Freiheit – Unsterblichkeit – Soziales Leben

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Freiheit 
Unsterblichkeit 
Soziales Leben 

Vom Zusammenhang des Seelisch-Geistigen 
mit dem Leiblichen des Menschen 



Zehn offentliche Vortrdge, 
gehalten in Basel und Bern zwischen 
dem 18. Oktober 1917 und ILDezemher 1918 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften, 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Helmut von Wartburg 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Teilausgaben und Veroffentlichungen 
in Zeitschriften siehe Seite 419 



Bibliographie-Nr. 72 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1990 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Utesch, Hamburg/Druck: Konkordia, Buhl/Baden 
Printed in Germany 



ISBN 3-7274-0720-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in 
den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mkteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und 
fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. 
Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwal- 
tung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwen- 
dige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeit- 
mangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffent- 
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird 
eben nur hingenommen werden mussen, dafi in den von mir 
nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bil- 
det einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 13 

I. Die Menschenseele im Reiche des Ubersinnlichen 
und ihr Verhaltnis zum Leib 

Basel, 18. Oktober 1917 15 

Die Wirkung der Erkenntnisunsicherheit auf das menschliche 
Seelenleben. Der Zusammenhang zwischen Tod und Bewuftt- 
sein. Eine Aufierung dazu von Karl Fordage und Eduard von 
Hartmanns Kritik daran. Die Grenzen des Naturerkennens, 
dargestellt durch Du Bois-Reymond. Zwei Wortlaute von 
E Th. Vischer iiber Grenzorte des Erkennens. Gideon Spicker 
iiber die «Notwendigkeit des Denkens». Die Beziehung zwi- 
schen dem Seelisch-Geistigen und dem Leiblichen. Franz Bren- 
tanos Ringen um das Erkennen dieser Beziehung. Goethes Me- 
tamorphosenlehre, angewandt auf das menschliche Seelenleben. 
Die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft fiir eine wirkliche 
Erkenntnis des sozialen Lebens. 

II. Anthroposophie stort niemandes religioses 
Bekenntnis 

Basel, 19. Oktober 1917 64 

Die von den Zeitverhaltnissen geforderte Erganzung der Natur- 
wissenschaft durch eine Wissenschaft vom Geiste. Griinde fur 
die fruhere Geheimhaltung okkulter Erkenntnisse und das heu- 
tige Streben nach Offendichkeit. Innere Seelendisziplin und 
wirklichkeitsgemafies Denken. Eine geistreiche, aber wirklich- 
keitsferne Anschauung von James Dewar iiber die Erdenzu- 
kunft. Anthroposophie ist selbst keine Religion, weckt aber 
Verstandnis fiir die Religionen. Aufterungen des Psychologen 
Ebbinghaus iiber die Furcht als Erzeuger der Religion. Ein 



Wortlaut des Bischofs John Ireland iiber das Religiose in unse- 
rer Zeit. Anthroposophie stort niemandes religioses Bekenntnis. 



III. Geisteswissenschaftliche (anthroposophische) 
Forschungsergebnisse iiber das Ewige in der 
Menschenseele und iiber das Wesen der Freiheit 

Basel, 23. November 1917 107 

Die Naturwissenschaft fiihrt weg von der Unsterblichkeitsfrage 
und von der Frage nach der Freiheit des Menschen. Die For- 
schungen von Max Rubner und W. O. Atwater iiber den Zu- 
sammenhang zwischen Nahrungs-Energie und Energiever- 
brauch durch Arbeit. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. 
Zur geisteswissenschaftiichen Erkenntnis bedarf es der Erwek- 
kung neuer Fahigkeiten. Die Fluchtigkeit der Geistesschau und 
die Notwendigkeit, ihre Ergebnisse in Begriffe umzuwandeln. 
Einige Eigenschaften der Geistesschau. Die Vernachlassigung 
des Gefiihlslebens in der Psychologie Theodor Ziehens. Der 
Zusammenhang zwischen dem dreigliedrigen Seelenleben und 
dem dreigegliederten Leibesleben. Die Entsprechung zwischen 
den drei Seelenkraften und den drei hoheren Erkenntnisarten. 
Der Freiheitsbegriff der Geisteswissenschaft. Goethes Entgeg- 
nung auf Albrecht von Hallers agnostizistische Haltung. 

IV. Die Wissenschaft des Ubersinnlichen und die 
sittlich-sozialen Ideen 

Basel, 24. November 1917 150 

Die Unmbglichkeit, mit naturwissenschaftlichen Begriffen das 
Leben zu erfassen, dargestellt durch Oscar Hertwig. Das Her- 
einragen des Traum- und Schlafbewufitseins in das wache 
Tagesleben. Die Bedeutung eines wahren Erkennens vom We- 
sen des Traumes und des Schlafes fur die Sozialwissenschaft. 
Herbert Spencers Versuch, das Staatswesen zu verstehen durch 
Vergleich mit der Embryonalentwicklung des Menschen. Ein 
Irrtum Friedrich Schillers in bezug auf die Zukunft. Zwei Wort- 
laute Herman Grimms iiber Geschichtsbetrachtung. Die Giil- 
tigkeit der Theorien von Marx fur die Zustande der Vergangen- 
heit, und die Notwendigkeit des Erwachens zu neuen sozialen 



Ideen. Das Bediirfnis nach einer lebendigen, aus geisteswissen- 
schaftlicher Erkenntnis fliefienden Padagogik. Ein Buch von 
Roman Boos als Beispiel einer wesensgemafien Erfassung von 
Problemen des Rechtslebens. Zu einem Buche von Brooks 
Adams. Ein Ausspruch Goethes iiber die Geschichte. 

V. Das Wirken der Seelenkrafte im Menschen und ihr 
Zusammenhang mit dessen ewiger Wesenheit 

Bern, 28. November 1917 187 

Die notwendige Abkehr der Naturwissenschaft von den Grund- 
fragen des Menschenlebens. Die Riickkehr zu ihnen durch die 
Geisteswissenschaft. Die Erforschung des Seelischen durch Me- 
diumismus und Somnambulismus und der entgegengesetzte 
Weg der Geisteswissenschaft. Schulung der Erkenntniskrafte 
durch Riickschau-Ubungen. Die Unmoglichkeit der Nachprii- 
fung geistiger Erkenntnisse durch aufiere Experimente. Eigen- 
heiten der Geistesforschung. Zerstorerisches Wirken der Seelen 
Verstorbener als Folge ihres materialistischen Glaubens wah- 
rend des Erdenlebens. Verschiedene Einwande gegen die Gei- 
steswissenschaft. Richard Wahle iiber die Nutzlosigkeit der Phi- 
losophic Goethes Weltanschauung als Ausgangspunkt fur heu- 
tige Geistesforschung. Seine Entgegnung auf ein agnostisches 
Gedicht von Albrecht von Haller. 

VI. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse iiber die Ideen 
der Freiheit und des sozial-sittlichen Lebens 

Bern, 30. November 1917 231 

Die geisteswissenschaftliche Bewegung als das Gegenteil einer 
Sektenbildung. Ein Versuch Herbert Spencers, naturwissen- 
schaftliche Ideen auf das soziale Leben zu iibertragen. Die Be- 
deutung des Schlafes fur unser Ich-Bewufitsein. Gefuhls- und 
Willensleben als Fortsetzung des Traum- und Schlafbewufits- 
eins. Erkenntnisse iiber diese Zusammenhange bei Friedrich 
Theodor Vischer und Theodor Ziehen. Eine Theorie von Dewar 
als Beispiel naturwissenschaftlich richtigen, aber nicht wirklich- 
keitsgemaiSen Denkens. Die Verwandtschaft der sozial-sittli- 
chen Impulse mit dem Traumesleben. Eine Ahnung von diesem 



Zusammenhang bei Herman Grimm. Die Giiltigkeit der Ge- 
schichtstheorie von Karl Marx fur die Vergangenheit, nicht fur 
die Zukunft. Das Buch von Roman Boos «Der Gesamtarbeits- 
vertrag* als Anfang einer wirklichkeitsgemafien Betrachtung 
sozialer Probleme. Theoretisches Ausschliefien der menschli- 
chen Freiheit durch falsches Vergleichen des natiirlichen Orga- 
nismus mit dem Staate bei Rudolf Kjellen und die Begriindung 
solcher Freiheit durch geisteswissenschaftliches Betrachten. Ein 
Wortlaut Goethes zur Geschichte. 

VII. Das Wesen der Menschenseele und die Natur 
des Menschenleibes 

Basel, 30. Oktober 1918 274 

Unfahigkeit der modernen Psychologie, die tieferen Lebensfra- 
gen zu beantworten. Vergebliche Bemuhungen des Franz Bren- 
tano. Die moderne Psychologie arbeitet mit alten Begriffen. 
Neue Forschungsmethoden notwendig: systematische Ausbil- 
dung des Denkens. Erkenntnis von der Unwirklichkeit des Vor- 
stellens. Uberwindung des Satzes von Cartesius: «Ich denke, 
also bin ich.» Das Fiihlen nur zu erfassen aus dem Zusammen- 
wirken von Zukunft und Vergangenheit im Leben. Das unbe- 
wufite Leben in Gedanken wahrend des Schlafes und das Auf- 
wachen im Zusammenhang mit dem vorgeburtlichen Dasein. 
Das Wesen des Willensimpulses verwandt mit dem Einschlafen 
und als Keim fur das nachtodliche Leben. 

VIII. Rechtfertigung der iibersinnlichen Erkenntnis 
durch die Naturwissenschaft 

Basel, 31. Oktober 1918 307 

Die Untauglichkeit naturwissenschaftlicher Begriffe fur das 
Losen der Lebensratsel. Du Bois-Reymonds Rede von den Er- 
kenntnisgrenzen. Die Liebefahigkeit als Hinderung fiir die Er- 
kenntnis der Grenzfragen. Selbsttauschungen beim Erforschen 
des eigenen Seelenlebens. Ein Beispiel von Louis Waldstein. Die 
Gedachtniskraft als Hinderung fiir das Durchschauen der eige- 
nen Wesenheit. Ein diesbezugliches Jugenderlebnis Rudolf Stei- 



ners. Das Verhaltnis des Traumens zum Wachen und des Wa- 
chens zum iibersinnlichen Bewufitsein. Die hohere Ausbildung 
der Liebefahigkeit. Ihr Zusammenhang mit der personlichen 
Art des Schreibens. Die Bildhaftigkeit der Ergebnisse moderner 
Naturwissenschaft. Ein Wortlaut dazu von Richard Wahle. 

IX. Rechtfertigung der Seelenwissenschaft irn Sinne 
der Anthroposophie 

Bern,9.Dezember 1918 339 

Die Unfahigkeit der naturwissenschaftlichen Denkart, das 
menschliche Seelenleben zu erkennen. Die Unbrauchbarkeit der 
heutigen Philosophien fur das Leben, dargestellt durch den 
Fachphilosophen Richard Wahle. Die beiden Erkenntnisgren- 
zen des gewohnlichen Denkens. Die Fahigkeit zur Liebe und 
die Fahigkeit zur Erinnerung als Ursachen dieser Grenzen. Ein 
Wortlaut dazu von Louis Waldstein. Die Unmoglichkeit, gei- 
steswissenschaftlich Geschautes zu erinnern. Ein Jugenderlebnis 
Rudolf Steiners. Die Gefiihle als Ergebnis vergangener und 
zukiinftiger Erlebnisse. Die Verwandtschaft des Vorstellens mit 
dem Aufwachen, des Willenslebens mit dem Einschlafen. 

X. Sittliches, soziales und religioses Leben vom 
Gesichtspunkte der Anthroposophie 

Bern, 11. Dezember 1918 376 

Ein Wortlaut von Alfred Wallace iiber das Auseinanderklaffen 
von naturwissenschaftlichem und moralischem Fortschritt. Die 
Unfahigkeit grolSer Naturwissenschafter, die Gesetze des sozia- 
len Lebens zu verstehen, dargelegt am Beispiel von Oscar Hert- 
wig. Die Unbrauchbarkeit des kategorischen Imperativs von 
Immanuel Kant fur die Lebenswirklichkeit. Das Auftreten 
menschlicher Unzulanglichkeiten bei Anhangern der Geistes- 
wissenschaft. Die Uberwindung solcher Unzulanglichkeiten 
und das Durchstofien zu wirklichkeitsnahen Antworten auf 
konkrete Lebensfragen. Ein Beispiel aus dem Bereich des Sozia- 
len. Zu einem Wortlaut von Kardinal Newman. Das Zuriickfin- 
den zu wahrer Religiositat durch Geisteswissenschaft. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 419 

Hinweise zum Text 420 

Namenregister 434 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . 437 



ZU DIESER AUSGABE 



In diesem Band sind zehn offentliche Vortrage wiedergegeben, die 
Rudolf Steiner in den letzten zwei Jahren des Ersten Weltkrieges 
gehalten hat, sechs davon in Basel, vier in Bern. Sie zeigen durchge- 
hend das Bemuhen, einsehbar zu machen, dafi es sich bei der 
Anthroposophie nicht um eine wirklichkeitsfremde oder gar sek- 
tiererische Bewegung handelt, sondern dafi sie Antworten geben 
will gerade auf die Fragen, welche die Menschheit in den vorange- 
gangenen Jahrzehnten schon beschaftigt hatten und infolge der 
katastrophalen Ereignisse der damaligen Gegenwart in noch ver- 
mehrtem Mafie bewegten und bewegen mufiten. 

Mit einer umfassenden Sachkenntnis, mit tiefer Bewunderung 
fur die Leistungen der modernen Wissenschaft und Technik, und 
mit grofier Einfiihlungskraft schildert Rudolf Steiner das Bestreben 
vieler Philosophen, Psychologen, Physiologen und anderer Natur- 
forscher,* an wesentliche Erkenntnisfragen heranzukommen, ent- 
scheidende Lebensfragen zu losen, schildert, wie in diesen Berei- 
chen die liblichen wissenschaftlichen Mittel und Methoden versa- 
gen miissen, wie deshalb manche bedeutenden Personlichkeiten auf 
Irrwege geraten oder auch in ihrem Bemuhen verzweifeln und 
resignieren. Und er weist dann darauf hin, welche neuen Ansatze 
durch die Anthroposophie gegeben sind, um durch iibendes Arbei- 
ten an sich selbst die Erkenntnisgrenzen zu iiberwinden und um 
brennende Lebensprobleme mutig und sachgemafi anpacken zu 
konnen. « Anthroposophie macht guten Willen handlungsfahig» : 
Mit diesen Worten des Sozialwissenschaftlers Roman Boos konnte 
man den Gehalt dieser Vortrage kurz umreifien. 

Sie sind darum sehr geeignet, iiber Anthroposophie eine erste 
einfiihrende und zugleich wesenhafte Orientierung zu geben. An- 
dererseits konnen sie auch wegleitend sein fur jeden, der vor der 
Aufgabe steht, die Anthroposophie vor Menschen zu vertreten und 
darzustellen, die von ihr noch wenig oder nichts wissen. 



DIE MENSCHENSEELE 
IM REICHE DES UBERSINNLICHEN 
UND IHR VERHALTNIS ZUM LE IB 

Basel, 18. Oktober 1917 

Sie werden immer wieder und wieder horen, wenn von 
Anthroposophie die Rede ist - in dem Sinne, wie sie hier 
auch wiederum in diesem Vortrag als Erkenntnis des 
geistigen Lebens des Menschen gemeint ist -, dafi sie 
entspringe aus den traumerischen, den phantastischen 
Einfallen einzelner Personlichkeiten. So wenigstens urtei- 
len viele Menschen, welche sich fur kompetent zu einem 
solchen Urteile halten. Nun mufi man aber allerdings von 
vornherein sagen, dafi sich diese anthroposophische Gei- 
steserkenntnis erstrecken will iiber ein Forschungsfeld, 
das die tiefsten, die bedeutungsvollsten Interessen des 
menschlichen inneren Lebens iiberhaupt enthalt. Daher 
sind allerdings auch zu alien Zeiten, auch in der neueren 
Zeit, in der solche Bestrebungen von den glanzenden 
Fortschritten der Naturwissenschaft verdunkelt worden 
sind, immer wieder und wiederum Versuche gemacht 
worden, vereinzelte - konnen wir fast sagen - Versuche 
gemacht worden, dieses Feld zu bebauen. Aber gesagt 
werden mufi, dafi es zumeist gerade in der neueren Zeit 
nur Lichtblitze waren, welche auf dieses Feld geworfen 
worden sind bei dieser oder jener hervorragenden Per- 
sonlichkeit, die sich mit Nachdenken iiber das mensch- 
liche Geistesleben befafke, Lichtblitze, von denen man 
immer die Empfindung hat, sie kommen aus ganz ande- 
ren Quellen des menschlichen Wesens heraus als die Er- 



kenntnisse, die sich auf die aufSere Natur, auf das Feld der 
aufieren smnlichen Wahrnehmung beziehen. 

Zu verwundern ist es nicht, dafi etwas wie ein unbe- 
wufiter Erkenntnisinstinkt die Menschen immer wieder 
und wiederum dazu zwingt, dieses Feld durch solche 
Lichtblitze zu erhellen, denn auf diesem Felde liegen die 
bedeutungsvollsten Seelenfragen, Seelenratsel, jene See- 
lenratsel, denen sich der Mensch immer wieder und wie- 
derum gegeniibergestellt sehen mufi mit seinem ganzen 
Empfindungs-, mit seinem ganzen Gefiihls-, auch Vor- 
stellungs- und Willensleben. Und fuhlen mufi der 
Mensch: Wenn er keine Stellung zu diesen Fragen ge- 
winnt, dann hat das eine Wirkung auf seine Seele, die man 
vergleichen kann auf dem leiblichen Gebiete mit einer Art 
Erkrankung. Das Seelenleben verodet; es fiihlt sich von 
allerlei - man mochte das alte gute Wort «Sucht» gebrau- 
chen -, von allerlei Suchten durchweht, wenn die Zweifel, 
die Ungewifiheiten auftauchen, die auftauchen konnen 
gegeniiber diesen Fragen. 

In der neueren Zeit allerdings - man hat es ja gesehen 
durch viele Jahre hindurch - haben die Menschen wenig 
Stillung des Erkenntnishungers, der aus solchen Impulsen 
hervorgeht, gesucht durch das, was man geistige Nahrung 
nennen konnte. Wer kennt ihn nicht, jenen Zug derjeni- 
gen, die Geld genug dazu hatten, nach den verschieden- 
sten Sanatorien der Welt - die traurige Zeit der Gegen- 
wart hat vielen die Gelegenheit dazu allerdings genom- 
men-, jenen Zug nach den Sanatorien, wo eigentlich 
doch fur viele, viele, allzu viele, nichts anderes geloscht 
werden sollte als jene Erkenntnissehnsucht, iiber die man 
sich eigentlich im gewohnlichen Leben der Gegenwart so 
gerne hinwegbetauben mochte, die man gar so gerne 
durch etwas ganz anderes als geistige Mittel befriedigen 



mochte. Was die Menschen in Sanatorien und ahnlichen 
Anstalten gesucht haben, waren ja doch im Grunde ge- 
nommen nur Anregungen, bei denen sie sozusagen mit 
ihrer Seele nicht dabeizusein brauchten und die entgegen- 
kommen sollten jenen geheimnisvollen Sehnsuchten, von 
denen ich eben gesprochen habe und die man nicht ge- 
neigt ist, auf geistige Weise zu befriedigen. 

Immer wieder und wiederum taucht, wenn ich iiber 
solche Fragen nachdenken mufi, jenes Bild vor meiner 
Seele auf, das sich einmal vor mich hinstellte vor Jahren, 
als ich - wirklich nicht zur Erholung oder Gesundung, 
sondern um jemanden zu besuchen — in einem Sanato- 
rium war gerade zu einer Zeit, wo man sozusagen Revue 
passieren lassen konnte die verschiedenen Insassen und 
wo ich nachher durch das Gesprach mit einzelnen, das 
Ansehen einzelner darauf kam, dafi derjenige, der am 
meisten Auffrischung und Gesundung seines Nervensy- 
stems gebraucht hatte, eigentlich der dirigierende Arzt 
war. Die anderen alle hatten viel weniger Auffrischung 
ihres Nervensystems gebraucht als der dirigierende Arzt. 

Auf dieses Feld nun, auf das hiermit gedeutet wird, 
haben einzelne Menschen, die sich intensiver befalken mit 
Fragen des geistigen Lebens, wie ich sagte, einzelne Licht- 
blitze fallen lassen, die ihnen aufgegangen sind aus den 
Tiefen ihrer Seelen. Dabei hat sich immer eines herausge- 
stellt, das, ich mochte sagen, wie ein roter Faden sich auch 
heute durch die Betrachtungen dieses Abends ziehen wird; 
es hat sich herausgestellt, da£ in dem Menschen, wie er so 
mit seinem gewohnlichen Leben heute durch die Welt 
geht, eigentlich ein anderer Mensch schlaft, in Wirklich- 
keit schlaft und ruht, ein Mensch, der durch die Verhalt- 
nisse des gewohnlichen Lebens eigentlich nicht wahrge- 
nommen wird, weil er leiser in dem gewohnlichen Men- 



schen schlaft, als Traumesvorstellungen in ihm vorhanden 
sind, die auch kommen und verschwinden. 

Aber eines ist gerade geistvoilen Menschen immer auf- 
gef alien, wenn sie darauf gekommen sind, wie ein solcher, 
im Grande schlafender zweiter Mensch im gewohn- 
lichen Menschen ruht: Sie konnten den Gedanken dieses 
schlafenden Menschen, dieses unbemerkten zweiten 
Menschen, nicht fassen, ohne ihn in irgendeiner Weise 
zusammenzubringen mit dem, was wir innerhalb der Ver- 
haltnisse unseres Lebens den Tod nennen miissen. Und 
wirklich mehr oder weniger instinktiv ging es der einen 
oder anderen Personlichkeit auf, da£ ebenso, wie die 
Erscheinungen des aufieren sinnenfalligen Naturlebens 
zusammenhangen mit den Gesetzen des Daseins, die man 
finden kann durch die Beobachtung des Wachstums, der 
Geburt, des Hervorgehens von Wesen aus anderen und so 
weiter, daft ebenso dieser zweite, im ersten schlafende 
Mensch innig zusammenhangt mit dem, was man den 
Tod nennen mufi im Verhaltnisse unseres Lebens, mit 
dem Vergehen. Und man merkt, daft es fur Erkenntnis- 
menschen ein grofter, bedeutungsvoller Augenblick ist, 
wenn sie gewissermafien den hoheren Menschen im Men- 
schen nicht mit dem Wachsenden, Gedeihenden in Zu- 
sammenhang denken miissen, sondern gerade mit den 
Kraften, die sich nach dem Tode zu bewegen. 

Eine derjenigen Personlichkeiten, denen dieser Zusam- 
menhang, ich mochte sagen, in besonders erhellendem 
Licht vor die Seele getreten ist, ist der Philosoph und 
Psychologe Fortlage. Ich will ausgehen von einer bedeu- 
tungsvollen Aufierung, die er 1 869 getan hat im Verlauf e 
von acht psychologischen Vortragen, Vortragen tiber See- 
lenkunde, die er gehalten hat. In diesen Vortragen findet 
sich die folgende, ganz bedeutungsvolle Stelle: 



«Wenn wir uns lebendige Wesen nennen und so uns 
eine Eigenschaft beilegen, die wir mk Tieren und Pflan- 
zen teilen, so verstehen wir unter dem lebendigen Zu~ 
stand notwendig etwas, das uns nie verlafk und sowohl 
im Schlaf als im Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist 
das vegetative Leben der Ernahrung unseres Organismus, 
ein unbewufkes Leben, ein Leben des Schlaf s. Das Gehirn 
macht hier dadurch eine Ausnahme, dafi dieses Leben der 
Ernahrung, dieses Schiafleben, bei ihm in den Pausen des 
Wachens uberwogen wird von dem Leben der Verzeh- 
rung. In diesen Pausen stent das Gehirn einer iiberwie- 
genden Verzehrung preisgegeben und gerat folglich in 
einen Zustand, welcher, wenn er sich auf die iibrigen 
Organe mit erstreckte, die absolute Entkraftung des Lei- 
bes oder den Tod zuwege bringen wiirde.» 

Und dann, nachdem Fortlage zu dieser merkwiirdigen 
Au£erung gekommen ist, setzt er diese Betrachtung 
fort in den folgenden, ich mochte sagen, tiefgriindigen 
Worten: 

«Das Bewufitsein ist ein kleiner und partieller Tod, der 
Tod ist ein grofies und totales Bewufitsein, ein Erwachen 
des ganzen Wesens in seinen inner sten Tiefen.» 

Man sieht, durch einen solchen Lichtblitz, aus den 
Tiefen der menschlichen Seele kommend, erhellt sich fur 
Fortlage der Zusammenhang zwischen dem, was man 
Tod nennen kann, und dem, was unser Bewufitsein ist, 
was uns wahrend unseres wachen Lebens immer begleitet 
und im Grunde genommen eigentlich zum Menschen 
macht. Fortlage kommt zu einer Idee von der Verwandt- 
schaft des Todes und des Bewufitseins, indem er sich 
klarmacht, dafi das, was auf einmal im Augenblicke des 
Todes den Menschen ergreift, das, was auf einmal im 
Tode verzehrend fur die menschliche Leiblichkeit wirkt, 



im Kleinen, in fortwahrenden kleinen Mengen, konnte 
man sagen, dann wirkt, wenn wir diese Bliite unseres 
seelischen Daseins, das Bewufitsein wahrend unseres wa- 
chen Lebens, entfalten. Jeder bewulke Akt ist im Kleinen 
dasselbe, was wie eine grofie Summe der Tod ist. So da£ 
fiir Fortlage der wirkliche Tod, wenn er eintritt, das 
Auftauchen eines umfassenden Bewufitseins ist, das den 
Menschen hineinversetzt in eine iibersinnliche Welt, wah- 
rend er, wenn er als Seele zwischen Geburt und Tod den 
physischen Leib zu seinem Leben braucht, in die sinn- 
liche Welt hineinversetzt ist. 

Fortlage hat viel iiber Seelenkunde geschrieben, viele 
Bande; solche Lichtblitze, sie tauchen nur ab und zu in 
seinen Schriften auf. Der iibrige Inhalt seiner Schriften 
beschaftigt sich auch nur mit dem, was man so gewohn- 
lich heute in den Seelenkunden der Psychologie findet: 
mit der Vergesellschaftung der Vorstellungen, dem Ab- 
lauf der Vorstellungen, dem Auftauchen von Trieben und 
so weiter, kurz, mit all denjenigen Fragen, an die man sich 
heute einzig und allein in der Seelenkunde heranwagt und 
die weit abstehen von dem, was eigentlich den Menschen, 
den vollen, ganzen Menschen interessiert an der Seelen- 
kunde, weit abliegen von den zwei Hauptfragen: von der 
Frage nach der menschlichen Freiheit und der Frage nach 
der menschlichen Unsterblichkeit. 

Mit der letzteren Frage werden es hauptsachlich die 
Betrachtungen des heutigen Abends zu tun haben, wah- 
rend in einigen Wochen hier von mir ein Vortrag gehalten 
werden soil, der dann auf die Frage der Freiheit von 
demselben Gesichtspunkte aus eingehen wird. 

Wenn nun auch Fortlage in dem breiten Umfang seiner 
psychologischen Forschung, seiner Seelenkunde, sich nur 
mit den untergeordneten Fragen befafit, und so, daft ihn 



diese Art der Betatigung nicht zu den hochsten Fragen 
fiihren kann, immerhin finden sich bei ihm solche Licht- 
blitze. Aber auch dafiir wurde er getadelt. Eduard von 
Hartmann — diejenigen verehrten Zuhdrer, die friihere 
Vortrage von mir gehort haben, wissen, daft ich diesen 
Philosophen durchaus nicht unterschatze — , Eduard von 
Hartmann hat Fortlage scharf getadelt, daft er die Bahn 
der Wissenschaft verlassen habe in einem Moment, wo er 
einen solchen Zusammenhang in die strenge Wissenschaft 
hineinbringt, wie der ist zwischen dem menschlichen 
Bewufttsein und dem Tode. 

Nun kann man sagen: Nicht allein Fortlage - derje- 
nige weift es, der sich in einem grofteren Umfange mit 
der geisteswissenschaftlichen Literatur bekanntgemacht 
hat — , nicht allein Fortlage, viele Personlichkeiten haben 
in einzelnen solchen Lichtblitzen etwas von Erkenntnis 
herausgebracht aus ihrer Seele, das sich bezieht auf diesen 
charakterisierten zweiten, im sinnlichen Menschen schla- 
fenden Menschen. Aber es smd - gerade in der neueren 
Zeit - vereinzelte Lichtblitze geblieben. 

Anthroposophie hat nun keine andere Aufgabe, als 
dasjenige, was sonst wie instinktiv in einzelnen Lichtblit- 
zen wie eine Offenbarung hoherer Erkenntnis aus den 
Tiefen der menschlichen Seele heraufgeklungen ist, ich 
mochte sagen, zu systematisieren, zu regeln, methodisch 
zu machen, so daft dasjenige, was dadurch entsteht, sich 
als eine vollgiiltige Wissenschaft neben die so herrliche 
Naturwissenschaft der neueren Zeit hinstellen kann. 
Dazu ist allerdings notwendig, daft derjenige, welcher 
sich ein Urteil bilden will iiber diese Anthroposophie 
oder Geisteswissenschaft, mancherlei Vorurteile abstreift, 
Vorurteile, von denen man nicht einmal sagen kann, daft 
viele Menschen, die sie haben, deshalb zu tadeln sind, 



Vorurteile, die aus gewissen Vorziigen der Wissenschaft 
der Gegenwart heraus gerade leicht erklarlich sind. 

