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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Die Befreiung des Menschenwesens
als Grundlage fiir
eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
Neun offentliche Vortrage,
gehalten zwischen dem 11. Marz und 10. November 1919
in Basel, Bern und Winterthur
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten W. von Wartburg und W. Kugler
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgaben
Bern, 11. Marz 1919: «Die wirklichen Grundlagen
eines Volkerbundes in den wirtschaftlichen,
rechtlichen und geistigen Kraften der V6lker»
Bern 1944; 1946
Weitere Veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 329
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Durnau, Diirnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3290-X
Ztt den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno-
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteii
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Die wirklichen Grundlagen eines Volkerbundes in den wirt-
schaftlichen, rechtlichen und geistigen Kraften der Volker
Erster Vortrag, Bern, 11. Mdrz 1919
Kritische Anmerkungen zu Aufterungen fiihrender Politiker vor Ausbruch
des Ersten Weltkrieges und zu den damaligen sozialen Volkerverhaltnis-
sen. Der Volkerbundsgedanke in Wilsons Senatsrede vom 22. 1. 1917. Von
der Notwendigkeit der Beriicksichtigung der Kapital- und Arbeitsfrage im
Zusammenhang mit der Griindung eines Volkerbundes. Zwei Aspekte des
Kapitalproblems: der Zusammenhang zwischen dem Einsatz menschlicher
Fahigkeiten und dem Kapital, ferner die Unterscheidung zwischen Besitz
und Verwaltung des Kapitals. Uber den Warencharakter der Arbeit unter
Beriicksichtigung der marxistischen Auffassung. Uber die Notwendigkeit
einer Dreigliederung des sozialen Organismus. Charakterisierung der ein-
zelnen sozialen Bereiche, insbesondere des Wirtschaftslebens mit dem
Schwerpunkt der Eigentumsfrage. Zeitkritische Betrachtungen, den Mili-
tarismus betreffend, von Herman Grimm.
Diskussion
Kritische Betrachtung sozialistischer Grundauffassungen: Uber die Dikta-
tur des Proletariats; zu dem Problem: «Jeder nach seinen Fahigkeiten, je-
dem nach seinen Bediirfnissen»; Kritik an (Partei-)Programmen. Der
Gegenwarts- und Zukunftsaspekt der «Dreigliederung». Zur Militarismus-
frage unter Beriicksichtigung der Clausewitz'schen Formel. Uber J. G.
Fichtes «Bolschewismus».
Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariers?
Zweiter Vortrag, Bern, 17. Mdrz 1919
Vom Gegensatz zwischen der biirgerlichen Lehre von der sittlichen Welt-
ordnung und der vom Proletariat erlebten Wirklichkeit. Das Proletariat
als lebende Kritik an der modernen Zivilisation, dargestellt an den Wir-
kungen der materialistischen Geschichtsauffassung, der Mehrwerttheorie
nach Marx, des Warencharakters der Arbeit und des Klassenkampfes.
Gesichtspunkte, die sich hinter den aufteren Forderungen als neue Stro-
mungen ankundigen: Erstens, die Sehnsucht nach einem Geistesleben, das
ein menschenwiirdiges Dasein ermoglicht; zweitens, die Forderung nach
einer Rechtsordnung, in der die Arbeitskraft vom Warencharakter befreit
ist; drittens, die Uberwindung des Klassenkampfes durch neue Rechtsver-
haltnisse. Uber dasjenige, was zu tun ist bzw. vom Staat zu unterlassen ist.
Die Idee der Dreigliederung und einzelne Aspekte, die das Wesen der ein-
zelnen Bereiche naher beschreiben.
Proletarische Forderungen und deren kunftige praktische
Verwirklichung
Dritter Vortrag, Winterthur, 19. Mdrz 1919
Die proletarische Bewegung als lebende Kritik an der modernen Zivilisa-
tion. Erorterung von drei Begriffen, die im Proletariat leben: die materiali-
stische Geschichtsauffassung, die Mehrwerttheorie nach Marx, die Klas-
senkampftheorie. Uber Wesen und Bedeutung eines Freien Geisteslebens
sowie die Notwendigkeit, an die Stelle der Herrschaft des Vorrechtes die
des Rechtes zu stellen. Vom Einheitsstaat zum dreigegliederten sozialen
Organismus. Die beiden Grenzen des Wirtschaftslebens. Die Arbeitskraft
als Hauptfaktor der Preisbildung. Uber die Summe der Produktionsmittel
als realer Gegenwert des Geldes. Uber das Verhaltnis der Produktionsmit-
tel zum Rechtsstaat und dem Geistesleben. Die Folgen einer Uberfuhrung
der Produktionsmittel in Gemeinbesitz.
Schlufiwort zur Diskussion
Die Idee der Dreigliederung als Gegenteil einer Utopie und im Gegensatz
zur alten Standeordnung. Der Mensch als Kristallisationspunkt der drei
Glieder des sozialen Organismus. Vom Unterschied zwischen Besitz und
Verwaltung. Die Uberwindung des Denkens in Programmen und die
Uberwindung von Gewohnheiten.
Proletarische Forderungen und deren kunftige praktische
Verwirklichung
Vierter Vortrag, Basel, 2. April 1919
Die Kluft zwischen den bisher herrschenden Klassen und den zekbeding-
ten Forderungen. Uber das Proletariat und sein Verhaltnis zum kulturellen
Leben. Die Sprache der Tatsachen und die Urteile fuhrender politischer
Personlichkeiten. Politische Verhaltnisse in Europa als Krebsgeschwur.
Drei Gesichtspunkte, die proletarischen Forderungen zugrunde liegen:
Zur Mehrwerttheorie; uber das Problem des Warencharakters der Arbeit;
Klassenkampf. - Die Tendenz der neueren Zeit, Wirtschafts-, Geistes- und
Staatsleben zusammenzuschweifien, dargestellt am Beispiel von Oster-
reich. Gesichtspunkte zur Verselbstandigung des Geistes-, Rechts- und
Wirtschaftslebens. Zum Problem der Wirtschaftsassoziationen. Die Rege-
lung des Arbeitsverhaltnisses, der Wahrung, der Eigentumsverhaltnisse
und des Besitzkreislaufes im dreigliedrigen sozialen Organismus. Demo
kratie im Rechtsstaat. Die Beseitigung des heutigen Kapitalismus im Zu-
sammenhang mit der Befreiung des geistigen Lebens. Freiheit, Gleich-
heit, Briiderlichkeit. Die Berufung des Proletariats zur Befreiung der
Menschheit.
Schluftwort zur Diskussion 138
Die Freiland- sowie Freigeld-Idee und die Wahrungsfrage. Die soziale
Funktion des Kapitals. Uber die Notwendigkeit der Erarbeitung eines so-
zialen Verstandnisses in den Schulen. Die Dreigliederung des menschli-
chen Organismus als Bild fur die Dreigliederung des sozialen Organismus.
Gerechtigkeit im sozialen Leben und Probleme des Rechtsstaates.
Soziales Wollen und proletarische Forderungen
Ftinfter Vortrag, Basel, 9. April 1919 145
Uber das Kommunistische Manifest und die marxistische Geschichtsauf-
fassung. Zur Ideologiefrage und Klassenkampftheorie. Die Auflosung der
alten Produktionsverhaltnisse durch die Produktivkrafte. Die vom natur-
wissenschaftlichen Denkansatz gepragte proletarisch-marxistische Den-
kungsart und ihre Folgen fur das soziale Leben. Vereinheitlichungsten-
denzen. Die proletarische Weltanschauung und ihr Zusammenhang mit
der burgerlichen Welt. Der Weltkrieg als Folge der staatlichen Strukturen.
Die Sterilitat eines vom Staat abhangigen Geisteslebens, dargestellt am
Beispiel der Goethe-Gesellschaft u. a. Die Gesundung des sozialen Orga-
nismus durch Gliederung. Das Arbeitsrecht und seine Bedeutung fur die
Preisbildung. Zum Problem der Vergesellschaftung des Privateigentums.
Die Arbeitsteilung und der Egoismus. Die Bedeutung eines freien Geistes-
lebens fur den Kreislauf des Kapitals. Geist oder Materie? Die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus als Offenbarung eines urspriinglich Hohe-
ren und ihr Unterschied zur fruheren Standeordnung. Der individuelle
Mensch und sein Verhaltnis zu den drei Gliedern des sozialen Organismus.
Der Mut zu neuem sozialen Wollen.
Schlufiwort zur Diskussion 177
Der Mensch als Opfer erstarrter Begriffe. Die Zirkulation der Produktions-
mittel an Stelle der Verstaatlichung. Nachstenliebe und die gegenwartige
Verkundigung des Christus. - Zur Dreigliederung des menschlichen
Organismus und ihr Ausgangspunkt in dem Buch «Von Seelenratseln».
Die geisteswissenschaftliche Grundlage der sozialen Frage
Sechster Vortrag, Bern, 14. Oktober 1919 187
Personliche Vorbemerkungen. Einseitigkeiten in der marxistischen Den-
kungsart. Die Verodung der Seele des Proletariers als Folge der materiali-
stischen Weltanschauung. Der Warencharakter der Arbeit. Die Diktatur
des Proletariats und das Kommunistische Manifest. Zur Vergesellschaftung
der Produktionsmittel und das Problem des Mehrwertes. Die Aufgaben
der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Die Lebensfremd-
heit bisheriger sozialer Anschauungen. Uber das vom Wirtschaftsleben
unabhangige Rechtsleben. Gefahren politischer Revolutionen und vom
Sinn geistiger Revolutionen. Lenin und Trotzki als Totengraber der Zivi-
lisation. Die Befreiung des Erziehungswesens als vordringliche Aufgabe.
Der Protest zukiinftiger Generationen als Folge der Vergesellschaftung
der Produktionsmittel. Uber die Moglichkeiten der Verwirklichung der
Dreigliederung in der Schweiz. Das Zusammenwirken von Liberalismus,
Demokratie und Sozialismus.
Schlufiwort zur Diskussion 220
Der Unterschied zwischen der Dreigliederungsidee und der alten Stande-
ordnung. Parlamentarismus und Staatsleben. Die Wertlosigkeit sozialer
Programme. Die Gesetzmaftigkeiten des sozialen Organismus. Dreigliede-
rung als Zeitforderung.
Geisteswissenschaft (Anthroposophie) und die Bedingungen
der Kultur in Gegenwart und Zukunft
Siebenter Vortrag, Basel, 20. Oktober 1919 227
Der Dornacher Bau als Ausdruck einer geistigen Bewegung. Uber die Eu-
rythmie und den Charakter der «Philosophie der Freiheit». Woodrow
Wilsons Freiheitsverstandnis. Die Ubereinstimmung seiner Kritik mit den
Auffassungen Lenins und Trotzkis. Die Freiheitsfrage und ihre Ausgangs-
punkte in der «Philosophie der Freiheit». Der Ubergang von der Freiheits-
philosophie zur Anthroposophie. Das Abgeschnurtsein der Menschen
vom Kosmos als tiefste Schadigung der Menschheit und seine Uberwin-
dung. Wege zu hoheren Erkenntnissen. Drei Arten von Revolutionen:
die geistige, die politische und die wirtschaftliche. Uber die Unzulanglich-
keiten der Anschauungen von Saint-Simon, Fourier und Blanc. Die Zeit-
kritik Rabindranath Tagores. Aufgaben anthroposophisch orientierter
Geisteswissenschaft.
Der Geist als Fiihrer durch die Sinnes- und in die iibersinn-
liche Welt
Achter Vortrag, Bern, 6. November 1919 256
Goethes Idee der Urpflanze. Das Verhaltnis der Anthroposophie zur
Naturwissenschaft und zur Religion. Das weltanschauliche Monopol reli-
gioser Bekenntnisse. Naturwissenschaft im goetheschen Sinne als Aus-
gangspunkt fiir religiose Erkenntnis und Geist-Erkenntnis. Von der Ein-
samkeit des modernen Menschen. Die Idee wiederholter Erdenleben in
Lessings «Erziehung des Menschengeschlechtes». Traumleben und Unter-
menschliches. Uber Hypnose. Menschheits- und Menschenentwickelung.
Geistige Erkenntnis als Grundlage kiinftigen sozialen Zusammenlebens.
Der Geist als Fiihrer durch die Sinnes- und in die ubersinn-
liche Welt
Neunter Vortrag, Basely 10. November 1919 285
Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Fortsetzung der
naturwissenschaftlichen Denkweise. Goethes Idee der Urpflanze. Die
Herrschaft der religiosen Bekenntnisrichtungen als Instrument der Ver-
hinderung der Erforschung von Seele und Geist. Von der Bedeutung der
inneren Seelenarbeit in Form von Konzentrations- und Meditations-
ubungen. Vom Wesen der Erinnerung. Vom bewuflten Umgang mit der
Erinnerungskraft. Die Bedeutung des bewufiten Willens. Die seelisch-
geistige Beziehung zum anderen Menschen. Die Erkenntnis wiederholter
Erdenleben und ihre Bedeutung fur das soziale Zusammenleben der Men-
schen. Wille und Begierde. Mediumismus, Hypnose und Spiritismus.
Furchtlosigkeit und Leidfahigkeit im Zusammenhang mit dem inneren
Schulungsweg. Zur Methodik Schellings. Intellektuelle Bescheidenheit als
Voraussetzung fur Geistesforschung. Ubersinnliche Erkenntnisse und
ihre Bedeutung fiir das soziale Zusammenleben der Menschen.
Anhang
Aus einer Fragenbeantwortung, Miinchenstein, 10. April 1919 314
Hinweise
Personenregister
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
321
345
347
DIE WIRKLICHEN GRUNDLAGEN EINES VOLKERBUNDES
IN DEN WIRTSCHAFTLICHEN, RECHTLICHEN
UND GEISTIGEN KRAFTEN DER VOLKER
Bern, 11, Mdrz 1919
Im Laufe der letzten vier Jahre konnte man oftmals horen, dafi Er-
eignisse, die fiir die Menschen so schrecklich gewesen sind wie die
gerade zuriickliegenden, in der ganzen Zeit, iiber die sich das ge-
schichtliche Denken der Menschen erstreckt, nicht vorgekommen
seien. Weniger haufig kann man dieser Empfindung gegenuber ho-
ren, dafi nun dem Furchtbaren, das die Menschheit getroffen hat,
auch wenigstens die Versuche einer Neugestaltung des sozialen Zu-
sammenlebens entgegengestellt werden miilken, die sich in ihren ge-
danklichen Grundlagen in ebenso griindlicher Weise unterscheiden
von dem, was man gewohnt ist zu denken, wie sich die schreckhaf-
ten Ereignisse der letzten Jahre unterscheiden von dem, was man er-
leben konnte im Lauf der Menschheitsentwickelung. Ja, wenn solch
ein Versuch auftaucht, Gedanken zu entwickeln, die den eingewur-
zelten Denkgewohnheiten zuwiderlaufen, dann hort man heute zu-
meist einem solchen Versuch mit dem Vorwurf begegnen: Nun,
auch wiederum eine Utopie! - Man hat aber mit der Gesinnung,
welche auch heute wiederum einem solchen Vorwurf zugrunde
liegt, im Laufe der neueren Zeit schon einige Erfahrungen machen
konnen. Gerade diejenigen Menschen, die so denken wie jene, die in
dem angedeuteten Falle von «Utopie» sprechen, die waren es ja, wel-
che auch eine Schilderung - wenn sie hatte jemand machen konnen -
von den katastrophalen Ereignissen, die uns betroffen haben, noch
im Friihling 1914 fiir eine Traumerei, fiir eine Phantastik gehalten
haben wiirden. Sie nennen sich ja Praktiker, diese Leute. Wie haben
sie dazumal, bevor die welterschiitternde Katastrophe hereingebro-
chen ist, gesprochen? Schauen wir uns einige an. Wir brauchen nur
den Blick auf einige der damals, im Friihling 1914, leitenden Staats-
manner Europas zu lenken. Man fiihrt fast Wortliches an, wenn
man sagt: Solche Praktiker, solche Verachter dessen, was sie Uto-
pien nennen, die sprachen dazumal ungefahr so: Die Beziehungen,
in denen dank der Bemiihungen der Kabinette die europaischen
Grofimachte zueinander stehen, geben eine gewisse Garantie dafiir,
dafi fiir absehbare Zeiten der Weltfrieden nicht erschuttert werden
kann. - Solche Rede ist keine Erfindung, man kann sie in den Par-
lamentsberichten nachlesen; sie ist da in den verschiedensten Varia-
tionen enthalten.
Wer sich aber damals nicht nach der Denkgesinnung solcher Leu-
te in der inneren Verfassung seiner Seele richten konnte, sondern
wer versuchte, sich den unbefangenen Blick fiir die Ereignisse zu
wahren, der sprach vielleicht doch so, wie im April 1914 der spre-
chen mufite vor einer Versammlung in Wien, der auch heute zu Ih-
nen spricht. Mir war es dazumal durch mein intellektuelles Gewis-
sen und meine Beobachtungsgabe auferlegt zu sagen: Wir stehen in
bezug auf die Entwickelung unserer sozialen und Volkerverhaltnisse
in etwas darinnen, das sich nur bezeichnen lafit als ein Karzinom, als
eine Krebskrankheit im Leben der Volker, die in kiirzester Zeit in
einer furchtbaren Art zum Ausbruch kommen mull. - Vielleicht
wird die Gewalt der Ereignisse dann doch die Menschen zwingen,
weniger diejenigen als Utopisten anzusehen, die aus dieser Seelen-
verfassung heraus sprechen, als die anderen, die mit dem, was sie sa-
gen, so gut die Ereignisse treffen, wie ich es Ihnen eben angedeutet
habe. Heute wiederum hort man die Praktiker, die sich iiber man-
ches hermachen, was sie als Utopien bezeichnen, sagen: Wir konnen
in der Gegenwart nicht gleich die hochsten Berggipfel einer Neuord-
nung in der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung besteigen, wir
miissen Schritt fiir Schritt vorwartsgehen. Gewifi seien manche Ge-
danken - sagen solche Leute - ja schon, und man werde vielleicht
auch zu solchen Dingen in Jahrhunderten einmal kommen; aber
heute sei es uns auferlegt, eben die nachsten Schritte zu tun.
Nun ist es ganz gewift einfach eine Selbstverstandlichkeit, daft
man zunachst die allernachsten Schritte tun mufi, aber derjenige
wird schlecht einen Berg heraufsteigen, der sich gar keine Vorstel-
lung macht, wenn er schon den nachsten Schritt unternimmt, wel-
ches seine Wegrichtung sein soil; der sich gar keine Vorstellung da-
von macht, in welcher Richtung der Gipfel eigentlich liegt. Und wer
nicht im Sinne dieser Utopieverachter denkt, sondern vielleicht ge-
rade in einem realistischen Sinne denkt, der wird heute vielleicht
noch von einem anderen Vergleich ausgehen miissen gegenuber
dem, was im Keime verborgen liegt und auch in furchtbarer Weise
zum Ausbruche kommen konnte. Er wird vielleicht nicht ausgehen
miissen von jenem Karzinom, das ja in der Kriegskatastrophe der
letzten Jahre zum Ausbruch gekommen ist. Er wird aber darauf hin-
weisen miissen, daft viele Menschen jetzt so denken, wie diejenigen,
die ein Haus bewohnen, das Risse und Spriinge hat, die dem Haus
mit Einsturz drohen, die aber sich nicht dazu entschlieften konnen,
etwas vorzunehmen zum Neubau des Hauses, sondern die in allerlei
Beratungen dariiber eintreten, wie man die einzelnen Zimmer, die
man da bewohnt, miteinander durch Tiiren verbinden kann, damit
man durch diese Tiiren leichter die Moglichkeit hat, sich gegenseitig
zu helfen. - Es wird die Hilfe, die man durch diese Tiiren sich leisten
kann, dann wenig helfen, wenn die Spriinge zu einer entsprechen-
den Starke gediehen sein werden!
Solche Dinge zu denken, liegt, wie es scheint, wohl in der Ent-
wickelung der Tatsachen, die heute eine lautere und deutlichere Spra-
che sprechen, als die Menschen oftmals geneigt sind heute zu horen.
Nun hat diese Weltkriegskatastrophe aus den Schrecknissen her-
aus, die zu durchleben waren, eine Empfindung losgelost, die sich in
solchen Ansichten allmahlich kristallisiert hat, wie sie auch jetzt
wiederum zugrunde liegen der bedeutungsvollen Versammlung, die
hier in Bern als eine Volkerbundskonferenz abgehalten wird. Der
Ruf nach einem Volkerbund, er hat sich herausentwickelt aus den
schreckhaften Ereignissen der letzten Jahre. Man wird aber sagen
miissen, daft es vielleicht doch gerechtfertigt erscheinen konnte, mit
anderen Empfindungen noch an das heranzugehen, was in diesem
Ruf nach dem Volkerbund liegt, als dies manche heute tun. Denn
vielleicht ist es doch wichtiger, nicht allein zu fragen: Was konnte
man fur diesen Volkerbund tun? Welche Maftregeln konnte man
unternehmen, damit er in der besten Weise - wie man sich das vor-
stellt - zustande kommt? Sondern es konnte vielleicht gerade die
Frage aufgeworfen werden: Welche Grundlagen bestehen im Leben
der Volker fur die Errichtung eines solchen Volkerbundes ? Denn al-
lein wenn man hinsieht auf die Krafte, die im Volkerleben sind,
kann man vielleicht aus diesen Kraften erkennen, inwieweit man in
der Lage ist, mit einem solchen Volkerbund etwas Fruchtbares zu
erreichen. Und scheint es nicht notwendig, ich mochte sagen, nach
dieser Richtung hin die Frage etwas zu verschieben, da ja die wichti-
ge, der Welt besonders einleuchtende Konzeption dieses Volkerbun-
des zusammen mit einem Gedanken entstanden ist, von dessen Ver-
wirklichung heute gar nicht mehr die Rede sein kann? Im Jahre
1917 tauchte in einer Rede Wilsons vor dem amerikanischen Senat
ein Gedanke auf, der in Verbindung mit einem anderen Gedanken
etwa so Jautete: Das, was man anstreben konne mit diesem Volker-
bund, das habe eine gewisse Voraussetzung, die Voraussetzung nam-
lich, dafi in den Kriegsereignissen sich weder von der einen noch
von der anderen Seite dasjenige ergebe, was man im entschiedenen
Sinne nennen musse Sieg oder Niederlage. - Auf einen Ausgang
blickte Wilson hin, der nicht der von Sieg oder Niederlage der einen
Partei sei. Und aus der Gedankenrichtung nach einem solchen Aus-
gange leitete er die Empfindungen her, die ihn zu diesem Volker-
bund drangten.
GewifS, der Gedanke hatte in sich eine Realitat; aber von derjeni-
gen Realitat, an die damals gedacht worden ist, von der kann heute
nicht mehr die Rede sein; denn heute ist der entschiedene Sieg auf
der einen Seite die entschiedene Niederlage auf der anderen Seite. Ja,
vielleicht mufi gerade aus diesem Grunde zum Beispiel die Frage
nach dem Volkerbund in ganz anderer Weise gestellt werden.
Mir liegt es ganz besonders nahe, wenn ich schon selbst die Frage
nach dem Volkerbund stelle und mich getraue, sie vor Menschen
heute zu besprechen, diese Frage in einer ganz besonderen Art zu
stellen. Als Angehoriger desjenigen Volkes, auf dessen Seite die ent-
schiedene Niederlage ist, ist es heute nicht moglich, die Frage so zu
stellen, als ob ihre Beantwortung nur hervorgehen konne aus einer
freien Ubereinkunft derjenigen Volker, die sich vielleicht verbinden
wollten in einem solchen Volkerbunde, und zu denen ja ihren inner-
sten Empfindungen nach ganz gewifi auch die mitteleuropaischen
Volker gehoren. Die Pariser Ereignisse schliefien fiir den Deutschen
eine solche Fragestellung im Grunde genommen heute aus, und man
soli sich dariiber keinen Illusionen hingeben. Aber so will ich auch
diese Frage nicht stellen. Mir geht es darum, eine Fragestellung zu
finden und eine entsprechende Antwort zu formulieren, bei der
auch der mitsprechen kann, der vielleicht fiir die nachsten Zeiten
von der Teilnahme an diesem Volkerbund ausgeschlossen ist. Das
heilk, die Frage wird so gestellt werden mussen: Was kann, gleich-
giiltig welche augenblicklichen Vereinbarungen zustande kommen,
jedes einzelne Volk aus seinen eigenen Kraften, ungeachtet dessen,
ob es Sieg oder Niederlage erlitten hat, fiir einen wirklichen Volker-
bund, der der Menschheit das bringen kann, was von ihr ersehnt
wird, beitragen?
Da aber wird man, da ein Volkerbund es ganz zweifellos zu tun
haben mufi mit internationalen Angelegenheiten, sich vor alien Din-
gen den allerwichtigsten internationalen Angelegenheiten zuzuwen-
den haben, die unter alien Umstanden in der nachsten Zeit alle Vol-
ker angehen werden.
Wenn man heute solche Verhaltnisse behandelt, dann richtet
man, wie man es in der heutigen Zeit gewohnt ist, den Blick zu-
nachst nach zwei Richtungen hin. Man richtet den Blick hin auf der
einen Seite nach dem Staate, und auf der anderen Seite nach dem
Wirtschaftsleben. Diejenigen Menschen, die heute irgend etwas in
bezug auf das Zusammenleben der Menschen wollen, sie sehen mit
Bezug auf die Richtlinien dieses Wollens zunachst auf den Staat hin,
indem sie fragen: Was soli der Staat tun in dieser oder jener Angele-
genheit, fiir die eine Anderung spruchreif geworden ist? - Oder
aber, um zu einer Erklarung zu kommen, blicken die Leute heute,
wie, ich mochte sagen, mit hypnotisierten Blicken hin nach dem
Wirtschaftsleben; denn die wirtschaftlichen Verhaltnisse scheinen
die einzigen zu sein, welche die heutigen Konflikte, die grofken
Konflikte wenigstens der Gegenwart, hervorrufen.
Bei diesen Betrachtungen, die von diesen zwei Blickrichtungen
ausgehen, bleibt zunachst eines gewohnlich unberiicksichtigt. Wenn
man auch versichert, man wolle Rechnung tragen den Verhaltnissen
der heutigen Zeit, und vor alien Dingen den Blick auf den Menschen
richten, so tut man dies in Wirklichkeit selten. Hier mochte ich ge-
rade versuchen, mich nicht zu scheuen, nachzugehen dem, was man
findet, wenn man den Blick einerseits auf den Staat, andererseits auf
das Wirtschaftsleben richtet. Aber vor alien Dingen mochte ich
nicht aufter acht lassen, in ganz energischer Weise eine Frage zu stel-
len, ausgehend vom Gesichtspunkt des Menschen als solchem: Was
haben die Staaten zu tun, urn sich zu einem Volkerbunde zu vereini-
gen? Das ist ja dasjenige, was zunachst vor alien Dingen gefragt
wird. Und mancherlei - glauben Sie nicht, daft ich kritisieren oder
verurteilen will -, mancherlei recht Gutes wird fur die nachste Zeit
zustande kommen, wenn man diese Frage so aufwirft, indem man
versucht, aus der Konstruktion der Staaten, aus den einzelnen Ge-
pflogenheiten der Staaten nun auch gewissermaften etwas die Staa-
ten Ubergreifendes wie einen Weltenbund oder ein Weltenparla-
ment zu finden. - Allein, ich mochte heute gegeniiberstellen der
Frage: Was sollen die Staaten tun? - die andere Frage: Was sollen die
Staaten zum Heile des Menschen unterlassen? - In vieler Beziehung
haben wir ja durch die furchtbaren Ereignisse der letzten Jahre ken-
nengelernt, was die Staaten zuwege gebracht haben mit ihrem Tun;
sie haben eben die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hin-
eingefuhrt. Wir konnen es nicht ableugnen, die Staaten sind es, wel-
che die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hineingefuhrt
haben!
