Damit der Mensch ganz Mensch werde

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 


Damit  der  Mensch  ganz 
Mensch  werde 

Die  Bedeutung  der  Anthroposophie 
im  Geistesleben  der  Gegenwart 

Sechs  Vortrdge,  gehalten  beim 
anthroposophischen  Hochschulkurs 
in  Den  Haag  vom  7.  bis  12.  April  1922, 
mit  einem  schriftlichen  Bericht  Rudolf  Steiners 
iiber  den  Hochschulkurs 


1994 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  G.  A.  Balaster 


1.  Auflage,  Dornach  1957 
2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1994 


Bibliographie-Nr.  82 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,Domach/Schweiz 
©  1994  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  WB-Druck,  Rieden 

ISBN  3-7274-0820-0 


den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  Rudolf  Steiners 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861  bis 
1925)  gliedert  sich  in  die  drei  grofien  Abteilungen:  Schrif- 
ten  -  Vortrage  -  Kunstlerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht 
am  Schlufi  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich 
wie  fiir  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthro- 
posophischen  Gesellschaft  zahlreichen  frei  gehaltenen 
Vortragen  und  Kursen  hatte  Rudolf  Steiner  urspriinglich 
nicht  gewollt,  dafi  sie  schriftlich  fetsgehalten  wiirden,  da 
sie  von  ihm  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte 
Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend 
unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  an- 
gefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das 
Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er 
Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der 
Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und 
die  fiir  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte. 
Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  muft 
gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt 
beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen 
werden  mussen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867  -  1948)  wurde 
gema£  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit 
erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INH ALT 


Erster  Vortrag,  Den  Haag,  7.  April  1922     ,    .  15 
Die  Anthroposophie  und  das  Geistesleben  der 
Gegenwart 

Anthroposophie  entstand  aus  dem  Wissenschaftsbediirf- 
nis.  Der  Kurs  priift,  ob  sie  auch  den  Lebensbedurfnissen 
der  Gegenwart  dient.  Der  heutige  Mensch  hat  seine  Ju- 
gend  verloren.  Konflikt  von  jung  und  alt.  Die  Menschen 
verstehen  sich  selber  nicht.  Konflikt  des  modernen  Wis- 
senschaftsgeistes  mit  den  Lebensbereichen  von  Kunst  und 
Religion.  Forderung  nach  Harmonie  in  den  Tiefen  der 
Seele.  Kunst  und  Religion  sind  heute  nicht  schopferisch, 
entstammen  aber  dem  Schopferischen.  Der  Pol  des  Selbst- 
bewufitseins.  Hegel,  Eduard  von  Hartmann.  Der  Gedanke 
hat  das  Selbstbewufksein  erzeugt,  verliert  darob  die  Wirk- 
lichkeit.  Ohnmacht  des  Ich.  Naturwissenschaftliche  Me- 
thode  fiihrt  nur  zum  Mechanismus.  Steigerung  des  Denkens 
fiihrt  aus  der  Einsamkeit  des  Selbstbewufitseins  in  die  Welt, 
aus  der  es  stammt.  Steigerung  des  Willens  ergreift  den 
Menschen  so,  wie  er  die  Maschine  ergreift.  Sehnsucht  nach 
dem  imaginativen  Denken,  um  sich  selber  zu  verstehen. 
Erst  die  inspirierte  Erkenntnis  versteht  das  Kind,  die  in- 
tuitive das  Leben  vor  dem  Zahnwechsel.  Ohne  solche 
Erkenntnisse  geht  uns  unsere  Jugend  verloren. 

Zweiter  Vortrag,  8.  April  1922    48 

Die  Stellung  der  Anthroposophie  in  den 
Wissenschaften 

Anthroposophie  hat  einen  anderen  Ausgangspunkt  als 
Mystik  und  Okkultismus.  Die  Haltung  des  Mathemati- 
sierens  als  Ausgangspunkt.  Der  dreidimensionale  Raum 
entstammt  dem  Menschenwesen  und  ist  dennoch  objek- 
tiv.  Das  Bilden  der  drei  Dimensionen  im  Kindheitsalter. 
Ubertragung  des  Vorgangs  auf  die  Sinnesempfindung. 


Aufstieg  zu  imaginativer  Erkenntnis.  Gesamtanschauung 
des  Qualitativen  der  Welt  steht  schon  im  Ubersinnlichen. 
Die  Raumstrukturen  sind  seine  erste  Stufe.  Die  vierte  Di- 
mension ist  mehr  als  abstrakte  Fortsetzung  der  drei 
anderen.  Vierte,  funfte  und  sechste  Dimension  heben  die 
dritte,  zweite  und  erste  auf.  Der  Raum  wird  geistbeladen. 
Der  Gegensatz  zwischen  analytischer  und  synthetischer 
Geometrie  klart  den  Gegensatz  zwischen  dem  Schauen 
der  sinnlichen  und  der  geistigen  Welt.  Durchschauen  des 
Mathematisierens  wird  Axiom  des  Hellsehens.  Das  wis- 
senschaftliche  Denken  hat  sich  an  der  Mathematik  aus- 
gebildet.  Zwei  altere  Wege  der  Erkenntnis:  Atemiibungen 
des  Joga  und  Gedankenerleben  der  Griechen.  Ergebnis 
des  ersten  Weges  war  eine  anschauliche  Begriffswelt.  Der 
Grieche  hatte  den  Gedanken  ungetrennt  von  der  Sinnes- 
welt.  Erst  durch  Ubung  wurde  er  abgesondert.  Die  sieben 
freien  Kiinste  des  Mittelalters.  Der  Ubungsweg  der  An- 
throposophie  ist  Fortsetzung  des  Weges,  der  von  den 
Jogaiibungen  zur  Praxis  der  freien  Kiinste  gefuhrt  hat. 
Anthroposophie  ein  notwendiger  Schritt  der  Mensch- 
heitsgeschichte. 

Dritter  Vortrag,  9.  April  1922   

Die  bildende  Kunst 

Die  Absicht  eines  Baues  fur  die  Anthroposophie.  Ein 
Bau  im  traditionellen  Stil  hatte  die  tieferen  Ziele  der  An- 
throposophie verleugnet.  Anthroposophie  will  auch  aus 
kunstlerischem  Geiste  sprechen.  Der  Bau:  Vergleich  mit 
Nufikern  und  Schale.  Gefahren  von  Symbolik  und  Alle- 
goric Gegensatz:  jede  Form  soli  durch  sich  selber  etwas 
sein.  Die  bildende  Kunst  geht  von  der  menschlichen  Ge- 
stalt  aus  und  fuhrt  zu  ihr  zuriick.  Plastische  Kunst  liegt 
aller  bildenden  zugrunde.  Der  plastische  Raum  anders  als 
der  mathematische.  Hineinempfinden  in  den  Organismus 
find  et  die  drei  Dimensionen  des  gewohnlichen  Raumes. 
Durch  imaginative  Erkenntnis  findet  man  die  Konfigura- 
tion  des  Umkreises.  Gegenbild  des  dreidimensionalen 
Raurnes:  aus  Sternanhaufungen  werden  Bilder.  Der  Raum, 
der  in  Flachen  plastisch  wirkt.  Der  Bildekrafteleib.  «Des 


Wesens  Sch6nheit».  Seine  Bildung  von  der  Peripherie  her. 
Steigerung  durch  bildende  Kunst.  Hauptesbildung,  Brust- 
und  Gliedmafienbildung  im  bildhauerischen  Blick.  Das 
Gestalten  des  aus  dem  Kosmos  aufgedriickten  Geprages. 
Das  Formen  der  Beine  ist  unkiinstlerisch.  Umkleidung  ist 
kiinstlerisch  notig.  Darstellen  von  Auge,  Stirn,  Nase,  Mund. 
Die  Hautform  ist  Resultierende  aus  den  peripherischen 
Kraften  von  aufien  und  den  zentrifugalen  von  innen.  Der 
bildhauerische  Raum  schafft  Gestalten  aus  sich  heraus. 
Die  Krafte,  die  den  Menschenkeim  gestalten,  sind  so  we- 
nig  im  Leibe  der  Mutter  wie  diejenigen,  welche  die 
Magnetnadel  richten,  in  der  Nadel  sind.  Der  Bildekrafte- 
leib  erfordert  das  Kiinstlerische.  Bilden  einer  Pflanze 
ist  Stiimperei.  Das  Tier  kann  plastisch  gestaltet  werden. 
Plastik  und  Malerei.  Hervorgehen  der  Eurythmie  aus  der 
Anthroposophie.  Die  Offenbarung  der  menschlichen  We- 
senheit  in  Laut  und  Gesang  kann  verbreitert  werden. 
Goethes  Metamorphosenlehre.  Plastische  Kunst  schafft  von 
aufien  nach  innen;  Eurythmie  von  innen  nach  aufien.  Die 
Hirten  und  die  Imagination  der  Sterne.  Daraus  entstand 
Plastik.  Anthroposophie  erlebt  Tragik  und  Jauchzen  der 
Seele  mit:  Eurythmie.  Wissenschaft,  Religion  und  Kunst. 

VlERTER  VORTRAG,  10.  April  1922   

Die  anthroposophische  Forschungsmethode 
Intellektuelle  Bescheidenheit  und  Ausbildung  der  Er- 
kenntniskrafte.  Was  von  der  ersten  Kindheit  an  sich 
abgespielt  hat,  mufi  fortgesetzt  werden.  Was  zum  For- 
schen  notig  ist,  ist  nicht  zum  Verstehen  notig.  Erstes  Axiom 
der  Forschungsmethode  in  der  «Philosophie  der  Freiheit». 
Das  Moralische  so  aufsuchen  wie  das  Mathematische. 
Novalis'  Respekt  vor  der  Mathematik.  Die  moralischen 
Impulse  sind  elementare  Intuitionen,  zugleich  Inspira-tio- 
nen  und  Imaginationen.  Umwandlung  des  Vorstel- 
lungslebens.  Sinneswahrnehmung  und  Gedachtnis.  Will- 
kurlich  ins  Bewufksein  versetzte  Vorstellungen  so  lebendig 
haben  wie  Sinneseindriicke.  Imagination.  Das  Leben  der 
Seele,  das  schon  im  kleinen  Kinde  schaffend  war,  taucht 
auf.  Das  gewaltige  Tableau  des  iibersinnlichen  Menschen. 


Das  leere,  aber  wache  Bewulksein.  Erwartung  und 
Hereindringen  der  geistigen  Welt.  Im  Gegensatz  zu  Visio- 
nen  und  Halluzinationen  bleibt  daneben  der  gesunde 
Menschenverstand  bestehen.  Astralleib.  Die  eine  Seite 
der  Ewigkeit:  Ungeborenheit.  Die  leiblichen  Organe  als 
Spiegelungen  der  geistigen  Welt.  Willensiibungen.  Wie  der 
Wille  im  Menschen  lebt.  Motorische  Nerven  gibt  es  nicht. 
Das  Bild  des  Todes  im  intuitiven  Erkennen.  Unsterblich- 
keit.  Welt  geistiger  Wesen.  Das  Moralische  ein  Uber- 
sinnliches,  dem  gewohnlichen  Bewuiksein  zuganglich. 
Anthroposophie  will  nicht  in  Opposition  sein  zur  Na- 
turwissenschaft.  Sie  will  iiber  die  Physiognomie  hinaus 
die  Seele  der  Natur  erfassen. 

FtJNFTER  VORTRAG,  11.  April  1922   

Wichtige  anthroposophische  Resultate 

Der  Atherleib  als  Zeitorganismus.  Objektiv  und  Subjektiv 
verlieren  in  der  Atherwelt  ihre  Bedeutung.  Ratsel  von 
Schlafen  und  Wachen.  Ermiidung.  Der  Atherleib  im  Schlaf. 
Ubersattigung  am  Leibe  und  an  der  Aufienwelt  hat  den 
Schlaf  herbeigefiihrt.  Das  Aufwachen:  Begierde  nach  dem 
Leib.  Verwandtschaft  mit  der  letzten  Zeit  vor  einer  Ver- 
korperung.  Aufwachen:  das  Denken  ergreift  Sinne  und 
Nervensystem,  das  Fiihlen  das  rhythmische  System.  Der 
Wille  ist  im  Wachen  und  im  Schlafen  im  Stoffwechselsy- 
stem.  Traumen:  das  Seelische  ergreift  den  Atherleib,  aber 
den  physischen  nur  teilweise.  Wachend  verschwindet  der 
denkende  Teil  der  Seele  ins  Physische,  der  fiihlende  nur 
partiell;  der  wollende  bleibt  vollstandig  bestehen.  Denken 
lernen  ohne  den  physischen  Apparat.  Motorische  Nerven 
erscheinen  im  Schauen  wie  sensitive.  Im  Aufwachen  setzen 
sich  zwischen  andere  Stoffe  auch  aus  dem  Geiste  gebildete 
Stoffe  ab.  Materieschopfung  -  Materiezerstorung.  Der 
Mensch  als  dreigliedriges  Wesen.  Das  Gehirn  ist  ein  Bild 
des  seelischen  Lebens,  die  Furchen  sind  ein  immerwah- 
render  Prozefi.  Weniger  Bild  ist  die  rhythmische  Or- 
ganisation, am  wenigsten  der  Stoffwechselorganismus.  Das 
Tier  ist  nicht  dreighedrig,  sondern  zweigliedrig.  Die  Ge- 
danken  als  vom  Geist  erzeugte  Bilder.  In  der  hoheren 


Erkenntnis  steht  der  Mensch  aufierhalb  seiner  selbst.  Es 
schwindet  der  Unterschied  von  Subjekt  und  Objekt. 
Grundlage  der  Kosmologie.  Das  den  ganzen  Kosmos 
durchdringende  Sonnenhafte.  Absteigendes  Leben  im 
Mondenhaften.  Beziehung  zu  den  Organmetamorphosen. 
Das  Verfolgen  ihres  Zusammenwirkens  ergibt  eine  ratio- 
nelle  Heilmittellehre.  Die  anthroposophische  Medizin  baut 
an  der  vorhandenen  Medizin  weiter.  Verlust  des  Geistes 
aus  der  Sprache.  Fritz  Mauthners  «Kritik  der  Sprache». 
Ein  Geschichtsergebnis  der  Anthroposophie:  Verlust  eines 
seelischen  Miterlebens  der  physischen  Entwicklung  im 
hoheren  Alter.  Stiitze  des  geistigen  Lebens  in  fniheren 
Zeiten.  Das  Jiingerwerden  der  Menschheit.  Anhaltspunkte 
dafiir  aus  Lebensbeobachtung  und  Geschichte.  Gegensatz 
zum  biogenetischen  Grundgesetz.  Forderung  einer  Pad- 
agogik,  die  Begriffe  so  vermittelt,  daft  sie  mit  dem  Leben 
weiterwachsen. 

Sechster  Vortrag,  12.  April  1922   

Anthroposophie  und  Agnostizismus 

Ziel  des  Strebens:  der  Mensch  mochte  ganz  Mensch  wer- 
den.  Ich-Wahrnehmung  zuniichst  so  wie  ein  schwarzer 
Fleck  auf  weifiem  Grund.  Die  eigentliche  denkerische  Kraft 
nimmt  vom  Physischen  nur  das  Luftartige  in  Anspruch. 
Erinnerungsf  ahigkeit  kommt  erst  zustande  durch  das  voile 
Untertauchen  in  den  Organismus.  Der  Willensimpuls 
vernichtet  im  fliissigen  Organismus  Materie,  was  die 
Gleichgewichtslage  verandert.  Bewegung  des  Leibes  als 
Wirkung.  Beispiel:  das  Aussprechen  des  Wortes  «hier». 
Wie  der  Gedanke  den  Atem  ergreift,  ist  Erkenntnis  der 
Imagination.  Inspiration  schaut  das  Seelische  im  Orga- 
nismus, Intuition  das,  was  einen  im  Leben  zu  dem  macht, 
was  man  geworden  ist.  Das  Planvolle  im  Leben.  Karl 
Ludwig  Knebel.  Das  Selbstwesen  in  uns.  Wiederholte 
Erdenleben.  Seit  wann  und  wie  lange  es  sie  geben  wird. 
Beweise  sind  dort  notig,  wo  Anschauung  fehlt.  Der  Vor- 
wurf  der  Gnosis:  Anthroposophie  kann  nicht  Gnosis  sein, 
weil  sie  mit  der  Naturwissenschaft  rechnet.  Beide  sind  das 
Gegenteil  des  Agnostizismus,  aber  auf  verschiedene  Art. 


Der  Agnostizismus  eines  Herbert  Spencer.  Agnostizismus 
als  Verderber  echten  Menschentums  und  Agnostizismus 
als  notwendige  Erscheinung  in  der  Menschheitsentwick- 
lung.  Notwendigkeit  des  reinen  Phanomenalismus  in  der 
Naturwissenschaft.  Verzicht  auf  Konstruktionen  hinter 
den  Phanomenen.  Urphanomene.  Atome  als  Tragheitser- 
scheinung  des  Denkens.  Berechtigung  des  phanomenalen 
Atomismus.  Das  Lesen  in  der  Sinneswelt.  Goethe.  William 
James.  Die  Philosophic  des  Als  Ob.  Griechen  haben  Ideen 
in  der  Welt  aktiv  gesehen.  Erkenntnis  im  alten  Sinn  ist 
Phanomenalismus  nicht.  Der  Einwand  des  jungen  Rudolf 
Steiner  gegen  den  Teleologen  Cossmann:  die  Uhr  und  der 
Uhrmacher.  Der  Geist  ist  auf  anderen  Wegen  aufzusuchen 
als  die  Gesetze  der  Uhr.  Anthroposophie  ist  bemiiht,  den 
Phanomenalismus  voll  zu  begriinden.  Die  kraftlosen  Vor- 
stellungen  des  Agnostizismus  lassen  aber  die  Gefiihle 
schwach.  Sentimentalitat  und  Unwahrhaftigkeit  in  der 
Kunst.  Unentschlossenheit.  Anthroposophie  ftigt  dem 
Phanomenalismus  Imagination,  Inspiration,  Intuition  bei. 
Sieht  im  geschichtlichen  Dasein  das  Einwohnen  des 
Christus  in  den  Leib  des  Jesus.  Sonst  hat  Phanomenalismus 
den  Agnostizismus  im  Gefolge.  Der  Phanomenalismus  der 
«Philosophie  der  Freiheit»  und  das  intuitive  Erleben  des 
moralischen  Impulses.  Moderne  Ideologic  und  indische 
Maja  sind  entgegengesetzte  Pole.  Hat  das  Denken  nur 
Bildcharakter,  ist  es  nicht  mehr  Ursache  der  Handlung. 
Erziehung  zur  Freihek.  Um  den  Schicksalsbegriff  hinzu- 
stellen  war  zuerst  der  Freiheitsbegriff  notig.  Das  wirklich 
Geistige  wird  erst  gesucht,  wenn  das  Instinktiv-Geistige 
aus  der  Umgebung  verschwunden  ist.  In  die  Anthropo- 
sophie haben  sich  zunachst  schlichte  Menschengemiiter 
eingefunden.  Schwierigkeiten  fiir  Wissenschafter.  Erfah- 
rung  mit  einem  gelehrten  theosophischen  Botaniker. 
Neuere  anthroposophische  Wissenschafter.  Uberblick  liber 
die  Anwendungen  der  Anthroposophie.  Urteilsfahige 
Kritiker  sind  willkommen. 


Fragenbeantwortung,  12.  April  1922  .  . 

1.  Zum  mehrdimensionalen  Raum  /  2.  Zum  Zeitleib 


ANHANG 


Prospekt  des  Kurses  mit  Programm  239 

Meine  hollandische  und  englische  Reise  (I) .    .    .  243 

Bericht  Rudolf  Steiners  iiber  den  Hochschulkurs  in 
Den  Haag,  in  «Das  Goetheanum»  vom  7.  Mai  1922 

* 

Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe  251 

Hinweise  zum  Text  252 

Namenregister  261 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  263 


ERSTER  VORTRAG 


DIE  ANTHROPOSOPHIE  UND 
DAS  GEISTESLEBEN  DER  GEGENWART 

Den  Haag,  7.  April  1922 

Was  ich  heute  abend  vorzubringen  habe,  wird  nur  eine 
bescheidene  Einleitung  sein  zu  demjenigen,  was  ich  mich 
bemiihen  werde,  in  den  nachsten  Abenden  hier  in  ein- 
zelnen  Kapiteln  xiber  die  Anthroposophie  auseinander- 
zusetzen. 

Anthroposophie  ist  nicht  etwa  so  entstanden,  dafi 
gefragt  worden  ware:  Welches  sind  die  Bediirfnisse, 
welches  ist  das  Suchen  unseres  gegenwartigen  Zeit- 
alters,  welche  Interessen  und  Sehnsiichte  hat  dieses 
gegenwartige  Zeitalter  in  bezug  auf  sein  Geistesleben? 
Das  ware  eine  abstrakte  Frage.  Und  so,  wie  man  auch 
im  gewdhnlichen  Leben  in  der  Regel  dasjenige  nicht 
findet,  was  man  sucht,  ohne  dafi  man  davon  eine  or- 
dentliche  Vorstellung  hat,  so  wird  man  wohl  auch  nicht 
das  Suchen  im  geistigen  Leben  eines  Zeitalters  befrie- 
digen  konnen,  wenn  man  nicht  schon  ausgeht  von 
einer  ganz  bestimmten,  konkreten  Vorstellung  des- 
jenigen,  wonach  dieses  Zeitalter  sucht.  Aber  obgleich 
Anthroposophie  nicht  von  diesen  abstrakten  Fragen 
ausgegangen  ist,  wird  doch  nachher  davon  gesprochen 
werden  konnen,  ob  sie,  nachdem  sie  nun  einmal  da 
ist,  die  wichtigsten  Fragen  und  Bediirfnisse  unseres 
Zeitalters  in  irgendeinem  Sinne  geistig  befriedigen 
kdnne. 


Anthroposophie  ist  namlich  ausgegangen  von  den 
Bediirfnissen  der  Wissenschaft  selber,  wie  sich  diese  in 
unserem  Zeitalter  herausgebildet  hat,  nachdem  sie  ih- 
ren,  man  darf  schon  sagen,  grofien,  gewaltigen  Sieges- 
zug  durch  die  letzten  drei  bis  vier  Jahrhunderte  vollen- 
det  hat.  Anthroposophie  ist  aus  dieser  Wissenschaft- 
lichkeit  hervorgegangen,  indem  gleichzeitig  versucht 
wurde,  sorgsam  einzugehen  auf  dasjenige,  was  befruch- 
tend  fur  den  wissenschaftlichen  Geist  der  Gegenwart 
die  Goethesche  Weltanschauung  liefern  kann.  So  da£ 
man  sagen  kann  -  gestatten  Sie  diese  personliche  Be- 
merkung  -:  Als  sich  mir  die  Notwendigkeit  einer  an- 
throposophischen  Geisteswissenschaft  ergab,  war  es  auf 
der  einen  Seite  die  Meinung,  dafi  gerade  der  gegenwar- 
tige  Wissenschaftsgeist  sich  hinentwickeln  miisse  zu 
einer  Erfassung  des  iibersinnlichen  Lebens  aus  der  Wis- 
senschaft heraus,  und  es  war  dann  zweitens  dasjenige, 
was  zu  gewinnen  war  aus  einer  lebendigen  Auffassung 
der  Goetheschen  Weltanschauung,  das  verbunden  wurde 
mit  diesem  wissenschaftlichen  Streben  selbst.  Diese 
Entwickelung  habe  ich  fiir  die  Anthroposophie  gesucht 
seit  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts.  Wenn 
man  heute  Ansichten  iiber  Anthroposophie  hort,  die 
mehr  an  der  Oberflache  geschopft  werden,  so  lauten 
diese  ja  oftmals  so,  als  ob  aus  dem  Chaos,  das  sich  fiir 
das  Geistesleben  der  ganzen  zivilisierten  Welt  ja  doch 
schon  wahrend  und  nach  der  Kriegskatastrophe  erge- 
ben  hat,  wie  ein  dunkles,  mystisches  Wollen  auch  diese 
Anthroposophie  hervorgegangen  ware.  Das  ist  eben 
durchaus  nicht  der  Fall.  Diese  Anthroposophie  arbeite- 
te  in  ernster  Weise,  wie  wohl  gesagt  werden  darf,  schon 
jahrzehntelang  und  ist  aus  ganz  anderen  Voraussetzun- 
gen  hervorgegangen. 


Aber  wie  gesagt,  nachdem  sie  einmal  da  ist,  kann 
gefragt  werden:  Kommt  sie  einem  Bediirfnis,  einer  Sehn- 
sucht  im  Geistesleben  unserer  Zeit  entgegen?  -  Um  diese 
Frage  zu  beantworten,  wird  man  wohl  hinschauen  miissen 
auf  den  besonderen  Charakter,  auf  die  tieferen  Eigen- 
tumlichkeiten  des  Geisteslebens  unseres  Zeitalters.  Da 
wird  man,  wie  ich  glaube,  zunachst  einen  Zug  finden,  der 
ganz  besonders  charakteristisch  ist.  Gewifi,  wenn  man  so 
etwas  ausspricht,  kann  einem  jemand  zahlreiche  Aus- 
nahmen  entgegenhalten.  Sie  sollen  auch  gar  nicht  in 
Abrede  gestellt  werden.  Allein,  dasjenige,  was  ich  cha- 
rakterisieren  mochte,  das  ist  der  allgemeine  Zug  im  Le- 
ben  der  Menschen  dieses  Zeitalters. 

Miissen  wir  uns  in  der  Gegenwart  nicht  sagen,  wenn 
wir  ein  wenig  alter  geworden  sind,  daft  wir  zumeist  ohne 
Freudigkeit,  ohne  enthusiastische  Hingebung  an  die 
Aufgaben  des  Lebens  gerade  heute  herantreten?  Das 
scheint  eine  pessimistische  Ansicht  zu  sein,  will  es  aber 
nicht  sein.  Sie  will  nur  einfach  mit  offenen  Augen  an- 
schauen,  was  doch  eben  ein  durchgreifender  Zug  im 
Leben  der  gegenwartigen  Menschen  ist.  Wir  wachsen 
heran,  werden  unterrichtet,  werden  durch  das  Leben 
wohl  auch  weiter  gebracht.  Wenn  wir  dann  den  eigenen 
Berufsaufgaben,  wenn  wir  den  Leiden  und  auch  sogar 
den  Freuden  des  Lebens  gegenuberstehen,  so  wissen  wir 
uns  nicht  mit  unserer  vollen  Menschlichkeit  heute  in  die 
Lage  der  Welt  hineinzufinden.  Und  aus  diesem  Zug 
heraus  wird  sich  gerade  fur  unser  Zeitalter  ein  wichtig- 
stes  Betrachtungsgebiet  ergeben,  das  sogleich  charakteri- 
stisch hinweist  auf  die  tief  sten  Eigentumlichkeiten  unserer 
Zeit.  Wenn  wir  im  spateren  Leben  heute  als  Menschen 
stehen,  so  konnen  wir  nicht  mehr  hinblicken  in  der 
Ruckschau,  in  der  Erinnerung  auf  unsere  Jugend,  auf 


unsere  Kindheit,  wie  doch  einmal  der  Mensch  auf  diese 
Jugend,  auf  diese  Kindheit  hingeblickt  hat.  Derjenige, 
der  eine  gewisse  innerliche  Geschichtsforschung  getrie- 
ben  hat,  der  kann  das  durchaus  sagen.  Wenn  wir  in 
unsere  Kindheit,  in  unsere  Jugend  zuriickblicken,  so 
steigt  uns  aus  dieser  Kindheit,  aus  dieser  Jugend  nicht 
dasjenige  herauf,  was  uns  mit  Freudigkeit,  mit  Enthu- 
siasmus,  mit  Initiative  erfiillt,  was  uns  Kraft  gibt  aus 
einer  Zeit,  die  wir  aufterlich  zwar  verloren  haben,  die 
aber  innerlich  in  uns  sein  konnte  als  uns  innerKch  be- 
feuernd,  uns  innerlich  erkraftend.  Es  1st  zwar  radikal 
ausgesprochen,  aber  es  ist  in  einem  gewissen  Sinne  doch 
der  Fall:  Wir  haben  als  erwachsene  Menschen  unseres 
Zeitalters  zum  groften  Teil  unsere  Jugend,  unsere  Kindheit 
verloren.  Und  das  zeigt  sich  ja  insbesondere  darin,  daft 
wir  auch,  wenn  wir  jetzt  mehr  den  Blick  auf  das  soziale 
Leben  werfen,  als  erwachsene  Menschen  uns  so  schwer 
mit  der  Jugend  verstandigen  konnen.  Es  ist  ein  allgemeiner 
Zug  wiederum  unseres  Zeitalters,  daft  in  der  Jugend  ein 
garendes  Streben  ist,  daft  aber  diese  Jugend  im  weiten 
Felde  zu  der  Anschauung  kommt,  das  Alter  konne  ihr 
nicht  mehr  dasjenige  sein,  wonach  ihr  Herz,  wonach  ihre 
Seele  verlangt.  Eine  tiefe  Kluft  ist  in  unserem  Zeitalter 
eingetreten  -  mancher  gesteht  sich  das  nicht,  aber  es  ist 
doch  so  -  zwischen  der  Jugend  und  der  erwachsenen 
Generation.  Gerade  diese  Kluft  weist  aber  darauf  hin, 
daft  der  Mensch,  der  aus  seiner  vollen,  kindlichen  Ju- 
gendmenschlichkeit,  mochte  man  sagen,  dasjenige  sich 
mit  in  die  Welt  heute  bringt,  was  er  eben,  mag  er  nun 
welchen  Ursprungs  immer  sein,  doch  mitbringt  durch 
die  Geburt  in  dieses  physische  Dasein  -,  daft  der  Mensch 
nicht  findet,  was  er  von  dem  Leben  fordert  kraft  des 
Ewigen,  das  mit  ihm  geboren  wird.  Gerade  dadurch,  daft 


der  jugendliche  Mensch  das  nicht  findet  in  dem  Geistes- 
leben,  in  dem  Leben  iiberhaupt,  gerade  dadurch  offenbart 
sich,  was  unserer  Gegenwart  so  stark  fehlt.  Jugendbewe- 
gung,  das  ist  ja  ein  geflugeltes  Wort  heute  geworden. 
Und  Jugendbewegung,  sie  offenbart  sich  insbesondere 
auch  bei  derjenigen  Jugend,  welche  hineinwachst  in  die 
geistigen  Berufe;  welche  hineinwachst  in  ein  Leben,  durch 
das  der  Mensch  fiihrend  werden  soil  fur  die  geistigen, 
auch  fur  die  sozialen,  fur  die  moralischen,  fur  die 
kunstlerischen,  fur  die  religiosen  Bediirfnisse  seines 
Zeitalters. 

Und  wenn  wir  uns  nun  fragen:  Warum  befriedigt  so 
wenig  dasjenige,  was  an  Geistesleben  da  ist,  den  heran- 
wachsenden  Menschen?  -,  dann  wird  uns  diese  Frage 
vielleicht,  wenn  auch  nicht  voll  beantwortet,  so  doch 
wenigstens  beleuchtet  dadurch,  dafi  wir  auf  die  verschie- 
denen  Zweige  unseres  Geisteslebens  heute  hinschauen: 
Innerhalb  des  Horizontes,  der  sich  uns  da  darbietet  auf 
wissenschaftlichem,  auf  kiinstlerischem,  auf  sittlichem, 
auf  sozialem,  auf  religiosem  Gebiet,  finden  wir,  daft, 
wenn  ich  mich  so  ausdriicken  darf,  diese  einzelnen  Zweige 
des  Lebens,  die  der  Mensch  doch  braucht,  wenn  er  zu 
einer  vollen  Personlichkeit  werden  soil,  sich  selbst  nicht 
mehr  verstehen,  und  dafi  sie  daher  im  Menschen,  in  der 
menschlichen  Personlichkeit,  einander  widerstreiten. 

