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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
1
RUDOLF STEINER
Metamorphosen des Seelenlebens
Pfade der Seelenerlebnisse
Achtzehn offentlicbe Vortrdge
Berlin 1909/1910
ERSTER TEIL
Neun Vortrdge, gehalten zwischen dem
14. Oktober und 9. Dezember 1909
im Arcbitektenbaus zu Berlin
und in Mtinchen am 5. Dezember 1909
und 14. Mdrz 1910
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe dieser Auflage besorgte Caroline Wispier
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1984
Ein Nachweis der friiheren Auflagen und Herausgeber
findet sich auf Seiten 331/332
Bibliographie-Nr. 58
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1984 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0585-6
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
<<mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafce Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Die Mission der Geisteswissenschaft einst und jetzt
Berlin, 14. Oktober 1909 9
II. Die Mission des Zornes
(«Der gefesselte Prometheus»)
Miinchen, 5. Dez. 1909 (statt Berlin, 21. Okt. 1909) . . 44
III. Die Mission der Wahrheit (Goethes «Pandora»
in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung)
Berlin, 22. Oktober 1909 77
IV. Die Mission der Andacht
Berlin, 28. Oktober 1909 117
V. Der menschliche Charakter
Miinchen, 14. Marz 1910 (statt Berlin,29. Oktoberl909) 143
VI. Die Askese und die Krankheit
Berlin, 11. November 1909 179
VII. Das Wesen des Egoismus
(Goethes «Wilhelm Meister»)
Berlin, 25. November 1909 216
VIII. Buddha und Christus
Berlin, 2. Dezember 1909 256
IX. Einiges tiber den Mond
in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung
Berlin, 9. Dezember 1909 289
Nachweis friiherer Veroffentlichungen und Herausgeber . 331
Hinweise 333
Personenregister 344
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 346
Inhalt Zweiter Teil, Vortrage X. bis XVIII 350
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 351
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfiihrung in die Geisteswissenschaft
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech-
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschiiefien-
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom-
menden die Grundlagen fiir das Verstandnis des Gebotenen immer
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Seit 1903 hatten in jedem Winterhalbjahr solche offentlichen
Vortragsreihen im Architektenhaus stattgefunden. Die vorliegen-
den Vortrage bilden den ersten Teil der siebenten dieser Reihen von
1909/1910. Ihre Themen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Geisteswissenschaft entwickelt die verborgenen Krafte der Men-
schenseele. Edler Zorn bildet die Krafte der Empfindungsseele,
Wahrheit die der Verstandesseele, Andacht die der Bewulkseins-
seele. Der Charakter zeigt die Krafte des Ich, wie es Harmonie er-
zeugt in den Seelengliedern. Rechte Erziehung bringt Lebens-
fruchte im spateren Leben. Erstarkung der Seelenkrafte wirkt ge-
sundend. Im Ich des Menschen wirken aufsteigende und abwarts-
ziehende Krafte. Der Mensch soli seine Erlebnisse und Fahigkeiten
in seinen Taten der Welt zuriickgeben. Im Gegensatz zum mehr
selbstbezogenen Charakter des Buddhismus, will das Christentum
den Menschen reifen lassen im Dienste an der Menschheit. Der
Mensch ist eingegliedert in die Rhythmen des Kosmos und er reift
heran in eigenen Rhythmen zu wahrem Menschentum.
DIE MISSION DER GEISTESWISSENSCHAFT
EINST UND JETZT
Berlin, 14. Oktober 1909
Wie schon durch mehrere Jahre hindurch wird auch in
diesem Jahre von mir eine Reihe von Vortragen gehalten
werden aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Fiir
diejenigen der verehrten Zuhorer, welche in den verflos-
senen Jahren an diesen Vortragen teilgenommen haben,
ist ja kein Zweifel dariiber, in welchem Sinne hier das
Wort «Geisteswissenschaft» genommen wird. Es wird
sich - das sei fiir diejenigen der verehrten Zuhorer
gesagt, die in den verflossenen Jahren nicht da waren -
nicht darum handeln, irgendeine abstrakte Wissenschaft
hier zu entfalten, ahnlich dem, was wir in den gebrauch-
lichen Seelenlehren oder Psychologien haben; es wird
sich auch nicht um etwas handeln, was sich auf den
Standpunkt stellt, der heute das Wort Geisteswissen-
schaft nur gebraucht fiir die Darstellung der verschie-
denen kulturgeschichtlichen Gebiete, sondern um eine
Wissenschaft, fiir die der Geist etwas Wirkliches, etwas
Reales ist. Um eine solche Wissenschaft wird es sich
handeln, die von dem Gesichtspunkt auszugehen hat,
daft dem Menschen nicht nur das Gebiet der sinnlichen
Wirklichkeit zuganglich ist und alles, was der Verstand
des Menschen und seine sonstigen Erkenntniskrafte, in-
sofern sie gebunden sind an die sinnliche Wahrnehmung,
erfahren konnen, was also Sinneserkenntnis und Ver-
standeserkenntnis ist; sondern es wird sich um etwas
handeln, was sich auf einen Gesichtspunkt stellt, bei dem
nicht nur solche Erkenntnis vorhanden ist, sondern bei
dem es die Moglichkeit gibt fiir den Menschen, hinter
das Gebiet der sinnlichen Erscheinungen zu kommen,
Beobachtungen anzustellen, die dem Verstand und dem
Gebiete, an das der Verstand gebunden ist, nicht zugang-
lich sind.
Heute in einer einleitenden Darstellung soli es sich
darum handeln, zu zeigen, welche Aufgabe diese Gei-
steswissenschaft in dem Leben des Menschen der Ge-
genwart hat. Und es soli dies anschaulich gemacht wer-
den an dem Unterschied, wie diese Geisteswissenschaft,
die so uralt ist wie das menschliche Streben iiberhaupt,
in vergangenen Zeiten auftrat, und wie sie sich zeigen
muft in unserer Zeit. Wenn wir von «unserer Zeit»
sprechen, so ist das hier natiirlich nicht so gemeint, daft
etwa bloft die allerunmittelbarste Gegenwart in Betracht
kommen soil; sondern es ist gemeint, was seit einer
verhaltnismaftig langeren Zeit sich als verwandt mit un-
serm Geistesleben herausstellt, und was in voller Entwik-
kelung in unserer unmittelbaren Gegenwart begriffen ist.
Es ist ja fiir den, der das Geistesleben der Menschheit
nur ein wenig iiberblickt, von vornherein klar, daft man
mit dem Worte «Ubergangszeit» vorsichtig sein soil.
Wenn man sich den Begriff nur einigermaften zurecht-
legt, wird man im Grunde genommen jede Zeit als eine
Ubergangszeit charakterisieren konnen. Dennoch aber
gibt es Zeiten in der Menschheit, wo sich sozusagen
Spriinge darstellen im Fortgange des Geisteslebens. Der
Mensch des 16. bis 19. Jahrhunderts und unserer Zeit
wird sich seinem ganzen Seelen- und Geistesleben nach
anders zur Welt verhalten miissen als die Menschheit
fruherer Zeiten. Und je weiter wir zuriickgehen in der
Menschheitsentwickelung, desto mehr wird es uns auffal-
len, dafi die Menschheit immer andere Sehnsuchten,
immer andere Bediirfnisse hat, und dafi sie dasjenige,
was sie als Fragen iiber die groften Ratsel des Daseins
aufwirft, durch sich selbst in einer immer anderen Weise
beantwortet haben will. Nun konnen wir uns das Wesen
solcher Ubergange deutlich machen, wenn wir uns be-
kanntmachen mit Menschen solcher Ubergangszeiten,
die in gewisser Beziehung noch Gefuhls- und Erkennt-
niskrafte und Willensimpulse in sich haben, die von
friiheren Epochen des Geisteslebens vererbt sind, aber
die doch schon den Trieb in sich fiihlen, in eine neue
Zeit hineinzuleben. Wir konnen in den verschiedensten
Epochen des menschlichen Werdens solche geschicht-
lichen Personlichkeiten finden. Wollen wir uns heute
zunachst einmal an eine interessante Personlichkeit hal-
ten, um zu sehen, wie sie die Fragen nach dem Wesen
des Menschen aufwirft und nach alledem, was zunachst
den Menschen interessieren mufi. An eine Personlichkeit
wollen wir uns wenden, die an der Morgenrote des
neuzeitlichen Geisteslebens die so charakterisierte innere
Seelenverfassung hat. Und ich mochte nicht eine der
bekannteren Personlichkeiten aus der Reihe der Denker
wahlen, sondern ich mochte gerade am Ausgangspunkt
dieser Vortrage eine in den weitesten Kreisen unbekann-
te Denkerpersonlichkeit wahlen aus dem 17. Jahrhun-
dert, wo es zahlreiche solcher Personlichkeiten gegeben
hat, die in sich noch die Gefiihlsgewohnheiten, die
Denkgewohnheiten des Mittelalters hatten, die noch so
erkennen wollten, wie man vor Jahrhunderten erkannt
hat, und die doch schon hineinragten in die Erkenntnis-
bediirfnisse der neueren Zeit. Eine Personlichkeit also
mochte ich Ihnen nennen, liber deren aufieres Leben
man in der aufieren Geschichte sozusagen gar nichts
weifi. Das ist fur die geisteswissenschaftliche Betrach-
tung immer etwas aufierordentlich Angenehmes; denn
wer gern in der Geisteswissenschaft mit unbefangenem
Blick verweilt, der wird schon gespiirt haben, wie sehr
ihn alles das storen kann, was einer Personlichkeit aus
dem gewohnlichen alltaglichen Leben angehangt wird,
was die heutigen Biographen aus dem gewohnlichen
Leben zusammentragen. Man konnte in diesem Sinn der
Geschichte dankbar sein, dafi sie uns so wenig aufbe-
wahrt hat, zum Beispiel von Shakespeare; denn dadurch
wird uns - wie das heme zum Beispiel bei Goethe der
Fall ist - bei Shakespeare nicht das Bild verdorben durch
allerlei kleine Ziige, wie sie die Biographen so gern
zusammentragen. Aber ich will Ihnen eine Personlich-
keit nennen fur unsern Zweck, die noch viel unbekann-
ter ist als Shakespeare, eine Denkerpersonlichkeit aus
dem 17. Jahrhundert, die aber fur den, der in die Den-
kergeschichte der Menschheit hineinzuschauen vermag,
eine ungeheure Bedeutung hat. Gerade eine der hervor-
ragendsten Personlichkeiten aus der Denkergeschichte
der Menschheit steht vor uns in der Personlichkeit des
Franziskus Josephus Philippus Graf von Hoditz und
WolframitZy der in der zweiten Halfte des 17. Jahrhun-
derts in Bohmen ein einsames Denkerleben gelebt hat.
Was ihm vor alien Dingen als wichtige Frage in der Seele
gelegen hat und was, wenn wir uns in seine Seele
vertiefen, uns symptomatisch so schon hineinfuhren
kann in das, was eine Seele dazumal bewegen konnte,
das hat er niedergelegt in einem kleinen Buchelchen - ich
habe nicht nachgeforscht, ob es inzwischen in aller
Ausfuhrlichkeit gedruckt worden ist das er genannt
hat «Libellus de hominis convenientia». Darin wirft
diese einsame Denkerpersonlichkeit die grofte Frage des
Daseins auf, die beim Menschen durchaus im Mittel-
punkt aller Lebensverhaltnisse steht: die Frage nach dem
«Wesen des Menschen». Und er sagt geradezu mit einem
eindringlichen, aus einem tiefen Erkenntnisgefuhl her-
auskommenden Bediirfnisse, nichts entstelle den Men-
schen mehr, als wenn er nicht wisse, welches eigentlich
sein Wesen ist.
Nun wendet sich dieser Franziskus Josephus Philip-
pus Graf von Hoditz und Wolframitz an bedeutende
Denkerpersonlichkeiten aus alten Zeiten - an eine Den-
kerpersonlichkeit aus dem vierten vorchristlichen Jahr-
hundert, an Aristoteles - und sagt: Was kann uns dieser
alte Denker sagen, wenn die Frage aufgeworfen wird:
Welches ist eigentlich das Wesen des Menschen? - Da
stellt sich unser Denker die Antwort des Aristoteles vor
Augen: «Der Mensch ist ein verniinftiges Tier.» Und
dann wendet sich unser Denker zu einem Neueren, zu
Cartesius, und fragt: Was wufke dieser Denker iiber die
Frage zu sagen: Was ist eigentlich das Wesen des Men-
schen? — Da ergab sich fur ihn die Antwort: «Der
Mensch ist ein denkendes Wesen. » - Nun stand unser
Denker mit seiner forschenden, suchenden Seele da und
mufke sich sagen: Auf die wichtige Frage nach dem
Wesen des Menschen geben mir diese beiden Denker,
die mir die Reprasentanten vieler Denker sind, keine
Antwort! Denn wenn die Antwort auf die Frage nach
dem Wesen des Menschen gegeben wird, verlange ich zu
erfahren, was der Mensch ist, und was der Mensch tun
soli. Was mir Aristoteles antwortet - der Mensch sei ein
verniinftiges Tier — , das antwortet nicht auf die Frage,
was der Mensch ist; denn man kann nicht erkennen an
seiner Antwort, was eigentlich das Wesen der Verniinf-
tigkeit ist. Und auch die Antwort, die Cartesius, der
Denker des 17. Jahrhunderts, gibt, antwortet nicht auf
die Frage: «Was soil der Mensch seinem Wesen gema£
tun?» Denn wenn man auch schon weift, dafi der
Mensch ein Wesen ist, das denken kann, so weifi man
noch nicht, was er eigentlich denken soil, um in der
richtigen Weise ins Leben einzugreifen, um wirklich in
seinem Denken einen Bezug zum Leben herzustellen!
So hat sich unser Denker vergeblich umgesehen nach
einer Antwort auf die fur ihn so brennende Frage des
Daseins, welche den Menschen, wenn er sie sich nicht zu
beantworten vermag, entstellt in seinem Wesen.
Da stiefi er auf etwas, was freilich den heutigen Men-
schen sonderbar beriihren wird, insbesondere, wenn er
im Sinne der heutigen wissenschaftlichen Bildung den-
ken will, was aber fur jene einsame Personlichkeit nach
ihrer damaligen Seelenverfassung wirklich die einzig tref-
fende Antwort war. Er sagte sich: Das kann mir nichts
niitzen, zu wissen, daft der Mensch ein vernunftiges Tier
ist, oder daft der Mensch ein denkendes Wesen ist! Aber
was ich gefunden habe bei einem anderen Denker, der es
wieder von einer alteren Uberlieferung her hat, das
antwortet mir auf meine Frage. Und mit Worten, zu
denen er auf diese Art gekommen war, gab sich dieser
Mann Antwort auf seine Frage: «Der Mensch ist seinem
Wesen nach das Ebenbild der Gottheit!»
Wir wiirden heute sagen: «Der Mensch ist seinem
Wesen nach dasjenige, was er seinem ganzen Ursprung
nach aus der geistigen Welt heraus ist.»
Was der Graf von Hoditz und Wolframitz weiter an
seine Betrachtung anschliefit, braucht uns heute nicht zu
beschaftigen. Es braucht uns nur das eine zu interessie-
ren, daft er aus den Bediirfnissen seiner Seele heraus auf
eine Antwort hinweisen mufite, welche iiber alles, was
der Mensch in seiner Umgebung sehen und mit seinem
Verstande begreifen kann, hinausging. Wenn wir nun
aber das, was jenes Biichlein enthalt, weiter priifen, dann
stellt sich heraus, dafi dieser Personlichkeit nicht irgend-
welche Mitteilungen aus der geistigen Welt zur Verfii-
gung standen. Sagen wir etwa so: Hatte sich dieser
Personlichkeit die Frage auf die Seele gelegt, wie sich die
Erde zur Sonne verhalt, dann hatte sie, audi wenn sie
nicht selber Naturforscher gewesen ware, irgendwo in-
nerhalb der Beobachtungswelt die Antwort gefunden,
die seit dem Auftauchen der neueren Naturwissenschaft
aus der Erfahrung gegeben werden konnte. Also in
bezug auf auftere Fragen der Sinnenwelt hatte diese
Personlichkeit den Blick hinwenden konnen auf etwas,
was ihr Leute hatten sagen konnen, die diese Fragen
selber durch ihre Beobachtung, durch ihre Erlebnisse
erforscht haben. In bezug auf die Fragen des menschli-
chen Geisteslebens aber, in bezug auf das, was der
Mensch ist, insofern er ein Geist ist, darauf gaben ihm
keine solchen Erlebnisse seiner damaligen Zeit Antwort.
Man kann es ganz genau sehen, dafi er sozusagen nicht
irgendeinen Weg finden konnte zu Menschen, welche
selbst eigene Erlebnisse in der geistigen Welt gehabt
hatten, welche ebenso durch unmittelbare Erfahrung
ihm irgendwelche Eigenschaften der geistigen Welt hat-
ten sagen konnen, so wie ihm die Naturforscher sagen
konnten, was sie dazumal eben iiber diese oder jene
Frage der aufieren Sinnenwelt wufken. Daher wandte
sich dieser Denker an das, was Uberlieferung war, was
er vorfand in den Urkunden, die ihm aus der religiosen
Uberlieferung gegeben waren. Er verarbeitete aller-
dings - und das ist charakteristisch fur seine ganze See-
lentiefe -, was er so als Uberlieferung haben konnte;
aber man sieht aus der Art, wie er arbeitete, dafi er nur
seinen Verstand anstrengen konnte, urn eine neue Form
zu geben dem, was sich im Laufe der Geschichte ausge-
bildet hat oder was durch Uberlieferung oder Schrift bis
zu ihm gekommen ist.
Nun wird gar mancher sagen: Ja, gibt es denn iiber-
haupt solche Personlichkeiten, kann es solche Menschen
geben, welche ebenso aus der Beobachtung, aus der
Erfahrung, aus dem unmittelbaren Erlebnis heraus eine
Antwort geben konnen auf Fragen, welche sich auf die
Ratsel des geistigen Lebens beziehen?
Das ist eben das, was die Geisteswissenschaft in der
neueren Zeit dem Menschen wiederum zum Bewufitsein
bringen wird, dafi es eine Moglichkeit gibt, ebenso in
einer geistigen Welt, die keinem aufieren sinnlichen
Auge, keinem Teleskop und Mikroskop zuganglich ist,
zu forschen, wie es moglich ist zu forschen in der
Sinneswelt; und daft Antwort gegeben werden kann aus
der unmittelbaren Erfahrung heraus liber die Fragen
nach der Beschaffenheit auch einer solchen, uber die
sinnliche Erfahrung hinaus liegenden Welt. Dann wird
man erkennen, wie es, allerdings notwendig hervorge-
rufen durch den ganzen Entwickelungsgang der Mensch-
heit, eine Epoche gegeben hat, wo mit anderen Mitteln
dasjenige in die Offentlichkeit getragen worden ist, was
der Geistesforscher in der geistigen Welt erkundet hat;
und dafi es heute wiederum eine Epoche gibt, wo die
Moglichkeit besteht, dafi wiederum von den Ergebnissen
der Geistesforschung gesprochen werden und wiederum
Verstandnis daflir gefunden werden kann. Dazwischen
allerdings liegt diejenige Zeit, in deren Abendrote die
Zeit unseres einsamen Denkers hineinfiel, da die ganze
menschliche Entwickelung eine Weile «ausruhte» von
dem Hinaufsteigen in die geistige Welt, sich vorzugs-
weise an die Uberlieferungen durch alte Urkunden oder
miindliche Mitteilung hielt, und wo man in gewissen
Kreisen anfing Zweifel zu hegen, ob der Mensch iiber-
haupt durch eigene Kraft, durch Entwickelung seiner in
ihm verborgen liegenden, schlummernden Erkenntnis-
krafte aufsteigen kann in eine ubersinnliche Welt. Gibt
es denn nun irgendeinen verniinftigen Gedanken, aus
dem heraus man sagen kann, es sei unsinnig, von einer
solchen geistigen Welt zu sprechen, von einer Welt, die
iiber die sinnliche hinaus Hegt? Eine solche Uberlegung
sollte dem Menschen schon die Betrachtung der Entwik-
kelung seiner sinnlichen Wissenschaft selber eingeben.
Und gerade die unbefangene Betrachtung der Entwik-
kelung dieses Fortschrittes, den die Menschheit gemacht
hat, das wunderbare Fortschreiten in der Entratselung
der aufteren sinnlichen Naturgeheimnisse sollte den Men-
schen darauf hinweisen, dafi es eine hdhere, iibersinn-
liche Erkenntnis geben mufi. - Wie das?
Wer unbefangen des Menschen Entwickelung betrach-
tet, wird sich sagen miissen: Gerade die Wissenschaft,
die sich mit der aufteren Sinnenwelt beschaftigt, hat sich
im Laufe der Zeit entwickelt. Mit welchem Stolze weisen
viele Menschen darauf hin - und mit durchaus berech-
tigtem Stolze in gewissem Sinne -, wie man vor Jahrhun-
derten nichts wu£te iiber dieses oder jenes, was dem
aufieren Sinnesgebiete angehort, und wie uns die groften
Fortschritte der Naturwissenschaft, die seit dem 15. und
16. Jahrhundert immer mehr und mehr sich steigern,
Kunde gebracht haben von dem, was man vorher iiber
diese aufiere Sinneswelt nicht gewu£t hat. Miilke man
sich nicht eigentlich sagen: Die Sonne, die am Morgen
aufgeht, sich wahrend des Tages iiber den Horizont
hinbewegt, sie ging dem Menschen vor Jahrtausenden
ebenso auf, wie sie ihm heute aufgeht. Das, was der
Mensch im Umkreise der Erde und im Zusammenhange
mit der Bahn der Sonne in alten Zeiten sehen konnte,
bot sich ihm fur die auftere Sinnesanschauung vor Jahr-
tausenden ebenso dar, wie es sich dargeboten hat in der
Zeit, in welcher Galilei, Newton, Kepler, Kopernikus
und so weiter wirkten. Was aber wuftte diese Mensch -
heit iiber die auftere Sinneswelt zu sagen? Kann man
davon reden, daft die Wissenschaft, wie wir sie haben,
auf die unsere Zeit mit Recht so stolz ist, bloft durch
eine Betrachtung der aufteren Sinneswelt errungen ist?
Wiirde die auftere Sinneswelt, so wie sie ist, diese Wis-
senschaft so geben konnen, dann wiirde man nicht notig
haben, iiber das, was diese auftere Sinneswelt gibt, hin-
auszugehen. Dann hatte man vor Jahrhunderten dasselbe
wissen miissen iiber diese Sinneswelt wie heute. Daft
man heute mehr weift, daft man die Stellung der Sonne
und so weiter heute anders ansieht, worauf beruht denn
das? Es beruht darauf, daft der menschliche Verstand,
die menschlichen Erkenntniskrafte, welche sich auf die
auftere Sinneswelt beziehen, sich entwickelt haben; daft
sie etwas anderes geworden sind im Laufe der Jahrtau-
sende und der Jahrhunderte. Oh, diese menschlichen
Erkenntniskrafte waren nicht im alten Griechenland,
was sie geworden sind seit dem 16. Jahrhundert bis in
unsere Zeit hinein.
Wer diesen Werdegang des Menschen unbefangen be-
trachtet, der muft sich sagen: Der Mensch hat etwas
herangebildet, was er friiher nicht hatte; und er hat
gelernt, in anderer Weise als friiher diese auftere Welt
anzusehen, weil er zu den Erkenntniskraften, welche
sich auf die auftere Sinneswelt beziehen, etwas anderes
hinzuentwickelt hat. Deshalb wurde ihm klar, dafi die
Sonne sich nicht urn die Erde herum bewegt, sondern er
wurde durch die Entwickelung seiner Erkenntniskrafte
dazu veranlafit, sich die Erde um die Sonne herumge-
hend zu denken. Der Mensch hat also in unserer Zeit
andere solcher Krafte, als er sie in friiheren Zeiten hatte.
Fur den, der auf die Errungenschaften der aufieren
Wissenschaft stolz ist, und der unbefangen den Fort-
schrkt studiert, kann es gar keinem Zweifel unterliegen,
dafi der Mensch entwickelungsfahig in seinem Innern ist,
dafi er nicht nur dasjenige in sich haben kann, was wir
an Kraften der aufteren Welt sehen; und da£ von Ent-
wickelungsstufe zu Entwickelungsstufe seine Krafte sich
umgebildet haben, bis der Mensch so geworden ist, wie
er heute ist. Der Mensch hat nicht nur das zu entwik-
keln, was in seinen aufteren Kraften ist; sondern es
entwickelt sich auch in seinem Innern etwas, wodurch er
imstande wird, die Welt im neuen Glanze seiner inneren
Fahigkeiten als Erkenntnis auferstehen zu lassen. Es
gehort zu den schonsten Worten, die der grofie Dichter-
Denker Goethe - im Buche iiber Winckelmann - gespro-
chen hat, als er sagte: «Wenn die gesunde Natur des
Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt
als in einem grofien, schonen, wiirdigen und werten
Ganzen fiih.lt, wenn das harmonische Behagen ihm ein
reines freies Entziicken gewahrt, dann wiirde das Welt-
all, wenn es sich selbst empfinden konnte, als an sein
Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen
Werdens und Wesens bewundern.» Und: «Indem der
Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er
sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals
einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich,
indem er sich mit alien Vollkommenheiten und Tugen-
den durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeu-
tung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des
Kunstwerkes erhebt.»
So mag der Mensch sich herausgeboren fuhlen aus den
Kraften, die er mit seinen Augen sehen, mit seinem
Verstande begreifen kann. Aber wenn er das in dem
Sinne, wie wir es auseinandergesetzt haben, unbefangen
betrachtet, so wird er gerade von dem Gesichtspunkt der
aufteren Wissenschaft sich sagen miissen: Nicht nur die
Natur auften hat Krafte, die sich heranentwickeln, bis sie
angeschaut werden von einem Menschenauge, bis sie
gehort werden von einem Menschenohr, bis sie begriffen
werden durch einen menschlichen Verstand; sondern
wenn wir den Gang der menschlichen Entwickelung
verfolgen, so finden wir, daft sich auch im Innern des
Menschen etwas entwicke|t; daft seine Erkenntniskrafte
zuerst schlummernd waren fur die auftere Naturbetrach-
tung, daft diese schlummernden Krafte dann erweckt
wurden bis hinein in unsere Zeit, so daft die im Altertum
schlummernden Erkenntniskrafte sich als entwickelt aus-
nehmen. Und durch die entwickelten Erkenntniskrafte
schaut der Mensch heute hinaus und erringt das, was wir
die groften Fortschritte der aufteren sinnlichen Wissen-
schaft nennen.
Nun muft die Frage an einen Menschen herantreten:
Soli aber nun die Notwendigkeit vorhanden sein, daft
dasjenige, was im Innern des Menschen ist, nun stehen
bleibt und nur noch Krafte entwickelt, die ein Spiegel-
bild dessen geben, was von auften gesehen werden kann?
Oder muft es nicht auch noch andere, in der Menschen-
seele schlummernde Krafte und Fahigkeiten geben, die
entwickelt werden konnen? Ist es nicht ein durchaus
verniinftiger Gedanke, wenn man sich sagt: Man muft
die Frage aufwerfen, ob es denn nicht moglich sei, daft
der Mensch in der Seele noch andere verborgene Krafte
habe, die geweckt werden konnen? 1st es denn nicht
moglich, dafi der Mensch dasjenige, was er im Innern
hat, nicht nur dazu entwickeln kann, dafi er es bis zu
einem Spiegelbild der aufieren Welt bringt? Kann es
nicht so sein, wenn er sich weiter entwickelt, dafi viel-
leicht das, was fruher in ihm verborgen und schlum-
mernd war, geistig aufleuchtet? - als dasjenige, was
Goethe das «Geistesauge», das «Geistesohr» nennt
wodurch sich ihm erschliefk eine geistige Welt, die
hinter der sinnlichen Welt liegt?
Fur den, der unbef angen diesen Gedanken verfolgt, wird
es nicht unsinnig erscheinen, verborgene Krafte zu entwik-
keln, die hinauffuhren konnen in die iibersinnliche Welt,
und die Antwort geben konnen auf die Frage: Was ist denn
eigentlich der Mensch? Wenn er ein Ebenbild der geisti-
gen Welt ist, was ist denn dann die geistige Welt?
