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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Damit der Mensch ganz
Mensch werde
Die Bedeutung der Anthroposophie
im Geistesleben der Gegenwart
Sechs Vortrdge, gehalten beim
anthroposophischen Hochschulkurs
in Den Haag vom 7. bis 12. April 1922,
mit einem schriftlichen Bericht Rudolf Steiners
iiber den Hochschulkurs
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte G. A. Balaster
1. Auflage, Dornach 1957
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Bibliographie-Nr. 82
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,Domach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by WB-Druck, Rieden
ISBN 3-7274-0820-0
den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861 bis
1925) gliedert sich in die drei grofien Abteilungen: Schrif-
ten - Vortrage - Kunstlerisches Werk (siehe die Ubersicht
am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich
wie fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthro-
posophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen
Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner urspriinglich
nicht gewollt, dafi sie schriftlich fetsgehalten wiirden, da
sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an-
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte.
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muft
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen
werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde
gema£ ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit
erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
Erster Vortrag, Den Haag, 7. April 1922 , . 15
Die Anthroposophie und das Geistesleben der
Gegenwart
Anthroposophie entstand aus dem Wissenschaftsbediirf-
nis. Der Kurs priift, ob sie auch den Lebensbedurfnissen
der Gegenwart dient. Der heutige Mensch hat seine Ju-
gend verloren. Konflikt von jung und alt. Die Menschen
verstehen sich selber nicht. Konflikt des modernen Wis-
senschaftsgeistes mit den Lebensbereichen von Kunst und
Religion. Forderung nach Harmonie in den Tiefen der
Seele. Kunst und Religion sind heute nicht schopferisch,
entstammen aber dem Schopferischen. Der Pol des Selbst-
bewufitseins. Hegel, Eduard von Hartmann. Der Gedanke
hat das Selbstbewufksein erzeugt, verliert darob die Wirk-
lichkeit. Ohnmacht des Ich. Naturwissenschaftliche Me-
thode fiihrt nur zum Mechanismus. Steigerung des Denkens
fiihrt aus der Einsamkeit des Selbstbewufitseins in die Welt,
aus der es stammt. Steigerung des Willens ergreift den
Menschen so, wie er die Maschine ergreift. Sehnsucht nach
dem imaginativen Denken, um sich selber zu verstehen.
Erst die inspirierte Erkenntnis versteht das Kind, die in-
tuitive das Leben vor dem Zahnwechsel. Ohne solche
Erkenntnisse geht uns unsere Jugend verloren.
Zweiter Vortrag, 8. April 1922 48
Die Stellung der Anthroposophie in den
Wissenschaften
Anthroposophie hat einen anderen Ausgangspunkt als
Mystik und Okkultismus. Die Haltung des Mathemati-
sierens als Ausgangspunkt. Der dreidimensionale Raum
entstammt dem Menschenwesen und ist dennoch objek-
tiv. Das Bilden der drei Dimensionen im Kindheitsalter.
Ubertragung des Vorgangs auf die Sinnesempfindung.
Aufstieg zu imaginativer Erkenntnis. Gesamtanschauung
des Qualitativen der Welt steht schon im Ubersinnlichen.
Die Raumstrukturen sind seine erste Stufe. Die vierte Di-
mension ist mehr als abstrakte Fortsetzung der drei
anderen. Vierte, funfte und sechste Dimension heben die
dritte, zweite und erste auf. Der Raum wird geistbeladen.
Der Gegensatz zwischen analytischer und synthetischer
Geometrie klart den Gegensatz zwischen dem Schauen
der sinnlichen und der geistigen Welt. Durchschauen des
Mathematisierens wird Axiom des Hellsehens. Das wis-
senschaftliche Denken hat sich an der Mathematik aus-
gebildet. Zwei altere Wege der Erkenntnis: Atemiibungen
des Joga und Gedankenerleben der Griechen. Ergebnis
des ersten Weges war eine anschauliche Begriffswelt. Der
Grieche hatte den Gedanken ungetrennt von der Sinnes-
welt. Erst durch Ubung wurde er abgesondert. Die sieben
freien Kiinste des Mittelalters. Der Ubungsweg der An-
throposophie ist Fortsetzung des Weges, der von den
Jogaiibungen zur Praxis der freien Kiinste gefuhrt hat.
Anthroposophie ein notwendiger Schritt der Mensch-
heitsgeschichte.
Dritter Vortrag, 9. April 1922
Die bildende Kunst
Die Absicht eines Baues fur die Anthroposophie. Ein
Bau im traditionellen Stil hatte die tieferen Ziele der An-
throposophie verleugnet. Anthroposophie will auch aus
kunstlerischem Geiste sprechen. Der Bau: Vergleich mit
Nufikern und Schale. Gefahren von Symbolik und Alle-
goric Gegensatz: jede Form soli durch sich selber etwas
sein. Die bildende Kunst geht von der menschlichen Ge-
stalt aus und fuhrt zu ihr zuriick. Plastische Kunst liegt
aller bildenden zugrunde. Der plastische Raum anders als
der mathematische. Hineinempfinden in den Organismus
find et die drei Dimensionen des gewohnlichen Raumes.
Durch imaginative Erkenntnis findet man die Konfigura-
tion des Umkreises. Gegenbild des dreidimensionalen
Raurnes: aus Sternanhaufungen werden Bilder. Der Raum,
der in Flachen plastisch wirkt. Der Bildekrafteleib. «Des
Wesens Sch6nheit». Seine Bildung von der Peripherie her.
Steigerung durch bildende Kunst. Hauptesbildung, Brust-
und Gliedmafienbildung im bildhauerischen Blick. Das
Gestalten des aus dem Kosmos aufgedriickten Geprages.
Das Formen der Beine ist unkiinstlerisch. Umkleidung ist
kiinstlerisch notig. Darstellen von Auge, Stirn, Nase, Mund.
Die Hautform ist Resultierende aus den peripherischen
Kraften von aufien und den zentrifugalen von innen. Der
bildhauerische Raum schafft Gestalten aus sich heraus.
Die Krafte, die den Menschenkeim gestalten, sind so we-
nig im Leibe der Mutter wie diejenigen, welche die
Magnetnadel richten, in der Nadel sind. Der Bildekrafte-
leib erfordert das Kiinstlerische. Bilden einer Pflanze
ist Stiimperei. Das Tier kann plastisch gestaltet werden.
Plastik und Malerei. Hervorgehen der Eurythmie aus der
Anthroposophie. Die Offenbarung der menschlichen We-
senheit in Laut und Gesang kann verbreitert werden.
Goethes Metamorphosenlehre. Plastische Kunst schafft von
aufien nach innen; Eurythmie von innen nach aufien. Die
Hirten und die Imagination der Sterne. Daraus entstand
Plastik. Anthroposophie erlebt Tragik und Jauchzen der
Seele mit: Eurythmie. Wissenschaft, Religion und Kunst.
VlERTER VORTRAG, 10. April 1922
Die anthroposophische Forschungsmethode
Intellektuelle Bescheidenheit und Ausbildung der Er-
kenntniskrafte. Was von der ersten Kindheit an sich
abgespielt hat, mufi fortgesetzt werden. Was zum For-
schen notig ist, ist nicht zum Verstehen notig. Erstes Axiom
der Forschungsmethode in der «Philosophie der Freiheit».
Das Moralische so aufsuchen wie das Mathematische.
Novalis' Respekt vor der Mathematik. Die moralischen
Impulse sind elementare Intuitionen, zugleich Inspira-tio-
nen und Imaginationen. Umwandlung des Vorstel-
lungslebens. Sinneswahrnehmung und Gedachtnis. Will-
kurlich ins Bewufksein versetzte Vorstellungen so lebendig
haben wie Sinneseindriicke. Imagination. Das Leben der
Seele, das schon im kleinen Kinde schaffend war, taucht
auf. Das gewaltige Tableau des iibersinnlichen Menschen.
Das leere, aber wache Bewulksein. Erwartung und
Hereindringen der geistigen Welt. Im Gegensatz zu Visio-
nen und Halluzinationen bleibt daneben der gesunde
Menschenverstand bestehen. Astralleib. Die eine Seite
der Ewigkeit: Ungeborenheit. Die leiblichen Organe als
Spiegelungen der geistigen Welt. Willensiibungen. Wie der
Wille im Menschen lebt. Motorische Nerven gibt es nicht.
Das Bild des Todes im intuitiven Erkennen. Unsterblich-
keit. Welt geistiger Wesen. Das Moralische ein Uber-
sinnliches, dem gewohnlichen Bewuiksein zuganglich.
Anthroposophie will nicht in Opposition sein zur Na-
turwissenschaft. Sie will iiber die Physiognomie hinaus
die Seele der Natur erfassen.
FtJNFTER VORTRAG, 11. April 1922
Wichtige anthroposophische Resultate
Der Atherleib als Zeitorganismus. Objektiv und Subjektiv
verlieren in der Atherwelt ihre Bedeutung. Ratsel von
Schlafen und Wachen. Ermiidung. Der Atherleib im Schlaf.
Ubersattigung am Leibe und an der Aufienwelt hat den
Schlaf herbeigefiihrt. Das Aufwachen: Begierde nach dem
Leib. Verwandtschaft mit der letzten Zeit vor einer Ver-
korperung. Aufwachen: das Denken ergreift Sinne und
Nervensystem, das Fiihlen das rhythmische System. Der
Wille ist im Wachen und im Schlafen im Stoffwechselsy-
stem. Traumen: das Seelische ergreift den Atherleib, aber
den physischen nur teilweise. Wachend verschwindet der
denkende Teil der Seele ins Physische, der fiihlende nur
partiell; der wollende bleibt vollstandig bestehen. Denken
lernen ohne den physischen Apparat. Motorische Nerven
erscheinen im Schauen wie sensitive. Im Aufwachen setzen
sich zwischen andere Stoffe auch aus dem Geiste gebildete
Stoffe ab. Materieschopfung - Materiezerstorung. Der
Mensch als dreigliedriges Wesen. Das Gehirn ist ein Bild
des seelischen Lebens, die Furchen sind ein immerwah-
render Prozefi. Weniger Bild ist die rhythmische Or-
ganisation, am wenigsten der Stoffwechselorganismus. Das
Tier ist nicht dreighedrig, sondern zweigliedrig. Die Ge-
danken als vom Geist erzeugte Bilder. In der hoheren
Erkenntnis steht der Mensch aufierhalb seiner selbst. Es
schwindet der Unterschied von Subjekt und Objekt.
Grundlage der Kosmologie. Das den ganzen Kosmos
durchdringende Sonnenhafte. Absteigendes Leben im
Mondenhaften. Beziehung zu den Organmetamorphosen.
Das Verfolgen ihres Zusammenwirkens ergibt eine ratio-
nelle Heilmittellehre. Die anthroposophische Medizin baut
an der vorhandenen Medizin weiter. Verlust des Geistes
aus der Sprache. Fritz Mauthners «Kritik der Sprache».
Ein Geschichtsergebnis der Anthroposophie: Verlust eines
seelischen Miterlebens der physischen Entwicklung im
hoheren Alter. Stiitze des geistigen Lebens in fniheren
Zeiten. Das Jiingerwerden der Menschheit. Anhaltspunkte
dafiir aus Lebensbeobachtung und Geschichte. Gegensatz
zum biogenetischen Grundgesetz. Forderung einer Pad-
agogik, die Begriffe so vermittelt, daft sie mit dem Leben
weiterwachsen.
Sechster Vortrag, 12. April 1922
Anthroposophie und Agnostizismus
Ziel des Strebens: der Mensch mochte ganz Mensch wer-
den. Ich-Wahrnehmung zuniichst so wie ein schwarzer
Fleck auf weifiem Grund. Die eigentliche denkerische Kraft
nimmt vom Physischen nur das Luftartige in Anspruch.
Erinnerungsf ahigkeit kommt erst zustande durch das voile
Untertauchen in den Organismus. Der Willensimpuls
vernichtet im fliissigen Organismus Materie, was die
Gleichgewichtslage verandert. Bewegung des Leibes als
Wirkung. Beispiel: das Aussprechen des Wortes «hier».
Wie der Gedanke den Atem ergreift, ist Erkenntnis der
Imagination. Inspiration schaut das Seelische im Orga-
nismus, Intuition das, was einen im Leben zu dem macht,
was man geworden ist. Das Planvolle im Leben. Karl
Ludwig Knebel. Das Selbstwesen in uns. Wiederholte
Erdenleben. Seit wann und wie lange es sie geben wird.
Beweise sind dort notig, wo Anschauung fehlt. Der Vor-
wurf der Gnosis: Anthroposophie kann nicht Gnosis sein,
weil sie mit der Naturwissenschaft rechnet. Beide sind das
Gegenteil des Agnostizismus, aber auf verschiedene Art.
Der Agnostizismus eines Herbert Spencer. Agnostizismus
als Verderber echten Menschentums und Agnostizismus
als notwendige Erscheinung in der Menschheitsentwick-
lung. Notwendigkeit des reinen Phanomenalismus in der
Naturwissenschaft. Verzicht auf Konstruktionen hinter
den Phanomenen. Urphanomene. Atome als Tragheitser-
scheinung des Denkens. Berechtigung des phanomenalen
Atomismus. Das Lesen in der Sinneswelt. Goethe. William
James. Die Philosophic des Als Ob. Griechen haben Ideen
in der Welt aktiv gesehen. Erkenntnis im alten Sinn ist
Phanomenalismus nicht. Der Einwand des jungen Rudolf
Steiner gegen den Teleologen Cossmann: die Uhr und der
Uhrmacher. Der Geist ist auf anderen Wegen aufzusuchen
als die Gesetze der Uhr. Anthroposophie ist bemiiht, den
Phanomenalismus voll zu begriinden. Die kraftlosen Vor-
stellungen des Agnostizismus lassen aber die Gefiihle
schwach. Sentimentalitat und Unwahrhaftigkeit in der
Kunst. Unentschlossenheit. Anthroposophie ftigt dem
Phanomenalismus Imagination, Inspiration, Intuition bei.
Sieht im geschichtlichen Dasein das Einwohnen des
Christus in den Leib des Jesus. Sonst hat Phanomenalismus
den Agnostizismus im Gefolge. Der Phanomenalismus der
«Philosophie der Freiheit» und das intuitive Erleben des
moralischen Impulses. Moderne Ideologic und indische
Maja sind entgegengesetzte Pole. Hat das Denken nur
Bildcharakter, ist es nicht mehr Ursache der Handlung.
Erziehung zur Freihek. Um den Schicksalsbegriff hinzu-
stellen war zuerst der Freiheitsbegriff notig. Das wirklich
Geistige wird erst gesucht, wenn das Instinktiv-Geistige
aus der Umgebung verschwunden ist. In die Anthropo-
sophie haben sich zunachst schlichte Menschengemiiter
eingefunden. Schwierigkeiten fiir Wissenschafter. Erfah-
rung mit einem gelehrten theosophischen Botaniker.
Neuere anthroposophische Wissenschafter. Uberblick liber
die Anwendungen der Anthroposophie. Urteilsfahige
Kritiker sind willkommen.
Fragenbeantwortung, 12. April 1922 . .
1. Zum mehrdimensionalen Raum / 2. Zum Zeitleib
ANHANG
Prospekt des Kurses mit Programm 239
Meine hollandische und englische Reise (I) . . . 243
Bericht Rudolf Steiners iiber den Hochschulkurs in
Den Haag, in «Das Goetheanum» vom 7. Mai 1922
*
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 251
Hinweise zum Text 252
Namenregister 261
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 263
ERSTER VORTRAG
DIE ANTHROPOSOPHIE UND
DAS GEISTESLEBEN DER GEGENWART
Den Haag, 7. April 1922
Was ich heute abend vorzubringen habe, wird nur eine
bescheidene Einleitung sein zu demjenigen, was ich mich
bemiihen werde, in den nachsten Abenden hier in ein-
zelnen Kapiteln xiber die Anthroposophie auseinander-
zusetzen.
Anthroposophie ist nicht etwa so entstanden, dafi
gefragt worden ware: Welches sind die Bediirfnisse,
welches ist das Suchen unseres gegenwartigen Zeit-
alters, welche Interessen und Sehnsiichte hat dieses
gegenwartige Zeitalter in bezug auf sein Geistesleben?
Das ware eine abstrakte Frage. Und so, wie man auch
im gewdhnlichen Leben in der Regel dasjenige nicht
findet, was man sucht, ohne dafi man davon eine or-
dentliche Vorstellung hat, so wird man wohl auch nicht
das Suchen im geistigen Leben eines Zeitalters befrie-
digen konnen, wenn man nicht schon ausgeht von
einer ganz bestimmten, konkreten Vorstellung des-
jenigen, wonach dieses Zeitalter sucht. Aber obgleich
Anthroposophie nicht von diesen abstrakten Fragen
ausgegangen ist, wird doch nachher davon gesprochen
werden konnen, ob sie, nachdem sie nun einmal da
ist, die wichtigsten Fragen und Bediirfnisse unseres
Zeitalters in irgendeinem Sinne geistig befriedigen
kdnne.
Anthroposophie ist namlich ausgegangen von den
Bediirfnissen der Wissenschaft selber, wie sich diese in
unserem Zeitalter herausgebildet hat, nachdem sie ih-
ren, man darf schon sagen, grofien, gewaltigen Sieges-
zug durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte vollen-
det hat. Anthroposophie ist aus dieser Wissenschaft-
lichkeit hervorgegangen, indem gleichzeitig versucht
wurde, sorgsam einzugehen auf dasjenige, was befruch-
tend fur den wissenschaftlichen Geist der Gegenwart
die Goethesche Weltanschauung liefern kann. So da£
man sagen kann - gestatten Sie diese personliche Be-
merkung -: Als sich mir die Notwendigkeit einer an-
throposophischen Geisteswissenschaft ergab, war es auf
der einen Seite die Meinung, dafi gerade der gegenwar-
tige Wissenschaftsgeist sich hinentwickeln miisse zu
einer Erfassung des iibersinnlichen Lebens aus der Wis-
senschaft heraus, und es war dann zweitens dasjenige,
was zu gewinnen war aus einer lebendigen Auffassung
der Goetheschen Weltanschauung, das verbunden wurde
mit diesem wissenschaftlichen Streben selbst. Diese
Entwickelung habe ich fiir die Anthroposophie gesucht
seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wenn
man heute Ansichten iiber Anthroposophie hort, die
mehr an der Oberflache geschopft werden, so lauten
diese ja oftmals so, als ob aus dem Chaos, das sich fiir
das Geistesleben der ganzen zivilisierten Welt ja doch
schon wahrend und nach der Kriegskatastrophe erge-
ben hat, wie ein dunkles, mystisches Wollen auch diese
Anthroposophie hervorgegangen ware. Das ist eben
durchaus nicht der Fall. Diese Anthroposophie arbeite-
te in ernster Weise, wie wohl gesagt werden darf, schon
jahrzehntelang und ist aus ganz anderen Voraussetzun-
gen hervorgegangen.
Aber wie gesagt, nachdem sie einmal da ist, kann
gefragt werden: Kommt sie einem Bediirfnis, einer Sehn-
sucht im Geistesleben unserer Zeit entgegen? - Um diese
Frage zu beantworten, wird man wohl hinschauen miissen
auf den besonderen Charakter, auf die tieferen Eigen-
tumlichkeiten des Geisteslebens unseres Zeitalters. Da
wird man, wie ich glaube, zunachst einen Zug finden, der
ganz besonders charakteristisch ist. Gewifi, wenn man so
etwas ausspricht, kann einem jemand zahlreiche Aus-
nahmen entgegenhalten. Sie sollen auch gar nicht in
Abrede gestellt werden. Allein, dasjenige, was ich cha-
rakterisieren mochte, das ist der allgemeine Zug im Le-
ben der Menschen dieses Zeitalters.
Miissen wir uns in der Gegenwart nicht sagen, wenn
wir ein wenig alter geworden sind, daft wir zumeist ohne
Freudigkeit, ohne enthusiastische Hingebung an die
Aufgaben des Lebens gerade heute herantreten? Das
scheint eine pessimistische Ansicht zu sein, will es aber
nicht sein. Sie will nur einfach mit offenen Augen an-
schauen, was doch eben ein durchgreifender Zug im
Leben der gegenwartigen Menschen ist. Wir wachsen
heran, werden unterrichtet, werden durch das Leben
wohl auch weiter gebracht. Wenn wir dann den eigenen
Berufsaufgaben, wenn wir den Leiden und auch sogar
den Freuden des Lebens gegenuberstehen, so wissen wir
uns nicht mit unserer vollen Menschlichkeit heute in die
Lage der Welt hineinzufinden. Und aus diesem Zug
heraus wird sich gerade fur unser Zeitalter ein wichtig-
stes Betrachtungsgebiet ergeben, das sogleich charakteri-
stisch hinweist auf die tief sten Eigentumlichkeiten unserer
Zeit. Wenn wir im spateren Leben heute als Menschen
stehen, so konnen wir nicht mehr hinblicken in der
Ruckschau, in der Erinnerung auf unsere Jugend, auf
unsere Kindheit, wie doch einmal der Mensch auf diese
Jugend, auf diese Kindheit hingeblickt hat. Derjenige,
der eine gewisse innerliche Geschichtsforschung getrie-
ben hat, der kann das durchaus sagen. Wenn wir in
unsere Kindheit, in unsere Jugend zuriickblicken, so
steigt uns aus dieser Kindheit, aus dieser Jugend nicht
dasjenige herauf, was uns mit Freudigkeit, mit Enthu-
siasmus, mit Initiative erfiillt, was uns Kraft gibt aus
einer Zeit, die wir aufterlich zwar verloren haben, die
aber innerlich in uns sein konnte als uns innerKch be-
feuernd, uns innerlich erkraftend. Es 1st zwar radikal
ausgesprochen, aber es ist in einem gewissen Sinne doch
der Fall: Wir haben als erwachsene Menschen unseres
Zeitalters zum groften Teil unsere Jugend, unsere Kindheit
verloren. Und das zeigt sich ja insbesondere darin, daft
wir auch, wenn wir jetzt mehr den Blick auf das soziale
Leben werfen, als erwachsene Menschen uns so schwer
mit der Jugend verstandigen konnen. Es ist ein allgemeiner
Zug wiederum unseres Zeitalters, daft in der Jugend ein
garendes Streben ist, daft aber diese Jugend im weiten
Felde zu der Anschauung kommt, das Alter konne ihr
nicht mehr dasjenige sein, wonach ihr Herz, wonach ihre
Seele verlangt. Eine tiefe Kluft ist in unserem Zeitalter
eingetreten - mancher gesteht sich das nicht, aber es ist
doch so - zwischen der Jugend und der erwachsenen
Generation. Gerade diese Kluft weist aber darauf hin,
daft der Mensch, der aus seiner vollen, kindlichen Ju-
gendmenschlichkeit, mochte man sagen, dasjenige sich
mit in die Welt heute bringt, was er eben, mag er nun
welchen Ursprungs immer sein, doch mitbringt durch
die Geburt in dieses physische Dasein -, daft der Mensch
nicht findet, was er von dem Leben fordert kraft des
Ewigen, das mit ihm geboren wird. Gerade dadurch, daft
der jugendliche Mensch das nicht findet in dem Geistes-
leben, in dem Leben iiberhaupt, gerade dadurch offenbart
sich, was unserer Gegenwart so stark fehlt. Jugendbewe-
gung, das ist ja ein geflugeltes Wort heute geworden.
Und Jugendbewegung, sie offenbart sich insbesondere
auch bei derjenigen Jugend, welche hineinwachst in die
geistigen Berufe; welche hineinwachst in ein Leben, durch
das der Mensch fiihrend werden soil fur die geistigen,
auch fur die sozialen, fur die moralischen, fur die
kunstlerischen, fur die religiosen Bediirfnisse seines
Zeitalters.
Und wenn wir uns nun fragen: Warum befriedigt so
wenig dasjenige, was an Geistesleben da ist, den heran-
wachsenden Menschen? -, dann wird uns diese Frage
vielleicht, wenn auch nicht voll beantwortet, so doch
wenigstens beleuchtet dadurch, dafi wir auf die verschie-
denen Zweige unseres Geisteslebens heute hinschauen:
Innerhalb des Horizontes, der sich uns da darbietet auf
wissenschaftlichem, auf kiinstlerischem, auf sittlichem,
auf sozialem, auf religiosem Gebiet, finden wir, daft,
wenn ich mich so ausdriicken darf, diese einzelnen Zweige
des Lebens, die der Mensch doch braucht, wenn er zu
einer vollen Personlichkeit werden soil, sich selbst nicht
mehr verstehen, und dafi sie daher im Menschen, in der
menschlichen Personlichkeit, einander widerstreiten.
