gedeihen, im echt okkulten Sinne, wenn der Mensch 
an die richtige Vorstellung des Geistigen ankmipft. Damit zieht zu- 
gleich ein Hauch menschlicher Freiheit ein in die Menschenent- 
wickelung: gerade auf die Spitze sozusagen des fortwirkenden Ich 
wird die Menschheit gestellt, und dann angekmipft dieses Ich an das 
Gottliche. Das laik sich mit keiner anderen Gesetzgebung verglei- 
chen, und es ist ein reiner Dilettantismus, wenn man diese Zehn Ge- 
bote zusammenstellt mit anderen Gesetzgebungen und einseitig er- 
klart, weil sie sich aufierlich in Worten ahneln, sie seien dasselbe. 
Die Gesetzgebung der Zehn Gebote vom Sinai ist einzigartig und 
lafit sich nur aus der einzigartigen Sendung des Moses erklaren. Und 
wie bei diesem ersten Gebot, so ist es bei alien anderen Geboten, 
wenn wir sie richtig iibersetzen. Es wird uns aus alien der ganze 
Geist der Sendung des Moses klar, in bezug auf den Ich-Impuls, der 
jetzt in die Menschheit eingegossen werden soil. 



Zweites Gebot. Du sollst nicht im Irrtum von Mir in dir reden, 
denn jeder Irrtum iiber das Ich in dir wird deinen Leib verderben. - 
Da haben Sie direkt die Notwendigkeit des geistig richtigen Gedan- 
kens hingestellt, der der eigentliche Schopfer des richtigen gesunden 
Leibes ist. Irrtum iiber das Waken des hochsten Gottlichen in sich 
erzeugt Siechtum im Leibe im vollsten Mafie. Es ist aufterordentlich 
wichtig, einzusehen, da£ in diesem zweiten Gebote gesagt wird: 
«Der Irrtum iiber das Ich in dir wird deinen Leib verderben. » Es gibt 
ein spateres Sprichwort : In einem schonen Korper wohnt eine scho- 
ne Seele. - Die moderne materielle Menschheit legt sich das zuwei- 
len so aus : Also pflege deinen Korper wohl, dann ist auch eine scho- 
ne Seele darin. - Es ist aber so gemeint, dafi eine Seele, die in sich 
kraftvoll ist, dadurch, dafi sie aus fruheren Inkarnationen etwas mit- 
bringt, was sie durch eine Durchgeistigung der Seele sich erarbeitet 
hat, der richtige Schopfer des Leibes ist und einen gesunden, kraft- 
vollen Korper erzeugt. Nicht, dafi der Korper die Seele macht; ge- 
nau das Gegenteil davon ist gemeint. Da sehen wir, dafi es manch- 
mal gar nicht so sehr darauf ankommt, einen genauen Wortlaut an- 
zufuhren. Eine jede Zeit macht sich, nach den Impulsen, die in ihr 
leben, eine andere Vorstellung iiber den gleichen Wortlaut. Je nach- 
dem die Zeit empfindet oder gesinnt ist, wird er so oder so ausgelegt. 
Damit hat man nicht immer das Richtige erwiesen, dafi man auf ei- 
nen gleichen Wortlaut hinweist, sondern erst dadurch, dafi man in 
die Seele der Zeit eindringt und durch sie hindurch dieses oder jenes 
Wort zu verstehen sucht. 

Drittes Gebot. Du sollst Werktag und Feiertag scheiden, auf daE 
dein Dasein Bild Meines Daseins werde. Denn, was als Ich in dir 
lebt, hat in sechs Tagen die Welt gebildet und lebte in sich am sie- 
benten Tage. Also soil dein Tun und deines Sohnes Tun und deiner 
Tochter Tun und deiner Knechte Tun und deines Viehes Tun und 
dessen, was sonst bei dir ist, nur sechs Tage dem Aufieren zuge- 
wandt sein; am siebenten Tage aber soil dein Blick Mich in dir su- 
chen. - Das ist die absolut sinngemafle Ubersetzung dieses dritten 
Gebotes. Nicht in aufierlichen Bildern mufi das Gottliche im Men- 
schen Abbild werden des Ur-Ich, sondern in dem, was dieses Ich tut, 



mufi es Abbild werden des Ur-Ich, und wie das Ur-Ich geschaffen 
hat das Werk der Weltenschopfung in sechs Weltentagen und am 
siebenten Tage in sich ruhte, so soli auch der Mensch Werktag und 
Feiertag scheiden, sechs Tage schaffen und am siebenten Tage das 
Gottliche mit Hilfe des Ich suchen. So sehen wir, in welch wunder- 
barer Weise in diesem dritten Gebot das Abbild des Ur-Ich in uns als 
das zu Gott fuhrende hingestellt wird. 

In diesen drei ersten Geboten haben wir den Hinweis darauf, wie 
der Mensch in dieser, mit der Sendung des Moses anbrechenden Zeit 
zu stehen hat dem Gottlichen gegeniiber, da& sich in einer neuen 
Weise offenbart. In dem vierten Gebot haben wir ein Herausgehen 
auf den physischen Plan. Die drei ersten Gebote stellen dar, wie 
sich der Mensch in richtiger Weise zu den hoheren Welten verhalt 
durch die Wirksamkeit seines Ich. 

Das vierte Gebot heifit: Wirke fort im Sinne deines Vaters und 
deiner Mutter, damit dir als Besitztum verbleibt das Eigentum, das sie 
sich durch die Kraft erworben haben, die Ich in ihnen gebildet habe. 

Hier haben wir nicht das ganz nichtsagende «Ehre Vater und 
Mutter, auf dafi es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.» Es 
handelt sich darum, dafi er nun auch wirklich nach aufien dasjenige 
tut, was die Taten des Ich fortpflanzt, nachdem der Mensch in sich 
geistig und, wie wir es fassen konnten, sozusagen auch medizinisch 
das Gottliche gegriindet hat, das in ihm als Tropfen wirkt. Dies vier- 
te Gebot ist sogar ein praktisches Gebot. Es sagt : Sieh hin als Nach- 
komme auf deine Vorfahren; wenn du als Nachkomme im Gegen- 
satz zu ihnen stehst, kann niemals eine ruhig gedeihlich fortlaufende 
Entwickelung stattfinden. Wie sich innerlich das Ich durch das Blut 
iibertragt, so mufi auch dasjenige, was aufierlich als Besitztum durch 
das Ich erarbeitet ist, erhalten bleiben. Das starke Ich, das sich gebil- 
det hat, das fliefit auf der einen Seite durch das Blut hinunter durch 
die Generationen; auf der anderen Seite aber soil dadurch, dafi man 
das Ich stark macht, auch auf die aufiere Welt gewirkt werden. Es 
soil bewahrt werden, was ein starkes Ich begriindet hat; es soli nicht 
fortwahrend die Entwickelung unterbrochen werden. Wirke fort im 
Sinne deines Vaters, damit auch aufterlich zusammenbleibt, was 



dein Vater und deine Mutter durch die Arbeit ihres Ich geschaffen 
haben. - Das ist es, was Ihnen zeigt, wie nun auch die aufieren Ver- 
haltungsmafiregeln gegeben werden, damit nicht von aufien zerstort 
werde, was, eine neue Kultur schaffend, als Innenimpuls gegeben 
wird. 

