Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 


Menschengeschichte 
im  Lichte  der  Geistesforschung 


Sechzehn  offentliche  Vortrage 
Berlin,  19.  Oktober  1911  bis  28.  Man  1912 


1983 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Mitschriften, 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafrverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  E.  Frobose  und  C.  Lindenberg 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1962 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1983 

Einzelausgaben 

Vortrage  I-VI,  VIII,  IX  und  XI-XVI  in  der  Schriftenreihe 
«Menschengeschichte  im  Lichte  der  Geistesforschung» 

I:  Basel  1946,  II:  Basel  1947,  III:  Basel  1946,  IV:  Basel  1941, 
V:  Basel  1946,  VI:  Basel  1946,  VIII:  Basel  1947,  IX:  Basel  1948, 
XI:  Basel  1944,  XII:  Basel  1946,  XIII:  Basel  1947,  XIV:  Basel  1948, 
XV:  Basel  1948,  XVI:  Basel  1948 

Vortrag  VII  und  X  in  «Wendepunkte  des  Geisteslebens», 
1.  Auflage  Dornach  1927,  2.  Auflage  Dresden  1940, 
3.  Auflage  Freiburg  i.  Br.  1954 

Veroffentlichungen  in  Zeitschriften  siehe  zu  Beginn  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  61 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1962  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  GmbH,  Buhl/Baden 

ISBN  3-7274-0610-0 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geistes- 
wissenschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  ge- 
schriebenen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er 
in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse, 
sowohl  offentlich  wie  auch  fiir  die  Mitglieder  der  Theoso- 
phischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen 
Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als 
«mundKche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  ge- 
dacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige 
und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  re- 
geln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von 
Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir  die  Heraus- 
gabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner 
aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschrif- 
ten selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vor- 
tragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde 
gemaft  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erfor- 
derlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen 
am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Zu  dieser  Ausgabe   8 

I.  Der  Mensch  in  seinem  Verhaltnis  zu  den  iibersinn- 
lichen  Welten 

Berlin,  19.  Oktober  1911   9 

II.  Tod  und  Unsterblichkeit  im  Lichte  der  Geistes- 
wissenschaft 

Berlin,  26.  Oktober  1911  35 

III.  Der  Sinn  des  Prophetentums 

Berlin,  9.  November  1911  62 

IV.  Von  Paracelsus  zu  Goethe 

Berlin,  16.  November  1911  99 

V.  Die  verborgenen  Tiefen  des  Seelenlebens 

Berlin,  23.  November  1911  126 

VI.  Das  GKick,  sein  Wesen  und  sein  Schein 

Berlin,  7.  Dezember  1911  164 

VII.  Der  Prophet  Elias  im  Lichte  der  Geisteswissenschaft 

Berlin,  14.  Dezember  1911  194 

VIII.  Der  Ursprung  des  Menschen  im  Lichte  der  Geistes- 
wissenschaft 

Berlin,  4.  Januar  1912  221 


IX.  Der  Ursprung  der  Tierwelt  im  Lichte  der  Geistes- 
wissenschaft 

Berlin,  18.  Januar  1912  253 

X.  Christus  und  das  20.  Jahrhundert 

Berlin,  25.  Januar  1912  285 

XL  Menschengeschichte,  Gegenwart  und  Zukunft  im 
Lichte  der  Geisteswissenschaft 

Berlin,  1.  Februar  1912  315 

XIL  Kopernikus  und  seine  Zeit  im  Lichte  der  Geistes- 
wissenschaft 

Berlin,  15.  Februar  1912  347 

XIII.  Der  Tod  bei  Mensch,  Tier  und  Pflanze 

Berlin,  29.  Februar  1912  379 

XIV.  Die  Selbsterziehung  des  Menschen  im  Lichte  der 
Geisteswissenschaft 

Berlin,  14.  Marz  1912  416 

XV.  Das  Wesen  der  Ewigkeit  und  die  Natur  der  Men- 
schenseele  im  Lichte  der  Geisteswissenschaft 
Berlin,  21.  Marz  1912  448 

XVI.  Darwin  und  die  iibersinnliche  Forschung 

Berlin,  28.  Marz  1912  480 

Hinweise   514 

Personenregister   521 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   524 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner-Gesamtausgabe   .    .  535 


ZUDIESER  AUSGABE 


Die  Vortrage  dieses  Bandes  gehoren  dem  Teil  von  Rudolf  Steiners 
Vortragswerk  an,  mit  dem  er  sich  an  die  Offentlichkeit  wandte. 
«Berlin  war  der  Ausgangspunkt  fur  diese  offentliche  Vortragstatig- 
keit  gewesen.  Was  in  anderen  Stadten  mehr  in  einzelnen  Vortragen 
behandelt  wurde,  konnte  hier  in  einer  zusammenhangenden  Vor- 
tragsreihe  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  deren  Themen  ineinan- 
der  iibergriffen.  Sie  erhielten  dadurch  den  Charakter  einer  sorgfaltig 
fundierten  methodischen  Einfuhrung  in  die  Geisteswissenschaft  und 
konnten  auf  ein  regelmafiig  wiederkehrendes  Publikum  rechnen, 
dem  es  darauf  ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich  erschliefienden 
Wissensgebiete  einzudringen,  wahrend  der  neu  hinzukommenden 
die  Grundlagen  fur  das  Verstandnis  des  Gebotenen  immer  wieder 
gegeben  wurden.»  (Marie  Steiner) 

Die  vorliegenden  wahrend  des  Winterhalbjahres  1911/12  gehalte- 
nen  16  Vortrage  bilden  die  neunte  der  offentlichen  Vortragsreihen, 
welche  Rudolf  Steiner  in  Berlin  seit  1903  regelmafiig  durchfuhrte. 
Kurz  zusammengefaJSt  wurde  darin  folgendes  dargestellt: 

Geisteswissenschaft  erforscht  mit  modernen  Erkenntnismitteln 
die  ubersinnliche  Welt  und  vermittelt  so  die  notwendige  Erganzung 
zu  der  Betrachtung  der  Sinnenwelt,  wie  sie  seit  Kopernikus,  Kepler, 
Darwin  u.  a.  einzig  gepflegt  wird.  Alte  Weisheit  wird  dadurch  neu 
verstandlich  und  die  Ratsel  vom  Ursprung  des  Menschen,  von  Tod 
und  Unsterblichkeit,  von  Ewigkeit  und  wahrem  Menschenwesen 
werden  durchschaubar.  Die  Erkenntnisunsicherheit  gegeniiber  der 
spirituellen  Welt  kann  durch  die  geisteswissenschaftliche  Methode 
iiberwunden  werden.  Wege  zu  wahrer  Selbsterziehung,  zu  den  ver- 
borgenen  Tiefen  des  Seelenlebens  und  dem  wahren  Gliick  des  Men- 
schen werden  gewiesen.  Auch  das  geschichtliche  Leben  der  Mensch- 
heit  erscheint  durch  die  Geisteswissenschaft  in  neuem  Licht  und  es 
wird  deutlich,  wie  Natur-  und  Geschichtswissenschaft  einer  Fort- 
entwicklung  durch  Geisteswissenschaft  bedtirfen,  wenn  man  eine 
befriedigende  Losung  der  Daseinsratsel  erreichen  will. 


Q 


DER  MENSCH  IN  SEINEM  VERHALTNIS 
ZU  DEN  UBERSINNLICHEN  WELTEN 


Berlin,  19.  Oktober  1911 


Wie  jetzt  schon  durch  eine  ganze  Reihe  von  Wintern  sollen 
auch  in  den  nachsten  Monaten  von  mir  Vortrage  gehalten 
werden  iiber  Gegenstande  und  Interessen  der  Geisteswissen- 
schaft,  der  Wissenschafl  von  den  iibersinnlichen  Welten. 

Wenn  in  unserer  Gegenwart  von  einer  Erkenntnis  oder 
von  einer  Wissenschafl  der  iibersinnlichen  Welten  gesprochen 
wird,  so  begegnet  man  noch  zahlreichen  Vorurteilen  und 
Widerstanden.  Das  ist  nur  zu  begreiflich.  Denn  wer  die 
Geistesentwickelung  der  letzten  Jahre  oder  Jahrzehnte 
kennt,  wird  ohne  wekeres  sich  eingestehen  mussen,dafi  diese 
Geistesentwickelung  im  allgemeinen  recht  abgeneigt  war, 
Forschungen  iiber  die  iibersinnliche  Welt  in  irgendeinem 
Sinne  gelten  zu  lassen.  Wenn  nun  gar  der  Anspruch  erhoben 
wird,  wie  es  in  den  verflossenen  Wintervortragen  geschehen 
ist  und  auch  weiter  geschehen  soil,  dafi  diese  Vortrage  in 
ihrer  ganzenEinkleidung,  in  ihrem  ganzenTon  einen  wissen- 
schaftlichen  Charakter  tragen  und  darauf  Anspruch  machen, 
sich  neben  sonstige  wissenschaftliche  Betrachtungen  hinzu- 
stellen,  dann  sind  diese  Vorurteile  um  so  grofier.  Allerdings 
wird  zugegeben  werden  miissen,  dafi  seit  kurzer  Zeit  inner- 
halb  unseres  Geisteslebens  das  Bedurfnis  gewachsen  ist,  den 
Blick  hinaufzusenden  in  die  iibersinnlichen  Welten,  um  Sinn 
und  Verstandnis  des  ganzen  menschlichen  Lebens  aus  dieser 
Erkenntnis  der  iibersinnlichen  Welt  zu  saugen,  um  auch 
Kraft  zu  gewinnen  in  unserem  so  komplizierten  Leben  fur 


die  Anspriiche  der  aufieren  Welt.  Es  ist  eine  immer  mehr  sich 
steigernde  Sehnsucht  nach  Erkenntnis  der  ubersinnlichen 
Welt  vorhanden. 

Auf  der  anderen  Seite  wird  man  aber  nicht  leugnen 
konnen,  dafi  der  gegenwartige  Mensch,  wenn  er  durch- 
drungen  ist  von  dem,  was  sonst  in  unserer  Gegenwart  als 
mafigebend  fiir  das  Erringen  von  Lebensauffassungen  gilt, 
dann  auch  an  die  Geistes  wissenschaft  einen  wissenschaftlichen 
Anspruch  macht,  in  gewisser  Beziehung  eine  wissenschaft- 
liche  Begriindung  fordert.  Nun  wird  zugegeben  werden 
miissen,  daft  es  in  unserer  Gegenwart  zahlreiche  Kreise  gibt, 
die  vom  Standpunkte  der  gegenwartigen  Wissenschaft  aus 
in  irgendeiner  Art  den  Anspruch  einer  Betrachtung  der 
ubersinnlichen  Welten  auf  Wissenschaftlichkeit  ganz  ab- 
leugnen.  Wenn  wir  Umschau  halten,  wie  dieses  Ableugnen 
geschieht,  so  kann  uns  auf  fallen,  daft  zwei  ganz  verschiedene 
Standpunkte  in  dieser  Beziehung  eingenommen  werden,  die 
aber  zahlreiche  Vertreter  gerade  in  unserer  heutigen  Zeit  bei 
denjenigen  finden,  welche  den  Trieb,  die  Sehnsucht  haben, 
herauszuwachsen  aus  den  alten  Traditionen,  die  da  sind,  um 
die  ubersinnlichen  Bediirfnisse  zu  befriedigen.  Die  einen 
sagen:  was  die  auftere  Wissenschaft  in  ihren  verschiedenen 
Verzweigungen  heute  liefern  kann,  was  namentlich  die  so 
bewundernswiirdige  Naturwissenschaft  liefert,  das  ware 
ausreichend,  um  dem  Menschen  ein  befriedigendes  Bild  der 
Welt  zu  geben,  welches  einer  jeglichen  Sehnsucht  nach  Welt- 
ansicht  und  Weltanschauung  geniigen  muE.  Nur  diejenige 
Weltanschauung  konnte  gelten,  so  sagt  man  in  diesen  Kreisen, 
welche  einfach  die  natur wissenschaftlichen  oder  sonstige  als 
wissenschaftlich  anerkannte  Resultate  zusammenfaftt,  um 
aus  ihrer  Ganzheit  ein  Bild  iiber  die  Losung  der  Weltratsel 
sich  zu  machen.  Die  anderen  dagegen  sagen:  Ein  Bild  der 
Welt  konnen  wir  uns  zwar  machen,  wenn  wir  auf  Grund- 


lage  der  heutigen  Wissenschaften  uns  Gedanken,  Ideen  bil- 
den  iiber  das,  was  den  aufieren  Erscheinungen  zugrunde 
liegen  kann,  aber  dieses  Bild  reicht  nicht  aus  fiir  das  unaus- 
loschliche  Bediirfnis  der  menschlichen  Seele  nadi  Erkenntnis. 
Alles,  was  wir  wissen  konnen  von  der  Welt  durch  blofi 
aufiere  Wissenschaft,  beweist  uns  geradezu,  wie  wenig  diese 
auftere  Wissenschaft  ausreicht,  urn  die  eigentlichen  grofien 
Ratselfragen  des  Daseins  irgendwie  zu  beantworten.  Cber- 
all  weist  eine  genaue  und  eingehende  Erkenntnis  der  aufie- 
ren  Wissensdiaft  auf  die  Untergriinde  dessen  hin,  was  diese 
Wissensdiaft  selber  liefert.  -  Innerhalb  dieser  Kreise  gibt  es 
wieder  solche,  die  zwar  zugeben,  dafi  iiberall  in  der  Welt 
Hinweise  auf  ein  Ubersinnliches  sind,  und  dafi  niemals 
aufiere  Wissenschaft  ausreicht,  um  ein  befriedigendes  Bild 
von  der  Losung  der  Weltratsel  zu  erhalten,  die  aber  den- 
noch  sagen,  dafi  der  Mensch  in  seinem  Erkenntnisvermogen, 
in  seinem  Wissen  beschrankt  sei,  und  dafi  er  in  wissenschaft- 
licher  Beziehung  die  Grenzen  seiner  Leistungsfahigkeit,  sei- 
ner Erkenntnis  uberschreiten  wiirde,  wenn  er  in  diese  iiber- 
sinnliche  Welt  eindringen  wollte. 

So  sehen  wir,  dafi  gerade  aus  demjenigen  Geistesleben 
heraus,  mit  welchem  sich  die  Geisteswissensdiaft  in  Einklang 
setzen  will,  Vorurteile  und  Widerstande  gegen  sie  selbst 
erwadisen.  Daher  wird  es  heute  im  Beginne  dieser  Vortrags- 
reihe  notwendig  sein,  eine  gewisse  programmatische  Aus- 
einandersetzung  zu  pflegen  iiber  die  Moglichkeit  eines  Ver- 
haltnisses  des  Menschen  zu  den  iibersinnlichen  Welten.  Dafi 
der  Mensch  ein  solches  Verhaltnis  zu  den  iibersinnlichen 
Welten  haben  miisse,  und  da£  er  vielleicht  nur  nicht  im- 
stande  sei,  mit  seinen  Erkenntniskraften  in  diese  iibersinn- 
lichen Welten  hineinzudringen,  das  haben  im  Grunde  ge- 
nommen  vorsichtigere  Geister  immer  zugegeben,  auch  in  der 
neueren  Glanzperiode  der  Naturwissenschaft.  Wenn  man 


heute  gegenuber  solchen  Auseinandersetzungen,  wie  sie  hier 
in  diesen  Vortragsreihen  gepflegt  werden  sollen,  vielfach 
horen  kann  -  damit  soli  nicht  ein  Tadel  ausgesprochen  wer- 
den -,  daft  dies  im  Grunde  genommen  eine  nicht  statthafte 
Phantasie  gegenuber  den  ubersinnlichen  Welten  sei,  und 
wenn  man  so  etwas  begreiflich  finden  muft,  so  darf  auf  der 
anderen  Seite  doch  audi  darauf  hingewiesen  werden,  daft 
wenigstens  die  eine  Tatsache  von  vorsichtigeren  Denkern 
und  Forschern  immer  zugegeben  worden  ist,  daft  es  nicht 
eine  Willkiir  der  menschlichen  Seele  ist,  aus  dem,  was  die 
auftere  Wissenschaft  geben  kann,  selbst  die  Schliisse  zu  Zie- 
hen, daft  alles  in  unserer  Umgebung  zuletzt  doch  auf  uber- 
sinnliche  Welten  hinweist. 

Lassen  Sie  mich  aus  der  zahlreichen  Reihe  von  Tatsachen 
auf  eine  altere  und  auf  eine  neuere  hinweisen  und  damit 
dasjenige  einleiten,  was  dann  in  den  weiteren  Vortragen 
audi  durch  die  geisteswissenschaftlichen  Forsdiungen  selbst 
klargelegt  werden  soil.  Lassen  Sie  mich  damit  einleiten, 
daft  aller dings  die  Wissenschafl;  der  letzten  Jahrzehnte  bei 
denen,  die  sie  wirklich  kennen,  nicht  zu  einer  Leugnung  der 
ubersinnlichen  Welten  gefiihrt  hat,  und  daft  andererseits  f iir 
dei\Kenner  des  wissenschaftlichen  Standpunktes  der  Gegen- 
wart  heute  audi  schon  gesagt  werden  darf,  daft  unsere  auftere 
Wissenschafl  so  weit  ist,  daft  sie  sich  in  unserer  unmittel- 
baren  Gegenwart  gezwungen  fiihlt,  wenigstens  im  einge- 
schrankten  Mafte  schon  eine  gewisse  Erkenntnis  ubersinn- 
licher  Welten  zuzugeben.  Es  wird  damit  durch  diese  strenge 
Wissenschafl:  im  ernstesten  Sinne  widerlegt,  was  in  vielen 
popularen  Weltanschauungsstromungen  heute  als  materia- 
listische  oder  monistische,  oder  wie  man  es  nennen  will, 
Weltanschauung  vertreten  wird. 

Auf  eine  altere  Tatsache  lassen  Sie  mich  zunachst  hin- 
weisen: auf  einen  Forscher,  der  mitten  drinnen  gestanden 


hat  in  alledem,  was  man  den  glanzvollen  Betrieb  der  mo- 
dernen  Naturwissenschaft  nennen  kann,  der  vieles  geleistet 
hat  auf  einem  engumgrenzten  Spezialgebiete,  aber  sich  den 
Blick  audi  off  en  gehalten  hat  fur  alles,  was  aufiere  Wissen- 
schaft  nicht  bieten  kann.  Dieser  Forscher  hat  einmal  f  olgende 
denkwurdigen  Worte  gesagt:  Bewundernswiirdig  ist  das 
Bild,  das  die  Naturwissenschaft  von  dem  geben  kann,  was 
den  stofflichen  Wirkungen  und  den  Naturkraften  zugrunde 
liegt  in  den  Theorien  iiber  zahlreiche  Atomwirkungen, 
welche  die  Naturwissenschaft  heute  vertritt.  Aber  -  so  sagt 
dieser  Forscher,  und  ich  mochte  das  nur  als  eine  Tatsache 
hervorheben  -  es  ware  eine  verhangnisvolle  Tauschung  zu 
glauben,  dafi  in  alledem,  was  die  Naturwissenschaft  in  ihren 
Anschauungen,  in  ihren  Theorien  geben  kann,  etwas  lage, 
was  ein  metaphysisches  Bediirfnis  ausschliefien  wiirde,  das 
heifk  ein  Bediirfnis,  das  die  Menschenseele  nach  der  Er- 
kenntnis  der  ubersinnlichen  Welt  oder  wenigstens  nach  der 
Annahme  eines  Daseins  der  ubersinnlichen  Welt  hat.  Ein 
verhangnisvoller  Irrtum  ware  es,  wenn  man  glauben  wollte, 
alles  was  die  Naturwissenschaft  geben  kann,  sei  doch  nur 
etwas  -  und  wenn  es  selbst  bis  in  die  atomistische  Welt  hin- 
eindringe  -,  was  der  aufieren  Anschauung  entspricht.  Diese 
Anschauung  miisse  immer  einen  iiber  sie  selbst  hinausgehen- 
den  Grund  haben.  -  Der  Ausspruch  dieses  Naturforschers 
wurde  in  einer  Zeit  getan,  als  die  weniger  strengen  Denker, 
also  die  -  wenn  ich  mich  des  Ausdrucks  bedienen  darf  - 
Drauf ganger  der  modernen  Naturwissenschaft  jene  Gedan- 
ken  feierten,  die  ausschliefien  wollten  jeden  Gedanken  des 
Menschen  an  eine  ubersinnliche  Welt.  -  Ich  erzahle  Ihnen 
nicht  den  Ausspruch  eines  Naturforschers,  der  etwa  ange- 
krankelt  war  von  irgendwelcher  Mystik,  oder  der  philoso- 
phisch  belastet  gewesen  ware,  oder  der  etwa  in  einer  mysti- 
schen  Versammlung  getan  worden  ware.  Der  Ausspruch, 


den  ich  soeben  angefiihrt  habe,  ist  im  Jahre  1867  in  der 
Morgenrote  der  materialistischen  Naturforschung  des  ver- 
gangenen  Jahrhunderts  getan  worden  in  der  Wiener  Aka- 
demie  der  Wissenschaften  von  dem  beruhmten  Klimker 
und  Bahnbrecher  der  medizinischen  Wissenschaft  Karl  von 
Rokitansky.  Und  was  er  gesagt  hat,  das  wird  trotzdem, 
was  sonst  von  den  Draufgangern  dieser  Weltanschauung 
geleistet  worden  ist,  der  zugeben,  der  die  ganze  BeschafFen- 
heit  und  das  innerste  Wesen  der  Naturwissenschaft  kennt. 

Noch  eine  andere  Tatsache  mochte  ich  erwahnen.  Wer 
konnte  glauben,  dafi  heute  eine  Wissenschaft  mehr  ihre 
Grofte  rein  aufieren  experimentellen  Forschungen  derjeni- 
gen  Denker  verdankt,  die  sie  auf  diese  aufieren  Forschungen 
und  Experimente  begriindeten,  als  die  Physik?  Und  was 
konnte  mehr  als  die  physikalischen  Errungenschaften  un- 
serer  Zeit  auf  der  einen  Seite  als  charakteristisch  fur  das 
naturwissenschaftliche  Denken  der  Gegenwart  angefiihrt 
und  auf  der  anderen  Seite  immer  wieder  und  wieder  dann 
herangebracht  werden,  wenn  die  Moglichkeit  widerlegt  wer- 
den  soil,  dalS  der  Mensch  es  zu  tun  haben  konnte  mit  Dingen 
der  ubersinnlichen  Welt?  Wenn  aber  doch  nun  ein  Physiker 
kame  und  heute  sagen  wiirde:  Dem  physikalischen  Denken 
der  Gegenwart  mufi  der  Abschied  gegeben  werden,  oder  es 
sprechen  wenigstens  zahlreiche  Tatsachen  und  Forschungs- 
resultate  dafiir,  daft  dieser  Abschied  einer  Vorstellung  ge- 
geben werden  miisse,  an  der  so  viele  Hoffnungen  gerade  fur 
die  rein  naturwissenschaftliche  Betrachtungsweise  in  den 
letzten  Jahrzehnten  gehangen  haben?  -  Namlich  den  Ab- 
schied einer  Vorstellung  zu  geben  wie  zum  Beispiel  der  vom 
materiell  gedachten  Weltenather,  den  man  ja  sozusagen  als 
eine  Art  von  Zaubermittel  fur  alle  aufteren  Naturerschei- 
nungen  durch  viele  Jahre  hindurch  betrachtet  hat.  Denn 
Erscheinungen  wie  Licht,  Warme,  elektrische  Erscheinungen 


und  so  weiter  sollten  nur  dadurch  erklart  werden,  dafi  man 
hinter  dem,  was  unsere  Augen  sehen,  was  unsere  Sinne 
wahrnehmen,  hypothetisch  den  sogenannten  Weltenather 
als  den  feinsten  StofF  annahm,  aus  dem  sich  sozusagen  alles 
erklaren  lassen  miisse.  Und  indem  man  sich  diesen  Welten- 
ather materiell  dachte,  war  man  nicht  verlegen  ihm  auch 
zuzuschreiben,  daft  in  irgendwelchen  Vorgangen  jenes  mate- 
riellen  Athers,  der  uns  selbst  erfullt,  auch  die  geistigen,  die 
iibersinnlichen  Erlebnisse  des  Menschen  ihren  Ursprung 
haben  miifiten.  Fiir  alles,  was  man  sonst  einer  iibersinnlichen, 
geistigen  Welt  zuschreibt,  wurde  dieser  materielle  Welten- 
ather eine  Art  Zauberer  und  Erklarer.  Wenn  nun  ein  Phy- 
siker  kame  und  sagen  wiirde,  dafi  gewisse  Dinge  innerhalb 
der  physikalischen  Forschung  zwingen  zu  denken,  dafi  ein 
solcher  Zusammenhang  der  Naturkrafte  angenommen  wer- 
den miisse,  durch  den  als  moglich  sich  erweist,  dafi  ohne  die 
Voraussetzung  eines  materiellen  Weltenathers  die  Licht- 
strahlen  durch  den  Raum  geleitet  wiirden?  Oder  wenn  dieser 
Physiker  sagen  wiirde,  es  miisse  aus  gewissen  Tatsachen 
heraus  heute  schon  angenommen  werden,  dafi  die  Licht- 
wellen  sich  ohne  einen  materiellen  Trager  durch  den  Raum 
fortpflanzen?  Und  wenn  dieser  Physiker  weiter  sagen 
wiirde:  Nun  ja,  das  verstolk  zwar  gegen  jede  Art  mechani- 
scher  Naturerklarung,  aber  wenn  die  physikalischen  Tat- 
sachen dieses  herausfordern,  dann  ist  eben  die  mechanische 
Naturanschauung  rettungslos  verloren.  -  Und  wenn  er  dann 
noch  weiter  ginge  und  sagte:  Was  ist  dann  an  die  Stelle 
dessen  zu  setzen,  was  so  lange  als  der  Weltenather  von  der 
Wissenschaft  im  materialistischen  Sinne  angenommen  wor- 
den  ist?  Dann  ist  an  dessen  Stelle  etwas  zu  setzen,  dem 
vor  alien  Dingen  keine  materielle  Eigenschaft  zugeschrieben 
werden  mufi.  An  die  Stelle  dieses  Weltenathers  ist  nun  etwas 
sehr  Merkwiirdiges  zu  setzen.  -  Und  ich  mufi  es  immer  wie- 


der  und  wieder  betonen:  Im  Sinne  der  heutigen  Physik  ist 
an  die  Stelle  des  Weltenathers  etwas  sehr  Merkwiirdiges  zu 
setzen.  Namlich  an  die  Stelle  des  Athers,  der  bisher  das 
Licht  durch  den  Raum  fortpflanzen  sollte,  sollen  nun  gesetzt 
werden  im  mathematischen  Sinne  reine  Gleichungen.  Das 
sind  Gedanken,  Gedankengebilde.  Und  was  sich  da  fort- 
setzt  im  Sinne  von  Gedankengebilden,  das  soil  sich  nicht 
durch  Materie,  sondern  -  wie  man  gelehrt  sagt  -  durch  das 
Vakuum,  durch  den  leeren  Raum  fortsetzen.  Das  wird  in 
bezug  auf  das  Licht,  das  an  keinen  materiellen  StofT  gebun- 
den  ist,  als  notwendig  durch  die  Physik  bezeichnet. 

Wenn  das  vor  einiger  Zeit  jemand  gesagt  hatte,  in  der 
Zeit  der  materialistischen  oder  monistischen  Hochflut,  so 
hatte  man  wahrscheinlich  vorausgesetzt,  das  sei  auch  so  ein 
vertrackter  Vertreter  einer  geistigen  Weltanschauung,  denn 
nur  ein  solcher  konne  behaupten,  dafi  das  Licht  ohne  einen 
materiellen  Trager  durch  den  Raum  flielk.  Aber  das  hat 
kein  Mystiker  gesagt,  das  ist  auch  nicht  in  einer  Versamm- 
lung  gesagt  worden,  wo  man  den  Leuten  alles  mogliche  auf- 
tischen  kann,  sondern  das  ist  von  dem  Physiker  der  Berliner 
Universitat,  Max  Planck,  im  September  1910  auf  der 
82.  Naturforscherversammlung  in  Konigsberg  gesagt  wor- 
den. Dies  ist  eine  Tatsache,  die  noch  viel  bedeutungsvoller 
ist  als  die  vorhin  genannte,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil 
wir  hier  nicht  blofi  zugestanden  haben,  was  wir  von  dem 
Kliniker  Karl  von  Rokitansky  vernommen  haben:  dafi  die 
Natur  selbst  iiberall  auf  eine  iibersinnliche  Welt  hinweise,  - 
sondern  daft  in  den  Gedanken,  die  der  Physiker  hat,  die  er 
wirklich  mit  mathematischenZeichen  auf  dasPapier  schreibt, 
etwas  enthalten  ist,  was  an  keine  materiellen  Trager  ge- 
bunden  ist.  Das  heifrt,  wir  haben  nicht  nur  zugestanden,  dafi 
irgendwo  im  Unbekannten  reine  Gedanken,  das  heilk  gei- 
stige  Wirkungen  seien,  sondern  daft  die  Physik  in  ihren 


wirklichen  Erkenntnissen  das  erkennen  mufi,  was  nicht  blofl 
Materielles,  was  Obersinnliches  durch  den  Raum  tragt. 

Damit  sehen  wir  die  Wissenschaft  bei  jenem  Tore  an- 
gelangt,  wo  sie  sich  nicht  nur  damit  begnugen  darf  zu  sagen: 
Es  mag  eine  ubersinnliche  Welt  geben,  aber  die  menschliche 
Erkenntnis  kann  nicht  in  sie  eindringen.  -  Sondern  jetzt  gibt 
sie  zu,  dafi  die  Gedanken,  die  sich  die  Wissenschaft  selber 
macht,  nicht  blofi  auf  die  Auftenwelt  sich  beziehen,  die  nur 
im  Stoffe  besteht  und  von  Materie  durchtrankt  wird,  son- 
dern die  Erkenntnisse,  die  man  hat,  beziehen  sich  auf  Gei- 
stiges,  auf  "Obersinnliches!  Damit  ist  aus  unseren  Zeitver- 
haltnissen  heraus  fiir  den,  der  die  Entwickelung  der  Wissen- 
schaft wirklich  kennt,  der  Beweis  geliefert,  dafi  es  heute 
ruckstandig  ist  zu  sagen,  ubersinnliche  Erkenntnis  konne 
innerhalb  der  Wissenschaft  keine  Geltung  beanspruchen. 
Und  es  darf  dann  vielleicht  doch  nicht  als  so  phantastisch 
angesehen  werden,  wenn  der,  welcher  auf  dem  Boden  der 
Geisteswissenschaft  steht,  zu  sagen  notig  hat:  Mit  solchen 
Zugestandnissen  gewinnt  die  Wissenschaft  eben  erst  einen 
Weg,  der  immer  weiter  und  weiter  fuhren  mufi,  denn  die 
Dinge  entwickeln  sich  vorerst  aus  ihren  Anfangen,  zur  An- 
erkennung  der  Realitat  desjenigen,  was  der  Mensch  in  seinen 
Erkenntniskraften  in  bezug  auf  eine  ubersinnliche  Welt 
iiberschauen  kann. 

Will  der  Mensch  in  die  ubersinnliche  Welt  eindringen, 
dann  wendet  er  sich  heute  zunachst  und  hat  sich  innerhalb 
gewisser  Gebiete  immer  an  das  gewandt,  was  man  die  Ge- 
dankenbetrachtung  der  Welt  nennt.  Wir  brauchen  gar  nicht 
einmal  das  Wort  Philosophic  anzuwenden;  das  Wesentliche, 
was  der  Mensch  braucht,  ist  Gedankenbetrachtung.  Denn 
das  wird  bald  einem  Menschen  klar,  dafi  er  durch  die  blofie 
aufiere  Anschauung  —  und  wenn  sie  noch  so  wissenschaftlich 
ist  -  nicht  zu  den  Untergriinden  der  Dinge  kommen  kann. 


Da  wendet  sich  der  Mensdi  an  die  Gedankenbetrachtung 
und  sucht  sich  innerhalb  der  Gedanken  ein  Bild  von  der 
Losung  der  Weltenratsel  zu  machen.  Auf  eine  solche  Weise 
sich  ein  Bild  zu  machen  von  dem,  was  der  Welt  zugrunde 
liegt,  darauf  ist  audi  derjenige  angewiesen,  der  nur  aus  den 
materiell  gegebenen  Tatsachen  ein  Bild  der  Welt  entwerfen 
will.  Aus  den  Gedanken  heraus  ist  audi  alles  entsprungen, 
was  zum  Beispiel  Ernst  Haeckel  zu  einem  Weltbilde  bei- 
steuert,  obwohl  er  sich  auf  das  stiitzt,  was  aufiere  wissen- 
schaftliche  Erkenntnis  ist.  Ob  sich  jemand  mehr  oder  weni- 
ger  auf  das  stiitzt,  was  aufiere  Wissenschaffc  gibt,  oder  ob  die 
Wissenschaft  zu  einem  idealistischen  oder  spirituellen  Welt- 
bilde kommt,  in  beiden  Fallen  mufi  zum  Gedanken  gegrif- 
fen  werden.  Und  dieser  Gedanke  hat  eine  Eigentiimlichkeit, 
wenn  wir  uns  ihm  hingeben.  Welches  Eigentumliche  dieser 
Gedanke  hat,  das  ergibt  die  Tatsache,  wie  unsympathisch 
oder  wenigstens  unbequem  viele  Menschen  das  Gedanken- 
forschen,  das  philosophische  Nachdenken  empfinden. 