Derjenige ware ein Tor, der heute sich auflehnen
wollte gegen dasjenige, was der Wissenschaftsgeist der
letzten Jahrhunderte, insbesondere seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts, in der Gesamtentwickelung der Mensch-
heit heraufgebracht hat. Und Anthroposophie darf durch-
aus nicht so aufgefalk werden, als ob sie nur in irgend-
einer Beziehung in eine Oppositionsstellung sich be-
geben mochte gegen diesen Wissenschaftsgeist unseres
Zeitalters. Dieser Geist hat heraufgebracht im wissen-
schaftlichen Forschen selber eine ungeheure Gewissen-
haftigkeit und Exaktheit der Methoden. Ich mochte sa-
gen, dasjenige ist die erste Frage geworden fiir diesen
Wissenschaftsgeist: Wie kann man Sicherheit, wie kann
man Gewiftheit im Wahrheitsforschen erlangen? - Nach
Sicherheit, nach Gewiftheit im Wahrheitsforschen drangt
dieser Wissenschaftsgeist der Gegenwart. Und Unge-
heures ist, nun nicht nur fiir die Erkenntnis, sondern
auch fiir das praktische Leben, namentlich in bezug auf
die technischen Gebiete unseres Zeitalters, geleistet
worden. Und dennoch, wenn wir uns fragen: Befriedigt
dieser Wissenschaftsgeist gerade den drangenden Ju-
gendsinn, wachst die heutige Jugend in diesen Wissen-
schaftsgeist so hinein, daft sie fiihlt, da ist etwas, was ihr
entgegenstromt fiir ihre voile Menschlichkeit? - wir
konnen diese Frage nicht bejahen. Wird sie bejaht, dann
ist es deshalb, weil man sich leeren Illusionen hingibt
oder weil man einen Nebel vor das geistige Auge breiten
will. Denn dieser Wissenschaftsgeist steht in merkwiir-
digem Konflikt mit anderen Gebieten des Lebens.
Da sehen wir zunachst das kunstlerische Gebiet. In-
dem man den Wissenschaftsgeist ausgebildet hat mit
seinen exakten Methoden, seinem streng geschulten
Denken, fiihlen die Kiinstler, fuhlen diejenigen, welche
kiinstlerisch das Leben verfolgen wollen, welche kiinst-
lerisch genieften wollen, daft sie eigentlich das Kunstleri-
sche fernhalten miissen von diesem Wissenschaftsgeist.
Wir horen es heute iiberall, daft dasjenige, was die Kunst
gestalten, was die Kunst bilden will, aus ganz anderen
menschlichen Quellen herkommen miisse als dasjenige,
was auf eine gewisse, intellektualistisch beobachtende
Art die Wissenschaft ergriindet. Und wenn jemand her-
eintragen will den heutigen Wissenschaftsgeist in das
kunstlerische Schaffen, dann hat man das Gefuhl, dafi er
dieses kunstlerische Schaffen verdirbt, dafi der Wissen-
schaftsgeist in der Kunst nichts zu suchen habe, daft die
Wissenschaft die Wahrheit auf eine Weise erforscht, die
nicht iibertragen werden darf auf das Kunstlerische.
Nun, eine solche strenge Trennung desjenigen, was
der Mensch von der Welt sich offenbaren lafk durch den
Kunstlersinn auf der einen Seite und durch den Wis-
senschaftsgeist auf der anderen Seite, eine solche strenge
Trennung kannte das Griechentum, innerhalb dessen auf
der einen Seite doch schon ein glanzender Wissen-
schaftsgeist entsprungen ist und auf der anderen Seite
eine ideale Kunst - eine solche Trennung kannte der
griechische Geist nicht. Und noch in der neuesten Zeit
wollte eine solche Trennung auch Goethe nicht, der sich
ja ganz vertieft hat in die griechische Weltanschauung.
Goethe wollte zum Beispiel gar nicht sprechen von einer
abgesonderten Idee von Wahrheit, von Schonheit, von
Religion oder Frommigkeit. Goethe wollte die Idee als
eine wissen, und in Religion und Kunst und Wissenschaft
wollte er nur verschiedene Offenbarungen der einen
geistigen Wahrheit sehen. Goethe sprach von der Kunst
als von einer Offenbarung geheimer Naturgesetze, wel-
che ohne die Kunst niemals offenbar werden wtirden.
Fur Goethe war geradezu die Wissenschaft etwas, das er
auf die eine Seite hinstellte, das eine andere Ausdrucks-
weise hat als die Kunst; auf der anderen Seite war ihm die
Kunst etwas, was wiederum eine andere Ausdrucksweise
hat. Aber nur wenn beide zusammen im Menschen
wirken, kann der Mensch auch im Goetheschen Sinne
die ganze voile Wahrheit ergriinden. Heute denkt man
daran, wie der Wissenschaftsgeist, der von Schluftfolge-
rung zu Schlufifolgerung, von Beobachtung zu Beob-
achtung, von Experiment zu Experiment exakt geht, den
Zusammenhang der kiinstlerischen Phantasie untergraben
miisse; wie keine Berechtigung vorliege, durch die Kunst
selber irgend etwas von der Wahrheit der Welt ergriin-
den zu wollen. Wie man, mit anderen Worten, eine
strenge Trennung vollziehen miisse zwischen Kunst und
Wissenschaft. Miissen wir da nicht sagen, daft die Wis-
senschaft auf der einen Seite nach Gewiftheit, nach einer
gewissenhaften Methode strebt, daft sie vor alien Dingen
Sicherheit haben will, daft sie die Dinge so hinstellen
will, wenn ich mich so ausdriicken darf, daft sie stehen-
bleiben konnen und anerkannt werden miissen von jedem
unbefangenen Menschengemiite? Aber indem man eben
gerade diese grofte Sicherheit erstrebt, hat man zu dem,
was man da ergriindet von Natur und Mensch durch
diese Wissenschaft, nicht das Vertrauen, daft es nun auch
irgendwie eine Bedeutung haben konne fur etwas, was
doch auch zur Befriedigung des ganzen Menschen gehort:
fur das kiinstlerische Schaffen oder kiinstlerische Ge-
nieften. Man griindet eine festgefiigte Wissenschaft, aber
man hat zu ihr nicht das Vertrauen, daft sie mitsprechen
diirfe da, wo es sich handelt um noch menschlichere
Bediirfnisse, wenigstens innerlichere menschliche Be-
diirfnisse als diejenigen der Wissenschaft selber sind: die
kiinstlerischen Bediirfnisse. Gewifi, logisch kann man
die reinliche Scheidung zwischen Wissenschaft und Kunst
durchfiihren. Ich kann es jedem nachfiihlen, der da sagt:
Ach, das ist ja nur eine Phraseologie, eine Rederei, wenn
da irgend jemand in einem abfalligen Sinne spricht von
dieser Scheidung zwischen Wissenschaft und Kunst. Die
miisse ja doch sein. - Ich kann es, wie gesagt, nachfiihlen.
Allein in der Tiefe der menschlichen Seele ist etwas, was
nach Einheit, nach Harmonie der einzelnen Seelenbeta-
tigungen hinstrebt. Und wahrend auf der einen Seite
Logik die Scheidung vollzieht zwischen Wissenschaft
und Kunst, verlangt etwas in uns nach Ausgleich, nach
Harmonisierung der wissenschaftlichen Wahrheiten auf
der einen Seite, der kunstlerischen Wahrheiten auf der
anderen Seite. Es fordert in uns etwas ganz tief seelisch,
daft dasjenige, was wir als Wahrheit auf wissenschaftliche
Weise aus Natur und Mensch herausholen, auch die
Kraft habe, in uns kunstlerische Initiative zu erzeugen,
ohne daft wir in stroherne Allegorien oder abstrakte
Symbolismen verfallen. Es ist in den Tiefen der Seele
durchaus das Bediirfnis vorhanden, das Wissen, das die
Wissenschaft ergriindet, nicht leblos zu lassen, sondern
es so zu beleben, daft wirklich hinuberstromen kann von
dieser wissenschaftlichen Erkenntnis etwas in die Kunst,
wie Goethe sich bewuftt war, daft fur ihn die reifsten
Friichte seines kunstlerischen Schaffens aus seiner Auf-
fassung der Wissenschaft herubergestromt sind.
Die grofte Frage, nicht genau formuliert, aber tief
empfunden, sie tont uns entgegen aus den Sehnsuchten
unseres Zeitalters, die tiefe Frage: Wie konnen wir zu der
Wissenschaft, die vor alien Dingen Gewifiheit gesucht
hat, auch wiederum ein solches Vertrauen gewinnen, daft
wir durch sie eindringen in die Wahrheits-gebiete, die
uns im kunstlerischen Gestalten, im kunstlerischen Bil-
den entgegentreten? Und das ist eine der allertiefsten
Fragen fur die gegenwartige Menschheit.
Man konnte lange debattieren und diskutieren dar-
iiber, daft eine reinliche Scheidung sein miisse zwischen
der logisch-beobachtenden, wissenschaftlichen Methode
und dem kunstlerischen Bilden, dem kunstlerischen
Gestalten. Aber nehmen Sie an, im Reiche der Wirklich-
keit lage die Sache so, daft, wenn wir aus dem Gebiete
der unteren Naturreiche zum Menschen heraufkommen
und die Naturgesetze nun auf den Menschen anwenden
wollten, so wie wir sie kennenlernen im Sinne der heu-
tigen sicheren Wissenschaft, wir dann eben einfach den
Menschen nicht kennenlernen konnten. Ja, es konnte
sogar schon so sein, daft die Natur selber kiinstlerisch
schiife, daft in den verschiedenen Reichen der Natur
nicht bloft ein solches Schaffen vorhanden ware, wie es
im Sinne der gegenwartigen Naturgesetze liegt, und daft
das insbesondere nicht der Fall ware im Menschenreiche,
sondern daft die Natur selber, wie ja Goethe voraussetzte,
eine grofte Kiinstlerin ware, und daft wir einfach, wenn
wir auch noch so kritisch zu Werke gehen und uns
sagen: wir diirf en nicht Phantasie in die Naturwissenschaft
hineintragen — , so konnte es sein, daft, indem wir uns das
logisch vorsetzen, wir uns eben unsere Erkenntnis be-
schranken, ertoten, weil die Natur eben kiinstlerisch ist
und sich erst einer kunstlerischen Betrachtung ergibt.
Selbstverstandlich, wenn man das zunachst in dieser
hypothetischen Form ausspricht, wie ich es jetzt tue,
kann es vielfach angefochten werden. Allein derjenige,
der Psychologe genug dazu ist, um in die Seelentiefen
der heutigen Menschen hineinzuschauen, der weift, daft
gerade eine Angstlichkeit heute in den Gemiitern vor-
handen ist gegeniiber der Frage: Miiftten wir nicht, wenn
wir wissenschaftlich streben, dasjenige in der Seelenver-
fassung haben, was kiinstlerisch gestaltet und bildet? -
Aber wenn wir anders gar nicht in die Natur hineinkom-
men? Wenn die Natur kiinstlerisch begriffen sein will?
Wenn insbesondere die Menschennatur schon in ihren
physischen Organen kiinstlerisch begriffen sein will?
Was machen wir denn dann, wenn wir eine noch so
strenge Wissenschaft haben, und die Natur, die Welt von
uns ein kunstlerisch gestaltetes Erkennen fordert? - Ich
weifi sogar, dafi gerade Wissenschafter der Gegenwart
einen solchen Satz fur eine Absurditat halten. Aber ich
weifi auch, dafi man ihn zwar im Bewufitsein der Wis-
senschaft fur eine Absurditat halten kann, dafi ihn aber
die menschlichen Herzen, die menschlichen Seelen heute
nicht fur eine Absurditat halten, sondern dafi sie dunkel
seine Wahrheit fuhlen und ihn gerne auch im Lichte
erschauen mochten.
Und nicht anders ist es, wenn wir auf ein anderes
Gebiet uns begeben, auf das Gebiet der Sittlichkeit, der
Moral, auf das Gebiet des sozialen Wirkens und Arbei-
tens und auf das Gebiet der religiosen Vertiefung. Alles
dasjenige, was in diese drei Gebiete fallt, es wird ja seit
langer Zeit schon, gerade seit derjenigen Zeit, seit wel-
cher der wissenschaftliche Geist in so maftgebender Weise
die neuere Menschheit ergriffen hat, sozusagen aus der
Wissenschaft verbannt. Was die Soziologie und das so-
ziale Wirken betrifft, so hat man zwar gerade auf po-
pularem Gebiete in der neuesten Zeit versucht - man
braucht nur an den Marxismus zu denken -, aus dem
wissenschaftlichen Geist heraus sozial und soziologisch
zu denken und auch dem sozialen Leben aus dieser
Wissenschaft heraus Impulse zu geben. Die Friichte
sprechen nicht gerade dafur, dafi man damit auf einem
richtigen Pfade ist. Denn dasjenige, was heute gerade in
bezug auf die soziale Frage die Welt bewegt und was
durch alle moglichen Illusionen befriedigt werden soil
aus dem Wissenschaftsgeist der neueren Zeit heraus, das
fiihrt ja zu jenen furchtbaren Disharmonien, zu jenen
furchtbaren Zerstorungselementen, die heute im sozia-
len Leben der Menschheit wirken, und denen man es ja
ansehen kann, dafi in bezug auf sie eine Gesundung nur
moglich ist, wenn nach irgendeiner Richtung eine geisti-
ge Umkehr stattfinden kann. Aber schlie£lich ist ja das
Soziale ohne die Grundlagen des Sittlichen und des Re-
ligiosen wirklich nicht einer gesunden Losung entgegen-
zufiihren. Und so wird man gerade in bezug auf das
Soziale hinschauen mussen zunachst auf die sittlichen
und auf die religiosen Grundlagen des menschlichen
Lebens. Und da finden wir nun ganz deutlich ausgespro-
chen, noch deutlicher als in bezug auf das kiinstlerische
Erleben, gerade in den neuesten Erscheinungen, dafi auf
der einen Seite zwar die Wissenschaft mit ihrer starken
Gewifiheit und Gewissenhaftigkeit steht, dafi aber erst
recht das Vertrauen fehlt, einzufiihren den Geist dieser
Wissenschaftlichkeit in moralische Gesinnung und in
religioses Bewufksein. Und starker als je wird heute
gerade von den scheinbar fortschreitenden Geistern be-
tont, Wissenschaft miisse an ihrem Platz stehen bleiben.
Sie miisse von alledem aber, was der Mensch als Impulse
zu erstreben hat fur sein sittliches Handeln, fur seine
Religiositat, verbannt werden. Dahin gehore nicht Wis-
senschaft, dahin gehore der Glaube. Man macht nun
ebenso, wie man zwischen Wissenschaft und Kunst eine
strenge Scheidung macht, auch eine strenge Scheidung
zwischen Wissenschaft und Sittlichkeit, Wissenschaft und
Religiositat. Man mochte appellieren an eine besondere
Fahigkeit, an eine besondere Impulsivitat der menschli-
chen Seele fur diese Sittlichkeit, fur dieses religiose Le-
ben. Man mochte die Glaubenswahrheit streng abtren-
nen von der wissenschaftlichen Wahrheit, wie man die
kiinstlerische Wahrheit streng von ihr abtrennen will.
Nun, das hat allerdings nicht gehindert, daft der
Wissenschaftsgeist sich ja in der Gegenwart in alle Kreise
verbreitet hat, daft er die popularste Form angenommen
hat; daft heute von diesem Wissenschaftsgeist nicht etwa
blofi die Wissenschafter eingenommen sind, sondern die
ganze breite Masse der heutigen zivilisierten Mensch-
heit. Man kann heute im alten, traditionellen Sinne ein
religios-frommer Mensch sein, aber man lebt doch, schon
dank der offentlichen Literatur, von den Zeitungen bis
zu den Biichern, und durch das sonstige offentliche
Leben, ganz im modernen Wissenschaftsgeist darinnen.
Deshalb konnte es auch nicht ausbleiben, daft, wie stark
auch die Forderung sich stellt, zu trennen Glauben von
wissenschaftlicher Erkenntnis, diese wissenschaftliche
Erkenntnis auf alien moglichen Gebieten als Kritik des
Glaubens auftritt, daft sie zersetzend und auflosend fur
diesen Glauben in zahlreichen Menschengemiitern schon
heute wirkt und wirken wird, wenn nicht auf diesen
Gebieten auch eine vollige Umkehr in geistiger Bezie-
hung stattfindet.
Glauben und Wissen, die man heute streng scheiden
will, sie sind ja gar nicht etwa ausgegangen von verschie-
denen Quellen. Allerdings muft man, um das einzuse-
hen, noch weiter zuruckgehen als fur die Kunst, wo man
bloft bis zum Griechentum zuriickzugehen hat, um ein-
zusehen, daft der Grieche die kiinstlerische Wahrheit
und die wissenschaftliche Wahrheit in Einheit sah. Man
muft zuruckgehen zu viel alteren Zeiten der Mensch-
heitsentwickelung. Aber da wird man Zeiten finden, in
denen Religion einfach alles ist; in denen der Mensch in
einer gewissen Weise durch seine Seelenkrafte sich in die
Tiefen des Weltenalls so vertieft, daft ihm religioses Le-
ben aus dieser Vertiefung hervorquillt. Aber indem ihm
dieses religiose Leben hervorquillt, steht als eines vor
seiner Seele dasjenige, dem gegeniiber er religios-fromm
werden kann, dem er opfern kann, das auf ihn wirkt,
indem es sich offenbart in Schonheit, das daher zu glei-
cher Zeit kiinstlerisch genossen werden kann, und das,
wenn sich das Denken, das Erkennen hineinvertieft, als
Wahrheit der Welt ihm entgegentritt. Wissenschaft, Kunst
und Religion, sie gingen aus einer Wurzel hervor. Aber
das ist nicht alles, was dabei in Betracht kommt. Das ist
ja richtig: Wenn wir in alteste Zeiten der Menschheits-
entwickelung zuruckgehen, finden wir, daft Wissenschaft,
Kunst und Religion eins sind, daft sie aus einem ge-
meinsamen Urquell hervorkommen, daft dann spater das
religiose Leben selbstandig wurde - das war schon im
Griechentum, im Romertum der Fall daft aber das
kunstlerische Leben mit dem wissenschaftlichen Leben
noch in Einheit blieb. Und erst indem wir in die neueste
Zeit hinaufdringen, finden wir, daft sich diese drei Zweige
der menschlichen Personlichkeitsoffenbarung sondern.
Heute streben diese drei Zweige wiederum mit aller
Macht in den unbewuftten und unterbewuftten Tiefen
des Menschen zu einer Einheit, zur Harmonisierung hin.
Warum das? Nun, vor der Wissenschaft kann man heute
nur bewundernd stehen, und Opposition gegen dasjeni-
ge, was an der Wissenschaft Wahrheit ist, ware, wie
gesagt, Torheh. Aber diese Wissenschaft ist eben nur
schopferisch gewesen - trotz ihrer Grofte, trotz ihrer
Triumphe muft das gesagt werden - auf dem Gebiete des
Gedankens und auf dem Gebiete der Beobachtung, oder
der geregelten Beobachtung, des Experimentes. Die
Wissenschaft ist nur schopferisch gewesen mit Bezug auf
dasjenige, was mit logischem Urteil und durch die Be-
obachtung vom Menschengeiste erlangt werden kann.
Auf diesen Gebieten hat die Wissenschaft in den letzten
Jahrhunderten Groftartiges, Ursprungliches geleistet.
Sehen wir die anderen Gebiete an, das kiinstlerische
Gebiet, das Gebiet des sittlich-religiosen Lebens, dann
miissen wir uns sagen - und wiederum ist es etwas, was
sich nicht alle Menschen heute sagen, was aber im Grun-
de genommen die ganze zivihsierte Menschheit in den
Tiefen des Seelenlebens fiihlt -: Kiinstlerischer Sinn,
kiinstlerischer Geist ist heute eigentlich nicht schopfe-
risch. Wir machen es uns ja allerdings oftmals vor, wenn
wir nachschopferisch sind; aber stilerzeugend, motiver-
zeugend ist das gegenwartige Zeitalter auf kiinstleri-
schem Gebiete nicht. Stilerzeugend, motiverzeugend
waren altere Zeiten, zum Beispiel die griechische Zeit,
die ihre Gebaude aus demselben Seelenschofie herausge-
boren hat, aus dem die Dichter ihre Kunstwerke geschaf-
fen haben; so sehr aus demselben Seelenschofie heraus-
geboren hat, dafi ja der Glaube entstanden ist, Homer
und Hesiod hatten den Griechen, indem sie Kiinstler
waren, ihre Gotter gegeben. Wir zehren von den kiinst-
lerischen Traditionen. Wir bauen gotisch, wir bauen
antik, wir bauen barock und so weiter, aber wir bauen
nicht gegenwartig. Ebensowenig sind wir in der Lage,
auf anderen Gebieten in kiinstlerischem Sinne voll ge-
genwartig zu sein. Man mu£ schon diese Dinge etwas
radikal aussprechen, wenn man dasjenige treffen will,
was dennoch als Realitat in den tiefsten Kraften unseres
Zeitalters vorhanden ist.
Auf religios-sittlichem Gebiet sind die Traditionen
noch alter. Auf religios-sittlichem Gebiet ist unser Zeit-
alter nicht schaffend. Daher der Konservativismus der
Religionen, der Drang, nur ja das Alte zu konservieren.
Daher die Furcht, wenn irgendwo auf religiosem Gebiet
etwas Neues auftritt. Wir haben von alten Zeiten her die
kiinstlerischen Stile, wir haben von noch alteren Zeiten
her die religiosen Inhalte. Und die Jugend, wenn sie
heute heranwachst, tragt durch etwas Geheimnisvolles,
das ich heute nicht erortern kann, durch Geheimnisse,
die mit ihr geboren werden, die Sehnsucht nach Schop-
ferischem auf alien Gebieten des Lebens. Sie findet dieses
Schopferische auf wissenschaftlichem Gebiet. Das genugt
ihr nicht. Sie sehnt sich auf kunstlerischem Gebiet nach
tief Schopferischem, sie sehnt sich auch auf sittlich-
religiosem Gebiet nach tief Schopferischem. Deshalb
versteht heute die Jugend das Alter nicht, das Alter die
Jugend nicht. Deshalb ist eine Kluft zwischen beiden.
Das alles charakterisiert ja im Grunde unser gegen-
wartiges Zeitalter, aber es zeigt noch nicht den tiefen
Zwiespalt im Menschen selber, der zu alldem, was ich
jetzt geschildert habe, eigentlich erst gefuhrt hat. Und
um diesen tiefen Zwiespalt in der menschlichen Natur
selber zu finden, miissen wir schon auf die Eigentiim-
lichkeit dieser menschlichen Natur hinschauen, wie sie
sich gerade im wissenschaftlichen Zeitalter, das heifk seit
der Mitte des 15. Jahrhunderts herausgebildet hat. Da
sehen wir, wenn wir so recht unbefangen auf den heuti-
gen Menschen hinblicken, zwei entgegengesetzte Pole in
seiner Natur. Diese zwei Pole beherrschen ja im Grunde
genommen unser ganzes Geistesleben. Aber sie befrie-
digen nicht unsere menschlichen Bediirfnisse. Und diese
zwei Pole, sie sind auf der einen Seite jenes starke,
innerliche, intensive Selbstbewufttsein, das der moderne
Mensch in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat,
und auf der anderen Seite die besondere Art, wie der
Mensch durch seine neuzeitlichen Fahigkeiten dazu ge-
kommen ist, die Welt zu begreifen.
Sehen wir uns einmal diese polarischen Gegensatze
naher an. Wenn ich vom Selbstbewufttsein, vom Ichbe-
wulksein des modernen Menschen rede, so meine ich
keineswegs allein dasjenige, was sozusagen in der Ein-
samkeit der Philosophenstube entsteht. Aus dem Selbst-
bewufitsein des Menschen, das heifit der Selbsterfassung
der Idee, des Begriffes hat Hegel in grandioser Weise
eine Weltanschauung entwickelt. Wir sehen in der He-
gelschen Philosophic nur eben eine unendlich geniale
Ausgestaltung desjenigen, was das Selbstbewufksein in
sich erfahren kann, wenn es in vollem Umfange seiner
selbst eben gewahr wird. Und wir sehen auf der anderen
Seite in den Anti-Hegelianern, wie sie, wenigstens wenn
sie Philosophen sind, auch ausgehen vom Selbstbewufk-
sein. Sie verachten die Hegelianer, verachten jene breite
Ausbildung im Ideell-Geistigen, wie sie durch Hegel
erreicht worden ist aus dem menschlichen Bewu^tsein
heraus. Sie wollen bei einem Punkte bleiben, auf den sie
immer wieder hinschauen, bei ihrem Selbstbewufttsein,
das sich nicht ausbreitet, wie bei Hegel, aber sie gehen
auch vom Selbstbewufttsein aus. Allein, indem man so
charakterisiert, selbst wenn man mehr ins konkret-wis-
senschaftliche und philosophische Gebiet heruntersteigt,
von diesem philosophischen Erfassen des Selbstbewufit-
seins aus kann man nicht allzuviel von der Natur des
gegenwartigen Zeitalters charakterisieren aus dem Grun-
de, der mir einmal besonders stark in einem Gesprach
mit Eduard von Hartmann vor Augen trat. Wir sprachen
iiber dasjenige, was erkenntnistheoretisch erreicht wer-
den kann durch eine Kritik, eine Analyse des Selbstbe-
wufkseins, und da sagte Eduard von Hartmann: Man
sollte iiber solche Dinge heute iiberhaupt keine Biicher
drucken lassen, sondern sie blo$ hektographieren, damit
sie nur in wenigen Exemplaren, vielleicht in sechzig
Exemplaren vorhanden sind, denn nur so viel Menschen
haben in Deutschland von den sechzig Millionen Inter-
esse fur solche Dinge. - Das ist auch wahr, wenn es sich
urn intimste philosophische Dinge handelt. Daher kon-
nen Sie auch nicht erwarten, daft ich Sie hier behelligen
will damit, wie sich im deutschen philosophischen Be-
wufksein gerade das Selbstbewufksein in der heutigen
Zeit auslebt. Aber dieses Selbstbewufksein zeigt sich ja
seit dem letzten Jahrhundert nicht etwa blofi fur den
forschenden Philosophen, sondern es zeigt sich auf
alien menschlichen Gebieten, und fur diese meine ich es
eigentlich. So wie der heutige Mensch uber sich selber
denkt, wie er stark in sich selber sein eigenes Wesen, sein
Ich erfuhlt - gewifi, es wird nicht beachtet von der
aufterlichen Geschichtsforschung, aber die innerliche
Geschichtsforschung weifi das -, so hat der Mensch
einfach uber sich selber nicht gedacht, nichts erkannt
und gewufk vor dem 15. Jahrhundert. Da war das in-
nerlich alles dumpfer. Da sagte man nicht mit jener
Intensitat «Ich», wie man es seither in der zivilisierten
Menschheit sagen kann.
