Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Menschheitsentwickelung 
und Christus-Erkenntnis 

Theosophie und Rosenkreuzertum 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Kassel 
vom 16. bis 29.Juni 1907 

Das Johannes-Evangelium 

Acht Vortrage, gehalten in Basel 
vom 16. bis 25. November 1907 



1981 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften (Notizen) 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hendrik Knobel 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967 

2. Auflage (fotomech. Nachdruck), 
teilweise mit dem Stenogramm verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1981 



Bibliographie-Nr. 100 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-1000-0 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie 
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



THEOSOPHIE UND ROSENKREUZERTUM 

Erster Vortrag, Kassel, l6.Juni 1907 

Das Wesen unserer Zeit und die Theosophie - Das Absterben der Religion 
- Richard Wagner und die Welt der Mythen - Wiederverkorperung als 
Lehre der Druiden - Ursprung der Sagen und Mythen - Von der agypti- 
schen Astronomie - Der Materialismus der Technik und Industrie als Not- 
wendigkeit der Entwickelung - Christian Rosenkreutz als Vorbereiter 
einer neuen geistigen Kultur - Paulus und Dionysius Areopagita - Uber- 
einstimmung zwischen Christentum und Rosenkreuzertum - Ein Aus- 
spruch Fichtes - Du Bois-Reymond und seine Erkenntnisgrenzen - Das 
Wesen der Geisteswissenschaft - Geisterkenntnis und Logik - Theosophie 
und Lebenspraxis. 

Zweiter Vortrag, Kassel, 17.Juni 1907 

Ausspriiche von Paracelsus und Goethe zum Vortragsthema - Das Wesen 
des Menschen, der physische Leib, die mineralische Welt - Der obere 
Devachanplan - Die Negativitat der Stofflichkeit des Atherleibes - Die 
Zweigeschlechtlichkeit des Menschen - Bewufttsein der Pflanze - Die 
Weisheit des Atherleibes, der Oberschenkelknochen - Die Empfindung 
als Wesen des Astralleibes - Der Astralleib wahrend des Schlafes - Die 
Spharenharmonie bei Pythagoras und bei Goethe - Zitate aus der Faust - 
dichtung - Die Viergliedrigkeit des Menschen. 

Dritter Vortrag, Kassel, 18 Juni 1907 

Vom Wesen des Ich - Unterschied von hoch- und niederentwickelten 
Menschen - Franz von Assisi - Umwandlung von Astralleib, Atherleib 
und physischem Leib in Manas, Buddhi, Atman - Die Siebengliederigkeit 
des Menschen - Ober das Leben nach dem Tode - Das Erinnerungs- 
tableau - Das Ablegen des Astralleibes - Das Kamaloka - Zuriicklassung 
dreier Leichname - Das Wesen des Spiritismus - Der Dbertritt in das 
Geisterland. 

Vierter Vortrag, Kassel, 19juni 1907 

Der Begriff «Welt» - Die Astralwelt als symbolisierende Traumwelt - Bei- 
spiele dazu - Die spiegelbildliche Natur der Astralwelt - Die Umkehrung 
der Zeit - Das Ruckwartserleben des ganzen Lebens - Die Welt der Ur- 
bilder, zunachst als Kontinentalgebiet - das «Tat vam asi» - Das Ozean- 



gebiet als flutendes Leben - Das Luftgebiet als atmospharische Erschei- 
nung von Gefuhlen, Triebcn usw. bis zur Spharenharmonie - Alles 
Schdpferische als das vierte Gebiet des Geisterlandes - Die drei oberen Re- 
gionen des Geisterlandes - Von der Akasha-Chronik - Die Befreiung und 
Vertiefung des Menschen in diesen Regionen. 

FOnfter Vortrag, Kassel, 20.Juni 1907 

Von der Fahigkeit des Schreibens - Das musikalische Gedachtnis Mozarts 
- Erwahnung Francesco Redis - Der Gang des Menschen durch das Deva- 
chan - Die Entstehung von Organen - Uber Erziehung - Rachitis, falsche 
und richtige Behandlung derselben - Weiteres iiber Erziehung - Weitere 
Schilderung des Devachan - Das Buch «Mimik des Denkens* - Die Einwir- 
kung der Toten in die sich verandernde Erde - «Peter Schlemihl* von Cha- 
misso - Theosophie als das Verstehen der sichtbaren Welt. 

Sechster Vortrag, Kassel, 24.Juni 1907 

Der Herunterstieg des Menschen zum neuen Erdenleben - Mitgebrachte 
Fahigkeiten und Vererbung - Das Grofierwerden und das Zerstiickeltwer- 
den im Leben nach dem Tode - Wiederabstieg zum neuen Erdenleben - 
Die Umkleidung mit dem Astralleib - Volksseelen als Heifer bei der Ein- 
gliederung des Atherleibes - Fritz Mauthner und seine «Kritik der 
Sprache* - Das Verhaltnis mitgebrachter und ererbter Fahigkeiten am 
Beispiel der Familien Bach und Bernoulli - Von der Mutterliebe - Vom 
Elternpaar - Das Beispiel von fiinf Femerichtern fur die Anziehungs- und 
Ausgleichskrafte zwischen Menschen - Die Veredelung des Menschen 
durch die Inkarnationen - Esoterische Deutung des Vaterunser - Einwan- 
de gegen die Deutung und ihre Widerlegung. 

Siebenter Vortrag, Kassel, 22 Juni 1907 

Das Gesetz des Karma - Beispiele zu der Wirkung des Karmagesetzes - 
Das Karmagesetz und der Anfang des alten Testaments - Das Karmage- 
setz als Losung der Lebensratsel - Astrale Erlebnisse verursachen Beschaf- 
fenheit des Atherleibes, atherische Eigenschaften solche des physischen 
Leibes - Taten in der Aufienwelt kommen im nachsten Leben zuruck als 
Schicksal - Materialistische Anschauung uber Ursache und Wirkung und 
ihre Widerlegung - Ober das Weinen - Wesen der Miselsucht - Einwir- 
kung der Hunnen auf die europaische Bevolkerung als Ursache des Aus- 
satzes - Die schadliche Einwirkung des Materialismus, namentlich auf das 
religiose Leben - Das Auftreten von Geisteskrankheiten - Falsche An- 
schauung uber das Karma und ihre Widerlegung - Die Ubereinstimmung 
des Erlosungstodes Christi mit dem Karmagesetz - Weitere Beispiele fur 



Karmawirkungen - Der Ausspruch des Fabre d' Olivet - Die Frage nach 
der Siinde wider den Heiligen Geist. 

Achter Vortrag, Kassel, 23Juni 1907 

Die vorherige Inkarnation der heutigen Menschheit - Das Problem der 
Gleichheit der Menschen - Der Durchgang der Sonne durch den Tierkreis 
- Spiegelung dieses Durchganges in den Kulturepochen - Lange und 
Wesen der Inkarnationen des Menschen in diesen Epochen - Ruckschau 
nach dem Tode und Vorschau vor der Geburt - Idiotie als mogliche Folge 
der Vorschau - Charakterisierung der Leiber des Menschen - Erklarung fur 
das in der Mitte stehen des Menschen in der Entwickelung - Wesen vom 
alten Mond, Sonne, Saturn - Die sieben Inkarnationen der Erde - Der 
Niederschlag ihrer Namen in den Namen der Wochentage - Der Zusam- 
menhang der Leiber des Menschen mit den Entwickelungsstadien der 
Erde. 

Neunter Vortrag, Kassel, 24Juni 1907 

Der Mensch als das vollkommenste Wesen - Das Wesen das Saturn als 
physikalischer Apparat - Kronos und Rhea - Schilderung der Saturn- 
menschen - Die Einpflanzung der «guten» Ichheit - Gute und bose 
Wesenheiten auf dem Saturn - Die alte Sonne als das Reich der Pflanzen- 
menschen und des Minerals - Das Aroma der alten Sonne und sein- 
Gegenteil, der alte Saturnteil - Die Feuergeister und ihr Representant, 
der Christus - Sonnenweg und Mondenweg - Der alte Mond und die 
Eingliederung des Astralleibes - Das Entstehen des Nervensystems 
und des Tierartigen - Die Stofflichkeit des alten Mondes - Die Feuer- 
luft - Die Mistel - Der Mythos von Baldur und Loki - Die Geister des 
Zwielichts oder die Engel - Mond und Sonne in ihrer Wirkung auf 
den Tiermenschen (Fortpflanzung) - Allgemeine Zustande des lunari- 
schen Lebens. 

Zehnter Vortrag, Kassel, 25Juni 1907 

Die Umwandlung des alten Mondes in unserer Erde - Wiederholung 
von Saturn, Sonne, Mond - Die Herauslosung der Sonne und des 
Mondes - Wissenschaftliche Zeugnisse von der Urzeit der Erde - Huxley 
und andere - Der Affe als dekadenter Mensch - Das Gedachtnis der 
Atlantier - Niflheim - Das Hellsehen der Atlantier - Die enge Bluts- 
verwandschaft als Grundlage des Hellsehens - Ursprung der Mythen 
und Sagen - Das Entstehen des Regenbogens - Richard Wagner und 
seine Oper Rheingold - Allgemeine Zustande der Atlantis - Das alte 
Lemurien. 



Elfter Vortrag, Kassel, 26Juni 1907 133 

Der Zustand der Erde nach der Mondentrennung - Zwei Arten von Pflan- 
zen - Das Hervorgchen des Minerals aus dem Pflanzenreich - Vom Gneis - 
Das Zirbeldriisenorgan - Verhaltnis der ewigen Seele zum Leibe - Entste- 
hung der Lungenatmung und des Blutes - Ausspruch des Paracelsus - Der 
Durchgang des Mars durch die Erde - Entstehung des Kehlkopfes und des 
Skeletts - Die Atlantis - Die Indianer - Allgemeine Zustande der Atlantis 

- Beschreibung der nachatlantischen Kulturepoche - Das Christentum 
und die Zukunft - Einwirkung der Seele auf den Leib - Der Erlosungsge- 
danke der Theosophie. 

Zwolfter Vortrag, Kassel, 2 7. Juni 1907 149 

Die Geschlechtertrennung - Nah- und Fernehe - Der Dichter Anzen- 
gruber - Wesen der Nahehe - Das Generationsgedachtnis in der Patriar- 
chenzeit - Blutserlebnis als die Urliebe - Die individuelle, geistige Liebe 
der Zukunft - Das Christentum als mystische Tatsache - Die alten Myste- 
rien als Voraussetzung des Christentums - Ausspruch des Augustinus - 
Schilderung der alten Einweihung - Ihr Verhaltnis zu der Wesenheit 
Christi - Richard Wagner und das Blutmysterium - Das Blutopfer Christi 

- Die Einzigartigkeit des Christentums - Antwort an Strauss, Drews und 
andere - Die Anderung der Erde durch das Mysterium von Golgatha - 
Wesen des Johannes-Evangeliums und sein Wortlaut - Die ersten funf 
Stufen der christlichen Einweihung - Goethes Verse iiber die Sonne und 
das Auge - Das Christus -Organ. 

Dreizehnter Vortrag, Kassel, 28juni 1907 165 

Das Hineinschauen in die Zukunft und das Vorherbestimmtsein - Diony- 
sius Areopagita und die Lehre vom «Wort» - Der Kehlkopf als kunftiges 
Fortpflanzungsorgan - Christian Rosenkreutz und seine Schule - Die 
ersten drei Stufen der Schulung - Das Studium als erste Stufe - Uber Re- 
chenmaschinen - Hinweis auf die «Philosophie der Freiheit* - Die Imagi- 
nation als zweite Stufe - Goethe und der Erdgeist - Der Tautropfen - Die 
Lehre vom Heiligen Gral - Der Mensch als umgekehrte Pflanze - Der 
Kehlkopf als Zukunftsorgan - Das Kinderlied «Flieg, Kafer, flieg...», das 
Marchen vom Storchen, die Schmetterlingspuppe - Das Aneignen der ok- 
kulten Schrift als dritte Stufe - Der Entwickelungsvorgang - Entsprechung 
von Kulturepochen und Tierkreiszeichen. 



Vierzehnter Vortrag, Kassel, 29. Juni 1907 179 

Die Bereitung des Steins der Weisen als vierte Stufe - Der Verrat im Jahre 
1459 - Der gegensatzliche Atmungsvorgang in Mensch und Pflanze - Die 



goldene Legende und ihre Erklarung - Der Baum des Lebens und der 
Baum der Erkenntnis - Die Schulung zur Erlangung des Steins der Weisen 
- Die Chinesen als dekadente atlantische Volkerschaften - Die Sage von 
Ahasver - Entsprechungen von Mikrokosmos und Makrokosmos als fiinfte 
Stufe - Das Zusammenziehen vom atherischen und physischen Leib in der 
nachatlantischen Zeit - Die Versenkung in den Makrokosmos als sechste 
Stufe - Die Liebe des Menschen zu alien Geschopfen - Die siebente Stufe 
der Schulung - Wesen des okkulten Lehrers - Gedankenkontrolle und 
Positivitat - Eduard von Hartmann, und die Auseinandersetzung mit sei- 
nen Zeitgenossen - Die Erfindung der Briefmarke - Die Argumente gegen 
die Eisenbahn - Geisteswissenschaft als Lebenstatsache. 



DAS JOHANNES-EVANGELIUM 

ErsterVortrag, Basel, 16. November 1907 197 

Naturwissenschaft und Religion - Das Wesen der Theosophie und ihr 
Verhaltnis zu den religiosen Urkunden - Vier Standpunkte gegeniiber 
den religiosen Urkunden - Das Verhaltnis des Johannes-Evangeliums zu 
den anderen Evangelien - Der Kampf zwischen Karl Vogt und dem 
Professor Wagner - Christus als das die ganze Erde umfassende Wesen - 
Wortlaut des Anfangs des Johannes-Evangeliums - Dionysius der Areopa- 
gite und die Hierarchienlehre - Das Wort als Form und Gestalt - Uber 
die Organe Kehlkopf und Herz. 

Zweiter Vortrag, Basel, U.November 1907 202 

Das Wesen vom physischen und atherischen Leib - Das Pentagramm - 
Der Atherleib bei Mann und Frau - Wesen des Astralleibes - Uber die 
Ermudung - Astralleib und allgemeine Astralwelt - Das Ich des Men- 
schen, des Tieres, der Pflanze, der Mineralien - Entwickelungsstufen des 
Menschen - Franziskus von Assisi - Umwandlung der Leiber des Men- 
schen zu Manas, Buddhi, Atman. 

Dritter Vortrag, Basel, 18. November 1907 208 

Die Ubereinstimmung der Anfange der Bibel und des Johannes- 
Evangeliums - Die sieben Verkorperungen der Erde - Das Wesen des 
Pralaya - Das Atman auf dem Saturn - Sonne-Luft, Mond-Wasser - Die 
Trennung der Sonne und des Mondes von der Erde - Uber Jehova und das 
Ich - Die Lehre des Dionysius des Areopagiten - Die «Kinder Gottes» oder 
«Gottes Sohne». 



Vierter Vortrag, Basel, 19. November 1907 214 

Weisheit und Liebe - Der Durchgang des Mars durch die Erde - Die Ein- 
gliederung des Ich durch Jahve - Feueratmen und Luftatmen - Sonnen- 
geister, Jahve, Lucifer - Der atlantische Mensch - Unbewufitheit der Fort- 
pflanzung in der Adantis - Obergang von Verwandtenliebe zur univer- 
sellen Liebe des Christentums. 

FCnfter Vortrag, Basel, 20. November 1907 222 

Das mosaische Gesetz und seine Ablosung - Die vorchristliche Einwei- 
hung - Die Einweihung durch Christus im physischen Leib - Die Einwei- 
hung des Lazarus - Die drei Frauen unter dem Kreuz auf Golgatha - Die 
«Gottes Kinder* - Maria und Maria Magdalena - Ober Nathanael - Das 
Ich der verschiedenen Leiber im Verhaltnis zum Individual-Ich - Die 
innere Harmonie durch Christus - Goethes Ausspruch iiber das Auge und 
das Lichr - Das Johannes-Evangelium als historischer Weg zu Christus. 

Sechster Vortrag, Basel, 21. November 1907 232 

Das Zahlengeheimnis im Johannes-Evangelium - Die pythagoraische 
Schule - Die Zahl Funf - Adantis und die Atlantier - Richard Wagner und 
seine Oper «Rheingold» - Abstieg und Aufstieg der nachatlantischen 
Kultur - Liber den Aussatz - Nervenkrankheiten unserer Zeit - Das Chri- 
stentum als Heiler - Deutung der Zahl Funf - Christus und die Sama- 
riterin - Die drei Frauen unter dem Kreuz - Historische Tatsachen als 
Symbole der kunftigen Menschheitsentwkkelung. 

Siebenter Vortrag, Basel, 22. November 1907 243 

Unterschied der Europaer und der Indianer - Das Problem der Abstam- 
mung des Menschen - Die Herrschaft des Atherleibes iiber den physi- 
schen Leib in Lemurien - Die Abstammung des Affen - Der Stammbaum 
des Menschen und der tierischen Abzweigungen - Der Haeckelsche 
Stammbaum - Wesenheit des Heiligen Geistes - Der Mensch als umge- 
kehrte Pflanze - Der Hermaphrodit - Geschlechtsorgane, Gehirn, Kehl- 
kopf - Das Herz - Der Heilige Gral - Vom Wesen der Pflanze - Der christ- 
liche Geist und die Erde - Die Einheitlichkeit des Luftkreises - Die Erde 
als wahrer Leib Christi. 

Achter Vortrag, Basel, 25. November 1907 255 

Das Gruppen-Ich des jiidischen Volkes - Die Individualisierung des Ich 
durch Christus - Die goldene Legende - Rotes und blaues Blut - Mensch 
und Pflanze - Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens - Ober 
Nikodemus - Weg, Wahrhek, Leben - Das Johannes-Evangelium und die 



wiederholten Erdenleben - Uber den BHndgeborenen - Die Ehebrecherin 
- Karma und Freiheit - Die Hochzeit zu Kanaan als Zukunftsbild - Die 
Verwandlung von Wasser in Wein - Die Speisung der Funftausend - Das 
Johannes -Evangelium als Einweihungsschrift - Die Mutter Sophia. 

Hinweise 267 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 273 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 275 



THEOSOPHIE 
UND 

ROSENKREUZERTUM 



ERSTER VORTRAG 
Kassei, 16.Junil907 



Das Ziel dieser Vortrage soli sein, einen Oberblick zu geben iiber das, 
was man gewohnt ist, Theosophie zu nennen. Diese Theosophie mufi 
im umfassendsten Sinne ein neuer Kulturimpuls werden; sie ist etwas, 
wonach sich die Menschheit seit langer Zeit sehnt und mufi Antwort 
geben auf die von alien Seiten her brennende Frage,welche die Mensch- 
heit stellt. Doch ist sie in unserer Gegenwart noch vielfach etwas, was 
man nicht nur widerlegen will, sondern was man als etwas Frag- 
wiirdiges, ja als etwas Verriicktes ansieht, wie die Traumereien von 
einigen phantastischen Kopfen. 

Freilich, wenn man diese Phantasten selbst fragt, was sie mit der 
Theosophie wollen und sich von ihr versprechen, dann ist die Antwort 
eine ziemlich umfassende. Vor alien Dingen wird das, was heute als 
traumerisch angesehen wird, von dem, der es in seinem Lebensnerv er- 
kannt hat, als etwas angesehen, was sicher schon in zwanzig bis ftinfzig 
Jahren eine ungeheure Bedeutung haben wird fur das menschliche 
Empfinden, Denken, Wollen und Tun. 

Es gibt nichts, wohinein nicht diese Theosophie als Impuls leuchten 
konnte und zu leuchten berufen ware. 

Dafi es heute in unserer Zeit die verschiedensten Fragen gibt: Ge- 
sundheits-, soziale, Frauen-, Erziehungsfragen, ist ja bekannt. Noch 
eine grofiere Fulle von Antworten gibt es. Wenn man aber sachlich alle 
diese Fragen und ihre Antworten priift, kommt man zu der Einsicht, 
dafi die Fragen zwar richtig gestellt sind von unserer Zeitkultur - sie 
werden von den Zeitverhaltnissen gestellt ~, dafi aber die Antworten 
auf diese Fragen so ohne weiteres von unserer Zeit nicht gegeben wer- 
den konnen. 

Demjenigen, welcher Augen und Ohren vor den Fragen der Zeit 
verschliefit, wird klar, dafi sich ihm uberall Hindernisse in den Weg 
stellen. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen gewahr werden, 
dafi es noch viel mehr Fragen gibt: die Tatsache vom inneren und 
aufieren Kriege der Menschheit, von Schmerzen und Leiden, von zer- 



tretenen Hoffnungen auf alien Gebieten, stellt diese Fragen. Die Ant- 
wort zu geben, kann nur die Theosophie imstande sein. 

Die Menschen, welche den Kopf hangen lassen, die zwar ihre Pf licht 
tun, aber nicht wissen, wozu sie all die Arbeit verrichten, und bei denen 
sich diese zerfahrene Stimmung auspragt bis zur Verzweiflung, ja sogar 
bis in die physische Gesundheit hinein, in den Erscheinungen der Neur- 
asthenic, werden immer zahlreicher. 

Dies alles soli hier nur angedeutet werden. Der Hauptgedanke soli 
vor unsere Seele treten: Theosophie ist nichts, was innerhalb einiger 
miifiiger Kopfe Platz greifen soil, die nichts Besseres zu tun haben, 
sondern sie soli in das praktische Leben eingreifen. 

Freilich, auch die Theosophische Gesellschaft hat in den dreiftig 
Jahren ihres Bestehens ihre Kinderkrankheiten und alle moglichen 
Dinge durchzumachen gehabt, welche an ihrer Bedeutung haben zwei- 
feln lassen; aber sie wird sich aus diesen Krankheiten herausarbeiten 
und zeigen,was sie zu leisten vermag. Eine alles umfassende Angelegen- 
hek, eine universelle Sache mufi die Theosophie werden, weil sie die 
Antwort geben soil auf die Fragen, die schliefilich die Grundfragen 
alles Daseins sind, und darauf hinweisen, wie der heutige Mensch diese 
Fragen verstehen soil; verstehen, warum es in der Welt iiberhaupt 
Religionen und Wissenschaften gibt. Was wir auch immer tun, auf ge- 
wisse Grundfragen geht es zuriick, wenn es Kunst, Wissenschaft und 
praktisches Wirken geben soli, und diese Grundfragen mussen in irgend- 
einer Weise gelost werden. Alle Religionen waren Versuche, auf diese 
Fragen Antwort zu geben, eine Antwort, die aber immer dem Intellekt 
und der Kulturstufe der Volker angepaflt war. 

Theosophie will keine Religion sein, sie hat nichts zu tun mit einer 
Sekte, sie agitiert nicht. 

Religion ist, wie Sie wissen, so alt wie das menschliche Streben. Wenn 
wir die verschiedenen Religionen bei den verschiedenen Volkern durch- 
schauen, kommen wir zu der Uberzeugung, dafi all die verschiedenen 
Religionen versucht haben, Antwort zu geben auf die Fragen: Was ist, 
erstens, der Wesenskern des Menschen? Zweitens, des Menschen Be- 
stimmung? Drittens: Was reicht iiber dieses physische Dasein hinaus? 

In bezug auf diese Fragen haben gerade wir heutigen Menschen eine 



merkwiirdige Zeit hinter uns, die viele Menschen hat irre werden lassen 
an der Religion. Fragen wir uns einmal: Wie viele Menschen gibt es 
heute, die wohl Religion brauchen, aber sie nicht haben konnen? Einige 
von uns konnen noch in Zeiten zuriickblicken, wo die Religion noch 
wirklich empfundenes Leben war, wo die Religion noch viel mehr Gel- 
tung hatte, ja in viel hoherem Mafie, als es bei einzelnen besonders 
religios veranlagten Naturen noch heute der Fall ist. In den letzteren 
ist noch etwas von dem warmen Gefiihl vorhanden, welches durch 
Jahrtausende gegangen ist. Das Bediirfnis, die Sehnsucht nach dem, was 
man die geistige Welt nennt, das heifit die Sehnsucht nach Religion, ist 
auch heute noch vorhanden; ja, bei den wahrsten Naturen ist diese 
Sehnsucht nach Befriedigung sogar immer grofier geworden. Ein sol- 
dier Mensch wird sagen: Als ich ein Kind war, da hatte ich noch den 
rechten Glauben. Dann aber wurde es anders. Da lernte ich die soge- 
nannte Wissenschaft kennen und ihre Tatsachen, und ich mufite, da 
diese zum Beispiel ganz anders erzahlen, wie die Welt entstanden ist, 
tief zweifeln an dem, was ich als Kind geglaubt hatte! - Und dann kam 
das andere: eine tief traurige Stimmung des Lebens, wo die Seele wie 
zerrissen ist, wo die Seele ode in die Welt blickt und keine Aufklarung 
erhalt iiber den inneren Zwiespalt. Daher die Zerrissenheit zwischen 
religioser Sehnsucht und Befriedigung der Seele, daher die heutige Tra- 
gik. Vielleicht ist das aber noch das bessere, was in diesen Seelen Platz 
greift, besser als das andere: dafi namlich der Mensch iiberhaupt nicht 
mehr fragt, das Fragen sich ganz abgewohnt, dafi er oberf lachlich wird 
und im Alltagsdasein blofi so hinlebt. 

Liegt es nun an den Religionen, dafi es so gekommen ist? Nein! Mit 
Handen zu greifen ist es, dafi dies nicht so ist; denn jede Religion, ja 
selbst die alten Mythen und Sagen, haben die Mittel und Wege, das 
Herz zuriickzufuhren, jede Seele wieder lebendig zu machen, wenn sie 
nur will. Wer hatte es geglaubt, dafi solche gewaltigen Impulse aus den 
alten Mythen, die doch jahrtausendelang ausgestorben schienen und ein 
fast verborgenes, unbekanntes Dasein fiihrten, auferstehen konnten, 
wie in den Dramen von Richard Wagner ? 

Eine neue Religion braucht nicht begriindet zu werden, denn die 
Zeit dafiir ist voriiber; aber eine neue Stellungnahme des Menschen zu 



ihr, ein neues Verstandnis ist notig geworden. Was anders geworden ist, 
das ist der menschliche Geist, die menschliche Seele, das menschliche 
Herz. 

Versuchen wir uns einmal in den Entwickelungsgang der mensch- 
lichen Seele hineinzuversetzen, so werden wir uns im Verlauf dieser 
Vortrage davon iiberzeugen konnen, dafi unsere Seelen schon oft hier 
auf dem physischen Plane waren, dafi sie sich erst nach und nach zu 
der Stufe entwickelt haben, auf der sie heute stehen. Das mag Ihnen 
zunachst grotesk erscheinen, aber alle unsere Seelen haben die tiefen 
Wahrheiten, wie sie uns heute vorgetragen werden, schon oft in ihren 
friiheren Leben gehort. 

Sie werden zum Beispiel hier die Lehre von derWiederverkorperung 
kennenlernen; aber so wie Sie heute mir zuhoren, so haben friiher Ihre 
Seelen zugehort jenen gerade in unserer Gegend lebenden und lehren- 
den Druiden. Schon diese alten Druidenlehrer haben die Lehre von der 
Wiederverkorperung in engeren Kreisen gepflegt, diese uralte Weisheit 
iiber die Ratsel des Lebens. Sie sind hinausgegangen zu denen, welche 
in ihrer Seele das Bediirfnis nach tieferer Erkenntnis fiihlten. Hatten 
aber diese alten Lehrer damals so gesprochen, wie ich heute spreche, 
dann hatten es Ihre Seelen damals gar nicht verstehen konnen, denn 
dazu ware damals der Geist noch nicht entwickelt gewesen. Damals 
gab es fiir den menschlichen Geist noch kein logisches Denken. Was es 
aber gab, das war die Moglichkeit, durch Bilder aufzufassen. Und des- 
halb sprachen diese Lehrer in Bildern sich aus, und diese Bilder sind 
das, was Sie heute als Sagen und My then kennen. Hatten unsere Seelen 
diese Lehren damals nicht gehort, dann konnten wir es heute nicht ver- 
stehen, wenn uns die Wahrheit heute in neuer Form gelehrt wiirde. 

So macht die Seele durch Jahrtausende gewaltige Fortschritte, immer 
neue Gestalt nimmt sie an, und deshalb mufi auch die Wahrheit in 
immer neuer Gestalt an sie herangebracht, ihr verkiindet werden. Ich 
will Ihnen ein zweites Beispiel anfiihren. 

Gehen wir einmal in der Menschheitsentwickelung zuriick bis zu 
den Agyptern, Chaldaern, Babyloniern. Als diese dieTrager der Kultur 
waren, da sahen sie nicht Sonne und Sterne als rein physische Korper 
an. Wenn heute ein materialistischer Astronom sich die Himmelskor- 



per betrachtet, so sieht er eben nur physische Korper in ihnen, sonst 
aber nichts. Die Erde ist fur ihn auch nur solch ein physischer Welten- 
korper, auf dem der Mensch herumkrabbelt,wie die Miicke auf unserer 
Hand. 