Seit  der  alten  griechischen  Zeit  hat  es  immer  Philosophen 
gegeben.  Aber  nicht  nur,  dafi  Studenten  im  Schweifie  ihres 
Angesichtes  sich  gezwungenermafien  in  das  vertiefen,  was 
das  Nachdenken  iiber  die  Weltenratsel  hat  liefern  wollen, 
sondern  es  ist  audi  so,  daft  die  Menschen,  die  aus  der  ganzen 
Warme  ihres  Herzens,  die  vielleicht  aus  einem  tiefen,  reli- 
giosen  Bediirfnis  heraus,  um  Frieden  und  Harmonie  in  ihrer 
Seele  und  Kraft  fur  das  Leben  zu  erhalten,  oder  die  aus 
einem  lebendigen  Bediirfnis  heraus  Aufklarung,  Aufschlufi 
erlangen  wollen  iiber  das,  was  iiber  das  Leben  Auf  schlufi  ge- 
ben  kann,  —  es  ist  so,  dafi  viele  solche  Menschen  recht  trocken 
und  niichtern  und  recht  abstrakt  und  unbequem  dasjenige 
finden,  was  iiber  die  Losung  der  Weltratsel  in  theoretischen 
Buchern,  in  der  Philosophic  vorgebracht  ist.  Wer  so  recht 
erfullt  ist  vom  Leben,  wer  als  Praktiker  mitten  drinnen 


steht  und  sich  angezogen  f  iihlt  von  dem,  was  das  Leben  un- 
mittelbar  gibt,  der  wird  sidi  leidit  abgestofien  fuhlen  von 
der  Niichternheit  und  Abstraktheit  vieler  Schriften  und 
Vortrage,  die  durdi  Gedankenarbeit  in  iibersinnliche  Wel- 
ten  hinaufdringen  wollen.  Das  ist  doch  etwas,  was  wohl  in 
den  weitesten  Kreisen  erfahren  wird.  Aber  so  blendend  audi 
zuweilen  die  philosophischen  Systeme  iiber  die  Weltenratsel 
fiir  diejenigen  sind,  die  sie  durdi  die  Vorbedingungen  ihres 
Lebens  verfolgen  konnen,  so  ungeniefSbar  sind  solche  Wege 
fiir  im  vollen  Dasein  und  Schaffen  und  Arbeiten  mitten 
drinnen  stehende  Menschen.  Dennoch  haben  die,  welche  aus 
einem  ernsten  Erkenntnisdrange  heraus  solche  Gedanken- 
sy steme  gesdiaff  en  haben,  um  in  die  Weltenratsel  einzudrin- 
gen,  so  empfunden,  dafi  sie  sagten:  Mit  dieser  Gedanken- 
arbeit ist  ein  Bild  dessen  gegeben,  was  der  Welt  als  ubersinn- 
liche Tatsachen  eigentlich  zugrunde  liegt.  -  Und  wer  zu  be- 
wundern  vermag,  was  die  Denker  der  jiingsten,  aber  audi 
der  alteren  Zeiten  in  dieser  Beziehung  geleistet  haben,  der 
weifi,  was  an  menschlichem  Scharf sinn  nicht  nur,  sondern  an 
menschlicher  Hingabe  geleistet  worden  ist,  um  auf  diesem 
Wege  der  Gedanken  in  die  Welt  einzudringen.  Und  der 
weifi  dann  audi,  welche  tiefe  Befriedigung  man  unter  ge- 
wissen  Voraussetzungen  iiber  die  Losung  der  Weltenratsel 
empfinden  kann  an  den  philosophischen,  an  den  Gedanken- 
gebauden  und  Ideensystemen  grofier  Denker.  Die  sind 
durchaus  nicht  blofi  abstrakt,  sondern  sind  trotzdem,  wenn 
sie  audi  abstrakt  erscheinen,  mit  vielem  Herzblut,  mit  aller 
Warme  der  Seele  geschrieben. 

Aber  eines  kann  nicht  geleugnet  werden,  wenn  es  sich  um 
solche  philosophischen  Systeme  handelt,  eines,  das  allerdings 
nicht  derjenige  empfindet,  welcher  zumPhilosophen  geboren 
ist  oder  seine  Freude  und  Genugsamkeit  an  abstrakten  Ge- 
danken erleben  kann,  das  aber  der  empfinden  kann,  der  mit 


Herzenswarme,  mit  seiner  ganzen  Menschlichkeit  und  mit 
tiefstem  Bediirfnis  nach  einem  Eindrmgen  in  die  iibersinn- 
liche  Welt  an  einem  solchen  Gedankensystem  hangt.  Was  ein 
soldier  empfindet,  das  mochte  ich  an  dem  Beispiele  eines 
Denkers  klarmadien,  der  allerdings  dann  ein  tragisches 
Schicksal  erlebt  hat,  der  aber  in  der  Zeit,  als  er  dasjenige 
sprach,  von  dem  jetzt  die  Rede  sein  soil,  ganz  scharfsinnig 
und  zugleich  in  eindringlicher  Art  mit  den  grolSen  Fragen 
der  gedanklichen  Losung  der  Weltenratsel  sich  beschaftigte. 
Ich  meine  Friedrich  Nietzsche.  Wir  konnen  ganz  absehen 
von  dem,  was  nachher  aus  ihm  geworden  ist.  Was  hier 
charakterisiert  werden  soil,  liegt  in  den  ersten  Jahren  seines 
Wirkens,  wo  er  an  der  Universitat  Basel  Yortrage  ausge- 
arbeitet  hat,  die  dann  in  seinen  nachgelassenen  Werken  er- 
schienen  sind,  Vortrage  iiber  die  griechischen  Denker  unter 
dem  Titel  «Die  Philosophic  im  tragischen  Zeitalter  der 
Griechen»,  das  heiik  vor  Sokrates,  wo  uns  die  gigantischen 
Denker  wie  Thales,  Heraklit,  Parmenides  besonders  inter- 
essieren.  Aus  dem  Grunde  interessieren  sie  uns,  weil  man 
sieht,  wie  aus  einem  lebensvollen  Denken,  aus  der  griechi- 
schen Weltanschauung  und  griechischen  Kultur  heraus,  die 
wahrhaftig  im  Leben  stand,  und  vollgesogen  war  mit  unmit- 
telbarem  Leben,  ein  solches  Gedankengebaude  wie  das  des 
Parmenides  entstand,  das  bestrebt  war  hinaufzudringen  in 
die  iibersinnlichen  Welten,  aber  so,  dafi  Parmenides,  der 
gigantische  Denker  des  alten  Griechenlands,  mitten  heraus 
aus  der  alten  vollsaftigen  griechischen  Welt  zu  dem  abstrak- 
ten  Gedanken  aufstieg,  zu  dem  Gedanken  des  Ur-Seins  und 
des  Ur-Nichtseins.  Nicht  nur  den  Menschen,  der  sonst  im 
praktischen  Leben  drinnen  steht,  kann  ein  leichtes  Gruseln, 
etwas  wie  eine  Gansehaut  uberkommen,  wenn  jemand,  um 
zu  den  ubersinnlichen  Welten  hinaufzukommen,  zu  so  aus- 
geprefken  Gedanken,  zu  solchen  Abstraktionen  greift  wie 


«Sein»,  «Ur-Sein»,  «Ur-Niditsein».  Selbst  der,  weldier 
sonst  gewohnt  ist,  sich  philosophisch  mit  den  Fragen  des 
Daseins  zu  beschafligen,  sagt  sich:  es  mochte  einem  das  Blut 
in  den  Adern  erstarren,  wenn  man  gewahr  wird,  wie  ein 
Mensch  zu  solchen  Gedanken  aufsteigt,  aus  denen  alles  Le- 
bendige  wie  der  Saft  aus  einer  Zitrone  ausgeprefk  erscheint, 
Gedanken,  die  den  anderen  Mensdien  viel  zu  nuchtern, 
trocken  und  abstrakt  sind.-Und  dieses  Kapitel  hatNietzsche 
besonders  interessiert,  weil  sich  da  zeigt,  wie  ein  Denker 
unmittelbar  aus  dem  Leben  heraus  sich  zu  einer  abstrakten 
Gedankenwelt  erhebt.  So  f  arblos,  seelenlos,  so  ganz  und  gar 
entblofit  von  dem,  was  das  Herz  sich  ersehnt,  fand  Nietzsche 
diese  Gedanken,  wie  sie  sich  Parmenides  damals  ausgedacht 
hatte.  Und  dennoch,  wer  sich  nun  im  Sinne  einer  Erkenntnis 
der  ubersinnlichen  Welt  mit  geistiger  Wissenschaft  beschaf- 
tigt,  wie  sie  hier  vertreten  werden  soli,  versteht  es,  wenn 
ein  solcher  Mensch  davon  spricht,  dafi  einem  das  Blut  in  den 
Adern  erstarren  konnte  vor  diesen  ausgedorrten  Abstrak- 
tionen,  vor  diesen  bis  zur  aufiersten  Abstraktion  gebrachten 
Gedanken,  und  wenn  ein  solcher  zeigt,  dafi  selbst  in  dem 
wunderbarsten  Gedankengebaude,  wie  zum  Beispiel  eines 
Hegel,  etwas  ist,  was  uns  nuchtern  beruhrt,  wo  uns  das  Ge- 
fuhl  iiberkommt:  Wie  willst  du  diese  Welt,  die,  wie  wir  das 
aus  dem  alltaglichen  Leben  wissen,  so  lebensvoll  an  uns 
heranstofit,  wie  willst  du  ihren  Untergrund  ergreifen  mit 
deinem  Spinnengewebe  von  Gedankennetz,  das  du  aus- 
spinnst.  Es  liegt  aber  dennoch  in  einer  solchen  Empfindung 
gerade  der  Keimpunkt  zu  dem,  was  in  der  menschlichen 
Seele  vorhanden  sein  mu8,  wenn  das  Verhaltnis  des  Men- 
schen  zu  den  ubersinnlichen  Welten  hergestellt  werden  soli. 

per  Mensch  -  und  sei  er  der  grofite  Philosoph  und  der 
grofite  Denker  -,  der  mit  einem  gewissen  Behagen  Gedan- 
kensysteme  ausspinnt,  der  zu  Abstraktionen  hinaufzusteigen 


vermag  und  sidi  sagt:  in  diesen  Abstraktionen  hast  du  die 
Wahrheit  iiber  die  Weltendinge,  -  dieser  Mensch  kommt  nur 
dazu,  in  solchen  Gedanken,  und  seien  sie  nodi  so  spinne- 
webendiinn  und  noch  so  abstrakt,  dodi  nichts  anderes  als  ein 
Bild  hinzumalen,  demgegeniiber  man  sidi  sagen  muE:  Es 
ist  ein  Bild,  -  ein  Bild,  das  aber  nie  die  ganze  reiche  Fulle 
dessen  erschopfen  kann,  was  der  Welt  zugrunde  liegen  mufi. 
Wer  als  Denker  ein  solches  Weltbild  in  Gedanken  hinstellt, 
mag  ein  gewisses  Geniigen,  ein  gewisses  Behagen  und  eine 
Befriedigung  darin  empfinden,  -  der  im  vollen  Leben  ste- 
hende  Mensch  hat  ein  Recht  dazu,  sich  zu  sagen:  Ein  solches 
Gedankengebaude  kann  nie  das  voile  Leben  und  damit  audi 
nie  die  Untergriinde  des  Lebens  erschopfen. 

Dieses  Gedankengebaude  mufi  von  dem,  der  den  Weg  in 
die  geistigen  Welten  finden  will,  in  einer  ganz  besonderen 
Weise  ausgebaut  werden,  mufi  verstarkt  werden,  mufi  in 
seinen  letzten  Konsequenzen  verfolgt  werden.  Alles  ge- 
nauere  und  einzelne  finden  Sie  in  meinem  Buche  «Wie  er- 
langt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten? ».  Hier  kann 
es  sich  nur  darum  handeln,  hauptsachlichste  Gesichtspunkte 
iiber  den  Weg  anzugeben,  den  der  Mensch  nehmen  mufi, 
wenn  er  zu  wirklichen  Erkenntnissen  iiber  die  ubersinnliche 
Welt  kommen  will.  Da  mufi  man  sagen:  Jeder  kann  es  fuh- 
len,  wenn  er  sich  auf  blofie  Gedankengebaude  einlafit,  daft 
ihm  geistig  kalt  wird,  dafi  ihm  so  wird,  als  hatte  er  sich  nicht 
der  Welt  genahert,  sondern  sich  vom  vollsaftigen  Dasein 
entfernt,  als  hatte  er  wirklich  aus  dem  Dasein  den  Saft  aus- 
gedriickt  wie  aus  einer  Zitrone.  Aber  man  mufi  noch  etwas 
anderes  empfinden  konnen,  wie  man  doch  wieder  fiir  die 
kristallene  Klarheit,  fiir  die  wunderbare  Architektonik  eines 
Gedankengebaudes  Leidenschaft,  Enthusiasmus  empfinden 
kann,  wie  man  in  einer  gewissen  Weise  sagen  kann:  Was 
scheinbar  so  abstrakt  ist,  das  sind  dennoch  die  grofiten  Ge- 


dankenerrungenschaflen,  die  der  Mensch  in  sich  erleben 
kann,  und  die  ihm  zeigen,  wie  das  gedanklidie  Schaffen 
durch  die  Welt  waltet.  -  So  mufi  man  Enthusiasmus,  Gefiihl 
und  Empfinden  in  die  Welten  hinauf tragen,  die  wegen  ihrer 
Abstraktionen  so  leer  erscheinen  konnen,  mufi  sichbegeistern 
konnen  fiir  das,  was  wie  ein  Gedankenlicht  uns  erscheint, 
wenn  wir  uns  zu  ihm  erheben.  Ein  Denker,  der  blofi  denkt 
und  nicht  Begeisterung  empfinden  kann  fiir  die  durch  die 
Welt  webenden  Gedanken,  kann  in  der  Tat  niemals  in  die 
iibersinnliche  Welt  eindringen. 

Aber  das  ist  nur  die  eine  Seite  dessen,  was  man  empfinden 
mufi,  wenn  man  die  Beziehungen  zu  dem  Obersinnlichen 
herstellen  will.  Das  andere  ist  eine  Erfahrung  derjenigen, 
die  da  Geistesforscher  geworden  sind:  namlich  dafi  man  zu 
Gedanken  aufgestiegen  ist,  aber  dafi  man  etwas  fiihlt,  wie 
wenn  man  den  f  esten  Boden  unter  den  Fiifien  verloren  hatte, 
wie  wenn  man  iiber  einem  Abgrund  stunde.  Solange  man  an 
den  Gedanken  Behagen  hat,  solange  man  sich  fest  fiihlt  in 
den  Gedanken,  solange  kann  man  nicht  in  die  iibersinnliche 
Welt  hinaufkommen.  Erst  wenn  man  im  Verfolgen  der  Ge- 
danken etwas  fiihlt,  was  einen  zweifachen  Vergleich  ent- 
halt:  wie  wenn  uns  der  Boden  unter  den  Fiifien  fortgezogen 
wiirde,  und  wir  im  Leeren  schweben  miifiten,  oder  wie  wenn 
wir  iiber  uns  sich  ausbreiten  sehen  wiirden  das  blaue  Him- 
melsgewolbe und  dann  darauf  kamen,  das  blaue  Himmels- 
gewolbe ist  ja  gar  kein  blaues  Himmelsgewolbe,  sondern  du 
selber,  dessen  Gesichtsf ahigkeit  nicht  so  weit  reicht,  umgibst 
dir  das  Weltall  mit  einem  blauen  Himmelsgewolbe,  und  in 
Wahrheit  geht  es  ins  Unendliche  hinein,  und  du  mufit  in 
Wahrheit  fragen:  wo  ist  ein  fester  Punkt?  Erst  wenn  man 
zugleich  mit  einer  inneren  Unsicherheit  das  empfindet,  wo- 
mit  man  sich  den  Blick  vernagelt  und  zu  gleicher  Zeit  die 
Ahnung  an  ein  Unendliches  hervorrufl  und  sich  diese  Emp- 


findung  dann  gesteigert  denkt,  kann  man  etwas  von  dem 
anderen  empfinden,  was  derjenige  in  aller  Starke  fiihlen 
mufi,  der  Gedanken  iiber  Weltenzusammenhange  schafft, 
aber  durch  die  Gedanken  hindurch  in  das  lebendige  Gefiihl 
geistiger  Tatsachen  und  geistiger  Wesenheiten  eindringen 
will,  und  der  dann  etwas  empfindet,  wie  wenn  er  sidi  selber 
mit  seinen  Gedanken  den  Weg  dahin  vernagelt,  wo  die  gei- 
stigen  Wesen  leben,  wo  der  Geist  wirksam  ist. 

Was  ich  Ihnen  erzahlt  habe,  ist  nicht  etwas  phantastisch 
Konstruiertes,  ist  audi  nicbt  aus  Gedanken  heraus  Geschopf- 
tes:  das  ist  ein  Erlebms  aller  derer,  die  den  Weg  in  die  iiber- 
sinnlichen  Welten  gesudit  haben.  Das  kann  ein  Erlebnis 
werden,  wie  es  beschrieben  ist  in  dem  Buche  «Wie  erlangt 
man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten? ».  Was  ich  so  als 
Empfindung  charakterisierte,  steigert  sich  in  einer  gewissen 
Weise  und  steigert  sich  bei  dem,  der  den  Erkenntnispf  ad  im 
wahren  Sinne  des  Wortes  geht,  bis  zu  einem  Gefiihl,  das 
verwandt  ist  mit  dem,  was  der  Mensch  im  alltaglichen  Leben 
als  Furcht  kennt,  als  Gefiihl  der  Unsicherheit,  und  das  man 
charakterisieren  konnte  als  ein  Nichtwissen,  wo  man  steht, 
als  ein  Nichtwissen,  wo  man  fliegt,  oder  als  ein  Nichtwissen, 
wo  man  ist.  Aber  dieses  Gefiihl  darf  sich  nicht  vollstandig 
ausbilden,  es  mufi  gleichsam  in  den  Untergriinden  der  Seele 
bleiben;  dann  nur  konnen  wir  in  die  iibersinnliche  Welt  ein- 
dringen. Dieses  Gefiihl  mufi  sogleich  uberleuchtet  werden 
von  dem,  was  sich  vergleichen  lafit  mit  dem  Gefiihl  des 
Mutes,  der  Tatkraft,  der  Willensentfaltung.  Der  Mensch 
mufi  in  sich  etwas  gewahr  werden,  was  er  padagogisch  durch 
Selbsterziehung  in  sich  heranbilden  kann  im  langsamen,  ge- 
duldigen  Fortschritt,  wenn  er  ofter  darauf  kommt:  Du  tust 
nicht  nur  das,  oder  setzt  dir  vor,  das  zu  tun,  wozu  du  aufiere 
Veranlassung  hast,  wozu  du  diese  oder  jene  Aufforderung 
hast,  sondern  du  setzt  dir  das  Ideal,  aus  deinen  eigenen  Ge- 


danken  dieses  oder  jenes  zu  tun  und  den  Gedanken  daran 
und  den  unbeirrten  Willen  dazu  nicht  zu  verlieren.  -  Wenn 
wir  das  im  Leben  ofter  tun,  ja  es  geradezu  systematisch  ent- 
wickeln,  dann  gibt  es  uns  eine  Vorstellung,  die  wir  von 
keiner  aufieren  Welt  und  keiner  aufieren  Anschauung  emp- 
f  angen  konnen,  die  wir  herausholen  konnen  aus  den  tief  eren 
Untergrunden  der  Seele.  Wenn  wir  dieses  Gefuhl  in  dem 
Moment  entwickeln  konnen,  da  wir  zu  reinen,  sinnlichkeits- 
freien,  nicht  aus  der  Aufienwelt  geholten  Gedanken  uns  er- 
heben,  wo  wir  nicht  auf  das  hinstarren,  was  uns  die  Augen 
und  Ohren  und  so  weiter  liefern,  wenn  wir  uns  immer  wie- 
der  und  wieder  diesem  Gefiihl  hingeben,  dann  bildet  sich 
etwas  in  uns,  was  man  erleben  mufi,  was  aber  ebenso  erlebt 
werden  kann,  wie  ein  physikalisches  oder  chemisches  Ex- 
periment erlebt  werden  kann.  Erlebt  werden  kann  im  Selbst- 
experiment  der  Seele  ein  Freiwerden  von  einer  jeglichen 
Anschauung  und  Erkenntnis,  die  nur  durch  die  Werkzeuge 
der  Korperlichkeit  erlangt  werden  konnen,  ein  Freiwerden 
vom  physischen  Leib  und  Hinausdringen  in  jene  Welt,  iiber 
die  wir  sonst  nur  Gedankennetze  spinnen  konnen.  Und  es 
ist  wirklich  dann  nicht  das  vorhanden,  was  viele  Menschen 
einzig  und  allein  von  einem  solchen  Aufier-sich-Kommen 
kennen,  was  sie  kennen  von  einem  das  menschliche  Bewufit- 
sein  zerstorenden  Experiment,  sondern  ein  Freiwerden  von 
allem,  was  sinnliches  Dasein  und  Sinnesanschauung  bedeu- 
tet.  Es  dringt  der  Mensch  mit  dem  eigenen  Wesen,  von  dem 
er  weifi,  dafi  es  gegeniiber  der  Korperlichkeit  selbstandige 
Realitat  hat,  in  die  Welt  ein,  die  eine  ubersinnliche  genannt 
werden  mufS,  weil  man  sie  als  eine  ubersinnliche  erlebt.  Und 
wenn  jemand  sagt:  Das  kannst  du  dir  einbilden,  -  so  konnte 
man  naturlich  nicht  durch  etwas  anderes  wieder  als  durch 
logische  Moglichkeiten  und  Griinde  jemandem  eine  An- 
schauung davon  geben,  was  in  den  ubersinnlichen  Welten 


erlebt  wird,  und  was  der  Mensdi  als  iibersinnliches  Wesen 
ist.  Aber  wer  in  die  iibersinnliche  Welt  emdringt,  der  weifi, 
dafi  er  auf  dem  charakterisierten  Wege  zu  einer  Realitat 
iibersinnlicher  Art  kommt,  die  ihm  ebenso  in  ihrer  Wirk- 
lichkeit  klar  ist,  und  von  der  er  ebenso  weifi,  dafi  sie  nichts 
von  Phantastik  hat,  wie  er  dieses  von  der  aufieren  Sinnes- 
welt  weifi. 

Was  ich  so  von  der  iibersinnlichen  Welt  geschildert  habe, 
ist  nur  die  eine  Richtung,  in  die  wir  gehen  miissen,  wenn  wir 
zu  den  iibersinnlichen  Welten  ein  Verhaltnis  gewinnen  wol- 
len.  Es  gibt  noch  etwas  anderes.  Was  ich  geschildert  habe,  ist 
der  Weg  durch  den  Gedanken,  was  wir  in  der  Sprache  der 
Geisteswissenschaft  die  Meditation,  die  stille,  ruhige,  aber 
von  Gefuhl  und  Empfindung  durchdrungene  Meditation 
nennen,  das  Vertiefen  in  innere  Gedankenerlebnisse  der 
Seele.  Das  ist  die  eine  Richtung.  Die  andere  Richtung  ist 
diejenige,  durch  die  der  Mensch  etwas  erleben  kann,  was 
sich  von  alien  Gedankenerlebnissen  unterscheidet.  Alle  Ge- 
dankenerlebnisse sind  ja  so,  dafi  sie,  wenn  wir  sie  hegen, 
etwas  Trockenes,  Abstraktes,  Unpersonliches  haben,  etwas, 
demgegeniiber  wir  deshalb  ein  solches  Erstarren  des  Blutes 
fuhlen,  well  es  uns  so  fremd  macht  gegeniiber  dem  unmittel- 
baren  Leben.  Man  mufi  das  fuhlen,  um  solche  Gefuhle,  wie 
sie  eben  charakterisiert  worden  sind,  bis  in  die  gedankliche 
Vertiefung,  in  die  Meditation  hineinzutragen,  und  man 
wird  gewahr  werden,  dafi,  wenn  man  durch  den  Gedanken, 
iiber  den  Gedanken  zu  der  geistigen  Wesenheit  emporsteigt, 
man  in  die  iibersinnliche  Welt  hineinkommt.  Aber  die  Frage 
mufi  entstehen:  Kann  der  Mensch  nur  auf  dem  Wege  des 
Gedankens  in  die  Realitat,  in  die  Wirklichkeit  hineinkom- 
men? 

Um  diese  Frage  zu  beantworten,  mufi  auf  eine  andere 
Seite  des  Verhaltnisses  des  Menschen  zu  den  iibersinnlichen 


Welten  hingewiesen  werden.  Wie  der  Mensch  in  Welten- 
weiten,  in  Raumesspharen  schweift  auf  dem  eben  charak- 
terisierten  Wege,  so  kann  er  audi  in  sein  eigenes  Wesen  ein- 
dringen.  Dann  kommt  er  allerdings  zu  etwas,  was  ihn  ebenso 
von  dem  Gedanken  abfiihrt,  wie  ihn  der  diarakterisierte 
Weg  zum  Gedanken  hingefiihrt  hat,  denn  sowohl  die  ma- 
terialistisdie  Gedankenwissenschaft  wie  die,  von  der  ich 
gleich  sprechen  werde,  fiihrt  von  dem  Gedanken  ab.  Ma- 
terialistisdie  Gedankenwissenschaft  zeigt,  dafi  das  Denken 
an  den  Gehirnprozefi  gebunden  ist,  dafi  iiberall  in  der  Welt 
kein  anderes  Denken  gefunden  wird  als  das,  welches  an  das 
Gehirn  gebunden  ist.  Aber  wenn  der  Mensch  von  dem  Den- 
ken zu  sich  selber  zuruckkehrt  und  sich  iiber  sich  klar  wird 
und  sieht,  wie  die  Gedanken  und  sein  ganzes  Geistesleben 
gleich  Schaumblasen  aus  den  Tief en  des  Meeres  seines  Seelen- 
lebens  hervorsprudeln,  dann  gibt  es  etwas  zu  erleben,  wo 
heraus  der  Gedanke  hervorgeht.  Allerdings  entsteht  da  die 
tiefe  Unbefriedigtheit,  welche  der  empfindet,  der  ein  Ver- 
standnis  hat  fiir  die  Frage  nach  dem  wahren  Sinn  des  Lebens, 
wenn  die  Gedanken  nur  ein  Schaumgebilde  sein  sollten  auf 
der  Oberflache  des  wogenden  Meeres  des  Seelenlebens;  denn 
wenn  sie  das  waren,  dann  ware  die  Welt  sinnlos.  Das  ist  ein 
Gefuhlserlebnis  fiir  den,  der  ein  Verstandnis  hat  fiir  den 
Sinn  des  Lebens.  Aber  es  soli  nun  charakterisiert  werden, 
wie  man  durch  eine  andere  Richtung  zu  etwas  kommt,  was 
befreit  ist  von  dem  abstrakten  Gedanken,  die  vollsaftig  ist, 
die  uns  auf  uns  selbst  zuriickweist,  und  die  vom  Gedanken 
frei  ist,  die  alles  das  nicht  hat,  was  eben  geschildert  worden 
ist  als  das  Abstrakte,  Nuchterne,  Trockene  der  Verstandes- 
erkenntnis,  der  Gedankenwissenschaft. 

Was  uns  so  die  andere  Richtung  gibt,  ist  das,  was  wir 
mystisches  Erleben  nennen.  Der  Mensch,  der  in  seine  eigene 
Gefiihlswelt  untertaucht,  nach  wahrer  Selbsterkenntnis 


strebt,  der  in  die  Lage  kommen  kann,  einmal  den  Blick  ab- 
zuwenden  von  dem,  was  uns  in  der  Welt  umgibt,  der  kommt 
dahin,  wohin  die  groften  Mystiker  gekommen  sind.  Wenn 
wir  bei  diesen  Mystikern  Umschau  halten,  so  horen  wir  von 
ihnen,dafi  sie  dasHochste,  was  sie  sich  als  einGottliches  vor- 
stellen,  das  durch  die  Welt  waltet  und  wogt,  in  ihrem  eige- 
nen  Innern  erleben.  Im  Innern  des  Menschen  lebt  ein  gott- 
lidier  Funke  audi.  Das  ist  das,  was  zum  Beispiel  immer  wie- 
der  und  wieder  durch  solche  mystischen  Auseinandersetzun- 
gen  geht,  wie  wir  sie  bei  Meister  Eckhart,  Johannes  Tauler 
und  vielen  anderen  finden.  Das  ist  ein  unmittelbares  mysti- 
sches  Erleben.  Aber  etwas,  was  charakteristisch  ist,  weist  ein 
solches  my stisches Erleben  immerf  ort  auf ,  und  das  ist  ja  etwas, 
was  gegen  die  Bedeutung  eines  solchen  mystischen  Erlebens 
fur  die  Menschheit  von  den  Gegnern  desselben  immer  vor- 
gebracht  wird.  Es  hat  dieses  mystische  Erleben  etwas  Indivi- 
duelles,  etwas  ganz  Personliches.  Und  wer  so  in  das  ein- 
dringt,  was  man  in  den  Untergriinden  der  Seele  erleben 
kann  als  den  gottlichen  Funken,  der  uns  aufklart  iiber  die 
Welt  und  ihre  innersten  Griinde,  und  gerade  der,  welcher 
dieses  am  starksten  erlebt,  wird  sagen:  Es  ist  das  ein  inneres 
Erleben  von  einer  solchen  Tiefe,  einer  solchen  Weite,  dafi 
menschliche  Begriffe,  wie  man  sie  sonst  fur  anderes  gelten 
lassen  kann,  nicht  fahig  sind,  das,  was  so  erlebt  wird,  zu 
ubermitteln.  -  Die  tiefsten  Mystiker  werden  gerade  damit 
einverstanden  sein,  dafi  man  dieses  Erleben  gar  nicht  in  Ge- 
danken,  geschweige  in  Worte  bringen  kann,  dafi  alles  Ge- 
dankenleben  unvermogend  ist  gegeniiber  den  Tiefen  des 
Gottlichen,  das  man  in  den  Tiefen  des  eigenen  Erlebens 
durchmachen  kann,  wenn  man  sich  eins  fiihlt  mit  dem,  was 
als  Gottliches  die  Welt  durchpulst,  wenn  man  sich  aus  einer 
inneren  Uberzeugung  klar  ist  iiber  das,  was  die  Welt  durch- 
webt.  Erleben  kann  man  es  —  werden  die  Mystiker  sagen  -, 


aber  in  Gedanken  bringen,  kann  man  es  nicht.  Daher  kann 
man  es  nicht  in  den  gebrauchlichen  Vorstellungen  andern 
ubermitteln,  sondern  es  kann  nur  das  Weltenratsel  von 
jedem  Einzelnen  personlich  erlebt  werden. 

Eines  tritt  einem  da  entgegen:  das  namlich,  was  man  in 
Gedanken  glaubt  als  sein  Eigenes  zu  haben.  Aber  damit  ist 
wieder  das  verknupft,  wodurch  man  nicht  wahrhaft  zu  dem 
gottlichen  Welteninhalte  kommen  kann,  was  Sie  lesen  kon- 
nen  bei  alien  Mystikern,  die  es  beschrieben  haben.  Da  kommt 
die  Seele  zu  inneren  Feinden.  Da  kann  der  Mensch  dann 
nicht  mehr  sagen:  Wenn  ich  dieses  oder  jenes  aufsteigen 
fuhle,  diese  oder  jene  Leidenschaft  fuhle,  dieses  oder  jenes 
erlebe  und  so  weiter,  dann  stent  das  in  meiner  eigenen  Ge- 
walt.  -  Nein!  Dann  kommt  sich  der  Mensch  vor,  wie  wenn 
er  von  inneren  Feinden  er  griff  en  ware,  gegen  die  er  zunachst 
nicht  Herr  werden  kann,  aber  iiber  die  er  Herr  werden  mufi, 
wenn  er  durchbrechen  will,  was  ihn  von  s einem  inneren 
tiefsten  Wesen  und  damit  vom  inneren  Weltwesen  trennt. 
Da  f  angt  man  an  das,  was  mehr  ist  als  das,  was  wir  durch 
Gedanken  wissen,  in  unserem  Innern  als  etwas  zu  fuhlen, 
was  aus  uns  selbst  heraufsteigt,  was  sich  iiber  dieses  Selbst 
ergiefk,  und  man  kommt  zur  Notwendigkeit,  in  bezug  auf 
alles,  was  man  erkennenswert  findet,  Krafte  zu  suchen, 
durch  die  man  es  iiberwindet.  Da  miissen  wieder  gewisse 
Gefuhle  den  Mystiker  durchdringen.  Denn  wenn  die  My- 
stiker  nur  betonten:  Du  brauchst  nur  in  dich  einzudringen, 
dann  wirst  du  den  Gott  erleben,  —  dann  ware  das  wieder 
ein  solches  selbstzufriedenes  in  sich  Hineinsteigen,  wie  das 
selbstzufriedene  Leben  in  Gedanken  und  Ideen. 