Es ist also ein allgemeines Intensiverwerden des inne-
ren Erlebens eingetreten. Dieses Intensiverwerden des
inneren Erlebens zeigt sich auf dem Gebiete der Wissen-
schaft, indem man den Autoritatsglauben vollig abweist,
indem man mit Recht nur dasjenige annehmen will, was
sich vor dem eigenen Selbstbewufksein rechtfertigen lafk.
Es zeigt sich auf kunstlerischem Gebiet, indem der
Mensch uberall dasjenige, was er in seinem tiefsten
Selbstbewufksein erleben kann, auch in das Kunstwerk
hineinbilden, hineingestalten will. Es zeigt sich auf reli-
giosem Gebiet, indem der Mensch ein Gottliches nur
voll erleben kann, wenn es sich hineinsenkt in sein in-
nerstes Selbst, das er stark erlebt, das er stark mit dem
Gottlichen zusammen erleben will, wenn es iiberhaupt
fur ihn eine Geltung, eine Bedeutung haben soli. Im
Sittlichen strebt der Mensch - ich habe das schon in
meiner «Philosophie der Freiheit» in den neunziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts gezeigt - nach Impulsen, nach
ethischen Motiven, nach ethischen Regulierungen des
Lebens, die aus dieser Wurzel seines starken Selbstbe-
wufitseins hervorgehen. Und im sozialen Leben haben
wir ja diese eigentumliche Erscheinung heute, dafi iiberall
soziale Forderungen auftreten, daft iiberall gesagt wird:
Wir brauchen eine soziale Gestaltung des Lebens - daft
aber im Grunde genommen das menschliche Empfinden
ganz weit entfernt ist von sozialen Empfindungen, von
sozialem Fiihlen. Und gerade weil uns das soziale Fiihlen
fehlt, fordern wir die soziale Gestaltung des Lebens. Wir
mdchten, daft von auften dasjenige komme, was uns
eigentlich im Innern fehlt. Wir sagen: Wir miissen sozia-
le Wesen werden -, weil wir in der neueren Zeit, gerade
wahrend der Wissenschaftsgeist grofi geworden ist, im
Grunde genommen nur in unserem Ich, in unserem
Antisozialen stark geworden sind und heute nach dem
Ausgleich zwischen diesem starken Ich und den sozialen
Forderungen suchen.
Und so tritt uns auf alien Gebieten dieses Selbstbe-
wufitsein des Menschen entgegen. Derjenige, der die
soziale Frage heute studiert aus der Gestaltung der
menschlichen Arbeit heraus, derjenige, der Herz und
Sinn dafur hat, was aus der sozialen Frage geworden ist
unter dem Einfluft der modernen Technik, die den
Menschen in so weitem Kreise hinweggebracht hat von
der unmittelbaren Verbindung mit der Freude-erfiillten
Arbeit; die ihn hingestellt hat an die gleichgiiltige Ma-
schine - der weift, wie auch auf diesem Gebiet das soziale
Wollen aus dem erwachten Selbstbewulksein nicht her-
vorgehen kann, weil dieses erwachte Selbstbewufksein
hingestellt ist vor etwas, vor die Maschine, der gegeniiber
dieses Selbstbewufksein sich am wenigsten voll befriedigt
fiihlen kann.
Nun, das steht auf der einen Seite: das Selbstbewufk-
sein des modernen Menschen. Aber wie konnte dieses
Selbstbewufksein zu dieser Kraft, die es nun einmal hat,
kommen? Wodurch ist diese moderne Menschheit zu
diesem starken Selbstbewufksein erwacht? Man kann
zu diesem Selbstbewufksein zunachst nur kommen durch
eine besondere Entfaltung des Gedankenlebens, des ide-
ellen Lebens. Der Gedanke hat in friiheren Epochen der
Menschheit nicht die Rolle gespielt wie in der neueren
Zeit. Aber gerade indem die Menschen fahig wurden,
immer abstrakter und abstrakter, intellektualistischer
und intellektualistischer zu denken, wurde das Selbst-
bewufksein stark. Das Selbstbewufksein wurde gerade
unter der Kraft des Gedankens stark. Und so ist der
Mensch dazu gekommen, das Denken bis zur hochsten
Spitze auszubilden, wahrend er friiher mehr im Fiihlen,
im Anschauen, in der Intuition und Imagination und
Inspiration gelebt hat, wenn diese auch traumhaft und
unbewufk waren. Das Denken hat der Mensch ausge-
bildet, und mit dem Denken war es ihm moglich, im
Gedanken sein starkes Selbstbewufksein zu erringen.
Aber damit ist der Mensch bei einer Einseitigkeit in
unserem Geistesleben angekommen. Der Gedanke, er
entfernt sich von der Wirklichkeit. Wer sollte nicht die
Empfindung haben, dafi der Gedanke niemals die voll-
saftige Wirklichkeit erringen kann, dafi der Gedanke nur
ein Bild der Wirklichkeit bleibt! Mit einem Bilde der
Wirklichkeit haben wir unser starkes Selbstbewufksein
als moderne Menschheit heranerzogen. Daher ist es so:
Wenn es die Menschen sich auch noch nicht voll zum
Bewufksein bringen, wenn es die Menschen auch noch
nicht aussprechen konnen, sie fiihlen, sie empfinden es,
und die Jugend von heute empfindet es mit besonderer
Intensitat, dafi der Mensch dasteht mit wirklichkeits-
f remden Gedanken. Er steht einmal gegeniiber der Wirk-
lichkeit mit seinem Selbstbewufitsein, dem Selbstbe-
wufksein, das denkend erfafk worden ist. Es kann nicht
heran an das Leben, es bleibt Bild. Es ist ohnmachtig
gegeniiber dem Leben. Wir sind ganz bei uns selbst in
unserem Selbstbewufitsein, stellen uns innerlich so stark
wie moglich auf uns selbst, aber wir sind ohnmachtig,
wir dringen nicht mit den Gedanken in die Wirklichkeit
hinunter. Dieses ist der eine Pol unseres modernen
Geisteslebens: die Ohnmacht des selbstbewufiten Den-
kens.
Dieses Gefiihl von der Ohnmacht des eigenen Ich
durchzieht die moderne Menschheit. Das macht diese
moderne Menschheit so, dafi sie ohne Freudigkeit, ohne
innere Hingabe, selbst ohne Verstandnis an das Leben
herantritt, weil immer das stark entwickelte Ich, das
starke Selbstbewufitsein sich ohnmachtig selbst gegen-
iiber demjenigen Leben fiihlen mufi, in dem man selber
zu arbeiten hat. Das ist der eine Pol.
Und der andere Pol, er stellt sich dadurch fur die
moderne Menschheit heraus, dafi, wahrend friiher der
Mensch aus den Tiefen seines Seelenwesens heraus aller-
lei erfaftte, oder, wie man heute zu sagen beliebt, etwas
von der Wirklichkeit erfafk zu haben glaubte, hat der
heutige Mensch nur Vertrauen, wenn er die Auftenwelt
verfolgt in der Beobachtung, der sich gar nichts aus dem
Inneren beimischt; wenn er in der sogenannten objekti-
ven Beobachtung die Aufienwelt verfolgt im Experi-
ment. Das eigene Innere soil vollstandig schweigen, wenn
man beobachtet oder experimentiert. Nur die Auften-
welt soil sprechen. Wozu ist man dadurch gekommen?
Dadurch ist man dazu gekommen, diese Aufienwelt in
treuer Beobachtung, im exakten Experiment zu erfor-
schen, aber man kann mit dieser Erforschung im Grunde
genommen nicht weiter kommen als bis zum Mechanis-
mus. Ein Mechanismus ist fur die Astronomie das Wel-
tenall geworden. Ein Mechanismus ist fur die Geologie
die sich gestaltende Erde geworden. Ein Mechanismus
ist selbst der Organismus des Menschen geworden, und
die modernen neo-vitalistischen Versuche sind ja nur mit
unzureichenden Mitteln angestellte Versuche, ein wenig
dasjenige zu erreichen, was nicht erreicht werden kann
mit der wissenschaftlichen Methode, die nun einmal
anerkannt ist, und die doch nur dazu fiihrt, im Experi-
ment, in der Beobachtung den Mechanismus - etwas
radikal gesprochen: die Maschine - zu begreifen. Indem
wir dazu kommen, die Maschine zu begreifen, glauben
wir, indem wir gar nichts hineinmischen in den Zusam-
menhang der physikalischen und mechanischen Gesetze,
die wir da in der Maschine zu einem Gewebe formen, da
glauben wir, dasjenige, was vor uns steht, zu durch-
schauen. Wir durchschauen es in einem gewissen Sinne
durchaus, durchschauen, wie die einzelnen Glieder eines
Mechanismus ineinanderwirken, ineinanderlaufen. Wir
fuhlen uns zunachst, weil es uns anerzogen wurde aus
der neueren Geistesrichtung, befriedigt, indem wir die
Maschine begreifen, indem wir selbst das Weltenall, den
Kosmos als Maschine begreifen, mit ineinanderlaufen-
den Radern und so weiter. Wir glauben befriedigt zu
sein, aber wir sind es im Inneren nicht. Da bleibt etwas
zuriick, was uns gerade in bezug auf unsere voile
Menschlichkeit zuriickstofit vor diesem Begreifen der
Maschine. Ein Begreifen der Maschine ist dasjenige, was
eigentlich zu der Grofiartigkeit, zu den Triumphen des
modernen Wissenschaftsgeistes beigetragen hat. War-
um? Durchsichtig wird uns, nicht fur die Augen, aber
fur den Verstand, fur das Begreifen, die Maschine. Wenn
wir in den Organismus hineinschauen, da bleiben die
Dinge zunachst fur eine solche au£ere Beobachtung
dunkel. In der Maschine ist alles durchsichtig. Allein,
wir miifken fragen: Begreifen wir den Diamanten des-
halb besser, weil er durchsichtig ist? - Es ist einfach nicht
wahr, dafi dasjenige, was durchsichtig wird, deshalb fur
uns begreiflicher wird. Denn was in der Maschine wirkt,
das fiihlen wir auf die Dauer, wenn wir ihm gegeniiber-
stehen, immer mehr und mehr als fremd unserem eigenen
Wesen. Und das ist das unbewufite Gefiihl, das sich
geltend macht: Da steht die Maschine, durchsichtig wird
sie dem Verstand, aber sie hat nichts, was du in dir selber
finden kannst, sie ist dir ganz fremd. Und so fiihlen wir
uns hinausgesto£en aus der Welt, die wir begreifen, die
wir maschinell begreifen. Wir fiihlen uns zuriickgestoften
durch den anderen Pol unseres geistigen Lebens. Wahrend
der eine Pol nicht hinein kann in die Wirklichkeit, ohn-
machtig ist gegeniiber der Wirklichkeit, stolk uns die
Wirklichkeit, die wir begreifen, zuriick. Das ist der tiefe
Zwiespalt im modernen Menschen. Sein Selbstbewufitsein
hat er durch das Denken ausgebildet, aber er kann mit
diesem Denken nun nicht in die Welt hinein. Aus der
Welt holt er sich die Maschine; indem er diese aber
begreift, stoik sie ihn zuriick, denn sie hat nichts mit dem
Menschen gemeinschaftlich. Das Denken macht uns
wirklichkeitsfremd; die Wirklichkeit der Beobachtung
stofit uns zuriick. Wie man auch sonst beschreiben mag
die Zwiespalte des modernen Geisteslebens - diese sind
ihre beiden Wurzeln, diese zwei Pole des modernen
Geisteslebens: die Ohnmacht des selbstbewufiten Den-
kens mit seinem bloften Bildcharakter, welches nicht in
die vollsaftige Wirklichkeit hineinzudringen vermag, und
die mechanistisch vorgestellten Beobachtungs- und Ex-
perimentierinhalte, die einen als fremd unserem eigenen
Wesen zuriickstoften. Scheinbar spricht man nur iiber
das Feld der Wissenschaft, indem man von diesen Din-
gen spricht. Aber dasjenige, was man dabei bespricht,
durchzieht unser ganzes modernes Leben.
Nun, da steht also auf der einen Seite dieses moderne
Geistesleben mit den eben geschilderten zwei Polen. Auf
der anderen Seite steht die Anthroposophie. Die Anthro-
posophie, welche versucht, nicht stehen zu bleiben bei
dem denkenden Selbstbewufttsein, sondern fortschreitet
in innerer Entwickelung durch innere Seeleniibungen,
die ich noch zu schildern haben werde; die von dem aus
fortschreitet, was wir auf selbstverstandliche Art in dem
Denken haben. Von diesem Denken wird durch Ubun-
gen zu einem anschaulichen, zu einem bildlichen, zu einem
imaginativen Denken fortgeschritten; zu einem Denken,
das dann so stark wird, daft es ein Schauen wird; das so
stark wird, wie sonst nur die Sinneseindriicke sind. Ich
deute diese Dinge heute nur an, werde aber in den nach-
sten Tagen zu schildern haben, wie man in der Tat zum
hellsichtigen Schauen einer ubersinnlichen Welt kommt,
indem man das Denken ausbildet.
Dann aber, wenn man durch die Ausbildung des Den-
kens zur Imagination vorschreitet, dann steht man mit
dieser Imagination, die nichts anderes ist als ein fortge-
bildetes Denken, nicht mehr einsam und allein da in dem
Selbstbewufttsein, das der Wirklichkeit fremd geworden
ist. Dann steht man in einer neuen geistigen Wirklichkeit
drinnen, in der Wirklichkeit, in der man drinnen ge-
standen hat, bevor man aus der geistig-seelischen Welt in
die physische Verkorperung heruntergestiegen ist. Denn
sein vorgeburtliches Leben lernt man kennen, wenn man
wirklich in systematischer Weise ausbildet dasjenige,
was im denkenden Selbstbewufttsein eben zur mensch-
lichen Einsamkeit gegeniiber der Welt fiihrt. Gerade das
zur Imagination fortgebildete Denken fiihrt zu einer
neuen Wirklichkeit, zu derjenigen Wirklichkeit, die sich
bemachtigt hat als unser eigenes Selbst unserer Leib-
lichkeit. Unser Ich erweitert sich iiber unsere Geburt
beziehungsweise unsere Empfangnis hinaus. Wir gelan-
gen in eine geistige Welt hinein.
Wenn man auf der anderen Seite erfaftt gerade aus
dem Geiste der modernen Wissenschaftlichkeit heraus
das Beobachten, das Experimentieren, dann wird man
gewahr, was allerdings viele Menschen nicht gewahr
werden, daft da im Experiment selber das Denken ja
vollstandig schweigt. Wer wirklich den Experimentier-
vorgang und das wissenschaftliche Forschen im Experi-
mentieren verfolgt, der wird finden, daft das Denken
nur notifiziert, daft es eigentlich nur wie statistisch die
Falle auffaftt und Gesetze bildet, daft es aber nicht
untertaucht in die Wirklichkeit. Was sich mit der Wirk-
lichkeit verbindet im Experiment, das ist der menschli-
che Wille. Eine tiefere Psychologie wird das immer
mehr und mehr erkennen. Anthroposophie forscht in
der Art, daft sie, so wie sie auf der einen Seite das
Denken fortbildet zur Imagination, auf der anderen
Seite fortbildet den Willen zur Intuition und zur Inspi-
ration. Wie gesagt, die Einzelheiten werde ich in den
nachsten Tagen zu besprechen haben. Heute mochte ich
nur das Prinzipielle angeben.
Indem der Mensch dazu gelangt, diesen Willen, der
ihm sonst so dunkel bleibt wie die Schlafzustande fur
sein eigenes Bewufitsein, zu erkraften, so zu erkraften,
wie man das Denken fiir die Imagination erkraftet, kommt
er dazu, nun seinen eigenen Organismus, seine eigene
Leiblichkeit geistig-seelisch - nicht physisch natiirlich -
durchsichtig zu machen. Das heiik, der Mensch kommt
dazu, dasjenige, was er friiher fiir die Aufienwelt, fiir den
Mechanismus, fiir die Maschine entwickelt hat, nun fiir
das eigene Wesen zu entwickeln. Dieses eigene Wesen
aber zeigt sich dann auf ganz andere Art. Da werden wir
nicht zuriickgestofien. Da ergreifen wir das, was aus dem
ganzen Kosmos heraus in unsere Menschlichkeit einge-
flossen ist, in einer solchen Durchsichtigkeit, wie wir
sonst nur die Maschine ergreifen. Aber wir sind es selbst,
die wir uns ergreifen. Wir werden nicht zuriickgestoften.
Wir erfassen uns in uns selber. Und wir erfassen, zunachst
im Bilde, dasjenige, was der Moment des Todes ist. Wir
lernen die Ewigkeit der Menschenseele nach der anderen
Seite hin kennen. Wir lernen durch die Erkraftung unseres
Willens kennen, wie der Leib durchsichtig wird, und wir
lernen anschauend begreifen, wie wir vollziehen den
Durchgang durch die Pforte des Todes, wie wir hinaus-
gehen aus dem Leibe, um einzutreten in eine geistig-
seelische Welt.
Durch die Fortentwickelung des Denkens lernen wir
das Vorgeburtliche erkennen. Durch die Kultur, durch
die Ausbildung des Willens lernen wir das Nachtodliche
erkennen, dasjenige, was iiber unseren Tod hinausliegt.
Wir lernen uns selbst erkennen in einer Wirklichkeit,
lernen uns hineinstellen in diese Wirklichkeit. Wir blei-
ben nicht mit unserem Selbst einsam. Wir lernen ein
Denken, ein entwickeltes Denken, das hineindringt in
das Leben, namlich in das geistige Leben. Und wir lernen
etwas beobachten, zunachst an uns selbst, dann an der
Welt, was uns nicht zuriickstofk, sondern sich verbindet
mit dem entwickelten Denken. Wir uberbriicken den
Abgrund, der zwischen den zwei Polen liegt, dem selbst-
bewufiten Denken und der mechanistischen Beobach-
tung. Wir eignen uns an durch anthroposophische For-
schung ein Denken, das nicht ohnmachtig ist gegeniiber
der Wirklichkeit, sondern das untertaucht in die Wirk-
lichkeit; wir lernen eine Wirklichkeit kennen, die hinauf-
langt bis zum innerKchen Seelenleben, dem entwickelten
Wollen, das nun auch wiederum seinerseits hinauflangt
bis zum Denken. Wir erweitern das Denken, daft es
untertauchen kann in die Wirklichkeit; wir erweitern das
Wollen so weit, daft es hinauflangen kann zu dem Den-
ken. So erfassen wir mit dem geistigen Leben eine voile
Wirklichkeit, in der der Mensch nun selber darinnen-
steht.
In drei Stufen der Erkenntnis ergibt sich das dem
Menschen. Es ergibt sich in der imaginativen Erkenntnis,
durch die zunachst das Denken bis zur Bildlichkeit in-
tensiviert wird, innerlich erkraftet wird, wo man schaut
zunachst in Bildern die ubersinnliche, die geistige Welt.
Dann kommt die inspirierte Erkenntnis. Sie konnen dar-
iiber Naheres in meinem Buche «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» finden. In den nach-
sten Tagen werde ich auch noch manches zu charakteri-
sieren haben. Durch die inspirierte Erkenntnis dringt die
geistige Welt in unsere Seele herein. Dann kommt die
intuitive Erkenntnis, durch die wir uns selber hineinstellen
in die geistigen Wesenhaftigkeiten der Welt. Aber ohne
dafi man selber Geistesforscher wird, kann man, einfach
durch den gesunden Menschenverstand, begreifen das-
jemge, was der Geistesforscher herausholt aus der
ubersinnlichen Welt durch Imagination, Inspiration,
Intuition. Eignet man sich diese Wahrheiten an, zum
Beispiel die Wahrheiten, die durch imaginative Erkenntnis
erlangt werden, dann bereichert man das innere Seelen-
leben. Wie bereichert man das innere Seelenleben?
Nun, mit demjenigen, was mit Recht so grofiartig
geschildert wird, unserem wissenschaftlichen Leben,
unserem Wissenschaftsgeist, mit dem leben wir eigent-
lich in einer Seelenverfassung, die uns Menschen nur
angemessen ist als intellektualistische Seelenverfassung,
wenn wir vollig erwachsen sind, wenn wir in die zwan-
ziger Jahre gekommen sind. Sehen wir nur auf das
menschliche Lebensalter hin, das unmittelbar vorher liegt,
auf das Alter, sagen wir, vom vierzehnten bis zum
zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahr. Da leben wir ein
Leben - derjenige, der auf solche Dinge wirklich sein
Augenmerk lenken kann, der eine tiefere Psychologie in
der Seele hat, der weifi das und kann es erforschen -, da
leben wir so, daft aus unserem Inneren herauftauchen
intensive Seelenerlebnisse. Nicht abstrakte Gedanken sind
es da. Da sind es die Jugendideale, die innerlich vollsaftig
sind, mit innerer Intensitat und voll Kraft, die man erlebt
nicht blofi wie blasse, matte Gedanken. Da steht der
Mensch unter dem Eindruck einer inneren Impulsivitat.
Was ist es, was da wirksam ist? Nun, was da im
Menschen wirksam ist, es lebt eigentlich halbtraume-
risch in ihm. Er bringt es sich nicht in diesem Lebensal-
ter zum Bewufitsein. Auch durch die gewohnliche Wis-
senschaft kann es nicht zum Bewufksein gebracht wer-
den. Diese gewohnliche Wissenschaft wird nie ergriin-
den, was im Menschengemiit vor sich geht, was auch nur
im menschlichen Leibe vor sich geht, sagen wir, zwischen
dem vierzehnten und dem einundzwanzigsten Jahr. Das
lehrt erkennen nur die imaginative Erkenntnis. Die bringt
es zum Bewufksein. Unterbewufit arbeitet es in unseren
Jugendjahren in uns, was bewuftt nur durch die imagi-
native Erkenntnis zur Offenbarung kommen kann. Der
jugendliche Mensch, der das vierzehnte Jahr uberschritten
hat - wer wirkliche Padagogik kennt, weifi es -, der
sehnt sich nach einer Erkenntnis, die imaginativ ist, denn
nur dadurch versteht er sich selbst. Sonst mufi er bis iiber
das zwanzigste Jahr hinaus warten, bis das intellektuali-
stische Leben vollgultig in ihn eintritt. Und dann kann er
eben doch nur zum denkenden Bewulksein kommen,
mit dem er einsam ist. Er odet sich hin, wenn ich mich so
ausdriicken darf, bis zu diesem Zeitpunkte im mensch-
lichen Leben. Er verlangt nach einer Offenbarung von
seiten der Alten, die diese Alten ihm nur geben konn-
ten - wenn sie seine Lehrer, seine Erzieher, seine Fuhrer
sind wenn sie imaginative Erkenntnisse hatten. Dann
wiirden sie ihm sagen konnen, was er ist.
Und zwischen dem Zahnwechsel und der Ge-
schlechtsreife, da leben wir ein innerliches Leben leib-
lich-seelisch-geistig so, daft das, was da unbewufk ge-
schieht, was da Realitat ist, nur begriffen werden kann
fur das inspirierte Erkennen. Nicht das auftere, intellek-
tualistische, experimentierende Erkennen kann wissen,
was sich eigentlich im Menschen herausarbeitet in den
Kindheitsjahren. Da will alles nun nicht nach Naturge-
setzen, sondern nach kunstlerischen Impulsen sich ge-
staiten. Da arbeiten in uns Inspirationen aus dem Wel-
tenall heraus. Und die altere Generation wird den Kin-
dern zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahr,
approximativ gesprochen, nur sagen konnen, wonach
diese Kinder sich sehnen, wonach ihr ganzes Fuhlen und
Wollen hindrangt, wenn sie etwas wei£ von inspirierter
Erkenntnis. Wir werden mit den Kindern unterrichtend,
erziehend nur wiederum reden konnen, wenn wir etwas
wissen von inspirierten Welterkenntnissen.
Und gar mit den ganz kleinen Kindern - «Wenn ihr
nicht werdet wie die Kindlein, konnt ihr nicht in die
Reiche der Himmel kommen». Es ist doch ein tiefes
Wahrwort, dieses Christus-Wort. In diesem Lebensalter,
wahrend des Sauglingsalters, des Alters bis zum Zahn-
wechsel hin, lebt das Kind so, daft man das Einleben
seines Seelisch-Geistigen in das Physisch-Leibliche, die-
ses Hineinkraften, dieses plastische Gestalten des Leibes
aus dem Seelischen heraus, nur mit intuitiver Erkenntnis
begreifen kann. Daher die Kinder uns nur verstehen
werden - fuhlend, instinktiv - und von uns in der rich-
tigen Weise beeinflufk werden konnen, wenn wir religios
geformte Wahrheiten bekommen konnen von einer
Ausbildung der intuitiven Erkenntnis.
