Die Mission der neuen Geistesoffenbarung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Mission der neuen Geistesoffenbarung 

Das Christus-Ereignis als Mittelpunktsgeschehen 

der Erdenevolution 

Sechzehn Vortrage 
gehalten zwischen dem 5. Januar und 26. Dezember 1911 
an verschiedenen Orten 



1989 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften und Notizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaiSverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Wolfram Groddeck und Edwin Frobose 
Textdurchsicht der 2. Auflage: Anna-Maria Balaster und Ulla Trapp 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1975 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 

Einzelausgaben und Veroffentlichungen 
in Zeitschriften siehe Seite 245. 



Bibliographie-Nr. 127 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1270-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die MitgKeder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Seibstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaften auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Die verschiedenen Zeitalter der Menschheitsentwickelung und ihre 
Einwirkung auf die menschlichen Wesensglieder 

Verinnerlichung der Seelenkrafte im Zeitraum zwischen Augustinus und 
Calvin. Im naturwissenschaftlichen Zeitalter Hinwendung der Seelen- 
krafte nach aufien; danach folgt eine spirituelle Kultur. Paracelsus als Bei- 
spiel fiir die Notwendigkeit, die Welt in jedem Zeitalter neu zu erfassen. 
Religion, Wissenschaft und soziales Leben mussen sich entsprechend dem 
Wandel der menschlichen Wesensglieder von Epoche zu Epoche andern. 
Der in unserem Zeitalter notwendige Ubergang vora Personlichen zum 
Unpersonlichen zeigt sich in der Verfallsstromung im Loslosen des Geld- 
verkehrs von der Personlichkeit und in der aufsteigenden Stromung im 
Hinwenden der Personlichkeit zu den inspirierenden Machten. Moder- 
ner Autoritatsglaube und Gespensterfurcht. Verquickung der Religion 
mit dem Dogma. Der mifiverstandene Aristoteles. Geisteswissenschaft 
wird Fiihrer zum religiosen Erleben, zum spirituellen Erarbeiten der Wis- 
senschaft und zu neuer Lebenspraxis. Theosophie und Antisophie. Ein 
Fichte-Wort. 

Mannheim, S.Januar 1911 



Auswirkung moralischer Eigenschaften auf das Karma 

Bewahrheitung der Karmalehre im Alltagsleben. Neid geht auf luziferi- 
schen, Liige auf ahrimanischen EinflufS zuriick. Unterdriickter Neid wird 
in der gleichen Inkarnation zur Tadelsucht, unterdruckte Lugenhaftigkeit 
zur Scheuheit. Im nachsten Erdenleben sind leibliche Mangel die Folge. 
Staunen - eine Funktion des Astralleibes. Die richtige Gemutsstimmung 
des Erziehers. Ursachen langer Jugendlichkeit und friiher Greisenhaftig- 
keit. Das Marchen vom Storch ist Bild einer Realitat. 

Wiesbaden, 7.]anuar 1911 



Einiges iiber das Innere der menschlichen Seele und ihr Verhaltnis 
zur Welt 

Die Empfindungsseele vermittelt den Empfang aufierer Eindrucke des 
Wahrnehmens. In der Verstandes- oder Gemutsseele geht das Ich auf. Ab- 
sonderung von der Welt durch die Bewulkseinsseele. Zwiespalt zwischen 
Meinung und Affekt. Eingreifen der Engel an der Grenze zwischen Be- 
wufkseinsseele und Verstandes- oder Gemutsseele, der Erzengel zwischen 



Verstandesseele und Empfindungsseele. Wo wir zur Umwelt in Bezie- 
hung treten, werden wir von den Geistern der Personlichkeit durchkraf- 
tet. Luziferische Wesenheiten wirken den Engeln, ahrimanische den Erz- 
engeln entgegen. Ohne Widersachermachte konnte der Mensch keine 
Freiheit entwickeln. Nach der Bewufkseinsseele sollen auch die Verstan- 
desseele und Empfindungsseele reif zur Freiheit werden. Moralische Ver- 
antwortung der Mitglieder einer spirituellen Bewegung. 

Frankfurt, 8. Januar 1911 



Die Beziehung der menschlichen Wesensglieder zur Menschheits- 
entwickelung und zum Lebenslauf. Gottessohn und Menschensohn 

Die lockere Bindung des Ather- und des Astralleibes an den physischen 
Leib in der agyptischen Kulturepoche ermoglichte das Einstromen von 
Kraften hoherer Wesenheiten. Das Auftere des Menschen war ein Ab- 
druck seiner Seele. Einklang der Schonheit der Seele und des Korpers im 
Griechentum. In der Zukunft mu8 der Mensch bewufit Krafte aus dem 
Geistigen herausholen. Wandel der Kindesgestalt. Die Kunst der Grie- 
chen und die Kunst der Zukunft. Notwendigkeit der Aufnahme spirituel- 
ler Ideen. Die Arbeit des Ich an den Hiillen in den ersten Lebensjahren. 
Weisheit der Kindheitsseele in der urindischen Epoche. Der geistig-see- 
lische Mensch der ersten drei Lebensjahre ist der Gottessohn, der Trager 
des Ich-Bewufitseins der Menschensohn. Der Zerfall der Erde entspricht 
dem Vertrocknen des physischen Menschenleibes. «Das Antlitz der Erde» 
von Eduard Sueft. 

Miinchen, 11. Februar 1911 



Weisheit, Frommigkeit und Lebenssicherheit 

Mit der theoretischen Aneignung der geisteswissenschaftlichen Wahrhei- 
ten ist es nicht getan. Der Sinn des Durchgangs des Menschen durch die 
aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Zahlenverhaltnisse und geistige 
Gesetzmafiigkeiten. Die Periodizitat des Lebens nach Wilhelm Fliefi. 
Tod und neue Geburt. Geduld und Gleichmafi - Vorbedingung fur eine 
spirituelle Entwicklung. An Stelle der erloschenen alten Weisheit mufi 
eine durchchristete Geist-Erkenntnis treten. Die Stimmung in der Dar- 
stellung der planetarischen Stufen in der «Geheimwissenschaft im Urn- 
rift». Fichte iiber den Zusammenhang des Menschen mit dem Ewigen. 
Das Durchdringen des Astralleibes mit Weisheit, des Atherleibes mit 
Frommigkeit, des physischen Leibes mit Lebenssicherheit in seiner Be- 
deutung fur die Erdenevolution. 

Basel, 23. Februar 1911 



Die Arbeit des Ich am Kinde. Ein Beitrag zum Verstandnis der 
Christus-Wesenheit 

Das Ich plastiziert in den ersten drei Lebensjahren unter Leitung hoherer 
Wesenheiten das Gehirn aus. Mit dem Bewufitwerden des Ich erlischt sei- 
ne Verbindung zur geistigen Welt. Die Zweiheit von Gottessohn und 
Menschensohn. Die Schadelform, ein Ergebnis friiherer Inkarnationen. 
Belebung der Krafte des Gottessohnes im spateren Lebensalter. Heilen 
durch Handauflegen. Der Zusammenhang zwischen dem Gottessohn im 
Menschen und dem Christus-Ereignis. Der tiefere Sinn biblischer Sprii- 
che. Drei Unterschiede des Menschen zum Tier. In dem Taufer Johannes 
als Vorlaufer des Christus Jesus lebte ein Engelwesen. Die Erde als Leib 
der Menschheit. 

Zurich, 25. Februar 1911 



Vom Einfliefien spiritueller Erkenntnisse in das Leben 

Krankmachende Folgen moralisch nicht zu rechtfertigender Handlun- 
gen. Ideale wirken gesundend auf den Astralleib. Unzulanglichkeit popu- 
larer Schriften iiber seelische Gesundheit. Das Uberwinden des Materia- 
lismus in der Lebenshaltung durch die von geistigen Wahrheiten erfiillte 
Seele. Beziehung des Menschen zur Umwelt durch die Atherstrahlen der 
Hande. Die atherische Funktion der Schilddriise. Die Beziehung des Ich 
zur Umwelt durch Trauer und durch Lachen. Die durchchristete Geistes- 
wissenschaft erzeugt Lebenssicherheit. 

St. Galkn, 26. Februar 1911 



Ossian und die Fingalshohle 

Die Fingalshohle - ein von der Natur geschaffener Dom. Die Wieder- 
belebung der Gesange Ossians durch Macpherson und ihre Wirkung 
auf das geistige Europa. Der Kern des keltischen Volkstums im alten 
Erin. Im Gesang der Barden lebten elementare Leidenschaften zusammen 
mit der Kraft alten Hellsehens auf. Fingals Schlachtgesang. Die mut- 
vollen kampferischen Taten waren Vorbereitung zu Taten des geistigen 
Lebens. 

Ansprache nach einer Auffiihrung der «Hebriden-Ouverture» von Mendels- 
sohn 

Berlin, 3. Mdrz 1911 



Die Bedeutung der Geistesforschung fur das sittliche Handeln 

Durch unmoralisches Handeln schadigt der Mensch nicht nur sich selber, 
sondern die Menschheit als Ganzes. Die Einsicht in die Zugehorigkeit des 
Menschen zum Erdorganismus ist ein ungeheurer sittlicher Impuls. Mit 
dem Uberhandnehmen des materialistischen Bewufitseins wachst die An- 
tipathie gegen bloftes Moralpredigen. Christus als das Menschen-Urbild. 
Physische Folgen von Unmoralitat und Widersetzlichkeit gegen den 
Christus auf dem Jupiter. Von wahrer Weisheit strahlt Moralitat aus. 

Bielefeld, 6. Mdrz 1911 



Aphorismen iiber die Beziehung von Theosophie und Philosophic 

Die Notwendigkeit praziser philosophischer Formulierungen. Wahrend 
sich die heutige Philosophic im Abstrakten bewegt, schlagt die Theoso- 
phie eine Briicke vom Geistigen zum Tatsachlichen. Begriffe, die an der 
aufteren Wahrnehmung gebildet werden, mussen sich mit den Begriffen, 
die aus der geistig-ubersinnlichen Wahrnehmung gewonnen werden, auf 
dem Begriffsfelde treffen. Der Bezug des Bewufkseinsinhaltes zur Reali- 
tat. Das Ich ist umfassender als die Sphare der Subjektivitat. Der Satz, es 
konne nichts von dem Transsubjektiven in das Subjektive hineinkom- 
men, hat nur eine begrenzte Geltung. Maskierter Materialismus in der 
konventionellen Erkenntnistheorie. Die Pflicht zum Erkennen. 

Eine Sonderbetrachtung zu den Vortragen iiber «Okkulte Phy$iologie» 

Prag,28.Mdrz 1911 



Erbsiinde und Gnade 

Fast alle traditionellen Religionen haben ihre wahren Tiefen verloren. 
Der Mensch erlag der luziferischen Verfuhrung vor dem Einzug des Ich. 
Durch das Schuldigwerden des Astralleibes sank er in der folgenden Ich- 
Entwicklung immer tiefer. Fortwirken des luziferischen Einschlags in der 
Vererbung. Die von der Weltenordnung zugelassene Erbsiinde liefi den 
Menschen aus den geistigen Hohen in das physisch-materielle Dasein her- 
absteigen, damit er sich zu einem freien Wesen entwickeln kann. Die Per- 
sonlichkeit, in der einerseits die astralen Triebe, anderseits abstrakte 
Ideen leben, mufi wieder zum Geistigen hinaufstreben, wo sie von einem 
hoheren Personlichen, dem Christus-Impuls erfullt wird. Die Gnade 
wird so zum Aquivalent der Erbsiinde. 

Munchen, 3. Mai 1911 



Die Mission der neuen Geistesoffenbarung 

Sehnsucht nach wahrer Selbsterkenntnis. Das Zeichen des Rosenkreuzes. 
Wahre und falsche Toleranz. Das Wissen von Reinkarnation und Karma 
im Lebensgeschehen. Vom Sinn der wiederholten Erdenleben. Die nur 
intellektuelle Erkenntnis mufi von spiritueller Einsicht abgelost werden. 
Das Christus-Ereignis als einmaliger Schwerpunkt der Evolution. Die 
Gefahr des Irrtums und die sieghafte Kraft der Wahrheit. 

Einleitende Worte zu dem Zyklus «Die geistige Fiihrung des Menschen und 
der Menschheit» 

Kopenhagen, 5. Juni 1911 170 



Glaube, Liebe, Hoffnung 

Sokrates nannte die Tugend lehrbar. Die Erdenvergangenheit und die Ver- 
gangenheit der Menschheit in ihrer Dreiheit. Das Ich ist die Gegenwart 
des Menschen. Die Zukunft des Menschen. Den drei seelischen Grund- 
kraften entspricht die Dreiheit von Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Mensch 
bleibt mit seinen Taten verbunden. Die Idee der wiederholten Erdenleben 
in Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts». Die Wahrheiten der 
Geisteswissenschaft - eine lebendige Nahrung der Menschenseele. 

men, 14. Juni 1911 182 



Symbolik und Phantasie mit Bezug auf das Mysterium «Die Prufung 
der Seele» 

Der Ubergang im bisherigen Leben des Capesius zu einer spirituellen 
Anschauung. Das Marchen vom Quellenwunder. Die Welt des Marchens 
als Zwischenglied zwischen Hellsehen und Verstandeswelt. Das Marchen 
von der klugen Katze als Beispiel fur die Welthistorik der Marchenstim- 
mung. Das imaginative Hellsehen der Vorzeit. Die dichterische Form der 
Verstandes- oder Gemiitsseelenkultur ist der Endreim, diejenige der wil- 
lensbetonten Empfindungsseelenkultur der Stabreim. Jordans «Nibe- 
lunge», ein Versuch zur Erneuerung alter Zustande. Die Sprache mufi auf 
ihren Ursprung, das imaginative Erkennen, zuruckgefuhrt werden. 

Berlin, 19. Dezember 1911 1 92 



Weihnachten - ein Inspirationsfest 

Der Ostergedanke weist auf die siegenden Zukunftskrafte hin, der Weih- 
nachtsgedanke auf den Menschheitsursprung. Urspriinglich wurde der 



6. Januar zur Erinnerung an die Geburt des Christus in dem Jesus von 
Nazareth gefeiert. Mit dem Dahinschwinden des alten Wissens trat im 
4. Jahrhundert an die Stelle des Erscheinungsfestes das Jesus-Geburtsfest. 
In dem Jesusknaben des Lukas-Evangeliums lebte eine Seele, die am Ab- 
stieg der Menschheit nicht teilgenommen hatte. Der Zusammenhang des 
«Adam-und-Eva-Tages» mit dem Jesus-Geburtsfest. Die geistig-kosmische 
Bedeutung der Heiligen Nachte. 

Berlin, 21. Dezember 1911 215 



Die Geburt des Sonnengeistes als Erdengeist 

Der Weihnachtsbaum, ein Symbol des inneren geistigen Lichtes. «Jeri- 
cho» und «das Durchschreiten des Jordans» symbolisieren Stufen der Ein- 
weihung. Die Gnostiker durchschauten noch das Christus-Mysterium. In 
der Verlegung des Christgeburtsfestes vom 6. Januar auf den 25. Dezem- 
ber waltete unbewufke Weisheit: Statt des Erscheinens des Gottes im 
Menschenleibe wurde fortan die Verkorperung der aus gottlich-geistigen 
Hohen herabgestiegenen unschuldvollen Menschenseele gefeiert. Das 
Durchleben der dreizehn Nachte im Traumlied des Olaf Asteson. 

Hannover, 26. Dezember 1911 225 



ANHANG 



Der dreifache Ruf aus der geistigen Welt 

Zerstorende und lebenschaffende Krafte. Der erste Ruf aus der geistigen 
Welt ertonte vom Berge Sinai, der zweite durch den Taufer Johannes, der 
dritte durch die Geisteswissenschaft. Die Spiegelung der drei Rufe im 
Werden des Kindes. Die Durchdringung der menschlichen Leibeshullen 
mit der Kraft des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. 

Notizen aus einem Vortrag zur Einweihung des Zweiges Heidenheim 



Heidenheim, 30. November 1911 238 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 243 

Hinweise zum Text 245 

Namenregister 253 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 255 



DIE VERSCHIEDENEN ZEITALTER DER MENSCHHEITS- 
ENTWICKELUNG UND IHRE EINWIRKUNG AUF DIE 
MENSCHLICHEN WESENSGLIEDER 



Mannheim, 5.Januar 1911 

Es ist schon einige Zeit her, dafi es moglich war, auch hier in Mannheim 
eine Zweigversammlung zu haben, und heute diirfen wir wiederum 
einer solchen Aufgabe geniigen. Nun haben Sie, meine lieben Freunde, 
hier in den letzten Zeiten aufmerksam, eifrig dasjenige an Wissen sich 
angeeignet, was man die wichtigeren Ideen, Einsichten unserer geistes- 
wissenschaftlichen Weltanschauung nennen kann. Deshalb ist es viel- 
leicht nicht unangemessen, wenn wir heute iiber etwas sprechen, das 
auf der einen Seite unseren Blick auf das Ganze unserer geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung wendet und auf der anderen Seite uns auch 
Gelegenheit gibt, das, was wir uns angeeignet haben an spirituellem 
Wissen, namentlich iiber den Menschen und seine Entwickelung, ein 
wenig zu verwerten, zu verwerten sozusagen in dem Dienste, dem jeder 
Mensch ergeben sein soli, und der gerade fur Anthroposophen durch 
ihre Einsichten, durch dasjenige, was sie an Empfindungen aus der 
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung heraus gewinnen konnen, 
eine besondere Gestalt annehmen soil. Sie wissen, meine lieben Freunde, 
daft die Entwickelung der Menschheit vorwartsschreitet, daft Epoche 
nach Epoche, Zeitalter nach Zeitalter folgt, und ein jedes Zeitalter hat 
seine besondere Aufgabe. Wir konnen in der geschichtlichen Entwicke- 
lung der Menschheit groftere und kleinere Zeitalter unterscheiden, und 
es gibt in jedem Zeitalter wiederum ganz besondere Zeitpunkte, in 
denen es notwendig ist, nicht zu versaumen, die eigentliche Aufgabe, 
die eigentliche Mission dieses Zeitalters zu durchdringen. Wir diirfen 
bemerken, daft den Menschen in den aufeinanderfolgenden Zeitraumen 
aus den geistigen Welten heraus Aufgaben gestellt werden, Aufgaben, 
die fur dieses oder jenes Zeitalter ganz besondere sind, und fur uns 
Menschen handelt es sich dann darum, das Rechte zu tun, um etwas zu 
wissen von diesen Aufgaben, um in unsere Seele eine Erkenntnis dieser 
Aufgaben aufzunehmen. 



Wir leben wirklich in einem Zeitalter, wo es dringend notwendig ist, 
dafi eine Anzahl von Menschen sich wiederum ein Wissen verschafft 
von dem, was vorzugsweise auf dem geistigen Gebiete heute oder in 
unsererGegenwart zu tun ist. Ich mochte zunachst nur zwei Zeitraume, 
die uns ganz naheliegen, vor Ihre Seele hinriicken, zwei Zeitraume, die 
uns deshalb naheliegen, weil der eine der Vergangenheit angehort und 
vieles von ihm an geistigen Giitern und geistigen r^rzeugnissen noch in 
unsere Gegenwart hereinreicht; der zweite Zeitraum aber ist kaum im 
Anlaufen. Wir stehen an dem Beginn ernes neuen Zeitraumes, eines klei- 
neren Zyklus oder Zeitraumes der Menschheit, stehen sozusagen an der 
Grenzscheide. Deshalb ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, diese 
zwei Zeitraume ein wenig zu durchschauen. Der eine Zeitraum umfafit 
ungefahr jene Epoche, die mit Augustinus begann und etwa mit dem 
Herannahen des 16. Jahrhunderts endete. In der okkulten Wissenschaft 
sagt man: Dieser Zeitraum umfafk dieZeit von Augustinus bis Calvin. - 
Dann haben wir auf diesen einen anderen Zeitraum folgend, der die 
Zeit umfaftt von Calvin bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts. 
Und wir stehen wieder am Ausgangspunkt eines Zeitraumes mit neuen 
Aufgaben, derenEinhaltung aufierordentlich wichtig ist fur die nachste 
Zukunft der Menschheit. Nun wollen wir uns zunachst ein kleines Bild 
davon machen, was an solchen Ausgangspunkten von neuen Zeit- 
raumen ganz besonders geschieht. Da wird, wenn ein Zeitraum in den 
anderen eingeht, etwas alt, und etwas ist jung. Etwas geht seinem Ver- 
fall entgegen, und anderes ist wieder keimhaft, wie wurzelhaft vor- 
handen, gleichsam wie eine neue Morgenrote fiir einen Sonnenschein, 
der sich vorbereitet als der Sonnenschein eines neuen Zeitalters. Und 
das Eigentumliche eines solchen Ubergangszeitalters - Sie wissen, man 
spricht in verschiedenem Sinn von Obergangszeitaltern, aber wir haben 
es wirklich in ganz bedeutungsvollem Sinne mit einem Ubergangs- 
zeitalter heute zu tun - zeigt sich, daft neue Krafte der Kultur der 
Menschheit zugefugt werden miissen. 

Ich will, um dies zu charakterisieren, eine grofie Aufgabe fiir die 
Gesamtmenschheit ins Auge fassen; das ist das Aufkommen des Chri- 
stentums. Wenn wir uns ein Bild verschaffen von der Art, wie das 
Christentum aufkam, miissen wir sagen: Eigentlich haben es gerade 



diejenigen abgelehnt, die an der Spitze der Kultur waren. Aber es 
waren zugleich die, welche an der Spitze der Kultur waren, bei einem 
Verfall angelangt. Man versuche sich ein Bild zu machen von der 
romischen Kultur, wie sie im Verfall begriffen war, und man versuche 
sich ein Bild zu machen, wie die Gemeinden beschaffen waren, denen 
Paulus predigte. Das waren Leute, die sozusagen naiv, aber mit f rischen 
Kraften der Kultur gegenuberstanden, mit einer lebendigen Empfin- 
dung fur das, was da kommen sollte, die man nicht so eigentlich zur 
hochsten Bliite der damaligen Kultur rechnete. Das waren die neuen 
Krafte, aber zuweilen sogar aus den untersten Schichten des Volkes 
geboren. Weil das komplizierte soziale Leben der oberen tonangeben- 
den Kreise, wenn es sich eine Zeitlang entwickelt hat, niedergehen 
muf$, namentlich aber die Wissenschaft mit ihren Begriffen, Ideen und 
so weiter an einem Rand ankommt, wo sie sich nicht weiterentwickeln 
kann, mufi etwas Neues, das Volkstiimliche, eingreifen. Da haben wir 
einen groften Umschwung vor uns hingestellt. In gewisser Beziehung 
stehen wir heute wieder vor einem Umschwung. Dasjenige, was mit 
grofierHingabe errungen ist als wissenschaf tliche Gedanken und Ideen, 
das ist tatsachlich an einem Punkte angekommen, dem gegeniiber sich 
jeder Einsichtige sagen mufi: es geht wirklich nicht weiter - die wissen- 
schaftlichen Begriffe und Ideen, die heute in offiziellen Stromungen 
getrieben werden, stehen vor einem Verfall. Und iiberhaupt die ganze 
Art, wie das geistige Leben angefafit wird da, wo die grofien Stromun- 
gen dieses geistigen Lebens fliefien, ist in einem vollen Verfall. Ich 
mochte mit einigen krassen Worten schildern, wie dieser Verfall wirk- 
lich mit verhaltnismafiig schnellen Schritten beobachtet werden konnte 
von denjenigen, die iiberhaupt so etwas beobachten. 

Wenn man teilgenommen hat an dem Leben, wie es sich auslebte in 
der Literatur, durch Biicher und dergleichen, in der Wissenschaft, dann 
wuchs man dazu mit einem Ernst heran, mit einem gewissen, heute 
schon als altvaterisch angesehenem Ernst, den man gar nicht mehr ver- 
steht. Der ganze Ton von Wochenschriften zum Beispiel war in den 
siebziger Jahren wesentlich anders, als er heute ist. Er war, wenn wir 
den Ausdruck gebrauchen diirf en, viel, viel gediegener. Es gab dazumal 
ganz bestimmte Ansichten innerhalb dieser geistigen Stromung, wie 



man sich verhalt zum Drama, zur Lyrik und so weiter. Das ist ab- 
gekommen, wie man damals gedacht hat. Dazumal gab es auch eine 
bestimmte Art zu dichten, indem man weniger strengen Anforderungen 
geniigte, zum Beispiel Dramen zu schreiben bei kleinen festlichen Ge- 
legenheiten, mehr zum Spafi, zum Scherz. Da war manchmal ganz 
gutes Talent darinnen. Insbesondere die Studenten bei ihren Versamm- 
lungen fiihrten Dramen auf, in denen ganz gutes Talent darin war. 
Nun wurde man etwas alter und konnte Umschau halten iiber die lite- 
rarischen Stromungen, und man fand darunter geschatzte Produkte, 
die aber ganz genau dasselbe waren, was man friiher nur fur den Tag 
reif gehalten hatte. Das wurde literaturreif fur die geistige Bewegung. 
Um nicht gar zu sehr Anstofi zu erregen, mochte ich keinen Namen 
nennen. Heute stehen wir bereits vor dem Punkte, daft wir im weitesten 
Umkreis iiberall - ganze Buchhandlerladen sind damit ausgefiillt - 
nichts anderes haben als gedruckte Trivialitaten. Noch vor dreifiig bis 
vierzig Jahren ware es einem um die Tinte leid gewesen, um sie aufzu- 
schreiben. Wenn der Mensch in einem solchen Umschwung darinnen- 
steht, beurteilt er die Dinge nicht krafi genug, aber so wird die Kultur- 
geschichte einmal unser Ende des 19. Jahrhunderts zu charakterisieren 
haben. So stehen wir in der Tat vor einem Verfall des hergebrachten 
geistigen Lebens, und leicht konnte man das nachweisen an dem Verfall 
der wissenschaftlichen Theorien. Daher diirfen wir uns nicht verwun- 
dern, wenn dasjenige, was auftreten soil als eine neue geistige Bewe- 
gung, was zufiihren soli der menschlichen Entwickelung etwas Neues, 
wenig Zuspruch findet bei dem, was man heute offizielles geistiges 
Leben nennt; wenn die Angehorigen dieser Kreise sagen: Da gibt es 
solche Vereinigungen von halben Narren, die sich Theosophen nennen, 
das sind im Grunde recht ungebildete Leute meist — und so weiter. - 
Das sind Notwendigkeiten, die in jedem Obergangszeitalter vorhanden 
sind. Es miissen von unten auf frische Krafte kommen, und was so auf- 
sprielk, das wird dann fur das spatere Zeitalter dasjenige, was not- 
wendig ist, um wirklich eine aufsteigende Bewegung herzustellen. 

Nun sagte ich Ihnen: zwei Zeitalter haben wir hingehen sehen. Das 
Zeitalter von Augustinus bis Calvin etwa war ein Zeitalter, welches 
vorzugsweise alle Seelenkrafte des Menschen, alle Krafte des Menschen 



zu verinnerlichen suchte. Verinnerlichung war auf alien Gebieten in 
dieser Zeit zu sehen; aufiere Naturwissenschaft wurde weniger ge- 
trieben, der Blick des Menschen war weniger auf die aufteren Natur- 
gesetze und -erscheinungen gerichtet. Im Ausgangspunkt des Augu- 
stinus selber, in dem wir in gewisser Art vorgebildet sehen unsere 
geisteswissenschaftliche Gliederung des Menschen, in dem finden wir 
den Gedanken eines Hereinwirkens iibersinnlicher Machte, die sich des 
Menschen als Werkzeug bedienen. Im weiteren Verlaufe dieser Epoche 
- was begegnen uns da fur merkwiirdige Erscheinungen, die Mystik 
Meister Eckbarts, Susos, Johannes Taulers und vieler anderer. Wenn 
auch die auflere Wissenschaf t in dieser Epoche in den Hintergrund trat, 
so finden wir in ihr eine andere merkwiirdige Art, die Natur mit genia- 
lischem intuitivem Blick zu umspannen. Wir sehen, wie sich das erhoht 
in solchen Menschen wie zum Beispiel Agrippa von Nettesbeim. Solche 
Erscheinungen wie Paracelsus, Jakob Bohme treten uns entgegen als die 
Friichte dieser Vertiefung der menschlichen Seele in jenen Jahrhunder- 
ten. Solch eine Stromung kann immer nur eine bestimmte Zeit hindurch 
dauern. Sie hat eine aufsteigende Richtung, eine Kulmination, einen 
Hohepunkt und eine absteigende Linie. Abgelost wird in der Regel 
eine solche Richtung von etwas, was in bestimmter Weise sich wie ein 
Gegenbild ausnimmt. 

In der Tat sind die nachstfolgenden Jahrhunderte wie ein Gegen- 
bild zu dieser Stromung. Das verinnerlichte menschliche Seelenbild 
wird nach und nach vergessen. Es treten die Zeiten auf, in denen 
die Naturwissenschaft so unendliche Triumphe errungen hat. Die 
grofien Erscheinungen eines Kopernikus, Kepler, Galilei treten auf bis 
zu denjenigen des 19. Jahrhunderts wie Julius Robert Mayer, Darwin 
und so weiter. Eine Unsumme von aufieren Tatsachen wird herauf- 
gefordert. 

