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RUDOLF STEINER GE SAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Das Sonnenmysterium
und das Mysterium
von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
Zwolf Vortrage, gehalten 1922
in verschiedenen Stadten
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1963
2. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1986
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften siehe Seite 219
Bibliographic- Nr. 211
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen von Rudolf Steiner,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff t
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1963 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden, Basel
ISBN 3-7274-2110-X
Zu den Veroffentlichungen
a us dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge -
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Bern, 21. Marz 1922
Das menschliche Seelenleben in Schlafen, Wachen und Traumen
Das Traumleben: Bildinhalt und dramatischer Verlauf. Seeleniibungen
zur Ausbildung von Imagination, Inspiration, Intuition. Imagination:
Wahrnehmung des Weltathers; Inspiration: Wahrnehmung geistiger We-
senheiten; Intuition: Wahrnehmung der hoheren Hierarchien und des
eigenen Karma. Bildung der Gestalt beim Tier durch die Atmungsorgane,
beim Menschen durch das "Won. Chrisms und Ahasver.
Dornach, 24. Marz 1922
Die drei Zustande des Nachtbewufitseins
Die Dramatik des Traumlebens; die Welt des Tiefschlafs; die Welt des
traumlosen Schlafs. Christus und Ahasver.
Dornach, 25. Marz 1922
Vom Wandel der Weltanschauung
Vom fruheren unmittelbaren Wahrnehmen des Geistig-Seelischen zum
heutigen Wahrnehmen des Leichnams der Natur. Ubungen der alten
Inder zur Erlangung eines starkeren Selbstgefuhls und des Denkens. Er-
starkung des Ich-Erlebens bei den Griechen. Die Bedeutung der griechi-
schen Tragodie. Die Gestalt des Dionysos. Das Mysterium von Golgatha.
Die entgotterte Natur in der Neuzeit und das Hinblicken auf den Leich-
nam des Jesus Christus. Die «Unchristlichkeit» heutiger Theologie. Not-
wendigkeit einer Durchchristung des sozialen Lebens.
Dornach, 26. Marz 1922
Die Veriinderungen im Erleben des Atmungsprozesses in der
Geschichte
In alteren Zeiten Atmen zur Erlangung des Ich-Erlebnisses. Sophia (Weis-
heit): der durch die Sinneswahrnehmung abgebildete Einatmungsinhalt.
Einatmen: Wahrnehmung; Ausatmung: Tatigkeit. Pistis (Glaube): geisti-
ger Ausatmungsprozefi. Heutige Wissenschaft und heutiger Glaube. «Die
Reiche der Himmel». Bedeutung des Irdischen fur das Himmlische.
Dornach, 31. Marz 1922
Das Wesen des Menschen und sein Ausdruck in der griechischen
Kunst
Die vier Wesensglieder des Menschen. Die Niobe-Sage. Die Aufgabe der
griechischen Tragodie. Furcht und Mitleid, Katharsis. Goethes Ringen um
eine Weltanschauung: Begegnung mit Herder, Reise nach Italien. Niobe-
gruppe und Laokoongruppe. Lessing iiber Laokoon. Goethe und Shake-
speare. Hamlet.
Dornach, 1. April 1922 92
Die Erkundung und Formuiierung des Weltenwortes in der Ein-
und Ausatmung
Veranderung des Ein- und Ausatmungsprozesses in der Neuzeit. Das
Haupt als Abbild des Kosmos; die die Erde umkreisenden Stromungen im
Brustorganismus; Wirken der Erdkrafte in den Gliedmafien. Das Geheim-
nis des AUM. Mauthners «Kritik der Sprache».
Dornach, 2. April 1922 104
Exoterisches und esoterisches Christentum
Der Auferstandene. In altesten Zeiten kein Tod. Erfahrung des Todes mit
der Entwicklung des Intellekts. Ahriman als Bringer sowohl des Todes
als audi des Intellektes. Entsendung des Christus, um Ahrimans Macht
einzuschranken. Ahrimans Einflufi auf das menschliche Bewufitsein. Das
Mysterium von Golgatha als Ausdruck eines Kampfes unter Gottern.
Die Lehren des Auferstandenen an seine Schuler. Das Damaskus-Erlebnis
des Paulus.
Den Haag, 13. April 1922 123
Die Lehren des Auferstandenen
Das Mysterium von Golgatha. Vertretung des Anthroposophie vor der
Offentlichkeit und die Arbeit in den Zweigen. Die der Menschheit an
ihrem Ursprung offenbarte Urweisheit. Zunehmendes Verblassen des
traumhaften Hellsehens bis zum Mysterium von Golgatha, gleichzeitig
zunehmendes Erleben von Geburt und Tod. Es ist Aufgabe des Christen-
tums, den Gottern Kenntnis von Geburt und Tod zu vermkteln. Christi
Auferstehung. Das Damaskus-Erlebnis des Paulus. Die Lehre des Auf-
erstandenen. Die Bedeutung der katholischen Messe.
London, 14. April 1922 141
Erkenntnis und Initiation
Anthroposophie ist eine Initiationswissenschaft, die von der Naturwissen-
schaft ausgeht. Streben der Anthroposophie nach exaktem Hellsehen
durch Ausbildung der Grundkrafte des Seelenlebens: des Denkens, Fiih-
lens und Wollens. Die Ergebnisse der ubersinnlichen Erkenntnis konnen
mit dem gesunden Menschenverstand begriffen werden. Erkennen des
Seelisch-Geistigen des Weltalls wie des Menschen als Aufgabe der Anthro-
posophie.
London, 15. April 1922
159
Erkenntnis des Christus durch Anthroposophie
«Exakte Clairvoyance* als Grundlage der modernen Initiationswissen-
schaft. Das Goetheanum in Dornach, seine Architektur und Malerei. Die
Waldorfschule in Stuttgart. Imagination und Inspiration. Die Gedanken-
kraft als Leichnam des Geistig-Seelischen. Das Paulus-Wort «Nicht ich,
der Christus in mir». Die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha fur die
Rettung des erstarkten Ich vor dem Sterben des Geistig-Seelischen zusam-
men mit dem Leiblichen. Das Mysterium der Geburt. Die «Ungeboren-
heit». Nicht-Wissen der Gotter vom Tode. Wiederbelebung des Christen-
tums und die Auferstehung des religiosen Lebens durch die Anthropo-
sophie.
Die dreifache Sonne und der auferstandene Christus
Gefahren des Ahrimanischen in der Gegenwart. Die Menschheitsentwick-
lung von der urpersischen Zeit bis zu den Griechen: Zarathustra, Osiris,
Zeus. Die dreifache Sonne in der griechischen und romischen Kultur.
Julian Apostata, Durch das Mysterium von Golgatha ist das dreifache
Sonnenwesen auf die Erde gekommen. Altere Mysterien: Geheimnis der
Geburt; der auferstandene Christus: Geheimnis des Todes. Die Verbin-
dung der christlichen Impulse mit dem «antigeistigen» Romertum. Die
moderne Wissenschaft als Grundlage der Freihek. Kardinal Newman, sein
geistiger Hintergrund, sein Leben und sein Streben. Ahrimans Uberwin-
dung durch Losreiften des Denkens von der Gebundenheit an das Gehirn.
Anthroposophie als ein Streben nach Durchchristung der Welt
Esoterischer Charakter der anthroposophischen Bewegung. Notwendige
Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Kluft zwischen Esoterik und
Exoterik. Die Ausbildung des menschlichen Intellekts. Ahrimanische
Krafte im Naturdasein. Das zukiinftige lichte Zeitalter. Die verschiedenen
Arten von Elementarwesen und ihr Verhaltnis zu Luzifer und Ahriman.
Der Rosenkreuzer-Spruch.
London, 24. April 1922
179
Wien, ll.Juni 1922
195
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
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DAS MENSCHLICHE SEELENLEBEN
IN SCHLAFEN, WACHEN UND TRAUMEN
Bern, 21. Marz 1922
Wir konnen als Menschen von den eigentlichen tieferen Seelenratseln
doch nur wissen, wenn wir das Gesamterleben des Menschen ins Auge
fassen. Dieses Gesamterleben des Menschen gliedert sich ja in der
Zeit, in der der Mensch seine Erdenlaufbahn durchmacht, in das
Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, also in den
gewohnlichen wachen Tageszustand und das Leben zwischen dem
Einschlafen und dem Aufwachen, jenes Leben, das der Mensch zu-
bringt in einem dunklen Bewufitseinszustande, aus dem zunachst fur
das gewohnliche Bewufksein nur heraufschlagen die Wellen des
Traumlebens.
Es handelt sich nun darum, dafi man gerade diesen Wechselzustand
von Schlafen und Wachen von den verschiedensten Gesichtspunkten
aus, von denen er sich betrachten laflt, auch wirklich ins Auge fafit.
Wenn wir ausgehen von der gewohnlichen Lebensbetrachtung, so kon-
nen wir sagen: Es zeigt sich eben in dem Traumzustand ein Obergang
vom Wachen in das Schlafen. Und priifen wir den Verlauf des Traum-
lebens, so mussen wir einen bedeutsamen Unterschied machen zwi-
schen dem Bildinhalte, sozusagen dem Vorstellungsinhalte des Trau-
mens, und dem Verlauf des Traumens. Auch darauf habe ich ja 6f-
ters aufmerksam gemacht.
Wir konnen dem Inhalte nach dieses oder jenes traumen. Wir miis-
sen aber auch sehen, wie der innere Gang des Traumes ist, sagen wir,
da£ er mit einer gewissen Dramatik sich abspielt, dafi wir gewisser-
mafien eine Art von Spannungszustand zunachst haben im Traume,
der immer grofier oder starker und starker wird, und daft dann eine
gewisse Losung kommt, oder auch dafi sich eine solche Losung zuletzt
nicht ergibt, sondern aus der Spannung heraus das Aufwachen erfolgt.
Wir mussen diesen dramatischen Vorgang unterscheiden, von dem
eigentlichen Inhalt des Traumens.
Sagen wir zum Beispiel, wir traumten, wir machen einen Weg.
Wir kommen an eine Bergeshohle. Wir betreten die Bergeshohle. Es
wird uns immer unheimlicher und unheimlicher, weil es finsterer und
finsterer wird. Endlich iiberfallt uns ein richtiger Angstzustand, und
dann kommen wir, trotzdem wir wissen, wir miissen weitergehen, an
irgendein Hindernis. Der Angstzustand wird immer grofier und gro-
wer. Wir sehen, wie sich eine Spannung aufbaut. Der Inhalt, der Vor-
stellungsinhalt des Traumes ist aber etwas ganz anderes. Wir konnen
zum Beispiel auch folgendes traumen: Wir sehen in der Feme irgend
etwas herankommen, was uns bedroht. Es kommt immer naher und
naher, immer klarer und klarer werden uns die einzelnen Details, und
damit wachst unsereXngstlichkeit,entladt sich zuletzt in einem mach-
tigen Angstzustand. In bezug auf die Dramatik des Traumes ist in
beiden Fallen dasselbe vorliegend: Dasjenige, was inner lich sich als
Spannung aufbaut. Die Bilder, in welche sich vorstellungsgemafi der
Traum einkleidet, sind etwas davon Verschiedenes.
Nun werden wir, wenn wir weiter gehen, wenigstens fur das meiste
im Traumleben oftmals finden, dafi dieses Vorstellungsgemafie des
Traumens doch in irgendeiner Form herausgenommen ist aus den
Erlebnissen in unserem Erdendasein. Gewifi, manches kann umgewan-
delt sein, manches kann sehr maskiert zum Vorschein kommen, aber
wir werden in irgendeiner Weise dennoch verstehen konnen, wie Er-
denverhaltnisse, die wir durchlebt haben, sich als Bilder in den Traum
hereinbegeben.
Was liegt denn bei einem solchen Traumen, sagen wir, wenn es
ein Traumen im Aufwachen ist, eigentlich vor? Nun, wir sind ja in
der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit unserem seelisch-
geistigen Teil — wir nennen es auch den astralischen Leib und das
Ich - aufier unserem physischen Leib und dem Atherleib. Wir ver-
weilen mit unserem Ich und unserem astralischen Leib in dieser Welt,
in der wir zunachst, so wie unser Bewulksein im Erdendasein ist,
nicht wahrnehmen konnen, weil der Astralleib und das Ich, in dem
wir sind, eben etwas Unbestimmtes ist, seine Organe zur Wahrneh-
mung nicht ausgebildet hat. Aber deshalb geht doch fortwahrend in
dem, was im Schlafe aufier dem physischen Leibe ist, etwas vor. Wah-
rend der ganzen Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen
geht eigentlich ein reicheres Leben in dem astralischen Leib und in dem
Ich vor sich als wahrend des Tagwachens. Wir konnen es nur nicht
gewahr werden. Und dasjenige, was sich im Traume als Spannungs-
zustande, als Entladungszustande, als Angst, vielleicht auch als Zorn,
Wut und so weiter - das alles kann ja in den Traum hineinspielen -
in die verschiedensten Bilder kleiden kann, das geht vom Einschlafen
bis zum Aufwachen mit uns vor.
Wir leben eben in diesen aufterleiblichen Zustanden in einer Welt,
an deren Bewegungen wir teilnehmen, gerade so, wie wir an den
Vorgangen der physischen Aufienwelt wahrend des Tagwachens durch
unsere Sinne teilnehmen. Wenn wir nun beim Aufwachen mit unse-
rem Seelisch-Geistigen, also mit dem astralischen Leib und dem Ich,
zuruckkehren in unseren physischen Leib, da ergreifen wir die Or-
gane unseres physischen Leibes. Wir senken uns in diese Organe ein.
In diesem Augenblicke werden wir wiederum fahig, eine Aufienwelt
wahrzunehmen, die Aufienwelt der Naturreiche, Mineralien, Pflan-
zen, Tiere, des physischen Menschen. Diese Organe, die der physische
Leib in sich gliedert, die durchsetzen wir mit unserer Seele. Dadurch
stehen wir in Beziehung zu dieser Auftenweit.
Wenn wir nun aber nicht gleich vollstandig untertauchen in unse-
ren physischen Leib, sondern wenn wir einen Augenblick, ehe wir
den ganzen physischen Leib ergreifen, den Atherleib durchsetzen,
dann kommen uns aus diesem Atherleibe die Krafte, welche die Bil-
der des Traumes formen. Diese Bilder tragt den Kraften nach der
Atherleib in sich. Es sind Lebensreminiszenzen, Lebenserinnerungen.
Wenn wir beim Einschlafen traumen, kann es sein, dafi wir unse-
ren physischen Leib verlassen und durch irgendwelche Abnormitat
nicht gleich den Atherleib verlassen. Dann leben wir ebenso, bevor
wir in die vdllige Bewufklosigkeit hineingehen, in den Bildern des
Atherleibes. Aber schon beginnt jenes Gewoge des astralischen Lei-
bes und des Ich, das sich vollzieht wahrend des Zustandes zwischen
dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wir mussen also durchaus
trennen die Bilder, die der Traum enthalt, und den dynamischen, den
Kraftverlauf des Traumes, die Dramatik des Traumes. Die beiden
mussen wir streng voneinander trennen. Und wenn wir in die Lage
kommen, durch Seelenubungen diese Trennung, wie ich Ihnen gerade
theoretisch geschildert habe, auch praktisch auszufiihren, wenn man
in die Lage kommt, seinen astralischen Leib und sein Ich durch Ubun-
gen so stark zu machen, daft man nicht passiv hinunterschliipft in
den Atherleib und dann in den physischen Leib, sondern wenn man
lernt, sich jetzt aufterhalb des Leibes des allgemeinen Weltenathers zu
bedienen, dann kommt man zu Wahrnehmungen, die man sonst eben
nicht haben kann.
Der Ather, der abgesondert ist und unseren Atherleib bildet, ist
ja nur ein Teil des allgemeinen Weltenathers. Oberall ist Ather. Wir
gliedern von dem allgemeinen Ather einige Zeit vor unserer Geburt
dasjenige ab, was unser Atherleib wird; den tragen wir dann zwi-
schen Geburt und Tod in uns. Der allgemeine Weltenather bleibt
unwahrnehmbar. Er wird nur wahrnehmbar, wenn wir in die Lage
kommen, unseren astralischen Leib und unser Ich so zu verstarken,
daft wir sie aufterhalb des physischen Leibes, auch wenn wir nicht
schlafen, halten konnen, daft wir aber nicht blofi solche Traumein-
driicke bekommen, wie wir sie eben beim Einschlafen und sonst fur
das gewohnliche Bewufttsein haben, sondern daft wir im aufterlichen
Atherischen wahrnehmen konnen. Dann liegt folgendes vor:
Ausgebreitet ist um uns die physische Welt. Die geht uns zunachst
nichts an. Sie bleibt fur uns vorhanden, wenn wir richtige Ubungen
machen, wie Erinnerungen vorhanden bleiben. Wir uberschauen sie,
wir treten nicht aus ihr heraus wie der Halluzinierende, aber sie
geht uns zunachst nichts an. Wir haben verstarkt unseren Astralleib
und unser Ich. Wir nehmen dadurch wahr, was sich in der Ather-
welt, nicht in der physischen Welt abspielt. Und was sich nun in der
Atherwelt abspielt, das heiftt, was nun wahrnehmbar wird fur uns,
das ist tatsachlich nichts anderes, als was Sie finden, natiirlich immer
teilweise nur, der Art nach wenigstens dargestellt, in meinem Buch
« Geheimwissenschaf t» .
Das ist so gesehen, daft man es schaut mit dem verstarkten astra-
lischen Leib und Ich, die aber jetzt, statt daft sie sich der Augen, der
Ohren bedienen, um physisch wahrzunehmen aufter dem Leibe, eben
atherisch wahrnehmen. Dieses Atherische stellt sich in solchen Bil-
dern dar, die man dann eben so schildern kann, wie ich es in meiner
«Geheimwissenschaft» geschildert habe.
Ich rnochte also sagen: Wenn man in der Lage ist, den astralischen
Leib und das Ich in den leibfreien Zustand zu bringen, wie sie sonst
ja jede Nacht im Schlafe auch sind, wenn man sie aber durch Obun-
gen so verstarkt hat, dafi man im Weltenather wahrnimmt, so hat
man zunachst die Welt in Imaginationen, in Bildern vor sich. Das-
jenige, was man sonst nur als einen kleinen Teil der Welt im Phy-
sischen sieht, ist da so erweitert, dafi man zu dem Erdendasein das
Saturn-, Sonnen-, Mondendasein und so weiter darstellen kann. Das
ist zunachst das erste, was moglich ist, von der Welt des Obersinn-
lichen wahrzunehmen.
Nun aber liegt in dem iiberhaupt alles dasjenige, was Inhalt der
imaginativen Welt werden kann. Wir kommen schon aus der Ather-
welt hinaus, wenn wir durch das, was ich schildere als leeres Bewulk-
sein, nun nicht mehr in Imaginationen, die da kommen, blofi leben,
sondern wenn wir lernen, die Imaginationen nun auch wiederum zu
vertreiben, wenn wir also in die Lage kommen, sowohl, sagen wir,
eine Imagination in der Seele aufzunehmen, wie auch sie fallen zu
lassen.
Dadurch stellt sich ein seelischer Zustand ein, der mit vollstandiger
Willkur zu beherrschen ist, ein seelischer Zustand, der im Bilde lebt,
dann wiederum das Bild unterdrikkt, wieder im Bilde lebt, das Bild
unterdriickt. Das ist der Zustand des inspirierten Erlebens der Welt.
Da erlebt man aber eine Welt, die auch sonst dem Menschen nicht
ganz fern liegt. Er durchlebt sie jede Nacht im traumlosen Schlafe.
Er ist nur nicht in der Lage, was in ihr spielt, mit seinem Bewufitsein
zu erfassen. In dieser Welt nimmt man nun nicht blofi Bilder wahr, son-
dern indem die Bilder auf f luten, abf luten, entstehen, vergehen, indem
auch im auff lutenden Bilde es still wird, im abflutenden Bilde dafiir
eine Art innerlichen Tonens erscheint, so daft die Welt auch in bezug
auf die Wahrnehmungen mannigfaltig wird, nehmen wir in dieser
inspirierten Welt schon wahr, wenn ich so sagen darf, die Handlun-
gen, die Taten von wirklichen geistigen Wesenheiten. Bei einer sol-
chen Schilderung, wie ich sie in der «Geheimwissenschaft» gegeben
habe, lafit man ja schon hineinspieleti diese Taten von geistigen We-
senheiten, obwohl im wesentlichen dort eben die Bilder des Welten-
werdens gegeben sind. Es ist aber hingewiesen auf die Wesen der
hoheren Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so weiter, welche
einem in diesem Weltengewoge von entstehenden und vergehenden
Imaginationen erscheinen. Ich mochte sagen, auf den Wellen, die
man da erlebt im inspirierten Leben, weben zu gleicher Zeit diejeni-
gen Wesenheiten, die die Wesenheiten der hoheren Hierarchien sind.
Jetzt merkt man, wie das eigene Dasein, aber jener Teil des Da-
seins, der eben nur eigentlich frei wird in der Zeit zwischen dem
Einschlafen und dem Aufwachen wahrend des physischen Erden-
lebens, wie dieser wesenhafte Teil des Menschen eingegliedert ist in
eine Welt iibersinnlicher Wesenhaftigkeiten. Wir sind ja in der Tat
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchaus Angeho-
rige dieser Welt, Als Seelen bewegen wir uns zwischen Wesenheiten.
Beim imaginativen Bewufitsein ist es so, dafi man eigentlich nur
eine Anschauung hat von dem, was diese Wesen tun. Ich mochte
sagen, die erste Stufe des ubersinnlichen Bewufitseins stellt sich so
dar, dafi diese Wesen uns gewissermafien ihre Bilder entwerfen. Das
sind die Imaginationen. Dann kommt man dazu, dafi einem nicht
nur Bilder entgegengeworfen werden, sondern dafi Bilder aufsteigen,
abfluten, und in diesem Aufsteigen und Abfluten vollziehen sich die
Taten der Wesenheiten. Aber wir sind selber darinnen jetzt in dieser
Welt von geschehender Geistigkeit. Wir sind da, wenn das Bewufit-
sein durchschlagt, durchaus in einem Zustande, in dem wir so leib-
frei sind wie sonst fur das gewohnliche Bewufitsein im traumlosen
Schlaf, wir sind tatsachlich angehorig einer solchen Welt, in der gei-
stige Taten geschehen. Diese Welt, in der geistige Taten geschehen, in
die wir selber einverwoben sind, macht uns eben dasjenige klar, aus
dem wir herauskommen, wenn wir zur Geburt hin auf die Erde eilen,
um wiederum ein Erdendasein zu beginnen, nachdem wir eine Zeit-
lang in der geistig-seehschen Welt gelebt haben.
Es ist im Grunde genommen der Antritt des Erdendaseins bei der
Geburt das Ausloschen dieser Welt. Der Mensch kehrt ja jedesmal
beim Einschlafen in diese Welt zuriick, aber es ist die innere Aktivitat
des Astralischen und des Ich in ihm so schwach geworden im Laufe
des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dafi er geno-
tigt ist, den tiefsten Wunsch, die tiefste Sehnsucht zu haben, dafi ihm
etwas zu Hilfe kommt, denn er wiirde im geistigen Nichtstun erster-
ben mtissen, wenn die Geburt wiederum heranriickt und ihm nicht
etwas zu Hilfe kommen wiirde.