Wenn  man  aber  zur  Realitat  kommen  will,  so  mufi  man 
etwas  erleben,  was  eine  ganz  bestimmte  Gefuhlsweise  ist, 
die  sich  in  folgender  Art  definieren  lafk.  Manche  von  Ihnen 
werden  es  schon  durch  ihr  eigenes  alltagliches  Leben  besta- 


tigt  gefunden  haben.  Wir  alle  kennen  Schmerzen,  kennen 
Leiden.  Gehen  wir  zunachst  von  einem  Leiden  aus,  das  man 
am  leichtesten  kennenlernen  kann.  Jeder  weifi,  wie  qualvoll 
physisdie  Schmerzen  und  Leiden  werden  konnen.  Aber  er 
weifi  vielleicht  auch,  dafi  es,  wenn  der  Schmerz  sich  immer 
mehr  und  mehr  steigert,  ein  Stadium  der  Starke  des  Schmer- 
zes  gibt,  wo  derselbe  in  ein  gewisses  Stadium  der  Seligkeit, 
ja  sogar  der  Lust  iibergehen  kann.  Das  wurde  dort  ausge- 
nutzt,  wo  man  die  Leute,  die  man  den  Quellen  des  Daseins 
naherbringen  wollte,  quake,  so  dafi  der  Schmerz  so  stark 
wurde,  dafi  er  ins  Gegenteil  umschlug.  Da  gibt  es  solche  Sta- 
dien,  in  denen  man  im  Schmerz  etwas  empfindet,  was  wie 
eine  Art  von  Lust  und  Seligkeit  auf  taucht.  Etwas  Ahnliches, 
nicht  das  gleiche  mufi  der  empfinden,  welcher  in  sein  Inneres 
untertaucht,  wo  er  alles,  was  sich  ihm  feindlich  gegeniiber- 
stellt,  mit  aller  Kraft  iiberwindet.  Eine  Vorstellung  davon 
bekommt  man,  wenn  man  die  Mystiker  liest,  die  beschrei- 
ben,  wie  sie  sich  anstrengten,  um  gegen  alle  Versuchungen 
der  Leidenschaft,  des  Egoismus  zu  kampfen.  Die  Selbstsucht, 
die  Leidenschaft  wachsen  dabei  ins  Grofie.  Das  ist  noch  ein 
flaches  in  sich  Hinuntersteigen,  wenn  man  nicht  empfindet, 
wie  Leidenschaft  und  Selbstsucht  wachsen  als  unsere  Feinde. 
Wenn  man  dann  die  Kraft  flndet,  zu  zerstauben,  zu  zersplit- 
tern,  was  innere  Versuchungszustande  sind,  dann  dringt 
man  in  die  Tiefen  der  Seele  ein,  wo  das  untersinnliche  Le- 
ben  der  Seele  beginnt,  was  aber  auch  iiber  das  blofi  sinnliche 
Leben  hinausgeht.  Aber  es  diirfen  die  geschilderten  Dinge 
nicht  im  trivialen  Sinne  verstanden  werden.  Da  ist  dann 
leicht  zu  sagen:  Dies  sind  subjektive  Erlebnisse,  durch  die 
man  zu  keiner  wahren  Erkenntnis  kommt.  -  Wenn  sie  aber 
so  genommen  werden,  wie  sie  hier  gemeint  sind,  so  weifi 
man:  Wenn  man  in  das  eigene  Innere  hinuntersteigt  und 
die  starken  Krafte  der  Uberwindung  aufrufen  mufi,  dann 


kommt  man  zu  etwas,  was  nidit  blofi  fur  den  einen  oder 
den  anderen  Menschen  gilt,  sondern  was  jeder  durdi  sein 
Eintreten  in  die  iibersinnliche  Welt  erleben  kann. 

Wenn  die  Mensdien  einmal  durch  einen  soldien  Weg  in 
die  iibersinnliche  Welt  hineingekommen  sind,  dann  wissen 
sie  ganz  genau,  daft  der  Mensch  ein  Verhaltnis,  eine  Bezie- 
hung  hat  zu  einer  Welt,  die  iiber  das  hinausliegt,  was  die 
Sinne,  der  gewohnliche  Verstand  und  die  Vernunft  dem 
Menschen  geben  konnen,  und  daft  der  Mensch  mit  seinem 
ganzen  Dasein  in  einer  Welt  wurzelt,  die  nicht  entsteht  und 
vergeht  wie  die  Sinneswelt,  sondern  gegenuber  dieser  eine 
ewige  ist. 

Heute  kam  es  darauf  an,  das  Verhaltnis  des  Menschen  zur 
iibersinnlichen  Welt  zu  schildern.  Im  nachsten  Vortrage  wird 
davon  gesprochen  werden  miissen,  wie  sich  der  Mensch  iiber 
die  wichtigsten  Angelegenheiten,  iiber  alle  Sehnsuchten  und 
alles,  was  uns  im  Leben  naheliegt,  eine  solche  wissenschaft- 
liche  Erkenntnis  erringen  kann,  iiber  Tod  und  iiber  Un- 
sterblichkeit.  Und  im  Verlaufe  der  Vortrage  wird  sich  uns 
zeigen,  daft  solche  Wege,  solche  Verhaltnisse  des  Menschen 
zu  den  iibersinnlichen  Welten,  wie  sie  heute  geschildert  wor- 
den  sind,  in  genau  demselben  Sinne  wissenschaftlich  sind  wie 
eine  physikalische,  chemische  oder  biologische  Wissenschaft. 
Denn  was  gewohnlich  entgegengehalten  wird,  wenn  auf  die 
Unmoglichkeit  solcher  Erkenntnisse  des  Obersinnlichen  an- 
gespielt  wird,  ist,  daft  man  sagt:  Wenn  wir  die  Krafte  unter- 
suchen,  die  der  Mensch  zur  Wissenschaft,  zum  Erkennen  hat, 
so  zeigt  diese  Untersuchung,  dafi  die  Erkenntnisf  ahigkeiten 
des  Menschen  begrenzt  sind,  daft  er  nicht  hinein  kann  in 
eine  iibersinnliche  Welt.  -  Aber  kein  ernster  Geisteswissen- 
schaftler,  der  da  behauptet,  daft  die  iibersinnlichen  Welten 
in  demselben  Sinne  erkennbar  sind  wie  die  sinnliche  Welt, 
wird  sagen,  daft  das,  was  man  gewohnlich  unter  den  Er- 


kenntniskraften  versteht,  wenn  man  von  einer  Unzugang- 
lichkeit  der  iibersinnlichen  Welt  fur  den  Menschen  spricht, 
in  die  iibersinnliche  Welt  hineinfiihren  konnte.  Was  die 
Philosophen,  was  die  Naturforscher  und  Monisten  unter 
den  Erkenntniskraflen  verstehen,  wenn  sie  sagen:  Die  Er- 
kenntniskrafte  des  Menschen  mttssen  sich  fernhalten  von 
einer  Welt,  die  nur  zur  Phantastik  fiihren  konnte,  -  von 
denen  mufi  auch  der  wahre  Geistesforscher  sagen:  Diese 
Krafle  konnen  allerdings  nicht  in  die  iibersinnliche  Welt 
hineinfiihren!  -  Und  wenn  man  noch  so  streng  philosophisch 
untersucht,  was  der  Mensch  mit  dem  vermag,  was  ihm  an 
gewohnlichen  Erkenntniskraflen  zur  Verfiigung  stent,  so 
wird  man  doch  immer  antworten  mussen:  Diese  Erkenntnis- 
krafte  sind  ungeeignet,  um  in  die  iibersinnliche  Welt  hinein- 
zufiihren. 

Betrachten  Sie  aber  demgegeniiber  den  ganzen  Gang  der 
heutigen  Auseinandersetzung,  so  werden  Siesehen:  nirgends 
wurde  behauptet,  daft  der  Mensch  mit  dem,  was  in  der  Phi- 
losophic oder  in  der  Naturwissenschaft  Erkenntniskrafle 
genannt  werden,  in  iibersinnliche  Welten  eindringen  konne. 
Sondern  es  wurde  gesagt,  daft  der  Mensch  erst  einen  Weg 
durchmachen  mufi  von  dem  Standpunkte,  wo  er  steht,  zu 
einem  andern  Standpunkte  hin,  und  daft  er  von  den  Er- 
kenntniskraflen, von  denen  mit  Recht  gesagt  wird,  daft  sie 
nicht  in  eine  iibersinnliche  Welt  hineinfiihren  konnen,  zu 
anderen  aufsteigen  mufi,  die  dann  geeignet  sind,  um  in  die 
iibersinnliche  Welt  hineinzugelangen.  So  wenig  es  richtig 
sein  wird,  zu  behaupten,  daft  ein  Blinder  ohne  die  Augen 
Farben  sehen  wird,  so  richtig  ist  es,  daft  ein  Blinder,  wenn 
man  ihn  operiert  und  er  seine  Augen  wieder  gebrauchen 
kann,  dann  auch  in  die  Farbenwelt  hineinschauen  kann.  So 
sehr  der  Kantianismus  recht  hat,  daft  die  gewohnlichen  Er- 
kenntniskrafle des  Menschen  nicht  hinreichend  sind  zur 


Erkenntnis  eines  Ubersinnlichen,  so  wahr  ist  es,  dafi  sich  der 
Mensch  Erkenntniskrafte  aneignen  kann,  durch  die  er  dann 
in  die  Welten  einzudringen  vermag,  die  oft  so  fern  geglaubt 
werden.  Nicht  von  dem  Gebrauch  der  gewohnlichen  Er- 
kenntniskrafte geht  die  Geisteswissenschaft  aus,  sondern 
von  denjenigen,  welche  man  sich  erst  anzueignen  hat.  Und 
das  ist  zugleich  ein  Hineinwachsen  des  Menschen  in  die 
Ubersinnliche  Welt. 

Der  Mensch  kann  sowohl  durch  Gedankenvertiefung, 
Meditation,  den  Weg  hinaus  finden  in  Weltenfernen  und 
Raumestiefen  und  in  Verbindung  kommen  mit  den  iiber- 
sinnlichen  Welten,  wie  er  auch  durch  das,  was  tiefer  liegt  als 
das  gewohnliche  Bewufitsein,  durch  sein  eigenes  Geistiges, 
sozusagen  mit  Durchstofien  der  gewohnlichen  Schichten  des 
Seelenlebens  in  das  hineinkommen  kann,  was  ubersinnlich 
oder  untersinnlich  ist,  was  aber  dann  zusammenfallt  mit 
dem,  was  er  aufien  findet.  Denn  was  der  Mensch  so  findet, 
das  zeigt  sich  -  und  die  ubrigen  Vortrage  sollen  ein  Beweis 
dafiir  sein  -  als  innig  mit  dem  Menschen  verwandt.  Wenn 
der  Mensch  den  Weg  hinaus  findet  durch  Gedankenversen- 
kung  in  Raumesweiten  und  Weltenfernen  und  solche  Emp- 
findungen  und  Gefiihle  mitnimmt,  wie  sie  geschildert  wor- 
den  sind,  so  trifft  er  zwar  fremde  Geisteswelten,  aber  er 
trim:  doch  solche,  mit  denen  er  verwandt  ist,  und  aus  denen 
er  seinen  Ursprung  hat.  Und  wenn  er  den  Weg  durch  sich 
selber  findet,  dann  tritt  er  in  Geisteswelten  ein,  die  auch 
nicht  mit  dem  gewohnlichen  Bewufitsein  zu  umspannen 
sind,  die  aber  real  als  seine  geistigenUntergrunde  vorhanden 
sind.  Da  findet  er  wiederum  sich  selbst.  Und  wenn  er  ver- 
gleicht,  was  er  durch  Vertiefung  in  sein  Inneres,  und  was  er 
durch  Erweitern  seines  Bewufitseins  nach  aufien  findet,  so  ist 
es  dasselbe:  des  Menschen  wahres  geistiges  Wesen,  des  Men- 
schen wirklicher  Ursprung.  Es  ist  die  Eroffnung  nach  Wei- 


ten,  die  geistig  sind,  und  in  denen,  mit  dem  Ausdruck  eines 
alten  Mystikers,  der  Mensch  urstandet. 

Dann  kann  der  Mensch  aus  diesen  Welten,  wenn  er  sie 
seiner  Erkenntnis  zuganglich  macht,  tiefste  Befriedigung 
finden,  um  die  hochsten  Sehnsuchten  in  seiner  Seele  zu  stil- 
len,  die  vorhanden  sind  durch  den  Drang  des  Lebenssinnes, 
durch  den  Drang  nach  Beantwortung  der  Frage:  Was  ist  das 
Beste  an  mir  selber,  was  in  ganz  anderem  Sinne  vorhanden 
sein  miiftte  als  das,  was  als  materielle  Welt  um  mich  herum 
ist?  -  Dann  findet  der  Mensch  aber  auch,  was  er  braucht  zur 
Kraft  der  Arbeit,  zur  Lebensfreudigkeit,  ja  zur  Lebensmog- 
lichkeit  und  zur  Lebensgesundheit.  Denn  das  folgt  aus  einer 
solchen  Vertiefung  in  die  Welt,  wenn  wir  uns  durchdringen 
mit  Kraften,  die  aus  den  untersten  Tiefen  unseres  Seelen- 
wesens  heraufgeholt,  die  aus  Weltenweiten  herangeholt 
sind,  damit  wir  feststehen  auf  dem  Boden,  auf  dem  wir 
arbeiten  und  einen  Sinn  des  Daseins  erkennen  konnen.  Und 
wenn  ich  zusammenfassen  darf ,  was  die  heutige  Betrachtung 
geben  soil,  was  wie  ein  Grundton  durch  die  ganze  Vortrags- 
reihe  iiber  die  iibersinnlichen  Welten  beweisend  hindurch- 
klingen  soil,  so  mochte  ich  dies  mit  den  Worten  tun: 

In  weiten  Weltenfernen 

Erkennend  Menschenwesen, 

In  Seelentiefen 

Erlebend  Weltenkrafte, 

So  erlangt  der  Mensch 

Rechtes  Weltenwissen 

Durch  wahre  Selbsterkenntnis. 


TOD  UND  UNSTERBLI CHKEIT 
IM  LICHTE  DER  GEISTES  WISSENSCHAFT 


Berlin,  26.  Oktober  1911 


Wenn  der  Gegenstand  der  heutigen  Betraditung  «Tod  und 
Unsterblichkeit»  genannt  wird,  so  konnte  es  scheinen,  als  ob 
zunachst  die  Veranlassung  zu  einer  solchen  Betraditung  in 
den  personlichen  Bediirfnissen  der  menschlichen  Seele  ge- 
geben  sei,  die  nicht  viel  zu  tun  haben  mit  Erkenntnis,  mit 
Wissenschaft.  Allein  wenn  Sie  die  Reihe  der  Vortrage  iiber- 
blicken,  welche  in  diesem  Zyklus  als  geisteswissenschaflliche 
gehalten  werden  sollen,  so  werden  Sie  allerdings  sehen,  dafi 
an  die  betrachteten  Gegenstande  schon  durch  die  Titelwahl 
und  dergleichen  ein  wissenschaftlicher  Mafistab,  wenn  audi 
ein  geisteswissenschaftlicher  Mafistab,  angelegt  werden  soli. 
Daher  wird  audi  die  Betraditung  dieses  Abends  nicht  so  sehr 
von  demjenigen  ausgehen,  was  wir  innerhalb  unseres  blofien 
Gefuhlslebens  finden,  innerhalb  unserer  Sehnsuchten  und 
Wiinsche  gegenuber  einem  Leben,  das  iiber  das  physische 
Leibesleben  hinausgeht.  Es  wird  sich  vielmehr  darum  han- 
deln:  Wie  mufi  sich  die  menschliche  Erkenntnis  ganz  in  dem 
Sinne,  wie  sich  diese  Erkenntnis  zu  anderen  Gegenstanden 
unseres  Wissens  stellt,  zu  den  Fragen  von  Tod  und  Unsterb- 
lichkeit  stellen?  Denn  wenn  wir  absehen  von  der  Sehnsucht 
nach  einem  Leben,  das  iiber  das  leibliche  hinausgeht,  wenn 
wir  von  dem  absehen,  was  etwa  im  Sinne  der  BegrifFe  wie 
Todesfurcht  und  dergleichen  zu  verstehen  ist,  so  haben  wir 
darin  als  Bleibendes  fur  die  menschliche  Erkenntnis  in  bezug 
auf  Tod  und  Unsterblichkeit  nichts  geringeres  als  die  Frage 


nach  dem  Wesen  unseres  menschlichen  Lebens,  unserer  gan- 
zen  menschlichen  Individualitat  uberhaupt. 

In  unserer  Gegenwart  konnte  es  allerdings  scheinen,  als 
ob  bei  alien  Betrachtungen  des  geistigen  Lebens  diese  wich- 
tigen  Fragen  nach  Tod  und  Unsterblichkeit  wie  ausge- 
schlossen  erscheinen  miifiten.  Denn  nimmt  man  heute  eine 
der  offiziellen  Seelenlehren  der  sogenannten  Psychologie  in 
die  Hand,  so  wird  man  zwar  in  aller  Breite  die  Erschei- 
nungen  des  Seelenlebens  abgehandelt  finden,  insofern  sie 
uns  im  Alltage  entgegentreten,  zum  Beispiel  die  Frage  der 
Begriflfsentwickelung,  die  Frage  des  Gedachtnisses,  der 
Wahrnehmung,  der  Aufmerksamkeit  und  dergleichen,  aber 
man  wird  vergeblich  nach  einer  Auseinandersetzung  iiber 
das  eigentliche  Wesen  unseres  Seelenlebens  suchen.  Ja  man 
wird  in  den  meisten  gerade  wissenschaftlichen  Kreisen  gegen- 
iiber  diesem  Seelenleben  das  Vorurteil  antreffen  konnen, 
dafi  derjenige  schon  Dilettant  sein  mufi,  der  uberhaupt  diese 
Fragen  als  wissenschaftliche  aufwerfen  will. 

Nun  muft  allerdings  das  Denken,  das  wissenschaftliche 
Anschauen  in  andere  Bahnen  gelenkt  werden,  als  es  ge- 
wohnlich  wird,  wenn  die  Gegenstande,  die  in  Worte  wie 
Tod  und  Unsterblichkeit  sich  einschliefien,  betrachtet  werden 
sollen.  Da  wird  man  nicht  mit  dem  ausreichen,  was  heute  so 
gern  getrieben  wird:  mit  einer  Seelenlehre  -  wie  man  sie  so 
nennt  -  ohne  Seele,  das  hei£t  mit  einer  Seelenlehre,  bei  der 
nur  die  Erscheinungen  des  Seelenlebens  betrachtet  werden 
sollen,  ohne  eine  Moglichkeit  des  Ausblickes  auf  das  eigent- 
liche Wesen  dessen,  was  in  unserer  eigenen  Individualitat 
ruht  und  dessen  Ausdruck  die  Erscheinungen  der  Seelen- 
erlebnisse  sind.  Geisteswissenschaft  oder  Anthroposophie 
ist  nun  gegeniiber  diesen  wie  auch  anderen  Fragen  eine  un- 
gewohnte  Anschauungsweise.  Allerdings  das,  was  sie  gerade 
in  bezug  auf  die  Fragen  nach  Tod  und  Unsterblichkeit  zu 


sagen  hat,  das  tauchte,  man  mochte  sagen,  wie  aus  dunkeln 
Geistesgriinden  nun  schon  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert 
aus  dem  abendlandischen  Kulturleben  herauf .  Nur  hat  man 
es  immer  wie  einen  Traum  einzelner  Menschen  genommen, 
wie  den  Traum  vielleicht  auch  ganz  hervorragender  Men- 
schen, wenn  es  auftrat  bei  einem  Geiste,  der  sonst  so  Ge- 
waltiges,  so  Grofiartiges  fur  die  deutsche  Geisteskultur  ge- 
leistet  hat,  wie  zum  Beispiel  bei  Lessing.  Man  hat  es  aber 
auch  als  einen  bedeutungslosen  Traum  angesehen,  wenn  es 
bei  solchen  auftrat,  der  en  Namen  innerhalb  desGeisteslebens 
der  letzten  Jahrzehnte  weniger  klangvoll  genannt  werden. 

Geisteswissenschaft  stent  auch  da,  wo  es  sich  darum  han- 
delt,  solche  entfernten  Dinge  zu  behandeln  wie  die,  welche 
sich  in  die  Worte  Tod  und  Unsterblichkeit  einschliefien, 
nicht  in  irgendeinem  Gegensatze  zu  dem,  was  heute  die  so 
bewundernswurdige  Naturwissenschaft  leistet.  Allein  der 
Glaube  ist  vielfach  verbreitet,  als  ob  die  Naturwissenschaft 
das  ablehnen  musse,  was  die  Geisteswissenschaft  ihrerseits  zu 
sagen  habe.  So  konnen  wir  es  erleben,  dafi  jedesmal,  wenn 
irgend  etwas  Neues  auftaucht,  wie  es  zum  Beispiel  im  letz- 
ten Jahrzehnt  in  bezug  auf  die  Probleme  des  Lebens  ge- 
schehen  ist,  darauf  hingewiesen  wird,  wie  denn  die  Annahme 
eines  eigentlichen  geistigen  Lebens,  das  uber  das  blofi  kor- 
perliche,  materielle  Leben  hinausgeht,  nach  und  nach  vollig 
uberwunden  werden  muE.  Geisteswissenschaft  ist  durchaus 
nicht  gezwungen,  irgend  etwas  zu  verneinen,  was  zum  Bei- 
spiel in  solchen  Auseinandersetzungen  auftritt  wie  in  jenen 
von  Jacques  Loeb  in  den  letzten  Tagen  des  Monisten-Kon- 
gresses  uber  das  Problem  des  Lebens,  wahrend  Geisteswissen- 
schaft allerdings  immer  wieder  und  wieder,  wie  auch  da- 
mals  zu  horen  bekommt,  dafi  es  nun  endgiiltig  aus  sei  mit 
einer  geisteswissenschaftlichen  Betrachtung,  wenn  man  hof- 
f en  diirfe,  dafi  es  endlich  im  Laboratorium  gelingen  werde, 


Leben,  lebendiges  Werden  aus  den  aufieren  Bedingungen 
materiellen  Geschehens  herzustellen. 

Gegeniiber  alien  solchen  Dingen  braucht  man  nur  an  eines 
zu  erinnern.  Es  hat  im  Menschheitsleben  und  Menschheits- 
denken  Zeiten  gegeben,  in  denen  man  wahrhaftig  nicht 
daran  gezweifelt  hat,  dafi  man  einmal  im  Laboratorium 
werde  Leben  erzeugen  konnen.  Und  alle,  die  sich  bei  der 
Darstellung  des  Homunkulus  im  zweiten  Teile  von  Goethes 
« Faust »  etwas  gedacht  und  sich  daran  erinnert  haben,  dafi 
diese  Darstellung  des  Homunkulus  wirklich  eine  ArtTraum 
der  Naturforschung  der  Vorzeit  war,  das  heilk  die  Dar- 
stellung nicht  blofi  eines  untergeordneten  Lebendigen,  son- 
dern  es  war  ein  Traum  der  Naturforscher,  das  Hochste,  den 
Menschen,  einmal  im  Laboratorium  herzustellen,  —  alle, 
welche  diesen  Traum  hegten,  dachten  durchaus  nicht  daran, 
daft  nun  der  Geist  aus  aller  Menschheits-  und  aller  Welt- 
betrachtung  abgeschafft  werden  mufi.  Nicht  darin  liegt 
gegeniiber  alien  geistigen  Betrachtungen  des  Lebens  ein 
Widerspruch,  dafi  man  hoffen  konnte  aus  der  Zusammen- 
fugung  von  au£eren  Stoffen  lebendiges  Werden  herzustellen. 
Nein,  es  liegt  lediglich  an  der  Richtung  des  Denkens,  an  der 
Richtung,  welche  die  Denkgewohnheiten  nehmen.  Und  die 
Denkgewohnheiten,  welche  sich  bei  demjenigen  ausbilden, 
der  sich  immer  mehr  und  mehr  in  das  vertieft,  was  hier 
Geisteswissenschaft  genannt  wird,  diese  Denkgewohnheiten 
zeigen  eine  Anschauung  eines  gewissen,  iiber  das  Materielle 
hinausgehenden  Faktors  im  menschlichen  Werden,  in  der 
ganzen  menschlichen  Entwickelung. 

Die  rein  materialistische  Anschauung  iiber  das  Leben  des 
Menschen  sagt:  Da  sehen  wir  einen  Menschen  in  das  Dasein 
treten,  und  wir  beobachten,  wie  sich,  sagen  wir,  von  der 
Geburt  oder  Empfangnis  an,  die  materiellen  Prozesse  so 
und  so  abspielen,  und  wir  sehen,  wie  der  Mensch  nach  und 


nach  aus  einem  unbeholfenen  Wesen  iibergeht  zu  einem 
Menschen,  der  sich  ins  Leben  hineinfindet,  Lebensaufgaben 
vollbringen  kann.  Und  aufierdem  sehen  wir  nach  gewisser- 
mafien  aufsteigenden  Prozessen  wiederum  absteigende,  die 
nach  und  nach  zur  Auflosung  der  physischen  Korperlichkeit 
oder  zum  Tode  f uhren.  -  Diese  materialistische  Betrachtung 
des  Lebens  richtet  einzig  und  allein  ihr  Augenmerk  auf  das, 
was  man  mit  Augen  sehen  oder  mit  dem  bewaffneten  Auge 
und  mit  Denk-  und  Forschungsmethoden,  die  auf  sinnliche 
Anschauung  gebaut  sind,  erreichen  kann.  Da  wird  man  wohl 
audi  gezwungen,  iiber  das  hinauszugehen,  was  mit  dem  Mo- 
ment der  Geburt  oder  der  Empfangnis  gegeben  ist,  denn  es 
lafit  sich  doch  nicht  alles,  was  an  dem  Menschen  erscheinen 
wird,  erklaren,  wenn  man  bloE  diejenigen  Faktoren  in  Be- 
tracht  zieht,  welche  zwischen  der  Geburt  oder  der  Emp- 
fangnis und  dem  Tode  walten.  Da  kommt  man  dann  dahin, 
von  vererbten  Anlagen  zu  sprechen,  das  heifit  von  dem- 
jenigen,  was  der  Mensch  in  sein  eigenes  Wesen  hineinver- 
pflanzt  haben  soli  durch  das,  was  seine  Eltern  oder  noch 
altere  Vorfahren  als  Eigenschaften  in  sich  getragen  haben. 
Aber  soweit  man  innerhalb  der  rein  materiellen  Betrach- 
tungsweise  bleibt,  glaubt  man,  da£  alle  Faktoren,  alle  Ele- 
mente,  welche  das  Leben  des  Menschen  erklaren  sollen,  sich 
in  dem  erschopfen,  was  man  beobachten  kann  zwischen  Ge- 
burt und  Tod,  oder  was  sich  in  das  menschliche  Leben  durch 
die  vererbten  Eigenschaften  der  Eltern  oder  anderer  Vor- 
fahren hereinverpflanzt. 

Sobald  allerdings  die  Menschen  denkend  daran  gehen, 
diese  Vererbung  beim  Menschen  wirklich  zu  durchforschen, 
kommen  sie  bald  darauf,  wie  es  im  Grunde  genommen  recht 
aberglaubisch  ist  und  keinem  Aberglauben  der  fniheren 
Zeiten  etwas  nachgibt,  alles,  was  der  Mensch  ausleben  kann 
in  seinem  Leben,  etwa  auf  vererbte  Anlagen  zuriickfuhren 


will.  Gerade  im  letzten  Jahrzehnt  hat  ein  sehr  geistvoller 
Historiker  und  Geschichtsforscher  es  einmal  unternommen, 
Familien,  deren  Abstammungsverhaltnisse  bekannt  sein 
konnten,  daraufhin  zu  priifen,  inwiefern  die  Eigenschaften 
der  Eltern,  Voreltern  und  so  weiter  in  das  Leben  der  Nach- 
kommen  hineinleuchten,  namlich  Ottokar  Lorenz.  Er  konnte 
aber  auf  diesem  Wege  der  rein  erfahrungsgemaftenBeobach- 
tung  zu  nichts  anderem  kommen,  als  zu  sagen :  Wenn  man 
in  die  Vorf  ahrenreihe  von  Menschen  hinaufschaut,  so  findet 
man  doch,  daft  unter  den  zwanzig  bis  dreiftig  Vorf  ahren,  die 
ein  jeder  nach  oben  zahlen  kann,  immer  Menschen  da  sind, 
die  entweder  Genies  oder  Dummkopfe,  Weise  oder  Narren, 
Musiker  oder  sonstige  Kiinstler,  gewesen  sind,  so  daft  man, 
wenn  man  die  Vorf  ahrenreihe  herauf  geht,  alle  Eigenschaften 
haben  kann,  die  sich  bei  irgendeinem  Menschen  finden,  und 
daft,  wenn  man  sich  an  die  Vorurteile  naturwissenschaft- 
licher  Theorien  hangt,  in  der  Wirklichkeit  nicht  sehr  weit 
kommt,  wenn  man  diese  oder  jene  Anlagen,  diese  oder  jene 
Auspragung  des  menschlichen  Charakters,  diese  oder  jene 
Eigenschaft  erklaren  will. 

Geisteswissenschaft  f iigt  nun  zu  alle  dem,  was  ja  innerhalb 
der  Vererbungslinie  als  Bedingungen  fur  das  menschlkhe 
Leben  wirklich  gefunden  werden  kann  und  wenn  es  durch 
Erfahrung  gefunden  wird,  leugnet  sie  den  Zusammenhang 
nicht  -  einen  geistigen  Kern  hinzu,  den  wir  nicht  finden 
konnen  in  alle  dem,  was  wir  bei  den  Eltern,  Voreltern  und 
so  weiter  suchen,  sondern  den  wir  innerhalb  einer  uber- 
sinnlichen,  einer  geistigen  Welt  suchen  miissen.  So  daft  im 
Laufe  desjenigen  Prozesses,  der  sich  abspielt,  wenn  der 
Mensch  durch  Geburt  oder  Empf  angnis  ins  Dasein  tritt,  sich 
mit  den  physischen  Faktoren  etwas  verbindet,  was  man  nicht 
physisch  aufzeigen  kann,  was  geistiger  Art  ist.  Und  dieses 
Geistige,  das  allerdings  nicht  mit  physischen  Augen  gesehen 


werden  kann,  das  ist  jene  Wesenheit,  die  wir  in  uns  tragen 
als  das  Ergebnis  unserer  friiheren  Erdenleben,  wie  man  sagt. 
Ebenso  wahr,  wie  wir  unsere  physische  Abstammung  zuriick- 
fiihren  auf  unsere  Vorfahren,  haben  wir  eine  geistige  Ab- 
stammung zuriickzufiihren  auf  eine  geistige  Vorfahren- 
schaft,  das  heilk  auf  uns  seiber.  Die  Geisteswissenschaft  ist 
eben  gezwungen,  nicht  blofi  von  einem  Erdenleben  des 
Menschen,  sondern  von  wiederholten  Erdenleben  zu  spre- 
chen.  Allerdlngs  mufi  aus  Griinden,  die  im  Verlaufe  dieser 
Vortrage  schon  klar  werden  konnen,  weit,  weit  zuriick- 
gegangen  werden,  wenn  wir  unsere  Wesenheit  in  unserem 
vorigen  Leben  suchen  wollen,  so  dafi  wir  im  geisteswissen- 
schaftlichen  Sinne  in  bezug  auf  das  Hereintreten  des  Men- 
schen in  das  Erdenleben  sagen:  Wir  bringen  uns  aus  einem 
friiheren  Leben  unseren  Wesenskern  herauf,  wir  haben 
dieses  fruhere  Leben  durchlebt,  sind  durch  den  Tod  ge- 
gangen  und  haben  ein  Leben  zwischen  dem  Tode  und  dem 
neuerlichen  diesmaligen  Auf  treten  in  unserem  gegenwartigen 
Leben  durchgemacht.  -  Die  Geisteswissenschaft  ist  weiter 
gezwungen,  diesen  Wesenskern,  welcher  nicht  ein  Produkt 
des  materiellen  Daseins  ist,  sondern  welcher  gleichsam  die 
Materie  sammelt  und  gestaltet,  so  dafi  wir  diese  Leiblichkeit 
werden,  wieder  durchgehend  zu  denken  durch  diePforte  des 
Todes,  wenn  der  Leib  sich  auflost,  um  dann  neuerlich  ein 
ubersinnliches,  geistiges  Leben  zwischen  dem  Tode  und  einem 
spateren  Leben  durchzumachen.  Daher  sprechen  wir  auf  dem 
Boden  der  Geisteswissenschaft  von  wiederholten  Erdenleben. 