Derjenige  ware  ein  Tor,  der  heute  sich  auflehnen 
wollte  gegen  dasjenige,  was  der  Wissenschaftsgeist  der 
letzten  Jahrhunderte,  insbesondere  seit  der  Mitte  des  15. 
Jahrhunderts,  in  der  Gesamtentwickelung  der  Mensch- 
heit  heraufgebracht  hat.  Und  Anthroposophie  darf  durch- 
aus  nicht  so  aufgefalk  werden,  als  ob  sie  nur  in  irgend- 
einer  Beziehung  in  eine  Oppositionsstellung  sich  be- 
geben  mochte  gegen  diesen  Wissenschaftsgeist  unseres 


Zeitalters.  Dieser  Geist  hat  heraufgebracht  im  wissen- 
schaftlichen  Forschen  selber  eine  ungeheure  Gewissen- 
haftigkeit  und  Exaktheit  der  Methoden.  Ich  mochte  sa- 
gen,  dasjenige  ist  die  erste  Frage  geworden  fiir  diesen 
Wissenschaftsgeist:  Wie  kann  man  Sicherheit,  wie  kann 
man  Gewiftheit  im  Wahrheitsforschen  erlangen?  -  Nach 
Sicherheit,  nach  Gewiftheit  im  Wahrheitsforschen  drangt 
dieser  Wissenschaftsgeist  der  Gegenwart.  Und  Unge- 
heures  ist,  nun  nicht  nur  fiir  die  Erkenntnis,  sondern 
auch  fiir  das  praktische  Leben,  namentlich  in  bezug  auf 
die  technischen  Gebiete  unseres  Zeitalters,  geleistet 
worden.  Und  dennoch,  wenn  wir  uns  fragen:  Befriedigt 
dieser  Wissenschaftsgeist  gerade  den  drangenden  Ju- 
gendsinn,  wachst  die  heutige  Jugend  in  diesen  Wissen- 
schaftsgeist so  hinein,  daft  sie  fiihlt,  da  ist  etwas,  was  ihr 
entgegenstromt  fiir  ihre  voile  Menschlichkeit?  -  wir 
konnen  diese  Frage  nicht  bejahen.  Wird  sie  bejaht,  dann 
ist  es  deshalb,  weil  man  sich  leeren  Illusionen  hingibt 
oder  weil  man  einen  Nebel  vor  das  geistige  Auge  breiten 
will.  Denn  dieser  Wissenschaftsgeist  steht  in  merkwiir- 
digem  Konflikt  mit  anderen  Gebieten  des  Lebens. 

Da  sehen  wir  zunachst  das  kunstlerische  Gebiet.  In- 
dem  man  den  Wissenschaftsgeist  ausgebildet  hat  mit 
seinen  exakten  Methoden,  seinem  streng  geschulten 
Denken,  fiihlen  die  Kiinstler,  fuhlen  diejenigen,  welche 
kiinstlerisch  das  Leben  verfolgen  wollen,  welche  kiinst- 
lerisch  genieften  wollen,  daft  sie  eigentlich  das  Kunstleri- 
sche fernhalten  miissen  von  diesem  Wissenschaftsgeist. 
Wir  horen  es  heute  iiberall,  daft  dasjenige,  was  die  Kunst 
gestalten,  was  die  Kunst  bilden  will,  aus  ganz  anderen 
menschlichen  Quellen  herkommen  miisse  als  dasjenige, 
was  auf  eine  gewisse,  intellektualistisch  beobachtende 
Art  die  Wissenschaft  ergriindet.  Und  wenn  jemand  her- 


eintragen  will  den  heutigen  Wissenschaftsgeist  in  das 
kunstlerische  Schaffen,  dann  hat  man  das  Gefuhl,  dafi  er 
dieses  kunstlerische  Schaffen  verdirbt,  dafi  der  Wissen- 
schaftsgeist in  der  Kunst  nichts  zu  suchen  habe,  daft  die 
Wissenschaft  die  Wahrheit  auf  eine  Weise  erforscht,  die 
nicht  iibertragen  werden  darf  auf  das  Kunstlerische. 

Nun,  eine  solche  strenge  Trennung  desjenigen,  was 
der  Mensch  von  der  Welt  sich  offenbaren  lafk  durch  den 
Kunstlersinn  auf  der  einen  Seite  und  durch  den  Wis- 
senschaftsgeist auf  der  anderen  Seite,  eine  solche  strenge 
Trennung  kannte  das  Griechentum,  innerhalb  dessen  auf 
der  einen  Seite  doch  schon  ein  glanzender  Wissen- 
schaftsgeist entsprungen  ist  und  auf  der  anderen  Seite 
eine  ideale  Kunst  -  eine  solche  Trennung  kannte  der 
griechische  Geist  nicht.  Und  noch  in  der  neuesten  Zeit 
wollte  eine  solche  Trennung  auch  Goethe  nicht,  der  sich 
ja  ganz  vertieft  hat  in  die  griechische  Weltanschauung. 
Goethe  wollte  zum  Beispiel  gar  nicht  sprechen  von  einer 
abgesonderten  Idee  von  Wahrheit,  von  Schonheit,  von 
Religion  oder  Frommigkeit.  Goethe  wollte  die  Idee  als 
eine  wissen,  und  in  Religion  und  Kunst  und  Wissenschaft 
wollte  er  nur  verschiedene  Offenbarungen  der  einen 
geistigen  Wahrheit  sehen.  Goethe  sprach  von  der  Kunst 
als  von  einer  Offenbarung  geheimer  Naturgesetze,  wel- 
che  ohne  die  Kunst  niemals  offenbar  werden  wtirden. 
Fur  Goethe  war  geradezu  die  Wissenschaft  etwas,  das  er 
auf  die  eine  Seite  hinstellte,  das  eine  andere  Ausdrucks- 
weise  hat  als  die  Kunst;  auf  der  anderen  Seite  war  ihm  die 
Kunst  etwas,  was  wiederum  eine  andere  Ausdrucksweise 
hat.  Aber  nur  wenn  beide  zusammen  im  Menschen 
wirken,  kann  der  Mensch  auch  im  Goetheschen  Sinne 
die  ganze  voile  Wahrheit  ergriinden.  Heute  denkt  man 
daran,  wie  der  Wissenschaftsgeist,  der  von  Schluftfolge- 


rung  zu  Schlufifolgerung,  von  Beobachtung  zu  Beob- 
achtung,  von  Experiment  zu  Experiment  exakt  geht,  den 
Zusammenhang  der  kiinstlerischen  Phantasie  untergraben 
miisse;  wie  keine  Berechtigung  vorliege,  durch  die  Kunst 
selber  irgend  etwas  von  der  Wahrheit  der  Welt  ergriin- 
den  zu  wollen.  Wie  man,  mit  anderen  Worten,  eine 
strenge  Trennung  vollziehen  miisse  zwischen  Kunst  und 
Wissenschaft.  Miissen  wir  da  nicht  sagen,  daft  die  Wis- 
senschaft  auf  der  einen  Seite  nach  Gewiftheit,  nach  einer 
gewissenhaften  Methode  strebt,  daft  sie  vor  alien  Dingen 
Sicherheit  haben  will,  daft  sie  die  Dinge  so  hinstellen 
will,  wenn  ich  mich  so  ausdriicken  darf,  daft  sie  stehen- 
bleiben  konnen  und  anerkannt  werden  miissen  von  jedem 
unbefangenen  Menschengemiite?  Aber  indem  man  eben 
gerade  diese  grofte  Sicherheit  erstrebt,  hat  man  zu  dem, 
was  man  da  ergriindet  von  Natur  und  Mensch  durch 
diese  Wissenschaft,  nicht  das  Vertrauen,  daft  es  nun  auch 
irgendwie  eine  Bedeutung  haben  konne  fur  etwas,  was 
doch  auch  zur  Befriedigung  des  ganzen  Menschen  gehort: 
fur  das  kiinstlerische  Schaffen  oder  kiinstlerische  Ge- 
nieften.  Man  griindet  eine  festgefiigte  Wissenschaft,  aber 
man  hat  zu  ihr  nicht  das  Vertrauen,  daft  sie  mitsprechen 
diirfe  da,  wo  es  sich  handelt  um  noch  menschlichere 
Bediirfnisse,  wenigstens  innerlichere  menschliche  Be- 
diirfnisse  als  diejenigen  der  Wissenschaft  selber  sind:  die 
kiinstlerischen  Bediirfnisse.  Gewifi,  logisch  kann  man 
die  reinliche  Scheidung  zwischen  Wissenschaft  und  Kunst 
durchfiihren.  Ich  kann  es  jedem  nachfiihlen,  der  da  sagt: 
Ach,  das  ist  ja  nur  eine  Phraseologie,  eine  Rederei,  wenn 
da  irgend  jemand  in  einem  abfalligen  Sinne  spricht  von 
dieser  Scheidung  zwischen  Wissenschaft  und  Kunst.  Die 
miisse  ja  doch  sein.  -  Ich  kann  es,  wie  gesagt,  nachfiihlen. 
Allein  in  der  Tiefe  der  menschlichen  Seele  ist  etwas,  was 


nach  Einheit,  nach  Harmonie  der  einzelnen  Seelenbeta- 
tigungen  hinstrebt.  Und  wahrend  auf  der  einen  Seite 
Logik  die  Scheidung  vollzieht  zwischen  Wissenschaft 
und  Kunst,  verlangt  etwas  in  uns  nach  Ausgleich,  nach 
Harmonisierung  der  wissenschaftlichen  Wahrheiten  auf 
der  einen  Seite,  der  kunstlerischen  Wahrheiten  auf  der 
anderen  Seite.  Es  fordert  in  uns  etwas  ganz  tief  seelisch, 
daft  dasjenige,  was  wir  als  Wahrheit  auf  wissenschaftliche 
Weise  aus  Natur  und  Mensch  herausholen,  auch  die 
Kraft  habe,  in  uns  kunstlerische  Initiative  zu  erzeugen, 
ohne  daft  wir  in  stroherne  Allegorien  oder  abstrakte 
Symbolismen  verfallen.  Es  ist  in  den  Tiefen  der  Seele 
durchaus  das  Bediirfnis  vorhanden,  das  Wissen,  das  die 
Wissenschaft  ergriindet,  nicht  leblos  zu  lassen,  sondern 
es  so  zu  beleben,  daft  wirklich  hinuberstromen  kann  von 
dieser  wissenschaftlichen  Erkenntnis  etwas  in  die  Kunst, 
wie  Goethe  sich  bewuftt  war,  daft  fur  ihn  die  reifsten 
Friichte  seines  kunstlerischen  Schaffens  aus  seiner  Auf- 
fassung  der  Wissenschaft  herubergestromt  sind. 

Die  grofte  Frage,  nicht  genau  formuliert,  aber  tief 
empfunden,  sie  tont  uns  entgegen  aus  den  Sehnsuchten 
unseres  Zeitalters,  die  tiefe  Frage:  Wie  konnen  wir  zu  der 
Wissenschaft,  die  vor  alien  Dingen  Gewifiheit  gesucht 
hat,  auch  wiederum  ein  solches  Vertrauen  gewinnen,  daft 
wir  durch  sie  eindringen  in  die  Wahrheits-gebiete,  die 
uns  im  kunstlerischen  Gestalten,  im  kunstlerischen  Bil- 
den  entgegentreten?  Und  das  ist  eine  der  allertiefsten 
Fragen  fur  die  gegenwartige  Menschheit. 

Man  konnte  lange  debattieren  und  diskutieren  dar- 
iiber,  daft  eine  reinliche  Scheidung  sein  miisse  zwischen 
der  logisch-beobachtenden,  wissenschaftlichen  Methode 
und  dem  kunstlerischen  Bilden,  dem  kunstlerischen 
Gestalten.  Aber  nehmen  Sie  an,  im  Reiche  der  Wirklich- 


keit  lage  die  Sache  so,  daft,  wenn  wir  aus  dem  Gebiete 
der  unteren  Naturreiche  zum  Menschen  heraufkommen 
und  die  Naturgesetze  nun  auf  den  Menschen  anwenden 
wollten,  so  wie  wir  sie  kennenlernen  im  Sinne  der  heu- 
tigen  sicheren  Wissenschaft,  wir  dann  eben  einfach  den 
Menschen  nicht  kennenlernen  konnten.  Ja,  es  konnte 
sogar  schon  so  sein,  daft  die  Natur  selber  kiinstlerisch 
schiife,  daft  in  den  verschiedenen  Reichen  der  Natur 
nicht  bloft  ein  solches  Schaffen  vorhanden  ware,  wie  es 
im  Sinne  der  gegenwartigen  Naturgesetze  liegt,  und  daft 
das  insbesondere  nicht  der  Fall  ware  im  Menschenreiche, 
sondern  daft  die  Natur  selber,  wie  ja  Goethe  voraussetzte, 
eine  grofte  Kiinstlerin  ware,  und  daft  wir  einfach,  wenn 
wir  auch  noch  so  kritisch  zu  Werke  gehen  und  uns 
sagen:  wir  diirf en  nicht  Phantasie  in  die  Naturwissenschaft 
hineintragen  — ,  so  konnte  es  sein,  daft,  indem  wir  uns  das 
logisch  vorsetzen,  wir  uns  eben  unsere  Erkenntnis  be- 
schranken,  ertoten,  weil  die  Natur  eben  kiinstlerisch  ist 
und  sich  erst  einer  kunstlerischen  Betrachtung  ergibt. 

Selbstverstandlich,  wenn  man  das  zunachst  in  dieser 
hypothetischen  Form  ausspricht,  wie  ich  es  jetzt  tue, 
kann  es  vielfach  angefochten  werden.  Allein  derjenige, 
der  Psychologe  genug  dazu  ist,  um  in  die  Seelentiefen 
der  heutigen  Menschen  hineinzuschauen,  der  weift,  daft 
gerade  eine  Angstlichkeit  heute  in  den  Gemiitern  vor- 
handen ist  gegeniiber  der  Frage:  Miiftten  wir  nicht,  wenn 
wir  wissenschaftlich  streben,  dasjenige  in  der  Seelenver- 
fassung  haben,  was  kiinstlerisch  gestaltet  und  bildet?  - 
Aber  wenn  wir  anders  gar  nicht  in  die  Natur  hineinkom- 
men?  Wenn  die  Natur  kiinstlerisch  begriffen  sein  will? 
Wenn  insbesondere  die  Menschennatur  schon  in  ihren 
physischen  Organen  kiinstlerisch  begriffen  sein  will? 
Was  machen  wir  denn  dann,  wenn  wir  eine  noch  so 


strenge  Wissenschaft  haben,  und  die  Natur,  die  Welt  von 
uns  ein  kunstlerisch  gestaltetes  Erkennen  fordert?  -  Ich 
weifi  sogar,  dafi  gerade  Wissenschafter  der  Gegenwart 
einen  solchen  Satz  fur  eine  Absurditat  halten.  Aber  ich 
weifi  auch,  dafi  man  ihn  zwar  im  Bewufitsein  der  Wis- 
senschaft fur  eine  Absurditat  halten  kann,  dafi  ihn  aber 
die  menschlichen  Herzen,  die  menschlichen  Seelen  heute 
nicht  fur  eine  Absurditat  halten,  sondern  dafi  sie  dunkel 
seine  Wahrheit  fuhlen  und  ihn  gerne  auch  im  Lichte 
erschauen  mochten. 

Und  nicht  anders  ist  es,  wenn  wir  auf  ein  anderes 
Gebiet  uns  begeben,  auf  das  Gebiet  der  Sittlichkeit,  der 
Moral,  auf  das  Gebiet  des  sozialen  Wirkens  und  Arbei- 
tens  und  auf  das  Gebiet  der  religiosen  Vertiefung.  Alles 
dasjenige,  was  in  diese  drei  Gebiete  fallt,  es  wird  ja  seit 
langer  Zeit  schon,  gerade  seit  derjenigen  Zeit,  seit  wel- 
cher  der  wissenschaftliche  Geist  in  so  maftgebender  Weise 
die  neuere  Menschheit  ergriffen  hat,  sozusagen  aus  der 
Wissenschaft  verbannt.  Was  die  Soziologie  und  das  so- 
ziale  Wirken  betrifft,  so  hat  man  zwar  gerade  auf  po- 
pularem  Gebiete  in  der  neuesten  Zeit  versucht  -  man 
braucht  nur  an  den  Marxismus  zu  denken  -,  aus  dem 
wissenschaftlichen  Geist  heraus  sozial  und  soziologisch 
zu  denken  und  auch  dem  sozialen  Leben  aus  dieser 
Wissenschaft  heraus  Impulse  zu  geben.  Die  Friichte 
sprechen  nicht  gerade  dafur,  dafi  man  damit  auf  einem 
richtigen  Pfade  ist.  Denn  dasjenige,  was  heute  gerade  in 
bezug  auf  die  soziale  Frage  die  Welt  bewegt  und  was 
durch  alle  moglichen  Illusionen  befriedigt  werden  soil 
aus  dem  Wissenschaftsgeist  der  neueren  Zeit  heraus,  das 
fiihrt  ja  zu  jenen  furchtbaren  Disharmonien,  zu  jenen 
furchtbaren  Zerstorungselementen,  die  heute  im  sozia- 
len Leben  der  Menschheit  wirken,  und  denen  man  es  ja 


ansehen  kann,  dafi  in  bezug  auf  sie  eine  Gesundung  nur 
moglich  ist,  wenn  nach  irgendeiner  Richtung  eine  geisti- 
ge  Umkehr  stattfinden  kann.  Aber  schlie£lich  ist  ja  das 
Soziale  ohne  die  Grundlagen  des  Sittlichen  und  des  Re- 
ligiosen  wirklich  nicht  einer  gesunden  Losung  entgegen- 
zufiihren.  Und  so  wird  man  gerade  in  bezug  auf  das 
Soziale  hinschauen  mussen  zunachst  auf  die  sittlichen 
und  auf  die  religiosen  Grundlagen  des  menschlichen 
Lebens.  Und  da  finden  wir  nun  ganz  deutlich  ausgespro- 
chen,  noch  deutlicher  als  in  bezug  auf  das  kiinstlerische 
Erleben,  gerade  in  den  neuesten  Erscheinungen,  dafi  auf 
der  einen  Seite  zwar  die  Wissenschaft  mit  ihrer  starken 
Gewifiheit  und  Gewissenhaftigkeit  steht,  dafi  aber  erst 
recht  das  Vertrauen  fehlt,  einzufiihren  den  Geist  dieser 
Wissenschaftlichkeit  in  moralische  Gesinnung  und  in 
religioses  Bewufksein.  Und  starker  als  je  wird  heute 
gerade  von  den  scheinbar  fortschreitenden  Geistern  be- 
tont,  Wissenschaft  miisse  an  ihrem  Platz  stehen  bleiben. 
Sie  miisse  von  alledem  aber,  was  der  Mensch  als  Impulse 
zu  erstreben  hat  fur  sein  sittliches  Handeln,  fur  seine 
Religiositat,  verbannt  werden.  Dahin  gehore  nicht  Wis- 
senschaft, dahin  gehore  der  Glaube.  Man  macht  nun 
ebenso,  wie  man  zwischen  Wissenschaft  und  Kunst  eine 
strenge  Scheidung  macht,  auch  eine  strenge  Scheidung 
zwischen  Wissenschaft  und  Sittlichkeit,  Wissenschaft  und 
Religiositat.  Man  mochte  appellieren  an  eine  besondere 
Fahigkeit,  an  eine  besondere  Impulsivitat  der  menschli- 
chen Seele  fur  diese  Sittlichkeit,  fur  dieses  religiose  Le- 
ben.  Man  mochte  die  Glaubenswahrheit  streng  abtren- 
nen  von  der  wissenschaftlichen  Wahrheit,  wie  man  die 
kiinstlerische  Wahrheit  streng  von  ihr  abtrennen  will. 

Nun,  das  hat  allerdings  nicht  gehindert,  daft  der 
Wissenschaftsgeist  sich  ja  in  der  Gegenwart  in  alle  Kreise 


verbreitet  hat,  daft  er  die  popularste  Form  angenommen 
hat;  daft  heute  von  diesem  Wissenschaftsgeist  nicht  etwa 
blofi  die  Wissenschafter  eingenommen  sind,  sondern  die 
ganze  breite  Masse  der  heutigen  zivilisierten  Mensch- 
heit.  Man  kann  heute  im  alten,  traditionellen  Sinne  ein 
religios-frommer  Mensch  sein,  aber  man  lebt  doch,  schon 
dank  der  offentlichen  Literatur,  von  den  Zeitungen  bis 
zu  den  Biichern,  und  durch  das  sonstige  offentliche 
Leben,  ganz  im  modernen  Wissenschaftsgeist  darinnen. 
Deshalb  konnte  es  auch  nicht  ausbleiben,  daft,  wie  stark 
auch  die  Forderung  sich  stellt,  zu  trennen  Glauben  von 
wissenschaftlicher  Erkenntnis,  diese  wissenschaftliche 
Erkenntnis  auf  alien  moglichen  Gebieten  als  Kritik  des 
Glaubens  auftritt,  daft  sie  zersetzend  und  auflosend  fur 
diesen  Glauben  in  zahlreichen  Menschengemiitern  schon 
heute  wirkt  und  wirken  wird,  wenn  nicht  auf  diesen 
Gebieten  auch  eine  vollige  Umkehr  in  geistiger  Bezie- 
hung  stattfindet. 

Glauben  und  Wissen,  die  man  heute  streng  scheiden 
will,  sie  sind  ja  gar  nicht  etwa  ausgegangen  von  verschie- 
denen  Quellen.  Allerdings  muft  man,  um  das  einzuse- 
hen,  noch  weiter  zuruckgehen  als  fur  die  Kunst,  wo  man 
bloft  bis  zum  Griechentum  zuriickzugehen  hat,  um  ein- 
zusehen,  daft  der  Grieche  die  kiinstlerische  Wahrheit 
und  die  wissenschaftliche  Wahrheit  in  Einheit  sah.  Man 
muft  zuruckgehen  zu  viel  alteren  Zeiten  der  Mensch- 
heitsentwickelung.  Aber  da  wird  man  Zeiten  finden,  in 
denen  Religion  einfach  alles  ist;  in  denen  der  Mensch  in 
einer  gewissen  Weise  durch  seine  Seelenkrafte  sich  in  die 
Tiefen  des  Weltenalls  so  vertieft,  daft  ihm  religioses  Le- 
ben aus  dieser  Vertiefung  hervorquillt.  Aber  indem  ihm 
dieses  religiose  Leben  hervorquillt,  steht  als  eines  vor 
seiner  Seele  dasjenige,  dem  gegeniiber  er  religios-fromm 


werden  kann,  dem  er  opfern  kann,  das  auf  ihn  wirkt, 
indem  es  sich  offenbart  in  Schonheit,  das  daher  zu  glei- 
cher  Zeit  kiinstlerisch  genossen  werden  kann,  und  das, 
wenn  sich  das  Denken,  das  Erkennen  hineinvertieft,  als 
Wahrheit  der  Welt  ihm  entgegentritt.  Wissenschaft,  Kunst 
und  Religion,  sie  gingen  aus  einer  Wurzel  hervor.  Aber 
das  ist  nicht  alles,  was  dabei  in  Betracht  kommt.  Das  ist 
ja  richtig:  Wenn  wir  in  alteste  Zeiten  der  Menschheits- 
entwickelung  zuruckgehen,  finden  wir,  daft  Wissenschaft, 
Kunst  und  Religion  eins  sind,  daft  sie  aus  einem  ge- 
meinsamen  Urquell  hervorkommen,  daft  dann  spater  das 
religiose  Leben  selbstandig  wurde  -  das  war  schon  im 
Griechentum,  im  Romertum  der  Fall  daft  aber  das 
kunstlerische  Leben  mit  dem  wissenschaftlichen  Leben 
noch  in  Einheit  blieb.  Und  erst  indem  wir  in  die  neueste 
Zeit  hinaufdringen,  finden  wir,  daft  sich  diese  drei  Zweige 
der  menschlichen  Personlichkeitsoffenbarung  sondern. 

Heute  streben  diese  drei  Zweige  wiederum  mit  aller 
Macht  in  den  unbewuftten  und  unterbewuftten  Tiefen 
des  Menschen  zu  einer  Einheit,  zur  Harmonisierung  hin. 
Warum  das?  Nun,  vor  der  Wissenschaft  kann  man  heute 
nur  bewundernd  stehen,  und  Opposition  gegen  dasjeni- 
ge,  was  an  der  Wissenschaft  Wahrheit  ist,  ware,  wie 
gesagt,  Torheh.  Aber  diese  Wissenschaft  ist  eben  nur 
schopferisch  gewesen  -  trotz  ihrer  Grofte,  trotz  ihrer 
Triumphe  muft  das  gesagt  werden  -  auf  dem  Gebiete  des 
Gedankens  und  auf  dem  Gebiete  der  Beobachtung,  oder 
der  geregelten  Beobachtung,  des  Experimentes.  Die 
Wissenschaft  ist  nur  schopferisch  gewesen  mit  Bezug  auf 
dasjenige,  was  mit  logischem  Urteil  und  durch  die  Be- 
obachtung vom  Menschengeiste  erlangt  werden  kann. 
Auf  diesen  Gebieten  hat  die  Wissenschaft  in  den  letzten 
Jahrhunderten  Groftartiges,  Ursprungliches  geleistet. 


Sehen  wir  die  anderen  Gebiete  an,  das  kiinstlerische 
Gebiet,  das  Gebiet  des  sittlich-religiosen  Lebens,  dann 
miissen  wir  uns  sagen  -  und  wiederum  ist  es  etwas,  was 
sich  nicht  alle  Menschen  heute  sagen,  was  aber  im  Grun- 
de  genommen  die  ganze  zivihsierte  Menschheit  in  den 
Tiefen  des  Seelenlebens  fiihlt  -:  Kiinstlerischer  Sinn, 
kiinstlerischer  Geist  ist  heute  eigentlich  nicht  schopfe- 
risch.  Wir  machen  es  uns  ja  allerdings  oftmals  vor,  wenn 
wir  nachschopferisch  sind;  aber  stilerzeugend,  motiver- 
zeugend  ist  das  gegenwartige  Zeitalter  auf  kiinstleri- 
schem  Gebiete  nicht.  Stilerzeugend,  motiverzeugend 
waren  altere  Zeiten,  zum  Beispiel  die  griechische  Zeit, 
die  ihre  Gebaude  aus  demselben  Seelenschofie  herausge- 
boren  hat,  aus  dem  die  Dichter  ihre  Kunstwerke  geschaf- 
fen  haben;  so  sehr  aus  demselben  Seelenschofie  heraus- 
geboren  hat,  dafi  ja  der  Glaube  entstanden  ist,  Homer 
und  Hesiod  hatten  den  Griechen,  indem  sie  Kiinstler 
waren,  ihre  Gotter  gegeben.  Wir  zehren  von  den  kiinst- 
lerischen  Traditionen.  Wir  bauen  gotisch,  wir  bauen 
antik,  wir  bauen  barock  und  so  weiter,  aber  wir  bauen 
nicht  gegenwartig.  Ebensowenig  sind  wir  in  der  Lage, 
auf  anderen  Gebieten  in  kiinstlerischem  Sinne  voll  ge- 
genwartig zu  sein.  Man  mu£  schon  diese  Dinge  etwas 
radikal  aussprechen,  wenn  man  dasjenige  treffen  will, 
was  dennoch  als  Realitat  in  den  tiefsten  Kraften  unseres 
Zeitalters  vorhanden  ist. 

Auf  religios-sittlichem  Gebiet  sind  die  Traditionen 
noch  alter.  Auf  religios-sittlichem  Gebiet  ist  unser  Zeit- 
alter nicht  schaffend.  Daher  der  Konservativismus  der 
Religionen,  der  Drang,  nur  ja  das  Alte  zu  konservieren. 
Daher  die  Furcht,  wenn  irgendwo  auf  religiosem  Gebiet 
etwas  Neues  auftritt.  Wir  haben  von  alten  Zeiten  her  die 
kiinstlerischen  Stile,  wir  haben  von  noch  alteren  Zeiten 


her  die  religiosen  Inhalte.  Und  die  Jugend,  wenn  sie 
heute  heranwachst,  tragt  durch  etwas  Geheimnisvolles, 
das  ich  heute  nicht  erortern  kann,  durch  Geheimnisse, 
die  mit  ihr  geboren  werden,  die  Sehnsucht  nach  Schop- 
ferischem  auf  alien  Gebieten  des  Lebens.  Sie  findet  dieses 
Schopferische  auf  wissenschaftlichem  Gebiet.  Das  genugt 
ihr  nicht.  Sie  sehnt  sich  auf  kunstlerischem  Gebiet  nach 
tief  Schopferischem,  sie  sehnt  sich  auch  auf  sittlich- 
religiosem  Gebiet  nach  tief  Schopferischem.  Deshalb 
versteht  heute  die  Jugend  das  Alter  nicht,  das  Alter  die 
Jugend  nicht.  Deshalb  ist  eine  Kluft  zwischen  beiden. 

Das  alles  charakterisiert  ja  im  Grunde  unser  gegen- 
wartiges  Zeitalter,  aber  es  zeigt  noch  nicht  den  tiefen 
Zwiespalt  im  Menschen  selber,  der  zu  alldem,  was  ich 
jetzt  geschildert  habe,  eigentlich  erst  gefuhrt  hat.  Und 
um  diesen  tiefen  Zwiespalt  in  der  menschlichen  Natur 
selber  zu  finden,  miissen  wir  schon  auf  die  Eigentiim- 
lichkeit  dieser  menschlichen  Natur  hinschauen,  wie  sie 
sich  gerade  im  wissenschaftlichen  Zeitalter,  das  heifk  seit 
der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  herausgebildet  hat.  Da 
sehen  wir,  wenn  wir  so  recht  unbefangen  auf  den  heuti- 
gen  Menschen  hinblicken,  zwei  entgegengesetzte  Pole  in 
seiner  Natur.  Diese  zwei  Pole  beherrschen  ja  im  Grunde 
genommen  unser  ganzes  Geistesleben.  Aber  sie  befrie- 
digen  nicht  unsere  menschlichen  Bediirfnisse.  Und  diese 
zwei  Pole,  sie  sind  auf  der  einen  Seite  jenes  starke, 
innerliche,  intensive  Selbstbewufttsein,  das  der  moderne 
Mensch  in  den  letzten  Jahrhunderten  herausgebildet  hat, 
und  auf  der  anderen  Seite  die  besondere  Art,  wie  der 
Mensch  durch  seine  neuzeitlichen  Fahigkeiten  dazu  ge- 
kommen  ist,  die  Welt  zu  begreifen. 

Sehen  wir  uns  einmal  diese  polarischen  Gegensatze 
naher  an.  Wenn  ich  vom  Selbstbewufttsein,  vom  Ichbe- 


wulksein  des  modernen  Menschen  rede,  so  meine  ich 
keineswegs  allein  dasjenige,  was  sozusagen  in  der  Ein- 
samkeit  der  Philosophenstube  entsteht.  Aus  dem  Selbst- 
bewufitsein  des  Menschen,  das  heifit  der  Selbsterfassung 
der  Idee,  des  Begriffes  hat  Hegel  in  grandioser  Weise 
eine  Weltanschauung  entwickelt.  Wir  sehen  in  der  He- 
gelschen  Philosophic  nur  eben  eine  unendlich  geniale 
Ausgestaltung  desjenigen,  was  das  Selbstbewufksein  in 
sich  erfahren  kann,  wenn  es  in  vollem  Umfange  seiner 
selbst  eben  gewahr  wird.  Und  wir  sehen  auf  der  anderen 
Seite  in  den  Anti-Hegelianern,  wie  sie,  wenigstens  wenn 
sie  Philosophen  sind,  auch  ausgehen  vom  Selbstbewufk- 
sein.  Sie  verachten  die  Hegelianer,  verachten  jene  breite 
Ausbildung  im  Ideell-Geistigen,  wie  sie  durch  Hegel 
erreicht  worden  ist  aus  dem  menschlichen  Bewu^tsein 
heraus.  Sie  wollen  bei  einem  Punkte  bleiben,  auf  den  sie 
immer  wieder  hinschauen,  bei  ihrem  Selbstbewufttsein, 
das  sich  nicht  ausbreitet,  wie  bei  Hegel,  aber  sie  gehen 
auch  vom  Selbstbewufttsein  aus.  Allein,  indem  man  so 
charakterisiert,  selbst  wenn  man  mehr  ins  konkret-wis- 
senschaftliche  und  philosophische  Gebiet  heruntersteigt, 
von  diesem  philosophischen  Erfassen  des  Selbstbewufit- 
seins  aus  kann  man  nicht  allzuviel  von  der  Natur  des 
gegenwartigen  Zeitalters  charakterisieren  aus  dem  Grun- 
de,  der  mir  einmal  besonders  stark  in  einem  Gesprach 
mit  Eduard  von  Hartmann  vor  Augen  trat.  Wir  sprachen 
iiber  dasjenige,  was  erkenntnistheoretisch  erreicht  wer- 
den  kann  durch  eine  Kritik,  eine  Analyse  des  Selbstbe- 
wufkseins,  und  da  sagte  Eduard  von  Hartmann:  Man 
sollte  iiber  solche  Dinge  heute  iiberhaupt  keine  Biicher 
drucken  lassen,  sondern  sie  blo$  hektographieren,  damit 
sie  nur  in  wenigen  Exemplaren,  vielleicht  in  sechzig 
Exemplaren  vorhanden  sind,  denn  nur  so  viel  Menschen 


haben  in  Deutschland  von  den  sechzig  Millionen  Inter- 
esse  fur  solche  Dinge.  -  Das  ist  auch  wahr,  wenn  es  sich 
urn  intimste  philosophische  Dinge  handelt.  Daher  kon- 
nen  Sie  auch  nicht  erwarten,  daft  ich  Sie  hier  behelligen 
will  damit,  wie  sich  im  deutschen  philosophischen  Be- 
wufksein  gerade  das  Selbstbewufksein  in  der  heutigen 
Zeit  auslebt.  Aber  dieses  Selbstbewufksein  zeigt  sich  ja 
seit  dem  letzten  Jahrhundert  nicht  etwa  blofi  fur  den 
forschenden  Philosophen,  sondern  es  zeigt  sich  auf 
alien  menschlichen  Gebieten,  und  fur  diese  meine  ich  es 
eigentlich.  So  wie  der  heutige  Mensch  uber  sich  selber 
denkt,  wie  er  stark  in  sich  selber  sein  eigenes  Wesen,  sein 
Ich  erfuhlt  -  gewifi,  es  wird  nicht  beachtet  von  der 
aufterlichen  Geschichtsforschung,  aber  die  innerliche 
Geschichtsforschung  weifi  das  -,  so  hat  der  Mensch 
einfach  uber  sich  selber  nicht  gedacht,  nichts  erkannt 
und  gewufk  vor  dem  15.  Jahrhundert.  Da  war  das  in- 
nerlich  alles  dumpfer.  Da  sagte  man  nicht  mit  jener 
Intensitat  «Ich»,  wie  man  es  seither  in  der  zivilisierten 
Menschheit  sagen  kann. 