Und nun kommen die Gebote, welche das Ich selbstandig dem 
Ich des anderen gegenuberstellen, und welche in diesem Sinne die 
Tatsachenwelt, das soziale Leben regeln sollen. Sie sagen eigentlich 
dasselbe, was Paulus sagt, und was das Bibelwort umschreibt : Liebe 
deinen Nachsten wie dich selbst (Gal. 5, 14). - Sieh in dem anderen 
Menschen ebenso ein Ich wie in dir. - Als eine besondere Sendung 
hat dieses althebraische Volk den Impuls erhalten, das Gottliche bis 
in das in der Menschenseele webende Ich hinein zu verfolgen. Des- 
halb mufite dieses Volk die Gebote erhalten, die nicht nur die Be- 
wahrung des eigenen Ich, sondern auch die Achtung und die Bewah- 
rung des Ich des anderen vorschreiben. 

Funftes Gebot: Morde nicht. 

Sechstes Gebot: Brich nicht die Ehe. 

Siebentes Gebot: Stiehl nicht. 

Als drei Gebote auseinandergelegt das eine Gebot : Sieh in deinem 
Nebenmenschen ebenso ein Ich wie in dir selbst! - 

Damit war in der Tat das jiidische Volk geistig aus dem Lande 
Agypten gefuhrt, dadurch, dafi das Ich auch erkannt werden soil im 
anderen Menschen durch die Wertschatzung des anderen Ich, denn 
im Agypterlande wirkte man nicht, indem man das Ich des anderen 
respektierte, sondern indem man dieses Ich durch Suggestion unter- 
driickte. Und weiter heifit: 

Das achte Gebot : Setze den Wert deines Mitmenschen nicht her- 
ab, indem du Unwahres von ihm sagst. - Nicht allein durch Taten 
soli man das Ich des anderen nicht in seinem Rechte schadigen und 
beeintrachtigen, sondern man soil auch nicht einmal mit einem ge- 
sprochenen Wort sein Ich in seinem Werte herabsetzen. Man soli 
nichts Unwahres iiber ein anderes Ich sagen. Wer etwas Unwahres 
iiber ein anderes Ich sagt, der anerkennt nicht, dafi das andere Ich 
dasselbe ist wie das eigene Ich. So geht es systematise!! fort in diesen 



Zehn Geboten. Es wird hingewiesen auf dasjenige, was sich noch 
schadigend aufiern kann im Zusammenleben von Ich und Ich. Die 
Tat greift unmittelbar schadigend in die Sphare des anderen Ich ein, 
das Wort schon mehr geheim. Aber, willst du im Ernste das Ich des 
anderen anerkennen, dann darfst du auch nicht durch deine Liiste, 
deine Begierde eingreifen in die Sphare deines Nachsten. Nicht nur 
dadurch, daft du ihn bestiehlst, sondern schon dadurch, daft du et- 
was haben mochtest, was er hat, greifst du in die Ich-Sphare des an- 
deren ein. Du erkennst die voile Gleichschatzung des anderen Ich an 
dadurch, dafi du dich selbst nicht gelusten lafit nach dem, was deines 
Nachsten ist. Daher die beiden letzten Gebote: 

Neuntes Gebot : Blicke nicht mifigonnend auf das, was dein Mit- 
mensch besitzt als Eigentum. 

Zehntes Gebot: Blicke nicht mifigonnend auf das Weib deines 
Mitmenschen und auch nicht auf die Gehilfen und die anderen 
Wesen, durch die er sein Fortkommen findet. 

Erst dadurch konnen wir in gesunder Weise das Verhaltnis von 
Mensch zu Mensch finden, dafi wir den anderen Menschen nicht 
miftgonnen, was ihnen zu eigen ist. So wird der Mensch neben den 
Menschen gestellt, daft er in jedem Ich ein Nachbild des gottlichen 
Ich achte und ehre. Damit war das Wesen der einzelnen Iche unter- 
einander geregelt. Das war einer der grofiten geistigen Einschlage, 
die in die Menschheit hereingekommen sind. Noch war das nicht 
ausgesprochen, was durch den Christus kommen sollte, dasjenige 
was in dem Worte liegt, dafi jeder in sich den Zusammenhang mit 
dem Vater finden kann. «Niemand kommt zum Vater denn durch 
mich.» Es war in dieser Gesetzgebung noch sozusagen der Impuls 
gegeben fur das gemeinsame Ich, das durch die Generationen floft. 
Aber zugleich war gegeben die Vorherverkundigung, daft das Ich 
nicht nur ein Nachbild des Gottlichen ist, sondern dafi Gott selber 
lebendige Wesenheit in diesem Ich ist. Das Ich ist der Substanz und 
Wesenheit nach identisch mit seinem Vater.- «Ich und der Vater 
sind eins.» 

So sehen wir, wie die Impulse, durch die die Weltentwickelung 
geleitet wird, aufeinander folgen. Es ist leicht zu sagen : In der Welt- 



entwickelung hangt alles wie Ursache und Wirkung zusammen, von 
einer weisheitsvollen Weltenlenkung und Weltenftihrung aber ist 
nichts zu erblicken. - Wenn man aber so hineinschaut in die Welten- 
entwickelung, wie wir es in dieser Betrachtung getan haben, da be- 
kommen wir eine Ahnung davon, wie immer zu der richtigen Zeit 
das Rechte geschieht, um die Menschheitsentwickelung weiterzu- 
fiihren, und dann, mochte ich sagen, bleibt einem gar nichts anderes 
iibrig, als die weisheitsvolle Fiihrung und Lenkung in der Weltent- 
wickelung anzuerkennen. Wenn man durch okkulteForschung sieht, 
wie am Ausgange der dritten Kulturepoche in den vierten Zeitraum 
hinein diese Verkiindigungder Zehn Gebote geschehen ist, so dafi den 
Menschen Zeit gelassen war, sich vorzubereiten auf das, was das grofi- 
te Ereignis war, das Mysterium von Golgatha, dann sieht man, wie 
gerade das ein Ausdruck grdlker Weisheit in der Weltenlenkung ist. 

Im ganzen Tone der Zehn Gebote, wenn wir sie richtig verste- 
hen, sehen wir, wie die Gottheit sich in der urbildlichen Art ent- 
hullt, um auf den Moment vorzubereiten, wo der gottliche Geist 
sich wirklich in einem Menschen verkorpert. Damit die Menschen 
dahin gefuhrt werden konnten, den Gott im Fleische, den fleischge- 
wordenen Gott zu begreifen, mufken sie zuerst lernen, den Gott in 
ihrem tiefsten Inneren der Seele seiner Substanz und Wesenheit 
nach zu begreifen. Betrachten wir dieses Menschheitsdokument der 
Zehn Gebote, dann sehen wir aus dem ganzen Tone, dafi in ihm die 
Gottheit zum Menschen spricht, und dafi diese Rede durchaus im 
Einklang ist mit dem immer weiter Hinaustreten des Menschen auf 
den physischen Plan, und dafi das nur richtig geschehen kann, wenn 
das Gottliche richtig erfafk wird. Immer wird darauf hingewiesen, 
dafi die Leiber gedeihen, wenn das Gottliche richtig erfalk wird. Es 
wird die Anleitung gegeben, das Gottliche so zu verehren, dafi auch 
die aufieren Dinge auf dem physischen Plan gedeihen. In der richti- 
gen Weise wird darauf hingewiesen, dafi eine gerade, eine gesunde 
Entwickelung stattfinden mufi, damit die aufieren sozialen Zusam- 
menhange gedeihen. 

Durch die Sendung des Moses wird geregelt, dafi das Gottliche im 
Inneren des Menschenwesens bewahrt bleibt, dafi aber das Men- 



schengeschlecht die Eroberung des physischen Planes in der richti- 
gen Weise, im Sinne der nachatlantischen Entwickelung und im Ein- 
klang mit diesem Gottlichen vollziehen kann. 