So versteht die Jugend in unserem heutigen geistigen
Zeitalter den alten Menschen deshalb nicht, weil wir als
Menschen im Grunde genommen unsere Jugend verlie-
ren. Denn wir wiirden sie nur dann nicht verlieren, wenn
dasjenige, was wir in den Kindheits- und Jugendjahren
erleben, von uns erinnert werden konnte im spateren,
reifen Alter durch Riickschau vermittelst derjenigen
Erkenntnisse, die aus Imagination, Inspiration und In-
tuition kommen. Mit diesen Erkenntnissen konnen wir
uns vertiefen in unsere Kindheit, in unser Jugendalter.
Mit diesen Erkenntnissen konnen wir als Lehrer, als
Erzieher, als Menschheitsfuhrer zu den Kindern, zu
der Jugend so sprechen, dafi uns diese Kinder fuhlend-
instinktiv verstehen, daft uns die Jugend verstehen lernt.
Die Kluft zwischen der Jugend und dem Alter kann nur
auf diese Weise ausgefiillt werden. Sie wird nicht auf
andere Weise ausgefiillt werden konnen. Und es wird,
wenn nicht der Wille vorhanden ist, in dieser Weise die
Kluft zu iiberbriicken oder auszufullen, unser Zeitalter
in immer hoherem Mafie dasjenige zeigen, was es schon
jetzt zeigt: daft die Jugend das Alter, das Alter die Jugend
nicht versteht.
Und die Folge davon ist, daft der Mensch den Men-
schen nicht versteht, daft ein soziales Leben immer
mehr und mehr unmoglich wird. Einzig und allein
durch Hereinstellen einer geistgemaften Erkenntnis —
wenn ich mich dieses Goetheschen Ausdrucks bedienen
darf - in unseren Wissenschaftsgeist, durch die Erwei-
terung unseres Wissenschaftsgeistes zu einer solchen
geistgemaften Erkenntnis, wird der Mensch sich voll
begreifen konnen, wird der Mensch dazu kommen, nun
sein Selbst nicht so ohnmachtig zu haben, daft es nicht
an die Wirklichkeit herandringt, sondern die Wirklich-
keit so zu beobachten vermogen, daft sie ihn nun nicht
zuruckschlagt. Einzig und allein dadurch wird er die
beiden Pole, den Gedankenpol und den Wirklichkeits-
pol, die einander so fremd im modernen Menschen
gegeniiberstehen, zu einem lebendigen Ausgleich brin-
gen konnen.
So darf Anthroposophie, wenn sie auch nicht entstan-
den ist etwa in abstrakter Weise aus der Beobachtung des
Suchens der Zeit, aus der Beobachtung der Sehnsuchten
unserer Zeit, darf Anthroposophie, nachdem sie aus
wissenschaftlichen Untergriinden entstanden ist, dennoch
darauf hinweisen, wie sie gerade auf den wichtigsten
Gebieten des Zeitalters dasjenige leisten darf, wenigstens
wird leisten konnen, wonach dieses Zeitalter im tiefsten
Sinne des Wortes verlangt.
Das wollte ich als eine Einleitung, gewissermafien als
ein Vorwort den Betrachtungen der nachsten Tage vor-
anschicken, damit charakterisierend, wie diese Anthro-
posophie sich selber auffassen mochte. Sie mochte sich
so auffassen, dafi sie nicht tote, abstrakte Erkenntnis,
nicht Erkenntnis in Theorien blofi ist, dafi sie durch das
Leben im Leben erfafite und selber lebendige Erkenntnis
ist; dafi sie einstromt in den Menschen nicht blofi als
Gedanken und nicht blofi als Beobachtungsresultate,
sondern als ein Lebensblut der Seele; dafi sie als Leben
im Menschen selber vorhanden ist.
Gewifi, Anthroposophie ware die unbescheidenste der
Unbescheidenheiten, wenn sie den Glauben erwecken
wollte, so und so viele Weltratsel sind vorhanden, so und
so viele Weltratsel konnen gelost werden. Darum han-
delt es sich nicht. Das Leben ist voll von Ratseln, und
nur solange es Ratsel gibt, wird Leben sein. Denn wir
miissen die Ratsel erleben, und im Erleben der Ratsel
konnen wir allein das Dasein auf wirklich menschliche
Weise weiterfiihren. Eine Welt, in der es keine Fragen
gabe, ware eine unlebendige Welt. Darum handelt es sich
nicht, dafi Anthroposophie versprechen will, alle Le-
bensratsel zu losen. Aber sie mochte durch ihren eigenen
Charakter das sein, was imstande ist, dem Leben zu
dienen, auch durch die Erkenntnis und durch die Kraft,
welche dem ganzen, dem vollen Menschen, auch dem
kiinstlerischen, dem religiosen, dem sittlichen, dem so-
zialen Menschen die wirkliche Grundlage geben kann.
Dem Leben mochte Anthroposophie dienen. Sie mochte
diesem Leben dadurch dienen, dafi sie selber nicht blofi
totes, dafi sie lebendiges Wissen ist und damit eine eigene
Lebenskraft entfaltet. Sie mochte dem Leben dienen,
und dem Leben kann nichts anderes dienen als das Leben
selber. Daher mochte Anthroposophie selber Leben
werden, um dem Leben der Menschheit zu dienen.
ZWEITER VORTRAG
DIE STELLUNG DER ANTHROPOSOPHIE
IN DEN WISSENSCHAFTEN
Den Haag, 8. April 1922
Wenn Anthroposophie sich verbreitet liber diejenigen
Lebensgebiete, auf denen die Menschen gewdhnlich ihre
religiosen, vielleicht auch ihre moralischen Impulse su-
chen, dann gibt es ja heute doch schon sehr viele Men-
schen, welche wenigstens einen gewissen Zug zu solch
einer geistigen Stromung haben, wie es diese Anthropo-
sophie ist. Es ist ja schon einmal so, dafi der Geist der
neueren Menschheit - ich habe mir gestern erlaubt, ihn
den «Wissenschaftsgeist» zu nennen - in vieler Bezie-
hung die alten, traditionellen Bekenntnisse in den Men-
schenseelen erschuttert hat und dafi, wenn auch sehr
viele gerade der anthroposophischen Richtung mit ge-
wissem Zweifelsinn entgegenkommen, es doch schon in
der Gegenwart sehr viele Seelen gibt, die mindestens fur
ein solches Suchen eine Neigung haben. Allein man darf
schon sagen, in gewisser Beziehung schlimm wird die
Sache fur die Anthroposophie dann, wenn sie sich be-
geben will auf die Gebiete der verschiedenen Wissen-
schaften. Das soil ja insbesondere innerhalb dieses
Kursus hier geschehen, und mir wird ja obliegen, mehr
die allgemeinen, umfassenderen Prinzipien und For-
schungsresultate hier zu vertreten, wahrenddem die an-
deren Vortragenden auf die speziellen Wissenschaftsge-
biete eingehen. Aber gerade bei einer solchen Veranstal-
A Ci
tung miissen ja alle - ich meine es mehr theoretisch als
etwa moralisch ~ Antipathien, welche gerade von wis-
senschaftlicher Seite her gegen Anthroposophie kom-
men, sich geltend machen. Und ich kann Sie nur versi-
chern, dafi derjenige, der drinnensteht im anthroposo-
phischen Forschen, ein voiles Verstandnis der Tatsache
entgegenbringt, daft es eben heute einfach fur erne Per-
sonlichkeit, die im gegenwartigen Wissenschaftsbetriebe
drinnensteht, noch aufterordentlich schwierig ist, den
Ubergang zu finden aus der heute iiblichen Wissen-
schaftlichkek heraus in die Anthroposophie hinein. Und
so kommt es, dafi, obwohl ja Anthroposophie gewifi
manches zu berichtigen hat, was den gegenwartigen
Bestand der wissenschaftlichen Forschung ausmacht,
obwohl sie insbesondere, wenn man mehr in die or-
ganischen und geistigen Gebiete hinaufkommt, sehr
vieles hinzuzugeben hat zu demjenigen, was dieser ge-
genwartigen Forschung vorliegt, daE doch diese An-
throposophie eigentlich von sich aus in keinen Wider-
spruch kommt mit der gebrauchlichen Wissenschaft. Sie
nimmt deren berechtigte Resultate hin und verfahrt mit
ihnen so, wie ich es eben charakterisiert habe. Das
Umgekehrte findet allerdings nicht statt, und, wie gesagt,
in begreiflicher Weise heute noch nicht. Anthroposo-
phie wird zuriickgewiesen. Ihre Ergebnisse werden als
etwas angesehen, das den streng wissenschaftlichen
Kriterien, die man heute zu stellen sich befugt halt,
nicht geniige.
Es ist ja selbstverstandlich, dafi ich nicht in der Lage
sein werde, in einem kurzen Vortrage auf alles dasjenige
einzugehen, was von seiten der Anthroposophie selbst
zu einer tiichtigen Begriindung ihrer Ergebnisse dienen
kann. Aber ich mochte doch in diesem heutigen Vor-
trage versuchen, die Stellung der Anthroposophie inner-
halb der Wissenschaftsgebiete so zu charakterisieren,
daft man aus dieser Charakteristik wird entnehmen kon-
nen, wie es dieser Anthroposophie mit ihren Grund-
legungen ebenso ernst ist wie nur irgendeiner wissen-
schaftlichen Gewissenhaftigkeit und exakten Methodik
in der Gegenwart iiberhaupt. Dazu wird allerdings not-
wendig sein, daft ich Sie heute noch werde qualen miis-
sen mit etwas entlegeneren Auseinandersetzungen, mit
Dingen, die man im gewdhnlichen Leben vielleicht
schwierig nennt, die aber doch eine gewisse Grundlage
schon einmal abgeben miissen fur dasjenige, was ich
allerdings vielleicht in leichterer und gefalligerer Form
in den nachsten Tagen werde darzubieten haben.
Man ist ja heute noch vielfach der Ansicht, daft An-
throposophie irgendwie ihren Ausgangspunkt nimmt von
jener nebulosen Seelenverfassung, wie man sie in echt
mystischen oder okkultistischen Richtungen der Ge-
genwart findet. Man irrt sich vollstandig, wenn man der
Anthroposophie eine solche wirklich sehr fragwiirdige
Grundlegung zuschreibt. Und eigentlich kann das nur
derjenige tun, der diese Anthroposophie entweder nur
oberflachlich oder gar nur von Seiten der Gegner aus
kennt. Dasjenige, was zunachst die Grundorientierung
des anthroposophischen Bewufttseins ist, das ist ja
durchaus nicht nur in dem Sinne, wie ich das gestern
schon charakterisiert habe, sondern in einem noch viel
exakteren Sinne hergenommen von derjenigen Wissen-
schaftsrichtung der Gegenwart, welche eigentlich am
allerwenigsten in ihrem wissenschaftlichen Charakter und
ihrer Tragweite angefochten wird. Allerdings wird viel-
fach weder bei den Anhangern noch bei den Gegnern der
Anthroposophie gerade das in der richtigen Weise an-
gesehen, was ich jetzt einleitend werde zu charakterisie-
ren haben.
Es ist Ihnen ja schon gesprochen worden von der
Stellung des Mathematischen in den Wissenschaften. Und
weltbekannt, mochte man sagen, ist ja der Kantische
Ausspruch, dafi in jeglicher Wissenschaft eigentlich nur
so viel wahres Wissen, wahre Erkenntnis zu finden sei,
als in ihr Mathematik vorhanden ist. Nun, mit der spezi-
ellen Mathematik, mit demjenigen, was die Mathematik
der Menschhek und der Wissenschaft uberhaupt sein
kann, habe ich es hier nicht zu tun, wohl aber mit der
Seelenverfassung, in welche ein Mensch sich versetzt,
der, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, mathe-
matisiert, der in der Tatigkeit des Mathematik-Bildens
darinnen lebt. Wir befinden uns ja eben in einer ganz
speziellen Seelenverfassung, wenn wir Mathematik be-
treiben. Diese Seelenverfassung, sie kann vielleicht am
besten dadurch charakterisiert werden, dafi ich zunachst
auf denjenigen Teil der Mathematik zu sprechen kom-
me, welcher gewohnlich Geometrie genannt wird, und
der es ja, wenigstens in denjenigen Teilen dieser Wissen-
schaft, die der Mehrzahl der Menschen bekannt sind, zu
tun hat mit einer Raumeslehre, mit der Behandlung des
Raumes.
Wir sprechen im Leben von dem dreidimensionalen
Raum, und wir machen uns die Vorstellung, dafi dieser
dreidimensionale Raum so konstituiert ist, dafi seine drei
Dimensionen, wie man sagt, aufeinander senkrecht ste-
hen. Dasjenige, was wir da im Seelenauge haben als
Raum, das ist etwas, was uns zunachst ganz unabhangig
vom Menschen und von der iibrigen Welt vor dem
geistigen Auge steht. Dafi es zunachst vor den Augen des
Menschen unabhangig von diesem Menschen selbst steht,
das geht uns daraus hervor, dafi der Mensch sich nach
den Bestimmungen des Raumes als Wesen, als Individuum
selber bestimmt. Er kann durchaus sagen, er sei so und
so weit entfernt von irgendeinem Punkt, den er in Aus-
sicht nimmt. Also gliedert er sich selbst in den Raum ein.
Er gliedert sich wohl auch in den Weltenraum ein da-
durch, da£ er sich als Erdenwesen betrachtet und sich
nun hineinstellt in bestimmte Sternenabstande und der-
gleichen. Kurz, den Raum betrachtet der Mensch zunachst
als etwas Objektives, als etwas, was mit seinem Eigen-
wesen nichts zu tun hat. Das hat ja gerade dazu gefiihrt,
dafi Kant davon gesprochen hat, der Raum sei eine An-
schauung a priori, eine Anschauung, die gewissermaften
dem Menschen von vornherein gegeben ist. Er hat keine
Moglichkeit, zu fragen, wodurch er diesen Raum habe.
Er hat ihn einfach hinzunehmen als etwas Fertiges, in das
er sich hineinzufinden hat, wenn er zum Vollbewulksein
seines Erdendaseins gekommen ist.
So ist aber die Sache in Wirklichkeit nicht. Wir bilden
als Menschen in Wahrheit den Raum doch aus unserer
eigenen Wesenhek heraus. Wir verfolgen diese Bildung
des Raumes, oder besser gesagt, der Raumvorstellung,
der Raumanschauung nur nicht mit dem BewuEtsein,
weil sie sich hineinstellt in ein Lebensalter des Menschen,
in dem er noch nicht in der Weise iiber sich selbst und
iiber seine eigenen Tatigkeiten nachdenkt, wie das der
Fall sein mufite, wenn er sich vollstandig iiber die We-
senheit des Raumes in bezug auf sein Eigenwesen auf-
klaren sollte. Wir wiirden namlich keine solche Raum-
anschauung haben, wie wir sie haben, wenn wir nicht die
drei Dimensionen des Raumes erst innerhalb unseres
Erdendaseins erleben wiirden. Wir erleben sie. Wir er-
leben die eine Dimension, indem wir uns von der Ohn-
macht, als menschhches Wesen nach unserer Geburt
aufrecht zu gehen, in diese eine, senkrechte Dimension
hineinversetzen. Wir lernen einfach aus der Art, wie wir
selber die eine Dimension bilden, das Vorhandensein
dieser Dimension kennen. Und wir lernen nicht eine
beliebige Dimension kennen aus unserer Menschen-
wesenheit heraus, die einfach auf den zwei anderen Di-
mensionen senkrecht stent, sondern wir lernen diese
ganz bestimmte, auf der Oberflache der Erde sozusagen
senkrechtstehende Raumesdimension dadurch kennen,
daft wir als Menschenwesen nicht gleich aufrecht gebo-
ren werden, sondern daft es zu den Bildegesetzen unseres
Erdenlebens gehort, daft wir uns in diese vertikale Di-
mension erst hineinbringen.
Eine zweite Dimension lernen wir kennen ebenso in
einer unbewuftten Art. Es wird Ihnen ja bekannt sein,
daft der Mensch - jetzt will ich weniger dasjenige, was
sich auf das Auftere bezieht, als mehr dasjenige, was sich
auf das Innerliche bezieht, erwahnen -, indem er ausbildet
die einzelnen Fahigkeiten, die im spateren Leben ihm
dienen, daft er eine Orientierung von links nach rechts,
von rechts nach links vornimmt. Man braucht nur daran
zu denken, wie wir in einer gewissen Partie unseres
Gehirns die Sprachorganisation haben, die sogenannten
Brocaschen Sprachwindungen, und wie die andere Seite
unseres Gehirns eine solche Organisation nicht hat. Man
weift heute ja auch durchaus durch anerkannte Wissen-
schaft, wie die Ausbildung dieser Sprachorganisation im
linken Teil der menschhchen Gesamtorganisation zu-
sammenhangt mit der zunachst aktiv auftretenden Be-
weglichkeit der rechten Hand. Man weift also, daft da
eine Orientierung von rechts nach links sich vollzieht.
Diese Orientierung von rechts nach links, dieses Tatig-
keiterregen links durch Tatigkeit rechts, oder umgekehrt,
das ist etwas, was wir innerhalb unserer Bildungsgesetze
geradeso erleben wie das Aufrichten. Und in diesem
Zusammenorientieren des symmetrischen Rechts und
Links erleben wir als Mensch zunachst die zweite Rau-
mesdimension.
Die dritte Raumesdimension erleben wir eigentlich
niemals ganz vollstandig. Wir visieren ja abschatzend
eigentlich erst die sogenannte Tiefendimension. Die
vollziehen wir f ortwahrend, obwohl das Vollziehen auch
im Grunde stark im Unterbewufken liegt. Wenn wir
unsere beiden Augenachsen kreuzen an einem Punkte,
den wir in beide Augen fassen, so dehnen wir den Raum,
der sonst fur uns nur zwei Dimensionen hatte, in die
dritte hinaus. Und bei allem Beurteilen, Abschatzen der
Raumestiefe bilden wir eigentlich unbewufk aus unse-
rem eigenen Wesen, unseren eigenen Bildungsgesetzen
heraus erst die dritte Dimension. So losen wir, konnte
man sagen, in einer gewissen Weise aus unserem eigenen
Leben heraus die drei Raumesdimensionen. Und dasje-
nige, was wir dann als den Raum auffassen, den wir in
der Geometrie, in der euklidischen Geometrie zunachst,
verwenden, ist nichts anderes als eine Abstraktion des-
jenigen, was wir konkret an unserem eigenen Organismus
als die wirklichen drei Dimensionen, die mit unserem
subjektiven Menschenwesen zusammenhangen, allmah-
lich erkennen lernen. Wir lassen in der Abstraktion die
ganz bestimmte Konfiguration des Raumes weg. Die
bestimmte Senkrechte, die bestimmte Waagerechte, die
bestimmte Tiefendimension, die werden einander
gleichgiiltig. Solche Vorgange finden ja immer bei der
Abstraktion statt. Und dann, wenn wir aus dem in uns
erlebten dreidimensionalen Raum durch Abstraktion den
aufteren Raum, von dem wir in der Geometrie sprechen,
gebildet haben, dann dehnen wir eigentlich unser Be-
wufksein nur iiber diesen aufieren Raum aus.
Aber nun kommt das Bedeutsame: Dasjenige, was wir
erst aus uns selbst heraus gewonnen haben, das ist jetzt
anwendbar auf die aufiere Natur, zunachst in ihren un-
organischen, ihren leblosen Bildungen, aber auch auf die
verschiedenen Lageverhaltnisse und Bewegungsverhalt-
nisse der organischen Bildungen. Das ist, kurz gesagt,
fur unsere Auftenwelt so mafigebend, dafi wir, indem wir
diesen Ubergang, diese Metamorphose des Raumes von
einem Gebiet, das eigentlich nur in uns lebt, zu dem, was
wir gewohnlich Raum nennen, vollzogen haben, da nun
ganz mit unseren Raumesvorstellungen, unseren Raum-
erlebnissen in der Aufienwelt drinnenstehen und uns
selbst zuriick nach Raumdimensionen, Raumabmessun-
gen in bezug auf unseren Standort und unsere Bewegung
bestimmen konnen. Wir gehen tatsachlich, indem wir
den Raum in dieser Weise bilden, aus uns heraus. Das-
jenige, was wir erst in uns selber erlebt haben, das tragen
wir in die Welt aufterhalb unseres Leibes heraus, und wir
stellen uns dann auf einen Gesichtspunkt, von dem aus
wir dann auf uns selber, mit dem Raume erfullt, zuriick-
blicken. Und indem wir so den Raum erst verobjekti-
viert haben, konnen wir jetzt eben mit den Vorstellun-
gen, die wir geometrisch innerhalb des Raumes bilden,
die aufieren Bewegungs- und Lageverhaltnisse der Dinge
so studieren, daft wir wirklich empfinden: wir stehen auf
sicherem wissenschaftlichen Gebiete, wenn wir mit dem
so erst aus uns selbst heraus Gebildeten nun in die Dinge
untertauchen. Es kann uns eigentlich aus den Verhalt-
nissen heraus niemals ein Zweifel dariiber kommen, daft
wir mk dem so aus uns Herausgekommenen zu gleicher
Zeit in den Dingen drinnen leben konnen. Wenn wir den
Abstand oder den wechselnden Abstand zweier Korper
in der Aufienwelt nach Raumesverhaltnissen beurteilen,
so kommt uns gar nicht in den Sinn, dafi das anders sein
konnte, als dafi wir etwas vollig Objektives feststellen, in
das die Subjektivitat nicht hereinspricht.
Nun aber liegt hier im Grunde genommen ein wichti-
ges Problem vor, das Problem, dafi etwas, was wir in uns
selber subjektiv erlebt haben, indem wir es verwandeln,
beim Raume einfach durch eine Art Abstraktionsvor-
gang verwandeln, dann ein die Aufienwelt gewisserma-
$en Durchdringendes wird, als ein der Aufienwelt An-
gehoriges erscheint. Wer sich unbefangen iiberlegt, was
da eigentlich vorliegt, der mu£ sich sagen: Indem so
etwas vollzogen wird wie das subjektive Raumeserlebnis
in seinen drei Dimensionen und die nachherige Objek-
tivierung desselben, stent eben der Mensch in der ob-
jektiven Aufienwelt drinnen mit dem, was er selber erlebt.
Unsere subjektiven Erlebnisse, indem sie Raumeserleb-
nisse sind, sind zugleich objektive Erlebnisse. Und
schlie£lich ist es ja gar nicht schwierig, sondern im Grunde
genommen trivial und elementar, diese Sache einzusehen.
Denn indem wir uns selbst bewegend durch den Raum
gehen, vollziehen wir allerdings etwas, was ein subjektiver
Vorgang ist, aber er ist zu gleicher Zeit ein objektiver
Vorgang, etwas, was in der Welt geschieht. Ob wir einen
Automaten sich vorwartsbewegen sehen oder einen Men-
schen, es kommt die Subjektivitat nicht in Betracht. Fur
die aufiere Weltkonstellation ist dasjenige, was sich voll-
zieht, indem der Mensch raumhch lebt, ganz objektiv.
Nun aber, wenn man ins Auge faftt, wie da der Mensch
etwas aus dem subjektiven Erlebnis heraus objektiviert,
so daft er dann, indem er mit seinem eigenen Selbst den
Raum durchmiftt, sich in einem Objektiven bewegt -
denn er tragt ja eigentlich, indem er den Raum verob-
jektiviert hat, diesen Raum auch in sich -, wenn man das
ins Auge faftt, was da als in der Zeit verlaufende See-
lenverfassung eigentlich vorliegt, dann kommt man dazu,
sich zu sagen: Wenn der Mensch dasselbe, was er da mit
Bezug auf das Mathematisieren ausfuhren kann, auch
ausfuhren konnte mit Bezug auf andere Erlebnisse, dann
wiirde er ja gewissermaften die mathematisierende See-
lenverfassung in andere Erlebnisse hereintragen konnen.
Nehmen wir einmal an, wir kamen dazu, nicht nur
wahrend unseres unbewuftten Lebensganges - denn
Aufrechtstehen- und Gehenlernen, Links und Rechts
Zusammenorientieren gehoren ja durchaus dem unbe-
wuftt verlaufenden Lebensgange an, und die Art und
Weise, wie wir die Tiefendimension des Raumes ermes-
sen, gehort dem halb unbewuftt bleibenden Leben an -,
sondern bewuftt die subjektiven Erlebnisse so umzuge-
stalten, daft wir dann mit dem umgestalteten Erlebnis
aufter uns stehend auf uns selbst zuriickschauen konnten.
