Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GE SAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  VOR  MITGLIEDERN 
DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Das  Sonnenmysterium 
und  das  Mysterium 
von  Tod  und  Auferstehung 

Exoterisches  und  esoterisches  Christentum 


Zwolf  Vortrage,  gehalten  1922 
in  verschiedenen  Stadten 


1986 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 


Die  Herausgabe  besorgte  Robert  Friedenthal 


1 .  Auflage  in  dieser  Zusammenstellung 
Gesamtausgabe  Dornach  1963 

2.  Auflage  (photomechanischer  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1986 


Einzelausgaben  und  Abdrucke  in  Zeitschriften  siehe  Seite  219 


Bibliographic- Nr.  211 

Einbandzeichnung  von  Assja  Turgenieff 
Zeichnungen  im  Text  nach  Tafelzeichnungen  von  Rudolf  Steiner, 
ausgefuhrt  von  Assja  Turgenieff  t 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
©  1963  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach /Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden,  Basel 


ISBN  3-7274-2110-X 


Zu  den  Veroffentlichungen 
a  us  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und 
veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis 
1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur 
die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Ge- 
sellschaft.  Er  selbst  wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei 
gehaltenen  Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie 
als  «mundliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht 
waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte 
Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute 
er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenogra- 
phierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur  die  Her- 
ausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  kor- 
rigieren  konnte,  mufi  gegenuber  alien  Vortragsveroffentlichungen 
sein  Vorbehalt  berucksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hinge  - 
nommen  werden  miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen 
Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur 
als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offent- 
lichen  Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie 
«Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist 
am  Schlufi  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  glei- 
chermafien  auch  fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche 
sich  an  einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissen- 
schaft  vertrauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  An- 
gaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Bern,  21.  Marz  1922   

Das  menschliche  Seelenleben  in  Schlafen,  Wachen  und  Traumen 

Das  Traumleben:  Bildinhalt  und  dramatischer  Verlauf.  Seeleniibungen 
zur  Ausbildung  von  Imagination,  Inspiration,  Intuition.  Imagination: 
Wahrnehmung  des  Weltathers;  Inspiration:  Wahrnehmung  geistiger  We- 
senheiten;  Intuition:  Wahrnehmung  der  hoheren  Hierarchien  und  des 
eigenen  Karma.  Bildung  der  Gestalt  beim  Tier  durch  die  Atmungsorgane, 
beim  Menschen  durch  das  "Won.  Chrisms  und  Ahasver. 

Dornach,  24.  Marz  1922   

Die  drei  Zustande  des  Nachtbewufitseins 

Die  Dramatik  des  Traumlebens;  die  Welt  des  Tiefschlafs;  die  Welt  des 
traumlosen  Schlafs.  Christus  und  Ahasver. 

Dornach,  25.  Marz  1922   

Vom  Wandel  der  Weltanschauung 

Vom  fruheren  unmittelbaren  Wahrnehmen  des  Geistig-Seelischen  zum 
heutigen  Wahrnehmen  des  Leichnams  der  Natur.  Ubungen  der  alten 
Inder  zur  Erlangung  eines  starkeren  Selbstgefuhls  und  des  Denkens.  Er- 
starkung  des  Ich-Erlebens  bei  den  Griechen.  Die  Bedeutung  der  griechi- 
schen  Tragodie.  Die  Gestalt  des  Dionysos.  Das  Mysterium  von  Golgatha. 
Die  entgotterte  Natur  in  der  Neuzeit  und  das  Hinblicken  auf  den  Leich- 
nam  des  Jesus  Christus.  Die  «Unchristlichkeit»  heutiger  Theologie.  Not- 
wendigkeit  einer  Durchchristung  des  sozialen  Lebens. 

Dornach,  26.  Marz  1922   

Die  Veriinderungen  im  Erleben  des  Atmungsprozesses  in  der 
Geschichte 

In  alteren  Zeiten  Atmen  zur  Erlangung  des  Ich-Erlebnisses.  Sophia  (Weis- 
heit):  der  durch  die  Sinneswahrnehmung  abgebildete  Einatmungsinhalt. 
Einatmen:  Wahrnehmung;  Ausatmung:  Tatigkeit.  Pistis  (Glaube):  geisti- 
ger Ausatmungsprozefi.  Heutige  Wissenschaft  und  heutiger  Glaube.  «Die 
Reiche  der  Himmel».  Bedeutung  des  Irdischen  fur  das  Himmlische. 

Dornach,  31.  Marz  1922   

Das  Wesen  des  Menschen  und  sein  Ausdruck  in  der  griechischen 
Kunst 

Die  vier  Wesensglieder  des  Menschen.  Die  Niobe-Sage.  Die  Aufgabe  der 
griechischen  Tragodie.  Furcht  und  Mitleid,  Katharsis.  Goethes  Ringen  um 


eine  Weltanschauung:  Begegnung  mit  Herder,  Reise  nach  Italien.  Niobe- 
gruppe  und  Laokoongruppe.  Lessing  iiber  Laokoon.  Goethe  und  Shake- 
speare. Hamlet. 


Dornach,  1.  April  1922   92 

Die  Erkundung  und  Formuiierung  des  Weltenwortes  in  der  Ein- 
und  Ausatmung 

Veranderung  des  Ein-  und  Ausatmungsprozesses  in  der  Neuzeit.  Das 
Haupt  als  Abbild  des  Kosmos;  die  die  Erde  umkreisenden  Stromungen  im 
Brustorganismus;  Wirken  der  Erdkrafte  in  den  Gliedmafien.  Das  Geheim- 
nis  des  AUM.  Mauthners  «Kritik  der  Sprache». 


Dornach,  2.  April  1922   104 

Exoterisches  und  esoterisches  Christentum 

Der  Auferstandene.  In  altesten  Zeiten  kein  Tod.  Erfahrung  des  Todes  mit 
der  Entwicklung  des  Intellekts.  Ahriman  als  Bringer  sowohl  des  Todes 
als  audi  des  Intellektes.  Entsendung  des  Christus,  um  Ahrimans  Macht 
einzuschranken.  Ahrimans  Einflufi  auf  das  menschliche  Bewufitsein.  Das 
Mysterium  von  Golgatha  als  Ausdruck  eines  Kampfes  unter  Gottern. 
Die  Lehren  des  Auferstandenen  an  seine  Schuler.  Das  Damaskus-Erlebnis 
des  Paulus. 


Den  Haag,  13.  April  1922    123 

Die  Lehren  des  Auferstandenen 

Das  Mysterium  von  Golgatha.  Vertretung  des  Anthroposophie  vor  der 
Offentlichkeit  und  die  Arbeit  in  den  Zweigen.  Die  der  Menschheit  an 
ihrem  Ursprung  offenbarte  Urweisheit.  Zunehmendes  Verblassen  des 
traumhaften  Hellsehens  bis  zum  Mysterium  von  Golgatha,  gleichzeitig 
zunehmendes  Erleben  von  Geburt  und  Tod.  Es  ist  Aufgabe  des  Christen- 
tums,  den  Gottern  Kenntnis  von  Geburt  und  Tod  zu  vermkteln.  Christi 
Auferstehung.  Das  Damaskus-Erlebnis  des  Paulus.  Die  Lehre  des  Auf- 
erstandenen. Die  Bedeutung  der  katholischen  Messe. 


London,  14.  April  1922    141 

Erkenntnis  und  Initiation 

Anthroposophie  ist  eine  Initiationswissenschaft,  die  von  der  Naturwissen- 
schaft  ausgeht.  Streben  der  Anthroposophie  nach  exaktem  Hellsehen 
durch  Ausbildung  der  Grundkrafte  des  Seelenlebens:  des  Denkens,  Fiih- 
lens  und  Wollens.  Die  Ergebnisse  der  ubersinnlichen  Erkenntnis  konnen 
mit  dem  gesunden  Menschenverstand  begriffen  werden.  Erkennen  des 
Seelisch-Geistigen  des  Weltalls  wie  des  Menschen  als  Aufgabe  der  Anthro- 
posophie. 


London,  15.  April  1922 


159 


Erkenntnis  des  Christus  durch  Anthroposophie 

«Exakte  Clairvoyance*  als  Grundlage  der  modernen  Initiationswissen- 
schaft.  Das  Goetheanum  in  Dornach,  seine  Architektur  und  Malerei.  Die 
Waldorfschule  in  Stuttgart.  Imagination  und  Inspiration.  Die  Gedanken- 
kraft  als  Leichnam  des  Geistig-Seelischen.  Das  Paulus-Wort  «Nicht  ich, 
der  Christus  in  mir».  Die  Bedeutung  des  Mysteriums  von  Golgatha  fur  die 
Rettung  des  erstarkten  Ich  vor  dem  Sterben  des  Geistig-Seelischen  zusam- 
men  mit  dem  Leiblichen.  Das  Mysterium  der  Geburt.  Die  «Ungeboren- 
heit».  Nicht-Wissen  der  Gotter  vom  Tode.  Wiederbelebung  des  Christen- 
tums  und  die  Auferstehung  des  religiosen  Lebens  durch  die  Anthropo- 
sophie. 


Die  dreifache  Sonne  und  der  auferstandene  Christus 

Gefahren  des  Ahrimanischen  in  der  Gegenwart.  Die  Menschheitsentwick- 
lung  von  der  urpersischen  Zeit  bis  zu  den  Griechen:  Zarathustra,  Osiris, 
Zeus.  Die  dreifache  Sonne  in  der  griechischen  und  romischen  Kultur. 
Julian  Apostata,  Durch  das  Mysterium  von  Golgatha  ist  das  dreifache 
Sonnenwesen  auf  die  Erde  gekommen.  Altere  Mysterien:  Geheimnis  der 
Geburt;  der  auferstandene  Christus:  Geheimnis  des  Todes.  Die  Verbin- 
dung  der  christlichen  Impulse  mit  dem  «antigeistigen»  Romertum.  Die 
moderne  Wissenschaft  als  Grundlage  der  Freihek.  Kardinal  Newman,  sein 
geistiger  Hintergrund,  sein  Leben  und  sein  Streben.  Ahrimans  Uberwin- 
dung  durch  Losreiften  des  Denkens  von  der  Gebundenheit  an  das  Gehirn. 


Anthroposophie  als  ein  Streben  nach  Durchchristung  der  Welt 

Esoterischer  Charakter  der  anthroposophischen  Bewegung.  Notwendige 
Auseinandersetzung  mit  der  Wissenschaft.  Kluft  zwischen  Esoterik  und 
Exoterik.  Die  Ausbildung  des  menschlichen  Intellekts.  Ahrimanische 
Krafte  im  Naturdasein.  Das  zukiinftige  lichte  Zeitalter.  Die  verschiedenen 
Arten  von  Elementarwesen  und  ihr  Verhaltnis  zu  Luzifer  und  Ahriman. 
Der  Rosenkreuzer-Spruch. 


London,  24.  April  1922 


179 


Wien,  ll.Juni  1922 


195 


Hinweise  

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften 


219 
223 


DAS  MENSCHLICHE  SEELENLEBEN 
IN  SCHLAFEN,  WACHEN  UND  TRAUMEN 

Bern,  21.  Marz  1922 

Wir  konnen  als  Menschen  von  den  eigentlichen  tieferen  Seelenratseln 
doch  nur  wissen,  wenn  wir  das  Gesamterleben  des  Menschen  ins  Auge 
fassen.  Dieses  Gesamterleben  des  Menschen  gliedert  sich  ja  in  der 
Zeit,  in  der  der  Mensch  seine  Erdenlaufbahn  durchmacht,  in  das 
Leben  zwischen  dem  Aufwachen  und  dem  Einschlafen,  also  in  den 
gewohnlichen  wachen  Tageszustand  und  das  Leben  zwischen  dem 
Einschlafen  und  dem  Aufwachen,  jenes  Leben,  das  der  Mensch  zu- 
bringt  in  einem  dunklen  Bewufitseinszustande,  aus  dem  zunachst  fur 
das  gewohnliche  Bewufksein  nur  heraufschlagen  die  Wellen  des 
Traumlebens. 

Es  handelt  sich  nun  darum,  dafi  man  gerade  diesen  Wechselzustand 
von  Schlafen  und  Wachen  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten 
aus,  von  denen  er  sich  betrachten  laflt,  auch  wirklich  ins  Auge  fafit. 
Wenn  wir  ausgehen  von  der  gewohnlichen  Lebensbetrachtung,  so  kon- 
nen wir  sagen:  Es  zeigt  sich  eben  in  dem  Traumzustand  ein  Obergang 
vom  Wachen  in  das  Schlafen.  Und  priifen  wir  den  Verlauf  des  Traum- 
lebens, so  mussen  wir  einen  bedeutsamen  Unterschied  machen  zwi- 
schen dem  Bildinhalte,  sozusagen  dem  Vorstellungsinhalte  des  Trau- 
mens,  und  dem  Verlauf  des  Traumens.  Auch  darauf  habe  ich  ja  6f- 
ters  aufmerksam  gemacht. 

Wir  konnen  dem  Inhalte  nach  dieses  oder  jenes  traumen.  Wir  miis- 
sen  aber  auch  sehen,  wie  der  innere  Gang  des  Traumes  ist,  sagen  wir, 
da£  er  mit  einer  gewissen  Dramatik  sich  abspielt,  dafi  wir  gewisser- 
mafien  eine  Art  von  Spannungszustand  zunachst  haben  im  Traume, 
der  immer  grofier  oder  starker  und  starker  wird,  und  daft  dann  eine 
gewisse  Losung  kommt,  oder  auch  dafi  sich  eine  solche  Losung  zuletzt 
nicht  ergibt,  sondern  aus  der  Spannung  heraus  das  Aufwachen  erfolgt. 
Wir  mussen  diesen  dramatischen  Vorgang  unterscheiden,  von  dem 
eigentlichen  Inhalt  des  Traumens. 

Sagen  wir  zum  Beispiel,  wir  traumten,  wir  machen  einen  Weg. 


Wir  kommen  an  eine  Bergeshohle.  Wir  betreten  die  Bergeshohle.  Es 
wird  uns  immer  unheimlicher  und  unheimlicher,  weil  es  finsterer  und 
finsterer  wird.  Endlich  iiberfallt  uns  ein  richtiger  Angstzustand,  und 
dann  kommen  wir,  trotzdem  wir  wissen,  wir  miissen  weitergehen,  an 
irgendein  Hindernis.  Der  Angstzustand  wird  immer  grofier  und  gro- 
wer. Wir  sehen,  wie  sich  eine  Spannung  aufbaut.  Der  Inhalt,  der  Vor- 
stellungsinhalt  des  Traumes  ist  aber  etwas  ganz  anderes.  Wir  konnen 
zum  Beispiel  auch  folgendes  traumen:  Wir  sehen  in  der  Feme  irgend 
etwas  herankommen,  was  uns  bedroht.  Es  kommt  immer  naher  und 
naher,  immer  klarer  und  klarer  werden  uns  die  einzelnen  Details,  und 
damit  wachst  unsereXngstlichkeit,entladt  sich  zuletzt  in  einem  mach- 
tigen  Angstzustand.  In  bezug  auf  die  Dramatik  des  Traumes  ist  in 
beiden  Fallen  dasselbe  vorliegend:  Dasjenige,  was  inner lich  sich  als 
Spannung  aufbaut.  Die  Bilder,  in  welche  sich  vorstellungsgemafi  der 
Traum  einkleidet,  sind  etwas  davon  Verschiedenes. 

Nun  werden  wir,  wenn  wir  weiter  gehen,  wenigstens  fur  das  meiste 
im  Traumleben  oftmals  finden,  dafi  dieses  Vorstellungsgemafie  des 
Traumens  doch  in  irgendeiner  Form  herausgenommen  ist  aus  den 
Erlebnissen  in  unserem  Erdendasein.  Gewifi,  manches  kann  umgewan- 
delt  sein,  manches  kann  sehr  maskiert  zum  Vorschein  kommen,  aber 
wir  werden  in  irgendeiner  Weise  dennoch  verstehen  konnen,  wie  Er- 
denverhaltnisse,  die  wir  durchlebt  haben,  sich  als  Bilder  in  den  Traum 
hereinbegeben. 

Was  liegt  denn  bei  einem  solchen  Traumen,  sagen  wir,  wenn  es 
ein  Traumen  im  Aufwachen  ist,  eigentlich  vor?  Nun,  wir  sind  ja  in 
der  Zeit  vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen  mit  unserem  seelisch- 
geistigen  Teil  —  wir  nennen  es  auch  den  astralischen  Leib  und  das 
Ich  -  aufier  unserem  physischen  Leib  und  dem  Atherleib.  Wir  ver- 
weilen  mit  unserem  Ich  und  unserem  astralischen  Leib  in  dieser  Welt, 
in  der  wir  zunachst,  so  wie  unser  Bewulksein  im  Erdendasein  ist, 
nicht  wahrnehmen  konnen,  weil  der  Astralleib  und  das  Ich,  in  dem 
wir  sind,  eben  etwas  Unbestimmtes  ist,  seine  Organe  zur  Wahrneh- 
mung  nicht  ausgebildet  hat.  Aber  deshalb  geht  doch  fortwahrend  in 
dem,  was  im  Schlafe  aufier  dem  physischen  Leibe  ist,  etwas  vor.  Wah- 
rend  der  ganzen  Zeit  zwischen  dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen 


geht  eigentlich  ein  reicheres  Leben  in  dem  astralischen  Leib  und  in  dem 
Ich  vor  sich  als  wahrend  des  Tagwachens.  Wir  konnen  es  nur  nicht 
gewahr  werden.  Und  dasjenige,  was  sich  im  Traume  als  Spannungs- 
zustande,  als  Entladungszustande,  als  Angst,  vielleicht  auch  als  Zorn, 
Wut  und  so  weiter  -  das  alles  kann  ja  in  den  Traum  hineinspielen  - 
in  die  verschiedensten  Bilder  kleiden  kann,  das  geht  vom  Einschlafen 
bis  zum  Aufwachen  mit  uns  vor. 

Wir  leben  eben  in  diesen  aufterleiblichen  Zustanden  in  einer  Welt, 
an  deren  Bewegungen  wir  teilnehmen,  gerade  so,  wie  wir  an  den 
Vorgangen  der  physischen  Aufienwelt  wahrend  des  Tagwachens  durch 
unsere  Sinne  teilnehmen.  Wenn  wir  nun  beim  Aufwachen  mit  unse- 
rem  Seelisch-Geistigen,  also  mit  dem  astralischen  Leib  und  dem  Ich, 
zuruckkehren  in  unseren  physischen  Leib,  da  ergreifen  wir  die  Or- 
gane  unseres  physischen  Leibes.  Wir  senken  uns  in  diese  Organe  ein. 
In  diesem  Augenblicke  werden  wir  wiederum  fahig,  eine  Aufienwelt 
wahrzunehmen,  die  Aufienwelt  der  Naturreiche,  Mineralien,  Pflan- 
zen,  Tiere,  des  physischen  Menschen.  Diese  Organe,  die  der  physische 
Leib  in  sich  gliedert,  die  durchsetzen  wir  mit  unserer  Seele.  Dadurch 
stehen  wir  in  Beziehung  zu  dieser  Auftenweit. 

Wenn  wir  nun  aber  nicht  gleich  vollstandig  untertauchen  in  unse- 
ren physischen  Leib,  sondern  wenn  wir  einen  Augenblick,  ehe  wir 
den  ganzen  physischen  Leib  ergreifen,  den  Atherleib  durchsetzen, 
dann  kommen  uns  aus  diesem  Atherleibe  die  Krafte,  welche  die  Bil- 
der des  Traumes  formen.  Diese  Bilder  tragt  den  Kraften  nach  der 
Atherleib  in  sich.  Es  sind  Lebensreminiszenzen,  Lebenserinnerungen. 

Wenn  wir  beim  Einschlafen  traumen,  kann  es  sein,  dafi  wir  unse- 
ren physischen  Leib  verlassen  und  durch  irgendwelche  Abnormitat 
nicht  gleich  den  Atherleib  verlassen.  Dann  leben  wir  ebenso,  bevor 
wir  in  die  vdllige  Bewufklosigkeit  hineingehen,  in  den  Bildern  des 
Atherleibes.  Aber  schon  beginnt  jenes  Gewoge  des  astralischen  Lei- 
bes und  des  Ich,  das  sich  vollzieht  wahrend  des  Zustandes  zwischen 
dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen.  Wir  mussen  also  durchaus 
trennen  die  Bilder,  die  der  Traum  enthalt,  und  den  dynamischen,  den 
Kraftverlauf  des  Traumes,  die  Dramatik  des  Traumes.  Die  beiden 
mussen  wir  streng  voneinander  trennen.  Und  wenn  wir  in  die  Lage 


kommen,  durch  Seelenubungen  diese  Trennung,  wie  ich  Ihnen  gerade 
theoretisch  geschildert  habe,  auch  praktisch  auszufiihren,  wenn  man 
in  die  Lage  kommt,  seinen  astralischen  Leib  und  sein  Ich  durch  Ubun- 
gen  so  stark  zu  machen,  daft  man  nicht  passiv  hinunterschliipft  in 
den  Atherleib  und  dann  in  den  physischen  Leib,  sondern  wenn  man 
lernt,  sich  jetzt  aufterhalb  des  Leibes  des  allgemeinen  Weltenathers  zu 
bedienen,  dann  kommt  man  zu  Wahrnehmungen,  die  man  sonst  eben 
nicht  haben  kann. 

Der  Ather,  der  abgesondert  ist  und  unseren  Atherleib  bildet,  ist 
ja  nur  ein  Teil  des  allgemeinen  Weltenathers.  Oberall  ist  Ather.  Wir 
gliedern  von  dem  allgemeinen  Ather  einige  Zeit  vor  unserer  Geburt 
dasjenige  ab,  was  unser  Atherleib  wird;  den  tragen  wir  dann  zwi- 
schen  Geburt  und  Tod  in  uns.  Der  allgemeine  Weltenather  bleibt 
unwahrnehmbar.  Er  wird  nur  wahrnehmbar,  wenn  wir  in  die  Lage 
kommen,  unseren  astralischen  Leib  und  unser  Ich  so  zu  verstarken, 
daft  wir  sie  aufterhalb  des  physischen  Leibes,  auch  wenn  wir  nicht 
schlafen,  halten  konnen,  daft  wir  aber  nicht  blofi  solche  Traumein- 
driicke  bekommen,  wie  wir  sie  eben  beim  Einschlafen  und  sonst  fur 
das  gewohnliche  Bewufttsein  haben,  sondern  daft  wir  im  aufterlichen 
Atherischen  wahrnehmen  konnen.  Dann  liegt  folgendes  vor: 

Ausgebreitet  ist  um  uns  die  physische  Welt.  Die  geht  uns  zunachst 
nichts  an.  Sie  bleibt  fur  uns  vorhanden,  wenn  wir  richtige  Ubungen 
machen,  wie  Erinnerungen  vorhanden  bleiben.  Wir  uberschauen  sie, 
wir  treten  nicht  aus  ihr  heraus  wie  der  Halluzinierende,  aber  sie 
geht  uns  zunachst  nichts  an.  Wir  haben  verstarkt  unseren  Astralleib 
und  unser  Ich.  Wir  nehmen  dadurch  wahr,  was  sich  in  der  Ather- 
welt,  nicht  in  der  physischen  Welt  abspielt.  Und  was  sich  nun  in  der 
Atherwelt  abspielt,  das  heiftt,  was  nun  wahrnehmbar  wird  fur  uns, 
das  ist  tatsachlich  nichts  anderes,  als  was  Sie  finden,  natiirlich  immer 
teilweise  nur,  der  Art  nach  wenigstens  dargestellt,  in  meinem  Buch 
«  Geheimwissenschaf  t» . 

Das  ist  so  gesehen,  daft  man  es  schaut  mit  dem  verstarkten  astra- 
lischen Leib  und  Ich,  die  aber  jetzt,  statt  daft  sie  sich  der  Augen,  der 
Ohren  bedienen,  um  physisch  wahrzunehmen  aufter  dem  Leibe,  eben 
atherisch  wahrnehmen.  Dieses  Atherische  stellt  sich  in  solchen  Bil- 


dern  dar,  die  man  dann  eben  so  schildern  kann,  wie  ich  es  in  meiner 
«Geheimwissenschaft»  geschildert  habe. 

Ich  rnochte  also  sagen:  Wenn  man  in  der  Lage  ist,  den  astralischen 
Leib  und  das  Ich  in  den  leibfreien  Zustand  zu  bringen,  wie  sie  sonst 
ja  jede  Nacht  im  Schlafe  auch  sind,  wenn  man  sie  aber  durch  Obun- 
gen  so  verstarkt  hat,  dafi  man  im  Weltenather  wahrnimmt,  so  hat 
man  zunachst  die  Welt  in  Imaginationen,  in  Bildern  vor  sich.  Das- 
jenige,  was  man  sonst  nur  als  einen  kleinen  Teil  der  Welt  im  Phy- 
sischen  sieht,  ist  da  so  erweitert,  dafi  man  zu  dem  Erdendasein  das 
Saturn-,  Sonnen-,  Mondendasein  und  so  weiter  darstellen  kann.  Das 
ist  zunachst  das  erste,  was  moglich  ist,  von  der  Welt  des  Obersinn- 
lichen  wahrzunehmen. 

Nun  aber  liegt  in  dem  iiberhaupt  alles  dasjenige,  was  Inhalt  der 
imaginativen  Welt  werden  kann.  Wir  kommen  schon  aus  der  Ather- 
welt  hinaus,  wenn  wir  durch  das,  was  ich  schildere  als  leeres  Bewulk- 
sein,  nun  nicht  mehr  in  Imaginationen,  die  da  kommen,  blofi  leben, 
sondern  wenn  wir  lernen,  die  Imaginationen  nun  auch  wiederum  zu 
vertreiben,  wenn  wir  also  in  die  Lage  kommen,  sowohl,  sagen  wir, 
eine  Imagination  in  der  Seele  aufzunehmen,  wie  auch  sie  fallen  zu 
lassen. 

Dadurch  stellt  sich  ein  seelischer  Zustand  ein,  der  mit  vollstandiger 
Willkur  zu  beherrschen  ist,  ein  seelischer  Zustand,  der  im  Bilde  lebt, 
dann  wiederum  das  Bild  unterdrikkt,  wieder  im  Bilde  lebt,  das  Bild 
unterdriickt.  Das  ist  der  Zustand  des  inspirierten  Erlebens  der  Welt. 
Da  erlebt  man  aber  eine  Welt,  die  auch  sonst  dem  Menschen  nicht 
ganz  fern  liegt.  Er  durchlebt  sie  jede  Nacht  im  traumlosen  Schlafe. 
Er  ist  nur  nicht  in  der  Lage,  was  in  ihr  spielt,  mit  seinem  Bewufitsein 
zu  erfassen.  In  dieser  Welt  nimmt  man  nun  nicht  blofi  Bilder  wahr,  son- 
dern indem  die  Bilder  auf f luten,  abf luten,  entstehen,  vergehen,  indem 
auch  im  auff lutenden  Bilde  es  still  wird,  im  abflutenden  Bilde  dafiir 
eine  Art  innerlichen  Tonens  erscheint,  so  daft  die  Welt  auch  in  bezug 
auf  die  Wahrnehmungen  mannigfaltig  wird,  nehmen  wir  in  dieser 
inspirierten  Welt  schon  wahr,  wenn  ich  so  sagen  darf,  die  Handlun- 
gen,  die  Taten  von  wirklichen  geistigen  Wesenheiten.  Bei  einer  sol- 
chen  Schilderung,  wie  ich  sie  in  der  «Geheimwissenschaft»  gegeben 


habe,  lafit  man  ja  schon  hineinspieleti  diese  Taten  von  geistigen  We- 
senheiten, obwohl  im  wesentlichen  dort  eben  die  Bilder  des  Welten- 
werdens  gegeben  sind.  Es  ist  aber  hingewiesen  auf  die  Wesen  der 
hoheren  Hierarchien,  Angeloi,  Archangeloi  und  so  weiter,  welche 
einem  in  diesem  Weltengewoge  von  entstehenden  und  vergehenden 
Imaginationen  erscheinen.  Ich  mochte  sagen,  auf  den  Wellen,  die 
man  da  erlebt  im  inspirierten  Leben,  weben  zu  gleicher  Zeit  diejeni- 
gen  Wesenheiten,  die  die  Wesenheiten  der  hoheren  Hierarchien  sind. 

Jetzt  merkt  man,  wie  das  eigene  Dasein,  aber  jener  Teil  des  Da- 
seins,  der  eben  nur  eigentlich  frei  wird  in  der  Zeit  zwischen  dem 
Einschlafen  und  dem  Aufwachen  wahrend  des  physischen  Erden- 
lebens,  wie  dieser  wesenhafte  Teil  des  Menschen  eingegliedert  ist  in 
eine  Welt  iibersinnlicher  Wesenhaftigkeiten.  Wir  sind  ja  in  der  Tat 
zwischen  dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen  durchaus  Angeho- 
rige  dieser  Welt,  Als  Seelen  bewegen  wir  uns  zwischen  Wesenheiten. 

Beim  imaginativen  Bewufitsein  ist  es  so,  dafi  man  eigentlich  nur 
eine  Anschauung  hat  von  dem,  was  diese  Wesen  tun.  Ich  mochte 
sagen,  die  erste  Stufe  des  ubersinnlichen  Bewufitseins  stellt  sich  so 
dar,  dafi  diese  Wesen  uns  gewissermafien  ihre  Bilder  entwerfen.  Das 
sind  die  Imaginationen.  Dann  kommt  man  dazu,  dafi  einem  nicht 
nur  Bilder  entgegengeworfen  werden,  sondern  dafi  Bilder  aufsteigen, 
abfluten,  und  in  diesem  Aufsteigen  und  Abfluten  vollziehen  sich  die 
Taten  der  Wesenheiten.  Aber  wir  sind  selber  darinnen  jetzt  in  dieser 
Welt  von  geschehender  Geistigkeit.  Wir  sind  da,  wenn  das  Bewufit- 
sein  durchschlagt,  durchaus  in  einem  Zustande,  in  dem  wir  so  leib- 
frei  sind  wie  sonst  fur  das  gewohnliche  Bewufitsein  im  traumlosen 
Schlaf,  wir  sind  tatsachlich  angehorig  einer  solchen  Welt,  in  der  gei- 
stige  Taten  geschehen.  Diese  Welt,  in  der  geistige  Taten  geschehen,  in 
die  wir  selber  einverwoben  sind,  macht  uns  eben  dasjenige  klar,  aus 
dem  wir  herauskommen,  wenn  wir  zur  Geburt  hin  auf  die  Erde  eilen, 
um  wiederum  ein  Erdendasein  zu  beginnen,  nachdem  wir  eine  Zeit- 
lang  in  der  geistig-seehschen  Welt  gelebt  haben. 

Es  ist  im  Grunde  genommen  der  Antritt  des  Erdendaseins  bei  der 
Geburt  das  Ausloschen  dieser  Welt.  Der  Mensch  kehrt  ja  jedesmal 
beim  Einschlafen  in  diese  Welt  zuriick,  aber  es  ist  die  innere  Aktivitat 


des  Astralischen  und  des  Ich  in  ihm  so  schwach  geworden  im  Laufe 
des  Lebens  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt,  dafi  er  geno- 
tigt  ist,  den  tiefsten  Wunsch,  die  tiefste  Sehnsucht  zu  haben,  dafi  ihm 
etwas  zu  Hilfe  kommt,  denn  er  wiirde  im  geistigen  Nichtstun  erster- 
ben  mtissen,  wenn  die  Geburt  wiederum  heranriickt  und  ihm  nicht 
etwas  zu  Hilfe  kommen  wiirde. 