Wenn wir uns den Menschen als aufieres Wesen cha-
rakterisieren, wenn wir uns seine Gesten, seine Instinkte
und so weiter vor die Seele fiihren, so werden wir, wenn
wir auf die aufiere Welt blicken, des Menschen Gesten,
Instinkte und Krafte in einem unvollkommenen Zustan-
de an niederen Wesen sehen. Und wir werden die aufiere
Erscheinung des Menschen als die Zusammenfassung
dessen begreifen, was wir draufien iiber verschiedene
Wesen, iiber niedere Wesen verteilt finden, Instinkte und
so weiter. Wir konnen es begreifen, weil wir dasjenige,
was wir am Menschen sehen, draufien sehen als etwas,
woraus wir den Menschen entwickelt denken. Sollte es
nun nicht moglich sein, mit solchen entwickelten Kraf-
ten in ahnlicher Weise auch in eine geistige Aufienwelt
zu sehen? Wesenheiten, Krafte, Dinge da zu sehen, wie
Steine, Pflanzen und Tiere in der sinnlichen Auftenwelt?
Sollte es nicht moglich sein, solche geistigen Vorgange
zu sehen, die ebenso aufklaren iiber alles, was im Innern
des Menschen als Unsichtbares lebt, wie es moglich ist,
das Sinnliche in bezug auf den Menschen zu erklaren?
Aber es war eben die Zeit, die sozusagen eine Zwi-
schenzeit war zwischen einer alten und einer neuen Art,
die Geisteswissenschaft mitzuteilen. Es war die Zeit so,
daft sie eine Ruhepause war fur den weitaus groftten Teil
der Menschheit. Nichts Neues wurde gefunden; sondern
das, was alte Urkunden und alte Uberlieferungen enthiel-
ten, wurde immer wieder und wieder aufgenommen.
Das war so richtig fur jene Epoche; denn eine jede
Epoche erfordert das Charakteristische fur ihre urei-
gensten Bediirfnisse. Wir haben einmal eine solche Zwi-
schenzeit; und wir mussen uns klar sein, daft die Men-
schen in dieser Zwischenzeit in einer anderen Lage
waren als vorher und nachher; daft sie sich in dieser
Zwischenzeit in einem gewissen Sinne abgewohnten,
uberhaupt hinzuschauen auf die verborgenen Krafte in
der Menschenseele, die durch ihre Entwickelung zum
Anschauen der geistigen Welt fiihren konnen. Daher
kam es, daft eine Zeit heranriickte, wo der Mensch
sozusagen den Glauben und das Verstandnis dafiir verlo-
ren hatte, daft es eine solche innere Entwickelung ver-
borgener Krafte zur ubersinnlichen Erkenntnis gibt.
Zwar eines konnte niemals geleugnet werden: daft im
Menschen selber etwas ist, was sich nicht sinnlich an-
schauen laftt. Denn welches unbefangene Denken moch-
te wohl sagen, daft zum Beispiel der menschliche Ver-
stand selber etwas sei, was der Mensch schon mit einem
aufteren Auge gesehen habe? Welches unbefangene
Denken miiftte nicht wenigstens das zugeben, daft die
menschlichen Erkenntniskrafte selber ubersinnlicher
Natur sind?
Das ist sozusagen als Erkenntnis auch niemals ge-
schwunden; auch in der Zeit nicht, in welcher sich die
Menschen gewissermafien abgewohnt hatten, zu glau-
ben, dafi sich die iibersinnlichen Seelenkrafte bis zu der
iibersinnlichen Anschauung hinaufentwickeln konnen.
Derjenige Denker, der das Hinaufschauen in die iiber-
sinnliche Welt gewissermafien auf ein kleinstes Mafi
heruntergebracht hat, der da sagt: Es gibt keine Moglich-
keit fur den Menschen, durch irgendeine ubersinnliche
Anschauung hinaufzudringen in eine Welt, die uns ent-
gegentritt als eine geistige, wie uns Tiere, Pflanzen und
Mineralien und der aufiere physische Mensch in der
Sinnenwelt entgegentreten - dieser Denker, der aber aus
seinem unbefangenen Denken heraus durchaus anerken-
nen mufke, dafi es ein Ubersinnliches gibt, das niemals
geleugnet werden kann -, dieser Denker, der dadurch
wie an einem letzten Punkt einer vorzeitigen Entwik-
kelung steht, ist Kant. Kant ist der Denker, der dadurch
in einer gewissen Weise einen alten Entwickelungsgang
der Menschheit bis zu einem letzten Abschlufi gebracht
hat. Denn was denkt Kant iiber das Verhaltnis des
Menschen zu einer iibersinnlichen geistigen Welt? Er
leugnet nicht, dafi der Mensch Ubersinnliches erblickt,
wenn er in sich selber schaut; daft er dazu Erkenntnis-
krafte anwenden mufi, die man nicht mit sinnlichen
Augen wahrnehmen kann, und wenn man noch so raffi-
niert die sinnlichen Instrumente verstarkt. So weist Kant
hin auf ein Gebiet der iibersinnlichen Welt: das sind die
menschlichen Erkenntniskrafte selbst, was die Seele
braucht, wenn sie sich ein Spiegelbild der aufteren Welt
entwerfen will. Nun aber ist er dazu gekommen zu
sagen, das sei auch das einzige, was der Mensch iiber
eine iibersinnliche Welt wissen kann; der Mensch konne
von der iibersinnlichen Welt nur jenes Stiick erkennen,
das aus den Mitteln besteht, sich eine Anschauung iiber
die Sinneswelt zu verschaffen. Kants Meinung ist: Wo-
hin auch der Mensch seine Anschauung richten mag, er
erblickt nur eines, was er als ein Ubersinnliches bezeich-
nen kann: was seine eigenen Sinne Ubersinnliches enthal-
ten, um die Tatsache eines Sinnlichen wahrzunehmen, zu
begreifen, zu verstehen.
So also gibt es im Sinne der Kantischen Weltauffas-
sung keinen Weg, der die geistige Welt zur Anschauung,
zum Erlebnis bringt, sondern nur die Moglichkeit, einzu-
sehen, da£ die aufiere Sinneswelt nicht erkannt werden
kann mit sinnlichen Mitteln, sondern nur mit iibersinnli-
chen Mitteln. Das ist das einzige Erlebnis, das der
Mensch haben kann aus der iibersinnlichen Welt; sonst
aber ist kein Zugang zu der geistigen Welt, keine An-
schauung, kein Erlebnis! Das ist das Weltgeschichtliche,
um was es sich bei Kant handelt. Nicht zu leugnen ist
aber im Sinne Kants, daft der Mensch, wenn er nach-
denkt iiber das, was mit seinem Handeln, seinem Wirken
und Tun zusammenhangt, auch wiederum Mittel findet,
um auf die sinnliche Welt zu wirken. Auch Kant muike
sich sagen: Der Mensch folgt nicht so wie die unterge-
ordneten Wesen blofi instinktiven Antrieben, wenn er
dieses oder jenes unternimmt, sondern er folgt auch
Antrieben, die blofi in seiner Seele sind, die ihn hoch
erheben konnen iiber das, was blofier au£erer Antrieb
ist. Wie konnte denn auch ein unbefangenes Denken
solche Antrieb e zum au£eren Handeln leugnen? Man
braucht ja nur den Blick hinzuwenden auf einen Men-
schen, welcher diese oder jene noch so reizvollen Antrie-
be aus der Welt erhalten wiirde, um dieses oder jenes zu
tun; der diesen Reizen und Lockungen aber nicht folgt;
sondern der sich fur sein Handeln zur Richtschnur
nimmt, was er nicht aus den aufteren Anreizungen emp-
fangen kann. Braucht man nicht nur hinzuweisen auf die
grofien Martyrer des Lebens, die geblutet haben, die
alles, was fur sie in der Sinneswelt da ist, hingegeben
haben fur etwas, was sie iiber die Sinneswelt hinaus-
fiihren sollte? Man braucht nur auf das Erlebnis in der
menschlichen Seele - auch im Sinne von Kant - hinzu-
weisen, auf das menschliche Gewissen, das gegeniiber
dem, was noch so reizvoll und lockend an den Menschen
herantritt, ihm sagen kann: Folge nicht dem, was da
reizt und lockt, folge dem, was aus geistigen Unter-
griinden heraus wie eine unbezwingliche Stimme in dei-
ner Seele spricht! Und so war es denn auch fur Kant
sicher, daft es eine solche Stimme im Innern des Men-
schen gibt, die etwas spricht, was nicht zu vergleichen ist
mit dem, was Aussage der aufieren Sinneswelt ist. Kant
fafit das in die bedeutungsvollen Worte zusammen, die
er den «kategorischen Imperativ» nennt. Nun sagt er
aber, weiter komme der Mensch nicht als bis zu diesem
Mittel seiner Seelenwelt, aus einem Ubersinnlichen her-
aus in der sinnlichen Welt zu handeln; denn der Mensch
konne nicht heraus aus der Sinneswelt. Er fiihlt, daft
Pflicht, kategorischer Imperativ, Gewissen aus ihm spre-
chen; aber er kann nicht hineindringen in die Welt, aus
der Gewissen, Pflicht, kategorischer Imperativ heraus-
stromen. Nur wiederum bis an die Grenze der ubersinn-
lichen Welt gestattet sozusagen das Kantische Denken,
daft der Mensch komme. Alles iibrige, was in diesen
Reichen selber liegt, woraus Gewissen, Pflicht und kate-
gorischer Imperativ sprechen, und was mit der Natur
unserer Seele ubersinnlich gleichartig ist, das alles ent-
zieht sich der Beobachtung im Sinne Kants. Da kann der
Mensch nicht hinein; da kann er nur Riickschliisse ma-
chen. Er kann sich sagen: Die Pflicht spricht; aber ich
bin ein schwacher Mensch; in der gewohnlichen Welt
kann ich nicht ausfuhren, was in ihrem ganzen Umfange
Gewissen und Pflicht mir befehlen. Also mufi ich an-
nehmen, daft sich mein Dasein nicht in dieser sinnlichen
Welt erschopft, sondern daft es eine Bedeutung hat iiber
die sinnliche Welt hinaus. Ich kann mir das als einen
Glauben vorhalten, aber ich kann unmoglich hinein-
dringen in diese Welt; ich kann iiberhaupt nicht hinein
in diese Welt, aus welcher sprechen sittliches Bewuftt-
sein, kategorischer Imperativ, Gewissen, Pflicht und so
weiter!
Nun steht eine andere Personlichkeit in dieser Bezie-
hung diametral gegeniiber dem, was Kant ausgesprochen
hat aus den Gesichtspunkten heraus, welche eben ange-
fuhrt worden sind. Und diese Personlichkeit ist keine
andere als wiederum der Dichter-Denker Goethe. Wer
wirklich die Seelen beider Manner miteinander verglei-
chen kann, der weift, wie sie sich diametral gerade in
bezug auf die wichtigsten Erkenntnisfragen gegeniiber-
stehen. Als Goethe das in sich aufgenommen hatte, was
Kant gerade dariiber bemerkt, da sagte er aus seiner
inneren Seelenerfahrung heraus: Kant behauptet, daft
man zwar Riickschliisse tun kann iiber einen Weg in die
geistige Welt hinein, daft man aber keine Erlebnisse
haben kann. Kant behauptet, daft es nur eine verstandes-
maftige, begriffliche Urteilskraft gabe, nicht aber eine
anschauliche Urteilskraft, die Erlebnisse habe in der
geistigen Welt. Kant behauptet das. Wer aber wie ich,
sagt Goethe, indem er dabei seine ganze Personlichkeit
einsetzt, rastlos sich durchgerungen hat, um sich hinauf-
zuarbeiten durch die Sinneswelt bis in eine iibersinnliche
Welt hinauf, der weift, dafi man nicht nur Ruckschliisse
machen kann, sondern durch eine anschauende Urteils-
kraft sich in diese geistige Welt wirklich erheben kann! -
Das war Goethes persdnlich gehaltener Einwand gegen
Kant. Und Goethe betont noch besonders, dafi es ein
Abenteuer der Vernunft sei, wenn jemand behaupten
wollte, es gabe eine solche anschauende Urteilskraft;
aber er sagt, dafi er aus seiner Erfahrung heraus das
Abenteuer der Vernunft mutig bestanden habe!
Nichts anderes aber ist das innere Prinzip, der inner e
Nerv dessen, was man wahre Geisteswissenschaft nennt,
als die Erkenntnis dessen, was Goethe die «anschauende
Urteilskraft » nennt, wo von er weifi, dafi es hineinfuhrt
in eine geistige Welt, da$ es entwickelt werden kann,
immer hotter und hoher hinaufgesteigert werden und
dann zu einer unmittelbaren Anschauung, zu einem
Erlebnis in der geistigen Welt fuhren kann. Was einfe
solche gesteigerte Anschauung den Menschen, welche sie
suchen, bringen kann, das ist der Inhalt der wahren
Geisteswissenschaft. Das soil uns in den kommenden
Vortragen beschaftigen: Ergebnisse einer solchen Wis-
senschaft, die zu ihren Quellen hat die entwickelten
verborgenen Fahigkeiten der Menschenseele, durch die
der Mensch hineinschaut in eine geistige Welt, wie ihm
durch die aufieren Sinneswerkzeuge hineinzuschauen ge-
stattet ist in die Welt der Chemie, der Physik und so
weiter.
Nun kann man aber die Frage aufwerfen: Gibt es nur
heute diese Moglichkeit, verborgene, in der Seele
schlummernde Erkenntnisfahigkeiten zu entwickeln,
oder hat es diese Moglichkeit zu alien Zeiten gegeben?
Ein Blick, der eben im geisteswissenschaftlichen Sinne
hinschweift iiber das, was in der menschlichen Geschich-
te geschehen ist, lehrt uns nun, daft es uralte Weisheits-
schatze gegeben hat, die sich zum Teil zusammenge-
drangt haben in dem, was dann in dem charakterisierten
mittleren Zeitraum in Schriften, in Uberlieferungen der
Menschheit geblieben war. Weiter lehrt uns diese Gei-
steswissenschaft, daft es heute wiederum moglich ist, der
Menschheit nicht nur das Alte zu verkiinden, sondern
iiber dasjenige zu sprechen, was die menschliche Seele
heute selber vermag durch Entwickelung der in ihr
schlummernden Fahigkeiten und Krafte, so daft die ge-
sunde Urteilskraft - auch wenn der Mensch nicht selber
in die iibersinnliche Welt hineinzuschauen vermag - die
Mitteilungen der Geistesforscher verstehen kann. Was
Goethe zunachst damals, als er jenen Ausspruch gegen
Kant tat, mit «anschauender Urteilskraft» im Auge hatte,
das ist in gewisser Beziehung der Anfang des heute
keineswegs unbekannten Erkenntnisweges nach auf-
warts. Die Geisteswissenschaft wird, wie wir sehen wer-
den, in die Lage versetzt, hinzuweisen darauf, daft es
verborgene Erkenntniskrafte gibt, welche in verschie-
denen Stufen hinaufgehen und dadurch immer mehr und
mehr hineindringen in die geistige Welt.
Wenn wir von Erkenntnis sprechen, so sprechen wir
zunachst von der Erkenntnis der gewohnlichen Welt,
der «gegenstandiichen Erkenntnis»; wir sprechen dann
von der «imaginativen Erkenntnis » - wobei aber der
Ausdruck «imaginativ» als ein « terminus technicus» ge-
braucht ist, ebenso wie die andern -; wir sprechen von
der «inspirierten» Erkenntnis und endlich von der wah-
ren «intuitiven» Erkenntnis. Das sind Entwickelungs-
stufen, die die Seele durchmacht bei ihrem Weg in die
iibersinnliche Welt hinauf. Das sind aber auch Entwicke-
lungsstufen, die im Sinne der heutigen Seelenverfassung
der eigentliche Geistesforscher durchmacht. Ahnliche
Wege haben auch die alten Geistesforscher durchge-
macht. Aber Geistesforschung hat als solche keinen
Sinn, wenn sie nur das Besitztum einiger Weniger sein
sollte. Geistesforschung ist ja nicht etwas, was sich nur
richten kann an kleine Kreise. GewifL was der wissen-
schaftliche Forscher zu sagen hat iiber die Natur der
Pflanze, was er zu sagen hat iiber gewisse Vorgange in
der tierischen Welt, davon kann jemand sagen: Diese
Wissenschaft kann der Menschheit dienen, auch wenn
sie das Besitztum kleiner Kreise, der Botaniker, der
Zpologen und so weiter ist. - Das ist bei der Geistesfor-
schung nicht der Fall. Geistesforschung hat es zu tun mit
solchen Dingen, die fur jede Menschenseele Lebensbe-
diirfnis sind; sie hat es zu tun mit Fragen, die zusam-
menhangen mit des Menschen gerechtfertigten innersten
Seelenfreuden und Seelenleiden; mit solchen Dingen,
durch deren Wissen der Mensch imstande ist, sein
Schicksal zu ertragen, so zu ertragen, daft er es mit
innerer Befriedigung und innerer Beseligung erlebt, auch
wenn es leidvoll und schmerzvoll ist. Fragen, ohne deren
Beantwortung der Mensch verodet und leer wurde in
seinem Innern, das sind die Fragen der Geisteswissen-
schaft. Fragen der Geisteswissenschaft sind nicht solche,
die da nur fur engste Kreise beantwortet werden kon-
nen, sondern die jede menschliche Seele, auf welcher
Entwickelungs- und Bildungsstufe sie auch stehe, interes-
sieren miissen, weil deren Beantwortung geistiges Le-
bensbrot ist fur eine jegliche Seele. So aber war es
immer, zu alien Zeiten. Wenn Geisteswissenschaft so zur
Menschheit sprechen will, dann mufi sie die Mittel und
Wege finden, urn verstanden zu werden; sie mu6 ver-
standen werden konnen von denjenigen, die sie verste-
hen wollen; das heifit, sie mufi sich richten an diejenigen
Krafte, welche gerade zu einem gewissen Zeitalter in der
Menschenseele ausgebildet sind, um den Mitteilungen
des Geistesforschers einen Widerhall zu geben. Da sich
das Menschengeschlecht andert von Epoche zu Epoche
und immer neue Seelenbeschaffenheiten auftreten, so
ist es natiirlich, dafi Geisteswissenschaft einstmals iiber
die brennendsten Seelenfragen anders urteilen mufite als
heute. Im grauen Altertum muftte zu einer Menschheit
gesprochen werden, die nicht verstanden hatte, wenn so
gesprochen worden ware wie heute; denn die Seelen-
krafte, welche heute entwickelt sind, waren im grauen
Altertum nicht vorhanden. Man hatte zu den Menschen
gesprochen, wie wenn man etwa zu Pflanzen sprache,
wenn man so gesprochen hatte, wie heute der Geistesfor-
scher sprechen mufi. Daher mufite in alten Zeiten der
Geistesforscher sich anderer Mittel bedienen, als das
heute der Fall ist. Und wenn wir zuriickblicken auf
graue Vorzeiten, so lehrt uns die Geisteswissenschaft
selber: um Antwort geben zu konnen in der Art und
Weise, wie es die Menschheit der grauen Vorzeit nach
ihren damaligen Seelenkraften brauchte, mufite auch der-
jenige, der sich fur das Hineinblicken in die geistige Welt
vorbereitete, friiher sich anders dazu vorbereiten; er
muftte selber in seiner Seele andere Krafte entwickeln,
als sie der Geistesforscher heute entwickeln muE, um in
solchen Formen zu sprechen, wie es fur die heutige
Menschheit notig ist.
Diejenigen, welche diese in der Seele schlummernden
Krafte entwickeln, um hineinschauen zu konnen in die
geistige Welt und dort geistige Wesenheiten zu sehen,
wie man in der physischen Welt Steine, Pflanzen und
Tiere sieht, nennt man heute in der Geisteswissenschaft
und hat sie immer genannt «Eingeweihte» oder «Initi-
ierte»; und man spricht von demjenigen, was die Seele
durchzumachen hat, urn zum Hineinschauen in die gei-
stige Welt zu kommen, von «Einweihung» oder «Initia-
tion». Der Weg aber zu dieser Einweihung war anders in
alten Zeiten; und er ist anders in unseren neueren Zeiten,
weil die Mission der Geisteswissenschaft immer eine
verschiedene ist. Die alte Initiation, welche diejenigen
durchzumachen hatten, die zu den Menschen der Vor-
zeit zu sprechen hatten, fuhrte diese Menschen auch
hinauf zum unmittelbaren Erleben der geistigen Welt;
sie konnten hineinschauen in Reiche um den Menschen
herum, die hoher sind als das, was die Sinne um uns
herum schauen konnen. Aber diese Menschen schauten
auf eine solche Art hinein, dafi sie ihre Anschauung
umwandelten, so dafi das Geschaute dann von den Men-
schen in einem Symbolum, in einem Sinnbild verstanden
werden konnte. Sinnbildlich konnten die alten Einge-
weihten nur ausdriicken, was sie erschauten. Solche
Sinnbilder erstreckten sich auf den ganzen Umfang des-
sen, was den Menschen interessiert an der Welt. Und
solche Sinnbilder aus einer wirklichen Welterfahrung
sind uns erhalten in den Mythen und Sagen, die aus den
verschiedensten Zeiten von den verschiedensten Volkern
vorhanden sind. Solche Mythen und Sagen sind nur fur
den griinen Tisch der Gelehrsamkeit - nicht fur wahre
Forschung - etwas, was aus der «Volksphantasie» ent-
sprungen ist. Fur denjenigen, der die Tatsachen kennt,
sind Mythen und Sagen herausgeschopft aus den An-
schauungen der Geistesforscher, und in einer jeglichen
wirklichen Mythe und Sage haben wir zu sehen ein
aufieres Bild fur etwas, was der Geistesforscher in seiner
geistigen Anschauung erlebt hat; oder mit einem Wort
Goethes: Was er mit Geistesaugen gesehen, mit Geistes-
ohren gehort hat. Dann erst werden tins Sagen und
Mythen begreiflich, wenn wir sie auffassen als Sinnbilder
fur eine wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt.
Es sind das zunachst diejenigen Sinnbilder, durch die
man zu dem weitesten Umkreis des Volkes sprach. Denn
was sich heute der Mensch einbildet, da£ die Menschen-
seele immer so gewesen ware, wie sie gerade in diesem
Jahrhundert ist, das ist nicht der Fall. Die Menschenseele
hat sich geandert; ihre ganze Empfanglichkeit war friiher
eine andere. Die Menschenseele war befriedigt, wenn sie
dieses Bild, das im Mythos gegeben war, empfing; denn
dadurch wurde die Seele angeregt, dasjenige, was sie
auften sah, in einer viel unmittelbareren Anschauung vor
sich zu haben. Heute ist die Mythe eine Phantasie. Wenn
aber friiher der Mythos sich in die Menschenseele hinein-
senkte, stand vor der Menschenseele das, was die Ge-
heimnisse der menschlichen Natur sind. Und wenn die
Seele auf die Wolken, auf die Sonne und so weiter sah,
so geschah das in der Weise, dafi sich fur sie notwendig
ein Verstandnis dessen ergab, was sie vor Augen hatte,
wenn sie den Mythos hatte. Fur eine kleinere Anzahl
wurde dann das, was man hoheres Wissen nennen konn-
te, in den Symbolen gegeben. Wahrend man heute ge-
radeaus redet und reden mufi, konnte man dasjenige,
was die Seele des alten Weisen oder Eingeweihten erleb-
te, nicht ausdriicken in unseren Seelenkraften; denn die
hatte weder der Eingeweihte, noch hatte sie sein Zuho-
rer. Diese Krafte wurden erst entwickelt. Man konnte
sich nur ausdriicken, wenn man sich der Sinnbilder
bediente. Diese Sinnbilder sind in einer Literatur erhal-
ten, welche dem Menschen heute hochst merkwiirdig
vorkommt. Heute wird der Mensch Gelegenheit haben,
insbesondere wenn neben dem Erkenntnisdrang auch die
Neugierde erweckt ist fur solche Sachen, da oder dort
manches alte Buch - ich hatte bald gesagt: manchen alten
Schmoker - vor Augen zu bekommen, wo sich wunder-
bare Bilder befinden, welche symbolisch zum Beispiel
den Zusammenhang der Planeten ausdnicken; wo ir-
gendwelche geometrische Figuren sind, Dreiecke, Vier-
ecke und so weiter. Wer mit den heute entwickelten
Erkenntniskraften an diese Bilder herantritt, der wird,
wenn er nicht gerade seine Seele in dieser Richtung
entwickelt hat, dafi er Geschmack daran findet, aus
unserer heutigen Bildung heraus sagen: Was kann man
mit all diesem Zeug anfangen? Was kann man anfangen
mit dem, was uns da als sogenannter «salomonischer
Schlussel» als symbolische Figur iiberliefert ist, mit die-
sen Dreiecken, Vierecken und so weiter?
Gewifi, auch der Geistesforscher wird Ihnen sagen:
fur den heutigen Menschen ist vom Standpunkte der
heutigen Bildung aus zunachst nichts damit anzufangen.
Dazumal aber, als diese Bilder den Schiilern iiberliefert
worden sind, da wurde dadurch wirklich in den Seelen
etwas erweckt. Heute ist die Menschenseele anders. In
der Zeit, wo die Menschenseele sich entwickeln mufi,
um auf die Fragen der Natur und des Lebens in der
heutigen Weise zu antworten, da kann der Seele nicht
aufgehen der innere Trieb, derartiges so anzuschauen,
wie man es zum Beispiel tat bei den zwei ineinander
verschlungenen Dreiecken, das eine mit der Spitze nach
oben, das andere mit der Spitze nach unten. Wenn dieses
Bild friiher einem Menschen vor die Augen trat, da regte
und riihrte sich beim Anschauen etwas in seiner Seele;
da sah die Seek in etwas hinein. So wie heme das Auge
durch das Mikroskop etwas sieht, wie zum Beispiel die
Pflanzenzellen, was es ohne das Mikroskop nicht sehen
kann, so dienten als Werkzeuge fur die Seele diese
symbolischen Figuren. Da sah man, wenn man den
sogenannten salomonischen Schliissel in der Seele als
Vorstellung hatte, in die geistige Welt hinein, wie man
eben mit der blofien Seele nicht in die geistige Welt
hineinsieht. So ist aber die Seele heute nicht mehr. Daher
kann auch, was in solchen alten Schriften aus den Ge-
heimnissen der geistigen Welt iiberliefert worden ist,
nicht mehr in demselben Mafie «Wissenschaft» sein; und
diejenigen, welche es heute als Wissenschaft ausgeben
oder noch im 19. Jahrhundert als Wissenschaft ausgege-
ben haben, die tun etwas, was nicht mehr sachgemafi ist.
Das ist auch der Grund, warum Sie mit solchen Schrif-
ten, wie es zum Beispiel diejenigen von Eliphas Levy
sind, vom Standpunkte der heutigen Bildung aus nichts
mehr werden anfangen konnen. Es ist eben fur unsere
Zeit etwas Antiquiertes, wenn solche Symbole heute
gegeben werden, die die geistige Welt erklaren sollen.
Aber es war in friiheren Zeiten die Art und Weise der
Geisteswissenschaft, entweder in den gewaltigen Bildern
der Mythen und Sagen, oder aber in solchen Symbolen
zur menschlichen Seele zu sprechen.
Dann kam die Zeit, wo anders zu der menschlichen
Seele gesprochen werden mufite. Das war jene Zwischen-
zeit, wo sich die Erkenntnisse der geistigen Welt in
schriftlicher oder mundlicher Uberlieferung von den
Vorfahren auf die Nachkommen verpflanzten. Wir kon-
nen, auch wenn wir nur das aufiere Leben studieren,
handgreiflich hinweisen, wie sich das fortpflanzte. Es
gab zum Beispiel eine gewisse Sekte im nordlichen Afri-
ka zur Zeit der Entstehung des Christentums; man
nennt sie die «Therapeuten». Von dieser Sekte sagt ein
Mann, der in ihre Erkenntnisse eingeweiht war, daft sie
alte Urkunden hatten, die herriihrten von ihren Begriin-
dern, die selber noch in die geistige Welt hineinschauen
konnten; was ihre Nachfolger eben nur lesen konnten in
den Schriften, die sie ihnen hinterlassen hatten; oder was
hochstens diejenigen sehen konnten, die sich durch ihre
Seelenanlage hinaufentwickelt hatten in die geistige Welt.