Wenn wir nun ebenso, wie wir das Raumeserlebnis aus
uns heraus schaffen und bilden, so daft wir, wenn wir
einen Salzwiirfel ansehen, wir ja die Gestalt des Wiirfels
aus unserer Geometrie mitbringen und wissen, daft eine
vollstandige Identifizierung der Gestalt des objektiven
Salzwiirfels mit dem, was wir in der Raumesvorstellung
gebildet haben, stattfindet - wenn wir ebenso anderes
bilden konnten, wenn wir das zum Beispiel konnten mit
Bezug auf die Sinneswahrnehmungen, mit Bezug darauf,
wie wir die Sinnesqualitaten empfinden, die Farben, Tone
und so weiter, und dann gegeniibertreten wiirden den
aufteren Gegenstanden, dann wiirden wir in der gleichen
Weise dasjemge, was wir erst in uns ausbilden, gewis-
sermafien herauswerfen in die Welt, uns damit aufierhalb
unseres Leibes versetzen und sogar auf uns zuriickschauen
konnen. Bei der Mathematik - ich habe das geometrische
Bild angefuhrt, ich konnte auch anderes anfiihren - ist
das zwar vollzogen worden, aber man achtet nicht dar-
auf. Weder die Mathematiker noch die Philosophen ha-
ben dieses eigentiimliche Verhaltnis ins Auge gefafit, das
ich jetzt vor Sie hingestellt habe.
Mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen ist man
aber in eine wahre wissenschaftliche Verwirrung gekom-
men. Die Menschen meinen vielfach - die Physiologen
haben sich in dieser Beziehung sogar den Erkenntnis-
theoretikern und Philosophen im 19. Jahrhundert an-
geschlossen -, wenn wir zum Beispiel Rot sehen, so ist
der aufiere Vorgang irgendein Schwingungsvorgang, der
sich fortpflanzt bis zu unserem Sehorgan, bis zum Ge-
hirn. Dann wird ausgelost das eigentliche Rot-Erlebnis.
Oder es wird durch den aufieren Schwingungsvorgang
ausgelost der Ton Cis auf dieselbe Weise. Hier ist man in
Verwirrung geraten, weil man dasjenige, was in uns, in
unserer Korperbegrenzung lebt, gar nicht mehr von dem
Aufteren unterscheiden kann. Hier spricht man durchaus
davon, dafi alle Sinnesqualitaten, Farben, Tone, Warme-
qualitaten, eigentlich nur subjektiv seien; da£ das aufiere
Objektive etwas ganz anderes sei.
Wenn wir nun geradeso, wie wir die drei Raumesdi-
mensionen zunachst aus uns heraus bilden, um sie an
und in den Dingen wieder zu finden, wenn wir ebenso
dasjenige, was in uns sonst als Sinnesempfindung auf-
tritt, aus uns selbst schopfen und dann au£er uns verset-
zen konnten, dann wiirden wir das erst in uns Gefunde-
ne in den Dingen ebenso finden, ja, auf uns zuriick-
schauend, es wiederfinden, wie wir das als Raum in uns
Erlebte in der Aufienwelt finden und auf uns zuriick-
schauend, uns selbst diesem Raume angehorend finden.
Wir wiirden, wie wir die Raumeswelt um uns haben, eine
Welt von ineinanderflieftenden Farben und Tonen um
uns haben. Wir wiirden sprechen von einer objektivier-
ten farbigen, tonenden Welt, einer flutenden, farbigen,
tonenden Welt, so wie wir von dem Raume um uns
herum sprechen.
Das kann der Mensch aber durchaus erreichen, dafi
er diese Welt, die sonst fur ihn nur vorliegt als die Welt
der Wirkungen, kennenlernt als die Welt seiner eige-
nen Bildung. Wie wir unbewufit, einfach aus unserer
menschlichen Natur heraus, uns die Raumesgestalt aus-
bilden, um sie dann in der Welt wiederzufinden, indem
wir sie erst metamorphosiert haben, so kann der Mensch
durch gewisse Ubung - das muft er jetzt bewufk ausfiih-
ren - dazu kommen, aus sich heraus den gesamten
Umfang der Qualitaten enthaltenden Welt zu finden, um
sie dann wiederzufinden in den Dingen, wiederzufinden
zuriickschauend auf sich selbst.
Was ich Ihnen hier schildere, das ist das Aufsteigen zu
der sogenannten imaginativen Anschauung. Dasjenige,
was wir als Raumeswelt haben, das hat heute jeder
Mensch, der nicht geradezu abnorm-mathematisch oder
unmathematisch veranlagt ist. Dasjenige, was in gleicher
Weise im Menschen leben kann, und so leben kann, daft
er damit zugleich die Welt miterlebt, das kann durch
Ubungen im Menschen heranerzogen werden. Zu der
gewohnlichen gegenstandlichen Anschauung der Dinge,
in der uns die Mathematik ein sicherer Fuhrer ist, kann
die imaginative Anschauung - es ist nur ein technischer
Ausdruck und bedeutet nicht «Einbildung» und «Imagi-
nation» im gewohnlichen Sinne - hinzukommen und ein
neues Weltgebiet eroffnen. Ich sagte schon gestern, da£
ich noch eine besondere Ubungs- und Forschungsme-
thode werde auseinanderzusetzen haben. Ich werde
Ihnen dann zu schildern haben, was man zu machen hat,
urn zu einer solchen iraaginativen Anschauung zu kom-
men, wo wir gewissermafien ebenso, wie wir beim Raume,
der allerdings zunachst keine uns im hoheren Sinne
interessierende Wirklichkeit enthalt, dazu kommen, ihn
als Gesamtanschauung zu haben, nun auch eine Ge-
samtanschauung des Qualitativen in der Welt haben.
Dann aber, wenn wir in dieser Weise uns der Welt
gegeniiberstellen konnen, sind wir schon drinnen im
ubersinnlichen Schauen, auf der ersten Stufe des iiber-
sinnlichen Schauens. Das sinnliche Schauen, das ist zu
vergleichen mit demjenigen Anschauen der Dinge, wo
wir nicht an den Dingen Dreiecke und Vierecke unter-
scheiden, wo wir nicht geometrische Strukturen in den
Dingen sehen, sondern einfach hinstarren auf die Dinge
und ihre Formen nur aufterlich nehmen. Dasjenige An-
schauen aber, das in der Imagination auftritt, ist ein
solches Verwobensein mit dem inneren Wesen der Din-
ge, wie das mathematische Anschauen ein Verwobensein
mit denjenigen Weltverhaltnissen ist, die eben durchaus
der Mathematik zuganglich sind.
Wer mit der richtigen Gesinnung an Mathematik sich
heranbegibt, der wird dazu kommen, gerade in dem
Verhalten des Menschen im Mathematisieren das Mu-
sterbild zu sehen fur alles dasjenige, was dann erreicht
werden soil fur eine hohere, eine ubersinnliche Anschau-
ung. Denn die Mathematik ist einfach die erste Stufe
ubersinnlicher Anschauung. Dasjenige, was wir als ma-
thematische Strukturen des Raumes schauen, ist uber-
sinnliche Anschauung. Wir geben es nur nicht zu, weil
wir gewohnt sind es hinzunehmen. Derjenige aber, der
die eigentliche Natur dieses Mathematisierens kennt, der
weifi, dafi es zwar zunachst eine uns nicht sonderlich fiir
unsere ewige Menschennatur inter essierende Wissenschaft
ist, was wir da mit der Raumesstruktur gegeben haben,
dafi es aber durchaus den Charakter alles dessen voll-
standig tragt, was man im anthroposophischen Sinne -
jetzt ohne nebulose Mystik, ohne verworrenen Okkul-
tismus, sondern einfach mit dem Ziele, in die iibersinnli-
chen Welten auf exakt-wissenschaftliche Weise hinauf-
zusteigen -, was man im wahren Sinne des Wortes vom
Hellsehen verlangen kann.
Was Hellsehen auf hoherem Gebiete ist, studieren
kann es jeder Mensch am Mathematisieren. Und am
meisten wundern konnte man sich dartiber, dafi gerade
Mathematiker, die den Prozefi kennen sollten, der im
Menschen vorgeht, wenn man mathematisiert, dafi die
nicht eigentlich ein tieferes Verstandnis demjenigen ent-
gegenbringen, was als ein hoheres, qualitatives Mathe-
matisieren in der hellsichtigen Forschung, wenn ich mich
dieses Ausdrucks bedienen darf, aufzutreten hat. Denn
dasjenige, was die erste Stufe dieser Forschung ist, die
imaginative Erkenntnis, es ist nichts anderes als ein durch
Ubungen erlangtes Hineinschauen in noch andere Ge-
biete des Daseins, als das Mathematisieren es gestattet.
Aber allerdings, es andert sich so manches mit Bezug auf
das menschliche Anschauen, wenn man diese ganze in-
nere Natur des Mathematisierens einmal in wahrhaftiger
menschlicher Selbsterkenntnis uberschaut. Da kommt
man namlich zum Beispiel zu folgendem: Indem man
darauf zuriickblickt, wie man in der ersten Kindheit
durch das Aufrechtgehen und Aufrechtstehen, durch das
Orientieren von Links und Rechts, durch das Bestim-
men der Tiefendimension zur Raumesstruktur gekom-
men ist, indem man daran ankniipft und den sonst nur
abstrakt angeschauten Raum der Geometrie aus dem
inneren menschlichen Erleben kennenlernt, da lernt man
auch erkennen, welche verhangnisvollen Folgen eintre-
ten, wenn man nicht zuriickblicken kann auf dieses le-
bendige Hervorgehen des Raumes, der Vorstellung und
der Anschauung des Raumes aus der Menschenwesen-
heit, sondern einfach den Raum schon in metamorpho-
sierter Gestalt, unabhangig vom Menschen hinnimmt.
Da ist man ja in der neueren Zeit dazu gekommen, diesen
Raum in seinen drei Dimensionen so zu betrachten, daft
man rein mathematisch zu einer vierten und zu weiteren
Dimensionen iibergegangen ist. Die mehrdimensionalen
Raume und die Geometrien, die sich auf sie beziehen,
sind ja heute etwas, was auch schon in weiteren Kreisen
bekannt geworden ist. Aber fur denjenigen, der nun die
lebendige Gestaltung des Raumes einmal kennengelernt
hat, ist es zwar aufierordentlich interessant, so etwas
zu verfolgen wie das Fortsetzen der Rechnungs- und
Funktionsoperationen, die man fur den dreidimensiona-
len Raum vornimmt, indem man gewisse Dinge erweitert,
so daft man dann die nicht mehr anschaubare vierte
Dimension bekommt und so weiter - diese Dinge sind
mathematisch-logisch nicht nur interessant, sondern auch
vollstandig richtig -, aber fur denjenigen, der eben so die
Entstehung der Raumanschauung kennt, wie ich es be-
schrieben habe, fur den liegt hier etwas ganz Besonderes
vor. Wir konnen namlich zum Beispiel, wenn ich diesen
Vergleich gebrauchen darf, ein Pendel haben und das
Pendel ausschlagen sehen. Wir konnen rein aufterlich
dieses Ausschlagen des Pendels ansehen, und uns nun
denken, das Pendel ginge im Ausschlagen immer weiter
und weiter. Es tut es aber nicht. Wenn es an einem
bestimmten Punkt angekommen ist, geht es wieder zu-
ruck nach der entgegengesetzten Seite. Wenn wir die
Kraftverhaltnisse kennen, die in dem Pendel leben, dann
wissen wir, dafi das Pendel eben oszilliert, dal? es nicht
einfach weitergehen kann wegen der in ihm liegenden
Kraf tverhaltniss e .
Gewissermaften solche Kraftverhaltnisse lernt man
erkennen in der eigenen menschlichen Seelenverfassung
in bezug auf den Raum. Dann wird die Sache anders.
Dann macht man gewift logisch-mathematisch dasjenige
mit, was den Ubergang bildet aus den Rechnungsopera-
tionen im dreidimensionalen zum vierdimensionalen
Raum, nur merkt man: es geht nicht weiter. Es geht
nicht in ein unbestimmtes Viertes hinein, sondern man
mufi von einem gewissen Punkte an umkehren, und die
vierte Dimension wird namlich einfach die dritte Di-
mension mit negativem Vorzeichen. Man kommt wie-
derum durch die dritte Dimension zuriick. Das ist der
Fehler, der in den mehrdimensionalen Geometrien ge-
macht wird. Da wird einfach abstrakt weitergelaufen
von der zweiten in die dritte, von der dritten in die
vierte Dimension hinein und so weiter. Aber dasjenige,
was da vorliegt, ist, wenn ich mich jetzt vergleichsweise
so ausdriicken darf, nicht einfach fortlaufend, sondern
oszillierend. Die Raumanschauung mufi wiederum in
sich zuruckkehren. Wir vernichten, indem wir die dritte
Dimension negativ nehmen, diese dritte Dimension in
Wahrheit. Die vierte Dimension ist die negative dritte
und vernichtet die dritte, macht den Raum eigentlich
zweidimensional. Und ebenso konnen wir einen Vor-
gang finden fur die fiinfte und sechste Dimension, der
durchaus in sich wirklich ist, obwohl das logisch-
mathematisch, algebraisch einfach fortlaufend ist. Wir
miissen, wenn wir der Wirklichkeit gemafi vorstellen, in
den Raum, der uns einfach vorliegt, mit der vierten,
fiinften, sechsten Dimension wiederum zuriickkommen,
und bei der sechsten haben wir einfach den Raum
aufgehoben. Wir sind beim Punkt angekommen.
Was liegt da eigentlich in der Zeitkultur vor? Es liegt
das vor, daft diese Zeitkultur abstrakt geworden ist in
bezug auf das Denken, daft man den Lauf, den man mit
dem Denken genommen hat von der Planimetrie zur
Stereometrie einfach fortsetzt, wahrend die Wirklichkeit
mit der vierten Dimension wieder zuruckfuhrt in den
Raum. Aber indem wir jetzt zuriickkehren, sind wir
keineswegs in derselben Lage, in der wir waren, als wir
in die dritte Dimension hinausgekommen sind mit dem
Visieren, sondern indem wir zuriickkehren, sind wir
geistbeladen. Finden wir die Moglichkeit, die vierte Di-
mension so zu denken, daft wir mit ihr wiederum, indem
sie die negative dritte ist, in den Raum zuriickkehren,
dann wird der Raum geisterfiillt, wahrend der dreidi-
mensionale Raum materieerfiillt ist. Und mit immer
hoheren Geistgebilden finden wir den Raum erfiillt, wenn
wir entlang der negativen dritten und zweiten und ersten
Dimension gehen bis zu dem Punkt, wo wir keine
Raumesausdehnung mehr haben, aber vollstandig im
Ausdehnungslosen, im Geistigen dann drinnenstehen.
Was ich Ihnen schildere, ist nicht formale Mathema-
tik, ist Wirklichkeit der geistigen Anschauung, ist dasje-
nige, was zeigt, wie ein geistgemafter Weg in Wirklich-
keit verlauft, im Gegensatz zu demjenigen Weg, der sich
so sehr nur an die materiellen Erscheinungen gewohnt
hat, daft er selbst mit dem, was natiirlich nicht mehr
materiell in der Seelenverfassung wirkt, mit der Mathe-
matik, indem er mit dem weiterlauft, in eine unwahr-
nehmbare Welt hineinkommt, in der er hochstens noch
rechnen oder imaginare mathematische Gebilde ausbilden
kann.
Hier sehen Sie, dal? ein volliges Einleben in das Ma-
thematische durchaus dahin fiihrt, daft man die innere
Natur des Geistigen als welterfiillend in sich schon durch
Mathematik aufnimmt. Das richtige Durchschauen der
mathematischen Seelenverfassung fiihrt uns direkt hinein
in den Begriff des hellsichtigen Erfahrens, Erlebens. Und
dann steigen wir auf zu der Imagination, um in der
Weise, wie es noch geschildert werden soli, mit ihr nun
wirklich das Geistige zu iiberschauen, das dann nicht in
der gewohnlichen, aber in der von mir hier gekenn-
zeichneten Art geschaut werden kann, wenn wir aus der
dritten in die vierte Dimension ubergehen und so weiter,
bis zum dimensionslosen Gebiet, dem Punkt, der geistig
uns zum Hochsten fiihrt, wenn wir ihn erst, nicht als
leeren Punkt, sondern als erfiillten Punkt erreicht haben.
Ich wurde einmal - es machte einen bedeutenden
Eindruck auf mich - mit sonderbaren Augen angeschaut,
als ein alterer Schriftsteller, der viel iiber geistige Dinge
geschrieben hat, mich zum ersten Mai sah und frug: Wie
ist Ihnen denn am ersten bewufit geworden dieser Un-
terschied zwischen dem Schauen der Sinneswelt und
dem Schauen der ubersinnlichen Welt? - Da sagte ich,
weil ich am liebsten in solchen Dingen mich radikal
ehrlich ausspreche: In dem Moment, wo ich den inneren
Sinn der sogenannten neueren oder synthetischen Geo-
metric kennengelernt habe. - Also, wenn man von der
analytischen zur synthetischen Geometrie iibergeht,
welche einem gestattet, nicht nur aufierlich an die Gebil-
de heranzukommen, sondern die Gebilde in ihren ge-
gensekigen Beziehungen zu erfassen, die also von Ge-
bilden ausgeht, und nicht von aufteren Koordinaten,
bekommt man die Anregung, jene Seelenverfassung zu
studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu fiihrt, in die
ubersinnliche Welt einzudringen. Wenn wir aber nur
Raumes-Koordinaten konstruieren, haben wir nicht das
Gebilde erfafit, sondern nur die Enden der Koordinaten,
und dann verbinden wir diese Enden und bekommen die
Linien. Aber an das Gebilde kommen wir eigentlich mit
der analytischen Geometrie nicht heran, wahrend wir
mit der synthetischen Geometrie in den Gebilden dar-
innen leben. Da bekommen wir die Anregung, jene
Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebil-
det, dazu fiihrt, in die ubersinnliche Welt einzudringen.
Damit habe ich charakterisiert, inwiefern Anthropo-
sophie durchaus damit rechnen kann, in ebenso strenger
Weise von dem Mathematisieren auszugehen, wie, nur
von einem anderen Gesichtspunkte, die heutige Natur-
wissenschaft davon ausgehen kann. Diese Naturwissen-
schaft verwendet die fertige Mathematik. Derjenige, der
begreifen will den hellsichtigen Prozefi, mull ihn da
aufsuchen, wo er am primitivsten vorhanden ist: im
Gestalten des Mathematischen. Kann er ihn dann hin-
auftragen in hohere Gebiete, dann bildet er etwas aus,
was sich zum Elementaren, Primitiven des Mathemati-
sierens so verhalt, wie die spateren mathematischen Ge-
biete sich zu den Axiomen verhalten. Die ersten Axiome
des Hellsehens sind lebendig. Und gelingt es uns, das
Mathematisieren durch Ubungen auszubilden, so werden
wir nicht nur raumliche Verhaltnisse in der Umwelt
sehen, sondern wir lernen Geistwesen, bis zur geistigen
Innerlichkeit vor uns sich offenbarende Geistwesen,
kennen, wie wir die innere Wiirfelnatur des Steinsalzes
kennen. Wir lernen Geistwesen kennen, wenn wir in
dieser Weise dasjenige, was wir im Mathematisieren
ausbilden, hinauftragen in hohere Gebiete.
Das wollte ich zunachst sagen uber die Fundierung
desjenigen, was innerhalb der Anthroposophie als hell-
sichtige Forschung anerkannt werden muli, Wir werden
dann noch sehen, wie mit dieser hellsichtigen Forschung
in die einzelnen Wissensgebiete, sowohl in die naturwis-
senschaftlichen Gebiete wie auch in die Gebiete der
Heilkunde, der Medizin, der Geschichtswissenschaft und
so weiter hineingegangen werden kann, und wie die
Wissenschaften nicht angefochten, sondern bereichert
werden sollen durch ein solches Hereintragen desjenigen
in ihre Gebiete, was in iibersinnlichem Anschauen erkannt
werden kann.
Aber es kann uns zu Hilfe kommen fur das richtige
Verstandnis desjenigen, was hier eigentlich gemeint ist,
wenn wir den Gang der Menschheitsentwickelung durch
eine gewisse Zeit hindurch betrachten, wie er war, in-
dem er zuletzt dazu fuhrte, unser heutiges wissenschaft-
liches Denken auszubilden. Fassen wir nur dieses wis-
senschaftliche Denken einmal ins Auge. Es ist ein sol-
ches wissenschaftliches Denken, das zwar den blossen
Formalismus der Mathematik einsieht, aber die innere
Sicherheit und Exaktheit des Forschens doch an der
Mathematik lernt und eigentlich die Naturgesetze nur
dann fur berechtigt ansieht, wenn sie einer solchen
Formulierung fahig sind wie das Mathematische. Min-
destens ist das eine Art von Ideal der heutigen Wissen-
schaftlichkeit. Aber das war nicht immer so. Das, was
wir heute als Wissenschaftsgeist anerkennen, das hat
sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung her-
ausgebildet. Und ich mochte Ihnen heute nur drei
Etappen, von denen heute die dritte da ist, dieses sich
entwickelnden Menschengeistes einmal mehr erzahlend
vorfuhren. Einiges von dem, was zur Begriindung des-
sen, was ich erzahlen will, vorgebracht werden kann,
werde ich auch noch beriihren.
Wenn wir zuriickgehen in der Menschheitsentwik-
kelung, so finden wir namlich nicht immer dieselbe
Seelenverfassung, die der Mensch heute hat. Heute hat
eben der Mensch die Seelenverfassung, die ihn gewisser-
mafien als zu etwas Hochstem zur Ausbildung des
Wissenschaftsgeistes fiihrt. Wenn wir zuriickgehen in
den alten Orient - wir brauchen nicht einmal bis in die
altesten Zeiten des Indertums zuriickzugehen -, da hat
sich erhalten, was in alteren Zeiten Erkenntnisprinzip
war. Da nannte man ganz anderes den Weg zur Er-
kenntnis als heute. In jenen alteren Zeiten - sogar die
Sprachgeschichte kann das erharten - kam sich der
Mensch, indem er auf sich zuruckschaute, nicht so vor
wie der heutige Mensch, der heutige Mensch mit seinem
ganz fest in sich durch das Denken erfafiten Selbstbe-
wufksein auf der einen Seite und der Erfassung des
Mechanistischen durch die Beobachtung auf der ande-
ren Seite. So hatte sich zum Beispiel der Mensch des
Orients nicht fuhlen konnen. Wie gesagt, selbst die
Sprachgeschichte kann das bezeugen. Der Mensch des
Orients fuhlte sich zunachst als atmender Mensch, als
atmendes Wesen. Ein Atmer, das war ihm der Mensch.
Und der Atmungsprozeft war dasjenige, auf das der
Mensch vorzugsweise in der Selbsterkenntnis, der
Selbstanschauung hinblickte. Sogar die Unsterblichkeit
brachte er mit dem Atmungsprozefi zusammen: Eine
Art Ausatmung des Seelischen war der Eintritt des
Todes. Der Mensch ein Atmer! Warum fuhlte man in
dieser alteren Seelenverfassung den Menschen als ein
Atmungswesen? Weil man wirklich im Atmungspro-
zefi, der nicht so im Unbewulken verlief wie heute, im
Ein- und Ausatmen das Leben verspiirte. Die Vibratio-
nen, den Rhythmus des Lebens, man fiihlte sie im
Atmen. Das Atmen war etwas, was man so spiirte, wie
man heute Hunger und Durst spurt. Aber es war ein
fortwahrendes Spiiren im Wachzustand, dieser At-
mungsprozeft. Und sah man mit den Augen, dann wufi-
te man: jetzt geht der Atmungsvorgang bis in den Kopf,
bis in das Auge. Das Schauen empfand man so, daft es
durchstromt war von der Atembewegung. Ebenso eine
Willensregung. Das Handausstrecken empfand man so,
als ob es etwas ware, was sich anschliefit an die At-
mungsbewegungen. Eine Ausbreitung des Atmens in
den ganzen Leib spiirte man als inneren Lebensprozefi.
Sowohl die mehr theoretische Anschauung der Auften-
welt durch die Sinne, sie fiihlte man als beseelt vom
Atem, wie man die Willensregungen als beseelt vom
Atem fiihlte. Der Mensch fiihlte sich als ein Atmungs-
wesen. Und weil er sich als ein Atmungswesen fiihlte,
weil er hatte sagen konnen, mein Atem wird so und so
modifiziert, indem ich durch meine Augen sehe, durch
meine Ohren hore, indem ich Warmewirkungen emp-
fange, weil er so iiberall in den Sinnesempfindungen
differenzierte, modifizierte, metamorphosierte, verfei-
nerte Atmungsvorgange erblickte, so war fur ihn auch
der Erkenntnisweg eine regelmafiige Ausbildung des
Atmungsprozesses. Und diese war fur jene alteren Epo-
chen der menschlichen Erkenntnisentwickelung das-
selbe, was heute unser Studieren ist an der Hochschule.
Heute studieren wir in anderer Art. Dazumal, wenn
man religiose Befriedigung, wenn man Erkenntnisse
erlangen wollte, studierte man, indem man den At-
mungsprozeft gesetzmaftig umbildete; indem man, mit
anderen Worten, das ausbildete, was spater das Joga-
Atmen, die Joga-Ubung genannt wurde. Und was wurde
da ausgebildet? Wenn man verfolgt, wozu nun derjenige
gekommen ist, der das Joga-Atmen iibte, um hinaufzu-
kommen zu hoheren Erkenntnisstufen, dann findet man
etwas Merkwiirdiges. Diejemgen, die so durch Joga-
Ubungen Gelehrte geworden waren - der Ausdruck ist
uneigentlich auf diese alteren Verhaltnisse angewandt,
aber man kann vielleicht so sagen, und auch das Studium
dauerte etwa so lange, wie unser Universitatsstudium
dauert -, diejenigen, die auf diese Weise Gelehrte ge-
worden waren, hatten in dieser Erkenntnis etwas in
ihrer Seelenverfassung ergriffen, was in einer spater en
Zeit, zum Beispiel in der griechisch-romischen Zeit, als
Ideenwelt angesehen worden ist und nunmehr wie von
selbst da war; so da war in der menschlichen Seelen-
verfassung, daft man kein Joga mehr brauchte.