Ich mufite ja sagen: Der Mensch, um den es sich eigent- 
lich handelt, wenn Betrachtungen der Geisteswissen- 
schaft in Betracht kommen, ist etwas wie Schlafendes in 
dem gewohnlich wachenden Menschen. Daraus aber ist 
erklarlich, dafi alles, was sich auf diesen zweiten, den im 
wachenden Menschen schlafenden Menschen bezieht, 
zunachst iiberhaupt so verlauft, dafi man es nicht merkt, 
verlauft wie ein unter den Strdmen des gewohnlichen 
Bewulkseins verlaufender anderer Strom, der aber uber- 
tont, iiberleuchtet wird von dem, womit man das Be- 
wufitsein ausfiillt nach der Sinneserfahrung, nach den 
Bediirfnissen des personlichen Lebens. Und wenn in die- 
sem gewohnlichen Leben ab und zu solche Lichtblitze 
herauftauchen, dann verschwinden sie schneller als ein 
Traum. Kein Wunder daher, dafi die meisten Menschen 
schon einmal nach dem durchaus berechtigten Urteil der 
heutigen Zeit sich sagen: Ja, was da heraufkommt aus der 
Seele und Aufschlufi geben will, eine Offenbarung bilden 
will iiber diesen leise klingenden, leise leuchtenden schla- 
fenden Menschen, das macht, wenn es auftritt bei denen, 
die sich Geistesforscher nennen, den Eindruck des 
Traumhaften, des Phantastischen, es macht den Eindruck 
von Phantasiegebilden, was an Vorstellungen iiber diesen 
Menschen vorgebracht wird. Und auf solche Phantasiege- 
bilde will sich ja die Gegenwart nicht einlassen. Da ist sie 
gleich fertig mit dem Urteil: Ach was, das ist etwas, was 
aus der Phantasie des einzelnen entsprungen ist, was ein 
Traumer gepragt hat! 

Ja, etwas anderes konnte aber rich tig sein. Wie ware es, 
wenn es richtig ware, daE man iiber das, was im Men- 
schenwesen iiber Geburt und Tod hinaus lebt, was gegen- 



iiber dem Verganglichen das Ewige der Menschennatur 
ist, wenn man iiber dieses zunachst nur so schwache 
Vorstellungen, so, ich mochte sagen, abgetonte Vorstel- 
lungen bekommen konnte, wie sie im Traum vorhanden 
sind? Wenn das so ware, dann miifite man entweder auf 
jede Erkenntnis des Ewigen im Menschen verzichten, 
wenn man nicht zu Vorstellungen seine Zuflucht nehmen 
wollte, die mit dem Charakter auftreten, mit dem sonst 
die Phantasie oder der Traum auftreten, oder man mufi 
schon einmal das, was man gewohnt ist, an logischer 
Disziplin, an methodischem Forschungssinn in den Vor- 
stellungen zu haben, die auf die Sinneswelt gehen, hin- 
eintragen in diese Welt, die einem sonst traumhaft 
vorkommt. Und man mufi durch gewisse Mittel, innere 
Seelenmittel, durch Erregung gewisser innerer Seelen- 
krafte die Vorstellungen heraufheben, damk sie nicht 
blofi traumhaft vorbeihuschen, sondern die Deutlich- 
keit, die Eindrucksfahigkeit erhalten, welche die Vor- 
stellungen des gewohnlichen Lebens, des gewohnli- 
chen Wachlebens, des gewohnlichen Bewufitseins 
haben. 

Kann man dieses? Es ist heute schwer, einem Menschen 
klarzumachen, dafi man es sogar in echt wissenschaftli- 
chem Sinne kann, weil heute Naturwissenschaft als die 
einzige Wissenschaft gilt, die eine streng begriindete Me- 
thodik hat. Und wenn man andere Wissenschaften unter- 
scheidet, so lafit man sie eigentlich nur insoferne gelten, 
als sie nach dem Muster der Naturwissenschaft metho- 
disch begriindet sind. Man hat fur gewisse Gebiete durch- 
aus Recht, und man mufi sogar noch mehr sagen. Man 
mufi sagen: Was die Naturwissenschaft in der neueren 
Zeit heraufgebracht hat an Vorstellungen, zeigte, dafi sie 
so sein miissen, wenn sie das Gebiet beherrschen wollen, 



das ihnen zugewiesen ist. Man mufi aber auch sagen, dafi 
man mit ihnen sich dem ewigen Leben des Menschen 
nicht nahern kann. Diese Vorstellungen konnen gar nicht 
gleich geeignet sein, die Ratsel der Natur zu losen und die 
Ratsel der menschlichen Seele zu losen. Zu dem letzteren 
mufi etwas ganz anderes eintreten. Wie vielerlei Wege, 
wie vielerlei Mittel angewendet werden miissen, um die 
Seele so stark zu machen, so innerlich zu erkraften, dafi 
sie Vorstellungen, die sonst wie schlafend unten im Be- 
wufitsein ruhen, heraufholen kann und auf sie die strenge 
Disziplin und Methodik des Denkens anwenden kann, 
ich habe dariiber in den verschiedenen Schriften, nament- 
lich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten?» gesprochen. Heute will ich wie- 
derum, wie ich es in friiheren Vortragen hier getan habe, 
einige Gesichtspunkte aus diesen Schriften heraushe- 
ben. Den ausfuhrlichen Weg, den die Menschenseele 
einzuschlagen hat, um durch innerliche Erkraf- 
tung wirklich dahin zu kommen, hineinzusehen in die 
geistige Welt, wie man mit sinnlichen Augen hinein- 
sieht in die physische Welt, diesen ausfuhrlichen Weg 
mufi man in den genannten Schriften suchen; allein 
ich will heute einige Gesichtspunkte besonders hervor- 
heben. 

Man bekommt keine Vorstellung von dem, wie eigent- 
lich der Geistesforscher vorgehen mulS, was er eigentlich 
tun mufi, um mit seiner Seele hineinzuschauen in die 
geistige Welt, wenn man sich nicht klarmacht, was man 
erleben kann als voller, ganzer Mensch, mit den entspre- 
chenden Erkenntnissehnsuchten und Erkenntnisbediirf- 
nissen ausgestattet, an gewissen Grenzorten des Erken- 
nens, zu denen einen gerade die moderne Naturwissen- 
schaft fuhrt. 



Diese moderne Naturwissenschaft gibt dem, der sich 
ihr widmet, nicht nur Aufschliisse, die niemand mehr 
bewundern kann als der Geistesforscher selbst, uber den 
aufieren Naturverlauf, iiber mancherlei, was auch ein- 
zuschlagen hat in das praktische Leben, sondern diese 
Naturwissenschaft gibt dem, der sich ihr von gewissen 
Gesichtspunkten aus hingebungsvoll widmet, eine innere 
Erziehung des menschlichen Seelenlebens. Und mehr als 
man dazu in friiheren Stadien naturwissenschaftlichen Er- 
kennens in der Lage war, ist man heute erkenntnismafiig 
eigentlich gerade durch die Naturwissenschaft zur Gei- 
stesforschung vorbereitet. Man soli sich nur nicht ein- 
engen lassen durch das, was die Naturwissenschaft auf 
ihrem eigenen Gebiete iiber die Aufienwelt zu sagen hat. 
Man soil sich vielmehr aufschwingen konnen zu einer 
inneren Disziplinierung, zu einer inneren Zucht des seeli- 
schen Lebens durch die Art und Weise, wie man an der 
Natur forscht. Die Vorstellungen, die die Naturwissen- 
schaft selbst liefert, konnen nur Aufschlufi geben iiber die 
aufiere Natur; ihrem Inhalte nach werden sie nichts sagen 
iiber das geistige Leben. Aber indem man sie gebraucht, 
indem man sie gerade hingebungsvoll gebraucht bei der 
Naturforschung, bei der Naturerkenntnis, erziehen sie, 
ich mochte sagen, nebenbei in demjenigen Menschen, der 
in der Lage ist achtzugeben auf das, was in ihm da vor- 
geht, gewisse innere Lebensverhaltnisse, die ihn dahin 
bringen, einen Begriff, ein inneres Erlebnis zu erhalten 
von dem, was es heilk: mit seiner Seele aufierhalb des 
Leibes leben. 

Ich weifi sehr wohl, dafi dieser Begriff - mit seiner Seele 
aufierhalb des Leibes leben — heute fur viele der Gipfel des 
Unsinns ist. Doch das macht nichts. Jeder kann sich 
iiberzeugen, dafi die innere Erfahrung ihm die gewisse 



Einsicht in das Leben aufierhalb des Leibes gibt, wenn er 
solche Ubungen des Seelenlebens durchmacht, wie sie in 
meinen Schriften angedeutet sind oder wie ich sie im 
Prinzip hier aussprechen will. 

Besonders Bedeutungsvolles kann man durchmachen, 
wenn man eben an jenen Grenzort des Erkenntnislebens 
kommt, an den einen die Naturwissenschaft so vielfach 
fiihrt. Grenzort! Sehen Sie, von den grofien Grenzfragen 
des Erkennens sprechen ja viele Leute. Man spricht da- 
von, dafi die menschliche Seele an eine Grenze kommt, 
wenn sie dariiber forschen will, ob die Welt, raumlich 
oder zeitlich, unendlich oder endlich ist, wenn die Seele 
forschen will, ob sie einem unwiderstehlichen Zwang in 
alien ihren Handlungen unterliegt oder ob sie frei ist. 
Gewifi, das sind hochste Grenzfragen. Du Bois-Rey- 
mond hat in seiner beriihmten Rede iiber die Grenzen des 
Naturerkennens, iiber die sieben Weltratsel, andere sol- 
che Grenzfragen hingestellt. Tiefsten Eindruck kann auf 
einen machen, wenn man so recht, ich mochte sagen, aus 
dem Erkenntnisschmerze eines Erkenntnismenschen her- 
aus fuhlt, wie ein soicher Mensch an einem solchen 
Grenzorte steht. 

Ich konnte viele Beispiele anfiihren fur die Tatsache, 
dafi wahre Erkenntnismenschen an solche Grenzorte ge- 
stellt werden. Ein solches Beispiel ist das, welches uns 
vorliegt in den Schriften des beriihmten Asthetikers und 
Philosophen Friedrich Theodor Vischer, des sogenannten 
V-Vischer, weil er sich mit V schreibt. Wenn man seine 
Schriften durchliest: man mufi oftmals haltmachen an 
dem, was seine Seele an solchen Grenzorten des Erken- 
nens erlebt. Er hat eine schone Abhandlung geschrieben 
iiber ein Buch, das der ja auch einmal in Basel hier wir- 
kende Philosoph Volkelt geschrieben hat iiber die Traum- 



Phantasie. In dieser Abhandlung, die allerdktgs V-Vischer 
den Vorwurf zugezogen hat - man sollte es nicht glauben, 
denn V-Vischer war von dem, was diesen Vorwurf be- 
trifft, so weit als moglich entfernt; aber selbst dieses war 
moglich -, er sei unter die Spiritisten gegangen, da fiihrt 
V-Vischer eine solche Stelle an, wo er zeigt, was er an den 
Grenzorten des Erkennens erlebte. Er sagte: Dafi die 
menschliche Seele nicht im Leibe sein kann, das ist ganz 
gewifl, daft sie aber auch nicht aufier dem Leibe sein kann, 
das ist ebenso gewifi. Hier haben wir eine solche Grenz- 
frage, eine solche Grenzfrage, die deshalb paradox ist, 
weil sie einen vollstandigen Widerspruch in sich schliefk, 
einen Widerspruch, wie diejenigen sind, auf die man eben 
immer gerade dann kommt, wenn man sich hingebungs- 
voll in strenge Naturwissenschaft vertieft, in das Leben 
uberhaupt vertieft. Es ist ein Widerspruch, auf den man 
gefiihrt wird: Die Seele kann nicht im Leibe sein, sie kann 
aber auch nicht aufierhalb des Leibes sein! — Warum wird 
man zu solchem Widerspruch gefiihrt? 

An solchen Grenzorten, an denen solche Widerspriiche 
auftreten, da hilft einem das naturwissenschaftliche Er- 
kennen nichts, und am meisten storend ist es, wenn man 
den Glauben haben kann, dafi einem dasselbe etwas hilft. 
Die meisten Menschen sind allerdings dann in der heuti- 
gen Zeit bald fertig mit ihrem Urteil. Sie sagen in einem 
solchen Falle einfach: Nun ja, bis hierher fiihrt eben die 
menschliche Erkenntnis, weiter konnen wir nicht. — So ist 
es aber nicht. Weil Vischer in dem Vorurteile der neueren 
Zeit steckte, hat er gewisserma£en nur den Widerspruch 
erlebt. Aber er hat nicht erlebt, was man tun kann, um 
mit seiner Seele weiterzukommen an solchen Grenzorten. 
Hier mufi das gewohnliche Erkennen aufhoren und ein 
ganz besonderes Erleben der Seele beginnen. Hier mufi 



man gewissermafien vergessen konnen, was einem die 
Vorstellungen aus dem gewohnlichen Leben sind, weil sie 
einen eben nur bis zu diesem Grenzorte tragen. Das mufi 
man hier erleben konnen. Hier mufi man ringen konnen 
als Seele mit dem, was einem entgegentritt, wenn man 
sich einlafit in das, was da, ich mdchte sagen, wirbelt in 
einem solchen Widerspruche, wie die Luft wirbelt, in die 
wir uns mit unserer Lunge hineinbegeben miissen. Solche 
Widerspruche wollen erlebt sein, wollen erlebt sein mit 
der ganzen Seele. Dann tritt dieser ganzen Seele wie aus 
grauer Geistestiefe etwas Neues entgegen, was sie ohne 
dieses Erleben mit solchen Widerspriichen eben nicht 
erfahren kann. 

Man hat sich Vorstellungen gebildet iiber die Art und 
Weise, wie etwa niedere Tiere, niedere Organismen, die 
noch keine Sinne haben, die Sinne im Verkehre mit der 
Aufienwelt entwickeln. Ein inneres Leben bestand; dieses 
innere Leben stofit an die auftere Welt, pafk sich der 
aufieren Welt an, erfahrt die Impulse der aufieren Welt. 
Und wahrend vorher das Leben gewissermafien in dem 
Organismus pulsiert und dann uberall anstofit an das 
aufierlich Sinnliche, an das Raumliche, bildet sich aus 
diesem Anstofien, aus diesem Verkehr mit der Auflen- 
welt, sagen wir, ein Tastsinn heraus. Erst ist es ein inneres 
Wiihlen, dann ein Stofien an die Grenzen des aufierlich 
Raumlichen. Aber das Wesen lernt im Verkehr mit der 
Aufienwelt, sich anzupassen; aus den Riickwirkungen ge- 
gen die Stofie nach aufien, die Driicke, bildet sich, was 
eine Art Abbildung der Aufienwelt durch den Tastsinn 
ergibt; durch das Anprallen an die Grenze entwickelt sich 
dieser Tastsinn. Mit dieser Vorstellung — wir wollen jetzt 
nicht untersuchen, inwieweit sie gilt - von dem, was da in 
den niederen Organismen zur Bildung aufierer Sinne 



wirkt, kann man vergleichen, was die Seek erlebt, wenn 
sie an solche Grenzorte des Erkennens wie die bezeich- 
neten kommt. Da ist es im Seelenleben wirklich so, wie 
wenn man zuerst im dunkeln Inneren an irgend etwas 
stofien wiirde, was man zunachst aufterlich hat. Dann 
spezifiziert sich, differenziert sich, was man da in solchen 
widerspruchsvollen Vorstellungen erlebt, die man sich an 
Erkenntnis-Grenzorten bildet. Und so, wie sich aus dem 
Undifferenzierten heraus das Tastorgan als physischer 
Sinn ergibt, so ergibt sich aus dem Seelischen heraus, 
indem die Seele anschlagt an die Grenze der geistigen 
Welt, ein geistiges Dasein. Man stofit wirklich an die 
geistige Welt an. Aber man pafit sich ihr auch an. Und 
man erlebt das Bedeutsame, daft man gewissermafien zu- 
erst die Seele wie einen unentwickelten Seelenorganismus 
hat, dem die Geistwelt drauften, das Ubersinnliche, ge- 
geniibersteht, dann aber, dafi diese Seele gewissermafien 
geistige Tastorgane und im weiteren, tieferen Prozefi auch 
Geistesaugen, Geistesohren, um diese Goetheschen Aus- 
driicke zu gebrauchen, entwickelt, um das, an das sie erst 
nur stoftt, wirklich wahrzunehmen. 

Ich glaube gern, daft heute die Menschen, die schon 
einmal vielleicht aus irgendwelchen unbestimmten inne- 
ren Instinkten heraus den Drang haben, etwas von der 
geistigen Welt zu erfahren, es mehr lieben wiirden, wenn 
man ihnen die Fahigkeit, die geistige Welt wahrzuneh- 
men, dadurch beibringen konnte, da£ man ihnen my- 
stisch die Hande auflegt oder dergleichen. Das glauben ja 
manche Menschen. Aber so ist es nicht. Was uns die 
geistige Welt erschliefk, ist innere, seelische Arbeit. Diese 
innere, seelische Arbeit fuhrt wirklich zu dem, was ich 
angedeutet habe. Der Mensch, der seine Seele zu einer 
organisierten Seele umwandelt, der darauf kommt, daft er 



eine solche organisierte Seele in sich haben kann, der 
werB, dafi er in dem Moment, wo das Anstoften an das 
Geistige zum Wahrnehmen des Geistes wird, mit seinem 
Seelischen frei vom Leiblichen lebt. 

Dieses Frei-vom-Leiblichen-Leben ist durchaus ein Er- 
gebnis mnerer Wahrnehmung. Denn auch das, was ich 
eben jetzt auseinandergesetzt habe, tritt bei wirklichen 
Erkenntnismenschen immer wieder und wiederum auf. 
Es ist merkwiirdig, wie genau der Gang, den ich Ihnen 
aus dem geistigen Forschungsweg heraus geschildert 
habe, sich bei denjenigen ausbildet, die die Schmerzen, 
die Sehnsuchten der Erkenntnis durchgemacht haben. 
Lassen Sie mich Ihnen noch einmal ein Beispiel gerade 
von diesem V-Vischer anfuhren, das Beispiel eines Aus- 
spruches von ihm, durch den er zeigt, wie er sich immer 
wieder und wiederum an jene Grenzorte des Erkennens 
hingestellt fuhlte, wo man nicht anders kann ais voller, 
ganzer Mensch, denn Widerspriiche wahrzunehmen, Wi- 
derspriiche zu empfinden, aber Widerspriiche, die sich 
nicht dadurch losen, dafi man sie logisch lost, sondern 
Widerspriiche, die sich dadurch losen, dafi man sich in sie 
einlebt und seine Geistorgane entwickelt. 

Insbesondere trat fur V-Vischer immer wieder und 
wieder der Widerspruch auf: Das Gehirn soil das Organ 
der Seele sein, soli gewissermafien Vorstellungen hervor- 
bringen; aber vertieft man sich in das Wesen der Vorstel- 
lungen, so kann man sie nicht als Gehirnprodukte anse- 
hen. Das ist solch ein Grenzort des Erkennens; V-Vischer 
sagt mit Bezug darauf: 

«Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein Gehirn, 
sagen die Gegner.» Vischer sagt es ja selbst nicht! «Kein 
Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es nicht 
von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware; es ist 



leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes in 
Granit und Kalk zu reden - nicht schwerer, als es uns 
ware, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweifi im Ge- 
hirn zu Ideen aufschwinge. Der menschlichen Erkenntnis 
schwindet die Messung der Stufenunterschiede. Es wird 
Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, dafi die 
Natur, unter welcher doch der Geist schlummern mufi, 
als so vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, 
dafi wir uns Beulen daran stolen; es ist eine Diremtion 
von solchem Scheine der Absolutheit, dafi mit Hegels 
Anderssein und Aufiersichsein, so geistreich die Formel, 
doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der schein- 
baren Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige An- 
erkennung der Schneide und des Stofies in diesem Gegen- 
schlag findet man bei Fichte, aber keine Erklarung dafur.» 

Sehr merkwiirdig, diese Schilderung! Friedrich Theo- 
dor Vischer sieht sich an eine solche Erkenntnisgrenze 
gestellt; er schildert sein Erlebnis. Wie mufi er es schil- 
dern? Er kommt zu dem Ausdruck: «Wir stofien uns 
Beulen daran. » Er kommt zu dem Ausdruck: « Schneide 
und Stofi im Gegenschlag. » — Man sieht die Seele, die sich 
differenzieren will, um innere Geistorgane zu entwickeln, 
durch die sie die ubersinnliche Aufienwelt erleben kann, 
in der sie drinnensteht. 

Eine lange Zeit in der Entwickelungsgeschichte <ier 
Menschheit war ein Hindernis, in der richtigen Art und 
Weise sich aufzuschwingen zu dem, was ich hier Geistor- 
gane nenne, durch die man eine geistige Welt wahrnimmt, 
genau so, wie man durch die sinnlichen Organe eine 
sinnliche Welt wahrnimmt — eine lange Zeit war ein Hin- 
dernis, dafi man glaubte, gewisse Fragen, gerade die Fra- 
gen iiber Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, konnten nur 
gelost werden durch das menschliche Denken, durch das 



Denken, das von den sinnenfalligen Eindrucken ausgeht. 
Nun ist das Denken wichtig, denn im Grunde genommen 
besteht ein grofier Teil jener Ubungen, die man machen 
mufi, um zu Geistorganen zu kommen, in einer Entwik- 
kelung des Denkens, in einer hoheren Entwickelung des 
Denkens, als das Denken ist, das man zur gewohnlichen 
Naturwissenschaft braucht. Aber wenn man sich dem 
Denken nur uberlaik, das man im gewohnlichen Leben 
braucht, so ist es ein Denken, das aus dem gewohnlichen 
Menschen kommt, nicht aus jenem zweiten, in ihm schla- 
fenden Menschen. Dieses Denken fuhrt nicht in die gei- 
stige Welt hinein; dieses Denken kann sich nur von sich 
klarmachen, dafi es in der geistigen Welt steht. Das wird 
allerdings kein vorurteilsloser Mensch zugeben, dafi Ge- 
danken etwas sind, was in der sinnlichen Welt lebt; aber 
enthalten konnen diese Gedanken nichts anderes als Ein- 
driicke der sinnlichen Welt, wenn sie aus der gewohnli- 
chen Menschennatur heraus genommen sind. Tiefere - 
ich mochte sagen, wenn der Ausdruck erlaubt ist - Erle- 
ber des menschlichen Innenlebens haben es auch wieder- 
um wie in Geistesblitzen immer gef uhlt, wohin das mensch- 
liche Denken fuhrt, wenn es sich, emanzipiert von der 
aufieren sinnlichen Wahrnehmung, sich selbst iiberlafit. 

Man kann wiederum, wenn man Erfahrung hat in der 
geisteswissenschaftlichen Literatur, bei zahlreichen, in ih- 
rer Forschung iiber den Geist tiefgehenden Personlich- 
keiten solche Lichtblitze, die manchmal allerdings Fin- 
sternisblitze sind, finden. Bei ihnen muE man wiederum 
stillstehen und beobachten, zu welchen Klippen das 
menschliche Erkenntnisleben fuhrt, wenn dieses Leben 
aufrichtig und wahr und ehrlich mit sich selber ist und 
sich nicht allerlei Vorurteile vormacht, allerlei von ande- 
ren, sichergestellten Gebieten hergenommene Methoden 



auch auf das Seelenleben selber anwenden will. Wiederum 
ein Beispiel fur viele: 

Ein Mann, der wirklich mit Erkenntnisproblemen und 
Erkenntnisratseln gerungen hat, ist Gideon Spicker, der 
bis vor wenigen Jahren an der Universitat in Munster 
Philosophie vorgetragen hat. Gideon Spicker ist ausge- 
gangen von der Erziehung zum Geistigen. Aus der Theo- 
logie heraus haben sich die tiefsten Erkenntnisfragen in 
seiner Seele festgelegt. Vor einigen Jahren hat er ein scho- 
nes Buchelchen geschrieben: «Philosophisches Bekennt- 
nis eines ehemaligen Kapuziners», zwei Bandchen; das 
eine gibt sein Leben, das andere gibt seine Erkenntnis- 
sehnsucht. An einer Stelle raufi man besonders haltma- 
chen, wo dieser ehemalige Kapuziner, der dann Philoso- 
phie-Professor geworden ist, sich iiber das Erlebnis 
ausspricht, das er mit dem Denken hatte, das er zwar 
losgebracht hat von der sinnlichen Erfahrung, das er aber, 
weil er in die Geisteswissenschaft hineinzugehen doch 
nicht den Mut hatte, nicht bis dahin ausbildete, wo die 
Kraft der Gedanken selber Geistorgane erweckt, so dafi 
man einer geistigen Welt gegeniibersteht, mit seiner Seele 
sich im Bereich des Ubersinnlichen fuhlt. Weil er an 
einem solchen Grenzorte war, an dem er mit dem Denken 
etwas erlebte, sprach er sich also aus: 

«2u welcher Philosophie man sich bekenne: ob zur 
dogmatischen oder skeptischen, empirischen oder trans - 
zendentalen, kritischen oder eklektischen: alle ohne 
Ausnahme gehen von einem unbewiesenen und unbe- 
weisbaren Satz aus, namlich von der Notwendigkeit des 
Denkens. Hinter diese Notwendigkeit kommt keine Un- 
tersuchung, so tief sie auch schurfen mag, jemals zuriick. 
Sie mufi unbedingt angenommen werden und lafit sich 
durch nichts begninden» - er meint die Notwendigkeit 



des Denkens -, «jeder Versuch, ihre Richtigkeit beweisen 
zu wollen, setzt sie immer schon voraus. Unter ihr gahnt 
ein bodenloser Abgrund, eine schauerliche, von keinem 
Lichtstrahl erhellte Finsternis. Wir wissen also nicht, wo- 
her sie kommt, noch wohin sie fiihrt. Ob ein gnadiger 
Gott oder ein boser Damon sie in die Vernunft gelegt, 
beides ist ungewifi.» 

So spricht allerdings kein Mensch, der nur ein bifkhen 
etwas gelernt hat, vielleicht auch recht viel gelernt hat und 
dann aus den gelernten Begriffen heraus allerlei Philoso- 
phien aufstelit, allerlei monistische oder dualistische 
Weltanschauungen zusammenzimmert; so spricht ein 
Mensch, der durchgemacht hat, was der Erkenntnisringer 
und Erkenntnisforscher durchmachen kann, wenn er mit 
den Kraften seiner Seele nur tief genug in jene Unter- 
griinde des inneren Erlebens eintaucht, in die man eintau- 
chen kann, in jene Untergriinde, wo man an die Klippen, 
an die Scheidewande stofit, die man nur durchdringt, 
wenn die geistigen Organe wirklich erwachen, wenn sie 
Bewufitsein werden. 

Ich habe eine Reihe solcher Menschen, die, wie Gideon 
Spicker, nach Erkenntnis ringen, kennengelernt im Le- 
ben, und ich habe versucht, solche Erkenntnis-Charak- 
tere wiederzugeben in dem Bilde einer Personlichkeit in 
meinen Mysterien-Dramen, in dem Bilde des Strader. Ich 
habe allerdings dabei erleben miissen, dafi ich gerade von 
denen, die sich oftmals Anhanger der Geistesrichtung, die 
ich vertrete, nennen, am allertiefsten mifiverstanden wor- 
den bin. Wahrend die Personlichkeiten, die in diesen 
Dramen, in diesen, ich mochte sagen, Erkenntnisdramen 
dargestellt sind, aus dem wirklichen, weit umfassenden 
Leben herausgenommen sind, aus jenem Leben, das ge- 
rade die Notwendigkeit und die Begriindetheit der Gei- 



steswissenschaft aus den anderen Gebieten des heutigen 
Daseins heraus zeigen soli, haben sich sonderbare Men- 
schen gefunden, die geglaubt haben, ich wolle solche 
Rollen denen, die sie darstellen sollten, auf den Leib 
schreiben, wahrend ich selbstverstandlich von nichts 
weiter entfernt war als gerade von diesem. 

Man konnte durch einen Vergleich darstellen, was ein 
solcher Mensch erlebt, der nicht bis zur Geisterkenntnis, 
wohl aber bis zur Einsicht in die Notwendigkeit des 
Denkens kommt. Wer bis zur Geisterkenntnis kommt, 
der weifi, dafi, wenn man das Denken nicht blofi beden- 
ken will, sondern erlebt - so wie der niedere Organismus 
es erlebt, wenn sich aus einer unbestimmten Lebenssub- 
stanz die Organe herausbilden — , der erlebt allerdings 
jenseits des Denkens nicht, was Gideon Spicker schildert, 
den bodenlosen Abgrund, die schauerliche, von keinem 
Lichtstrahl erhellte Finsternis, sondern er erlebt jenseits 
dieses Denkens die geistige Welt, welche die sinnliche 
Wirklichkeit tragt. Er erlebt sich mit seiner Seele in die- 
sem iibersinnlichen Bereich. Er erlebt es auch, dafi es 
keine Ungewifiheit bleibt, ob ein gnadiger Gott oder ein 
boser Damon in die Vernunft gelegt ist, sondern er erlebt 
das Geistige, das in die Vernunft hereinstrahlt, dann 
durch geistige Erfahrung, geistige Beobachtung, wie die 
sinnliche Welt in die sinnliche Beobachtung hereinstrahlt. 