Das ist fur eine alte Zeit gesagt. Wir konnen aber
hineingehen in das Mittelalter und finden da, wie gewis-
se bedeutende Geister betonen: Wir haben gewisse Er-
kenntniskrafte, wir haben einen menschlichen Verstand,
dann andere Erkenntniskrafte, welche hinaufreichen, um
gewisse Geheimnisse des Daseins zu begreifen. Aber es
gibt Geheimnisse, Mysterien des Daseins, die miissen
geoffenbart sein; die konnen wir nicht sehen, wenn wir
unsere Erkenntniskrafte entfalten, die konnen wir nur
suchen in den Schriften!
So entstand der grofte Zwiespalt bei den Geistern des
Mittelalters zwischen dem, was man durch den Verstand
wissen kann, und dem, was man glauben mufi, weil es
iiberliefert, geoffenbart ist. Und scharf wird - ganz im
Sinne der damaligen Zeit - die Grenze zwischen beidem
hingestellt. Gewift, fur die damalige Zeit war das berech-
tigt; denn in der Art waren die Seelenkrafte nicht mehr,
daft man gewisse mathematische Zeichen hatte sinnbild-
lich anwenden und dadurch Erkenntnisse hervorrufen
konnen in der Seele. Diese Zeit war vorbei. Bis hinein in
die neuere Zeit gab es fur die Seele nur eines fur das
Erfassen des Ubersinnlichen: den Blick hinwenden auf
das eigene Innere; was zum Beispiel ein Augustinus
teilweise getan hat.
So also hatte der Mensch die Moglichkeit verloren, in
der aufieren Welt etwas zu sehen, was ihm tiefere innere
Geheimnisse verriet. Er konnte in den Symbolen nichts
anderes mehr sehen als Phantasiegebilde. Nur das eine
gab es noch, dafi man ihm die iibersinnliche Welt so
hinstellte, dafi sie dem entsprach, was in ihm selber
iibersinnlich war; dafi man ihm sagte: Du hast ein
Denken; dieses Denken ist in Raum und Zeit begrenzt;
aber in der geistigen Welt ist ein Wesen, das ein AU-
Denken ist. Du hast eine begrenzte Liebe, aber in der
geistigen Welt ist ein Wesen, das eine All-Liebe ist!
Wenn man dem Menschen die geistige Welt veranschau-
lichte an dem, was er selber im Innern erlebte, dann
erweiterte sich sein Inneres zu dem Anschauen der
gottlich durchlebten Natur; dann hatte er ein Gottesbe-
wufttsein. Aber iiber die Einzelheiten konnte er sich nur
Auskiinfte holen aus den alten Schriften; denn er hatte
nichts mehr, was ihn selbst in die geistige Welt hinein-
fiihren konnte.
Nun kamen die neueren Zeiten, welche gerade den
Stolz der Naturwissenschaft gebracht haben. Das sind
die Zeiten, wo nicht etwa blofi bei denjenigen, welche
die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erlangen konn-
ten, sondern wo bei alien Menschen Fahigkeiten hervor-
gerufen wurden, die iiber das Sinnliche hinaus zunachst
ein Verstandnis entwickeln konnten. Da entwickelte sich
das, was in der menschlichen Seele verstehen kann, dafi
nicht das Sinnenbild das Richtige ist, sondern was als
Erkenntniskraft einsehen kann, dafi die Wahrheit dem
Sinnenschein widerspricht. Was sich so in der Seele
heranentwickelt hat, da£ es die aufiere Natur so an-
schauen kann, wie sie sich nicht in der Sinnenwelt
darstellt, das werden immer mehr diejenigen verstehen
lernen, welche heute als Geistesforscher in die geistige
Welt hinaufdringen, und die dann erzahlen, dafi man
da ebenso eine geistige Welt und geistige Wesenheiten
sieht, wie man hier die sinnliche Welt mit Tieren, Pflan-
zen und Mineralien sieht.
So raufi der Geistesforscher sprechen fur diejenigen
Gebiete, welche dem heutigen Verstandnis naheliegen.
Und wir werden sehen, wie die Symbole, wahrend sie
fniher Mittel waren zu einer Erkenntnis der geistigen
Welt, heute Mittel geworden sind fur eine geistige Ent-
wickelung. Wahrend zum Beispiel der «salomonische
Schliissel» friiher in der Seele hervorgerufen hatte eine
wirkliche geistige Erkenntnis, tut er das heute nicht
mehr. Wenn aber die Seele auf sich wirken lafit, was ihr
der Geistesforscher klarmachen kann, dann fangt in der
Seele sich etwas zu regen an, was sich allmahlich hinauf-
entwickeln kann in die geistige Welt, und wenn es in der
geistigen Welt Schauungen hat, kann es zu den Men-
schen heute so sprechen, dafi es das Geschaute in dersel-
ben Logik ausdriicken kann, welche auch die Logik fiir
die aufiere Wissenschaft ist. Daher mufi die heutige
Geisteswissenschaft oder Geheim wissenschaft so spre-
chen, da£ sie ein jeder einsehen kann, der nur seinen
Verstand umfassend genug anwendet. Was der Geistes-
forscher heute mitzuteilen hat, das muS er kleiden in die
Begriffsformen, welche heute auch in der andern Wissen-
schaft iiblich sind; denn sonst wiirde er nicht demjenigen
Rechnung tragen, was heutige Zeitbediirfnisse sind. Hin-
einschauen kann so nicht gleich jeder in die geistige
Welt; aber weil die entsprechenden Verstandes- und
Gemiitskrafte in jeder Seele ausgebildet sind, so ist die
Geisteswissenschaft, wenn sie richtig gebracht wird, et-
was, was jeder heute mit seiner gewohnlichen Vernunft
begreifen kann. Der Geistesforscher ist heute wieder in
der Lage, etwas hinzustellen, wovon unser einsamer
Denker sich gesagt hat: «Der Mensch ist seinem Wesen
nach ein Ebenbild der Gottheit.» Wollen wir den Men-
schen physisch begreifen, so schauen wir hin auf das,
was der Mensch physisch erforschen kann. Wollen wir
begreifen, was der Mensch innerlich, geistig ist, dann
weisen wir auf eine Welt, die der Geistesforscher geistig
erforschen kann. Da zeigt sich, dafi der Mensch nicht
nur etwas ist, was mit der Geburt oder der Empfangnis
ins Dasein tritt, und was mit dem Tode wieder hinaus-
geht; sondern es zeigt sich, daft der Mensch au£er
seinem physischen Teil iibersinnliche Glieder hat. Er-
kennt man die Natur dieser iibersinnlichen Glieder, so
dringt man ein in das Reich, wo nicht nur Glauben,
sondern Wissen ist. Und wenn Kant an der Abendrote
einer alten Zeit gesagt hat: Den kategorischen Imperativ
konnen wir erkennen; durch eine Anschauung hinein-
dringen in das Reich von Freiheit, gottlichem Dasein
und Unsterblichkeit kann kein Mensch -, so hat er damit
nur die Erfahrung seiner Zeit zum Ausdruck gebracht.
Eine Geisteswissenschaft wird zeigen, dafi es moglich ist,
in eine geistige Welt einzudringen. Sie wird zeigen: Eben-
so wie das mit dem Mikroskop bewaffnete Auge in eine
Welt eindringen kann, welche dem unbewaffneten Auge
nicht zuganglich ist, ebenso kann die mit den Mitteln
der Geisteswissenschaft ausgeriistete Seele eindringen in
eine der unbewaffneten Seele verschlossene geistige Welt,
in der Liebe, Gewissen, Freiheit und Unsterblichkeit
erkannt werden konnen, wie in der au£eren physischen
Welt Tiere, Pflanzen und Mineralien erkannt werden kon-
nen. — Das kann als etwas mitgeteilt werden, was in
den nachsten Vortragen weiter ausgefiihrt werden soil.
Wenn wir nun die Beziehungen des Geistesforschers
zu seinem Publikum betrachten und dabei noch einmal
den Blick richten auf die Geisteswissenschaft in der alten
Zeit und in der neueren Zeit, so konnen wir sagen: Die
Sinnbilder, die der Geistesforscher der alten Zeit zu
verwenden hatte, wirkten unmittelbar auf die mensch-
liche Seele. Was wir heute die Verstandes- und Vernunft-
krafte nennen, war noch nicht vorhanden. Die Bilder
wirkten unmittelbar, und man sah dadurch hinein in eine
geistige Welt, so dafi der Geistesforscher der alten Zeiten
den Menschen nicht so gegeniiberstand, dafi sie durch
ihre Vernunft hatten priifen konnen, was er ihnen durch
diese Sinnbilder iiberlieferte. Man kann sagen: es wirk-
ten diese Sinnbilder wie suggestiv, wie eine Eingebung;
man war von ihnen hingenommen, hingezwungen; man
vermochte nichts dagegen. Wem daher ein solches Bild
gegeben wurde, der war, wenn es nicht richtig war, in
jenen alten Zeiten geradezu ausgeliefert an diejenigen,
welche ihm dieses Bild als ein falsches gaben; denn es
wirkte unmittelbar! Daher war es in den alten Zeiten
aufierordentlich bedeutungsvoll, daft diejenigen, welche
hinaufstiegen in die geistige Welt, den festen Glauben,
das absolutes te Vertrauen erwecken konnten, daft sie
zuverlassig waren; und wenn sie das mifibrauchten, was
sie vermochten, dann war eine Macht in ihren Handen,
die sie in der schlimmsten Weise ausbeuten konnten.
Deshalb gibt es in der Geisteswissenschaft neben den
Glanzzeiten auch Zeiten des Verfalls; Zeiten, in denen
miftbraucht wurde die Kraft und Macht der Einge-
weihten, die nicht zuverlassig waren. So hing es in einem
hohen Grade in den alten Zeiten blofi von dem Einge-
weihten ab, wie er sich zu seinem Publikum verhielt.
Das ist nun in der Gegenwart - man konnte sagen: Gott
sei Dank! - etwas anders geworden. Es andert sich nicht
alles auf einmal. Daher ist es auch heute noch notwen-
dig, dafi der Eingeweihte ein zuverlassiger Mensch ist;
und ist er das, dann ist es gerechtfertigt, dafi man ihm
wirkliches Vertrauen entgegenbringt. Aber in einer ge-
wissen Beziehung ist der heutige Mensch doch schon in
einem anderen Verhaltnis zum Geistesforscher als frii-
her. Denn heute mu£ der Geistesforscher so sprechen,
wenn er im Sinne seiner Zeit spricht, dafi jeder unbe-
fangene Verstand, der einsehen will, auch einsehen kann.
Das ist naturlich noch weit davon entfernt, dafi nun ein
jeder auch einsehen miilke, der einsehen konnte. Aber
die Vernunft kann heute Richterin sein iiber das, was
man einsehen kann, und daher soil derjenige, der sich
der Geisteswissenschaft ergibt, seine unbefangen wirken-
de Vernunft uberall anwenden.
Das wird die Mission der Geisteswissenschaft von
heute sein: durch die Entwickelung der verborgenen
Krafte hinaufzusteigen in eine geistige Welt, wie die
moderne Physiologie durch das Mikroskop hinunter-
steigt in eine Welt der kleinsten Lebewesen, die das
unbewaffnete Auge nicht sieht. Und die allgemeine Ver-
nunft wird die Ergebnisse der Geistesforschung priifen
konnen, wie sie die Ergebnisse des Physiologen, des
Botanikers und so weiter priifen kann. Denn die gesund
wirkende Vernunft wird sich sagen konnen: Es stimmt
das alles uberein! Der heutige Mensch wird dazu kom-
men, zu sagen: Meine Vernunft sagt mir, daft es so sein
kann; es kann einem einleuchten, wenn man sich seiner
Vernunft bedient, was der Geistesforscher zu sagen hat.
Und so soli der Geistesforscher sprechen, wenn er sich
wirklich fiihlt als innerhalb der Mission der Geisteswis-
senschaft in der Gegenwart stehend. Aber es wird auch
heute eine Ubergangszeit geben. Denn es konnten da-
durch, dafi die Mittel zur geistigen Entwickelung da
oder dort vorliegen, und die Menschen sie auch unrich-
tig anwenden konnen, manche Leute sich hinaufleben in
eine geistige Welt, wenn ihr Sinn nicht rein, wenn ihr
Pflichtgefiihl nicht heilig und ihr Gewissen nicht untriig-
lich ist. Dann werden sie aber durch das Hinaufdringen
in eine iibersinnliche Welt statt zum Geistesforscher zu
einem solchen werden konnen, der nicht durch das
eigene Erlebnis wissen kann, ob die Dinge den Tatsa-
chen entsprechen; dann werden solche angeblichen Gei-
stesforscher auch dementsprechende Dinge mitteilen.
Und da die Menschen auf der andern Seite nur langsam
und allmahlich hinaufsteigen konnen im Gebrauch ihrer
Vernunftkrafte zum Verstandnisse dessen, was die Gei-
stesforscher sagen, so wird gerade auf diesem Gebiet die
Scharlatanerie, der Humbug, der Aberglaube iippige Blii-
ten hervorbringen konnen. Aber der Mensch ist heute
doch schon in einer anderen Lage. In gewisser Weise hat
es sich heute doch schon selber zuzuschreiben, wer aus
einer gewissen Neugier heraus, ohne seine Vernunft
anwenden zu wollen, auf blinden Glauben hin denen,
die sich als Geistesforscher ausgeben, zulauft. Weil die
Menschen eben noch zu bequem sind, die Vernunft
selber anzuwenden, und sich lieber einem blinden Glau-
ben hingeben, als selbst zu denken, deshalb ist es in
unserer Zeit moglich, dafi an die Stelle des alten, seine
Macht mifibrauchenden Eingeweihten durch unsere
Entwickelung leicht der moderne Scharlatan tritt, der
bewufit oder unbewufk nicht die Wahrheit, sondern
etwas von ihm selber vielleicht fur wahr Gehaltenes den
Menschen aufbindet. Das kann noch sein, weil wir heute
am Anfange einer Entwickelung stehen.
Gegen nichts aber soil der Mensch seine gesunde
Vernunft mehr aufbieten als gegen das, was ihm aus der
Geisteswissenschaft heraus geboten werden kann. Man
kann einen Teil der Schuld in sich selber suchen, wenn
man auf Scharlatanerie und Humbug hereinfallt; denn
sie werden noch weithin iippig treibende Bliiten tragen -
und haben sie schon getragen in unserer Zeit. Das ist
auch etwas, was bei der Erwahnung der Mission der
Geisteswissenschaft in unserer Zeit nicht unberiicksich-
tigt bleiben darf.
Wer aber in unserer Zeit dem Geistesforscher zuhort
und nicht mit einer willkiirlichen, alles gleich in Zweifel
ziehenden und abweisenden Vernunft -, sondern mit
einer gesunden Vernunft alles priift, der wird schon ein
Gefuhl dafiir haben konnen, wie die Geisteswissenschaft
dem Menschen Trost und Hoffnung bringen kann in
schweren Stunden und Aufklarung in bezug auf die
grofien Ratselfragen des Daseins. Der Mensch wird heu-
te ein Gefuhl dafiir erhalten konnen, dafi die groften
Ratselfragen des Daseins, die grofien Schicksalsfragen ge-
lost werden konnen aus der Geisteswissenschaft; er wird
wissen konnen, was von ihm geboren wird und stirbt,
und was ewiger Wesenskern in dem Menschen ist. Kurz : es
wird heute dem Menschen moglich sein - und dafiir sollen
die nachsten Vortrage einige, wenn auch wenige Belege
bringen -, wenn er den guten Willen hat und die Kraft
entfalten will durch Aufnehmen und In-sich-Verarbei-
ten der Mitteilungen der Geisteswissenschaft, daft er
sich aus seinem innersten Gefuhl heraus sagen kann:
Wahr ist es, was der junge Goethe ahnend gesagt hat,
was der alte Goethe uns in jeder Zeile, die er in der Reife
seines Lebens geschrieben hat, mitteilen wollte, was er
seinen Faust sagen lafit, daft der Weise spricht:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf! bade, Schiiler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!
Morgenrot des Geistes!
DIE MISSION DES ZORNES
«Der gefesselte Prometheus »
Munchen, 5. Dezember 1909
Wenn man sich von dem Gesichtspunkte aus, von dem
aus hier das Seelenleben betrachtet werden soil, in die
menschliche Seele vertieft, kann einem immer wiederum
der uralte Ausspruch des griechischen Weisen Heraklit
in den Sinn kommen: Einer Seele Grenzen kannst du
niemals finden, und wenn du auch alle Straften abliefest;
so umfassend ist der Seele Wesen. - Vom Seelenleben
soli hier gesprochen werden nicht in dem Sinne, wie es
wohl gegenwartig haufig geschieht vom Standpunkte
landlaufiger Seelenlehre oder Psychologie aus, sondern
es soli von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
aus gesprochen werden. Geisteswissenschaft steht fest
auf dem Boden, daft sich hinter allem, was den aufteren
Sinnen gegeben ist, was dem an die aufteren Sinne
gebundenen Verstande gegeben ist, als Quell und als
Urgriinde dieses aufteren Daseins ein wirkliches, reales
Geistiges findet; und daft der Mensch imstande ist,
dieses Geistige auch wirklich zu erforschen. Es ist ja
ofter in diesen Vortragen hier angefuhrt worden, wo-
durch sich diese Geisteswissenschaft oder Theosophie
unterscheidet von so mancherlei Standpunkten der heuti-
gen Gegenwart, und nur kurz soil an diese Unterschiede
erinnert werden. Gewohnlich spricht man im aufteren
Leben und in der aufteren Wissenschaft davon, daft des
Menschen Erkennen an diese oder jene Grenze gebun-
den ist, daft man dieses oder jenes nicht erkennen konne,
weil nun einmal dem Menschen diese oder jene Grenzen
der Erkenntnis gesteckt seien. Und so wird der eine
vielleicht, wenn er nicht eine iibersinnliche, eine geistige
Welt ganz abweisen will, sagen: Lassen wir diese geistige
Welt auf sich beruhen, denn der Mensch kann ja doch
nur, weil er einmal geartet ist, wie er eben ist, in die
physische Welt eindringen und hochstens sich Vorstel-
lungen machen gemaft seinem Verstand iiber dasjenige,
was hinter dieser physischen Welt ist nach Hypothesen
und dergleichen. Ein anderer wird vielleicht, noch aus-
bauend diese Anschauung, sagen, es gehe uns iiberhaupt
eine iibersinnliche Welt gar nichts an. Die Geisteswissen-
schaft steht nicht auf diesem Boden, sondern sie sagt,
dasjenige, was Weltinhalt ist, ist unendlich; dasjenige,
was in die Erkenntnisse des Menschen hereinfallt ist
davon abhangig, dafS der Mensch Organe dafur hat.
Niemals wurde der Mensch darauf kornmen konnen,
daft es eine farbige und von Licht erfullte Welt gibt,
wenn er nicht Augen hatte; niemals wiirde ein Mensch
darauf kommen konnen, daft es eine von Tonen durch-
drungene Welt gibt, wenn er nicht Ohren hatte. Mit
jedem neuen Organ, mit jeder Moglichkeit eines neuen
Wahrnehmens erschlieftt sich eine neue Seite, ein neues
Gebiet der Welt. Und so steht Geisteswissenschaft auf
dem Boden, daft die Grenzen menschlicher Erkenntnis
nur jeweilige sein konnen; daft sie erweitert werden
konnen; daft in unserer Seele verborgene Fahigkeiten
liegen, die wir herausholen konnen aus ihr; und daft
geradeso wie bei dem Blindgeborenen, der operiert wird,
aus der Dunkelheit und Finsternis Licht und Farbe
herausdringen, bei demjenigen, der die verborgenen gei-
stig-seelischen Fahigkeiten in sich erweckt, aus der Welt,
die vorher nur so war, wie die aufteren Sinne sie vermit-
telten, dasjenige, was als Geistiges immer urn uns herum
ist, und was wir nur ohne die geistigen Organe nicht
erkennen konnen, herausdringen wird. Die Geisteswis-
senschaft oder Theosophie sagt nicht, da oder dort seien
Erkenntnisgrenzen, sondern: wie haben wir uns selber
umzubilden, um immer tiefer in diese Welt hineinzu-
dringen, um umfassendere Erlebnisse aus dieser Welt
heraus zu machen? Und immer wieder mull Geisteswis-
senschaft hinweisen auf das grofie Ereignis, durch das
der Mensch ein Geistesforscher wird, um in die geistigen
Welten hineinzusehen, wie der physische Forscher mit
dem Mikroskop in die physischen Welten hineinsieht.
Gegeniiber der geistigen Welt, mufi man allerdings sa-
gen, gilt das Goethesche Wort:
Geheimnisvoll am lichten Tag
Lafit sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit
Schrauben.
Ein aufierliches, aus Linsen oder sonstigen Bestand-
teilen zusammengesetztes Instrument hat der geisteswis-
senschaftliche Forscher nicht. Seine Seele selbst mufi er
umwandeln zu einem Instrument; dann erlebt er auf
hoherer Stufe jenen gewaltigen Augenblick der Erwek-
kung seiner Seele, da er hineinschauen kann in eine
geistige Welt, wie der operierte Blinde in eine Welt
hineinschauen kann, die er vorher nicht wahrgenommen
hat. Auch das ist des ofteren betont worden, dafi nicht
ein jeder Geistesforscher zu werden braucht, um heute
dasjenige anzuerkennen, was der Erweckte der Welt
mitzuteilen hat; denn wenn die Erkenntnisse der Geistes-
forschung mitgeteilt werden, dann genxigt fiir jeden Men-
schen der unbefangene Wahrheitssinn, die gewohnliche
Logik, um das anzuerkennen, was der Geistesforscher
mitzuteilen hat. Zum Forschen gehort das geoffnete
Auge des hellsichtigen Menschen; zum Anerkennen der
Mitteilungen gehort gesunder Wahrheitssinn; natiirli-
ches, unbefangenes, durch kein Vorurteil getriibtes Ge-
fiihl, natiirliche Verniinftigkeit. Darauf also kommt es
an, dafi wir Seelenlehre, Seelenbeobachtung im Smne
dieser Geistesforschung auffassen, wenn wir in den fol-
genden Vortragen zunachst iiber einige den Menschen
interessierende Eigenschaften dieser Seele zu sprechen
haben. Gerade wie nur derjenige in Wasserstoff, Sauer-
stoff und anderen chemischen Elementen forschen kann,
der sich die Fahigkeiten dazu erwirbt, so kann nur
derjenige, dessen geistiges Auge geoffnet ist, hinein-
schauen in das, was seelisches Leberi ist. Um die Seele zu
erforschen, mufi man in der Lage sein, sozusagen in
seelischer Substanz Beobachtungen anzustellen. Da miis-
sen wir allerdings die Seele nicht als etwas Unbestimm-
tes, Nebuloses ansehen, in dem da herumschwirren Ge-
fiihle und Gedanken und Willensimpulse, sondern wir
miissen uns noch einmal heute skizzenhaft bekanntma-
chen mit dem, was in friiheren Vortragen hier iiber
denselben Gegenstand gesagt worden ist.
So wie wir den Menschen ansehen, so stellt er sich dar
als eine viel kompliziertere Wesenheit, als ihn die aufiere
Wissenschaft nimmt. Dasjenige, was die aufiere physi-
sche Beobachtung vom Menschen kennt, ist fiir die
Geisteswissenschaft nur ein Teil der menschlichen We-
senheit: der aufiere physische Leib, den der Mensch
gemeinschaftlich hat mit allem Mineralischen unserer
Umgebung. Da drinnen herrschen dieselben Gesetze,
wirken dieselben Substanzen wie in der aufieren, minera-
lisch-physischen Welt. Aber iiber das hinausgehend, an-
erkennen wir in der Geisteswissenschaft nicht blofi
durch logisches Schlieften, sondern durch Beobachtun-
gen ein zweites Glied der menschlichen Wesenheit: das-
jenige, was wir nennen den Atherleib oder Lebensleib.
Nur skizzenhaft konnen wir heute auf diese Gliederung
der menschlichen Natur hinweisen; denn unsere Aufga-
be ist eine ganz andere heute; sie mull sich nur auf die
Kenntnis dieser Gliederung der menschlichen Natur auf-
bauen. Den Atherleib oder Lebensleib nun hat der
Mensch nicht gemeinschaftlich mit demjenigen in seiner
Umgebung, was physisch-mineralisch ist, sondern mit
alledem, was lebt. Ich sagte, daft derjenige, der ein
Geistesforscher geworden ist, der die Seele zu einem
Instrument gemacht hat, um hineinzuschauen in die
geistigen Welten, diesen Ather- oder Lebensleib kennt
aus unmittelbarer Beobachtung. Aber auch der unbefan-
gene Wahrheitssinn kann, wenn er nicht durch die heuti-
gen Vorurteile getriibt ist, diesen Ather- oder Lebensleib
anerkennen. Denn nehmen wir den physischen Leib: er
hat in sich dieselben physischen, chemischen Gesetze
wie die auftere physisch-mineralische Welt. Wann zeigen
sich uns diese physischen Gesetze? Dann zeigen sie sich
uns, wenn der Mensch uns entgegentritt ohne das Leben.
Wo der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist,
da sehen wir, welches die dem physischen Leib eingebo-
renen Gesetze sind. Es sind diejenigen Gesetze, die den
Leib auflosen, die den Leib in ganz anderer Weise
beherrschen, als er beherrscht wird zwischen Geburt
und Tod. Dieselben Gesetze sind auch immer im physi-
schen Menschenleibe. Daft er ihnen nicht folgt, das
kommt daher, weil innerhalb dieses physischen Men-
schenleibes zwischen Geburt und Tod ein Kampfer
ist gegen den Zerfall des physischen Leibes, eben der
Ather- oder Lebensleib.
Dann unterscheiden wir ein drittes Glied der mensch-
lichen Wesenheit: den Trager von Lust und Leid, von
Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Lei-
denschaften, von alledem, was wir im Grunde genom-
men schon als Seelisches bezeichnen; aber eben den
Trager, nicht dieses Seelische selber. Ihn hat der Mensch
mit all den Wesen um ihn herum gemeinschaftlich,
welche eine gewisse Form des Bewufitseins haben, mit
den Tieren. Dieses dritte Glied der menschlichen Wesen-
heit nennen wir den astralischen oder Bewufitseinsleib.
Und damit haben wir erschopft, was wir die Leiblichkeit
des Menschen nennen. Drei Glieder hat diese Leiblich-
keit des Menschen: Physischer Leib, Ather- oder Lebens-
leib und Astral- oder Bewufitseinsleib. Innerhalb dieser
drei Glieder erkennen wir in dem Menschen dasjenige,
durch das der Mensch die Krone der Erdenschopfung
ist, das er nun nicht gemeinschaftlich hat mit irgend
etwas anderem. Es ist schon oft darauf hingewiesen
worden, dafi unsere Sprache in einem einzigen kleinen
Worte etwas hat, wodurch wir gerade hingefiihrt werden
auf dieses Innere des Menschen, durch das er die Krone
der Erdenschopfung ist. Den Blumenstraufi hier kann
ein jeder Blumenstraufi, die Uhr kann jeder Uhr, das
Pult kann jeder Pult, den Stuhl ein jeder Stuhl, die
Flamme ein jeder Flamme nennen. Eines gibt es aber,
was niemals als Name an unser Ohr klingen kann, wenn
es uns selber bedeutet, was als Name aus unserem
eigenen Innern herausspriefien mufi, wenn es uns selbst
bedeuten soil. Das ist dasjenige, was mit dem kleinen
Namen «Ich» ausgedriickt ist. Uberlegen Sie doch ein-
mal, ob das Wortchen «Ich» an Ihr Ohr klingen kann
von auften her, wenn es Sie selbst bedeutet. Wollen Sie
sich als Ich bezeichnen, dann raufi dieses Ich von Ihnen
selber herausklingen und die Bezeichnung fur Ihr inner-
stes Wesen sein. Daher sahen die grofien Religionen und
Weltanschauungen immer in diesem Namen den «unaus-
sprechlichen Namen» dessen, was eben von aufien nicht
bezeichnet werden kann; und wir stehen mit dieser
Bezeichnung «Ich» vor jener innersten Wesenheit des
Menschen, die man das gottliche Giied im Menschen
nennen kann. Damit machen wir den Menschen nicht zu
einem Gott. Ebensowenig wie wir den Tropfen, den wir
aus dem Meere herausnehmen, zum Meere machen,
wenn wir sagen: er ist gleicher Substanz mit dem ganzen
Meere; ebensowenig machen wir das Ich zu einem
Gotte, wenn wir sagen, es ist gleicher Substanz und
Wesenheit mit dem die Welt durchpulsenden und
durchwebenden Gottlichen.