Nehmen  wir  also  an,  der  Mensch  hat  sich  hindurchentwickelt  vom 
Tode  an  durch  die  geistigen  Geschehnisse  hindurch.  Anfangs  ist  sein 
Bewulksein  sehr  lebendig,  erinnert  sogar  in  den  ersten  Zeiten  an  das 
Erdenbewulksein.  Dann  steigt  er  immer  mehr  und  mehr  auf,  indem 
sein  Bewulksein  eben  teilnimmt  an  den  geistigen  Taten.  Aber  dieses 
Bewufitsein  schwacht  sich  dann  spater  ab.  Der  Mensch  kommt,  wenn 
die  Zeit  fur  eine  Erdengeburt  wiederum  herannaht,  in  einen  Zustand 
als  seelisches  Wesen,  der  sich  nur  vergleichen  lafk,  wenn  wir  ihn  durch 
etwas,  was  auf  der  Erde  da  ist,  charakterisieren  wollen,  mit  jemandem, 
der  beginnt  an  Gedachtnisschwund  zu  leiden,  der  also  gewissermafien 
schnappt  nach  seinen  Erinnerungen  und  sie  nicht  finden  kann.  So 
schnappt  der  Mensch,  wenn  das  Erdenleben  wiederum  herankommt, 
nach  Realitat,  nach  Erftilltsein  mit  Realitat.  Denn  stark  ist  in  diesem 
Momente  sein  Gefiihls-,  sein  Willensleben,  aber  die  Vorstellungen  sind 
dumpf,  er  kommt  zu  keinem  inneren  Inhalte,  Er  schnappt  gewisser- 
mafien  nach  den  Vorstellungen,  die  immer  dumpfer  und  dumpfer  wer- 
den,  wahrend  der  Wille  immer  machtiger  und  machtiger  wird.  Und 
dieser  Wunsch,  der  treibt  ihn  nun  zu  der  Erdenverkorperung  hin,  zu 
einem  Erdenorganismus,  der  ihm  durch  die  Vererbungsstromung  ge- 
geben  wird.  Den  kann  er  jetzt  als  Werkzeug  gebrauchen,  der  gibt  ihm 
die  Moglichkeit,  wiederum  zu  denken,  allerdings  jetzt  nur  zu  denken 
iiber  eine  physische  Au£enwelt,  aber  doch  das  Vorstellungsleben  wie- 
derum zu  entfalten,  das  dumpf  geworden  ist.  Durch  diesen  Wunsch 
also,  wiederum  denken  zu  konnen,  kommt  der  Mensch  in  die  physische 
Erdenverkorperung  herein.  Und  da  geht  er  durch  den  Schlafzustand 
durch,  in  dem  er  sich  langsam  dazu  entwickelt,  nun  audi  als  geistig- 
seelisches  Wesen  wiederum  leben  zu  konnen,  wenn  er  durch  die  Todes- 
pforte  durchgeht,  und  eben  den  Kreislauf  aufs  neue  zu  beginnen. 

Was  man  nunmehr  erfahrt,  indem  man  sich  im  leibfreien  Zustand 


erhebt  zu  dieser  Wahrnehmung  der  Welt,  die  einem  sich  in  Inspiration 
ergibt,  das  ist  das  ganze  Geheimnis  eben  von  dem,  wie  der  Mensch 
lebt  in  einer  Ubersinnlichen  Welt  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen 
Geburt:  wie  diese  iibersinnliche  Welt  wirklich  ist. 

Einiges  davon,  wie  der  Mensch  wiederum  hinkommt  zu  einer  Erden- 
verkorperung,  habe  ich  ja  geschildert  in  dem  Wiener  Zyklus  von  1914, 
«Inneres  Wesen  des  Menschen  und  Leben  zwischen  Tod  und  neuer 
Geburt ».  Steigt  man  jetzt  noch  weiter  auf,  dann  ergibt  sich  einem  das- 
jenige,  wovon  eigentlich  im  gewohnlichen  Bewufitsein  von  den  Men- 
schen nichts  gewufit  wird.  Wir  haben  im  Wachzustand  drei  deutlich 
voneinander  unterschiedene  Seelenzustande:  Denken,  Fuhlen,  Wollen. 
Wir  haben  auch  drei  solche  Zustande  im  Schlafen.  Aber  es  wird  ge- 
wohnlich  nur  zwischen  den  zweien  unterschieden,  demjenigen,  wo  der 
Schlaf  so  dunn  wird,  mochte  ich  sagen,  dafi  wir  traumen  konnen,  dem 
leisesten  Schlaf,  und  dem  traumlosen  Schlaf.  Aber  die  wenigsten  Men- 
schen wissen,  daft  man,  wenn  man  den  leisen  Schlaf  der  Traume  ver- 
gleichen  kann  mit  dem  Denken  des  Wachens,  und  den  traumlosen 
Schlaf  mit  dem  Fuhlen  des  Wachens,  dafi  es  dann  noch  zu  einem 
Tiefschlaf  kommt.  Es  wird  eben  verschlafen  dieser  Unterschied  zwi- 
schen dem  mittleren  Schlafzustand  und  jenem  Tiefschlaf,  der  sich 
dann  mit  dem  Wollen  des  Wachzustands  vergleichen  lafit.  Aber  diesen 
Tiefschlafzustand  gibt  es  auch. 

Manche  Menschen  werden  ganz  gewifi  dazu  kommen,  wenigstens 
im  Aufwachen  einen  gewissen  Unterschied  zu  bemerken.  Es  kommt 
ja  durchaus  vor,  dafi  der  Mensch  solche  Nachte  durchmacht,  in  denen 
er  nur  die  zwei  Schlafzustande  absolviert,  in  denen  er  nur  erlebt  den 
Traumschlaf  und  den  traumlosen  Schlaf,  aber  nicht  den  tieferen 
Schlaf,  der  sich  deutlich  von  dem  blolten  traumlosen  Schlaf  unter- 
scheidet.  Im  Aufwachen,  sagte  ich,  werden  manche  Menschen  schon 
bemerken,  wenn  sie  manchmal  aus  dem  Schlafe  auftauchen,  indem 
sie  sich  ganz  wie  erneut  fuhlen,  dafi  sie  schon  aus  tieferen  Wesenheits- 
regionen  heraufgehen,  als  das  sonst  der  Fall  ist.  Es  ist  notig,  diesen 
Unterschied  anzugeben,  der,  wie  gesagt,  im  gewohnlichen  Bewufitsein 
nicht  beriicksichtigt  wird.  Das  ist  so:  Wenn  wir  im  Traumschlaf e  sind, 
dann  leben  wir  eigentlich  in  einer  Welt  -  wir  sind  ja  aulkrhalb  unseres 


physischen  und  unseres  Atherleibes  -,  welche  durchaus  sich  verglei- 
chen  lafit  mit  jener  Welt,  die  sich  sonst  unsichtbar  abspielt  in  der 
Erdenumgebung,  da,  wo  die  Bluten  der  Pflanzen  sich  entfalten,  in 
Wechselwirkung  treten  mit  dem  Sonnenlichte.  Dieses  Weben  und  Le- 
ben  der  bliihenden  Pflanzen,  das  entgeht  ja  dem  gewohnlichen  Be- 
wufitsein.  Aber  in  diese  Welt  -  es  ist  ja  diejenige  Welt,  die  am  nachsten 
angrenzt  an  die  gewohnliche  Tageswelt  -  taucht  der  Mensch  zuerst 
unter.  Sie  ist  ja  auch  wiederum  iiberall,  und  indem  er  untertaucht  in 
diese  Welt,  lebt  er  im  Traumschlafe. 

Der  tiefere,  traumlose  Schlaf  ist  dann  der,  in  welchem  der  Mensch 
untertaucht  in  eine  Welt,  die  um  uns  herum  im  Innern  der  Pflanzen 
sein  wiirde.  Wir  sind  durchaus  in  einer  solchen  Welt,  wenn  wir  traum- 
los  schlafen,  wie  wir  waren,  wenn  wir  als  Geister  in  das  Innere  der 
Pflanzen  kriechen  konnten. 

Wenn  wir  aber  in  jenem  tieferen  Schlafe  sind,  der  ein  dritter  Schlaf- 
zustand  ist,  dann  sind  wir  vollstandig  untergetaucht  in  das  minera- 
lische  Reich.  Dann  gehen  auch  die  mineralischen  Prozesse  -  die  frii- 
here  Alchimie  hat  sie  die  Versalzungsprozesse  genannt  -  im  mensch- 
lichen  Organismus  am  starksten  vor  sich.  Dann  ist  gewissermaflen  der 
Mensch  nicht  nur  dem  pflanzlichen  Sein,  sondern  er  ist  dem  minera- 
lischen Sein  jhingegeben. 

Dem,  der  bewufit  eintreten  kann  in  diese  Welt,  in  der  der  Mensch 
sonst  in  diesem  tief sten  Schlafzustande  ist,  wird  wirklich  klar,  was  im 
Innern  der  Mineralien  lebt.  Und  wenn  der  Mensch  in  einer  Welt  lebt, 
wie  die  ist  im  Innern  der  Mineralien,  ist  ihm  so,  wie  wenn  er,  wah- 
rend  er  sonst  immer  ein  Mineral  von  aufien  anschaut,  es  nun  von  innen 
anschaut.  Sie  werden  nachfiihlen,  dafi  das  gesagt  sein  wollte  in  einer 
gewissen  Schilderung  des  Geisterlandes  in  meiner  «Theosophie».  In 
dieser  Schilderung  des  Geisterlandes  werden  Sie  durchaus  diese  Um- 
kehrung  finden.  Und  indem  der  Mensch  sich  in  diese  Umkehrung  hin- 
einlebt,  lebt  er  sich  in  diejenige  Welt  hinein,  in  welcher  er  Anteil  neh- 
men  kann  nicht  nur  an  den  Taten  der  hoheren  Hierarchien,  sondern 
an  den  Wesen  der  hoheren  Hierarchien,  wo  er  die  Wesen  der  hoheren 
Hierarchien  so  kennenlernen  kann,  wie  er  hier  Menschen  ihren  Seelen- 
eigenschaften  nach  in  der  physischen  Welt  wahrnimmt.  Da  sind  wir 


nicht  mehr  in  der  inspirierten  Welt,  da  sind  wir  in  der  Welt  der  In- 
tuition. Da  geben  wir  uns  nicht  nur  den  Handlungen,  den  Geisthand- 
lungen  der  geistigen  Wesenheiten  hin,  sondern  dem  Wesen  dieser  We- 
senheiten  selber. 

Dann  sind  wir  aber  auch  in  derjenigen  Welt,  in  welcher  fur  uns 
das  Karma  Tatsachlichkeit  wird.  Der  Mensch  wiirde  jedesmal,  wenn  er 
in  diesen  dritten  Schlaf zustand  kommt,  wenn  er  plotzlich  bewufit  wer- 
den  konnte,  sein  Karma  wahrnehmen.  Er  wiirde  wahrnehmen,  wie  die 
verflossenen  Erdenleben  in  das  gegenwartige  Erdenleben  hereinspielen. 
Der  Mensch  erlebt  sein  Karma  im  Tiefschlafe,  und  er  tragt  auch  die 
Ergebnisse  dieses  Erlebnisses  herein  in  den  physischen  Leib.  Aber  der 
physische  Leib  ist  nicht  geeignet  zum  Wahrnehmen  von  etwas  Derar- 
tigem.  Er  hat  dazu  zunachst  keine  Organe.  So,  wie  er  die  Augen  zum 
Schauen  nach  aufien,  die  Ohren  zum  Horen  nach  aufien  entwickelt, 
so  miifite  er  nach  innen  Wahrnehmungsorgane  entwickeln. 

Diese  Wahrnehmungsorgane  nach  innen  wiirden  ihn  aber,  wenn  er  sie 
entwickeln  wiirde,  wenn  er  also  korperlich  nach  innen  schauen  miilke, 
toten,  denn  der  menschliche  Organismus  kann  nicht  leben,  wenn  er 
die  Krafte,  die  zur  Bildung  der  Sinnesorgane  fuhren,  nach  innen 
schickt.  Wiirde  er  sie  nach  innen  schicken,  so  wiirde  er  gewissermafien 
mit  physischen  Organen  sein  Karma  sehen  konnen.  Man  kann  es  nur 
mit  geistigen  Organen  sehen,  eben  im  intuitiven  Erkennen. 

Aber  wir  sehen  daraus,  daft  der  Mensch  wahrend  seines  Erdenlebens 
sowohl  in  denjenigen  Kraften  lebt,  welche  seine  Umgebung  bilden  in 
der  Zeit  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt,  die  in  ihm  arbei- 
ten,  um  ihn  dann  in  einen  physischen  Erdenleib  einzugliedern,  wie  er 
auch  in  derjenigen  Welt  lebt,  in  der  sich  von  Erdenleben  zu  Erden- 
leben sein  Schicksal  abspielt.  Dieses  Schicksal  wird  uns  fur  das  ge- 
wohnliche  Bewufltsein  zugehullt,  weil  eben  der  Mensch,  wenn  er  un- 
vorbereitet  dieses  sein  Schicksal  wahrnehmen  wiirde,  in  einen  ganz 
besonderen  Zustand  kommen  wiirde. 

Wenn  der  Mensch  sein  Schicksal  wahrnehmen  konnte,  ohne  dafi  er 
dazu  Ubungen  macht  -  es  kann  ja  nicht  eintreten,  aber  ich  will  es 
hypothetisch  voraussetzen  -,  so  wiirde  aus  dieser  Wahrnehmbarkeit 
sogleich  in  ihm  der  Wunsch  entstehen,  gewissermafien  nach  innen  hin 


wahrnehmende  Organe  auszubilden.  Er  wiirde  gewissermaften  Augen 
und  Ohren,  die  nach  innen  sehen  und  horen,  ausbilden  wollen.  Das 
wiirde  aber  Krafte  bedeuten  fiir  seinen  Organismus.  Er  wiirde  nicht 
nur  aufwachen  so,  wie  er  jetzt  aufwacht,  sondern  er  wiirde  sich  aus 
dem  Schlaf e  die  Krafte  mitbringen,  seinen  Organismus  nach  innen  um- 
zubilden.  Das  heilSt,  er  wiirde  seinen  Organismus  toten. 

Der  menschliche  Organismus  ist  eben  so  eingerichtet,  dafi  das  Gei- 
stig-Seelische,  der  Astralleib  und  das  Ich,  nur  fiir  einen  Augenblick 
untertauchen  konnen  in  den  Atherleib;  dann  miissen  sie  sogleich  unter- 
tauchen  in  den  physischen  Leib,  nachdem  durch  das  Untertauchen  in 
den  Atherleib  Traumbilder  aufgestiegen  sind.  Aber  auch  da  mufi  gleich 
der  Atherleib  hergeben  das,  was  Inhalt  der  Bilder  ist.  Da  kann  der 
Mensch  nicht  hereinnehmen  dasjenige,  was  er  sonst  draufien  erlebt. 
Dann  rnufi  er  untertauchen  in  seinen  physischen  Leib,  den  er  so  lassen 
mufi,  wie  der  physische  Leib  ist,  dem  er  sich  hingeben  mufi,  indem 
er  sich  entschlossen  hat,  ihn  zu  gebrauchen,  als  er  heruntergestiegen 
ist  aus  der  geistig-seelischen  Welt,  eben  um  sich  eines  physischen  Leibes 
und  seiner  Organe  zu  bedienen.  Dasjenige,  was  da  jenseits  der  Schwelle 
liegt,  was  unwahrnehmbar  ist,  aber  doch  durchlebt  wird,  das  ist  im 
gewissen  Sinne  durchaus  ein  Abglanz  desjenigen,  was  wir  durchma- 
chen  zwischen  dem  Tod  und  einer  neuen  Geburt. 

Durch  eine  solche  Betrachtung  ergibt  sich  erst  das  Bild  des  vollstan- 
digen  Menschen.  Und  es  ergibt  sich  zu  gleicher  Zeit,  dafi  der  Mensch, 
so  wie  er  im  physischen  Erdenleben  wachend  ist,  geistig  ein  so  schwa- 
ches  Wesen  ist,  dafi  er  im  dumpfen  Schlafe  durch  die  Welt  stromen 
wiirde,  wenn  ich  so  sagen  darf,  ohne  irgend  etwas  wahrzunehmen, 
wenn  er  sich  nicht  seines  physischen  Leibes  bediente,  um  wahrzuneh- 
men. Der  Mensch  kann  zwischen  Geburt  und  Tod  eigentlich  nur  so 
angesehen  werden,  dafi  sein  Seelisches  in  einem  dumpfen  Zustande  lebt 
und  erst  sich  innerlich  selbst  erhellt,  wenn  es  sich  des  Leibes  bedient. 
Das  ist  die  relative  Berechtigung  des  Materialismus,  der  durchaus  rela- 
tiv  berechtigt  ist  fiir  das  Erdenleben,  denn  dasjenige,  was  eigentlich 
geistig-seelisch  ist,  bleibt  fiir  das  Erdenleben  dumpf. 

Nun  konnen  wir  fragen:  Gibt  es  vielleicht  eine  Moglichkeit,  noch 
etwas  scharfer  hinzuschauen  auf  dasjenige,  was  da  als  Geistig-Seeli- 


sches  lebt  und  teilnimmt  an  der  Welt,  wie  ich  sie  Ihnen  beschrieben 
habe,  teilnimmt  an  einer  Welt  flutender  Bilder,  abglanzender,  ab-  und 
auftonender,  abtonender  und  wiederaufglanzender  Bilder,  in  die  sich 
aber  auch  -  Sie  kennen  das  aus  meiner  Beschreibung  in  der  «Geheim- 
wissenschaft»  -  hineinmischt,  was  sich  mit  Geschmackswahrnehmun- 
gen  und  so  weiter  vergleichen  lafit  in  der  physischen  Welt.  In  dieser 
Welt  lebt  der  Mensch  vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen.  Aus  dieser 
Welt  heraus  kann  ihm  auch  die  Kunde  werden,  wenn  das  Bewufitsein 
in  ihm  verstarkt  wird,  wie  sein  Karma  liegt,  wie  sein  Schicksal  ist, 
wie  es  sich  abspielt  von  Erdenleben  zu  Erdenleben. 

Aber  wie  man  genauer  in  diese  Welt  hineinsehen  kann,  das  kann 
man  bemerken,  wenn  man  zunachst  auf  diejenigen  Wesen  hinschaut, 
die  im  Erdenleben  im  wesentlichen  den  astralischen  Leib,  nicht  ein 
ausgesprochenes  Ich  im  Erdenleben  haben.  Das  sind  die  Tiere.  Diese 
Tiere  haben  ja  auch  Schlafen  und  Wachen.  Wenn  man  an  den  Tieren 
nun  das  Schlafen  betrachtet,  dann  stellt  sich  folgendes  heraus.  Neh- 
men  wir  also  ein  einschlafendes  Tier.  Der  astralische  Leib  bewegt  sich 
heraus.  Dieser  astralische  Leib,  indem  er  sich  herausbewegt  aus  dem 
Tiere,  wird  sogleich  aufgenommen  von  einer  Welt,  die  sich  dann  fur 
die  Wahrnehmungen  darstellt  als  diese  flutende  Welt  von  herankom- 
menden,  wieder  verschwindenden  Imaginationen,  von  Tonungen. 
Dann  wiederum,  beim  Aufwachen,  zieht  sich  das  zuriick  in  das  Tier. 
Aber  wenn  wir  genauer  zuschauen,  so  bewegt  sich  doch,  wahrend  das 
Tier  schlaft,  dieses  flutende  Imaginationsleben  mit  den  Tonungen  in 
der  irdischen  Luft.  Von  dem  Momente  an,  wo  das  Tier  aufwacht,  be- 
wegt sich  das  Seelische  auf  den  Wellen  des  Atmungsprozesses,  durch 
die  Atmungsorgane  im  weitesten  Sinne  wiederum  zuriick  in  den  tieri- 
schen  Leib.  Dann  regt  es  die  Sinne  an,  dafi  die  teilnehmen  an  diesem 
Leben.  Aber  beim  Aufwachen  ist  es  im  wesentlichen  ein  Hereinfluten 
des  Seelischen,  wobei  die  Hautatmung  natiirlich  durchaus  berikksich- 
tigt  werden  mufi,  aber  man  hat  den  Herausgang  durch  die  Atmungs- 
vorgange,  und  dann  den  Hineingang  wiederum  durch  die  Atmungs- 
organe. Hat  man  das  einmal  geschaut,  dann  beginnt  man  auch  zu  ver- 
stehen,  wie  der  astralische  Leib,  wenn  das  Tier  erst  entsteht,  im  Em- 
bryonalleben  sich  mit  dem  Tier  vereinigt.  Er  vereinigt  sich  so,  dafi 


man  sagen  mochte:  Es  ist  die  Umkehrung  des  Prozesses,  bei  dem  der 
Astralleib  auf  den  Wogen  des  Atems  nach  auswarts  geht.  Er  geht  nach 
innen  und  baut  sich  erst  plastisch  nach  innen  den  Leib  auf. 

Wenn  Sie  dies  beachten,  dafi  das  Tier  eigentlich  seine  Gestalt  von 
seinem  Atmungsorgan  erhalt,  so  werden  Sie  viel  verstehen  lernen  von 
den  Formungen  des  Tieres.  Sehen  Sie  sich  Tiere  an,  wie  sie  die  Folge 
sind  ihrer  Atmungsorgane  im  weiteren  Sinne.  Es  ist  aber  nur  die  Art, 
wie  sich  das  Seelische  der  Tiere  in  sie  einlebt.  Vergleichen  Sie,  sagen 
wir,  ein  Riisseltier  mit  irgendeinem  Tiere,  dessen  Kopforgane  mehr 
mundformig,  nicht  riisselformig  gebildet  sind.  Die  ganze  iibrige  Gestalt 
des  Tieres  ist  darnach  gebildet,  und  die  Art  und  Weise,  wie  das  Tier 
atmen  kann,  ist  maftgebend  fur  seine  Gestalt.  Es  lebt  das  Seelische 
auf  den  Wogen  des  von  dem  Tier  aufgenommenen  Luftartigen. 

Wenn  wir  den  Menschen  anschauen,  so  tritt  noch  etwas  anderes  ein. 
Der  Mensch  hat,  auch  wenn  er  als  Kind  noch  nicht  sprechen  kann, 
die  Moglichkeit  zu  sprechen.  Daraufhin  sind  seine  Atmungsorgane 
schon  zubereitet.  Sie  sind  anders  als  die  Atmungsorgane  des  Tieres. 
Durch  diese  Form  der  Atmungsorgane  kann  die  Luft  in  einer  Weise 
eingehen,  dafi  nun  nicht  nur  ein  astralischer  Leib,  sondern  ein  Ich 
den  Menschen  auskleiden  kann,  von  dem  Menschen  Besitz  nehmen 
kann. 

Wer  das  durchschaut,  der  lernt  allerdings  die  Wahrheit  kennen:  Das 
Tier  wird  von  seinen  Atmungsorganen  im  weitesten  Sinne  zu  seiner 
Gestalt  gebildet,  der  Mensch  aber  wird  von  der  zur  Sprache,  zum 
Worte  modifizierten  Atmung  zu  seiner  Gestalt  gebildet.  In  dem  Men- 
schen wird  das  Wort  im  buchstablichen  Sinne  Fleisch,  seine  Gestalt 
ist  ein  Ergebnis  des  Wortes.  Ich  habe  vorhin  geschildert,  wie  die 
menschlichen  Seelen  sich  zwischen  den  Wesenheiten  der  iibersinnlichen 
Welten  bewegen.  Die  menschlichen  Seelen  gehoren  ja  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt,  zwischen  dem  Einschlafen  und  Aufwa- 
chen,  diesen  selben  Welten  an  wie  die  hoheren  geistigen  Wesenheiten. 
Wenn  wir  diese  Menschenseelen  betrachten,  so  ist  es  tatsachlich  so, 
dafi  sie  sich  in  einer  Weise  bewegen,  die  dann  iibergehen  kann  auf  die 
Wogen  der  Luft,  und  dasselbe,  was  der  Mensch  entfaltet,  wenn  er 
spricht,  diese  Art  der  Luftbewegung,  die  er  entfaltet,  wenn  er  spricht, 


die  entfaltet  sich  auch  in  seinem  Einatmen,  die  gestaltet  ihn,  wenn  sie 
in  ihn  hineingeht.  Man  kann  tatsachlich,  gewissermafien  auf  den  Luft- 
wogen  schwimmend,  die  menschlichen  Seelen  auf  diese  Art  erblicken. 
Das  riihrt  davon  her,  dafi  das  Ich  nicht  blo£  die  Luft  erfafit.  Bei  dem 
Tiere  ist  der  Astralleib  da,  der  erfafit  die  Luft,  und  erfafit  die  Luft 
mit  ihrenWarmezustanden.  Der  menschliche  Astralleib  erfafit  die  Luft, 
vermag  sich  auf  den  Wellen  der  Luft  zu  bewegen,  aber  er  erfalk  extra 
die  Warme,  den  Warmeather.  Indem  also  das  Ich  auf  den  Wellen  des 
Warmeathers  noch  extra  durch  die  Welt  hinstromt,  tingiert  es  die  At- 
mung,  wird  von  innen  nach  aufien  zur  Sprache,  von  aufien  nach  innen 
zur  Menschengestalt.  Erfafit  man  das  Konkrete  des  Sprachlebens,  dann 
lernt  man  in  dem  Sprachleben,  in  dem  kosmischen  Bilden  der  Worte 
erkennen,  was  gestaltenbildend  in  den  Menschen  eintritt,  was  plastisch 
wirkt  namentlich  im  Embryo  und  dann  im  Kinde,  indem  der  Mensch 
sich  durch  innerliche  Krafte,  plastisch  wirkend,  seine  Gestalt  gibt.  Und 
dieser  Zusammenhang  zwischen  dem  Worte  und  der  menschlichen  Ge- 
stalt ist  etwas,  wovon  man  als  einem  durchaus  Realen  sprechen  kann, 
weil  man  es  in  der  Weise,  wie  ich  es  Ihnen  jetzt  geschildert  habe, 
erschaut. 

Man  kann  auch  noch  das  Folgende  bemerken.  Wenn  Sie  den  ein- 
schlafenden  Menschen  nehmen,  so  bewegt  sich  sein  astralischer  Leib 
auf  den  Wogen  der  Luft  und  bleibt  innerhalb  des  Luftraumes;  sein 
Ich  geht  ins  Unbestimmte  fort,  verschwindet  gewissermafien  in  den 
Warmezustanden  der  Aufienwelt.  In  Warmeather  und  Luft  vermag 
schon  die  Seele  zu  leben  wahrend  der  Zeit,  wahrend  der  der  Mensch 
zwischen  dem  Einschlafen  und  Aufwachen  ist.  Und  so  haben  wir  den 
physischen  Leib  des  Menschen,  der  eigentlich  ganz  der  Erde  angehort, 
den  Atherleib  des  Menschen,  der  dem  wasserigen,  dem  fliissigen  Ele- 
mente  der  Erde  angehort,  der  zu  diesem  eine  besondere  Beziehung  hat, 
den  Astralleib,  der  dem  luftartigen  Elemente  angehort,  und  das  Ich, 
das  dem  Warmeelemente,  dem  Feuerelement  angehort.  Und  das  ist  es, 
was  man  nun  wiederum  auch  wahrnehmen  kann,  wenn  gewissermafien 
das  Weltenwort  einzieht  in  den  Menschen  und  zusammenholt 
die  Krafte  der  Luft,  der  Warme,  sie  verbindet  mit  den  Kraften  des 
Wassers  und  der  Erde.  Das  alles  ist  ein  Wechselspiel  von  Kraf- 


ten,  das  dann  von  dem  Inner-Seelischen  entfaltet  wird,  wenn  der 
Mensch  aus  der  geistig-seelischen  Welt  heruntersteigt  zu  einem  Erden- 
dasein. 

Diese  Dinge  konnen  natiirlich  nur  innerlich  angeschaut  werden, 
aber  sie  konnen  wirklich  innerlich  angeschaut  werden.  Und  man  moch- 
te  sagen:  Es  1st  ja  schwierig,  weil  die  heutige  Sprache  eigentlich  ganz 
fur  den  Materialismus  und  fur  eine  materialistische  Weltanschauung 
gebildet  ist,  sich  in  den  Worten  der  gegenwartigen  Sprachen  auszu- 
driicken,  aber  indem  es  immer  mehr  und  mehr  gelingen  mufi,  dasjenige, 
was  da  erschaut  wird,  wirklich  so  in  Worte  zu  kleiden,  dafi  daraus 
uberschaubare  Gedanken  sich  einleben  konnen  in  die  menschliche  Seele, 
wird  fur  jeden  begreiflich  werden,  was  mit  der  Einweihungswissen- 
schaft  uber  die  hohern  Welten  gesagt  werden  kann.  Es  ist  tatsachlich 
so,  dafi  ja  nur  durch  ubersinnliche  Forschung  diese  Dinge  gefunden 
werden  konnen,  aber  die  ubersinnliche  Forschung  ist  nicht  notwendig, 
um  diese  Dinge  zu  begreifen. 

Ich  habe  das  ofters  damit  verglichen,  dafi  ich  sagte,  man  kann  ein 
Bild  asthetisch  genielSend  beurteilen,  ohne  daft  man  selber  ein  Maler 
ist.  So  kann  man  auch  die  Geisteswissenschaft,  die  Anthroposophie, 
beurteilen,  ohne  daft  man  selber  ein  Forscher  ist,  obwohl  das  heute  bis 
zu  einem  gewissen  Grade  durch  die  Anleitungen  in  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten  ?»  und  so  weiter  jeder  werden  kann, 
so  dafi  er  auch  schon  bis  zur  Kontrolle  der  geisteswissenschaftlichen 
Forschungsergebnisse  kommen  kann.  Aber  den  eigentlichen  Wert  fur 
das  Leben  bekommt  der  Inhalt  der  geistigen  Wahrheiten  nicht  da- 
durch,  dafi  man  die  Dinge  erforscht,  sondern  dadurch,  dafi  man  sie 
versteht,  dafi  man  sie  in  sich  aufnimmt. 

Wer  nun  wirklich  diejenigen  Ideen  aufnimmt,  in  die  wahre  Geistes- 
forschung  gekleidet  wird,  von  dem  kann  man  sagen:  Er  hat  schon, 
auch  wenn  er  nur  den  gewohnlichen  gesunden  Menschenverstand  hat, 
die  Moglichkeit,  diese  Dinge  in  sich  aufzunehmen,  so  wie  auch  der- 
jenige  den  Geschmack  vom  Zucker  hat,  der  nicht  die  chemische  Zu- 
sammensetzung  des  Zuckers  kennengelernt  hat.  Dasjenige,  was  man 
vom  Zucker  haben  soil,  das  hat  man  unabhangig  davon,  ob  man  die 
chemische  Zusammensetzung  weiiS  oder  nicht.  So  ist  es  auch  mit  den 


ubersinnlichen  Wahrheiten.  Das,  was  man  von  ihnen  haben  soil,  das 
hat  man  durch  die  Einkleidung  in  die  Ideenwelt,  da  nimmt  man  sie 
auf.  Das  andere  ist  etwas,  was  ja  geschehen  mufi,  urn  sie  zu  erlangen, 
aber  was  einem  ebensowenig  hilft,  als  wenn  ich  einem  Kinde  sagen 
wiirde:  Ich  will  dir  keinen  Zucker  geben,  aber  ich  will  dir  erne  An- 
leitung  geben,  damit  du  verstehen  kannst,  in  welcher  Weise  der  Zucker 
chemisch  zusammengesetzt  ist.  -  Das  Kind  ware  nicht  zufrieden.  Eben- 
sowenig konnen  die  Menschen  zufrieden  sein  mit  dem  blofien  For- 
schen  in  die  geistigen  Welten  hinein,  sondern  es  mufi  erlebt  werden 
die  Umsetzung  der  geistigen  Resultate  in  formulierbare  Ideen.  Denn 
die  sind  erst  dasjenige,  was  dann  unser  seelisches  Wesen  so  verleben- 
digen  kann,  daft  wirklich  ein  Lebensinhalt  entsteht  durch  die  Ergeb- 
nisse  der  Anthroposophie. 

Wenn  dann  der  Mensch  dasjenige  aufnimmt,  was  durch  die  Anthro- 
posophie gegeben  wird  -  er  kann  ja  zunachst  aufnehmen,  sagen  wir, 
das,  was  in  Imagination  geschildert  wird  -,  dann  tut  er  schon  sei- 
nem  gesunden  Menschenverstand  ein  recht  Gutes  an,  denn  seine  Per- 
sonlichkeit  wird  freier,  innerlich  selbstandiger.  Damit  erlangt  sie  et- 
was, was  man  fur  die  Gegenwart  und  die  nachste  Zukunft  gar  sehr 
brauchen  wird.  Die  Menschen  sind  heute  wirklich  recht,  recht  abhan- 
gig  von  unkontrollierbaren  Ideen  und  so  weiter,  die  sie  aufnehmen. 

Ich  will  nur  daran  erinnern,  wie  die  Menschen,  die  heute  Versamm- 
lungen  politischer  oder  anderer  Art  besuchen,  eigentlich  bloft  eine 
Hammelherde  sind,  die  auf  die  Schlagworte,  die  ihnen  von  den  Red- 
nern  entgegengebracht,  entgegengeschleudert  werden,  hineinfallen  und 
ihnen  dann  nachlaufen.  In  dieser  Beziehung  ist  ja  die  heutige  Mensch- 
heit  furchtbar  unselbstandig.  Sie  ist  auch  unselbstandig  dadurch,  dafi 
sie  das  einmal  Festgesetzte  eben  aufnimmt.  Dadurch  kommen  die  Men- 
schen nach  und  nach  iiberhaupt  dahin,  gar  nicht  mehr  in  Wirklichkeit 
denken  zu  konnen,  sondern  nur  scheinbar  zu  denken,  weil  sich  ihr 
Denken  nicht  mehr,  ich  mochte  sagen,  im  geistigen  Licht  sehen  lassen 
kann.  Da  erlebt  man  ja  sonderbare  Dinge. 