Und doch unterschieden sich die Menschen zu Beginn der neuen 
Epoche von den spateren. Ein Mensch wie Kepler zum Beispiel, der so 
bedeutende Wirkungen auf die physikalische Naturwissenschaft gehabt 
hat, war ein frommer Mann, ein Mann, der tief, tief in seinem Inneren 
sich mit dem Christentum verbunden fiihlte. Und Kepler, der Ent- 
decker der drei Keplerschen Gesetze, die im Grunde nichts weiter sind 



als in mathematische Formeln gekleidete Zeit- und Raumgesetze, also 
etwas ganz Mechanisches, oh, dieser Kepler - er verwendete viel mehr 
Zeit als auf solche Entdeckungen darauf, zu erklaren, wie es in der 
grofien Welt damals zugegangen ist, als auf der Erde sich das Myste- 
rium von Palastina abgespielt hat; wie Saturn, Jupiter und Mars zu- 
einander gestanden haben, als der Christus Jesus geboren worden ist. 
Darauf waren des grofien Kepler Gedanken gerichtet. Er konnte das- 
jenige, was er iiber die Wissenschaft des Sternenraumes rein mathe- 
matisch zu sagen hatte, der Menschheit geben. Das, was er in seinem 
Herzen, in seinem tiefsten Herzen trug, blieb sein Eigentum in einem 
Zeitalter, das dem aufieren Leben nur gedient hat. 

Oder nehmen Sie Newton. Wo beriefe man sich nicht auf Newton 
als den Entdecker der Gravitationsgesetze? Wo wiirde dann aber auch 
betont - wenn Haeckel zum Beispiel iiber die epochemachende Erschei- 
nung des Newton spricht -, wo wiirde dann betont, daiS Newton so 
christlich war, daft er in seinen stillsten und heiligsten Stunden in seiner 
Art einen Kommentar zur Apokalypse geschrieben hat? Den konnte er 
aber der Menschheit nicht geben. Das rein mechanische Gesetz der 
Schwere hat er der Menschheit in dem Zeitalter geben konnen, das ge- 
widmet ist dem aufieren Zusammenfassen der Naturerscheinungen. 
Und dieses Zeitalter, das ist eben mit dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts abgelaufen. 

Nun beginnt ein Zeitalter, das notwendigerweise wieder ein Gegen- 
bild zu dem vorigen darstellen mufi. Und die Aufgabe, dieses Gegen- 
bild vorzubereiten, das da weiter wirken soli in einem solchen Sinne, 
dafi das alles kommen kann, wovon wir oftmals gesprochen haben, das 
ist die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die wiederum eine 
Vertiefung der menschlichen Seele bringen mu!5. Aber es mufi jedes 
Zeitalter anders wirken als die vorhergehenden. Es ware falsch, ein- 
fach so zu studieren, wie das von Augustinus bis Calvin richtig war. 
Wir mogen solche Erscheinungen auf uns wirken lassen, wir mussen 
aber wissen, dafi wir heute, nachdem ein solches Zeitalter der Natur- 
wissenschaft da war, anders die spirituelle Welt suchen mussen als 
dazumal. Gibt es denn aufier dem, was sich der Mensch im Abstrakten 
denken kann, noch etwas anderes, woraus man erkennen kann, daft der 



Mensch wirklich in die Notwendigkeit versetzt ist, daft der Mensch 
gezwungen ist, die Welt in jedem Zeitalter neu zu erfassen? 

Wenn man sich heute zum Beispiel in Paracelsus vertief t, ist er wirk- 
lich fur die heutige so triviale aufiere Forschung ein unergriindlicher 
Geist, ein Geist, der insbesondere tief hineingeschaut hat in dasjenige, 
was die Geheimnisse des Heilens, der Medizin sind. Und wer sich ver- 
tieft in dasjenige, was er zu sagen hatte iiber die Heilung dieser oder 
jener Krankheitsform, der wird ganz Gewaltiges, Grandioses aus Para- 
celsus lernen konnen. Nehmen wir an, es wiirde sich ein auf der Hohe, 
auf der wirklichen Hohe des geistigen Lebens unserer Zeit stehender 
Arzt so vertiefen, daft er diese Vertiefung praktisch machen wollte, 
anwenden wollte, was sich aus den Anweisungen des Paracelsus ergeben 
wiirde - fur gewisse grofte Dinge wiirden sich da noch ganz richtige 
Sachen ergeben; aber manches konnte sich der Arzt der Gegenwart 
nicht mehr aneignen. Denn wenn er manche Mittel, die dort angegeben 
sind, anwenden wiirde, so wiirde das nichts helfen, weil schon seit dem 
16. Jahrhundert die menschliche Natur eine andere geworden ist, weil 
sich alles in der Welt andert und alles fortschreitet. Die Dinge draufien 
gehorchen unserem willkurlichen, in Schritten sich bewegenden Wissen 
nicht. Sie schreiten vorwarts, und wir haben die Aufgabe, nachzufor- 
schen mit unserem Wissen, unserer Erkenntnis. Wir miissen neu lernen, 
so wie Paracelsus gelernt hat. Und wenn wir am treuesten so tun, wie 
er getan hat, so werden wir fur mancherlei in gewisser Beziehung etwas 
ganz anderes finden. So haben wir in unserer Zeit ganz besondere 
spirituelle Aufgaben. 

Nun mochte ich in einigen groften Ziigen charakterisieren, wie es in 
den Sternen geschrieben ist, daft die Kultur der Menschheit fur die 
nachste Zukunft fortschreiten mufi. Nicht in der Hand der Menschen 
liegt es allein, dieser Kultur eine Richtung zu geben. Die alten An- 
sichten wiirden zu dem Umschwung in den wirklichen Verhaltnissen 
eben nicht passen. Die Dinge nehmen ihren Gang, und Geisteswissen- 
schaft hat die Aufgabe, sich zu sagen, welchen Gang die Dinge nehmen, 
sie gibt uns die Anleitung, unsere Zeit zu verstehen. 

Wir stehen in der Morgenrote eines ganz neuen menschlichen Le- 
bens und Denkens. Drei Dinge sind im menschlichen Geistesleben von 



besonderer Bedeutung und Wichtigkeit, und diese sind: erstens die 
Religion, zweitens die Wissenschaft und drittens das Zusammenleben 
der Menschen iiberhaupt, die Gefiihle und Empfindungen, welche die 
Menschen fureinander entwickeln, das, was sich in sozialer Beziehung 
abspielt. Diese drei sind die allerwichtigsten, so dafi es von ganz beson- 
derer Wichtigkeit ist, in den aufeinanderfolgenden Epochen zu ver- 
folgen, welche Gestalten diese drei annehmen miissen, dasjenige, was 
als Religion, als Wissenschaft oder soziales Leben in Betracht kommt. 
Und da gibt es gewisse Forderungen, die der Mensch einfach verstehen 
mufi, die nicht in seiner Hand liegen. 

Warum miissen sich denn von Epoche zu Epoche Religion, Wissen- 
schaft und soziales Zusammenleben andern? Einfach deshalb, weil sich 
die menschliche Natur andert. Wir lernen nicht umsonst, dafi die 
menschliche Natur aus verschiedenen Gliedern besteht. Zu einem blofi 
theoretischen Aufzahlen lernen wir nicht, daft der Mensch besteht aus 
physischem Leib, Lebensleib und Astralleib mit Empfindungs-, Ver- 
standes- und Bewufkseinsseele, damit da ein paar Leute etwas zu tun 
haben und sich diese Einteilungen aneignen konnen. Wir lernen diese 
Einteilungen, weil sie eine durchgreifende Bedeutung haben fur das 
menschliche Leben. Und ahnen konnen Sie diese durchgreifende Be- 
deutung, wenn Sie zuriickdenken, wie zum Beispiel in derjenigen Kul- 
tur, welche die agyptisch-chaldaische war, es vorzugsweise ankam auf 
die Empfindungsseele. Da wirkten die hoheren Wesenheiten vor allem 
auf diese. Und in der griechisch-lateinischen Zeit, in der Zeit, in welche 
die Entstehung des Christentums fallt, wirkte alles dasjenige, was von 
den gottlich-geistigen Hohen hereinwirkte in die Menschheit, auf die 
Verstandesseele. Und heute wirkt das auf die Bewufitseinsseele. Wir 
verstehen gar nichts von den Beziehungen des Menschen zu den grofien 
Kraften der Welt, wenn wir nicht wissen, wie diese Menschennatur 
gegliedert ist. Was bereiten wir denn vor, indem wir uns heute der 
geisteswissenschaftlichen Einsicht hingeben? In unserer Zeit ist es be- 
sonders die Bewufitseinsseele, welche kultiviert wird. Alles aufiere Den- 
ken und Wissen, alles nutzliche Denken, dieses Denken nach dem 
Nutzlichkeitsprinzip, beruht in gewisser Beziehung auf der Ausbildung 
der Bewulkseinsseele. Aber in diese drangt sich schon etwas wie ein 



eigenes Licht des Geistselbstes hinein. Nun ist das Merkwiirdige, dafi 
wir in unserer Zeit zwei nebeneinanderlaufende Stromungen haben, 
eine, die hinuntersaust in den Verfall, und eine solche, die aufsteigt 
zu kiinftiger Bliite. Diejenige, die hinuntersaust in den Verfall, ist 
noch nicht angekommen in dem Verfall. Sie ist es zugleich, aus der 
herauswachsen die grofien Entdeckungen, die noch eine ungeheure 
Zukunft haben. Auch das hat seine segensreichen Wirkungen. Gewifi, 
noch lange wird die Menschheit Segen haben von dem, was doch dem 
Verfall entgegengeht. Aber die Art des Denkens, welche Luftballone 
erfindet, ist die des Verfallsdenkens. Und dasjenige Denken, das sich 
befaftt mit der Menschheitsgliederung, ist das Denken der Menschheits- 
zukunft. 

Aber einen gemeinsamenUbergang zeigen diese zwei doch. Das kon- 
nen wir auf alien Gebieten sehen. Ich mochte Ihnen jetzt zuallererst ein 
recht praktisches Beispiel anfiihren: das Gebiet des Geldverkehrs. Das 
hat sich im 19. Jahrhundert ganz betrachtlich geandert. Da ist ein 
ungeheurer Umschwung geschehen. Wenn Sie verfolgen die unmittel- 
bar vorhergehende Zeit vor dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, 
so war das in bezug auf alle Geldspekulation an der Individuality, an 
der Personlichkeit haftend. Die rein finanziell-spekulative Genialitat 
der Rothschilds war es, die das Geld iiberall hineingefiihrt und wieder 
zuruckgefiihrt hat nach und von den Geldzentren. Und wenn wir die 
Geschichte der grofien Bankhauser verfolgen, so haben wir damals 
iiberall Musterbilder, wie der Geldverkehr ganz aus der Art des Men- 
schen heraus vor sich ging, die auf der Bewufkseinsseele, auf dem ein- 
zelnen Menschen fufke. Das ist anders geworden. Nur redet man noch 
nicht viel dariiber, weil das erst im Anfange ist. Heute herrscht nicht 
mehr ausschlieftlich die Bewufitseinsseele im Geldverkehr, heute 
herrscht etwas von einer Art Zusammenfassung: das Aktienkapital, die 
Gesellschaft, die Assoziation, dasjenige, was uberpersonlich ist. 

Versuchen Sie einmal zu verfolgen, was sich heute erst im Anfange 
zeigt, und was immer mehr kommen wird. Es ist heute fast gleich- 
giiltig, wer als Personlichkeit da oder dort steht. Was die Menschen 
hineingearbeitet haben in die Geldzirkulation, das arbeitet schon per- 
sonlichkeitslos, das arbeitet schon von selber. Da haben Sie in einer 



herabsteigenden Stromung das Ubergreifen von der Bewufkseinsseele 
nach dem Geistselbst. 

Hier haben wir es in der Verfallsstromung; und wir haben es in der 
Stromung des aufsteigenden Lebens da, wo wir dasjenige suchen, was 
die einzelne tiichtige Personlichkeit geleistet hat, wo wir suchen, durch 
Inspiration die Hilfe jener Machte zu erringen, die aus der geistigen 
Welt uns die Inspirationen wieder geben werden. Auch da gehen wir 
hinauf von dem Personlichen zu dem Oberpersonlichen. So gibt es so- 
wohl in bezug auf die Verfalls- wie auch in bezug auf die aufsteigenden 
Stromungen fur die Zeitalter gemeinsame Charakteristiken. Besonders 
rau£ man sich aber hiiten, in irgendeinem Zeitalter darauf Rucksicht 
zu nehmen, was in dem Zeitalter gerade als Autoritat auftritt. Solange 
man nicht spirituelle Einsicht hat, wird man da sehr fehlgehen konnen. 

Das ist insbesondere auf einem Gebiete der Menschheitskultur der 
Fall, auf dem Gebiete der materialistischen Medizin, wo wir sehen, wie 
eben das mafigebend ist, was die Autoritat in der Hand hat und immer 
mehr und mehr darauf Anspruch macht, wo das auf etwas hinauslaufen 
will, was viel, viel furchtbarer, schrecklicher ist als jemals irgendeine 
Autoritatsherrschaft des so viel angeklagten Mittelalters. Wir stehen 
schon heute darinnen, und das wird noch immer starker und starker 
werden. Wenn die Leute so furchtbar spotten iiber die Gespenster des 
mittelalterlichen Aberglaubens, dann mochte man wohl sagen: Ja, hat 
sich denn in bezug darauf etwas besonders geandert? Ist denn diese 
Gespensterfurcht etwa abgekommen? Fiirchten die Leute nicht heute 
viel mehr Gespenster als dazumal? - Es ist viel schrecklicher, als man 
allgemein meint, was da vorgeht in der menschlichen Seele, wenn ihr 
vorgerechnet wird: Da auf der Handflache sind 60000 Bazillenherde. 
In Amerika ist ausgerechnet worden, wie viele solcher Bazillen in 
einem einzigen mannlichen Schnurrbart sind. Miifke man sich also 
nicht doch entschliefSen zu sagen: Diese mittelalterlichen Gespenster 
waren wenigstens anstandige Gespenster, aber die heutigen Bazillen- 
gespenster sind zu knirpshaft, zu unanstandige Gespenster, als daft sie 
die Furcht begriinden sollten, die zudem erst im Anfange ist, und die 
da macht, daft die Menschen gerade hier, auf gesundheitlichem Gebiet, 
in einen Autoritatsglauben geraten werden, der furchtbar ist. 



Da miissen wir sagen, wir sehen uberall den Charakter der Ober- 
gangsepoche. Man mufi nur die Erscheinungen in der richtigen Weise 
anschauen, uberall sehen wir diesen Charakter. 

Nun fragen wir uns: Was sagen uns iiber die weitere Entwickeiung 
auf diesen drei hauptsachlichsten Lebensgebieten die Sterne, die Lehren 
und Offenbarungen der Theosophie? Wie mufi es in der Zukunft wer- 
den und wie miissen wir arbeiten, damit in die Bewufkseinsseele das 
schopferische, fruchtbare Geistselbst im spirituellen Sinne in der rech- 
ten Art hiniibergeleitet werden kann? Da sagen uns iiber diese zu- 
kiinftige Gestalt die prophetischen Sterne, das heifit die Lehren der 
Geisteswissenschaft, etwa das Folgende: Religion ist nach der ganzen 
Art und Weise, wie man versucht hat, Religion in die Menschheits- 
stromungen hineinzubringen, in den verflossenen Jahrhunderten eine 
Verquickung von zwei Dingen, von denen das eine im strengen Sinne 
des Wortes nicht eigentlich Religion genannt werden darf ; das andere 
ist Religion. 

Was ist denn in Wirklichkeit Religion? Das ist doch etwas, was wir 
charakterisieren miissen als eine Stimmung der Menschenseele: die 
Stimmung fur das Geistige, fur das Unendliche. Im Grunde konnen 
wir sie gut charakterisieren, wenn wir anfangen bei dem Einmaleins 
dieser Stimmungen, die dann nur bis zum Hochsten hinauf gesteigert 
werden miissen. Wenn wir iiber die Wiese gehen und eine offene Seele 
haben fur das, was da grunt und blunt, so werden wir etwas Freudiges 
empfinden fur die Herrlichkeiten, die sich offenbaren durch die Blu- 
men und Graser, durch dasjenige, was sich in der Landschaft Spiegel t, 
was in der Tauperle glanzt. Wenn wir eine solche Stimmung auf- 
bringen, wenn dabei unser Herz aufgeht, dann ist das noch nicht Reli- 
gion. Das kann erst dann Religion werden, wenn sich dieses Gefiihl 
steigert fur das Unendliche, das hinter dem Endlichen ist, fiir das Gei- 
stige, das hinter dem Sinnlichen ist. Wenn unsere Seele so fiihlt, daft sie 
die Gemeinschaft mit dem Geistigen empfindet, dann entspricht diese 
Stimmung demjenigen, was in der Religion lebt. Je mehr wir in uns 
diese Stimmung fiir das Ewige steigern konnen, desto mehr fordern wir 
die Religion in uns oder anderen Menschen. 

Nun aber hat es die notwendige Entwickeiung der Zeit dahin ge- 



bracht, dafi dasjenige, was so im Grunde genommen Impulse sein sollen, 
die das menschliche Empfinden und Fiihlen von dem Verganglichen 
auf das Unvergangliche hinlenken, verquickt worden ist mit gewissen 
Ideen und Anschauungen, wie es in dem Reiche des Obersinnlichen 
ausschaut, wie es da darinnen beschaffen ist. Dadurch aber ist Religion 
in gewissem Sinne verkniipft worden mit dem, was eigentlich Geistes- 
wissenschaft ist, mit dem, was eigentlich als Wissenschaft angesehen 
werden mufi. Und wir sehen heute, wie in diesem Kirchenglauben dann 
Religion in dieser oder jener Form nur aufrechtzuerhalten ist, wenn 
gleichzeitig ganz bestimmte Lehrsatze aufrechterhalten bleiben. Da- 
durch wird aber das erzeugt, was man nennen kann das starre dogmati- 
sche Festhalten an gewissen Vorstellungen iiber die geistige Welt. 
Derartige Vorstellungen miifiten natiirlich fortschreiten, weil der 
menschliche Geist fortschreitet. Ober ein solches Fortschreiten sollte 
sich das eigentlich richtige religiose Gefiihl am meisten freuen, weil 
dieses Fortschreiten die Herrlichkeiten der gottlich-geistigen Welt um 
so grofier, bedeutungsvoller zeigt. 

Wahres religioses Gefiihl wiirde nicht Giordano Bruno dem Scheiter- 
haufen iiberliefert haben, sondern es wiirde gesagt haben: Oh, es ist 
Gott grofi, dafi er Menschen dieser Art auf die Erde herunterschickt 
und durch sie solche Dinge offenbart. - Damit ware neben dem reli- 
giosen notwendigerweise das Gebiet des wissenschaftlichen Forschens 
anerkannt worden, das sich sowohl auf die aufiere Welt wie auf die 
geistige Welt erstreckt. Das mufi fortschreiten, das mufi von Epoche 
zu Epoche dem Menschengeist, der fortschreitet, angepafit sein. In 
bezug auf dieses wissenschaftlicheForschen trat ein grofierUmschwung 
ein, als das 16. Jahrhundert herankam. Vor dem Zeitalter des Koperni- 
kus, Kepler und Galilei schaute es auf den Lehranstalten und Universi- 
taten ganz sonderbar aus. Aristoteles ist gewifi ein grofier Weiser, aber 
was er getan hat, war das Grofite fiir seine Zeit. Was das Mittelalter mit 
ihm gemacht hat, war ein sehr starkes Verkennen seines Geistes, und 
am Schlufi hat man es gar nicht mehr verstanden, keine Ahnung mehr 
gehabt fiir das, was er gemeint hat. Dennoch hat man immer nach ihm 
gelehrt. 

Damit Sie sehen, wie sich das Wissen von Epoche zu Epoche nach 



dem Fortschreiten des Menschengeistes andern mufi, damit nicht Mifi- 
verstandnisse entstehen, will ich auf ein mit Aristoteles zusammen- 
hangendes Geschehnis naher eingehen. Aristoteles wirkte aus einer Zeit 
heraus, in der man noch ein Bewufitsein davon hatte, dafi auch ein 
Atherleib in der menschlichen Natur vorhanden ist, nicht nur Blut, 
Nervenstrange und so weiter. Wenn man nun den Atherleib etwa auf- 
zeichnen wiirde, so wiirde man eine ganz andere Zeichnung bekom- 
men, als wie die heutigen Anatomen diesen Menschen finden und ihn 
aufzeichnen. Wie man ihn heute aufzeichnet, darauf hat man in der 
Zeit, in der Aristoteles geschaffen hat, keinen grofien Wert gelegt, 
denn man kannte noch den atherischen Menschen. Wollte man den auf- 
zeichnen, da miiftte man ein Zentrum hier sehen, wo das Herz ist, und 
Strahlen zeichnen, die von da ausgehen, wichtige Strahlen, die aber 
dann zum Gehirn gehen und zu tun haben mit der ganzen Art und 
Weise, wie der Mensch denkt. Das Denken wird reguliert, wenn wir 
auf den Atherleib sehen, von einem Mittelpunkt aus, der in der Nahe 
des physischen Herzens ist. Und das hat Aristoteles dargestellt, um das 
Eigentiimliche des Denkens zu veranschaulichen. Spater verstand man 
nicht mehr, was Aristoteles wollte, und man fing an bei dem Worte, 
das unserem Worte «Nerv» entspricht, das, was im Organismus das 
Mafigebende fur den Organismus des Denkens ist, zu verwechseln mit 
dem materiellen Nerv. Man glaubte, daft Aristoteles die physischen 
Nervenstrange meinte mit dem, was er als die atherischen Stromungen 
beschrieb. Beim Ubergang in die materialistische Zeit verstand man 
nicht mehr den Aristoteles. So konnen Sie sehen, daft man etwas ganz 
Falsches lernte. Man sagte, die Hauptnerven gehen vom Herzen aus. 
Nun kam die wissenschaftliche materialistische Forschung, wie Koper- 
nikus, Galilei sie inaugurierten, und da kamen die Menschen darauf, 
dafi dieNerven vom Gehirn ausgingen, namlich die physischen Strange. 
Und da fingen sie an zu sagen: Aristoteles hat unrecht. So waren Geg- 
ner des Aristoteles Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno. Die 
mittelalterlichen Aristoteliker hielten nicht etwa an der Lehre des 
Aristoteles fest, sondern an dem, was sie sich traumten von Aristoteles. 
So konnte es kommen, dafi, als Galilei einem Freunde, der Aristoteliker 
war, an einer Leiche zeigte, wie die Nerven nach dem Gehirn verlauf en, 



dieser Freund doch lieber dem Aristoteles als seinem eigenen Schauen 
vertraute. Er glaubte an das, was er sich einbildete von der Lehre des 
Aristoteles. Wir sehen also, wie dazumal iibergeleitet wurde der Strom 
der spirituellen Wissenschaft bei Aristoteles, der Wissenschaft vom 
atherischen Leibe, in die materielle Wissenschaft, deren Verdienste 
nicht geleugnet werden sollen, die zum Segen und Heile der Menschheit 
gewirkt hat und noch wirkt. Jetzt aber sind wir in einer Zeit, wo wir 
herauf miissen ins Spirituelle. 

Wir stehen unmittelbar vor einer Zeit, wo die Wissenschaft wieder- 
um wird verstehen lernen miissen das eigentlich Geistige, wo die Wis- 
senschaft das wird werden miissen, was man im Okkultismus Pneuma- 
tologie nennt, das heifit Geistlehre. Was war die Wissenschaft im ver- 
flossenen Jahrhundert? Die Lehre von abstrakten Ideen und Natur- 
gesetzen, die keinen Zusammenhang mehr mit dem wirklichen geistigen 
Leben hatte. Die Wissenschaft steht vor dem Punkte, wo sie Pneuma- 
tologie werden mufi, wo sie zum Geiste zuriickkehren mufi. Das steht 
in den Sternen der Theosophie geschrieben. Und da Religion immer die 
Stimmung bringen raufi fur das Geistige, so konnen eigentlich im 
Grunde genommen nur in denjenigen Zeitaltern Wissenschaft und 
Religion in Einklang arbeiten, wo die Wissenschaft in der Pneumatolo- 
gie den Geist hineinarbeitet. Da kann die Wissenschaft die richtige 
Erklarerin des geistigen Lebens sein und die Stimmung unterstiitzen, 
die wiederum in der Religion leben sollte. 

Was beginnt, steht so in vollem Gegensatz zu dem, was abgelaufen 
ist. Nehmen wir zum Beispiel das, was abgelaufen ist in den verschie- 
denen evangelischen Religionsbekenntnissen: Wie hat man sich be- 
miiht, ja nichts von wissenschaftlichem Denken hereinzulassen in das 
Gebiet, das dem Glauben gewidmet sein soil. Man denke an Luther 
und an Kant. Kant sagt, er miisse das Wissen aufheben, damit er fur 
den Glauben an Freiheit, Unsterblichkeit und Gott freie Bahn habe. 

Da war die Wissenschaft auf das auftere, sinnlich Physische gerich- 
tet, da kannte sie kein Interpretieren eines Obersinnlichen, Geistigen. 
Daher muftte man moglichst unverfalscht bewahren, was iiberliefert 
war an heiligen Urkunden. Das hatte seine gute Berechtigung. Jetzt 
stehen wir vor einem anderen Zeitalter, wo uns Theosophie hineinleitet 



in die geistige Welt, und jetzt werden wir sehen, wie nach und nach 
eine Zeit herannaht, wo dasjenige, was sich herausbildet, erreicht wer- 
den soli dadurch, daft gerade durch Theosophie Wissenschaft unter- 
stiitzt und erleuchtet wird. Religion und Wissenschaft werden wieder- 
um zusammenarbeiten im nachsten Zeitalter. Wissenschaft wird etwas 
werden, was fur alle Menschen nach und nach gel ten mufi. Fur jeden 
Menschen wird es verstandlich werden. Daher wird dasjenige, was sich 
anbahnt als paralleler Verlauf von Religion und Wissenschaft, im um- 
fassendsten Sinn erzeugen, was man nennen konnte Individualismus in 
der Religion: Jedes einzelne Herz wird seinen Weg auf individuelle 
religiose Art in die geistige Welt hinein finden. Das ist unserem Zeit- 
alter vorgezeichnet, daft in individuellster, personlichster Art dasjenige, 
was gemeinsame Wissenschaft im Geistigen sein kann, als Erklarer, als 
Fiihrer auf religiosem Gebiet dienen wird. 

Wiederum zeigt sich auf merkwiirdige Weise, wie auch hier im Ver- 
fall das personliche Moment auf etwas Oberpersonliches hinweist. 
Auch die Verfallserscheinungen zeigen das. Und wie zeigt sich dieses 
Hinweisen auf ein Oberpersonliches in gewissen kirchlichen Verhalt- 
nissen? Was war es denn im Grunde, als man in einer gewissen Kirche 
durch diejenigen, die ihre Hiker sind, appellierte an die Inspiration? 
[. . . Liicke] Die Dinge miissen durchaus in bezug auf ihren spirituellen 
Charakter gesehen werden. Manches, was heute insbesondere auf dem 
Gebiete des religiosen Lebens der verschiedenen Konf essionen sich zeigt, 
deutet auf dieses Hereinleuchten des Geistselbst in das, was wir Bewuftt- 
seinsseele nennen, im aufsteigenden wie im absteigenden Sinne. 

Insbesondere zeigt sich das im dritten der drei Gebiete des mensch- 
lichen Geisteslebens. Da wird sich eine Erkenntnis verbreiten, eine 
Erkenntnis, von der die heutige Lebenspraxis eigentlich noch gar keine 
Ahnung hat. Ein Grundsatz dieser Erkenntnis wird sein, daft das Gluck 
eines einzelnen Menschen niemals wird erkauft werden konnen auf 
Kosten des minderen Gliickes der anderen. Es wird in der Zukunft das 
personliche Moment ubergeleitet werden in das iiberpersonliche, und 
das egoistische in das uberegoistische, in dasjenige, was die Menschen 
verbindet. Nach und nach wird ein Mensch nicht glucklich sein wollen, 
ohne daft er die anderen in dem gleichen Mafte glucklich weift. Diese 



Stimmung, von der heute das Gegenteil Lebenspraxis ist, bereitet sich 
vor. Es gibt nur eine Moglichkeit, diese Stimmung zu erzeugen, und das 
ist die Erkenntnis des wirklichen menschlichen Wesenskernes und seiner 
Zusammensetzung, wie die Geisteswissenschaft sie uns gibt. Man mufi 
den Menschen kennen, wenn man Mensch sein will. 