Ganz anders war es bei den alten agyptischen Astronomen. Wenn 
der alte agyptische Sterndeuter einen Stern ansah, dachte er nicht an 
einen rein physischen Korper, sondern der Stern bedeutete fur ihn 
etwas ganz anderes als fur den heutigen Menschen. Wenn er zum Bei- 
spiel den Namen Merkur aussprach, tat er das mit Ehrfurcht. Er dachte 
da gar nicht daran, den physischen Himmelskorper anzusprechen, eben- 
sowenig wie Sie denken, einen Korper aus Papiermache anzusprechen. 
Alles, was das Auge sah, war fur diese Zeit nur der aufiere Ausdruck 
eines Geistigen. So war der physische Stern Merkur fur die alten Astro- 
nomen der Ausdruck fur den Geist des Merkur. Sie mussen das nicht 
verstandesmafiig, sondern mit dem Gemiit auffassen, sonst haben Sie 
keinen Begriff von dem Seeleninhalt eines solchen Astronomen. Es gab 
nichts, was nicht fur ihn der Ausdruck eines Geistigen war. Er sagte: 
Alles ist Geist, lind ich als Geist bin ein Teil dieses Geistes. 

Diese Empfindung mussen Sie sich vor Augen halten. Die Weisen 
der friiheren Zeiten, man mufi sie verstehen, mufi das verstehen, was 
die gewufit haben iiber die Vorgange des geistigen Raumes. Und wer 
sich in diese Empfindung hinein vertieft, der weifi, wie unendlich er- 
haben diese Anschauung iiber unsere heutige materialistische Anschau- 
ung ist. Die Weisen der damaligen Zeit mufi man erst verstehen, man 
mufi ergrunden, was sie iiber die Vorgange des geistigen Raumes ge- 
wufit haben; dann erst merkt man, wie ungeheuer der Unterschied ist, 
und wie unendlich bedeutungsvoll jene alten Weisheitslehren waren. 
Das mag dem materialistischen Sinn unserer Zeit, der nur die rein phy- 
sische Auffassung der Astronomie kennt, lacherlich erscheinen, aber es 
ist so. 

Wie kommt es nun, dafi jetzt dem Menschen der Sinn fiir das geistige 
Leben,das allem physischen Leben zugrunde liegt, abhanden gekommen 
ist? Und warum mufite das so kommen? 

Wenden wir einmal den Blick auf das, was uns in nachster Nahe 
umgibt. Konnten Sie das, was damals den Menschen auf Schritt und 



Tritt umgeben hat, mit dem vergleichen, was heute den Menschen um- 
gibt, so wiirden Sie finden: Damals besafi der Mensch nur die allernot- 
diirftigsten Mittel, um sein Leben auf dieser Erde zu fristen; dafiir aber 
hatte er noch mehr Sinn fur das Geistige. Dieser Sinn fiir die geistige 
Welt mufite zuriicktreten, um dem Menschen die Moglichkeit zu geben, 
die jetzige Herrschaft iiber die Erde zu erringen. Alle unsere Fort- 
schritte in Technik und Industrie waren nur moglich durch unsere 
materialistisch gewordene Weltanschauung, und dadurch, dafi eben der 
Geist, die iibersinnliche Welt, zuriicktrat. Also auf Kosten der geistigen 
Anschauung errang sich der Mensch im Laufe der letzten Jahrhunderte 
die Herrschaft iiber die physische Welt. Es ist ein urewiges Gesetz der 
Menschheit, dafi Fahigkeiten, die auf dem einen Gebiete erworben wer- 
den, nur durch Zuriicktreten von Fahigkeiten auf einem andern Gebiete 
gewonnen werden konnen. Niemals hatte der Mensch zum Beispiel die 
Verkehrsmoglichkeiten von heute schaffen konnen, wenn nicht die 
andern Fahigkeiten zuriickgetreten waren. Um alles das, was uns heute 
umgibt, zu erwerben, muftte der Sinn fiir das Geistige zuriicktreten. 
Zur Eroberung der physischen Welt also mufke das zuriicktreten, wo- 
von der Mensch einst erfullt war. 

So sehen wir um das 16. Jahrhundert herum die Menschen den Blick 
fiir die geistige Welt verlieren, und sehen, wie der materialistische Sinn 
die Menschheit erfafit. Und wer glaubt, dafi er selber nicht mitten 
darinsteht in diesem Materialismus, der irrt sich. 

Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist nicht, etwas zu negieren, 
sie iibt keine Kritik an der schlechten Welt von heute; sie zeigt viel- 
mehr, dafi das Herabsteigen in die Materie eine Notwendigkeit war. 
Es mufite der grofie Horizont des Geisteslebens der Menschheit so lange 
zuriicktreten; und damit hangt es auch zusammen, dafi die alte Art des 
Verstandnisses fiir geistige Dinge abhanden gekommen ist. Die Wahr- 
heiten waren da in jenen alten, friiheren Gestaltungen. Wie sie aber 
heute dem Verstandnis der Menschen nahegebracht werden konnen, 
das will die Geisteswissenschaft zeigen. Das ist es, worauf es ihr an- 
kommt. So ist Theosophie nichts anderes als ein Instrument, um die 
tiefsten Wahrheiten fiir den heutigen menschlichen Geist verstandlich 
zu machen, um sie in ihren Tiefen zu erfassen. 



Heute mufi wieder auf den Geist hingewiesen werden. Man darf 
nicht dabei bleiben, zu sagen, wie wir es «so herrlich weit gebracht» 
haben. Die Wahrheit ist jederzeit zuganglich, und sie ist auf verschie- 
dene Art zu begreifen. 

Wenden wir unseren Blick zuriick zu dem alten Indien, nach Agyp- 
ten, Griechenland, in die Zeit der Begriindung des Christentums: Es 
sind immer die gleichen alten Wahrheiten, die in verschiedenen Formen 
auftreten. Immer gab es Fuhrer der Menschheit, die vorgesorgt haben 
dafiir, dafi zu bestimmten Zeiten die Wahrheiten, die mit den unter- 
gehenden Kulturen verblafit waren, der Menschheit neu mitgeteilt wur- 
den. Zu diesen Fiihrern gehoren alle groften Religionsstifter. 

Bevor unsere neuere Zeit heraufkam, vor Kopernikus und jenem 
16. Jahrhundert, da wurde auch in Europa schon Vorsorge getroffen, 
dafi die Grundlagen fur eine neue Art der Wahrheitsverkiindigung 
gelegt wurden. Um dieses 16. Jahrhundert herum gab es einige Men- 
schen, welche die Zeichen der Zeit zu deuten verstanden. Schon 1459 
stiftete, mit ganz wenigen Menschen, eine hohere geistige Individuali- 
st, in der Aufienwelt Christian Rosenkreutz genannt, eine Geheim- 
schule zur Pflege der Weisheit, keiner neuen Weisheit, aber der alten 
Weisheit in einer solchen Form, wie sie die Menschen jetzt brauchten. 
Das ist die Weisheit der Rosenkreuzer, die damals zuerst gepflegt 
wurde. Es ist, wie gesagt, nichts Neues; es ist die uralte Weisheit, aber 
in der Form, in der sie die jetzige Menschheit braucht. 

Wie verhalt sich nun diese Weisheit der Rosenkreuzer zum Christen- 
tum? Es ist gar kein Unterschied da zwischen der echten christlichen 
Lehre und derjenigen der Rosenkreuzer. Man braucht nur dasChristen- 
tum in seinem Kern zu verstehen, dann hat man die Theosophie der 
Rosenkreuzer. Man braucht keine neue Religion zu begninden, man 
mufi vielmehr das Christentum so auffassen, wie es die ersten Christen 
verstanden haben. Die wenigsten Menschen aberwissen noch etwas von 
den Geheimnissen der ersten christlichen Entwickelung. Selbst die offi- 
zielle Theologie hat keine Ahnung mehr davon. Da finden wir Paulus 
selbst als den tiefsten Kenner der christlichen Geheimnisse, der jene 
gewaltigen Wahrheiten lehrte, welche durch Jahrtausende die Mensch- 
heit leiten sollten. Dieser Paulus hatte in Athen eine Schule gegriindet, 



deren Vorsteher Dionysius der Areopagite war. Dieser Dionysius war 
ein wirklicher Schiiler des Paulus. 

Jene Lehren des Dionysius sind immer lebendig gewesen und wur- 
den immer gelehrt, insbesondere auch denen, welche das lebendige 
Wort des Christus hinaustragen sollten in alle Welt. Wurden die Men- 
schen auf jenem Standpunkt des Dionysius stehengeblieben sein, so 
hatte man keine neue Form gebraucht. Aber es kam die neue Zeit her- 
auf und damit die Notwendigkeit, so zu lehren, dafi das Christentum 
feststehe, dafi keine Wissenschaft etwas dagegen einzuwenden ver- 
moge. Das ist das Streben der Rosenkreuzertheosophie. Daher ist die 
Rosenkreuzertheosophie diejenige Form der Religion, welche fur uns 
heute angemessen ist. 

Nur wer das Christentum richtig versteht, kann eine Ahnung davon 
haben, was sein ewig lebendiger Gehalt ist. 

Wurden wir heute in die Lage versetzt, von alien Seiten hier zu 
horen, was diese Rosenkreuzertheosophie iiber das wahre Christentum 
zu sagen hat, die wissenschaftlichen Tatsachen wurden den dort ge- 
schilderten Vorgangen nicht wider sprechen. Es kommt darauf an, dafi 
die Religion in keinem Widerspruch befunden werden konne mit den 
wissenschaftlichen Tatsachen, und da!5 diese wissenschaftlichen Tat- 
sachen mit ihr in Einklang gebracht werden. 

Was will uns nun diese Rosenkreuzertheosophie bringen? Erkenntnis 
hoherer Welten, das heifit derjenigen Welten, denen der Mensch noch 
angehoren wird, wenn dieser unser physischer Leib schon zerf alien sein 
wird; Erkenntnis des Lebens, Erkenntnis des Wesens des Todes und der 
menschlichen Entwickelung. So wird sie den Menschen eine Wieder- 
befestigung bringen in bezug auf religiose Wahrheiten und religioses 
Leben. 

Keiner sollte sagen: Ich stehe fest auf dem Boden der alten Lehren, 
und mir genugen diese. Was kiimmern mich die Zweifler! - Es gibt 
nichts Egoistischeres und kein unchristlicheres Urteil als dieses. Denn 
was heute vielleicht noch moglich ist: dafi eine Anzahl Menschen noch 
zuriickgehalten werden auf dem Boden der alten Religionen, das wird 
in nicht allzuferner Zukunft nicht mehr moglich sein. Wer hineinzu- 
schauen vermag in das, was jetzt die grofien sozialen Wellen aufwerfen 



will, der wird nicht so urteilen; der wird sehen, dafi die Verkundigung 
der Theosophie nicht etwas ist, woriiber man streitet. Wer denken 
kann, weifi, dafi Geisteswissenschaf t da ist, urn die brennendsten Fragen 
zu beantworten, und daft sie tatsachlich auf alle Fragen eine Antwort 
zu geben vermag. Man kann ja im Grunde genommen alles beweisen und 
alles bestreiten, aber darauf kommt es nicht an : iiber ein Heilmittel kann 
man nicht streiten, es kommt lediglich auf den Erfolg an, den man da- 
mit hat. Und genau so geht es mit der Geisteswissenschaft. Die Mensch- 
heit braucht die Spiritualitat als Heilmittel, und nur wenn dieses Heil- 
mittel einstromt, kann die Gesundung der Menschheit erfolgen. Sie ist 
ein Entwickelungsfaktor und Lebensspender fiir unsere Kultur. 

Mit aufieren Einrichtungen ist es nicht getan; sie sind ausnahmslos 
nur auf das Physisch-Korperliche gerichtet. Die Gesundung der Seele 
und des Geistes ist es, was die Theosophie anstrebt. Geisteswissenschaft 
ist nichts Willkiirliches, sie wird von der Zeit und ihren Problemen ver- 
langt. Alles, was sie uns sagt, ist die gemeinsame Lehre derer, die auf 
diesem Gebiete geforscht haben. 

Wir werden durch die Geisteswissenschaft in hohere Welten gefiihrt, 
in welche das sinnliche Auge nicht hineinschauen kann, aber in denen 
die Ursachen zu den Wirkungen in dieser physischen Welt liegen. Die 
Erkenntnis des Ewigen in der Menschennatur, des Wesenskernes in 
einem jeden von uns selbst, der geistigen Welten und ihrer Hierarchien 
wird sie uns bringen. Und indem wir diese kennenlernen, werden wir 
die Bestimmung des Menschen kennenlernen. Das wahre Wesen der 
Menschennatur ist es, was uns beschaftigen soil. Wir werden Welten 
kennenlernen, die vorhanden sind, die aber mit unseren blofi phy- 
sischen Sinnen nicht begriffen werden konnen. Mancher wird vielleicht 
sagen: Was du uns da erzahlst, das ist ja alles recht schon, aber wir 
konnen doch nichts davon wissen. - Die Antwort auf diesen Einwand 
hat schon Fichte gegeben. Denken Sie sich, Sie kommen als einzig 
Schauender in eine Welt von Blindgeborenen, und Sie erzahlen diesen 
von Farben, dann werden die auch sagen: Das ist ja alles dummes Zeug, 
was du da redest, das gibt es ja gar nicht. - Konnte man nun aber die 
Blindgeborenen mit Erfolg operieren, dann wiirden sie eben diese Welt 
der Farben und des Lichtes erfahren. 



Dasselbe gilt auch fur den obigen Einwand. Wer einen solchen Ein- 
wand macht, der steht eben auf dem gleichen Standpunkt, welcher 
dem eines Blindgeborenen entspricht. Es sollte daher niemand sagen: 
Das gibt es nicht. Denn kein Mensch hat das Recht, von «Grenzen der 
Erkenntnis» zu reden,wie seinerzeit DuBois-Reymond. Es gibt so viele 
Welten, als wir Organe haben, diese wahrzunehmen, unendlich viele 
Welten; wir konnen sie nur heute noch nicht wahrnehmen, weil wir 
noch keine Organe dafiir haben. Die Welt ist nicht nur dem Raume 
nach, sondern auch intensiv unendlich: fur jeden Sinn gibt es eine Welt. 
Jetzt sind sie fur uns unergriindlich, aber sie sind da; sind da, wo wir 
selber sind. Uns brauchen nur die Augen dafiir geoffnet zu werden, 
denn sie sind mitten unter uns. 

Das Wort Christi: «Suchet nicht nach dem Reiche Gottes, denn das 
Reich Gottes ist mitten unter euch», ist ganz wortlich zu verstehen. 
Ganz in diesem Sinne spricht auch die Geisteswissenschaft von den 
geistigen Welten. Und immer hat es Eingeweihte gegeben, welche die 
Mittel und Wege kannten, um in diese Reiche der Himmel einzutreten. 
Alle Religionen sprechen von ihnen. Die Geisteswissenschaft ist nur das 
Mittel, um uns diese Grundwahrheit aller Religionen wieder aufzu- 
schliefien. Alles, was wir hier um uns herum sehen und wahrnehmen, 
ist eine Folge und Wirkung desjenigen, was in den geistigen Welten vor 
sich geht. Alles, was sich auf Erden kundgibt, ist nur Ausgestaltung 
dessen, was in den geistigen Welten wirkt und lebt. 

Das offizielle Christentum hat langst verlernt, die Tiefen der reli- 
giosen Urkunden zu verstehen. So mufite die Geisteswissenschaft die 
Aufgabe ubernehmen, den Schliissel zu den vergessenen Wissensschatzen 
zu bringen und der Menschheit, die am Scheidewege steht, dadurch das 
Heilmittel zu reichen. Doch sie kennt keinen Fanatismus; sie erzahlt 
nur, sie legt das Wesen des Menschen klar und zeigt, welches sein 
Schicksal ist nach dem Tode, zeigt, wie seine Seele sich aufierhalb des 
physischen Korpers entwickelt. Sie schildert, was in den hoheren Wel- 
ten vorgeht, spricht von den Entwickelungsphasen der Erde und der 
andern Planeten, beleuchtet den bisherigen und den kiinftigen Lebens- 
weg des Menschen. Sie weist hin auf das, was er durchzumachen haben 
wird, bis er das Menschenziel erreicht. 



Wir wollen das Wesen des Menschen und jener Welten zu erfassen 
suchen, denen er entstammt. Das ist das Gebiet der Erkenntnisse, zu 
denen uns die Geisteswissenschaft ftihrt. 

Man konnte nun einwenden: Das ist ja alles doch nur fur den soge- 
nannten Seher da, der schon hineinschauen kann in die geistigen Welten. 
Was niitzt uns das? Uns sind sie ja nicht zuganglich! 

Darauf kann man antworten: Wohl gibt es manche Methoden der 
Schulung, die nur fur den Geistesforscher geeignet sind und einen sol- 
chen Einwand berechtigt erscheinen lassen. Doch der Weg der Rosen- 
kreuzerschulung ist ein anderer. Zum Eindringen in die geistigen Wel- 
ten gehort allerdings das Auge des Sehers und das Ohr des Eingeweih- 
ten, aber zum Begreifen gehort nur die gewohnliche Logik. Alles, was 
der Geistesforscher sagt, ist dem logischen Verstande zuganglich; es 
geniigt der gewohnliche gesunde Menschensinn, um diese Dinge zu 
begreifen. Wer es nicht kann, dem fehlt es eben an Logik. Wohl braucht 
es das Auge des Geistesforschers zum Auffinden der geistigen Geheim- 
nisse. Zum Begreifen des im Sinne des Rosenkreuzertums Geschilderten 
geniigt die gewohnliche Logik. 

Wer das nicht einsehen kann, darf sein Versagen nicht der Schulung 
zuschreiben. Sein mangelndes Begreifen liegt nicht an dem Umstand, 
dajR er kein Seher ist, sondern ihm fehlt es an gesundem Auffassungs- 
vermogen und an konsequentem Denken. Vielen ist die Logik aller- 
dings unbekannt. So sagt zum Beispiel ein Musiker der jetzigen Zeit, 
das Nachdenken sei eine mifiliche Sache. - Auch unsere Gelehrtenwelt 
denkt nur ein Stuck weit. Wenn aber der Mensch seinen Verstand rich- 
tig anwendet, wird er dazu gelangen, auch die hoheren Weisheiten und 
Wahrheiten zu begreifen und in sich lebendig zu machen. Und wenn 
Sie weiter fragen: Was niitzt uns das nun? - so ist die Antwort: Nichts 
kann uns gegeben werden, das von grofierer Bedeutung ist als die Er- 
kenntnis der Geisteswissenschaft. Wir werden dadurch erst zu wahren 
Menschen, und werden dadurch auch in der Gegenwart ein zufriedenes 
Herz, eine zur Harmonie mit sich selbst kommende Seele erringen. 

Mit Redensarten kommt man hier nicht weit, man mufi mit dem 
Ringen nach Erkenntnis Ernst machen und sich in die Note und Pro- 
bleme des Lebens vertiefen. Unentwegt mufi man von einem Bereich 



des geistigen Lebens in den andern zu dringen versuchen: dann quillt 
daraus hervor die Einsicht in das Ganze der Welt- und Menschheits- 
entwickelung. Und die iiberwaltigende Grofie dieses Geschehens er- 
greift nicht nur unser Herz, sie weckt in uns neue Fahigkeiten, sie macht 
uns geschickt fur die Aufgaben des taglichen Lebens. Denn es quillt 
unmittelbare Kraft aus der Geisteswissenschaft, etwas, das zu einem 
unverlierbaren Gute wird und uns zu schopferischen Menschen macht. 

Erst wenn Sie die geistige Welt kennenlernen, konnen Sie auch die 
materielle verstehen. Geisteswissenschaft ist nicht etwas fur Sonder- 
linge, sondern gerade etwas fur die Praktischsten unter den Praktikern. 

Alles Dasein ist Geist. So wahr wie Eis Wasser ist, so wahr ist auch 
die Materie Geist. Ob Mineral, ob Pflanze, ob Tier oder Mensch, sie 
sind Geist in verdichteter Form. 

In diesem Sinne werden wir durch die Rosenkreuzertheosophie zum 
Verstandnis der geistigen Grundlagen der Welt gefiihrt. Sie macht uns 
nicht zu Eigenbrotlern, sondern zu Freunden des Daseins, denn sie sieht 
nicht auf das Alltagsleben herab, entfremdet uns unseren irdischen Auf- 
gaben nicht, sie verbindet uns mit ihnen. Sie spornt uns an zum werk- 
tatigen Schaffen, weil sie weifi, dafi jede Handlung, wie auch jedes 
Wesen, ein Ausdruck des Geistes ist. 



ZWEITER VORTRAG 



Kassel, 17.Junil907 

Nachdem wir gestern in einer Art von Einfiihrung iiber Ziel und Wesen 
der geisteswissenschaftlichen Bewegung gesprochen haben, wollen wir 
heute direkt in das Wesen dieser Wissenschaft selbst eindringen. Es hat 
das ja den Nachteil, dafi fiir diejenigen, die noch nicht mit diesen 
Dingen vertraut sind, etwas Schockierendes daraus resultieren kann; 
aber man mufi Geduld haben und sich klar sein, dafi manches, was fiir 
den ersten Anfang geradezu unsinnig scheint, sich im Lauf e der Zeit als 
etwas In-sich-Haltbares und Begreifliches ausnehmen wird. 

Von dem uns gestellten Thema werden wir zunachst die Betrach- 
tung iiber das Wesen des Menschen durchzunehmen haben. 

Dieser Mensch, der wir selber sind, soli vor unsere Seele treten. Er 
ist ein sehr kompliziertes Wesen, das komplizierteste, das iiberhaupt in 
der uns bekannten Welt uns entgegentreten kann. Daher ist zu alien 
Zeiten dieser Mensch von den Tiefersehenden Mikrokosmos genannt 
worden, im Gegensatz zum Makrokosmos, zum Weltenall. Paracelsus 
hat einen sehr schonen Vergleich gebraucht, um das Wesen des Men- 
schen bildlich auszudriicken: Seht euch an die Natur, die euch umgibt, 
und denkt euch jedes Wesen - Pflanze, Tier, Stein - als je einen Buch- 
staben eines Alphabetes, und aus diesen Buchstaben ein Wort geschrie- 
ben, so habt ihr den Menschen. 

In dieser Beziehung werden wir das Goethe- Wort bewahrheitet fin- 
den: Man mufi die ganze Natur verstehen, um den Menschen zu be- 
greifen. - Zunachst soil das, was ich heute sage, sozusagen nur eine 
Skizze vom Wesen des Menschen sein. Wie eine Kohlezeichnung zum 
Bilde sich verhalt, so soil sich die heutige Ausfiihrung verhalten zu dem, 
was wir in den nachsten Tagen iiber das Wesen des Menschen durch- 
nehmen werden. 

Wenn wir mit unseren physischen Sinnen als irdisches Wesen den 
Menschen betrachten, wie er so vor uns steht, wenn unsere Augen ihn 
sehen und unsere Hande ihn tasten, so ist er vom Standpunkt des Ma- 
terialisten als ganzer Mensch aufgefafit, als ein Wesen in einer Ganz- 



heit. Fur eine tiefersehende, das heifit fur eine geistige Auffassung der 
Welt, ist das aber nur ein kleiner Teil des Menschen, den wir hier mit 
den physischen Sinnen wahrnehmen konnen; es ist derjenige Teil des 
Menschen, den der Anatom zergliedert und zerlegt, und den er in dieser 
Weise mit dem Verstande zu begreifen sucht, den er bis ins einzelne, in 
nur noch mit dem Mikroskop wahrnehmbare Zellen zerlegt, wodurch 
er sich ein Bild zu machen sucht von dem Bau und der Wirkungsart der 
einzelnen Organe. 

Alles das rechnet man in der Wissenschaft zum physischen Leibe. 
Diesen physischen Leib sieht man aber heute sehr haufig falsch an, in- 
dem man glaubt, das, was im Leben vor einem steht als Mensch, sei nur 
dieser physische Leib. Aber das ist gar nicht der Fall, sondern hohere 
Glieder der Menschennatur sind damit eng verbunden, wirken durch 
diesen physischen Leib hindurch und lassen ihn erst so erscheinen, wie 
er uns eben als Mensch in jedem unserer Mitmenschen entgegentritt. 
Dieser physische Leib wiirde ganz anders aussehen, wenn wir ihn von 
den hoheren Gliedern der Menschennatur trennen konnten. Ihn, diesen 
physischen Leib, hat der Mensch gemeinsam mit der ganzen minera- 
lischen Welt. Alle die Stoffe und alle die Krafte, die zwischen den ein- 
zelnen mineralischen Stoffen ihr Spiel treiben, Eisen, Arsen, Kohle und 
so weiter, spielen auch in den Stoffen des menschlichen Leibes, des 
physischen Leibes der Tiere und der Pflanzen. 

Wir werden ohne weiteres hingewiesen auf die hoheren Glieder der 
menschlichen Natur, wenn wir uns einmal klarmachen, worin der ge- 
waltige Unterschied zwischen diesem physischen Leib und den andern 
physischen Stoffen, die uns in der mineralischen Welt umgeben, besteht. 
Sie wissen alle, dafi dieser wunderbare Bau des physischen Leibes das 
in sich birgt, was wir Innenleben, Bewufksein, Lust und Leid, Freude, 
Liebe und Hafi nennen; dafi in diesem physischen Leibe nicht nur 
Stoffe der mineralischen Welt enthalten sind, sondern auch Gedanken. 
Sie sehen wohl die Rote der Wangen und die Farbe der Haare, aber 
Sie sehen nicht, was sich in diesem physischen Leibe abspielt an Lust 
und Leid, an Freude und Schmerz und so weiter. Alles das sehen wir 
nicht, aber doch spielt sich alles innerhalb der Hautumhullung ab. 
Das ist schon der klarste und unwiderlegbarste Beweis, dafi aufier 



diesem Leibe noch etwas anderes da sein mufi als nur die physischen 
Stoffe. 

Wenn Sie die Trane perlen sehen, so ist die Trane der rein physische 
Ausdruck der Trauer, die sich im Inneren abspielt. Schauen Sie nun die 
"Welt der Mineralien an. Stumm blickt Sie diese Welt der Mineralien an. 
Keine Freude, kein Schmerz, nichts von alledem ist wahrzunehmen. 
Der Stein hat kein Gefuhl, kein Bewufitsein wie wir. Fur den Geistes- 
wissenschafter ist dieser Stein zu vergleichen mit den Nageln an un- 
seren Fingern oder mit den Zahnen. Betrachten Sie einen Fingernagel, 
auch er hat kein Gefuhl, keine Empfindung; und doch ist der Nagel 
ein Glied von uns. So wie wir etwas in uns haben miissen, was dies ver- 
anlafit, daft sich Nagel und Zahne bilden, so gibt es auch in der Welt 
etwas, was die Mineralien bildet. Die Nagel haben selbst kein Bewufit- 
sein, aber sie gehoren zu etwas, was Bewufitsein hat. Kriecht ein Kafer- 
chen iiber den Nagel, so wird zum Beispiel fur diesen Kafer der Nagel 
vielleicht ein Mineral sein. So ist es, wenn wir iiber die Erde kriechen 
und nicht merken, dafi ein Bewufitsein hinter dieser mineralischen Erde 
liegt; denn genau so, wie hinter dem Nagel ein Bewufitsein liegt, so 
auch hinter den Mineralien. Wir werden noch sehen, dafi es eine Welt 
und dafi es ein Bewufitsein gibt, welches der mineralischen Welt zu- 
grunde liegt. Dieses Ich-Bewufitsein der mineralischen Welt liegt so 
hoch iiber uns, wie etwa das Bewufitsein des Kafers, der iiber unseren 
Fingernagel kriecht, uberragt wird von unserem Bewufitsein, welches 
hinter dem Nagel liegt. 

Dieses Bewufitsein der mineralischen Welt schreibt dieRosenkreuzer- 
philosophie einer Welt zu, die sie die Vernunftwelt nennt; dort liegt das 
Bewufitsein der Mineralien, und dort urstandet auch die menschliche 
Vernunft, derzufolge wir uns Gedanken bilden. Aber die Gedanken, 
die in uns leben, sind ein hochst trugerisches Ding; die Gedankenwelt 
des Menschen verhalt sich zu den Wesenheiten dieser Vernunftwelt etwa 
wie unser Schatten an der Wand zu uns selbst. Wie der Schatten an der 
Wand doch nicht ich selbst bin, sondern eben nur der Schatten von mir, 
so sind die Gedanken der Menschen nur Schattenbilder von der Welt 
des Geistes. Aber dafi ein Gedanke hier gefafit wird, das hat seinen 
Grund darin, dafi in der Vernunftwelt wirklich eine schaff ende Wesen- 



heit ist, die diesen Gedanken produziert. Es ist eine Welt, wo unsere 
Gedanken wirkliche Wesenheiten sind, denen man dort begegnet, wie 
man hier den andern Menschen begegnet. Das ist fur den Eingeweihten 
die obere Devachanwelt, das Arupa Devachan der Inder, oder auch die 
obere Mentalwelt, das ist die Vernunftwelt der Rosenkreuzer. Wenn ein 
Eingeweihter durch diese physische Welt geht, spricht zu ihm auf jedem 
Stiick Erde Leben, und er fuhlt in allem die Manifestationen einer an- 
dern Welt. Da wir nun in unserem physischen Leibe nichts anderes sind 
als Stiicke dieser physischen Welt, haben wir auch ein untergeordnetes 
physisches Bewufttsein, das hinaufreicht bis in die obere Vernunftwelt, 
eben bis dahin, wo auch das Bewufitsein der mineralischen Welt liegt. 