Es  ist  also  ein  allgemeines  Intensiverwerden  des  inne- 
ren  Erlebens  eingetreten.  Dieses  Intensiverwerden  des 
inneren  Erlebens  zeigt  sich  auf  dem  Gebiete  der  Wissen- 
schaft,  indem  man  den  Autoritatsglauben  vollig  abweist, 
indem  man  mit  Recht  nur  dasjenige  annehmen  will,  was 
sich  vor  dem  eigenen  Selbstbewufksein  rechtfertigen  lafk. 
Es  zeigt  sich  auf  kunstlerischem  Gebiet,  indem  der 
Mensch  uberall  dasjenige,  was  er  in  seinem  tiefsten 
Selbstbewufksein  erleben  kann,  auch  in  das  Kunstwerk 
hineinbilden,  hineingestalten  will.  Es  zeigt  sich  auf  reli- 
giosem  Gebiet,  indem  der  Mensch  ein  Gottliches  nur 
voll  erleben  kann,  wenn  es  sich  hineinsenkt  in  sein  in- 
nerstes  Selbst,  das  er  stark  erlebt,  das  er  stark  mit  dem 


Gottlichen  zusammen  erleben  will,  wenn  es  iiberhaupt 
fur  ihn  eine  Geltung,  eine  Bedeutung  haben  soli.  Im 
Sittlichen  strebt  der  Mensch  -  ich  habe  das  schon  in 
meiner  «Philosophie  der  Freiheit»  in  den  neunziger  Jahren 
des  vorigen  Jahrhunderts  gezeigt  -  nach  Impulsen,  nach 
ethischen  Motiven,  nach  ethischen  Regulierungen  des 
Lebens,  die  aus  dieser  Wurzel  seines  starken  Selbstbe- 
wufitseins  hervorgehen.  Und  im  sozialen  Leben  haben 
wir  ja  diese  eigentumliche  Erscheinung  heute,  dafi  iiberall 
soziale  Forderungen  auftreten,  daft  iiberall  gesagt  wird: 
Wir  brauchen  eine  soziale  Gestaltung  des  Lebens  -  daft 
aber  im  Grunde  genommen  das  menschliche  Empfinden 
ganz  weit  entfernt  ist  von  sozialen  Empfindungen,  von 
sozialem  Fiihlen.  Und  gerade  weil  uns  das  soziale  Fiihlen 
fehlt,  fordern  wir  die  soziale  Gestaltung  des  Lebens.  Wir 
mdchten,  daft  von  auften  dasjenige  komme,  was  uns 
eigentlich  im  Innern  fehlt.  Wir  sagen:  Wir  miissen  sozia- 
le Wesen  werden  -,  weil  wir  in  der  neueren  Zeit,  gerade 
wahrend  der  Wissenschaftsgeist  grofi  geworden  ist,  im 
Grunde  genommen  nur  in  unserem  Ich,  in  unserem 
Antisozialen  stark  geworden  sind  und  heute  nach  dem 
Ausgleich  zwischen  diesem  starken  Ich  und  den  sozialen 
Forderungen  suchen. 

Und  so  tritt  uns  auf  alien  Gebieten  dieses  Selbstbe- 
wufitsein  des  Menschen  entgegen.  Derjenige,  der  die 
soziale  Frage  heute  studiert  aus  der  Gestaltung  der 
menschlichen  Arbeit  heraus,  derjenige,  der  Herz  und 
Sinn  dafur  hat,  was  aus  der  sozialen  Frage  geworden  ist 
unter  dem  Einfluft  der  modernen  Technik,  die  den 
Menschen  in  so  weitem  Kreise  hinweggebracht  hat  von 
der  unmittelbaren  Verbindung  mit  der  Freude-erfiillten 
Arbeit;  die  ihn  hingestellt  hat  an  die  gleichgiiltige  Ma- 
schine  -  der  weift,  wie  auch  auf  diesem  Gebiet  das  soziale 


Wollen  aus  dem  erwachten  Selbstbewulksein  nicht  her- 
vorgehen  kann,  weil  dieses  erwachte  Selbstbewufksein 
hingestellt  ist  vor  etwas,  vor  die  Maschine,  der  gegeniiber 
dieses  Selbstbewufksein  sich  am  wenigsten  voll  befriedigt 
fiihlen  kann. 

Nun,  das  steht  auf  der  einen  Seite:  das  Selbstbewufk- 
sein  des  modernen  Menschen.  Aber  wie  konnte  dieses 
Selbstbewufksein  zu  dieser  Kraft,  die  es  nun  einmal  hat, 
kommen?  Wodurch  ist  diese  moderne  Menschheit  zu 
diesem  starken  Selbstbewufksein  erwacht?  Man  kann 
zu  diesem  Selbstbewufksein  zunachst  nur  kommen  durch 
eine  besondere  Entfaltung  des  Gedankenlebens,  des  ide- 
ellen  Lebens.  Der  Gedanke  hat  in  friiheren  Epochen  der 
Menschheit  nicht  die  Rolle  gespielt  wie  in  der  neueren 
Zeit.  Aber  gerade  indem  die  Menschen  fahig  wurden, 
immer  abstrakter  und  abstrakter,  intellektualistischer 
und  intellektualistischer  zu  denken,  wurde  das  Selbst- 
bewufksein stark.  Das  Selbstbewufksein  wurde  gerade 
unter  der  Kraft  des  Gedankens  stark.  Und  so  ist  der 
Mensch  dazu  gekommen,  das  Denken  bis  zur  hochsten 
Spitze  auszubilden,  wahrend  er  friiher  mehr  im  Fiihlen, 
im  Anschauen,  in  der  Intuition  und  Imagination  und 
Inspiration  gelebt  hat,  wenn  diese  auch  traumhaft  und 
unbewufk  waren.  Das  Denken  hat  der  Mensch  ausge- 
bildet,  und  mit  dem  Denken  war  es  ihm  moglich,  im 
Gedanken  sein  starkes  Selbstbewufksein  zu  erringen. 

Aber  damit  ist  der  Mensch  bei  einer  Einseitigkeit  in 
unserem  Geistesleben  angekommen.  Der  Gedanke,  er 
entfernt  sich  von  der  Wirklichkeit.  Wer  sollte  nicht  die 
Empfindung  haben,  dafi  der  Gedanke  niemals  die  voll- 
saftige  Wirklichkeit  erringen  kann,  dafi  der  Gedanke  nur 
ein  Bild  der  Wirklichkeit  bleibt!  Mit  einem  Bilde  der 
Wirklichkeit  haben  wir  unser  starkes  Selbstbewufksein 


als  moderne  Menschheit  heranerzogen.  Daher  ist  es  so: 
Wenn  es  die  Menschen  sich  auch  noch  nicht  voll  zum 
Bewufksein  bringen,  wenn  es  die  Menschen  auch  noch 
nicht  aussprechen  konnen,  sie  fiihlen,  sie  empfinden  es, 
und  die  Jugend  von  heute  empfindet  es  mit  besonderer 
Intensitat,  dafi  der  Mensch  dasteht  mit  wirklichkeits- 
f remden  Gedanken.  Er  steht  einmal  gegeniiber  der  Wirk- 
lichkeit  mit  seinem  Selbstbewufitsein,  dem  Selbstbe- 
wufksein,  das  denkend  erfafk  worden  ist.  Es  kann  nicht 
heran  an  das  Leben,  es  bleibt  Bild.  Es  ist  ohnmachtig 
gegeniiber  dem  Leben.  Wir  sind  ganz  bei  uns  selbst  in 
unserem  Selbstbewufitsein,  stellen  uns  innerlich  so  stark 
wie  moglich  auf  uns  selbst,  aber  wir  sind  ohnmachtig, 
wir  dringen  nicht  mit  den  Gedanken  in  die  Wirklichkeit 
hinunter.  Dieses  ist  der  eine  Pol  unseres  modernen 
Geisteslebens:  die  Ohnmacht  des  selbstbewufiten  Den- 
kens. 

Dieses  Gefiihl  von  der  Ohnmacht  des  eigenen  Ich 
durchzieht  die  moderne  Menschheit.  Das  macht  diese 
moderne  Menschheit  so,  dafi  sie  ohne  Freudigkeit,  ohne 
innere  Hingabe,  selbst  ohne  Verstandnis  an  das  Leben 
herantritt,  weil  immer  das  stark  entwickelte  Ich,  das 
starke  Selbstbewufitsein  sich  ohnmachtig  selbst  gegen- 
iiber demjenigen  Leben  fiihlen  mufi,  in  dem  man  selber 
zu  arbeiten  hat.  Das  ist  der  eine  Pol. 

Und  der  andere  Pol,  er  stellt  sich  dadurch  fur  die 
moderne  Menschheit  heraus,  dafi,  wahrend  friiher  der 
Mensch  aus  den  Tiefen  seines  Seelenwesens  heraus  aller- 
lei  erfaftte,  oder,  wie  man  heute  zu  sagen  beliebt,  etwas 
von  der  Wirklichkeit  erfafk  zu  haben  glaubte,  hat  der 
heutige  Mensch  nur  Vertrauen,  wenn  er  die  Auftenwelt 
verfolgt  in  der  Beobachtung,  der  sich  gar  nichts  aus  dem 
Inneren  beimischt;  wenn  er  in  der  sogenannten  objekti- 


ven  Beobachtung  die  Aufienwelt  verfolgt  im  Experi- 
ment. Das  eigene  Innere  soil  vollstandig  schweigen,  wenn 
man  beobachtet  oder  experimentiert.  Nur  die  Auften- 
welt  soil  sprechen.  Wozu  ist  man  dadurch  gekommen? 
Dadurch  ist  man  dazu  gekommen,  diese  Aufienwelt  in 
treuer  Beobachtung,  im  exakten  Experiment  zu  erfor- 
schen,  aber  man  kann  mit  dieser  Erforschung  im  Grunde 
genommen  nicht  weiter  kommen  als  bis  zum  Mechanis- 
mus.  Ein  Mechanismus  ist  fur  die  Astronomie  das  Wel- 
tenall  geworden.  Ein  Mechanismus  ist  fur  die  Geologie 
die  sich  gestaltende  Erde  geworden.  Ein  Mechanismus 
ist  selbst  der  Organismus  des  Menschen  geworden,  und 
die  modernen  neo-vitalistischen  Versuche  sind  ja  nur  mit 
unzureichenden  Mitteln  angestellte  Versuche,  ein  wenig 
dasjenige  zu  erreichen,  was  nicht  erreicht  werden  kann 
mit  der  wissenschaftlichen  Methode,  die  nun  einmal 
anerkannt  ist,  und  die  doch  nur  dazu  fiihrt,  im  Experi- 
ment, in  der  Beobachtung  den  Mechanismus  -  etwas 
radikal  gesprochen:  die  Maschine  -  zu  begreifen.  Indem 
wir  dazu  kommen,  die  Maschine  zu  begreifen,  glauben 
wir,  indem  wir  gar  nichts  hineinmischen  in  den  Zusam- 
menhang  der  physikalischen  und  mechanischen  Gesetze, 
die  wir  da  in  der  Maschine  zu  einem  Gewebe  formen,  da 
glauben  wir,  dasjenige,  was  vor  uns  steht,  zu  durch- 
schauen.  Wir  durchschauen  es  in  einem  gewissen  Sinne 
durchaus,  durchschauen,  wie  die  einzelnen  Glieder  eines 
Mechanismus  ineinanderwirken,  ineinanderlaufen.  Wir 
fuhlen  uns  zunachst,  weil  es  uns  anerzogen  wurde  aus 
der  neueren  Geistesrichtung,  befriedigt,  indem  wir  die 
Maschine  begreifen,  indem  wir  selbst  das  Weltenall,  den 
Kosmos  als  Maschine  begreifen,  mit  ineinanderlaufen- 
den  Radern  und  so  weiter.  Wir  glauben  befriedigt  zu 
sein,  aber  wir  sind  es  im  Inneren  nicht.  Da  bleibt  etwas 


zuriick,  was  uns  gerade  in  bezug  auf  unsere  voile 
Menschlichkeit  zuriickstofit  vor  diesem  Begreifen  der 
Maschine.  Ein  Begreifen  der  Maschine  ist  dasjenige,  was 
eigentlich  zu  der  Grofiartigkeit,  zu  den  Triumphen  des 
modernen  Wissenschaftsgeistes  beigetragen  hat.  War- 
um?  Durchsichtig  wird  uns,  nicht  fur  die  Augen,  aber 
fur  den  Verstand,  fur  das  Begreifen,  die  Maschine.  Wenn 
wir  in  den  Organismus  hineinschauen,  da  bleiben  die 
Dinge  zunachst  fur  eine  solche  au£ere  Beobachtung 
dunkel.  In  der  Maschine  ist  alles  durchsichtig.  Allein, 
wir  miifken  fragen:  Begreifen  wir  den  Diamanten  des- 
halb  besser,  weil  er  durchsichtig  ist?  -  Es  ist  einfach  nicht 
wahr,  dafi  dasjenige,  was  durchsichtig  wird,  deshalb  fur 
uns  begreiflicher  wird.  Denn  was  in  der  Maschine  wirkt, 
das  fiihlen  wir  auf  die  Dauer,  wenn  wir  ihm  gegeniiber- 
stehen,  immer  mehr  und  mehr  als  fremd  unserem  eigenen 
Wesen.  Und  das  ist  das  unbewufite  Gefiihl,  das  sich 
geltend  macht:  Da  steht  die  Maschine,  durchsichtig  wird 
sie  dem  Verstand,  aber  sie  hat  nichts,  was  du  in  dir  selber 
finden  kannst,  sie  ist  dir  ganz  fremd.  Und  so  fiihlen  wir 
uns  hinausgesto£en  aus  der  Welt,  die  wir  begreifen,  die 
wir  maschinell  begreifen.  Wir  fiihlen  uns  zuriickgestoften 
durch  den  anderen  Pol  unseres  geistigen  Lebens.  Wahrend 
der  eine  Pol  nicht  hinein  kann  in  die  Wirklichkeit,  ohn- 
machtig  ist  gegeniiber  der  Wirklichkeit,  stolk  uns  die 
Wirklichkeit,  die  wir  begreifen,  zuriick.  Das  ist  der  tiefe 
Zwiespalt  im  modernen  Menschen.  Sein  Selbstbewufitsein 
hat  er  durch  das  Denken  ausgebildet,  aber  er  kann  mit 
diesem  Denken  nun  nicht  in  die  Welt  hinein.  Aus  der 
Welt  holt  er  sich  die  Maschine;  indem  er  diese  aber 
begreift,  stoik  sie  ihn  zuriick,  denn  sie  hat  nichts  mit  dem 
Menschen  gemeinschaftlich.  Das  Denken  macht  uns 
wirklichkeitsfremd;  die  Wirklichkeit  der  Beobachtung 


stofit  uns  zuriick.  Wie  man  auch  sonst  beschreiben  mag 
die  Zwiespalte  des  modernen  Geisteslebens  -  diese  sind 
ihre  beiden  Wurzeln,  diese  zwei  Pole  des  modernen 
Geisteslebens:  die  Ohnmacht  des  selbstbewufiten  Den- 
kens  mit  seinem  bloften  Bildcharakter,  welches  nicht  in 
die  vollsaftige  Wirklichkeit  hineinzudringen  vermag,  und 
die  mechanistisch  vorgestellten  Beobachtungs-  und  Ex- 
perimentierinhalte,  die  einen  als  fremd  unserem  eigenen 
Wesen  zuriickstoften.  Scheinbar  spricht  man  nur  iiber 
das  Feld  der  Wissenschaft,  indem  man  von  diesen  Din- 
gen  spricht.  Aber  dasjenige,  was  man  dabei  bespricht, 
durchzieht  unser  ganzes  modernes  Leben. 

Nun,  da  steht  also  auf  der  einen  Seite  dieses  moderne 
Geistesleben  mit  den  eben  geschilderten  zwei  Polen.  Auf 
der  anderen  Seite  steht  die  Anthroposophie.  Die  Anthro- 
posophie,  welche  versucht,  nicht  stehen  zu  bleiben  bei 
dem  denkenden  Selbstbewufttsein,  sondern  fortschreitet 
in  innerer  Entwickelung  durch  innere  Seeleniibungen, 
die  ich  noch  zu  schildern  haben  werde;  die  von  dem  aus 
fortschreitet,  was  wir  auf  selbstverstandliche  Art  in  dem 
Denken  haben.  Von  diesem  Denken  wird  durch  Ubun- 
gen  zu  einem  anschaulichen,  zu  einem  bildlichen,  zu  einem 
imaginativen  Denken  fortgeschritten;  zu  einem  Denken, 
das  dann  so  stark  wird,  daft  es  ein  Schauen  wird;  das  so 
stark  wird,  wie  sonst  nur  die  Sinneseindriicke  sind.  Ich 
deute  diese  Dinge  heute  nur  an,  werde  aber  in  den  nach- 
sten  Tagen  zu  schildern  haben,  wie  man  in  der  Tat  zum 
hellsichtigen  Schauen  einer  ubersinnlichen  Welt  kommt, 
indem  man  das  Denken  ausbildet. 

Dann  aber,  wenn  man  durch  die  Ausbildung  des  Den- 
kens  zur  Imagination  vorschreitet,  dann  steht  man  mit 
dieser  Imagination,  die  nichts  anderes  ist  als  ein  fortge- 
bildetes  Denken,  nicht  mehr  einsam  und  allein  da  in  dem 


Selbstbewufttsein,  das  der  Wirklichkeit  fremd  geworden 
ist.  Dann  steht  man  in  einer  neuen  geistigen  Wirklichkeit 
drinnen,  in  der  Wirklichkeit,  in  der  man  drinnen  ge- 
standen  hat,  bevor  man  aus  der  geistig-seelischen  Welt  in 
die  physische  Verkorperung  heruntergestiegen  ist.  Denn 
sein  vorgeburtliches  Leben  lernt  man  kennen,  wenn  man 
wirklich  in  systematischer  Weise  ausbildet  dasjenige, 
was  im  denkenden  Selbstbewufttsein  eben  zur  mensch- 
lichen  Einsamkeit  gegeniiber  der  Welt  fiihrt.  Gerade  das 
zur  Imagination  fortgebildete  Denken  fiihrt  zu  einer 
neuen  Wirklichkeit,  zu  derjenigen  Wirklichkeit,  die  sich 
bemachtigt  hat  als  unser  eigenes  Selbst  unserer  Leib- 
lichkeit.  Unser  Ich  erweitert  sich  iiber  unsere  Geburt 
beziehungsweise  unsere  Empfangnis  hinaus.  Wir  gelan- 
gen  in  eine  geistige  Welt  hinein. 

Wenn  man  auf  der  anderen  Seite  erfaftt  gerade  aus 
dem  Geiste  der  modernen  Wissenschaftlichkeit  heraus 
das  Beobachten,  das  Experimentieren,  dann  wird  man 
gewahr,  was  allerdings  viele  Menschen  nicht  gewahr 
werden,  daft  da  im  Experiment  selber  das  Denken  ja 
vollstandig  schweigt.  Wer  wirklich  den  Experimentier- 
vorgang  und  das  wissenschaftliche  Forschen  im  Experi- 
mentieren verfolgt,  der  wird  finden,  daft  das  Denken 
nur  notifiziert,  daft  es  eigentlich  nur  wie  statistisch  die 
Falle  auffaftt  und  Gesetze  bildet,  daft  es  aber  nicht 
untertaucht  in  die  Wirklichkeit.  Was  sich  mit  der  Wirk- 
lichkeit verbindet  im  Experiment,  das  ist  der  menschli- 
che  Wille.  Eine  tiefere  Psychologie  wird  das  immer 
mehr  und  mehr  erkennen.  Anthroposophie  forscht  in 
der  Art,  daft  sie,  so  wie  sie  auf  der  einen  Seite  das 
Denken  fortbildet  zur  Imagination,  auf  der  anderen 
Seite  fortbildet  den  Willen  zur  Intuition  und  zur  Inspi- 
ration. Wie  gesagt,  die  Einzelheiten  werde  ich  in  den 


nachsten  Tagen  zu  besprechen  haben.  Heute  mochte  ich 
nur  das  Prinzipielle  angeben. 

Indem  der  Mensch  dazu  gelangt,  diesen  Willen,  der 
ihm  sonst  so  dunkel  bleibt  wie  die  Schlafzustande  fur 
sein  eigenes  Bewufitsein,  zu  erkraften,  so  zu  erkraften, 
wie  man  das  Denken  fiir  die  Imagination  erkraftet,  kommt 
er  dazu,  nun  seinen  eigenen  Organismus,  seine  eigene 
Leiblichkeit  geistig-seelisch  -  nicht  physisch  natiirlich  - 
durchsichtig  zu  machen.  Das  heiik,  der  Mensch  kommt 
dazu,  dasjenige,  was  er  friiher  fiir  die  Aufienwelt,  fiir  den 
Mechanismus,  fiir  die  Maschine  entwickelt  hat,  nun  fiir 
das  eigene  Wesen  zu  entwickeln.  Dieses  eigene  Wesen 
aber  zeigt  sich  dann  auf  ganz  andere  Art.  Da  werden  wir 
nicht  zuriickgestofien.  Da  ergreifen  wir  das,  was  aus  dem 
ganzen  Kosmos  heraus  in  unsere  Menschlichkeit  einge- 
flossen  ist,  in  einer  solchen  Durchsichtigkeit,  wie  wir 
sonst  nur  die  Maschine  ergreifen.  Aber  wir  sind  es  selbst, 
die  wir  uns  ergreifen.  Wir  werden  nicht  zuriickgestoften. 
Wir  erfassen  uns  in  uns  selber.  Und  wir  erfassen,  zunachst 
im  Bilde,  dasjenige,  was  der  Moment  des  Todes  ist.  Wir 
lernen  die  Ewigkeit  der  Menschenseele  nach  der  anderen 
Seite  hin  kennen.  Wir  lernen  durch  die  Erkraftung  unseres 
Willens  kennen,  wie  der  Leib  durchsichtig  wird,  und  wir 
lernen  anschauend  begreifen,  wie  wir  vollziehen  den 
Durchgang  durch  die  Pforte  des  Todes,  wie  wir  hinaus- 
gehen  aus  dem  Leibe,  um  einzutreten  in  eine  geistig- 
seelische  Welt. 

Durch  die  Fortentwickelung  des  Denkens  lernen  wir 
das  Vorgeburtliche  erkennen.  Durch  die  Kultur,  durch 
die  Ausbildung  des  Willens  lernen  wir  das  Nachtodliche 
erkennen,  dasjenige,  was  iiber  unseren  Tod  hinausliegt. 
Wir  lernen  uns  selbst  erkennen  in  einer  Wirklichkeit, 
lernen  uns  hineinstellen  in  diese  Wirklichkeit.  Wir  blei- 


ben  nicht  mit  unserem  Selbst  einsam.  Wir  lernen  ein 
Denken,  ein  entwickeltes  Denken,  das  hineindringt  in 
das  Leben,  namlich  in  das  geistige  Leben.  Und  wir  lernen 
etwas  beobachten,  zunachst  an  uns  selbst,  dann  an  der 
Welt,  was  uns  nicht  zuriickstofk,  sondern  sich  verbindet 
mit  dem  entwickelten  Denken.  Wir  uberbriicken  den 
Abgrund,  der  zwischen  den  zwei  Polen  liegt,  dem  selbst- 
bewufiten  Denken  und  der  mechanistischen  Beobach- 
tung.  Wir  eignen  uns  an  durch  anthroposophische  For- 
schung  ein  Denken,  das  nicht  ohnmachtig  ist  gegeniiber 
der  Wirklichkeit,  sondern  das  untertaucht  in  die  Wirk- 
lichkeit;  wir  lernen  eine  Wirklichkeit  kennen,  die  hinauf- 
langt  bis  zum  innerKchen  Seelenleben,  dem  entwickelten 
Wollen,  das  nun  auch  wiederum  seinerseits  hinauflangt 
bis  zum  Denken.  Wir  erweitern  das  Denken,  daft  es 
untertauchen  kann  in  die  Wirklichkeit;  wir  erweitern  das 
Wollen  so  weit,  daft  es  hinauflangen  kann  zu  dem  Den- 
ken. So  erfassen  wir  mit  dem  geistigen  Leben  eine  voile 
Wirklichkeit,  in  der  der  Mensch  nun  selber  darinnen- 
steht. 

In  drei  Stufen  der  Erkenntnis  ergibt  sich  das  dem 
Menschen.  Es  ergibt  sich  in  der  imaginativen  Erkenntnis, 
durch  die  zunachst  das  Denken  bis  zur  Bildlichkeit  in- 
tensiviert  wird,  innerlich  erkraftet  wird,  wo  man  schaut 
zunachst  in  Bildern  die  ubersinnliche,  die  geistige  Welt. 
Dann  kommt  die  inspirierte  Erkenntnis.  Sie  konnen  dar- 
iiber  Naheres  in  meinem  Buche  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten?»  finden.  In  den  nach- 
sten  Tagen  werde  ich  auch  noch  manches  zu  charakteri- 
sieren  haben.  Durch  die  inspirierte  Erkenntnis  dringt  die 
geistige  Welt  in  unsere  Seele  herein.  Dann  kommt  die 
intuitive  Erkenntnis,  durch  die  wir  uns  selber  hineinstellen 
in  die  geistigen  Wesenhaftigkeiten  der  Welt.  Aber  ohne 


dafi  man  selber  Geistesforscher  wird,  kann  man,  einfach 
durch  den  gesunden  Menschenverstand,  begreifen  das- 
jemge,  was  der  Geistesforscher  herausholt  aus  der 
ubersinnlichen  Welt  durch  Imagination,  Inspiration, 
Intuition.  Eignet  man  sich  diese  Wahrheiten  an,  zum 
Beispiel  die  Wahrheiten,  die  durch  imaginative  Erkenntnis 
erlangt  werden,  dann  bereichert  man  das  innere  Seelen- 
leben.  Wie  bereichert  man  das  innere  Seelenleben? 

Nun,  mit  demjenigen,  was  mit  Recht  so  grofiartig 
geschildert  wird,  unserem  wissenschaftlichen  Leben, 
unserem  Wissenschaftsgeist,  mit  dem  leben  wir  eigent- 
lich  in  einer  Seelenverfassung,  die  uns  Menschen  nur 
angemessen  ist  als  intellektualistische  Seelenverfassung, 
wenn  wir  vollig  erwachsen  sind,  wenn  wir  in  die  zwan- 
ziger  Jahre  gekommen  sind.  Sehen  wir  nur  auf  das 
menschliche  Lebensalter  hin,  das  unmittelbar  vorher  liegt, 
auf  das  Alter,  sagen  wir,  vom  vierzehnten  bis  zum 
zwanzigsten,  einundzwanzigsten  Jahr.  Da  leben  wir  ein 
Leben  -  derjenige,  der  auf  solche  Dinge  wirklich  sein 
Augenmerk  lenken  kann,  der  eine  tiefere  Psychologie  in 
der  Seele  hat,  der  weifi  das  und  kann  es  erforschen  -,  da 
leben  wir  so,  daft  aus  unserem  Inneren  herauftauchen 
intensive  Seelenerlebnisse.  Nicht  abstrakte  Gedanken  sind 
es  da.  Da  sind  es  die  Jugendideale,  die  innerlich  vollsaftig 
sind,  mit  innerer  Intensitat  und  voll  Kraft,  die  man  erlebt 
nicht  blofi  wie  blasse,  matte  Gedanken.  Da  steht  der 
Mensch  unter  dem  Eindruck  einer  inneren  Impulsivitat. 

Was  ist  es,  was  da  wirksam  ist?  Nun,  was  da  im 
Menschen  wirksam  ist,  es  lebt  eigentlich  halbtraume- 
risch  in  ihm.  Er  bringt  es  sich  nicht  in  diesem  Lebensal- 
ter zum  Bewufitsein.  Auch  durch  die  gewohnliche  Wis- 
senschaft  kann  es  nicht  zum  Bewufksein  gebracht  wer- 
den. Diese  gewohnliche  Wissenschaft  wird  nie  ergriin- 


den,  was  im  Menschengemiit  vor  sich  geht,  was  auch  nur 
im  menschlichen  Leibe  vor  sich  geht,  sagen  wir,  zwischen 
dem  vierzehnten  und  dem  einundzwanzigsten  Jahr.  Das 
lehrt  erkennen  nur  die  imaginative  Erkenntnis.  Die  bringt 
es  zum  Bewufksein.  Unterbewufit  arbeitet  es  in  unseren 
Jugendjahren  in  uns,  was  bewuftt  nur  durch  die  imagi- 
native Erkenntnis  zur  Offenbarung  kommen  kann.  Der 
jugendliche  Mensch,  der  das  vierzehnte  Jahr  uberschritten 
hat  -  wer  wirkliche  Padagogik  kennt,  weifi  es  -,  der 
sehnt  sich  nach  einer  Erkenntnis,  die  imaginativ  ist,  denn 
nur  dadurch  versteht  er  sich  selbst.  Sonst  mufi  er  bis  iiber 
das  zwanzigste  Jahr  hinaus  warten,  bis  das  intellektuali- 
stische  Leben  vollgultig  in  ihn  eintritt.  Und  dann  kann  er 
eben  doch  nur  zum  denkenden  Bewulksein  kommen, 
mit  dem  er  einsam  ist.  Er  odet  sich  hin,  wenn  ich  mich  so 
ausdriicken  darf,  bis  zu  diesem  Zeitpunkte  im  mensch- 
lichen Leben.  Er  verlangt  nach  einer  Offenbarung  von 
seiten  der  Alten,  die  diese  Alten  ihm  nur  geben  konn- 
ten  -  wenn  sie  seine  Lehrer,  seine  Erzieher,  seine  Fuhrer 
sind  wenn  sie  imaginative  Erkenntnisse  hatten.  Dann 
wiirden  sie  ihm  sagen  konnen,  was  er  ist. 

Und  zwischen  dem  Zahnwechsel  und  der  Ge- 
schlechtsreife,  da  leben  wir  ein  innerliches  Leben  leib- 
lich-seelisch-geistig  so,  daft  das,  was  da  unbewufk  ge- 
schieht,  was  da  Realitat  ist,  nur  begriffen  werden  kann 
fur  das  inspirierte  Erkennen.  Nicht  das  auftere,  intellek- 
tualistische,  experimentierende  Erkennen  kann  wissen, 
was  sich  eigentlich  im  Menschen  herausarbeitet  in  den 
Kindheitsjahren.  Da  will  alles  nun  nicht  nach  Naturge- 
setzen,  sondern  nach  kunstlerischen  Impulsen  sich  ge- 
staiten.  Da  arbeiten  in  uns  Inspirationen  aus  dem  Wel- 
tenall  heraus.  Und  die  altere  Generation  wird  den  Kin- 
dern  zwischen  dem  siebenten  und  dem  vierzehnten  Jahr, 


approximativ  gesprochen,  nur  sagen  konnen,  wonach 
diese  Kinder  sich  sehnen,  wonach  ihr  ganzes  Fuhlen  und 
Wollen  hindrangt,  wenn  sie  etwas  wei£  von  inspirierter 
Erkenntnis.  Wir  werden  mit  den  Kindern  unterrichtend, 
erziehend  nur  wiederum  reden  konnen,  wenn  wir  etwas 
wissen  von  inspirierten  Welterkenntnissen. 

Und  gar  mit  den  ganz  kleinen  Kindern  -  «Wenn  ihr 
nicht  werdet  wie  die  Kindlein,  konnt  ihr  nicht  in  die 
Reiche  der  Himmel  kommen».  Es  ist  doch  ein  tiefes 
Wahrwort,  dieses  Christus-Wort.  In  diesem  Lebensalter, 
wahrend  des  Sauglingsalters,  des  Alters  bis  zum  Zahn- 
wechsel  hin,  lebt  das  Kind  so,  daft  man  das  Einleben 
seines  Seelisch-Geistigen  in  das  Physisch-Leibliche,  die- 
ses Hineinkraften,  dieses  plastische  Gestalten  des  Leibes 
aus  dem  Seelischen  heraus,  nur  mit  intuitiver  Erkenntnis 
begreifen  kann.  Daher  die  Kinder  uns  nur  verstehen 
werden  -  fuhlend,  instinktiv  -  und  von  uns  in  der  rich- 
tigen  Weise  beeinflufk  werden  konnen,  wenn  wir  religios 
geformte  Wahrheiten  bekommen  konnen  von  einer 
Ausbildung  der  intuitiven  Erkenntnis. 