Diese drei Dinge sehen wir im Ausgangspunkt ihrer Entwickelung. 
Was soil Geisteswissenschaft? Sie soil uns verstehen lehren alles, was 
kommen mufi. Nun will ich radikal sagen, wie sich die Menschen dazu 
stellen konnen. Ich will eine Weile hypothetisch annehmen, dafi das- 
jenige, was heute Theosophie ist und noch eine ganz kleine Stromung 
darstellt, von denjenigen, die damit in Beriihrung kommen, als eine 
Phantasterei und Traumerei angesehen wiirde, und dafi sie nieder- 
gedriickt wiirde. Es wurden diejenigen, die auf dem Standpunkt der 
Antisophie stehen, einfach unmoglich machen das Gedeihen der Theo- 
sophie, denn die Wissenschaft steuert der Antisophie zu. Dann wiirde 
man kein Verstandnis gewinnen konnen fiir dasjenige, was Ihnen ge- 
schildert worden ist als die notwendige, in den Sternen geschriebene 
Entwickelung von Wissenschaft, Religion und menschlicher Lebens- 
praxis. Dann wurden die Menschen sich ausschliefien von dem Ver- 
standnis dieser Dinge. In welchem Falle waren dann die Menschen? 
Die Menschen waren dann auf der Erde wie eine Herde irgendeiner 
Tierart, welche in ganz fremde klimatische Verhaltnisse geraten ware, 
in die sie sich nicht hineinversetzen kann. Die Folge davon ware, dafi 
die Tiere verkiimmern, nach und nach zugrunde gehen. So wurden die 
Menschen alle dem Verfall, der Dekadenz, dem friihzeitigen Untergang 
anheimfallen. Nicht durch Aussterben etwa. Sie wurden vertieren, was 
viel schlimmer ware als das Aussterben, so dafi nur die niedrigen Lei- 
denschaften und Triebe und Begierden wirklich noch leben wurden; 
dalS die Menschen nur verlangen wurden, dies oder jenes zu essen, und 
all ihr Denken wurden die Menschen verwenden, um eben dieses Essen 
herstellen zu konnen. Sie wurden Fabriken bauen, um das beste Mehl, 
das beste Brot herzustellen, Schiffe und Luftballone, um von den fern- 
sten Gegenden her die Friichte zu bringen und diejenigen Produkte zu 
liefern, die sie geniefien wollen. Sie wurden ungeheuren Scharfsinn ver- 
wenden fiir das «Steigen der Kultur» - das wurden sie namlich Kultur 



nennen. Unendliche Intelligenz, Geisteskraft wiirden sie dazu verwen- 
den, aber doch nur, urn zuletzt den Tisch zu decken. Man soli das nur 
iiberdenken von diesem Gesichtspunkt aus, was die Phrase von der 
steigenden Kultur bedeutet! 1st nicht das das Wesentliche davon, dafi 
unendliche Geisteskraft darauf verwendet wird? Wenn wir sie nur 
dazu verwenden, um zu telegraphieren: Ich brauche so und so viele 
Mehlsacke -, dann ist grofie Geisteskraft darauf verwendet, um irgend 
etwas herzustellen, was zuletzt doch nur dem dient, was man das Tier 
im Menschen nennen kann. Spiritualitat und Intelligenz sind zwei total 
verschiedene Dinge. Das materialistische Zeitalter fiihrt zu einem 
Hohepunkt der Intelligenz und intelligenter Kultur. Das hat aber 
nichts zu tun mit Spiritualitat. Nehmen wir an, die Menschen wiirden 
so ausgeschaltet sein. Was wiirden die Gotter tun mussen? Sie wiirden 
sich sagen: Nun haben wir ein Geschlecht gehabt, das nicht verstanden 
hat, was Erdenmission ist. Da mussen wir ein anderes Geschlecht hin- 
untersenden, ein Geschlecht von Seelen, die dann die Erdenmission 
zustande bringen werden. 

Kleine Kreise werden aber schon Verstandnis finden fur dasjenige, 
was spirituelles Leben der Zukunft sein mufi, und daher wird die 
Erdenmission durch die Menschen zu Ende gefiihrt werden, und das- 
jenige, was unsere fiinfte nachatlantische, der Bewulkseinsseele ge- 
widmete Kultur, als sechste ablosen wird, das wird schon von einem 
kleinen Kreise von Menschen, die sich verteilen werden in die ganze 
iibrige Menschheit, geleistet. Aber das kann nur dann geleistet werden, 
wenn doch der freie Wille der Menschen eingreift. Denn nachdem ein- 
mal das Ich eingeschlagen hat in die Menschennatur, mufi der Mensch 
auch den freien Willen fur die Entfaltung des Ich entwickeln. Also das 
hangt ab von jedem Einzelnen, ob er Verstandnis entgegenbringen will 
dem Spirituellwerden, oder ob er dem Abstieg, den heute die Mensch- 
heit nimmt, zusteuern will. 

Lebenspraxis mufi entwickelt werden in bezug auf ein Erreichen des 
Grundsatzes, dafi das Gliick des Einzelnen nicht auf Kosten des Gliickes 
des anderen erlangt werden kann. Will es der Mensch nicht verstehen, 
so fordert er die abwartsgehende, verdorrende, vertierende Entwicke- 
lung der Menschheit. Heute stehen wir in gewisser Beziehung als Men- 



schen vor diesem Entschlufi: Geisteswissenschaft zu wollen oder nicht 
zu wollen, und das heifk, entweder den Aufgang oder den Niedergang 
der Menschheit zu wollen. Das sollen wir bei allem fiihlen, was wir 
treiben im einzelnen, sollen fiihlen, daft wir durch unser Karma hin- 
gestellt worden sind wie ein neues Material in die Entwickelung der 
Menschheit, wie diejenigen, die hergeben sollen ihre Krafte als elemen- 
tare Krafte, die sich hinaufarbeiten miissen. 

Wenn wir so fiihlen, wird schon in uns Theosophie praktisches 
Empfinden, praktisches Fiihlen, und es legt sich in unser Herz das 
Bewufttsein dessen, was wir eigentlich tun, wenn wir die scheinbar 
unbedeutende Tatigkeit entwickeln, welche wir in solchen anthropo- 
sophischen Zweigen entwickeln. Nicht wie eine Liebhaberei, eine 
Schrulle einzelner, sondern wie das Verstandnis fur die tiefsten Bediirf- 
nisse eines neu aufgehenden Zeitalters. 

Zeigen wollte ich Ihnen, wie die Dinge ineinandergreifen, damit wir 
den Fortgang der Menschheit wirklich verstehen konnen. Denken Sie 
einmal nach iiber den Satz, daft der Mensch ein selbstbewufttes Wesen 
ist, daft er also wissen mufi, was er ist, und nur dadurch, daft er sich 
kennt in seiner Wesenheit, seine Bestimmung in der Welt ausfiillen 
kann; daft also alle diejenigen, die nichts wissen wollen iiber das Wesen 
des Menschen, nicht den Willen haben, sich in die Welt in der rechten 
Art hineinzustellen. Erinnern Sie sich, wie ein Geist gesprochen hat, der 
vieles von dem geahnt hat, was als Theosophie heute aufgeht. Johann 
Gottlieb Ficbte hat einmal gesprochen von seinen hohen Ideen in den 
Vorlesungen «t)ber die Bestimmung des Gelehrten». Als er eine Vor- 
rede zu diesen Vorlesungen schreiben wollte, fiel ihm ein, jetzt wird 
das hinausgehen zu den Menschen, die aber doch nur sagen werden: 
Ja, recht schone Ideen, aber unpraktisch. Wie kann man einfuhren ins 
Leben dasjenige, was da gesagt wird? - Doch Fichte war sich durchaus 
dessen bewuftt, daft das Leben fortwahrend von Ideen geleitet wird. 

Es sei hier auf ein Beispiel hingewiesen. Wer hat den Simplontunnel 
gebaut? Kein Ingenieur kann heute arbeiten ohne Differential- und 
Integralrechnung. Leibniz, der die Differential- und Integralrechnung 
erfunden hat, baut im Grunde alle Tunnels und Briicken in unserer 
Zeit. Das Geistige ist uberall das Leitende in allem im Leben, und wir 



konnen lernen aus dem, was Fichte geschrieben hat, lernen, uns zu 
kraftigen in unserem theosophischen Bewufksein, wenn die Leute 
sagen: Ach, das sind so verschrobene Ideen, nichts Praktisches. - Fichte 
sagt dazu: Dafi Ideen nicht sich so unmittelbar ins Leben umsetzen 
lassen, das wissen wir anderen auch, ebenso wie diejenigen, die uns das 
entgegenhalten. Vielleicht wissen wir das sogar besser. Dafi aber des- 
halb die anderen iiberhaupt nichts wissen wollen von Ideen, das beweist 
blofi, daft die weise Weltenlenkung, die gottliche Weltregierung nicht 
wird auf sie zahlen konnen. Moge ihnen daher eine giitige Natur, an 
die sie glauben, zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, eine gute 
Verdauung und, wenn moglich, auch einige gute Gedanken verleihen. - 
In gewisser Beziehung konnen wir uns kraftigen, indem wir uns 
sagen: wir wissen doch, daft wir pflegen miissen als Theosophen das 
Verstandnis fur das, was da kommen mu!5. Moge den anderen eine 
giitige Natur das geben, was Fichte sagte, dasjenige aber auch, was sie 
im Geiste brauchen, dasjenige, wovon sie glauben, daft sie es nicht 
brauchen. Moge ihnen der Geist immer kliigere und klugere Gedanken 
geben, so daft auch sie Geisteswissenschaft nicht als eine Traumerei 
ansehen, sondern als wichtigen Impuls fur die Menschheit erkennen 
werden! 



AUS WIRKUNG MORALISCHER EIGENSCHAFTEN 

AUF DAS KARMA 

Wiesbaden, 7.Januar 1911 

Es ist im Laufe der geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, die uns ja 
oftmals in ganz besondere Hbhen des Daseins fuhren, vielleicht auch 
manchmal gut, von unseren geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten 
aus einige Blicke zu werfen auf das alltagliche Leben, auf das Leben, 
das uns fortwahrend umgibt. Denn wenn man dabei einigen guten 
Willen und richtigen Blick mitbringt, so kann man gerade von einer 
Anwendung der Geisteswissenschaft auf das alltagliche Leben die 
wichtigsten Einblicke tun in die Wahrheit und in die Beweiskraft des- 
sen, was eben auf diesem Felde gesucht wird. 

Unter den bedeutsamsten Lehren, die uns auf geisteswissenschaft- 
lichem Felde entgegenkommen, ist zweifellos diejenige von der Ver- 
ursachung des spateren Erdenlebens durch das vorhergehende, das, was 
wir Karma nennen. Nun denkt gewifi der Theosoph in den meisten 
Fallen, wo von Karma die Rede ist, an die Ursachen, die fur ein Leben 
in den vorhergehenden Lebenslaufen liegen. Da kann dann leicht von 
den Leuten, die dem geisteswissenschaftlichen Streben noch ganz feme 
stehen, der Einwand erhoben werden: Wie sollen solche Dinge bewiesen 
werden? - Naturlich wissen wir, wie unmoglich, wie kindlich im 
Grunde genommen ein solcher Einwand ist. Wenn sich der Mensch 
namlich die Miihe nimmt, tiefer einzudringen in das, was durch die 
Geisteswissenschaft gegeben wird, so merkt er, wie wohl begrundet 
alles ist, was iiber das Karma gesagt werden kann. Aber es ist immerhin 
auch gut, wenn man hinweist auf die Erfahrungen, Beobachtungen, die 
schon fur den Menschen zuganglich sind, der noch weit entf ernt ist von 
Hellsichtigkeit oder von theosophischen Beobachtungsmethoden sonst. 
Karma wirkt namlich nicht blofi, wenn wir es richtig verstehen, von 
einem Leben ins andere hiniiber, sondern durchaus schon in einem 
Leben, das wir durchmachen zwischen Geburt und Tod. Nur ist natur- 
lich das, was die Menschen gewdhnlich vom Leben beobachten, tat- 
sachlich eine so kurze Zeit des Menschenlebens, dafi sich da nicht viel 



ergeben kann vom Heriiberwirken friiherer Ursachen in spatere Wir- 
kungen. Oberblicken wir fiinf oder sechs Jahre, so kommt allerdings 
nicht viel heraus. Aber wenn wir langere Zeitraume auch zwischen 
Geburt und Tod betrachten, soweit das nur immer moglich ist, so kann 
sich uns schon vieles von Bewahrheitung des Karma ergeben. Das 
erweist sich auch an ganz aufieren Dingen. 

Ich mochte dies Einleitende nicht als etwas besonders Theosophi- 
sches vorbringen, sondern nur zeigen, dafi auch fur die allergewohn- 
lichsten Dinge schon grofiere Zeitraume notig sind, urn auf einen Zu- 
sammenhang von Ursache und Wirkung zu kommen. Fiir den, der es 
sich angelegen sein lafit, das Leben zu beobachten, darf ich wohl darauf 
hinweisen, dafi ich viel Gelegenheit gehabt habe, Kinder zu beobach- 
ten. Das ist jetzt lange her, dafi ich Kinder unterrichtet habe. Aber 
wenn man vier Buben einer Familie durch viele Jahre hindurch unter- 
richtet hat, so hat man nicht nur Gelegenheit, diese vier Kinder zu 
beobachten, sondern auch die Kinder der Bekannten und so weiter. 
Man hat immer viel Gelegenheit, das, was diese oder jene Kinder tun, 
oder was mit ihnen getan werden kann, zu registrieren. Nun war dazu- 
mal eine ganz besondere medizinische Note vorhanden, die ja jetzt, 
Gott sei Dank, stark im Schwinden ist: man hielt es fiir notig, den 
kleinen Knirpsen, wenn sie recht stark werden sollten, ein Glaschen 
Rotwein hinzustellen, nicht nur zu einer Mahlzeit, sondern zu mehreren 
sogar. Man hielt das fiir etwas ganz Vortreffliches. Ich konnte viele 
Kinder beobachten, die so mit Rotwein aufgezogen wurden, und 
andere Kinder, deren Eltern sich geweigert hatten, dieses mitzumachen. 
Heute sind diese Kinder, die damals zweieinhalb bis vier Jahre alt 
waren, Menschen, die iiber dreifiig oder gegen vierzig Jahre alt sind. 
An den Kleinen, die damals zu ihrer Starkung mit Rotwein traktiert 
wurden, ist zu beobachten, was fiir zapplige, nervose Menschen sie 
geworden sind. Sie unterscheiden sich sehr deutlich fiir den, der beob- 
achten will, von denen, die nicht Rotwein getrunken haben als Kind. 
Da kommt also schon fast ein Vierteljahrhundert in Betracht, um das 
beobachten zu konnen. 

So ist es insbesondere wichtig, fiir die moralischen, ethischen Eigen- 
schaften des Menschen in bezug auf karmische Auswirkungen langere 



Zeitraume ins Auge zu fassen. Heute mochte ich auf mehrere Eigen- 
schaften hinweisen, die man verfolgen kann, wie sie auf die Seele, auf 
das Gemiit einwirken und wie sich schon in einem Leben das Auswirken 
des Karma recht tatig zeigt. Ich mochte einige gute und einige bose 
Eigenschaften aufzahlen: Neid, Neidhaftigkeit, Lugenhaftigkeit, dann 
Wohlwollen und das, was wir so haufig finden bei jungeren Leuten, 
das Staunen, die Verwunderung, und ahnliche Dinge. Nehmen wir 
zuerst die schlechten Eigenschaften, Neid und Lugenhaftigkeit, 

Nehmen wir an, wir konnen im Kindesalter Neid, Neidhaftigkeit 
beobachten. Wir wissen aus geisteswissenschaftlichen Beobachtungen, 
dafi bei dem Menschen in den Gliedern seiner Wesenheit, die ihm ge- 
wohnlich nicht bewufit sind, im Astralleib und Atherleib tatig sind 
besondere Machte, im Astralleib die luziferischen Machte, im Ather- 
leib die ahrimanischen Machte, die Gegner der menschlichen Ent- 
wickelung sind. Alles, was mit dem Astralleib zu tun hat, wie Neid, 
kommt von den Versuchungen des Luzifer. Alles, was mit dem Ather- 
leib zu tun hat, wie Lugenhaftigkeit, sind Versuchungen des Ahriman. 
Bei einem neidischen Kinde ist der Astralleib von Luzifer in einer 
gewissen Weise erfafit, da haben die luziferischen Wesenheiten ihre 
Angriffspunkte. Fur Neid und Luge gilt etwas sehr Bezeichnendes: 
Von den primitivsten Menschen an bis zu den entwickeltsten Fiihrern 
der Menschheit gelten Neid und Lugenhaftigkeit fur sehr verwerfliche 
Eigenschaften. Sobald der Mensch einsieht, er sei neidisch oder liigen- 
haft, dann taucht in der Seele auf ein Empfinden von dem Verwerf- 
lichen dieser Eigenschaften. Man will sie sich mit aller Macht ab- 
gewohnen. Gerade Neid und Lugenhaftigkeit werden ganz instinktiv 
als verwerflich erscheinen. Goethe sagt, er musse sich vieler Fehler 
zeihen, aber Neid finde er nicht auf dem Boden seiner Seele. Dasselbe 
sagt Benvenuto Cellini von der Lugenhaftigkeit. - Merkt jemand: Ich 
bin ein neidischer Mensch, so arbeitet er ganz instinktiv daran, sich 
diese Eigenschaft abzugewohnen. Aber sie kann sehr tief sitzen, so 
tief, daft er wohl streben kann, sich den Neid abzugewohnen, aber er 
ist nicht stark genug, moralisch nicht stark genug. Da tritt etwas sehr 
Eigentiimliches ein. Neid ist eine luziferische Eigenschaft. Wenn der 
Mensch merkt, er hat Anlagen zum Neid und daran arbeitet, sich ihn 



abzugewohnen, so sagt sich Luzifer: Da ist Gefahr vorhanden, daft 
dieser Mensch mir entgeht. Luzifer und Ahriman sind dem Menschen 
gleich feindlich, aber untereinander sind sie gute Freunde. Da ruft 
Luzifer den Ahriman zu Hilfe, und der wandelt den Neid um in eine 
andere Eigenschaft. Der Neid erlebt eine Metamorphose, die so her- 
vortritt in der menschlichen Seele, da$ der Mensch, wahrend er friiher 
bei einem anderen Menschen das nicht wollte, jetzt zum Kritikaster 
wird, der alles mogliche aufsucht bei seinen Mitmenschen, um tadeln 
zu konnen. Diese Sucht, zu tadeln, ist nichts anderes als der um- 
gewandelte Neid. Ist dies der Fall, dann hat einen Ahriman in den 
Klauen. Dieser verwandelte Neid ist sehr weit verbreitet. Ware er nicht 
vorhanden in der Form der Kritikasterei und der Sucht, allerlei Obles 
iiber die Menschen zu sagen, so hatten manche Morgen- und Abend- 
schoppen, manche Kaffeegesellschaften gar keinen Stoff. 

Karmisch kommt eigentiimlicherweise dasselbe heraus, ob man den 
Neid urspriinglich oder in umgewandelter Form als Kritikasterei auf- 
tauchen lafk. Verfolgt man einen in der Jugend neidischen Menschen 
oder einen Kritikaster bis ins spatere Alter, so wird man sehen, dafi 
Menschen, die in der Jugend zerfressen waren von Neid, dazu kom- 
men, Unsicherheit im Alter zu haben. Sie gewinnen keinen festen 
Boden, konnen in kein Verhaltnis zu anderen Menschen kommen, kon- 
nen sich nicht selber raten, sind froh, wenn sie sagen konnen: Dies hat 
mir der oder jener geraten. Dies ist noch in demselben Leben eine kar- 
mische Folge des Neides oder des umgewandelten Neides. 

Lugenhaftigkeit ist eine Eigenschaft des Atherleibes und nihrt von 
Ahriman her. Wenn der Mensch in einem gewissen Alter gewohnheits- 
mafiig Lugenhaftigkeit an sich hat, oder wenn er durch schlechte Er- 
ziehung iiberhaupt viel liigt, so zeigt sich immer im spateren Lebens- 
alter eine gewisse Scheuheit, eine Unmoglichkeit, die Augen aufzu- 
schlagen vor den Leu ten. Gewisse sprichwortliche Regeln auf mora- 
lischem Gebiete treffen hier sehr gut das Rechte. Wenn man sagt: 
Dieser Mensch kann mir nicht in die Augen schauen -, so wirkt sich da 
Lugenhaftigkeit aus. Scheu und Unselbstandigkeit treten als seelische 
Eigenschaften in demselben Leben auf. Wenn man das Leben ebenso 
beobachten will, wie der Physiker den aufieren Verlauf der Welt be- 



trachtet, so kann man solche Sachen beobachten. Das Leben wird 
dadurch lichtvoll. 

Was aus einer solchen Eigenschaft folgt, bleibt in dem einen Leben 
seelisch; seelisch bleibt es. Nehmen wir an, wir verfolgen geisteswissen- 
schaftlich das eine Leben bis in das nachste hinuber. Was als karmische 
Wirkung seelisch in einem Leben auftrat, gewinnt eine grofiere Kraft 
in dem nachsten Leben. So konnen wir nachweisen, dafl die Unselb- 
standigkeit, die zunachst als seelische Wirkung von Neid in einem 
Leben auftritt und die Scheuheit als Wirkung von Lugenhaftigkeit, dafi 
diese organisierend beim Aufbau des Leibes im nachsten Leben werden. 
Da greifen sie in das Leibliche hinuber. 

Jemand, der in einem fruheren Leben viel Neid entwickelt hat, wird 
wiedergeboren als ein Mensch, der schon in der aufieren Leibesorgani- 
sation das hat, was ihn zum hilflosen Menschen macht. Wer liigenhaft 
war, tritt so wieder auf , dafi er kein rechtes Verhaltnis zur Umwelt hat. 
Er kann nicht geliebt werden von den Menschen seiner Umgebung, er 
fiihlt sich abgestofien von ihnen, die Liebe stellt sich schwer ein. 
Geisteswissenschaft ist als Lebenspraxis aufzufassen. Was jetzt gesagt 
ist, wird unmittelbar Lebenspraxis. 

Nehmen wir an, ein solches Kind wird in unserer Umgebung ge- 
boren. Merken wir an diesem Kinde, dafi es nicht in ein Verhaltnis zu 
uns kommen kann, dafi es sich scheu zuriickzieht, oder dafi dieses Kind 
schwach, blalS ist, so wird sich ein Theosoph sagen: Die Blasse, die 
Disposition zu allerhand Krankheiten mufi zuriickgefiihrt werden auf 
neidhafte Veranlagung in der vqrhergehenden Inkarnation, die Scheu 
auf Lugenhaftigkeit. Es ist nicht zufallig, daft dieses Kind gerade in 
unserem Kreis geboren ist, denn eine Individuality kann nur dahin 
versetzt werden, wo sie hingehort. Es wird gar nicht lange dauern, bis 
die Menschen das Karmagesetz als Selbstverstandlichkeit einsehen wer- 
den. Die Menschen werden hereingeboren in die Verhaltnisse, in die sie 
gehoren. Schwache und Hilflosigkeit sind die Folge fruheren Neides, 
und wir kommen mit diesem Kinde zusammen, weil es uns beneidet hat. 
Und mit seinem scheuen Wesen kommt es zu uns, weil wir es sind, die 
so oft angelogen wurden durch das Wesen in einer fruheren Inkarna- 
tion. Wie sollen wir uns nun verhalten in einem solchen Falle? Da 



braucht nicht lange nachgedacht zu werden, sondern wir sollen uns so 
verhalten, wie es am moralischsten, am sittlichsten ist auch im gewohn- 
lichen Leben, 

Ein Mensch, der uns beneidet oder in alien Dingen kritisiert, wird 
am besten behandelt, wenn wir ihm Wohlwollen, Liebe entgegen- 
bringen. Das ist das beste Verhalten. Das kann naturlich in unserer 
unnatiirlichen materialistischen Zeit nicht iiberall durchgefuhrt wer- 
den. Aber es ist das beste Verhalten gegeniiber einem Kinde, das mit 
diesen bestimmten Dispositionen in das Leben hineingeboren wird. Wir 
sagen uns nicht nur: Das Kind hat uns beneidet, hat uns angelogen in 
einer friiheren Inkarnation, sondern wir fassen den festen Entschluft, 
diesem Kinde besonders viel Wohlwollen entgegenzubringen. Tauchen 
wir das ein in ein warmes Gefiihl. Versuchen Sie, das zu beobachten, 
und Sie werden finden, daft bei einem solchen Kinde die Wangen sich 
roten konnen, daft es stark und kraftig werden kann. Es mufi nur ein 
solches Verhalten immer wiederholt werden. Ebenso ist es mit Liigen- 
haftigkeit. Einen Menschen, der uns alle Augenblicke anliigt, bekehren 
wir am besten, wenn wir alles tun, um ihm moglichst viel Empfinden 
davon beizubringen, was Wahrheitsliebe ist. Verhalten wir uns so 
einem scheuen Kinde gegeniiber, so werden wir finden, daft wir da alles 
tun, was der Vergrofterung des Konfliktes entgegenwirkt. 

So sehen wir, daft wir dem Leben in ungeheuer starkem Mafte dienen 
konnen. Das ist ein Beispiel, wie Geisteswissenschaft Lebenspraxis wer- 
den kann. Wir sollen bei so etwas nie aufter acht lassen, daft wir die 
Beweise fur Karma fortwahrend in den Handen haben konnen. Aber 
wir sollen auch nicht aufter acht lassen, besonders wenn wir solche 
Menschen zu erziehen haben, daft wir es in der Hand haben, zu be- 
weisen: Geisteswissenschaft ist uns in Fleisch und Blut iibergegangen. 

Wir konnen auch noch andere Eigenschaften im Lichte der Geistes- 
wissenschaft betrachten, zum Beispiel das Staunen, die Verwunderung. 
Aus einem schonen Instinkte heraus haben die alten griechischen Philo- 
sophen schon gesagt: Die Philosophic nimmt ihren Ausgangspunkt vom 
Staunen, von der Verwunderung. - Was ist dieses Staunen, diese Ver- 
wunderung? Es gibt ein solches Verhaltnis gegeniiber den Erscheinun- 
gen, die uns entgegentreten, daft wir in Verwunderung, in Staunen 



hineinkommen. Dann kommt manchmal anstelle des Staunens etwas 
anderes, in das sich nicht mehr Staunen und Verwunderung hinein- 
mischt. Das ist namlich dann der Fall, wenn wir anfangen, die betref- 
fenden Tatsachen zu verstehen. Wir wollen jetzt die Frage aufwerfen: 
Wie ist es eigentlich mit diesem Staunen, mit dieser Verwunderung? 
Wir treten einer Erscheinung gegenuber, sie ringt uns Verwunderung 
ab. Es kann kein Verhaltnis sein zum Verstande, zur Intelligenz, denn 
diese suchen Verstandnis, leben sich nicht in Verwunderung aus. Es ist 
ein viel unmittelbareres Verhaltnis. Das Verstandnis muft sich mit den 
einzelnen Teilen befassen; die Verwunderung tritt unmittelbar auf, der 
ganzen Sache gegenuber. Das kommt daher, daft beim Verstandnis das 
Ich zur Sache in Beziehung stent, beim Erstaunen aber steht der Astral- 
leib der Sache gegenuber. Der hat nicht das voile Bewufttsein, sondern 
eine Art von Unterbewufttsein. Wenn der Astralleib eine Beziehung 
hat zur Sache und diese Beziehung sich noch nicht heraufhebt zum Ich, 
so tritt Verwunderung ein. Dadurch, daft der Mensch erstaunen kann 
uber eine Sache, ist es moglich, eine unter der Schwelle des Bewufttseins 
liegende Verbindung mit dem Gegenstand einzugehen. Dies ist in vielen 
Fallen sehr wichtig, diese unterbewuftte Verbindung, wie es fiir die 
Philosophic nach der Auffassung der alten Griechen wichtig ist, daft 
erst Verwunderung da ist. 

Es ist gut fiir die Menschen, daft sie, bevor sie ihre Intelligenz auf 
eine Sache anwenden, erst ihren Astralleib uber die Sache ausbreiten. 
Dadurch wird eine Gefiihls- und Gemiitsbasis geschaffen, und in diese 
wird dann das Verstandnis eingetaucht. Das ist etwas ganz anderes, als 
wenn wir gleich mit dem Verstande abstrakt an die Sache herangehen. 
Das bewirkt, daft wir auf einer viel breiteren Basis des Verstandnisses 
arbeiten. Ein vollsaftigeres Verstandnis ist die Folge. Deshalb ist es so 
wichtig fiir den Erzieher, daft er erst das heilige Staunen entwickle 
gegenuber dem Kinde, gegenuber der einzelnen Individualitat, die wie 
aus dem Dunkel herauftaucht; wenn wir uns offenhalten das, was wir 
mit der Intelligenz gar nicht iiberschauen konnen: die Unendlichkeit 
einer Individualitat. Wir versetzen uns kiinstlich dieser Individualitat 
gegenuber in die Verwunderung. Sie wird schon kommen, denn es gibt 
reichlich Gelegenheit zur Verwunderung und zum Staunen einer jeden 



Individuality gegeniiber. Diese Gefiihle sind nicht verdorben durch 
unseren engeren Intellekt, sie sind manchmal viel sicherer, reicher, 
richtiger als das durch den engen Intellekt Erkannte. Die Grundlagen 
fur die auf das praktische Leben anwendbaren Erkenntnisse sind 
durch Staunen, durch das Gemiitsleben zu gewinnen. Etwas sehr Wich- 
tiges beruht hierauf : das Vertrauen, welches ein Mensch zum anderen 
Menschen hat. Wie oft kommt es vor im Leben, dafi ein Mensch zum 
anderen Vertrauen oder auch Mifitrauen hat - denn das Negative gilt 
wie das Positive -, bevor er dem Menschen erst in Begriffen, im All- 
tagsverstande entgegengetreten ist. Vertrauen und Mifttrauen treten 
manchmal ganz unmittelbar auf. Wieviele Menschen gibt es, die oft in 
eine Art Klage ausbrechen: Hatte ich doch meinem ersten Eindrucke 
getraut! Den wahren Eindruck, den ich vorher geahnt habe, habe ich 
mir verdorben. - Solche Menschen haben manchmal sehr recht. Aus 
dem Gemiitsleben sollte unser soziales Verhaltnis, unsere Beziehung 
zum Leben herauswachsen. Es gibt Menschen, die nicht viel Anlage 
dazu haben, dieses Unbestimmte, Ahnungsvolle an den Menschen zu 
empfinden. Es gibt Menschen, die stundenlang den Blick staunend zum 
Sternenhimmel richten konnen, ohne viel Astronomie zu verstehen, 
und es gibt andere, die wie ein Stock dem Sternenhimmel gegeniiber 
bleiben, bis sie Biicher in die Hand bekommen, durch die sie sich das 
alles zergliedern konnen. Das sind die Menschen, welche diese Gemuts- 
grundlage nicht haben konnen. Solche Menschen gehen auch wie 
Stocke oft an den Menschen vorbei, bis sie geniigend Zeit gehabt 
haben, sich den Menschen zu zergliedern. 