Also unser physischer Korper ist mineralischer Natur seiner Stoff- 
lichkeit nach, und das Bewufitsein von diesem physischen Korper liegt 
auch da, wo das Bewufksein dieser mineralischen Welt zu suchen ist. 

Was ist denn aber nun der Unterschied zwischen diesem physischen 
Korper und einem Mineral, zum Beispiel dem Bergkristall? Wenn wir 
unseren Leib mit einem Kristall vergleichen, so finden wir ohne weite- 
res, dafi er im Vergleich mit diesem doch ein sehr kompliziertes Ding ist. 
Vergegenwartigen wir uns einmal, was fiir ein Unterschied ist zwischen 
einem Mineral und einem lebenden Wesen. Den Stoffen nach besteht 
gar kein Unterschied, denn es kommen im lebenden Wesen genau diesel- 
ben Stoffe vor wie im Mineral, nur der Aufbau ist ein viel komplizierterer. 

Wenn Sie das Mineral in seiner Form vor sich haben, so bleibt es 
dasselbe Mineral durch sich selbst. Das ist aber nicht so beim lebendigen 
Wesen, bei Pflanze, Tier und Mensch. Sobald sich namlich der Stoff so 
kompliziert, dafi er sich nicht mehr durch sich selbst halten kann, also 
in sich selbst zerfallen mufite, dann gibt es etwas, was in diesem Stoff - 
wenn er eben zu kompliziert wird, um sich durch sich selbst halten zu 
konnen — , etwas, was ihn an diesem Verfall hindert, und dann haben 
wir das vor uns, was wir ein lebendes Wesen nennen. Daher sagt die 
Geisteswissenschaft: Ein lebendes Wesen wiirde von selbst in die ein- 
zelnen Komponenten seines Stoffes zerfallen, wenn nicht in ihm selbst 
der Verhinderer dieses Verfalles vorhanden ware. Und das, was dieses 
lebende Wesen jeden Augenblick am Zerfall des Stoffes hindert, also 
den Verhinderer dieses Zerfalles, nennen wir den Ather- oder Lebens- 



leib, der aber ein Gebilde ganz anderer Natur ist als die physischen 
Stof f e, aus denen der physische Leib besteht, der aber die Fahigkeit hat, 
in jedem Lebewesen die komplizierten physischen Stoffe zu bilden und 
zu erhalten und am Zerfall zu verhindern. Was sich so rein aufierlich 
in einem Organismus aufiert, nennen wir Leben. Dieser Xther- oder 
Lebensleib oderBildekrafteleib kann mit physischen Augen nicht wahr- 
genommen werden, wohl aber durch den ersten Grad der hellsehe- 
rischen Schau, und die Aufgabe des Sehers ist es, sich so heranzubilden, 
dafi er diesen Atherleib eben sehen kann, wie wir mit den physischen 
Augen den physischen Leib sehen. Auch die moderne Naturwissen- 
schaft sucht wohl nach diesem Atherleib, aber nur durch Spekulation 
sucht sie sich eine Vorstellung davon zu machen und spricht zum Bei- 
spiel von der Lebenskraft, Lebensenergie. 

Wie stellt sich denn nun dieser Atherleib f ur das hellseherische Auge, 
also fur den Hellseher dar? 

Wenn Sie zum Beispiel ein Ding der mineralischen Welt, sagen wir 
einen Bergkristall, mit dem Auge des Sehers betrachten, und zu diesem 
Zweck den physischen Stof f ausschalten durch eine Art Ablenkung der 
Aufmerksamkeit, dann sehen Sie in dem Raume, den der physische 
Kristall einnimmt, nichts. Der Raum ist leer. Betrachten Sie aber auf 
dieselbeWeise irgendein lebendesWesen,also Pflanze,Her oder Mensch, 
dann ist dieser Raum, den der physische Korper einnimmt, nicht leer, 
sondern noch immer ausgefiillt mit einer Art Lichtgestalt, und das ist 
eben der vorhin erwahnte Atherleib. Dieser Atherleib ist nicht bei alien 
Lebewesen gleich, sondern sogar aufierordentlich verschieden, auch in 
bezug auf die Form und dasGrofienverhaltnis verschieden zu dem phy- 
sischen Korper des betreffenden Lebewesens, und zwar ganz nach der 
Entwickelungsstufe, auf der das Lebewesen steht. Bei den Pflanzen ist 
dieser Atherleib noch ganz anders geformt als die Pflanze selbst; beim 
Tier ist er der aufieren Tierform schon ahnlicher, und beim Menschen 
stellt sich der Atherleib als eine Lichtgestalt dar, die der Form nach fast 
genau dem physischen Leibe entspricht. Sieht man sich zum Beispiel ein 
Pferd von diesem Standpunkte aus an, so sieht man aufierhalb des 
Kopfes, vor der Stirn, diesen Atherleib ziemlich weit herausragen in 
Form einer Lichtgestalt, die sich aber der Form des Pferdekopfes 



ungefahr anpafit, wahrend Sie beim heutigen Durchschnittsmenschen 
den Atherleib nur oberhalb des Kopfes und zu beiden Seiten desselben 
ganz wenig herausragen sehen. 

Was nun die Substantiality des Atherleibes anbelangt, so macht man 
sich gewohnlich falsche Vorstellungen von der Stofflichkeit dieses 
Atherleibes. Audi in der Theosophischen Gesellschaft ist viel Irriges 
und Verwirrendes geredet und geschrieben worden iiber diesen Ather- 
leib, aber das gehort zu den Kinderkrankheiten der Theosophischen 
Gesellschaft und mufi iiberwunden werden. Um sich eine richtige Vor- 
stellung von der Stofflichkeit des Atherleibes zu machen, folgen Sie 
mir bitte in einem Vergleich. 

Denken Sie sich, Sie hatten hundert Mark und wiirden immer mehr 
und mehr da von ausgeben; dann wird das Vermogen immer diinner 
und diinner, und schliefilich haben Sie nichts mehr. Das ware also der 
dunnste Zustand des Vermogens. Aber es gibt einen noch dunneren, 
indem man das Nichts des Besitzes noch mehr vermindert, indem man 
negatives Vermogen, also Schulden macht. Man kann also das Ver- 
mogen noch vermindern, denn nun hatte man weniger als Nichts, wenn 
man zum Beispiel zehn Mark Schulden macht. 

Oder denken Sie sich das auf etwas anderes angewandt. Denken Sie 
sich eine Schlacht mit ihrem ungeheuren Getose; gehen Sie nun weiter 
weg davon, dann wird das Getose schwacher und schwacher, es wird 
stiller und stiller, bis Sie gar nichts mehr davon horen. Vermindert man 
nun dieses Nichtshoren: es wird stiller als still, lautloser als lautlos - 
nun, eine solche Ruhe gibt es in der Tat. Und sie ist etwas im hochsten 
Grade Beseligendes, wenn sich das auch der gewohnliche Mensch nicht 
so leicht wird vorstellen konnen. 

Denken Sie sich aber nun diese Beispiele einmal angewendet auf die 
Dichtigkeit des Stoffes, dann haben Sie ja zunachst einmal die allge- 
mein bekannten drei Aggregatzustande: fest, fliissig, gas- oder luft- 
formig; aber dabei diirfen wir nicht stehenbleiben, entsprechend dem 
oben angefuhrten Beispiel vom Vermogen. Wie wir da das Vermogen 
zu einem negativen Vermogen verdiinnen konnen, so wird auch hier 
der Stoff immer diinner und diinner, iiber den gasformigen Zustand 
hinaus immer diinner. Und so denken Sie sich eine Art von Stoff, der 



entgegengesetzt ware dem physischen Stoffe; dann kommen Sie zu 
einer ungefahren Vorstellung von dem, woraus der Ather besteht. 

Wie das negative Vermogen die umgekehrten Bedingungen des posi- 
tiven hat - Plusvermogen macht reich, Minusvermogen macht arm; 
je mehr Vermogen ich habe, desto mehr kann ich kaufen, je weniger 
Vermogen ich habe, desto weniger kann ich mir kaufen — , so hat auch 
der Weltenather, von dem ja der Atherleib eines jeden Lebewesens ein 
Teil ist, eben auch die umgekehrten Eigenschaften des physischen Stof- 
fes. Wie der feste Stoff das Bestreben hat, auseinanderzufallen, so ist 
der Atherleib bestrebt, alles zusammenzuhalten und den physischen 
Korper, den er durchdrungen hat, am Zerfall zu verhindern. Dieser 
Zerfall in die einzelnen Grundstoffe tritt bei jedem Lebewesen sofort 
ein, sobald der Atherleib aus dem physischen Leibe heraustritt, oder 
mit andern Worten, wenn der physische Tod des Lebewesens eintritt. 
So haben wir damit die Materie verfolgt in eine Welt hinein, wo sie die 
entgegengesetzte Wirkung hat wie unsere physische Materie. 

Wenn ich sage, dafi beim Menschen der Atherleib ahnlich dem phy- 
sischen Leib aussieht, so komme ich zu einer Tatsache, die man kennen 
mufi, und die hier erwahnt werden soil, da wichtige Folgerungen dar- 
aus fiir die spateren Vortrage entstehen. Dieser Ausspruch bedarf nam- 
lich einer sehr wichtigen Einschrankung, denn in Wahrheit ist nam- 
lich der Atherleib sehr verschieden vom physischen Leibe und diesem 
eigentlich nur in seinem oberen Teile, im Kopfteil, ahnlich; sehr ver- 
schieden aber ist er vom physischen Leibe in der Hinsicht, dafi er ein 
diesem entgegengesetztes Geschlecht hat: der Atherleib des Mannes ist 
namlich weiblich, und umgekehrt, der des Weibes mannlich. Jeder 
Mensch ist also zweigeschlechtlich; das physische Geschlecht ist nur ein 
aufierer Ausdruck, der seinen entgegengesetzten Pol im Atherleibe hat. 
Wie ein Magnet Nordpol und Siidpol hat, wie es beim Magneten gar 
keinen Nordpol allein gibt, so auch hier Pol und Gegenpol. 

Dieser Ather- oder Lebensleib, auch Bildekrafteleib genannt, ist 
also das zweite Glied der menschlichen Wesenheit und bleibt von der 
Geburt bis zum Tode innig verbunden mit dem physischen Leibe 
des Menschen, und das Herauslosen dieses Lebensleibes aus dem phy- 
sischen Korper ist eben der Tod. 



Der physische Leib wird erst aufgebaut von dem Atherleib; dieser 
Atherleib ist sozusagen der Architekt des physischen Leibes. Wenn Sie 
sich ein Bild dafiir machen wollen, so nehmen Sie das Bild von Wasser 
und Eis. Wenn das Wasser sich abkuhlt, nimmt es eine andere Form an, 
es wird zu Eis. Und genau wie aus dem Wasser Eis entsteht durch Ver- 
dichtung, so ist aus dem physischen Leibe der Atherleib herausge- 
gliedert. 

Eis: Wasser, Physischer Leib: Atherleib; das heifit, die Krafte des 
Atherleibes sind greifbar, physisch wahrnehmbar geworden im phy- 
sischen Leibe. Geradeso wie im Wasser auch schon die Krafte lagen, 
welche sich dann in dem festen Eise aufiern, so liegen im Atherleib alle 
die Krafte zum Aufbau des physischen Leibes schon darinnen. So liegt 
also schon im Atherleib zum Beispiel eine Kraft, aus der sich das Herz, 
der Magen, das Gehirn und so weiter herausgliedern. So ist fur jedes 
Organ unseres physischen Leibes im Atherleib eine Anlage vorhanden; 
aber diese Anlagen sind keine Stoffe, sondern Kraftestromungen. Die- 
sen Atherleib nun hat der Mensch gemeinsam mit alien Pflanzen und 
alien Tieren, also mit alien physischen Wesenheiten, die eben Leben 
aufiern. 

Nun kann man fragen: Haben die Pflanzen eine Art Bewufitsein in 
dem Sinne, wie wir fur die Welt der Mineralien ein Bewufitsein ge- 
funden haben? - Wir haben ja vorhin gesehen, dafi das Bewufitsein der 
Mineralien in der oberen Vernunftwelt gefunden wird durch die Gei- 
stesforschung, wo ja auch unsere Gedanken urstanden. 

So wie unsere Finger nicht ein selbstandiges Bewufitsein haben, son- 
dern wie das Bewufitsein eines Fingers zum Bewufitsein des ganzen 
Menschen gehort, ebenso gehoren die Pflanzen auch zu einem Bewufit- 
sein, und dieses liegt nun in der unteren Vernunftwelt, der Gestirn- 
welt, der himmlischen Welt, des Rupa Devachan. Wenn der Geistes- 
f orscher diese Welt betritt, dann begegnet er dort den Seelen der Pflan- 
zen. Die Seelen der Pflanzen sind dort ebensolche Wesen wie wir hier; 
und diese Wesen verhalten sich zu den Pflanzen etwa, wie eben der 
Mensch sich zu seinen Fingern verhalt. 

In dieser unteren Devachanwelt ist also das Bewufitsein der Pflan- 
zen verankert. In ihr wurzeln die Krafte, die allem Wachstum und 



allem organischen Aufbau zugrunde liegen. In ihr wurzeln also auch 
die Krafte, die unseren eigenen physischen Leib aufbauen; das heifit 
also, die Krafte unseres Atherleibes, den wir ja schon als den Architek- 
ten des physischen Leibes bezeichnet haben. Dieses Bewufitsein der 
Pflanzenwelt, das ist ein ungemein viel hoheres und weisheitsvolleres 
als das Bewufitsein des Menschen. 

Das wird Ihnen ohne weiteres klarwerden, wenn Sie bedenken, wie 
weise nicht nur des Menschen physischer Leib, sondern aller von einem 
Atherleibe durchdrungenen Wesen, also aller Lebewesen, aufgebaut ist. 
Welche ungeheure Weisheit gehort dazu, den einfachsten physischen 
Leib irgendeines Lebewesens aufzubauen, geschweige denn das kunst- 
vollste Gebilde aller irdischen Lebewesen: den menschlichen Leib! 

Betrachten Sie nur einmal zum Beispiel den menschlichen Ober- 
schenkelknochen in seinem oberen Teile, wie wunderbar nach alien 
Regeln der Baukunst die einzelnen Knochenbalkchen aneinanderge- 
gliedert sind! Der Oberschenkelknochen ist gerade an dieser Stelle 
durchaus ein viel komplizierteres Gebilde, als wie er uns aufierlich 
betrachtet erscheint; er ist zusammengesetzt aus einem Geriiste von 
Balken, die in ihrer Winkelstellung zueinander derartig weisheitsvoll 
gefiigt sind, dafi mit dem kleinsten Mafi von Stoff es erreicht ist, dafi 
der ganze Korper getragen werden kann. Wahrlich ein grofieres Kunst- 
werk als der komplizierteste Briickenbau, und keine Ingenieurkunst 
der Welt kann etwas Derartiges nachmachen. Oder betrachten Sie den 
Bau des Herzens; es ist so weisheitsvoll gebaut, dafi der Mensch mit all 
seiner Weisheit ein rechtes Kind ist gegen die Weisheit, die sich darin 
offenbart. Und was halt dieses menschliche Herz alles aus, trotzdem 
dieTorheit des Menschen es fast taglich zu ruinieren versucht, zum Bei- 
spiel durch unsere sogenannten Genufimittel,Kaffee, Alkohol, Nikotin. 

Zur Ausfuhrung eines solchen Wunderbaues wie den des physischen 
Leibes sind Krafte notig, die sich hinauf erstrecken bis in die Astralwelt, 
und erst die Wesenheiten dieser Astralwelt sind, trivial gesprochen, so 
gescheit, dafi sie einen solchen physischen Leib aufbauen konnen. 

Und nun kommen wir zum dritten Glied der menschlichen Wesen- 
heit. Die Pflanzen haben einen physischen Leib und einen Atherleib; 
sie haben aber etwas nicht, was Tiere und Menschen haben: sie haben 



nicht Leid, nicht Lust, keine Schmerzen und keine Empfindung. Das 
ist der Unterschied von Tier und Mensch einerseits und den Pflanzen 
andererseits. Der Unterschied beruht darauf, dafi in Tier und Mensch 
sich Innenvorgange abspielen. Die neuere Wissenschaft hat ja sogar 
auch den Pflanzen aus den Vorgangen, welche man bei ihnen beob- 
achtet, Empfindung zusprechen wollen. Es ist jammervoll, wenn man 
sieht, was fur ein Unfug mit Begriffen getrieben wird, denn hier finden 
keinerlei innere Vorgange statt wie bei einer jeden Empfindung; diese 
«Empfindung» miilke man mit demselben Rechte auch dem blauen 
Lakmuspapier zuschreiben. Aber das kommt davon, wenn man die 
Empfindung hier in der physischen Welt sucht. In der physischen Welt 
kann man keine Empfindung bei einem derartigen Phanomen, wie es 
sich an manchen Pflanzen zeigt, finden; da mufi man in die himm- 
lischen Welten gehen. Eingeschaltet soil hier werden, um Mifiverstand- 
nissen vorzubeugen, dafi bei den sogenannten reagierenden Pflanzen, 
zum Beispiel der Mimose, dieser Reizvorgang sich nicht als Empfin- 
dung spiegelt in der physischen Welt, sondern nur in der niederen Ver- 
nunftwelt, wo sich ja das Bewulksein der Pflanzen befindet. Hier unten 
in der physischen Welt hat nur der Mensch und das Tier Begierde und 
Leidenschaften, Freuden und Schmerzen. Warum? Weil sie aufier dem 
physischen Leib und Atherleib auch noch den Astralleib haben, das 
dritte Glied der menschlichen Wesenheit. 

Fur den Seher stellt sich der Astralleib so dar, dafi der ganze Mensch 
eingehullt ist in eine eiformige Wolke, und in dieser Wolke driickt sich 
eine jede Empfindung aus, jederTrieb, jede Leidenschaft. Dieser Astral- 
leib ist also der Trager von Lust und Leid, Freude und Schmerz. Mit 
diesem dritten Glied verhalt es sich anders als mit dem physischen Leib 
und Atherleib. Wenn namlich der Mensch schlaft, liegt im Bett nur der 
physische Leib und Atherleib, wahrend sich der Astralleib mit dem Ich 
herausgehoben hat; wenn dagegen der Astralleib und der Atherleib 
heraustreten aus dem physischen Leibe, dann tritt der Tod ein, und 
damit ja der Zerfall des physischen Leibes. 

Warum heifit dieses Wesensglied nun Astralleib? Es gibt dafiir gar 
keinen treffenderen Ausdruck. Warum? Dieses Wesensglied hat eine 
wichtige Aufgabe, und diese wichtige Aufgabe mussen wir uns klar- 



machen. Dieser Astralleib ist in der Nacht kein Miifiigganger, denn in 
der Nacht arbeitet er, wie der Seher sehen kann, an dem physischen 
und Atherleib. Wahrend des Tages nutzen Sie den physischen und 
Atherleib ab, denn alles, was Sie tun, ist ja Abniitzung des physischen 
Leibes, und der Ausdruck dieser Abniitzung ist ja die Ermudung. Das 
nun, was Sie wahrend des Tages abnutzen, das bessert der Astralleib 
wahrend der Nacht wieder aus. Tatsachlich schafft der Astralleib 
wahrend des Schlafes die Ermudung hinweg. Daraus ergibt sich die 
Wichtigkeit und Notwendigkeit des Schlafes. Der Seher kann diese 
Ausbesserung bewufit vornehmen. Das Erquickende des Schlafes be- 
ruht darauf, dafi der Astralleib am physischen und Atherleib richtig 
gearbeitet hat. Weil der Astralleib aber erst in den physischen und 
Atherleib zuriickkehren mufi, tritt die Erquickung des Schlafes erst 
allmahlich, das heifit etwa eine Stunde nach dem Erwachen auf. 

Mit diesem Heraustreten des Astralleibes wahrend des Schlafes ist 
noch etwas anderes, Wichtiges verbunden. Wenn namlich der Astral- 
leib wahrend des wachen Tageslebens mit der Aufienwelt in Verbin- 
dung tritt, mufi er zusammenleben mit dem physischen und Atherleib; 
aber wahrend er sich vom Korper loslost, also wahrend des Schlafes, 
ist er von dieser Fessel des physischen und Atherleibes befreit. Und da 
tritt etwas Wunderbares ein: da reichen die Krafte des Astralleibes bis 
in die Gestirnenwelt, wo die Seelenwesenheiten der Pflanzen sind, und 
aus dieser Welt nimmt er seine Kraft. Der Astralleib ruht in der Welt, 
in der die Gestirne eingebettet sind. Das ist die Welt der Spharen- 
harmonie der Pythagoreer. Sie ist eine reale Wirklichkeit und keine 
Phantasie. Wenn man bewufit in dieser Welt lebt, dann hort man die 
Spharenharmonien, dann hort man klingen die Krafte und Verhaltnisse 
der Sterne zueinander. Goethe war in diesem Sinne ein Eingeweihter, 
und aus diesem Geiste heraus ist auch der Beginn des «Prologes im 
Himmel» aus «Faust» zu verstehen: 

Die Sonne tont nach alter Weise 
In Bruderspharen Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang. 



Ihr Anblick gibt den Engeln Starke, 
Wenn keiner sie ergriinden mag; 
Die unbegreif lich hohen Werke 
Sind herrlich, wie am ersten Tag. 

Man kennt Goethe sehr wenig und weift meist nicht, daft er eingeweiht 
war, sondern sagt einfach: Ein Dichter braucht solche Bilder. - Aber 
Goethe wufite, daft die Sonne in einem Reigen darinnensteht, und daft 
sie als Sonnengeist tont! Daher bleibt Goethe auch in diesem Bilde und 
spricht weiter: 

Horchet! horcht dem Sturm der Horen! 
Tonend wird fur Geistesohren 
Schon der neue Tag geboren. 
Felsentore knarren rasselnd, 
Phobus' Rader rollen prasselnd; 
Welch Getose bringt das Licht! 
Es drommetet, es posaunet, 
Auge blinzt und Ohr erstaunet, 
Unerhortes hort sich nicht. 

In dieser Gestirnwelt lebt der Astralleib wahrend der Nacht. Und 
wahrend er am Tage in eine Art Disharmonie kommt mit den welt- 
lichen Dingen, ist er in der Nacht, wahrend des Schlafes, wieder ein- 
gebettet in den Schofi der Sternenwelt. Und dann kommt er morgens 
zuriick mit dem, was er sich aus dieser Welt mitgebracht hat an Kraf- 
ten. Die Harmonie der Spharen bringt man sich aus dieser Astralwelt 
mit, wenn man herauskommt aus dem Schlafe. In der Gestirnwelt, der 
Astralwelt, hat der Astralleib seine wahre Heimat, und deshalb ist er 
auch so genannt worden: Astralleib. - So haben wir nun drei Glieder 
der menschlichen Wesenheit kennengelernt: Physischen Leib, Ather- 
leib, Astralleib. 

Das vierte Glied, das Ich, wollen wir das nachste Mai kennenlernen. 
Das Ich ist dasjenige Glied, das denMenschen zur Krone der Schopfung 
macht und das ihn uber das Tier erhebt. 

Das Tier hat noch nicht ein solches Bewufitsein wie der Mensch; es 
hat zwar auch ein Bewufttsein, ebensogut wie wir das bei der Pflanze 



gesehen haben und beim Mineral; aber dieses Bewufttsein derTiere liegt 
in der Astralwelt. Das vierte Glied des Menschen, dieses Ich, das glie- 
dert sich mit den drei andern Gliedern zusammen zu der heiligen Vier- 
heit des Menschen, von der alle alten Schulen reden. 

So hat der Mensch den physischen Leib gemeinschaftlich mit dem 
Mineral, den Atherleib gemeinschaftlich mit der Pflanze, und den 
Astralleib gemeinschaftlich mit dem Tier. Das Ich hat er allein; und 
das hebt ihn iiber alles andere hinaus. Im Menschen finden wir ge- 
wissermafien eine Essenz von alledem, was wir um uns herum ausge- 
breitet sehen. In der Tat: einen Mikrokosmos! Deshalb mussen wir, 
wenn wir den Menschen erkennen wollen, zuerst das erkennen, was 
uns umgibt. 

So mussen wir uns die drei Wesensglieder, diese drei Korper, als drei 
Hiillen denken, die aus den verschiedensten Regionen heraus gewoben 
sind, und in diesen Hiillen wohnen wir, das heifit, das Ich, mit den 
hoheren Gliedern der menschlichen Wesenheit, unserem unsterblichen 
Teil. 



DRITTER VORTRAG 
Kassel, 18.Junil907 



Ein Allerheiligstes im Menschen ist dasjenige, was mit seinem Selbst- 
bewufitsein bezeichnet wird. Wer sich das in der richtigen Weise klar- 
macht, der sieht ohne weiteres ein, dafi mit diesem Worte «Selbst- 
bewufitsein» eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedriickt 
wird. Selbstbewufitsein ist die Fahigkeit, sich als ein Ich zu wissen. 

Sie kommen am besten zu einer Vorstellung davon, wenn Sie daran 
denken, daft es im ganzenUmkreis der deutschen Sprache einen Namen 
gibt, der sich grundsatzlich unterscheidet von alien andern: das ist das 
Wort Ich. Den Tisch kann jeder Tisch nennen, aber «Ich» kann jeder 
nur fur sich selbst sagen, fur jeden andern ist man ein Du. Niemals kann 
das Wort Ich von aufien an mein Ohr klingen, wenn es mich selbst be- 
deuten soil. Das hat alleGeisteswissenschaft empfunden. Die hebraische 
Religion sprach zum Beispiel, wenn sie von diesem Wesen des mensch- 
lichen Inneren sprach, so, dafi sie das den unaussprechlichen Namen 
Gottes nannte. Man sagte namlich: Wenn das Ich ausgesprochen wer- 
den soil, mufi es aus dem Mittelpunkt des Wesens selbst heraustonen. 
Kein aufieres Wesen kann den Namen aussprechen. Es war daher wie 
ein Schauer, der durch die ganze Versammlung ging, wenn der Priester 
das Wort Jahve, «Ich bin der ich bin» aussprach. Da beginnt der Gott 
im Menschen zu sprechen. Das ist die reine, ursprungliche Bedeutung 
des hebraischen Gottesnamens. Sie werden noch andere Namen kennen- 
lernen, aber alle stehen in einem gewissen Verhaltnis zu diesem einen 
Namen. Und mit diesem Ich bezeichnen wir das vierte Glied der 
menschlichen Wesenheit. Von diesem Ich aus durcharbeitet der Mensch 
die andern Glieder seiner Wesenheit: den Astralleib, den Atherleib und 
auch den physischen Leib. So weit wir auch zuriickgehen in der Ent- 
wickelungsgeschichte der menschlichen Wesenheit, die vier Glieder 
waren immer im Menschen vorhanden; und dadurch unterscheidet er 
sich gerade von den Tieren. 

Machen wir uns einmal einen Begriff davon, wie sich in bezug auf 
diese vier Glieder der Entwickelte zum Unentwickelten verhalt. Be- 



trachten Sie einmal daraufhin einen von den Wildesten, der den andern 
Mitmenschen noch auffriftt, mit einem europaischen Durchschnitts- 
menschen, und diesen wieder mit einem Hochentwickelten, zum Bei- 
spiel Goethe, Schiller oder Franz von Assisi.Jener Wilde folgt unmittel- 
bar seinen Trieben und Leidenschaf ten, wie sie in seinem Astralleib ent- 
halten sind. Er hat zwar schon das Ich, aber das ist noch ganz in der 
Gewalt des Astralleibes. Der heutige Durchschnittsmensch unterschei- 
det schon, was gut und nicht gut ist. Das kommt daher, dafi dieser 
Mensch schon an seinem Astralleibe gearbeitet hat. Er hat daran ge- 
arbeitet und sogar einige Triebe schon umgestaltet zu sogenannten 
Idealen. Eine um so hohere Entwickelungsstufe hat der Mensch er- 
reicht, je mehr er von seinem Ich aus an seinem Astralleibe umgearbeitet 
hat. Der heutige europaische Durchschnittsmensch hat schon viel um- 
gearbeitet. Eine Individualist wie Schiller oder Goethe hat bereits den 
weit grofieren Teil seines Astralleibes umgearbeitet. Ein Mensch aber, 
der alle Leidenschaf ten schon unter seinen Willen gezwungen hat, wie 
zum Beispiel Franz von Assisi, hat schon einen Astralleib, der bereits 
ganz umgearbeitet ist vom Ich; es ist nichts mehr darin, was nicht unter 
derHerrschaft des Ich stande.So viel als der Mensch von seinem Astral- 
leib derart umgearbeitet hat, so viel nennen wir sein Manas oder Geist- 
selbst; das ist das funfte Glied seiner Wesenheit. Wir konnen also sagen: 
Im Ich liegt der Keim zur Umarbeitung des Astralleibes in Manas, 
Geistselbst. 