In  Ankniipfung  an  eine  Eurythmie-Vorstellung  in  Berlin  zum  Bei- 
spiel  hat  neulich  ein  geistreicher  Kritiker  sich  folgendes  geleistet,  er 
hat  gesagt:  Da  haben  die  nun  zuerst  ernste  Stiicke  und  nachher  humo- 


ristische  Stiicke  gegeben.  Man  sieht  die  Unmoglichkeit  der  Eurythmie 
schon  daran,  dafi  die  humoristischen  Stiicke  mit  denselben  Bewegungs- 
formen  gegeben  sind  wie  die  ernsten  Stiicke. 

Nun  hatte  man  zuerst  auseinandergesetzt,  daft  die  Eurythmie  eine 
sichtbare  Sprache  ist,  dafi  es  also  wirklich  darauf  ankommt,  den  In- 
halt,  den  die  Eurythmie  gibt,  eben  einfach  als  Sprache  aufzufassen. 
Was  ware  denn  die  Konsequenz  desjenigen,  was  so  ein  geistreicher 
Kritiker  da  sagt?  Die  Konsequenz  ware,  dafi  er  sagen  miifite:  Wenn 
zum  Beispiel  ein  Deklamator  sich  der  gewohnlichen  Lautsprache  be- 
dient,  so  darf  er  fur  irgendeine,  zum  Beispiel  die  deutsche  Sprache,  die 
ernsten  Gedichte  nicht  mit  denselben  Lauten  vortragen,  mit  denen  er 
die  komischen  Gedichte  vortragt.  Darin  miifke  er  ebenso  einen 
Widerspruch  finden,  wie  wenn  bei  der  sichtbaren  Sprache  dieselben 
Bewegungen  auftreten  fur  die  komischen  und  fur  die  ernsten,  fur  die 
seriosen  Gedichte.  Es  ist  also  ein  absoluter  Unsinn.  Die  Leute  lesen 
das,  merken  aber  gar  nicht,  daft  das  gar  keine  Gedanken  mehr  sind, 
sondern  dafi  das  nur  ein  Abrollen  von  Gehirnprozessen  ist,  die  sich 
als  Gedanken  zwar  spiegeln,  aber  keine  Gedanken  mehr  sind,  es  ist 
die  absoluteste  Torheit.  An  so  etwas  zeigt  sich,  wie  die  Menschen  ihre 
innere  Aktivitat  verloren  haben.  Das  wirkliche  Leben  in  Gedanken, 
das  mu!5  gerade  dadurch  kommen,  daft  die  Menschen  sich  einleben  in 
das  imaginative  Leben  und  was  aus  dem  imaginativen  Leben  kommt, 
mit  dem  gesunden  Menschenverstand  verfolgen.  Der  Mensch  wird  da- 
durch aktiver,  er  wird  wiederum  im  vollsten  Sinne  des  Wortes  eine 
Personlichkeit. 

Von  ganz  besonderer  Wichtigkeit  ist  es  aber,  sich  einzulassen  auf 
das,  was  aus  dem  inspirierten  Bewufitsein  heraus  geoffenbart  wird. 
Wenn  man  so  mit  dem  gesunden  Menschenverstand  das  nachlebt,  was 
als  Inspiration  geschildert  wird,  dann  verwandelt  sich  allmahlich  - 
ich  habe  das  schon  verschiedentlich  auch  in  anderen  Zusammenhangen 
angedeutet  -  das  Wahre  und  Falsche  in  gesundes  und  krankes  Urteil. 
Man  hat  das  Gefiihl  bei  etwas,  was  unwahr  ist,  dafi  es  etwas  Krankhaf- 
tes  ist.  Bei  dem,  was  wahr  ist,  hat  man  das  Gefiihl:  Es  ist  etwas  Ge- 
sundes. Die  Logik  des  Wahren  und  Falschen  hat  eigentlich  nur  fur  die 
physische  Welt  eine  Bedeutung.  Sobald  wir  uns  in  die  geistige  Welt 


hineinleben,  empfinden  wir  das  Wahre  als  ein  Gesundes  und  das  Fal- 
sche,  den  Irrtum,  als  etwas  Krankes. 

Dadurch  aber,  indem  wir  uns  im  Nachstudieren  der  Inspirations- 
wahrheiten  den  Sinn  fiir  das  gesunde  und  kranke  Urteil  aneignen, 
bereiten  wir  uns  den  Weg,  nun  das  Christus-Ereignis  zu  verstehen. 
Denn  das  Christus-Ereignis  trat  in  die  Welt  aus  dem  Grunde  ein,  weil 
die  Entwickelung  der  Menschheit  drohte,  krank  zu  werden.  Von  dem 
Christus-Ereignis,  von  dem  Mysterium  von  Golgatha  geht  die  Kraft 
aus,  dafi  sich  der  Mensch  wiederum  zur  Wahrheit,  zur  Gesundung  hin- 
wenden  kann.  Durch  die  inspirierten  Wahrheiten  erwerben  wir  uns 
wirklich  wiederum  die  Moglichkeit,  Sinn  zu  bekommen  fiir  die  reli- 
giosen  Wahrheiten,  insbesondere  fiir  die  Wahrheiten  des  Christentums, 
lernen  wir  wiederum  verstehen,  warum  die  Wesenheit  des  Christus 
als  ein  Heiland  gefeiert  wurde,  als  einer,  der  die  Menschheit  wirklich 
heilt,  heilte  und  fortdauernd  heilt.  Das  Wort  ist  wirklich  in  diesem 
Zusammenhange  entstanden.  Weil  zur  Zeit  des  Mysteriums  von  Gol- 
gatha noch  die  alten  Hellsehereigenschaften  da  waren,  die  dann  im 
vierten  Jahrhunderte  nach  dem  Mysterium  von  Golgatha  verglom- 
men  sind,  dann  nur  noch  dem  Begriffe  nach  da  waren,  deshalb  hat 
man  damals  noch  eingesehen,  was  das  Mysterium  von  Golgatha  be- 
deutet. 

Heute  miissen  wir  uns  erst  wiederum  zu  diesem  Einsehen  durchrin- 
gen.  Christus  hat  bis  zum  Mysterium  von  Golgatha  gelebt  in  der  Welt, 
die  wir  betrachten  im  Traumschlaf,  so  dafi  der  Christus  vor  dem  My- 
sterium von  Golgatha  fiir  jeden  Menschen  wahrnehmbar  war  im 
Traumschlafe.  Aber  kein  Mensch  durfte  denken  -  das  war  etwas,  was 
durchaus  aus  den  Mysterienschulen  heraus  den  Menschen  klargemacht 
wurde  -,  dafi  dasjenige  Wesen,  das  im  Christus  lebt,  mit  irdischen 
Gedanken  erreichbar  sein  konnte,  dafi  man  es  auch  gefunden  haben 
konnte  im  Wachzustande.  Das  wurde  erst  moglich  durch  das  Myste- 
rium von  Golgatha,  dadurch  dafi  Christus  durch  den  Tod  gegangen 
ist.  Seit  jener  Zeit  darf  iiber  ihn  gedacht  werden  als  eine  Wesenheit, 
die  dem  Erdenleben  selber  angehort.  Da  wurde  eine  reale  Vorstellung 
fiir  das  Erdenleben  der  aus  dem  Traumlande  in  das  physische  Land 
herausgegangene  Gott. 


Das  ist  ein  realer  Prozefi:  Der  Gott,  der  kennengelernt  hat  dasje- 
nige,  was  die  Gotter  sonst  nicht  kennen,  der  gelernt  hat  zu  sterben, 
der  die  Sterbetatsache  in  sich  einbezogen  hat,  das  ist  der  Christus,  der 
Gott,  der  eintritt  in  diejenige  Welt,  wo  es  Geburt  und  Tod  gibt,  das 
Heruntergehen  des  Gottes  in  die  Menschennatur.  Gott  wird  Mensch. 
Es  ist  dieses  eben  die  Formel,  in  der  ausgesprochen  werden  kann,  was 
der  Christus  geworden  ist:  Fur  die  Erde  das  Urbild  der  Menschheit, 
fur  die  Erde  dasjenige,  durch  das  die  Menschheit  Sinn  bekommt.  Und 
wenn  sich  das  andere  vollzogen  hatte,  wenn  in  derselben  Zeit,  in  der 
der  Gott  Mensch  geworden  ware,  auch  ein  Mensch  den  Drang  gehabt 
hatte,  Gott  zu  werden,  das  heifit,  nicht  mehr  zu  sterben,  nicht  mehr 
den  Gesetzen  des  irdischen  Lebens  unterworfen  zu  sein,  dann  wiirde 
er  naturlich,  wahrend  der  Gott  der  vollkommenste  Mensch  wurde, 
indem  er  herunterstieg,  der  elendeste  Gott  geworden  sein.  Diesen  po- 
larischen  Gegensatz  haben  Sie!  Nicht  umsonst  steht  neben  dem  Chri- 
stus, der  auf  Golgatha  hinaufsteigt,  der  Ahasver,  der  Mensch,  der  zum 
Gotte  wird,  aber  zum  stiimperhaften  Gotte,  der  die  Moglichkeit  des 
Sterbens  verliert,  der  nun  durch  die  Welt  wandelt,  nicht  sterben  kann, 
der  Gott,  der  auf  dem  physischen  Plane  bleibt,  aber  auf  dem  physi- 
schen  Plane  dieselben  Eigentiimlichkeiten  entwickelt,  die  eigentlich 
nur  im  Traumlande  entwickelt  werden  durften. 

Es  ist  ein  Ungeheures,  Geistvolles,  das  da  vor  unsere  Seele  hinge- 
stellt  wird,  dafi  beigegeben  ist  dem  Gotte  der  Mensch,  der  Gott  ge- 
worden ist,  aber  allerdings,  wie  es  selbstverstandlich  ist,  in  einer  ihn 
elend  machenden  Weise.  Der  Mensch,  der  Gott  geworden  ist,  der  er- 
halt  innerhalb  der  Erdenentwickelung  auch  das  Prinzip,  dafi  die  Gott- 
heit  nicht  herunterkommen  soil  auf  den  physischen  Plan:  das  Juden- 
tum,  die  alttestamentliche  Weltanschauung. 

Hier  liegt  ein  Mysterium  schon  vor.  Derjenige,  der  diese  Dinge 
kennt,  weifi:  Ahasver  ist  eine  wirkliche  Wesenheit,  und  die  Ahasver- 
Sagen  beruhen  schon  auf  realen  Eindriicken  von  Wahrnehmungen  des 
Ahasver,  die  da  oder  dort  gewesen  sind,  denn  Ahasver  ist  vorhanden, 
und  Ahasver  ist  der  Pfleger  des  Judentums,  nachdem  das  Mysterium 
von  Golgatha  da  war.  Es  ist  der  Mensch,  der  Gott  geworden  ist.  Wir 
miissen  uns  durchaus  klar  sein,  dafi  wir  zu  einer  vollstandigen  Ge- 


schichtserkenntnis  audi  nur  dadurch  kommen,  dafi  wir  das  Geistige 
hereinbeziehen. 

Wir  schauen  auf  der  einen  Seite  nach  der  Menschwerdung  Gottes 
im  Ereignis  von  Golgatha,  wir  schauen  nach  der  Gottwerdung  des 
Menschen  in  dem  Ahasver.  Und  der  Eingeweihte  kann  wissen,  dafi 
der  Ahasver  wirklich  herumwandelt.  Man  kann  ihn  natiirlich  nicht 
als  einen  Menschen  sehen.  Er  ist  ja  ein  Gott  geworden.  Aber  er  wan- 
delt  herum.  Er  ist  im  Erdendasein  vorhanden.  Und  wirkliche  Ge- 
schichtsdarstellungen,  die  die  voile  Realitat  erfassen,  die  machen  es 
notwendig,  dafi  man  hinschaut  auf  das,  was  auch  als  geistige  Realitat 
durch  das  geschichtliche  Werden  der  Menschheitsentwickelung  geht. 

Gewifi  sind  viele  Dinge  in  Bildern  nur  vorhanden.  Es  kommt  ja  nur 
darauf  an,  dafi  man  weifi,  dafi  diese  Bilder  Realitaten  entsprechen.  Es 
ist  toricht,  zu  sagen,  man  soli  sich  nicht  in  solchen  Bildern  ausdriicken. 
Indem  wir  sprechen,  driicken  wir  uns  ja  immer  in  Bildern  aus.  Neh- 
men  Sie  das  Sanskritwort  «Manas».  Wer  «Manas»  versteht,  der  hat 
vor  sich  im  Laut  malerisch  die  Schale,  den  Mond,  die  Sonne  tragend, 
weil  man,  indem  man  «Manas»  aussprach  in  Ur-Sanskrit,  den  Men- 
schen seinem  Willenswesen  nach  fiihlte  wie  die  Schale,  die  dann  das 
denkende  Wesen  trug.  Alle  Worte  gehen  auch  auf  Bilder  zuriick,  sind 
nur  elementarere,  einfache  Bilder.  Dasjenige,  was  man  durch  die  Wor- 
te ausdriickt,  liegt  ja  nicht  in  den  Worten  drinnen.  Wenn  es  nun  kom- 
pliziertere  Wesenhaftigkeiten  gibt,  die  man  nicht  mit  Worten  so  aus- 
driicken kann,  mufi  man  eben  Bilder  formen.  Wenn  man  also  von 
Ahasver  spricht  und  von  den  Sagen  des  Ahasver,  wie  man  sonst  bei 
den  Bildern  spricht,  so  sind  das  nur  kompliziertere  Ausdrucksformen, 
die  auf  die  geistige  Seite  hinweisen. 

Derjenige,  der  in  diesem  Sinne  iiber  Mythologie  schimpft,  der  sollte 
nur  auch  gleich  dariiber  schimpfen,  dafi  die  Menschen  eine  Sprache 
ausgebildet  haben,  durch  die  sie  einen  Inhalt  ausdriicken  wollen.  Er 
sollte  gebieten,  dafi  sie  stumm  werden,  denn  die  nachste  Stufe  nach 
dem,  zu  verbieten,  dafi  sie  eine  Mythologie  ausbilden,  ware,  dafi  man 
dem  Menschen  verbietet,  zu  sprechen.  Denn  es  ist  ganz  derselbe  Vor- 
gang  des  Verbildlichens  in  der  gewohnlichen  Sprache  wie  beim  hohe- 
ren  Verbildlichen,  wenn  man  so  etwas  hinstellt  wie  den  Ahasver,  der 


als  ein  Wesen,  aber  eben  als  ein  Geistwesen  durch  die  Weltenentwicke- 
lung  geht  und  f  ortdauernd  verhindert,  dafi  der  Mensch  auf  die  Weise, 
wie  es  in  seiner  Entwickelung  liegt,  durch  den  Christus  wiederum  zu- 
riickkehrt  in  die  geistige  Welt,  aus  der  er  herausgegangen  ist,  als  er  das 
atavistische  Hellsehen  verloren  hat. 

Das  wollte  ich  heute  sagen,  um  auf  der  einen  Seite  hinzuweisen  auf 
des  Menschen  wirkliches  Darinnenstehen  in  der  geistigen  Welt,  durch 
eine  richtige  Charakteristik  des  Schlaf-  und  Traumzustandes,  und  an- 
dererseits  darauf,  dafi  in  der  Geschichte  geistige  Wesenheiten  leben, 
die  erst  den  vollen  Verlauf  der  Geschichte  verstandlich  machen. 


DIE  DREI  ZUSTANDE  DES  NACHTBE WUSSTSEINS 

Dornach,  24.  Mdrz  1922 


Der  Wachzustand  des  Menschen  ist  ja  das  zunachst  Bekannte,  aber 
innerhalb  dieses  bekannten  Gebietes  enthiillen  sich  eigentlich  nicht  die 
Ratsel  des  Daseins.  Wiirde  ohne  weiteres  aus  dem  Wachzustande  her- 
aus,  wie  er  uns  fur  das  gewohnliche  Leben  und  fiir  die  gewohnliche 
Wissenschaft  dient,  die  Losung  der  Lebensratsel  erfolgen  konnen,  so 
waren  sie  eigentlich  nicht  vorhanden,  denn  sie  wiirden  sich  fortwah- 
rend  enthiillen.  Der  Mensch  wiirde  gar  nicht  dazu  kommen,  zu  fragen. 
Dafi  der  Mensch  fragt:  Welches  sind  die  tieferen  Griinde  des  Lebens?  - 
dafi  er,  wenn  er  auch  vielleicht  nicht  zu  einer  genauen  Formulierung 
dieser  Lebensratselfrage  kommt,  doch  aus  den  Tiefen  seiner  Seele  her- 
aus  die  Sehnsucht  hat,  etwas  zu  wissen,  was  sich  nicht  durch  das  ge- 
wohnliche Bewufitsein  beantwortet,  das  bezeugt,  dafi  aus  den  Unter- 
griinden  der  menschlichen  Seele,  also  auf  eine  mehr  oder  weniger  unbe- 
wufite  Art  etwas  heraufkommt,  das  zum  Menschen  gehort,  das  aber 
erst  gesucht  werden  mufi,  wenn  es  zum  klaren  Bewulksein  kommen 
soil.  Und  das  fiihrt  denjenigen,  der  das  Leben  weniger  beobachtet, 
dazu,  zu  spekulieren,  allerlei  Philosophien  auszubilden.  Solche  Philo- 
sophien  bleiben  dann  zuletzt  unbefriedigend.  Wer  aber  mit  einer  ge- 
wissen  Unbefangenheit  auf  die  Erscheinungen  des  Lebens  hinblickt, 
dem  mufi  doch  aufgehen,  dafi  sich  in  dem  anderen  Zustande,  der  dem 
Wachen  entgegengesetzt  ist,  in  dem  Schlafzustande,  irgend  etwas  ver- 
hiillt,  und  dafi  aus  dem  Verstandnis  des  Schlafzustandes  heraus  immer- 
hin  ein  Verstandnis  des  Lebens  kommen  konne.  Wir  haben  ja  oftmals 
solche  Dinge  besprochen;  allein  von  den  verschiedensten  Gesichts- 
punkten  aus  mufi  immer  wieder  auf  diese  Dinge  zuruckgekommen 
werden,  denn  Anthroposophie  lafit  sich  nur  begreifen,  wenn  man  sie 
von  den  verschiedensten  Seiten  her  zu  begreifen  versucht. 

Nun  wogt  aus  dem  Schlaf  heraus  zunachst  das  Traumleben.  Das 
Traumleben  verlauft  in  Bildern.  Man  kann  ja  sehr  bald  bemerken, 
wenn  man  sich  darauf  verlegt,  dieses  Traumleben  zu  betrachten,  dafi 
die  Bilder  doch  auf  irgend  etwas  aus  dem  Leben,  aus  dem  gewohnli- 


chenBewufitseinsleben  hinweisen.  Wenn  man  auch  oftmals  sagen  kann, 
Dinge  werden  getraumt,  die  man  so  nicht  erlebt  hat,  so  mochte  ich 
sagen,  die  Stiicke,  aus  denen  sich  der  Traum  zusammensetzt,  die  Stucke 
von  Bildern,  die  sind  natiirlich  dennoch  aus  dem  gewohnlichen  Be- 
wufitsein  genommen.  Etwas  anderes  aber  ist  die  ganze  Dramatik  des 
Traumes,  die  Art  und  Weise,  wie  der  Traum  seine  Spannungen  auf- 
baut,  wie  er  inneres  Angstgefiihl,  inneres  Freudegefiihl,  Schwungge- 
fiihl  hervorrufen  kann.  Was  der  Verlauf  der  Traumbilder  bedeutet, 
das  geht  schon  tiefer  in  die  menschliche  Natur  hinein,  und  man  kann 
das  sehen,  wenn  man  etwa  folgendes  ins  Auge  fafk. 

Sie  konnen  traumen,  Sie  machen  einen  Weg,  Sie  kommen  an  einen 
Berg.  Sie  betreten  eine  Bergeshohle.  Zunachst  ist  es  noch  dammerig. 
Es  wird  finster.  Ein  unbekannter  Drang  aber  veranlafk  Sie,  immer 
weiterzugehen.  Angstlichkeit  stellt  sich  ein.  Das  alles  steigert  sich,  bis 
Sie  zuletzt  in  dem  Furchtzustande  stehen,  sagen  wir,  in  einen  inner- 
lichen  Abgrund  hineinzufallen,  Sie  konnen  dann  aus  diesem  Furcht- 
zustande erwachen,  indem  dieser  Furchtzustand  gleichsam  noch  an- 
dauert  beim  Erwachen. 

Sie  konnen  aber  auch  traumen,  Sie  stiinden  irgendwo,  sahen  von 
ferneher  einen  Menschen  kommen.  Er  kommt  immer  naher;  aber  er 
hat  einen  schrecklichen  Ausdruck.  Und  wenn  er  naher  kommt,  bemer- 
ken  Sie,  er  hat  die  Absicht,  irgendeine  Attacke  auf  Sie  auszuiiben. 
Ihre  Angstlichkeit  wachst.  Er  kommt  immer  naher.  Er  verwandelt  viel- 
leicht  das  zunachst  noch  harmlose  Instrument,  das  er  Ihnen  von  feme 
gezeigt  hat  -  der  Traum  ist  ja  ein  Verwandler  -  in  ein  furchtbares 
Mordinstrument.  Die  Angstlichkeit  steigert  sich  wiederum  zur  Furcht, 
und  Sie  wachen  jetzt  mit  dieser  Furcht  auf,  indem  sich  wiederum  die 
Furcht  fortsetzt  ins  wache  Tagesleben  hinein. 

Es  sind  zwei  ganz  verschiedene  Bilder.  Das  eine  Mai  eine  Bilder- 
reihe,  die  Sie  in  das  Berginnere  hineinfiihrt,  das  andere  Mai  eine  Bil- 
derreihe,  die  sich  an  einen  herankommenden  Feind  anschliefk.  Die 
Seele  kann  dasselbe  durchmachen,  trotzdem  die  zwei  Bilderreihen 
ganz  verschieden  sind.  Was  die  Seele  da  durchmacht,  das  ist  eben 
etwas  ganz  anderes,  als  was  das  Bewufitsein  im  Aufwachen  erlebt. 
Man  kann  sagen,  auf  die  Bilder  kommt  es  iiberhaupt  gar  nicht  an, 


sondern  es  kommt  darauf  an,  wie  die  Seele  eine  gewisse  innere  Dra- 
matik  durchmacht:  wie  die  Seele  zunachst  einen  Drang  hat,  oder  wie 
an  die  Seele  etwas  herankommt  statt  des  Dranges,  wie  das  dann  aber 
iibergeht  in  Angstlichkeit,  in  Furcht,  und  dann  gewissermafien  den 
Menschen  dazu  bringt,  sich  aufzuriitteln  aus  dem  Schlafe  und  in  das 
gewohnliche  Bewufitsein  iiberzugehen.  Was  da  hinter  dem  Traume 
steckt  an  sich  steigernden  Kraften,  die  aber  selber  nicht  wahrgenom- 
men  werden,  die  sich  in  Bilder  kleiden,  das  ist  es,  worauf  es  ankommt. 
Und  die  beiden  Bilderreihen,  die  ich  charakterisiert  habe,  konnte  ich 
noch  vielfach  vermehren;  derselbe  Seeleninhalt  konnte  sich  in  zehn, 
zwanzig,  hundert  verschiedene  Bilder  kleiden.  Wir  mussen  also  sagen: 
Da  ist  irgend  etwas  -  wenn  ich  schematisch  zeichne  -,  das  in  der  Seele 
ablauft  (blau,  griin.  Siehe  Zeichnung  Seite  46).  Aber  das,  was  da  in 
der  Seele  ablauft,  das  merkt  der  Mensch  nicht;  er  weifi  es  nicht.  Was 
er  weifi,  das  sind  Bilder.  Ich  zeichne  sie  hier  schematisch  daran  (gelb). 
Diese  Bilder  erlebt  dann  der  Mensch  in  seinem  Bewufitsein  von  dem 
Traume.  Das  aber,  worauf  es  ankommt,  das  ist  die  Steigerung:  schwa- 
che  Angstlichkeit,  starkere  Angstlichkeit,  hochste  Furcht.  Die  Traum- 
bilder  sind  mehr  oder  weniger  doch  vom  Leben  genommen,  denn  so- 
wohl  der  Berg,  wie  die  Bergeshohlung,  alles  ist  im  Grunde  genommen 
dem  Leben  entlehnt.  Der  Feind,  der  sich  naht,  ist  dem  Leben  entlehnt, 
seine  Waffe  ist  dem  Leben  entlehnt.  Die  Bilder  nehmen  ihren  Inhalt 
aus  dem  Leben.  Aber  das  ist  nur  die  Einkleidung.  Wenn  man  nun 
durch  das,  was  ich  oftmals  als  das  imaginative  Bewufitsein  charakte- 
risiert habe,  die  Moglichkeit  hat,  hinter  dieser  Einkleidung  stehenzu- 
bleiben,  gar  nicht  solche  Bilder  zu  bilden,  sondern  hier  drinnen  in  den 
Kraften  der  Seele,  die  Angstlichkeit,  Furcht,  hochste  Furcht  sind,  mit 
dem  imaginativen  Bewufitsein  zu  bleiben,  wenn  man  also  in  der  Lage 
ist,  da  drinnen  Bilder  zu  formen,  dann  kommt  etwas  ganz  anderes  zu- 
stande. 

Denn,  wenn  Sie  schlafen,  sind  Sie  ja  zunachst  mit  Ihrem  Ich  und 
mit  Ihrem  astralischen  Leibe  aufierhalb  des  Atherleibes  und  des  phy- 
sischen  Leibes.  Wenn  Sie  aufwachen,  dringen  Sie,  wenn  Normalzu- 
stande  vorhanden  sind,  sehr  schnell  in  Ihren  Atherleib  ein  -  den  pas- 
sieren  Sie  ganz  rasch  -,  dringen  gleich  in  Ihren  physischen  Leib  ein. 


Wenn  Sie  aber  in  etwas  abnormem  Zustande  nicht  gleich  in  den  phy- 
sischen  Leib  eindringen,  sondern  wenn  Sie  in  den  Atherleib  eindringen, 
bevor  Sie  in  den  physischen  Leib  eindringen,  also  extra  in  den  Ather- 
leib eindringen,  dann  bilden  sich  diese  Bilder  aus  dem  Leben.  Denn 
im  gewohnlichen  Bewufksein  hat  der  Mensch  eben  keine  Vorstellung 
im  Schlafe  selbst,  und  erst  mit  dem  Moment,  wo  er  entweder  in  seinen 
Leib  eindringt  und  den  Atherleib  passiert,  bekommt  er  Bilder,  oder 
wenn  er  beim  Einschlafen  aus  dem  physischen  Leib  herausgeht,  aber 
noch  etwas  im  Atherleib  drinnenbleibt,  dann  hat  er  wiederum  Traum- 
bilder.  Also  nur  in  diesen  Zwischenzustanden  bilden  sich  solche  Traum- 
bilder,  die  aus  dem  Leben  genommen  sind. 

Aber  das  imaginative  Bewufksein  fiihrt  dazu,  dafi  man  ganz  aufier- 
halb  des  Leibes  in  dem  leben  kann,  was  da  als  Krafte  der  Seele  hinter 
dem  Traume  steht.  Und  dann  lebt  man  in  einer  anderen  Wirklichkeit. 
Dann  lebt  man  eben  in  der  Welt,  in  der  der  Mensch  vom  Einschlafen 
bis  zum  Aufwachen  ist.  Der  Mensch  lebt  vom  Einschlafen  bis  zum 
Aufwachen  in  einer  Welt,  in  der  er  bewufklos  wird.  Sie  konnen  sich 
bildlich  das  so  vorstellen,  wie  wenn  der  Mensch  untertauchen  wiirde 
in  Wasser  und  das  Bewufksein  verlieren  wiirde,  und  erst  dann  es  wie- 
der  gewinnen  wiirde,  wenn  das  Wasser  ihn  heraustragt  und  ihn  wieder 
freigibt.  Dasselbe,  was  da  physisch  vorgeht,  geht  eben  seelisch  vor, 
wenn  der  Mensch  einschlaft.  Er  taucht  unter  in  die  geistige  Welt.  Da 
verliert  er  das  Bewufksein.  Er  geht  mit  seiner  Seele  aus  dem  Leibe 
heraus  und  verliert  das  Bewufksein.  Beim  Aufwachen  taucht  er  wieder 
auf  und  bekommt  das  Bewufksein  wieder.  Das  Auftauchen  bedeutet 
aber  das  Hineingehen  in  den  Leib.  Und  wenn,  wie  gesagt,  man  nicht 
gleich  in  seinen  Leib  hineingeht,  sondern  noch  den  Obergang  im  Ather- 
leib bemerkt,  dann  entstehen  eben  die  Traumbilder.  Aber  wenn  man 
jetzt  sich  nicht  darauf  einlafk  und  einzulassen  braucht,  solche  Traum- 
bilder zu  bekommen,  sondern  wenn  man  ganz  aufierhalb  des  physi- 
schen Leibes  in  der  geistigen  Welt  selber  Bilder  bekommt,  dann  kom- 
men  zunachst  nicht  beliebige  Bilder  heraus,  sondern  dann  kommen 
solche  Bilder  heraus,  wie  Sie  sie  als  Beschreibung  der  Weltentwicke- 
lung  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  finden.  Und  alles,  was  man  so 
darstellt,  wie  ich  es  dargestellt  habe  in  meiner  «Geheimwissenschaft», 


das  hat  zunachst  diesen  Ursprung,  den  ich  Ihnen  jetzt  eben  charakte- 
risiere. 

Wenn  Sie  sich  fragen:  Was  steht  denn  da  eigentlich  in  dieser  «Geheim- 
wissenschaft»?,  -  dann  werden  Sie  sich  sagen:  Nun  ja,  Gedanken  ste- 
hen  darinnen.  Man  kann  es  auch  nachdenken.  Ich  betone  es  ja  immer 
wiederum,  mit  dem  gesunden  Menschenverstand  kann  man  das  alles 
nachdenken.  Gedanken  stehen  darinnen,  aber  es  sind  nicht  gewohn- 
liche  Gedanken.  Es  sind  die  Gedanken,  die  in  der  Welt  draufien  schop- 
ferisch  tatig  sind.  Der  Mensch  kann  in  diesen  Gedanken  leben,  wenn 
er  jenseits  der  Schwelle  steht,  die  in  die  geistige  Welt  hineinfiihrt.  Der 
Mensch  kann  leben  in  diesen  Gedanken,  die  an  der  Welt  arbeken.  Es  ist 
das  erste,  was  er  findet,  wenn  er  in  die  iibersinnliche  Welt  eintritt. 

Das  sind  also  nicht  Traumbilder,  denn  die  Traumbilder  kommen, 
wie  ich  Ihnen  dargestellt  habe,  auf  ganz  andere  Weise  zustande,  son- 
dern  es  sind  Erlebnisse  in  der  geistigen  Welt.  Ich  mochte  sagen:  Stellen 
Sie  sich  einen  Menschen  vor,  der  schlaft.  Wahrend  des  Schlafes  gehen 
in  der  Seele  immer  die  umfassendsten,  die  intensivsten  Prozesse  vor. 
Der  Mensch  merkt  nichts  davon,  denn  er  ist  wahrend  des  Schlafes 
bewufitlos.  Des  Morgens  tritt  er  in  seinen  physischen  Leib  ein,  sogleich 
taucht  er  darin  unter.  Er  bedient  sich  seiner  Augen,  sieht  Farben 
und  Licht,  er  bedient  sich  seiner  Ohren,  hort  die  Tone  und  so  weiter, 
also  er  wird  bewufit.  Aber  es  gibt  diesen  Zwischenzustand:  er  tritt 
nicht  gleich  in  den  physischen  Leib  ein,  er  tritt  in  den  Atherleib  ein. 
Dann  hat  er  einen  Traum  oder  Traume.  Aber  denken  Sie  sich,  der 
Mensch  wiirde  bewufit,  bevor  er  auch  nur  in  seinen  Atherleib  eintritt. 
Er  wiirde  noch  im  aufieren  Ather,  der  die  ganze  Welt  erfiillt,  bewufit. 
Dann  wird  er  sich  dessen  bewufit,  was  in  meiner  «Geheimwissenschaft» 
beschrieben  ist. 

Wenn  Sie  zum  Beispiel  mitten  in  der  Nacht  bewufit  wiirden,  ohne 
in  Ihren  physischen  Leib  zuriickzukehren,  so  dafi  der  physische  Leib 
neben  Ihnen  auftaucht  und  Sie  ihn  sehen  -  denn  Sie  konnen  ihn  dann 
sehen  -,  dann  nehmen  Sie  diese  Kosmologie  wahr,  dann  nehmen  Sie 
das  wahr,  was  ich  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  beschrieben  habe. 
Ich  darf  das,  was  ich  da  beschrieben  habe,  nennen:  Bildekrafte  der 
Welt,  oder  auch  Weltgedanken. 


Das  stellt  sich  so  dar,  dafi  man  sagen  kann,  wie  man  sonst  einzelne 
Gedanken  im  Tagesleben  hat:  Die  Erde  ist  so  und  so  entstanden,  hat 
friiher  ein  Mondendasein,  ein  Sonnendasein,  ein  Saturndasein  gehabt, 
kurz,  alles  das,  was  ich  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  dargestellt 
habe. 