Das zeigt sich auch im Verhalten der Geisteswissenschaft gegeniiber. 
Zum Verstande kann man eigentlich nur in der allerersten Jugend 
sprechen. Spater ist es aus dem Grunde unmoglich, den Goethe angibt: 
Man konnte die Menschen nicht von der Unwahrheit ihrer Behauptung 
iiberzeugen, weil ihre Ansicht darauf beruhte, dafi sie eben das Un- 
wahre fiir wahr hielten. - Fuhlt jemand, in der Geisteswissenschaft liegt 
etwas, durch das mein ganzes Sehnen erfidllt wird, so findet er immer 
die logischen Belege, die iiberall gefunden werden konnen. Die Dinge 
liegen im Grunde ungemein klar, sie miissen nur im Lichte einer spiri- 
tuellen Weltanschauung gesehen werden. 



Nehmen wir an, ein Mensch tritt in der Jugend einem Alteren 
gegeniiber mit einer heiligen Scheu, von der er vielleicht gar nicht sagen 
kann, warum sie sich einstellt. Bemerken wir eine derartige breite Ge- 
miitsanlage bei einem Menschen, so finden wir, daft solche Menschen 
lange jung bleiben, uberhaupt jung bleiben, daft in ihnen ein junges 
Herz schlagt, auch wenn die Haare langst grau geworden sind. Sie 
behalten eine gewisse Beweglichkeit im Leben. Namentlich behalten 
sie das ganze Leben hindurch die Fahigkeit, rasch sich hineinzufinden 
in Situationen, geschickt zu sein in alien Verhaltnissen. Wer sich in der 
Jugend so dem Leben aufschlieftt, vor dem schlieftt sich in spateren 
Epochen das Leben immer mehr auf . Er ist immer mehr imstande, in 
die Dinge hineinzuschauen, erreicht auf leichtere Weise die Moglich- 
keit, das Geistige zu fiihlen hinter den Dingen; er wird immer spiri- 
tueller. Anders ein Mensch, der die Verstandesseite in der Jugend 
besonders entwickelt hat. Solche Menschen neigen sehr zu friihzeitiger 
Greisenhaftigkeit. Das ist nicht Schuld des Einzelnen, sondern das 
Karma der Gemeinschaft. Derjenige, der ein Verstandesmensch ist, 
sondert sich immer mehr von der Welt ab, sie wird ihm immer unver- 
standlicher. Daher das Kritisieren vieler Menschen iiber alles, was in 
ihrer Umgebung ist. In meiner Jugend - sagen sie - war alles schon, 
jetzt ist alles verdorben. - Dieses Murrische, dieses mit nichts Zufrie- 
densein, dieses Sich-Zuriickziehen, nur in den Kindheitserinnerungen 
leben, ist etwas, was zusammenhangt mit der Verstandeshaftigkeit der 
Seele in der Jugend. Daher konnen wir nicht genug tun, auf der breiten 
Basis des Gemiites, namentlich auf der Bildhaftigkeit die Erziehung 
aufzubauen. 

In unserer Zeit segelt die Menschheit im allgemeinen nach der ent- 
gegengesetzten Seite. Die Kinder werden zum Beispiel nicht angelogen 
durch das Storchenmarchen. Es ist da nur ein Bild gebraucht, das 
wahrer ist als das, was die heutigen Menschen den Kindern beibringen 
wollen, daft namlich das Kind nur von Vater und Mutter stammt. Das 
Storchenbild - oder irgendein anderes - weist darauf hin, daft im Kinde 
etwas ist, was aus Wolkenhohen herabkommt. Das Kind schaut da in 
Regionen, die jenseits der Trivialitat sind, und baut sich das auf, 
woraus kiinftig erst das herauswachsen soil, was spatere Wahrheit ist. 



Das Storchenbild fur etwas Unwahres zu halten, ist nur eine Phantasie- 
losigkeit, eine Ohnmacht, fur den Vorgang, der als Reinkarnation den 
Kindern nicht zu schildern ist, ein passendes Bild zu finden, diesen 
Vorgang in ein entsprechendes Bild zu kleiden. Aber - wird eingewen- 
det - die Kinder glauben heute nicht daran. - Das kommt daher, weil 
die Menschen, die den Kindern so etwas sagen, selbst nicht daran 
glauben. Sobald man selber nicht an das glaubt, was das Bild aus- 
driickt, konnen audi die Kinder nicht daran glauben. Ist es uns selber 
aber ein Bild fur das Reale, Wahre, das dahintersteht, wenn wir Phan- 
tasie genug haben, die Wahrheit umzusetzen in ein Bild, so werden die 
Kinder es auch glauben. Und es ist eigentlich schon, dem Kinde zu 
sagen: Da wird gegeben ein Teil vom Vater und ein Teil von der Mut- 
ter, ein Drittes aber tragen aus Himmelshohen andere Wesenheiten 
herunter, die in ihren Schwingen es tragen, es Vater und Mutter zu- 
tragend. - Wenn wir das sagen, so ist das Bild sehr zutreffend, und wir 
reden von einer Wahrheit. Ein Kind, dem wir reiche, bildhafte Vor- 
stellungen beibringen, wird in bezug auf die Verhaltnisse des astrali- 
schen Lebens gefordert, und wir geben ihm den Segen einer weit in das 
Alter reichenden Jugendlichkeit mit. Dieses Bildhafte in der Erzie- 
hungstatigkeit, das vor alien Dingen auch dem Spiel zugrunde liegt, 
ist so unendlich wichtig. Auch hier ist schon in einem Leben zu sehen, 
wie Karma wirkt. 

So wird Geisteswissenschaft, wenn sie eingreift in die Kultur, in der 
Art und Weise, wie das Leben gedeiht, heranbliiht, ihre Wahrheit 
zeigen, wahrend der Materialismus seine Unwahrheit daran zeigt, dafi 
das Leben verodet, friihzeitig greisenhaft wird. 



EINIGES OBER DAS INNERE DER MENSCHLICHEN SEELE 
UND IHR VERHALTNIS ZUR WELT 



Frankfurt, 8. Januar 1911 



Wir werden heute und morgen abend, in Anlehnung an Goethe, iiber so 
mancherlei zu sprechen haben, das den Schiiler der Geisteswissenschaft 
interessieren kann in bezug auf die inneren Angelegenheiten der 
menschlichen Seele, ihre Entwickelung und ihr Verhaltnis zur Welt. 
Da es an diesen beiden Vortragen unsere Aufgabe sein wird, die ge- 
nannten Fragen nur in Anlehnung an Goethe zu betrachten, scheint es 
mir zweckmaftig, wenn wir jetzt unabhangig von Goethe, so wie wir es 
gewohnt sind, aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus, einiges 
iiber das Innere der menschlichen Seele, iiber ihre Entwickelung, iiber 
ihr Verhaltnis zur Welt sprechen. Es wird notwendig sein, dafi ich bei 
Ihnen eine gewisse Bekanntschaft voraussetze mit den Grundelementen 
des menschlichen Seelenlebens. 

Wenn wir die menschliche Seele in ihrer Entwickelung betrachten, 
dann miissen wir sachlich unterscheiden zwischen der Empfindungs- 
seele, der Verstandesseele und der Bewufitseinsseele. Wenn wir zunachst 
von der Empfindungsseele sprechen, so meinen wir nicht nur dasjenige 
in unserer Seele, was sich durch Wahrnehmung, durch Sinneseindrikke 
in Verbindung zu setzen vermag mit der aufteren Welt, sondern wir 
meinen auch den Sitz von allem, was wir nennen konnen Triebe, Be- 
gierden, Leidenschaften, auch den Sitz von allem, was Willensimpulse 
in der menschlichen Seele sind. Am zweckmaftigsten ist es sogar, will 
man sich eine Vorstellung verschaffen von dem, was eigentlich inner- 
halb unseres seelischen Lebens die Empfindungsseele ist, daf5 man sich 
vorstellt, wie alles Willensartige, alles was uns von innen heraus An- 
stofie gibt, ein Verhaltnis zur Aufienwelt zu suchen, das Wesentliche 
in der Empfindungsseele ist, und wie es an der Empfindungsseele hangt, 
dafi sie die wichtigste Vermittlerin ist auch des Empfangens von 
au$eren Eindriicken des Wahrnehmens. Deshalb wird sie Empfindungs- 
seele genannt. Wenn der Mensch einen Ton- oder einen Farbeneindruck 
empfangt, waltet die Empfindungsseele. Auch wenn die Leidenschaften 



aufsteigen, bei Affekten, Zorn, Furcht, Angst, waltet im wesentlichen 
die Empfindungsseele. 

Was wir Verstandes- oder Gemutsseele nennen, arbeitet sich erst 
heraus aus der Empfindungsseele, ist schon in gewisser Beziehung etwas 
Abgeklarteres als die Empfindungsseele. In der Verstandesseele sitzen 
schon die Fahigkeiten, dasjenige in Vorstellungen zu kleiden, was in 
der Empfindungsseele empfunden ist, dasjenige, was als Instinkte, als 
Affekte erlebt wird, zu einer menschlicheren Form des Seelenlebens 
abzuklaren, Wenn zum Beispiel Affekte, die sonst nur auf Selbsterhal- 
tung gehen, abgeklart werden zum Wohlwollen, ja sogar zum liebe- 
vollen Verhalten zur Umwelt, haben wir es schon zu tun mit der Ver- 
standes- oder Gemutsseele. In der Verstandesseele geht uns das Ich auf, 
der eigentliche Mittelpunkt unseres Seelenlebens. 

In der weiteren Entwickelung des Ich, wo wir uns so recht als inner- 
liche, im Mittelpunkt sich behauptende Menschen fiihlen, formen wir 
unsere Vorstellungen und Gedanken zu grofien Ideen, mit denen wir 
die Natur begreifen, oder zu Pflichtideen oder moralischen Ideen. Bei 
allem, mit dem wir uns so in Beziehung setzen, sprechen wir von der 
Bewufkseinsseele. Es sind nicht Scheidewande zwischen den einzelnen 
Seelengliedern, aber es ist notwendig, dafi diese drei Glieder unter- 
schieden werden, weil ein jedes auf eine andere Art zur AuEenwelt in 
Beziehung steht. 

Wenn Sie zunachst die Bewufkseinsseele nehmen, so ist das fur uns 
Menschen vorerst das hochste Seelenglied, aber zugleich das Seelen- 
glied, das in gewisser Weise sich am meisten von der ganzen iibrigen 
Welt abgesondert hat. Es ist das selbstandigste Seelenglied. 

Wenn der Mensch sich in die Bewufkseinsseele versenkt, kann er 
in seinem Seelenleben am meisten einsam sein, sich absperren gegen 
die auftere Welt. Es ist das Seelenglied, welches seiner Natur nach 
am meisten Grenzen aufgerichtet hat gegenuber der Umwelt, so dafi 
es am starksten dazu veranlagt ist, in Irrtum und Fehler zu ver- 
fallen. Es ist am meisten aus dem Universum losgelost. Aber dieses 
Seelenglied kann doch nur in beschranktem Mafie in Irrtum verfallen. 
Das ist das Wichtigste in dem, was wir Bewufkseinsseele nennen. Sie 
aufWt sich vor allem als logisches Denken, als Begriffszergliederung, 



geht auch als rechnerisches Denken vor, als alles das, was der Mensch 
in gewisser Beziehung als eine ihm eigene Fahigkeit hat, und was sich 
nicht bei den Tieren findet. 

Die Krafte der Empfindungs- und Verstandesseele spielen herauf 
bis in die Bewulkseinsseele. Die Triebe, Begierden und Leidenschaften, 
die Willensimpulse der Empfindungsseele, die Gefuhle und intellek- 
tuellen Urteile der Verstandesseele dringen da hinein. Aber in der 
Bewufkseinsseele wird das alles verarbeitet durch das logische Denken. 
Daher ist es vorziiglich in der Bewufkseinsseele, daft wir uns die Mei- 
nungen bilden. Und weil die Bewufkseinsseele das Isolierteste ist, sind 
die Menschen in bezug auf die Meinungen so sehr voneinander ge- 
trennt. Sprechen wir von dem, was wir gemeinsam einhalten, weil es 
innerhalb unserer Volksgemeinschaft, unseres Familienkreises ausge- 
bildet ist, weil es gang und gabe ist in der Umgebung, so sprechen wir 
von solchen Dingen, die in der Verstandes- oder Gemiitsseele sitzen. 
Aber auch die Dinge, die erst in der Bewulkseinsseele sitzen, wandern 
in die Verstandesseele herein, zum Beispiel eine von uns einmal ge- 
bildete Meinung kann eine gewohnte Meinung werden. Oder eine 
Fahigkeit kann sich in Geschicklichkeit, in Gewohnheit umwandeln. 
Dann sind sie in die Verstandesseele herabgestiegen. 

Die Bewulkseinsseele ist auch deshalb das Isolierteste, weil der 
Mensch durch die Bewulkseinsseele unmittelbar die Fiihlhorner in die 
Umgebung streckt. Wenn wir iiberlegen, was wir tun wollen, leben wir 
in der Verstandesseele. Wenn wir anschauen, was um uns herum ist, 
strecken wir durch die Sinne direkt die Fiihlhorner der Bewulkseins- 
seele heraus und kommen wieder zu dem, was uns zu dem isoliertesten 
Wesen macht. Denn durch das, was uns unsere Sinne bieten, werden 
wir die isoliertesten Wesen. So isoliert sich der Mensch gerade deshalb, 
weil er durch die Bewufkseinsseele ganz lokal und temporar sich in 
Beziehung setzen mufi zur Aufienwelt. Aber Meinungen haften am 
intensivsten in der Bewufkseinsseele. Es macht sich zuerst eine Meinung 
geltend und setzt sich fest in der Bewufkseinsseele. Deshalb ist der 
Mensch in bezug auf Meinungen ein isoliertes Wesen. In bezug auf 
Gewohnheiten verstehen sich die Menschen schon besser. Der Mensch 
ist am selbstandigsten, aber auch am isoliertesten in der Bewufkseins- 



seele, daher konnen wir auch nicht bei einem anderen Menschen so 
recht Zugang finden zu dem, was Inhalt der Bewufitseinsseele des 
anderen Menschen ist. Wir wissen ja nicht einmal, ob jeder die Farbe 
Rot oder Blau in derselben Weise sieht, wie wir selbst. 

Aber abgesehen davon, nehmen wir jetzt nur einmal den Inhalt der 
Bewufitseinsseele an, der in Meinungen besteht. Nehmen wir etwas, 
was ungeheuer logisch erscheinen mag, wovon wir uns einbilden kon- 
nen, daft wir diese Meinungen am denkbar logischsten begrunden, so 
kann man mit diesen logischen Griinden bei den Mitmenschen doch 
nicht viel anfangen. Logische Begrundungen wirken eigentlich zu- 
nachst im aufieren Leben nicht, und es ist sogar das Normale, dafi sie 
nicht wirken. Daher ist es leicht, Menschen im jugendlichen Alter, im 
Kindesalter zu unseren Meinungen zu bekehren. Spater ist das immer 
weniger der Fall. Denn das Kind stellt uns nicht nur seine Bewuftt- 
seinsseele entgegen, sondern auch die Verstandesseele und die Empfin- 
dungsseele. Es stellt uns seine ganze Personlichkeit entgegen. Und das, 
wodurch wir iiberzeugen, hangt an allem anderen mehr als an der 
Bewufltseinsseele. Da wirkt der Wille, das Gefuhl hinauf. Wenn die 
Willensrichtung, die Gefuhle, verschieden sind beim Menschen, dann 
lassen sich die verschiedensten Standpunkte in der logischsten Weise 
begrunden. Dennoch sind die Menschen im gegenwartigen Menschheits- 
zyklus so recht selbstandig nur in bezug auf die Bewufitseinsseele, 
weniger in bezug auf die anderen Seelenglieder. Fiihlen Sie einmal, wie 
sich Meinungen bilden: der Mensch ist ganz frei, sich diesen oder jenen 
Begriffszusammenhang als seine Meinung zu bilden. Weniger frei ist er, 
wenn der Inhalt der Verstandesseele in Betracht kommt. Da fiihlt sich 
der Mensch gar nicht frei, sonst konnten ihm seine Gefuhle und Emp- 
findungen nicht so manchen Streich spielen. Wir konnen in unseren 
Meinungen ganz einig sein mit uns, dafi dieses oder jenes uns eigentlich 
mififallen mtifke, aber das Gemiit spricht anders, lafit uns doch Ge- 
fallen finden an der Sache. Der Umstand, dafi das Gemiit in Zwiespalt 
sein kann mit den Meinungen, kann uns zeigen, dafi der Mensch nicht 
so frei ist in bezug auf das Gefuhl wie in bezug auf die Meinungen. Am 
starksten unfrei fiihlt sich der Mensch bei alledem, was den Willen und 
so weiter anbetrifft, bei allem, was in der Empfindungsseele ist. Der 



Zwiespalt ist zuweilen gar sehr groft zwischen den herrlichsten Vor- 
satzen, zwischen der Meinung, da$ dies oder jenes nicht gut ist, und 
dem Trieb, dem Affekt zu jenem. Ein drastisches Beispiel ist folgendes: 
Ein Lehrer, der ein zorniges Kind hat, sieht in der Verstandesseele ein, 
daft der Zorn ausgetrieben werden mufi. Da es ihm auf gutem Wege 
nicht gelingt, wirft er ihm das Tintenfafi an den Kopf, er wird selbst 
zornig. Da haben wir den schonsten Zwiespalt. 

Was ist nun im Seelenleben der Fall, was geht da vor sich, daft dieser 
Zwiespalt zustande kommen kann? Es ist das der Fall, dafi wir eigent- 
lich nur im jetzigen Zustand der Entwickelung in bezug auf die Be- 
wufitseinsseele selbstandig, isoliert sind, daft aber zwischen der Be- 
wufitseinsseele, an der Grenze zu der Verstandes- oder Gemiitsseele hin, 
ein Einfluft auf die Seele stattfindet, ein Einflufi hoherer iibermensch- 
licher Wesenheiten. Und wiederum haben wir an der Grenze zwischen 
Verstandes- und Empfindungsseele einen solchen Einflufi aufierer 
Krafte iibermenschlicher Wesenheiten, ebenso zwischen Empfindungs- 
seele und Empfindungsleib. 

Ich schildere jetzt den Zustand, der gerade in unserer Zeit, in un- 
serem Jahrhundert sich darbietet. Fur andere Zeiten ist es anders. Der 
Mensch kann sich auch sehr leicht iiberzeugen, dafi andere Krafte hin- 
einspielen, wo der Wille in Betracht kommt. Wenn wir denken, sind 
wir mit uns selber. Wir konnen uns in erne Ecke setzen und sind im 
Denken mit uns selber. Wenn der Mensch einen Willensimpuls aus- 
zuiiben hat, mull er Hande und Ftifie bewegen, mufi er eine physische 
Aktion, eine Tat hervorrufen. Gehen Sie von einem Gedanken zum 
anderen iiber, so bleibt Ihr Bewulksein vorhanden. Von dem Obergang, 
der da vorgeht, hat der Mensch heute zunachst gar keine Ahnung, wenn 
er zum Beispiel den Gedanken fafit: Ich will die Uhr ergreifen - und 
wenn er dann diesen Gedanken ausfuhrt. Da haben wir einen ganz 
anderen Zusammenhang, als beim Ubergang von einem Gedanken zum 
anderen, wo die ganze Folge von dem Bewufksein verfolgt werden 
kann. Das ist ein Beispiel dafiir, daft andere Krafte eingreifen, um uns 
zu Hilfe zu kommen. An der Grenze zwischen Verstandes- und Be- 
wufitseinsseele greifen Wesenheiten ein, die wir Engel oder Angeloi 
nennen. Sie sind es, die das verdichten, was sonst nur in Meinungen, in 



Begriffen bewufk erfolgt, die das verdichten zu dem, was man Emp- 
findungen und was man Gefiihle nennen kann. Der Ausdruck «Empfin- 
dung» schwankt etwas. Das, was innerlich gefuhlt, empfunden wird, 
ist schon eine Verdichtung des Gedankens. Da sind hinter uns Krafte, 
die uns helfen. 

Gehen wir nun zu der anderen Grenze zwischen Verstandes- und 
Empfindungsseele. Da haben wir noch hohere Wesenheiten, die ein- 
greifen. Sie sind es, die den Willen in uns rege machen, die den Ge- 
danken zum Willen durchkraften: es sind die Erzengel oder Archan- 
geloi. Wenn wir aber von uns aus zur Umwelt in Beziehung treten, 
dann sind es die Geister der Personlichkeit; da spiiren wir schon den 
Widerstand der Welt, wenn wir in ihr Gefiige eingreifen. So sitzen in 
den Zwischenreichen zwischen den einzelnen Seelenkraften uns fuh- 
rende, uns durchkraftende, geistige Wesenheiten, welche die Aufgabe 
haben, das in Taten, in Krafte umzusetzen, was der Mensch, sich selbst 
iiberlassen, nur als Gedanken in sich erleben kann. 

Nun besteht in der Tat sofort, wenn wir in diese unterbewulken Re- 
gionen des Seelenlebens eintauchen, die Moglichkeit, daft die Kampfe, 
die innerhalb der geistigen Welt stattfinden und stattfinden mussen, 
auch auf den Schauplatz unseres Bewufitseins einziehen. Da wo die 
Engelwesen eingreifen, sind auch gleich die luziferischenWesen, welche 
die Gegner der Engel sind. Wiirden nur die Engel eingreifen, so wiirde 
unser Gemut zu dem hingreifen, was das Schone ist, nur zu dem unserer 
Menschenwtirde Entsprechenden. Die luziferischen Wesen fiihren uns 
hin zu dem, womit wir in ruhigem Nachdenken selber nicht einver- 
standen sind, was uns aber hinreilk. Da wo die Erzengel eingreifen, 
konnen auch eingreifen die ahrimanischen Wesenheiten, die uns dazu 
bringen, dafi unser Urteil in Irrtum, unser Wahrheitssuchen in Luge 
umgewandelt werden kann. Das logische Meinen ist uns als Menschen 
frei gegeben. In dem Augenblick aber, wo wir zu Gefiihlen, zu Willens- 
impulsen kommen, wirken andere Wesenheiten hinein, auch solche, die 
den aufsteigenden Wesen entgegenwirken. Das ist der Punkt, iiber den 
sich im Grunde jeder unterrichten sollte, der sich irgendwie mit okkul- 
ten Forschungen bekannt macht. 

Da wo der Mensch heute im normalen Leben stent, ist es schon so 



eingerichtet, dafi die den Engeln und Erzengeln entgegenwirkenden 
Krafte der luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten bei all ihren 
Wirkungen doch zum Guten gelenkt werden. Man braucht nicht klttger 
sein zu wollen als die Weltenlenkung und fragen: Wozu braucht der 
Mensch die luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten? - Der 
Mensch konnte nicht so frei sein, wenn ihm in diesen beiden Kraften 
nicht ein Gegengewicht gegeben ware zu den Engeln und Erzengeln. 
Der Mensch mu£ die Moglichkeit zur Liige haben, damit er selbstandig 
zur Wahrheit kommen kann. Er soil als selbstandiges Wesen sich Wahr- 
heit erringen, deshalb mufi Ahriman da sein. Der Mensch soil Ahriman 
widerstehen und den Weg zur Wahrheit einschlagen. Dadurch ist der 
Mensch zu einem selbstandigen Wesen geworden, dem der Sinn fur 
Wahrheit innewohnt. Die hochsten Weltenlenker haben die Sache 
schon so eingerichtet, dafi ihren Gegnern Luzifer und Ahriman der 
Hafer nicht zu hoch wachst. Wohl sind sie da, um den Menschen seiner 
Freiheit und Bewufkseinsentwickelung wegen bis zu einem starken 
MalSe von unreinen Trieben, Begierden und auch unrichtigen Urteilen 
zu treiben, die sich aber im Laufe des Karma ausgleichen lassen und 
die Erdenmission nicht storen konnen. Das gehort zu den schonsten 
und tiefsten Einsichten, zu denen es der Mensch durch okkulte Studien 
und Esoterik allmahlich bringt, dafi er einsieht: Es wird alles Unwahre 
und Schlimme zuletzt doch ins Gute umgewandelt werden konnen. 

Es ist nun die Frage sehr naheliegend, die eigentlich jeder stellen 
mufi: Gibt es abgesehen von diesem Umstand einen Grund, weshalb der 
Mensch durch alle Inkarnationen durchgehen und erst durch jedweden 
Irrtum zur Vollkommenheit gelangen mufi? Ja, es gibt einen Grund. 
Es wiirde zu weit fiihren, zu zeigen, dafi der Mensch durch die friiheren 
Erdenleben so geworden ist, dafi er nur allmahlich heranreifen kann. 
Jetzt ist er nur selbstandig in bezug auf die Bewufitseinsseele. Es wird 
aber eine Zeit kommen, wo der Mensch trotz alien Hanges zum Irrtum 
eine feste Richtung im Handeln und Wirken haben wird. Wenn die 
Menschen das heute noch gar nicht hatten, so wiirden sie sich in fort- 
wahrendem Zwist und Hader bef inden. So wie die Menschheit jetzt ist, 
ist sie reif, sich gerade die Freiheit fiir die Bewufitseinsseele anzueignen, 
aber die Menschen sind noch nicht reif, in bezug auf die Verstandes- 



seele und Empfindungsseele frei zu werden. Der Fortschritt entsteht 
dadurch, dafi niemals die Entwickelung vollstandig gradlinig statt- 
finden kann. Wir konnen in alien Kulturen sehen, wie einige Seelen 
vorauseilen, die Fuhrerschaft Ubernehmen, das, was andere Seelen sich 
erst in spateren Zeiten aneignen konnen, vorausnehmen. Die Menschen- 
seelen sind heute nur in bezug auf die Bewufkseinsseele dazu reif, frei 
zu werden. Aber die spirituelle Weisheit fiihrt nach und nach dazu, 
auch die Verstandes- und die Empfindungsseele frei zu bekommen und 
zu isolieren, so dafi der Mensch nicht mehr auf Oberliefertes und Ge- 
wohntes hinschauen mufi, um das Gute zu finden, sondern dafi der 
Impuls zum Guten aus der eigenen Seele stromt. Es ist dies auch eine 
notwendige Interpretation des Pauluswortes: Nicht ich, sondern der 
Christus in mir. - Wenn der Christus in den Menschen lebt, werden sie 
auch in bezug auf Verstandes- und Empfindungsseele frei sein diirfen. 
Die Menschen haben es ja schon zu einer gewissen Leidenschaftslosig- 
keit gebracht: in bezug auf die trivialsten logischen Dinge, in bezug auf 
das Mathematisch-Rechnerische. Da ist Leidenschaft schon so weit 
heraus aus dem Menschenherzen, dafi die Menschen fur sich die Wahr- 
heit finden konnen. Aber fiir das, was innerhalb der Verstandes- und 
Empfindungsseele ist, stimmen die Menschen sehr wohl noch ab, be- 
trachten sogar das Abstimmen als das Wesentliche, weil da uberall 
luziferische und ahrimanische Krafte hineinspielen. 