So  tritt  uns  diese  Idee  von  den  wiederholten  Erdenleben 
innerhalb  des  Abendlandes  aus  dem  Zwange  des  Denkens 
heraus  zuerst  bei  Lessing  auf  in  dem  Werke,  das  er  als  sein 
Testament  hinterlassen  hat,  in  der  «Erziehung  des  Men- 
schengeschlechtes»,  wo  er  von  dieser  Lehre  sagt:  Wenn  sie 
auch  die  alteste  ist,  wozu  Menschen  sich  bekannt  haben, 


sollte  sie  darum  nicht  eine  solche  sein,  die  auf  dem  Gipfel 
der  menschlichen  Entwickelung  wieder  auftreten  muft?  - 
Und  auch  manche  Frage,  die  eingewendet  werden  kann,  er- 
ledigt  Lessing  in  seiner  «Erziehung  des  Menschengeschlechtes>> 
in  bezug  auf  die  wiederhoiten  Erdenleben.  Allerdings  ist  es 
ja  so,  wenn  dergleichen  einmal  bei  einem  hervorragenden 
Menschen  auftritt,  dafi  dann  die  Menschen,  die  diesen  her- 
vorragenden Geist  beurteilen,  gewohnlich  sagen:  Er  hat  ja 
Grofies  geleistet,  ist  dann  aber  spater  auf  diesen  absonder- 
lichen  Traum  von  den  wiederhoiten  Erdenleben  verf alien, 
und  man  mufi  das  schon  dem  gro£en  Lessing  zugute  halten, 
der  auch  einmal  diesen  absonderlichen  Irrtum  begehen 
konnte.-So  fiihlt  sich  jeder  kleine  Geist  berufen,  die  groften 
Geister  nut  ihren  so  «schlimmen  Irrtiimern»  abzuurteilen. 

Aber  einzelne  Menschen  im  neunzehnten  Jahrhundert 
liefi  doch  dieser  Gedanke  nicht  ruhen,  und  schon  bevor  die 
neuere  darwinistische  Naturwissenschaft  heraufzog,  stellt 
sich  der  Gedanke  der  wiederhoiten  Erdenleben  als  eine  Not- 
wendigkeit  des  menschlichen  Denkens  wieder  ein.  So  tritt  er 
uns  entgegen  in  einem  Buche  von  Dro ft bach  iiber  die  mensch- 
liche  Wiedergeburt,  ein  von  unserem  Standpunkte  aus  ver- 
worrenes  Buch,  aber  ein  Versuch,  der  sich  gerade  gegeniiber 
dem  naturwissenschaftlichen  Denken  erlaubt,  diesen  Ge- 
danken  doch  zu  hegen.  Bald  darauf  hat  sich  eine  kleine  Ge- 
meinde  gefunden,  die  einen  Preis  aussetzte  auf  die  beste 
Schrift  iiber  die  «Unsterblichkeit  der  Seele»,  und  diese  preis- 
gekronte  Schrift  von  Widenmann,  die  1851  erschien,  be- 
handelte  die  Unsterblichkeitsfrage  vom  Standpunkte  der 
wiederhoiten  Erdenleben.  So  konnte  ich  noch  manches  an- 
fiihren,  was  zeigen  wiirde,  wenn  man  darauf  eingeht,  wie 
das  menschhche  Denken  nach  und  nach  bei  vielen  Menschen 
dazu  gefiihrt  hat,  diese  Idee  der  wiederhoiten  Erdenleben 
ins  Auge  zu  fassen. 


Dann  kam  also  die  naturwissenschaftliche  Betrachtung 
des  Menschen,  die  sich  auf  Darwin  auf  baute.Zunachst  f uhrte 
sie  dazu,  den  Menschen  materialistisch  zu  betrachten,  und 
sie  wird  ihn  noch  lange  so  betrachten.  Aber  wenn  Sie  mein 
Buch  «Theosophie»  oder  andere  nehmen,  die  im  Geiste  der 
Geisteswissenschaft  und  Naturwissenschaft  zugleich  ge- 
halten  sind,  so  werden  Sie  sehen,  da£  naturwissenschaftliches 
Denken  zu  Ende  gefiihrt,  heute  dem  Menschen  die  Not- 
wendigkeit  aufzwingt,  an  die  Idee  der  wiederholten  Erden- 
leben  zu  denken.  Aber  das  ist  es  nicht  allein.  Nicht  eine  bloft 
logische  Konsequenz  ist  es,  die  ich  Ihnen  heute  vorfiihren 
will,  sondern  gezeigt  soil  werden,  dafi  in  der  Tat  der  Mensch 
auf  Grundlage  desselben  Prinzipes,  das  in  der  Naturwissen- 
schaft herrscht,  namlich  des  experimentellen,  des  Er- 
fahrungsprinzipes,  zu  der  Idee  der  wiederholten  Erden- 
leben  kommen  mulS.  Da  fragt  es  sich  allerdings:  Gibt  es  eine 
Moglichkeit,  Erfahrungen  iiber  das  zu  sammeln,  was  iiber- 
sinnlich  ist,  was  von  einem  anderen  Leben  heruberkommen, 
was  aus  iibersinnlichen  Welten  hereintreten  soil,  was  den 
Menschenleib,  so  wie  er  ist,  zur  Folge  haben  und  im  Tode 
wieder  diesen  menschlichen  Leib  verlassen  soli? 

Oberflachlich  noch  ohne  die  geisteswissenschaftlichen  Fun- 
damente  kann  ja  gesehen  werden,  aber  nur  im  groben,  wie 
ein  Inneres,  ein  Seelisches  an  der  aufieren  Leiblichkeit  des 
Menschen  arbeitet;  nur  liebt  man  heute  Betrachtungen  dieser 
Art  nicht  besonders.  Wenn  sich  aber  der  Blick  des  Menschen 
genauer  auf  das  richten  wiirde,  was  man  nennt  die  Physio- 
gnomic des  Menschen  in  ihrer  verschiedenen  plastischen 
Ausgestaltung,  wenn  man  in  dieser  Physiognomie,  auch  in 
der  Mimik  des  Menschen,  in  der  Gebarde,  die  bei  jedem 
Menschen  eine  individuelle  ist,  den  schaffenden  Geist,  die 
schaffende  Seelenkraft  schauen  wiirde,  so  wiirde  man  bald 
ein  Gefuhl,  eine  Empfindung  davon  erhalten,  wie  innerlich 


der  Geist  an  dem  Leiblichen  schafft.  Man  versuche  es  nur  ein- 
mal,  einen  Menschen  zu  beobachten,  der  etwa  zehn  Jahre 
lang  an  Erkenntnisproblemen,  an  den  groften  Fragen  des 
Lebens  gearbeitet  hat,  aber  in  der  Weise  daran  gearbeitet 
hat,  wie  man  es  in  einer  aufteren  Wissenschaft  oder  Philo- 
sophic tut,  wo  man  iiber  diese  Dinge  nachdenkt,  ohne  daft 
sie  einem  viel  sagen.  Oder  man  versuche  einen  Menschen  zu 
beobachten,  der  sich  mit  diesen  Fragen  so  beschaftigt  hat, 
daft  sie  ihm  zu  inneren  Angelegenheiten  des  Seelenlebens 
geworden  sind,  so  daft  sie  ihn  in  Zustande  hochster  Seligkeit, 
aber  auch  hochster  Schmerzen  und  tiefster  Tragik  gefiihrt 
haben,  zu  Ausblicken  himmelan  iiber  das  Dasein,  die  ihn 
glikklich  machen  kbnnen,  und  wieder  in  Gebiete,  die  ihn 
hochst  unglucklich  machen  konnen.  Man  betrachte  einenMen- 
schen,  der  in  seinem  Gemiite  die  Erkenntnisfragen  bewegt, 
und  man  betrachte  ihn,  nachdem  er  so  ein  durch  die  tiefsten 
und  hochsten  Regionen  gehendes  Seelenleben  durch  zehn 
Jahre  hindurch  gefiihrt  hat,  und  man  wird  sehen,  wie  sich 
dieser  Verlauf  in  der  Physiognomie  ausdriickt,  wie  das  Ant- 
litz  des  Menschen  ein  anderes  geworden  ist,  wie  in  der  Tat 
das  menschlich  Seelische  hineinarbeitet  in  die  Leiblichkeit, 
in  die  leibliche  Form  und  Bildung.  Konnte  man  nun  durch 
bestimmte  Methoden  ein  solches  Arbeiten  an  der  aufieren 
Leiblichkeit  des  Menschen  weiter  verfolgen  bis  dahin,  wo 
nicht  nur  gewisse  Formen  unseres  Antlitzes  so  umgearbeitet 
werden,  daft  ihnen  das  Geprage  des  Seelenlebens  aufge- 
driickt  wird,  sondern  wo  die  unbestimmte  Form,  die  der 
Mensch  zunachst  im  Erdendasein  hat,  ganz  zu  dem  wird,- 
was  der  Mensch  als  seine  ausgearbeitete  Gestalt  hat?  Konnte 
man  jenseits  von  Geburt  und  Tod  das  aufsuchen,  was  am 
Menschen  arbeitet  und  immer  mehr  und  mehr  hereingestaltet 
in  das  leiblich  Formhafte  dieses  Menschen? 

Dazu  ist  notwendig,  daft  der  Mensch  sein  Seelenleben 


uber  den  Punkt  hinausfuhrt,  an  dem  es  im  alltaglichen 
Leben  heute  stent.  Der  Mensch  mufi  lernen  in  sich  selber  das 
"Obersinnliche  zu  ergreifen,  das  was  keiner  au£eren  Beob- 
achtung  zugangKch  ist.  Nun  kann  jeder  Mensch  durch  blofies 
Nachdenken  sozusagen  die  beiden  Punkte  finden,  wo  unser 
Leben  unmittelbar  ans  Obersinnliche  anstolk.  Diese  beiden 
Punkte  sind  der  Obergang  aus  dem  wachen  Zustand  in  den 
Schlafzustand  und  wieder  aus  dem  Schlafzustand  in  den 
Wachzustand.  Denn  niemand  sollte  sich  dem  unlogischen 
Gedanken  hingeben,  dafi  das  menschliche  Seelenleben  mit 
dem  Einschlafen  aufhore  und  mit  dem  Aufwachen  wieder 
entstehe.  Was  menschliches  Seelenleben  ist,  was  vom  Morgen 
bis  zum  Abend  abfliefk  als  unsereTriebe,Begierden,  Affekte, 
Leidenschaften,  Vorstellungen  und  so  weiter,  das  mu£  wah- 
rend  des  Schlafes  in  irgendeinem  Daseinszustande  sein,  es 
mufi  mit  anderen  Worten  irgendwo  sein.  Die  grofie  Frage 
entsteht,  die  vielleicht  das  Kind  stellt,  die  aber  deshalb 
durchaus  nicht  unberechtigt  zu  sein  braucht  bei  dem,  der  sich 
einlafit  auf  die  Fragen  der  Erkenntnis,  die  Frage  namlich: 
Wohin  geht  des  Menschen  Seele,  wenn  der  Mensch  schlaft? 
Wir  sehen  ja  auch  andere  Prozesse  aufhoren,  wir  sehen  zum 
Beispiel  eine  brennende  Kerze  verloschen.  Kann  man  nun 
vielleicht  auch  da  fragen:  Wohin  geht  das  Feuer?  Da  werden 
wir  sagen:  Das  Feuer  ist  ein  Prozefi,  der  aufhort,  wenn  die 
Kerze  verloscht,  und  der  wieder  beginnt,  wenn  sie  wieder 
angeziindet  wird.  -  Konnte  man  nun  den  leiblichen  Prozefi 
des  Menschen  mit  der  Kerze  vergleichen  und  sagen  :Es  ist  das 
Seelenleben  des  Menschen  ein  Prozefi,  der  verloscht,  wenn 
der  Mensch  am  Abend  einschlaft,  und  am  Morgen  angeziin- 
det wird,  wenn  er  wieder  erwacht?  Es  sieht  vielleicht  so  aus, 
als  wenn  man  diesen  Vergleich  gebrauchen  konnte.  Aber  un- 
moglich  wird  dieser  Vergleich,  wenn  man  in  der  Tat  nach- 
weisen  konnte,  dafi  zwar  nicht  fur  die  gewohnliche  Wahr- 


nehmung  oder  Empfindung,  wohl  aber  fur  erne  durch  sorg- 
faltige  Seelenvorbereitung  zu  erlangende  Empfindung 
dasjenige  vor  uns  hintreten  kann,  was  mit  dem  Einschlafen 
unseren  Leib  verlafit  und  ihn  mit  dem  Aufwachen  wieder 
aufsucht.  Wenn  es  sich  so  verhalt,  dafi  beim  Einschlafen 
nicht  bloft  ein  Prozeft  stattfindet  wie  der  einer  verloschenden 
Flamme,  sondern  wenn  wir  verfolgen  konnen,  was  abends 
beim  Einschlafen  den  Leib  verlafit  und  ihn  morgens  wieder 
aufsucht,  wenn  wir  diesen  Prozeft  in  seiner  Realitat  nach- 
weisen  konnen,  dann  haben  wir  ein  ubersinnliches  Innere 
des  Menschen  gegeben,  in  bezug  auf  welches  wir  dann  die 
Frage  gestellt  erhalten:  Wie  wirkt  es  innerhalb  der  Leib- 
lichkeit? 

Sogar  der  beriihmte  Naturforscher  Du  Bois-Reymond 
hat  den  Gedanken  ausgesprochen:  Der  schlafende  Mensch, 
wie  er  vor  uns  liegt,  ist  vom  Standpunkte  der  Naturwissen- 
schaft  aus  zu  begreifen,  nicht  aber  der  wachende  Mensch,  in 
welchem  lebt,  was  an  Trieben,  Instinkten,  Leidenschaften 
und  so  weiter  auf  und  ab  wogt.  Nun  konnen  Sie  das,  was 
ich  heute  nur  fliichtig,  wenn  auch  genauer  als  beim  ersten 
Vortrage  skizzierte,  ausfuhrlicher  in  meiner  Schrih1  «Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  dargestellt 
finden.  Dort  sind  die  Methoden  geschildert,  die  wir  nun 
kurz  berlihren  wollen,  durch  die  der  Mensch  in  der  Tat  dazu 
kommt,  die  Realitat  dessen,  was  sich  im  Schlafe  aus  dem 
Leibe  herausbewegt,  und  was  beim  Aufwachen  wieder  in 
ihn  hineingeht,  kennenzulernen.  Fragen  wir  danach  zu- 
nachst  aufmerksame  Seelenbetrachter,  die  nicht  unaufmerk- 
sam  an  dem  menschlichen  Aufwachen  und  Einschlafen  vor- 
iibergehen,  sondern  sich  eine  gewisse  Fahigkeit  erworben 
haben,  um  auf  diese  wichtigen  Momente  wie  Einschlafen 
und  Aufwachen  zu  lauschen. 

Da  horen  wir,  was  die  Geisteswissenschaft  durchaus  be- 


statigen  kann,  iiber  das  Einschlafen  des  Menschen  sagen: 
Zunachst  verwandelt  sich  das,  was  in  der  Umgebung  klar 
und  deutlich,  mit  scharfen  Konturen  vorhanden  ist,  wie  in 
ein  Nebuloses,  in  ein  Gebilde  mit  verschwimmenden  For- 
men.  Dann  fuhlt  sich  der.  Einschlafende,  wie  wenn  sein 
ganzes  inneres  Wesen  sich  erweitert  und  nicht  mehr  ange- 
wiesen  ware  auf  die  Formen  seiner  Korperhaut;  das  ist 
verknupft  mit  einem  gewissen  Gefuhl  der  Seligkeit.  Dann 
kommt  ein  merkwiirdiger  Moment,  in  welchem  der  Mensch 
wie  in  einem  fluchtigen  Traumbilde  alles  das  fiihlen  kann, 
was  er  wahrend  des  Tages  an  ihn  bef  riedigenden  moralischen 
Dingen  vollbracht  hat;  das  steht  lebendig  vor  ihm,  und  er 
weifi,  es  ist  ein  Inhalt  seiner  Seele,  er  fuhlt  sich  darinnen. 
Dann  kommt  gleichsam  ein  Ruck,  und  der  Mensch  fuhlt 
noch:  Ach,  konnte  dieser  Augenblick  ewig  dauern!  -  Gerade 
diese  Emphndung:  Ach,  konnte  dieser  Augenblick  ewig 
dauern,  konnte  er  nie  endigen!  —  fiihlen  so  manche,  die  den 
Moment  des  Einschlafens  beachten.  Dann  ist  das  Bewufit- 
sein  hingeschwunden. 

Es  kann  schon  gesagt  werden,  dafi  der  Mensch  in  einem 
solchen  Moment  iibergeht  in  eine  innere  Wesentlichkeit, 
innerhalb  welcher  das  auftereLeibliche  keineRolle  spiel t,  da 
es  ermiidet  von  des  Tages  Anstrengung,  uns  seine  Krafte 
nicht  mehr  zur  Verfiigung  stellt.  Man  fuhlt  in  einem  solchen 
Moment  die  Realitat  des  Seelischen  wie  vorbeihuschen.  Und 
alle  die  Methoden  der  Geisteswissenschaft,  die  wir  auf  dem 
Gebiet  der  Geistesforschung  experimentelle  nennen  konnen, 
bestehen  in  nichts  anderem,  als  dafi  der  Mensch  die  innere 
Starke,  die  innere  Kraft  erhalt,  dieses,  was  so  dahinsch  windet, 
in  voller  Gegenwart  sich  zu  erhalten,  so  dafi  er  den  Moment 
des  Einschlafens  in  voller  Bewufkheit  durchmachen  kann, 
da£  nicht  das  Bewufksein  schwindet,  sondern  erhalten 
bleibt.  Denn  warum  schwindet  das  Bewulksein  beim  Ein- 


schlafen?  Es  schwindet,  weil  der  Mensch  im  gewohnlichen 
Leben  nicht  jene  innere  Starke  und  jenen  Willen  entfalten 
kann,  um  dann  nodi  etwas  zu  erleben,  wenn  ihn  die  aufieren 
Sinne  verlassen.  Fragen  wir  uns  einmal,  wieviel  wir  im  ge- 
wohnlichen Leben  innerhalb  der  Seele  durchmachen,  was 
nicht  durch  die  aufieren  Eindriicke  anger egt  ist,  was  nicht 
wenigstens  Erinnerungen  bildet  an  das,  was  die  Sinne  an- 
geregt  haben?  Da  bleibt  bei  den  meisten  Menschen  recht 
wenig  iibrig.  Kein  Wunder,  dafi  die  innere  Starke  nicht  be- 
steht,  die  mit  inneren  Kraftstromen  durchdringen  kann, 
was  inneres  Seelenleben  ist,  und  was  in  dem  Momente,  da 
es  im  Einschlafen  heraustritt,  von  allem  auEeren  Erleben 
verlassen  ist.  Auf  der  Durchdringung  unserer  Seele  mit 
Kraft,  welche  die  Seele  brauchen  kann,  um  das  Bewufitsein 
zu  erhalten,  wenn  sie  dasselbe  nicht  durch  den  Leib  ver- 
mittelt  erhalt,  darauf  beruht  alle  geistige  Entwickelung. 
Was  wir  Meditation,  Konzentration,  Kontemplation  nennen, 
sind  experimentelle  Mittel,  um  mit  dem  Seelenleben  weiter 
zu  kommen,  als  man  im  gewohnlichen  Leben  kommen  kann. 
Ich  will  nur  ein  einzelnes  Beispiel  dafur  anfuhren. 

Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  komme  dahin,  einen  Ge- 
danken  zum  Beispiel  des  Wohlwollens  oder  einen  anderen 
in  den  Mittelpunkt  des  Erlebens  zu  stellen  und  alle  anderen 
Gedanken,  auch  die,  welche  durch  Augen,  Ohren  und  so 
weiter  eindringen  konnen,  davon  auszuschlie£en,  nur  diesen 
einen  Gedanken  festzuhalten,  denn  die  Gedanken  fliegen 
ja  in  einem  solchen  Momente  an  den  Menschen  heran  wie 
die  Bienen  an  die  Blumen,  wenn  man  innerhalb  des  gewohn- 
lichen Lebens  steht.  Aber  wenn  man  die  Kraft  haben  kann, 
zu  solchen  Obungen  immer  wieder  und  wieder  zuriick- 
zukehren,  Konzentration  des  Denkens  zu  iiben,  sich  medi- 
tativ  zu  versenken,  sobald  man  von  den  bloften  aufieren  Ein- 
driicken  frei  werden  kann,  und  sich  in  bildhafte  Gedanken, 


die  sinnbildlich  etwas  ausdriicken,  immer  wieder  vertieft, 
dann  kann  ein  solcher  Gedanke  den  Menschen  in  seinem 
Seelenleben  aufriitteln,  so  dafi  er  zu  einer  starkeren  Kraft 
wird,  als  der  Mensch  sie  gewohnlich  hat.  Dann  erreicht  ein 
solcher  Mensch  ein  bewuStes  Einschlafen,  das  heifk  ein 
Sichbewufitbleiben  dessen,  was  aus  dem  physischen  Leibe 
herausgeht;  er  erlebt  es  bewufk,  wie  er  mit  dem  Seelenleben 
in  eine  geistige  Welt  hineinwachst.  Und  das  ist  kein  Traum, 
audi  nicht  was  man  eine  Selbsttauschung  oder  Selbstsug- 
gestion  nennen  kann,  sondern  etwas,  was  zwar  jedem  Men- 
schen zuganglich  ist,  aber  nur  durch  Sorgfalt  und  Energie  zu 
erreichen  ist.  Der  Mensch  kann  sich  auf  diesem  Wege  voll- 
standig  frei  machen  von  der  Leiblichkeit.  Wie  er  sich  sonst 
im  Zustande  des  Schlafes  unbewufk  von  ihr  frei  macht,  und 
wie  jeder  Mensch  im  Schlafzustande  aufterhalb  des  physi- 
schen Leibes  ist,  so  wird  er  durch  solche  Ubungen  bewuftt 
lebend  in  dem,  was  sonst  unbewulk  aufierhalb  des  Menschen 
vorhanden  ist.  Kurz,  der  Mensch  kann  auf  dem  Wege  inner- 
licher  Seelenubungen  eine  Befreiung  seiner  Seelenwesenheit 
von  der  Leiblichkeit  erleben. 

Gewifi,  man  kann  einer  solchen  Darstellung,  die  sich  auf 
inneres  Erleben  stiitzt,  immer  entgegenwerfen:  Das  beruht 
auf  Tauschung!  Aber  ob  es  auf  Tauschung  oder  auf  Wirk- 
lichkeit  beruht,  das  lafit  sich  nur  durch  Erfahrung  kon- 
statieren.  Daher  mufi  ich  immer  wieder  sagen:  Was  der 
Mensch  auf  diese  Weise  zu  erleben  glaubt,  kann  durchaus 
eine  Selbstsuggestion  sein,  denn  wie  weit  geht  der  Mensch 
in  bezug  auf  Selbsttauschung!  -  Er  kann  so  weit  gehen,  dafi 
er,  wenn  er  zum  Beispiel  blofi  an  eine  Limonade  denkt, 
schon  ihren  Geschmack  auf  der  Zunge  hat.  So  kann  etwas 
durchaus  den  Eindruck  hervorrufen,  als  ob  es  Wahrneh- 
mung  einer  geistigen  Welt  sei,  dennoch  aber  kann  es  Selbst- 
tauschung sein.  Wer  daher  solche  Ubungen  durchmacht  und 


seine  Seele  selbst  zum  Experimentator  macht,  mufi  alle 
Mittel  zu  Hilfe  nehmen,  um  Tauschungen  auszuschlieften. 
Aber  zuletzt  entscheidet  doch  nur  die  Erfahrung.  Gewifi,  es 
kann  sich  jemand  den  Gesdimack  einer  Limonade  sugge- 
rieren,  aber  ob  er  sich  damit  den  Durst  loschen  kann,  das  ist 
doch  eine  andere  Frage. 

Also  es  gibt  die  Moglichkeit,  das,  was  im  Schlafe  aufter- 
halb  des  physischen  Leibes  ist,  als  Realitat  zu  erleben.  Wie 
wird  es  erlebt?  So,  daft  der  Mensch,  indem  er  immer  weiter 
und  weiter  geht  in  dem  Selbstandigsein  seiner  Seele,  eine 
ganz  neue  Welt,  eine  Welt  des  Obersinnlichen  kennenlernt. 
Und  er  beginnt  in  der  Tat  zunachst  eine  Welt  kennenzu- 
lernen,  die  man  nur  eine  Welt  des  geistigen  Lichtes  nennen 
kann.  Da  stellt  sich  dann  etwas  ganz  besonderes  heraus.  Was 
der  Mensch  sonst  seine  Gedanken,  seine  Vorstellungen  nennt, 
und  wovon  er  geneigt  ist  zu  sagen:  das  sind  nur  Gedanken, 
keine  Wirklichkeiten  -  das  ist  etwas,  was  der  Mensch  mit 
heriibernimmt,  wenn  er  mit  seiner  Seele  real  aus  dem  Leibe 
heraustritt.  Sein  gedankliches  Leben  lost  er  los  von  aller 
Materialitat,  und  dieses  gedankliche  Leben  macht  in  dem 
Augenblicke,  wo  der  Mensch  von  seiner  Leiblichkeit  frei 
wird,  eine  Metamorphose  durch.  Was  ich  jetzt  sage,  erscheint 
dem  auf  materialistischem  Boden  Stehenden  wie  etwas 
Barockes,  wie  eine  Traumerei,  dennoch  ist  es  eine  Realitat. 
Was  wir  in  uns  tragen  als  die  bloften  Gedanken,  das  ver- 
wandelt  sich  in  eine  Welt,  die  wir  vergleichen  konnen  - 
allerdings  nur  vergleichen,  es  ist  nicht  dasselbe  -  mit  einem 
sich  ausbreitenden  Licht,  das  uns  auf  den  Grund  der  Dinge 
fiihrt.  So  kommt  man  in  die  Welt,  in  der  man  das  Denken, 
das  man  sonst  an  das  Instrument  des  Gehirnes  gebunden 
hat,  loslost  und  mit  seinem  Denken  untertaucht  in  eine  neu 
erscheinende  Welt.  Das  driickt  sich  in  der  Weise  aus,  daft 
man  sich  immer  mehr  wie  vergroftert  und  vergroftert  fuhlt. 


Da  lernt  man  eine  Welt  kennen,  von  der  die  auftere  phy- 
sisch-sinnliche  Welt  nur  eine  Offenbarung  ist.  Geistige  We- 
senheiten,  nidit  Atome,  liegen  aller  aufieren  Sinneswelt  zu- 
grunde,  und  wir  konnen  als  Menschen  in  diese  geistige  Welt 
eindringen.  So  sehen  wir  uns  gleichsam,  wenn  wir  dieses 
Selbstexperiment  in  unserer  Seele  vollziehen,  aufgesogen 
und  auf  genommen  von  einer  solchen  geistigen  Welt. 

Eine  vollige  Erkenntnis,  welches  Verhaltnis  diese  geistige 
Welt  zu  uns  Menschen  hat,  erlangen  wir  nur,  wenn  wir  nun 
audi  den  Moment  des  Aufwachens  wieder  geistig  erleben 
konnen.  Audi  das  ist  moglich.  Es  ist  dann  moglich,  wenn 
sich  der  Mensch  damit  beschaftigt,  viel  iiber  sein  inneres 
Leben  in  innerer  Meditation  und  Konzentration  nachzu- 
denken,  wenn  er  zumBeispielallabendlichoder  allmorgend- 
lich  dasjenige,  was  er  am  Tage  oder  am  Vortage  erlebt  hat, 
wie  im  Bilde  Revue  passieren  lafit,  um  es  innerhalb  seiner 
Handlungen  oder  mit  seinen  Handlungen  verknupft,  nach- 
denkend  zu  betrachten,  oder  wenn  er  iiber  seine  sittlichen 
Impulse  nachdenkt  und  so  recht  in  sich  geht.  Dann  kommt 
der  Mensch  dazu,  auch  wieder  den  umgekehrten  Moment, 
wo  wir  uns  aus  dem  Leben  da  draufien  wieder  zusam- 
menschliefien,  um  in  unsere  Korperlichkeit  unterzutauchen, 
jenen  Moment,  den  wir  sonst  jedesmal  beim  Auf  wachen  un- 
bewufit  durchmachen,  durch  solche  Ubungen  bewufit  zu 
erleben. 

Da  erlebt  er  dann  etwas,  was  nur  in  folgender  Art  charak- 
terisiert  werden  kann.  Sie  alle  wissen  vielleicht,  wie  der 
Schlaf  eines  Menschen,  der  gesunde  ruhige  Schlaf,  von  dem 
abhangt,  was  wir  seine  Gemutsbewegungen  nennen.  Wenn 
der  Mensch  noch  soviel  gedacht  hat,  sich  noch  so  angestrengt 
hat  in  seinem  Denken,  wird  er  leicht  einschlafen.  Wenn 
aber  Argerzustande,  Gemutsbewegungen,  Scham,  Reue, 
namentlich  ein  beunruhigtes  Gewissen  an  ihm  nagen,  wird 


er  leicht  sich.  auf  seinem  Lager  walzen  und  dazu  kommen, 
dafi  der  Schlaf  ihn  flieht.  Nicht  das  Denken,  das  wir  hin- 
iibertragen  konnen  in  die  grofie  geistige  Welt,  sondern 
unsere  Gemutsbewegungen  sind  es,  die  uns  den  Schlaf  ver- 
treiben  konnen.  Unsere  Gemutsbewegungen  sind  aber  das, 
was  zusammenhangt  mit  dem,  was  wir  unser  engeres  Seelen- 
leben  nennen  konnen.  Unsere  Gedanken  haben  wir  mit  aller 
Welt  gemeinschaftlich.  Die  Art  und  Weise,  wie  unsere  Ge- 
mutsbewegungen gerade  auf  uns  wirken,  wie  sie  uns  Zorn, 
Reue,  Schmerz  und  Gluck  bringen,  das  ist  etwas,  was  innig 
mit  dem  zusammenhangt,  was  wir  selbst  sind.  Wer  nun  in 
einer  solchen  Weise  gelernt  hat,  bewufit  seine  Seele  aus 
seinem  Leibe  herauszubringen,  der  ist  sich  aus  unmittelbarer 
Anschauung  audi  klar,  wie  er  seine  Gemutsbewegungen  in 
die  Welt  hinaustragt,  in  welche  er  eintritt,  wenn  er  leibfrei 
geworden  ist.  Und  so  selig  es  uns  auf  der  einen  Seite  macht, 
leiblich  bef reit  in  eine  Welt  des  geistigen  Lichtes  auf zugehen, 
so  sehr  fiihlen  wir  uns  auch  in  dieser  Welt  wie  an  uns  selbst 
geschmiedet,  an  alles  das,  was  unsere  Gemutsbewegungen 
sind,  was  sich  auf  uns  abgeladen  hat,  was  an  uns  selber  nagt. 
Damit  gehen  wir  dann  in  die  geistige  Welt  hinein  und 
mussen  es  auch  wieder  in  unseren  Leib  hereintragen.  Aber 
durch  die  charakterisierten  Obungen  gelangen  wir  dazu, 
beim  Eintauchen  in  unseren  Leib  unsere  Gemutswelt  zu 
finden.  Sie  tritt  uns  dann  wie  etwas  Fremdes  entgegen.  Wir 
lernen  uns  selber  kennen,  indem  wir  in  unsere  Gemutswelt 
untertauchen,  und  lernen  dadurch  kennen,  indem  wir  es 
jetzt  bewufrt  verfolgen,  was  zehrend,  was  in  Wahrheit 
totend  auf  unseren  Organismus  wirkt.  Ich  bemerke  hier, 
dafi  in  einem  spateren  Vortrage  zur  Sprache  gebracht  werden 
wird,  wie  Sterben  und  Tod  etwas  ganz  anderes  bedeuten, 
wenn  wir  es  bei  Pflanzen  oder  Tieren  betrachten  als  beim 
Menschen.  Die  Geisteswissenschaft  macht  es  sich  nicht  so 


leicht,  diese  Erscheinungen  in  den  drei  Reichen  gleich  zu 
finden.  Beim  Menschen  findet  sich,  wenn  wir  das  bewufk 
verfolgen,  was  unser  Seel eneigen turn  geworden  ist,  dafi  es 
sich  hineinlebt  in  unsere  Leiblichkeit  und  darinnen  zer- 
storend  wirken  kann.  Wir  lernen  dann  kennen,  wie  der 
innere  Seelenkern  des  Menschen  es  ist,  der  nun  tatsachlich 
den  Leib  f  ormt,  auf  den  Leib  wirkt,  indem  er  sich  mit  dem 
verbindet,  was  von  Vater  und  Mutter  und  von  den  anderen 
Vorfahren  an  physischen  Faktoren  kommt.  Da  sehen  wir 
den  Menschen  in  das  physische  Leben  hereintreten,  sehen, 
wie  er  zuerst  in  ungeschickter  Weise  hereintritt,  wie  er  die 
Sprache  noch  nicht  herausbringt;  dann  sehen  wir  dieFormen 
nach  und  nach  immer  bestimmter  werden  und  sehen,  wie  er 
nach  und  nach  zum  wirkenden  Menschen  wird. 