So  versteht  die  Jugend  in  unserem  heutigen  geistigen 
Zeitalter  den  alten  Menschen  deshalb  nicht,  weil  wir  als 
Menschen  im  Grunde  genommen  unsere  Jugend  verlie- 
ren.  Denn  wir  wiirden  sie  nur  dann  nicht  verlieren,  wenn 
dasjenige,  was  wir  in  den  Kindheits-  und  Jugendjahren 
erleben,  von  uns  erinnert  werden  konnte  im  spateren, 
reifen  Alter  durch  Riickschau  vermittelst  derjenigen 
Erkenntnisse,  die  aus  Imagination,  Inspiration  und  In- 
tuition kommen.  Mit  diesen  Erkenntnissen  konnen  wir 
uns  vertiefen  in  unsere  Kindheit,  in  unser  Jugendalter. 
Mit  diesen  Erkenntnissen  konnen  wir  als  Lehrer,  als 
Erzieher,  als  Menschheitsfuhrer  zu  den  Kindern,  zu 
der  Jugend  so  sprechen,  dafi  uns  diese  Kinder  fuhlend- 


instinktiv  verstehen,  daft  uns  die  Jugend  verstehen  lernt. 
Die  Kluft  zwischen  der  Jugend  und  dem  Alter  kann  nur 
auf  diese  Weise  ausgefiillt  werden.  Sie  wird  nicht  auf 
andere  Weise  ausgefiillt  werden  konnen.  Und  es  wird, 
wenn  nicht  der  Wille  vorhanden  ist,  in  dieser  Weise  die 
Kluft  zu  iiberbriicken  oder  auszufullen,  unser  Zeitalter 
in  immer  hoherem  Mafie  dasjenige  zeigen,  was  es  schon 
jetzt  zeigt:  daft  die  Jugend  das  Alter,  das  Alter  die  Jugend 
nicht  versteht. 

Und  die  Folge  davon  ist,  daft  der  Mensch  den  Men- 
schen  nicht  versteht,  daft  ein  soziales  Leben  immer 
mehr  und  mehr  unmoglich  wird.  Einzig  und  allein 
durch  Hereinstellen  einer  geistgemaften  Erkenntnis  — 
wenn  ich  mich  dieses  Goetheschen  Ausdrucks  bedienen 
darf  -  in  unseren  Wissenschaftsgeist,  durch  die  Erwei- 
terung  unseres  Wissenschaftsgeistes  zu  einer  solchen 
geistgemaften  Erkenntnis,  wird  der  Mensch  sich  voll 
begreifen  konnen,  wird  der  Mensch  dazu  kommen,  nun 
sein  Selbst  nicht  so  ohnmachtig  zu  haben,  daft  es  nicht 
an  die  Wirklichkeit  herandringt,  sondern  die  Wirklich- 
keit  so  zu  beobachten  vermogen,  daft  sie  ihn  nun  nicht 
zuruckschlagt.  Einzig  und  allein  dadurch  wird  er  die 
beiden  Pole,  den  Gedankenpol  und  den  Wirklichkeits- 
pol,  die  einander  so  fremd  im  modernen  Menschen 
gegeniiberstehen,  zu  einem  lebendigen  Ausgleich  brin- 
gen  konnen. 

So  darf  Anthroposophie,  wenn  sie  auch  nicht  entstan- 
den  ist  etwa  in  abstrakter  Weise  aus  der  Beobachtung  des 
Suchens  der  Zeit,  aus  der  Beobachtung  der  Sehnsuchten 
unserer  Zeit,  darf  Anthroposophie,  nachdem  sie  aus 
wissenschaftlichen  Untergriinden  entstanden  ist,  dennoch 
darauf  hinweisen,  wie  sie  gerade  auf  den  wichtigsten 
Gebieten  des  Zeitalters  dasjenige  leisten  darf,  wenigstens 


wird  leisten  konnen,  wonach  dieses  Zeitalter  im  tiefsten 
Sinne  des  Wortes  verlangt. 

Das  wollte  ich  als  eine  Einleitung,  gewissermafien  als 
ein  Vorwort  den  Betrachtungen  der  nachsten  Tage  vor- 
anschicken,  damit  charakterisierend,  wie  diese  Anthro- 
posophie  sich  selber  auffassen  mochte.  Sie  mochte  sich 
so  auffassen,  dafi  sie  nicht  tote,  abstrakte  Erkenntnis, 
nicht  Erkenntnis  in  Theorien  blofi  ist,  dafi  sie  durch  das 
Leben  im  Leben  erfafite  und  selber  lebendige  Erkenntnis 
ist;  dafi  sie  einstromt  in  den  Menschen  nicht  blofi  als 
Gedanken  und  nicht  blofi  als  Beobachtungsresultate, 
sondern  als  ein  Lebensblut  der  Seele;  dafi  sie  als  Leben 
im  Menschen  selber  vorhanden  ist. 

Gewifi,  Anthroposophie  ware  die  unbescheidenste  der 
Unbescheidenheiten,  wenn  sie  den  Glauben  erwecken 
wollte,  so  und  so  viele  Weltratsel  sind  vorhanden,  so  und 
so  viele  Weltratsel  konnen  gelost  werden.  Darum  han- 
delt  es  sich  nicht.  Das  Leben  ist  voll  von  Ratseln,  und 
nur  solange  es  Ratsel  gibt,  wird  Leben  sein.  Denn  wir 
miissen  die  Ratsel  erleben,  und  im  Erleben  der  Ratsel 
konnen  wir  allein  das  Dasein  auf  wirklich  menschliche 
Weise  weiterfiihren.  Eine  Welt,  in  der  es  keine  Fragen 
gabe,  ware  eine  unlebendige  Welt.  Darum  handelt  es  sich 
nicht,  dafi  Anthroposophie  versprechen  will,  alle  Le- 
bensratsel  zu  losen.  Aber  sie  mochte  durch  ihren  eigenen 
Charakter  das  sein,  was  imstande  ist,  dem  Leben  zu 
dienen,  auch  durch  die  Erkenntnis  und  durch  die  Kraft, 
welche  dem  ganzen,  dem  vollen  Menschen,  auch  dem 
kiinstlerischen,  dem  religiosen,  dem  sittlichen,  dem  so- 
zialen  Menschen  die  wirkliche  Grundlage  geben  kann. 
Dem  Leben  mochte  Anthroposophie  dienen.  Sie  mochte 
diesem  Leben  dadurch  dienen,  dafi  sie  selber  nicht  blofi 
totes,  dafi  sie  lebendiges  Wissen  ist  und  damit  eine  eigene 


Lebenskraft  entfaltet.  Sie  mochte  dem  Leben  dienen, 
und  dem  Leben  kann  nichts  anderes  dienen  als  das  Leben 
selber.  Daher  mochte  Anthroposophie  selber  Leben 
werden,  um  dem  Leben  der  Menschheit  zu  dienen. 


ZWEITER  VORTRAG 


DIE  STELLUNG  DER  ANTHROPOSOPHIE 
IN  DEN  WISSENSCHAFTEN 

Den  Haag,  8.  April  1922 


Wenn  Anthroposophie  sich  verbreitet  liber  diejenigen 
Lebensgebiete,  auf  denen  die  Menschen  gewdhnlich  ihre 
religiosen,  vielleicht  auch  ihre  moralischen  Impulse  su- 
chen,  dann  gibt  es  ja  heute  doch  schon  sehr  viele  Men- 
schen, welche  wenigstens  einen  gewissen  Zug  zu  solch 
einer  geistigen  Stromung  haben,  wie  es  diese  Anthropo- 
sophie ist.  Es  ist  ja  schon  einmal  so,  dafi  der  Geist  der 
neueren  Menschheit  -  ich  habe  mir  gestern  erlaubt,  ihn 
den  «Wissenschaftsgeist»  zu  nennen  -  in  vieler  Bezie- 
hung  die  alten,  traditionellen  Bekenntnisse  in  den  Men- 
schenseelen  erschuttert  hat  und  dafi,  wenn  auch  sehr 
viele  gerade  der  anthroposophischen  Richtung  mit  ge- 
wissem  Zweifelsinn  entgegenkommen,  es  doch  schon  in 
der  Gegenwart  sehr  viele  Seelen  gibt,  die  mindestens  fur 
ein  solches  Suchen  eine  Neigung  haben.  Allein  man  darf 
schon  sagen,  in  gewisser  Beziehung  schlimm  wird  die 
Sache  fur  die  Anthroposophie  dann,  wenn  sie  sich  be- 
geben  will  auf  die  Gebiete  der  verschiedenen  Wissen- 
schaften.  Das  soil  ja  insbesondere  innerhalb  dieses 
Kursus  hier  geschehen,  und  mir  wird  ja  obliegen,  mehr 
die  allgemeinen,  umfassenderen  Prinzipien  und  For- 
schungsresultate  hier  zu  vertreten,  wahrenddem  die  an- 
deren  Vortragenden  auf  die  speziellen  Wissenschaftsge- 
biete  eingehen.  Aber  gerade  bei  einer  solchen  Veranstal- 

A  Ci 


tung  miissen  ja  alle  -  ich  meine  es  mehr  theoretisch  als 
etwa  moralisch  ~  Antipathien,  welche  gerade  von  wis- 
senschaftlicher  Seite  her  gegen  Anthroposophie  kom- 
men,  sich  geltend  machen.  Und  ich  kann  Sie  nur  versi- 
chern,  dafi  derjenige,  der  drinnensteht  im  anthroposo- 
phischen  Forschen,  ein  voiles  Verstandnis  der  Tatsache 
entgegenbringt,  daft  es  eben  heute  einfach  fur  erne  Per- 
sonlichkeit,  die  im  gegenwartigen  Wissenschaftsbetriebe 
drinnensteht,  noch  aufterordentlich  schwierig  ist,  den 
Ubergang  zu  finden  aus  der  heute  iiblichen  Wissen- 
schaftlichkek  heraus  in  die  Anthroposophie  hinein.  Und 
so  kommt  es,  dafi,  obwohl  ja  Anthroposophie  gewifi 
manches  zu  berichtigen  hat,  was  den  gegenwartigen 
Bestand  der  wissenschaftlichen  Forschung  ausmacht, 
obwohl  sie  insbesondere,  wenn  man  mehr  in  die  or- 
ganischen  und  geistigen  Gebiete  hinaufkommt,  sehr 
vieles  hinzuzugeben  hat  zu  demjenigen,  was  dieser  ge- 
genwartigen Forschung  vorliegt,  daE  doch  diese  An- 
throposophie eigentlich  von  sich  aus  in  keinen  Wider- 
spruch  kommt  mit  der  gebrauchlichen  Wissenschaft.  Sie 
nimmt  deren  berechtigte  Resultate  hin  und  verfahrt  mit 
ihnen  so,  wie  ich  es  eben  charakterisiert  habe.  Das 
Umgekehrte  findet  allerdings  nicht  statt,  und,  wie  gesagt, 
in  begreiflicher  Weise  heute  noch  nicht.  Anthroposo- 
phie wird  zuriickgewiesen.  Ihre  Ergebnisse  werden  als 
etwas  angesehen,  das  den  streng  wissenschaftlichen 
Kriterien,  die  man  heute  zu  stellen  sich  befugt  halt, 
nicht  geniige. 

Es  ist  ja  selbstverstandlich,  dafi  ich  nicht  in  der  Lage 
sein  werde,  in  einem  kurzen  Vortrage  auf  alles  dasjenige 
einzugehen,  was  von  seiten  der  Anthroposophie  selbst 
zu  einer  tiichtigen  Begriindung  ihrer  Ergebnisse  dienen 
kann.  Aber  ich  mochte  doch  in  diesem  heutigen  Vor- 


trage  versuchen,  die  Stellung  der  Anthroposophie  inner- 
halb  der  Wissenschaftsgebiete  so  zu  charakterisieren, 
daft  man  aus  dieser  Charakteristik  wird  entnehmen  kon- 
nen,  wie  es  dieser  Anthroposophie  mit  ihren  Grund- 
legungen  ebenso  ernst  ist  wie  nur  irgendeiner  wissen- 
schaftlichen  Gewissenhaftigkeit  und  exakten  Methodik 
in  der  Gegenwart  iiberhaupt.  Dazu  wird  allerdings  not- 
wendig  sein,  daft  ich  Sie  heute  noch  werde  qualen  miis- 
sen  mit  etwas  entlegeneren  Auseinandersetzungen,  mit 
Dingen,  die  man  im  gewdhnlichen  Leben  vielleicht 
schwierig  nennt,  die  aber  doch  eine  gewisse  Grundlage 
schon  einmal  abgeben  miissen  fur  dasjenige,  was  ich 
allerdings  vielleicht  in  leichterer  und  gefalligerer  Form 
in  den  nachsten  Tagen  werde  darzubieten  haben. 

Man  ist  ja  heute  noch  vielfach  der  Ansicht,  daft  An- 
throposophie irgendwie  ihren  Ausgangspunkt  nimmt  von 
jener  nebulosen  Seelenverfassung,  wie  man  sie  in  echt 
mystischen  oder  okkultistischen  Richtungen  der  Ge- 
genwart findet.  Man  irrt  sich  vollstandig,  wenn  man  der 
Anthroposophie  eine  solche  wirklich  sehr  fragwiirdige 
Grundlegung  zuschreibt.  Und  eigentlich  kann  das  nur 
derjenige  tun,  der  diese  Anthroposophie  entweder  nur 
oberflachlich  oder  gar  nur  von  Seiten  der  Gegner  aus 
kennt.  Dasjenige,  was  zunachst  die  Grundorientierung 
des  anthroposophischen  Bewufttseins  ist,  das  ist  ja 
durchaus  nicht  nur  in  dem  Sinne,  wie  ich  das  gestern 
schon  charakterisiert  habe,  sondern  in  einem  noch  viel 
exakteren  Sinne  hergenommen  von  derjenigen  Wissen- 
schaftsrichtung  der  Gegenwart,  welche  eigentlich  am 
allerwenigsten  in  ihrem  wissenschaftlichen  Charakter  und 
ihrer  Tragweite  angefochten  wird.  Allerdings  wird  viel- 
fach weder  bei  den  Anhangern  noch  bei  den  Gegnern  der 
Anthroposophie  gerade  das  in  der  richtigen  Weise  an- 


gesehen,  was  ich  jetzt  einleitend  werde  zu  charakterisie- 
ren  haben. 

Es  ist  Ihnen  ja  schon  gesprochen  worden  von  der 
Stellung  des  Mathematischen  in  den  Wissenschaften.  Und 
weltbekannt,  mochte  man  sagen,  ist  ja  der  Kantische 
Ausspruch,  dafi  in  jeglicher  Wissenschaft  eigentlich  nur 
so  viel  wahres  Wissen,  wahre  Erkenntnis  zu  finden  sei, 
als  in  ihr  Mathematik  vorhanden  ist.  Nun,  mit  der  spezi- 
ellen  Mathematik,  mit  demjenigen,  was  die  Mathematik 
der  Menschhek  und  der  Wissenschaft  uberhaupt  sein 
kann,  habe  ich  es  hier  nicht  zu  tun,  wohl  aber  mit  der 
Seelenverfassung,  in  welche  ein  Mensch  sich  versetzt, 
der,  wenn  ich  mich  des  Ausdrucks  bedienen  darf,  mathe- 
matisiert,  der  in  der  Tatigkeit  des  Mathematik-Bildens 
darinnen  lebt.  Wir  befinden  uns  ja  eben  in  einer  ganz 
speziellen  Seelenverfassung,  wenn  wir  Mathematik  be- 
treiben.  Diese  Seelenverfassung,  sie  kann  vielleicht  am 
besten  dadurch  charakterisiert  werden,  dafi  ich  zunachst 
auf  denjenigen  Teil  der  Mathematik  zu  sprechen  kom- 
me,  welcher  gewohnlich  Geometrie  genannt  wird,  und 
der  es  ja,  wenigstens  in  denjenigen  Teilen  dieser  Wissen- 
schaft, die  der  Mehrzahl  der  Menschen  bekannt  sind,  zu 
tun  hat  mit  einer  Raumeslehre,  mit  der  Behandlung  des 
Raumes. 

Wir  sprechen  im  Leben  von  dem  dreidimensionalen 
Raum,  und  wir  machen  uns  die  Vorstellung,  dafi  dieser 
dreidimensionale  Raum  so  konstituiert  ist,  dafi  seine  drei 
Dimensionen,  wie  man  sagt,  aufeinander  senkrecht  ste- 
hen.  Dasjenige,  was  wir  da  im  Seelenauge  haben  als 
Raum,  das  ist  etwas,  was  uns  zunachst  ganz  unabhangig 
vom  Menschen  und  von  der  iibrigen  Welt  vor  dem 
geistigen  Auge  steht.  Dafi  es  zunachst  vor  den  Augen  des 
Menschen  unabhangig  von  diesem  Menschen  selbst  steht, 


das  geht  uns  daraus  hervor,  dafi  der  Mensch  sich  nach 
den  Bestimmungen  des  Raumes  als  Wesen,  als  Individuum 
selber  bestimmt.  Er  kann  durchaus  sagen,  er  sei  so  und 
so  weit  entfernt  von  irgendeinem  Punkt,  den  er  in  Aus- 
sicht  nimmt.  Also  gliedert  er  sich  selbst  in  den  Raum  ein. 
Er  gliedert  sich  wohl  auch  in  den  Weltenraum  ein  da- 
durch,  da£  er  sich  als  Erdenwesen  betrachtet  und  sich 
nun  hineinstellt  in  bestimmte  Sternenabstande  und  der- 
gleichen.  Kurz,  den  Raum  betrachtet  der  Mensch  zunachst 
als  etwas  Objektives,  als  etwas,  was  mit  seinem  Eigen- 
wesen  nichts  zu  tun  hat.  Das  hat  ja  gerade  dazu  gefiihrt, 
dafi  Kant  davon  gesprochen  hat,  der  Raum  sei  eine  An- 
schauung  a  priori,  eine  Anschauung,  die  gewissermaften 
dem  Menschen  von  vornherein  gegeben  ist.  Er  hat  keine 
Moglichkeit,  zu  fragen,  wodurch  er  diesen  Raum  habe. 
Er  hat  ihn  einfach  hinzunehmen  als  etwas  Fertiges,  in  das 
er  sich  hineinzufinden  hat,  wenn  er  zum  Vollbewulksein 
seines  Erdendaseins  gekommen  ist. 

So  ist  aber  die  Sache  in  Wirklichkeit  nicht.  Wir  bilden 
als  Menschen  in  Wahrheit  den  Raum  doch  aus  unserer 
eigenen  Wesenhek  heraus.  Wir  verfolgen  diese  Bildung 
des  Raumes,  oder  besser  gesagt,  der  Raumvorstellung, 
der  Raumanschauung  nur  nicht  mit  dem  BewuEtsein, 
weil  sie  sich  hineinstellt  in  ein  Lebensalter  des  Menschen, 
in  dem  er  noch  nicht  in  der  Weise  iiber  sich  selbst  und 
iiber  seine  eigenen  Tatigkeiten  nachdenkt,  wie  das  der 
Fall  sein  mufite,  wenn  er  sich  vollstandig  iiber  die  We- 
senheit  des  Raumes  in  bezug  auf  sein  Eigenwesen  auf- 
klaren  sollte.  Wir  wiirden  namlich  keine  solche  Raum- 
anschauung haben,  wie  wir  sie  haben,  wenn  wir  nicht  die 
drei  Dimensionen  des  Raumes  erst  innerhalb  unseres 
Erdendaseins  erleben  wiirden.  Wir  erleben  sie.  Wir  er- 
leben  die  eine  Dimension,  indem  wir  uns  von  der  Ohn- 


macht,  als  menschhches  Wesen  nach  unserer  Geburt 
aufrecht  zu  gehen,  in  diese  eine,  senkrechte  Dimension 
hineinversetzen.  Wir  lernen  einfach  aus  der  Art,  wie  wir 
selber  die  eine  Dimension  bilden,  das  Vorhandensein 
dieser  Dimension  kennen.  Und  wir  lernen  nicht  eine 
beliebige  Dimension  kennen  aus  unserer  Menschen- 
wesenheit  heraus,  die  einfach  auf  den  zwei  anderen  Di- 
mensionen  senkrecht  stent,  sondern  wir  lernen  diese 
ganz  bestimmte,  auf  der  Oberflache  der  Erde  sozusagen 
senkrechtstehende  Raumesdimension  dadurch  kennen, 
daft  wir  als  Menschenwesen  nicht  gleich  aufrecht  gebo- 
ren  werden,  sondern  daft  es  zu  den  Bildegesetzen  unseres 
Erdenlebens  gehort,  daft  wir  uns  in  diese  vertikale  Di- 
mension erst  hineinbringen. 

Eine  zweite  Dimension  lernen  wir  kennen  ebenso  in 
einer  unbewuftten  Art.  Es  wird  Ihnen  ja  bekannt  sein, 
daft  der  Mensch  -  jetzt  will  ich  weniger  dasjenige,  was 
sich  auf  das  Auftere  bezieht,  als  mehr  dasjenige,  was  sich 
auf  das  Innerliche  bezieht,  erwahnen  -,  indem  er  ausbildet 
die  einzelnen  Fahigkeiten,  die  im  spateren  Leben  ihm 
dienen,  daft  er  eine  Orientierung  von  links  nach  rechts, 
von  rechts  nach  links  vornimmt.  Man  braucht  nur  daran 
zu  denken,  wie  wir  in  einer  gewissen  Partie  unseres 
Gehirns  die  Sprachorganisation  haben,  die  sogenannten 
Brocaschen  Sprachwindungen,  und  wie  die  andere  Seite 
unseres  Gehirns  eine  solche  Organisation  nicht  hat.  Man 
weift  heute  ja  auch  durchaus  durch  anerkannte  Wissen- 
schaft,  wie  die  Ausbildung  dieser  Sprachorganisation  im 
linken  Teil  der  menschhchen  Gesamtorganisation  zu- 
sammenhangt  mit  der  zunachst  aktiv  auftretenden  Be- 
weglichkeit  der  rechten  Hand.  Man  weift  also,  daft  da 
eine  Orientierung  von  rechts  nach  links  sich  vollzieht. 
Diese  Orientierung  von  rechts  nach  links,  dieses  Tatig- 


keiterregen  links  durch  Tatigkeit  rechts,  oder  umgekehrt, 
das  ist  etwas,  was  wir  innerhalb  unserer  Bildungsgesetze 
geradeso  erleben  wie  das  Aufrichten.  Und  in  diesem 
Zusammenorientieren  des  symmetrischen  Rechts  und 
Links  erleben  wir  als  Mensch  zunachst  die  zweite  Rau- 
mesdimension. 

Die  dritte  Raumesdimension  erleben  wir  eigentlich 
niemals  ganz  vollstandig.  Wir  visieren  ja  abschatzend 
eigentlich  erst  die  sogenannte  Tiefendimension.  Die 
vollziehen  wir  f  ortwahrend,  obwohl  das  Vollziehen  auch 
im  Grunde  stark  im  Unterbewufken  liegt.  Wenn  wir 
unsere  beiden  Augenachsen  kreuzen  an  einem  Punkte, 
den  wir  in  beide  Augen  fassen,  so  dehnen  wir  den  Raum, 
der  sonst  fur  uns  nur  zwei  Dimensionen  hatte,  in  die 
dritte  hinaus.  Und  bei  allem  Beurteilen,  Abschatzen  der 
Raumestiefe  bilden  wir  eigentlich  unbewufk  aus  unse- 
rem  eigenen  Wesen,  unseren  eigenen  Bildungsgesetzen 
heraus  erst  die  dritte  Dimension.  So  losen  wir,  konnte 
man  sagen,  in  einer  gewissen  Weise  aus  unserem  eigenen 
Leben  heraus  die  drei  Raumesdimensionen.  Und  dasje- 
nige,  was  wir  dann  als  den  Raum  auffassen,  den  wir  in 
der  Geometrie,  in  der  euklidischen  Geometrie  zunachst, 
verwenden,  ist  nichts  anderes  als  eine  Abstraktion  des- 
jenigen,  was  wir  konkret  an  unserem  eigenen  Organismus 
als  die  wirklichen  drei  Dimensionen,  die  mit  unserem 
subjektiven  Menschenwesen  zusammenhangen,  allmah- 
lich  erkennen  lernen.  Wir  lassen  in  der  Abstraktion  die 
ganz  bestimmte  Konfiguration  des  Raumes  weg.  Die 
bestimmte  Senkrechte,  die  bestimmte  Waagerechte,  die 
bestimmte  Tiefendimension,  die  werden  einander 
gleichgiiltig.  Solche  Vorgange  finden  ja  immer  bei  der 
Abstraktion  statt.  Und  dann,  wenn  wir  aus  dem  in  uns 
erlebten  dreidimensionalen  Raum  durch  Abstraktion  den 


aufteren  Raum,  von  dem  wir  in  der  Geometrie  sprechen, 
gebildet  haben,  dann  dehnen  wir  eigentlich  unser  Be- 
wufksein  nur  iiber  diesen  aufieren  Raum  aus. 

Aber  nun  kommt  das  Bedeutsame:  Dasjenige,  was  wir 
erst  aus  uns  selbst  heraus  gewonnen  haben,  das  ist  jetzt 
anwendbar  auf  die  aufiere  Natur,  zunachst  in  ihren  un- 
organischen,  ihren  leblosen  Bildungen,  aber  auch  auf  die 
verschiedenen  Lageverhaltnisse  und  Bewegungsverhalt- 
nisse  der  organischen  Bildungen.  Das  ist,  kurz  gesagt, 
fur  unsere  Auftenwelt  so  mafigebend,  dafi  wir,  indem  wir 
diesen  Ubergang,  diese  Metamorphose  des  Raumes  von 
einem  Gebiet,  das  eigentlich  nur  in  uns  lebt,  zu  dem,  was 
wir  gewohnlich  Raum  nennen,  vollzogen  haben,  da  nun 
ganz  mit  unseren  Raumesvorstellungen,  unseren  Raum- 
erlebnissen  in  der  Aufienwelt  drinnenstehen  und  uns 
selbst  zuriick  nach  Raumdimensionen,  Raumabmessun- 
gen  in  bezug  auf  unseren  Standort  und  unsere  Bewegung 
bestimmen  konnen.  Wir  gehen  tatsachlich,  indem  wir 
den  Raum  in  dieser  Weise  bilden,  aus  uns  heraus.  Das- 
jenige, was  wir  erst  in  uns  selber  erlebt  haben,  das  tragen 
wir  in  die  Welt  aufterhalb  unseres  Leibes  heraus,  und  wir 
stellen  uns  dann  auf  einen  Gesichtspunkt,  von  dem  aus 
wir  dann  auf  uns  selber,  mit  dem  Raume  erfullt,  zuriick- 
blicken.  Und  indem  wir  so  den  Raum  erst  verobjekti- 
viert  haben,  konnen  wir  jetzt  eben  mit  den  Vorstellun- 
gen,  die  wir  geometrisch  innerhalb  des  Raumes  bilden, 
die  aufieren  Bewegungs-  und  Lageverhaltnisse  der  Dinge 
so  studieren,  daft  wir  wirklich  empfinden:  wir  stehen  auf 
sicherem  wissenschaftlichen  Gebiete,  wenn  wir  mit  dem 
so  erst  aus  uns  selbst  heraus  Gebildeten  nun  in  die  Dinge 
untertauchen.  Es  kann  uns  eigentlich  aus  den  Verhalt- 
nissen  heraus  niemals  ein  Zweifel  dariiber  kommen,  daft 
wir  mk  dem  so  aus  uns  Herausgekommenen  zu  gleicher 


Zeit  in  den  Dingen  drinnen  leben  konnen.  Wenn  wir  den 
Abstand  oder  den  wechselnden  Abstand  zweier  Korper 
in  der  Aufienwelt  nach  Raumesverhaltnissen  beurteilen, 
so  kommt  uns  gar  nicht  in  den  Sinn,  dafi  das  anders  sein 
konnte,  als  dafi  wir  etwas  vollig  Objektives  feststellen,  in 
das  die  Subjektivitat  nicht  hereinspricht. 

Nun  aber  liegt  hier  im  Grunde  genommen  ein  wichti- 
ges  Problem  vor,  das  Problem,  dafi  etwas,  was  wir  in  uns 
selber  subjektiv  erlebt  haben,  indem  wir  es  verwandeln, 
beim  Raume  einfach  durch  eine  Art  Abstraktionsvor- 
gang  verwandeln,  dann  ein  die  Aufienwelt  gewisserma- 
$en  Durchdringendes  wird,  als  ein  der  Aufienwelt  An- 
gehoriges  erscheint.  Wer  sich  unbefangen  iiberlegt,  was 
da  eigentlich  vorliegt,  der  mu£  sich  sagen:  Indem  so 
etwas  vollzogen  wird  wie  das  subjektive  Raumeserlebnis 
in  seinen  drei  Dimensionen  und  die  nachherige  Objek- 
tivierung  desselben,  stent  eben  der  Mensch  in  der  ob- 
jektiven  Aufienwelt  drinnen  mit  dem,  was  er  selber  erlebt. 
Unsere  subjektiven  Erlebnisse,  indem  sie  Raumeserleb- 
nisse  sind,  sind  zugleich  objektive  Erlebnisse.  Und 
schlie£lich  ist  es  ja  gar  nicht  schwierig,  sondern  im  Grunde 
genommen  trivial  und  elementar,  diese  Sache  einzusehen. 
Denn  indem  wir  uns  selbst  bewegend  durch  den  Raum 
gehen,  vollziehen  wir  allerdings  etwas,  was  ein  subjektiver 
Vorgang  ist,  aber  er  ist  zu  gleicher  Zeit  ein  objektiver 
Vorgang,  etwas,  was  in  der  Welt  geschieht.  Ob  wir  einen 
Automaten  sich  vorwartsbewegen  sehen  oder  einen  Men- 
schen,  es  kommt  die  Subjektivitat  nicht  in  Betracht.  Fur 
die  aufiere  Weltkonstellation  ist  dasjenige,  was  sich  voll- 
zieht,  indem  der  Mensch  raumhch  lebt,  ganz  objektiv. 

Nun  aber,  wenn  man  ins  Auge  faftt,  wie  da  der  Mensch 
etwas  aus  dem  subjektiven  Erlebnis  heraus  objektiviert, 
so  daft  er  dann,  indem  er  mit  seinem  eigenen  Selbst  den 


Raum  durchmiftt,  sich  in  einem  Objektiven  bewegt  - 
denn  er  tragt  ja  eigentlich,  indem  er  den  Raum  verob- 
jektiviert  hat,  diesen  Raum  auch  in  sich  -,  wenn  man  das 
ins  Auge  faftt,  was  da  als  in  der  Zeit  verlaufende  See- 
lenverfassung  eigentlich  vorliegt,  dann  kommt  man  dazu, 
sich  zu  sagen:  Wenn  der  Mensch  dasselbe,  was  er  da  mit 
Bezug  auf  das  Mathematisieren  ausfuhren  kann,  auch 
ausfuhren  konnte  mit  Bezug  auf  andere  Erlebnisse,  dann 
wiirde  er  ja  gewissermaften  die  mathematisierende  See- 
lenverfassung  in  andere  Erlebnisse  hereintragen  konnen. 
Nehmen  wir  einmal  an,  wir  kamen  dazu,  nicht  nur 
wahrend  unseres  unbewuftten  Lebensganges  -  denn 
Aufrechtstehen-  und  Gehenlernen,  Links  und  Rechts 
Zusammenorientieren  gehoren  ja  durchaus  dem  unbe- 
wuftt  verlaufenden  Lebensgange  an,  und  die  Art  und 
Weise,  wie  wir  die  Tiefendimension  des  Raumes  ermes- 
sen,  gehort  dem  halb  unbewuftt  bleibenden  Leben  an  -, 
sondern  bewuftt  die  subjektiven  Erlebnisse  so  umzuge- 
stalten,  daft  wir  dann  mit  dem  umgestalteten  Erlebnis 
aufter  uns  stehend  auf  uns  selbst  zuriickschauen  konnten. 
Wenn  wir  nun  ebenso,  wie  wir  das  Raumeserlebnis  aus 
uns  heraus  schaffen  und  bilden,  so  daft  wir,  wenn  wir 
einen  Salzwiirfel  ansehen,  wir  ja  die  Gestalt  des  Wiirfels 
aus  unserer  Geometrie  mitbringen  und  wissen,  daft  eine 
vollstandige  Identifizierung  der  Gestalt  des  objektiven 
Salzwiirfels  mit  dem,  was  wir  in  der  Raumesvorstellung 
gebildet  haben,  stattfindet  -  wenn  wir  ebenso  anderes 
bilden  konnten,  wenn  wir  das  zum  Beispiel  konnten  mit 
Bezug  auf  die  Sinneswahrnehmungen,  mit  Bezug  darauf, 
wie  wir  die  Sinnesqualitaten  empfinden,  die  Farben,  Tone 
und  so  weiter,  und  dann  gegeniibertreten  wiirden  den 
aufteren  Gegenstanden,  dann  wiirden  wir  in  der  gleichen 
Weise  dasjemge,  was  wir  erst  in  uns  ausbilden,  gewis- 


sermafien  herauswerfen  in  die  Welt,  uns  damit  aufierhalb 
unseres  Leibes  versetzen  und  sogar  auf  uns  zuriickschauen 
konnen.  Bei  der  Mathematik  -  ich  habe  das  geometrische 
Bild  angefuhrt,  ich  konnte  auch  anderes  anfiihren  -  ist 
das  zwar  vollzogen  worden,  aber  man  achtet  nicht  dar- 
auf.  Weder  die  Mathematiker  noch  die  Philosophen  ha- 
ben  dieses  eigentiimliche  Verhaltnis  ins  Auge  gefafit,  das 
ich  jetzt  vor  Sie  hingestellt  habe. 