Sie werden verstehen, dafi mit einer solchen Bewegung, die auf der 
Grundlage der spirituellen Weisheit aufgebaut ist, und wo die tieferen 
Krafte der Menschenseele zur Isolation wachgerufen werden sollen, 
nicht nur verbunden werden darf die Neugierde nach den spirituellen 
Welten - das darf im Grunde genommen gar nicht der Impuls sein zur 
Geistesforschung -, sondern das Gefiihl der Verantwortlichkeit. Durch 
diese Bewegung wird jede Zukunftsfahigkeit der Menschen in unsere 
Zeit hineingeholt, es wird ein Zukunftskeim aufgerufen, der jetzt im 
allgemeinen noch nicht reif ist. Das miissen wir uns vor Augen halten 
und uns klar sein, wie wir sorgsam darauf zu achten haben, dal$, auch 
wenn die Seele schon und sympathisch sein mag innerhalb der spiri- 
tuellen Bewegung, wir demgegenuber doch wachsam zu sein haben auf 
ihr drohende Gefahren und das Gefiihl der Verantwortung wachrufen 



miissen. Wenn die Seele unreif an spirituelle Dinge herantritt, ist doch 
Gefahr vorhanden. Diese Gefahr merkt nicht ein jeder. Wer etwas 
tiefer in der Bewegung steht, der weifi und mufi wissen - wenn er nicht 
zusammenbrechen will unter dem Unertraglichen -, wie er immer auf 
der Hut sein mufi, nur das zu sagen, was nicht einmal oder zehnmal, 
sondern was hundertmal durch seine Seele gezogen ist! Es ist schwer, 
in bezug auf Spirituelles die Worte so zu pragen, dafi sie adaquat sind. 
Es mufi sich im ganzen Kreise der Anthroposophen eine bestimmte 
Meinung bilden: die Meinung, dafi sie verlangen von denen, welche die 
Bewegung vertreten, dafi sie die Wahrheit in diesem Sinne ernst 
nehmen. Man darf nicht glauben, dafi man als Redner jeden Abend sich 
nur so einfach hinstellen konne, ohne immer wieder und wieder diese 
Wahrheiten durch seine Seele ziehen zu lassen, damit sie richtig gepragt 
sind bis auf das Wort. Die Schwierigkeit, die darin liegt, nur den Mund 
aufmachen zu konnen fur spirituelle Wahrheiten, ist das eine. Das 
andere ist, dafi diejenigen, die in einer solchen Bewegung stehen, in 
gewisser Weise sogar darauf zu achten haben, dafi dieses Gefiihl vor- 
handen sei bei den Vertretern der Bewegung. Aber auch der, welcher 
noch nicht tief darinnensteht, hat darauf zu achten, daft seiner Seele 
nicht dieses oder jenes passiert, und es sollte sich der Mensch immer 
und immer wieder fragen: Bin ich auch reif, eine spirituelle Bewegung 
zu vertreten? Mufi ich mich nicht so hereinstellen in die Bewegung, daft 
die Dinge der spirituellen Welt iiberhaupt noch starker auf mich wir- 
ken? - Es soil niemand entmutigt werden, aber jeder soli das Gefiihl in 
sich wachrufen: Wenn ich auch durch den Zwang der Uberlieferung 
und Erziehung das getan habe, was das Gute und Richtige ist, so ist da 
eine Grenze vorhanden, an der bei Vertretung des Richtigen nicht nur 
die Engel, Erzengel und Geister der Personlichkeit stehen, sondern wo 
auch Luzifer und Ahriman stehen. Immer wieder kann man beobach- 
ten, daft Menschen, die wahrheitsliebend waren, anfangen zu liigen, 
wenn geisteswissenschaftliche Wahrheiten auf sie einwirken, weil sie 
nicht geniigend sich gesagt haben: Vor alien Dingen mufit du dich reif 
machen, mufit du die spirituellen Wahrheiten auf dich wirken lassen, 
mufit nicht dich sprechen lassen! - Solcher Verantwortung mufi man 
sich bewufit sein. Aber es ware feige zu sagen: Dann will ich mich 



nicht hineinstellen in die spirituelle Bewegung. Nicht dadurch, daft 
man der Pflicht ausweicht, die Vorsicht zu beachten, verhalt man sich 
in richtiger Weise, sondern dadurch, daft man diese Pflicht richtig 
beachtet. Mit dem Gesagten hangt vieles, vieles von dem zusammen, 
was zu alien Zeiten ein Kennzeichen der fortschreitenden geistigen 
Bewegung war. 

Es gibt ja die groften Lichter, welche die Menschen vorwartsbringen 
sollen. Aber wo starke Lichter sind, sind oftmals auch ganz starke 
Schatten. Daher die nicht immer unberechtigten Anklagen gegen die- 
jenigen, die herunterbringen sollen die Wahrheiten von der geistigen 
Welt auf den physischen Plan. Es haben sich in jeder solchen Bewegung 
zu denen, die nichts wollten, als die spirituellen Wahrheiten hinunter- 
flieften lassen in die physische Welt, solche gefunden, die nicht gewollt 
haben Selbstkritik iiben, die nicht gewollt haben Hochmut und Eitel- 
keit zahmen. Das sind solche geworden, wie wir sie so reichlich sehen 
innerhalb der spirituellen Bewegungen, und denen gegeniiber man sagen 
muft : Leider kann die Auftenwelt zwischen solchen Tragern und denen, 
welche die wahren Trager sind, nicht immer richtig unterscheiden. - 
Auch das Umgekehrte findet manchmal statt. Gerade unsere geistes- 
wissenschaftliche Bewegung sollte die Menschen zu freiemUrteilen auf- 
rufen, sollte hinwegfegen alles,was bloft auf aufteren Autoritatsglauben 
hin herrscht. Solange in der Gesellschaft noch das Gefiihl herrscht, es 
kame auf den Mund an, durch den gesprochen wird, solange ist noch 
nicht unser Ideal erreicht. Wir sollen nur horen auf das, was dieser 
Mund spricht, weil die Dinge uns einleuchten, wenn wir mit Wahr- 
heitssinn und unbefangener Logik ihm zuhoren. Es ist unsere Bewegung 
im hochsten Mafie geeignet, das freie Urteil des Menschen keimen zu 
lassen und zu entwickeln; aber es geht durch unsere Zeit ein starker 
Zug, den man nennen kann: Bequemlichkeit in bezug auf den Glauben. 
Durch die Bequemlichkeit des Glaubens werden der geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung grofie Hindernisse geschaffen. Dadurch, daft 
man etwas glaubt, weil es dieser oder jener gesagt hat, wird das freie 
Urteilen verzogert, das freie menschliche Seelenleben, die Verselbstan- 
digung auch in bezug auf die Verstandesseele. Es ist so bequem, nicht 
denken zu brauchen, und irgendeine Wahrheit nur anzunehmen, weil 



sie dieser oder jener gesagt hat; es ist viel bequemer, der Person glauben 
zu konnen, als zu priifen, was die Person sagt. 

Ich habe ofter ausgesprochen: Es ist zunachst nur moglich, inner- 
halb der spirituellen Bewegung Anregungen zu geben. Aber, nehmt 
alles, was wir in der Geschichte zum Beispiel iiber Zarathustra finden 
konnen: es wird nichts von dem widerlegt werden, was hier iiber Zara- 
thustra gesagt wird, wenn man nur wirklich alles nimmt. Gepriift kann 
werden, und je strenger man priift, desto angenehmer ist es dem, der in 
objektiver Weise die spirituelle Bewegung vertreten will. Der Wille zur 
Priifung ist das, was er will. Aber es ist unendlich bequemer, zu glau- 
ben, einfach sich darauf zu berufen: das hat dieser oder jener Hellseher 
gesagt. - Das ist eine Gef ahr fiir den wirklichen oder sogenannten Hell- 
seher, wenn er noch nicht wirklich fest steht. Da ist schon eine Ver- 
suchung, das zu sagen, was die Leute glauben. Er gleitet leicht hinein 
in dasjenige, in das man uberhaupt leicht gleiten kann, wenn es sich 
um den Aufstieg in die ubersinnliche Welt handelt. Man steigt hinauf 
in eine Welt, in der wirklich nicht so leicht wie in der physischen Welt 
kontrolliert werden kann. Wenn man kontrollieren will mit dem Ver- 
stand, dafi an den Grenzgebieten Engel und Erzengel eingreifen, so 
gehort ziemlich viel dazu, um das zu priifen. Beim Glauben hangt es 
oft nur von dem Eindruck ab, den man von dem Menschen bekommen 
hat. Wie leicht die Menschen zu beeinflussen sind in bezug auf den 
Glauben, ist zu sehen an der Massensuggestion. 

Massensuggestion ist etwas, woriiber die wunderbarsten Entdeckun- 
gen erst in der Zukunft gemacht werden konnen. In fruheren Zeiten 
war das etwas ganz anderes, weil die Bewufitseinsseele noch nicht so 
frei war. Heute steht der Mensch in der Befreiung der Bewufitseins- 
seele, steckt aber in der Unfreiheit der Verstandesseele noch ganz 
drinnen. Wodurch wird suggeriert? Nicht nur durch das, was sym- 
pathisch oder unsympathisch ist an einer Personlichkeit; auch dadurch, 
daft zum Beispiel jemand in ein Amt getreten ist, daft er fiir fiinf Kinder 
zu sorgen hat und nun sich gezwungen glaubt, im Amt bleiben zu miis- 
sen. Es ist dem Menschen heute oft lieber zu horen auf alles das, was 
auf scharlatanhafte Weise aus der iibersinnlichen Welt herausgeholt 
wird, als auf das, was auf gediegener Forschung beruht. Denn das 



erstere hat zweierlei Eigenschaften. Zunachst ist es ungeheuer trivial. 
Das zum Beispiel, was Schreibmedien niederschreiben, ist meistens 
so, daft man sich das Betreffende ebensogut selber denken konnte, nur 
wird es dem Menschen glaubhaft gemacht durch die Art, wie es ihm 
beigebracht wird. Der Mensch glaubt dann, es spiele etwas hinein aus 
der geistigen Welt. Gerade durch ihre Trivialitat werden diese Dinge 
dem Menschen angenehm. Oder sie haben die andere Eigenschaft, daft 
sie so unverstandlich sind, daft uberhaupt niemand etwas davon ver- 
stehen kann. Die Dinge, die besonders unverstandlich sind, gelten dann 
oft als besonders mystisch. An den Grenzgebieten von Obersinnlichem 
und Sinnlichem kann das Scharlatanhafte verquickt werden mit dem, 
was auf ernster Forschung beruht. Das mufi betont werden, daft nur 
derjenige seine Pflicht erfullt, der wachsam ist in bezug auf die eigene 
Seele, der namentlich achtgibt auf alles das, was die Instinkte triiben 
kann, so daft wir die Angelegenheiten der Menschheit zu fordern glau- 
ben, wahrend wir nur die eigenen fordern, oder, daft sich unvermerkt 
in das, was wir sprechen, das Unwahre hineinmischt, die Luge, die 
Versuchung Ahrimans. 

Nur wer fortwahrend wachsam ist in bezug auf all dieses, nur wer 
sich immer sagt: Trittst du in eine spirituelle Bewegung ein, so ist grofte 
Gefahr vorhanden, daft du eitel und hochmiitig wirst - nur der kann 
weiterkommen. Das ist selbst verstandlich. Einen Vorwurf darf man 
dem Menschen deshalb noch nicht machen, nur dann, wenn der Betref- 
fende gar nichts tut, um diese Eigenschaften herunterzudrangen. Eine 
ungeheure Versuchung liegt vor, nicht so ganz bei der Wahrheit zu 
bleiben, wenn man es zu tun hat mit Menschen, die einem glauben. 
Man kann den Menschen alles mogliche aufbinden, wenn sie auf Au- 
toritat hin glauben. Dann hat man es leicht. - Man darf auch nieman- 
dem Vorwiirfe machen dariiber, daft bei Annaherung an die spirituelle 
Welt in ihm das Liigenhafte auftritt, aber das soil ihn nicht vor sich 
selbst entschuldigen, sondern er soli alle Anstalten treffen, das heraus- 
zuwerfen aus seiner Seele. Das ist der Sinn des: Erkenne dich selbst. 
Man muft die einsamen Stunden suchen, wo man dazu kommt, sich zu 
sagen: Da droht wieder eine Gefahr, also sei auf deiner Hut. - Wenn 
man sie nicht hat, diese einsamen Stunden, wenn es einem unangenehm 



ist, sich etwas nicht Gutes gestehen zu konnen, wenn sie nicht der Aus- 
gangspunkt sind, um die Fehler zu bekampfen mit aller Gewalt, dann 
ist man auf der schiefen Ebene, dann rollt man hinunter, anstatt hin- 
aufzusteigen. 

Das sind solche Dinge, die wir ins Auge fassen miissen, wenn wir 
unsere Stellung zur okkulten Forschung erkennen wollen, zu der For- 
schung, die das hochste Gnadengeschenk ist, welches in die physische 
Welt hineinfliefk aus den spirituellen Welten, denen gegeniiber wir das 
grolke Verantwortungsgefiihl haben sollen. 

Die Pflicht, mit einem Teile der Menschheit in die spirituelle Welt 
hineinzugehen, weil nur dadurch der Fortschritt moglich ist, und zu- 
gleich das Gefuhl der Verantwortlichkeit sollen in uns wach werden, 
das Gefuhl: es ist eine Pflicht, wenn ich einmal die Sache kennen- 
gelernt habe, daran teilzunehmen. Es wird oft den Vertretern der 
Geisteswissenschaft vorgeworfen, dafi sie nicht genug Riicksicht auf 
moralischeBetrachtungen nehmen. Sie werden oft gemacht, so wie auch 
heute, damit im Fortgang unserer spirituellen Bewegung, durch welche 
zu den geistigen Quellen gefiihrt werden soli, auch von den Impulsen, 
die aus jenen geistigen Quellen kommen, gehort werde. 



DIE BEZIEHUNG DER MENSCHLICHEN WESENSGLIEDER 
ZUR MENSCHHEITSENTWICKELUNG UND ZUM 

LEBENSLAUF 
GOTTESSOHN UND MENSCHENSOHN 

MUnchen, 11. Febmar 1911 

Im Verlauf unserer geisteswissenschaftlichen Studien werden wir zu- 
nachst bekanntgemacht mit der sogenannten Gliederung des Menschen 
und unterscheiden dann am Menschen seinen physischen Leib, Ather- 
leib, astralischen Leib, das Ich und so weiter. Nun konnte es vielen 
scheinen, als ob wir, wenn wir nun wissen: der Mensch besteht aus die- 
sen Wesensgliedern - dann schon sozusagen auch die Wesenheit des 
Menschen einigermafien erfafk hatten. Und viele glauben in der Tat, 
das Wesentlichste vom Menschen zu wissen, wenn sie nun diese ver- 
schiedenen menschlichen Wesensglieder aufzahlen konnen, allenfalls 
noch anzugeben wissen, wie sich das eine oder andere verhalt beim 
Durchgang durch verschiedene Verkorperungen hindurch. In Wirk- 
lichkeit ist es auf der einen Seite durchaus notwendig, dafi man bei der 
Betrachtung des Menschen von diesen Wesensgliedern ausgeht, aber dann 
mufi man sich klarmachen, daft man damk imGrundegenommen nur et- 
was sehr Vorlaufiges getan hat, wenn man sich damit bekanntgemacht 
hat. Denn es kommt durchaus nicht blofi darauf an, dafi der Mensch 
nun aus diesen sieben oder neun Gliedern besteht, sondern es kommt 
auf das Verhaltnis dieser verschiedenen Wesensglieder des Menschen an, 
wie das eine oder andere wiederum zu dem einen oder anderen steht. 

Nun ist dieses Verhaltnis aber durchaus nicht etwa fur alle Men- 
schen und alle Zeiten gleich, sondern es ist verschieden, und vor alien 
Dingen andert sich im Verlauf der Zeiten der menschlichen Entwicke- 
lung dieses Verhaltnis der Glieder zueinander, so dafi wir sagen kon- 
nen: Wenn wir auf die Menschheit blicken in einem Zeitraum, der vier 
bis fiinftausend Jahre hinter uns liegt, so waren diese Glieder anders 
miteinander verbunden als heute, und in der Zukunft werden sie ganz 
anders miteinander verbunden sein. Die Art der Zusammenfugung, 
das Verhaltnis der Wesensglieder, das andert sich im Laufe der Zeit. 



Das Immer-wieder-Erscheinen des Menschen im Verlauf seiner Inkar- 
nationen hat dadurch seinen bedeutungsvollen Sinn, daft, wahrend der 
Mensch sozusagen durchmacht seine eigene individuelle Entwickelung 
von Verkorperung zu Verkorperung, im Verlauf der Erdenentwicke- 
lung dieser Komplex von physischem Leib, Atherleib, astralischem 
Leib seine Entwickelung durchmacht in bezug auf das Verhaltnis dieser 
Glieder, so daft der Mensch mit jeder neuen Verkorperung gewisser- 
mafien auf eine neue Zusammensetzung stoftt. - Dadurch erlebt der 
Mensch immer Neues, daft er auf eine solche verschiedene Zusammen- 
fiigung stoftt. Wir brauchen nur in bezug auf einen Punkt zunachst alte 
Zeiten mit unserer Zeit zu vergleichen und werden dann einen Einblick 
gewinnen konnen in das, was gemeint ist. 

Wenn wir zuriickblickten in das 4. und 5. Jahrtausend, in die agypti- 
sche Kultur, und uns die Menschen betrachteten, so wiirden wir sehen, 
daft bei diesen Menschen ein viel loseres Verhaltnis von physischem 
Leib, Atherleib, Astralleib vorhanden war, als es heute der Fall ist. Es 
waren sozusagen der Astralleib und Atherleib loser nur an den physi- 
schen Leib gekettet in diesen alten Zeiten, als das heute der Fall ist, und 
gerade das ist die Tendenz unserer heutigen Entwickelung, daft der 
Astral- und Atherleib sich immer dichter und dichter, fester und fester 
mit dem physischen Leib des Menschen verbinden wollen. Das ist sehr 
bedeutsam, denn indem mit fortschreitender menschlicher Entwicke- 
lung in die Zukunft hinein der Astralleib und Atherleib die Tendenz 
haben, immer mehr sich an den physischen Leib zu ketten, hat der 
Mensch von seiner Seele aus nicht mehr in derselben Art Einfluft auf 
seinen physischen Leib, wie er das in alten Zeiten hatte. In alten Zeiten 
waren der Astralleib und der Atherleib freier, in sie wirkten nicht so 
energisch hinein die Gesetze des physischen Leibes wie heute. Wenn der 
Mensch ein Geftihl faftte in alten Zeiten, irgendeine Idee, so setzte sich 
die Kraft dieses Gefiihls, dieser Idee in den Astralleib und Atherleib 
hinein rasch fort, und von da aus war der Mensch in der Lage, weil er 
Herr war seines Ather- und Astralleibes, auch wiederum von der Seele 
aus den physischen Leib zu beherrschen. Diese Moglichkeit, von der 
Seele aus den physischen Leib zu beherrschen, nimmt immer mehr ab, 
weil sich der Astral- und Atherleib immer mehr hineinsetzen in den 



physischen Leib. Dies hat aber eine andere Folge noch. Es hat die Folge, 
daft der Mensch im Laufe der Zeiten vermoge seiner natiirlichen Be- 
schaffenheit immer unzuganglicher wird denjenigen Kraften und 
Machten, die aus der geistigen Welt auf ihn herunterwirken. Deshalb 
haben wir in alten Zeiten eine gleichsam naturliche Inspiration und 
Imagination, ein altes Hellsehen, weil Atherleib und Astralleib freier 
waren bei den Menschen der alten Zeiten. In diesen freien Astralleib 
und freien Atherleib stromten die Krafte der ubermenschlichen Hier- 
archien ein, konnten in den Atherleib und Astralleib hineinwirken. 
Nun entreifit im Verlauf des Menschheitsprozesses der physische Leib 
dem eigentlichen Inneren des Menschen den Ather- und Astralleib, 
nimmt sie fur sich in Anspruch, und die Folge ist, dafi der direkte Ein- 
flufi aus den spirituellen Welten immer geringer wird, immer weniger 
und weniger hereingelangen kann in den Atherleib und Astralleib des 
Menschen. 

Das konnen wir selbst verfolgen in der aufieren Gestaltung des Men- 
schen. Wenn wir weit, weit zuriickgehen wiirden in der alten, sagen wir 
agyptischen Menschheit, wiirden wir finden: So wie der Mensch be- 
schaffen war in seiner Seele, etwa wenn er diese oder jene Leidenschaf- 
ten oder Triebe hatte, wirkte das fort in den Astralleib und Atherleib 
hinein, und dieser Astralleib und Atherleib druckten dann die Triebe 
und Leidenschaften im physischen Leib ab. Daher wiirden wir finden, 
dafi in sehr alten Zeiten der agyptischen Kultur, aber uberhaupt in den 
Zeiten der alten Kulturen das Aufiere des Menschen eine Art Abdruck 
seiner Seele war. Man konnte an der Stirne lesen, in der Physiognomie 
lesen, was in der Seele lebte. Es war eine Art von voller Analogie 
zwischen dem aufieren Physischen und dem Seelischen. Dann kam die 
Zeit der griechisch-lateinischen Kultur, kam dieses merkwiirdige, wie 
in der Mitte der nachatlantischen Zeit stehende Griechenvolk. Das 
steht so in der Mitte, dafi noch im allgemeinen die Krafte der spirituel- 
len Welt zur Seele stromen und sich ausdriicken in der Korperlichkeit. 
Daher jener merkwiirdige Einklang bei den Griechen zwischen der 
aufteren Korperlichkeit, der Schonheit der aufieren Korperlichkeit und 
der Schonheit der Seele. Diese schone Seele war, weil sie frei war vom 
physischen Leib, dadurch fahig sich zu offnen nach oben, nach den 



Hierarchien. Die Hierarchien sandten ihre Krafte herein. Dies driickte 
sich aus im physischen Leib, und dadurch wurde der ganze physische 
Leib des Griechen zum Ausdruck der schonen Seele. So finden wir, 
daft in hohem Mafie ein Obermenschliches sich ausdruckte im mensch- 
lichen Korper in der griechischen Zeit, ein Allgemein-Menschliches. 

In der Zukunft nun - und das ist das Wichtige, dafi wir uns das in 
die Seele schreiben - wird das ganz anders werden. In der Zukunft 
wird der physische Leib des Menschen anspruchsvoller, kettet Astral- 
und Atherleib an sich, und nur dadurch, daft der Mensch bewuftt her- 
antritt an die spirituelle Welt, aufnimmt die Ideen, Begriffe, Gefuhle 
der spirituellen Welt, wie wir jetzt beginnen in den spirituellen Be- 
wegungen, kann er selber jene starken Krafte entwickeln, welche ihm 
friiher von den Hierarchien hereingegossen worden sind in den physi- 
schen und Atherleib. Und der Mensch kann gegen die Zukunft hin, 
wenn er noch Herr bleiben will seines physischen Leibes, starke Krafte 
in bewuftter Weise aus der spirituellen Welt heraus beziehen, um die 
widerstrebenden Kraftmassen des Atherleibes zu iiberwinden, der an 
den physischen Leib gebunden ist. 

Wir konnen also sagen: In alten vorchristlichen Zeiten wurde den 
Menschen die Moglichkeit von selbst gegeben, in den physischen Leib 
hineinzuwirken. In der Zukunft wird den Menschen diese Moglichkeit 
nur gegeben werden, wenn sie etwas dazu tun. - Dadurch aber wird in 
der Zukunft der Menschheit immer mehr zutage treten, daft ein Unter- 
schied deutlich zwischen den Menschen auftreten wird, die sich strau- 
ben gegen die spirituellen Lehren und Erkenntnisse, und solchen, die 
gerne und willig und instinktgemaft herankommen an die spirituellen 
Erkenntnisse. Wir wissen, daft die letzteren heute noch ein kleines 
Hauflein bilden. Aber diese Scheidung wird sich vollziehen zwischen 
solchen Menschen, die immer mehr sich strauben werden aus Haft und 
Abneigung gegen das Spirituelle, und solchen, die willig, durch einen 
gewissen Instinkt zunachst getrieben, an die spirituellen Bewegungen 
herankommen. Diejenigen Menschen, die sich strauben, werden das 
immer mehr in ihrem Antlitz zeigen. Sie werden zeigen, daft sie keine 
Gewalt haben iiber ihre Gesten, iiber ihr Physisches, daft ihr Physisches 
iiberall starker ist als sie selber. Diejenigen, die an die spirituellen 



Lehren herankommen, werden zeigen, daft sie starke Krafte bekommen, 
um das widerstrebende Physische zu iiberwinden. 

Das wird sich so ausdriicken, daft die Menschen in bezug auf ihre 
aufiere Bildung und Entwickelung ganz andere Dinge zeigen werden 
als in alten Zeiten. Zuruckgehend noch einmal in alte Zeiten, konnen 
wir sagen: Wenn wir zu den Agyptern hinaufsehen, wie sie vier- bis 
fiinftausend Jahre vor unserer Zeitrechnung waren, dann konnen wir 
die Kindheitsentwickelung nach der Geburt so sehen, daft das Kind 
gar nicht recht menschlich aussah. Es sah aus, wie wenn ein Engel hin- 
eingefahren ware, wie wenn es aus der spirituellen Welt heraus seine 
weichen, das Spirituelle im Physischen unmittelbar ausdriickenden 
Korperformen erhalten hatte. Und je mehr es heranwuchs, desto mehr 
wurde es menschlich. Es entwickelte sich herunter zum Menschentum. 
Ein grofier Gleichklang zwischen der ersten und spateren Menschheit 
war bei den Griechen. Da zeigte sich schon im ersten Kindheitsalter der 
Abdruck des Allgemein-Menschlichen, und der blieb dann; daher man 
das Griechenvolk mit Recht als eine Art kindlichen Volkes ansieht. 
In der Zukunft wird immer mehr die Tatsache auftreten, daft der 
Mensch und gerade der bedeutendste Mensch als kleines Kind nach der 
Geburt hafilich ist, richtig ha£lich ist im Sinne des griechischen Schon- 
heitsideals. Aber je mehr der Mensch sich bekanntmacht mit spirituel- 
len Ideen, desto mehr wird seine Gestalt und Figur etwas Charakteristi- 
sches bekommen, wird das, was zuerst verschwommene, unbestimmte, 
ja hafiliche Ziige sind, beim Kind sich umwandeln, dafi man den Ge- 
sichtsziigen anmerken wird: sie sind der Ausdruck der Ideen und Be- 
griffe aus der spirituellen Welt. Das wird immer mehr so der Fall sein. 

Dasjenige, was in der aufteren Menschheit auf tritt, zeigt sich manch- 
mal wie zusammengeschoben in der Kunst. In der Tat ist das Material 
zu derjenigen Menschheit, die der Zukunft entgegengehen soil, sozu- 
sagen aus den europaischen Volkermassen heraus genommen, wahrend 
das Material zu der Menschheit, welche die alte Herrschaft liber den 
physischen Leib gehabt hat, dem Siiden entsprang. So haben wir auch 
in der Kunst, in der griechischen Kunst den Ausdruck des allgemeinen 
schonen Menschen. Selbst seinen Gottergestalten pragt der Grieche den 
Ausdruck des schonen Menschen auf, und das setzt sich bis in die 



Renaissance des europaischen Sudens hinein fort. Vergleichen Sie eine 
Madonna von Raffael dagegen mit einer des Nordens, so werden Sie 
sehen, daft die Kunst vorausnimmt, was wirklich eintritt. Da haben Sie 
die mehr charakteristische Gestalt, das Charakteristische iiberwiegt. 
Die Nachklange des griechischen Kiinstlertums wirkten so, wie wenn 
es das Schone ohne sein Zutun hatte. Ein starkes Inneres,ein kraftvolles 
seelisches Inneres ist das, worauf die Menschheit in der nachsten Zu- 
kunft angewiesen sein wird. Solch einem Zeitalter gehen wir entgegen, 
und gerade diese Tatsache miissen wir in Zusammenhang bringen mit 
der anderen, dal$ diese verschiedenen Wesensglieder des Menschen zu 
den verschiedenen Zeiten der Menschheitsentwickelung einen verschie- 
denen Zusammenhang haben. Sie waren fruher lockerer, und es streben 
immer mehr die unteren Glieder, dicht aneinander zu kommen. 

Nun hangt mit einer solchen Tatsache manches zusammen, was in 
unserer Zeit dem aufmerksamen Lebensbeobachter sehr greifbar ent- 
gegentreten kann, zum Beispiel die Unmoglichkeit gewisser Menschen, 
irgendwie nur noch den Tatsachen der Welt angemessene Begriffe zu 
fassen. Es gibt heute schon zahlreiche Menschen, welche die Begriffe, 
die ihnen eingedrillt worden sind, so fest haben, da£ es ihnen rein un- 
moglich ist, spater noch einen neuen Begriff aufzunehmen. Woher 
kommt das? Ein Atherleib, welcher wenig stark verkniipft ist mit dem 
physischen Leib, kann immer mehr neue Begriffe aufnehmen, weil er 
elastisch ist. Ein Atherleib, der fest mit dem physischen Leib verbunden 
ist, lernt eine gewisse Summe von Begriffen, dann hat der physische 
Leib eine bestimmte Form erhalten, die zwingt er dem Atherleib auf. 
Und so kommt es, dafi viele Personlichkeiten in unseren gebildeten 
und gelehrten Kreisen heute das, was sie eingepragt haben dem Gehirn, 
in spateren Lebensaltern nicht mehr andern konnen und steif und un- 
elastisch sind in bezug auf ihre Begriffe. Ihr Atherleib kann nicht mehr 
heraus, wird nicht mehr losgelassen vom physischen Leib. Es ist dann 
nur die Starke und Gewalt und Eindringlichkeit der spirituellen Be- 
griffe und Ideen, die es moglich machen, daft der Mensch diese Tendenz 
iiberwindet. Denn der Mensch mufS durch sich hier eine kosmische 
Tendenz uberwinden. Das ist gerade die Mission des Menschen, daft er 
durch sich eine kosmische Tendenz iiberwindet. 