Nun ist aber auch die Moglichkeit vorhanden, dafi der Mensch nicht 
nur seinen Astralleib, sondern auch seinen Atherleib umarbeitet, so dafi 
das Ich auch Herr wird iiber den Atherleib. Nur miissen Sie sich klar- 
machen, dafi dieses viel schwieriger ist und langsamer vor sich geht. 
Der Unterschied der Umarbeitung von Astralleib und Atherleib ist 
folgender: Bedenken Sie einmal, was Sie mit acht Jahren gewufit haben, 
und was Sie seit Ihrer Jugend sich alles angeeignet haben! Der Trager 
aller dieser Umwandlungen ist der Astralleib; er verandert sich also 
sozusagen tagtaglich ganz wesentlich durch alles das, was Sie an au- 
fieren Eindrikken in sich aufnehmen. Anders aber ist es mit dem Ather- 
leib. Wollen Sie sich davon eine Vorstellung machen, dann stellen Sie 
sich folgendes vor: Waren Sie mit acht Jahren ein jahzorniges Kind, 



dann sind Sie wahrscheinlich auch heute noch manchmal jahzornig. 
Nur wenigen Menschen gelingt es, sich so zu verandern, dafi sie auch 
ihre Gewohnheiten, ihre Neigungen, ihr Temperament, ihren Charak- 
ter umwandeln. Darin liegt durchaus kein Widerspruch mit dem oben 
Gesagten. Der Astralleib hat zwar zu tun mit Lust und Leid und un- 
seren Leidenschaften; sind diese Leidenschaften aber zur Gewohnheit, 
zu sogenannten Charaktereigenschaften geworden, dann liegen sie ver- 
ankert im Atherleib; und wenn wir solche Gewohnheiten umwandeln 
wollen, dann mufi sich der Atherleib umwandeln, denn dieser ist der 
Trager aller Gewohnheiten und Charaktereigenschaften. 

Ich habe schon ofter die Veranderungen von Astralleib und Ather- 
leib verglichen mit dem Gang des Minuten- und Stundenzeigers einer 
Uhr. 

Wir werden spater von der Entwickelung des fortgeschrittenen 
Schulers sprechen. Ein solcher Schiiler ist dies nicht im Sinne des ge- 
wohnlichen Lebens, nicht einer, der blofi etwas lernt. Gewifi, ein sol- 
cher Schiiler mufi auch viel lernen, aber unendlich wichtiger als das 
Lernen ist dies oben geschilderte Hineinarbeiten in den Atherleib: dafi 
er es fertig bringt, Jahzorn in Sanftmut zu verwandeln. Gerade dafur 
gibt die Geheimwissenschaft dem Schiiler die Anleitung. 

Eine hohe Stufe der Entwickelung hat derjenige erlangt, der es in 
der Hand hat, eine Gewohnheit, also eine Eigenschaft seines Ather- 
leibes, von heute auf morgen zu andern. Eine solche Umwandlung des 
Atherleibes mul5 Hand in Hand gehen mit dem, was der Schiiler der 
Geheimwissenschaft sonst lernt. Aber auch wenn der Mensch nichts 
von einer solchen Schulung weifi, andert er doch von selbst - wenn 
auch langsam und allmahlich, durch viele Verkorperungen hindurch - 
seinen Atherleib. Und so viel nun von diesem Atherleibe umgewandelt 
ist, so viel nennen wir Buddhi oder Lebensgeist; und das bildet das 
sechste Glied der menschlichen Wesenheit. 

Und dann gibt es noch die Stufe, die aber viel, viel hoher liegt, auf 
welcher der Mensch auch lernt, in seinen physischen Leib hineinzu- 
arbeiten und diesen umzugestalten. So viel er nun an Herrschaft iiber 
den physischen Leib gewonnen hat, so viel nennt man Atma oder Gei- 
stesmensch; es ist das siebente Glied seiner Wesenheit. Atma hangt zu- 



sammen mit dem Worte «atmen», weil es der Atmungsprozefi ist, von 
dem diese Umwandlung ausgeht. Was das heifit, bewufit seinen phy- 
sischen Leib vom Ich aus zu beherrschen, davon macht man sich erst 
eine Vorstellung, wenn man bedenkt, wie wenig man eigentlich von 
seinem physischen Leibe weifi. Dieses Wissen hat nichts zu tun mit dem, 
was die heutige Anatomie iiber den physischen Korper zu sagen hat. 
Lange bevor es eine heutige Anatomie gab, gab es uralte Lehren, die 
allerdings nicht offentlich bekanntgeworden sind, in welchen Sie aber 
ein Wissen iiber das Innere des Menschen finden. Dadurch konnten 
diese alten Weisen zum Beispiel die Stromungen des Lebens und des 
Blutes verfolgen; sie waren dadurch in der Lage, sich selbst innerlich 
anzuschauen, den physischen Korper zu beobachten in alien seinen 
Organen. Wenn wir uns so weit entwickelt haben, dann ist es moglich, 
dafi kein Teilchen in unserem Leibe sich bewegt ohne unseren Willen. 
Das ist die Umwandlung in Atma, Geistesmensch. 

Nun konnte einer einwenden: Der physische Leib ist doch das nied- 
rigste Glied der menschlichen Wesenheit, weshalb ist denn die Um- 
wandlung desselben zum hochsten Gliede moglich? - Gerade weil der 
physische Leib das unterste Glied ist, braucht es die hochste Kraft- 
anstrengung des Menschen, urn diesen Korper in die eigene Gewalt zu 
bekommen. Mit der Umarbeitung dieses physischen Leibes geht Hand 
in Hand die Erlangung der Gewalt iiber Krafte, die den ganzen Kos- 
mos durchfluten. Und die Herrschaft iiber diese kosmischen Krafte ist 
das, was man als Magie bezeichnet. 

So besteht der Mensch seinem wahren inneren Wesen nach aus sieben 
Teilen, aber diese sieben Teile gehen vollstandig ineinander iiber. Man 
wird von dieser gegenseitigen Durchdringung aller sieben Teile sich nur 
dann eine rechte Vorstellung machen, wenn man sie vergleicht mit den 
sieben Farben des Regenbogens, die alle auch im Sonnenlicht enthalten 
sind. Wie das Licht aus diesen sieben Farben besteht, so auch der Mensch 
aus seinen sieben Gliedern. 

Nun wollen wir eingehen auf die Bedeutung dieser Gliederung fur 
die Erkenntnis des ganzen Lebensweges des Menschen. Wir haben schon 
gestern gehort, welches die Natur des Schlafes ist. Im Bette liegt der 
physische Leib und der Atherleib; es dauert fort, als die Lebensaufie- 



rung dieses Atherleibes, Atmung und Blutkreislauf ; aber alles, was zum 
Astralleib gehort, ist mit dem Ich aus physischem Leib und Atherleib 
herausgehoben. 

Im Tode tritt im Gegensatz dazu etwas anderes ein. Wahrend in der 
ganzen Zeit zwischen Geburt und Tod der physische und der Atherleib 
ein Ganzes bleiben, trennt sich im Tode nicht nur wie im Schlafe der 
Astralleib, sondern auch der Atherleib von dem physischen Leib. Dieser 
physische Leib ist nun aber - erinnern wir uns an das gestern Gesagte - 
so kompliziert, daft er, auf sich allein angewiesen, zerfallen mufi. 
Betrachten wir nun einmal mit hellseherischem Blick den Menschen 
unmittelbar nach dem Tode: vor uns liegt lediglich der physische Leib, 
und daruber schweben Astralleib und Atherleib. Da tritt nun unmittel- 
bar nach dem Tode eine eigenartige Erscheinung in der Empfindung 
des so dahingegangenen Menschen auf: In dem Moment des Todes 
ersteht namlich in dem Felde der menschlichen Erinnerung wie ein aus- 
gebreitetes Tableau sein ganzer Lebensgang. Jede kleine, selbst kleinste 
Begebenheit zieht in Bildern an ihm voriiber. Das kommt ganz natur- 
gemafi daher,weil ja der Atherleib, neben der oben geschilderten Eigen- 
schaft der Verhinderung einer Zersetzung des physischen Leibes, auch 
noch der Trager des Gedachtnisses ist. In demselben Moment, wo dieser 
Atherleib seiner ersteren Aufgabe enthoben ist, lebt er sich ganz inten- 
siv in diese zweite Aufgabe hinein. Da aber wahrend des Lebens ein 
jedes Ereignis mit Lust und Schmerz, Freude und Leid verbunden war, 
infolge der Durchdringung mit dem Astralleibe, erlebt der Mensch 
jetzt, da sich ja auch der Astralleib von ihm gelost hat, diese Erinne- 
rungsbilder, das heifit sein ganzes verflossenes Dasein, ohne Empfin- 
dung, ohne Gefuhl, wie in einem grofien Panorama. 

Solange dieser Atherleib mit dem physischen Leibe verbunden bleibt, 
ist das Instrument, dessen er sich bedienen mufi, das Gehirn, etwas, was 
macht, dafi unsere Erinnerungen nie vollstandig sind; nur Bruchstiicke 
der Lebenseindrucke behalten wir in der Erinnerung. Daran ist die 
Mangelhaftigkeit dieses physischen Gehirns schuld, wahrend sich im 
Moment der Bef reiung vom physischen Gehirn dieser Atherleib an alles 
erinnert. Ein Analogon zu diesem Zustande findet sich schon im ge- 
wohnlichen Leben beim Schock, den man zum Beispiel im Augenblick 



des Ertrinkens, des Abstiirzens und so weiter erfahrt. Das riihrt ganz 
einfach davon her, daft in einem solchen Augenblick der Atherleib ge- 
waltsam gelockert wird vom physischen Leibe, was auch zum Beispiel 
in leichterer Art beim Einschlafen der Glieder geschieht, auch bei der 
Hypnose, bei welcher der Hellseher den Atherleib zu beiden Seiten des 
Kopfes heraushangen sieht. Die materialistische Physiologie wendet ja 
ein, dafi eine materielle Veranderung im Blute da vorliegt, aber das ist 
eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. 

Das erste Schicksal des Menschen nach dem Tode ist also dieser 
Riickblick auf das verflossene Leben, der verschieden lang ist und 
durchschnittlich etwa dreieinhalb Tage dauert. Dann kommt eine Art 
zweiten Sterbens, indem sich das Atherische vollkommen auch vom 
Astralleib lost, und dann eine Art Atherleichnam zuriickbleibt. Dieser 
Atherleichnam lost sich sehr bald, wenn auch bei jedem Menschen ver- 
schieden schnell, im allgemeinen Weltenather auf, jedoch nicht voll- 
standig; eine Art Essenz aus dem verflossenen Leben bleibt, die das Ich 
mitnimmt und die ein unvergangliches Gut ist, das dem Menschen ver- 
bleibt fur alle folgenden Verkorperungen. Nach einer jeden Verkorpe- 
rung fiigt sich gleichsam ein neues Blatt zu den vorangegangenen. Man 
nennt das in der Theosophie den Kausalkorper, und in der Qualitat 
dieses Kausalkorpers liegt die Ursache dafiir, wie sich die spateren Ver- 
korperungen gestalten. 

Nun ist der Astralleib allein. Wie unterscheidet sich dieser Zustand 
vom Schlaf, wo er ja auch aus den andern Gliedern, dem physischen 
und Atherleib herausgetreten, wo er also auch allein war? Die Krafte, 
die er im Schlaf verwenden mufite zur Ausarbeitung und Ausbesserung 
des physischen Korpers, die sind dadurch, dafi dieser physische Korper 
definitiv abgelegt ist, frei geworden; die verwendet der Astralleib jetzt 
fur sich und wird sich dessen bewufit. In diesem Eigenbewufkseins- 
zustand macht der Astralleib jetzt eine Zeit durch, die Sie sich am 
besten klarmachen, wenn Sie folgende Erwagung anstellen. 

Denken Sie einmal an den Genufi einer leckeren Speise; der Mensch 
geniefit sie und hat seine Lust an diesem Genusse. Dieser Genufi sitzt 
nicht im physischen, sondern im Astralleibe; aber dafi dieser Genufi 
zustande kommen kann, dazu braucht er das Werkzeug, namlich eine 



Zunge, einenGaumen; also liefert der physische Leib das Werkzeug fiir 
die Genusse des Astralleibes. Wie ist das nun nach dem Tode, wo doch 
dieser physische Leib abgeworfen ist? Das Instrument, der Vermittler 
des Genusses fehlt, nicht aber hat der Astralleib die Sehnsucht, das Ver- 
langen nach dem Genufi verloren. Stellen Sie sich einmal moglichst le- 
bendig diesen Zustand vor. Es ist ein Zustand, wie ihn etwa der Dur- 
stende in der Wiiste empfindet. Nach dem Tode wird eben der Astral- 
leib die Begierde noch haben nach Genufi, und zwar in dem MaEe, wie 
er es von dem verflossenen Leben her gewohnt gewesen ist. Darum also 
ist fiir alle Menschen diese Zeit nach dem Tode eine Zeit des unbefrie- 
digten Verlangens. Diesen Zustand nennt man Kamaloka; Kama bedeu- 
tet Begierde, locus: Ort. Es ist der gleiche Zustand, den wir geschildert 
finden in zahlreichen Mythen, zum Beispiel in den Qualen des Tan- 
talus, oder im Fegefeuer. Naturlich ist dieser Zustand nicht nur ein 
qualvoller; qualvoll ist er nur so lange, bis sich dieser Astralleib das 
Verlangen nach Genufi abgewdhnt hat. Je mehr also der Astralleib hier 
im physischen Leben Bedtirfnisse hatte, um so langer dauert dieser Zu- 
stand. Daraus konnen Sie aber schon entnehmen, dafi je nach der 
Qualitat der Bediirfnisse, die ein Mensch im verflossenen Leben gehabt 
hat, nicht nur Qualvolles, sondern auch unter Umstanden etwas sehr 
Gutes und Angenehmes dem Astralleib im Kamaloka begegnen kann. 
So zum Beispiel erlebt er dann angenehm eine jede Freude, die er an 
der schonen Natur gehabt hat. Um diese Freude an der schonen Natur 
zu geniefien, miissen wir zwar Augen haben zum Sehen, aber Schonheit 
ist etwas, was hinausgeht iiber das Physische, und deshalb ist auch im 
Kamalokaleben dieser Zustand die Quelle erhohten Genusses. Solche 
Dinge sind die Ursachen von den grofien Freuden und wundervollen 
Erlebnissen auch wahrend der Kamalokazeit. Diese Zeit kann sich also 
der Mensch schon verschonern, wenn er sich frei macht vom Kleben an 
rein physischen Geniissen. Wenn Sie das bedenken, werden Sie manches 
im Leben verstehen, zum Beispiel in bezug auf alles, was Kunst heifit. 
Je idealer die Kunst ist, je mehr das Ideale durchleuchtet, um so starker 
und um so erhebender wirkt das Kunstwerk iiber das Leben hinaus. 
Ihr Element ist das Geistige. Nur die materialistische Kurzsichtigkeit 
hat zum Naturalismus in der Kunst gefuhrt. - Nach dem Durchleben 



dieser Kamalokazeit sind wir also an dem Punkte angekommen, wo der 
Mensch sich alle seine materiellen Geniisse abgewohnt hat, und dieser 
Zeitpunkt bedeutet das Durchmachen eines ganz neuen Zustandes. Da 
legt die Seele nun auch alles das vom Astralleib ab, woran der Mensch, 
das heifit das Ich, noch nicht gearbeitet hat; und diese nun abgelegte 
Astralhulle ist somit der dritte Leichnam, den der Mensch dann zuriick- 
lafit. 

Und jetzt, nachdem das Ich mit dem, was es aus den andern Leibern 
erobert hat, also mit der oben geschilderten Essenz des Atherleibes und 
nun auch mit jener des Astralleibes eins geworden ist, geht es hinuber 
in das Geisterland. Und das ist jene Zeit, welche die Seele von da an bis 
zu einer neuen Geburt durchlebt. 

Das wollen wir dann morgen besprechen. Heute mochte ich nur das 
eine nochmals betonen: dafi alle diese geistigenWelten fortwahrend um 
uns herum und nicht in einem Jenseits raumlich von uns getrennt sind, 
so dafi sie fur das Auge des Sehers jederzeit sichtbar sind. Und der- 
jenige, welcher in diese geistigenWelten hineinschauen kann, kann auch 
jederzeit diese Schatten oder Schemen - denn das sind jeneLeichname - 
sehen. Diese Leichname sind es gerade, die dann sehr haufig in die spiri- 
tistischen Sitzungen sich hineindrangen. Wenn aber die Teilnehmer an 
einer solchen spiritistischen Sitzung einen derartigen Astralleichnam 
fur die betref f ende Individuality selbst halten, so ist das ebenso toricht, 
als wenn man den physischen Leichnam fiir den Menschen selbst an- 
sehen wiirde. Daher zeigt dieser Astralleichnam - denn es ist ja gerade 
das, was das Ich nicht gebrauchen kann — bei solchen spiritistischen 
Sitzungen sehr oft lacherliche Ziige. 



VIERTER VORTRAG 
Kassel, 19. Juni 1907 



Da wir heute die Aufgabe haben, die Schicksale des Menschen weiter 
zu verfolgen durch die geistige Welt, wird es gut sein, wenn wir uns 
vorher eine Vorstellung davon bilden, was man iiberhaupt im geistes- 
wissenschaftlichen Sinne eine Welt nennt. 

Die Empfindung von der Welt urn uns herum hangt davon ab, wel- 
che Fahigkeiten und Organe wir haben, sie wahrzunehmen. Hatten wir 
andere Organe, dann ware auch die Welt ganz anders fur uns. Wenn 
zum Beispiel der Mensch keine Augen hatte, um das Licht zu sehen, 
sondern ein Organ, wodurch er, sagen wir, die Elektrizitat wahrnehmen 
konnte, dann wiirden Sie diesen Raum nicht als hell, vom Lichte durch- 
flutet wahrnehmen, wohl aber wiirden Sie in den Drahten, die durch 
den Raum gehen, die Elektrizitat hinfliefien sehen; dann wiirden Sie es 
iiberall zucken, blitzen und stromen sehen. So ist eben das, was wir 
unsere Welt nennen, abhangig von unseren Sinnesorganen. 

So ist auch die astrale Welt nichts anderes als eine Summe von Er- 
scheinungen, die der Mensch um sich herum erlebt, wenn er von seinem 
physischen und Atherleib getrennt ist, und wenn er diese Krafte in sei- 
nem Inneren verwenden kann, um das zu schauen, was er sonst nicht 
sehen kann. Das ist eben der Fall, wenn er den physischen Leib und den 
Atherleib abgeworfen hat. Die Wahrnehmungsorgane fur die Astral- 
welt sind die Organe des Astralleibes, analog den Sinnesorganen fur 
den physischen Leib.Wir wollen nun einmal die astrale Welt betrachten. 

Der geistig Schauende kann diese Astralwelt durch jene Methoden, 
die wir spater besprechen werden, auch schon hier im physischen Leibe 
wahrnehmen. Diese Astralwelt unterscheidet sich von unserer phy- 
sischen ganz betrachtlich. Zunachst konnen Sie sich eine Vorstellung 
bilden von dem, was um Sie herum ist in der Astralwelt, wenn Sie sich 
den letzten Rest, den der Mensch noch von seinem f riiheren Hellsehen 
in alten Zeiten hat, das ist das Traumleben, einmal vor die Seele rufen. 
Sie kennen ja alle dieses Traumleben aus der Erfahrung, und Sie kennen 
es als eine Welt chaotischer Bilder. Woher kommt es nun, dafi der Mensch 



uberhaupt traumt? Wir wissen ja, dafi wahrend dieses Traumlebens im 
Bette der physische Leib und der Atherleib liegt, wahrend der Astral- 
leib dariiber schwebt. Beim vollen, tiefen, traumlosen Schlafe ist der 
Astralleib ganz aus dem Atherleibe herausgehoben; beim Traumschlaf 
stecken noch Fiihlfaden des Astralleibes im Atherleib drinnen, und 
dadurch nimmt der Mensch dann die mehr oder weniger verworrenen 
Bilder der Astralwelt wahr. Die astrale Welt ist so durchlassig wie die 
Traumbilder, sie ist wie aus Traumen gewoben. Aber diese Traume 
unterscheiden sich von den gewohnlichen Traumen dadurch, dafi diese 
Bilder eine Wirklichkeit sind, genau so eine Wirklichkeit, wie die phy- 
sische Welt. Die Art der Wahrnehmung ist sehr ahnlich der Traum- 
wahrnehmung: sie ist namlich auch symboftsch. Sie wissen ja alle, dafi 
die Traumwelt symbolisch ist. Alles, was von der Aufienwelt in den 
Schlaf aufgenommen wird, das wird im Traum symbolisiert. Ich will 
Ihnen einige typische Beispiele von Traumen sagen, und daran werden 
Sie ohne weiteres sehen konnen, wie sich der Traum auf Grund eines 
einfachen aufieren Eindruckes symbolisiert. 

Sie sehen zum Beispiel im Traume, wie Sie einen Laubfrosch fangen. 
Sie fiihlen ganz genau den glitschigen Laubfrosch: beim Aufwachen 
fuhlen Sie, dafi Sie den kalten Bettlakenzipfel in der Hand halten. Oder 
Sie traumen, Sie waren in einem dumpfen Kellerloch voller Spinn- 
weben; Sie wachen auf, und haben Kopfschmerzen. Oder Sie sehen im 
Traum Schlangen, und merken beim Aufwachen, dafi Sie Schmerzen 
in den Darmen haben. Oder ein Akademiker traumt eine lange Ge- 
schichte von einem Duell vom Anfang der Anrempelung bis zum Schlufi 
des Austragens in der Pistolenforderung: der Schufi fallt - da wacht er 
auf unci merkt, dafi der Stuhl umgefallen ist. Aus dem ganzen Ablauf 
dieses letzten Traumbildes ersehen Sie auch, dafi die Zeitverhaltnisse 
ganz andere sind. Nicht nur, dafi die Zeit sozusagen nach ruckwarts 
konstruiert wird, sondern auch, dafi der ganze Zeitbegriff im Traum- 
erlebnis seine Bedeutung verliert. Man traumt im Bruchteil einer Se- 
kunde ein ganzes Leben, wie ja auch im Augenblick eines Absturzes 
oder des Ertrinkens unser ganzes Leben vor unserem Seelenauge vor- 
iiberzieht. Worauf es aber jetzt in all den angefiihrten Traumbildern 
besonders ankommt, ist eben, dafi sie Bilder darstellen zu dem, was die 



Veranlassung dazu ist. So ist es uberhaupt in der Astralwelt. Und wir 
haben Veranlassung, diese Bilder zu deuten. Dasselbe astrale Erlebnis 
erscheint auch immer als dasselbe Bild, darin ist durchaus Regelmafiig- 
keit und Harmonie, wahrend die gewohnlichen Traumbilder chaotisch 
sind. Man kann sich schliefilich in der Astralwelt genausogut wie in 
der sinnlichen zurechtfinden. 

Aus lauter solchen Bildern ist die Astralwelt gewoben, aber diese 
Bilder sind der Ausdruck fur seelische Wesenheiten. Alle Menschen sind 
nach dem Tode selbst in solche Bilder gehiillt, die zum Teil sehr farben- 
und formenreich sind. So ist auch, wenn ein Mensch einschlaft, dessen 
Astralleib in flutenden und wechselnden Formen und Farben zu sehen. 
Alle astralen Wesenheiten erscheinen in Farben. Kann der Mensch 
astral schauen, so nimmt er diese astralen Wesenheiten in einem fluten- 
den Farbenmeer wahr. 

Nun hat diese astrale Welt eine Eigentumlichkeit, die dem, der das 
zum ersten Male hort, eigenartig erscheint: Es ist in der Astralwelt alles 
wie im Spiegelbild vorhanden, und daher miissen Sie als Schiiler sich 
erst nach und nach daran gewohnen, richtig zu sehen. Sie sehen zum 
Beispiel die Zahl 365, die entspricht der Zahl 563. So ist es mit allem, 
was man in der Astralwelt wahrnimmt. Alles, was zum Beispiel von 
mir selbst ausgeht, das scheint auf mich zuzukommen. Das zu beriick- 
sichtigen, ist aufierordentlich wichtig. Denn wenn zum Beispiel durch 
Krankheitszustande solche astralen Bilder zustande kommen, mufi 
man wissen, was man davon zu halten hat. Im Delirium treten sehr 
haufig solche Bilder auf, und es konnen solche Menschen alle moglichen 
Fratzen und Bildgestalten sehen, die auf sie zukommen, da in solch 
krankhaften Zustanden die astrale Welt fur den Menschen geoffnet ist. 
Diese Bilder sehen natiirlich so aus, als ob die Dinge auf den Menschen 
zustiirzten, wahrend sie doch in Wirklichkeit von ihm ausstromen. Das 
miissen die Arzte in Zukunft wissen, weil derartige Dinge durch die 
verdrangte religiose Sehnsucht in der Zukunft immer haufiger sein 
werden. Einem solchen Astralbilderlebnis liegt auch zum Beispiel das 
Motiv zu dem bekannten Gemalde «Die Versuchung des heiligen An- 
tonius» zugrunde. Wenn Sie das alles bis zum letzten Ende durch- 
denken, so wird es Ihnen nicht mehr drollig erscheinen, dafi auch die 



Zeit sich in der Astralwelt umkehrt. Einen Anklang daran geben Ihnen 
ja schon die Erfahrungen des Traumes. Erinnern Sie sich an das eben 
erwahnte Beispiel des getraumten Duells. Alles lauft hier riickwarts, 
und so auch die Zeit. So kann man im astralen Erleben am Baum zuerst 
die Frucht, dann die Blute und zuriick bis zum Keim verfolgen. 

Und so verlauft auch nach dem Tode - das ist also die Zeit des 
Abgewohnens - das ganze Leben durch die Astralwelt riickwarts, und 
Sie durchleben Ihr Leben noch einmal von riickwarts nach vorn und 
schliefien es ab mit den ersten Eindriicken Ihrer Kindheit. Dieses geht 
aber wesentlich schneller als hier in der physischen Welt und dauert 
etwa einDrittel des Erdenlebens. Man erlebt nun da auch noch manches 
andere bei diesem Riickwartsdurchlaufen des Lebens. Nehmen wir an, 
Sie sind mit achtzig Jahren gestorben und leben nun das Leben zuriick 
bis zum vierzigstenLebensjahr. Da habenSie zum Beispiel einmal einem 
eine Ohrfeige gegeben, wodurch seinerzeit dieser Mensch von Ihnen 
einen Schmerz erfahren hat. Nun ist es so in der Astralwelt, dafi auch 
diese Schmerzempfindung sozusagen wie im Spiegelbild auftritt; das 
heifit: nun erleben Sie den Schmerz, den damals der andere durch Ihre 
Ohrfeige erfahren hat. Und dasselbe ist natiirlich auch der Fall bei alien 
freudigen Ereignissen. - Und dann erst, wenn der Mensch sein ganzes 
Leben durchlebt hat, tritt er ein in die himmlische "Welt. Religiose Ur- 
kunden sind immer wortlich zu nehmende Wahrheiten. Wenn Sie das 
soeben Gesagte sich vor Augen halten, werden Sie ohne weiteres ein- 
sehen, dafi der Mensch wirklich erst in die geistige Welt - und mit der 
geistigenWelt ist das gemeint, was in der Bibel mit «Himmelreich» oder 
«das Reich der Himmel» bezeichnet wird - eintreten kann, wenn er 
eben vorher sein ganzes Leben riicklaufig durchlebt hat bis zur Kind- 
heit. Und dieses liegt in Wahrheit dem Worte Christi zugrunde: «So ihr 
nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Himmelreich 
kommen.» Dann namlich, wenn der Mensch riicklaufig wieder an der 
Stufe seiner Kindheit angekommen ist, streift er den Astralleib ab und 
tritt in die geistige Welt ein. 

Nun mufi ich Ihnen einmal diese geistige Welt erzahlungsweise schil- 
dern. Dieses Reich der Himmel ist noch mehr verschieden von der phy- 
sischen Welt als die Astralwelt. Da man aber selbstverstandlich alles 



nur mit Ausdriicken schildern kann, die dieser physischen Welt ent- 
nommen sind, so gilt es noch mehr als fiir die obige Beschreibung der 
Astralwelt, dafi alle diese Schilderungen nur vergleichsweise gelten 
diirfen. 