Nehmen wir also an, der Mensch hat sich hindurchentwickelt vom
Tode an durch die geistigen Geschehnisse hindurch. Anfangs ist sein
Bewulksein sehr lebendig, erinnert sogar in den ersten Zeiten an das
Erdenbewulksein. Dann steigt er immer mehr und mehr auf, indem
sein Bewulksein eben teilnimmt an den geistigen Taten. Aber dieses
Bewufitsein schwacht sich dann spater ab. Der Mensch kommt, wenn
die Zeit fur eine Erdengeburt wiederum herannaht, in einen Zustand
als seelisches Wesen, der sich nur vergleichen lafk, wenn wir ihn durch
etwas, was auf der Erde da ist, charakterisieren wollen, mit jemandem,
der beginnt an Gedachtnisschwund zu leiden, der also gewissermafien
schnappt nach seinen Erinnerungen und sie nicht finden kann. So
schnappt der Mensch, wenn das Erdenleben wiederum herankommt,
nach Realitat, nach Erftilltsein mit Realitat. Denn stark ist in diesem
Momente sein Gefiihls-, sein Willensleben, aber die Vorstellungen sind
dumpf, er kommt zu keinem inneren Inhalte, Er schnappt gewisser-
mafien nach den Vorstellungen, die immer dumpfer und dumpfer wer-
den, wahrend der Wille immer machtiger und machtiger wird. Und
dieser Wunsch, der treibt ihn nun zu der Erdenverkorperung hin, zu
einem Erdenorganismus, der ihm durch die Vererbungsstromung ge-
geben wird. Den kann er jetzt als Werkzeug gebrauchen, der gibt ihm
die Moglichkeit, wiederum zu denken, allerdings jetzt nur zu denken
iiber eine physische Au£enwelt, aber doch das Vorstellungsleben wie-
derum zu entfalten, das dumpf geworden ist. Durch diesen Wunsch
also, wiederum denken zu konnen, kommt der Mensch in die physische
Erdenverkorperung herein. Und da geht er durch den Schlafzustand
durch, in dem er sich langsam dazu entwickelt, nun audi als geistig-
seelisches Wesen wiederum leben zu konnen, wenn er durch die Todes-
pforte durchgeht, und eben den Kreislauf aufs neue zu beginnen.
Was man nunmehr erfahrt, indem man sich im leibfreien Zustand
erhebt zu dieser Wahrnehmung der Welt, die einem sich in Inspiration
ergibt, das ist das ganze Geheimnis eben von dem, wie der Mensch
lebt in einer Ubersinnlichen Welt zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt: wie diese iibersinnliche Welt wirklich ist.
Einiges davon, wie der Mensch wiederum hinkommt zu einer Erden-
verkorperung, habe ich ja geschildert in dem Wiener Zyklus von 1914,
«Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer
Geburt ». Steigt man jetzt noch weiter auf, dann ergibt sich einem das-
jenige, wovon eigentlich im gewohnlichen Bewufitsein von den Men-
schen nichts gewufit wird. Wir haben im Wachzustand drei deutlich
voneinander unterschiedene Seelenzustande: Denken, Fuhlen, Wollen.
Wir haben auch drei solche Zustande im Schlafen. Aber es wird ge-
wohnlich nur zwischen den zweien unterschieden, demjenigen, wo der
Schlaf so dunn wird, mochte ich sagen, dafi wir traumen konnen, dem
leisesten Schlaf, und dem traumlosen Schlaf. Aber die wenigsten Men-
schen wissen, daft man, wenn man den leisen Schlaf der Traume ver-
gleichen kann mit dem Denken des Wachens, und den traumlosen
Schlaf mit dem Fuhlen des Wachens, dafi es dann noch zu einem
Tiefschlaf kommt. Es wird eben verschlafen dieser Unterschied zwi-
schen dem mittleren Schlafzustand und jenem Tiefschlaf, der sich
dann mit dem Wollen des Wachzustands vergleichen lafit. Aber diesen
Tiefschlafzustand gibt es auch.
Manche Menschen werden ganz gewifi dazu kommen, wenigstens
im Aufwachen einen gewissen Unterschied zu bemerken. Es kommt
ja durchaus vor, dafi der Mensch solche Nachte durchmacht, in denen
er nur die zwei Schlafzustande absolviert, in denen er nur erlebt den
Traumschlaf und den traumlosen Schlaf, aber nicht den tieferen
Schlaf, der sich deutlich von dem blolten traumlosen Schlaf unter-
scheidet. Im Aufwachen, sagte ich, werden manche Menschen schon
bemerken, wenn sie manchmal aus dem Schlafe auftauchen, indem
sie sich ganz wie erneut fuhlen, dafi sie schon aus tieferen Wesenheits-
regionen heraufgehen, als das sonst der Fall ist. Es ist notig, diesen
Unterschied anzugeben, der, wie gesagt, im gewohnlichen Bewufitsein
nicht beriicksichtigt wird. Das ist so: Wenn wir im Traumschlaf e sind,
dann leben wir eigentlich in einer Welt - wir sind ja aulkrhalb unseres
physischen und unseres Atherleibes -, welche durchaus sich verglei-
chen lafit mit jener Welt, die sich sonst unsichtbar abspielt in der
Erdenumgebung, da, wo die Bluten der Pflanzen sich entfalten, in
Wechselwirkung treten mit dem Sonnenlichte. Dieses Weben und Le-
ben der bliihenden Pflanzen, das entgeht ja dem gewohnlichen Be-
wufitsein. Aber in diese Welt - es ist ja diejenige Welt, die am nachsten
angrenzt an die gewohnliche Tageswelt - taucht der Mensch zuerst
unter. Sie ist ja auch wiederum iiberall, und indem er untertaucht in
diese Welt, lebt er im Traumschlafe.
Der tiefere, traumlose Schlaf ist dann der, in welchem der Mensch
untertaucht in eine Welt, die um uns herum im Innern der Pflanzen
sein wiirde. Wir sind durchaus in einer solchen Welt, wenn wir traum-
los schlafen, wie wir waren, wenn wir als Geister in das Innere der
Pflanzen kriechen konnten.
Wenn wir aber in jenem tieferen Schlafe sind, der ein dritter Schlaf-
zustand ist, dann sind wir vollstandig untergetaucht in das minera-
lische Reich. Dann gehen auch die mineralischen Prozesse - die frii-
here Alchimie hat sie die Versalzungsprozesse genannt - im mensch-
lichen Organismus am starksten vor sich. Dann ist gewissermaflen der
Mensch nicht nur dem pflanzlichen Sein, sondern er ist dem minera-
lischen Sein jhingegeben.
Dem, der bewufit eintreten kann in diese Welt, in der der Mensch
sonst in diesem tief sten Schlafzustande ist, wird wirklich klar, was im
Innern der Mineralien lebt. Und wenn der Mensch in einer Welt lebt,
wie die ist im Innern der Mineralien, ist ihm so, wie wenn er, wah-
rend er sonst immer ein Mineral von aufien anschaut, es nun von innen
anschaut. Sie werden nachfiihlen, dafi das gesagt sein wollte in einer
gewissen Schilderung des Geisterlandes in meiner «Theosophie». In
dieser Schilderung des Geisterlandes werden Sie durchaus diese Um-
kehrung finden. Und indem der Mensch sich in diese Umkehrung hin-
einlebt, lebt er sich in diejenige Welt hinein, in welcher er Anteil neh-
men kann nicht nur an den Taten der hoheren Hierarchien, sondern
an den Wesen der hoheren Hierarchien, wo er die Wesen der hoheren
Hierarchien so kennenlernen kann, wie er hier Menschen ihren Seelen-
eigenschaften nach in der physischen Welt wahrnimmt. Da sind wir
nicht mehr in der inspirierten Welt, da sind wir in der Welt der In-
tuition. Da geben wir uns nicht nur den Handlungen, den Geisthand-
lungen der geistigen Wesenheiten hin, sondern dem Wesen dieser We-
senheiten selber.
Dann sind wir aber auch in derjenigen Welt, in welcher fur uns
das Karma Tatsachlichkeit wird. Der Mensch wiirde jedesmal, wenn er
in diesen dritten Schlaf zustand kommt, wenn er plotzlich bewufit wer-
den konnte, sein Karma wahrnehmen. Er wiirde wahrnehmen, wie die
verflossenen Erdenleben in das gegenwartige Erdenleben hereinspielen.
Der Mensch erlebt sein Karma im Tiefschlafe, und er tragt auch die
Ergebnisse dieses Erlebnisses herein in den physischen Leib. Aber der
physische Leib ist nicht geeignet zum Wahrnehmen von etwas Derar-
tigem. Er hat dazu zunachst keine Organe. So, wie er die Augen zum
Schauen nach aufien, die Ohren zum Horen nach aufien entwickelt,
so miifite er nach innen Wahrnehmungsorgane entwickeln.
Diese Wahrnehmungsorgane nach innen wiirden ihn aber, wenn er sie
entwickeln wiirde, wenn er also korperlich nach innen schauen miilke,
toten, denn der menschliche Organismus kann nicht leben, wenn er
die Krafte, die zur Bildung der Sinnesorgane fuhren, nach innen
schickt. Wiirde er sie nach innen schicken, so wiirde er gewissermafien
mit physischen Organen sein Karma sehen konnen. Man kann es nur
mit geistigen Organen sehen, eben im intuitiven Erkennen.
Aber wir sehen daraus, daft der Mensch wahrend seines Erdenlebens
sowohl in denjenigen Kraften lebt, welche seine Umgebung bilden in
der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die in ihm arbei-
ten, um ihn dann in einen physischen Erdenleib einzugliedern, wie er
auch in derjenigen Welt lebt, in der sich von Erdenleben zu Erden-
leben sein Schicksal abspielt. Dieses Schicksal wird uns fur das ge-
wohnliche Bewufltsein zugehullt, weil eben der Mensch, wenn er un-
vorbereitet dieses sein Schicksal wahrnehmen wiirde, in einen ganz
besonderen Zustand kommen wiirde.
Wenn der Mensch sein Schicksal wahrnehmen konnte, ohne dafi er
dazu Ubungen macht - es kann ja nicht eintreten, aber ich will es
hypothetisch voraussetzen -, so wiirde aus dieser Wahrnehmbarkeit
sogleich in ihm der Wunsch entstehen, gewissermafien nach innen hin
wahrnehmende Organe auszubilden. Er wiirde gewissermaften Augen
und Ohren, die nach innen sehen und horen, ausbilden wollen. Das
wiirde aber Krafte bedeuten fiir seinen Organismus. Er wiirde nicht
nur aufwachen so, wie er jetzt aufwacht, sondern er wiirde sich aus
dem Schlaf e die Krafte mitbringen, seinen Organismus nach innen um-
zubilden. Das heilSt, er wiirde seinen Organismus toten.
Der menschliche Organismus ist eben so eingerichtet, dafi das Gei-
stig-Seelische, der Astralleib und das Ich, nur fiir einen Augenblick
untertauchen konnen in den Atherleib; dann miissen sie sogleich unter-
tauchen in den physischen Leib, nachdem durch das Untertauchen in
den Atherleib Traumbilder aufgestiegen sind. Aber auch da mufi gleich
der Atherleib hergeben das, was Inhalt der Bilder ist. Da kann der
Mensch nicht hereinnehmen dasjenige, was er sonst draufien erlebt.
Dann rnufi er untertauchen in seinen physischen Leib, den er so lassen
mufi, wie der physische Leib ist, dem er sich hingeben mufi, indem
er sich entschlossen hat, ihn zu gebrauchen, als er heruntergestiegen
ist aus der geistig-seelischen Welt, eben um sich eines physischen Leibes
und seiner Organe zu bedienen. Dasjenige, was da jenseits der Schwelle
liegt, was unwahrnehmbar ist, aber doch durchlebt wird, das ist im
gewissen Sinne durchaus ein Abglanz desjenigen, was wir durchma-
chen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Durch eine solche Betrachtung ergibt sich erst das Bild des vollstan-
digen Menschen. Und es ergibt sich zu gleicher Zeit, dafi der Mensch,
so wie er im physischen Erdenleben wachend ist, geistig ein so schwa-
ches Wesen ist, dafi er im dumpfen Schlafe durch die Welt stromen
wiirde, wenn ich so sagen darf, ohne irgend etwas wahrzunehmen,
wenn er sich nicht seines physischen Leibes bediente, um wahrzuneh-
men. Der Mensch kann zwischen Geburt und Tod eigentlich nur so
angesehen werden, dafi sein Seelisches in einem dumpfen Zustande lebt
und erst sich innerlich selbst erhellt, wenn es sich des Leibes bedient.
Das ist die relative Berechtigung des Materialismus, der durchaus rela-
tiv berechtigt ist fiir das Erdenleben, denn dasjenige, was eigentlich
geistig-seelisch ist, bleibt fiir das Erdenleben dumpf.
Nun konnen wir fragen: Gibt es vielleicht eine Moglichkeit, noch
etwas scharfer hinzuschauen auf dasjenige, was da als Geistig-Seeli-
sches lebt und teilnimmt an der Welt, wie ich sie Ihnen beschrieben
habe, teilnimmt an einer Welt flutender Bilder, abglanzender, ab- und
auftonender, abtonender und wiederaufglanzender Bilder, in die sich
aber auch - Sie kennen das aus meiner Beschreibung in der «Geheim-
wissenschaft» - hineinmischt, was sich mit Geschmackswahrnehmun-
gen und so weiter vergleichen lafit in der physischen Welt. In dieser
Welt lebt der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aus dieser
Welt heraus kann ihm auch die Kunde werden, wenn das Bewufitsein
in ihm verstarkt wird, wie sein Karma liegt, wie sein Schicksal ist,
wie es sich abspielt von Erdenleben zu Erdenleben.
Aber wie man genauer in diese Welt hineinsehen kann, das kann
man bemerken, wenn man zunachst auf diejenigen Wesen hinschaut,
die im Erdenleben im wesentlichen den astralischen Leib, nicht ein
ausgesprochenes Ich im Erdenleben haben. Das sind die Tiere. Diese
Tiere haben ja auch Schlafen und Wachen. Wenn man an den Tieren
nun das Schlafen betrachtet, dann stellt sich folgendes heraus. Neh-
men wir also ein einschlafendes Tier. Der astralische Leib bewegt sich
heraus. Dieser astralische Leib, indem er sich herausbewegt aus dem
Tiere, wird sogleich aufgenommen von einer Welt, die sich dann fur
die Wahrnehmungen darstellt als diese flutende Welt von herankom-
menden, wieder verschwindenden Imaginationen, von Tonungen.
Dann wiederum, beim Aufwachen, zieht sich das zuriick in das Tier.
Aber wenn wir genauer zuschauen, so bewegt sich doch, wahrend das
Tier schlaft, dieses flutende Imaginationsleben mit den Tonungen in
der irdischen Luft. Von dem Momente an, wo das Tier aufwacht, be-
wegt sich das Seelische auf den Wellen des Atmungsprozesses, durch
die Atmungsorgane im weitesten Sinne wiederum zuriick in den tieri-
schen Leib. Dann regt es die Sinne an, dafi die teilnehmen an diesem
Leben. Aber beim Aufwachen ist es im wesentlichen ein Hereinfluten
des Seelischen, wobei die Hautatmung natiirlich durchaus berikksich-
tigt werden mufi, aber man hat den Herausgang durch die Atmungs-
vorgange, und dann den Hineingang wiederum durch die Atmungs-
organe. Hat man das einmal geschaut, dann beginnt man auch zu ver-
stehen, wie der astralische Leib, wenn das Tier erst entsteht, im Em-
bryonalleben sich mit dem Tier vereinigt. Er vereinigt sich so, dafi
man sagen mochte: Es ist die Umkehrung des Prozesses, bei dem der
Astralleib auf den Wogen des Atems nach auswarts geht. Er geht nach
innen und baut sich erst plastisch nach innen den Leib auf.
Wenn Sie dies beachten, dafi das Tier eigentlich seine Gestalt von
seinem Atmungsorgan erhalt, so werden Sie viel verstehen lernen von
den Formungen des Tieres. Sehen Sie sich Tiere an, wie sie die Folge
sind ihrer Atmungsorgane im weiteren Sinne. Es ist aber nur die Art,
wie sich das Seelische der Tiere in sie einlebt. Vergleichen Sie, sagen
wir, ein Riisseltier mit irgendeinem Tiere, dessen Kopforgane mehr
mundformig, nicht riisselformig gebildet sind. Die ganze iibrige Gestalt
des Tieres ist darnach gebildet, und die Art und Weise, wie das Tier
atmen kann, ist maftgebend fur seine Gestalt. Es lebt das Seelische
auf den Wogen des von dem Tier aufgenommenen Luftartigen.
Wenn wir den Menschen anschauen, so tritt noch etwas anderes ein.
Der Mensch hat, auch wenn er als Kind noch nicht sprechen kann,
die Moglichkeit zu sprechen. Daraufhin sind seine Atmungsorgane
schon zubereitet. Sie sind anders als die Atmungsorgane des Tieres.
Durch diese Form der Atmungsorgane kann die Luft in einer Weise
eingehen, dafi nun nicht nur ein astralischer Leib, sondern ein Ich
den Menschen auskleiden kann, von dem Menschen Besitz nehmen
kann.
Wer das durchschaut, der lernt allerdings die Wahrheit kennen: Das
Tier wird von seinen Atmungsorganen im weitesten Sinne zu seiner
Gestalt gebildet, der Mensch aber wird von der zur Sprache, zum
Worte modifizierten Atmung zu seiner Gestalt gebildet. In dem Men-
schen wird das Wort im buchstablichen Sinne Fleisch, seine Gestalt
ist ein Ergebnis des Wortes. Ich habe vorhin geschildert, wie die
menschlichen Seelen sich zwischen den Wesenheiten der iibersinnlichen
Welten bewegen. Die menschlichen Seelen gehoren ja zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt, zwischen dem Einschlafen und Aufwa-
chen, diesen selben Welten an wie die hoheren geistigen Wesenheiten.
Wenn wir diese Menschenseelen betrachten, so ist es tatsachlich so,
dafi sie sich in einer Weise bewegen, die dann iibergehen kann auf die
Wogen der Luft, und dasselbe, was der Mensch entfaltet, wenn er
spricht, diese Art der Luftbewegung, die er entfaltet, wenn er spricht,
die entfaltet sich auch in seinem Einatmen, die gestaltet ihn, wenn sie
in ihn hineingeht. Man kann tatsachlich, gewissermafien auf den Luft-
wogen schwimmend, die menschlichen Seelen auf diese Art erblicken.
Das riihrt davon her, dafi das Ich nicht blo£ die Luft erfafit. Bei dem
Tiere ist der Astralleib da, der erfafit die Luft, und erfafit die Luft
mit ihrenWarmezustanden. Der menschliche Astralleib erfafit die Luft,
vermag sich auf den Wellen der Luft zu bewegen, aber er erfalk extra
die Warme, den Warmeather. Indem also das Ich auf den Wellen des
Warmeathers noch extra durch die Welt hinstromt, tingiert es die At-
mung, wird von innen nach aufien zur Sprache, von aufien nach innen
zur Menschengestalt. Erfafit man das Konkrete des Sprachlebens, dann
lernt man in dem Sprachleben, in dem kosmischen Bilden der Worte
erkennen, was gestaltenbildend in den Menschen eintritt, was plastisch
wirkt namentlich im Embryo und dann im Kinde, indem der Mensch
sich durch innerliche Krafte, plastisch wirkend, seine Gestalt gibt. Und
dieser Zusammenhang zwischen dem Worte und der menschlichen Ge-
stalt ist etwas, wovon man als einem durchaus Realen sprechen kann,
weil man es in der Weise, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe,
erschaut.
Man kann auch noch das Folgende bemerken. Wenn Sie den ein-
schlafenden Menschen nehmen, so bewegt sich sein astralischer Leib
auf den Wogen der Luft und bleibt innerhalb des Luftraumes; sein
Ich geht ins Unbestimmte fort, verschwindet gewissermafien in den
Warmezustanden der Aufienwelt. In Warmeather und Luft vermag
schon die Seele zu leben wahrend der Zeit, wahrend der der Mensch
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ist. Und so haben wir den
physischen Leib des Menschen, der eigentlich ganz der Erde angehort,
den Atherleib des Menschen, der dem wasserigen, dem fliissigen Ele-
mente der Erde angehort, der zu diesem eine besondere Beziehung hat,
den Astralleib, der dem luftartigen Elemente angehort, und das Ich,
das dem Warmeelemente, dem Feuerelement angehort. Und das ist es,
was man nun wiederum auch wahrnehmen kann, wenn gewissermafien
das Weltenwort einzieht in den Menschen und zusammenholt
die Krafte der Luft, der Warme, sie verbindet mit den Kraften des
Wassers und der Erde. Das alles ist ein Wechselspiel von Kraf-
ten, das dann von dem Inner-Seelischen entfaltet wird, wenn der
Mensch aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt zu einem Erden-
dasein.
Diese Dinge konnen natiirlich nur innerlich angeschaut werden,
aber sie konnen wirklich innerlich angeschaut werden. Und man moch-
te sagen: Es 1st ja schwierig, weil die heutige Sprache eigentlich ganz
fur den Materialismus und fur eine materialistische Weltanschauung
gebildet ist, sich in den Worten der gegenwartigen Sprachen auszu-
driicken, aber indem es immer mehr und mehr gelingen mufi, dasjenige,
was da erschaut wird, wirklich so in Worte zu kleiden, dafi daraus
uberschaubare Gedanken sich einleben konnen in die menschliche Seele,
wird fur jeden begreiflich werden, was mit der Einweihungswissen-
schaft uber die hohern Welten gesagt werden kann. Es ist tatsachlich
so, dafi ja nur durch ubersinnliche Forschung diese Dinge gefunden
werden konnen, aber die ubersinnliche Forschung ist nicht notwendig,
um diese Dinge zu begreifen.
Ich habe das ofters damit verglichen, dafi ich sagte, man kann ein
Bild asthetisch genielSend beurteilen, ohne daft man selber ein Maler
ist. So kann man auch die Geisteswissenschaft, die Anthroposophie,
beurteilen, ohne daft man selber ein Forscher ist, obwohl das heute bis
zu einem gewissen Grade durch die Anleitungen in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten ?» und so weiter jeder werden kann,
so dafi er auch schon bis zur Kontrolle der geisteswissenschaftlichen
Forschungsergebnisse kommen kann. Aber den eigentlichen Wert fur
das Leben bekommt der Inhalt der geistigen Wahrheiten nicht da-
durch, dafi man die Dinge erforscht, sondern dadurch, dafi man sie
versteht, dafi man sie in sich aufnimmt.
Wer nun wirklich diejenigen Ideen aufnimmt, in die wahre Geistes-
forschung gekleidet wird, von dem kann man sagen: Er hat schon,
auch wenn er nur den gewohnlichen gesunden Menschenverstand hat,
die Moglichkeit, diese Dinge in sich aufzunehmen, so wie auch der-
jenige den Geschmack vom Zucker hat, der nicht die chemische Zu-
sammensetzung des Zuckers kennengelernt hat. Dasjenige, was man
vom Zucker haben soil, das hat man unabhangig davon, ob man die
chemische Zusammensetzung weiiS oder nicht. So ist es auch mit den
ubersinnlichen Wahrheiten. Das, was man von ihnen haben soil, das
hat man durch die Einkleidung in die Ideenwelt, da nimmt man sie
auf. Das andere ist etwas, was ja geschehen mufi, urn sie zu erlangen,
aber was einem ebensowenig hilft, als wenn ich einem Kinde sagen
wiirde: Ich will dir keinen Zucker geben, aber ich will dir erne An-
leitung geben, damit du verstehen kannst, in welcher Weise der Zucker
chemisch zusammengesetzt ist. - Das Kind ware nicht zufrieden. Eben-
sowenig konnen die Menschen zufrieden sein mit dem blofien For-
schen in die geistigen Welten hinein, sondern es mufi erlebt werden
die Umsetzung der geistigen Resultate in formulierbare Ideen. Denn
die sind erst dasjenige, was dann unser seelisches Wesen so verleben-
digen kann, daft wirklich ein Lebensinhalt entsteht durch die Ergeb-
nisse der Anthroposophie.