Im Verlaufe des Vortrages wurde folgende schematische Ubersicht von Rudolf 
Steiner an die Tafel geschrieben (von unten beginnend): 



Ob. Devachan 












Unt. Devachan 












Astralplan 













Phys. Plan 


Rishis 
Phys.-min 

Physischer 
I. Ki 


eral. Bild 

Leib 
iltur 


Schiiler Zarathustras 
Sinnl.-iibersinnl. Vorgang 

Atherleib 

II. Kultur 


Hermesschiiler 
Astrales Bild 

Astralleib 

IE. Kultur 


Christus 
Kein Bild 

Ich 
IV. Kultur 



Moses 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:10 8 Seite:7 9 



UBER DEN ERKENNTNISPFAD 



Pforzheim, 17. Januar 1909 



Nach der Eroffnung des Pforzheimer Zweiges sind wir zum ersten 
Male hier wieder beisammen und werden die Zeit am besten ausfiil- 
len, wenn wir gleich ein spirituelles Thema in Betracht ziehen, ein 
solches Thema, welches uns zeigen kann, dafi der Mensch durch die 
Anthroposophie nicht nur Lehren aufnimmt, Gedanken aufnimmt, 
sondern in seinem Gefuhls- und Empfindungsleben bereichert, be- 
ruhigt, gesichert wird. Wir diirfen uns nicht vorstellen, daft Lehren, 
Vorstellungen, Gedanken fur unser Empfindungsleben unwichtig 
seien. Es ist zwar nun einmal so, dafi gerade in unserer Zeit der 
Mensch sich sagen wird: An Gedanken, an Wissenschaft gibt es ge- 
nug in der Welt und man brauchte nur dieses oder jenes Buch, das 
uns unterrichten soli iiber die Sternenwelt oder anderes, in die Hand 
zu nehmen, um Wissenschaft genug fur den Verstand zu erhalten. 
Theosophie aber soil etwas sein fur Gemiit oder Empfindung. - 
Das ist gewifi richtig, und richtig ist es, dafi die Wissenschaft, wie sie 
uns durch populare Vortrage und Werke entgegentritt, wenig bieten 
kann fiir Gemiit und Herz. Man darf aber daraus nicht den Schluft 
ziehen, daft Lehren, Anschauungen und Erkenntnisse iiberhaupt 
wertlos seien. 

Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind etwas anderes als Leh- 
ren der aufieren Wissenschaft. Wenn wir sie richtig in uns wirken 
lassen, dann verwandeln sie sich in uns in Empfindung, in Gemiits- 
impulse, in Gesinnungen, und auf keine andere Weise konnen wir 
Mut, Sicherheit und Kraft im Leben gewinnen, als indem wir uns in 
diese Erkenntisse vertiefen. Es ist etwas ganz anderes, nur die aufie- 
ren sinnlichen Dinge und Vorgange zu kennen und zu wissen, wie 
die Dinge geschehen, als hinter die sinnlichen Dinge zu den geistigen 
Vorgangen zu dringen. Durch die geistigen Vorgange, wenn wir sie 
in der Seele wirken lassen, werden wir warm, gesund und stark. Wir 
erkennen den Zusammenhang zwischen uns und dem, was als Geist 
und Seele die ganze Welt durchzieht, woraus alle Erscheinungen flie- 



fien. Und so wollen wir zunachst uns einmal befassen mit der Ver- 
wandtschaft der aufieren sinnlichen Welt draufien, den sinnlichen 
Dingen, und unserer Seele. Wenn wir in unsere eigene Seele blicken, 
dann werden wir sozusagen diejenigen Dinge, die uns am nachsten 
angehen - Leiden, Freuden, Schmerzen und Lust finden, und es 
kann die Frage entstehen: Wenn die Geisteswissenschaft uns sagt, 
daft alles in der Welt durchgeistigt ist, dann konnte sie ja vielleicht 
davon reden, dafi Leid und Freude, Lust und Schmerz auch in denje- 
nigen Dingen vorhanden sind, die um uns herum sind, auch in den- 
jenigen Dingen, die sonst den Menschen als gefiihllos, schmerzlos, 
empfindungslos entgegentreten. - Wir miissen uns durch die 
Anthroposophie aneignen, iiber die Dinge um uns herum in der 
richtigen Art zu denken. 

Wir sehen zum Beispiel um uns herum die verschiedenen Pflan- 
zen der Erde, Tiere und Mineralien. Nicht allein, dafi die Tiere 
gleich uns Freude und Leid, Lust und Schmerz erleben; daran zwei- 
felt niemand. Bei den Pflanzen und der scheinbar leblosen Welt der 
Steine konnten uns schon Zweifel kommen, ob da auch Gefuhle, 
Lust, Freude und Schmerz enthalten seien. Das ist es eben, was wir 
uns als Empfindung gegenuber der ganzen uns umgebenden Welt 
aneignen miissen, dafi alle Wesen nicht nur physisch mit uns ver- 
bunden sind, sondern die Wesen sind mit uns so verbunden, dafi sie 
auch seelische Inhalte haben, wie wir seelischen Inhalt haben. Nur 
miissen wir uns in der richtigen Art einmal vertiefen in das, was gei- 
stige Forschung, geistige Erkenntnis dariiber zu sagen hat. Es wird 
selbst von einem mehr sinnlichen Denken in unserer Zeit begriffen, 
dafi auch in der Pflanze etwas Seelisches sei, ja man wird geneigt 
sein, zuzugeben, dafi auch in einem scheinbar leblosen Stein etwas 
Seelisches sein konne. Wenn man iiberlegt, wird man aber dennoch 
leicht zu Irrtiimern kommen, wenn man nicht auf die Forschung 
der Geisteswissenschaft Riicksicht nimmt, denn man kann leicht da- 
zu kommen, zu sagen: Wenn ich einem Menschen in den physi- 
schen Leib schneide, so tut ihm das weh, ebenso beim Tiere; wenn 
ich eine Pflanze schneide, wird es ihr auch weh tun? - Und weiter 
mochte man meinen, wenn man einen Stein zerklopfe, miisse ihm 



das auch weh tun. Gerade dadurch, weil die Menschen, wenn sie 
uber diese Dinge nachdenken, zu sehr meinen, es miisse alles bei an- 
deren Wesen gerade so sein wie beim Menschen selber, gerade dar- 
um, weil die Menschen das glauben, konnen sie sich so schwer in die 
Erkenntnisse der Geisteswissenschaft hineindenken. Die Geisteswis- 
senschaft laftt uns etwas ganz anderes iiber die Seelenwesenheit zum 
Beispiel von Pflanze und Stein erkennen. Da erscheint es, wenn wir 
die Pflanze betrachten, so, daft allerdings, wenn die Pflanze bescha- 
digt war an Teilen, die aus der Erde in die Ho he wachsen, daft da fiir 
die Pflanze nicht etwa ein Schmerzgefuhl eintritt; das tut ihr nicht 
weh, das Gegenteil ist der Fall. Dasjenige, was die eigenthche Pflan- 
zenseele ist, das fuhlt, wenn die iiber der Oberflache der Erde be- 
findlichen Teile der Pflanze zerstort werden, Lust, geradezu Freude. 
Schmerz beginnt erst fiir die Pflanzenseele, wenn wir die Pflanze aus 
der Erde herausreiften, wenn wir sie entwurzeln, und es tritt dann 
fiir die Pflanzenseele ein ahnlicher Schmerz ein, wie wenn wir zum 
Beispiel einem Menschen oder einem Tiere Haare ausreifien. Das ist 
etwas, was erst derjenige nach und nach in seiner Seele erleben kann, 
der den sogenannten Erkenntnispfad geht. 