Indem  wir  geisteswissenschaftlich  die  ganze  Entwicke- 
lung  des  Menschen  betrachten,  sehen  wir,  wie  sich  ein  innerer 
Wesenskern  herausbildet  und  den  Menschen  formt,  von  der 
Geburt  oder  Empfangnis  an  vom  Geistigen  in  den  Leib 
hineinwirkend.  Denselben  Wesenskern,  der  schaffend  am 
Leibe  wirkt,  finden  wir  wieder,  wenn  wir  verfolgen  konnen, 
wie  er  den  Leib  verlalk  und  in  eine  geistige  Welt  eindringt. 
Da  finden  wir  zweierlei:  ein  Element,  das  uns  fahig  macht, 
unser  eigenes  Wesen  wie  in  eine  geistige  Lichteswelt  zu  er- 
giefien;  aber  wir  finden  auch  in  diesem  Wesenskern  etwas, 
was  wir  in  diese  geistige  Lichteswelt  hineintragen  mussen, 
namlich  das  Gef  iige  unserer  Freuden  und  Schmerzen,  unserer 
Gemiitswelt,  das  heilk  alles  dessen,  was  wir  im  Leben  er- 
fahren  haben.  In  diesen  beiden  Dingen  haben  wir  einmal 
das,  was  am  Menschen  schopf  erisch  ist,  was  als  unser  geistiger 
Wesenskern  den  Leib  verlafit,  durch  den  Tod  hindurchgeht 
und  nach  einer  Zwischenzeit  in  einem  neuen  Leibe  wieder 
auftritt,  und  das,  was  wir  zunachst  nur  als  unsere  Gemuts- 
bewegungen  kennen,  was  wir  aber  durch  die  geisteswissen- 


schaftliche  Anschauung  als  eine  reale  Wesenheit  kennen- 
lernen,  als  das,  was  unseren  Leib  zerstort,  dem  Tode  ent- 
gegenfiihrt. 

So  sehen  wir  daran,  wie  unser  geistiger  Wesenskern  ins 
Dasein  hereintritt,  den  Leib  nach  und  nach  aufbaut,  und 
sehen  am  starksten  diesen  Wesenskern  arbeiten  in  den  ersten 
Tagen,  Wochen  und  Monaten,  wo  wir  noch  nicht  ein  inner- 
liches  Seelenleben  fiihren,  wo  wir  noch  nicht  dieses  Seelen- 
leben  zum  Denken  aufriitteln  konnen.  Da  sehen  wir,  wie 
der  Mensch  gleichsam  schlafend  ins  Dasein  hereintritt.  Und 
wenn  wir  versuchen  uns  in  unser  em  Leben  zuriickzuerinnern, 
^o  konnen  wir  bis  zu  einem  gewissen  Punkt  kommen,  nicht 
weiter.  Wir  haben  uns  ins  Dasein  gleichsam  hereingeschlafen. 
Erst  vom  dritten,  vierten  Jahre  ab  kann  sich  der  Mensch 
als  ein  Ich  f iihlen,  nicht  f  ruher.  Das  ist  aus  dem  Grunde,  weil 
vorher  jener  geistige  Wesenskern  des  Menschen  damit  be- 
schaftigt  ist,  unseren  Leib  zu  formen,  auszubilden.  Dann 
kommt  er  an  einen  Punkt,  wo  der  Leib  nur  noch  zu  wachsen 
braucht,  und  von  da  ab  kann  dann  der  Mensch  das,  was 
friiher  in  seinen  Leib  hereingeflossen  ist,  fiir  sein  Seelen- 
leben, sein  Bewulkseinsleben  verwenden,  das  heifit  fiir  das, 
was  seine  Gemiitsbewegungen  bildet,  was  der  Mensch  von 
der  Geburt  bis  zum  Tode  tragt,  was  aber  innerhalb  der 
Leiblichkeit  immerfort  so  wirkt,  dafi  wir  mit  dem  Zeit- 
punkt,  da  wir  anfangen  zu  uns  «Ich»  zu  sagen,  bis  zu  dem 
wir  uns  spater  zuriickerinnern  konnen,  wo  wir  ein  inner- 
liches  Leben  beginnen,  die  Notwendigkeit  zu  sterben  in  uns 
aufnehmen. 

Was  erobern  wir  uns  nun  aber  mit  dieser  Notwendigkeit 
zu  sterben?  Wir  erobern  uns  damit  die  Moglichkeit,  die 
auEere  Welt,  so  wie  sie  uns  umgibt,  in  uns  aufzunehmen, 
unser  Innenwesen  fortwahrend  zu  bereichern,  so  dafi  wir 
im  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  mit  jedem  Tage  reicher 


werden.  In  dem  Teile  unserer  Wesenheit,  den  wir  im  Sdilafe 
in  die  geistige  Welt  mit  herausnehmen,  der  unser  inneres 
Seelenwesen  bildet,  liegt  alles,  was  wir  uns  erwerben  an 
Lust  und  Leid,  an  Freuden  und  Schmerzen.  Indem  wir  leben 
und  ein  Bewufitsein  entwickeln,  haben  wir  fur  unseren 
inneren  Wesenskern  die  Moglichkeit,  fortwahrend  sich  zu 
bereichern.  Diese  Bereidierung  tragen  wir  mit  uns,  wenn 
wir  durch  den  Tod  durchgehen,  aber  wir  konnen  sie  nur 
dadurch  haben,  dafi  wir  das  ganze  Leben  hindurch  an  der 
Zerstorung  des  Leibes  arbeiten  mufken.  Unser  Leib  ist  so 
gebaut,  wie  er  sich  aus  dem  vorhergehenden  Leben  heraus 
gestaltet  hat.  Wir  nehmen  aber  fortwahrend  Neues  in  uns 
auf;  das  bereichert  unser  Seelenleben.  Aber  dieses  Neue 
kann  nicht  mehr  ganz  in  unsere  Leiblichkeit  hineindringen, 
sondern  nur  bis  zu  einem  gewissen  Grade,  was  sich  dadurch 
ausdriickt,  dafi  wir  die  Ermudung  vom  Tage  vorher  in  uns 
weggeschafrt  fuhlen;  aber  nicht  vollstandig  kann  es  in 
unseren  Leib  eindringen.  Da  ist  in  bezug  auf  das,  was  in 
unseren  Leib  eindringt,  eine  Grenze  geschaffen  fiir  die 
weitere  Entf  altung  des  Leiblichen. 

Nehmen  wir  noch  einmal  das  friihere  Beispiel,  wo  ein 
Mensch  durch  zehn  Jahre  hindurch  innerhalb  seiner  Seele 
an  Erkenntnisf  ragen  arbeitet.  Da  wird,  wenn  ihm  diese  Be- 
schafligung  eine  innere  Seelenangelegenheit  ist,  sich  nach 
zehn  Jahren  seine  Phy  siognomie  entsprechend  umgewandeit 
haben.  Doch  es  ist  durch  die  Leiblichkeit  der  Umwandlung 
eine  Grenze  gesetzt.  Der  Drang,  sich  innerlich  weiter  ,zu 
entwickeln,  kann  noch  bestehen;  es  kann  sich  aber  das  spater 
Aufgenommene  nicht  mehr  in  den  Leib  hineinarbeiten. 
Daher  sehen  wir,  da  der  Leib  eine  Grenze  setzt,  erst  das 
reichere  Innenleben  dann  beginnen,  wenn  sich  die  Seele  in 
den  Leib  ergossen  hat.  Zuerst  sehen  wir  die  Physiognomie 
eines  solchen  Menschen  —  eines  Denkers,  Dichters  oder 


tieferen  Kiins tiers  -  sich  umarbeiten;  dann  erst  sehen  wir 
das  innere  reiche  Geistesleben  sich  entwickeln.  Erst  wenn 
uns  an  unserer  Aufienwelt  eine  Grenze  gesetzt  ist,  entwickeln 
wir  uns  so  recht,  konnen  aber  dann  das,  was  wir  in  uns  ent- 
wickeln, nicht  mehr  in  unsere  Leiblichkeit  hereintragen,  weil 
unser  Leib  nach  dem  aufgebaut  ist,  was  wir  uns  in  einem 
fruheren  Erdenleben  erworben  haben.  Deshalb  miissen  wir 
das,  was  wir  uns  dann  noch  innerlich  erwerben,  durch  den 
Tod  hindurchtragen.  Das  hilft  uns  dann  die  nachste  Korper- 
lichkeit  aufbauen,  so  dafi  wir  erst  dann,  in  einem  nachsten 
Leben,  in  eine  Leiblichkeit  hineingebaut  haben  werden,  was 
auf  unsere  jetzige  Leiblichkeit  zerstorend  wirken  mufi. 

Da  eroffnet  sich  uns  ein  Ausblick,  der  ganz  hineinpafit  in 
alles  naturwissenschaftliche  Denken,  ein  Ausblick  auf  das, 
was  Tod  und  Unsterblichkeit  ist,  was  die  wiederholten 
Erdenleben  sind.  Da  sehen  wir,  wenn  wir  unsere  Physio- 
gnomic umarbeiten,  wenn  wir  das,  was  zuerst  unbestimmt 
in  das  Dasein  hereintritt,  immer  bestimmter  und  bestimmter 
hervortreten  sehen,  wie  der  Mensch  das,  was  er  sich  durch 
Erleben  in  der  Seele  in  fruheren  Erdenleben  erworben  hat, 
hineingebaut  hat  in  seine  Leiblichkeit.  Wir  sehen  in  dem  sich 
entf altenden  Leibe  die  Ergebnisse  unseres  fruheren  Lebens, 
und  wir  sehen  in  dem,  was  wir  uns  jetzt  erwerben,  was  so- 
zusagen  als  Geistiges  unserem  Leiblichen  entgegensteht,  die 
sich  entf  altenden  Anlagen  zu  unserem  kiinftigen  Leben.  So 
betrachtet  die  Geisteswissenschaft  das  Leben,  das  wir  zwi- 
schen  Geburt  und  Tod  fiihren,  wie  mitten  drinnenstehend 
zwischen  Fruherem  und  Folgendem.  Und  die  spateren  Be- 
trachtungen  werden  ergeben,  wie  in  bezug  auf  die  Zeit,  wo 
der  Mensch  durch  eine  lange  Dauer  leiblos  lebt,  wie  ja  im 
Schlafe  audi,  unser  Blick  sich  erweitert  auf  die  Zeiten  unse- 
res Daseins,  die  der  Mensch  in  den  (ibersinnlichen  Welten 
zubringt.  Aber  damit  solche  Dinge  nicht  Hirngespinste  blei- 


ben,  ist  es  notwendig,  daft  der  Blick  auf  die  Methoden  hin- 
gelenkt  wird,  durch  welche  die  Seele  fahig  gemacht  wird, 
audi  dann  wahrzunehmen,  wenn  sie  nicht  das  auftere  phy- 
sische  Gehirn  hat.  Nur  dadurch,  daft  der  Mensch  die  Seele 
fahig  macht,  im  Ubersinnlichen  wahrzunehmen,  wird  das, 
was  sonst  eine  blofte  Behauptung  bleiben  muftte,  zu  einer 
bewiesenen  Realitat. 

Wir  stehen  heute  im  Grunde  genommen  erst  am  Anfange 
einer  Wissenschafl,  die  sich  mit  solchen  Dingen  befaftt.  Und 
im  weitesten  Umkreise  derer,  die  sich  fur  die  besten  Kenner 
der  Dinge,  fur  die  Aufgeklartesten  halten,  wird  man  diese 
Sachen  gerade  als  Phantastereien  ansehen.  Der  vor  Ihnen 
spricht,  wundert  sich  nicht,  wenn  jemand  sagen  wiirde:  Das 
ist  etwas,  was  ganz  und  gar  Traumerei,  Phantasterei  ist,  was 
ganz  und  gar  einer  jeglichen  wissenschaftlichen  Wahrhek 
der  Gegenwart  widerspricht!  -  Niemand  wird  begreiflicher 
finden  als  ich  selber,  wenn  jemand  morgen  oder  nach  dem 
Vortrag  einen  solchen  Ausspruch  tun  wird.  Aber  indem  sich 
die  Menschen  immer  mehr  und  mehr  in  eine  solche  Geistes- 
wissenschaft  vertiefen,  werden  sie  einsehen,  daft  wir  durch 
innere  Versenkung  unsere  Seele  dazu  praparieren  konnen, 
daft  sie  fahig  wird,  innerlich  von  sich  zu  wissen,  innerlich 
Krafte  zu  entwickeln,  durch  die  sie  audi  dann  noch  wissen, 
auch  dann  noch  wahrnehmen  kann,  wenn  sie  den  Leib  ver- 
lafit  und  nicht  mehr  durch  die  Organe  des  Leibes  wahrneh- 
men kann.  Das  muft  experimentell  -  konnte  man  sagen  - 
aber  geistig-experimentell  festgestellt  werden,  daft  die  Seele, 
wenn  sie  sich  nicht  mehr  der  leibhchen  Organe  bedient, 
etwas  ist,  was  erfahren  werden  kann.  Sie  ist  das,  was  durch 
Geburten  und  Tode  geht,  was  so  wirkt,  daft  es  sich  seinen 
Leib  mit  auferbaut,  was  durch  den  Tod  geht,  und  was  sich 
zum  Aufbau  des  neuen  Leibes  wahrend  des  Erdendaseins 
neue  Krafte  sammelt. 


So  erlangt  man  mit  den  Fragen  nach  dem  Wesen  des 
Menschen  zugleich  Antwort  auf  die  Fragen  nach  Tod  und 
Unsterblichkeit.  Wenn  Goethe  einmal  in  einem  sehr  schonen 
Aufsatz  gesagt  hat,  die  Natur  habe  den  Tod  erfunden,  urn 
viel  Leben  zu  haben,  so  bewahrheitet  die  geisteswissen- 
schaftliche  Forschung  eine  solche  Ahnung  Goethes,  indem 
sie  sagt:  In  einem  jeglichen  Leben  bereichert  der  Mensch  sein 
Seelenleben,  sein  Inneres;  er  mufS  sterben,  weil  sein  jewei- 
liger  Leib  als  Wirkung  aus  seinen  fruheren  Erdenleben  auf- 
erbaut  ist,  und  indem  er  seinen  Leib  totet,  schafft  er  sich  die 
Moglichkeit,  um  in  einen  neuen  Leib  hineinzubauen,  was 
er  gegenwartig  nicht  in  die  Welt  und  in  seinen  Leib  hinein- 
bauen  kann. 

Eine  solche  Weltanschauung  ergibt  einen  tiefen  Einflufi 
auf  unser  ganzes  Leben.  Und  wenn  sie  unser  ganzes  Wesen 
durchdringt,  wenn  sie  uns  nicht  blofi  Theorie  bleibt,  dann 
f  tihlen  wir  eine  solche  Wahrheit  erst  als  eine  wirkliche  Le- 
benswahrheit.  Denn  dann  sagen  wir  uns,  wenn  wir  die 
Mitte  des  Lebens  uberschritten  haben,  wenn  die  Haare  an- 
fangen  zu  erbleichen  und  Runzeln  unser  Gesicht  zu  erfiillen 
beginnen:  Es  geht  ab warts!  -  Warum  geht  es  ab warts?  Weil 
das,  was  die  Seele  sich  erobert  hat,  nicht  mehr  in  den  Leib 
hineingetragen  werden  kann.  Aber  was  wir  uns  innerlich 
errungen  haben,  und  was  gegenwartig  den  Leib  zerstoren 
mufi,  das  wird  in  einen  neuen  Leib  hineingebaut.  Der  Ein- 
wand  liegt  nahe,  und  wir  wissen,  dafi  er  oft  gemacht  wird, 
aber  es  soil  in  diesen  Vortr'agen  gerade  versucht  werden 
dergleichen  Einwande  vorwegzunehmen,  dafi  jemand  sagt: 
Ihr  Geistesforscher  sagt  uns  da,  wie  der  Mensch  schwach 
wird  im  Alter,  wie  sein  Denken  schwindet,  wie  sein  Gehirn 
schwacher  wird,  also  sagt  ihr  damit,  wie  gerade  mit  der 
Leiblichkeit  der  Geist  dahinschwindet!  -  So  selbstverstand- 
Hch  dieser  Einwand  ist,  und  so  selbstverstandlich  sich  ihn 


jeder  machen  mufi,  der  nodi  nicht  tief  in  die  Geisteswissen- 
schaft  eingedrungen  ist,  so  ist  doch  damit  nur  zugestanden, 
daft  ein  soldier  nicht  dariiber  denkt:  Wo  von  ist  denn  unser 
jetziges  Gehirn  auferbaut?  -  Von  unserem  friiheren  Leben 
ist  es  auferbaut!  Und  wir  miissen  mit  unseren  Gedanken 
unsere  Leiblichkeit,  insofern  in  uns  ein  Gehirn  ist,  zerstoren. 
Die  Gedanken  aber,  die  den  Leib  zum  Absterben  bringen, 
sind  die,  welche  sich  des  Gehirns  bedienen.  Dafi  etwas  auf- 
horen  mufi,  was  an  ein  Instrument  wie  das  Gehirn  gebunden 
ist,  ist  ganz  selbstverstandlich.  Doch  nicht  unser  geistiges 
Wesen  hort  damit  auf.  Daher  ist  es,  wenn  sich  der  Mensch 
in  absteigender  Richtung  bewegt,  dafi  wir  in  uns  nicht  mehr 
die  geeigneten  Werkzeuge  finden,  um  das  auszuleben,  was 
wir  in  dem  gegenwartigen  Leben  uns  angeeignet  haben.  Das 
arbeitet  aber  in  uns  dann  in  einem  Seelenleben,  das  nicht  an 
das  Gehirn  gebunden  ist,  und  das  daher  auch  nicht  durch 
Gehirngedanken  zum  Ausdruck  kommen  kann.  Das  arbeitet 
dazu  vor,  um  im  nachsten  Leben  gestaltend  zu  wirken.  Es 
ist  also  nicht  bloE  im  Sinne  Goethes  zu  sagen:  Die  Natur 
hat  den  Tod  erfunden,  um  viel  Leben  zu  haben  -  sondern 
wir  miissen  sagen:  Der  Tod  ist  da,  um  das,  was  wir  uns  im 
Leben  innerlich  erwerben,  in  neuen  Formen  auszuarbeiten! 

In  diesem  Sinne  konnen  wir  daher  sagen,  wenn  wir  das 
Alter  herankommen  sehen:  Gott  sei  Dank,  daft  das  Leben 
nach  abwarts  gehen  kann,  daft  Tod  sein  kann! -  Denn  wiirde 
er  sich  nicht  ausbreiten,  so  konnten  wir  nimmermehr  das, 
was  uns  aus  der  herrlichen  Welt  zustromt,  so  aufnehmen, 
daft  es  uns  selber  gestaltet.  Damit  wir  das,  was  wir  er  leben 
konnen,  zum  Inhalte  unseres  eigenen  Wesens  machen  kon- 
nen, brauchen  wir  als  Menschen  den  Tod,  miissen  den  Tod 
haben.  Daher  sehen  wir  auf  den  Tod  hin  als  auf  das,  wo- 
durch  gerade  das  Leben  in  einer  inneren,  hoheren  Gestaltung 
sich  bilden  kann.  So  gibt  es  im  Grunde  genommen  in  der 


natiirlichsten  Weise  eine  bessere  Beraterin  in  der  Geistes- 
wissenschaft; sie  ist  nicht  nur  Trosterin  gegeniiber  der  Todes- 
furcht,  sondern  sie  ist  etwas,  was  uns  Kraft  gibt,  indem  wir 
dem  Tode  entgegengehen  und  das  Auftere  absterben  sehen; 
wissen  wir  doch,  dafi  dann  das  Innere  wachst.  Die  Geistes- 
wissensdiaft  wird  das  ganze  Leben  auf  ein  hoheres  Niveau 
stellen,  auf  dem  das  Leben  in  einer  sinnvollen  Vernunftig- 
keit  vor  den  Menschen  hintritt. 

Aus  den  folgenden  Vortragen  wird  sich  ergeben,  dafi  das 
Leben  nicht  ohne  Ende  nach  vorn  und  riickwarts  ablauft, 
sondern  dafi  auch  die  wiederholten  Erdenleben  einen  An- 
fang  und  ein  Ende  haben.  Darauf  soil  jetzt  nur  hingedeutet 
werden.  Aus  dem,  was  die  Geisteswissenschaft  uber  Tod  und 
Unsterblichkeit  zu  sagen  hat,  ergibt  sich,  wenn  wir  auf  das 
gegenwartige  Leben  schauen,  da£  wir  seine  Wirkungen  in 
einem  folgenden  Leben  haben  werden.  So  zerfallt  fur  die 
Geisteswissenschaft  das  gesamte  menschliche  Sein  in  gewisse 
Daseinsformen:  in  das  Dasein  zwischen  Geburt  und  Tod 
und  in  jenes  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt. 
Da  sehen  wir,  was  Goethe  in  bezug  auf  das  einfache  Leben 
gefuhlt  hat,  auf  das  voile  Leben  erweitert,  indem  wir  zu- 
riickblicken  nicht  blofi  auf  das  kleine  Gestern,  sondern  auf 
das  grofte  Gestern,  wo  wir  uns  unser  gegenwartiges  Leben 
gezimmert  haben.  Wir  blicken  hin  auf  des  Lebens  Freuden 
oder  Leiden  und  empfmden:  Freude  ist  das,  was  uns  starkt 
fur  das  Kommende;  Leid  ist  das,  was  wir  an  Uberwindung 
von  Widerstanden  aufbringen  miissen,  um  uns  ebenso  fur 
das  Kommende  zu  starken.  Da  sehen  wir  einen  grofien 
Gegensatz  des  Lebens  in  die  Zukunft  hinein  sich  ausdehnen 
und  denken  dabei  an  den  Goetheschen  Vers: 

Liegt  dir  Gestern  klar  und  often, 
Wirkst  du  Heute  kraftig  frei, 


Kannst  audi  auf  ein  Morgen  hoff  en, 
Das  nicht  minder  gliicklich  sei. 

Lebensgliicklichkeit,  Lebensmut  fliefit  uns  aus  der  inner- 
lich  begriffenen  Geisteswissenschaft,  indem  sie  uns  zeigt:  Es 
ist  in  der  Tat  der  Geist,  der  sich  das  Materielle  formt  und 
sich  in  der  Zerstorung  des  materiellen  Lebens  selbst  erhalt, 
um  immer  neu  und  neu  sich  selbst  zu  offenbaren,  und  der 
dabei  das  neu  Errungene  anwendet.  Das  soli  im  Sinne  des 
heutigen  Abends  in  die  Worte  zusammengefafk  werden: 

Lebend  ofFenbart  der  Geist 

Stets  nur  seine  Kraft, 

Sterbend  aber  zeigt  der  Geist, 

Wie  er  durch  alien  Tod  hindurch 

Sich  stets  zu  hoherm  Leben  nur  bewahrt. 


DER  SINN  DES  PROPHETENTUMS 


Berlin,  9.  November  1911 


Es  ist  gewifi  richtig,  was  Shakespeare  eine  seiner  beruhm- 
testen  Personen  sagen  lalk,  und  was  im  Deutschen  gewohn- 
lich  mit  den  Worten  wiedergegeben  wird:  Es  gibt  mehr 
Dinge  im  Himmel  und  auf  der  Erde,  als  Ihr  mit  Eurer 
Schulweisheit  Euch  traumen  laik.  —  Aber  es  ist  auch  gewift 
nicht  minder  richtig,  was  ein  grofter  deutscher  Humorist, 
Lichtenbergy  gleichsam  als  Erwiderung  darauf  in  die  Worte 
gefaftt  hat:  Es  gibt  viele  Dinge  in  der  Schulweisheit,  die 
weder  im  Himmel  noch  auf  der  Erde  zu  finden  sind!  —  Beide 
Ausspriiche  zusammen  werfen  gewisserma£en  ein  Licht  auf 
die  Behandlungsart,  die  man  vielem  gerade  in  unserer  Ge- 
genwart  angedeihen  lalk  in  bezug  auf  das,  wovon  hier  in 
diesen  Vortragen  gesprochen  werden  soil.  Wenn  es  sich  um 
einen  Gegenstand  wie  den  heutigen  handelt,  mufi  man  aller- 
dings  sagen:  Es  erscheint  mehr  noch  als  den  ubrigen  Gebie- 
ten  des  iibersinnlichen  Forschens,  mehr  als  den  ubrigen  Ge- 
bieten  der  Geisteswissenschaft  gegeniiber,  ganz  begreif- 
lich,  dafi  es  gegeniiber  einem  solchen  Thema  weite  Kreise 
insbesondere  der  ernsten,  strengen  Wissenschaft  gibt,  welche 
solche  Dinge  leugnen.  Denn  wenn  schon  fur  die  ubrigen 
Gebiete,  oder  wenigstens  fur  zahlreiche  der  ubrigen  Gebiete 
der  Geisteswissenschaft,  sehr  schwierig  die  Grenze  zu  ziehen 
ist  zwischen  dem,  was  ehrliches,  ernstes  Forschen  ist,  und 
was  Scharlatanerie  oder  vielleicht  etwas  noch  Schlimmeres 
ist,  so  mu!5  man  sagen:  Uberall  da,  wo  das  iibersinnliche 
Forschen  irgendwie  in  Beziehung  steht  zum  menschlichen 


Egoismus,  da  beginnen  allerdings  gefahrliche  Partien  dieses 
Forschens.  -  Und  auf  weldien  Gebieten  hoherer  Erkenntnis 
konnte  das  mehr  der  Fall  sein,  als  bei  alledem,  was  sich  zu- 
sammenschlieftt  in  das  Thema  vom  Prophetentum,  wie  es  in 
den  verschiedenen  Zeiten  aufgetreten  ist.  Hangt  dodi  alles, 
was  mit  dem  Worte  Prophetie  bezeichnet  wird,  unmittelbar 
zusammen  mit  einer- allerdings  begreiflichen-verbreiteten 
Eigenschaft  der  Menschen:  mit  der  menschlichen  Begierde, 
das  Dunkel  der  Zukunft  zu  durchdringen,  etwas  von  dem 
zu  wissen,  was  dem  Menschen  auf  seinem  zukiinftigen  Le- 
benswege  beschieden  ist. 

Nicht  mit  irgendeiner  Neugier  nur,  sondern  mit  einer 
Neugier,  die  sozusagen  an  die  intimsten  und  tiefsten  Seken 
der  menschlichen  Seele  geht,  hangt  das  Interesse  fur  Pro- 
phetie zusammen.  Kein  Wunder  daher,  daft  in  unserer  Zeit, 
nachdem  man  im  Laufe  der  menschlichen  Entwickelung  so 
schlechte  Erf ahrungen  mit  der  Befriedigung  aller  der jenigen 
Wissenssehnsuchten  gemacht  hat,  welche  so  tief  mit  den  In- 
teressen  der  menschlichen  Seele  zusammenhangen,  die  Wis- 
senschafl,  die  ernstlich  in  Betracht  kommen  will,  nichts  wei- 
ter  wissen  will  von  solchen  Dingen.  Nur  scheint  es  doch,  als 
ob  unsere  Zeit  nicht  mehr  anders  konnte,  als  sich  wenigstens 
mit  diesen  Dingen  wiederum  auseinanderzusetzen,  wie  mit 
so  vielem  also,  wovon  wir  in  den  vorhergehenden  Vortra- 
gen  gesprochen  haben  und  in  der  Zukunft  noch  sprechen 
werden.  Hat  doch  sogar,  wie  viele  von  Ihnen  wissen  wer- 
den,  ein  reiner  Historiker,  Kemmerich,  ein  Buch  iiber  «Pro- 
phezeiungen»  geschrieben,  in  dem  er  nichts  anderes  will,  als 
zusammentragen,  was  sich  in  gewisser  Weise  an  Tatsachen 
geschichtlich  belegen  lafrt,  die  darauf  hinweisen,  daft  wich- 
tige  Geschehnisse  von  diesem  oder  jenem  Menschen  vorher 
gewuftt  oder  vorhergesagt  worden  sind.  Ja,  der  betrefTende 
Historiker  fiihlt  sich  sogar  zu  dem  Ausdruck  gedrangt,  daft 


es  kaum  irgendein  bedeutendes  Ereignis  in  der  geschicht- 
lichen  Entwickelung  gibt,  welches  nicht  einmal  vorausgesagt, 
vorausempfunden,  vorausgedacht  und  audi  vorausverkiin- 
det  worden  ware.  Man  hort  heute  noch  solche  Behauptungen 
nicht  gern.  Aber  man  wird  ihnen  endlich  in  denjenigen 
Grenzen,  innerhalb  welcher  sich  die  Geschichte  der  Dinge 
bemachtigt,  gar  nicht  mehr  ausweichen  konnen,  indem  man 
ebenso  die  Dinge  der  Vergangenheit  wie  die  Dinge  der  Ge- 
genwart  mit  klaren  aufSeren  Dokumenten  belegen  wird. 

Nicht  immer  war  das  Gebiet,  von  dem  wir  heute  etwas 
sprechen  wollen,  so  wenig  angesehen  als  in  unserer  Zeit, 
nicht  immer  war  es  auf  so  zweifelhafte  Kreise  des  mensch- 
lichen  Strebens  angewiesen  als  in  unserer  Zeit.  Wir  brauchen 
nur  wenige  Jahrhunderte  zuriickzugehen  und  werden  fin- 
den,  dafi  zum  Beispiel  im  sechzehnten  Jahrhundert  hervor- 
ragende  tonangebende  Gelehrsamkek  in  dem  damaligen 
Betriebe  des  Prophetentums  durchaus  vertreten  war.  Sehen 
wir  doch  einen  der  groftten  Geister  der  naturwissenschaft- 
lichen  Forschung  aller  Zeiten  in  einer  entsprechenden  Ver- 
bindung  mit  einer  Personlichkeit,  deren  Neigung  fur  eine 
Lebensauffassung,  die  sich  in  das  Licht  der  Prophezeiungen 
stellt,  bekannt  ist,  sehen  wir  doch  Kepler }  den  grofienNatur- 
f orscher,  in  Verbindung  mit  dem  Namen  Wallenstein,  dessen 
Personlichkeit  Schiller  nicht  zum  geringsten  Teile  aus  dem 
Grunde  so  interessiert  hat,  weil  er  sein  Leben  in  das  Licht 
prophetischer  Weisheit  stellte.  Diejenige  Art  von  Prophe- 
zeiung,  die  uns  zu  Keplers  Zeiten  entgegentritt,  und  die  uns 
vor  ein  paar  Jahrhunderten  in  Europa  iiberall  so  entgegen- 
tritt, dafi  erleuchtete,  wissenschafllich  fiihrende  Geister  sich 
mit  ihr  beschaftigen,  hangt  mit  der  Art  und  Weise  zusam- 
men,  wie  man  damals  den  Zusammenhang  der  Sternenwelt, 
den  Gang  der  Gestirne,  die  Stellung  der  Gestirne  zum 
menschlichen  Leben  anschaute.  Es  ist  jene  damalige  Prophe- 


zeiung  im  wesentlichen  irgendwie  zusammenhangend  mit 
der  Astrologie.  Man  braucht  dieses  Wort  nur  auszusprechen, 
um  zu  wissen,  dafi  in  weiteren  Kreisen  auch  heute  nodi  ein 
Bewufitsein  daf  iir  vorhanden  ist,  wie  ein  Zusammenhang  ge- 
dacht  wird  zwischen  den  zukiinftigen  Ereignissen  des  einzel- 
nen  menschlichenLebens  oder  auch  des  Volkerlebens  und  dem 
Gange  der  Gestirne.  Aber  niemals  wurde,  was  man  prophe- 
tische  Erkenntnis  oder  Prophetenkunst  nennt,  so  unrmttelbar 
zusammenhangend  gedacht  mit  der  Beobachtung  des  Ganges 
und  der  Konstellation  der  Sterne  als  zu  Keplers  Zeiten. 