Das ist ja das Interessante, daft dasjenige, wonach der
Mensch in einer friiheren Epoche mit alien moglichen
Ubungen streben muft, in spateren Epochen von selbst
da ist in der Entwickelung. Da bedeutet es nicht mehr
dasjenige, was es fruher bedeutet hat. Als Sokrates, als
Plato wirkten, bedeutete die Philosophic eines Plato,
eines Sokrates nicht mehr dasselbe, was es fur die alten
Jogaschiiler oder Jogalehrer bedeutet hatte, wenn sie zu
den sokratischen oder platonischen Wahrheiten gekom-
men waren. Der Jogaschiiler war durch sein Joga-Atmen
nicht genau so organisiert, aber er war in der Seelenver-
fassung, in der Plato, Aristoteles oder Scotus Erigena
waren. So sehen wir dasjenige, was in den altesten Zeiten
getrieben worden ist als geregelte Ubungen des At-
mungsprozesses, und wir sehen, dafi erne gewisse an-
schauliche Begriffswelt das Ergebnis dieses Erkenntnis-
pfades war.
Man bekommt eigentlich von dem, was in der spate-
ren Zeit in Heraklit, in Parmenides, in Anaxagoras lebte,
eine richtige Vorstellung, wenn man sich sagt: Das ist
dasjenige, was in diesem Zeitalter den Menschen als
selbstverstandlich gegeben war, und was in noch alteren
Zeiten durch Joga erreicht wurde. Ubungen waren es
immer, wodurch man fur ein Zeitalter die hoheren Er-
kenntnisse anstrebte. So war das Anschauen der Welt in
spateren Epochen so vorhanden, daft man nun nicht
mehr den Atem wahrnahm, indem man sich selbst be-
schaute, sondern daE man wahrnahm, wie der Grieche
wahrnahm. Ich habe dariiber in meinen «Ratseln der
Philosophie» Naheres ausgefiihrt. Da war es noch so,
dafi man sich nicht abgesonderte Gedanken iiber die
Welt machte, sondern die Ideen waren mit den Sinnes-
erlebnissen eine Einheit. Man sah seine Gedanken drau-
ften, wie man Rot oder Blau drauften sah, wie man Cis,
G, H horte. Die Gedanken waren drauften in der Welt.
Die griechische Weltanschauung versteht nur, wer das
weifi. Aber man nahm nur Geist von Sinneswahrneh-
mungen durchdrungen, oder Sinneswahrnehmungen von
Geist durchdrungen jetzt wahr, nicht mehr das Diffe-
renzierte des Atmungsprozesses.
Wiederum aber strebte nun die Menschheit danach,
auf all denjenigen Gebieten, wo man eben nach hoheren
Erkenntnissen strebte, eine hohere Stufe des Erkennens
zu erreichen. Und diese Stufe wurde wiederum durch
Ubungen erreicht. Man hat ja gerade iiber die Zeit des
ersten Mittelalters, iiber das Geistesleben des ersten
Mittelalters heute ziemlich unbestimmte Vorstellungen.
Allein ein so abstraktes Lernen, wie wir es heute tun, war
dasjenige nicht, was ein mittelalterlicher Student trieb.
Er sollte auch Ubungen machen, und das gewohnliche
Lernen war auch mit Ubungenmachen verbunden. Es
war eine innerliche Praxis und Praktik, die durchzuma-
chen war; allerdings nicht in einer so robusten Weise wie
die Jogapraktik des Atmens, sondern es war eine schon
mehr nach innen verlegte Praxis, aber doch eine Praxis.
Ein Niederschlag, der heute wenig verstanden wird, hat
sich erhalten in dem, was man im Mittelalter die sieben
freien Kiinste nannte, die derjenige durchmachen mufite,
der auf eine hohere Erkenntnis Anspruch machte.
Grammatik, das, was die praktische Handhabe der Spra-
che ist, war damit gemeint. Die Rhetorik, die nun nicht
nur die Handhabung, sondern die schone Handhabung
der Sprache bedeutete. Die Dialektik, die Handhabung
der Sprache von der inneren Kraft des Denkens aus. Und
hatte man diese drei durchgemacht in innerer Praxis als
Ubungen, dann kam die Arithmetik, wiederum nicht
unsere abstrakte Arithmetik, sondern jene Arithmetik,
die sich einlebte in die Dinge, die ein deutliches Be-
wufksein davon hatte, dafi der Mensch alles innerlich
bildet. Und so lernte man innerlich praktizierend Geo-
metric. Die Geometrie wurde ganz als mit dem Menschen
verwoben praktisch zu einem Eigentum des Menschen
gemacht, zu seiner Handhabe gemacht. Dann miindete
das Ganze ein in das, was man Astronomie nannte. Der
Mensch gliederte sein Wesen in den Kosmos ein. Er
lernte erkennen, wie sich sein Haupt auf den Kosmos
bezieht, wie seine Lunge, sein Herz ein Ergebnis des
Kosmos ist. Man hatte nicht eine vom Menschen abge-
zogene Astronomie, sondern eine Astronomie, in der
der Mensch voll darinnenstand. Und dann lernte man
das Weben und Walten des gottlichen Wesens, das die
Welt durchwebt und durchwellt, kennen in der sieben-
ten Stufe, die man mit Musik bezeichnete, was aber nicht
die heutige Musik ist, sondern ein hoheres, lebendiges
Ausbilden desjenigen, was mehr gedanklich ausgebildet
war in der Astronomie. So iibte der Mensch in einer
spateren Zeit sich in innerlicher Praxis. Dasjenige, was
fruher Atmungsiibungen waren, war jetzt mehr eine
innerliche Seelenpraxis.
Und wozu kam man? Man kam allmahlich dazu im
Laufe der menschlichen Zivilisationsgeschichte, den
Gedanken in Absonderung zu haben von der Sinnes-
wahrnehmung. Das muftte erst errungen werden. Die
Griechen haben den Gedanken noch in der Welt gese-
hen, wie man Farben und Tone sieht. Daft der Gedanke
von uns als etwas von uns Erzeugtes erfaftt wird, als
etwas, was nicht darinnensteckt in den Dingen, daft das
so empfunden wurde in der Seelenverfassung und daft es
heute so empfunden werden kann, das ist ein Ergebnis
des Ubens in der Grammatik, Rhetorik und so weiter bis
zur Musik. Dadurch wurde der Gedanke losgelost von
den Dingen. Man lernte frei im Gedanken sich bewegen.
Dadurch wurde endlich dasjenige herbeigefuhrt, was uns
nun wiederum selbstverstandlich ist, was wir heute ha-
ben ohne diese Ubungen, was wir heute vorfinden, wenn
wir an unsere Schulen kommen, was geboten wird in den
einzelnen Wissenschaften, wie es gestern geschildert
wurde. Und gerade so, wie man in den fruheren Zeit-
altern durch Ubungen hat vorwartskommen sollen - in
alteren Zeiten durch die Joga- Atmungsiibungen, spater
durch die Ubungen, die von der Grammatik bis zur
Musik lief en, so daft man aus den Joga-Atmungsiibungen
als Selbstverstandhchkeit bekam die griechisch-lateini-
sche Weltauffassung und aus den Ubungen, die auf dem
Wege von der Grammatik bis zur Musik gingen, den
heutigen Wissenschaftsstandpunkt -, so kann das wie-
derum fortgesetzt werden, und zwar am besten, wenn
man von dem Sichersten ausgeht, von der Mathematik,
die ja heute als das Sicherste anerkannt wird. Wahr ist es,
so verwunderlich es auch jenem Schriftsteller war, als ich
sagte: An der synthetischen Geometrie habe ich haupt-
sachlich mir zum Bewufttsein gebracht den Hellseher-
prozeft. Es ist natiirlich nicht so, daft derjenige, der
synthetische Geometrie studiert hat, ein Hellseher ist,
aber veranschaulichen kann man den Prozeft auf diese
Weise. So verwunderlich es diesem Schriftsteller war,
nicht erzahlt zu bekommen, nicht zu horen zu bekom-
men etwas, was von solchen Leuten, die wahrsagen,
erzahlt wird, so ist es doch so, daft von demjenigen,
worauf heute die Wissenschaft fest steht, Anthroposophie
ausgeht, um es weiterzufiihren; um gerade dasjenige, was
als sichere Wissenschaft vorliegt, von dieser Grundlage
aus, die sie selbst gelegt hat, nun weiter in die Gebiete
des Ubersinnlichen hineinzufuhren. Wir miissen daher
den Prozeft noch weiter verinnerlichen. Und ein noch
mehr verinnerlichter Prozeft ist dasjenige, was ich als den
Weg in die heutige hellsichtige Forschung schildern muftte
in meinen Biichern «Geheimwissenschaft» und «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Aber
gerade eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie
angefiihrt habe, kann Ihnen zeigen, daft derjenige, der
heute vollbewuftt in der Anthroposophie drinnensteht,
dieses Bewufksein herholt aus einem Drinnenstehen im
Gange der Menschheitsentwickelung; daft er nicht aus
irgendeiner subjektiven Vorliebe oder Sympathie heraus
behauptet: wir haben heute notig, Ubungen vorzuneh-
men, um fortzusetzen den Gang, der die Menschheit bis
zum gegenwartigen Standpunkte gebracht hat -, sondern
dafi er weift, wie der Gang bis hierher war und wie er
sich fortsetzen mul Dieses historische Bewufitsein, die-
ses Bewufksein vom Drinnenstehen im ganzen Mensch-
heitsprozeft, das ist dasjenige, was dazukommt zu der
Einsicht, die einem wird, wenn man innerlich, nicht
aufierlich, den heutigen Wissenschaftsgeist in seine
Seelenverfassung aufnimmt.
Dann darf wohl gesagt werden, die Anthroposophie
weift, was ihre Stellung in der heutigen Wissenschaft ist.
Sie weifi es in einem absoluten Sinne, indem sie die
Eigentumlichkeit der heutigen Wissenschaften kennt,
indem sie jeden Dilettantismus und jedes Laientum
ablehnt und von dem aus, was wahre Wissenschaft ist,
weiterbaut. Sie kennt andererseits die historischen Not-
wendigkeiten. Sie weift, wie der Weg der Menschheit
von dem gegenwartig Errungenen aus weitergehen mufi,
wenn wir nicht stillestehen wollen, wie auch alle unsere
Vorfahren, da, wo sie Anteil hatten an der Zivilisations-
entwickelung, vorwarts wollten. Wir miissen auch vor-
wartsriicken. Aber wir miissen wissen, welche Schritte
zu vollfuhren sind von dem gegenwartigen Standpunkte
des Wissenschaftsgeistes aus. Wie das sich im Einzelnen
ausnimmt, werde ich zu schildern haben in den nachsten
Tagen. Dann wird sich vielleicht leichter faftlich ausneh-
men, was ich als Grundlegung heute geben mufke.
Vielleicht hat sich aber doch zeigen konnen, das Anthro-
posophie schon aus wissenschaftlicher, wissenschafts-
gleicher Gesinnung heraus weiE, was sie eigentlich will
gegeniiber der Gegenwart und der ganzen Menschheits-
entwickelung und auch gegeniiber den einzelnen Wis-
senschaften. Sie wird arbeiten, weil sie weift, wie sie zu
arbeiten hat. Vielleicht wird ihr Weg ein langwieriger
sein. Wenn man aber auf der anderen Seite sieht, wie tief
die Sehnsuchten in den unterbewuftten Tiefen der
Menschenseelen eigentlich nach jenen Hohen sind, die
Anthroposophie erklimmen mochte, dann scheint es, als
ob es zum Heile der Menschheit notwendig ware, daft
der Weg, den Anthroposophie zu gehen hat, nicht ein
allzu langsamer sei. Aber es wird vielleicht weniger
fur Anthroposophie bedeutungsvoll sein als fur den
menschlichen Fortschritt, ob der Gang langsam oder
schnell vor sich gehen wird. Wir reden davon, daft auf
vielen Gebieten wir heute in einer schnell-lebigen Zeit
darinnen sind. Moge dasjenige, was in der Erkenntnis
des Ubersinnlichen von der Menschheit erreicht werden
will, so schnell-lebig erreicht werden, wie es fur das Heil
der Menschheit notwendig ist.
DRITTER VORTRAG
DIE BILDENDE KUNST
Den Haag, 9. April 1922
In einem gewissen Sinne wird dasjenige, was ich heute zu
sagen habe, im Laufe meiner Vortrage hier eine Episode
sein, indem von dem Gesichtspunkte wissenschaftlicher
Betrachtung aus ein Ausblick gesucht werden wird in
das Gebiet des kiinstlerischen Schaffens. Aber der Inhalt
meiner heutigen Betrachtung wird auf der anderen Seite
wiederum zeigen konnen, dafi die Episode nicht blofi
eine solche ist, sondern beitragen wird zur Beleuchtung
desjenigen, was ich an den vorangegangenen Tagen gesagt
habe und an den nachfolgenden noch zu sagen haben
werde.
Als die anthroposophische Bewegung eine Zeitlang
gewirkt hatte, da bildete sich bei einer Anzahl derjenigen
Personlichkeiten, die zu ihr gehorten, die Uberzeugung
heraus, da6 dieser anthroposophischen Bewegung ein
eigener Bau errichtet werden solle. Durch mancherlei
Verhaltnisse, die ich hier nicht zu erwahnen habe, wur-
de zuletzt als Ort dieses Baues bestimmt der Jurahiigel
in der Nahe von Basel zu Dornach in der Schweiz, wo
jetzt - allerdings noch nicht vollendet, aber schon soweit
brauchbar, dafi darin Vortrage gehalten werden konnen
und Arbeiten geleistet werden - sich erhebt das Goethe-
anum, die Freie Hochschule fur anthroposophische
Geisteswissenschaft.
Ich mochte nun nur von den inneren Verhaltnissen
sprechen, welche zu diesem Bau fiihrten. Ware in ir-
gendeiner anderen heutigen geistigen Bewegung der
Entschluft gereift, einen eigenen Bau zu errichten, was
wiirde denn dann zum Zustandekommen dieses Baues
getan worden sein? Nun, man wiirde sich an einen
Baumeister oder an mehrere gewendet haben, und man
wiirde einen Bau aufgefuhrt haben im antiken oder
Renaissance-Stil oder im gotischen Stil oder in irgend-
einem anderen der traditionellen Baustile. Man wiirde
entsprechend demjenigen, was heute da oder dort auf
den verschiedenen kiinstlerischen Gebieten geleistet wird,
kunstlerisches Schaffen auch herangerufen haben, um
diesen Bau in irgendeiner Weise malerisch, bildnerisch,
plastisch zu schmiicken.
Das alles konnte fur den Dornacher Bau, fur die
Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft nicht gesche-
hen, denn das wiirde im Widerspruch gestanden haben
mit dem ganzen Wollen und mit dem innersten Wesen
anthroposophischer Weltauffassung. Diese will ja nicht
etwas einseitig Theoretisches sein, will nicht sein etwas,
das in einer Summe von Ideen zum Ausdruck bringt
Gesetzmafiigkeiten des Weltenalls, sondern diese an-
throposophische Weltanschauung will etwas sein, das
aus dem ganzen Menschen entspringt und wiederum fur
den ganzen Menschen da ist. Sie will etwas sein, was auf
der einen Seite sich sehr wohl ausdriicken lafit in Ge-
dankenformen, wie man das gewohnt ist, wenn irgend-
eine Weltanschauung zur Darstellung kommen soli. Aber
sie will etwas wesentlich Umfassenderes sein. Sie will
sprechen konnen aus dem ganzen Umfang des mensch-
lichen Wesens heraus. Sie will deshalb sprechen konnen
nicht nur aus theoretisch-wissenschaftlichem Geiste
heraus; sie will sprechen konnen auch aus kiinstleri-
schem Geiste heraus; sie will sprechen konnen aus
religiosem, aus sozialem, aus ethischem Geiste heraus;
und das alles so, wie das auf den betreffenden Gebieten
durchaus den Interessen der unmittelbaren Lebenspra-
xis entspricht. Ich habe oftmals dasjenige, was wie eine
Aufgabe vorlag fur das Dornacher Goetheanum, in
einer trivialen Weise in folgender Art durch einen Ver-
gleich zum Ausdruck gebracht. Ich sagte: Man bedenke
eine Nufi mit ihrem Kerne innerlich und mit der Schale
ringsherum. Wenn man die Nufischale betrachtet, kann
man sich unmoglich vorstellen, dafi die Furchungen
und Windungen der Nufischale aus anderen Gesetzma-
fiigkeiten hervorgegangen sind als die Furchungen und
Windungen des Nufikernes. Beide gehen gewisserma-
ften wie aus einem Wesen hervor. Die Nufischale, indem
sie die Nuft umkleidet, geht aus derselben Gesetz-
ma&gkeit hervor wie der Nufikern selbst. Indem der
Dornacher Bau, dieser Doppelkuppelbau, aufgefuhrt
wurde, handelte es sich darum, eine bauliche, bildnerische
und malerische Schale zu schaffen fur dasjenige, was
darinnen gearbeitet wird aus der anthroposophischen
Weltanschauung heraus. Ebenso, wie vom Podium aus
in Dornach gesprochen werden kann durch die Sprache
der Gedanken iiber dasjenige, was erschaut wird in
ubersinnlichen Welten, ebenso mufi man in der Lage
sein, dasjenige, was architektonisch, plastisch, malerisch
als eine Umrahmung da zu sein hat fur diese anthropo-
sophische Weltanschauung, aus demselben Geiste her-
vorgehen zu lassen.
Dabei steht man dann vor einer gro£en Gefahr . Man
steht vor der Gefahr, Ideen iiber dieses oder jenes zu
haben und dann diese Ideen einfach in symbolischer
oder gar in strohern allegorischer Form aufierlich zum
Ausdruck zu bringen. Das geschieht ja sehr haufig, wenn
Weltanschauungen iibergehen in die aufiere Darstellung.
Da kommen dann Symbole oder Allegorien zustande,
die eben durchaus nicht kiinstlerisch sind, die im Gegen-
teil dem wirklich kiinstlerischen Empfinden Hohn
sprechen. Das muE vor alien Dingen fur die anthropo-
sophische Wei tauf fas sung festgestellt werden, dafi sie
nichts zu tun haben will mit solcher symbolischen oder
allegorischen Widerkunst, Unkunst, sondern dafi sie
durchaus aus einem so reichen inneren Geistesleben auch
als Weltanschauung hervorspriefien will, dafi dieses
Geistesleben nicht allegorisch oder symbolisch, sondern
in echt kiinstlerischen Schopfungen sich ausleben kann.
In Dornach ist kein einziges Symbol, keine einzige Alle-
gorie zu sehen, sondern alles das, was kiinstlerisch zur
Darstellung gekommen ist, ist eben im kiinstlerischen
Anschauen, im Formgestalten, im Schaffen aus dem
Farbig-Malerischen heraus entstanden; ist entstanden,
indem die Anschauung eine durchaus kiinstlerische war,
die nichts zu tun hatte mit demjenigen, was gewohnlich
so ausgedriickt wird, dafi die Leute kommen und sagen:
Was bedeutet das? Was bedeutet jenes? - In Dornach
soil keine einzige Form in diesem Sinne etwas bedeuten,
sondern eine jede Form soli im echt kiinstlerischen Sinne
etwas sein, das heifit sich selber bedeuten, sich selber
aussprechen. Diejenigen Menschen, die heute nach Dor-
nach kommen und behaupten, da sei irgend etwas Sym-
bolisches oder Allegorisches zu sehen, die legen eben ihr
eigenes Vorurteil in diesen Bau hinein und geben durchaus
nicht dasjenige wieder, was durch diesen Bau zustande-
gekommen ist. Denn durchaus sollte es da so sein, dafi
derselbe Geist, aber nicht der theoretische, sondern der
lebendige Geist, der vom Podium aus spricht oder von
der Biihne aus wirkt, auch spreche aus den kiinstlerischen
Bauformen, aus den kiinstlerisch-plastischen Formen,
aus demjenigen, was malerisch zur Darstellung kommt.
Die Schale sollte aus demselben Wesen hervorgehen wie
dasjenige, was als Kern darinnen wirkt, namlich die
Weltanschauung selbst, die durch das gesprochene Wort
zum Ausdruck kommt.
Wenn nun aber anthroposophische Weltanschauung
etwas ist, was sich als ein Neues in der Art hineinstellt in
die Menschheitsentwickelung, wie ich mir erlaubt habe,
das in den zwei letzten Betrachtungen hier darzulegen,
dann war es auch natiirlich, dafi in dem Baustil, in den
plastischen, den malerischen Formen, in der ganzen bil-
denden Kunst nicht dasjenige zum Ausdruck kommen
konnte, was schon da war. Es konnten keine kiinstleri-
schen Reminiszenzen, nicht antike, nicht Renaissance-,
nicht gotische Reminiszenzen verwirklicht werden, es
mulke sich anthroposophische Weltanschauung als pro-
duktiv genug erweisen, um ihren eigenen Stil, ihren kiinst-
lerischen Stil fur die bildende Kunst hervorzubringen.
Gewifi, wenn einem solches Wollen auf der Seele und
auf dem Herzen liegt, wird man recht bescheiden. Man
wird selber sein strengster Kritiker. Deshalb weifi ich
durchaus, dafi, wenn ich den Dornacher Bau ein zweites
Mai zu bauen hatte, es wiirde manches, was mir heute
durchaus unvollkommen, ja oftmals fehlerhaft erscheint,
anders dastehen. Allein, im Wesentlichen kommt es ja,
wenigstens fur die heutige Betrachtung, nicht darauf an,
sondern auf das Wollen, das ich eben charakterisiert
habe. Und von diesem Wollen mochte ich sprechen.
Wenn wir von bildender Kunst, wie sie ja in diesem
Zusammenhang eben in Betracht kommt, sprechen, na-
mentlich von jener bildenden Kunst, auf welche, als auf
eine ihr notwendige Schopfung, die anthroposophische
Weltanschauung hingewiesen worden ist dadurch, daft
sich Freunde gefunden haben, die die Opfer brachten,
um den Dornacher Bau begriinden zu konnen, - wenn
von bildender Kunst in diesem Sinne die Rede ist, so
handelt es sich vor alien Dingen darum, die menschliche
Gestalt, zu der doch zuletzt alles in der bildenden Kunst
hinzielt, und von der alles in der bildenden Kunst aus-
geht, zu verstehen. Zu verstehen in der Weise, daft sie
dann auch wirklich als menschliche Gestalt geschaffen
werden kann.
Ich habe gestern auch von einem Elemente, von dem
Raumelement gesprochen, insofern dieses Weltenelement
ist, aber dennoch hervorgeht aus der menschlichen We-
senheit. Ich habe gestern davon gesprochen, daft die drei
Raumdimensionen, nach denen wir ja zuletzt alle Ge-
staltungen, die der Welt zu Grunde liegen, bestimmen,
aus der menschlichen Gestalt hervorgeholt werden
konnen. Aber wenn man so spricht, wie ich gestern
gesprochen habe iiber den Raum, so kommt man eigent-
lich niemals zu derjenigen Raumauf fas sung, die man in
das empfindende, kiinstlerische Schaffen hereinbekom-
men muft, wenn man mit vollem Bewufttsein namentlich
plastische Kunst, diejenige, die zuletzt aller bildnerischen
Kunst zugrundeliegt, treiben will. Gerade wenn man den
Raum so konkret in seinen drei Dimensionen vor dem
geistigen Auge hat, wie das bei einer solchen Betrachtung
der Fall ist, wie ich sie gestern angestellt habe, dann sieht
man: der Raum, zu dem man da kommt, der kann ja gar
nicht derjenige sein, in dem man sich befindet, wenn
man zum Beispiel die menschliche Gestalt nun auch im
Raume - wir gebrauchen ja auch da das Wort - bild-
hauerisch formt. Man kann gar nicht zu diesem Raum
kommen, in dem man sich als Bildhauer befindet. Man
kommt darauf: Das ist ja ein ganz anderer Raum. Ich
beriihre damit ein Geheimnis der menschlichen Welt-
betrachtungsweise, das unserer heutigen Anschauung im
Grunde genommen ganz verloren gegangen ist. Und Sie
werden mir gestatten, daft ich zunachst von einer
scheinbar ganz abstrakt-theoretischen Betrachtungsweise
ganz kurz ausgehe. Sie soli nur dazu dienen, hinzuleiten
auf dasjenige, was uns dann in einer viel, viel konkrete-
ren Weise vor das Seelenauge wird treten konnen.