Diese Dinge lassen sich durch das eigene Selbst nur erleben, wenn 
wir unsere Seele so umgestalten, daft die in ihr schlummernden ech- 
ten Erkenntniskrafte erwachen. Dann beginnt fur diese Seele die 
Mdglichkeit, mitzufiihlen nicht bloft mit den anderen Menschen, 
sondern mitzufiihlen mit der ganzen ubrigen Natur, und dann wird 
diese iibrige Natur in einer wunderbaren Weise verstandlich. 

Man konnte nun sagen : Ja, was haben wir von der geisteswissen- 
schaftlichen Forschung, solange wir selbst solches nicht fiihlen kon- 
nen. - Das ware ein unrichtiger Einwand, wenn wir glaubten, An- 
throposophie habe solange keine Bedeutung. Sie hat schon als Er- 
zahlung geistig-seelischer Tatsachen einen grofien Wert. Und wenn 
solche Erkenntnisse zum Beispiel iiber das Verhaltnis von Pflanzen- 
leid und Pflanzenlust sprechen, dann sollen wir wohl nachdenken 
iiber diese Erkenntnisse und sollen solche Gedanken auf uns wirken 
lassen. Durch das blofie Nachdenken dariiber werden die in uns be- 
findlichen Krafte herausgelockt und wir werden bald fiihlen, daft es 



wirklich so ist, wie die Geisteswissenschaft sagt. Wir lernen aber da- 
durch, dafi wir in die Weisheit der Natur hineinschauen, wissen, wie 
die Pflanzenseele Lust empfindet, wenn wir die Pflanze pfliicken. 
Wir konnen eine Ahnung davon bekommen, wenn wir bedenken, 
was geschehen wiirde, wenn die Pflanze dabei Schmerzen empfin- 
den konnte. Denken Sie nur daran, wie ein grofier Teil der Wesen 
unserer Erde sich von den Pflanzen ernahren mufi, und wie dann 
durch die Ernahrung von Mensch und Tier iiber die Erde hin 
Schmerz ausgebreitet wiirde. Das ist nun nicht der Fall, sondern es 
geht Lust und Freude iiber die Erde hin, wenn das Tier auf der Wei- 
de grast. Und wer Erkenntnis hieriiber hat, der fiihlt ganze Strome 
von Lust hinwehen liber die Erde, wenn im Herbst die Sichel durch 
die Getreidehalme geht. Wenn das junge Tier die Milch des Mutter- 
tieres saugt, so bedeutet dies nicht Schmerz, sondern ein gewisses 
Lustgefuhl. Wir sehen also hinein in die Weisheit der Natur, wenn 
wir dieses erleben. 

Gegen solche Dinge darf man niemals einwenden: Ja, es kann 
aber unter Umstanden zarter erscheinen, wenn man eine Pflanze 
mit der Wurzel ausgrabt und versetzt, anstatt die Bliite abzureifien. - 
Gewifi, aber das andert nichts an der Tatsache, dafi dieses Entwur- 
zeln dem eigentlichen Pflanzen-Seelischen Schmerz bereitet. Mut- 
williges Abreifien der Bliiten kann natiirlich von gewissem Gesichts- 
punkt getadelt werden. Aber auch das andert nichts daran, dafi es 
der Pflanzenseele Lust bereitet. Es sieht sich eben alles von verschie- 
denen Standpunkten verschieden an. Es kann zum Beispiel vom 
Schonheitsstandpunkt aus ein Mensch denken, dafi er sich die ersten 
grauen Haare ausreifien soli, und das mag ganz gerechtfertigt sein, 
aber weh tut es ihm doch. Aber auf anderes werden wir noch auf- 
merksam gemacht, wenn wir den Vergleich ernsthaft nehmen, dafi 
das Ausreifien der Pflanzen so ist wie das Ausreifien der Haare der 
Menschen. Wir werden dann verstehen, was es heifit, wenn die Gei- 
steswissenschaft hierbei nicht die einzelnen Pflanzen betrachtet, 
sondern sozusagen das Pflanzenwachstum der ganzen Erde ins Auge 
fafk. Wie die Haare zum ganzen Menschen gehoren, so bilden die 
Pflanzen mit der Erde eine Einheit, und wir verstehen es auch und 



konnen es uns denken, daft, was wir in der Geisteswissenschaft beim 
Menschen das Ich nennen, nicht in der einzelnen Pflanze zu suchen 
ist, sondern im Mittelpunkt der Erde. Die Pflanze ist dadurch uber- 
haupt kein Einzelwesen, sondern sie wird ein Teil eines grofien Le- 
bewesens, das also aus vielen einzelnen Lebewesen besteht, die aber 
alle im Mittelpunkt der Erde ihr Ich haben. 

Es darf hier niemand die Frage aufwerfen : Ja, haben denn alle die- 
se Iche da Platz? - Gewifi, denn sie sind Geist und so konnen sie sich 
durchdringen. So wird unsere Erde ein Lebewesen. So wird uns jede 
einzelne Pflanze etwas, was aus einem groften ubersinnlichen Lebe- 
wesen herauswachst, und das an der Oberflache wird, was die Nagel 
oder Haare am Menschen sind. Und wenn wir eine solche Sache 
ernsthaft nehmen, dann reden wir nicht mehr bloft in trockenen 
Verstandesbegriffen von einem physischen Planeten, auf dem wir 
wohnen, sondern dann fiihlen wir, daft nicht nur wir selbst Lebewe- 
sen sind, sondern dafi wir verbunden sind mit einem grofien Lebe- 
wesen, das unser Planet selber ist. Wir lernen auf das Geistige dieses 
Lebewesen achten und wir lernen, dafi es mehr ist als ein Vergleich, 
wenn in dem Safte, der durch die Pflanze fliefk, etwas gesehen 
wird wie das Blut, das durch den Menschenkorper fliefk. Wir lernen 
das in unserem Gefiihl verwandeln, indem wir die Dinge geistig auf- 
fassen. 

Wenn wir eine Pflanze beriihren, empfinden wir Geistig- 
Seelisches, fiihlen uns geborgen im Geistig-Seelischen. Und dann 
wird es fur uns allmahlich moglich werden, etwas dabei zu denken, 
wenn uns in der Geisteswissenschaft gesagt wird: Diese Erde hat 
mannigfaltige Verwandlungen durchgemacht. Man findet, wenn 
man in urferne Vergangenheiten zuriickgeht, dafi diese Erde ganz 
anders ausgesehen hat, dafi zum Beispiel so festes Gestein wie heute, 
solche Felsmassen nicht vorhanden waren. Eine Zeit war da, wo 
die Erde zunachst nur bestanden hat aus Luft und Wasser und einem 
gewissen Warmezustand. Erst nach und nach ist eine feste Masse aus 
Flussigem und Weichem entstanden. Und wenn wir diese ganze 
Entwickelung betrachten, dann erscheint es uns so, wie wenn in 
der Tat die ganze Erdenentwickelung ein Wachsen und Gedeihen 



ware. Einmal war die Erde jung, einmal wird sie alt und greisen- 
haft sein. 