Auch in diesem Reich der Himmel gibt es eine Dreiheit, wie hier 
auf der Erde. Wie man hier die drei Aggregatzustande hat: fest, fliissig 
und luftformig, und danach die Erde einteilt in das Kontinentale, die 
Ozeane und das Luftgebiet, so kann man auch im Geisterlande, wenn 
auch wie gesagt nur vergleichsweise, drei derartige Gebiete unterschei- 
den; nur ist das Gebiet der Kontinente aus etwas anderem zusammen- 
gesetzt als unsere Felsen und Steine. Was namlich dort der feste Boden 
des Geisterlandes ist, das sind die Urbilder alles Physischen. Alles Phy- 
sische hat ja seine Urbilder, auch der Mensch. Diese Urbilder nehmen 
sich fiir den Hellseher aus wie eine Art Negativ, das heifit, man sieht 
den Raum wie eine Art Schattenfigur, und rings um inn ist strahlendes 
Licht. Dieser Schatten ist aber, entsprechend zum Beispiel dem Blut 
und den Nerven, nicht gleichmafiig,wahrend ein Stein oder ein Mineral 
im Urbild einen gleichmafiig leeren Raum erscheinen lafit, um den 
herum auch eine Lichtstrahlung zu sehen ist. Wie Sie auf der Erde auf 
festen Felsen gehen, so gehen Sie dort auf den Urbildern der physischen 
Dinge herum. Daraus ist das Land dieser geistigen Welt zusammen- 
gesetzt. Wenn der Mensch dieses Land zuerst betritt, dann hat er immer 
einen ganz bestimmten Anblick: das ist der Moment, in dem er das 
Urbild seines eigenen physischen Leibes erblickt. Da sieht er zuerst klar 
daliegen seinen eigenen Leib. Denn er selbst ist ja Geist. Das geschieht 
bei einem normal verlaufenen Erdenleben etwa dreifiig Jahre nach dem 
Tode; und dabei hat man die Grundempfindung: Das bist du. - Aus 
dieser Erkenntnis heraus hat die Vedantaphilosophie das «Tat tvam 
asi - Das bist du», als einen grundlegenden Erkenntnissatz gepragt. 
Alle derartigen Ausdriicke sind tief aus dem geistigen Erkennen heraus- 
geholt. 

Das zweite Gebiet des geistigen Landes ist das Ozeangebiet. Alles, 
was hier in der physischen Welt Leben ist, alles also, was einen Ather- 
leib besitzt, das ist in dem Geisterland wie ein fliefiendes Element. 
Fliefiendes, f lutendes Leben durchstromt so das Geisterland. Es sammelt 



sich auch wie in einem Meerbecken, wie das Wasser im Meer, oder 
besser gesagt, wie das Blut, das durch die Adern fliefit und sich im 
Herzen sammelt. 

Und drittens haben wir das Luftgebiet des Geisterlandes, welches 
gebildet wird durch alle Leidenschaften, Triebe, Gefuhle und so weiter. 
Alles das haben Sie da oben als aufiere Wahrnehmung, wie die atmo- 
spharischen Erscheinungen hier auf der Erde. Alles das durchbraust die 
Atmosphare des Devachan. Als Seher konnen Sie so im Geisterlande 
wahrnehmen, was hier auf der Erde gelitten wird, und was fiir Freude 
hier herrscht. Jede Leidenschaft, jeder Hafi und dergleichen wirkt sich 
im Geisterlande aus wie ein Sturm. Eine Schlacht zum Beispiel wirkt 
sich so aus,dafi der Seher das Erlebnis eines Gewitters in derDevachan- 
welt hat. So ist das ganze geistige Gebiet durchzogen sowohl mit dahin- 
ziehenden wunderbaren Freuden wie auch furchtbaren Leidenschaften. 
Und so kann man auch von geistigen Ohren sprechen. Wenn Sie so weit 
vorgeschritten sind, dafi Sie sich den Einblick in diese Devachanwelt 
errungen haben, dann konnen diese hinwogenden Erscheinungen von 
Ihnen gesehen und gehort werden, und das also Gehorte ist die Spharen- 
harmonie. 

So haben wir das Gebiet des Geistigen bis zu dieser Stufe charak- 
terisiert. Aber es gibt noch ein viertes Gebiet im Devachan. Wir haben 
bisher gesehen: 

die Urbilder aller physischen Form = Kontinent ) 



alles Seelenleben, Gefuhle und so weiter = Luftgebiet ] 

Es gibt nun etwas im Menschenleben, was nicht in der Aufienwelt 
angelegt werden kann, und der geistige Inhalt dessen bildet das vierte 
Gebiet des Devachan. Dahin gehort jeder originelle Einfall, bis zum 
Schopferischen des Genies. Alles, was originell ist, das heifk, alles, was 
der Mensch in diese Welt hinein schafft, wodurch die Welt bereichert 
wird, alle diese Urbilder bilden das vierte Gebiet des Devachan. Damit 
haben wir das abgeschlossen, was die Beschreibung der unteren Partien 
des Devachan ist. 

Dariiber hinaus kommen noch drei hohere Gebiete, die aber der 



alles Leben 




Mensch hier wahrend des Lebens nur durch hohere Einweihung - also 
nur der Eingeweihte - erreichen kann, und die nach demTode auch nur 
hdher entwickelten Individualitaten wahrnehmbar sind. Wenn nun 
aber ein solch vorgeschrittener Eingeweihter in dieses nachstfolgende 
hohere Gebiet des Devachan einzutreten vermag, was erlebt er denn 
da? Zunachst etwas,was man in der Geheimwissenschaft bezeichnet als 
die Akasha-Chronik. Alles, was in der Welt geschieht und je geschehen 
ist, wird als Eindruck in einer feinen StoffHchkeit, die unverganglich 
ist, erhalten. Ich mochte Ihnen das an einem Beispiel etwas verstand- 
lich machen: Ich spreche jetzt zu Ihnen; Sie wiirden mich aber nicht 
horen, wenn meine Stimme nicht die Luft in Schwingungen versetzen 
konnte. So ist also alles, was von mir gesprochen wird, in feinen Be- 
wegungsformen ausgedruckt hier in der Luft. Diese Bewegungsformen 
vergehen natiirlich; aber in jene feine, geistige StoffHchkeit, die wir 
erleben, wenn wir in jene hohere Welt kommen, da wird alles einge- 
driickt, was hier sich ereignet, und das bleibt ewig. Jedes Wort, jeder 
Gedanke, alles, was in der Menschheit je geschehen ist, kann in dieser 
Akasha-Chronik gelesen werden. Dazu gehort entweder Einweihung 
oder jener Moment, wo der Mensch nach dem Tode in dieses Gebiet des 
Devachan kommt, das heifit, wenn er sich so weit entwickelt hat, dafi 
er nach dem Tode dieses immerhin hohe Gebiet des Devachan wahr- 
zunehmen vermag. Dann kann er in die Vergangenheit hineinsehen. 
Diese Akasha-Chronik ist eine Schrift, in der alles aufbewahrt wird, 
was jemals geschehen ist. Es ist eigentlich keine Schrift im physischen 
Sinne, sondern es sind Bilder. Sie sehen zum Beispiel Casar in alien 
Situationen seines Lebens; nicht das, was er eigentlich getan hat, son- 
dern die inneren Impulse, die ihn zu seinen Taten veranlafSt haben. 
Diese Akasha-Bilder haben einen hohen Grad von Leben, und wenn 
man sie nicht in der richtigen Weise zu deuten versteht, konnen sie die 
Veranlassung zu grofien Tauschungen sein. So sind sie zum Beispiel ein 
Quell von vielen spiritistischen Verirrungen - wenn namlich in den 
Sitzungen ein Akasha-Bild erscheint. Wenn Sie zum Beispiel Goethe 
zitieren und es erscheint das Akasha-Bild vom 25. November 1797 und 
gibt Ihnen Auskunft iiber eine Frage: es beantwortet diese in der Weise, 
wie Goethe die Antwort damals gegeben hatte, wenn ihm am 25. No- 



vember 1797 die Frage gestellt worden ware. - Nur der genaue Kenner 
der geistigen Welt kann erkennen, ob es sich in einem solchen Falle um 
Wirklichkeit oder Schemen handelt. Aus solchen Schiiderungen konnen 
Sie entnehmen, wie diese hoheren Gebiete der geistigen Welten aus- 
schauen. 

Das erste Erlebnis ist also die Wahrnehmung des eigenen Leibes; 
von diesem Erlebnis nehmen alle andern ihrenUrsprung. Stark empfin- 
det da der Mensch das Gefiihl der Befreiung von den leiblichen Hiillen, 
denn es ist ja der begliickende Augenblick, wo er auch den letzten der 
Leichname, den Astralleichnam, abgelegt hat. Wie eine in einen Fels- 
spalt eingeklemmte Pflanze es als Seligkeit empfande, wenn sie befreit 
wtirde, so wird dieses Gefiihl der Seligkeit zu einer Grundempfindung 
des Menschen. Diese Seligkeit durchdringt und verklart dann auch die 
friiher mehr irdisch durchlebten Gefuhle, zum Beispiel solche der 
Freundschaft, die hier vielleicht gewissen Wandlungen unterworfen 
waren und die driiben vertieft und gelautert werden. Eine solche Lau- 
terung erfahrt auch die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, und um- 
gekehrt: das urspriinglich animalische Gefiihl des Verbundenseins, das 
schon hier zu einem moralischen wurde, entfaltet sich im Devachan zu 
einer noch hoheren sittlichen Macht. Alle hier auf Erden geknupften 
Bande erfahren eine Vertiefung im Geistgebiet, sich gegenseitig durch- 
dringend. Durch Liebe arbeitet sich der Mensch schon hier empor aus 
der Enge der Selbstsucht ins Umfassende des Welterlebens. Dort aber 
ist nichts voneinander abgeschlossen, getrennt, einer arbeitet fur den 
andern, denn Arbeit ist auch dort das die Seelen tragende und for- 
dernde, verbindende Element, die Liebe aber der unerschopfliche Quell 
alles Lebens. 



FONFTER VORTRAG 
Kassel, 20Junil907 



Es wird uns heute obliegen, den Menschen wahrend seines Auf enthaltes 
im Devachan zwischen Tod und Wiederverkorperung etwas zu charak- 
terisieren. Da miissen wir uns zunachst einmal einen Begriff davon 
machen, was eigentlich der Mensch erreicht durch das, was er zunachst 
fiir sich selbst tut in der Zeit, in welcher er durch diese geistige Welt 
hindurchgeht. Wir bekommen am leichtesten eine Vorstellung davon, 
wenn wir einmal das Verhaltnis zweier Dinge uns vergegenwartigen: 
namlich das Verhaltnis von dem,was wir erleben, zu dem,was aus dem 
Erlebten wird, und zwar zunachst erst einmal in der Zeit zwischen 
Geburt und Tod. Bedenken Sie einmal, was Sie alles durchzumachen 
haben, wenn Sie zum Beispiel schreiben lernen. Sie wiirden Schwierig- 
keiten haben, das im Auge zu behalten, was Sie alles in sich aufnehmen 
mufiten an Fertigkeiten, bis Sie damals diese edle Kunst des Schreibens 
erlernt hatten. Denken Sie an alle Ermahnungen und vielleicht auch an 
den Zorn der Lehrer. Das alles ist an Ihrer Seele voriibergegangen, und 
was ist Ihnen von alledem geblieben? Die Fahigkeit des Schreibens. 
Alles andere hat sich verwischt, und geblieben ist diese Kunst des 
Schreibens. - So geht es iiberhaupt im Leben, und nicht nur in dem 
Leben zwischen Geburt und Tod, sondern im ganzen universellen Leben 
durch die physische und iibersinnliche Welt. 

Wir konnen uns eine Vorstellung davon machen, wie das eben Ge- 
sagte auch in den iibersinnlichen Welten wirkt. Nehmen wir zum Bei- 
spiel Mozart: Er ist noch ein ganz junger Knabe, da hort er in der 
Peterskirche in Rom ein langes Musikstiick, das vorher nach einer alten 
Tradition nie aufgeschrieben werden durfte, und er hat es hinterher 
ganz aus dem Gedachtnis niedergeschrieben. Was fiir ein Gedachtnis 
gehorte dazu! Und das konnte er als junger Knabe machen! Was sagt 
der Materialist dazu? Er wird sich sehr dagegen strauben, wenn man 
von ihm verlangt, zu glauben, dafi ein Ochse aus einem Stuck Erdreich 
hervorwachst, wenn man ihn glauben machen wollte, daft ohne natur- 
gemafie Entwickelungsweise sich ein solches Ding wie ein Ochse ent- 



wickeln konne. Er sagt: Wunder gibt es nicht - und damit hat er voll- 
kommen recht. Aber er wird furchtbar aberglaubisch und wunder- 
glaubig geistigen Dingen gegeniiber! Solch eine Tatsache, wie die eben 
aus dem Leben Mozarts geschilderte, nimmt der Materialist einfach hin 
und setzt sie ohne tiefere Oberlegung auf das Konto der Vererbung. 
Und trotzdem ware es in diesem Falle genauso ein Wunder wie das 
Entstehen eines Ochsen aus einem Stuck Erde, wenn sich ihr wahrer 
Zusammenhang nicht durch die Geisteswissenschaft erklaren liefie. Es 
ist namlich moglich, indem ein Mensch seinen Geist immer wieder an 
eine Sache wendet, dafi er sich nach und nach ein vorzugliches Gedacht- 
nis anerzieht. Genauso wie nach und nach Vollkommenes aus Unvoll- 
kommenem sich entwickelt hat, so entwickelt sich auch ein Gedachtnis, 
aber es ware ein Wunder, wenn sich ein solches Gedachtnis wie bei 
Mozart aus dem Nichts heraus entwickelt haben sollte! - Die Geistes- 
wissenschaft antwortet darauf, dafi auch hier nach und nach sich das 
Gedachtnis naturgemafi entwickelt hat. Es gibt kein Entschliipfen fur 
den Materialisten, wenn er so etwas erklaren will: entweder mufi er 
wunderglaubig sein, oder er mufi zugeben, dafi die Fahigkeiten, die 
so auftreten, beweisen, daft dieselben in einem friiheren Leben schon 
da waren und den ganz naturgemafien Werdegang genommen haben. 
Wiederverkorperung ist also nichts anderes als eine logische Folgerung 
aus solchenGedankengangen.Und diejenigen, die nach materialistischer 
Anschauungsweise annehmen, dafi ein so vollkommenes Gedachtnis wie 
das des jungen Mozart aus dem Nichts entstehen kann, die sollen auch 
die Konsequenz aus ihrer Anschauungsweise Ziehen und annehmen, dafi 
zum Beispiel Frosche sich ohne weiteres aus dem Schlamm entwickeln, 
wie es ja die Naturwissenschaft bekanntHch vor Francesco Redi an- 
genommen hat. 

Wer also in der Geisteswissenschaft auf Logik sieht, der sagt: Wie 
eine Eiche aus dem Samen entsteht und sich nach und nach entwickelt, 
so entwickeln sich auch unsere seelischen Fahigkeiten nach und nach, 
und wenn der Mensch in das eine Leben schon mit solch hochentwickel- 
ten Fahigkeiten, wie zum Beispiel Mozart, eintritt, gibt uns das den 
unumstofilich logischen Beweis dafiir, dafi sich der Mensch diese Fahig- 
keiten in friiheren Erdenleben nach und nach erworben hat. Das gibt 



uns eine Handhabe, das Schicksal des Menschen in der geistigen Welt 
zu begreifen. 

Es handelt sich also darum, dafi die Erlebnisse des einen Lebens sich 
in Fahigkeiten fiir das nachste Leben verwandeln. Alles, was in diesem 
Leben Anlagen sind, das brachten wir mit als Friichte von Erlebnissen 
frtiherer Erdenleben. Deshalb mufi man den Gang durch das Devachan 
betrachten, um ganz zu verstehen, wie aus den Erlebnissen eines Lebens 
Fahigkeiten fiir das nachste Leben uns erwachsen. 

Wenn wir also durch das Leben hier auf Erden gehen, erleben wir 
tagtaglich sehr viel, und alle diese Erlebnisse treten in dem friiher ge- 
schilderten Tableau, direkt nach dem Tode, vor das Seelenauge; die 
Fahigkeiten aber, die wir uns aus alien diesen Erlebnissen errungen 
haben, die verbleiben uns als Essenz, und diese Essenz, die ihm fiir alle 
Folgezeiten verbleibt, nimmt der Mensch dann mit in die geistige Welt. 

Wenn der Mensch nun das Devachan betritt, nimmt er also die Ge- 
biete wahr, wie wir sie gestern geschildert haben: das Kontinentale, das 
besteht aus den Urbildern aller irdischen Formen; das Meeresgebiet, 
das besteht aus allem Leben; das Luftgebiet, das besteht aus allem See- 
lischen, Lust, Leid, Freude, Schmerz und so weiter. Von dem Kontinen- 
talen nimmt der Mensch zuerst wahr das Urbild seines eigenen physi- 
schen Leibes, und vom Luftgebiet nimmt er natiirlich zunachst auch das 
wahr, was in seiner eigenen Seele im verflossenen Leben an Freude, 
Leid, Lust, Schmerz und Leidenschaften sich abgespielt hat. Das heifit 
also, er nimmt wiederum wahr alle Erlebnisse des vorigen Lebens, aber 
nun ganz anders als beim friiher geschilderten Durchgang durch die 
Kamalokazeit. Da war es fiir den Menschen ein inneres Erleben zum 
Zweck des Abgewohnens. Jetzt aber sind alle diese Erlebnisse als Au- 
fienwelt lange, lange Zeit vor seiner Seele ausgebreitet. Da erlebt er die 
Eigentiimlichkeit seines Leibeslebens in dem Flufigebiet des Devachan, 
und alle seelischen Erlebnisse erlebt er wie im Luftgebiet der himm- 
lischen Welt. 

Es ist wichtig und von grofiem Interesse, sich klarzumachen, wie 
man alles das, was man im Laufe eines Lebens erlebt hat - Empfin- 
dungen iiber die Welt, Lust, Schmerz und so weiter -, in der geistigen 
Welt um sich hat als Aufienwelt. Es ist nicht traurig, dafi sich die 



Schmerzen dort um uns ausbreiten. Das ist gar nicht traurig, denn alle 
Leiden sind dort um uns vorhanden wie Gewitter hier in der physischen 
Welt, und alle freudigen Erfahrungen sind dort wie wunderbare Wol- 
kenerscheinungen. Und gerade, was wir selbst im Inneren erlebt haben, 
das ist dort nicht, wie hier, innerlich in uns, sondern in dieser aufieren 
Form in unserer Umwelt, so wie ein Naturbild sich ausbreitet. Es ist so 
um uns herum, als ob es in Bildern, Tonen oder atmospharischen Er- 
scheinungen um uns ware; es ist objektiviert als himmlisches Gebilde. 
Dafl zum Beispiel die Schmerzen uns entgegenstrahlen, sagte ich, ist 
nicht traurig, so wenig es hier im Leben traurig ist, wenn Blitz und 
Donner uns umgeben; denn der, welcher den Zusammenhang einsieht, 
der weifi, was wir gerade den Schmerzen verdanken. Gerade wer Leid 
und Schmerz erfahren hat, wird immer sagen, dafi zwar Freuden und 
Lust dankbar hingenommen werden, dafi man aber die Schmerzen und 
Leiden nie missen mochte. Alle unsere Weisheit verdanken wir den 
Leiden und Schmerzen der verflossenen Erdenleben. Ein Antlitz, das 
in diesem Leben mit dem Ausdruck der Weisheit erscheint, ist deshalb 
so, weil es den Weltenzusammenhang als Schmerz in friiheren Leben 
empfunden hat. 

Ich sagte ja schon, alles, was wir hier erleben wahrend des Erden- 
lebens, das ist im Devachan in Bildern und so weiter um uns ausge- 
breitet. Was hat das fur eine Bedeutung? Das ist leichter zu verstehen, 
wenn Sie sich klarmachen, wie die Umgebung hier auf den Menschen 
wirkt. Sie kennen ja alle den Ausspruch von Goethe: «Das Auge ist an 
dem Lichte fur das Licht gebildet.» Was heij&t das? Unser Auge mufi 
zwar da sein, um das Licht zu erblicken. Dunkel und finster ware die 
Welt, wenn nicht das Auge in uns ware. Aber woher kommt das Organ? 
Das Licht selbst hat es ausgebildet, genau wie das Fehlen des Lichtes 
das Auge wieder degenerieren lafit. Diese Beobachtung hat man zum 
Beispiel an den in die Hohlen von Kentucky eingewanderten Tieren 
direkt machen konnen. Das Licht ist die Ursache des Sehvermogens. 
Friiher war der Mensch nicht mit Augen begabt, weil er noch unter 
ganz andern Verhaltnissen lebte; die Sonne war ja in den friiheren 
Zeiten der Erdenentwickelung noch gar nicht fur ein aufieres sinnliches 
Auge sichtbar. Denken wir an das, was uns in der Sage iiber Niflheim 



berichtet wird. Je mehr der Mensch am Sonnenlicht lebte, um so mehr 
bildete dies Sonnenlicht nach und nach das Auge aus. Und ebenso haben 
sich auch alle andern Sinnesorgane entwickelt; so haben die Tone das 
Ohr gebildet, die Warme den Warmesinn. Gabe es keine harten Gegen- 
stande, so gabe es auch keinen Tastsinn. Die Aufienwelt ist der Bildner 
und Gestalter unseres ganzen Leibes. Das ist sehr wichtig fur das prak- 
tische Leben, wie ja Theosophie immer fur das praktische Leben ist. 
Das ist auch ungeheuer wichtig fur die Erziehung, denn ganz richtig 
kann nur erzogen werden, wenn der Erzieher tief in die Natur des 
Menschen hineinzuschauen vermag. Bis zum Zahnwechsel entwickelt 
sich der physische Leib, bis zum vierzehnten, fiinfzehnten Jahr etwa 
der Atherleib, bis zum einundzwanzigsten Jahr der Astralleib. Alles 
das mufi man wissen, wenn man praktisch und nicht phantastisch in die 
Erziehung eingreifen will. Wenn also bis zum siebenten Jahre ganz 
besonders die Veranlagung des physischen Leibes in Betracht kommt, 
dann miissen bei der Erziehung diese physischen Eindriicke, das heifit 
also alles, was das Kind mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, tief und 
griindlich beriicksichtigt werden. Was bis zum siebenten Jahre in die- 
sem Kindesleib an Formen und Veranlagung der physischen Organe 
versaumt wird, das ist fur alle Zeiten des Lebens verloren. 

Die Einsicht in diesen letzten Satz gibt gerade der Medizin unge- 
heuer viel Richtlinien fur eine sachgemafie Behandlungsweise, unter 
anderem zum Beispiel der Rachitis. Wie kommt es, dafi diese Erkran- 
kung gerade in dieser Lebensperiode auftritt? Eben weil da das Kind 
seinen Korper formt, und deshalb aufiern sich diese Symptome gerade 
in der Form: krummer Knochenbau, schlechte Zahne, falsche Schadel- 
form und so weiter. Deshalb ist aber auch das Kind gerade in der Zeit 
bis zum Zahnwechsel noch fahig, diese falschen Formen auf die Norm 
zuruckzufiihren. Wir sehen, dafi bei sachgemafier Behandlung selbst die 
krummsten Berne vollkommen gerade werden konnen, und dafi selbst 
bei schlechtesten Milchzahnen ein vollkommen gesundes zweites Gebifi 
sich entwickeln kann, wahrend krumme Beine, die bis zum siebenten 
Jahre nicht korrigiert sind, fur das ganze Leben bleiben. 

Auch das Gehirn ist bis zum siebenten Lebensjahr in der Ausbildung 
seiner plastischen Formen begrif fen, und was bis dahin an diesen feinen 



Ausbildungen, Ausgestaltungen der Form nicht ausgebildet ist, das ist 
fur immer verloren. Und da ja das physische Gehirn das Instrument 
ist, durch welches sich der Geist aufiert, ist es von ungeheurer Wichtig- 
keit, dafi dieses Instrument so f ein als moglich ausgearbeitet, respektive 
in den ersten sieben Jahren veranlagt wird. Denn mit einem mangelhaf t 
ausgebildeten Gehirn kann selbst der grofite Geist nichts anfangen, 
sowenig wie der grofite Pianist auf einem verstimmten Klavier gut 
spielen kann. Gerade auch in bezug auf die Ausbildung des Gehirns 
werden von der Geisteswissenschaft sowohl der Erziehung als auch der 
Medizin sehr wichtige Richtlinien gegeben. Gerade hier stofit man sehr 
haufig in der modernen Medizin auf eine vollkommene Verkennung 
der Tatsachen. Geradeso wie sich die Rachitis in einer Mifibildung und 
Mifigestaltung der Knochen auftert, so aufiert sie sich sehr haufig auch 
zugleich in einer Mifibildung im Driisensystem und in den Schleim- 
hauten; das heifit,die von Rachitis befallenen Kinder zeigen sehr haufig 
die Erscheinungen von Driisenschwellungen, adenoide Wucherungen 
und so weiter. Und als dritte Krankheitserscheinung bemerkt man bei 
diesen Kindern sehr haufig, dafi sie auch geistig zuriickbleiben, daft sie 
in der Schule zuriickbleiben, unaufmerksam, ja direkt etwas blode wer- 
den. Das ist aber in Wirklichkeit dieselbe mangelhafte Ausbildung des 
physischen Gehirns, namentlich der sogenannten Rindensubstanz, die ja 
gerade in diesen Jahren in ihrer feinsten Organisation ausgebildet wer- 
den mufi und die wie die andern Erscheinungen auf einem Entwicke- 
lungsmangel beruht. Nun ist in einem solchen Falle der heutige mo- 
derne Mediziner infolge seiner ganzen modern-naturwissenschaftlichen 
Erziehung und Einstellung nur zu geneigt, es genauso zu machen wie die 
heutige Naturwissenschaft, und mit volliger AuGerachtlassung der tie- 
feren geistigen Ursachen einf ach die zutage tretenden aufieren Erschei- 
nungen als Ursache und Wirkung direkt aneinanderzureihen, wie die 
Perlen an einer Kette.^was ist die Folge? Die Tatsachen sind: rachitische 
Knochen, adenoide Wucherungen, Nachlassen der Aufmerksamkeit 
und der Aufnahmefahigkeit, Sofort ist die Schlufifolgerung: Kinder, 
die adenoide Wucherungen haben, werden durch diese geistig schwach - 
also miissen diese Wucherungen entfernt werden. Die Wucherungen 
werden also operativ entfernt. Wenn nun diese Schlufifolgerung richtig 



ware, miifite ein jedes Kind, das so behandelt ware, mit einem Nach- 
lassen und Verschwinden der Hemmungen von seiten des Gehirns ant- 
worten. Was ist aber nach einer solchen Behandlungsweise in den aller- 
meisten Fallen zu beobachten? Daft der Eingriff nur einen ganz vor- 
ubergehenden Scheinerfolg hat, und daft in ganz kurzer Zeit dieWuche- 
rungen wieder nachgewachsen sind.Wird aber dieKrankheit sachgemafi 
an der Wurzel angefafit - und das ist sehr wohl moglich, nur wiirde es 
uns hier zu weit vom Thema abfuhren -, dann schwinden sowohl die 
krummen Knochen, als auch die Wucherungen der Schleimhaute und 
Driisen, als auch die Tragheit des Gehirns. 

Nach dieser Abschweifung kehren wir wieder zum Thema zuriick. 
Also an der Aufienwelt entziinden und gestalten sich die richtigen phy- 
sischen Formen. Das Kind ist in Wirklichkeit bis zum siebenten Jahre 
eigentlich nur Sinnesorgan. Alles, was es mit seinen Sinnen aufnimmt, 
verarbeitet es, und so auch vor alien Dingen alles, was es in seiner aller- 
nachsten Umgebung sieht und hort. Das Kind ist daher bis zum Zahn- 
wechsel ein nachahmendes Wesen, und das geht bis in seine physische 
Organisation hmein. Das ist ja etwas ganzNaturliches. Das Kind nimmt 
durch die Sinnesorgane seine ganze Umgebung in sich auf . Es ubt sich 
auch in dem Gebrauch seiner Glieder. Es sieht, wie der Vater, die Mut- 
ter und so weiter dieses oder jenes machen und macht dies ohne weiteres 
nach. Das geht bis in jede Bewegung der Hande und Beine hinein. Sind 
Mutter oder Vater zum Beispiel zappelig, so wird wohl in unzahligen 
Fallen auch das Kind zappelig; ist die Mutter ruhig, wird ganz selbst- 
verstandlich auch das Kind ruhig. Da mufi man also versuchen, durch 
die richtige Umgebung die richtige Gegenwirkung hervorzurufen. 

Damit das Kind nun zur Ausbildung seines physischen Gehirns ge- 
rade die richtigen Richtlinien bekommt, ist es unbedingt notig, dafi, 
neben den sinnlichen Eindrucken, der Phantasie Anregungen gegeben 
werden. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, dem kleinen Kinde mog- 
lichst einfache Spielsachen in die Hand zu geben. So wird ein natiir- 
liches Kind immer wieder, wenn es auch eine noch so «schone» Puppe 
hat, zu der alten Puppe greifen, die aus einem Lappen besteht. Nur die 
verbildeten Kinder unseres Zeitalters werden mit «schonen» Puppen 
aufgezogen. Worauf beruht das? Das Kind mufi seine Phantasie an- 



strengen, um das Gebiide in seiner Phantasie so umzugestalten, dafi es 
ahnlich einer menschlichen Figur wird, und das ist gerade eine gesunde 
Obung fiir das Gehirn. Genau wie der Arm durch Turnen gestarkt 
wird, so wird das Gehirn durch diese Obung ausgebildet. 