Aber man mufi allerdings sagen, dafi das Denken, wenn 
es nur sich selbst iiberlassen ist, wenn es blofi gedacht, 
nicht erlebt wird, dafi dann eine solche Entwickelung des 
Seelenlebens sich vergleichen lafit - verzeihen Sie den 
etwas sonderbaren Vergleich, aber ich mufi ihn machen, 
weil er eigentlich aus der Natur der Sache selbst folgt - 
mit einem hungrigen Organismus. Und wenn man glaubt, 
durch blofies Denken iiber die hochsten Fragen - Gott, 



Freiheit, Unsterblichkeit - etwas ausmachen zu konnen, 
dann gleicht man einem Menschen, der dem Hunger nicht 
dadurch abhelfen will, dafi von aufien Nahrung zugefiihrt 
wird, sondern daft der Hunger sich selber entwickelt, auf 
sich selbst gebaut entwickelt. So wenig man namlich 
einen hungrigen Organismus zur Entwickelung bringen 
kann, so dafi er in sich selbst wiederum seine Bedurfnisse 
ausgleicht, ebensowenig kann man, wenn man sich blofi 
dem Denken uberlaftt, es zu irgendeiner Erfiillung der 
Seele mit einem geistigen Gehalt bringen, zu irgendeiner 
Losung der Fragen iiber Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. 
Wie man, wenn man nicht ifit, nur immer weiter hungern 
kann, der Hunger niemals sich durch sich selbst stillt, so 
kann man zur geistigen Entwickelung nicht gelangen, 
wenn man nur immer weiter denkt. 

Das hat vielfach die altere philosophische Metaphysik 
gewollt. Und so hart es ist, wahr ist es doch: Diese 
veraltete Metaphysik, die allerdings fur manche Men- 
schen der Gegenwart etwas Neues ist - man will sie sogar 
ab und zu wiederum auffrischen und betrachtet es als eine 
grofie Errungenschaft, wiederum diese Fragen der Me- 
taphysik aufzufrischen — , sie ist nichts anderes als eine 
Wissenschaft, welche an Unterernahrung, an seelischer 
Unterernahrung, leidet. Philosophische Metaphysik ist 
verhungerte Wissenschaft, seelisch. 

Aber es geniigt nicht, wenn man nur diese Erkenntnis 
erringt, um das innere Erleben wirklich richtig zu verste- 
hen. Wie man verstehen mufi, daft bloftes Denken zur 
Verhungerungsmetaphysik fiihrt, wenn dieses Denken 
sich nicht aufkraftet zu innerlichem Erleben, so mufi man 
auch verstehen, daft noch so viele Erkenntnisse der aufte- 
ren sinnenfalligen Wirklichkeit, die sich auf den Men- 
schen beziehen, noch so viele Ergebnisse der Sinnesbeob- 



achtung und der Verarbeitung dieser Sinnesbeobachtung 
durch den Verstand der Menschen, durch methodische 
Forschung, zu keiner Seelenerkenntnis fuhren konnen. 
Sie werden sich ja iiberzeugen konnen, wenn Sie heute 
gebrauchliche Lehrbiicher oder sonstige Biicher iiber See- 
lenwissenschaft in die Hand nehmen; begonnen wird ge- 
wohnlich damit, dafi iiber das Nervensystem gesprochen 
wird. Was sonst iiber den menschlichen Organismus ge- 
sprochen wird, was dann aufgebaut wird, das ist oftmals 
sogar nur erflossen aus dem, was iiber den menschlichen 
Organismus aus der Physiologie, aus der Naturwissen- 
schaft entlehnt ist. 

Nun mufi man immer wieder und wieder betonen, um 
nicht mifiverstanden zu werden, dafi es der Geisteswis- 
senschaft so fern als moglich liegt, die Naturwissenschaft 
zu verkennen; dem, was die Naturwissenschaft auch in 
der neueren Zeit iiber die Geheimnisse des Nervenlebens, 
iiber die Geheimnisse des menschlichen Organismus 
iiberhaupt gebracht hat, dem soil sein Wert nicht genom- 
men werden. Aber der Wert liegt auf einem anderen 
Gebiete als auf dem der Seelenerkenntnis. Man kann das 
blofie Denken sich iiberlassen, dann verhungert man, ist 
einem Verhungernden ahnlich; aber zur Erkenntnis des 
Seelenlebens sich blofi der aufieren Beobachtung zu iiber- 
lassen, welche die Naturwissenschaft, die Anatomie, die 
Physiologie, die Biologie gibt, das gleicht von der anderen 
Seite dem Hineinfiihren in den menschlichen Organismus 
nicht von brauchbaren Nahrungsmitteln, sondern von 
allerlei Zeug, das unverdaulich ist. Wenn man sich den 
Magen anfiillt mit unverdaulichen Steinen oder mit der- 
gleichen, so ist eben der menschliche Organismus nicht 
imstande, aus diesem unverdaulichen Zeug etwas zu ma- 
chen. So kann man, wenn man die naturwissenschaftli- 



chen Ergebnisse einfach so nimmt, wie sie sind, sie see- 
lisch nicht verarbeitet, auch nicht annehmen, dafi daraus 
irgendeine Aufklarung liber die geistige Welt, iiber das 
Leben der Seele im Bereich des Ubersinnlichen entsteht. 
Man hat sich in der neueren Zeit den verschiedensten 
Vorstellungen iiberlassen, die erklaren sollen, wie eigent- 
lich die Seele zum Leibe steht. Nicht nur, dafi da die 
sonderbarsten Marchen herumschwirren in dem, was 
man oftmals Wissenschaft nennt. Marchen, Aberglaube, 
man will ihn ja aus dem aufieren Leben ausmerzen, in der 
Wissenschaft floriert er oftmals so stark, wie er nur jemals 
im Leben floriert hat, nur bemerkt man ihn in der Wis- 
senschaft ebensowenig, wie man ihn damals im aufieren 
Leben bemerkte. So das Marchen von den Telegraphen- 
drahten: daft die Nerven selber Telegraphendrahte waren 
nach der Seele hin, welche die au&eren Sinneseindrucke 
weiterleiten, dann wiederum andere Nerven, welche die 
Willensimpulse nach der Peripherie des Leibes lenken. 
Von diesem Marchen, von diesem immer wieder und 
wiederkehrenden Vergleiche mochte man schon gar nicht 
reden, denn was mit diesem Vergleich gemeint wird, ist 
ganz fern von dem wirklichen Tatbestand und entspringt 
nur einem eben nicht bemerkten wissenschaftlichen 
Aberglauben. 

Aber zwei Vorstellungen mochte man doch hervorhe- 
ben, welche auch heute sehr verbreitet sind bei denjeni- 
gen, die iiber das Verhaltnis des Leibes zur Seele nach- 
dachten. Die einen glauben, sie miissen den Leib - vor- 
zugsweise reden sie ja dann von dem Nervensystem - wie 
eine Art Werkzeug der Seele behandeln, wie wenn also 
die Seele so eine Art Akteur ware, ein Wesen, welches 
sich des Leibes wie eines Werkzeuges bedient. Die ande- 
ren, die nicht einsehen konnen, wie ein seelisch-geistiges 



Wesen - als was ihnen ja die Seele gilt - einen Angriffs- 
punkt finden soli, um auf etwas Materielles wie den Leib 
zu wirken, die sind gar darauf gekommen - sehr viele 
heutige Seelenforscher sind darauf gekommen -, die son- 
derbare Vorstellung auszubilden, die man nennt den see- 
lisch-leiblichen Parallelismus. Da sollen die Vorgange des 
Leibes fur sich ablaufen, alle moglichen leiblichen Vor- 
gange. Ohne daft die Seele auf den Leib wirkt wie eine 
Ursache oder der Leib zuriick auf die Seele wirkt, soil das 
Seelenleben parallel mit den leiblichen Vorgangen ablau- 
fen, so nebeneinander zwei Parallelstromungen. Eins be- 
gleitet immer das andere, nur wirkt das eine nicht auf das 
andere. Wundt, Ebbinghaus, eine ganze Anzahl von Psy- 
chologen, Paulsen - ich miiftte viele anfiihren - geben sich 
dieser sonderbaren Parallelismustheorie hin. 

Alle diese Theorien leiden daran, daft sie eben durchaus 
nicht darauf kommen, worinnen der Zusammenhang der 
Seele mit dem Leib eigentlich beruht. Dieser Zusammen- 
hang laftt sich namlich weder dadurch ausdriicken, daft 
man sagt: Der Leib ist das Werkzeug der Seele-, noch 
laftt er sich dadurch ausdriicken, daft man sagt: Die See- 
lenerscheinungen, die Seelenvorgange laufen parallel mit 
den Leibeserscheinungen ab. 

Ich kann allerdings dasjenige, was auf diesem Gebiete 
zu sagen ist, was ein weites Feld umspannt, nur vorbrin- 
gen - wie ich ja auch angekiindigt habe — als Ergebnis und 
Beobachtung der Anthroposophie; die weiteren Begriin- 
dungen kann jeder in den verschiedenen Schriften von mir 
finden. Aber ich mochte das Wesentliche, wozu gerade 
die angeregten Fragen die anthroposophische Forschung 
fiihren, denn doch heute hier in Kiirze entwickeln. 

Will man das Verhaltnis der Seele zum Leib in der 
richtigen Art ausdriicken, so muft man sagen: Insofern 



der Mensch in Betracht kommt, erweist sich fur eine 
wirkliche Beobachtung - fur eine solche Beobachtung, 
die dazu vordringt, Geistiges zu schauen auf dem Wege, 
den ich angedeutet habe - alles Leibliche, was am Men- 
schen ist, weder als Werkzeug noch als nebenherlaufen- 
der Vorgang, sondern als Schopfung des Seelischen, im 
Kleinen und im Grofien als Schopfung des Seelischen. 
Und es ist nichts Leibliches am Menschen, das nicht eine 
Schopfung des Seelischen ware. Man muE allerdings man- 
ches Vorurteil abstreifen, man mufi manche neuen Be- 
griffe aufnehmen aus der Geisteswissenschaft, wenn man 
diese weittragende Idee, dafi alles Leibliche eine Schop- 
fung des Seelischen ist, ins Auge fassen will. 

Schon im Kleinen ist das so, wenn wir irgendeine Vor- 
stellung uns bilden, wenn ein Gefiihl auftritt in uns. Ja, 
nur weil man nicht gelernt hat, wirklich geist-leiblich zu 
beobachten, glaubt man, da wirke etwas AuEerliches auf 
einen fertigen Leib; die aufierliche Wirkung iibertrage 
sich durch das Auge oder Ohr auf den fertigen Leib, dann 
gehe die Wirkung im Innern weiter. Sehen Sie sich einmal 
wirklich vorurteilslos die entsprechenden Theorien, die 
so sprechen, an; Sie werden uberall finden: Auf wirkliche 
Beobachtung sind sie gar nicht gebaut, sondern sie sind 
eigentlich alle auf Vorurteile gebaut. Denn was wirklich 
vorgeht, wenn wir eine Wahrnehmung machen, wenn wir 
etwas horen, das ist in dem Moment eigentlich in seinem 
wesentlichsten Teile schon vollzogen, wenn uns die Sache 
zum Bewufksein kommt, und ist immer im Grunde ge- 
nommen ein Bildungsvorgang im Leibe. Ein Lichtstrahl 
trifft uns; der Lichtstrahl bewirkt etwas. Er ist in dersel- 
ben Welt, in der auch unser Leib eingeschaltet ist. In 
unserem Leib geht etwas vor. Was darinnen vorgeht, das 
ist von ganz derselben Art, nur im Kleinen, ich mochte 



sagen im Atomistischen, wie das ist, wenn aus Kraften im 
Grofien unser Gesamtorganismus gebildet wird. Wie un- 
ser Gesamtorganismus gebildet wird aus den Kraften des 
Wachstums und aus anderen Kraften heraus, so wird 
etwas gebildet in uns, wenn ein Lichtstrahl uns trifft, 
wenn ein Tonstrahl uns trifft und so weiter. Was da 
gebildet wird, was Neubildung ist in uns, was entstanden 
ist in uns, was geradeso als etwas Feines, Atomistisches in 
uns ist, wie wenn uns ein neuer Finger gewachsen ware - 
das ware nur deutlicher -, das spiegelt sich dann zurijck 
in die Seele, die nicht im Leibe ist, sondern immer im 
Bereich des Ubersinnlichen. Und das Spiegelbild, das 
kommt uns zum Bewufitsein. Der Vorgang aber, der sich 
da vollziehen mufi fur das wache Bewufitsein, mufi ein 
Verzehrungsvorgang, ein Abbauvorgang, wirklich ein 
kleiner Tod sein. 

Wir konnen an den gewohnlichen Bewufkseinsvorgan- 
gen, an dem, was wir als Vorstellung, Fuhlen und Wollen 
im gewohnlichen Leben haben, im Grunde genommen 
uns nicht vollig iiberzeugen durch leiblich-geistige Beob- 
achtung, wie es sich eigentlich mit dem Bewufksein und 
mit dem Seelenwesen verhalt. Aber wenn wir auf etwas 
anderes eingehen, wenn wir eingehen auf das, was auch 
unser gewohnliches Wachleben begleitet, auf die Bildung 
der Erinnerungsvorstellungen, auf das Gedachtnis, da 
kommen wir dem schon naher, was eben gesagt worden 
ist. Wer zu beobachten versteht, was im Menschen vor- 
geht, der weifi: Was eigentlich eine Vorstellung uns be- 
wufit macht, was macht, dafi ich einen Gegenstand sehe, 
hore, fiihle, das fuhrt nicht sogleich zu Erinnerungen. 
Nein, sondern es mull immer etwas nebenherlaufen, ein 
anderer Vorgang nebenherlaufen- Haben Sie Sinn fur Be- 
obachtung, so sehen Sie sich an einen Schuler, der so recht 



ochst; was er alles fiir Nebeniibungen machen mufi, da- 
mit das, was er aufnimmt, auch gedachtnismafiig wird, 
damit es in die Erinnerung iibergeht. Es mufi namlich 
immer ein unterbewufker Vorgang, ein unbewufiter Be- 
gleitvorgang vor sich gehen. Das, was wir wissen, das 
bleibt uns nicht, sondern was neben dem Bewufksein im 
Unterbewufksein hergeht. Das aber, was da geschieht in 
unserem Organismus durch diese Nebenstromung des 
Bewuikseins, das ist noch sehr ahnlich den Vorgangen, 
die vor sich gehen, wenn wir wachsen, wenn wir von 
klein auf wachsen, wenn wir uns bilden. Das Entstehen 
von Bewufitseinsvorstellungen ist wirklich ein atomisti- 
scher Wachstumsvorgang im Kleinen. Es wachst etwas in 
uns, wenn es auch nur etwas Minuzioses ist. Sonst wach- 
sen wir wie mit Riesenkraften im Verhaltnis zu dem 
kleinen Wachstumsvorgang, der sich in uns vollzieht, 
unbemerkt fiir das gewohnliche Leben, wenn Erinnerung 
sich bildet. Unter der Oberflache des Stromes der bewufi- 
ten Vorstellungen fliefk, wahrend wir vorstellend erleben, 
ein Geschehen, das die Erinnerungen tragt; und das ist 
sehr ahnlich den Wachstumsvorgangen. Fragen Sie, 
warum man gerade in der Jugend das Gedachtnis gut 
ausbilden kann? Weil man da noch eben jene Krafte, die 
Wachstumskrafte sind, frisch in sich hat, weil sie noch 
nicht abgestorben, abgewelkt sind. Aber ich kann immer 
nur solche einzelnen Belege geben; man kann, was ich 
gesagt habe, durch Hunderte und Hunderte von einzel- 
nen Beobachtungen belegen. 

Dasjenige aber, was unser gewohnliches Vorstellen ist, 
das auch, was unser Euhlen, was unser Wollen ist, was 
iiberhaupt der Verlauf unseres Seelenlebens ist, das greift 
nun schon so ein, dafi es nicht nur sich spiegelt und 
dadurch das, was eigentlich geschieht, zum Bewufksein 



bringt; sondern so, wie behufs der Erinnerung eine Un- 
terstromung da ist zu unserem bewufken Leben, so gibt 
es auch eine Oberstromung. Und wie man die Unterstro- 
mung nicht bemerkt - man bemerkt sie hochstens, wenn 
der Schiiler ochst und Bewegungen macht und sein Ge- 
hirn anstofit, um irgend etwas zu tun, diese Unterstro- 
mung zu fordern — , die Oberstromung bemerkt man erst 
recht nicht. Diese Oberstromung gehort aber vor alien 
Dingen dem an, was ich vorhin den zweiten Menschen 
genannt habe, der da schlaft in dem gewohnlichen Men- 
schen, wahrend wir denken, fuhlen, wollen und auf diese 
Weise die Bluten unseres gewohnlichen Lebens zustande 
bringen, das zwischen Geburt und Tod, oder sagen wir 
zwischen Empfangnis und Tod verlauft. 

Ebenso wie die Erinnerungsstromung unter dem Be- 
wufksein, so verlauft iiber dem Bewufitsein etwas rein 
Seelisches, etwas, was nun gar nicht irgendwie im ge- 
wohnlichen Erleben in den Leib eingreift. Und weil die- 
ses bewufite Seelenleben ein solches, ich mochte sagen, 
Ubererleben hat, deshalb reichen fur dieses bewufite See- 
lenleben, ja fur das vollstandige Seelenleben die Krafte gar 
nicht aus, die der Mensch als Wachstumskrafte hat. Die 
Krafte, die den Menschen zur Geburt fiihren, reichen 
nicht aus. Diese Krafte konnten am Menschen nur her- 
vorrufen, was wir am schlafenden Organismus wahrneh- 
men. In dem Augenblicke, wo in den Organismus das 
Bewufitsein mit seinen bezeichneten Uberstromungen 
eingreift, miissen in den Organismus diejenigen Krafte 
eingreifen, die dann in ihrer Gesamtsumme als Tod diesen 
Organismus auch zerstoren. Diese Krafte sind Abbau- 
krafte, sind solche Krafte, die immer mehr und mehr ab- 
bauend eingreifen, so dafi die Krafte des Wachstums aus- 
gleichend im Schlafe wirken miissen. Erst dann versteht 



man das iibersinnliche Leben der Seele, wenn man weifi, 
wie weit untersinnlich das rein Organische reicht. 

Ich spreche nicht gern - die verehrten Zuhorer, die 
ofter mich hier gehort haben, wissen das - von rein per- 
sonlichen Erlebnissen; allein, was ich jetzt von rein per- 
sonlichen Erlebnissen sagen will, hangt ja wesentlich mit 
dem zusammen, was ich iiberhaupt vorzubringen habe. 

Ich darf wohl gestehen, dafi ich durch innere Arbeit die 
Probleme, von denen ich auch heute spreche, von denen 
ich in meinen Schriften spreche, seit weit mehr als dreifiig 
Jahren intensiv verfolge, verfolge auf alien Wegen, die 
sich ergeben konnen. Diese Wege sollen die Seele hinein- 
fiihren in das Gebiet des geistigen Lebens und in den 
Zusammenhang dieses geistig-seelischen Lebens mit dem 
leiblichen Leben. Ich habe gefunden, dafi man, wenn man 
heute in Gemafiheit der wissenschaftlichen Errungen- 
schaften unserer Zeit ehrlich und aufrichtig zu Werke 
geht, wirklich unendlich vieles und Fruchtbares gerade 
gewinnen kann, indem man sich naturwissenschaftlich 
diszipliniert, indem man sich naturwissenschaftlich 
schult. Man findet auf diesem Wege dann auch - gerade 
wenn man durch die Naturwissenschaft geht — genau 
diejenigen Fragen, diejenigen Probleme, zu deren Losung 
die gewohnliche Naturwissenschaft nicht ausreicht. Ja, 
gerade aus naturwissenschaftlichem Denken heraus be- 
kommt man andere Ergebnisse, andere Beobachtungsre- 
sultate iiber das, was in der Naturwissenschaft eigentlich 
vorliegt. 

Ich mufi sagen: Zu den grolken Ratseln auf naturwis- 
senschaftlich-geisteswissenschaftlichem Gebiete gehorte 
fur mich durch Jahrzehnte die Frage nach dem Wesen des 
Nervensy stems, dieses Nervensystems, das naturwissen- 
schaftliche Psychologen, psychologische Naturwissen- 



schafter der Gegenwart eben fiir das Organ der Seele 
halten, von dem sie sich vorstellen, dafi in den Nerven 
eine innere Tatigkeit vor sich geht, die so ahnlich ist wie 
andere Organtatigkeiten. Nun ja, es gehen auch solche 
Tatigkeiten in den Nerven vor sich, aber sie dienen eben 
nicht der Bildung von Vorstellungen, von Gefiihlen und 
vom Willen. Die Vorgange, die im Nervensystem vor sich 
gehen, dienen der Ernahrung der Nerven, dienen der 
Herstellung der Nervensubstanz, wenn sie verbraucht ist. 
Sie dienen eben durchaus nicht dem seelischen Leben; sie 
miissen aber da sein, damit das seelische Leben stattfinden 
kann. Ich darf einen Vergleich gebrauchen, den ich hier 
schon einmal gebraucht habe. 

Wenn man das Nervensystem ansieht und es betrachtet 
als etwas, was da sein raufi zum Seelenleben, so hat man 
eben so etwas, wie wenn man sagt: Der Boden mufi da 
sein, damit ich nicht in die Tiefe falle, wenn ich gehen 
will. Aber wenn ich gehe, der Boden ist weich, und ich 
lasse Spuren zuriick, dann wird derjenige ganz fehlgehen, 
der nun den Boden untersucht und die Krafte darinnen 
sucht, in dem Boden, die da meine Fufispuren gemacht 
haben, von innen heraus. So wenig wie diese Krafte von 
innen heraus, ebensowenig machen irgendwelche inne- 
ren Krafte des Gehirns und Nervensystems die Spuren, 
die durch Vorstellen, Wollen und Fiihlen entstehen. Da 
wirkt das Seelische, das im iibersinnlichen Gebiet waltet. 
Sowenig ich, wenn ich gehe, etwas zu tun habe mit dem 
Fufiboden - trotzdem er mir notwendig ist-, sowenig 
hat die Seele etwas zu tun mit den Nerven, trotzdem 
gewifi dieses Nervensystem so notwendig ist wie mir 
der Fufiboden. 

Ehe man das nicht einsieht, ehe man das nicht als 
wirkliche Beobachtung erlebt, eher kann man iiberhaupt 



zu keinem Verstandnis des wahren Wesens der Seele 
kommen. Was dem seelischen Leben wirklich zugrunde 
liegt im Nervenleben, sind nicht die Ernahrungsvorgange, 
sind nicht organische Vorgange des Nervensystems - die 
fuhren, wie gesagt, zu einer anderen Richtung hin — , das 
ist dasjenige, was ich nun naher bezeichnen mochte. Ich 
habe das vorhergehende Personliche angefiihrt, damit Sie 
sehen, dafi ich nicht leichtsinnig ein so Gewichtiges aus- 
spreche, was ich jetzt aussprechen will, dafi es schwer 
errungen ist, was ich iiber das Nervenleben sage: Indem 
der Mensch in seine Nervenverastelungen sich hineinlebt, 
indem organische Krafte in die Nervenverastelungen hin- 
eingehen, geht er iiber aus dem Leben in den Tod. In die 
Nervenverastelungen hinein stirbt der Mensch fortwah- 
rend, wenn er diese Nervenverastelungen zum Denken, 
Fiihlen oder Wollen gebraucht. Das organische Leben 
geht nicht etwa wie die Wachstumsverhaltnisse fort, son- 
dern es erstirbt, indem es sich in die Nerven hinein ver- 
astelt. Und indem es erstirbt, indem es Leichnam wird, 
abhungert, sich ablahmt, bereitet es die Moglichkeit eines 
Bodens fur die geistige Entwickelung, fur das rein iiber- 
sinnliche Seelische. Genau ebenso, wie wenn ich unter 
dem Rezipienten einer Luftpumpe die Luft wegschaffe, 
die darinnen ist, luftleeren Raum schaffe, dann die Luft 
ganz von selber einstromt und sich drinnen geltend 
macht, so stromt, wenn der Organismus in das Nervensy- 
stem hinein fortwahrend den partiellen Tod sendet, fort- 
wahrend sich abgestorben macht, in den abgestorbenen 
Teil seelisches Leben ein. 

Daher ist der Tod, der partielle Tod die Grundlage des 
Bewulkseins. Lernt man erkennen, dafi der Mensch nicht 
ein Hineinergiefien seiner organischen Krafte in seinen 
Leib braucht, um diesen Leib zum Sitz der Seele zu 



machen, sondern dafi der Mensch in die Notwendigkeit 
versetzt ist, seinem organischen Erleben gerade Grenzen 
zu setzen, seinem organischen Weben der Krafte immer- 
fort den Tod zu schaffen, immerfort zuriickzuziehen die- 
ses organische Leben aus den Stellen, zu denen die Ner- 
ven Gelegenheit geben, dann merkt man, wie das iiber- 
sinnliche Seelenleben in dem sinnlichen Leib darinnen 
sich entfalten kann, nachdem es sich allerdings diesen 
sinnlichen Leib zuerst aufgebaut hat. Denn dieselbe Seele 
ist es, die in der Zeit von der Geburt, oder sagen wir der 
Empfangnis bis zum Tode denkt, fuhlt und will, dieselbe 
Seele ist es, die auch vorher da ist. Die geistige Welt - ich 
habe es hier auch schon ofter ausgesprochen - ist nicht 
irgendwie in einem Wolkenkuckucksheim, sie ist uberall 
da, wo die sinnliche auch ist; sie durchdringt, durchsetzt 
sie; und uberall, wo sinnliche Wirkungen sind, gehen sie 
heraus aus iibersinnlichen, aus geistigen Wirkungen. 
Diese Seele, die wahrend des Lebens, weil sie sich den 
Leib fertig gebildet hat, weil sie sich ihn umgebildet hat 
zum Spiegelungsapparat, der ihr zuruckstrahlt die Vor- 
gange, die ihr zum Bewufitsein kommen konnen, dieselbe 
Seele, die also sich bewufit gestaltet, weil sie gewisser- 
mafien den Leib verfestigt hat, dieselbe Seele lebt in der 
iibersinnlichen Welt, bevor sie zur Geburt, oder sagen 
wir Empfangnis kam, sie lebt in der iibersinnlichen Welt, 
und in diesem Leben hangt sie mit der iibersinnlichen 
Welt zusammen. Diese Seele ist vorhanden, nicht Jahr- 
zehnte, sondern Jahrhunderte, bevor sie durch die 
Empfangnis zum sinnlichen Dasein schreitet. 

Und so, wie wahrend des Lebens zwischen Geburt und 
Tod diese Seele im Leibe sich ihr Abbild geschaffen hat 
und durch dieses Abbild des Leibes ihr Leben entfaltet, so 
entfaltet das Leben der Seele von der anderen Seite, von 



der ubersinnlichen Welt her, durch ihr Strahlen und Stro- 
men die Krafte, welche durch Generationen Eltern, Vater 
und Mutter, wiederum Vater und Mutter eine weitere 
Generation hinauf und so weiter, zusammenfuhren, so 
fuhren sie die Menschen zusammen, dafl sich durch die 
Generationen hindurch jene Krafte ausbilden, die dann 
als Vererbungskrafte auftreten. 

Es ist richtig - und keineswegs soli die naturwissen- 
schaftliche Lehre von der Vererbung etwa angefochten 
werden von der Geisteswissenschaft -, daft, was wir 
vererben, in der sinnlichen Generationenreihe entsteht. 
Aber in diese sinnliche Generationenreihe wirkt schon 
unsere Seele hinein. Wir legen in unsere Vorfahren 
durch die Wirkungen unserer Seele die Krafte, die wir 
dann vererbt erhalten. So bilden wir, wie wir in der 
Erinnerung im kleinen Wachstum etwas bilden, unseren 
Gesamtorganismus aus der geistigen Welt heraus; und 
nur die Unterlage, die Gelegenheit dazu wird gegeben 
durch das, was in der sinnlichen Vererbungsstromung, 
in der Generationenfolge ist. Der Leib ist durchaus 
Geschopf des Seelisch-Geistigen. So wie das einzelne 
Erlebnis zwischen Geburt und Tod auf einer Schopfung 
des geistigen Wirkens beruht, so beruht auch das Ge- 
samtleibliche des Menschen auf der Schopfung dieses 
Leiblichen aus dem Geistig-Seelischen heraus. Aber 
aufgenommen wird in diese ganze Entwickelungsstro- 
mung nicht nur, was Wachstumskrafte sind, nicht 
nur, was vorwartsschreitende Krafte sind, sondern auch 
was die Krafte sind, die sich dann in der Gesamtsumme 
als Tod zeigen, der nur die Aufienseite fur die Unsterb- 
lichkeit ist. 

