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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Menschengeschichte
im Lichte der Geistesforschung
Sechzehn offentliche Vortrage
Berlin, 19. Oktober 1911 bis 28. Man 1912
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften,
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung
Die Herausgabe besorgten E. Frobose und C. Lindenberg
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben
Vortrage I-VI, VIII, IX und XI-XVI in der Schriftenreihe
«Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung»
I: Basel 1946, II: Basel 1947, III: Basel 1946, IV: Basel 1941,
V: Basel 1946, VI: Basel 1946, VIII: Basel 1947, IX: Basel 1948,
XI: Basel 1944, XII: Basel 1946, XIII: Basel 1947, XIV: Basel 1948,
XV: Basel 1948, XVI: Basel 1948
Vortrag VII und X in «Wendepunkte des Geisteslebens»,
1. Auflage Dornach 1927, 2. Auflage Dresden 1940,
3. Auflage Freiburg i. Br. 1954
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 61
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0610-0
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundKche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemaft ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Der Mensch in seinem Verhaltnis zu den iibersinn-
lichen Welten
Berlin, 19. Oktober 1911 9
II. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geistes-
wissenschaft
Berlin, 26. Oktober 1911 35
III. Der Sinn des Prophetentums
Berlin, 9. November 1911 62
IV. Von Paracelsus zu Goethe
Berlin, 16. November 1911 99
V. Die verborgenen Tiefen des Seelenlebens
Berlin, 23. November 1911 126
VI. Das GKick, sein Wesen und sein Schein
Berlin, 7. Dezember 1911 164
VII. Der Prophet Elias im Lichte der Geisteswissenschaft
Berlin, 14. Dezember 1911 194
VIII. Der Ursprung des Menschen im Lichte der Geistes-
wissenschaft
Berlin, 4. Januar 1912 221
IX. Der Ursprung der Tierwelt im Lichte der Geistes-
wissenschaft
Berlin, 18. Januar 1912 253
X. Christus und das 20. Jahrhundert
Berlin, 25. Januar 1912 285
XL Menschengeschichte, Gegenwart und Zukunft im
Lichte der Geisteswissenschaft
Berlin, 1. Februar 1912 315
XIL Kopernikus und seine Zeit im Lichte der Geistes-
wissenschaft
Berlin, 15. Februar 1912 347
XIII. Der Tod bei Mensch, Tier und Pflanze
Berlin, 29. Februar 1912 379
XIV. Die Selbsterziehung des Menschen im Lichte der
Geisteswissenschaft
Berlin, 14. Marz 1912 416
XV. Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Men-
schenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Berlin, 21. Marz 1912 448
XVI. Darwin und die iibersinnliche Forschung
Berlin, 28. Marz 1912 480
Hinweise 514
Personenregister 521
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 524
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe . . 535
ZUDIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen,
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden
Wissensgebiete einzudringen, wahrend der neu hinzukommenden
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder
gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Die vorliegenden wahrend des Winterhalbjahres 1911/12 gehalte-
nen 16 Vortrage bilden die neunte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte.
Kurz zusammengefaJSt wurde darin folgendes dargestellt:
Geisteswissenschaft erforscht mit modernen Erkenntnismitteln
die ubersinnliche Welt und vermittelt so die notwendige Erganzung
zu der Betrachtung der Sinnenwelt, wie sie seit Kopernikus, Kepler,
Darwin u. a. einzig gepflegt wird. Alte Weisheit wird dadurch neu
verstandlich und die Ratsel vom Ursprung des Menschen, von Tod
und Unsterblichkeit, von Ewigkeit und wahrem Menschenwesen
werden durchschaubar. Die Erkenntnisunsicherheit gegeniiber der
spirituellen Welt kann durch die geisteswissenschaftliche Methode
iiberwunden werden. Wege zu wahrer Selbsterziehung, zu den ver-
borgenen Tiefen des Seelenlebens und dem wahren Gliick des Men-
schen werden gewiesen. Auch das geschichtliche Leben der Mensch-
heit erscheint durch die Geisteswissenschaft in neuem Licht und es
wird deutlich, wie Natur- und Geschichtswissenschaft einer Fort-
entwicklung durch Geisteswissenschaft bedtirfen, wenn man eine
befriedigende Losung der Daseinsratsel erreichen will.
Q
DER MENSCH IN SEINEM VERHALTNIS
ZU DEN UBERSINNLICHEN WELTEN
Berlin, 19. Oktober 1911
Wie jetzt schon durch eine ganze Reihe von Wintern sollen
auch in den nachsten Monaten von mir Vortrage gehalten
werden iiber Gegenstande und Interessen der Geisteswissen-
schaft, der Wissenschafl von den iibersinnlichen Welten.
Wenn in unserer Gegenwart von einer Erkenntnis oder
von einer Wissenschafl der iibersinnlichen Welten gesprochen
wird, so begegnet man noch zahlreichen Vorurteilen und
Widerstanden. Das ist nur zu begreiflich. Denn wer die
Geistesentwickelung der letzten Jahre oder Jahrzehnte
kennt, wird ohne wekeres sich eingestehen mussen,dafi diese
Geistesentwickelung im allgemeinen recht abgeneigt war,
Forschungen iiber die iibersinnliche Welt in irgendeinem
Sinne gelten zu lassen. Wenn nun gar der Anspruch erhoben
wird, wie es in den verflossenen Wintervortragen geschehen
ist und auch weiter geschehen soil, dafi diese Vortrage in
ihrer ganzenEinkleidung, in ihrem ganzenTon einen wissen-
schaftlichen Charakter tragen und darauf Anspruch machen,
sich neben sonstige wissenschaftliche Betrachtungen hinzu-
stellen, dann sind diese Vorurteile um so grofier. Allerdings
wird zugegeben werden miissen, dafi seit kurzer Zeit inner-
halb unseres Geisteslebens das Bedurfnis gewachsen ist, den
Blick hinaufzusenden in die iibersinnlichen Welten, um Sinn
und Verstandnis des ganzen menschlichen Lebens aus dieser
Erkenntnis der iibersinnlichen Welt zu saugen, um auch
Kraft zu gewinnen in unserem so komplizierten Leben fur
die Anspriiche der aufieren Welt. Es ist eine immer mehr sich
steigernde Sehnsucht nach Erkenntnis der ubersinnlichen
Welt vorhanden.
Auf der anderen Seite wird man aber nicht leugnen
konnen, dafi der gegenwartige Mensch, wenn er durch-
drungen ist von dem, was sonst in unserer Gegenwart als
mafigebend fiir das Erringen von Lebensauffassungen gilt,
dann auch an die Geistes wissenschaft einen wissenschaftlichen
Anspruch macht, in gewisser Beziehung eine wissenschaft-
liche Begriindung fordert. Nun wird zugegeben werden
miissen, daft es in unserer Gegenwart zahlreiche Kreise gibt,
die vom Standpunkte der gegenwartigen Wissenschaft aus
in irgendeiner Art den Anspruch einer Betrachtung der
ubersinnlichen Welten auf Wissenschaftlichkeit ganz ab-
leugnen. Wenn wir Umschau halten, wie dieses Ableugnen
geschieht, so kann uns auf fallen, daft zwei ganz verschiedene
Standpunkte in dieser Beziehung eingenommen werden, die
aber zahlreiche Vertreter gerade in unserer heutigen Zeit bei
denjenigen finden, welche den Trieb, die Sehnsucht haben,
herauszuwachsen aus den alten Traditionen, die da sind, um
die ubersinnlichen Bediirfnisse zu befriedigen. Die einen
sagen: was die auftere Wissenschaft in ihren verschiedenen
Verzweigungen heute liefern kann, was namentlich die so
bewundernswiirdige Naturwissenschaft liefert, das ware
ausreichend, um dem Menschen ein befriedigendes Bild der
Welt zu geben, welches einer jeglichen Sehnsucht nach Welt-
ansicht und Weltanschauung geniigen muE. Nur diejenige
Weltanschauung konnte gelten, so sagt man in diesen Kreisen,
welche einfach die natur wissenschaftlichen oder sonstige als
wissenschaftlich anerkannte Resultate zusammenfaftt, um
aus ihrer Ganzheit ein Bild iiber die Losung der Weltratsel
sich zu machen. Die anderen dagegen sagen: Ein Bild der
Welt konnen wir uns zwar machen, wenn wir auf Grund-
lage der heutigen Wissenschaften uns Gedanken, Ideen bil-
den iiber das, was den aufieren Erscheinungen zugrunde
liegen kann, aber dieses Bild reicht nicht aus fiir das unaus-
loschliche Bediirfnis der menschlichen Seele nadi Erkenntnis.
Alles, was wir wissen konnen von der Welt durch blofi
aufiere Wissenschaft, beweist uns geradezu, wie wenig diese
auftere Wissenschaft ausreicht, urn die eigentlichen grofien
Ratselfragen des Daseins irgendwie zu beantworten. Cber-
all weist eine genaue und eingehende Erkenntnis der aufie-
ren Wissensdiaft auf die Untergriinde dessen hin, was diese
Wissensdiaft selber liefert. - Innerhalb dieser Kreise gibt es
wieder solche, die zwar zugeben, dafi iiberall in der Welt
Hinweise auf ein Ubersinnliches sind, und dafi niemals
aufiere Wissenschaft ausreicht, um ein befriedigendes Bild
von der Losung der Weltratsel zu erhalten, die aber den-
noch sagen, dafi der Mensch in seinem Erkenntnisvermogen,
in seinem Wissen beschrankt sei, und dafi er in wissenschaft-
licher Beziehung die Grenzen seiner Leistungsfahigkeit, sei-
ner Erkenntnis uberschreiten wiirde, wenn er in diese iiber-
sinnliche Welt eindringen wollte.
So sehen wir, dafi gerade aus demjenigen Geistesleben
heraus, mit welchem sich die Geisteswissensdiaft in Einklang
setzen will, Vorurteile und Widerstande gegen sie selbst
erwadisen. Daher wird es heute im Beginne dieser Vortrags-
reihe notwendig sein, eine gewisse programmatische Aus-
einandersetzung zu pflegen iiber die Moglichkeit eines Ver-
haltnisses des Menschen zu den iibersinnlichen Welten. Dafi
der Mensch ein solches Verhaltnis zu den iibersinnlichen
Welten haben miisse, und da£ er vielleicht nur nicht im-
stande sei, mit seinen Erkenntniskraften in diese iibersinn-
lichen Welten hineinzudringen, das haben im Grunde ge-
nommen vorsichtigere Geister immer zugegeben, auch in der
neueren Glanzperiode der Naturwissenschaft. Wenn man
heute gegenuber solchen Auseinandersetzungen, wie sie hier
in diesen Vortragsreihen gepflegt werden sollen, vielfach
horen kann - damit soli nicht ein Tadel ausgesprochen wer-
den -, daft dies im Grunde genommen eine nicht statthafte
Phantasie gegenuber den ubersinnlichen Welten sei, und
wenn man so etwas begreiflich finden muft, so darf auf der
anderen Seite doch audi darauf hingewiesen werden, daft
wenigstens die eine Tatsache von vorsichtigeren Denkern
und Forschern immer zugegeben worden ist, daft es nicht
eine Willkiir der menschlichen Seele ist, aus dem, was die
auftere Wissenschaft geben kann, selbst die Schliisse zu Zie-
hen, daft alles in unserer Umgebung zuletzt doch auf uber-
sinnliche Welten hinweist.
Lassen Sie mich aus der zahlreichen Reihe von Tatsachen
auf eine altere und auf eine neuere hinweisen und damit
dasjenige einleiten, was dann in den weiteren Vortragen
audi durch die geisteswissenschaftlichen Forsdiungen selbst
klargelegt werden soil. Lassen Sie mich damit einleiten,
daft aller dings die Wissenschafl; der letzten Jahrzehnte bei
denen, die sie wirklich kennen, nicht zu einer Leugnung der
ubersinnlichen Welten gefiihrt hat, und daft andererseits f iir
dei\Kenner des wissenschaftlichen Standpunktes der Gegen-
wart heute audi schon gesagt werden darf, daft unsere auftere
Wissenschafl so weit ist, daft sie sich in unserer unmittel-
baren Gegenwart gezwungen fiihlt, wenigstens im einge-
schrankten Mafte schon eine gewisse Erkenntnis ubersinn-
licher Welten zuzugeben. Es wird damit durch diese strenge
Wissenschafl: im ernstesten Sinne widerlegt, was in vielen
popularen Weltanschauungsstromungen heute als materia-
listische oder monistische, oder wie man es nennen will,
Weltanschauung vertreten wird.
Auf eine altere Tatsache lassen Sie mich zunachst hin-
weisen: auf einen Forscher, der mitten drinnen gestanden
hat in alledem, was man den glanzvollen Betrieb der mo-
dernen Naturwissenschaft nennen kann, der vieles geleistet
hat auf einem engumgrenzten Spezialgebiete, aber sich den
Blick audi off en gehalten hat fur alles, was aufiere Wissen-
schaft nicht bieten kann. Dieser Forscher hat einmal f olgende
denkwurdigen Worte gesagt: Bewundernswiirdig ist das
Bild, das die Naturwissenschaft von dem geben kann, was
den stofflichen Wirkungen und den Naturkraften zugrunde
liegt in den Theorien iiber zahlreiche Atomwirkungen,
welche die Naturwissenschaft heute vertritt. Aber - so sagt
dieser Forscher, und ich mochte das nur als eine Tatsache
hervorheben - es ware eine verhangnisvolle Tauschung zu
glauben, dafi in alledem, was die Naturwissenschaft in ihren
Anschauungen, in ihren Theorien geben kann, etwas lage,
was ein metaphysisches Bediirfnis ausschliefien wiirde, das
heifk ein Bediirfnis, das die Menschenseele nach der Er-
kenntnis der ubersinnlichen Welt oder wenigstens nach der
Annahme eines Daseins der ubersinnlichen Welt hat. Ein
verhangnisvoller Irrtum ware es, wenn man glauben wollte,
alles was die Naturwissenschaft geben kann, sei doch nur
etwas - und wenn es selbst bis in die atomistische Welt hin-
eindringe -, was der aufieren Anschauung entspricht. Diese
Anschauung miisse immer einen iiber sie selbst hinausgehen-
den Grund haben. - Der Ausspruch dieses Naturforschers
wurde in einer Zeit getan, als die weniger strengen Denker,
also die - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf -
Drauf ganger der modernen Naturwissenschaft jene Gedan-
ken feierten, die ausschliefien wollten jeden Gedanken des
Menschen an eine ubersinnliche Welt. - Ich erzahle Ihnen
nicht den Ausspruch eines Naturforschers, der etwa ange-
krankelt war von irgendwelcher Mystik, oder der philoso-
phisch belastet gewesen ware, oder der etwa in einer mysti-
schen Versammlung getan worden ware. Der Ausspruch,
den ich soeben angefiihrt habe, ist im Jahre 1867 in der
Morgenrote der materialistischen Naturforschung des ver-
gangenen Jahrhunderts getan worden in der Wiener Aka-
demie der Wissenschaften von dem beruhmten Klimker
und Bahnbrecher der medizinischen Wissenschaft Karl von
Rokitansky. Und was er gesagt hat, das wird trotzdem,
was sonst von den Draufgangern dieser Weltanschauung
geleistet worden ist, der zugeben, der die ganze BeschafFen-
heit und das innerste Wesen der Naturwissenschaft kennt.
Noch eine andere Tatsache mochte ich erwahnen. Wer
konnte glauben, dafi heute eine Wissenschaft mehr ihre
Grofte rein aufieren experimentellen Forschungen derjeni-
gen Denker verdankt, die sie auf diese aufieren Forschungen
und Experimente begriindeten, als die Physik? Und was
konnte mehr als die physikalischen Errungenschaften un-
serer Zeit auf der einen Seite als charakteristisch fur das
naturwissenschaftliche Denken der Gegenwart angefiihrt
und auf der anderen Seite immer wieder und wieder dann
herangebracht werden, wenn die Moglichkeit widerlegt wer-
den soil, dalS der Mensch es zu tun haben konnte mit Dingen
der ubersinnlichen Welt? Wenn aber doch nun ein Physiker
kame und heute sagen wiirde: Dem physikalischen Denken
der Gegenwart mufi der Abschied gegeben werden, oder es
sprechen wenigstens zahlreiche Tatsachen und Forschungs-
resultate dafiir, daft dieser Abschied einer Vorstellung ge-
geben werden miisse, an der so viele Hoffnungen gerade fur
die rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise in den
letzten Jahrzehnten gehangen haben? - Namlich den Ab-
schied einer Vorstellung zu geben wie zum Beispiel der vom
materiell gedachten Weltenather, den man ja sozusagen als
eine Art von Zaubermittel fur alle aufteren Naturerschei-
nungen durch viele Jahre hindurch betrachtet hat. Denn
Erscheinungen wie Licht, Warme, elektrische Erscheinungen
und so weiter sollten nur dadurch erklart werden, dafi man
hinter dem, was unsere Augen sehen, was unsere Sinne
wahrnehmen, hypothetisch den sogenannten Weltenather
als den feinsten StofF annahm, aus dem sich sozusagen alles
erklaren lassen miisse. Und indem man sich diesen Welten-
ather materiell dachte, war man nicht verlegen ihm auch
zuzuschreiben, daft in irgendwelchen Vorgangen jenes mate-
riellen Athers, der uns selbst erfullt, auch die geistigen, die
iibersinnlichen Erlebnisse des Menschen ihren Ursprung
haben miifiten. Fiir alles, was man sonst einer iibersinnlichen,
geistigen Welt zuschreibt, wurde dieser materielle Welten-
ather eine Art Zauberer und Erklarer. Wenn nun ein Phy-
siker kame und sagen wiirde, dafi gewisse Dinge innerhalb
der physikalischen Forschung zwingen zu denken, dafi ein
solcher Zusammenhang der Naturkrafte angenommen wer-
den miisse, durch den als moglich sich erweist, dafi ohne die
Voraussetzung eines materiellen Weltenathers die Licht-
strahlen durch den Raum geleitet wiirden? Oder wenn dieser
Physiker sagen wiirde, es miisse aus gewissen Tatsachen
heraus heute schon angenommen werden, dafi die Licht-
wellen sich ohne einen materiellen Trager durch den Raum
fortpflanzen? Und wenn dieser Physiker weiter sagen
wiirde: Nun ja, das verstolk zwar gegen jede Art mechani-
scher Naturerklarung, aber wenn die physikalischen Tat-
sachen dieses herausfordern, dann ist eben die mechanische
Naturanschauung rettungslos verloren. - Und wenn er dann
noch weiter ginge und sagte: Was ist dann an die Stelle
dessen zu setzen, was so lange als der Weltenather von der
Wissenschaft im materialistischen Sinne angenommen wor-
den ist? Dann ist an dessen Stelle etwas zu setzen, dem
vor alien Dingen keine materielle Eigenschaft zugeschrieben
werden mufi. An die Stelle dieses Weltenathers ist nun etwas
sehr Merkwiirdiges zu setzen. - Und ich mufi es immer wie-
der und wieder betonen: Im Sinne der heutigen Physik ist
an die Stelle des Weltenathers etwas sehr Merkwiirdiges zu
setzen. Namlich an die Stelle des Athers, der bisher das
Licht durch den Raum fortpflanzen sollte, sollen nun gesetzt
werden im mathematischen Sinne reine Gleichungen. Das
sind Gedanken, Gedankengebilde. Und was sich da fort-
setzt im Sinne von Gedankengebilden, das soil sich nicht
durch Materie, sondern - wie man gelehrt sagt - durch das
Vakuum, durch den leeren Raum fortsetzen. Das wird in
bezug auf das Licht, das an keinen materiellen StofT gebun-
den ist, als notwendig durch die Physik bezeichnet.
Wenn das vor einiger Zeit jemand gesagt hatte, in der
Zeit der materialistischen oder monistischen Hochflut, so
hatte man wahrscheinlich vorausgesetzt, das sei auch so ein
vertrackter Vertreter einer geistigen Weltanschauung, denn
nur ein solcher konne behaupten, dafi das Licht ohne einen
materiellen Trager durch den Raum flielk. Aber das hat
kein Mystiker gesagt, das ist auch nicht in einer Versamm-
lung gesagt worden, wo man den Leuten alles mogliche auf-
tischen kann, sondern das ist von dem Physiker der Berliner
Universitat, Max Planck, im September 1910 auf der
82. Naturforscherversammlung in Konigsberg gesagt wor-
den. Dies ist eine Tatsache, die noch viel bedeutungsvoller
ist als die vorhin genannte, und zwar aus dem Grunde, weil
wir hier nicht blofi zugestanden haben, was wir von dem
Kliniker Karl von Rokitansky vernommen haben: dafi die
Natur selbst iiberall auf eine iibersinnliche Welt hinweise, -
sondern daft in den Gedanken, die der Physiker hat, die er
wirklich mit mathematischenZeichen auf dasPapier schreibt,
etwas enthalten ist, was an keine materiellen Trager ge-
bunden ist. Das heifrt, wir haben nicht nur zugestanden, dafi
irgendwo im Unbekannten reine Gedanken, das heilk gei-
stige Wirkungen seien, sondern daft die Physik in ihren
wirklichen Erkenntnissen das erkennen mufi, was nicht blofl
Materielles, was Obersinnliches durch den Raum tragt.
Damit sehen wir die Wissenschaft bei jenem Tore an-
gelangt, wo sie sich nicht nur damit begnugen darf zu sagen:
Es mag eine ubersinnliche Welt geben, aber die menschliche
Erkenntnis kann nicht in sie eindringen. - Sondern jetzt gibt
sie zu, dafi die Gedanken, die sich die Wissenschaft selber
macht, nicht blofi auf die Auftenwelt sich beziehen, die nur
im Stoffe besteht und von Materie durchtrankt wird, son-
dern die Erkenntnisse, die man hat, beziehen sich auf Gei-
stiges, auf "Obersinnliches! Damit ist aus unseren Zeitver-
haltnissen heraus fiir den, der die Entwickelung der Wissen-
schaft wirklich kennt, der Beweis geliefert, dafi es heute
ruckstandig ist zu sagen, ubersinnliche Erkenntnis konne
innerhalb der Wissenschaft keine Geltung beanspruchen.
Und es darf dann vielleicht doch nicht als so phantastisch
angesehen werden, wenn der, welcher auf dem Boden der
Geisteswissenschaft steht, zu sagen notig hat: Mit solchen
Zugestandnissen gewinnt die Wissenschaft eben erst einen
Weg, der immer weiter und weiter fuhren mufi, denn die
Dinge entwickeln sich vorerst aus ihren Anfangen, zur An-
erkennung der Realitat desjenigen, was der Mensch in seinen
Erkenntniskraften in bezug auf eine ubersinnliche Welt
iiberschauen kann.
Will der Mensch in die ubersinnliche Welt eindringen,
dann wendet er sich heute zunachst und hat sich innerhalb
gewisser Gebiete immer an das gewandt, was man die Ge-
dankenbetrachtung der Welt nennt. Wir brauchen gar nicht
einmal das Wort Philosophic anzuwenden; das Wesentliche,
was der Mensch braucht, ist Gedankenbetrachtung. Denn
das wird bald einem Menschen klar, dafi er durch die blofie
aufiere Anschauung — und wenn sie noch so wissenschaftlich
ist - nicht zu den Untergriinden der Dinge kommen kann.
Da wendet sich der Mensdi an die Gedankenbetrachtung
und sucht sich innerhalb der Gedanken ein Bild von der
Losung der Weltenratsel zu machen. Auf eine solche Weise
sich ein Bild zu machen von dem, was der Welt zugrunde
liegt, darauf ist audi derjenige angewiesen, der nur aus den
materiell gegebenen Tatsachen ein Bild der Welt entwerfen
will. Aus den Gedanken heraus ist audi alles entsprungen,
was zum Beispiel Ernst Haeckel zu einem Weltbilde bei-
steuert, obwohl er sich auf das stiitzt, was aufiere wissen-
schaftliche Erkenntnis ist. Ob sich jemand mehr oder weni-
ger auf das stiitzt, was aufiere Wissenschaffc gibt, oder ob die
Wissenschaft zu einem idealistischen oder spirituellen Welt-
bilde kommt, in beiden Fallen mufi zum Gedanken gegrif-
fen werden. Und dieser Gedanke hat eine Eigentiimlichkeit,
wenn wir uns ihm hingeben. Welches Eigentumliche dieser
Gedanke hat, das ergibt die Tatsache, wie unsympathisch
oder wenigstens unbequem viele Menschen das Gedanken-
forschen, das philosophische Nachdenken empfinden.