Wir durfen alle diejenigen Vorstellungen, die wir auf uns selbst 
anwenden, auch auf unsere Erde anwenden, dann werden wir verste- 
hen, dafi es in unserer Erdenentwickelung gewisse besonders wichti- 
ge Punkte gegeben hat. Wir werden uns solche wichtige Punkte un- 
serer Erdentwickelung vor unsere Seele riicken konnen, wenn wir 
folgendes bedenken: Schon aus dem Pflanzenwuchs unserer Erde 
haben wir erkannt, dafi die Erde, wenn wir sie ganz betrachten, ein 
Lebewesen ist. Ebensolche Lebewesen sind die verschiedenen ande- 
ren Himmelskorper, die zu uns in gewisser Beziehung stehen. Be- 
trachten wir zunachst unsere Sonne und unseren Mond. Betrachten 
wir die Sonne. Sie alle wissen, was wir der Sonne verdanken. Sie alle 
wissen, dafi, wenn Sie des Nachts geruht haben, wenn Sie in jenem 
Bewufitseinszustand waren, welcher fur den Menschen dadurch her- 
beigefuhrt wird, dafi astralischer Leib und Ich den physischen Leib 
und den Atherleib verlassen, - Sie wissen, wenn der astralische Leib 
und das Ich wiederum zuriickkehren, dafi sie dann sozusagen alles 
dasjenige erwartet, was die Erde der Sonne verdankt. Was ware die 
Erde ohne die Sonne? Die Sonne ist es, die um uns herum den 
ganzen Erdenstoff ausstattet mit Warme und Licht. Aber wir haben 
in einer solchen Wirkung eines Himmelskorpers auf den anderen 
nicht blofi etwas Stoffliches und Materielles zu denken, wir miis- 
sen uns klar sein, dafi diese Sonne nicht nur der physische Korper 
ist, der da im Weltenraum schwebt, sondern dafi diese Sonne bevol- 
kert ist von geistigen Wesenheiten, und dafi uns mit jedem Sonnen- 
strahl nicht blofi physisches Licht, sondern geistige Wirkungen 
zustromen. 

Ein geistiger Austausch zwischen Sonne und Erde war immer da; 
er hat sich aber im Laufe der Erdenentwickelung wesentlich veran- 
dert. Wahrend im Physischen durch viele, viele Millionen Jahre kein 
besonderer Unterschied in der Wechselwirkung zwischen Sonne 
und Erde eingetreten ist, so ist gerade im Geistigen ein bedeutungs- 
voller Punkt in dieser Wechselwirkung eingetreten. Hohe Wesen- 
heiten sind es, die im Licht und in der Warme der Sonne leben und 



von dort auf die Erde hereinwirken und uns Licht und Warme 
zustromen lassen. 

Eine Sonnenwesenheit, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt 
ihren Schauplatz in der Sonne hatte, die man durch lange, lange 
Erdenzeiten nur schauen konnte, wenn man die Geister der Sonne 
hellseherisch schaute, sie hat sich zu einem gewissen Zeitpunkt von 
der Sonne zu der Erde herunterbegeben. Das ist dasjenige, was uns 
tief hineinschauen lafit in die geistige Erdenentwickelung : Durch 
das Ereignis, das wir nennen das Mysterium von Golgatha, oder mit 
anderen Worten, durch das Wandeln des Christus auf der Erde, hat 
sich der Geist, der bis dahin auf der Sonne war, mit der Erde verei- 
nigt. Er hat sich verbunden mit der Erde. Und dafi die Menschheit 
die Erdenzeit einteilt in eine vorchristliche und eine nachchristliche, 
das hat seinen Grund darin, dafi jenes Lebewesen, das wir als Erde 
ansprechen, in der Tat eine wichtige Entwickelung durchgemacht 
hat durch das Erscheinen des Christus auf Erden. Was vorher blofi 
in der Sonne zu finden war, seither ist es im astralischen Leibe der 
Erde zu finden. Der Astralleib der Erde hat sich durch das Mysteri- 
um von Golgatha geandert: In demselben Augenblick, in dem das 
Blut aus den Wunden des Erlosers auf Golgatha geflossen ist, in 
demselben Augenblick fuhlte sich der Christus-Geist mit dem 
Erdenleib vereinigt. 

Das mufi man verstehen, um dasjenige, das uns aus der Geschich- 
te des Christentums berichtet wird, im richtigen Sinne aufzufassen. 
Man kann sich fragen : Was war denn eines der wichtigsten Ereignis- 
se in bezug auf die Ausbreitung des Christentums? Wenn man die 
Ausbreitung des Christentums ins Auge fafk, muft man sich sagen: 
Mehr zunachst als diejenigen, die in Palastina leibliche Genossen des 
Christus Jesus waren, mehr als diese haben tun konnen, hat Paulus 
getan, Paulus, der kein leiblicher Genosse des Christus Jesus war, 
der sogar die Christen verfolgt hat. Paulus wurde nicht ein Glaubi- 
ger dadurch, dafi er an dem Leben und Leiden des Christus teilge- 
nommen hat, sondern er wurde ein Kampfer fiir Christus durch das 
Ereignis von Damaskus. 

Es wird in der Theologie viel Staub iiber das Ereignis von Damas- 



kus aufgewirbelt. Aber niemand kommt anders zum Verstandnis des 
Ereignisses von Damaskus als durch Geisteswissenschaft. Versuchen 
Sie das in Einklang zu bringen mit einigen wenigen Worten, die nun 
gesprochen werden. In dem Augenblick, als des Paulus Verstandes- 
bewufksein in hoheres Bewufksein verwandelt wurde, in dem Au- 
genblick, was schaute er da? Er schaute in diesem Augenblick jenen 
Geist in der astralischen Welt, der der Erdengeist geworden war, er 
schaute den lebendigen Christus, der seit dem Ereignis von Golgatha 
mit der Erde vereinigt ist. Man fragt auch wohl: Was ist das Licht, 
das er sah, das man vorher nicht hatte sehen konnen? - Paulus hat 
zuerst den Christus kennengelernt, der seit dem Ereignis von Gol- 
gatha mit der Erde vereinigt ist. Und so diirfen wir diesen wichtigen 
Punkt in der Erde so einzeichnen, dafi wir sagen: Es hat sich die Er- 
de vorbereitet darauf, ein wurdiger Leib zu werden fur den Christus- 
Geist, und als die Erde vorbereitet war, hat sich der Christus-Geist 
mit der Erde vereint, und seit der Zeit wirkt der Christus-Geist in 
ihr. Christus hat nach dem Johannes-Evangelium gesagt : «Der mein 
Brot isset, der tritt mich mit Fiifien.» Der Mensch, der auf der Erde 
wandelt, der tritt die Erde mit Fiifien. «Der mein Brot isset, der tritt 
mich mit Fufien», das ist nur ein Ausdruck fur das Geheimnis in die- 
sem wichtigen Punkt unserer Erdenentwickelung. 

Und wie unendlich tief wird uns die Einsetzung des Abendmahles 
unter diesem Gesichtspunkt, dafi die Erde von da ab der Leib wurde 
des Christus ! Wie bedeutsam wird durch die Hinweisung darauf das 
Wort: «Dies ist mein Leib», und das, was als Saft durch die Pflanzen 
fliefit: «Dies ist mein Blut.» Wir lernen wortlich zu nehmen, was 
nur richtig wortlich genommen werden darf. So wird uns, wenn wir 
die Erde als lebendig betrachten, sie ein Lebewesen, das sozusagen 
nach und nach heranreift, um im richtigen Zeitpunkt reif zu werden 
zur Aufnahme der Christus-Seele. 