Denn indem das Seelisch-Geistige gewissermafien den 
Leib in die Welt hineinstellt, an ihm sich spiegelt, erlebt es 



sein eigenes Leben im Bereich des Ubersinnlichen. Da- 
durch aber, da£ die Ihnen vorhin geschilderte Oberstro- 
mung sich entwickelt, dadurch zerstort es zugleich den 
Leib, dadurch tragt es den Tod hinein. Und so, wie jedes 
Bewufitsein auf einem partiellen Tod beruht, so ist der 
gesamte Tod nichts anderes als das Zuriicknehmen des 
Seelischen vom Leiblichen, das der Beginn eines ander- 
sartigen Erlebens des Seelischen ist. Wir wissen: So, wie 
wir fur die Zeit zwischen Geburt und Tod die Erinne- 
rungsvorstellungen ausbilden, so bilden wir in der ange- 
deuteten ubersinnlichen Stromung, in der iiberbewufiten 
Stromung, den inneren Menschen aus, der durch Gebur- 
ten und Tode geht, der ewig ist. 

Was ich angedeutet habe als das Erleben der Seele, das 
Sich-selbst-Erleben der Seele im Ubersinnlichen, das ist 
nun nicht etwa etwas, was der Geistesforscher erzeugt, 
das ist etwas, was als der charakterisierte zweite Mensch, 
der sonst aber nur verschlafen wird, immer in dem Men- 
schen ist. Geistesforschung ist nichts anderes als das 
Zum-Bewufksein-Bringen desjenigen, was im Menschen 
fortwahrend ist, was auch ewig ist im Menschen, so dafi 
es durch den Tod hindurchgehen kann. Dann, wenn man 
auf die angedeutete Weise in die Lage kommt, sich mit 
seinem Seelischen im Geistigen zu bewegen, geradeso, 
wie man sich mit seinen Sinnen im Physisch-Sinnlichen 
bewegt, dann weifi man, dafi man als Mensch, als geistig- 
seelischer Mensch, ebenso in einer Geisteswelt lebt, wie 
man durch die Sinne in einer physischen Welt lebt. Und 
wie man, hinschauend auf die physische Welt, Reiche 
unterscheidet - das Mineralreich, das Pflanzenreich, das 
Tierreich -, so unterscheidet man in der geistigen Welt 
Reiche voller Wesen, die, hinaufgehend, immer geistiger 
und geistiger werden, denen der Mensch durch seine 



Seele ebenso angehort, wie er durch seinen Leib dem mi- 
neralischen, dem pflanzlichen, dem tierischen Reich 
angehort. Kurz, die Seele tritt bewufit ein in das Gebiet 
des Geistigen. 

Ich mochte diese Weltanschauung, welche auf die Art 
wissenschaftlich entsteht, wie ich es angedeutet habe, am 
liebsten nennen nach den Quellen — wenn man nicht 
mifSverstanden werden wiirde, wiirde ich es auch immer 
so nennen — , nach den Quellen, aus denen sie fur mich 
selber stammt; ich wiirde diese Weltanschauung am lieb- 
sten Goetheanismus nennen, so wie ich, wenn dadurch 
nicht Miftverstandnisse iiber Mifiverstandnisse sich er- 
geben wiirden, den Bau in Dornach draufien, der dieser 
Weltanschauung gewidmet ist, am liebsten Goetheanum 
nennen wiirde. Denn nicht auf irgendwelchen Traume- 
reien, nicht auf irgendwelchen willkiirlichen Einfallen, 
sondern auf der gesunden Voraussetzung, auf welcher die 
Goethesche Weltanschauung beruht, beruht auch dasje- 
nige, was von mir als Anthroposophie gemeint ist. Goe- 
the unterschied sich in seiner Auffassung der Naturdinge 
gerade durch solche Voraussetzungen von demjenigen, 
was nachher als Naturwissenschaft - zwar mit einem 
gewissen Recht, denn man kommt mit Begriffen nur dann 
vorwarts, wenn man sie reinlich gebraucht - entstanden 
ist. Goethe aber bildete solche naturwissenschaftliche Be- 
griffe aus, dafi diese Begriffe wirklich nicht der Seele wie 
Steine im Magen liegen, sondern umgebildet werden kon- 
nen, so dafi man her auf kommt mit dies en naturwissen- 
schaftlichen Begriffen in das Gebiet des Seelischen. Goe- 
the selbst hat noch nicht Geisteswissenschaft begriindet; 
er ist nicht dazu gekommen. Aber er hat seine Metamor- 
phosenlehre so ausgebildet, dafi man nur konsequent das 
innere Erleben aus den Prinzipien heraus weiter aus- 



zugestalten braucht, aus denen die Goethesche Metamor- 
phosenlehre geflossen ist, dann kommt man auch zu einer 
Erfassung des seelisch-geistigen Erlebens. 

Wozu kommt denn eigentlich die landlaufige Psycho- 
logic? Ein sehr, sehr bedeutender, wie ich glaube, der 
bedeutendste Philosoph der Gegenwart, der in diesem 
Friihling in Zurich vers tor bene Franz Brentano, er hat ein 
reiches Erkenntnisleben hinter sich, er war ein Kampfer 
auf diesem Gebiet; zuletzt hat er ein Asyl gefunden, 
wahrend der Zeit dieses Krieges, in Zurich; im Friihling 
dieses Jahres starb er. Er hat sein ganzes Leben hindurch, 
neben seinen anderen tiefgriindigen Forschungen auf dem 
Gebiet des Seelenlebens, versucht, zurechtzukommen mit 
dem, was man nennt: Denken oder Vorstellen, Fiihlen 
und Wollen. Es spielen ja diese drei Begriffe in der Seelen- 
wissenschaft eine ganz besondere Rolle. Nun, auch Franz 
Brentano ist nicht weitergekommen als eigentlich nur zu 
einer Einteilung, ist nicht bis dahin gekommen, wo im 
Grunde genommen gerade im Seelischen erst gesehen 
werden kann, was da lebt als Seelisches, wo das Seelische 
selbst erst als ein Lebendiges erfafk werden kann. Wenn 
man so einfach mechanisch gruppiert: Vorstellen, Fiihlen, 
Wollen - hat man drei Klassen. Um das Seelische, in dem 
ja Denken, Fiihlen und Wollen leben, als Lebendiges zu 
erfassen, muft man das Seelische, jetzt allerdings Geistig- 
Seelische, in dem Sinne erfassen, wie Goethe die aufieren 
Naturdinge zu erfassen suchte in seiner Metamorphosen- 
lehre, wie Goethe versuchte — man mag ihm darinnen nun 
mehr oder weniger Recht geben, darauf kommt es jetzt 
nicht an; im einzelnen mag er gefehlt haben, auf das 
Prinzipielle, auf das Methodische kommt es an-, wie 
Goethe versucht hat, in dem Bliitenblatt, ja noch in den 
Fruchtorganen umgewandelte griine Stengelblatter zu 



sehen. Wie er alle Organe durch eine metamorphosische 
Umwandlung ineinander sich zu erklaren versuchte, so 
muE man nicht blofi stehenlassen nebeneinander Denken, 
Fiihlen und Wollen, sondern den lebendigen Ubergang 
von ihnen gewinnen. 

Da kann ich wiederum nur durch Jahrzehnte gereifte 
Forschungsergebnisse der Anthroposophie anfiihren: 
Was wir im gewohnlichen Leben Wollen, was wir unse- 
ren Willen nennen, ist nicht blofi so aufierlich neben das 
Fiihlen und neben das Vorstellen hingestellt, sondern das 
Fiihlen ist einfach durch eine Metamorphose aus dem 
Wollen entstanden, bildet sich aus dem Wollen heraus, 
so, wie sich das Blutenblatt aus dem Stengelblatt bildet; 
und das Vorstellen bildet sich wiederum aus dem Fiihlen 
heraus. Der Anthroposoph kommt am Schluft zu dem 
Ergebnis: Was wir als ein Wollen erkennen, ist im 
Grunde ein junges, ein noch kindliches Wesen, das, wenn 
es alt wird, alter wird, zum Fiihlen sich verwandelt, meta- 
morphosiert, und wenn es noch alter wird, zum Gedan- 
ken, zur Vorstellung sich hinmetamorphosiert. 

In dem, was wir als Vorstellen erleben, ist immer in 
geheimnisvoller Weise dasselbe wesenhaft drinnen, das 
auch im Fiihlen und Wollen drinnen ist. Nur erleben wir 
nicht - weil wir im gewohnlichen Leben das erleben, was 
die Seele mit Hilfe des Leibes, mit Hilfe des Abbildes, des 
Geschopfes, das sie sich selbst gemacht hat, erlebt -, wir 
erleben nicht, wie alles Vorstellen aus dem Fiihlen her- 
vorgeht. Wenn aber die Seele sich ihre Geistorgane aus- 
gebildet hat, dann erlebt sie in alien Vorstellungen ein 
geheimnisvolles Fiihlen, nur nicht ein Fiihlen, das an un- 
seren Leib gebunden ist, sondern ein Fiihlen, das uns auf 
dem Umwege durch die Vorstellung hinausfuhrt in die 
Weiten der geistigen Welt. Man erlebt dann, wenn man 



durch das Fiihlen nicht hineingefiihrt wird in sein Leib- 
liches, sondern umgekehrt, hinausgefiihrt wird in die 
Wei ten der geistigen Welt, dasjenige Ubersinnliche, in 
dem wir sind zwischen dem Tode und einer neuen Ge- 
burt, in dem die Seele lebt, bevor sie zur Geburt schreitet 
und nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. 
Und man eriebt dann in hoherem Wissen, als die gewohn- 
lichen Vorstellungen sind, in geistig-seelischem Wissen, 
die ubersinnliche Welt. 

Die meisten Menschen mochten allerdings diese uber- 
sinnliche Welt so nach den Methoden, nach dem Vorbilde 
der sinnlichen erleben. Sie sind nicht zufrieden damit, sie 
blofi im Bilde - wie ich in meinen Schriften angedeutet 
habe -, in Imaginationen zu erleben. Sie mochten sie so 
derb erleben wie die Sinnlichkeit. Allein, wie der Leib erst 
sterben mufi, um r einer Geist zu werden, so mufi das, was 
sinnliche Erkenntnis ist, erst aus sich abstreifen, was sich 
mit dem Materiellen, mit dem Stofflichen verbindet, und 
es mufi die Erkenntnis Imagination, imaginativ werden, 
damit im imaginativen Erleben, das so fein ist wie das 
Phantasieleben, aber nicht so willkurlich, sondern inner- 
lich methodisch geregelt, damit in diesem ubersinnlichen 
Erleben, das jetzt kein Traum ist, abgestreift wird das 
Sinnlich-Stoffliche, das der sinnlichen Wahrnehmung an- 
gehort, und ein Bild schon zwischen Geburt und Tod 
gewonnen wird von dem, was Wirklichkeit ist, wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes in die ubersinnliche 
Welt eintritt. Alles, was vom Leib kommt, ist stofflich in 
der Erkenntnis ; das mufi abgestreift werden von der Er- 
kenntnis, wenn man diese Erkenntnis zum Ubersinn- 
lichen fuhren will. 

Daher kann niemand hoffen, das Ubersinnliche wirk- 
lich zu erkennen, der es so derb in die Sinneswelt herein- 



stellen will wie die Spiritisten, die Stimmen oder sonstige 
materielle Wirkungen haben mochten, wahrend sie ei- 
gentlich, in einer sonderbaren Selbsttauschung befangen, 
im Grunde auf das Ubersinnliche losgehen wollen und 
sich ein Sinnliches hingestellt haben. Jenes feingeistige 
Erleben, jenes wirklich auch der stofflichen Erkenntnis 
entkleidete Erleben, das eintreten mufi, wenn man den 
ewigen, den unverganglichen Menschen erleben will, mit 
dem begniigen sich eben viele Leute in unseren Tagen 
nicht. Aber dieses ubersinnliche Erleben ist es allein, was 
uns zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelenwesens im 
Bereich des Ubersinnlichen fuhren kann, wie ich gezeigt 
habe - ich konnte es nur skizzenhaft zeigen — , welches 
uns zu einer wahren Anschauung iiber das Verhaltnis des 
Leibes zur Seele und der Seele zum Leibe fiihrt. 

Wie das Fiihlen sich umwandelt zu dem Vorstellen, so 
auch das Wollen. Und wie man geheimnisvoll in jeder 
Vorstellung ein Gefuhl finden kann, so entdeckt man auch 
ein Wollen, aber ein Wollen, das einen nicht hineinfuhrt in 
die menschlichen Gliederbewegungen, in das menschliche 
sinnliche Handeln, sondern das einen hinausfiihrt aus dem 
Vorstellungsleben in den Bereich der ubersinnlichen Welt. 
Entdeckt man in dem altgewordenen Seelenwesen des 
Vorstellens das junge Seelenwesen des Wollens, dann ent- 
deckt man in diesem Wollen, das rein geistig erlebt wird, 
diejenigen Krafte, die heriiberspielen in dieses Erdenleben 
aus vorhergehenden Erdenleben, die der Mensch durch- 
lebt hat. Und dann werden die wiederholten Erdenleben, 
dann wird der Durchgang der Seele als ubersinnliches 
Wesen durch wiederholte Erdenleben, mit dazwischen- 
liegenden Leben in der rein ubersinnlichen Welt, ein wirk- 
liches Beobachtungsobjekt; dann tritt der Mensch ein 
in die wirkliche ubersinnliche Erkenntnis. 



Diese wirkliche iibersinnliche Erkenntnis - man 
konnte meinen, sie sei nur zur Befriedigung des mensch- 
lichen Erkenntnisbediirfnisses da. Lassen Sie mich ganz 
kurz, zum Schlusse, nur mit wenigen Worten noch an- 
deuten, daft dies nicht der Fall ist. 

Wovon man glauben konnte, daft nur der menschliche 
Erkenntnishunger, das Wissensbediirfnis befriedigt wer- 
den konnte, das hat seine tiefe praktische Bedeutung. 
Gewift, man hat es ja in der Entwickelung der Menschheit 
mit einem Fortschritt zu tun. Die kopernikanische Weltan- 
schauung, die moderne Naturwissenschaft sind erst ge- 
kommen, nachdem die Menschheit andere Stufen voraus 
durchgemacht hatte. So wird anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaf t, wie sie hier gemeint ist, erst entstehen, 
wenn, so wie dazumal am Ende des Mittelalters der Drang 
entstanden ist, in anderer Weise als im Mittelalter das 
Weltengebaude anzuschauen, wenn der Drang, das Uber- 
sinnliche zu erkennen, in den Menschen stark genug sein 
wird. Viele Menschen, die wissen, daft es eine iibersinn- 
liche Welt gibt, glauben noch, die Menschen seien heute 
nicht reif, jene freien Erkenntniskrafte zu entwickeln, den 
schlafenden Menschen zu entfalten. Das Gegenteil ist der 
Fall! Der Mensch diirstet heute in seinen Seelentiefen nach 
einem Wissen des UbersinnHchen. Er betaubt sich nur, wie 
ich es ja in dem Eingang des Vortrages gesagt habe. 

Aber auch aus anderen Griinden wird seine Betaubung 
nicht mehr lange standhalten konnen. Man kann die Na- 
tur erkennen, ohne daft man zu Gesetzen aufsteigt, die 
das Seelenleben erklarlich machen, ja man kann sogar 
sagen: Man wird die Natur urn so reiner erkennen, je 
mehr man sich bei der Ausbildung der Naturgesetze fern- 
halt von allem Einmischen eines Seelisch-Geistigen. Die 
Naturgesetze werden um so geeigneter sein fur ihr Feld, 



je weniger sie beirrt werden von Gesetzen, die sich nur 
auf das Seelisch-Geistige beziehen. Das muiS man schon 
sagen. Aber sobald es sich darum handelt, das Menschen- 
leben in seiner Ganze zu verstehen, so zu verstehen, dafi 
unser Verstandnis eingreifen kann in die Entwickelung 
dieses Menschenlebens, sobald es sich darum handelt, das 
soziale, das politische, das gesellschaftliche Zusammen- 
leben zu verstehen, sobald es sich nur darum handelt, 
iiberhaupt ein richtiges Verhaltnis von Mensch zu 
Mensch zu finden, dann ist ein anderes notwendig, dann 
reichen die Denkformen nicht aus, die nur an dem Muster 
der Naturwissenschaft gebildet sind. 

O, die Menschheit hat sich nur zu sehr gewohnt, alles 
Leben nach solchen Denkformen zu denken, nach denen 
naturliche Vorgange, naturgemafte Vorgange, gedacht 
werden. Und so hat man sich auch, ich mochte sagen, 
instinktiv hineingefunden, das soziale Leben, das politi- 
sche Zusammenleben der Menschen so zu denken und 
auch so zu gestalten, wie der Geist gestaltet, der sich eben 
nur gewohnt, Naturgesetze zu denken. Immer mehr und 
mehr hat sich das durch die letzten vier Jahrhunderte bis 
in unsere Zeit herein aus gebildet. Wie es fur die Natur- 
wissenschaft gerade recht ist, den Geist auszuschliefien, 
um ihr Feld rein zu bekommen, so ist es vollig ungenii- 
gend fur das menschliche Zusammenleben, fur alles das, 
was mit Gesellschaft, mit sozialer Wissenschaft zusam- 
menhangt, Denkformen auszubilden, die nur aus der 
Naturwissenschaft herausgezogen sind. Man wird nicht 
fertig mit der Art und Weise, wie die Menschen iiber die 
Erde hin zusammenleben mussen, wenn man dieses Zu- 
sammenleben nach politischen, nach sozialen, nach ge- 
sellschaftlichen Idealen gestalten will, die nach dem 
Muster naturwissenschaftlicher Gesetze gemacht sind. 



Ein Beispiel fur viele: Als dieser tragische Krieg ent- 
standen ist, da konnte man von vielen Seiten her horen, 
gerade von Leuten, die sich zugute taten, Erfahrungen zu 
haben in bezug auf die Gesetze des menschlichen Zusam- 
menlebens - nun ja, man hat es vielfach gehort -: Dieser 
Krieg kann nicht langer als hochstens vier bis fiinf Mo- 
nate dauern. - Ganz im Ernste, in vollem Ernste haben 
das die Menschen gesagt aus ihrem Denken, das sie sich 
herausgebildet haben aus der Zucht naturwissenschaftli- 
cher Schulung, die auch bei demjenigen, der nicht Natur- 
wissenschafter ist, vorhanden ist. Gerade die «Kundig- 
sten» waren es, die so gesprochen haben. Wie hat in 
trauriger Weise die Wirklichkeit diese Vorstellungen 
widerlegt! Niemand, der geisteswissenschaftlich die Welt 
durchschaut, kann sich solchen Irrtiimern hingeben, aus 
dem einfachen Grunde nicht, weil er weifi, was fur ein 
Unterschied besteht zwischen wirklichkeitsfernen Vor- 
stellungen und wirklichkeitsnahen, die Wirklichkeit 
durchdringenden Vorstellungen. 

Was als Geisteswissenschaft, als Anthroposophie un- 
sere Seelen erfullt, das bringt uns zusammen mit der 
Wirklichkeit, das stellt uns in die ganze, voile Wirklich- 
keit hinein. Eine Sozialwissenschaft, eine Wissenschaft 
iiber das menschliche Zusammenleben, die wirklich ge- 
wachsen ist diesem Zusammenleben der Menschen iiber 
die ganze Erde hin, die nicht Instinkte, Impulse in die 
Menschen hineinbringen soli, die sich so entladen, wie 
sich die heutigen furchtbaren, katastrophalen Ereignisse 
entladen - eine solche Sozialwissenschaft, eine solche 
Gesellschaftswissenschaft kann nur erwachsen aus den 
Voraussetzungen heraus, die die Geisteswissenschaft, die 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, gibt. 
Denn die allein hat es nicht mit einem Lebensteil, sondern 



mit dem ganzen vollen Leben zu tun; die allein kann 
daher der Wirklichkeit gewachsene Vorstellungen und 
Begriffe erzeugen. 

Und wenn sich die Menschen nicht bequemen werden, 
ihr soziales Denken auf dem Boden anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft aufzubauen - das ist 
meine innigste Uberzeugung -, so wird die Menschheit 
aus den Kalamitaten, die sich heute so furchtbar entladen, 
nicht herauskommen. Ich weifi zu wiirdigen, was ausgeht 
von den Leuten, die sich heute pazifistisch oder ahnlich 
nennen, die fur allerlei Friedensbewegungen enthusias- 
miert sind. Allein, solche Dinge lassen sich nicht durch 
blofie Gebote entscheiden, lassen sich nicht dadurch ent- 
scheiden, dafi man dekretiert: das oder jenes miisse sein. 
Man kann durchaus einverstanden sein mit dem, was sein 
mufi. Wenn man aber nur die Gebote, nur die Gesetze 
bringt aus dem gewohnlichen Denken heraus, so ist das 
so, als wenn man zu dem Of en, der da steht, sagen wiirde: 
Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer zu 
heizen; also heize das Zimmer hubsch. — Er wird das 
Zimmer nicht heizen, ohne dafi man Holz hineintut und 
Feuer anmacht, obwohl es heutzutage ganz angenehm 
ware. Aber es kann eben nicht sein, sondern man mufi 
den Ofen mit Holz beladen und Feuer anmachen. 
Ebensowenig reichen alle gewohnlichen regularen Vor- 
stellungen iiber Friedenserhaltung und so weiter aus. Um 
was es sich handelt, das ist, dafi man nicht blofi spricht: 
Menschen, liebet einander-, sondern dafi man, ver- 
gleichsweise gesprochen, in die Menschenseelen Heizma- 
terial hereinbringt. Dieses aber sind Begriffe, die aus dem 
lebendigen Erfassen des Geisteslebens hervorgehen. 
Denn die menschliche Seele gehort nicht allein dem 
materiellen, sie gehort dem geistigen Leben an. Und 



vielfach versteht man heute noch gar nicht, was es heifit, 
dafi diese menschliche Seele dem Bereich des Ubersinn- 
lichen angehort. Man glaubt eben gewohnlich, dafi 
man mit den Gesetzen, die man heute entwickelt, 
schon im Bereich des Ubersinnlichen stehe. Das tut man 
nicht. 

Gerade auf den Gebieten der ernsten Wissenschaft 
fangt man vielfach an, heute schon einzusehen, dafi es 
auch eine Bedeutung hat, nicht blofi dasjenige, was natur- 
wissenschaftliches Vorurteil in den letzten Jahrzehnten 
vorgezeichnet hat, auf das menschliche Erleben hin zu 
priifen, sondern dafi da andere Begriffe, andere Vorstel- 
lungen notig sind. 

Haben wir doch das merkwiirdige Schauspiel erlebt in 
der letzten Zeit, dafi einer der treuesten Schuler Haeckels, 
Oscar Hertwig, der beriihmte Physiologe, Biologe, ein 
Buch geschrieben hat, in dem er, trotzdem er einer der 
treuesten Schuler Haeckels war, Abschied nimmt von der 
ganzen Aufierlichkeit der darwinschen Theorie, von jener 
Theorie, die nur durch eine Summe von Zufalligkeiten, 
von Zufallen das Werden erklaren will, die nicht will, dafi 
Krafte eingreifen in dieses Werden, die nicht durch blofie 
aufiere Beobachtung erkannt werden konnen. So hat man 
das Merkwiirdige erlebt, daft Oscar Hertwig in der letz- 
ten Zeit ein bedeutsames Buch geschrieben hat: «Das 
Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins 
Zufallstheorie». Und in diesem Buche, in dem die ernste 
Wissenschaft selber herauszukommen sucht aus dem 
Hangen an dem blofi Materiellen, aufzusteigen sucht in 
das Geistige, schliefit Oscar Hertwig aus diesen Erwa- 
gungen heraus - und das ist das Bezeichnende, das Sie mir 
gestatten, zum Schlusse anzufuhren - seine Ausfuhrun- 
gen in der folgenden Weise: 



«Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren Un- 
bestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr 
vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirt- 
schaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. 
Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakel- 
spruch, je nachdem es ihm erwiinscht war, seine Nutzan- 
wendungen auf soziale, politische, hygienische, medizini- 
sche und andere Fragen ziehen und sich zur Bekraftigung 
seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwini- 
stisch umgepragten Biologie mit ihren unabanderlichen 
Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintli- 
chen Gesetze keine solchen sind» - was Oscar Hertwig 
glaubt bewiesen zu haben -, «sollten da bei ihrer vielseiti- 
gen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch so- 
ziale Gefahren bestehen konnen? Man glaube doch nicht, 
daft die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert 
lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf urns Da- 
sein, Auslese des Passenden, des Niitzlichen, des Zweck- 
maftigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in 
ihrer Ubertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie 
tagliches Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen 
Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger be- 
einfluftt zu werden! Der Nachweis fur die Behauptung 
wiirde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen der 
Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Ent- 
scheidung iiber Wahrheit und Irrtum des Darwinismus 
auch weit iiber den Rahmen der biologischen Wissen- 
schaft hinaus.» 

Da sieht man, wie ein Naturforscher einsieht: Was die 
Menschen denken und was von ihren Gedanken in ihre 
Impulse ubergeht, das bereitet vor und gestaltet aus, was 
dann in der aufteren Wirklichkeit sich entladet; auch auf 
sozialem Gebiete ist Geistiges der Schopfer des Materiel- 



len. Und wenn das Materielle in solcher Gestalt auftritt 
wie gegenwartig, dann, dann mufi nach anderen Griinden 
im Geistigen gesucht werden, als sie von dem gesucht 
werden, der mit seinen Begriffen iiber das Soziale sich nur 
nach dem Muster der Naturwissenschaft erzieht. Eine 
Geisteswissenschaft, die auf Okkultismus gegriindet ist, 
wird anders auf das soziale Leben wirken konnen; sie 
wird nicht blofi sprechen von einem unerbittlichen 
«Kampf urns Dasein», sondern sie wird durchschauen, 
was sich hineinstellt als Geistiges in das, was im Natiirli- 
chen nur als Kampf urns Dasein auftritt; sie wird nicht 
blofi das Dasein nach dem Aufieren anschauen, sondern 
nach dem, was der Geist hineingegossen hat, wird nicht 
blofi nach dem Zweckmafiigen den Verlauf der Entwicke- 
lung beurteilen, sondern auch nach dem, was als ethisch 
Wertvolles in den Verlauf der Zweckmaftigkeit hineinge- 
stellt wird; sie wird nicht blofi von Vervollkommnung 
durch Zuchtwahl sprechen, sondern von dem schopferi- 
schen Geist, der in die Entwickelungsstromung einstromt 
und sich die Zuchtwahl nur schafft, so wie die Seele sich 
ihren Leib schafft. Sie wird im UbersinnHchen vor allem 
die Grundlagen fiir die sozialen Gesetze suchen. 

Da konnen wir schon sehen, dafi Geisteswissenschaft, 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht 
etwas zur bloften Erkenntnisbefriedigung ist, sondern et- 
was ist, was mit dem praktischen Bediirfnis, mit dem 
ganzen Verlauf des Lebens innig zusammenhangt. Und 
die Zukunft wird jene Grundlagen des Denkens gerade 
fiir das praktische Leben fordern, die nur aus Geistes- 
wissenschaft fliefien konnen. 

Warum strauben sich die Menschen heute noch so viel- 
fach dagegen, Geisteswissenschaft in ihre Seelen aufzu- 
nehmen? Gerade aus dem heute abend Gesagten kann 



man sich eine Antwort bilden in bezug auf diese Frage. Es 
hat uns heute abend vorzugsweise beschaftigt, wie Gei- 
steswissenschaft dem Ratsel der Unsterblichkeit nach- 
geht. Allein es trennt uns von dieser Unsterblichkeit der 
Tod. Und wir haben ja gesehen: Gerade im Verlaufe des 
Lebens miissen wir das fortwahrende Hereingreifen des 
Todes anerkennen. In alten Zeiten, in denen man in ande- 
rer Art, aber doch gesprochen hat von der Erkenntnis der 
geistigen Welt, hat man immer gesagt: Derjenige, der 
eintritt in die geistige Welt, mufi symbolisch den Tod 
erleben. - Nun ist das vielleicht eine radikale Ausdrucks- 
weise, aber wahr ist es. Zwischen unserer Welt der Sinne 
und des Verstandes, der die Sinnesbeobachtungen zerglie- 
dert, und der Welt, in der Unsterblichkeit west, liegt 
nicht eine Welt des Wachsens, nicht eine Welt des Bltt- 
hens, nicht eine Welt des Gedeihens, sondern dazwischen 
liegt der Tod. Und man mufi dem Tod, man mufi den 
Abbaukraften, man mufi den Kraften ins Auge schauen, 
die den Kraften, die gerade die Naturwissenschaft be- 
trachtet, den Kraften der Geburt, des Wachstums, entge- 
genwirken. Das bringt auf dem Gebiete der Erkenntnis 
etwas Ahnliches hervor, wie es auf dem Gebiet des aufie- 
ren Lebens die Todesfurcht ist. Man kann schon sprechen 
von einer Erkenntnis-Todesfurcht, davon, dafi die Men- 
schen nicht den Mut haben, durch dasjenige Gebiet 
durchzudringen, durch das durchgegangen werden mufi, 
wenn man ins Ubersinnliche eintreten will. Die Men- 
schen schrecken zuriick. Sie wissen es nicht. Sie machen 
sich allerlei vor an Theorien und Vorurteilen iiber «Er- 
kenntnisgrenzen», iiber irgendeine nur materielle Bedeu- 
tung des Lebens. Lieber machen sie sich das vor, als dafi 
sie kuhn hineintreten durch jenes Tor, durch das man 
allein aus der sinnlichen in die ubersinnliche Welt kom- 



men kann. Das Tor ist aber dasjenige, durch das man das 
Wesen des Todes und alles dessen, was todverwandt ist, 
erkennen mufi. Denn es ist wahr: Befriedigende innere 
Seelenharmonie, der Mensch wird sie nur finden, wenn er 
aufnehmen kann in sein Seeleninneres die Geheimnisse 
der Unsterblichkeit. 