Diese  Art  aber,  in  der  geistigen  Welt  wahrzunehmen,  ist  nur  eine 
von  dreien.  Wenn  der  Mensch  auf  seinen  Tagesbewufitsemszustand 
hinschaut,  so  weifi  er,  er  kann  in  diesem  Tagesbewufitseinszustand 
unterscheiden  Denken,  Fiihlen  und  Wollen.  Aber  gerade  so,  wie  das 
Tagesbewufksein  diese  drei  Zustande  hat,  Denken,  Fiihlen  und  Wollen, 
so  hat  auch  das  Nachtbewufitsein,  das  ja  beim  gewohnlichen  Menschen 
Bewufklosigkeit  ist,  drei  Zustande.  Man  schlaft  nicht  vom  Einschlafen 
bis  zum  Aufwachen  immer  in  demselben  Zustande,  gerade  so,  wie  man 
nicht  immer  in  demselben  Zustand  wacht.  Man  wacht,  indem  man 
denkt,  oder  auch,  indem  man  fiihlt,  oder  auch,  indem  man  will.  In  drei 
Zustanden  kann  man  wachen,  ebenso  kann  man  in  drei  Zustanden 
schlafen.  Denn  dafi  derjenige,  der  ein  imaginatives  Bewufitsein  hat, 
die  Weltenbildekrafte,  die  Bildekrafte  der  Welt  schaut,  das  kommt  ja 
nur  davon  her,  dafi  er  sich  ein  Bewufksein  davon  erworben  hat,  eine 
Erkenntnis.  Aber  jeder  Mensch  schlaft  in  diese  Bildekrafte  der  Welt 
hinein,  in  die  Weltgedanken.  So  wahr  Sie,  wenn  Sie  ins  Wasser  sprin- 
gen,  untertauchen,  so  wahr  tauchen  Sie,  wenn  Sie  einschlafen,  zunachst 
unter  in  die  Bildekrafte  der  Welt. 

Aber  aufier  diesem  Leben  in  den  Bildekraften  der  Welt  gibt  es  fur 
den  Schlafzustand  ebenso  noch  zwei  andere  Zustande,  wie  es  fur  das 
Wachen  aufier  dem  Denken  noch  Fiihlen  und  Wollen  gibt.  Wenn  wir 
das  Denken  betrachten,  das  Haben  von  Gedanken,  so  entspricht  dem 
im  Schlafe  das  Leben  in  den  Bildekraften  der  Welt.  Das  heifit,  wenn 
Sie  sich  bewufit  werden  des  leisesten  Schlafzustandes,  dann  leben  Sie 
in  diesem  leisesten  Schlafzustande  in  den  Bildekraften  der  Welt.  Es  ist, 
wie  wenn  Sie  das  Weltenall  von  einem  Ende  zu  dem  anderen  durch- 
schwimmen  wiirden,  indem  Sie  durch  Gedanken,  die  aber  Krafte  sind, 
sich  stromend  bewegen.  Das  ist  der  leiseste  Schlaf,  wo  man  sich  in  den 
Gedankenkraften  der  Welt  bewegt.  Es  gibt  aber  einen  tieferen  Schlaf, 
einen  solchen  Schlaf,  von  dem  man,  wenn  man  nicht  besondere  Seelen- 


iibungen  macht,  nichts  durch  Traume  in  das  Tagesleben  bringen  kann. 
Durch  Traume  kann  man  nur  von  dem  leisesten  Schlaf  etwas  ins  Ta- 
gesleben bringen.  Dann  sind  aber  die  Traume,  wie  ich  Ihnen  darge- 
stellt  habe,  als  Bilder  nicht  mafigebend,  denn  derselbe  Traum  kann 
sich  in  die  verschiedensten  Bilder  kleiden.  Aber  immerhin,  der  leiseste 
Schlaf  kann  zum  Traume  fiihren,  das  heifit  man  kann  etwas  heriiber- 
bringen  ins  Bewufitsein,  man  kann  wenigstens  spiiren:  man  hat  im 
Schlafe  etwas  erlebt.  Aber  man  kann  nur  von  diesem  leisesten  Schlaf 
spiiren,  dafi  man  etwas  erlebt  hat. 

Von  dem  tieferen  Schlaf  kann  nur  derjenige  etwas  wissen,  der  es 
zum  inspirierten  Bewufitsein  bringt.  Ein  solcher  nimmt  dann  nicht 
mehr  blofi  dasjenige  wahr,  was  ich  in  meiner  «Geheimwissenschaft» 
beschrieben  habe.  Ich  habe  ja  allerdings  in  dieser  «Geheimwissen- 
schaft»  auch  einiges  von  dem  beschrieben,  was  aus  dem  inspirierten 
Bewufitsein  herubertont,  aber  wir  wollen  uns  einmal  klar  machen  - 
was  eben  nur  durch  Anthroposophie  beschrieben  werden  kann  -,  wie 
der  Obergang  ist  im  Erleben  vom  leisen  Schlafe  zu  dem  tieferen  Schla- 
fe, zu  dem  Schlafe,  aus  dem  der  Mensch  im  gewohnlichen  Leben  keine 
Traume  zuriickbringen  kann. 

Wenn  der  Schlaf  so  leise  ist,  dalS  man  im  gewohnlichen  Leben  Trau- 
me zuriickbringen  kann,  dann  schaut  der  Mensch,  der  hineinblicken 
kann  in  diese  Welten,  die  wogenden,  webenden  Gedankenbilder,  die 
Imaginationen  der  Welt,  die  ihm  die  Weltengeheimnisse  enthiillen,  die 
ihm  enthiillen,  welcher  Welt  der  Mensch  angehort,  aufier  derjenigen,  in 
der  er  vom  Auf wachen  bis  zum  Einschlaf en  mit  seinem  Bewufksein  ist. 
Denn  was  ich  in  meiner  «Geheimwissenschaft»  beschrieben  habe,  das  ist 
nicht  etwa  blojR,wie  wenn  man  etwas  aufmalt  auf  einer  Flache,  sondern 
das  ist  in  fortwahrenderBewegung,  in  fortwahrender  Regsamkeit.  Aber 
von  einem  bestimmten  Momente  an  beginnen  in  dieser  Welt,  die  jeder 
Mensch  in  leisem  Schlafe  durchlebt-  er  weifi  nur  nichts  davon  -,  Bilder 
aufzutreten.  Diese  Bilder  werden  deutlich,  sie  erhohen  ihren  Glanz,  sie 
offenbaren  gewisse  dahinterliegendeWesenhaftigkeiten.  Sie  fluten  wie- 
der  ab,  diese  Bilder.  Man  hat  wiederum  nichts  im  Bewufitsein  als  eine 
Art  Gefiihl,  dafi  die  Bilder  hinunter  abgelahmt  worden  sind.  Dann 
treten  wieder  die  Bilder  auf.  Aber  wahrend  die  Bilder  regsamer  wer- 


den  und  wiederum  vergehen,  tritt  etwas  auf,  was  man  Spharenharmo- 
nie  nennen  kann,  tritt  eine  Art  Weltenmusik  auf,  aber  eine  solche  Wel- 
tenmusik,  die  nicht  etwa  bloft  in  Melodie  und  Harmonie  lebt,  sondern 
die  die  Taten  und  Handlungen  jener  Wesenheiten  darstellt,  die  die 
geistige  Welt  bewohnen,  die  Taten  der  Engel,  der  Erzengel,  der  Ur- 
kraf te  und  so  weiter. 

Man  sieht  gewissermaften  auf  dem  wogenden  Bildermeere  die  We- 
sen  sich  bewegen,  welche  aus  dem  Geiste  heraus  die  Welt  dirigieren. 
Es  ist  das  die  Welt,  die  durch  Inspiration  wahrgenommen  wird,  die 
zweite  Welt.  Ich  kann  sie  nennen  die  Erscheinungen  der  geistigen  Welt- 
wesen.  Und  diese  Welt,  diese  Erscheinungswelt  der  geistigen  Welten- 
wesen  ist  ebenso  das  zweite  Element  des  Schlafens,  wie  das  Fiihlen  das 
zweite  Element  des  Wachens  ist.  So  daft  also  der  Mensch  wahrend  des 
Schlafes  nicht  nur  in  diejenige  Welt  eintritt,  die  die  Weltgedanken 
darstellt,  sondern  innerhalb  dieser  flutenden  Weltgedanken  offenba- 
ren  sich  die  Taten  der  Weltenwesen,  die  der  geistigen  Welt  angehoren. 

Nun  aber  gibt  es  aufter  diesen  zwei  Schlafzustanden  noch  einen 
dritten.  Von  dem  dritten  Schlafzustand  ahnt  der  Mensch  meistens 
iiberhaupt  nichts.  Daft  der  Mensch  einen  leisen  Schlaf  hat,  das  weift  er 
in  der  Regel,  und  er  weift  auch,  daft  aus  diesem  leisen  Schlafe  heraus 
die  Traume  sich  offenbaren.  Daft  er  einen  traumlosen  Schlaf  hat,  das 
merkt  er.  Aber  daft  es  noch  eine  dritte  Gattung  des  Schlafes  gibt,  das 
ist  etwas,  was  den  Menschen  hochstens  dadurch  zum  Bewufttsein 
kommt,  daft  sie  beim  Aufwachen  fiihlen:  es  ist  etwas  ganz  Schweres 
in  ihnen  gewesen  wahrend  des  Schlafes,  es  ist  etwas,  das  sie  erst  uber- 
winden  miissen  in  den  ersten  Stunden,  in  denen  sie  wiederum  wachen. 
Ich  glaube  ja  ganz  gewift,  daft  eine  Anzahl  von  Ihnen  diesen  Zustand 
am  Morgen  kennt,  wo  der  Mensch  weifi:  Er  hat  nun  doch  nicht  so 
gewohnlich  geschlafen,  sondern  es  war  etwas  in  ihm,  was  ihm  eine 
gewisse  Schwere  zuriicklaftt,  was  er  erst  iiberwinden  mufi  durch  lan- 
gere  Zeit,  wenn  er  am  Morgen  bewuftt  ist.  Das  weist  dann  auf  eine 
dritte  Gattung  des  Schlafes  hin,  deren  Inhalt  erst  durch  das  intuitive 
Bewufttsein  erfaftt  werden  kann.  Und  diese  dritte  Gattung  des  Schla- 
fes, die  hat  uberhaupt  fur  den  Menschen  eine  grofte  Bedeutung. 

Wenn  der  Mensch  im  leisesten  Schlaf  ist,  da  macht  er  eigentlich 


sehr  vieles  von  dem  mit,  was  er  sonst  im  Wachzustande  durchmacht. 
Er  nimmt  noch,  wenn  auch  in  anderer  Weise,  an  seiner  Atmung  teil. 
Er  nimmt  noch  teil,  wenn  auch  nicht  von  innen,  so  von  aufien,  an 
seiner  Blutzirkulation  und  an  den  anderen  Vorgangen  des  Korpers. 
Wenn  der  Mensch  in  der  zweiten  Gattung  des  Schlafes  ist,  dann  nimmt 
er  zwar  nicht  mehr  an  dem  korperlichen  Leben  teil,  aber  man  konnte 
sagen,  er  nimmt  teil  an  einer  Welt,  die  gemeinsam  ist  seinem  Korper 
und  seiner  Seele.  Es  spielt  noch  etwas  hinuber  von  dem  Korper  in  die 
Seele.  Es  spielt  so  etwas  hinuber,  wie  vom  Lichte  in  die  Pflanze  spielt, 
wenn  die  Pflanze  am  Tage  sich  im  Lichte  entwickelt.  Wenn  nun  aber 
der  Mensch  in  der  dritten  Gattung  des  Schlafes  ist,  dann  ist  etwas  in 
ihm,  was  -  wenn  ich  so  sagen  darf  -  wie  Mineral  geworden  ist.  Die 
Salze  in  seinem  Leibe  lagern  sich  besonders  stark  ab.  Starke  Salzabla- 
gerungen  sind  wahrend  dieser  dritten  Gattung  des  Schlafes  im  physi- 
schen  Leibe  des  Menschen.  Dafiir  aber  ist  der  Mensch  mit  seiner  Seele 
im  Innern  der  mineralischen  Welt. 

Nehmen  Sie  einmal  an,  Sie  konnten  das  folgende  Experiment  ma- 
chen:  Sie  legen  sich  ins  Bett,  schlafen  zunachst  den  leisen  Schlaf,  von 
dem  noch  Traume  fur  das  gewohnliche  Bewufitsein  herauskommen 
konnen,  kommen  dann  in  den  tieferen  Schlaf,  von  dem  keine  Traume 
kommen,  aber  der  doch  die  Seele  des  Menschen  noch  in  einem  Zu- 
sammenhang  mit  dem  physischen  Leib  lafit.  Jetzt  aber  schlafen  Sie 
hinuber  so,  daft  starke  Salzablagerungen  in  Ihrem  Leibe  sind.  Zu  dem, 
was  da  im  Leibe  vorgeht,  konnen  Sie  in  der  Seele  kein  Verhaltnis  ha- 
ben.  Wenn  Sie  dann  aber  neben  sich  auf  dem  Nachtschrankchen  einen 
Bergkristall  gelegt  hatten,  so  wiirden  Sie  mit  Ihrer  Seele  ganz  im  In- 
nern dieses  Bergkristalles  sein  konnen.  Sie  wiirden  hineinschlupfen  in 
den  Bergkristall,  von  innen  aus  ihn  wahrnehmen.  Das  konnen  Sie 
nicht  in  der  ersten  und  nicht  in  der  zweiten  Gattung  des  Schlafes.  In 
der  ersten  Gattung  des  Schlafes,  dessen  Inhalt  in  die  Traume  hinein- 
gehen  kann,  wiirden  Sie,  wenn  Sie  vom  Bergkristall  traumen,  ihn  im- 
mer  noch  als  eine  Art  von  Bergkristall  erleben.  Sie  wiirden  zwar  etwas 
Schattenhaftes,  aber  doch  etwas  Bergkristalliges  erleben.  Wiirden  Sie 
in  die  zweite  Gattung  des  Schlafes  hinuntersinken,  so  wiirden  Sie  den 
Bergkristall  nicht  mehr  so  begrenzt  erleben.  Wenn  Sie  dann  noch  trau- 


men  konnten  -  Sie  konnen  es  ja  gewohnlich  nicht,  aber  nehmen  wir 
an,  Sie  konnten  es  dann  wiirden  Sie  erleben,  dafi  der  Bergkristall 
undeutlich  wird  und  sich  zu  einer  Art  von  Kugel  oder  Ellipsoid  formt 


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und  dann  wiederum  sich  zuriickzieht.  Wenn  Sie  aber  traumen  konnten, 
das  heiftt,  wenn  Sie  zur  Intuition  kommen  konnten  aus  dem  tiefen 
Schlaf,  aus  der  dritten  Gattung  des  Schlafes  heraus,  dann  wiirden  Sie 
den  Bergkristall  so  erleben,  dafi  Sie  sich  vorkommen,  wie  wenn  Sie 
innerlich  diesen  Linien  entlanglaufen,  dann  der  Spitze  zulaufen,  wie- 
derum zuriicklaufen:  Sie  erleben  dann  den  Bergkristall  im  Innern.  Sie 
bewohnen  ihn.  Und  so  fur  andere  Mineralien.  Und  nicht  nur,  dafi  Sie 
die  Form  erleben,  Sie  erleben  auch  die  inneren  Krafte.  Kurz,  die  dritte 
Gattung  des  Schlafes  ist  etwas,  was  den  Menschen  nun  ganz  heraus- 
bringt  aus  seinem  Leibe,  was  den  Menschen  ganz  hineinstellt  in  die 
geistige  Welt.  Der  Mensch  steht  wahrend  dieser  dritten  Gattung  des 
Schlafes  in  der  dritten  Art  der  Welt  darinnen,  in  dem  Wesen  der  gei- 
stigen  Welt  selbst.  Das  heifit,  Sie  stehen  drinnen  in  der  Wesenhaftig- 
keit  der  Engel,  der  Erzengel,  aller  derjenigen  Wesen,  die  man  ja  sonst 
nur  aufierlich,  das  heifit  nur  in  ihren  Offenbarungen  wahrnimmt.  Sie 
sehen,  wenn  Sie  vom  Aufwachen  bis  zum  Einschlafen  Ihr  Sinnesbe- 
wufitsein  anwenden,  gewissermafien  die  aufieren  Offenbarungen  der 
Gotter  in  der  Natur.  Sie  dringen  wahrend  des  Schlafes  ein,  entweder 
blofi  in  die  Bilderwelt  im  leisesten  Schlaf,  oder  in  der  zweiten  Gattung 
des  Schlafes  in  die  Welt  der  Erscheinungen,  in  die  Welt  der  Offenba- 


rungen,  oder  aber,  wenn  Sie  zur  dritten  Gattung  des  Schlaf  es  kommen, 
in  das  Innere  der  gottlich-geistigen  Wesenheiten  selbst. 

Also  gerade  so,  wie  der  Mensch  wahrend  des  Tageszustandes  durch 
Denken,  Fiihlen  und  Wollen  sich  auslebt,  so  lebt  er  sich  wahrend  des 
Schlaf  es  aus,  indem  er  entweder  in  den  Weltgedanken  stromt,  oder  aus 
den  Weltengedanken  heraus  sich  die  Taten  der  gottlich-geistigen  We- 
senheiten offenbaren,  oder  aber  diese  Wesenheiten  selbst  den  Men- 
schen  aufnehmen,  so  dafi  er  gewissermafien  mit  seiner  Seele  in  ihnen 
ruht.  Wie  das  Denken  oder  Vorstellen  fur  das  TagesbewujRtsein  das 
hellste,  das  klarste,  das  deutlichste  ist,  wie  das  Fiihlen  etwas  Dumpfe- 
res  ist  -  denn  das  Fiihlen  ist  eigentlich  immer  eine  Art  Traumen  -  und 
wie  das  Wollen,  der  dumpfeste  Bewufitseinszustand  wahrend  des  Ta- 
ges,  gewissermafien  ein  Schlaf  en  ist,  so  haben  wir  drei  Schlaf  zustande: 
Den  Schlafzustand,  in  dem  das  gewohnliche  Bewufksein  die  Traume 
und  das  hohere  Bewufitsein,  das  schauende,  das  hellsichtige  Bewufit- 
sein  die  Weltengedanken  erlebt.  Wir  haben  die  zweite  Gattung  des 
Schlafes,  der  schon  fur  das  gewohnliche  Bewufitsein  unbewufk  bleibt, 
der  aber  dem  inspirierten  Bewufitsein  so  erscheint,  dafi  uberali  die  Ta- 
ten der  gottlich-geistigen  Wesenheiten  sich  offenbaren.  Wir  haben  die 
dritte  Gattung  des  Schlafes,  der  sich  dem  mtuitiven  Bewufitsein  zeigt, 
in  dem  es  in  den  gottlich-geistigen  Wesenheiten  selber  darinnen  lebt. 
Wie  gesagt,  das  kundet  sich  dadurch  an,  dafi  man  untertaucht  zum 
Beispiel  in  das  Innere  der  Mineralien.  Aber  diese  dritte  Gattung  des 
Schlafes,  die  hat  fur  den  Menschen  noch  eine  besondere  Bedeutung. 

Wenn  Sie  zunachst  die  zweite  Gattung  des  Schlafes  nehmen,  dann 
finden  Sie  darinnen,  wie  ich  gesagt  habe,  auf  den  erscheinenden,  ver- 
schwindenden,  wogenden  Bildern  die  Weltenwesen  der  Engel,  der  Erz- 
engel  und  so  weiter,  aber  Sie  finden  sich  selber  auch.  Sie  finden  sich 
selber  als  Seele  darinnen,  nur  nicht  wie  Sie  jetzt  sind,  sondern  wie  Sie 
vor  Ihrer  Geburt  beziehungsweise  vor  der  Empfangnis  waren.  Sie 
lernen  sich  kennen,  wie  Sie  gelebt  haben  zwischen  dem  Tode  und  einer 
neuen  Geburt.  Das  gehort  dieser  zweiten  Welt  an.  Und  jedesmal,  wenn 
wir  traumlos  schlafen,  leben  wir  in  derselben  Welt,  in  der  wir  gelebt 
haben,  bevor  wir  heruntergestiegen  sind  und  einen  physischen  Leib 
angenommen  haben. 


Aber  wenn  Sie  in  die  dritte  Gattung  des  Schlafens  kommen,  und 
wenn  Sie  da  aufwachen  konnten  -  das  intuitive  Bewufitsein  wacht 
auf  -j  also  wenn  Sie  sich  vorstellen,  Sie  kommen  in  die  dritte  Gattung 
des  Schlafes  und  wachen  da  auf:  dann  erleben  Sie  Ihr  Schicksal,  Ihr 
Karma.  Dann  wissen  Sie,  warum  Sie  in  diesem  Leben  besondere  Fa- 
higkeiten  haben,  aus  der  Beschaffenheit  Ihrer  vorhergehenden  Leben. 
Dann  wissen  Sie,  warum  Sie  in  diesem  Leben  mit  diesen  oder  jenen 
Personlichkeiten  zusammengefuhrt  werden.  Dann  lernen  Sie  das  Kar- 
ma kennen,  dann  lernen  Sie  Ihr  Schicksal  kennen.  Dieses  Schicksal 
lernt  man  nur  erkennen,  wenn  man  -  ich  greife  die  Sache  jetzt  von 
einem  andern  Gesichtspunkte  auf  -  in  das  Innere  der  Mineralien  ein- 
zudringen  vermag.  Sind  Sie  imstande,  einen  Bergkristall  nicht  nur 
von  aufien,  sondern  von  innen  zu  schauen  -  Sie  diirfen  ihn  natiirlich 
nicht  etwa  zerhacken,  denn  dann  ware  das,  was  Sie  sehen,  immer  wie- 
der  aufien,  natiirlich  sondern  Sie  miissen  so,  wie  ich  es  beschrieben 
habe,  sich  darinnen  befinden;  wenn  Sie  das  konnen,  wenn  Sie  den  Kri- 
stall  von  innen  sehen  konnen,  dann  konnen  Sie  auch  begreifen,  warum 
Sie  dieser  oder  jener  Schicksalsschlag  in  diesem  Leben  trifft.  Nehmen 
Sie  irgendeinen  Kristall,  nehmen  Sie  einen  gewohnlkhen  Salzwiirfel. 


Sie  sehen  ihn  von  aufien:  so  sehen  Sie  ihn  mit  dem  gewohnlichen  Be- 
wuiksein.  Da  bleibt  Ihnen  Ihr  Leben  undurchsichtig.  Wenn  Sie  in  ihn 
hineindringen  konnen  -  auf  die  raumliche  Grofie  kommt  es  dabei  nicht 
an  -,  wenn  Sie  ihn  von  innen  nach  alien  Seiten  sehen  konnen,  dann 
sind  Sie  in  der  Welt,  in  der  Sie  auch  Ihr  Schicksal  begreifen  konnen. 
In  dieser  Welt  sind  Sie  aber  jede  Nacht,  wenn  Sie  in  die  dritte  Gattung 
des  Schlafes  kommen. 

Diese  dritte  Gattung  des  Schlafes,  die  hat  aber  doch  noch  etwas 
ganz  Besonderes.  Sehen  Sie,  die  Menschen  vor  dem  Mysterium  von 
Golgatha  -  und  wir  waren  es  ja  alle  selber  in  unseren  friiheren  Erden- 
leben  -,  die  Menschen  in  der  Zeitentwickelung  vor  dem  Erscheinen 
des  Christus  auf  der  Erde,  die  kamen  schon  sehr  haufig  in  diese  dritte 
Gattung  des  Schlafes.  Aber  noch  bevor  sie,  ich  mochte  sagen,  hinunter- 
sanken  in  diese  dritte  Gattung  des  Schlafes,  erschien  ihr  Engel  und 
holte  sie  wieder  herauf.  Denn  das  ist  das  Eigentumliche:  Man  kann 
sich  aus  der  ersten  und  aus  der  zweiten  Gattung  des  Schlafes  als 
Mensch  immer  selbst  herausholen,  aus  der  dritten  aber  nicht  mehr.  In 
der  dritten  Gattung  des  Schlafes  hatte  ein  Mensch  vor  der  Erschei- 
nung  des  Christus  auf  Erden  sterben  miissen,  wenn  er  nicht  von  Engel- 
oder  anderen  Wesenheiten  herausgeholt  worden  ware.  Seit  der  Erschei- 
nung  des  Christus  ist  die  Christus-Kraft,  wie  ich  oft  betont  habe,  mit 
der  Erde  verbunden,  und  jedesmal,  wenn  der  Mensch  aufwachen  muE 
aus  dieser  dritten  Gattung  des  Schlafes,  dann  mufi  ihm  die  Christus- 
Kraft,  die  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  sich  mit  der  Erde  ver- 
einigt  hat,  zu  Hilfe  kommen.  Der  Mensch  konnte  ohne  die  Christus- 
Kraft  nicht  mehr  aufwachen  aus  dieser  dritten  Gattung  des  Schlafes. 
Er  kann  in  die  Kristalle  hereinschlupfen,  aber  er  kann  nicht  wieder 
herauskommen  ohne  die  Christus-Kraft.  Wenn  man  namlich  hinter 
die  Kulissen  des  Daseins  schaut,  dann  merkt  man  schon,  was  dieser 
Christus-Impuls  fur  das  Erdenleben  fur  eine  Bedeutung  hat.  Also  ich 
betone  es  stark:  Der  Mensch  konnte  in  die  Kristalle  herein,  aber  er 
konnte  nicht  wieder  heraus. 

Diese  Dinge  hat  man  iiberall  dort  besonders  stark  gefiihlt,  wo  nach 
dem  Mysterium  von  Golgatha,  nach  der  Erscheinung  des  Christus 
auf  der  Erde,  noch  ein  starkes,  altes,  heidnisches  Bewulksein  vorhan- 


den  war  und  dennoch  die  Christus-Offenbarung  schon  da  war,  wie 
zum  Beispiel  in  mitteleuropaischen  Gegenden.  Da  wufite  man  von 
manchen  Menschen,  dafi  sie  dadurch  gestorben  waren,  dafi  sie  in  einen 
solchen  tiefen  Schlaf  gefallen  waren.  Sie  hatten  nicht  zu  sterben  ge- 
braucht,  wenn  der  Christus  ihnen  zu  Hilf  e  gekommen  ware. 

So  fiihlten  zum  Beispiel  Menschen  -  ich  will  jetzt  nichts  anderes 
als  das,  was  Menschen  fuhlten,  sagen  -  bei  Karl  dem  Gr often  oder  bei 
Friedrich  Barbarossa.  Trotzdem  Friedrich  Barbarossa  fur  die  auJSere 
physische  Welt  ertrunken  ist,  wurde  dennoch  so  gefiihlt.  Aber  beson- 
ders  deutlich  wurde  es  ja  bei  Karl  dem  GrolSen  gefiihlt.  Wo  ging  fur 
dieses  mittelalterliche  Bewulksein  solch  eine  Seele  hin?  In  das  Innere 
der  Kristalle.  Daher  wurde  sie  in  Berge  versetzt,  und  da  sollte  sie  war- 
ten,  bis  der  Christus  kommt  und  sie  aus  dem  tiefen  Schlaf  herausholt. 
Es  hangt  diese  Art  von  Sagenbildung  mit  diesem  Bewufitsein  zusam- 
men.  Das  starke  Verbundensein  mit  dem  Christus-Impuls  seit  dem 
Mysterium  von  Golgatha  auf  der  Erde,  das  ist  es,  was  nun  die  Welt 
der  Angeloi,  der  Archangeloi  und  so  weiter  veranlafit,  den  Menschen 
doch  wieder  herauszuholen,  denn  sonst  wiirde  er,  wenn  er  in  die  dritte 
Gattung  des  Schlafes  versinkt,  nicht  wieder  herausgeholt  werden  kon- 
nen.  Das  also  hangt  mit  der  Christus-Kraft  zusammen,  nicht  mit  dem 
Glauben  an  die  Christus-Kraft;  denn  ob  einer  diesem  oder  jenem  Re- 
ligionsbekenntnis  angehort,  das,  was  Christus  auf  Erden  getan  hat,  ist 
im  objektiven  Sinne  getan,  und  was  ich  hier  als  Objektives  schildere, 
findet  eben  fur  den  Menschen  ganz  unabhangig  vom  Glauben  statt. 
Was  der  Glaube  fur  eine  Bedeutung  hat,  das  werden  wir  in  den  nach- 
sten  Tagen  besprechen.  Aber  dies,  was  ich  jetzt  anfuhre,  ist  eine  ob- 
jektive  Tatsache,  die  nichts  mit  dem  Glauben  zu  tun  hat. 

Wodurch  aber  ist  das  geschehen?  Es  ist  dadurch  geschehen,  da£  in 
die  Gotterwelt  selbst  ein  anderes  Schicksal  eingezogen  ist,  als  friiher 
darinnen  war,  ein  Schicksal,  das  ich  damit  charakterisieren  mochte, 
daft  ich  sage:  Die  Menschen  hier  in  der  physischen  Welt  werden  gebo- 
ren  und  sterben.  Es  ist  die  Eigentumlichkeit  der  gottlich-geistigen  We- 
sen,  die  den  hoheren  Hierarchien  angehoren,  dafi  sie  nicht  geboren 
werden  und  sterben,  sondern  sich  blofi  verwandeln.  Der  Christus,  der 
bis  zu  der  Zeit  des  Mysteriums  von  Golgatha  mit  den  anderen  gott- 


lich-geistigen  Wesen  lebte,  beschlofi,  den  Tod  kennenzulernen,  auf  die 
Erde  herabzusteigen,  ein  Mensch  zu  werden,  um  innerhalb  der  mensch- 
lichen  Natur  durch  den  Tod  zu  gehen,  dann  wiederum  zum  Bewufit- 
sein  nach  dem  Tode  zu  kommen  durch  die  Auferstehung. 

Das  ist  uberhaupt  ein  sehr  bedeutendes  Ereignis  innerhalb  der  gott- 
lich-geistigen  Welt,  daft  ein  Gott  den  Tod  durchgemacht  hat,  um  alles 
das  tun  zu  konnen,  was  wir  schon  kennen  oder  was  ich  jetzt  wiederum 
beschrieben  habe.  Wir  konnen  also  sagen:  Da  steht  in  der  Geschichte 
der  Erdenentwickelung  das  bedeutsame  Ereignis,  dafi  der  Gott  Mensch 
geworden  ist  und  dadurch  seine  Kraft  in  so  bedeutsamen  Erscheinun- 
gen  flutet,  wie  die,  die  ich  Ihnen  jetzt  charakterisiert  habe.  Der  Gott, 
der  Mensch  geworden  ist,  hat  solche  Kraft  im  Erdenleben,  daft  er  die 
Menschenseelen  aus  dem  Kristallinnern  herausholt,  wenn  sie  dort  hin- 
eingekommen  sind.  So  daft,  indem  wir  von  Christus  sprechen,  wir  von 
einem  Weltenwesen  sprechen,  von  dem  wir  sagen  mtissen:  es  ist  der 
Gott,  der  Mensch  geworden  ist.  Was  ware  sein  Gegenbild?  Sein  Ge- 
genbild  ware  der  Mensch,  der  Gott  geworden  ist.  Es  mufi  ja  nicht  ein 
absolut  guter  Gott  sein;  sondern  so  wie  Christus  hinuntergestiegen  ist 
in  die  Menschenwelt  und  den  Tod  angenommen  hat,  das  heiftt  zuerst 
den  menschlichen  Leib  angenommen  hat,  um  teilzunehmen  an  dem 
Schicksal  der  Menschen,  so  werden  wir  zum  entgegengesetzten  Pol 
gefuhrt,  zu  dem  Menschen,  der  sich  frei  macht  von  dem  Tode,  frei 
macht  von  den  Bedingungen  des  menschlichen  Leibes  und  ein  Gott 
wird  innerhalb  der  Erdenbedingungen.  Der  wiirde  also  dann  aufhoren, 
ein  sterblicher  Mensch  zu  sein,  aber  herumwandeln  auf  der  Erde,  aller- 
dings  nicht  unter  denselben  Bedingungen  wie  ein  gewohnlicher  sterb- 
licher Mensch,  der  von  Geburt  zum  Tode  und  vom  Tode  zu  einer 
neuen  Geburt  geht,  sondern  es  wiirde  ein  solcher  gottgewordener 
Mensch  als  ein  unrechtmaftig  auf  der  Erde  gewordener  Gott  gefunden 
werden  konnen.  Wie  der  Christus  ein  rechtmafiig  menschgewordener 
Gott  ist,  so  wiirden  wir  zu  suchen  haben  als  sein  Gegenbild  den  auf 
unrechtmaftige  Weise  gottgewordenen  Menschen,  den  als  nicht  mehr 
sterblich  herumwandelnden  Menschen,  der  die  Gottnatur  auf  unrecht- 
maftige Weise  angenommen  hat.  Und  es  ist  Ihnen  ja  bekannt:  Ebenso 
wie  in  der  christlichen  Uberlieferung  auf  den  rechtmafiig  menschge- 


wordenen  Gott,  auf  den  Christus  Jesus  hingewiesen  wird,  so  wird  hin- 
gewiesen  im  Zusammenhange  mit  dem  Christus  Jesus  auf  Ahasver,  auf 
den  Menschen,  der  in  unrechtmafiiger  Weise  Gott  geworden  ist,  der 
die  Sterblichkeit  der  Menschennatur  abgelegt  hat.  Wir  haben  also  den 
polarischen  Gegensatz  zu  dem  Christus  Jesus  in  Ahasver.  Das  ist  die 
tiefere  Begnindung,  die  tiefere  Bedeutung  der  Ahasver-Sage,  jener 
Sage,  welche  von  etwas  spricht,  wovon  gesprochen  werden  mufi,  weil 
es  eine  Realitat  ist:  von  einem  Wesen,  das  herumwandelt  auf  der  Erde. 
Sie  ist  da,  diese  Ahasver-Gestalt.  Sie  wandelt  auf  der  Erde  herum, 
sie  wandelt  von  Volk  zu  Volk.  Sie  lafit  unter  anderem  zum  Beispiel 
gerade  den  hebraischen  Glauben  nicht  ersterben.  Es  ist  diese  Gestalt 
vorhanden,  diese  Ahasver-Gestalt,  der  unrechtmafiig  gewordene  Gott. 

