Document text
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Menschheitsentwickelung
und Christus-Erkenntnis
Theosophie und Rosenkreuzertum
Vierzehn Vortrage, gehalten in Kassel
vom 16. bis 29.Juni 1907
Das Johannes-Evangelium
Acht Vortrage, gehalten in Basel
vom 16. bis 25. November 1907
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften (Notizen)
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hendrik Knobel
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
2. Auflage (fotomech. Nachdruck),
teilweise mit dem Stenogramm verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1981
Bibliographie-Nr. 100
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-1000-0
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
THEOSOPHIE UND ROSENKREUZERTUM
Erster Vortrag, Kassel, l6.Juni 1907
Das Wesen unserer Zeit und die Theosophie - Das Absterben der Religion
- Richard Wagner und die Welt der Mythen - Wiederverkorperung als
Lehre der Druiden - Ursprung der Sagen und Mythen - Von der agypti-
schen Astronomie - Der Materialismus der Technik und Industrie als Not-
wendigkeit der Entwickelung - Christian Rosenkreutz als Vorbereiter
einer neuen geistigen Kultur - Paulus und Dionysius Areopagita - Uber-
einstimmung zwischen Christentum und Rosenkreuzertum - Ein Aus-
spruch Fichtes - Du Bois-Reymond und seine Erkenntnisgrenzen - Das
Wesen der Geisteswissenschaft - Geisterkenntnis und Logik - Theosophie
und Lebenspraxis.
Zweiter Vortrag, Kassel, 17.Juni 1907
Ausspriiche von Paracelsus und Goethe zum Vortragsthema - Das Wesen
des Menschen, der physische Leib, die mineralische Welt - Der obere
Devachanplan - Die Negativitat der Stofflichkeit des Atherleibes - Die
Zweigeschlechtlichkeit des Menschen - Bewufttsein der Pflanze - Die
Weisheit des Atherleibes, der Oberschenkelknochen - Die Empfindung
als Wesen des Astralleibes - Der Astralleib wahrend des Schlafes - Die
Spharenharmonie bei Pythagoras und bei Goethe - Zitate aus der Faust -
dichtung - Die Viergliedrigkeit des Menschen.
Dritter Vortrag, Kassel, 18 Juni 1907
Vom Wesen des Ich - Unterschied von hoch- und niederentwickelten
Menschen - Franz von Assisi - Umwandlung von Astralleib, Atherleib
und physischem Leib in Manas, Buddhi, Atman - Die Siebengliederigkeit
des Menschen - Ober das Leben nach dem Tode - Das Erinnerungs-
tableau - Das Ablegen des Astralleibes - Das Kamaloka - Zuriicklassung
dreier Leichname - Das Wesen des Spiritismus - Der Dbertritt in das
Geisterland.
Vierter Vortrag, Kassel, 19juni 1907
Der Begriff «Welt» - Die Astralwelt als symbolisierende Traumwelt - Bei-
spiele dazu - Die spiegelbildliche Natur der Astralwelt - Die Umkehrung
der Zeit - Das Ruckwartserleben des ganzen Lebens - Die Welt der Ur-
bilder, zunachst als Kontinentalgebiet - das «Tat vam asi» - Das Ozean-
gebiet als flutendes Leben - Das Luftgebiet als atmospharische Erschei-
nung von Gefuhlen, Triebcn usw. bis zur Spharenharmonie - Alles
Schdpferische als das vierte Gebiet des Geisterlandes - Die drei oberen Re-
gionen des Geisterlandes - Von der Akasha-Chronik - Die Befreiung und
Vertiefung des Menschen in diesen Regionen.
FOnfter Vortrag, Kassel, 20.Juni 1907
Von der Fahigkeit des Schreibens - Das musikalische Gedachtnis Mozarts
- Erwahnung Francesco Redis - Der Gang des Menschen durch das Deva-
chan - Die Entstehung von Organen - Uber Erziehung - Rachitis, falsche
und richtige Behandlung derselben - Weiteres iiber Erziehung - Weitere
Schilderung des Devachan - Das Buch «Mimik des Denkens* - Die Einwir-
kung der Toten in die sich verandernde Erde - «Peter Schlemihl* von Cha-
misso - Theosophie als das Verstehen der sichtbaren Welt.
Sechster Vortrag, Kassel, 24.Juni 1907
Der Herunterstieg des Menschen zum neuen Erdenleben - Mitgebrachte
Fahigkeiten und Vererbung - Das Grofierwerden und das Zerstiickeltwer-
den im Leben nach dem Tode - Wiederabstieg zum neuen Erdenleben -
Die Umkleidung mit dem Astralleib - Volksseelen als Heifer bei der Ein-
gliederung des Atherleibes - Fritz Mauthner und seine «Kritik der
Sprache* - Das Verhaltnis mitgebrachter und ererbter Fahigkeiten am
Beispiel der Familien Bach und Bernoulli - Von der Mutterliebe - Vom
Elternpaar - Das Beispiel von fiinf Femerichtern fur die Anziehungs- und
Ausgleichskrafte zwischen Menschen - Die Veredelung des Menschen
durch die Inkarnationen - Esoterische Deutung des Vaterunser - Einwan-
de gegen die Deutung und ihre Widerlegung.
Siebenter Vortrag, Kassel, 22 Juni 1907
Das Gesetz des Karma - Beispiele zu der Wirkung des Karmagesetzes -
Das Karmagesetz und der Anfang des alten Testaments - Das Karmage-
setz als Losung der Lebensratsel - Astrale Erlebnisse verursachen Beschaf-
fenheit des Atherleibes, atherische Eigenschaften solche des physischen
Leibes - Taten in der Aufienwelt kommen im nachsten Leben zuruck als
Schicksal - Materialistische Anschauung uber Ursache und Wirkung und
ihre Widerlegung - Ober das Weinen - Wesen der Miselsucht - Einwir-
kung der Hunnen auf die europaische Bevolkerung als Ursache des Aus-
satzes - Die schadliche Einwirkung des Materialismus, namentlich auf das
religiose Leben - Das Auftreten von Geisteskrankheiten - Falsche An-
schauung uber das Karma und ihre Widerlegung - Die Ubereinstimmung
des Erlosungstodes Christi mit dem Karmagesetz - Weitere Beispiele fur
Karmawirkungen - Der Ausspruch des Fabre d' Olivet - Die Frage nach
der Siinde wider den Heiligen Geist.
Achter Vortrag, Kassel, 23Juni 1907
Die vorherige Inkarnation der heutigen Menschheit - Das Problem der
Gleichheit der Menschen - Der Durchgang der Sonne durch den Tierkreis
- Spiegelung dieses Durchganges in den Kulturepochen - Lange und
Wesen der Inkarnationen des Menschen in diesen Epochen - Ruckschau
nach dem Tode und Vorschau vor der Geburt - Idiotie als mogliche Folge
der Vorschau - Charakterisierung der Leiber des Menschen - Erklarung fur
das in der Mitte stehen des Menschen in der Entwickelung - Wesen vom
alten Mond, Sonne, Saturn - Die sieben Inkarnationen der Erde - Der
Niederschlag ihrer Namen in den Namen der Wochentage - Der Zusam-
menhang der Leiber des Menschen mit den Entwickelungsstadien der
Erde.
Neunter Vortrag, Kassel, 24Juni 1907
Der Mensch als das vollkommenste Wesen - Das Wesen das Saturn als
physikalischer Apparat - Kronos und Rhea - Schilderung der Saturn-
menschen - Die Einpflanzung der «guten» Ichheit - Gute und bose
Wesenheiten auf dem Saturn - Die alte Sonne als das Reich der Pflanzen-
menschen und des Minerals - Das Aroma der alten Sonne und sein-
Gegenteil, der alte Saturnteil - Die Feuergeister und ihr Representant,
der Christus - Sonnenweg und Mondenweg - Der alte Mond und die
Eingliederung des Astralleibes - Das Entstehen des Nervensystems
und des Tierartigen - Die Stofflichkeit des alten Mondes - Die Feuer-
luft - Die Mistel - Der Mythos von Baldur und Loki - Die Geister des
Zwielichts oder die Engel - Mond und Sonne in ihrer Wirkung auf
den Tiermenschen (Fortpflanzung) - Allgemeine Zustande des lunari-
schen Lebens.
Zehnter Vortrag, Kassel, 25Juni 1907
Die Umwandlung des alten Mondes in unserer Erde - Wiederholung
von Saturn, Sonne, Mond - Die Herauslosung der Sonne und des
Mondes - Wissenschaftliche Zeugnisse von der Urzeit der Erde - Huxley
und andere - Der Affe als dekadenter Mensch - Das Gedachtnis der
Atlantier - Niflheim - Das Hellsehen der Atlantier - Die enge Bluts-
verwandschaft als Grundlage des Hellsehens - Ursprung der Mythen
und Sagen - Das Entstehen des Regenbogens - Richard Wagner und
seine Oper Rheingold - Allgemeine Zustande der Atlantis - Das alte
Lemurien.
Elfter Vortrag, Kassel, 26Juni 1907 133
Der Zustand der Erde nach der Mondentrennung - Zwei Arten von Pflan-
zen - Das Hervorgchen des Minerals aus dem Pflanzenreich - Vom Gneis -
Das Zirbeldriisenorgan - Verhaltnis der ewigen Seele zum Leibe - Entste-
hung der Lungenatmung und des Blutes - Ausspruch des Paracelsus - Der
Durchgang des Mars durch die Erde - Entstehung des Kehlkopfes und des
Skeletts - Die Atlantis - Die Indianer - Allgemeine Zustande der Atlantis
- Beschreibung der nachatlantischen Kulturepoche - Das Christentum
und die Zukunft - Einwirkung der Seele auf den Leib - Der Erlosungsge-
danke der Theosophie.
Zwolfter Vortrag, Kassel, 2 7. Juni 1907 149
Die Geschlechtertrennung - Nah- und Fernehe - Der Dichter Anzen-
gruber - Wesen der Nahehe - Das Generationsgedachtnis in der Patriar-
chenzeit - Blutserlebnis als die Urliebe - Die individuelle, geistige Liebe
der Zukunft - Das Christentum als mystische Tatsache - Die alten Myste-
rien als Voraussetzung des Christentums - Ausspruch des Augustinus -
Schilderung der alten Einweihung - Ihr Verhaltnis zu der Wesenheit
Christi - Richard Wagner und das Blutmysterium - Das Blutopfer Christi
- Die Einzigartigkeit des Christentums - Antwort an Strauss, Drews und
andere - Die Anderung der Erde durch das Mysterium von Golgatha -
Wesen des Johannes-Evangeliums und sein Wortlaut - Die ersten funf
Stufen der christlichen Einweihung - Goethes Verse iiber die Sonne und
das Auge - Das Christus -Organ.
Dreizehnter Vortrag, Kassel, 28juni 1907 165
Das Hineinschauen in die Zukunft und das Vorherbestimmtsein - Diony-
sius Areopagita und die Lehre vom «Wort» - Der Kehlkopf als kunftiges
Fortpflanzungsorgan - Christian Rosenkreutz und seine Schule - Die
ersten drei Stufen der Schulung - Das Studium als erste Stufe - Uber Re-
chenmaschinen - Hinweis auf die «Philosophie der Freiheit* - Die Imagi-
nation als zweite Stufe - Goethe und der Erdgeist - Der Tautropfen - Die
Lehre vom Heiligen Gral - Der Mensch als umgekehrte Pflanze - Der
Kehlkopf als Zukunftsorgan - Das Kinderlied «Flieg, Kafer, flieg...», das
Marchen vom Storchen, die Schmetterlingspuppe - Das Aneignen der ok-
kulten Schrift als dritte Stufe - Der Entwickelungsvorgang - Entsprechung
von Kulturepochen und Tierkreiszeichen.
Vierzehnter Vortrag, Kassel, 29. Juni 1907 179
Die Bereitung des Steins der Weisen als vierte Stufe - Der Verrat im Jahre
1459 - Der gegensatzliche Atmungsvorgang in Mensch und Pflanze - Die
goldene Legende und ihre Erklarung - Der Baum des Lebens und der
Baum der Erkenntnis - Die Schulung zur Erlangung des Steins der Weisen
- Die Chinesen als dekadente atlantische Volkerschaften - Die Sage von
Ahasver - Entsprechungen von Mikrokosmos und Makrokosmos als fiinfte
Stufe - Das Zusammenziehen vom atherischen und physischen Leib in der
nachatlantischen Zeit - Die Versenkung in den Makrokosmos als sechste
Stufe - Die Liebe des Menschen zu alien Geschopfen - Die siebente Stufe
der Schulung - Wesen des okkulten Lehrers - Gedankenkontrolle und
Positivitat - Eduard von Hartmann, und die Auseinandersetzung mit sei-
nen Zeitgenossen - Die Erfindung der Briefmarke - Die Argumente gegen
die Eisenbahn - Geisteswissenschaft als Lebenstatsache.
DAS JOHANNES-EVANGELIUM
ErsterVortrag, Basel, 16. November 1907 197
Naturwissenschaft und Religion - Das Wesen der Theosophie und ihr
Verhaltnis zu den religiosen Urkunden - Vier Standpunkte gegeniiber
den religiosen Urkunden - Das Verhaltnis des Johannes-Evangeliums zu
den anderen Evangelien - Der Kampf zwischen Karl Vogt und dem
Professor Wagner - Christus als das die ganze Erde umfassende Wesen -
Wortlaut des Anfangs des Johannes-Evangeliums - Dionysius der Areopa-
gite und die Hierarchienlehre - Das Wort als Form und Gestalt - Uber
die Organe Kehlkopf und Herz.
Zweiter Vortrag, Basel, U.November 1907 202
Das Wesen vom physischen und atherischen Leib - Das Pentagramm -
Der Atherleib bei Mann und Frau - Wesen des Astralleibes - Uber die
Ermudung - Astralleib und allgemeine Astralwelt - Das Ich des Men-
schen, des Tieres, der Pflanze, der Mineralien - Entwickelungsstufen des
Menschen - Franziskus von Assisi - Umwandlung der Leiber des Men-
schen zu Manas, Buddhi, Atman.
Dritter Vortrag, Basel, 18. November 1907 208
Die Ubereinstimmung der Anfange der Bibel und des Johannes-
Evangeliums - Die sieben Verkorperungen der Erde - Das Wesen des
Pralaya - Das Atman auf dem Saturn - Sonne-Luft, Mond-Wasser - Die
Trennung der Sonne und des Mondes von der Erde - Uber Jehova und das
Ich - Die Lehre des Dionysius des Areopagiten - Die «Kinder Gottes» oder
«Gottes Sohne».
Vierter Vortrag, Basel, 19. November 1907 214
Weisheit und Liebe - Der Durchgang des Mars durch die Erde - Die Ein-
gliederung des Ich durch Jahve - Feueratmen und Luftatmen - Sonnen-
geister, Jahve, Lucifer - Der atlantische Mensch - Unbewufitheit der Fort-
pflanzung in der Adantis - Obergang von Verwandtenliebe zur univer-
sellen Liebe des Christentums.
FCnfter Vortrag, Basel, 20. November 1907 222
Das mosaische Gesetz und seine Ablosung - Die vorchristliche Einwei-
hung - Die Einweihung durch Christus im physischen Leib - Die Einwei-
hung des Lazarus - Die drei Frauen unter dem Kreuz auf Golgatha - Die
«Gottes Kinder* - Maria und Maria Magdalena - Ober Nathanael - Das
Ich der verschiedenen Leiber im Verhaltnis zum Individual-Ich - Die
innere Harmonie durch Christus - Goethes Ausspruch iiber das Auge und
das Lichr - Das Johannes-Evangelium als historischer Weg zu Christus.
Sechster Vortrag, Basel, 21. November 1907 232
Das Zahlengeheimnis im Johannes-Evangelium - Die pythagoraische
Schule - Die Zahl Funf - Adantis und die Atlantier - Richard Wagner und
seine Oper «Rheingold» - Abstieg und Aufstieg der nachatlantischen
Kultur - Liber den Aussatz - Nervenkrankheiten unserer Zeit - Das Chri-
stentum als Heiler - Deutung der Zahl Funf - Christus und die Sama-
riterin - Die drei Frauen unter dem Kreuz - Historische Tatsachen als
Symbole der kunftigen Menschheitsentwkkelung.
Siebenter Vortrag, Basel, 22. November 1907 243
Unterschied der Europaer und der Indianer - Das Problem der Abstam-
mung des Menschen - Die Herrschaft des Atherleibes iiber den physi-
schen Leib in Lemurien - Die Abstammung des Affen - Der Stammbaum
des Menschen und der tierischen Abzweigungen - Der Haeckelsche
Stammbaum - Wesenheit des Heiligen Geistes - Der Mensch als umge-
kehrte Pflanze - Der Hermaphrodit - Geschlechtsorgane, Gehirn, Kehl-
kopf - Das Herz - Der Heilige Gral - Vom Wesen der Pflanze - Der christ-
liche Geist und die Erde - Die Einheitlichkeit des Luftkreises - Die Erde
als wahrer Leib Christi.
Achter Vortrag, Basel, 25. November 1907 255
Das Gruppen-Ich des jiidischen Volkes - Die Individualisierung des Ich
durch Christus - Die goldene Legende - Rotes und blaues Blut - Mensch
und Pflanze - Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens - Ober
Nikodemus - Weg, Wahrhek, Leben - Das Johannes-Evangelium und die
wiederholten Erdenleben - Uber den BHndgeborenen - Die Ehebrecherin
- Karma und Freiheit - Die Hochzeit zu Kanaan als Zukunftsbild - Die
Verwandlung von Wasser in Wein - Die Speisung der Funftausend - Das
Johannes -Evangelium als Einweihungsschrift - Die Mutter Sophia.
Hinweise 267
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 273
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 275
THEOSOPHIE
UND
ROSENKREUZERTUM
ERSTER VORTRAG
Kassei, 16.Junil907
Das Ziel dieser Vortrage soli sein, einen Oberblick zu geben iiber das,
was man gewohnt ist, Theosophie zu nennen. Diese Theosophie mufi
im umfassendsten Sinne ein neuer Kulturimpuls werden; sie ist etwas,
wonach sich die Menschheit seit langer Zeit sehnt und mufi Antwort
geben auf die von alien Seiten her brennende Frage,welche die Mensch-
heit stellt. Doch ist sie in unserer Gegenwart noch vielfach etwas, was
man nicht nur widerlegen will, sondern was man als etwas Frag-
wiirdiges, ja als etwas Verriicktes ansieht, wie die Traumereien von
einigen phantastischen Kopfen.
Freilich, wenn man diese Phantasten selbst fragt, was sie mit der
Theosophie wollen und sich von ihr versprechen, dann ist die Antwort
eine ziemlich umfassende. Vor alien Dingen wird das, was heute als
traumerisch angesehen wird, von dem, der es in seinem Lebensnerv er-
kannt hat, als etwas angesehen, was sicher schon in zwanzig bis ftinfzig
Jahren eine ungeheure Bedeutung haben wird fur das menschliche
Empfinden, Denken, Wollen und Tun.
Es gibt nichts, wohinein nicht diese Theosophie als Impuls leuchten
konnte und zu leuchten berufen ware.
Dafi es heute in unserer Zeit die verschiedensten Fragen gibt: Ge-
sundheits-, soziale, Frauen-, Erziehungsfragen, ist ja bekannt. Noch
eine grofiere Fulle von Antworten gibt es. Wenn man aber sachlich alle
diese Fragen und ihre Antworten priift, kommt man zu der Einsicht,
dafi die Fragen zwar richtig gestellt sind von unserer Zeitkultur - sie
werden von den Zeitverhaltnissen gestellt ~, dafi aber die Antworten
auf diese Fragen so ohne weiteres von unserer Zeit nicht gegeben wer-
den konnen.
Demjenigen, welcher Augen und Ohren vor den Fragen der Zeit
verschliefit, wird klar, dafi sich ihm uberall Hindernisse in den Weg
stellen. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen gewahr werden,
dafi es noch viel mehr Fragen gibt: die Tatsache vom inneren und
aufieren Kriege der Menschheit, von Schmerzen und Leiden, von zer-
tretenen Hoffnungen auf alien Gebieten, stellt diese Fragen. Die Ant-
wort zu geben, kann nur die Theosophie imstande sein.
Die Menschen, welche den Kopf hangen lassen, die zwar ihre Pf licht
tun, aber nicht wissen, wozu sie all die Arbeit verrichten, und bei denen
sich diese zerfahrene Stimmung auspragt bis zur Verzweiflung, ja sogar
bis in die physische Gesundheit hinein, in den Erscheinungen der Neur-
asthenic, werden immer zahlreicher.
Dies alles soli hier nur angedeutet werden. Der Hauptgedanke soli
vor unsere Seele treten: Theosophie ist nichts, was innerhalb einiger
miifiiger Kopfe Platz greifen soil, die nichts Besseres zu tun haben,
sondern sie soli in das praktische Leben eingreifen.
Freilich, auch die Theosophische Gesellschaft hat in den dreiftig
Jahren ihres Bestehens ihre Kinderkrankheiten und alle moglichen
Dinge durchzumachen gehabt, welche an ihrer Bedeutung haben zwei-
feln lassen; aber sie wird sich aus diesen Krankheiten herausarbeiten
und zeigen,was sie zu leisten vermag. Eine alles umfassende Angelegen-
hek, eine universelle Sache mufi die Theosophie werden, weil sie die
Antwort geben soil auf die Fragen, die schliefilich die Grundfragen
alles Daseins sind, und darauf hinweisen, wie der heutige Mensch diese
Fragen verstehen soil; verstehen, warum es in der Welt iiberhaupt
Religionen und Wissenschaften gibt. Was wir auch immer tun, auf ge-
wisse Grundfragen geht es zuriick, wenn es Kunst, Wissenschaft und
praktisches Wirken geben soli, und diese Grundfragen mussen in irgend-
einer Weise gelost werden. Alle Religionen waren Versuche, auf diese
Fragen Antwort zu geben, eine Antwort, die aber immer dem Intellekt
und der Kulturstufe der Volker angepaflt war.
Theosophie will keine Religion sein, sie hat nichts zu tun mit einer
Sekte, sie agitiert nicht.
Religion ist, wie Sie wissen, so alt wie das menschliche Streben. Wenn
wir die verschiedenen Religionen bei den verschiedenen Volkern durch-
schauen, kommen wir zu der Uberzeugung, dafi all die verschiedenen
Religionen versucht haben, Antwort zu geben auf die Fragen: Was ist,
erstens, der Wesenskern des Menschen? Zweitens, des Menschen Be-
stimmung? Drittens: Was reicht iiber dieses physische Dasein hinaus?
In bezug auf diese Fragen haben gerade wir heutigen Menschen eine
merkwiirdige Zeit hinter uns, die viele Menschen hat irre werden lassen
an der Religion. Fragen wir uns einmal: Wie viele Menschen gibt es
heute, die wohl Religion brauchen, aber sie nicht haben konnen? Einige
von uns konnen noch in Zeiten zuriickblicken, wo die Religion noch
wirklich empfundenes Leben war, wo die Religion noch viel mehr Gel-
tung hatte, ja in viel hoherem Mafie, als es bei einzelnen besonders
religios veranlagten Naturen noch heute der Fall ist. In den letzteren
ist noch etwas von dem warmen Gefiihl vorhanden, welches durch
Jahrtausende gegangen ist. Das Bediirfnis, die Sehnsucht nach dem, was
man die geistige Welt nennt, das heifit die Sehnsucht nach Religion, ist
auch heute noch vorhanden; ja, bei den wahrsten Naturen ist diese
Sehnsucht nach Befriedigung sogar immer grofier geworden. Ein sol-
dier Mensch wird sagen: Als ich ein Kind war, da hatte ich noch den
rechten Glauben. Dann aber wurde es anders. Da lernte ich die soge-
nannte Wissenschaft kennen und ihre Tatsachen, und ich mufite, da
diese zum Beispiel ganz anders erzahlen, wie die Welt entstanden ist,
tief zweifeln an dem, was ich als Kind geglaubt hatte! - Und dann kam
das andere: eine tief traurige Stimmung des Lebens, wo die Seele wie
zerrissen ist, wo die Seele ode in die Welt blickt und keine Aufklarung
erhalt iiber den inneren Zwiespalt. Daher die Zerrissenheit zwischen
religioser Sehnsucht und Befriedigung der Seele, daher die heutige Tra-
gik. Vielleicht ist das aber noch das bessere, was in diesen Seelen Platz
greift, besser als das andere: dafi namlich der Mensch iiberhaupt nicht
mehr fragt, das Fragen sich ganz abgewohnt, dafi er oberf lachlich wird
und im Alltagsdasein blofi so hinlebt.
Liegt es nun an den Religionen, dafi es so gekommen ist? Nein! Mit
Handen zu greifen ist es, dafi dies nicht so ist; denn jede Religion, ja
selbst die alten Mythen und Sagen, haben die Mittel und Wege, das
Herz zuriickzufuhren, jede Seele wieder lebendig zu machen, wenn sie
nur will. Wer hatte es geglaubt, dafi solche gewaltigen Impulse aus den
alten Mythen, die doch jahrtausendelang ausgestorben schienen und ein
fast verborgenes, unbekanntes Dasein fiihrten, auferstehen konnten,
wie in den Dramen von Richard Wagner ?
Eine neue Religion braucht nicht begriindet zu werden, denn die
Zeit dafiir ist voriiber; aber eine neue Stellungnahme des Menschen zu
ihr, ein neues Verstandnis ist notig geworden. Was anders geworden ist,
das ist der menschliche Geist, die menschliche Seele, das menschliche
Herz.
Versuchen wir uns einmal in den Entwickelungsgang der mensch-
lichen Seele hineinzuversetzen, so werden wir uns im Verlauf dieser
Vortrage davon iiberzeugen konnen, dafi unsere Seelen schon oft hier
auf dem physischen Plane waren, dafi sie sich erst nach und nach zu
der Stufe entwickelt haben, auf der sie heute stehen. Das mag Ihnen
zunachst grotesk erscheinen, aber alle unsere Seelen haben die tiefen
Wahrheiten, wie sie uns heute vorgetragen werden, schon oft in ihren
friiheren Leben gehort.
Sie werden zum Beispiel hier die Lehre von derWiederverkorperung
kennenlernen; aber so wie Sie heute mir zuhoren, so haben friiher Ihre
Seelen zugehort jenen gerade in unserer Gegend lebenden und lehren-
den Druiden. Schon diese alten Druidenlehrer haben die Lehre von der
Wiederverkorperung in engeren Kreisen gepflegt, diese uralte Weisheit
iiber die Ratsel des Lebens. Sie sind hinausgegangen zu denen, welche
in ihrer Seele das Bediirfnis nach tieferer Erkenntnis fiihlten. Hatten
aber diese alten Lehrer damals so gesprochen, wie ich heute spreche,
dann hatten es Ihre Seelen damals gar nicht verstehen konnen, denn
dazu ware damals der Geist noch nicht entwickelt gewesen. Damals
gab es fiir den menschlichen Geist noch kein logisches Denken. Was es
aber gab, das war die Moglichkeit, durch Bilder aufzufassen. Und des-
halb sprachen diese Lehrer in Bildern sich aus, und diese Bilder sind
das, was Sie heute als Sagen und My then kennen. Hatten unsere Seelen
diese Lehren damals nicht gehort, dann konnten wir es heute nicht ver-
stehen, wenn uns die Wahrheit heute in neuer Form gelehrt wiirde.
So macht die Seele durch Jahrtausende gewaltige Fortschritte, immer
neue Gestalt nimmt sie an, und deshalb mufi auch die Wahrheit in
immer neuer Gestalt an sie herangebracht, ihr verkiindet werden. Ich
will Ihnen ein zweites Beispiel anfiihren.
Gehen wir einmal in der Menschheitsentwickelung zuriick bis zu
den Agyptern, Chaldaern, Babyloniern. Als diese dieTrager der Kultur
waren, da sahen sie nicht Sonne und Sterne als rein physische Korper
an. Wenn heute ein materialistischer Astronom sich die Himmelskor-
per betrachtet, so sieht er eben nur physische Korper in ihnen, sonst
aber nichts. Die Erde ist fur ihn auch nur solch ein physischer Welten-
korper, auf dem der Mensch herumkrabbelt,wie die Miicke auf unserer
Hand.