So erscheint uns von alien Seiten her dasjenige, was uns als physi- 
scher Planet entgegentritt, geistig; es erscheint uns durchgeistigt. 
Wir lernen den Zusammenhang verstehen zwischen dem, was uns in 
der Alltaglichkeit begegnet, und dem Ubersinnlichen. Und wenn 
wir den Blick wenden vom Pflanzenreich zum Steinreich, dann ist es 



nicht so, daft sich dem hellseherischen Bewufttsein Schmerz ergeben 
wiirde, wenn ein Stein zu Staub zerklopft wird; im Gegenteil: wenn 
Steine in Staub zerklopft werden, dann empfindet dasjenige, was wir 
die Steinseele nennen konnen, Lust und Freude. Derjenige, der das 
Schauen hat, der weift, daft mit dem Zerklopfen der Steinwelt Freu- 
de ausstromt aus dem Gestein. Wenn man beispielsweise in einem 
Glas Wasser Salz auflost, so verbreitet sich Lust in dem Wasser, weil 
die Salzteilchen auseinandergehen. Das Umgekehrte ist der Fall, 
wenn durch Abkiihlen der Losung das Salz wieder herauskristalli- 
siert wird; durch Zusammendrangen der Gesteinsteile entsteht 
Schmerz. Und wir schauen wiederum tief hinein in die Art und 
Weise, wie der Eingeweihte zu uns spricht, wenn er so etwas den 
Menschen sagen will. 

Es werden die Dinge nicht so einfach gesagt. Man mufi geistig et- 
was durchmachen, um zum Verstandnis der groftten religiosen Ur- 
kunden zu kommen. Es ist schon gesagt, daft auf der Erde ursprung- 
lich kein festes Gesteinsreich existiert hat, die Erde war flussig. Ihre 
Festigkeit ist erst entstanden, indem die Teile sich zusammenzogen, 
sich verfestigt haben. Was verdanken nun Menschen und Tiere dem, 
daft die Erde sich so verdichtet hat? Doch das, daft auf ihr Menschen 
und Tiere in der heutigen Weise leben konnen. Ohne den festen 
Grund und Boden hatte die Erde nicht den Grund fur Menschen 
und Tiere abgeben konnen. Und nun stellen wir uns einmal so recht 
mit unserer Seele vor, daft es eigenthch ein seelischer Vorgang ist. 
Das hat man wenig begriffen, wenn man es nur mit dem Verstand 
des Physikers verfolgt. Erst wenn man mit dem Auge und Herzen 
des Geistes den Werdegang der Erde verfolgt, dann verspurt man, 
daft in dem, was dem Steinreich zugrunde liegt, sich ein seelischer 
Prozeft abspielte, wahrend die Erde sich verfestigte. Es spielte sich 
Leid und Schmerz ab, und dem verdanken Menschen und Tiere, daft 
sie auf der Erde wohnen konnen. 

Das ist die Tatsache, die zugrunde liegt, wenn Paulus, der nach 
seiner Einweihung in diese Dinge hineinschauen konnte, die Worte 
ausspricht : « Alle Kreatur leidet und seufzet unter dem Schmerz der 
allmahlichen Verfestigung, alle Kreatur seufzt, der Vergeistigung 



harrend.» Er weist uns mit diesen tiefen Worten auf das Innere, auf 
das Gemiit des Erdenwesens hin. So wird uns alles durchseelt, wenn 
wir es im Lichte der Geisteswissenschaft betrachten, und nur da- 
durch, dafi wir Seele und Geist in allem erblicken, wird uns nach 
und nach die Welt und alles um uns herum mehr und mehr ver- 
standlich. Uns wird dann verstandlich, dafi die Welt, wie wir sie um 
uns herum haben, wie die Physiognomie, wie der aufiere Ausdruck 
des inneren Lebens ist. Dann werden wir begreifen lernen, dafi die 
Welt uberhaupt so aussieht, wie sie zunachst fur den Menschen aus- 
sieht. Und weiter lernen wir begreifen, dafi hinter allem Physischen 
eben das Seelisch-Geistige ist, das auch Ursprung von allem Physi- 
schen sein mufi, und dafi, wenn der Geistesforscher uns zuriick- 
fiihrt, er uns zeigt, wie in ferner, urferner Vergangenheit aus dem 
Geistigen heraus sich nach und nach alles entwickelt hat. Der 
Mensch vor alien Dingen ist aus der geistigen Welt in die physische 
Welt allmahlich heruntergestiegen, und man mufi sich diesen Her- 
unterstieg in die physische Welt nicht so grob vorstellen, wie eine 
materialistische Anschauung dies heute tut, sondern wir mussen uns 
fragen : Woher kommt denn uberhaupt diese materielle Welt, die da 
rings um uns sich ausbreitet? 

Es gab fur den Menschen eine Zeit, wo er durchaus geistig war, 
wo er eingebettet war in das Seelisch-Geistige. Der Mensch ist aus 
diesem Seelisch-Geistigen heraus eben entwickelt, und dies ist nach 
und nach geschehen. Wenn wir nur verhaltnismafiig kurze Zeit zu- 
riickblicken - wenn die Zeitraume auch lang sind, fur den Geistes- 
forscher sind sie doch kurz zu nennen -, so finden wir, dafi unsere 
Erde nicht immer so aussah wie heute, sondern ihr Anlitz durchaus 
verandert hat, vor alien Dingen durch das Ereignis der Sintflut, die 
in der Geisteswissenschaft unter dem Namen der atlantischen Uber- 
flutung genannt wird. Unter dieser atlantischen Uberflutung haben 
wir uns zu denken, dafi durch Luft- und Wasserwirkungen das Ant- 
litz der Erde vollstandig umgewandelt worden ist. Vorher wohnten 
die Menschen auf einem Gebiete der Erde, wo heute der Atlantische 
Ozean ist. Da war Land, da wohnten eigentlich einmal unsere See- 
len in den vorhergehenden Verkorperungen in den atlantischen Lei- 



bern. Wenn wir den Menschen ganz im Anfange dieser atlantischen 
Zeiten geisteswissenschaftlich betrachten, so erscheint er uns seiner 
Seele nach ganz anders als heute. Er erscheint uns in den ersten at- 
lantischen Zeiten so, dafi er alles ganz anders wahrgenommen hat als 
spater. Heute, wenn der Mensch wahrend seines Tagwachens den 
Blick um sich wendet, so nimmt er um sich die Gegenstande in Far- 
be und Licht wahr. Wenn des Abends physischer und Atherleib 
vom Ich und Astralleib verlassen werden, verschwindet diese Welt. 
Man nennt dies Bewufitlosigkeit. 

In der ersten atlantischen Zeit war dies nicht so, da breitete sich 
nicht Bewufklosigkeit aus um den Menschen herum, wenn er wah- 
rend der Nacht in einen anderen Zustand iiberging. Da tauchte da- 
mals alles das auf, was'Seele und Geist der physischen Welt ist. Der 
Mensch hatte zum Beispiel Blumen gesehen, bevor er einschlief. Im 
Schlafe nahm er wahr, was Geistig-Seelisches in der Blume war in 
der geistig-seelischen Welt. Dafiir war das, was wir heute physisch 
nennen, die aufieren Gegenstande, nicht so scharf abgetrennt wie heu- 
te, sondern der Mensch sah diese wie in Nebel und von Farbrandern 
umgeben. So sehen wir, wie auch die Seele nach und nach ihr An- 
schauen verandert hat. Und wenn wir noch weiter zuruckgehen, so 
werden wir finden, dafi die Seele ganz nur Geistiges gesehen hat, weil 
sich das Physische aus dem Geistigen noch nicht verdichtet hatte. 

Nun war dem Menschen sozusagen auf unserer Erde ein wichti- 
ger Punkt seiner Entwickelung vorbehalten, und der lag gerade in 
der Mitte der atlantischen Entwickelung. In der Mitte der atlanti- 
schen Entwickelung wiirden die Menschen, wenn nicht ein gewisses 
Ereignis schon vorher eingetreten ware, nicht aufgehort haben, die 
geistige Welt mit ihrem nachtlichen Bewufitsein zu sehen. Wenn 
nicht ein bestimmtes Ereignis eingetreten ware, so wiirden die Men- 
schen in der Mitte der atlantischen Zeit zum Beispiel nicht irgendei- 
nen Gegenstand, eine Blume, gelb gesehen haben, sondern es ware 
ihnen der Geist der Pflanze erschienen. Daft dies anders geschehen 
ist, das riihrt davon her, daft der Mensch schon friiher den EinflufS 
Luzifers und seiner Scharen iiber sich hatte ergehen lassen. Er wiirde 
sozusagen unbewuEt gegeniiber der auBeren physischen Welt gewe- 



sen sein; sie ware ihm durchsichtig erschienen. Er hatte hinter ihr 
iiberall die geistige Welt gesehen. 