Wenn dann der Mensch dasjenige aufnimmt, was durch die Anthro-
posophie gegeben wird - er kann ja zunachst aufnehmen, sagen wir,
das, was in Imagination geschildert wird -, dann tut er schon sei-
nem gesunden Menschenverstand ein recht Gutes an, denn seine Per-
sonlichkeit wird freier, innerlich selbstandiger. Damit erlangt sie et-
was, was man fur die Gegenwart und die nachste Zukunft gar sehr
brauchen wird. Die Menschen sind heute wirklich recht, recht abhan-
gig von unkontrollierbaren Ideen und so weiter, die sie aufnehmen.
Ich will nur daran erinnern, wie die Menschen, die heute Versamm-
lungen politischer oder anderer Art besuchen, eigentlich bloft eine
Hammelherde sind, die auf die Schlagworte, die ihnen von den Red-
nern entgegengebracht, entgegengeschleudert werden, hineinfallen und
ihnen dann nachlaufen. In dieser Beziehung ist ja die heutige Mensch-
heit furchtbar unselbstandig. Sie ist auch unselbstandig dadurch, dafi
sie das einmal Festgesetzte eben aufnimmt. Dadurch kommen die Men-
schen nach und nach iiberhaupt dahin, gar nicht mehr in Wirklichkeit
denken zu konnen, sondern nur scheinbar zu denken, weil sich ihr
Denken nicht mehr, ich mochte sagen, im geistigen Licht sehen lassen
kann. Da erlebt man ja sonderbare Dinge.
In Ankniipfung an eine Eurythmie-Vorstellung in Berlin zum Bei-
spiel hat neulich ein geistreicher Kritiker sich folgendes geleistet, er
hat gesagt: Da haben die nun zuerst ernste Stiicke und nachher humo-
ristische Stiicke gegeben. Man sieht die Unmoglichkeit der Eurythmie
schon daran, dafi die humoristischen Stiicke mit denselben Bewegungs-
formen gegeben sind wie die ernsten Stiicke.
Nun hatte man zuerst auseinandergesetzt, daft die Eurythmie eine
sichtbare Sprache ist, dafi es also wirklich darauf ankommt, den In-
halt, den die Eurythmie gibt, eben einfach als Sprache aufzufassen.
Was ware denn die Konsequenz desjenigen, was so ein geistreicher
Kritiker da sagt? Die Konsequenz ware, dafi er sagen miifite: Wenn
zum Beispiel ein Deklamator sich der gewohnlichen Lautsprache be-
dient, so darf er fur irgendeine, zum Beispiel die deutsche Sprache, die
ernsten Gedichte nicht mit denselben Lauten vortragen, mit denen er
die komischen Gedichte vortragt. Darin miifke er ebenso einen
Widerspruch finden, wie wenn bei der sichtbaren Sprache dieselben
Bewegungen auftreten fur die komischen und fur die ernsten, fur die
seriosen Gedichte. Es ist also ein absoluter Unsinn. Die Leute lesen
das, merken aber gar nicht, daft das gar keine Gedanken mehr sind,
sondern dafi das nur ein Abrollen von Gehirnprozessen ist, die sich
als Gedanken zwar spiegeln, aber keine Gedanken mehr sind, es ist
die absoluteste Torheit. An so etwas zeigt sich, wie die Menschen ihre
innere Aktivitat verloren haben. Das wirkliche Leben in Gedanken,
das mu!5 gerade dadurch kommen, daft die Menschen sich einleben in
das imaginative Leben und was aus dem imaginativen Leben kommt,
mit dem gesunden Menschenverstand verfolgen. Der Mensch wird da-
durch aktiver, er wird wiederum im vollsten Sinne des Wortes eine
Personlichkeit.
Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es aber, sich einzulassen auf
das, was aus dem inspirierten Bewufitsein heraus geoffenbart wird.
Wenn man so mit dem gesunden Menschenverstand das nachlebt, was
als Inspiration geschildert wird, dann verwandelt sich allmahlich -
ich habe das schon verschiedentlich auch in anderen Zusammenhangen
angedeutet - das Wahre und Falsche in gesundes und krankes Urteil.
Man hat das Gefiihl bei etwas, was unwahr ist, dafi es etwas Krankhaf-
tes ist. Bei dem, was wahr ist, hat man das Gefiihl: Es ist etwas Ge-
sundes. Die Logik des Wahren und Falschen hat eigentlich nur fur die
physische Welt eine Bedeutung. Sobald wir uns in die geistige Welt
hineinleben, empfinden wir das Wahre als ein Gesundes und das Fal-
sche, den Irrtum, als etwas Krankes.
Dadurch aber, indem wir uns im Nachstudieren der Inspirations-
wahrheiten den Sinn fiir das gesunde und kranke Urteil aneignen,
bereiten wir uns den Weg, nun das Christus-Ereignis zu verstehen.
Denn das Christus-Ereignis trat in die Welt aus dem Grunde ein, weil
die Entwickelung der Menschheit drohte, krank zu werden. Von dem
Christus-Ereignis, von dem Mysterium von Golgatha geht die Kraft
aus, dafi sich der Mensch wiederum zur Wahrheit, zur Gesundung hin-
wenden kann. Durch die inspirierten Wahrheiten erwerben wir uns
wirklich wiederum die Moglichkeit, Sinn zu bekommen fiir die reli-
giosen Wahrheiten, insbesondere fiir die Wahrheiten des Christentums,
lernen wir wiederum verstehen, warum die Wesenheit des Christus
als ein Heiland gefeiert wurde, als einer, der die Menschheit wirklich
heilt, heilte und fortdauernd heilt. Das Wort ist wirklich in diesem
Zusammenhange entstanden. Weil zur Zeit des Mysteriums von Gol-
gatha noch die alten Hellsehereigenschaften da waren, die dann im
vierten Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha verglom-
men sind, dann nur noch dem Begriffe nach da waren, deshalb hat
man damals noch eingesehen, was das Mysterium von Golgatha be-
deutet.
Heute miissen wir uns erst wiederum zu diesem Einsehen durchrin-
gen. Christus hat bis zum Mysterium von Golgatha gelebt in der Welt,
die wir betrachten im Traumschlaf, so dafi der Christus vor dem My-
sterium von Golgatha fiir jeden Menschen wahrnehmbar war im
Traumschlafe. Aber kein Mensch durfte denken - das war etwas, was
durchaus aus den Mysterienschulen heraus den Menschen klargemacht
wurde -, dafi dasjenige Wesen, das im Christus lebt, mit irdischen
Gedanken erreichbar sein konnte, dafi man es auch gefunden haben
konnte im Wachzustande. Das wurde erst moglich durch das Myste-
rium von Golgatha, dadurch dafi Christus durch den Tod gegangen
ist. Seit jener Zeit darf iiber ihn gedacht werden als eine Wesenheit,
die dem Erdenleben selber angehort. Da wurde eine reale Vorstellung
fiir das Erdenleben der aus dem Traumlande in das physische Land
herausgegangene Gott.
Das ist ein realer Prozefi: Der Gott, der kennengelernt hat dasje-
nige, was die Gotter sonst nicht kennen, der gelernt hat zu sterben,
der die Sterbetatsache in sich einbezogen hat, das ist der Christus, der
Gott, der eintritt in diejenige Welt, wo es Geburt und Tod gibt, das
Heruntergehen des Gottes in die Menschennatur. Gott wird Mensch.
Es ist dieses eben die Formel, in der ausgesprochen werden kann, was
der Christus geworden ist: Fur die Erde das Urbild der Menschheit,
fur die Erde dasjenige, durch das die Menschheit Sinn bekommt. Und
wenn sich das andere vollzogen hatte, wenn in derselben Zeit, in der
der Gott Mensch geworden ware, auch ein Mensch den Drang gehabt
hatte, Gott zu werden, das heifit, nicht mehr zu sterben, nicht mehr
den Gesetzen des irdischen Lebens unterworfen zu sein, dann wiirde
er naturlich, wahrend der Gott der vollkommenste Mensch wurde,
indem er herunterstieg, der elendeste Gott geworden sein. Diesen po-
larischen Gegensatz haben Sie! Nicht umsonst steht neben dem Chri-
stus, der auf Golgatha hinaufsteigt, der Ahasver, der Mensch, der zum
Gotte wird, aber zum stiimperhaften Gotte, der die Moglichkeit des
Sterbens verliert, der nun durch die Welt wandelt, nicht sterben kann,
der Gott, der auf dem physischen Plane bleibt, aber auf dem physi-
schen Plane dieselben Eigentiimlichkeiten entwickelt, die eigentlich
nur im Traumlande entwickelt werden durften.
Es ist ein Ungeheures, Geistvolles, das da vor unsere Seele hinge-
stellt wird, dafi beigegeben ist dem Gotte der Mensch, der Gott ge-
worden ist, aber allerdings, wie es selbstverstandlich ist, in einer ihn
elend machenden Weise. Der Mensch, der Gott geworden ist, der er-
halt innerhalb der Erdenentwickelung auch das Prinzip, dafi die Gott-
heit nicht herunterkommen soil auf den physischen Plan: das Juden-
tum, die alttestamentliche Weltanschauung.
Hier liegt ein Mysterium schon vor. Derjenige, der diese Dinge
kennt, weifi: Ahasver ist eine wirkliche Wesenheit, und die Ahasver-
Sagen beruhen schon auf realen Eindriicken von Wahrnehmungen des
Ahasver, die da oder dort gewesen sind, denn Ahasver ist vorhanden,
und Ahasver ist der Pfleger des Judentums, nachdem das Mysterium
von Golgatha da war. Es ist der Mensch, der Gott geworden ist. Wir
miissen uns durchaus klar sein, dafi wir zu einer vollstandigen Ge-
schichtserkenntnis audi nur dadurch kommen, dafi wir das Geistige
hereinbeziehen.
Wir schauen auf der einen Seite nach der Menschwerdung Gottes
im Ereignis von Golgatha, wir schauen nach der Gottwerdung des
Menschen in dem Ahasver. Und der Eingeweihte kann wissen, dafi
der Ahasver wirklich herumwandelt. Man kann ihn natiirlich nicht
als einen Menschen sehen. Er ist ja ein Gott geworden. Aber er wan-
delt herum. Er ist im Erdendasein vorhanden. Und wirkliche Ge-
schichtsdarstellungen, die die voile Realitat erfassen, die machen es
notwendig, dafi man hinschaut auf das, was auch als geistige Realitat
durch das geschichtliche Werden der Menschheitsentwickelung geht.
Gewifi sind viele Dinge in Bildern nur vorhanden. Es kommt ja nur
darauf an, dafi man weifi, dafi diese Bilder Realitaten entsprechen. Es
ist toricht, zu sagen, man soli sich nicht in solchen Bildern ausdriicken.
Indem wir sprechen, driicken wir uns ja immer in Bildern aus. Neh-
men Sie das Sanskritwort «Manas». Wer «Manas» versteht, der hat
vor sich im Laut malerisch die Schale, den Mond, die Sonne tragend,
weil man, indem man «Manas» aussprach in Ur-Sanskrit, den Men-
schen seinem Willenswesen nach fiihlte wie die Schale, die dann das
denkende Wesen trug. Alle Worte gehen auch auf Bilder zuriick, sind
nur elementarere, einfache Bilder. Dasjenige, was man durch die Wor-
te ausdriickt, liegt ja nicht in den Worten drinnen. Wenn es nun kom-
pliziertere Wesenhaftigkeiten gibt, die man nicht mit Worten so aus-
driicken kann, mufi man eben Bilder formen. Wenn man also von
Ahasver spricht und von den Sagen des Ahasver, wie man sonst bei
den Bildern spricht, so sind das nur kompliziertere Ausdrucksformen,
die auf die geistige Seite hinweisen.
Derjenige, der in diesem Sinne iiber Mythologie schimpft, der sollte
nur auch gleich dariiber schimpfen, dafi die Menschen eine Sprache
ausgebildet haben, durch die sie einen Inhalt ausdriicken wollen. Er
sollte gebieten, dafi sie stumm werden, denn die nachste Stufe nach
dem, zu verbieten, dafi sie eine Mythologie ausbilden, ware, dafi man
dem Menschen verbietet, zu sprechen. Denn es ist ganz derselbe Vor-
gang des Verbildlichens in der gewohnlichen Sprache wie beim hohe-
ren Verbildlichen, wenn man so etwas hinstellt wie den Ahasver, der
als ein Wesen, aber eben als ein Geistwesen durch die Weltenentwicke-
lung geht und f ortdauernd verhindert, dafi der Mensch auf die Weise,
wie es in seiner Entwickelung liegt, durch den Christus wiederum zu-
riickkehrt in die geistige Welt, aus der er herausgegangen ist, als er das
atavistische Hellsehen verloren hat.
Das wollte ich heute sagen, um auf der einen Seite hinzuweisen auf
des Menschen wirkliches Darinnenstehen in der geistigen Welt, durch
eine richtige Charakteristik des Schlaf- und Traumzustandes, und an-
dererseits darauf, dafi in der Geschichte geistige Wesenheiten leben,
die erst den vollen Verlauf der Geschichte verstandlich machen.
DIE DREI ZUSTANDE DES NACHTBE WUSSTSEINS
Dornach, 24. Mdrz 1922
Der Wachzustand des Menschen ist ja das zunachst Bekannte, aber
innerhalb dieses bekannten Gebietes enthiillen sich eigentlich nicht die
Ratsel des Daseins. Wiirde ohne weiteres aus dem Wachzustande her-
aus, wie er uns fur das gewohnliche Leben und fiir die gewohnliche
Wissenschaft dient, die Losung der Lebensratsel erfolgen konnen, so
waren sie eigentlich nicht vorhanden, denn sie wiirden sich fortwah-
rend enthiillen. Der Mensch wiirde gar nicht dazu kommen, zu fragen.
Dafi der Mensch fragt: Welches sind die tieferen Griinde des Lebens? -
dafi er, wenn er auch vielleicht nicht zu einer genauen Formulierung
dieser Lebensratselfrage kommt, doch aus den Tiefen seiner Seele her-
aus die Sehnsucht hat, etwas zu wissen, was sich nicht durch das ge-
wohnliche Bewufitsein beantwortet, das bezeugt, dafi aus den Unter-
griinden der menschlichen Seele, also auf eine mehr oder weniger unbe-
wufite Art etwas heraufkommt, das zum Menschen gehort, das aber
erst gesucht werden mufi, wenn es zum klaren Bewulksein kommen
soil. Und das fiihrt denjenigen, der das Leben weniger beobachtet,
dazu, zu spekulieren, allerlei Philosophien auszubilden. Solche Philo-
sophien bleiben dann zuletzt unbefriedigend. Wer aber mit einer ge-
wissen Unbefangenheit auf die Erscheinungen des Lebens hinblickt,
dem mufi doch aufgehen, dafi sich in dem anderen Zustande, der dem
Wachen entgegengesetzt ist, in dem Schlafzustande, irgend etwas ver-
hiillt, und dafi aus dem Verstandnis des Schlafzustandes heraus immer-
hin ein Verstandnis des Lebens kommen konne. Wir haben ja oftmals
solche Dinge besprochen; allein von den verschiedensten Gesichts-
punkten aus mufi immer wieder auf diese Dinge zuruckgekommen
werden, denn Anthroposophie lafit sich nur begreifen, wenn man sie
von den verschiedensten Seiten her zu begreifen versucht.
Nun wogt aus dem Schlaf heraus zunachst das Traumleben. Das
Traumleben verlauft in Bildern. Man kann ja sehr bald bemerken,
wenn man sich darauf verlegt, dieses Traumleben zu betrachten, dafi
die Bilder doch auf irgend etwas aus dem Leben, aus dem gewohnli-
chenBewufitseinsleben hinweisen. Wenn man auch oftmals sagen kann,
Dinge werden getraumt, die man so nicht erlebt hat, so mochte ich
sagen, die Stiicke, aus denen sich der Traum zusammensetzt, die Stucke
von Bildern, die sind natiirlich dennoch aus dem gewohnlichen Be-
wufitsein genommen. Etwas anderes aber ist die ganze Dramatik des
Traumes, die Art und Weise, wie der Traum seine Spannungen auf-
baut, wie er inneres Angstgefiihl, inneres Freudegefiihl, Schwungge-
fiihl hervorrufen kann. Was der Verlauf der Traumbilder bedeutet,
das geht schon tiefer in die menschliche Natur hinein, und man kann
das sehen, wenn man etwa folgendes ins Auge fafk.
Sie konnen traumen, Sie machen einen Weg, Sie kommen an einen
Berg. Sie betreten eine Bergeshohle. Zunachst ist es noch dammerig.
Es wird finster. Ein unbekannter Drang aber veranlafk Sie, immer
weiterzugehen. Angstlichkeit stellt sich ein. Das alles steigert sich, bis
Sie zuletzt in dem Furchtzustande stehen, sagen wir, in einen inner-
lichen Abgrund hineinzufallen, Sie konnen dann aus diesem Furcht-
zustande erwachen, indem dieser Furchtzustand gleichsam noch an-
dauert beim Erwachen.
Sie konnen aber auch traumen, Sie stiinden irgendwo, sahen von
ferneher einen Menschen kommen. Er kommt immer naher; aber er
hat einen schrecklichen Ausdruck. Und wenn er naher kommt, bemer-
ken Sie, er hat die Absicht, irgendeine Attacke auf Sie auszuiiben.
Ihre Angstlichkeit wachst. Er kommt immer naher. Er verwandelt viel-
leicht das zunachst noch harmlose Instrument, das er Ihnen von feme
gezeigt hat - der Traum ist ja ein Verwandler - in ein furchtbares
Mordinstrument. Die Angstlichkeit steigert sich wiederum zur Furcht,
und Sie wachen jetzt mit dieser Furcht auf, indem sich wiederum die
Furcht fortsetzt ins wache Tagesleben hinein.
Es sind zwei ganz verschiedene Bilder. Das eine Mai eine Bilder-
reihe, die Sie in das Berginnere hineinfiihrt, das andere Mai eine Bil-
derreihe, die sich an einen herankommenden Feind anschliefk. Die
Seele kann dasselbe durchmachen, trotzdem die zwei Bilderreihen
ganz verschieden sind. Was die Seele da durchmacht, das ist eben
etwas ganz anderes, als was das Bewufitsein im Aufwachen erlebt.
Man kann sagen, auf die Bilder kommt es iiberhaupt gar nicht an,
sondern es kommt darauf an, wie die Seele eine gewisse innere Dra-
matik durchmacht: wie die Seele zunachst einen Drang hat, oder wie
an die Seele etwas herankommt statt des Dranges, wie das dann aber
iibergeht in Angstlichkeit, in Furcht, und dann gewissermafien den
Menschen dazu bringt, sich aufzuriitteln aus dem Schlafe und in das
gewohnliche Bewufitsein iiberzugehen. Was da hinter dem Traume
steckt an sich steigernden Kraften, die aber selber nicht wahrgenom-
men werden, die sich in Bilder kleiden, das ist es, worauf es ankommt.
Und die beiden Bilderreihen, die ich charakterisiert habe, konnte ich
noch vielfach vermehren; derselbe Seeleninhalt konnte sich in zehn,
zwanzig, hundert verschiedene Bilder kleiden. Wir mussen also sagen:
Da ist irgend etwas - wenn ich schematisch zeichne -, das in der Seele
ablauft (blau, griin. Siehe Zeichnung Seite 46). Aber das, was da in
der Seele ablauft, das merkt der Mensch nicht; er weifi es nicht. Was
er weifi, das sind Bilder. Ich zeichne sie hier schematisch daran (gelb).
Diese Bilder erlebt dann der Mensch in seinem Bewufitsein von dem
Traume. Das aber, worauf es ankommt, das ist die Steigerung: schwa-
che Angstlichkeit, starkere Angstlichkeit, hochste Furcht. Die Traum-
bilder sind mehr oder weniger doch vom Leben genommen, denn so-
wohl der Berg, wie die Bergeshohlung, alles ist im Grunde genommen
dem Leben entlehnt. Der Feind, der sich naht, ist dem Leben entlehnt,
seine Waffe ist dem Leben entlehnt. Die Bilder nehmen ihren Inhalt
aus dem Leben. Aber das ist nur die Einkleidung. Wenn man nun
durch das, was ich oftmals als das imaginative Bewufitsein charakte-
risiert habe, die Moglichkeit hat, hinter dieser Einkleidung stehenzu-
bleiben, gar nicht solche Bilder zu bilden, sondern hier drinnen in den
Kraften der Seele, die Angstlichkeit, Furcht, hochste Furcht sind, mit
dem imaginativen Bewufitsein zu bleiben, wenn man also in der Lage
ist, da drinnen Bilder zu formen, dann kommt etwas ganz anderes zu-
stande.
Denn, wenn Sie schlafen, sind Sie ja zunachst mit Ihrem Ich und
mit Ihrem astralischen Leibe aufierhalb des Atherleibes und des phy-
sischen Leibes. Wenn Sie aufwachen, dringen Sie, wenn Normalzu-
stande vorhanden sind, sehr schnell in Ihren Atherleib ein - den pas-
sieren Sie ganz rasch -, dringen gleich in Ihren physischen Leib ein.
Wenn Sie aber in etwas abnormem Zustande nicht gleich in den phy-
sischen Leib eindringen, sondern wenn Sie in den Atherleib eindringen,
bevor Sie in den physischen Leib eindringen, also extra in den Ather-
leib eindringen, dann bilden sich diese Bilder aus dem Leben. Denn
im gewohnlichen Bewufksein hat der Mensch eben keine Vorstellung
im Schlafe selbst, und erst mit dem Moment, wo er entweder in seinen
Leib eindringt und den Atherleib passiert, bekommt er Bilder, oder
wenn er beim Einschlafen aus dem physischen Leib herausgeht, aber
noch etwas im Atherleib drinnenbleibt, dann hat er wiederum Traum-
bilder. Also nur in diesen Zwischenzustanden bilden sich solche Traum-
bilder, die aus dem Leben genommen sind.
Aber das imaginative Bewufksein fiihrt dazu, dafi man ganz aufier-
halb des Leibes in dem leben kann, was da als Krafte der Seele hinter
dem Traume steht. Und dann lebt man in einer anderen Wirklichkeit.
Dann lebt man eben in der Welt, in der der Mensch vom Einschlafen
bis zum Aufwachen ist. Der Mensch lebt vom Einschlafen bis zum
Aufwachen in einer Welt, in der er bewufklos wird. Sie konnen sich
bildlich das so vorstellen, wie wenn der Mensch untertauchen wiirde
in Wasser und das Bewufksein verlieren wiirde, und erst dann es wie-
der gewinnen wiirde, wenn das Wasser ihn heraustragt und ihn wieder
freigibt. Dasselbe, was da physisch vorgeht, geht eben seelisch vor,
wenn der Mensch einschlaft. Er taucht unter in die geistige Welt. Da
verliert er das Bewufksein. Er geht mit seiner Seele aus dem Leibe
heraus und verliert das Bewufksein. Beim Aufwachen taucht er wieder
auf und bekommt das Bewufksein wieder. Das Auftauchen bedeutet
aber das Hineingehen in den Leib. Und wenn, wie gesagt, man nicht
gleich in seinen Leib hineingeht, sondern noch den Obergang im Ather-
leib bemerkt, dann entstehen eben die Traumbilder. Aber wenn man
jetzt sich nicht darauf einlafk und einzulassen braucht, solche Traum-
bilder zu bekommen, sondern wenn man ganz aufierhalb des physi-
schen Leibes in der geistigen Welt selber Bilder bekommt, dann kom-
men zunachst nicht beliebige Bilder heraus, sondern dann kommen
solche Bilder heraus, wie Sie sie als Beschreibung der Weltentwicke-
lung in meiner «Geheimwissenschaft» finden. Und alles, was man so
darstellt, wie ich es dargestellt habe in meiner «Geheimwissenschaft»,
das hat zunachst diesen Ursprung, den ich Ihnen jetzt eben charakte-
risiere.