Ganz anders war es bei den alten agyptischen Astronomen. Wenn
der alte agyptische Sterndeuter einen Stern ansah, dachte er nicht an
einen rein physischen Korper, sondern der Stern bedeutete fur ihn
etwas ganz anderes als fur den heutigen Menschen. Wenn er zum Bei-
spiel den Namen Merkur aussprach, tat er das mit Ehrfurcht. Er dachte
da gar nicht daran, den physischen Himmelskorper anzusprechen, eben-
sowenig wie Sie denken, einen Korper aus Papiermache anzusprechen.
Alles, was das Auge sah, war fur diese Zeit nur der aufiere Ausdruck
eines Geistigen. So war der physische Stern Merkur fur die alten Astro-
nomen der Ausdruck fur den Geist des Merkur. Sie mussen das nicht
verstandesmafiig, sondern mit dem Gemiit auffassen, sonst haben Sie
keinen Begriff von dem Seeleninhalt eines solchen Astronomen. Es gab
nichts, was nicht fur ihn der Ausdruck eines Geistigen war. Er sagte:
Alles ist Geist, lind ich als Geist bin ein Teil dieses Geistes.
Diese Empfindung mussen Sie sich vor Augen halten. Die Weisen
der friiheren Zeiten, man mufi sie verstehen, mufi das verstehen, was
die gewufit haben iiber die Vorgange des geistigen Raumes. Und wer
sich in diese Empfindung hinein vertieft, der weifi, wie unendlich er-
haben diese Anschauung iiber unsere heutige materialistische Anschau-
ung ist. Die Weisen der damaligen Zeit mufi man erst verstehen, man
mufi ergrunden, was sie iiber die Vorgange des geistigen Raumes ge-
wufit haben; dann erst merkt man, wie ungeheuer der Unterschied ist,
und wie unendlich bedeutungsvoll jene alten Weisheitslehren waren.
Das mag dem materialistischen Sinn unserer Zeit, der nur die rein phy-
sische Auffassung der Astronomie kennt, lacherlich erscheinen, aber es
ist so.
Wie kommt es nun, dafi jetzt dem Menschen der Sinn fiir das geistige
Leben,das allem physischen Leben zugrunde liegt, abhanden gekommen
ist? Und warum mufite das so kommen?
Wenden wir einmal den Blick auf das, was uns in nachster Nahe
umgibt. Konnten Sie das, was damals den Menschen auf Schritt und
Tritt umgeben hat, mit dem vergleichen, was heute den Menschen um-
gibt, so wiirden Sie finden: Damals besafi der Mensch nur die allernot-
diirftigsten Mittel, um sein Leben auf dieser Erde zu fristen; dafiir aber
hatte er noch mehr Sinn fur das Geistige. Dieser Sinn fiir die geistige
Welt mufite zuriicktreten, um dem Menschen die Moglichkeit zu geben,
die jetzige Herrschaft iiber die Erde zu erringen. Alle unsere Fort-
schritte in Technik und Industrie waren nur moglich durch unsere
materialistisch gewordene Weltanschauung, und dadurch, dafi eben der
Geist, die iibersinnliche Welt, zuriicktrat. Also auf Kosten der geistigen
Anschauung errang sich der Mensch im Laufe der letzten Jahrhunderte
die Herrschaft iiber die physische Welt. Es ist ein urewiges Gesetz der
Menschheit, dafi Fahigkeiten, die auf dem einen Gebiete erworben wer-
den, nur durch Zuriicktreten von Fahigkeiten auf einem andern Gebiete
gewonnen werden konnen. Niemals hatte der Mensch zum Beispiel die
Verkehrsmoglichkeiten von heute schaffen konnen, wenn nicht die
andern Fahigkeiten zuriickgetreten waren. Um alles das, was uns heute
umgibt, zu erwerben, muftte der Sinn fiir das Geistige zuriicktreten.
Zur Eroberung der physischen Welt also mufke das zuriicktreten, wo-
von der Mensch einst erfullt war.
So sehen wir um das 16. Jahrhundert herum die Menschen den Blick
fiir die geistige Welt verlieren, und sehen, wie der materialistische Sinn
die Menschheit erfafit. Und wer glaubt, dafi er selber nicht mitten
darinsteht in diesem Materialismus, der irrt sich.
Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist nicht, etwas zu negieren,
sie iibt keine Kritik an der schlechten Welt von heute; sie zeigt viel-
mehr, dafi das Herabsteigen in die Materie eine Notwendigkeit war.
Es mufite der grofie Horizont des Geisteslebens der Menschheit so lange
zuriicktreten; und damit hangt es auch zusammen, dafi die alte Art des
Verstandnisses fiir geistige Dinge abhanden gekommen ist. Die Wahr-
heiten waren da in jenen alten, friiheren Gestaltungen. Wie sie aber
heute dem Verstandnis der Menschen nahegebracht werden konnen,
das will die Geisteswissenschaft zeigen. Das ist es, worauf es ihr an-
kommt. So ist Theosophie nichts anderes als ein Instrument, um die
tiefsten Wahrheiten fiir den heutigen menschlichen Geist verstandlich
zu machen, um sie in ihren Tiefen zu erfassen.
Heute mufi wieder auf den Geist hingewiesen werden. Man darf
nicht dabei bleiben, zu sagen, wie wir es «so herrlich weit gebracht»
haben. Die Wahrheit ist jederzeit zuganglich, und sie ist auf verschie-
dene Art zu begreifen.
Wenden wir unseren Blick zuriick zu dem alten Indien, nach Agyp-
ten, Griechenland, in die Zeit der Begriindung des Christentums: Es
sind immer die gleichen alten Wahrheiten, die in verschiedenen Formen
auftreten. Immer gab es Fuhrer der Menschheit, die vorgesorgt haben
dafiir, dafi zu bestimmten Zeiten die Wahrheiten, die mit den unter-
gehenden Kulturen verblafit waren, der Menschheit neu mitgeteilt wur-
den. Zu diesen Fiihrern gehoren alle groften Religionsstifter.
Bevor unsere neuere Zeit heraufkam, vor Kopernikus und jenem
16. Jahrhundert, da wurde auch in Europa schon Vorsorge getroffen,
dafi die Grundlagen fur eine neue Art der Wahrheitsverkiindigung
gelegt wurden. Um dieses 16. Jahrhundert herum gab es einige Men-
schen, welche die Zeichen der Zeit zu deuten verstanden. Schon 1459
stiftete, mit ganz wenigen Menschen, eine hohere geistige Individuali-
st, in der Aufienwelt Christian Rosenkreutz genannt, eine Geheim-
schule zur Pflege der Weisheit, keiner neuen Weisheit, aber der alten
Weisheit in einer solchen Form, wie sie die Menschen jetzt brauchten.
Das ist die Weisheit der Rosenkreuzer, die damals zuerst gepflegt
wurde. Es ist, wie gesagt, nichts Neues; es ist die uralte Weisheit, aber
in der Form, in der sie die jetzige Menschheit braucht.
Wie verhalt sich nun diese Weisheit der Rosenkreuzer zum Christen-
tum? Es ist gar kein Unterschied da zwischen der echten christlichen
Lehre und derjenigen der Rosenkreuzer. Man braucht nur dasChristen-
tum in seinem Kern zu verstehen, dann hat man die Theosophie der
Rosenkreuzer. Man braucht keine neue Religion zu begninden, man
mufi vielmehr das Christentum so auffassen, wie es die ersten Christen
verstanden haben. Die wenigsten Menschen aberwissen noch etwas von
den Geheimnissen der ersten christlichen Entwickelung. Selbst die offi-
zielle Theologie hat keine Ahnung mehr davon. Da finden wir Paulus
selbst als den tiefsten Kenner der christlichen Geheimnisse, der jene
gewaltigen Wahrheiten lehrte, welche durch Jahrtausende die Mensch-
heit leiten sollten. Dieser Paulus hatte in Athen eine Schule gegriindet,
deren Vorsteher Dionysius der Areopagite war. Dieser Dionysius war
ein wirklicher Schiiler des Paulus.
Jene Lehren des Dionysius sind immer lebendig gewesen und wur-
den immer gelehrt, insbesondere auch denen, welche das lebendige
Wort des Christus hinaustragen sollten in alle Welt. Wurden die Men-
schen auf jenem Standpunkt des Dionysius stehengeblieben sein, so
hatte man keine neue Form gebraucht. Aber es kam die neue Zeit her-
auf und damit die Notwendigkeit, so zu lehren, dafi das Christentum
feststehe, dafi keine Wissenschaft etwas dagegen einzuwenden ver-
moge. Das ist das Streben der Rosenkreuzertheosophie. Daher ist die
Rosenkreuzertheosophie diejenige Form der Religion, welche fur uns
heute angemessen ist.
Nur wer das Christentum richtig versteht, kann eine Ahnung davon
haben, was sein ewig lebendiger Gehalt ist.
Wurden wir heute in die Lage versetzt, von alien Seiten hier zu
horen, was diese Rosenkreuzertheosophie iiber das wahre Christentum
zu sagen hat, die wissenschaftlichen Tatsachen wurden den dort ge-
schilderten Vorgangen nicht wider sprechen. Es kommt darauf an, dafi
die Religion in keinem Widerspruch befunden werden konne mit den
wissenschaftlichen Tatsachen, und da!5 diese wissenschaftlichen Tat-
sachen mit ihr in Einklang gebracht werden.
Was will uns nun diese Rosenkreuzertheosophie bringen? Erkenntnis
hoherer Welten, das heifit derjenigen Welten, denen der Mensch noch
angehoren wird, wenn dieser unser physischer Leib schon zerf alien sein
wird; Erkenntnis des Lebens, Erkenntnis des Wesens des Todes und der
menschlichen Entwickelung. So wird sie den Menschen eine Wieder-
befestigung bringen in bezug auf religiose Wahrheiten und religioses
Leben.
Keiner sollte sagen: Ich stehe fest auf dem Boden der alten Lehren,
und mir genugen diese. Was kiimmern mich die Zweifler! - Es gibt
nichts Egoistischeres und kein unchristlicheres Urteil als dieses. Denn
was heute vielleicht noch moglich ist: dafi eine Anzahl Menschen noch
zuriickgehalten werden auf dem Boden der alten Religionen, das wird
in nicht allzuferner Zukunft nicht mehr moglich sein. Wer hineinzu-
schauen vermag in das, was jetzt die grofien sozialen Wellen aufwerfen
will, der wird nicht so urteilen; der wird sehen, dafi die Verkundigung
der Theosophie nicht etwas ist, woriiber man streitet. Wer denken
kann, weifi, dafi Geisteswissenschaf t da ist, urn die brennendsten Fragen
zu beantworten, und daft sie tatsachlich auf alle Fragen eine Antwort
zu geben vermag. Man kann ja im Grunde genommen alles beweisen und
alles bestreiten, aber darauf kommt es nicht an : iiber ein Heilmittel kann
man nicht streiten, es kommt lediglich auf den Erfolg an, den man da-
mit hat. Und genau so geht es mit der Geisteswissenschaft. Die Mensch-
heit braucht die Spiritualitat als Heilmittel, und nur wenn dieses Heil-
mittel einstromt, kann die Gesundung der Menschheit erfolgen. Sie ist
ein Entwickelungsfaktor und Lebensspender fiir unsere Kultur.
Mit aufieren Einrichtungen ist es nicht getan; sie sind ausnahmslos
nur auf das Physisch-Korperliche gerichtet. Die Gesundung der Seele
und des Geistes ist es, was die Theosophie anstrebt. Geisteswissenschaft
ist nichts Willkiirliches, sie wird von der Zeit und ihren Problemen ver-
langt. Alles, was sie uns sagt, ist die gemeinsame Lehre derer, die auf
diesem Gebiete geforscht haben.
Wir werden durch die Geisteswissenschaft in hohere Welten gefiihrt,
in welche das sinnliche Auge nicht hineinschauen kann, aber in denen
die Ursachen zu den Wirkungen in dieser physischen Welt liegen. Die
Erkenntnis des Ewigen in der Menschennatur, des Wesenskernes in
einem jeden von uns selbst, der geistigen Welten und ihrer Hierarchien
wird sie uns bringen. Und indem wir diese kennenlernen, werden wir
die Bestimmung des Menschen kennenlernen. Das wahre Wesen der
Menschennatur ist es, was uns beschaftigen soil. Wir werden Welten
kennenlernen, die vorhanden sind, die aber mit unseren blofi phy-
sischen Sinnen nicht begriffen werden konnen. Mancher wird vielleicht
sagen: Was du uns da erzahlst, das ist ja alles recht schon, aber wir
konnen doch nichts davon wissen. - Die Antwort auf diesen Einwand
hat schon Fichte gegeben. Denken Sie sich, Sie kommen als einzig
Schauender in eine Welt von Blindgeborenen, und Sie erzahlen diesen
von Farben, dann werden die auch sagen: Das ist ja alles dummes Zeug,
was du da redest, das gibt es ja gar nicht. - Konnte man nun aber die
Blindgeborenen mit Erfolg operieren, dann wiirden sie eben diese Welt
der Farben und des Lichtes erfahren.
Dasselbe gilt auch fur den obigen Einwand. Wer einen solchen Ein-
wand macht, der steht eben auf dem gleichen Standpunkt, welcher
dem eines Blindgeborenen entspricht. Es sollte daher niemand sagen:
Das gibt es nicht. Denn kein Mensch hat das Recht, von «Grenzen der
Erkenntnis» zu reden,wie seinerzeit DuBois-Reymond. Es gibt so viele
Welten, als wir Organe haben, diese wahrzunehmen, unendlich viele
Welten; wir konnen sie nur heute noch nicht wahrnehmen, weil wir
noch keine Organe dafiir haben. Die Welt ist nicht nur dem Raume
nach, sondern auch intensiv unendlich: fur jeden Sinn gibt es eine Welt.
Jetzt sind sie fur uns unergriindlich, aber sie sind da; sind da, wo wir
selber sind. Uns brauchen nur die Augen dafiir geoffnet zu werden,
denn sie sind mitten unter uns.
Das Wort Christi: «Suchet nicht nach dem Reiche Gottes, denn das
Reich Gottes ist mitten unter euch», ist ganz wortlich zu verstehen.
Ganz in diesem Sinne spricht auch die Geisteswissenschaft von den
geistigen Welten. Und immer hat es Eingeweihte gegeben, welche die
Mittel und Wege kannten, um in diese Reiche der Himmel einzutreten.
Alle Religionen sprechen von ihnen. Die Geisteswissenschaft ist nur das
Mittel, um uns diese Grundwahrheit aller Religionen wieder aufzu-
schliefien. Alles, was wir hier um uns herum sehen und wahrnehmen,
ist eine Folge und Wirkung desjenigen, was in den geistigen Welten vor
sich geht. Alles, was sich auf Erden kundgibt, ist nur Ausgestaltung
dessen, was in den geistigen Welten wirkt und lebt.
Das offizielle Christentum hat langst verlernt, die Tiefen der reli-
giosen Urkunden zu verstehen. So mufite die Geisteswissenschaft die
Aufgabe ubernehmen, den Schliissel zu den vergessenen Wissensschatzen
zu bringen und der Menschheit, die am Scheidewege steht, dadurch das
Heilmittel zu reichen. Doch sie kennt keinen Fanatismus; sie erzahlt
nur, sie legt das Wesen des Menschen klar und zeigt, welches sein
Schicksal ist nach dem Tode, zeigt, wie seine Seele sich aufierhalb des
physischen Korpers entwickelt. Sie schildert, was in den hoheren Wel-
ten vorgeht, spricht von den Entwickelungsphasen der Erde und der
andern Planeten, beleuchtet den bisherigen und den kiinftigen Lebens-
weg des Menschen. Sie weist hin auf das, was er durchzumachen haben
wird, bis er das Menschenziel erreicht.
Wir wollen das Wesen des Menschen und jener Welten zu erfassen
suchen, denen er entstammt. Das ist das Gebiet der Erkenntnisse, zu
denen uns die Geisteswissenschaft ftihrt.
Man konnte nun einwenden: Das ist ja alles doch nur fur den soge-
nannten Seher da, der schon hineinschauen kann in die geistigen Welten.
Was niitzt uns das? Uns sind sie ja nicht zuganglich!
Darauf kann man antworten: Wohl gibt es manche Methoden der
Schulung, die nur fur den Geistesforscher geeignet sind und einen sol-
chen Einwand berechtigt erscheinen lassen. Doch der Weg der Rosen-
kreuzerschulung ist ein anderer. Zum Eindringen in die geistigen Wel-
ten gehort allerdings das Auge des Sehers und das Ohr des Eingeweih-
ten, aber zum Begreifen gehort nur die gewohnliche Logik. Alles, was
der Geistesforscher sagt, ist dem logischen Verstande zuganglich; es
geniigt der gewohnliche gesunde Menschensinn, um diese Dinge zu
begreifen. Wer es nicht kann, dem fehlt es eben an Logik. Wohl braucht
es das Auge des Geistesforschers zum Auffinden der geistigen Geheim-
nisse. Zum Begreifen des im Sinne des Rosenkreuzertums Geschilderten
geniigt die gewohnliche Logik.
Wer das nicht einsehen kann, darf sein Versagen nicht der Schulung
zuschreiben. Sein mangelndes Begreifen liegt nicht an dem Umstand,
dajR er kein Seher ist, sondern ihm fehlt es an gesundem Auffassungs-
vermogen und an konsequentem Denken. Vielen ist die Logik aller-
dings unbekannt. So sagt zum Beispiel ein Musiker der jetzigen Zeit,
das Nachdenken sei eine mifiliche Sache. - Auch unsere Gelehrtenwelt
denkt nur ein Stuck weit. Wenn aber der Mensch seinen Verstand rich-
tig anwendet, wird er dazu gelangen, auch die hoheren Weisheiten und
Wahrheiten zu begreifen und in sich lebendig zu machen. Und wenn
Sie weiter fragen: Was niitzt uns das nun? - so ist die Antwort: Nichts
kann uns gegeben werden, das von grofierer Bedeutung ist als die Er-
kenntnis der Geisteswissenschaft. Wir werden dadurch erst zu wahren
Menschen, und werden dadurch auch in der Gegenwart ein zufriedenes
Herz, eine zur Harmonie mit sich selbst kommende Seele erringen.
Mit Redensarten kommt man hier nicht weit, man mufi mit dem
Ringen nach Erkenntnis Ernst machen und sich in die Note und Pro-
bleme des Lebens vertiefen. Unentwegt mufi man von einem Bereich
des geistigen Lebens in den andern zu dringen versuchen: dann quillt
daraus hervor die Einsicht in das Ganze der Welt- und Menschheits-
entwickelung. Und die iiberwaltigende Grofie dieses Geschehens er-
greift nicht nur unser Herz, sie weckt in uns neue Fahigkeiten, sie macht
uns geschickt fur die Aufgaben des taglichen Lebens. Denn es quillt
unmittelbare Kraft aus der Geisteswissenschaft, etwas, das zu einem
unverlierbaren Gute wird und uns zu schopferischen Menschen macht.
Erst wenn Sie die geistige Welt kennenlernen, konnen Sie auch die
materielle verstehen. Geisteswissenschaft ist nicht etwas fur Sonder-
linge, sondern gerade etwas fur die Praktischsten unter den Praktikern.
Alles Dasein ist Geist. So wahr wie Eis Wasser ist, so wahr ist auch
die Materie Geist. Ob Mineral, ob Pflanze, ob Tier oder Mensch, sie
sind Geist in verdichteter Form.
In diesem Sinne werden wir durch die Rosenkreuzertheosophie zum
Verstandnis der geistigen Grundlagen der Welt gefiihrt. Sie macht uns
nicht zu Eigenbrotlern, sondern zu Freunden des Daseins, denn sie sieht
nicht auf das Alltagsleben herab, entfremdet uns unseren irdischen Auf-
gaben nicht, sie verbindet uns mit ihnen. Sie spornt uns an zum werk-
tatigen Schaffen, weil sie weifi, dafi jede Handlung, wie auch jedes
Wesen, ein Ausdruck des Geistes ist.
ZWEITER VORTRAG
Kassel, 17.Junil907
Nachdem wir gestern in einer Art von Einfiihrung iiber Ziel und Wesen
der geisteswissenschaftlichen Bewegung gesprochen haben, wollen wir
heute direkt in das Wesen dieser Wissenschaft selbst eindringen. Es hat
das ja den Nachteil, dafi fiir diejenigen, die noch nicht mit diesen
Dingen vertraut sind, etwas Schockierendes daraus resultieren kann;
aber man mufi Geduld haben und sich klar sein, dafi manches, was fiir
den ersten Anfang geradezu unsinnig scheint, sich im Lauf e der Zeit als
etwas In-sich-Haltbares und Begreifliches ausnehmen wird.
Von dem uns gestellten Thema werden wir zunachst die Betrach-
tung iiber das Wesen des Menschen durchzunehmen haben.
Dieser Mensch, der wir selber sind, soli vor unsere Seele treten. Er
ist ein sehr kompliziertes Wesen, das komplizierteste, das iiberhaupt in
der uns bekannten Welt uns entgegentreten kann. Daher ist zu alien
Zeiten dieser Mensch von den Tiefersehenden Mikrokosmos genannt
worden, im Gegensatz zum Makrokosmos, zum Weltenall. Paracelsus
hat einen sehr schonen Vergleich gebraucht, um das Wesen des Men-
schen bildlich auszudriicken: Seht euch an die Natur, die euch umgibt,
und denkt euch jedes Wesen - Pflanze, Tier, Stein - als je einen Buch-
staben eines Alphabetes, und aus diesen Buchstaben ein Wort geschrie-
ben, so habt ihr den Menschen.
In dieser Beziehung werden wir das Goethe- Wort bewahrheitet fin-
den: Man mufi die ganze Natur verstehen, um den Menschen zu be-
greifen. - Zunachst soil das, was ich heute sage, sozusagen nur eine
Skizze vom Wesen des Menschen sein. Wie eine Kohlezeichnung zum
Bilde sich verhalt, so soil sich die heutige Ausfiihrung verhalten zu dem,
was wir in den nachsten Tagen iiber das Wesen des Menschen durch-
nehmen werden.
Wenn wir mit unseren physischen Sinnen als irdisches Wesen den
Menschen betrachten, wie er so vor uns steht, wenn unsere Augen ihn
sehen und unsere Hande ihn tasten, so ist er vom Standpunkt des Ma-
terialisten als ganzer Mensch aufgefafit, als ein Wesen in einer Ganz-
heit. Fur eine tiefersehende, das heifit fur eine geistige Auffassung der
Welt, ist das aber nur ein kleiner Teil des Menschen, den wir hier mit
den physischen Sinnen wahrnehmen konnen; es ist derjenige Teil des
Menschen, den der Anatom zergliedert und zerlegt, und den er in dieser
Weise mit dem Verstande zu begreifen sucht, den er bis ins einzelne, in
nur noch mit dem Mikroskop wahrnehmbare Zellen zerlegt, wodurch
er sich ein Bild zu machen sucht von dem Bau und der Wirkungsart der
einzelnen Organe.
Alles das rechnet man in der Wissenschaft zum physischen Leibe.
Diesen physischen Leib sieht man aber heute sehr haufig falsch an, in-
dem man glaubt, das, was im Leben vor einem steht als Mensch, sei nur
dieser physische Leib. Aber das ist gar nicht der Fall, sondern hohere
Glieder der Menschennatur sind damit eng verbunden, wirken durch
diesen physischen Leib hindurch und lassen ihn erst so erscheinen, wie
er uns eben als Mensch in jedem unserer Mitmenschen entgegentritt.
Dieser physische Leib wiirde ganz anders aussehen, wenn wir ihn von
den hoheren Gliedern der Menschennatur trennen konnten. Ihn, diesen
physischen Leib, hat der Mensch gemeinsam mit der ganzen minera-
lischen Welt. Alle die Stoffe und alle die Krafte, die zwischen den ein-
zelnen mineralischen Stoffen ihr Spiel treiben, Eisen, Arsen, Kohle und
so weiter, spielen auch in den Stoffen des menschlichen Leibes, des
physischen Leibes der Tiere und der Pflanzen.
Wir werden ohne weiteres hingewiesen auf die hoheren Glieder der
menschlichen Natur, wenn wir uns einmal klarmachen, worin der ge-
waltige Unterschied zwischen diesem physischen Leib und den andern
physischen Stoffen, die uns in der mineralischen Welt umgeben, besteht.
Sie wissen alle, dafi dieser wunderbare Bau des physischen Leibes das
in sich birgt, was wir Innenleben, Bewufksein, Lust und Leid, Freude,
Liebe und Hafi nennen; dafi in diesem physischen Leibe nicht nur
Stoffe der mineralischen Welt enthalten sind, sondern auch Gedanken.
Sie sehen wohl die Rote der Wangen und die Farbe der Haare, aber
Sie sehen nicht, was sich in diesem physischen Leibe abspielt an Lust
und Leid, an Freude und Schmerz und so weiter. Alles das sehen wir
nicht, aber doch spielt sich alles innerhalb der Hautumhullung ab.
Das ist schon der klarste und unwiderlegbarste Beweis, dafi aufier
diesem Leibe noch etwas anderes da sein mufi als nur die physischen
Stoffe.
Wenn Sie die Trane perlen sehen, so ist die Trane der rein physische
Ausdruck der Trauer, die sich im Inneren abspielt. Schauen Sie nun die
"Welt der Mineralien an. Stumm blickt Sie diese Welt der Mineralien an.
Keine Freude, kein Schmerz, nichts von alledem ist wahrzunehmen.
Der Stein hat kein Gefuhl, kein Bewufitsein wie wir. Fur den Geistes-
wissenschafter ist dieser Stein zu vergleichen mit den Nageln an un-
seren Fingern oder mit den Zahnen. Betrachten Sie einen Fingernagel,
auch er hat kein Gefuhl, keine Empfindung; und doch ist der Nagel
ein Glied von uns. So wie wir etwas in uns haben miissen, was dies ver-
anlafit, daft sich Nagel und Zahne bilden, so gibt es auch in der Welt
etwas, was die Mineralien bildet. Die Nagel haben selbst kein Bewufit-
sein, aber sie gehoren zu etwas, was Bewufitsein hat. Kriecht ein Kafer-
chen iiber den Nagel, so wird zum Beispiel fur diesen Kafer der Nagel
vielleicht ein Mineral sein. So ist es, wenn wir iiber die Erde kriechen
und nicht merken, dafi ein Bewufitsein hinter dieser mineralischen Erde
liegt; denn genau so, wie hinter dem Nagel ein Bewufitsein liegt, so
auch hinter den Mineralien. Wir werden noch sehen, dafi es eine Welt
und dafi es ein Bewufitsein gibt, welches der mineralischen Welt zu-
grunde liegt. Dieses Ich-Bewufitsein der mineralischen Welt liegt so
hoch iiber uns, wie etwa das Bewufitsein des Kafers, der iiber unseren
Fingernagel kriecht, uberragt wird von unserem Bewufitsein, welches
hinter dem Nagel liegt.
Dieses Bewufitsein der mineralischen Welt schreibt dieRosenkreuzer-
philosophie einer Welt zu, die sie die Vernunftwelt nennt; dort liegt das
Bewufitsein der Mineralien, und dort urstandet auch die menschliche
Vernunft, derzufolge wir uns Gedanken bilden. Aber die Gedanken,
die in uns leben, sind ein hochst trugerisches Ding; die Gedankenwelt
des Menschen verhalt sich zu den Wesenheiten dieser Vernunftwelt etwa
wie unser Schatten an der Wand zu uns selbst. Wie der Schatten an der
Wand doch nicht ich selbst bin, sondern eben nur der Schatten von mir,
so sind die Gedanken der Menschen nur Schattenbilder von der Welt
des Geistes. Aber dafi ein Gedanke hier gefafit wird, das hat seinen
Grund darin, dafi in der Vernunftwelt wirklich eine schaff ende Wesen-
heit ist, die diesen Gedanken produziert. Es ist eine Welt, wo unsere
Gedanken wirkliche Wesenheiten sind, denen man dort begegnet, wie
man hier den andern Menschen begegnet. Das ist fur den Eingeweihten
die obere Devachanwelt, das Arupa Devachan der Inder, oder auch die
obere Mentalwelt, das ist die Vernunftwelt der Rosenkreuzer. Wenn ein
Eingeweihter durch diese physische Welt geht, spricht zu ihm auf jedem
Stiick Erde Leben, und er fuhlt in allem die Manifestationen einer an-
dern Welt. Da wir nun in unserem physischen Leibe nichts anderes sind
als Stiicke dieser physischen Welt, haben wir auch ein untergeordnetes
physisches Bewufttsein, das hinaufreicht bis in die obere Vernunftwelt,
eben bis dahin, wo auch das Bewufitsein der mineralischen Welt liegt.