Was trat nun dadurch ein, daft sich die physische Welt nicht wie 
eine durchsichtige Kristalldecke iiber die geistige Welt breitete, son- 
dern daft sie undurchsichtig wurde ? Dadurch, daft die geistige Welt 
verdeckt war, kam die Moglichkeit, daft noch ein anderer Einfluft 
ausgeiibt werden konnte, der Einfluft des Ahriman, oder, wie Goethe 
ihn nennt, des Mephistopheles. Dadurch konnte derjenige Geist, der 
der ahrimanische genannt wird, eindringen, so dafi zu einer gewis- 
sen Zeit Irrtum und Illusion eintraten. Dasjenige, was wir Maja nen- 
nen, Illusion, konnte sich hineinmischen in die Auffassung der 
Welt. So steht hinter all demjenigen, was in der physischen Welt ist, 
dasjenige, was die Bibel den Fursten dieser Welt nennt. Sein Einfluft 
ist iiberall hineingemischt. Ohne diesen Einfluft wiirde die Materie 
durchsichtig erscheinen und wiirde hinter sich das Geistige zeigen. 
Nun aber ist fur den Menschen durch all diese Vorgange auch inner- 
lich-seelisch eine gewaltige Veranderung eingetreten. Wenn wir den 
Menschen betrachten, wie er sich auf der Erde entwickelt hat, so se- 
hen wir, wie in einer gewissen Zeit der luziferische, zu einer anderen 
Zeit der ahrimanische Einfluft sich geltend machte. 

Wenn wir zuriickblicken in diejenige Zeit, in welcher der Mensch 
noch geistig war, wo das Feste sich noch nicht herauskristallisiert 
hatte, dann sehen wir, wie Naturkrafte und Menschheit noch nicht 
so getrennt waren wie heute. Sie standen sich zu jener Zeit noch viel 
naher, als die Erde noch mit wasserigem Element durchsetzt war. 
Als die Erde noch weicher war und der Mensch noch geistiger, da 
hatte Menschendenken und Menschenfuhlen noch einen Einfluft 
auf die Naturkrafte. Wenn wir hinter die atlantische Zeit zuriick- 
gehen, so finden wir: Da der menschliche Wille bose wurde, hatte er 
einen ganz bestimmten Einfluft auf das Feuer, und es ging einstmals 
ein grofter Teil der Erde dadurch zugrunde, daft die Menschen durch 
den luziferischen Einflufi, dem der Mensch in anderer Hinsicht ja 
seine Freiheit und Selbstandigkeit verdankt, bose Instinkte ent- 
wickelte. Also das, was wir Naturkrafte nennen, hing in der atlan- 
tischen Zeit zusammen mit dem Fuhlen des Menschen. 



Es ist nun das eingetreten, dafi, nachdem die Menschen sozusagen 
durch den luziferischen Einflufi selbstandig geworden waren, ihnen 
die Moglichkeit entzogen wurde, auf die Naturkrafte durch ihren 
Willen Einflufi zu haben. Es wurde dem Menschen allmahlich der 
Einfluft auf die Naturkrafte entzogen. Das ging Hand in Hand mit 
dem Einflufi des Ahriman, daft dem Menschen die geistige Welt ver- 
hullt wurde. Wiirde der Mensch noch die geistige Welt sehen kon- 
nen, so hatte er noch den Einfluft auf die Naturkrafte. Dem einzel- 
nen Menschen wurde dieser Einfluft dadurch entzogen, der ganzen 
Menschheit jedoch nicht. Der einzelne Mensch hat auch heute tat- 
sachlich sehr wenig direkten Einfluft auf die Naturkrafte, dafur aber 
die ganze Menschheit in ihrer Gesamtheit, und wenn wir uns die 
ganze Menschheit vor Augen stellen, dann werden wir dementspre- 
chend auch sehen, daft es neben dem Karma des einzelnen ein Kar- 
ma der ganzen Erde geben mufi, der Gesamtmenschheit der Erde. 

Das ist eine Folge davon, daft einmal luziferischer und einmal ah- 
rimanischer Einfluft da war. Denn dieses Wesen, das wir mit Ahri- 
man bezeichnen, steht eben in einem geheimnisvollen Zusammen- 
hang mit den Feuergewalten der Erde, welche sich von dem unmit- 
telbaren Einfluft des einzelnen Menschen zuriickgezogen haben. 
Diese Feuergewalten der Erde sind ein Lebenselement der ahrimani- 
schen Geister und durch Ahrimans Einfluft ist das Gesamtkarma des 
gesamten Menschengeschlechts mit dem Karma Ahrimans in gewis- 
ser Weise verbunden. Wenn gewisse seelische Gesinnungen und Er- 
eignisse in der Menschheitsentwickelung eintreten, dann macht sich 
auch wiederum der Zusammenhang zwischen den Menschen und 
dem Ahriman geltend, und das, was der Mensch friiher selbst ge- 
konnt hat, auf Naturereignisse Einfluft ausiiben, das geschieht heute 
durch Ahriman und seine geistigen Genossen. 

Immer wenn Ahriman sich riihrt, dann weist das auf nichts ande- 
res hin, als daft in der Menschheitsgeschichte etwas vorging, was Ah- 
riman angezogen hat, was ihn in Aufruhr und Wuten gebracht hat. 
In den Seelen der Menschen geht etwas vor, geht zum Beispiel vor, 
dafi ein grower Teil der Menschen in den Materialismus verfallt. Das 
bewirkt, dafi Ahriman sich in seinem Element riihren kann, dafi er 



ein Lebenselement hat, denn menschlicher Materialismus ist ihm lie- 
ber, als wenn die Menschen sich vergeistigen. Ahriman weckt Stiir- 
me, Vulkanausbriicke und Erdbeben. Hier haben wir wieder etwas, 
wo wir sehen, wie Natur und Geist zusammenhangen. Es geht 
nichts vor auf der Erde, was nicht mit Geist zusammenhangt. Unse- 
re Seele hangt mit ihren guten und bosen Taten zusammen mit dem, 
was in der Erde vor sich geht. Wenn richtend in Erdbeben die Erde 
tobt, dann diirfen wir niemals sagen, das hangt von dem Karma ein- 
zelner Menschen ab, sondern das ist Karma der Gesamtmenschheit. 
Jeder kann an sein eigenes Herz pochen und sagen : Mein Einzelkar- 
ma ist es auch, der einzelne muftte hier zugrunde gehen, weil gerade 
hier das Ventil der Erde sich offnen muftte. In der Zukunft wird ihm 
das vergolten. - Eine materialistische Weltanschauung wird sagen, 
das sei aberglaubisch, aber wer so sagt, der weifi nicht, wie kindisch 
er redet. Wie keine Blume wachst ohne geistigen Grund, ohne daft 
sie Ausdruck ist von Geist und Seele, so ist kein Erdbeben, kein Vul- 
kanausbruch ohne geistigen Grund, ohne geistige Ursache. Wenn 
wir, wie gesagt, Karma ins Auge fassen, dann macht sich das fiir das 
ganze Menschenleben geltend. 