Durch dieses sein eigentlich inneres Wesen unterliegt
der Mensch derjenigen Erscheinung der Welt, die die
Geisteswissenschaft in vollem Sinne ernst und real
nimmt; jener Erscheinung, deren Bezeichnung auf den
heutigen Menschen faszinierend zwar wirkt, die aber
doch in bezug auf den Menschen nur ernst und ehrlich
genommen wird von der Geisteswissenschaft. Es ist die
Tatsache des Lebens, die wir mit dem Worte Entwik-
kelung bezeichnen. Wie faszinierend wirkt dieses Wort
auf den Menschen der Gegenwart, wenn er hinweist auf
die niederen Lebewesen, die sich allmahlich heraufge-
bildet haben zu hoheren Stufen; wie faszinierend wirkt
es, wenn gesagt werden kann, der Mensch selber habe
sich von den niederen Daseinsformen heraufentwickelt
zu seiner jetzigen Hohe! Geisteswissenschaft nimmt das
Wort Entwickelung vor alien Dingen in bezug auf den
Menschen ernst. Sie macht darauf aufmerksam, dafi er,
indem er ein selbstbewufltes Wesen, ein Wesen mit einer
inneren, aus seinem Mittelpunkt herausquellenden Tatig-
keit ist, die «Entwickelung» ergreifen soil nicht blofi
dadurch, daft er hinausblickt in die Welt und sagt: Da
entwickelt sich Unvollkommenes zu Vollkommenerem,
sondern: weil er hineingestellt ist als ein tatiges Wesen,
darum mufi er selber Entwickelung machen. Nicht kon-
nen wir stehenbleiben mit dem Begriff der Entwickelung
vor demjenigen, was entstanden ist, sondern wir miissen
uns klar sein dariiber, daft der Mensch Entwickelung
machen mufi; dafi er die Stufe der Entwickelung, die er
erreicht hat, iiber sich hinaus fuhren mull; dafi er immer
neue Krafte entwickeln mufi, dafi er immer vollkom-
mener und vollkommener wird.
Die Geisteswissenschaft kommt nun zu einem entspre-
chenden Begriff der Entwickelung in bezug auf das
Menschenwesen, indem sie heute einen Satz zu vertreten
sucht, der fur ein anderes Gebiet seit gar nicht so langer
Zeit schon vertreten worden ist, und den die Geisteswis-
senschaft nun fur ein hoheres Gebiet heute in demselben
Stil zu vertreten sucht. Die Menschen denken nur ge-
wohnlich nicht daran, dafi noch im Beginne des 17.
Jahrhunderts nicht nur Laien, sondern auch die Gelehr-
samkeit geglaubt hat, dafi sich niedere Tiere einfach aus
Fluftschlamm entwickeln. Das beruht auf ungenauer Be-
obachtung; und es war der grofie Naturforscher Fran-
cesco Redi, welcher im 17. Jahrhundert zuerst den Satz
vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Lebendigem
kommen. - Wohlgemerkt, mit all den Einschrankungen,
wie es heute gemeint ist, sei dieser Satz hier angefuhrt.
Selbstverstandlich ist es so, dafi heute niemand glauben
wird, irgendein niederes Tier, ein Regenwurm, konne
aus Flufischlamm wachsen, sondern das ist ungenau
beobachtet. Wenn ein Regenwurm entstehen soil, so
muE ein Regenwurm-Keim da sein. Dennoch konnte im
17. Jahrhundert Francesco Redi nur mit genauer Not
dem Schicksal des Giordano Bruno entgehen. Denn er
war durch diesen Satz ein gewaltiger Ketzer geworden.
Nun, heute ist es nicht iiblich, da£ man Ketzer so
behandelt wie dazumal, wenigstens nicht in alien Gegen-
den der Erde; aber etwas anderes ist modern geworden
dafiir. Man betrachtet diejenigen, die heute etwas, was
augenblicklich widerspricht dem Glauben jener, die in
ihrem Hochmut den Gipfel aller Weltanschauung errun-
gen zu haben vermeinen, als Phantasten, als Trimmer,
wenn nicht als noch Schlimmeres. Das ist die heutige Art
von Inquisition in unseren Gegenden. Mag es sein. Es
wird doch demjenigen, was Geisteswissenschaft in bezug
auf Erscheinungen auf hoheren Gebieten ganz ahnlich
wie Francesco Redi auf niederem Gebiet behauptet,
ebenso ergehen wie jener Behauptung Redis. So wie er
den Satz vertreten hat: Lebendiges kann nur aus Leben-
digem kommen! - so hat Geisteswissenschaft den Satz
vertreten: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seeli-
schem entstehen! Und nichts anderes als eine Folge
dieses Satzes ist dasjenige, was man ofters heute bela-
chelt als den Ausflufi einer tollen Phantasie: Das Gesetz
von der Wiederverkorperung. Heute glauben zahlreiche
Menschen noch, wenn sie sehen, was als Seelisch-Gei-
stiges vom ersten Tag der Geburt an sich herausentwik-
kelt aus der Korperlichkeit, wenn sie sehen, wie aus der
ersten verwischten Physiognomie sich immer bestimm-
tere Gesichtsziige herausentwickeln, wie die Bewegun-
gen immer individueller und individueller werden, wie
immer mehr und mehr die Fahigkeiten herausquellen -
sie glauben, das sei eine Folge dessen, was physisch
gegeben ist als Vater, Mutter, Grofieltern, kurz, als
physische Ahnenreihe.
Eine ungenaue Beobachtung ist das, wie es eine unge-
naue Beobachtung war, als man geglaubt hat, da£ der
Regenwurm und andere niedere Lebewesen aus
Schlamm entstiinden. Nur weil man nicht zuriickzu-
gehen vermag mit der heutigen sinnenfalligen Anschau-
ung auf das Geistig-Seelische, aus dem dasjenige heraus
sich entwickelt hat, was wir heute als Geistig-Seelisches
vor uns haben, nur deshalb halt man das, was man auf
physische Vererbungsgesetze zuriickfuhrt, fur etwas,
was aus dem dunklen Untergrund des Physischen sich
heraushebt. Wir sehen in der Geisteswissenschaft zuriick
zu friiheren Erdenleben, in denen der Mensch die Anla-
gen zu den Fahigkeiten gelegt hat, die jetzt, in dieser
Verkorperung, herauskommen. Und wir betrachten das
heutige Leben zwischen Geburt und Tod als neue Ursa-
che von kunftigen Erdenleben. Seelisch-Geistiges ent-
steht nur aus Seelisch-Geistigem. Es wird die Zeit nicht
feme sein, in der dieser Satz so selbstverstandliche
Wahrheit sein wird, wie der Satz des Francesco Redi:
Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen - es seit
dem 17. Jahrhundert geworden ist. Nur ist jener Satz des
Francesco Redi eines eingeschrankten Interesses fahig;
der Satz aber, den die Geisteswissenschaft heute zu
vertreten hat: Geistig-Seelisches entwickelt sich aus Gei-
stig-Seelischem - der Mensch lebt nicht einmal, sondern
in wiederholten Erdenleben, und jedes Erdenleben ist
die Wirkung der friiheren Erdenleben und der Aus-
gangspunkt zahlreicher folgender Leben - der Satz hat
Interesse fur jeden Menschen. Alle Zuversicht des Le-
bens, alle Sicherheit in unserer Arbeit, die Losung alles
dessen, was als Ratsel uns entgegentritt, hangt an dieser
Erkenntnis. Der Mensch wird immer mehr und mehr
aus dieser Erkenntnis Kraft saugen fur alles Dasein,
Zuversicht und Hoffnung fiir dasjenige, was in die Zu-
kunft hinein wirken soil. Daher interessieren diese Satze
jeden Menschen.
Was ist es nun, was von Dasein zu Dasein arbeitet,
was in friiheren Erdenleben seinen Anfang genommen
hat, und was sich durch all die Erdenleben hindurch-
windet? Das ist das menschliche Ich, das mit jenem fiir
auftere Wesen unaussprechlichen Namen in unserer Spra-
che bezeichnet wird. Das Ich des Menschen geht von
Leben zu Leben, und so, indem es von Leben zu Leben
geht, vollzieht es die Entwickelung.
Wie geschieht diese Entwickelung? Dadurch geschieht
diese Entwickelung, dafi die drei niederen Glieder der
menschlichen Wesenheit von dem Ich aus bearbeitet
werden. Da haben wir den astralischen Leib, den Trager
von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieb,
Begierde und Leidenschaft. Betrachten wir einen auf
niedriger Stufe stehenden Menschen, dessen Ich noch
wenig gearbeitet hat zur Reinigung des astralischen Lei-
bes: er folgt mit seinem Ich als ein Sklave den Trieben,
Begierden und Leidenschaften. Vergleichen wir einen
solchen Menschen mit einem andern, hoherstehenden,
dessen Ich so gearbeitet hat am astralischen Leib, dafi es
umgewandelt hat die niederen Triebe, Begierden und
Leidenschaften in sittliche Ideale, in ethische Urteile,
dann haben wir zunachst ein Anfangsbild von der Arbeit
des Ich an dem astralischen Leib des Menschen.
So sehen wir das Ich von innen heraus arbeiten an den
Hiillen des Menschen, zunachst an der astralischen Hiil-
le, an der Bewufitseinshiille. Wir konnen also sagen: An
jedem Menschen, der heute vor uns steht, konnen wir
unterscheiden dasjenige, was sozusagen ohne seine Ar-
beit ihm mitgegeben ist im Dasein - denjenigen Teil des
astralischen Leibes, an dem das Ich noch nicht gearbeitet
hat, und denjenigen Teil, den das Ich bewufk schon
um gearbeitet hat. Denjenigen Teil des astralischen Lei-
bes, den das Ich schon verwandelt hat, den bezeichnen
wir mit Geistselbst oder Manas. Dann kann das Ich
starker und starker werden, und es wandelt dann auch
den Ather- oder Lebensleib um. Dasjenige, was das Ich
umgewandelt hat am Ather- oder Lebensleib, das be-
zeichnen wir als Lebensgeist. Und wenn das Ich immer
starker und starker wird, so dafi es die Kraft gewinnt, bis
in den physischen Leib hinein umgestaltend zu wirken,
so bezeichnen wir den Teil des physischen Leibes, der
dann umgearbeitet ist, der aber nicht gesehen werden
kann mit den gewohnlichen Augen, weil er iibersinnlich
ist, als eigentlichen Geistesmenschen.
So sehen wir, wie die Entwickelung geschieht. Die
aufieren Glieder des Menschen, die er ohne sein Zutun
erhalten hat, die gestaltet das Ich um.
Wir haben bis jetzt gesprochen von der bewufken
Umgestaltung des astralischen Leibes. Aber bevor das
Ich fahig geworden ist, so bewufit zu arbeiten, hat es
schon seit grauer Vorzeit unbewufit oder - besser gesagt
- unterbewufk gearbeitet an seinen drei aufieren Glie-
dern; und zunachst an dem astralischen Leibe, an dem
Trager von Lust und Leid, von Freude und Schmerz,
von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Und den
Teil des astralischen Leibes, den das Ich unbewufit um-
gearbeitet hat, den wir also heute schon als umgewan-
delten astralischen Leib in uns tragen, den bezeichnen
wir als das erste seelische Glied des Menschen, als die
Empfindungsseele. So also lebt das Ich im Innern des
Menschen, und es hat sich, bevor der Mensch so weit
zum Bewulksein gekommen ist, dafi er bewufit umarbei-
ten kann seine Triebe, Begierden und so weiter, in dem
astralischen Leibe die Empfindungsseele geschaffen. In
dem Ather- oder Lebensleibe hat das Ich geschaffen,
ohne dafi es bewuftt arbeiten konnte, im vorbewufiten
Zustande dasjenige, was wir bezeichnen als die Ver-
standes- oder Gemiitsseele. Wiederum in dem physi-
schen Leib hat das Ich sich geschaffen das Organ eines
inneren Seelengliedes, das wir bezeichnen als die Be-
wufkseinsseele. So dafi wir drei Seelenglieder, innerhalb
derer das Ich wirkt, im Menschen zu unterscheiden
haben: wir haben die Empfindungsseele, die Verstandes-
oder Gemiitsseele und die Bewufkseinsseele. Nicht ein
Verschwommenes, Nebuloses ist fur die Geisteswissen-
schaft diese menschliche Seele, sondern sie ist uns ein
inneres Wesensglied des Menschen, bestehend aus
Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemiitsseele und
Bewufkseinsseele.
Nun wollen wir uns einmal, da alle diese Betrach-
tungen sich auf diese drei Seelenglieder und die Arbeit
des Ich innerhalb derselben beziehen, vorhalten, wie wir
uns einen Begriff machen konnen von demjenigen, was
diese drei Seelenglieder sind, wie sie uns entgegentreten.
Der Geistesforscher kennt sie aus der unmittelbaren
Anschauung; aber auch durch die Verniinftigkeit konnen
wir uns einen Begriff davon machen. Da brauchen wir
uns zum Beispiel nur zu denken: die Rose sei vor uns.
Wir nehmen sie wahr. Solange wir sie wahrnehmen,
bekommen wir von aufien einen Eindruck. Wir nennen
das die Wahrnehmung der Rose. In dem Augenblick
nun, wo wir den Blick abwenden von der Rose, behalten
wir ein inneres Bild von ihr. Da bleibt etwas, was wir
nun mit uns herumtragen konnen, ein Bild der Rose.
Wir miissen unterscheiden diese zwei Momente, den
Moment, wo wir der Rose gegeniiberstehen, und den,
durch welchen wir das Bild der Rose, ohne da£ sie vor
uns steht, in der Vorstellung, als inneres Besitztum der
Seele mit uns herumtragen konnen. Es ist notwendig,
gerade dieses hervorzuheben, weil die Philosophic des
19. Jahrhunderts gerade hier die unglaublichsten Vorstel-
lungen hervorgerufen hat. Wir brauchen nur zu denken
an die Scbopenbauersche Philosophic, deren erster Satz
ist: «Die Welt ist meine Vorstellung. » Man braucht sich
nur klar einen Begriff zu machen von demjenigen, was
Wahrnehmung ist, und von demjenigen, was Vorstellung
ist. Vorstellung unterscheidet sich von der Wahrneh-
mung. Das sieht der denkende Mensch ein, wenn er sich
nur vorhalt die Vorstellung eines recht heifien, eines
furchtbar heifien Stahles, eines Stahles meinetwillen von
noch soviel Grad Celsius. Der unterscheidet sich, wenn
wir ihn uns nur in der Vorstellung gegeben sein lassen,
von dem Stahl der Wahrnehmung. Der Stahl der Wahr-
nehmung in unserem Falle brennt; der vorgestellte Stahl
brennt nicht, und wenn er auch noch so heifi vorgestellt
wird. Fur die Wahrnehmung miissen wir mit der Au-
fienwelt in Korrespondenz treten; die Vorstellung ist
Besitztum der Seele. Wir konnen genau die Grenze
ziehen zwischen demjenigen, was wir innerlich erleben,
und der Auftenwelt. In dem Augenblick, wo wir anfan-
gen, innerlich zu erleben, da beginnt dasjenige, was wir
nennen Empfindungsseele gegeniiber demjenigen, was
Empfindungsleib ist, der uns zum Beispiel Wahrneh-
mung vermittelt, der es moglich macht, dafi wir empfin-
den konnen die Farbe der Rose. In der Empfindungs-
seele liegen also die Vorsteilungen, liegt aber auch alles
dasjenige, was wir nennen konnen unsere Sympathien
und Antipathien, unsere Gefuhle, unsere Empfindungen,
die wir erleben den Dingen gegeniiber. Wenn wir die
Rose schon nennen, so ist dieses innere Erlebnis ein Gut
der Empfindungsseele. Wer nicht unterscheiden will zwi-
schen Wahrnehmung und Vorstellung, dem inneren Be-
sitztum der Vorstellung, die in der Empfindungsseele
wurzelt, der moge sich klarmachen eben, daft ein gluhen-
der wirklicher Stahl brennt, ein vorgestellter aber nicht.
Als ich das auch einmal gesagt hatte, da entgegnete man
mir: Ja, es konne jemand so lebendig sich selber eine Art
von Suggestion geben, daft er zum Beispiel, wenn er nur
denke an eine Limonade, er auch schon einen Limona-
dengeschmack habe, so daft wir nicht ganz unterscheiden
konnen zwischen innerem Erlebnis und aufterer Welt.
Ich antwortete ihm: So weit kann es allerdings jemand
bringen, daft er ohne auftere Limonade den Geschmack
der Limonade sich vielleicht vergegenwartigen kann; ob
ihm aber diese vorgestellte Limonade auch den Durst
loscht, das ist eine andere Frage. Man wird schon die
Grenze angeben konnen zwischen demjenigen, was wirk-
lich draufien ist, und demjenigen, was innerlich erlebt
wird. Genau da, wo das innere Erlebnis beginnt, da
beginnt die Empfindungsseele gegeniiber dem Empfin-
dungsleib.
Ein hoheres Glied nun, durch Arbeit des Ich am
Atherleib hergestellt, ist dasjenige, was wir die Ver-
standes- oder Gemutsseele nennen. Wir werden im Vor-
trag uber die «Mission der Wahrheit» von dieser Ver-
standes- oder Gemutsseele zu sprechen haben, wie wir
heute insbesondere von der Empfindungsseele sprechen
miissen. Durch die Verstandes- oder Gemiitsseele erlebt
der Mensch dasjenige, was er nun nicht blofi als etwas
hat, was durch die Aufienwelt angeregt und in ihm
fortgetragen wird, sondern durch sie erlebt der Mensch
in sich dasjenige, was er vielleicht auf Grund der Au-
fienwelt erlebt, aber nur dann, wenn er in seinem Innern
sozusagen die aufiere Anregung fortsetzt. Wenn wir
nicht nur auftere Wahrnehmungen machen und sie in
unserer Empfindungsseele wieder aufleben lassen, son-
dern wenn wir nachdenken dariiber, wenn wir uns ihnen
hingeben, wenn wir weiteres erleben, dann bauen sie
sich auf, dann gestalten sie sich uns zu Gedanken, zu
Urteilen, zum ganzen Inhalt unseres Gemiits. Was wir
da innerlich erleben nur dadurch, dafi unsere Seele wei-
terlebt die Anregungen der Aufienwelt, das nennen wir
Verstandes- oder Gemiitsseele.
Dann haben wir ein Drittes dadurch, da£ das Ich in
dem physischen Leib sich die Organe geschaffen hat, um
wieder herauszugehen aus sich und das, was es erlebt hat
an Urteilen, Begriffen, Ideen im Gemiit, wieder zusam-
menzubringen mit der Aufienwelt. Wenn in der Seele
das Ich dieses dritte Glied entwickelt, so nennen wir das
Bewufkseinsseele, weil die Seele nicht blofi Erlebnisse
hat auf Grund der Anregungen, die von aufien kommen,
weil sie dasjenige, was sie innerlich erlebt, zum Wissen
macht iiber die Aufienwelt. Wenn wir unsere Gefuhle,
die wir in uns erleben, so gestalten, daft sie uns aufklaren
iiber den Inhalt der Welt, dann wird unser Denk-,
Urteils-, Gemiits-Inhalt zum Wissen von der Aufien-
welt. Wir sprechen von einer Bewufitseinsseele, durch
die wir die Geheimnisse der Aufienwelt ergriinden; wir
sprechen von einer Bewufitseinsseele, durch die wir wis-
sende, erkennende Menschen sind.
Das Ich ist es aber, das in diesen drei Gliedern der
menschlichen Seele unablassig arbeitet, an den drei See-
lengliedern des Menschen, an der Empfindungs seele,
Verstandes- oder Gemiitsseele und Bewuikseinsseele.
Und je mehr es arbeitet, innerlich gebundene Krafte
loslost, je fahiger und fahiger es diese drei Seelenglieder
macht, desto weiter schreitet der Mensch in seiner Ent-
wickelung. Das Ich ist der Akteur, das tatige Wesen,
durch das der Mensch Entwickelung nicht blofi erken-
nen, sondern Entwickelung machen kann, durch das er
fortschreitet, immer weiter und weiter, so dafi seine
friiheren Verkorperungen diese drei Seelenglieder inner-
lich unvollkommen zeigten und mit jedem neuen Leben
der Inhalt, das Leben von Empfindungsseele, Verstandes-
oder Gemiitsseele und Bewuikseinsseele immer reicher
und reicher, immer umfassender und umfassender wird.
Das ist menschliche Entwickelung von Leben zu Leben,
Arbeit des Ich zunachst an den drei Seelengliedern, an
der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemiits-
seele und an der Bewuikseinsseele. Indem dieses Ich so
arbeitet, miissen wir uns klar sein, daft dieses Ich selber
sozusagen darstellt eine Art «zweischneidigen Schwer-
tes». Oh, dieses Ich des Menschen, es ist auf der einen
Seite dasjenige in des Menschen Wesenheit, durch das er
allein im wahren Sinne des Wortes Mensch sein kann.
Wir wiirden ein Wesen sein, das sozusagen untatig mit
der Aufienwelt verschmolzen ware, wenn wir diesen
Mittelpunkt nicht hatten. Unsere Begriffe und Ideen
miissen in diesem Mittelpunkt gefafit sein; immer mehr
und mehr Begriffe und Ideen miissen in diesem Ich sich
erleben; immer reichere Gemiitsinhalte, immer reichere
Anregungen miissen wir von der Aufienwelt erhalten.
Wir sind um so mehr Mensch, je voller, je reicher, je
umfanglicher dieses unser Ich wird. Daher mufi durch
die verschiedenen Leben hindurch dieses Ich sich immer
mehr und mehr bereichern, ein Mittelpunkt werden,
durch den der Mensch sich nicht nur in die Auftenwelt
hineingliedert, sondern durch das er Anreger ist. Der
Mensch ist um so mehr Mensch, je mehr wir spiiren, daft
im Punkte seines Ich eine reiche Summe von Impulsen
liegt. Je mehr er ausstrahlt von seiner Eigenheit, je mehr
er aufgenommen hat, desto mehr ist er Mensch. Je
reicher die Ichheit ist, desto vollkommener ist der
Mensch als Mensch.
Das ist die eine Seite des Ich, die uns die Entwicke-
lungsverpflichtung auferlegt, alles zu tun, um es so reich,
so vielseitig als moglich zu machen. Aber es gibt auch
eine Kehrseite fur diesen Fortschritt des Ich zu immer
reicherem und vollerem Inhalt. Das ist dasjenige, was
wir bezeichnen als Selbstsucht oder Egoismus. Wiirde
der Mensch das Wort Selbstsucht oder Egoismus nur als
ein Schlagwort nehmen und sagen, man mu£ selbstlos
werden, dann ware das naturlich schlimm, wie jeder
Gebrauch eines Schlagwortes als Schlagwort schlimm ist.
Des Menschen Aufgabe ist es in der Tat, sich reicher und
reicher zu machen; das ist nicht dasselbe, wie selbst-
siichtig werden, wenn diese Bereicherung des Ich ver-
kniipft ist damit, daft das Ich sich verhartet in sich
selber, daft es sich abschlieftt mit seiner Bereicherung.
Da wird der Mensch zwar reicher und reicher, aber er
wird zugleich den Zusammenhang mit der Welt verlie-
ren, und seine Bereicherung wiirde bedeuten, daft ihm
die Welt und er der Welt nichts mehr geben kann, daft er
doch mit der Zeit vergehen wiirde, weil er, indem er
strebt, sein Ich zu bereichern, alles im Ich behalt und
damit den Zusammenhang mit der Welt verliert. Der
Mensch wiirde durch diese Karikatur seiner Ich-Entwik-
kelung zu gleicher Zeit verarmen. Selbstsucht verarmt
und verodet den Menschen. So ist das Ich ein zwei-
schneidiges Schwert, indem es arbeitet an den drei See-
lengliedern. Es mufi auf der einen Seite so arbeiten, dafi
es immer reicher und reicher wird, voller und voller sich
gestaltet, dafi es ein kraftiger Mittelpunkt wird, von dem
viel ausstrahlen kann; aber es mufi alles dasjenige, was es
in sich aufnimmt, wiederum in Harmonie bringen mit
dem, was in der Umgebung lebt. Es muft eben in
demselben Mafie, in dem es sich in sich hineinentwickelt,
zu gleicher Zeit aus sich herausgehen, mit allem Dasein
zusammenfliefien. Es mufi zu gleicher Zeit eine selbst-
eigene Wesenheit werden und auf der anderen Seite
selbstlos werden. Nur wenn das Ich nach diesen beiden
Seiten hin, die sich scheinbar widersprechen, arbeitet,
indem es sich immer mehr und mehr bereichert und auf
der andern Seite selbstlos wird, dann kann die Entwicke-
lung des Menschen so vorwarts gehen, dafi er zu seiner
eigenen Befriedigung und zum Heil und Fortschritt des
Daseins sich entwickelt. Nur mufi das Ich an jedem der
drei Seelenglieder so arbeiten, dafi nach diesen beiden
Seiten hin der menschlichen Entwickelung Rechnung
getragen wird.
Nun aber, wenn das menschliche Ich arbeitet an den
drei Seelengliedern, so erwacht es selber nach und nach.
Es ist ja in allem Leben Entwickelung; und wir sehen,
dafi die verschiedenen Glieder der menschlichen Seele in
verschiedenem Grade beim heutigen Menschen entwik-
kelt sind. Am starksten ist die Empfindungsseele entwik-
kelt. Und in dieser Empfindungsseele ist alles dasjenige,
was innerlich erlebt wird an Lust und Leid, Freude und
Schmerz, Trieben, Begierden und Leidenschaften, an
alien Stimmungen und Affekten, an demjenigen, was
unter unmittelbarer Anregung in der Wahrnehmungs-
welt erwacht in der Seele. Das erlebt der Mensch auf
gewissen unter geordneten Stufen der Entwickelung in
seiner Empfindungsseele sozusagen dumpf. Da ist das
Ich noch nicht zum vollen Dasein erwacht. Erst wenn
das Seelenleben sich fortsetzt in sich selber, wenn der
Mensch in sich arbeitet, dann wird das Ich deutlicher
und deutlicher, dann wird es sich immer mehr und mehr
bewufit. Eigentlich ist das Ich, sofern die Empfindungs-
seele erwacht, etwas, was dumpf briitet. Immer klarer
und klarer wird sich das Ich erst, indem der Mensch sich
heraufentwickelt zu einem reicheren Leben in der Ver-
standesseele; und am klarsten erscheint sich das Ich,
wenn es sich in der Bewufkseinsseele unterscheidet von
der Aufienwelt, indem der Mensch ein wissendes Wesen
wird und sich als eine Ichheit unterscheidet von der
Aufienwelt. Das kann er nur in seiner Bewulkseinsseele.
So haben wir das Ich dumpf briitend in der Empfin-
dungsseele. Da drinnen sind die Wogen von Lust und
Leid, von Freude und Schmerz; da kann das Ich kaum
wahrgenommen werden, da wird es fortgerissen in die-
sem Wogen von Affekten und Leidenschaften und so
weiter. Erst indem das Ich dazu kommt, die Verstandes-
seele weiter auszubilden zu klar umrissenen Begriffen
und Ideen, wenn es zu klaren Urteilen kommt, erst dann
wird es immer in sich selber voller und klarer, und am
klarsten wird es eben erst in der Bewufitseinsseele. So
miissen wir sagen: Der Mensch soli sich durch sein Ich
erziehen, der Mensch soil durch sein Ich die Moglichkeit
haben, sich vorwarts zu entwickeln; aber dieses Ich
erwacht in einem Zustande, wo es noch ganz hingegeben
ist an die Wogen, die eben als Lust und Leid, Freude
und Schmerz, als Triebe, Begierden und Leidenschaften in
dieser Empfindungsseele sind. 1st nun etwas in dieser Emp-
findungsseele, was in gewisser Weise Erzieher des Men-
schen sein kann, da das Ich noch selber unbeholfen ist?