Man kann im wesentlichen durch einen Vergieich die Sache klar- 
machen. Stellen Sie sich einfach eine Pflanze vor, die durchzogen ist 
von Flussigkeit und dadurch frisch und griin ist. Stellen Sie sich unter 
der Feuchtigkeit den Atherleib vor und unter dem anderen den phy- 
sischen Leib des Menschen. Dieser physische Leib des Menschen wird 
machtig, sagte ich, dadurch daft er den Atherleib an sich zieht und 
auch den Astralleib an sich zieht; er bekommt Ubermacht. Dadurch 
werden Ather- und Astralleib ohnmachtig, wie wenn der Pflanze 
Feuchtigkeit entzogen wird und sie trocken wird, verholzt. Der phy- 
sische Leib des Menschen beginnt nach und nach zu verholzen, weil die 
Krafte des Atherleibes und Astralleibes verarmen. Ein Gehirn, welches 
also verholzt, kann nur wenig Begriffe aufnehmen, weil es bei seinen 
Begriffen bleiben will. Wir mussen uns unseren Astralleib und Ather- 
leib beleben durch Aufnahme von spirituellen Ideen und Begriffen. 

So sehen wir, dal5 es sich bei der spirituellen Bewegung der Gegen- 
wart um eine in der Mission des Menschen liegende Notwendigkeit fur 
die Zukunft handelt, etwas, das ebenso notwendig ist wie irgendwelche 
Ereignisse, die ohne menschliches Zutun uber das Menschengeschlecht 
gekommen sind. Man wird sich gegen solche Wahrheiten allerdings 
noch lange heftig strauben, aber all dieses Strauben wird nichts helfen. 
Die Menschen werden an der Art und Weise des Kulturganges, wie er 
immer mehr hervortreten wird in den nachsten Zeiten, wahrnehmen, 
dafi die Sachen so sind. Tatsachen werden es den Menschen beweisen. 

Nun ist das nicht nur so fur die ganze menschliche Entwickelung, 
dafi dieses Verhaltnis der einzelnen menschlichen Wesensglieder sich 
andert, sondern auch f iir das einzelne Menschenleben. Es ist keineswegs 
dasselbe Verhaltnis zwischen Atherleib und Astralleib und Ich fiir die 
erste Kindheit und fiir das spatere Alter des Menschen. Auch beim 
Menschen selber, bei der einzelnen menschlichen Entwickelung mussen 
wir darauf Rucksicht nehmen, dafi das Verhaltnis sich andert. Wir 
haben namentlich als eine sehr wichtige Zeit im Verlauf des mensch- 
lichen Einzellebens jene Zeit, welche die drei ersten Lebensjahre un- 
gefahr umfafit. Im Grunde ist jeder Mensch da ein ganz anderes Wesen 
als spater. Wir wissen, daft diese drei ersten Jahre und die spatere Zeit 
scharf voneinander abgegrenzt sind durch zwei Tatsachen. Die eine ist 



diese, daft der Mensch erst nach Verlauf dieser Zeit lernt, das Ich zu 
erfassen, zu sich Ich zu sagen, seine Ichheit zu verstehen. Das andere 
ist, daft der Mensch, wenn er sich spater zuruckerinnert, sich nur bis an 
diesen Zeitpunkt hochstens zuruckerinnert, der diesen Zeitraum von 
dem spateren Leben trennt. Kein Mensch weift im normalen Zustand 
irgend etwas, was diesem Zeitpunkt vorangeht. Der Mensch ist da ein 
ganz anderes Wesen in einer gewissen Beziehung. Und wenn auch wie- 
derum heutige Psychologen die unglaublichsten Kindereien sagen, 
miissen wir dennoch an dieser Erkenntnis festhalten, daft in der Tat 
der Mensch zu einem Bewufttsein seiner Ichheit erst nach Verlauf dieser 
Zeit kommt. Es gibt heute schon sogar Psychologien, in denen man 
lesen kann, der Mensch lernte zuerst denken und dann sprechen. Nun, 
solches Blech, wie es heute geschrieben wird in popularen psychologi- 
schen Schriften, ist nur moglich in einem Zeitalter, in dem diejenigen 
Menschen, die heute an den offiziellen Stellen Psychologie treiben, als 
ernsthafte Wissenschafter angesehen werden. Diese Tatsache gehort zu 
den wichtigsten, daft wir die Scheidung dieser ersten Lebensjahre von 
den spateren ins Auge fassen und sozusagen die ersten Lebensjahre hin- 
durch den Menschen als ein ganz anderes Wesen ansehen als spater. 
Spater erst tritt das Ich des Menschen, dasjenige, woran alles gebunden 
ist, auf . Aber kein Mensch sollte behaupten, daft dieses Ich vorher un- 
tatig war. Es war natiirlich nicht untatig. Es wird nicht erst geboren 
im dritten Jahre; es war da, es hatte nur eine andere Aufgabe als in die 
Tatigkeit des Bewufttseins einzugreifen. 

Was hatte es fur eine Aufgabe? Es ist der wichtigste spirituelle Fak- 
tor bei der Bildung der drei Hiillen des Kindes, des Astralleibes, Ather- 
leibes und physischen Leibes. Die physische Hiille des Gehirns wird 
fortwahrend umgebildet. Da haben wir fortwahrend das Ich an der 
Arbeit. Es kann nicht bewuftt werden, weil es eine ganz andere Auf- 
gabe hat: es mufi erst das Werkzeug des Bewufttseins formen. Dasselbe, 
was uns spater bewuftt wird, arbeitet erst an unserem physischen Gehirn 
in den ersten Lebensjahren. Es ist sozusagen nur eine Anderung der 
Aufgabe des Ich. Erst arbeitet es an uns, dann in uns. Es ist wirklich ein 
Plastiker zuerst, dieses Ich, und es ist unsagbar, was dieses Ich an der 
Formung selbst dieses physischen Gehirns leistet. Ein gewaltiger Kiinst- 



ler ist dieses Ich. Aber wer gibt ihm die Kraft? Diese Kraft hat es aus 
dem Grunde, weil in das Ich in den ersten drei Lebensjahren die Krafte 
der nachsthoheren Hierarchie, der Engel einstromen. In der Tat arbei- 
tet - das ist kein Bild, das ist kein Gleichnis, sondern tatsachlich eine 
Wahrheit - im Menschen durch das Ich des Menschen Engel, das heifit 
eine Wesenheit der nachsthoheren Hierarchie. Diese Wesenheit arbeitet 
in dem Ich und durch das Ich an dem Menschen, ihn plastisch aus- 
gestaltend. Es ist, wie wenn der Mensch den ganzen Strom des spirituel- 
len Lebens hatte, als ob er zu den hoheren Hierarchien hinaufflosse 
und da die Krafte der hoheren Hierarchien auf ihn hereinstromten. 
Und in dem Augenblick, wo er lernt Ich zu sagen, ist es so, als ob etwas 
von der Kraft abgetrennt wiirde, wie wenn er dazu berufen wiirde, 
etwas zu tun von dem, was der Engel vorher tat. 

Damit aber haben wir in den ersten Lebensjahren tatsachlich etwas 
gegeben, was uns wie ein letzter Nachklang dessen erscheint, was 
durch das ganze menschliche Leben auch noch in einem gewissen Grade 
da war in der ersten nachatlantischen Zeit. So wie der Mensch ungefahr 
in den ersten Lebensjahren ist, so war der Mensch fast sein ganzes 
Leben hindurch, mindestens die erste Halfte seines Lebens, unmittelbar 
nach der grofien atlantischen Katastrophe. Das konnen wir uns deut- 
lich an der ersten indischen Kultur vergegenwartigen. Die kindlichsten 
Menschen in der ersten indischen Kultur waren die grofien Lehrer des 
indischen Volkes, die heiligen Rishis. Ich habe of ter auf sie aufmerksam 
gemacht. Wenn man sie sich vorstellen wiirde nach dem Muster eines 
heutigen Gelehrten, wiirde man sehr fehl gehen. Wenn ein heutiger 
Mensch sie treffen wiirde, wiirde er sie iiberhaupt nicht fur erhebliche 
Menschen betrachten. Sie wiirden ihm einfach kindlich naive Bauern 
sein. Es gibt vielleicht heute solche Kindlichkeit gar nicht mehr, wie sie 
bei den Rishis vorhanden war. Dann aber, wenn sie ihre Zeiten hatten, 
sprach durch sie das, was als Strom der Inspiration hereinstromte, 
dann sagten sie Dinge, welche die Geheimnisse der hoheren Welten 
waren, weil sie ihr ganzes Leben hindurch eigentlich niemals das Wort 
Ich im Sinne der heutigen Menschen iiber ihre Lippen brachten. Sie 
haben nie Ich gesagt. Sie unterschieden sich also von dem Kind da- 
durch, dafi das Kind das primitive Vorstellen hat. Aber in dieselbe 



Form des Seelenlebens flossen herein die hochsten Weisheitsschatze, 
wie wenn heute ein Kind in den ersten drei Jahren die grofite Weisheit 
sagen wiirde. Die sagt es im Grunde nicht - aber vielleicht doch nur fiir 
einen Teil der Menschen nicht. Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, 
daft ich ofter den Satz ausgesprochen habe: Der Weiseste kann viel- 
leicht am meisten von dem Kinde lernen. - Und wenn tatsachlich der- 
jenige, der selber in die geistigen Welten hineinschauen kann, das Kind 
vor sich hat mit dem Strom, der in die geistige Welt hinaufgeht, dann 
ist das so - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck -, dann hat derjenige, 
der in die geistigen Welten hineinzusehen vermag, in dem Kinde etwas 
wie einen Telephonanschlufi in die geistigen Welten. Durch das Kind 
spricht die geistige Welt. Die Menschen wissen es nur nicht. Der Wei- 
seste kann am meisten von dem Kinde lernen. Das Kind spricht nicht, 
sondern der Engel aus dem Kinde. 

Nun ist die Frage diese: Wie verhalt sich zum spateren Leben die 
ganze Konstitution des Menschen dann, wenn sein Ich nicht blofi das 
vierte Glied ist, sondern zugleich das unterste Glied eines Engels ist? 
Wir konnten geradezu die Glieder des Engels fiir diese Zeit anfuhren, 
das Kindes-Ich als das unterste Glied des Engels aufzahlen. Die Be- 
ziehungen sind ganz anders als spater zwischen den Wesensgliedern. 
Es fragt sich also, wie verwandelt sich das spater beim Menschen? Was 
geht da spater vor? - Es wird so etwas wie die lebendige Stromung ab- 
geschniirt, der Mensch verliert den lebendigen Zusammenhang mit der 
geistigen Welt. Daher sind auch in diesen ersten Lebensjahren am Men- 
schen am intensivsten bemerkbar diejenigen Krafte, die er aus seinen 
fruheren Inkarnationen mitbringt. Da arbeitet am intensivsten der 
Wesenskern der geistigen Teile, so die Korperlichkeit herauszugestal- 
ten, dafi sie geeignet ist fiir die Inkarnation. Wie verhalt sich das 
spatere normale Bewufksein dazu? So, dafi der Mensch heute eben nicht 
mehr jenen Leib hat, jenen Atherleib und seine Beziehungen zum phy- 
sischen Leib, wie sie bei den heiligen Rishis vorhanden waren. Da blieb 
das ganze Leben hindurch jenes Vererbungsverhaltnis fiir den Ather- 
leib und Astralleib, welches moglich machte, dafi dieses Ich plastisch 
arbeiten konnte an der aufieren Hiille des Menschen. Heute erben wir 
schon mit der Geburt einen so dichten und anspruchsvollen physischen 



Leib, dafi nur ein geringer Teil der Arbeit von dem Ich geleistet werden 
kann, der friiher geleistet worden ist. Unser physischer Leib ist nicht 
mehr geeignet fur das, was wir in den ersten drei Jahren sind. Wir 
erben jenen physischen Leib, den wir fur die spateren Lebensjahre 
brauchen, und der ist nicht geeignet, das Auge hinaufzurichten in die 
geistigen Welten. Das Kind weifi nicht, was herunterstromt, und die 
Umstehenden erst recht nicht, denn es hat sich der physische Leib ge- 
andert, er ist dichter, trockener geworden. Wir werden geboren mit 
einer Seele, die noch in den ersten drei Jahren in die geistigen Welten 
hinaufragt, aber wir werden mit einem Leib geboren, der dazu berufen 
ist, das Bewufksein, in dem das Ich lebt, unser ganzes iibriges Leben 
hindurch zu entwickeln. Hatten wir nicht diesen dichten physischen 
Leib, so wiirden wir allerdings kindlich bleiben vermoge des heutigen 
Menschheitszyklus. Aber weil wir ihn haben, kann das Zusammen- 
leben mit der spirituellen Welt wahrend der drei ersten Jahre nicht 
zum vollen Bewufksein kommen. 

Was raufi jetzt eintreten im Laufe der Menschheitsentwickelung? 
Was ist das einzig Gesunde? Wir konnen am leichtesten dieses Gesunde 
aussprechen, wenn wir die beiden Begriffe der alten Zeit gebrauchen 
fiir diese zwei Menschen, die in uns leben. Der eine Mensch ist der 
geistig-seelische in den ersten drei Kindheits jahren, der nicht mehr 
recht zum aufteren Menschen pafk, aber kein Ich-Bewufksein ent- 
wickeln kann. Diesen Menschen nannte man in alten Zeiten den Gottes- 
sohn. Und den, der heute seinen physischen Leib so hat, dafi das Ich- 
Bewufksein darin leben kann, nannte man den Menschensohn. So dafi 
der Gottessohn im Menschensohn lebt. Heute ist es so, dafi der Gottes- 
sohn sich nicht mehr bewufk werden kann im Menschensohn, sondern 
erst abgeschnurt werden soil, wenn das heutige Ich-Bewufksein auf- 
treten soli. Aber des Menschen Aufgabe ist es, den Menschensohn, die 
aufieren Hullen, durch bewufke Aufnahme der spirituellen Welt so 
umzugestalten, so zu iiberwinden, so sich iiber das zum Herrn zu 
machen, dafi nach und nach der Menschensohn wiederum ganz durch- 
drungen wird vom Gottessohn. Wenn die Erde am Ende ihrer Ent- 
wickelung angelangt sein wird, mufi der Mensch bewufk gemacht 
haben, was er unbewufk von der Kindheit herauf nicht mehr machen 



kann. Mit seinem gottlichen Teil mufi er seinen Menschensohn ganz 
durchdrungen haben. Was mufi den Menschen ganz durchdringen und 
durchgiefien, was mufi sich in alle Glieder des physischen, Ather- und 
Astralleibes hineingieften, damit der Mensch seinen ganzen Menschen- 
sohn mit dem ganzen Gottessohn durchdringt? Da mull - vom Ich 
durchdrungen, vollbewufk -, was in den drei ersten Lebensjahren lebt, 
den ganzen Menschen durchdringen, das mufi sich ergieften. 

Nehmen wir an, es sollte vor uns auftreten wie ein Muster dessen, 
was der Mensch werden soil, ein Wesen wie ein Ideal. Was muft sich bei 
diesem Wesen erfullen? Dasjenige, was als Seele in diesem Wesen 
drinnen sitzt, kann man nicht brauchen, das kann die aufieren Hiillen 
nicht durchdringen. Ein gewohnlicher Mensch der heutigen Entwicke- 
lung wiirde nicht das menschliche Erdenideal verwirklichen konnen, 
wiirde es nicht darstellen konnen. Wir miifiten die Seele herausreifien, 
sozusagen ihn vor uns stehen haben wie er als Menschensohn die Seele 
herausreilk, und eine solche Seele in diesen Menschen hineinsenken, 
die wie die Seele in den drei ersten Lebensjahren ist, nur von vollem 
Ich-Bewulksein durchdrungen. Auf keine andere Weise konnten wir 
ein Ideal der Erdenentwickelung vor uns hinstellen als einen Menschen, 
dem wir ausreifien seine Seele und dem wir eine Seele einpflanzen wie 
in den drei ersten Jahren, und diese kindliche Seele miifite das voile 
Ich-Bewufitsein haben. Die miiftten wir einpflanzen. Und wie lange 
wiirde dann in einem physischen Menschenleben es eine solche Seele 
aushalten konnen? Der physische Leib kann nur drei Jahre hindurch 
eine solche Seele tragen, dann muft er eine solche Seele unterjochen. 
Also bei einem solchen Menschen mufi der physische Leib nach drei 
Jahren zerbrechen. Es mufke das ganze Karma der Erde so e<n erichtet 
sein, daft der physische Leib nach drei Jahren zerbricht. Denn beim 
Menschen, wie er heute ist, ist es so, dafi das, was in drei Jahren lebt, 
unterjocht wird. Bleibt es aber, so mufke es umgekehrt den physischen 
Leib unterjochen und zersprengen. Also ein Ideal dessen, was die 
Menschen-Erdenmission ist, wiirde sich nur erfullen, wenn in einem 
Menschen physischer Leib, Atherleib und Astralleib fur sich blieben, 
die gewohnliche Seelenhaftigkeit herausgerissen wiirde, die Seelen- 
haftigkeit der drei ersten Jahre mit vollem Ich-Bewulksein hinein- 



gesenkt wiirde. Dann wiirde die Seele den Menschenleib zersprengen, 
aber wahrend dieser Jahre wiirde es darleben ein voiles Musterbild 
dessen, was der Mensch erreichen kann. 

Dieses Ideal ist das Christus-Ideal, und was in der Jordan-Taufe 
geschehen ist, ist die Realitat dessen, was geschildert worden ist. Es 
wurde tatsachlich dieses vor die Erdenmenschheit hingestellt, was wir 
als das menschliche Ideal begreifen miissen. Es kann gar nicht anders 
sein. "Was wir da einsehen, ist geschehen. Es ist geschehen, dafi durch 
die Jordan-Taufe die Seele, an die wir gebannt werden wahrend unserer 
drei ersten Kindheitsjahre, aber nun voll durchdrungen vom mensch- 
lichen Ich, in vollem Zusammenhang mit der spirituellen Welt nach 
oben, in einen menschlichen Leib, aus dem die friihere Seele heraus- 
ging, hineinversetzt worden ist, und dafi nach drei Jahren diese Seele 
aus den spirituellen Welten die Leiber zersprengt hat. So haben wir 
in den drei ersten Lebensjahren ein schwaches Abbild dessen vor uns, 
gleichsam ein ganz entblofites Abbild dessen, was als Christus-Wesen- 
heit drei Jahre lang im Leib des Jesus auf der Erde gelebt hat. Und 
wenn wir eine solche Menschenwesenheit in uns selber auszubilden 
versuchen, die wie die Kindheitsseele ist, aber voll durchdrungen von 
allem Inhalt der spirituellen Welt, dann haben wir eine Vorstellung 
jener Ichheit, jener Christusheit, von der Paulus spricht, als er die For- 
derung an die Menschen stellt: Nicht ich, sondern der Christus in 
mir — : die mit der vollen Ichheit erfullte kindliche Seele. Dadurch 
wird der Mensch so, dafi er seinen Menschensohn durchdringen kann 
mit seinem Gottessohn und imstande sein wird, sein Erdenideal zu 
erfullen, zu uberwinden alle aufiere Wesenheit und den Zusammen- 
hang wieder zu finden mit der spirituellen Welt. 

Wie miissen wir aber werden? Jeder Ausspruch hat einen mehrfachen 
Sinn in den religiosen Urkunden. Wir miissen werden wie die Kinder, 
wenn wir hineinschauen wollen in die Reiche der Himmel, aber mit der 
vollen Reife des Ich. Das steht uns in Aussicht bis zur Zeit, wo die Erde 
ihre Mission erfullt haben wird. Es ist etwas, was uns sehr, sehr eigen- 
tiimlich beriihren kann, wenn wir sozusagen auf der einen Seite darauf 
blicken, wie im Grunde unser physischer Leib einem Vertrocknungspro- 
zefi entgegengeht, und auf der anderen Seite sich der Spiritualisierungs- 



prozeft hineinsetzt,indem er iiberwindet das, was derVertrocknung ent- 
gegengeht gegen die Zukunft hin. Aus den spirituellen Welten heraus 
mufi das Innere so stark werden, daft das widerstrebende Aufiere sich in 
seinem Charakter anpafk. Damit stehen wir als Menschen im Einklang 
mit unserer Erdenentwickelung. Es sagt uns die spirituelle Wissenschaft 
iiber unsere Erde, dafi wir langst iiber den Punkt hinaus sind, wo das 
mineralische Reich, das den Boden bildet, vom Granit durch Gneis, 
Schiefer bis zu unserer Ackererde, seine frischen Aufbaukrafte hat, 
sondern dafi das alles in einem fortwahrenden Zerstorungsprozefi be- 
griffen ist. Wir gehen nicht auf einem Boden herum, der in Neubildung 
begriffen ist, sondern, weil die Erde iiber die Mitte ihrer Entwickelung 
hinausgelangt ist, auf einem Boden, der bereits sich auflost, der bereits 
in Zerstorung begriffen ist. Wir stehen mit unserer Bildung ganz im 
Einklang mit unserer Planetenbildung. Wir haben einen physischen 
Leib in uns, der nach und nach vertrocknet und den wir uberwinden, 
aber wir haben auch in dem Boden etwas, was im Zerfall begriffen ist, 
und wie sich Taler und Gebirge bilden, ist Zerfall der Erdenrinde. 

Die spirituelle Wissenschaft sagt aus: Du gehst iiber eine zerfallende 
Erde. Wenn du iiber ein Gebirge steigst, mufit du dir bewufk sein, dafi 
da etwas zerbrochen, geborsten ist und dafi der Bruch nicht ein Fort- 
bildungsprozefi ist. Uber der Mitte der Erdenentwickelung sind wir 
seit Mitte der atlantischen Zeit hinweg. Seither sind wir auf einer zer- 
storten Erde, die einst als Leichnam von uns fallen wird. - Es ist eines 
der schonsten Beispiele, wie diese spirituelle Erkenntnis im vollen Ein- 
klang steht mit der wirklichen Wissenschaft der Gegenwart. Denn 
Anthroposophen sollten unterscheiden lernen zwischen dem, was wirk- 
liche Wissenschaft ist, und alledem, was sich heute durch unzahlige 
populare Kanale als Wissenschaft gebardet, aber nichts ist als eine 
Summe von Vorurteilen und dergleichen mehr. Wenn man zu den 
wirklichen Quellen der einzelnen Wissenschaften geht, erlangt man die 
Einsicht, dafi spirituelle Erkenntnis in vollem Einklang mit der Wissen- 
schaft steht. Hier ist eines der schonsten Beispiele. Denn es gibt keinen 
griindlicheren Geologen als Eduard Suefi, und es ist gewifi richtig, was 
ein anderer Geologe sagt, daft das Werk von Suefi «Das Antlitz der 
Erde», die geologische Epopoe der Erde ist, Es wurde aller dings ganz 



besonders sorgfaltig durchgearbeitet. Dieses Werk ist dasjenige, in dem 
man als in einem monumentalenWerk das finden kann, was man heute, 
mit aller Vorsicht und ohne durch Theorien sich voreinnehmen zu 
lassen, auf Grundlage der geologischen Tatsachen behaupten kann. 
SueE untersucht nicht etwa, wie es selbst noch Buch oder Humboldt 
getan haben, nach vorgefa£ten Ideen, sondern einfach, was Tatsache 
ist. Und da ist ja eines interessant, was Suefi iiber die eigentliche Bil- 
dung des Erdbodens zu sagen weifi, aus sorgfaltigen Tatsachen heraus. 
Fur ihn ist tatsachlich in der Bildung des Erdbodens genau das, was fur 
die spirituelle Wissenschaft der heutige Erdboden ist, nur dafi er nichts 
weifi von der spirituellen Wissenschaft, sondern aus den reinen phy- 
sischen Tatsachen seine Schliisse zieht. Fiir ihn sind Taler dadurch ent- 
standen, dafi gewisse Krafte so gewirkt haben, dafi Fels- und Gesteins- 
material abstiirzte und dadurch Vertiefung entstand, wahrend eine 
Erhohung blieb und so weiter. Das alles ist durch Zusammensturz, 
Oberwerfung und Oberfaltung gebildet, in dem nur noch die zerstoren- 
den Krafte wirken. Eine Stelle darf ich Ihnen vorfiihren aus seinem 
grofien Werk. So werden Sie sehen, wie das hier, wo wir es mit wirk- 
licher Wissenschaft zu tun haben, im Einklang steht mit dem, was 
spirituelle Erkenntnis ist. Er sagt an einer Stelle seines Werkes: «Der 
Zusammenbruch des Erdballes ist es, dem wir beiwohnen. Er hat frei- 
lich schon vor sehr langer Zeit begonnen, und die Kurzlebigkeit des 
menschlichen Geschlechtes lafit uns dabei guten Mutes bleiben. Nicht 
nur im Hochgebirge sind die Spuren vorhanden. Es sind grofie Schollen 
hunderte, ja in einzelnen Fallen viele tausende von Fufi tief gesunken, 
und nicht die geringste Stufe an der Oberflache, sondern nur die Ver- 
schiedenheit der Felsarten oder tiefer Bergbau verraten das Dasein des 
Bruches. Die Zeit hat alles geebnet. In Bohmen, in der Pfalz, in Belgien, 
in Pennsylvanien, an zahlreichen Orten zieht der Pflug ruhig seine 
Furchen Uber die gewaltigsten Briiche.» 

Das ist nur gesagt hier, um Ihnen zu zeigen, wie unser Erdenplanet 
erst im Sinne spiritueller Weisheit diesen Verdorrungs- und Vertrock- 
nungs- und Zerstorungsproze^ zeigt gleich dem physischen Leibe. Die 
Menschen, die heute Weltanschauungen aufstellen, gehen nicht zu 
wirklicher Wissenschaft. Denn es gehort viel dazu, das Riesenwerk von 



Eduard Sueft auch nur durchzustudieren. Aber das wiirde nichts helfen, 
wenn man nicht bekannt ware mit der ganzen geologischen Wissen- 
schaft der Gegenwart, insofern sie lehrt, ein solches Werk zu lesen. Wo 
der Mensch an die wirklichen Wissensquellen herangeht, da findet er 
iiberall die absoluten Tatsachen. 

Hier aber gibt es eine spirituelle Wissenschaft, sie sagt uns: Die 
Sachen sind so - zum Beispiel iiber den Fortgang unserer Erdenentwik- 
kelung daft die Erde einst, ehe Organismen waren, sich nicht in 
jenem phantastischen Zustand befand, wo der Granit feuerfliissig war, 
sondern wo die ganze Erde durchzogen war von ahnlicher Tatigkeit 
wie zum Beispiel beim Menschen, wenn er denkt. Dieser Zersetzungs- 
prozeft wurde einst eingeleitet, und dadurch kam das zustande, daft 
man sagen kann: Von dem Erdenorganismus fielen wie ein Regen her- 
aus die chemischen Stoffe, die heute der Organismus nicht mehr ent- 
halt, also zum Beispiel die Stoffe, aus denen der Granit besteht. Das 
sickerte herunter, und im wesentlichen waren es diese Zerstorungs- 
prozesse, die im Verein mit dem Chemismus der Erde jene Moglichkeit 
hervorriefen, daft der Granit entstand als fester Mutterboden der 
Erde. - Aber damals wurde schon ein Zersetzungsprozeft eingeleitet, 
und was heute ist, muft die Folge sein. Unsere mineralischen Prozesse 
sind Folgen jenes Zersetzungsprozesses, der in gerader Linie fortgeht. 
Was muft uns die wirkliche Naturwissenschaft zeigen? Daft wirklich 
jene Prozesse vorhanden sind, die da sein miissen. Dberall zeigt sich 
uns das in der wirklichen Naturwissenschaft. Nirgends widerspricht 
wirkliche Naturwissenschaft dem, was Geisteswissenschaft fordert, 
iiberall ist es nur Bestatigung. 