Wenn Sie sich fragen: Was steht denn da eigentlich in dieser «Geheim-
wissenschaft»?, - dann werden Sie sich sagen: Nun ja, Gedanken ste-
hen darinnen. Man kann es auch nachdenken. Ich betone es ja immer
wiederum, mit dem gesunden Menschenverstand kann man das alles
nachdenken. Gedanken stehen darinnen, aber es sind nicht gewohn-
liche Gedanken. Es sind die Gedanken, die in der Welt draufien schop-
ferisch tatig sind. Der Mensch kann in diesen Gedanken leben, wenn
er jenseits der Schwelle steht, die in die geistige Welt hineinfiihrt. Der
Mensch kann leben in diesen Gedanken, die an der Welt arbeken. Es ist
das erste, was er findet, wenn er in die iibersinnliche Welt eintritt.
Das sind also nicht Traumbilder, denn die Traumbilder kommen,
wie ich Ihnen dargestellt habe, auf ganz andere Weise zustande, son-
dern es sind Erlebnisse in der geistigen Welt. Ich mochte sagen: Stellen
Sie sich einen Menschen vor, der schlaft. Wahrend des Schlafes gehen
in der Seele immer die umfassendsten, die intensivsten Prozesse vor.
Der Mensch merkt nichts davon, denn er ist wahrend des Schlafes
bewufitlos. Des Morgens tritt er in seinen physischen Leib ein, sogleich
taucht er darin unter. Er bedient sich seiner Augen, sieht Farben
und Licht, er bedient sich seiner Ohren, hort die Tone und so weiter,
also er wird bewufit. Aber es gibt diesen Zwischenzustand: er tritt
nicht gleich in den physischen Leib ein, er tritt in den Atherleib ein.
Dann hat er einen Traum oder Traume. Aber denken Sie sich, der
Mensch wiirde bewufit, bevor er auch nur in seinen Atherleib eintritt.
Er wiirde noch im aufieren Ather, der die ganze Welt erfiillt, bewufit.
Dann wird er sich dessen bewufit, was in meiner «Geheimwissenschaft»
beschrieben ist.
Wenn Sie zum Beispiel mitten in der Nacht bewufit wiirden, ohne
in Ihren physischen Leib zuriickzukehren, so dafi der physische Leib
neben Ihnen auftaucht und Sie ihn sehen - denn Sie konnen ihn dann
sehen -, dann nehmen Sie diese Kosmologie wahr, dann nehmen Sie
das wahr, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben habe.
Ich darf das, was ich da beschrieben habe, nennen: Bildekrafte der
Welt, oder auch Weltgedanken.
Das stellt sich so dar, dafi man sagen kann, wie man sonst einzelne
Gedanken im Tagesleben hat: Die Erde ist so und so entstanden, hat
friiher ein Mondendasein, ein Sonnendasein, ein Saturndasein gehabt,
kurz, alles das, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt
habe.
Diese Art aber, in der geistigen Welt wahrzunehmen, ist nur eine
von dreien. Wenn der Mensch auf seinen Tagesbewufitsemszustand
hinschaut, so weifi er, er kann in diesem Tagesbewufitseinszustand
unterscheiden Denken, Fiihlen und Wollen. Aber gerade so, wie das
Tagesbewufksein diese drei Zustande hat, Denken, Fiihlen und Wollen,
so hat auch das Nachtbewufitsein, das ja beim gewohnlichen Menschen
Bewufklosigkeit ist, drei Zustande. Man schlaft nicht vom Einschlafen
bis zum Aufwachen immer in demselben Zustande, gerade so, wie man
nicht immer in demselben Zustand wacht. Man wacht, indem man
denkt, oder auch, indem man fiihlt, oder auch, indem man will. In drei
Zustanden kann man wachen, ebenso kann man in drei Zustanden
schlafen. Denn dafi derjenige, der ein imaginatives Bewufitsein hat,
die Weltenbildekrafte, die Bildekrafte der Welt schaut, das kommt ja
nur davon her, dafi er sich ein Bewufksein davon erworben hat, eine
Erkenntnis. Aber jeder Mensch schlaft in diese Bildekrafte der Welt
hinein, in die Weltgedanken. So wahr Sie, wenn Sie ins Wasser sprin-
gen, untertauchen, so wahr tauchen Sie, wenn Sie einschlafen, zunachst
unter in die Bildekrafte der Welt.
Aber aufier diesem Leben in den Bildekraften der Welt gibt es fur
den Schlafzustand ebenso noch zwei andere Zustande, wie es fur das
Wachen aufier dem Denken noch Fiihlen und Wollen gibt. Wenn wir
das Denken betrachten, das Haben von Gedanken, so entspricht dem
im Schlafe das Leben in den Bildekraften der Welt. Das heifit, wenn
Sie sich bewufit werden des leisesten Schlafzustandes, dann leben Sie
in diesem leisesten Schlafzustande in den Bildekraften der Welt. Es ist,
wie wenn Sie das Weltenall von einem Ende zu dem anderen durch-
schwimmen wiirden, indem Sie durch Gedanken, die aber Krafte sind,
sich stromend bewegen. Das ist der leiseste Schlaf, wo man sich in den
Gedankenkraften der Welt bewegt. Es gibt aber einen tieferen Schlaf,
einen solchen Schlaf, von dem man, wenn man nicht besondere Seelen-
iibungen macht, nichts durch Traume in das Tagesleben bringen kann.
Durch Traume kann man nur von dem leisesten Schlaf etwas ins Ta-
gesleben bringen. Dann sind aber die Traume, wie ich Ihnen darge-
stellt habe, als Bilder nicht mafigebend, denn derselbe Traum kann
sich in die verschiedensten Bilder kleiden. Aber immerhin, der leiseste
Schlaf kann zum Traume fiihren, das heifit man kann etwas heriiber-
bringen ins Bewufitsein, man kann wenigstens spiiren: man hat im
Schlafe etwas erlebt. Aber man kann nur von diesem leisesten Schlaf
spiiren, dafi man etwas erlebt hat.
Von dem tieferen Schlaf kann nur derjenige etwas wissen, der es
zum inspirierten Bewufitsein bringt. Ein solcher nimmt dann nicht
mehr blofi dasjenige wahr, was ich in meiner «Geheimwissenschaft»
beschrieben habe. Ich habe ja allerdings in dieser «Geheimwissen-
schaft» auch einiges von dem beschrieben, was aus dem inspirierten
Bewufitsein herubertont, aber wir wollen uns einmal klar machen -
was eben nur durch Anthroposophie beschrieben werden kann -, wie
der Obergang ist im Erleben vom leisen Schlafe zu dem tieferen Schla-
fe, zu dem Schlafe, aus dem der Mensch im gewohnlichen Leben keine
Traume zuriickbringen kann.
Wenn der Schlaf so leise ist, dalS man im gewohnlichen Leben Trau-
me zuriickbringen kann, dann schaut der Mensch, der hineinblicken
kann in diese Welten, die wogenden, webenden Gedankenbilder, die
Imaginationen der Welt, die ihm die Weltengeheimnisse enthiillen, die
ihm enthiillen, welcher Welt der Mensch angehort, aufier derjenigen, in
der er vom Auf wachen bis zum Einschlaf en mit seinem Bewufksein ist.
Denn was ich in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben habe, das ist
nicht etwa blojR,wie wenn man etwas aufmalt auf einer Flache, sondern
das ist in fortwahrenderBewegung, in fortwahrender Regsamkeit. Aber
von einem bestimmten Momente an beginnen in dieser Welt, die jeder
Mensch in leisem Schlafe durchlebt- er weifi nur nichts davon -, Bilder
aufzutreten. Diese Bilder werden deutlich, sie erhohen ihren Glanz, sie
offenbaren gewisse dahinterliegendeWesenhaftigkeiten. Sie fluten wie-
der ab, diese Bilder. Man hat wiederum nichts im Bewufitsein als eine
Art Gefiihl, dafi die Bilder hinunter abgelahmt worden sind. Dann
treten wieder die Bilder auf. Aber wahrend die Bilder regsamer wer-
den und wiederum vergehen, tritt etwas auf, was man Spharenharmo-
nie nennen kann, tritt eine Art Weltenmusik auf, aber eine solche Wel-
tenmusik, die nicht etwa bloft in Melodie und Harmonie lebt, sondern
die die Taten und Handlungen jener Wesenheiten darstellt, die die
geistige Welt bewohnen, die Taten der Engel, der Erzengel, der Ur-
kraf te und so weiter.
Man sieht gewissermaften auf dem wogenden Bildermeere die We-
sen sich bewegen, welche aus dem Geiste heraus die Welt dirigieren.
Es ist das die Welt, die durch Inspiration wahrgenommen wird, die
zweite Welt. Ich kann sie nennen die Erscheinungen der geistigen Welt-
wesen. Und diese Welt, diese Erscheinungswelt der geistigen Welten-
wesen ist ebenso das zweite Element des Schlafens, wie das Fiihlen das
zweite Element des Wachens ist. So daft also der Mensch wahrend des
Schlafes nicht nur in diejenige Welt eintritt, die die Weltgedanken
darstellt, sondern innerhalb dieser flutenden Weltgedanken offenba-
ren sich die Taten der Weltenwesen, die der geistigen Welt angehoren.
Nun aber gibt es aufter diesen zwei Schlafzustanden noch einen
dritten. Von dem dritten Schlafzustand ahnt der Mensch meistens
iiberhaupt nichts. Daft der Mensch einen leisen Schlaf hat, das weift er
in der Regel, und er weift auch, daft aus diesem leisen Schlafe heraus
die Traume sich offenbaren. Daft er einen traumlosen Schlaf hat, das
merkt er. Aber daft es noch eine dritte Gattung des Schlafes gibt, das
ist etwas, was den Menschen hochstens dadurch zum Bewufttsein
kommt, daft sie beim Aufwachen fiihlen: es ist etwas ganz Schweres
in ihnen gewesen wahrend des Schlafes, es ist etwas, das sie erst uber-
winden miissen in den ersten Stunden, in denen sie wiederum wachen.
Ich glaube ja ganz gewift, daft eine Anzahl von Ihnen diesen Zustand
am Morgen kennt, wo der Mensch weifi: Er hat nun doch nicht so
gewohnlich geschlafen, sondern es war etwas in ihm, was ihm eine
gewisse Schwere zuriicklaftt, was er erst iiberwinden mufi durch lan-
gere Zeit, wenn er am Morgen bewuftt ist. Das weist dann auf eine
dritte Gattung des Schlafes hin, deren Inhalt erst durch das intuitive
Bewufttsein erfaftt werden kann. Und diese dritte Gattung des Schla-
fes, die hat uberhaupt fur den Menschen eine grofte Bedeutung.
Wenn der Mensch im leisesten Schlaf ist, da macht er eigentlich
sehr vieles von dem mit, was er sonst im Wachzustande durchmacht.
Er nimmt noch, wenn auch in anderer Weise, an seiner Atmung teil.
Er nimmt noch teil, wenn auch nicht von innen, so von aufien, an
seiner Blutzirkulation und an den anderen Vorgangen des Korpers.
Wenn der Mensch in der zweiten Gattung des Schlafes ist, dann nimmt
er zwar nicht mehr an dem korperlichen Leben teil, aber man konnte
sagen, er nimmt teil an einer Welt, die gemeinsam ist seinem Korper
und seiner Seele. Es spielt noch etwas hinuber von dem Korper in die
Seele. Es spielt so etwas hinuber, wie vom Lichte in die Pflanze spielt,
wenn die Pflanze am Tage sich im Lichte entwickelt. Wenn nun aber
der Mensch in der dritten Gattung des Schlafes ist, dann ist etwas in
ihm, was - wenn ich so sagen darf - wie Mineral geworden ist. Die
Salze in seinem Leibe lagern sich besonders stark ab. Starke Salzabla-
gerungen sind wahrend dieser dritten Gattung des Schlafes im physi-
schen Leibe des Menschen. Dafiir aber ist der Mensch mit seiner Seele
im Innern der mineralischen Welt.
Nehmen Sie einmal an, Sie konnten das folgende Experiment ma-
chen: Sie legen sich ins Bett, schlafen zunachst den leisen Schlaf, von
dem noch Traume fur das gewohnliche Bewufitsein herauskommen
konnen, kommen dann in den tieferen Schlaf, von dem keine Traume
kommen, aber der doch die Seele des Menschen noch in einem Zu-
sammenhang mit dem physischen Leib lafit. Jetzt aber schlafen Sie
hinuber so, daft starke Salzablagerungen in Ihrem Leibe sind. Zu dem,
was da im Leibe vorgeht, konnen Sie in der Seele kein Verhaltnis ha-
ben. Wenn Sie dann aber neben sich auf dem Nachtschrankchen einen
Bergkristall gelegt hatten, so wiirden Sie mit Ihrer Seele ganz im In-
nern dieses Bergkristalles sein konnen. Sie wiirden hineinschlupfen in
den Bergkristall, von innen aus ihn wahrnehmen. Das konnen Sie
nicht in der ersten und nicht in der zweiten Gattung des Schlafes. In
der ersten Gattung des Schlafes, dessen Inhalt in die Traume hinein-
gehen kann, wiirden Sie, wenn Sie vom Bergkristall traumen, ihn im-
mer noch als eine Art von Bergkristall erleben. Sie wiirden zwar etwas
Schattenhaftes, aber doch etwas Bergkristalliges erleben. Wiirden Sie
in die zweite Gattung des Schlafes hinuntersinken, so wiirden Sie den
Bergkristall nicht mehr so begrenzt erleben. Wenn Sie dann noch trau-
men konnten - Sie konnen es ja gewohnlich nicht, aber nehmen wir
an, Sie konnten es dann wiirden Sie erleben, dafi der Bergkristall
undeutlich wird und sich zu einer Art von Kugel oder Ellipsoid formt
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und dann wiederum sich zuriickzieht. Wenn Sie aber traumen konnten,
das heiftt, wenn Sie zur Intuition kommen konnten aus dem tiefen
Schlaf, aus der dritten Gattung des Schlafes heraus, dann wiirden Sie
den Bergkristall so erleben, dafi Sie sich vorkommen, wie wenn Sie
innerlich diesen Linien entlanglaufen, dann der Spitze zulaufen, wie-
derum zuriicklaufen: Sie erleben dann den Bergkristall im Innern. Sie
bewohnen ihn. Und so fur andere Mineralien. Und nicht nur, dafi Sie
die Form erleben, Sie erleben auch die inneren Krafte. Kurz, die dritte
Gattung des Schlafes ist etwas, was den Menschen nun ganz heraus-
bringt aus seinem Leibe, was den Menschen ganz hineinstellt in die
geistige Welt. Der Mensch steht wahrend dieser dritten Gattung des
Schlafes in der dritten Art der Welt darinnen, in dem Wesen der gei-
stigen Welt selbst. Das heifit, Sie stehen drinnen in der Wesenhaftig-
keit der Engel, der Erzengel, aller derjenigen Wesen, die man ja sonst
nur aufierlich, das heifit nur in ihren Offenbarungen wahrnimmt. Sie
sehen, wenn Sie vom Aufwachen bis zum Einschlafen Ihr Sinnesbe-
wufitsein anwenden, gewissermafien die aufieren Offenbarungen der
Gotter in der Natur. Sie dringen wahrend des Schlafes ein, entweder
blofi in die Bilderwelt im leisesten Schlaf, oder in der zweiten Gattung
des Schlafes in die Welt der Erscheinungen, in die Welt der Offenba-
rungen, oder aber, wenn Sie zur dritten Gattung des Schlaf es kommen,
in das Innere der gottlich-geistigen Wesenheiten selbst.
Also gerade so, wie der Mensch wahrend des Tageszustandes durch
Denken, Fiihlen und Wollen sich auslebt, so lebt er sich wahrend des
Schlaf es aus, indem er entweder in den Weltgedanken stromt, oder aus
den Weltengedanken heraus sich die Taten der gottlich-geistigen We-
senheiten offenbaren, oder aber diese Wesenheiten selbst den Men-
schen aufnehmen, so dafi er gewissermafien mit seiner Seele in ihnen
ruht. Wie das Denken oder Vorstellen fur das TagesbewujRtsein das
hellste, das klarste, das deutlichste ist, wie das Fiihlen etwas Dumpfe-
res ist - denn das Fiihlen ist eigentlich immer eine Art Traumen - und
wie das Wollen, der dumpfeste Bewufitseinszustand wahrend des Ta-
ges, gewissermafien ein Schlaf en ist, so haben wir drei Schlaf zustande:
Den Schlafzustand, in dem das gewohnliche Bewufksein die Traume
und das hohere Bewufitsein, das schauende, das hellsichtige Bewufit-
sein die Weltengedanken erlebt. Wir haben die zweite Gattung des
Schlafes, der schon fur das gewohnliche Bewufitsein unbewufk bleibt,
der aber dem inspirierten Bewufitsein so erscheint, dafi uberali die Ta-
ten der gottlich-geistigen Wesenheiten sich offenbaren. Wir haben die
dritte Gattung des Schlafes, der sich dem mtuitiven Bewufitsein zeigt,
in dem es in den gottlich-geistigen Wesenheiten selber darinnen lebt.
Wie gesagt, das kundet sich dadurch an, dafi man untertaucht zum
Beispiel in das Innere der Mineralien. Aber diese dritte Gattung des
Schlafes, die hat fur den Menschen noch eine besondere Bedeutung.
Wenn Sie zunachst die zweite Gattung des Schlafes nehmen, dann
finden Sie darinnen, wie ich gesagt habe, auf den erscheinenden, ver-
schwindenden, wogenden Bildern die Weltenwesen der Engel, der Erz-
engel und so weiter, aber Sie finden sich selber auch. Sie finden sich
selber als Seele darinnen, nur nicht wie Sie jetzt sind, sondern wie Sie
vor Ihrer Geburt beziehungsweise vor der Empfangnis waren. Sie
lernen sich kennen, wie Sie gelebt haben zwischen dem Tode und einer
neuen Geburt. Das gehort dieser zweiten Welt an. Und jedesmal, wenn
wir traumlos schlafen, leben wir in derselben Welt, in der wir gelebt
haben, bevor wir heruntergestiegen sind und einen physischen Leib
angenommen haben.
Aber wenn Sie in die dritte Gattung des Schlafens kommen, und
wenn Sie da aufwachen konnten - das intuitive Bewufitsein wacht
auf -j also wenn Sie sich vorstellen, Sie kommen in die dritte Gattung
des Schlafes und wachen da auf: dann erleben Sie Ihr Schicksal, Ihr
Karma. Dann wissen Sie, warum Sie in diesem Leben besondere Fa-
higkeiten haben, aus der Beschaffenheit Ihrer vorhergehenden Leben.
Dann wissen Sie, warum Sie in diesem Leben mit diesen oder jenen
Personlichkeiten zusammengefuhrt werden. Dann lernen Sie das Kar-
ma kennen, dann lernen Sie Ihr Schicksal kennen. Dieses Schicksal
lernt man nur erkennen, wenn man - ich greife die Sache jetzt von
einem andern Gesichtspunkte auf - in das Innere der Mineralien ein-
zudringen vermag. Sind Sie imstande, einen Bergkristall nicht nur
von aufien, sondern von innen zu schauen - Sie diirfen ihn natiirlich
nicht etwa zerhacken, denn dann ware das, was Sie sehen, immer wie-
der aufien, natiirlich sondern Sie miissen so, wie ich es beschrieben
habe, sich darinnen befinden; wenn Sie das konnen, wenn Sie den Kri-
stall von innen sehen konnen, dann konnen Sie auch begreifen, warum
Sie dieser oder jener Schicksalsschlag in diesem Leben trifft. Nehmen
Sie irgendeinen Kristall, nehmen Sie einen gewohnlkhen Salzwiirfel.
Sie sehen ihn von aufien: so sehen Sie ihn mit dem gewohnlichen Be-
wuiksein. Da bleibt Ihnen Ihr Leben undurchsichtig. Wenn Sie in ihn
hineindringen konnen - auf die raumliche Grofie kommt es dabei nicht
an -, wenn Sie ihn von innen nach alien Seiten sehen konnen, dann
sind Sie in der Welt, in der Sie auch Ihr Schicksal begreifen konnen.
In dieser Welt sind Sie aber jede Nacht, wenn Sie in die dritte Gattung
des Schlafes kommen.
Diese dritte Gattung des Schlafes, die hat aber doch noch etwas
ganz Besonderes. Sehen Sie, die Menschen vor dem Mysterium von
Golgatha - und wir waren es ja alle selber in unseren friiheren Erden-
leben -, die Menschen in der Zeitentwickelung vor dem Erscheinen
des Christus auf der Erde, die kamen schon sehr haufig in diese dritte
Gattung des Schlafes. Aber noch bevor sie, ich mochte sagen, hinunter-
sanken in diese dritte Gattung des Schlafes, erschien ihr Engel und
holte sie wieder herauf. Denn das ist das Eigentumliche: Man kann
sich aus der ersten und aus der zweiten Gattung des Schlafes als
Mensch immer selbst herausholen, aus der dritten aber nicht mehr. In
der dritten Gattung des Schlafes hatte ein Mensch vor der Erschei-
nung des Christus auf Erden sterben miissen, wenn er nicht von Engel-
oder anderen Wesenheiten herausgeholt worden ware. Seit der Erschei-
nung des Christus ist die Christus-Kraft, wie ich oft betont habe, mit
der Erde verbunden, und jedesmal, wenn der Mensch aufwachen muE
aus dieser dritten Gattung des Schlafes, dann mufi ihm die Christus-
Kraft, die durch das Mysterium von Golgatha sich mit der Erde ver-
einigt hat, zu Hilfe kommen. Der Mensch konnte ohne die Christus-
Kraft nicht mehr aufwachen aus dieser dritten Gattung des Schlafes.
Er kann in die Kristalle hereinschlupfen, aber er kann nicht wieder
herauskommen ohne die Christus-Kraft. Wenn man namlich hinter
die Kulissen des Daseins schaut, dann merkt man schon, was dieser
Christus-Impuls fur das Erdenleben fur eine Bedeutung hat. Also ich
betone es stark: Der Mensch konnte in die Kristalle herein, aber er
konnte nicht wieder heraus.
Diese Dinge hat man iiberall dort besonders stark gefiihlt, wo nach
dem Mysterium von Golgatha, nach der Erscheinung des Christus
auf der Erde, noch ein starkes, altes, heidnisches Bewulksein vorhan-
den war und dennoch die Christus-Offenbarung schon da war, wie
zum Beispiel in mitteleuropaischen Gegenden. Da wufite man von
manchen Menschen, dafi sie dadurch gestorben waren, dafi sie in einen
solchen tiefen Schlaf gefallen waren. Sie hatten nicht zu sterben ge-
braucht, wenn der Christus ihnen zu Hilf e gekommen ware.
So fiihlten zum Beispiel Menschen - ich will jetzt nichts anderes
als das, was Menschen fuhlten, sagen - bei Karl dem Gr often oder bei
Friedrich Barbarossa. Trotzdem Friedrich Barbarossa fur die auJSere
physische Welt ertrunken ist, wurde dennoch so gefiihlt. Aber beson-
ders deutlich wurde es ja bei Karl dem GrolSen gefiihlt. Wo ging fur
dieses mittelalterliche Bewulksein solch eine Seele hin? In das Innere
der Kristalle. Daher wurde sie in Berge versetzt, und da sollte sie war-
ten, bis der Christus kommt und sie aus dem tiefen Schlaf herausholt.