Sollte es da nicht doch naheliegen, einmal zu iiberlegen, ob ein
Mensch, wenn er gesehen hat, daft er mit seinen Taten allerlei Un-
heil anrichtet, er sich denn da just immer fragen muft: Wie mache
ich die Sache nun anders? - Konnte es nicht einmal nutzlicher sein
zu sagen: vielleicht iiberlasse ich dasjenige, was ich schlecht zustande
gebracht habe, besser einem anderen zu tun? - Da, sehen Sie, wird
vielleicht die Frage auf ein ganz anderes Geleise abgeleitet.
Man muft vielleicht doch zu den wichtigsten internationalen Fra-
gen greifen, wenn man fruchtbare Unterlagen zu demjenigen gewin-
nen will, wovon man sagen kann, daft es die Risse und Spriinge hin-
einbringt in das Haus, das, aus verschiedenen Staaten bestehend, die
gegenwartige Menschheit bewohnt. Man mufi vielleicht fragen: Wo-
her riihren diese Risse und Spriinge? Woher kommt es, daft die Staa-
ten die Menschen in diese furchtbare Kriegskatastrophe hineinge-
trieben haben?
Zwei Dinge sind im Laufe der neueren Zeit ganz gewift interna-
tional geworden; aufter manchem anderen sind es: der Kapitalismus
und die menschliche Arbeitskraft. Zweifellos, einen «V6lkerbund»
oder irgend etwas, was dem ahnlich sieht, hatten wir: den Bund,
dem das internationale Kapital zugrunde lag. Und ein anderer «V6l-
kerbund» war auch im Werden, und er macht sich heute sehr gel-
tend: es ist derjenige, dem das Internationale der menschlichen
Arbeitskraft zugrunde liegt. Und man wird auf diese beiden Dinge
zuriickgreifen miissen, wenn man zu den fruchtbaren Keimen eines
solchen Volkerbundes kommen will, der nun wirklich auf die Ange-
legenheiten des Menschen als solchem gebaut sein kann.
Beziiglich des Kapitals erleben wir es ja, daft von einer groften
Menge von Menschen die Art und Weise, wie es im Laufe der Zeit
verwaltet wurde und was zum sogenannten Kapitalismus gefiihrt
hat, als dasjenige angesehen wird, was am meisten gerade gegen die
Interessen eines groften Teiles der Menschheit ist, und was aufter-
dem durch vieles, was in ihm liegt, dazu gefiihrt hat, daft wir in so
furchtbare Ereignisse hineingekommen sind. Und der Ruf wird von
vielen Seiten erhoben - der sich ausdriickt in einer Gegnerschaft
gegen diesen Kapitalismus -, der radikale Ruf, daft die gesamte auf
den Kapitalismus aufgebaute gesellschaftliche Menschenordnung
geandert werden miisse, daft die privatwirtschaftlkhe Verwaltung
des Kapitalismus dem weichen miisse, was man heute gewohnt wor-
den ist, die Sozialisierung zu nennen. Dieses, verbunden mit einer
Empfindung iiber die menschliche Arbeitskraft, das gibt heute dem
internationalen Leben seine Farbung. Man muft es immer wieder
wiederholen: So wenig deutlich es auch zum Ausdruck kommt
in den bewuftt ausgesprochenen Gedanken der proletarischen Welt-
bevolkerung, unbewuftt lebt es in den Untergriinden einer nach
Millionen zahlenden Menschenmenge, daft im Laufe der kapitalisti-
schen Entwickelung gerade die menschliche Arbeitskraft einen Cha-
rakter angenommen hat, den sie weiterhin nicht haben diirfe.
Lassen Sie uns den Blick zunachst nach diesen beiden Richtungen
hin lenken. Das Kapital, die kapitalistische Verwaltung des Wirt-
schaftslebens, mull man, will man sie ganz klar durchschauen, ganz
entschieden trennen von dem, womit sie heute verbunden ist. Zwei
Dinge sind heute mit dem verbunden, was man Kapitalismus nennt:
das eine weist auf etwas hin, was von dem Kapitalismus gar nicht ab-
losbar ist; das andere ist etwas, das von ihm Abstand nehmen mufi.
Man mengt heute in eines zusammen wirtschaftliche Betriebe auf
Grundlage des Kapitals, und privaten Besitz von Kapital. Die Frage
mu(5 aber gestellt werden: Sind diese beiden Dinge voneinander los-
bar? Denn die private Verwaltung der wirtschaftlichen Betriebe, die
aufgebaut ist auf die grofiere oder geringere Intensitat individueller
menschlicher Fahigkeiten, diese private Verwaltung, die zu ihrer Be-
tatigung eines Hilfsmittels, des Kapitals, bedarf, die kann nicht auf-
gehoben werden. Wer irgendwie sich unbefangen bemuht zu fragen,
unter welchen Verhaltnissen der soziale Organismus lebensfahig ist,
wird immer darauf kommen, sich sagen zu miissen: Dieser soziale
Organismus ist nicht lebensfahig, wenn ihm seine wichtigste Quelle
entzogen wird, namlich dasjenige, was in ihn hineinfliefit durch die
individuellen Fahigkeiten, die sich in verschiedenen Maftstaben der
eine oder der andere Mensch aneignen kann. Was in der Richtung
des Kapitals arbeitet, das mufi auch in der Richtung der individuel-
len menschlichen Fahigkeiten arbeiten. Das weist darauf hin, daft in
keinerlei Art im Zukunftsstaat trennbar sein kann die notwendige
Beigabe zum sozialen Leben, die von Seiten der individuellen
menschlichen Fahigkeiten kommt, von seinem Mittel, dem Kapital.
Etwas anderes aber ist der private Besitz an Kapital, ist das Eigen-
tum an Privatkapital. Dieses Eigentum an Privatkapital, das hat eine
andere gesellschaftliche Funktion als die Verwaltung der Betriebe,
zu denen Kapital notwendig ist, durch die individuellen menschli-
chen Fahigkeiten. Dadurch, daft jemand, wodurch auch immer, Pri-
vatkapital erwirbt oder erworben hat, dadurch kommt er zu einer
gewissen Macht iiber andere Menschen. Diese Macht, die zumeist ei-
ne wirtschaftliche Macht sein wird, kann auf keine andere Weise ge-
regelt werden als dadurch, dafi sie in Zusammenhang gebracht wird
mit den Rechtsverhaltnissen des sozialen Organismus. Dasjenige,
was dem sozialen Organismus wirklich fruchtbare Krafte zufuhrt,
das ist die Arbeit, die die individuellen Fahigkeiten durch das Kapi-
tal leisten. Dasjenige aber, was den sozialen Organismus schadigt,
das ist, wenn Menschen, die selber durch ihre individuellen Fahig-
keiten eine solche Arbeit nicht leisten konnen, dennoch durch ir-
gendwelche Verhaltnisse in dauerndem Besitze von Kapital sind.
Denn solche haben wirtschaftliche Macht. Was heifk es denn: Kapi-
tal haben? - Kapital haben heifk: eine Anzahl von Menschen nach
seinen Intentionen arbeiten zu lassen, Macht haben iiber die Arbeit
einer Anzahl von Menschen.
Die Gesundung kann nur dadurch herbeigefuhrt werden, dafi al-
les, was mit dem Mittel des Kapitals erarbeitet werden mufi im sozia-
len Organismus, nicht abgetrennt wird von der menschlichen Per-
sonlichkeit mit ihren individuellen Fahigkeiten, die dahinter stehen.
Gerade aber durch den Besitz des Kapitals auf seiten solcher Perso-
nen, welche nicht ihre individuellen Fahigkeiten in die Verwendung
des Kapitals hineinlegen, gerade dadurch wird immer wieder und
wiederum im sozialen Organismus losgelost das Fruchtbare der Ka-
pitalwirkung von demjenigen, was Kapital im allgemeinen ist, und
was auch sehr, sehr schadliche Folgen fur das soziale Zusammenle-
ben der Menschen haben kann. Das heiik, wir stehen im gegenwar-
tigen, geschichtlichen Augenblicke der Menschheit vor der Notwen-
digkeit, dafi abgetrennt werden mufi der Besitz des Kapitals von der
Verwaltung des Kapitals. Das ist die eine Frage. Lassen wir sie zu-
nachst so stehen. Wir werden gleich nachher sehen, welcher mogli-
che Losungsversuch sich fur diese Frage ergeben kann.
Das zweite ist die Frage nach der sozialen Bedeutung der mensch-
lichen Arbeitskraft. Diese soziale Bedeutung der menschlichen Ar-
beitskraft sieht man ein, wenn man verfolgen kann, was im letzten
Jahrzehnte durch die Seelen der proletarischen Bevolkerung gezo-
gen ist, wenn man gesehen hat, wie einschlagend in diese Seelen das-
jenige war, was ein Karl Marx und diejenigen, die in seiner Richtung
gearbeitet haben, iiber diese menschliche Arbeitskraft gesagt haben.
Was Karl Marx in seiner Theorie von dem Mehrwert gesagt hat, es
schlug ziindend ein in die Proletarierseelen! Warum? Weil Empfin-
dungen in ihnen waren, die diese Frage nach der menschlichen Ar-
beitskraft zusammenbrachten mit den tiefsten Fragen nach der Men-
schenwiirde und nach einem menschenwerten Dasein iiberhaupt. In
solche Worte mufke Marx kleiden, was er iiber die soziale Bedeu-
tung der menschlichen Arbeitskraft zu sagen hatte, welche besagten,
dafi die menschliche Arbeitskraft durch die moderne kapitalistische
Wirtschaftsordnung bisher noch nicht befreit wurde von dem Cha-
rakter, eine Ware zu sein. Im Wirtschaftsprozefi zirkulieren Waren;
aber im modernen Wirtschaftsprozeft zirkulieren nicht nur Waren;
da folgen nicht nur Waren den Geboten des Angebotes und der
Nachfrage, da kommen auf den Warenmarkt, der in diesem Falle
Arbeitsmarkt heiften mufi, auch die menschlichen Arbeitskrafte
zum Angebot, und sie werden bezahlt, so wie sonst Waren bezahlt
werden. Derjenige, der seine menschliche Arbeitskraft zum Markte
zu tragen hat, der empfindet, trotz des Vorhandenseins des moder-
nen Arbeitsvertrages, das Entwiirdigende fur seinen Menschenwert,
wenn er also die Arbeitskraft zur Ware gemacht sieht. Denn dieser
moderne Arbeitsvertrag, er wird unter der Voraussetzung geschlos-
sen, daft der Arbeitsleiter - in diesem Falle der Unternehmer - dem
Arbeiter seine Arbeitskraft abnimmt gegen eine Entschadigung, die
sich eben auf dem Wirtschaftsmarkte als notwendig erweist, Kurz:
die Arbeitskraft wird zur Ware gemacht.
Erst dadurch wird aber diese Frage gelost werden konnen, dafi
man nicht stehenbleibt bei demjenigen, was Karl Marx ausgespro-
chen hat. Es wird heute eine Lebensfrage sein fur das, was zu errei-
chen ist - sei es auf seiten der proletarischen Bevolkerung, sei es auf
seiten der biirgerlichen leitenden, fiihrenden Kreise -, gerade in die-
sem Punkte die Befreiung dadurch herbeizufiihren, dafi man in der
richtigen Weise hinausgehen lernt iiber dasjenige, was Karl Marx der
proletarischen Bevolkerung auf diesem Gebiete hat beibringen kon-
nen. Wo auch heute Leute sind, die da glauben, mit ihrem sozialen
Wollen ganz in der Richtung des Proletariats zu denken, immer und
immer liegt ihnen doch die Empfindung zugrunde: derjenige, der
sonst besitzlos ist, der nur seine Arbeitskraft hat, er mu(S eben auf
Lohn ausgehen; das heifit, er mull seine Arbeitskraft zur Ware ma-
chen. Wie kann man am besten die Arbeitskraft zur Ware machen? -
so etwa wird die Frage formuliert, wie kann man sie am ertragnis-
reichsten machen? - Man wird niemals diese Frage in einer solchen
Weise losen, dafi aus ihr nicht neue soziale Erschiitterungen hervor-
gehen konnen, wenn man nicht die entgegengesetzte Forderung auf-
stellt: Wie kann menschliche Arbeitskraft iiberhaupt des Charakters
der Ware entkleidet werden ? Wie ist eine soziale Organisation mo g-
lich, in welcher die menschliche Arbeitskraft fortan keine Ware
mehr ist? - Der Tatbestand des Arbeitens ergibt ja im eigentlichen
Sinne doch das folgende. Durch die gemeinsame - nennen wir es
jetzt Arbeit durch die gemeinsame Arbeit des handwerklich Ar-
beitenden und des geistig Leitenden entsteht ein Produkt. Die Frage
ist diese: Wodurch kann diese gemeinsame Erzeugung eines Produk-
tes fur den Warenmarkt in ein befriedigendes Verhaltnis gebracht
werden zu dem, was man heute den Arbeitnehmer, und zu dem, was
man heute den Arbeitgeber nennt?
Dies sind doch die zwei bedeutungsvollsten Fragen, die heute
iiber das ganze internationale Volkerleben hin aufgeworfen werden
konnen und miissen: Was steckt in der Verwendung des Kapitals im
menschlichen sozialen Leben? Was steckt auf der anderen Seite in
dem Hineinflieften der menschlichen Arbeitskraft in dieses soziale
menschliche Leben?
Der Arbeiter heute - betrachten wir seine Lage -, er kann, wenn
er das eben auch nicht ausspricht, wenn auch Marx nicht gelernt
hat, in dieser Richtung zu Ende zu denken, der Arbeiter kann emp-
finden: Mit dem Unternehmer gemeinsam verfertige ich mein Pro-
dukt, Dasjenige, was an der Arbeitsstatte erzeugt wird, das geht von
uns beiden aus. Darum kann es sich nur handeln: welche Teilung
tritt ein zwischen dem, was man heute den Unternehmer nennt,
und demjenigen, der heute der handwerklich Arbeitende ist? Und
eine solche Teilung mu/S eintreten, welche nach beiden Seiten hin
befriedigend sein kann im unmittelbaren konkreten Falle.
Was ist denn eigentlich heute das Verhaltnis, das sich abspielt zwi-
schen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer? Ich will nicht in
agitatorische Phrasen hinein verfallen. Nuchtern aber wollen wir
dieses ganze Verhaltnis betrachten, nuchtern, wie es - allerdings
nicht einmal in klaren Begriffen - von dem heutigen Proletarier for-
muliert wird, wie es aber in den unterbewuftten Empfindungen die-
ser Proletarier ganz tief und intensiv sitzt. Da der Arbeiter durch die
wirtschaftliche Macht des Unternehmers nicht in der Lage ist, iiber
dasjenige, was sie gemeinsam als Ware erzeugen, oder was das ge-
meinsame Ertragnis dieser Ware ist, dariiber, wieviel dem einen und
dem anderen zufallt, einen Vertrag abzuschlieften, da er nur in der
Lage ist, einen Arbeitsvertrag abzuschlieften, so gerat der Arbeiter in
eine Seelenverfassung hinein, die ihm die Empfindung gibt, daft im
Grunde genommen niemals irgendwelche Arbeitskraft verglichen
werden kann mit irgendeiner Ware. Und doch spricht man heute
davon, daft man im Wirtschaftsprozeft Ware gegen Ware bezie-
hungsweise ihren Reprasentanten, das Geld, austauscht, Und man
spricht auch davon, daft man Ware beziehungsweise ihren Reprasen-
tanten, das Geld, gegen menschliche Arbeitskraft austauscht. So be-
kommt der Arbeiter heute die Empfindung, er arbeite zwar gemein-
sam mit dem Unternehmer an der Erzeugung der Waren, werde
aber eigentlich ubervorteilt, indem ihm der ihm zustehende Teil
eben nicht zukommt.
Dadurch wird man schon hingewiesen darauf, daft die individuel-
len menschlichen Fahigkeiten, die sich des Kapitals bedienen miis-
sen, eigentlich auf einer schiefen Ebene laufen. Denn was diese indi-
viduellen menschlichen Fahigkeiten zuwege bringen, indem sie aus
der menschlichen Geistes- oder Korperkraft heraus das Kapital ver-
walten, das empfindet ein grofter Teil der Menschheit als Ubervor-
teilung, als eine Art Betrug. Ob das nun berechtigt ist oder nicht,
dariiber wollen wir augenblicklich nicht nachforschen; aber emp-
funden wird es so. Und in der Empfindung bildet es die Grundlage
fur die lautsprechenden Tatsachen der Gegenwart.
Damit aber wird man darauf gewiesen, daft die individuellen
Fahigkeiten der Menschen in etwas wurzeln miissen, das in einer
schiefen Art sich heute in den sozialen Organismus hineinstellt,
oder wenigstens hineinstellen kann. Diese Verwertung der indivi-
duellen Fahigkeiten des Menschen, sie ist verbunden heute im mo-
dernen kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb mit dem Aneignen des
Besitzes der Produktionsmittel; sie ist dadurch verbunden mit dem
Aneignen einer bestimmten wirtschaftlichen Gewalt, einer wirt-
schaftlichen Ubermacht. Dasjenige aber, was sich in einer Gewalt
ausdriicken kann, was sich in dieser Ubermacht eines Menschen
iiber den anderen ausdriicken kann, das ist nichts anderes, als was im
menschlichen Leben ein Rechtsverhaltnis ausmacht.
Wer nun einmal den Blick darauf lenkt, wie sich in merkwiirdiger
Weise ein Rechtsverhaltnis verquickt mit der Anwendung indivi-
dueller menschlicher Fahigkeiten, der wird vielleicht, wie es dem ge-
gangen ist, der hier zu Ihnen spricht, seinen Blick richten miissen
auf etwas, was tiefer in der ganzen Natur des sozialen Organismus
begriindet ist als die Dinge, die man heute sehr haufig sucht. Es liegt
ja nahe, von solchen Voraussetzungen aus zu fragen: Wie ist Recht
und wie ist Aufwendung individueller menschlicher Fahigkeiten,
die immerzu aufs neue produktiv sein miissen, die aus ihrem Ur-
quell im Menschen immer wieder aufs neue hervorkommen miissen,
wie ist Verwertung individueller Fahigkeiten im sozialen Organis-
mus begriindet?
Wer sich einen unbefangenen Blick auf das menschliche Leben
bewahrt hat, der wird allmahlich dann zur Einsicht kommen, da$ in
einem sozialen Organismus drei ganz verschiedene, urspriingliche
Quellen des menschlichen Lebens zu unterscheiden sind. Diese drei
urspriinglichen Quellen des menschlichen Lebens, sie fliefien ganz
natiirlich im sozialen Organismus zusammen, sie wirken zusam-
men. Aber die Art und Weise, wie sie zusammen wirken, wird man
nur ergriinden konnen, wenn man vermag, auf die Wirklichkeit des
Menschen als solchen hinzuschauen, der eine Einheit, ein einheitli-
ches Wesen innerhalb der sozialen Dreiheit sein mull.
Im sozialen Organismus sind zunachst einmal diese individuellen
menschlichen Fahigkeiten vorhanden. Und wir konnen ihr Gebiet
verfolgen von den hochsten geistigen Leistungen des Menschen in
der Kunst, in der Wissenschaft, im religiosen Leben bis herab zu je-
ner Form der Anwendung individueller menschlicher Fahigkeiten,
wie sie mehr oder weniger im Seelischen oder im Korperlichen be-
griindet sind, bis zu jener Anwendung individuell-menschlicher Fa-
higkeiten, die im gewohnlichsten, im materialistischen Prozesse ver-
wendet werden mussen, der auf kapitalistischer Grundlage beruht,
bis in den Wirtschaftsprozeft hinein, den man gewohnlich mit ei-
nem absprechenden Worte den materiellen Bereich nennt. Bis da
hinein lafk sich eine einheitliche Stromung von den sonstigen Gei-
stesleistungen herunter verfolgen. Innerhalb dieses Gebietes beruht
dann alles auf der entsprechenden, auf der fruchtbaren Anwendung
dessen, was immer von neuem aus den Urquellen der menschlichen
Natur herausgehoben werden mufi, wenn es in der richtigen Weise
hineinfliefien soil in den gesunden sozialen Organismus.
Ganz anders lebt im gesunden sozialen Organismus alles das, was
sich auf das Recht begriindet. Denn dieses Recht ist etwas, was sich
abspielt zwischen Mensch und Mensch einfach dadurch, dafi der
Mensch eben im allgemeinen Mensch ist. Wir mussen die Moglich-
keit haben, im sozialen Leben unsere individuellen Fahigkeiten aus-
zugestalten. Je besser wir sie ausgestalten, desto besser fur die Allge-
meinheit des sozialen Organismus. Je mehr wir Freiheit haben im
Herausholen und im Verwerten unserer individuellen Fahigkeiten,
desto besser fur den sozialen Organismus. Schroff steht dem gegen-
iiber im wirklichen Leben fur jeden, der nicht von Theorien, von
Dogmen ausgeht, der das wahre Leben zu beobachten in der Lage
ist, alles das, was als Recht spielen mufi zwischen Menschen. Da
kommt nichts anderes in Betracht als das, worin alle Menschen sich
einander gleich gegeniiberstehen.
Und ein Drittes, was im menschlichen sozialen Zusammenleben
spielt, was wiederum total verschieden ist von den beiden anderen -
den individuellen menschlichen Fahigkeiten, die aus den Ungleich-
heiten der menschlichen Natur kommen, dem Recht, das aus dem
Rechtsbewufksein kommt -, das ist das menschliche Bediirfnis, das
aus den Naturgrundlagen des korperlichen und seelischen Lebens
kommt, und das im Kreislauf des Wirtschaftslebens durch Produk-
tion, durch Zirkulation und Konsumtion seine Befriedigung finden
Diese Dreigliederung des sozialen Organismus hat nicht irgendein
abstraktes Denken zustande gebracht, diese Dreigliederung ist da.
Und die Frage kann nur sein: Wie kann diese Dreigliederung in der
entsprechenden Weise reguliert werden, so daft nicht ein kranker,
sondern ein gesunder sozialer Organismus herauskommt? Da fuhrt
denn - und ich kann in diesen Andeutungen selbstverstandlich nur
Ergebnisse anfuhren -, da fiihrt denn ein unbefangenes Betrachten
des sozialen Organismus dazu, sich zu sagen: Gerade die Verken-
nung dieser radikalen Verschiedenheit der drei Quellen des sozialen
Lebens im Verlaufe der neueren geschichtlichen Entwickelung hat
zu der Erorterung gefuhrt, in der wir heute schon drinnenstehen,
und in der wir immer mehr und mehr drinnenstehen werden. In ei-
ner unrechtmafiigen Weise sind im Laufe der neueren Zeit diese drei
Stromungen des menschlichen Zusammenwirkens vermengt worden.
Wodurch hat es begonnen? Als in der neueren Zeit das wirt-
schaftliche Leben, ich mochte sagen, den Blick wie hypnotisiert in
Anspruch nahm, da hat man es im Fortschritt der Menschheit be-
griindet gefunden, mit dem rein politischen Staate - der es ja zu tun
hat mit dem, worin alle Menschen gleich sind, mit dem eigentlichen
Rechte - zu verschmelzen zunachst gewisse Wirtschaftszweige, be-
sonders das Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen und so weiter, also
diejenigen Wirtschaftszweige, welche als die geeignetsten erschie-
nen, mit dem Staate verquickt zu werden, auf den ja auch, wie auf
das Wirtschaftsleben, der menschliche Blick wie hypnotisiert hinge-
richtet war. Und was tut im Grunde genommen der sozialistisch
Denkende von heute? Er tritt nur das Erbe des burgerlichen Den-
kens in dieser Beziehung an. Er will, dafi nun nicht bloft gewisse ein-
zelne geeignet erscheinende Wirtschaftszweige verstaatlicht oder
vergesellschaftet werden. Er will entweder den gesamten Besitz oder
den gesamten Betrieb sozialisieren, vergesellschaften. Er will nur die
letzte Konsequenz desjenigen ziehen, was da getan worden ist.
Nun konnte man vieles anfuhren. Man braucht nur auf aufterem
politischem Gebiet anzufiihren, welche Rolle unter den verhangnis-
vollen Kriegsursachen, wie sie sich seit Jahren vorbereitet haben,
dasjenige spielt, was ich zu bezeichnen brauche mit dem einzigen
Wort «Bagdadbahn». Solche Dinge liefien sich zu Hunderten und
Hunderten anfuhren. Was bedeuten solche Dinge? Solche Dinge be-
deuten ein Zusammenwachsen wirtschaftlicher Interessen mit dem
reinen Staatsinteresse. So daft zuletzt das herauskommt, daft die Ver-
walter des Staatslebens sich dazu hergeben miissen, die Dienste, die
ihnen vermoge ihrer Macht moglich sind, wirtschaftlichen Interes-
sen folgend, zu leisten. Und in die Konflikte der wirtschaftlichen In-
teressen werden die politischen Interessen der Staaten auf diese Wei-
se hineingezogen. Die ganze Konfiguration der Staaten hat in der
neueren Zeit diese Vermengung des Wirtschaftslebens mit dem poli-
tischen Leben gezeigt.
Wer gerade das mitteleuropaische Leben von diesem Gesichts-
punkte aus betrachten konnte - wie derjenige, der heute zu Ihnen
spricht, es auf osterreichischem Gebiete betrachten konnte -, der
weift, daft viel zu dem, was heute den osterreichischen Staat ausge-
loscht hat aus dem Kreise des Bestehenden, dasjenige beigetragen
hat, woran die Leute am wenigsten denken. Als man in den sechzi-
ger Jahren in Osterreich daran dachte, ein Verfassungsleben einzu-
richten, wurde dieses Verfassungsleben darauf begriindet, daft man
eigentlich fur die Staatskonfiguration das blofte Wirtschaftsleben
herangezogen hat. Fur den osterreichischen Reichsrat war das Wah-
len so eingerichtet, daft vier Wahlkurien wahlten: die der Groft-
grundbesitzer, die der Handelskammern, die der Stadte, Markte und
Industrialorte sowie die der Landgemeinden, lauter wirtschaftliche
Gemeinschaften. Was aus diesen wirtschaftlichen Gemeinschaften
heraus gewahlt wurde, das machte in Osterreich das Recht. Was da
als Recht aus den rein wirtschaftlichen Interessen heraus entstand,
das konnte selbstverstandlich nicht zurechtkommen mit etwas, was
aus geistig-individuellen Unterlagen der Menschheit heraus kommt:
mit den Volkerinteressen des sogenannten osterreichischen Staates.
Und so verquickten sich die Dinge in der Weise, daft zum Recht ge-
macht wurde, was die von den vier Wirtschaftskurien Gewahlten in
einem Scheinstaate aus ihren wirtschaftlichen Interessen heraus zum
Recht machen wollten. Das wiederum konfundierte sich mit dem,
was man aus den Empfindungen der neueren Zeit heraus besonders
gern konfundiert, das konfundierte sich mit den geistigen Interessen
und Aspirationen der Menschheit, mit all dem, was man nennen
kann den ganzen Umfang des geistigen Lebens.
Wenn auf der einen Seite das Wirtschaftsleben einbezogen ist in
das moderne Staatsleben, so ist auf der anderen Seite einbezogen
worden in dieses Staatsleben das gesamte geistige Leben. Man hat ja
auch darin dasjenige gesehen, was gerade im Sinne des modernen
Menschheitsfortschrittes liegt. Alles geistige Leben nach und nach
zu einem Gliede des politischen Staatslebens zu machen, das wurde
das Ideal. Wieviel ist heute noch frei geblieben? Einzelne Zweige der
Kunst und einzelne Zweige der Wissenschaft, die von denjenigen be-
sorgt werden, die nicht von einem Staate angestellt werden mogen,
und ahnliches. Man hat heute noch keinen Sinn dafiir, daft geistiges
Leben seine Wirklichkeit nur dann dem sozialen Organismus in der
richtigen Weise eingliedern kann, wenn dieses geistige Leben vollig
emanzipiert von allem iibrigen Leben auf sich selbst gestellt ist,
wenn es sich selbst seine Verwaltung, seine Struktur geben kann.