Wenn man den Raum, von dem ich gestern gespro-
chen habe - und man tut es ja geometrisch, zunachst
euklidisch-geometrisch - anwenden will auf die Dinge
dieser Welt, so geht man ja bekanntlich davon aus, daft
man einen Punkt annimmt fur den konkreten Raum -
wie ich Ihnen gestern beschrieben habe, mxiftte man
diesen Punkt natiirlich im Inneren des menschlichen
Leibes annehmen -, und man nimmt von diesem Punkte
ausgehend drei aufeinander senkrechtstehende Achsen
an und bezieht darauf irgendein Raumesgebiet, indem
man die Entfernungen bestimmt von diesen drei Ach-
sen, beziehungsweise von den drei Ebenen, welche durch
diese drei Achsen gebildet werden. Da kommt man
dazu, eine geometrische Bestimmung zu haben fur ir-
gend etwas, das unseren Raum erfiillt, oder auch im
Sinne der Bewegungsmathematik die Moglichkeit zu
haben, auch fur das Bewegte im Raume Ausdrucks-
moglichkeiten zu gewinnen. Aber neben diesem Raume
gibt es durchaus noch einen anderen Raum. Diesen
anderen Raum betritt eben der Bildhauer. Dieser andere
Raum hat sein Geheimnis darin, daft man nun nicht von
einem Punkte ausgehen und gewissermaften auf diesen
Punkt alles beziehen kann, sondern ausgehen mud von
dem Gegenteil dieses Punktes. Was ist das? Das Ge-
genteil dieses Punktes ist nichts anderes als eine un-
endlich weit entfernte Kugel, zu der man hinaufsehen
wiirde annahernd wie zum blauen Firmamente, wenn
dieses da ware. Denken Sie sich, statt dafi ich einen
Punkt habe, habe ich eine Hohlkugel, innerhalb deren
ich mich befinde, und ich beziehe alles das, was darinnen
ist, auf diese Hohlkugel. Statt in bezug auf einen Punkt
durch Koordinaten, bestimme ich alles in bezug auf
diese Hohlkugel. Solange ich Ihnen nur diese Darstel-
lung gebe, konnen Sie mit Recht sagen: Ja, aber die
Bestimmung mit Bezug auf eine solche Hohlkugel ist ja
etwas chaotisches. Da komme ich zu keiner Vorstellung,
wenn ich mir etwas denken soli. Sie haben recht, man
kommt zu keiner Vorstellung. Aber es gibt eine
menschliche Fahigkeit, welche sich nun ebenso zu dem
Kosmos verhalten kann, wie wir uns gestern verhalten
haben zum Menschen, zum Anthropos. Wie wir da
hineingeschaut haben in den Menschen und die drei
Dimensionen bekommen haben, und wie wir bestimmen
konnen den Menschen nach diesen drei Dimensionen,
indem wir sagen: In der Richtung der einen Dimension
liegt die Langenausdehnung des Leibes, in der zweiten
liegt dasjenige, was in die Ebene der ausgebreiteten
Arme etwa fallt, was symmetrisch gebaut ist am mensch-
lichen Organismus, und in der dritten liegt alles das-
jenige, was in der Richtung von vorne nach riickwarts
und umgekehrt gelagert ist, so haben wir da, wenn wir
den Anthropos-Organismus betrachten, nicht etwas,
was in beliebiger Weise in den drei Dimensionen liegt,
sondern wir haben den menschlichen Organismus in
ganz bestimmter Weise formiert, gestaltet.
Ebenso kann man sich auch zum Kosmos verhalten.
Wie geschieht das innerlich-seelisch, wenn man sich in
einer solchen Weise zum Kosmos verhalt? Nun, denken
Sie sich einmal in einer sternenhellen, klaren Nacht ste-
hend auf einem Felde, so dafi Sie weithin den Sternen-
himmel iiberall frei iiberblicken konnen. Sie sehen, indem
Sie den Sternenhimmel frei iiberblicken, Gebiete am
Himmelsgewolbe, wo die Sterne gehauft sind, fast bis zu
Nebelgebilden. Sie sehen andere Gebiete des Himmels,
wo die Sterne in einer Weise stehen, daE sie mehr ge-
sondert voneinander sind, zu Sternbildern, wie man sie
nennt, sich formieren und so weiter. Wenn man nur so
mit der intellektualistischen Betrachtungs weise, der Be-
trachtungsweise des menschlichen Verstandes, diesem
Sternenhimmel gegeniibersteht, kommt man zunachst
zu nichts. Aber wenn man mit dem ganzen Menschen
diesem Sternenhimmel gegeniibersteht, so empfindet man
anders. Wir haben heute diese Empfindungsmoglichkeit
verloren, aber sie kann wieder angeeignet werden. Man
empfindet anders gegeniiber einem Fleck am Himmel,
wo bis auf Nebelnahe die Sterne aneinanderstehen, man
empfindet anders, wo Sternbilder stehen. Man empfindet
anders gegeniiber jenem Fleck am Himmel, wo zum
Beispiel der Mond steht und leuchtet. Man empfindet
eine Nacht anders, wenn kein Mond da ist, wahrend der
Neumondzeit, und so weiter. Und gerade so, wie man
konkret in den menschlichen Organismus hineinemp-
finden kann, um die drei Dimensionen zu bekommen,
wo der Raum selber etwas Konkretes, etwas mit dem
Menschen Zusammenhangendes ist, so kann man sich
eine Anschauung erwerben von dem Kosmos, von dem-
jenigen, was Umkreis ist. Man braucht nicht nur in sich
hineinzuschauen, um zu so etwas zu kommen wie zu
den drei Dimensionen, sondern man kann jetzt in die
Weite schauen, kann die Konfiguration der Weite ins
Auge fassen. Und wenn man verstehen lernt, diese Weite
ins Auge zu fassen, indem man vorriickt von der ge-
wohnlichen Anschauung, die noch ausreicht fur die
Geometrie, zu einer solchen Anschauung, wie man sie
braucht fur diese Weiten, dann bekommt man eine An-
schauung, die ich gestern und vorgestern die imaginative
Erkenntnis genannt habe, jene imaginative Erkenntnis,
von deren Ausbildung ich noch zu sprechen haben werde.
Derjenige, der einfach aufzeichnen wiirde, was er da
in den Weltenweiten sieht, der wiirde zu nichts kom-
men. Eine blofie Abzeichnung des Sternenhimmels, wie
sie die heutigen Astronomen machen, fiihrt zu nichts.
Wenn man aber den ganzen Menschen mit dem vollen
Verstandnis des Kosmos diesem Kosmos gegeniiber-
stellt, dann bilden sich ihm im Inneren der Seele gegen-
iiber diesen Sternanhaufungen Bilder aus, wie man sie
auf alten Karten sieht, wo noch aus dem alten, instinktiven
Hellsehen die Imaginationen sich bildeten, und dann
bekommt man eine Imagination des ganzen Kosmos.
Man bekommt das Gegenbild von dem, was ich gestern
gezeigt habe als die menschliche Grundlage der drei
geometrischen Raumdimensionen. Man bekommt etwas,
was sich in unendlicher Weise konfigurieren kann.
Die Menschen haben ja heute im Grunde genommen
gar keine Ahnung davon, wie man einmal in das Welten-
all hineingesehen hat in alteren Zeiten, wo eben noch ein
instinktives Hellsehen bei den Menschen vorhanden war.
Man halt heute dafiir, daft die verschiedenen Zeichnun-
gen, die Bilder, die Imaginationen, die gemacht worden
sind von den Tierkreisbildern, aus der Phantasie ent-
sprungen sind. Das sind sie nicht. Sie wurden empfun-
den, wurden geschaut, indem man sich dem Kosmos
gegeniiberstellte. Der Fortschritt der Menschheit forder-
te, dafi diese instinktive, diese lebendige, diese imagina-
tive Anschauung abgedammert ist, daft an ihre Stelle die
den Menschen befreiende, intellektuelle Anschauung
getreten ist, aus der heraus aber, wenn wir ganze Men-
schen sein wollen, wiederum eine solche Anschauung
des Weltenalls errungen werden muE, die wiederum zur
Imagination vorschreitet, aber jetzt mit vollem Bewuftt-
sein, nicht mehr instinktiv.
Man bekommt da nun nicht einen Raum, der sich
durch drei Dimensionen erschopfen lafk, wenn man in
dieser Weise vom Sternenhimmel herein zu der Raumes-
vorstellung kommen will, sondern man bekommt einen
Raum, den ich auch nur bildhaft andeuten kann: Wiirde
ich den Raum, von dem ich gestern gesprochen habe,
anzudeuten haben mit den drei aufeinander senkrecht
stehenden Linien (sie werden gezeichnet als Mitte der
entstehenden Zeichnung), so miifite ich diesen anderen
Raum so andeuten, daft ich liberal! solche Konfiguratio-
nen zeichne, wie wenn Krafte in Flachen sich von alien
Seiten des Weltenalls der Erde naherten und von auften
her plastisch wirkten an den Gebilden, welche auf der
Erdoberflache sind.
Zu einer solchen Vorstellung kommt man, wenn man
vorriickt von dem, was mit den physischen Augen an
den Lebewesen, vor alien Dingen am Menschen zu
sehen ist, zu dem, was ich jetzt hier Imagination ge-
nannt habe, wobei sich einem statt des physischen
Menschen der Kosmos in Bildform eroffnet und einem
einen neuen Raum schenkt. Sobald man dazu vorriickt,
kommt man dazu, anzuschauen dasjenige, was ein
zweiter Leib des Menschen ist, den ein alteres, ahnendes
Hellsehen, ein instinktives Hellsehen genannt hat den
Atherleib, den man besser nennt den Bildekrafteleib;
einen iibersinnlichen Leib, der aber durchaus aus fei-
ner, atherischer Substantiality besteht und der durch-
dringt den physischen Leib des Menschen. Wir konnen
diesen physischen Leib studieren, wenn wir die ihn
durchstromenden Krafte innerhalb seiner Raumaus-
dehnung suchen. Den Ather- oder Bildekrafteleib, der
den Menschen durchflutet, konnen wir nicht studieren,
wenn wir von diesem Raume (Mitte) ausgehen. Wir
konnen ihn nur studieren, wenn wir ihn als gebildet aus
dem ganzen Kosmos auffassen, wenn wir ihn so auf-
fassen, dafi eben diese von alien Seiten sich der Erde
nahernden Kraftflachen an den Menschen herankom-
men und von aufien her seinen Bildekrafteleib plastisch
formen.
Auf keine andere Weise als dadurch ist in den Zeiten,
in denen bildende Kunst noch aus dem Elementaren, aus
dem Ursprunglichen heraus entstanden ist, diese bildende
Kunst entstanden. Mit intuitivem Blick wird man das
einem solchen Werk wie zum Beispiel der Venus von
Milo ansehen. Die ist nicht geschaffen, indem man
Anatomie studiert hat, indem man an die Krafte appel-
liert hat, welche aus dem Raumesinnern des physischen
Leibes heraus blofi verstandlich sind, sondern sie ist
geschaffen dadurch, dafi man gewufit hat in alteren Zeiten
von jenem Bildekrafteleib, der den physischen Leib
durchdringt, der aus dem Kosmos heraus gestaltet wird,
der aus einem Raum gestaltet wird, der ebenso periphe-
risch ist, wie der irdische Raum zentral ist. Dadurch
aber, dafi ein Wesen gestaltet wird von der Peripherie des
Weltenalls herein, dadurch wird ihm aufgedriickt das-
jenige, was nach der Urbedeutung dieses Wortes des
Wesens Schonheit ist. Des Wesens Schonheit ist namlich
der Abdruck des Kosmos, mit Hilfe des Atherleibes, in
einem physischen Erdenwesen.
Studieren wir der reinen, trockenen Wahrheit gemafi
ein physisches Erdenwesen, dann bekommen wir eben
dasjenige, was es dem gewohnlichen physischen Raum
nach ist. Lassen wir auf uns wirken die Schonheit eines
Wesens, wollen wir durch plastische, bildende Kunst
steigern diese Schonheit eines Wesens, dann miissen wir
uns bewufit werden: Dasjenige, was als Schonheit aufge-
pragt wird dem Wesen, das stammt aus dem Kosmos; das
ist dasjenige, was uns enthiillt in dem einzelnen Wesen,
wie der ganze Kosmos in diesem Wesen wirkt. Dazu
muli man allerdings empfinden, wie dieser Kosmos in
der menschlichen Gestalt zum Beispiel zum Ausdruck
kommt.
Diese menschliche Gestalt zerfallt ja, wenn wir in der
Lage sind, durch innerliche, imaginative Anschauung auf
sie einzugehen, zunachst so, dafi wir unser seelisches
Augenmerk lenken auf die Hauptesbildung. Wenn wir
die Hauptesbildung in ihrer Totalitat iiberschauen, dann
verstehen wir diese Hauptesbildung nicht, wenn wir sie
etwa bloft aus dem Innern des Hauptes heraus erklaren
wollen. Wir verstehen sie nur, wenn wir sie unmittelbar
auffassen als aus dem Kosmos heraus, auf dem Umwege
durch den Bildekrafteleib, bewirkt.
Gehen wir iiber zu der Brustbildung des Menschen,
dann kommen wir zu einem innerlichen, zu einem auf
die Gestalt sich beziehenden Verstandnis nur, wenn wir
die Moglichkeit haben, uns vorzustellen, wie der Mensch
lebt auf der Erde, die umkreist wird - wenn auch nach
der heutigen Astronomie nur scheinbar, das tut nichts zu
dieser Betrachtung - von alledem, was die Erde aus der
Sternenwelt umkreist in der Tierkreislinie. Wahrend wir
das Haupt beziehen auf den Pol des Kosmos, beziehen
wir dasjenige, was in der Brustbildung des Menschen
gestaltet ist, was da durchaus in der sich wiederholenden
Aquatoriallinie verlauft, auf dasjenige, was im Sonnen-
umkreis des Jahres oder der Tage sich in der verschie-
densten Weise vollzieht.
Erst wenn wir zum Ghedmaftensystem des Menschen
gehen, besonders dem unteren Gliedmafiensystem, dann
bekommen wir das Gefiihl: Das ist nun nicht dem au£e-
ren Kosmos zugeteilt, das ist der Erde zugeteilt; das
hangt zusammen mit der Schwerkraft der Erde. Schauen
wir mit dem Sinn des plastischen Kiinstlers hin auf die
Fufibildung des Menschen, wir sehen sie angepafit der
Schwerkraft der Erde. Wir sehen die ganze Konfigura-
tion, wie Unterschenkel und Oberschenkel durch Ver-
mittelung des Knies ineinandergefiigt sind, so, daft wir
sie zugeteilt finden dem, was die Erde in ihrer Dynamik,
in ihrer Statik ist, wie aus ihrem Mittelpunkt heraus in
das Weltenall hinein die Schwerkraft wirkt.
Wir haben davon eine Empfindung, wenn wir die
menschliche Gestalt betrachten mit dem bildhauerischen
Blicke. Zum Haupte brauchen wir alle Krafte des Kos-
mos, brauchen wir gewissermaften die ganze Sphare,
wenn wir dasjenige, was in so wunderbarer Weise ausge-
driickt ist in der Hauptesbildung, verstehen wollen. Wenn
wir verstehen wollen dasjenige, was in der Brustbildung
zum Ausdruck kommt, da brauchen wir dasjenige, was
gewissermafien in der Aquatoriallage die Erde umstromt.
Wir kommen zum Umkreis. Wollen wir verstehen na-
mentlich das untere Gliedmafiensystem des Menschen
mit dem sich daranschlieftenden Stoffwechselsystem, so
miissen wir uns an die Krafte der Erde halten. In dieser
Beziehung ist der Mensch an die Krafte der Erde ge-
bunden. Kurz, wir bekommen einen Zusammenhang des
ganzen lebendigen, lebendig gedachten Weltenraumes
mit der menschlichen Gestalt.
Heute wird man wahrscheinlich in vielen Kreisen,
auch in kiinstlerischen Kreisen, iiber eine solche Be-
trachtung, wie ich sie eben angestellt habe, lachen. Ich
kann gut begreifen warum. Aber man kennt wenig die
wirkliche Geschichte der menschlichen Entwickelung,
wenn man iiber solche Dinge lacht. Denn wer sich wirk-
lich vertiefen kann in die bildhauerische Kunst alter
Zeiten, der sieht schon an den bildhauerischen Gestalten,
die da geschaffen worden sind, wie in sie hineingeflossen
sind jene Empfindungen, die ausgebildet wurden im
imaginativen Anblick des gestirnten Himmels. In den
altesten bildhauerischen Gestaltungen ist eben der Kos-
mos in der menschlichen Gestalt zur Anschauung ge-
bracht worden. Allerdings mufi da, was sonst nur in
verstandesmafiiger Weise Erkenntnis genannt wird, an-
gesehen werden als eine solche Erkenntnis, die mit dem
ganzen Umfang der menschlichen Seelenkrafte zusam-
menhangt. Man wird ja Bildhauer - wenn man wirklich
Bildhauer ist - aus Elementarischem heraus, nicht blo$
weil man gelernt hat, an alte Stilformen sich anzulehnen,
urn dasjenige wieder auszubilden, was man in dieser oder
jener Stilepoche, wo man noch mit dem lebendigen
Schaffen zusammenhing, gewufit hat, was man heute
nicht mehr weifi. Nicht dadurch wird man Bildhauer,
dafi man sich an Traditionelles anlehnt - das geschieht
heute zumeist, auch bei vollendeten Kiinstlern - sondern
man wird Bildhauer dadurch, dafi man aus vollem Be-
wufitsein heraus zuriickgreifen kann bis zu den gestal-
tenden Kraften, die einmal zur bildenden Kunst gefuhrt
haben. Da mufi man wiederum kosmische Empfindun-
gen bekommen, mufi man wiederum das Weltenall emp-
finden und in dem Menschen einen Mikrokosmos, eine
kleine Welt sehen konnen. Da mufi man es ansehen
konnen der menschlichen Stirn, wie ihr aus dem Kosmos
heraus das Geprage aufgedriickt ist. Da mufi man anse-
hen konnen der Nase, wie ihr das Geprage aufgedriickt
ist aus demjenigen, woraus auch dem ganzen Atmungs-
system das Geprage aufgedriickt ist: aus dem Umkreise,
aus demjenigen, was in der Aquatoriallinie, in der Tier-
kreislinie die Erde umkreist. Und man bekommt dann
die Empfindung dafiir, was man darstellen mufi. Man
schafft nicht durch blofie Nachahmung, durch blofie
Imitation nach dem Modell, sondern man schafft, in-
dem man sich hineinversenkt in diejenige Kraft, aus der
heraus die Natur selber den Menschen geformt und
geschaffen hat. Man gestaltet so, wie die Natur selber
gestaltet. Dann mufi sich aber die ganze erkennende
und kiinstlerisch schaffende Empfindung dem anpas-
sen konnen.
Wenn wir die menschliche Gestalt vor uns haben,
richten wir zunachst den kiinstlerischen Blick nach dem
menschlichen Haupte. Wir tun das mit der Tendenz,
dieses menschliche Haupt plastisch zu formen. Wir
werden uns dann bemiihen, soviel als moglich dieses
menschliche Haupt in alien Einzelheiten herauszubil-
den, moglichst jede Flache liebevoll zu behandeln: die
Stirnflache liebevoll zu behandeln, die Wolbung zu den
Augen hin liebevoll zu behandeln, die Ohren herauszu-
arbeiten und so weiter. Wir werden uns bemiihen, die
Linien, welche iiber die Stirnfront, iiber die Nase laufen,
moglichst liebevoll zu bilden. Wir werden uns bemiihen,
je nach dem, was wir schaffen wollen, eine so oder so
geformte Nase zu machen. Kurz, wir werden alles lie-
bevoll in den einzelnen Flachen auszubilden versuchen,
was sich auf das menschliche Haupt bezieht.
Wenn wir dagegen als Bildhauer - vielleicht sage ich
fur viele Menschen etwas Ketzerisches, aber ich glaube
doch, dafi das auf urspningliche, kiinstlerische Empfin-
dungen zuriickgeht, was ich zu sagen habe wenn wir
als Bildhauer uns anstrengen wollten, menschliche Beine
zu formen, so wiirde einem das immerfort widerstreben.
Man mochte den Kopf so liebevoll wie moglich gestal-
ten, aber nicht die menschlichen Beine. Die mochte man
dadurch cachieren, dadurch weghaben vom kiinstleri-
schen Formen, daft man versucht, allerlei Bekleidungs-
stiicke dariiber zu haben, allerlei, was sich in anderer
Weise bildhauerisch dem anpafit, was im Kopfe zum
Ausdruck kommt. Eine menschliche Gestalt mit richtig
ausgemeifielten Beinen, Waden zum Beispiel, ist dem
Bildhauer eigentlich etwas fur den kunstlerischen Blick
Unsympathisches. Ich weifi, dafi ich damit etwas Ketze-
risches sage, aber ich wei£ auch, dafi ich dadurch um so
elementarer kunstlerisch spreche. Richtig ausgemeiftelte
Beine, die will man nicht haben. Warum nicht? Nun,
weil es einfach fur den Bildhauer eine andere Anatomie
gibt, eine andere Menschengestaltungs-Erkenntnis, als
fur den Anatomen. Fur den Bildhauer gibt es eigentlich
nicht, so sonderbar das klingen mag, Knochen und
Muskeln. Fur den Bildhauer gibt es die menschliche
Gestalt, die hereingebildet wird mit Hilfe des Bilde-
krafteleibes aus dem Kosmos. Und in dieser menschlichen
Gestalt gibt es fur ihn Krafte, Kraftwirkungen, Kraft-
linien, Kraftzusammenhange. Ich kann unmoglich an
die Schadeldecke denken als Bildhauer, wenn ich den
menschlichen Kopf forme, sondern ich forme den
menschlichen Kopf von aufien herein, wie er aus dem
Kosmos gepragt ist, und dasjenige, was mir die entspre-
chenden Wolbungen gibt an dem Haupte, das forme ich
nach Dynamik, nach Kraften, die vom Inneren nach
auften die Gestalt drangen, die sich entgegenstellen den
vom Kosmos hereinwirkenden Kraften. Ich denke als
Bildhauer, indem ich die Arme forme, nicht an Knochen,
sondern an jene Krafte, welche wirken, indem ich zum
Beispiel den Arm biege. Da habe ich Kraftlinien, Kraft-
entfaltung, nicht das, was als Muskel oder als Knochen
sich bildet. Und die Dicke des Armes hangt ab von dem,
was da lebt, nicht vom Muskelfleisch, das daran ist. Weil
man aber, indem man Schonheit bildet, vor alien Dingen
die Tendenz hat, den Menschen mit seiner Schonheit
dem Kosmos anzupassen, das aber nur beim Haupte tun
kann, weil die unteren Gliedma£en der Erde angepafk
sind, deshalb will man das weglassen. Man mochte den
Menschen, wenn man ihn kiinstlerisch gestaltet, von der
Erde abheben. Man wiirde ihn zum schweren Erdenwesen
machen, wenn man zu sehr den unteren Menschen in der
Bildhauerkunst ausbilden wiirde.
Und wiederum, wenn man das Haupt allein betrach-
tet, wiederum ist nur der obere Teil des Hauptes, der
wunderbar gewolbte Schadel, der bei jedem einzelnen
Individuum anders gewdlbt ist - es gibt daher nur eine
individuelle, keine generelle Phrenologie -, dem ganzen
Kosmos nachgebildet. Dasjenige, was in Augen und Nase
gebildet ist, das ist schon ahnlich gebildet dem, was dann
menschlicher Brustorganismus ist. Das ist schon nach
dem Umkreise, nach der Aquatorialstromung gebildet.
Daher, wenn ich an einem bildhauerischen Werke, das
den Menschen darstellt, die Augen darstelle, weifi man,
man kann da nicht durch irgendwelche Farbgebung den
Blick, den vertieften oder den oberflachlichen Blick
darstellen, man muft sich darauf beschranken, grofte oder
kleine, geschlitzte oder ovale Augen, oder mehr oder
weniger gerade Augen darzustellen. Aber wie man den
Ubergang der Augen in die Nasenform, der Stirne in die
Nasenform darstellt, wie man ahnen lalk, dafi der Mensch
sieht, indem er in sein Sehen die ganze Seele legt, das ist
anders bei geschlitzten, anders bei ovalen, anders bei
geraden Augen. Wie der Mensch atmet, diese wunderbare
Ausdrucksmoglichkeit, wie der Mensch atmet durch die
Nase, man braucht nur zu empfinden, da hat man etwas,
davon man sagen kann: Wie der Mensch in seiner Brust
ist, wie seine Brustform geschaffen wird aus dem Kosmos
herein, so drangt die menschliche Wesenheit dasjenige,
was sie in der Brust eratmet, was da im Herzen darinnen
klopft, herauf in Augen und Nase. Das kommt da in
Bildform zum Ausdruck. Wie der Mensch in seinem
Kopf ist, es kommt eigentlich nur in der Schadeldecke,
die in bezug auf die Gestalt ein Abdruck des Kosmos ist,
zum Ausdruck. Wie der Mensch selber reagiert auf den
Kosmos, indem er nicht bloft den Sauerstoff herein-
nimmt und sich passiv verhalt, sondern wie er den eigenen
Anteil am Stoffe hat, wie er in der Brust sein eigenes
Wesen dem Kosmos entgegenbringt, das kommt durch
die Augen- und die Nasenbildung bildhauerisch zum
Ausdruck.