Mit  Bezug  auf  die  Sinneswahrnehmungen  ist  man 
aber  in  eine  wahre  wissenschaftliche  Verwirrung  gekom- 
men.  Die  Menschen  meinen  vielfach  -  die  Physiologen 
haben  sich  in  dieser  Beziehung  sogar  den  Erkenntnis- 
theoretikern  und  Philosophen  im  19.  Jahrhundert  an- 
geschlossen  -,  wenn  wir  zum  Beispiel  Rot  sehen,  so  ist 
der  aufiere  Vorgang  irgendein  Schwingungsvorgang,  der 
sich  fortpflanzt  bis  zu  unserem  Sehorgan,  bis  zum  Ge- 
hirn.  Dann  wird  ausgelost  das  eigentliche  Rot-Erlebnis. 
Oder  es  wird  durch  den  aufieren  Schwingungsvorgang 
ausgelost  der  Ton  Cis  auf  dieselbe  Weise.  Hier  ist  man  in 
Verwirrung  geraten,  weil  man  dasjenige,  was  in  uns,  in 
unserer  Korperbegrenzung  lebt,  gar  nicht  mehr  von  dem 
Aufteren  unterscheiden  kann.  Hier  spricht  man  durchaus 
davon,  dafi  alle  Sinnesqualitaten,  Farben,  Tone,  Warme- 
qualitaten,  eigentlich  nur  subjektiv  seien;  da£  das  aufiere 
Objektive  etwas  ganz  anderes  sei. 

Wenn  wir  nun  geradeso,  wie  wir  die  drei  Raumesdi- 
mensionen  zunachst  aus  uns  heraus  bilden,  um  sie  an 
und  in  den  Dingen  wieder  zu  finden,  wenn  wir  ebenso 
dasjenige,  was  in  uns  sonst  als  Sinnesempfindung  auf- 
tritt,  aus  uns  selbst  schopfen  und  dann  au£er  uns  verset- 
zen konnten,  dann  wiirden  wir  das  erst  in  uns  Gefunde- 
ne  in  den  Dingen  ebenso  finden,  ja,  auf  uns  zuriick- 
schauend,  es  wiederfinden,  wie  wir  das  als  Raum  in  uns 


Erlebte  in  der  Aufienwelt  finden  und  auf  uns  zuriick- 
schauend,  uns  selbst  diesem  Raume  angehorend  finden. 
Wir  wiirden,  wie  wir  die  Raumeswelt  um  uns  haben,  eine 
Welt  von  ineinanderflieftenden  Farben  und  Tonen  um 
uns  haben.  Wir  wiirden  sprechen  von  einer  objektivier- 
ten  farbigen,  tonenden  Welt,  einer  flutenden,  farbigen, 
tonenden  Welt,  so  wie  wir  von  dem  Raume  um  uns 
herum  sprechen. 

Das  kann  der  Mensch  aber  durchaus  erreichen,  dafi 
er  diese  Welt,  die  sonst  fur  ihn  nur  vorliegt  als  die  Welt 
der  Wirkungen,  kennenlernt  als  die  Welt  seiner  eige- 
nen  Bildung.  Wie  wir  unbewufit,  einfach  aus  unserer 
menschlichen  Natur  heraus,  uns  die  Raumesgestalt  aus- 
bilden,  um  sie  dann  in  der  Welt  wiederzufinden,  indem 
wir  sie  erst  metamorphosiert  haben,  so  kann  der  Mensch 
durch  gewisse  Ubung  -  das  muft  er  jetzt  bewufk  ausfiih- 
ren  -  dazu  kommen,  aus  sich  heraus  den  gesamten 
Umfang  der  Qualitaten  enthaltenden  Welt  zu  finden,  um 
sie  dann  wiederzufinden  in  den  Dingen,  wiederzufinden 
zuriickschauend  auf  sich  selbst. 

Was  ich  Ihnen  hier  schildere,  das  ist  das  Aufsteigen  zu 
der  sogenannten  imaginativen  Anschauung.  Dasjenige, 
was  wir  als  Raumeswelt  haben,  das  hat  heute  jeder 
Mensch,  der  nicht  geradezu  abnorm-mathematisch  oder 
unmathematisch  veranlagt  ist.  Dasjenige,  was  in  gleicher 
Weise  im  Menschen  leben  kann,  und  so  leben  kann,  daft 
er  damit  zugleich  die  Welt  miterlebt,  das  kann  durch 
Ubungen  im  Menschen  heranerzogen  werden.  Zu  der 
gewohnlichen  gegenstandlichen  Anschauung  der  Dinge, 
in  der  uns  die  Mathematik  ein  sicherer  Fuhrer  ist,  kann 
die  imaginative  Anschauung  -  es  ist  nur  ein  technischer 
Ausdruck  und  bedeutet  nicht  «Einbildung»  und  «Imagi- 
nation»  im  gewohnlichen  Sinne  -  hinzukommen  und  ein 


neues  Weltgebiet  eroffnen.  Ich  sagte  schon  gestern,  da£ 
ich  noch  eine  besondere  Ubungs-  und  Forschungsme- 
thode  werde  auseinanderzusetzen  haben.  Ich  werde 
Ihnen  dann  zu  schildern  haben,  was  man  zu  machen  hat, 
urn  zu  einer  solchen  iraaginativen  Anschauung  zu  kom- 
men,  wo  wir  gewissermafien  ebenso,  wie  wir  beim  Raume, 
der  allerdings  zunachst  keine  uns  im  hoheren  Sinne 
interessierende  Wirklichkeit  enthalt,  dazu  kommen,  ihn 
als  Gesamtanschauung  zu  haben,  nun  auch  eine  Ge- 
samtanschauung  des  Qualitativen  in  der  Welt  haben. 
Dann  aber,  wenn  wir  in  dieser  Weise  uns  der  Welt 
gegeniiberstellen  konnen,  sind  wir  schon  drinnen  im 
ubersinnlichen  Schauen,  auf  der  ersten  Stufe  des  iiber- 
sinnlichen  Schauens.  Das  sinnliche  Schauen,  das  ist  zu 
vergleichen  mit  demjenigen  Anschauen  der  Dinge,  wo 
wir  nicht  an  den  Dingen  Dreiecke  und  Vierecke  unter- 
scheiden,  wo  wir  nicht  geometrische  Strukturen  in  den 
Dingen  sehen,  sondern  einfach  hinstarren  auf  die  Dinge 
und  ihre  Formen  nur  aufterlich  nehmen.  Dasjenige  An- 
schauen aber,  das  in  der  Imagination  auftritt,  ist  ein 
solches  Verwobensein  mit  dem  inneren  Wesen  der  Din- 
ge, wie  das  mathematische  Anschauen  ein  Verwobensein 
mit  denjenigen  Weltverhaltnissen  ist,  die  eben  durchaus 
der  Mathematik  zuganglich  sind. 

Wer  mit  der  richtigen  Gesinnung  an  Mathematik  sich 
heranbegibt,  der  wird  dazu  kommen,  gerade  in  dem 
Verhalten  des  Menschen  im  Mathematisieren  das  Mu- 
sterbild  zu  sehen  fur  alles  dasjenige,  was  dann  erreicht 
werden  soil  fur  eine  hohere,  eine  ubersinnliche  Anschau- 
ung. Denn  die  Mathematik  ist  einfach  die  erste  Stufe 
ubersinnlicher  Anschauung.  Dasjenige,  was  wir  als  ma- 
thematische Strukturen  des  Raumes  schauen,  ist  uber- 
sinnliche Anschauung.  Wir  geben  es  nur  nicht  zu,  weil 


wir  gewohnt  sind  es  hinzunehmen.  Derjenige  aber,  der 
die  eigentliche  Natur  dieses  Mathematisierens  kennt,  der 
weifi,  dafi  es  zwar  zunachst  eine  uns  nicht  sonderlich  fiir 
unsere  ewige  Menschennatur  inter  essierende  Wissenschaft 
ist,  was  wir  da  mit  der  Raumesstruktur  gegeben  haben, 
dafi  es  aber  durchaus  den  Charakter  alles  dessen  voll- 
standig  tragt,  was  man  im  anthroposophischen  Sinne  - 
jetzt  ohne  nebulose  Mystik,  ohne  verworrenen  Okkul- 
tismus,  sondern  einfach  mit  dem  Ziele,  in  die  iibersinnli- 
chen  Welten  auf  exakt-wissenschaftliche  Weise  hinauf- 
zusteigen  -,  was  man  im  wahren  Sinne  des  Wortes  vom 
Hellsehen  verlangen  kann. 

Was  Hellsehen  auf  hoherem  Gebiete  ist,  studieren 
kann  es  jeder  Mensch  am  Mathematisieren.  Und  am 
meisten  wundern  konnte  man  sich  dartiber,  dafi  gerade 
Mathematiker,  die  den  Prozefi  kennen  sollten,  der  im 
Menschen  vorgeht,  wenn  man  mathematisiert,  dafi  die 
nicht  eigentlich  ein  tieferes  Verstandnis  demjenigen  ent- 
gegenbringen,  was  als  ein  hoheres,  qualitatives  Mathe- 
matisieren in  der  hellsichtigen  Forschung,  wenn  ich  mich 
dieses  Ausdrucks  bedienen  darf,  aufzutreten  hat.  Denn 
dasjenige,  was  die  erste  Stufe  dieser  Forschung  ist,  die 
imaginative  Erkenntnis,  es  ist  nichts  anderes  als  ein  durch 
Ubungen  erlangtes  Hineinschauen  in  noch  andere  Ge- 
biete des  Daseins,  als  das  Mathematisieren  es  gestattet. 
Aber  allerdings,  es  andert  sich  so  manches  mit  Bezug  auf 
das  menschliche  Anschauen,  wenn  man  diese  ganze  in- 
nere  Natur  des  Mathematisierens  einmal  in  wahrhaftiger 
menschlicher  Selbsterkenntnis  uberschaut.  Da  kommt 
man  namlich  zum  Beispiel  zu  folgendem:  Indem  man 
darauf  zuriickblickt,  wie  man  in  der  ersten  Kindheit 
durch  das  Aufrechtgehen  und  Aufrechtstehen,  durch  das 
Orientieren  von  Links  und  Rechts,  durch  das  Bestim- 


men  der  Tiefendimension  zur  Raumesstruktur  gekom- 
men  ist,  indem  man  daran  ankniipft  und  den  sonst  nur 
abstrakt  angeschauten  Raum  der  Geometrie  aus  dem 
inneren  menschlichen  Erleben  kennenlernt,  da  lernt  man 
auch  erkennen,  welche  verhangnisvollen  Folgen  eintre- 
ten,  wenn  man  nicht  zuriickblicken  kann  auf  dieses  le- 
bendige  Hervorgehen  des  Raumes,  der  Vorstellung  und 
der  Anschauung  des  Raumes  aus  der  Menschenwesen- 
heit,  sondern  einfach  den  Raum  schon  in  metamorpho- 
sierter  Gestalt,  unabhangig  vom  Menschen  hinnimmt. 
Da  ist  man  ja  in  der  neueren  Zeit  dazu  gekommen,  diesen 
Raum  in  seinen  drei  Dimensionen  so  zu  betrachten,  daft 
man  rein  mathematisch  zu  einer  vierten  und  zu  weiteren 
Dimensionen  iibergegangen  ist.  Die  mehrdimensionalen 
Raume  und  die  Geometrien,  die  sich  auf  sie  beziehen, 
sind  ja  heute  etwas,  was  auch  schon  in  weiteren  Kreisen 
bekannt  geworden  ist.  Aber  fur  denjenigen,  der  nun  die 
lebendige  Gestaltung  des  Raumes  einmal  kennengelernt 
hat,  ist  es  zwar  aufierordentlich  interessant,  so  etwas 
zu  verfolgen  wie  das  Fortsetzen  der  Rechnungs-  und 
Funktionsoperationen,  die  man  fur  den  dreidimensiona- 
len  Raum  vornimmt,  indem  man  gewisse  Dinge  erweitert, 
so  daft  man  dann  die  nicht  mehr  anschaubare  vierte 
Dimension  bekommt  und  so  weiter  -  diese  Dinge  sind 
mathematisch-logisch  nicht  nur  interessant,  sondern  auch 
vollstandig  richtig  -,  aber  fur  denjenigen,  der  eben  so  die 
Entstehung  der  Raumanschauung  kennt,  wie  ich  es  be- 
schrieben  habe,  fur  den  liegt  hier  etwas  ganz  Besonderes 
vor.  Wir  konnen  namlich  zum  Beispiel,  wenn  ich  diesen 
Vergleich  gebrauchen  darf,  ein  Pendel  haben  und  das 
Pendel  ausschlagen  sehen.  Wir  konnen  rein  aufterlich 
dieses  Ausschlagen  des  Pendels  ansehen,  und  uns  nun 
denken,  das  Pendel  ginge  im  Ausschlagen  immer  weiter 


und  weiter.  Es  tut  es  aber  nicht.  Wenn  es  an  einem 
bestimmten  Punkt  angekommen  ist,  geht  es  wieder  zu- 
ruck  nach  der  entgegengesetzten  Seite.  Wenn  wir  die 
Kraftverhaltnisse  kennen,  die  in  dem  Pendel  leben,  dann 
wissen  wir,  dafi  das  Pendel  eben  oszilliert,  dal?  es  nicht 
einfach  weitergehen  kann  wegen  der  in  ihm  liegenden 
Kraf  tverhaltniss  e . 

Gewissermaften  solche  Kraftverhaltnisse  lernt  man 
erkennen  in  der  eigenen  menschlichen  Seelenverfassung 
in  bezug  auf  den  Raum.  Dann  wird  die  Sache  anders. 
Dann  macht  man  gewift  logisch-mathematisch  dasjenige 
mit,  was  den  Ubergang  bildet  aus  den  Rechnungsopera- 
tionen  im  dreidimensionalen  zum  vierdimensionalen 
Raum,  nur  merkt  man:  es  geht  nicht  weiter.  Es  geht 
nicht  in  ein  unbestimmtes  Viertes  hinein,  sondern  man 
mufi  von  einem  gewissen  Punkte  an  umkehren,  und  die 
vierte  Dimension  wird  namlich  einfach  die  dritte  Di- 
mension mit  negativem  Vorzeichen.  Man  kommt  wie- 
derum  durch  die  dritte  Dimension  zuriick.  Das  ist  der 
Fehler,  der  in  den  mehrdimensionalen  Geometrien  ge- 
macht  wird.  Da  wird  einfach  abstrakt  weitergelaufen 
von  der  zweiten  in  die  dritte,  von  der  dritten  in  die 
vierte  Dimension  hinein  und  so  weiter.  Aber  dasjenige, 
was  da  vorliegt,  ist,  wenn  ich  mich  jetzt  vergleichsweise 
so  ausdriicken  darf,  nicht  einfach  fortlaufend,  sondern 
oszillierend.  Die  Raumanschauung  mufi  wiederum  in 
sich  zuruckkehren.  Wir  vernichten,  indem  wir  die  dritte 
Dimension  negativ  nehmen,  diese  dritte  Dimension  in 
Wahrheit.  Die  vierte  Dimension  ist  die  negative  dritte 
und  vernichtet  die  dritte,  macht  den  Raum  eigentlich 
zweidimensional.  Und  ebenso  konnen  wir  einen  Vor- 
gang  finden  fur  die  fiinfte  und  sechste  Dimension,  der 
durchaus  in  sich  wirklich  ist,  obwohl  das  logisch- 


mathematisch,  algebraisch  einfach  fortlaufend  ist.  Wir 
miissen,  wenn  wir  der  Wirklichkeit  gemafi  vorstellen,  in 
den  Raum,  der  uns  einfach  vorliegt,  mit  der  vierten, 
fiinften,  sechsten  Dimension  wiederum  zuriickkommen, 
und  bei  der  sechsten  haben  wir  einfach  den  Raum 
aufgehoben.  Wir  sind  beim  Punkt  angekommen. 

Was  liegt  da  eigentlich  in  der  Zeitkultur  vor?  Es  liegt 
das  vor,  daft  diese  Zeitkultur  abstrakt  geworden  ist  in 
bezug  auf  das  Denken,  daft  man  den  Lauf,  den  man  mit 
dem  Denken  genommen  hat  von  der  Planimetrie  zur 
Stereometrie  einfach  fortsetzt,  wahrend  die  Wirklichkeit 
mit  der  vierten  Dimension  wieder  zuruckfuhrt  in  den 
Raum.  Aber  indem  wir  jetzt  zuriickkehren,  sind  wir 
keineswegs  in  derselben  Lage,  in  der  wir  waren,  als  wir 
in  die  dritte  Dimension  hinausgekommen  sind  mit  dem 
Visieren,  sondern  indem  wir  zuriickkehren,  sind  wir 
geistbeladen.  Finden  wir  die  Moglichkeit,  die  vierte  Di- 
mension so  zu  denken,  daft  wir  mit  ihr  wiederum,  indem 
sie  die  negative  dritte  ist,  in  den  Raum  zuriickkehren, 
dann  wird  der  Raum  geisterfiillt,  wahrend  der  dreidi- 
mensionale  Raum  materieerfiillt  ist.  Und  mit  immer 
hoheren  Geistgebilden  finden  wir  den  Raum  erfiillt,  wenn 
wir  entlang  der  negativen  dritten  und  zweiten  und  ersten 
Dimension  gehen  bis  zu  dem  Punkt,  wo  wir  keine 
Raumesausdehnung  mehr  haben,  aber  vollstandig  im 
Ausdehnungslosen,  im  Geistigen  dann  drinnenstehen. 

Was  ich  Ihnen  schildere,  ist  nicht  formale  Mathema- 
tik,  ist  Wirklichkeit  der  geistigen  Anschauung,  ist  dasje- 
nige,  was  zeigt,  wie  ein  geistgemafter  Weg  in  Wirklich- 
keit verlauft,  im  Gegensatz  zu  demjenigen  Weg,  der  sich 
so  sehr  nur  an  die  materiellen  Erscheinungen  gewohnt 
hat,  daft  er  selbst  mit  dem,  was  natiirlich  nicht  mehr 
materiell  in  der  Seelenverfassung  wirkt,  mit  der  Mathe- 


matik,  indem  er  mit  dem  weiterlauft,  in  eine  unwahr- 
nehmbare  Welt  hineinkommt,  in  der  er  hochstens  noch 
rechnen  oder  imaginare  mathematische  Gebilde  ausbilden 
kann. 

Hier  sehen  Sie,  dal?  ein  volliges  Einleben  in  das  Ma- 
thematische durchaus  dahin  fiihrt,  daft  man  die  innere 
Natur  des  Geistigen  als  welterfiillend  in  sich  schon  durch 
Mathematik  aufnimmt.  Das  richtige  Durchschauen  der 
mathematischen  Seelenverfassung  fiihrt  uns  direkt  hinein 
in  den  Begriff  des  hellsichtigen  Erfahrens,  Erlebens.  Und 
dann  steigen  wir  auf  zu  der  Imagination,  um  in  der 
Weise,  wie  es  noch  geschildert  werden  soli,  mit  ihr  nun 
wirklich  das  Geistige  zu  iiberschauen,  das  dann  nicht  in 
der  gewohnlichen,  aber  in  der  von  mir  hier  gekenn- 
zeichneten  Art  geschaut  werden  kann,  wenn  wir  aus  der 
dritten  in  die  vierte  Dimension  ubergehen  und  so  weiter, 
bis  zum  dimensionslosen  Gebiet,  dem  Punkt,  der  geistig 
uns  zum  Hochsten  fiihrt,  wenn  wir  ihn  erst,  nicht  als 
leeren  Punkt,  sondern  als  erfiillten  Punkt  erreicht  haben. 

Ich  wurde  einmal  -  es  machte  einen  bedeutenden 
Eindruck  auf  mich  -  mit  sonderbaren  Augen  angeschaut, 
als  ein  alterer  Schriftsteller,  der  viel  iiber  geistige  Dinge 
geschrieben  hat,  mich  zum  ersten  Mai  sah  und  frug:  Wie 
ist  Ihnen  denn  am  ersten  bewufit  geworden  dieser  Un- 
terschied  zwischen  dem  Schauen  der  Sinneswelt  und 
dem  Schauen  der  ubersinnlichen  Welt?  -  Da  sagte  ich, 
weil  ich  am  liebsten  in  solchen  Dingen  mich  radikal 
ehrlich  ausspreche:  In  dem  Moment,  wo  ich  den  inneren 
Sinn  der  sogenannten  neueren  oder  synthetischen  Geo- 
metric kennengelernt  habe.  -  Also,  wenn  man  von  der 
analytischen  zur  synthetischen  Geometrie  iibergeht, 
welche  einem  gestattet,  nicht  nur  aufierlich  an  die  Gebil- 
de heranzukommen,  sondern  die  Gebilde  in  ihren  ge- 


gensekigen  Beziehungen  zu  erfassen,  die  also  von  Ge- 
bilden  ausgeht,  und  nicht  von  aufteren  Koordinaten, 
bekommt  man  die  Anregung,  jene  Seelenverfassung  zu 
studieren,  die  dann,  weiter  ausgebildet,  dazu  fiihrt,  in  die 
ubersinnliche  Welt  einzudringen.  Wenn  wir  aber  nur 
Raumes-Koordinaten  konstruieren,  haben  wir  nicht  das 
Gebilde  erfafit,  sondern  nur  die  Enden  der  Koordinaten, 
und  dann  verbinden  wir  diese  Enden  und  bekommen  die 
Linien.  Aber  an  das  Gebilde  kommen  wir  eigentlich  mit 
der  analytischen  Geometrie  nicht  heran,  wahrend  wir 
mit  der  synthetischen  Geometrie  in  den  Gebilden  dar- 
innen  leben.  Da  bekommen  wir  die  Anregung,  jene 
Seelenverfassung  zu  studieren,  die  dann,  weiter  ausgebil- 
det, dazu  fiihrt,  in  die  ubersinnliche  Welt  einzudringen. 

Damit  habe  ich  charakterisiert,  inwiefern  Anthropo- 
sophie  durchaus  damit  rechnen  kann,  in  ebenso  strenger 
Weise  von  dem  Mathematisieren  auszugehen,  wie,  nur 
von  einem  anderen  Gesichtspunkte,  die  heutige  Natur- 
wissenschaft  davon  ausgehen  kann.  Diese  Naturwissen- 
schaft  verwendet  die  fertige  Mathematik.  Derjenige,  der 
begreifen  will  den  hellsichtigen  Prozefi,  mull  ihn  da 
aufsuchen,  wo  er  am  primitivsten  vorhanden  ist:  im 
Gestalten  des  Mathematischen.  Kann  er  ihn  dann  hin- 
auftragen  in  hohere  Gebiete,  dann  bildet  er  etwas  aus, 
was  sich  zum  Elementaren,  Primitiven  des  Mathemati- 
sierens  so  verhalt,  wie  die  spateren  mathematischen  Ge- 
biete sich  zu  den  Axiomen  verhalten.  Die  ersten  Axiome 
des  Hellsehens  sind  lebendig.  Und  gelingt  es  uns,  das 
Mathematisieren  durch  Ubungen  auszubilden,  so  werden 
wir  nicht  nur  raumliche  Verhaltnisse  in  der  Umwelt 
sehen,  sondern  wir  lernen  Geistwesen,  bis  zur  geistigen 
Innerlichkeit  vor  uns  sich  offenbarende  Geistwesen, 
kennen,  wie  wir  die  innere  Wiirfelnatur  des  Steinsalzes 


kennen.  Wir  lernen  Geistwesen  kennen,  wenn  wir  in 
dieser  Weise  dasjenige,  was  wir  im  Mathematisieren 
ausbilden,  hinauftragen  in  hohere  Gebiete. 

Das  wollte  ich  zunachst  sagen  uber  die  Fundierung 
desjenigen,  was  innerhalb  der  Anthroposophie  als  hell- 
sichtige  Forschung  anerkannt  werden  muli,  Wir  werden 
dann  noch  sehen,  wie  mit  dieser  hellsichtigen  Forschung 
in  die  einzelnen  Wissensgebiete,  sowohl  in  die  naturwis- 
senschaftlichen  Gebiete  wie  auch  in  die  Gebiete  der 
Heilkunde,  der  Medizin,  der  Geschichtswissenschaft  und 
so  weiter  hineingegangen  werden  kann,  und  wie  die 
Wissenschaften  nicht  angefochten,  sondern  bereichert 
werden  sollen  durch  ein  solches  Hereintragen  desjenigen 
in  ihre  Gebiete,  was  in  iibersinnlichem  Anschauen  erkannt 
werden  kann. 

Aber  es  kann  uns  zu  Hilfe  kommen  fur  das  richtige 
Verstandnis  desjenigen,  was  hier  eigentlich  gemeint  ist, 
wenn  wir  den  Gang  der  Menschheitsentwickelung  durch 
eine  gewisse  Zeit  hindurch  betrachten,  wie  er  war,  in- 
dem  er  zuletzt  dazu  fuhrte,  unser  heutiges  wissenschaft- 
liches  Denken  auszubilden.  Fassen  wir  nur  dieses  wis- 
senschaftliche  Denken  einmal  ins  Auge.  Es  ist  ein  sol- 
ches wissenschaftliches  Denken,  das  zwar  den  blossen 
Formalismus  der  Mathematik  einsieht,  aber  die  innere 
Sicherheit  und  Exaktheit  des  Forschens  doch  an  der 
Mathematik  lernt  und  eigentlich  die  Naturgesetze  nur 
dann  fur  berechtigt  ansieht,  wenn  sie  einer  solchen 
Formulierung  fahig  sind  wie  das  Mathematische.  Min- 
destens  ist  das  eine  Art  von  Ideal  der  heutigen  Wissen- 
schaftlichkeit.  Aber  das  war  nicht  immer  so.  Das,  was 
wir  heute  als  Wissenschaftsgeist  anerkennen,  das  hat 
sich  erst  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung  her- 
ausgebildet.  Und  ich  mochte  Ihnen  heute  nur  drei 


Etappen,  von  denen  heute  die  dritte  da  ist,  dieses  sich 
entwickelnden  Menschengeistes  einmal  mehr  erzahlend 
vorfuhren.  Einiges  von  dem,  was  zur  Begriindung  des- 
sen,  was  ich  erzahlen  will,  vorgebracht  werden  kann, 
werde  ich  auch  noch  beriihren. 

Wenn  wir  zuriickgehen  in  der  Menschheitsentwik- 
kelung,  so  finden  wir  namlich  nicht  immer  dieselbe 
Seelenverfassung,  die  der  Mensch  heute  hat.  Heute  hat 
eben  der  Mensch  die  Seelenverfassung,  die  ihn  gewisser- 
mafien  als  zu  etwas  Hochstem  zur  Ausbildung  des 
Wissenschaftsgeistes  fiihrt.  Wenn  wir  zuriickgehen  in 
den  alten  Orient  -  wir  brauchen  nicht  einmal  bis  in  die 
altesten  Zeiten  des  Indertums  zuriickzugehen  -,  da  hat 
sich  erhalten,  was  in  alteren  Zeiten  Erkenntnisprinzip 
war.  Da  nannte  man  ganz  anderes  den  Weg  zur  Er- 
kenntnis  als  heute.  In  jenen  alteren  Zeiten  -  sogar  die 
Sprachgeschichte  kann  das  erharten  -  kam  sich  der 
Mensch,  indem  er  auf  sich  zuruckschaute,  nicht  so  vor 
wie  der  heutige  Mensch,  der  heutige  Mensch  mit  seinem 
ganz  fest  in  sich  durch  das  Denken  erfafiten  Selbstbe- 
wufksein  auf  der  einen  Seite  und  der  Erfassung  des 
Mechanistischen  durch  die  Beobachtung  auf  der  ande- 
ren  Seite.  So  hatte  sich  zum  Beispiel  der  Mensch  des 
Orients  nicht  fuhlen  konnen.  Wie  gesagt,  selbst  die 
Sprachgeschichte  kann  das  bezeugen.  Der  Mensch  des 
Orients  fuhlte  sich  zunachst  als  atmender  Mensch,  als 
atmendes  Wesen.  Ein  Atmer,  das  war  ihm  der  Mensch. 
Und  der  Atmungsprozeft  war  dasjenige,  auf  das  der 
Mensch  vorzugsweise  in  der  Selbsterkenntnis,  der 
Selbstanschauung  hinblickte.  Sogar  die  Unsterblichkeit 
brachte  er  mit  dem  Atmungsprozefi  zusammen:  Eine 
Art  Ausatmung  des  Seelischen  war  der  Eintritt  des 
Todes.  Der  Mensch  ein  Atmer!  Warum  fuhlte  man  in 


dieser  alteren  Seelenverfassung  den  Menschen  als  ein 
Atmungswesen?  Weil  man  wirklich  im  Atmungspro- 
zefi,  der  nicht  so  im  Unbewulken  verlief  wie  heute,  im 
Ein-  und  Ausatmen  das  Leben  verspiirte.  Die  Vibratio- 
nen,  den  Rhythmus  des  Lebens,  man  fiihlte  sie  im 
Atmen.  Das  Atmen  war  etwas,  was  man  so  spiirte,  wie 
man  heute  Hunger  und  Durst  spurt.  Aber  es  war  ein 
fortwahrendes  Spiiren  im  Wachzustand,  dieser  At- 
mungsprozeft.  Und  sah  man  mit  den  Augen,  dann  wufi- 
te  man:  jetzt  geht  der  Atmungsvorgang  bis  in  den  Kopf, 
bis  in  das  Auge.  Das  Schauen  empfand  man  so,  daft  es 
durchstromt  war  von  der  Atembewegung.  Ebenso  eine 
Willensregung.  Das  Handausstrecken  empfand  man  so, 
als  ob  es  etwas  ware,  was  sich  anschliefit  an  die  At- 
mungsbewegungen.  Eine  Ausbreitung  des  Atmens  in 
den  ganzen  Leib  spiirte  man  als  inneren  Lebensprozefi. 
Sowohl  die  mehr  theoretische  Anschauung  der  Auften- 
welt  durch  die  Sinne,  sie  fiihlte  man  als  beseelt  vom 
Atem,  wie  man  die  Willensregungen  als  beseelt  vom 
Atem  fiihlte.  Der  Mensch  fiihlte  sich  als  ein  Atmungs- 
wesen. Und  weil  er  sich  als  ein  Atmungswesen  fiihlte, 
weil  er  hatte  sagen  konnen,  mein  Atem  wird  so  und  so 
modifiziert,  indem  ich  durch  meine  Augen  sehe,  durch 
meine  Ohren  hore,  indem  ich  Warmewirkungen  emp- 
fange,  weil  er  so  iiberall  in  den  Sinnesempfindungen 
differenzierte,  modifizierte,  metamorphosierte,  verfei- 
nerte  Atmungsvorgange  erblickte,  so  war  fur  ihn  auch 
der  Erkenntnisweg  eine  regelmafiige  Ausbildung  des 
Atmungsprozesses.  Und  diese  war  fur  jene  alteren  Epo- 
chen  der  menschlichen  Erkenntnisentwickelung  das- 
selbe,  was  heute  unser  Studieren  ist  an  der  Hochschule. 
Heute  studieren  wir  in  anderer  Art.  Dazumal,  wenn 
man  religiose  Befriedigung,  wenn  man  Erkenntnisse 


erlangen  wollte,  studierte  man,  indem  man  den  At- 
mungsprozeft  gesetzmaftig  umbildete;  indem  man,  mit 
anderen  Worten,  das  ausbildete,  was  spater  das  Joga- 
Atmen,  die  Joga-Ubung  genannt  wurde.  Und  was  wurde 
da  ausgebildet?  Wenn  man  verfolgt,  wozu  nun  derjenige 
gekommen  ist,  der  das  Joga-Atmen  iibte,  um  hinaufzu- 
kommen  zu  hoheren  Erkenntnisstufen,  dann  findet  man 
etwas  Merkwiirdiges.  Diejemgen,  die  so  durch  Joga- 
Ubungen  Gelehrte  geworden  waren  -  der  Ausdruck  ist 
uneigentlich  auf  diese  alteren  Verhaltnisse  angewandt, 
aber  man  kann  vielleicht  so  sagen,  und  auch  das  Studium 
dauerte  etwa  so  lange,  wie  unser  Universitatsstudium 
dauert  -,  diejenigen,  die  auf  diese  Weise  Gelehrte  ge- 
worden waren,  hatten  in  dieser  Erkenntnis  etwas  in 
ihrer  Seelenverfassung  ergriffen,  was  in  einer  spater  en 
Zeit,  zum  Beispiel  in  der  griechisch-romischen  Zeit,  als 
Ideenwelt  angesehen  worden  ist  und  nunmehr  wie  von 
selbst  da  war;  so  da  war  in  der  menschlichen  Seelen- 
verfassung, daft  man  kein  Joga  mehr  brauchte. 