Also unser physischer Korper ist mineralischer Natur seiner Stoff-
lichkeit nach, und das Bewufitsein von diesem physischen Korper liegt
auch da, wo das Bewufksein dieser mineralischen Welt zu suchen ist.
Was ist denn aber nun der Unterschied zwischen diesem physischen
Korper und einem Mineral, zum Beispiel dem Bergkristall? Wenn wir
unseren Leib mit einem Kristall vergleichen, so finden wir ohne weite-
res, dafi er im Vergleich mit diesem doch ein sehr kompliziertes Ding ist.
Vergegenwartigen wir uns einmal, was fiir ein Unterschied ist zwischen
einem Mineral und einem lebenden Wesen. Den Stoffen nach besteht
gar kein Unterschied, denn es kommen im lebenden Wesen genau diesel-
ben Stoffe vor wie im Mineral, nur der Aufbau ist ein viel komplizierterer.
Wenn Sie das Mineral in seiner Form vor sich haben, so bleibt es
dasselbe Mineral durch sich selbst. Das ist aber nicht so beim lebendigen
Wesen, bei Pflanze, Tier und Mensch. Sobald sich namlich der Stoff so
kompliziert, dafi er sich nicht mehr durch sich selbst halten kann, also
in sich selbst zerfallen mufite, dann gibt es etwas, was in diesem Stoff -
wenn er eben zu kompliziert wird, um sich durch sich selbst halten zu
konnen — , etwas, was ihn an diesem Verfall hindert, und dann haben
wir das vor uns, was wir ein lebendes Wesen nennen. Daher sagt die
Geisteswissenschaft: Ein lebendes Wesen wiirde von selbst in die ein-
zelnen Komponenten seines Stoffes zerfallen, wenn nicht in ihm selbst
der Verhinderer dieses Verfalles vorhanden ware. Und das, was dieses
lebende Wesen jeden Augenblick am Zerfall des Stoffes hindert, also
den Verhinderer dieses Zerfalles, nennen wir den Ather- oder Lebens-
leib, der aber ein Gebilde ganz anderer Natur ist als die physischen
Stof f e, aus denen der physische Leib besteht, der aber die Fahigkeit hat,
in jedem Lebewesen die komplizierten physischen Stoffe zu bilden und
zu erhalten und am Zerfall zu verhindern. Was sich so rein aufierlich
in einem Organismus aufiert, nennen wir Leben. Dieser Xther- oder
Lebensleib oderBildekrafteleib kann mit physischen Augen nicht wahr-
genommen werden, wohl aber durch den ersten Grad der hellsehe-
rischen Schau, und die Aufgabe des Sehers ist es, sich so heranzubilden,
dafi er diesen Atherleib eben sehen kann, wie wir mit den physischen
Augen den physischen Leib sehen. Auch die moderne Naturwissen-
schaft sucht wohl nach diesem Atherleib, aber nur durch Spekulation
sucht sie sich eine Vorstellung davon zu machen und spricht zum Bei-
spiel von der Lebenskraft, Lebensenergie.
Wie stellt sich denn nun dieser Atherleib f ur das hellseherische Auge,
also fur den Hellseher dar?
Wenn Sie zum Beispiel ein Ding der mineralischen Welt, sagen wir
einen Bergkristall, mit dem Auge des Sehers betrachten, und zu diesem
Zweck den physischen Stof f ausschalten durch eine Art Ablenkung der
Aufmerksamkeit, dann sehen Sie in dem Raume, den der physische
Kristall einnimmt, nichts. Der Raum ist leer. Betrachten Sie aber auf
dieselbeWeise irgendein lebendesWesen,also Pflanze,Her oder Mensch,
dann ist dieser Raum, den der physische Korper einnimmt, nicht leer,
sondern noch immer ausgefiillt mit einer Art Lichtgestalt, und das ist
eben der vorhin erwahnte Atherleib. Dieser Atherleib ist nicht bei alien
Lebewesen gleich, sondern sogar aufierordentlich verschieden, auch in
bezug auf die Form und dasGrofienverhaltnis verschieden zu dem phy-
sischen Korper des betreffenden Lebewesens, und zwar ganz nach der
Entwickelungsstufe, auf der das Lebewesen steht. Bei den Pflanzen ist
dieser Atherleib noch ganz anders geformt als die Pflanze selbst; beim
Tier ist er der aufieren Tierform schon ahnlicher, und beim Menschen
stellt sich der Atherleib als eine Lichtgestalt dar, die der Form nach fast
genau dem physischen Leibe entspricht. Sieht man sich zum Beispiel ein
Pferd von diesem Standpunkte aus an, so sieht man aufierhalb des
Kopfes, vor der Stirn, diesen Atherleib ziemlich weit herausragen in
Form einer Lichtgestalt, die sich aber der Form des Pferdekopfes
ungefahr anpafit, wahrend Sie beim heutigen Durchschnittsmenschen
den Atherleib nur oberhalb des Kopfes und zu beiden Seiten desselben
ganz wenig herausragen sehen.
Was nun die Substantiality des Atherleibes anbelangt, so macht man
sich gewohnlich falsche Vorstellungen von der Stofflichkeit dieses
Atherleibes. Audi in der Theosophischen Gesellschaft ist viel Irriges
und Verwirrendes geredet und geschrieben worden iiber diesen Ather-
leib, aber das gehort zu den Kinderkrankheiten der Theosophischen
Gesellschaft und mufi iiberwunden werden. Um sich eine richtige Vor-
stellung von der Stofflichkeit des Atherleibes zu machen, folgen Sie
mir bitte in einem Vergleich.
Denken Sie sich, Sie hatten hundert Mark und wiirden immer mehr
und mehr da von ausgeben; dann wird das Vermogen immer diinner
und diinner, und schliefilich haben Sie nichts mehr. Das ware also der
dunnste Zustand des Vermogens. Aber es gibt einen noch dunneren,
indem man das Nichts des Besitzes noch mehr vermindert, indem man
negatives Vermogen, also Schulden macht. Man kann also das Ver-
mogen noch vermindern, denn nun hatte man weniger als Nichts, wenn
man zum Beispiel zehn Mark Schulden macht.
Oder denken Sie sich das auf etwas anderes angewandt. Denken Sie
sich eine Schlacht mit ihrem ungeheuren Getose; gehen Sie nun weiter
weg davon, dann wird das Getose schwacher und schwacher, es wird
stiller und stiller, bis Sie gar nichts mehr davon horen. Vermindert man
nun dieses Nichtshoren: es wird stiller als still, lautloser als lautlos -
nun, eine solche Ruhe gibt es in der Tat. Und sie ist etwas im hochsten
Grade Beseligendes, wenn sich das auch der gewohnliche Mensch nicht
so leicht wird vorstellen konnen.
Denken Sie sich aber nun diese Beispiele einmal angewendet auf die
Dichtigkeit des Stoffes, dann haben Sie ja zunachst einmal die allge-
mein bekannten drei Aggregatzustande: fest, fliissig, gas- oder luft-
formig; aber dabei diirfen wir nicht stehenbleiben, entsprechend dem
oben angefuhrten Beispiel vom Vermogen. Wie wir da das Vermogen
zu einem negativen Vermogen verdiinnen konnen, so wird auch hier
der Stoff immer diinner und diinner, iiber den gasformigen Zustand
hinaus immer diinner. Und so denken Sie sich eine Art von Stoff, der
entgegengesetzt ware dem physischen Stoffe; dann kommen Sie zu
einer ungefahren Vorstellung von dem, woraus der Ather besteht.
Wie das negative Vermogen die umgekehrten Bedingungen des posi-
tiven hat - Plusvermogen macht reich, Minusvermogen macht arm;
je mehr Vermogen ich habe, desto mehr kann ich kaufen, je weniger
Vermogen ich habe, desto weniger kann ich mir kaufen — , so hat auch
der Weltenather, von dem ja der Atherleib eines jeden Lebewesens ein
Teil ist, eben auch die umgekehrten Eigenschaften des physischen Stof-
fes. Wie der feste Stoff das Bestreben hat, auseinanderzufallen, so ist
der Atherleib bestrebt, alles zusammenzuhalten und den physischen
Korper, den er durchdrungen hat, am Zerfall zu verhindern. Dieser
Zerfall in die einzelnen Grundstoffe tritt bei jedem Lebewesen sofort
ein, sobald der Atherleib aus dem physischen Leibe heraustritt, oder
mit andern Worten, wenn der physische Tod des Lebewesens eintritt.
So haben wir damit die Materie verfolgt in eine Welt hinein, wo sie die
entgegengesetzte Wirkung hat wie unsere physische Materie.
Wenn ich sage, dafi beim Menschen der Atherleib ahnlich dem phy-
sischen Leib aussieht, so komme ich zu einer Tatsache, die man kennen
mufi, und die hier erwahnt werden soil, da wichtige Folgerungen dar-
aus fiir die spateren Vortrage entstehen. Dieser Ausspruch bedarf nam-
lich einer sehr wichtigen Einschrankung, denn in Wahrheit ist nam-
lich der Atherleib sehr verschieden vom physischen Leibe und diesem
eigentlich nur in seinem oberen Teile, im Kopfteil, ahnlich; sehr ver-
schieden aber ist er vom physischen Leibe in der Hinsicht, dafi er ein
diesem entgegengesetztes Geschlecht hat: der Atherleib des Mannes ist
namlich weiblich, und umgekehrt, der des Weibes mannlich. Jeder
Mensch ist also zweigeschlechtlich; das physische Geschlecht ist nur ein
aufierer Ausdruck, der seinen entgegengesetzten Pol im Atherleibe hat.
Wie ein Magnet Nordpol und Siidpol hat, wie es beim Magneten gar
keinen Nordpol allein gibt, so auch hier Pol und Gegenpol.
Dieser Ather- oder Lebensleib, auch Bildekrafteleib genannt, ist
also das zweite Glied der menschlichen Wesenheit und bleibt von der
Geburt bis zum Tode innig verbunden mit dem physischen Leibe
des Menschen, und das Herauslosen dieses Lebensleibes aus dem phy-
sischen Korper ist eben der Tod.
Der physische Leib wird erst aufgebaut von dem Atherleib; dieser
Atherleib ist sozusagen der Architekt des physischen Leibes. Wenn Sie
sich ein Bild dafiir machen wollen, so nehmen Sie das Bild von Wasser
und Eis. Wenn das Wasser sich abkuhlt, nimmt es eine andere Form an,
es wird zu Eis. Und genau wie aus dem Wasser Eis entsteht durch Ver-
dichtung, so ist aus dem physischen Leibe der Atherleib herausge-
gliedert.
Eis: Wasser, Physischer Leib: Atherleib; das heifit, die Krafte des
Atherleibes sind greifbar, physisch wahrnehmbar geworden im phy-
sischen Leibe. Geradeso wie im Wasser auch schon die Krafte lagen,
welche sich dann in dem festen Eise aufiern, so liegen im Atherleib alle
die Krafte zum Aufbau des physischen Leibes schon darinnen. So liegt
also schon im Atherleib zum Beispiel eine Kraft, aus der sich das Herz,
der Magen, das Gehirn und so weiter herausgliedern. So ist fur jedes
Organ unseres physischen Leibes im Atherleib eine Anlage vorhanden;
aber diese Anlagen sind keine Stoffe, sondern Kraftestromungen. Die-
sen Atherleib nun hat der Mensch gemeinsam mit alien Pflanzen und
alien Tieren, also mit alien physischen Wesenheiten, die eben Leben
aufiern.
Nun kann man fragen: Haben die Pflanzen eine Art Bewufitsein in
dem Sinne, wie wir fur die Welt der Mineralien ein Bewufitsein ge-
funden haben? - Wir haben ja vorhin gesehen, dafi das Bewufitsein der
Mineralien in der oberen Vernunftwelt gefunden wird durch die Gei-
stesforschung, wo ja auch unsere Gedanken urstanden.
So wie unsere Finger nicht ein selbstandiges Bewufitsein haben, son-
dern wie das Bewufitsein eines Fingers zum Bewufitsein des ganzen
Menschen gehort, ebenso gehoren die Pflanzen auch zu einem Bewufit-
sein, und dieses liegt nun in der unteren Vernunftwelt, der Gestirn-
welt, der himmlischen Welt, des Rupa Devachan. Wenn der Geistes-
f orscher diese Welt betritt, dann begegnet er dort den Seelen der Pflan-
zen. Die Seelen der Pflanzen sind dort ebensolche Wesen wie wir hier;
und diese Wesen verhalten sich zu den Pflanzen etwa, wie eben der
Mensch sich zu seinen Fingern verhalt.
In dieser unteren Devachanwelt ist also das Bewufitsein der Pflan-
zen verankert. In ihr wurzeln die Krafte, die allem Wachstum und
allem organischen Aufbau zugrunde liegen. In ihr wurzeln also auch
die Krafte, die unseren eigenen physischen Leib aufbauen; das heifit
also, die Krafte unseres Atherleibes, den wir ja schon als den Architek-
ten des physischen Leibes bezeichnet haben. Dieses Bewufitsein der
Pflanzenwelt, das ist ein ungemein viel hoheres und weisheitsvolleres
als das Bewufitsein des Menschen.
Das wird Ihnen ohne weiteres klarwerden, wenn Sie bedenken, wie
weise nicht nur des Menschen physischer Leib, sondern aller von einem
Atherleibe durchdrungenen Wesen, also aller Lebewesen, aufgebaut ist.
Welche ungeheure Weisheit gehort dazu, den einfachsten physischen
Leib irgendeines Lebewesens aufzubauen, geschweige denn das kunst-
vollste Gebilde aller irdischen Lebewesen: den menschlichen Leib!
Betrachten Sie nur einmal zum Beispiel den menschlichen Ober-
schenkelknochen in seinem oberen Teile, wie wunderbar nach alien
Regeln der Baukunst die einzelnen Knochenbalkchen aneinanderge-
gliedert sind! Der Oberschenkelknochen ist gerade an dieser Stelle
durchaus ein viel komplizierteres Gebilde, als wie er uns aufierlich
betrachtet erscheint; er ist zusammengesetzt aus einem Geriiste von
Balken, die in ihrer Winkelstellung zueinander derartig weisheitsvoll
gefiigt sind, dafi mit dem kleinsten Mafi von Stoff es erreicht ist, dafi
der ganze Korper getragen werden kann. Wahrlich ein grofieres Kunst-
werk als der komplizierteste Briickenbau, und keine Ingenieurkunst
der Welt kann etwas Derartiges nachmachen. Oder betrachten Sie den
Bau des Herzens; es ist so weisheitsvoll gebaut, dafi der Mensch mit all
seiner Weisheit ein rechtes Kind ist gegen die Weisheit, die sich darin
offenbart. Und was halt dieses menschliche Herz alles aus, trotzdem
dieTorheit des Menschen es fast taglich zu ruinieren versucht, zum Bei-
spiel durch unsere sogenannten Genufimittel,Kaffee, Alkohol, Nikotin.
Zur Ausfuhrung eines solchen Wunderbaues wie den des physischen
Leibes sind Krafte notig, die sich hinauf erstrecken bis in die Astralwelt,
und erst die Wesenheiten dieser Astralwelt sind, trivial gesprochen, so
gescheit, dafi sie einen solchen physischen Leib aufbauen konnen.
Und nun kommen wir zum dritten Glied der menschlichen Wesen-
heit. Die Pflanzen haben einen physischen Leib und einen Atherleib;
sie haben aber etwas nicht, was Tiere und Menschen haben: sie haben
nicht Leid, nicht Lust, keine Schmerzen und keine Empfindung. Das
ist der Unterschied von Tier und Mensch einerseits und den Pflanzen
andererseits. Der Unterschied beruht darauf, dafi in Tier und Mensch
sich Innenvorgange abspielen. Die neuere Wissenschaft hat ja sogar
auch den Pflanzen aus den Vorgangen, welche man bei ihnen beob-
achtet, Empfindung zusprechen wollen. Es ist jammervoll, wenn man
sieht, was fur ein Unfug mit Begriffen getrieben wird, denn hier finden
keinerlei innere Vorgange statt wie bei einer jeden Empfindung; diese
«Empfindung» miilke man mit demselben Rechte auch dem blauen
Lakmuspapier zuschreiben. Aber das kommt davon, wenn man die
Empfindung hier in der physischen Welt sucht. In der physischen Welt
kann man keine Empfindung bei einem derartigen Phanomen, wie es
sich an manchen Pflanzen zeigt, finden; da mufi man in die himm-
lischen Welten gehen. Eingeschaltet soil hier werden, um Mifiverstand-
nissen vorzubeugen, dafi bei den sogenannten reagierenden Pflanzen,
zum Beispiel der Mimose, dieser Reizvorgang sich nicht als Empfin-
dung spiegelt in der physischen Welt, sondern nur in der niederen Ver-
nunftwelt, wo sich ja das Bewulksein der Pflanzen befindet. Hier unten
in der physischen Welt hat nur der Mensch und das Tier Begierde und
Leidenschaften, Freuden und Schmerzen. Warum? Weil sie aufier dem
physischen Leib und Atherleib auch noch den Astralleib haben, das
dritte Glied der menschlichen Wesenheit.
Fur den Seher stellt sich der Astralleib so dar, dafi der ganze Mensch
eingehullt ist in eine eiformige Wolke, und in dieser Wolke driickt sich
eine jede Empfindung aus, jederTrieb, jede Leidenschaft. Dieser Astral-
leib ist also der Trager von Lust und Leid, Freude und Schmerz. Mit
diesem dritten Glied verhalt es sich anders als mit dem physischen Leib
und Atherleib. Wenn namlich der Mensch schlaft, liegt im Bett nur der
physische Leib und Atherleib, wahrend sich der Astralleib mit dem Ich
herausgehoben hat; wenn dagegen der Astralleib und der Atherleib
heraustreten aus dem physischen Leibe, dann tritt der Tod ein, und
damit ja der Zerfall des physischen Leibes.
Warum heifit dieses Wesensglied nun Astralleib? Es gibt dafiir gar
keinen treffenderen Ausdruck. Warum? Dieses Wesensglied hat eine
wichtige Aufgabe, und diese wichtige Aufgabe mussen wir uns klar-
machen. Dieser Astralleib ist in der Nacht kein Miifiigganger, denn in
der Nacht arbeitet er, wie der Seher sehen kann, an dem physischen
und Atherleib. Wahrend des Tages nutzen Sie den physischen und
Atherleib ab, denn alles, was Sie tun, ist ja Abniitzung des physischen
Leibes, und der Ausdruck dieser Abniitzung ist ja die Ermudung. Das
nun, was Sie wahrend des Tages abnutzen, das bessert der Astralleib
wahrend der Nacht wieder aus. Tatsachlich schafft der Astralleib
wahrend des Schlafes die Ermudung hinweg. Daraus ergibt sich die
Wichtigkeit und Notwendigkeit des Schlafes. Der Seher kann diese
Ausbesserung bewufit vornehmen. Das Erquickende des Schlafes be-
ruht darauf, dafi der Astralleib am physischen und Atherleib richtig
gearbeitet hat. Weil der Astralleib aber erst in den physischen und
Atherleib zuriickkehren mufi, tritt die Erquickung des Schlafes erst
allmahlich, das heifit etwa eine Stunde nach dem Erwachen auf.
Mit diesem Heraustreten des Astralleibes wahrend des Schlafes ist
noch etwas anderes, Wichtiges verbunden. Wenn namlich der Astral-
leib wahrend des wachen Tageslebens mit der Aufienwelt in Verbin-
dung tritt, mufi er zusammenleben mit dem physischen und Atherleib;
aber wahrend er sich vom Korper loslost, also wahrend des Schlafes,
ist er von dieser Fessel des physischen und Atherleibes befreit. Und da
tritt etwas Wunderbares ein: da reichen die Krafte des Astralleibes bis
in die Gestirnenwelt, wo die Seelenwesenheiten der Pflanzen sind, und
aus dieser Welt nimmt er seine Kraft. Der Astralleib ruht in der Welt,
in der die Gestirne eingebettet sind. Das ist die Welt der Spharen-
harmonie der Pythagoreer. Sie ist eine reale Wirklichkeit und keine
Phantasie. Wenn man bewufit in dieser Welt lebt, dann hort man die
Spharenharmonien, dann hort man klingen die Krafte und Verhaltnisse
der Sterne zueinander. Goethe war in diesem Sinne ein Eingeweihter,
und aus diesem Geiste heraus ist auch der Beginn des «Prologes im
Himmel» aus «Faust» zu verstehen:
Die Sonne tont nach alter Weise
In Bruderspharen Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Starke,
Wenn keiner sie ergriinden mag;
Die unbegreif lich hohen Werke
Sind herrlich, wie am ersten Tag.
Man kennt Goethe sehr wenig und weift meist nicht, daft er eingeweiht
war, sondern sagt einfach: Ein Dichter braucht solche Bilder. - Aber
Goethe wufite, daft die Sonne in einem Reigen darinnensteht, und daft
sie als Sonnengeist tont! Daher bleibt Goethe auch in diesem Bilde und
spricht weiter:
Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tonend wird fur Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phobus' Rader rollen prasselnd;
Welch Getose bringt das Licht!
Es drommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhortes hort sich nicht.
In dieser Gestirnwelt lebt der Astralleib wahrend der Nacht. Und
wahrend er am Tage in eine Art Disharmonie kommt mit den welt-
lichen Dingen, ist er in der Nacht, wahrend des Schlafes, wieder ein-
gebettet in den Schofi der Sternenwelt. Und dann kommt er morgens
zuriick mit dem, was er sich aus dieser Welt mitgebracht hat an Kraf-
ten. Die Harmonie der Spharen bringt man sich aus dieser Astralwelt
mit, wenn man herauskommt aus dem Schlafe. In der Gestirnwelt, der
Astralwelt, hat der Astralleib seine wahre Heimat, und deshalb ist er
auch so genannt worden: Astralleib. - So haben wir nun drei Glieder
der menschlichen Wesenheit kennengelernt: Physischen Leib, Ather-
leib, Astralleib.
Das vierte Glied, das Ich, wollen wir das nachste Mai kennenlernen.
Das Ich ist dasjenige Glied, das denMenschen zur Krone der Schopfung
macht und das ihn uber das Tier erhebt.
Das Tier hat noch nicht ein solches Bewufitsein wie der Mensch; es
hat zwar auch ein Bewufttsein, ebensogut wie wir das bei der Pflanze
gesehen haben und beim Mineral; aber dieses Bewufttsein derTiere liegt
in der Astralwelt. Das vierte Glied des Menschen, dieses Ich, das glie-
dert sich mit den drei andern Gliedern zusammen zu der heiligen Vier-
heit des Menschen, von der alle alten Schulen reden.
So hat der Mensch den physischen Leib gemeinschaftlich mit dem
Mineral, den Atherleib gemeinschaftlich mit der Pflanze, und den
Astralleib gemeinschaftlich mit dem Tier. Das Ich hat er allein; und
das hebt ihn iiber alles andere hinaus. Im Menschen finden wir ge-
wissermafien eine Essenz von alledem, was wir um uns herum ausge-
breitet sehen. In der Tat: einen Mikrokosmos! Deshalb mussen wir,
wenn wir den Menschen erkennen wollen, zuerst das erkennen, was
uns umgibt.
So mussen wir uns die drei Wesensglieder, diese drei Korper, als drei
Hiillen denken, die aus den verschiedensten Regionen heraus gewoben
sind, und in diesen Hiillen wohnen wir, das heifit, das Ich, mit den
hoheren Gliedern der menschlichen Wesenheit, unserem unsterblichen
Teil.
DRITTER VORTRAG
Kassel, 18.Junil907
Ein Allerheiligstes im Menschen ist dasjenige, was mit seinem Selbst-
bewufitsein bezeichnet wird. Wer sich das in der richtigen Weise klar-
macht, der sieht ohne weiteres ein, dafi mit diesem Worte «Selbst-
bewufitsein» eigentlich der Sinn des menschlichen Daseins ausgedriickt
wird. Selbstbewufitsein ist die Fahigkeit, sich als ein Ich zu wissen.
Sie kommen am besten zu einer Vorstellung davon, wenn Sie daran
denken, daft es im ganzenUmkreis der deutschen Sprache einen Namen
gibt, der sich grundsatzlich unterscheidet von alien andern: das ist das
Wort Ich. Den Tisch kann jeder Tisch nennen, aber «Ich» kann jeder
nur fur sich selbst sagen, fur jeden andern ist man ein Du. Niemals kann
das Wort Ich von aufien an mein Ohr klingen, wenn es mich selbst be-
deuten soil. Das hat alleGeisteswissenschaft empfunden. Die hebraische
Religion sprach zum Beispiel, wenn sie von diesem Wesen des mensch-
lichen Inneren sprach, so, dafi sie das den unaussprechlichen Namen
Gottes nannte. Man sagte namlich: Wenn das Ich ausgesprochen wer-
den soil, mufi es aus dem Mittelpunkt des Wesens selbst heraustonen.
Kein aufieres Wesen kann den Namen aussprechen. Es war daher wie
ein Schauer, der durch die ganze Versammlung ging, wenn der Priester
das Wort Jahve, «Ich bin der ich bin» aussprach. Da beginnt der Gott
im Menschen zu sprechen. Das ist die reine, ursprungliche Bedeutung
des hebraischen Gottesnamens. Sie werden noch andere Namen kennen-
lernen, aber alle stehen in einem gewissen Verhaltnis zu diesem einen
Namen. Und mit diesem Ich bezeichnen wir das vierte Glied der
menschlichen Wesenheit. Von diesem Ich aus durcharbeitet der Mensch
die andern Glieder seiner Wesenheit: den Astralleib, den Atherleib und
auch den physischen Leib. So weit wir auch zuriickgehen in der Ent-
wickelungsgeschichte der menschlichen Wesenheit, die vier Glieder
waren immer im Menschen vorhanden; und dadurch unterscheidet er
sich gerade von den Tieren.
Machen wir uns einmal einen Begriff davon, wie sich in bezug auf
diese vier Glieder der Entwickelte zum Unentwickelten verhalt. Be-
trachten Sie einmal daraufhin einen von den Wildesten, der den andern
Mitmenschen noch auffriftt, mit einem europaischen Durchschnitts-
menschen, und diesen wieder mit einem Hochentwickelten, zum Bei-
spiel Goethe, Schiller oder Franz von Assisi.Jener Wilde folgt unmittel-
bar seinen Trieben und Leidenschaf ten, wie sie in seinem Astralleib ent-
halten sind. Er hat zwar schon das Ich, aber das ist noch ganz in der
Gewalt des Astralleibes. Der heutige Durchschnittsmensch unterschei-
det schon, was gut und nicht gut ist. Das kommt daher, dafi dieser
Mensch schon an seinem Astralleibe gearbeitet hat. Er hat daran ge-
arbeitet und sogar einige Triebe schon umgestaltet zu sogenannten
Idealen. Eine um so hohere Entwickelungsstufe hat der Mensch er-
reicht, je mehr er von seinem Ich aus an seinem Astralleibe umgearbeitet
hat. Der heutige europaische Durchschnittsmensch hat schon viel um-
gearbeitet. Eine Individualist wie Schiller oder Goethe hat bereits den
weit grofieren Teil seines Astralleibes umgearbeitet. Ein Mensch aber,
der alle Leidenschaf ten schon unter seinen Willen gezwungen hat, wie
zum Beispiel Franz von Assisi, hat schon einen Astralleib, der bereits
ganz umgearbeitet ist vom Ich; es ist nichts mehr darin, was nicht unter
derHerrschaft des Ich stande.So viel als der Mensch von seinem Astral-
leib derart umgearbeitet hat, so viel nennen wir sein Manas oder Geist-
selbst; das ist das funfte Glied seiner Wesenheit. Wir konnen also sagen:
Im Ich liegt der Keim zur Umarbeitung des Astralleibes in Manas,
Geistselbst.
Nun ist aber auch die Moglichkeit vorhanden, dafi der Mensch nicht
nur seinen Astralleib, sondern auch seinen Atherleib umarbeitet, so dafi
das Ich auch Herr wird iiber den Atherleib. Nur miissen Sie sich klar-
machen, dafi dieses viel schwieriger ist und langsamer vor sich geht.