Wichtig sind auch die Farben in der Umgebung, die beim kleinen 
Kind ganz anders wirken als beim Erwachsenen. Man glaubt heute 
vielfach, griin wirke auf ein Kind beruhigend. Das ist durchaus falsch. 
Einem zappeligen Kind soli man eine rote Umgebung geben, und einem 
ruhigen Kinde eine griine oder blaugriine. Die Wirkung des Rot auf das 
Kind ist so: Wenn Sie auf ein helles Rot sehen und dann schnell weg 
auf ein weifies Papier, dann sehen Sie die komplementare Farbe: griin. 
Das ist die Tendenz, die Gegenfarbe hervorzubringen. Das versucht 
auch das Kind, es versucht innerlich die Tatigkeit zu entfalten, die die 
Gegenfarbe hervorruft. - Das war ein Beispiel dafiir, wie die Um- 
gebung wirkt. Und so wirkt die ganze Umgebung - neben vielen, vielen 
andern Dingen, die wir spater und an anderer Stelle erortern werden - 
in aufierordentlich hohem Mafie mit an der Bildung des kindlichen 
physischen Korpers von der Geburt bis zum Zahnwechsel, an der Bil- 
dung des Atherleibes vom siebenten bis vierzehnten Jahre, des Astral- 
leibes vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre und so weiter. Ja, 
wahrend des ganzen Lebens macht sich der Einflufi der Umwelt auf 
den einzelnen Menschen geltend. Das Sprichwort: Sage mir, womk du 
umgehst, und ich sage dir, wer du bist - beruht ja auf dieser Einsicht, 
denn «womit ich umgehe», heifit doch «was in meiner Umgebung vor 
sich geht». Diese Umgebung hat also einen starken Einflufi auf mich. 
Das gilt ja ganz besonders fiir die Zeit der Ausbildung des Astralleibes 
vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre, und es ist eine fast all- 
tagliche Erf ahrung, dafi ein jungerMensch in diesen Jahren leicht durch 
seine Umgebung astral verdorben wird. 

Und wie hier im physischen Leben, genauso ist es auch im Leben im 
Devachan. Wie zum Beispiel der Mensch hier fortwahrend unter den 
Einfliissen der Elemente steht, so natiirlich auch im Devachan. Und 
das bringt uns nun zuriick zu dem Beispiel am Ausgangspunkte dieser 
Betrachtung iiber Mozart. Wie namlich hier auf Erden der Mensch 
dauernd unter den Einfliissen der aufieren Atmosphare steht, so auch 



im Devachan, und dort ist die Atmosphare ja gebildet aus allem Seelen- 
leben, dem unseren und dem unserer Mitmenschen. All dies Seelenleben 
wirkt dauernd auf den Menschen ein und dadurch bilden sich gerade 
dort dieTalente aus, dafi sie die ihnen seelenverwandten astralen Krafte 
ihrer Umgebung an sich ziehen und auf sich wirken lassen. So wurde 
Mozart deshalb mit dem ungeheuren Musikgedachtnis geboren, weil er 
einmal in seinem friiheren Leben dahinzielende Erlebnisse gesammelt 
hatte und dann diese im Devachan lange hatte auf sich wirken lassen. 
Wir durchleben die Hoherbildung gerade unseres innersten Wesens 
durch unsere Umgebung im Devachan, also indirekt durch alle Erleb- 
nisse unseres friiheren Lebens. So sind alle Fahigkeiten die Frtichte 
friiherer Leben, und sie sind im Devachan weiter ausgebildet worden. 
Und das ist gerade das Gefiihl, welches den Menschen beseligt im 
Devachan. Das, was wir jetzt imstande sind zu tun, das haben wir aus- 
gebriitet im Devachan. Und dementsprechend ist das Gefiihl in dieser 
ganzen Zwischenzeit des Devachanlebens. Das Gefiihl, das an jeder 
Hervorbringung haftet, ist Seligkeit. 

Hier empfinden wir oft Schmerzen, aber im Devachan sind selbst 
Schmerzen Seligkeit, weil wir uns dort bewufk werden, dafi wir durch 
Schmerzen uns Weisheit aneignen. Selbst ein materialistischer Gelehrter 
hat das herausgefunden. In einer Abhandlung: «Mimik des Denkens» 
sagt er: «Jedes weiseGesicht zeigt den Ausdruck kristallisierten Schmer- 
zes.» Aus den Schmerzen des vorigen Lebens produziert der Mensch in 
der Tat durch seine Erfahrungen im Devachan Talente und Weisheit 
fur das nachste Erdenleben. Und das Gefiihl des Hervorbringens ist 
das Gefiihl unendlicher Seligkeit. 

Einen blassen Abdruck davon sehen Sie schon hier bei der Henne, 
wenn sie briitet. Dies ins Geistige umgesetzt und unendlich gesteigert, 
dann haben Sie das Gefiihl der fortdauernden, unendlichen Seligkeit 
zwischen Kamalokazeit und Wiedergeburt, weil da der Mensch alle 
seine Anlagen und Fahigkeiten fur das nachste Leben ausarbeitet. Alles 
wird da zu einem Quell beseligenden Daseins. 

So haben wir gesehen, dafi der eine Quell der Seligkeit im Devachan 
der ist, dafi alle Bande, die hier im Leben geschlossen werden, dort im 
Devachan wieder erlebt werden, und dafi sogar alle diese Verhaltnisse 



in ihrem geistigen Teil mit ungeheurer Steigerung erlebt werden. Und 
der andere Quell der Seligkeit ist das eben geschilderte Produzieren, 
dies Schaffen fur das nachste Leben. 

Wenn nun der Geistesforscher seinen Blick auf diese eigentliche 
Tatigkeit des Menschen im Devachan richtet, ergibt sich ihm die Ein- 
sicht, dafi diese Tatigkeit des Produzierens nicht nur fur den einzelnen 
Menschen selbst, fiir seine eigene kiinftige Organisation, von Bedeutung 
ist, sondern dafi der Mensch Wichtiges mitzuschaffen und mitzuarbei- 
ten hat an dem Fortgang der ganzen weiteren Erdenentwickelung. Es 
ist ein Irrtum, wenn wir glauben, dafi wir es dort im Devachan nur mit 
uns zu tun haben. Als seliger Geist im Reiche der Geister, wie haben 
wir da zu schaffen? 

Die Tatigkeit der Toten wirkt mit an der Entwickelung dieser Erde. 
Man konnte leicht fragen: Wozu immer wieder geboren werden, wenn 
wir die Erfahrungen eines Erdenlebens einmal durchgemacht haben? 
Ist das nicht nutzlos? 

So ist es aber nicht. Nie wird der Mensch nutzlos wiedergeboren. 
Die einzelnen Erdenleben liegen so weit auseinander, dafi wir immer 
wieder Neues erfahren und durchzumachen haben. Es verfliefien ja 
Jahrhunderte zwischen zwei Verkorperungen, und wenn wir wieder- 
kommen, hat sich die Erde griindlich geandert. Nehmen wir an, wir 
waren im zweiten Jahrhundert nach Christo auf der Erde gewesen und 
jetzt wiederverkorpert. Wie sah damals die Erde aus? Selbst Schilde- 
rungen einer Gegend von viel spater, von der Elbe, der Weser zum 
Beispiel, waren noch ganz anders; hier in dieser Gegend, in Hessen- 
Nassau, gab es noch Urwalder. 

Wenn der Mensch wiedergeboren wird, dann ist es so, daiS er etwas 
ganz anderes erlebt als im vorigen Leben. In den verschiedenen Erden- 
leben machen wir die Entwickelung der Erde selbst mit, eben dadurch, 
dafiwir immer und immer wiederverkorpert werden. Und dazu kommt 
dann noch die Veranderung, die durch die jeweilige Kultur bewirkt 
wird. Was konnte ein romischer Knabe, und wie ganz anders ist die 
Bildung der Knaben heute! Alle diese Erlebnisse sind ja, wie wir ge- 
sehen haben, so ungeheuer wichtig. Einen tiefen Sinn hat es also durch- 
aus, dafi der Mensch immer wieder zuruckkommen mu£. 



Nun fragen wir uns: Wer verandert denn das Antlitz der Erde? - 
Tatsachlich sind es dieToten selbst, die im Geisterlande leben, die durch 
die Kraft, die sie dort haben, selbst an dieser Umgestaltung der Erde 
arbeiten. So wie die Menschen hier an der aufieren Erde arbeiten, so die 
Toten an dem geistigen Urbild dieser physischen Erde. Sie sind es, die 
ihre Krafte hereinsenden in diese physische Welt und die an der Urn- 
bildung mitwirken. Allerdings gibt es da Anfuhrer und hohere Wesen- 
heiten, welche die Fiihrung iibernelimen. Und in diesem Reiche, das da 
mitten unter uns ist, arbeiten die Toten an der Umgestaltung des Ant- 
litzes unserer Erde. 

Warum bin ich nun gerade heute und hierher geboren worden? SJCeil 
ich mir selbst sozusagen hier das Bett zubereitet habe, in das ich geboren 
bin. Die Krafte, die umgestaltend wirken sowohl auf dieMeere als auch 
auf die Oberflache der Erde, das sind die unserer Toten. Wir wissen, dafi 
der heutige Atlantische Ozean friiher eine weite Landerstrecke war, 
und auch zu dieser Umgestaltung haben die Toten beigetragen; und 
diese Krafte wirken auf natiirliche Weise und keineswegs wunderbar. 

Die Einsicht in diese Dinge bringt uns mit absoluter Logik nahe, wie 
wichtig und notwendig unsere Arbeit in dem Geisterlande ist. Wenn 
man nur die Erscheinungen richtig zu deuten weift, dann kann man 
sogar sagen, wie diese Arbeit geschieht. Die Menschen atmen hier in der 
Luft; ohne Luft konnten sie nicht atmen. Ahnlich bei den Toten, nur 
daft, wie hier die Luft, dort das Licht wirkt. In dem ausgebreiteten 
Licht sieht der Eingeweihte die Wesen der Toten. So sind zum Beispiel 
fur den Seher diePflanzen umgeben von den Geistern derVerstorbenen, 
und indem das Licht die Pflanze wandelt und wachsen lafit, sind es die 
Geister der Toten, die das vollbringen. Wir alle werden in der geistigen 
Welt liber der Erde schweben und an den Pflanzen bauen. 

Es wird die Welt fur unseren Blick grofier und bedeutsamer, wenn 
wir sie so im Zusammenhang mit den geistigen Wesenheiten betrachten. 
Wir selbst sind so buchstablich die Umgestalter dieser Erde. 

Zum Schlufi noch einiges, das uns helfen kann, gewisse Feinheiten 
der Kultur zu verstehen. Der Seher kommt zuweilen in die Lage, durch 
seine eigenen Beobachtungen Erscheinungen in der Geschichte alter 
Volker bestatigt zu finden, die ihm bisher ratselhaft waren. So ist es 



eine bekannte Tatsache, dafl primitive Volker anfanglich ein Hellsehen 
haben und manches sehen, wovon wir nichts wissen. Diese primitiven 
Volker sehen zum Beispiel oft im Schatten etwas, was mit der Seele zu 
tun hat. Nun kommt der Hellseher bei seinen Beobachtungen wieder 
darauf zuriick. Sie lernen namlich, wenn Sie in den Schatten sehen, den 
zum Beispiel Sie selbst werfen, Ihre geistigen Ausstromungen zuerst 
schauen. Wenn man das physische Licht zuriickhalt, dann sieht man 
das Geistige im Schattenraum. Das hat sich in der Geheimwissenschaft 
erhalten, und das hat mancher verwertet, ohne zu wissen was er macht, 
zum Beispiel Chamisso in seinem «Peter Schlemihl». Das ist ein Mann, 
der den Schatten verloren hat und sehr ungliicklich dariiber ist. Aber 
es ist eine geistige Tatsache, dafi im Schatten die Seele sichtbar wird, 
und deshalb ist der Mann ohne Schatten der Mann ohne Seele. So gibt 
es Hunderte von Beispielen. Wir lernen wirklich die Welt erst voll be- 
greifen, wenn wir sie in ihren geistigen Grundlagen kennenlernen. 
Deshalb ist die Geisteswissenschaft nicht etwas fur Griibler, sondern 
gerade fur solche, die wirklich praktisch wirken wollen. Nicht weil wir 
uns vom Sichtbaren zuriickziehen wollen, sondern weil wir gerade das 
Sichtbare um so besser verstehen wollen. 

Die hoheren Tatsachen verhalten sich zur sichtbaren Welt wie der 
Magnetismus zum Eisen. Wir lernen erst das Eisen richtig kennen, wenn 
wir auch den Magnetismus kennenlernen. Wir werden an einigen Bei- 
spielen sehen, dafi gerade fiir das praktische Leben das fruchtbar wird, 
was wir in der geistigen Welt kennenlernen. 



SECHSTER VORTRAG 
Kassel, 21Juni 1907 



Wenn der Mensch innerhalb jenes geistigen Gebietes, das wir gestern 
besprochen haben, so weit ist, dafi er sozusagen alles das, was er an 
Fahigkeiten und Talenten hatte, die er sich wahrend des Erdenlebens 
erwarb, umgewandelt hat, dann kommt die Zeit, wo er sich anschickt 
zu einer neuen Verkorperung. Wir miissen uns dariiber klar sein, dafi 
wir in dem, was uns am Menschen entgegentritt, zweierlei vor uns 
haben. Das eine ist das, was sich im Laufe der physischen Vererbung 
fortpf lanzt, das andere ist das, was er aus seinen fruheren Lebenslaufen 
mitbringt in diese Welt. 

Wir werden zu beschreiben haben den Herunterstieg des Menschen 
in diese Welt, wobei Sie sich an dem Wort «Herunterstieg» nicht stofien 
diirfen, denn es ist nicht ein raumliches Heruntersteigen, sondern ein 
Sich-Herausbilden aus der Welt um uns herum. Wir haben gestern ge- 
sehen, wie diese geistige Welt nicht etwa in einem Jenseits zu suchen ist, 
sondern wie sie auch hier rings um uns herum ist, nur dafi dem heutigen 
Menschen die Moglichkeit fehlt, diese geistige Welt wahrzunehmen. 
Aus dieser geistigen Welt heraus entwickelt sich das, was man eine neue 
Verkorperung nennt. Wir haben gesehen, dafi der Mensch sowohl von 
seinem Ather- als auch vom Astralleib eine Essenz zuriickbehalten hat 
aus seinem fruheren Leben, eine Obersicht seiner Erlebnisse; und was er 
innerhalb seines Astralleibes bereits veredelt hat, das alles hat er mit- 
genommen in die geistige Welt. Nur das Unveredelte ist abgefallen. 

Wir werden eine leichtere Vorstellung gewinnen uber die Wieder- 
verkorperung, wenn wir uns noch einiges vom Leben nach dem Tode 
klarmachen. Wir haben gesehen, dafi der Mensch direkt nach dem Ein- 
tritt des physischen Todes noch etwa dreieinhalb Tage in seinem Ather- 
leib lebt, dafi in diesen dreieinhalb Tagen das verflossene Leben wie in 
einer Art von Tableau vor ihm aufsteigt. Dann lost sich der Atherleib 
auf, und daran schliefit sich dann die Kamalokazeit: das ist die Zeit der 
Lauterung und Reinigung von aller lauterungsbedurftigen und reini- 
gungsbediirftigen Astralitat. 



Nun mufi ich aber noch ein Erlebnis anfiihren. In dem Moment, wo 
dies Erinnerungsbild unmittelbar nach dem Tode auftritt, hat der 
Mensch ein bedeutsames Erlebnis. Der Mensch hat da die Empfindung, 
wie wenn er plotzlich grofier wiirde, wie wenn er rasch durchbrechen 
wiirde seine Oberflache und hinauswachsen wiirde in den Raum. Dieses 
Gefiihl schwindet nicht wieder bis zur neuen Geburt. Der Mensch fiihlt 
sich so grofS wie die Welt, zu der er gehort, so grofi wie der ganze Wel- 
tenraum. Daher konnen Sie auch eine Vorstellung davon gewinnen, wie 
es moglich ist, dafi der Mensch seinen Leib wie etwas Fremdes sieht und 
empfindet, denn er sieht seine Leidenschaften gleichsam aufierhalb sei- 
nes Korpers. Es ist ein eigenartiges Gefiihl, dieses Ausgebreitetsein durch 
den Weltenraum. 

Dann kommt etwas noch schwerer zuVerstehendes hinzu. Wahrend 
dieser ganzen Kamalokazeit fiihlt sich der Mensch so, wie wenn er 
richtig im Raume aufgeteilt ware. Sie werden das besser so begreifen: 
Wenn der Mensch wahrend der Kamalokazeit, wie ich Ihnen geschil- 
dert habe, sein Leben zuriicklebt bis zur Kindheit, fiihlt er alles, was er 
erlebt hatte, wie im Spiegelbild. So fiihlt der Mensch richtig die Ohr- 
feige, die er damals jemandem gegeben hat; er fiihlt sich richtig als 
Stuck von dem Ort, den der andere eingenommen hat. Wenn Sie zum 
Beispiel hier in Kassel gestorben sind und der andere Mensch, dem Sie 
damals die Ohrfeige gegeben haben, in Paris lebt, dann fiihlen Sie sich 
wie mit einem Stuck von Ihnen dort. Und so fiihlen Sie sich wie auf- 
geteilt im Weltenraum; Sie fiihlen sich stuckweise iiberall da, wo Sie 
sozusagen etwas zu suchen haben. Das ist nun so zu verstehen, dafi Sie 
in demZwischenraum von Paris und Kassel nichts fiihlen. So dafi,wenn 
Sie alle Ereignisse Ihres Lebens in dieser Weise in Betracht ziehen, Sie 
sich wahrend des ganzen Durchgehens durch den Zeitraum nach dem 
Tode formlich zerstuckelt fiihlen. 

Als Gleichnis moge folgendes dienen: Eine Wespe besteht aus zwei 
Teilen, einem Vorderteil und einem durch einen ganz diinnen Spann- 
faden verbundenen Hinterteil. Denken Sie sich diesen Hinterteil ganz 
abgetrennt, und trotzdem schleppe die Wespe diesen Teil mit sich. So 
etwa konnen Sie sich von der obigen Schilderung eine Vorstellung 
machen: Sie fiihlen sich bestehend aus einzelnen Stikken, und es findet 



sich keine Verbindung zwischen diesen Stiicken. Wenn der Mensch aber 
in das Devachan kommt, fuhlt er sich wieder so wie unmittelbar nach 
dem Tode, als ob er den ganzen Weltenraum einnahme. 

Wenn aber nun der Mensch im Devachan all seine Veranlagungen 
zu Talenten und Fahigkeiten umgewandelt hat, dann fuhlt das Ich 
wieder eine Anziehung zur physischen Erde, strebt danach, wieder her- 
unterzusteigen auf die Erde zu einer physischen Verkorperung. Zuerst 
umgibt sich das Ich mit einem Astralleib. Das geht so vor sich, dafi es 
alles Astrale an sich heranzieht: es ist wie ein Zusammenschiefien. Es 
ist, als ob Sie zu Eisenfeilspanen einen Magneten halten: wie sich da die 
Eisenfeilspane in bestimmten Figuren anziehen, so zieht das Ich das 
Astrale an sich. Es hat aber Eindriicke erhalten von all den Erlebnissen, 
die es gehabt hat beim Durchgang durch das Seelen- und Geisterland, 
und alles das bildet die Grundkrafte, die mitwirken beim Aufbau des 
neuen Astralleibes. So nimmt also dieser neue Astralleib alles mit, was 
der Mensch in friiheren Leben und im Kamaloka durchgemacht hat. 
Alle Eindriicke, die er da gehabt hat, wirken bestimmend auf seine Ein- 
gliederung in seinen neuen Astralleib. 

Jetzt hat der Mensch erst den Astralleib; er mufi nun aber auch die 
iibrigen Glieder haben. Der Astralleib ist lediglich durch die eigenen 
Anziehungskrafte gebildet worden. Vor der Empf angnis ist der Mensch 
nur mit diesem Astralleib umkleidet. DerSeher sieht daher fortwahrend 
diese astralen Menschenkeime, die auf ihre Geburt beziehungsweise ihre 
Empf angnis warten. Er sieht sie mit einer riesigen Geschwindigkeit 
herumfliegen: glockenformige Gebilde bewegen sich mit riesiger Ge- 
schwindigkeit durch den Raum. Entfernungen spielen gar keine Rolle; 
sie bewegen sich so schnell, dafi eben Entfernungen keine Rolle spielen. 

Nun kommt dieUmkleidung mit einem Xtherleib; das ist aber etwas, 
womit der Mensch nicht mehr durch seine eigenen Krafte allein um- 
kleidet wird. Fur den Atherleib konnen nicht mehr die in ihm liegenden 
eigenen Krafte sorgen, sondern dazu bedarf der Mensch der Mithilfe 
gewisser geistiger Wesenheiten, die dabei mitwirken mussen. Sie be- 
kommen eine Vorstellung von diesen Wesenheiten, wenn Sie daran 
denken, daft Sie zuweilen Worte gebrauchen, womit Sie gewohnlich 
keine Vorstellung verbinden, zum Beispiel mit dem Wort Volksseele, 



Volksgeist. Heute stellt man sich, wenn man diese Worte ausspricht, 
darunter gar nichts vor, oder denkt sich etwas ganz Abstraktes. Der 
Seher hat aber eine andere Vorstellung davon. Tatsachlich gibt es - 
ebenso wahr, wie wir selber wahr sind - Wesenheiten hoherer Art, die 
aber nicht zu einer Verkorperung im Fleische kommen, und die nichts 
anderes sind als Volks- oder Stammesseelen. Es ist nicht nur eine vage 
Bezeichnung, wenn man vom Volksgeist spricht; die Volksseele ist ein 
wirkliches Wesen, nur hat sie keinen physischen Leib, sondern ihr nie- 
derstes Glied ist der Atherleib. Dann hat dieser Volksgeist einen Astral- 
leib, Ich, Manas, Buddhi, Atma, und dann noch ein hoheres Glied, zu 
dem es der Mensch nicht bringt, das die christliche Esoterik den Hei- 
ligen Geist nennt und die Theosophie gewohnt ist, den Logos zu nennen. 

So kann der Seher den Volksgeist ansprechen, wie er den andern 
Menschen anspricht. Heute hat man ja keine richtige Vorstellung von 
solchen Dingen und glaubt nur, dies Wort bezeichne eine Zusammen- 
fassung der Merkmale der einzelnen Volker; das ist aber nicht wahr, 
es hat eine reale Wirklichkeit. Durch die materialistische Gesinnung 
mufite das Verstandnis fur solche Dinge verlorengehen, aber es wird 
wieder errungen werden. Heute neigt die Menschheit dazu, solche 
Dinge als leere Begriffe zu verfliichtigen. Aber das mufite so kommen. 
Und so mufite in unserer Zeit auch ein Buch geschrieben werden, das 
sozusagen das Gegenteil von theosophischer Anschauung ist. Dies Buch 
mufite geschrieben werden, und wird auch viel bewundert, das ist: «Die 
Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner. Fritz Mauthner ist ein Geist, 
der alles auf lost, was iiber dem Sinnlichen liegt. Nur ein von alien guten 
Geistern verlassener radikaler Denker konnte so schreiben, der den Mut 
hatte, mit allem zu brechen, was Geist und Wirklichkeit ist. Kunftige 
Jahrhunderte werden gerade zu diesem Buche greifen miissen, wenn sie 
wissen wollen, wie an der Wende dieses Jahrhunderts gedacht wurde. 

Die Volksseele ist reale Wirklichkeit: wie eine Nebelmasse breitet 
sie sich aus, und alle Atherleiber der einzelnen Menschen des jeweiligen 
Volkes sind in sie eingebettet, und ihre Kraf te stromen ein in die Ather- 
leiber der einzelnen Menschen. 

Nun gibt es Geister gerade von diesem Rang der Volksseele, welche 
mitwirken bei der Zusammenstellung des Atherleibes der neuen Seele. 



Diese "Wesenheit bewirkt, dafi der Mensch zu einem bestimmten Volke 
hingeleitet wird, welches gerade fiir ihn am besten pafit. Da pafit dieser 
Atherleib nun schon nicht immer ganz genau; und alles, was Sie an Dis- 
harmonien im Leben finden, das riihrt sehr haufig davon her, dafi der 
Mensch sich nicht aus eigenen Kraften allein seinen Atherleib machen 
kann. Dieses Voll-Obereinstimmen wird erst auf einer viel spateren 
Entwickelungsstufe der Erde stattfinden. 

Dieses Umkleiden mit dem Atherleib geschieht mit einer rasenden 
Geschwindigkeit, wie Sie sich diese aus physischen Verhaltnissen gar 
nicht vorstellen konnen. Und dann wird von noch hoheren Wesen- 
heiten der Mensch hingefuhrt zu jenem Elternpaar, welches ihm den 
geeigneten Stoff zu seinem physischen Leibe geben kann. 

Der heutige materialistische Mensch, der da sieht, wie der Sohn den 
Eltern ahnlich ist, wird nicht glauben konnen, dafi sich mit diesem von 
den Eltern ererbten Korper noch etwas anderes verbindet. Gewifi, wir 
sehen unseren Ahnen durch den Korper ahnlich, aber das widerspricht 
dem Gesagten gar nicht. Betrachten wir gleich einen speziellen Fall: 
die Familie Bach. Im Verlaufe von zweihundertfiinfzig Jahren sind 
mehr als neunundzwanzig mehr oder weniger bedeutende Musiker aus 
dieser Familie hervorgegangen. Da wird der Materialist sagen: Da sieht 
man es ja, dafi das vererbt ist! - So hat die Familie Bernoulli in kurzer 
Zeit acht Mathematiker hervorgebracht. Wie ist das? Das verstehen wir 
am besten, wenn wir gerade die Vererbungsverhaltnisse ins Auge fas- 
sen. Da dies beim Musiker leichter verstandlich ist, wollen wir einmal 
die Familie Bach betrachten. Also nehmen wir an, ein junger Bach ware 
in seiner friiheren Verkorperung etwa in Rom gewesen, hatte seine An- 
lagen verarbeitet und wollte sich wiederverkorpern. Angenommen, er 
hatte die grofiten musikalischen Anlagen mitgebracht als Ergebnis sei- 
ner friiheren Verkorperungen: wenn er nicht ein gut ausgebildetes Ohr 
fande, so konnte er mit alien seinen Anlagen nichts anfangen; er ware 
ohne ein gut ausgebildetes Ohr genauso hilflos wie ein Virtuose ohne 
Instrument. Ganz notwendig mufite diese Individualitat sich einem 
solchen Korper eingliedern, der ein gutes Organ fiir diese mitgebrach- 
ten Anlagen hat. Nun ist aber die aufiereForm der inneren und aufieren 
Organe erblich, und diese Individualitat mufite, wenn sie ein Musiker 



werden wollte, fiir das kommende Leben ein gut ausgebildetes Gehor- 
organ haben. Wo kann sie es am leichtesten bekommen? In einer Mu- 
sikerfamilie. So wird sie also dahin gefuhrt, wo sie das beste Organ zur 
weiteren Ausbildung der in ihr veranlagten Talente finden kann, und 
das war damals gerade das Elternpaar des Johann Sebastian Bach. 

Wie ist es nun bei den Briidern Bernoulli? Das mathematische Den- 
ken beruht nicht auf der Beschaffenheit des Gehirns, denn die mathe- 
matische Logik ist nichts anderes als die iibrige Logik, sondern das 
mathematische Talent beruht auf der ganz besonders exakt ausgebilde- 
ten Organisation der drei halbzirkelformigen Kanale. Das ist ein Or- 
gan, nicht viel grofier als eine Erbse, das mitten im Felsenbein einge- 
bettet ist, und das aus drei halbkreisformigen Kanalen besteht, die 
genau dem dreidimensionalen Raum entsprechen. Wenn der eine Kanal 
also genau vertikal liegt, so liegt der zweite von rechts nach links, der 
dritte von vorn nach hinten. Alle stehen also zueinander senkrecht in 
einem Winkel von genau neunzig Grad. Auf diese genaue Einstellung 
zueinander kommt es also an: je genauer der rechte Winkel stimmt, um 
so besser funktioniert das Organ. Wenn das Organ in irgendeinerWeise 
verletzt wird, tritt Schwindel ein und Sie konnen sich nicht mehr im 
Raum orientieren. Und auf einer ganz besonders feinen Ausbildung 
dieser Kanale beruht das mathematische Talent, respektive die Mog- 
lichkeit, das mathematische Talent ausiiben zu konnen. Und dieses 
Organ ererbt man genauso wie das musikalische Ohr. 

Das Gehirn denkt genau so uber den Raum nach, wie zum Beispiel 
iiber die Philosophie; aber dafi einer Sinn hat fiir die Raumformen, das 
hangt von diesen drei halbzirkelformigen Kanalen ab. Also eine mit 
hohen mathematischen Talenten begabte Individuality wird sich in 
eine Familie verkorpern, in der dieses Organ am besten ausgebildet ist, 
und das war der Fall in der Familie Bernoulli. 