Der  Mensch  hat  alle  Veranlassung,  wenn  er  die  wirkliche  Geschichte 
kennenlernen  will,  auf  solche  Ingredienzien  dieser  Geschichte  sein 
Augenmerk  zu  lenken,  zu  sehen,  wie  aus  den  ubersinnlichen  Welten 
die  Krafte  und  Wesen  herabspielen  in  die  sinnliche  Welt,  wie  der 
Christus  aus  den  ubersinnlichen  Welten  in  die  sinnliche  Welt  gekom- 
men  ist,  wie  aber  auch  wiederum  die  sinnliche  Welt  heraufspielt  in 
die  ubersinnlichen  Welten,  wie  wir  auch  in  Ahasver  eine  wirkliche 
reale  Weltenkraft,  eine  Weltenwesenheit  zu  sehen  haben.  Das  Bewufk- 
sein  von  diesem  Wandeln  des  Ahasver,  der  natiirlich  nicht  mit  physi- 
schen  Augen,  sondern  nur  unter  der  Voraussetzung  einer  gewissen 
Hellsichtigkeit  zu  sehen  ist,  war  immer  vorhanden.  Und  die  Sagen, 
die  auf  ihn  hinweisen,  haben  einen  guten,  einen  objektiven  Unter- 
grund.  Man  versteht  das  Menschenleben  nicht,  wenn  man  es  aufSerlich 
nur  so  betrachtet,  wie  es  die  Geschichtsbiicher  beschreiben,  wenn  man 
nicht  hinblickt  auf  die  besonderen  Ausgestaltungen. 

Denn  wahr  ist  es:  So  wie  in  unserem  Innern  der  Christus  lebt  seit 
dem  Mysterium  von  Golgatha,  und  wie  der  Christus  in  unserem  In- 
nern wahrnehmbar  werden  kann,  wenn  wir  nach  innen  hinein  den 
schauenden  Blick  zunachst  beleben,  so  wird,  wenn  wir  aufien  herum- 
schauen  im  Menschenleben,  und  da  der  schauende  Blick  uns  aufgeht  - 
bei  den  meisten  Menschen,  denen  so  der  schauende  Blick  aufgeht,  ist 
das  der  Fall  -,  so  wird  uns  -  wie  es  ja  unverhofft  dem  Menschen  ge- 
schieht,  der  iiber  die  Schwelle  des  Bewufitseins  tritt  -  Ahasverus,  der 


ewige  Jude  erscheinen.  Der  Mensch  wird  ihn  vielleicht  nicht  immer 
erkennen,  er  wird  ihn  fiir  etwas  anderes  halten.  Aber  es  ist  ebenso 
moglich,  dafi  dem  Menschen  der  ewige  Jude  erscheint,  wie  es  moglich 
ist,  dafi  dem  Menschen  der  Christus  aufleuchtet,  wenn  er  in  sein  Inne- 
res  schaut. 

Diese  Dinge  gehdren  zu  den  Weltengeheimnissen,  die  eben  jetzt  in 
unserer  Zeit,  wo  viele  Geheimnisse  geoffenbart  werden  sollten,  auch 
offenbar  werden  miissen. 


>L'  Uejen Stf  e,e.jlYq«n  Wilt  '  WW  Pollen 

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VOM  WANDEL  DER  WELTANSCHAUUNG 
Domach,  25.  M'drz  J922 


Wir  haben  schon  ofter  unseren  BHck  zuriickgewendet  in  die  Anschau- 
ungen  alterer  Zeiten,  wir  wollen  dies  in  einem  gewissen  Sinne  auch 
heute  tun,  und  zwar  zu  dem  Ziele,  urn  einige  Gesichtspunkte  zu  gewin- 
nen  fur  geschichtliche  Einblicke  in  die  Menschheit  und  in  die  Mensch- 
heitsentwickelung.  Wenn  wir  Jahrtausende  zuriickgehen  in  der  Mensch- 
heitsentwickelung,  zu  den  Zeiten  zum  Beispiel,  die  wir  in  unserer 
Terminologie  als  die  altindische  Kulturperiode  bezekhnen,  so  finden 
wir,  dafi  die  Anschauungsweise  der  Menschen  damals  eine  ganz  andere 
war,  als  -  wenn  wir  nun  gleich  einen  sehr  weit  davon  abliegenden 
Zeitraum  nehmen  -  die  Anschauungsweise  in  unserer  Zeit.  Wenn  wir 
in  jene  alteren  Zeiten  zuriickgehen,  so  wissen  wir,  die  Menschen  sahen 
einfach  die  Natur  nicht  so,  wie  wir  sie  heute  sehen.  Die  Menschen 
sahen  die  Natur  so,  dafi  sie  in  allem,  in  den  einzelnen  Gliedern  der 
Erdoberflache,  in  Berg  und  Flufi,  aber  auch  in  alledem,  was  zunachst 
die  Erde  umgibt,  in  Wolken,  im  Lichte  und  so  weiter,  noch  unmittel- 
bar  geistige  Wesenheiten  wahrnahmen.  Es  ware  undenkbar  gewesen  fiir 
einen  Menschen  jener  alteren  Zeiten,  so  von  der  Natur  zu  sprechen, 
wie  wir  es  tun.  Denn  er  wiirde  sich  so  vorgekommen  sein,  wie  wir  uns 
vorkommen  wiirden,  wenn  wir  -  das  Bild  ist  etwas  grotesk,  aber  es 
entspricht  durchaus  den  Tatsachen  -  einer  Sammlung  von  Leichnamen 
gegeniibersitzen  konnten  und  dann  sagen  wiirden,  dafi  wir  unter  Men- 
schen waren.  Was  heute  dem  Menschen  sich  als  Natur  darbietet,  das 
wiirde  Jahrtausende  vor  unserer  Zeitrechnung  der  Mensch  nur  als  den 
Leichnarn  der  Natur  empfunden  haben.  Denn  in  allem,  was  ihn  um- 
gab,  hat  er  Geistig-Seelisches  wahrgenommen. 

Wir  wissen,  wenn  die  heutige  Menschheit  aus  Dichtungen  oder  aus 
den  Mitteilungen  der  Mythen  und  Legenden  vernimmt,  wie  man  einst- 
mals  geglaubt  hat,  dafi  sich  in  der  Quelle,  im  stromenden  Flusse,  in 
dem  Berginnern  und  so  weiter  Geistig-Seelisches  findet,  so  glaubt  sie 
ja,  dafi  eben  die  Alten  ihre  Phantasie  haben  wirken  lassen,  dafi  sie 
gedichtet  haben.  Nun,  das  ist  ein  naiver  Standpunkt.  Die  Alten  haben 


durchaus  nicht  gedichtet,  sondern  sie  haben  das  Geistig-Seelische  eben- 
so  wahrgenommen,  wie  man  die  Farben  wahrnimmt,  wie  man  die 
Bewegungen  der  Blatter  des  Baumes  wahrnimmt  und  so  weiter.  Sie 
haben  unmittelbar  das  Geistig-Seelische  wahrgenommen,  und  sie  wiir- 
den  eben  das,  was  wir  heute  Natur  nennen,  nur  fiir  den  Leichnam  der 
Natur  gehalten  haben.  Aber  in  einem  gewissen  Sinne  strebten  einzelne 
Menschen  bei  diesen  Alteren  danach,  eine  andere  Anschauungsweise 
zu  gewinnen  als  diejenige,  die  die  allgemeine  war. 

Sie  wissen  ja,  heute,  wenn  Menschen  danach  streben,  eine  andere 
Anschauungsweise  zu  gewinnen,  als  es  die  gewohnliche  ist,  und  wenn 
sie  iiberhaupt  dazu  in  der  Lage  sind,dann  werden  sie  «studierte  Leute», 
dann  bekommen  sie  Begriffe  iibermittelt  iiber  das,  was  sie  sonst  nur 
aufierlich  sehen.  Dann  nehmen  sie  Wissenschaft,  wie  man  das  nennt,  in 
sich  auf .  Diese  Wissenschaft,  die  gab  es  in  jenen  Zeiten,  von  denen  wir 
jetzt  sprechen,  nicht.  Wohl  aber  strebten  auch  einzelne  Menschen  iiber 
das  allgemeine  Anschauen,  iiber  das,  was  man  eben  im  alltaglichen 
Leben  wufite,  hinaus.  Nur  studierten  sie  nicht  so,  wie  heute  studiert 
wird.  Sie  machten  gewisse  Ubungen.  Diese  Ubungen  waren  nicht  sol- 
che,  wie  die,  von  denen  wir  heute  in  der  Anthroposophie  sprechen, 
sondern  es  waren  Ubungen,  welche  gerade  in  jenen  alteren  Zeiten 
mehr  an  den  menschlichen  Organismus  gebunden  waren.  Es  waren 
zum  Beispiel  Ubungen,  durch  welche  der  Atmungsprozefi  zu  etwas 
anderem  ausgebildet  wurde,  als  was  er  von  Natur  aus  ist.  Man  setzte 
sich  also  nicht  in  Laboratorien,  machte  nicht  Experimente,  aber  man 
machte  gewissermafien  an  sich  selber  Experimente.  Man  regulierte 
seinen  Atem.  Man  atmete  zum  Beispiel  ein,  man  hielt  den  Atem  zu- 
riick  und  suchte  zu  erleben,  was  bei  so  verandertem  Atem  im  Innern 
des  Organismus  vorging.  Solche  Atemiibungen  sollen  heute  nicht  nach- 
gemacht  werden.  Aber  sie  waren  durchaus  einmal  ein  Mittel,  durch 
welches  die  Menschen  glaubten,  zu  hoheren  Erkenntnissen  zu  kom- 
men,  als  zu  denen  sie  kommen  konnten,  wenn  sie  eben  mit  ihren  ge- 
wohnlichen  Anschauungen  die  Natur  betrachteten,  wenn  sie  also  die 
aufieren  Naturdinge  sahen,  wie  wir  sie  sehen,  aber  aufierdem  noch  in 
alien  Naturdingen  das  Geistig-Seelische  darinnen  sahen. 

Wenn  sich  Menschen  nun  solchen  Ubungen  hingaben,  deren  Wesen 


sich  ja,  obwohl  in  Abschwachung,  in  dem  erhalten  hat,  was  heute  aus 
dem  Oriente  heriiber  als  Joga-Obungen  geschildert  wird,  wenn  sie  also 
ihr  Atmen  gegeniiber  dem  gewohnlichen  Atem  veranderten,  dann  ver- 
schwand  aus  dem  Anblicke  der  Umgebung  das  Geistig-Seelische,  und  es 
wurde  gerade  durch  solches  Atmen  die  Natur  fiir  diese  Menschen  so, 
wie  wir  sie  selber  heute  sehen.  Also,  um  die  Natur  so  zu  sehen,  wie  wir 
sie  heute  sehen,  mufiten  solche  Menschen  erst  Obungen  machen  in  jenen 
alten  Zeiten.  Sonst  sprangen  ihnen  gewissermafien  fiir  ihr  Anschauen 
aus  alien  Wesen  ihrer  Umgebung  geistig-seelische  Wesenhaftigkeiten 
entgegen.  Sie  vertrieben  gewissermafien  diese  geistig-seelischen  Wesen- 
haftigkeiten dadurch,  dafi  sie  ihren  Atmungsprozefi  veranderten. 

So  hatten  sie  -  wenn  ich  den  Ausdruck  gebrauche,  der  heute  ge- 
brauchlich  ist  fiir  diejenigen,  die  so  hinausstreben  iiber  das  allgemeine 
Anschauen  -  als  «Gelehrte»  das  Bestreben,  die  Natur  nicht  mehr  durch- 
seelt  und  durchgeistigt  um  sich  zu  haben,  sondern  sie  so  um  sich  zu 
haben,  dafi  sie  sie  wie  eine  Art  Leichnam  empfanden.  Man  konnte  auch 
so  sagen:  Diese  Menschen  fiihlten  sich,indem  sie  hinausschauten  in  die 
Natur,  wie  in  einem  wellenden,  wogenden,  seelisch-geistigen  Weltenall, 
aber  sie  fiihlten  sich  darinnen  so,  wie  sich  der  Mensch  der  Gegenwart 
fiihlen  wiirde,  wenn  er  in  lebhaften  Bildern  traumte  und  aus  diesem 
Traumen  kaum  aufwachen  konnte.  So  fiihlten  sie  sich.  Was  erreichten 
aber  diese  einzelnen  -  wir  wollen  sie  also  die  Gelehrten  jener  alten  Zeit 
nennen  -,  wenn  sie  durch  solche  besondere  Obungen  sich  heraushoben 
aus  diesem  lebendig  Wogenden  und  es  abtoteten  in  der  Anschauung,  so 
dafi  sie  wirklich  das  Gefuhl  hatten,  sie  haben  nunmehr  ein  Totes,  ein 
Leichnamartiges  um  sich?  Was  strebten  sie  dadurch  an? 

Sie  strebten  dadurch  ein  starkeres  Selbstgefuhl  an.  Sie  strebten  etwas 
an,  wodurch  sie  sich  selber  erlebten,  wodurch  sie  sich  selber  empfanden. 
Der  heutige  Mensch  sagt  alle  Augenblicke:  «Ich  bin».  «Ich»  ist  fiir  ihn 
iiberhaupt  ein  Wort,  das  er  vom  Morgen  bis  zum  Abend  sehr  haufig  im 
Munde  fuhrt,  denn  es  ist  ihm  natiirlich,  es  ist  ihm  selbstverstandlich. 
Bei  diesen  alten  Menschen  war  es  fiir  das  gewohnliche  alltagliche  Er- 
leben  nicht  selbstverstandlich,  das  «Ich»  oder  gar  das  «Ich  bin»  auszu- 
sprechen.  Das  mufiten  sie  sich  erwerben.  Dazu  mufiten  sie  erst  solche 
Obungen  machen.  Und  indem  sie  diese  Obungen  machten,  kamen  sie 


zu  einem  solchen  inneren  Erleben,  dafi  sie  mit  einer  gewissen  Wahrheit 
sagen  konnten:  «Ich  bin».  Sie  kamen  erst  damit  zum  Bewufksein  ihres 
eigenen  Seins. 

Also  das,  was  fur  uns  etwas  Selbstverstandliches  ist,  das  wurde  fiir 
diese  Menschen  erst  dann  ein  Erlebnis,  wenn  sie  sich  anstrengten  in 
einem  inneren  Atmungsprozesse.  Sie  mufiten  erst  die  Umgebung  gewis- 
sermafien  fiir  die  Anschauung  toten,  sich  selber  aufwecken.  Dadurch 
kamen  sie  zu  der  Oberzeugung,  daJS  sie  auch  selber  sind,  dafi  sie  «Ich 
bin»  zu  sich  sagen  konnten.  Aber  mit  diesem  «Ich  bin»  war  ihnen  etwas 
gegeben,  was  uns  heute  wieder  selbstverstandlich  ist.  Es  war  ihnen  die 
innere  Entfaltung  des  Intellektuellen  gegeben.  Sie  entwickelten  da- 
durch die  Moglichkeit,  ein  innerliches,  abgesondertes  Denken  zu  haben. 

Wenn  wir  also  zuriickgehen  in  Zeiten,  in  denen  fiir  die  Zivilisation 
die  alten  orientalischen  Anschauungen  tonangebend  waren,  so  war  es 
eben  so,  dafi  die  Menschen  im  alltaglichen  Leben  eine  beseelte  Natur 
empfanden,  aber  ein  ganz  schwaches,  fast  gar  kein  Selbstgefiihl  hatten, 
gar  nicht  dieses  Selbstgefiihl  in  der  Uberzeugung  «Ich  bin»  zusammen- 
falken,  dafi  aber  einzelne  Menschen,  welche  durch  die  Mysterienan- 
stalten  geschult  wurden,  dazu  gebracht  wurden,  dieses  «Ich  bin»  zu 
erleben.  Dann  erlebten  sie  aber  dieses  «Ich  bin»  nicht  so,  wie  wir  es 
heute  als  eine  Selbstverstandlichkeit  hinnehmen,  sondern  in  dem  Mo- 
mente,  wo  sie  durch  ihren  Atmungsprozefi  dazu  gebracht  waren,  uber- 
haupt  «Ich  bin»  aus  inner licher  Uberzeugung,  aus  inner lichem  Erleben 
heraus  sagen  zu  konnen,  erlebten  sie  etwas,  was  auch  der  heutige 
Mensch  zunachst  nicht  wirklich  erlebt. 

Denken  Sie  zuriick  in  Ihre  Kindheit:  Sie  konnen  bis  zu  einem  ge- 
wissen Punkte  zuruckdenken,  dann  hort  es  auf.  Sie  waren  einmal  ein 
Baby,  und  wie  Sie  da  innerlich  gelebt  haben  als  Baby,  das  wissen  Sie 
nicht.  Es  hort  einmal  das  Erinnerungsvermogen  auf.  Sie  waren  ganz  ge- 
wifi  schon  da,  sind  auf  der  Erde  herumgekrochen,  sind  geliebkost  wor- 
den  von  Ihrer  Mutter  oder  von  Ihrem  Vater.  Da  haben  Sie  vielleicht 
gezappelt,  haben  die  Hande  bewegt,  aber  was  Sie  da  innerlich  erlebt 
haben,  das  wissen  Sie  im  gewohnlichen  Bewufitsein  nicht.  Dennoch 
war  es  ein  regeres,  ein  intensiveres  Seelenleben  als  das  spatere.  Denn 
dieses  intensivere  Seelenleben  hat  zum  Beispiel  Ihr  Gehirn  plastisch 


ausgestaltet,  hat  Ihren  iibrigen  Korper  durchdrungen  und  ihn  plastisch 
ausgestaltet.  Es  war  ein  intensives  Seelenleben  vorhanden,  und  in 
dieses  Seelenleben  fuhlte  sich  der  alte  Inder  versetzt  in  demselben 
Momente,  wo  er  zu  sich  «Ich  bin»  sagte. 

Stellen  Sie  sich  das  nur  ganz  lebhaft  vor,  wie  das  war.  Er  fuhlte  sich 
nicht  im  gegenwartigen  Augenblicke,  wenn  er  zu  sich  «Ich  bin»  sagte, 
er  fuhlte  sich  zuriickversetzt  in  seine  Babyzeit,  er  fuhlte  sich  so,  wie  er 
in  der  Babyzeit  gefuhlt  hat,  und  sagte  von  da  aus  zu  seinem  ganzen 
spateren  Leben  «Ich  bin».  Er  hatte  gar  nicht  das  Gefiihl,  dafi  er  jetzt 
«Ich  bin»  zu  sich  sagen  kann,  sondern  daft  er  dazu  zuriickgehen  mulke 
in  seine  erste  Babyzeit.  Dann  stromte  gewissermafien  von  jener  ersten 
Babyzeit  in  alle  folgenden  Jahre  hiniiber  jene  Kraft,  die  «Ich  bin»  sagt. 
Dieses  Sich-Zuriickversetzen,  das  war  etwas  ganz  Naturgemafies.  Aber 
damit  war  etwas  anderes  verbunden.  Indem  sich  die  Menschen  so  zu- 
riickversetzten,  sagten  sie  also  gewissermaften  -  ich  driicke  es  jetzt  et- 
was grotesk  aus,  aber  es  ist  doch  eine  Wahrheit  -:  Ich  gehe  jetzt  in  das 
kleine  Kopfchen  zuriick,  das  ich  hatte,  als  ich  ein  Baby  war,  denn  da 
liegt  ein  Seelenleben  drinnen,  das  wird  mir  jetzt  durchsichtig,  das  sagt 
«Ich  bin».  -  Beim  heutigen  Menschen  ist  dies  auch  noch  so,  nur  weifS  er 
nichts  davon,  aber  in  alten  Zeiten  erarbeitete  er  sich  ein  Wissen  davon. 
Aber  dadurch  steckte  er  ja  drinnen  in  diesem  Seelenleben  des  Babys, 
und  er  wulke,  dieses  Seelenleben  des  Babys,  das  ist  nicht  von  dieser 
Welt.  Das  habe  ich  mitgebracht  aus  der  Zeit,  als  ich  noch  keinen  Kor- 
per hatte.  Das  habe  ich  in  der  geistig-seelischen  Welt  gehabt.  Da  drin- 
nen nun  habe  ich  am  allerintensivsten  mein  «Ich  bin»  empfunden  und 
gefiihlt  und  erlebt,  habe  mir  es  mitgebracht,  und  als  ich  einen  Korper 
bekommen  habe,  da  ist  es  gewissermafien  ausgeflossen  in  die  Korper- 
gestaltung.  Und  dann,  nachdem  es  ausgeflossen  ist  in  die  Korpergestal- 
tung,  kam  mir  mein  eigenes  Seelenleben  aus  dem  Innern  wieder  herein. 
Aber  das  ist  erst  hineingezogen  in  dieses  Innere,  nachdem  es  vorher  in 
der  geistig-seelischen  Welt  gelebt  hat.  Das  heifk,  indem  dieser  alte  in- 
dische  Jogi  zuerst  sich  durch  seinen  Atmungsprozefi  in  seine  Babyzeit 
zuriickversetzte,  wurde  er  gewahr  der  Zeit  vor  seinem  Erdendasein. 
Das  kam  ihm  vor  wie  eine  Erinnerung.  Genau  so,  wie  wenn  sich  der 
Mensch  heute  an  etwas  erinnert,  was  er  vor  zehn  Jahren  erlebt  hat,  so 


war  es  wie  das  Auftreten  einer  Erinnerung  in  dem  Momente,  wo  das 
«Ich  bin»  durch  die  Seele  schofi,  wenn  in  dieser  alten  indischen  Zeit 
der  Mensch  durch  Atmungsiibungen  innerlich  sich  starkte  und  die 
Aufienwelt  um  sich  herum  abtotete,  dafiir  aber  lebendig  machte  das, 
was  nicht  jetzt  seine  Aufienwelt  war,  sondern  was  Auflenwelt  war, 
bevor  der  Mensch  in  die  physische  Erdenwelt  heruntergestiegen  war. 

Man  wurde  wirklich  dazumal  -  wenn  ich  es  wiederum  mit  einem 
heutigen  Ausdruck  bezeichnen  will,  der  aber  natiirlich  unendlich  phili- 
stros  klingt,  wenn  ich  ihn  fiir  jene  alten  Zeiten  gebrauche  -  durch  das 
Jogi-Studium  herausgehoben  aus  dem  gegenwartigen  Erdendasein  und 
in  das  geistig-seelische  Dasein  hineingehoben.  Man  verdankte  also  dem 
damaligen  Studium  das  Hinaufgehobenwerden  in  die  geistig-seelischen 
Welten.  Man  hatte  ein  etwas  anderes  Bewufitsein,  als  wir  es  heute  ha- 
ben.  Aber  gerade  wenn  man  im  damaligen  Sinne  ein  Joga-Gelehrter 
war,  konnte  man  denken  -  die  anderen  Menschen  konnten  nicht  den- 
ken,  die  anderen  Menschen  konnten  nur  traumen  -,  aber  man  dachte 
hinein  in  die  iibersinnliche  Welt,  aus  der  man  ins  Erdendasein  herunter- 
gestiegen war. 

Das  ist  zugleich  eine  Charakteristik  jener  Zeit  der  Erdenentwicke- 
lung,  die,  wenn  wir  es  etwas  grob  charakterisieren,  vorangegangen  ist 
zum  Beispiel  den  griechisch-romischen  Anschauungen  im  vierten  nach- 
atlantischen  Zeitraum.  Da  war  das  «Ich  bin»  schon  mehr  in  den  Men- 
schen hereingedrungen  im  gewohnlichen  Alltagsbewufitsein.  Zwar  hat- 
te die  Sprache  damals  noch  im  Verbum  das  Ich  drinnenliegen,  das  war 
noch  nicht  so  abgesondert  wie  bei  uns,  aber  es  war  immerhin  schon  ein 
deutliches  Ich-Erlebnis  vorhanden.  Dieses  deutliche  Ich-Erlebnis  war 
nun  eine  natiirliche,  selbstverstandliche  Tatsache  des  inneren  Lebens. 
Dafiir  aber  war  schon  die  aufiere  Natur  mehr  oder  weniger  entseelt. 
Der  Grieche  hatte  immerhin  noch  die  Fahigkeit,  die  zwei  Gesichts- 
punkte  nebeneinander  zu  erleben,  und  zwar  ohne  besondere  Schulung. 
Der  Grieche  erlebte  noch  deutlich,  wenn  auch  schwacher  als  die  Men- 
schen alterer  Zeiten,  in  Quelle,  im  Fluft,  im  Berg,  im  Baum  das  Geistig- 
Seelische.  Aber  zu  gleicher  Zeit  konnte  er  absehen  von  dem  Geistig-See- 
lischen,  auch  das  Tote  in  der  Natur  erleben  und  ein  Selbstgefuhl  haben. 
Das  gibt  namentlich  dem  Griechentum  seinen  besonderen  Charakter. 


Der  Grieche  hatte  noch  nicht  eine  solche  Anschauung  der  Welt  wie  wir. 
Er  konnte  zwar  schon  solche  Begriffe  und  Ideen  von  der  Welt  ent- 
wickeln  wie  wir,  aber  er  konnte  zu  gleicher  Zeit  diejenigen  Anschau- 
ungen  ernst  nehmen,  die  noch  in  Bildern  gegeben  waren.  Er  lebte  iiber- 
haupt  anders,  als  wir  heute  leben.  Wir  gehen  zum  Beispiel  ins  Theater, 
um  uns  zu  unterhalten.  Um  sich  zu  unterhalten,  ging  man  in  Griechen- 
land  eigentlich  erst  ins  Theater  -  wenn  ich  mich  so  ausdriicken  darf  - 
zu  Euripides  Zeiten,  kaum  zu  Sophokles  Zeiten,  und  jedenfalls  nicht 
in  den  Zeiten  des  Aschylos,  oder  gar  in  noch  alteren  Zeiten.  Da  ging 
man  zu  anderen  Zielen  in  die  dramatischen  Vorstellungen.  Man  hatte 
ein  deutliches  GefUhl,  dafi  in  allem,  in  Baum  und  Strauch,  in  Quelle 
und  Flufi  geistig-seelische  Wesenheiten  leben.  Wenn  man  diese  geistig- 
seelischen  Wesenheiten  erlebt,  da  hat  man  eben  Lebensaugenblicke,  wo 
man  kein  starkes  Selbstgefuhl  hat.  Wenn  man  aber  wiederum  dieses 
starke  Selbstgefuhl  entwickelt,  was  die  Alten  noch  durch  Joga-Schu- 
lung  haben  suchen  mussen,und  was  der  Grieche  nicht  mehr  durch  Joga- 
Schulung  zu  suchen  brauchte,  dann  wird  alles  tot  um  einen  herum, 
dann  sieht  man  gewissermafien  nur  den  Leichnam  der  Natur.  Dadurch 
aber  verbraucht  man  sich.  Man  sagte  sich:  Das  Leben  verbraucht  den 
Menschen.  Der  Grieche  fiihlte  das  wie  eine  Art  seelischen  und  leiblichen 
Erkrankens,  nur  die  tote  Natur  anzuschauen.  Man  empf  and  das  lebhaf t 
in  alteren  griechischen  Zeiten,  dafi  einen  das  Tagesleben  krank  macht, 
dafi  man  etwas  braucht,  wodurch  man  wieder  gesund  wird:  und  das 
war  die  Tragodie.  Um  gesund  zu  werden,  weil  man  fiihlte,  man  ver- 
braucht sich,  man  macht  sich  in  einem  gewissen  Sinne  krank,  man 
braucht,  wenn  man  iiberhaupt  ganz  Mensch  bleiben  will,  eine  Heilung, 
deshalb  ging  man  zur  Tragodie.  Und  die  Tragodie  wurde  noch  in 
Aschylos  Zeiten  so  gespielt,  dafi  man  denjenigen,  der  die  Tragodie  bil- 
dete,  der  sie  gestaltete,  als  den  Arzt  empfand,  der  den  verbrauchten 
Menschen  in  einem  gewissen  Sinne  wieder  gesund  machte.  Die  Gefiihle, 
die  da  erregt  wurden  von  Furcht,  von  Mitleid  mit  den  Helden,  die  auf- 
traten,  wirkten  wie  eine  Arznei.  Sie  durchdrangen  den  Menschen,  und 
indem  er  sie  iiberwand,  diese  Gefiihle  von  Furcht  und  Mitleid,  bildeten 
sie  in  ihm  eine  Krisis,  wie  sich  zum  Beispiel  bei  der  Pneunomie  eine 
Krisis  bildet.  Und  indem  man  die  Krisis  uberwindet,  wird  man  gesund. 


So  wurden  die  Schauspiele  aufgefuhrt,  um  die  Menschen,  die  sich  als 
Menschen  verbraucht  fiihlten,  gesund  zu  machen.  Das  war  das  Gefiihl, 
das  man  in  der  alteren  Griechenzeit  der  Tragodie,  dem  Schauspiel  ent- 
gegenbrachte.  Und  das  war  aus  dem  Grunde,  weil  sich  die  Menschen 
sagten:  Wenn  man  sein  Ich  fiihlt,  dann  wird  die  Welt  entgottert.  Das 
Schauspiel  fiihrt  wieder  den  Gott  vor,  denn  es  war  im  wesentlichen 
ein  Vorfuhren  der  gottlichen  Welt  und  des  Schicksals,  das  selbst  die 
Gotter  erdulden  miissen,  also  ein  Vorfuhren  dessen,  was  hinter  der 
Welt  als  Geistiges  sich  geltend  macht.  Das  war  es,  was  in  der  Tragodie 
vorgefuhrt  wurde. 

So  war  dem  Griechen  die  Kunst  noch  eine  Art  Heilungsprozefi.  Und 
indem  die  ersten  Christen  nachlebten,  was  in  der  Verkorperung  des 
Christus  in  dem  Jesus  gegeben  war  und  was  in  den  Evangelien  nachge- 
dacht  und  nachempfunden  werden  kann:  der  Hingang  des  Christus 
Jesus  zum  Leiden  und  zum  Kreuzestod,  zur  Auferstehung,  zur  Him- 
melfahrt-empfanden  sie  gewissermafien  eine  innerliche  Tragodie.  Des- 
halb  nannten  sie  auch  den  Christus,  und  nannte  man  ihn  immer  mehr 
den  Arzt,  den  Heiland,  den  groiSen  Arzt  der  Welt.  Der  Grieche  hat  in 
den  alteren  Zeiten  dieses  Heilende  bei  seiner  Tragodie  empfunden.  Die 
Menschheit  sollte  allmahlich  dazu  kommen,  das  historisch,  das  ge- 
schichtlich  Heilende  im  Anblicke,  im  Gemutserleben  des  Mysteriums 
von  Golgatha,  der  gro^en  Tragodie  von  Golgatha  zu  erleben  und  zu 
empfinden. 