Wenn  wir  in  die  griechische  Zeit  zuriickgehen,  so  sehen 
wir  allerdings,  dafi  eine  prophetische  Kunst  vorhanden  war, 
die,  wie  Sie  wohl  wissen,  zum  grofien  Teil  von  Prophetinnen 
ausgeiibt  wurde.  Es  war  eine  prophetische  Kunst,  die  da- 
durch  herbeigef  iihrt  wurde,  daft  der  Mensch  ganz  bestimm- 
ten  Erlebnissen  ausgesetzt  wurde,  zum  Beispiel  Erlebnissen 
der  Askese  oder  auch  solchen  Erlebnissen,  die  auf  eine  andere 
Art  das  Selbstbewufrtsein,  die  Besonnenheit  des  alltaglichen 
Lebens  zuriickdrangten,  so  dafi  der  Mensch  an  andere 
Machte  hingegeben  war,  gleichsam  wie  aufter  sich,  wie  in 
Ekstase  war  und  dann  Dinge  sagte,  die  sich  entweder  direkt 
auf  die  Zukunft  bezogen  oder  von  den  zuhorenden  Priestern 
oder  Weisen  so  gedeutet  wurden,  dafi  sie  auf  die  Zukunft 
Beziehung  hatten.  Gleich  taucht  da  das  Bild  der  Pythia,  der 
Prophetin  in  Delphi  auf,  welche  durch  die  aus  einem  Erd- 
spalt  auftauchenden  Diinste  in  einen  anderen  Seelenzustand 
versetzt  wurde,  als  es  der  Bewufitseinszustand  des  gewohn- 
lichen  Alltagslebens  ist,  und  die  dann  Machten  hingegeben 
war,  mit  denen  sie  sonst  keine  Verbindung  hatte,  an  die  sie 
sonst  nicht  dachte  und  aus  einem  solchen  Zustande  heraus 
nun  entsprechende  Andeutungen  machte.  Da  sehen  wir  eine 
Art  von  Prophetie,  die  nicht  mit  der  Berechnung  von  Stern- 
konstellationen  und  Sterndeuten  zusammenhangt. 


Ebenso  ist  jedem  das  Prophetentum  des  alttestamentlichen 
Volkes  bekannt,  das  selbstverstandlich  von  der  heutigen 
Aufklarung  als  Prophetentum  auch  bezweifelt  werden 
kann,  das  aber,  wenn  es  zunachst  nur  in  bezug  auf  seine 
Eigenart  charakterisiert  werden  soli,  insofern  es  aus  dem 
Munde  dieser  Propheten  kam,  nicht  nur  wichtige  Weisheit- 
spriiche  brachte,  die  dann  fur  das,  was  innerhalb  des  alt- 
testamentlichen Volkes  geschieht,  tonangebend  sind,  son- 
dern  die  audi  ihre  Aussagen  voraussehend  iiber  die  Zukunft 
machten.  Doch  sehen  wir  dieses  Prophetentum  nicht  in  der- 
selben  Weise  wie  die  Astrologie  des  funfzehnten,  sechzehn- 
ten  Jahrhunderts  Voraussagen  machen  aus  der  Sternenwelt, 
aus  Sternenkonstellationen  heraus,  sondern  da  sehen  wir 
wieder,  wie  entweder  durch  besondere  Anlagen  der  betref- 
fenden  Personlichkeiten  oder  durch  Askese  und  bestimmte 
Obungen  und  so  weiter  diese  Propheten  sich  einen  andern 
Bewufkseinszustand  als  den  der  iibrigen  Menschheit  aneig- 
nen,  durch  den  sie  aus  dem  alltaglichen  Leben  hinausgerissen 
werden,  nicht  das  gewohnliche  Leben  beurteilen  konnen. 
Dafiir  aber  sehen  wir  sie  in  die  groften  Zusammenhange 
ihres  Volkes  blicken,  sehen  sie  das,  was  Gliick  und  Ungluck 
ihres  Volkes  ist,  empfinden.  Dadurch,  dafi  sie  gleichsam  so 
etwas  wie  ein  tJbermenschliches  erleben,  was  iiber  die  ein- 
zelnen  menschlichen  Interessen  hinausgeht,  reifien  sie  ihre 
Seele  von  dem  unmlttelbaren  Bewufitsein  los,  und  es  ist  so, 
wie  wenn  der  Gott  Jahve  selber  aus  ihnen  sprechen  wiirde. 
So  weise  erschienen  ihre  Andeutungen,  wie  wenn  Jahve 
selber  dem  Volke  verkiinden  wolle,  was  das  Volk  zu  tun 
habe,  was  die  kiinfligen  Schicksale  des  Volkes  sind. 

Wenn  wir  dies  bedenken,  mufi  es  uns  doch  erscheinen,  als 
wenn  die  Art  der  Prophezeiung,  wie  sie  uns  am  Ausgange 
des  Mittelalters  vor  der  Morgenrote  der  neueren  Wissen- 
schafl;  entgegentritt,  nur  eine  besondere  Art  ware,  und  als 


ob  Prophetie  ein  umfassenderes  Gebiet  ware,  das  aber  im- 
mer  in  irgendeiner  Weise  mit  irgendwelchen  besonderen 
Seelenzustanden  zusammenhinge,  die  der  Mensch  erst  er- 
reicht,  wenn  er  von  seiner  Personlichkeit  loskommt.  Aller- 
dings  muR  man  sagen,  da£  kaum  noch  erkenntlich  die  astro- 
logische  Prophetie  als  eine  solche  Kunst  scheint,  durch  welche 
der  Mensch  von  seiner  Personlichkeit  loskommt.  Denn  der 
Astrologe,  welcher  das  Geburtsdatum  eines  Menschen  be- 
kommt,  nach  diesem  Geburtsdatum  nun  nachsucht,  wie  die 
Konstellation  in  dieser  Stunde  ist,  welches  Sternbild  gerade 
im  Aufgange  iiber  dem  Horizont  ist,  wie  zur  Geburtsstunde 
die  Konstellation  der  anderen  Sterne  zu  einem  Sternbilde 
ist  und  daraus  berechnet,  wie  der  Verlauf  der  Sternkonstel- 
lationen,  wahrend  des  Lebens  dieses  Menschen  weiter  sein 
wiirde,  und  nach  gewissen  Anschauungen,  die  man  sich  iiber 
den  giinstigen  oder  ungiinstigen  Einflufi  gewisser  Sterne  und 
Sternkonstellationen  auf  das  menschliche  Leben  gemacht 
hat,  nach  solchen  Berechnungen  voraussagt,  was  im  Leben 
eines  Menschen  oder  eines  Volkes  auftreten  wiirde  —  ein 
solcher  Astrologe  erscheint  uns  kaum  mehr  als  eine  solche 
Personlichkeit  wie  der  alte  judische  Prophet  oder  wie  die 
griechischen  Prophetinnen  oder  tiberhaupt  die  alten  Pro- 
pheten,  die  herausgetreten  waren  aus  dem  gewohnlichen 
Bewufksein  und  in  der  Ekstase  nur  aus  einem  aus  dem  t)ber- 
sinnlichen  geschopflen  Wissen  die  Zukunft  vorhersagten. 
Was  bei  diesen  astrologischen  Prophezeiungen  die  heutigen 
Menschen  am  starksten  stort,  insofern  sie  sich  zu  dem  auf- 
geklarten  Teil  unserer  Gebildeten  rechnen,  das  ist,  daft 
schwer  eingesehen  werden  kann,  was  der  Gang  der  Sterne- 
die  Konstellation  von  Sternen  mit  dem  zu  tun  haben  sollen, 
was  im  Leben  eines  Menschen,  im  Leben  eines  Volkes  oder 
in  der  Aufeinanderfolge  der  Zeitereignisse  hier  auf  derErde 
geschieht.  Und  da  der  Blick  der  heutigen  Erkenntnis  auf 


etwas  ganz  anderes  gerichtet  ist  als  auf  solche  Zusammen- 
hange,  so  bringt  man  audi  demjenigen  kein  besonderes  In- 
teresse  entgegen,  was  in  den  Zeiten,  in  welchen  audi  erleuch- 
tete  Wissensdiaft  mit  astrologischer  Prophezeiung  vereinbar 
war,  vor  alien  Dingen  als  etwas  Gewisses,  als  etwas  Reales 
erschienen  war. 

Nodi  der  grofie  tonangebende  Forscher  und  Gelehrte 
Kepler  hat  nicht  nur  seine  keplerischen  Gesetze  gefunden, 
er  war  nicht  nur  einer  der  grofiten  Astronomen  aller  Zeiten, 
sondern  er  widmete  sich  audi  der  astrologischen  Prophezei- 
ung. Und  in  seiner  Zeit,  kurz  vorher  und  kurz  danach, 
finden  wir  zahlreiche  wirklich  erleuchtete  Geister,  welche 
dieser  selben  Kunst  anhangen,  und  welche  von  ihrem  Stand- 
punkte  aus,  wenn  man  alle  Dinge  objektiv  bedenkt,  gar 
nicht  anders  konnten,  als  diese  prophetische  Kunst,  diese 
prophetischen  Erkenntnisse  so  ernst  zu  nehmen,  wie  in  ent- 
sprechender  Weise  unsere  heutigen  Zeitgenossen  irgendeinen 
wissenschaftlichen  Zweig  ernst  und  wurdig  nehmen.  Denn 
man  kann  leicht  sagen,  daft  irgendeine  Vorhersage,  die  zum 
Beispiel  bei  der  Geburt  eines  Menschen  getan  worden  ist,  die 
aus  Sternenkonstellationen  geholt  und  an  dem  Leben  dieses 
Menschen  bewahrheitet  worden  ist,  daft  dieser  Zusammen- 
hang  der  Konstellation  mit  dem  Leben  des  Menschen  doch 
nur  auf  einer  Art  von  Zuf  all  beruht.  Gewift,  in  einer  unend- 
lich  groften  Anzahl  von  Fallen  muE  zugegeben  werden,  daft 
das  Frappierende  des  Eindruckes,  den  man  von  der  Bewahr- 
heitung  astrologischer  Vorhersagungen  haben  kann,  einfach 
darauf  beruht,  daft  man  durch  das  Eintreten  einer  solchen 
Vorhersagung  iiberrascht  ist  und  das  Ubereinstimmende  be- 
halt  und  dariiber  vergiftt,  was  nicht  eingetroffen  ist.  In  ge- 
wisser  Beziehung  hat  allerdings  jener  griechische  Atheist 
ganz  recht,  der  einmal  mit  seinem  Schiffe  in  einer  Kusten- 
stadt  ankam,  wo  an  einem  Opferorte  gewisse  Zeichen  der- 


jenigen  Personlichkeiten  aufgehangt  wurden,  welche  auf 
der  See  ein  Geliibde  getan  hatten,  daft  sie,  wenn  sie  bei 
irgendeinem  Schiffbruch  gerettet  wurden,  ein  solches  Opfer- 
zeidien  an  einem  solchen  Opf  erorte  auf hangen  wurden.  Ge- 
wifi,  da  waren  viele  solche  Opferzeidien  aufgehangt.  Es  war 
kein  Zweifel:  sie  alle  riihrten  von  soldien  Menschen  her,  die 
aus  einem  Schiffbruch  gerettet  worden  waren.  Aber  der  be- 
treffende  griechisdie  Atheist  meinte,  man  konnte  erst  dann 
die  Wahrheit  wissen,  wenn  man  audi  die  Zeichen  aller  der- 
jenigen  auf  hangen  wiirde,  die  trotz  jenes  Geliibdes  bei  Schiff- 
briichen  zugrunde  gegangen  sind.  Da  wiirde  sich  dann  zei- 
gen,  von  welcher  Seite  mehr  Zeichen  aufgehangt  wurden. 
Ebenso  konnte  audi  gesagt  werden:  Ein  objektives  Urteil 
kann  man  nur  gewinnen,  wenn  man  nicht  nur  alle  einge- 
troffenen,  sondern  auch  alle  nichteingetroffenen  astrologi- 
schen  Voraussagen  verzeichnen  wiirde.  -  Aber  gegenuber 
einer  solchen  Anschauung,  die  ja  immer  moglich  ist,  erscheint 
doch  mancherlei  wieder  hochst  f  rappierend.  Da  ich  in  diesen 
offentlichen  Vortragen  nicht  eine  griindliche  Kenntnis  aller 
geisteswissenschaftlichen  Grundlagen  voraussetzen  kann,  so 
mufi  auch  auf  das  hingewiesen  werden,  was  dem  allgemei- 
nen  Bewufitsein  eine  Vorstellung  davon  geben  kann,  wel- 
chen  Wert  entsprechende  Dinge  auf  Gebieten  haben,  iiber 
die  wir  uns  hier  ergehen. 

Frappierend  mu£  es  doch  fur  den  groftten  Skeptiker  er- 
scheinen,  wenn  zum  Beispiel  folgende  Tatsache  auftritt. 
Wallenstein  -  damit  wir  bei  bekannten  Personlichkeiten 
bleiben  -  wendet  sich  an  den  groften  Kepler,  dessen  Namen 
jeder  Wissenschafter  nur  mit  Ehrfurcht  nennen  kann,  um 
sein  Horoskop  von  ihm  zu  erhalten,  das  heifit  die  aus  den 
Sternen  zu  flndende  Aussage  in  bezug  auf  sein  kiinftiges 
Leben.  Er  erhalt  von  Kepler  dieses  Horoskop.  Dieses  Horo- 
skop des  Wallenstein  war  mit  einer  gewissen  Vorsicht  ge- 


macht  worden.  Es  wurde  nicht  etwa  so  zustande  gebracht, 
daft  Wallenstein  in  einem  gewissen  Lebensjahre  an  Kepler 
schrieb,  dann  und  dann  sei  er  geboren  und  er  wiinsche  jetzt 
von  ihm  sein  Horoskop,  sondern  es  geschah  in  der  Weise  -  so 
dumm  namlich,  wie  man  es  heute  glaubt,  war  es  doch  nicht  — , 
daft  ein  Mittelsmann  gewahlt  wurde,  so  daft  der  Betreffende, 
der  das  Horoskop  zu  machen  hatte,  nicht  wuftte,  urn  welche 
Personlichkeit  es  sich  eigentlich  handelte.  Es  wurde  nur  das 
Geburtsdatum  angegeben.  Kepler  wuftte  also  nicht,  um  wen 
es  sich  handelte.  Nun  hatte  Wallenstein  damals  schon  eine 
gewisse  Anzahl  von  Erlebnissen  hinter  sich,  von  denen  er 
auch  verlangte,  daft  sie  aufgezeichnet  wiirden,  und  dann 
sollte  eine  Aufzeichnung  der  weiteren  Erlebnisse,  die  der 
Zukunft,  angefertigt  werden.  Kepler  fertigte  das  von  ihm 
verlangte  Horoskop  aus.  Darin  fand  Wallenstein,  wie  es  bei 
zahlreichen  Horoskopen  der  Fall  ist,  eine  grofte  Uberein- 
stimmung  mit  vielen  seiner  Erlebnisse.  Er  faftte  zum  Horo- 
skop Vertrauen  -  es  ist  das  ein  Vorgang,  der  sich  so  bei 
vielen  Leuten  der  damaligen  Zeit  abgespielt  hat  -  und  es 
gelang  ihm  in  manchen  Fallen,  sein  Leben  so  einzurichten, 
wie  es  im  Sinne  gewisser  solcher  Voraussagen  war.  Nun  mufi 
gleich  gesagt  werden,  daft  im  verflossenen  Leben  zahlreiche 
Tatsachen  stimmten,  aber  manche  stimmten  auch  nicht. 
Ebenso  war  es  mit  dem,  was  sich  auf  die  Zukunft  bezog.  Das 
war  bei  zahlreichen  Horoskopen  der  Fall.  Da  hat  man  in 
der  damaligen  Zeit  allerdings  eine  sonderbare  Sache  befolgt, 
die  darin  bestand,  daft  man  gesagt  hat:  Da  muft  in  der  Ge- 
burtsstunde irgend  etwas  nicht  richtig  sein,  und  vielleicht 
konnte  der  betreffende  Astrologe  die  Geburtsstunde  etwas 
korrigieren.  -  So  etwas  hat  auch  Wallenstein  gemacht.  Er 
hat  Kepler  ersucht,  die  Geburtsstunde  zu  korrigieren;  es 
handelt  sich  dabei  nur  um  ganz  weniges;  dadurch  kamen 
richtigere  Daten  heraus,  die  stimmten  jetzt  wieder  besser. 


Demgegeniiber  muE  aber  gesagt  werden,  daft  Kepler  ein 
durchaus  ehrlicher  Mann  war  und  gar  nicht  gern  so  etwas 
tat,  wie  die  Geburtsstunde  korrigieren.  Aus  dem  Brief,  den 
Kepler  damals  dariiber  an  Wallenstein  schrieb,  fiihlt  man 
heraus,  daft  er  es  nicbt  gerne  tat  und  einen  solchen  Vorgang 
nicht  empfehlen  konnte,  denn  wenn  man  so  etwas  vor- 
nimmt,  konnte  man  ja  dadurch  alles  mogliche  in  dieser 
Weise  feststellen.  Dennoch  unterzog  er  sich  dieser  von  Wal- 
lenstein gewiinschten  Aufgabe  -  es  war  das  im  Jahre  1625  - 
und  gab  audi  dann  wieder  Angaben  iiber  das  zukunftige 
Leben  Wallensteins,  namentlich  sagte  er  ihm,  daft  nach  die- 
sem  jetzigen  Lesen  der  Sternenzusammenhange  die  Stern- 
konstellationen  fur  Wallenstein  im  Jahre  1634  aufterordent- 
lich  ungiinstig  standen.  Er  fiigte  auch  noch  hinzu,  jetzt, 
nachdem  dies  noch  so  lange  bis  dahin  sei,  konnte  er  es  vor- 
aussagen,  denn,  wenn  auch  Wallenstein  sich  aufregen  wiirde, 
so  wiirde  diese  Aufregung  doch  schon  schwinden  bis  zu  der 
Zeit,  da  diese  ungunstigen  Verhaltnisse  eintrafen,  aber  er 
glaube  nicht,  daft  es  gefahrlich  ware  fur  das,  was  Wallen- 
stein tun  wiirde.  Fur  den  Marz  1634  war  es  vorausgesagt. 
Und  siehe  da:  wenige  Wochen  vor  diesem  Datum  stellten 
sich  die  Ursachen  ein,  die  zur  Ermordung  von  Wallenstein 
fiihrten.  Das  sind  Dinge,  die  doch  wenigstens  frappieren 
konnen. 

Aber  nehmen  wir  andere  Beispiele,  und  zwar  nicht  aus 
den  Reihen  untergeordneter  Astrologen,  sondern  solche,  die 
mit  erleuchteten  Geistern  umgehen.  Da  muft  einer  aufter- 
ordentlich  bedeutsamen  Personlichkeit  auf  diesem  Gebiete 
gedacht  werden:  ich  meine  Michel,  Nostradamus.  Nostrada- 
mus war  ein  bedeutender  Arzt,  der  unter  anderem  auch  bei 
einer  Pestkrankheit  unendlich  heilsam  gewirkt  hat;  er  wurde 
tief  verehrt  gerade  wegen  der  selbstlosen  Art,  wie  er  sich 
seinem  Arztberufe  hingab.  Bekannt  ist  aber  auch,  daft  er 


sich,  als  er  wegen  dieser  Selbstlosigkeit  von  seinen  medizini- 
schen  Kollegen  vielfach  angefeindet  worden  ist,  von  seinem 
arztlichen  Berufe  in  die  Einsamkeit  von  Salon  zuriickzog. 
Da  beobaditete  er  nun  nidit  so  wie  Kepler  oder  andere  die 
Sterne,  sondern  er  hatte  einen  besonderen  Raum  in  seinem 
Hause,  in  das  er  sich  zuriickgezogen  hatte.  Von  diesem 
Raume  aus  —  das  ist  aus  seinen  eigenen  Angaben  zu  entneh- 
men  -  betrachtete  er  die  Sterne  eigentlich  nur  so,  wie  sie 
sich  dem  Blicke  darbieten,  nicht  so,  daft  er  besondere  mathe- 
matische  Rechnungen  vornahm,  sondern  nur  das,  was  Ge- 
miit  und  Seele  und  Imagination  verfolgen  konnen,  wenn 
sie  sich  den  Wundern  des  nachtlichen  Sternenhimmels  aus- 
setzen.  Viele,  viele  Stunden,  Stunden  voll  Inbrunst  und 
Andacht  verbrachte  Nostradamus  in  dieser  eigentiimlichen 
Kamera,  die  nach  alien  Seiten  den  freiesten  Ausblick  in  den 
Sternenhimmel  bot.  Und  da  haben  wir  von  ihm  nicht  nur 
einzelne  Vorhersagungen,  sondern  eine  ganze  langeSerie  von 
den  mannigfaltigsten  Vorhersagungen  iiber  Ereignisse  der 
Zukunft,  die  in  der  sonderbarsten  Weise  eintrafen,  so  daft 
der  vorhin  genannte  Historiker  Kemmerich  gar  nicht  umhin 
kann,  als  frappiert  zu  sein  und  noch  nach  langer  Zeit  etwas 
auf  das  zu  geben,  was  die  Vorhersagungen  des  Nostradamus 
sind.  Nostradamus  trat  zuerst  mit  einigen  seiner  Vorher- 
sagungen hervor.  Er  wurde  natiirlich  auch  in  seiner  Zeit  zu- 
erst ausgelacht,  denn  er  konnte  nicht  einmal  auf  irgend 
welche  astrologischen  Berechnungen  hinweisen.  Es  war  ihm, 
wie  wenn  durch  den  Anblkk  der  Sterne  ihm  in  merkwiir- 
digen  Bildern,  Imaginationen  die  Zukunft  sich  gezeigt  hatte, 
zum  Beispiel  als  ob  in  einem  groften  Bilde  ihm  aufgegangen 
ware  der  Ausgang  der  Schlacht  bei  Gravelingen  im  Jahre 
1558,  welche  die  Franzosen  mit  groftem  Verlust  verloren 
haben.  Eine  andere  Voraussage,  die  auch  lange  vorher  fur 
das  Jahr  1 559  gemacht  wurde,  bezog  sich  darauf,  daft  Konig 


Heinridi  II.  von  Frankreich  in  einem  Duell  fallen  sollte, 
wie  er  sagte.  Man  lachte  nur  dariiber.  Die  Konigin  selbst 
lachte  und  meinte,  daran  konne  man  am  leichtesten  sehen, 
wieviel  darauf  zu  geben  sei,  denn  ein  Konig  sei  iiber  ein 
Duell  erhaben.  Aber  siehe  da:  bei  einem  Turnier  fiel  der 
Konig  in  dem  vorhergesagten  Jahr.  Und  viele  Dinge  konn- 
ten  wir  anfuhren,  die  erst  spater  eingetreten  sind  und  die, 
wenn  sie  in  der  entsprechenden  Weise  gedeutet  werden,  nur 
eingetretene  Voraussagen  des  Nostradamus  genannt  wer- 
den konnen. 

Weiter  haben  wir  einen  anderen  erleuchteten  Geist  des 
sechzehnten  Jahrhunderts,  der  wieder  als  Astronom  eine 
grofle  Bedeutung  hat:  Tycho  de  Brake.  Die  heutige  Welt 
kennt  Tycho  deBrahe  kaum  anders,  als  dafi  man  sagt,  er  habe 
nur  zur  Halfte  die  kopernikanische  Weltanschauung  ange- 
nommen.  Wer  aber  sein  Leben  genauer  kennt,  der  weifi, 
was  Tycho  deBrahe  zumBeispiel  zurHerstellung  vonStern- 
karten  getan  hat,  wie  er  die  damals  vorhandenen  Stern- 
karten  in  ganz  hervorragender  Weise  verbessert  hat,  da  er 
ein  Astronom  von  ganz  hervorragender  Bedeutung  fiir  seine 
Zeit  war,  neue  Sterne  gefunden  hat  und  so  weiter.  Aber 
Tycho  de  Brahe  war  zu  gleicher  Zeit  ein  Mensch,  der  tief 
davon  durchdrungen  war,  daft  nicht  nur  die  physischen  Ver- 
haltnisse  der  Erde  im  Zusammenhang  stehen  mit  der  ganzen 
Welt,  sondern  daft  auch  dasjenige,  was  die  Menschen  geistig 
erleben,  mit  den  Ereignissen  des  grofien  Kosmos  zusammen- 
hangt.  So  kam  es  denn,  daft  Tycho  de  Brahe  nicht  nur  ein 
grofier  Astronom  war,  der  die  Sterne  beobachtete,  sondern 
dafi  er  die  Vorgange  des  Himmels  auf  die  Vorgange  im 
Menschenleben  bezog.  Und  es  war  allerdings  frappierend, 
dafi  Tycho  de  Brahe  schon  als  zwanzigjahriger  Mensch,  als 
er  nach  Rostock  kam,  damals  den  Tod  des  Sultans  Soliman 
vorausgesagt  hat,  der  zwar  nicht  auf  den  Tag  genau,  aber 


doch  eintraf,  wenn  audi  mit  einer  kleinen  Ungenauigkeit. 
Es  war  eine  ungenaue  Angabe,  aber  eine  Angabe,  gegen  die 
man  sich  vielleicht  gerade  als  Historiker  nicht  auflehnen 
kann;  denn  wenn  man  schon  liigen  wollte,  konnte  man 
sagen,  so  wiirde  man  nicht  halb  liigen  und  nicht  die  Diffe- 
renz  von  ein  paar  Tagen  in  das  Resultat  hineinmischen. 

Daraufhin  lieft  sich  der  Konig  von  Danemark  von  Tycho 
de  Brahe  das  Horoskop  machen  fiir  seine  drei  Sonne.  Das 
stimmte  fiir  seinen  Sohn  Christian,  weniger  fiir  den  andern 
Sohn  Ulrich.  Aber  eine  merkwiirdige  Voraussage  machte 
Tycho  de  Brahe  iiber  den  dritten  Sohn  Hans,  die  einge- 
kleidet  und  hergenommen  ist  von  demGang  der  Sterne.  Die 
ganze  Konstellation,  alles  was  man  fiir  den  Herzog  Hans 
sehen  konne,  sei  so,  daft  er  ein  gebrechlicher  Mensch  sei  und 
bleiben  musse,  der  kaum  ein  hohes  Alter  erreichen  konne. 
Da  die  Geburtsstunde  nicht  ganz  sicher  war,  machte  Tycho 
de  Brahe  sogar  mit  grofter  Vorsicht  seine  Angabe:  Vielleicht 
stirbt  er  im  achtzehnten,  vielleicht  im  neunzehnten  Jahre, 
denn  da  treten  ganz  besonders  ungunstige  Konstellationen 
ein.  -  Ich  will  es  dahingestellt  sein  lassen,  ob  er  dies  aus  einer 
gewissen  Nachsicht  mit  den  Eltern  oder  aus  einem  andern 
Grunde  tat,  denn  er  schrieb,  es  ware  allerdings  moglich,  daft 
diese  furchtbare  Konstellation  in  bezug  auf  das  achtzehnte 
oder  neunzehnte  Jahr  fiir  das  Leben  des  Herzogs  Hans 
iiberwunden  werden  konne;  dann  wiirde  Gott  sein  Schutzer 
sein.  Aber  man  musse  sich  klar  werden,  daft  diese  Verb  alt- 
nisse  da  waren,  daft  Hans  zuerst  eine  aufterordentlich  un- 
giinstige  Konstellation  mit  dem  Mars  hatte  und  daft  er  des- 
halb  kriegerischen  Verwickelungen  in  friiher  Jugend  aus- 
gesetzt  sein  wiirde.  Aber  da  in  bezug  auf  diese  Konstellation 
iiber  dem  Mars  die  Venus  noch  gunstig  stiinde,  so  konnte 
man  hoffen,  daft  er  iiber  diese  Zeit  hinuberkommen  wiirde. 
Aber  dann  kame  gerade  mit  dem  achtzehnten,  neunzehnten 


Jahre  jene  ungiinstige,  gef  ahrliche  Konstellation,  die  durch 
den  fiir  Hans  feindlichen  Saturn  hervorgerufen  sei,  und  die 
zeige,  dafi  er  einer  «feuchten,  melancholischen»  Krankheit 
ausgesetzt  sei,  die  namentlich  von  der  betreffenden  fremd- 
artigen  Umgebung  kommen  miisse,  in  die  dieser  Mensch 
dann  versetzt  sein  wurde. 

Wie  war  der  Verlauf  des  Lebens  dieses  Herzogs  Hans? 
Er  wurde  als  junger  Mann  in  die  damaligen  politischen  Ver- 
haltnisse  verwkkelt,  wurde  in  einen  Krieg  geschickt,  machte 
eine  Schlacht  mit,  die  Sdilacht  bei  Ostende,  und  hatte  dann 
in  Ankniipfung  daran  -  das  hatte  Tycho  de  Brahe  besonders 
vorausgesagt  —  grofie  Seestiirme  zu  bestehen.  Er  war  nahe 
daran,  zugrunde  zu  gehen.  Dann  wurden  Verhandlungen 
angeknupft  von  befreundeter  Seite  iiber  eine  Ehe  des  Her- 
zogs Hans  mit  der  Zarentochter,  und  er  selbst  wurde  aus 
diesem  Grunde  nach  Danemark  zuriickberufen.  Das  konnte 
nun  Tycho  de  Brahe  so  auslegen,  dafi  Mars  hart  heran- 
getreten  sei  an  den  Herzog,  dafi  die  von  den  ungiinstigen 
Marseinfliissen  herriihrenden  Verwickelungen  aber  zuriick- 
gehalten  wurden  durch  die  Einfliisse,  die  von  der  Venus 
kamen,  so  dafi  die  Venus,  welche  dieBeschutzerin  derLiebes- 
verhaltnisse  ist,  zunachst  den  Herzog  Hans  geschiitzt  hat. 
Dann  aber  kam  in  seinem  achtzehnten,  neunzehnten  Jahre 
der  feindliche  Saturneinflufi.  Er  wurde  abgeschickt  nach 
Moskau.  Bis  Petersburg  kam  er.  Man  kann  sich  eine  Vor- 
stellung  davon  machen,  in  welcher  Stimmung  der  danische 
Hof  auf  den  jungen  Herzog  hinblickte.  Alle  Vorbereitungen 
zur  Heirat  wurden  gemacht,  man  erwartete  stiindlich  die 
Nachricht  von  dem  Zustandekommen  dieser  Verbindung, 
statt  dessen  kam  zuerst  eine  Meldung,  dafi  die  Heirat  ver- 
zogert  wurde,  dann  kamen  Nachrichten  von  der  Erkran- 
kung  des  Herzogs  und  endlich  die  Todesnachricht. 

Solche  Dinge  wirkten  auf  die  Zeitgenossen  frappierend. 


Dafi  aber  solche  Dinge  audi  auf  die  Nachwelt  frappierend 
wirken  miissen,  das  kann  doch  nicht  bestritten  werden.  Und 
schliefilich  ist  es  audi  wahr,  dafi  die  Weltgesdiichte  zuweilen 
Humor  liebt,  humoristisdi  ist,  wie  es  ja  auf  anderemGebiete 
zum  Beispiel  jenem  Professor  ergangen  ist,  der  behauptet 
hat,  dafi  das  weiblidie  Gehirn  weniger  wiege  als  das  mann- 
lidie,  und  bei  dem  sich  dann  herausgestellt  hat,  als  sein  Ge- 
hirn nach  seinem  Tode  gewogen  wurde,  daft  es  ganz  beson- 
ders  wenig  wog,  so  dafi  er  einem  humoristischen  Spiele  des 
Weltengeistes  zum  Opfer  gefallen  ist.  So  ging  es  auch  Gio- 
vanni Pico  von  Mirandola,  dem  das  Horoskop  gestellt  und 
gesagt  war,  dafi  ihm  der  Mars  besonders  ungiinstig  sei,  ihm 
ein  groftesUngliick  bringen  wiirde.Er  war  einGegner  aller 
solcher  Prophezeiungen.  Lucius  Bellantius  hatte  ihm  noch 
gezeigt,  dafi  alles  unrichtig  sei,  was  er  gegen  die  Sterndeu- 
tungen  eingewendet  hatte.  Er  starb  dann  genau  in  dem 
Jahre,  fiir  welches  der  ungiinstige  Einfluft  des  Mars  ange- 
geben  war. 