Wir werden sehen, wie in der Verstandesseele etwas
Platz greift, was das Ich in die Lage versetzt, seine
Erziehung selbst in die Hand zu nehmen. Bei der Emp-
findungsseele ist das noch nicht vorhanden. Da muE es
geleitet werden von demjenigen, was ohne sein Zutun in
der Empfindungsseele Platz greift. Eine Kraft, ein Ele-
ment der Empfindungsseele soli nun heute herausge-
hoben werden und in seiner Bedeutung, in seiner Mis-
sion fur die Erziehung des Ich nach zwei Seiten hin
betrachtet werden, und das ist, was vielleicht am meisten
Anstofi in diesem Zusammenhang erregen kann, dasjeni-
ge, was wir den Zorn nennen. Der Zorn gehort zu
demjenigen, was in der Empfindungsseele auflebt, in der
das Ich noch dumpf darinnen brutet. Oder stehen wir in
einer selbstbewulken Beziehung zu irgendeinem Wesen
der Aufienwelt, uber das wir wegen seiner Handlungs-
weise in Zorn ergluhen? Vergegenwartigen wir uns ein-
mal den Unterschied zwischen zwei Menschen, die,
sagen wir, Erzieher sind. Der eine ist bereits so abge-
klart, dafi er zu lichtvollen inner en Urteilen gekommen
ist. Er sieht in volliger Gelassenheit, was sein Zogling an
verkehrter Handlungsweise vollbringt, weil seine Ge-
mutsseele zur Entwickelung gekommen ist. Und auch
seine Bewufitseinsseele sieht voll Gelassenheit die Fehler
seines Kindes an, und er kann, wenn dies notig ist, die
angemessene Strafe ausdenken. Ohne dafi ihn durch-
zuckt irgendeine Leidenschaft, geht er uber zu der betref-
fenden Strafe, die bemessen ist nach den Griinden des
ethischen Urteils, des padagogischen Urteils, die ange-
messen ist dem Vergehen des Kindes. Anders ist es bei
demjenigen Erzieher, der sein Ich noch nicht so weit
gebracht hat, da£ er mhig bleibt, der noch nicht zur
inneren Klarheit gekommen ist, der nicht in sich ausden-
ken kann, was zu geschehen hat, wenn das Kind dieses
oder jenes gemacht hat; er kann aber im Zorn ergluhen
iiber die verkehrte Handlungsweise des Kindes. Ist die-
ser Zorn immer unangemessen dem Ereignisse der Au-
ftenwelt? Nein, das ist er nicht immer. Und das ist es,
was wir festhalten miissen. Gewissermafien hat die Weis-
heit unserer Entwickelung vorgesorgt, daft, ehe wir im-
stande sind, mit unserem Urteil aus Verstandes- und
Bewufttseinsseele heraus das Angemessene fiir ein Ereig-
nis der Aufienwelt zu finden, uns das Gefuhl, der Affekt
iibermannt. Etwas in unserer Empfindungsseele tritt auf
als eine Folge der Tat in der Aufienwelt. Wir sind noch
nicht reif, im Urteil zu finden, was der Auftenwelt
angemessen ist; wir sind aber fahig, in unserer Empfin-
dungsseele aus der Summe unserer Empfindungen her-
aus zu reagieren auf dasjenige, was uns entgegentritt von
der Umwelt.
Von all dem, was die Empfindungsseele durchlebt, sei
also der Zorn heraus gehoben. Der ist ein Vorbote von
demjenigen, was einmal dasein wird. Erst urteilen wir
aus unserem Zorn heraus iiber ein Ereignis der Aufien-
welt; dann werden wir, indem wir erst unbewufit lernen,
nicht iibereinzustimmen mit demjenigen, was nicht sein
soil - unbewufit lernen durch den Zorn -, gerade durch
dieses Urteilen immer reifer und reifer werden zum
lichterfiillten Urteilen in der hoheren Seele. So ist der
Zorn in gewissem Gebiete ein Erzieher des Menschen.
Er ist da als ein inneres Erlebnis, bevor wir so reif sind,
ein lichterfulltes Urteil zu fallen iiber dasjenige, was
nicht sein soil. So miissen wir jenen Zorn ansehen, der
den Jiingling iiberkommt mit seinem noch nicht herange-
reiften Urteil, welcher sich noch nicht ein gelassenes
Urteil bilden kann, der aber im Zorn ergluhen kann,
wenn er in seiner Umgebung eine Ungerechtigkeit oder
Torheit sieht, was seinem Ideale nicht entspricht. Und
wir sprechen dann mit Recht von einem edlen Zorn.
Dieser Zorn ist ein dumpfes Urteil, das in der Empfin-
dungsseele gefallt wird, ehe denn wir reif sind, in lichter
Klarheit das Urteil zu fallen. Ja, der Zorn ist der Erzie-
her zu dieser lichten Klarheit. Denn niemand wird bes-
ser zu einem in sich selber sicheren Urteil gefuhrt als
derjenige, der aus einer alten edlen Seelenanlage heraus
sich so entwickelt hat, da£ er iiber das Unedle, Unmora-
lische, Torichte hat ergluhen konnen in edlem Zorn.
Und der Zorn hat die Mission, des Menschen Ich herauf-
zuheben in die hoheren Gebiete. Das ist seine Mission.
Er ist ein Lehrer in uns selber. Bevor wir uns fuhren
konnen, bevor wir in lichtvoller Klarheit urteilen kon-
nen, fuhrt er uns in dem, was wir schon konnen. Es mufi
naturlich alles beim Menschen ausarten konnen, da er
ein freies Wesen werden soil. Daher kann dasjenige, was
fur ihn ein Erzieher sein kann zur Freiheit und Selbstan-
digkeit des Urteils, ausarten. Der Zorn kann in Wut
ausarten, so dafi der argste Egoismus befriedigt wird.
Aber so raufi es sein, wenn der Mensch sich zur Freiheit
entwickeln konnen soil. Dabei darf nicht verkannt wer-
den, dafi dasjenige, was zum Bosen werden kann, da wo
es auftritt in seiner rechten Bedeutung, gerade die Mis-
sion haben kann, den Menschen vorwarts zu bringen.
Weil der Mensch das Gute in Boses verkehren kann,
deshalb wird dasjenige, was als Eigenschaft im guten
Sinne sich ausbildet, gerade das Eigentum des mensch-
lichen Ich sein konnen. So ist der Zorn aufzufassen als
Morgenrote dessen, was den Menschen zur Gelassenheit
erheben kann.
Aber dieser Zorn, wenn er auf dieser einen Seite der
Erzieher des Ich ist, ist auf der andern Seite auch
dasjenige, was uns merkwiirdigerweise zeigt, dafi er die
andere Eigenschaft des Ich, die Selbstlosigkeit des Ich,
auspragt. Was kommt denn aus diesem Ich heraus, in-
dem der Zorn uns ubermannt bei einer ungerechten oder
torichten Handlung in der Umgebung? Stellen wir uns
einer solchen Tatsache gegeniiber: der Zorn ubermannt
uns. In uns ist etwas, was anders spricht als das, was da
vor uns steht. Die Tatsache des Zorns driickt sich so aus,
daft in uns etwas ist, was sich stellt gegen die Aufienwelt;
das heilk, es kiindigt sich der Zorn an; das Ich will
sicher werden gegeniiber demjenigen, was da drau£en
steht. Das Voll-Inhaltliche des Ich wird da herangezo-
gen. Wiirden wir eine Torheit sehen oder eine Ungerech-
tigkeit, und dabei nicht in edlem Zorn ergliihen konnen,
dann wiirde die Aufienwelt mit diesen Tatsachen gleich-
giiltig an uns voriibergehen; das heilk, wir wiirden mit
der Auftenwelt zusammenfliefien, wir wiirden nicht spii-
ren den Stachel unseres eigenen Ich; wir wiirden das Ich
nicht spiiren in seiner Entfaltung. Der Zorn aber macht
es wach, ruft es heraus, damit es sich der Aufienwelt
gegeniiberstellen kann. Aber auf der anderen Seite er-
zieht der Zorn auch das andere im Ich, die Selbstlosig-
keit. Wenn dieser Zorn dasjenige ist, was wir als edlen
Zorn bezeichnen konnen, dann wirkt er so, dafi der
Mensch da, wo er den Zorn erlebt, zu gleicher Zeit eine
Herabdampfung seines Ich-Gefiihles hat. Es ist etwas
wie eine Seelen-Ohnmacht, was durch den Zorn in uns
erwacht, wenn wir ihm nicht hingegeben sind in Wut.
Wenn wir unsere Seele mit dies em Zorn durchfiihlen,
dann kommt so etwas zustande wie eine Seelen-Ohn-
macht, dann wird das Ich dumpfer und dumpfer. Indem
es sich herausstellt im Gegensatz zur Au£enwelt, loscht
es sich auf der anderen Seite wieder aus. Der Mensch
kommt durch die Heftigkeit des Zorns, den er in sich
verbeifit, zu gleicher Zeit zur Entwickelung der Selbstlo-
sigkeit. Beide Seiten des Ich werden durch den Zorn zur
Entwickelung gebracht. Der Zorn hat die Mission, Selbst-
eigenheit in uns entstehen zu lassen, und zu gleicher Zeit
wird diese Selbsteigenheit in Selbstlosigkeit umgewan-
delt. Derjenige, der den Zorn in sich selber erlebt, erlebt
etwas, was die Volksphantasie wunderbar zur Darstel-
lung bringt. Sie kennen vielleicht alle den Volksausdruck
«sich giften». Man nennt Zornigsein «giften», indem
unsere Volksphantasie gerade wunderbar dasjenige an
solchen Lehren hier erlebt, was manchmal Gelehrsam-
keit nicht fuhlen kann. Der Zorn, der in die Seele sich
hineinfrifit, ist ein Gift, das heifk etwas, was dampfend
fur die Selbsteigenheit des Ich wirkt. Indem man sagt:
er giftet sich, weist man auf diese andere Erziehungs-
methode des Zornes hin, auf die Ausbildung der Selbst-
losigkeit. So ist der Zorn in der Tat etwas, was nach
diesen zwei Seiten der menschlichen Erziehung eine
Mission hat, und wir sehen, wie er der Vorbote unserer
Selbstandigkeit und Selbstlosigkeit wird, solange das
Ich nicht selber eingreifen kann in seine eigene Er-
ziehung. Wir wiirden zerfliefien, wenn alles um uns her
uns gleichgultig bleiben wurde, wenn wir noch nicht
ein gelassenes Urteil fallen konnen. Wir wiirden nicht
selbstlos werden, sondern im schlechten Sinne unselb-
standig, ohne Ichheit, wenn nicht, bevor wir unser Ich
zum klaren lichtvollen Urteil herauf entwickelt haben,
wir uns selbstandig machen konnen durch den Zorn, da
wo die Aufienwelt unserem eigenen Innern nicht ange-
messen ist. Und dieser Zorn ist fur den Geisteswissen-
schafter wirklich eine Morgenrote fur etwas ganz ande-
res noch.
Wer das Leben betrachtet, der wird sehen, dafi derje-
nige, der nicht in edlem Zorn ergliihen kann iiber ein
Unrecht oder eine Torheit, auch niemals zur wahren
Milde und Liebe kommen kann. Wenn Sie das Leben
betrachten, so werden Sie sehen, dafi derjenige, solange
er notig hat, sich in der Weise zu erziehen, dafi er einem
Unrecht oder einer Torheit gegeniiber in edlem Zorn
ergliihen kann, im schdnsten Sinne auch sich ausbildet
jenes liebedurchgluhte Herz, das aus der Liebe heraus
das Gute tut. Liebe und Milde sind die andere Seite des
edlen Zornes. Uberwundener Zorn, gelauterter Zorn
wandelt sich in Liebe und Milde. Eine liebende Hand,
sie wird selten in der Welt zu finden sein, wenn sie nicht
auch in der Lage war, in gewissen Zeiten sich zur Faust
zu ballen iiber dasjenige, was in edlem Zorn iiber ein
Unrecht oder eine Torheit gefiihlt werden kann. Das
sind Dinge, die zusammengehoren.
In einer phrasenhaften Theosophie konnte man sagen:
Ja, der Mensch mufi seine Leidenschaften iiberwinden.
Er mufi sie lautern und reinigen. «Uberwinden» heifk
nicht, sich um eine Sache herumschleichen, ihr hiibsch
ausweichen. Das ist ein sonderbares Opfer, das manche
bringen wollen, indem sie den leidenschaftlichen Men-
schen ablegen wollen dadurch, dafi sie sich um ihn
herumschleichen, ihm ausweichen. Opfern kann man
nur dasjenige, was man erst hat; und was man nicht hat,
kann man nicht opfern. Uberwinden kann den Zorn nur
derjenige, der zuerst im Zorn ergliihen konnte; denn erst
mufi man dasjenige haben, was man uberwinden soli.
Man mufi sich nicht vorbeischleichen, sondern solche
Eigenschaften mufi man in sich verwandeln. Dazu miis-
sen sie aber erst da sein.
Wenn wir den Zorn verwandeln, wenn wir herauf-
steigen von demjenigen, was in der Empfindungsseele als
edler Zorn ergliiht bis in die Verstandes- und Bewufit-
seinsseele, dann wird Liebe und Milde und eine segnen-
de Hand aus dem Zorn heraus sich entwickeln.
Verwandelter Zorn ist Liebe im Leben. So sagt es uns
die Realitat. Daher hat der Zorn, der in sich selber
mafivoll auftritt im Leben, die Mission, den Menschen
zur Liebe zu fuhren; wir konnen ihn bezeichnen als den
Erzieher zur Liebe. Und nicht umsonst nennt man das,
was sich in der Welt zeigt wie ein Unbestimmtes, aus der
Weisheit der Welt Herausfliefiendes, das ausgleicht, was
nicht sein soil, den «gottlichen Zorn» im Gegensatz zur
«gottlichen Liebe». Aber wir wissen auch, dafi diese
beiden Dinge zusammengehoren, dafi das eine ohne das
andere nicht bestehen kann. Im Leben bedingen und
bestimmen sich diese Dinge.
Nun sehen wir, wie die Kunst, die Dichtung, da, wo
sie grofier wird, uns zeigt dasjenige, was Urweltweisheit
ist. Und so wie wir, wenn wir iiber die Mission der
Wahrheit zu sprechen haben, zeigen konnen, wie Goethe
in einer seiner grofiten Dichtungen - wenn sie auch
aufierlich klein vor uns auftritt -, in seiner «Pandora»,
uns klar zum Ausdruck bringt, was er iiber die Mission
der Wahrheit gedacht hat, so konnen wir, wenn auch
nicht so deutlich wie dort, sehen, wie an einer gewalti-
gen Weltdichtung, an dem «Gefesselten Prometheus »
des Aschylos uns sozusagen das welthistorische Phano-
men des Zornes entgegentritt.
Sie kennen wohl wahrscheinlich den Inhalt jener Sage,
welche dem Drama des Aschylos zugrunde liegt. Prome-
theus ist ein Sprofiling des alten Titanengeschlechtes,
welches ablost das erste Gottergeschlecht, das die grie-
chische Sage hineinstellt in die Entwickelung der Erde
und der Menschheit. Uranos und Gaa sind diejenigen,
die zur ersten Gottergeneration gehoren. Uranos wird
abgelost durch Kronos oder Saturn. Dann wiederum
werden die Titanen gestiirzt von dem dritten Gotterge-
schlecht, das seinen Anfuhrer in Zeus hat. Prometheus
war ein Sprofiling der Titanen; er hat aber doch im
Kampf gegen die Titanen an der Seite des Zeus gestan-
den, so dafi er in gewisser Beziehung ein Freund des
Zeus genannt werden kann; aber er ist dem Zeus doch
nur ein halber Freund. Als auf der Erde, so erzahlt die
Sage weiter, Zeus die Herrschaft angetreten hat, da war
das Menschengeschlecht so weit, dafi es in einen anderen
Gang kam, dafi die alten Fahigkeiten, die die Menschen
der Urzeit hatten, immer dumpfer und dumpfer wurden.
Zeus wollte die Menschen ausrotten, wollte ein anderes
Geschlecht auf die Erde bringen. Prometheus aber be-
schlofi, den Menschen ihre Fortentwickelung moglich zu
machen. Prometheus brachte den Menschen die Mog-
lichkeit der Sprache, der Erkenntnis der aufieren Welt,
der Schrift und endlich auch des Feuers, so dafi das
Menschengeschlecht durch die Handhabung von Schrift
und Sprache, durch die Handhabung des Feuers aus
seinem Niedergange sich wieder erheben konnte.
Nun steht mit all dem, was dargestellt wird als der
Menschheit Geschenk durch Prometheus, in Verbin-
dung, wenn wir die Sache tiefer betrachten, das mensch-
liche Ich. Und verstehen wir die griechische Sage richtig,
so miissen wir sagen: da wird uns Zeus vorgefiihrt als
eine gottliche Kraft, welche beseelt und durchgeistigt
solche Menschen, bei denen das Ich noch nicht zum
Ausdruck gekommen ist. Wenn wir zuriickgehen in der
Entwickelung unserer Erde, so finden wir eine Mensch-
heit, in der das Ich noch dumpf briitet. Dieses Ich mufite
besondere Fahigkeiten bekommen, um sich zu erziehen.
Die Gab en, die Zeus zunachst verleihen konnte, waren
nicht geeignet, den Menschen weiter zu bringen. In
bezug auf seinen Astralleib, in bezug auf dasjenige, was
ohne das Ich im Menschen ist, da ist Zeus der Schenker,
der Geber. Er beschloft, das Menschengeschlecht auszu-
rotten, weil er nicht fahig war, das Ich zur Entwickelung
zu bringen. Prometheus bringt mit all den Gaben, die er
gibt, die Fahigkeit, zum Ich sich zu erziehen.
Das ist der tiefere Sinn dieser Sage. Prometheus also
ist derjenige, der den Menschen es moglich macht, das
Ich auf sich selbst zu stellen, es immer reicher und voller
zu machen. Gerade das verstand man in Griechenland
unter der Gabe des Prometheus: die Fahigkeit des Ich,
sich immer reicher und reicher, sich immer voller und
voller zu machen.
Nun haben wir aber gerade heute gesehen: wenn das
Ich nur diese eine Eigenschaft ausbilden wiirde, dann
wiirde es mit der Zeit doch verarmen; denn es wiirde
sich abschliefien von der Aufienwelt. Das ist nur die eine
Seite des Ich, sich immer reicher und reicher zu machen.
Diesen Inhalt mufi das Ich wieder heraustragen, das Ich
mufi sich in Einklang versetzen mit aller Umwelt, wenn
es nicht verarmen will. Prometheus konnte den Men-
schen nur die eine Gabe bringen, die das Ich immer
voller und voller, immer inhaltsreicher und inhaltsrei-
cher machte. Dadurch mufite Prometheus herausfordern
gerade diejenigen Machte, welche aus dem ganzen Wei-
tendasein heraus das Ich in der richtigen Weise dampfen,
damit es selbstlos werden kann, damit es auch die andere
Seite ausbilden kann. Was beim einzelnen Menschen der
Zorn wirklich bewirkt auf der einen Seite, dafi er das Ich
auf sich selbst stelit, dafi er den Stachel aus ihm ersprie-
fien lafit, der es entgegenstellt einer ganzen Welt, und
was der Zorn auf der andern Seite bewirkt dadurch, dafi
er das Ich zu gleicher Zeit herabdampft, der Mensch
durch diesen Affekt sozusagen in sich selber den Zorn
hineinfrifit, das Ich dumpfer wird, das wird weltge-
schichtlich dargestellt in dem Kampf zwischen Prome-
theus und Zeus. Prometheus bringt dem Ich die Fahig-
keiten, durch die es immer reicher und reicher wird.
Dasjenige, was Zeus nun zu tun hat, das ist zu wirken
so, wie im einzelnen Menschen der Zorn wirkt. Daher
kommt iiber das, was Prometheus wirkt, der Zorn des
Zeus und loscht die Macht des Ich in Prometheus aus.
Die Sage erzahlt weiter, dafi Prometheus bestraft wird
von Zeus fur seine Tat, weil er die Menschheit unzeitig
in der Ich-F6rderung vorwartsgebracht hat. Er wird an
einen Felsen angeschmiedet. Dasjenige, was da dieses
Menschheits-Ich aussteht, angeschmiedet an den Felsen,
was es erlebt an innerem Aufruhr, das kommt so gran-
dios in der Dichtung des Aschylos zum Ausdruck.
So sehen wir durch den Zorn des Zeus niedergedampft
den Reprasentanten des menschlichen Ich. So wie das
einzelne Ich des Menschen herabgedampft wird, in sich
selber hineingebracht wird, wenn es diesen Zorn in sich
selber verbirgt, wie es dadurch auf das richtige Mafi
heruntergebracht wird, so wird Prometheus durch den
Zorn des Zeus angeschmiedet, das heifit, in seiner Tatig-
keit auf das richtige Mafi zuruckgefuhrt. Es wird, wie
der Zorn flutet durch die einzelne Seele, das Ich angeket-
tet, wenn es ganz in der Ichheit sich ausleben will. Wie
es angeschmiedet wird, indem der Zorn das Ich-Bewufit-
sein hinunterdrangt, so wird das Ich des Prometheus am
Felsen angeschmiedet. Das ist das Eigentiimliche der
umfassenden Sage, dafi sie solch umfassende Wahrheiten,
die fiir den einzelnen Menschen sowohl wie fur die
ganze Menschheit gelten, in gewaltigen Bildern hinstellt.
Das ist das Eigentiimliche der Sage, dafi sie den Men-
schen in Bildern anschauen lafk dasjenige, was in der
eigenen Seele erlebt werden soil. Und so blicken wir hin
nach dem am Kaukasus -Felsen angeschmiedeten Prome-
theus und sehen in ihm einen Reprasentanten des
menschlichen Ich, das vorwartskommen will, wenn es
noch in der Empfindungsseele dumpf briitet, das an-
geschmiedet wird, damit es sich nicht ins Mafilose aus-
toben kann.
Und dann horen wir weiter, wie Prometheus weifi,
dafi Zeus wird verstummen mussen mit seinem Zorn,
wenn er gestiirzt wird durch den Sohn einer Sterblichen.
Das wird Zeus in seiner Herrschaft ablosen, was da
geboren wird aus einer Sterblichen heraus. Aus dem
sterblichen Menschen heraus wird geboren werden - wie
das Ich entfesselt wird durch die Mission des Zornes auf
einer unteren Stufe - das Ich auf einer hoheren Stufe, das
unsterbliche Ich. Auf einer hoheren Stufe wird herausge-
boren aus dem sterblichen Menschen die unsterbliche
Seele. Und wie Prometheus hinschaut auf einen, der die
Herrschaft des Zeus ablosen wird, die Herrschaft jenes
Gottes, der den Zorn iiber Prometheus, das heilk iiber
das menschliche Ich giefien kann, damit dieses Ich nicht
mafilos iiber sich hinausschreitet, wie Zeus abgelost wird
durch Christus Jesus, so wird das einzelne Ich, das
gefesselt wird durch den Zorn, nach dem umgewandel-
ten Zorn in das liebende Ich verwandelt, in die Liebe,
die der verwandelte edle Zorn ist. Wir sehen jenes Ich,
das segnend milde und liebevoll in die Auftenwelt ein-
greift, sich herausentwickeln aus dem durch den Zorn
gefesselten Ich, wie wir heraus sich entwickeln sehen
einen Gott der Liebe, der das Ich hegt und pflegt, das
zunachst in einer alteren Zeit durch den Zorn des Gottes
Zeus gefesselt werden mulke, um nicht hinauszugreifen
liber sein Mafi.
So sehen wir auch in der Fortsetzung dieser Sage ein
Auflentableau der Menschheitsentwickelung. Wir miis-
sen dieses Aufientableau dieser Mythe selber so ergrei-
fen, dafi es uns lebendig fur das ganze Erdenwesen gibt
dasjenige, was der einzelne Mensch in sich selber erlebt
aus dem durch die Mission des Zornes erzogenen Ich
zum befreiten Ich, das die Liebe entfaltet.
Wenn wir das so nehmen, dann verstehen wir, was da
gewirkt hat, was diese Sage herausgestaltet hat, und was
Aschylos aus diesem Stoffe gemacht hat. Wir fuhlen
wahrhaftig seelisches Blut, das in uns pulsiert; wir fuh-
len es im Fortgang der Prometheus-Sage; wir spiiren
es in der dramatischen Gestaltung dieses Stoffes durch
Aschylos.
So finden wir fdrmlich etwas wie eine Nutzanwen-
dung dessen, was wir in der Seele erleben konnen, in
diesem griechischen Drama. So ist es mit alien grofien
Dichtungen, mit alien grofien Kunstwerken iiberhaupt,
dafi sie aus den grofien typischen Erlebnissen der Men-
schenseele hervorgehen.
So haben wir heute gesehen, wie aus einem Affekt
heraus durch die Lauterung dieses Affektes das Ich
erzogen wird. So werden wir im nachsten Vortrag sehen,
wie das Ich reif wird, sich selbst zu erziehen in der
Verstandes- oder Gemiitsseele, indem es ergreift die
Mission der Wahrheit auf einer hoheren Stufe.
So hat uns unsere Betrachtung gezeigt, wie auch aus
demjenigen, was wir als Nutzanwendung gesehen haben,
sich uns bewahrheitet das Wort des grofien griechischen
Weisen Heraklit: Der Seele Grenzen kannst du nimmer
ergriinden, und wenn du auch alle Straften abliefest; so
umfassend ist der Seele Wesen.
Ja es ist so, dafi die Seele ein so umfassendes Wesen hat,
dafi wir es nicht ergriinden konnen unmittelbar. Geistes-
wissenschaft aber mit dem geoffneten Auge des Sehers
fiihrt doch hinein in die Seelensubstanz, und wir kommen
weiter und weiter im Ergriinden jenes geheimnisvollen
Wesens, das unsere Seele darstellt, wenn wir sie mit den
Augen des Geisteswissenschafters betrachten. Wahrhaftig,
wir konnen sagen auf der einen Seite: die Seele ist ab-
grundtief; aber wir wenden uns ein, wenn wir diesen
Ausspruch selber in seinem Ernst ergreifen: sind der Seele
Grenzen so weit, dafi wir alle Straften durchlauf en miissen,
so konnen wir auch Hoffnung haben, wenn wir diese
Grenzen der Seele selber erweitern, wenn wir das beniit-
zen, dafi dieser Seele Grenzen weit sind, dafi wir mit der
Seele immer weiter und weiter kommen.
Dieser Hoffnungsstrahl gerade ergielk sich in unser
Erkenntnisstreben, wenn wir nicht blofi mit Resignation,
sondern mit Zuversicht den wahren Ausspruch des Hera-
klit aufnehmen, namlich: Der Seele Grenzen sind so
weit, dafi du alle Strafien durchlaufen mogest, und du
wirst sie doch nicht ergriinden; so umfassend ist ihr
Wesen.
Ergreifen wir dieses umfassende Wesen; es wird uns
fiihren immer mehr und mehr in die Losung der Ratsel
des Daseins.
DIE MISSION DER WAHRHEIT
Goethes «Pandora» in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung
Berlin, 22. Oktober 1909
Unseren Vortrag iiber die Mission des Zornes - der
gefesselte Prometheus - konnten wir schliefien mit dem
Ausspruch Heraklits: Die Grenzen der Seele zu finden,
ist schwer, und wenn man alle Strafien durchwandeln
wiirde; denn unendlich tief ist der Seele Grund! - Wir
haben diese Tiefe innerhalb der Wirkung und im Inein-
anderspielen der Seelenkrafte kennengelernt. Es tritt uns
die Wahrheit dieses Ausspruches gerade dann ganz be-
sonders vor die Seele, wenn man aufbaut auf dem, was
gestern unsern Ausgangspunkt bildete, wenn man ins
Auge fafk des Menschen tief innerstes Wesen. Im Ich ist
er sozusagen am geistigsten, und davon sind wir ausge-
gangen. Das Ich ist dasjenige Glied seiner Wesenheit,
welches hinzukommt zu denen, die er mit den drei
unteren Reichen der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt
gemeinsam hat.