Aber zu der Erkenntnisfrucht, die sich als Unsterblich- 
keit geniefien lafit, zu der dringt man nur, indem man 
umackert den Boden des Todes und des Tod-Verwand- 
ten. Davor aber darf man sich nicht furchten. In dem 
Mafie, als die Menschen auf dem Gebiete des Erkennens 
diese Erkenntnis-Todesfurcht uberwinden, wird eine 
Wissenschaft des Unsterblichen, eine Wissenschaft des 
Ubersinnlichen, entstehen. 

Morgen werde ich dariiber sprechen, wie diese Wis- 
senschaft des Ubersinnlichen, diese anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft, niemanden in seinem 
religiosen Bekenntnisse stort. 

Ich hoffe, da£ ich Sie morgen nicht so lange aufhalte; 
aber der heutige grundlegende Vortrag lieft sich nicht 
kiirzer machen. 



ANTHROPOSOPHIE STORT NIEMANDES 
RELIGIOSES BEKENNTNIS 

Basel, 19. Oktober 1917 

Wenn religidses Empfinden und Erleben seine Aufgabe 
gegenuber den Anforderungen der heutigen Zeit recht 
verstehen will und dann von einem so gewonnenen Ge- 
sichtspunkte aus mit vollem Verstandnisse dem entgegen- 
treten wiirde, was die hier gemeinte Anthroposophie an- 
strebt, so wiirde das religiose Empfinden und Bekennen 
in Anthroposophie gerade heute einen sehr willkomme- 
nen Bundesgenossen sehen konnen. Allein man macht es 
sich ja in der Gegenwart nicht immer zur Aufgabe, die 
Dinge, iiber die man glaubt, ein geeignetes, ein kompe- 
tentes Urteil abzugeben, auch wirklich in ihrer Eigenart 
kennenzulernen. Dies trifft insbesondere nun gegenuber 
dem, was hier als Anthroposophie gemeint ist, man kann 
schon sagen, in ausreichendstem Mafie zu. Man beurteilt, 
was einem da entgegentritt, indem man es mit irgendeiner 
von aufien her genommenen Etikette versieht, oftmals 
eine wahre Karikatur dessen entwirft, um was es sich in 
Wirklichkeit handelt; und dann beurteilt man nicht diese 
Wirklichkeit, sondern das selbstgemachte Bild, oftmals 
die selbstgemachte Karikatur. 

Wiirde man auf Anthroposophie eingehen, wiirde man 
ihre Aufgabe gegenuber den Zeitratseln und Zeitproble- 
men wirklich ins Auge fas sen, so wiirde man vor alien 
Dingen auf eines hingelenkt werden, das aus dem ganzen 
Geiste, aus dem ganzen Sinn anthroposophischer For- 
schung herausleuchtet. Das ist: Anthroposophie unter- 



scheidet sich, man kann sagen, von alien iibrigen Meinun- 
gen und Anschauungen, die sich iiber Welt und Mensch 
und so weiter ergeben, dadurch, dafi diese Anthroposo- 
phie lebendig durchdrungen ist - wie aus ihren Erkennt- 
nissen heraus es so sein mufi - von dem, was im umfas- 
sendsten Sinne im Entwickelungsgedanken liegt. 

Menschliche Meinungen, namentlich dann, wenn sie 
Weltanschauungsmeinungen sein wollen, fiihlen sich nur 
dann befriedigt, wenn sie, in gewissem Sinne und in ge- 
wissen Grenzen wenigstens, sich sagen konnen: Ich habe 
Gedanken, die gelten; die sind in sich absolut giiltig; die 
habe ich gefunden oder die hat die Wissenschaft oder die 
Religion oder irgend etwas anderes gefunden; aber sie 
gelten, sie gelten absolut in sich. - So steht es um Anthro- 
posophie nun nicht. Anthroposophie weifi, dafi die Ge- 
danken herausgeboren sein miissen in jeder Zeit aus dem, 
was man in einem tieferen Sinne den Geist der Zeit nen- 
nen kann. Und der Geist der Menschheit ist in fortdau- 
ernder Entwickelung. So dafi dasjenige, was als Meinung 
iiber die Welt in einem Zeitalter auftritt, eine andere 
Form haben mull als dasjenige, was in solcher Art in 
einem anderen Zeitalter auftritt. Indem Anthroposophie 
heute vor die Welt hintritt, weifi sie, dafi nach Jahrhun- 
derten dasjenige, was sie heute sagt, in ganz anderer Form 
fur ganz andere Menschheitsbedurfnisse und ganz andere 
Menschheitsinteressen wird gesagt werden miissen, daft 
sie nicht « absolute Wahrheiten» anstreben kann, sondern 
daft sie in lebendiger Entwickelung ist. 

Aus solchen Voraussetzungen heraus folgt eine gewisse 
Gesinnung. Und von dieser Gesinnung hangt wiederum 
die Beurteilung ab, die Anthroposophie haben mufi von 
anderen geistigen Bestrebungen und geistigen Stromun- 
gen, hangt das Verhaltnis ab, in das sie sich zu setzen hat 



zu anderen geistigen Stromungen, anderen Meinungen, 
anderen Anschauungen. Fiir unsere Zeit sollte vor alien 
Dingen ins Auge gefa£t werden, dafi diese Anthroposo- 
phie durchaus nicht so entstanden ist, wie viele Menschen 
meinen, und dafi sie sich durchaus nicht so in das Gewebe 
zeitgenossischer Meinungen und Anschauungen hinein- 
stellen kann, wie ein heute noch sehr haufig herrschender 
Glaube ist. Man denkt namlich, indem man so aufierlich, 
oberflachlich von Anthroposophie Kunde erhalt, indem 
man einmal einen Vortrag gehort hat iiber sie oder ein 
paar Seiten irgendeines Buches gelesen hat iiber sie, eine 
Broschure oder auch vielleicht noch nicht einmal dieses, 
sondern sich von irgend jemandem hat sagen lassen, was 
Anthroposophie will, der es nur in sehr zweifelhafter Art 
wei£; man denkt, Anthroposophie stelle sich als eine 
Glaubensanschauung, als eine Art neuer religioser An- 
schauung anderen religiosen Bekenntnissen gegenuber. 
Man hat eben im Laufe der Zeit die Empfindung aufge- 
nommen : Was sich an Gedanken, an Ideen iiber die Welt 
geltend macht, das ist eine Glaubensanschauung neben 
anderen. - Und so meint man: Diese Anthroposophie ist 
halt auch so eine Sekte, wie in der Welt viele Sekten auf- 
tauchen, stellt sich als eine solche Sekte neben andere hin. 

Nun mu6 demgegeniiber betont werden: Erstens ist 
gerade das charakteristisch an der hier gemeinten Anthro- 
posophie, dafi sie nicht irgendwie neben oder im Gegen- 
satz zu irgendeinem Glaubensbekenntnisse in die Welt 
getreten ist. Warum sie in die Welt getreten ist, davon 
liegen die Griinde nicht in diesem oder jenem Glaubens- 
bekenntnisse, zu dem sie Stellung zu nehmen hat, son- 
dern warum sie gerade in der Gegenwart in die Welt 
getreten ist, davon liegen die Griinde in der naturwissen- 
schaftiichen Entwickelung der letzten Jahrhunderte und 



der neueren Zeit, in jener naturwissenschaftlichen Ent- 
wickelung, die den Meinungen, den Anschauungen der 
Menschen der Gegenwart ihr Geprage gegeben hat. Eine 
Erganzung, eine Erweiterung, eine Vervollkommnung 
dessen will Anthroposophie sein, was durch die Natur- 
wissenschaft in die Welt hineingekommen ist. Dieser 
Ausgangspunkt mufi durchaus beriicksichtigt werden. 
Lernt man namlich die naturwissenschaftlichen Errun- 
genschaften kennen — und ich will hier vorzugsweise ins 
Auge fassen jetzt nicht die Errungenschaften der Fachge- 
lehrsamkeit, sondern dasjenige, was von der Naturwis- 
senschaft in das offentliche Bewufitsein iibergeht, was 
von der Naturwissenschaft selbst Meinung iiber die Welt- 
anschauung wird, was Empfindung iiber die Weltan- 
schauung wird -, sieht man sich dies alles an, was Natur- 
wissenschaft den Menschen zu geben hat, so mu6 man 
sagen: Diese Naturwissenschaft hat sich herausgearbeitet, 
und sie wird sich noch mehr im Laufe der Zeit herausar- 
beiten in glanzender Weise zu einer Interpretin desjeni- 
gen, was eben au£erlich sinnenfalliges Dasein ist, und was 
mit dem Verstande begriffen werden kann von diesem 
sinnenfalligen Dasein. Gerade - ich habe es schon gestern 
erwahnt - wenn man sich einlassen kann, tief einlassen 
kann auf das, was die moderne Naturwissenschaft gelei- 
stet hat, dann bekommt man nicht nur die hochste Ach- 
tung vor ihr, hegt nicht nur die allergrofiten Erwartungen 
noch fur die Zukunft, sondern man weifi auch, dafi diese 
Naturwissenschaft gerade dadurch ihre Vollkomrnenheit 
erreicht, dafi sie Gesetze ausbildet, Methoden ausbildet, 
welche im eminentesten Sinne geeignet sind, das aufierlich 
natiirliche, sinnenfallige Dasein zu begreifen, welche aber 
ungeeignet sind, wenn sie so gelassen werden, wie sie 
eben in der Naturwissenschaft selbst herrschend sind, das 



Geistige zu erfassen. Will man gerade mit derselben 
Strenge, mit derselben naturwissenschaftlichen Giiltigkeit 
das Geistige erfassen wie das Natiirliche im Sinne der 
neueren Naturwissenschaft, dann mufi man aus der Na- 
turwissenschaft heraus, aus der Denkweise und Gesin- 
nung der Naturwissenschaft heraus sich in die geistige 
Welt in der gestern geschilderten Weise hineinarbeiten. 

Da allerdings tiirmen sich ja fiir manche Menschen der 
Gegenwart gro£e Schwierigkeiten auf. Man kann sagen: 
Gerade durch die glanzendsten Fortschritte der Natur- 
wissenschaft, durch die man hineingesehen hat auch in die 
geistigen Grenzgebiete, ist es gekommen, dafi man ein 
naturliches Weltbild ausgebildet hat, in dem eigentlich 
der Geist keinen Platz hat. Das mufi so sein. Eben gerade 
damit die naturwissenschaftlichen Methoden fiir das na- 
tiirliche Dasein passend sind, miissen sie so sein, dafi sie 
in einer gewissen Weise den Geist von ihrem eigenen 
Forschungsfeld ausschliefien. Wenn man auf den Men- 
schen selbst Riicksicht nimmt, so muE man sagen: Anato- 
mie, Physiologie, Biologie, wie sie den Menschen be- 
trachten in bezug auf sein leiblich-korperhaftes Dasein, 
konnen das nur studieren, nach alien Seiten durchdrin- 
gen, wenn sie zeigen, dafi mit ihrer eigenen Methode, mit 
ihrer eigenen Forschungsweise der Geist gewissermafien 
ausgeschlossen wird. 

Lafit man sich nun aber auf die Art und Weise ein, wie 
die Naturwissenschaft vorgeht, lebt man sich ein in diese 
Art und Weise, dann kann man die Naturwissenschaft so 
fortsetzen, wie ich das gestern charakterisiert habe. Und 
man gelangt durch gewisse Methoden, die die mensch- 
liche Seele auf sich selber anwendet, gerade vom natiir- 
lichen Dasein heraus in das Gebiet der geistigen Welt hin- 
ein. Die geistige Welt wird eine solche Wirklichkeit vor 



dem geistigen Auge, vor dem geistigen Ohr - um diese 
Goetheschen Ausdriicke in veranderter Weise zu gebrau- 
chen wie die sinnliche Wirklichkeit der mineralischen, 
pflanzlichen, der Luft- und Sternenwelt eine Wirklichkeit 
ist eben fur die aufteren Sinne. Man arbeitet sich in das 
Geistige hinein. 

Eine Schwierigkeit ergibt sich da fur sehr viele Men- 
schen. Sie werden es horen, wenn man so spricht von dem 
Verhaltnis der Naturwissenschaft zur anthroposophisch 
orientierten Geisteswissenschaft, daft die Menschen sa- 
gen: Ja, darinnen hat er ja vielleicht ganz recht, was er 
uber die Naturwissenschaft sagt; man kann mit den na- 
turwissenschaftlichen Methoden den Geist nicht einfan- 
gen, man kann uber den Geist nichts ausmachen; da sind 
eben Grenzen, da liegen eben jenseits der Naturwissen- 
schaft Gebiete, uber die wir nichts wissen konnen. - Aber 
gerade aus dem gestrigen Vortrage, aus seinem ganzen 
Sinn und Geist wird hervorgegangen sein, daft dies die 
Meinung von Anthroposophie nicht ist. Das Gegenteil ist 
Erfahrung der Anthroposophie: Daft man wirklich hin- 
eindringen kann in den Geist, daft es nicht sich bloft 
darum handelt, zu sagen, es gebe unbekannte Gebiete, auf 
die man verweisen miisse, sondern daft man in diese un- 
bekannten Gebiete durch gewisse Geist-Methoden wirk- 
lich eindringen kann. 

Es ist ja fur manche Menschen schwierig, sich zu sagen: 
Es gibt noch ein Gebiet, liber das man vielleicht etwas 
erfahren kann, wenn man sich auf gewisse Ideen und 
Forschungen einlaftt. - Es ist viel bequemer fur diese 
Menschen, sich zu sagen: Das ist ein Gebiet, von dem alle 
Menschen nichts wissen - weil sie selbst noch nichts 
davon wissen. Allein, daft man von irgend etwas selbst 
nichts weifi, das ist ja kein Beweis, daft man davon nichts 



wissen kann, obwohl diese Schluftfolgerung merkwiirdig 
oft gezogen wird. Damm also handelt es sich gerade, 
wenn Anthroposophie geltend gemacht wird, da£ man 
eintreten kann als Mensch durch die Anwendung derjeni- 
gen Methoden, auf die gestern hingedeutet worden ist 
und die Sie in meinen Schriften, namentlich in meiner 
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?» und in meiner <<Geheimwissenschaft», finden kdn- 
nen, dafi man eintreten kann in eine geistige Welt, in der 
in Wahrheit der Mensch mit seiner Seele drinnen ist, in 
der in Wahrheit der Mensch das erlebt, was man Unsterb- 
lichkeit und Freiheit nennen kann, die eigentlichen Im- 
pulse seines ubersinnlichen Daseins. 

Und weil in den letzten Jahrhunderten und bis in un- 
sere Zeit herein die Naturwissenschaft gerade so geartet 
sein mufke, dafi sie sich richtet auf das Vergangliche, auf 
das, was durch den Tod abgeschlossen wird, gerade des- 
halb mulke ihr gegeniibertreten etwas, was ebenso wie sie 
auf Wissenschaftlichkeit Anspruch machen kann und was 
in das Geistgebiet hineingeht. 

In alteren Zeiten, in denen den religiosen Stromungen, 
den religiosen Bekenntnissen, welche den Menschen auf 
die geistige Welt verwiesen, noch nicht gegenuberstand 
eine Naturwissenschaft, welche gerade durch ihre Metho- 
den eine gewisse Hinneigung fur die sinnliche Welt einzig 
und allein ausbildet, war es nicht notwendig, dafi eine 
besondere Geistwissenschaft hervortrat; denn es war 
auch nicht eine besondere Naturwissenschaft da, welche 
den Glauben fur sich in Anspruch genommen hat, die 
einzig richtige Methode zu haben, und aus diesem Glau- 
ben heraus zu der Anschauung kommt, die man heute 
«monistisch» nennt, weil man den Ausdruck «materiali- 
stisch» nicht mehr salonfahig findet. Es war noch nicht 



eine solche Naturwissenschaft da, die zu dem Glauben 
verfiihren konnte, die einzige Wirklichkeit sei die au&ere 
sinnliche Wirklichkeit, sei das, was mit dem Verstande 
aus dieser sinnlichen Wirklichkeit als Wissenschaft be- 
griffen werden kann. Erst in der Zeit, als eine solche 
Wissenschaft und damit auch ein solcher Glaube auftre- 
ten konnte, mufite eine Geistwissenschaft kommen, wel- 
che das andere geltend macht, welche neben die Wissen- 
schaft von der Natur die Wissenschaft vom Geiste hin- 
stellt. Das liegt einfach in der Entwickelung der Zeit. 

Daher kann man das Auftreten von Anthroposophie 
nur im richtigen Sinne begreifen, wenn man dieses ihr 
Hervorgehen aus der Naturwissenschaft versteht, wenn 
man diese ihre Notwendigkeit neben der Naturwissen- 
schaft versteht. Naturwissenschaft wiirde, wenn sie nur 
aus sich heraus eine Art Bekenntnisglaube in den Men- 
schen erzeugen wiirde, nach und nach durch das Verfuh- 
rerische, das in ihren streng wissenschaftlichen Methoden 
liegt, den Menschen ganz abbringen von der Anschauung, 
dafi man wissenschaftlich, durch Erkenntnis in die gei- 
stige Welt hineindringen konne; sie wiirde es dahin brin- 
gen, daft die Menschen glauben wiirden im weitesten 
Umfang: Nun ja, wissen kann man von der sinnlichen 
Welt; alles iibrige, was iiber der sinnlichen Welt ist, un- 
terliegt dem Glauben, der niemals zu einer GewiEheit, 
sondern nur zu einer subjektiven Gefiihlsmafiigkeit iiber- 
sinniich fiihren kann. 

Hier liegt der Punkt, der am schwersten zunachst von 
den Zeitgenossen verstanden wird, weil es eine gewisse 
Uberwindung kostet, die Seele denjenigen Erlebnissen zu 
unterwerfen, durch die sie hinauswachst iiber das ge- 
wohnliche Dasein, durch die sie zu den sinnlichen Orga- 
nen Geistorgane hinzu sich erwirbt, um einzudringen in 



die wirkliche geistige Welt. Und es wird noch lange dau- 
ern, bis die Vorurteile schwinden, die in dieser Beziehung 
herrschen, bis bei einer geniigend grofien Anzahl von 
Menschen die Einsicht entsteht, dafi man wirklich in wis- 
senschaftlicher Art genauso wie in die Natur nun in die 
Geisteswelt eindringen kann. 

Nun 1st, damit diese anthroposophisch orientierte 
Geistwissenschaft nach und nach sich einleben kann in 
unser Kulturleben, notwendig - als selbstverstandlich 
sollte man das eigentlich ansehen -, dafi sich Menschen 
zusammenschliefien, die den Willen und das Bediirfnis 
haben, solche Geisteswissenschaft zu treiben. Aus diesem 
Bediirfnis nach Zusammenschluft zur Erarbeitung solcher 
Geisteswissenschaft ist ja alles auch entstanden, was sich 
im Dornacher Bau und um ihn herum ausgestaltet und 
weiter ausgestalten wird. Zusammenschlufi einzelner 
Menschen; das fuhrt aber sogleich wiederum zu der irr- 
tumlichen Meinung: Nun ja, da hat man es ja mit einer 
Sekte zu tun, da schliefSen sich Menschen zusammen, die 
irgendeinen neuen Kirchenglauben unter sich kultivieren 
wollen. Das Zusammenschliefien auf diesem Gebiete hat 
aber einen anderen Sinn als das Zusammenschliefien in 
Sekten. Das Zusammenschliefien auf anthroposophi- 
schem Gebiete hat den Sinn, dafi Anthroposophie nicht 
errungen werden kann durch einen einzelnen Vortrag, 
durch die einzelne Lekoire einer Broschiire, sondern dafi 
Anthroposophie etwas ist, was fur den, der es wirklich in 
einer gewissen Ausdehnung kennen will, nach und nach 
erarbeitet sein will, was also Menschen erarbeiten miis- 
sen. Das mufi ja auch in den Schulen, in den Universitaten 
geschehen; und wenn man das Zusammenschliefien einer 
Horerschaft in den Universitaten als eine «Sekte» be- 
zeichnen will, dann kann man auch das Zusammenschlie- 



fien derer, die Anthroposophie betreiben, als eine «Sekte» 
bezeichnen, sonst nicht. Wenn zu gewissen Vortragen, zu 
gewissen Veranstaltungen nur eine Anzahl von Menschen 
erscheinen konnen, die anderes schon in sich aufgenom- 
men haben, so erscheint das ganz natiirlich; denn auch bei 
allem iibrigen Aufnehmen von irgendwelcher Kenntnis 
ist es so. In die modernste Einrichtung, nicht in das 
sektiererische Wesen, will sich Anthroposophie hinein- 
stellen. Rechnen will sie gerade mit den modernen 
Einrichtungen. Und nicht irgendein besonders Geheim- 
nisvolles liegt zugrunde, wenn sich Menschen zusammen- 
schliefien und Veranstaltungen nur fur sich haben, son- 
dern einzig und allem das, dafi sie gesucht haben die 
Vorbereitung dazu, wie man zu den Universitatsvorle- 
sungen Vorbereitung sucht, bevor man sie besuchen 
kann, weil sonst der Besuch zwecklos ist. Alles iibrige, 
was man sich als Ansicht bildet uber solchen Zusamrnen- 
schluft, ist auf diesem Gebiete vom Ubel, denn es trifft 
nicht die Sache. 

Nun allerdings mufi man sagen: Solcher Zusammen- 
schlufi gerade auf diesem Gebiete mufi notwendigerweise 
in gewisser Beziehung ein anderes Geprage tragen als der 
Zusammenschlufi einer Studentenschaft an einer Hoch- 
schule zum Beispiel. Die Erkenntnisse, die an einer 
Hochschule ubermittelt werden, beziehen sich ja zumeist 
auf das aufiere Leben, mit Ausnahme von ganz geringen, 
man mochte sagen, Enklaven; sie beziehen sich gerade 
unter der heutigen naturwissenschaftlichen Stromung, 
nach der Richtung, die sie angenommen haben, auf das, 
was Verstand und Vernunft auf Grundlage der Sinnesbe- 
obachtung begreifen. Das aber richtet sich mehr an das 
blofie Denken, das richtet sich mehr, man mochte sagen, 
an ein Glied der menschlichen Wesenheit: Es richtet sich 



an das blofte Kopf-Begreifen. Nicht als ob Anthroposo- 
phie sich nicht an das Kopf-Begreifen richte! - Leute, die 
kompetent zu sein glauben, beurteilen manchmal An- 
throposophie eben nach ihren Vorurteilen; da stimmt 
ihnen manches nicht; da finden sie diese Anthroposophie 
dilettantisch. Wenn diese Leute naher eingingen darauf, 
so wiirden sie allerdings finden, daft das Denken, das man 
zu der aufteren Wissenschaft braucht, die Logik, die man 
zu der aufieren Wissenschaft braucht, nicht nur in An- 
throposophie auch vorhanden sein mull, sondern dafi eine 
viel feinere, hdhere Logik zum wirklichen Begreifen spa- 
ter, in den fortgeschrittenen Teilen von Anthroposophie, 
notwendig ist. Aber was von Anthroposophie gesagt wer- 
den mufi, was aus den Forschungen iiber die geistige Welt 
aus Anthroposophie enthullt werden mu6, das ergreift 
nicht nur den Kopf des Menschen, nicht bloft das Denk- 
verstandnis, sondern es ergreift den ganzen Menschen, es 
ergreift den Menschen in seiner ganzen Seelenhaftigkeit: 
Alles Fiihlen, alles Denken, alles Wollen, alle Innenim- 
pulse werden davon ergriffen. Dadurch tritt allerdings, 
ich mochte sagen, der Mensch, indem er an Anthroposo- 
phie herantritt, in ein innigeres Verhaltnis zu dem, was 
ihm an Erkenntnis uberliefert wird, als etwa beim blofien 
Universitatsstudium. 

Nun darf ich vielleicht, um mich iiber diesen Punkt 
vollst'andig verstandlich zu machen, ankniipfen daran, 
dafi ja Anthroposophie nur eben im Sinne der menschli- 
chen Entwickelung fur die heutige Zeit als Erganzung der 
Naturwissenschaft Wichtigkeit hat, daft sie auftritt eben 
im Sinne des heutigen Zeitgeistes, da£ aber dasjenige, was 
durch Anthroposophie angestrebt wird, was der Mensch 
erreichen will an Erkenntnissen, daE es in der Art, wie es 
fur fnihere Zeitalter dienlich war, wie es den Bediirfnis- 



sen und Interessen friiherer Zei taker entsprochen hat, 
eigentlich immer da war. Aber man hat andere Ansichten 
gehabt iiber den Betrieb, iiber die Erarbeitung der ent- 
sprechenden Erkenntnisse. Man mufi sprechen, wenn 
man in altere Zeiten zuriickblickt nach den analogen Din- 
gen, die heute der Anthroposophie entsprechen, von My- 
sterien, man mufi sogar sprechen von Geheimgesellschaf- 
ten, in denen im Laufe der Menschheitsentwickelung ge- 
trieben worden ist, was heute in einer ganz anderen Form 
eben, die der Gegenwart entspricht, in Anthroposophie 
getrieben werden mufi. Diejenigen, die in friiheren Zeiten 
solche Forschungen getrieben haben, solche Veranstal- 
tungen gepflegt haben, durch welche die hoheren Er- 
kenntnisse der geistigen Welt an den Menschen herange- 
treten sind, die hatten iiber diesen Betrieb die Ansicht, 
dafi man sich gerade mit diesem Betrieb abschliefien mufi 
in einem Kreise von Menschen, der sehr gut fur solchen 
Betrieb vorbereitet ist, bei dem man sich vergewissert hat, 
dafi er wirklich diejenige Gesinnung und auch diejenige 
Erkenntnisvorbereitung, Charaktervorbereitung hat, die 
notwendig ist, um etwas zu empfangen, was den ganzen 
Menschen in seiner ganzen Seele ergreift. Und so hat man 
das Wissen streng geheimgehalten, das man in solchen 
Mysterien, in solchen Geheimgesellschaften gepflegt hat. 
Man kann heute noch einsehen, da£ aufier Nebenriick- 
sichten, die ja auch gegolten haben, iiber die ich mich 
nicht zu verbreiten brauche, gute Griinde vorhanden wa- 
ren, um dieses hohere Wissen vor den allgemeinen Blik- 
ken, mochte man sagen, vor der Entweihung durch die 
Allgemeinheit zu beschiitzen. Es haben gute Griinde vor- 
gelegen. Und mehr im Hinblick auf die heutige Erarbei- 
tung der Geisteswissenschaft mochte ich etwas von diesen 
Griinden andeuten. 



Tritt man namlich ein in der Weise, wie es gestern 
geschildert wurde, aus der sinnlichen in die geistige Welt, 
so hat man es vor alien Dingen damit zu tun, dafi man ein 
gewisses Grenzgebiet zu iiberschreiten hat. Man kann 
sich dabei ganz gut eines Ausdruckes bedienen, dessen 
sich viele, die von solchen Sachen etwas verstanden, be- 
dient haben: Man hat zu iiberschreiten die Schwelle, wie 
man immer sagte, nach der geistigen Welt. Dieser Aus- 
druck bedeutet etwas. Es ist nicht ein blofi bildlicher 
Ausdruck. Er bedeutet insoferne etwas, als die Wissen- 
schaft des Geistigen, die Erkenntnis des Geistigen, wenn 
sie wirklich im Ernste an den Menschen herantritt und 
der Mensch sich im Ernst mit ihr verbindet, Begriffe, 
Ideen, Vorstellungen, Anschauungen in den Menschen 
hereinbringt, die nun wirklich ganz anders sind als die 
Vorstellungen, die Anschauungen, die man iiber die au- 
fiere Sinneswelt hat. Man kann schon sagen: Derjenige, 
der so recht versessen ist, nur das zunachst gewohnheits- 
mafiig gelten zu lassen, was in bezug auf die aufiere Sin- 
neswelt die Wahrheit ist, der wird finden, dafi, wenn 
Wahrheiten aus der geistigen Welt mitgeteilt werden, die- 
se zunachst paradox klingen; sie klingen so verschieden 
von den Wahrheiten iiber die Sinneswelt, daft sie paradox, 
dafi sie, wie mancher mit einem landlaufigen Ausdruck 
sagen wird, phantastisch, verworren, ja vielleicht ver- 
riickt erscheinen konnten. Das riihrt eben davon her, dafi 
man ganz fehlgeht, wenn man glaubt, die geistige Welt, die 
unserer sinnlichen zugrunde liegt, sei nur so eine Art Fort- 
setzung dieser Sinneswelt; sie nehme sich im Grunde ge- 
nommen geradeso aus, nur sei sie etwas nebuloser, etwas 
nebelhafter, etwas f einer, etwas diinner als die Sinneswelt. 