Auch um moralisch tuchtig sein zu konnen, gehort ein richtiges In- 
strument dazu. Eine Individuality, die eine hohe Moralitat hat, sucht 
sich deshalb dasjenige Elternpaar, das ihr hierfur das beste Instrument 
zu geben verspricht. So ist das oft in oberflachlich trivialer Weise ge- 
brauchte Sprichwort: Man kann nicht vorsichtig genug sein in derWahl 
seiner Eltern - im tiefsten, ernstesten Sinne wahr, denn es wahlt sich 



sozusagen das Kind seine Eltern. Da wenden nun manche ein: Wohin 
kommen wir denn da mit der Mutterliebe? Denn die kommt doch da- 
her, dafi die Mutter weifi, das Kind sei ein Stuck von ihr selbst. - Im 
richtigen Lichte betrachtet, leidet die Mutterliebe in keiner Weise, im 
Gegenteil, man lernt sie dadurch nur noch tiefer verstehen. Warum 
wird das Kind gerade von der und der Mutter geboren? Weil es durch 
seine geistigen Eigenschaften zu der ihm geistig gleichartigen Mutter 
hingefuhrt wird, und es liebt ja die Mutter sogar schon vor der Emp- 
fangnis; die Mutterliebe ist sozusagen die Gegenliebe dieser primaren 
Zuneigung. Eine solche Einsicht ist also sogar noch eine Vertiefung 
dieses Begriffes. 

Nun hangt es im wesentlichen von den Eigenschaften von Vater und 
Mutter ab, wie sie die Gelegenheit geben zu einer Verkorperung; und 
da wirken Vater und Mutter verschieden, Wenn der Mensch zu einer 
neuen Geburt herunterkommt, so hat das Ich, das mehr Willenskrafte 
hat, mehr Anziehung zum Vater, und das, was mehr astrale Krafte hat, 
zur Mutter. Der Vater hat also mehr Einflufl auf das Ich, den Willen 
und Charakter, die Mutter hat mehr Einfluft auf den Astralleib, also 
dem Vorstellungsvermogen nach. Am besten ist es natiirlich, wenn beide 
Eltern passen zu der Individuality, die sich verkorpern will. 

Beim Heruntersteigen wirken aber auch diejenigen Krafte mit, die 
dem Menschen eingepragt sind beim Aufstieg. All das bildet Anzie- 
hungskrafte, und er wird in die Sphare gezogen werden, die mit ihm 
von jeher verwandt war. Er wird also zu denjenigen Menschen hin- 
gefuhrt, mit denen er friiher schon etwas zu tun gehabt hat. Ich will 
Ihnen ein Beispiel anfiihren, das auf einen realen Fall begriindet ist. 
Es war einmal der Fall, dafi bei einem Femgericht jemand von vier bis 
fiinf Richtern zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Nun ging 
man geisteswissenschaftlich vor und untersuchte das Vorleben dieser 
sechs Menschen, und da stellte sich heraus, dafi alle diese Manner im 
Leben vorher zusammen auf der Erde waren, aber so, dafi der Hin- 
gerichtete ihr Hauptling war, und dafi die andern von ihm hingerichtet 
wurden. So war also die letzte Hinrichtung eine Art Ausgleich. Gerade 
dieser Fall macht das Gesetz vom Karma ganz besonders anschaulich. 
So wirken die verschiedenen Krafte zusammen, die der Mensch in 



seinem friiheren Leben an sich gezogen hat; sie bestimmen bei der 
Wiederverkorperung sowohl die Verf assung seines Leibes als auch den 
Ort, an dem er geboren wird, als auch sein spateres Schicksal. Noch 
mehr als beim Atherleib zeigen sich oft die Dissonanzen beim physi- 
schen Leibe. 

Das alles sind Dinge, die da zeigen, wie der Mensch bei seiner 
Wiederverkorperung mit den drei Leibern umkleidet wird, und bei 
jeder Verkorperung arbeitet das Ich am Astralleib, Atherleib und phy- 
sischen Leib. Wie er zu dieser hohen Vollkommenheit steigt, das werden 
wir spater horen. Aber immer mehr wird der Astralleib und Atherleib 
umgebildet, und immer mehr wird aus dem veredelten Astralleibe 
Manas, aus dem veredelten Atherleibe Buddhi, aus dem veredelten 
physischen Leibe Atma. So kann man sich die immer hohere Vervoll- 
kommnung des Menschen von Inkarnation zu Inkarnation vorstellen. 

Dieses kommt am schonsten imVaterunser zum Ausdruck, das man 
aber nur in der rechten Weise versteht, wenn man es eben im echt christ- 
lichen Sinne auffafit, wie es aufgefafit wurde von der Geheimschule des 
Paulus. Diese Schule war es, die das Vaterunser im echt christlichen 
Sinne so erklart hat. Sie sagte ihren Schulern etwa: Stellt euch die 
hoheren Glieder der Menschennatur vor, die dadurch zur Entwicke- 
lung kommen, daft der Mensch seine drei untersten Glieder immer mehr 
veredelt. - Nun sah das friiheste Christentum diese drei hoheren Glie- 
der - Manas, Buddhi, Atma - als die gottliche Natur des Menschen an. 
Dadurch, daft der Mensch nun diese drei hoheren Glieder immer mehr 
entwickelt, nahert er sich immer mehr der Gottheit. Von diesem Ge- 
sichtspunkt aus nannten die alten esoterischen Christen die drei hoch- 
sten Glieder die Gottliche Natur, und sie nannten das Hochste Atma: 
den Vater. Dies ist das Tiefste der Gottlichkeit im Menschen: der Vater 
im Himmel. Dieser Vater ist das, wozu alle Menschen sich hinentwik- 
keln, es ist der Mittelpunkt der Weltenschopfung. Man stellt sich am 
besten die Schopfung im christlichen Sinne so vor, wenn man sich das 
Opfer klarmacht. Denken Sie sich Ihr Spiegelbild, und nehmen Sie an, 
Sie konnten so selbstlos sein, an das Spiegelbild Ihr Leben abzugeben. 
So mufi man sich das selbstlose Schaffen vorstellen, daft man selbst in 
dem Geschaffenen aufgeht. Denken Sie sich den Vatergeist in der Mitte 



einer sich spiegelnden Hohlkugel, dann tritt Ihnen in tausendfacher 
Weise das Bild Gottes entgegen. So sagte der alte esoterische Christ: 
Sieh dir die Welt an: alleWesen, was sind sie, als Spiegelbilder Gottes! - 
Und diese sich spiegelnde Gottheit nannten sie in ihrer Esoterik «das 
Reich », das ist: der sich iiberall spiegelnde Gott. - Nun entwickelt euer 
Gefuhl weiter. Seht ihr in allem den Gott, dann habt ihr in ungeheuer 
viel Einzelheiten die Gottheit auf gelost, und wollt ihr sie unterscheiden, 
dann miifit ihr jedem einzelnen einen Namen geben. Dieser Name mufi 
geheiligt werden, denn jedes einzelne Geschopf ist ja ein Spiegelbild 
der Gottheit. 

In diese drei hinein entwickelt sich der Mensch zu Gott. Sie diirfen 
aber nicht glauben, der Mensch wiirde der Gott. Nehmen Sie einen 
Tropfen aus dem Meere: der ist wesensgleich dem Meere, er ist aber 
nicht das Meer. So auch ist der Tropfen der Gottlichkeit in uns wohl 
wesensgleich der Gottheit, ist aber nicht die Gottheit. Indem der Mensch 
also die drei hochsten Glieder immer mehr entwickelt, wird er immer 
mehr eins mit dem Reich, da die geistige Welt zu ihm herunterkommt. 
Da haben Sie die drei ersten Bitten des Vaterunser: erstens im Anrufen 
des Vaters, zweitens im Flehen, daft das Reich zu uns kommen soil, 
drittens in der Heiligung des Namens. Dann werden wir immer be- 
strebt sein, keine Handlung zu vollbringen, die nicht in Harmonie steht 
mit dem Vatergeiste, aus dem wir entsprungen sind und zu dem wir uns 
entwickeln, wenn wir eben die drei hochsten Glieder in uns ausbilden. 
Und im Gegensatze zu den drei hoheren Gliedern betrachtet nun das 
esoterische Christentum die vier niederen Glieder des Menschen, die 
auch immer vollkommener werden miissen. 

Der physische Leib besteht aus denselben Stoffen wie die aufiere 
Natur, die ja auch in diesem physischen Leibe fortwahrend ein- und 
auswandern. Und sie miissen ja fortwahrend ein- und auswandern, 
wenn der physische Leib gesund bleiben soli. 

Der Atherleib hat Krafte, die, so wie der physische Leib mit der 
ganzen aufieren Natur in Wechselbeziehung steht, ebenso in Wechsel- 
beziehung stehen mit der ganzen Volksseele. Soil der physische Leib in 
Ordnung sein, so miissen physische Stoffe taglich in ihm ein- und aus- 
wandern. Soil der Atherleib in Ordnung sein, so darf er sich nicht als 



Einzelnes entwickeln, sondern er mufi sich in Harmonie bringen mit 
der ganzen Volksseele und alien hoheren Wesenheiten. 

Das Wort «Schuld» hangt zusammen mit dem Wort Schulden. 
Schulden sind etwas, was Ihnen so recht zeigt, dafi Sie nicht einzeln 
dastehen, sondern dafi Sie einen sozialen Zusammenhang haben, dafi 
Sie Ihren Mitmenschen etwas schulden. Das, was den menschlichen 
Astralleib nun in Unordnung bringen kann, das sah die urspriingliche 
christliche Esoterik an als etwas, was seine Neigungen und Leiden- 
schaften, Triebe und Begierden betraf; und alles, was diese in Unord- 
nung bringen kann, das druckt das Wort « Versuchung* aus. Schuld ist 
also etwas, was den Menschen in eine Beziehung bringt zu der sozialen 
Gemeinschaf t, wahrend Versuchung etwas ist, worein jeder Mensch als 
individuelles Wesen fallen kann. 

Wiirden nicht in unserem physischen Korper physische Stoffe ein- 
und ausgehen, so wiirde dieser physische Korper in Unordnung kom- 
men: «Gib uns unser taglich Brot.» Wiirde der Atherleib sich nicht in 
harmonische Wechselbeziehung bringen zum Volksseelenhaften, das 
heifit, wiirde er sich nicht harmonisch dem ganzen sozialen Gefuge 
eingliedern, dann wiirde er ebenfalls in Unordnung kommen: «Vergib 
uns unsere Schuld. » Wiirde der Mensch in den Fehler verf alien, einer 
jeden an ihn herantretenden Versuchung zu unterliegen, dann wiirde 
dadurch sein Astralleib in Unordnung kommen: «Fiihre uns nicht in 
Versuchung. » 

Das Ich kann in jene Fehler verfallen, die man mit «Ubel» bezeich- 
net. Zu diesen Verfehlungen des Ich - das ist ja unser Selbst - gehort 
alles, was ein normales und gesundes Selbstgefuhl zum Bosen wandelt, 
das heifit also in Selbstsucht. Dahin gehoren also alle Ausschreitungen 
der Selbstsucht, des Egoismus: «Erl6se uns von dem "Obel.» 

Der physische Leib kann sich also in gesunder Weise entwickeln, 
wenn wir ihm das tagliche Brot in der rechten Weise zukommen lassen. 
Der Atherleib kann sich in gesunder Weise entwickeln, wenn wir uns 
in der richtigen Weise in Harmonie bringen mit dem sozialen Korper, 
in dem wir leben. Der Astralleib kann sich in gesunder Weise entwik- 
keln, das heifit, zur Lauterung und Reinigung gebracht werden, wenn 
wir alle Versuchungen iiberwinden. Das Ich kann sich in gesunder Weise 



entwickeln, wenn wir uns Miihe geben, alien Egoismus in Altruismus, 
alle Selbstsucht in Selbstlosigkeit umzuwandeln. 

So sehen wir in dem Vaterunser ein Gebet, das die Entwickelung des 
ganzen Menschen umfafit. 

Nun konnte jemand einwenden - und diesem Einwand werden Sie 
sogar haufig begegnen: Das Vaterunser ist doch ein Gebet, das von 
dem Christus Jesus als ein Gebet fur jedermann gegeben ist. Was niitzt 
da eine solche Auslegung, von der doch die meisten Menschen nichts 
wissen? 

Der naive Mensch braucht auch nichts davon zu wissen. Sehen Sie 
sich die Rose an. Die hochste Weisheit hat die Rose aufgebaut, und doch 
kann sich der naivste Mensch daruber freuen. Das Wissen von dieser 
Weisheit ist nicht notwendig. Und so ist es auch mit dem Vaterunser. 
Es hat seine Kraft auf das menschliche Gemut, auch wenn das naive 
Gemiit nichts davon weifi. Aber nie wiirde das Vaterunser diese Kraft 
haben, wenn es nicht aus dieser tiefsten Weisheit geschopft ware. Alle 
die grofien Gebetsformen sind, wie diese grofite Form, aus der tiefsten 
Weisheit geschaffen, und die Gewalt dieser Gebetsformen beruht nur 
darauf. Wenn Sie auch denken, das sei eine ergriibelte Sache, so ist das 
nicht wahr, sondern die Wesenheit, die uns das Vaterunser gegeben hat, 
die hat die tiefe Kraft hineingelegt. 

So sehen Sie, wie man erst mit Hilfe der Geisteswissenschaft das ver- 
steht, was man taglich ubt, und dessen Kraft die Menschheit seit zwei 
Jahrtausenden erfahren hat. 

Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen in der Menschheitsentwicke- 
lung, wo es nicht mehr weitergeht ohne diese Vertiefung des Verstand- 
nisses. Friiher, das heifit bis dahin konnte die Menschheit die geistigen 
Krafte, die gerade in diesem Gebet liegen, fiihlen, ohne ihren tieferen 
Sinn zu kennen. Jetzt aber ist die Menschheit so weit in ihrer Entwicke- 
lung vorgeschritten, dafi sie fragen mufi, und deshalb mufi ihr jetzt die 
Antwort gegeben werden. 

Die christliche Religion wird nicht dadurch an Wert verlieren, son- 
dern im Gegenteil erst in ihrer ganzen Tiefe sich offenbaren. Durch die 
grofite Weisheit werden die religiosen Inhalte wieder neu erobert wer- 
den. Ein Beispiel dafiir ist die esoterische Auslegung des Vaterunser. 



Sie zeigt uns den Weg, den der Mensch durch seine vielen Verkorpe- 
rungen hindurch beschreiten mufi. Die vier niederen Bitten, wenn er in 
ihrem Sinn wandelt, helfen ihm die Arbeit vollbringen, die zur Gestal- 
tung seiner hoheren Wesensglieder fiihrt, so wie sie in den drei ersten 
Bitten ausgedriickt sind. 



SIEBENTER VORTRAG 
Kassel, 22.Junil907 



Wir haben heute zu sprechen von dem, was man das Gesetz vom Karma 
nennt, das Gesetz von Ursache und Wirkung in der geistigen Welt. Wir 
miissen uns zunachst an die letzten Vortrage erinnern, die uns gezeigt 
haben, wie der gesamte Lebenslauf sich abspielt in einer Reihe von Ver- 
korperungen, so dafi Sie alle schon oft auf der Welt da waren und auch 
noch oft wiederkehren werden. Wir werden spater horen, wie es nicht 
richtig ist, wenn man annimmt, dafi in alle Ewigkeit nach vor- und 
riickwarts diese Verkorperungen sich wiederholen, vielmehr werden 
wir sehen, dafi sie einstmals begonnen haben und dafi es eine Zeit geben 
wird, wo sie wieder aufhoren werden, wo der Mensch in anderer Weise 
sich weiterentwickeln wird. 

Wir betrachten also zunachst jenen Zeitraum, in welchem solche 
Wiederverkorperungen stattfinden, und wir miissen uns klar dariiber 
sein, dafi alles, was man Schicksal nennt in bezug auf Charakter und 
innere Eigenschaften, wie auch auf unser aufieres Schicksal und unsere 
Lebenslage, verursacht ist durch unsere friiheren Verkorperungen, und 
dafi, was wir in diesem Leben treiben, wieder seine Wirkung hat fur die 
folgenden Leben. So zieht sich das grofie Gesetz von Ursache und Wir- 
kung durch alle unsere Verkorperungen hindurch. 

Wir wollen uns einmal klarmachen, wie dieses Gesetz in der ganzen 
Welt wirkt, nicht nur in der geistigen Welt, sondern auch in der phy- 
sischen. 

Nehmen Sie an, Sie haben zwei Kriige mit Wasser; dann nehmen Sie 
eine Eisenkugel, die Sie bis zur Glut erhitzt haben, und lassen sie in den 
ersten Krug Wasser hineinf alien. Was tritt ein? Das Wasser zischt, und 
die Kugel kiihlt sich ab. Nehmen Sie dann die Kugel heraus und wer- 
fen Sie sie in den zweiten Krug: da zischt das Wasser nicht mehr und die 
Kugel kiihlt sich nicht mehr wesentlich ab. Die Kugel verhalt sich also 
in den beiden Fallen ganz verschieden: das, was sie im zweiten Fall 
getan hat, hatte sie nicht getan, wenn sie nicht vorher in den ersten 
Krug hineingeworfen worden ware. Also ist das Betragen im zweiten 



Faile die Wirkung dessen, was im ersten Krug mit ihr geschehen ist. 
Einen solchen Zusammenhang nennt man Karma. Es ist also das Karma 
der Kugel, dafi sie in dem zweiten Kruge nicht mehr zischt und sich 
nicht abkiihlt. - Und nun auch ein Beispiel aus dem Tierreich, woran 
Sie ersehen, dafi die Folgezustande abhangen vom vorherigen Leben. 
Nehmen Sie die Tiere, die in die Hohlen von Kentucky eingewandert 
sind: durch die vollige Entziehung des SonnenHchtes werden allmah- 
lich die Augen riickgebildet. Die Stoffe, die sonst fiir die Augen ver- 
wendet werden, wandern zu andern Organen, und dadurch verkiim- 
mern die Augen; die Tiere werden dadurch allmahlich blind. Und nun 
ist es das Schicksal allerNachkommen, blind geboren zu werden. Waren 
die Eltern nicht eingewandert in die dunklen Hohlen, so hatten die 
Nachkommen nicht das Schicksal, blind zu sein. Dieser Zustand der 
Blindheit ist also die Folge einer fruheren Tatigkeit, des Einwanderns 
in die finsteren Hohlen. 

Die Geisteswissenschaft sagt: Alles, was in der Welt geschieht, ist 
abhangig vom Karma. Karma ist das allgemeine Weltengesetz. - Auch 
die Bibel erzahlt gleich im Anfang von diesem Karma. Sie sagt namlich: 
«Im Anfang schuf Gott die Welt. » Wenn man das so oberflachlich liest, 
wie heute im allgemeinen gelesen wird, da merken Sie nicht, dafi das 
im Sinne des Karmagesetzes ist; Sie merken es aber ohne weiteres, wenn 
Sie zum Beispiel den Urtext dieser alten Urkunde nehmen, in welcher 
uns von diesem Schaffen gesprochen wird, oder wenn Sie eine der 
altesten Ubersetzungen der Urkunde ins Lateinische nehmen, wie zum 
Beispiel diejenige aus der Septuaginta, die ja heute noch fiir die ge- 
samte katholische Kirche als die mafigebende Ubersetzung des Alten 
Testamentes und besonders der Genesis angesehen wird. Und da ist es 
ja wohl gerade im Hinblick auf einen solchen Einfuhrungszyklus, der 
Sie ja doch Stuck fur Stuck mit den ungeheuren Tiefen der geistes- 
wissenschaftlichen Weltanschauung bekanntmachen soli, nicht un- 
zweckmafiig,wenn wir einmal einen Schritt abseits unseres eigentlichen 
Themas machen. 

Der heutige Mensch hat ja eigentlich gar keine Verbindung mehr 
mit dem lebendigen Wort. Die Sprache ist einerseits zu einem konven- 
tionellen Verstandigungsmittel geworden, und andererseits zur Ge- 



schaftssprache. Ganz anders war es, als das Wort gepragt wurde in den 
alten Zeken: da hatte der Mensch noch einen lebendigen Zusammen- 
hang mit dem Wort. Ja, in den alleraltesten Zeiten hatte der einzelne 
Buchstabe, der zur Zusammensetzung des Wortes fiihrte, eine tiefe Be- 
deutung. Der heutige Mensch hat ja keine Ahnung mehr davon, was 
durch die Seele eines alten hebraischen Weisen zog, wenn er das Wort 
«bara» aussprach, das in der Genesis im ersten Satze steht, und das 
von der Nachwelt, das heifit zunachst von der lateinischen Welt, mit 
«creare» und von uns mit «schaffen» iibersetzt worden ist. Was ist der 
tiefe Sinn des Wortes «bara»? Wir haben in unserer deutschen Sprache 
noch denselben Stamm «bar» in dem Wort «gebaren». 

Nun liegt dem Worte «Karma» die Wurzel «kr» zugrunde, die ja 
auch dem Worte «creare» zugrunde liegt, so dafi, wenn man lateinisch 
«creare» - schaffen sagt, dies nichts anderes bedeutet als: es tritt etwas 
auf durch die Wirkung friiherer Zustande; das heifit also, es tritt etwas 
auf, das karmisch durch etwas Friiheres bedingt ist. 

Nun kann man ja von Karma im heutigen Sinne erst sprechen seit 
dem luziferischen Einschlag, also von dem Augenblicke an, wo der 
Mensch eine Schuld auf sich genommen hat, und deshalb haftet auch 
an allem, was mit dem Worte Karma in Verbindung steht, immer etwas 
von dem Begriffe Schuld. Creare also heifit: etwas hervorbringen, was 
durch friihere Zustande karmisch verschuldet ist, wahrend noch in dem 
Stamme «bar» nichts von dieser karmischen Bedingtheit liegt. Wie 
kommt das? Das kommt zweifellos daher, daft der alte Hebraer noch 
viel inniger mit der geistigen Welt im Zusammenhang stand und sich 
noch vollkommen klar war, dafi damals, als die Elohim die Welt schop- 
ferisch ersannen, noch von keinem Karma die Rede sein konnte in dem 
Sinne, wie wir gewohnlich von Karma sprechen. In der lateinischen 
Epoche der Menschheitsentwickelung war aber der Mensch, wie wir 
ein anderes Mai sehen werden, schon vollkommen von der geistigen 
Welt abgeschniirt, und er konnte sich deshalb sogar das schopferische 
Ersinnen der Elohim gar nicht anders denken, als in dem karmischen 
Zusammenhang darinnenstehend. 

Aber sowohl das Wort «bara» wie auch das Wort «creare» heifit 
niemals: Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen; denn beiden 



Worten liegt der Sinn zugrunde: Gott hat friihere Zustande in neue 
iiberfliefien lassen; ebenso wie die Mutter das Kind nicht aus dem 
Nichts gebiert, sondern gebaren heifit: das Kind tritt sichtbar in die 
Welt hinaus aus dem friiheren verborgenen Zustande im Mutterleibe. 

Sie sehen, wie man da den Sinn der Bibel verdrehen kann. Zuerst hat 
die Theologie gesagt: Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen 
weil diese Theologie ja nichts mehr von den dem Erdendasein voran- 
gehenden kosmischen Entwickelungsperioden wufite, und dariiber sind 
ganze Bibliotheken geschrieben worden. Aber alle diese Theologen 
haben gekampf t wie Don Quijote gegen Windmiihlen. Man mufi jedoch 
immer wissen, wogegen man kampfen will; das heifit, man mufi immer 
den urspriingiichen Sinn der alten Urkunden klarlegen. 

Wenn wir nun dieses Gesetz vom Karma uns so denken, wie es in der 
Tat gedacht werden mufi, als der Zusammenhang zwischen Ursache und 
Wirkung nicht nur hier fiir das physische Leben zwischen Geburt und 
Tod, sondern auch fiir das Leben nach dem Tode in der geistigen Welt, 
dann wird gerade dieses Karmagesetz zum Erleuchter des eigenen Le- 
bens. Die Einsicht in dieses Karmagesetz gibt nicht nur eine tiefe Be- 
" friedigung fiir unseren Verstand, sondern im tiefsten Sinne auch fiir 
unser Gemiit, und es gibt uns die rechte Einsicht in unser Verhaltnis zur 
Welt. Sie werden immer klarer einsehen, welch eine tiefe Bedeutung es 
hat, und wie erst die richtige Einsicht in dieses Karmagesetz es uns er- 
moglicht, das Leben mit unserer Umwelt harmonisch zu gestalten. Es 
klart uns nicht iiber solche Weltratsel auf , die man erst ausspintisieren 
mufi, sondern iiber solche, die uns in der Tat auf Schritt und Tritt im 
Leben begegnen. Oder sind es etwa nicht Lebensratsel, wenn man sieht, 
wie scheinbar ohne Schuld der eine Mensch geboren wird in Not und 
Elend, und wie bei einem andern die schonsten Anlagen durch die so- 
ziale Lage, in die ihn sein Leben gestellt hat, verkummern miissen? Wir 
fragen uns oft im Leben: Wie kommt es, dafl dieser Mensch so in Not 
und Elend geboren wird ohne seine Schuld, und der andere, ohne sein 
Dazutun, im Uberflufi und Reichtum, so dafi er schon an der Wiege 
umstellt ist von zartlich liebenden Eltern? - Das sind Fragen, iiber die 
nur der Leichtsinn der heutigen Menschen hinwegschauen kann. 

Je tieferen Einblick in das Karmagesetz wir gewinnen, um so mehr 



werden wir sehen, dafi alle Harte schwindet, die auf den ersten Blick 
scheinbar vorhanden ist, wenn man das Karmagesetz nur oberflachlich 
betrachtet. Wir werden uns dann immer klarer dariiber werden, wie es 
kommt, dafi eben der eine Mensch in diesen, der andere in jenen Ver- 
haltnissen im Leben stehen mufi. Eine Harte kann und mufi man nur 
dann in der einen oder andern Lebenslage erblicken, wenn wir nur das 
eine Leben betrachten. Wenn wir aber wissen, dafi dieses eine Leben die 
absolute Wirkung friiherer Taten ist, dann schwindet diese Harte voll- 
standig, dann sehen wir ein, dafi der Mensch sich sein Leben selbst zu- 
bereitet. 

Es konnte nun jemand sagen: Ja, aber das ist doch etwas Furcht- 
bares, wenn man denken mufi, der Mensch hatte alles das, was ihn hier 
im Leben an Schicksalsschlagen trifft, selbst verschuldet! - Da miissen 
wir uns einmal klarmachen, dafi das Karmagesetz nicht fur sentimen- 
tal Brutende ist, sondern dafi es ein Gesetz der Tat ist, das uns stark 
macht, das unsMut und Hoffnung gibt. Denn wenn wir auch das Leben 
so, wie es uns mit all seinen Harten trifft, uns selbst gemacht haben, 
so wissen wir doch auch, dafi es ein Gesetz ist, dessen Hauptbedeutung 
nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegt. Wenn wir 
auch in der Gegenwart durch die Wirkung vergangener Taten noch so 
bedriickt sind, wird doch gerade die Einsicht in das Karmagesetz ihre 
Friichte tragen in spateren Leben. Je nachdem wir uns verhalten, wer- 
den die Friichte dieser Taten in kiinftigen Leben sein, denn keine Tat 
ist vergebens getan. Und wieviel theosophischer ist es, das Karmagesetz 
als Gesetz der Tat aufzufassen! Denn, was wir auch tun, den Friichten 
dieser Taten werden wir nicht entgehen. Je schlechter es uns in diesem 
Leben geht, je besser wir das ertragen, um so besser wird es uns in kiinf- 
tigen Leben gehen. So ist das Karmagesetz ein Gesetz, welches die 
Lebensratsel lost, die uns auf Schritt und Tritt begegnen. 

Wie hangt nun das Leben vorher mit dem spateren Leben zusammen? 
Klar miissen wir uns dariiber sein, dafi alles, was wir als innerlicheWir- 
kungen aufierlicher Erlebnisse haben, als Lust und Leid, seine Wirkun- 
gen in kommenden Leben hat. 

Nun wissen Sie ja, dafi alles, was als Lust, Leid, Freude, Schmerz in 
uns lebt, Dinge sind, deren Trager der Astralleib ist. Alles das nun, was 



der Astralleib in diesem Leben erlebt, und ganz besonders, wenn diese 
Erlebnisse immer ofter wiederholt werden, das zeigt sich im nachsten 
Leben als Eigenschaft des Atherleibes. Die Freude, die Sie in dem einen 
Leben an einem Gegenstand in Ihrer Seele immer und immer wieder 
wachrufen, bewirkt, dafi Sie im nachsten Leben eine tiefe Neigung und 
Vorliebe fur diesen Gegenstand haben werden. Neigung und Vorliebe 
sind aber Charaktereigenschaften und haben als Trager den Atherleib, 
so dafi, was der Astralleib im Leben vorher bewirkt, Eigenschaften des 
Atherleibes im nachsten Leben werden. Was Sie in diesem Leben wieder- 
holt erleben, das kommt in Ihrem folgenden Leben als Grundcharakter. 
Ein melancholisches Temperament kommt daher, dafi der Mensch im 
vorigen Leben viele traurige Eindriicke gehabt hat, die ihn immer wie- 
der in eine traurige Stimmung versetzt haben; dadurch hat eben der 
nachste Atherleib eine Neigung fur eine traurige Stimmung. Umgekehrt 
ist es bei denen, die allem im Leben eine gute Seite abgewinnen, die 
dadurch in ihrem Astralleib Lust und Freude, frohe Erhebung erzeugt 
haben; das gibt im nachsten Leben eine bleibende Charaktereigenschaft 
des Atherleibes und bewirkt ein heiteres Temperament. Wenn der 
Mensch aber, trotzdem ihn das Leben in eine harte Schule nimmt, all 
das Traurige kraftvoll uberwindet, dann wird im nachsten Leben sein 
Atherleib geboren mit einem cholerischen Temperament. Man kann 
also, wenn man all das weifi, geradezu sich seinen Atherleib fur das 
nachste Leben vorbereiten. 