Seinen physischen Leib hat er ja gemeinsam mit den
Mineralien, Pflanzen und Tieren, den Atherleib nur mit
den Pflanzen und Tieren, den Astralleib endlich nur mit
den Tieren. Durch das Ich kann der Mensch erst eigent-
lich Mensch sein, kann er sich von Stufe zu Stufe
weiterentwickeln. Dieses Ich arbeitet an seinen iibrigen
Gliedern, lautert und reinigt die Triebe, Neigungen,
Begierden und Leidenschaften des Astralleibes und wird
den atherischen und physischen Leib auf immer hohere
und hohere Stufen fuhren. Aber gerade wenn man dieses
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Ich ins Auge falk, dann zeigt sich, dafi dieses mensch-
liche Ich, dieses hohe und wiirdige Glied der menschli-
chen Wesenheit, wie eingeklemmt ist zwischen zwei
Extremen. Der Mensch soil durch das Ich immer mehr
und mehr ein Wesen werden, das seinen Mittelpunkt in
sich selber hat. Aus dem Ich heraus miissen die Gedan-
ken, Gefuhle und Willensimpulse entspringen. Je mehr
der Mensch den festen und inhaltsvollen Mittelpunkt in
sich hat, desto mehr strahlt aus von seiner Wesenheit,
desto mehr vermag er der Welt zu geben, desto inhalts-
voller und starker wird sein Wirken und alles, was von
ihm ausgeht. Falls der Mensch nicht in der Lage ist,
diesen Mittelpunkt in sich zu finden, ist er der Gefahr
ausgesetzt, sich zu verlieren in einer falsch verstandenen
Betatigung seines Ich. Er wiirde zerfliefien in der Welt
und wirkungslos durch das Leben gehen. Auf der ande-
ren Seite kann er einem andern Extrem verf alien. So wie
der Mensch sich auf der einen Seite verlieren kann, wenn
er nicht alles tut, um sein Ich inhaltsvoller und kraftiger
zu machen, so kann er, wenn er nur bestrebt ist, das Ich
zu erhohen, diesem Ich immer mehr und mehr zuzufuh-
ren, so kann er in das andere verderbliche Extrem
verf alien, das in die von aller menschlichen Gemein-
samkeit abfuhrende Selbstsucht fuhrt. Auf der andern
Seite steht also die Selbstsucht, der in sich verhartende
und verschliefiende Egoismus, der das Ich vom Wege
seiner Entwickelung abbringen kann. In diese zwei Din-
ge ist das Ich eingeschlossen. Wenn wir nun die mensch-
liche Seele betrachten, so zeigt sich uns, dafi der Mensch
zunachst in sich hat, was wir bereits Empfindungs-,
Verstandes- und Bewulkseinsseele nannten. Wir haben
nun zunachst eine Seeleneigenschaft kennengelernt, wel-
che - fur manchen vielleicht in iiberraschender Weise -
eine Art Erzieher der Empfindungsseele ist: den Zorn.
Wer den Vortrag iiber die Mission des Zornes einseitig
betrachtet, wird vieles dagegen einzuwenden haben.
Wenn man jedoch auf die eigentlichen Untergriinde der
Sache mehr und mehr eingeht, werden sich wichtige
Ratsel des Lebens losen.
In welcher Beziehung ist der Zorn eine Art Erzieher
der Seele - speziell der Empfindungsseele - und der
Vorlaufer der Liebe? Man kann fragen: Fiihrt nicht der
Zorn dazu, dafi der Mensch sich verlieren kann oder zu
wilden, unmoralischen und lieblosen Handlungen hinge-
rissen wird? Wenn man nur die wilden und ungerechtfer-
tigten Ausbriiche des Zornes ins Auge fafit, hat man eine
falsche Anschauung dessen, was iiber die Mission des
Zornes angefiihrt wurde. Nicht dadurch, dafi er zu
ungerechtfertigten Ausbriichen fiihrt, wird er der Erzie-
her der Seele, sondern durch das, was er im Innern der
Seele tut. Um uns die Arbeit des Zornes an der Seele zu
vergegenwartigen, nehmen wir an, zwei Menschen stun-
den vor einem zu erziehenden Kinde, das etwas Unrech-
tes begeht. Der eine Erzieher wird aufwallen und sich zu
Handlungen der Strafe hinreiften lassen; der zweite Er-
zieher sei eine Seele, die nicht aufwallen kann im Zorn,
die aber in dem Sinne, wie wir das gestern gemeint
haben, noch nicht in der Lage ist, wirklich mit voller
Gelassenheit aus dem Ich heraus das Rechte zu tun. Was
wird fur ein Unterschied sein in den Handlungen zweier
solcher Erzieher? Ein Aufwallen des Zornes wird nicht
nur zur Folge haben eine Strafhandlung, die man dem
Kinde zufugt, sondern der Zorn ist etwas, was in der
Seele wiihlt, was in der Seele des Menschen wirkt und
gerade so wirkt, dafi es die Selbstsucht totet. Wie ein
Gift wirkt der Zorn auf die Selbstsucht der Seele. Und
wenn wir abwarten, wird sich uns zeigen, dafi er allmah-
lich die Krafte der Seek umwandelt und der Liebe fahig
macht. Derjenige dagegen, der nicht reif ist fur Gelassen-
heit und doch aus kalter Berechnung heraus die Straf-
handlung ausfiihrt, wird, weil der Zorn nicht als Gift in
ihm wirkt, immer mehr und mehr ein kalter Egoist
werden. Der Zorn wirkt eben innerlich, und als solcher
ist er als Seeleneigenschaft zu bezeichnen. Uberall wo
der Zorn auftritt, ist er als ein Regulator fur die Ausbrii-
che der menschlichen Selbstsucht anzusehen, welche un-
berechtigt sind. Der Zorn mufi da sein, sonst mulke er
nicht bekampft werden. In der Uberwindung des Zornes
wird die Seele immer besser und besser. Wenn der
Mensch etwas durchsetzen will, was er fur das Rechte
halt und zornig wird, so ist dieser Zorn ein Verminderer
der selbstsiichtig wirkenden Krafte. Er dampft sie und
treibt sie herunter in bezug auf ihre Wirksamkeit. Im
Zorne haben wir eine Seeleneigenschaft, welche gerade
dadurch, dafi sie iiberwunden wird und der Mensch sich
von ihr befreit und immer mehr sich iiber sie erhebt, die
Selbstlosigkeit im Menschen heranzieht und durch dieses
Heranziehen der Selbstlosigkeit das Ich immer starker
und starker macht. Dieses Spiel des Ich mit dem Zorn,
das spielt sich ab in der menschlichen Empfindungsseele.
Ein anderes Spiel zwischen der Seele und anderen
Seelenerlebnissen spielt sich ab in dem, was wir Verstan-
des- oder Gemiitsseele nennen. So wie die menschliche
Seele Eigenschaften hat, die sie iiberwinden mufi, um
immer hoher zu steigen, so mufi sie auch in sich Krafte
ausbilden, die sie sozusagen pflegen und lieben darf,
trotzdem sie in ihr auf steigen. Sie mufi Krafte haben,
denen sie sich hingeben darf, so dafi sie sich, wenn sie
sich durchsetzt, nicht schwacht, sondern starkt. [. . .] Er
wird sich gerade dadurch in der Starke seiner Seele
erhohen, dafi er sich so recht liebend in sie hinein
versenkt; er wird sich gerade dadurch zu hohen Stufen
des Ich hinaufleben; und das Ausgezeichnete, das, was
die Seele in sich selbst lieben darf, dasjenige, wodurch sie
sich nicht zur Selbstsucht, sondern zur Selbstlosigkeit
erzieht, wenn sie es liebt - das ist die Wahrheit. Die
Wahrheit erzieht die Verstandes- oder Gemiitsseele. Wie
der Zorn eine Eigenschaft der Seele ist, die iiberwunden
werden mufi, wenn der Mensch hoher steigen will, so ist
die Wahrheit, obwohl sie eine Eigenschaft der Seele sein
soil, etwas, was der Mensch von vornherein lieben soil.
Eine innere Pflege der Wahrheit ist absolut notwendig,
um die Seele hoher und hoher steigen zu lassen.
Welche Eigenschaft der Wahrheit ist es, die den Men-
schen weiter und weiter fiihrt und von Stufe zu Stufe
hoher bringt, wenn er sich der Wahrheit bedient? Die
Wahrheit hat zu ihrem Gegenteil, als Gegeniiberste-
hendes, die Luge und den Irrtum. Wir wollen sehen, wie
der Mensch vorwarts kommt durch die Uberwindung
von Irrtum und Luge, indem er die Wahrheit zu seinem
grofien Ideal macht und ihm nachstrebt.
Eine hohere Wahrheit soil er anstreben, wie er ande-
rerseits den Zorn zu etwas machen mufi, was sein Feind
ist, den er immer mehr und mehr beseitigen mu£. Wahr-
heit soli fur ihn etwas werden, was er lieben und mit
dem Innersten der Seele verbinden soil, um zu immer
hoheren und hoheren Stufen zu gelangen. Trotzdem
haben ausgezeichnete Dichter und Denker mit Recht
davon gesprochen, dafi der voile Besitz der Wahrheit fur
den Menschen gar nicht zu erreichen sein soli. Lessing
zum Beispiel sagt, die reine Wahrheit sei nicht fur den
Menschen, sondern nur das ewige Streben nach Wahr-
heit. Man wird von Lessing darauf hingewiesen, dafi die
Wahrheit eine feme Gottin ist, der sich der Mensch nur
nahern kann, die aber im Grunde genommen nie zu
erreichen ist. In dem Aufriicken der Natur der Wahr-
heit, in dem, dafi die Seele ein hoheres Streben nach
Wahrheit in sich wach werden lalk, liegt, was die Seele
immer weiter und weiter steigen lafit. Da es ein ewiges
Streben nach der Wahrheit gibt und das Wort Wahrheit
etwas so Mannigfaltiges bedeutet und ist, so wird man
verniinftigerweise nur davon sprechen konnen, dafi der
Mensch die Wahrheit erfassen soil, da£ er eigentlichen
Wahrheitssinn entwickeln soli. Man wird daher nicht
sprechen von einer einzigen umfassenden Wahrheit.
In diesem Vortrage soil nun die Idee der Wahrheit im
rechten Sinne betrachtet werden; und es wird sich uns in
klarer Weise zeigen, dafi der Mensch durch die Entwicke-
lung des Wahrheitssinnes in seinem Innern erfullt wird
von einer vorwartstreibenden Kraft, die ihn zur Selbst-
losigkeit fuhrt.
Der Mensch strebt nach Wahrheit. Da wo die Men-
schen aus dem Bestehenden heraus versuchten, sich iiber
die Dinge eine Anschauung zu machen, kann man auf
den allerverschiedensten Gebieten des Lebens finden,
dafi sie da oft in der entgegengesetzten Weise sich
aussprechen. Wenn man sieht, was der eine und demge-
geniiber der andere fur Wahrheit halt, so konnte man
glauben, dafi das Wahrheitsstreben die Menschen zu den
entgegengesetztesten Anschauungen und Meinungen
bringt. Wenn man jedoch unbefangen beobachtet, wird
man die Leitfaden finden konnen, die uns zeigen, wie es
eigentlich kommt, dafi die Menschen zu so verschiede-
nen Meinungen kommen, trotzdem sie die Wahrheit
suchen.
Ein Beispiel moge uns das erlautern. Vor kurzer Zeit
ist der bekannte amerikanische Multimillionar Harriman
gestorben. Er ist einer von den wenigen Millionaren, die
sich mit allgemein menschlichen Gedanken beschaftigen.
In Aphorismen, die nach seinem Tode gefunden wurden,
ist ein merkwiirdiger Ausspruch dieses Wahrheitssuchers
enthalten. Er sagt: Kein Mensch ist in dieser Welt
unersetzlich, und ein jeder kann, wenn er aus dieser
Welt verschwindet, durch einen andern an seinem Platze
ersetzt werden. Wenn ich meine Arbeit aus der Hand
legen werde, so wird ein anderer Mensch kommen, der
meine Arbeit aufnehmen wird. Die Eisenbahnen werden
genau so fahren wie fruher, die Dividenden werden
ebenso verteilt werden, und so ist es im Grunde genom-
men mit jedem Menschen. - So ist dieser Mensch aufge-
stiegen zu einer allgemein geltenden Wahrheit: Kein
Mensch ist unersetzlich!
Stellen wir neben diesen Ausspruch den eines andern
Mannes, der hier in Berlin lange Zeit gewirkt hat in
aufterordentlicher Weise durch seine verschiedenen Vor-
lesungen iiber das Leben Michelangelos und Raffaels
und Goethes, einen Ausspruch des Kunsthistorikers
Herman Grimm. Als Treitschke gestorben war, hat
Herman Grimm ungefahr folgenden Ausspruch in einem
seiner Aufsatze getan: Nun ist Treitschke auch dahin-
gegangen, und man merkt gerade jetzt, was er geleistet
hat. Niemand kann an seinen Platz treten und seine
Arbeit in der Weise fortsetzen, wie dieser Mann sie
geleistet hat. Man hat das Gefuhl, dafi in dem Um-
kreis, in dem Treitschke lehrte, alles anders vor sich
geht. - Interessant ist es dabei zu beobachten, dafi
Herman Grimm nicht an die Worte ankniipft: und so ist
es bei alien Menschen.
Hier haben wir zwei Leute, den amerikanischen Mul-
timillionar und Herman Grimm, die aus ihren Betrach-
tungen zu genau den entgegengesetzten Wahrheiten
kommen. Woran liegt das nun? Wenn wir die zwei
Betrachtungsweisen sorgfaltig vergleichen, so finden wir
einen Leitfaden. Bedenken Sie, da£ Harriman ausgeht
davon, daft er sagt: wenn ich meine Arbeit aus den
Handen lege, so wird sie ein anderer fortsetzen; dafi er
gar nicht loskommt von sich selber. Der andere Mensch
bringt sich selber gar nicht ins Spiel; er spricht gar nicht
von sich, fragt gar nicht, was man von ihm fur Meinun-
gen und Wahrheiten gewinnen konnte. Er geht auf in
der Betrachtung des anderen. Wer ein Gefuhl dafur hat,
wird ohne Zweifel herausfinden, welcher von beiden das
Richtige gesagt hat. Man braucht sich nur einmal die
Frage vorzulegen: Wer hat denn Goethes Arbeit fortge-
setzt, als er sie aus der Hand gelegt hat? Wer ein Gefuhl
dafur hat, wird wissen, dafi Harriman in seiner Be-
trachtung daran krankt, daft er nicht von sich losge-
kommen ist. Daraus schon konnen Sie ein wenig den
Schlu£ ziehen, daft es der Wahrheit geradezu schadlich
ist, wenn man sie sucht und nicht von sich loskommen
kann. Der Wahrheit dient es gerade, wenn man von sich
loskommen kann.
Kann Wahrheit schon dasjenige sein, was eine Ansicht
iiber die Dinge gibt? - Eine Ansicht ist eine Art gedank-
liches Spiegelbild der Au£enwelt. Mufi deshalb, weil wir
irgend etwas denken, weil wir bei einer Betrachtung
dieses oder jenes festsetzen, das ein richtiges Bild sein?
Nehme man einen photographischen Apparat zur
Aufnahme eines merkwurdigen Baumes. Man stellt sich
in eine Ecke und macht mit dem Apparat ein Bild des
Baumes. Wenn wir dieses eine Bild an einem fremden
Orte zeigen, gibt das ein wirkliches Bild des Baumes? Es
gibt ein Bild von einer Seite; es gibt nicht die Wahrheit
iiber den Baum. Kein Mensch wird sich au£ Grund des
Bildes den Baum vorstellen konnen, wenn er nur das
eine Bild ins Auge fafit. Wodurch konnte man iiber die
Wahrheit des Baumes mehr erfahren, wenn man ihn
nicht gesehen hat? Wenn man ihn von vier Seiten photo-
graphieren wiirde, dann wiirde man um den Baum her-
umgegangen sein, und durch Vergleichen der Bilder
wiirde man schliefilich erwas bekommen, was ein wahres
Bild des Baumes gibt. Man hat die dadurch gewonnene
Vorstellung von dem Baume unabhangig gemacht vom
eigenen Standorte. Wenden wir diesen Vergleich auf den
Menschen an. Was hier durch aufiere Vorgange bewirkt
wird, das tut der Mensch, der bei seiner Betrachtung der
Dinge von sich selber loskommt. Sich ausschalten bei
der Betrachtung der Dinge, das wird er durch seine
eigene Personlichkeit machen. Wird sich der Mensch
bewulk, dafi, wenn er eine Meinung fafit, wenn er dieses
oder jenes in einer Weise anschaut, er vor alien Dingen
wissen mufi, dafi alle gefafiten Meinungen abhangig sind
von unserem eigenen Standpunkte, von unseren eigenen
Eigenschaften und von unserer eigenen Individuality ;
wird man sich dessen bewufit und versucht man, alles
das abzuziehen von dem, was man Wahrheit nennen will
- dann fuhrt man das aus, was in unserem Vergleiche der
Photograph ausgefiihrt hat. Die erste Anforderung an
den wirklichen Wahrheitssinn ist, loszukommen von
sich selber; ins Auge zu fassen, was von unserem Stand-
punkte abhangt.
Wiirde der amerikanische Multimillionar von sich los-
gekommen sein, so wiirde er gewufit haben, dafi ein
Unterschied ist zwischen ihm und anderen Menschen.
Wir haben an einem Beispiele, das uns die alltaglichen
Verhaltnisse zeigt, gesehen, wie dann, wenn der Mensch
nicht von sich loskommen kann, wenn er sich nicht
bewulk wird, was er zu den Dingen hinzubringt durch
seinen Standpunkt oder Ausgangspunkt, wie dann not-
wendigerweise eine eingeschrankte Meinung, aber keine
Wahrheit entstehen kann. Das zeigt sich auch im Gro-
fien. Wer ein wenig hineinschaut in die wirkliche geistige
Entwickelung der Menschen und vergleicht, was alles als
Wahrheit auftritt, der wird bei einer tiefergehenden Be-
trachtung finden, dafi die Menschen, wenn sie eine
Wahrheit aussprechen, zunachst loskommen sollten von
ihrer eigenen Individualitat. Man wird begreifen, dafi die
verschiedensten Ansichten liber die Wahrheit heraus-
kommen, weil die Menschen sich nicht bewuik gewor-
den sind, was sie selber durch ihren Standpunkt an
Einschrankungen in bezug auf ihre Auffassungen ge-
macht haben. - Habe ich Ihnen vorhin ein naheliegendes
Beispiel gegeben, so soil uns weiter auch ein fernlie-
gendes Beispiel zu einem tieferen Verstandnis fiihren.
Wenn man Aufschlufi bekommen will iiber die Schon-
heit, so beschaftigt man sich mit der Asthetik, das heifk
mit dem, was uns die Formen des Schonen lehren. Was
das Schone ist, das tritt uns in der Aufienwelt entgegen.
Wie erfahren wir nun, was wahr ist iiber das Schone? Da
mussen wir uns auch klar sein dariiber, da£ wir auch
loskommen miissen von dem, was wir durch unsere
eigene Individualitat und durch unsere Eigenart einge-
schrankt haben an dem Schonen. Da ist zum Beispiel ein
Asthetiker des 19. Jahrhunderts - der deutsche Astheti-
ker Solger; der wollte das Wesen des Schonen seiner
Wahrheit nach erforschen. Das Schone tritt uns in der
aufieren physischen Welt entgegen. Das konnte auch
Solger nicht ableugnen. Er war aber ein Mensch, der eine
einseitige theosophische Anschauung hatte; und deshalb
hat er auch eine einseitige theosophische Asthetik gelie-
fert. Daher konnte ihn auch an dem schonen Bilde nur
dasjenige interessieren, was durchscheint aus dem scho-
nen Bilde von der fur ihn einzig bestehenden Geistigkeit.
Nur insofern an einem schonen Produkte das Geistige
erscheint, ist es fur ihn schon. Solger war ein einseitiger
Theosoph, der die sinnlichen Erscheinungen erklaren
wollte aus dem Ubersinnlichen, aber dabei vergafi, daft
das sinnlich Wirkliche auch eine Daseinsberechtigung
hat, weil er nicht loskommen konnte von seinem Vorur-
teil und sogleich durch eine mifiverstandene Theosophie
ins Geistige hinaufsteigen wollte.
Ein anderer Asthetiker, Robert Zimmermann, kam
dazu, gerade das Gegenbild zu begriinden. Man kann
sagen, da£ Solger eine mifiverstandene theosophische
Asthetik begriinden wollte; ebenso kann man mit Recht
sagen, Zimmermann begriindete eine mifiverstandene
antitheosophische Anschauungsweise in seiner Asthetik.
Er hatte nur einen Sinn fur das, was sich ergab an
Symmetrie und Antisymmetric, an Einklang und Mifi-
klang. Er hatte keinen Sinn dafur, von dem Schonen
zuriickzugehen auf dasjenige, was in dem Schonen er-
scheint. So wurde seine Asthetik ebenfalls einseitig, ahn-
lich der Asthetik Solgers. Alles Wahrheitsstreben kann
leiden dadurch, dafi der Mensch nicht Rucksicht nimmt
darauf, dafi er zum Wahrheitsstreben von sich loskom-
men mufi. Von sich loskommen kann der Mensch nur
nach und nach. Aber das ist das Auszeichnende der
Wahrheit, dafi sie im strengsten Sinne fordert, dafi man
von sich ganz absieht und alles vergilk, wenn man durch
sie weiterriicken will. Sie hat also eine Eigenschaft,
welche sie unterscheidet von allem iibrigen, namlich die,
dafi man ganz in sich sein kann, in seinem Ich leben
kann, in seinem Wahrheitsstreben, und dennoch etwas
gewinnt in seinem Ich - wenn man dieses Leben im Ich
durchmacht - was im Grunde genommen mit dem
egoistischen Ich nichts zu tun hat.
Wenn der Mensch in seinem Streben in der Welt etwas
hat, wo er sich durchsetzen will, dann ist es sein Egois-
mus. Wenn er etwas tun will, was er fur das Richtige
halt und das gegen jemand durchsetzen will und dabei in
Zorn entflammt, dann ist das ein Ausdruck der Selbst-
sucht. Dieser Ausdruck der Selbstsucht mull gebandigt
werden, wenn er zur Wahrheit aufsteigen will. Wahrheit
ist also etwas, was wir im Innersten erleben. Und den-
noch, obwohl wir sie in uns selbst erleben, kommen wir
dadurch immer mehr und mehr los von unserem Selbste
durch sie. Dazu ist allerdings notig, dafi in das Streben
nach Wahrheit sich wirklich nichts anderes hineinmischt
als die Liebe zur Wahrheit selber. Wenn sich Leiden-
schaften, Triebe und Begierden, von denen die Empfin-
dungsseele erst gelautert und gereinigt werden mu£,
bevor die Verstandesseele nach Wahrheit streben kann,
hineinmischen, so kann der Mensch nicht los von sich;
denn diese machen es, dafi sein Ich sich auf einen
bestimmten Gesichtspunkt stellt. Daher wird sich die
Wahrheit nur dem ergeben, der versucht, bei ihrer Auf-
findung Leidenschaften, Begierden und Triebe in sich zu
iiberwinden und sie nicht mitsprechen zu lassen. Liebe
darf die einzige Leidenschaft sein, die beim Aufsuchen
der Wahrheit nicht abgestreift werden mufi. Die Wahr-
heit ist ein hohes Ziel. Das zeigt sich daran, dafi sie sich
dem Menschen heute in der eben geforderten Form nur
ergibt auf einem eingeschrankten aufieren Gebiete.
Nur auf dem Gebiete der Mathematik, des Rechnens
und Zahlens hat die Menschheit im allgemeinen heute
dieses Ziel erreicht, weil dieses das Gebiet ist, wo der
Mensch seine Leidenschaften, Triebe und Begierden ge-
ziigelt hat und nicht mitsprechen lalk. Warum sind alle
Menschen dariiber einig, dafi drei mal drei gleich neun
und nicht gleich zehn ist? Weil sie, wenn sie dariiber
entscheiden, ihre Leidenschaften, Triebe und Begierden
zum Stillstand gebracht haben. Bei dieser einfachen Sa-
che, bei der Mathematik, hat es die Menschheit heute
schon dahin gebracht, Leidenschaften, Triebe und Be-
gierden schweigen zu lassen. Wenn sie es nicht dahin
gebracht hatte, wiirde manche Hausfrau recht gerne
haben, dafi sie neun Groschen fur eine Mark geben
kann. Da wiirden die Leidenschaften mitreden. Das ist
eben notwendig fur jegliches Aufsuchen der Wahrheit,
dafi wir die Triebe und Begierden schweigen lassen. Die
Menschen wiirden in bezug auf die hochsten Wahrheiten
zur Einigkeit kommen, wenn sie in bezug auf diese
hochsten Wahrheiten soweit waren, wie sie in bezug auf
diese Wahrheit auf dem Gebiete der Mathematik schon
sind. Aber diese Wahrheiten sind etwas, was wir in der
innersten Seele erfassen, und dadurch, dafi wir sie so
erfassen, haben wir sie. Wenn hundert oder gar tausend
und mehr Menschen uns widersprechen, wir haben sie
doch und wissen, dafi drei mal drei gleich neun ist, weil
wir sie in unserem Innersten erf aft t haben. Wiirden die
hundert und tausend Menschen, welche anderer Mei-
nung sind, sich unabhangig machen von sich selber, so
wiirden sie zu derselben Wahrheit kommen. Was ist also
der Weg zum gegenseitigen Verstandnis und zur mensch-
lichen Einigkeit? Wir verstehen uns auf dem Gebiete des
Rechnens und Zahlens, weil wir das Geforderte hier
erreicht haben; in demselben Mafie, wie wir die Wahr-
heit finden, herrscht Friede, Eintracht und Harmonie
unter den Menschen.
Das ist das Wesentliche, dafi wir die Wahrheit als
etwas zu erf ass en suchen, was sich uns nur in unserem
tiefsten Selbste ergibt; und dafi die Wahrheit etwas ist,
was die Menschen immer wieder zusammenfuhrt, weil
sie aus dem Tiefinnersten der Seele jedem Menschen
entgegenleuchtet.
So ist die Wahrheit die Fiihrerin der Menschen zur
Einigkeit und zum gegenseitigen Verstandnis. Damit ist
sie auch die Vorbereiterin von Gerechtigkeit und Liebe,
eine Vorbereiterin, die wir gerade pflegen sollen; wah-
rend wir den andern Vorboten, den wir gestern kennen-
gelernt haben, besiegen miissen, wenn er uns iiber die
Selbstsucht hinausfuhren soli. Das ist die Mission der
Wahrheit, dafi wir sie immer mehr und mehr lieben und
aufnehmen diirfen, und dafi wir sie in uns selbst pflegen
sollen. Indem wir uns in unserem Selbste der Wahrheit
ergeben, wird es selbst immer starker, und wir werden
gerade dadurch loskommen von dem Selbste: Je mehr
wir Zorn im Selbste entwickeln, desto schwacher ma-
chen wir es, und je mehr wir Wahrheit in dem Selbste
entwickeln, um so starker machen wir das Selbst. Die
Wahrheit ist eine strenge Gottin, die deshalb auch for-
dert, dafi sie in den Mittelpunkt einer alleinigen Liebe in
unserem Selbst gestellt wird. In dem Moment, wo man
nicht loskommt von sich selber und etwas anderes ihr
gegenuberstellt, etwas anderes hoher stellt als sie, racht
sie sich sofort. Der englische Dichter Coleridge hat einen
Ausspruch getan, der bezeichnend sein kann dafiir, wie
der Mensch sich zur Wahrheit zu stellen hat. Er sagt:
Wer das Christentum mehr liebt als die Wahrheit, der
wird bald sehen, dafi er seine christliche Sekte mehr liebt
als das Christentum, und er wird sehen, daft er sich mehr
liebt als seine Sekte.
In diesem Ausspruche liegt wirklich ungeheuer viel;
darinnen liegt vor allem, dafi ein der Wahrheit entgegen
gerichtetes Streben gerade zum Egoismus, zu einer den
Menschen herabdriickenden Selbstsucht fiihrt. Wahrheit,
sie kann die einzige Liebe sein, die das Ich von sich
losbringt. Und in dem Augenblick, wo man ihr etwas
vorzieht, wird man in gleichem Mafie finden, dafi man
der Selbstsucht verfallt. Das ist es, was man zu erwarten
hat, wenn man die Wahrheit geringer achtet als etwas
anderes. Das ist der strenge Ernst, aber auch das Grofie
und Bedeutsame an der Mission der Wahrheit fur die
Erziehung der menschlichen Seele. Die Wahrheit richtet
sich nach niemand, und finden kann sie nur derjenige,
der sich ihr ergibt. Das konnen wir daran ersehen, daft in
dem Augenblick, wo der Mensch nicht um der Wahrheit
willen liebt, sondern um seiner selbst willen, weil er sich
an seine Meinungen hangt, dafi der Mensch in diesem
Augenblicke als ein antisoziales Wesen wirkt, das immer
fort und fort herausstrebt aus der menschlichen Gemein-
samkeit. Sehen wir einmal hin auf diejenigen, die nicht
danach streben, die Wahrheit um der Wahrheit willen zu
lieben, die eine bestimmte Anzahl von Ansichten zu
ihrer Wahrheit gemacht haben: sie lieben nichts als den
Besitz ihrer Seele. Diese Menschen werden die intoleran-
testen sein. Diejenigen Menschen, die die Wahrheit ihrer
eigenen Anschauungen und Meinungen wegen lieben,
das sind jene, welche nicht dulden wollen, dafi ein
anderer zum Wahrheitsuchen auf ganz anderem Wege
geht. Daraus ergeben sich dann die Lebenskonflikte. Sie
sind diejenigen, die jedem Steine in den Weg werfen, der
andere Anlagen hat als sie und daher zu anderen Mei-
nungen kommt, als sie haben.