Im  alten  Griechenland  ging  man,  namentlich  in  der  Zeit  vor  Aschy- 
los,  in  der  das,  was  f  rtiher  nur  im  Dunkel  der  Mysterien  gefeiert  wurde, 
schon  mehr  offentlich  geworden  war,  in  die  Tragodie.  Was  sahen  die 
Menschen  in  dieser  alteren  Tragodie?  Der  Gott  Dionysos  erschien,  der 
Gott  Dionysos  war  es,  welcher  aus  den  Erdenkraften,  aus  der  geistigen 
Erde  sich  herausarbeitete.  -  Der  Gott  Dionysos,  weil  er  sich  aus  den  gei- 
stigen Kraften  herausarbeitete  und  an  die  Oberflache  der  Erde  drang, 
machte  das  Leiden  der  Erde  mit.  Er  fuhlte  gewissermalSen  als  Gott  see- 
lisch  -  nicht  so,  wie  es  beim  Mysterium  von  Golgatha  war,  auch  kor- 
perlich  -,  was  es  hiefi,  unter  Wesen  zu  leben,  welche  durch  den  Tod 
gehen.  Er  lernte  den  Tod  nicht  an  sich  selbst  erleben,  aber  er  lernte  ihn 
anschauen.  Man  fuhlte,  da  ist  der  Gott  Dionysos,  der  tief  leidet  unter 


den  Menschen,  weil  er  den  Anblick  haben  mufite  von  alledem,  was  die 
Menschen  erleiden.  Es  war  nur  eine  einzige  Wesenheit  auf  der  Biihne 
zunachst,  der  Gott  Dionysos,  der  leidende  Dionysos,  und  urn  ihn  her- 
um  ein  Chor,  der  da  rezitierend  sprach,  damit  die  Leute  es  horen  konn- 
ten,  was  in  dem  Gotte  Dionysos  vorging.  Denn  das  war  iiberhaupt  die 
erste  Gestalt  des  Schauspieles,  der  Tragodie,  dafi  die  einzig  wirklich 
handelnde  Person,  die  auftritt,  der  Gott  Dionysos  war,  und  um  ihn 
herum  der  Chor,  welcher  rezkierte,  was  in  des  Dionysos  Seele  vorging. 
Nach  und  nach  nur  wurden  dann  aus  der  einen  Person,  die  den  Gott 
Dionysos  in  den  alteren  Zeiten  darstellte,  mehrere  Personen,  und  dann 
aus  dem  einen  Schauspiele  das  spatere  Drama.  So  erlebte  man  im  Bilde 
den  Gott  Dionysos.  Und  man  erlebte  spater  in  Wirklichkeit,  als  eine 
historische  Tatsache  der  Menschheitsentwickelung,  den  leidenden  und 
sterbenden  Gott,  den  Christus.  Einmal  als  historische  Tatsache  sollte 
sich  das  vor  der  Menschheit  abspielen,  so  dafi  alle  Menschen  es  empf  in- 
den  konnten,  was  sonst  in  Griechenland  im  Schauspiel  erlebt  worden 
war.  Aber  indem  die  Menschheit  diesem  groften  Geschichtsdrama  ent- 
gegenlebte,  wurde  das  Drama,  das  so  heilig  war  in  der  alten  Grie- 
chenzeit,  dafi  man  in  ihm  den  Heiland,  die  wunderwirkende  Mensch- 
heitsarznei  empfand,  immer  mehr  und  mehr,  ich  mochte  sagen,  von 
seinem  Podest  herabgeworfen  und  wurde  zum  Unterhaltungsstoff, 
wie  es  schon  bei  Euripides  der  Fall  ist. 

Die  Menschheit  lebte  entgegen  der  Zeit,  in  der  sie  etwas  anderes 
brauchte,  als  im  Bilde  vorgefuhrt  zu  bekommen  die  geistig-seelische 
Welt,  nachdem  fur  das  Anschauen  die  Natur  entseelt  war.  Die  Mensch- 
heit brauchte  das  historische  Mysterium  von  Golgatha.  Der  altejoga- 
Schiiler  der  indischen  Zeit  hatte  den  Atem  aufgenommen,  den  Atem 
gewissermafien  in  seinem  eigenen  Leib  zuriickgehalten,  um  in  diesem 
Atmen  zu  empfinden:  In  dir  lebt  der  gottliche  Ich-Impuls.  -  Der 
Mensch  erlebte  als  Joga-Schiiler  den  Gott  in  sich  selber  durch  den  At- 
mungsprozefi.  Spatere  Zeiten  kamen.  Der  Mensch  erlebte  nicht  mehr 
in  sich  den  Gottesimpuls  im  AtmungsprozefL  Aber  er  hatte  denken 
gelernt,  und  er  sagte:  Durch  den  Atem  kam  die  Seele  in  den  Menschen 
hinein.  -  Der  alte  Joga-Schiiler  machte  das  durch.  Der  spatere  Mensch 
sagte:  «Und  Gott  blies  dem  Menschen  den  lebendigen  Odem  ein»,  und 


er  ward  eine  Seele.  -  Der  altere  Joga-Schiiler  erlebte  das,  der  spatere 
Mensch  sagte  es.  Und  indem  man  das  im  hebraischen  Altertum  sagte, 
erlebte  man  schon  in  einem  gewissen  Sinne  abstrakt,  was  man  friiher 
konkret  erlebt  hatte.  Aber  man  schaute  auch  nicht  im  hebraischen 
Altertum,  dafiir  aber  im  griechischen  Altertum.  Es  spielt  sich  immer 
das  eine  auf  dem  einen  Erdenfleck,  das  andere  auf  einem  andern 
Erdenfleck  ab.  Man  erlebte  nicht  mehr  den  Gott  in  sich  wie  der  alte 
Joga-Schiiler,  dafiir  aber  erlebte  man  im  Bilde  das  Dasein  des  Gottes 
im  Menschen.  Und  dieses  Erleben  im  Bilde  des  Daseins  des  Gottes  im 
Menschen,  das  war  eben  im  alteren  griechischen  Drama  durchaus  vor- 
handen.  Aber  dieses  Drama  wurde  nun  weltgeschichtliches  Ereignis. 
Dieses  Drama  wurde  das  Mysterium  von  Golgatha.  Dafiir  aber  wurde 
auch  das  Bild  nunmehr  abgesetzt.  Das  Bild  wurde  blofies  Bild,  wie 
der  AtmungsprozefS  blofi  in  Gedanken  noch  geschildert  wurde.  Die 
ganze  menschliche  Seelenverfassung  wurde  eine  andere. 

Der  Mensch  sah  die  Aufienwelt  tot,  und  das  war  fiir  ihn  das  Elemen- 
tare,  das  Natiirliche,  dafi  er  die  Aufienwelt  tot  sah.  Entgottert  sah  er 
sie.  Sich  selbst  als  Aufienwelt,  als  leibliche  Aufienwelt,  sah  er  entgot- 
tert. Aber  er  hatte  den  Trost  dafiir,  dafi  einmal  in  diese  entgotterte 
Welt  der  wirkliche  Gott  heruntergekommen  war,  der  Christus,  und 
in  einem  Menschen  gelebt  hatte,  und  durch  die  Auferstehung  als 
Christus-Impuls  in  die  ganze  Erdenentwickelung  iibergegangen  war. 
Und  so  konnte  der  Mensch  eine  gewisse  Anschauung  nunmehr  in  der 
folgenden  Art  entwickeln.  Er  konnte  sich  sagen:  Ich  sehe  die  Welt, 
aber  sie  ist  ein  Leichnam.  -  Er  sagte  es  sich  freilich  nicht,  denn  es  blieb 
im  Unbewulken,  der  Mensch  weifi  nicht,  dafi  er  die  Welt  als  Leichnam 
sieht.  Aber  allmahlich  bildete  sich  in  seiner  Anschauung  der  Leichnam 
am  Kreuz,  der  gestorbene  Christus  Jesus.  Und  blickt  man  hin  auf  den 
Kruzifixus,  auf  den  gestorbenen  Christus  Jesus,  dann  hat  man  die  Na- 
tur.  Man  hat  das  Bild  der  Natur,  jener  Natur,  in  welcher  der  Mensch 
gekreuzigt  ist.  Und  blickt  man  hin  auf  den,  der  aus  dem  Grabe  aufer- 
stand,  der  dann  von  den  Jungern  und  von  Paulus  erlebt  worden  ist 
als  der  in  der  Welt  lebende  Christus,  dann  hat  man  das,  was  in  alteren 
Zeiten  in  der  ganzen  Natur  gesehen  worden  ist.  Gewifi,  in  einer  Viel- 
heit,  in  vielen  geistigen  Wesenheiten,  in  Gnomen  und  Nymphen,  in 


Sylphen  und  Salamandern,  in  alien  moglichen  anderen  Wesenheiten 
der  Erden-Hierarchien,  erblickte  man  das  Gottlich-Geistige;  man  er- 
blickte  die  Natur  durchgeistigt  und  beseelt.  Nunmehr  aber  bekam  man 
den  Drang,  durch  den  schon  aufkeimenden  Intellektualismus  das,  was 
zerstreut  ist  in  der  Natur,  zusammenzufassen.  Man  hat  es  zusammen- 
gefafk  in  dem  toten  Christus  Jesus  am  Kreuze.  Aber  man  schaut  in 
dem  Christus  Jesus  alles  das,  was  man  in  der  aufieren  Natur  verloren 
hat.  Alle  Geistigkeit  schaut  man,  indem  man  hinschaut  zu  der  Tat- 
sache:  Aus  diesem  Leibe  hat  sich  erhoben  der  Christus,  der  Gottesgeist, 
der  iiberwunden  hat  den  Tod,  und  an  dessen  Wesenheit  teilnehmen 
kann  nunmehr  jede  Menschenseele.  Man  hat  die  Fahigkeit  verloren, 
im  Umkreise  der  Natur  das  Gotthch-Geistige  zu  sehen.  Man  hat  die 
Fahigkeit  gewonnen,  im  Hinblick  auf  das  Mysterium  von  Golgatha 
dieses  Gottlich-Geistige  im  Christus  wieder  zu  f inden. 

So  ist  die  Entwickelung.  Was  die  Menschheit  verloren  hat,  es  wurde 
ihr  in  Christus  wiedergegeben.  In  dem,  was  sie  verloren  hat,  hat  sie 
den  Egoismus  gewonnen,  die  Moglichkeit  des  Selbstgefuhles.  Ware  die 
Natur  nicht  tot  geworden  fur  die  menschliche  Anschauung,  so  ware 
der  Mensch  niemals  zu  dem  Erlebnis  «Ich  bin»  gekommen.  Er  ist  zu 
dem  Erlebnis  «Ich  bin»  gekommen,  er  konnte  sich  erfuhlen,  innerlich 
sich  erleben,  aber  er  brauchte  eine  geistige  Aufienwelt.  Die  wurde  der 
Christus.  Aber  das  «Ich  bin»,  die  Egoitat,  die  ist  errichtet  auf  dem 
Leichnam  der  Natur. 

Das  empfand  Paulus.  Konstruieren  wir  uns  einmal  diese  Empfin- 
dung  des  Paulus.  Ringsherum  der  Leichnam  dessen,  was  einstmals 
die  Menschen  geschaut  hatten  in  alten  Zeiten.  Die  Menschen  haben 
die  Natur  geschaut  als  den  Leib  des  Gottlichen,  Seelisch-Geistigen. 
Wie  wir  heute  unsere  Finger  sehen,  so  sahen  diese  Menschen  Berge.  Es 
fiel  ihnen  gar  nicht  ein,  die  Berge  als  leblose  Natur  zu  denken,  so  we- 
nig,  wie  wir  den  Finger  als  lebloses  Glied  denken;  sondern  sie  sagten: 
Da  ist  ein  Geistig-Seelisches,  das  ist  die  Erde;  die  hat  Glieder,  und  ein 
solches  Glied  ist  der  Berg.  -  Aber  die  Natur  wurde  tot.  Der  Mensch  er- 
lebte  das  «Ich  bin»  im  Innern.  Aber  er  wurde  nur  dastehen  als  der 
Eremk  auf  der  entgeistigten,  entseelten  Erde,  wenn  er  nicht  hinblicken 
konnte  zu  dem  Christus.  Diesen  Christus  aber,  er  darf  ihn  nicht  blofi 


von  aufien  anschauen,  so  dafi  er  aufierlich  bleibt,  er  mufi  ihn  nun  in 
das  Ich  aufnehmen.  Er  mufi  sagen  konnen,  indem  er  sich  hinweghebt 
aus  dem  alltaglichen  «Ich  bin»:  Nicht  ich,  sondern  der  Christus  in 
mir.  -  Wenn  wir  schematisch  darstellen,  was  da  war,  so  konnten  wir 
sagen:  Der  Mensch  empfand  dereinst  um  sich  herum  die  Natur  (griin), 
aber  diese  Natur  iiberall  durchseelt  und  durchgeistigt  (rot).  Das  war 
in  einer  alteren  Periode  der  Menschheit. 


In  spateren  Zeiten  empfand  der  Mensch  auch  die  Natur,  aber  er 
empfand  die  Moglichkeit,  gegeniiber  der  nun  entseelten  Natur  das 
eigene  «Ich  bin»  wahrzunehmen  (gelb).  Da  aber  brauchte  er  dafiir  das 
Bild  des  im  Menschen  vorhandenen  Gottes,  und  er  empfand  das  in  dem 
Gotte  Dionysos,  der  ihm  vorgefiihrt  wurde  im  griechischen  Drama. 


In  noch  spaterer  Zeit  empfand  der  Mensch  wiederum  die  entseelte 
Natur  (griin),  in  sich  das  «Ich  bin»  (gelb).  Das  Drama  aber  wird  zur 
Tatsache.  Auf  Golgatha  erhebt  sich  das  Kreuz.  Aber  zu  gleicher  Zeit 
geht  das,  was  der  Mensch  ursprunglich  verloren  hatte,  ihm  in  seinem 
eigenen  Innern  auf  und  strahlt  (rot)  aus  dem  eigenen  Innern  aus:  Nicht 
ich,  sondern  der  Christus  in  mir. 


Wie  hat  der  Mensch  der  alten  Zeiten  gesagt?  Er  hat  es  nicht  sagen 
konnen,  aber  er  erlebte  es:  Nicht  ich,  sondern  das  Gottlich-Geistige 
um  mich,  in  mir,  iiberall.  -  Der  Mensch  hat  dieses  «G6ttlich-Geistiges 
iiberall,  um  mich,  in  mir»  verloren;  er  hat  es  in  sich  wiedergefunden 
und  im  bewuflten  Sinne  sagt  er  jetzt  dasselbe,  was  er  ursprunglich  un- 
bewulk  erlebt  hat:  Nicht  ich,  sondern  der  Christus  in  mir.  -  Die  Urtat- 
sache,  die  unbewufit  erlebt  worden  ist  in  der  Zeit,  bevor  der  Mensch 
sein  Ich  erlebte,  die  wird  zur  bewufiten  Tatsache,  zum  Erlebnis  des 
Christus  im  menschlichen  Inneren,  im  menschlichen  Herzen,  im 
menschlichen  Seelenhaften. 

Sehen  Sie  da  nicht,  wenn  man  ein  solches  triviales  Schema  aufzeich- 
net,  formlich  das,  was  man  dann  darstellen  mufi  in  Ideen?  Sehen  Sie 
nicht  die  ganze  Welt  erfiillt  von  dem  Christus-Geist,  der  im  Innern 
des  Menschen  aufgeht,  dafi  der  aus  dem  Kosmos  erst  hereinzieht  in 


den  Menschen?  Und  machen  Sie  sich  klar,  was  fiir  eine  Bedeutung  das 
Sonnenlicht  fiir  den  Menschen  hat,  wie  der  Mensch  physisch  ohne  das 
Sonnenlicht  nicht  leben  kann,  wie  das  Licht  uberall  uns  umgibt,  dann 
werden  Sie  auch  verstehen  konnen,  wenn  ich  Ihnen  sage,  daft  in  jenen 
alteren  Zeiten,  von  denen  ich  heute  gesprochen  habe,  der  Mensch  sich 
durchaus  als  Licht  im  Lichte  fuhlte.  Er  fiihlte  sich  zum  Licht  hinzuge- 
horig.  Er  sagte  nicht  «Ich  bin»,  er  nahm  die  Sonnenstrahlen  wahr,  die 
auf  die  Erde  fielen,  und  er  unterschied  sich  nicht  von  den  Sonnen- 
strahlen. Wo  er  das  Licht  wahrnahm,  nahm  er  auch  sich  wahr,  denn  da 
drinnen  fuhlte  er  sich.  Wenn  das  Licht  ankam,  fuhlte  er  sich  auf  den 
Wogen  des  Lichtes,  auf  den  Wogen  des  Sonnenhaf  ten,  der  Sonne. 

Mit  dem  Christus  wurde  das  in  seinem  eigenen  Inneren  wirksam. 
Es  ist  die  Sonne,  die  in  das  eigene  Innere  einzieht  und  in  dem  eigenen 
Inneren  wirksam  wird.  Es  steht  das  natiirlich  vielfach  in  der  Bibel, 
dieser  Vergleich  des  Christus  mit  dem  Lichte,  aber  wenn  heute  die 
Anthroposophie  wiederum  aufmerksam  machen  will,  daft  man  es  da 
mit  einer  Wirklichkeit  zu  tun  hat,  dann  lehnen  sich  heute  am  meisten 
diejenigen  Menschen  auf,  fiir  deren  Fakultat  in  den  Verzeichnissen 
der  Universitaten  steht:  «Gottesgelahrtheit».  Sie  lehnen  das  Wissen 
iiber  diese  Dinge  eigentlich  ab.  Und  es  ist  schon  eine  tief  bedeutsame 
Tatsache,  daft  es  gerade  in  Basel  einmal  einen  solchen  Gottesgelahrten 
gegeben  hat,  der  auch  ein  Freund  Nietzsches  war:  Overbeck,  der  das 
Buch  geschrieben  hat  iiber  die  Christlichkeit  der  heutigen  Theologie. 
Mit  diesem  Buche  wollte  er  eigentlich  als  Theologe  konstatieren,  daft 
man  noch  das  Christliche  hat,  daft  es  damals,  in  den  siebziger  Jahren 
des  vorigen  Jahrhunderts,  noch  dieses  Christliche  gab,  daft  aber  auch 
schon  vieles  unchristlich  geworden  sei,  daft  jedenfalls  aber  die  Theolo- 
gie nicht  mehr  christlich  sei.  Das  wollte  der  an  der  theologischen  Fakul- 
tat in  Basel  wirksame  Theologieprofessor  Overbeck  durch  sein  Buch 
iiber  die  Christlichkeit  der  heutigen  Theologie  zum  Beweise  erheben. 
Es  ist  ihm  auch  in  hohem  Grade  gelungen.  Und  wer  das  Buch  ernst 
nimmt,  der  kommt  eben  zu  der  Uberzeugung:  Es  mag  heute  noch 
manches  Christliche  geben,  aber  die  moderne  Theologie  ist  jedenfalls 
unchristlich  geworden.  Und  es  mag  heute  noch  manches  Christliche 
geben,  aber  wenn  die  Theologen  anfangen,  iiber  Christus  zu  reden, 


so  sind  ihre  Worte  jedenfalls  nicht  mehr  christlich.  Diese  Dinge  werden 
nur  gewohnlich  nicht  ernst  genug  genommen.  Aber  sie  sollten  ernst 
genommen  werden,  denn  wiirden  sie  ernst  genommen,  dann  wiirde 
man  nicht  nur  die  Notwendigkeit  des  heutigen  anthroposophischen 
Wirkens  einsehen,  sondern  man  wiirde  auch  die  ganze  Bedeutung  der 
Anthroposophie  einsehen.  Und  man  wiirde  sich  vor  alien  Dingen  der 
Verantwortung  bewufit  sein,  die  man  heute  der  gegenwartigen  Mensch- 
heit  gegeniiber  hat  in  bezug  auf  so  etwas  wie  anthroposophisches  Wis- 
sen.  Denn  dieses  anthroposophische  Wissen  miifite  eigentlich  heute 
allem  Wissen  zugrunde  liegen.  Es  miifke  alles  Wissen,  insbesondere 
das  soziale  Wissen,  aus  diesem  anthroposophischen  Wissen  herausge- 
holt  werden.  Denn  indem  die  Menschen  lernen,  dafi  das  Licht  des 
Christus  in  ihnen  lebt  -  Christus  in  mir  -,  indem  sie  das  voll  erleben, 
lernen  sie,  sich  als  etwas  anderes  anzusehen  als  das,  was  man  bekommt, 
wenn  man  nur  den  Menschen  als  dem  Leichnam  der  Natur  angehorig 
ansieht.  Aus  dieser  Anschauung  aber,  dafi  der  Mensch  der  zum  Leich- 
nam gewordenen  Natur  angehort,  ist  unsere  antisoziale,  unsoziale 
Gegenwart  entstanden.  Und  zu  einer  wirklichen  Anschauung,  die  wie- 
derum  die  Menschen  zu  Briidern  machen  kann,  die  wiederum  wirkliche 
Moralimpulse  in  die  Menschheit  bringen  kann,  kann  es  doch  nur  kom- 
men,  wenn  der  Mensch  zum  Verstandnis  des  Wortes  vordringt:  Nicht 
ich,  sondern  der  Christus  in  mir  -,  wenn  der  Christus,  gerade  im  Um- 
gange  von  Mensch  zu  Mensch,  gefunden  wird  als  eine  wirksame  Kraft. 
Ohne  diese  Erkenntnis  kommen  wir  nicht  vorwarts.  Wir  brauchen 
diese  Erkenntnis,  und  diese  Erkenntnis  mu£  gefunden  werden.  Kom- 
men wir  vorwarts  bis  zu  ihr,  dann  kommen  wir  auch  iiber  diese  hinaus 
vorwarts,  dann  kommen  wir  zu  der  Durchchristung  unseres  sozialen 
Lebens. 


DIE  VERANDERUNGEN  IM  ERLEBEN 
DES  ATMUNGSPROZESSES  IN  DER  GESCHICHTE 

Dornach,  26.  M'drz  1922 

Es  wird  in  unserer  Zeit  viel  gesprochen  von  dem  Unterschiede  zwischen 
Glauben  und  Wissen,  und  es  wird  insbesondere  auch  oftmals  behaup- 
tet,  daft  Anthroposophie  nach  dem,  was  sie  zu  sagen  hat,  sich  nicht  als 
Wissenschaft,  sondern  als  Glaubensinhalt  bezeichnen  musse,  als  Glau- 
bensiiberzeugung.  Im  Grunde  genommen  riihren  aber  alle  Unterschie- 
de, die  in  diesem  Stile  gemacht  werden,  davon  her,  daft  die  Menschen 
sehr  wenig  Einsicht  haben  in  das,  was  sich  als  Glaube  im  Laufe  der 
Menschheitsentwickelung  ergeben  hat,  und  daft  sie  eigentlich  auch 
nicht  sehr  viel  Einsicht  in  das  haben,  was  Wissen  ist. 

Aller  Glauben,  alles,  was  mit  dem  Worte  Glauben  zusammenhangt, 
geht  eigentlich  in  sehr  alte  Zeiten  der  Menschheitsentwickelung  zuriick. 
Es  geht  zuriick  in  diejenigen  Zeiten,  in  welchen  der  Atmungsprozeft 
eine  viel  groftere  Rolle  im  Leben  des  Menschen  selbst  spielte,  als  das 
jetzt  der  Fall  ist.  Der  Mensch  mit  seiner  gegenwartigen  Seelenverfas- 
sung  achtet  eigentlich  nicht  auf  seinen  Atmungsprozeft.  Er  atmet  ein 
und  atmet  aus,  aber  er  nimmt  dabei  nicht  irgendein  besonderes  Erlebnis 
wahr. 

Die  Glaubensinhalte  alterer  Zeiten  haben  immer  auf  die  Bedeutung 
des  Atmens  hingewiesen.  Man  braucht  sich  nur  zu  erinnern  -  ich  habe 
schon  in  diesen  Tagen  darauf  aufmerksam  gemacht  -,  daft  im  Alten 
Testament  geradezu  des  Menschen  Schopfung  in  Zusammenhang  ge- 
bracht  wird  mit  dem  Einhauchen  des  Atems,  und  man  braucht  sich 
nur  zu  erinnern  an  das,  was  ich  ausgefuhrt  habe  iiber  jenes  Streben, 
das  im  alten  Indien  zum  Beispiel  vorhanden  war,  hohere  Erkenntnis 
dadurch  zu  erringen,  daft  in  einer  bestimmten  Weise  der  Atmungspro- 
zefi  geregelt  wurde.  Dieses  Streben  hatte  einen  Sinn  in  derjenigen  Zeit, 
in  der  der  Mensch  iiberhaupt  mehr  auf  seinen  Atem  achtete.  Ich  habe 
gesagt,  dieses  Streben  fand  statt  in  der  Zeit,  da  der  Mensch  um  sich 
herum  nicht  nur  jene  tote  Natur  wahrnahm,  die  wir  heute  wahrneh- 
men,  sondern  in  der  der  Mensch  in  alien  Naturdingen  und  Naturtat- 


sachen  geistig-seelische  Wirksamkeiten  sah,  in  der  er  in  jeder  Quelle, 
in  jeder  Wolke,  im  Flusse  und  im  Winde  geistig-seelische  Tatigkeit 
wahrnahm.  In  dieser  Zeit  wurde  angestrebt,  den  Atem  bewuflter  und 
bewufiter  zu  machen:  das  Einatmen,  das  Atemhalten,  das  Ausatmen 
zu  regeln.  Und  durch  diese  Regelung  des  Atmungsprozesses  wurde 
das  erzeugt,  was  man  das  Selbstbewufitsein  nennen  kann,  das  Erlebnis 
des  Ich,  des  «Ich  bin».  Aber  es  war  das  eine  Zeit,  in  welcher  uberhaupt 
die  Wahrnehmung,  das  Erlebnis  des  Atmens  eine  gewisse  Rolle  spielte 
im  menschlichen  Leben.  Der  Mensch  der  Gegenwart  kann  sich  aus  sei- 
nem  gewohnlichen  Bewufitsein  heraus  nicht  viel  Vorstellungen  machen, 
wie  das  war.  Ich  mochte  Ihnen  eine  solche  Vorstellung  einmal  geben. 

Nicht  wahr,  der  Atmungsprozefi  zerf  allt  ja  in  das  Einatmen,  in  das 
Atemhalten  und  in  das  Wiederausatmen.  Dieser  Atmungsprozefi  ist 
zunachst  durch  die  Natur  des  Menschen  geregelt.  Die  Joga-Gelehrten, 
von  denen  ich  gesprochen  habe,  die  regelten  ihn  anders.  Wie  heute  der- 
jenige,  der  studiert,  ein  Denken  entwickelt,  das  nicht  das  Denken  des 
Alltags  ist,  so  entwickelte  man  in  den  Zeiten,  in  denen  das  Atmen  eine 
besondere  Lebensrolle  spielte,  auch  ein  anderes  Atmen  als  im  gewohn- 
lichen Leben.  Aber  wir  wollen  jetzt  einmal  nicht  das  Joga-Atmen, 
das  entwickelte  Atmen,  sondern  das  gewohnliche  betrachten.  Ich  kann 
Ihnen  das  am  besten  schematisch  darstellen. 

Nehmen  wir  an,  das  ware  der  menschliche  Brustorganismus,  so 
konnen  wir  sagen:  Wir  unterscheiden  den  Einatmungsprozefi,  den 
Atemhalteprozeft  —  den  werde  ich  nicht  besonders  zeichnen  -  und  den 
Ausatmungsprozefi.  Indem  der  Mensch  in  alteren  Zeiten  einatmete, 
erlebte  er  etwa  so,  als  ob  mit  dem  Einatmen,  also  mit  der  eingeatmeten 
Luft  aus  der  Aufienwelt  dasjenige  hereinkame,  was  Geistiges  in  den 
Wesen  und  Tatsachen  der  Aufienwelt  war.  Also  in  dem,  was  ich  hier 
rotlich  als  die  Einatmungsstromung  bezeichnet  habe,  erlebte  der 
Mensch,  sagen  wir,  Gnomen,  Nymphen,  alles  das,  was  Geistig-Seeii- 
sches  in  der  umgebenden  Natur  war.  Und  indem  er  ausatmete  (blau), 
indem  er  also  die  Atemluft  nach  aufien  schickte,  wurden  im  Aus- 
atmen diese  Wesenheiten  wiederum  unsichtbar.  Sie  verloren  sich  ge- 
wissermafien  in  der  umgebenden  Natur.  Man  atmete  ein  und  wufite: 
da  in  der  Natur  draufien  ist  Geistig-Seelisches,  denn  man  spiirte  in  dem 


Einatmen  die  Wirkung  dieses  Geistig-Seelischen.  Man  fuhlte  dabei  sich 
verbunden  mit  dem  Geistig-Seelischen  der  aufieren  Natur.  Das  wirkte 
auf  den  Menschen  in  diesen  alten  Zeiten  -  aber  es  ist  nur  vergleichs- 
weise  gesprochen  -  in  einer  gewissen  Weise  berauschend.  Er  berauschte 
sich  mit  dem  Geistig-Seelischen  der  Umwelt.  Und  indem  er  wiederum 
ausatmete,  erniichterte  er  sich.  So  dafi  er  in  einem  Berauschenden  und 
einem  Erniichternden  lebte.  Und  in  diesem  Berauschen  und  Erniichtern 
war  eine  Wechselwirkung  mit  dem  Geistig-Seelischen  der  Aufienwelt. 

Aber  es  war  noch  etwas  anderes  da.  Der  Mensch  fuhlte,  indem  er 
einatmete,  indem  er  gewissermafien  sich  berauschte  mit  dem  Geistig- 
Seelischen,  aus  der  Atemstromung  in  seinen  Kopf  leise  heraufziehen, 


wie  ihn  die  geistig-seelischen  Wesen  innerlich  ausfiillten,  wie  sie  sich 
mit  seinem  eigenen  Leibeswesen  vereinigten.  So  daft  das,  was  da  der 
Mensch  verspiirte,  etwa  so  ausgedriickt  werden  kann:  Ich  atme  das 
Geistig-Seelische  der  Umwelt  ein.  Es  erfiillt  mein  Haupt.  Ich  spike  es, 
ich  empfinde  es.  Dann  wird  der  Atem  gehalten.  Und  im  Ausatmen 
wiirde  der  Mensch  sagen:  Ich  gebe  wieder  zuriick  meine  Empfindung 
von  dem  Geistig-Seelischen. 

Aber  das  hatte  einen  innigen  Zusammenhang  mit  dem  Leben.  Neh- 
men  Sie  einmal  nur  eine  ganz  einfache  Sache:  Hier  liegt  Kreide.  Wenn 
man  diese  Kreide  heute  ergreift,  schaut  man  sie  an,  man  greift  hin, 
nimmt  sie  auf.  So  hat  das  der  Mensch  der  alten  Zeitepoche  nicht  ge- 
macht.  Wir  haben  den  Gedanken,  indem  wir  die  Kreide  anschauen,  und 
heben  sie  dann  auf.  Das  war  bei  dem  alten  Menschen  nicht  der  Fall, 
sondern  der  schaute  hin,  atmete  das,  was  von  der  Kreide  geistig  aus- 
stromt,  ein,  atmete  aus,  und  erst  im  Ausatmen  ergriff  er  die  Kreide,  so 
dafi  fur  ihn  Einatmen  gleich  Beobachten,  Ausatmen  gleich  Tatigsein 
war.  Es  war  das  in  einer  Zeit,  in  der  eigentlich  der  Mensch  mit  der 
Umwelt  immer  in  einer  Art  von  rhythmischer  Wechselwirkung  lebte. 
Diese  rhythmische  Wechselwirkung  hat  sich  ja  erhalten  fur  spatere 
Zeiten,  aber  ohne  das  lebendige,  anschauende  Bewulksein  der  alten 
Zeiten.  Nehmen  Sie  einmal  an,  wie  noch  in  unserer  Jugendzeit  auf  dem 
Lande  handgedroschen  wurde:  anschauen,  schlagen,  anschauen,  schla- 
gen,  in  rhythmischer  Tatigkeit.  Diese  rhythmische  Tatigkeit  entsprach 
einem  gewissen  Atmungsprozefi. 

Einatmen  =  Beobachten 
Ausatmen  =  Tun 

Fur  eine  spatere  Entwickelung  der  Menschheit  konnen  wir  sagen: 
Es  erlosch  im  menschlichen  Wahrnehmen  dieses  Erleben  des  Einatmens, 
und  der  Mensch  nahm  oder  nimmt  nur  dasjenige  wahr,  was  vom  At- 
men  in  sein  Haupt  hinaufgeht.  In  alten  Zeiten  also,  da  nahm  der 
Mensch  wahr,  wie  sich  das  Eingeatmete,  das  fur  ihn  ein  Berauschen 
war,  ins  Haupt  fortsetzte  und  sich  dort  verband  mit  den  Sinnesein- 
driicken.  Das  war  spater  nicht  mehr  der  Fall  Spater  verliert  der 
Mensch  das,  was  in  seinem  Brustorganismus  vorgeht,  aus  seinem  Be- 


wufitsein.  Er  nimmt  nicht  mehr  dieses  Heraufstromen  des  Atmens 
wahr,  weil  die  Sinneseindrticke  starker  werden.  Sie  loschen  aus,  was 
im  Atem  heraufkommt.  Wenn  Sie  heute  sehen  oder  horen,  dann  ist  in 
dem  Vorgang  des  Sehens  und  auch  in  dem  Vorgang  des  Horens  der 
Atmungsvorgang  drinnen.  Beim  alten  Menschen  lebte  das  Atmen  stark 
im  Horen  und  Sehen,  bei  dem  heutigen  Menschen  lebt  das  Sehen  und 
Horen  so  stark,  daft  der  Atem  ganz  abgedampft  wird.  So  daft  wir  sagen 
konnen,  jetzt  lebt  nicht  mehr  das,  was  da  berauschend,  den  Kopf  durch- 
stromend,  von  dem  Alten  im  Atmungsprozeft  in  seinem  Innern  wahr- 
genommen  worden  ist,  so  daft  er  sagte:  Ah,  die  Nymphen!  Ah,  die 
Gnomen!  Nymphen,  die  wurlen  im  Kopfe  so,  Gnomen,  die  hammern 
im  Kopfe  so,  Undinen,  die  wellen  im  Kopfe  so!  -  Heute  wird  dieses 
Hammern,  Wellen,  Wurlen  iibertont  von  dem,  was  vom  Sehen,  vom 
Horen  herkommt  und  was  heute  den  Kopf  erfiillt. 