Wahrend man in der neueren Zeit immer mehr und mehr danach
strebte, das ganze Schulwesen zu verstaatlichen, liegt es in den Ent-
wickelungskraften gerade des modernen Menschen, auf diesem Ge-
biete eine vollige Umkehr zu bewirken. Man stelle sich nur einmal
vor: Wenn der unterste Lehrer nicht der Diener des Staates ist, son-
dern wenn der unterste Lehrer sich hineinzustellen weifi in ein frei
organisiertes Geistesleben, sich hineinzustellen weifi in einen geisti-
gen Organismus, wie anders er dasjenige, was er zu leisten vermag,
dann gerade der Einheit des menschlichen sozialen Organismus ein-
gliedern kann, wie anders, als wenn der Staat von ihm fordert, was
er zu tun oder zu lassen hat, was er dem werdenden Menschen bei-
zubringen hat!
Diejenigen, welche liber diese Dinge urteilen, die glauben viel-
leicht aus mancherlei iiblen Erfahrungen, die gemacht worden sind,
dafi die Leute, die zum Beispiel die Wissenschaft zu besorgen haben,
von der wieder so viel abhangt, nach gewissen Rucksichten ange-
stellt werden. Aber die Wissenschaft selbst und ihre Lehre sind frei.
Solche Gesetze findet man ja in den verschiedensten Staaten. Und
daft dies so sei, behaupten ja auch viele Leute. Wer die Dinge wirk-
lich kennt, der weift, daft nicht nur in bezug auf die Anstellung,
nicht nur in bezug auf die Verwaltung der geistigen Amter diese
Uberschreitungen eintreten, sondern auch in der Arbeit selbst. Frei-
es Geistesleben, das kraftvoll mit seiner eigenen Wirklichkeit sich
hineinstellen kann in den gesunden sozialen Organismus, das mud
sich auch frei und abgesondert vom staatlichen und Wirtschafts-
leben als auf sich selbst gestellt entwickeln konnen.
Ich kenne die billigen Einwande, die gemacht werden konnen:
«Wenn wiederum die Schule befreit sein wird von dem Staatszwan-
ge, wenn jeder seine Kinder in die Schule schicken kann aus dem Ei-
fer, den er fur die geistige Bildung hat, dann kehren wir wieder in
den Analphabetismus zuruck.» Menschen, die so sprechen, rechnen
mit alten Empfindungen in modernen Verhaltnissen. Wir werden
gleich sehen, wie diese modernen Verhaltnisse ganz anderes bewir-
ken, als diese Menschen mit den alten Empfindungen vermuten.
Dasjenige aber ergibt sich - es mufi vorausgeschickt werden -, daft
die wirkliche Wahrheit nur leben kann im sozialen Organismus,
wenn die notwendige Gliederung auch vorhanden ist und das fol-
gende umfaftt: den geistigen Organismus, der auf die individuellen
korperlichen und seelischen Fahigkeiten der Menschen gebaut ist -
was wir auch das geistige Leben in seinem vollen Umfange nennen
konnten; den Rechtsorganismus, der das Gebiet des eigentlichen po-
litischen Staates umfaftt; und den Kreislauf der Wirtschaftsprozesse,
in dem bloft Warenproduktion, -zirkulation und -konsumtion be-
sorgt werden.
Man glaube nicht, daft dadurch die Einheit des Lebens zerstort
wird. Im Gegenteil, ein jedes dieser Glieder des gesunden sozialen
Organismus wird gerade dadurch wieder gesund werden, daft es sei-
ne Krafte aus sich selbst bekommt und jedes Glied dem anderen die
entsprechende Beisteuer geben kann. Und so muft von demjenigen,
der auf die Gesundung unserer sozialen Verhaltnisse hinsteuert, ge-
fordert werden die Verselbstandigung dieser drei Glieder, die ein
wirres Denken und ein wirres Handeln in dem letzten Jahrhunderte
zusammengeschmolzen hat, also die Verselbstandigung dieser drei
Glieder: des geistigen Lebens, des Rechtslebens und des Lebens, das
den Kreislauf des Wirtschaftsprozesses umfafk.
Der Staat kann nicht Wirtschafter sein. Das wirtschaftliche Leben
mufi notwendig nach seinen eigenen Verhaltnissen auf seine eigene
Grundlage gestellt werden. Im wirtschaftlichen Leben hat sich dies
auch bis zu einem gewissen Grade herausgebildet im genossenschaft-
lichen, im gewerkschaftlichen Leben. Aber dieses genossenschaftli-
che, gewerkschaftliche Leben ist immer wieder in ungehoriger Wei-
se verquickt worden mit Rechtsverhaltnissen. Dasjenige, was not-
wendig ist im wirtschaftlichen Leben, ist das Assoziationenwesen,
also die Zusammenschliefiung gewisser Menschenkreise nach den
Bedurfnissen des Konsums und der dazu notwendigen Produktion,
die Zusammenschliefiung von Menschen nach Berufsinteressen und
die Verwaltung desjenigen, was innerhalb dieser Kreise zirkuliert
nach entsprechenden menschlichen Bedurfnissen, wie es sich nur
aus einem sachverstandigen Urteil des Wirtschaftslebens selbst erge-
ben kann.
In dieses Leben spielen nun die Wirkungen der menschlichen Ar-
beitskraft hinein, spielen hinein die Wirkungen des Kapitals. Ich
kann nur in einigen Linien andeuten, wie diese Wirkungen sich bil-
den. Die Verwendung der menschlichen Arbeitskraft im sozialen
Organismus besteht in dem Verhaltnisse desjenigen, der handwerk-
lich arbeitet, zu irgendeinem geistigen Leiter, der sich des Kapitals
bedienen mufi, indem er irgendeinen wirtschaftlichen Betrieb oder
uberhaupt irgend etwas dem sozialen Organismus Nutzbringendes
verwaltet. Dieses Verhaltnis kann nur ein Rechtsverhaltnis sein. Das
Verhaltnis, das der Arbeiter zu dem Unternehmer einnimmt, mu6
sich auf ein Recht begrunden. Das mufi auf einem anderen Boden
begriindet werden, als auf dem Boden des Wirtschaftslebens selbst.
Dadurch wird ein radikal anderes herbeigefuhrt, als wir es heute ha-
ben. Aber man mujft heute gegeniiber den radikalen Tatsachen auch
zu radikalen Urteilen kommen. Das Wirtschaftsleben ist heute auf
der einen Seite abhangig von der Naturgrundlage. Dieser muft der
Mensch mit sachverstandigem Urteil gegeniiberstehen. Er kann in
einer gewissen Weise das eine oder andere Bodenstiick durch seinen
Fleifi und die Technik fruchtbar machen, aber nur innerhalb gewis-
ser Grenzen. Er ist in weitem Mafie abhangig von seiner Natur-
grundlage. Ebenso wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite von
der Naturgrundlage abhangig ist, ebenso mufi es abhangig werden
von dem, was festgestellt werden mufi auf der Grundlage des Rechts-
staates, in dem Zusammenwirken aller Menschen, gleichgultig wel-
che Art von Arbeit sie betreiben. Ob sie geistige oder Handarbeiter
sind, sie gehen auf dem Boden des Rechtsstaates ein Verhaltnis ein in
dem die Gleichheit der Menschen untereinander in Betracht
kommt. Und es wird festgestellt, jetzt nicht in assoziativer Weise,
wie es im Wirtschaftsleben sein mufi, sondern in rein demokrati-
scher Weise, in einer Weise, die die Wirkungen auf dem politischen
Gebiete des Staates fur alle Menschen gleich macht vor dem Gesetze.
Da wird das festgelegt, was sich auf die Verwertung der menschli-
chen Arbeitskraft bezieht, festgelegt, was sich auf das Verhaltnis
vom Arbeiter zum Leiter bezieht. Da kann nur festgesetzt werden
ein Maximal- oder Minimalarbeitstag und die Art der Arbeit, die ein
Mensch leisten kann. Dasjenige, was festgesetzt wird - das mufi be-
achtet werden -, wird zuruckwirken auf den Volkswohlstand.
Wenn irgendein Produktionszweig nicht gedeihen sollte, aus dem
Grunde, weil fur ihn zu viel rechtlich unmogliche Arbeit gefordert
wird, so soli sie nicht geleistet werden; dann soli auf andere Weise
Abhilfe geschaffen werden. Das Wirtschaftsleben soil auf beiden Sei-
ten an die Grenzen kommen: auf der einen Seite an die Grenze sei-
ner naturwissenschaftlichen Grundlage, auf der anderen Seite an die
Grenze des Rechtes. Kurz, wir kommen von dem einen Glied des
sozialen Organismus zu dem anderen Glied, dem politischen Staate,
in dem im weitesten Umfange alles Rechtliche und alles dem Rechte
Verwandte reguliert wird.
Und wir kommen dann zum dritten Gliede, das sich wiederum
aus seinen eigenen Verhaltnissen und Bedurfnissen regulieren und
Gesetze geben mufi: das ist die Organisation des Geistigen. Das Gei-
stige mufi darauf beruhen, dafi auf der einen Seite die freie Initiative
des Menschen steht, so dafi der Mensch in der Lage ist, im freien
Geistesleben seine Krafte individuell der Menschheit anzubieten.
Auf der anderen Seite mufi das freie Verstandnis und das freie Entge-
gennehmen dieser Geisteskrafte liegen. Wie kann das sein? Das
kann nur dadurch sein, daft bis in jene Verwendung des Geistesle-
bens, die sich ausdriickt in der Verwertung des Kapitals, das geistige
Leben, das frei ist im Schulleben, in alien geistigen Zweigen, daft bis
in die Verwendung des Kapitals hinein das geistige Leben einzig und
allein verwaltet wird von der geistigen Organisation. Wie ist das
moglich? Das ist nur dadurch moglich, daft nun wirklich jene Sozia-
lisierung eintritt, die nicht dadurch eintreten kann, daft man die
menschliche Gesellschaft zu einer einheitlichen Genossenschaft
macht, bei der vielleicht nur wirtschaftliche Interessen sich geltend
machen, und alles aus wirtschaftlichen Interessen organisiert werden
soil. Gliedert sich ab in gesunder Weise der geistige Organismus, frei
von den beiden anderen Zweigen, dem Staats- und dem Wirtschafts-
organismus, die angefuhrt worden sind, und ist man in der Lage,
von jenem geistigen Organismus aus auch jene Verwaltung zu
besorgen, die sich bezieht auf die Verwendung des Kapitals und das
ganze Wirtschaftsleben, das heiftt: werden ausgefullt alle Stellen,
die im Wirtschaftsleben notwendig sind, durch die Verwaltung
der geistigen Organisation, wird der Mensch mit seinen individuel-
len Fahigkeiten in das Wirtschaftsleben hineingestellt von der gei-
stigen Organisation aus, dann kommt man allein zu einer gesun-
den, fruchtbaren Sozialisierung. Denn nur damit ist man in der
Lage, das, was der Besitz des privaten Kapitals ist, von der Verwal-
tung dieses Kapitals zugunsten des gesunden sozialen Organismus
abzutrennen.
Was wird da eintreten? Nun, es wird mancherlei eintreten. Ich
will nur beispielhaft einiges anfiihren. Es ist ganz selbstverstandlich,
daft der Mensch im Wirtschaftsprozesse privates Kapital, Eigentum
erwirbt. Aber so wenig man die Verwertung dieses privaten Kapitals
von der Verwertung der individuellen Fahigkeiten wird trennen
durfen unmittelbar, solange diese individuellen Fahigkeiten des
Menschen tatig sein konnen, so sehr wird notwendig sein dann,
wenn deren Tatigkeit aufhort, die Trennung des privaten Eigentums
von dem Individuum vorzunehmen. Denn alles private Eigentum
wird doch erworben durch das, was in den sozialen Kraften spielt,
und es mufi wiederum zuriickstromen in den sozialen Organismus,
aus dem es entnommen ist. Das heiftt, es wird etwa eintreten miis-
sen, daft ein Gesetz besteht aus dem Rechtsorganismus heraus - denn
Besitz ist ein Recht, das Recht, irgendeinen Gegenstand oder irgend
etwas ausschlieftlich zu beniitzen es wird ein Gesetz existieren
miissen, daft dasjenige, was man erworben hat als privaten Besitz aus
dem Wirtschaftsleben heraus, daft das - durch freie Verfugung aller-
dings desjenigen, der es erworben hat - nach einer gewissen Zeit
wiederum zuriickfallen mud an den geistigen Organismus, der dafur
wiederum eine andere Individualist zu suchen hat, die es in entspre-
chender Weise verwerten kann.
Etwas Ahnliches wird eintreten fur alien Besitz, der heute vor-
handen ist, wie fur den Besitz gewisser geistiger Dinge, die man pro-
duziert, die ja dreifiig Jahre nach dem Tode der allgemeinen Mensch-
heit gehoren. Man kann gar nicht sagen, daft man mehr Anrecht hat
auf irgendeinen anderen Besitz als auf diesen geistigen Besitz. Wie
lange es auch dauern darf, daft man das Erworbene behalten darf,
der Zeitpunkt wird eintreten miissen, sei es fur Erbschaftsbesitz
oder anders erworbenen Besitz, wo durch freie Verfugung des Pri-
vatbesitzers dasjenige an den geistigen Organismus zuriickkommt,
was durch individuelle Arbeit in seinen Besitz Ubergegangen ist. Da-
neben wird sich das andere entwickeln, daft diejenigen, die aus dem
Wirtschaftsprozeft sich Privatbesitz erwerben, sich auf freie Art, aus
freiem Verstandnisse denjenigen aussuchen konnen, den sie fur indi-
viduell befahigt halten, irgend etwas zu betreiben. Das aber wird
durch die Kraft des Rechtsstaates, des eigentlichen politischen Staa-
tes unmoglich gemacht werden, daft ein betrachtlicher Teil des Pri-
vateigentums auf den reinen Zins verfallt, durch den jemand in der
Lage ist, ohne dafi er individuelle Fahigkeiten aufwendet, die in den
Wirtschaftsprozeft des Gesamtlebens hineingehen, private Arbeit
und anderer Menschen Arbeit fiir sich zu verwenden. Moglich ist es,
und moglich wird es durch diese drei Glieder gemacht, daft die
menschliche Produktivitat immer verbunden bleibt mit den indivi-
duellen Fahigkeiten des Menschen, mit denen sie sachgemafi ver-
bunden sein mufi.
Diese Dreigliederung des sozialen Organismus erscheint heute
noch als ein radikaler Gedanke. Und doch, wer sich nicht bequemen
wird zu diesem Gedanken, wer nicht den ersten Schritt zu dem Gip-
fel, den wir erklimmen miissen in der Gesellschaftsordnung, in die-
ser Richtung wird machen wollen, wer nicht einsieht, dafi die un-
mittelbarsten, alleralltaglichsten, allernachsten Handhabungen mit
dem Wissen von dieser Richtung entwickelt werden miissen, der
wird nicht im Sinn der Menschheitsentwickelung, sondern der wird
gegen diesen Sinn der Menschheitsentwickelung handeln. Wir ste-
hen heute vor Tatsachen, die Urempfindungen der Menschen auf
den Plan gefordert haben. Denen miissen wir die Urgedanken der
menschlichen sozialen Ordnung entgegensetzen. Und ein solcher
Urgedanke ist diese Dreigliederung.
Dieser Gedanke wird nun zunachst selbst von denjenigen, die ihn
nicht fur eine reine Utopie halten, sondern die sich vielleicht durch-
ringen konnen dazu, ihn fur etwas ganz Praktisches zu halten, er
wird selbst von denen nur fur etwas gehalten werden konnen, was
sich auf das Innere der Staaten bezieht.
Und jetzt wird man fragen: Was hat denn das mit dem Volker-
bund zu tun? - Das ist dasjenige, was zugleich die allerrealste aus-
wartige Politik sein kann! Denn wenn hingearbeitet wird auf die Be-
antwortung der Frage: Was soli der Staat unterlassen? - so bekommt
man aus dieser Betrachtung heraus die Antwort: Er soli unterlassen,
sich in die Funktionen des geistigen und in die Funktionen des wirt-
schaftlichen Lebens einzumischen. Er soil sich auf das Gebiet, das
das rein politische, das das rein rechtliche Gebiet ist, beschranken.
Dadurch aber wird auch im aufierpolitischen Leben die notwendige
Konsequenz eintreten, dafi iiber die ganze Erde hin die wirtschaftli-
chen Interessen des einen Gebietes unmittelbar zur Verhandlung,
zum Austausch, zum Verkehr kommen mit den wirtschaftlichen In-
teressen des anderen Gebietes, und ebenso die Rechtsverhaltnisse
und die geistigen Verhaltnisse. Sind die geistigen Verhaltnisse auf ei-
nem Gebiete befreit, dann wird niemals aus diesem geistigen Gebiete
heraus irgendein Anlaft entstehen konnen, der sich in irgendeinem
kriegerischen Ereignisse entladen konnte. Man kann das im klein-
sten beobachten. Die geistigen Interessen konnen mit den kriegeri-
schen Konflikten nur in eine Beziehung kommen dadurch, dafi das
staatliche Leben dazwischen tritt.
Auch da kann man eigentlich nur aus der Erfahrung heraus urtei-
len; aber schon kleine Erfahrungen konnen beredt sein. Man konnte
beobachten, wenn man fur solche Dinge einen Blick hat, wie in Un-
garn zum Beispiel in den Zeiten, in denen das staatliche Leben in
Ungarn sich noch nicht in den deutschsprachigen Teilen in alles hin-
eingemischt hatte, in den zahlreichen deutschen Gegenden die Leu-
te, die eben deutsche Kinder hatten, sie in deutschsprachige Schulen
schickten, die in deutschen Gegenden wohnenden Magyaren sie in
die magyarischen Schulen schickten, und umgekehrt: Die Deut-
schen, die in Gegenden wohnten mit magyarischen Schulen, schick-
ten ihre Kinder in solche Gegenden, wo deutsche Schulen waren.
Dieser Kinderaustausch wurde gepflegt in freier Weise.
Es war ein freier Austausch des geistigen Gutes der Sprachen, so
wie man andere geistige Giiter in freiem Austausch pflegen kann,
von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Dieser freie Austausch des
geistigen Gutes der Sprachen bedeutete fur das Land Ungarn einen
tiefen Frieden in alien Gebieten, in denen er gepflegt worden ist. In
diesen freien Austausch wurde der innerliche Volkstrieb hineinge-
pragt. Als der Staat sich hineinmischte, da wurde die Sache anders.
Dasjenige, was da im inneren politischen Leben geschah, das ge-
schah im Verlauf der neueren Zeit immerzu im aufieren politischen
Leben. Derjenige, der fur solche Dinge einen Blick hat, der konnte
sehen, wie eigentlich tief friedlich im Grunde genommen die deut-
schen Intellektuellen waren. Aus der Stimmung dieser deutschen In-
tellektuellen ware nie die Kriegsstimmung erwacht! Aber aus dem
Verhaltnisse, in dem sie standen zu dem Staat, ist dasjenige gewor-
den, was jenen Eindruck in bezug auf den Staat hat entstehen lassen.
Das soli weder ein Einwand noch etwas anderes sein, sondern nur
ein Begreifen der Tatsachen.
Das Wirtschaftsleben eines dreigliedrigen sozialen Organismus
wird gerade dadurch sich auch innerhalb des internationalen Wirt-
schaftslebens ausleben konnen, dafl die wirtschaftlichen Verhaltnis-
se nicht von Staatsverhaltnissen gemacht werden, sondern von Men-
schen, welche aus solchen Territorien herauswachsen, in denen
nicht ein Parlament ist, sondern drei Parlamente, ein geistiges, ein
wirtschaftliches und ein Staatsparlament sind, in welchen nicht eine
Verwaltung ist, sondern drei Verwaltungen sind, die zusammenwir-
ken. Erst aus solchen Territorien werden die Menschen herauswach-
sen konnen, die dann in einer zwischenstaatlichen Organisation die
rechte Rolle spielen konnen. Und nicht auf den Staat und die Wirt-
schaft, sondern auf den Menschen, auf den ganzen, vollen Menschen
kommt es an.
Die Rolle der geistigen Fuhrer wird eine andere sein, wenn sie aus
der emanzipierten geistigen Organisation heraus sich gestaltet, eine
andere als jene Theaterspielerei, die sich zum Beispiel zwischen den
Mittelstaaten und Amerika im Professorenaustausch abspielt, die ja
eben nur aus demjenigen heraus, was sich mit dem Staate in geistig
ungehoriger Weise verband, sich entwickeln konnte. Alle diese Ver-
haltnisse werden auch auf internationalem Gebiete auf eine gesunde
Grundlage gestellt, wenn die gesunde Grundlage erst im einzelnen
sozialen Territorium eingetreten sein wird. Aus diesen einzelnen so-
zialen Territorien wird dann der Mensch hervorgehen, der in der
rechten Weise auch zum internationalen Leben das seinige beitragen
kann.
Das scheint mir die Antwort zu sein, die so gegeben werden
kann, daft sie nicht nur das Zusammenstimmen der verschiedenen
Volker in Betracht zieht, sondern daft der Beitrag jedes Volkes fur
die wirklichen Zukunftsideale des menschlichen Volkerbundes in
Betracht kommen kann. So kann auch ein Deutscher sprechen;
denn seien auch die mitteleuropaischen Lander oder Deutschland
ausgeschlossen von dem nachsten Volkerbund, sie konnen so arbei-
ten, daft sie durch die Gesundung des eigenen Territoriums fur den
gesunden Volkerbund der Zukunft vorausarbeiten; sie konnen das
ihrige dazu beitragen.
Das ist erne Antwort, die jeder fur sich selber geben kann. Das ist
eine Antwort, die auch jeder Staat als eigene Politik nach auswarts
hin entwickeln kann. Denn wie auch die Staaten, die in irgendeine
Friedensverhandlung zum Beispiel mit dem deutschen Reiche ein-
treten, selber ihre Friedensdelegierten wahlen, dasjenige, was sich
dann aus dem chaotischen ehemaligen deutschen Reiche heraus er-
gibt, das wird nicht verhindert werden konnen: aus den drei Glie-
dern - aus dem Wirtschafts-, aus dem Staats-, aus dem geistigen Or-
ganismus - seine Delegierten besonders zu wahlen, die in entspre-
chender Weise dann den gesunden sozialen Organismus auch nach
auften hin vertreten konnen. Das ist wirkliche, mogliche, das ist
wahre reale Politik.
Ich habe in den letzten Jahren vielfach diese Ideen vor Menschen
vorgetragen; ich habe sie auch, wie vielleicht manche von Ihnen ge-
sehen haben, in einem Aufruf zusammengefafit, der jetzt durch die
Zeitungen erscheint, unterschrieben von einer mich sehr befriedi-
genden Anzahl von Menschen, unter denen solche sind, bei denen
ausgeschlossen ist, daran zu zweifeln, dafi sie ein Recht haben, iiber
diese Dinge mitzuurteilen, und ich habe oftmals horen miissen:
durch eine solche Gliederung wird ja das Alte wieder hervorgerufen,
was gerade widerstrebt dem, was in den Empfindungen eines grofien
Teils der modernen Menschheit liegt, die Menschheit werde wieder
gegliedert in die alten drei Stande: Nahrstand, Wehrstand und Lehr-
stand. Das Gegenteil ist der Fall! Nichts unterscheidet sich so sehr
von diesen alten Standen Nahrstand, Wehrstand und Lehrstand wie
dasjenige, was hier gewollt wird; denn nicht die Menschen werden
gegliedert in Klassen, in Stande, wie friihere Zeiten gliederten, son-
dern das, was vom Menschen abgesondert ist, worin der Mensch
lebt: der soziale Organismus wird gegliedert. Und der Mensch ist ge-
rade dasjenige, was als ganzes, voiles, in sich abgeschlossenes Wesen
innerhalb dieser von ihm abgeschlossenen Gliederung sich erst recht
als Mensch wird entwickeln konnen. Dieser befreite Mensch, er al-
lein wird es sein konnen, der auch zugrunde legen kann die Gedan-
ken, die Empfindungen, die Willenshandlungen, die im modernen
Volkerbund spielen miissen.
Man mochte ja, indem man uber diese Dinge nachdenkt, nicht
einseitig werden. Und das wird man leicht, wenn man nur seine ei-
genen Empfindungen zugrunde legt. Daher mochte ich mich auf ei-
nen anderen jetzt zum Schlufi berufen, nachdem ich dasjenige, was
ich ausgefuhrt habe als notwendig zur Gesundung des sozialen Or-
ganismus, so radikal hingestellt habe und es unterschieden wissen
will von dem, was sich bisher entwickelt hat, und was zu dieser
furchtbaren Katastrophe gefuhrt hat. Ich mochte mich auf einen an-
deren berufen, auf einen Mann, auf den ich mich oftmals berufe,
wenn ich hinschaue nach einem hochstehenden geistigen Betrachter
derjenigen Dinge, die sich innerhalb der menschheitlichen Ent-
wickelung bis in die Gegenwart herauf ergeben haben: Herman
Grimm. Er sagt einmal an einer Stelle, die aus seinen Gedanken liber
die neuzeitliche soziale Entwickelung der Menschheit hervorgegan-
gen ist, er sagt einmal: Wenn man das heutige Europa ansieht, so
sieht man auf der einen Seite, wie die Menschen miteinander in Ver-
bindungen gekommen sind, von denen sich ehemalige Zeiten nichts
traumen liefien; aber man sieht zu gleicher Zeit hereinragen in die-
ses, was man moderne Zivilisation nennt, dasjenige, was sich aus-
druckt in unserem kriegerischen Riisten - so sagt er als Deutscher
in unserem eigenen Militarismus und in dem Riisten der anderen
Staaten, das ja doch nur darauf hinauslaufen kann, sich eines scho-
nen Tages zu uberfallen. Und wenn man sieht, was daraus werden
konnte - die Worte klingen wahrhaftig prophetisch, sie sind in den
neunziger Jahren geschrieben, Herman Grimm ist bereits 1901 ge-
storben -, wenn man darauf hinsieht, meint Herman Grimm, dann
ist es einem, als ob sich eine Zukunft aus lauter menschlichen Kon-
flikten bestehend entwickeln konnte, so dafi man am liebsten einen
Tag zum allgemeinen Selbstmord der Menschheit ansetzen mochte,
damit sie nicht erleben mufi das Schreckliche, das aus diesen Ver-
haltnissen folgt.
Seither haben die Menschen manches gesehen, was aus diesen
Verhaltnissen folgt. Was sie gesehen haben, konnte wohl hinleiten
zu Gedanken, die dann nicht mehr fur eine Utopie angesehen wer-
den, zumal wenn man gesehen hat, wie manches, was wirklich ent-
standen ist, sich gerade fur den Blick der Praktiker wie eine Utopie
ausnehmen miifke gegeniiber dem, woran sie vor kurzem noch als
an etwas Unmogliches geglaubt haben.