Solche Bestatigung wird der Mensch auch finden in bezug auf Re- 
inkarnation und Karma. Nur muft die Menschheit einmal hinaus- 
kommen iiber all die Theorien, Vorurteile und dergleichen. Die Tat- 
sachen sind iiberall zu brauchen, wo sie Tatsachen sind, nicht konfuse 
Hypothesen wie die Annahme, daft einmal existiert hat, was die geo- 
logischen Theoretiker als den Zustand der Erde zur Granitzeit denken, 
ganz abgesehen von den philosophischen Theorien der Gegenwart, in 
denen wir etwas vor uns haben, was von aller Geistigkeit ziemlich ver- 
lassen ist. Wir diirfen uns nicht imponieren lassen von solcher Rederei 



wie zum Beispiel, wenn jemand kommt und sagt: Die menschliche Ein- 
zelentwickelung, die wir begriinden auf Reinkarnation und Karma, 
stammt aus den Unendlichkeiten der geistigen Entwickelung. - Es ist 
moglich, dafi heute ein Mensch weltberiihmt werden kann und sagen 
kann, die menschliche Einzelentwickelung stammt aus der Unendlich- 
keit der geistigen Entwickelung -, was nichts ist als ausgewalztes Blech, 
wenn es auch als offizielle Philosophic verkiindet wird und an den 
Namen Wundt gebunden ist. Hier stehen wir in der Tat an der Grenz- 
scheide zweier Geisteswelten, und dessen mussen wir uns bewufit sein. 
Das eine ist die tatsachliche, iiberall die Geisteswissenschaft nur be- 
statigende Naturwissenschaft, insofern sie auf Tatsachen fulk. Das 
andere sind die verschiedenen philosophischen Theorien, Hypothesen 
und allerlei «geistvolles» Zeug iiber das, was zugrunde liegen soli den 
aufieren Vorgangen. Davon soil sich wirklich Geisteswissenschaft 
streng scheiden. Dann werden wir schon auch sehen, wie es immer 
mehr moglich wird zu begreifen, dafi dasjenige, was wir uns durch 
spirituelle Erkenntnis aneignen - diese Zusammensetzung des Menschen 
und die Beziehungen der Glieder zu den verschiedenen Epochen der 
Menschheitsentwickelung, auch der einzelnen Menschenentwickelung - 
uns tief hineinweist in die Geheimnisse der Welt, und dafi in so etwas 
wie einer richtigen Betrachtung der drei ersten Kindheitsjahre, die erste 
Stufe gegeben ist, um das Mysterium von Golgatha in seiner Wahrheit 
zu erkennen und ein solches Schriftwort wirklich zu verstehen, wie das 
ist: So ihr nicht werdet wie die Kindlein, konnet ihr nicht hinein- 
kommen in die Reiche der Himmel! 



WEISHEIT, FRDMMIGKEIT UND LEBENSSICHERHEIT 



Basel, 23. Februar 1911 



Die Geisteswissenschaft gibt Lebenssicherheit und Kraft, wenn sie rich- 
tig erkannt wird. Wie kann sie sich fordernd ins Leben hineinstellen? 
Viele Menschen glauben, dafi es fiir ein wirklich gutes menschliches 
Leben eher stdrend als fordernd sei, auf diesem Gebiete etwas zu lernen 
und geistige Erkenntnisse zu sammeln. Wozu braucht man denn eigent- 
lich so viel Wissenschaft des Geistes, wozu braucht man so vielerlei 
iiber die Entwickelung der Erde und eines ganzen Planetensystems zu 
lernen? Wenn man einfach versucht, sein hoheres Selbst in sich zu 
suchen und dadurch ein guter Mensch zu werden, so ist man im Grunde 
genommen auch der beste Theosoph. - Anderen, mehr theoretisch an- 
geregten Geistern, gef allt es zu hdren, woraus der Mensch besteht, ihren 
Intellekt daran zu iiben, wie die Menschheit sich durch die verschie- 
denen Kulturperioden entwickelt hat, regelmafiige Zahlenperioden zu 
wissen, und sie mochten sobald als moglich solche Dinge lernen, am 
liebsten recht kurz die wichtigsten Lehren aufschreiben und in einer 
Art von Katechismus verbreiten konnen. 

Diese beiden Ansichten entsprechen keineswegs dem, was die Gei- 
steswissenschaft dem Menschen sein kann, und was sie demjenigen 
wird, der sich gerade durch die Geisteswissenschaft in richtiger Weise 
ins Leben hineinzustellen vermag. Zunachst ist es gewifi wahr, dafi wir 
aus physischem, Ather-, Astralleib und Ich bestehen. Wenn man aber 
glaubt, dafi damit etwas getan ist, wenn man dies aufzahlen kann, so 
irrt man sich. Man weifi nichts als ein Schema. Erst dann weifi man 
etwas iiber den Menschen, wenn man ein solches Wissen auf das Leben 
anwenden kann. Das kann man aber nicht, wenn man sich nicht klar 
dariiber ist, dafi es nicht blofi darauf ankommt, die Namen dieser vier 
Glieder zu kennen, sondern zu wissen, wie diese vier Glieder im Men- 
schen verbunden sind. Ob in einem Menschen der Atherleib mehr mit 
dem physischen Leib zusammenhangt oder weniger, ob Atherleib und 
Astralleib zueinander hinstreben und enge Verbindung miteinander 
suchen, oder ob sie mehr lose zusammenhangen, darauf kommt es an. 



Wenn wir unser Augenmerk darauf richten, so zeigt sich, dafi sich im 
Lauf der Menschheitsentwickelung auf der Erde dieses Verhaltnis der 
Glieder zueinander andert. Es war in der Vergangenheit anders und 
wird in der Zukunft anders werden, als es heute ist. Wenn wir auf den 
alten Agypter schauen in sehr friihen Jahrtausenden der agyptischen 
Kultur, also auf uns selbst in friiheren Inkarnationen, so finden wir in 
diesem alten Agypter einen Menschen, bei dem der Zusammenhang 
zwischen physischem, Ather- und Astralleib ein lockerer ist. Schauen 
wir auf den heutigen Menschen, so finden wir einen viel innigeren, 
dichteren Zusammenhang. Und in der Zukunft ist es so, dafi dieser 
Zusammenhang immer dichter und dichter wird. Damit bekommt der 
Durchgang durch die verschiedenen Kulturperioden fur uns erst einen 
Sinn. Wenn wir davon sprechen, dafi sich der Mensch so und so oft 
verkorpert, kann man auch fragen: Warum verkorpert er sich denn 
wieder? - Wir treffen in der Tat dadurch, dafi der Zusammenhang der 
Hiillenglieder immer anders wird, immer wieder eine andere Art von 
aufierem Menschen an. Als Chaldaer hatten wir tatsachlich ein ganz 
anderes Leibesgefiige als heute, und in der Zukunft werden wir wieder 
andere haben. So machen wir andere Erfahrungen, weil wir andere 
Menschenhullen haben. 

Nun handelt es sich darum, daft wir in richtiger Art uns Vorstellun- 
gen dariiber bilden, wie dieser innere menschliche Wesenskern, der von 
Verkorperung zu Verkorperung geht, sich eigentlich verhalt zu dem, 
worin wir uns einkleiden, zu dem Astralleib, dem Atherleib und dem 
physischen Leib. Die auftere Wissenschaft untersucht im Grunde ge- 
nommen nur die auftere Hiille. Sie weifi nichts von den tieferen Ge- 
setzen, die da walten von Inkarnation zu Inkarnation. Aber auch die 
Gesetze der aufteren Hiille verkennt ihrer eigentlichen tieferen Bedeu- 
tung nach die auftere Wissenschaft. Davon konnen wir uns iiberzeugen, 
wenn wir solche Zusammenhange betrachten, an welche die auftere 
Wissenschaft glaubt, und andere, an welche sie nicht glaubt. Da ist es 
recht interessant, zu bemerken, daft die Wissenschaft lange Zeit dazu 
neigte, dem Menschen freien Willen zuzuschreiben. Ich habe aber auch 
schon darauf hingewiesen, daft die neuere Wissenschaft diesen freien 
Willen vielfach leugnet. Sie beruft sich auf die auftere Forschung. Diese 



sagt uns: Seht hin einmal auf den Verlauf des aufieren Lebens. Man 
kann zum Beispiel durch die Statistik feststellen, wie viele Selbstmorde 
in einer bestimmten Gegend vorkommen. Eine gewisse RegelmaiSigkeit 
der Selbstmorde kann man feststellen. Die statistischen Angaben er- 
geben, daft so etwas in einer gewissen Regelmaftigkeit verlauft. Es sind 
einfach so und so viele Menschen verurteilt, Selbstmord zu begehen. 
Wie konnte man da noch von freiem Willen reden? - Man konnte noch 
viel weiter gehen und konnte auf die Versicherungstechnik hinweisen. 
Diese geht darauf aus, zu berechnen und in Formeln zu fassen, wie 
viele von so und so viel Menschen nach dreifiig Jahren noch leben. 
Also ist es zahlenmafiig bestimmt, wie viele Menschen von den heute 
geborenen nach dreifiig Jahren noch vorhanden sind. Tod und Leben 
sind in strenge aufiere Naturgesetze gebannt. 

Das hat die aufiere Wissenschaft anerkannt. Aber noch andere 
Dinge wird sie gezwungen werden anzuerkennen. Schon macht sich 
geltend, dafi Tatsachen zutage gefordert werden, welche die Menschen 
zwingen werden, geisteswissenschaftlich zu denken. Die Wissenschaft 
ist im allgemeinen nicht geneigt, sehr rasch etwas Neues aufzunehmen. 
Sie befolgt da eine eigentumliche Gewohnheit. Man kann grofte Dekla- 
mationen dariiber vernehmen, dafi es im «finsteren Mittelalter» Men- 
schen gab, welche sich den Entdeckungen des Kopernikus entgegen- 
stemmten. Seine Lehre mufite sich mit aller Miihe gegen die Finsterlinge 
der damaligen Zeit durchsetzen. Und die am meisten davon reden, ver- 
halten sich geradeso nicht nur gegeniiber der Geisteswissenschaft, son- 
dern auch gegeniiber solchen Tatsachen der Wissenschaft, die unsere 
Zeit zwingen, geistige Gesetze zu suchen. Ein Berliner Arzt stellt zum 
Beispiel gewisse Zahlenverhaltnisse im Ablauf des Lebens fest. Dieser 
Arzt, Wilhelm Fliejl, beginnt Aufzeichnungen dariiber zu machen, wie 
in einzelnen Familien die Geburten mit den Todesfallen zusammen- 
hangen. An einem bestimmten Tage stirbt in einer Familie beispiels- 
weise eine weibliche Personlichkeit. 1428 Tage vorher wurde das erste 
Enkelkind dieser Person geboren, 1428 Tage nach dem Tode der zweite 
Enkel, so dafi wir also hier den Tod der Grofimutter haben und sym- 
metrisch vor- und riickwarts wird je ein Enkelkind geboren. Damit 
noch nicht genug. In einem Zeitraum von 7 mal 1428 Tagen nach dem 



Tode dieser Person wird ein Urenkel geboren. So dafi man, wenn man 
diese Sache verfolgt, immer auf ganz bestimmte Zahlenverhaltnisse 
kommt; auf Zahlenverhaltnisse, welche zuletzt in ganz wunderbarer 
Weise den Zusammenhang der Todes- und Geburtsfalle feststellen. 
FlieJS hat dies in zahlreichen Fallen herausgefunden. 

Aber die Wissenschaft will es heute scheinbar noch nicht anerken- 
nen, es geht heute noch zu sehr gegen ihreRichtung. Selbst dieBesserung 
der Gesundheitsverhaltnisse unterliegt dem Zahlenverhaltnis. Die Zahl 
der Todesfalle durch Tuberkulose in einem bestimmten Zeitraum, ver- 
glichen mit der Zahl der Todesfalle von Jahrzehnten vorher, findet 
man geregelt durch bestimmte Zahlen. Die Arzte sagen, sie hatten die 
Zahl der Falle durch hygienische Mafinahmen eingeschrankt. Fliefi 
wies aber nach, dafi dies sich nach arithmetischen Verhaltnissen be- 
rechnen lasse. Das ist der heutigen Wissenschaft zwar sehr unbequem, 
aber sie wird schon gezwungen werden, das Walten einer objektiven 
Arithmetik anzuerkennen. Sie wird wiederum auf den alten Satz des 
Pythagoras zuruckkommen: Die Zahl ist etwas, was alles beherrscht, 
was webt und lebt. - Wahrend wir in unserer Seele rechnen, haben 
langst die hoheren Geister gerechnet, um in den Ablauf des Lebens 
hineinzuversetzen, was den Zahlen entspricht. Der Pythagoreische 
Satz: Gott treibt Mathematik, indem er das Leben ablauf en lafit -, 
scheint wieder zur Geltung zu kommen. Aber dadurch wiirde auf der 
anderen Seite jene Gesinnung der aufieren Wissenschaft wiederum be- 
starkt, welche das Innere des Menschen ohne Anteil an seinen Lebens- 
schicksalen sein lafit. Wenn es arithmetisch feststeht, wann wir sterben 
mussen, wenn Geburt und Todesfalle so zusammenhangen, dafi sie 
7 mal 1428 Tage voneinander entfernt sind, so scheint unser Inneres 
eingespannt zu sein in aufiere gewaltsame Verhaltnisse. 

Wir mussen scheinbar darauf verzichten, von besonderen Gesetzen, 
die unser Inneres beherrschen, zu sprechen. Aber man kann schon 
aufiere Griinde anfiihren, welche uns zeigen, dafi die Geschichte doch 
nicht ganz stimmt. Wenn noch so genau berechnet wird, dafi an einem 
One so und so viele Selbstmorde begangen oder so und so viele Dieb- 
stahle veriibt werden, beweist das denn, daft der Mensch einen Dieb- 
stahl begehen mufi? Nach den Formeln der Wahrscheinlichkeit kann 



man berechnen, wie lange die wahrscheinliche Lebensdauer der Men- 
schen ist. Aber ich glaube nicht, daft irgendein Mensch zugeben wird, 
daft er an dem Tag, den die Arithmetik ausgerechnet hat, durchaus 
sterben mufi. Fur die innere Wesenheit folgt gar nichts durch diese 
Gesetzmaftigkeit der mathematischen Formeln. 

Wie stent es nun damit, wenn Flieft nachweist, daft 1428 Tage zwi- 
schen Todesfall und zwei Geburten verflieften? Beweist das etwas fiir 
die innere Gesetzmaftigkeit unserer Ichheit? Es ist namlich nicht so 
ohne weiteres einzusehen, wie das Verhaltnis dieses inneren Wesens- 
kernes ist zu dem aufteren Laufe des Lebens. Wie stimmt das dazu, daft 
wir unserem Karma folgen, daft wir unserer inneren Ichheit zu folgen 
haben? Das ist nicht ganz leicht einzusehen. Durch ein Bild soli es ver- 
standlich gemacht werden. Es ist wohl moglich, daft zwei Geschehnisse, 
zwei Stromungen, zwei Tatsachen, die sehr wohl zueinander in Bezie- 
hung stehen, unabhangig voneinander fortlaufen. Bedenken Sie das 
eine: Wenn Sie von hier nach Zurich kommen wollen, fahren Sie im 
Eisenbahnzug. Wann der Zug geht, das ersehen Sie aber zunachst aus 
dem Fahrplan, der auch eine Menge von Zahlen enthalt. Sie sind also 
gewissermaften innig verkniipft mit den Zahlen. Sie fiihlen sich ab- 
hangig in dem, was Sie denken, bestreben, innerlich erleben, von den 
Zahlen des Fahrplans. Geht aber nicht neben dieser Tatsachenreihe, 
daft Sie den Fahrplan studieren konnen, die andere mit Ihrer Seelen- 
entwickelung zusammenhangende her, daft Sie einsteigen wollen in 
die Eisenbahn? Indem man den Fahrplan studiert, wird niemals aus 
den Zahlen zu entnehmen sein, ob Sie gut oder bose, weise oder toricht 
sind. Ebenso wie es unwesentlich fiir das Innere unserer Seele ist, wel- 
cher Fahrplan besteht, ebenso wesentlich ist es fiir das Karma unseres 
Lebens, welche Zahlen sich ergeben nach den von Flieft angestellten 
Berechnungen. Wir steigen ein in den Strom des Lebens, der von Ge- 
setzen geregelt ist, welche mit unserer inneren Gesetzmaftigkeit nichts 
anderes zu tun haben als dasjenige, was wir selbst herbeifiihren. Wir 
miissen uns entschlieften, in den Zug einzusteigen. Ebenso wahr ist es, 
daft wir durch die inneren Gesetze des Karma bestimmen miissen, in 
einen Strom des Lebens einzusteigen, der dann durch die Gesetze der 
Arithmetik geregelt ist. 



Aus welchem Grunde werden all diese Dinge gesagt? - Weil der 
Geistsuchende sich immer mehr ein Gefuhl dafiir aneignen soli, daft das 
Leben kompliziert ist, daft das Leben etwas ist, was man nicht mit den 
allerbequemsten Gedanken sollte glauben umspannen zu konnen. 
Diejenigen haben sehr unrecht, welche finden, daft man das ganze 
Leben leicht verstehen kann, wenn man ein paar Satze aus der Geistes- 
wissenschaft weift. Man muft den Willen haben, immer tiefer in diese 
Zusammenhange einzudringen. Man muft ein Gefuhl davon bekom- 
men, daft die Gedanken, nach denen die Welt gegliedert ist, auch fiir 
den Menschen Geltung haben. Wenn nun gar kein Zusammenhang 
ware zwischen den aufteren Gesetzen und dem menschlichen Karma, 
so wiirde das ganze Leben auseinanderfallen. 

An zwei Tatsachen soil das erwiesen werden. Man bemiiht sich in 
der Geisteswissenschaft, moglichst gute Gleichnisse zu bringen. In ge- 
wisser Weise hangen doch die Zahlen des Fahrplans mit dem prak- 
tischen Leben zusammen. Wenn es auch gar nichts mit dem Fahrplan 
zu tun hat, ob wir iiberhaupt nach Zurich fahren oder nicht, wenn wir 
auch gar nichts ersehen von einem Zusammenhang - mit den mensch- 
lichen Verhaltnissen hangt der Fahrplan doch zusammen. Die Men- 
schen haben ihn so zusammengestellt, daft er nicht allzu ungeschickt 
den Lebensverhaltnissen entspricht. Also urspriinglich ist der Fahrplan 
dennoch den menschlichen Lebensverhaltnissen allgemein angepaftt 
worden. Etwas ahnliches ist der Fall fiir unser Karma und den Strom 
unseres Lebens, der dadurch geregelt ist. Da haben auch die Wesen- 
heiten der hoheren Hierarchien den «Fahrplan» bestimmt nach den 
Zahlenverhaltnissen, welche die Statistik findet, wenn sie mit regel- 
maftigen Zahlen aufriickt, so daft diese aufterlich den allgemeinen 
menschlichen Verhaltnissen entsprechen. Der eine findet, wenn er wie- 
der verkorpert ist, einen bequemen, der andere einen unbequemen 
Ablauf des Lebens. Es findet nicht in alien Familien dieses Gesetz so 
statt, daft immer ein Enkelkind 1428 Tage vor dem Tode der Groft- 
mutter geboren wird. Wenn wir aber bedenken, daft 1428 auch durch 
28 teilbar ist - es ist 51 mal 28 -, so verstehen wir das Zahlen verhaltnis 
etwas besser. Man wird nicht immer bei diesen Berechnungen die Zahl 
1428 erhalten, aber es ergibt sich doch in der Regel zwischen dem Tod 



irgendeines Familienmitgliedes und einer Geburt ein Vielf aches von 28. 
Das Vervielfachende moge 13 oder 17 oder sonst wie heilSen, die Zahl 
28 aber ist darinnen, sie ist regelmafiig eingeordnet. So haben wir nach 
dem Fahrplan die MogHchkeit, in verschiedene Ziige einzusteigen. Und 
so haben wir nach unserem Karma die MogHchkeit, unser Leben einzu- 
richten, bequem oder unbequem. 

Ich sage das aber nicht nur, um anzudeuten, wie kompliziert diese 
aulSeren Verhaltnisse sind, sondern ich mochte zugleich darauf hin- 
weisen, dafi wir Menschen aus alien solchen Erkenntnissen eine mo- 
ralische Konsequenz ziehen konnen. Und das ist das, was die Geistes- 
wissenschaft uns als so unendlich Wichtiges gibt. Wir konnen sagen: 
Ich stehe in dieser Welt, ich finde in dieser Welt die Zahlenverhalt- 
nisse, welche zeigen, wie unser aufteres Leben geregelt ist. Lange Zeiten 
menschlicher Kulturentwickelung hat es bedurft, um dieses heraus- 
zufinden. Aber wieviel wissen wir eigentlich von dieser Regelmafiig- 
keit? - Und da miissen wir sagen: Unendlich wenig wissen wir. Lang- 
sam und allmahlich haben wir einiges von der gottlichen Weisheit 
erkundet. Aber gerade wenn wir die schonsten und wichtigsten Dinge 
der Weisheit aufnehmen, mahnt sie uns zur Demut. Sie zeigt, wie 
wenig wir das Leben umspannen konnen mit den Gedanken, die wir 
haben. Diese Betrachtung ist dann ein Ansporn dafiir,weiter zu streben 
nach dem Lichte. 

Dieses moralische Gefuhl, diese Ehrfurcht gegeniiber der Welten- 
weisheit ist dasjenige, was wir erwerben konnen, und was uns zu bes- 
seren Menschen macht. Und dieses Gefuhl der Weisheit gegeniiber 
erwerben wir uns, das kommt iiber uns, wenn wir erkennen, dafi diese 
Weisheit uns nahegestanden hat in unserem Zwischenleben zwischen 
Tod und neuer Geburt. Wenn die Notwendigkeit sich fur uns ergibt, 
zu neuem irdischem Dasein herunterzusteigen, wahlen wir, in welchen 
Zug wir einsteigen miissen, um unser Karma zu erfullen. Da tritt die 
Entscheidung an uns heran, und wir entscheiden uns, ob dieses oder 
jenes Familienband, diese oder jene Eltern zu wahlen sind. Aber keine 
Antwort fanden wir, wenn wir jetzt gefragt wiirden, welches die 
bessere Inkarnation fur uns sei, ob in dieser oder in jener Familie. Also 
vor unserer Inkarnation sind wir gescheiter als in unserem physischen 



Dasein, denn damals, vor unserer Verkorperung, haben wir die richtige 
Wahl getroffen, Diesem Gefiihl, dafi wir nach der Inkarnation nicht 
gescheiter geworden sind als vorher, kann kein Stolz entspringen auf 
das, was wir errungen haben. 

Warum sind wir denn so viel gescheiter vor der Geburt, wo wir 
rich tig wahlen konnen? Allein waren wir es nicht, sondern in unserem 
Leben zwischen Tod und neuer Geburt werden wir durchdrungen von 
anderen Kraften als in dem Augenblick, da wir ins physische Dasein 
eintreten. Beim Eintritt ins physische Dasein werden wir durchdrungen 
von den Stoffen der Erdenreiche, die um uns herum sind, von Sauer- 
stoff, Stickstof f und so weiter; die nehmen wir in uns auf, die sind dann 
in unseren LeibeshUllen. Wenn wir den Korper ablegen, wenn wir 
durch die Pforte des Todes gehen und zwischen Tod und neuer Geburt 
leben, werden wir von den Wesenheiten der hoheren Hierarchien auf- 
genommen. Wie wir hier in den verschiedenen Reichen leben, mit Tie- 
ren, Pflanzen, Mineralien, so leben wir dort mit den Archai, mit Erz- 
engeln und Engeln. In deren Wesen werden wir eingefugt, wie wir hier 
eingefugt sind in die physischen Stoffe. Wie diese Stoffe hier ihre 
Gesetze geltend machen, wie das Eisen im Blute pulsiert nach seinen 
Gesetzen, so sind die Wesenheiten der hoheren Hierarchien zwischen 
Tod und neuer Geburt in uns tatig, und ihre Weisheit schiebt uns hinein 
in den richtigen Zug des Daseins. Die Wesenheiten der hoheren Hier- 
archien haben die Weisheit in sich, wie wir die physischen Stoffe in uns 
haben. Und es ist durchaus gerechtfertigt, wenn Demut dasjenige ist, 
was als moralische Folge iiber uns kommt; wenn wir uns recht vor 
Augen fiihren, welch einen geringen Teil der erhabenen Weisheit dieser 
Wesen wir bis jetzt im physischen Leben in uns aufgenommen haben. 
Zwischen Tod und neuer Geburt werden wir in den Schofi dieser 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien hineingebettet, wir mussen uns 
ihnen hingeben. Dies nicht wollen, hiefie dasselbe, wie wenn wir leben 
wollten, ohne die physischen Stoffe Wasserstoff, Sauerstoff und so 
weiter in uns aufzunehmen. Absurd ware es, leben zu wollen ohne voile 
Hingabe an die Wesenheiten der hoheren Hierarchien. 

Wer das bedenkt, dafi er jene Zeit zwischen Tod und neuer Geburt 
hingegeben sein mufi an die Wesenheiten der hoheren Hierarchien, 



wird sich fragen: Welches ist die beste Vorbereitung auf jene Zeit? - 
Und er wird sich die Antwort geben: Die beste Vorbereitung ist, jetzt 
schon, zwischen Geburt und Tod, dieses Gefuhl der Hingabe an die 
gottlich-geistige Welt zu entfalten. - Verehrung und Hingabe wird 
dasjenige, was wir aufnehmen, wenn wir uns in rechter Weise mit den 
richtigen Gefiihlen durchdringen. Demut und Hingabe an die geistige 
Welt wird alle unsere Empfindungen durchdringen. 

Wenn der Mensch anfangt, so zu denken und zu leben, dann findet 
er auch das Gleichmaft gegeniiber der ihn umgebenden Welt. Diese 
Gedanken regeln und harmonisieren auch seine iibrigen Empfindungen. 
In die Theosophie werden viele Untugenden der aufteren Welt herein- 
getragen. Sie kommen nicht von der Theosophie her, sondern daher, 
daft die Menschen sie von drauften hereintragen. Denken wir uns ein- 
mal einen Menschen, der drauften in der Welt fleiftig und emsig war, 
aber so, daft diejenigen, die in seiner Umgebung leben, sagen: Es ist 
Ehrgeiz, was ihn emsig sein laftt, er ubernimmt sich, er ruiniert seine 
Krafte, er achtet nicht darauf, daft dies Arbeiten eine Grenze haben 
mui - Nunmehr kommt er an die Theosophie heran. Da begegnet er 
ganz anderen Ideen, als er sie vorher gehabt hat. Aber diese allgemeine 
Eigenschaft, die er drauften hatte, kann er auch in die Theosophie hin- 
eintragen. Da hort er etwa, daft ein gewisses Studium notwendig ist, 
um die Seele vorwartszubringen. Nun, so studiert er, aber er studiert so 
wie ein Student, der seinen Kollegen den Rang ablaufen will. Er sollte 
lernen, Gleichmaft zu iiben in seinen Kraften; er sollte beachten lernen, 
wieviel er nach den ihm karmisch zugeteilten Kraften leisten kann; 
er sollte nicht im Obermaft theosophische Studien treiben. So hat er 
vielleicht gehort, daft es fur die spirituelle Entwickelung gut sein soil, 
kein Fleisch zu essen, und er fragt sich nicht: Ist es auch fur meinen 
Korper gut? - Er enthalt sich des Fleisches, um seine Entwickelung zu 
beschleunigen. Aber wir sollen durch die Theosophie lernen: Ich habe 
erst zu erforschen, ob mein Karma erlaubt, daft ich gleich die hochsten 
Regeln befolge. - Ruhige und demiitige Beobachtung des eigenen Kar- 
mas, der eigenen Fahigkeiten und Krafte eignen wir uns an, wenn wir 
uns in der richtigen Weise einlassen auf das, was die Geisteswissen- 
schaft uns geben kann. Gerade diejenigen, die okkult am meisten fort- 



geschritten sind, beobachten die geltende Regel des Gleichmafies am 
genauesten. Manchmal geschieht jedoch das Gegenteil: Wenn die 
aufieren Verhaltnisse einer richtigen Schulung widerstreben, so will 
man sich Zwang antun, man drangt zu dem gesteckten Ziele hin, man 
rackert sich im Geiste ab, urn auf eine Frage, die auftaucht, sogleich 
eine Antwort zu erhalten. Der Fortgeschrittene tut dies nie. Er wird 
sich zunachst klarmachen: Diese Frage liegt vor. Dann priift er sich: 
Bist du jetzt in diesem Augenblick fahig, voile Antwort auf die Frage 
zu erlangen? Warte einmal - so sagt er sich -, ob die Wesenheiten aus 
der geistigen Welt dir diese Antwort zuteil werden lassen. - Wenn er 
erst zerren und schieben soil, verzichtet er vorlaufig. Er weifi, er raufi 
warten. Er kann warten, weil er von der Ewigkeitsdauer des Lebens 
durchdrungen ist, und weil er weifi, dafi das Karma, das er nicht aufier 
acht lafit, jedem gibt, was ihm werden soil. Dann kommt irgendein 
Zeitpunkt, da bekommt er einen inneren Wink, und die Machte der 
geistigen Welt offenbaren ihm die Antwort. Vielleicht geschieht das 
nach Jahren, vielleicht erst nach mehreren Inkarnationen. Das charak- 
terisiert die richtige Gesinnung: Warten konnen, Geduld, Gleichmafi 
entwickeln, nichts iibereilen. 

Wer in richtiger Weise die Lehren der Geisteswissenschaft auf sich 
wirken lafit, wird durch diese Lehren seine Gefiihle und Empfindungen 
so meistern konnen, dafi sie ihn ein solches Gleichmafi, eine solche Har- 
monie beobachten lassen. Bei dieser Gesinnung durchdringen wir den 
Astralleib vom Ich aus so, dafi dieser Astralleib die Wahrheiten aus der 
spirituellen Welt in sich aufnimmt, wenn ich einen trivialen Vergleich 
gebrauchen darf, wie ein Schwamm das Wasser aufnimmt, in das er 
eingetaucht ist. Die Geist-Erkenntnis geht allmahlich in den Astralleib 
hinein, und der Astralleib wird von ihr durchdrungen. Wir leben heute 
in einem Zeitalter, wo es notwendig ist und wo es immer mehr not- 
wendig wird, dafi wir den Astralleib mit spiritueller Weisheit durch- 
dringen. Immer mehr andern sich die Zeiten dahingehend, dafi der 
Astralleib des Menschen, der durch die Pforte des Todes schreitet und 
darnach wieder kunftige Inkarnationen antritt, in Finsternis getaucht 
sein wird, so dafi er sich nicht mehr auskennt in der geistigen Welt, falls 
er jetzt nicht von spiritueller Erkenntnis durchdrungen ist. Wenn er 



aber durchdrungen sein wird von der Geist-Erkenntnis, die wir jetzt 
aufnehmen, dann wird er zum Lichtquell werden, er wird die Um- 
gebung durchleuchten. Die Weisheit, die wir hier aufnehmen, wird zum 
Lichte in der spirituellen Welt. 