Es  gab  also  einstmals  eine  Zeit,  in  der  der  Mensch  starker  wahrnahm 
dieses  Heraufstromen  des  Atmens  in  sein  Haupt.  Das  ging  iiber  in  die 
Zeit,  in  der  der  Mensch  noch  durcheinander  wahrnahm,  in  der  er  noch 
etwas  von  den  Nachwirkungen  des  gnomigen  Hammerns,  des  undinen- 
haften  Wellens,  des  nymphenhaften  Wurlens,  indem  er  noch  etwas 
wahrnahm  von  dem  Zusammenhang  dieser  Nachwirkungen  mit  den 
Ton-,  Licht-  und  Farbenwahrnehmungen.  Dann  aber  verlor  sich  alles 
das,  was  er  vom  Atmungsprozeft  noch  wahrnahm.  Und  von  denjenigen 
Menschen,  die  noch  eine  Spur  von  Bewufttsein  hatten,  daft  einmal  das 
Atmen  das  Geistig-Seelische  der  Welt  in  den  Menschen  hereinfiihrte, 
wurde  das,  was  da  nun  blieb,  was  sich  festsetzte  aus  der  Sinneswahr- 
nehmung  im  Zusammenhang  mit  dem  Atmen,  «Sophia»  genannt.  Aber 
das  Atmen  nahm  man  nicht  mehr  wahr.  Also  der  geistige  Atmensinhalt 
wurde  abgetotet,  besser  gesagt,  abgelahmt  durch  die  Sinneswahrneh- 
mung. 

Dieses  wurde  insbesondere  von  den  Griechen  empfunden.  Die  Grie- 
chen  hatten  gar  nicht  die  Idee  von  einer  solchen  Wissenschaft,  wie  wir 
heute.  Wenn  man  den  Griechen  erzahlt  hatte  von  einer  Wissenschaft, 
wie  sie  heute  an  unseren  Hochschulen  gelehrt  wird,  es  ware  ihnen  das 
so  vorgekommen,  wie  wenn  ihnen  jemand  mit  kleinen  Stecknadeln 
das  Gehirn  fortwahrend  durchstochen  hatte.  Sie  hatten  gar  nicht  be- 


griffen,  dafi  das  einem  Menschen  eine  Befriedigung  geben  kann.  Wenn 
sie  solche  Wissenschaft,  wie  wir  sie  heute  haben,  hatten  aufnehmen  sol- 
len,  dann  hatten  sie  gesagt:  Das  macht  das  Gehirn  wund,  das  verwun- 
det  das  Gehirn,  das  sticht.  -  Denn  sie  wollten  noch  etwas  wahrnehmen 
von  jenem  wohligen  Ausbreiten  des  berauschenden  Atems,  in  den  sich, 
hineinstromend,  das  Gehorte,  das  Gesehene  ergiefit.  Es  war  also  bei 
den  Griechen  em  Wahrnehmen  eines  inneren  Lebens  im  Haupte  vor- 
handen,  solch  eines  inneren  Lebens,  wie  ich  es  Ihnen  jetzt  schildere. 
Und  dieses  innere  Leben,  das  nannten  sie  Sophia.  Und  diejenigen,  die 
es  liebten,  diese  Sophia  in  sich  zu  entwickeln,  die  eine  besondere  Nei- 
gung  hatten,  sich  hinzugeben  an  diese  Sophia,  die  nannten  sich  Philo- 
sophen.  Das  Wort  Philosophic  deutet  durchaus  auf  ein  inneres  Erleben. 
Jene  greulich  pedantische  Aufnahme  von  Philosophic,  wobei  man 
Philosophie  eben  «ochst»  -  wie  man  es  im  Studentenleben  nennt  -,  je- 
nes  Sich-bekannt-Machen  mit  dieser  Wissenschaft,  das  kannte  man  in 
Griechenland  nicht.  Aber  das  innere  Erlebnis  des  «Ich  liebe  Sophia», 
das  ist  es,  was  sich  in  dem  Worte  Philosophie  zum  Ausdrucke  bringt. 

Aber  ebenso,  wie  im  Haupte  von  den  Sinneswahrnehmungen  aufge- 
nommen  wird  der  in  den  Leib  einlaufende  Atmungsprozefi,  so  wird 
von  dem  iibrigen  Leib  das  aufgenommen,  was  ausstromt  als  ausge- 
atmete  Luft.  Im  GliedmajKen-Stoffwechsel-Organismus  stromen  eben- 
so, wie  sonst  die  Sinneswahrnehmungen  durch  das  Gehorte,  wie  das 
Gesehene  in  das  Berauschende  der  eingeatmeten  Luft  in  das  Haupt 
hineinstromt,  die  korperlichen  Gefiihle,  die  Erlebnisse  mit  der  ausge- 
atmeten  Luft  zusammen.  Das  Erniichternde  der  ausgeatmeten  Luft, 
das  Ausloschende  fiir  die  Wahrnehmung,  das  flofi  zusammen  mit  den 
korperlichen  Gefiihlen,  die  im  Gehen,  im  Arbeiten  erregt  wurden.  Das 
Tatigsein,  das  Tun  war  mit  dem  Ausatmen  verkniipft.  Und  indem 
der  Mensch  sich  betatigte,  indem  er  etwas  tat,  fiihlte  er  gewissermaften, 
wie  von  ihm  fortging  das  Geistlg-Seelische.  So  dafi  er  fiihlte,  wenn 
er  irgend  etwas  tat,  irgend  etwas  arbeitete,  wie  wenn  er  das  Geistig- 
Seelische  einstromen  liefie  in  die  Dinge  hinein.  Ich  nehme  auf  das 
Geistig-Seelische:  es  berauscht  mein  Haupt,  es  verbindet  sich  mit  dem 
Gesehenen,  mit  dem  Gehorten.  Ich  tue  etwas,  ich  atme  aus.  Das  Geistig- 
Seelische  geht  fort.  Es  geht  hinein  in  das,  was  ich  hammere,  es  geht 


hinein  in  das,  was  ich  ergreife,  es  geht  hinein  in  alles  das,  was  ich  ar- 
beite.  Ich  entlasse  das  Geistig-Seelische  aus  mir.  Ich  iibertrage  es,  in- 
dent ich  zum  Beispiel  die  Milch  sprudele,  indem  ich  irgend  etwas 
aufierlich  mache,  ich  lasse  einstromen  das  Geistig-Seelische  in  die 
Dinge.  -  Das  war  das  Gefuhl,  das  war  die  Empfindung.  So  war  es  also 
in  den  alten  Zeiten. 

Aber  dieses  Wahrnehmen  des  Ausatmungsprozesses,  dieses  Wahrneh- 
men  der  Ernuchterung  horte  eben  auf ,  tmd  es  war  nur  noch  eine  Spur 
vorhanden  in  der  Griechenzeit.  In  der  Griechenzeit  fuhlten  die  Men- 
schen  noch  etwas,  wie  wenn  sie,  indem  sie  sich  betatigten,  noch  etwas 
Geistiges  den  Dingen  iibergaben.  Aber  dann  wurde  doch  alles  das,  was 
da  im  Atmungsprozefi  war,  abgelahmt  von  dem  Korpergefuhl,  von 
dem  Gefuhl  der  Anstrengung,  der  Ermudung  im  Arbeiten.  Ebenso  wie 
der  Einatmungsprozefi  nach  dem  Haupte  abgelahmt  wurde,  so  wurde 
der  Ausatmungsprozefi  nach  dem  iibrigen  Organismus  abgelahmt.  Die- 
ser  geistige  Ausatmungsprozefi  war  abgelahmt  durch  das  Korperge- 
fuhl, also  durch  das  Gefuhl  der  Anstrengung,  des  Erhitztwerdens  und 
so  weiter,  durch  das,  was  im  Menschen  lebte,  so  dafi  er  seine  eigene 
Starke  fiihlte,  die  er  anwendete,  indem  er  sich  betatigte,  indem  er  et- 
was tat.  Er  fiihlte  in  sich  jetzt  nicht  den  Ausatmungsprozefi  als  Ermii- 
dung,  er  fiihlte  in  sich  eine  Kraftwirkung,  er  fiihlte  den  Korper  durch- 
drungen  mit  Energie,  mit  Kraft. 

Diese  Kraft,  die  da  im  Innern  des  Menschen  lebte,  das  war  Pistis, 
der  Glaube,  das  Fuhlen  des  Gottlichen,  der  gottlichen  Kraft,  die  einen 
arbeiten  lafit:  Pistis,  der  Glaube. 

Sophia     —  der  geistige  Atmungsinhalt, 

abgelahmt  durch  die  Sinneswahrnehmung 
Pistis       =  der  geistige  Ausatmungsprozefi, 
(Glaube)       abgelahmt  durch  das  Korpergefuhl 

So  flofi  im  Menschen  zusammen  die  Weisheit  und  der  Glaube.  Die 
Weisheit  stromte  nach  dem  Haupte,  der  Glaube  lebte  im  ganzen  Men- 
schen. Es  war  die  Weisheit  nur  eben  der  Ideeninhalt.  Und  es  war  der 
Glaube  die  Kraft  dieses  Ideeninhaltes.  Beide  gehorten  zusammen.  Daher 
auch  diese  einzige  gnostische  Schrif  t,  die  erhalten  ist  aus  dem  Altertum, 


die  Pistis-Sophia-Schrift.  So  dafi  man  in  der  Sophia  eine  Verdiinnung 
der  Einatmung,  in  dem  Glauben  eine  Verdichtung  der  Ausatmung 
hatte.  Dann  verdiinnte  sich  die  Weisheit  weiter.  Und  in  der  weiteren 
Verdiinnung  ist  die  Weisheit  die  Wissenschaft  geworden.  Und  dann 
verdichtete  sich  die  innere  Kraft  weiter.  Der  Mensch  fiihlte  nur  noch 
seinen  Leib:  es  entschwand  ihm  das  Bewufttsein,  was  Glaube,  Pistis  ei- 
gentlich  ist.  Und  es  kam  dann  eben  dazu,  daft  die  Menschen,  weil  sie 
den  Zusammenhang  nicht  mehr  erfuhlen  konnten,  das  trennten,  was 
als  blofier  Glaubensinhalt  gewissermafien  subjektiv  vom  Innern  auf- 
steigen  sollte,  und  dasjenige,  was  sich  mit  der  aufieren  Sinneswahrneh- 
mung  verbindet.  Erst  war  Sophia,  dann  Scientia,  die  gewohnliche  Wis- 
senschaft, die  eine  verdiinnte  Sophia  ist.  Man  konnte  auch  sagen:  Ur- 
sprunglich  war  die  Sophia  ein  wirkliches  Geisteswesen,  das  der  Mensch 
als  einen  Bewohner  seines  Kopfes  fiihlte.  Heute  hat  er  von  diesem  gei- 
stigen  Wesen  nur  noch  das  Gespenst.  Denn  die  Wissenschaft  ist  das 
Gespenst  der  Weisheit.  Das  ist  etwas,  was  eigentlich  dem  heutigen 
Menschen  wie  eine  Art  Meditation  durch  die  Seele  ziehen  sollte,  dafi 
die  Wissenschaft  das  Gespenst  der  Weisheit  ist.  Und  ebenso  nach  der 
anderen  Seite  der  Glaube  -  den  man  heute  gewohnlich  so  nennt;  hier 
hat  man  nicht  eigentlich  einen  besonderen  Unterschied  erfaiSt  in  den 
Worten  der  Glaube,  der  heute  lebt,  ist  nicht  der  innerlich  erlebte 
Glaube  des  Altertums,  Pistis,  sondern  er  ist  das  mit  dem  Egoismus  eng 
verbuttdene  Subjektive.  Er  ist  der  verdichtete  Glaube  der  alten  Zeiten. 
In  dem  noch  nicht  verdichteten  Glauben  hat  man  noch  das  objektive 
Gottliche  im  Menschen  erfiihlt.  Heute  findet  man  den  Glauben  nur 
noch  subjektiv  gewissermafien  heraufsteigend  als  Rauch  aus  dem  Kor- 
per.  So  dafi  man  sagen  konnte,  so  wie  die  Wissenschaft  das  Gespenst 
der  Weisheit  ist,  so  ist  der  heutige  Glaube  das  Schwergewordene  des 
ehemaligen  Glaubens,  der  Klofi  des  ehemaligen  Glaubens. 

Diese  Dinge  mufimanebenso  zusammenhalten,  dannwird  man  nicht 
mehr  so  oberflachlich  urteilen,  wie  es  heute  viele  Menschen  tun,  die  da 
sagen:  Anthroposophie  sei  nur  ein  Glaubensinhalt.  Solche  Menschen 
wissen  nicht,  wovon  sie  reden,  weil  sie  den  ganzen  Zusammenhang  des 
Glaubens  mit  der  Weisheit,  dieses  innerliche  Eins-Erleben  von  Glaube 
und  Weisheit  sich  eben  niemals  aus  der  wirklichen  Geschichte  der 


Menschheit  heraus  zumBewufksein  gebracht  haben.Wo  redet  man  denn 
heute  von  Geschichte  so,  wie  wir  es  Her  darstellen  mttssen?  Wo  redet 
man  denn  heute  davon,  was  der  Atmungsprozefi  fur  den  Menschen 
einmal  war,  wie  er  ein  ganz  anderes  Erleben  darstellte,  als  es  das 
heutige  ist?  "Wo  wird  man  sich  denn  bewufit,  wie  abstrakt  auf  der 
einen  Seite  und  robust  materiell  auf  der  anderen  Seite  dasjenige  ge~ 
worden  ist,  was  einmal  ein  wirkliches  Geist-Seelisches  nach  der  einen 
Seite  und  ein  wirkliches  Seelisch-Leibliches  nach  der  anderen  Seite 
war? 

Als  die  Glaubensentwickelung  an  einem  bestimrnten  Punkte  ange- 
langt  war,  da  wurde  es  eben  fur  die  Menschheit  notwendig,  in  diesen 
Glaubensinhalt  etwas  ganz  Bestimmtes  aufzunehmen.  In  alten  Zeiten 
hatte  ja  der  Mensch  das  Gottliche  in  dem  Glaubensinhalte  drinnen. 
Er  erlebte  das  Gottliche  im  Ausatmungsprozeft.  Aber  der  Ausatmungs- 
prozefi  ging  ihm  fur  sein  Bewufitsein  verloren.  Er  hatte  nicht  mehr  das 
Bewufitsein,  dafi  da  das  Gottliche  in  die  Dinge  hinaus  iibergeht.  Der 
Mensch  brauchte  fur  sein  Bewufitsein  eine  Wiederbelebung  des  Gott- 
lichen,  und  er  bekam  diese  Wiederbelebung  dadurch,  daft  er  nun  eine 
Vorstellung  in  sich  herein  bekam,  die  auf  der  Erde  keine  aufiere  Wirk- 
lichkeit  hat.  Auf  der  Erde  hat  es  keine  aufiere  Wirklichkeit,  daft  die 
Toten  aus  den  Grabern  aufstehen.  Aber  das  Mysterium  von  Golgatha 
hat  fiir  den  Menschen  nicht  einen  wirklichen  Inhalt,  wenn  er  den  Le- 
bensgang  des  Jesus  schildert,  bis  Jesus  stirbt.  Das  ist  schliefilich  nichts 
Besonderes.  Daher  ist  der  Jesus  auch  fiir  die  moderne  Theologie  nichts 
Besonderes  mehr.  Denn  dafi  ein  Mensch  irgendwelche  Erlebnisse  durch- 
macht  und  dann  stirbt,  wie  die  moderne  Theologie  das  Leben  Jesu 
darstellt,  das  ist  ja  nichts  Besonderes.  Das  Mysterium  beginnt  erst  mit 
der  Auferstehung,  mit  dem  lebendigen  Leben  des  Christus-Wesens, 
nachdem  der  physische  Leib  durch  den  Tod  gegangen  ist.  Und  -  das 
ist  ja  auch  entsprechend  dem  Paulusworte  -  wer  diese  Vorstellung  der 
Auferstehung  nicht  aufnimmt  in  sein  Bewufitsein,  der  hat  gar  nichts 
vom  Christentum  aufgenommen,  daher  die  moderne  Theologie  ja 
eigentlich  nur  eine  Jesulogie,  eigentlich  gar  kein  Christentum  ist.  Das 
Christentum  braucht  eine  solche  Vorstellung,  die  sich  auf  eine  Wirk- 
lichkeit bezieht,  die  nicht  auf  dieser  Erde  sich  abspielt  als  unmittelbare 


Anschauung  der  Sinne,  sondern  die  als  Vorstellung  schon  den  Menschen 
hinauf  hebt  ins  Obersinnliche. 

Durch  ein  innerliches  Erleben  wurde  der  alte  Mensch  hinauf gehoben 
in  das  Obersinnliche.  Ich  habe  Ihnen  in  diesen  Tagen  dargestellt,  wie 
der  Joga-Schiiler  hingefuhrt  wurde  zu  dem  innerlichen  Erleben  des 
Babyseins.  Man  erlebte  die  ersten  Eindnicke  des  Babyseins,  dasjenige, 
was  plastisch  an  dem  Menschen  gestaltet.  Das,  wovon  man  sonst  nichts 
weift,  das  wurde  durch  die  Joga-Ubungen,  von  denen  ich  Ihnen  ge- 
sprochen  habe,  bewulk,  damit  aber  gleichzeitig  das  ganze  Vorgeburt- 
liche,  beziehungsweise  das  Leben,  das  vor  der  Empfangnis  liegt,  wo  die 
Seele  des  Menschen  in  der  geistigen  Welt  oben  war,  bevor  sie  herunter- 
stieg  und  einen  physischen  Leib  annahm.  Davon  blieb  nur  eine  Vor- 
stellung zuriick.  Diese  Vorstellung  ist  auch  in  den  Evangelien  enthal- 
ten:  So  ihr  nicht  werdet  wie  die  Kindlein,  konnet  ihr  nicht  eindringen 
in  die  Reiche  der  Himmel.  -  Dieses  Wort  bezieht  sich  darauf ,  nur  hatte 
es  in  jener  Zeit  kein  unmittelbares  Leben  mehr.  Es  war  dieses  Wort 
gewissermafien  eine  Erinnerung,  dafi  man  einstmals  sich  zuriickver- 
setzen  konnte  in  die  Kindleinszeit  und  da  die  Reiche  der  Himmel  er- 
leben konnte,  aus  denen  man  heruntergestiegen  ist  durch  die  Geburt 
ins  physische  Dasein.  Es  ist  wohl  kaum  so,  dafi  der  Mensch  heute,  wenn 
er  aus  den  Evangelien  oder  aus  einer  sonstigen  alten  Sprache  von  den 
Reichen  der  Himmel  hort,  sich  etwas  Bedeutsames  darunter  vorstellt. 
Er  denkt  dann  wohl:  Nun  ja,  das  habe  ich  hier  auf  Erden  gesehen  - 
Frankreich,  England  und  so  weiter,  das  ist  in  Reiche  gespalten.  Was 
da  auf  Erden  an  Reichen  vorhanden  ist,  das  ist  auch  da  oben,  da  sind 
auch  die  Reiche  der  Himmel.  -  Sonst  kann  ja  der  Mensch  nicht  recht 
eine  konkrete  Vorstellung  von  den  Reichen  der  Himmel  bekommen, 
wenn  er  nicht  das,  was  da  unten  ist,  auch  oben  vorstellen  kann.  Ich 
glaube,  man  sagt  im  Englischen  sogar,  wenn  ich  nicht  irre:  die  Konig- 
reiche  der  Himmel.  Ja,  da  bekommt  man  keine  Vorstellung  von  dem, 
was  in  dem  heute  modernisierten  Ausdruck  «die  Reiche  der  Himmel» 
liegt.  Das  Evangelium  sagt  sogar  gewohnlich  so,  dafi  man  es  noch 
weniger  irgendwie  sehen  kann,  was  es  eigentlich  bedeutet,  es  sagt  so- 
gar: das  Gottesreich.  Dabei  denkt  sich  der  Mensch  wohl  schon  kaum 
noch  irgend  etwas,  sondern  er  lalk  eben  ein  Wort  erklingen. 


Aber  die  Himmel  waren  in  alten  Zeiten  ganz  genau  dasjenige,  was 
sich  -  wenn  etwa  hier  die  Erde  ist  (Mitte)  -  ausbreitete  als  Sphare  der 
Welt  (weifi,  blau).  Und  «Reich»  -  was  war  denn  das?  Wir  wollen  von 
aller  Philologie  absehen  und  hier  die  Beobachtung  zu  Hilfe  nehmen, 
welche  durch  anthroposophische  Methode  selbst  gegeben  werden  kann. 


«Reich»  =  dasjenige,  was  hinreicht,  was  umreicht,  was  umringt,  das 
ist  das  Reichende,  das  Tonende,  das  Sprechende,  so  da£  man  sich  zur 
Vorstellung  aufschwingen  mufi:  Durch  diese  Himmel  tont  hindurch 
fur  den,  der  es  wahrnehmen  lernt,  das  Geistig-Seelische.  Er  nimmt 
nicht  nur  wahr  die  Himmel,  sondern  das  die  Himmel  durchklingende, 
durchreichende  Weltenwort. 

Wer  nicht  werden  kann  wie  die  Kindlein,  kann  nicht  wahrnehmen 
das  Wort  der  Himmel,  das  Wort,  das  iiberall  aus  den  Himmeln  spricht. 
Wenn  man  irdische  Reiche  «Reiche»  nennt,  und  die  irdischen  Herr- 
scher  «Herrscher  dieser  Reiche»,  so  mufite  man  ja  die  geheime  Vor- 
stellung haben,  dafi  diese  Herrscher  so  laut  sprechen  oder  singen  konn- 
ten,  dafi  ihre  Stimme  durch  ihr  ganzes  Reich  erklingt.  In  alteren,  legen- 
denhaften  Vorstellungen  gibt  es  auch  so  etwas  wie  ein  Ertonen  des 
Reiches.  Und  symbolisch  kam  das  dadurch  zum  Ausdrucke,  dafi  Ge- 
setze  gegeben  wurden,  die  nach  den  Himmelsgegenden  hin  mit  Posau- 
nen  verkundet  wurden,  wodurch  das  Reich  eine  Wirklichkeit  wurde. 


Das  Reich  war  nicht  die  Flache,  auf  der  die  Menschen  wohnten,  son- 
dern  das  Reich  war  das,  was  die  Posaunenengel  als  den  Inhalt  der 
Gesetzmafiigkeiten  hinaustrugen  in  die  Weiten. 

Aber  es  war  eine  Erinnerung.  Es  mufite  eine  andere  Vorstellung 
kommen,  die  sich  mehr  auf  den  Willen  bezog  -  das  Vorherige  bezog 
sich  auf  die  Idee,  auf  den  Gedanken  -,  auf  dasjenige,  was  mit  dem  Men- 
schen geht,  wenn  er  durch  das  Tor  des  Todes  geht.  Da  bleibt  ja  als  seine 
Energieentwickelung  der  Wille.  Der  geht  mit  ihm  durch  die  Pforte  des 
Todes  mit  dem  Weltgedankeninhalt.  Der  menschliche  Wille,  erfiillt 
mit  Weltengedanken,  geht  mit  ihm  in  die  geistigen  Weiten  ein,  wenn 
der  Mensch  stirbt.  Und  an  diesen  Willen  wandte  sich  nun  die  neue 
Vorstellung  von  dem  auf  erstandenen  Christus,  von  dem,  der  lebt,  auch 
wenn  er  irdisch  gestorben  ist.  Das  war  die  kraftige,  gewaltige  Vorstel- 
lung, die  nicht  blofi  zuriickerinnerte  an  die  Kindheit,  die  hinwies  auf 
den  Tod,  und  die  im  Menschen  an  das  appellierte,  was  mit  ihm  durch 
die  Pforte  des  Todes  hindurchgeht.  So  finden  wir  durchaus  begriindet 
in  der  Menschheitsentwickelung  selbst  das  Hereinbrechen  der  Christus- 
Vorstellung,  des  ganzen  Christus-Impulses. 

Nun  kann  man  aber  allerdings  sagen:  Auch  heute  sind  doch  noch 
viele  Menschen  auf  der  Erde,  die  nichts  wissen  vom  Christus.  Diejeni- 
gen  Menschen,  die  heute  von  ihm  wissen,  wissen  es  ja  meistens  schlecht, 
aber  sie  lernen  etwas  vom  Christus,  wenn  sie  auch  nach  dem  Sinn  des 
heutigen  Materialismus  die  Vorstellung  vom  Christus,  die  Empf indung 
vom  Christus,  die  sie  in  sich  haben,  nicht  richtig  haben.  Aber  es  gibt 
doch  auf  der  Erde  viele  Menschen,  die  eben  in  anderen,  alteren  Religi- 
onsformen  leben.  Und  da  entsteht  die  grofie  Frage,  die  ich  schon 
gestern  andeutete.  Ich  sagte,  das  Mysterium  von  Golgatha  ist  eine 
Tatsache.  Der  Christus  ist  fur  alle  Menschen  gestorben.  Der  Christus- 
Impuls  ist  eine  Kraft  der  ganzen  Erde  geworden.  In  diesem  objektiven 
Sinne,  abgesondert  vom  Bewulksein,  ist  der  Christus  da  fur  Juden, 
Heiden,  Christen,  Hindumenschen,  Buddhisten  und  so  weiter.  Er  ist 
da.  Er  lebt  seit  dem  Mysterium  von  Golgatha  in  den  Kraften  der 
Erden-Menschheitsentwickelung.  Aber  es  macht  doch  einen  Unter- 
schied,  ob  die  Menschen  innerhalb  eines  christlichen  Bereiches  oder 
eines  nichtchristlichen  Bereiches  leben.  Welcher  Unterschied  da  be- 


steht,  das  kann  man  nur  studieren,  wenn  man  den  Zusammenhang 
erblickt  zwischen  dem  Leben,  das  der  Mensch  entfaltet  zwischen  dem 
Tod  und  einer  neuen  Geburt  und  dem  Erdenleben.  Wenn  der  Mensch 
durch  den  Tod  gegangen  ist  und  im  Leben,  sagen  wir,  Buddhist  oder 
Hinduist  war,  wenn  er  also  gar  keine  Vorstellung,  keine  Empfindung 
von  dem  Christus  aufgenommen  hat,  so  nimmt  er  fur  das  Weltenall 
hinter  den  Tod  dasjenige  mit,  was  der  Mensch  eben  hier  auf  der  Erde 
erfahren  kann  von  der  aufieren  Umgebung,  von  der  Natur.  Man  wiir- 
de  in  den  Himmeln  nichts  von  der  Natur  wissen,  wenn  der  Mensch 
dorthin  nicht  -  wenn  er  durch  den  Tod  in  die  Reiche  der  Himmel 
eintritt  -  die  Kunde  von  der  Erde  bringen  wiirde.  Der  Mensch  tragt, 
was  er  hier  auf  der  Erde  aufnimmt,  hinuber  in  das  Reich  des  Ober- 
sinnlichen,  indem  er  durch  den  Tod  geht,  denn  dadurch  haben  die 
iibersinnlichen  Welten  uberhaupt  erst  eine  Kenntnis  von  dem  Minera- 
lischen,  von  dem  Pflanzlichen,  von  dem  Tierischen  auf  der  Erde. 
Derjenige  aber,  der  von  Christus  etwas  weifi,  der  namentlich  die  Vor- 
stellung haben  kann,  dafi  Christus  in  ihm  lebt,  der  das  Paulinische 
Wort  erlebt:  «Nicht  ich,  sondern  der  Christus  in  mir»  -,  der  tragt  nun 
nicht  blofi  die  Kunde  von  der  Erde  in  die  iibersinnlichen  Welten  hin- 
ein,  sondern  die  Kunde  von  dem  irdischen  Menschen.  So  wird  beides 
hineingetragen  auch  noch  von  dem  heutigen  Menschen.  Die  Christen 
tragen  in  die  iibersinnliche  Welt  die  Kunde  von  dem  Erdenmenschen 
hinein,  von  der  leiblichen  Erdengestaltung  des  Menschen.  Die  Hindu- 
menschen,  die  Buddhisten  und  so  weiter  tragen  in  die  Himmel  hinein 
die  Kunde  von  dem,  was  um  den  Menschen  herum  ist.  Es  erganzen 
sich  schon  heute  die  Menschen  in  dem,  was  sie  als  Beitrag  liefern  fur 
die  iibersinnlichen  Welten,  indem  sie  durch  den  Tod  gehen.  Es  wird 
natiirlich  immer  mehr  und  mehr  notwendig,  dafi  alle  Geheimnisse, 
die  der  Mensch  in  sich  selber,  durch  sich  selber  erleben  kann,  hinein- 
getragen werden  in  die  Himmel,  dafS  der  Mensch  also  immer  mehr 
und  mehr  durchchristet  werde.  Aber  vor  alien  Dingen  ist  es  wichtig, 
dafi  das,  was  der  Mensch  nur  als  Mensch  mit  Menschen  hier  auf  der 
Erde  erlebt,  mittelst  des  Christentums  durch  den  Tod  getragen  wird. 

Bedenken  Sie,  dafi  das  eigentlich  eine  aufterordentlich  wichtige 
Wahrheit  ist,  eine  ganz  wesentliche  Wahrheit.  Nehmen  Sie  zum  Bei- 


spiel  den  Hinduisten,  den  Buddhisten.  Was  er  erlebt  im  Anschauen  der 
Welt,  im  Empfinden  der  Welt,  im  Erfuhlen  der  Welt,  was  er  erlebt  an 
Gedanken  iiber  Mineralien,  an  Empfindungen  iiber  Pflanzen,  an  Ge- 
fiihlen  iiber  Tiere,  er  tragt  das  alles  durch  die  Pforte  des  Todes  und 
bereichert  das  Gotterwissen  in  der  ubersinnlichen  Welt  mit  dem,  was 
er  also  erlebt.  Das,  was  der  Christ  erlebt,  indem  er  mit  seinen  Mitmen- 
schen  in  ein  soziales  Verhaltnis  tritt,  indem  er  soziale  Zusammenhange 
entwickelt,  also  das,  was  man  nur  als  Mensch  unter  Menschen  erleben 
kann,  was  in  menschlicher  Bruderschaft  auf  Erden  erlebt  wird,  das 
tragt  seinerseits  der  Christ  durch  die  Pforte  des  Todes.  Man  mochte 
sagen:  Der  Buddhist  tragt  die  Schonheit  der  Welt  durch  die  Pforte  des 
Todes,  der  Christ  tragt  die  Gute  durch  die  Pforte  des  Todes.  Sie  er- 
ganzen  einander  schon.  Aber  der  Fortschritt  des  Christentums  besteht 
darin,  dafi  gerade  die  sozialen  irdischen  Verhaltnisse  eine  Bedeutung 
fur  die  himmlischen  Welten  bekommen. 

Die  morgenlandischen  Tyrannen  mochten  noch  so  viele  Menschen 
enthaupten,  das  riihrte  gewissermafien  die  jenseitigen  Welten  wenig. 
Es  riihrte  sie  nur  insofern,  als  der  Mensch  dadurch  aufiere  Eindriicke 
empfing:  die  aufieren  Eindriicke  des  Abscheus  und  so  weiter,  die  wur- 
den  durch  die  Pforte  des  Todes  getragen.  Das,  was  heute  durch  jammer- 
liche  soziale  Verhaltnisse  an  Unliebe  zwischen  Menschen  entfaltet 
wird,  was  durch  Verkennung  der  sozialen  Zusammenhange  auf  der 
Erde  als  falscher  Sozialismus  sich  ausbreitet,  das  hat  eine  grofie  Be- 
deutung auch  fur  die  ubersinnlichen  Welten,  in  die  der  Mensch  durch 
die  Pforte  des  Todes  eintritt.  Und  wenn  heute  unter  der  Flagge  der 
Verwirklichung  des  Sozialismus  im  Osten  von  Europa  eine  furchtbare, 
zerstorerische  Gewalt  entwickelt  wird,  so  wird  auch  das,  was  da  erlebt 
wird,  hineingetragen  als  furchtbares  Ergebnis  in  die  jenseitigen  Welten. 
Und  wenn  entwickelt  werden  lieblose  Verhaltnisse  unter  den  Menschen 
in  der  Zeit  des  Materialismus,  so  wurde  das  hineingetragen  zum  Ab- 
scheu  der  gottlich-geistigen  Welten  durch  die  Pforte  des  Todes  in  die 
ubersinnlichen  Welten. 