Das ist es, was die Leute heute nicht nur zur Veranderung ihres
Handelns, sondern zur Veranderung ihrer Gedanken, zum Umden-
ken bringen sollte. Wir brauchen zukiinftig nicht allein andere Ein-
richtungen, wir brauchen letztlich neue Gedanken, neue Menschen,
die nur aus einer neuen Gliederung des sozialen Organismus heraus-
wachsen konnen. Internationale Biindnisse, wir haben sie ja auch im
Grunde genommen doch erlebt! Ob das, was angestrebt wird, feste-
ren Grund und Boden hat, festeren Halt bietet, als die alten Verhalt-
nisse, das ist nur dann zu entscheiden, wenn man wirklich zuriick-
geht auf die Grundbedingungen des menschlichen sozialen Zusam-
menlebens. Haben wir nicht auch in der Art, wie man friiher unter
den Angehorigen der verschiedensten Furstenhauser zu heiraten
pflegte, so etwas wie ein internationales Leben sich entwickeln gese-
hen? Dagegen ware ja nichts einzuwenden, wenn sich die Fiirsten-
hauser in einer verheiftungsvollen Art entwickelt hatten! Es hatte
sich dann auch im Sinne dieses «internationalen Biindnisses» etwas
ergeben konnen, was selbst unter dem monarchischen Prinzip sehr
niitzlich gewesen ware ! - Wir haben andere internationale Biindnis-
se, so zum Beispiel das sehr reale internationale Biindnis des Kapitals
erlebt. Wir haben erlebt die internationale Sozialdemokratie. Wir
haben verschiedenes Internationales erlebt. Dasjenige, was auf das
Internationale der familiaren Instinkte baute, es ist zerfallen. Was
auf die wirtschaftliche Gewalt des ungeistigen Kapitalismus baut,
dem unbefangenen Blick zeigt es sich: es wird zerfallen. Aber auch
das, worauf der internationale Sozialismus hinzielt, ist im Grunde
genommen die Sehnsucht nach Macht. Diese Macht wird in Zu-
kunft dem Rechte weichen miissen, denn was der Mensch durch
sein Machtstreben im sozialen Leben an sich reifien kann, kann nur
zum Heil der Menschheit ausschlagen, wenn es dem Rechtsleben
eingegliedert, vom Rechtsleben durchleuchtet wird.
Und so darf vielleicht doch in dem gegenwartigen Menschen ge-
geniiber mancherlei Internationalem die Empfindung entstehen,
daft ein wirklich fruchtbar wirkender Volkerbund der Menschheit
gegriindet sein mufi auf etwas anderes, als auf diese alten Verhaltnis-
se. Er mufi gegriindet sein auf ganz neuen Menschengedanken, ganz
neuen Menschenimpulsen und nicht auf fiirstlichem Gebliit, nicht
auf der Macht des Kapitals oder der Arbeit. Er raufi gegriindet sein
auf das Recht, auf den wirklich befreiten ganzen Menschen. Denn
nur dieser wirklich befreite, ganze, fur internationale Empfindung
wache Mensch wird auch in der rechten Weise Verstandnis haben
fur das, was ihm dann leuchten kann als das Licht des internationa-
len Rechts.
Diskussion
1. Redner: Erklarte, die von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagene Losung sei ihm nicht klar ge-
worden. Auch sei es nicht moglich, den Sozialismus als grofie geistige Konzeption in der Wei-
se, wie es Herr Dr. Steiner getan habe, abzufertigen, denn schliefilich entstehe ein neues
Recht nicht dadurch, dafi man den gesunden Kern des Sozialismus wegwische. Die Idee der
Dreigliederung scheine wohl eine Losung zu sein, sie sei aber eine willkiirliche Losung. Die
Bodenreform ist nach der Ansicht dieses Redners etwas, was im Wesen der Zeit liegt. Zum
Schlufi wurde auf die fortschreitende Ausbreitung des Sozialismus hingewiesen, als ein Zeug-
nis dafiir, daft dieser nicht ein ausgedachtes System ist, sondern einer Realitat entspricht.
Rudolf Steiner: Es ist natiirlich schwer zu diskutieren daruber, ob
das, was in einem immerhin nicht ganz kurzen Vortrag angedeutet
werden konnte, im absoluten Sinne jedem einzelnen einleuchten
muli oder nicht; das ist schliefilich eine individuelle Sache, und dar-
uber wird ja jeder Zuhorer selbstverstandlich seine eigene Meinung
haben. Ich will daher diese Frage nicht besonders beriihren. Ich
mochte nur iiber die anderen Gedanken, die der verehrte Herr Vor-
redner geauftert hat, einige ganz kurze Bemerkungen machen, vor
alien Dingen iiber das Prinzipielle. Wer heute meinen vielleicht radi-
kalen und deshalb als unbeweisbar erscheinenden Gedankengangen
doch einigermaften gefolgt ist, hat vielleicht sehen konnen, aus der
Art, wie die Sache gefalk war, daft das, was ich aussprach, durchaus
nicht aus einem Einfalle nur eines schonen Morgens gekommen ist,
oder anderen Einfallen entsprungen ist, sondern daft sie gerade ge-
baut sind auf dem, was meinetwillen von anderer Seite bewiesen ist.
Es ist ja nicht notwendig, Ihnen wiederum alles das zu beweisen,
was der Sozialismus zum Beispiel bewiesen hat ! Ich habe einen Ge-
danken geaufiert, den Gedanken: daft besonders einleuchtend den
Proletarierseelen die Gedankentheorie vom Mehrwert und seiner
Beziehung zu der menschlichen Arbeitskraft ist. Ich habe dann den
Gedanken geauflert, daft man aber diese Anschauung noch um einen
Schritt weiter fiihren mufi. Damit glaube ich aber auch gezeigt zu
haben, dafi ich durchaus nicht wegwischen will das, worauf gerade
der verehrte Herr Vorredner gedeutet hat: den modernen Sozialis-
mus. Wer mir genauer zugehort hat, wird sich vielleicht auch sagen
konnen, daft ich gerade mit Bezug auf die Bedeutung des modernen
Sozialismus in meinem Vortrag geniigend Andeutungen gemacht
habe.
Was ich ausgesprochen habe, konnte ich nicht anders verstehen,
als im Sinne des erwahnten Beispieles. Ich meinte, wenn man sich
nicht einlasse auf den modernen Sozialismus, dann lebe man so wie
die Bewohner eines Hauses, dem der Einsturz droht, und die sich
nicht entschlieften, einen Neubau zu errichten, sondern beraten,
wie man alle Zimmer gegenseitig verbinden miisse, damit man sich
durch diese Tiiren gegenseitig helfen konne.
Dadurch konnte man bei einigem guten Willen sehen, welches
Gewicht ich eigentlich dem modernen Sozialismus beilege. Und es
war im Grunde dann nicht so schwer, daraus den Gedanken abzulei-
ten, der ja natiirlich in vierzig, funfzig Vortragen weiter ausgefuhrt
werden konnte, daft man doch nicht auskommt mit dem, was im
modernen Sozialismus schon liegt. Ich will dabei noch auf eines hin-
weisen. Natiirlich werde ich auch jetzt wiederum nur so kurz sein
konnen, daft unter Umstanden derjenige, der will, sagen kann, daft
ich den verehrten Zuhorern nichts mit nach Hause gebe. Ich mochte
nur sagen: Ich habe den allergroftten Respekt vor demjenigen, was
namentlich im modernen proletarischen Denken der Marxismus
und auch alles dasjenige, was sich auf dem Marxismus aufgebaut hat,
hervorgebracht hat. Ich war selbst jahrelang Lehrer an einer von
Wilhelm Liebknecht gegriindeten Arbeiterbildungsschule, und ich
habe sozusagen mitgearbeitet an dem Einleben gerade der sozialisti-
schen Gedanken innerhalb der Arbeiterschaft. Und ich darf viel-
leicht darauf hinweisen, daft es nicht gerade unrichtig sein wiirde,
wenn ich sage: Ich glaube, daft immerhin eine Anzahl entsprechen-
der alterer Redaktoren an deutschen sozialistischen Zeitungen, so-
gar Redner, die heute in Deutschland immerhin ein nicht ungewich-
tiges Wort reden, meine Schiiler vielleicht sind. Also ich kenne nicht
nur den modernen Sozialismus als solchen - aus der Art, wie ich
meine Gesichtspunkte vorgebracht habe, hatte man das schon sehen
konnen sondern ich kenne auch das Gewicht, das im Leben des
modernen Proletariats dieser Sozialismus hat. Wenn man das so jah-
relang, ich darf sagen, jahrzehntelang mitgemacht hat, dann hat man
es nicht gerade notig, auf einen schonen, besonderen Einfall zu war-
ten, um auch ein System auszubilden, weil man eben auch eines ha-
ben will, sondern dann baut man eben an demjenigen weiter, was da
ist. Und wer eingeht auf die Dinge, sieht aus dem Weitergebauten,
daft man das Vorhandene gerade achtet.
Aber nun darf man eines nicht aus dem Auge verlieren. Gewift,
Gedanken sind eigentlich als solche, wenn sie innerhalb des Theore-
tischen gehalten werden, im Grunde nichts weiter als Symptome fur
das, was im wirklichen Leben sich bewegt. Daher glauben Sie nicht,
daft ich Ihnen nun Vorschlage machen will, wie die moderne Arbei-
terbewegung oder irgend etwas eigentlich nur von der Triebkraft
der Gedanken getragen wird, sondern ich will im Gegenteil zum
Ausdruck bringen, daft die zum Vorschein kommenden Gedanken -
ich denke dabei allerdings nicht bloft an Wirtschaftskrafte - tiefer
gelegene innere Krafte eben symptomatisch zum Ausdruck bringen.
Ich glaube iiberhaupt, daft wir in der Zukunft einer symptomatolo-
gischen, nicht einer so kausalen Geschichtsbetrachtung, wie sie heu-
te beliebt ist, entgegengehen.
Aber nun muft man doch sehen, wie gewisse Gedanken, die alle
als Symptome fur gewisse dahinterliegende Tatsachen anzusehen
sind, wie diese Gedankensymptome sich darleben. Sie kennen heute
sehr radikale Ausgestaltungen des Sozialismus. Glauben Sie nicht,
wie das etwa im Unterbewufttsein bei manchem aufsteigen konnte,
der dies - was vielleicht auch der Herr Vorredner gar nicht so ge-
meint hat - mifideutet, glauben Sie nicht, dafi ich so schreckhaft
empfinde dasjenige, was in der Gegenwart hervortritt - obwohl ich
es gerade mit dem Gewicht belastet betrachten mufi, wie ich es im
Vortrag angegeben habe - wie manche Menschen der leitenden Krei-
se. Ich kann schon mit einer gewissen Objektivitat auf die Konse-
quenzen der sozialen Denkweise und der sozialen Entwickelung
hinsehen, die sich heute zum Beispiel ergeben. Ich will da auf etwas
hinweisen, was Ihnen vielleicht bedeutsam erscheinen konnte. Se-
hen Sie, Lenin und Trotzki sind doch auch Sozialisten. Und wer
nicht, mochte ich sagen, sich einschiichtern lafit von dem, was jetzt
vom Osten Europas erzahlt wird, und das alles den «verruchten Bol-
schewisten» zuschreibt, sondern wer da weifi, dafi alles das, was man
heute geneigt ist, den russischen Sozialisten zuzuschreiben, zum gro-
fien Teil noch auf das Konto des Zarismus und desjenigen zu schrei-
ben ist, was vorangegangen ist, wird vielleicht doch einigermafien
objektiver hinschauen auf das, was geschieht! Und wer objektiv
schaut, wird dann vor alien Dingen sich sagen miissen: Nach einer
gewissen Richtung hin ist gerade Lenin eine Art letzter Konsequenz
von Marx, auch wie er sich selber ansieht. Und Lenin macht gerade
aufmerksam auf zwei Dinge bei Marx. Er macht zunachst darauf auf-
merksam, dafi die moderne soziale Bewegung dahin streben mufi,
durch die Diktatur des Proletariats den Staat selbst zu proletarisie-
ren. Der Staat wird aber nur - ich mufi das kurz andeuten - von der
Diktatur des Proletariats in Anspruch genommen, weil er dadurch
seine letzten Konsequenzen zieht. Was im Staate keimhaft veranlagt
ist, davon werden die letzten Konsequenzen durch den Sozialdemo-
kratismus gezogen: namlich, der Staat ertotet sich selbst, er lost sich
auf.
Nun, die verschiedenen Schattenseiten dieses sozialistischen Staa-
tes, die miissen hervortreten. Dariiber gibt sich zum Beispiel Lenin
keiner Tauschung hin. Das ist auch besser, als wenn man sich, wie
so viele Leute, eben Illusionen hingibt. Aber er arbeitet darauf hin,
einen solchen Staat zu gestalten, der Todeskeime in sich tragt, der
sich auflost. Dann kommt erst das wirklich neue Stadium, wo nicht
die Arbeit gleich bezahlt wird, sondern wo die Devise gilt: Jeder
nach seinen Fahigkeiten, jedem nach seinen Bedurfnissen. - Und in
diesem Augenblicke, wo das auftritt: Jeder nach seinen Fahigkeiten,
jedem nach seinen Bedurfnissen - was nicht nur ein sozialistisches,
sondern ein ganz allgemeines Ideal sein muft -, in dem Augenblick,
da macht Lenin, ahnlich wie schon Marx, eine sonderbare Bemer-
kung, die viel tiefer blicken laftt, als man gewohnlich blickt. Er
macht die Bemerkung: Diese soziale Ordnung, welche nur eintreten
kann so, daft jeder nach seinen Bedurfnissen und seinen Fahigkeiten
in die gesellschaftliche Ordnung hineingestellt wird, die kann natiir-
lich nicht mit heutigen Menschen erreicht werden; dazu ist ein ganz
neuer Menschenschlag notwendig, der erst entstehen mufi.
Ja, sehen Sie, wer nicht warten will und warten kann auf einen
«neuen Menschenschlag», weil unter Umstanden sonst die Zeit ein-
treten konnte, wo es besser ware, den allgemeinen Selbstmord, von
dem ich gesprochen habe, festzusetzen, der wird seine Gedanken
dem gegenwartigen Leben zuwenden, und wird versuchen, aus die-
sem gegenwartigen Leben eine Anschauung dariiber zu gewinnen,
was die Fehler waren. Und in dieser Beziehung glaube ich doch, daft
schon aus meinen, allerdings kurzen und skizzenhaften Gedanken-
gangen ersichtlich sein konnte, indem ich auf die Frage hingewiesen
habe: Was soil der Staat machen, und was soil er nicht tun? Wie
durch die Verquickung des Wirtschaftslebens mit dem Staate, durch
die Verquickung des geistigen Lebens mit dem Staate gerade die
Schaden der sozialen Ordnung entstanden sind - ich versuchte es an-
zudeuten; es konnte hundertfach vermehrt werden, was ich an Bei-
spielen angefuhrt habe.
Liegt es da nicht ganz nahe, daft man dariiber nachdenken muft,
wie diesen Schaden abgeholfen werden kann? Dadurch kann abge-
holfen werden, daft man nicht weiter verschmilzt, sondern ruckgan-
gig macht das, was gerade eingetreten ist.
Sie konnten es naturlich naiv nennen, aber ich glaube doch, aus
meinem heutigen Vortrag war zu entnehmen, wie tief eigentlich ge-
rade in die Untergriinde des modernen Lebens das, was ich ausge-
fiihrt habe, eingreifend ist. Wie weit dies der Fall ist, muft allerdings
der Beurteilung jedes einzelnen iiberlassen werden. Die Gedanken,
die gegenwartig verwirklicht und anerkannt sind, sind in der Tat
nicht neue Gedanken; und mit diesen Ideen wird sich nichts Neues
aufbauen lassen.
Die Idee der Dreigliederung habe ich namentlich in der schweren
Kriegszeit manchem Menschen vorgetragen, der in der Lage gewe-
sen ware, sie zu realisieren. Ich habe auch schon in einigen Kreisen
Verstandnis gefunden. Allein es fuhrte heute noch keine Briicke von
dem Verstandnis durch den Kopf zu dem mutigen Willen, zu dem
Willen, irgend etwas zu tun. Diese Briicke ist nicht geschlagen wor-
den.
Ich habe gerade in diesen Tagen eine merkwiirdige Erfahrung ge-
macht, die Sie vielleicht darauf hinweisen konnte, wie das, was ich
gesagt habe, doch ganz tief im wirklichen Leben drinnen steht, und
nicht etwa ein Wegwischen ist, sondern gerade ein Aufnehmen oder
vielmehr ein Weiterfuhren des sozialistischen Denkens ist: Ich habe
gesprochen - was heute nicht gerade leicht ist - vor einer Arbeiter-
versammlung, die einfach von der Strafte eingeladen worden ist. Da
wandten sich - wie ich das ja auch wahrend meiner Tatigkeit in Ber-
lin vielfach erfahren habe - gerade die sozialistischen Fiihrer man-
nigfaltig gegen meine Ausfiihrungen. Und es trat, nachdem viel da-
wider eingewendet worden war, eine Russin auf, die - ich erzahle
nur! - unter mancherlei anderem sagte: Man habe heute vielleicht so
manches gehort, wogegen man dieses oder jenes einwenden konne,
aber es ware heute unmoglich, bloft bei den alten Gedanken oder
auch bei den alten sozialistischen Gedanken stehenzubleiben, son-
dern es sei notig, zu neuen Gedanken vorzuschreiten.
Wir werden zu keinem wirklichen, griindlichen Neuaufbau des
Hauses, sondern nur zu neuen Tiiren und so weiter kommen, die
doch nichts helfen konnen, wenn das Ganze einstiirzt, wenn wir
uns nicht wirklich auf neue Gedanken einlassen. Und deshalb habe
ich zu manchem in der schweren Zeit gesagt, daft manches Ungluck,
das im Laufe der letzten Jahre geschehen ist, hatte vermieden wer-
den konnen, wenn viele Menschen so gedacht hatten, wie die Rus-
sin, von der ich gesprochen habe. Ich bin iiberzeugt davon, daft man
es verstanden hatte, wenn seinerzeit die mitteleuropaischen Unter-
handler die von mir hier vertretenen Gedanken - einem davon we-
nigsten waren sie sehr gut bekannt - zum Inhalt der auswartigen Po-
litik, zum Inhalt des Friedens von Brest-Litowsk gemacht hatten.
Wenn diese Gedanken nach auften hin entfaltet worden waren, hat-
te man sie verstanden.
Solche Dinge kann man selbstverstandlich nicht in einem Vortra-
ge in alien Einzelheiten begreiflich machen; aber man hat so das Ge-
fiihl, dafi in der Gegenwart leben miifite in der menschlichen Seele
wirkliches Leben, wie es einfach in der Wirklichkeit wurzelte. Ich
halte mich durchaus nicht fur so gescheit, daft ich besser als andere
weifl, was in den Einzelheiten zu geschehen hat!
Deshalb, weil ich kein Programm-Mensch bin, weil ich keine
Programme und Utopien gebe, sondern weil ich einer bin, der ha-
ben will, daft die Wirklichkeit als Wirklichkeit erfafk wird, deshalb
liegt mir gar nichts daran, daft alle meine Anregungen bis in die Ein-
zelheiten ausgefuhrt werden. Wenn man an irgendeinem Punkte an-
fangen wird, so zu arbeiten, wie es im Sinne dessen liegt, was ich
heute gesagt habe, dann moge von dem Inhalt, den ich vermittelt ha-
be, kein Stein auf dem anderen bleiben; etwas ganz anderes wird sich
vielleicht ergeben, aber es wird dann doch etwas sein, was dem wirk-
lichen Leben gegeniiber gerechtfertigt ist.
Bei Programmen, ob sozialistischen oder anderen Programmen,
will man immer darauf sehen, dafi das einzelne, was ausgedacht wur-
de, programmafiig verwirklicht wird; hier handelt es sich darum, die
Wirklichkeit an einem Punkte anzufassen. Dann mag dasjenige, was
daraus kommt, etwas ganz anderes werden! Und so steht das, was
ich gesagt habe, nur scheinbar so unverstandlich da, weil die Sache
gar nicht so aufzufassen ist wie andere Programme. Man kann sagen:
es ist heute leicht, ein Programm mit ein paar Gedanken nicht nur
einzufuhren, sondern sogar zu beweisen. Schwer ist es aber, an die
menschlichen Seelen zu appellieren, und so zu appellieren, wie ich
es habe tun wollen, namlich diese Seelen auf sich selbst zuriickzu-
weisen, ihnen Anregungen zu geben. Dann werden sie vielleicht et-
was ganz anderes denken. Aber es ist im Grunde genommen heute
das Allernotwendigste, daft der Mensch weift: Man mu(5 von einer
Wirklichkeit ausgehen, dann wird sich das andere schon ergeben.
Deshalb braucht durchaus nicht etwas verachtet zu werden, wie
die Bodenreformer es anstreben. In einer Unterredung, die ich vor
langen Jahren in Berlin einmal mit Damaschke hatte, machte ich ihn
darauf aufmerksam, daft seine Gedanken ganz gewift sehr viel Trag-
kraft haben, daft sie aber deshalb nicht ins wirkliche Leben voll
eingreifen konnen und es durchgreifend verstehen konnen, weil
der Boden nicht elastisch ist. Das ist er ja nicht; und deshalb, sagte
ich ihm, ist es nicht moglich, sie unmittelbar in Wirklichkeit umzu-
setzen.
Nun, man kommt auf keine andere Weise zurecht, als wenn man
gerade die Tendenz der Zeit ins Auge faftt, die sich dadurch ergibt,
daft die Menschen in eine Sackgasse gekommen sind durch die Kon-
fundierung von Rechtsleben, Wirtschaftsleben und geistigem Leben.
Dann ergibt sich etwas, was durchaus nicht so schwer zu beweisen
ist, namlich, daft man sie nun nicht weiterhin konfundieren soil,
sondern den Ruckweg antreten soil!
Das, was ich sagte, will Gedanken dariiber weiterfuhren, wie ei-
gentlich sozialisiert werden soil, wie man in die Lage kommt, daft in
berechtigter Weise nicht menschliche Arbeit verwendet werden darf
im Sinne der Gewalt eines anderen. Und wie gesagt: So unvollkom-
men das bleiben muft, weil man es in einem Vortrage nicht erschop-
fend behandeln kann, so meine ich doch, daft es heute notig ist, mit
ein wenig gutem Willen an die Dinge heranzugehen; denn die Tatsa-
chen sprechen zu laut! Und selbst gegeniiber dem, was auf sozialisti-
schem Gebiet durchaus anders erscheinen konnte als vor vier Jah-
ren, sprechen die Tatsachen heute zu stark. Ich werde dies alles dem-
nachst in einer Broschure umfassend und zugleich in alien Einzelhei-
ten ausfuhren, weil ich das fur die Gegenwart fur aufterordentlich
notwendig hake, die dann das, was jetzt wahrhaftig nur andeutungs-
weise erschienen ist, in den Einzelheiten beweisen wird.
Ich glaube, man muft heute eines nicht aus dem Auge verlieren.
Ich hatte da gestern ein besonderes Erlebnis. Als ich ein kleiner Bub
war, da lernte ich immer in meinen Religionsbiichern das Folgende:
Da lernte ich, daf? man doch einsehen miisse, daft Christus entweder
ein Narr oder ein Heuchler sein miisse, oder aber das sein miisse, als
was er sich selber ausgegeben hat. Und da steht in diesen Religions-
biichern drinnen: Und da man ihn weder fur einen Narren noch fur
einen Heuchler halten kann, mufi er der Sohn des lebendigen Gottes
sein. - Das habe ich gestern auch als die Losung der sozialen Fragen
antworten gehort hier in Bern ! Ich habe es vor mehr als fiinfzig Jah-
ren schon in meinen Schulbuchern gelesen, ich hore es heute wie-
derum wiederholen - als die richtige Losung der sozialen Frage.
Zwischen dem Zeitpunkt, da ich es in meinen Religionsbiichern in
der Schule gelesen habe, und dieser fast wortwortlichen Wiederho-
lung, die man in der schweren Zeit immer wieder und wiederum ho-
ren konnte, ich mochte sagen: wortwortlich genau, zwischen den
zwei Zeitpunkten liegt aber die Erfahrung, die die Menschheit
durch die grofSe Katastrophe, die wir durchlebt haben, gemacht ha-
ben sollte. Von dieser grofien Katastrophe sollte man etwas lernen!
Man sollte vor alien Dingen, glaube ich, williger geworden sein mit
Bezug auf das Einsehen von Gedanken, die vielleicht etwas skizzen-
haft sich ausnahmen heute, die aber doch vielleicht durch die Art
und Weise, wie sie auf die Dinge hinweisen, zeigen, daft sie wenig-
stens den Versuch machen, in die Untergrunde der Dinge unterzu-
tauchen.
2. Redner (Baron von Wrangell): Sieht in der von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagenen Dreiglie-
derung des sozialen Organismus die richtige Losung. Wie der Gedanke verwirklicht werden
kann, scheint ihm eine andere Frage zu sein. Der Grundfehler des Sozialismus liege darin, dafi
er zu einer Uberbewertung des Staates fiihre.
3. und 4. Redner: Wandten im wesentlichen ein, dafi eine Verwirklichung der Idee der Drei-
gliederung die Verhaltnisse unndtig verkomplizieren wiirde, was gegen diese Losung spreche.
Die Dreigliederung wiirde zu einer Zersplitterung fiihren, wahrend das Leben des Menschen
eine Einheit bilden solle.
Rudolf Steiner: Nun, ich glaube, vielleicht doch ganz kurz noch
etwas sagen zu miissen. Ich kann ganz gut verstehen, was der verehr-
te Herr Vorredner will; aber ich habe das Gefiihl, dafi er sich selber
nicht ganz gut versteht! Ich meine, er sollte die ganze Lage, in der
wir sind, beurteilen aus etwas grofieren Gesichtspunkten heraus.
Wir Menschen haben wirklich nicht bloft die Aufgabe, uns das Le-
ben bequem einzurichten. Es gibt noch manches andere im Leben,
als es sich bequem einzurichten! Und ich glaube, ein grofter Teil der
Schaden, unter denen wir heute leiden, kommt eben gerade davon
her, daft ein grower Teil der Menschheit nur danach strebt, das Le-
ben bequem einzurichten, eben in ihrer Art. Aber dasjenige, worauf
es ankommt, scheint mir etwas anderes zu sein.
Sehen Sie, ich wiirde Sie nicht behelligen mit irgendeinem Einfall
uber eine Dreiteilung, wenn diese drei Teile nicht veranlagt waren
in der Wirklichkeit des sozialen Organismus. Daft diese Dreigliede-
rung geschehen will, das ist etwas, was nicht von uns abhangt, das
konnen wir nicht andern, das macht sich selber. Ich hatte wirklich,
ich muE noch einmal darauf zuriickkommen, in dieser schweren
Zeit Gelegenheit, mit manchem Menschen zu sprechen, von dem
ich glaubte, er solle irgend etwas von den Stellen aus tun, die heute
so sehr die autoritativen sind - es war vor zweieinhalb Jahren schon,
es ware noch die Moglichkeit gewesen, etwas zu tun -, und sagte
manchem: Sehen Sie, das, was hier ausgesprochen wird, ist nicht ei-
ne einfache Sache. Es ist entstanden durch eine durch Jahrzehnte
hindurch gehende Beobachtung dessen, was sich liber Europa hin im
Laufe der nachsten zehn, zwanzig, dreiftig Jahre verwirklichen will.