Es hangt diese Art von Sagenbildung mit diesem Bewufitsein zusam-
men. Das starke Verbundensein mit dem Christus-Impuls seit dem
Mysterium von Golgatha auf der Erde, das ist es, was nun die Welt
der Angeloi, der Archangeloi und so weiter veranlafit, den Menschen
doch wieder herauszuholen, denn sonst wiirde er, wenn er in die dritte
Gattung des Schlafes versinkt, nicht wieder herausgeholt werden kon-
nen. Das also hangt mit der Christus-Kraft zusammen, nicht mit dem
Glauben an die Christus-Kraft; denn ob einer diesem oder jenem Re-
ligionsbekenntnis angehort, das, was Christus auf Erden getan hat, ist
im objektiven Sinne getan, und was ich hier als Objektives schildere,
findet eben fur den Menschen ganz unabhangig vom Glauben statt.
Was der Glaube fur eine Bedeutung hat, das werden wir in den nach-
sten Tagen besprechen. Aber dies, was ich jetzt anfuhre, ist eine ob-
jektive Tatsache, die nichts mit dem Glauben zu tun hat.
Wodurch aber ist das geschehen? Es ist dadurch geschehen, da£ in
die Gotterwelt selbst ein anderes Schicksal eingezogen ist, als friiher
darinnen war, ein Schicksal, das ich damit charakterisieren mochte,
daft ich sage: Die Menschen hier in der physischen Welt werden gebo-
ren und sterben. Es ist die Eigentumlichkeit der gottlich-geistigen We-
sen, die den hoheren Hierarchien angehoren, dafi sie nicht geboren
werden und sterben, sondern sich blofi verwandeln. Der Christus, der
bis zu der Zeit des Mysteriums von Golgatha mit den anderen gott-
lich-geistigen Wesen lebte, beschlofi, den Tod kennenzulernen, auf die
Erde herabzusteigen, ein Mensch zu werden, um innerhalb der mensch-
lichen Natur durch den Tod zu gehen, dann wiederum zum Bewufit-
sein nach dem Tode zu kommen durch die Auferstehung.
Das ist uberhaupt ein sehr bedeutendes Ereignis innerhalb der gott-
lich-geistigen Welt, daft ein Gott den Tod durchgemacht hat, um alles
das tun zu konnen, was wir schon kennen oder was ich jetzt wiederum
beschrieben habe. Wir konnen also sagen: Da steht in der Geschichte
der Erdenentwickelung das bedeutsame Ereignis, dafi der Gott Mensch
geworden ist und dadurch seine Kraft in so bedeutsamen Erscheinun-
gen flutet, wie die, die ich Ihnen jetzt charakterisiert habe. Der Gott,
der Mensch geworden ist, hat solche Kraft im Erdenleben, daft er die
Menschenseelen aus dem Kristallinnern herausholt, wenn sie dort hin-
eingekommen sind. So daft, indem wir von Christus sprechen, wir von
einem Weltenwesen sprechen, von dem wir sagen mtissen: es ist der
Gott, der Mensch geworden ist. Was ware sein Gegenbild? Sein Ge-
genbild ware der Mensch, der Gott geworden ist. Es mufi ja nicht ein
absolut guter Gott sein; sondern so wie Christus hinuntergestiegen ist
in die Menschenwelt und den Tod angenommen hat, das heiftt zuerst
den menschlichen Leib angenommen hat, um teilzunehmen an dem
Schicksal der Menschen, so werden wir zum entgegengesetzten Pol
gefuhrt, zu dem Menschen, der sich frei macht von dem Tode, frei
macht von den Bedingungen des menschlichen Leibes und ein Gott
wird innerhalb der Erdenbedingungen. Der wiirde also dann aufhoren,
ein sterblicher Mensch zu sein, aber herumwandeln auf der Erde, aller-
dings nicht unter denselben Bedingungen wie ein gewohnlicher sterb-
licher Mensch, der von Geburt zum Tode und vom Tode zu einer
neuen Geburt geht, sondern es wiirde ein solcher gottgewordener
Mensch als ein unrechtmaftig auf der Erde gewordener Gott gefunden
werden konnen. Wie der Christus ein rechtmafiig menschgewordener
Gott ist, so wiirden wir zu suchen haben als sein Gegenbild den auf
unrechtmaftige Weise gottgewordenen Menschen, den als nicht mehr
sterblich herumwandelnden Menschen, der die Gottnatur auf unrecht-
maftige Weise angenommen hat. Und es ist Ihnen ja bekannt: Ebenso
wie in der christlichen Uberlieferung auf den rechtmafiig menschge-
wordenen Gott, auf den Christus Jesus hingewiesen wird, so wird hin-
gewiesen im Zusammenhange mit dem Christus Jesus auf Ahasver, auf
den Menschen, der in unrechtmafiiger Weise Gott geworden ist, der
die Sterblichkeit der Menschennatur abgelegt hat. Wir haben also den
polarischen Gegensatz zu dem Christus Jesus in Ahasver. Das ist die
tiefere Begnindung, die tiefere Bedeutung der Ahasver-Sage, jener
Sage, welche von etwas spricht, wovon gesprochen werden mufi, weil
es eine Realitat ist: von einem Wesen, das herumwandelt auf der Erde.
Sie ist da, diese Ahasver-Gestalt. Sie wandelt auf der Erde herum,
sie wandelt von Volk zu Volk. Sie lafit unter anderem zum Beispiel
gerade den hebraischen Glauben nicht ersterben. Es ist diese Gestalt
vorhanden, diese Ahasver-Gestalt, der unrechtmafiig gewordene Gott.
Der Mensch hat alle Veranlassung, wenn er die wirkliche Geschichte
kennenlernen will, auf solche Ingredienzien dieser Geschichte sein
Augenmerk zu lenken, zu sehen, wie aus den ubersinnlichen Welten
die Krafte und Wesen herabspielen in die sinnliche Welt, wie der
Christus aus den ubersinnlichen Welten in die sinnliche Welt gekom-
men ist, wie aber auch wiederum die sinnliche Welt heraufspielt in
die ubersinnlichen Welten, wie wir auch in Ahasver eine wirkliche
reale Weltenkraft, eine Weltenwesenheit zu sehen haben. Das Bewufk-
sein von diesem Wandeln des Ahasver, der natiirlich nicht mit physi-
schen Augen, sondern nur unter der Voraussetzung einer gewissen
Hellsichtigkeit zu sehen ist, war immer vorhanden. Und die Sagen,
die auf ihn hinweisen, haben einen guten, einen objektiven Unter-
grund. Man versteht das Menschenleben nicht, wenn man es aufSerlich
nur so betrachtet, wie es die Geschichtsbiicher beschreiben, wenn man
nicht hinblickt auf die besonderen Ausgestaltungen.
Denn wahr ist es: So wie in unserem Innern der Christus lebt seit
dem Mysterium von Golgatha, und wie der Christus in unserem In-
nern wahrnehmbar werden kann, wenn wir nach innen hinein den
schauenden Blick zunachst beleben, so wird, wenn wir aufien herum-
schauen im Menschenleben, und da der schauende Blick uns aufgeht -
bei den meisten Menschen, denen so der schauende Blick aufgeht, ist
das der Fall -, so wird uns - wie es ja unverhofft dem Menschen ge-
schieht, der iiber die Schwelle des Bewufitseins tritt - Ahasverus, der
ewige Jude erscheinen. Der Mensch wird ihn vielleicht nicht immer
erkennen, er wird ihn fiir etwas anderes halten. Aber es ist ebenso
moglich, dafi dem Menschen der ewige Jude erscheint, wie es moglich
ist, dafi dem Menschen der Christus aufleuchtet, wenn er in sein Inne-
res schaut.
Diese Dinge gehdren zu den Weltengeheimnissen, die eben jetzt in
unserer Zeit, wo viele Geheimnisse geoffenbart werden sollten, auch
offenbar werden miissen.
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VOM WANDEL DER WELTANSCHAUUNG
Domach, 25. M'drz J922
Wir haben schon ofter unseren BHck zuriickgewendet in die Anschau-
ungen alterer Zeiten, wir wollen dies in einem gewissen Sinne auch
heute tun, und zwar zu dem Ziele, urn einige Gesichtspunkte zu gewin-
nen fur geschichtliche Einblicke in die Menschheit und in die Mensch-
heitsentwickelung. Wenn wir Jahrtausende zuriickgehen in der Mensch-
heitsentwickelung, zu den Zeiten zum Beispiel, die wir in unserer
Terminologie als die altindische Kulturperiode bezekhnen, so finden
wir, dafi die Anschauungsweise der Menschen damals eine ganz andere
war, als - wenn wir nun gleich einen sehr weit davon abliegenden
Zeitraum nehmen - die Anschauungsweise in unserer Zeit. Wenn wir
in jene alteren Zeiten zuriickgehen, so wissen wir, die Menschen sahen
einfach die Natur nicht so, wie wir sie heute sehen. Die Menschen
sahen die Natur so, dafi sie in allem, in den einzelnen Gliedern der
Erdoberflache, in Berg und Flufi, aber auch in alledem, was zunachst
die Erde umgibt, in Wolken, im Lichte und so weiter, noch unmittel-
bar geistige Wesenheiten wahrnahmen. Es ware undenkbar gewesen fiir
einen Menschen jener alteren Zeiten, so von der Natur zu sprechen,
wie wir es tun. Denn er wiirde sich so vorgekommen sein, wie wir uns
vorkommen wiirden, wenn wir - das Bild ist etwas grotesk, aber es
entspricht durchaus den Tatsachen - einer Sammlung von Leichnamen
gegeniibersitzen konnten und dann sagen wiirden, dafi wir unter Men-
schen waren. Was heute dem Menschen sich als Natur darbietet, das
wiirde Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung der Mensch nur als den
Leichnarn der Natur empfunden haben. Denn in allem, was ihn um-
gab, hat er Geistig-Seelisches wahrgenommen.
Wir wissen, wenn die heutige Menschheit aus Dichtungen oder aus
den Mitteilungen der Mythen und Legenden vernimmt, wie man einst-
mals geglaubt hat, dafi sich in der Quelle, im stromenden Flusse, in
dem Berginnern und so weiter Geistig-Seelisches findet, so glaubt sie
ja, dafi eben die Alten ihre Phantasie haben wirken lassen, dafi sie
gedichtet haben. Nun, das ist ein naiver Standpunkt. Die Alten haben
durchaus nicht gedichtet, sondern sie haben das Geistig-Seelische eben-
so wahrgenommen, wie man die Farben wahrnimmt, wie man die
Bewegungen der Blatter des Baumes wahrnimmt und so weiter. Sie
haben unmittelbar das Geistig-Seelische wahrgenommen, und sie wiir-
den eben das, was wir heute Natur nennen, nur fiir den Leichnam der
Natur gehalten haben. Aber in einem gewissen Sinne strebten einzelne
Menschen bei diesen Alteren danach, eine andere Anschauungsweise
zu gewinnen als diejenige, die die allgemeine war.
Sie wissen ja, heute, wenn Menschen danach streben, eine andere
Anschauungsweise zu gewinnen, als es die gewohnliche ist, und wenn
sie iiberhaupt dazu in der Lage sind,dann werden sie «studierte Leute»,
dann bekommen sie Begriffe iibermittelt iiber das, was sie sonst nur
aufierlich sehen. Dann nehmen sie Wissenschaft, wie man das nennt, in
sich auf . Diese Wissenschaft, die gab es in jenen Zeiten, von denen wir
jetzt sprechen, nicht. Wohl aber strebten auch einzelne Menschen iiber
das allgemeine Anschauen, iiber das, was man eben im alltaglichen
Leben wufite, hinaus. Nur studierten sie nicht so, wie heute studiert
wird. Sie machten gewisse Ubungen. Diese Ubungen waren nicht sol-
che, wie die, von denen wir heute in der Anthroposophie sprechen,
sondern es waren Ubungen, welche gerade in jenen alteren Zeiten
mehr an den menschlichen Organismus gebunden waren. Es waren
zum Beispiel Ubungen, durch welche der Atmungsprozefi zu etwas
anderem ausgebildet wurde, als was er von Natur aus ist. Man setzte
sich also nicht in Laboratorien, machte nicht Experimente, aber man
machte gewissermafien an sich selber Experimente. Man regulierte
seinen Atem. Man atmete zum Beispiel ein, man hielt den Atem zu-
riick und suchte zu erleben, was bei so verandertem Atem im Innern
des Organismus vorging. Solche Atemiibungen sollen heute nicht nach-
gemacht werden. Aber sie waren durchaus einmal ein Mittel, durch
welches die Menschen glaubten, zu hoheren Erkenntnissen zu kom-
men, als zu denen sie kommen konnten, wenn sie eben mit ihren ge-
wohnlichen Anschauungen die Natur betrachteten, wenn sie also die
aufieren Naturdinge sahen, wie wir sie sehen, aber aufierdem noch in
alien Naturdingen das Geistig-Seelische darinnen sahen.
Wenn sich Menschen nun solchen Ubungen hingaben, deren Wesen
sich ja, obwohl in Abschwachung, in dem erhalten hat, was heute aus
dem Oriente heriiber als Joga-Obungen geschildert wird, wenn sie also
ihr Atmen gegeniiber dem gewohnlichen Atem veranderten, dann ver-
schwand aus dem Anblicke der Umgebung das Geistig-Seelische, und es
wurde gerade durch solches Atmen die Natur fiir diese Menschen so,
wie wir sie selber heute sehen. Also, um die Natur so zu sehen, wie wir
sie heute sehen, mufiten solche Menschen erst Obungen machen in jenen
alten Zeiten. Sonst sprangen ihnen gewissermafien fiir ihr Anschauen
aus alien Wesen ihrer Umgebung geistig-seelische Wesenhaftigkeiten
entgegen. Sie vertrieben gewissermafien diese geistig-seelischen Wesen-
haftigkeiten dadurch, dafi sie ihren Atmungsprozefi veranderten.
So hatten sie - wenn ich den Ausdruck gebrauche, der heute ge-
brauchlich ist fiir diejenigen, die so hinausstreben iiber das allgemeine
Anschauen - als «Gelehrte» das Bestreben, die Natur nicht mehr durch-
seelt und durchgeistigt um sich zu haben, sondern sie so um sich zu
haben, dafi sie sie wie eine Art Leichnam empfanden. Man konnte auch
so sagen: Diese Menschen fiihlten sich,indem sie hinausschauten in die
Natur, wie in einem wellenden, wogenden, seelisch-geistigen Weltenall,
aber sie fiihlten sich darinnen so, wie sich der Mensch der Gegenwart
fiihlen wiirde, wenn er in lebhaften Bildern traumte und aus diesem
Traumen kaum aufwachen konnte. So fiihlten sie sich. Was erreichten
aber diese einzelnen - wir wollen sie also die Gelehrten jener alten Zeit
nennen -, wenn sie durch solche besondere Obungen sich heraushoben
aus diesem lebendig Wogenden und es abtoteten in der Anschauung, so
dafi sie wirklich das Gefuhl hatten, sie haben nunmehr ein Totes, ein
Leichnamartiges um sich? Was strebten sie dadurch an?
Sie strebten dadurch ein starkeres Selbstgefuhl an. Sie strebten etwas
an, wodurch sie sich selber erlebten, wodurch sie sich selber empfanden.
Der heutige Mensch sagt alle Augenblicke: «Ich bin». «Ich» ist fiir ihn
iiberhaupt ein Wort, das er vom Morgen bis zum Abend sehr haufig im
Munde fuhrt, denn es ist ihm natiirlich, es ist ihm selbstverstandlich.
Bei diesen alten Menschen war es fiir das gewohnliche alltagliche Er-
leben nicht selbstverstandlich, das «Ich» oder gar das «Ich bin» auszu-
sprechen. Das mufiten sie sich erwerben. Dazu mufiten sie erst solche
Obungen machen. Und indem sie diese Obungen machten, kamen sie
zu einem solchen inneren Erleben, dafi sie mit einer gewissen Wahrheit
sagen konnten: «Ich bin». Sie kamen erst damit zum Bewufksein ihres
eigenen Seins.
Also das, was fur uns etwas Selbstverstandliches ist, das wurde fiir
diese Menschen erst dann ein Erlebnis, wenn sie sich anstrengten in
einem inneren Atmungsprozesse. Sie mufiten erst die Umgebung gewis-
sermafien fiir die Anschauung toten, sich selber aufwecken. Dadurch
kamen sie zu der Oberzeugung, daJS sie auch selber sind, dafi sie «Ich
bin» zu sich sagen konnten. Aber mit diesem «Ich bin» war ihnen etwas
gegeben, was uns heute wieder selbstverstandlich ist. Es war ihnen die
innere Entfaltung des Intellektuellen gegeben. Sie entwickelten da-
durch die Moglichkeit, ein innerliches, abgesondertes Denken zu haben.
Wenn wir also zuriickgehen in Zeiten, in denen fiir die Zivilisation
die alten orientalischen Anschauungen tonangebend waren, so war es
eben so, dafi die Menschen im alltaglichen Leben eine beseelte Natur
empfanden, aber ein ganz schwaches, fast gar kein Selbstgefiihl hatten,
gar nicht dieses Selbstgefiihl in der Uberzeugung «Ich bin» zusammen-
falken, dafi aber einzelne Menschen, welche durch die Mysterienan-
stalten geschult wurden, dazu gebracht wurden, dieses «Ich bin» zu
erleben. Dann erlebten sie aber dieses «Ich bin» nicht so, wie wir es
heute als eine Selbstverstandlichkeit hinnehmen, sondern in dem Mo-
mente, wo sie durch ihren Atmungsprozefi dazu gebracht waren, uber-
haupt «Ich bin» aus inner licher Uberzeugung, aus inner lichem Erleben
heraus sagen zu konnen, erlebten sie etwas, was auch der heutige
Mensch zunachst nicht wirklich erlebt.
Denken Sie zuriick in Ihre Kindheit: Sie konnen bis zu einem ge-
wissen Punkte zuruckdenken, dann hort es auf. Sie waren einmal ein
Baby, und wie Sie da innerlich gelebt haben als Baby, das wissen Sie
nicht. Es hort einmal das Erinnerungsvermogen auf. Sie waren ganz ge-
wifi schon da, sind auf der Erde herumgekrochen, sind geliebkost wor-
den von Ihrer Mutter oder von Ihrem Vater. Da haben Sie vielleicht
gezappelt, haben die Hande bewegt, aber was Sie da innerlich erlebt
haben, das wissen Sie im gewohnlichen Bewufitsein nicht. Dennoch
war es ein regeres, ein intensiveres Seelenleben als das spatere. Denn
dieses intensivere Seelenleben hat zum Beispiel Ihr Gehirn plastisch
ausgestaltet, hat Ihren iibrigen Korper durchdrungen und ihn plastisch
ausgestaltet. Es war ein intensives Seelenleben vorhanden, und in
dieses Seelenleben fuhlte sich der alte Inder versetzt in demselben
Momente, wo er zu sich «Ich bin» sagte.
Stellen Sie sich das nur ganz lebhaft vor, wie das war. Er fuhlte sich
nicht im gegenwartigen Augenblicke, wenn er zu sich «Ich bin» sagte,
er fuhlte sich zuriickversetzt in seine Babyzeit, er fuhlte sich so, wie er
in der Babyzeit gefuhlt hat, und sagte von da aus zu seinem ganzen
spateren Leben «Ich bin». Er hatte gar nicht das Gefiihl, dafi er jetzt
«Ich bin» zu sich sagen kann, sondern daft er dazu zuriickgehen mulke
in seine erste Babyzeit. Dann stromte gewissermafien von jener ersten
Babyzeit in alle folgenden Jahre hiniiber jene Kraft, die «Ich bin» sagt.
Dieses Sich-Zuriickversetzen, das war etwas ganz Naturgemafies. Aber
damit war etwas anderes verbunden. Indem sich die Menschen so zu-
riickversetzten, sagten sie also gewissermaften - ich driicke es jetzt et-
was grotesk aus, aber es ist doch eine Wahrheit -: Ich gehe jetzt in das
kleine Kopfchen zuriick, das ich hatte, als ich ein Baby war, denn da
liegt ein Seelenleben drinnen, das wird mir jetzt durchsichtig, das sagt
«Ich bin». - Beim heutigen Menschen ist dies auch noch so, nur weifS er
nichts davon, aber in alten Zeiten erarbeitete er sich ein Wissen davon.
Aber dadurch steckte er ja drinnen in diesem Seelenleben des Babys,
und er wulke, dieses Seelenleben des Babys, das ist nicht von dieser
Welt. Das habe ich mitgebracht aus der Zeit, als ich noch keinen Kor-
per hatte. Das habe ich in der geistig-seelischen Welt gehabt. Da drin-
nen nun habe ich am allerintensivsten mein «Ich bin» empfunden und
gefiihlt und erlebt, habe mir es mitgebracht, und als ich einen Korper
bekommen habe, da ist es gewissermafien ausgeflossen in die Korper-
gestaltung. Und dann, nachdem es ausgeflossen ist in die Korpergestal-
tung, kam mir mein eigenes Seelenleben aus dem Innern wieder herein.
Aber das ist erst hineingezogen in dieses Innere, nachdem es vorher in
der geistig-seelischen Welt gelebt hat. Das heifk, indem dieser alte in-
dische Jogi zuerst sich durch seinen Atmungsprozefi in seine Babyzeit
zuriickversetzte, wurde er gewahr der Zeit vor seinem Erdendasein.
Das kam ihm vor wie eine Erinnerung. Genau so, wie wenn sich der
Mensch heute an etwas erinnert, was er vor zehn Jahren erlebt hat, so
war es wie das Auftreten einer Erinnerung in dem Momente, wo das
«Ich bin» durch die Seele schofi, wenn in dieser alten indischen Zeit
der Mensch durch Atmungsiibungen innerlich sich starkte und die
Aufienwelt um sich herum abtotete, dafiir aber lebendig machte das,
was nicht jetzt seine Aufienwelt war, sondern was Auflenwelt war,
bevor der Mensch in die physische Erdenwelt heruntergestiegen war.
Man wurde wirklich dazumal - wenn ich es wiederum mit einem
heutigen Ausdruck bezeichnen will, der aber natiirlich unendlich phili-
stros klingt, wenn ich ihn fiir jene alten Zeiten gebrauche - durch das
Jogi-Studium herausgehoben aus dem gegenwartigen Erdendasein und
in das geistig-seelische Dasein hineingehoben. Man verdankte also dem
damaligen Studium das Hinaufgehobenwerden in die geistig-seelischen
Welten. Man hatte ein etwas anderes Bewufitsein, als wir es heute ha-
ben. Aber gerade wenn man im damaligen Sinne ein Joga-Gelehrter
war, konnte man denken - die anderen Menschen konnten nicht den-
ken, die anderen Menschen konnten nur traumen -, aber man dachte
hinein in die iibersinnliche Welt, aus der man ins Erdendasein herunter-
gestiegen war.
Das ist zugleich eine Charakteristik jener Zeit der Erdenentwicke-
lung, die, wenn wir es etwas grob charakterisieren, vorangegangen ist
zum Beispiel den griechisch-romischen Anschauungen im vierten nach-
atlantischen Zeitraum. Da war das «Ich bin» schon mehr in den Men-
schen hereingedrungen im gewohnlichen Alltagsbewufitsein. Zwar hat-
te die Sprache damals noch im Verbum das Ich drinnenliegen, das war
noch nicht so abgesondert wie bei uns, aber es war immerhin schon ein
deutliches Ich-Erlebnis vorhanden. Dieses deutliche Ich-Erlebnis war
nun eine natiirliche, selbstverstandliche Tatsache des inneren Lebens.