Der Unterschied der Umarbeitung von Astralleib und Atherleib ist
folgender: Bedenken Sie einmal, was Sie mit acht Jahren gewufit haben,
und was Sie seit Ihrer Jugend sich alles angeeignet haben! Der Trager
aller dieser Umwandlungen ist der Astralleib; er verandert sich also
sozusagen tagtaglich ganz wesentlich durch alles das, was Sie an au-
fieren Eindrikken in sich aufnehmen. Anders aber ist es mit dem Ather-
leib. Wollen Sie sich davon eine Vorstellung machen, dann stellen Sie
sich folgendes vor: Waren Sie mit acht Jahren ein jahzorniges Kind,
dann sind Sie wahrscheinlich auch heute noch manchmal jahzornig.
Nur wenigen Menschen gelingt es, sich so zu verandern, dafi sie auch
ihre Gewohnheiten, ihre Neigungen, ihr Temperament, ihren Charak-
ter umwandeln. Darin liegt durchaus kein Widerspruch mit dem oben
Gesagten. Der Astralleib hat zwar zu tun mit Lust und Leid und un-
seren Leidenschaften; sind diese Leidenschaften aber zur Gewohnheit,
zu sogenannten Charaktereigenschaften geworden, dann liegen sie ver-
ankert im Atherleib; und wenn wir solche Gewohnheiten umwandeln
wollen, dann mufi sich der Atherleib umwandeln, denn dieser ist der
Trager aller Gewohnheiten und Charaktereigenschaften.
Ich habe schon ofter die Veranderungen von Astralleib und Ather-
leib verglichen mit dem Gang des Minuten- und Stundenzeigers einer
Uhr.
Wir werden spater von der Entwickelung des fortgeschrittenen
Schulers sprechen. Ein solcher Schiiler ist dies nicht im Sinne des ge-
wohnlichen Lebens, nicht einer, der blofi etwas lernt. Gewifi, ein sol-
cher Schiiler mufi auch viel lernen, aber unendlich wichtiger als das
Lernen ist dies oben geschilderte Hineinarbeiten in den Atherleib: dafi
er es fertig bringt, Jahzorn in Sanftmut zu verwandeln. Gerade dafur
gibt die Geheimwissenschaft dem Schiiler die Anleitung.
Eine hohe Stufe der Entwickelung hat derjenige erlangt, der es in
der Hand hat, eine Gewohnheit, also eine Eigenschaft seines Ather-
leibes, von heute auf morgen zu andern. Eine solche Umwandlung des
Atherleibes mul5 Hand in Hand gehen mit dem, was der Schiiler der
Geheimwissenschaft sonst lernt. Aber auch wenn der Mensch nichts
von einer solchen Schulung weifi, andert er doch von selbst - wenn
auch langsam und allmahlich, durch viele Verkorperungen hindurch -
seinen Atherleib. Und so viel nun von diesem Atherleibe umgewandelt
ist, so viel nennen wir Buddhi oder Lebensgeist; und das bildet das
sechste Glied der menschlichen Wesenheit.
Und dann gibt es noch die Stufe, die aber viel, viel hoher liegt, auf
welcher der Mensch auch lernt, in seinen physischen Leib hineinzu-
arbeiten und diesen umzugestalten. So viel er nun an Herrschaft iiber
den physischen Leib gewonnen hat, so viel nennt man Atma oder Gei-
stesmensch; es ist das siebente Glied seiner Wesenheit. Atma hangt zu-
sammen mit dem Worte «atmen», weil es der Atmungsprozefi ist, von
dem diese Umwandlung ausgeht. Was das heifit, bewufit seinen phy-
sischen Leib vom Ich aus zu beherrschen, davon macht man sich erst
eine Vorstellung, wenn man bedenkt, wie wenig man eigentlich von
seinem physischen Leibe weifi. Dieses Wissen hat nichts zu tun mit dem,
was die heutige Anatomie iiber den physischen Korper zu sagen hat.
Lange bevor es eine heutige Anatomie gab, gab es uralte Lehren, die
allerdings nicht offentlich bekanntgeworden sind, in welchen Sie aber
ein Wissen iiber das Innere des Menschen finden. Dadurch konnten
diese alten Weisen zum Beispiel die Stromungen des Lebens und des
Blutes verfolgen; sie waren dadurch in der Lage, sich selbst innerlich
anzuschauen, den physischen Korper zu beobachten in alien seinen
Organen. Wenn wir uns so weit entwickelt haben, dann ist es moglich,
dafi kein Teilchen in unserem Leibe sich bewegt ohne unseren Willen.
Das ist die Umwandlung in Atma, Geistesmensch.
Nun konnte einer einwenden: Der physische Leib ist doch das nied-
rigste Glied der menschlichen Wesenheit, weshalb ist denn die Um-
wandlung desselben zum hochsten Gliede moglich? - Gerade weil der
physische Leib das unterste Glied ist, braucht es die hochste Kraft-
anstrengung des Menschen, urn diesen Korper in die eigene Gewalt zu
bekommen. Mit der Umarbeitung dieses physischen Leibes geht Hand
in Hand die Erlangung der Gewalt iiber Krafte, die den ganzen Kos-
mos durchfluten. Und die Herrschaft iiber diese kosmischen Krafte ist
das, was man als Magie bezeichnet.
So besteht der Mensch seinem wahren inneren Wesen nach aus sieben
Teilen, aber diese sieben Teile gehen vollstandig ineinander iiber. Man
wird von dieser gegenseitigen Durchdringung aller sieben Teile sich nur
dann eine rechte Vorstellung machen, wenn man sie vergleicht mit den
sieben Farben des Regenbogens, die alle auch im Sonnenlicht enthalten
sind. Wie das Licht aus diesen sieben Farben besteht, so auch der Mensch
aus seinen sieben Gliedern.
Nun wollen wir eingehen auf die Bedeutung dieser Gliederung fur
die Erkenntnis des ganzen Lebensweges des Menschen. Wir haben schon
gestern gehort, welches die Natur des Schlafes ist. Im Bette liegt der
physische Leib und der Atherleib; es dauert fort, als die Lebensaufie-
rung dieses Atherleibes, Atmung und Blutkreislauf ; aber alles, was zum
Astralleib gehort, ist mit dem Ich aus physischem Leib und Atherleib
herausgehoben.
Im Tode tritt im Gegensatz dazu etwas anderes ein. Wahrend in der
ganzen Zeit zwischen Geburt und Tod der physische und der Atherleib
ein Ganzes bleiben, trennt sich im Tode nicht nur wie im Schlafe der
Astralleib, sondern auch der Atherleib von dem physischen Leib. Dieser
physische Leib ist nun aber - erinnern wir uns an das gestern Gesagte -
so kompliziert, daft er, auf sich allein angewiesen, zerfallen mufi.
Betrachten wir nun einmal mit hellseherischem Blick den Menschen
unmittelbar nach dem Tode: vor uns liegt lediglich der physische Leib,
und daruber schweben Astralleib und Atherleib. Da tritt nun unmittel-
bar nach dem Tode eine eigenartige Erscheinung in der Empfindung
des so dahingegangenen Menschen auf: In dem Moment des Todes
ersteht namlich in dem Felde der menschlichen Erinnerung wie ein aus-
gebreitetes Tableau sein ganzer Lebensgang. Jede kleine, selbst kleinste
Begebenheit zieht in Bildern an ihm voriiber. Das kommt ganz natur-
gemafi daher,weil ja der Atherleib, neben der oben geschilderten Eigen-
schaft der Verhinderung einer Zersetzung des physischen Leibes, auch
noch der Trager des Gedachtnisses ist. In demselben Moment, wo dieser
Atherleib seiner ersteren Aufgabe enthoben ist, lebt er sich ganz inten-
siv in diese zweite Aufgabe hinein. Da aber wahrend des Lebens ein
jedes Ereignis mit Lust und Schmerz, Freude und Leid verbunden war,
infolge der Durchdringung mit dem Astralleibe, erlebt der Mensch
jetzt, da sich ja auch der Astralleib von ihm gelost hat, diese Erinne-
rungsbilder, das heifit sein ganzes verflossenes Dasein, ohne Empfin-
dung, ohne Gefuhl, wie in einem grofien Panorama.
Solange dieser Atherleib mit dem physischen Leibe verbunden bleibt,
ist das Instrument, dessen er sich bedienen mufi, das Gehirn, etwas, was
macht, dafi unsere Erinnerungen nie vollstandig sind; nur Bruchstiicke
der Lebenseindrucke behalten wir in der Erinnerung. Daran ist die
Mangelhaftigkeit dieses physischen Gehirns schuld, wahrend sich im
Moment der Bef reiung vom physischen Gehirn dieser Atherleib an alles
erinnert. Ein Analogon zu diesem Zustande findet sich schon im ge-
wohnlichen Leben beim Schock, den man zum Beispiel im Augenblick
des Ertrinkens, des Abstiirzens und so weiter erfahrt. Das riihrt ganz
einfach davon her, daft in einem solchen Augenblick der Atherleib ge-
waltsam gelockert wird vom physischen Leibe, was auch zum Beispiel
in leichterer Art beim Einschlafen der Glieder geschieht, auch bei der
Hypnose, bei welcher der Hellseher den Atherleib zu beiden Seiten des
Kopfes heraushangen sieht. Die materialistische Physiologie wendet ja
ein, dafi eine materielle Veranderung im Blute da vorliegt, aber das ist
eine Verwechslung von Ursache und Wirkung.
Das erste Schicksal des Menschen nach dem Tode ist also dieser
Riickblick auf das verflossene Leben, der verschieden lang ist und
durchschnittlich etwa dreieinhalb Tage dauert. Dann kommt eine Art
zweiten Sterbens, indem sich das Atherische vollkommen auch vom
Astralleib lost, und dann eine Art Atherleichnam zuriickbleibt. Dieser
Atherleichnam lost sich sehr bald, wenn auch bei jedem Menschen ver-
schieden schnell, im allgemeinen Weltenather auf, jedoch nicht voll-
standig; eine Art Essenz aus dem verflossenen Leben bleibt, die das Ich
mitnimmt und die ein unvergangliches Gut ist, das dem Menschen ver-
bleibt fur alle folgenden Verkorperungen. Nach einer jeden Verkorpe-
rung fiigt sich gleichsam ein neues Blatt zu den vorangegangenen. Man
nennt das in der Theosophie den Kausalkorper, und in der Qualitat
dieses Kausalkorpers liegt die Ursache dafiir, wie sich die spateren Ver-
korperungen gestalten.
Nun ist der Astralleib allein. Wie unterscheidet sich dieser Zustand
vom Schlaf, wo er ja auch aus den andern Gliedern, dem physischen
und Atherleib herausgetreten, wo er also auch allein war? Die Krafte,
die er im Schlaf verwenden mufite zur Ausarbeitung und Ausbesserung
des physischen Korpers, die sind dadurch, dafi dieser physische Korper
definitiv abgelegt ist, frei geworden; die verwendet der Astralleib jetzt
fur sich und wird sich dessen bewufit. In diesem Eigenbewufkseins-
zustand macht der Astralleib jetzt eine Zeit durch, die Sie sich am
besten klarmachen, wenn Sie folgende Erwagung anstellen.
Denken Sie einmal an den Genufi einer leckeren Speise; der Mensch
geniefit sie und hat seine Lust an diesem Genusse. Dieser Genufi sitzt
nicht im physischen, sondern im Astralleibe; aber dafi dieser Genufi
zustande kommen kann, dazu braucht er das Werkzeug, namlich eine
Zunge, einenGaumen; also liefert der physische Leib das Werkzeug fiir
die Genusse des Astralleibes. Wie ist das nun nach dem Tode, wo doch
dieser physische Leib abgeworfen ist? Das Instrument, der Vermittler
des Genusses fehlt, nicht aber hat der Astralleib die Sehnsucht, das Ver-
langen nach dem Genufi verloren. Stellen Sie sich einmal moglichst le-
bendig diesen Zustand vor. Es ist ein Zustand, wie ihn etwa der Dur-
stende in der Wiiste empfindet. Nach dem Tode wird eben der Astral-
leib die Begierde noch haben nach Genufi, und zwar in dem MaEe, wie
er es von dem verflossenen Leben her gewohnt gewesen ist. Darum also
ist fiir alle Menschen diese Zeit nach dem Tode eine Zeit des unbefrie-
digten Verlangens. Diesen Zustand nennt man Kamaloka; Kama bedeu-
tet Begierde, locus: Ort. Es ist der gleiche Zustand, den wir geschildert
finden in zahlreichen Mythen, zum Beispiel in den Qualen des Tan-
talus, oder im Fegefeuer. Naturlich ist dieser Zustand nicht nur ein
qualvoller; qualvoll ist er nur so lange, bis sich dieser Astralleib das
Verlangen nach Genufi abgewdhnt hat. Je mehr also der Astralleib hier
im physischen Leben Bedtirfnisse hatte, um so langer dauert dieser Zu-
stand. Daraus konnen Sie aber schon entnehmen, dafi je nach der
Qualitat der Bediirfnisse, die ein Mensch im verflossenen Leben gehabt
hat, nicht nur Qualvolles, sondern auch unter Umstanden etwas sehr
Gutes und Angenehmes dem Astralleib im Kamaloka begegnen kann.
So zum Beispiel erlebt er dann angenehm eine jede Freude, die er an
der schonen Natur gehabt hat. Um diese Freude an der schonen Natur
zu geniefien, miissen wir zwar Augen haben zum Sehen, aber Schonheit
ist etwas, was hinausgeht iiber das Physische, und deshalb ist auch im
Kamalokaleben dieser Zustand die Quelle erhohten Genusses. Solche
Dinge sind die Ursachen von den grofien Freuden und wundervollen
Erlebnissen auch wahrend der Kamalokazeit. Diese Zeit kann sich also
der Mensch schon verschonern, wenn er sich frei macht vom Kleben an
rein physischen Geniissen. Wenn Sie das bedenken, werden Sie manches
im Leben verstehen, zum Beispiel in bezug auf alles, was Kunst heifit.
Je idealer die Kunst ist, je mehr das Ideale durchleuchtet, um so starker
und um so erhebender wirkt das Kunstwerk iiber das Leben hinaus.
Ihr Element ist das Geistige. Nur die materialistische Kurzsichtigkeit
hat zum Naturalismus in der Kunst gefuhrt. - Nach dem Durchleben
dieser Kamalokazeit sind wir also an dem Punkte angekommen, wo der
Mensch sich alle seine materiellen Geniisse abgewohnt hat, und dieser
Zeitpunkt bedeutet das Durchmachen eines ganz neuen Zustandes. Da
legt die Seele nun auch alles das vom Astralleib ab, woran der Mensch,
das heifit das Ich, noch nicht gearbeitet hat; und diese nun abgelegte
Astralhulle ist somit der dritte Leichnam, den der Mensch dann zuriick-
lafit.
Und jetzt, nachdem das Ich mit dem, was es aus den andern Leibern
erobert hat, also mit der oben geschilderten Essenz des Atherleibes und
nun auch mit jener des Astralleibes eins geworden ist, geht es hinuber
in das Geisterland. Und das ist jene Zeit, welche die Seele von da an bis
zu einer neuen Geburt durchlebt.
Das wollen wir dann morgen besprechen. Heute mochte ich nur das
eine nochmals betonen: dafi alle diese geistigenWelten fortwahrend um
uns herum und nicht in einem Jenseits raumlich von uns getrennt sind,
so dafi sie fur das Auge des Sehers jederzeit sichtbar sind. Und der-
jenige, welcher in diese geistigenWelten hineinschauen kann, kann auch
jederzeit diese Schatten oder Schemen - denn das sind jeneLeichname -
sehen. Diese Leichname sind es gerade, die dann sehr haufig in die spiri-
tistischen Sitzungen sich hineindrangen. Wenn aber die Teilnehmer an
einer solchen spiritistischen Sitzung einen derartigen Astralleichnam
fur die betref f ende Individuality selbst halten, so ist das ebenso toricht,
als wenn man den physischen Leichnam fiir den Menschen selbst an-
sehen wiirde. Daher zeigt dieser Astralleichnam - denn es ist ja gerade
das, was das Ich nicht gebrauchen kann — bei solchen spiritistischen
Sitzungen sehr oft lacherliche Ziige.
VIERTER VORTRAG
Kassel, 19. Juni 1907
Da wir heute die Aufgabe haben, die Schicksale des Menschen weiter
zu verfolgen durch die geistige Welt, wird es gut sein, wenn wir uns
vorher eine Vorstellung davon bilden, was man iiberhaupt im geistes-
wissenschaftlichen Sinne eine Welt nennt.
Die Empfindung von der Welt urn uns herum hangt davon ab, wel-
che Fahigkeiten und Organe wir haben, sie wahrzunehmen. Hatten wir
andere Organe, dann ware auch die Welt ganz anders fur uns. Wenn
zum Beispiel der Mensch keine Augen hatte, um das Licht zu sehen,
sondern ein Organ, wodurch er, sagen wir, die Elektrizitat wahrnehmen
konnte, dann wiirden Sie diesen Raum nicht als hell, vom Lichte durch-
flutet wahrnehmen, wohl aber wiirden Sie in den Drahten, die durch
den Raum gehen, die Elektrizitat hinfliefien sehen; dann wiirden Sie es
iiberall zucken, blitzen und stromen sehen. So ist eben das, was wir
unsere Welt nennen, abhangig von unseren Sinnesorganen.
So ist auch die astrale Welt nichts anderes als eine Summe von Er-
scheinungen, die der Mensch um sich herum erlebt, wenn er von seinem
physischen und Atherleib getrennt ist, und wenn er diese Krafte in sei-
nem Inneren verwenden kann, um das zu schauen, was er sonst nicht
sehen kann. Das ist eben der Fall, wenn er den physischen Leib und den
Atherleib abgeworfen hat. Die Wahrnehmungsorgane fur die Astral-
welt sind die Organe des Astralleibes, analog den Sinnesorganen fur
den physischen Leib.Wir wollen nun einmal die astrale Welt betrachten.
Der geistig Schauende kann diese Astralwelt durch jene Methoden,
die wir spater besprechen werden, auch schon hier im physischen Leibe
wahrnehmen. Diese Astralwelt unterscheidet sich von unserer phy-
sischen ganz betrachtlich. Zunachst konnen Sie sich eine Vorstellung
bilden von dem, was um Sie herum ist in der Astralwelt, wenn Sie sich
den letzten Rest, den der Mensch noch von seinem f riiheren Hellsehen
in alten Zeiten hat, das ist das Traumleben, einmal vor die Seele rufen.
Sie kennen ja alle dieses Traumleben aus der Erfahrung, und Sie kennen
es als eine Welt chaotischer Bilder. Woher kommt es nun, dafi der Mensch
uberhaupt traumt? Wir wissen ja, dafi wahrend dieses Traumlebens im
Bette der physische Leib und der Atherleib liegt, wahrend der Astral-
leib dariiber schwebt. Beim vollen, tiefen, traumlosen Schlafe ist der
Astralleib ganz aus dem Atherleibe herausgehoben; beim Traumschlaf
stecken noch Fiihlfaden des Astralleibes im Atherleib drinnen, und
dadurch nimmt der Mensch dann die mehr oder weniger verworrenen
Bilder der Astralwelt wahr. Die astrale Welt ist so durchlassig wie die
Traumbilder, sie ist wie aus Traumen gewoben. Aber diese Traume
unterscheiden sich von den gewohnlichen Traumen dadurch, dafi diese
Bilder eine Wirklichkeit sind, genau so eine Wirklichkeit, wie die phy-
sische Welt. Die Art der Wahrnehmung ist sehr ahnlich der Traum-
wahrnehmung: sie ist namlich auch symboftsch. Sie wissen ja alle, dafi
die Traumwelt symbolisch ist. Alles, was von der Aufienwelt in den
Schlaf aufgenommen wird, das wird im Traum symbolisiert. Ich will
Ihnen einige typische Beispiele von Traumen sagen, und daran werden
Sie ohne weiteres sehen konnen, wie sich der Traum auf Grund eines
einfachen aufieren Eindruckes symbolisiert.
Sie sehen zum Beispiel im Traume, wie Sie einen Laubfrosch fangen.
Sie fiihlen ganz genau den glitschigen Laubfrosch: beim Aufwachen
fuhlen Sie, dafi Sie den kalten Bettlakenzipfel in der Hand halten. Oder
Sie traumen, Sie waren in einem dumpfen Kellerloch voller Spinn-
weben; Sie wachen auf, und haben Kopfschmerzen. Oder Sie sehen im
Traum Schlangen, und merken beim Aufwachen, dafi Sie Schmerzen
in den Darmen haben. Oder ein Akademiker traumt eine lange Ge-
schichte von einem Duell vom Anfang der Anrempelung bis zum Schlufi
des Austragens in der Pistolenforderung: der Schufi fallt - da wacht er
auf unci merkt, dafi der Stuhl umgefallen ist. Aus dem ganzen Ablauf
dieses letzten Traumbildes ersehen Sie auch, dafi die Zeitverhaltnisse
ganz andere sind. Nicht nur, dafi die Zeit sozusagen nach ruckwarts
konstruiert wird, sondern auch, dafi der ganze Zeitbegriff im Traum-
erlebnis seine Bedeutung verliert. Man traumt im Bruchteil einer Se-
kunde ein ganzes Leben, wie ja auch im Augenblick eines Absturzes
oder des Ertrinkens unser ganzes Leben vor unserem Seelenauge vor-
iiberzieht. Worauf es aber jetzt in all den angefiihrten Traumbildern
besonders ankommt, ist eben, dafi sie Bilder darstellen zu dem, was die
Veranlassung dazu ist. So ist es uberhaupt in der Astralwelt. Und wir
haben Veranlassung, diese Bilder zu deuten. Dasselbe astrale Erlebnis
erscheint auch immer als dasselbe Bild, darin ist durchaus Regelmafiig-
keit und Harmonie, wahrend die gewohnlichen Traumbilder chaotisch
sind. Man kann sich schliefilich in der Astralwelt genausogut wie in
der sinnlichen zurechtfinden.
Aus lauter solchen Bildern ist die Astralwelt gewoben, aber diese
Bilder sind der Ausdruck fur seelische Wesenheiten. Alle Menschen sind
nach dem Tode selbst in solche Bilder gehiillt, die zum Teil sehr farben-
und formenreich sind. So ist auch, wenn ein Mensch einschlaft, dessen
Astralleib in flutenden und wechselnden Formen und Farben zu sehen.
Alle astralen Wesenheiten erscheinen in Farben. Kann der Mensch
astral schauen, so nimmt er diese astralen Wesenheiten in einem fluten-
den Farbenmeer wahr.
Nun hat diese astrale Welt eine Eigentumlichkeit, die dem, der das
zum ersten Male hort, eigenartig erscheint: Es ist in der Astralwelt alles
wie im Spiegelbild vorhanden, und daher miissen Sie als Schiiler sich
erst nach und nach daran gewohnen, richtig zu sehen. Sie sehen zum
Beispiel die Zahl 365, die entspricht der Zahl 563. So ist es mit allem,
was man in der Astralwelt wahrnimmt. Alles, was zum Beispiel von
mir selbst ausgeht, das scheint auf mich zuzukommen. Das zu beriick-
sichtigen, ist aufierordentlich wichtig. Denn wenn zum Beispiel durch
Krankheitszustande solche astralen Bilder zustande kommen, mufi
man wissen, was man davon zu halten hat. Im Delirium treten sehr
haufig solche Bilder auf, und es konnen solche Menschen alle moglichen
Fratzen und Bildgestalten sehen, die auf sie zukommen, da in solch
krankhaften Zustanden die astrale Welt fur den Menschen geoffnet ist.
Diese Bilder sehen natiirlich so aus, als ob die Dinge auf den Menschen
zustiirzten, wahrend sie doch in Wirklichkeit von ihm ausstromen. Das
miissen die Arzte in Zukunft wissen, weil derartige Dinge durch die
verdrangte religiose Sehnsucht in der Zukunft immer haufiger sein
werden. Einem solchen Astralbilderlebnis liegt auch zum Beispiel das
Motiv zu dem bekannten Gemalde «Die Versuchung des heiligen An-
tonius» zugrunde. Wenn Sie das alles bis zum letzten Ende durch-
denken, so wird es Ihnen nicht mehr drollig erscheinen, dafi auch die
Zeit sich in der Astralwelt umkehrt. Einen Anklang daran geben Ihnen
ja schon die Erfahrungen des Traumes. Erinnern Sie sich an das eben
erwahnte Beispiel des getraumten Duells. Alles lauft hier riickwarts,
und so auch die Zeit. So kann man im astralen Erleben am Baum zuerst
die Frucht, dann die Blute und zuriick bis zum Keim verfolgen.
Und so verlauft auch nach dem Tode - das ist also die Zeit des
Abgewohnens - das ganze Leben durch die Astralwelt riickwarts, und
Sie durchleben Ihr Leben noch einmal von riickwarts nach vorn und
schliefien es ab mit den ersten Eindriicken Ihrer Kindheit. Dieses geht
aber wesentlich schneller als hier in der physischen Welt und dauert
etwa einDrittel des Erdenlebens. Man erlebt nun da auch noch manches
andere bei diesem Riickwartsdurchlaufen des Lebens. Nehmen wir an,
Sie sind mit achtzig Jahren gestorben und leben nun das Leben zuriick
bis zum vierzigstenLebensjahr. Da habenSie zum Beispiel einmal einem
eine Ohrfeige gegeben, wodurch seinerzeit dieser Mensch von Ihnen
einen Schmerz erfahren hat. Nun ist es so in der Astralwelt, dafi auch
diese Schmerzempfindung sozusagen wie im Spiegelbild auftritt; das
heifit: nun erleben Sie den Schmerz, den damals der andere durch Ihre
Ohrfeige erfahren hat. Und dasselbe ist natiirlich auch der Fall bei alien
freudigen Ereignissen. - Und dann erst, wenn der Mensch sein ganzes
Leben durchlebt hat, tritt er ein in die himmlische "Welt. Religiose Ur-
kunden sind immer wortlich zu nehmende Wahrheiten. Wenn Sie das
soeben Gesagte sich vor Augen halten, werden Sie ohne weiteres ein-
sehen, dafi der Mensch wirklich erst in die geistige Welt - und mit der
geistigenWelt ist das gemeint, was in der Bibel mit «Himmelreich» oder
«das Reich der Himmel» bezeichnet wird - eintreten kann, wenn er
eben vorher sein ganzes Leben riicklaufig durchlebt hat bis zur Kind-
heit. Und dieses liegt in Wahrheit dem Worte Christi zugrunde: «So ihr
nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Himmelreich
kommen.» Dann namlich, wenn der Mensch riicklaufig wieder an der
Stufe seiner Kindheit angekommen ist, streift er den Astralleib ab und
tritt in die geistige Welt ein.
Nun mufi ich Ihnen einmal diese geistige Welt erzahlungsweise schil-
dern. Dieses Reich der Himmel ist noch mehr verschieden von der phy-
sischen Welt als die Astralwelt. Da man aber selbstverstandlich alles
nur mit Ausdriicken schildern kann, die dieser physischen Welt ent-
nommen sind, so gilt es noch mehr als fiir die obige Beschreibung der
Astralwelt, dafi alle diese Schilderungen nur vergleichsweise gelten
diirfen.