Fiihrt ehrliches Wahrheitsstreben zu allgemeinem
Menschenverstandnis, so fiihrt das Umgekehrte, die Lie-
be zur Wahrheit um der eigenen Personlichkeit willen,
zur Zerstorung der Freiheit, zur Intoleranz der andern
Personlichkeit gegeniiber. Wahrheit ergibt sich in dem,
was wir die Verstandes- oder Gemutsseele des Menschen
nennen.
Wahrheit suchen, Wahrheit durch eigene Arbeit sich
erwerben kann nur ein denkendes Wesen. Indem sich
der Mensch Wahrheit erwirbt durch sein Denken, mufi
er sich immer mehr und mehr klar werden, daft dadurch
das gesamte Gebiet der Wahrheit in zwei Teile zerfallt.
Fur die Wahrheit gibt es zwei Formen. Diejenige, die
gewonnen wird, indem wir hinschauen auf irgend etwas,
was uns in der Aufienwelt vorliegt, hinschauen auf die
umiiegende Natur, Stuck fur Stuck sie erforschen, um
ihre Wahrheiten, Gesetze und Weistumer kennenzu-
lernen. Wenn wir also den Blick schweifen lassen uber
die Welt, uber den Umfang des Erl^bten, dann kommen
wir zu jener Wahrheit, die man nennen kann «die Wahr-
heit des Nachdenkens». Wir haben gestern gesehen, daft
die ganze Natur von Weisheit durchdrungen ist, daft in
alien Dingen Weisheit lebt. In der Pflanze lebt dasjenige,
was wir nachher als Idee der Pflanze gewinnen. Weisheit
lebt in der Pflanze, und wir bemachtigen uns dieser
Weisheit. So steht der Mensch der Welt gegeniiber, und
er kann voraussetzen, dafi aus der Weisheit die Welt
entsprungen ist, und daft er durch sein Denken dasjenige
wiederfindet, was an der Produktion, an der Schopfung
der Welt beteiligt ist. Das ist die Wahrheit, die er durch
Nachdenken gewinnt.
Es gibt nun noch andere Wahrheiten. Diese kann der
Mensch nicht durch blofies Nachdenken, sondern sie
kann der Mensch nur gewinnen, wenn er hinausgeht
iiber das, was im aufieren Leben gegeben werden kann.
Im gewohnlichen Leben sieht man schon, dafi der
Mensch, wenn er sich ein Werkzeug oder ein Instrument
anfertigt, Gesetze ausdenken mufi, die er nicht durch
blofies Nachdenken gewinnen kann. So konnte zum
Beispiel der Mensch durch blofies Nachdenken iiber die
Welt keine Uhr machen; denn die Welt hat nirgends ihre
Gesetze so zusammengestellt, daft eine Uhr in der aufie-
ren Natur schon vorhanden ware. Das ist die zweite Art
von Wahrheit, die wir dadurch gewinnen konnen, dafi
wir dasjenige vorausdenken, was sich nicht im au£eren
Erlebnis und nicht im aufieren Beobachten ergibt. Es
gibt also zweierlei Wahrheiten, und das sind zwei streng
voneinander geschiedene Gebiete der Wahrheit. Wir ha-
ben zu sondern solche Wahrheiten, die durch Nachden-
ken iiber die aufiere Beobachtung fur uns entstehen, und
solche, die durch Vordenken entstehen.
Wodurch sind nun die letzteren wahr? Derjenige, der
eine Uhr ausdenken wiirde, der konnte uns lange den
Beweis liefern dafiir, dafi er rich tig gedacht hat. Wir
werden ihm so lange kein richtiges Vertrauen schenken,
solange er nicht zeigen kann, dafi die Uhr wirklich
dasjenige in der Welt darstellt, was er vorgedacht hat.
Dasjenige, was wir vordenken, mufi sich realisieren, mufi
sich in die Wirklichkeit einleben konnen; es mufi dasje-
nige, was wir vorgedacht haben, uns in der Wirklichkeit
draufien entgegentreten konnen. Solcher Art sind aber
auch die geisteswissenschaftlichen oder anthroposophi-
schen Wahrheiten. Sie sind solche, die man nicht an den
aufteren Erlebnissen zunachst beobachten kann.
Kein aufieres Erlebnis der Natur kann uns das, was
iiber den ewigen Wesenskern des Menschen schon ofters
betont wurde, bestatigen. Wir konnen unmoglich aus
der aufieren Beobachtung heraus die Wahrheit gewin-
nen, dafi das menschliche Ich immer wieder und wieder
in neuen Verkorperungen erscheint. Wer zu dieser
Wahrheit gelangen will, mufi sich iiber das aufiere Erleb-
nis erheben. Er mufi in seiner Seele eine Wahrheit
erf ass en konnen, die er nicht im aufieren Erlebnis zu-
nachst hat, aber sie mufi sich auch im aufieren Leben
realisieren. Man kann eine solche Wahrheit nicht so
beweisen wie die erste Art Wahrheit, die wir nachge-
dachte Wahrheit genannt haben. Man kann sie nur be-
weisen dadurch, dafi man ihre Anwendung im Leben
zeigt. Dafur gibt es aber auch keinen anderen Beweis als
eine Widerspiegelung im Leben. Wer hineinschaut in das
Leben und es betrachtet mit der Erkenntnis, dafi die
Seele immer wiederkehrt, und betrachtet, was sich ab-
spielt zwischen Geburt und Tod, was da die Seele immer
wieder erlebt, und da betrachtet, welche Befriedigung
diese Idee gewahren und welche Kraft sie im Leben
geben kann, ihre Fruchtbarkeit im Leben verfolgt - und
auch noch im anderen Sinne verfolgt, indem er sich zum
Beispiel sagt: wie kann ich die Kraft einer Kindesseele
entwickeln, wenn ich voraussetze, dafi da eine Seele sich
herausarbeitet, die schon immer da war? - dem leuchtet
diese Wahrheit und Idee in der aufieren Wirklichkeit
entgegen, sie erweist sich ihm fruchtbar. Alle anderen
Beweis e sind unrichtig. Einzig und allein die Bewahrhei-
tung solcher vorgedachter Wahrheiten im Leben ist als
ein Beweis ihrer Richtigkeit zu betrachten. Vorgedachte
Wahrheiten, die nicht aus der Beobachtung gewonnen
werden konnen, konnen auch nicht so bewiesen werden
wie nachgedachte Wahrheiten. Sie konnen sich nur an
der Wirklichkeit bewahren und fruchtbar erweisen. Es
ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Beweis der
ersten und zweiten Art Wahrheit. Die zweite ist eigent-
lich eine im Geiste erfaflte, die sich bewahren soil in der
aufteren Beobachtung, im Leben.
Wie werden nun diese zwei Gebiete der Wahrheit
erzieherisch auf die menschliche Seele wirken? Da ist ein
grofier Unterschied, ob der Mensch blofi sich hingibt
den nachgedachten, oder ob er sich hingibt blofi vorge-
dachten Wahrheiten. Sehen wir uns einmal das an, was
der Mensch als nachgedachte Wahrheit gewinnt. Wir
sagen mit Recht: Wenn wir uns in die Weisheit der
Natur vertiefen und uns in uns selber ein Spiegel- und
Wahrheitsbild der Natur verschafft haben, dann haben
wir in uns dasselbe, woraus sie entsprossen ist, woraus
sie wirkt; wir haben dasjenige, was in der Natur als
Schopferisches wirkt, in unserem Wahrheitsbegriff der
Natur. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied. Wahrend
die Weisheit in der Natur schopferisch ist, wahrend die
voile Wirklichkeit aus ihr heraus sprieEt, ist unsere
Wahrheit nur ein Spiegelbild, eine nachgedachte und
untatige, etwas, was ohnmachtig geworden ist durch
unser Naturdenken. So konnen wir uns ein weitherziges
und weites Bild der Wahrheit der Welt schaffen: das
Schopferische, das Produktive ist aus diesem Wahr-
heitsbild heraus genommen. Daher wirkt auch dieses
Wahrheitsbild in bezug auf die Entwickelung unseres
Ich zunachst verodend und ausleerend. Die schopferi-
sche Kraft des Ich wird lahm und erstirbt sozusagen; das
Selbst wird nicht stark und kann sich gar nicht mehr der
Welt gegeniiberstellen, wenn es nur nachgedachte Wahr-
heiten sucht. Nichts wirkt so sehr auf das Vereinsamen,
auf das Veroden, auf das Zuriickziehen in sein Ich, auf
die Verfeindung mit der Welt, als das blofie Nachdenken
iiber die Welt. Kalter Egoist kann der Mensch werden,
wenn er blofi erforschen will, was drauften in der Welt
ist. Wofiir will er eigentlich diese Wahrheit? Will er fur
die Gotter diese Wahrheit verwenden?
Wenn er nur diese nachgedachte Wahrheit erforschen
will, so will er fur sich etwas haben, und er ist auf dem
Wege, durch die Wahrheit ein kalter Egoist und Men-
schenfeind zu werden im weiteren Verlauf seines Le-
bens. Er geht hinaus und wird ein Einsiedler oder
sondert sich auf andere Weise ab von der Menschheit;
denn er will dasjenige, was in der Welt ist, fur seine
Wahrheit haben. Alles einseitige Einsiedlertum, alles
Menschenfeindliche konnen Sie finden, wenn Sie diesen
Weg verfolgen. Die Seele wird immer mehr und mehr
austrocknen in bezug auf Gemeinschaftssinn; sie wird
immer armer, trotzdem die Wahrheit sie reicher machen
sollte. Der Mensch hort auf, wenn er blofi diese Art
Wahrheit erforscht, im Gemeinsamkeitssinn Mensch zu
sein. Er wird Sonderling oder Einseitigkeitsmensch,
gleichgultig, ob er hinausgeht oder sich einschliefk; ver-
harten wird die Seele in beiden Fallen. Daher werden Sie
sehen, dafi je mehr der Mensch zum blofien Nachdenken
kommt, desto unfruchtbarer wird die Seele in diesem
Nachdenken. Versuchen wir uns einmal das vorzustel-
len, wie durch blo£es Nachdenken die Seele verodet.
Betrachten wir einmal die Natur draufien: da haben wir
eine Summe von Pflanzen vor uns. Aus der lebendigen
Weisheit der Welt sind sie gebildet. In ihnen ist produk-
tive Kraft, und diese Weisheit hat sie aus sich selber
hervorsprieften lassen. Nun kommt derjenige, der ein
Kiinstler ist. Er stellt sich mit der Seele dem, was ihm
das Bild der Natur gibt, entgegen. Er denkt nicht blofi
nach, sondern er lafit jene schopferische, produktive
Kraft in sich wirken. Er bringt hervor ein Kunstwerk;
aber darinnen ist nicht blofi vorhanden ein Nachgedan-
ke, sondern produktive Kraft. Jetzt kommt aber einer,
der versucht, hinter den Gedanken des Bildes zu kom-
men. Er denkt iiber das Bild nach. Da ist die Wirklich-
keit weiter filtriert, aber sie ist zu gleicher Zeit verodet.
Versuchen Sie, den Prozefi weiterzufiihren. Wenn die
Seele in dieser Weise einen Gedanken aus der Beob-
achtung herausgeschalt hat, dann ist der Abschlufi da,
und die Seele ist fertig damit. Man mu£te nur noch sich
Gedanken iiber den Gedanken machen. Damit kommt
man in das Lacherliche hinein. Der begonnene Prozefi
dorrt selber aus.
Anders ist es auf dem Gebiete des Vordenkens. Hier
ist der Mensch in anderer Lage, da er selber produktiv
ist. Da verwirklicht er im Leben seine Gedanken; da ist
er etwas, was nach dem Vorbilde der schaffenden Natur
selber wirkt. In einem solchen Falle ist der Mensch,
wenn er iiber die blofte Beobachtung hinausgeht, wenn
er nicht blofi nachdenkt, sondern in der Seele etwas
aufsteigen lafit, was ihm die blofie Beobachtung nicht
geben kann. Alle geisteswissenschaftlichen Wahrheiten
sind solche, bei denen die Seele produktiv veranlagt sein
mui Hier mu£ die Seele Vordenker sein. Alles blofie
Nachdenken ist bei diesen Wahrheiten vom Ubel und
fiihrt zur Tauschung in bezug auf die geisteswissenschaft-
lichen Wahrheiten. Dafiir haben die vorgedachten Wahr-
heiten ein anderes. Der Mensch kann nur auf einem
beschrankten Gebiete die Wahrheit vordenken. Er kann
nur sozusagen ein Stumper sein gegeniiber der schopferi-
schen Weisheit der Welt. Eine unendliche Menge ist
vorhanden von dem, woriiber wir unsere nachgedachten
Wahrheiten haben, und ein sehr beschranktes Gebiet
ermoglicht es uns, vorgedachte Wahrheiten zu haben. Es
wird also bei der zweiten Art Wahrheit der Kreis enger,
aber die produktiven Krafte erhohen sich; die Seele wird
frisch und weiter und weiter. Sie wird selbst immer
gottlicher und gdttlicher in sich, wenn sie das in sich
nachbildet, was das Wesentliche ist in der schopferi-
schen, gottlichen Tatigkeit in der Welt. So stehen sich
die beiden Wahrheiten, die vor- und nachgedachten, in
der Welt gegenuber. Daher wird die nachgedachte Wahr-
heit, die auf dem blofien Erforschen des Gegebenen, auf
dem Forschen in dem Erlebten beruht, sie wird immer
ins Abstrakte fuhren; immer trockener wird dabei die
Seele werden und wird keine Nahrung finden konnen.
Diejenige Wahrheit aber, die nicht an dem aufteren
Erlebnis gewonnen wird, sie ist schopferisch; und aus
ihrer Kraft weist sie dem Menschen eine Stelle im Welt-
all an, wo er Mittatiger ist an dem, was in die Zukunft
hinein entsteht.
Das Vergangene kann im wahren Sinne des Wortes
nur Nachgedachtes sein. Das Vorgedachte ist etwas, was
ein Anfang ist fur ein Hineinwachsen in die Zukunft. So
wird der Mensch ein Burger, ein Schaffender fur die
Zukunft. Er erstreckt die Kraft seines Ich von dem
Punkte der Gegenwart in die Zukunft hinein, indem er
nicht blofi das Nachgedachte, sondern auch das Vorge-
dachte in den Wahrheiten zu seinem Eigentume macht.
Das ist das Befreiende der vorgedachten Wahrheiten.
Derjenige, der sozusagen selber mittatig ist auf dem
Gebiete des Wahrheitsstrebens, der wird bald erfahren,
wie ihn das blofie Nachdenken verarmt; und er wird es
begreiflich finden, wie der blofie Nachdenker immer
oder und abstrakter wird und seinen Geist mit oden
Begriffs-Gespinsten und blutleeren Abstraktionen er-
fiillt. Das kann dazu fiihren, dafi der Geist zum Zweifel
dariiber kommt, ob er an der Weltengestaltung teilhaben
kann. Wie herausgestofien und zum blofien Genuft der
Wahrheit verurteilt kann sich der Mensch fuhlen, wenn
er bloft ein Nachdenker der Wahrheit ist. Das aber, was
vorgedachte Wahrheit ist und uns als solche im Leben
entgegentritt, das erfiillt die Seele und macht sie warm,
erfiillt sie mit neuer Kraft auf jeder Stufe des Lebens.
Beseligend ist es fur den Menschen, wenn er solche
vorgedachten Wahrheiten zu erfassen vermag, um dann
den Erscheinungen des Lebens gegeniiberzutreten und
sich zu sagen: jetzt verstehe ich nicht blofi, was da ist,
sondern was da ist, wird nun erklarlich, weil ich vorher
etwas davon gewuftt habe.
Nun konnen wir mit den geisteswissenschaftlichen
Wahrheiten auch an den Menschen herantreten. Unver-
standlich bleiben uns die Menschen, wenn wir blofi die
nachgedachten Wahrheiten kennen. Haben wir dagegen
die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, da werden uns
die Menschen immer verstandlicher, und wir werden
auch immer mehr Interesse finden konnen an der Welt
und mit der Welt immer mehr verwachsen. Freude und
Genugtuung werden wir empfinden dariiber, daft uns die
Bestatigung der vorgedachten Wahrheiten in Wirklich-
keit entgegentritt. Das ist das Beseligende und Befriedi-
gende an den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, dafi
sie zuerst erfafit werden miissen, bevor sie sich im Leben
realisieren konnen, und daft der Mensch dadurch immer
reicher und reicher wird. Indem wir mit den nachge-
dachten Wahrheiten arbeiten und in uns eine abstrakte
Ideenwelt pflegen, entfernen wir uns von der Welt;
wenn wir mit den vorgedachten Wahrheiten an die Welt
herantreten, werden wir immer reicher und reicher und
befriedigter. Wir erleben dadurch allmahlich ein volliges
Hineinverweben in die Erscheinungen, mit denen wir
eins werden. Wir kommen immer mehr los von unserem
Selbste, wahrend wir dagegen zum raffinierten Egoisten
werden durch die nachgedachten Wahrheiten, Um das
Bestehen und die Bewahrheitung der vorgedachten
Wahrheiten zu finden, miissen wir sie erst haben, und
dazu ist notig, daft wir aus uns heraustreten und ins
Leben hineintreten, um ihre Anwendung auf jedem Ge-
biete des Lebens zu suchen. So sind es besonders die
vorgedachten Wahrheiten, die uns von uns losbringen
und uns in hohem Grade mit dem erfiillen, was der
Wahrheitssinn in sich haben mufi.
Soiche Dinge hat ein jeder gefiihlt, der ein wirklicher
Wahrheitssucher war. Es ruhte tief in Goetbes Seele
diese Meinung von der Wahrheit, als er den herrlichen,
grandiosen, weithin leuchtenden Ausspruch tat: «Was
fruchtbar ist, allein ist wahr!»
Aber auch das war in Goethes Seele gegenwartig, dafi
der Mensch verwachsen sein mufi mit der Wahrheit,
wenn uberhaupt ein Verstandnis mit anderen Menschen
moglich sein soli. Durch nichts werden die Menschen
mehr entfremdet und entfernen sich voneinander, als
wenn sie fremd werden dem Wahrheitsstreben und dem
Wahrheitssinn. Es ist ebenfalls ein Ausspruch Goethes:
«Eine falsche Lehre lafit sich nicht widerlegen, denn sie
beruht ja auf der Uberzeugung, dafi das Falsche wahr
sei!» Selbstverstandlich kann jetzt gleich jemand einwen-
den, man konne, wenn man logische Griinde vorbringe,
das Falsche widerlegen. Das meint Goethe nicht; er ist
eben der Uberzeugung, daft eine falsche Anschauung
nicht durch logische Schliisse widerlegt werden kann,
und meint, die praktische und fruchtbare Anwendung
der Wahrheit im Leben miisse dem Menschen in seinem
Wahrheitsstreben alleinige Richtschnur sein. Deshalb,
weil Goethe so tief in seiner Seele mit der Wahrheit
verwachsen war, konnte er das schone Wahrheitsdrama
skizzieren, das er 1807 in seiner «Pandora» anfing nie-
derzuschreiben. «Pandora» ist Fragment und als solches
ein Produkt seines reichen Schaffens. Es ist reifste und
siifteste Frucht. Wenn man es auf sich wirken lafit, mufi
man sich sagen: es ist Fragment geblieben, aber es ist in
jeder Zeile so grofiartig und gewaltig, dafi man sagen
konnte, es ist reinste und grdfite Kunst. Man versuche
einmal, sich hier einzuleben und den Dialog auf sich
wirken zu lassen, und beachte einmal, wie anders die
Personen sprechen, die eine Passion, einen treibenden
Charakter haben, und die andern, welche einen zuriick-
haltenden Charakter haben.
«Pandora» zeigt uns, wie Goethe in der Lage war,
zum Grolken einen Anlauf zu nehmen - um aber dann
zu erlahmen. Die Aufgabe war zwar zu grofi, um sie zu
Ende zu fixhren, aber es geniigt uns, um zu ahnen, wie
tief Goethe eingedrungen war in die Probleme der See-
len-Erziehung. Vor seiner Seele stand alles, was die Seele
iiberwinden mufi, um aufzusteigen; vor seiner Seele
stand alles, was wir gestern iiber den Zorn, was wir iiber
den gefesselten Prometheus kennengelernt haben, und
auch das, was wir iiber die andere Erzieherin der mensch-
lichen Seele, was wir iiber den Wahrheitssinn heute
gesagt haben.
Wie nahe diese beiden Dinge in ihrer Wirkung auf die
menschliche Seele verwandt sind, kann man auch aus
den Gesichtsausdriicken, die sie beim Menschen verursa-
chen, ersehen. Man versuche einmal, sich vorzustellen
einen Menschen, der in Zorn gerat, und einen Menschen,
auf den die Wahrheit wirkt, den die Wahrheit als ein
inneres Licht durchdringt. Da sieht man, wie der zornige
Mensch seine Stirne runzelt. Warum tut er das? Eine
solche Stirne runzelt sich, weil im Innern eine iiberschus-
sige Kraft wie ein Gift wirkt, welche niederhalten mufi
einen iiberschiissigen Egoismus, der vernichten will das-
jenige, was neben ihm ist, was neben dem eigenen
Selbste besteht. In der geballten Faust des Zornigen hat
man zu sehen das in sich verschlossene, mcht in die
Aufienwelt eingehen wollende, zornige Selbst. Man ver-
gleiche damit den physiognomischen Ausdruck dessen,
der die Wahrheit findet. Wenn jemand das Licht der
Wahrheit erblickt, runzelt er auch die Stirne, aber es ist
dieses Stirnrunzeln etwas, wodurch sich das Selbst erwei-
tert. Hier wollen die Runzeln in hingebungsvoller Liebe
die ganze Welt ergreifen, um sie einzusaugen. Auch
leuchten konnen die Augen dessen, der der Welt ihre
Geheimnisse ablauschen will. Leuchtend suchen sie zu
umfassen und zu umspannen, was aufier uns in der Welt
vorhanden ist. Los kommt der Mensch von sich selber,
und nicht ballen tut sich die Hand dessen, der vom
Lichte der Wahrheit erfiillt ist, sondern seine Hand
streckt sich; und in der gestreckten Hand ist vorhanden
das Aufsaugen des Wesens der Welt. So zeigt sich
physiognomisch der ganze Unterschied zwischen der
Wahrheit und dem Zorn. Fiihrt einerseits der Zorn zu
einem Hineindrangen des Menschen in sein Selbst, so
fiihrt das Streben nach der Wahrheit andererseits zu
einem Aufschliefien und Hineinwachsen des Menschen
in die Au£enwelt; und um so mehr wachst der Mensch
hinein in die Aufienwelt, je mehr er sich aufschwingt
von den nachgedachten Wahrheiten zu den vorgedach-
ten. Daher stellt Goethe in seiner «Pandora» einander
gegeniiber diejenigen Gestalten, welche Reprasentanten
sein konnen fiir das, was in der Seele wirkt. Sie sollen
gleichsam symbolisch die einzelnen Eigenschaften und
Fahigkeiten der Seele in ein Spiel treten lassen.
Wenn Sie die «Pandora» aufschlagen, sehen Sie gleich
am Anfang etwas hochst Merkwiirdiges. Gleich in der
Angabe der ersten Szenerie kann Ihnen etwas auffallen,
was im hochsten Grade bedeutsam ist. Hier sehen wir
auf seiten des Prometheus angegeben eine Szene, die
erfullt ist von Werkzeugen, welche der Mensch selber
fabriziert. Uberall sind Menschenkrafte tatig gewesen;
alles aber ist in gewissem Sinne roh und unbequem. Dem
gegeniiber ist gestellt die Szene des Epimetheus, des
andern Titanen. Dessen Schauplatz ist so, da£ alles in
gewisser Beziehung vollkommen gemacht ist; denn wir
sehen weniger dasjenige, was der Mensch als Schopfer
hervorbringt, sondern alles ist Zusammenstellung des-
sen, was die Natur schon hervorgebracht hat. Alles ist
aus dem Nachdenken hervorgegangen. Hier haben wir
ein Zusammenstellen und Zusammenformen, ein symme-
trisches Anordnen dessen, was in der Natur da ist.
Asymmetrisch und roh ist die Szene des Prometheus;
wohlgebildet und symmetrisch sind die Erscheinungen
und Formen der Natur bei Epimetheus. Den Abschluft
dieser Szene des Epimetheus bildet ein Ausblick in eine
wunderbare Landschaft. Warum ist das alles so angeord-
net? Wir brauchen nur die beiden Gestalten zu nehmen:
Prometheus, der Vordenkende, und Epimetheus, der
Nachdenkende. Diese zwei in der Seele wirkenden Kraf-
te stellte Goethe in den beiden Titanenbriidern einander
gegeniiber. Einerseits haben wir dasjenige, was vorzugs-
weise im Menschen unter dem Sterne des Vordenkens
steht, im Prometheus; da ist der Mensch eingeschrankt
in ungeschlachte Krafte, aber er ist produktiv. Er kann
noch nicht seine Schopfungen so vollkommen ges taken
wie die Natur die ihrigen. Er kann noch nicht in Harmo-
nie formen, aber alles Geschaffene entspringt aus seinen
eigenen Kraften und Werkzeugen. Es fehlt ihm aber
auch der Sinn dafiir, auf eine grofie Natur-Szenerie
hinauszuschauen.
Wir sehen auf der andern Seite bei Epimetheus, dem
Nachdenker, in dem, was er zustande gebracht hat, das,
was ihm die Vorzeit iiberliefert hat, symmetrisch ange-
ordnet. Weil er aber Nachdenker ist, sehen wir bei ihm
auch im Hintergrunde eine schone Landschaft ausge-
breitet, die dem Menschen eigenartigen Genuft bietet.
Dann tritt uns Epimetheus entgegen, der uns seine
eigenartige Natur enthiillt und uns sagt, wie er dazu da
ist, um das Vergangene auf sich wirken zu lass en und
iiber das, was bereits geschehen ist und was dem Auge
entgegentritt, nachzudenken. Und er zeigt uns in seiner
Rede, was das fur eine unbefriedigte Gemutsstimmung
zuweilen in der Seele hervorruft. Er empfindet kaum
einen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Wir kon-
nen kurz sagen: Das auf die hochste Spitze getriebene
Nachdenken wird uns in Epimetheus vorgefiihrt. Dann
aber tritt uns Prometheus entgegen mit der Fackel in der
Hand, noch aus der Nacht heraustretend. In seiner
Gefolgschaft sehen wir Schmiede, die Hand anlegen an
das, was der Mensch selber hervorbringt, und er selber
sagt uns etwas sehr Merkwiirdiges, das wir, wenn wir
Goethe richtig verstehen, nicht mifiverstehen werden.
Die Schmiede riihmen die Tatigkeit, die zu etwas Pro-
duktivem fiihrt. Sie riihmen, dafi der Mensch da auch
mancherlei zerstoren mufi. Sie riihmen in einseitiger
Weise das Feuer. Der Mensch, der allseitig Nachdenker
ist, wird nicht das einzelne auf Kosten des anderen
loben. Er wird sich einen Uberblick iiber das Ganze
machen. Prometheus aber sagt gleich:
Des taYgen Manns Behagen sei Parteilichkeit.