Dafiir aber war schon die aufiere Natur mehr oder weniger entseelt.
Der Grieche hatte immerhin noch die Fahigkeit, die zwei Gesichts-
punkte nebeneinander zu erleben, und zwar ohne besondere Schulung.
Der Grieche erlebte noch deutlich, wenn auch schwacher als die Men-
schen alterer Zeiten, in Quelle, im Fluft, im Berg, im Baum das Geistig-
Seelische. Aber zu gleicher Zeit konnte er absehen von dem Geistig-See-
lischen, auch das Tote in der Natur erleben und ein Selbstgefuhl haben.
Das gibt namentlich dem Griechentum seinen besonderen Charakter.
Der Grieche hatte noch nicht eine solche Anschauung der Welt wie wir.
Er konnte zwar schon solche Begriffe und Ideen von der Welt ent-
wickeln wie wir, aber er konnte zu gleicher Zeit diejenigen Anschau-
ungen ernst nehmen, die noch in Bildern gegeben waren. Er lebte iiber-
haupt anders, als wir heute leben. Wir gehen zum Beispiel ins Theater,
um uns zu unterhalten. Um sich zu unterhalten, ging man in Griechen-
land eigentlich erst ins Theater - wenn ich mich so ausdriicken darf -
zu Euripides Zeiten, kaum zu Sophokles Zeiten, und jedenfalls nicht
in den Zeiten des Aschylos, oder gar in noch alteren Zeiten. Da ging
man zu anderen Zielen in die dramatischen Vorstellungen. Man hatte
ein deutliches GefUhl, dafi in allem, in Baum und Strauch, in Quelle
und Flufi geistig-seelische Wesenheiten leben. Wenn man diese geistig-
seelischen Wesenheiten erlebt, da hat man eben Lebensaugenblicke, wo
man kein starkes Selbstgefuhl hat. Wenn man aber wiederum dieses
starke Selbstgefuhl entwickelt, was die Alten noch durch Joga-Schu-
lung haben suchen mussen,und was der Grieche nicht mehr durch Joga-
Schulung zu suchen brauchte, dann wird alles tot um einen herum,
dann sieht man gewissermafien nur den Leichnam der Natur. Dadurch
aber verbraucht man sich. Man sagte sich: Das Leben verbraucht den
Menschen. Der Grieche fiihlte das wie eine Art seelischen und leiblichen
Erkrankens, nur die tote Natur anzuschauen. Man empf and das lebhaf t
in alteren griechischen Zeiten, dafi einen das Tagesleben krank macht,
dafi man etwas braucht, wodurch man wieder gesund wird: und das
war die Tragodie. Um gesund zu werden, weil man fiihlte, man ver-
braucht sich, man macht sich in einem gewissen Sinne krank, man
braucht, wenn man iiberhaupt ganz Mensch bleiben will, eine Heilung,
deshalb ging man zur Tragodie. Und die Tragodie wurde noch in
Aschylos Zeiten so gespielt, dafi man denjenigen, der die Tragodie bil-
dete, der sie gestaltete, als den Arzt empfand, der den verbrauchten
Menschen in einem gewissen Sinne wieder gesund machte. Die Gefiihle,
die da erregt wurden von Furcht, von Mitleid mit den Helden, die auf-
traten, wirkten wie eine Arznei. Sie durchdrangen den Menschen, und
indem er sie iiberwand, diese Gefiihle von Furcht und Mitleid, bildeten
sie in ihm eine Krisis, wie sich zum Beispiel bei der Pneunomie eine
Krisis bildet. Und indem man die Krisis uberwindet, wird man gesund.
So wurden die Schauspiele aufgefuhrt, um die Menschen, die sich als
Menschen verbraucht fiihlten, gesund zu machen. Das war das Gefiihl,
das man in der alteren Griechenzeit der Tragodie, dem Schauspiel ent-
gegenbrachte. Und das war aus dem Grunde, weil sich die Menschen
sagten: Wenn man sein Ich fiihlt, dann wird die Welt entgottert. Das
Schauspiel fiihrt wieder den Gott vor, denn es war im wesentlichen
ein Vorfuhren der gottlichen Welt und des Schicksals, das selbst die
Gotter erdulden miissen, also ein Vorfuhren dessen, was hinter der
Welt als Geistiges sich geltend macht. Das war es, was in der Tragodie
vorgefuhrt wurde.
So war dem Griechen die Kunst noch eine Art Heilungsprozefi. Und
indem die ersten Christen nachlebten, was in der Verkorperung des
Christus in dem Jesus gegeben war und was in den Evangelien nachge-
dacht und nachempfunden werden kann: der Hingang des Christus
Jesus zum Leiden und zum Kreuzestod, zur Auferstehung, zur Him-
melfahrt-empfanden sie gewissermafien eine innerliche Tragodie. Des-
halb nannten sie auch den Christus, und nannte man ihn immer mehr
den Arzt, den Heiland, den groiSen Arzt der Welt. Der Grieche hat in
den alteren Zeiten dieses Heilende bei seiner Tragodie empfunden. Die
Menschheit sollte allmahlich dazu kommen, das historisch, das ge-
schichtlich Heilende im Anblicke, im Gemutserleben des Mysteriums
von Golgatha, der gro^en Tragodie von Golgatha zu erleben und zu
empfinden.
Im alten Griechenland ging man, namentlich in der Zeit vor Aschy-
los, in der das, was f rtiher nur im Dunkel der Mysterien gefeiert wurde,
schon mehr offentlich geworden war, in die Tragodie. Was sahen die
Menschen in dieser alteren Tragodie? Der Gott Dionysos erschien, der
Gott Dionysos war es, welcher aus den Erdenkraften, aus der geistigen
Erde sich herausarbeitete. - Der Gott Dionysos, weil er sich aus den gei-
stigen Kraften herausarbeitete und an die Oberflache der Erde drang,
machte das Leiden der Erde mit. Er fuhlte gewissermalSen als Gott see-
lisch - nicht so, wie es beim Mysterium von Golgatha war, auch kor-
perlich -, was es hiefi, unter Wesen zu leben, welche durch den Tod
gehen. Er lernte den Tod nicht an sich selbst erleben, aber er lernte ihn
anschauen. Man fuhlte, da ist der Gott Dionysos, der tief leidet unter
den Menschen, weil er den Anblick haben mufite von alledem, was die
Menschen erleiden. Es war nur eine einzige Wesenheit auf der Biihne
zunachst, der Gott Dionysos, der leidende Dionysos, und urn ihn her-
um ein Chor, der da rezitierend sprach, damit die Leute es horen konn-
ten, was in dem Gotte Dionysos vorging. Denn das war iiberhaupt die
erste Gestalt des Schauspieles, der Tragodie, dafi die einzig wirklich
handelnde Person, die auftritt, der Gott Dionysos war, und um ihn
herum der Chor, welcher rezkierte, was in des Dionysos Seele vorging.
Nach und nach nur wurden dann aus der einen Person, die den Gott
Dionysos in den alteren Zeiten darstellte, mehrere Personen, und dann
aus dem einen Schauspiele das spatere Drama. So erlebte man im Bilde
den Gott Dionysos. Und man erlebte spater in Wirklichkeit, als eine
historische Tatsache der Menschheitsentwickelung, den leidenden und
sterbenden Gott, den Christus. Einmal als historische Tatsache sollte
sich das vor der Menschheit abspielen, so dafi alle Menschen es empf in-
den konnten, was sonst in Griechenland im Schauspiel erlebt worden
war. Aber indem die Menschheit diesem groften Geschichtsdrama ent-
gegenlebte, wurde das Drama, das so heilig war in der alten Grie-
chenzeit, dafi man in ihm den Heiland, die wunderwirkende Mensch-
heitsarznei empfand, immer mehr und mehr, ich mochte sagen, von
seinem Podest herabgeworfen und wurde zum Unterhaltungsstoff,
wie es schon bei Euripides der Fall ist.
Die Menschheit lebte entgegen der Zeit, in der sie etwas anderes
brauchte, als im Bilde vorgefuhrt zu bekommen die geistig-seelische
Welt, nachdem fur das Anschauen die Natur entseelt war. Die Mensch-
heit brauchte das historische Mysterium von Golgatha. Der altejoga-
Schiiler der indischen Zeit hatte den Atem aufgenommen, den Atem
gewissermafien in seinem eigenen Leib zuriickgehalten, um in diesem
Atmen zu empfinden: In dir lebt der gottliche Ich-Impuls. - Der
Mensch erlebte als Joga-Schiiler den Gott in sich selber durch den At-
mungsprozefi. Spatere Zeiten kamen. Der Mensch erlebte nicht mehr
in sich den Gottesimpuls im AtmungsprozefL Aber er hatte denken
gelernt, und er sagte: Durch den Atem kam die Seele in den Menschen
hinein. - Der alte Joga-Schiiler machte das durch. Der spatere Mensch
sagte: «Und Gott blies dem Menschen den lebendigen Odem ein», und
er ward eine Seele. - Der altere Joga-Schiiler erlebte das, der spatere
Mensch sagte es. Und indem man das im hebraischen Altertum sagte,
erlebte man schon in einem gewissen Sinne abstrakt, was man friiher
konkret erlebt hatte. Aber man schaute auch nicht im hebraischen
Altertum, dafiir aber im griechischen Altertum. Es spielt sich immer
das eine auf dem einen Erdenfleck, das andere auf einem andern
Erdenfleck ab. Man erlebte nicht mehr den Gott in sich wie der alte
Joga-Schiiler, dafiir aber erlebte man im Bilde das Dasein des Gottes
im Menschen. Und dieses Erleben im Bilde des Daseins des Gottes im
Menschen, das war eben im alteren griechischen Drama durchaus vor-
handen. Aber dieses Drama wurde nun weltgeschichtliches Ereignis.
Dieses Drama wurde das Mysterium von Golgatha. Dafiir aber wurde
auch das Bild nunmehr abgesetzt. Das Bild wurde blofies Bild, wie
der AtmungsprozefS blofi in Gedanken noch geschildert wurde. Die
ganze menschliche Seelenverfassung wurde eine andere.
Der Mensch sah die Aufienwelt tot, und das war fiir ihn das Elemen-
tare, das Natiirliche, dafi er die Aufienwelt tot sah. Entgottert sah er
sie. Sich selbst als Aufienwelt, als leibliche Aufienwelt, sah er entgot-
tert. Aber er hatte den Trost dafiir, dafi einmal in diese entgotterte
Welt der wirkliche Gott heruntergekommen war, der Christus, und
in einem Menschen gelebt hatte, und durch die Auferstehung als
Christus-Impuls in die ganze Erdenentwickelung iibergegangen war.
Und so konnte der Mensch eine gewisse Anschauung nunmehr in der
folgenden Art entwickeln. Er konnte sich sagen: Ich sehe die Welt,
aber sie ist ein Leichnam. - Er sagte es sich freilich nicht, denn es blieb
im Unbewulken, der Mensch weifi nicht, dafi er die Welt als Leichnam
sieht. Aber allmahlich bildete sich in seiner Anschauung der Leichnam
am Kreuz, der gestorbene Christus Jesus. Und blickt man hin auf den
Kruzifixus, auf den gestorbenen Christus Jesus, dann hat man die Na-
tur. Man hat das Bild der Natur, jener Natur, in welcher der Mensch
gekreuzigt ist. Und blickt man hin auf den, der aus dem Grabe aufer-
stand, der dann von den Jungern und von Paulus erlebt worden ist
als der in der Welt lebende Christus, dann hat man das, was in alteren
Zeiten in der ganzen Natur gesehen worden ist. Gewifi, in einer Viel-
heit, in vielen geistigen Wesenheiten, in Gnomen und Nymphen, in
Sylphen und Salamandern, in alien moglichen anderen Wesenheiten
der Erden-Hierarchien, erblickte man das Gottlich-Geistige; man er-
blickte die Natur durchgeistigt und beseelt. Nunmehr aber bekam man
den Drang, durch den schon aufkeimenden Intellektualismus das, was
zerstreut ist in der Natur, zusammenzufassen. Man hat es zusammen-
gefafk in dem toten Christus Jesus am Kreuze. Aber man schaut in
dem Christus Jesus alles das, was man in der aufieren Natur verloren
hat. Alle Geistigkeit schaut man, indem man hinschaut zu der Tat-
sache: Aus diesem Leibe hat sich erhoben der Christus, der Gottesgeist,
der iiberwunden hat den Tod, und an dessen Wesenheit teilnehmen
kann nunmehr jede Menschenseele. Man hat die Fahigkeit verloren,
im Umkreise der Natur das Gotthch-Geistige zu sehen. Man hat die
Fahigkeit gewonnen, im Hinblick auf das Mysterium von Golgatha
dieses Gottlich-Geistige im Christus wieder zu f inden.
So ist die Entwickelung. Was die Menschheit verloren hat, es wurde
ihr in Christus wiedergegeben. In dem, was sie verloren hat, hat sie
den Egoismus gewonnen, die Moglichkeit des Selbstgefuhles. Ware die
Natur nicht tot geworden fur die menschliche Anschauung, so ware
der Mensch niemals zu dem Erlebnis «Ich bin» gekommen. Er ist zu
dem Erlebnis «Ich bin» gekommen, er konnte sich erfuhlen, innerlich
sich erleben, aber er brauchte eine geistige Aufienwelt. Die wurde der
Christus. Aber das «Ich bin», die Egoitat, die ist errichtet auf dem
Leichnam der Natur.
Das empfand Paulus. Konstruieren wir uns einmal diese Empfin-
dung des Paulus. Ringsherum der Leichnam dessen, was einstmals
die Menschen geschaut hatten in alten Zeiten. Die Menschen haben
die Natur geschaut als den Leib des Gottlichen, Seelisch-Geistigen.
Wie wir heute unsere Finger sehen, so sahen diese Menschen Berge. Es
fiel ihnen gar nicht ein, die Berge als leblose Natur zu denken, so we-
nig, wie wir den Finger als lebloses Glied denken; sondern sie sagten:
Da ist ein Geistig-Seelisches, das ist die Erde; die hat Glieder, und ein
solches Glied ist der Berg. - Aber die Natur wurde tot. Der Mensch er-
lebte das «Ich bin» im Innern. Aber er wurde nur dastehen als der
Eremk auf der entgeistigten, entseelten Erde, wenn er nicht hinblicken
konnte zu dem Christus. Diesen Christus aber, er darf ihn nicht blofi
von aufien anschauen, so dafi er aufierlich bleibt, er mufi ihn nun in
das Ich aufnehmen. Er mufi sagen konnen, indem er sich hinweghebt
aus dem alltaglichen «Ich bin»: Nicht ich, sondern der Christus in
mir. - Wenn wir schematisch darstellen, was da war, so konnten wir
sagen: Der Mensch empfand dereinst um sich herum die Natur (griin),
aber diese Natur iiberall durchseelt und durchgeistigt (rot). Das war
in einer alteren Periode der Menschheit.
In spateren Zeiten empfand der Mensch auch die Natur, aber er
empfand die Moglichkeit, gegeniiber der nun entseelten Natur das
eigene «Ich bin» wahrzunehmen (gelb). Da aber brauchte er dafiir das
Bild des im Menschen vorhandenen Gottes, und er empfand das in dem
Gotte Dionysos, der ihm vorgefiihrt wurde im griechischen Drama.
In noch spaterer Zeit empfand der Mensch wiederum die entseelte
Natur (griin), in sich das «Ich bin» (gelb). Das Drama aber wird zur
Tatsache. Auf Golgatha erhebt sich das Kreuz. Aber zu gleicher Zeit
geht das, was der Mensch ursprunglich verloren hatte, ihm in seinem
eigenen Innern auf und strahlt (rot) aus dem eigenen Innern aus: Nicht
ich, sondern der Christus in mir.
Wie hat der Mensch der alten Zeiten gesagt? Er hat es nicht sagen
konnen, aber er erlebte es: Nicht ich, sondern das Gottlich-Geistige
um mich, in mir, iiberall. - Der Mensch hat dieses «G6ttlich-Geistiges
iiberall, um mich, in mir» verloren; er hat es in sich wiedergefunden
und im bewuflten Sinne sagt er jetzt dasselbe, was er ursprunglich un-
bewulk erlebt hat: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Die Urtat-
sache, die unbewufit erlebt worden ist in der Zeit, bevor der Mensch
sein Ich erlebte, die wird zur bewufiten Tatsache, zum Erlebnis des
Christus im menschlichen Inneren, im menschlichen Herzen, im
menschlichen Seelenhaften.
Sehen Sie da nicht, wenn man ein solches triviales Schema aufzeich-
net, formlich das, was man dann darstellen mufi in Ideen? Sehen Sie
nicht die ganze Welt erfiillt von dem Christus-Geist, der im Innern
des Menschen aufgeht, dafi der aus dem Kosmos erst hereinzieht in
den Menschen? Und machen Sie sich klar, was fiir eine Bedeutung das
Sonnenlicht fiir den Menschen hat, wie der Mensch physisch ohne das
Sonnenlicht nicht leben kann, wie das Licht uberall uns umgibt, dann
werden Sie auch verstehen konnen, wenn ich Ihnen sage, daft in jenen
alteren Zeiten, von denen ich heute gesprochen habe, der Mensch sich
durchaus als Licht im Lichte fuhlte. Er fiihlte sich zum Licht hinzuge-
horig. Er sagte nicht «Ich bin», er nahm die Sonnenstrahlen wahr, die
auf die Erde fielen, und er unterschied sich nicht von den Sonnen-
strahlen. Wo er das Licht wahrnahm, nahm er auch sich wahr, denn da
drinnen fuhlte er sich. Wenn das Licht ankam, fuhlte er sich auf den
Wogen des Lichtes, auf den Wogen des Sonnenhaf ten, der Sonne.
Mit dem Christus wurde das in seinem eigenen Inneren wirksam.
Es ist die Sonne, die in das eigene Innere einzieht und in dem eigenen
Inneren wirksam wird. Es steht das natiirlich vielfach in der Bibel,
dieser Vergleich des Christus mit dem Lichte, aber wenn heute die
Anthroposophie wiederum aufmerksam machen will, daft man es da
mit einer Wirklichkeit zu tun hat, dann lehnen sich heute am meisten
diejenigen Menschen auf, fiir deren Fakultat in den Verzeichnissen
der Universitaten steht: «Gottesgelahrtheit». Sie lehnen das Wissen
iiber diese Dinge eigentlich ab. Und es ist schon eine tief bedeutsame
Tatsache, daft es gerade in Basel einmal einen solchen Gottesgelahrten
gegeben hat, der auch ein Freund Nietzsches war: Overbeck, der das
Buch geschrieben hat iiber die Christlichkeit der heutigen Theologie.
Mit diesem Buche wollte er eigentlich als Theologe konstatieren, daft
man noch das Christliche hat, daft es damals, in den siebziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts, noch dieses Christliche gab, daft aber auch
schon vieles unchristlich geworden sei, daft jedenfalls aber die Theolo-
gie nicht mehr christlich sei. Das wollte der an der theologischen Fakul-
tat in Basel wirksame Theologieprofessor Overbeck durch sein Buch
iiber die Christlichkeit der heutigen Theologie zum Beweise erheben.
Es ist ihm auch in hohem Grade gelungen. Und wer das Buch ernst
nimmt, der kommt eben zu der Uberzeugung: Es mag heute noch
manches Christliche geben, aber die moderne Theologie ist jedenfalls
unchristlich geworden. Und es mag heute noch manches Christliche
geben, aber wenn die Theologen anfangen, iiber Christus zu reden,
so sind ihre Worte jedenfalls nicht mehr christlich. Diese Dinge werden
nur gewohnlich nicht ernst genug genommen. Aber sie sollten ernst
genommen werden, denn wiirden sie ernst genommen, dann wiirde
man nicht nur die Notwendigkeit des heutigen anthroposophischen
Wirkens einsehen, sondern man wiirde auch die ganze Bedeutung der
Anthroposophie einsehen. Und man wiirde sich vor alien Dingen der
Verantwortung bewufit sein, die man heute der gegenwartigen Mensch-
heit gegeniiber hat in bezug auf so etwas wie anthroposophisches Wis-
sen. Denn dieses anthroposophische Wissen miifite eigentlich heute
allem Wissen zugrunde liegen. Es miifke alles Wissen, insbesondere
das soziale Wissen, aus diesem anthroposophischen Wissen herausge-
holt werden. Denn indem die Menschen lernen, dafi das Licht des
Christus in ihnen lebt - Christus in mir -, indem sie das voll erleben,
lernen sie, sich als etwas anderes anzusehen als das, was man bekommt,
wenn man nur den Menschen als dem Leichnam der Natur angehorig
ansieht. Aus dieser Anschauung aber, dafi der Mensch der zum Leich-
nam gewordenen Natur angehort, ist unsere antisoziale, unsoziale
Gegenwart entstanden. Und zu einer wirklichen Anschauung, die wie-
derum die Menschen zu Briidern machen kann, die wiederum wirkliche
Moralimpulse in die Menschheit bringen kann, kann es doch nur kom-
men, wenn der Mensch zum Verstandnis des Wortes vordringt: Nicht
ich, sondern der Christus in mir -, wenn der Christus, gerade im Um-
gange von Mensch zu Mensch, gefunden wird als eine wirksame Kraft.
Ohne diese Erkenntnis kommen wir nicht vorwarts. Wir brauchen
diese Erkenntnis, und diese Erkenntnis mu£ gefunden werden. Kom-
men wir vorwarts bis zu ihr, dann kommen wir auch iiber diese hinaus
vorwarts, dann kommen wir zu der Durchchristung unseres sozialen
Lebens.
DIE VERANDERUNGEN IM ERLEBEN
DES ATMUNGSPROZESSES IN DER GESCHICHTE
Dornach, 26. M'drz 1922
Es wird in unserer Zeit viel gesprochen von dem Unterschiede zwischen
Glauben und Wissen, und es wird insbesondere auch oftmals behaup-
tet, daft Anthroposophie nach dem, was sie zu sagen hat, sich nicht als
Wissenschaft, sondern als Glaubensinhalt bezeichnen musse, als Glau-
bensiiberzeugung. Im Grunde genommen riihren aber alle Unterschie-
de, die in diesem Stile gemacht werden, davon her, daft die Menschen
sehr wenig Einsicht haben in das, was sich als Glaube im Laufe der
Menschheitsentwickelung ergeben hat, und daft sie eigentlich auch
nicht sehr viel Einsicht in das haben, was Wissen ist.
Aller Glauben, alles, was mit dem Worte Glauben zusammenhangt,
geht eigentlich in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zuriick.
Es geht zuriick in diejenigen Zeiten, in welchen der Atmungsprozeft
eine viel groftere Rolle im Leben des Menschen selbst spielte, als das
jetzt der Fall ist. Der Mensch mit seiner gegenwartigen Seelenverfas-
sung achtet eigentlich nicht auf seinen Atmungsprozeft. Er atmet ein
und atmet aus, aber er nimmt dabei nicht irgendein besonderes Erlebnis
wahr.