Das  ist  ja  das  Interessante,  daft  dasjenige,  wonach  der 
Mensch  in  einer  friiheren  Epoche  mit  alien  moglichen 
Ubungen  streben  muft,  in  spateren  Epochen  von  selbst 
da  ist  in  der  Entwickelung.  Da  bedeutet  es  nicht  mehr 
dasjenige,  was  es  fruher  bedeutet  hat.  Als  Sokrates,  als 
Plato  wirkten,  bedeutete  die  Philosophic  eines  Plato, 
eines  Sokrates  nicht  mehr  dasselbe,  was  es  fur  die  alten 
Jogaschiiler  oder  Jogalehrer  bedeutet  hatte,  wenn  sie  zu 
den  sokratischen  oder  platonischen  Wahrheiten  gekom- 
men waren.  Der  Jogaschiiler  war  durch  sein  Joga-Atmen 
nicht  genau  so  organisiert,  aber  er  war  in  der  Seelenver- 
fassung, in  der  Plato,  Aristoteles  oder  Scotus  Erigena 
waren.  So  sehen  wir  dasjenige,  was  in  den  altesten  Zeiten 
getrieben  worden  ist  als  geregelte  Ubungen  des  At- 


mungsprozesses,  und  wir  sehen,  dafi  erne  gewisse  an- 
schauliche  Begriffswelt  das  Ergebnis  dieses  Erkenntnis- 
pfades  war. 

Man  bekommt  eigentlich  von  dem,  was  in  der  spate- 
ren  Zeit  in  Heraklit,  in  Parmenides,  in  Anaxagoras  lebte, 
eine  richtige  Vorstellung,  wenn  man  sich  sagt:  Das  ist 
dasjenige,  was  in  diesem  Zeitalter  den  Menschen  als 
selbstverstandlich  gegeben  war,  und  was  in  noch  alteren 
Zeiten  durch  Joga  erreicht  wurde.  Ubungen  waren  es 
immer,  wodurch  man  fur  ein  Zeitalter  die  hoheren  Er- 
kenntnisse  anstrebte.  So  war  das  Anschauen  der  Welt  in 
spateren  Epochen  so  vorhanden,  daft  man  nun  nicht 
mehr  den  Atem  wahrnahm,  indem  man  sich  selbst  be- 
schaute,  sondern  daE  man  wahrnahm,  wie  der  Grieche 
wahrnahm.  Ich  habe  dariiber  in  meinen  «Ratseln  der 
Philosophie»  Naheres  ausgefiihrt.  Da  war  es  noch  so, 
dafi  man  sich  nicht  abgesonderte  Gedanken  iiber  die 
Welt  machte,  sondern  die  Ideen  waren  mit  den  Sinnes- 
erlebnissen  eine  Einheit.  Man  sah  seine  Gedanken  drau- 
ften,  wie  man  Rot  oder  Blau  drauften  sah,  wie  man  Cis, 
G,  H  horte.  Die  Gedanken  waren  drauften  in  der  Welt. 
Die  griechische  Weltanschauung  versteht  nur,  wer  das 
weifi.  Aber  man  nahm  nur  Geist  von  Sinneswahrneh- 
mungen  durchdrungen,  oder  Sinneswahrnehmungen  von 
Geist  durchdrungen  jetzt  wahr,  nicht  mehr  das  Diffe- 
renzierte  des  Atmungsprozesses. 

Wiederum  aber  strebte  nun  die  Menschheit  danach, 
auf  all  denjenigen  Gebieten,  wo  man  eben  nach  hoheren 
Erkenntnissen  strebte,  eine  hohere  Stufe  des  Erkennens 
zu  erreichen.  Und  diese  Stufe  wurde  wiederum  durch 
Ubungen  erreicht.  Man  hat  ja  gerade  iiber  die  Zeit  des 
ersten  Mittelalters,  iiber  das  Geistesleben  des  ersten 
Mittelalters  heute  ziemlich  unbestimmte  Vorstellungen. 


Allein  ein  so  abstraktes  Lernen,  wie  wir  es  heute  tun,  war 
dasjenige  nicht,  was  ein  mittelalterlicher  Student  trieb. 
Er  sollte  auch  Ubungen  machen,  und  das  gewohnliche 
Lernen  war  auch  mit  Ubungenmachen  verbunden.  Es 
war  eine  innerliche  Praxis  und  Praktik,  die  durchzuma- 
chen  war;  allerdings  nicht  in  einer  so  robusten  Weise  wie 
die  Jogapraktik  des  Atmens,  sondern  es  war  eine  schon 
mehr  nach  innen  verlegte  Praxis,  aber  doch  eine  Praxis. 
Ein  Niederschlag,  der  heute  wenig  verstanden  wird,  hat 
sich  erhalten  in  dem,  was  man  im  Mittelalter  die  sieben 
freien  Kiinste  nannte,  die  derjenige  durchmachen  mufite, 
der  auf  eine  hohere  Erkenntnis  Anspruch  machte. 
Grammatik,  das,  was  die  praktische  Handhabe  der  Spra- 
che  ist,  war  damit  gemeint.  Die  Rhetorik,  die  nun  nicht 
nur  die  Handhabung,  sondern  die  schone  Handhabung 
der  Sprache  bedeutete.  Die  Dialektik,  die  Handhabung 
der  Sprache  von  der  inneren  Kraft  des  Denkens  aus.  Und 
hatte  man  diese  drei  durchgemacht  in  innerer  Praxis  als 
Ubungen,  dann  kam  die  Arithmetik,  wiederum  nicht 
unsere  abstrakte  Arithmetik,  sondern  jene  Arithmetik, 
die  sich  einlebte  in  die  Dinge,  die  ein  deutliches  Be- 
wufksein  davon  hatte,  dafi  der  Mensch  alles  innerlich 
bildet.  Und  so  lernte  man  innerlich  praktizierend  Geo- 
metric. Die  Geometrie  wurde  ganz  als  mit  dem  Menschen 
verwoben  praktisch  zu  einem  Eigentum  des  Menschen 
gemacht,  zu  seiner  Handhabe  gemacht.  Dann  miindete 
das  Ganze  ein  in  das,  was  man  Astronomie  nannte.  Der 
Mensch  gliederte  sein  Wesen  in  den  Kosmos  ein.  Er 
lernte  erkennen,  wie  sich  sein  Haupt  auf  den  Kosmos 
bezieht,  wie  seine  Lunge,  sein  Herz  ein  Ergebnis  des 
Kosmos  ist.  Man  hatte  nicht  eine  vom  Menschen  abge- 
zogene  Astronomie,  sondern  eine  Astronomie,  in  der 
der  Mensch  voll  darinnenstand.  Und  dann  lernte  man 


das  Weben  und  Walten  des  gottlichen  Wesens,  das  die 
Welt  durchwebt  und  durchwellt,  kennen  in  der  sieben- 
ten  Stufe,  die  man  mit  Musik  bezeichnete,  was  aber  nicht 
die  heutige  Musik  ist,  sondern  ein  hoheres,  lebendiges 
Ausbilden  desjenigen,  was  mehr  gedanklich  ausgebildet 
war  in  der  Astronomie.  So  iibte  der  Mensch  in  einer 
spateren  Zeit  sich  in  innerlicher  Praxis.  Dasjenige,  was 
fruher  Atmungsiibungen  waren,  war  jetzt  mehr  eine 
innerliche  Seelenpraxis. 

Und  wozu  kam  man?  Man  kam  allmahlich  dazu  im 
Laufe  der  menschlichen  Zivilisationsgeschichte,  den 
Gedanken  in  Absonderung  zu  haben  von  der  Sinnes- 
wahrnehmung.  Das  muftte  erst  errungen  werden.  Die 
Griechen  haben  den  Gedanken  noch  in  der  Welt  gese- 
hen,  wie  man  Farben  und  Tone  sieht.  Daft  der  Gedanke 
von  uns  als  etwas  von  uns  Erzeugtes  erfaftt  wird,  als 
etwas,  was  nicht  darinnensteckt  in  den  Dingen,  daft  das 
so  empfunden  wurde  in  der  Seelenverfassung  und  daft  es 
heute  so  empfunden  werden  kann,  das  ist  ein  Ergebnis 
des  Ubens  in  der  Grammatik,  Rhetorik  und  so  weiter  bis 
zur  Musik.  Dadurch  wurde  der  Gedanke  losgelost  von 
den  Dingen.  Man  lernte  frei  im  Gedanken  sich  bewegen. 
Dadurch  wurde  endlich  dasjenige  herbeigefuhrt,  was  uns 
nun  wiederum  selbstverstandlich  ist,  was  wir  heute  ha- 
ben ohne  diese  Ubungen,  was  wir  heute  vorfinden,  wenn 
wir  an  unsere  Schulen  kommen,  was  geboten  wird  in  den 
einzelnen  Wissenschaften,  wie  es  gestern  geschildert 
wurde.  Und  gerade  so,  wie  man  in  den  fruheren  Zeit- 
altern  durch  Ubungen  hat  vorwartskommen  sollen  -  in 
alteren  Zeiten  durch  die  Joga- Atmungsiibungen,  spater 
durch  die  Ubungen,  die  von  der  Grammatik  bis  zur 
Musik  lief  en,  so  daft  man  aus  den  Joga-Atmungsiibungen 
als  Selbstverstandhchkeit  bekam  die  griechisch-lateini- 


sche  Weltauffassung  und  aus  den  Ubungen,  die  auf  dem 
Wege  von  der  Grammatik  bis  zur  Musik  gingen,  den 
heutigen  Wissenschaftsstandpunkt  -,  so  kann  das  wie- 
derum  fortgesetzt  werden,  und  zwar  am  besten,  wenn 
man  von  dem  Sichersten  ausgeht,  von  der  Mathematik, 
die  ja  heute  als  das  Sicherste  anerkannt  wird.  Wahr  ist  es, 
so  verwunderlich  es  auch  jenem  Schriftsteller  war,  als  ich 
sagte:  An  der  synthetischen  Geometrie  habe  ich  haupt- 
sachlich  mir  zum  Bewufttsein  gebracht  den  Hellseher- 
prozeft.  Es  ist  natiirlich  nicht  so,  daft  derjenige,  der 
synthetische  Geometrie  studiert  hat,  ein  Hellseher  ist, 
aber  veranschaulichen  kann  man  den  Prozeft  auf  diese 
Weise.  So  verwunderlich  es  diesem  Schriftsteller  war, 
nicht  erzahlt  zu  bekommen,  nicht  zu  horen  zu  bekom- 
men  etwas,  was  von  solchen  Leuten,  die  wahrsagen, 
erzahlt  wird,  so  ist  es  doch  so,  daft  von  demjenigen, 
worauf  heute  die  Wissenschaft  fest  steht,  Anthroposophie 
ausgeht,  um  es  weiterzufiihren;  um  gerade  dasjenige,  was 
als  sichere  Wissenschaft  vorliegt,  von  dieser  Grundlage 
aus,  die  sie  selbst  gelegt  hat,  nun  weiter  in  die  Gebiete 
des  Ubersinnlichen  hineinzufuhren.  Wir  miissen  daher 
den  Prozeft  noch  weiter  verinnerlichen.  Und  ein  noch 
mehr  verinnerlichter  Prozeft  ist  dasjenige,  was  ich  als  den 
Weg  in  die  heutige  hellsichtige  Forschung  schildern  muftte 
in  meinen  Biichern  «Geheimwissenschaft»  und  «Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?».  Aber 
gerade  eine  solche  Geschichtsbetrachtung,  wie  ich  sie 
angefiihrt  habe,  kann  Ihnen  zeigen,  daft  derjenige,  der 
heute  vollbewuftt  in  der  Anthroposophie  drinnensteht, 
dieses  Bewufksein  herholt  aus  einem  Drinnenstehen  im 
Gange  der  Menschheitsentwickelung;  daft  er  nicht  aus 
irgendeiner  subjektiven  Vorliebe  oder  Sympathie  heraus 
behauptet:  wir  haben  heute  notig,  Ubungen  vorzuneh- 


men,  um  fortzusetzen  den  Gang,  der  die  Menschheit  bis 
zum  gegenwartigen  Standpunkte  gebracht  hat  -,  sondern 
dafi  er  weift,  wie  der  Gang  bis  hierher  war  und  wie  er 
sich  fortsetzen  mul  Dieses  historische  Bewufitsein,  die- 
ses Bewufksein  vom  Drinnenstehen  im  ganzen  Mensch- 
heitsprozeft,  das  ist  dasjenige,  was  dazukommt  zu  der 
Einsicht,  die  einem  wird,  wenn  man  innerlich,  nicht 
aufierlich,  den  heutigen  Wissenschaftsgeist  in  seine 
Seelenverfassung  aufnimmt. 

Dann  darf  wohl  gesagt  werden,  die  Anthroposophie 
weift,  was  ihre  Stellung  in  der  heutigen  Wissenschaft  ist. 
Sie  weifi  es  in  einem  absoluten  Sinne,  indem  sie  die 
Eigentumlichkeit  der  heutigen  Wissenschaften  kennt, 
indem  sie  jeden  Dilettantismus  und  jedes  Laientum 
ablehnt  und  von  dem  aus,  was  wahre  Wissenschaft  ist, 
weiterbaut.  Sie  kennt  andererseits  die  historischen  Not- 
wendigkeiten.  Sie  weift,  wie  der  Weg  der  Menschheit 
von  dem  gegenwartig  Errungenen  aus  weitergehen  mufi, 
wenn  wir  nicht  stillestehen  wollen,  wie  auch  alle  unsere 
Vorfahren,  da,  wo  sie  Anteil  hatten  an  der  Zivilisations- 
entwickelung,  vorwarts  wollten.  Wir  miissen  auch  vor- 
wartsriicken.  Aber  wir  miissen  wissen,  welche  Schritte 
zu  vollfuhren  sind  von  dem  gegenwartigen  Standpunkte 
des  Wissenschaftsgeistes  aus.  Wie  das  sich  im  Einzelnen 
ausnimmt,  werde  ich  zu  schildern  haben  in  den  nachsten 
Tagen.  Dann  wird  sich  vielleicht  leichter  faftlich  ausneh- 
men,  was  ich  als  Grundlegung  heute  geben  mufke. 
Vielleicht  hat  sich  aber  doch  zeigen  konnen,  das  Anthro- 
posophie schon  aus  wissenschaftlicher,  wissenschafts- 
gleicher  Gesinnung  heraus  weiE,  was  sie  eigentlich  will 
gegeniiber  der  Gegenwart  und  der  ganzen  Menschheits- 
entwickelung  und  auch  gegeniiber  den  einzelnen  Wis- 
senschaften. Sie  wird  arbeiten,  weil  sie  weift,  wie  sie  zu 


arbeiten  hat.  Vielleicht  wird  ihr  Weg  ein  langwieriger 
sein.  Wenn  man  aber  auf  der  anderen  Seite  sieht,  wie  tief 
die  Sehnsuchten  in  den  unterbewuftten  Tiefen  der 
Menschenseelen  eigentlich  nach  jenen  Hohen  sind,  die 
Anthroposophie  erklimmen  mochte,  dann  scheint  es,  als 
ob  es  zum  Heile  der  Menschheit  notwendig  ware,  daft 
der  Weg,  den  Anthroposophie  zu  gehen  hat,  nicht  ein 
allzu  langsamer  sei.  Aber  es  wird  vielleicht  weniger 
fur  Anthroposophie  bedeutungsvoll  sein  als  fur  den 
menschlichen  Fortschritt,  ob  der  Gang  langsam  oder 
schnell  vor  sich  gehen  wird.  Wir  reden  davon,  daft  auf 
vielen  Gebieten  wir  heute  in  einer  schnell-lebigen  Zeit 
darinnen  sind.  Moge  dasjenige,  was  in  der  Erkenntnis 
des  Ubersinnlichen  von  der  Menschheit  erreicht  werden 
will,  so  schnell-lebig  erreicht  werden,  wie  es  fur  das  Heil 
der  Menschheit  notwendig  ist. 


DRITTER  VORTRAG 


DIE  BILDENDE  KUNST 
Den  Haag,  9.  April  1922 


In  einem  gewissen  Sinne  wird  dasjenige,  was  ich  heute  zu 
sagen  habe,  im  Laufe  meiner  Vortrage  hier  eine  Episode 
sein,  indem  von  dem  Gesichtspunkte  wissenschaftlicher 
Betrachtung  aus  ein  Ausblick  gesucht  werden  wird  in 
das  Gebiet  des  kiinstlerischen  Schaffens.  Aber  der  Inhalt 
meiner  heutigen  Betrachtung  wird  auf  der  anderen  Seite 
wiederum  zeigen  konnen,  dafi  die  Episode  nicht  blofi 
eine  solche  ist,  sondern  beitragen  wird  zur  Beleuchtung 
desjenigen,  was  ich  an  den  vorangegangenen  Tagen  gesagt 
habe  und  an  den  nachfolgenden  noch  zu  sagen  haben 
werde. 

Als  die  anthroposophische  Bewegung  eine  Zeitlang 
gewirkt  hatte,  da  bildete  sich  bei  einer  Anzahl  derjenigen 
Personlichkeiten,  die  zu  ihr  gehorten,  die  Uberzeugung 
heraus,  da6  dieser  anthroposophischen  Bewegung  ein 
eigener  Bau  errichtet  werden  solle.  Durch  mancherlei 
Verhaltnisse,  die  ich  hier  nicht  zu  erwahnen  habe,  wur- 
de  zuletzt  als  Ort  dieses  Baues  bestimmt  der  Jurahiigel 
in  der  Nahe  von  Basel  zu  Dornach  in  der  Schweiz,  wo 
jetzt  -  allerdings  noch  nicht  vollendet,  aber  schon  soweit 
brauchbar,  dafi  darin  Vortrage  gehalten  werden  konnen 
und  Arbeiten  geleistet  werden  -  sich  erhebt  das  Goethe- 
anum,  die  Freie  Hochschule  fur  anthroposophische 
Geisteswissenschaft. 


Ich  mochte  nun  nur  von  den  inneren  Verhaltnissen 
sprechen,  welche  zu  diesem  Bau  fiihrten.  Ware  in  ir- 
gendeiner  anderen  heutigen  geistigen  Bewegung  der 
Entschluft  gereift,  einen  eigenen  Bau  zu  errichten,  was 
wiirde  denn  dann  zum  Zustandekommen  dieses  Baues 
getan  worden  sein?  Nun,  man  wiirde  sich  an  einen 
Baumeister  oder  an  mehrere  gewendet  haben,  und  man 
wiirde  einen  Bau  aufgefuhrt  haben  im  antiken  oder 
Renaissance-Stil  oder  im  gotischen  Stil  oder  in  irgend- 
einem  anderen  der  traditionellen  Baustile.  Man  wiirde 
entsprechend  demjenigen,  was  heute  da  oder  dort  auf 
den  verschiedenen  kiinstlerischen  Gebieten  geleistet  wird, 
kunstlerisches  Schaffen  auch  herangerufen  haben,  um 
diesen  Bau  in  irgendeiner  Weise  malerisch,  bildnerisch, 
plastisch  zu  schmiicken. 

Das  alles  konnte  fur  den  Dornacher  Bau,  fur  die 
Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft  nicht  gesche- 
hen,  denn  das  wiirde  im  Widerspruch  gestanden  haben 
mit  dem  ganzen  Wollen  und  mit  dem  innersten  Wesen 
anthroposophischer  Weltauffassung.  Diese  will  ja  nicht 
etwas  einseitig  Theoretisches  sein,  will  nicht  sein  etwas, 
das  in  einer  Summe  von  Ideen  zum  Ausdruck  bringt 
Gesetzmafiigkeiten  des  Weltenalls,  sondern  diese  an- 
throposophische  Weltanschauung  will  etwas  sein,  das 
aus  dem  ganzen  Menschen  entspringt  und  wiederum  fur 
den  ganzen  Menschen  da  ist.  Sie  will  etwas  sein,  was  auf 
der  einen  Seite  sich  sehr  wohl  ausdriicken  lafit  in  Ge- 
dankenformen,  wie  man  das  gewohnt  ist,  wenn  irgend- 
eine  Weltanschauung  zur  Darstellung  kommen  soli.  Aber 
sie  will  etwas  wesentlich  Umfassenderes  sein.  Sie  will 
sprechen  konnen  aus  dem  ganzen  Umfang  des  mensch- 
lichen  Wesens  heraus.  Sie  will  deshalb  sprechen  konnen 
nicht  nur  aus  theoretisch-wissenschaftlichem  Geiste 


heraus;  sie  will  sprechen  konnen  auch  aus  kiinstleri- 
schem  Geiste  heraus;  sie  will  sprechen  konnen  aus 
religiosem,  aus  sozialem,  aus  ethischem  Geiste  heraus; 
und  das  alles  so,  wie  das  auf  den  betreffenden  Gebieten 
durchaus  den  Interessen  der  unmittelbaren  Lebenspra- 
xis  entspricht.  Ich  habe  oftmals  dasjenige,  was  wie  eine 
Aufgabe  vorlag  fur  das  Dornacher  Goetheanum,  in 
einer  trivialen  Weise  in  folgender  Art  durch  einen  Ver- 
gleich  zum  Ausdruck  gebracht.  Ich  sagte:  Man  bedenke 
eine  Nufi  mit  ihrem  Kerne  innerlich  und  mit  der  Schale 
ringsherum.  Wenn  man  die  Nufischale  betrachtet,  kann 
man  sich  unmoglich  vorstellen,  dafi  die  Furchungen 
und  Windungen  der  Nufischale  aus  anderen  Gesetzma- 
fiigkeiten  hervorgegangen  sind  als  die  Furchungen  und 
Windungen  des  Nufikernes.  Beide  gehen  gewisserma- 
ften  wie  aus  einem  Wesen  hervor.  Die  Nufischale,  indem 
sie  die  Nuft  umkleidet,  geht  aus  derselben  Gesetz- 
ma&gkeit  hervor  wie  der  Nufikern  selbst.  Indem  der 
Dornacher  Bau,  dieser  Doppelkuppelbau,  aufgefuhrt 
wurde,  handelte  es  sich  darum,  eine  bauliche,  bildnerische 
und  malerische  Schale  zu  schaffen  fur  dasjenige,  was 
darinnen  gearbeitet  wird  aus  der  anthroposophischen 
Weltanschauung  heraus.  Ebenso,  wie  vom  Podium  aus 
in  Dornach  gesprochen  werden  kann  durch  die  Sprache 
der  Gedanken  iiber  dasjenige,  was  erschaut  wird  in 
ubersinnlichen  Welten,  ebenso  mufi  man  in  der  Lage 
sein,  dasjenige,  was  architektonisch,  plastisch,  malerisch 
als  eine  Umrahmung  da  zu  sein  hat  fur  diese  anthropo- 
sophische  Weltanschauung,  aus  demselben  Geiste  her- 
vorgehen  zu  lassen. 

Dabei  steht  man  dann  vor  einer  gro£en  Gefahr  .  Man 
steht  vor  der  Gefahr,  Ideen  iiber  dieses  oder  jenes  zu 
haben  und  dann  diese  Ideen  einfach  in  symbolischer 


oder  gar  in  strohern  allegorischer  Form  aufierlich  zum 
Ausdruck  zu  bringen.  Das  geschieht  ja  sehr  haufig,  wenn 
Weltanschauungen  iibergehen  in  die  aufiere  Darstellung. 
Da  kommen  dann  Symbole  oder  Allegorien  zustande, 
die  eben  durchaus  nicht  kiinstlerisch  sind,  die  im  Gegen- 
teil  dem  wirklich  kiinstlerischen  Empfinden  Hohn 
sprechen.  Das  muE  vor  alien  Dingen  fur  die  anthropo- 
sophische  Wei  tauf fas  sung  festgestellt  werden,  dafi  sie 
nichts  zu  tun  haben  will  mit  solcher  symbolischen  oder 
allegorischen  Widerkunst,  Unkunst,  sondern  dafi  sie 
durchaus  aus  einem  so  reichen  inneren  Geistesleben  auch 
als  Weltanschauung  hervorspriefien  will,  dafi  dieses 
Geistesleben  nicht  allegorisch  oder  symbolisch,  sondern 
in  echt  kiinstlerischen  Schopfungen  sich  ausleben  kann. 
In  Dornach  ist  kein  einziges  Symbol,  keine  einzige  Alle- 
gorie  zu  sehen,  sondern  alles  das,  was  kiinstlerisch  zur 
Darstellung  gekommen  ist,  ist  eben  im  kiinstlerischen 
Anschauen,  im  Formgestalten,  im  Schaffen  aus  dem 
Farbig-Malerischen  heraus  entstanden;  ist  entstanden, 
indem  die  Anschauung  eine  durchaus  kiinstlerische  war, 
die  nichts  zu  tun  hatte  mit  demjenigen,  was  gewohnlich 
so  ausgedriickt  wird,  dafi  die  Leute  kommen  und  sagen: 
Was  bedeutet  das?  Was  bedeutet  jenes?  -  In  Dornach 
soil  keine  einzige  Form  in  diesem  Sinne  etwas  bedeuten, 
sondern  eine  jede  Form  soli  im  echt  kiinstlerischen  Sinne 
etwas  sein,  das  heifit  sich  selber  bedeuten,  sich  selber 
aussprechen.  Diejenigen  Menschen,  die  heute  nach  Dor- 
nach kommen  und  behaupten,  da  sei  irgend  etwas  Sym- 
bolisches  oder  Allegorisches  zu  sehen,  die  legen  eben  ihr 
eigenes  Vorurteil  in  diesen  Bau  hinein  und  geben  durchaus 
nicht  dasjenige  wieder,  was  durch  diesen  Bau  zustande- 
gekommen  ist.  Denn  durchaus  sollte  es  da  so  sein,  dafi 
derselbe  Geist,  aber  nicht  der  theoretische,  sondern  der 


lebendige  Geist,  der  vom  Podium  aus  spricht  oder  von 
der  Biihne  aus  wirkt,  auch  spreche  aus  den  kiinstlerischen 
Bauformen,  aus  den  kiinstlerisch-plastischen  Formen, 
aus  demjenigen,  was  malerisch  zur  Darstellung  kommt. 
Die  Schale  sollte  aus  demselben  Wesen  hervorgehen  wie 
dasjenige,  was  als  Kern  darinnen  wirkt,  namlich  die 
Weltanschauung  selbst,  die  durch  das  gesprochene  Wort 
zum  Ausdruck  kommt. 

Wenn  nun  aber  anthroposophische  Weltanschauung 
etwas  ist,  was  sich  als  ein  Neues  in  der  Art  hineinstellt  in 
die  Menschheitsentwickelung,  wie  ich  mir  erlaubt  habe, 
das  in  den  zwei  letzten  Betrachtungen  hier  darzulegen, 
dann  war  es  auch  natiirlich,  dafi  in  dem  Baustil,  in  den 
plastischen,  den  malerischen  Formen,  in  der  ganzen  bil- 
denden  Kunst  nicht  dasjenige  zum  Ausdruck  kommen 
konnte,  was  schon  da  war.  Es  konnten  keine  kiinstleri- 
schen Reminiszenzen,  nicht  antike,  nicht  Renaissance-, 
nicht  gotische  Reminiszenzen  verwirklicht  werden,  es 
mulke  sich  anthroposophische  Weltanschauung  als  pro- 
duktiv  genug  erweisen,  um  ihren  eigenen  Stil,  ihren  kiinst- 
lerischen Stil  fur  die  bildende  Kunst  hervorzubringen. 

Gewifi,  wenn  einem  solches  Wollen  auf  der  Seele  und 
auf  dem  Herzen  liegt,  wird  man  recht  bescheiden.  Man 
wird  selber  sein  strengster  Kritiker.  Deshalb  weifi  ich 
durchaus,  dafi,  wenn  ich  den  Dornacher  Bau  ein  zweites 
Mai  zu  bauen  hatte,  es  wiirde  manches,  was  mir  heute 
durchaus  unvollkommen,  ja  oftmals  fehlerhaft  erscheint, 
anders  dastehen.  Allein,  im  Wesentlichen  kommt  es  ja, 
wenigstens  fur  die  heutige  Betrachtung,  nicht  darauf  an, 
sondern  auf  das  Wollen,  das  ich  eben  charakterisiert 
habe.  Und  von  diesem  Wollen  mochte  ich  sprechen. 

Wenn  wir  von  bildender  Kunst,  wie  sie  ja  in  diesem 
Zusammenhang  eben  in  Betracht  kommt,  sprechen,  na- 


mentlich  von  jener  bildenden  Kunst,  auf  welche,  als  auf 
eine  ihr  notwendige  Schopfung,  die  anthroposophische 
Weltanschauung  hingewiesen  worden  ist  dadurch,  daft 
sich  Freunde  gefunden  haben,  die  die  Opfer  brachten, 
um  den  Dornacher  Bau  begriinden  zu  konnen,  -  wenn 
von  bildender  Kunst  in  diesem  Sinne  die  Rede  ist,  so 
handelt  es  sich  vor  alien  Dingen  darum,  die  menschliche 
Gestalt,  zu  der  doch  zuletzt  alles  in  der  bildenden  Kunst 
hinzielt,  und  von  der  alles  in  der  bildenden  Kunst  aus- 
geht,  zu  verstehen.  Zu  verstehen  in  der  Weise,  daft  sie 
dann  auch  wirklich  als  menschliche  Gestalt  geschaffen 
werden  kann. 

Ich  habe  gestern  auch  von  einem  Elemente,  von  dem 
Raumelement  gesprochen,  insofern  dieses  Weltenelement 
ist,  aber  dennoch  hervorgeht  aus  der  menschlichen  We- 
senheit.  Ich  habe  gestern  davon  gesprochen,  daft  die  drei 
Raumdimensionen,  nach  denen  wir  ja  zuletzt  alle  Ge- 
staltungen,  die  der  Welt  zu  Grunde  liegen,  bestimmen, 
aus  der  menschlichen  Gestalt  hervorgeholt  werden 
konnen.  Aber  wenn  man  so  spricht,  wie  ich  gestern 
gesprochen  habe  iiber  den  Raum,  so  kommt  man  eigent- 
lich  niemals  zu  derjenigen  Raumauf fas  sung,  die  man  in 
das  empfindende,  kiinstlerische  Schaffen  hereinbekom- 
men  muft,  wenn  man  mit  vollem  Bewufttsein  namentlich 
plastische  Kunst,  diejenige,  die  zuletzt  aller  bildnerischen 
Kunst  zugrundeliegt,  treiben  will.  Gerade  wenn  man  den 
Raum  so  konkret  in  seinen  drei  Dimensionen  vor  dem 
geistigen  Auge  hat,  wie  das  bei  einer  solchen  Betrachtung 
der  Fall  ist,  wie  ich  sie  gestern  angestellt  habe,  dann  sieht 
man:  der  Raum,  zu  dem  man  da  kommt,  der  kann  ja  gar 
nicht  derjenige  sein,  in  dem  man  sich  befindet,  wenn 
man  zum  Beispiel  die  menschliche  Gestalt  nun  auch  im 
Raume  -  wir  gebrauchen  ja  auch  da  das  Wort  -  bild- 


hauerisch  formt.  Man  kann  gar  nicht  zu  diesem  Raum 
kommen,  in  dem  man  sich  als  Bildhauer  befindet.  Man 
kommt  darauf:  Das  ist  ja  ein  ganz  anderer  Raum.  Ich 
beriihre  damit  ein  Geheimnis  der  menschlichen  Welt- 
betrachtungsweise,  das  unserer  heutigen  Anschauung  im 
Grunde  genommen  ganz  verloren  gegangen  ist.  Und  Sie 
werden  mir  gestatten,  daft  ich  zunachst  von  einer 
scheinbar  ganz  abstrakt-theoretischen  Betrachtungsweise 
ganz  kurz  ausgehe.  Sie  soli  nur  dazu  dienen,  hinzuleiten 
auf  dasjenige,  was  uns  dann  in  einer  viel,  viel  konkrete- 
ren  Weise  vor  das  Seelenauge  wird  treten  konnen. 