Auch in diesem Reich der Himmel gibt es eine Dreiheit, wie hier
auf der Erde. Wie man hier die drei Aggregatzustande hat: fest, fliissig
und luftformig, und danach die Erde einteilt in das Kontinentale, die
Ozeane und das Luftgebiet, so kann man auch im Geisterlande, wenn
auch wie gesagt nur vergleichsweise, drei derartige Gebiete unterschei-
den; nur ist das Gebiet der Kontinente aus etwas anderem zusammen-
gesetzt als unsere Felsen und Steine. Was namlich dort der feste Boden
des Geisterlandes ist, das sind die Urbilder alles Physischen. Alles Phy-
sische hat ja seine Urbilder, auch der Mensch. Diese Urbilder nehmen
sich fiir den Hellseher aus wie eine Art Negativ, das heifit, man sieht
den Raum wie eine Art Schattenfigur, und rings um inn ist strahlendes
Licht. Dieser Schatten ist aber, entsprechend zum Beispiel dem Blut
und den Nerven, nicht gleichmafiig,wahrend ein Stein oder ein Mineral
im Urbild einen gleichmafiig leeren Raum erscheinen lafit, um den
herum auch eine Lichtstrahlung zu sehen ist. Wie Sie auf der Erde auf
festen Felsen gehen, so gehen Sie dort auf den Urbildern der physischen
Dinge herum. Daraus ist das Land dieser geistigen Welt zusammen-
gesetzt. Wenn der Mensch dieses Land zuerst betritt, dann hat er immer
einen ganz bestimmten Anblick: das ist der Moment, in dem er das
Urbild seines eigenen physischen Leibes erblickt. Da sieht er zuerst klar
daliegen seinen eigenen Leib. Denn er selbst ist ja Geist. Das geschieht
bei einem normal verlaufenen Erdenleben etwa dreifiig Jahre nach dem
Tode; und dabei hat man die Grundempfindung: Das bist du. - Aus
dieser Erkenntnis heraus hat die Vedantaphilosophie das «Tat tvam
asi - Das bist du», als einen grundlegenden Erkenntnissatz gepragt.
Alle derartigen Ausdriicke sind tief aus dem geistigen Erkennen heraus-
geholt.
Das zweite Gebiet des geistigen Landes ist das Ozeangebiet. Alles,
was hier in der physischen Welt Leben ist, alles also, was einen Ather-
leib besitzt, das ist in dem Geisterland wie ein fliefiendes Element.
Fliefiendes, f lutendes Leben durchstromt so das Geisterland. Es sammelt
sich auch wie in einem Meerbecken, wie das Wasser im Meer, oder
besser gesagt, wie das Blut, das durch die Adern fliefit und sich im
Herzen sammelt.
Und drittens haben wir das Luftgebiet des Geisterlandes, welches
gebildet wird durch alle Leidenschaften, Triebe, Gefuhle und so weiter.
Alles das haben Sie da oben als aufiere Wahrnehmung, wie die atmo-
spharischen Erscheinungen hier auf der Erde. Alles das durchbraust die
Atmosphare des Devachan. Als Seher konnen Sie so im Geisterlande
wahrnehmen, was hier auf der Erde gelitten wird, und was fiir Freude
hier herrscht. Jede Leidenschaft, jeder Hafi und dergleichen wirkt sich
im Geisterlande aus wie ein Sturm. Eine Schlacht zum Beispiel wirkt
sich so aus,dafi der Seher das Erlebnis eines Gewitters in derDevachan-
welt hat. So ist das ganze geistige Gebiet durchzogen sowohl mit dahin-
ziehenden wunderbaren Freuden wie auch furchtbaren Leidenschaften.
Und so kann man auch von geistigen Ohren sprechen. Wenn Sie so weit
vorgeschritten sind, dafi Sie sich den Einblick in diese Devachanwelt
errungen haben, dann konnen diese hinwogenden Erscheinungen von
Ihnen gesehen und gehort werden, und das also Gehorte ist die Spharen-
harmonie.
So haben wir das Gebiet des Geistigen bis zu dieser Stufe charak-
terisiert. Aber es gibt noch ein viertes Gebiet im Devachan. Wir haben
bisher gesehen:
die Urbilder aller physischen Form = Kontinent )
alles Seelenleben, Gefuhle und so weiter = Luftgebiet ]
Es gibt nun etwas im Menschenleben, was nicht in der Aufienwelt
angelegt werden kann, und der geistige Inhalt dessen bildet das vierte
Gebiet des Devachan. Dahin gehort jeder originelle Einfall, bis zum
Schopferischen des Genies. Alles, was originell ist, das heifk, alles, was
der Mensch in diese Welt hinein schafft, wodurch die Welt bereichert
wird, alle diese Urbilder bilden das vierte Gebiet des Devachan. Damit
haben wir das abgeschlossen, was die Beschreibung der unteren Partien
des Devachan ist.
Dariiber hinaus kommen noch drei hohere Gebiete, die aber der
alles Leben
Mensch hier wahrend des Lebens nur durch hohere Einweihung - also
nur der Eingeweihte - erreichen kann, und die nach demTode auch nur
hdher entwickelten Individualitaten wahrnehmbar sind. Wenn nun
aber ein solch vorgeschrittener Eingeweihter in dieses nachstfolgende
hohere Gebiet des Devachan einzutreten vermag, was erlebt er denn
da? Zunachst etwas,was man in der Geheimwissenschaft bezeichnet als
die Akasha-Chronik. Alles, was in der Welt geschieht und je geschehen
ist, wird als Eindruck in einer feinen StoffHchkeit, die unverganglich
ist, erhalten. Ich mochte Ihnen das an einem Beispiel etwas verstand-
lich machen: Ich spreche jetzt zu Ihnen; Sie wiirden mich aber nicht
horen, wenn meine Stimme nicht die Luft in Schwingungen versetzen
konnte. So ist also alles, was von mir gesprochen wird, in feinen Be-
wegungsformen ausgedruckt hier in der Luft. Diese Bewegungsformen
vergehen natiirlich; aber in jene feine, geistige StoffHchkeit, die wir
erleben, wenn wir in jene hohere Welt kommen, da wird alles einge-
driickt, was hier sich ereignet, und das bleibt ewig. Jedes Wort, jeder
Gedanke, alles, was in der Menschheit je geschehen ist, kann in dieser
Akasha-Chronik gelesen werden. Dazu gehort entweder Einweihung
oder jener Moment, wo der Mensch nach dem Tode in dieses Gebiet des
Devachan kommt, das heifit, wenn er sich so weit entwickelt hat, dafi
er nach dem Tode dieses immerhin hohe Gebiet des Devachan wahr-
zunehmen vermag. Dann kann er in die Vergangenheit hineinsehen.
Diese Akasha-Chronik ist eine Schrift, in der alles aufbewahrt wird,
was jemals geschehen ist. Es ist eigentlich keine Schrift im physischen
Sinne, sondern es sind Bilder. Sie sehen zum Beispiel Casar in alien
Situationen seines Lebens; nicht das, was er eigentlich getan hat, son-
dern die inneren Impulse, die ihn zu seinen Taten veranlafSt haben.
Diese Akasha-Bilder haben einen hohen Grad von Leben, und wenn
man sie nicht in der richtigen Weise zu deuten versteht, konnen sie die
Veranlassung zu grofien Tauschungen sein. So sind sie zum Beispiel ein
Quell von vielen spiritistischen Verirrungen - wenn namlich in den
Sitzungen ein Akasha-Bild erscheint. Wenn Sie zum Beispiel Goethe
zitieren und es erscheint das Akasha-Bild vom 25. November 1797 und
gibt Ihnen Auskunft iiber eine Frage: es beantwortet diese in der Weise,
wie Goethe die Antwort damals gegeben hatte, wenn ihm am 25. No-
vember 1797 die Frage gestellt worden ware. - Nur der genaue Kenner
der geistigen Welt kann erkennen, ob es sich in einem solchen Falle um
Wirklichkeit oder Schemen handelt. Aus solchen Schiiderungen konnen
Sie entnehmen, wie diese hoheren Gebiete der geistigen Welten aus-
schauen.
Das erste Erlebnis ist also die Wahrnehmung des eigenen Leibes;
von diesem Erlebnis nehmen alle andern ihrenUrsprung. Stark empfin-
det da der Mensch das Gefiihl der Befreiung von den leiblichen Hiillen,
denn es ist ja der begliickende Augenblick, wo er auch den letzten der
Leichname, den Astralleichnam, abgelegt hat. Wie eine in einen Fels-
spalt eingeklemmte Pflanze es als Seligkeit empfande, wenn sie befreit
wtirde, so wird dieses Gefiihl der Seligkeit zu einer Grundempfindung
des Menschen. Diese Seligkeit durchdringt und verklart dann auch die
friiher mehr irdisch durchlebten Gefuhle, zum Beispiel solche der
Freundschaft, die hier vielleicht gewissen Wandlungen unterworfen
waren und die driiben vertieft und gelautert werden. Eine solche Lau-
terung erfahrt auch die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, und um-
gekehrt: das urspriinglich animalische Gefiihl des Verbundenseins, das
schon hier zu einem moralischen wurde, entfaltet sich im Devachan zu
einer noch hoheren sittlichen Macht. Alle hier auf Erden geknupften
Bande erfahren eine Vertiefung im Geistgebiet, sich gegenseitig durch-
dringend. Durch Liebe arbeitet sich der Mensch schon hier empor aus
der Enge der Selbstsucht ins Umfassende des Welterlebens. Dort aber
ist nichts voneinander abgeschlossen, getrennt, einer arbeitet fur den
andern, denn Arbeit ist auch dort das die Seelen tragende und for-
dernde, verbindende Element, die Liebe aber der unerschopfliche Quell
alles Lebens.
FONFTER VORTRAG
Kassel, 20Junil907
Es wird uns heute obliegen, den Menschen wahrend seines Auf enthaltes
im Devachan zwischen Tod und Wiederverkorperung etwas zu charak-
terisieren. Da miissen wir uns zunachst einmal einen Begriff davon
machen, was eigentlich der Mensch erreicht durch das, was er zunachst
fiir sich selbst tut in der Zeit, in welcher er durch diese geistige Welt
hindurchgeht. Wir bekommen am leichtesten eine Vorstellung davon,
wenn wir einmal das Verhaltnis zweier Dinge uns vergegenwartigen:
namlich das Verhaltnis von dem,was wir erleben, zu dem,was aus dem
Erlebten wird, und zwar zunachst erst einmal in der Zeit zwischen
Geburt und Tod. Bedenken Sie einmal, was Sie alles durchzumachen
haben, wenn Sie zum Beispiel schreiben lernen. Sie wiirden Schwierig-
keiten haben, das im Auge zu behalten, was Sie alles in sich aufnehmen
mufiten an Fertigkeiten, bis Sie damals diese edle Kunst des Schreibens
erlernt hatten. Denken Sie an alle Ermahnungen und vielleicht auch an
den Zorn der Lehrer. Das alles ist an Ihrer Seele voriibergegangen, und
was ist Ihnen von alledem geblieben? Die Fahigkeit des Schreibens.
Alles andere hat sich verwischt, und geblieben ist diese Kunst des
Schreibens. - So geht es iiberhaupt im Leben, und nicht nur in dem
Leben zwischen Geburt und Tod, sondern im ganzen universellen Leben
durch die physische und iibersinnliche Welt.
Wir konnen uns eine Vorstellung davon machen, wie das eben Ge-
sagte auch in den iibersinnlichen Welten wirkt. Nehmen wir zum Bei-
spiel Mozart: Er ist noch ein ganz junger Knabe, da hort er in der
Peterskirche in Rom ein langes Musikstiick, das vorher nach einer alten
Tradition nie aufgeschrieben werden durfte, und er hat es hinterher
ganz aus dem Gedachtnis niedergeschrieben. Was fiir ein Gedachtnis
gehorte dazu! Und das konnte er als junger Knabe machen! Was sagt
der Materialist dazu? Er wird sich sehr dagegen strauben, wenn man
von ihm verlangt, zu glauben, dafi ein Ochse aus einem Stuck Erdreich
hervorwachst, wenn man ihn glauben machen wollte, daft ohne natur-
gemafie Entwickelungsweise sich ein solches Ding wie ein Ochse ent-
wickeln konne. Er sagt: Wunder gibt es nicht - und damit hat er voll-
kommen recht. Aber er wird furchtbar aberglaubisch und wunder-
glaubig geistigen Dingen gegeniiber! Solch eine Tatsache, wie die eben
aus dem Leben Mozarts geschilderte, nimmt der Materialist einfach hin
und setzt sie ohne tiefere Oberlegung auf das Konto der Vererbung.
Und trotzdem ware es in diesem Falle genauso ein Wunder wie das
Entstehen eines Ochsen aus einem Stuck Erde, wenn sich ihr wahrer
Zusammenhang nicht durch die Geisteswissenschaft erklaren liefie. Es
ist namlich moglich, indem ein Mensch seinen Geist immer wieder an
eine Sache wendet, dafi er sich nach und nach ein vorzugliches Gedacht-
nis anerzieht. Genauso wie nach und nach Vollkommenes aus Unvoll-
kommenem sich entwickelt hat, so entwickelt sich auch ein Gedachtnis,
aber es ware ein Wunder, wenn sich ein solches Gedachtnis wie bei
Mozart aus dem Nichts heraus entwickelt haben sollte! - Die Geistes-
wissenschaft antwortet darauf, dafi auch hier nach und nach sich das
Gedachtnis naturgemafi entwickelt hat. Es gibt kein Entschliipfen fur
den Materialisten, wenn er so etwas erklaren will: entweder mufi er
wunderglaubig sein, oder er mufi zugeben, dafi die Fahigkeiten, die
so auftreten, beweisen, daft dieselben in einem friiheren Leben schon
da waren und den ganz naturgemafien Werdegang genommen haben.
Wiederverkorperung ist also nichts anderes als eine logische Folgerung
aus solchenGedankengangen.Und diejenigen, die nach materialistischer
Anschauungsweise annehmen, dafi ein so vollkommenes Gedachtnis wie
das des jungen Mozart aus dem Nichts entstehen kann, die sollen auch
die Konsequenz aus ihrer Anschauungsweise Ziehen und annehmen, dafi
zum Beispiel Frosche sich ohne weiteres aus dem Schlamm entwickeln,
wie es ja die Naturwissenschaft bekanntHch vor Francesco Redi an-
genommen hat.
Wer also in der Geisteswissenschaft auf Logik sieht, der sagt: Wie
eine Eiche aus dem Samen entsteht und sich nach und nach entwickelt,
so entwickeln sich auch unsere seelischen Fahigkeiten nach und nach,
und wenn der Mensch in das eine Leben schon mit solch hochentwickel-
ten Fahigkeiten, wie zum Beispiel Mozart, eintritt, gibt uns das den
unumstofilich logischen Beweis dafiir, dafi sich der Mensch diese Fahig-
keiten in friiheren Erdenleben nach und nach erworben hat. Das gibt
uns eine Handhabe, das Schicksal des Menschen in der geistigen Welt
zu begreifen.
Es handelt sich also darum, dafi die Erlebnisse des einen Lebens sich
in Fahigkeiten fiir das nachste Leben verwandeln. Alles, was in diesem
Leben Anlagen sind, das brachten wir mit als Friichte von Erlebnissen
frtiherer Erdenleben. Deshalb mufi man den Gang durch das Devachan
betrachten, um ganz zu verstehen, wie aus den Erlebnissen eines Lebens
Fahigkeiten fiir das nachste Leben uns erwachsen.
Wenn wir also durch das Leben hier auf Erden gehen, erleben wir
tagtaglich sehr viel, und alle diese Erlebnisse treten in dem friiher ge-
schilderten Tableau, direkt nach dem Tode, vor das Seelenauge; die
Fahigkeiten aber, die wir uns aus alien diesen Erlebnissen errungen
haben, die verbleiben uns als Essenz, und diese Essenz, die ihm fiir alle
Folgezeiten verbleibt, nimmt der Mensch dann mit in die geistige Welt.
Wenn der Mensch nun das Devachan betritt, nimmt er also die Ge-
biete wahr, wie wir sie gestern geschildert haben: das Kontinentale, das
besteht aus den Urbildern aller irdischen Formen; das Meeresgebiet,
das besteht aus allem Leben; das Luftgebiet, das besteht aus allem See-
lischen, Lust, Leid, Freude, Schmerz und so weiter. Von dem Kontinen-
talen nimmt der Mensch zuerst wahr das Urbild seines eigenen physi-
schen Leibes, und vom Luftgebiet nimmt er natiirlich zunachst auch das
wahr, was in seiner eigenen Seele im verflossenen Leben an Freude,
Leid, Lust, Schmerz und Leidenschaften sich abgespielt hat. Das heifit
also, er nimmt wiederum wahr alle Erlebnisse des vorigen Lebens, aber
nun ganz anders als beim friiher geschilderten Durchgang durch die
Kamalokazeit. Da war es fiir den Menschen ein inneres Erleben zum
Zweck des Abgewohnens. Jetzt aber sind alle diese Erlebnisse als Au-
fienwelt lange, lange Zeit vor seiner Seele ausgebreitet. Da erlebt er die
Eigentiimlichkeit seines Leibeslebens in dem Flufigebiet des Devachan,
und alle seelischen Erlebnisse erlebt er wie im Luftgebiet der himm-
lischen Welt.
Es ist wichtig und von grofiem Interesse, sich klarzumachen, wie
man alles das, was man im Laufe eines Lebens erlebt hat - Empfin-
dungen iiber die Welt, Lust, Schmerz und so weiter -, in der geistigen
Welt um sich hat als Aufienwelt. Es ist nicht traurig, dafi sich die
Schmerzen dort um uns ausbreiten. Das ist gar nicht traurig, denn alle
Leiden sind dort um uns vorhanden wie Gewitter hier in der physischen
Welt, und alle freudigen Erfahrungen sind dort wie wunderbare Wol-
kenerscheinungen. Und gerade, was wir selbst im Inneren erlebt haben,
das ist dort nicht, wie hier, innerlich in uns, sondern in dieser aufieren
Form in unserer Umwelt, so wie ein Naturbild sich ausbreitet. Es ist so
um uns herum, als ob es in Bildern, Tonen oder atmospharischen Er-
scheinungen um uns ware; es ist objektiviert als himmlisches Gebilde.
Dafl zum Beispiel die Schmerzen uns entgegenstrahlen, sagte ich, ist
nicht traurig, so wenig es hier im Leben traurig ist, wenn Blitz und
Donner uns umgeben; denn der, welcher den Zusammenhang einsieht,
der weifi, was wir gerade den Schmerzen verdanken. Gerade wer Leid
und Schmerz erfahren hat, wird immer sagen, dafi zwar Freuden und
Lust dankbar hingenommen werden, dafi man aber die Schmerzen und
Leiden nie missen mochte. Alle unsere Weisheit verdanken wir den
Leiden und Schmerzen der verflossenen Erdenleben. Ein Antlitz, das
in diesem Leben mit dem Ausdruck der Weisheit erscheint, ist deshalb
so, weil es den Weltenzusammenhang als Schmerz in friiheren Leben
empfunden hat.
Ich sagte ja schon, alles, was wir hier erleben wahrend des Erden-
lebens, das ist im Devachan in Bildern und so weiter um uns ausge-
breitet. Was hat das fur eine Bedeutung? Das ist leichter zu verstehen,
wenn Sie sich klarmachen, wie die Umgebung hier auf den Menschen
wirkt. Sie kennen ja alle den Ausspruch von Goethe: «Das Auge ist an
dem Lichte fur das Licht gebildet.» Was heij&t das? Unser Auge mufi
zwar da sein, um das Licht zu erblicken. Dunkel und finster ware die
Welt, wenn nicht das Auge in uns ware. Aber woher kommt das Organ?
Das Licht selbst hat es ausgebildet, genau wie das Fehlen des Lichtes
das Auge wieder degenerieren lafit. Diese Beobachtung hat man zum
Beispiel an den in die Hohlen von Kentucky eingewanderten Tieren
direkt machen konnen. Das Licht ist die Ursache des Sehvermogens.
Friiher war der Mensch nicht mit Augen begabt, weil er noch unter
ganz andern Verhaltnissen lebte; die Sonne war ja in den friiheren
Zeiten der Erdenentwickelung noch gar nicht fur ein aufieres sinnliches
Auge sichtbar. Denken wir an das, was uns in der Sage iiber Niflheim
berichtet wird. Je mehr der Mensch am Sonnenlicht lebte, um so mehr
bildete dies Sonnenlicht nach und nach das Auge aus. Und ebenso haben
sich auch alle andern Sinnesorgane entwickelt; so haben die Tone das
Ohr gebildet, die Warme den Warmesinn. Gabe es keine harten Gegen-
stande, so gabe es auch keinen Tastsinn. Die Aufienwelt ist der Bildner
und Gestalter unseres ganzen Leibes. Das ist sehr wichtig fur das prak-
tische Leben, wie ja Theosophie immer fur das praktische Leben ist.
Das ist auch ungeheuer wichtig fur die Erziehung, denn ganz richtig
kann nur erzogen werden, wenn der Erzieher tief in die Natur des
Menschen hineinzuschauen vermag. Bis zum Zahnwechsel entwickelt
sich der physische Leib, bis zum vierzehnten, fiinfzehnten Jahr etwa
der Atherleib, bis zum einundzwanzigsten Jahr der Astralleib. Alles
das mufi man wissen, wenn man praktisch und nicht phantastisch in die
Erziehung eingreifen will. Wenn also bis zum siebenten Jahre ganz
besonders die Veranlagung des physischen Leibes in Betracht kommt,
dann miissen bei der Erziehung diese physischen Eindriicke, das heifit
also alles, was das Kind mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, tief und
griindlich beriicksichtigt werden. Was bis zum siebenten Jahre in die-
sem Kindesleib an Formen und Veranlagung der physischen Organe
versaumt wird, das ist fur alle Zeiten des Lebens verloren.
Die Einsicht in diesen letzten Satz gibt gerade der Medizin unge-
heuer viel Richtlinien fur eine sachgemafie Behandlungsweise, unter
anderem zum Beispiel der Rachitis. Wie kommt es, dafi diese Erkran-
kung gerade in dieser Lebensperiode auftritt? Eben weil da das Kind
seinen Korper formt, und deshalb aufiern sich diese Symptome gerade
in der Form: krummer Knochenbau, schlechte Zahne, falsche Schadel-
form und so weiter. Deshalb ist aber auch das Kind gerade in der Zeit
bis zum Zahnwechsel noch fahig, diese falschen Formen auf die Norm
zuruckzufiihren. Wir sehen, dafi bei sachgemafier Behandlung selbst die
krummsten Berne vollkommen gerade werden konnen, und dafi selbst
bei schlechtesten Milchzahnen ein vollkommen gesundes zweites Gebifi
sich entwickeln kann, wahrend krumme Beine, die bis zum siebenten
Jahre nicht korrigiert sind, fur das ganze Leben bleiben.
Auch das Gehirn ist bis zum siebenten Lebensjahr in der Ausbildung
seiner plastischen Formen begrif fen, und was bis dahin an diesen feinen
Ausbildungen, Ausgestaltungen der Form nicht ausgebildet ist, das ist
fur immer verloren. Und da ja das physische Gehirn das Instrument
ist, durch welches sich der Geist aufiert, ist es von ungeheurer Wichtig-
keit, dafi dieses Instrument so f ein als moglich ausgearbeitet, respektive
in den ersten sieben Jahren veranlagt wird. Denn mit einem mangelhaf t
ausgebildeten Gehirn kann selbst der grofite Geist nichts anfangen,
sowenig wie der grofite Pianist auf einem verstimmten Klavier gut
spielen kann. Gerade auch in bezug auf die Ausbildung des Gehirns
werden von der Geisteswissenschaft sowohl der Erziehung als auch der
Medizin sehr wichtige Richtlinien gegeben. Gerade hier stofit man sehr
haufig in der modernen Medizin auf eine vollkommene Verkennung
der Tatsachen. Geradeso wie sich die Rachitis in einer Mifibildung und
Mifigestaltung der Knochen auftert, so aufiert sie sich sehr haufig auch
zugleich in einer Mifibildung im Driisensystem und in den Schleim-
hauten; das heifit,die von Rachitis befallenen Kinder zeigen sehr haufig
die Erscheinungen von Driisenschwellungen, adenoide Wucherungen
und so weiter. Und als dritte Krankheitserscheinung bemerkt man bei
diesen Kindern sehr haufig, dafi sie auch geistig zuriickbleiben, daft sie
in der Schule zuriickbleiben, unaufmerksam, ja direkt etwas blode wer-
den. Das ist aber in Wirklichkeit dieselbe mangelhafte Ausbildung des
physischen Gehirns, namentlich der sogenannten Rindensubstanz, die ja
gerade in diesen Jahren in ihrer feinsten Organisation ausgebildet wer-
den mufi und die wie die andern Erscheinungen auf einem Entwicke-
lungsmangel beruht. Nun ist in einem solchen Falle der heutige mo-
derne Mediziner infolge seiner ganzen modern-naturwissenschaftlichen
Erziehung und Einstellung nur zu geneigt, es genauso zu machen wie die
heutige Naturwissenschaft, und mit volliger AuGerachtlassung der tie-
feren geistigen Ursachen einf ach die zutage tretenden aufieren Erschei-
nungen als Ursache und Wirkung direkt aneinanderzureihen, wie die
Perlen an einer Kette.^was ist die Folge? Die Tatsachen sind: rachitische
Knochen, adenoide Wucherungen, Nachlassen der Aufmerksamkeit
und der Aufnahmefahigkeit, Sofort ist die Schlufifolgerung: Kinder,
die adenoide Wucherungen haben, werden durch diese geistig schwach -
also miissen diese Wucherungen entfernt werden. Die Wucherungen
werden also operativ entfernt. Wenn nun diese Schlufifolgerung richtig
ware, miifite ein jedes Kind, das so behandelt ware, mit einem Nach-
lassen und Verschwinden der Hemmungen von seiten des Gehirns ant-
worten. Was ist aber nach einer solchen Behandlungsweise in den aller-
meisten Fallen zu beobachten? Daft der Eingriff nur einen ganz vor-
ubergehenden Scheinerfolg hat, und daft in ganz kurzer Zeit dieWuche-
rungen wieder nachgewachsen sind.Wird aber dieKrankheit sachgemafi
an der Wurzel angefafit - und das ist sehr wohl moglich, nur wiirde es
uns hier zu weit vom Thema abfuhren -, dann schwinden sowohl die
krummen Knochen, als auch die Wucherungen der Schleimhaute und
Driisen, als auch die Tragheit des Gehirns.
Nach dieser Abschweifung kehren wir wieder zum Thema zuriick.
Also an der Aufienwelt entziinden und gestalten sich die richtigen phy-
sischen Formen. Das Kind ist in Wirklichkeit bis zum siebenten Jahre
eigentlich nur Sinnesorgan. Alles, was es mit seinen Sinnen aufnimmt,
verarbeitet es, und so auch vor alien Dingen alles, was es in seiner aller-
nachsten Umgebung sieht und hort. Das Kind ist daher bis zum Zahn-
wechsel ein nachahmendes Wesen, und das geht bis in seine physische
Organisation hmein. Das ist ja etwas ganzNaturliches. Das Kind nimmt
durch die Sinnesorgane seine ganze Umgebung in sich auf . Es ubt sich
auch in dem Gebrauch seiner Glieder. Es sieht, wie der Vater, die Mut-
ter und so weiter dieses oder jenes machen und macht dies ohne weiteres
nach. Das geht bis in jede Bewegung der Hande und Beine hinein. Sind
Mutter oder Vater zum Beispiel zappelig, so wird wohl in unzahligen
Fallen auch das Kind zappelig; ist die Mutter ruhig, wird ganz selbst-
verstandlich auch das Kind ruhig. Da mufi man also versuchen, durch
die richtige Umgebung die richtige Gegenwirkung hervorzurufen.
Damit das Kind nun zur Ausbildung seines physischen Gehirns ge-
rade die richtigen Richtlinien bekommt, ist es unbedingt notig, dafi,
neben den sinnlichen Eindrucken, der Phantasie Anregungen gegeben
werden. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, dem kleinen Kinde mog-
lichst einfache Spielsachen in die Hand zu geben. So wird ein natiir-
liches Kind immer wieder, wenn es auch eine noch so «schone» Puppe
hat, zu der alten Puppe greifen, die aus einem Lappen besteht. Nur die
verbildeten Kinder unseres Zeitalters werden mit «schonen» Puppen
aufgezogen. Worauf beruht das? Das Kind mufi seine Phantasie an-
strengen, um das Gebiide in seiner Phantasie so umzugestalten, dafi es
ahnlich einer menschlichen Figur wird, und das ist gerade eine gesunde
Obung fiir das Gehirn. Genau wie der Arm durch Turnen gestarkt
wird, so wird das Gehirn durch diese Obung ausgebildet.
Wichtig sind auch die Farben in der Umgebung, die beim kleinen
Kind ganz anders wirken als beim Erwachsenen. Man glaubt heute
vielfach, griin wirke auf ein Kind beruhigend. Das ist durchaus falsch.