Seit der alten griechischen Zeit hat es immer Philosophen
gegeben. Aber nicht nur, dafi Studenten im Schweifie ihres
Angesichtes sich gezwungenermafien in das vertiefen, was
das Nachdenken iiber die Weltenratsel hat liefern wollen,
sondern es ist audi so, daft die Menschen, die aus der ganzen
Warme ihres Herzens, die vielleicht aus einem tiefen, reli-
giosen Bediirfnis heraus, um Frieden und Harmonie in ihrer
Seele und Kraft fur das Leben zu erhalten, oder die aus
einem lebendigen Bediirfnis heraus Aufklarung, Aufschlufi
erlangen wollen iiber das, was iiber das Leben Auf schlufi ge-
ben kann, — es ist so, dafi viele solche Menschen recht trocken
und niichtern und recht abstrakt und unbequem dasjenige
finden, was iiber die Losung der Weltratsel in theoretischen
Buchern, in der Philosophic vorgebracht ist. Wer so recht
erfullt ist vom Leben, wer als Praktiker mitten drinnen
steht und sich angezogen f iihlt von dem, was das Leben un-
mittelbar gibt, der wird sidi leidit abgestofien fuhlen von
der Niichternheit und Abstraktheit vieler Schriften und
Vortrage, die durdi Gedankenarbeit in iibersinnliche Wel-
ten hinaufdringen wollen. Das ist doch etwas, was wohl in
den weitesten Kreisen erfahren wird. Aber so blendend audi
zuweilen die philosophischen Systeme iiber die Weltenratsel
fiir diejenigen sind, die sie durdi die Vorbedingungen ihres
Lebens verfolgen konnen, so ungeniefSbar sind solche Wege
fiir im vollen Dasein und Schaffen und Arbeiten mitten
drinnen stehende Menschen. Dennoch haben die, welche aus
einem ernsten Erkenntnisdrange heraus solche Gedanken-
sy steme gesdiaff en haben, um in die Weltenratsel einzudrin-
gen, so empfunden, dafi sie sagten: Mit dieser Gedanken-
arbeit ist ein Bild dessen gegeben, was der Welt als ubersinn-
liche Tatsachen eigentlich zugrunde liegt. - Und wer zu be-
wundern vermag, was die Denker der jiingsten, aber audi
der alteren Zeiten in dieser Beziehung geleistet haben, der
weifi, was an menschlichem Scharf sinn nicht nur, sondern an
menschlicher Hingabe geleistet worden ist, um auf diesem
Wege der Gedanken in die Welt einzudringen. Und der
weifi dann audi, welche tiefe Befriedigung man unter ge-
wissen Voraussetzungen iiber die Losung der Weltenratsel
empfinden kann an den philosophischen, an den Gedanken-
gebauden und Ideensystemen grofier Denker. Die sind
durchaus nicht blofi abstrakt, sondern sind trotzdem, wenn
sie audi abstrakt erscheinen, mit vielem Herzblut, mit aller
Warme der Seele geschrieben.
Aber eines kann nicht geleugnet werden, wenn es sich um
solche philosophischen Systeme handelt, eines, das allerdings
nicht derjenige empfindet, welcher zumPhilosophen geboren
ist oder seine Freude und Genugsamkeit an abstrakten Ge-
danken erleben kann, das aber der empfinden kann, der mit
Herzenswarme, mit seiner ganzen Menschlichkeit und mit
tiefstem Bediirfnis nach einem Eindrmgen in die iibersinn-
liche Welt an einem solchen Gedankensystem hangt. Was ein
soldier empfindet, das mochte ich an dem Beispiele eines
Denkers klarmadien, der allerdings dann ein tragisches
Schicksal erlebt hat, der aber in der Zeit, als er dasjenige
sprach, von dem jetzt die Rede sein soil, ganz scharfsinnig
und zugleich in eindringlicher Art mit den grolSen Fragen
der gedanklichen Losung der Weltenratsel sich beschaftigte.
Ich meine Friedrich Nietzsche. Wir konnen ganz absehen
von dem, was nachher aus ihm geworden ist. Was hier
charakterisiert werden soil, liegt in den ersten Jahren seines
Wirkens, wo er an der Universitat Basel Yortrage ausge-
arbeitet hat, die dann in seinen nachgelassenen Werken er-
schienen sind, Vortrage iiber die griechischen Denker unter
dem Titel «Die Philosophic im tragischen Zeitalter der
Griechen», das heiik vor Sokrates, wo uns die gigantischen
Denker wie Thales, Heraklit, Parmenides besonders inter-
essieren. Aus dem Grunde interessieren sie uns, weil man
sieht, wie aus einem lebensvollen Denken, aus der griechi-
schen Weltanschauung und griechischen Kultur heraus, die
wahrhaftig im Leben stand, und vollgesogen war mit unmit-
telbarem Leben, ein solches Gedankengebaude wie das des
Parmenides entstand, das bestrebt war hinaufzudringen in
die iibersinnlichen Welten, aber so, dafi Parmenides, der
gigantische Denker des alten Griechenlands, mitten heraus
aus der alten vollsaftigen griechischen Welt zu dem abstrak-
ten Gedanken aufstieg, zu dem Gedanken des Ur-Seins und
des Ur-Nichtseins. Nicht nur den Menschen, der sonst im
praktischen Leben drinnen steht, kann ein leichtes Gruseln,
etwas wie eine Gansehaut uberkommen, wenn jemand, um
zu den ubersinnlichen Welten hinaufzukommen, zu so aus-
geprefken Gedanken, zu solchen Abstraktionen greift wie
«Sein», «Ur-Sein», «Ur-Niditsein». Selbst der, weldier
sonst gewohnt ist, sich philosophisch mit den Fragen des
Daseins zu beschafligen, sagt sich: es mochte einem das Blut
in den Adern erstarren, wenn man gewahr wird, wie ein
Mensch zu solchen Gedanken aufsteigt, aus denen alles Le-
bendige wie der Saft aus einer Zitrone ausgeprefk erscheint,
Gedanken, die den anderen Mensdien viel zu nuchtern,
trocken und abstrakt sind.-Und dieses Kapitel hatNietzsche
besonders interessiert, weil sich da zeigt, wie ein Denker
unmittelbar aus dem Leben heraus sich zu einer abstrakten
Gedankenwelt erhebt. So f arblos, seelenlos, so ganz und gar
entblofit von dem, was das Herz sich ersehnt, fand Nietzsche
diese Gedanken, wie sie sich Parmenides damals ausgedacht
hatte. Und dennoch, wer sich nun im Sinne einer Erkenntnis
der ubersinnlichen Welt mit geistiger Wissenschaft beschaf-
tigt, wie sie hier vertreten werden soli, versteht es, wenn
ein solcher Mensch davon spricht, dafi einem das Blut in den
Adern erstarren konnte vor diesen ausgedorrten Abstrak-
tionen, vor diesen bis zur aufiersten Abstraktion gebrachten
Gedanken, und wenn ein solcher zeigt, dafi selbst in dem
wunderbarsten Gedankengebaude, wie zum Beispiel eines
Hegel, etwas ist, was uns nuchtern beruhrt, wo uns das Ge-
fuhl iiberkommt: Wie willst du diese Welt, die, wie wir das
aus dem alltaglichen Leben wissen, so lebensvoll an uns
heranstofit, wie willst du ihren Untergrund ergreifen mit
deinem Spinnengewebe von Gedankennetz, das du aus-
spinnst. Es liegt aber dennoch in einer solchen Empfindung
gerade der Keimpunkt zu dem, was in der menschlichen
Seele vorhanden sein mu8, wenn das Verhaltnis des Men-
schen zu den ubersinnlichen Welten hergestellt werden soli.
per Mensch - und sei er der grofite Philosoph und der
grofite Denker -, der mit einem gewissen Behagen Gedan-
kensysteme ausspinnt, der zu Abstraktionen hinaufzusteigen
vermag und sidi sagt: in diesen Abstraktionen hast du die
Wahrheit iiber die Weltendinge, - dieser Mensch kommt nur
dazu, in solchen Gedanken, und seien sie nodi so spinne-
webendiinn und noch so abstrakt, dodi nichts anderes als ein
Bild hinzumalen, demgegeniiber man sidi sagen muE: Es
ist ein Bild, - ein Bild, das aber nie die ganze reiche Fulle
dessen erschopfen kann, was der Welt zugrunde liegen mufi.
Wer als Denker ein solches Weltbild in Gedanken hinstellt,
mag ein gewisses Geniigen, ein gewisses Behagen und eine
Befriedigung darin empfinden, - der im vollen Leben ste-
hende Mensch hat ein Recht dazu, sich zu sagen: Ein solches
Gedankengebaude kann nie das voile Leben und damit audi
nie die Untergriinde des Lebens erschopfen.
Dieses Gedankengebaude mufi von dem, der den Weg in
die geistigen Welten finden will, in einer ganz besonderen
Weise ausgebaut werden, mufi verstarkt werden, mufi in
seinen letzten Konsequenzen verfolgt werden. Alles ge-
nauere und einzelne finden Sie in meinem Buche «Wie er-
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten? ». Hier kann
es sich nur darum handeln, hauptsachlichste Gesichtspunkte
iiber den Weg anzugeben, den der Mensch nehmen mufi,
wenn er zu wirklichen Erkenntnissen iiber die ubersinnliche
Welt kommen will. Da mufi man sagen: Jeder kann es fuh-
len, wenn er sich auf blofie Gedankengebaude einlafit, daft
ihm geistig kalt wird, dafi ihm so wird, als hatte er sich nicht
der Welt genahert, sondern sich vom vollsaftigen Dasein
entfernt, als hatte er wirklich aus dem Dasein den Saft aus-
gedriickt wie aus einer Zitrone. Aber man mufi noch etwas
anderes empfinden konnen, wie man doch wieder fiir die
kristallene Klarheit, fiir die wunderbare Architektonik eines
Gedankengebaudes Leidenschaft, Enthusiasmus empfinden
kann, wie man in einer gewissen Weise sagen kann: Was
scheinbar so abstrakt ist, das sind dennoch die grofiten Ge-
dankenerrungenschaflen, die der Mensch in sich erleben
kann, und die ihm zeigen, wie das gedanklidie Schaffen
durch die Welt waltet. - So mufi man Enthusiasmus, Gefiihl
und Empfinden in die Welten hinauf tragen, die wegen ihrer
Abstraktionen so leer erscheinen konnen, mufi sichbegeistern
konnen fiir das, was wie ein Gedankenlicht uns erscheint,
wenn wir uns zu ihm erheben. Ein Denker, der blofi denkt
und nicht Begeisterung empfinden kann fiir die durch die
Welt webenden Gedanken, kann in der Tat niemals in die
iibersinnliche Welt eindringen.
Aber das ist nur die eine Seite dessen, was man empfinden
mufi, wenn man die Beziehungen zu dem Obersinnlichen
herstellen will. Das andere ist eine Erfahrung derjenigen,
die da Geistesforscher geworden sind: namlich dafi man zu
Gedanken aufgestiegen ist, aber dafi man etwas fiihlt, wie
wenn man den f esten Boden unter den Fiifien verloren hatte,
wie wenn man iiber einem Abgrund stunde. Solange man an
den Gedanken Behagen hat, solange man sich fest fiihlt in
den Gedanken, solange kann man nicht in die iibersinnliche
Welt hinaufkommen. Erst wenn man im Verfolgen der Ge-
danken etwas fiihlt, was einen zweifachen Vergleich ent-
halt: wie wenn uns der Boden unter den Fiifien fortgezogen
wiirde, und wir im Leeren schweben miifiten, oder wie wenn
wir iiber uns sich ausbreiten sehen wiirden das blaue Him-
melsgewolbe und dann darauf kamen, das blaue Himmels-
gewolbe ist ja gar kein blaues Himmelsgewolbe, sondern du
selber, dessen Gesichtsf ahigkeit nicht so weit reicht, umgibst
dir das Weltall mit einem blauen Himmelsgewolbe, und in
Wahrheit geht es ins Unendliche hinein, und du mufit in
Wahrheit fragen: wo ist ein fester Punkt? Erst wenn man
zugleich mit einer inneren Unsicherheit das empfindet, wo-
mit man sich den Blick vernagelt und zu gleicher Zeit die
Ahnung an ein Unendliches hervorrufl und sich diese Emp-
findung dann gesteigert denkt, kann man etwas von dem
anderen empfinden, was derjenige in aller Starke fiihlen
mufi, der Gedanken iiber Weltenzusammenhange schafft,
aber durch die Gedanken hindurch in das lebendige Gefiihl
geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten eindringen
will, und der dann etwas empfindet, wie wenn er sidi selber
mit seinen Gedanken den Weg dahin vernagelt, wo die gei-
stigen Wesen leben, wo der Geist wirksam ist.
Was ich Ihnen erzahlt habe, ist nicht etwas phantastisch
Konstruiertes, ist audi nicbt aus Gedanken heraus Geschopf-
tes: das ist ein Erlebms aller derer, die den Weg in die iiber-
sinnlichen Welten gesudit haben. Das kann ein Erlebnis
werden, wie es beschrieben ist in dem Buche «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten? ». Was ich so als
Empfindung charakterisierte, steigert sich in einer gewissen
Weise und steigert sich bei dem, der den Erkenntnispf ad im
wahren Sinne des Wortes geht, bis zu einem Gefiihl, das
verwandt ist mit dem, was der Mensch im alltaglichen Leben
als Furcht kennt, als Gefiihl der Unsicherheit, und das man
charakterisieren konnte als ein Nichtwissen, wo man steht,
als ein Nichtwissen, wo man fliegt, oder als ein Nichtwissen,
wo man ist. Aber dieses Gefiihl darf sich nicht vollstandig
ausbilden, es mufi gleichsam in den Untergriinden der Seele
bleiben; dann nur konnen wir in die iibersinnliche Welt ein-
dringen. Dieses Gefiihl mufi sogleich uberleuchtet werden
von dem, was sich vergleichen lafit mit dem Gefiihl des
Mutes, der Tatkraft, der Willensentfaltung. Der Mensch
mufi in sich etwas gewahr werden, was er padagogisch durch
Selbsterziehung in sich heranbilden kann im langsamen, ge-
duldigen Fortschritt, wenn er ofter darauf kommt: Du tust
nicht nur das, oder setzt dir vor, das zu tun, wozu du aufiere
Veranlassung hast, wozu du diese oder jene Aufforderung
hast, sondern du setzt dir das Ideal, aus deinen eigenen Ge-
danken dieses oder jenes zu tun und den Gedanken daran
und den unbeirrten Willen dazu nicht zu verlieren. - Wenn
wir das im Leben ofter tun, ja es geradezu systematisch ent-
wickeln, dann gibt es uns eine Vorstellung, die wir von
keiner aufieren Welt und keiner aufieren Anschauung emp-
f angen konnen, die wir herausholen konnen aus den tief eren
Untergrunden der Seele. Wenn wir dieses Gefuhl in dem
Moment entwickeln konnen, da wir zu reinen, sinnlichkeits-
freien, nicht aus der Aufienwelt geholten Gedanken uns er-
heben, wo wir nicht auf das hinstarren, was uns die Augen
und Ohren und so weiter liefern, wenn wir uns immer wie-
der und wieder diesem Gefiihl hingeben, dann bildet sich
etwas in uns, was man erleben mufi, was aber ebenso erlebt
werden kann, wie ein physikalisches oder chemisches Ex-
periment erlebt werden kann. Erlebt werden kann im Selbst-
experiment der Seele ein Freiwerden von einer jeglichen
Anschauung und Erkenntnis, die nur durch die Werkzeuge
der Korperlichkeit erlangt werden konnen, ein Freiwerden
vom physischen Leib und Hinausdringen in jene Welt, iiber
die wir sonst nur Gedankennetze spinnen konnen. Und es
ist wirklich dann nicht das vorhanden, was viele Menschen
einzig und allein von einem solchen Aufier-sich-Kommen
kennen, was sie kennen von einem das menschliche Bewufit-
sein zerstorenden Experiment, sondern ein Freiwerden von
allem, was sinnliches Dasein und Sinnesanschauung bedeu-
tet. Es dringt der Mensch mit dem eigenen Wesen, von dem
er weifi, dafi es gegeniiber der Korperlichkeit selbstandige
Realitat hat, in die Welt ein, die eine ubersinnliche genannt
werden mufS, weil man sie als eine ubersinnliche erlebt. Und
wenn jemand sagt: Das kannst du dir einbilden, - so konnte
man naturlich nicht durch etwas anderes wieder als durch
logische Moglichkeiten und Griinde jemandem eine An-
schauung davon geben, was in den ubersinnlichen Welten
erlebt wird, und was der Mensdi als iibersinnliches Wesen
ist. Aber wer in die iibersinnliche Welt emdringt, der weifi,
dafi er auf dem charakterisierten Wege zu einer Realitat
iibersinnlicher Art kommt, die ihm ebenso in ihrer Wirk-
lichkeit klar ist, und von der er ebenso weifi, dafi sie nichts
von Phantastik hat, wie er dieses von der aufieren Sinnes-
welt weifi.
Was ich so von der iibersinnlichen Welt geschildert habe,
ist nur die eine Richtung, in die wir gehen miissen, wenn wir
zu den iibersinnlichen Welten ein Verhaltnis gewinnen wol-
len. Es gibt noch etwas anderes. Was ich geschildert habe, ist
der Weg durch den Gedanken, was wir in der Sprache der
Geisteswissenschaft die Meditation, die stille, ruhige, aber
von Gefuhl und Empfindung durchdrungene Meditation
nennen, das Vertiefen in innere Gedankenerlebnisse der
Seele. Das ist die eine Richtung. Die andere Richtung ist
diejenige, durch die der Mensch etwas erleben kann, was
sich von alien Gedankenerlebnissen unterscheidet. Alle Ge-
dankenerlebnisse sind ja so, dafi sie, wenn wir sie hegen,
etwas Trockenes, Abstraktes, Unpersonliches haben, etwas,
demgegeniiber wir deshalb ein solches Erstarren des Blutes
fuhlen, well es uns so fremd macht gegeniiber dem unmittel-
baren Leben. Man mufi das fuhlen, um solche Gefuhle, wie
sie eben charakterisiert worden sind, bis in die gedankliche
Vertiefung, in die Meditation hineinzutragen, und man
wird gewahr werden, dafi, wenn man durch den Gedanken,
iiber den Gedanken zu der geistigen Wesenheit emporsteigt,
man in die iibersinnliche Welt hineinkommt. Aber die Frage
mufi entstehen: Kann der Mensch nur auf dem Wege des
Gedankens in die Realitat, in die Wirklichkeit hineinkom-
men?
Um diese Frage zu beantworten, mufi auf eine andere
Seite des Verhaltnisses des Menschen zu den iibersinnlichen
Welten hingewiesen werden. Wie der Mensch in Welten-
weiten, in Raumesspharen schweift auf dem eben charak-
terisierten Wege, so kann er audi in sein eigenes Wesen ein-
dringen. Dann kommt er allerdings zu etwas, was ihn ebenso
von dem Gedanken abfiihrt, wie ihn der diarakterisierte
Weg zum Gedanken hingefiihrt hat, denn sowohl die ma-
terialistisdie Gedankenwissenschaft wie die, von der ich
gleich sprechen werde, fiihrt von dem Gedanken ab. Ma-
terialistisdie Gedankenwissenschaft zeigt, dafi das Denken
an den Gehirnprozefi gebunden ist, dafi iiberall in der Welt
kein anderes Denken gefunden wird als das, welches an das
Gehirn gebunden ist. Aber wenn der Mensch von dem Den-
ken zu sich selber zuruckkehrt und sich iiber sich klar wird
und sieht, wie die Gedanken und sein ganzes Geistesleben
gleich Schaumblasen aus den Tief en des Meeres seines Seelen-
lebens hervorsprudeln, dann gibt es etwas zu erleben, wo
heraus der Gedanke hervorgeht. Allerdings entsteht da die
tiefe Unbefriedigtheit, welche der empfindet, der ein Ver-
standnis hat fiir die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens,
wenn die Gedanken nur ein Schaumgebilde sein sollten auf
der Oberflache des wogenden Meeres des Seelenlebens; denn
wenn sie das waren, dann ware die Welt sinnlos. Das ist ein
Gefuhlserlebnis fiir den, der ein Verstandnis hat fiir den
Sinn des Lebens. Aber es soli nun charakterisiert werden,
wie man durch eine andere Richtung zu etwas kommt, was
befreit ist von dem abstrakten Gedanken, die vollsaftig ist,
die uns auf uns selbst zuriickweist, und die vom Gedanken
frei ist, die alles das nicht hat, was eben geschildert worden
ist als das Abstrakte, Nuchterne, Trockene der Verstandes-
erkenntnis, der Gedankenwissenschaft.
Was uns so die andere Richtung gibt, ist das, was wir
mystisches Erleben nennen. Der Mensch, der in seine eigene
Gefiihlswelt untertaucht, nach wahrer Selbsterkenntnis
strebt, der in die Lage kommen kann, einmal den Blick ab-
zuwenden von dem, was uns in der Welt umgibt, der kommt
dahin, wohin die groften Mystiker gekommen sind. Wenn
wir bei diesen Mystikern Umschau halten, so horen wir von
ihnen,dafi sie dasHochste, was sie sich als einGottliches vor-
stellen, das durch die Welt waltet und wogt, in ihrem eige-
nen Innern erleben. Im Innern des Menschen lebt ein gott-
lidier Funke audi. Das ist das, was zum Beispiel immer wie-
der und wieder durch solche mystischen Auseinandersetzun-
gen geht, wie wir sie bei Meister Eckhart, Johannes Tauler
und vielen anderen finden. Das ist ein unmittelbares mysti-
sches Erleben. Aber etwas, was charakteristisch ist, weist ein
solches my stisches Erleben immerf ort auf , und das ist ja etwas,
was gegen die Bedeutung eines solchen mystischen Erlebens
fur die Menschheit von den Gegnern desselben immer vor-
gebracht wird. Es hat dieses mystische Erleben etwas Indivi-
duelles, etwas ganz Personliches. Und wer so in das ein-
dringt, was man in den Untergriinden der Seele erleben
kann als den gottlichen Funken, der uns aufklart iiber die
Welt und ihre innersten Griinde, und gerade der, welcher
dieses am starksten erlebt, wird sagen: Es ist das ein inneres
Erleben von einer solchen Tiefe, einer solchen Weite, dafi
menschliche Begriffe, wie man sie sonst fur anderes gelten
lassen kann, nicht fahig sind, das, was so erlebt wird, zu
ubermitteln. - Die tiefsten Mystiker werden gerade damit
einverstanden sein, dafi man dieses Erleben gar nicht in Ge-
danken, geschweige in Worte bringen kann, dafi alles Ge-
dankenleben unvermogend ist gegeniiber den Tiefen des
Gottlichen, das man in den Tiefen des eigenen Erlebens
durchmachen kann, wenn man sich eins fiihlt mit dem, was
als Gottliches die Welt durchpulst, wenn man sich aus einer
inneren Uberzeugung klar ist iiber das, was die Welt durch-
webt. Erleben kann man es — werden die Mystiker sagen -,
aber in Gedanken bringen, kann man es nicht. Daher kann
man es nicht in den gebrauchlichen Vorstellungen andern
ubermitteln, sondern es kann nur das Weltenratsel von
jedem Einzelnen personlich erlebt werden.
Eines tritt einem da entgegen: das namlich, was man in
Gedanken glaubt als sein Eigenes zu haben. Aber damit ist
wieder das verknupft, wodurch man nicht wahrhaft zu dem
gottlichen Welteninhalte kommen kann, was Sie lesen kon-
nen bei alien Mystikern, die es beschrieben haben. Da kommt
die Seele zu inneren Feinden. Da kann der Mensch dann
nicht mehr sagen: Wenn ich dieses oder jenes aufsteigen
fuhle, diese oder jene Leidenschaft fuhle, dieses oder jenes
erlebe und so weiter, dann stent das in meiner eigenen Ge-
walt. - Nein! Dann kommt sich der Mensch vor, wie wenn
er von inneren Feinden er griff en ware, gegen die er zunachst
nicht Herr werden kann, aber iiber die er Herr werden mufi,
wenn er durchbrechen will, was ihn von s einem inneren
tiefsten Wesen und damit vom inneren Weltwesen trennt.
Da f angt man an das, was mehr ist als das, was wir durch
Gedanken wissen, in unserem Innern als etwas zu fuhlen,
was aus uns selbst heraufsteigt, was sich iiber dieses Selbst
ergiefk, und man kommt zur Notwendigkeit, in bezug auf
alles, was man erkennenswert findet, Krafte zu suchen,
durch die man es iiberwindet. Da miissen wieder gewisse
Gefuhle den Mystiker durchdringen. Denn wenn die My-
stiker nur betonten: Du brauchst nur in dich einzudringen,
dann wirst du den Gott erleben, — dann ware das wieder
ein solches selbstzufriedenes in sich Hineinsteigen, wie das
selbstzufriedene Leben in Gedanken und Ideen.