Er riihmt gerade die Tatsache, da£ man, urn tatig zu
sein, eingeschrankt sein mufi. Es wird sich in der Natur
das Richtige dadurch bewahren, dafi das Unrichtige sich
zerstort. Aber vorwarts mit dem, was man kann, das ist
es, was Prometheus den Schmieden einscharft. Er ist der
Wirkende, der mit der Fackel aus der Nacht heraus-
kommt, um zu zeigen, wie aus der Tiefe seiner Seele
seine vordenkliche Wahrheit herauskommt. Fur ihn ist
es nicht so, dafi er wie Epimetheus in traumhafter Weise
keinen Unterschied finden kann zwischen Tag und
Nacht und alles in der Welt als Traum empfindet. Denn
seine Seele hat gearbeitet, und in ihrer eigenen dunklen
Nacht hat sie zuerst die Gedanken erfafit, die jetzt aus
ihr heraustreten. Das sind aber keine Traume, sondern
dasjenige, wofur die Seele ihr Blut gegeben hat. Dadurch
tragt sie sich in die Welt hinein und kommt los von sich
selber. Zugleich lauft sie aber auch Gefahr, sich zu
verlieren. Prometheus selbst braucht sich zwar noch
nicht zu verlieren, wenn aber etwas Einseitiges in der
Welt zustandekommt, dann zeigt sich das in seiner
Nachfolgerschaft. Der Sohn des Prometheus, Phileros,
ist bereits geneigt, dasjenige, was geschaffen wurde, zu
lieben und es geniefien zu wollen, wahrend der Vater
Prometheus noch in der ganzen Schaffenskraft des Le-
bens darinnen ist. In Phileros ist die Kraft des Vorden-
kens in einseitiger Weise ausgebildet. Er stiirmt hinaus in
das Leben, nicht wissend, wo er seiner Genufisucht eine
Befriedigung verschaffen kann. Nicht ubergehen kann
auf diesen Sohn dasjenige, was Prometheus als befruch-
tende Kraft des Schaffens in sich hat; und unverstandlich
mufi er daher auch fiir Epimetheus erscheinen, der aus
einer reichen Lebenserfahrung heraus ihm Anleitung
geben will in seinem dahinstiirmenden Leben.
In grandioser Weise wird uns ferner gezeigt, wie das
wirkt, was blofies Nachdenken gewahren kann. Es wird
angekniipft an den Mythos, dafi Zeus, als er Prometheus
an den Felsen schlagen liefi, dem Menschen anheftete
Pandora, die Allbegabte.
Allschonst und allbegabtest regte sie sich hehr
Dem Staunenden entgegen, forschend holden Blicks,
Ob ich, dem strengen Bruder gleich, wegwiese sie.
Doch nur zu machtig war mir schon das Herz erregt,
Die holde Braut empfing ich mit berauschtem Sinn.
Sodann geheimnisreicher Mitgift naht* ich mich,
Des irdenen Gefafies hoher Wohlgestalt.
Verschlossen stand's
Prometheus hatte seinen Bruder Epimetheus gewarnt,
dieses Geschenk der Gotter anzunehmen. Der Bruder
aber nimmt es doch an. Geoffnet wird dieses Geschenk,
weil Epimetheus anders geartet ist als sein Bruder, und
alle menschlichen Qualen fallen heraus; nur eines bleibt
darinnen - die Hoffnung bleibt darinnen. Was ist Pando-
ra? Was hat man bei dieser Allbegabten zu empfinden?
Wahrlich, ein Mysterium der menschlichen Seele ver-
birgt sich in ihr. Dasjenige, was dem nachdenkenden
Menschen in der Welt geblieben ist, ist das tote Produkt,
das abstrakte Spiegelbild der von Hephaistos geschmie-
deten mechanischen Gedanken. Ein Ohnmachtiges ist
diese Weisheit gegeniiber der allseitig schaffenden Weis-
heit, die die Welt aus sich hervorsprieften lafit.
Was kann dieses abstrakte Spiegelbild dem Menschen
geben? Wir haben gesehen, wie diese Wahrheit un-
fruchtbar sein kann, wie sie die menschliche Seele ver-
odet, und begreifen es, da£ aus der Pandora-Biichse
herausfallen alle Qualen der Menschen, alles, was auf die
menschliche Seele verodend wirkt. In Pandora haben wir
zu sehen die zur Schopfung ohnmachtige Wahrheit, die
nachgedachte Wahrheit. Sie reprasentiert uns das blofie
mechanische Gedankenbild; einen Gedankenmecha-
nismus bildende, nachgedachte Wahrheit im Lebendig-
Schopferischen der Welt. Nur eines bleibt dem blofien
Nachdenker. Wahrend der Vordenker sein Ich verbindet
mit der Zukunft und loskommt von sich und in die
Zukunft hinein lebt, bleibt dem Nachdenker in bezug
auf die Zukunft dieses eine: die Hoffnung, dafi die
Dinge geschehen werden. Da er nicht selber teilnimmt
als Vordenker an dem Wirken in die Zukunft hinein,
bleibt ihm blofi die Hoffnung. Goethe fafit den Mythos
ganz tief, indem er in seinem Drama «Pandora» aus der
Ehe des Epimetheus mit Pandora hervorgehen lafit zwei
Kinder. Das eine Kind ist die Hoffnung Elpore, das
andere Epimeleia, die Sorgende, diejenige, die bewahrt,
was da ist. In der Tat, der Mensch hat in seiner Seele
zwei Kinder, zwei Sprofilinge der toten, abstrakten,
mechanisch gefafiten Wahrheit. Sie ist unfruchtbar und
wirkt nicht in die Zukunft hinein, weil sie nur nachge-
dachte Wahrheit ist und nur nachdenken kann, was da
ist, aber nicht schopferisch tatig sein kann. Diese Men-
schen konnen nur hoffen, dafi geschehen wird, was wahr
ist. Diese Tatsache stellt Goethe in geradezu grandios
realistischer Weise in seiner Elpore dar, indem er zeigt,
wie sie dem Menschen, wenn er fragt, ob dieses oder
jenes geschehen wird, immer nur die eine Antwort gibt:
Ja, ja. Wenn ein prometheischer Mensch vor die Welt
trate und von der Zukunft sprache, so wiirde er sagen:
Ich hoffe nichts, aber ich will mit meinen eigenen Kraf-
ten auf die Zukunft gestaltend wirken. - Wenn der
Mensch aber blofi Nachdenker ist, richtet er seine Ge-
danken auf das, was geschehen ist, und andererseits hofft
er in die Zukunft hinein; denn auf die Frage: wird das
oder jenes geschehen? sagt die Elpore immer: Ja, ja! Das
horen wir sie immerfort antworten. Damit ist die eine
Tochter des nachdenklichen Seelenwesens in ausgezeich-
neter Weise charakterisiert. Damit ist sie skizziert in
ihrer Unfruchtbarkeit. Die andere Tochter dieser Seelen-
kraft ist jene, welche acht zu geben hat, Sorge zu tragen
hat fur das, was schon da ist. Sie ordnet in Symmetrie
alles Geschaffene, und kann nichts, was aus eigenen
Kraften entspringt, hinzufiigen zu dem, was da ist durch
die lebendig schaffende Weisheit. Diese totbleibende,
nachdenkliche Weisheit bringt Epimeleia hervor, indem
das, was da ist, einfach geschiitzt werden soil vor der
Zerstorung. Da aber alles, was sich nicht weiter entwik-
kelt, immer mehr der Zerstorung entgegengehen mufi, so
sehen wir, wie die Sorge immer grower und grower wird;
und wie durch das blofie nachdenkliche Element nicht
das Fruchtbare, sondern das Zerstorende selbst eintritt
in die Welt. Das charakterisiert Goethe wunderbar,
indem er Phileros in Epimeleia sich verlieben lalk.
Wir sehen ihn in Eifersucht entbrannt Epimeleia ver-
folgen, die bei den Titanenbriidern Schutz gegen ihn
findet.
Zu gleicher Zeit sehen wir als Folge eintreten Streit
und Zwietracht. Daher tritt uns Epimeleia entgegen,
indem sie ankiindigt, dafi gerade das, was sie liebt, ihr
nach dem Leben trachtet. Jedes weitere Wort bei Goethe
zeigt, wie tief er in die Seelengeheimnisse des Vor- und
Nachdenkens hineingeschaut hat. Wir sehen, wie Goethe
in der wunderbarsten Weise kontrastiert hat das Vorden-
ken an den Schmieden und das, was stehen bleibt in der
Natur, an den Hirten. Diese nehmen dasjenige, was die
Natur von sich selbst bietet, was schon da ist. Die
Schmiede aber formen die Natur um. Deshalb sagt Pro-
metheus von den Hirten: Frieden suchen sie, aber Be-
friedigung in der Seele werden sie nicht finden:
Entwandelt friedlich! Friede findend geht ihr nicht.
Denn in das Unfruchtbare der Natur fiihrt nur hinein
alles dasjenige, was blo£ das Vorhandene erhalten will.
So stellt uns Goethe die vor- und nachdenkliche
Wahrheit in den Bildern des Prometheus und Epime-
theus und alien Personlichkeiten, die an ihnen hangen,
gegenuber. Sie sind die Reprasentanten jener Seelen-
krafte, die aus einer alizu starken, einseitigen Neigung
zur einen oder zur anderen Art des menschlichen Wahr-
heitsstrebens hervorgehen konnen. Und nachdem nur
Unheil gebracht worden ist durch das, was einseitig
wirkt in der menschlichen Seele, nachdem wir gesehen
haben, wie Unheil bewirkt wird, wenn der Mensch
blower Vordenker ist oder Nachdenker, sehen wir zum
Schlufi hervortreten dasjenige, was allein Erlosung brin-
gen kann, namlich das Zusammenwirken der beiden
Titanenbriider. Das Drama wird weitergefiihrt dadurch,
dafi im Besitz dieses Epimetheus ein Brand entsteht.
Prometheus, der gewillt ist, Gebautes einzureifien, falls
es seinem Zwecke nicht mehr geniigt, gibt seinem Bru-
der den Rat, hinzueilen und zu versuchen durch das, was
er ist, der Zerstorung Einhalt zu tun. In Epimetheus
aber ist jeder Sinn fiir die Zerstorung erstorben. Er
denkt an die Gestalt der Pandora und ist ganz in Nach-
denken versunken. Interessant ist auch das Gesprach
zwischen Prometheus und Epimetheus iiber die Pandora
selbst. Epimetheus schwarmt von Pandora.
Prometheus:
Die Hochgestalt aus altem Dunkel tritt auch mir;
Hephaisten selbst gelingt sie nicht zum zweitenmal.
Epimetheus:
Auch du erwahnest solchen Ursprungs Fabelwahn?
Aus gottlich altem Kraftgeschlechte stammt sie her:
Uranione, Heren gleich und Schwester Zeus'.
Prometheus :
Doch schmiickt' Hephaistos wohlbedenkend reich sie aus,
Ein goldnes Hauptnetz flechtend erst mit kluger Hand,
Die feinsten Drahte wirkend, strickend mannigfach.
Wir sehen dabei auch, wie das mechanische, blofi
abstrakt Nachgeschaffene sich in jedem Satze des Prome-
theus wiederfindet. Dann tritt uns entgegen Eos, die
Morgenrote. Sie tritt vor der Sonne auf. Sie kiindigt
dieses Licht an, hat aber dieses Licht bereits in sich. Sie
ist nicht bloft das, was aus dem tiefen Dunkel der Nacht
heraus schafft, sondern der Ubergang zu etwas, was die
Nacht iiberwunden hat. Prometheus erscheint mit der
Fackel, weil er aus der Nacht herauskommt. Mit seinem
kunstlichen Lichte soil angedeutet werden, wie er aus
der Nacht heraus schafft. Epimetheus kann zwar bewun-
dern, was das Licht der Sonne gibt, aber er empfindet
alles nur wie einen Traum. Er ist die blofi nachdenkliche
Seele. Wie wenn es der Aufmerksamkeit der blofi schaf-
fenden Seele des Prometheus entginge, so ist es in dem,
was Prometheus am Licht des Tages spricht. Er sagte
audi, seine Menschen sind dazu berufen, nicht blofi
Sonne und Licht zu sehen, sondern zu beleuchten. Jetzt
tritt Eos, die Morgenrote, «Aurora» hervor. Sie fordert
den Menschen auf, iiberall das Richtige zu tun und tatig
zu sein. Phileros soli sich verbinden mit den Kraften, die
es ihm moglich machen, sich zu retten, nachdem er
schon den Tod gesucht hat. Neben die Schmiede, die
eingeschrankte Arbeit tun im Vordenken, neben die
Hirten, die das nehmen, was schon da ist, treten die
Fischer ein, die das Wasserelement besorgen. Und jetzt
sehen wir, wie Eos einen Rat gibt:
Jugendrote, Tagesbliite,
Bring' ich schoner heut als jemals
Aus den unerforschten Tiefen
Des Okeanos heriiber.
Hurtiger entschiittelt heute
Mir den Schlaf, die ihr des Meeres
Felsumsteilte Bucht bewohnet,
Ernste Fischer! frisch vom Lager!
Euer Werkzeug nehmt zur Hand.
Schnell entwickelt eure Netze,
Die bekannte Flut umzingelnd:
Eines schonen Fangs Gewifiheit
Ruf ich euch ermunternd zu.
Schwimmet, Schwimmer! taucht, ihr Taucher!
Spahet, Spaher, auf dem Felsen!
Ufer wimmle wie die Fluten,
Wimmle schnell von Tatigkeit!
Nun wird uns in wunderbarer Weise der Sohn des
Prometheus entgegengefiihrt, wie er sich auf Wellen und
Wogen rettet und die Kraft in sich mit der Kraft der
Wogen verbindet. So verbindet sich in der Rettung
Phileros 5 das, was schaffende Kraft in ihm ist, mit dem,
was als schaffende Kraft in der Natur erspriefit. Das
tatige, das schaffende Element seiner Natur tritt in wir-
kungsvolle Verbindung mit dem schaffenden, sprie-
fienden Element der Natur. In dieser Weise versohnt
sich das Element des Prometheus mit dem Element des
Epimetheus.
So stellt Goethe als eine aussichtsvolle Losung hin,
wie das, was nachdenkend aus der Natur gewonnen
wird, seine produktive Anspannung bekommt durch das
vordenkende Element. Das letztere bekommt seine rich-
tige Kraft durch eine wahrheitsgetreue Aufnahme des-
sen, was «die Gotter droben gewahren.»
Merke:
Was zu wiinschen ist, ihr unten fuhlt es;
Was zu geben sei, die wissen's droben.
Grofi beginnet ihr Titanen; aber leiten
Zu dem ewig Guten, ewig Schonen,
Ist der Gotter Werk; die lalk gewahren!
Vereinigen miissen sich Prometheus und Epimetheus
in der menschlichen Seele, dann kommt dasjenige her-
aus, was zum Heile fur beide, zum Heile fur die
Menschheit sein mufi. Es sollte eben in dem ganzen
Drama gezeigt werden, wie durch ein allseitiges Ergrei-
fen der Wahrheit nicht der einzelne, sondern das ganze
Menschengeschlecht befriedigt wird. Goethe wollte eben
gerade das, was das wahre Wesen der Wahrheit ist, den
Menschen hinstellen, um zu zeigen, wie die Wahrheit
nicht fiir das einzelne Selbst ist, sondern wie sie das
ganze Menschengeschlecht vereinigen und befriedigen
soli, und wie Liebe und Friede durch die Wahrheit unter
die Menschen kommt. Dann verwandelt sich auch die
Hoffnung in unserer Seele, die zunachst nur zu allem ja
sagen, aber nicht verwirklichen kann. Schliefien sollte
daher das Gedicht damit, dafi uns die verwandelte Elpo-
re, Elpore thraseia, entgegentritt, die sagt, sie sei nicht
mehr die Wahrsagerin, sondern sei eingezogen in die
menschliche Seele, damit der Mensch nicht nur Hoff-
nung hat fiir die Zukunft, sondern Kraft hat, mitzuar-
beiten und zu verwirklichen, was er selber in sich durch
seine produktive Kraft zu schaffen vermagJ Glauben an
das, was die Wahrheit aus der Seele macht: das ist erst
die voile, die ganze Wahrheit, die den Prometheus und
den Epimetheus versohnt.
Natiirlich konnte in diesen skizzenhaften Andeu-
tungen nur wenig angegeben werden von dem, was
iiberhaupt aus dem Gedicht herausgeholt werden kann.
Jene tiefe Weisheit, die das Fragment aus Goethes Seele
losgelost hat, wird erst derjenige finden, der auf geistes-
wissenschaftliche Denkweise gestiitzt an das Gedicht
herangeht. Ihm kann zustromen eine sattigende, erlosen-
de Kraft, die belebend auf ihn wirken kann.
Nicht unerwahnt moge aber das Folgende bleiben, das
uns ebenfalls viel lehren kann. Goethe lafk in seiner
«Pandora» einen merkwiirdig schonen Ausdruck fallen;
er sagt, es miissen zusammenwirken die gotthche Weis-
heit der Welt, die herunterstromt, und das, was wir
vermoge unserer prometheischen Kraft, vermoge unseres
Vordenkens selbst gewinnen konnen. Dasjenige, was uns
selbst sagt, was Weisheit ist und uns in der Welt entge-
genstromt, nennt er das Wort. Dasjenige aber, was in der
Seele lebt und mit dem Worte, mit dem Nachdenken des
Epimetheus sich verbinden mull, das ist die Tat des
Prometheus. So sehen wir, dafi aus der Verbindung des
Logos oder Wortes mit der Tat dasjenige Ideal erspriefk,
das Goethe in seiner «Pandora» als Resultat seiner rei-
chen Lebenserfahrungen vor uns hinstellen wollte. Pro-
metheus tut gegen Ende des Gedichtes den merkwiir-
digen Ausspruch: «Des echten Mannes wahre Feier ist
die Tat!» Das ist diejenige Wahrheit, die sich verschlielSt
dem nachdenklichen Element der Seele.
Wenn wir die ganze Dichtung auf uns wirken lassen,
konnen wir eine Anschauung gewinnen von der groften
heroischen Entwickelungssehnsucht derjenigen Men-
schen, wie Goethe einer war, und von jener grofien
Bescheidenheit, die nicht glaubt, auf einer Stufe stehen
bleiben zu miissen, die nicht glaubt, wenn sie etwas
erreicht hat, nicht dariiber hinausgehen zu miissen. Goe-
the war ein Lehrling des Lebens sein ganzes Leben lang
und hat sich daher immer eingestanden, dafi, wenn man
um eine Erfahrung reicher geworden ist, man iiberwin-
den mufi, was man vorher fur richtig gehalten hat.
Goethe fand auch als junger Mann, wo er gelegentlich
seiner ersten Faustbearbeitungen einige Ubersetzungen
in der Bibel ausfiihrte, dafi die Worte: «Im Anfang war
das Wort!» anders lauten mufiten. Er wiirde iibersetzen:
«Im Anfang war die Tat!» Das war damals der junge
Goethe, der damals auch ein Fragment iiber den
Prometheus schrieb. Da sehen wir den blofi tatigen, den
blofi prometheischen Menschen, den jungen Goethe, der
glaubte, dafi blofie Kraftentwickelung, ohne befruchtet
zu sein von der Weltweisheit, vorwarts kommen konnte.
Der reife Goethe mit alien seinen Lebenserfahrungen hat
eingesehen, daft es unrichtig ware, das Wort gering zu
schatzen, und dafi das Wort sich verbinden mufi mit der
Tat. In Wahrheit hat Goethe auch seinen «Faust» umge-
schrieben in der Zeit, als er seine «Pandora» geschrieben
hat. So miissen wir Goethe im Reifegang seines Werdens
verstehen; das konnen wir aber nur, wenn wir begreifen,
was Wahrheit in alien ihren Formen ist.
Es wird fur den Menschen immer gut sein, wenn er
sich hinaufringt zu der Anschauung, wie die Wahrheit
erst allmahlich erfafit werden kann. Daher ist es auch
recht gut, wenn der Mensch allseitiger, ehrlicher und
echter Wahrheitssucher ist, dafi er sich eingesteht, nach-
dem er diese oder jene Wahrheit gefunden hat und nun
berufen ist, in kraftiger, iiberwaltigender Art seine ge-
fundene Wahrheit ins Leben einzufuhren: es sind keine
Griinde dafur vorhanden, auf diese einmal gefundene
Wahrheit zu pochen. Kein Grund ist vorhanden, jemals
bei einer erkannten Sache stehen zu bleiben, sondern
dasjenige, wozu uns solche Erkenntnis, wie wir sie
durch die heutige und gestrige Betrachtung gefunden
haben, fiihrt, ist, dafi der Mensch, trotzdem er feststehen
mufi auf dem Boden der errungenen Wahrheit und
eintreten muE fur die Wahrheit, zeitweise sich zuriick-
ziehen mufi in sein Selbst, wie Goethe das getan hat.
Wenn der Mensch in dieser Weise sich in sein Selbst
zuriickzieht, wird er durch alle die Krafte, die ihm aus
dem Bewufitsein der errungenen Wahrheit erwachsen,
doch wiederum das haben, was ihm das richtige Mafi
gibt und ihn zuruckfiihrt auf den Standpunkt, den er
eigentlich einnehmen soil. Von dem gesteigerten Bewufit-
sein der Wahrheit sollen wir immer wieder in uns ein-
kehren und uns mit Goethe sagen: Vieles von dem, was
wir einst als Wahrheit erforscht haben, ist so, daft es
heute nur Traum und traumhafte Erinnerung ist, und
das, was wir heute schon denken, ist etwas, was keines-
wegs bestehen kann, wenn wir es defer priifen. So sagte
sich Goethe immer wieder die Worte, die er ausge-
sprochen hat in bezug auf sein eigenes ehrliches Wahr-
heitssuchen, und so sollte sich jeder Mensch in seinen
einsamen Stunden sagen:
Ganz und gar
Bin ich ein armer Wicht.
Meine Traume sind nicht wahr,
Und meine Gedanken geraten nicht.
Wenn wir das fuhlen konnen, werden wir zurecht-
kommen gegeniiber unserem hohen Ideale, gegeniiber
der Wahrheit.
DIE MISSION DER ANDACHT
Berlin, 28. Oktober 1909
Sie alle kennen die Worte, mit denen Goethe ein grofies
Lebenswerk, seinen «Faust» beschlossen hat:
Alles Vergangliche
1st nur ein Gleichnis;
Das Unzulangliche
Hier wird's Erreichnis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Es sollte heute gar nicht gesagt zu werden brauchen,
da$ in diesem Falle das Ewig-Weibliche nichts zu tun
hat mit Mann und Frau, sondern dafi sich Goethe in
diesem Falle eines uralten Sprachgebrauches bedient. In
alien mystischen Weltanschauungen - und Goethe nennt
gerade die Summe dieser Worte einen Chorus mysti-
cus -, in alien solchen mystischen Weltanschauungen
wird darauf hingewiesen, dafi in der Seek ein zunachst
unbestimmter Zug lebt nach etwas, was die Seele noch
nicht erkannt hat, womit sie sich noch nicht vereinigt
hat, und nach dem sie streben mufi. Dieses zunachst im
Geiste dunkel von der Seele zu Erahnende, nach dem sie
hinstrebt, mit dem sie sich vereinigen will, das nennt
Goethe im Einklang mit den Mystikern der verschie-
denen Zeiten das Ewig-Weibliche, und der ganze Sinn
des zweiten Teiles des «Faust» ist ein Beweis fiir diese
Auffassung der letzten Worte.
Nun konnte man diesem Chorus mysticus mit seinen
lapidaren Worten eine Art «Unio mystica» entgegen-
stellen; das ist dasjenige, was wiederum von den im
echten Sinne, im klaren Sinne mystisch Denkenden ge-
nannt wurde: die dem Menschen erreichbare Vereini-
gung mit diesem in geistiger Feme befindlichen Ewig-
Weiblichen.
Wenn die eigene Seele hinaufgelangt und sich eins
fuhlt damit, dann ist dasjenige da, was mit dem Aus-
druck mystische Vereinigung, «Unio mystica» benannt
wird. Diese Unio mystica, diese mystische Vereinigung
ist der hochste Gipfel dessen, wovon wir in diesem
Vortrag zu sprechen haben werden. Wir haben in den
letzten Vortragen gesehen, besonders in den Vortragen
iiber die Mission des Zornes und iiber die Mission der
Wahrheit, dafi des Menschen Seele ein in der Entwik-
kelung begriffenes Wesen ist. Wir haben in der Hauptsa-
che angefuhrt einerseits Eigenschaften, denen gegeniiber
die Seele streben mufi, sie zu iiberwinden, wodurch zum
Beispiel der Zorn zu einem Erzieher der Seele werden
kann, und haben andererseits ausgefiihrt, welche eigenar-
tige Erzieherin die Wahrheit fiir die menschliche Seele
ist.
Die menschliche Seele ist in einer Entwickelung begrif-
fen, deren Ende und Ziel sie nicht zu jeder Zeit absehen
kann. Dasjenige, was sich entwickelt hat, konnen wir
zur Not vor uns hinstellen und konnen, wenn es vor uns
steht, zufrieden sein damit, dafi wir sagen: es hat sich aus
irgend etwas anderem bis zum jetzigen Punkte heran-
entwickelt. Das konnen wir nicht sagen bei einem We-
sen, wie die menschliche Seele es ist, die mitten in dieser
Entwickelung darinnen steht und die das Handelnde in
dieser Entwickelung ist. Diese menschliche Seele mufi
fiihlen, da sie sich bisher entwickelt hat, daft sie sich
weiter entwickeln mufi. Und sie mufi sich als eine
selbstbewuftte Seele sagen: Wie kann ich nicht nur den-
ken dariiber, wie ich mich entwickelt habe, sondern auch
wie ich mich entwickeln werde? - Nun haben wir schon
ofters davon gesprochen, daft fur den wirklich geisteswis-
senschaftlichen Betrachter diese menschliche Seele mit
ihrem gesamten inneren Leben in drei Glieder zerfallt.
Es ist nicht moglich, daft diese Gliederung der menschli-
chen Seele heute wieder ausfuhrlich vorgefuhrt wird;
aber es ist gut, damit der Vortrag auch fiir sich verar-
beitet werden kann, daft darauf aufmerksam gemacht
wird. Wir unterscheiden in der menschlichen Seele drei
Glieder: das, was wir Empfindungsseele, dasjenige, was
wir Verstandes- oder Gemiitsseele und dasjenige, was
wir die Bewufttseinsseele nennen. Was wir Empfindungs-
seele nennen, das kann da sein im Leben, ohne daft es
viel vom Denken durchdrungen wird. Die Empfindungs-
seele ist zunachst dasjenige, was die aufieren Eindriicke
auffangt. Sie ist dasjenige Glied der menschlichen Seele,
welches die Wahrnehmungen der Sinne ins Innere hinein
weiter schickt. Diese Empfindungsseele ist es auch, was
dann aufsteigen laftt im Innern das, was sich als Lust-
und Unlustgefuhl, als innere Freude, als inneres
Schmerzgefuhl anschlieftt an das von auften Gebrachte
und Beobachtete. Diese Empfindungsseele ist zunachst
dasjenige, aus dem aufsteigen die Triebe und Instinkte
und Leidenschaften und Affekte der menschlichen Na-
tur. Der Mensch hat sich aus dieser Empfindungsseele
heraus entwickelt, er ist zu Hohen aufgestiegen, er hat
diese Empfindungsseele durchdrungen mit seinem Den-
ken und mit dem vom Denken geleiteten Gefiihl. Und in
dieser Verstandes- oder Gemutsseele, die wir als das
zweite Glied anfiihrten, haben wir nicht zu suchen jenes
unbestimmte Gefiihl, das wie aus der Tiefe heraufsteigt,
sondern das Gefiihl, das sich allmahlich von dem inneren
Lichte des Denkens durchstromen lafit. Zugleich haben
wir in dieser Verstandes- oder Gemiitsseele dasjenige zu
sehen, aus dem heraus allmahlich erscheint das, was wir
das menschliche Ich nennen; jenen Mittelpunkt in unse-
rer Seele, welcher zum eigentlichen Selbste fiihren kann,
der es moglich macht, dafi wir die Eigenschaften unserer
Seele von innen heraus lautern und reinigen und verar-
beiten, so dafi wir Herr und Leiter und Fiihrer werden
innerhalb unserer Willensimpulse, innerhalb unseres
Gefuhls- und Gedankenlebens.
Dieses Ich hat, wie bereits erwahnt wurde, zwei Sei-
ten. Die eine Moglichkeit der Entwickelung ist das, was
der Mensch erreichen soil: dafi er in sich einen immer
starkeren und starkeren Mittelpunkt seines Wesens hat,
dafi dasjenige, was er werden kann fur seine Umgebung,
was er werden kann fur alles Leben, immer kraftiger und
kraf tiger aus seinem Selbste ausstrahlt. Die Erfiillung der
Seele mit einem inneren Gehalt, der sie wertvoller und
wertvoller macht fur die Umwelt und sie zugleich mit
immer grofierer Selbstandigkeit begabt, das ist die eine
Se
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