Diejenigen Eigenschaften nun, die der Atherleib in dem einen Leben 
hat, die erscheinen im nachsten Leben im physischen Leib. Wenn also 
jemand schlechte Gewohnheiten und Charaktereigenschaften hat und 
nichts dagegen tut, sie sich abzugewohnen, tritt das im nachsten Leben 
als eine Disposition des physischen Leibes auf, und das ist tatsachlich 
die Disposition zu Krankheiten. So sonderbar sich das auch fur Sie an- 
horen mag, aber diese Disposition fur bestimmte Krankheiten, und 
besonders fur Infektionskrankheiten, riihrt tatsachlich her von schlech- 
ten Gewohnheiten im vorhergehenden Leben. Also haben wir es mit 
dieser Einsicht auch in der Hand, uns Gesundheit oder Krankhek fur 
das nachste Leben zu bereiten. Wenn wir uns eine schlechte Gewohnheit 
abgewohnen, machen wir uns im nachsten Leben physisch gesund und 



widerstandsfahig gegen Infektionen. So kann man schon fur das kom- 
mende Leben fiir Gesundheit sorgen, wenn man bestrebt ist, nur edle 
Eigenschaften zu pflegen. 

Und nun ein Drittes, was aufierordentlich wichtig ist fiir die rich- 
tige Auffassung des Karmagesetzes: das ist die richtige Bewertung 
unserer Taten selbst in diesem Leben. Bisher haben wir ja nur von dem 
gesprochen, was innerhalb des Menschen sich abspielt; was aber der 
Mensch tut in diesem Leben, das heilk also, wie er sich mit seinen Taten 
der Umwelt gegeniiber verhalt, das zeigt seine Wirkung im nachsten 
Leben eben in dieser Umwelt. 

Durch eine schlechte Gewohnheit an und fiir sich habe ich noch 
nichts getan; wenn mich aber diese schlechte Gewohnheit zurTat treibt, 
dann verandere ich durch diese Tat die Aufienwelt. Und alles das eben, 
was so eine Wirkung in der physischen Aufienwelt hat, das kommt uns 
als aufieres Schicksal im nachsten Leben in der Aufienwelt wieder zu- 
riick. Also die Taten des physischen Leibes in diesem Leben, die werden 
zu unserem Schicksal in dem folgenden Leben. Das erfahren wir durch 
das Hineingestelltsein in diese oder jene Lebenslage. Ob also der Mensch 
in dieser oder jener Lebenslage gliicklich oder ungliicklich wird, das 
hangt von den Taten seines vorherigen Lebens ab. Hierhin gehort wie- 
der als treffendes und belehrendes Beispiel dasjenige von dem Feme- 
mord, das uns zeigt, wie die Tat als aufiere Tat des einen Lebens im 
nachsten Leben auf den Menschen als Schicksal zuriickfallt. 

Das sind also in kurzen Linien gezeichnet die karmischen Zusam- 
menhange beim einzelnen Menschen. Wir diirfen aber nicht nur beim 
einzelnen Menschen von Karma sprechen; der Mensch darf sich nicht 
als Einzelwesen betrachten, das ware grundfalsch, genau so falsch, als 
wenn der einzelne Finger an unserer Hand sich als Einzelwesen fiihlen 
wollte. Genau so weit, wie der Finger kommen wiirde, wenn er sich 
vom Organismus absondern wiirde, wiirde der Mensch kommen, wenn 
er sich einige Meilen iiber die Erde erheben wiirde. So ist der Mensch, 
wenn er in die Geisteswissenschaft eindringt, geradezu gezwungen, an 
der Hand dieser Erkenntnis einzusehen, dafi er sich nicht derTauschung 
hingeben darf, auf sich selbst als Einzelwesen zu bestehen. So ist es in 
der physischen und noch viel mehr in der geistigen Welt. Der Mensch 



gehort der ganzen Welt an und hat auch sein Schicksal in der Gesamt- 
heit. Das Karma betrifft nicht nur den einzelnen Menschen, sondern 
es geht auch iiber das Leben von ganzen Volkern dahin. Ein Beispiel 
dafiir: Sie alle wissen, dafi es im Mittelalter eine Seuche, die Miselsucht 
gegeben hat; das ist eine Art Aussatz. Erst im 16. Jahrhundert ver- 
schwindet sie aus Europa. Es gab eine ganz besondere Ursache, dafi 
diese Seuche gerade im Mittelalter auftrat, und zwar eine geistige Ur- 
sache. Der Materialist ist natiirlich geneigt, eine derartige ansteckende 
Krankheit auf Bazillen zuriickzufuhren, aber die physische Ursache ist 
es nicht allein, die bei einer solchen Krankheit in Betracht kommt. Das 
ist geradeso, wie wenn einer durchgepriigelt wird, und man sollte unter- 
suchen, warum dieser durchgepriigelt ist. Der Einsichtsvolle wird ohne 
weiteres finden, dafi die Ursache der Priigel darauf beruht, dafi es in 
dem Dorf einige Menschen gibt, die sehr roh sind. Es ware aber in die- 
sem Falle eine geradezu torichte Folgerung - wie es im obigen Falle die 
materialistische ist wenn einer kame und sagte, daft der Mann seine 
blauen Beulen auf dem Riicken hat, kommt einzig und allein davon 
her, daft die Stocke so und so oft auf seinen Riicken niedergegangen 
sind. Die rein materialistische Ursache der blauen Flecken sind zwei- 
fellos die auf den Riicken niedergegangenen Stocke, die tiefere Ur- 
sache sind aber doch die rohen Menschen. Und so hat auch diese 
Krankheit, neben der materialistischen Ursache der Bazillen, auch eine 
geistige. 

Ein ganz analoges Beispiel bietet das"Weinen. Die geistige Ursache ist 
dieTraurigkeit, die materielle dagegen die Sekretion derTranendrtisen. 
Man sollte es kaum fur moglich halten, daft ein sogar recht bedeutender 
Gelehrter der Gegenwart es fertiggebracht hat, denselben torichten 
Schlufi zu ziehen wie oben, denn er hat den geradezu ungeheuerlichen 
Satz aufgestellt: Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern 
der Mensch ist traurig, weil er weint! 

Doch zuriick zur Miselsucht. Sie miissen in diesem Falle, wenn Sie 
geistig die tiefere Ursache dieser Krankheit erklaren wollen, zuriick- 
blicken auf ein bedeutsames historisches Ereignis: auf das Ereignis, als 
von Osten her grofie Volkermassen iiber Europa hinwegsturmten und 
dieses Europa in Furcht und Schrecken setzten. Diese asiatischen Scha- 



ren waren Volker, die auf der alten Atlantierstufe stehengeblieben und 
daher im Niedergang begriffen waren, also Volker, die den Nieder- 
gangs-, sozusagen den Faulnischarakter besonders stark in ihrem Astral- 
leib hatten. Waren diese Volkerschaften iiber Europa herubergestiirmt, 
ohne dafi die Europaer sich erregt oder erschreckt hatten, dann ware 
nichts passiert. So aber verursachten diese Horden Angst und Schrecken 
und Bestiirzung; ganze Volkerschaften in Europa erlebten diese Angst- 
und Schreckenszustande. Und nun mischte sich der faule Astralstoff 
der Hunnen mit den von Angst und Furcht und Grauen durchwiihlten 
Astralleibern der iiberfallenen Volker. Die degenerierten Astralleiber 
der asiatischen Stamme luden ihre schlechten Stoffe auf diese furcht- 
durchwiihlten Astralleiber der Europaer ab, und diese Faulnisstoffe 
bewirkten eben, dafi spater die physische Wirkung der Krankheit auf- 
trat. Das ist in Wahrheit die tiefe geistige Ursache des Aussatzes im 
Mittelalter. Es tritt also etwas, was geistig verursacht ist, in spaterer 
Zeit im physischen Korper auf. Nur wer dieses Gesetz von Karma 
kennt und es zu durchschauen vermag, ist dazu berufen, in den Ge- 
schichtsverlauf tatig einzugreifen. 

Nun will ich Ihnen etwas sagen, was zur Begrundung der theoso- 
phischen Weltanschauung beigetragen hat, und das ist das Folgende: 
Das Karma wirkt sich ja aus, gerade wie beim einzelnen Menschen, so 
auch bei den Volkern, ja bei der ganzen Menschheit. Wer nun den Gang 
der Geschichte des europaischen Geisteslebens verfolgt, der weifi, dafi 
seit etwa vierhundert Jahren der Materialismus heraufgekommen ist. 
In der Wissenschaft ist dieser Materialismus am unschuldigsten, denn 
da konnen alle Fehler jederzeit eingesehen und ausgeglichen werden. 
Viel schadlicher wirkt er sich schon aus im praktischen Leben, wo ja 
alles in den Gesichtspunkt materieller Interessen gestellt wird. Aber nie 
hatte der Materialismus Platz gegriffen im praktischen Leben, wenn 
nicht die Menschen dazu eine Vorliebe gehabt hatten. Es hatte auch 
keinen Biichner und so weiter gegeben, wenn nicht der Mensch vorher 
das Materielle so geliebt hatte. Am allerschadlichsten wirkt sich aber 
der Materialismus aus auf dem Gebiete des religiosen Lebens, das heifit 
in der Kirche; gerade sie steuert seit Jahrhunderten auf den Materialis- 
mus hin. Wieso? Wenn Sie zuriickgehen in die ursprunglichen Zeiten 



des ersten Christentums, hatten Sie nie gehort, daft man angenommen 
hatte, daft sich das Siebentagewerk wirklich in sieben Tagen vollzogen 
hatte, wie es ja heute tatsachlich vielfach angenommen wird, und daft 
man unter dem «siebenten Tag» sich so etwas vorstellen kann, als ob 
sich einer nach einer schweren korperlichen Arbeit auf einen Stuhl setzt 
und ausruht. Von der Wirklichkeit dieses Siebentagewerkes weifi das 
materialistische Zeitalter nichts mehr. Der Theosophie ist es erst wieder 
vorbehalten, der Menschheit iiber den wahren Sinn dieser alten Ur- 
kunde, der Genesis, Aufklarung zu geben. 

Und diese materialistische Auffassung in der Religion, die hat sich 
in das Leben der Volker sogar am allertiefsten hineingefressen. Und 
immer mehr wird dieser Materialismus gerade auf religiosem Gebiete 
herrschen, und immer weniger wird man gerade auf dieser Seite ein- 
sehen, daft es auf den Geist ankommt und nicht auf das Physisch- 
Materielle. Sie werden ohne weiteres zugeben, daft das materielle 
Denken, Fiihlen und Wollen immer mehr eingezogen ist in die ganze 
Lebensauffassung der Menschheit, und dies pragt sich schliefilich im 
Gesundheitszustand der nachfolgenden Generationen aus. 

Ein Zeitalter mit gesunder Lebensauffassung, das schafft fur die 
Menschen einen starken Mittelpunkt im Inneren, das macht sie zu in 
sich geschlossenen Personlichkeiten, so daft die Nachkommen stark und 
kraftig werden. Ein Zeitalter aber, das nur an die Materie glaubt, er- 
zeugt Nachkommen, bei denen im Leibe auch alles seine eigenen Wege 
geht, nichts im Mittelpunkte liegt, wodurch eben Anzeichen von Neur- 
asthenic und Nervositat entstehen. Dies wiirde immer mehr und mehr 
iiberhandnehmen, wenn der Materialismus auch in Zukunft die Welt- 
anschauung bliebe. Der geistigSchauende kann Ihnen ganz genau sagen, 
was kommen wiirde, wenn der Materialismus nicht sein Gegengewicht 
fande in einer festen Geistesrichtung. Geisteskrankheiten wiirden epi- 
demisch werden, ebenso wiirden Kinder schon bei ihrer Geburt an 
Nervositat und Zittererscheinungen leiden, und die weitere Folge der 
materiellen Gesinnung ist ein solcher nicht in sich konzentrierter Men- 
schenschlag, wie wir ihn heute schon sehen. Damals, vor nun etwa drei 
Jahrzehnten, war es vor allem dieser Gedanke und diese Voraussicht, 
wie es der Menschheit gehen wiirde, wenn nicht ein geistiges Heilmittel 



gegen diese Auswirkung des Materialismus angewandt wiirde, die zur 
Inaugurierung der theosophischen Bewegung fiihrte. Man kann ja viel 
streiten iiber ein Heilmittel, aber alle Einwendungen konnen weriig 
genieren; die Hauptsache ist, dafi es hilft. Und so ist es auch mit der 
Heilwirkung der Theosophie. Sie will das verhiiten, was unweigerlich 
eintreten wiirde, wenn die Menschen so im Materialismus weitergehen 
wiirden. 

So sehenSie,wie man - wenn man im tieferenSinne iiber dasKarma- 
gesetz denkt - den Menschen nicht als Einzelwesen betrachten kann, 
sondern auch als in der ganzen Gemeinschaft unter dem Karmagesetz 
stehend. Das Karmagesetz ist nicht fur die, welche nur an ein ganz 
blindes Schicksal glauben wollen. Wer das Karmagesetz so auffassen 
wiirde, der wiirde es vollstandig verkennen. Und doch findet man 
immer wieder Menschen, die diesem Irrtum verf alien. So sagt der eine: 
Ich weifi, ich kann nichts dafur, daft mir dies und jenes zustofit, das ist 
halt mein Karma, das mufi ich ausleben. - Der andere sagt: Ich sehe da 
einen Notleidenden, dem darf ich nicht heifen, denn es ist ja seine 
Schuld, daft ihn das trifft; es ist sein Karma, das mufi er ausleben! - 
Das alles ist ja nun eine ganz unsinnige Auslegung des Karmabegriffes! 

Urn sich eine sehr leicht begreifliche Vorstellung vom Karmagesetz 
zu machen, konnen Sie es vergleichen mit dem kaufmannischen Gesetz 
von Soil und Haben. Wie der Kaufmann in all seinem Handeln diesem 
Gesetz unter liegt, so ist es auch im Leben mit dem Karma. Durch alles, 
was Sie im verflossenen Leben Gutes oder Boses getan haben, sind Ihre 
Posten nach Soli und Haben gestimmt. Alle guten Eigenschaften sind 
auf der Soil-, alle schlechten auf der Habenseite Ihres Karma gebucht. 

Man soil aber nicht sagen: Da darf ich nicht eingreifen. - Das ware 
genau so toricht, als wenn ein Kaufmann nach Abschlufi der Bilanz 
sagen wollte: Jetzt darf ich kein Geschaft mehr machen, denn sonst 
verandere ich meine Bilanz. - Genau so, wie der Kaufmann durch jeden 
guten Abschlufi seine Bilanz verbessert, so verbessere ich auch durch 
jede gute Tat mein Karma. Genau so, wie es dem Kaufmann jederzeit 
freisteht, einen Posten auf die eine, Soil, oder auf die andere Seite, 
Haben, seines Kontos zu setzen, so auch dem Menschen im Kontobuch 
des Lebens. Der Mensch ist immer frei in seinem Handeln, nicht etwa 



trotz des Karmagesetzes, sondern gerade unter Beriicksichtigung des- 
selben. Gerade wenn wir wissen, dafi alles, was wir tun, und zwar aus 
voller Freiheit tun, seine Wirkungen in diesem Kontobuch des Lebens 
haben wird, gerade deshalb konnen wir demjenigen nicht recht geben, 
der nicht dem Eienden hilft. Das ist genau so, als wenn ein Kaufmann 
vor dem Konkurs steht und uns um ein Darlehen von zwanzigtausend 
Mark bittet. Werden Sie ihm nicht die zwanzigtausend Mark geben, 
wenn Sie wissen, dafi es ein tuchtiger Geschaftsmann ist, der sich mit 
diesem Darlehen wieder emporarbeiten kann? So ist es auch bei dem 
Eienden: dem helfen Sie sein Karma auszubessern, auf dafi sich sein 
Schicksal nach dem Guten wende, und zugleich verbessern Sie Ihr 
eigenes Karma durch diese gute Tat. So ist das Karmagesetz in der Tat 
ein Gesetz fur ein werktatiges Eingreifen im taglichen Leben. Und dafi 
man das Karmagesetz gerade von dieser Seite richtig verstehen lernt, 
das ist besonders wichtig, wenn wir es im Verhaltnis zum Christentum 
betrachten. Da herrschen heute gerade auf theologischer Seite schwere 
Mifiverstandnisse. Die Theologen von heute sagen: Wir lehren, dafi 
durch den Tod am Kreuz die Siinden vergeben sind, und Ihr lehrt das 
Karmagesetz; das aber steht doch in einem Widerspruch dazu. - Das 
ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch, weil das Karmagesetz einfach 
nicht verstanden wird. Und umgekehrt gibt es Theosophen, die da 
sagen, dafi sie ihrerseits wieder den Siihnetod nicht annehmen konnen; 
diese aber verstehen das Karmagesetz ebensowenig. 

Nehmen Sie an: Sie helfen einem Menschen und greifen ein in sein 
Schicksal und wenden es zum Guten. Wenn Sie nun zwei Menschen 
helfen konnten, widersprache das doch dem Karmagesetz ebensowenig. 
Nehmen Sie nun an, Sie seien eine Individuality, die dazu berufen 
ware, ein Ubel in der Welt zu tilgen durch eine gewisse Tat: wider- 
spricht das etwa dem Karmagesetz? So hat die Christus-Wesenheit im 
grofiten Umfang nichts anderes getan - analog dem obigen Beispiel - 
als ein Mensch, der nicht nur Hunderten oder Tausenden, sondern der 
ganzen Menschheit durch seine Tat geholfen hat. So ist der Erlosungs- 
tod, der stellvertretende Siihnetod Christi, durchaus ubereinstimmend 
mit dem Karmagesetz, ja er ist nur zu begreifen im Hinblick auf dieses 
Karmagesetz. Nur wer es nicht versteht, kann da einen Widerspruch 



finden. Es ist ebensowenig ein Widerspruch mit dem Karmagesetz, als 
es ein Widerspruch ist, wenn ich einem einzelnen Elenden helfe. 

Sie miissen imHinblick auf das Karmagesetz an dieZukunft denken, 
denn wir schreiben durch eine jedeTat in vtnser Kontobuch einen Posten 
ein, der seine Friichte tragen wird. Nur solange man in den Kinder- 
krankheiten der Theosophie steckte, konnte man einen Widerspruch 
zwischen Christentum und Karmagesetz finden. 

Aus der Einsicht heraus in dieses Karmagesetz wird uns manches 
klar. Erstens konnen wir genau nachweisen den Zusammenhang zwi- 
schen der jetzigen Korperentwickelung und fruheren Lebenslaufen. 
Zum Beispiel bereitet ein Leben voller Liebe vor fur eine Entwickelung 
im nachsten Leben, die den Menschen lange jung erhalt; dagegen wird 
ein f riihzeitiges Altern bewirkt durch viel Antipathie im vorigen Leben. 
Zweitens: ein besonders selbstsuchtigerErwerbssinn schafft fur das fol- 
gende Leben Dispositionen fur Infektionskrankheiten. Drittens ist es 
besonders interessant, dafi zum Beispiel Schmerzen, und namentlich 
gewisse Krankheiten, die man durchmacht, bewirken, dafi im nachsten 
Leben ein schdner Korper auftritt.Ein solcherEinblick lafit uns manche 
Krankheit leichter tragen. 

Im Hinblick und Einblick in solche Schicksalszusammenhange hat 
einer der grofiten Bibelforscher, Fabre d'Olivet, ein schones Bild ge- 
braucht, das uns klarmacht, wie die Dinge im Leben verkettet sind. 
Er sagt: Seht euch die Perle in der Muschel an: das Tier darin mufite 
eine Krankheit erleiden, und aus dieser Krankheit heraus entsteht die 
schone Perle. - Und so hangt in der Tat oft Krankheit in diesem Leben 
zusammen nut dem, was das nachste Leben verschont. 

Wie das in einzelnen andern Richtungen noch ausgebildet werden 
kann, davon morgen. 

Frage nach den «Siinden wider den Geist>. 

Es gibt Siinden, die hervorgerufen werden dadurch, dafi der Mensch 
einen physischen Leib hat, dafi der Mensch einen Atherleib hat, dafi der 
Mensch einen Astralleib hat. Innerhalb des Astralleibes geht der Geist 
auf; der Mensch wird bewufit. Er kann also siindigen. Diese Siinden 
konnen dem Menschen abgenommen werden. 



Aber wenn wir so siindigen, dafi wir innerhalb unseres Bewufitseins 
siindigen, da wird fremde Hilfe unwirksam. Und weil die Weltenord- 
nung weise ist, wird sie uns in diesem Falle die Hilfe auch gar nicht 
angedeihen lassen. Es ist das gerade so, als wenn, in dem eben angefuhr- 
ten Beispiel, der Kaufmann, der vor dem Ruin stent und uns um ein 
Darlehen bittet, unwiirdig dieses Beistandes ist; denn dann ware es 
unklug, wenn wir ihm helfen wollten. So ist es auch im Weltengange; 
da wo es unweise ware, uns zu helfen, da wird uns nicht geholfen. 

«Siinde wider den Geist» ist Sunde, die wir im Astralleib begehen, 
wo wir ein Bewufitsein davon haben. 



ACHTER VORTRAG 
Kassel,23.Junil907 



Heute will ich Ihnen noch einige Erganzungen geben zur Frage der 
Wiederverkorperung und des Karma. Und dann mochte ich zu der 
Besprechung der Entwickelung unserer Erde selbst libergehen, weil wir 
erst durch eine solche Betrachtung genau begreifen werden die wahre 
Natur des Menschen, so wie diese uns entgegentritt im Zusammenhang 
mit den Weltenverhaltnissen. Zum Abschlufi bringen will ich diesen 
Vortragszyklus dadurch, dafi wir zusammen betrachten,wie derMensch 
sich entwickelt, wenn das Ziel seines Strebens die Anschauung der 
hoheren Welten ist. Um in die geistigen Welten einzudringen, werden 
wir also zu betrachten haben: erstens die vorchristliche Schulung, zwei- 
tens die christliche Schulung, drittens die Rosenkreuzerschulung. 

Was noch zu sagen ist tiber die Wiederverkorperung, sollte fur ein 
besonderes Kapitel aufgespart werden, weil es fur Anfanger am schwie- 
rigsten zu begreifen ist. Was wir zu besprechen haben, bezieht sich zu- 
nachst auf die Zeit, die zwischen zwei Verkorperungen liegt. Es ist ja 
das schon an und fiir sich eine Frage, die das materialistische Denken 
unserer Zeit schockiert. 

Die eine Wissensquelle, die dem Geistesforscher zu Gebote steht, 
kann ja derjenige, der noch nicht das geistige Schauen hat, nicht nach- 
priifen: das ist das Erlebnis. Wer aber die Schulung, die wir noch zu 
besprechen haben werden, auf sich anwendet, ist wohl imstande zu 
erforschen, wann die Mehrzahl der gegenwartig lebenden Menschen 
zuletzt in ihrer vorigen Verkorperung hier auf der Erde war. Dann 
werde ich noch die Mittel zu besprechen haben, welche in der chal- 
daischen, in der pythagoreischen und in alien Geheimschulen der vor- 
christlichen Zeit iiblich waren, um den Menschen den Eintritt in die 
geistige Welt zu ermoglichen. 

Alle, die hineinschauen konnen in die Verhaltnisse der geistigen Wel- 
ten, die also den Menschen zuruckzuverfolgen vermogen in seine vor- 
herigen Verkorperungen, werden die Mehrzahl aller jetzt lebenden 
Menschenseelen in der ersten Zeit nach Christi Geburt bis in das 8. und 



9. Jahrhundert entdecken. Das sind aber alles Durchschnittsverhalt- 
nisse; ebenso kann die Zeit zwischen zwei Verkorperungen auch kiirzer 
oder langer dauern. 

Mit der Tatsache, die ich eben erwahnt habe, hangt eine andere zu- 
sammen, die in unserer Zeit besonders stark hervorgetreten ist. Es ist 
die Tatsache, daft gerade in unserer Gegenwart so ungewohnlich radi- 
kale Denker leben, welche die Gleichheit fordern. Es ist dies nichts 
anderes als die auf das materielle Gebiet iibertragene Auspragung der 
Gleichheitsforderung in den ersten christlichen Jahrhunderten, die da 
hiefi: Gleichheit vor Gott und Gleichheit vor den weltlichen Machten. 

Nun sind viele von denjenigen Menschen, die in den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten diese Gleichheitsforderungen aufgestellt haben 
und die damals mit diesen nichterf iillten Forderungen durch die Pforte 
des Todes gegangen sind, die also alle diese Sehnsuchten nach Gleich- 
heit vor Gott und den weltlichen Machten in ihrer Seele mitgenom- 
men haben in die geistige Welt, gerade jetzt wiederverkorpert, und sie 
bringen ganz selbstverstandlich ihre Einstellung zu diesen Forderun- 
gen - nun aber in metamorphosierter Form, der heutigen materialisti- 
schen Weltanschauung entsprechend - wieder mit. Die jetzt Wieder- 
verkorperten ubersehen also den ganz materialistischen Einschlag, den 
diese Forderung in unserer Zeit erhalten hat. Es ist nicht richtig, wenn 
man glaubt, oder behaupten wiirde, der heutige Freiheitssinn stamme 
vom Christentum her. 

Diese Umsetzung der Forderung einer Gleichheit vor Gott und den 
weltlichen Machten in die heutige Forderung der Gleichheit in alien 
irdischen Verhaltnissen kann einzig und allein in das richtige Fahr- 
wasser gebracht werden durch das Uberschauen des wahren Zusammen- 
hangs, wie er uns durch die theosophische Weltanschauung ermoglicht 
wird. Wer aber den wahren Zusammenhang uberschaut und zugleich 
hinsieht auf das, was als materialistische Weltanschauung heute die 
Menschen beherrscht, der sieht ohne weiteres ein, daft die Gleichheits- 
forderung in der Form, wie sie heute von den radikalen Denkern der 
Gegenwart aufgestellt wird, etwas ist, was ganz naturgemafi einmal 
auftreten mufite. Aber ebenso wahr ist es, daft sich die Menschen von 
nun an wieder erheben miissen aus dem Materialismus zum Spiritualis- 



mus. Nur dann wird erst wieder eine Gesundung der sozialen Verhalt- 
nisse eintreten konnen. Es gibt kein anderes Heilmittel dafur, als eben 
die Geisteswissenschaft selbst. 

In Heft 30, 32, 34 der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» ist diese Frage 
genauer besprochen. Es wird da gezeigt, wie alle andern Mittel, die von 
noch so hochstehender Seite zur Losung der sozialen Frage angepriesen 
werden, leiden unter dem Dilettantismus, weil eben die heutigen Men- 
schen nichts wissen von den hoheren Welten. Wiirden die heutigen so- 
zialen Denker sich nur ein wenig inspirieren lassen von derTheosophie, 
dann wiirden sie erst wirklich wirksame Mittel finden, dieser Frage 
naherzutreten. 

Ebenso wahr, wie dafi die Menschheit heruntersteigen mufite aus 
einer spirituellen Vergangenheit in den Materialismus, so wahr ist es, 
dafi sie wieder hinaufsteigen mufi zum Spirituellen. Erst aus dieser spi- 
rituellen Weltanschauung wird dasjemge kommen, was Harmonie, 
Frieden und Liebe gibt. So wird auch hier wieder die Theosophie im 
eminentesten Sinne praktisch sein. 

Nun werde ich zu zeigen haben,wie die mitHilfe der hellseherischen 
Beobachtung gewonnene Anschauung iiber den Entwickelungsgang der 
Menschheit uns zuriickftihrt zu den Ereignissen, die zwischen Tod und 
Wiedergeburt liegen. 

Ich habe schon gesagt, dafi der Mensch nicht umsonst immer wieder 
und wieder auf dieser physischen Erde erscheint. Wir haben ja den 
Grund darin gefunden, dafi er bei jeder neuen Inkarnation ganz neue 
Verhaltnisse auf der Erde antrif ft, und dafi aus jedem neuen physischen 
Leben immer neue Fruchte fur die Zukunft gezogen werden, weil sich 
eben die Erde sowohl in kultureller Beziehung wie auch in bezug auf 
die rein aufiere Natur jedesmal verandert hat. Jedesmal ist das Antlitz 
der Erde vollkommen anders geworden, wenn sie der Mensch bei einer 
neuen Inkarnation betritt. 

Nun hangt die Umwandlung unserer Erde nach chaldaischer An- 
schauung zusammen mit dem Verhaltnis der Sonne zu den andern Ge- 
stirnen. Genaueres dariiber finden Sie in manchen Vortragszyklen. Ich 
kann jetzt nur kurz darauf hinweisen. 

Wenn Sie achtgeben wiirden, wie es am Himmel aussieht, wenn die 



Sonne im Friihlingsanfang aufgeht, wenn Sie beobachten wiirden 
…[truncated]