Nein, man mufi sich schon damit bekannt machen, dafi 
man Neues, in der Sinneswelt Unerhortes, fur die Sinnes- 



welt Paradoxes als Wahrheit erfahren mufi, wenn man 
sich einlassen will in die wirkliche geistige Welt. Daher 
hat das Sich-Einlassen in die wirkliche geistige Welt nicht 
nur etwas Frappierendes, sondern es ruft bei dem Men- 
schen oftmals Gefuhle hervor, welche, namentlich wenn 
er eben an der Grenze zwischen sinnlicher und geis tiger 
Welt steht, der Furcht, der Scheu ahnlich sind, die immer 
vorhanden sind, wenn der Mensch in ein unbekanntes 
Gebiet eintritt. Denn fur denjenigen, der seine Erfahrun- 
gen nur in der sinnlichen Welt gemacht hat, ist die geistige 
Welt ein unbekanntes Gebiet. Und so geschieht es, dafi an 
der Schwelle zur geistigen Welt fur die menschlichen 
Auffassungen zweierlei ineinanderfliefien kann: Auf der 
einen Seite steht das, was man noch als Wahrheit an- 
erkennen mufi in bezug auf die sinnliche Welt, was man 
da als die Tatsachenfolge, als den gesetzlichen Verlauf 
anerkennen mufi; dann aber schlagt einem gleichsam von 
der anderen Seite der Welt, von der geistigen Seite, 
etwas entgegen, was anderen Gesetzen unterworfen ist, 
was in ganz anderer Weise verlauft, was einen parado- 
xen Eindruck macht. Das kann zunachst ineinander- 
schlagen. 

Dadurch aber kommt das Denken, dadurch kommt das 
Seelenauffassen in eine Lage, die hohe Anspriiche stellt an 
den gesunden Menschenverstand, die hohe Anspriiche 
stellt an eine gesunde Beurteilungsfahigkeit der ganzen 
Sachlage. Man mufi gut vorbereitet sein im gesunden 
Menschenverstand, gut vorbereitet sein in Urteilsfahig- 
keit, wenn man an dem Grenzgebiet unterscheiden will 
Illusion, Phantasterei von geistiger Wirklichkeit. Wer die 
gestern und heute von mir genannten Biicher wirklich 
studiert, der wird sehen, dafi dasjenige, was da als Me- 
thode mitgeteilt wird, um in die geistige Welt hineinzu- 



dringen, durchaus so gehalten ist, dafi der Mensch in 
entsprechender Weise die Gesundheit seiner Sinne, seines 
Verstandes, seiner Vernunft nicht etwa in irgendeiner 
Weise beeintrachtigt oder herablahmt, sondern sie im 
Gegenteil erhdht, fordert. Alles, was nebuloses Mystizie- 
ren ist, alles, was verbunden ist mit einem traumhaften, 
hypnotisierten Hineindringen in die geistige Welt, ist das 
gerade Gegenteil von dem, was gesunde Geistesforschung 
anstrebt. 

Das hindert allerdmgs nicht, da£ immer wieder und 
wiederum iibelwollende Leute — es sind eben nur iibel- 
wollende Leute - kommen und erklaren: Geisteswissen- 
schaftHche Methode hypnotisiere die Menschen, sugge- 
riere ihnen allerlei Dinge -, wahrend nichts so entschie- 
den dazu beitragen kann, den Menschen zu bewahren vor 
alien hypnotischen Einschlagen, vor aller Suggestion, vor 
allem unerlaubten Einfluft eines Menschen auf den ande- 
ren, als das, was die wahren geisteswissenschaftlichen 
Methoden, die den Menschen frei machen, die den Men- 
schen auf sich selbst stellen, ihm geben konnen. Immer 
wieder und wiederum wird in der geisteswissenschaftli- 
chen Methode so gearbeitet, dafi darin der folgende 
Grundsatz, das folgende Prinzip ist: 

Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenratsel» dar- 
auf hingewiesen, da£ man sagen kann: So wie der Mensch 
aus dem Schlafe, in dem er nur ein ganz dumpfes Bewulk- 
sein hat, aufwacht zu dem gewohnlichen Wachbewulk- 
sein, so kann er aufwachen aus diesem gewohnlichen 
Bewufksein, in dem er im gewohnlichen Leben sich be- 
findet, zu dem geistigen Schauen. Es ist wie ein Aufwa- 
chen in eine geistige Welt hinein, was man sich erwirbt 
durch die geisteswissenschaftliche Methode. Aber so, wie 
das gewohnliche Leben des Tages niemals gesund sein 



kann, wenn man nicht Vorkehrungen trifft, dafi der 
Schlaf ein gesunder ist, so kann das Eintreten in die 
geistige Welt nicht gesund sein, wenn man nicht erst ein 
gesundes, auf dem Boden echter Wirklichkeit, praktischer 
Lebensweisheit stehendes Alltagsleben entwickeln kann, 
wenn man sich nicht erst so in Zucht genommen hat, dafi 
man auf dem aufieren Lebensgebiet ein Mensch ist, der 
der Wirklichkeit gewachsen ist. Das Aufwachen zum 
Schauen kann nur aus einem gesunden Tagesleben heraus 
erfolgen, so wie das Aufwachen zum gesunden Tagesle- 
ben nur aus dem gesunden, nicht aus dem krankheitsge- 
storten Schlaf hervorgehen kann. Alles, was irgendwelche 
Vorkehrungen im gewohnlichen Leben sind, durch die 
der Mensch sich diesem Leben entfremdet, durch die er 
der Wirklichkeit fremd wird, alles, was die Menschen so 
sehr suchen aus Torheit heraus, aus Vorurteilen heraus, in 
einer falschen Askese, in einer falschen Abkehrung vom 
Leben, in einem mystischen Halbdunkel oder auch wohl 
mystischen Ganzdunkel, alles das mufi Geisteswissen- 
schaft aus ihren Veranstaltungen verbannen. Gerade das 
richtige Drinnenstehen im Leben, das Auge-in-Auge-Ge- 
geniiberstehen der praktischen Wirklichkeit, das ist die 
beste Vorbereitung, um in die geistige Welt einzutreten. 

Dann aber, wenn man sich einen gesunden Sinn fur die 
aufiere Wirklichkeit erworben hat, wenn man in dieser 
aufieren Wirklichkeit kein Traumer, kein Phantast ist, 
kein fur das Leben unbrauchbarer Mensch, wenn man, 
mit anderen Worten, gesunden Menschenverstand und 
gesunde Urteilskraft entwickelt hat, dann kann man auch 
an den Grenzgebieten zwischen sinnlicher und geistiger 
Welt, da, wo die Schwelle ist zwischen den beiden Wel- 
ten, Illusionen von Wirklichkeit unterscheiden. Daher hat 
man sich in friiheren Zeiten, auf die ich eben hingedeutet 



habe, streng davon iiberzeugt, ob Menschen, die sich 
solchen, nach einem hoheren Wissen strebenden Vereini- 
gungen anschlossen, ob sie vorher wirklich in der Art 
vorbereitet waren, dafi sie den starkeren Kampf, den der 
gesunde Menschenverstand aufzunehmen hatte an der 
Grenzschwelle zwischen sinnlicher und geistiger Welt, 
wirklich bestehen konnten. Denn wer diesen gesunden 
Menschenverstand nicht hat, der wird gerade von dem 
scheinbar Paradoxen, von dem, was ihm ganz anders 
entgegentritt als alles, was in der Sinneswelt ist, er wird 
davon beirrt, abgestofien; er lafk das Ganze bald liegen, 
wie man eine gliihende Kohle liegen lafit, wenn man sich 
daran verbrannt hat, und er fiih.lt sich enttauscht und wird 
vielleicht, wahrend er gesucht hat, in die geistige Welt 
hineinzukommen, immer mehr und mehr ein Gegner 
alles geistigen Strebens. Ihrer Menschen wollten diese 
alteren Vereinigungen sicher sein. 

Solche Vereinigungen haben bis in unsere Zeit hinein 
ihre Arbeit forterstreckt; es gibt solche noch. Anthropo- 
sophie gehort nicht zu ihnen; Anthroposophie rechnet 
damit, dafi in der neueren Zeit in einem ganz anderen 
Umfange, als das in fruheren Zeitaltern der Fall war, alles, 
was an den Menschen herantritt, der Offentlichkeit un- 
terliegen mufi. Wir horen doch mit einem gewissen 
Recht, dafi man danach strebt, sogar die Geheimdiploma- 
tie durch eine offentliche zu ersetzen. Der Geist der Zeit 
geht nach Offentlichkeit. Gerade mit diesem Geist der 
Zeit lebt aber Anthroposophie. Und nur insoferne, als, 
ich mochte sagen, aus den fruher erorterten Griinden, 
weil gewisse Vorbereitungen notwendig sind, wenn man 
Spateres begreifen will, nur aus solchen Voraussetzungen 
heraus hat manches noch den Schein der alten Einrichtun- 
gen, strebt aber doch, vollstandig, restlos sich in die Of- 



fentlichkeit hineinzustellen. Denn nur das kann Anthro- 
posophie zu einem Glied, zu einem Element des moder- 
nen Geisteslebens machen, wozu es kommen mufi, wenn 
sich Anthroposophie also in die Offentlichkeit hinein- 
stellt. 

Nicht nur das aber ist eine Eigentiimlichkeit der An- 
throposophie, was ich eben angedeutet habe, sondern 
dieses innere Seelenerleben selber, dasjenige, was einen 
befahigt, in der geistigen Welt so zu schauen, wie man mit 
den physischen Sinnen in der physischen Welt schaut. 
Das erfordert, dafi man sich iiberhaupt zu Begriffen, zu 
Anschauungen, zu Vorstellungen, zu all dem, was die 
Seele ausfiillt, etwas anders verhalten konne, als man sich 
gegeniiber der aufieren Wirklichkeit verhalt. Und auch 
auf diesem Gebiete hat die Naturwissenschaft Begriffsge- 
bilde erzeugt, welche in dieser Art, wie sie durch die 
Naturwissenschaft auch popular geworden sind, in der 
Geisteswissenschaft unbrauchbar sind. Sie sind un- 
brauchbar, weil der Geistesforscher sehr bald auf folgen- 
des kommt: Ein Begriff, eine Idee, eine Vorstellung ist 
eigentlich, sobald man an die geistigen Tatsachen und 
geistigen Wesenheiten herantritt, niemals anders als ein 
Abbild, eine Fotografie, die man in der physischen Welt, 
sagen wir, von einem Baum macht. Wenn man ein Abbild 
eines Baumes von einer Seite nimmt und ein Abbild von 
einer anderen Seite, ein Abbild von der dritten Seite — 
diese Abbilder sehen alle verschieden aus. Sie sind alle 
von ein und demselben Baume, sie sehen aber alle ver- 
schieden aus. Und nur dadurch, dafi man von den ver- 
schiedensten Seiten her diese Abbildungen nimmt, kann 
man, indem man sie zusammenhalt, gerade eine Vorstel- 
lung, ein Erleben der Wirklichkeit gewinnen. Das liebt 
man aber heute nicht. Man liebt heute eingeschrankte 



Begriffe. Man liebt: Wenn man einen Begriff hat, so «hat» 
man ihn eben! Dann will man bei ihm bleiben. Das kann 
Geisteswissenschaft nicht. Geisteswissenschaft schildert 
die Sache von den verschiedensten Seiten her; sie schil- 
dert einmal von der einen Seite und weifi, dafi sie damit nur 
ein einseitiges Bild, gewissermafien eine Fotografie von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus gibt; sie schildert 
dann von einer anderen Seite, schildert von einer dritten 
Seite, von einem dritten Gesichtspunkte aus. 

Ja, was noch mehr frappiert, das ist das Folgende. Man 
muE, wenn man wirklich Geisteswissenschafter werden 
will, sehr durchdrungen sein von dem so schon von Goe- 
the angedeuteten Satze: Zwischen zwei entgegengesetzten 
Meinungen liegt das Problem mitten inne. - Man mufi nicht 
nur kennen, wenn man die Wahrheit iiber ein geistiges 
Wesen oder eine geistige Tatsache wissen will, was sich fur 
sie sagen lafit, sondern auch, was sich gegen sie sagen lafit. 

Diejenigen der verehrten Anwesenden, die ofter Vor- 
trage von mir gehort haben, werden wissen, da£ es aus 
der geisteswissenschaftlichen Gesinnung heraus meine 
Gewohnheit ist, wenn dies oder jenes gerade in Frage 
kommt, nicht nur zu sagen, was fur eine Sache spricht, 
sondern auch zu sagen, was gegen sie spricht. Und insbe- 
sondere in intimeren Vortragen iiber hdhere Gebiete der 
Anthroposophie pflege ich das immer zu tun. So dafi 
aerjenige, der meine Schriften durchgeht, in diesen 
Schriften nicht nur findet, womit man gewisse geistige 
Tatsachen, geistige Wesenheiten begriinden kann, son- 
dern auch, womit man die Dinge widerlegen kann. Nur 
dadurch erhalt man ein wahrheitsgemafies Erlebnis. 

Das allerdings hat ja gerade auf diesem anthroposophi- 
schen Gebiete zu merkwiirdigen Dingen gefuhrt, zu Din- 
gen, die man eigentlich nur auf diesem Gebiete unter den 



heutigen Zeitverhaltnissen erieben kann. Gerade aus den 
Reihen der Anhanger sind Menschen, die sich in diese 
Reihe gestellt haben, die ihre Rechnung darinnen nicht 
gefunden haben, die nicht Arbeit in geisteswissenschaftli- 
cher Beziehung gesucht haben, sondern personliche In- 
teressen. Sie sind abgefallen, sie wurden dann Gegner. Sie 
brauchten nur abzuschreiben, was in meinen Schriften 
selbst stent, was in meinen Vortragen selbst vorkommt, 
dann konnten sie in der schonsten Weise Anthroposophie 
widerlegen. Gerade auf diesem Gebiet hat man die beste 
Gelegenheit, zu «widerlegen». Man braucht namlich 
nicht einmal eigene Widerlegungen zu erfinden, man 
braucht nur die gebotenen Widerlegungen abzuschrei- 
ben! Das ist in der Tat in der neuesten Zeit im umfang- 
lichsten Sinne geschehen. Wie iiberhaupt das, was als 
Gegnerschaft von solchen, die auch Anhanger waren, 
gegen Anthroposophie vielfach auftritt, merkwiirdige 
Eigenschaften zeigt, gerade die Eigenschaft zeigt, dafi es 
selten auf das Sachliche geht, sondern dafi es immer auf 
das geht, was vom Sachlichen abfuhrt, auf das Personli- 
che, und Formen annimmt — ich sage das nur wie in 
Parenthese — , gegeniiber denen das Widerlegen eigentlich 
eine ziemlich iiberfliissige Sache aus dem Grunde ist, weil 
diejenigen, die die Dinge vorbringen, selbst am besten 
wissen, dafi sie Dinge sagen, die nicht wahr sind. 

Dies aber, was ich eben angedeutet habe, ist eine durch- 
greifende Eigentumlichkeit anthroposophischer For- 
schung: die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu 
beleuchten. Dadurch allein erwirbt man sich jene innere 
Disziplinierung der Seele, die notwendig ist, wenn man 
nicht blofi in abstrakten Begriffen leben, sondern sich mit 
geistigen Wirklichkeiten verbinden will. In dieser Bezie- 
hung ist eine innere Disziplinierung der Seele notwendig, 



von der derjenige gar keine Vorstellung hat, welcher sich 
nur an der aufieren Natur mit Naturwissenschaft allein 
heranbildet. Er hat deshalb keine Vorstellung, weil er 
denkt, er konne gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen, 
die an der aufteren Natur gewonnen sind, einfach iiber- 
tragen auf das geistige Gebiet; denn sie gelten ihm fur 
allgemein gultig. Das kann man aber nicht. 

Ich mochte mich durch folgendes verdeutlichen. Aller- 
dings beginnen damit gleich die paradoxen Begriffe, aber 
«paradox» nur in bezug auf manches, was als Vorurteil 
der Gegenwart, wenn auch stark geglaubt, herrscht. Ich 
gedenke zum Beispiel eines Vortrags, der im Anfange 
dieses Jahrhunderts von Professor Dewar in London ge- 
halten worden ist. Der Professor Dewar hat in einer 
ahnlichen Weise, wie es die Geologen machen, wie es die 
Geognosten machen fiir den Anfang des Erdenwerdens, 
versucht, Vorstellungen zu bilden aus der Physik, aus der 
Chemie heraus iiber das mogliche Erdenende. Diese Vor- 
stellungen sind durchaus im Sinne echter Naturwissen- 
schaft gehalten, aufierordentlich geistvoll. Wenn man ver- 
folgt, wie die Erde sich nach und nach abkuhlt, wie sich 
mit der Abkiihlung der Erde die Verhaltnisse der einzel- 
nen Stoffe auf der Erde andern, kommt man da zu gewis- 
sen Einsichten, die gultig sind fiir die Grenze, innerhalb 
welcher man beobachtet. Dann dehnt man sie aus, dann 
sagt man: Wie wird das alles sein, wenn Jahrmillionen 
vergangen sind? - Nun, man kann ein recht geistreicher 
Physiker, recht geistreicher Chemiker sein, da bekommt 
man die Vorstellung: Es ist so kalt, ja, so kalt, dafi eigent- 
lich kein Mensch mehr mit seiner jetzigen Konstitution 
auf der Erde leben kann; aber dennoch, man rechnet das 
aus als einen Erdenzustand; man rechnet, wie dann, sagen 
wir, zum Beispiel die Milch aussieht. Die Milch wird 



dann fest sein, sie kann nicht fliissig sein zu der Zeit, sie 
wird eine ganz andere Farbe haben. Man kann gewisse 
Stoffe, wie etwa Eiweifi, finden, mit denen man dann die 
Wande bestreicht, so dafi die Wande leuchtend werden, 
dafi man dabei Zeitungen lesen kann. Dies alles hat der 
Professor aus Physik und Chemie als eine schone Vorstel- 
lung herausgezogen. Aber derjenige, der auf Grundlage 
geisteswissenschaftlicher Methoden sich geschult hat, der 
mufi sich durch innere Seelendisziplin solche Vorstellun- 
gen versagen, der kann zu ihnen nicht kommen. Denn 
wie werden sie denn eigentlich gewonnen? 

Nun, jetzt komme ich eben auf das, was paradox ge- 
genuber den gangbaren Vorstellungen ist: Wenn man be- 
obachtet, wie bei einem Kinde sich die Lebensfunktionen, 
sagen wir, vom siebten, achten zum neunten Jahr hin 
andern, so bekommt man ein entsprechendes Bild. Man 
kann dann weiterrechnen, wie unter dies em Einfluft der 
Anderung nun die Organe ausschauen miissen in 150 « 
Jahren. Das ist genau dieselbe Methode, nach welcher der 
Professor Dewar den Endzustand der Erde berechnete. 
Nur, wenn man sie auf den Menschen anwendet, so 
merkt man: Dieser Organismus ist nicht mehr da in 150 
Jahren! Und man bedenkt dann nicht, dafi, was auf den 
Menschen nicht anwendbar ist, nicht anwendbar ist auf 
den grofien Makrokosmos der Erde, und dafi die Erde 
ebenso vorher stirbt, bevor der Zustand eintritt, den man 
auf sehr geistreiche Weise aus der Physik heraus errech- 
nete. Ebenso konnte man errechnen aus den Veranderun- 
gen vom siebten bis neunten Jahre, wie das Kind vor 180 
Jahren war - aber es war noch nicht da! Fur die Erde 
machen das die Geologen; sie rechnen aus, wie die Erde 
ausgesehen hat vor soundso viel Jahrmillionen. Aber - die 
Erde war damals noch nicht geboren. 



Das klingt paradox, und man mufi als Geistesforscher 
in die heutige Zeit Begriffe hineinwerfen, die schon para- 
dox klingen, die vielleicht schon von manchem als ver- 
riickt angesehen werden. Aber was geisteswissenschaft- 
lich erfahren wird, ist eben etwas, was Seelendisziplinie- 
rung geben kann. Und um sich hineinleben zu konnen in 
das Geistige, gehort eben eine Seelendisziplin, die sich 
auch gewisse Begriffe versagen kann, die nicht eine Kal- 
kulation nach demselben Muster macht, nach dem man 
sich richten wiirde, wenn man sagen wiirde: Der Mensch, 
der heute vor mir steht, der war als der namliche Mensch 
vor 200 Jahren vorhanden. - Die Kalkulierung wiirde 
ganz nach demselben Muster sein. 

Ich weifi sehr gut, wie paradox das ist, was ich damit 
sage. Aber wenn man nicht auf solches Paradoxe hin- 
weist, so kann man eben nicht aufmerksam machen auf 
dasjenige, was fur manchen so bestiirzend ist. Wenn man 
die Schwelle der geistigen Welt iiberschreitet, kann man 
nicht genug aufmerksam darauf machen, wie sehr der 
gesunde Menschenverstand wirken mufi beim Ubertritt 
aus der physischen in die geistige Welt. Eignet man sich 
aber eine solche Seelendisziplin an, kommt man dazu, in 
dieser Weise sich mit der Wirklichkeit zu verbinden, dann 
wird, weil solche Dinge den ganzen Menschen ergreifen, 
dasjenige, was die Seele davon hat, zu einer Errungen- 
schaft der ganzen Seele; es wird Gesinnung, es wird 
Grundcharakter, es wird Wesenhaftiges der Seele. 

Dann aber wird die Seele fahig, zu beurteilen, wie sich 
ihre Auffassung, wie dasjenige, was sie sich als Meinung, 
als Vorstellung, als Weltanschauung zu bilden hat, sich zu 
anderen Auffassungen, zu anderen Weltanschauungen 
verhalt. Dann wird die Seele geneigt, zu begreifen, wie 
das Verhaltnis ihrer eigenen Weltanschauung zu anderen 



Auffassungsweisen der Welt ist. Dann kommt man dazu, 
zu verfolgen, was an anderen Gedanken- und Empfin- 
dungs- und Erlebnisstromungen vorhanden ist, urn es vor 
alien Dingen nicht blofi kritisieren zu wollen, sondern 
sich hineinleben zu wollen. Solch ein Verhalten, das 
dehnt sich dann aus als eine Beurteilungsmoglichkeit alien 
geschichtlichen und alien zeitgendssischen Werdens in 
bezug auf das menschliche Geistesleben. 

Und nur wenn man die Gesinnung, dieses Wesenhafte 
in der Menschenseele, ergreift aus den tiefsten Impulsen 
der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
heraus, kann man das Verhaltnis dieser Geisteswissen- 
schaft zu den religiosen Bekenntnissen beurteilen. Diese 
religiosen Bekenntnisse werden vor alien Dingen von An- 
throposophie zu verstehen gesucht. Es wird versucht, 
sich in sie einzuleben nicht mit kritischem Geiste, son- 
dern so, dafi man sie nimmt, wie sie sich darleben, um 
ihre Lebensberechtigung, ihren Daseinswert zu verste- 
hen. Daher kommt Anthroposophie dazu, auch dem 
gegemiber, was vergangene Geistesstromungen sind, in 
ganz anderem Sinne ein gerechtes Urteil fallen zu konnen, 
als andere Gedankenrichtungen oftmals fallen. 

Nehmen wir zunachst auf einem mehr abstrakten Ge- 
biete im Mittelalter das, was man die Philosophic des 
Thomismus nennt, oder nehmen wir in Griechenland die 
Philosophic des Aristoteles. Derjenige, der heute nach 
dem Muster der landlaufigen Begriffe Philosoph ist, Wis- 
senschafter uberhaupt ist, der sagt: Nun ja, der Aristote- 
les ist ein alter abgetaner Mensch; die Thomistik, die 
Philosophic des Thomas von Aquino, die gehort dem 
Mittelalter an. - Anthroposophie weifi, dafi aus den Be- 
dingungen und Impulsen des heutigen Zeitgeistes etwas 
Besonderes hervorgehen mufi; sie will nicht, was fur eine 



friihere Epoche das Richtige war, in die heutige Epoche 
hereinsetzen. Aber sie versteht aus den Bedingungen je- 
ner Epochen heraus dasjenige, was nur jene Epochen 
gewahren konnten. Und sie versteht das nicht bloft aufier- 
lich, sie versteht es innerlich wesenhaft; sie versteht es so 
wesenhaft, da£ sie sich sagt: In der thomistischen Philo- 
sophic, die im wesentlichen eine Dienerin, eine Gefahrtin 
des damaligen Christentums war, liegt etwas vor, was nur 
aus dem Geiste jener Zeit hervorgehen konnte. Man mufi, 
wenn man tiichtig werden will, hineinfinden in das, was 
nur aus dem Geiste jener Zeit, nicht aus dem Geiste 
unserer Zeit hervorgehen kann. Anthroposophie betrach- 
tet es daher nicht als ein blofi historisches Studium, sich 
einzulassen auf den Thomismus, sondern sie betrachtet 
das, was man durch den Thomismus bekommt, als etwas, 
das man nur durch ihn bekommen kann. Das ist sehr 
wichtig. Denn das bringt nicht jene verwaschene, nebu- 
lose Toleranz hervor, von der man heute so vielfach 
spricht, sondern es bringt jene innere, verstandnisvolle 
Toleranz hervor, welche zwar ganz auf dem Boden der 
Entwickelung steht, aber dasjenige, was sich einmal ent- 
wickelt hat, nicht als etwas Abgetanes betrachtet, sondern 
es gelten lafit an seiner Stelle, es auch in seiner sich fort- 
entwickelnden Wirklichkeit gelten lafit. Manche Dinge 
mussen in der Natur, manche Dinge miissen im geistigen 
Leben sich so entwickeln wie Pflanzen, die nur ein einjah- 
riges Dasein haben: Sie entwickeln dieses einjahrige Da- 
sein, entwickeln dann ein anderes einjahriges Dasein. An- 
dere Pflanzen aber entwickeln fort von einem Jahr in das 
andere hinein, was als Holz da ist; sie sind Dauerpflan- 
zen. So auch ist es in der geistigen Kultur. Manches mufi 
in der geistigen Kultur weiterlaufen, mull in der spateren 
Zeit auf ge griff en werden von denen, die sich wirklich 



solidarisch fiihlen wollen mit der Gesamtentwickelung 
der Menschheit. So aber kann man auch eine Vorstellung 
bekommen von dem Verhaltnis der Anthroposophie zu 
den religiosen Bekenntnissen, zu diesen religiosen Be- 
kenntnissen, welche glauben, aber nur aus Mifiverstand- 
nis heraus glauben, dafi Anthroposophie ihnen entgegen- 
trete, dem religiosen Leben iiberhaupt entgegentrete als 
irgend etwas, was eine andere Religion sei. 

Nein, so 1st es nicht. Anthroposophie weifi namlich 
ganz gut, dafi sie niemals eine Religion werden kann, weil 
sie im konkreten Werdegang die Zeitentwickelung ver- 
steht, weil sie weift, dafi ebensowenig, wie man mit 60 
Jahren wieder ein Kind werden kann, ebensowenig die 
Menschheit in dem Zeitalter, in dem sie jetzt ist und in 
dem sie in der Zukunft sein wird, Religionen aus sich 
heraus wird bilden konnen. Zum Bilden von Religionen 
gehorten andere Zeitalter. Neue Religionen entstehen 
nicht mehr. Daher ist Anthroposophie gerade geeignet, 
den absoluten Wert, die absolute Bestandigkeit der Reli- 
gionsbekenntnisse zu durchschauen, die sich gebildet ha- 
ben, in ihrem Zeitalter sich gebildet haben. Anthroposo- 
phie wiirde sich selber schlecht verstehen, wenn sie glau- 
ben wiirde, ein neues Religionsbekenntnis begriinden zu 
konnen. Aber die Religionsbekenntnisse entstanden, weil 
Menschen, die noch nicht jene Impulse, jene Krafte in 
sich hatten, die zur Anthroposophie hindrangen - was die 
Menschen der Gegenwart viel mehr haben, als sie glau- 
ben -, weil Menschen, die das noch nicht hatten, Kund- 
gebungen, Eindrucke aus der geistigen Welt erhalten soli- 
ten, so entstanden die Religionen, die ihren Wert behal- 
ten, und die gerade verstanden werden konnen von der 
Anthroposophie, die nun auch auf ihre Art in die geistige 
Welt sich hinaufarbeitet. 



So kommt es, dafi, richtig verstanden, Religion und 
Anthroposophie sich begegnen konnen. Anthroposophie 
arbeitet vom Menschen aus, durch Entwickelung von 
menschlichen Kraften, in den Geist hinein, in jenes Ge- 
biet, in das die Religion ihre Offenbarungen hineinstellt. 
Kann man eigentlich ein so wenig religioser Mensch sein, 
dafi man glauben kann, man habe die Religion als eine 
Wahrheit aus gottlichen Hohen empfangen und man 
miisse fur sie furchten, wenn der Mensch sich nun be- 
miiht, mit den Kraften, die ihm doch jedenfalls auch 
im religiosen Sinne von der Gottheit kommen mussen, 
sich hinaufzuarbeiten zur Wahrheit der geistigen Welt? 
Scheint es nicht von vornherein nur in wirklichem Sinne 
religios zu sein, keine Furcht zu haben, wenn man weifi, 
man hat in der Religion Offenbarungen der Wahrheit, 
keine Furcht zu haben, dafi die Wahrheit schon iiberein- 
stimmen wird mit derjenigen Wahrheit, die der Mensch 
selber mit seinen geistgegebenen, geistgeschenkten Kraf- 
ten findet? 

Das ist es, was man im tiefsten Sinne bedenken sollte, 
wenn man recht beurteilen will das Verhaltnis von Reli- 
gion und Anthroposophie. In alteren Zeiten war der 
Mensch nicht so veranlagt, nicht so geartet, daft er neben 
dem religiosen Weg in die geistige Welt hinauf noch einen 
anderen Weg brauchte. Geradeso, wie der Mensch des 
Mittelalters das kopernikanische Weltanschauungssystem 
nicht brauchte, brauchte er keine Anthroposophie. Heute 
braucht er sie, weil die Menschheit in Entwickelung ist. 
Aber was einmal der Menschheit gegeben ist, was aus ge- 
wissen Kraften, die nur in gewissen Zeitaltern vorhanden 
war en, in die Menschheit eintrat, das behalt seinen Wert. 