Wenn man aber zur Realitat kommen will, so mufi man
etwas erleben, was eine ganz bestimmte Gefuhlsweise ist,
die sich in folgender Art definieren lafk. Manche von Ihnen
werden es schon durch ihr eigenes alltagliches Leben besta-
tigt gefunden haben. Wir alle kennen Schmerzen, kennen
Leiden. Gehen wir zunachst von einem Leiden aus, das man
am leichtesten kennenlernen kann. Jeder weifi, wie qualvoll
physisdie Schmerzen und Leiden werden konnen. Aber er
weifi vielleicht auch, dafi es, wenn der Schmerz sich immer
mehr und mehr steigert, ein Stadium der Starke des Schmer-
zes gibt, wo derselbe in ein gewisses Stadium der Seligkeit,
ja sogar der Lust iibergehen kann. Das wurde dort ausge-
nutzt, wo man die Leute, die man den Quellen des Daseins
naherbringen wollte, quake, so dafi der Schmerz so stark
wurde, dafi er ins Gegenteil umschlug. Da gibt es solche Sta-
dien, in denen man im Schmerz etwas empfindet, was wie
eine Art von Lust und Seligkeit auf taucht. Etwas Ahnliches,
nicht das gleiche mufi der empfinden, welcher in sein Inneres
untertaucht, wo er alles, was sich ihm feindlich gegeniiber-
stellt, mit aller Kraft iiberwindet. Eine Vorstellung davon
bekommt man, wenn man die Mystiker liest, die beschrei-
ben, wie sie sich anstrengten, um gegen alle Versuchungen
der Leidenschaft, des Egoismus zu kampfen. Die Selbstsucht,
die Leidenschaft wachsen dabei ins Grofie. Das ist noch ein
flaches in sich Hinuntersteigen, wenn man nicht empfindet,
wie Leidenschaft und Selbstsucht wachsen als unsere Feinde.
Wenn man dann die Kraft flndet, zu zerstauben, zu zersplit-
tern, was innere Versuchungszustande sind, dann dringt
man in die Tiefen der Seele ein, wo das untersinnliche Le-
ben der Seele beginnt, was aber auch iiber das blofi sinnliche
Leben hinausgeht. Aber es diirfen die geschilderten Dinge
nicht im trivialen Sinne verstanden werden. Da ist dann
leicht zu sagen: Dies sind subjektive Erlebnisse, durch die
man zu keiner wahren Erkenntnis kommt. - Wenn sie aber
so genommen werden, wie sie hier gemeint sind, so weifi
man: Wenn man in das eigene Innere hinuntersteigt und
die starken Krafte der Uberwindung aufrufen mufi, dann
kommt man zu etwas, was nidit blofi fur den einen oder
den anderen Menschen gilt, sondern was jeder durdi sein
Eintreten in die iibersinnliche Welt erleben kann.
Wenn die Mensdien einmal durch einen soldien Weg in
die iibersinnliche Welt hineingekommen sind, dann wissen
sie ganz genau, daft der Mensch ein Verhaltnis, eine Bezie-
hung hat zu einer Welt, die iiber das hinausliegt, was die
Sinne, der gewohnliche Verstand und die Vernunft dem
Menschen geben konnen, und daft der Mensch mit seinem
ganzen Dasein in einer Welt wurzelt, die nicht entsteht und
vergeht wie die Sinneswelt, sondern gegenuber dieser eine
ewige ist.
Heute kam es darauf an, das Verhaltnis des Menschen zur
iibersinnlichen Welt zu schildern. Im nachsten Vortrage wird
davon gesprochen werden miissen, wie sich der Mensch iiber
die wichtigsten Angelegenheiten, iiber alle Sehnsuchten und
alles, was uns im Leben naheliegt, eine solche wissenschaft-
liche Erkenntnis erringen kann, iiber Tod und iiber Un-
sterblichkeit. Und im Verlaufe der Vortrage wird sich uns
zeigen, daft solche Wege, solche Verhaltnisse des Menschen
zu den iibersinnlichen Welten, wie sie heute geschildert wor-
den sind, in genau demselben Sinne wissenschaftlich sind wie
eine physikalische, chemische oder biologische Wissenschaft.
Denn was gewohnlich entgegengehalten wird, wenn auf die
Unmoglichkeit solcher Erkenntnisse des Obersinnlichen an-
gespielt wird, ist, daft man sagt: Wenn wir die Krafte unter-
suchen, die der Mensch zur Wissenschaft, zum Erkennen hat,
so zeigt diese Untersuchung, dafi die Erkenntnisf ahigkeiten
des Menschen begrenzt sind, daft er nicht hinein kann in
eine iibersinnliche Welt. - Aber kein ernster Geisteswissen-
schaftler, der da behauptet, daft die iibersinnlichen Welten
in demselben Sinne erkennbar sind wie die sinnliche Welt,
wird sagen, daft das, was man gewohnlich unter den Er-
kenntniskraften versteht, wenn man von einer Unzugang-
lichkeit der iibersinnlichen Welt fur den Menschen spricht,
in die iibersinnliche Welt hineinfiihren konnte. Was die
Philosophen, was die Naturforscher und Monisten unter
den Erkenntniskraflen verstehen, wenn sie sagen: Die Er-
kenntniskrafte des Menschen mttssen sich fernhalten von
einer Welt, die nur zur Phantastik fiihren konnte, - von
denen mufi auch der wahre Geistesforscher sagen: Diese
Krafle konnen allerdings nicht in die iibersinnliche Welt
hineinfiihren! - Und wenn man noch so streng philosophisch
untersucht, was der Mensch mit dem vermag, was ihm an
gewohnlichen Erkenntniskraflen zur Verfiigung stent, so
wird man doch immer antworten mussen: Diese Erkenntnis-
krafte sind ungeeignet, um in die iibersinnliche Welt hinein-
zufiihren.
Betrachten Sie aber demgegeniiber den ganzen Gang der
heutigen Auseinandersetzung, so werden Siesehen: nirgends
wurde behauptet, daft der Mensch mit dem, was in der Phi-
losophic oder in der Naturwissenschaft Erkenntniskrafle
genannt werden, in iibersinnliche Welten eindringen konne.
Sondern es wurde gesagt, daft der Mensch erst einen Weg
durchmachen mufi von dem Standpunkte, wo er steht, zu
einem andern Standpunkte hin, und daft er von den Er-
kenntniskraflen, von denen mit Recht gesagt wird, daft sie
nicht in eine iibersinnliche Welt hineinfiihren konnen, zu
anderen aufsteigen mufi, die dann geeignet sind, um in die
iibersinnliche Welt hineinzugelangen. So wenig es richtig
sein wird, zu behaupten, daft ein Blinder ohne die Augen
Farben sehen wird, so richtig ist es, daft ein Blinder, wenn
man ihn operiert und er seine Augen wieder gebrauchen
kann, dann auch in die Farbenwelt hineinschauen kann. So
sehr der Kantianismus recht hat, daft die gewohnlichen Er-
kenntniskrafle des Menschen nicht hinreichend sind zur
Erkenntnis eines Ubersinnlichen, so wahr ist es, dafi sich der
Mensch Erkenntniskrafte aneignen kann, durch die er dann
in die Welten einzudringen vermag, die oft so fern geglaubt
werden. Nicht von dem Gebrauch der gewohnlichen Er-
kenntniskrafte geht die Geisteswissenschaft aus, sondern
von denjenigen, welche man sich erst anzueignen hat. Und
das ist zugleich ein Hineinwachsen des Menschen in die
Ubersinnliche Welt.
Der Mensch kann sowohl durch Gedankenvertiefung,
Meditation, den Weg hinaus finden in Weltenfernen und
Raumestiefen und in Verbindung kommen mit den iiber-
sinnlichen Welten, wie er auch durch das, was tiefer liegt als
das gewohnliche Bewufitsein, durch sein eigenes Geistiges,
sozusagen mit Durchstofien der gewohnlichen Schichten des
Seelenlebens in das hineinkommen kann, was ubersinnlich
oder untersinnlich ist, was aber dann zusammenfallt mit
dem, was er aufien findet. Denn was der Mensch so findet,
das zeigt sich - und die ubrigen Vortrage sollen ein Beweis
dafiir sein - als innig mit dem Menschen verwandt. Wenn
der Mensch den Weg hinaus findet durch Gedankenversen-
kung in Raumesweiten und Weltenfernen und solche Emp-
findungen und Gefiihle mitnimmt, wie sie geschildert wor-
den sind, so trifft er zwar fremde Geisteswelten, aber er
trim: doch solche, mit denen er verwandt ist, und aus denen
er seinen Ursprung hat. Und wenn er den Weg durch sich
selber findet, dann tritt er in Geisteswelten ein, die auch
nicht mit dem gewohnlichen Bewufitsein zu umspannen
sind, die aber real als seine geistigenUntergrunde vorhanden
sind. Da findet er wiederum sich selbst. Und wenn er ver-
gleicht, was er durch Vertiefung in sein Inneres, und was er
durch Erweitern seines Bewufitseins nach aufien findet, so ist
es dasselbe: des Menschen wahres geistiges Wesen, des Men-
schen wirklicher Ursprung. Es ist die Eroffnung nach Wei-
ten, die geistig sind, und in denen, mit dem Ausdruck eines
alten Mystikers, der Mensch urstandet.
Dann kann der Mensch aus diesen Welten, wenn er sie
seiner Erkenntnis zuganglich macht, tiefste Befriedigung
finden, um die hochsten Sehnsuchten in seiner Seele zu stil-
len, die vorhanden sind durch den Drang des Lebenssinnes,
durch den Drang nach Beantwortung der Frage: Was ist das
Beste an mir selber, was in ganz anderem Sinne vorhanden
sein miiftte als das, was als materielle Welt um mich herum
ist? - Dann findet der Mensch aber auch, was er braucht zur
Kraft der Arbeit, zur Lebensfreudigkeit, ja zur Lebensmog-
lichkeit und zur Lebensgesundheit. Denn das folgt aus einer
solchen Vertiefung in die Welt, wenn wir uns durchdringen
mit Kraften, die aus den untersten Tiefen unseres Seelen-
wesens heraufgeholt, die aus Weltenweiten herangeholt
sind, damit wir feststehen auf dem Boden, auf dem wir
arbeiten und einen Sinn des Daseins erkennen konnen. Und
wenn ich zusammenfassen darf , was die heutige Betrachtung
geben soil, was wie ein Grundton durch die ganze Vortrags-
reihe iiber die iibersinnlichen Welten beweisend hindurch-
klingen soil, so mochte ich dies mit den Worten tun:
In weiten Weltenfernen
Erkennend Menschenwesen,
In Seelentiefen
Erlebend Weltenkrafte,
So erlangt der Mensch
Rechtes Weltenwissen
Durch wahre Selbsterkenntnis.
TOD UND UNSTERBLI CHKEIT
IM LICHTE DER GEISTES WISSENSCHAFT
Berlin, 26. Oktober 1911
Wenn der Gegenstand der heutigen Betraditung «Tod und
Unsterblichkeit» genannt wird, so konnte es scheinen, als ob
zunachst die Veranlassung zu einer solchen Betraditung in
den personlichen Bediirfnissen der menschlichen Seele ge-
geben sei, die nicht viel zu tun haben mit Erkenntnis, mit
Wissenschaft. Allein wenn Sie die Reihe der Vortrage iiber-
blicken, welche in diesem Zyklus als geisteswissenschaflliche
gehalten werden sollen, so werden Sie allerdings sehen, dafi
an die betrachteten Gegenstande schon durch die Titelwahl
und dergleichen ein wissenschaftlicher Mafistab, wenn audi
ein geisteswissenschaftlicher Mafistab, angelegt werden soli.
Daher wird audi die Betraditung dieses Abends nicht so sehr
von demjenigen ausgehen, was wir innerhalb unseres blofien
Gefuhlslebens finden, innerhalb unserer Sehnsuchten und
Wiinsche gegenuber einem Leben, das iiber das physische
Leibesleben hinausgeht. Es wird sich vielmehr darum han-
deln: Wie mufi sich die menschliche Erkenntnis ganz in dem
Sinne, wie sich diese Erkenntnis zu anderen Gegenstanden
unseres Wissens stellt, zu den Fragen von Tod und Unsterb-
lichkeit stellen? Denn wenn wir absehen von der Sehnsucht
nach einem Leben, das iiber das leibliche hinausgeht, wenn
wir von dem absehen, was etwa im Sinne der BegrifFe wie
Todesfurcht und dergleichen zu verstehen ist, so haben wir
darin als Bleibendes fur die menschliche Erkenntnis in bezug
auf Tod und Unsterblichkeit nichts geringeres als die Frage
nach dem Wesen unseres menschlichen Lebens, unserer gan-
zen menschlichen Individualitat uberhaupt.
In unserer Gegenwart konnte es allerdings scheinen, als
ob bei alien Betrachtungen des geistigen Lebens diese wich-
tigen Fragen nach Tod und Unsterblichkeit wie ausge-
schlossen erscheinen miifiten. Denn nimmt man heute eine
der offiziellen Seelenlehren der sogenannten Psychologie in
die Hand, so wird man zwar in aller Breite die Erschei-
nungen des Seelenlebens abgehandelt finden, insofern sie
uns im Alltage entgegentreten, zum Beispiel die Frage der
Begriflfsentwickelung, die Frage des Gedachtnisses, der
Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit und dergleichen, aber
man wird vergeblich nach einer Auseinandersetzung iiber
das eigentliche Wesen unseres Seelenlebens suchen. Ja man
wird in den meisten gerade wissenschaftlichen Kreisen gegen-
iiber diesem Seelenleben das Vorurteil antreffen konnen,
dafi derjenige schon Dilettant sein mufi, der uberhaupt diese
Fragen als wissenschaftliche aufwerfen will.
Nun muft allerdings das Denken, das wissenschaftliche
Anschauen in andere Bahnen gelenkt werden, als es ge-
wohnlich wird, wenn die Gegenstande, die in Worte wie
Tod und Unsterblichkeit sich einschliefien, betrachtet werden
sollen. Da wird man nicht mit dem ausreichen, was heute so
gern getrieben wird: mit einer Seelenlehre - wie man sie so
nennt - ohne Seele, das hei£t mit einer Seelenlehre, bei der
nur die Erscheinungen des Seelenlebens betrachtet werden
sollen, ohne eine Moglichkeit des Ausblickes auf das eigent-
liche Wesen dessen, was in unserer eigenen Individualitat
ruht und dessen Ausdruck die Erscheinungen der Seelen-
erlebnisse sind. Geisteswissenschaft oder Anthroposophie
ist nun gegeniiber diesen wie auch anderen Fragen eine un-
gewohnte Anschauungsweise. Allerdings das, was sie gerade
in bezug auf die Fragen nach Tod und Unsterblichkeit zu
sagen hat, das tauchte, man mochte sagen, wie aus dunkeln
Geistesgriinden nun schon seit mehr als einem Jahrhundert
aus dem abendlandischen Kulturleben herauf . Nur hat man
es immer wie einen Traum einzelner Menschen genommen,
wie den Traum vielleicht auch ganz hervorragender Men-
schen, wenn es auftrat bei einem Geiste, der sonst so Ge-
waltiges, so Grofiartiges fur die deutsche Geisteskultur ge-
leistet hat, wie zum Beispiel bei Lessing. Man hat es aber
auch als einen bedeutungslosen Traum angesehen, wenn es
bei solchen auftrat, der en Namen innerhalb desGeisteslebens
der letzten Jahrzehnte weniger klangvoll genannt werden.
Geisteswissenschaft stent auch da, wo es sich darum han-
delt, solche entfernten Dinge zu behandeln wie die, welche
sich in die Worte Tod und Unsterblichkeit einschliefien,
nicht in irgendeinem Gegensatze zu dem, was heute die so
bewundernswurdige Naturwissenschaft leistet. Allein der
Glaube ist vielfach verbreitet, als ob die Naturwissenschaft
das ablehnen musse, was die Geisteswissenschaft ihrerseits zu
sagen habe. So konnen wir es erleben, dafi jedesmal, wenn
irgend etwas Neues auftaucht, wie es zum Beispiel im letz-
ten Jahrzehnt in bezug auf die Probleme des Lebens ge-
schehen ist, darauf hingewiesen wird, wie denn die Annahme
eines eigentlichen geistigen Lebens, das uber das blofi kor-
perliche, materielle Leben hinausgeht, nach und nach vollig
uberwunden werden muE. Geisteswissenschaft ist durchaus
nicht gezwungen, irgend etwas zu verneinen, was zum Bei-
spiel in solchen Auseinandersetzungen auftritt wie in jenen
von Jacques Loeb in den letzten Tagen des Monisten-Kon-
gresses uber das Problem des Lebens, wahrend Geisteswissen-
schaft allerdings immer wieder und wieder, wie auch da-
mals zu horen bekommt, dafi es nun endgiiltig aus sei mit
einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung, wenn man hof-
f en diirfe, dafi es endlich im Laboratorium gelingen werde,
Leben, lebendiges Werden aus den aufieren Bedingungen
materiellen Geschehens herzustellen.
Gegeniiber alien solchen Dingen braucht man nur an eines
zu erinnern. Es hat im Menschheitsleben und Menschheits-
denken Zeiten gegeben, in denen man wahrhaftig nicht
daran gezweifelt hat, dafi man einmal im Laboratorium
werde Leben erzeugen konnen. Und alle, die sich bei der
Darstellung des Homunkulus im zweiten Teile von Goethes
« Faust » etwas gedacht und sich daran erinnert haben, dafi
diese Darstellung des Homunkulus wirklich eine ArtTraum
der Naturforschung der Vorzeit war, das heilk die Dar-
stellung nicht blofi eines untergeordneten Lebendigen, son-
dern es war ein Traum der Naturforscher, das Hochste, den
Menschen, einmal im Laboratorium herzustellen, — alle,
welche diesen Traum hegten, dachten durchaus nicht daran,
daft nun der Geist aus aller Menschheits- und aller Welt-
betrachtung abgeschafft werden mufi. Nicht darin liegt
gegeniiber alien geistigen Betrachtungen des Lebens ein
Widerspruch, dafi man hoffen konnte aus der Zusammen-
fugung von au£eren Stoffen lebendiges Werden herzustellen.
Nein, es liegt lediglich an der Richtung des Denkens, an der
Richtung, welche die Denkgewohnheiten nehmen. Und die
Denkgewohnheiten, welche sich bei demjenigen ausbilden,
der sich immer mehr und mehr in das vertieft, was hier
Geisteswissenschaft genannt wird, diese Denkgewohnheiten
zeigen eine Anschauung eines gewissen, iiber das Materielle
hinausgehenden Faktors im menschlichen Werden, in der
ganzen menschlichen Entwickelung.
Die rein materialistische Anschauung iiber das Leben des
Menschen sagt: Da sehen wir einen Menschen in das Dasein
treten, und wir beobachten, wie sich, sagen wir, von der
Geburt oder Empfangnis an, die materiellen Prozesse so
und so abspielen, und wir sehen, wie der Mensch nach und
nach aus einem unbeholfenen Wesen iibergeht zu einem
Menschen, der sich ins Leben hineinfindet, Lebensaufgaben
vollbringen kann. Und aufierdem sehen wir nach gewisser-
mafien aufsteigenden Prozessen wiederum absteigende, die
nach und nach zur Auflosung der physischen Korperlichkeit
oder zum Tode f uhren. - Diese materialistische Betrachtung
des Lebens richtet einzig und allein ihr Augenmerk auf das,
was man mit Augen sehen oder mit dem bewaffneten Auge
und mit Denk- und Forschungsmethoden, die auf sinnliche
Anschauung gebaut sind, erreichen kann. Da wird man wohl
audi gezwungen, iiber das hinauszugehen, was mit dem Mo-
ment der Geburt oder der Empfangnis gegeben ist, denn es
lafit sich doch nicht alles, was an dem Menschen erscheinen
wird, erklaren, wenn man bloE diejenigen Faktoren in Be-
tracht zieht, welche zwischen der Geburt oder der Emp-
fangnis und dem Tode walten. Da kommt man dann dahin,
von vererbten Anlagen zu sprechen, das heifit von dem-
jenigen, was der Mensch in sein eigenes Wesen hineinver-
pflanzt haben soli durch das, was seine Eltern oder noch
altere Vorfahren als Eigenschaften in sich getragen haben.
Aber soweit man innerhalb der rein materiellen Betrach-
tungsweise bleibt, glaubt man, da£ alle Faktoren, alle Ele-
mente, welche das Leben des Menschen erklaren sollen, sich
in dem erschopfen, was man beobachten kann zwischen Ge-
burt und Tod, oder was sich in das menschliche Leben durch
die vererbten Eigenschaften der Eltern oder anderer Vor-
fahren hereinverpflanzt.
Sobald allerdings die Menschen denkend daran gehen,
diese Vererbung beim Menschen wirklich zu durchforschen,
kommen sie bald darauf, wie es im Grunde genommen recht
aberglaubisch ist und keinem Aberglauben der fniheren
Zeiten etwas nachgibt, alles, was der Mensch ausleben kann
in seinem Leben, etwa auf vererbte Anlagen zuriickfuhren
will. Gerade im letzten Jahrzehnt hat ein sehr geistvoller
Historiker und Geschichtsforscher es einmal unternommen,
Familien, deren Abstammungsverhaltnisse bekannt sein
konnten, daraufhin zu priifen, inwiefern die Eigenschaften
der Eltern, Voreltern und so weiter in das Leben der Nach-
kommen hineinleuchten, namlich Ottokar Lorenz. Er konnte
aber auf diesem Wege der rein erfahrungsgemaftenBeobach-
tung zu nichts anderem kommen, als zu sagen : Wenn man
in die Vorf ahrenreihe von Menschen hinaufschaut, so findet
man doch, daft unter den zwanzig bis dreiftig Vorf ahren, die
ein jeder nach oben zahlen kann, immer Menschen da sind,
die entweder Genies oder Dummkopfe, Weise oder Narren,
Musiker oder sonstige Kiinstler, gewesen sind, so daft man,
wenn man die Vorf ahrenreihe herauf geht, alle Eigenschaften
haben kann, die sich bei irgendeinem Menschen finden, und
daft, wenn man sich an die Vorurteile naturwissenschaft-
licher Theorien hangt, in der Wirklichkeit nicht sehr weit
kommt, wenn man diese oder jene Anlagen, diese oder jene
Auspragung des menschlichen Charakters, diese oder jene
Eigenschaft erklaren will.
Geisteswissenschaft f iigt nun zu alle dem, was ja innerhalb
der Vererbungslinie als Bedingungen fur das menschlkhe
Leben wirklich gefunden werden kann und wenn es durch
Erfahrung gefunden wird, leugnet sie den Zusammenhang
nicht - einen geistigen Kern hinzu, den wir nicht finden
konnen in alle dem, was wir bei den Eltern, Voreltern und
so weiter suchen, sondern den wir innerhalb einer uber-
sinnlichen, einer geistigen Welt suchen miissen. So daft im
Laufe desjenigen Prozesses, der sich abspielt, wenn der
Mensch durch Geburt oder Empf angnis ins Dasein tritt, sich
mit den physischen Faktoren etwas verbindet, was man nicht
physisch aufzeigen kann, was geistiger Art ist. Und dieses
Geistige, das allerdings nicht mit physischen Augen gesehen
werden kann, das ist jene Wesenheit, die wir in uns tragen
als das Ergebnis unserer friiheren Erdenleben, wie man sagt.
Ebenso wahr, wie wir unsere physische Abstammung zuriick-
fiihren auf unsere Vorfahren, haben wir eine geistige Ab-
stammung zuriickzufiihren auf eine geistige Vorfahren-
schaft, das heilk auf uns seiber. Die Geisteswissenschaft ist
eben gezwungen, nicht blofi von einem Erdenleben des
Menschen, sondern von wiederholten Erdenleben zu spre-
chen. Allerdlngs mufi aus Griinden, die im Verlaufe dieser
Vortrage schon klar werden konnen, weit, weit zuriick-
gegangen werden, wenn wir unsere Wesenheit in unserem
vorigen Leben suchen wollen, so dafi wir im geisteswissen-
schaftlichen Sinne in bezug auf das Hereintreten des Men-
schen in das Erdenleben sagen: Wir bringen uns aus einem
friiheren Leben unseren Wesenskern herauf, wir haben
dieses fruhere Leben durchlebt, sind durch den Tod ge-
gangen und haben ein Leben zwischen dem Tode und dem
neuerlichen diesmaligen Auf treten in unserem gegenwartigen
Leben durchgemacht. - Die Geisteswissenschaft ist weiter
gezwungen, diesen Wesenskern, welcher nicht ein Produkt
des materiellen Daseins ist, sondern welcher gleichsam die
Materie sammelt und gestaltet, so dafi wir diese Leiblichkeit
werden, wieder durchgehend zu denken durch diePforte des
Todes, wenn der Leib sich auflost, um dann neuerlich ein
ubersinnliches, geistiges Leben zwischen dem Tode und einem
spateren Leben durchzumachen. Daher sprechen wir auf dem
Boden der Geisteswissenschaft von wiederholten Erdenleben.