Die Glaubensinhalte alterer Zeiten haben immer auf die Bedeutung
des Atmens hingewiesen. Man braucht sich nur zu erinnern - ich habe
schon in diesen Tagen darauf aufmerksam gemacht -, daft im Alten
Testament geradezu des Menschen Schopfung in Zusammenhang ge-
bracht wird mit dem Einhauchen des Atems, und man braucht sich
nur zu erinnern an das, was ich ausgefuhrt habe iiber jenes Streben,
das im alten Indien zum Beispiel vorhanden war, hohere Erkenntnis
dadurch zu erringen, daft in einer bestimmten Weise der Atmungspro-
zefi geregelt wurde. Dieses Streben hatte einen Sinn in derjenigen Zeit,
in der der Mensch iiberhaupt mehr auf seinen Atem achtete. Ich habe
gesagt, dieses Streben fand statt in der Zeit, da der Mensch um sich
herum nicht nur jene tote Natur wahrnahm, die wir heute wahrneh-
men, sondern in der der Mensch in alien Naturdingen und Naturtat-
sachen geistig-seelische Wirksamkeiten sah, in der er in jeder Quelle,
in jeder Wolke, im Flusse und im Winde geistig-seelische Tatigkeit
wahrnahm. In dieser Zeit wurde angestrebt, den Atem bewuflter und
bewufiter zu machen: das Einatmen, das Atemhalten, das Ausatmen
zu regeln. Und durch diese Regelung des Atmungsprozesses wurde
das erzeugt, was man das Selbstbewufitsein nennen kann, das Erlebnis
des Ich, des «Ich bin». Aber es war das eine Zeit, in welcher uberhaupt
die Wahrnehmung, das Erlebnis des Atmens eine gewisse Rolle spielte
im menschlichen Leben. Der Mensch der Gegenwart kann sich aus sei-
nem gewohnlichen Bewufitsein heraus nicht viel Vorstellungen machen,
wie das war. Ich mochte Ihnen eine solche Vorstellung einmal geben.
Nicht wahr, der Atmungsprozefi zerf allt ja in das Einatmen, in das
Atemhalten und in das Wiederausatmen. Dieser Atmungsprozefi ist
zunachst durch die Natur des Menschen geregelt. Die Joga-Gelehrten,
von denen ich gesprochen habe, die regelten ihn anders. Wie heute der-
jenige, der studiert, ein Denken entwickelt, das nicht das Denken des
Alltags ist, so entwickelte man in den Zeiten, in denen das Atmen eine
besondere Lebensrolle spielte, auch ein anderes Atmen als im gewohn-
lichen Leben. Aber wir wollen jetzt einmal nicht das Joga-Atmen,
das entwickelte Atmen, sondern das gewohnliche betrachten. Ich kann
Ihnen das am besten schematisch darstellen.
Nehmen wir an, das ware der menschliche Brustorganismus, so
konnen wir sagen: Wir unterscheiden den Einatmungsprozefi, den
Atemhalteprozeft — den werde ich nicht besonders zeichnen - und den
Ausatmungsprozefi. Indem der Mensch in alteren Zeiten einatmete,
erlebte er etwa so, als ob mit dem Einatmen, also mit der eingeatmeten
Luft aus der Aufienwelt dasjenige hereinkame, was Geistiges in den
Wesen und Tatsachen der Aufienwelt war. Also in dem, was ich hier
rotlich als die Einatmungsstromung bezeichnet habe, erlebte der
Mensch, sagen wir, Gnomen, Nymphen, alles das, was Geistig-Seeii-
sches in der umgebenden Natur war. Und indem er ausatmete (blau),
indem er also die Atemluft nach aufien schickte, wurden im Aus-
atmen diese Wesenheiten wiederum unsichtbar. Sie verloren sich ge-
wissermafien in der umgebenden Natur. Man atmete ein und wufite:
da in der Natur draufien ist Geistig-Seelisches, denn man spiirte in dem
Einatmen die Wirkung dieses Geistig-Seelischen. Man fuhlte dabei sich
verbunden mit dem Geistig-Seelischen der aufieren Natur. Das wirkte
auf den Menschen in diesen alten Zeiten - aber es ist nur vergleichs-
weise gesprochen - in einer gewissen Weise berauschend. Er berauschte
sich mit dem Geistig-Seelischen der Umwelt. Und indem er wiederum
ausatmete, erniichterte er sich. So dafi er in einem Berauschenden und
einem Erniichternden lebte. Und in diesem Berauschen und Erniichtern
war eine Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen der Aufienwelt.
Aber es war noch etwas anderes da. Der Mensch fuhlte, indem er
einatmete, indem er gewissermafien sich berauschte mit dem Geistig-
Seelischen, aus der Atemstromung in seinen Kopf leise heraufziehen,
wie ihn die geistig-seelischen Wesen innerlich ausfiillten, wie sie sich
mit seinem eigenen Leibeswesen vereinigten. So daft das, was da der
Mensch verspiirte, etwa so ausgedriickt werden kann: Ich atme das
Geistig-Seelische der Umwelt ein. Es erfiillt mein Haupt. Ich spike es,
ich empfinde es. Dann wird der Atem gehalten. Und im Ausatmen
wiirde der Mensch sagen: Ich gebe wieder zuriick meine Empfindung
von dem Geistig-Seelischen.
Aber das hatte einen innigen Zusammenhang mit dem Leben. Neh-
men Sie einmal nur eine ganz einfache Sache: Hier liegt Kreide. Wenn
man diese Kreide heute ergreift, schaut man sie an, man greift hin,
nimmt sie auf. So hat das der Mensch der alten Zeitepoche nicht ge-
macht. Wir haben den Gedanken, indem wir die Kreide anschauen, und
heben sie dann auf. Das war bei dem alten Menschen nicht der Fall,
sondern der schaute hin, atmete das, was von der Kreide geistig aus-
stromt, ein, atmete aus, und erst im Ausatmen ergriff er die Kreide, so
dafi fur ihn Einatmen gleich Beobachten, Ausatmen gleich Tatigsein
war. Es war das in einer Zeit, in der eigentlich der Mensch mit der
Umwelt immer in einer Art von rhythmischer Wechselwirkung lebte.
Diese rhythmische Wechselwirkung hat sich ja erhalten fur spatere
Zeiten, aber ohne das lebendige, anschauende Bewulksein der alten
Zeiten. Nehmen Sie einmal an, wie noch in unserer Jugendzeit auf dem
Lande handgedroschen wurde: anschauen, schlagen, anschauen, schla-
gen, in rhythmischer Tatigkeit. Diese rhythmische Tatigkeit entsprach
einem gewissen Atmungsprozefi.
Einatmen = Beobachten
Ausatmen = Tun
Fur eine spatere Entwickelung der Menschheit konnen wir sagen:
Es erlosch im menschlichen Wahrnehmen dieses Erleben des Einatmens,
und der Mensch nahm oder nimmt nur dasjenige wahr, was vom At-
men in sein Haupt hinaufgeht. In alten Zeiten also, da nahm der
Mensch wahr, wie sich das Eingeatmete, das fur ihn ein Berauschen
war, ins Haupt fortsetzte und sich dort verband mit den Sinnesein-
driicken. Das war spater nicht mehr der Fall Spater verliert der
Mensch das, was in seinem Brustorganismus vorgeht, aus seinem Be-
wufitsein. Er nimmt nicht mehr dieses Heraufstromen des Atmens
wahr, weil die Sinneseindrticke starker werden. Sie loschen aus, was
im Atem heraufkommt. Wenn Sie heute sehen oder horen, dann ist in
dem Vorgang des Sehens und auch in dem Vorgang des Horens der
Atmungsvorgang drinnen. Beim alten Menschen lebte das Atmen stark
im Horen und Sehen, bei dem heutigen Menschen lebt das Sehen und
Horen so stark, daft der Atem ganz abgedampft wird. So daft wir sagen
konnen, jetzt lebt nicht mehr das, was da berauschend, den Kopf durch-
stromend, von dem Alten im Atmungsprozeft in seinem Innern wahr-
genommen worden ist, so daft er sagte: Ah, die Nymphen! Ah, die
Gnomen! Nymphen, die wurlen im Kopfe so, Gnomen, die hammern
im Kopfe so, Undinen, die wellen im Kopfe so! - Heute wird dieses
Hammern, Wellen, Wurlen iibertont von dem, was vom Sehen, vom
Horen herkommt und was heute den Kopf erfiillt.
Es gab also einstmals eine Zeit, in der der Mensch starker wahrnahm
dieses Heraufstromen des Atmens in sein Haupt. Das ging iiber in die
Zeit, in der der Mensch noch durcheinander wahrnahm, in der er noch
etwas von den Nachwirkungen des gnomigen Hammerns, des undinen-
haften Wellens, des nymphenhaften Wurlens, indem er noch etwas
wahrnahm von dem Zusammenhang dieser Nachwirkungen mit den
Ton-, Licht- und Farbenwahrnehmungen. Dann aber verlor sich alles
das, was er vom Atmungsprozeft noch wahrnahm. Und von denjenigen
Menschen, die noch eine Spur von Bewufttsein hatten, daft einmal das
Atmen das Geistig-Seelische der Welt in den Menschen hereinfiihrte,
wurde das, was da nun blieb, was sich festsetzte aus der Sinneswahr-
nehmung im Zusammenhang mit dem Atmen, «Sophia» genannt. Aber
das Atmen nahm man nicht mehr wahr. Also der geistige Atmensinhalt
wurde abgetotet, besser gesagt, abgelahmt durch die Sinneswahrneh-
mung.
Dieses wurde insbesondere von den Griechen empfunden. Die Grie-
chen hatten gar nicht die Idee von einer solchen Wissenschaft, wie wir
heute. Wenn man den Griechen erzahlt hatte von einer Wissenschaft,
wie sie heute an unseren Hochschulen gelehrt wird, es ware ihnen das
so vorgekommen, wie wenn ihnen jemand mit kleinen Stecknadeln
das Gehirn fortwahrend durchstochen hatte. Sie hatten gar nicht be-
griffen, dafi das einem Menschen eine Befriedigung geben kann. Wenn
sie solche Wissenschaft, wie wir sie heute haben, hatten aufnehmen sol-
len, dann hatten sie gesagt: Das macht das Gehirn wund, das verwun-
det das Gehirn, das sticht. - Denn sie wollten noch etwas wahrnehmen
von jenem wohligen Ausbreiten des berauschenden Atems, in den sich,
hineinstromend, das Gehorte, das Gesehene ergiefit. Es war also bei
den Griechen em Wahrnehmen eines inneren Lebens im Haupte vor-
handen, solch eines inneren Lebens, wie ich es Ihnen jetzt schildere.
Und dieses innere Leben, das nannten sie Sophia. Und diejenigen, die
es liebten, diese Sophia in sich zu entwickeln, die eine besondere Nei-
gung hatten, sich hinzugeben an diese Sophia, die nannten sich Philo-
sophen. Das Wort Philosophic deutet durchaus auf ein inneres Erleben.
Jene greulich pedantische Aufnahme von Philosophic, wobei man
Philosophie eben «ochst» - wie man es im Studentenleben nennt -, je-
nes Sich-bekannt-Machen mit dieser Wissenschaft, das kannte man in
Griechenland nicht. Aber das innere Erlebnis des «Ich liebe Sophia»,
das ist es, was sich in dem Worte Philosophie zum Ausdrucke bringt.
Aber ebenso, wie im Haupte von den Sinneswahrnehmungen aufge-
nommen wird der in den Leib einlaufende Atmungsprozefi, so wird
von dem iibrigen Leib das aufgenommen, was ausstromt als ausge-
atmete Luft. Im GliedmajKen-Stoffwechsel-Organismus stromen eben-
so, wie sonst die Sinneswahrnehmungen durch das Gehorte, wie das
Gesehene in das Berauschende der eingeatmeten Luft in das Haupt
hineinstromt, die korperlichen Gefiihle, die Erlebnisse mit der ausge-
atmeten Luft zusammen. Das Erniichternde der ausgeatmeten Luft,
das Ausloschende fiir die Wahrnehmung, das flofi zusammen mit den
korperlichen Gefiihlen, die im Gehen, im Arbeiten erregt wurden. Das
Tatigsein, das Tun war mit dem Ausatmen verkniipft. Und indem
der Mensch sich betatigte, indem er etwas tat, fiihlte er gewissermaften,
wie von ihm fortging das Geistlg-Seelische. So dafi er fiihlte, wenn
er irgend etwas tat, irgend etwas arbeitete, wie wenn er das Geistig-
Seelische einstromen liefie in die Dinge hinein. Ich nehme auf das
Geistig-Seelische: es berauscht mein Haupt, es verbindet sich mit dem
Gesehenen, mit dem Gehorten. Ich tue etwas, ich atme aus. Das Geistig-
Seelische geht fort. Es geht hinein in das, was ich hammere, es geht
hinein in das, was ich ergreife, es geht hinein in alles das, was ich ar-
beite. Ich entlasse das Geistig-Seelische aus mir. Ich iibertrage es, in-
dent ich zum Beispiel die Milch sprudele, indem ich irgend etwas
aufierlich mache, ich lasse einstromen das Geistig-Seelische in die
Dinge. - Das war das Gefuhl, das war die Empfindung. So war es also
in den alten Zeiten.
Aber dieses Wahrnehmen des Ausatmungsprozesses, dieses Wahrneh-
men der Ernuchterung horte eben auf , tmd es war nur noch eine Spur
vorhanden in der Griechenzeit. In der Griechenzeit fuhlten die Men-
schen noch etwas, wie wenn sie, indem sie sich betatigten, noch etwas
Geistiges den Dingen iibergaben. Aber dann wurde doch alles das, was
da im Atmungsprozefi war, abgelahmt von dem Korpergefuhl, von
dem Gefuhl der Anstrengung, der Ermudung im Arbeiten. Ebenso wie
der Einatmungsprozefi nach dem Haupte abgelahmt wurde, so wurde
der Ausatmungsprozefi nach dem iibrigen Organismus abgelahmt. Die-
ser geistige Ausatmungsprozefi war abgelahmt durch das Korperge-
fuhl, also durch das Gefuhl der Anstrengung, des Erhitztwerdens und
so weiter, durch das, was im Menschen lebte, so dafi er seine eigene
Starke fiihlte, die er anwendete, indem er sich betatigte, indem er et-
was tat. Er fiihlte in sich jetzt nicht den Ausatmungsprozefi als Ermii-
dung, er fiihlte in sich eine Kraftwirkung, er fiihlte den Korper durch-
drungen mit Energie, mit Kraft.
Diese Kraft, die da im Innern des Menschen lebte, das war Pistis,
der Glaube, das Fuhlen des Gottlichen, der gottlichen Kraft, die einen
arbeiten lafit: Pistis, der Glaube.
Sophia — der geistige Atmungsinhalt,
abgelahmt durch die Sinneswahrnehmung
Pistis = der geistige Ausatmungsprozefi,
(Glaube) abgelahmt durch das Korpergefuhl
So flofi im Menschen zusammen die Weisheit und der Glaube. Die
Weisheit stromte nach dem Haupte, der Glaube lebte im ganzen Men-
schen. Es war die Weisheit nur eben der Ideeninhalt. Und es war der
Glaube die Kraft dieses Ideeninhaltes. Beide gehorten zusammen. Daher
auch diese einzige gnostische Schrif t, die erhalten ist aus dem Altertum,
die Pistis-Sophia-Schrift. So dafi man in der Sophia eine Verdiinnung
der Einatmung, in dem Glauben eine Verdichtung der Ausatmung
hatte. Dann verdiinnte sich die Weisheit weiter. Und in der weiteren
Verdiinnung ist die Weisheit die Wissenschaft geworden. Und dann
verdichtete sich die innere Kraft weiter. Der Mensch fiihlte nur noch
seinen Leib: es entschwand ihm das Bewufttsein, was Glaube, Pistis ei-
gentlich ist. Und es kam dann eben dazu, daft die Menschen, weil sie
den Zusammenhang nicht mehr erfuhlen konnten, das trennten, was
als blofier Glaubensinhalt gewissermafien subjektiv vom Innern auf-
steigen sollte, und dasjenige, was sich mit der aufieren Sinneswahrneh-
mung verbindet. Erst war Sophia, dann Scientia, die gewohnliche Wis-
senschaft, die eine verdiinnte Sophia ist. Man konnte auch sagen: Ur-
sprunglich war die Sophia ein wirkliches Geisteswesen, das der Mensch
als einen Bewohner seines Kopfes fiihlte. Heute hat er von diesem gei-
stigen Wesen nur noch das Gespenst. Denn die Wissenschaft ist das
Gespenst der Weisheit. Das ist etwas, was eigentlich dem heutigen
Menschen wie eine Art Meditation durch die Seele ziehen sollte, dafi
die Wissenschaft das Gespenst der Weisheit ist. Und ebenso nach der
anderen Seite der Glaube - den man heute gewohnlich so nennt; hier
hat man nicht eigentlich einen besonderen Unterschied erfaiSt in den
Worten der Glaube, der heute lebt, ist nicht der innerlich erlebte
Glaube des Altertums, Pistis, sondern er ist das mit dem Egoismus eng
verbuttdene Subjektive. Er ist der verdichtete Glaube der alten Zeiten.
In dem noch nicht verdichteten Glauben hat man noch das objektive
Gottliche im Menschen erfiihlt. Heute findet man den Glauben nur
noch subjektiv gewissermafien heraufsteigend als Rauch aus dem Kor-
per. So dafi man sagen konnte, so wie die Wissenschaft das Gespenst
der Weisheit ist, so ist der heutige Glaube das Schwergewordene des
ehemaligen Glaubens, der Klofi des ehemaligen Glaubens.
Diese Dinge mufimanebenso zusammenhalten, dannwird man nicht
mehr so oberflachlich urteilen, wie es heute viele Menschen tun, die da
sagen: Anthroposophie sei nur ein Glaubensinhalt. Solche Menschen
wissen nicht, wovon sie reden, weil sie den ganzen Zusammenhang des
Glaubens mit der Weisheit, dieses innerliche Eins-Erleben von Glaube
und Weisheit sich eben niemals aus der wirklichen Geschichte der
Menschheit heraus zumBewufksein gebracht haben.Wo redet man denn
heute von Geschichte so, wie wir es Her darstellen mttssen? Wo redet
man denn heute davon, was der Atmungsprozefi fur den Menschen
einmal war, wie er ein ganz anderes Erleben darstellte, als es das
heutige ist? "Wo wird man sich denn bewufit, wie abstrakt auf der
einen Seite und robust materiell auf der anderen Seite dasjenige ge~
worden ist, was einmal ein wirkliches Geist-Seelisches nach der einen
Seite und ein wirkliches Seelisch-Leibliches nach der anderen Seite
war?
Als die Glaubensentwickelung an einem bestimrnten Punkte ange-
langt war, da wurde es eben fur die Menschheit notwendig, in diesen
Glaubensinhalt etwas ganz Bestimmtes aufzunehmen. In alten Zeiten
hatte ja der Mensch das Gottliche in dem Glaubensinhalte drinnen.
Er erlebte das Gottliche im Ausatmungsprozeft. Aber der Ausatmungs-
prozefi ging ihm fur sein Bewufitsein verloren. Er hatte nicht mehr das
Bewufitsein, dafi da das Gottliche in die Dinge hinaus iibergeht. Der
Mensch brauchte fur sein Bewufitsein eine Wiederbelebung des Gott-
lichen, und er bekam diese Wiederbelebung dadurch, daft er nun eine
Vorstellung in sich herein bekam, die auf der Erde keine aufiere Wirk-
lichkeit hat. Auf der Erde hat es keine aufiere Wirklichkeit, daft die
Toten aus den Grabern aufstehen. Aber das Mysterium von Golgatha
hat fiir den Menschen nicht einen wirklichen Inhalt, wenn er den Le-
bensgang des Jesus schildert, bis Jesus stirbt. Das ist schliefilich nichts
Besonderes. Daher ist der Jesus auch fiir die moderne Theologie nichts
Besonderes mehr. Denn dafi ein Mensch irgendwelche Erlebnisse durch-
macht und dann stirbt, wie die moderne Theologie das Leben Jesu
darstellt, das ist ja nichts Besonderes. Das Mysterium beginnt erst mit
der Auferstehung, mit dem lebendigen Leben des Christus-Wesens,
nachdem der physische Leib durch den Tod gegangen ist. Und - das
ist ja auch entsprechend dem Paulusworte - wer diese Vorstellung der
Auferstehung nicht aufnimmt in sein Bewufitsein, der hat gar nichts
vom Christentum aufgenommen, daher die moderne Theologie ja
eigentlich nur eine Jesulogie, eigentlich gar kein Christentum ist. Das
Christentum braucht eine solche Vorstellung, die sich auf eine Wirk-
lichkeit bezieht, die nicht auf dieser Erde sich abspielt als unmittelbare
Anschauung der Sinne, sondern die als Vorstellung schon den Menschen
hinauf hebt ins Obersinnliche.
Durch ein innerliches Erleben wurde der alte Mensch hinauf gehoben
in das Obersinnliche. Ich habe Ihnen in diesen Tagen dargestellt, wie
der Joga-Schiiler hingefuhrt wurde zu dem innerlichen Erleben des
Babyseins. Man erlebte die ersten Eindnicke des Babyseins, dasjenige,
was plastisch an dem Menschen gestaltet. Das, wovon man sonst nichts
weift, das wurde durch die Joga-Ubungen, von denen ich Ihnen ge-
sprochen habe, bewulk, damit aber gleichzeitig das ganze Vorgeburt-
liche, beziehungsweise das Leben, das vor der Empfangnis liegt, wo die
Seele des Menschen in der geistigen Welt oben war, bevor sie herunter-
stieg und einen physischen Leib annahm. Davon blieb nur eine Vor-
stellung zuriick. Diese Vorstellung ist auch in den Evangelien enthal-
ten: So ihr nicht werdet wie die Kindlein, konnet ihr nicht eindringen
in die Reiche der Himmel. - Dieses Wort bezieht sich darauf , nur hatte
es in jener Zeit kein unmittelbares Leben mehr. Es war dieses Wort
gewissermafien eine Erinnerung, dafi man einstmals sich zuriickver-
setzen konnte in die Kindleinszeit und da die Reiche der Himmel er-
leben konnte, aus denen man heruntergestiegen ist durch die Geburt
ins physische Dasein. Es ist wohl kaum so, dafi der Mensch heute, wenn
er aus den Evangelien oder aus einer sonstigen alten Sprache von den
Reichen der Himmel hort, sich etwas Bedeutsames darunter vorstellt.
Er denkt dann wohl: Nun ja, das habe ich hier auf Erden gesehen -
Frankreich, England und so weiter, das ist in Reiche gespalten. Was
da auf Erden an Reichen vorhanden ist, das ist auch da oben, da sind
auch die Reiche der Himmel. - Sonst kann ja der Mensch nicht recht
eine konkrete Vorstellung von den Reichen der Himmel bekommen,
wenn er nicht das, was da unten ist, auch oben vorstellen kann. Ich
glaube, man sagt im Englischen sogar, wenn ich nicht irre: die Konig-
reiche der Himmel. Ja, da bekommt man keine Vorstellung von dem,
was in dem heute modernisierten Ausdruck «die Reiche der Himmel»
liegt. Das Evangelium sagt sogar gewohnlich so, dafi man es noch
weniger irgendwie sehen kann, was es eigentlich bedeutet, es sagt so-
gar: das Gottesreich. Dabei denkt sich der Mensch wohl schon kaum
noch irgend etwas, sondern er lalk eben ein Wort erklingen.
Aber die Himmel waren in alten Zeiten ganz genau dasjenige, was
sich - wenn etwa hier die Erde ist (Mitte) - ausbreitete als Sphare der
Welt (weifi, blau). Und «Reich» - was war denn das? Wir wollen von
aller Philologie absehen und hier die Beobachtung zu Hilfe nehmen,
welche durch anthroposophische Methode selbst gegeben werden kann.
«Reich» = dasjenige, was hinreicht, was umreicht, was umringt, das
ist das Reichende, das Tonende, das Sprechende, so da£ man sich zur
Vorstellung aufschwingen mufi: Durch diese Himmel tont hindurch
fur den, der es wahrnehmen lernt, das Geistig-Seelische. Er nimmt
nicht nur wahr die Himmel, sondern das die Himmel durchklingende,
durchreichende Weltenwort.