Einem zappeligen Kind soli man eine rote Umgebung geben, und einem
ruhigen Kinde eine griine oder blaugriine. Die Wirkung des Rot auf das
Kind ist so: Wenn Sie auf ein helles Rot sehen und dann schnell weg
auf ein weifies Papier, dann sehen Sie die komplementare Farbe: griin.
Das ist die Tendenz, die Gegenfarbe hervorzubringen. Das versucht
auch das Kind, es versucht innerlich die Tatigkeit zu entfalten, die die
Gegenfarbe hervorruft. - Das war ein Beispiel dafiir, wie die Um-
gebung wirkt. Und so wirkt die ganze Umgebung - neben vielen, vielen
andern Dingen, die wir spater und an anderer Stelle erortern werden -
in aufierordentlich hohem Mafie mit an der Bildung des kindlichen
physischen Korpers von der Geburt bis zum Zahnwechsel, an der Bil-
dung des Atherleibes vom siebenten bis vierzehnten Jahre, des Astral-
leibes vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre und so weiter. Ja,
wahrend des ganzen Lebens macht sich der Einflufi der Umwelt auf
den einzelnen Menschen geltend. Das Sprichwort: Sage mir, womk du
umgehst, und ich sage dir, wer du bist - beruht ja auf dieser Einsicht,
denn «womit ich umgehe», heifit doch «was in meiner Umgebung vor
sich geht». Diese Umgebung hat also einen starken Einflufi auf mich.
Das gilt ja ganz besonders fiir die Zeit der Ausbildung des Astralleibes
vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre, und es ist eine fast all-
tagliche Erf ahrung, dafi ein jungerMensch in diesen Jahren leicht durch
seine Umgebung astral verdorben wird.
Und wie hier im physischen Leben, genauso ist es auch im Leben im
Devachan. Wie zum Beispiel der Mensch hier fortwahrend unter den
Einfliissen der Elemente steht, so natiirlich auch im Devachan. Und
das bringt uns nun zuriick zu dem Beispiel am Ausgangspunkte dieser
Betrachtung iiber Mozart. Wie namlich hier auf Erden der Mensch
dauernd unter den Einfliissen der aufieren Atmosphare steht, so auch
im Devachan, und dort ist die Atmosphare ja gebildet aus allem Seelen-
leben, dem unseren und dem unserer Mitmenschen. All dies Seelenleben
wirkt dauernd auf den Menschen ein und dadurch bilden sich gerade
dort dieTalente aus, dafi sie die ihnen seelenverwandten astralen Krafte
ihrer Umgebung an sich ziehen und auf sich wirken lassen. So wurde
Mozart deshalb mit dem ungeheuren Musikgedachtnis geboren, weil er
einmal in seinem friiheren Leben dahinzielende Erlebnisse gesammelt
hatte und dann diese im Devachan lange hatte auf sich wirken lassen.
Wir durchleben die Hoherbildung gerade unseres innersten Wesens
durch unsere Umgebung im Devachan, also indirekt durch alle Erleb-
nisse unseres friiheren Lebens. So sind alle Fahigkeiten die Frtichte
friiherer Leben, und sie sind im Devachan weiter ausgebildet worden.
Und das ist gerade das Gefiihl, welches den Menschen beseligt im
Devachan. Das, was wir jetzt imstande sind zu tun, das haben wir aus-
gebriitet im Devachan. Und dementsprechend ist das Gefiihl in dieser
ganzen Zwischenzeit des Devachanlebens. Das Gefiihl, das an jeder
Hervorbringung haftet, ist Seligkeit.
Hier empfinden wir oft Schmerzen, aber im Devachan sind selbst
Schmerzen Seligkeit, weil wir uns dort bewufk werden, dafi wir durch
Schmerzen uns Weisheit aneignen. Selbst ein materialistischer Gelehrter
hat das herausgefunden. In einer Abhandlung: «Mimik des Denkens»
sagt er: «Jedes weiseGesicht zeigt den Ausdruck kristallisierten Schmer-
zes.» Aus den Schmerzen des vorigen Lebens produziert der Mensch in
der Tat durch seine Erfahrungen im Devachan Talente und Weisheit
fur das nachste Erdenleben. Und das Gefiihl des Hervorbringens ist
das Gefiihl unendlicher Seligkeit.
Einen blassen Abdruck davon sehen Sie schon hier bei der Henne,
wenn sie briitet. Dies ins Geistige umgesetzt und unendlich gesteigert,
dann haben Sie das Gefiihl der fortdauernden, unendlichen Seligkeit
zwischen Kamalokazeit und Wiedergeburt, weil da der Mensch alle
seine Anlagen und Fahigkeiten fur das nachste Leben ausarbeitet. Alles
wird da zu einem Quell beseligenden Daseins.
So haben wir gesehen, dafi der eine Quell der Seligkeit im Devachan
der ist, dafi alle Bande, die hier im Leben geschlossen werden, dort im
Devachan wieder erlebt werden, und dafi sogar alle diese Verhaltnisse
in ihrem geistigen Teil mit ungeheurer Steigerung erlebt werden. Und
der andere Quell der Seligkeit ist das eben geschilderte Produzieren,
dies Schaffen fur das nachste Leben.
Wenn nun der Geistesforscher seinen Blick auf diese eigentliche
Tatigkeit des Menschen im Devachan richtet, ergibt sich ihm die Ein-
sicht, dafi diese Tatigkeit des Produzierens nicht nur fur den einzelnen
Menschen selbst, fiir seine eigene kiinftige Organisation, von Bedeutung
ist, sondern dafi der Mensch Wichtiges mitzuschaffen und mitzuarbei-
ten hat an dem Fortgang der ganzen weiteren Erdenentwickelung. Es
ist ein Irrtum, wenn wir glauben, dafi wir es dort im Devachan nur mit
uns zu tun haben. Als seliger Geist im Reiche der Geister, wie haben
wir da zu schaffen?
Die Tatigkeit der Toten wirkt mit an der Entwickelung dieser Erde.
Man konnte leicht fragen: Wozu immer wieder geboren werden, wenn
wir die Erfahrungen eines Erdenlebens einmal durchgemacht haben?
Ist das nicht nutzlos?
So ist es aber nicht. Nie wird der Mensch nutzlos wiedergeboren.
Die einzelnen Erdenleben liegen so weit auseinander, dafi wir immer
wieder Neues erfahren und durchzumachen haben. Es verfliefien ja
Jahrhunderte zwischen zwei Verkorperungen, und wenn wir wieder-
kommen, hat sich die Erde griindlich geandert. Nehmen wir an, wir
waren im zweiten Jahrhundert nach Christo auf der Erde gewesen und
jetzt wiederverkorpert. Wie sah damals die Erde aus? Selbst Schilde-
rungen einer Gegend von viel spater, von der Elbe, der Weser zum
Beispiel, waren noch ganz anders; hier in dieser Gegend, in Hessen-
Nassau, gab es noch Urwalder.
Wenn der Mensch wiedergeboren wird, dann ist es so, daiS er etwas
ganz anderes erlebt als im vorigen Leben. In den verschiedenen Erden-
leben machen wir die Entwickelung der Erde selbst mit, eben dadurch,
dafiwir immer und immer wiederverkorpert werden. Und dazu kommt
dann noch die Veranderung, die durch die jeweilige Kultur bewirkt
wird. Was konnte ein romischer Knabe, und wie ganz anders ist die
Bildung der Knaben heute! Alle diese Erlebnisse sind ja, wie wir ge-
sehen haben, so ungeheuer wichtig. Einen tiefen Sinn hat es also durch-
aus, dafi der Mensch immer wieder zuruckkommen mu£.
Nun fragen wir uns: Wer verandert denn das Antlitz der Erde? -
Tatsachlich sind es dieToten selbst, die im Geisterlande leben, die durch
die Kraft, die sie dort haben, selbst an dieser Umgestaltung der Erde
arbeiten. So wie die Menschen hier an der aufieren Erde arbeiten, so die
Toten an dem geistigen Urbild dieser physischen Erde. Sie sind es, die
ihre Krafte hereinsenden in diese physische Welt und die an der Urn-
bildung mitwirken. Allerdings gibt es da Anfuhrer und hohere Wesen-
heiten, welche die Fiihrung iibernelimen. Und in diesem Reiche, das da
mitten unter uns ist, arbeiten die Toten an der Umgestaltung des Ant-
litzes unserer Erde.
Warum bin ich nun gerade heute und hierher geboren worden? SJCeil
ich mir selbst sozusagen hier das Bett zubereitet habe, in das ich geboren
bin. Die Krafte, die umgestaltend wirken sowohl auf dieMeere als auch
auf die Oberflache der Erde, das sind die unserer Toten. Wir wissen, dafi
der heutige Atlantische Ozean friiher eine weite Landerstrecke war,
und auch zu dieser Umgestaltung haben die Toten beigetragen; und
diese Krafte wirken auf natiirliche Weise und keineswegs wunderbar.
Die Einsicht in diese Dinge bringt uns mit absoluter Logik nahe, wie
wichtig und notwendig unsere Arbeit in dem Geisterlande ist. Wenn
man nur die Erscheinungen richtig zu deuten weift, dann kann man
sogar sagen, wie diese Arbeit geschieht. Die Menschen atmen hier in der
Luft; ohne Luft konnten sie nicht atmen. Ahnlich bei den Toten, nur
daft, wie hier die Luft, dort das Licht wirkt. In dem ausgebreiteten
Licht sieht der Eingeweihte die Wesen der Toten. So sind zum Beispiel
fur den Seher diePflanzen umgeben von den Geistern derVerstorbenen,
und indem das Licht die Pflanze wandelt und wachsen lafit, sind es die
Geister der Toten, die das vollbringen. Wir alle werden in der geistigen
Welt liber der Erde schweben und an den Pflanzen bauen.
Es wird die Welt fur unseren Blick grofier und bedeutsamer, wenn
wir sie so im Zusammenhang mit den geistigen Wesenheiten betrachten.
Wir selbst sind so buchstablich die Umgestalter dieser Erde.
Zum Schlufi noch einiges, das uns helfen kann, gewisse Feinheiten
der Kultur zu verstehen. Der Seher kommt zuweilen in die Lage, durch
seine eigenen Beobachtungen Erscheinungen in der Geschichte alter
Volker bestatigt zu finden, die ihm bisher ratselhaft waren. So ist es
eine bekannte Tatsache, dafl primitive Volker anfanglich ein Hellsehen
haben und manches sehen, wovon wir nichts wissen. Diese primitiven
Volker sehen zum Beispiel oft im Schatten etwas, was mit der Seele zu
tun hat. Nun kommt der Hellseher bei seinen Beobachtungen wieder
darauf zuriick. Sie lernen namlich, wenn Sie in den Schatten sehen, den
zum Beispiel Sie selbst werfen, Ihre geistigen Ausstromungen zuerst
schauen. Wenn man das physische Licht zuriickhalt, dann sieht man
das Geistige im Schattenraum. Das hat sich in der Geheimwissenschaft
erhalten, und das hat mancher verwertet, ohne zu wissen was er macht,
zum Beispiel Chamisso in seinem «Peter Schlemihl». Das ist ein Mann,
der den Schatten verloren hat und sehr ungliicklich dariiber ist. Aber
es ist eine geistige Tatsache, dafi im Schatten die Seele sichtbar wird,
und deshalb ist der Mann ohne Schatten der Mann ohne Seele. So gibt
es Hunderte von Beispielen. Wir lernen wirklich die Welt erst voll be-
greifen, wenn wir sie in ihren geistigen Grundlagen kennenlernen.
Deshalb ist die Geisteswissenschaft nicht etwas fur Griibler, sondern
gerade fur solche, die wirklich praktisch wirken wollen. Nicht weil wir
uns vom Sichtbaren zuriickziehen wollen, sondern weil wir gerade das
Sichtbare um so besser verstehen wollen.
Die hoheren Tatsachen verhalten sich zur sichtbaren Welt wie der
Magnetismus zum Eisen. Wir lernen erst das Eisen richtig kennen, wenn
wir auch den Magnetismus kennenlernen. Wir werden an einigen Bei-
spielen sehen, dafi gerade fiir das praktische Leben das fruchtbar wird,
was wir in der geistigen Welt kennenlernen.
SECHSTER VORTRAG
Kassel, 21Juni 1907
Wenn der Mensch innerhalb jenes geistigen Gebietes, das wir gestern
besprochen haben, so weit ist, dafi er sozusagen alles das, was er an
Fahigkeiten und Talenten hatte, die er sich wahrend des Erdenlebens
erwarb, umgewandelt hat, dann kommt die Zeit, wo er sich anschickt
zu einer neuen Verkorperung. Wir miissen uns dariiber klar sein, dafi
wir in dem, was uns am Menschen entgegentritt, zweierlei vor uns
haben. Das eine ist das, was sich im Laufe der physischen Vererbung
fortpf lanzt, das andere ist das, was er aus seinen fruheren Lebenslaufen
mitbringt in diese Welt.
Wir werden zu beschreiben haben den Herunterstieg des Menschen
in diese Welt, wobei Sie sich an dem Wort «Herunterstieg» nicht stofien
diirfen, denn es ist nicht ein raumliches Heruntersteigen, sondern ein
Sich-Herausbilden aus der Welt um uns herum. Wir haben gestern ge-
sehen, wie diese geistige Welt nicht etwa in einem Jenseits zu suchen ist,
sondern wie sie auch hier rings um uns herum ist, nur dafi dem heutigen
Menschen die Moglichkeit fehlt, diese geistige Welt wahrzunehmen.
Aus dieser geistigen Welt heraus entwickelt sich das, was man eine neue
Verkorperung nennt. Wir haben gesehen, dafi der Mensch sowohl von
seinem Ather- als auch vom Astralleib eine Essenz zuriickbehalten hat
aus seinem fruheren Leben, eine Obersicht seiner Erlebnisse; und was er
innerhalb seines Astralleibes bereits veredelt hat, das alles hat er mit-
genommen in die geistige Welt. Nur das Unveredelte ist abgefallen.
Wir werden eine leichtere Vorstellung gewinnen uber die Wieder-
verkorperung, wenn wir uns noch einiges vom Leben nach dem Tode
klarmachen. Wir haben gesehen, dafi der Mensch direkt nach dem Ein-
tritt des physischen Todes noch etwa dreieinhalb Tage in seinem Ather-
leib lebt, dafi in diesen dreieinhalb Tagen das verflossene Leben wie in
einer Art von Tableau vor ihm aufsteigt. Dann lost sich der Atherleib
auf, und daran schliefit sich dann die Kamalokazeit: das ist die Zeit der
Lauterung und Reinigung von aller lauterungsbedurftigen und reini-
gungsbediirftigen Astralitat.
Nun mufi ich aber noch ein Erlebnis anfiihren. In dem Moment, wo
dies Erinnerungsbild unmittelbar nach dem Tode auftritt, hat der
Mensch ein bedeutsames Erlebnis. Der Mensch hat da die Empfindung,
wie wenn er plotzlich grofier wiirde, wie wenn er rasch durchbrechen
wiirde seine Oberflache und hinauswachsen wiirde in den Raum. Dieses
Gefiihl schwindet nicht wieder bis zur neuen Geburt. Der Mensch fiihlt
sich so grofS wie die Welt, zu der er gehort, so grofi wie der ganze Wel-
tenraum. Daher konnen Sie auch eine Vorstellung davon gewinnen, wie
es moglich ist, dafi der Mensch seinen Leib wie etwas Fremdes sieht und
empfindet, denn er sieht seine Leidenschaften gleichsam aufierhalb sei-
nes Korpers. Es ist ein eigenartiges Gefiihl, dieses Ausgebreitetsein durch
den Weltenraum.
Dann kommt etwas noch schwerer zuVerstehendes hinzu. Wahrend
dieser ganzen Kamalokazeit fiihlt sich der Mensch so, wie wenn er
richtig im Raume aufgeteilt ware. Sie werden das besser so begreifen:
Wenn der Mensch wahrend der Kamalokazeit, wie ich Ihnen geschil-
dert habe, sein Leben zuriicklebt bis zur Kindheit, fiihlt er alles, was er
erlebt hatte, wie im Spiegelbild. So fiihlt der Mensch richtig die Ohr-
feige, die er damals jemandem gegeben hat; er fiihlt sich richtig als
Stuck von dem Ort, den der andere eingenommen hat. Wenn Sie zum
Beispiel hier in Kassel gestorben sind und der andere Mensch, dem Sie
damals die Ohrfeige gegeben haben, in Paris lebt, dann fiihlen Sie sich
wie mit einem Stuck von Ihnen dort. Und so fiihlen Sie sich wie auf-
geteilt im Weltenraum; Sie fiihlen sich stuckweise iiberall da, wo Sie
sozusagen etwas zu suchen haben. Das ist nun so zu verstehen, dafi Sie
in demZwischenraum von Paris und Kassel nichts fiihlen. So dafi,wenn
Sie alle Ereignisse Ihres Lebens in dieser Weise in Betracht ziehen, Sie
sich wahrend des ganzen Durchgehens durch den Zeitraum nach dem
Tode formlich zerstuckelt fiihlen.
Als Gleichnis moge folgendes dienen: Eine Wespe besteht aus zwei
Teilen, einem Vorderteil und einem durch einen ganz diinnen Spann-
faden verbundenen Hinterteil. Denken Sie sich diesen Hinterteil ganz
abgetrennt, und trotzdem schleppe die Wespe diesen Teil mit sich. So
etwa konnen Sie sich von der obigen Schilderung eine Vorstellung
machen: Sie fiihlen sich bestehend aus einzelnen Stikken, und es findet
sich keine Verbindung zwischen diesen Stiicken. Wenn der Mensch aber
in das Devachan kommt, fuhlt er sich wieder so wie unmittelbar nach
dem Tode, als ob er den ganzen Weltenraum einnahme.
Wenn aber nun der Mensch im Devachan all seine Veranlagungen
zu Talenten und Fahigkeiten umgewandelt hat, dann fuhlt das Ich
wieder eine Anziehung zur physischen Erde, strebt danach, wieder her-
unterzusteigen auf die Erde zu einer physischen Verkorperung. Zuerst
umgibt sich das Ich mit einem Astralleib. Das geht so vor sich, dafi es
alles Astrale an sich heranzieht: es ist wie ein Zusammenschiefien. Es
ist, als ob Sie zu Eisenfeilspanen einen Magneten halten: wie sich da die
Eisenfeilspane in bestimmten Figuren anziehen, so zieht das Ich das
Astrale an sich. Es hat aber Eindriicke erhalten von all den Erlebnissen,
die es gehabt hat beim Durchgang durch das Seelen- und Geisterland,
und alles das bildet die Grundkrafte, die mitwirken beim Aufbau des
neuen Astralleibes. So nimmt also dieser neue Astralleib alles mit, was
der Mensch in friiheren Leben und im Kamaloka durchgemacht hat.
Alle Eindriicke, die er da gehabt hat, wirken bestimmend auf seine Ein-
gliederung in seinen neuen Astralleib.
Jetzt hat der Mensch erst den Astralleib; er mufi nun aber auch die
iibrigen Glieder haben. Der Astralleib ist lediglich durch die eigenen
Anziehungskrafte gebildet worden. Vor der Empf angnis ist der Mensch
nur mit diesem Astralleib umkleidet. DerSeher sieht daher fortwahrend
diese astralen Menschenkeime, die auf ihre Geburt beziehungsweise ihre
Empf angnis warten. Er sieht sie mit einer riesigen Geschwindigkeit
herumfliegen: glockenformige Gebilde bewegen sich mit riesiger Ge-
schwindigkeit durch den Raum. Entfernungen spielen gar keine Rolle;
sie bewegen sich so schnell, dafi eben Entfernungen keine Rolle spielen.
Nun kommt dieUmkleidung mit einem Xtherleib; das ist aber etwas,
womit der Mensch nicht mehr durch seine eigenen Krafte allein um-
kleidet wird. Fur den Atherleib konnen nicht mehr die in ihm liegenden
eigenen Krafte sorgen, sondern dazu bedarf der Mensch der Mithilfe
gewisser geistiger Wesenheiten, die dabei mitwirken mussen. Sie be-
kommen eine Vorstellung von diesen Wesenheiten, wenn Sie daran
denken, daft Sie zuweilen Worte gebrauchen, womit Sie gewohnlich
keine Vorstellung verbinden, zum Beispiel mit dem Wort Volksseele,
Volksgeist. Heute stellt man sich, wenn man diese Worte ausspricht,
darunter gar nichts vor, oder denkt sich etwas ganz Abstraktes. Der
Seher hat aber eine andere Vorstellung davon. Tatsachlich gibt es -
ebenso wahr, wie wir selber wahr sind - Wesenheiten hoherer Art, die
aber nicht zu einer Verkorperung im Fleische kommen, und die nichts
anderes sind als Volks- oder Stammesseelen. Es ist nicht nur eine vage
Bezeichnung, wenn man vom Volksgeist spricht; die Volksseele ist ein
wirkliches Wesen, nur hat sie keinen physischen Leib, sondern ihr nie-
derstes Glied ist der Atherleib. Dann hat dieser Volksgeist einen Astral-
leib, Ich, Manas, Buddhi, Atma, und dann noch ein hoheres Glied, zu
dem es der Mensch nicht bringt, das die christliche Esoterik den Hei-
ligen Geist nennt und die Theosophie gewohnt ist, den Logos zu nennen.
So kann der Seher den Volksgeist ansprechen, wie er den andern
Menschen anspricht. Heute hat man ja keine richtige Vorstellung von
solchen Dingen und glaubt nur, dies Wort bezeichne eine Zusammen-
fassung der Merkmale der einzelnen Volker; das ist aber nicht wahr,
es hat eine reale Wirklichkeit. Durch die materialistische Gesinnung
mufite das Verstandnis fur solche Dinge verlorengehen, aber es wird
wieder errungen werden. Heute neigt die Menschheit dazu, solche
Dinge als leere Begriffe zu verfliichtigen. Aber das mufite so kommen.
Und so mufite in unserer Zeit auch ein Buch geschrieben werden, das
sozusagen das Gegenteil von theosophischer Anschauung ist. Dies Buch
mufite geschrieben werden, und wird auch viel bewundert, das ist: «Die
Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner. Fritz Mauthner ist ein Geist,
der alles auf lost, was iiber dem Sinnlichen liegt. Nur ein von alien guten
Geistern verlassener radikaler Denker konnte so schreiben, der den Mut
hatte, mit allem zu brechen, was Geist und Wirklichkeit ist. Kunftige
Jahrhunderte werden gerade zu diesem Buche greifen miissen, wenn sie
wissen wollen, wie an der Wende dieses Jahrhunderts gedacht wurde.
Die Volksseele ist reale Wirklichkeit: wie eine Nebelmasse breitet
sie sich aus, und alle Atherleiber der einzelnen Menschen des jeweiligen
Volkes sind in sie eingebettet, und ihre Kraf te stromen ein in die Ather-
leiber der einzelnen Menschen.
Nun gibt es Geister gerade von diesem Rang der Volksseele, welche
mitwirken bei der Zusammenstellung des Atherleibes der neuen Seele.
Diese "Wesenheit bewirkt, dafi der Mensch zu einem bestimmten Volke
hingeleitet wird, welches gerade fiir ihn am besten pafit. Da pafit dieser
Atherleib nun schon nicht immer ganz genau; und alles, was Sie an Dis-
harmonien im Leben finden, das riihrt sehr haufig davon her, dafi der
Mensch sich nicht aus eigenen Kraften allein seinen Atherleib machen
kann. Dieses Voll-Obereinstimmen wird erst auf einer viel spateren
Entwickelungsstufe der Erde stattfinden.
Dieses Umkleiden mit dem Atherleib geschieht mit einer rasenden
Geschwindigkeit, wie Sie sich diese aus physischen Verhaltnissen gar
nicht vorstellen konnen. Und dann wird von noch hoheren Wesen-
heiten der Mensch hingefuhrt zu jenem Elternpaar, welches ihm den
geeigneten Stoff zu seinem physischen Leibe geben kann.
Der heutige materialistische Mensch, der da sieht, wie der Sohn den
Eltern ahnlich ist, wird nicht glauben konnen, dafi sich mit diesem von
den Eltern ererbten Korper noch etwas anderes verbindet. Gewifi, wir
sehen unseren Ahnen durch den Korper ahnlich, aber das widerspricht
dem Gesagten gar nicht. Betrachten wir gleich einen speziellen Fall:
die Familie Bach. Im Verlaufe von zweihundertfiinfzig Jahren sind
mehr als neunundzwanzig mehr oder weniger bedeutende Musiker aus
dieser Familie hervorgegangen. Da wird der Materialist sagen: Da sieht
man es ja, dafi das vererbt ist! - So hat die Familie Bernoulli in kurzer
Zeit acht Mathematiker hervorgebracht. Wie ist das? Das verstehen wir
am besten, wenn wir gerade die Vererbungsverhaltnisse ins Auge fas-
sen. Da dies beim Musiker leichter verstandlich ist, wollen wir einmal
die Familie Bach betrachten. Also nehmen wir an, ein junger Bach ware
in seiner friiheren Verkorperung etwa in Rom gewesen, hatte seine An-
lagen verarbeitet und wollte sich wiederverkorpern. Angenommen, er
hatte die grofiten musikalischen Anlagen mitgebracht als Ergebnis sei-
ner friiheren Verkorperungen: wenn er nicht ein gut ausgebildetes Ohr
fande, so konnte er mit alien seinen Anlagen nichts anfangen; er ware
ohne ein gut ausgebildetes Ohr genauso hilflos wie ein Virtuose ohne
Instrument. Ganz notwendig mufite diese Individualitat sich einem
solchen Korper eingliedern, der ein gutes Organ fiir diese mitgebrach-
ten Anlagen hat. Nun ist aber die aufiereForm der inneren und aufieren
Organe erblich, und diese Individualitat mufite, wenn sie ein Musiker
werden wollte, fiir das kommende Leben ein gut ausgebildetes Gehor-
organ haben. Wo kann sie es am leichtesten bekommen? In einer Mu-
sikerfamilie. So wird sie also dahin gefuhrt, wo sie das beste Organ zur
weiteren Ausbildung der in ihr veranlagten Talente finden kann, und
das war damals gerade das Elternpaar des Johann Sebastian Bach.
Wie ist es nun bei den Briidern Bernoulli? Das mathematische Den-
ken beruht nicht auf der Beschaffenheit des Gehirns, denn die mathe-
matische Logik ist nichts anderes als die iibrige Logik, sondern das
mathematische Talent beruht auf der ganz besonders exakt ausgebilde-
ten Organisation der drei halbzirkelformigen Kanale. Das ist ein Or-
gan, nicht viel grofier als eine Erbse, das mitten im Felsenbein einge-
bettet ist, und das aus drei halbkreisformigen Kanalen besteht, die
genau dem dreidimensionalen Raum entsprechen. Wenn der eine Kanal
also genau vertikal liegt, so liegt der zweite von rechts nach links, der
dritte von vorn nach hinten. Alle stehen also zueinander senkrecht in
einem Winkel von genau neunzig Grad. Auf diese genaue Einstellung
zueinander kommt es also an: je genauer der rechte Winkel stimmt, um
so besser funktioniert das Organ. Wenn das Organ in irgendeinerWeise
verletzt wird, tritt Schwindel ein und Sie konnen sich nicht mehr im
Raum orientieren. Und auf einer ganz besonders feinen Ausbildung
dieser Kanale beruht das mathematische Talent, respektive die Mog-
lichkeit, das mathematische Talent ausiiben zu konnen. Und dieses
Organ ererbt man genauso wie das musikalische Ohr.
Das Gehirn denkt genau so uber den Raum nach, wie zum Beispiel
iiber die Philosophie; aber dafi einer Sinn hat fiir die Raumformen, das
hangt von diesen drei halbzirkelformigen Kanalen ab. Also eine mit
hohen mathematischen Talenten begabte Individuality wird sich in
eine Familie verkorpern, in der dieses Organ am besten ausgebildet ist,
und das war der Fall in der Familie Bernoulli.