Nur dann, wenn wir die geisteswissenschaftlichen Lehre nicht in 
Bewegung bringen, erscheint sie kiihl und nur fur den Verstand be- 
rechnet. Wenn wir aber unser Gefiihl, unsere Gesinnung und unsere 
Empfindungen ganz von ihr durchdringen lassen, dann werden wir 
die Erde sehen als belebtes Wesen, durchseelt und durchgeistigt, wer- 
den sehen, daft mit diesem Erdenleib verbunden sind geistige Wesen- 
heiten der verschiedensten Art, daft ein wichtiges Ereignis eingetre- 
ten ist, das in seiner Wirkung erst im Anfang steht : das Erscheinen 
des Christus auf Erden. Durch Christus ganz allein werden die Fol- 
gen der Macht Ahrimans vertrieben. Dadurch, daft Geisteswissen- 
schaft die Menschenherzen mit jenem Christus-Geiste durchdringen 
wird, dadurch wird dasjenige, was als Gesamtmenschheitsgeist sich 
auf der Erde ausbreitet, es selbst konnen, daft die Erde auch in ihren 
Naturelementen zum Frieden und zur Eintracht gefiihrt wird. 

Wenn alle Menschenherzen in wahrem Sinne den Christus-Geist 
erleben werden, dann wird die Kraft, die daraus stromen wird, so 



stark sein, dafi sie Feuer und Wasser besanftigen wird. Dann wird 
der Christus-Geist Friede und Eintracht in die Naturelemente hin- 
einschaffen, und die Erde selbst wird Ausdruck des Geistes sein. Der 
Erdenleib, der ein lebendiges Wesen ist, wird sanft und mild werden, 
um aufzusteigen mit Menschengeist und Menschenseele zu seiner 
Vergeistigung. Zu einem hohen geistigen Dasein wird die Erde auf- 
steigen. Man kann das als ein hohes, femes Ideal hinstellen, aber wir 
konnen uns mit ihm in jedem Augenblick durchdringen. Kein Au- 
genblick ist fiir die Entwickelung der Menschheit verloren, der so 
angewendet wird, dafi die Menschen sich mit den Erkenntnissen 
und Willensimpulsen des Geistigen durchdringen. 



FRAGEN DES KARMAGESETZES 



St.Gallen, 21. November 1909 

Uber Wiederverkorperung und Karma soil heute abend im offentli- 
chen Vortrag gesprochen werden, und es diirfte vielleicht gerade als 
richtig bezeichnet werden, wenn wir hier einmal zum Gegenstand 
unseres Zweigvortrages jetzt eine Betrachtung wahlen, die auf einige 
Fragen des Karmagesetzes naher eingeht und in gewisser Beziehung 
eine intimere Erganzung zu dem bildet, was im offentlichen Vortra- 
ge nur in einer allgemeinen Charakteristik gegeben werden kann. 

Karma, das grofte Gesetz des Daseins, das Schicksalsgesetz, man 
kann es sozusagen besprechen in den allerersten Anfangsgriinden 
der Geisteswissenschaft, denn es ist etwas, das zu den elementarsten 
Dingen der Weltauffassung gehort. Die intimeren Fragen aber sind 
solche, dafi, um sie zu verstehen, wiederum ein Vertrautsein mit der 
Geisteswissenschaft dazugehort, wie es nur gefunden werden kann, 
wenn man eine Weile mitgearbeitet hat in einer Arbeitsgruppe und 
sich nicht leere Theorien angeeignet hat, sondern das, was ganz un- 
vermerkt aus den spirituellen Lehren in die Menschenseele einfliefit : 
eine gewisse Art von Empfindungen und Gefiihlen. Das ist ja etwas, 
was jeder geistig Strebende bald bemerkt, dafi die Geisteswissen- 
schaft etwas anderes ist als eine andere Weltanschauung, da sie uns 
solche Begriffe und Ideen gibt, die sich umwandeln in unseren Her- 
zen in Gefiihle und Empfindungen, und dafi wir andere Menschen 
werden durch sie, Menschen mit einer ganz anderen Art und Weise, 
den Mitmenschen gegeniiberzutreten. 

Diese Art von Vorbereitung ist gemeint, wenn von einer relati- 
ven inneren Reife die Rede ist, die man sich in dieser Weise durch 
Geisteswissenschaft aneignet. Wir wissen, dafi Karma zunachst be- 
deutet die geistige Verursachung eines spateren Ereignisses, einer 
spateren Eigenschaft oder Fahigkeit des Menschen durch ein Vor- 
hergehendes. Gleichgiiltig, ob diese geistige Verursachung auftritt in 
einem Leben zwischen Geburt und Tod, oder ob sie sich als das gro- 
fie Schicksalsgesetz der Menschheit durch die verschiedenen Erden- 



leben hindurchzieht, so dafi die Ursachen fur etwas in einem Leben 
Geschehendes in einem vorhergehenden oder einem weit zuriicklie- 
genden Leben liegen - dieses' Gesetz, dieses umfassende Schicksalsge- 
setz ist das, was wir Karma nennen. Nun kann man wahrhaftig iiber 
Karma, wenn man es in seinen Einzelheiten betrachten will, viele 
Monate sprechen und noch langer, und erst langsam und allmahlich 
eignet man sich die Dinge an, die damit verknupft sind. Daher kann 
man in einem Vortrage nur in erzahlender Weise die Tatsachen des 
Karmagesetzes angeben, und darin zeigt sich dann die Reife des gei- 
steswissenschaftlich Strebenden, dafi er diese Dinge nun hinnehmen 
kann als Tatsachen, als Ergebnisse und dann weiter dariiber nach- 
denkt und sie im Leben aufsucht. Das einzelne Leben zeigt in den 
verschiedensten Arten die Wirkungen des Karma; nur geht die 
menschliche Lebensbetrachtung gewohnlich nicht sehr weit. Die 
Menschen uberschauen gewohnlich sich selber oder ihren Mitmen- 
schen mit Aufmerksamkeit nur eine kurze Zeit des Lebens, weil ihr 
Blick nicht durch das geistige Auge gescharft ist. 

Wie wenig dies der Fall ist, das mochte ich zuerst erortern, damit 
Sie einen Begriff davon bekommen, wie der geistige Blick im ge- 
wohnlichen Leben anzuerziehen ist. Durch eine Art personlichen 
Erlebnisses soil dies geschehen. Einige von Ihnen werden es schon 
wissen, dafi ich funfzehn Jahre meines Lebens damit zugebracht ha- 
be, Erzieher zu sein, wobei mir die verschiedensten Falle erzieheri- 
scher Tatigkeit oblagen, auch schwierige vielleicht, wo Probleme 
vorlagen, die nur durch langeres Beobachten und Studieren gelost 
werden konnten. Dafi mir bei solcher Lebenstatigkeit Gelegenheit 
geboten war, Beobachtungen anzustellen nicht nur bei den mir un- 
mittelbar unterstellten Kindern, sondern auch bei deren Verwand- 
ten, den Cousins, die ja immer da waren, das leuchtet ein. Man sieht 
dann, wie sie heranwachsen, und man kann da einen grofien Kreis 
von in die Welt tretenden Menschen beobachten. Nun, wer dann 
das Leben ein wenig verfolgt, gescharft mit dem geistigen Blicke, der 
kann schon an solchen Einzelheiten manches wahrnehmen. So zum 
Beispiel war in der Zeit, als von mir jene Tatigkeit ausgeiibt wurde, 
eine weit verbreitete, damals aber aufierordentlich angesehene arztli- 



che Unsitte im Schwung, die darin bestand, dafi man die Kinder da- 
durch «bei Kraft» erhalten wollte, dafi man ihnen taglich
…[truncated]