So tritt uns diese Idee von den wiederholten Erdenleben
innerhalb des Abendlandes aus dem Zwange des Denkens
heraus zuerst bei Lessing auf in dem Werke, das er als sein
Testament hinterlassen hat, in der «Erziehung des Men-
schengeschlechtes», wo er von dieser Lehre sagt: Wenn sie
auch die alteste ist, wozu Menschen sich bekannt haben,
sollte sie darum nicht eine solche sein, die auf dem Gipfel
der menschlichen Entwickelung wieder auftreten muft? -
Und auch manche Frage, die eingewendet werden kann, er-
ledigt Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes>>
in bezug auf die wiederhoiten Erdenleben. Allerdings ist es
ja so, wenn dergleichen einmal bei einem hervorragenden
Menschen auftritt, dafi dann die Menschen, die diesen her-
vorragenden Geist beurteilen, gewohnlich sagen: Er hat ja
Grofies geleistet, ist dann aber spater auf diesen absonder-
lichen Traum von den wiederhoiten Erdenleben verf alien,
und man mufi das schon dem gro£en Lessing zugute halten,
der auch einmal diesen absonderlichen Irrtum begehen
konnte.-So fiihlt sich jeder kleine Geist berufen, die groften
Geister nut ihren so «schlimmen Irrtiimern» abzuurteilen.
Aber einzelne Menschen im neunzehnten Jahrhundert
liefi doch dieser Gedanke nicht ruhen, und schon bevor die
neuere darwinistische Naturwissenschaft heraufzog, stellt
sich der Gedanke der wiederhoiten Erdenleben als eine Not-
wendigkeit des menschlichen Denkens wieder ein. So tritt er
uns entgegen in einem Buche von Dro ft bach iiber die mensch-
liche Wiedergeburt, ein von unserem Standpunkte aus ver-
worrenes Buch, aber ein Versuch, der sich gerade gegeniiber
dem naturwissenschaftlichen Denken erlaubt, diesen Ge-
danken doch zu hegen. Bald darauf hat sich eine kleine Ge-
meinde gefunden, die einen Preis aussetzte auf die beste
Schrift iiber die «Unsterblichkeit der Seele», und diese preis-
gekronte Schrift von Widenmann, die 1851 erschien, be-
handelte die Unsterblichkeitsfrage vom Standpunkte der
wiederhoiten Erdenleben. So konnte ich noch manches an-
fiihren, was zeigen wiirde, wenn man darauf eingeht, wie
das menschhche Denken nach und nach bei vielen Menschen
dazu gefiihrt hat, diese Idee der wiederhoiten Erdenleben
ins Auge zu fassen.
Dann kam also die naturwissenschaftliche Betrachtung
des Menschen, die sich auf Darwin auf baute.Zunachst f uhrte
sie dazu, den Menschen materialistisch zu betrachten, und
sie wird ihn noch lange so betrachten. Aber wenn Sie mein
Buch «Theosophie» oder andere nehmen, die im Geiste der
Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft zugleich ge-
halten sind, so werden Sie sehen, da£ naturwissenschaftliches
Denken zu Ende gefiihrt, heute dem Menschen die Not-
wendigkeit aufzwingt, an die Idee der wiederholten Erden-
leben zu denken. Aber das ist es nicht allein. Nicht eine bloft
logische Konsequenz ist es, die ich Ihnen heute vorfiihren
will, sondern gezeigt soil werden, dafi in der Tat der Mensch
auf Grundlage desselben Prinzipes, das in der Naturwissen-
schaft herrscht, namlich des experimentellen, des Er-
fahrungsprinzipes, zu der Idee der wiederholten Erden-
leben kommen mulS. Da fragt es sich allerdings: Gibt es eine
Moglichkeit, Erfahrungen iiber das zu sammeln, was iiber-
sinnlich ist, was von einem anderen Leben heruberkommen,
was aus iibersinnlichen Welten hereintreten soil, was den
Menschenleib, so wie er ist, zur Folge haben und im Tode
wieder diesen menschlichen Leib verlassen soli?
Oberflachlich noch ohne die geisteswissenschaftlichen Fun-
damente kann ja gesehen werden, aber nur im groben, wie
ein Inneres, ein Seelisches an der aufieren Leiblichkeit des
Menschen arbeitet; nur liebt man heute Betrachtungen dieser
Art nicht besonders. Wenn sich aber der Blick des Menschen
genauer auf das richten wiirde, was man nennt die Physio-
gnomic des Menschen in ihrer verschiedenen plastischen
Ausgestaltung, wenn man in dieser Physiognomie, auch in
der Mimik des Menschen, in der Gebarde, die bei jedem
Menschen eine individuelle ist, den schaffenden Geist, die
schaffende Seelenkraft schauen wiirde, so wiirde man bald
ein Gefuhl, eine Empfindung davon erhalten, wie innerlich
der Geist an dem Leiblichen schafft. Man versuche es nur ein-
mal, einen Menschen zu beobachten, der etwa zehn Jahre
lang an Erkenntnisproblemen, an den groften Fragen des
Lebens gearbeitet hat, aber in der Weise daran gearbeitet
hat, wie man es in einer aufteren Wissenschaft oder Philo-
sophic tut, wo man iiber diese Dinge nachdenkt, ohne daft
sie einem viel sagen. Oder man versuche einen Menschen zu
beobachten, der sich mit diesen Fragen so beschaftigt hat,
daft sie ihm zu inneren Angelegenheiten des Seelenlebens
geworden sind, so daft sie ihn in Zustande hochster Seligkeit,
aber auch hochster Schmerzen und tiefster Tragik gefiihrt
haben, zu Ausblicken himmelan iiber das Dasein, die ihn
glikklich machen kbnnen, und wieder in Gebiete, die ihn
hochst unglucklich machen konnen. Man betrachte einenMen-
schen, der in seinem Gemiite die Erkenntnisfragen bewegt,
und man betrachte ihn, nachdem er so ein durch die tiefsten
und hochsten Regionen gehendes Seelenleben durch zehn
Jahre hindurch gefiihrt hat, und man wird sehen, wie sich
dieser Verlauf in der Physiognomie ausdriickt, wie das Ant-
litz des Menschen ein anderes geworden ist, wie in der Tat
das menschlich Seelische hineinarbeitet in die Leiblichkeit,
in die leibliche Form und Bildung. Konnte man nun durch
bestimmte Methoden ein solches Arbeiten an der aufieren
Leiblichkeit des Menschen weiter verfolgen bis dahin, wo
nicht nur gewisse Formen unseres Antlitzes so umgearbeitet
werden, daft ihnen das Geprage des Seelenlebens aufge-
driickt wird, sondern wo die unbestimmte Form, die der
Mensch zunachst im Erdendasein hat, ganz zu dem wird,-
was der Mensch als seine ausgearbeitete Gestalt hat? Konnte
man jenseits von Geburt und Tod das aufsuchen, was am
Menschen arbeitet und immer mehr und mehr hereingestaltet
in das leiblich Formhafte dieses Menschen?
Dazu ist notwendig, daft der Mensch sein Seelenleben
uber den Punkt hinausfuhrt, an dem es im alltaglichen
Leben heute stent. Der Mensch mufi lernen in sich selber das
"Obersinnliche zu ergreifen, das was keiner au£eren Beob-
achtung zugangKch ist. Nun kann jeder Mensch durch blofies
Nachdenken sozusagen die beiden Punkte finden, wo unser
Leben unmittelbar ans Obersinnliche anstolk. Diese beiden
Punkte sind der Obergang aus dem wachen Zustand in den
Schlafzustand und wieder aus dem Schlafzustand in den
Wachzustand. Denn niemand sollte sich dem unlogischen
Gedanken hingeben, dafi das menschliche Seelenleben mit
dem Einschlafen aufhore und mit dem Aufwachen wieder
entstehe. Was menschliches Seelenleben ist, was vom Morgen
bis zum Abend abfliefk als unsereTriebe,Begierden, Affekte,
Leidenschaften, Vorstellungen und so weiter, das mu£ wah-
rend des Schlafes in irgendeinem Daseinszustande sein, es
mufi mit anderen Worten irgendwo sein. Die grofie Frage
entsteht, die vielleicht das Kind stellt, die aber deshalb
durchaus nicht unberechtigt zu sein braucht bei dem, der sich
einlafit auf die Fragen der Erkenntnis, die Frage namlich:
Wohin geht des Menschen Seele, wenn der Mensch schlaft?
Wir sehen ja auch andere Prozesse aufhoren, wir sehen zum
Beispiel eine brennende Kerze verloschen. Kann man nun
vielleicht auch da fragen: Wohin geht das Feuer? Da werden
wir sagen: Das Feuer ist ein Prozefi, der aufhort, wenn die
Kerze verloscht, und der wieder beginnt, wenn sie wieder
angeziindet wird. - Konnte man nun den leiblichen Prozefi
des Menschen mit der Kerze vergleichen und sagen :Es ist das
Seelenleben des Menschen ein Prozefi, der verloscht, wenn
der Mensch am Abend einschlaft, und am Morgen angeziin-
det wird, wenn er wieder erwacht? Es sieht vielleicht so aus,
als wenn man diesen Vergleich gebrauchen konnte. Aber un-
moglich wird dieser Vergleich, wenn man in der Tat nach-
weisen konnte, dafi zwar nicht fur die gewohnliche Wahr-
nehmung oder Empfindung, wohl aber fur erne durch sorg-
faltige Seelenvorbereitung zu erlangende Empfindung
dasjenige vor uns hintreten kann, was mit dem Einschlafen
unseren Leib verlafit und ihn mit dem Aufwachen wieder
aufsucht. Wenn es sich so verhalt, dafi beim Einschlafen
nicht bloft ein Prozeft stattfindet wie der einer verloschenden
Flamme, sondern wenn wir verfolgen konnen, was abends
beim Einschlafen den Leib verlafit und ihn morgens wieder
aufsucht, wenn wir diesen Prozeft in seiner Realitat nach-
weisen konnen, dann haben wir ein ubersinnliches Innere
des Menschen gegeben, in bezug auf welches wir dann die
Frage gestellt erhalten: Wie wirkt es innerhalb der Leib-
lichkeit?
Sogar der beriihmte Naturforscher Du Bois-Reymond
hat den Gedanken ausgesprochen: Der schlafende Mensch,
wie er vor uns liegt, ist vom Standpunkte der Naturwissen-
schaft aus zu begreifen, nicht aber der wachende Mensch, in
welchem lebt, was an Trieben, Instinkten, Leidenschaften
und so weiter auf und ab wogt. Nun konnen Sie das, was
ich heute nur fliichtig, wenn auch genauer als beim ersten
Vortrage skizzierte, ausfuhrlicher in meiner Schrih1 «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» dargestellt
finden. Dort sind die Methoden geschildert, die wir nun
kurz berlihren wollen, durch die der Mensch in der Tat dazu
kommt, die Realitat dessen, was sich im Schlafe aus dem
Leibe herausbewegt, und was beim Aufwachen wieder in
ihn hineingeht, kennenzulernen. Fragen wir danach zu-
nachst aufmerksame Seelenbetrachter, die nicht unaufmerk-
sam an dem menschlichen Aufwachen und Einschlafen vor-
iibergehen, sondern sich eine gewisse Fahigkeit erworben
haben, um auf diese wichtigen Momente wie Einschlafen
und Aufwachen zu lauschen.
Da horen wir, was die Geisteswissenschaft durchaus be-
statigen kann, iiber das Einschlafen des Menschen sagen:
Zunachst verwandelt sich das, was in der Umgebung klar
und deutlich, mit scharfen Konturen vorhanden ist, wie in
ein Nebuloses, in ein Gebilde mit verschwimmenden For-
men. Dann fuhlt sich der. Einschlafende, wie wenn sein
ganzes inneres Wesen sich erweitert und nicht mehr ange-
wiesen ware auf die Formen seiner Korperhaut; das ist
verknupft mit einem gewissen Gefuhl der Seligkeit. Dann
kommt ein merkwiirdiger Moment, in welchem der Mensch
wie in einem fluchtigen Traumbilde alles das fiihlen kann,
was er wahrend des Tages an ihn bef riedigenden moralischen
Dingen vollbracht hat; das steht lebendig vor ihm, und er
weifi, es ist ein Inhalt seiner Seele, er fuhlt sich darinnen.
Dann kommt gleichsam ein Ruck, und der Mensch fuhlt
noch: Ach, konnte dieser Augenblick ewig dauern! - Gerade
diese Emphndung: Ach, konnte dieser Augenblick ewig
dauern, konnte er nie endigen! — fiihlen so manche, die den
Moment des Einschlafens beachten. Dann ist das Bewufit-
sein hingeschwunden.
Es kann schon gesagt werden, dafi der Mensch in einem
solchen Moment iibergeht in eine innere Wesentlichkeit,
innerhalb welcher das auftereLeibliche keineRolle spiel t, da
es ermiidet von des Tages Anstrengung, uns seine Krafte
nicht mehr zur Verfiigung stellt. Man fuhlt in einem solchen
Moment die Realitat des Seelischen wie vorbeihuschen. Und
alle die Methoden der Geisteswissenschaft, die wir auf dem
Gebiet der Geistesforschung experimentelle nennen konnen,
bestehen in nichts anderem, als dafi der Mensch die innere
Starke, die innere Kraft erhalt, dieses, was so dahinsch windet,
in voller Gegenwart sich zu erhalten, so dafi er den Moment
des Einschlafens in voller Bewufkheit durchmachen kann,
da£ nicht das Bewufksein schwindet, sondern erhalten
bleibt. Denn warum schwindet das Bewulksein beim Ein-
schlafen? Es schwindet, weil der Mensch im gewohnlichen
Leben nicht jene innere Starke und jenen Willen entfalten
kann, um dann nodi etwas zu erleben, wenn ihn die aufieren
Sinne verlassen. Fragen wir uns einmal, wieviel wir im ge-
wohnlichen Leben innerhalb der Seele durchmachen, was
nicht durch die aufieren Eindriicke anger egt ist, was nicht
wenigstens Erinnerungen bildet an das, was die Sinne an-
geregt haben? Da bleibt bei den meisten Menschen recht
wenig iibrig. Kein Wunder, dafi die innere Starke nicht be-
steht, die mit inneren Kraftstromen durchdringen kann,
was inneres Seelenleben ist, und was in dem Momente, da
es im Einschlafen heraustritt, von allem auEeren Erleben
verlassen ist. Auf der Durchdringung unserer Seele mit
Kraft, welche die Seele brauchen kann, um das Bewufitsein
zu erhalten, wenn sie dasselbe nicht durch den Leib ver-
mittelt erhalt, darauf beruht alle geistige Entwickelung.
Was wir Meditation, Konzentration, Kontemplation nennen,
sind experimentelle Mittel, um mit dem Seelenleben weiter
zu kommen, als man im gewohnlichen Leben kommen kann.
Ich will nur ein einzelnes Beispiel dafur anfuhren.
Nehmen wir an, ein Mensch komme dahin, einen Ge-
danken zum Beispiel des Wohlwollens oder einen anderen
in den Mittelpunkt des Erlebens zu stellen und alle anderen
Gedanken, auch die, welche durch Augen, Ohren und so
weiter eindringen konnen, davon auszuschlie£en, nur diesen
einen Gedanken festzuhalten, denn die Gedanken fliegen
ja in einem solchen Momente an den Menschen heran wie
die Bienen an die Blumen, wenn man innerhalb des gewohn-
lichen Lebens steht. Aber wenn man die Kraft haben kann,
zu solchen Obungen immer wieder und wieder zuriick-
zukehren, Konzentration des Denkens zu iiben, sich medi-
tativ zu versenken, sobald man von den bloften aufieren Ein-
driicken frei werden kann, und sich in bildhafte Gedanken,
die sinnbildlich etwas ausdriicken, immer wieder vertieft,
dann kann ein solcher Gedanke den Menschen in seinem
Seelenleben aufriitteln, so dafi er zu einer starkeren Kraft
wird, als der Mensch sie gewohnlich hat. Dann erreicht ein
solcher Mensch ein bewuStes Einschlafen, das heifk ein
Sichbewufitbleiben dessen, was aus dem physischen Leibe
herausgeht; er erlebt es bewufk, wie er mit dem Seelenleben
in eine geistige Welt hineinwachst. Und das ist kein Traum,
audi nicht was man eine Selbsttauschung oder Selbstsug-
gestion nennen kann, sondern etwas, was zwar jedem Men-
schen zuganglich ist, aber nur durch Sorgfalt und Energie zu
erreichen ist. Der Mensch kann sich auf diesem Wege voll-
standig frei machen von der Leiblichkeit. Wie er sich sonst
im Zustande des Schlafes unbewufk von ihr frei macht, und
wie jeder Mensch im Schlafzustande aufterhalb des physi-
schen Leibes ist, so wird er durch solche Ubungen bewuftt
lebend in dem, was sonst unbewulk aufierhalb des Menschen
vorhanden ist. Kurz, der Mensch kann auf dem Wege inner-
licher Seelenubungen eine Befreiung seiner Seelenwesenheit
von der Leiblichkeit erleben.
Gewifi, man kann einer solchen Darstellung, die sich auf
inneres Erleben stiitzt, immer entgegenwerfen: Das beruht
auf Tauschung! Aber ob es auf Tauschung oder auf Wirk-
lichkeit beruht, das lafit sich nur durch Erfahrung kon-
statieren. Daher mufi ich immer wieder sagen: Was der
Mensch auf diese Weise zu erleben glaubt, kann durchaus
eine Selbstsuggestion sein, denn wie weit geht der Mensch
in bezug auf Selbsttauschung! - Er kann so weit gehen, dafi
er, wenn er zum Beispiel blofi an eine Limonade denkt,
schon ihren Geschmack auf der Zunge hat. So kann etwas
durchaus den Eindruck hervorrufen, als ob es Wahrneh-
mung einer geistigen Welt sei, dennoch aber kann es Selbst-
tauschung sein. Wer daher solche Ubungen durchmacht und
seine Seele selbst zum Experimentator macht, mufi alle
Mittel zu Hilfe nehmen, um Tauschungen auszuschlieften.
Aber zuletzt entscheidet doch nur die Erfahrung. Gewifi, es
kann sich jemand den Gesdimack einer Limonade sugge-
rieren, aber ob er sich damit den Durst loschen kann, das ist
doch eine andere Frage.
Also es gibt die Moglichkeit, das, was im Schlafe aufter-
halb des physischen Leibes ist, als Realitat zu erleben. Wie
wird es erlebt? So, daft der Mensch, indem er immer weiter
und weiter geht in dem Selbstandigsein seiner Seele, eine
ganz neue Welt, eine Welt des Obersinnlichen kennenlernt.
Und er beginnt in der Tat zunachst eine Welt kennenzu-
lernen, die man nur eine Welt des geistigen Lichtes nennen
kann. Da stellt sich dann etwas ganz besonderes heraus. Was
der Mensch sonst seine Gedanken, seine Vorstellungen nennt,
und wovon er geneigt ist zu sagen: das sind nur Gedanken,
keine Wirklichkeiten - das ist etwas, was der Mensch mit
heriibernimmt, wenn er mit seiner Seele real aus dem Leibe
heraustritt. Sein gedankliches Leben lost er los von aller
Materialitat, und dieses gedankliche Leben macht in dem
Augenblicke, wo der Mensch von seiner Leiblichkeit frei
wird, eine Metamorphose durch. Was ich jetzt sage, erscheint
dem auf materialistischem Boden Stehenden wie etwas
Barockes, wie eine Traumerei, dennoch ist es eine Realitat.
Was wir in uns tragen als die bloften Gedanken, das ver-
wandelt sich in eine Welt, die wir vergleichen konnen -
allerdings nur vergleichen, es ist nicht dasselbe - mit einem
sich ausbreitenden Licht, das uns auf den Grund der Dinge
fiihrt. So kommt man in die Welt, in der man das Denken,
das man sonst an das Instrument des Gehirnes gebunden
hat, loslost und mit seinem Denken untertaucht in eine neu
erscheinende Welt. Das driickt sich in der Weise aus, daft
man sich immer mehr wie vergroftert und vergroftert fuhlt.
Da lernt man eine Welt kennen, von der die auftere phy-
sisch-sinnliche Welt nur eine Offenbarung ist. Geistige We-
senheiten, nidit Atome, liegen aller aufieren Sinneswelt zu-
grunde, und wir konnen als Menschen in diese geistige Welt
eindringen. So sehen wir uns gleichsam, wenn wir dieses
Selbstexperiment in unserer Seele vollziehen, aufgesogen
und auf genommen von einer solchen geistigen Welt.
Eine vollige Erkenntnis, welches Verhaltnis diese geistige
Welt zu uns Menschen hat, erlangen wir nur, wenn wir nun
audi den Moment des Aufwachens wieder geistig erleben
konnen. Audi das ist moglich. Es ist dann moglich, wenn
sich der Mensch damit beschaftigt, viel iiber sein inneres
Leben in innerer Meditation und Konzentration nachzu-
denken, wenn er zumBeispielallabendlichoder allmorgend-
lich dasjenige, was er am Tage oder am Vortage erlebt hat,
wie im Bilde Revue passieren lafit, um es innerhalb seiner
Handlungen oder mit seinen Handlungen verknupft, nach-
denkend zu betrachten, oder wenn er iiber seine sittlichen
Impulse nachdenkt und so recht in sich geht. Dann kommt
der Mensch dazu, auch wieder den umgekehrten Moment,
wo wir uns aus dem Leben da draufien wieder zusam-
menschliefien, um in unsere Korperlichkeit unterzutauchen,
jenen Moment, den wir sonst jedesmal beim Auf wachen un-
bewufit durchmachen, durch solche Ubungen bewufit zu
erleben.
Da erlebt er dann etwas, was nur in folgender Art charak-
terisiert werden kann. Sie alle wissen vielleicht, wie der
Schlaf eines Menschen, der gesunde ruhige Schlaf, von dem
abhangt, was wir seine Gemutsbewegungen nennen. Wenn
der Mensch noch soviel gedacht hat, sich noch so angestrengt
hat in seinem Denken, wird er leicht einschlafen. Wenn
aber Argerzustande, Gemutsbewegungen, Scham, Reue,
namentlich ein beunruhigtes Gewissen an ihm nagen, wird
er leicht sich. auf seinem Lager walzen und dazu kommen,
dafi der Schlaf ihn flieht. Nicht das Denken, das wir hin-
iibertragen konnen in die grofie geistige Welt, sondern
unsere Gemutsbewegungen sind es, die uns den Schlaf ver-
treiben konnen. Unsere Gemutsbewegungen sind aber das,
was zusammenhangt mit dem, was wir unser engeres Seelen-
leben nennen konnen. Unsere Gedanken haben wir mit aller
Welt gemeinschaftlich. Die Art und Weise, wie unsere Ge-
mutsbewegungen gerade auf uns wirken, wie sie uns Zorn,
Reue, Schmerz und Gluck bringen, das ist etwas, was innig
mit dem zusammenhangt, was wir selbst sind. Wer nun in
einer solchen Weise gelernt hat, bewufit seine Seele aus
seinem Leibe herauszubringen, der ist sich aus unmittelbarer
Anschauung audi klar, wie er seine Gemutsbewegungen in
die Welt hinaustragt, in welche er eintritt, wenn er leibfrei
geworden ist. Und so selig es uns auf der einen Seite macht,
leiblich bef reit in eine Welt des geistigen Lichtes auf zugehen,
so sehr fiihlen wir uns auch in dieser Welt wie an uns selbst
geschmiedet, an alles das, was unsere Gemutsbewegungen
sind, was sich auf uns abgeladen hat, was an uns selber nagt.
Damit gehen wir dann in die geistige Welt hinein und
mussen es auch wieder in unseren Leib hereintragen. Aber
durch die charakterisierten Obungen gelangen wir dazu,
beim Eintauchen in unseren Leib unsere Gemutswelt zu
finden. Sie tritt uns dann wie etwas Fremdes entgegen. Wir
lernen uns selber kennen, indem wir in unsere Gemutswelt
untertauchen, und lernen dadurch kennen, indem wir es
jetzt bewufrt verfolgen, was zehrend, was in Wahrheit
totend auf unseren Organismus wirkt. Ich bemerke hier,
dafi in einem spateren Vortrage zur Sprache gebracht werden
wird, wie Sterben und Tod etwas ganz anderes bedeuten,
wenn wir es bei Pflanzen oder Tieren betrachten als beim
Menschen. Die Geisteswissenschaft macht es sich nicht so
leicht, diese Erscheinungen in den drei Reichen gleich zu
finden. Beim Menschen findet sich, wenn wir das bewufk
verfolgen, was unser Seel eneigen turn geworden ist, dafi es
sich hineinlebt in unsere Leiblichkeit und darinnen zer-
storend wirken kann. Wir lernen dann kennen, wie der
innere Seelenkern des Menschen es ist, der nun tatsachlich
den Leib f ormt, auf den Leib wirkt, indem er sich mit dem
verbindet, was von Vater und Mutter und von den anderen
Vorfahren an physischen Faktoren kommt. Da sehen wir
den Menschen in das physische Leben hereintreten, sehen,
wie er zuerst in ungeschickter Weise hereintritt, wie er die
Sprache noch nicht herausbringt; dann sehen wir dieFormen
nach und nach immer bestimmter werden und sehen, wie er
nach und nach zum wirkenden Menschen wird.