Wenn  man  den  Raum,  von  dem  ich  gestern  gespro- 
chen  habe  -  und  man  tut  es  ja  geometrisch,  zunachst 
euklidisch-geometrisch  -  anwenden  will  auf  die  Dinge 
dieser  Welt,  so  geht  man  ja  bekanntlich  davon  aus,  daft 
man  einen  Punkt  annimmt  fur  den  konkreten  Raum  - 
wie  ich  Ihnen  gestern  beschrieben  habe,  mxiftte  man 
diesen  Punkt  natiirlich  im  Inneren  des  menschlichen 
Leibes  annehmen  -,  und  man  nimmt  von  diesem  Punkte 
ausgehend  drei  aufeinander  senkrechtstehende  Achsen 
an  und  bezieht  darauf  irgendein  Raumesgebiet,  indem 
man  die  Entfernungen  bestimmt  von  diesen  drei  Ach- 
sen, beziehungsweise  von  den  drei  Ebenen,  welche  durch 
diese  drei  Achsen  gebildet  werden.  Da  kommt  man 
dazu,  eine  geometrische  Bestimmung  zu  haben  fur  ir- 
gend  etwas,  das  unseren  Raum  erfiillt,  oder  auch  im 
Sinne  der  Bewegungsmathematik  die  Moglichkeit  zu 
haben,  auch  fur  das  Bewegte  im  Raume  Ausdrucks- 
moglichkeiten  zu  gewinnen.  Aber  neben  diesem  Raume 
gibt  es  durchaus  noch  einen  anderen  Raum.  Diesen 
anderen  Raum  betritt  eben  der  Bildhauer.  Dieser  andere 
Raum  hat  sein  Geheimnis  darin,  daft  man  nun  nicht  von 
einem  Punkte  ausgehen  und  gewissermaften  auf  diesen 


Punkt  alles  beziehen  kann,  sondern  ausgehen  mud  von 
dem  Gegenteil  dieses  Punktes.  Was  ist  das?  Das  Ge- 
genteil  dieses  Punktes  ist  nichts  anderes  als  eine  un- 
endlich  weit  entfernte  Kugel,  zu  der  man  hinaufsehen 
wiirde  annahernd  wie  zum  blauen  Firmamente,  wenn 
dieses  da  ware.  Denken  Sie  sich,  statt  dafi  ich  einen 
Punkt  habe,  habe  ich  eine  Hohlkugel,  innerhalb  deren 
ich  mich  befinde,  und  ich  beziehe  alles  das,  was  darinnen 
ist,  auf  diese  Hohlkugel.  Statt  in  bezug  auf  einen  Punkt 
durch  Koordinaten,  bestimme  ich  alles  in  bezug  auf 
diese  Hohlkugel.  Solange  ich  Ihnen  nur  diese  Darstel- 
lung  gebe,  konnen  Sie  mit  Recht  sagen:  Ja,  aber  die 
Bestimmung  mit  Bezug  auf  eine  solche  Hohlkugel  ist  ja 
etwas  chaotisches.  Da  komme  ich  zu  keiner  Vorstellung, 
wenn  ich  mir  etwas  denken  soli.  Sie  haben  recht,  man 
kommt  zu  keiner  Vorstellung.  Aber  es  gibt  eine 
menschliche  Fahigkeit,  welche  sich  nun  ebenso  zu  dem 
Kosmos  verhalten  kann,  wie  wir  uns  gestern  verhalten 
haben  zum  Menschen,  zum  Anthropos.  Wie  wir  da 
hineingeschaut  haben  in  den  Menschen  und  die  drei 
Dimensionen  bekommen  haben,  und  wie  wir  bestimmen 
konnen  den  Menschen  nach  diesen  drei  Dimensionen, 
indem  wir  sagen:  In  der  Richtung  der  einen  Dimension 
liegt  die  Langenausdehnung  des  Leibes,  in  der  zweiten 
liegt  dasjenige,  was  in  die  Ebene  der  ausgebreiteten 
Arme  etwa  fallt,  was  symmetrisch  gebaut  ist  am  mensch- 
lichen  Organismus,  und  in  der  dritten  liegt  alles  das- 
jenige, was  in  der  Richtung  von  vorne  nach  riickwarts 
und  umgekehrt  gelagert  ist,  so  haben  wir  da,  wenn  wir 
den  Anthropos-Organismus  betrachten,  nicht  etwas, 
was  in  beliebiger  Weise  in  den  drei  Dimensionen  liegt, 
sondern  wir  haben  den  menschlichen  Organismus  in 
ganz  bestimmter  Weise  formiert,  gestaltet. 


Ebenso  kann  man  sich  auch  zum  Kosmos  verhalten. 
Wie  geschieht  das  innerlich-seelisch,  wenn  man  sich  in 
einer  solchen  Weise  zum  Kosmos  verhalt?  Nun,  denken 
Sie  sich  einmal  in  einer  sternenhellen,  klaren  Nacht  ste- 
hend  auf  einem  Felde,  so  dafi  Sie  weithin  den  Sternen- 
himmel  iiberall  frei  iiberblicken  konnen.  Sie  sehen,  indem 
Sie  den  Sternenhimmel  frei  iiberblicken,  Gebiete  am 
Himmelsgewolbe,  wo  die  Sterne  gehauft  sind,  fast  bis  zu 
Nebelgebilden.  Sie  sehen  andere  Gebiete  des  Himmels, 
wo  die  Sterne  in  einer  Weise  stehen,  daE  sie  mehr  ge- 
sondert  voneinander  sind,  zu  Sternbildern,  wie  man  sie 
nennt,  sich  formieren  und  so  weiter.  Wenn  man  nur  so 
mit  der  intellektualistischen  Betrachtungs weise,  der  Be- 
trachtungsweise  des  menschlichen  Verstandes,  diesem 
Sternenhimmel  gegeniibersteht,  kommt  man  zunachst 
zu  nichts.  Aber  wenn  man  mit  dem  ganzen  Menschen 
diesem  Sternenhimmel  gegeniibersteht,  so  empfindet  man 
anders.  Wir  haben  heute  diese  Empfindungsmoglichkeit 
verloren,  aber  sie  kann  wieder  angeeignet  werden.  Man 
empfindet  anders  gegeniiber  einem  Fleck  am  Himmel, 
wo  bis  auf  Nebelnahe  die  Sterne  aneinanderstehen,  man 
empfindet  anders,  wo  Sternbilder  stehen.  Man  empfindet 
anders  gegeniiber  jenem  Fleck  am  Himmel,  wo  zum 
Beispiel  der  Mond  steht  und  leuchtet.  Man  empfindet 
eine  Nacht  anders,  wenn  kein  Mond  da  ist,  wahrend  der 
Neumondzeit,  und  so  weiter.  Und  gerade  so,  wie  man 
konkret  in  den  menschlichen  Organismus  hineinemp- 
finden  kann,  um  die  drei  Dimensionen  zu  bekommen, 
wo  der  Raum  selber  etwas  Konkretes,  etwas  mit  dem 
Menschen  Zusammenhangendes  ist,  so  kann  man  sich 
eine  Anschauung  erwerben  von  dem  Kosmos,  von  dem- 
jenigen,  was  Umkreis  ist.  Man  braucht  nicht  nur  in  sich 
hineinzuschauen,  um  zu  so  etwas  zu  kommen  wie  zu 


den  drei  Dimensionen,  sondern  man  kann  jetzt  in  die 
Weite  schauen,  kann  die  Konfiguration  der  Weite  ins 
Auge  fassen.  Und  wenn  man  verstehen  lernt,  diese  Weite 
ins  Auge  zu  fassen,  indem  man  vorriickt  von  der  ge- 
wohnlichen  Anschauung,  die  noch  ausreicht  fur  die 
Geometrie,  zu  einer  solchen  Anschauung,  wie  man  sie 
braucht  fur  diese  Weiten,  dann  bekommt  man  eine  An- 
schauung, die  ich  gestern  und  vorgestern  die  imaginative 
Erkenntnis  genannt  habe,  jene  imaginative  Erkenntnis, 
von  deren  Ausbildung  ich  noch  zu  sprechen  haben  werde. 

Derjenige,  der  einfach  aufzeichnen  wiirde,  was  er  da 
in  den  Weltenweiten  sieht,  der  wiirde  zu  nichts  kom- 
men.  Eine  blofie  Abzeichnung  des  Sternenhimmels,  wie 
sie  die  heutigen  Astronomen  machen,  fiihrt  zu  nichts. 
Wenn  man  aber  den  ganzen  Menschen  mit  dem  vollen 
Verstandnis  des  Kosmos  diesem  Kosmos  gegeniiber- 
stellt,  dann  bilden  sich  ihm  im  Inneren  der  Seele  gegen- 
iiber  diesen  Sternanhaufungen  Bilder  aus,  wie  man  sie 
auf  alten  Karten  sieht,  wo  noch  aus  dem  alten,  instinktiven 
Hellsehen  die  Imaginationen  sich  bildeten,  und  dann 
bekommt  man  eine  Imagination  des  ganzen  Kosmos. 
Man  bekommt  das  Gegenbild  von  dem,  was  ich  gestern 
gezeigt  habe  als  die  menschliche  Grundlage  der  drei 
geometrischen  Raumdimensionen.  Man  bekommt  etwas, 
was  sich  in  unendlicher  Weise  konfigurieren  kann. 

Die  Menschen  haben  ja  heute  im  Grunde  genommen 
gar  keine  Ahnung  davon,  wie  man  einmal  in  das  Welten- 
all  hineingesehen  hat  in  alteren  Zeiten,  wo  eben  noch  ein 
instinktives  Hellsehen  bei  den  Menschen  vorhanden  war. 
Man  halt  heute  dafiir,  daft  die  verschiedenen  Zeichnun- 
gen,  die  Bilder,  die  Imaginationen,  die  gemacht  worden 
sind  von  den  Tierkreisbildern,  aus  der  Phantasie  ent- 
sprungen  sind.  Das  sind  sie  nicht.  Sie  wurden  empfun- 


den,  wurden  geschaut,  indem  man  sich  dem  Kosmos 
gegeniiberstellte.  Der  Fortschritt  der  Menschheit  forder- 
te,  dafi  diese  instinktive,  diese  lebendige,  diese  imagina- 
tive Anschauung  abgedammert  ist,  daft  an  ihre  Stelle  die 
den  Menschen  befreiende,  intellektuelle  Anschauung 
getreten  ist,  aus  der  heraus  aber,  wenn  wir  ganze  Men- 
schen sein  wollen,  wiederum  eine  solche  Anschauung 
des  Weltenalls  errungen  werden  muE,  die  wiederum  zur 
Imagination  vorschreitet,  aber  jetzt  mit  vollem  Bewuftt- 
sein,  nicht  mehr  instinktiv. 

Man  bekommt  da  nun  nicht  einen  Raum,  der  sich 
durch  drei  Dimensionen  erschopfen  lafk,  wenn  man  in 
dieser  Weise  vom  Sternenhimmel  herein  zu  der  Raumes- 
vorstellung  kommen  will,  sondern  man  bekommt  einen 
Raum,  den  ich  auch  nur  bildhaft  andeuten  kann:  Wiirde 
ich  den  Raum,  von  dem  ich  gestern  gesprochen  habe, 
anzudeuten  haben  mit  den  drei  aufeinander  senkrecht 
stehenden  Linien  (sie  werden  gezeichnet  als  Mitte  der 
entstehenden  Zeichnung),  so  miifite  ich  diesen  anderen 
Raum  so  andeuten,  daft  ich  liberal!  solche  Konfiguratio- 
nen  zeichne,  wie  wenn  Krafte  in  Flachen  sich  von  alien 
Seiten  des  Weltenalls  der  Erde  naherten  und  von  auften 
her  plastisch  wirkten  an  den  Gebilden,  welche  auf  der 
Erdoberflache  sind. 


Zu  einer  solchen  Vorstellung  kommt  man,  wenn  man 
vorriickt  von  dem,  was  mit  den  physischen  Augen  an 
den  Lebewesen,  vor  alien  Dingen  am  Menschen  zu 
sehen  ist,  zu  dem,  was  ich  jetzt  hier  Imagination  ge- 
nannt  habe,  wobei  sich  einem  statt  des  physischen 
Menschen  der  Kosmos  in  Bildform  eroffnet  und  einem 
einen  neuen  Raum  schenkt.  Sobald  man  dazu  vorriickt, 
kommt  man  dazu,  anzuschauen  dasjenige,  was  ein 
zweiter  Leib  des  Menschen  ist,  den  ein  alteres,  ahnendes 
Hellsehen,  ein  instinktives  Hellsehen  genannt  hat  den 
Atherleib,  den  man  besser  nennt  den  Bildekrafteleib; 
einen  iibersinnlichen  Leib,  der  aber  durchaus  aus  fei- 
ner,  atherischer  Substantiality  besteht  und  der  durch- 
dringt  den  physischen  Leib  des  Menschen.  Wir  konnen 
diesen  physischen  Leib  studieren,  wenn  wir  die  ihn 
durchstromenden  Krafte  innerhalb  seiner  Raumaus- 
dehnung  suchen.  Den  Ather-  oder  Bildekrafteleib,  der 
den  Menschen  durchflutet,  konnen  wir  nicht  studieren, 
wenn  wir  von  diesem  Raume  (Mitte)  ausgehen.  Wir 
konnen  ihn  nur  studieren,  wenn  wir  ihn  als  gebildet  aus 
dem  ganzen  Kosmos  auffassen,  wenn  wir  ihn  so  auf- 
fassen,  dafi  eben  diese  von  alien  Seiten  sich  der  Erde 
nahernden  Kraftflachen  an  den  Menschen  herankom- 
men  und  von  aufien  her  seinen  Bildekrafteleib  plastisch 
formen. 

Auf  keine  andere  Weise  als  dadurch  ist  in  den  Zeiten, 
in  denen  bildende  Kunst  noch  aus  dem  Elementaren,  aus 
dem  Ursprunglichen  heraus  entstanden  ist,  diese  bildende 
Kunst  entstanden.  Mit  intuitivem  Blick  wird  man  das 
einem  solchen  Werk  wie  zum  Beispiel  der  Venus  von 
Milo  ansehen.  Die  ist  nicht  geschaffen,  indem  man 
Anatomie  studiert  hat,  indem  man  an  die  Krafte  appel- 
liert  hat,  welche  aus  dem  Raumesinnern  des  physischen 


Leibes  heraus  blofi  verstandlich  sind,  sondern  sie  ist 
geschaffen  dadurch,  dafi  man  gewufit  hat  in  alteren  Zeiten 
von  jenem  Bildekrafteleib,  der  den  physischen  Leib 
durchdringt,  der  aus  dem  Kosmos  heraus  gestaltet  wird, 
der  aus  einem  Raum  gestaltet  wird,  der  ebenso  periphe- 
risch  ist,  wie  der  irdische  Raum  zentral  ist.  Dadurch 
aber,  dafi  ein  Wesen  gestaltet  wird  von  der  Peripherie  des 
Weltenalls  herein,  dadurch  wird  ihm  aufgedriickt  das- 
jenige,  was  nach  der  Urbedeutung  dieses  Wortes  des 
Wesens  Schonheit  ist.  Des  Wesens  Schonheit  ist  namlich 
der  Abdruck  des  Kosmos,  mit  Hilfe  des  Atherleibes,  in 
einem  physischen  Erdenwesen. 

Studieren  wir  der  reinen,  trockenen  Wahrheit  gemafi 
ein  physisches  Erdenwesen,  dann  bekommen  wir  eben 
dasjenige,  was  es  dem  gewohnlichen  physischen  Raum 
nach  ist.  Lassen  wir  auf  uns  wirken  die  Schonheit  eines 
Wesens,  wollen  wir  durch  plastische,  bildende  Kunst 
steigern  diese  Schonheit  eines  Wesens,  dann  miissen  wir 
uns  bewufit  werden:  Dasjenige,  was  als  Schonheit  aufge- 
pragt  wird  dem  Wesen,  das  stammt  aus  dem  Kosmos;  das 
ist  dasjenige,  was  uns  enthiillt  in  dem  einzelnen  Wesen, 
wie  der  ganze  Kosmos  in  diesem  Wesen  wirkt.  Dazu 
muli  man  allerdings  empfinden,  wie  dieser  Kosmos  in 
der  menschlichen  Gestalt  zum  Beispiel  zum  Ausdruck 
kommt. 

Diese  menschliche  Gestalt  zerfallt  ja,  wenn  wir  in  der 
Lage  sind,  durch  innerliche,  imaginative  Anschauung  auf 
sie  einzugehen,  zunachst  so,  dafi  wir  unser  seelisches 
Augenmerk  lenken  auf  die  Hauptesbildung.  Wenn  wir 
die  Hauptesbildung  in  ihrer  Totalitat  iiberschauen,  dann 
verstehen  wir  diese  Hauptesbildung  nicht,  wenn  wir  sie 
etwa  bloft  aus  dem  Innern  des  Hauptes  heraus  erklaren 
wollen.  Wir  verstehen  sie  nur,  wenn  wir  sie  unmittelbar 


auffassen  als  aus  dem  Kosmos  heraus,  auf  dem  Umwege 
durch  den  Bildekrafteleib,  bewirkt. 

Gehen  wir  iiber  zu  der  Brustbildung  des  Menschen, 
dann  kommen  wir  zu  einem  innerlichen,  zu  einem  auf 
die  Gestalt  sich  beziehenden  Verstandnis  nur,  wenn  wir 
die  Moglichkeit  haben,  uns  vorzustellen,  wie  der  Mensch 
lebt  auf  der  Erde,  die  umkreist  wird  -  wenn  auch  nach 
der  heutigen  Astronomie  nur  scheinbar,  das  tut  nichts  zu 
dieser  Betrachtung  -  von  alledem,  was  die  Erde  aus  der 
Sternenwelt  umkreist  in  der  Tierkreislinie.  Wahrend  wir 
das  Haupt  beziehen  auf  den  Pol  des  Kosmos,  beziehen 
wir  dasjenige,  was  in  der  Brustbildung  des  Menschen 
gestaltet  ist,  was  da  durchaus  in  der  sich  wiederholenden 
Aquatoriallinie  verlauft,  auf  dasjenige,  was  im  Sonnen- 
umkreis  des  Jahres  oder  der  Tage  sich  in  der  verschie- 
densten  Weise  vollzieht. 

Erst  wenn  wir  zum  Ghedmaftensystem  des  Menschen 
gehen,  besonders  dem  unteren  Gliedmafiensystem,  dann 
bekommen  wir  das  Gefiihl:  Das  ist  nun  nicht  dem  au£e- 
ren  Kosmos  zugeteilt,  das  ist  der  Erde  zugeteilt;  das 
hangt  zusammen  mit  der  Schwerkraft  der  Erde.  Schauen 
wir  mit  dem  Sinn  des  plastischen  Kiinstlers  hin  auf  die 
Fufibildung  des  Menschen,  wir  sehen  sie  angepafit  der 
Schwerkraft  der  Erde.  Wir  sehen  die  ganze  Konfigura- 
tion,  wie  Unterschenkel  und  Oberschenkel  durch  Ver- 
mittelung  des  Knies  ineinandergefiigt  sind,  so,  daft  wir 
sie  zugeteilt  finden  dem,  was  die  Erde  in  ihrer  Dynamik, 
in  ihrer  Statik  ist,  wie  aus  ihrem  Mittelpunkt  heraus  in 
das  Weltenall  hinein  die  Schwerkraft  wirkt. 

Wir  haben  davon  eine  Empfindung,  wenn  wir  die 
menschliche  Gestalt  betrachten  mit  dem  bildhauerischen 
Blicke.  Zum  Haupte  brauchen  wir  alle  Krafte  des  Kos- 
mos, brauchen  wir  gewissermaften  die  ganze  Sphare, 


wenn  wir  dasjenige,  was  in  so  wunderbarer  Weise  ausge- 
driickt  ist  in  der  Hauptesbildung,  verstehen  wollen.  Wenn 
wir  verstehen  wollen  dasjenige,  was  in  der  Brustbildung 
zum  Ausdruck  kommt,  da  brauchen  wir  dasjenige,  was 
gewissermafien  in  der  Aquatoriallage  die  Erde  umstromt. 
Wir  kommen  zum  Umkreis.  Wollen  wir  verstehen  na- 
mentlich  das  untere  Gliedmafiensystem  des  Menschen 
mit  dem  sich  daranschlieftenden  Stoffwechselsystem,  so 
miissen  wir  uns  an  die  Krafte  der  Erde  halten.  In  dieser 
Beziehung  ist  der  Mensch  an  die  Krafte  der  Erde  ge- 
bunden.  Kurz,  wir  bekommen  einen  Zusammenhang  des 
ganzen  lebendigen,  lebendig  gedachten  Weltenraumes 
mit  der  menschlichen  Gestalt. 

Heute  wird  man  wahrscheinlich  in  vielen  Kreisen, 
auch  in  kiinstlerischen  Kreisen,  iiber  eine  solche  Be- 
trachtung,  wie  ich  sie  eben  angestellt  habe,  lachen.  Ich 
kann  gut  begreifen  warum.  Aber  man  kennt  wenig  die 
wirkliche  Geschichte  der  menschlichen  Entwickelung, 
wenn  man  iiber  solche  Dinge  lacht.  Denn  wer  sich  wirk- 
lich  vertiefen  kann  in  die  bildhauerische  Kunst  alter 
Zeiten,  der  sieht  schon  an  den  bildhauerischen  Gestalten, 
die  da  geschaffen  worden  sind,  wie  in  sie  hineingeflossen 
sind  jene  Empfindungen,  die  ausgebildet  wurden  im 
imaginativen  Anblick  des  gestirnten  Himmels.  In  den 
altesten  bildhauerischen  Gestaltungen  ist  eben  der  Kos- 
mos  in  der  menschlichen  Gestalt  zur  Anschauung  ge- 
bracht  worden.  Allerdings  mufi  da,  was  sonst  nur  in 
verstandesmafiiger  Weise  Erkenntnis  genannt  wird,  an- 
gesehen  werden  als  eine  solche  Erkenntnis,  die  mit  dem 
ganzen  Umfang  der  menschlichen  Seelenkrafte  zusam- 
menhangt.  Man  wird  ja  Bildhauer  -  wenn  man  wirklich 
Bildhauer  ist  -  aus  Elementarischem  heraus,  nicht  blo$ 
weil  man  gelernt  hat,  an  alte  Stilformen  sich  anzulehnen, 


urn  dasjenige  wieder  auszubilden,  was  man  in  dieser  oder 
jener  Stilepoche,  wo  man  noch  mit  dem  lebendigen 
Schaffen  zusammenhing,  gewufit  hat,  was  man  heute 
nicht  mehr  weifi.  Nicht  dadurch  wird  man  Bildhauer, 
dafi  man  sich  an  Traditionelles  anlehnt  -  das  geschieht 
heute  zumeist,  auch  bei  vollendeten  Kiinstlern  -  sondern 
man  wird  Bildhauer  dadurch,  dafi  man  aus  vollem  Be- 
wufitsein  heraus  zuriickgreifen  kann  bis  zu  den  gestal- 
tenden  Kraften,  die  einmal  zur  bildenden  Kunst  gefuhrt 
haben.  Da  mufi  man  wiederum  kosmische  Empfindun- 
gen  bekommen,  mufi  man  wiederum  das  Weltenall  emp- 
finden  und  in  dem  Menschen  einen  Mikrokosmos,  eine 
kleine  Welt  sehen  konnen.  Da  mufi  man  es  ansehen 
konnen  der  menschlichen  Stirn,  wie  ihr  aus  dem  Kosmos 
heraus  das  Geprage  aufgedriickt  ist.  Da  mufi  man  anse- 
hen konnen  der  Nase,  wie  ihr  das  Geprage  aufgedriickt 
ist  aus  demjenigen,  woraus  auch  dem  ganzen  Atmungs- 
system  das  Geprage  aufgedriickt  ist:  aus  dem  Umkreise, 
aus  demjenigen,  was  in  der  Aquatoriallinie,  in  der  Tier- 
kreislinie  die  Erde  umkreist.  Und  man  bekommt  dann 
die  Empfindung  dafiir,  was  man  darstellen  mufi.  Man 
schafft  nicht  durch  blofie  Nachahmung,  durch  blofie 
Imitation  nach  dem  Modell,  sondern  man  schafft,  in- 
dem  man  sich  hineinversenkt  in  diejenige  Kraft,  aus  der 
heraus  die  Natur  selber  den  Menschen  geformt  und 
geschaffen  hat.  Man  gestaltet  so,  wie  die  Natur  selber 
gestaltet.  Dann  mufi  sich  aber  die  ganze  erkennende 
und  kiinstlerisch  schaffende  Empfindung  dem  anpas- 
sen  konnen. 

Wenn  wir  die  menschliche  Gestalt  vor  uns  haben, 
richten  wir  zunachst  den  kiinstlerischen  Blick  nach  dem 
menschlichen  Haupte.  Wir  tun  das  mit  der  Tendenz, 
dieses  menschliche  Haupt  plastisch  zu  formen.  Wir 


werden  uns  dann  bemiihen,  soviel  als  moglich  dieses 
menschliche  Haupt  in  alien  Einzelheiten  herauszubil- 
den,  moglichst  jede  Flache  liebevoll  zu  behandeln:  die 
Stirnflache  liebevoll  zu  behandeln,  die  Wolbung  zu  den 
Augen  hin  liebevoll  zu  behandeln,  die  Ohren  herauszu- 
arbeiten  und  so  weiter.  Wir  werden  uns  bemiihen,  die 
Linien,  welche  iiber  die  Stirnfront,  iiber  die  Nase  laufen, 
moglichst  liebevoll  zu  bilden.  Wir  werden  uns  bemiihen, 
je  nach  dem,  was  wir  schaffen  wollen,  eine  so  oder  so 
geformte  Nase  zu  machen.  Kurz,  wir  werden  alles  lie- 
bevoll in  den  einzelnen  Flachen  auszubilden  versuchen, 
was  sich  auf  das  menschliche  Haupt  bezieht. 

Wenn  wir  dagegen  als  Bildhauer  -  vielleicht  sage  ich 
fur  viele  Menschen  etwas  Ketzerisches,  aber  ich  glaube 
doch,  dafi  das  auf  urspningliche,  kiinstlerische  Empfin- 
dungen  zuriickgeht,  was  ich  zu  sagen  habe  wenn  wir 
als  Bildhauer  uns  anstrengen  wollten,  menschliche  Beine 
zu  formen,  so  wiirde  einem  das  immerfort  widerstreben. 
Man  mochte  den  Kopf  so  liebevoll  wie  moglich  gestal- 
ten,  aber  nicht  die  menschlichen  Beine.  Die  mochte  man 
dadurch  cachieren,  dadurch  weghaben  vom  kiinstleri- 
schen  Formen,  daft  man  versucht,  allerlei  Bekleidungs- 
stiicke  dariiber  zu  haben,  allerlei,  was  sich  in  anderer 
Weise  bildhauerisch  dem  anpafit,  was  im  Kopfe  zum 
Ausdruck  kommt.  Eine  menschliche  Gestalt  mit  richtig 
ausgemeifielten  Beinen,  Waden  zum  Beispiel,  ist  dem 
Bildhauer  eigentlich  etwas  fur  den  kunstlerischen  Blick 
Unsympathisches.  Ich  weifi,  dafi  ich  damit  etwas  Ketze- 
risches sage,  aber  ich  wei£  auch,  dafi  ich  dadurch  um  so 
elementarer  kunstlerisch  spreche.  Richtig  ausgemeiftelte 
Beine,  die  will  man  nicht  haben.  Warum  nicht?  Nun, 
weil  es  einfach  fur  den  Bildhauer  eine  andere  Anatomie 
gibt,  eine  andere  Menschengestaltungs-Erkenntnis,  als 


fur  den  Anatomen.  Fur  den  Bildhauer  gibt  es  eigentlich 
nicht,  so  sonderbar  das  klingen  mag,  Knochen  und 
Muskeln.  Fur  den  Bildhauer  gibt  es  die  menschliche 
Gestalt,  die  hereingebildet  wird  mit  Hilfe  des  Bilde- 
krafteleibes  aus  dem  Kosmos.  Und  in  dieser  menschlichen 
Gestalt  gibt  es  fur  ihn  Krafte,  Kraftwirkungen,  Kraft- 
linien,  Kraftzusammenhange.  Ich  kann  unmoglich  an 
die  Schadeldecke  denken  als  Bildhauer,  wenn  ich  den 
menschlichen  Kopf  forme,  sondern  ich  forme  den 
menschlichen  Kopf  von  aufien  herein,  wie  er  aus  dem 
Kosmos  gepragt  ist,  und  dasjenige,  was  mir  die  entspre- 
chenden  Wolbungen  gibt  an  dem  Haupte,  das  forme  ich 
nach  Dynamik,  nach  Kraften,  die  vom  Inneren  nach 
auften  die  Gestalt  drangen,  die  sich  entgegenstellen  den 
vom  Kosmos  hereinwirkenden  Kraften.  Ich  denke  als 
Bildhauer,  indem  ich  die  Arme  forme,  nicht  an  Knochen, 
sondern  an  jene  Krafte,  welche  wirken,  indem  ich  zum 
Beispiel  den  Arm  biege.  Da  habe  ich  Kraftlinien,  Kraft- 
entfaltung,  nicht  das,  was  als  Muskel  oder  als  Knochen 
sich  bildet.  Und  die  Dicke  des  Armes  hangt  ab  von  dem, 
was  da  lebt,  nicht  vom  Muskelfleisch,  das  daran  ist.  Weil 
man  aber,  indem  man  Schonheit  bildet,  vor  alien  Dingen 
die  Tendenz  hat,  den  Menschen  mit  seiner  Schonheit 
dem  Kosmos  anzupassen,  das  aber  nur  beim  Haupte  tun 
kann,  weil  die  unteren  Gliedma£en  der  Erde  angepafk 
sind,  deshalb  will  man  das  weglassen.  Man  mochte  den 
Menschen,  wenn  man  ihn  kiinstlerisch  gestaltet,  von  der 
Erde  abheben.  Man  wiirde  ihn  zum  schweren  Erdenwesen 
machen,  wenn  man  zu  sehr  den  unteren  Menschen  in  der 
Bildhauerkunst  ausbilden  wiirde. 

Und  wiederum,  wenn  man  das  Haupt  allein  betrach- 
tet,  wiederum  ist  nur  der  obere  Teil  des  Hauptes,  der 
wunderbar  gewolbte  Schadel,  der  bei  jedem  einzelnen 


Individuum  anders  gewdlbt  ist  -  es  gibt  daher  nur  eine 
individuelle,  keine  generelle  Phrenologie  -,  dem  ganzen 
Kosmos  nachgebildet.  Dasjenige,  was  in  Augen  und  Nase 
gebildet  ist,  das  ist  schon  ahnlich  gebildet  dem,  was  dann 
menschlicher  Brustorganismus  ist.  Das  ist  schon  nach 
dem  Umkreise,  nach  der  Aquatorialstromung  gebildet. 
Daher,  wenn  ich  an  einem  bildhauerischen  Werke,  das 
den  Menschen  darstellt,  die  Augen  darstelle,  weifi  man, 
man  kann  da  nicht  durch  irgendwelche  Farbgebung  den 
Blick,  den  vertieften  oder  den  oberflachlichen  Blick 
darstellen,  man  muft  sich  darauf  beschranken,  grofte  oder 
kleine,  geschlitzte  oder  ovale  Augen,  oder  mehr  oder 
weniger  gerade  Augen  darzustellen.  Aber  wie  man  den 
Ubergang  der  Augen  in  die  Nasenform,  der  Stirne  in  die 
Nasenform  darstellt,  wie  man  ahnen  lalk,  dafi  der  Mensch 
sieht,  indem  er  in  sein  Sehen  die  ganze  Seele  legt,  das  ist 
anders  bei  geschlitzten,  anders  bei  ovalen,  anders  bei 
geraden  Augen.  Wie  der  Mensch  atmet,  diese  wunderbare 
Ausdrucksmoglichkeit,  wie  der  Mensch  atmet  durch  die 
Nase,  man  braucht  nur  zu  empfinden,  da  hat  man  etwas, 
davon  man  sagen  kann:  Wie  der  Mensch  in  seiner  Brust 
ist,  wie  seine  Brustform  geschaffen  wird  aus  dem  Kosmos 
herein,  so  drangt  die  menschliche  Wesenheit  dasjenige, 
was  sie  in  der  Brust  eratmet,  was  da  im  Herzen  darinnen 
klopft,  herauf  in  Augen  und  Nase.  Das  kommt  da  in 
Bildform  zum  Ausdruck.  Wie  der  Mensch  in  seinem 
Kopf  ist,  es  kommt  eigentlich  nur  in  der  Schadeldecke, 
die  in  bezug  auf  die  Gestalt  ein  Abdruck  des  Kosmos  ist, 
zum  Ausdruck.  Wie  der  Mensch  selber  reagiert  auf  den 
Kosmos,  indem  er  nicht  bloft  den  Sauerstoff  herein- 
nimmt  und  sich  passiv  verhalt,  sondern  wie  er  den  eigenen 
Anteil  am  Stoffe  hat,  wie  er  in  der  Brust  sein  eigenes 
Wesen  dem  Kosmos  entgegenbringt,  das  kommt  durch 


die  Augen-  und  die  Nasenbildung  bildhauerisch  zum 
Ausdruck. 