So  konnten  wir  zahlreiche  Beispiele  anfiihren  und  wur- 
den  uns  die  Oberzeugung  verschaffen  konnen,  daft  es  aller- 
dings  in  einem  gewissen  Sinne  leicht  ist,  manches  gegen  diese 
oder  jene  solcher  Angaben  einzuwenden.  GewiE,  es  mufi 
ernst  genommen  werden,  was  ein  sehr  bedeutender  und 
namentlich  durch  seine  humanitaren  Bestrebungen  aufier- 
ordentlich  zu  verehrender  heutiger  Astronom  gegen  das, 
was  man  alles  fiir  dasEintreffen  desTodes  Wallensteins  nach 
Keplers  Horoskop  sagen  kann,  eingewendet  hat.  Es  mufi 
zugegeben  werden,  daft  es  ernst  zu  nehmen  ist,  wenn 
Wilbelm  Forster  dem  entgegenhalt:  Nun  wufke  Wallen- 
stein  diese  Tatsache.  Da  kam  das  betreffende  Jahr  heran, 
und  indem  er  sich  an  sein  Horoskop  erinnerte,  wurde  er 
zogernd,  griff  nicht  recht  durch,  wie  er  es  sonst  wohl  getan 
hatte,  und  hat  auf  diese  Weise  selbst  den  ungliicklichen  Aus- 


gang  herbeigefiihrt.  -  Solche  Dinge  wird  man  immer  ein- 
wenden  konnen.  Man  mufi  aber  auf  der  anderen  Seite  doch 
bedenken,  wenn  man  iiberhaupt  in  bezug  auf  wissenschaft- 
lidie  Belege  bei  aufieren  Daten  etwas  geben  kann,  dann  ge- 
niigen  auch  fiir  die  heutige  Zeit  jene  Angaben  fur  die  Auf- 
stellung  wissenschaftlicher  Tatsachen  durchaus,  die  —  sagen 
wir  -  keine  scharferen  Belege  erfordern.  Es  konnen  manche 
Dinge  durchaus  problematisch  sein,  man  sollte  sich  aber  dar- 
um  dem  nicht  verschlielSen,  dafi  das  sorgf  altige  Vergleichen 
von  vergangenen  Lebensdaten,  wobei  man  es  mit  Angaben 
zu  tun  hatte,  die  aus  den  Sternen  zu  gewinnen  waren,  zu 
dem  Vertrauen  fiihrte  fiir  das,  was  erst  in  kommenden  Zeiten 
geschehen  sollte.  Bei  allem,  was  fehl  ging,  hatte  man  schon 
ein  Auge  fiir  das,  was  fehl  ging  und  die  frappierenden  Zu- 
sammenhange  nicht  aufdeckte,  aber  man  nahm  das  doch 
nicht  in  einem  ganz  kritiklosen  Sinne  an.  Kritik  konnten 
die  Leute  der  damaligen  Zeiten  auch  anwenden  und  haben 
sie  vielleicht  bei  manchen  Dingen  recht  viel  angewandt. 

Wie  man  auch  iiber  diese  Dinge  denkt,  ich  wollte  nur  von 
einigen  dieser  Beispiele  die  frappierendsten  anfiihren,  um 
zu  zeigen,  dafi  auch  auf  dem  Wege  der  heutigenWissenschaft 
mit  den  Methoden  der  heutigen  Wissenschafl  es  moglich  ist, 
im  Ernste  iiber  diese  Dinge  zu  reden.  Und  selbst  wenn  man 
das  nimmt,  was  dagegenstiinde,  so  miifite  man  doch  minde- 
stens  das  eine  zugestehen,  wenn  man  auch  ganz  den  Inhalten 
ablehnend  gegenuberstiinde,  dafi  die  Griinde,  nach  welchen 
erleuchtete  Geister  einer  verhaltnismafiig  so  kurz  hinter  uns 
liegenden  Zeit  an  diesen  Dingen  festgehalten  haben,  nicht 
schlechte  Griinde,  sondern  menschenwurdige,  gute  Griinde 
sind.  So  dafi  man,  wenn  man  auch  selbst  die  Griinde  ablehnte, 
sich  sagen  mufi:  Diese  Dinge  wirkten  in  jenem  Zeitalter  so 
auf  erleuchtete  Geister,  dafi  man  sah,  wie  diese  Geister,  ganz 
abgesehen  von  Einzelheiten,  an  den  Zusammenhang  dessen 


glaubten,  was  im  einzelnen  Menschenleben  und  im  Volker- 
leben  vorgeht  mit  den  Dingen,  die  in  der  groften  Welt,  im 
Weltenraume  sich  abspielen.  An  diesen  Zusammenhang  des 
Makrokosmos,  der  groften  Welt,  mit  dem  Mikrokosmos,  der 
kleinen  Welt,  glaubten  diese  Menschen. 

An  was  glaubten  sie  im  Grunde  genommen?  Sie  glaubten 
daran,  daft  dieses  Menschenleben  auf  der  Erde,  wie  es  sich 
abspielt,  nicht  allein  ein  chaotisches  Stromen  vonEreignissen 
ist,  sondern  daft  Gesetzmaftigkeit  in  diesen  Ereignissen  ist, 
daft  ebenso,  wie  zyklische  Gesetzmaftigkeit  in  den  Him- 
melsereignissen  ist,  so  eine  gewisse  zyklische  Gesetzmaftig- 
keit, ein  gewisser  Rhythmus  in  den  menschlichen  und  irdi- 
schen  Verhaltnissen  sich  abspielt.  Damit  wir  uns  dariiber  ver- 
standigen  konnen,  was  gemeint  ist,  soil  auf  einige  Tatsachen 
hingewiesen  werden,  die  wahrharKg,  wenn  man  beobachten 
will,  ebenso  Gegenstand  der  Erfahrung  werden  konnen,  wie 
es  die  strengsten  Tatsachen  der  wissenschaftlichen  Chemie 
oder  Physik  heute  sind.  Nur  muft  man  dann  auf  den  ent- 
sprechenden  Gebieten  Beobachtungen  anstellen. 

Nehmen  wir  an,  wir  beobachten  irgendeine  besondere 
Tatsache,  die  sich  im  Menschenleben  wahrend  derKindheits- 
zeit  abspielt.  Wer  dann  das  Menschenwesen  so  betrachtet, 
daft  er  langere  Zeitraume  ins  Auge  faftt,  wird  merkwurdige 
Zusammenhange  herausbringen.  Da  ergibt  sich  ein  merk- 
wiirdiger  Zusammenhang  zwischen  dem  allerersten  Kindes- 
leben  und  dem  spatesten  Greisenleben,  so  daft  wir  -  wenn 
auch  in  Umkehrung  -  ganz  genau  einen  Zusammenhang  be- 
merken  konnen  zwischen  dem,  was  der  Mensch  am  Abend 
seines  Lebens  erlebt,  und  dem,  was  er  in  der  Jugend  durch- 
gemacht  hat.  Dann  werden  wir  sagen  konnen:  Wenn  wir 
zum  Beispiel  in  der  Jugendzeit  Aufregungen  durchgemacht 
haben  durch  besondere  Angstzustande,  dann  kann  es  sein, 
daft  wir  vielleicht  unser  ganzes  Leben  hindurch  davon  ver- 


schont  sein  konnten,  aber  im  Alter  dann  eigentumlicheDinge 
auftreten,  von  denen  wir  wissen  konnen,  wir  haben  die 
Ursache  zu  ihnen  in  den  Angstzustanden  der  allerfriihe- 
sten  Kindheit  zu  suchen.  Dann  gibt  es  wieder  Zusammen- 
hange  zwischen  dem  Jiinglingsalter  und  der  Zeit,  die  dem 
Greisenalter  vorangeht.  Kreisformig  spielt  sich  das  Leben 
ab.  Wir  konnen  noch  weiter  gehen.  Nehmen  wir  zum  Bei- 
spiel  an,  irgend  jemand  wiirde  in  seinem  achtzehnten  Jahre 
aus  seinem  bisherigen  Lebensgange  herausgerissen  werden, 
er  hatte  vielleicht  bis  dahin  studieren  konnen,  ware  im 
achtzehnten  Jahre  aus  seinem  Studium  herausgerissen  wor- 
den  und  miifite  von  da  ab  Kaufmann  werden,  vielleicht  da- 
durch,  dafi  der  Vater  sein  Vermogen  verloren  hat  und  so 
weiter.  Da  konnte  sich  herausstellen,  dafi  der  Betreffende 
sich  zuerst  gar  nicht  ungliicklich  in  seinem  Beruf  fiihlt,  wir 
sehen  aber  dann  nach  einigen  Jahren  ganz  besondereSchwie- 
rigkeiten  im  Leben  auftreten.  Wenn  wir  einen  solchen  Men- 
schen  weise  leiten,  ihm  iiber  gewisse  Schwierigkeiten  hin- 
weghelfen  wollen,  so  konnen  wir  nicht  irgend welche  allge- 
meine  abstrakten  Grundsatze  anwenden,  sondern  wir  miis- 
sen  uns  klar  sein,  da£  wir,  wahrend  er  mit  achtzehn  Jahren 
aus  seinen  Lebensverhaltnissen  herausgerissen  worden  ist 
und  mit  vierundzwanzig  Jahren  besondere  seelische  Schwie- 
rigkeiten hat,  so  dafi  also  sechs  Jahre  spater  die  Schwierig- 
keiten aufgetaucht  sind,  sechs  Jahre  vorher,  also  etwa  im 
zwolften  Jahre,  imSeelenleben  dieses  betreffendenMenschen 
irgendwelche  Vorgange  finden  werden,  welche  die  Schwie- 
rigkeiten bedingen,  die  uns  also  in  Wahrheit  erklaren  wer- 
den, was  sich  mit  vierundzwanzig  Jahren  abgespielt  hat: 
sechs  Jahre  vorher,  sechs  Jahre  nachher,  der  Berufswechsel 
liegt  in  der  Mitte.  Wie  bei  einem  Pendel,  das  nach  rechts  und 
links  ausschlagt,  in  der  Mitte  der  Punkt  ist,  wo  die  Gleich- 
gewichtslage  ist,  so  ist  in  diesem  Falle  das  achtzehnte  Jahr 


ein  Knotenpunkt  gegeniiber  dem  Pendelschlag  des  Lebens. 
Was  vorher  im  Leben  da  war,  spielt  sich  so  ab,  dafi  eine 
Ursache,  die  vorher  gelegt  ist,  ihre  Wirkung  dieselbe  Anzahl 
von  Jahren  nach  diesem  Knotenpunkt  hat.  So  ist  es  mit  dem 
ganzen  Menschenleben. 

Das  menschliche  Leben  verlauft  nicht  unregelmafiig,  son- 
dern  in  gewisser  Weise  regelmafiig  und  gesetzmaEig.  Der 
einzelne  Mensch  braucht  das  nicht  zu  wissen.  Aber  in  jedem 
Menschenleben  ist  ein  Lebensmittelpunkt,  und  was  vor  die- 
sem Lebensmittelpunkt  ist,  das  Jugendleben,  das  Kindheits- 
leben,  lafit  die  Ursachen  gleichsam  im  Schofie  der  aufeinan- 
derfolgenden  Ereignisse  liegen,  und  was  dann  eine  gewisse 
Anzahl  von  Jahren  vor  diesem  Lebensmittelpunkt  sich  ab- 
gespielt  hat,  zeigt  sich  in  seinen  Wirkungen  ebenso  viele 
Jahre  nach  demselben.  Und  so  wie  der  Tod  der  entgegen- 
gesetzte  Punkt  der  Geburt  ist,  so  sind  die  Ereignisse  der 
Kindheit  die  Ursache  fur  Ereignisse,  die  sich  in  den  Jahren 
zutragen,  die  dem  Tode  vorangehen.  So  begreift  man  das 
Leben. 

Verniinftig  wird  man  das  Leben  nur  begreifen,  wenn  man 
so  zuriickzeichnet,  wenn  man  zum  Beispiel  in  bezug  auf 
einen  Krankheitszustand,  der  vielleicht  mit  vierundfunfzig 
Jahren  auftritt,  sich  einen  Lebetfsknotenpunkt  suchen  wird, 
wo  ein  Mensch  an  einer  besonderen  Krise  vorbeigegangen 
ist,  von  dort  zuriickrechnet  und  ein  Ereignis  fmden  wird, 
das  sich  zum  vierundfiinfzigsten  Jahre  verhalt  wie  Geburt 
zum  Tode,  das  heiftt  in  gewisser  Beziehung  entgegengesetzt. 
In  einer  gewissen  Weise  sind  die  Ereignisse  im  Menschen- 
leben auch  so  angeordnet,  dafi  sie  sich  gesetzmaEig  verfolgen 
lassen.  Das  widerspricht  nicht  unserer  Freiheit.  Die  grofite 
Sorge  der  Menschen  ist  gewohnlich,  daft  eine  solche  gesetz- 
mafiige  Art  des  Ablaufes  der  Ereignisse  der  menschlichen 
Willkiir,  der  menschlichen  Freiheit  widersprache.  Das  ist 


aber  nicht  der  Fall,  das  kann  nur  fur  ein  ungeschultes  Den- 
ken  so  scheinen.  Wer  zum  Beispiel  in  seinem  funfzehnten 
Jahre  irgendeine  Ursache  in  den  Schofi  der  Zeiten  hinein- 
legt,  deren  Wirkung  er  im  vierundfiinfzigsten  Jahre  erlebt, 
der  benimmt  sich  dadurch  ebensowenig  seiner  Freiheit  fiir 
dieses  Jahr  wie  der,  welcher  sich  ein  Haus  baut,  das  im  nach- 
sten  Jahre  fertig  werden  soil,  und  dann  in  dasselbe  ein- 
zieht.  Bei  genauem  logischem  Denken  wird  man  nicht  sagen 
konnen,  man  benehme  sich  seiner  Freiheit,  wenn  man  dann 
in  das  Haus  zieht.  Bei  genauem  logischem  Denken  wird  man 
nicht  sagen  konnen,  man  benehme  sich  seiner  Freiheit,  wenn 
man  Ursachen  fiir  spatere  Ereignisse  legt.  Das  hat  mit  der 
Freiheit  des  Lebens  direkt  nichts  zu  tun. 

Ebenso,  wie  es  zyklische  Zusammenhange  im  einzelnen 
Menschenleben  gibt,  ebenso  sind  solche  fiir  das  Leben  der 
Volker,  uberhaupt  auch  fiir  das  Leben  auf  der  Erde  vor- 
handen.  In  f  riiheren  Vortragen  wurde  schon  angefuhrt,  was 
auch  spater  noch  gezeigt  werden  soil,  dafi  wir  die  Entwicke- 
lung  unserer  Erdenmenschheit  zunachst  fiir  unsere  unmittel- 
bare  Kulturepoche  in  aufeinanderfolgende,  uns  zunachst 
beriihrende  Kulturepochen,  Kulturzeitraume  einteilen.  Da 
haben  wir  einen  Kulturzeitraum,  den  wir  als  denjenigen  be- 
zeichnen,  in  welchem  die  babylonisch-assyrisch-agyptisch- 
chaldaischeKultur  sich  abgespielt  hat.Darauf  folgend  haben 
wir  denjenigen  Zeitraum,  den  wir  als  den  griechisch-lateini- 
schen  bezeichnen,  in  den  alle  Tatsachen  des  Griechentums 
und  des  Romertums  hineinf alien,  und  dann  haben  wir  den 
unsrigen,  den  wir  vom  Untergange  des  Griechentums  und 
des  Romertums  an  bis  in  unsere  Zeit  hinauf  rechnen,  und  der, 
wie  alle  Zeichen  der  Zeit  zeigen,  noch  lange  dauern  wird.  So 
haben  wir  drei  aufeinanderfolgende  Kulturepochen. 

Wer  genauer  das  Volkerleben  in  diesen  drei  auf einander- 
folgenden  Epochen  betrachtet,  der  wird  gewahr  werden, 


daft  die  griechisch-lateinische  Zeit  etwas  wie  einen  Lebens- 
knotenpunkt  in  derEntwickelungsgeschichte  derMenschheit 
hatte.  Daher  auch  jenes  eigentiimlkh  Faszinierende  der  grie- 
chisch-romischen  Kultur.  Die  Art  und  Weise,  wie  griechische 
Kunst,  griechische  und  romische  Staatenbildung  sich  aus- 
nehmen,  was  romisches  Recht  und  romische  Staatskunst  und 
was  Auf  f  assung  des  romischen  Burgers  ist,  das  ist  etwas,  was 
wie  eine  Art  von  Gleichgewichtspunkt  in  den  aufeinander- 
folgenden  Stromungen  der  Entwickelung  der  Menschheit 
dasteht.  Dann  haben  wir  nachher  unseren  Kulturzeitraum, 
vorher  den  agyptisch-chaldaischen.  In  einer  merkwiirdigen 
Weise  kann  nun  der,  welcher  die  Verhaltnisse  tief  genug 
betrachtet,  wahrnehmen,  wie  ganz  bestimmteErscheinungen 
des  agyptisch-chaldaischen  Zeitraumes,  allerdings  in  ver- 
anderter  Gestalt,  aber  dennoch  verwandt  mit  diesen,  sich 
heute  wieder  abspielen.  So  daft  damals  die  Ursachen  in  den 
Schoft  der  Zeiten  gelegt  worden  sind,  die  jetzt  wieder  her- 
auskommen.  Und  wir  empfinden  es  dann  wie  eine  merk- 
wiirdige  Mahnung,  daft  nicht  nur  gewisse  Arten  zum  Bei- 
spiel  der  menschlichen  Hygiene,  gewisse  Waschungen  im 
alten  Agypten  auf  getreten  sind  und  jetzt  wieder,  wenn  auch 
in  anderer  Gestalt,  auftreten,  sondern  daft  auch  gewisse 
Arten,  sich  zum  Leben  zu  stellen,  so  auftreten,  daft  man 
sieht:  es  erscheint  das,  was  im  alten  Agypten  als  Ursache 
gelegt  worden  ist,  heute  in  seinen  Wirkungen,  aber  wie  ein 
Ruhepunkt  dazwischen  erscheint  die  griechisch-romische  Kul- 
tur. Und  wiederum  geht  der  agyptisch-chaldaischen  Kultur 
diejenige  voran,  welche  wir  als  die  urpersische  bezeichnen. 
Nach  dem  Gesetz  der  Kreislaufentwickelung  ist  es  dann, 
man  mochte  sagen,  wie  eine  Ahnung  zu  erhoffen,  daft  eben- 
so,  wie  sich  die  agyptisch-chaldaischeZeit  in  unseremKultur- 
zyklus  wiederholt,  so  der  urpersische  Zeitraum  in  dem- 
jenigen  sich  wiederholen  wird,  der  auf  den  unsrigen  folgen 


wird.  Immer  Gesetzmafiigkeit  in  dem  Gange  der  Mensch- 
heitsentwickelung! Nicht  Regellosigkeit,  nidit  Chaos,  aber 
audi  nicht  eine  solche  Gesetzmaftigkeit,  wie  die  heutigen 
Historiker  vielfach  vermuten.  Da  sucht  man  die  Ursachen 
fur  alles,  was  heute  geschieht,  in  der  unmittelbar  vorher- 
gehenden  Zeit,  die  Ursachen  fiir  die  Geschehnisse  der  nach- 
sten  Vergangenheit  wieder  in  der  unmittelbar  vorhergehen- 
den  Zeit  und  so  weiter,  so  dafi  man  eine  Kette  von  Ereig- 
nissen  konstruiert,  wo  immer  eines  auf  das  andere  folgt. 
Aber  bei  genauerer  Betrachtung  stellt  sich  das  nicht  heraus, 
sondern  da  stellen  sich  Kreislaufe,  Oberschneidungen,  her- 
aus, so  daft  etwas,  was  vorher  da  war,  eine  Zeitlang  verbor- 
gen  bleibt  und  spater  wieder  auftritt,  was  noch  friiher  da 
war,  noch  spater  auftritt  und  so  weiter.  Das  kann  sich  schon 
einer  aufterlichen  Betrachtung  der  Menschheitsentwickelung 
ergeben. 

Fiir  den  aber,  der  in  den  letzten  zwei  Vortragen  anwesend 
war,  und  der  auch  geisteswissenschaftlich  in  den  Gang  der 
Menschheitsentwickelung  eindringt,  stellt  sich  noch  viel  wei- 
teres  heraus,  daft  namlich  auch  noch  in  der  Tat  eine  tiefe 
geistige  Gesetzmafiigkeit  in  dem  Strom  des  Geschehens,  in 
dem  Strom  des  Werdens  drinnen  liegt,  und  daft  in  dem 
Augenblick,  wo  der  Mensch  zu  einer  gewissen  Vertiefung 
seines  Seelenlebens  kommt,  wie  es  schon  charakterisiert  wor- 
den  ist,  er  auch  zu  einem  Schauen  solcher  tieferen  inneren 
Zusammenhange  vordringt.  Und  wenn  es  auch  wahr  ist, 
dafi  nichts  so  leicht,  als  was  in  dieses  Gebiet  gehort,  verkannt 
werden  kann,  dafi  es  sogar  leicht  auch  in  die  Nahe  kommen 
kann  von  Scharlatanerie,  vielleicht  auch  von  Schwindel- 
haftigkeit  und  von  dem,  was  unmoralischen  menschlichen 
Tneben  und  Instinkten  entgegenkommt,  so  ist  dennoch  die- 
ses wahr,  dafi  der  Mensch  imstande  ist,  Personliches  auszu- 
schliefien  und  die  inneren  verborgenen  Krafle  des  Geistes- 


lebens  rege  zu  machen,  so  dafi  er  nicht  mehr  nur  das  ent- 
wickelt,  was  er  aus  seiner  Umgebung  weifi,  woran  er  sich  als 
an  sein  eigenes  Leben  und  das  seiner  nachsten  Bekannten 
erinnert,  sondern  dafi  er  frei  wird  von  allem,  was  sein  per- 
sonliches,  sein  sinnliches  Anschauen  ausmacht.  Wenn  der 
Mensch,  wie  es  im  ersten  und  zweiten  Vortrage  geschildert 
ist,  derart  aus  seiner  Personlichkeit  heraustritt  und  sich  be- 
wufit  wird,  dafi  noch  hohere  Krafte  in  ihm  sind,  die  nur 
durch  entsprechende  Ubungen,  die  charakterisiert  worden 
sind  und  audi  weiter  charakterisiert  werden  sollen,  ent- 
wickelt  zu  werden  brauchen,  und  wenn  der  Mensch  durch 
solche  Ubungen  die  tiefer  liegenden  Krafte  an  die  Ober- 
flache  ruft,  dann  wird  dies,  indem  irgend  etwas  in  einem 
Menschenleben  geschieht,  zu  irgendeiner  Zeit  auch  zum  Ver- 
rater  von  tiefer  liegenden  Ursachen,  und  der  Mensch  ahnt 
dann,  dafi  alles,  was  im  Laufe  der  Zeit  geschieht,  so  oder  so 
Wirkungen  hineinwirft  in  die  Zukunft.  Das  ist  das  Gesetz, 
welches  uns  auch  durch  die  Geisteswissenschaft  entgegentritt, 
dafi  alles,  was  auch  auf  geistigem  Gebiete  geschieht,  nicht 
wesenlos  im  Strome  des  Daseins  verrinnt,  sondern  dafi  es 
seine  Wirkungen  hat,  und  dafi  wir  das  Gesetz  suchen  miis- 
sen,  wonach  diese  Wirkungen  in  spateren  Zeiten  auftreten. 
Durch  diese  Erkenntnis  kommen  wir  auch  dazu,  uberhaupt 
einzusehen,  dafi  dieses  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod 
auch  die  Ursachen  fur  das  Zuriickkehren  unserer  Individua- 
list auf  die  Erde  enthalt,  so  dafi  sich  fur  die  Wirkungen  in 
einem  nachsten  Leben  die  Ursachen  zeigen  im  jetzigen  Leben. 

Wie  die  Erkenntnis  der  Wirkungen  des  Karma  ein  Ergeb- 
nis  der  Einsicht  ist,  wie  die  Ursachen  im  Schofie  der  Zeit 
liegen  und  wieder  umgeandert  als  Wirkungen  erscheinen,  so 
wie  dieses  Gesetz  Ergebnis  solcher  Erkenntnis  ist,  so  war  im 
Grunde  genommen  auch  bei  all  den  Menschen,  welche  Pro- 
phetie  ernst  nahmen  oder  sie  ausiibten,  als  eine  Einsicht,  als 


Grundstimmung  ihrer  Seele  das  vorhanden,  daft  es  Gesetze 
gibt  im  Werdegang  des  Menschenlebens,  und  daft  die  Seele 
die  Krafte  wadirufen  kann,  welche  in  diese  Gesetze  einzu- 
dringen  vermogen.  Aber  die  Seele  braucht  Anhaltspunkte 
zunachst.  Die  ganze  Welt  in  ihren  Tatsachen  hangt  zusam- 
men.  Wie  schlieftlich  der  Mensch  in  seinem  physischen  Leben 
von  Wind  und  Wetter  abhangig  ist,  so  ist  wenigstens  vor- 
auszusetzen,  wenn  man  auch  iiber  die  Einzelheiten  keine 
Klarheit  hat,  daft  alles,  was  uns  umgibt,  in  gewisser  Weise 
zusammenhangt.  Und  wenn  man  auch  nicht  Naturgesetze 
sucht  in  diesen  Zusammenhangen  nach  der  Art  der  heutigen 
Naturgesetze,  so  kann  man  doch  aus  dem,  was  einem  in  dem 
Gange  der  Sterne,  in  den  Konstellationen  der  Sterne  er- 
scheint,  etwas  herausholen,  was  in  uns  den  Gedanken  her- 
vorrufen  kann:  Da  drauften  sehen  wir  Harmonien,  die  in 
uns  ahnliche  Harmonien,  ahnliche  Rhythmen  auslosen  kon- 
nen,  nach  denen  das  menschliche  Leben  verlauft. 

Dann  fiihren  andereBetrachtungen  auf  Einzelheiten.  Fiih- 
ren  wir  zunachst  das  Folgende  an:  Wir  haben,  wenn  wir  das 
Menschenleben  genau  betrachten,  wie  man  in  der  kleinen 
Schrift  «Die  Erziehung  des  Kindes  vom  Gesichtspunkte  der 
GeisteswissenschafU  nachlesen  kann,  unterscheidbare  Epo- 
chen  noch  in  folgendem:  die  ersten  Jahre  des  Menschen  bis 
zum  Zahnwechsel,  darauf  die  nachsten  Jahre  bis  zur  Ge- 
schlechtsreife,  dann  die  Jahre  bis  zum  einundzwanzigsten 
Jahre  und  dann  wieder  die  bis  zum  achtundzwanzigsten 
Jahre,  das  heifit  siebenjahrige  Perioden  im  Menschenleben, 
welche  uns  zeigen,  daft  sie  in  ihrem  ganzen  Charakter  ver- 
schieden  sind,  daft  neue  Arten  von  Fahigkeiten  auftreten, 
nachdem  diese  Epochen  da  sind.  Wenn  wir  darauf  einzu- 
gehen  vermogen,  dann  zeigt  sich  uns  ganz  klar,  daft  ein 
rhythmischer  Gang  im  Menschenleben  vorhanden  ist,  der 
in  einer  gewissen  Weise  im  Sternenhimmel  wiedergefunden 


werden  kann.  Merkwiirdig,  wenn  jemand  das  Leben  nach 
diesem  Gesichtspunkte  betrachtet  -  man  mufi  es  nur  ob- 
jektiv  ruhig  betrachten,  ohne  den  Fanatismus  einer  Gegner- 
schaft  -  dann  findet  man,  daft  sich  um  das  achtundzwan- 
zigste  Lebensjahr  fur  die  Seele  etwas  abspielt,  was  in  einer 
gewissen  Weise  in  der  Tat  fiir  viele  Menschen  so  ist,  daft 
man  sagen  kann:  Es  hat  sich  nach  vier  mal  sieben  Lebens- 
jahren  Wichtiges  zum  Abschluft  gebracht.  -  Vier  mal  sieben 
Lebensjahre,  achtundzwanzig  ungefahr,  wenn  audi  nicht 
ganz  genau,  das  ist  auch  die  Zeit,  welche  der  Saturn  zu 
seinem  Umlauf  braucht.  Wahrend  dieser  Zeit  durchlaufl  er 
einen  Kreis,  der  aus  vier  Teilen  besteht,  geht  also  durch  den 
ganzen  Kreis  durch,  durchlaufl  die  Zeichen  des  Tierkreises, 
und  es  entspricht  dann  sein  Gang  in  einer  gewissen  Weise 
wirklich  bildhaft  dem  Gang  des  Menschenlebens  von  der 
Geburt  bis  zum  achtundzwanzigsten  Jahre.  Und  man  kann 
es  wieder  weiter  einteilen,  indem  man,  wie  man  den  Kreis 
in  vier  Teile  teilt,  diese  achtundzwanzig  Jahre  in  Perioden 
teilt,  von  denen  jede  sieben  Jahre  dauert.  Da  sieht  man,  wie 
in  der  Tat  in  dem  Umlaufe  eines  Sternes  fiir  den  groften 
Weltenraum  etwas  gegeben  ist,  was  sich  in  einer  ahnlichen 
Weise  im  Menschenleben  zeigt. 

In  ganz  ahnlicher  Art  kann  fiir  andere  Dinge,  die  am 
Himmel  vorgehen,  Rhythmisches  im  Menschenleben  gezeigt 
werden.  Wenn  einmal  die  heute  wenig  beachtete,  aufter- 
ordentlich  geistvolle,  aber  noch  durchaus  in  ihren  Anfangen 
ruhende  Lehre  des  Berliner  Arztes  Fliefi  iiber  die  wunder- 
bare  Reihe  von  Geburt  und  Tod  studiert  und  weiter  aus- 
gebaut  werden  wird,  so  wird  man  sehen,  wie  rhythmisch 
Geburten  und  Tode  im  Leben  der  Menschheit  sind.  Aber 
alles  das  ist  heute  erst  im  Anfang  wissenschaftlicher  Unter- 
suchungen.  Man  wird  dann  darauf  kommen,  wenn  man  den 
Gang  der  Sterne  auf  das  menschliche  Leben  bezieht,  daft 


man  gar  nichts  anderes  braucht,  als  den  Gang  der  Sterne  als 
eine  Himmelsuhr  anzuschauen,  und  das  menschliche  Leben 
als  einen  Rhythmus,  der  fiir  sich  ablaufl,  aber  dennoch  in 
einer  gewissen  Beziehung  durch  die  Sterne  bestimmbar  ist. 
Man  kann  sich  eine  Vorstellung  davon  machen,  wie  man, 
wenn  man  auch  nicht  in  naturwissenschaftlichem  Sinne  die 
Ursachen  in  den  Sternen  sucht,  dennoch  denken  kann,  daft 
das  Menschenleben  durch  eine  innere  Verwandtschaft  in 
einem  ahnlichen  Rhythmus  ablaufl.  Wenn  wir  zum  Beispiel 
oflmals  des  Morgens  vor  unsere  Tur  getreten  sind  oder  zum 
Fenster  hinausgeschaut  haben  und  dann  zur  selben  Zeit 
immer  einen  Menschen  vorbeigehen  gesehen  haben,  von  dem 
wir  wissen,  er  geht  zu  seinem  Amte  oder  dergleichen,  schauen 
wir  auf  die  Uhr  und  wissen,  daft  jeden  Tag  zu  dieser  be- 
stimmten  Zeit  der  betreffende  Mensch  bei  uns  vorbeigeht. 
Ist  es  nun  unbegrundet,  einmal  die  Uhr  zu  nehmen,  wenn 
wir  das  wissen  und  zu  sagen:  Wenn  die  Zeiger  der  Uhr  so 
stehen,  konnen  wir  erwarten,  daft  dieser  Mensch  da  vorbei- 
geht? Sind  die  Zeiger  der  Uhr  dafiir  die  Ursache,  sind  sie 
bestimmend  fiir  den  Menschen,  der  da  vorbeigeht?  Die  Ur- 
sachen  liegen  ganz  anderswo,  aber  man  kann  durch  den  be- 
stimmten  Rhythmus  annehmen,  daft  um  diese  bestimmte 
Zeit  der  Betreffende  dann  drauften  vorbeigehen  wird.  So 
braucht  man  nicht  in  den  Sternen  die  Ursachen  zu  suchen. 
So  kann  man  in  den  Sternen  eine  Weltenuhr  sehen,  die  den 
Rhythmus  angibt,  nach  dem  sich  auch  das  Menschen-  und 
Volkerleben  abspielt. 