Indem wir geisteswissenschaftlich die ganze Entwicke-
lung des Menschen betrachten, sehen wir, wie sich ein innerer
Wesenskern herausbildet und den Menschen formt, von der
Geburt oder Empfangnis an vom Geistigen in den Leib
hineinwirkend. Denselben Wesenskern, der schaffend am
Leibe wirkt, finden wir wieder, wenn wir verfolgen konnen,
wie er den Leib verlalk und in eine geistige Welt eindringt.
Da finden wir zweierlei: ein Element, das uns fahig macht,
unser eigenes Wesen wie in eine geistige Lichteswelt zu er-
giefien; aber wir finden auch in diesem Wesenskern etwas,
was wir in diese geistige Lichteswelt hineintragen mussen,
namlich das Gef iige unserer Freuden und Schmerzen, unserer
Gemiitswelt, das heilk alles dessen, was wir im Leben er-
fahren haben. In diesen beiden Dingen haben wir einmal
das, was am Menschen schopf erisch ist, was als unser geistiger
Wesenskern den Leib verlafit, durch den Tod hindurchgeht
und nach einer Zwischenzeit in einem neuen Leibe wieder
auftritt, und das, was wir zunachst nur als unsere Gemuts-
bewegungen kennen, was wir aber durch die geisteswissen-
schaftliche Anschauung als eine reale Wesenheit kennen-
lernen, als das, was unseren Leib zerstort, dem Tode ent-
gegenfiihrt.
So sehen wir daran, wie unser geistiger Wesenskern ins
Dasein hereintritt, den Leib nach und nach aufbaut, und
sehen am starksten diesen Wesenskern arbeiten in den ersten
Tagen, Wochen und Monaten, wo wir noch nicht ein inner-
liches Seelenleben fiihren, wo wir noch nicht dieses Seelen-
leben zum Denken aufriitteln konnen. Da sehen wir, wie
der Mensch gleichsam schlafend ins Dasein hereintritt. Und
wenn wir versuchen uns in unser em Leben zuriickzuerinnern,
^o konnen wir bis zu einem gewissen Punkt kommen, nicht
weiter. Wir haben uns ins Dasein gleichsam hereingeschlafen.
Erst vom dritten, vierten Jahre ab kann sich der Mensch
als ein Ich f iihlen, nicht f ruher. Das ist aus dem Grunde, weil
vorher jener geistige Wesenskern des Menschen damit be-
schaftigt ist, unseren Leib zu formen, auszubilden. Dann
kommt er an einen Punkt, wo der Leib nur noch zu wachsen
braucht, und von da ab kann dann der Mensch das, was
friiher in seinen Leib hereingeflossen ist, fiir sein Seelen-
leben, sein Bewulkseinsleben verwenden, das heifit fiir das,
was seine Gemiitsbewegungen bildet, was der Mensch von
der Geburt bis zum Tode tragt, was aber innerhalb der
Leiblichkeit immerfort so wirkt, dafi wir mit dem Zeit-
punkt, da wir anfangen zu uns «Ich» zu sagen, bis zu dem
wir uns spater zuriickerinnern konnen, wo wir ein inner-
liches Leben beginnen, die Notwendigkeit zu sterben in uns
aufnehmen.
Was erobern wir uns nun aber mit dieser Notwendigkeit
zu sterben? Wir erobern uns damit die Moglichkeit, die
auEere Welt, so wie sie uns umgibt, in uns aufzunehmen,
unser Innenwesen fortwahrend zu bereichern, so dafi wir
im Leben zwischen Geburt und Tod mit jedem Tage reicher
werden. In dem Teile unserer Wesenheit, den wir im Sdilafe
in die geistige Welt mit herausnehmen, der unser inneres
Seelenwesen bildet, liegt alles, was wir uns erwerben an
Lust und Leid, an Freuden und Schmerzen. Indem wir leben
und ein Bewufitsein entwickeln, haben wir fur unseren
inneren Wesenskern die Moglichkeit, fortwahrend sich zu
bereichern. Diese Bereidierung tragen wir mit uns, wenn
wir durch den Tod durchgehen, aber wir konnen sie nur
dadurch haben, dafi wir das ganze Leben hindurch an der
Zerstorung des Leibes arbeiten mufken. Unser Leib ist so
gebaut, wie er sich aus dem vorhergehenden Leben heraus
gestaltet hat. Wir nehmen aber fortwahrend Neues in uns
auf; das bereichert unser Seelenleben. Aber dieses Neue
kann nicht mehr ganz in unsere Leiblichkeit hineindringen,
sondern nur bis zu einem gewissen Grade, was sich dadurch
ausdriickt, dafi wir die Ermudung vom Tage vorher in uns
weggeschafrt fuhlen; aber nicht vollstandig kann es in
unseren Leib eindringen. Da ist in bezug auf das, was in
unseren Leib eindringt, eine Grenze geschaffen fiir die
weitere Entf altung des Leiblichen.
Nehmen wir noch einmal das friihere Beispiel, wo ein
Mensch durch zehn Jahre hindurch innerhalb seiner Seele
an Erkenntnisf ragen arbeitet. Da wird, wenn ihm diese Be-
schafligung eine innere Seelenangelegenheit ist, sich nach
zehn Jahren seine Phy siognomie entsprechend umgewandeit
haben. Doch es ist durch die Leiblichkeit der Umwandlung
eine Grenze gesetzt. Der Drang, sich innerlich weiter ,zu
entwickeln, kann noch bestehen; es kann sich aber das spater
Aufgenommene nicht mehr in den Leib hineinarbeiten.
Daher sehen wir, da der Leib eine Grenze setzt, erst das
reichere Innenleben dann beginnen, wenn sich die Seele in
den Leib ergossen hat. Zuerst sehen wir die Physiognomie
eines solchen Menschen — eines Denkers, Dichters oder
tieferen Kiins tiers - sich umarbeiten; dann erst sehen wir
das innere reiche Geistesleben sich entwickeln. Erst wenn
uns an unserer Aufienwelt eine Grenze gesetzt ist, entwickeln
wir uns so recht, konnen aber dann das, was wir in uns ent-
wickeln, nicht mehr in unsere Leiblichkeit hereintragen, weil
unser Leib nach dem aufgebaut ist, was wir uns in einem
fruheren Erdenleben erworben haben. Deshalb miissen wir
das, was wir uns dann noch innerlich erwerben, durch den
Tod hindurchtragen. Das hilft uns dann die nachste Korper-
lichkeit aufbauen, so dafi wir erst dann, in einem nachsten
Leben, in eine Leiblichkeit hineingebaut haben werden, was
auf unsere jetzige Leiblichkeit zerstorend wirken mufi.
Da eroffnet sich uns ein Ausblick, der ganz hineinpafit in
alles naturwissenschaftliche Denken, ein Ausblick auf das,
was Tod und Unsterblichkeit ist, was die wiederholten
Erdenleben sind. Da sehen wir, wenn wir unsere Physio-
gnomic umarbeiten, wenn wir das, was zuerst unbestimmt
in das Dasein hereintritt, immer bestimmter und bestimmter
hervortreten sehen, wie der Mensch das, was er sich durch
Erleben in der Seele in fruheren Erdenleben erworben hat,
hineingebaut hat in seine Leiblichkeit. Wir sehen in dem sich
entf altenden Leibe die Ergebnisse unseres fruheren Lebens,
und wir sehen in dem, was wir uns jetzt erwerben, was so-
zusagen als Geistiges unserem Leiblichen entgegensteht, die
sich entf altenden Anlagen zu unserem kiinftigen Leben. So
betrachtet die Geisteswissenschaft das Leben, das wir zwi-
schen Geburt und Tod fiihren, wie mitten drinnenstehend
zwischen Fruherem und Folgendem. Und die spateren Be-
trachtungen werden ergeben, wie in bezug auf die Zeit, wo
der Mensch durch eine lange Dauer leiblos lebt, wie ja im
Schlafe audi, unser Blick sich erweitert auf die Zeiten unse-
res Daseins, die der Mensch in den (ibersinnlichen Welten
zubringt. Aber damit solche Dinge nicht Hirngespinste blei-
ben, ist es notwendig, daft der Blick auf die Methoden hin-
gelenkt wird, durch welche die Seele fahig gemacht wird,
audi dann wahrzunehmen, wenn sie nicht das auftere phy-
sische Gehirn hat. Nur dadurch, daft der Mensch die Seele
fahig macht, im Ubersinnlichen wahrzunehmen, wird das,
was sonst eine blofte Behauptung bleiben muftte, zu einer
bewiesenen Realitat.
Wir stehen heute im Grunde genommen erst am Anfange
einer Wissenschafl, die sich mit solchen Dingen befaftt. Und
im weitesten Umkreise derer, die sich fur die besten Kenner
der Dinge, fur die Aufgeklartesten halten, wird man diese
Sachen gerade als Phantastereien ansehen. Der vor Ihnen
spricht, wundert sich nicht, wenn jemand sagen wiirde: Das
ist etwas, was ganz und gar Traumerei, Phantasterei ist, was
ganz und gar einer jeglichen wissenschaftlichen Wahrhek
der Gegenwart widerspricht! - Niemand wird begreiflicher
finden als ich selber, wenn jemand morgen oder nach dem
Vortrag einen solchen Ausspruch tun wird. Aber indem sich
die Menschen immer mehr und mehr in eine solche Geistes-
wissenschaft vertiefen, werden sie einsehen, daft wir durch
innere Versenkung unsere Seele dazu praparieren konnen,
daft sie fahig wird, innerlich von sich zu wissen, innerlich
Krafte zu entwickeln, durch die sie audi dann noch wissen,
auch dann noch wahrnehmen kann, wenn sie den Leib ver-
lafit und nicht mehr durch die Organe des Leibes wahrneh-
men kann. Das muft experimentell - konnte man sagen -
aber geistig-experimentell festgestellt werden, daft die Seele,
wenn sie sich nicht mehr der leibhchen Organe bedient,
etwas ist, was erfahren werden kann. Sie ist das, was durch
Geburten und Tode geht, was so wirkt, daft es sich seinen
Leib mit auferbaut, was durch den Tod geht, und was sich
zum Aufbau des neuen Leibes wahrend des Erdendaseins
neue Krafte sammelt.
So erlangt man mit den Fragen nach dem Wesen des
Menschen zugleich Antwort auf die Fragen nach Tod und
Unsterblichkeit. Wenn Goethe einmal in einem sehr schonen
Aufsatz gesagt hat, die Natur habe den Tod erfunden, urn
viel Leben zu haben, so bewahrheitet die geisteswissen-
schaftliche Forschung eine solche Ahnung Goethes, indem
sie sagt: In einem jeglichen Leben bereichert der Mensch sein
Seelenleben, sein Inneres; er mufS sterben, weil sein jewei-
liger Leib als Wirkung aus seinen fruheren Erdenleben auf-
erbaut ist, und indem er seinen Leib totet, schafft er sich die
Moglichkeit, um in einen neuen Leib hineinzubauen, was
er gegenwartig nicht in die Welt und in seinen Leib hinein-
bauen kann.
Eine solche Weltanschauung ergibt einen tiefen Einflufi
auf unser ganzes Leben. Und wenn sie unser ganzes Wesen
durchdringt, wenn sie uns nicht blofi Theorie bleibt, dann
f tihlen wir eine solche Wahrheit erst als eine wirkliche Le-
benswahrheit. Denn dann sagen wir uns, wenn wir die
Mitte des Lebens uberschritten haben, wenn die Haare an-
fangen zu erbleichen und Runzeln unser Gesicht zu erfiillen
beginnen: Es geht ab warts! - Warum geht es ab warts? Weil
das, was die Seele sich erobert hat, nicht mehr in den Leib
hineingetragen werden kann. Aber was wir uns innerlich
errungen haben, und was gegenwartig den Leib zerstoren
mufi, das wird in einen neuen Leib hineingebaut. Der Ein-
wand liegt nahe, und wir wissen, dafi er oft gemacht wird,
aber es soil in diesen Vortr'agen gerade versucht werden
dergleichen Einwande vorwegzunehmen, dafi jemand sagt:
Ihr Geistesforscher sagt uns da, wie der Mensch schwach
wird im Alter, wie sein Denken schwindet, wie sein Gehirn
schwacher wird, also sagt ihr damit, wie gerade mit der
Leiblichkeit der Geist dahinschwindet! - So selbstverstand-
Hch dieser Einwand ist, und so selbstverstandlich sich ihn
jeder machen mufi, der nodi nicht tief in die Geisteswissen-
schaft eingedrungen ist, so ist doch damit nur zugestanden,
daft ein soldier nicht dariiber denkt: Wo von ist denn unser
jetziges Gehirn auferbaut? - Von unserem friiheren Leben
ist es auferbaut! Und wir miissen mit unseren Gedanken
unsere Leiblichkeit, insofern in uns ein Gehirn ist, zerstoren.
Die Gedanken aber, die den Leib zum Absterben bringen,
sind die, welche sich des Gehirns bedienen. Dafi etwas auf-
horen mufi, was an ein Instrument wie das Gehirn gebunden
ist, ist ganz selbstverstandlich. Doch nicht unser geistiges
Wesen hort damit auf. Daher ist es, wenn sich der Mensch
in absteigender Richtung bewegt, dafi wir in uns nicht mehr
die geeigneten Werkzeuge finden, um das auszuleben, was
wir in dem gegenwartigen Leben uns angeeignet haben. Das
arbeitet aber in uns dann in einem Seelenleben, das nicht an
das Gehirn gebunden ist, und das daher auch nicht durch
Gehirngedanken zum Ausdruck kommen kann. Das arbeitet
dazu vor, um im nachsten Leben gestaltend zu wirken. Es
ist also nicht bloE im Sinne Goethes zu sagen: Die Natur
hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben - sondern
wir miissen sagen: Der Tod ist da, um das, was wir uns im
Leben innerlich erwerben, in neuen Formen auszuarbeiten!
In diesem Sinne konnen wir daher sagen, wenn wir das
Alter herankommen sehen: Gott sei Dank, daft das Leben
nach abwarts gehen kann, daft Tod sein kann! - Denn wiirde
er sich nicht ausbreiten, so konnten wir nimmermehr das,
was uns aus der herrlichen Welt zustromt, so aufnehmen,
daft es uns selber gestaltet. Damit wir das, was wir er leben
konnen, zum Inhalte unseres eigenen Wesens machen kon-
nen, brauchen wir als Menschen den Tod, miissen den Tod
haben. Daher sehen wir auf den Tod hin als auf das, wo-
durch gerade das Leben in einer inneren, hoheren Gestaltung
sich bilden kann. So gibt es im Grunde genommen in der
natiirlichsten Weise eine bessere Beraterin in der Geistes-
wissenschaft; sie ist nicht nur Trosterin gegeniiber der Todes-
furcht, sondern sie ist etwas, was uns Kraft gibt, indem wir
dem Tode entgegengehen und das Auftere absterben sehen;
wissen wir doch, dafi dann das Innere wachst. Die Geistes-
wissensdiaft wird das ganze Leben auf ein hoheres Niveau
stellen, auf dem das Leben in einer sinnvollen Vernunftig-
keit vor den Menschen hintritt.
Aus den folgenden Vortragen wird sich ergeben, dafi das
Leben nicht ohne Ende nach vorn und riickwarts ablauft,
sondern dafi auch die wiederholten Erdenleben einen An-
fang und ein Ende haben. Darauf soil jetzt nur hingedeutet
werden. Aus dem, was die Geisteswissenschaft uber Tod und
Unsterblichkeit zu sagen hat, ergibt sich, wenn wir auf das
gegenwartige Leben schauen, da£ wir seine Wirkungen in
einem folgenden Leben haben werden. So zerfallt fur die
Geisteswissenschaft das gesamte menschliche Sein in gewisse
Daseinsformen: in das Dasein zwischen Geburt und Tod
und in jenes zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Da sehen wir, was Goethe in bezug auf das einfache Leben
gefuhlt hat, auf das voile Leben erweitert, indem wir zu-
riickblicken nicht blofi auf das kleine Gestern, sondern auf
das grofte Gestern, wo wir uns unser gegenwartiges Leben
gezimmert haben. Wir blicken hin auf des Lebens Freuden
oder Leiden und empfmden: Freude ist das, was uns starkt
fur das Kommende; Leid ist das, was wir an Uberwindung
von Widerstanden aufbringen miissen, um uns ebenso fur
das Kommende zu starken. Da sehen wir einen grofien
Gegensatz des Lebens in die Zukunft hinein sich ausdehnen
und denken dabei an den Goetheschen Vers:
Liegt dir Gestern klar und often,
Wirkst du Heute kraftig frei,
Kannst audi auf ein Morgen hoff en,
Das nicht minder gliicklich sei.
Lebensgliicklichkeit, Lebensmut fliefit uns aus der inner-
lich begriffenen Geisteswissenschaft, indem sie uns zeigt: Es
ist in der Tat der Geist, der sich das Materielle formt und
sich in der Zerstorung des materiellen Lebens selbst erhalt,
um immer neu und neu sich selbst zu offenbaren, und der
dabei das neu Errungene anwendet. Das soli im Sinne des
heutigen Abends in die Worte zusammengefafk werden:
Lebend ofFenbart der Geist
Stets nur seine Kraft,
Sterbend aber zeigt der Geist,
Wie er durch alien Tod hindurch
Sich stets zu hoherm Leben nur bewahrt.
DER SINN DES PROPHETENTUMS
Berlin, 9. November 1911
Es ist gewifi richtig, was Shakespeare eine seiner beruhm-
testen Personen sagen lalk, und was im Deutschen gewohn-
lich mit den Worten wiedergegeben wird: Es gibt mehr
Dinge im Himmel und auf der Erde, als Ihr mit Eurer
Schulweisheit Euch traumen laik. — Aber es ist auch gewift
nicht minder richtig, was ein grofter deutscher Humorist,
Lichtenbergy gleichsam als Erwiderung darauf in die Worte
gefaftt hat: Es gibt viele Dinge in der Schulweisheit, die
weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sind! — Beide
Ausspriiche zusammen werfen gewisserma£en ein Licht auf
die Behandlungsart, die man vielem gerade in unserer Ge-
genwart angedeihen lalk in bezug auf das, wovon hier in
diesen Vortragen gesprochen werden soil. Wenn es sich um
einen Gegenstand wie den heutigen handelt, mufi man aller-
dings sagen: Es erscheint mehr noch als den ubrigen Gebie-
ten des iibersinnlichen Forschens, mehr als den ubrigen Ge-
bieten der Geisteswissenschaft gegeniiber, ganz begreif-
lich, dafi es gegeniiber einem solchen Thema weite Kreise
insbesondere der ernsten, strengen Wissenschaft gibt, welche
solche Dinge leugnen. Denn wenn schon fur die ubrigen
Gebiete, oder wenigstens fur zahlreiche der ubrigen Gebiete
der Geisteswissenschaft, sehr schwierig die Grenze zu ziehen
ist zwischen dem, was ehrliches, ernstes Forschen ist, und
was Scharlatanerie oder vielleicht etwas noch Schlimmeres
ist, so mu!5 man sagen: Uberall da, wo das iibersinnliche
Forschen irgendwie in Beziehung steht zum menschlichen
Egoismus, da beginnen allerdings gefahrliche Partien dieses
Forschens. - Und auf weldien Gebieten hoherer Erkenntnis
konnte das mehr der Fall sein, als bei alledem, was sich zu-
sammenschlieftt in das Thema vom Prophetentum, wie es in
den verschiedenen Zeiten aufgetreten ist. Hangt dodi alles,
was mit dem Worte Prophetie bezeichnet wird, unmittelbar
zusammen mit einer- allerdings begreiflichen-verbreiteten
Eigenschaft der Menschen: mit der menschlichen Begierde,
das Dunkel der Zukunft zu durchdringen, etwas von dem
zu wissen, was dem Menschen auf seinem zukiinftigen Le-
benswege beschieden ist.
Nicht mit irgendeiner Neugier nur, sondern mit einer
Neugier, die sozusagen an die intimsten und tiefsten Seken
der menschlichen Seele geht, hangt das Interesse fur Pro-
phetie zusammen. Kein Wunder daher, daft in unserer Zeit,
nachdem man im Laufe der menschlichen Entwickelung so
schlechte Erf ahrungen mit der Befriedigung aller der jenigen
Wissenssehnsuchten gemacht hat, welche so tief mit den In-
teressen der menschlichen Seele zusammenhangen, die Wis-
senschafl, die ernstlich in Betracht kommen will, nichts wei-
ter wissen will von solchen Dingen. Nur scheint es doch, als
ob unsere Zeit nicht mehr anders konnte, als sich wenigstens
mit diesen Dingen wiederum auseinanderzusetzen, wie mit
so vielem also, wovon wir in den vorhergehenden Vortra-
gen gesprochen haben und in der Zukunft noch sprechen
werden. Hat doch sogar, wie viele von Ihnen wissen wer-
den, ein reiner Historiker, Kemmerich, ein Buch iiber «Pro-
phezeiungen» geschrieben, in dem er nichts anderes will, als
zusammentragen, was sich in gewisser Weise an Tatsachen
geschichtlich belegen lafrt, die darauf hinweisen, daft wich-
tige Geschehnisse von diesem oder jenem Menschen vorher
gewuftt oder vorhergesagt worden sind. Ja, der betrefTende
Historiker fiihlt sich sogar zu dem Ausdruck gedrangt, daft
es kaum irgendein bedeutendes Ereignis in der geschicht-
lichen Entwickelung gibt, welches nicht einmal vorausgesagt,
vorausempfunden, vorausgedacht und audi vorausverkiin-
det worden ware. Man hort heute noch solche Behauptungen
nicht gern. Aber man wird ihnen endlich in denjenigen
Grenzen, innerhalb welcher sich die Geschichte der Dinge
bemachtigt, gar nicht mehr ausweichen konnen, indem man
ebenso die Dinge der Vergangenheit wie die Dinge der Ge-
genwart mit klaren aufSeren Dokumenten belegen wird.
Nicht immer war das Gebiet, von dem wir heute etwas
sprechen wollen, so wenig angesehen als in unserer Zeit,
nicht immer war es auf so zweifelhafte Kreise des mensch-
lichen Strebens angewiesen als in unserer Zeit. Wir brauchen
nur wenige Jahrhunderte zuriickzugehen und werden fin-
den, dafi zum Beispiel im sechzehnten Jahrhundert hervor-
ragende tonangebende Gelehrsamkek in dem damaligen
Betriebe des Prophetentums durchaus vertreten war. Sehen
wir doch einen der groftten Geister der naturwissenschaft-
lichen Forschung aller Zeiten in einer entsprechenden Ver-
bindung mit einer Personlichkeit, deren Neigung fur eine
Lebensauffassung, die sich in das Licht der Prophezeiungen
stellt, bekannt ist, sehen wir doch Kepler } den grofienNatur-
f orscher, in Verbindung mit dem Namen Wallenstein, dessen
Personlichkeit Schiller nicht zum geringsten Teile aus dem
Grunde so interessiert hat, weil er sein Leben in das Licht
prophetischer Weisheit stellte. Diejenige Art von Prophe-
zeiung, die uns zu Keplers Zeiten entgegentritt, und die uns
vor ein paar Jahrhunderten in Europa iiberall so entgegen-
tritt, dafi erleuchtete, wissenschafllich fiihrende Geister sich
mit ihr beschaftigen, hangt mit der Art und Weise zusam-
men, wie man damals den Zusammenhang der Sternenwelt,
den Gang der Gestirne, die Stellung der Gestirne zum
menschlichen Leben anschaute. Es ist jene damalige Prophe-
zeiung im wesentlichen irgendwie zusammenhangend mit
der Astrologie. Man braucht dieses Wort nur auszusprechen,
um zu wissen, dafi in weiteren Kreisen auch heute nodi ein
Bewufitsein daf iir vorhanden ist, wie ein Zusammenhang ge-
dacht wird zwischen den zukiinftigen Ereignissen des einzel-
nen menschlichenLebens oder auch des Volkerlebens und dem
Gange der Gestirne. Aber niemals wurde, was man prophe-
tische Erkenntnis oder Prophetenkunst nennt, so unrmttelbar
zusammenhangend gedacht mit der Beobachtung des Ganges
und der Konstellation der Sterne als zu Keplers Zeiten.