Wer namlich den Gang der Ereignisse betrachtet - und anders kann
man gar nicht zum Verstandnis der sozialen Dreigliederung kom-
men, als aus dem ganzen Gegenwartigen auch die Entwickelungs-
moglichkeiten fur die Zukunft zu erkennen -, der sieht, daft, ob wir
wollen oder nicht, diese Dreigliederung sich vollzieht. Sie hat sich in
friiheren Zeiten instinktiv ergeben; immer mehr und mehr hat sich
in der neueren Zeit eine Konfundierung, eine Zusammenschmel-
zung der drei Teile ergeben. Jetzt wollen diese drei Teile wieder in
der ihnen entsprechenden Weise auseinandergehen, zu ihrer Selb-
standigkeit kommen. - Und ich sagte das manchem mit dem drasti-
schen Wort: Sehen Sie, derjenige, der jetzt am Ruder ist, konnte
manches nach dieser Richtung noch mit Vernunft tun; die Men-
schen haben die Wahl - auch schon Goethe hat mit Bezug auf die
Revolution gesagt: Entweder Evolution oder Revolution -, sie ha-
ben die Wahl, entweder jetzt durch Vernunft das zu tun, oder sie
werden Revolutionen und Kataklysmen erleben. Nicht nur diejeni-
gen, die bisher am Ruder waren, werden die Kataklysmen erleben,
sondern auch diejenigen, die an den Dogmen des Sozialismus bloft
festhalten wollen, werden die Kataklysmen erleben. Es handelt sich
darum, daft diese Dreigliederung des sozialen Organismus sich sel-
ber vollzieht. Und Sie konnen ja auch sehen: Dasjenige, was nattir-
lich ist, das tritt immer unter gewissen aufterordentlichen Verhalt-
nissen in gewissen Einseitigkeiten der Entwickelung auf; diese drei
Glieder wollen sich immer mehr verselbstandigen. Und sie verselb-
standigen sich in einer unnaturlichen Weise, wenn man ihnen nicht
ihre natiirliche Selbstandigkeit gibt, wenn man sie konfundiert,
wenn man sie zusammenwirft; sie entwickeln sich in einer die
Menschheit aufhaltenden Weise. Die geistige Macht, die geistige Or-
ganisation entwickelt sich, sei es als Kirchenstaat oder Staatskirche
oder was immer, verselbstandigt sich, und wenn sie auch nicht das
Ganze des Geisteslebens umfassen kann, so sucht sie doch so viel zu
erhaschen, als sie erhaschen kann. Das andere, das Rechtsleben
nimmt der Staat in Anspruch, macht wiederum dem Staate dienst-
bar das, was sich zu verselbstandigen suchen wird. Was im politi-
schen Leben in unnatiirlicher Weise sich verwirklichen will, das ist
alles das, was heute der viel verponte Militarismus ist. Denn sehen
Sie, iiber diesen Militarismus und sein einseitiges Verhaltnis zum
Staatsleben hat sich gerade wahrend des Krieges manche Meinung in
gesunder Weise geauftert. Aber wenn man diesen Meinungen mit ge-
sundem Menschenverstand auf den Grund geht, dann merkt man
auch, daft der Militarismus nichts anderes ist, als die einseitige Ver-
wirklichung dessen, dem man seine natiirliche Selbstandigkeit nicht
geben will, des politischen Lebens wiederum. Und Clausewitz sagte:
Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln; bei
Clausewitz steht es in einem gewissen Zusammenhang; da kann
man noch auf diese Dinge eingehen, nicht wie in den letzten Jahren,
in denen man viele solche Einseitigkeiten sagen horte. Man kann
auch sagen: Der Ehestreit und die Scheidung sind die Fortsetzung
der Ehe mit anderen Mitteln ! Solche Einseitigkeiten wurden einem
in den letzten Jahren sehr viele gesagt; da wirft man eben alles
durcheinander. Das aber, worauf alles beruht, wenn man fruchtbar
im Leben Ansichten entwickeln will, die auch dann in wirkliche
Einrichtungen iibergehen, das ist, dafi man diese Verhaltnisse gesund
ansieht. Und so wollen sich diese Dinge wirklich verselbstandigen,
selbstandig entwickeln. Der Wirtschaftsorganismus hat in der neue-
ren Zeit eine so grofle Uberflutung des ganzen dffentlichen Lebens
bewirkt, daft heute schon viele iiberhaupt gar nichts mehr sehen als
einen Wirtschaftsorganismus. Und dann sehen sie in dem, was sonst
da sein kann, nur eine Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.
Das ist, was Sie zum Beweise fiihren kann. Aber vor alien Din-
gen, wenn ich nichts anderes erreicht habe, als daft es manchen an-
regt, so ist mir das schon vollstandig geniigend. Mehr will ich gar
nicht! Denn ich glaube gar nicht, daft man ein Richtiges sagen kann
iiber das, was sozial geschehen soli. Ich mochte folgendes doch noch
beifugen: Sie wissen, in der Gegenwart gibt es zwei Bolschewisten:
der eine ist Lenin, der andere Trotzki, Ich kenne einen dritten, der
allerdings nicht in der Gegenwart lebt, an den denken die wenigsten
Menschen, wenn sie iiber die Bolschewisten sprechen, das ist Jobann
Gottlieb Ficbtel Lesen Sie seinen «Geschlossenen Handelsstaat», und
Sie haben, theoretisch betrachtet, ganz genau dasjenige, was Sie bei
Lenin und Trotzki lesen konnen ! Warum ? Weil Fichte ein Staatssy-
stem aus der eigenen Seele heraus spinnt! Aus den Kraften, mit de-
nen Sie in der Philosophic zu den hdchsten Hohen kommen kon-
nen, entwickelt er ein Staatssystem, ein politisches, respektive ein
soziales System. Warum geschah das so? Weil iiberhaupt aus dem
einzelnen Menschen heraus gar nicht eine Ansieht zu gewinnen ist
iiber dasjenige, was sozial fruchtbar ist! Das kann nur von Mensch
zu Mensch gefunden werden. Wie die Sprache nicht entwickelt wer-
den kann, wenn ein Mensch einsam auf einer Insel lebt, sondern wie
die Sprache nur als soziale Erscheinung, nur im richtigen Zusam-
menleben der Menschen sich entwickeln kann, so ist dasjenige, was
iiberhaupt sozial ist, nicht durch Herausspinnen aus einem einzel-
nen Menschen zu gewinnen! Man kann nicht aus sich heraus ein
Programm aufstellen. Man kann aber daruber nachdenken, in wel-
che soziale Ordnung die Menschen gestellt sein miissen, damit sie so
natiirlich zueinander stehen, daft sie von sich aus finden, was die
richtige soziale Ordnung ist.
Die soziale Frage wird nicht von der Tagesordnung verschwin-
den! Die ist da und mufi weiterhin immer mehr gelost werden. Aber
das, was als Aufgabe vorliegt, ist, die Frage zu beantworten: Wie sol-
len die Menschen zueinander stehen im dreigliedrigen sozialen Or-
ganismus? Dann werden Sie immer mehr oder weniger die Losung
finden. Die Menschen miissen im sozialen Organismus so zueinan-
der in Verbindung treten, daft aus ihrem Zusammenleben die Losun-
gen entstehen. Diese Vorarbeit zu leisten, das ist ja das, was die Auf-
gabe eines wirklich sozialen Denkens ist, jene Vorarbeit, die zeigt,
wodurch die Menschen im wirklichen sozialen Leben die sozialen
Fragen losen konnen.
Ich sagte schon, ich glaube nicht, daft ich so gescheit sein konnte,
ein soziales Programm aufzustellen. Aber ich machte darauf auf-
merksam, daft, wenn die Menschen in dieser naturgemaften Dreitei-
lung leben, und wenn sie das, was in dieser naturgemaften Dreiglie-
derung als Einrichtungen ihren Impulsen entspricht, wirklich in der
Welt entstehen lassen, daft dann durch die Menschen, in diesem dem
gesunden sozialen Organismus angemessenen Zusammenwirken der
Menschen, die soziale Ordnung erst entsteht! Da kann man mitar-
beiten! Man kann es nicht so machen, wie die modernen Marxisten
sagen: Wir machen zuerst einen groften Kladderadatsch, dann
kommt die Diktatur des Proletariats, dann wird sich das Richtige
schon ergeben. - Nein, zum mindesten das ist notwendig, daft diese
Vorarbeit geleistet wird, daft man sich fragt: Wie miissen die Men-
schen dastehen im sozialen Organismus, so daft durch ihr Zusam-
menwirken das geschieht, was eben heute die wahrhaftig laut spre-
chenden Tatsachen von uns fordern?
WELCHEN SINN HAT DIE ARBEIT
DES MODERNEN PROLETARIERS?
Bern, 17. Marz 1919
Glauben Sie nicht, dafi ich heute Abend zu dem Zwecke das Wort
ergreifen will, um in dem Sinne von einer Verstandigung der ver-
schiedenen Klassen der heutigen Bevolkerung zu sprechen, wie na-
mentlich von seiten der herrschenden, bisher herrschenden Klassen
gegenwartig so oft von Versohnung und von Verstandigung gespro-
chen wird. Ich mochte heute Abend zu Ihnen von einer ganz ande-
ren Verstandigung sprechen, von der Verstandigung, die herausge-
fordert wird durch die heute laut sprechenden sozialen Tatsachen
und den in den Lauf der Menschheitsentwickelung gegenwartig ein-
tretenden grofien geschichtlichen Kraften. Von dem mochte ich
sprechen, was mir insbesondere gegeniiber der proletarischen Bewe-
gung gefordert erscheint, von diesen heute, man kann sagen, welt-
umwalzenden geschichtlichen Kraften.
Von einer anderen Verstandigung zu sprechen, verbietet ja fast
das ganze moderne Leben, dasjenige Leben, das von gewissen Seiten
her genannt wird: die moderne Zivilisation. Was haben wir fur
Stimmen vernehmen konnen im Laufe der letzten Jahrzehnte inner-
halb dieser modernen Zivilisation! Erinnern wir uns einmal, wie die
bisher herrschenden Klassen diese moderne Zivilisation empfunden
haben, man mochte sagen, bis weit hinein in die furchtbare Kriegs-
katastrophe, die als ein Schrecken der Menschheit in den letzten Jah-
ren heraufgezogen ist. Wie oft wurde gesagt, wie wir Menschen es
weit gebracht haben im Schaffen, im Produzieren! Wie wir es dazu
gebracht haben, dafi der Gedanke in kurzer Zeit weit uber die Erde
hin geschickt werden kann, wie Verbindungen geschaffen worden
sind zwischen den fernsten Landern, wie das Geistesleben in all sei-
nen Formen eine ungeheure Ausbreitung gewonnen hat. Nun, ich
konnte das Loblied, nicht wie ich es singen will, sondern wie es von
dieser herrschenden Klasse uber die moderne Zivilisation ange-
stimmt worden ist, noch lange fortsetzen. Allein, sehen wir uns jetzt
die Dinge von der anderen Seite an. Wodurch war denn diese mo-
derne Zivilisation, auf die so viele Loblieder gesungen worden sind,
eigentlich moglich? Dadurch allein war sie moglich, dafi sie gewis-
sermafien unterhohlt war von denen, die aus dem innersten Wesen
ihrer Menschlichkeit heraus nicht einverstanden sein konnten mit
dem, was die Trager dieser modernen Zivilisation taten. Und so
konnte man neben all dem, was man auch eine Art Luxuskultur nen-
nen konnte, die Stimmen vernehmen, die von der anderen Seite ka-
men, und die im wesentlichen doch immer austonten in die Worte:
So kann es nicht weitergehen ! So herrlich fur euch auch eure Zivili-
sation sein mag, sie ist gar nicht anders moglich, als dafi der weitaus
grofke Teil der Erdbevolkerung an dieser Zivilisation keinen unmit-
telbaren Anteil haben kann. Er muS sich ausgeschlossen fuhlen von
dieser Zivilisation, er mufi gewissermafien von aufien zuschauen,
aber auf der anderen Seite fur diese Zivilisation alles erarbeiten!
Hat man irgendwie nun auf der anderen Seite in den letzten Jahr-
zehnten Verstandnis gezeigt fiir die Grunde und Untergriinde, aus
denen ein solcher Ruf hervorgekommen ist? Man kann das nicht sa-
gen. Uberhaupt reden heute gewisse Menschen eine ganz merkwiir-
dige Sprache. Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von
dem, was sich hier in Bern abgespielt hat als Volkerbundskonferenz.
Man hat da allerlei schone Reden horen konnen, das heifk Reden,
welche die Herren fiir sehr schon hielten. Aber wer imstande ist, ein
wenig tiefer in das hineinzuschauen, was sich ausspricht in den welt-
umwalzenden Taten, die heute durch Europa hindurchgehen, der
konnte bei dem, was da geredet wurde, vor alien Dingen das verneh-
men, dafi vorbeigeredet wurde und auch vorbeigedacht wurde an
der allerwichtigsten Frage der Gegenwart, an dem, was als Frage ei-
nen grofien Teil der Menschheit in immer steigendem Mafie bewegt.
Es wurde vorbeigeredet und vorbeigedacht an dem eigentlichen
Nerv der sozialen Frage ! Fiir diese Frage zeigte diese Konferenz au-
fterordentlich wenig Verstandnis, und man wurde dabei an etwas an-
deres erinnert, namlich an die Wochen des Friihlings und Friihsom-
mers des Jahres 1914. Da konnte man von Seiten der bisher herr-
schenden Kreise und deren Fuhrern auch gar manche sonderbare
Rede horen. Man konnte viele ahnliche Reden anfiihren wie diejeni-
ge, die von einem fuhrenden Staatsmanne in einem Staate Mitteleu-
ropas 1914 vor einem Parlament gehalten wurde und in der er sagte:
Dank der energischen Bemiihungen der europaischen Kabinette
konnen wir hoffen, dafi fiir absehbare Zeit der Friede unter den
Groftmachten Europas gesichert sein werde. - So ist in alien mogli-
chen Abanderungen im Mai, im Juni 1914 noch gesprochen worden.
Und dann? Dann kam dasjenige, was Millionen von Menschen
totete, was Millionen von Menschen zu Kriippeln machte. So gut
wurde vorausgesehen das, was sich auch geltend machte neben dem,
dem man solche Loblieder als der modernen Zivilisation sang!
Ich selbst, wenn ich diese personliche Bemerkung machen darf,
mufke dazumal allerdings anders reden als diese Staatsmanner. Vor
einer Versammlung in Wien im Friihling 1914 muftte ich sagen:
Wer das Leben der gegenwartigen europaischen Menschheit an-
schaut, der sieht in ihm etwas wie eine schleichende Krebskrankheit,
die zum Ausbruch kommen mufi. - Nun, man kann es heute dem
Urteil der Menschheit anheimstellen, wer ein besserer Prophet war:
derjenige, der von einer Krebskrankheit sprach, die so furchtbar in
dem sogenannten Weltkriege zum Ausbruch gekommen ist, oder
diejenigen, die da meinten, dafi dank der Bemiihungen der Kabinette
ein langerer Friede in Aussicht stehen werde. Gerade so wie die Her-
ren dazumal vorbeigeredet haben an dem, was als schwarze Wolke
am politischen Himmel Europas heraufzog, so reden heute gewisse
Menschen vorbei an dem, was das allerwichtigste ist: an den in das
Volkerleben der Erde einziehenden sozialen Machten und Kraften.
Da die Dinge so liegen, ist zunachst wahrhaftig recht wenig Aus-
sicht vorhanden, sozusagen durch Vernunft eine Verstandigung her-
beizufuhren. Aber eine Verstandigung nach der anderen Seite, wie
ich schon sagte, kann gesucht werden. Und diese Verstandigung
scheint sich mir dann zu ergeben, wenn man folgenden Ausgangs-
punkt nimmt.
Bis in unsere Zeit hinein war die proletarische Bevolkerung im
Grunde genommen in einer ganz anderen Lage, als sie von nun an
sein wird. Wer nicht nur von einem gewissen theoretischen Gesichts-
punkte iiber die proletarische Bewegung gedacht hat, sondern wer
diese proletarische Bewegung so erlebt hat, daft er mit ihr gelebt hat,
der weift, daft dasjenige, was das moderne Proletariat erlebte, die
grofie, eindringliche Kritik war dessen, was durch Jahrhunderte,
durch drei bis vier Jahrhunderte die Einrichtungen, die Maximen
der bisher fiihrenden Kreise angerichtet haben. Fur alles dasjenige,
was sie geglaubt hatten der Menschheit einfugen zu miissen, war das-
jenige, was der moderne Proletarier erlebte, die lebendige, die welt-
geschichtliche Kritik. Und im Grunde genommen war dasjenige,
was innerhalb des Proletariats vorging, eine grofie, gewaltige Kritik.
Wahrend die bisher fiihrenden Kreise innerhalb ihrer biirgerlichen
Kultur, auf die sie solche Loblieder sangen, verweilten, wahrend sie
in ihren Horsalen dasjenige horen konnten, was ihrem Staate diente,
wahrend sie in ihren Theatern die Scheinwelt ihrer Angelegenheiten
vernahmen, wahrend sie noch manches andere von dem trieben,
was sie als eine so heilsame moderne Zivilisation empfanden, fanden
sich die proletarischen Massen in den Stunden, die sie sich erubrigen
konnten von der schweren, muhevollen Arbeit des Tages, zusam-
men, um iiber die ernsten Fragen der menschlichen Entwickelung,
die ernsten Fragen der Weltgeschichte nachzudenken. Hatte doch
die moderne technische und die mit ihr verbundene kapitalistische
Entwickelung den modernen Proletarier hinweggeholt von alien
iibrigen menschlichen Zusammenhangen, die zum Beispiel das alte
Handwerk gegeben hatte, hatte ihn hingestellt an die Maschine,
eingespannt in die kapitalistische Weltordnung und damit ausge-
schlossen im unmittelbaren Empfinden von dem, was die leitenden^
fiihrenden Kreise trieben. Da wandte sich dem allgemeinen, und
von einem gewissen Gesichtspunkte aus dem hochsten Menschheits-
interesse, der Seelenblick, der geistige Blick des Proletariers zu. Und
getrieben wurde in den Proletarierversammlungen eben dasjenige,
was dann immer wiederum austonen mulke in den Ruf: So kann es
nicht weitergehen!
Aber auch in dem, was sich da entwickelte, lag eine gewaltige,
grofiartige Kritik der bisherigen Politik, der bisherigen Wirtschafts-
fiihrung der leitenden Kreise vor. Das ist in der Gegenwart in ein
neues Stadium getreten. Und diesen Eintritt in ein neues Stadium
wirklich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, das scheint mir heute
eine der allernotwendigsten sozialen Aufgaben zu sein.
Wie hat der moderne Proletarier das empfunden, was als eine Ge-
sellschaftsordnung sich herausgebildet hat seit drei bis vier Jahrhun-
derten, seit jener Zeit, in der auch der moderne Kapitalismus und die
moderne Technik in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind?
Wie hat der moderne Proletarier das alles empfunden, was er wie ein
Auftenstehender ansehen mufke, was er, soweit er es gebrauchen
konnte, ja gerade mit seinem innigen Anteil aufnehmen wollte, da-
mit er etwas auch fiir seine Seele habe? Die alten fuhrenden Kreise
sprachen zu ihm von mancherlei Machten und Kraften, die im ge-
schichtlichen Werden der Menschheit tatig sind; sie sprachen zu ihm
von allerlei sittlichen Weltordnungen und ahnlichem. Er aber, der
moderne Proletarier, der den Blick hinaufwendete zu dem, was diese
herrschenden Klassen taten, der empfand wenig von der Kraft, von
der inneren Ursprunglichkeit solcher sittlichen Weltordnungen; er
empfand, dafi das Handeln, das Denken, das Empfinden der fuhren-
den, leitenden Kreise im wesentlichen gepragt ist von dem, wie sie
leben konnen vermoge ihrer Wirtschaftsformen, ihrer Wirtschafts-
ordnung, durch die sie in der Lage sind, sich ihre Zivilisation zu be-
griinden als eine Art Uberbau auf dem Elend, auf der Bedruckung
grofierer Menschheitsmassen, die fiir sie arbeiten muftten.
Und so kam in dem modernen Proletariat das herauf, was gegen-
iiber der Wirklichkeit, beziiglich dieser neueren Gedanken iiber die
Menschheitsentwickelung, die Wahrheit war. Der moderne Proleta-
rier empfand eine Wahrheit liber das, woriiber die anderen in einer
gewissen Weise im Liigenhaften phantasierten; sie sprachen von sitt-
licher, von gottlicher Weltenordnung, durch die die Menschen in ge-
genseitige gesellschaftliche Verhaltnisse auf der Erde gebracht wer-
den. Der Proletarier empfand das als eine tiefe Luge. Und er emp-
fand, dafi in alledem die Wahrheit ja ist, dafi die Leute so leben, wie
sie konnen dadurch, dafl sie das wirtschaftliche Leben zu ihrer Be-
quemlichkeit, zu ihren Gunsten ausnutzten. Und so entstand - und
man muft jetzt sagen, als richtiges Erbgut desjenigen, was biirgerli-
che Wissenschaft war - die materialistische Geschichtsauffassung,
diejenige Auffassung, die nicht zulieft, daft die eigentlich wirksamen
Machte im geschichtlichen Werden der Menschheit etwas anderes
seien, als die wirtschaftlichen Krafte sind. Und das wurde zu dem
Glauben, daft sich wie eine Art «Uberbau» iiber den wirtschaftli-
chen Kraften alles dasjenige, was menschliche Religion, menschliche
Wissenschaft, menschliche Geistigkeit ist, erhebt, und daft darunter
als einzige Wirklichkeit, auf die hochstens der Uberbau zuriick-
wirkt, die wirtschaftlichen Krafte waken. Recht hatte gegeniiber
dem, was aus dem gesellschaftlichen Leben die biirgerliche Weltord-
nung gemacht hat - ein bloftes Wirtschaften -, recht hatte gegeniiber
dem das moderne Proletariat.
Ein zweites, was ausging von der Denkergewalt des Karl Marx
und sich verbreitete in die Proletarierversammlungen hinein, in die
Proletarierseelen hinein, das ist jetzt nicht die Geistesfrage, wie ich
sie eben charakterisieren konnte in der materialistischen Geschichts-
auffassung, das ist die Rechtsfrage. Diese kulminiert in dem einen
Wort, das Sie alle kennen, das aber wie elektrisierend wirkte inner-
halb der modernen Proletarier-Bewegungen, das Verstandnis her-
vorrief in den innersten Empfindungen der modernen Proletarier-
seelen, als es von Marx und seinen Nachfolgern diesen Proletarier-
seelen vorgebracht wurde: es ist das Wort vom Mehrwert. Und hin-
ter manchem, was um dieses Wort vom Mehrwert herum gespro-
chen wurde, was der moderne Proletarier eigentlich als seine wich-
tigste Menschheitsfrage empfindet, verbirgt sich die Frage, die mehr
oder weniger bewufit oder unbewuftt, mehr oder weniger bloft emp-
funden oder mit dem Verstande gestellt ist, die aber tief empfunden
wurde. Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit innerhalb
der modernen Gesellschaftsordnung? Und man muft sagen: Glan-
zend ist, was Karl Marx in verschiedener Art als Antwort gegeben
hat. - Aber heute leben wir in einer Zeit, in der noch weitergegan-
gen werden muft, als selbst Marx gegangen ist, gerade dann, wenn
man Marx in der richtigen Weise versteht, nicht nach der Richtung
der Opportunitats-Politiker hin, sondern nach einer ganz anderen
Richtung, wie wir gleich sehen werden.
Wenn der moderne Proletarier die Frage nach dem Sinn seiner
Arbeit aufwarf und dieser ihm zur Frage wurde nach seiner Stellung
innerhalb der modernen Gesellschaft, nach seiner Menschenwiirde,
so trat ihm immer wieder das Problem vor Augen, daft seine Arbeit
gewissermaften aufgesogen wird von dem kapitalistischen Wirt-
schaftsprozeft. Er erlebte, daft seine Arbeit etwas geworden ist, was
sie nur scheinbar sein kann, namlich: Ware. Der moderne Proleta-
rier, der als einzigen «Besitz» sich lediglich seine Arbeitskraft von
neuem erwerben kann, erlebte, daft er seine Arbeitskraft ebenso
zu Markte tragen mufi, seine Arbeitskraft behandeln lassen mull
nach den Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sonst vom Men-
schen abgesonderte, objektive Waren auf dem Warenmarkte behan-
delt werden.
Nun ist das Eigentiimliche innerhalb des Menschenlebens, daft
Dinge in diesem Menschenleben auftreten konnen, die wirklich
sind, die aber doch keine Wahrheiten sind, die Lebensliigen sind.
Und eine solche Lebensliige ist es, daft menschliche Arbeitskraft
iiberhaupt jemals Ware werden kann. Denn menschliche Arbeits-
kraft kann niemals irgendwelche Vergleiche, irgendwelche Preisver-
gleiche mit Waren eingehen. Sie ist etwas prinzipiell Yerschiedenes
von den Waren. Es ist also eine Lebensliige, wenn dasjenige, was nie
Ware werden kann, dennoch zur Ware gemacht wird. Wenn das
auch nicht in dieser deutlichen Weise ausgesprochen wird, so ist es
aber doch etwas, was empfunden wird als, ich mochte sagen, der
Mittelpunkt der proletarischen Frage der neueren Zeit. Dadurch,
daft die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, ist ein
Rechtsverhaltnis, wie es zwischen dem Unternehmer und dem Ar-
beiter iiber das Arbeiten bestehen sollte, zu einem Kaufverhaltnis
geworden. Und moderne burgerliche Nationalokonomen reden in
der Tat so, als ob man innerhalb des Wirtschaftslebens auf der einen
Seite Ware gegen Ware, auf der anderen Seite Ware gegen Arbeit
austauschen konne.
Dadurch, daft ein sogenannter Arbeitsvertrag existiert im moder-
nen Sinne des Wortes, dadurch wird die Sache nicht anders; denn
iiber das Verhaltnis zwischen Unternehmer und Arbeiter kann nur
ein Rechtsvertrag geschlossen werden in dem Sinne, wie wir das spa-
ter sehen werden. Befreit konnte die menschliche Arbeitskraft von
dem Warencharakter nur werden - und sie mufi befreit werden -,
wenn der einzige Vertrag, der moglich ware zwischen dem Arbeit-
nehmer und dem Arbeitgeber nicht der iiber die geleistete Arbeit,
sondern der iiber die dem gesunden Organismus in richtigem Sinne
dienende Verteilung der gemeinsam produzierten Waren oder Lei-
stungen ware. Das ist die Forderung, die sich hinter der marxisti-
schen Theorie des Mehrwertes verbirgt. Das ist zugleich der Weg,
bezuglich dessen man hinausgehen mufi iiber das bloft marxistisch
Gedachte. Und die Frage mufi man stellen: Wie hort das Lohnver-
haltnis auf ? Wie tritt an die Stelle des Arbeitsvertrages ein Waren-
verteiiungsvertrag ?
Damit aber haben wir das zweite angedeutet, was immer wieder
durch die Seele des modernen Proletariers zog und was als gewaltige
Kritik den fuhrenden Kreisen entgegengeschleudert wurde.
Und das dritte, das war die Uberzeugung, dafi alles, was sich im
modernen Leben abspielt und was zu diesen Zustanden, in die wir
nun einmal hineingeraten sind, gefuhrt hat, nicht in einer Harmonie,
nicht in einem aus gemeinsamem Sinn hervorgehenden Arbeiten der
modernen Menschen besteht, sondern in einem Kampf zwischen
Menschengruppen, in dem die eine zunachst im Vorteil ist; das ist der
Klassenkampf des modernen Proletariats mit den fuhrenden Klassen.
Wahrhaftig, diese drei Punkte: die materialistische Geschichtsauf-
fassung, die Mehrwert- und Arbeitskraftlehre sowie die Klassen-
kampf-Theorie wurden mit mehr zeitgemafier Kraft studiert, als al-
les das, was innerhalb der burgerlichen Gesellschaft in der neueren
Zeit geschrieben worden ist. Denn man sah ein, dafi das, wozu die
menschliche Entwickelung in den letzten Jahrhunderten gekommen
ist, blofi ein Ergebnis von Wirtschaftsformen ist. Alles andere Aus-
deuten ist im Grunde genommen eine grofte Menschheitsliige^.
Und so wurde denn das ganze Geistesleben, wie es fiir die herr-
schende Klasse zu einer Art Kulturluxus geworden war, fiir das mo-
derne Proletariat zu einer «Ideologie», ein Wort, das man ja immer
wieder und wiederum vernahm. Es wurde zu einem blofien Gewebe
von Gedanken und Empfindungen und Gefiihlen, die sich ausleben
als Rauch, der herausstromt aus der wahren Wirklichkeit des Wirt-
schaftslebens.
Aber man versteht die Sache nicht, wenn man sie nur so auffafk.