Durch  das  Christentum  soil  der  Mensch  gerade  dazu  kommen, 
Ergebnisse  der  Erdenentwickelung,  die  durch  ihn  entstehen,  auch  in 
die  ubersinnlichen  Welten  hineinzutragen.  Das,  was  der  Mensch  auf 


der  Erde  selber  ausbildet,  das  wird  er  durch  den  Gedanken  an  den 
auferstandenen  Christus,  an  ein  lebendes  Wesen,  das  durch  den  Tod 
gegangen  ist  und  doch  lebt,  fahig,  in  die  geistigen  Welten  hineinzu- 
tragen. 

Daher  haben  auch  diejenigen  Menschen,  die  nicht  mochten,  daft 
ihre  sozialen  Taten  durch  den  Tod  getragen  werden,  heute  einen  sol- 
chen  Horror  davor,  den  auferstandenen  Christus  anzuerkennen.  Es 
hangt  eben  durchaus  die  sinnlich-physische  Welt  mit  der  iibersinn- 
lichen  Welt  zusammen,  und  man  versteht  die  eine  nicht,  wenn  man  sie 
nicht  im  Zusammenhang  mit  der  anderen  versteht.  Wir  mussen  wie- 
derum  dazu  kommen,  das,  was  auf  der  Erde  vorgeht,  dadurch  zu  ver- 
stehen,  daft  wir  die  geistigen  Ereignisse  des  Weltenalls  verstehen.  Wir 
mussen  lernen,  nicht  abstrakt  zu  reden  von  Geist  und  Materie,  sondern 
wir  mussen  lernen,  hinzuschauen  auf  den  Menschen,  wie  er  einmal  im 
Atmungsprozeft  einen  Zusammenhang  erfuhlte  mit  dem  Gottlich-Gei- 
stig-Seelischen  der  Welt,  und  mussen  dadurch  dazu  kommen,  selber 
wiederum  das  Geistig-Seelische  der  Welt  nun  auf  die  Art  zu  erleben, 
wie  wir  es  eben  in  unserer  Zeit  erleben  konnen.  Auf  eine  andere  Weise 
kann  auch  keine  Gesundung  der  sozialen  Zustande  der  Erde  erfolgen. 
Man  wird  nach  sozialer  Verbesserung  schreien,  wird  aber  nichts  er- 
reichen,  sondern  im  Gegenteil:  Es  wird  alles  immer  mehr  dem  Nieder- 
gange  zugehen,  wenn  nicht  diese  Durchchristetheit  unter  den  Menschen 
Platz  greift,  die  aber  auf  das  Reale  gehen  muft,  nicht  auf  das  blofie 
Aussprechen  von  inhaltlosen  Worten,  an  denen  man  sich  berauscht. 

Am  Atem  durften  sich  die  Alten  berauschen.  An  Worten  diirfen  sich 
die  Neueren  nicht  berauschen.  Worte  diirfen  fur  sie  kein  Berauschendes 
sein,  sondern  ein  im  Sinne  der  Sophia  gehaltenes,  den  Menschen  weis- 
heitsvoll  Durchdringendes. 

Das  sind  die  Dinge,  durch  die  Anthroposophie  auch  auf  das  hin- 
weist,  was  in  sozialer  Beziehung  heute  wichtig  ist.  Und  sie  mochte 
schon  in  ihrem  Namen  etwas  davon  ausdriicken,  diese  Anthroposophie, 
Anthroposophia,  die  ja  auch  eine  Weisheit  ist.  Wahrend  der  Griechen- 
zeit  war  der  Mensch  etwas  Selbstverstandliches.  Sophia  war  schon 
eine  Menschen-Weisheit,  weil  der  Mensch  noch  licht-weisheitsvoll  war. 
Heute,  wenn  man  sagt:  Sophia,  da  denken  die  Menschen  blofi  an  das 


Gespenst  der  Sophia,  an  die  Wissenschaft.  Man  mufi  deshalb  schon 
appellieren  an  den  Menschen,  den  man  heranruft,  an  den  Anthropos: 
Anthroposophia.  Man  mufi  aufmerksam  machen,  dafi  das  etwas  ist, 
was  aus  dem  Menschen  heraus  kommt,  was  aus  dem  Menschen  heraus 
leuchtet,  was  aus  den  besten  Kraften  des  Menschen  heraus  bliiht.  Dar- 
auf  mufi  man  schon  hinweisen.  Aber  dadurch  wird  auch  Anthropo- 
sophie  etwas,  was  das  menschliche  Erdendasein  belebt.  Denn  sie  ist 
etwas,  was  nur  in  einer  geistigeren,  aber  nicht  minder  konkreten  Weise 
vom  Menschen  erlebt  wird,  als  die  alte  Sophia  erlebt  wurde,  und  was 
zu  gleicher  Zeit  eben  mitbewirken  soil  dasjenige,  was  dann  im  ganzen 
Menschen  war,  der  Inhalt  des  Glaubens,  Pistis.  Es  ist  Anthroposophie 
durchaus  nicht  etwa  ein  Glaubensinhalt,  sondern  ein  wirklicher  Wis- 
sensinhalt,  aber  ein  solcher,  der  den  Menschen  eine  Kraft  gibt,  wie  sie 
in  alteren  Zeiten  nur  der  Glaube  enthalten  hat. 


DAS  WESEN  DES  MENSCHEN  UND  SEIN  AUSDRUCK 
IN  DER  GRIECHISCHEN  KUNST 

Dornach,  31.  M'drz  1922 

Vergegenwartigen  wir  uns  heute  einmal  die  Krafte,  welche  die  mensch- 
liche  Wesenheit  wahrend  des  Erdenlebens  zusammenhalten,  urn  da- 
durch  in  diesen  Tagen  einen  Ausblick  in  einiges  Kosmologische  be- 
kommen  zu  konnen.  Wir  wissen  ja,  daft  der  Mensch  sich  gliedert,  wenn 
wir  das  Nachste  betrachten,  was  ihn  im  Erdenleben  hier  ausmacht, 
in  den  physischen  Leib,  in  den  Bildekrafteleib,  den  man  auch  den 
Atherleib  nennen  kann,  in  den  astralischen  Leib  und  in  das  Ich. 

Stellen  wir  uns  einmal  vor  Augen,  wie  wir  etwa  diese  vier  Glieder 
der  menschlichen  Wesenheit  charakterisieren  konnen.  Der  physische 
Leib  ist  ja  das,  was  dem  Menschen  dadurch  zukommt,  dafi  gewisser- 
mafien  die  Erdenkrafte  fur  ihn  arbeiten.  In  der  Zeit,  die  der  Mensch 
durchmacht  zwischen  dem  Tode  und  einer  neuen  Geburt,  hat  er  es 
ja  nicht  mit  diesem  physischen  Leib  zu  tun.  Aus  den  Bemerkungen, 
die  ich  in  den  unmittelbar  vorangehenden  Vortragen  gemacht  habe, 
haben  wir  gesehen,  dafi  die  menschliche  Wesenheit,  wenn  sie  herunter- 
steigt  aus  geistig-seelischen  Gebieten  zu  einer  physischen  Verleib- 
lichung,  gewissermafien  geistig  abgestorben  ist  und  ihre  Kraft  in  Inner- 
lichkeit  wiederum  gewinnen  mufi  durch  das  Untertauchen  in  die 
physische  Leiblichkeit.  Diese  physische  Leiblichkeit  selber  aber  wird 
gewissermafien  aus  den  Kraften  der  Erde  heraus  geboren  und  verbindet 
sich  mit  dem,  was  aus  der  geistig-seelischen  Welt  herunterkommt.  Aber 
kurze  Zeit,  bevor  der  Mensch  zur  physischen  Erdenverkorperung  ge- 
langt,  hat  er  auch  noch  nicht  den  Bildekrafte-  oder  Atherleib.  Dieser 
wird  ebenso  erst  mit  der  menschlichen  Wesenheit  verbunden  fur  dasEr- 
dendasein  wie  der  physische  Leib.  Nur  hat  dieser  ganze  Bildekrafte-  oder 
Atherleib  ein  anderes  Verhaltnis  zum  Weltenall  als  der  physische  Leib. 

Wenn  wir  den  physischen  Leib  des  Menschen  in  bezug  auf  seine 
Krafte  durchsuchen,  so  finden  wir  in  ihm  eben  die  Krafte  des  Erden- 
planeten  selber.  Wenn  wir  aber  an  den  Ather-  oder  Bildekrafteleib  des 
Menschen  herangehen,  so  finden  wir  in  ihm  mehr  die  Krafte  des  Kos- 


mos,  die  Krafte  des  gesamten  Weltenalls.  Dagegen  sind  im  mensch- 
lichen  astralischen  Leib  und  im  menschlichen  Ich  solche  Krafte  ent- 
halten,  die  eigentlich  in  dem  aufieren  Raum  des  Weltenalls  gar  nicht 
angetroffen  werden,  die,  wenn  wir  uns  des  Ausdrucks  bedienen  diirfen, 
nicht  von  der  Welt  sind,  der  die  Erde  angehort. 

Es  ist  eigentlich  so,  dafi  die  Erde  fortwahrend  das  Bestreben  hat, 
den  physischen  Leib  des  Menschen  fur  sich  in  Anspruch  zu  nehmen, 
ihrem  eigenen  Wesen  einzuverleiben.  Dagegen  hat  das  Weltenall  fort- 
wahrend die  Tendenz,  den  Bildekrafte-  oder  Atherleib  des  Menschen 
in  die  ganze  Welt  zu  zerstreuen.  Wenn  der  Mensch  in  dem  Zustande 
ist  zwischen  dem  Einschlafen  und  dem  Aufwachen,  dann  wirken  in 
dem,  was  im  Bette  bleibt,  in  dem  physischen  und  in  dem  Bildekrafte- 
leib,  eigentlich  die  Krafte  so,  dafi  der  physische  Leib  fortwahrend, 
Wenn  ich  mich  so  ausdriicken  darf,  sich  mit  der  Erde  verbinden  will. 
Er  will  der  Erde  ahnlich  werden,  er  will  ganz  irdisch  werden.  Der 
Bildekrafte-  oder  Atherleib  will  sich  in  das  Weltenall  zerstreuen.  Und 
wenn  wir  des  Morgens  beim  Aufwachen  unseren  physischen  Leib  und 
unseren  Atherleib  wiederfinden,  so  ist  es  eigentlich  so,  dafi,  indem  wir 
da  in  den  physischen  Leib  hineinkommen,  er  uns  sagt:  Mich  hat  die 
Erde  in  Anspruch  genommen  wahrend  der  ganzen  Nacht,  mich  wollte 
die  Erde  zu  Staub  formen.  Nur  dadurch,  dafi  du  mich  den  gestrigen 
Tag  und  die  vorhergehenden  Erdentage  zusammengehalten  hast  durch 
dein  Ich  und  durch  deinen  astralischen  Leib,  bin  ich  noch  ein  phy- 
sischer  Leib  geblieben;  es  wirkten  in  mir  die  Krafte  des  Zusammen- 
haltens  fort.  -  Ebenso  sagt  der  Bildekrafte-  oder  Atherleib:  Eben 
nur,  weil  ich  die  Gewohnheit  angenommen  habe,  dir  ahnlich  zu  sein, 
habe  ich  die  menschliche  Form  behalten.  Eigentlich  haben  mich  die 
Krafte  des  Weltenalls  wahrend  der  Nacht,  wahrend  du  schliefest, 
wahrend  du  aufier  mir  war  est,  in  alle  Winde  zerstreuen  wollen. 

Wir  haben  jedesmal,  wenn  wir  aufwachen,  im  Grunde  genommen 
die  Anstrengung  zu  machen,  unseren  physischen  Leib  wiederum  richtig 
in  unseren  Besitz  zu  nehmen.  Er  will  eigentlich  uns  abhanden  kommen 
vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen.  Das  tun  wir  durch  das  Ich.  Das 
Ich  kann,  wenn  es  dazu  geschult  ist,  sich  wirklich  so  empfinden,  als 
ob  es  jeden  Morgen  neuerdings  von  dem  physischen  Leib  Besitz  er- 


greifen  mochte.  Der  astralische  Leib,  der  kann  spiiren  beim  Auf- 
wachen,  dafi  er  den  Atherleib  sich  ahnlich  machen  mufi.  Der  wollte 
schon  eine  unmenschliche  Form  annehmen.  Der  astralische  Leib  mu£ 
ihn  wiederum  in  die  menschliche  Form  zuriickdrangen.  Man  mochte 
sagen:  Der  physische  Leib  verliert  wahrend  des  Schlafens  die  Neigung, 
sich  von  dem  Ich  besitzen  zu  lassen,  und  der  Atherleib  verliert  die 
Neigung,  menschenahnliche  Gestalt  zu  haben.  Er  flattert  aus.  So  dafi 
tatsachlich  die  Gestalt,  die  unser  physischer  Leib  hat,  nur  ein  Ergebnis 
der  Ich-Wirkung  in  unserer  menschlichen  Wesenheit  ist.  In  der  gegen- 
wartigen  Seelenverfassung  haben  die  Menschen  ja  nicht  viel  Empfin- 
dung  fiir  so  etwas,  das  sich  in  den  Worten  ausdriicken  lafit:  Wenn  ich 
im  Aufwachezustand  in  meinen  physischen  Leib  zuriickkehre,  dann 
mufi  ich  ihn  erst  wiederum  in  Besitz  nehmen.  Er  wollte  mir  abhanden 
kommen,  und  der  Atherleib  wollte  zerf  lattern. 

Nehmen  wir  aber  an,  es  hatte  einmal  eine  Zeit  gegeben,  in  welcher 
die  Menschen  noch  eine  deutliche  Empfindung  gehabt  hatten  von 
diesem  Kampf,  der  sich  abspielt  bei  jedem  Aufwachen  zwischen  dem 
Ich  und  dem  astralischen  Leib  einerseits,  und  dem  physischen  Leib 
und  dem  Atherleib  andererseits.  Dann  hatten  sie  ja  auch,  eben  weil  sie 
diese  deutliche  Empfindung  hatten,  eine  Empfindung  davon  gehabt, 
dafi  es  etwas  ganz  Besonderes  sein  miifite,  wenn  der  Mensch  etwa  dazu 
kame,  durch  irgend  etwas  ganz  plotzlich  seinen  physischen  Leib  und 
seinen  Atherleib  verlassen  zu  miissen. 

Wenn  unter  normalen  Erdenverhaltnissen  der  Mensch  seinen  phy- 
sischen Leib  und  seinen  Atherleib  verlafit,  so  geschieht  ja  das  dadurch, 
dafi  der  physische  Leib,  sei  es  durch  Krankheit,  sei  es  durch  Alter,  in 
einem  hohen  Grade  erdenahnlich  geworden  ist,  so  dafi  er  sich  mit  der 
Erde  vereinigen  will,  oder  aber  der  Mensch  hat  durch  irgendwelche 
Verletzungen  seinen  physischen  Leib  dahin  gebracht,  dafi  das  Ich  ihn 
nicht  mehr  besitzen  kann  und  so  weiter.  Aber  nehmen  wir  an,  es  kame 
ganz  plotzlich  dazu,  dafi  das  Ich  und  der  astralische  Leib  aus  dem 
vollgesunden  unverletzten  physischen  Leib  und  Atherleib  heraus  miifi- 
ten,  so  dal$  also  diese  im  hochsten  Sinne  noch  die  Tendenz  hatten,  vom 
Ich  besessen  zu  werden  und  dem  astralischen  Leib  ahnlich  zu  sein, 
was  miifite  dann  geschehen? 


Der  Gedanke  konnte  in  dem  alten  Menschen  aufgedarnmert  sein: 
Ja,  dann  konnte  dieser  physische  Leib  nicht  ohne  weiteres  zerfallen.- 
Er  kann  nur  zerf  alien,  wenn  er  schon  in  sich  die  Tendenzen  zum  Zerfall 
hat,  wie  durch  Krankheit  oder  Altern  oder  dergleichen.  Aber  wenn 
aus  dem  vollgesunden  menschlichen  Organismus,  in  dem  der  Bilde- 
krafteleib  darinnen  ist,  plotzlich  der  astralische  Leib  und  das  Ich  her- 
aus  miifiten,  dann  muftte  die  menschenahnliche  Form  bleiben,  denn  es 
ist  noch  voll  die  Tendenz  vorhanden,  von  dem  Ich  und  dem  astra- 
lischen  Leib  besessen  zu  werden.  Es  mufite  voll  die  menschliche  Form 
dableiben.  Der  Mensch  miifite  so  werden  wie  eine  Bildsaule.  Der  phy- 
sische Leib  konnte  nicht  zerf  alien,  der  Atherleib  konnte  nicht  unahnlich 
werden,  weil  die  Trennung  zu  rasch  gewesen  ware.  Es  miifite  der 
Mensch  eine  Bildsaule  werden. 

Solch  eine  Empfindung  scheint  tatsachlich  einmal  dagewesen  zu  sein. 
Sie  kennen  ja  alle  die  griechische  Sage  von  Niobe,  welche  sieben  ge- 
sunde  Sonne  und  sieben  gesunde  Tochter  hatte  und  die  einmal  aus 
einer  Fiille  von  Gesundheit  heraus  die  Mutter  des  Apollo  und  der 
Artemis  verhohnte,  weil  diese,  trotzdem  sie  eine  Gottin  ist,  nur  zwei 
Kinder  habe:  Apollo  und  Artemis.  Sie  weigerte  sich  zu  opfern,  und 
die  Rache  des  Gottes  oder  der  Gotter  kam  iiber  sie.  Sie  muike  es  erle- 
ben,  dafi  von  den  Pfeilen  des  Apollo  und  der  Artemis  getroffen  ihre 
sieben  Tochter  und  ihre  sieben  Sonne  ganz  plotzlich  dahinstarben, 
getotet  wurden.  Sie  sah  das  ganze  Leichenfeld  ihrer  vierzehn  Sprofi- 
linge  vor  sich,  und  ihr  Ich  und  ihr  astralischer  Leib  verbanden  sich  im 
Schmerze  mit  dem,  was  sie  um  sich  herum  sah.  Sie  kennen  die  Giebel- 
figuren  der  Niobe,  die  zur  Bildsaule  wird,  um  sie  herum  die  sieben 
Sonne,  die  sieben  Tochter,  wie  sie  an  den  Tod  kommen.  Sie  selbst  wird 
zur  Bildsaule.  Der  physische  Leib,  der  Atherleib  miissen  sich  trennen 
von  dem  Ich  und  dem  astralischen  Leib.  Aber  dieser  physische  Leib 
und  der  Atherleib,  weil  sie  so  voll  von  strotzendem  Leben  waren,  dafi 
Niobe  selbst  die  Gottin  mit  ihren  zwei  Sprofilingen  verhohnen  konnte, 
konnten  nicht  den  Hang  zum  Ich  verlieren,  und  der  Atherleib  konnte 
nicht  unahnlich  werden  dem  astralischen  Leibe.  Niobe  wurde  zur 
Bildsaule. 

Solch  ein  Kunstwerk  ist  durchaus  hervorgegangen  aus  einer  tiefen 


Weltanschauungsempfindung,  aus  etwas,  das  man  aus  der  damaligen 
Weltanschauung  heraus  wie  eine  Wahrheit  empfunden  hat.  Man  hat 
eben  empfunden:  Ware  Niobe  nicht  von  so  strotzendem  Leben  ge- 
wesen,  dafi  sie  zur  Verhohnung  der  Gottin  Latona  kommen  konnte, 
dann  hatte  sie  so  sterben  konnen,  dafi  ihr  physischer  Leib  zerfallen 
ware.  Aber  sie  ist  eben  von  so  strotzendem  Leben  gewesen,  dafi  sie 
sich  selbst  gegen  die  Gotter  auflehnte,  dafi  sie  also  voll  in  diesem  phy- 
sischen  Leib  drinnen  lebte.  Und  so  sehen  wir,  dafi  der  griechische 
Genius  empfindet:  Wegen  des  schnellen  Herausgehens  des  Ich  und  des 
astralischen  Leibes  aus  dem  physischen  und  dem  Atherleib  wird  die 
Niobe  zur  Bildsaule. 

Wenn  man  namlich  zuriicksieht  in  der  Menschheitsentwickelung, 
dann  schliefit  sich  immer  die  Kunst  durchaus  an  das  Empfinden  an, 
welches  mit  der  Weltanschauung  einer  betreffenden  Zeit  zusammen- 
hangt.  Wir  konnen  das  aber  auch  noch  an  vielem  anderen  sehen. 
Lenken  wir  noch  einmal  unseren  Blick  darauf,  wie  der  Mensch  beim 
Aufwachen  wiederum  Besitz  ergreifen  mufi  von  seinem  physischen 
Leibe,  weil  dieser  physische  Leib  der  Erde  ahnlich  werden  will.  Hatte 
Niobe  auch  nur  eine  Nacht  schlafen  konnen,  nachdem  sie  ihren 
Schmerz  erfahren  hatte,  dann  hatte  sie  nicht  mehr  zur  Bildsaule  wer- 
den konnen,  denn  der  physische  Leib  wiirde  dann  schon  die  Krafte  in 
sich  aufgenommen  haben,  der  Erde  ahnlich  zu  werden,  das  heifit  zu 
zerfallen.  Die  menschliche  Wesenheit  mufi  also  an  jedem  Morgen 
wiederum  von  dem  physischen  Leib  Besitz  ergreifen,  und  der  astrali- 
sche  Leib  mufi  jeden  Morgen  den  Atherleib  sich  ahnlich  formen,  ihn 
wiederum  plastisch  gestalten,  so  dafi  er  menschenahnliche  Form  an- 
nimmt. 

Es  gab  innerhalb  der  griechischen  Entwickelung  eine  Zeit,  wo  man 
das  recht  lebendig  empfunden  hat,  dafi  der  Mensch  jeden  Morgen 
Krafte  entwickeln  mufi,  um  starken  Besitz  von  seinem  physischen 
Leib  zu  nehmen.  Der  Grieche  hat  eine  gewisse  Befriedigung  gehabt 
an  dem  Besitz  seines  physischen  Leibes,  und  da  er  gewufit  hat:  jeden 
Morgen  mufi  neu  Besitz  ergriffen  werden  vom  physischen  Leib,  so  hat 
er  das  Bedurfnis  empfunden,  die  Krafte,  welche  Besitz  ergreifen  kon- 
nen vom  physischen  Leib,  und  auch  diejenigen,  welche  den  astralischen 


Leib  stark  machen,  zu  verstarken,  urn  sich  den  Atherleib  jeden  Morgen 
wiederum  ahnlich  zu  machen. 

Wenn  der  Mensch  wachend,  bewufit  den  ganzen  Vorgang  verfolgen 
wiirde,  der  beim  Aufwachen  sich  abspielt,  so  wiirde  er  im  Aufwachen 
sich  jeden  Morgen  sagen:  Dafi  mir  nur  ja  mein  physischer  Leib  nicht 
abhanden  kommt,  dafi  ich  nur  ja  wiederum  in  diesen  physischen  Leib 
richtig  hineinkomme!  -  Furcht  hatte  der  Mensch  davor,  nicht  richtig 
in  den  physischen  Leib  hineinkommen  zu  konnen.  Der  Grieche  in  der 
alteren  Zeit  wufite  viel  von  dieser  Furcht,  und  er  wulke  ebensogut: 
Der  Atherleib  bekommt  jede  Nacht  eine  eigentiimliche  Neigung,  in 
vier  verschiedene  Gestalten  auseinander  zu  f  lattern,  zu  etwas  zu  wer- 
den,  was  engelartig  ist,  was  lowenartig  ist,  was  adlerartig  ist  und  was 
ochsenartig  ist.  Man  mufi  jeden  Morgen  vom  astralischen  Leib  aus  sich 
wieder  bemiihen,  diese  vier  Glieder  des  Atherleibes,  wenn  ich  mich 
des  Ausdruckes  bedienen  darf,  so  durcheinander  zu  synthetisieren, 
dafi  wiederum  ein  richtiger  Mensch  daraus  wird.  Aber  die  Griechen 
hatten  das  Leben  im  physischen  und  im  Atherleib  gern.  Ich  habe  Ihnen 
ja  ofter  jenen  Ausspruch  angefiihrt,  der  uns  aus  Griechenland  herauf- 
tont:  «Lieber  ein  Bettler  auf  der  Erde  als  ein  Konig  im  Reiche  der 
Schatten»,  in  der  Unterwelt.  -  Der  Grieche  liebte  dieses  physische 
Dasein.  Er  wollte  also  auch  gestarkt  werden  in  dem  Besitzergreifen 
seines  physischen  Leibes,  in  dem  Ahnlichwerden  des  Atherleibes  dem 
Menschen.  Und  sehen  Sie,  mit  aus  dieser  Tendenz  heraus  entstand  die 
Tragodie.  Und  Aristoteles  noch  gibt  eine  Definition  von  der  Tragodie, 
von  dem  Trauerspiel,  die  deutlich  darauf  hinweist,  dafi  im  Grunde 
genommen  die  Griechen  nicht  die  Tragodie  sich  so  gedacht  haben,  wie 
der  moderne  Mensch  sie  sich  denkt.  Ich  weifi  nicht,  ob  jemand  andere 
Erfahrungen  hat,  aber  ich  habe  zumeist  die  Erfahrung  gemacht,  dafi 
die  Leute  heute  glauben,  Trauerspiele  gibt  es  aus  dem  Grunde,  weil, 
wenn  man  den  ganzen  Tag  iiber  sich  abgegeben  hat  mit  dem,  was  eben 
der  Tag  bringt,  man  sich  abends  gern  ein  paar  Stunden  hinsetzt,  um 
in  einer  mehr  oder  weniger  aufregenden  Art  etwas  zu  erleben,  was 
kein  wirkliches  Erlebnis,  sondern  nur  ein  Bild  ist. 

So  hat  der  Grieche  in  der  Zeit,  als  die  griechische  Kultur  eigentlich 
nach  und  nach  entstanden  ist,  durchaus  nicht  gedacht.  Dem  Griechen 


war  das  Leben  Eines,  und  alles,  was  er  in  das  Leben  hineingesetzt  hat, 
das  war  ihm  etwas,  das  eben  wirklich  der  Gesamtheit  dieses  Lebens 
auch  lebendig  angehoren  sollte.  Und  die  Tragodie  war  ihm  das  Mittel, 
damit  der  Mensch  richtig  seinen  physischen  Leib  besitzen  und  seinen 
Atherleib  formen  konne.  Und  die  Tragodie  wurde  so  ausgebildet, 
dafi,  indem  der  Mensch  sie  ansah,  er  Furcht  und  Mitleid  empfinden 
sollte.  Warum  sollte  der  Mensch  da  in  der  Tragodie  Furcht  erleben? 
Er  sollte  Furcht  erleben,  weil  durch  das  Erleben  dieser  Furcht  gestarkt 
wird  seine  Kraft,  den  physischen  Leib  in  der  richtigen  Weise  an  jedem 
Morgen  in  Besitz  zu  nehmen.  Und  Mitleid  sollte  er  empfinden,  weil 
dadurch  sein  astralischer  Leib  an  jedem  Morgen  starker  gemacht  wird, 
um  den  Atherleib  in  der  richtigen  Weise  zu  formen.  Setzt  mir  Trago- 
dien  vor,  sagte  der  Grieche,  dann  bin  ich  imstande,  meinen  physischen 
Leib  richtig  in  Besitz  zu  nehmen,  meinen  Atherleib  richtig  aufzubauen, 
dann  bin  ich  im  vollsten  Sinne  des  Wortes  imstande,  ein  rechter  Mensch 
zu  sein.  Der  Grieche  wollte  ein  rechter  Mensch  im  Erdendasein  sein. 
Dazu  sollte  ihm  neben  dem  anderen,  daft  er  in  seine  Kultur  sich  hin- 
einstellte,  auch  das  Trauerspiel,  die  Tragodie  dienen.  Naturlich  setzt 
das  voraus,  dafi  man  in  jenen  alteren  Zeiten  gewulk  hat,  wie  das 
Geistig-Seelische,  das  Ich  und  der  astralische  Leib  des  Menschen,  zu- 
sammenhangt  mit  dem  Physischen  und  dem  Atherischen  des  Menschen. 

Aristoteles  gibt  eine  Definition  des  Trauerspieles.  Er  sagt:  Das 
Trauerspiel,  die  Tragodie  ist  die  Nachahmung  einer  Handlung,  durch 
die  Furcht  und  Mitleid  erregt  werden,  damit  der  Mensch  durch  die 
Erregung  von  Furcht  und  Mitleid  die  Katharsis,  die  Krisis  von  Furcht 
und  Mitleid  erlebt.  -  Krisis,  Katharsis,  das  ist  ein  Ausdruck,  welcher 
der  alteren  griechischen  Medizin,  der  Heilkunst  entlehnt  ist,  und  es 
wird  eben  die  Tragodie  selbst  da  noch,  als  Aristoteles  schon  das  Grie- 
chentum  in  die  Pedanterie  hinaus  entwickelte,  so  von  ihm  empfunden, 
dafi  sie  etwas  Heilendes,  etwas  Starkendes  fur  den  Menschen  haben 
soil. 

Versuchen  wir  einmal  diesen  Ausdruck  «Katharsis»,  der  ja  auch  aus 
den  Mysterien  kommt  -  und  was  er  in  den  Mysterien  bedeutet,  haben 
wir  ja  ofter  erklart  -,  uns  im  gewohnlichen  Leben  klar  zu  machen. 

Wenn  der  Mensch  innerlich  krank  wird,  was  geht  da  eigentlich  vor? 


Es  treten  im  Menschen  Leiden,  Schmerzen  auf,  die  sonst  nicht  vor- 
handen  sind.  Er  beginnt  seinen  Organismus  zu  spiiren,  in  irgendeiner 
Weise  zu  empfinden,  so  zu  empfinden,  wie  er  ihn  im  normalen,  im 
sogenannten  gesunden  Leben  eben  nicht  empfindet.  Im  gesunden  Leben 
tut  einem  nichts  weh  zunachst,  glaubt  man.  Wenn  man  krank  wird, 
beginnt  etwas  weh  zu  tun,  Schmerzen  zu  machen.  Das  bedeutet  aber 
nichts  anderes,  als  dafi  das  Ich  und  der  astralische  Leib  nicht  in  der 
richtigen  "Weise  -  verzeihen  Sie  den  etwas  groben  Ausdruck  -  einge- 
hangt  sind  in  den  physischen  Leib  und  in  den  Atherleib.  Wird  nun  der 
Mensch  zur  Heilung,  zur  Gesundung  wieder  gefuhrt,  so  bekommt  das 
Ich  und  der  astralische  Leib  die  Kraft,  sich  wiederum  in  der  richtigen 
Weise  einzuhangen.  Das  Ich  und  der  astralische  Leib  bekommen  eine 
grofiere  Kraft  uber  den  physischen  Leib  in  der  Heilung,  als  sie  vor 
der  Heilung  gehabt  haben. 

Nehmen  wir  an,  der  Mensch  verfallt  einer  Lungenkrankheit.  Sein 
Ich  und  sein  astralischer  Leib  sind  nicht  richtig  in  den  Atherteil  der 
Lunge  und  in  den  physischen  Teil  der  Lunge  eingeschaltet.  Was  bei  der 
Heilung  vorgeht,  ist  wiederum  die  richtige  Einschaltung.  Und  die 
Krisis  besteht  eben  darin,  dafi  aufierhalb  der  richtigen  Einschaltung 
das  Ich  und  der  astralische  Leib  die  Kraft  bekommen,  sich  nachher 
wieder  richtig  einzuschalten.  Das,  was  da  in  der  Krankheit  in  einer 
aufierlichen  Weise  vor  sich  geht,  das  sah  der  Grieche  fortwahrend  in 
einer  innerlichen  Weise  in  dem  Menschen  vor  sich  gehen. 

Der  Grieche  empfand  so:  Wenn  der  Mensch  gar  nichts  fur  sich  tut, 
dann  werden  sein  Ich  und  sein  astralischer  Leib  immer  fremder  dem 
physischen  und  dem  Atherleib.  Die  konnen  immer  weniger  vom  phy- 
sischen Leib  Besitz  ergreifen  und  immer  weniger  den  Atherleib  nach 
sich  formen.  Man  mufi  sie  herausbringen,  damit  sie  sich  dann  wiederum 
in  der  richtigen  Weise  hineinstellen.  Man  mufi  den  astralischen  Leib 
durchstromen  von  angeschauten  Leiden,  von  Mitleiden.  Und  man  mufi 
das  Ich  durchstromen  von  Furcht.  Wenn  das  Ich  die  Furcht  erlebt, 
dann  starkt  es  sich.  Und  das  Ich  iibersteht  diese  Furcht,  weil  sie  eben 
nur  durch  das  Bild  vorgefuhrt  wird.  Das  Ich  also  geht  nicht  zugrunde 
unter  der  Furcht,  es  iibersteht
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