Und indem wir den Mund formen - oh, indem wir
den Mund formen, formen wir eigentlich schon den
ganzen inneren Menschen in seinem Sich-Entgegenstel-
len, in seiner Opposition gegen den Kosmos. Da for-
men wir die Art und Weise, wie der Mensch aus seinem
Stoffwechselsystem heraus auf die Welt reagiert. Da
bilden wir in der Mundbildung, in der Kinnbildung, in
alledem, was zur Mundbildung gehort, den Gliedma-
fien-Stoffwechsel-Menschen, aber in seiner Vergeisti-
gung, in seinem nach aufien wirkenden Bilde. So dafi
derjenige, der im bildhauerischen Blicke das mensch-
liche Haupt vor sich hat, den ganzen Menschen vor sich
hat, den Menschen nach der Natur seiner Systeme: nach
dem Nerven-Sinnessystem in der Schadeldecke mit den
merkwiirdigen Wolbungen; in der Augen-Nasenbildung
den Menschen - wenn ich platonisch sprechen wiirde,
miilke ich sagen, den mutgemaften Menschen, den Men-
schen, der seine innere Individualitat, insofern sie
mutartig ist, Gemiit ist, entgegenstellt dem aufteren
Kosmos. Und indem man den Mund bildet, hat man
eigentlich - zwar ist ihm noch aufgedriickt, weil zur
Hauptesbildung gehorend, von aufien die Konfigura-
tion -, aber man hat von innen entgegendrangend dieser
von aufien hereinwirkenden Konfiguration dasjenige,
was der Mensch in seiner inneren Wesenheit ist.
Aus dieser fluchtigen Andeutung - es konnte ja nicht
mehr sein als eine solche skizzenhafte Andeutung, uber
die man weiterhin wird nachdenken miissen - werden
Sie gesehen haben, daft der Bildhauer nicht bloft eine
Erkenntnis des Menschen braucht, die er gewinnt, indem
er ein menschliches Modell nachahmt, sondern der Bild-
hauer muE tatsachlich in der Lage sein, innerlich nachzu-
erleben die Krafte, die durch den Kosmos wirken, indem
sie die menschliche Gestalt formen. Aus demjenigen,
was vorgeht, indem aus der befruchteten Keimzelle des
miitterlichen Leibes der Mensch plastisch geformt wird
- jetzt nicht blofi durch die Krafte, die im miitterlichen
Leibe sind, sondern durch die Mutter hindurch aus den
kosmischen Kraften -, aus diesen Kraften heraus mufi
der Bildhauer schaffen konnen. So mufi er schaffen
konnen, dafi er zu gleicher Zeit dasjenige, was aus der
menschlichen, individuellen Wesenheit sich enthullt,
immer mehr und mehr, je weiter man nach unten kommt,
verstehen kann. Er mufi vor alien Dingen verstehen
konnen, wie diese wunderbare Aufienbedeckung des
Menschen, seine Hautform zustandekommt als die Re-
sultierende von den zwei Kraften, den Kraften, die vom
Kosmos von alien Seiten herein peripherisch wirken,
und demjenigen, was nun zentrifugal nach aufien wirkt
und sich dem entgegenstellt. Fiir den Bildhauer mufi der
Mensch in seiner aufieren Form ein Ergebnis von kosmi-
schen Kraften und inneren Kraften sein. Man wird in al-
ien Einzelheiten eine solche Empfindung haben miissen.
Wenn man, sagen wir, aus dem Holzmaterial heraus -
und bei der Kunst handelt es sich ja darum, dafi man
Materialempfindung hat, dafi man weifi, wozu sich die-
ses oder jenes Material eignet, sonst schafft man nicht
bildhauerisch, sondern nur illustrierend eine Idee, novel-
listisch -, wenn man aus dem Holz heraus die mensch-
liche Gestalt formt, wird man wissen, indem man oben
am Haupte formt, dafi man das Gefuhl haben mufi, da
driickt die Form von aufien herein. Das ist das Geheim-
nis des Schaffens der menschlichen Gestalt. Indem ich
die Stirn bilde, mufi ich das Gefuhl haben, ich driicke sie
von aufien herein, ich forme von aufien; von innen wir-
ken mir die Krafte entgegen. Ich darf nur soweit driicken,
schwacher oder starker driicken, urn die von innen wir-
kenden Krafte zuriickzudrangen, als ich nach Anleitung
der kosmischen Krafte, wie das Haupt werden mu6, es
kann.
Indem ich aber zum iibrigen menschlichen Leibe
komme, komme ich nicht vorwarts, wenn ich von aufien
herein forme und bilde. Da mu£ ich das Gefiihl haben,
ich sei im Innern. Schon wenn ich zur Brustbildung
komme, mu6 ich mich ins Innere des Menschen verset-
zen, und von innen heraus plastisch bilden. Das ist sehr
interessant.
Man kommt durch die innere Notwendigkeit des
kiinstlerischen Schaffens dazu, indem man am Haupte
bildet, von aufien herein zu gestalten, an der aufiersten
Umrahmung sich zu denken, und nach dem Inneren zu
schaffen; indem man die Brust schafft, mufi man ins
Innere sich versetzen, und ins Auftere die Form drangen;
nach unten hat man das Gefiihl, da muS nur angedeutet
werden, da geht es ins Unbestimmte iiber.
Kiinstlerisches Schaffen der Gegenwart mochte sehr
haufig so etwas, wie ich es jetzt ausgefiihrt habe, als
unkiinstlerisches Spintisieren ansehen. Aber es kommt
nur darauf an, daft man in seiner Seele das, was ich jetzt
angedeutet habe, kunstlerisch durchleben kann, daft man
tatsachlich als Kiinstler im ganzen schaffenden Weltenall
drinnenzustehen vermag. Dann wird man iiberall darauf
hingewiesen, wenn man an die bildende Kunst heran-
kommt, nicht nachzuahmen die physische menschliche
Gestalt. Denn sie ist ja selber nur eine Nachahmung des
Bildekrafteleibes. Dann wird man eben die Notwendig-
keit empfinden, die vor allem die Griechen empfanden.
Nie hatten sie ihre Nasen- und Stirnbildungen durch
blofie Imitation hervorgebracht, sondern indem bei ih-
nen instinktiv solche Dinge zu Grunde lagen, wie ich sie
jetzt geschildert habe. Man wird eben nur dann zu wirk-
lich elementarer Kunstempfindung wiederum kommen
konnen, wenn man sich in dieser Weise in die schopferi-
schen Krafte der Natur hereinzustellen vermag mit sei-
nem ganzen inneren Seelenempfinden, mit seinem inne-
ren Total-Erkennen, wenn ich den Ausdruck gebrau-
chen darf. Dann aber geht man eigentlich nicht auf den
aufieren physischen Leib, der selber nur eine Nachah-
mung des Atherleibes ist, sondern man geht auf diesen
Atherleib selber. Dann formt man diesen Atherleib und
fullt ihn gewissermafien nur mit der Materie, mit dem
Stoffe aus.
Das, was ich eben geschildert habe, ist zu gleicher Zeit
aber der Weg aus der theoretischen Weltbetrachtung
heraus, um hereinzudringen in das lebendige Schauen
desjenigen, was sich nicht mehr theoretisch betrachten
lafit. Man kann nicht in derselben Weise den bildhaue-
rischen Raum konstruieren durch analytische Geometrie,
wie man den euklidischen Raum konstruieren kann, aber
man kann durch Imagination diesen Raum, der uberall
konfiguriert ist, der uberall in der Lage ist, Gestalten aus
sich heraus zu schaffen, erschauen, und aus dem Schauen
dieses Raumes heraus nun wirklich auch in bildender
Kunst gestalten, sei es architektonisch, sei es bildhaue-
risch.
Ich mochte hier eine Bemerkung einfiigen, die mir
wichtig erscheint, damit das, was leicht mifiverstanden
werden konnte, doch weniger mifiverstanden wird. Wenn
jemand eine Magnetnadel hier hat, und das eine Ende
nach dem magnetischen Norden, das andere Ende nach
Siiden zeigt, so wird es ihm, wenn er heute nicht ganz
dilettantisch reden will, nicht einfallen, aus inneren
Kraften der Magnetnadel, blofi durch die Betrachtung
desjenigen, was da von dem Stahl umschlossen wird, die
Richtung der Magnetnadel zu erklaren. Das ware ein
Unsinn. Er nimmt zur Erklarung der Richtung der Ma-
gnetnadel die ganze Erde hinzu. Er geht aus der Ma-
gnetnadel heraus. Die Embryologie macht heute diesen
Dilettantismus, den ich eben moniert habe. Sie sieht nur
auf den Menschenkeim hin, wie er sich im Leibe der
Mutter entwickelt. Da sollen alle Krafte drinnen sein, die
diesen Menschenkeim formen. In Wirklichkeit wirkt
durch den Leib der Mutter hindurch der ganze Kosmos
auf die Konfiguration des menschlichen Embryos. Da
sind die plastischen Krafte im ganzen Kosmos das, was
bei der Ausrichtung der Magnetnadel die Krafte der
Erde sind. Wie ich bei der Betrachtung der Magnetnadel
aus dieser herausgehen mufi, so mufi ich aus dem mutter-
lichen Leibe herausgehen bei der Betrachtung des Em-
bryos und mufi den ganzen Kosmos zu Hilfe nehmen.
Und in diesen ganzen Kosmos muE ich mich hineinver-
senken, wenn ich dasjenige begreifen will, was mir die
Hand fuhrt, was mir den Arm fiihrt, wenn ich bildhaue-
risch die menschliche Gestalt formen will.
Sie sehen, anthroposophische Weltanschauung fuhrt
in gerader Entwickelungsstromung aus der blofi theo-
retischen Betrachtung in die kunstlerische Betrachtung
hinein. Denn die Betrachtung des Atherleibes ist nicht
auf rein theoretische Weise moglich. Man mufi allerdings
den Wissenschaftsgeist in dem Sinne in sich haben, wie
ich es gestern charakterisiert habe; man mufi aber herein-
riicken in die Betrachtung des Bildekrafteleibes, indem
man das, was im blofien Gedanken webt, in Imaginatio-
nen umgestaltet; indem man jetzt nicht blofi durch Ge-
danken oder durch Naturgesetze, die in Gedanken for-
muliert werden, die Aufienwelt faftt, sondern indem man
sie in Imaginationen fafit. Das aber kann auch wiederum
in Imaginationen zum Ausdruck gebracht werden. Das
geht, wenn der Mensch produktiv wird, in kunstlerisches
Schaffen iiber.
Es ist nun eine eigentumliche Sache, wenn wir einmal
mit dem Bewufksein, dafi ein solcher Bildekrafteleib
vorhanden ist, den Blick schweifen lassen iiber die Rei-
che der Natur: Das Mineralreich hat keinen Bildekrafte-
leib, das Pflanzenreich hat ihn zuerst, die Tiere haben
einen Bildekrafteleib, der Mensch hat seinen Bildekrafte-
leib. Aber gar sehr unterscheidet sich der pflanzliche
Bildekrafteleib vom tierischen oder gar vom mensch-
lichen. Es liegt die eigentumliche Tatsache vor: Denken
Sie sich ausgeriistet mit bildhauerisch-kunstlerischen
Empfindungskraften, und Sie sollen mit ihnen Pflan-
zenformen plastisch gestalten - es widerstrebt einem. Ich
habe es neulich versucht, wenigstens im Relief. Aber
man kann nicht die Pflanzen gestalten, sondern man
kann nur die Bewegung der Pflanzen irgendwie spurhaft
nachahmen. Man kann nicht Pflanzen plastisch gestalten.
Denken Sie sich einmal eine Rose oder irgendeine Pflanze,
die einen langen Stengel hat, plastisch gestaltet - es ist
unmoglich. Warum? Weil man, indem man an die Plastik
der Pflanze denkt, instinktiv denkt an den Bildekrafte-
leib. Der ist drinnen in der Pflanze, wie der physische
Leib, aber unmktelbar ausgebildet. Die Pflanze ist von
Natur als plastisches Kunstwerk hingestellt, man kann
sie nicht andern. Jede Bildung der Pflanze ware eine
Stiimperei gegen das, was die Natur selbst im physischen
Leib und Bildekrafteleib bei der Pflanze hervorbringt.
Die Pflanze mufi man einfach stehen lassen, wie sie
ist, oder mit bildhauerischem Geist sie betrachten, wie
Goethe sie in seiner Morphologie der Pflanzen betrach-
tete.
Das Tier kann man schon plastisch gestalten. Zwar ist
das kiinstlerische Schaff en in der Tierplastik etwas anderes
als dem Menschen gegemiber. Man braucht blofi ein
Verstandnis zu haben dafiir, wie das Tier im Grunde
genommen entweder ist ein Geschopf des Atmungspro-
zesses. Das ist der Fall, wenn man, sagen wir, die Raub-
tiere bildet. Da muft man sie auffassen mehr als Geschopfe
des Atmungsprozesses. Man raufi das Wesen ansehen als
Atmungswesen und gewissermafien alles andere darum-
herum schaffen. Will man aber kiinstlerisch ein Kamel
oder eine Kuh gestalten, dann mufi man ausgehen vom
Verdauungsprozefi, und dem das ganze Tier anpassen.
Kurz, man mufi innerlich schauen mit kunstlerischem
Blick, was die Hauptsache ist. Dann findet man schon,
wenn man das, was ich jetzt allgemeiner angebe, weiter
differenziert, die Moglichkeit, alle verschiedenen Tier-
gestalten plastisch zu bilden. Warum? Nun, die Pflanze
hat den Atherleib. Er wird ihr aus dem Kosmos aner-
schaffen. Er ist fertig. Ich kann ihn nicht umgestalten.
Die Pflanze ist das plastische Kunstwerk, das in der
Natur dasteht. Es widerspricht dem ganzen Sinn der
Tatsachenwelt, wenn ich aus Marmor oder Holz heraus
Pflanzen gestalte. Aus Holz geht es noch eher, weil das
der Pflanzennatur naher ist, aber es ist auch schon un-
kiinstlerisch. Das Tier aber stellt seine eigene Natur
entgegen demjenigen, was von auEen aus dem Kosmos
heraus gestaltet wird. Beim Tier ist der Atherleib nicht
mehr blofi aus dem Kosmos gestaltet, sondern er ist mit
aus dem Inneren gestaltet.
Und beim Menschen - nun, ich habe ja gerade gesagt,
wie dieser Atherleib nur fiir die Schadeldecke aus dem
Kosmos gestaltet ist. Ich habe gesagt, wie entgegenwirkt
der Atmungsorganismus, verfeinert, durch Augen und
Nase, wie entgegenwirkt der ganze Stoffwechselorganis-
mus durch die Mundbildung. Da wirkt dasjenige, was
aus dem Menschen kommt, das Menschliche, dem Kos-
mischen entgegen. Und die menschliche Begrenzung ist
das Ergebnis dieser beiden Wirkungen, der mensch-
lichen und der kosmischen. Da ist der Atherleib so ge-
staltet, daft er aus dem Inneren entspringt. Indem wir
uns kunstlerisch in das Innere vertiefen, konnen wir frei
gestalten. So wie das Tier aus seiner Wesenheit heraus
fiir sich selber seinen Atherleib gestaltet, wie der mutige
oder feige, der leidende oder der jauchzende Mensch
seinen Atherleib nach dem Seelischen abstimmt, so kon-
nen wir dem nachforschen, konnen uns hineinversetzen
und diesen Atherleib nachbilden. Dabei werden wir,
wenn wir das charakterisierte, richtig bildhauerische
Verstandnis haben, in der verschiedensten Weise die
menschliche Gestalt bilden konnen.
So zeigt sich uns, daft, indem wir in die Betrachtung
des Atherleibes, des imaginativen Leibes einrucken, wir
die gewohnhche wissenschaftliche Betrachtung zwar
durchaus wissenschaftlich sein lassen konnen, daft wir
aber einmunden in dasjenige, was dann von selbst kunst-
lerisch wird. Man wird einwenden: Ja, Kunst ist nicht
Wissenschaft. - Aber ich habe schon vorgestern gesagt:
Wenn die Natur, die Welt, der Kosmos selbst kunstlerisch
sind, wenn sie uns entgegenstellen dasjenige, was nur
kunstlerisch begriffen werden kann, dann konnen wir
lange deklamieren, es sei unlogisch, kunstlerisch zu
werden, wenn man die Dinge verstehen will. Die Dinge
ergeben sich eben einer solchen Erkenntnis nicht, die
nicht ins Kiinstlerische einmiindet. Auf eine andere Weise
kann die Welt nicht begriffen werden als auf die Art und
Weise, die nicht sich beschrankt auf das blofi durch
Gedanken zu Erfassende, sondern die auf das universelle
Erfassen der Welt geht, die den ganz organischen, den
naturlichen Ubergang findet von der Betrachtung in das
kiinstlerische Anschauen und auch in das kiinstlerische
Gestalten, so dafi aus dem kiinstlerischen Gestalten dann
derselbe Geist spricht, der aus den Worten spricht, mit
denen man mehr theoretisch-ideell dasjenige, was man
erschaut in der Welt, zum Ausdruck bringt. Aus dem-
selben Geiste heraus ist dann die Kunst, wie die Wis-
senschaft ist. Wir haben in Kunst und Wissenschaft nur
zwei Seiten ein und derselben Offenbarung. Man kann
sagen, auf der einen Seite schauen wir so die Dinge an,
da$ wir das Angeschaute durch Gedanken aussprechen;
auf der anderen Seite schauen wir sie so an, dafi wir das
Angeschaute in kiinstlerischen Formen zum Ausdruck
bringen.
Aus dieser inneren Geistesgesinnung heraus ist dasje-
nige entsprungen, was zum Beispiel im Dornacher Bau
sowohl in der Archkektur wie bildhauerisch und auch in
der Malerei zum Ausdruck gekommen ist. Ich konnte
auch vieles iiber die Malerei sagen, denn auch sie gehort
in gewissem Sinne zur bildenden Kunst. Aber da riickt
man auf zum mehr Seelischen des Menschen, was nicht
bloft im Atherleibe, sondern von der Seele heraus den
Atherleib farbend, unmittelbar Seelenausdruck wird.
Auch dabei wiirde sich zeigen, wie gerade die anthropo-
sophische Welterfassung dazu fiihrt, zum Elementar-
Kunstlerischen, zum Kiinstlerisch-Schopferischen wie-
derum aufzusteigen, wahrend wir heute sowohl im Reli-
giosen wie im Kiinstlerischen, ohne daft es die Betrach-
ter, und meistens auch ohne daft es die Kiinstler wissen,
eigentlich nur aus dem Traditionellen leben, aus den
alten Stilformen, den alten Motiven heraus. Wir glauben
heute produktiv zu sein, sind es aber nicht. Wir miissen
wiederum den Weg finden, um uns hineinzuversetzen in
die schaffende Natur, damit dasjenige, was wir schaffen,
wirklich auch kiinstlerisch urspriingliche, elementarische
Schopfung sei.
Und solch eine Gesinnung hat ja von selbst dazu
gefuhrt, dafi der Kunstzweig der Eurythmie auf dem
Boden der Anthroposophie erwachsen ist. Dasjenige,
was in der menschlichen Lautsprache und im mensch-
lichen Gesang durch eine ganz bestimmte Organgruppe
als eine Offenbarung der menschlichen Wesenheit sich
ergibt, das kann verbreitert werden auf den ganzen Men-
schen, wenn man diesen nur auch wirklich versteht. In
dieser Beziehung sprechen aus alten, instinktiven, hell-
sichtigen Einsichten heraus alle religiosen Urkunden.
Und es hat schon eine Bedeutung, wenn in der Bibel
gesagt wird, daft Jahve einhauchte dem Menschen den
lebendigen Odem, und damit angedeutet wird, daft der
Mensch in gewisser Beziehung ein Atmungswesen ist.
Ich habe gestern angedeutet, wie iiberhaupt in alteren
Zeiten der Menschheitsentwickelung die Anschauung
geherrscht hat, daft der Mensch ein Atmer, ein Atmungs-
wesen ist. Dasjenige, was der Mensch als Atmungswesen
wird in der konfigurierten Atmung, in der Sprache und
im Gesang, das kann wiederum dem ganzen Menschen
und seiner Gestalt zuriickgegeben werden. Wie seine
Stimmbander, seine Zunge, sein Gaumen sich bewegen
und andere Organe, indem gesprochen und gesungen
wird, das kann, weil jedes einzelne Organ und Organ-
system in einem gewissen Sinne ein Ausdruck des gan-
zen Wesens ist, auf das ganze Wesen ubertragen werden.
Dann kann so etwas entstehen wie die Eurythmie. Wir
brauchen uns dabei nur zu erinnern an den inneren
Charakter der Goetheschen Metamorphosenlehre, die
noch nicht genug gewiirdigt wird. Goethe sieht mit Recht
im einzelnen Blatt die ganze Pflanze. Die ganze Pflanze
ist auf primitivere Weise im Blatt enthalten, und wie-
derum ist die ganze Pflanze nur ein komplizierteres
Blatt. In jedem einzelnen Organ sieht er ein ummeta-
morphosiertes, ganzes organisches Wesen, und das gan-
ze organische Wesen ist eine Metamorphose der einzel-
nen Glieder. Der ganze Mensch ist eine kompliziertere
Metamorphose eines einzelnen Organsystems, des Kehl-
kopfsystems. Versteht man, wie der ganze Mensch eine
Metamorphose des Kehlkopfsystems ist, dann ist man in
der Lage, mit ebensolcher Giiltigkeit, ebensolcher inne-
ren Naturnotwendigkeit aus dem ganzen Menschen
heraus eine sichtbare Sprache, einen sichtbaren Gesang
durch die Bewegung seiner Glieder, durch bewegte
Menschengruppen, entstehen zu lassen, wie Gesang und
Sprache durch ein Organsystem entsteht. Man ist da
drinnen in den schaffenden Naturkraften. Man versenkt
sich in die Art und Weise, wie die Krafte der mensch-
lichen Wesenheit wirken im Sprechen, im Singen. Und
wenn man diese Krafte hat, kann man sie ubertragen auf
die Bewegungsformen des ganzen Menschen, wie man
die Krafte des Kosmos auf die ruhende Gestalt des
Menschen in der Plastik iibertragt. Und wie man das,
was im Innern des Menschen lebt, aus der Seele heraus in
Dichtung oder im Lied oder in etwas anderem Kiinst-
lerischem, das sich durch die Sprache oder den Gesang
oder durch die Rezitation zum Ausdruck bringen lalk,
zum Ausdruck bringt, so kann auch durch den ganzen
Menschen in sichtbarer Sprache und in sichtbarem Ge-
sang das zum Ausdruck gebracht werden.
Ich mochte sagen: Indem wir den Menschen plastisch
bilden, indem wir bildhauerisch die menschliche Gestalt
schaffen, aus dem ganzen Makrokosmos heraus den Mi-
krokosmos schaffen, schaffen wir den einen Pol. Indem
wir uns nun ganz in das Innere des Menschen vertiefen,
die innere Regsamkek verfolgen, indem wir uns vertie-
fen in sein Denken, Fiihlen und Wollen, in alles dasjenige,
was durch Sprechen und Gesang eben zum Ausdruck
kommen kann, konnen wir die bewegte Plastik schaffen.
Man kann sagen: Das ganze weite Weltenall ist wie in
einer wunderbaren Synthese zusammengefugt dann, wenn
wir ein plastisches Kunstwerk schaffen; das, was im
tiefsten Inneren des Menschen wie in einem Seelenpunkte
konzentriert ist, strebt uberall in die Weltenweiten hin-
aus in den Bewegungsformen, die der Mensch aus sich
heraus eurythmisch schafft. Es antwortet der andere Pol
vom Menschen aus in der eurythmischen Kunst, in der
bewegten Plastik. - Wir sehen die Weltenweiten sich
hinzukehren zur Erde, zusammenstromen in der ru-
henden menschlichen Gestalt, und wir haben die plasti-
sche, bildhauerische Kunst; wir vertiefen uns dann ins
menschliche Innere, schauen, uns geistig versenkend, ins
menschliche Innere, auf das, was vom Menschen wie-
derum jenen Weltenkraften, die von alien Seiten auf ihn
einstromen und seine Gestalt bilden, entgegenkommen
will, was gewissermafien nun zu alien Punkten der Pe-
ripherie des Weltenalls vom Menschen herausstromt,
und wir bilden in diesem Sinne die Eurythmie.
Ich mochte sagen, das Weltenall stellt uns eine grofte
Aufgabe, und die Losung dieser Aufgabe ist die scheme
menschliche Gestalt; das Innere des Menschen stellt
uns auch eine grofie Aufgabe. Unendliche Tiefen schop-
fen wir aus, wenn wir uns mit liebevoll innigem Blick
der Seele in das menschliche Innere vertiefen. Dieses
menschliche Innere will aber ebenso in alle Weiten hin-
aus, will in den Schwiingen, den schwingenden Bewe-
gungen, dem Schwingen zum Ausdruck bringen aufier-
lich im Rhythmus dasjenige, was seelenhaft in einen
Punkt zusammengedrangt ist, wie die Plastik in der
menschlichen Gestalt, die fur den Kosmos ein Punkt ist,
zusammengedrangt haben will alle Geheimnisse des
Kosmos. Die menschliche Gestalt in der Plastik ist die
Antwort auf die grofte Frage, die uns das Weltenall
aufgibt. Und wenn des Menschen Bewegungskunst kos-
misch wird, wenn er etwas kosmosartiges in seinen eige-
…[truncated]