Man versteht die Sache nur richtig, wenn man weifi, dafi gegeniiber
dieser verodenden Ideologic, dieser seelentotenden Ideologic, die im
wesentlichen ein Erbgut des Denkens der bisher herrschenden Klas-
se ist, in der modernen Proletarierseele, die Zeit hatte, iiber die Men-
schenwiirde und iiber das wahrhaftige Menschenwerden nachzuden-
ken an der Maschine und in der Einklammerung durch den kapitali-
stischen Wirtschaftsprozeft eine wirkliche Sehnsucht nach einem
wahren Geistesleben, nicht nach einem Geistesluxus, nicht nach ei-
nem Uberfluft, erwachte. Man kann heute noch oft in biirgerlichen
Kreisen horen, wie eigentlich die moderne Proletarierfrage, nach
dieser oder jener Seite betrachtet, eine Brotfrage sei. Gewift, sie ist ei-
ne Brotfrage; aber dariiber, dafi sie eine Brotfrage ist, braucht man
wahrhaftig nicht in einer Versammlung, in der Proletarierverstand
herrscht, zu sprechen. Denn nicht darum handelt es sich, dafi man
in ahnlicher Weise denkt, wie etwa ein biirgerlicher Soziologe und
Padagoge, der jetzt viel in mancherlei Gegenden herumreist, und der
unter anderem neulich die Worte gepragt hat: Man mufi nur einmal
wirklich die moderne Armut kennen, dann wird man schon zu der
Sehnsucht nach einer Humanisierung der menschlichen Gesellschaft
kommen. - Hinter solchen Worten steckt von solcher Seite ge-
wohnlich doch nichts anderes, als die Frage: Wie kann man in dem
Wahn des alten Lebens der herrschenden Kreise fortfahren und wie
kann man in der besten Art Brocken abfallen lassen fiir diejenigen,
die nicht teilnehmen sollen an diesem Leben der herrschenden Klas-
se ? Wie kann man der Arbeit beikommen unter Aufrechterhaltung
der bisherigen Gesellschaftsordnung? - Nicht eine Brotfrage ist es,
um die es sich handelt. Wenn es eine Brotfrage ist, so handelt es sich
vor alien Dingen darum, wie um das Brot gekampft wird, aus wel-
chen Seelenmotiven heraus.
Das hangt mit viel tieferen geschichtlichen Kraften zusammen als
diejenigen, die oftmals von solcher Seite iiber Geschichte sprechen,
auch nur ahnen. Und heute sind die drei Fragen, die ich vorhin cha-
rakterisiert habe, dadurch in ein neues Stadium gekommen, dafi vie-
les in ihnen liegt, was man noch nicht deutlich auszusprechen in der
Lage ist, was aber der vernimmt, der ein Gehor hat fur das Waken
geschichtlicher Machte, fur die Tone, welche die grofien welthistori-
schen Umwalzungen ankiindigen. Heute ist die proletarische Bewe-
gung nicht mehr eine blofie Kritik, heute ist sie dasjenige, was von
den weltgeschichtlichen Machten selbst aufgefordert wird, zum
Handeln iiberzugehen, also die grofie Frage aufzuwerfen: Was hat
zu geschehen? - Und da scheint mir dasjenige, was ich vorhin cha-
rakterisiert habe, sich etwas zu verwandeln, so zu verwandeln, dafi
gegentiber dem rein materiellen Leben, wie es sich bisher gestaltet
hat, ein anderes sich entwickeln soil, welches gestattet, auch dem un-
terdriickten Teile der Menschheit ein wahrhaftig auch seelisch men-
schenwiirdiges Dasein zu geben. Das ist das erste, die Frage nach
dem Geistesleben: Wie kann man die Luxus-Ideologie, das Uberflufi-
Geistesleben verwandeln in das, was aus der innersten Natur des
Menschen heraus der Mensch wirklich fur ein menschenwurdiges
Dasein erleben mufi?
Das andere, das sich entwickelt hat, ist, neben diesem Geistigen,
auf dem Gebiete des Rechtslebens eben dasjenige, was die menschli-
che Arbeitskraft des Proletariers zur Ware gemacht hat. Das konnte
sich nur entwickeln dadurch, daft in der unter dem Kapitalismus
und der modernen Technik heraufkommenden Gesellschaftsord-
nung in vieler Beziehung das Recht zum Vorrecht wurde. Wie kann
an die Stelle des Vorrechtes wiederum das Recht treten, innerhalb
dessen Ordnung die menschliche Arbeitskraft des Proletariers ent-
kleidet wird des Charakters einer bloften Ware?
Und das dritte ist: Wie kann sich das, was sich als Klassenkampf
entwickelt hat, in anderen Formen weiterentwickeln ? Der Proleta-
rier hat sehr wohl gefuhlt, dafi das, was im Leben geschehen mul5,
sich nur in diesem gegenseitigen Kampf ausbilden kann. Aber die
Kampfe, die im Laufe der neueren Geschichte stattgefunden haben,
die empfindet er als solche, die iiberwunden werden miissen. Und so
wird die Frage nach der Notwendigkeit von Klassenkampfen nun-
mehr sich im heutigen Stadium der Entwickelung verwandeln in die
Frage: Wie iiberwinden wir die Klassenkampfe ? - Die Frage nach
dem Mehrwert, die innerhalb der Gesellschaftsordnung, wie sie sich
herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, in das Reich der
Vorrechte geriickt ist, diese Frage nach dem Mehrwert begriindet
die andere: Wie findet man in der menschlichen Gesellschaft im
wahren Sinne des Wortes einen alle Menschen befriedigenden
Rechtszustand?
In bezug auf die erste Frage, die geistige Seite der sozialen Frage,
mull man nur einmal sehen, wie tief der Abgrund zwischen den bis-
her herrschenden Klassen und denjenigen ist, die auf der anderen
Seite eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung anstreben. Und da
mufi man sagen, dafi das, was als Geistesleben den modernen Prole-
tarier erfullt, im Grunde genommen als ein Erbgut von der burgerli-
chen Klasse, die die Wissenschaft, die Kunst und so weiter, pflegen
konnte, ubernommen worden ist. - Aber dieses Geistesleben hat
innerhalb des Proletariats anders gewirkt, denn der Proletarier war
gegeniiber dem, was er als Erbgut an Wissenschaft und so derglei-
chen ubernommen hat, in einer anderen Lage als gegeniiber dem,
was da als modernes Geistesleben heraufgezogen ist bei denen, die
burgerliche, die leitende Kreise waren. Man konnte selbst ein sehr
uberzeugter Anhanger des modernen Geisteslebens sein, man konn-
te sich sehr aufgeklart vorkommen, man stand doch als Mitglied der
herrschenden Klasse innerhalb einer solchen gesellschaftlichen Ord-
nung, die durchaus nicht nach diesem modernen Geistesleben geord-
net war. Man konnte ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaft-
licher Popularisator wie Buchner sein, man konnte glauben, ein ganz
und gar Aufgeklarter zu sein - das war vielleicht gut fur den Kopf,
fiir die Verstandes-Uberzeugung; das war aber nicht geeignet fur ein
Begreifen der Stellung des Menschen im wirklichen Leben. Denn die
Art, wie diese Leute im Leben standen, liefi sich nur dadurch recht-
fertigen, dafi die gesellschaftliche Ordnung von ganz anderen Mach-
ten, von religiosen, von veralteten sittlichen Weltanschauungen,
jedenfalls von anderen Machten herriihrte, als diejenigen waren, die
sich als wissenschaftlich beglaubigte Machte diesen herrschenden,
fuhrenden Klassen dargestellt hatten. Daher wirkte auch das, was
moderner wissenschaftlicher Geist ist und zu dem einfach aus der
Kultur der neueren Zeit der Proletarier sich selbst heranfuhrte, in
der Proletarierseele ganz anders.
Ich darf an eine kleine Szene erinnern, woran das ganz besonders
anschaulich werden konnte, dieses andere Wirken des modernen
Geisteslebens auf den Proletarier, der genotigt war, dieses moderne
Geistesleben nicht blofi fur den Kopf zu fassen, sondern fur den gan-
zen Menschen, fiir seine ganze Stellung innerhalb der Menschheit.
Ich stand vor vielen Jahren einmal in Spandau auf dem gleichen
Podium mit der jetzt so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie
sprach dazumal iiber die Wissenschaft und die Arbeiter, und ich hat-
te als Lehrer der Arbeiterbildungsschule ihren Worten iiber dasselbe
Thema einiges anzufiigen. Dieses Thema: «Die Wissenschaft und die
Arbeiter» gab ihr Veranlassung, ertonen zu lassen gerade dasjenige,
was mit Bezug auf das Geistesleben des modernen Proletariates so
charakteristisch ist. Sie sagte da: Die Empfindungen - trotz der Kopf-
iiberzeugung -, die Empfindungen der modernen fuhrenden Klasse
der Menschheit, die wurzeln doch noch in Anschauungen, als ob der
Mensch herkame von engelartigen Wesen, die urspriinglich gut wa-
ren; und aus diesem Ursprung rechtfertigt sich gefiihls- und empfin-
dungsgemaft bei diesen herrschenden Klassen das, was sich an Rang-,
an Klassenunterschieden im Laufe der Entwickelung herausgebildet
hat. Aber der moderne Proletarier wird in einer ganz anderen Weise
dazu getrieben, die burgerliche Wissenschaft ernst zu nehmen. Er
mufi ernst nehmen, wenn ihm gelehrt wird, wie der Mensch ur-
spriinglich nicht ein engelartiges Wesen war, sondern wie ein Tier
auf Baumen herumkletterte und sich hochst unanstandig benom-
men hat. Auf diesen Ursprung der Menschen zuriickzusehen im Sin-
ne der modernen Weltanschauung, das rechtfertigt nicht in demsel-
ben Sinne wie die anderen es gerechtfertigt glauben, Lebens- und
Standes- und Klassenunterschiede, das begriindet eine ganz andere
Idee von der Gleichheit aller Menschen.
Sehen Sie, das ist der Unterschied! Der Proletarier war genotigt,
dasjenige, was die anderen wie eine Kopfuberzeugung nahmen, die
nicht sehr tief ging, wenn sie auch noch so sehr aufgeklart waren, er
war genotigt, es mit seinem ganzen Menschen aufzunehmen, mit
bitterstem Lebensernst die Sache zu nehmen. Dadurch aber wob es
sich ganz anders in die Seele hinein. Man mufi einfach auf solche
Dinge aufmerksam werden, dann wird man schon erkennen, in wel-
chem Sinne die moderne soziale Frage vor alien Dingen eine Frage
des Geisteslebens ist und hintendiert nach einer Entwkkelung eines
alle Menschen befriedigenden Geisteslebens.
Dann, wenn man sich auf die Ursachen all dessen einlafk, was ich
heute nur, ich mochte sagen, stammelnd habe schildern konnen,
weil es, wollte man es wirklich ausfiihrlich schildern, eine zu grofte
Ausfuhrlichkeit erfordert, wenn man also nach den Ursachen
forscht und sich dann fragt: welche Entwickelung mufi angestrebt
werden? - so kann man folgendes sagen: Heute geht es wahrhaftig
nicht um die Frage, ob die materialistische Kultur der wirkliche Un-
terbau des Geisteslebens ist, sondern darum, wie wir zu einem Gei-
stesleben kommen, das die menschliche Seele, die Seele aller Men-
schen wirklich befriedigen kann. Heute kann es nicht mehr um eine
kritische Auslegung dessen gehen, was Mehrwert ist, als was sich die
menschliche Arbeitskraft innerhalb der kapitalistischen Weltord-
nung darstellt, sondern heute stellt sich die Frage: Wie befreit man
die menschliche Arbeitskraft von dem Charakter der Ware und wie
kommt man dahin, dafi «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern
zum Recht wird? Und wenn Kampfe innerhalb der menschlichen
Gesellschaftsordnung sein miissen, durfen es Klassenkampfe sein,
diirfen es diejenigen Kampfe sein, die sich allmahlich im Laufe der
neueren Jahrhunderte herausgebildet haben?
Heute sind wir in einem Stadium der Entwickelung, wo nicht
mehr die Kritik allein mafigebend ist, sondern wo die Frage mafige-
bend ist: Was ist zu tun? - Da ergibt sich nun allerdings fur den, der
auf die Untergriinde des Lebens eingeht, eine, ich mochte sagen,
sehr radikale Antwort. Sie sieht vielleicht fur manche weniger radi-
kal aus, als sie ist, aber es ergibt sich eine radikale Antwort. Weil ja
das proletarische Denken in vieler Beziehung nur das Erbe ist des
burgerlichen Denkens, weil die proletarischen Denkgewohnheiten
die Erbschaft sind der biirgerlichen Denkgewohnheiten, so wird zu-
nachst iiber die Fragen nachgedacht: Wie konnen die Schaden des
Kapitalismus beseitigt werden? Wie kann das Bedruckende, welches
die Pragung der menschlichen Arbeitskraft zur Ware hat, beseitigt
werden? Wie kann der Klassenkampf in einer menschenwiirdigen
Weise uberwunden werden?
Die Fragen miissen von einem viel tieferen Gesichtspunkt aus
heute gestellt werden. Und grofie Anforderungen werden heute von
den geschichtlichen Tatsachen selbst gestellt an die Denkgewohn-
heiten, an die Gedanken des Proletariers. Denn an ihm liegt es, der
Zeit gewachsen zu sein, sich zu fragen: Wie kommen wir iiber die
ungesunden Untergrunde des heutigen materiellen Geschichtslebens
hinaus? Wie kommen wir iiber die Verheerungen, welche der Kreis-
lauf der Mehrwerterzeugung im Leben angerichtet hat, im Rechtsle-
ben angerichtet hat, hinaus ? Wie kommen wir hinaus iiber die Ver-
wustungen der modernen Klassenkampfe? Aus dem Negativen ins
Positive hiniiber wandeln sich die wichtigsten drei modernen sozia-
len Fragen.
Schaut man hin auf die Ursachen der gegenwartigen Lebensver-
haltnisse, so findet man, dafi ja wiederum eigentlich die Tendenz be-
steht, das fortzusetzen, was die biirgerliche Weltordnung heraufge-
bracht hat. Es fragen sich heute viele: Wie konnen wir den Kapitalis-
mus iiberwinden? Wie konnen wir das Privateigentum an Produk-
tionsmitteln iiberwinden? - Und sie kommen dann auf die uralte
Ordnung der menschlichen Gesellschaftseinrichtungen, die der
Genossenschaft und dergleichen, das heilk, sie kommen darauf, ein
Gemeineigentum der Produktionsmittel als ein Ideal anzusehen.
Das ist verstandlich, und wahrhaftig, nicht aus irgendeinem biir-
gerlichen Vorurteile soil hier iiber diese Dinge gesprochen werden,
sondern einzig und allein von dem Gesichtspunkte: Ist es moglich,
dasjenige, was der moderne Proletarier will, auf dem Wege zu errei-
chen, auf dem es heute mancher sozialistisch Denkende zu erreichen
glaubt? Kann man, indem man zu dem Rahmen des alten Staates
greift und in diesen alten Staat das einfiigt, was Wirtschaftsordnung
ist, nur in einer anderen Form, kann man dadurch eine Erlosung
von dem Bedriickenden, das die Vergangenheit heraufgebracht hat,
herbeifuhren?
Blicken wir hin auf den modernen Staat. Er ist ja dadurch entstan-
den, daft in einer Zeit - im 16., 17. Jahrhundert -, in der sich auch
die moderne Technik, der moderne Kapitalismus entwickelten, die
leitenden Kreise, die das Proletariat dann immer mehr und mehr an
die Maschine rufen muflten, fanden, in dem Rahmen des Staates
seien ihre Interessen am besten befriedigt. Und so fingen sie an, in
den Zweigen, wo es ihnen bequem war, das Wirtschaftsleben in den
Staat einlaufen zu lassen. Und insbesondere als die modernen Errun-
genschaften heraufkamen, wurden ja weite Teile des Wirtschafts-
lebens, wie das Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen, in die
Wirtschaft des Staates ubernommen, die ja von altersher iiberkom-
men war. Dazumal liefi man auch das Geistesleben in das moderne
Staatsgefiige einlaufen!
Und immer mehr und mehr kam es zu dieser Verschmelzung von
Wirtschaftsleben, Rechtsleben des Staates und geistigem Leben.
Diese Verschmelzung fuhrte nicht nur zu all den unnatiirlichen Zu-
standen, welche mit dem Bedriickenden der neueren Zeit zusam-
menhingen, sondern es fuhrte diese Verschmelzung zuletzt auch zu
den verheerenden Wirkungen der Weltkriegskatastrophe.
Wer heute aus den geschichtlichen Tatsachen heraus denkt, der
wird nicht fragen: Was sollen die Staaten tun? - sondern im Gegen-
teil, er wird vielleicht zu der Frage gedrangt: Was sollen die Staaten
unterlassen ? - Denn was sie tun und dadurch bewirken, das haben
wir in der Tat erlebt in der Totung von zehn Millionen Menschen
und in dem, was achtzehn Millionen Menschen zu Kriippeln machte.
Und so drangt sich die Frage vielleicht doch in die Seele herein:
Was sollen die Staaten unterlassen? - Das ist es, was ich hier nur an-
deuten kann, was aber wahrhaftig aus tiefen Grundlagen einer wah-
ren sozialen Wissenschaft gegenwartig schon gefragt werden kann.
Wenn man sieht auf gewisse politisch-gesellschaftliche Zustande,
wie sie sich, ich mochte sagen, typisch entwickelt haben, wie sie
aber auch typisch zu ihrem wohlverdienten Ende gefuhrt haben,
dann braucht man nur zum Beispiel auf Osterreich zu sehen, das
sich in den sechziger Jahren hinwandte zu einem gemeinsamen Ver-
fassungswesen im osterreichischen Reichsrate.
Was sich dazumal herausgebildet hatte - ich habe drei Jahrzehnte
meines Lebens in Osterreich zugebracht, habe die Verhaltnisse
griindlich kennengelernt, habe kennengelernt, was sich dazumal im
osterreichischen Staate als Verfassungsleben entwickelte -, das pafite
zu dem Zusammengewiirfeltsein der verschiedenen Nationen wahr-
haftig wie die Faust aufs Auge. Und fur den, der geschichtliche Tat-
sachen wirklich verfolgen kann, ist es klar, daft gerade in dem, was
dazumal im osterreichischen Verfassungsleben gegriindet worden
ist, was Osterreichs Politik geworden ist schon in den sechziger,
siebziger Jahren, die Ursache mit veranlagt ist zu dem Ende, in das
die jetzigen Jahre fuhrten.
Warum? Nun, dazumal wurde ein osterreichischer Reichsrat be-
grundet. In diesen osterreichischen Reichsrat wurde zunachst hin-
eingewahlt die reine Wirtschaftskurie, die Kurie der Groftgrundbe-
sitzer, die Kurie der Markte, der Stadte und Industrialorte, die Kurie
der Landgemeinden. Die hatten ihre Wirtschaftsinteressen zu vertre-
ten in dem Staatsparlament. Und sie machten Rechte, sie machten
Gesetze aus ihrem Wirtschaftsleben heraus. Es entstanden nur Rech-
te, welche eine Umwandlung der Wirtschaftsinteressen waren. Mit
Bezug auf das Recht aber hat man es nicht mit demselben zu tun,
womit man es zu tun hat auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Auf
dem Boden des Wirtschaftslebens hat man es zu tun mit den mensch-
lichen Bediirfnissen, mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Wa-
renkonsum. Auf dem Gebiete des Rechtslebens hat man es aber mit
dem zu tun, was, abgesehen von alien ubrigen Interessen, den Men-
schen, insofern er rein nur Mensch ist, insofern er als Mensch alien
anderen Menschen gleich ist, angeht. Aus ganz anderen Untergrun-
den heraus mufi geurteilt werden, wenn die Frage gestellt ist: Was ist
rechtens? - als: Was hat zu geschehen, um irgendein Produkt in den
Kreislauf des Wirtschaftslebens einzufuhren? - Die unnaturliche Zu-
sammenkoppelung der Wirtschaftskurie mit dem Rechtsleben, das
ist es, was als eine Krebskrankheit am sogenannten osterreichischen
Staate frafi.
Diese Dinge konnte man durch die modernen Staaten hindurch
an vielen Beispielen verdeutlichen. Es handelt sich nicht darum, daft
man diese Dinge bloft studiert, sondern darum, daft man den richti-
gen Gesichtspunkt findet, unter dem man einen Einblick in die wah-
re Wirklichkeit gewinnen kann, in dasjenige, was lebt und webt,
nicht in dasjenige, wovon sich die Leute einbilden, daft es poiitisch
oder wirtschaftlich das Richtige ist.
Und wiederum, man sehe auf den Deutschen Reichstag, seligen
Angedenkens, hin, auf dieses demokratische Parlament mit glei-
chem Wahlrecht, in welchem zugleich eine Interessenvertretung
sein konnte wie der Bund der Landwirte, in welchem aber auch sein
konnte eine Vertretung einer bloften geistigen Gemeinschaft, wie
das Zentrum! Da sehen wir hineingeschweiftt, hineingeschmolzen
in das rein politische Leben etwas, was nur dem Geistesleben ange-
hort, Und zu welchen unnaturlichen Verhaltnissen hat dieses ge-
fuhrt ! Wiederum konnte man zu dem einen Beispiel hinzu viele an-
fiihren. Will man das Leben der modernen Menschheit kennenler-
nen, dann muft man in der Lage sein, es einmal radikal von diesem
Gesichtspunkte aus anzufassen. Man muft wirklich den Mut haben,
solchen Dingen ins Angesicht zu schauen, dann wird man auf etwas
kommen, was die modernen Menschen nocht nicht zugeben wollen,
ich mochte sagen, sogar daft es nicht zugeben wollen die Menschen
aller Parteien. Was aber einzig und allein der Impuls sein kann fur ei-
ne Gesundung unseres sozialen Organismus, das ist die Anerken-
nung, daft fortan nicht mehr eine Zusammenschweiftung, eine Zu-
sammenkoppelung der drei Lebensgebiete sein darf - Geistesleben,
Rechtsleben und Wirtschaftsleben -, sondern daft jedes dieser Gebie-
te seine eigenen Lebensgesetze hat, daft jedes dieser Gebiete daher
auch aus seinen eigenen Quellen heraus sich seine gesellschaftliche
Formation geben muft.
Im Wirtschaftsleben konnen bloft die Interessen der Warenerzeu-
gung, des Warenkonsums und der Warenzirkulation walten. Die
Grundgesetze dieses Wirtschaftslebens miissen maftgebend sein fur
die Verwaltung und Gesetzgebung. Auf dem Gebiete des Rechtsle-
bens muft herrschen dasjenige, was unmittelbar aus dem menschli-
chen Rechtsbewufksein hervorquillt, dasjenige, worinnen alle Men-
schen wirklich gleich sind als Menschen. Auf dem Gebiete des geisti-
gen Lebens mufi herrschen dasjenige, was aus der naturlichen
menschlichen Begabung in voller freier Initiative erfliefien kann.
Die moderne Sozialdemokratie hat Breschen hineingeschlagen -
ich mochte sagen, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus,
doch das kann uns heute hier nicht beriihren - auf einem einzigen
Gebiete, indem sie den Satz in ihren Anschauungen hat: Religion
mufi Privatsache sein. - Der Satz mufi ausgedehnt werden auf alle
Zweige des geistigen Lebens. Alles geistige Leben mufi eine Privat-
angelegenheit sein gegeniiber dem Rechtsstaate und gegeniiber dem
Kreislaufe des Wirtschaftslebens. Dasjenige Geistesleben allein, wel-
ches auf seine eigenen Krafte gewiesen ist, dasjenige Geistesleben al-
lein, welches aus seinem eigenen Impuls heraus immerzu seine
Wirklichkeit erweist, das wird kein Geistesluxus, das wird kein Gei-
stesuberflufi sein, das wird ein Geistesleben sein, das von alien Men-
schen in gleicher Weise ersehnt werden mufi. Man hat, indem man
das mittelalterliche Geistesleben angesehen hat, zum Beispiel die
Wissenschaft im Verhaltnis zur Religion und Theologie, oftmals den
Satz ausgesprochen: Die Philosophic, die Weltenweisheit, tragt der
Theologie die Schleppe nach. - Nun ja, man hat auch geglaubt, das
sei in der neueren Zeit anders geworden. Es ist auch anders gewor-
den, aber wie ist es anders geworden? Die weltlichen Wissenschaf-
ten sind zu Dienern der weltlichen Machte, der Staaten, der Wirt-
schaftskreislaufe geworden. Und sie sind wahrhaftig dadurch nicht
besser geworden. Und warum sind sie nicht besser geworden?
Wenn man sieht, dafi im Grunde genommen eine einheitliche Stro-
mung geht, eine einheitliche Kraft, von den hochsten Zweigen des
Geisteslebens bis herunter in die Verwertung der individuellen Fa-
higkeiten des Menschen, wie sie getragen werden durch das Kapital
und den Kapitalismus, dann sieht man der Frage, die sich hier auftut,
auf den Grund. Wer die Funktionen, die Betatigungen des Kapitals
in der modernen Gesellschaftsordnung nicht lostrennt von dem
iibrigen Geistesleben, der sieht nicht auf den Grund. Arbeiten auf
Grundlage eines Kapitals ist nur moglich in einer Gesellschaft, in
welcher ein gesundes, emanzipiertes Geistesleben ist, aus dem her-
auswachsen kann auch die Entwickelung solcher Fahigkeiten, die
auf das Kapital gegriindet sind.
Was in der neueren Zeit geschehen ist, braucht ja nicht immer so
grotesk zutage zu treten, wie es einmal zutage trat, als ein moderner,
sehr bedeutender Forscher, ein Physiologe, charakterisieren wollte,
was die Berliner Akademie der Wissenschaften, das heifit, die gelehr-
ten Herren dieser Berliner Akademie der Wissenschaften eigentlich
seien: Er nannte sie, diese gelehrten Herren, «die wissenschaftliche
Schutztruppe der Hohenzollern». Sehen Sie, die Sache war etwas an-
deres geworden. Die Wissenschaft war nicht mehr der Diener der
Theologie; aber ob sie gerade nun zu einer hoheren Wurde dadurch
aufgestiegen ist, dafi sie der Schuldiener des Staates geworden ist, das
ist eine andere Sache.
Ich mufke viel reden, wenn ich Ihnen die gut fundierte, gut be-
griindete Wahrheit in alien ihren Teilen darbieten wollte dafiir, dafi
einzig und allein die Umkehr von jener Bewegung, die in der neue-
ren Zeit eintrat, namlich die Befreiung des geistigen Lebens in alien
Zweigen von dem Staatsleben, zur Gesundung unseres sozialen Or-
ganismus fiihren kann. Wie anders wird sich der unterste Lehrer
fiihlen, wenn er in all dem, was er zu vertreten hat, sich nur abhan-
gig weifi von Verwaltung und Gesetzgebung, die auf der Grundlage
des Geisteslebens selber aufgebaut ist, als wenn er die Maximen, die
Impulse des politischen Lebens auszufuhren hat! Lehrstand sollte
sich ehemals entwickeln. Dienerstand hat sich gerade auf diesem Ge-
biete entwickelt. Und dieser Dienerstand auf diesem Gebiete, er ent-
spricht auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens wahrhaftig auch wie-
der dem, was sich da entwickelt hat. Nahrstand nannte man es im
Altertum. Ausbeuterstand und ausgebeuteter Stand hat sich in der
neueren Zeit entwickelt. Die Dinge gingen aber durchaus parallel.
Das eine ist nicht ohne das andere moglich.
Alles dasjenige, was sich auf das personliche Verhaltnis zwischen
Mensch und Mensch bezieht - und dieses personliche Verhaltnis
von Mensch zu Mensch bezieht sich auch auf dasjenige, was Arbeit-
nehmer und Arbeitgeber miteinander abmachen -, alles das kann
nur von demjenigen Gliede des sozialen Organismus verwaltet wer-
den, welches selbstandig auf Grundlage des geistigen Lebens organi-
siert ist. Alles, was mit dem Rechte zusammenhangt, und mit dem
Rechte hangt vor alien Dingen das Arbeitsverhaltnis zusammen, das
mufS Domane bleiben des politischen, des Rechtsstaates. Das aber,
was mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Konsum zusam-
menhangt, das mufi ein eigenes Glied der gesellschaftlichen Ord-
nung werden, in welchem nur die Lebensgesetze dieses Organismus
tatig sind.