In dieser Beziehung herrscht allerdings ein volliger Ge- 
gensatz gerade zwischen Anthroposophie und der mo- 



dernen Geistesstromung, die ich vorhin als die naturwis- 
senschaftliche bezeichnet habe, von der ich ja sagen 
mulke: Sie verdankt ihre glanzendsten Resultate, ihren 
Wert, gerade dem Umstande, dafi ihre Methoden nicht 
geeignet sind, zum Geistigen zu fiihren. - Was hat man 
aber gesehen gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet? 
Gewisse naturwissenschaftlich denkende Menschen ha- 
ben sich gefunden, welche, ich mochte sagen, sich haben 
iiberfluten lassen von dem tiefen suggestiven Eindruck, 
den die glanzenden naturwissenschaftlichen Methoden 
fiir die aufiere Natur geben, und ein Bekenntnis darauf 
aufgebaut haben. Sehen wir denn nicht, wie ein glanzend 
naturwissenschaftlich denkender Mann, David Friedrich 
Straufi, aus der Naturwissenschaft selber eine Religion 
hat zimmern wollen? Sehen wir nicht, wie selbst Eduard 
von Hartmann von einer «Selbstzerriittung des Christen- 
tums» spricht und eine Religion der Zukunft begriinden 
will, rein aus der Vernunft, rein aus der Vernunft der 
Philosophic heraus? 

Zu solchen Irrtiimern konnte Anthroposophie nicht 
kommen, weil ganz andere Krafte zur Anthroposophie 
fiihren und weil sie den Versuch, eine Religion zu be- 
griinden, gleichbedeutend mit dem halten wiirde, dafi 
man in einem bestimmten Alter, sagen wir mit 50 Jahren, 
dasselbe tun wollte, was ein Kind tut. Wobei durchaus bei 
dem, was das Kind tut, nichts wertloser zu sein braucht 
als das, was der alte Mensch tut. Anthroposophie weifi, 
dafi die Zeit des Bildens von Religionen vorbei ist. Daher 
wird sie gerade ihre Krafte dazu verwenden, die Religio- 
nen zu verstehen, tiefer und tiefer den Menschen in das 
Verstandnis der Religionen hineinzufiihren. 

Nun mu6 man sagen: So, wie die Seele anthroposo- 
phisch in die geistige Welt hineinstrebt von ihren eigenen 



Kraften aus, namentlich von den Erkenntniskraften - 
aber nicht blofi von den Erkenntniskraften des Kopfes, 
sondern von den Erkenntniskraften der ganzen Seele 
aus -, so strebten die Religionen nicht hinein. Sie strebten 
so hinein, dafi man sagen kann: Wahrend Anthroposo- 
phie vom Menschen ausgeht und hinaufstrebt in die gei- 
stige Welt, gingen die Religionen davon aus, dasjenige 
entgegenzunehmen, was ihnen wie durch gnadenvolle 
Offenbarung geworden ist. Das aber wirkt anders in der 
menschlichen Seele; das erfullt die menschliche Seele an- 
ders als das, was aus den eigenen Kraften heraus geschaf- 
fen wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft ist eine Wissenschaft. Dasjenige aber, was da wirkt 
als Glaubenswahrheit, das ergreift die Seele noch anders 
als eine Erkenntniswahrheit, wie es auch die anthroposo- 
phische sein mui Man kann nicht die Anthroposophie 
unmittelbar zu einer Religion machen. Aber aus wirklich 
verstandener Anthroposophie wird auch ein wirklich 
echtes, wahres, ungeheucheltes religioses Bediirfnis ent- 
stehen. Denn die menschliche Seele ist nicht etwas Ein- 
formiges, sondern die menschliche Seele ist etwas Vielfor- 
miges. Die menschliche Seele braucht verschiedene Wege, 
um auf der Bahn zu ihrem Ziele heraufzusteigen. Die 
menschliche Seele braucht nicht nur den Weg durch die 
Erkenntniskrafte, die menschliche Seele braucht auch das 
Durchgliiht- und Durchwarmtsein mit jener Art, sich zur 
geistigen Welt zu stellen, wie es in dem religiosen Be- 
kenntnis, in wirklich religiosem Empfinden vorliegt. 

Merkwiirdig war immer eines. Ich habe im Laufe der 
Jahre viele Briefe hier aus der Schweiz erhalten, die immer 
einen ganz bestimmten Grundton hatten. In diesen Brie- 
fen stand etwa das Folgende: Ich kann ja ganz gut verste- 
hen, was Sie mit ihrer anthroposophisch orientierten Gei- 



steswissenschaft wollen, ich kann auch das Berechtigte 
einsehen, auf diese Art in die geistige Welt hineinzukom- 
men - nicht jeder schreibt so, doch es gibt solche, die dies 
schreiben - aber ich vermisse eines bei dieser Geisteswis- 
senschaft: Ich vermisse, da£ sie auf so innerliche Weise, 
wie - und nun wird diese oder jene sektiererische Rich- 
tung angefiihrt - in die christlichen Erlebnisse hinein- 
fiihrt. 

Ja, man will einen Mangel dieser Geisteswissenschaft, 
dieser Anthroposophie, ausdriicken auf diese Art. In mei- 
nen Augen ist der Ausdruck dieses Mangels immer der 
Ausdruck eines besonderen Vorzuges. Denn man ver- 
langt von der Anthroposophie etwas, was sie durch ihr 
' ganzes Wesen eben gerade nicht sein will. Sie will aber 
durch ihr ganzes Wesen dem anderen auch das Recht 
geben. Er nimmt es einem libel, wenn man ihm gerade 
einen anderen Weg nOch offen lafit. Das ist das Eigentiim- 
liche. Und so nehmen es einem Pastoren, Pfarrer, heute 
iibel, wenn man ihnen einen Weg offenlafit, auf dem 
Anthroposophie selber gar nicht gehen will. Da kommen 
Widerlegungen von jener Seite, die da sagen: Du sagst ja 
etwas ganz anderes iiber den Christus, als wir sagen - 
man sagt nichts anderes; man sagt nur etwas Ausfuhr- 
licheres - ich kann jetzt nicht naher darauf eingehen, der 
Kiirze der Zeit wegen -, also bist du nicht auf dem richti- 
gen Weg; man mu£ dich widerlegen. - Ja, wenn die Sache 
aber so stiinde, dafi man eben gerade dasjenige sagt, was 
er nicht sagt, und ihm sein gutes Recht lafit, das zu sagen, 
was er wissen kann, was auf seinem Wege liegt. Er greift 
einen gerade um dessentwillen an, um dessentwillen man 
ihn so recht gelten lassen will, um dessentwillen man alles 
tut, damit er erst auf seinem Platze stehen konne. Es wird 
einem auf der einen Seite iibelgenommen, dafi man die 



Aufgabe des anderen nicht lost, weil man sie ihm iiber- 
lafit. Wiirde man etwas anderes sagen, wiirde es einem 
auch iibelgenommen. Und so tritt das Paradoxe auf, die 
ganz sonderbare Sache tritt auf, dafi man mit dem wider- 
legt wird, was gerade der innerste Nerv ist, was gerade 
der andere als eine Wohltat empfinden miilke! Weil An- 
throposophie nicht in das Urspezielle der Religionsbe- 
kenntnisse hineinreden will, weil sie diesen das Recht 
gibt, auf ihrer Statte zu wirken von sich aus, deshalb sagt 
sie eben etwas anderes, was an dieser Statte nicht gesagt 
wird. Sie tut das, was sie tut, um die Berechtigung der 
Religionsbekenntnisse darzutun. Sie kann offenbar nicht 
mehr tun, um die Religionsbekenntnisse auf ihrer Statte 
gelten zu las sen. Und gerade deshalb wird sie angegriffen. 
Man verlangt von ihr, sie soil die Aufgabe der Religion 
iibernehmen. Auf diesem Gebiete miifke eigentlich eine 
ganze Summe von klaren Vorstellungen an die Stelle von 
unklaren Vorstellungen treten. 

Man kann sagen: Ein gewisser Anfang ist gemacht wor- 
den, ein ganz schoner Anfang, in dem vorziiglichen 
Werke, welches Ricarda Huch iiber «Luthers Glaube» 
geschrieben hat. Neben manchem anderen Ausgezeichne- 
ten, das man aus diesem Buche gewinnen kann, bekommt 
man daraus auch eine Vorstellung von dieser ganz ande- 
ren Farbung des Gemiitsweges, den das religiose Be- 
kenntnis geht, als der Erkenntnisweg selber ist. Die Art 
der Glaubenswahrheit, das ist etwas, was aus jeder Seite 
dieses Buches neben anderem Vorziiglichen spricht. Nun 
allerdings, in unserer Gegenwart werden, gerade wenn 
tiefere Wahrheiten gesagt werden, diese in der Regel recht 
trivialisiert, denn ein jeder glaubt, er habe nicht viel notig, 
um sich in die Tiefen dieser oder jener Sache einzulassen, 
er sei schon ein Fertiger. Ricarda Huch hat eigentlich ein 



schones Wort gesprochen im Zusammenhang mit der Art 
und Weise, wie Nietzsche- Anhanger vor einigen Jahren 
liberal! entstanden sind, weil man das Zeug in sich zu 
haben glaubte, ein solcher zu sein, wie er von dem oder 
jenem geschildert wird. Man will sich nicht heraufranken, 
man will sich nicht hinaufringen, sondern man will vor 
alien Dingen, wenn einer einen Ubermenschen schildert, 
ein Ubermensch gleich sein! Und so sah man denn die 
« Ubermenschen » herumlaufen, zahlreich herumlaufen 
iiberall: Die nicht einmal die Anlage zu einem respek- 
tablen Meerschweinchen hatten, sie lief en als « blonde 
Bestien» im Sinne Nietzsches herum. 

Ein Weg, wie er von der Gegenwart gefordert wird, 
hinauf in die geistige Welt, der zu Hilfe kommt den 
Bestrebungen der religiosen Bekenntnisse, des religiosen 
Erlebens iiberhaupt, das ist Anthroposophie. Man beur- 
teilt auch den au£eren Verlauf der Geschichte viel zu 
oberflachlich. Man denkt, in weiteren Kreisen habe die 
Religion nicht mehr jenen Einfiufi, den sie in friiheren 
Zeiten gehabt habe, da miisse man die Religion, so wie sie 
nun einmal war in alten Zeiten, wiederum hintragen. Man 
glaubt, auch der Religion einen Gefallen zu tun, wenn 
man das, was man fur ihre Gegner halt, bekampft. Man 
geht nicht auf das Tiefe ein. Wenn man auf die wirklich 
tieferen Griinde eingeht und studiert, warum zum Bei- 
spiel - im Jahre 1873 wurde es konstatiert - nur ein 
Drittel der Bevolkerung von Frankreich, Land- und 
Stadtbevolkerung zusammengenommen, im kirchlichen 
Sinne glaubig war, nur ein Drittel, zwei Drittel unglau- 
bigi wenn man die Sache streng nahme, wenn man diese 
Dinge studierte, so wiirde man sich sagen: Nicht aus 
diesen oberflachlichen Griinden, sondern aus tiefen See- 
lenimpulsen heraus ist eine Interesselosigkeit nicht nur 



gegeniiber den einzelnen Religionen, sondern gegeniiber 
der geistigen Wirklichkeit iiberhaupt, eingetreten. Ein 
materialistisches Zeitalter ist heraufgezogen. 

Nun weifi Anthroposophie iiber den Entwickelungs- 
gang der Menschheit das Folgende: Wahrend irgendeine 
Entwickelungsstromung ablauft, lauft im Untergrunde, 
mehr unsichtbar, unbemerkbar, eine andere ab. Wahrend 
ablauft zum Beispiel die Tendenz zum Materialismus, zur 
Geistlosigkeit, zur Geistesleugnung, entwickelten sich in 
dem Unterbewufiten — die Menschen wufiten eben nichts 
davon — , entwickelten sich in den unterbewufken Unter- 
griinden der Menschenseelen Bediirfnisse, tiefe Interes- 
sen, einen Weg in die geistige Welt zu finden. Und so 
konnte der Mensch mit seinem Kopf ein David Friedrich 
Strauft sein, ein Gottes- und Geistleugner; und in seiner 
schlafenden Seele, in der Seele, von der er nichts wufite, 
entwickelten sich die Krafte, die aber dann nur durch 
einen direkten Weg, einen direkten Erkenntnisweg, eben 
den anthroposophischen Weg, entwickelt werden kon- 
nen, nur wenn man den findet. Dann aber findet man auf 
diesem Umweg wiederum den Anschlufi an das religiose 
Bekenntnis, wahrend man das religiose Bekenntnis ver- 
lafit, wenn man sich blofi an die glanzenden Fortschritte 
der Naturwissenschaft halt. 

Diejenigen wissenschaftlichen Richtungen, welche, ich 
mochte sagen, nur unter der Zucht der Naturwissenschaft 
sich entwickelt haben, wie haben sie sich denn eigentlich 
zur religiosen Entwickelung gestellt? Ganz anders als 
Anthroposophie. Anthroposophie sucht die religiosen 
Bekenntnisse zu verstehen. Weil religiose Bekenntnisse 
vom Geist sprechen und Anthroposophie als ihre For- 
schungsergebnisse geistige Tatsachen und geistige Wesen- 
heiten kennt, begegnet sie sich mit den religiosen Be- 



kenntnissen. Andere Richtungen sprechen anders. Ich 
will das Beispiel des Psychologen Ebbinghaus anfiihren: 
Er untersucht, wie Religion entstanden ist; von seinem in 
Naturwissenschaft heranerzogenen Geist, von seiner Be- 
urteilungsfahigkeit aus untersucht er, wie Religion ent- 
standen ist. Nun, ich will in Kiirze andeuten, was er sagt: 
Da haben die Menschen gefunden, in alteren Zeiten, in 
denen sie noch nicht das erleuchtete Denken der Gegen- 
wart hatten, da£ sie Gefahren ausgesetzt sind in der aufie- 
ren Welt von Regen, Gewittern und dergleichen; da 
haben sie gefunden, dafi feindliche Machte da sind. Sie 
haben sich dazu damonische Geisteswesen erfunden, aus 
der Furcht heraus. Wiederum haben sie gefunden, dafi sie 
jene Machte anders nicht iiberwinden konnen, weil sie zu 
schwach sind. Aus der Not heraus haben sie sich Gotter 
erfunden, die ihnen helfen sollen. 

Nun, solche Dinge klingen recht schon, und derjenige 
Mensch, der an die heutigen landlaufigen Vorstellungen 
gewohnt ist, sieht diese Dinge so leicht ein. Aber man 
geht von einer ganz falschen Vorstellung aus, wenn man 
immer wieder und wieder sagt, der Naturmensch sei wie 
das Kind geneigt, Tischecken zu personifizieren, zu be- 
seelen; wenn es sich daran stofit, so schlagt es die Tisch- 
ecke. Es beseelt gar nicht die Tischecke, sondern es kennt 
noch nicht den Unterschied von Totem und Lebendigem, 
und aus einem inneren Triebe heraus schlagt es auf das 
Tote hin; es beseelt gar nichts. So beseelt auch der Natur- 
mensch nichts, sondern er folgt seinen Trieben; und es ist 
nicht wahr, dafi er immer das, was ihm feindlich oder 
abtraglich entgegentritt, irgendwie durch Erfindung eines 
Damons zu erklaren sucht. Ich mochte einmal wissen: 
wenn ein nichtsnutziger Junge einem wilden Menschen 
irgendwie gefahrlich wird, - ich glaube gar nicht, dafi der 



gleich einen Damon erfindet, mit dem er sich dann gegen 
den Jungen wehrt, sondern er haut ihn durch. 

Diese Dinge nehmen sich wieder paradox aus. Aber sie 
konnen nur in der richtigen Weise beurteilt werden von 
der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Geistes- 
wissenschaft weift die Tatsachen in der richtigen Weise zu 
erfassen, dafi das Kind ja eigentlich noch gar nicht zur 
Religion veranlagt ist, ebensowenig wie es der wilde 
Mensch ist. Man sieht in der Religion etwas Kindliches. 
Gerade das Kind aber ist nicht veranlagt zur Religion, 
sondern es muE erst zur Religion erzogen werden oder 
heranerzogen werden. So ist auch im Laufe der Mensch- 
heitsentwickelung der Mensch heranerzogen worden. Ein 
Ausspruch von Ebbinghaus lautet so, dafi er erstens sagt: 
Furcht und Not sind die Mutter der Religion. - Dann sagt 
er: «Die Kirchen fullen sich und die Wallfahrten mehren 
sich in Kriegszeken und bei verheerenden Epidemien.» 
Ich mochte wissen, ob die Kirchen auch bei denjenigen, 
die von vornherein ganz materialistisch geneigt sind, sich 
fullen bei Epidemien und bei Kriegszeiten. Nur bei denen 
fullen sie sich doch, die irgendwie etwas schon von reli- 
gioser Veranlagung haben. Das kommt aber nicht aus 
Furcht und Not, das kommt davon, weil der Mensch in 
seiner Seele das Geistige erlebt. In alter Zeit hat er es mehr 
instinktiv erlebt. Heute kann er es mehr bewufit erleben. 
Weil der Mensch sich nach und nach entwickelt zum 
Erleben des Geistigen, sieht er in dem, was sinnlich ist, 
ein Abbild des Geistigen. 

Wenn man die Verbindung, die die Menschenseele mit 
der Umwelt hat, dann, wenn sie mit Geistorganen dem 
Geiste gegeniibertritt, bezeichnen will, aber nur durch ein 
Analogon bezeichnen will, so kann man sagen: Es ist eine 
Art Mitgefuhl. Das Mitgefuhl kennt man vom morali- 



schen Sinn aus; es ist eine Art Liebe. Das Verbundensein 
mit der geistigen Welt lafit sich vergleichen mit dem Ge- 
fuhl der Liebe. Und so kann Anthroposophie sagen: Wenn 
auch primitive Religionen aus Not und Sorge heraus ent- 
standen sind, sie haben sich erfiillt mit geistigen Inhalten, 
mit Begriffen und Vorstellungen und Ideen von der geisti- 
gen Welt, weil der Mensch in einer solchen lebt. Vollkom- 
mene Religionen, vor alien Dingen diejenige Religion, die 
die Synthese, der Zusammenschlufi der iibrigen Religio- 
nen ist, die hat sich nicht aus Furcht und Not herausent- 
wickelt, die hat sich aus dem entwickelt, was man vergei- 
stigte Liebe nennen kann, Zusammenwachsen mit der 
geistigen Welt. Nicht Furcht und Not, die Liebe erzeugt 
eigentlich die vollkommenen Religionsbekenntnisse. 

So mufi man sagen: Diejenigen, die sich nur von mate- 
rialistisch-naturwissenschaftlichen Vorstellungen beherr- 
schen lassen, verkennen das ganze Verhaltnis zwischen 
Religion und Erkenntniswahrheit. Immer wieder und 
wiederum darf es wiederholt werden: Steht man fest auf 
dem Boden einer religiosen Wahrheit, dann darf man 
voraussetzen, wenn der Mensch von einer anderen Seite 
her sich der geistigen Welt nahert, daft Verstandnis, ja 
sogar Unterstiitzung moglich ist. Und so wird man es 
immer mehr und mehr erleben - wenn auch die Menschen 
das heute nicht zugeben wollen -, dafi, wahrend sich 
unter dem Einflusse der menschlichen Impulse, die sich in 
der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung 
ausleben, die Religionen geschwacht fuhlten, die Reli- 
gionsbekenntnisse sich gelahmt fuhlten, sie gerade wie- 
derum in ihrem Wert, in ihrer Wiirde, in ihrem Gewicht 
fur die Menschheit werden erkannt werden, wenn der 
Mensch auf geisteswissenschaftlichem Wege dem Geiste 
sich zu nahern vermag. Freunde der anthroposophisch 



orientierten Geisteswissertschaft sollten gerade die Reli- 
gionsvertreter sein. 

Sie werden es auch werden. Denn der Konflikt zwi- 
schen Religion und Wissenschaft entsteht ja nicht aus 
gewissen religiosen Voraussetzungen heraus. Dieser Kon- 
flikt zwischen Religion und Wissenschaft ist dadurch ent- 
standen, dafi im Grunde genommen die Vertreter der 
religiosen Bekenntnisse in alteren Zeiten zugleich mit die 
Wissenschaft vertreten haben. Man muE diese Tatsache 
durchaus anerkennen. Man braucht ja gar nicht zu weit in 
der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zuriickzu- 
gehen und man wird fmden: Jene, die die Vertreter der 
Religion waren, waren zugleich diejenigen, die die Men- 
schen die weltlichen Wissenschaften gelehrt haben. Sie 
waren verbunden mit diesen weltlichen Wissenschaften, 
Erst im Laufe der Zeit haben sich die aufieren, nach der 
Naturwissenschaft gehenden Wissenschaften von dem 
Religiosen emanzipiert. Diese Emanzipation wirkt mit 
auf das geistige Weltgeschehen. 

Es liegt nur in der menschlichen Natur, dafi das Ver- 
standnis fur solche Dinge nachhinkt. 1822 sind ja erst 
die Dekrete aufgehoben worden von der katholischen 
Kirche, welche die Lehre des Kopernikus, des Galilei 
verdammt haben. Von da ab ist es erst einem Katholiken 
erlaubt worden, an die kopernikanische Weltanschauung 
zu glauben. Vielleicht wird man Jahrhunderte brauchen, 
wenn es dazu kommen sollte, dem Katholiken zu verbie- 
ten, an wiederholte Erdenleben zu glauben, dafi solch ein 
Dekret, solch eine Meinung aufgehoben wird. Aber kom- 
men wird diese Aufhebung. Denn was wirklich menschli- 
ches religioses Erleben ist, wird nicht in Konflikte geraten 
mit den wiederholten Erdenleben, ebensowenig wie mit 
der kopernikanischen Weltanschauung. 



Immer wieder und wieder mufi ich bei dieser Gelegen- 
heit erinnern an jenen Priester, der zugleich Umversitats- 
professor war und der, als er das Rektorat an der Univer- 
sitat Wien iibernommen hat, als katholischer Priester in 
einer Rede iiber Galilei gesagt hat: Eine richtig vers tan- 
dene Religion wird sich nicht auflehnen gegen naturwis- 
senschaftlichen Fortschritt, sondern die religiose Wahr- 
heit wird im Gegenteil fest sich gestiitzt fuhlen dadurch, 
dafi sie sich sagen kann: Wenn die Astronomie hinaus- 
weist in die Weite der Sternenwelt und ihre Gesetze ent- 
deckt, dann geschieht das auch aus der Herrlichkeit und 
aus der Kraft des gottlichen Wesens und des gottlichen 
Seins heraus. Ein Kopernikus hat nicht zur Untergrabung 
der Religion beigetragen, sondern durch seine Tatigkeit 
beigetragen zur Herrlichkeit der Offenbarung des gottli- 
chen Wesens. - Das sind ganz andere Priesterworte als 
diejenigen, die immer wieder und wiederum aus Mifiver- 
standnis heraus entstehen und die sich gegen dasjenige 
wenden, was eben in der Entwickelungsgeschichte der 
Menschheit auftreten mufi. 

Ich habe schon darauf hingedeutet, wie merkwiirdig es 
ist, dafi verlangt wird, man soli nicht nur dasjenige iiber 
Christus Jesus zum Beispiel gelten lassen als Christen- 
tum, was der eine oder der andere Vertreter dieser oder 
jener Konfession sagt, sondern man soil etwas anderes 
nicht sagen. Der Anthroposophie kann ja wahrhaftig - 
das zeigt die Erfahrung - nicht vorgeworfen werden, dafi 
sie irgendein religioses Bekenntnis stort. Aber sie mufi 
gerade iiber jenen wichtigen, wichtigsten Einschnitt in 
der Entwickelungsgeschichte des Erdendaseins, der be- 
zeichnet wird durch den Christus Jesus, etwas erkennen, 
was fur das ganze Weltall wahre Bedeutung hat. Sie weifi 
noch ganz andere Dinge zu sagen iiber den Christus- 



Impuls, als was bisher gesagt werden konnte. Man nimmt 
es ihr libel, dafi sie noch mehr beitragen will zur Begriin- 
dung und zum Verstandnis des Christentums, als die 
offiziellen Vertreter beitragen. Man mache sich nur ein- 
mal klar, wie sonderbar soldi ein Kampf eigentlich ist. 
Man mache sich nur einmal klar, wie wenig man den 
Aufgaben der Zeit gewachsen ist, wenn man so wenig 
verstehen will, dafi Anthroposophie das wahrhafte reli- 
giose Bekenntnis memals storen kann, sondern nur ver- 
tiefen kann. Dann braucht man allerdings eine Gesin- 
nung, wie sie der Bischof Ireland geauftert hat mit den 
Worten: Die Religion bedarf neuer Formen und Auf- 
fassungsweisen, um mit der Neuzeit Fuhlung zu be- 
kommen. Wir brauchen Apostel des Gedankens und 
der Tat. 

Ja, es gibt auch innerhalb der religiosen Bekenntnisse 
diejenigen, welche die Zeichen der Zeit zu fiihlen, zu 
empfinden vermogen. Die verlangen dann sogar, da£ ih- 
nen ein anderer Weg entgegenkomme. Denn sie verste- 
hen, dafi, wenn die Menschheit das Interesse an dem 
Geist verliert, dann ja auch das Interesse an dem Religio- 
sen sich verlieren mull. Wenn aber die Menschheit in 
irgend etwas Interesse fur das Geistige gewinnt in der 
Weise, wie es ihrer heutigen Entwickelung gemafi ist, 
dann miissen auch wiederum die religiosen Bekenntnisse 
zum richtigen Verstandnis kommen. Daher kann man 
immer die Erfahrung machen: Wahrend in der neueren 
Zeit vielfach durch die einseitig ausgebildete Naturwis- 
senschaft die Menschen abgebracht worden sind von 
ihrem Erleben in diesem oder jenem Religionsbekennt- 
nisse, werden sie wiederum zu ihm hingefuhrt dadurch, 
da£ der Geist durchdrungen wird von anthroposophi- 
scher Geisteswissenschaft. 



Wiirde man die Art wirklich ernsthaftig verstehen wol- 
len, wie das Waken des Geistes in den einzelnen Reli- 
gionsbekenntnissen von Anthroposophie verstanden 
werden kann, wie von ihr verstanden werden kann, dafi 
aus diesen Bedingungen heraus das eine Religionsbe- 
kenntnis, dafi aus jenen Bedingungen heraus das andere 
Religions bekenntnis entstanden ist, wie sie mit ihren Mit- 
teln den Wert der einzelnen Religionsbekenntnisse zu 
beurteilen vermag - man wiirde gerade von dieser Seite 
aus Anthroposophie niemals bekampfen wollen. 

Man bleibt heute gern bei Abstraktionen stehen. Man 
sagt, Anthroposophie wolle in alien Religionen den 
Wahrheitskern suchen, sie mache eigentlich dann alle Re- 
ligionen gleich. Damit wiirde sie nicht eine wahre Ent- 
wickelungsgeschichte sein; damit wiirde sie gleichen dem, 
was man in der aufieren Wirklichkeit niemals unterneh- 
men konnte, wenn man auf dem Tische hat Salz, Pfeffer, 
Zucker und man sagt: Das alles sind Speisezutaten, die 
sind alle dem Wesen nach ganz gleich -, nun, da nimmt 
man Pfeffer in den Kaffee statt Zucker. So ist es nicht; das 
ist eine aufiere Beurteilung, wenn man sagt, Anthroposo- 
phie wolle den Wahrheitskern in alien Religionen unge- 
fahr gleich anerkennen. Sondern sie sucht, wie eine Reli- 
gion aus der anderen heraus sich entwickelt hat. Sie sucht 
zu begreifen, wie wesenhaft dasjenige Religionsbekennt- 
nis, welches alle Menschen iiber die Erde hin in dem einen 
Geist zufrieden machen will, wie das die Synthese, der 
zusammenfassende Zusammenhang der verschiedenen, 
auf die einzelnen Volker verteilten Religionsbekenntnisse 
ist. Sie weifi mit Frobenius zu sprechen von ethnischen 
Religionen und von der Menschheitsreligion. 