Wenn wir uns nun fragen, warum die Theosophie erst heute ge- 
kommen ist, warum sie nicht schon friiher da war, miissen wir sagen: 
Sie ist deshalb nicht gekommen, weil es friiher eine uralte Weisheit gab, 
die sich dem Menschen einpragte, ohne daft er etwas dazu zu tun 
brauchte. Sie fand sich wie eine Art von Erbgut, das die Menschen vom 
alten Monde her bekommen haben. Mit diesem Erbgut konnten sie in 
die geistige Welt eindringen. Es hielt an bis in die christlichen Zeiten. 
Dann aber konnte der Mensch nicht mehr langer unmittelbar auf- 
nehmen, was geistige Weisheit ist. Er mufi erst die Seele mit der geistes- 
wissenschaftlichen Erkenntnis durchdringen, und diese wird dann die 
Macht sein, welche bewirkt, daft der Mensch in der Zukunft mit dem 
Licht seiner Seele in die geistige Welt eintreten wird. Die menschheit- 
lichen Verhaltnisse andern sich eben von Epoche zu Epoche. 

Aller Okkultismus weifi, daft es eine Weisheit gibt, die vom alten 
Monde her kommt und in ihren Resten noch wirkte bis ins 15. und 16. 
Jahrhundert, so daft die Menschen, wenn sie in die geistige Welt kamen, 
das Licht erschauten, das ohne ihr Zutun leuchtete. Heute aber kdnnen 
wir von dieser alten Weisheit, die als altes Erbgut in der Menschheit 
uberliefert war, soviel wir wollen mit der Seele aufnehmen - sie leuch- 
tet nicht mehr, nachdem die Menschen durch die Pforte des Todes ge- 
gangen sind. Nur die Weisheit, welche die Menschen aufnehmen durch 
Christus, indem sie sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir nur 
diese Weisheit wird ein leuchtendes Licht sein fiir den kiinftigen Durch- 
gang des Menschen durch die Pforte des Todes. So nehmen wir die 
durchchristete Geisteswissenschaft auf, um einen Lichtquell im Astral- 
leib zu haben, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten. 

Wenn wir aber diese durchchristete Geist-Erkenntnis aufnehmen, 
wenn wir unseren Astralleib mit ihr durchdringen, dann bleibt sie nicht 
blofte Weisheit, dann durchdringt sie unsere Gefiihle. Wir lernen, was 
auf dem alten Saturn, was auf der alten Sonne und dem alten Monde 
vor sich gegangen ist und was die Aufgabe der Erde ist. Wenn Sie sich 



hineinlesen in die Schilderungen, die in meiner «Geheimwissenschaft 
im UmrifU gegeben sind, werden Sie empfinden, dafi die Schilderung 
beim Saturn einen ganz anderen Grundton aufweist als bei den anderen 
planetarischen Zustanden. Bei Schilderung des Saturnzustandes ist es 
so, daft Sie fiihlen konnen, wie die Verhaltnisse in einer gewissen 
Herbigkeit geschildert sind. Das konnen Sie in der Seele fiihlen, und 
das ist notwendig. Das Sonnendasein konnen Sie empfinden, als ob 
bluhendes, sprossendes Leben da ware. Die Mondenschilderung kon- 
nen Sie empfinden, als ob ein gewisser melancholisch diisterer Zug 
die Menge der da gegebenen Begriffe durchzoge. Ein sensitiver Mensch 
kann das bis in den Geschmackssinn hinein wahrnehmen, bis auf die 
Zunge. 

Toren werden sagen: Die Schilderungen sind ungleich, der Stil ist 
nicht festgehalten. Wir sollen aber wissen, dafi dies notwendig ist, und 
aus welchem Grunde. Wir miissen wissen, warum eine Melodie von drei 
bestimmten Tonen notwendig ist, die jeweils erklingen miissen aus den 
Worten, und wenn wir es wissen, konnen wir es auch umwandeln in 
Gefiihle und die Gefiihle in die Welt hinaussenden. Die Gefiihle, die 
wir so in uns entziinden, verwandeln sich. Das, was da als Weisheit in 
den Astralleib aufgenommen wird, verwandelt sich in ein freiwilliges 
Hingegebensein an die Weltverhaltnisse, und das ergreift dann unseren 
Atherleib. Wenn wir weise sind, bereiten wir den Weg vor. Die Krafte, 
mit denen wir heruntersteigen in die nachsten Inkarnationen, formen 
und durchdringen den Atherleib. Haben wir den Atherleib so durch- 
drungen mit echter, rechter Frommigkeit, und er wird dann aufgelost 
im allgemeinen Weltenather, so haben wir an das Weltenall einen 
Atherleib abgegeben, der von Frommigkeit durchdrungen ist und der 
ganzen Welt zugute kommt. Sind wir aber unfromm, materialistisch, 
dann legen wir einen Atherleib ab, der zersprengend, zerstorend wirkt, 
wenn er aufgelost werden soli im allgemeinen Weltenather. In dem 
Mafie, wie wir weise sind, dienen wir uns zwar unmittelbar selber, aber 
indirekt auch der Welt. In dem Mafie, wie wir f romm sind, dienen wir 
der Welt unmittelbar, denn die Frommigkeit wird der ganzen Welt 
mitgeteilt. Und Geisteswissenschaft kann nicht nur Weisheit und 
Frommigkeit geben, sondern auch Sicherheit und Besinnung auf die 



Lebenskrafte des Leibes. Schon der bewufite Zusammenhang mit der 
spirituellen Welt gibt solche Lebenskrafte. 

Ich habe schon ofter erwahnt, daft Fichte> der an der Pforte der 
Theosophie stand, etwas von diesen Zusammenhangen wuftte. In ihm 
lebte eine solche Lebenssicherheit, daft er sagen konnte, als er iiber das 
Wesen des Menschen sprach: «Ich hebe mein Haupt kiihn empor zu 
dem drohenden Felsengebirge und zu dem tobenden Wassersturz und 
zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken und 
sage: Ich bin ewig und trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich, 
und du Erde und du Himmel vermischt euch im wilden Tumulte, und 
ihr Elemente alle schaumet und tobet und zerreibet im wilden Kampfe 
das letzte Sonnenstaubchen des Korpers, den ich mein nenne - mein 
Wille allein mit seinem f esten Plane soil kiihn und kalt iiber den Trum- 
mern des Weltalls schweben. Denn ich habe meine Bestimmung er- 
griffen, und sie ist dauernder als ihr; sie ist ewig und ich bin ewig wie 
sie.» - Lebenssicherheit quillt aus dem Bewufttsein, daft der Mensch im 
Ewigen des Geistes wandelt. Kann ein Mensch schwach werden, der 
so im Ewigen des Geistes wurzelt? Geist-Erkenntnis ist es, die immer 
mehr von solcher Kraft in uns hineingieftt. 

Was erwachst uns aus dieser Kraft? Weisheit gibt dem Astralleib 
das, wodurch wir immer mehr iiber die hemmenden Krafte hinweg- 
kommen. Frommigkeit regelt die Krafte und die richtige Gliederung 
des Atherleibes. Was aber so in unseren Leib hineinstromt dadurch, 
daft wir von unserem Zusammenhang mit dem Ewigen wissen, das ist 
Lebenssicherheit, und sie teilt sich bis in die Krafte des physischen 
Leibes uns selber mit. Wenn wir diese besitzen, dann weichen von uns 
Maja, Illusion und Tauschung. Illusion ist es, wenn jemand sagt: Unser 
physischer Leib zerfallt bei unserem Tode nur in Erdenstaub. - Nein. 
Wie der physische Leib einmal zusammengefugt war, wie der Mensch 
ihn geformt hat, ist nicht gleichgiiltig. Wenn eine solche Sicherheit im 
Ewigen diesen physischen Leib durchzieht, dann geben wir der Erde 
das zuriick, was wir als Sicherheit des Lebens uns angeeignet haben. 
Wir befestigen unseren Erdenplaneten mit dem, was wir uns wahrend 
unseres Lebens erwarben. Unsere Lebenssicherheit geben wir durch den 
physischen Leib der Welt. In dem zerfallenden physischen Leib ist das 



ZerfaWende nur Maja. Wer den physischen Leib durch den Tod ver- 
folgt, sieht, daft der Grad von Lebenssicherheit, den der Mensch wah- 
rend des Lebens erworben hat, in unsere Erde hineinflieftt. 

So befestigen wir im Astralleib, im Atherleib und im physischen 
Leib durch Weisheit, Frommigkeit und Lebenssicherheit dasjenige, was 
wir als Mensch als unser Bestes erarbeiten konnen fiir die ganze Evolu- 
tion unserer Erde. So arbeiten wir an unserem Erdenplaneten, erwerben 
wir uns aber auch ein Geflihl dafur, daft der Mensch nicht einzeln, 
isoiiert dasteht, sondern daft das, was er erarbeitet in seiner Seele, Wert 
und Bedeutung fiir das Ganze hat. Und wie kein Sonnenstaubchen ist, 
das die Gesetze des Weltalls nicht in sich tragt, so ist kein Mensch, der 
nicht durch das, was er tut und lafit, das Weltall aufbaut und zerstort. 
Wir konnen ebensoviel dem fortschreitenden Weltprozeft geben, wie 
wir ihm nehmen, wie wir von ihm herausbrockeln konnen dadurch, 
daft wir uns nicht um den Werdegang kummern, daft wir uns nicht mit 
Frommigkeit durchdringen, uns nicht Lebenssicherheit erwerben. Durch 
diese Unterlassungen wirken wir ebenso an der Zerstorung des Pla- 
neten mit, wie wir durch die Aneignung von Weisheit, Frommigkeit 
und Lebenssicherheit ihn aufbauen. So ahnen wir allmahlich, was die 
Geisteswissenschaft gefuhlsmaftig uns werden kann, wenn sie den gan- 
zen Menschen ergreift. 



DIE ARBEIT DES ICH AM KINDE 
EIN BEITRAG ZUM VERSTANDNIS DER 
CHRISTUS-WESENHEIT 



Ziirich, 25. Februar 1911 



Wenn man einen offentlichen Vortrag halt wie den gestrigen iiber 
«Geisteswissenschaft und Menschenzukunft» oder einen ahnlichen, so 
ist man genotigt, sehr deutlich mit der Empfanglichkeit unserer gegen- 
wartigen Welt zu rechnen, sehr damit zu rechnen, dal5 diese Empfang- 
lichkeit eine eingeschrankte ist. Man mufi sich klar sein dariiber, daft 
in unserer Zeit aus den geistigen Welten herunter allerdings schon Er- 
kenntnisse flieften, welche der Menschheit als solcher notwendig sind, 
dafi sie aber heute von den wenigsten unbefangen aufgenommen wer- 
den konnen. Die meisten Menschen, die nicht entsprechend sich fiir 
eine solche Aufnahme vorbereitet haben, wiirden das Tieferliegende 
unserer Geisteswissenschaft doch noch wie einen Schock empfinden, 
wie etwas, was sich phantastisch oder wie ein Traum ausnimmt. 

Um so mehr miissen wir uns in bezug auf die wichtigsten Fragen 
weiter in das vertiefen, was wir unserem Gefiihl und unserer Empfin- 
dung im Verlauf eines langeren Zweiglebens einverleiben konnten. Und 
da mochte ich darauf hinweisen, dafi es notwendig ist, die grofie Wahr- 
heit von der Einpflanzung des Ich in die menschliche Natur naher zu 
betrachten und diese grofSe Wahrheit doch etwas komplizierter anzu- 
sehen, als man dies gewohnlich tut. 

Wir wissen, dafi der Mensch zuerst wahrend der alten Saturnzeit die 
Anlage zum physischen Leib erhalten hat, wahrend der Sonnenzeit die 
Anlage zum Atherleib, wahrend der alten Mondenzeit die Anlage zum 
Astralleib, und dafi eigentlich unsere Erdenentwickelung die Aufgabe 
hat, den iibrigen Wesensgliedern das Ich einzuverleiben. Wenn wir am 
Ende der Erdenentwickelung angelangt sein werden, werden wir erst 
vollstandig durchdrungen sein, so wie es geschehen kann, von der Ich- 
Natur. Betrachten wir den Erdenmenschen als solchen, konnen wir 
sagen, der eigentliche Mittelpunkt seines Wesens, das Zentrale in ihm 
ist die Ich-Natur. Aber da muft es uns auffallen, dafi dieses Ich in den 



verschiedenen Perioden unseres gegenwartigen Lebens doch in ver- 
schiedener Art mit uns verbunden ist, nicht immer in der gleichen 
Weise. Wir miissen uns iiberhaupt vorhalten, dafi die verschiedenen 
Wesensglieder noch nicht gekannt werden, wenn wir nur wissen, daf5 
der Mensch aus physischem, atherischem, Astralleib und Ich besteht. 
Sehen wir nun, in welcher verschiedenen Weise diese Glieder miteinan- 
der verbunden sein konnen, sowohl in den verschiedenen Epochen der 
Menschheitsentwickelung wie auch im einzelnen Leben des Menschen. 

Betrachten wir zunachst das Kind. Wir wissen, dafi es verhaltnis- 
mafSig spat lernt, zu sich «Ich» zu sagen. Das ist sehr bezeichnend. 
Wenn auch eine heutige Psychologie, die Wissenschaft sein will, das 
nicht begreift, ist es doch tief bezeichnend, weil das Kind zu der Vor- 
stellung, zu dem inneren Erlebnis des Ich verhaltnismafiig spat kommt. 
In den ersten Lebensjahren, ja bis zu drei oder dreieinhalb Jahren, hat 
das Kind, auch wenn es uns hie und da das Wort Ich nachplappert, 
noch kein richtiges Ich-Erlebnis. Da konnen Sie ein Buch finden, «Die 
Seele deines Kindes», von Heinrich Lhotzky, in dem der kuriose Satz 
steht, dafi das Kind friiher denken lernt als reden. Das ist Unsinn, weil 
das Kind am Reden das Denken lernt. Der geisteswissenschaftlich 
Strebende mufi vorsichtig werden gegeniiber dem, was heute als Wis- 
senschaft auftritt. Das Kind lernt erst so recht im Ich leben, vom Ich 
zu wissen, etwa nach dem dritten Jahr. 

Es hangt damit noch etwas anderes zusammen, namlich dafi wir uns 
im normalen Bewufitsein - also nicht im hoheren, hellseherischen Be- 
wufksein - gar nicht hinter einen bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens 
zuriickerinnern. Denken Sie nach: Wenn Sie zuriickforschen, werden 
Sie erkennen, dafi die Erinnerung einmal abreifit. Sie reicht nicht bis 
zur Geburt. Man kann manchmal das, was einem erzahlt wird, ver- 
wechseln mit dem, was man selber erlebt hat, aber der Faden reiiSt 
ungefahr an derselben Stelle ab, wo das Ich-Erlebnis auftritt. Als klei- 
nes Kind hat man es nicht, man bekommt es erst, und dann fangt die 
dunkelste Erinnerung an. 

Nun fragen wir uns: Wenn das Ich-Erlebnis in den ersten drei Jah- 
ren nicht da war, war da auch das Ich nicht da im Kinde? - Man mufi 
unterscheiden, ob wir von dem, was in uns ist, etwas wissen, oder ob es 



ohne unser Wissen in uns ist. Das Ich ist im Kinde, nur weifi es nichts 
davon, so wie der Mensch im Schlaf mit dem Ich verbunden ist, aber 
nichts davon weifi. Es ist, dafi wir von etwas wissen, nicht maftgebend 
dafiir, dafi etwas da ist. Wir mussen sagen: Das Ich ist da, aber es ist 
nicht bewufk beim Kinde. 

Wie ist es denn mit dem Ich? - Ja, das hat seine eigene Bewandtnis. 
Wenn Sie das menschliche Gehirn rein physisch untersuchen wiirden, 
so wiirden Sie sehen, dafi das Gehirn nach der Geburt im Verhaltnis 
zur spateren Gestalt ziemlich unvollkommen aussieht. Manche von den 
feinen Windungen mussen erst spater ausgestaltet, mussen erst in den 
nachsten Jahren plastisch ausziseliert werden. Das macht das Ich beim 
Menschen, und weil es das zu tun hat, deshalb kann es nicht zum Be- 
wuiksein kommen. Es hat das Gehirn auszubilden als etwas anderes, 
in feinerer Gestalt so, dafi es spater denken kann. Das Ich ist sehr 
arbeitsam in den ersten Jahren. 

Wenn nun dieses Ich bewufk wird, dann konnten wir vergeblich an 
dieses Ich die Frage stellen: Wie hast du es gemacht, dafi du dieses Ge- 
hirn so kunstvoll ausgebaut hast? - Sie werden gestehen, dafi das Ich 
im ganzen Leben zwischen Geburt und Tod nicht zu einem solchen 
Bewufksein kommt, wie es das Gehirn herausgestaltet. Dennoch kon- 
nen wir uns diese Frage stellen. Und da erhalten wir die Antwort, dafi 
das Ich bei seiner Tatigkeit unter der Anleitung der Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien steht. Wenn wir einen kindlichen Menschen vor 
uns haben und ihn hellseherisch betrachten, so ist sein Ich als Ich-Aura 
wohl da, aber von dieser Ich-Aura gehen die Stromungen zu den 
hoheren Hierarchien, zu den Engeln, Erzengeln und so weiter, und 
herein stromen die Krafte der Hierarchien. Wenn daher im naiven 
Bewufitsein gesagt wird, das Kind ist von einem Engel beschiitzt, so 
ist dies eine sehr reale Wahrheit. Spater hort dieser engere Zusammen- 
schlu£ auf: das Ich erlebt sich mehr in den Nerven und kann seiner 
selbst bewufit werden. Es ist das eine Art Abschnurung. So haben wir 
im kindlichen Menschen eine Art «Telephonverbindung», indem das 
Ich sich fortsetzt in die gottlich-geistigen Hierarchien. Wir mussen 
geisteswissenschaftliche Ausspriiche ernst nehmen. Ich habe einmal 
gesagt: Der Weiseste kann von einem Kinde viel lernen. - Er kann 



auch aus dem Grunde viel vom Kinde lernen, weil er nicht blofi das 
Kind selber zu sehen braucht, er sieht auch durch dieses in die geistige 
Welt hinein, denn das Kind hat den «Telephonanschlufi» zur geistigen 
Welt, der spater durchschnitten wird. So dafi wir in den ersten drei 
Jahren ein ganz anderes Wesen vor uns haben im Menschen als spater. 
Wir haben ein kindliches Ich, das plastisch arbeitet unter der Anleitung 
der Wesen der hoheren Hierarchien an der Ausgestaltung der mensch- 
lichen Denkwerkzeuge. Dann geht es da hinein, kann aber nicht mehr 
daran arbeiten. Es mussen dann die menschlichen Denkwerkzeuge 
schon ausgestaltet sein. Sie konnen sich wohl weiter entwickeln, aber 
das Ich kann nicht mehr daran arbeiten. 

Wir konnen also schlechtweg den Menschen trennen in den Men- 
schen, der in den ersten dreieinhalb Jahren vor uns steht, und in den 
ubrigen Menschen. Im Esoterischen nennt man den ersten Menschen 
den gottlichen Menschen, weil er in Beziehung steht zu den hoheren 
Hierarchien, oder den Gottessohn; den anderen nennt man den Men- 
schensohn. In diesem ist das Ich darin und bewegt die Glieder und 
arbeitet, soweit noch gearbeitet werden kann, von innen heraus. So dafi 
wir unterscheiden miissen zwischen Gottessohn und Menschensohn. 

Wir haben uns also eine Kluft zu denken zwischen dem Gottessohn 
und dem Menschensohn. Der Gottessohn, der vorzugsweise tatig ist bis 
zu dreieinhalb Jahren, enthalt alle belebenden Krafte, das was dem 
Menschen den Ansporn gibt, immer mehr und mehr Lebenskrafte in 
seinen Organismus hineinzugiefien. Diese Krafte enthalten auch etwas 
Aufbauendes, Gesundendes, Belebendes im Verhaltnis zum spateren 
Menschen. Wenn wir im spateren Lebensalter nicht blo£ den Menschen 
haben wollen, der auf seine Sinne angewiesen ist und auf die Werk- 
zeuge seines physischen Leibes, und sich dadurch mit seiner Umwelt in 
Verbindung setzt, sondern wenn wir auch im spateren Leben in die 
geistige Welt hinaufragen wollen, dann mussen wir versuchen, auf eine 
kimstliche Weise etwas von diesen Kraften in uns wachzurufen; wir 
mussen appellieren an die Krafte, die in uns sind im ersten Kindesalter, 
nur mit demUnterschied, dafi wir sie jetzt bewufk wachrufen, wahrend 
das Kind sie unbewufk wachruft. So sehen wir denn, dafi der Mensch 
in dieser Beziehung eine Zweiheit ist. 



Was kommt in dieser Kraft der ersten dreieinhalb Jahre eigentlich 
zutage? In diesen Kraften, die da unter der Leitung der hoheren Hier- 
archien arbeiten, kommt das zur Geltung, was aus friiheren Inkarna- 
tionen heriiber wirkt. Sie konnen sich leicht davon uberzeugen, wenn 
Sie den menschlichen Schadel abgreifen. Da finden Sie individuelle 
Erhohungen und Vertiefungen. Kein Schadel ist dem anderen gleich, 
daher gibt es auch keine allgemein giiltige Phrenologie. Sie mufi in- 
dividual zu Werke gehen. Die Krafte, die im menschlichen Schadel 
arbeiten, kommen aus friiheren Inkarnationen heriiber, und sie horen 
auf, ihre Stofikraft zu haben, wenn diese dreieinhalb Jahre voriiber 
sind. In diesen dreieinhalb Jahren ist alles noch biegsam, da kann der 
Geist noch hineinarbeiten. Spater ist alles fest geworden, dann kann 
er nicht mehr hineinarbeiten. 

Was macht es denn nun, dafi wir spater nicht mehr arbeiten konnen 
mit diesen Kraften? Woher kommt es? Es kommt von unserer speziellen 
Erdenentwickelung. Nachdem das Ich im Leibe seiner selbst bewufit 
geworden ist, setzt das voraus, daft der Leib festgefiigt ist und nicht 
mehr von den eben charakterisierten Kraften bearbeitet werden kann. 
Wir haben es mit solchen Kraften zu tun, die dem Menschen als Art- 
wesen, als Gattungswesen eigen sind, die ihn aufbauen in Menschen- 
architektur. Wenn wir langer als die dreieinhalb Jahre, welche die an- 
gemessene Zeit sind, mit den Kindheitskraften im physischen Leibe 
arbeiten wiirden, wiirde dieser physische Leib dies nicht aushalten. Er 
wiirde zerreifien, wiirde zerbrechen, denn es werden nun die Krafte 
wirksam, die ihn von der physischen Vererbungslinie her festmachen. 
Wiirde die andere Kraft nicht aufhoren, so wiirde er zerbrechen, aus- 
einandergehen, er wiirde es nicht aushalten. Wir sinken unter in unseren 
Menschensohn; der Gottessohn kann nicht mehr auf kommen gegen 
unseren Menschensohn nach drei Jahren. Aber wir tragen dennoch 
diesen Gottessohn in uns; es wirken diese Krafte innerhalb des phy- 
sischen Leibes das ganze Leben hindurch, nur konnen sie sich nicht 
mehr direkt am Aufbau beteiligen. Wenn wir in uns hineinschauen, so 
finden wir doch die Fortsetzung des Ich, das den «telephonischen An- 
schlufi» hatte. Nur ist der physische Leib zu derb, zu grob, zu verholzt, 
als daft der Gottessohn weiter plastisch daran gestalten konnte. 



Die besten Krafte sind in diesen ersten drei bis dreieinhalb Jahren 
enthalten; wir zehren das ganze Leben davon. Sie werden verdunkelt, 
aber sie sind in den spateren Jahren doch in der verschiedensten Art 
vorhanden. Es ist so, wie wenn wir von diesen Kraften durchsetzt wtir- 
den und sie nur nicht unmittelbar ausleben lassen konnten. Wenn wir 
durch die Geisteswissenschaft Begriffe von den hoheren Welten auf- 
nehmen wollen, so konnen wir dies urn so besser, je mehr wir von dem 
in uns haben, was in den ersten drei Jahren in uns war, wo das Ich 
selbstlos in uns war. Je frischer, je biegsamer diese Krafte sind, je 
weniger greisenhaft sie bis ins hohe Alter geworden sind, desto mehr 
eignen wir uns dazu, uns durch diese Krafte des Geistes umzugestalten. 
Es ist der Menschheit bestes Teil, was wir in diesen drei Jahren um uns 
haben. Nur der dichte physische Leib hindert uns leider, diese Krafte 
voll zu gebrauchen. Wenn sie jemand in spateren Jahren besonders ent- 
wickeln kann, so kann er dadurch nicht mehr seinen physischen Korper 
umandern, er ist nicht mehr so weich wie Wachs. Aber wenn er sie voll 
gebrauchen kann durch esoterische Weisheit, dann fliefk diese Kraft 
aus durch die Fingerspitzen, und er bekommt die besondere Gabe der 
Heilung, der Gesundung durch Handauflegen - wenn sie noch wirk- 
sam sind, jene geistigen Krafte, die nicht mehr den eigenen Korper 
umgestalten, die aber, wenn sie ausfliefien, segensreich wirken. 

Das Ziel der Erdenentwickelung ist, diese besten Krafte in uns nach 
und nach zur Geltung zu bringen. Wenn die Erdenentwickelung zu 
Ende sein wird und wir durch die vielen Inkarnationen durchgegangen 
sein werden, werden wir uns ganz durchdrungen haben miissen bewufit 
mit dem, was wir unbewufit haben in den ersten Kindheitsjahren. Es 
ist ein Unterschied, ob wir diese Krafte unbewufit haben oder bewufit. 
Die Menschen werden dann ganz durchdrungen sein miissen von einem 
solchen kindhaften Bewufitsein. Und es wird dann, weil es nur lang- 
sam ausdehnen wird seinen Korper, ihn auch nicht zersprengen. 

In der Weltentwickelung mufite ein Vorbild gegeben werden fur 
dieses Hereintreten der Kindheitskraft in die Menschheit. Daft dieses 
Vorbild nicht im Kinde gegeben werden konnte, ist selbstverstandlich. 
Es mufSte ein Mensch, der schon ein gewisses Alter erreicht hat, durch- 
drungen werden in bewufiter Weise mit denselben Kraften, die in der 



ersten Kindheit unbewuftt den Menschen durchdringen. Wiirden wir 
einen Menschen vor uns haben, dem wir sein Ich herausnehmen, ent- 
fernen, den wir leer machen von diesem Ich, und wiirden wir dasjenige, 
was das Kind in den ersten Lebensjahren hat, hineingieften, so wiirde 
er das mit dem entwickelten Gehirn zum Bewufttsein bringen. Es ware 
das in ihm bewuftt, was in den ersten Kindheitsjahren in ihm war. Wie 
lange ertragt ein Menschenleben auf Erden diese Elemente? Drei Jahre, 
langer nicht, dann mufi er darunter zerbrechen. Wenn es sich nicht um- 
wandeln kann - beim Menschen wandelt es sich urn in der gewohn- 
lichen Entwickelung -, dann ertragt es der Menschenleib nicht langer 
als drei Jahre. Sollte es iiberhaupt einem Wesen moglich sein, die Kind- 
heitskrafte bewuftt in sich zu tragen, dann mufi das Karma dieses Men- 
schen so eingerichtet sein, daft nach drei Jahren der physische Leib, in 
den dieses Wesen versenkt ist, zerbricht. 

Es ist also denkbar, daft das, was der Mensch durch alle Inkarnatio- 
nen bis ans Ziel der Erdenentwickelung erlangt, durch ein Vorbild in 
die Welt gebracht wird, indem ein Mensch in die Welt gestellt wiirde, 
der durch seine Leiblichkeit es moglich macht, daft sein Ich entfernt 
und ein anderes Wesen ihm eingepflanzt wird, welches seinen Inkar- 
nationen nach den Weg hierzu offen hat. Dann wiirde der menschliche 
Leib nicht langer dieses Wesen in sich dulden als drei Jahre. Es wiirde 
dann der menschliche Leib zerbrechen seinem Karma nach. Das ist ge- 
schehen. Wir sehen bei der Johannestaufe im Jordan diesen Menschen- 
leib, der geeignet war, daft sein Ich, das Zarathustra-Ich, heraustrat. 
Dann senkte sich ein Wesen in diesen Leib. Die Christus-Wesenheit 
fullte ihn aus, konnte aber nur drei Jahre darin bleiben. Nach 
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