Auch um moralisch tuchtig sein zu konnen, gehort ein richtiges In-
strument dazu. Eine Individuality, die eine hohe Moralitat hat, sucht
sich deshalb dasjenige Elternpaar, das ihr hierfur das beste Instrument
zu geben verspricht. So ist das oft in oberflachlich trivialer Weise ge-
brauchte Sprichwort: Man kann nicht vorsichtig genug sein in derWahl
seiner Eltern - im tiefsten, ernstesten Sinne wahr, denn es wahlt sich
sozusagen das Kind seine Eltern. Da wenden nun manche ein: Wohin
kommen wir denn da mit der Mutterliebe? Denn die kommt doch da-
her, dafi die Mutter weifi, das Kind sei ein Stuck von ihr selbst. - Im
richtigen Lichte betrachtet, leidet die Mutterliebe in keiner Weise, im
Gegenteil, man lernt sie dadurch nur noch tiefer verstehen. Warum
wird das Kind gerade von der und der Mutter geboren? Weil es durch
seine geistigen Eigenschaften zu der ihm geistig gleichartigen Mutter
hingefuhrt wird, und es liebt ja die Mutter sogar schon vor der Emp-
fangnis; die Mutterliebe ist sozusagen die Gegenliebe dieser primaren
Zuneigung. Eine solche Einsicht ist also sogar noch eine Vertiefung
dieses Begriffes.
Nun hangt es im wesentlichen von den Eigenschaften von Vater und
Mutter ab, wie sie die Gelegenheit geben zu einer Verkorperung; und
da wirken Vater und Mutter verschieden, Wenn der Mensch zu einer
neuen Geburt herunterkommt, so hat das Ich, das mehr Willenskrafte
hat, mehr Anziehung zum Vater, und das, was mehr astrale Krafte hat,
zur Mutter. Der Vater hat also mehr Einflufl auf das Ich, den Willen
und Charakter, die Mutter hat mehr Einfluft auf den Astralleib, also
dem Vorstellungsvermogen nach. Am besten ist es natiirlich, wenn beide
Eltern passen zu der Individuality, die sich verkorpern will.
Beim Heruntersteigen wirken aber auch diejenigen Krafte mit, die
dem Menschen eingepragt sind beim Aufstieg. All das bildet Anzie-
hungskrafte, und er wird in die Sphare gezogen werden, die mit ihm
von jeher verwandt war. Er wird also zu denjenigen Menschen hin-
gefuhrt, mit denen er friiher schon etwas zu tun gehabt hat. Ich will
Ihnen ein Beispiel anfiihren, das auf einen realen Fall begriindet ist.
Es war einmal der Fall, dafi bei einem Femgericht jemand von vier bis
fiinf Richtern zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Nun ging
man geisteswissenschaftlich vor und untersuchte das Vorleben dieser
sechs Menschen, und da stellte sich heraus, dafi alle diese Manner im
Leben vorher zusammen auf der Erde waren, aber so, dafi der Hin-
gerichtete ihr Hauptling war, und dafi die andern von ihm hingerichtet
wurden. So war also die letzte Hinrichtung eine Art Ausgleich. Gerade
dieser Fall macht das Gesetz vom Karma ganz besonders anschaulich.
So wirken die verschiedenen Krafte zusammen, die der Mensch in
seinem friiheren Leben an sich gezogen hat; sie bestimmen bei der
Wiederverkorperung sowohl die Verf assung seines Leibes als auch den
Ort, an dem er geboren wird, als auch sein spateres Schicksal. Noch
mehr als beim Atherleib zeigen sich oft die Dissonanzen beim physi-
schen Leibe.
Das alles sind Dinge, die da zeigen, wie der Mensch bei seiner
Wiederverkorperung mit den drei Leibern umkleidet wird, und bei
jeder Verkorperung arbeitet das Ich am Astralleib, Atherleib und phy-
sischen Leib. Wie er zu dieser hohen Vollkommenheit steigt, das werden
wir spater horen. Aber immer mehr wird der Astralleib und Atherleib
umgebildet, und immer mehr wird aus dem veredelten Astralleibe
Manas, aus dem veredelten Atherleibe Buddhi, aus dem veredelten
physischen Leibe Atma. So kann man sich die immer hohere Vervoll-
kommnung des Menschen von Inkarnation zu Inkarnation vorstellen.
Dieses kommt am schonsten imVaterunser zum Ausdruck, das man
aber nur in der rechten Weise versteht, wenn man es eben im echt christ-
lichen Sinne auffafit, wie es aufgefafit wurde von der Geheimschule des
Paulus. Diese Schule war es, die das Vaterunser im echt christlichen
Sinne so erklart hat. Sie sagte ihren Schulern etwa: Stellt euch die
hoheren Glieder der Menschennatur vor, die dadurch zur Entwicke-
lung kommen, daft der Mensch seine drei untersten Glieder immer mehr
veredelt. - Nun sah das friiheste Christentum diese drei hoheren Glie-
der - Manas, Buddhi, Atma - als die gottliche Natur des Menschen an.
Dadurch, daft der Mensch nun diese drei hoheren Glieder immer mehr
entwickelt, nahert er sich immer mehr der Gottheit. Von diesem Ge-
sichtspunkt aus nannten die alten esoterischen Christen die drei hoch-
sten Glieder die Gottliche Natur, und sie nannten das Hochste Atma:
den Vater. Dies ist das Tiefste der Gottlichkeit im Menschen: der Vater
im Himmel. Dieser Vater ist das, wozu alle Menschen sich hinentwik-
keln, es ist der Mittelpunkt der Weltenschopfung. Man stellt sich am
besten die Schopfung im christlichen Sinne so vor, wenn man sich das
Opfer klarmacht. Denken Sie sich Ihr Spiegelbild, und nehmen Sie an,
Sie konnten so selbstlos sein, an das Spiegelbild Ihr Leben abzugeben.
So mufi man sich das selbstlose Schaffen vorstellen, daft man selbst in
dem Geschaffenen aufgeht. Denken Sie sich den Vatergeist in der Mitte
einer sich spiegelnden Hohlkugel, dann tritt Ihnen in tausendfacher
Weise das Bild Gottes entgegen. So sagte der alte esoterische Christ:
Sieh dir die Welt an: alleWesen, was sind sie, als Spiegelbilder Gottes! -
Und diese sich spiegelnde Gottheit nannten sie in ihrer Esoterik «das
Reich », das ist: der sich iiberall spiegelnde Gott. - Nun entwickelt euer
Gefuhl weiter. Seht ihr in allem den Gott, dann habt ihr in ungeheuer
viel Einzelheiten die Gottheit auf gelost, und wollt ihr sie unterscheiden,
dann miifit ihr jedem einzelnen einen Namen geben. Dieser Name mufi
geheiligt werden, denn jedes einzelne Geschopf ist ja ein Spiegelbild
der Gottheit.
In diese drei hinein entwickelt sich der Mensch zu Gott. Sie diirfen
aber nicht glauben, der Mensch wiirde der Gott. Nehmen Sie einen
Tropfen aus dem Meere: der ist wesensgleich dem Meere, er ist aber
nicht das Meer. So auch ist der Tropfen der Gottlichkeit in uns wohl
wesensgleich der Gottheit, ist aber nicht die Gottheit. Indem der Mensch
also die drei hochsten Glieder immer mehr entwickelt, wird er immer
mehr eins mit dem Reich, da die geistige Welt zu ihm herunterkommt.
Da haben Sie die drei ersten Bitten des Vaterunser: erstens im Anrufen
des Vaters, zweitens im Flehen, daft das Reich zu uns kommen soil,
drittens in der Heiligung des Namens. Dann werden wir immer be-
strebt sein, keine Handlung zu vollbringen, die nicht in Harmonie steht
mit dem Vatergeiste, aus dem wir entsprungen sind und zu dem wir uns
entwickeln, wenn wir eben die drei hochsten Glieder in uns ausbilden.
Und im Gegensatze zu den drei hoheren Gliedern betrachtet nun das
esoterische Christentum die vier niederen Glieder des Menschen, die
auch immer vollkommener werden miissen.
Der physische Leib besteht aus denselben Stoffen wie die aufiere
Natur, die ja auch in diesem physischen Leibe fortwahrend ein- und
auswandern. Und sie miissen ja fortwahrend ein- und auswandern,
wenn der physische Leib gesund bleiben soli.
Der Atherleib hat Krafte, die, so wie der physische Leib mit der
ganzen aufieren Natur in Wechselbeziehung steht, ebenso in Wechsel-
beziehung stehen mit der ganzen Volksseele. Soil der physische Leib in
Ordnung sein, so miissen physische Stoffe taglich in ihm ein- und aus-
wandern. Soil der Atherleib in Ordnung sein, so darf er sich nicht als
Einzelnes entwickeln, sondern er mufi sich in Harmonie bringen mit
der ganzen Volksseele und alien hoheren Wesenheiten.
Das Wort «Schuld» hangt zusammen mit dem Wort Schulden.
Schulden sind etwas, was Ihnen so recht zeigt, dafi Sie nicht einzeln
dastehen, sondern dafi Sie einen sozialen Zusammenhang haben, dafi
Sie Ihren Mitmenschen etwas schulden. Das, was den menschlichen
Astralleib nun in Unordnung bringen kann, das sah die urspriingliche
christliche Esoterik an als etwas, was seine Neigungen und Leiden-
schaften, Triebe und Begierden betraf; und alles, was diese in Unord-
nung bringen kann, das druckt das Wort « Versuchung* aus. Schuld ist
also etwas, was den Menschen in eine Beziehung bringt zu der sozialen
Gemeinschaf t, wahrend Versuchung etwas ist, worein jeder Mensch als
individuelles Wesen fallen kann.
Wiirden nicht in unserem physischen Korper physische Stoffe ein-
und ausgehen, so wiirde dieser physische Korper in Unordnung kom-
men: «Gib uns unser taglich Brot.» Wiirde der Atherleib sich nicht in
harmonische Wechselbeziehung bringen zum Volksseelenhaften, das
heifit, wiirde er sich nicht harmonisch dem ganzen sozialen Gefuge
eingliedern, dann wiirde er ebenfalls in Unordnung kommen: «Vergib
uns unsere Schuld. » Wiirde der Mensch in den Fehler verf alien, einer
jeden an ihn herantretenden Versuchung zu unterliegen, dann wiirde
dadurch sein Astralleib in Unordnung kommen: «Fiihre uns nicht in
Versuchung. »
Das Ich kann in jene Fehler verfallen, die man mit «Ubel» bezeich-
net. Zu diesen Verfehlungen des Ich - das ist ja unser Selbst - gehort
alles, was ein normales und gesundes Selbstgefuhl zum Bosen wandelt,
das heifit also in Selbstsucht. Dahin gehoren also alle Ausschreitungen
der Selbstsucht, des Egoismus: «Erl6se uns von dem "Obel.»
Der physische Leib kann sich also in gesunder Weise entwickeln,
wenn wir ihm das tagliche Brot in der rechten Weise zukommen lassen.
Der Atherleib kann sich in gesunder Weise entwickeln, wenn wir uns
in der richtigen Weise in Harmonie bringen mit dem sozialen Korper,
in dem wir leben. Der Astralleib kann sich in gesunder Weise entwik-
keln, das heifit, zur Lauterung und Reinigung gebracht werden, wenn
wir alle Versuchungen iiberwinden. Das Ich kann sich in gesunder Weise
entwickeln, wenn wir uns Miihe geben, alien Egoismus in Altruismus,
alle Selbstsucht in Selbstlosigkeit umzuwandeln.
So sehen wir in dem Vaterunser ein Gebet, das die Entwickelung des
ganzen Menschen umfafit.
Nun konnte jemand einwenden - und diesem Einwand werden Sie
sogar haufig begegnen: Das Vaterunser ist doch ein Gebet, das von
dem Christus Jesus als ein Gebet fur jedermann gegeben ist. Was niitzt
da eine solche Auslegung, von der doch die meisten Menschen nichts
wissen?
Der naive Mensch braucht auch nichts davon zu wissen. Sehen Sie
sich die Rose an. Die hochste Weisheit hat die Rose aufgebaut, und doch
kann sich der naivste Mensch daruber freuen. Das Wissen von dieser
Weisheit ist nicht notwendig. Und so ist es auch mit dem Vaterunser.
Es hat seine Kraft auf das menschliche Gemut, auch wenn das naive
Gemiit nichts davon weifi. Aber nie wiirde das Vaterunser diese Kraft
haben, wenn es nicht aus dieser tiefsten Weisheit geschopft ware. Alle
die grofien Gebetsformen sind, wie diese grofite Form, aus der tiefsten
Weisheit geschaffen, und die Gewalt dieser Gebetsformen beruht nur
darauf. Wenn Sie auch denken, das sei eine ergriibelte Sache, so ist das
nicht wahr, sondern die Wesenheit, die uns das Vaterunser gegeben hat,
die hat die tiefe Kraft hineingelegt.
So sehen Sie, wie man erst mit Hilfe der Geisteswissenschaft das ver-
steht, was man taglich ubt, und dessen Kraft die Menschheit seit zwei
Jahrtausenden erfahren hat.
Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen in der Menschheitsentwicke-
lung, wo es nicht mehr weitergeht ohne diese Vertiefung des Verstand-
nisses. Friiher, das heifit bis dahin konnte die Menschheit die geistigen
Krafte, die gerade in diesem Gebet liegen, fiihlen, ohne ihren tieferen
Sinn zu kennen. Jetzt aber ist die Menschheit so weit in ihrer Entwicke-
lung vorgeschritten, dafi sie fragen mufi, und deshalb mufi ihr jetzt die
Antwort gegeben werden.
Die christliche Religion wird nicht dadurch an Wert verlieren, son-
dern im Gegenteil erst in ihrer ganzen Tiefe sich offenbaren. Durch die
grofite Weisheit werden die religiosen Inhalte wieder neu erobert wer-
den. Ein Beispiel dafiir ist die esoterische Auslegung des Vaterunser.
Sie zeigt uns den Weg, den der Mensch durch seine vielen Verkorpe-
rungen hindurch beschreiten mufi. Die vier niederen Bitten, wenn er in
ihrem Sinn wandelt, helfen ihm die Arbeit vollbringen, die zur Gestal-
tung seiner hoheren Wesensglieder fiihrt, so wie sie in den drei ersten
Bitten ausgedriickt sind.
SIEBENTER VORTRAG
Kassel, 22.Junil907
Wir haben heute zu sprechen von dem, was man das Gesetz vom Karma
nennt, das Gesetz von Ursache und Wirkung in der geistigen Welt. Wir
miissen uns zunachst an die letzten Vortrage erinnern, die uns gezeigt
haben, wie der gesamte Lebenslauf sich abspielt in einer Reihe von Ver-
korperungen, so dafi Sie alle schon oft auf der Welt da waren und auch
noch oft wiederkehren werden. Wir werden spater horen, wie es nicht
richtig ist, wenn man annimmt, dafi in alle Ewigkeit nach vor- und
riickwarts diese Verkorperungen sich wiederholen, vielmehr werden
wir sehen, dafi sie einstmals begonnen haben und dafi es eine Zeit geben
wird, wo sie wieder aufhoren werden, wo der Mensch in anderer Weise
sich weiterentwickeln wird.
Wir betrachten also zunachst jenen Zeitraum, in welchem solche
Wiederverkorperungen stattfinden, und wir miissen uns klar dariiber
sein, dafi alles, was man Schicksal nennt in bezug auf Charakter und
innere Eigenschaften, wie auch auf unser aufieres Schicksal und unsere
Lebenslage, verursacht ist durch unsere friiheren Verkorperungen, und
dafi, was wir in diesem Leben treiben, wieder seine Wirkung hat fur die
folgenden Leben. So zieht sich das grofie Gesetz von Ursache und Wir-
kung durch alle unsere Verkorperungen hindurch.
Wir wollen uns einmal klarmachen, wie dieses Gesetz in der ganzen
Welt wirkt, nicht nur in der geistigen Welt, sondern auch in der phy-
sischen.
Nehmen Sie an, Sie haben zwei Kriige mit Wasser; dann nehmen Sie
eine Eisenkugel, die Sie bis zur Glut erhitzt haben, und lassen sie in den
ersten Krug Wasser hineinf alien. Was tritt ein? Das Wasser zischt, und
die Kugel kiihlt sich ab. Nehmen Sie dann die Kugel heraus und wer-
fen Sie sie in den zweiten Krug: da zischt das Wasser nicht mehr und die
Kugel kiihlt sich nicht mehr wesentlich ab. Die Kugel verhalt sich also
in den beiden Fallen ganz verschieden: das, was sie im zweiten Fall
getan hat, hatte sie nicht getan, wenn sie nicht vorher in den ersten
Krug hineingeworfen worden ware. Also ist das Betragen im zweiten
Faile die Wirkung dessen, was im ersten Krug mit ihr geschehen ist.
Einen solchen Zusammenhang nennt man Karma. Es ist also das Karma
der Kugel, dafi sie in dem zweiten Kruge nicht mehr zischt und sich
nicht abkiihlt. - Und nun auch ein Beispiel aus dem Tierreich, woran
Sie ersehen, dafi die Folgezustande abhangen vom vorherigen Leben.
Nehmen Sie die Tiere, die in die Hohlen von Kentucky eingewandert
sind: durch die vollige Entziehung des SonnenHchtes werden allmah-
lich die Augen riickgebildet. Die Stoffe, die sonst fiir die Augen ver-
wendet werden, wandern zu andern Organen, und dadurch verkiim-
mern die Augen; die Tiere werden dadurch allmahlich blind. Und nun
ist es das Schicksal allerNachkommen, blind geboren zu werden. Waren
die Eltern nicht eingewandert in die dunklen Hohlen, so hatten die
Nachkommen nicht das Schicksal, blind zu sein. Dieser Zustand der
Blindheit ist also die Folge einer fruheren Tatigkeit, des Einwanderns
in die finsteren Hohlen.
Die Geisteswissenschaft sagt: Alles, was in der Welt geschieht, ist
abhangig vom Karma. Karma ist das allgemeine Weltengesetz. - Auch
die Bibel erzahlt gleich im Anfang von diesem Karma. Sie sagt namlich:
«Im Anfang schuf Gott die Welt. » Wenn man das so oberflachlich liest,
wie heute im allgemeinen gelesen wird, da merken Sie nicht, dafi das
im Sinne des Karmagesetzes ist; Sie merken es aber ohne weiteres, wenn
Sie zum Beispiel den Urtext dieser alten Urkunde nehmen, in welcher
uns von diesem Schaffen gesprochen wird, oder wenn Sie eine der
altesten Ubersetzungen der Urkunde ins Lateinische nehmen, wie zum
Beispiel diejenige aus der Septuaginta, die ja heute noch fiir die ge-
samte katholische Kirche als die mafigebende Ubersetzung des Alten
Testamentes und besonders der Genesis angesehen wird. Und da ist es
ja wohl gerade im Hinblick auf einen solchen Einfuhrungszyklus, der
Sie ja doch Stuck fur Stuck mit den ungeheuren Tiefen der geistes-
wissenschaftlichen Weltanschauung bekanntmachen soli, nicht un-
zweckmafiig,wenn wir einmal einen Schritt abseits unseres eigentlichen
Themas machen.
Der heutige Mensch hat ja eigentlich gar keine Verbindung mehr
mit dem lebendigen Wort. Die Sprache ist einerseits zu einem konven-
tionellen Verstandigungsmittel geworden, und andererseits zur Ge-
schaftssprache. Ganz anders war es, als das Wort gepragt wurde in den
alten Zeken: da hatte der Mensch noch einen lebendigen Zusammen-
hang mit dem Wort. Ja, in den alleraltesten Zeiten hatte der einzelne
Buchstabe, der zur Zusammensetzung des Wortes fiihrte, eine tiefe Be-
deutung. Der heutige Mensch hat ja keine Ahnung mehr davon, was
durch die Seele eines alten hebraischen Weisen zog, wenn er das Wort
«bara» aussprach, das in der Genesis im ersten Satze steht, und das
von der Nachwelt, das heifit zunachst von der lateinischen Welt, mit
«creare» und von uns mit «schaffen» iibersetzt worden ist. Was ist der
tiefe Sinn des Wortes «bara»? Wir haben in unserer deutschen Sprache
noch denselben Stamm «bar» in dem Wort «gebaren».
Nun liegt dem Worte «Karma» die Wurzel «kr» zugrunde, die ja
auch dem Worte «creare» zugrunde liegt, so dafi, wenn man lateinisch
«creare» - schaffen sagt, dies nichts anderes bedeutet als: es tritt etwas
auf durch die Wirkung friiherer Zustande; das heifit also, es tritt etwas
auf, das karmisch durch etwas Friiheres bedingt ist.
Nun kann man ja von Karma im heutigen Sinne erst sprechen seit
dem luziferischen Einschlag, also von dem Augenblicke an, wo der
Mensch eine Schuld auf sich genommen hat, und deshalb haftet auch
an allem, was mit dem Worte Karma in Verbindung steht, immer etwas
von dem Begriffe Schuld. Creare also heifit: etwas hervorbringen, was
durch friihere Zustande karmisch verschuldet ist, wahrend noch in dem
Stamme «bar» nichts von dieser karmischen Bedingtheit liegt. Wie
kommt das? Das kommt zweifellos daher, daft der alte Hebraer noch
viel inniger mit der geistigen Welt im Zusammenhang stand und sich
noch vollkommen klar war, dafi damals, als die Elohim die Welt schop-
ferisch ersannen, noch von keinem Karma die Rede sein konnte in dem
Sinne, wie wir gewohnlich von Karma sprechen. In der lateinischen
Epoche der Menschheitsentwickelung war aber der Mensch, wie wir
ein anderes Mai sehen werden, schon vollkommen von der geistigen
Welt abgeschniirt, und er konnte sich deshalb sogar das schopferische
Ersinnen der Elohim gar nicht anders denken, als in dem karmischen
Zusammenhang darinnenstehend.
Aber sowohl das Wort «bara» wie auch das Wort «creare» heifit
niemals: Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen; denn beiden
Worten liegt der Sinn zugrunde: Gott hat friihere Zustande in neue
iiberfliefien lassen; ebenso wie die Mutter das Kind nicht aus dem
Nichts gebiert, sondern gebaren heifit: das Kind tritt sichtbar in die
Welt hinaus aus dem friiheren verborgenen Zustande im Mutterleibe.
Sie sehen, wie man da den Sinn der Bibel verdrehen kann. Zuerst hat
die Theologie gesagt: Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen
weil diese Theologie ja nichts mehr von den dem Erdendasein voran-
gehenden kosmischen Entwickelungsperioden wufite, und dariiber sind
ganze Bibliotheken geschrieben worden. Aber alle diese Theologen
haben gekampf t wie Don Quijote gegen Windmiihlen. Man mufi jedoch
immer wissen, wogegen man kampfen will; das heifit, man mufi immer
den urspriingiichen Sinn der alten Urkunden klarlegen.
Wenn wir nun dieses Gesetz vom Karma uns so denken, wie es in der
Tat gedacht werden mufi, als der Zusammenhang zwischen Ursache und
Wirkung nicht nur hier fiir das physische Leben zwischen Geburt und
Tod, sondern auch fiir das Leben nach dem Tode in der geistigen Welt,
dann wird gerade dieses Karmagesetz zum Erleuchter des eigenen Le-
bens. Die Einsicht in dieses Karmagesetz gibt nicht nur eine tiefe Be-
" friedigung fiir unseren Verstand, sondern im tiefsten Sinne auch fiir
unser Gemiit, und es gibt uns die rechte Einsicht in unser Verhaltnis zur
Welt. Sie werden immer klarer einsehen, welch eine tiefe Bedeutung es
hat, und wie erst die richtige Einsicht in dieses Karmagesetz es uns er-
moglicht, das Leben mit unserer Umwelt harmonisch zu gestalten. Es
klart uns nicht iiber solche Weltratsel auf , die man erst ausspintisieren
mufi, sondern iiber solche, die uns in der Tat auf Schritt und Tritt im
Leben begegnen. Oder sind es etwa nicht Lebensratsel, wenn man sieht,
wie scheinbar ohne Schuld der eine Mensch geboren wird in Not und
Elend, und wie bei einem andern die schonsten Anlagen durch die so-
ziale Lage, in die ihn sein Leben gestellt hat, verkummern miissen? Wir
fragen uns oft im Leben: Wie kommt es, dafl dieser Mensch so in Not
und Elend geboren wird ohne seine Schuld, und der andere, ohne sein
Dazutun, im Uberflufi und Reichtum, so dafi er schon an der Wiege
umstellt ist von zartlich liebenden Eltern? - Das sind Fragen, iiber die
nur der Leichtsinn der heutigen Menschen hinwegschauen kann.
Je tieferen Einblick in das Karmagesetz wir gewinnen, um so mehr
werden wir sehen, dafi alle Harte schwindet, die auf den ersten Blick
scheinbar vorhanden ist, wenn man das Karmagesetz nur oberflachlich
betrachtet. Wir werden uns dann immer klarer dariiber werden, wie es
kommt, dafi eben der eine Mensch in diesen, der andere in jenen Ver-
haltnissen im Leben stehen mufi. Eine Harte kann und mufi man nur
dann in der einen oder andern Lebenslage erblicken, wenn wir nur das
eine Leben betrachten. Wenn wir aber wissen, dafi dieses eine Leben die
absolute Wirkung friiherer Taten ist, dann schwindet diese Harte voll-
standig, dann sehen wir ein, dafi der Mensch sich sein Leben selbst zu-
bereitet.
Es konnte nun jemand sagen: Ja, aber das ist doch etwas Furcht-
bares, wenn man denken mufi, der Mensch hatte alles das, was ihn hier
im Leben an Schicksalsschlagen trifft, selbst verschuldet! - Da miissen
wir uns einmal klarmachen, dafi das Karmagesetz nicht fur sentimen-
tal Brutende ist, sondern dafi es ein Gesetz der Tat ist, das uns stark
macht, das unsMut und Hoffnung gibt. Denn wenn wir auch das Leben
so, wie es uns mit all seinen Harten trifft, uns selbst gemacht haben,
so wissen wir doch auch, dafi es ein Gesetz ist, dessen Hauptbedeutung
nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft liegt. Wenn wir
auch in der Gegenwart durch die Wirkung vergangener Taten noch so
bedriickt sind, wird doch gerade die Einsicht in das Karmagesetz ihre
Friichte tragen in spateren Leben. Je nachdem wir uns verhalten, wer-
den die Friichte dieser Taten in kiinftigen Leben sein, denn keine Tat
ist vergebens getan. Und wieviel theosophischer ist es, das Karmagesetz
als Gesetz der Tat aufzufassen! Denn, was wir auch tun, den Friichten
dieser Taten werden wir nicht entgehen. Je schlechter es uns in diesem
Leben geht, je besser wir das ertragen, um so besser wird es uns in kiinf-
tigen Leben gehen. So ist das Karmagesetz ein Gesetz, welches die
Lebensratsel lost, die uns auf Schritt und Tritt begegnen.
Wie hangt nun das Leben vorher mit dem spateren Leben zusammen?
Klar miissen wir uns dariiber sein, dafi alles, was wir als innerlicheWir-
kungen aufierlicher Erlebnisse haben, als Lust und Leid, seine Wirkun-
gen in kommenden Leben hat.
Nun wissen Sie ja, dafi alles, was als Lust, Leid, Freude, Schmerz in
uns lebt, Dinge sind, deren Trager der Astralleib ist. Alles das nun, was
der Astralleib in diesem Leben erlebt, und ganz besonders, wenn diese
Erlebnisse immer ofter wiederholt werden, das zeigt sich im nachsten
Leben als Eigenschaft des Atherleibes. Die Freude, die Sie in dem einen
Leben an einem Gegenstand in Ihrer Seele immer und immer wieder
wachrufen, bewirkt, dafi Sie im nachsten Leben eine tiefe Neigung und
Vorliebe fur diesen Gegenstand haben werden. Neigung und Vorliebe
sind aber Charaktereigenschaften und haben als Trager den Atherleib,
so dafi, was der Astralleib im Leben vorher bewirkt, Eigenschaften des
Atherleibes im nachsten Leben werden. Was Sie in diesem Leben wieder-
holt erleben, das kommt in Ihrem folgenden Leben als Grundcharakter.
Ein melancholisches Temperament kommt daher, dafi der Mensch im
vorigen Leben viele traurige Eindriicke gehabt hat, die ihn immer wie-
der in eine traurige Stimmung versetzt haben; dadurch hat eben der
nachste Atherleib eine Neigung fur eine traurige Stimmung. Umgekehrt
ist es bei denen, die allem im Leben eine gute Seite abgewinnen, die
dadurch in ihrem Astralleib Lust und Freude, frohe Erhebung erzeugt
haben; das gibt im nachsten Leben eine bleibende Charaktereigenschaft
des Atherleibes und bewirkt ein heiteres Temperament. Wenn der
Mensch aber, trotzdem ihn das Leben in eine harte Schule nimmt, all
das Traurige kraftvoll uberwindet, dann wird im nachsten Leben sein
Atherleib geboren mit einem cholerischen Temperament. Man kann
also, wenn man all das weifi, geradezu sich seinen Atherleib fur das
nachste Leben vorbereiten.