Wenn wir in die griechische Zeit zuriickgehen, so sehen
wir allerdings, dafi eine prophetische Kunst vorhanden war,
die, wie Sie wohl wissen, zum grofien Teil von Prophetinnen
ausgeiibt wurde. Es war eine prophetische Kunst, die da-
durch herbeigef iihrt wurde, daft der Mensch ganz bestimm-
ten Erlebnissen ausgesetzt wurde, zum Beispiel Erlebnissen
der Askese oder auch solchen Erlebnissen, die auf eine andere
Art das Selbstbewufrtsein, die Besonnenheit des alltaglichen
Lebens zuriickdrangten, so dafi der Mensch an andere
Machte hingegeben war, gleichsam wie aufter sich, wie in
Ekstase war und dann Dinge sagte, die sich entweder direkt
auf die Zukunft bezogen oder von den zuhorenden Priestern
oder Weisen so gedeutet wurden, dafi sie auf die Zukunft
Beziehung hatten. Gleich taucht da das Bild der Pythia, der
Prophetin in Delphi auf, welche durch die aus einem Erd-
spalt auftauchenden Diinste in einen anderen Seelenzustand
versetzt wurde, als es der Bewufitseinszustand des gewohn-
lichen Alltagslebens ist, und die dann Machten hingegeben
war, mit denen sie sonst keine Verbindung hatte, an die sie
sonst nicht dachte und aus einem solchen Zustande heraus
nun entsprechende Andeutungen machte. Da sehen wir eine
Art von Prophetie, die nicht mit der Berechnung von Stern-
konstellationen und Sterndeuten zusammenhangt.
Ebenso ist jedem das Prophetentum des alttestamentlichen
Volkes bekannt, das selbstverstandlich von der heutigen
Aufklarung als Prophetentum auch bezweifelt werden
kann, das aber, wenn es zunachst nur in bezug auf seine
Eigenart charakterisiert werden soli, insofern es aus dem
Munde dieser Propheten kam, nicht nur wichtige Weisheit-
spriiche brachte, die dann fur das, was innerhalb des alt-
testamentlichen Volkes geschieht, tonangebend sind, son-
dern die audi ihre Aussagen voraussehend iiber die Zukunft
machten. Doch sehen wir dieses Prophetentum nicht in der-
selben Weise wie die Astrologie des funfzehnten, sechzehn-
ten Jahrhunderts Voraussagen machen aus der Sternenwelt,
aus Sternenkonstellationen heraus, sondern da sehen wir
wieder, wie entweder durch besondere Anlagen der betref-
fenden Personlichkeiten oder durch Askese und bestimmte
Obungen und so weiter diese Propheten sich einen andern
Bewufkseinszustand als den der iibrigen Menschheit aneig-
nen, durch den sie aus dem alltaglichen Leben hinausgerissen
werden, nicht das gewohnliche Leben beurteilen konnen.
Dafiir aber sehen wir sie in die groften Zusammenhange
ihres Volkes blicken, sehen sie das, was Gliick und Ungluck
ihres Volkes ist, empfinden. Dadurch, dafi sie gleichsam so
etwas wie ein tJbermenschliches erleben, was iiber die ein-
zelnen menschlichen Interessen hinausgeht, reifien sie ihre
Seele von dem unmlttelbaren Bewufitsein los, und es ist so,
wie wenn der Gott Jahve selber aus ihnen sprechen wiirde.
So weise erschienen ihre Andeutungen, wie wenn Jahve
selber dem Volke verkiinden wolle, was das Volk zu tun
habe, was die kiinfligen Schicksale des Volkes sind.
Wenn wir dies bedenken, mufi es uns doch erscheinen, als
wenn die Art der Prophezeiung, wie sie uns am Ausgange
des Mittelalters vor der Morgenrote der neueren Wissen-
schafl; entgegentritt, nur eine besondere Art ware, und als
ob Prophetie ein umfassenderes Gebiet ware, das aber im-
mer in irgendeiner Weise mit irgendwelchen besonderen
Seelenzustanden zusammenhinge, die der Mensch erst er-
reicht, wenn er von seiner Personlichkeit loskommt. Aller-
dings muR man sagen, da£ kaum noch erkenntlich die astro-
logische Prophetie als eine solche Kunst scheint, durch welche
der Mensch von seiner Personlichkeit loskommt. Denn der
Astrologe, welcher das Geburtsdatum eines Menschen be-
kommt, nach diesem Geburtsdatum nun nachsucht, wie die
Konstellation in dieser Stunde ist, welches Sternbild gerade
im Aufgange iiber dem Horizont ist, wie zur Geburtsstunde
die Konstellation der anderen Sterne zu einem Sternbilde
ist und daraus berechnet, wie der Verlauf der Sternkonstel-
lationen, wahrend des Lebens dieses Menschen weiter sein
wiirde, und nach gewissen Anschauungen, die man sich iiber
den giinstigen oder ungiinstigen Einflufi gewisser Sterne und
Sternkonstellationen auf das menschliche Leben gemacht
hat, nach solchen Berechnungen voraussagt, was im Leben
eines Menschen oder eines Volkes auftreten wiirde — ein
solcher Astrologe erscheint uns kaum mehr als eine solche
Personlichkeit wie der alte judische Prophet oder wie die
griechischen Prophetinnen oder tiberhaupt die alten Pro-
pheten, die herausgetreten waren aus dem gewohnlichen
Bewufksein und in der Ekstase nur aus einem aus dem t)ber-
sinnlichen geschopflen Wissen die Zukunft vorhersagten.
Was bei diesen astrologischen Prophezeiungen die heutigen
Menschen am starksten stort, insofern sie sich zu dem auf-
geklarten Teil unserer Gebildeten rechnen, das ist, daft
schwer eingesehen werden kann, was der Gang der Sterne-
die Konstellation von Sternen mit dem zu tun haben sollen,
was im Leben eines Menschen, im Leben eines Volkes oder
in der Aufeinanderfolge der Zeitereignisse hier auf derErde
geschieht. Und da der Blick der heutigen Erkenntnis auf
etwas ganz anderes gerichtet ist als auf solche Zusammen-
hange, so bringt man audi demjenigen kein besonderes In-
teresse entgegen, was in den Zeiten, in welchen audi erleuch-
tete Wissensdiaft mit astrologischer Prophezeiung vereinbar
war, vor alien Dingen als etwas Gewisses, als etwas Reales
erschienen war.
Nodi der grofie tonangebende Forscher und Gelehrte
Kepler hat nicht nur seine keplerischen Gesetze gefunden,
er war nicht nur einer der grofiten Astronomen aller Zeiten,
sondern er widmete sich audi der astrologischen Prophezei-
ung. Und in seiner Zeit, kurz vorher und kurz danach,
finden wir zahlreiche wirklich erleuchtete Geister, welche
dieser selben Kunst anhangen, und welche von ihrem Stand-
punkte aus, wenn man alle Dinge objektiv bedenkt, gar
nicht anders konnten, als diese prophetische Kunst, diese
prophetischen Erkenntnisse so ernst zu nehmen, wie in ent-
sprechender Weise unsere heutigen Zeitgenossen irgendeinen
wissenschaftlichen Zweig ernst und wurdig nehmen. Denn
man kann leicht sagen, daft irgendeine Vorhersage, die zum
Beispiel bei der Geburt eines Menschen getan worden ist, die
aus Sternenkonstellationen geholt und an dem Leben dieses
Menschen bewahrheitet worden ist, daft dieser Zusammen-
hang der Konstellation mit dem Leben des Menschen doch
nur auf einer Art von Zuf all beruht. Gewift, in einer unend-
lich groften Anzahl von Fallen muE zugegeben werden, daft
das Frappierende des Eindruckes, den man von der Bewahr-
heitung astrologischer Vorhersagungen haben kann, einfach
darauf beruht, daft man durch das Eintreten einer solchen
Vorhersagung iiberrascht ist und das Ubereinstimmende be-
halt und dariiber vergiftt, was nicht eingetroffen ist. In ge-
wisser Beziehung hat allerdings jener griechische Atheist
ganz recht, der einmal mit seinem Schiffe in einer Kusten-
stadt ankam, wo an einem Opferorte gewisse Zeichen der-
jenigen Personlichkeiten aufgehangt wurden, welche auf
der See ein Geliibde getan hatten, daft sie, wenn sie bei
irgendeinem Schiffbruch gerettet wurden, ein solches Opfer-
zeidien an einem solchen Opf erorte auf hangen wurden. Ge-
wifi, da waren viele solche Opferzeidien aufgehangt. Es war
kein Zweifel: sie alle riihrten von soldien Menschen her, die
aus einem Schiffbruch gerettet worden waren. Aber der be-
treffende griechisdie Atheist meinte, man konnte erst dann
die Wahrheit wissen, wenn man audi die Zeichen aller der-
jenigen auf hangen wiirde, die trotz jenes Geliibdes bei Schiff-
briichen zugrunde gegangen sind. Da wiirde sich dann zei-
gen, von welcher Seite mehr Zeichen aufgehangt wurden.
Ebenso konnte audi gesagt werden: Ein objektives Urteil
kann man nur gewinnen, wenn man nicht nur alle einge-
troffenen, sondern auch alle nichteingetroffenen astrologi-
schen Voraussagen verzeichnen wiirde. - Aber gegenuber
einer solchen Anschauung, die ja immer moglich ist, erscheint
doch mancherlei wieder hochst f rappierend. Da ich in diesen
offentlichen Vortragen nicht eine griindliche Kenntnis aller
geisteswissenschaftlichen Grundlagen voraussetzen kann, so
mufi auch auf das hingewiesen werden, was dem allgemei-
nen Bewufitsein eine Vorstellung davon geben kann, wel-
chen Wert entsprechende Dinge auf Gebieten haben, iiber
die wir uns hier ergehen.
Frappierend mu£ es doch fur den groftten Skeptiker er-
scheinen, wenn zum Beispiel folgende Tatsache auftritt.
Wallenstein - damit wir bei bekannten Personlichkeiten
bleiben - wendet sich an den groften Kepler, dessen Namen
jeder Wissenschafter nur mit Ehrfurcht nennen kann, um
sein Horoskop von ihm zu erhalten, das heifit die aus den
Sternen zu flndende Aussage in bezug auf sein kiinftiges
Leben. Er erhalt von Kepler dieses Horoskop. Dieses Horo-
skop des Wallenstein war mit einer gewissen Vorsicht ge-
macht worden. Es wurde nicht etwa so zustande gebracht,
daft Wallenstein in einem gewissen Lebensjahre an Kepler
schrieb, dann und dann sei er geboren und er wiinsche jetzt
von ihm sein Horoskop, sondern es geschah in der Weise - so
dumm namlich, wie man es heute glaubt, war es doch nicht — ,
daft ein Mittelsmann gewahlt wurde, so daft der Betreffende,
der das Horoskop zu machen hatte, nicht wuftte, urn welche
Personlichkeit es sich eigentlich handelte. Es wurde nur das
Geburtsdatum angegeben. Kepler wuftte also nicht, um wen
es sich handelte. Nun hatte Wallenstein damals schon eine
gewisse Anzahl von Erlebnissen hinter sich, von denen er
auch verlangte, daft sie aufgezeichnet wiirden, und dann
sollte eine Aufzeichnung der weiteren Erlebnisse, die der
Zukunft, angefertigt werden. Kepler fertigte das von ihm
verlangte Horoskop aus. Darin fand Wallenstein, wie es bei
zahlreichen Horoskopen der Fall ist, eine grofte Uberein-
stimmung mit vielen seiner Erlebnisse. Er faftte zum Horo-
skop Vertrauen - es ist das ein Vorgang, der sich so bei
vielen Leuten der damaligen Zeit abgespielt hat - und es
gelang ihm in manchen Fallen, sein Leben so einzurichten,
wie es im Sinne gewisser solcher Voraussagen war. Nun mufi
gleich gesagt werden, daft im verflossenen Leben zahlreiche
Tatsachen stimmten, aber manche stimmten auch nicht.
Ebenso war es mit dem, was sich auf die Zukunft bezog. Das
war bei zahlreichen Horoskopen der Fall. Da hat man in
der damaligen Zeit allerdings eine sonderbare Sache befolgt,
die darin bestand, daft man gesagt hat: Da muft in der Ge-
burtsstunde irgend etwas nicht richtig sein, und vielleicht
konnte der betreffende Astrologe die Geburtsstunde etwas
korrigieren. - So etwas hat auch Wallenstein gemacht. Er
hat Kepler ersucht, die Geburtsstunde zu korrigieren; es
handelt sich dabei nur um ganz weniges; dadurch kamen
richtigere Daten heraus, die stimmten jetzt wieder besser.
Demgegeniiber muE aber gesagt werden, daft Kepler ein
durchaus ehrlicher Mann war und gar nicht gern so etwas
tat, wie die Geburtsstunde korrigieren. Aus dem Brief, den
Kepler damals dariiber an Wallenstein schrieb, fiihlt man
heraus, daft er es nicbt gerne tat und einen solchen Vorgang
nicht empfehlen konnte, denn wenn man so etwas vor-
nimmt, konnte man ja dadurch alles mogliche in dieser
Weise feststellen. Dennoch unterzog er sich dieser von Wal-
lenstein gewiinschten Aufgabe - es war das im Jahre 1625 -
und gab audi dann wieder Angaben iiber das zukunftige
Leben Wallensteins, namentlich sagte er ihm, daft nach die-
sem jetzigen Lesen der Sternenzusammenhange die Stern-
konstellationen fur Wallenstein im Jahre 1634 aufterordent-
lich ungiinstig standen. Er fiigte auch noch hinzu, jetzt,
nachdem dies noch so lange bis dahin sei, konnte er es vor-
aussagen, denn, wenn auch Wallenstein sich aufregen wiirde,
so wiirde diese Aufregung doch schon schwinden bis zu der
Zeit, da diese ungunstigen Verhaltnisse eintrafen, aber er
glaube nicht, daft es gefahrlich ware fur das, was Wallen-
stein tun wiirde. Fur den Marz 1634 war es vorausgesagt.
Und siehe da: wenige Wochen vor diesem Datum stellten
sich die Ursachen ein, die zur Ermordung von Wallenstein
fiihrten. Das sind Dinge, die doch wenigstens frappieren
konnen.
Aber nehmen wir andere Beispiele, und zwar nicht aus
den Reihen untergeordneter Astrologen, sondern solche, die
mit erleuchteten Geistern umgehen. Da muft einer aufter-
ordentlich bedeutsamen Personlichkeit auf diesem Gebiete
gedacht werden: ich meine Michel, Nostradamus. Nostrada-
mus war ein bedeutender Arzt, der unter anderem auch bei
einer Pestkrankheit unendlich heilsam gewirkt hat; er wurde
tief verehrt gerade wegen der selbstlosen Art, wie er sich
seinem Arztberufe hingab. Bekannt ist aber auch, daft er
sich, als er wegen dieser Selbstlosigkeit von seinen medizini-
schen Kollegen vielfach angefeindet worden ist, von seinem
arztlichen Berufe in die Einsamkeit von Salon zuriickzog.
Da beobaditete er nun nidit so wie Kepler oder andere die
Sterne, sondern er hatte einen besonderen Raum in seinem
Hause, in das er sich zuriickgezogen hatte. Von diesem
Raume aus — das ist aus seinen eigenen Angaben zu entneh-
men - betrachtete er die Sterne eigentlich nur so, wie sie
sich dem Blicke darbieten, nicht so, daft er besondere mathe-
matische Rechnungen vornahm, sondern nur das, was Ge-
miit und Seele und Imagination verfolgen konnen, wenn
sie sich den Wundern des nachtlichen Sternenhimmels aus-
setzen. Viele, viele Stunden, Stunden voll Inbrunst und
Andacht verbrachte Nostradamus in dieser eigentiimlichen
Kamera, die nach alien Seiten den freiesten Ausblick in den
Sternenhimmel bot. Und da haben wir von ihm nicht nur
einzelne Vorhersagungen, sondern eine ganze langeSerie von
den mannigfaltigsten Vorhersagungen iiber Ereignisse der
Zukunft, die in der sonderbarsten Weise eintrafen, so daft
der vorhin genannte Historiker Kemmerich gar nicht umhin
kann, als frappiert zu sein und noch nach langer Zeit etwas
auf das zu geben, was die Vorhersagungen des Nostradamus
sind. Nostradamus trat zuerst mit einigen seiner Vorher-
sagungen hervor. Er wurde natiirlich auch in seiner Zeit zu-
erst ausgelacht, denn er konnte nicht einmal auf irgend
welche astrologischen Berechnungen hinweisen. Es war ihm,
wie wenn durch den Anblkk der Sterne ihm in merkwiir-
digen Bildern, Imaginationen die Zukunft sich gezeigt hatte,
zum Beispiel als ob in einem groften Bilde ihm aufgegangen
ware der Ausgang der Schlacht bei Gravelingen im Jahre
1558, welche die Franzosen mit groftem Verlust verloren
haben. Eine andere Voraussage, die auch lange vorher fur
das Jahr 1 559 gemacht wurde, bezog sich darauf, daft Konig
Heinridi II. von Frankreich in einem Duell fallen sollte,
wie er sagte. Man lachte nur dariiber. Die Konigin selbst
lachte und meinte, daran konne man am leichtesten sehen,
wieviel darauf zu geben sei, denn ein Konig sei iiber ein
Duell erhaben. Aber siehe da: bei einem Turnier fiel der
Konig in dem vorhergesagten Jahr. Und viele Dinge konn-
ten wir anfuhren, die erst spater eingetreten sind und die,
wenn sie in der entsprechenden Weise gedeutet werden, nur
eingetretene Voraussagen des Nostradamus genannt wer-
den konnen.
Weiter haben wir einen anderen erleuchteten Geist des
sechzehnten Jahrhunderts, der wieder als Astronom eine
grofle Bedeutung hat: Tycho de Brake. Die heutige Welt
kennt Tycho deBrahe kaum anders, als dafi man sagt, er habe
nur zur Halfte die kopernikanische Weltanschauung ange-
nommen. Wer aber sein Leben genauer kennt, der weifi,
was Tycho deBrahe zumBeispiel zurHerstellung vonStern-
karten getan hat, wie er die damals vorhandenen Stern-
karten in ganz hervorragender Weise verbessert hat, da er
ein Astronom von ganz hervorragender Bedeutung fiir seine
Zeit war, neue Sterne gefunden hat und so weiter. Aber
Tycho de Brahe war zu gleicher Zeit ein Mensch, der tief
davon durchdrungen war, daft nicht nur die physischen Ver-
haltnisse der Erde im Zusammenhang stehen mit der ganzen
Welt, sondern daft auch dasjenige, was die Menschen geistig
erleben, mit den Ereignissen des grofien Kosmos zusammen-
hangt. So kam es denn, daft Tycho de Brahe nicht nur ein
grofier Astronom war, der die Sterne beobachtete, sondern
dafi er die Vorgange des Himmels auf die Vorgange im
Menschenleben bezog. Und es war allerdings frappierend,
dafi Tycho de Brahe schon als zwanzigjahriger Mensch, als
er nach Rostock kam, damals den Tod des Sultans Soliman
vorausgesagt hat, der zwar nicht auf den Tag genau, aber
doch eintraf, wenn audi mit einer kleinen Ungenauigkeit.
Es war eine ungenaue Angabe, aber eine Angabe, gegen die
man sich vielleicht gerade als Historiker nicht auflehnen
kann; denn wenn man schon liigen wollte, konnte man
sagen, so wiirde man nicht halb liigen und nicht die Diffe-
renz von ein paar Tagen in das Resultat hineinmischen.
Daraufhin lieft sich der Konig von Danemark von Tycho
de Brahe das Horoskop machen fiir seine drei Sonne. Das
stimmte fiir seinen Sohn Christian, weniger fiir den andern
Sohn Ulrich. Aber eine merkwiirdige Voraussage machte
Tycho de Brahe iiber den dritten Sohn Hans, die einge-
kleidet und hergenommen ist von demGang der Sterne. Die
ganze Konstellation, alles was man fiir den Herzog Hans
sehen konne, sei so, daft er ein gebrechlicher Mensch sei und
bleiben musse, der kaum ein hohes Alter erreichen konne.
Da die Geburtsstunde nicht ganz sicher war, machte Tycho
de Brahe sogar mit grofter Vorsicht seine Angabe: Vielleicht
stirbt er im achtzehnten, vielleicht im neunzehnten Jahre,
denn da treten ganz besonders ungunstige Konstellationen
ein. - Ich will es dahingestellt sein lassen, ob er dies aus einer
gewissen Nachsicht mit den Eltern oder aus einem andern
Grunde tat, denn er schrieb, es ware allerdings moglich, daft
diese furchtbare Konstellation in bezug auf das achtzehnte
oder neunzehnte Jahr fiir das Leben des Herzogs Hans
iiberwunden werden konne; dann wiirde Gott sein Schutzer
sein. Aber man musse sich klar werden, daft diese Verb alt-
nisse da waren, daft Hans zuerst eine aufterordentlich un-
giinstige Konstellation mit dem Mars hatte und daft er des-
halb kriegerischen Verwickelungen in friiher Jugend aus-
gesetzt sein wiirde. Aber da in bezug auf diese Konstellation
iiber dem Mars die Venus noch gunstig stiinde, so konnte
man hoffen, daft er iiber diese Zeit hinuberkommen wiirde.
Aber dann kame gerade mit dem achtzehnten, neunzehnten
Jahre jene ungiinstige, gef ahrliche Konstellation, die durch
den fiir Hans feindlichen Saturn hervorgerufen sei, und die
zeige, dafi er einer «feuchten, melancholischen» Krankheit
ausgesetzt sei, die namentlich von der betreffenden fremd-
artigen Umgebung kommen miisse, in die dieser Mensch
dann versetzt sein wurde.
Wie war der Verlauf des Lebens dieses Herzogs Hans?
Er wurde als junger Mann in die damaligen politischen Ver-
haltnisse verwkkelt, wurde in einen Krieg geschickt, machte
eine Schlacht mit, die Sdilacht bei Ostende, und hatte dann
in Ankniipfung daran - das hatte Tycho de Brahe besonders
vorausgesagt — grofie Seestiirme zu bestehen. Er war nahe
daran, zugrunde zu gehen. Dann wurden Verhandlungen
angeknupft von befreundeter Seite iiber eine Ehe des Her-
zogs Hans mit der Zarentochter, und er selbst wurde aus
diesem Grunde nach Danemark zuriickberufen. Das konnte
nun Tycho de Brahe so auslegen, dafi Mars hart heran-
getreten sei an den Herzog, dafi die von den ungiinstigen
Marseinfliissen herriihrenden Verwickelungen aber zuriick-
gehalten wurden durch die Einfliisse, die von der Venus
kamen, so dafi die Venus, welche dieBeschutzerin derLiebes-
verhaltnisse ist, zunachst den Herzog Hans geschiitzt hat.
Dann aber kam in seinem achtzehnten, neunzehnten Jahre
der feindliche Saturneinflufi. Er wurde abgeschickt nach
Moskau. Bis Petersburg kam er. Man kann sich eine Vor-
stellung davon machen, in welcher Stimmung der danische
Hof auf den jungen Herzog hinblickte. Alle Vorbereitungen
zur Heirat wurden gemacht, man erwartete stiindlich die
Nachricht von dem Zustandekommen dieser Verbindung,
statt dessen kam zuerst eine Meldung, dafi die Heirat ver-
zogert wurde, dann kamen Nachrichten von der Erkran-
kung des Herzogs und endlich die Todesnachricht.
Solche Dinge wirkten auf die Zeitgenossen frappierend.
Dafi aber solche Dinge audi auf die Nachwelt frappierend
wirken miissen, das kann doch nicht bestritten werden. Und
schliefilich ist es audi wahr, dafi die Weltgesdiichte zuweilen
Humor liebt, humoristisdi ist, wie es ja auf anderemGebiete
zum Beispiel jenem Professor ergangen ist, der behauptet
hat, dafi das weiblidie Gehirn weniger wiege als das mann-
lidie, und bei dem sich dann herausgestellt hat, als sein Ge-
hirn nach seinem Tode gewogen wurde, daft es ganz beson-
ders wenig wog, so dafi er einem humoristischen Spiele des
Weltengeistes zum Opfer gefallen ist. So ging es auch Gio-
vanni Pico von Mirandola, dem das Horoskop gestellt und
gesagt war, dafi ihm der Mars besonders ungiinstig sei, ihm
ein groftesUngliick bringen wiirde.Er war einGegner aller
solcher Prophezeiungen. Lucius Bellantius hatte ihm noch
gezeigt, dafi alles unrichtig sei, was er gegen die Sterndeu-
tungen eingewendet hatte. Er starb dann genau in dem
Jahre, fiir welches der ungiinstige Einfluft des Mars ange-
geben war.