Und  indem  wir  den  Mund  formen  -  oh,  indem  wir 
den  Mund  formen,  formen  wir  eigentlich  schon  den 
ganzen  inneren  Menschen  in  seinem  Sich-Entgegenstel- 
len,  in  seiner  Opposition  gegen  den  Kosmos.  Da  for- 
men wir  die  Art  und  Weise,  wie  der  Mensch  aus  seinem 
Stoffwechselsystem  heraus  auf  die  Welt  reagiert.  Da 
bilden  wir  in  der  Mundbildung,  in  der  Kinnbildung,  in 
alledem,  was  zur  Mundbildung  gehort,  den  Gliedma- 
fien-Stoffwechsel-Menschen,  aber  in  seiner  Vergeisti- 
gung,  in  seinem  nach  aufien  wirkenden  Bilde.  So  dafi 
derjenige,  der  im  bildhauerischen  Blicke  das  mensch- 
liche  Haupt  vor  sich  hat,  den  ganzen  Menschen  vor  sich 
hat,  den  Menschen  nach  der  Natur  seiner  Systeme:  nach 
dem  Nerven-Sinnessystem  in  der  Schadeldecke  mit  den 
merkwiirdigen  Wolbungen;  in  der  Augen-Nasenbildung 
den  Menschen  -  wenn  ich  platonisch  sprechen  wiirde, 
miilke  ich  sagen,  den  mutgemaften  Menschen,  den  Men- 
schen, der  seine  innere  Individualitat,  insofern  sie 
mutartig  ist,  Gemiit  ist,  entgegenstellt  dem  aufteren 
Kosmos.  Und  indem  man  den  Mund  bildet,  hat  man 
eigentlich  -  zwar  ist  ihm  noch  aufgedriickt,  weil  zur 
Hauptesbildung  gehorend,  von  aufien  die  Konfigura- 
tion  -,  aber  man  hat  von  innen  entgegendrangend  dieser 
von  aufien  hereinwirkenden  Konfiguration  dasjenige, 
was  der  Mensch  in  seiner  inneren  Wesenheit  ist. 

Aus  dieser  fluchtigen  Andeutung  -  es  konnte  ja  nicht 
mehr  sein  als  eine  solche  skizzenhafte  Andeutung,  uber 
die  man  weiterhin  wird  nachdenken  miissen  -  werden 
Sie  gesehen  haben,  daft  der  Bildhauer  nicht  bloft  eine 
Erkenntnis  des  Menschen  braucht,  die  er  gewinnt,  indem 
er  ein  menschliches  Modell  nachahmt,  sondern  der  Bild- 


hauer  muE  tatsachlich  in  der  Lage  sein,  innerlich  nachzu- 
erleben  die  Krafte,  die  durch  den  Kosmos  wirken,  indem 
sie  die  menschliche  Gestalt  formen.  Aus  demjenigen, 
was  vorgeht,  indem  aus  der  befruchteten  Keimzelle  des 
miitterlichen  Leibes  der  Mensch  plastisch  geformt  wird 
-  jetzt  nicht  blofi  durch  die  Krafte,  die  im  miitterlichen 
Leibe  sind,  sondern  durch  die  Mutter  hindurch  aus  den 
kosmischen  Kraften  -,  aus  diesen  Kraften  heraus  mufi 
der  Bildhauer  schaffen  konnen.  So  mufi  er  schaffen 
konnen,  dafi  er  zu  gleicher  Zeit  dasjenige,  was  aus  der 
menschlichen,  individuellen  Wesenheit  sich  enthullt, 
immer  mehr  und  mehr,  je  weiter  man  nach  unten  kommt, 
verstehen  kann.  Er  mufi  vor  alien  Dingen  verstehen 
konnen,  wie  diese  wunderbare  Aufienbedeckung  des 
Menschen,  seine  Hautform  zustandekommt  als  die  Re- 
sultierende  von  den  zwei  Kraften,  den  Kraften,  die  vom 
Kosmos  von  alien  Seiten  herein  peripherisch  wirken, 
und  demjenigen,  was  nun  zentrifugal  nach  aufien  wirkt 
und  sich  dem  entgegenstellt.  Fiir  den  Bildhauer  mufi  der 
Mensch  in  seiner  aufieren  Form  ein  Ergebnis  von  kosmi- 
schen Kraften  und  inneren  Kraften  sein.  Man  wird  in  al- 
ien Einzelheiten  eine  solche  Empfindung  haben  miissen. 

Wenn  man,  sagen  wir,  aus  dem  Holzmaterial  heraus  - 
und  bei  der  Kunst  handelt  es  sich  ja  darum,  dafi  man 
Materialempfindung  hat,  dafi  man  weifi,  wozu  sich  die- 
ses oder  jenes  Material  eignet,  sonst  schafft  man  nicht 
bildhauerisch,  sondern  nur  illustrierend  eine  Idee,  novel- 
listisch  -,  wenn  man  aus  dem  Holz  heraus  die  mensch- 
liche Gestalt  formt,  wird  man  wissen,  indem  man  oben 
am  Haupte  formt,  dafi  man  das  Gefuhl  haben  mufi,  da 
driickt  die  Form  von  aufien  herein.  Das  ist  das  Geheim- 
nis  des  Schaffens  der  menschlichen  Gestalt.  Indem  ich 
die  Stirn  bilde,  mufi  ich  das  Gefuhl  haben,  ich  driicke  sie 


von  aufien  herein,  ich  forme  von  aufien;  von  innen  wir- 
ken  mir  die  Krafte  entgegen.  Ich  darf  nur  soweit  driicken, 
schwacher  oder  starker  driicken,  urn  die  von  innen  wir- 
kenden  Krafte  zuriickzudrangen,  als  ich  nach  Anleitung 
der  kosmischen  Krafte,  wie  das  Haupt  werden  mu6,  es 
kann. 

Indem  ich  aber  zum  iibrigen  menschlichen  Leibe 
komme,  komme  ich  nicht  vorwarts,  wenn  ich  von  aufien 
herein  forme  und  bilde.  Da  mu£  ich  das  Gefiihl  haben, 
ich  sei  im  Innern.  Schon  wenn  ich  zur  Brustbildung 
komme,  mu6  ich  mich  ins  Innere  des  Menschen  verset- 
zen,  und  von  innen  heraus  plastisch  bilden.  Das  ist  sehr 
interessant. 

Man  kommt  durch  die  innere  Notwendigkeit  des 
kiinstlerischen  Schaffens  dazu,  indem  man  am  Haupte 
bildet,  von  aufien  herein  zu  gestalten,  an  der  aufiersten 
Umrahmung  sich  zu  denken,  und  nach  dem  Inneren  zu 
schaffen;  indem  man  die  Brust  schafft,  mufi  man  ins 
Innere  sich  versetzen,  und  ins  Auftere  die  Form  drangen; 
nach  unten  hat  man  das  Gefiihl,  da  muS  nur  angedeutet 
werden,  da  geht  es  ins  Unbestimmte  iiber. 

Kiinstlerisches  Schaffen  der  Gegenwart  mochte  sehr 
haufig  so  etwas,  wie  ich  es  jetzt  ausgefiihrt  habe,  als 
unkiinstlerisches  Spintisieren  ansehen.  Aber  es  kommt 
nur  darauf  an,  daft  man  in  seiner  Seele  das,  was  ich  jetzt 
angedeutet  habe,  kunstlerisch  durchleben  kann,  daft  man 
tatsachlich  als  Kiinstler  im  ganzen  schaffenden  Weltenall 
drinnenzustehen  vermag.  Dann  wird  man  iiberall  darauf 
hingewiesen,  wenn  man  an  die  bildende  Kunst  heran- 
kommt,  nicht  nachzuahmen  die  physische  menschliche 
Gestalt.  Denn  sie  ist  ja  selber  nur  eine  Nachahmung  des 
Bildekrafteleibes.  Dann  wird  man  eben  die  Notwendig- 
keit empfinden,  die  vor  allem  die  Griechen  empfanden. 


Nie  hatten  sie  ihre  Nasen-  und  Stirnbildungen  durch 
blofie  Imitation  hervorgebracht,  sondern  indem  bei  ih- 
nen  instinktiv  solche  Dinge  zu  Grunde  lagen,  wie  ich  sie 
jetzt  geschildert  habe.  Man  wird  eben  nur  dann  zu  wirk- 
lich  elementarer  Kunstempfindung  wiederum  kommen 
konnen,  wenn  man  sich  in  dieser  Weise  in  die  schopferi- 
schen  Krafte  der  Natur  hereinzustellen  vermag  mit  sei- 
nem  ganzen  inneren  Seelenempfinden,  mit  seinem  inne- 
ren  Total-Erkennen,  wenn  ich  den  Ausdruck  gebrau- 
chen  darf.  Dann  aber  geht  man  eigentlich  nicht  auf  den 
aufieren  physischen  Leib,  der  selber  nur  eine  Nachah- 
mung  des  Atherleibes  ist,  sondern  man  geht  auf  diesen 
Atherleib  selber.  Dann  formt  man  diesen  Atherleib  und 
fullt  ihn  gewissermafien  nur  mit  der  Materie,  mit  dem 
Stoffe  aus. 

Das,  was  ich  eben  geschildert  habe,  ist  zu  gleicher  Zeit 
aber  der  Weg  aus  der  theoretischen  Weltbetrachtung 
heraus,  um  hereinzudringen  in  das  lebendige  Schauen 
desjenigen,  was  sich  nicht  mehr  theoretisch  betrachten 
lafit.  Man  kann  nicht  in  derselben  Weise  den  bildhaue- 
rischen  Raum  konstruieren  durch  analytische  Geometrie, 
wie  man  den  euklidischen  Raum  konstruieren  kann,  aber 
man  kann  durch  Imagination  diesen  Raum,  der  uberall 
konfiguriert  ist,  der  uberall  in  der  Lage  ist,  Gestalten  aus 
sich  heraus  zu  schaffen,  erschauen,  und  aus  dem  Schauen 
dieses  Raumes  heraus  nun  wirklich  auch  in  bildender 
Kunst  gestalten,  sei  es  architektonisch,  sei  es  bildhaue- 
risch. 

Ich  mochte  hier  eine  Bemerkung  einfiigen,  die  mir 
wichtig  erscheint,  damit  das,  was  leicht  mifiverstanden 
werden  konnte,  doch  weniger  mifiverstanden  wird.  Wenn 
jemand  eine  Magnetnadel  hier  hat,  und  das  eine  Ende 
nach  dem  magnetischen  Norden,  das  andere  Ende  nach 


Siiden  zeigt,  so  wird  es  ihm,  wenn  er  heute  nicht  ganz 
dilettantisch  reden  will,  nicht  einfallen,  aus  inneren 
Kraften  der  Magnetnadel,  blofi  durch  die  Betrachtung 
desjenigen,  was  da  von  dem  Stahl  umschlossen  wird,  die 
Richtung  der  Magnetnadel  zu  erklaren.  Das  ware  ein 
Unsinn.  Er  nimmt  zur  Erklarung  der  Richtung  der  Ma- 
gnetnadel die  ganze  Erde  hinzu.  Er  geht  aus  der  Ma- 
gnetnadel heraus.  Die  Embryologie  macht  heute  diesen 
Dilettantismus,  den  ich  eben  moniert  habe.  Sie  sieht  nur 
auf  den  Menschenkeim  hin,  wie  er  sich  im  Leibe  der 
Mutter  entwickelt.  Da  sollen  alle  Krafte  drinnen  sein,  die 
diesen  Menschenkeim  formen.  In  Wirklichkeit  wirkt 
durch  den  Leib  der  Mutter  hindurch  der  ganze  Kosmos 
auf  die  Konfiguration  des  menschlichen  Embryos.  Da 
sind  die  plastischen  Krafte  im  ganzen  Kosmos  das,  was 
bei  der  Ausrichtung  der  Magnetnadel  die  Krafte  der 
Erde  sind.  Wie  ich  bei  der  Betrachtung  der  Magnetnadel 
aus  dieser  herausgehen  mufi,  so  mufi  ich  aus  dem  mutter- 
lichen  Leibe  herausgehen  bei  der  Betrachtung  des  Em- 
bryos und  mufi  den  ganzen  Kosmos  zu  Hilfe  nehmen. 
Und  in  diesen  ganzen  Kosmos  muE  ich  mich  hineinver- 
senken,  wenn  ich  dasjenige  begreifen  will,  was  mir  die 
Hand  fuhrt,  was  mir  den  Arm  fiihrt,  wenn  ich  bildhaue- 
risch  die  menschliche  Gestalt  formen  will. 

Sie  sehen,  anthroposophische  Weltanschauung  fuhrt 
in  gerader  Entwickelungsstromung  aus  der  blofi  theo- 
retischen  Betrachtung  in  die  kunstlerische  Betrachtung 
hinein.  Denn  die  Betrachtung  des  Atherleibes  ist  nicht 
auf  rein  theoretische  Weise  moglich.  Man  mufi  allerdings 
den  Wissenschaftsgeist  in  dem  Sinne  in  sich  haben,  wie 
ich  es  gestern  charakterisiert  habe;  man  mufi  aber  herein- 
riicken  in  die  Betrachtung  des  Bildekrafteleibes,  indem 
man  das,  was  im  blofien  Gedanken  webt,  in  Imaginatio- 


nen  umgestaltet;  indem  man  jetzt  nicht  blofi  durch  Ge- 
danken  oder  durch  Naturgesetze,  die  in  Gedanken  for- 
muliert  werden,  die  Aufienwelt  faftt,  sondern  indem  man 
sie  in  Imaginationen  fafit.  Das  aber  kann  auch  wiederum 
in  Imaginationen  zum  Ausdruck  gebracht  werden.  Das 
geht,  wenn  der  Mensch  produktiv  wird,  in  kunstlerisches 
Schaffen  iiber. 

Es  ist  nun  eine  eigentumliche  Sache,  wenn  wir  einmal 
mit  dem  Bewufksein,  dafi  ein  solcher  Bildekrafteleib 
vorhanden  ist,  den  Blick  schweifen  lassen  iiber  die  Rei- 
che  der  Natur:  Das  Mineralreich  hat  keinen  Bildekrafte- 
leib, das  Pflanzenreich  hat  ihn  zuerst,  die  Tiere  haben 
einen  Bildekrafteleib,  der  Mensch  hat  seinen  Bildekrafte- 
leib. Aber  gar  sehr  unterscheidet  sich  der  pflanzliche 
Bildekrafteleib  vom  tierischen  oder  gar  vom  mensch- 
lichen.  Es  liegt  die  eigentumliche  Tatsache  vor:  Denken 
Sie  sich  ausgeriistet  mit  bildhauerisch-kunstlerischen 
Empfindungskraften,  und  Sie  sollen  mit  ihnen  Pflan- 
zenformen  plastisch  gestalten  -  es  widerstrebt  einem.  Ich 
habe  es  neulich  versucht,  wenigstens  im  Relief.  Aber 
man  kann  nicht  die  Pflanzen  gestalten,  sondern  man 
kann  nur  die  Bewegung  der  Pflanzen  irgendwie  spurhaft 
nachahmen.  Man  kann  nicht  Pflanzen  plastisch  gestalten. 
Denken  Sie  sich  einmal  eine  Rose  oder  irgendeine  Pflanze, 
die  einen  langen  Stengel  hat,  plastisch  gestaltet  -  es  ist 
unmoglich.  Warum?  Weil  man,  indem  man  an  die  Plastik 
der  Pflanze  denkt,  instinktiv  denkt  an  den  Bildekrafte- 
leib. Der  ist  drinnen  in  der  Pflanze,  wie  der  physische 
Leib,  aber  unmktelbar  ausgebildet.  Die  Pflanze  ist  von 
Natur  als  plastisches  Kunstwerk  hingestellt,  man  kann 
sie  nicht  andern.  Jede  Bildung  der  Pflanze  ware  eine 
Stiimperei  gegen  das,  was  die  Natur  selbst  im  physischen 
Leib  und  Bildekrafteleib  bei  der  Pflanze  hervorbringt. 


Die  Pflanze  mufi  man  einfach  stehen  lassen,  wie  sie 
ist,  oder  mit  bildhauerischem  Geist  sie  betrachten,  wie 
Goethe  sie  in  seiner  Morphologie  der  Pflanzen  betrach- 
tete. 

Das  Tier  kann  man  schon  plastisch  gestalten.  Zwar  ist 
das  kiinstlerische  Schaff en  in  der  Tierplastik  etwas  anderes 
als  dem  Menschen  gegemiber.  Man  braucht  blofi  ein 
Verstandnis  zu  haben  dafiir,  wie  das  Tier  im  Grunde 
genommen  entweder  ist  ein  Geschopf  des  Atmungspro- 
zesses.  Das  ist  der  Fall,  wenn  man,  sagen  wir,  die  Raub- 
tiere  bildet.  Da  muft  man  sie  auffassen  mehr  als  Geschopfe 
des  Atmungsprozesses.  Man  raufi  das  Wesen  ansehen  als 
Atmungswesen  und  gewissermafien  alles  andere  darum- 
herum  schaffen.  Will  man  aber  kiinstlerisch  ein  Kamel 
oder  eine  Kuh  gestalten,  dann  mufi  man  ausgehen  vom 
Verdauungsprozefi,  und  dem  das  ganze  Tier  anpassen. 
Kurz,  man  mufi  innerlich  schauen  mit  kunstlerischem 
Blick,  was  die  Hauptsache  ist.  Dann  findet  man  schon, 
wenn  man  das,  was  ich  jetzt  allgemeiner  angebe,  weiter 
differenziert,  die  Moglichkeit,  alle  verschiedenen  Tier- 
gestalten  plastisch  zu  bilden.  Warum?  Nun,  die  Pflanze 
hat  den  Atherleib.  Er  wird  ihr  aus  dem  Kosmos  aner- 
schaffen.  Er  ist  fertig.  Ich  kann  ihn  nicht  umgestalten. 
Die  Pflanze  ist  das  plastische  Kunstwerk,  das  in  der 
Natur  dasteht.  Es  widerspricht  dem  ganzen  Sinn  der 
Tatsachenwelt,  wenn  ich  aus  Marmor  oder  Holz  heraus 
Pflanzen  gestalte.  Aus  Holz  geht  es  noch  eher,  weil  das 
der  Pflanzennatur  naher  ist,  aber  es  ist  auch  schon  un- 
kiinstlerisch.  Das  Tier  aber  stellt  seine  eigene  Natur 
entgegen  demjenigen,  was  von  auEen  aus  dem  Kosmos 
heraus  gestaltet  wird.  Beim  Tier  ist  der  Atherleib  nicht 
mehr  blofi  aus  dem  Kosmos  gestaltet,  sondern  er  ist  mit 
aus  dem  Inneren  gestaltet. 


Und  beim  Menschen  -  nun,  ich  habe  ja  gerade  gesagt, 
wie  dieser  Atherleib  nur  fiir  die  Schadeldecke  aus  dem 
Kosmos  gestaltet  ist.  Ich  habe  gesagt,  wie  entgegenwirkt 
der  Atmungsorganismus,  verfeinert,  durch  Augen  und 
Nase,  wie  entgegenwirkt  der  ganze  Stoffwechselorganis- 
mus  durch  die  Mundbildung.  Da  wirkt  dasjenige,  was 
aus  dem  Menschen  kommt,  das  Menschliche,  dem  Kos- 
mischen  entgegen.  Und  die  menschliche  Begrenzung  ist 
das  Ergebnis  dieser  beiden  Wirkungen,  der  mensch- 
lichen  und  der  kosmischen.  Da  ist  der  Atherleib  so  ge- 
staltet, daft  er  aus  dem  Inneren  entspringt.  Indem  wir 
uns  kunstlerisch  in  das  Innere  vertiefen,  konnen  wir  frei 
gestalten.  So  wie  das  Tier  aus  seiner  Wesenheit  heraus 
fiir  sich  selber  seinen  Atherleib  gestaltet,  wie  der  mutige 
oder  feige,  der  leidende  oder  der  jauchzende  Mensch 
seinen  Atherleib  nach  dem  Seelischen  abstimmt,  so  kon- 
nen wir  dem  nachforschen,  konnen  uns  hineinversetzen 
und  diesen  Atherleib  nachbilden.  Dabei  werden  wir, 
wenn  wir  das  charakterisierte,  richtig  bildhauerische 
Verstandnis  haben,  in  der  verschiedensten  Weise  die 
menschliche  Gestalt  bilden  konnen. 

So  zeigt  sich  uns,  daft,  indem  wir  in  die  Betrachtung 
des  Atherleibes,  des  imaginativen  Leibes  einrucken,  wir 
die  gewohnhche  wissenschaftliche  Betrachtung  zwar 
durchaus  wissenschaftlich  sein  lassen  konnen,  daft  wir 
aber  einmunden  in  dasjenige,  was  dann  von  selbst  kunst- 
lerisch wird.  Man  wird  einwenden:  Ja,  Kunst  ist  nicht 
Wissenschaft.  -  Aber  ich  habe  schon  vorgestern  gesagt: 
Wenn  die  Natur,  die  Welt,  der  Kosmos  selbst  kunstlerisch 
sind,  wenn  sie  uns  entgegenstellen  dasjenige,  was  nur 
kunstlerisch  begriffen  werden  kann,  dann  konnen  wir 
lange  deklamieren,  es  sei  unlogisch,  kunstlerisch  zu 
werden,  wenn  man  die  Dinge  verstehen  will.  Die  Dinge 


ergeben  sich  eben  einer  solchen  Erkenntnis  nicht,  die 
nicht  ins  Kiinstlerische  einmiindet.  Auf  eine  andere  Weise 
kann  die  Welt  nicht  begriffen  werden  als  auf  die  Art  und 
Weise,  die  nicht  sich  beschrankt  auf  das  blofi  durch 
Gedanken  zu  Erfassende,  sondern  die  auf  das  universelle 
Erfassen  der  Welt  geht,  die  den  ganz  organischen,  den 
naturlichen  Ubergang  findet  von  der  Betrachtung  in  das 
kiinstlerische  Anschauen  und  auch  in  das  kiinstlerische 
Gestalten,  so  dafi  aus  dem  kiinstlerischen  Gestalten  dann 
derselbe  Geist  spricht,  der  aus  den  Worten  spricht,  mit 
denen  man  mehr  theoretisch-ideell  dasjenige,  was  man 
erschaut  in  der  Welt,  zum  Ausdruck  bringt.  Aus  dem- 
selben  Geiste  heraus  ist  dann  die  Kunst,  wie  die  Wis- 
senschaft  ist.  Wir  haben  in  Kunst  und  Wissenschaft  nur 
zwei  Seiten  ein  und  derselben  Offenbarung.  Man  kann 
sagen,  auf  der  einen  Seite  schauen  wir  so  die  Dinge  an, 
da$  wir  das  Angeschaute  durch  Gedanken  aussprechen; 
auf  der  anderen  Seite  schauen  wir  sie  so  an,  dafi  wir  das 
Angeschaute  in  kiinstlerischen  Formen  zum  Ausdruck 
bringen. 

Aus  dieser  inneren  Geistesgesinnung  heraus  ist  dasje- 
nige entsprungen,  was  zum  Beispiel  im  Dornacher  Bau 
sowohl  in  der  Archkektur  wie  bildhauerisch  und  auch  in 
der  Malerei  zum  Ausdruck  gekommen  ist.  Ich  konnte 
auch  vieles  iiber  die  Malerei  sagen,  denn  auch  sie  gehort 
in  gewissem  Sinne  zur  bildenden  Kunst.  Aber  da  riickt 
man  auf  zum  mehr  Seelischen  des  Menschen,  was  nicht 
bloft  im  Atherleibe,  sondern  von  der  Seele  heraus  den 
Atherleib  farbend,  unmittelbar  Seelenausdruck  wird. 
Auch  dabei  wiirde  sich  zeigen,  wie  gerade  die  anthropo- 
sophische  Welterfassung  dazu  fiihrt,  zum  Elementar- 
Kunstlerischen,  zum  Kiinstlerisch-Schopferischen  wie- 
derum  aufzusteigen,  wahrend  wir  heute  sowohl  im  Reli- 


giosen  wie  im  Kiinstlerischen,  ohne  daft  es  die  Betrach- 
ter,  und  meistens  auch  ohne  daft  es  die  Kiinstler  wissen, 
eigentlich  nur  aus  dem  Traditionellen  leben,  aus  den 
alten  Stilformen,  den  alten  Motiven  heraus.  Wir  glauben 
heute  produktiv  zu  sein,  sind  es  aber  nicht.  Wir  miissen 
wiederum  den  Weg  finden,  um  uns  hineinzuversetzen  in 
die  schaffende  Natur,  damit  dasjenige,  was  wir  schaffen, 
wirklich  auch  kiinstlerisch  urspriingliche,  elementarische 
Schopfung  sei. 

Und  solch  eine  Gesinnung  hat  ja  von  selbst  dazu 
gefuhrt,  dafi  der  Kunstzweig  der  Eurythmie  auf  dem 
Boden  der  Anthroposophie  erwachsen  ist.  Dasjenige, 
was  in  der  menschlichen  Lautsprache  und  im  mensch- 
lichen  Gesang  durch  eine  ganz  bestimmte  Organgruppe 
als  eine  Offenbarung  der  menschlichen  Wesenheit  sich 
ergibt,  das  kann  verbreitert  werden  auf  den  ganzen  Men- 
schen, wenn  man  diesen  nur  auch  wirklich  versteht.  In 
dieser  Beziehung  sprechen  aus  alten,  instinktiven,  hell- 
sichtigen  Einsichten  heraus  alle  religiosen  Urkunden. 
Und  es  hat  schon  eine  Bedeutung,  wenn  in  der  Bibel 
gesagt  wird,  daft  Jahve  einhauchte  dem  Menschen  den 
lebendigen  Odem,  und  damit  angedeutet  wird,  daft  der 
Mensch  in  gewisser  Beziehung  ein  Atmungswesen  ist. 
Ich  habe  gestern  angedeutet,  wie  iiberhaupt  in  alteren 
Zeiten  der  Menschheitsentwickelung  die  Anschauung 
geherrscht  hat,  daft  der  Mensch  ein  Atmer,  ein  Atmungs- 
wesen ist.  Dasjenige,  was  der  Mensch  als  Atmungswesen 
wird  in  der  konfigurierten  Atmung,  in  der  Sprache  und 
im  Gesang,  das  kann  wiederum  dem  ganzen  Menschen 
und  seiner  Gestalt  zuriickgegeben  werden.  Wie  seine 
Stimmbander,  seine  Zunge,  sein  Gaumen  sich  bewegen 
und  andere  Organe,  indem  gesprochen  und  gesungen 
wird,  das  kann,  weil  jedes  einzelne  Organ  und  Organ- 


system  in  einem  gewissen  Sinne  ein  Ausdruck  des  gan- 
zen Wesens  ist,  auf  das  ganze  Wesen  ubertragen  werden. 
Dann  kann  so  etwas  entstehen  wie  die  Eurythmie.  Wir 
brauchen  uns  dabei  nur  zu  erinnern  an  den  inneren 
Charakter  der  Goetheschen  Metamorphosenlehre,  die 
noch  nicht  genug  gewiirdigt  wird.  Goethe  sieht  mit  Recht 
im  einzelnen  Blatt  die  ganze  Pflanze.  Die  ganze  Pflanze 
ist  auf  primitivere  Weise  im  Blatt  enthalten,  und  wie- 
derum  ist  die  ganze  Pflanze  nur  ein  komplizierteres 
Blatt.  In  jedem  einzelnen  Organ  sieht  er  ein  ummeta- 
morphosiertes,  ganzes  organisches  Wesen,  und  das  gan- 
ze organische  Wesen  ist  eine  Metamorphose  der  einzel- 
nen Glieder.  Der  ganze  Mensch  ist  eine  kompliziertere 
Metamorphose  eines  einzelnen  Organsystems,  des  Kehl- 
kopfsystems.  Versteht  man,  wie  der  ganze  Mensch  eine 
Metamorphose  des  Kehlkopfsystems  ist,  dann  ist  man  in 
der  Lage,  mit  ebensolcher  Giiltigkeit,  ebensolcher  inne- 
ren Naturnotwendigkeit  aus  dem  ganzen  Menschen 
heraus  eine  sichtbare  Sprache,  einen  sichtbaren  Gesang 
durch  die  Bewegung  seiner  Glieder,  durch  bewegte 
Menschengruppen,  entstehen  zu  lassen,  wie  Gesang  und 
Sprache  durch  ein  Organsystem  entsteht.  Man  ist  da 
drinnen  in  den  schaffenden  Naturkraften.  Man  versenkt 
sich  in  die  Art  und  Weise,  wie  die  Krafte  der  mensch- 
lichen  Wesenheit  wirken  im  Sprechen,  im  Singen.  Und 
wenn  man  diese  Krafte  hat,  kann  man  sie  ubertragen  auf 
die  Bewegungsformen  des  ganzen  Menschen,  wie  man 
die  Krafte  des  Kosmos  auf  die  ruhende  Gestalt  des 
Menschen  in  der  Plastik  iibertragt.  Und  wie  man  das, 
was  im  Innern  des  Menschen  lebt,  aus  der  Seele  heraus  in 
Dichtung  oder  im  Lied  oder  in  etwas  anderem  Kiinst- 
lerischem,  das  sich  durch  die  Sprache  oder  den  Gesang 
oder  durch  die  Rezitation  zum  Ausdruck  bringen  lalk, 


zum  Ausdruck  bringt,  so  kann  auch  durch  den  ganzen 
Menschen  in  sichtbarer  Sprache  und  in  sichtbarem  Ge- 
sang  das  zum  Ausdruck  gebracht  werden. 

Ich  mochte  sagen:  Indem  wir  den  Menschen  plastisch 
bilden,  indem  wir  bildhauerisch  die  menschliche  Gestalt 
schaffen,  aus  dem  ganzen  Makrokosmos  heraus  den  Mi- 
krokosmos  schaffen,  schaffen  wir  den  einen  Pol.  Indem 
wir  uns  nun  ganz  in  das  Innere  des  Menschen  vertiefen, 
die  innere  Regsamkek  verfolgen,  indem  wir  uns  vertie- 
fen in  sein  Denken,  Fiihlen  und  Wollen,  in  alles  dasjenige, 
was  durch  Sprechen  und  Gesang  eben  zum  Ausdruck 
kommen  kann,  konnen  wir  die  bewegte  Plastik  schaffen. 
Man  kann  sagen:  Das  ganze  weite  Weltenall  ist  wie  in 
einer  wunderbaren  Synthese  zusammengefugt  dann,  wenn 
wir  ein  plastisches  Kunstwerk  schaffen;  das,  was  im 
tiefsten  Inneren  des  Menschen  wie  in  einem  Seelenpunkte 
konzentriert  ist,  strebt  uberall  in  die  Weltenweiten  hin- 
aus  in  den  Bewegungsformen,  die  der  Mensch  aus  sich 
heraus  eurythmisch  schafft.  Es  antwortet  der  andere  Pol 
vom  Menschen  aus  in  der  eurythmischen  Kunst,  in  der 
bewegten  Plastik.  -  Wir  sehen  die  Weltenweiten  sich 
hinzukehren  zur  Erde,  zusammenstromen  in  der  ru- 
henden  menschlichen  Gestalt,  und  wir  haben  die  plasti- 
sche,  bildhauerische  Kunst;  wir  vertiefen  uns  dann  ins 
menschliche  Innere,  schauen,  uns  geistig  versenkend,  ins 
menschliche  Innere,  auf  das,  was  vom  Menschen  wie- 
derum  jenen  Weltenkraften,  die  von  alien  Seiten  auf  ihn 
einstromen  und  seine  Gestalt  bilden,  entgegenkommen 
will,  was  gewissermafien  nun  zu  alien  Punkten  der  Pe- 
ripherie des  Weltenalls  vom  Menschen  herausstromt, 
und  wir  bilden  in  diesem  Sinne  die  Eurythmie. 

Ich  mochte  sagen,  das  Weltenall  stellt  uns  eine  grofte 
Aufgabe,  und  die  Losung  dieser  Aufgabe  ist  die  scheme 


menschliche  Gestalt;  das  Innere  des  Menschen  stellt 
uns  auch  eine  grofie  Aufgabe.  Unendliche  Tiefen  schop- 
fen  wir  aus,  wenn  wir  uns  mit  liebevoll  innigem  Blick 
der  Seele  in  das  menschliche  Innere  vertiefen.  Dieses 
menschliche  Innere  will  aber  ebenso  in  alle  Weiten  hin- 
aus,  will  in  den  Schwiingen,  den  schwingenden  Bewe- 
gungen,  dem  Schwingen  zum  Ausdruck  bringen  aufier- 
lich  im  Rhythmus  dasjenige,  was  seelenhaft  in  einen 
Punkt  zusammengedrangt  ist,  wie  die  Plastik  in  der 
menschlichen  Gestalt,  die  fur  den  Kosmos  ein  Punkt  ist, 
zusammengedrangt  haben  will  alle  Geheimnisse  des 
Kosmos.  Die  menschliche  Gestalt  in  der  Plastik  ist  die 
Antwort  auf  die  grofte  Frage,  die  uns  das  Weltenall 
aufgibt.  Und  wenn  des  Menschen  Bewegungskunst  kos- 
misch  wird,  wenn  er  etwas  kosmosartiges  in  seinen  eige- 
…[truncated]