Diejenigen Eigenschaften nun, die der Atherleib in dem einen Leben
hat, die erscheinen im nachsten Leben im physischen Leib. Wenn also
jemand schlechte Gewohnheiten und Charaktereigenschaften hat und
nichts dagegen tut, sie sich abzugewohnen, tritt das im nachsten Leben
als eine Disposition des physischen Leibes auf, und das ist tatsachlich
die Disposition zu Krankheiten. So sonderbar sich das auch fur Sie an-
horen mag, aber diese Disposition fur bestimmte Krankheiten, und
besonders fur Infektionskrankheiten, riihrt tatsachlich her von schlech-
ten Gewohnheiten im vorhergehenden Leben. Also haben wir es mit
dieser Einsicht auch in der Hand, uns Gesundheit oder Krankhek fur
das nachste Leben zu bereiten. Wenn wir uns eine schlechte Gewohnheit
abgewohnen, machen wir uns im nachsten Leben physisch gesund und
widerstandsfahig gegen Infektionen. So kann man schon fur das kom-
mende Leben fiir Gesundheit sorgen, wenn man bestrebt ist, nur edle
Eigenschaften zu pflegen.
Und nun ein Drittes, was aufierordentlich wichtig ist fiir die rich-
tige Auffassung des Karmagesetzes: das ist die richtige Bewertung
unserer Taten selbst in diesem Leben. Bisher haben wir ja nur von dem
gesprochen, was innerhalb des Menschen sich abspielt; was aber der
Mensch tut in diesem Leben, das heilk also, wie er sich mit seinen Taten
der Umwelt gegeniiber verhalt, das zeigt seine Wirkung im nachsten
Leben eben in dieser Umwelt.
Durch eine schlechte Gewohnheit an und fiir sich habe ich noch
nichts getan; wenn mich aber diese schlechte Gewohnheit zurTat treibt,
dann verandere ich durch diese Tat die Aufienwelt. Und alles das eben,
was so eine Wirkung in der physischen Aufienwelt hat, das kommt uns
als aufieres Schicksal im nachsten Leben in der Aufienwelt wieder zu-
riick. Also die Taten des physischen Leibes in diesem Leben, die werden
zu unserem Schicksal in dem folgenden Leben. Das erfahren wir durch
das Hineingestelltsein in diese oder jene Lebenslage. Ob also der Mensch
in dieser oder jener Lebenslage gliicklich oder ungliicklich wird, das
hangt von den Taten seines vorherigen Lebens ab. Hierhin gehort wie-
der als treffendes und belehrendes Beispiel dasjenige von dem Feme-
mord, das uns zeigt, wie die Tat als aufiere Tat des einen Lebens im
nachsten Leben auf den Menschen als Schicksal zuriickfallt.
Das sind also in kurzen Linien gezeichnet die karmischen Zusam-
menhange beim einzelnen Menschen. Wir diirfen aber nicht nur beim
einzelnen Menschen von Karma sprechen; der Mensch darf sich nicht
als Einzelwesen betrachten, das ware grundfalsch, genau so falsch, als
wenn der einzelne Finger an unserer Hand sich als Einzelwesen fiihlen
wollte. Genau so weit, wie der Finger kommen wiirde, wenn er sich
vom Organismus absondern wiirde, wiirde der Mensch kommen, wenn
er sich einige Meilen iiber die Erde erheben wiirde. So ist der Mensch,
wenn er in die Geisteswissenschaft eindringt, geradezu gezwungen, an
der Hand dieser Erkenntnis einzusehen, dafi er sich nicht derTauschung
hingeben darf, auf sich selbst als Einzelwesen zu bestehen. So ist es in
der physischen und noch viel mehr in der geistigen Welt. Der Mensch
gehort der ganzen Welt an und hat auch sein Schicksal in der Gesamt-
heit. Das Karma betrifft nicht nur den einzelnen Menschen, sondern
es geht auch iiber das Leben von ganzen Volkern dahin. Ein Beispiel
dafiir: Sie alle wissen, dafi es im Mittelalter eine Seuche, die Miselsucht
gegeben hat; das ist eine Art Aussatz. Erst im 16. Jahrhundert ver-
schwindet sie aus Europa. Es gab eine ganz besondere Ursache, dafi
diese Seuche gerade im Mittelalter auftrat, und zwar eine geistige Ur-
sache. Der Materialist ist natiirlich geneigt, eine derartige ansteckende
Krankheit auf Bazillen zuriickzufuhren, aber die physische Ursache ist
es nicht allein, die bei einer solchen Krankheit in Betracht kommt. Das
ist geradeso, wie wenn einer durchgepriigelt wird, und man sollte unter-
suchen, warum dieser durchgepriigelt ist. Der Einsichtsvolle wird ohne
weiteres finden, dafi die Ursache der Priigel darauf beruht, dafi es in
dem Dorf einige Menschen gibt, die sehr roh sind. Es ware aber in die-
sem Falle eine geradezu torichte Folgerung - wie es im obigen Falle die
materialistische ist wenn einer kame und sagte, daft der Mann seine
blauen Beulen auf dem Riicken hat, kommt einzig und allein davon
her, daft die Stocke so und so oft auf seinen Riicken niedergegangen
sind. Die rein materialistische Ursache der blauen Flecken sind zwei-
fellos die auf den Riicken niedergegangenen Stocke, die tiefere Ur-
sache sind aber doch die rohen Menschen. Und so hat auch diese
Krankheit, neben der materialistischen Ursache der Bazillen, auch eine
geistige.
Ein ganz analoges Beispiel bietet das"Weinen. Die geistige Ursache ist
dieTraurigkeit, die materielle dagegen die Sekretion derTranendrtisen.
Man sollte es kaum fur moglich halten, daft ein sogar recht bedeutender
Gelehrter der Gegenwart es fertiggebracht hat, denselben torichten
Schlufi zu ziehen wie oben, denn er hat den geradezu ungeheuerlichen
Satz aufgestellt: Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern
der Mensch ist traurig, weil er weint!
Doch zuriick zur Miselsucht. Sie miissen in diesem Falle, wenn Sie
geistig die tiefere Ursache dieser Krankheit erklaren wollen, zuriick-
blicken auf ein bedeutsames historisches Ereignis: auf das Ereignis, als
von Osten her grofie Volkermassen iiber Europa hinwegsturmten und
dieses Europa in Furcht und Schrecken setzten. Diese asiatischen Scha-
ren waren Volker, die auf der alten Atlantierstufe stehengeblieben und
daher im Niedergang begriffen waren, also Volker, die den Nieder-
gangs-, sozusagen den Faulnischarakter besonders stark in ihrem Astral-
leib hatten. Waren diese Volkerschaften iiber Europa herubergestiirmt,
ohne dafi die Europaer sich erregt oder erschreckt hatten, dann ware
nichts passiert. So aber verursachten diese Horden Angst und Schrecken
und Bestiirzung; ganze Volkerschaften in Europa erlebten diese Angst-
und Schreckenszustande. Und nun mischte sich der faule Astralstoff
der Hunnen mit den von Angst und Furcht und Grauen durchwiihlten
Astralleibern der iiberfallenen Volker. Die degenerierten Astralleiber
der asiatischen Stamme luden ihre schlechten Stoffe auf diese furcht-
durchwiihlten Astralleiber der Europaer ab, und diese Faulnisstoffe
bewirkten eben, dafi spater die physische Wirkung der Krankheit auf-
trat. Das ist in Wahrheit die tiefe geistige Ursache des Aussatzes im
Mittelalter. Es tritt also etwas, was geistig verursacht ist, in spaterer
Zeit im physischen Korper auf. Nur wer dieses Gesetz von Karma
kennt und es zu durchschauen vermag, ist dazu berufen, in den Ge-
schichtsverlauf tatig einzugreifen.
Nun will ich Ihnen etwas sagen, was zur Begrundung der theoso-
phischen Weltanschauung beigetragen hat, und das ist das Folgende:
Das Karma wirkt sich ja aus, gerade wie beim einzelnen Menschen, so
auch bei den Volkern, ja bei der ganzen Menschheit. Wer nun den Gang
der Geschichte des europaischen Geisteslebens verfolgt, der weifi, dafi
seit etwa vierhundert Jahren der Materialismus heraufgekommen ist.
In der Wissenschaft ist dieser Materialismus am unschuldigsten, denn
da konnen alle Fehler jederzeit eingesehen und ausgeglichen werden.
Viel schadlicher wirkt er sich schon aus im praktischen Leben, wo ja
alles in den Gesichtspunkt materieller Interessen gestellt wird. Aber nie
hatte der Materialismus Platz gegriffen im praktischen Leben, wenn
nicht die Menschen dazu eine Vorliebe gehabt hatten. Es hatte auch
keinen Biichner und so weiter gegeben, wenn nicht der Mensch vorher
das Materielle so geliebt hatte. Am allerschadlichsten wirkt sich aber
der Materialismus aus auf dem Gebiete des religiosen Lebens, das heifit
in der Kirche; gerade sie steuert seit Jahrhunderten auf den Materialis-
mus hin. Wieso? Wenn Sie zuriickgehen in die ursprunglichen Zeiten
des ersten Christentums, hatten Sie nie gehort, daft man angenommen
hatte, daft sich das Siebentagewerk wirklich in sieben Tagen vollzogen
hatte, wie es ja heute tatsachlich vielfach angenommen wird, und daft
man unter dem «siebenten Tag» sich so etwas vorstellen kann, als ob
sich einer nach einer schweren korperlichen Arbeit auf einen Stuhl setzt
und ausruht. Von der Wirklichkeit dieses Siebentagewerkes weifi das
materialistische Zeitalter nichts mehr. Der Theosophie ist es erst wieder
vorbehalten, der Menschheit iiber den wahren Sinn dieser alten Ur-
kunde, der Genesis, Aufklarung zu geben.
Und diese materialistische Auffassung in der Religion, die hat sich
in das Leben der Volker sogar am allertiefsten hineingefressen. Und
immer mehr wird dieser Materialismus gerade auf religiosem Gebiete
herrschen, und immer weniger wird man gerade auf dieser Seite ein-
sehen, daft es auf den Geist ankommt und nicht auf das Physisch-
Materielle. Sie werden ohne weiteres zugeben, daft das materielle
Denken, Fiihlen und Wollen immer mehr eingezogen ist in die ganze
Lebensauffassung der Menschheit, und dies pragt sich schliefilich im
Gesundheitszustand der nachfolgenden Generationen aus.
Ein Zeitalter mit gesunder Lebensauffassung, das schafft fur die
Menschen einen starken Mittelpunkt im Inneren, das macht sie zu in
sich geschlossenen Personlichkeiten, so daft die Nachkommen stark und
kraftig werden. Ein Zeitalter aber, das nur an die Materie glaubt, er-
zeugt Nachkommen, bei denen im Leibe auch alles seine eigenen Wege
geht, nichts im Mittelpunkte liegt, wodurch eben Anzeichen von Neur-
asthenic und Nervositat entstehen. Dies wiirde immer mehr und mehr
iiberhandnehmen, wenn der Materialismus auch in Zukunft die Welt-
anschauung bliebe. Der geistigSchauende kann Ihnen ganz genau sagen,
was kommen wiirde, wenn der Materialismus nicht sein Gegengewicht
fande in einer festen Geistesrichtung. Geisteskrankheiten wiirden epi-
demisch werden, ebenso wiirden Kinder schon bei ihrer Geburt an
Nervositat und Zittererscheinungen leiden, und die weitere Folge der
materiellen Gesinnung ist ein solcher nicht in sich konzentrierter Men-
schenschlag, wie wir ihn heute schon sehen. Damals, vor nun etwa drei
Jahrzehnten, war es vor allem dieser Gedanke und diese Voraussicht,
wie es der Menschheit gehen wiirde, wenn nicht ein geistiges Heilmittel
gegen diese Auswirkung des Materialismus angewandt wiirde, die zur
Inaugurierung der theosophischen Bewegung fiihrte. Man kann ja viel
streiten iiber ein Heilmittel, aber alle Einwendungen konnen weriig
genieren; die Hauptsache ist, dafi es hilft. Und so ist es auch mit der
Heilwirkung der Theosophie. Sie will das verhiiten, was unweigerlich
eintreten wiirde, wenn die Menschen so im Materialismus weitergehen
wiirden.
So sehenSie,wie man - wenn man im tieferenSinne iiber dasKarma-
gesetz denkt - den Menschen nicht als Einzelwesen betrachten kann,
sondern auch als in der ganzen Gemeinschaft unter dem Karmagesetz
stehend. Das Karmagesetz ist nicht fur die, welche nur an ein ganz
blindes Schicksal glauben wollen. Wer das Karmagesetz so auffassen
wiirde, der wiirde es vollstandig verkennen. Und doch findet man
immer wieder Menschen, die diesem Irrtum verf alien. So sagt der eine:
Ich weifi, ich kann nichts dafur, daft mir dies und jenes zustofit, das ist
halt mein Karma, das mufi ich ausleben. - Der andere sagt: Ich sehe da
einen Notleidenden, dem darf ich nicht heifen, denn es ist ja seine
Schuld, daft ihn das trifft; es ist sein Karma, das mufi er ausleben! -
Das alles ist ja nun eine ganz unsinnige Auslegung des Karmabegriffes!
Urn sich eine sehr leicht begreifliche Vorstellung vom Karmagesetz
zu machen, konnen Sie es vergleichen mit dem kaufmannischen Gesetz
von Soil und Haben. Wie der Kaufmann in all seinem Handeln diesem
Gesetz unter liegt, so ist es auch im Leben mit dem Karma. Durch alles,
was Sie im verflossenen Leben Gutes oder Boses getan haben, sind Ihre
Posten nach Soli und Haben gestimmt. Alle guten Eigenschaften sind
auf der Soil-, alle schlechten auf der Habenseite Ihres Karma gebucht.
Man soil aber nicht sagen: Da darf ich nicht eingreifen. - Das ware
genau so toricht, als wenn ein Kaufmann nach Abschlufi der Bilanz
sagen wollte: Jetzt darf ich kein Geschaft mehr machen, denn sonst
verandere ich meine Bilanz. - Genau so, wie der Kaufmann durch jeden
guten Abschlufi seine Bilanz verbessert, so verbessere ich auch durch
jede gute Tat mein Karma. Genau so, wie es dem Kaufmann jederzeit
freisteht, einen Posten auf die eine, Soil, oder auf die andere Seite,
Haben, seines Kontos zu setzen, so auch dem Menschen im Kontobuch
des Lebens. Der Mensch ist immer frei in seinem Handeln, nicht etwa
trotz des Karmagesetzes, sondern gerade unter Beriicksichtigung des-
selben. Gerade wenn wir wissen, dafi alles, was wir tun, und zwar aus
voller Freiheit tun, seine Wirkungen in diesem Kontobuch des Lebens
haben wird, gerade deshalb konnen wir demjenigen nicht recht geben,
der nicht dem Eienden hilft. Das ist genau so, als wenn ein Kaufmann
vor dem Konkurs steht und uns um ein Darlehen von zwanzigtausend
Mark bittet. Werden Sie ihm nicht die zwanzigtausend Mark geben,
wenn Sie wissen, dafi es ein tuchtiger Geschaftsmann ist, der sich mit
diesem Darlehen wieder emporarbeiten kann? So ist es auch bei dem
Eienden: dem helfen Sie sein Karma auszubessern, auf dafi sich sein
Schicksal nach dem Guten wende, und zugleich verbessern Sie Ihr
eigenes Karma durch diese gute Tat. So ist das Karmagesetz in der Tat
ein Gesetz fur ein werktatiges Eingreifen im taglichen Leben. Und dafi
man das Karmagesetz gerade von dieser Seite richtig verstehen lernt,
das ist besonders wichtig, wenn wir es im Verhaltnis zum Christentum
betrachten. Da herrschen heute gerade auf theologischer Seite schwere
Mifiverstandnisse. Die Theologen von heute sagen: Wir lehren, dafi
durch den Tod am Kreuz die Siinden vergeben sind, und Ihr lehrt das
Karmagesetz; das aber steht doch in einem Widerspruch dazu. - Das
ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch, weil das Karmagesetz einfach
nicht verstanden wird. Und umgekehrt gibt es Theosophen, die da
sagen, dafi sie ihrerseits wieder den Siihnetod nicht annehmen konnen;
diese aber verstehen das Karmagesetz ebensowenig.
Nehmen Sie an: Sie helfen einem Menschen und greifen ein in sein
Schicksal und wenden es zum Guten. Wenn Sie nun zwei Menschen
helfen konnten, widersprache das doch dem Karmagesetz ebensowenig.
Nehmen Sie nun an, Sie seien eine Individuality, die dazu berufen
ware, ein Ubel in der Welt zu tilgen durch eine gewisse Tat: wider-
spricht das etwa dem Karmagesetz? So hat die Christus-Wesenheit im
grofiten Umfang nichts anderes getan - analog dem obigen Beispiel -
als ein Mensch, der nicht nur Hunderten oder Tausenden, sondern der
ganzen Menschheit durch seine Tat geholfen hat. So ist der Erlosungs-
tod, der stellvertretende Siihnetod Christi, durchaus ubereinstimmend
mit dem Karmagesetz, ja er ist nur zu begreifen im Hinblick auf dieses
Karmagesetz. Nur wer es nicht versteht, kann da einen Widerspruch
finden. Es ist ebensowenig ein Widerspruch mit dem Karmagesetz, als
es ein Widerspruch ist, wenn ich einem einzelnen Elenden helfe.
Sie miissen imHinblick auf das Karmagesetz an dieZukunft denken,
denn wir schreiben durch eine jedeTat in vtnser Kontobuch einen Posten
ein, der seine Friichte tragen wird. Nur solange man in den Kinder-
krankheiten der Theosophie steckte, konnte man einen Widerspruch
zwischen Christentum und Karmagesetz finden.
Aus der Einsicht heraus in dieses Karmagesetz wird uns manches
klar. Erstens konnen wir genau nachweisen den Zusammenhang zwi-
schen der jetzigen Korperentwickelung und fruheren Lebenslaufen.
Zum Beispiel bereitet ein Leben voller Liebe vor fur eine Entwickelung
im nachsten Leben, die den Menschen lange jung erhalt; dagegen wird
ein f riihzeitiges Altern bewirkt durch viel Antipathie im vorigen Leben.
Zweitens: ein besonders selbstsuchtigerErwerbssinn schafft fur das fol-
gende Leben Dispositionen fur Infektionskrankheiten. Drittens ist es
besonders interessant, dafi zum Beispiel Schmerzen, und namentlich
gewisse Krankheiten, die man durchmacht, bewirken, dafi im nachsten
Leben ein schdner Korper auftritt.Ein solcherEinblick lafit uns manche
Krankheit leichter tragen.
Im Hinblick und Einblick in solche Schicksalszusammenhange hat
einer der grofiten Bibelforscher, Fabre d'Olivet, ein schones Bild ge-
braucht, das uns klarmacht, wie die Dinge im Leben verkettet sind.
Er sagt: Seht euch die Perle in der Muschel an: das Tier darin mufite
eine Krankheit erleiden, und aus dieser Krankheit heraus entsteht die
schone Perle. - Und so hangt in der Tat oft Krankheit in diesem Leben
zusammen nut dem, was das nachste Leben verschont.
Wie das in einzelnen andern Richtungen noch ausgebildet werden
kann, davon morgen.
Frage nach den «Siinden wider den Geist>.
Es gibt Siinden, die hervorgerufen werden dadurch, dafi der Mensch
einen physischen Leib hat, dafi der Mensch einen Atherleib hat, dafi der
Mensch einen Astralleib hat. Innerhalb des Astralleibes geht der Geist
auf; der Mensch wird bewufit. Er kann also siindigen. Diese Siinden
konnen dem Menschen abgenommen werden.
Aber wenn wir so siindigen, dafi wir innerhalb unseres Bewufitseins
siindigen, da wird fremde Hilfe unwirksam. Und weil die Weltenord-
nung weise ist, wird sie uns in diesem Falle die Hilfe auch gar nicht
angedeihen lassen. Es ist das gerade so, als wenn, in dem eben angefuhr-
ten Beispiel, der Kaufmann, der vor dem Ruin stent und uns um ein
Darlehen bittet, unwiirdig dieses Beistandes ist; denn dann ware es
unklug, wenn wir ihm helfen wollten. So ist es auch im Weltengange;
da wo es unweise ware, uns zu helfen, da wird uns nicht geholfen.
«Siinde wider den Geist» ist Sunde, die wir im Astralleib begehen,
wo wir ein Bewufitsein davon haben.
ACHTER VORTRAG
Kassel,23.Junil907
Heute will ich Ihnen noch einige Erganzungen geben zur Frage der
Wiederverkorperung und des Karma. Und dann mochte ich zu der
Besprechung der Entwickelung unserer Erde selbst libergehen, weil wir
erst durch eine solche Betrachtung genau begreifen werden die wahre
Natur des Menschen, so wie diese uns entgegentritt im Zusammenhang
mit den Weltenverhaltnissen. Zum Abschlufi bringen will ich diesen
Vortragszyklus dadurch, dafi wir zusammen betrachten,wie derMensch
sich entwickelt, wenn das Ziel seines Strebens die Anschauung der
hoheren Welten ist. Um in die geistigen Welten einzudringen, werden
wir also zu betrachten haben: erstens die vorchristliche Schulung, zwei-
tens die christliche Schulung, drittens die Rosenkreuzerschulung.
Was noch zu sagen ist tiber die Wiederverkorperung, sollte fur ein
besonderes Kapitel aufgespart werden, weil es fur Anfanger am schwie-
rigsten zu begreifen ist. Was wir zu besprechen haben, bezieht sich zu-
nachst auf die Zeit, die zwischen zwei Verkorperungen liegt. Es ist ja
das schon an und fiir sich eine Frage, die das materialistische Denken
unserer Zeit schockiert.
Die eine Wissensquelle, die dem Geistesforscher zu Gebote steht,
kann ja derjenige, der noch nicht das geistige Schauen hat, nicht nach-
priifen: das ist das Erlebnis. Wer aber die Schulung, die wir noch zu
besprechen haben werden, auf sich anwendet, ist wohl imstande zu
erforschen, wann die Mehrzahl der gegenwartig lebenden Menschen
zuletzt in ihrer vorigen Verkorperung hier auf der Erde war. Dann
werde ich noch die Mittel zu besprechen haben, welche in der chal-
daischen, in der pythagoreischen und in alien Geheimschulen der vor-
christlichen Zeit iiblich waren, um den Menschen den Eintritt in die
geistige Welt zu ermoglichen.
Alle, die hineinschauen konnen in die Verhaltnisse der geistigen Wel-
ten, die also den Menschen zuruckzuverfolgen vermogen in seine vor-
herigen Verkorperungen, werden die Mehrzahl aller jetzt lebenden
Menschenseelen in der ersten Zeit nach Christi Geburt bis in das 8. und
9. Jahrhundert entdecken. Das sind aber alles Durchschnittsverhalt-
nisse; ebenso kann die Zeit zwischen zwei Verkorperungen auch kiirzer
oder langer dauern.
Mit der Tatsache, die ich eben erwahnt habe, hangt eine andere zu-
sammen, die in unserer Zeit besonders stark hervorgetreten ist. Es ist
die Tatsache, daft gerade in unserer Gegenwart so ungewohnlich radi-
kale Denker leben, welche die Gleichheit fordern. Es ist dies nichts
anderes als die auf das materielle Gebiet iibertragene Auspragung der
Gleichheitsforderung in den ersten christlichen Jahrhunderten, die da
hiefi: Gleichheit vor Gott und Gleichheit vor den weltlichen Machten.
Nun sind viele von denjenigen Menschen, die in den ersten christ-
lichen Jahrhunderten diese Gleichheitsforderungen aufgestellt haben
und die damals mit diesen nichterf iillten Forderungen durch die Pforte
des Todes gegangen sind, die also alle diese Sehnsuchten nach Gleich-
heit vor Gott und den weltlichen Machten in ihrer Seele mitgenom-
men haben in die geistige Welt, gerade jetzt wiederverkorpert, und sie
bringen ganz selbstverstandlich ihre Einstellung zu diesen Forderun-
gen - nun aber in metamorphosierter Form, der heutigen materialisti-
schen Weltanschauung entsprechend - wieder mit. Die jetzt Wieder-
verkorperten ubersehen also den ganz materialistischen Einschlag, den
diese Forderung in unserer Zeit erhalten hat. Es ist nicht richtig, wenn
man glaubt, oder behaupten wiirde, der heutige Freiheitssinn stamme
vom Christentum her.
Diese Umsetzung der Forderung einer Gleichheit vor Gott und den
weltlichen Machten in die heutige Forderung der Gleichheit in alien
irdischen Verhaltnissen kann einzig und allein in das richtige Fahr-
wasser gebracht werden durch das Uberschauen des wahren Zusammen-
hangs, wie er uns durch die theosophische Weltanschauung ermoglicht
wird. Wer aber den wahren Zusammenhang uberschaut und zugleich
hinsieht auf das, was als materialistische Weltanschauung heute die
Menschen beherrscht, der sieht ohne weiteres ein, daft die Gleichheits-
forderung in der Form, wie sie heute von den radikalen Denkern der
Gegenwart aufgestellt wird, etwas ist, was ganz naturgemafi einmal
auftreten mufite. Aber ebenso wahr ist es, daft sich die Menschen von
nun an wieder erheben miissen aus dem Materialismus zum Spiritualis-
mus. Nur dann wird erst wieder eine Gesundung der sozialen Verhalt-
nisse eintreten konnen. Es gibt kein anderes Heilmittel dafur, als eben
die Geisteswissenschaft selbst.
In Heft 30, 32, 34 der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» ist diese Frage
genauer besprochen. Es wird da gezeigt, wie alle andern Mittel, die von
noch so hochstehender Seite zur Losung der sozialen Frage angepriesen
werden, leiden unter dem Dilettantismus, weil eben die heutigen Men-
schen nichts wissen von den hoheren Welten. Wiirden die heutigen so-
zialen Denker sich nur ein wenig inspirieren lassen von derTheosophie,
dann wiirden sie erst wirklich wirksame Mittel finden, dieser Frage
naherzutreten.
Ebenso wahr, wie dafi die Menschheit heruntersteigen mufite aus
einer spirituellen Vergangenheit in den Materialismus, so wahr ist es,
dafi sie wieder hinaufsteigen mufi zum Spirituellen. Erst aus dieser spi-
rituellen Weltanschauung wird dasjemge kommen, was Harmonie,
Frieden und Liebe gibt. So wird auch hier wieder die Theosophie im
eminentesten Sinne praktisch sein.
Nun werde ich zu zeigen haben,wie die mitHilfe der hellseherischen
Beobachtung gewonnene Anschauung iiber den Entwickelungsgang der
Menschheit uns zuriickftihrt zu den Ereignissen, die zwischen Tod und
Wiedergeburt liegen.
Ich habe schon gesagt, dafi der Mensch nicht umsonst immer wieder
und wieder auf dieser physischen Erde erscheint. Wir haben ja den
Grund darin gefunden, dafi er bei jeder neuen Inkarnation ganz neue
Verhaltnisse auf der Erde antrif ft, und dafi aus jedem neuen physischen
Leben immer neue Fruchte fur die Zukunft gezogen werden, weil sich
eben die Erde sowohl in kultureller Beziehung wie auch in bezug auf
die rein aufiere Natur jedesmal verandert hat. Jedesmal ist das Antlitz
der Erde vollkommen anders geworden, wenn sie der Mensch bei einer
neuen Inkarnation betritt.
Nun hangt die Umwandlung unserer Erde nach chaldaischer An-
schauung zusammen mit dem Verhaltnis der Sonne zu den andern Ge-
stirnen. Genaueres dariiber finden Sie in manchen Vortragszyklen. Ich
kann jetzt nur kurz darauf hinweisen.
Wenn Sie achtgeben wiirden, wie es am Himmel aussieht, wenn die
Sonne im Friihlingsanfang aufgeht, wenn Sie beobachten wiirden
…[truncated]