Hier  ruhen  Dinge,  die  auch  heute  schon  wichtige  Gesichts- 
punkte  fiir  die  Betrachtung  des  Lebens  abgeben  werden,  und 
die  Geisteswissenschaft  hat,  weil  sie  mit  viel  tief  eren  Mitteln 
vorgehen  kann,  auf  diese  tieferen  Zusammenhange  hinzu- 
weisen.  Jetzt  werden  wir  es  auch  begreifen,  warum  Tycho 
de  Brahe,  Kepler  und  andere  sozusagen  als  Rechner  vor- 


gingen,  Kepler  am  allermeisten,  Tycho  de  Brahe  schon  weni- 
ger.  Denn  wer  sich  in  das  eigentumliche  Seelenleben  Tycho 
de  Brahes  hineinlebt,  der  findet,  dafi  es  nicht  gar  so  weit 
entfernt  war  von  dem  Seelenleben  des  Nostradamus.  Aber 
vollends  sehen  wir  bei  Nostradamus,  dafi  er  nicht  zu  rech- 
nen  braucht,  sondern  daft  er  in  seiner  oben  offenen  Kammer 
sitzt  und  den  Sternenraum  auf  sich  wirken  lafk.  Dafi  er  da- 
zu  die  entsprechenden  Fahigkeiten  hat,  das  schreibt  er  be- 
sonders  giinstigen  Vererbungsverhaltnissen  zu,  die  sein  Or- 
ganismus  besitzt,  der  ihm  keine  Hindernisse  entgegensetzt. 
Dann  braucht  er  aber  noch  etwas  anderes,  wie  er  sagt:  eine 
ruhige,  gelassene  Seele,  die  alles  ausschaltet,  was  ihn  sonst 
im  Leben  umgeben  hat,  die  alle  Gedanken  und  Bewegun- 
gen,  vor  allem  alle  Sorgen,  Aufregungen  und  Bekummer- 
nisse  des  gewohnlichen  Lebens  entfernt,  alle  Erinnerungen 
an  das  tagliche  Leben.  Rein  und  frei  muE  sich  die  Seele  ihren 
Sternen  entgegenstellen.  Dann  taucht  in  der  Seele  auf,  taucht 
in  Nostradamus'  Geist  —  man  sieht  es  ganz  genau  geistig  — 
in  Bildern  dasjenige  auf,  was  er  verkundet.  Er  sieht  es  wie 
in  Bildern,  in  Szenen  vor  sich.  Und  wenn  er  in  astronomi- 
schen  Ausdrucken  sprechen  wiirde,  und  ein  Menschenschick- 
sal  voraussagen  und  zum  Beispiel  sagen  wiirde,  der  Saturn 
sei  schadlich,  oder  der  Mars  sei  schadlich,  so  wiirde  er  bei 
Schicksalsvoraussagungen  nicht  an  den  physischen  Saturn 
oder  an  den  physischen  Mars  da  drauften  direkt  denken, 
sondern  er  wiirde  denken:  Dieser  Mann  hat  einen  kriege- 
rischen  Charakter,  hat  ein  kriegerisches  Temperament,  zu- 
gleich  aber  etwas,  was  Melancholie  ist,  was  ihn  gewissen 
triibsinnigen  Stimmungen  aussetzen  kann,  die  bis  in  die 
Leiblichkeit  hineingehen  konnen.  -  Das  sieht  er.  Das  lafit 
er  im  Geiste  zusammen  wirken,  und  da  entsteht  ihm  dann 
ein  Bild  fur  die  Zukunftsereignisse  des  betreffenden  Men- 
schen;  da  wirken  die  Neigung  zur  Melancholie  und  die  krie- 


gerische  Stimmung  des  Menschen  zusammen:  Saturn  und 
Mars.  Das  sind  nur  Sinnbilder.  Wenn  er  Saturn  und  Mars 
sagt,  so  will  er  sagen,  da$  in  dem  Menschen  etwas  drinnen 
ist,  das  zu  dem  hindrangt,  was  sich  ihm  wie  eine  Szene,  ein 
Bild  hinstellt,  was  man  aber  mit  der  Oppositionsstellung 
oder  Konjunktionsstellung  von  Mars  und  Saturn  am  Him- 
mel  vergleichen  kann.  Aber  das  ist  nur  Ausdrucksmittel,  nur 
Sinnbild  fur  das,  was  er  sagen  will.  Fur  Nostradamus  losen 
die  Betrachtungen  der  Harmonie  der  Sterne  die  Stimmung 
der  Sehergabe  aus,  die  es  ihm  moglich  macht,  da£  er  tiefer 
in  die  Seelen  hineinsehen  kann,  als  man  es  sonst  vermag. 

Das  heiftt  also,  wir  sehen  in  ihm  einen  Menschen,  der 
durch  ein  besonderes  Verhalten  die  inneren  Krafte  der  Men- 
schenseele  erwecken  kann,  die  sonst  verborgen  im  Menschen 
ruhen.  Deshalb  ist  es  Stimmung  der  Andacht,  der  Ehrfurcht 
vor  dem  Gottlichen,  die  er  in  sich  hervorruft,  wenn  Sorgen 
und  Bekummernisse  vollig  stillestehen,  und  auch  das  Hin- 
neigen  der  Seele  zur  aufteren  Welt  verschwunden  ist.  Er  hat 
sich  dann  vollstandig  vergessen,  fiihlt  sich  nicht  selbst  und 
kann  dann  sagen,  dafi  sich  in  solchen  Momenten  in  seiner 
Seele  bewahrheite,  was  immer  sein  Wahlspruch  war:  Es  ist 
der  Gott,  der  hier  durch  meinen  Mund  sich  ausspricht.  Ist, 
was  ich  zu  sagen  vermag,  etwas,  was  dich  beriihrt,  o  Mensch, 
so  nimm  es  hin,  als  dir  gesagt  von  der  Gnade  deiner  Gott- 
heit!  -  Diese  Ehrfurcht  gehort  dazu!  Sonst  ist  Sehergabe 
nichts  Echtes.  Diese  Stimmung  aber  sorgt  von  vornherein 
dafiir,  dafi  der,  welcher  sie  hat,  diese  Sehergabe  nicht  in 
einem  unmoralischen  oder  in  irgendeinem  unedlen  Sinne 
mifibraucht. 

Bei  Tycho  de  Brahe  sehen  wir  eine  Art  von  Ubergang 
zwischen  dem  Charakter  des  Nostradamus  und  dem  des 
Kepler.  Tycho  de  Brahe  kommt  einem  vor,  wenn  man  seine 
Seele  studiert,  wie  jemand,  der  sich  aus  einem  friiheren 


Leben  heraus  an  Anschauungen  erinnert,  die  er  gehabt  hat, 
etwa  wie  man  inGriechenland  prophetischeDinge  getrieben 
hat.  Es  ist  etwas  in  ihm  wie  in  der  Seele  eines  alten  Griechen, 
der  iiberall  Weltenharmonie  sehen  will.  Das  wird  Stim- 
mung.  Und  die  Stimmung  ist  es  bei  ihm,  wie  wenn  die  astro- 
nomische  Berechnung  nur  eine  Kriicke  ware,  die  darauf  hin- 
weist,  dafi  er  in  der  Seele  die  Krafte  findet,  welche  in  ihm 
aufsteigen  lassen  die  Bilder  aus  friiheren  Ursachen  uber  die 
Ereignisse  der  Zukunft  oder  der  Vergangenheit.  Kepler  ist 
schon  ein  mathematischer  Geist,  ein  wissenschaftlich  abstrak- 
terer  Geist  in  dem  Sinne,  wie  es  die  Geister  unserer  Gegen- 
wart  in  noch  erhohterem  Mafte  sind.  Er  ist  daher  schon  mehr 
oder  weniger  auf  die  blofie  Berechnung  angewiesen,  die 
naturlich  auch  wieder  stimmt,  weil  nach  den  Erfahrungen, 
die  auf  hellseherische  Art  gemacht  worden  sind,  die  Him- 
melskonstellationen  eingestellt  sind  auf  das  menschliche 
Leben.  Und  immer  mehr  und  mehr  wurde  die  Astrologie 
blo£e  Berechnung.  Sehergabe,  wie  sie  Nostradamus  noch 
hatte,  ging  immer  mehr  und  mehr  verloren.  Wir  werden  den 
Ubergang  noch  sehen  in  dem  Vortrage  «Von  Paracelsus  zu 
Goethe».  -  Sehergabe  ging  auf  in  abstrakte  Erkenntnis,  in 
reine  intellektuelle,  astrologischeProphetie,  und  wir  konnen 
sagen:  Als  die  Sehergabe  nur  noch  astrologische  Prophetie 
war,  ist  sie  schon  intellektuell,  verstandesmaftig  gedacht. 

Je  weiter  wir  zuriickgehen,  desto  mehr  werden  wir  fin- 
den,  dafi  den  alten  Propheten  aus  den  Untergrunden  ihrer 
Seele  das  aufging,  was  sie  uber  das  Leben  ihrer  Volker  zu 
sagen  hatten.  So  war  es  bei  den  jiidischen  Propheten,  da£  sie 
unmittelbar  aus  der  Verkniipf  ung  mit  ihrem  Gotte,  aus  dem 
Umstande,  daft  sie  von  ihrer  Personlichkeit  und  von  ihren 
personlichen  Angelegenheiten  frei  wurden,  den  grofien  Er- 
eignissen  ihres  Volkes  hingegeben  waren,  und  auch  hin- 
schauen  konnten  auf  das,  was  ihrem  Volke  bevorstand.  So 


wie  heute  der  Erzieher,  der  vorschauen  kann,  da£  sich  im 
Kinde  Eigenscliaften  zeigen,  die  sich  im  Alter  wiederholen 
miissen,  darauf  Riicksicht  nehmen  kann,  so  erscheint  dem 
jiidischen  Propheten  die  Seele  seines  Volkes  als  ein  Ganzes, 
und  was  in  Vorzeiten  als  Ursachen  da  war,  das  lagerte  sich 
in  seiner  Seele  ab  und  wirkte  so,  dafi  er  die  Wirkungen  wie 
in  einer  grandiosen  Ahnung  wahrnimmt.  Was  fiir  eine  Be- 
deutung  hat  das  aber  fiir  das  menschliche  Leben,  was  fiir 
einen  Sinn  hat  dieses  Prophetentum? 

Darauf  kommen  wir,  wenn  wir  uns  klar  machen,  dafi  es 
grofiePersonhchkeiten  gibt,  auf  die  wir  immer  das  geschicht- 
liche  Stromen  der  Tatsachen  zunickfuhren  werden.  Wenn 
auch  die  Menschen  immer  am  liebsten  nivelHeren  mochten, 
weil  es  unangenehm  ist,  wenn  eine  Personlichkeit  besonders 
uber  die  anderen  Menschen  emporragt,  denn  heute  will  man 
Gleichheit  in  bezug  auf  alle  Fahigkeiten,  heute  will  man 
leugnen,  dafi  gewisse  Personlichkeiten  mehr  an  Kraft  als  die 
anderen  haben,  so  gibt  es  dennoch  im  geschichtlichen  Werden 
und  in  der  Entwickelung  der  Menschheit  solche  groften, 
fortgeschritteneren  Fiihrerpersonlichkeiten.  Es  gibt  zweier- 
lei  Fiihrer  in  der  Entwickelungsgeschichte  der  Menschheit. 
Heute  ist  es  ja  schon  so  weit  gekommen,  dafi  das  grolke  Er- 
eignis  der  Menschheitsentwickelung  oder  iiberhaupt,  dafi 
grofite  Ereignisse  so  betrachtet  werden,  als  ob  sie  nicht  auf 
eine  Personlichkeit  zuruckfiihren,  sondern  wie  von  selber 
aus  den  Ideen  herauswachsen  wiirden.  So  gibt  es  heute  eine 
theologische  Richtung,  die  sich  noch  immer  christlich  nennt, 
die  aber  sagt,  es  brauche  gar  keinen  einzelnen  Menschen 
Christus  Jesus  gegeben  zu  haben.  Ja,  einer  dieser  Theologen 
hat  sogar  gesagt,  als  ihm  erwidert  wurde,  dafi  doch  die 
Weltgeschichte  von  Menschen  gemacht  wiirde,  das  sei  so 
selbstverstandlich,  wie  der  Wald  aus  Baumen  bestande,  aber 
darauf  kame  es  nicht  an,  sondern  so  wie  die  Baume  den 


Wald  machen,  so  machen  die  Menschen  die  Weltgeschichte. 
Es  ragt  keiner  hervor.  Aber  trifft  denn  so  etwas  wie  der 
Ausdruck:  «Der  Wald  besteht  aus  Baumen»  zusammen  mit 
dem,  was  in  der  Geschichte  da  ist?  Man  mufi  sich  nur  wun- 
dern,  wie  wenig  Logik  sich  darin  ausdriickt,  denn  der  Be- 
treff  ende  braucht  nur  dariiber  nachzudenken,  dafi  der  Wald, 
so  wie  er  besteht,  zuruckzufuhren  ist  auf  Taten  eines  Men- 
schen oder  vieler  Menschen.  Es  mufi  die  Frage  entstehen, 
ob  nicht  der  Wald  doch  so  entstanden  sein  konnte,  dalS  ein 
oder  zwei  Samenkorner  gelegt  worden  sind,  und  dafi  daraus 
der  ganze  Wald  abstammen  kann,  Gewifi  besteht  der  Wald 
aus  Baumen;  aber  es  ist  doch  erst  zu  untersuchen,  ob  er  ein- 
mal  nicht  aus  ein  oder  zwei  gelegten  Samenkornern  ab- 
stammt.  So  ist  auch  in  der  Menschheitsgeschichte  zu  unter- 
suchen, ob  nicht  die  Ereignisse  der  Menschheitsentwickelung 
auf  diesen  oder  jenen  einzelnen  Menschen  zuruckzufuhren 
sind,  der  die  ubrigen  befruchtet  hat. 

Wer  die  Weltgeschichte  so  betrachtet,  der  kommt  darauf, 
dafi  Menschen,  die  den  Strom  der  Menschheitsentwickelung 
leiten,  iiberschiissige  Krafte  haben.  Ob  sie  nun  diese  Krafte 
im  giinstigen  oder  ungiinstigen  Sinne  verwenden,  ist  eine 
andere  Sache.  Aus  uberschiissigen  Kraften  wirken  die  Men- 
schen auf  ihre  Umgebung.  Uberschiissige  Krafle,  die  der 
Mensch  nicht  fur  seine  Personlichkeit  gebraucht,  konnen  sich 
entweder  in  Taten  ausleben,  oder  sie  haben  in  unmittel- 
baren  Taten  keine  Verwendung.  Bei  Tatenmenschen  sehen 
wir,  wie  das,  was  der  Mensch  an  Kraften  in  sich  tragt,  sich 
in  Taten  unmittelbar  auslebt.  Es  gibt  aber  Menschen,  die 
nicht  dazu  veranlagt  sind,  dasjenige,  was  sie  an  Kraften 
haben,  auch  in  Taten  auszuleben,  oder  aber  es  tritt,  wenn  es 
sich  in  Taten  ausleben  will,  immer  ein  Hindernis  ein.  Da 
haben  wir  gerade  den  interessanten  Fall  des  Nostradamus. 
Er  ist  Arzt,  er  war  Jude,  er  wirkt  in  einer  heilsamen  Weise 


durdi  seine  Tatigkeit,  er  tut  vielen  Menschen  Gutes.  Aber 
die  Menschen  konnen  es  oft  nicht  leiden,  daft  jemand  Gutes 
tut.  So  bekam  er  Neider,  wurde  bezichtigt,  daft  er  Calvinist 
sei.  Nun,  Jude  und  Calvinist,  das  waren  damals  zwei  un- 
mogliche  Dinge,  und  so  kam  es,  daft  er  gezwungen  war,  sich 
aus  einer  weitverzweigten,  hingebungsvollen  Tatigkeit,  die 
er  als  Arzt  entwickelt  hatte,  zuriickzuziehen  und  seinen  Be- 
ruf  aufzugeben.  Aber  waren  jetzt  die  Krafte,  die  er  in  dieser 
aufregenden  Tatigkeit  angewendet  hatte,  nicht  mehr  inihm, 
als  er  sich  zuriickzog?  Dieselben  Krafte  waren  noch  immer 
in  ihm.  In  der  Physik  glaubt  man  an  eine  Erhaltung  der 
Kraft.  Man  iibertrage  das  nur  in  gesunder  Weise  auf  die 
Seelenkrafte.  Bei  Nostradamus  war  es  so,  daft  jetzt  seine 
Krafte,  als  er  seine  Tatigkeit  einstellte,  einen  anderen  Weg 
nahmen.  Wenn  er  aber  Arzt  geblieben  ware,  so  wiirden  sie 
keine  andere  Wirkung  in  die  Zukunft  gehabt  haben.  Oder 
ist  es  keine  Wirkung  in  die  Zukunft,  wenn  man  einen  Men- 
schen heilt,  wahrend  er  vielleicht  sonst  gestorben  ware? 
Setzt  man  da  nicht  seine  Tatigkeit  im  weiteren  Verlaufe  der 
Dinge  in  die  Zukunft  hinein  fort?  Denn  wo  ist  ein  Ende 
dessen,  was  man  da  an  Taten  vollbringt?  Der  Tatenstrom 
setzt  sich  fort.  Ziehen  wir  uns  wie  Nostradamus  von  einer 
Tatigkeit  zuriick,  so  ist  der  Tatenstrom  plotzlkh  unterbro- 
chen.  Er  ist  nicht  mehr  da.  Die  Krafte  aber  sind  da.  Und  die 
Krafte,  die  in  der  Seele  bleiben,  gestalten  sich  um,  so  etwa, 
daft  das,  was  sonst  vielleicht  als  fernste  Wirkungen  seiner 
Taten  in  der  Zukunft  sich  gezeigt  hatte,  als  Sehergabe  sich 
zeigt  und  im  Bilde  vor  ihm  auftauchte.  Umgewandelt  sehen 
wir  seine  Taten.  Und  anders  ist  es  auch  nicht  bei  anderen 
prophetischen  Naturen  aller  Zeit,  und  auch  nicht  bei  den 
alten  jiidischen  Propheten.  Die  alten  hebraischen  Propheten 
sind  Manner  gewesen  —  das  zeigt  die  biblische  Geschichte  — , 
innig  verbunden  mit  alledem,  was  in  der  Seele  ihres  Volkes 


an  Kraften  lebte,  was  im  Strome  der  Zeit  von  der  Vergan- 
genheit  in  die  Zukunft  ging;  nicht  hingen  sie  an  der  eigenen 
Seele,  nicht  am  Personlichen.  Und  audi  solche  Naturen 
waren  sie  nicht,  die  in  Taten  sich  auslebten,  wohl  aber  solche, 
die  uberschussige  Krafte  in  sich  hatten,  die  von  vornherein 
so  auftraten  wie  des  Nostradamus  Krafte  nach  ihrer  Um- 
wandlung.  Daher  zeigte  sich  ihnen  in  gewaltigen  Traum- 
bildern,  was  sonst  als  Taten  sich  ausgelebt  hatte.  Sehergabe 
ist  mit  Tatendrang  unmittelbar  verbunden,  zeigt  sich  nur 
wie  eine  Metamorphose  des  Tatendranges  der  in  der  Seele 
iiberschiissigen  Krafte. 

So  zeigt  sich  Sehergabe  durchaus  nicht  unbegreiflich,  son- 
dern  sie  kann  sich  ganz  hineinstellen  in  die  logische  Denk- 
weise  unserer  Naturwissenschaft  selber.  Daraus  ersehen  wir 
aber  auch,  da£  uns  gerade  eine  solche  Sehergabe  hinausfiihrt 
iiber  die  unmittelbare  Gegenwart.  Und  alles,  was  wirken 
soil  iiber  die  unmittelbare  Gegenwart  hinaus,  wie  kann  es 
nur  wirken?  Nur  der  kann  iiber  die  unmittelbare  Gegen- 
wart hinaus  wirken,  der  Ideale  hat.  Ideale  sind  aber  zu- 
nachst  etwas  Abstraktes.  Man  setzt  sie  sich  vor  und  glaubt, 
daift  sie  wirklich  unserer  Gegenwart  entsprechen  konnten. 
Wer  aber  aus  der  iibersinnlichen  Welt  heraus  wirken  will 
und  vollbringen  will,  was  aus  der  iibersinnlichen  Welt  auf 
ihn  einwirkt,  der  nimmt  nicht  abstrakte  Ideale,  sondern  er 
sucht  in  die  Ursachen  einzudringen,  die  im  Schofie  der  Zeiten 
liegen,  und  fragt  sich:  Wie  wirken  sich  diese  Ursachen  in  der 
Zeit  aus?  -  Und  das  lalk  er  nicht  wirken  auf  den  Verstand, 
sondern  auf  seine  Sehergabe.  Eine  richtige  Erkenntnis  der 
Vergangenheit,  wenn  dies  aber  nicht  verstandesmafiig  ge- 
macht  wird,  sondern  sich  auf  die  tieferen  Seelenkrafte  ab- 
lagert,  lafk  immer  in  der  Seele  Bilder  der  Zukunft  auf- 
tauchen,  die  mehr  oder  weniger  entsprechend  sind.  So  ist  es 
auch  heute,  daft  dem,  der  Sehergabe  richtig  betreibt,  indem 


er  sich  in  den  Gang  der  Menschheitsentwickelung  der  Vor- 
zeit  vertieft,  ein  Bild  aufsteigt,  weldies  wie  ein  konkretes 
Ideal  dasteht  und  sich  etwa  so  ausnimmt,  daft  man  sich 
sagen  wiirde:  Wir  leben  in  einer  Zeit,  in  welcher  die  Mensch- 
heit  an  einem  Ubergange  steht;  gewisse  Krafte,  die  bisher 
nur  dunkel  in  der  Seele  waren,  treten  immer  mehr  und 
mehr  hervor.  Und  in  einer  gewift  gar  nicht  fernen  Zukunft 
wird,  wie  heute  Vernunft,  Verstand  und  Phantasie  fur  den 
Menschen  existieren,  etwas  anderes  in  der  Seele  da  sein, 
etwas  wie  eine  neue  Seelenkraft,  durch  welche  sich  der 
Drang,  die  ubersinnliche  Welt  zu  erkennen,  geltend  machen 
wird.  Man  sieht  etwas  wie  einen  neuen  Sinn  an  die  Seele 
herankommen. 

Man  sieht  aber  heute  schon  das  Aufgehen  dieser  neuen 
Seelenkraft.  Wenn  solches  Angeregtsein  durch  das,  was  in 
der  Vergangenheit  geschah,  auf  uns  wirkt  und  Bilder  ent- 
stehen  von  dem,  was  in  der  Zukunft  geschehen  muE,  dann 
haben  wir  nicht  die  Impulse  des  Fanatikers,  sondern  dann 
haben  wir  die  Impulse,  die  aus  der  Realitat  heraus  wirken 
und  uns  sagen,  warum  wir  in  bezug  auf  die  geistige  Ent- 
wickelung  der  Gegenwart  dieses  oder  jenes  tun.  Das  ist  im 
Grunde  genommen  der  Sinn  alles  Prophetentums.  Es  zeigt 
sich,  wie  der  Sinn  des  Prophetentums  auch  dann  erreicht 
werden  kann,  wenn  die  Bilder,  die  ein  Seher  von  der  Zu- 
kunft entwirft,  nicht  ganz  richtig  sind.  Gerade  wer  die  ver- 
borgenen  Krafte  der  menschlichen  Seele  zu  beobachten  ver- 
mag,  weift,  daft  vielleicht  durchaus  falsche  Bilder  von  dem 
auftreten,  was  in  der  Zukunft  geschehen  soli,  weift  aber 
auch,  warum  die  Bilder  vieldeutig  sind  oder  sein  konnen,  so 
daft  durchaus  nichts  Besonderes  ausgesprochen  ist  in  bezug 
auf  das  Geschehene,  wenn  gesagt  wird:  Der  hat  dieses  oder 
jenes  angegeben,  aber  das  ist  dehnbar,  das  ist  vieldeutig!  - 
Solche  Bilder  konnen  vieldeutig  sein.  Worauf  es  aber  an- 


kommt,  das  ist,  daft  solche  Impulse  im  Menschen  vorhanden 
sind,  die  sich  auf  das  Ganze  beziehen,  was  in  die  Zukunft 
hineingeht,  und  auf  dasjenige  wirken,  was  im  Menschen 
vorhanden  ist,  so  daft  durch  solche  Impulse  schlummernde 
Krafte  im  Menschen  geweckt  werden.  Mogen  die  Bilder 
mehr  oder  weniger  stimmen,  diese  Prophezeiungen;  ganz 
aber  stimmen  sollen  die  Krafte  im  Menschen,  die  Impulse, 
die  geweckt  werden;  darauf  kommt  es  an! 

So  ist  der  Sinn  des  Prophetentums  weniger  in  der  Befrie- 
digung  der  Neugier  durch  Voraussagen  auf  die  Zukunft  zu 
suchen,  als  vielmehr  in  der  Anfeuerung  des  Bewufttseins, 
daft  der  Mensch  iiberhaupt  der  Wirkung  von  Ursachen  in 
die  Zukunft  hinein  sicher  sein  kann.  Dann  mogen  Schatten- 
seiten  und  dergleichen  da  sein,  notwendig  aber  ist  es,  zu 
denken,  daft  die  guten  Seiten  der  Prophetie  auch  da  sind, 
und  den  Sinn  fur  das  Menschenleben  haben,  daft  man  wissen 
kann,  daft  auch  im  Groften  das  Menschenleben  da  ist,  daft 
der  Mensch  nicht  blind  in  den  Tag  hinein,  aber  auch  nicht 
blind  in  eine  feme  Zukunft  hinein  lebt,  sondern  daft  er  sich 
selber  seine  Ziele,  seine  Impulse  setzen  kann  aus  dem  Lichte 
der  Erkenntnis  heraus.  Recht  hatte  Goethe,  der  so  viel 
Wunderbares  iiber  die  Weltendinge  gesagt  hat,  als  er  die 
Worte  hinschrieb: 

Wer  das  Vergangene  kennte,  der  wiifite  das  Kiinftige;  beides 
Schlieftt  an  heute  sich  rein,  als  ein  Vollendetes,  an. 

In  einem  schonen  Spruche  der  «Weissagungen  des  Bakis» 
sagt  er  das. 

So,  sehen  wir,  liegt  im  Grunde  genommen  der  Sinn  des 
Prophetentums  nicht  so  sehr  in  dem,  was  die  Neugier  oder 
den  Erkenntnisdrang  befriedigt,  sondern  der  Sinn  des  Pro- 
phetentums liegt  in  den  Impulsen,  die  es  uns  fur  ein  Wir- 
ken in  die  Zukunft  hinein  geben  kann.  Und  nur  weil  in 


unserer  Zeit  das  Erkennen,  das  Verstandes-Erkennen,  das 
nicht  die  Impulse  des  Willens  entziindet,  iiberschatzt  wird, 
kommt  es,  daft  man  audi  iiber  das  Prophetentum  kein 
objektives  Urteil  gewinnen  will.  Aber  die  Geisteswissen- 
schaft  wird  es  dahin  bringen,  daft  man  erkennen  wird:  Ja, 
es  waren  viele  Schattenseiten  in  dem  alten  und  in  dem 
neuen  Prophetentum,  aber  es  ruht  in  diesem  Prophetentum 
-  in  dem  Streben,  in  dem  Bewufttsein,  einen  Hinweis  auf 
den  Gang  der  Zukunft  zu  erhalten  -  ein  wichtiger  Kern,  der 
nicht  fiir  die  Erkenntnis  oder  fiir  die  Neugier  gebildet  ist, 
sondern  der  wichtig  ist  als  Feuer  fiir  unseren  Willen.  Und 
auch  die  Menschen,  die  alles,  was  im  Menschen  vorgeht,  nur 
darnach  beurteilen  wollen,  ob  man  es  niichtern,  verstandes- 
maftig  begreifen  kann,  miissen  aus  einer  solchen  Einsicht  in 
die  Weltverhaltnisse  erkennen,  wie  die  Prophetie  aus  einer 
Wissensrichtung  hervorgeht,  welche  die  Anfeuerung  der 
Willensentwickelung  zum  Ziele  hat.  Und  nachdem  wir  jetzt 
angefuhrt  haben,  was  gegen  alle  Anfeindungen  des  Pro- 
phetentums  gesagt  werden  kann,  und  uns  iiber  das  verstan- 
digt  haben,  was  Kern  und  Sinn  der  Prophetie  ist,  kann  mit 
einem  gewissen  Recht  gesagt  werden:  Auf  diesem  Gebiete 
liegen  viele  von  jenen  Dingen  verborgen,  von  denen  Schul- 
weisheit  sich  nichts  traumen  lafk. 

Wahr  ist  dies.  Aber  gerade  im  Lichte  einer  solchen  Er- 
kenntnis werden  sich  auch  viele  Tatsachen  zeigen,  die  uns 
den  anderen  Spruch  beweisen,  wie  Verstandes-Erkenntnisse, 
selbst  wenn  sie  noch  so  richtig  sind,  zuweilen  praktisch  voll- 
standig  wertlos  sind,  weil  sie  nicht  Willensimpulse  entwik- 
keln  konnen.  Wie  es  wahr  ist,  daft  vieles  da  ist,  was  Schul- 
weisheit  sich  nicht  traumen  la£t,  so  ist  es  auf  der  anderen 
Sehe  wahr,  dafi  vieles,  was  sich  auf  dem  Gebiete  der  sich 
verbreitenden  wissenschaftlichen  Forschung,  der  Verstandes- 
forschung,  ergibt,  daft  vieles  von  den  Dingen  im  Himmel 


und  auf  der  Erde  nicht  anzutrefTen  ist.  Diese  Erkenntnisse 
verwehen,  ziehen  nichts  nach  sidb,  wenn  sie  nicht  von  dem 
im  Menschenleben,  was  ein  Wissen  ist,  fortschreiten  zu  dem, 
was  nicht  nur  am  Anfang  war,  sondern  was  in  der  Gegen- 
wart  und  in  der  Zukunfl  das  Wichtigste  und  Bedeutsamste 
ist:  die  menschliche  Wirksamkeit,  die  menschliche  Tat! 


VON  PARACELSUS  ZU  GOETHE 


Berlin,  16.  November  1911 


Es  war  an  einem  schonen  Septembertage  dieses  Jahres,  da 
fiihrte  mich  meine  Tatigkeit  durch  Zurich.  Und  da  sich  ein 
freier  Tag  zwischen  den  Tagen  der  Arbeit  fand,  fuhr  idi 
mit  einigen  Freunden  nach  dem  Zurich  benachbarten  Orte 
Einsiedeln.  Es  ist  dies  eine  Benediktiner -Abtei,  die  in  der 
Frtihzeit  des  Mittelalters  begriindet  worden  ist  und  durch 
mannigfaltige  Umstande  eine  gewisse  Beriihmtheit  erlangt 
hat.  Es  war  an  jenem  Septembertage  gerade  das,  was  man 
in  katholischen  Gegenden  einen  Wallfahrtstag,  ein  Wall- 
f  ahrtsf  est  nennt.  Einsiedeln  war  geriistet,  eine  grofie  Anzahl 
von  Wallfahrern  zu  empfangen,  und  bereitete  sich  zu  einem 
regen  Leben  vor,  wie  man  es  in  katholischen  Wallfahrts- 
orten  kennt.  Ich  selbst  wollte  damals  auch  eine  Art  von 
Wallfahrt  machen,  aber  nicht  unmittelbar  nach  jenem  Orte 
Einsiedeln,  sondern  von  dort  aus  nach  einer  benachbarten 
Statte.  Es  wurde  ein  Wagen  genommen,  und  man  sagt  dann, 
man  wolle  zur  «Teufelsbrucke»  fahren.  Auf  einem  ziemlich 
holprigen  Wege,  bergauf  und  bergab,  kommt  man  endlich 
dorthin  und  trirft  ein  ziemlich  modernes  Gasthaus  an,  das 
erst  vor  verhaltnismafiig  kurzer  Zeit  gebaut  worden  ist.  An 
diesem  Gasthause  findet  sich  eine  Tafel:  «Geburtsstatte  des 
Arztes  und  Naturforschers  Philippus  Theophrastus  Bom- 
bastus  von Hohenheim,  genannt  Paracelsuss  1493-1 541. » 

Das  war  zunachst  dasZiel  meiner  Wallfahrt:  dieGeburts- 
statte  des  beriihmten,  man  kann  auch  sagen  in  vieler  Be- 
ziehung  beruchtigten,  Theophrastus  Bombastus  Paracelsus 


von  Hohenheim.  Zunachst  sah  man  an  einer  merkwiirdigen 
Statte,  an  der  sich  viele  Wege  kreuzten,  rings  ein  wirklich 
Uppiges  Pflanzenfeld,  reichen  Blumenwuchs,  und  in  jenem 
Augenblick,  als  wir  dort  waren,  war  der  Ort  audi  noch  ganz 
besonders  bevolkert  von  den  in  der  Schweiz  ja  noch  so  viel- 
fach  unmittelbar  anzutreffenden  Viehherden.  Man  konnte 
etwas  ganz  Besonderes  empfinden  durch  das  Eigenartige  der 
Natur,  wie  man  sie  eben  innerhalbEuropas  kaum  wo  anders 
als  in  Alpengegenden  gut  finden  kann.  Die  Natur  hat  dort 
etwas,  wie  wenn  die  Pflanzen  eine  eigene  Sprache  fuhrten, 
als  ob  sie  einem  etwas  sagen  wollten,  als  ob  sie  recht  ge- 
sprachig  werden  konnten.  Es  ist  auch  die  dortige  Statte  so 
recht  geeignet,  mit  dem  zu  verwachsen,  was  einem  der  Geist 
der  Natur  sagen  kann. 

Und  es  stieg  vor  meiner  Seele  das  Bild  eines  Knaben  auf, 
der  in  den  ersten  neun  Jahren  seines  Lebens  in  jener  Natur 
aufgewachsen  ist,  der  tatsachlich  in  einem  Hause  seine  Ge- 
burtsstatte  hatte,  das  einstmals  dort  gestanden  hat,  und  das 
dann  durch  das  genannte  neue  ersetzt  wurde.  Denn  es 
…[truncated]