So konnten wir zahlreiche Beispiele anfiihren und wur-
den uns die Oberzeugung verschaffen konnen, daft es aller-
dings in einem gewissen Sinne leicht ist, manches gegen diese
oder jene solcher Angaben einzuwenden. GewiE, es mufi
ernst genommen werden, was ein sehr bedeutender und
namentlich durch seine humanitaren Bestrebungen aufier-
ordentlich zu verehrender heutiger Astronom gegen das,
was man alles fiir dasEintreffen desTodes Wallensteins nach
Keplers Horoskop sagen kann, eingewendet hat. Es mufi
zugegeben werden, daft es ernst zu nehmen ist, wenn
Wilbelm Forster dem entgegenhalt: Nun wufke Wallen-
stein diese Tatsache. Da kam das betreffende Jahr heran,
und indem er sich an sein Horoskop erinnerte, wurde er
zogernd, griff nicht recht durch, wie er es sonst wohl getan
hatte, und hat auf diese Weise selbst den ungliicklichen Aus-
gang herbeigefiihrt. - Solche Dinge wird man immer ein-
wenden konnen. Man mufi aber auf der anderen Seite doch
bedenken, wenn man iiberhaupt in bezug auf wissenschaft-
lidie Belege bei aufieren Daten etwas geben kann, dann ge-
niigen auch fiir die heutige Zeit jene Angaben fur die Auf-
stellung wissenschaftlicher Tatsachen durchaus, die — sagen
wir - keine scharferen Belege erfordern. Es konnen manche
Dinge durchaus problematisch sein, man sollte sich aber dar-
um dem nicht verschlielSen, dafi das sorgf altige Vergleichen
von vergangenen Lebensdaten, wobei man es mit Angaben
zu tun hatte, die aus den Sternen zu gewinnen waren, zu
dem Vertrauen fiihrte fiir das, was erst in kommenden Zeiten
geschehen sollte. Bei allem, was fehl ging, hatte man schon
ein Auge fiir das, was fehl ging und die frappierenden Zu-
sammenhange nicht aufdeckte, aber man nahm das doch
nicht in einem ganz kritiklosen Sinne an. Kritik konnten
die Leute der damaligen Zeiten auch anwenden und haben
sie vielleicht bei manchen Dingen recht viel angewandt.
Wie man auch iiber diese Dinge denkt, ich wollte nur von
einigen dieser Beispiele die frappierendsten anfiihren, um
zu zeigen, dafi auch auf dem Wege der heutigenWissenschaft
mit den Methoden der heutigen Wissenschafl es moglich ist,
im Ernste iiber diese Dinge zu reden. Und selbst wenn man
das nimmt, was dagegenstiinde, so miifite man doch minde-
stens das eine zugestehen, wenn man auch ganz den Inhalten
ablehnend gegenuberstiinde, dafi die Griinde, nach welchen
erleuchtete Geister einer verhaltnismafiig so kurz hinter uns
liegenden Zeit an diesen Dingen festgehalten haben, nicht
schlechte Griinde, sondern menschenwurdige, gute Griinde
sind. So dafi man, wenn man auch selbst die Griinde ablehnte,
sich sagen mufi: Diese Dinge wirkten in jenem Zeitalter so
auf erleuchtete Geister, dafi man sah, wie diese Geister, ganz
abgesehen von Einzelheiten, an den Zusammenhang dessen
glaubten, was im einzelnen Menschenleben und im Volker-
leben vorgeht mit den Dingen, die in der groften Welt, im
Weltenraume sich abspielen. An diesen Zusammenhang des
Makrokosmos, der groften Welt, mit dem Mikrokosmos, der
kleinen Welt, glaubten diese Menschen.
An was glaubten sie im Grunde genommen? Sie glaubten
daran, daft dieses Menschenleben auf der Erde, wie es sich
abspielt, nicht allein ein chaotisches Stromen vonEreignissen
ist, sondern daft Gesetzmaftigkeit in diesen Ereignissen ist,
daft ebenso, wie zyklische Gesetzmaftigkeit in den Him-
melsereignissen ist, so eine gewisse zyklische Gesetzmaftig-
keit, ein gewisser Rhythmus in den menschlichen und irdi-
schen Verhaltnissen sich abspielt. Damit wir uns dariiber ver-
standigen konnen, was gemeint ist, soil auf einige Tatsachen
hingewiesen werden, die wahrharKg, wenn man beobachten
will, ebenso Gegenstand der Erfahrung werden konnen, wie
es die strengsten Tatsachen der wissenschaftlichen Chemie
oder Physik heute sind. Nur muft man dann auf den ent-
sprechenden Gebieten Beobachtungen anstellen.
Nehmen wir an, wir beobachten irgendeine besondere
Tatsache, die sich im Menschenleben wahrend derKindheits-
zeit abspielt. Wer dann das Menschenwesen so betrachtet,
daft er langere Zeitraume ins Auge faftt, wird merkwurdige
Zusammenhange herausbringen. Da ergibt sich ein merk-
wiirdiger Zusammenhang zwischen dem allerersten Kindes-
leben und dem spatesten Greisenleben, so daft wir - wenn
auch in Umkehrung - ganz genau einen Zusammenhang be-
merken konnen zwischen dem, was der Mensch am Abend
seines Lebens erlebt, und dem, was er in der Jugend durch-
gemacht hat. Dann werden wir sagen konnen: Wenn wir
zum Beispiel in der Jugendzeit Aufregungen durchgemacht
haben durch besondere Angstzustande, dann kann es sein,
daft wir vielleicht unser ganzes Leben hindurch davon ver-
schont sein konnten, aber im Alter dann eigentumlicheDinge
auftreten, von denen wir wissen konnen, wir haben die
Ursache zu ihnen in den Angstzustanden der allerfriihe-
sten Kindheit zu suchen. Dann gibt es wieder Zusammen-
hange zwischen dem Jiinglingsalter und der Zeit, die dem
Greisenalter vorangeht. Kreisformig spielt sich das Leben
ab. Wir konnen noch weiter gehen. Nehmen wir zum Bei-
spiel an, irgend jemand wiirde in seinem achtzehnten Jahre
aus seinem bisherigen Lebensgange herausgerissen werden,
er hatte vielleicht bis dahin studieren konnen, ware im
achtzehnten Jahre aus seinem Studium herausgerissen wor-
den und miifite von da ab Kaufmann werden, vielleicht da-
durch, dafi der Vater sein Vermogen verloren hat und so
weiter. Da konnte sich herausstellen, dafi der Betreffende
sich zuerst gar nicht ungliicklich in seinem Beruf fiihlt, wir
sehen aber dann nach einigen Jahren ganz besondereSchwie-
rigkeiten im Leben auftreten. Wenn wir einen solchen Men-
schen weise leiten, ihm iiber gewisse Schwierigkeiten hin-
weghelfen wollen, so konnen wir nicht irgend welche allge-
meine abstrakten Grundsatze anwenden, sondern wir miis-
sen uns klar sein, da£ wir, wahrend er mit achtzehn Jahren
aus seinen Lebensverhaltnissen herausgerissen worden ist
und mit vierundzwanzig Jahren besondere seelische Schwie-
rigkeiten hat, so dafi also sechs Jahre spater die Schwierig-
keiten aufgetaucht sind, sechs Jahre vorher, also etwa im
zwolften Jahre, imSeelenleben dieses betreffendenMenschen
irgendwelche Vorgange finden werden, welche die Schwie-
rigkeiten bedingen, die uns also in Wahrheit erklaren wer-
den, was sich mit vierundzwanzig Jahren abgespielt hat:
sechs Jahre vorher, sechs Jahre nachher, der Berufswechsel
liegt in der Mitte. Wie bei einem Pendel, das nach rechts und
links ausschlagt, in der Mitte der Punkt ist, wo die Gleich-
gewichtslage ist, so ist in diesem Falle das achtzehnte Jahr
ein Knotenpunkt gegeniiber dem Pendelschlag des Lebens.
Was vorher im Leben da war, spielt sich so ab, dafi eine
Ursache, die vorher gelegt ist, ihre Wirkung dieselbe Anzahl
von Jahren nach diesem Knotenpunkt hat. So ist es mit dem
ganzen Menschenleben.
Das menschliche Leben verlauft nicht unregelmafiig, son-
dern in gewisser Weise regelmafiig und gesetzmaEig. Der
einzelne Mensch braucht das nicht zu wissen. Aber in jedem
Menschenleben ist ein Lebensmittelpunkt, und was vor die-
sem Lebensmittelpunkt ist, das Jugendleben, das Kindheits-
leben, lafit die Ursachen gleichsam im Schofie der aufeinan-
derfolgenden Ereignisse liegen, und was dann eine gewisse
Anzahl von Jahren vor diesem Lebensmittelpunkt sich ab-
gespielt hat, zeigt sich in seinen Wirkungen ebenso viele
Jahre nach demselben. Und so wie der Tod der entgegen-
gesetzte Punkt der Geburt ist, so sind die Ereignisse der
Kindheit die Ursache fur Ereignisse, die sich in den Jahren
zutragen, die dem Tode vorangehen. So begreift man das
Leben.
Verniinftig wird man das Leben nur begreifen, wenn man
so zuriickzeichnet, wenn man zum Beispiel in bezug auf
einen Krankheitszustand, der vielleicht mit vierundfunfzig
Jahren auftritt, sich einen Lebetfsknotenpunkt suchen wird,
wo ein Mensch an einer besonderen Krise vorbeigegangen
ist, von dort zuriickrechnet und ein Ereignis fmden wird,
das sich zum vierundfiinfzigsten Jahre verhalt wie Geburt
zum Tode, das heiftt in gewisser Beziehung entgegengesetzt.
In einer gewissen Weise sind die Ereignisse im Menschen-
leben auch so angeordnet, dafi sie sich gesetzmaEig verfolgen
lassen. Das widerspricht nicht unserer Freiheit. Die grofite
Sorge der Menschen ist gewohnlich, daft eine solche gesetz-
mafiige Art des Ablaufes der Ereignisse der menschlichen
Willkiir, der menschlichen Freiheit widersprache. Das ist
aber nicht der Fall, das kann nur fur ein ungeschultes Den-
ken so scheinen. Wer zum Beispiel in seinem funfzehnten
Jahre irgendeine Ursache in den Schofi der Zeiten hinein-
legt, deren Wirkung er im vierundfiinfzigsten Jahre erlebt,
der benimmt sich dadurch ebensowenig seiner Freiheit fiir
dieses Jahr wie der, welcher sich ein Haus baut, das im nach-
sten Jahre fertig werden soil, und dann in dasselbe ein-
zieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen
konnen, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man dann
in das Haus zieht. Bei genauem logischem Denken wird man
nicht sagen konnen, man benehme sich seiner Freiheit, wenn
man Ursachen fiir spatere Ereignisse legt. Das hat mit der
Freiheit des Lebens direkt nichts zu tun.
Ebenso, wie es zyklische Zusammenhange im einzelnen
Menschenleben gibt, ebenso sind solche fiir das Leben der
Volker, uberhaupt auch fiir das Leben auf der Erde vor-
handen. In f riiheren Vortragen wurde schon angefuhrt, was
auch spater noch gezeigt werden soil, dafi wir die Entwicke-
lung unserer Erdenmenschheit zunachst fiir unsere unmittel-
bare Kulturepoche in aufeinanderfolgende, uns zunachst
beriihrende Kulturepochen, Kulturzeitraume einteilen. Da
haben wir einen Kulturzeitraum, den wir als denjenigen be-
zeichnen, in welchem die babylonisch-assyrisch-agyptisch-
chaldaischeKultur sich abgespielt hat.Darauf folgend haben
wir denjenigen Zeitraum, den wir als den griechisch-lateini-
schen bezeichnen, in den alle Tatsachen des Griechentums
und des Romertums hineinf alien, und dann haben wir den
unsrigen, den wir vom Untergange des Griechentums und
des Romertums an bis in unsere Zeit hinauf rechnen, und der,
wie alle Zeichen der Zeit zeigen, noch lange dauern wird. So
haben wir drei aufeinanderfolgende Kulturepochen.
Wer genauer das Volkerleben in diesen drei auf einander-
folgenden Epochen betrachtet, der wird gewahr werden,
daft die griechisch-lateinische Zeit etwas wie einen Lebens-
knotenpunkt in derEntwickelungsgeschichte derMenschheit
hatte. Daher auch jenes eigentiimlkh Faszinierende der grie-
chisch-romischen Kultur. Die Art und Weise, wie griechische
Kunst, griechische und romische Staatenbildung sich aus-
nehmen, was romisches Recht und romische Staatskunst und
was Auf f assung des romischen Burgers ist, das ist etwas, was
wie eine Art von Gleichgewichtspunkt in den aufeinander-
folgenden Stromungen der Entwickelung der Menschheit
dasteht. Dann haben wir nachher unseren Kulturzeitraum,
vorher den agyptisch-chaldaischen. In einer merkwiirdigen
Weise kann nun der, welcher die Verhaltnisse tief genug
betrachtet, wahrnehmen, wie ganz bestimmteErscheinungen
des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes, allerdings in ver-
anderter Gestalt, aber dennoch verwandt mit diesen, sich
heute wieder abspielen. So daft damals die Ursachen in den
Schoft der Zeiten gelegt worden sind, die jetzt wieder her-
auskommen. Und wir empfinden es dann wie eine merk-
wiirdige Mahnung, daft nicht nur gewisse Arten zum Bei-
spiel der menschlichen Hygiene, gewisse Waschungen im
alten Agypten auf getreten sind und jetzt wieder, wenn auch
in anderer Gestalt, auftreten, sondern daft auch gewisse
Arten, sich zum Leben zu stellen, so auftreten, daft man
sieht: es erscheint das, was im alten Agypten als Ursache
gelegt worden ist, heute in seinen Wirkungen, aber wie ein
Ruhepunkt dazwischen erscheint die griechisch-romische Kul-
tur. Und wiederum geht der agyptisch-chaldaischen Kultur
diejenige voran, welche wir als die urpersische bezeichnen.
Nach dem Gesetz der Kreislaufentwickelung ist es dann,
man mochte sagen, wie eine Ahnung zu erhoffen, daft eben-
so, wie sich die agyptisch-chaldaischeZeit in unseremKultur-
zyklus wiederholt, so der urpersische Zeitraum in dem-
jenigen sich wiederholen wird, der auf den unsrigen folgen
wird. Immer Gesetzmafiigkeit in dem Gange der Mensch-
heitsentwickelung! Nicht Regellosigkeit, nidit Chaos, aber
audi nicht eine solche Gesetzmaftigkeit, wie die heutigen
Historiker vielfach vermuten. Da sucht man die Ursachen
fur alles, was heute geschieht, in der unmittelbar vorher-
gehenden Zeit, die Ursachen fiir die Geschehnisse der nach-
sten Vergangenheit wieder in der unmittelbar vorhergehen-
den Zeit und so weiter, so dafi man eine Kette von Ereig-
nissen konstruiert, wo immer eines auf das andere folgt.
Aber bei genauerer Betrachtung stellt sich das nicht heraus,
sondern da stellen sich Kreislaufe, Oberschneidungen, her-
aus, so daft etwas, was vorher da war, eine Zeitlang verbor-
gen bleibt und spater wieder auftritt, was noch friiher da
war, noch spater auftritt und so weiter. Das kann sich schon
einer aufterlichen Betrachtung der Menschheitsentwickelung
ergeben.
Fiir den aber, der in den letzten zwei Vortragen anwesend
war, und der auch geisteswissenschaftlich in den Gang der
Menschheitsentwickelung eindringt, stellt sich noch viel wei-
teres heraus, daft namlich auch noch in der Tat eine tiefe
geistige Gesetzmafiigkeit in dem Strom des Geschehens, in
dem Strom des Werdens drinnen liegt, und daft in dem
Augenblick, wo der Mensch zu einer gewissen Vertiefung
seines Seelenlebens kommt, wie es schon charakterisiert wor-
den ist, er auch zu einem Schauen solcher tieferen inneren
Zusammenhange vordringt. Und wenn es auch wahr ist,
dafi nichts so leicht, als was in dieses Gebiet gehort, verkannt
werden kann, dafi es sogar leicht auch in die Nahe kommen
kann von Scharlatanerie, vielleicht auch von Schwindel-
haftigkeit und von dem, was unmoralischen menschlichen
Tneben und Instinkten entgegenkommt, so ist dennoch die-
ses wahr, dafi der Mensch imstande ist, Personliches auszu-
schliefien und die inneren verborgenen Krafle des Geistes-
lebens rege zu machen, so dafi er nicht mehr nur das ent-
wickelt, was er aus seiner Umgebung weifi, woran er sich als
an sein eigenes Leben und das seiner nachsten Bekannten
erinnert, sondern dafi er frei wird von allem, was sein per-
sonliches, sein sinnliches Anschauen ausmacht. Wenn der
Mensch, wie es im ersten und zweiten Vortrage geschildert
ist, derart aus seiner Personlichkeit heraustritt und sich be-
wufit wird, dafi noch hohere Krafte in ihm sind, die nur
durch entsprechende Ubungen, die charakterisiert worden
sind und audi weiter charakterisiert werden sollen, ent-
wickelt zu werden brauchen, und wenn der Mensch durch
solche Ubungen die tiefer liegenden Krafte an die Ober-
flache ruft, dann wird dies, indem irgend etwas in einem
Menschenleben geschieht, zu irgendeiner Zeit auch zum Ver-
rater von tiefer liegenden Ursachen, und der Mensch ahnt
dann, dafi alles, was im Laufe der Zeit geschieht, so oder so
Wirkungen hineinwirft in die Zukunft. Das ist das Gesetz,
welches uns auch durch die Geisteswissenschaft entgegentritt,
dafi alles, was auch auf geistigem Gebiete geschieht, nicht
wesenlos im Strome des Daseins verrinnt, sondern dafi es
seine Wirkungen hat, und dafi wir das Gesetz suchen miis-
sen, wonach diese Wirkungen in spateren Zeiten auftreten.
Durch diese Erkenntnis kommen wir auch dazu, uberhaupt
einzusehen, dafi dieses Leben zwischen Geburt und Tod
auch die Ursachen fur das Zuriickkehren unserer Individua-
list auf die Erde enthalt, so dafi sich fur die Wirkungen in
einem nachsten Leben die Ursachen zeigen im jetzigen Leben.
Wie die Erkenntnis der Wirkungen des Karma ein Ergeb-
nis der Einsicht ist, wie die Ursachen im Schofie der Zeit
liegen und wieder umgeandert als Wirkungen erscheinen, so
wie dieses Gesetz Ergebnis solcher Erkenntnis ist, so war im
Grunde genommen auch bei all den Menschen, welche Pro-
phetie ernst nahmen oder sie ausiibten, als eine Einsicht, als
Grundstimmung ihrer Seele das vorhanden, daft es Gesetze
gibt im Werdegang des Menschenlebens, und daft die Seele
die Krafte wadirufen kann, welche in diese Gesetze einzu-
dringen vermogen. Aber die Seele braucht Anhaltspunkte
zunachst. Die ganze Welt in ihren Tatsachen hangt zusam-
men. Wie schlieftlich der Mensch in seinem physischen Leben
von Wind und Wetter abhangig ist, so ist wenigstens vor-
auszusetzen, wenn man auch iiber die Einzelheiten keine
Klarheit hat, daft alles, was uns umgibt, in gewisser Weise
zusammenhangt. Und wenn man auch nicht Naturgesetze
sucht in diesen Zusammenhangen nach der Art der heutigen
Naturgesetze, so kann man doch aus dem, was einem in dem
Gange der Sterne, in den Konstellationen der Sterne er-
scheint, etwas herausholen, was in uns den Gedanken her-
vorrufen kann: Da drauften sehen wir Harmonien, die in
uns ahnliche Harmonien, ahnliche Rhythmen auslosen kon-
nen, nach denen das menschliche Leben verlauft.
Dann fiihren andereBetrachtungen auf Einzelheiten. Fiih-
ren wir zunachst das Folgende an: Wir haben, wenn wir das
Menschenleben genau betrachten, wie man in der kleinen
Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der
GeisteswissenschafU nachlesen kann, unterscheidbare Epo-
chen noch in folgendem: die ersten Jahre des Menschen bis
zum Zahnwechsel, darauf die nachsten Jahre bis zur Ge-
schlechtsreife, dann die Jahre bis zum einundzwanzigsten
Jahre und dann wieder die bis zum achtundzwanzigsten
Jahre, das heifit siebenjahrige Perioden im Menschenleben,
welche uns zeigen, daft sie in ihrem ganzen Charakter ver-
schieden sind, daft neue Arten von Fahigkeiten auftreten,
nachdem diese Epochen da sind. Wenn wir darauf einzu-
gehen vermogen, dann zeigt sich uns ganz klar, daft ein
rhythmischer Gang im Menschenleben vorhanden ist, der
in einer gewissen Weise im Sternenhimmel wiedergefunden
werden kann. Merkwiirdig, wenn jemand das Leben nach
diesem Gesichtspunkte betrachtet - man mufi es nur ob-
jektiv ruhig betrachten, ohne den Fanatismus einer Gegner-
schaft - dann findet man, daft sich um das achtundzwan-
zigste Lebensjahr fur die Seele etwas abspielt, was in einer
gewissen Weise in der Tat fiir viele Menschen so ist, daft
man sagen kann: Es hat sich nach vier mal sieben Lebens-
jahren Wichtiges zum Abschluft gebracht. - Vier mal sieben
Lebensjahre, achtundzwanzig ungefahr, wenn audi nicht
ganz genau, das ist auch die Zeit, welche der Saturn zu
seinem Umlauf braucht. Wahrend dieser Zeit durchlaufl er
einen Kreis, der aus vier Teilen besteht, geht also durch den
ganzen Kreis durch, durchlaufl die Zeichen des Tierkreises,
und es entspricht dann sein Gang in einer gewissen Weise
wirklich bildhaft dem Gang des Menschenlebens von der
Geburt bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Und man kann
es wieder weiter einteilen, indem man, wie man den Kreis
in vier Teile teilt, diese achtundzwanzig Jahre in Perioden
teilt, von denen jede sieben Jahre dauert. Da sieht man, wie
in der Tat in dem Umlaufe eines Sternes fiir den groften
Weltenraum etwas gegeben ist, was sich in einer ahnlichen
Weise im Menschenleben zeigt.
In ganz ahnlicher Art kann fiir andere Dinge, die am
Himmel vorgehen, Rhythmisches im Menschenleben gezeigt
werden. Wenn einmal die heute wenig beachtete, aufter-
ordentlich geistvolle, aber noch durchaus in ihren Anfangen
ruhende Lehre des Berliner Arztes Fliefi iiber die wunder-
bare Reihe von Geburt und Tod studiert und weiter aus-
gebaut werden wird, so wird man sehen, wie rhythmisch
Geburten und Tode im Leben der Menschheit sind. Aber
alles das ist heute erst im Anfang wissenschaftlicher Unter-
suchungen. Man wird dann darauf kommen, wenn man den
Gang der Sterne auf das menschliche Leben bezieht, daft
man gar nichts anderes braucht, als den Gang der Sterne als
eine Himmelsuhr anzuschauen, und das menschliche Leben
als einen Rhythmus, der fiir sich ablaufl, aber dennoch in
einer gewissen Beziehung durch die Sterne bestimmbar ist.
Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie man,
wenn man auch nicht in naturwissenschaftlichem Sinne die
Ursachen in den Sternen sucht, dennoch denken kann, daft
das Menschenleben durch eine innere Verwandtschaft in
einem ahnlichen Rhythmus ablaufl. Wenn wir zum Beispiel
oflmals des Morgens vor unsere Tur getreten sind oder zum
Fenster hinausgeschaut haben und dann zur selben Zeit
immer einen Menschen vorbeigehen gesehen haben, von dem
wir wissen, er geht zu seinem Amte oder dergleichen, schauen
wir auf die Uhr und wissen, daft jeden Tag zu dieser be-
stimmten Zeit der betreffende Mensch bei uns vorbeigeht.
Ist es nun unbegrundet, einmal die Uhr zu nehmen, wenn
wir das wissen und zu sagen: Wenn die Zeiger der Uhr so
stehen, konnen wir erwarten, daft dieser Mensch da vorbei-
geht? Sind die Zeiger der Uhr dafiir die Ursache, sind sie
bestimmend fiir den Menschen, der da vorbeigeht? Die Ur-
sachen liegen ganz anderswo, aber man kann durch den be-
stimmten Rhythmus annehmen, daft um diese bestimmte
Zeit der Betreffende dann drauften vorbeigehen wird. So
braucht man nicht in den Sternen die Ursachen zu suchen.
So kann man in den Sternen eine Weltenuhr sehen, die den
Rhythmus angibt, nach dem sich auch das Menschen- und
Volkerleben abspielt.
Hier ruhen Dinge, die auch heute schon wichtige Gesichts-
punkte fiir die Betrachtung des Lebens abgeben werden, und
die Geisteswissenschaft hat, weil sie mit viel tief eren Mitteln
vorgehen kann, auf diese tieferen Zusammenhange hinzu-
weisen. Jetzt werden wir es auch begreifen, warum Tycho
de Brahe, Kepler und andere sozusagen als Rechner vor-
gingen, Kepler am allermeisten, Tycho de Brahe schon weni-
ger. Denn wer sich in das eigentumliche Seelenleben Tycho
de Brahes hineinlebt, der findet, dafi es nicht gar so weit
entfernt war von dem Seelenleben des Nostradamus. Aber
vollends sehen wir bei Nostradamus, dafi er nicht zu rech-
nen braucht, sondern daft er in seiner oben offenen Kammer
sitzt und den Sternenraum auf sich wirken lafk. Dafi er da-
zu die entsprechenden Fahigkeiten hat, das schreibt er be-
sonders giinstigen Vererbungsverhaltnissen zu, die sein Or-
ganismus besitzt, der ihm keine Hindernisse entgegensetzt.