So kommt man, indem man sich auf die Grundlagen dieser Dinge
einlafk, allerdings zu der radikalen, fur manchen sich als unbequem
erweisenden Ansicht, daft sich fiir die Gesundung unserer sozialen
Verhaltnisse drei selbstandige soziale Organisationen nebeneinander
entwickeln miissen, die gerade dadurch in der richtigen Weise zu-
sammenwirken werden, dafi sie nicht eine einheitliche Zentralisa-
tion haben, sondern zentralisiert in sich selber sind: ein Parlament,
welches die geistigen Angelegenheiten verwaltet, eine Verwaltung,
die nur diesen geistigen Angelegenheiten dient; ein Parlament und
eine Verwaltung des Rechtsstaates, des im engeren Sinne politischen
Staates; ein Parlament und eine selbstandige Verwaltung des wirt-
schaftlichen Kreislaufes fiir sich; gewissermaften wie souverane Staa-
ten nebeneinander. Die werden durch ihr Nebeneinanderstehen das
verwirklichen konnen, was die moderne Proletarierseele will, was
aber durch eine blofte zentralistische Verstaatlichung der gesell-
schaftlichen Ordnung nicht erreicht werden kann.
Nehmen Sie nur einmal das Wirtschaftsleben. Heute steht es so,
daft es auf der einen Seite angehangt ist an die Naturgrundlagen.
Man kann diese Naturgrundlagen durch Bodenverbesserung und
dergleichen auch verbessern, dann konnen die Arbeitsbedingungen
durch die Verbesserung der Arbeitsgrundlagen giinstiger werden;
aber man steht da an einer Grenze, iiber die man nicht hinausgehen
kann. An einer solchen Grenze mufi man auch nach der anderen
Seite stehen. Wie das Wirtschaftsleben an die Natur, die aufterhalb
ist, angehangt ist, so mufi auf der anderen Seite der Rechtsstaat ste-
hen. Aus diesem Rechtsstaat heraus werden die Rechte und Gesetze
so bestimmt, daft sie abgesondert vom Wirtschaftsleben bestimmt
werden. Wie der Richter abgesondert von seinen Familien- oder
menschlichen Beziehungen zu urteilen hat, wenn er nach dem Ge-
setze urteilt, wie er da ja aus einer anderen Quelle heraus seinen
Menschenwillen funktionieren lafk als im alltaglichen Leben, so
werden, wenn es auch dieselben Menschen sind - denn durch alle
drei Gebiete der sozialen Organisation werden es ja dieselben Men-
schen sein, die da waken so werden sie, wenn sie aus dem moder-
nen Rechtsstaate heraus urteilen, doch aus ganz anderen Prinzipien
urteilen. Es wird sich zum Beispiel, um nur das eine anzufiihren, ge-
rade dadurch aus dem, was menschliche Anforderung an das Leben
ist, das ergeben, was das Maft der Arbeit ist, das einer leisten kann,
die Zeit, in welcher einer arbeiten kann. Das alles mufi unabhangig
sein von der Preisbildung, die im Wirtschaftsleben herrscht. Und
wie die Natur auf der einen Seite dem Wirtschaftsleben die Preisbil-
dung aufdrangt, so mufi auf der anderen Seite die freie unabhangige
Menschlichkeit aus dem Rechtsbewufksein heraus zuerst immer die
Arbeit entscheiden. Und vom aufterhalb des Wirtschaftslebens ste-
henden politischen Staate mu(5 die Arbeit hineingestellt werden in
das Wirtschaftsleben. Dann ist die Arbeit preisbildend; dann wird
nicht Warencharakter der Arbeit aufgednickt werden, dann wirkt
die Arbeit mit an der Bildung des Preises, ist nicht abhangig von der
Preisbildung der Ware. Geradeso wie die Natur von aufien wirkt auf
das Wirtschaftsleben, so muE das Recht, welches verkorpert ist in
der menschlichen Arbeitskraft, von aufien wirken.
Es mag sein - denn das kann man einwenden -, daft davon in ei-
ner gewissen Weise der Wohlstand eines sozialen Organismus ab-
hangig wird, wenn die Arbeit zuerst ihr Recht geltend macht; aber
diese Abhangigkeit ist eine gesunde Abhangigkeit, und sie wird in
derselben Weise zu einer gesunden Verbesserung fiihren, wie zum
Beispiel die Bodenverbesserung durch technische Mittel, wenn es
notwendig oder zweckmafiig ist oder sich als moglich herausstellt.
Aber niemals wird in einer solchen Weise die Arbeitskraft preisbil-
dend sein konnen, wie sie der Menschenwurde entsprechend preis-
bildend sein muE, wenn man das Wirtschaftsleben wie in eine grofte
Genossenschaft in den Rahmen des modernen Staates hineinstellt.
Das Wirtschaftsleben mull herausgenommen werden, auf sich selbst
gestellt werden. Herausgenommen werden mufi das Rechtsleben,
das politische Leben, das Sicherheitsleben und auf sich gestellt wer-
den. Da haben zu sprechen Leute aus der demokratischsten Grund-
lage heraus iiber dasjenige, was alle Menschen benihrt. Dann wird
das in der richtigen Weise zuriickwirken auf das Wirtschaftsleben
und dasjenige, was dadurch kommen mufi. Niemals wird aus einer
wie immer gearteten Genossenschaft oder staatlichen Einrichtung
der Genossenschaft selbst, das geschehen konnen. Man wird es erle-
ben, daft, wenn es so bleibt, wie die jetzigen Unterdriicker sich aus
anderen, historischen Grundlagen herauf entwickelt haben, sich
auch so die neuen Unterdriicker entwickeln werden, wenn nicht
wirkliche demokratische Grundlagen aufterhalb des Wirtschafts-
lebens geschaffen werden.
Ebenso wie aufterhalb des Wirtschaftslebens das staatliche Rechts-
leben stehen tnufi, so das gesamte Geistesleben von der niedersten
Schule bis hinauf zur Hochschule. Dann wird dasjenige, was aus die-
sem Geistesleben heraus sich entwickelt, eine wirkliche geistgemafte
Verwaltung sein konnen der beiden ubrigen Zweige des Lebens.
Dann wird es moglich sein, daft dasjenige, was sich im Wirtschafts-
leben als Profit herausbildet, wirklich der Allgemeinheit zugefuhrt
wird, aus der es genommen ist. Dann wird es moglich sein, daft fur
die materiellen Giiter etwas ahnliches Platz greift, wie heute bloft
fur die schoflen Geistesguter. Denn eigentlich sind die Geistesguter
der modernen Gesellschaft doch das Allerschofelste. Es ist so: in be-
zug auf dieses Geistesgut, da gilt es, daft dasjenige, was produziert
wird, wenigstens dreiftig Jahre nach dem Tode der Allgemeinheit
zugefuhrt wird, Freigut wird, von jedem verwaltet werden kann.
Das lassen sich die Leute heute mit Bezug auf die materiellen Giiter
wahrhaftig nicht gefallen
Der Besitz ist im gesellschaftlichen Leben nicht das, wovon so
sehr haufig diese oder jene Sozialdkonomen in einer sonderbaren
Weise traumen; man kann ihn nur so auffassen fur das gesellschaftli-
che Leben: Der Besitz ist das ausschlieftliche Verfugungsrecht iiber
eine Sache; Besitz in produktivem Sinne, im Sinne von Grund und
Boden, ist ein Recht. Und dieses Recht kann nur dann statt zu ei-
nem Vorrecht zu einem Recht gemacht werden, das dem Rechtsbe-
wufttsein aller Menschen entspricht, wenn auf einem Boden, wo nur
das Recht bestimmt wird, die Urteilsbildung stattfindet, wenn es
moglich wird, daft dasjenige, was als Profit sich ergeben hat, durch
den Rechtsstaat in die Verfugung der geistigen Organisation uberge-
fiihrt werden kann, so daft die geistige Organisation die richtigen in-
dividuellen Fahigkeiten zu finden hat fur dasjenige, was nicht mehr
zur Produktion, das heiftt, zum Menschendienste verwendet wird,
sondern zum bloften Profit wird. So wird es moglich werden, im-
mer neue individuelle Fahigkeiten der Menschheit zuzufuhren.
Aber damit wirklich eine Gewalt da ist, die in der richtigen Wei-
se, nicht in Burokratismus hinein, sondern in die freie Verwaltung
der individuellen geistigen Fahigkeiten der Menschen dasjenige fiihrt,
was als Besitz von der einen Seite genommen werden mufi, dazu ist
notwendig, daft der Rechtsstaat den Besitz uberwacht, das heilk das
Besitzrecht, und daft er nicht seinerseits selber zum Eigentumer wird,
sondern daft er das freie Eigentum an denjenigen geistigen Kreis ab-
geben kann, von dem aus es am besten verwaltet werden kann.
Daraus ersehen Sie, daft man allerdings aus solchen Untergriinden
heraus heute zu radikalen Anschauungen kommt, die selbst Sie ver-
wundern werden; aber ich meinerseits bin iiberzeugt davon, daft die
weltgeschichtlichen Tatsachen heute solche Dinge von den Men-
schen fordern. Ich bin iiberzeugt davon, daft dasjenige, was der mo-
derne Proletarier will, nicht auf eine andere Weise erreicht werden
kann als dadurch, daft er seine Hand reicht der Trennung der Ge-
walten. Das ist die allein einzig mogliche «auswartige Politik» heute.
Und merkwiirdigerweise kann das ein jedes einzelne Territorium
fur sich durchfiihren. Wiirde Deutschland heute fiir sich darauf ein-
gehen, wie es neulich von mir in einem «Aufruf an die Deutschen
und an die Kulturwelt», der viele Unterschriften gefunden hat, aus-
gesprochen worden ist, wiirden die Deutschen heute auf diese Drei-
teilung eingehen, dann konnten sie doch vielleicht in anderer Weise
mit den anderen verhandeln, als sie es heute konnen, wo sie als ein
vollstandig iiberwundener, gerade durch seine friihere Zentralisa-
tion vollstandig iiberwundener Einheitsstaat dastehen und im Grun-
de genommen gar nichts vermogen.
Ich will damit gar nicht Partei ergreifen, sondern nur sagen, daft
dasjenige, was ich ausfiihre, gerade die Grundlage nicht nur aller in-
neren, sondern auch einer wahren auswartigen Politik werden kann
aus dem Grunde, weil es jedes einzelne Land, jedes einzelne Volk fur
sich allein durchfuhren kann. Man wird ja heute, wenn man die ge-
waltig sprechenden Tatsachen ins Auge falk, zu der Uberzeugung
gefiihrt, daft es nicht mehr blofi darum zu tun ist, einiges in den Zu-
standen nach den alten Gedanken zu andern, sondern daft es not-
wendig ist, neue Gedanken, neue Tatsachen zugrunde zu legen. Man
hat in den letzten Jahren wahrhaftig recht oft horen konnen: So ge-
waltige Schreckensereignisse, wie die der letzten viereinhalb Jahre,
hat es, solange die Menschen eine Geschichte haben, noch nicht ge-
geben. Das kann man heute ofter horen. Was aber das Echo auf die-
se Behauptung sein miifite, das hort man nicht so oft heute, namlich:
Noch niemals haben es die Menschen so notig gehabt umzudenken,
umzulernen wie heute, wo die soziale Frage auf das hindeutet, wo
am meisten umzulernen ist, hindeutet auf das, an dem am meisten
vorbeigeredet und vorbeigedacht wird.
Heute zeigt es sich, daft die Menschen es sind, die zu handeln ha-
ben. Da hat man nicht mit fertigen Programmen zu kommen ! Was
ich hier entwickelt habe, ist kein Programm, ist keine soziale Theo-
rie. Dasjenige, was ich hier entwickelt habe, ist eine wirklichkeitsge-
mafie Menschheitstheorie. Ich bilde mir nicht ein, iiber alle Zustan-
de, die entstehen sollen, ein Programm aufstellen zu konnen; das
kann der einzelne von sich aus nicht. Denn so wenig der einzelne
von sich aus die Sprache, die eine soziale Erscheinung ist, bilden
kann, sondern so wie die Sprache sich im Zusammenleben der Men-
schen bildet, so mufi alles soziale Leben sich im Zusammenleben der
Menschen entwickeln.
Dazu miissen die Menschen aber erst im richtigen Verhaltnisse
zueinander stehen. [. . .] Derselbe Mensch kann im Wirtschaftsparla-
ment, im demokratischen Parlament, im geistigen Parlament zu-
gleich sein; er wird nur darauf sehen miissen, wie er aus der Objekti-
vitat der Verhaltnisse immer aus den verschiedenen Quellen heraus
das Urteil zu finden hat.
Wie die Menschen Rechts- und Wirtschafts- und Geistesleben ver-
walten werden, wenn sie richtig zueinander stehen, was die Men-
schen sagen werden iiber das Soziale, das mdge man ergriinden;
nicht ein abstraktes, theoretisches Programm iiber dasjenige, was in
alien Fallen richtig ist, hinstellen ! Die Menschen in ein solches Ver-
haltnis zu bringen, daft sie in der richtigen Weise miteinander wir-
ken, dafiir - konnte man glauben - hatte insbesondere das moderne
Proletariat Verstandnis, und dies aus dem einfachen Grunde, weil
das moderne Proletariat gesehen hat, wie die verschiedenen Interes-
sen, die Rechts-, die Wirtschafts- und die geistigen Interessen gegen-
einander wirken. So bringt man sie in ein solches gegenseitiges Wir-
ken, daft sie aus ihren eigenen Kraften heraus fur jeden ein men-
schenwiirdiges Dasein, fur das Ganze einen lebensfahigen Organis-
mus ergeben. Wenn es auch radikal ist, nichts anderes glaube ich, als
daft der gute Wille und die Einsicht dazu gehoren, um dieses soziale
Programm, das kein Programm im landlaufigen Sinne ist - man
muS es so nennen, weil man einmal nicht andere Worte hat -, um
dieses soziale Programm ins Leben uberzufuhren. Die soziale Frage
wird dadurch allerdings als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit
ist. Es gibt gewisse Menschen, die glauben, die soziale Frage, die her-
aufgekommen ist, werden wir losen, wenn wir dies oder jenes tun,
[. . .] nein, die soziale Frage ist heraufgekommen, weil die Menschen
eine bestimmte Entwickelungsstufe erlangt haben. Und jetzt ist sie da
und wird immer da sein und wird immer von neuem gelost werden
miissen. Und wenn die Menschen sich nicht einlassen werden auf
immer neue Losungen, so werden die Krafte zuletzt in solche Dis-
harmonien kommen, die immer mehr zu revolutionaren Erschutte-
rungen der gesellschaftlichen Ordnungen fiihren miissen. Revolutio-
nen mufi man Stufe um Stufe im kleinen besiegen; dann werden sie
nicht im grofien auftreten. Besiegt man aber nicht dasjenige, was als
berechtigte revolutionare Krafte Tag fur Tag ins Leben hereintritt,
dann, ja dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn das-
jenige, auf das man nicht aufmerksam sein will, in grofien Erschiitte-
rungen sich entladt. Dann mufi man dies vielmehr in gewissem Sin-
ne als etwas Begreifliches ansehen.
So glaube ich, daft sich gerade im Proletariat fiir eine wirklich
weitgehende Uberschau iiber die soziale Frage, wie sie sich in dieser
Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt, ein Verstandnis ent-
wickeln konnte. Und ich bin iiberzeugt davon, daft, wenn sich eini-
ges Verstandnis entwickelt, dann der Proletarier erst begreifen wird,
wie er im wahren Sinne des Wortes der echte moderne Mensch ist.
Er, den man aus den alten Gesetzlichkeiten herausgerissen hat, an
die ode Maschine hingestellt hat, in den seelenlosen Wirtschaftspro-
ze$ eingespannt hat, er hat die Moglichkeit, neben diesem Men-
schentotenden, Menschenzerstorenden iiber das Menschenwiirdige
nachzudenken, iiber dasjenige, was das Menschenleben wahrhaftig
menschenwiirdig macht; er hat die Moglichkeit, von den fundamen-
talen Grundlagen aus dariiber nachzudenken und den Menschen als
reinen Menschen ins Auge zu fassen. Daher darf man auch glauben,
dafi, wenn sich aus dem modernen proletarischen Klassenbewufk-
sein dasjenige herausentwickelt, was in ihm verborgen ist, was da-
hinter stent: das Bewufitsein der Menschenwiirde - «ein menschen-
wiirdiges Dasein mufi alien Menschen zukommen» -, dann wird mit
der Losung der proletarischen Frage, mit der Befreiung des Proleta-
riats, die Losung einer grofien weltgeschichtlichen Menschheitsfrage
geschehen. Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlosen, dann
wird der Proletarier der Erloser der gesamten Menschlichkeit in der
Menschheit werden. Dann wird mit der proletarischen Befreiung
zugleich die ganze Menschheit, dasjenige, was in dieser Menschheit
wert ist, befreit zu werden, befreit werden konnen.
PROLETARISCHE FORDERUNGEN
UND DEREN KUNFTIGE PRAKTISCHE VERWIRKLICHUNG
Winterthur, 19. Mdrz 1919
Glauben Sie nicht, daft ich heute das Wort ergreifen mochte, um zu
Ihnen in dem Sinne von Verstandigung zwischen den verschiedenen
Menschenklassen der Gegenwart zu sprechen, wie es so sehr haufig
jetzt von gewissen Seiten her gepflogen wird, wo gesagt wird, es sei
notwendig, daft man iiber Verstandigung spreche. Ich mochte von
einer ganz anderen Verstandigung sprechen, wie wir gleich nachher
sehen werden. Von jener Verstandigung zu sprechen, verbietet sich,
wenn man darauf hinblickt, wie sich dieses Leben im Laufe der letz-
ten Jahrzehnte, vielleicht schon langer und bis in unsere Tage herein
entwickelt hat, wie es nunmehr ausgelaufen ist in laut sprechende
Tatsachen, die allerdings fiir manche Menschen, die sich von diesen
Tatsachen vor kiirzerer Zeit noch nichts haben traumen lassen,
recht schreckhaft sind. Was wiirde es auch viel nutzen, von Verstan-
digung in dieser Art zu sprechen gegeniiber dem, was man auf der
Seite horen kann, wo heute so haufig diese Verstandigung ersehnt
wird?
Vor wenigen Tagen konnte man wiederum von einer solchen Sei-
te allerlei horen, in Bern, bei der sogenannten Volkerbundskonfe-
renz. Was da vorgebracht worden ist iiber das wiinschenswerte und,
wie die Leute glauben, mogliche internationale Leben der nachsten
Zukunft, das erinnerte einen wahrhaftig an die Reden gewisser
Staatsmanner, an Reden, die stets von demselben Grundton aus im
Fruhling und Fruhsommer des Jahres 1914 gehalten worden sind.
Ein paar Worte aus einer solchen Rede eines friiheren Staatsmannes
der spater kriegfuhrenden Machte lassen Sie uns anfuhren. Sie laute-
ten etwa so - er sagte das zu seinem Reichstag -: Dank der Bemii-
hungen der Kabinette der Regierungen der europaischen Groft-
machte durfen wir annehmen, daft der europaische Friede auf lange
Zeiten hinaus gesichert sein werde. - Im Mai 1914! Das war der Frie-
de, von dem gesprochen worden ist, der dann gekommen ist, und
der mindestens zehn Millionen Tote gebracht hat und achtzehn Mil-
lionen Menschen zu Kriippeln gemacht hat! So kannten die Men-
schen dasjenige, was in der Zeit schlummerte.
Ich selbst, wenn ich diese personliche Bemerkung machen darf,
mufite im Friihling 1914 angesichts dessen, was man herankommen
sehen konnte, wenn man nicht blind und taub war fur die Wirklich-
keiten, in einer Versammlung, die ich in Wien halten konnte, die
Worte sprechen: Wir leiden im sozialen Organismus der Gegenwart
an einer schleichenden Krebskrankheit, die in kiirzester Zeit als ein
machtiges Geschwur aufbrechen miisse. - So konnte man auch re-
den dazumal.
Nun, ich denke, die Tatsachen haben gezeigt, dafi man mehr
recht hatte, wenn man sprach von der schleichenden Krebskrank-
heit in der gesellschaftlichen Ordnung der damaligen Gegenwart, als
wenn man so sprach, wie die damaligen Staatsmanner zur Betau-
bung, zur Illusionserweckung fiir die Menschen gesprochen haben.
Und so reden jetzt wiederum sehr, sehr viele Leute von dem, was
zwischen den Volkern kommen soil an internationalem Leben. Und
sie reden vorbei und denken vorbei an dem, was das Allerwichtigste
und Wesentlichste ist und sein wird und was heute schon durch laut
sprechende Tatsachen sich ankundigt; sie reden vorbei an den ei-
gentlichen wahren sozialen Forderungen der Gegenwart.
Wie hat man von gewisser Seite bis zu den Schreckensjahren, die
1914 begonnen haben, das Leben der sogenannten modernen Zivili-
sation geschildert? Man konnte es immer wieder horen, wie gewal-
tig die Menschheit fortgeschritten sei, wie gegeniiber friiheren Zei-
ten es moglich sei, rasch iiber weite Strecken der Erde hin zu reisen,
um Geschafte zu machen, wie der Gedanke blitzschnell iiber die Er-
de hinfliege, wie Wissenschaft und Kunst - was man eben in gewis-
sen Kreisen Wissenschaft und Kunst nennt - sich ausbreiten und so
weiter. Loblied iiber Loblied wurde angestimmt auf diese moderne
Zivilisation. Und die letzten viereinhalb Jahre? Was ist in ihrem
Laufe aus dieser modernen Zivilisation in Europa geworden? Wie
konnte das werden? Allein dadurch konnte es werden, dafi diese
moderne Zivilisation, der man solche Loblieder gesungen hat, auf ei-
nem Untergrunde ruhte, der unterhohlt war, unterhohlt allerdings
nicht von irgend etwas der Menschheit als solcher Feindlichem, son-
dern unterhohlt war von den nach den verschiedensten Richtungen
hin berechtigtsten Forderungen eines groften Teiles der gegenwarti-
gen Erdbevolkerung. Die empfand dasjenige, was uns diese Zivilisa-
tion gebracht hat, nicht als ein menschenwiirdiges Dasein.
Allein dadurch aber war diese Zivilisation moglich, daft sie sich
erhob wie ein Uberbau auf dem Unterbau, der darin besteht, daft
unzahlige Menschen kein menschenwiirdiges Dasein hatten. Und
dasjenige, was man als das Schlimmste ansehen muft, das ist, daft sich
eine tiefe Kluft mit Bezug auf das Verstandnis aufgetan hatte, eine
Kluft zwischen denen, die auf der einen Seite die Loblieder ange-
stimmt haben und denen, die auf der anderen Seite immer wieder
und wieder aus den Versammlungen heraus, die sie sich abrangen
von der schweren Arbeit, den Ruf ertonen lassen muftten: So kann
es nicht weitergehen!
Wenig Neigung war in den ftihrenden, leitenden Kreisen zu einer
wirklichen Verstandigung, wie sie hatte gesucht werden miissen seit
Jahrzehnten, ja seit vielleicht mehr als einem halben Jahrhundert.
Seit diesem halben Jahrhundert ist die proletarische Bewegung im-
mer mehr und mehr im Wachsen. Und sie ist so im Wachsen, daft
man sagen kann: Bisher stand das Leben der proletarischen Bevolke-
rung da wie eine machtige weltgeschichtliche Kritik dessen, was die
bisher herrschenden und fuhrenden Klassen in der Weltgeschichte,
in der Entwickelung der Menschheit angerichtet hatten. Heute spre-
chen die Tatsachen diese Sprache der Kritik, die so und so oft diesen
herrschenden Klassen entgegengehalten worden ist. Wie haben die
bisher herrschenden Klassen sehr haufig dasjenige, was ihnen da ent-
gegentonte als der Ruf: So kann es nicht weitergehen - wie haben sie
das aufgenommen? Man brauchte ja nur - ich mochte Beispiele an-
fiihren - nicht gleich so weit zu gehen, wie zum Beispiel eine charak-
teristische Personlichkeit, die sich aus den herrschenden Klassen der
unmittelbaren Vergangenheit herausgehoben hat, wie etwa der deut-
sche Kaiser, der mit Bezug auf die proletarische Masse, insofern sie
sich als Sozialisten auslebten, sagte: Diese Tiere, die den Boden des
Deutschen Reiches unterhohlen, miissen ausgerottet werden. -
Oder ein andermal sagte er - das sind seine eigenen Worte: Diese
Menschen sind die Feinde der gottlichen Weltordnung. - Nicht
bloft seien sie die Feinde anderer Menschen, sondern die Feinde der
gottlichen Weltordnung. - Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so
weit zu gehen; aber sonderbare Vorstellungen hatte man doch. Da
hatten zum Beispiel im Deutschen Reiche aus gewissen Griinden
heraus, die ich hier keiner Kritik unterwerfen will, die Sozialdemo-
kraten gestimmt fur die Kriegskredite, wenigstens ein iiberwiegen-
der Teil der Sozialdemokraten hatte fur Kriegskredite gestimmt,
und hatte auch - wiederum aus Griinden, die ich nicht erortern will -
ihre Soldatenpflicht getan, hatten sich iiberhaupt in einer gewissen
Weise gegenuber dem sogenannten Weltkrieg verhalten. Glauben
Sie nicht, daft die Meinung von Leuten aus den burgerlichen intel-
lektuellen Kreisen eine so seltene war, die, als sie gesehen haben, wie
patriotisch sich die Sozialdemokratie verhielt, ernsthaftig geglaubt
haben - das ist eine Tatsache -, daft eigentlich die Soldaten in der
Zukunft lauter Manner wiirden, die brav sich brauchen lassen wiir-
den zu dem, wozu man sie ja, namentlich im vorigen Reiche, recht
gern gebraucht haben wiirde, wenn die Dinge anders, aber recht
sehr anders ausgegangen waren, als sie ausgegangen sind. Man hatte
sie namlich sehr gern gebraucht zur Steuerbewilligung im Reichs-
tage seligen Andenkens.
Nun, selbst auf mancher sozialistischen Seite hat man sich nichts
traumen lassen von den laut sprechenden Tatsachen, die nunmehr
aber eingetreten sind. Selbst auf sozialistischer Seite ist oft und oft
wieder betont worden: Die Regierung wird nach diesem Weltkriege
nicht so verfahren konnen mit der proletarischen Bevolkerung wie
vorher; sie wird auf deren Willen Riicksicht nehmen miissen. -
Nun, die Tatsachen sind ziemlich anders geworden, nicht wahr?
Diese Regierung, wenigstens ein grofter Teil von ihr, kann heute
nicht viel Riicksicht nehmen auf den Willen der proletarischen
Bevolkerung.