Ich miifite noch viel sprechen, wollte ich alles, was sich 
an Mifiverstandnis und Mifiverstandnis immer mehr und 



mehr aus Oberflachlichkeit, aus bosem Willen manchmal, 
manchmal auch aus gutem Willen anhauft, urn gerade von 
seiten der religiosen Bekenntnisse her Anthroposophie zu 
verdammen, zu bekampfen; ich miifite viel anfiihren, 
wenn ich das alles in seiner Mifiverstandlichkeit aufwei- 
sen wollte. Das Verhaltnis des religiosen Lebens zur An- 
throposophie kann also nur dann klar werden, wenn man 
erfafit, wie Anthroposophie den Menschen ergreift, wie 
Anthroposophie den Menschen erweckt fur die geistige 
Welt und wie er dadurch gerade fahig wird, dasjenige 
wiederum zu empfinden, was er in Gemeinschaft, in der 
religiosen Gemeinschaft, erleben kann. Wird Anthropo- 
sophie von den Religionen bekampft, dann mufi sie sich 
wehren. Verfolgen Sie, wo Anthroposophie polemisch 
wird, Sie werden immer sehen: in der Abwehr. Aggressiv, 
angreifend wird Anthroposophie in den seltensten Fallen; 
nur da, wo durch etwas Mifiverstandenes etwas da ist, 
was weggeschafft werden mufi, als ein Mifiverstimdnis 
weggeschafft werden mufi. Sonst aber wird Anthroposo- 
phie nie aggressiv; sie wird es nur, wenn sie sich zu 
verteidigen hat. Sie hat sich allerdings sehr oft zu verteidi- 
gen: Dann etwa, wenn man, wie ich schon im Eingang 
meiner heutigen Ausfiihrungen gesagt habe, immer wie- 
der damit kommt, nicht auf das einzugehen, was Anthro- 
posophie selber ist, was man in ihr finden kann, wenn 
man sich nicht ernsthaftig, ehrlich und aufrichtig mit ihr 
bekanntmacht, sondern wenn man eine Karikatur ent- 
wirft und dann sein eigenes karikiertes Bild bekampft, 
womit man eigentlich wahrhaftig nicht den trifft, der 
seine anthroposophische Forschung aus seiner innersten 
Uberzeugung heraus geltend macht! 

Nicht durch Einzelheiten wollte ich das Verhaltnis der 
Anthroposophie zu den religiosen Bekenntnissen ausein- 



andersetzen, sondern aus dem ganzen, totalen Geist der 
anthroposophischen Weltanschauung heraus. Ich wollte 
zeigen, dafi fur den, der Anthroposophie versteht, keine 
Rede davon sein kann, daft irgendein religioses Erleben 
durch diese Anthroposophie gestort werde. Auch in die- 
ser Beziehung gilt, was ich schon gestern sagte: Ich 
mochte am liebsten diejenige Weltanschauung, die sich 
mir ergeben hat als die anthroposophische aus den Goe- 
theschen gesunden Weltvorstellungen heraus, ich mochte 
sie am liebsten Goetheanismus nennen, und ich mochte, 
wenn es nur von mir abhinge, den Dornacher Bau am 
liebsten Goetheanum nennen. 

Es fiihrt alles, was man auf dem Boden der Anthropo- 
sophie finden kann, eigentlich immer dahin, sich sagen zu 
miissen: Du setzest nur fort, was dieser einzigartige Geist 
in die Menschhcitsentwickelung hineingeworfen hat. Er 
ist in vieler Beziehung bei den elementaren Vorstellungen 
stehengeblieben. Aber nicht dann ist man im rechten 
Sinne ein Bekenner des Goetheanismus, Bekenner derje- 
nigen Weltanschauung, die durch Goethe geworden ist, 
die Goethe erkraftet hat, wenn man historisch oder 
aufierlich biographisch das betrachtet, was Goethe selber 
hingeschrieben hat; sondern dann ist man im rechten 
Sinne ein Bekenner der Goetheschen Weltanschauung, 
wenn man lebendig sich in diese Weltanschauung hinein- 
zuversetzen und weiter und weiter sie fortzusetzen 
vermag. 

Goethe war ein Goetheaner bis zum Jahre 1 832 hier in 
der physischen Welt. Er selber wiirde sich heute ganz 
anders aussprechen, als er sich in seiner Zeit ausgespro- 
chen hat. Aber wenn etwas gesund ist, bleiben gewisse 
Grundimpulse, gewisse Grundkrafte, welche auch eine 
Weltanschauung von einer Epoche in die andere hinuber- 



tragen. Wenn, ich mochte sagen, in neuer Bliite und neuer 
Frucht das, was im Keime da war, wiederum aufgeht, 
dann darf es hinweisen auf diese Solidaritat der ganzen 
Menschheitsentwickelung, ja, dafi es gewisse Grundim- 
pulse aufgreift. Und so darf ich auch schliefien diese 
heutigen Betrachtungen damit, da£ ich, ich mochte sagen, 
das Bekenntnis Goethes hierbei, das ja bekannt genug ist, 
das ich auch ofter ausgesprochen habe, an den Schlufi 
s telle. 

Goethe, anschauend, was Kunst, was Religion Men- 
schen sein kann, was aber auch durch Wissenschaft aus 
dem Menschen gemacht wird, betrachtet den Menschen, 
der nicht eine Scheinwissenschaft, nicht eine falsche Reli- 
gion, nicht eine falsche Kunst auf sich wirken lafit, son- 
dern wahre Kunst, wahre Wissenschaft, wahre Religion, 
er betrachtet den Menschen und sagt sich dann das tief 
bedeutsame Wort: 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, 
Hat auch Religion. 
Wer jene beiden nicht besitzt, 
Der habe Religion. 

Auf den Fall der Anthroposophie angewendet, darf ich 
vielleicht dieses Goethesche Wort im Sinne der heutigen 
Zeit so fortsetzen: 

Wer Anthroposophie besitzt, Geisteswissenschaft, wie 
sie aus ihr erbluht, der hat auch Religion. Ich furchte nur, 
dafi diejenigen, die nicht Anthroposophie oder wenig- 
stens ihren Geist und ihren Sinn besitzen wollen, in der 
Zukunft nicht mehr Religion haben werden. 



GEI STE SWISS ENS CHAFTLI CHE (ANTHRO- 
POSOPHISCHE) FORSCHUNGSERGEBNISSE 
UBER DAS EWIGE IN DER MENSCHENSEELE 
UND UBER DAS WESEN DER FREIHEIT 

Basel, 23. November 1917 

Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, von 
der hier wieder die Rede sein soli, wie in den Vortragen 
vor einigen Wochen von ihr die Rede war, diese Gei- 
steswissenschaft wird von vielen Menschen in unserer 
Zeit noch aufgefaik, wie man etwa - man konnte den 
Vergleich schon machen — einen uneingeladenen Gast 
innerhalb einer Gesellschaft auffaftt. Man verhalt sich 
zunachst, selbstverstandlich, gegeniiber einem unein- 
geladenen Gaste, wenn man ihn so ansehen muE, recht 
ablehnend. Andere wissenschaftliche Stromungen, andere 
wissenschaftliche Zweige sind durch die schon er- 
kannten Bediirfnisse der Menschen durchaus eben, ich 
mochte sagen, geladene Gaste im geistigen Streben der 
Menschheit der Gegenwart. Allein, wenn man gegeniiber 
einem ungeladenen Gaste dann die Wahrnehmung macht, 
dafi er einem etwas zu bringen hat, das man verloren hatte 
und das einem doch in einer gewissen Beziehung sehr, sehr 
wertvoll sein kann, dann beginnt man, auch den ungela- 
denen Gast etwas anders zu behandeln als vorher. Und in 
dieser Lage ist im Grunde die anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft. Sie hat zu sprechen von gei- 
stig-seelischen Gutern der Menschheit, die in einer gewis- 
sen Beziehung in ganz begreiflicher Art der neueren Kul- 
turmenschheit verlorengegangen sind und die wiederum 



gebracht werden miissen. Verlorengegangen sind sie 
dadurch, dafi wahrend Jahrhunderten, Jahrtausenden 
geschichtlicher Entwickelung die Menschheit fur dasje- 
nige, was da in Betracht kommt, ein gewisses instinktives 
Erkennen hatte; dieses instinktive Erkennen kann die 
Menschheit sich nicht fernerhin in derselben Art bewah- 
ren, hat es sogar bis zu einem gewissen Grade schon 
verloren. 

Geradesowenig, wie die Menschheit bleiben konnte bei 
der mittelalterlichen Weltanschauung vom Stillstehen der 
Erde, den Drehestellungen des Himmels und der Sonne, 
so wenig konnte die Menschheit bei den alten instinktiven 
Erkenntnissen liber das Wesen des Seelischen und damit 
iiber das eigentliche Kernwesen des Menschen bleiben. 
Und in den Vortragen, die ich vor Wochen hier gehalten 
habe, war es insbesondere meine Aufgabe, auszufiihren, 
wie in begreiflicher und gerechtfertigter Weise naturwis- 
senschaftliche Art des Denkens von den Seelen der Men- 
schen Besitz ergriffen hat, wie dieses naturwissenschaft- 
liche Vorstellen sich immer mehr und mehr verbreitet, 
immer mehr und mehr auf die gesamte Kulturentwicke- 
lung der Menschheit Einflufi gewinnen mufi. Aber dieses 
naturwissenschaftliche Erkennen ist auf der anderen 
Seite, so einleuchtend, so anschaulich es ist, nicht geeig- 
net, dem Menschen die Geheimnisse seines eigenen seeli- 
schen Wesens zu enthiillen, gerade wenn es stark und 
kraftig bleiben will auf dem Gebiete, das ihm zugewiesen 
ist. Und dieses naturwissenschaftliche Vorstellen hat die 
Eigentiimlichkeit, daft es die alten instinktiven Erkennt- 
nisse iiber das Seelische nicht mehr gelten lassen kann, 
dafi es sie gewissermafien vernichtet. 

Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, will, in 
derselben Art wie die Naturwissenschaft auf ihrem Ge- 



biete, durch geregeltes Erkennen in das geistige Gebiet 
bewufiterweise hineinleuchten und damit dem Menschen 
in bewufiter Art wieder bringen, was er als eine instink- 
tive Erkenntnis verloren hat. 

Ganz gewifi, die Menschen, die heute noch diese Anthro- 
posophie als einen ungebetenen, ungeladenen Gast empfin- 
den, sie werden ihn gerade deshalb als einen sehr willkom- 
menen Gast ansehen - so ist die Hoffnung desjenigen, der 
drinnensteht in diesem geisteswissenschaftlichen Stre- 
ben -, wenn sie eingesehen haben, dafi er die Kunde, die 
Erkenntnis eines verlorenen Lebensgutes bringt. 

Wenn wir Umschau halten in den verschiedenen Dar- 
stellungen iiber die menschliche Seele und ihr Wesen, wie 
sie aufgetreten sind in der Zeit, in welcher die naturwis- 
senschaftHche Denkart schon ihren tiefen Einflufi geiibt 
hat, und bis in die Gegenwart herein, so sehen wir, dafi 
zwei der allerwichtigsten Fragen, welche der alten Seelen- 
wissenschaft eigen waren, geradezu aus dieser neueren, 
naturwissenschaftlich angehauchten Seelenwissenschaft 
verschwunden sind. Allerdings gliedern sich mit diesen 
zwei Hauptfragen eine ganze Reihe anderer zusammen; 
aber diese anderen sind gewissermafien mitgegeben, wenn 
man die Aufmerksamkeit auf diese zwei Hauptfragen 
richtet: auf die Frage nach dem Ewigen in der Menschen- 
seele, die sogenannte Unsterblichkeitsfrage, und auf die 
Frage nach der menschlichen Freiheit. Inwiefern die 
Frage nach dem Ewigen immer mehr und mehr aus dem 
Gesichtskreise der neueren Betrachtungen verschwinden 
mufite, soweit von Wissenschaft die Rede ist, davon habe 
ich in den letzten Vortragen gesprochen, und ich habe 
dazumal schon die Bemerkung gemacht, dafi es heute 
meine Aufgabe sein soli, so gut das in einem Vortrage 
geht, die Seelenfrage zu behandeln von dem Gesichts- 



punkte einer wenigstens skizzenhaften Betrachtung der 
menschlichen Freiheit. 

Wenn Naturwissenschaft ihre Denkweise ausdehnt auf 
das Seelische, mufi sie zunachst ihr Hauptaugenmerk dar- 
auf richten, inwiefern dieses Seelische seine Grundlage in 
dem Leiblichen des Menschen hat. Nun ist aber diese 
naturwissenschaftliche Betrachtungsart ganz und gar dar- 
auf angewiesen, den Verlauf der aufieren Vorgange, auch 
den Verlauf der seelischen Vorgange, wie sie sich ergeben 
in der Zeit, ursachlich zu betrachten. Die naturwissen- 
schaftliche Denkart kann, wenn sie Seelenlehre wird, das 
Seelische nur im engsten Zusammenhange mit dem Leibe 
betrachten. Der Leib aber gehort ganz und gar dem mate- 
riellen, dem stofflichen Zusammenhang der aufieren Welt 
an. Fur diesen Zusammenhang findet naturwissenschaft- 
liche Denkungsweise in einer grofiartigen Form gesetz- 
mafiige Zusammenhange. Aber diese gesetzmafiigen Zu- 
sammenhange fuhren geradezu weg, nicht hin, von einer 
Betrachtung der beiden angedeuteten Hauptfragen iiber 
das menschliche Seelenleben. 

Um nur ein Beispiel anzufuhren: Indem die Naturwis- 
senschaft immer mehr und mehr, ich mochte sagen, Be- 
sitz ergriff von der Betrachtung des Seelenlebens, ver- 
suchte sie auch, ihre auf ihrem eigenen Gebiete so frucht- 
baren Gesetze anzuwenden auf die Betrachtung dieses 
Seelischen. Da kann sie nicht anders als darauf hinsehen, 
wie eine menschliche Handlung, wie ein menschlicher 
Willensimpuls, wie alles dasjenige, was der Mensch von 
seiner Seek aus unternimmt, herausflielk aus dem leibli- 
chen Erleben. Sie muE in ihrer Art Versuche anstellen, 
wie sie es gewohnt ist auf ihrem naturwissenschaftlichen 
Gebiete, und sie fiihlt sich, gewissermafien mit Recht, tief 
befriedigt, wenn sie in ihren Versuchen findet, dafi auch 



das seelische Leben in keiner Art durchbricht, was natur- 
wissenschaftlich fur das aufiere natiirliche Leben festge- 
stellt ist. Man braucht nur solch einer Sache zu gedenken 
wie, daft Physiologen, Biologen Versuche dariiber ange- 
stellt haben, welches die Kraftmenge ist, die der Mensch, 
die das Tier durch ihre Nahrung aufnehmen; dann wie- 
derum, welches die Kraftmenge ist, welche der Mensch, 
das Tier entwickeln, wenn sie seelische Aufierungen in 
der Welt unternehmen. Rubner, der Biologe, der ausge- 
zeichnete Forscher, hat Versuche angestellt mit Tieren, in 
denen er gezeigt hat, wie alles, was sich in der Bewegung, 
im Handeln der Tiere als Kraft aufiert, nichts anderes ist 
als berechenbar umgesetzte Nahrungsenergie, die auf- 
genommen wird. Und Atwater hat Versuche angestellt, 
welche zeigen, wie dieses Gesetz auch fur den Menschen 
gilt, wie alles, was wir aufbringen an Bewegungsarbeit 
und dergleichen, sich zahlenmafiig berechnen lafit als 
Umsatzprodukt desjenigen, was wir stofflich mit der 
Nahrung als Kraft aufnehmen und dann in Warme und 
dergleichen in uns verwandeln. 

So fiihrt Naturwissenschaft aus ihrer Denkweise heraus 
auch das seelische Leben auf das sogenannte Gesetz von 
der Erhaltung der Kraft zuriick. Sie kann nicht anders als 
von ihrem Gesichtspunkte aus sagen: Wo sollte ein Seeli- 
sches von sich aus in das Getriebe des menschlichen We- 
sens eingreifen, gewissermafien wie durch ein Wunder 
etwas Neues schaffen, wenn man beweisen kann, daft 
alles, was gewissermafien vom Menschen nach auften sich 
betatigt, nur Umwandlungsprodukt desjenigen ist, was 
der Mensch wiederum aus der Welt aufnimmt? Wenn die 
menschliche Aufierung dasjenige ist, was der Leib in sich 
aufgenommen hat, dann ist das Gesetz von der Erhaltung 
der Kraft, dieses seit Julius Robert Mayer, Helmholtz 



und so weiter so bedeutungsvoll in die Naturwissenschaft 
eingetretene Gesetz, erfiillt. Nirgends tritt eine neue 
Kraft auf; alles, was an Kraftaufierungen auf tritt, ist nur 
umgewandeltes schon Vorhandenes. Man kann also nicht 
sagen, wenn der Mensch eine sogenannte freie, willkiir- 
liche Handlung vollbringt, so komme diese aus seiner 
Seele heraus, denn dann wiirde sich zu den Kraften, die 
schon da sind, eine neue gleichsam aus dem Nichts heraus 
gesellen. 

Wer sich in naturwissenschaftliche Vorstellungen ein- 
gelebt hat, empfindet selbstverstandlich so etwas als einen 
ganz geschlossenen Gedankengang. Und weil dieses so 
ist, weil Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete so Groftes, 
so Eindruckliches leistet, hat selbstverstandlich Anthro- 
posophie, die wissenschaftliche Strenge auf das Geistge- 
biet ausdehnen will, in ganz begreiflicher Weise einen 
schweren Stand. Aber nicht in einigen abstrakten Satzen, 
sondern, ich mochte sagen, durch den ganzen Geist des- 
sen, was ich in diesen Vortragen vorzubringen habe, soil 
sich ergeben, dafi diese anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft durchaus nicht nur in keinen Wider- 
spruch kommt mit der Naturwissenschaft, sondern dafi 
sie im Gegenteil diese Naturwissenschaft voll fortsetzt, 
ausbildet, trotzdem sie den Pfad, den Weg einschlagt aus 
dem Gebiete der Sinnenbetrachtung heraus in die Be- 
trachtung des geistigen Lebens hinein. 

Da allerdings begegnet sie unzahligen Vorurteilen. Wer 
in der Anthroposophie drinnen lebt, weifi am allerbesten, 
wie beruckend Vorurteile wirken und der Anthroposo- 
phie eine Gegnerschaft erwecken miissen. Man kann sa- 
gen: Schon gegen die Art und Weise, wie auf dem Gebiete 
der Anthroposophie geforscht werden soil, liegen genii- 
gend Griinde vor — wenn man nur vorurteilsvoll genug 



sein will, sie anzuerkennen -, Einwande zu machen, Geg- 
nerschaften zu erheben. Denn «Beweise», wie man sie in 
der gewohnlichen Wissenschaft und im gewohnlichen Le- 
ben kennt, sie sind durchaus innerhalb der Anthroposo- 
phie vorhanden; aber sie werden in einer gewissen Weise 
anders gehalten sein und anders aufgefafk werden miis- 
sen, als was man «Beweise» in der gewohnlichen Wissen- 
schaft und im gewohnlichen Leben nennt. 

Vor alien Dingen handelt es sich in der gewohnlichen 
Wissenschaft und im gewohnlichen Leben darum, daJS 
man dasjenige, was man untersuchen will, gegeben vor 
sich hat. Niemand kann leugnen, dafi die Welt der Sinne 
eben vor den Sinnen ausgebreitet ist, dafi sie Fragen an 
uns stellt. 

Dieses ist in einer gewissen Weise nicht der Fall bei 
anthroposophischer Betrachtung. Da mufi die Welt selbst 
erst zur Offenbarung gebracht werden, von der man ei- 
gentlich zu reden hat, so zur Offenbarung gebracht wer- 
den, wie fur ein Wesen aus der niederen Reihe der Orga- 
nismen etwa, wenn es sich weiterentwickeln wiirde, die 
Welt der Sinne zur Offenbarung gebracht wiirde, wenn 
dieses Wesen erst Sinne bekame. In demselben Mafie, in 
dem das Wesen Sinne bekommen wiirde, wiirde sich ihm 
die Sinneswelt erschliefien. Dann, wenn sich die Sinnes- 
welt ihm erschlieftt, dann ist eben deren Dasein erwiesen. 
Daher wird vieles — nicht alles - von der beweisenden 
Kraft, welche der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft innewohnt, davon abhangen, dafi man ein- 
sieht: Die vorbereitenden Arbeiten in der eigenen Seele, 
die der Geistforscher durchgefuhrt hat, um erst zu der 
Welt, die er betrachtet, zu kommen, sie sind berechtigt. 

In der anderen Wissenschaft arbeitet man auf einer ge- 
wissen Grundlage, und dann erst beginnt die geistige 



Tatigkeit, dann beginnt dasjenige, was die Seek zu verar- 
beiten hat. In der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft mufi die Seele zuerst arbeiten, und ihre 
Arbeit ist nicht etwas, was wieder Gesetze entwirft iiber 
anderes, sondern ihre Arbeit ist zunachst etwas, wo- 
durch sie sich selbst zubereitet, urn das zu beobachten, 
urn was es sich in der geistigen Welt eigentlich handelt. 
Da kommt man darauf, fur die anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft fordern zu miissen, was in der 
Gegenwart so ungern anerkannt wird: Daft, sobald es 
sich darum handelt, Einsicht in das Ubersinnliche zu 
gewinnen, erst die Fahigkeiten in der Seele, welche 
dieses Ubersinnliche schauen konnen, erweckt werden 
miissen, herausgeholt werden miissen aus der Seele. 
Aber geradeso, wie im Laufe der Entwickelung niedere 
Organismen, die noch gewisse Sinne nicht haben, durch 
ihre Wechselbeziehung mit der Aufienwelt solche Sinne 
aus ihrem noch undifferenzierten Organismus heraus- 
entwickeln, so ist es moghch, aus der undifferenzierten 
menschlichen Seele heraus Fahigkeiten zu entwickeln, 
welche zur Anschauung der geistigen Welt so fiihren wie 
zur Anschauung der Sinneswelt eben die physischen 
Sinne. 

Ich werde heute nicht eingehen auf die Entwickelung 
dieser seelischen Fahigkeiten. Ich habe in vielen Vortra- 
gen, die ich im Laufe der Jahre hier gehalten habe, auch in 
den letzten Vortragen, einiges Prinzipielle iiber die Ent- 
wickelung solcher Fahigkeiten, iiber das Heraufholen sol- 
cher Fahigkeiten vorgebracht. Heute mochte ich in dieser 
Richtung nur auf meine Biicher verweisen, namentlich 
auf meine Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» und meine «Geheimwissenschaft», in 
der sich gezeigt findet, was die Seele mit sich vorzuneh- 



men hat, damit sie die Fahigkeit erlangt - die durchaus 
erlangbar ist -, Wahrnehmungen zu machen in der geisti- 
gen Welt. Sie kann diese Fahigkeit nur erlangen, wenn sie 
ihr inneres Wesen unabhangig von dem Leiblichen macht. 
Um nicht in Wiederholungen zu verfallen, werde ich, wie 
gesagt, heute nicht davon zu sprechen haben, wie solche 
Fahigkeiten erlangt werden. Nur einiges mochte ich an- 
fiihren von den Eigentumlichkeiten dieses geistigen We- 
ges, der in das iibersinnliche Gebiet, dem der Mensch 
angehort, hineinfuhrt. 

Eine zunachst sonderbare Wahrheit in bezug auf diesen 
Weg ins Ubersinnliche mochte ich aussprechen. Der Gei- 
stesforscher mufi in der Seele Fahigkeiten zu einer Er- 
kenntnisart entwickeln, welche sich auf Dinge bezieht, 
die im Grunde genommen jeder sich selbst verstehende 
Mensch zu dem Gegenstande seiner Betrachtung machen 
mochte, wenn ihn nicht irgendwelche naturwissenschaft- 
lichen oder anderen Vorurteile davon abhalten. Das 
Ewige der Seele, das Wesen der menschlichen Freiheit 
und alles, was damit zusammenhangt, diese ewigen Philo- 
sophen-Fragen der Menschheit, sind Fragen fur jeden 
Menschen. Die alte instinktive Erkenntnis hat sich mit 
ihnen befafit. Die neuere, geisteswissenschaftliche Er- 
kenntnis mull einen solchen Erkenntnisweg gehen, der 
sich auf etwas bezieht, was sozusagen von jedem sich 
selbst verstehenden Menschen begehrt wird. Aber die 
Wege, welche einzuschlagen sind, um durch wirkliche 
Erkenntnis in dieses ubersinnliche Gebiet einzudringen, 
werden weniger geliebt, werden geradezu abgelehnt. Und 
zwar nicht blofi abgelehnt in Vorurteilen, sondern, ich 
mochte schon sagen, abgelehnt durch gewisse Eigentum- 
lichkeiten der menschlichen Natur selber. Und da kommt 
namentlich das Folgende in Betracht. 



Wir sind gewohnt, wenn wir uns Vorstellungen bilden, 
Begriffe bilden, diese anzulehnen an ein Seiendes, an ein 
Wesenhaftes, das unabhangig von diesen Vorstellungen, 
von diesen Begriffen, an uns herantritt. Wir stehen in der 
Welt als Sinneswesen mit dem Seienden in Verbindung, 
uber das wir uns Vorstellungen machen. Als Menschen 
zwischen Geburt und Tod, als Menschen, die im Leibe 
leben, stehen wir nun nicht in unmittelbarer Verbindung 
mit demjenigen, worauf sich die iibersinnlichen Erkennt- 
nisse beziehen. Daher miissen diese iibersinnlichen Er- 
kenntnisse eine groftere Kraft der Seele, eine weit hohere 
innere Energie in Anspruch nehmen als die Erkenntnisse 
der gewohnlichen sinnlichen Auftenwelt, die uns immer 
dadurch zu Hilfe kommt, dafi sie eben von vornherein da 
ist. Diese innere Verstarkung des seelischen Lebens, wor- 
kmen namentlich die Erweckung der hoheren Erkennt- 
nisfahigkeiten besteht, dieses Heraufholen von aktiven, 
nicht blofi passiven Erkenntniskraften, das ist etwas, vor 
dem viele Menschen zuriickscheuen, das ist etwas, was 
sehr vielen Menschen deshalb, weil es sich nicht unmittel- 
bar auf ein Sein bezieht, wie ein Phantastisches, wie ein 
blofies Phantasiegebilde erscheint. Das Allerbegreiflichste 
ist es, dafi derjenige, der in ein tieferes Verstandnis der 
Sache nicht eindringt, die Vorstellungen, die Begriffe der 
Geisteswissenschaft fur Phantasiebilder nimmt, weil er 
gewohnt ist, nur diejenigen Vorstellungen als wirklich 
gelten zu lassen, fur die das Seiende, das Wirkliche, wie 
man es nennt, schon draufien vor den Sinnen ausgebreitet 
ist. Was aber den Menschen von der \ibersinnlichen Welt 
vor allem interessiert, was von seinem eigenen Wesen 
iiber Geburt, oder sagen wir Empf angnis, und Tod hinaus 
lebt, das nicht in dieser Sinneswelt und in dem Leben 
dieser Sinneswelt sich erschopft, das mu6 in solchen Vor- 



stellungen eines iibersinnlichen Erkennens erfaftt werden. 
Diese Vorstellungen miissen aus grofien Tiefen der Seele 
herausgehplt werden. Die Seele, wie sie gewohnt ist, die 
sinnliche Welt zu verfolgen, naturwissenschaftlich mit 
gewissen Gesetzen zu durchdringen, ist schwach im Ver- 
haltnis zu jener Seele, die die Erkenntniskrafte aufbringen 
mufi, um durch sie in das Ubersinnliche hineinzuschauen. 
Nicht wie man sie erforscht, aber wie sie in einer gewissen 
Beziehung sind, diese Erkenntniskrafte, davon will ich 
gerade im heutigen Vortrag sprechen. 

Der Mensch ist gewohnt: Wenn er sich eine Vorstel- 
lung von irgend etwas, das gleichsam in der Wirklichkeit 
ablauft, bildet, dann hat er eben ein Bild von irgend etwas 
Wirklichem ; an das kann er sich dann erinnern ; das bleibt 
ihm als Erinnerung. Das ist ja eine Eigentiimlichkeit un- 
seres gewohnlichen Vorstellens, eine Eigentiimlichkeit, 
die uns eigentlich alle Lebenssicherheit gibt, daft wir uns 
in der Lage fiihlen, dasjenige zu behalten, was uns die 
aufiere Welt verbildlicht. Wenn der Geistesforscher aus 
den Tiefen seiner Seele diejenigen Krafte heraufholt, die 
ihn befahigen, in das Ubersinnliche hineinzuschauen, 
dann ist es so, dafi er im «schauenden Bewu£tsein» - so 
habe ich in meinem Buche «Vom Menschenratsel» diese 
Fahigkeit genannt - in die Lage kommt, in das Ubersinn- 
liche einen Blick hineinzutun. Aber wenn er nun versu- 
chen wollte, das, was er geschaut hat, das, was ihm geistig 
vor die Seele getreten ist, in derselben Weise wie irgend 
etwas anderes, was er aus der aufieren Sinneswelt erfahren 
hat, durch das Gedachtnis zu bewahren, so wiirde er 
zunachst einen vergeblichen Versuch machen. Erlebnisse 
der geistigen Welt, Erlebnisse, die sich auf das Ewige, auf 
das Unsterbliche unserer Seele beziehen, konnen durch 
ubersinnliche Erkenntniskrafte erkannt werden; aber sie 



konnen nicht in der gewohnlichen Weise dem Gedacht- 
nisse einverleibt werden, sie werden gewissermafien wie 
ein fliichtig durch die Seele eilender Traum sogleich ver- 
gessen. 

Nun konnen Sie sagen: Wie ist es also dann mit diesen 
Erkenntnissen? Konnen sie iiberhaupt nur wie Ergebnisse 
eines fluchtigen Traumes angesehen werden? — Man mufi 
sagen: In einem gewissen Sinne durchaus! Aber das Fol- 
gende gilt nun: Man mufi, una solche Einschau in das 
Ubersinnliche zu haben, die ganze menschliche Seelen- 
verfassung in einer gewissen Weise vorbereiten; man mufi 
jedesmal von neuem eine solche innere Seelenverfassung 
herbeifuhren, vor welcher die Geistesschau auftreten 
kann. Das, was man da
…[truncated]