Dann braucht er aber noch etwas anderes, wie er sagt: eine
ruhige, gelassene Seele, die alles ausschaltet, was ihn sonst
im Leben umgeben hat, die alle Gedanken und Bewegun-
gen, vor allem alle Sorgen, Aufregungen und Bekummer-
nisse des gewohnlichen Lebens entfernt, alle Erinnerungen
an das tagliche Leben. Rein und frei muE sich die Seele ihren
Sternen entgegenstellen. Dann taucht in der Seele auf, taucht
in Nostradamus' Geist — man sieht es ganz genau geistig —
in Bildern dasjenige auf, was er verkundet. Er sieht es wie
in Bildern, in Szenen vor sich. Und wenn er in astronomi-
schen Ausdrucken sprechen wiirde, und ein Menschenschick-
sal voraussagen und zum Beispiel sagen wiirde, der Saturn
sei schadlich, oder der Mars sei schadlich, so wiirde er bei
Schicksalsvoraussagungen nicht an den physischen Saturn
oder an den physischen Mars da drauften direkt denken,
sondern er wiirde denken: Dieser Mann hat einen kriege-
rischen Charakter, hat ein kriegerisches Temperament, zu-
gleich aber etwas, was Melancholie ist, was ihn gewissen
triibsinnigen Stimmungen aussetzen kann, die bis in die
Leiblichkeit hineingehen konnen. - Das sieht er. Das lafit
er im Geiste zusammen wirken, und da entsteht ihm dann
ein Bild fur die Zukunftsereignisse des betreffenden Men-
schen; da wirken die Neigung zur Melancholie und die krie-
gerische Stimmung des Menschen zusammen: Saturn und
Mars. Das sind nur Sinnbilder. Wenn er Saturn und Mars
sagt, so will er sagen, da$ in dem Menschen etwas drinnen
ist, das zu dem hindrangt, was sich ihm wie eine Szene, ein
Bild hinstellt, was man aber mit der Oppositionsstellung
oder Konjunktionsstellung von Mars und Saturn am Him-
mel vergleichen kann. Aber das ist nur Ausdrucksmittel, nur
Sinnbild fur das, was er sagen will. Fur Nostradamus losen
die Betrachtungen der Harmonie der Sterne die Stimmung
der Sehergabe aus, die es ihm moglich macht, da£ er tiefer
in die Seelen hineinsehen kann, als man es sonst vermag.
Das heiftt also, wir sehen in ihm einen Menschen, der
durch ein besonderes Verhalten die inneren Krafte der Men-
schenseele erwecken kann, die sonst verborgen im Menschen
ruhen. Deshalb ist es Stimmung der Andacht, der Ehrfurcht
vor dem Gottlichen, die er in sich hervorruft, wenn Sorgen
und Bekummernisse vollig stillestehen, und auch das Hin-
neigen der Seele zur aufteren Welt verschwunden ist. Er hat
sich dann vollstandig vergessen, fiihlt sich nicht selbst und
kann dann sagen, dafi sich in solchen Momenten in seiner
Seele bewahrheite, was immer sein Wahlspruch war: Es ist
der Gott, der hier durch meinen Mund sich ausspricht. Ist,
was ich zu sagen vermag, etwas, was dich beriihrt, o Mensch,
so nimm es hin, als dir gesagt von der Gnade deiner Gott-
heit! - Diese Ehrfurcht gehort dazu! Sonst ist Sehergabe
nichts Echtes. Diese Stimmung aber sorgt von vornherein
dafiir, dafi der, welcher sie hat, diese Sehergabe nicht in
einem unmoralischen oder in irgendeinem unedlen Sinne
mifibraucht.
Bei Tycho de Brahe sehen wir eine Art von Ubergang
zwischen dem Charakter des Nostradamus und dem des
Kepler. Tycho de Brahe kommt einem vor, wenn man seine
Seele studiert, wie jemand, der sich aus einem friiheren
Leben heraus an Anschauungen erinnert, die er gehabt hat,
etwa wie man inGriechenland prophetischeDinge getrieben
hat. Es ist etwas in ihm wie in der Seele eines alten Griechen,
der iiberall Weltenharmonie sehen will. Das wird Stim-
mung. Und die Stimmung ist es bei ihm, wie wenn die astro-
nomische Berechnung nur eine Kriicke ware, die darauf hin-
weist, dafi er in der Seele die Krafte findet, welche in ihm
aufsteigen lassen die Bilder aus friiheren Ursachen uber die
Ereignisse der Zukunft oder der Vergangenheit. Kepler ist
schon ein mathematischer Geist, ein wissenschaftlich abstrak-
terer Geist in dem Sinne, wie es die Geister unserer Gegen-
wart in noch erhohterem Mafte sind. Er ist daher schon mehr
oder weniger auf die blofie Berechnung angewiesen, die
naturlich auch wieder stimmt, weil nach den Erfahrungen,
die auf hellseherische Art gemacht worden sind, die Him-
melskonstellationen eingestellt sind auf das menschliche
Leben. Und immer mehr und mehr wurde die Astrologie
blo£e Berechnung. Sehergabe, wie sie Nostradamus noch
hatte, ging immer mehr und mehr verloren. Wir werden den
Ubergang noch sehen in dem Vortrage «Von Paracelsus zu
Goethe». - Sehergabe ging auf in abstrakte Erkenntnis, in
reine intellektuelle, astrologischeProphetie, und wir konnen
sagen: Als die Sehergabe nur noch astrologische Prophetie
war, ist sie schon intellektuell, verstandesmaftig gedacht.
Je weiter wir zuriickgehen, desto mehr werden wir fin-
den, dafi den alten Propheten aus den Untergrunden ihrer
Seele das aufging, was sie uber das Leben ihrer Volker zu
sagen hatten. So war es bei den jiidischen Propheten, da£ sie
unmittelbar aus der Verkniipf ung mit ihrem Gotte, aus dem
Umstande, daft sie von ihrer Personlichkeit und von ihren
personlichen Angelegenheiten frei wurden, den grofien Er-
eignissen ihres Volkes hingegeben waren, und auch hin-
schauen konnten auf das, was ihrem Volke bevorstand. So
wie heute der Erzieher, der vorschauen kann, da£ sich im
Kinde Eigenscliaften zeigen, die sich im Alter wiederholen
miissen, darauf Riicksicht nehmen kann, so erscheint dem
jiidischen Propheten die Seele seines Volkes als ein Ganzes,
und was in Vorzeiten als Ursachen da war, das lagerte sich
in seiner Seele ab und wirkte so, dafi er die Wirkungen wie
in einer grandiosen Ahnung wahrnimmt. Was fiir eine Be-
deutung hat das aber fiir das menschliche Leben, was fiir
einen Sinn hat dieses Prophetentum?
Darauf kommen wir, wenn wir uns klar machen, dafi es
grofiePersonhchkeiten gibt, auf die wir immer das geschicht-
liche Stromen der Tatsachen zunickfuhren werden. Wenn
auch die Menschen immer am liebsten nivelHeren mochten,
weil es unangenehm ist, wenn eine Personlichkeit besonders
uber die anderen Menschen emporragt, denn heute will man
Gleichheit in bezug auf alle Fahigkeiten, heute will man
leugnen, dafi gewisse Personlichkeiten mehr an Kraft als die
anderen haben, so gibt es dennoch im geschichtlichen Werden
und in der Entwickelung der Menschheit solche groften,
fortgeschritteneren Fiihrerpersonlichkeiten. Es gibt zweier-
lei Fiihrer in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit.
Heute ist es ja schon so weit gekommen, dafi das grolke Er-
eignis der Menschheitsentwickelung oder iiberhaupt, dafi
grofite Ereignisse so betrachtet werden, als ob sie nicht auf
eine Personlichkeit zuruckfiihren, sondern wie von selber
aus den Ideen herauswachsen wiirden. So gibt es heute eine
theologische Richtung, die sich noch immer christlich nennt,
die aber sagt, es brauche gar keinen einzelnen Menschen
Christus Jesus gegeben zu haben. Ja, einer dieser Theologen
hat sogar gesagt, als ihm erwidert wurde, dafi doch die
Weltgeschichte von Menschen gemacht wiirde, das sei so
selbstverstandlich, wie der Wald aus Baumen bestande, aber
darauf kame es nicht an, sondern so wie die Baume den
Wald machen, so machen die Menschen die Weltgeschichte.
Es ragt keiner hervor. Aber trifft denn so etwas wie der
Ausdruck: «Der Wald besteht aus Baumen» zusammen mit
dem, was in der Geschichte da ist? Man mufi sich nur wun-
dern, wie wenig Logik sich darin ausdriickt, denn der Be-
treff ende braucht nur dariiber nachzudenken, dafi der Wald,
so wie er besteht, zuruckzufuhren ist auf Taten eines Men-
schen oder vieler Menschen. Es mufi die Frage entstehen,
ob nicht der Wald doch so entstanden sein konnte, dalS ein
oder zwei Samenkorner gelegt worden sind, und dafi daraus
der ganze Wald abstammen kann, Gewifi besteht der Wald
aus Baumen; aber es ist doch erst zu untersuchen, ob er ein-
mal nicht aus ein oder zwei gelegten Samenkornern ab-
stammt. So ist auch in der Menschheitsgeschichte zu unter-
suchen, ob nicht die Ereignisse der Menschheitsentwickelung
auf diesen oder jenen einzelnen Menschen zuruckzufuhren
sind, der die ubrigen befruchtet hat.
Wer die Weltgeschichte so betrachtet, der kommt darauf,
dafi Menschen, die den Strom der Menschheitsentwickelung
leiten, iiberschiissige Krafte haben. Ob sie nun diese Krafte
im giinstigen oder ungiinstigen Sinne verwenden, ist eine
andere Sache. Aus uberschiissigen Kraften wirken die Men-
schen auf ihre Umgebung. Uberschiissige Krafle, die der
Mensch nicht fur seine Personlichkeit gebraucht, konnen sich
entweder in Taten ausleben, oder sie haben in unmittel-
baren Taten keine Verwendung. Bei Tatenmenschen sehen
wir, wie das, was der Mensch an Kraften in sich tragt, sich
in Taten unmittelbar auslebt. Es gibt aber Menschen, die
nicht dazu veranlagt sind, dasjenige, was sie an Kraften
haben, auch in Taten auszuleben, oder aber es tritt, wenn es
sich in Taten ausleben will, immer ein Hindernis ein. Da
haben wir gerade den interessanten Fall des Nostradamus.
Er ist Arzt, er war Jude, er wirkt in einer heilsamen Weise
durdi seine Tatigkeit, er tut vielen Menschen Gutes. Aber
die Menschen konnen es oft nicht leiden, daft jemand Gutes
tut. So bekam er Neider, wurde bezichtigt, daft er Calvinist
sei. Nun, Jude und Calvinist, das waren damals zwei un-
mogliche Dinge, und so kam es, daft er gezwungen war, sich
aus einer weitverzweigten, hingebungsvollen Tatigkeit, die
er als Arzt entwickelt hatte, zuriickzuziehen und seinen Be-
ruf aufzugeben. Aber waren jetzt die Krafte, die er in dieser
aufregenden Tatigkeit angewendet hatte, nicht mehr inihm,
als er sich zuriickzog? Dieselben Krafte waren noch immer
in ihm. In der Physik glaubt man an eine Erhaltung der
Kraft. Man iibertrage das nur in gesunder Weise auf die
Seelenkrafte. Bei Nostradamus war es so, daft jetzt seine
Krafte, als er seine Tatigkeit einstellte, einen anderen Weg
nahmen. Wenn er aber Arzt geblieben ware, so wiirden sie
keine andere Wirkung in die Zukunft gehabt haben. Oder
ist es keine Wirkung in die Zukunft, wenn man einen Men-
schen heilt, wahrend er vielleicht sonst gestorben ware?
Setzt man da nicht seine Tatigkeit im weiteren Verlaufe der
Dinge in die Zukunft hinein fort? Denn wo ist ein Ende
dessen, was man da an Taten vollbringt? Der Tatenstrom
setzt sich fort. Ziehen wir uns wie Nostradamus von einer
Tatigkeit zuriick, so ist der Tatenstrom plotzlkh unterbro-
chen. Er ist nicht mehr da. Die Krafte aber sind da. Und die
Krafte, die in der Seele bleiben, gestalten sich um, so etwa,
daft das, was sonst vielleicht als fernste Wirkungen seiner
Taten in der Zukunft sich gezeigt hatte, als Sehergabe sich
zeigt und im Bilde vor ihm auftauchte. Umgewandelt sehen
wir seine Taten. Und anders ist es auch nicht bei anderen
prophetischen Naturen aller Zeit, und auch nicht bei den
alten jiidischen Propheten. Die alten hebraischen Propheten
sind Manner gewesen — das zeigt die biblische Geschichte — ,
innig verbunden mit alledem, was in der Seele ihres Volkes
an Kraften lebte, was im Strome der Zeit von der Vergan-
genheit in die Zukunft ging; nicht hingen sie an der eigenen
Seele, nicht am Personlichen. Und audi solche Naturen
waren sie nicht, die in Taten sich auslebten, wohl aber solche,
die uberschussige Krafte in sich hatten, die von vornherein
so auftraten wie des Nostradamus Krafte nach ihrer Um-
wandlung. Daher zeigte sich ihnen in gewaltigen Traum-
bildern, was sonst als Taten sich ausgelebt hatte. Sehergabe
ist mit Tatendrang unmittelbar verbunden, zeigt sich nur
wie eine Metamorphose des Tatendranges der in der Seele
iiberschiissigen Krafte.
So zeigt sich Sehergabe durchaus nicht unbegreiflich, son-
dern sie kann sich ganz hineinstellen in die logische Denk-
weise unserer Naturwissenschaft selber. Daraus ersehen wir
aber auch, da£ uns gerade eine solche Sehergabe hinausfiihrt
iiber die unmittelbare Gegenwart. Und alles, was wirken
soil iiber die unmittelbare Gegenwart hinaus, wie kann es
nur wirken? Nur der kann iiber die unmittelbare Gegen-
wart hinaus wirken, der Ideale hat. Ideale sind aber zu-
nachst etwas Abstraktes. Man setzt sie sich vor und glaubt,
daift sie wirklich unserer Gegenwart entsprechen konnten.
Wer aber aus der iibersinnlichen Welt heraus wirken will
und vollbringen will, was aus der iibersinnlichen Welt auf
ihn einwirkt, der nimmt nicht abstrakte Ideale, sondern er
sucht in die Ursachen einzudringen, die im Schofie der Zeiten
liegen, und fragt sich: Wie wirken sich diese Ursachen in der
Zeit aus? - Und das lalk er nicht wirken auf den Verstand,
sondern auf seine Sehergabe. Eine richtige Erkenntnis der
Vergangenheit, wenn dies aber nicht verstandesmafiig ge-
macht wird, sondern sich auf die tieferen Seelenkrafte ab-
lagert, lafk immer in der Seele Bilder der Zukunft auf-
tauchen, die mehr oder weniger entsprechend sind. So ist es
auch heute, daft dem, der Sehergabe richtig betreibt, indem
er sich in den Gang der Menschheitsentwickelung der Vor-
zeit vertieft, ein Bild aufsteigt, weldies wie ein konkretes
Ideal dasteht und sich etwa so ausnimmt, daft man sich
sagen wiirde: Wir leben in einer Zeit, in welcher die Mensch-
heit an einem Ubergange steht; gewisse Krafte, die bisher
nur dunkel in der Seele waren, treten immer mehr und
mehr hervor. Und in einer gewift gar nicht fernen Zukunft
wird, wie heute Vernunft, Verstand und Phantasie fur den
Menschen existieren, etwas anderes in der Seele da sein,
etwas wie eine neue Seelenkraft, durch welche sich der
Drang, die ubersinnliche Welt zu erkennen, geltend machen
wird. Man sieht etwas wie einen neuen Sinn an die Seele
herankommen.
Man sieht aber heute schon das Aufgehen dieser neuen
Seelenkraft. Wenn solches Angeregtsein durch das, was in
der Vergangenheit geschah, auf uns wirkt und Bilder ent-
stehen von dem, was in der Zukunft geschehen muE, dann
haben wir nicht die Impulse des Fanatikers, sondern dann
haben wir die Impulse, die aus der Realitat heraus wirken
und uns sagen, warum wir in bezug auf die geistige Ent-
wickelung der Gegenwart dieses oder jenes tun. Das ist im
Grunde genommen der Sinn alles Prophetentums. Es zeigt
sich, wie der Sinn des Prophetentums auch dann erreicht
werden kann, wenn die Bilder, die ein Seher von der Zu-
kunft entwirft, nicht ganz richtig sind. Gerade wer die ver-
borgenen Krafte der menschlichen Seele zu beobachten ver-
mag, weift, daft vielleicht durchaus falsche Bilder von dem
auftreten, was in der Zukunft geschehen soli, weift aber
auch, warum die Bilder vieldeutig sind oder sein konnen, so
daft durchaus nichts Besonderes ausgesprochen ist in bezug
auf das Geschehene, wenn gesagt wird: Der hat dieses oder
jenes angegeben, aber das ist dehnbar, das ist vieldeutig! -
Solche Bilder konnen vieldeutig sein. Worauf es aber an-
kommt, das ist, daft solche Impulse im Menschen vorhanden
sind, die sich auf das Ganze beziehen, was in die Zukunft
hineingeht, und auf dasjenige wirken, was im Menschen
vorhanden ist, so daft durch solche Impulse schlummernde
Krafte im Menschen geweckt werden. Mogen die Bilder
mehr oder weniger stimmen, diese Prophezeiungen; ganz
aber stimmen sollen die Krafte im Menschen, die Impulse,
die geweckt werden; darauf kommt es an!
So ist der Sinn des Prophetentums weniger in der Befrie-
digung der Neugier durch Voraussagen auf die Zukunft zu
suchen, als vielmehr in der Anfeuerung des Bewufttseins,
daft der Mensch iiberhaupt der Wirkung von Ursachen in
die Zukunft hinein sicher sein kann. Dann mogen Schatten-
seiten und dergleichen da sein, notwendig aber ist es, zu
denken, daft die guten Seiten der Prophetie auch da sind,
und den Sinn fur das Menschenleben haben, daft man wissen
kann, daft auch im Groften das Menschenleben da ist, daft
der Mensch nicht blind in den Tag hinein, aber auch nicht
blind in eine feme Zukunft hinein lebt, sondern daft er sich
selber seine Ziele, seine Impulse setzen kann aus dem Lichte
der Erkenntnis heraus. Recht hatte Goethe, der so viel
Wunderbares iiber die Weltendinge gesagt hat, als er die
Worte hinschrieb:
Wer das Vergangene kennte, der wiifite das Kiinftige; beides
Schlieftt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an.
In einem schonen Spruche der «Weissagungen des Bakis»
sagt er das.
So, sehen wir, liegt im Grunde genommen der Sinn des
Prophetentums nicht so sehr in dem, was die Neugier oder
den Erkenntnisdrang befriedigt, sondern der Sinn des Pro-
phetentums liegt in den Impulsen, die es uns fur ein Wir-
ken in die Zukunft hinein geben kann. Und nur weil in
unserer Zeit das Erkennen, das Verstandes-Erkennen, das
nicht die Impulse des Willens entziindet, iiberschatzt wird,
kommt es, daft man audi iiber das Prophetentum kein
objektives Urteil gewinnen will. Aber die Geisteswissen-
schaft wird es dahin bringen, daft man erkennen wird: Ja,
es waren viele Schattenseiten in dem alten und in dem
neuen Prophetentum, aber es ruht in diesem Prophetentum
- in dem Streben, in dem Bewufttsein, einen Hinweis auf
den Gang der Zukunft zu erhalten - ein wichtiger Kern, der
nicht fiir die Erkenntnis oder fiir die Neugier gebildet ist,
sondern der wichtig ist als Feuer fiir unseren Willen. Und
auch die Menschen, die alles, was im Menschen vorgeht, nur
darnach beurteilen wollen, ob man es niichtern, verstandes-
maftig begreifen kann, miissen aus einer solchen Einsicht in
die Weltverhaltnisse erkennen, wie die Prophetie aus einer
Wissensrichtung hervorgeht, welche die Anfeuerung der
Willensentwickelung zum Ziele hat. Und nachdem wir jetzt
angefuhrt haben, was gegen alle Anfeindungen des Pro-
phetentums gesagt werden kann, und uns iiber das verstan-
digt haben, was Kern und Sinn der Prophetie ist, kann mit
einem gewissen Recht gesagt werden: Auf diesem Gebiete
liegen viele von jenen Dingen verborgen, von denen Schul-
weisheit sich nichts traumen lafk.
Wahr ist dies. Aber gerade im Lichte einer solchen Er-
kenntnis werden sich auch viele Tatsachen zeigen, die uns
den anderen Spruch beweisen, wie Verstandes-Erkenntnisse,
selbst wenn sie noch so richtig sind, zuweilen praktisch voll-
standig wertlos sind, weil sie nicht Willensimpulse entwik-
keln konnen. Wie es wahr ist, daft vieles da ist, was Schul-
weisheit sich nicht traumen la£t, so ist es auf der anderen
Sehe wahr, dafi vieles, was sich auf dem Gebiete der sich
verbreitenden wissenschaftlichen Forschung, der Verstandes-
forschung, ergibt, daft vieles von den Dingen im Himmel
und auf der Erde nicht anzutrefTen ist. Diese Erkenntnisse
verwehen, ziehen nichts nach sidb, wenn sie nicht von dem
im Menschenleben, was ein Wissen ist, fortschreiten zu dem,
was nicht nur am Anfang war, sondern was in der Gegen-
wart und in der Zukunfl das Wichtigste und Bedeutsamste
ist: die menschliche Wirksamkeit, die menschliche Tat!
VON PARACELSUS ZU GOETHE
Berlin, 16. November 1911
Es war an einem schonen Septembertage dieses Jahres, da
fiihrte mich meine Tatigkeit durch Zurich. Und da sich ein
freier Tag zwischen den Tagen der Arbeit fand, fuhr idi
mit einigen Freunden nach dem Zurich benachbarten Orte
Einsiedeln. Es ist dies eine Benediktiner -Abtei, die in der
Frtihzeit des Mittelalters begriindet worden ist und durch
mannigfaltige Umstande eine gewisse Beriihmtheit erlangt
hat. Es war an jenem Septembertage gerade das, was man
in katholischen Gegenden einen Wallfahrtstag, ein Wall-
f ahrtsf est nennt. Einsiedeln war geriistet, eine grofie Anzahl
von Wallfahrern zu empfangen, und bereitete sich zu einem
regen Leben vor, wie man es in katholischen Wallfahrts-
orten kennt. Ich selbst wollte damals auch eine Art von
Wallfahrt machen, aber nicht unmittelbar nach jenem Orte
Einsiedeln, sondern von dort aus nach einer benachbarten
Statte. Es wurde ein Wagen genommen, und man sagt dann,
man wolle zur «Teufelsbrucke» fahren. Auf einem ziemlich
holprigen Wege, bergauf und bergab, kommt man endlich
dorthin und trirft ein ziemlich modernes Gasthaus an, das
erst vor verhaltnismafiig kurzer Zeit gebaut worden ist. An
diesem Gasthause findet sich eine Tafel: «Geburtsstatte des
Arztes und Naturforschers Philippus Theophrastus Bom-
bastus von Hohenheim, genannt Paracelsuss 1493-1 541. »
Das war zunachst dasZiel meiner Wallfahrt: dieGeburts-
statte des beriihmten, man kann auch sagen in vieler Be-
ziehung beruchtigten, Theophrastus Bombastus Paracelsus
von Hohenheim. Zunachst sah man an einer merkwiirdigen
Statte, an der sich viele Wege kreuzten, rings ein wirklich
Uppiges Pflanzenfeld, reichen Blumenwuchs, und in jenem
Augenblick, als wir dort waren, war der Ort audi noch ganz
besonders bevolkert von den in der Schweiz ja noch so viel-
fach unmittelbar anzutreffenden Viehherden. Man konnte
etwas ganz Besonderes empfinden durch das Eigenartige der
Natur, wie man sie eben innerhalbEuropas kaum wo anders
als in Alpengegenden gut finden kann. Die Natur hat dort
etwas, wie wenn die Pflanzen eine eigene Sprache fuhrten,
als ob sie einem etwas sagen wollten, als ob sie recht ge-
sprachig werden konnten. Es ist auch die dortige Statte so
recht geeignet, mit dem zu verwachsen, was einem der Geist
der Natur sagen kann.
Und es stieg vor meiner Seele das Bild eines Knaben auf,
der in den ersten neun Jahren seines Lebens in jener Natur
aufgewachsen ist, der tatsachlich in einem Hause seine Ge-
burtsstatte hatte, das einstmals dort gestanden hat, und das
dann durch das genannte neue ersetzt wurde. Denn es
…[truncated]