Wenn man nach beiden Seiten hin sieht, so zeigt sich auf der ei-
nen Seite, was der osterreichische Sozialist Pernerstorfer aus der Ge-
sinnung gewisser biirgerlicher Kreise wahrend des Weltkrieges so
charakterisierte, indem er sagte: Diese Millionen schlossen, insofern
sie den kriegfiihrenden Staaten angehorten, ihren Frieden gern mit
der Sozialdemokratie; aber sie mochten einen Frieden etwa unter
der Bedingung, der dem entsprechen wiirde, dafi der andere, dem
man lebenslangliche Freundschaft anbietet, sie annehme, aber dafi
sich der Betreffende hinterher aufhange. - Sehen wir aber nach der
anderen Seite, da war auch keine Moglichkeit, viel Verstandnis her-
vorzurufen. Ich darf hier sehr wohl aus personlicher Erfahrung re-
den, denn ich arbeitete als Lehrer jahrelang an der von Wilhelm
Liebknecht begriindeten Arbeiter-Bildungsschule an dem Werden
desjenigen, was sich in Proletarierseelen als Weltanschauung ausge-
bildet hatte, mit. Wer weifi, was sich in der proletarischen Seek aus-
bildete, der weifi auch, welche proletarischen Forderungen in dem
steckten, was immer wieder und wiederum eben in jenen Versamm-
lungen, die sich der Proletarier abrang von seiner Arbeitszeit, ab-
rang auch von seiner korperlichen Gesundheit oftmals, was in jenen
Versammlungen die Seelen durchtonte. Das kleidete sich immer
wieder und wieder in dreierlei. Mancher sprach allerdings nicht mit
einem vollen breiten Verstandnis iiber dasjenige, was sich in diesen
drei Dingen offenbarte, aber eine tiefe Empfindung war in den Pro-
letarierseelen, was in diese drei Forderungen, wenn sie sich auch
scheinbar nicht als Forderungen aussprechen, was in diese drei For-
derungen verwoben ist. Das erste kleidete sich in die Worte: Mate-
rialistische Geschichtsauffassung; das zweite kleidete sich in das
Wort, in das fur den Proletarier vielbedeutende Wort von dem
Mehrwert; und das dritte war dasjenige, was der Proletarier seit
Jahrzehnten, wenn er auch von seinem Verstandnis, von seiner Auf-
fassung aus sprach, mit dem Klassenkampf meinte, der andeutete,
wie innerhalb der neueren Zeit der Proletarier innerhalb des Klassen-
kampfes das geworden ist, was man nennen kann eben den klassen-
bewulken Proletarier.
Was kleidete sich eigentlich in diese drei Worte ? Es sieht zunachst
recht theoretisch, recht schulmafiig aus, wenn man sagt: man beken-
ne sich zur materialistischen Geschichtswissenschaft; allein wir wol-
len heute lebenspraktisch und nicht theoretisch sprechen. Was war
eigentlich gemeint mit dem, was der Proletarier gegeniiber seiner
Weltanschauung zum Ausdruck bringen wollte und will, wenn er
von materialistischer Geschichtsauffassung spricht? Er hatte seit je-
ner Zeit, seitdem sich im Laufe der neueren Geschichte gleichzeitig
mit der modernen Technik der moderne Kapitalismus entwickelt
hat, er hatte seit dieser Zeit von den fiihrenden, leitenden Kreisen
ein altes Lied horen konnen. Aber von dem, wovon man heute be-
hauptet, daft es angeregt wiirde in der Menschenseele bei diesem al-
ten Liede, bemerkte der Proletarier, wenn er hinsah auf die leiten-
den Kreise, blutwenig. Da sprachen die Menschen der leitenden und
fiihrenden Kreise: Der Mensch lebt in einer gewissen sozialen Ord-
nung von Generation zu Generation. Wie sich eben das geschichtli-
che Leben entwickelt, so lebt die Menschheit; und sie lebt nach Ge-
setzen, welche entsprechen einer gottlichen Weltordnung. Man
nannte es eine sittliche Weltordnung, man nannte es die Ideen viel-
leicht auch, wenn man aufgeklart sein wollte, welche das geschichtli-
che Leben der Menschheit beherrschen.
Der Proletarier schaute sich diejenigen Kreise an, die da so spra-
chen, als wenn ihr Leben bedingt ware von geistig-sittlichen Mach-
ten, die durch die Welt gehen und weben. Aber er hatte seinerseits
nichts von diesen sittlichen Machten; er sah wohl noch weniger et-
was von einer in den Tatsachen sich auswirkenden gottlichen Welt-
ordnung. Man sprach von einer gottlichen Weltordnung, aber man
sah sie nicht, diese gottliche Weltenordnung. Er sah sie vor alien
Dingen nicht in den Handlungen der Menschen, in dem Verhalten
der Menschen zueinander. Er war ja - seit Jahrhunderten hatte sich
das entwickelt - eingespannt worden in die kapitalistische Wirt-
schaftsordnung, in die seelenlose, verodende kapitalistische Wirt-
schaftsordnung. Sie war heraufgekommen gleichzeitig mit der mo-
dernen Technik, die zahlreiche Menschen weggerufen hat von jenem
alten Handwerk, von dem man sagte, daft es einen goldenen Boden
hatte - es hatte in einer gewissen Weise einen goldenen Boden -,
aber das hatte keinen goldenen Boden, was der moderne Proletarier
erlebte an der Maschine in der Fabrik. Fiir ihn war diese gesellschaft-
liche Ordnung ausgedriickt in seinem Stehen an der Maschine, in
seinem Eingespanntsein in die kapitalistische Wirtschaftsordnung.
Und er sah, indem dieses neuere technische und kapitalistische Leben
heraufkam, wie die leitenden, fuhrenden Kreise sich dasjenige, was
sie von einem gewissen sozialen Organismus von alten Zeiten her
iibernommen haben, als modernen Staat nach ihrem Interesse einge-
richtet hatten. Er sah vor alien Dingen, wie die leitenden, fuhrenden
Kreise aus dem, was sie als Ertragnis hatten durch die moderne Wirt-
schaftsordnung, durch den modernen Staat, wie sie sich anstellten
ihre sogenannten geistigen Leiter, wie sie sich anstellten ihre Lehrer-
schaft, ihre Juristen, ihre Mediziner und so weiter. Und er bemerk-
te, wie gesagt, wenig davon, daft in dieser geistigen Leitung eine gott-
liche, sittliche Weltordnung waltete. Er bemerkte vielmehr, weil er
es ja gewohnt war, hinzuschauen auf die Abhangigkeit des Men-
schen von der wirtschaftlichen Ordnung, er bemerkte, wie auch die-
se leitenden Kreise durchaus von der wirtschaftlichen Ordnung ab-
hangig waren. Der Kapitalismus, die moderne Technik, das Ausbeu-
tersystem, von denen sah er, daft sie die geistigen Leiter hinstellten
an die Platze, wo sie standen. Man hatte, als so dieses moderne geistige
Leben im modernen Staate heraufkam, aus gewissen Kreisen dieses
geistigen Lebens heraus oftmals gesagt: Ach, dieses feme Mittelalter,
da war die Philosophic, die Weltweisheit - und man meinte damit
die Wissenschaft iiberhaupt - in gewisser Weise die Magd der Theo-
logie. Weniger wurde aber von dieser Seite her betont, daft in der
neueren Zeit die Wissenschaft wahrhaftig nicht irgend etwas gewor-
den war, das eine auf sich selbst gestellte freie Wissenschaft war, son-
dern daft sie war eine treue Dienerin des modernen Staatssystems.
Man brauchte auch wiederum nicht gleich so weit zu gehen, wie ein
moderner, beruhmter Physiologe, der einmal von einer gelehrten
Korperschaft, von der Berliner Akademie der Wissenschaften gesagt
hat: diejenigen Gelehrten, die dieser Berliner Akademie der Wissen-
schaften angehoren, seien die geistigen Schutztruppen der Hohen-
zollern. Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen;
aber man hatte doch zum Beispiel sehen konnen - und es kam ja al-
les wahrend des Weltkrieges zu einer bestimmten Hohe -, man hatte
doch Merkwiirdiges sehen konnen wahrend dieses Weltkrieges. Ge-
wift, die Mathematiker, die Chemiker, denen kann man nicht so-
gleich nachweisen, wie sie den Befehlen von oben gehorchen; dafur
glanzt ja auch ihre Wissenschaft weniger stark, hangt weniger stark
auffallig zusammen mit dem, was das Leben durchpulst. Geschichte
hangt schon mehr zusammen mit demjenigen, was das Leben durch-
pulst. Wer das verfolgt, was als Geschichte produziert worden ist ge-
rade von denen, die als Staatsdiener dieses Gebietes gewirkt und ge-
waltet haben, der konnte sich wohl ein unbefangeneres Urteil als
mancher andere bilden, wenn er zum Beispiel alles dasjenige ansah,
was wahrend dieses Weltkrieges und schon vorher, wahrhaftig lange
vorher, iiber die geschichtliche Bedeutung der Hohenzollern gespro-
chen wurde. Wahrhaftig, die Geschichte der Hohenzollern wird an-
ders ausschauen, wenn sie nunmehr in der Zukunft geschrieben wer-
den wird! Man kann schon sagen, dasjenige, was diese Herren pro-
duzierten auf diesem Gebiete, das war ein getreuliches Spiegelbild
dessen, was eigentlich die Machthaber haben wollten; das war wirk-
lich nicht freies Geistesleben, das war nichts anderes als ein geistiger
Uberbau iiber die Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte und
namentlich der neueren Zeit. Was Wunder aber, wenn der Proleta-
ries anschauend alle diese Verhaltnisse, sich sagte: Ach was, alle sitt-
liche Weltordnung, alle Ideen in der Geschichte! Was hat gottliche
Weltordnung zu sagen! Abhangig ist jeder Mensch von den wirt-
schaftlichen Grundlagen. Wie diese wirtschaftlichen Grundlagen
sind, so breitet er seine Gedanken aus, so lebt er seine Empfindun-
gen dar, so denkt er zuletzt auch selbst in bezug auf seine religiosen
Vorstellungen: alles ein ideologischer Uberbau! Das wahrhaft
Wirkliche ist die Wirtschaftsordnung!
Begreifen kann man, wie gesagt, dasjenige, was als Eindruck ent-
stand aus dem unmittelbaren Leben in der Seele des Proletariers.
War doch dieser Proletarier genotigt - die herrschende Klasse mufke
selbst ihn zu einer gewissen Bildung aufrufen, sie konnte die alten
Ungebildeten, den alten Analphabetismus nicht mehr gebrauchen in
ihrer Wirtschaftsordnung -, war doch dieser Proletarier genotigt in-
nerhalb der Bildung, die er aufnehmen wollte, nach der er sich sehn-
te, das entgegenzunehmen, was heraufgekommen war als Wissen-
schaft, als das ganze wissenschaftliche Denken iiber die Welt in der
neueren Zeit.
Aber dieser Proletarier war auch zu etwas anderem noch genotigt
als zum Aufnehmen der Wissenschaft in einer solchen Art, wie etwa
die herrschenden Kreise diese neuere Wissenschaft, die gleichzeitig
heraufkam mit der modernen Technik und dem Kapitalismus, auf-
nahmen. Ich mochte immer wieder und wiederum ein Beispiel an-
fiihren, das ich schon neulich hier in dieser Frage zur Illustration
brachte. Ich habe gerade iiber dieses Gebiet gesprochen. Man konn-
te selbst ein so draufgangerischer Naturforscher sein wie Karl Vogt,
der dicke Vogt, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisa-
tor sein, wie Buchner, man konnte sich in der Art von beiden recht
freidenkerisch, recht aufgeklart vorkommen; man konnte sich sa-
gen: hinweg von mir alle die alten Vorurteile. Aber dabei wirkte
doch dasjenige, was diese moderne wissenschaftliche Gesinnung bei
diesen Klassen hervorgebracht hatte, ganz anders, als es wirkte in
der Seele des modernen Proletariers. Die leitenden, fiihrenden Krei-
se, sie sprachen davon, daft die Menschen abstammen von tierischen
Lebewesen. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob diese Lehre un-
sinnig oder irgendwie berechtigt ist, aber man sprach so, ich will nur
die Tatsachen anfuhren. Aber diese Lehre ist von den herrschenden
Klassen so gedacht, daft sie nur in die Kopfe hineinging. Man konnte
eine Kopfiibernatur gewinnen. Aber in dem gesellschaftlichen Le-
ben, in der gesellschaftlichen Lebensordnung, in der man drinnen
stand, da walteten Gesetze, die wahrhaftig nicht hergenommen wa-
ren von der Grundanschauung, daft alle Menschen in gleicher Weise
von irgendwelchem Tiere abstammten. Und man fand es bequem,
die gesellschaftliche Ordnung nicht sich einzurichten, nicht einmal
recht sie zu denken im Sinne dieser modernen naturwissenschaftli-
chen Anschauung.
Ich stand einmal, wie gesagt, ich erwahne diese Tatsache noch ein-
mal hier in dieser Stadt, auf einem gemeinsamen Podium mit der
kurzlich tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie und ich sprachen
dazumal vor einer grofteren Arbeiterschaft in der Nahe von Berlin
uber die Wissenschaft und die Arbeiter. In ihrer ganz besonders ein-
dringlichen Weise, in ihrer ruhigen und gelassenen Art sprach sie da-
zumal vor allem aus dem Geiste der modernen Wissenschaft heraus;
aber sie sprach eben zu modernen Proletariern. Sie sprach zu diesen
modernen Proletariern etwa so: Man sehe nur einmal die Wissen-
schaft heute an. Es heifk, dafi der Mensch seinen Ursprung nicht aus
irgendeinem geistigen Urzustande hat, denn, so sagte sie - ich zitiere
ihre Worte fast wortlich -, der Mensch ware urspriinglich ein recht
unanstandiges Wesen gewesen, das auf Baumen kletterte, und von
solchen Wesen stammen wir alle ab. Da ist natiirlich - sagte sie dann
- kein Grund dazu, Rangunterschiede unter den Menschen zu ma-
chen, wie sie die heutige gesellschaftliche Ordnung macht. - Ja, se-
hen Sie, man konnte ein aufgeklarter Mensch sein und in dem Kreise
der fiihrenden, leitenden Klasse drinnen stehen, man konnte eine
Kopfiiberzeugung haben, aber dasjenige, was so gesprochen wurde,
das wirkte doch anders auf den modernen Proletarier. Der moderne
Proletarier kam mit einem grofien, mit einem riesengrofien Vertrau-
en dieser - man mufi es sagen - biirgerlichen Wissenschaft entgegen,
denn er glaubte, dafi sie die absolute Wahrheit enthalte. Und weil er
hinweggerufen worden war an die Maschine, in die Fabrik, in die
kapitalistische Wirtschaftsordnung hinein, weil er aus allem Friihe-
ren herausgerissen war, weil er auch nicht mehr Uberlieferungen er-
halten hatte, keine Traditionen, weil er nicht in einem ganz neuen
Lebensverhaltnis bleiben konnte, war er genotigt, das, was ihm diese
burgerliche Wissenschaft gab, als an den ganzen Menschen gerichtet
zu nehmen und sich zu fragen: Ist sie so, die Welt, wie sie sich dar-
stellt in den Augen dieser modernen Wissenschaft?
Das ist die Hauptrichtung des geistigen Lebens des modernen
Proletariers. Das ist dasjenige, was ihn immer wieder und wieder in
der Seele zu der Empfindung notigt, daft es so nicht weitergehen
kann. Und dahinter verbirgt sich die eine der Forderungen.
Die zweite der Forderungen, man konnte sie immer wieder und
wieder horen, wenn man nicht blofi den leitenden Kreisen angehor-
te und dadurch in bestimmter Weise uber das Proletariat dachte,
sondern wenn man, unter dem Proletariat lebend, mit dem Proleta-
riat denken und sprechen konnte - man konnte es immer wieder
und wiederum fiihlen und empfinden. Jeder, der innerhalb dieser
Kreise lebte, weift, daft mit dem Begriff «Mehrwert» und allem, was
damit zusammenhangt, durch Karl Marx und seine Nachfolger in
theoretischer Art etwas in die Arbeiterschaft hineingeworfen wur-
de, das zundend wirkte. Denn in dieser modernen Arbeiterschaft
war etwas, das aus den Lebensverhaltnissen der neueren Zeit heraus
verstand, tief schmerzlich verstand, was Mehrwert ist.
Hier ist der Punkt, wo man sagen mull: Wir stehen heute an ei-
nem Wendepunkte der geschichtlichen Entwickelung. Eine Kritik
war dasjenige, was im modernen Proletariat lebte, an dem, was die
leitenden Kreise bisher in der geschichtlichen Entwickelung der
Menschheit besorgt haben. Zum Handeln ist heute das moderne
Proletariat aufgerufen. Dieses Handeln wird nur moglich sein, wenn
gerade in diesem Punkte, der sich an das Wort Mehrwert anschliefit,
man den Mut haben wird, alliiberall, wo man weiterkommen will
im menschlichen Leben selbst, uber das hinauszugehen, was Karl
Marx gemeint hat, als er von Mehrwert und dem damit Zusammen-
hangenden sprach.
Was war es denn, was in Ankniipfung an diesen Mehrwert ein so
tiefes, empfindungsgemafies Verstandnis hervorrief in der Seele des
modernen Proletariers ? Es war dasjenige, was den Grundnerv des
ganzen modernen Wirtschaftssystems beriihrte. Was ist Wirtschaft ?
Wirtschaft, auf deren Grundlage wir alle materiell leben? Was ist
Ware, Produktion, Zirkulation, Konsumtion? In diesen Kreislauf
des Wirtschaftslebens, in welchem nur Ware zirkulieren sollte, ist in
einer gewissen Form seit alten Zeiten, sich abschalend von anderen
Formen, dasjenige eingetreten, was man nur dadurch charakterisie-
ren kann, daft man sagt: Innerhalb der modernen kapitalistischen
Wirtschaftsordnung lebt weiter die Arbeitskraft des modernen Pro-
letariers in derselben Weise wie eine Ware. Sie wird gekauft, sie wird
wie eine Ware getauscht gegen andere Waren. - Das empfindet der
moderne Proletarier. Was auch immer in kleinen Brocken gesche-
hen ist, um gewissermafien seine Aufmerksamkeit abzulenken von
dieser Fundamentaltatsache, wir stecken tief drinnen in einem Zu-
sammenhang, in dem die proletarische Arbeit nichts weiter ist als ei-
ne Ware. Hier empfindet der moderne Proletarier noch viel mehr,
als man eigentlich bisher genotigt war, in theoretischen Worten,
selbst in der sozialistischen Wissenschaft, zum Ausdruck zu brin-
gen, hier empfindet der moderne Proletarier das ganze Menschenun-
wiirdige seines Daseins. Er sieht in seinem Dasein nur die Fortset-
zung des alten Sklavendaseins, des mittelalterlichen Systems der Leib-
eigenschaft. Der Sklave wird als ganzer Mensch verkauft; der moder-
ne Proletarier mufi, weil er selbst nichts besitzt, auf den Arbeits-
markt seine Arbeitskraft tragen, die ihm abgekauft wird. Aber kann
man denn die Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt tragen, ohne sich
selbst hinzutragen? Ist man nicht mit ihr als Mensch so verkniipft,
daft man als Mensch das Schicksal erleidet, das die eigene Arbeits-
kraft erleidet? Das ist es, worauf es ankommt: Nicht nur eine andere
Form der Entlohnung, die nichts weiter ist als ein Kauf von Arbeits-
kraft als Ware, sondern die Entkleidung der Arbeitskraft von dem
Warencharakter im modernen Wirtschaftsleben mufi angestrebt
werden. Das ist gerade die mehr oder weniger deutlich ausgespro-
chene Frage des modernen Proletariats: Wie kann es geschehen, daft
der Mensch, auch wenn er nichts anderes in den gesellschaftlichen
Organismus hineinzutragen hat als seine Arbeitskraft, ein men-
schenwiirdiges Dasein erhalt? Was bedeutet es eigentlich, daft seine
Arbeitskraft, die in keiner Weise sich vergleichen laftt mit irgendei-
ner Ware, nicht mehr als Ware ist? Was ist das eigentlich? Das ist die
grofte Lebensliige: Dasjenige, was nie in Wirklichkeit Ware werden
kann, Arbeitskraft, wird im modernen Leben zur Ware gemacht.
Dadurch ist das eine experimentierende, eine in die Wirklichkeit
hineingeworfene Tatsachenluge; die muft in Wahrheit umgewandelt
werden -, so konnte man radikal die Forderung in diesem Punkte
stellen, formulieren.
Und das dritte ist dasjenige, was der moderne Proletarier sieht: Es
ist Kampf. Er blickt hin auf das moderne Wirtschaftsleben; er hat in
den Tiefen seiner Seele ein Gefiihl davon, daft im Wirtschaftsleben
Heilsames nur erbliihen kann aus Gemeinsinn heraus. Wie wiirde er
sich im speziellen Falle zum Beispiel ausdriicken, der Gemeinsinn?
Nun, man kann ja in einem Spezialfall sagen: Der Unternehmer, der
Arbeitgeber und der Arbeiter, sie produzieren miteinander. Es miift-
te also die Gemeinsamkeit, der Gemeinsinn darin bestehen, daft sie
gegenuber dem sozialen Organismus dasselbe Interesse haben. Statt-
dessen kauft der Unternehmer wie eine Ware dem Arbeiter die Ar-
beitskraft ab, wahrend sie das Erzeugnis, das Produkt gemeinsam
produzieren. Er gibt ihm von dem Produkte eben nichts weiter als
den Kaufpreis fur diese Ware ab. Daruber hilft nicht hinweg, wie es
auch immer mehr oder weniger verbramt auftritt, der Arbeitsver-
trag. Solange dieser Arbeitsvertrag geschlossen wird iiber die Ver-
wendung der Arbeit des Proletariers, so lange mufi dieser Vertrag
immer die Arbeitskraft zur Ware machen. Einzig und allein moglich
mufi es werden, daft der Vertrag zwischen dem, was man heute den
Arbeiter, und dem, was man heute den Unternehmer nennt, nicht
geschlossen zu werden braucht, nicht geschlossen werden darf iiber
die Arbeit, sondern daft er geschlossen werden mufi iiber die Tei-
lung des Produkts zwischen dem Arbeiter und dem Leiter der Ar-
beit. Es gibt keine andere Gerechtigkeit auf diesem Gebiete. Es gibt
keinen anderen wirklichen Ausdruck dessen, was man als Gemein-
sinn bezeichnete auf diesem Gebiete. Was aber sieht der moderne
Proletarier statt eines solchen Gemeinsinnes? Nun, er sieht den
Klassenkampf. Er sieht seine aus der physischen Arbeitskraft heraus
produzierende Klasse im Kampfe mit der Unternehmerklasse, und
er sieht in die Unternehmerklasse hineinflieften den Mehrwert,
ohne daft er einen Anteil hat an denjenigen «Schicksalen», welche
dieser Mehrwert hat innerhalb des sozialen Organismus.
Der Proletarier ist wahrhaftig nicht so dumm, daft er glaubt,
Mehrwert brauche man nicht zu erzeugen. Wenn man alles aufessen
wiirde, was man durch Handarbeit erzeugt, dann gabe es keine
Schulen, uberhaupt keine geistige Kultur, dann konnte auch kein
Staatswesen existieren; Steuern wiirde es nicht geben und so weiter;
denn alles dasjenige, was in diesen Dingen ist, von denen doch wohl
auch der Proletarier weift, daft sie der Entwickelung der Menschheit
notwendig sind, das flieftt aus dem Mehrwert. Aber der Proletarier
will etwas anderes. Und diejenigen verhullen die Tatsachen, die die
moderne proletarische Frage nur wie eine Brotfrage auffassen. Ge-
wifi, sie ist eine Brotfrage; aber darauf kommt es an, wie diese Brot-
frage gefiihlt wird. Aus ganz anderen Untergriinden heraus, aus dem
Gefiihle eines menschenunwiirdigen Daseins empfindet heute der
moderne Proletarier. Das ist es, worauf es ankommt. Und statt des
Gemeinsinnes fuhlt er den Klassenkampf zwischen sich und dem-
jenigen, mit dem er gemeinsam fur den sozialen Organismus
produziert.
Was also ist dann denn die Erfahrung dieses modernen Proleta-
ries im modernen Leben eigentlich? Indem man diese Frage auf-
wirft, sachgemafi, kommt man schon darauf, durch welche prakti-
schen Mafinahmen die proletarischen Forderungen der neueren Zeit
in der Zukunft befriedigt werden konnen. Man kann sagen: Jawohl,
bisher hat es sich in einer gewissen Weise als eine Wahrheit erwie-
sen, als eine Wahrheit der letzten Jahrhunderte, daft das geistige Le-
ben nur etwas wie ein Uberbau, wie eine Ideologic ist, wie ein
Rauch, der herauskommt aus dem, was das blofie Wirtschaftssystem
ist. Allein, tief im Innern empfindet der Proletarier die Sehnsucht
nach einem wirklichen Geistesleben, nach einem Geistesleben, das
da ist zur Befriedigung jedes menschlichen Daseins. Wenn er auch
sagt, alles Geistesleben komme aus der Wirtschaftsordnung heraus,
im Unbewulken will er gerade ein Geistesleben, das nicht aus der
Wirtschaftsordnung herauskommt, will er ein freies, auf sich selbst
gestelltes geistiges Leben, will er ein wahres geistiges Leben. Das ist
das eine.
Das zweite ist: Er sieht hin auf den modernen Staat. Was sieht er
in diesem modernen Staat? Er sieht in diesem modernen Staate den
Klassenkampf, und er hat das Gefuhl, da, wo der Klassenkampf
herrscht, da herrscht etwas nicht, was aus jedem menschlichen Be-
wufitsein heraus als eine notwendige Forderung des Lebens sich er-
gibt. In einer gesellschaftlichen Ordnung, in welcher der Klassen-
kampf herrschen kann, herrscht das Vorrecht; denn woher wiirde
der Kampf der leitenden Kreise gegen die besitzlosen Kreise kom-
men, wenn nicht von einem Vorrechte? Aber es darf nicht das Vor-
recht herrschen - so sagt die Seele -, es mufi das Recht herrschen.
Das ist die zweite Forderung. Das ist diejenige, die sich etwa so aus-
sprechen laftt: Der moderne Proletarier sieht in dem modernen Staat
die Verkorperung des Klassenkampfes. Er aber fordert auf dem Bo-
den, auf dem der Klassenkampf herrscht, das Recht. Und er sieht auf
dem Boden der modernen Wirtschaftsordnung sich dasjenige ent-
wickeln, was seine Arbeitskraft zu einer Ware macht. Er sieht sich
hineingespannt in diesen Wirtschaftsprozeft. Gewift, theoretisch hat
das Proletariat bisher als Wissenschaft aufgestellt, daft alles vom
volkswirtschaftHchen Leben abhangig ist. Allein in den Tiefen der
Seele, da wiihlt es: ich will unabhangig werden von jenem Wirt-
schaftsleben, das jetzt herrscht; ich will ein ganz anderes Leben, als
dasjenige, was von diesem Wirtschaftsleben abhangig ist.
Sehen wir von diesem Gesichtspunkte aus die groften, weithin
sprechenden Tatsachen der Gegenwart, die Europa beunruhigen,
und immer mehr beunruhigen werden, sehen wir sie uns an, dann
sprechen sie so: Aus rein materiellen Interessen der leitenden, fiih-
renden Kreise hat sich ein Geistesleben ergeben. Das ist nicht dasje-
nige, was alien Menschen ein menschenwiirdiges Dasein gibt. Aus
dem, was die leitenden Kreise unter der Entwickelung von Technik
und Kapitalismus aus dem modernen Staate gemacht haben, hat sich
ein Gemeinwesen des Vorrechtes, nicht des Rechtes ergeben. Und
Klassenkampf mufi aufhoren, Rechtsleben mull an dessen Stelle tre-
ten. Im Wirtschaftsleben hat sich ergeben, daft die Arbeitskraft ein-
gespannt wurde in die Warenzirkulation; auf den Warenmarkt
bringt man die menschliche Arbeitskraft. Herausgenommen werden
mufi aus dem reinen Wirtschaftskreislauf die menschliche Arbeits-
kraft. Das ist es, was sich in den jetzigen welthistorischen Tatsachen
ausspricht. Wodurch ist das alles gekommen?
Nun, man braucht nur einige Tatsachen, die sich aber verhun-
dertfachen lieften, einmal unter den Gesichtspunkt einer bestimm-
ten Frage zu stellen. Es wird Sie vielleicht uberraschen, daft hier ge-
rade von dem Gesichtspunkte gesprochen wird, den ich jetzt andeu-
te. Allein, wir stehen heute in einem entscheidenden Wendepunkte
der sozi
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