Wer nicht werden kann wie die Kindlein, kann nicht wahrnehmen
das Wort der Himmel, das Wort, das iiberall aus den Himmeln spricht.
Wenn man irdische Reiche «Reiche» nennt, und die irdischen Herr-
scher «Herrscher dieser Reiche», so mufite man ja die geheime Vor-
stellung haben, dafi diese Herrscher so laut sprechen oder singen konn-
ten, dafi ihre Stimme durch ihr ganzes Reich erklingt. In alteren, legen-
denhaften Vorstellungen gibt es auch so etwas wie ein Ertonen des
Reiches. Und symbolisch kam das dadurch zum Ausdrucke, dafi Ge-
setze gegeben wurden, die nach den Himmelsgegenden hin mit Posau-
nen verkundet wurden, wodurch das Reich eine Wirklichkeit wurde.
Das Reich war nicht die Flache, auf der die Menschen wohnten, son-
dern das Reich war das, was die Posaunenengel als den Inhalt der
Gesetzmafiigkeiten hinaustrugen in die Weiten.
Aber es war eine Erinnerung. Es mufite eine andere Vorstellung
kommen, die sich mehr auf den Willen bezog - das Vorherige bezog
sich auf die Idee, auf den Gedanken -, auf dasjenige, was mit dem Men-
schen geht, wenn er durch das Tor des Todes geht. Da bleibt ja als seine
Energieentwickelung der Wille. Der geht mit ihm durch die Pforte des
Todes mit dem Weltgedankeninhalt. Der menschliche Wille, erfiillt
mit Weltengedanken, geht mit ihm in die geistigen Weiten ein, wenn
der Mensch stirbt. Und an diesen Willen wandte sich nun die neue
Vorstellung von dem auf erstandenen Christus, von dem, der lebt, auch
wenn er irdisch gestorben ist. Das war die kraftige, gewaltige Vorstel-
lung, die nicht blofi zuriickerinnerte an die Kindheit, die hinwies auf
den Tod, und die im Menschen an das appellierte, was mit ihm durch
die Pforte des Todes hindurchgeht. So finden wir durchaus begriindet
in der Menschheitsentwickelung selbst das Hereinbrechen der Christus-
Vorstellung, des ganzen Christus-Impulses.
Nun kann man aber allerdings sagen: Auch heute sind doch noch
viele Menschen auf der Erde, die nichts wissen vom Christus. Diejeni-
gen Menschen, die heute von ihm wissen, wissen es ja meistens schlecht,
aber sie lernen etwas vom Christus, wenn sie auch nach dem Sinn des
heutigen Materialismus die Vorstellung vom Christus, die Empf indung
vom Christus, die sie in sich haben, nicht richtig haben. Aber es gibt
doch auf der Erde viele Menschen, die eben in anderen, alteren Religi-
onsformen leben. Und da entsteht die grofie Frage, die ich schon
gestern andeutete. Ich sagte, das Mysterium von Golgatha ist eine
Tatsache. Der Christus ist fur alle Menschen gestorben. Der Christus-
Impuls ist eine Kraft der ganzen Erde geworden. In diesem objektiven
Sinne, abgesondert vom Bewulksein, ist der Christus da fur Juden,
Heiden, Christen, Hindumenschen, Buddhisten und so weiter. Er ist
da. Er lebt seit dem Mysterium von Golgatha in den Kraften der
Erden-Menschheitsentwickelung. Aber es macht doch einen Unter-
schied, ob die Menschen innerhalb eines christlichen Bereiches oder
eines nichtchristlichen Bereiches leben. Welcher Unterschied da be-
steht, das kann man nur studieren, wenn man den Zusammenhang
erblickt zwischen dem Leben, das der Mensch entfaltet zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt und dem Erdenleben. Wenn der Mensch
durch den Tod gegangen ist und im Leben, sagen wir, Buddhist oder
Hinduist war, wenn er also gar keine Vorstellung, keine Empfindung
von dem Christus aufgenommen hat, so nimmt er fur das Weltenall
hinter den Tod dasjenige mit, was der Mensch eben hier auf der Erde
erfahren kann von der aufieren Umgebung, von der Natur. Man wiir-
de in den Himmeln nichts von der Natur wissen, wenn der Mensch
dorthin nicht - wenn er durch den Tod in die Reiche der Himmel
eintritt - die Kunde von der Erde bringen wiirde. Der Mensch tragt,
was er hier auf der Erde aufnimmt, hinuber in das Reich des Ober-
sinnlichen, indem er durch den Tod geht, denn dadurch haben die
iibersinnlichen Welten uberhaupt erst eine Kenntnis von dem Minera-
lischen, von dem Pflanzlichen, von dem Tierischen auf der Erde.
Derjenige aber, der von Christus etwas weifi, der namentlich die Vor-
stellung haben kann, dafi Christus in ihm lebt, der das Paulinische
Wort erlebt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» -, der tragt nun
nicht blofi die Kunde von der Erde in die iibersinnlichen Welten hin-
ein, sondern die Kunde von dem irdischen Menschen. So wird beides
hineingetragen auch noch von dem heutigen Menschen. Die Christen
tragen in die iibersinnliche Welt die Kunde von dem Erdenmenschen
hinein, von der leiblichen Erdengestaltung des Menschen. Die Hindu-
menschen, die Buddhisten und so weiter tragen in die Himmel hinein
die Kunde von dem, was um den Menschen herum ist. Es erganzen
sich schon heute die Menschen in dem, was sie als Beitrag liefern fur
die iibersinnlichen Welten, indem sie durch den Tod gehen. Es wird
natiirlich immer mehr und mehr notwendig, dafi alle Geheimnisse,
die der Mensch in sich selber, durch sich selber erleben kann, hinein-
getragen werden in die Himmel, dafS der Mensch also immer mehr
und mehr durchchristet werde. Aber vor alien Dingen ist es wichtig,
dafi das, was der Mensch nur als Mensch mit Menschen hier auf der
Erde erlebt, mittelst des Christentums durch den Tod getragen wird.
Bedenken Sie, dafi das eigentlich eine aufterordentlich wichtige
Wahrheit ist, eine ganz wesentliche Wahrheit. Nehmen Sie zum Bei-
spiel den Hinduisten, den Buddhisten. Was er erlebt im Anschauen der
Welt, im Empfinden der Welt, im Erfuhlen der Welt, was er erlebt an
Gedanken iiber Mineralien, an Empfindungen iiber Pflanzen, an Ge-
fiihlen iiber Tiere, er tragt das alles durch die Pforte des Todes und
bereichert das Gotterwissen in der ubersinnlichen Welt mit dem, was
er also erlebt. Das, was der Christ erlebt, indem er mit seinen Mitmen-
schen in ein soziales Verhaltnis tritt, indem er soziale Zusammenhange
entwickelt, also das, was man nur als Mensch unter Menschen erleben
kann, was in menschlicher Bruderschaft auf Erden erlebt wird, das
tragt seinerseits der Christ durch die Pforte des Todes. Man mochte
sagen: Der Buddhist tragt die Schonheit der Welt durch die Pforte des
Todes, der Christ tragt die Gute durch die Pforte des Todes. Sie er-
ganzen einander schon. Aber der Fortschritt des Christentums besteht
darin, dafi gerade die sozialen irdischen Verhaltnisse eine Bedeutung
fur die himmlischen Welten bekommen.
Die morgenlandischen Tyrannen mochten noch so viele Menschen
enthaupten, das riihrte gewissermafien die jenseitigen Welten wenig.
Es riihrte sie nur insofern, als der Mensch dadurch aufiere Eindriicke
empfing: die aufieren Eindriicke des Abscheus und so weiter, die wur-
den durch die Pforte des Todes getragen. Das, was heute durch jammer-
liche soziale Verhaltnisse an Unliebe zwischen Menschen entfaltet
wird, was durch Verkennung der sozialen Zusammenhange auf der
Erde als falscher Sozialismus sich ausbreitet, das hat eine grofie Be-
deutung auch fur die ubersinnlichen Welten, in die der Mensch durch
die Pforte des Todes eintritt. Und wenn heute unter der Flagge der
Verwirklichung des Sozialismus im Osten von Europa eine furchtbare,
zerstorerische Gewalt entwickelt wird, so wird auch das, was da erlebt
wird, hineingetragen als furchtbares Ergebnis in die jenseitigen Welten.
Und wenn entwickelt werden lieblose Verhaltnisse unter den Menschen
in der Zeit des Materialismus, so wurde das hineingetragen zum Ab-
scheu der gottlich-geistigen Welten durch die Pforte des Todes in die
ubersinnlichen Welten.
Durch das Christentum soil der Mensch gerade dazu kommen,
Ergebnisse der Erdenentwickelung, die durch ihn entstehen, auch in
die ubersinnlichen Welten hineinzutragen. Das, was der Mensch auf
der Erde selber ausbildet, das wird er durch den Gedanken an den
auferstandenen Christus, an ein lebendes Wesen, das durch den Tod
gegangen ist und doch lebt, fahig, in die geistigen Welten hineinzu-
tragen.
Daher haben auch diejenigen Menschen, die nicht mochten, daft
ihre sozialen Taten durch den Tod getragen werden, heute einen sol-
chen Horror davor, den auferstandenen Christus anzuerkennen. Es
hangt eben durchaus die sinnlich-physische Welt mit der iibersinn-
lichen Welt zusammen, und man versteht die eine nicht, wenn man sie
nicht im Zusammenhang mit der anderen versteht. Wir mussen wie-
derum dazu kommen, das, was auf der Erde vorgeht, dadurch zu ver-
stehen, daft wir die geistigen Ereignisse des Weltenalls verstehen. Wir
mussen lernen, nicht abstrakt zu reden von Geist und Materie, sondern
wir mussen lernen, hinzuschauen auf den Menschen, wie er einmal im
Atmungsprozeft einen Zusammenhang erfuhlte mit dem Gottlich-Gei-
stig-Seelischen der Welt, und mussen dadurch dazu kommen, selber
wiederum das Geistig-Seelische der Welt nun auf die Art zu erleben,
wie wir es eben in unserer Zeit erleben konnen. Auf eine andere Weise
kann auch keine Gesundung der sozialen Zustande der Erde erfolgen.
Man wird nach sozialer Verbesserung schreien, wird aber nichts er-
reichen, sondern im Gegenteil: Es wird alles immer mehr dem Nieder-
gange zugehen, wenn nicht diese Durchchristetheit unter den Menschen
Platz greift, die aber auf das Reale gehen muft, nicht auf das blofie
Aussprechen von inhaltlosen Worten, an denen man sich berauscht.
Am Atem durften sich die Alten berauschen. An Worten diirfen sich
die Neueren nicht berauschen. Worte diirfen fur sie kein Berauschendes
sein, sondern ein im Sinne der Sophia gehaltenes, den Menschen weis-
heitsvoll Durchdringendes.
Das sind die Dinge, durch die Anthroposophie auch auf das hin-
weist, was in sozialer Beziehung heute wichtig ist. Und sie mochte
schon in ihrem Namen etwas davon ausdriicken, diese Anthroposophie,
Anthroposophia, die ja auch eine Weisheit ist. Wahrend der Griechen-
zeit war der Mensch etwas Selbstverstandliches. Sophia war schon
eine Menschen-Weisheit, weil der Mensch noch licht-weisheitsvoll war.
Heute, wenn man sagt: Sophia, da denken die Menschen blofi an das
Gespenst der Sophia, an die Wissenschaft. Man mufi deshalb schon
appellieren an den Menschen, den man heranruft, an den Anthropos:
Anthroposophia. Man mufi aufmerksam machen, dafi das etwas ist,
was aus dem Menschen heraus kommt, was aus dem Menschen heraus
leuchtet, was aus den besten Kraften des Menschen heraus bliiht. Dar-
auf mufi man schon hinweisen. Aber dadurch wird auch Anthropo-
sophie etwas, was das menschliche Erdendasein belebt. Denn sie ist
etwas, was nur in einer geistigeren, aber nicht minder konkreten Weise
vom Menschen erlebt wird, als die alte Sophia erlebt wurde, und was
zu gleicher Zeit eben mitbewirken soil dasjenige, was dann im ganzen
Menschen war, der Inhalt des Glaubens, Pistis. Es ist Anthroposophie
durchaus nicht etwa ein Glaubensinhalt, sondern ein wirklicher Wis-
sensinhalt, aber ein solcher, der den Menschen eine Kraft gibt, wie sie
in alteren Zeiten nur der Glaube enthalten hat.
DAS WESEN DES MENSCHEN UND SEIN AUSDRUCK
IN DER GRIECHISCHEN KUNST
Dornach, 31. M'drz 1922
Vergegenwartigen wir uns heute einmal die Krafte, welche die mensch-
liche Wesenheit wahrend des Erdenlebens zusammenhalten, urn da-
durch in diesen Tagen einen Ausblick in einiges Kosmologische be-
kommen zu konnen. Wir wissen ja, daft der Mensch sich gliedert, wenn
wir das Nachste betrachten, was ihn im Erdenleben hier ausmacht,
in den physischen Leib, in den Bildekrafteleib, den man auch den
Atherleib nennen kann, in den astralischen Leib und in das Ich.
Stellen wir uns einmal vor Augen, wie wir etwa diese vier Glieder
der menschlichen Wesenheit charakterisieren konnen. Der physische
Leib ist ja das, was dem Menschen dadurch zukommt, dafi gewisser-
mafien die Erdenkrafte fur ihn arbeiten. In der Zeit, die der Mensch
durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, hat er es
ja nicht mit diesem physischen Leib zu tun. Aus den Bemerkungen,
die ich in den unmittelbar vorangehenden Vortragen gemacht habe,
haben wir gesehen, dafi die menschliche Wesenheit, wenn sie herunter-
steigt aus geistig-seelischen Gebieten zu einer physischen Verleib-
lichung, gewissermafien geistig abgestorben ist und ihre Kraft in Inner-
lichkeit wiederum gewinnen mufi durch das Untertauchen in die
physische Leiblichkeit. Diese physische Leiblichkeit selber aber wird
gewissermafien aus den Kraften der Erde heraus geboren und verbindet
sich mit dem, was aus der geistig-seelischen Welt herunterkommt. Aber
kurze Zeit, bevor der Mensch zur physischen Erdenverkorperung ge-
langt, hat er auch noch nicht den Bildekrafte- oder Atherleib. Dieser
wird ebenso erst mit der menschlichen Wesenheit verbunden fur dasEr-
dendasein wie der physische Leib. Nur hat dieser ganze Bildekrafte- oder
Atherleib ein anderes Verhaltnis zum Weltenall als der physische Leib.
Wenn wir den physischen Leib des Menschen in bezug auf seine
Krafte durchsuchen, so finden wir in ihm eben die Krafte des Erden-
planeten selber. Wenn wir aber an den Ather- oder Bildekrafteleib des
Menschen herangehen, so finden wir in ihm mehr die Krafte des Kos-
mos, die Krafte des gesamten Weltenalls. Dagegen sind im mensch-
lichen astralischen Leib und im menschlichen Ich solche Krafte ent-
halten, die eigentlich in dem aufieren Raum des Weltenalls gar nicht
angetroffen werden, die, wenn wir uns des Ausdrucks bedienen diirfen,
nicht von der Welt sind, der die Erde angehort.
Es ist eigentlich so, dafi die Erde fortwahrend das Bestreben hat,
den physischen Leib des Menschen fur sich in Anspruch zu nehmen,
ihrem eigenen Wesen einzuverleiben. Dagegen hat das Weltenall fort-
wahrend die Tendenz, den Bildekrafte- oder Atherleib des Menschen
in die ganze Welt zu zerstreuen. Wenn der Mensch in dem Zustande
ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann wirken in
dem, was im Bette bleibt, in dem physischen und in dem Bildekrafte-
leib, eigentlich die Krafte so, dafi der physische Leib fortwahrend,
Wenn ich mich so ausdriicken darf, sich mit der Erde verbinden will.
Er will der Erde ahnlich werden, er will ganz irdisch werden. Der
Bildekrafte- oder Atherleib will sich in das Weltenall zerstreuen. Und
wenn wir des Morgens beim Aufwachen unseren physischen Leib und
unseren Atherleib wiederfinden, so ist es eigentlich so, dafi, indem wir
da in den physischen Leib hineinkommen, er uns sagt: Mich hat die
Erde in Anspruch genommen wahrend der ganzen Nacht, mich wollte
die Erde zu Staub formen. Nur dadurch, dafi du mich den gestrigen
Tag und die vorhergehenden Erdentage zusammengehalten hast durch
dein Ich und durch deinen astralischen Leib, bin ich noch ein phy-
sischer Leib geblieben; es wirkten in mir die Krafte des Zusammen-
haltens fort. - Ebenso sagt der Bildekrafte- oder Atherleib: Eben
nur, weil ich die Gewohnheit angenommen habe, dir ahnlich zu sein,
habe ich die menschliche Form behalten. Eigentlich haben mich die
Krafte des Weltenalls wahrend der Nacht, wahrend du schliefest,
wahrend du aufier mir war est, in alle Winde zerstreuen wollen.
Wir haben jedesmal, wenn wir aufwachen, im Grunde genommen
die Anstrengung zu machen, unseren physischen Leib wiederum richtig
in unseren Besitz zu nehmen. Er will eigentlich uns abhanden kommen
vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das tun wir durch das Ich. Das
Ich kann, wenn es dazu geschult ist, sich wirklich so empfinden, als
ob es jeden Morgen neuerdings von dem physischen Leib Besitz er-
greifen mochte. Der astralische Leib, der kann spiiren beim Auf-
wachen, dafi er den Atherleib sich ahnlich machen mufi. Der wollte
schon eine unmenschliche Form annehmen. Der astralische Leib mu£
ihn wiederum in die menschliche Form zuriickdrangen. Man mochte
sagen: Der physische Leib verliert wahrend des Schlafens die Neigung,
sich von dem Ich besitzen zu lassen, und der Atherleib verliert die
Neigung, menschenahnliche Gestalt zu haben. Er flattert aus. So dafi
tatsachlich die Gestalt, die unser physischer Leib hat, nur ein Ergebnis
der Ich-Wirkung in unserer menschlichen Wesenheit ist. In der gegen-
wartigen Seelenverfassung haben die Menschen ja nicht viel Empfin-
dung fiir so etwas, das sich in den Worten ausdriicken lafit: Wenn ich
im Aufwachezustand in meinen physischen Leib zuriickkehre, dann
mufi ich ihn erst wiederum in Besitz nehmen. Er wollte mir abhanden
kommen, und der Atherleib wollte zerf lattern.
Nehmen wir aber an, es hatte einmal eine Zeit gegeben, in welcher
die Menschen noch eine deutliche Empfindung gehabt hatten von
diesem Kampf, der sich abspielt bei jedem Aufwachen zwischen dem
Ich und dem astralischen Leib einerseits, und dem physischen Leib
und dem Atherleib andererseits. Dann hatten sie ja auch, eben weil sie
diese deutliche Empfindung hatten, eine Empfindung davon gehabt,
dafi es etwas ganz Besonderes sein miifite, wenn der Mensch etwa dazu
kame, durch irgend etwas ganz plotzlich seinen physischen Leib und
seinen Atherleib verlassen zu miissen.
Wenn unter normalen Erdenverhaltnissen der Mensch seinen phy-
sischen Leib und seinen Atherleib verlafit, so geschieht ja das dadurch,
dafi der physische Leib, sei es durch Krankheit, sei es durch Alter, in
einem hohen Grade erdenahnlich geworden ist, so dafi er sich mit der
Erde vereinigen will, oder aber der Mensch hat durch irgendwelche
Verletzungen seinen physischen Leib dahin gebracht, dafi das Ich ihn
nicht mehr besitzen kann und so weiter. Aber nehmen wir an, es kame
ganz plotzlich dazu, dafi das Ich und der astralische Leib aus dem
vollgesunden unverletzten physischen Leib und Atherleib heraus miifi-
ten, so dal$ also diese im hochsten Sinne noch die Tendenz hatten, vom
Ich besessen zu werden und dem astralischen Leib ahnlich zu sein,
was miifite dann geschehen?
Der Gedanke konnte in dem alten Menschen aufgedarnmert sein:
Ja, dann konnte dieser physische Leib nicht ohne weiteres zerfallen.-
Er kann nur zerf alien, wenn er schon in sich die Tendenzen zum Zerfall
hat, wie durch Krankheit oder Altern oder dergleichen. Aber wenn
aus dem vollgesunden menschlichen Organismus, in dem der Bilde-
krafteleib darinnen ist, plotzlich der astralische Leib und das Ich her-
aus miifiten, dann muftte die menschenahnliche Form bleiben, denn es
ist noch voll die Tendenz vorhanden, von dem Ich und dem astra-
lischen Leib besessen zu werden. Es mufite voll die menschliche Form
dableiben. Der Mensch miifite so werden wie eine Bildsaule. Der phy-
sische Leib konnte nicht zerf alien, der Atherleib konnte nicht unahnlich
werden, weil die Trennung zu rasch gewesen ware. Es miifite der
Mensch eine Bildsaule werden.
Solch eine Empfindung scheint tatsachlich einmal dagewesen zu sein.
Sie kennen ja alle die griechische Sage von Niobe, welche sieben ge-
sunde Sonne und sieben gesunde Tochter hatte und die einmal aus
einer Fiille von Gesundheit heraus die Mutter des Apollo und der
Artemis verhohnte, weil diese, trotzdem sie eine Gottin ist, nur zwei
Kinder habe: Apollo und Artemis. Sie weigerte sich zu opfern, und
die Rache des Gottes oder der Gotter kam iiber sie. Sie muike es erle-
ben, dafi von den Pfeilen des Apollo und der Artemis getroffen ihre
sieben Tochter und ihre sieben Sonne ganz plotzlich dahinstarben,
getotet wurden. Sie sah das ganze Leichenfeld ihrer vierzehn Sprofi-
linge vor sich, und ihr Ich und ihr astralischer Leib verbanden sich im
Schmerze mit dem, was sie um sich herum sah. Sie kennen die Giebel-
figuren der Niobe, die zur Bildsaule wird, um sie herum die sieben
Sonne, die sieben Tochter, wie sie an den Tod kommen. Sie selbst wird
zur Bildsaule. Der physische Leib, der Atherleib miissen sich trennen
von dem Ich und dem astralischen Leib. Aber dieser physische Leib
und der Atherleib, weil sie so voll von strotzendem Leben waren, dafi
Niobe selbst die Gottin mit ihren zwei Sprofilingen verhohnen konnte,
konnten nicht den Hang zum Ich verlieren, und der Atherleib konnte
nicht unahnlich werden dem astralischen Leibe. Niobe wurde zur
Bildsaule.
Solch ein Kunstwerk ist durchaus hervorgegangen aus einer tiefen
Weltanschauungsempfindung, aus etwas, das man aus der damaligen
Weltanschauung heraus wie eine Wahrheit empfunden hat. Man hat
eben empfunden: Ware Niobe nicht von so strotzendem Leben ge-
wesen, dafi sie zur Verhohnung der Gottin Latona kommen konnte,
dann hatte sie so sterben konnen, dafi ihr physischer Leib zerfallen
ware. Aber sie ist eben von so strotzendem Leben gewesen, dafi sie
sich selbst gegen die Gotter auflehnte, dafi sie also voll in diesem phy-
sischen Leib drinnen lebte. Und so sehen wir, dafi der griechische
Genius empfindet: Wegen des schnellen Herausgehens des Ich und des
astralischen Leibes aus dem physischen und dem Atherleib wird die
Niobe zur Bildsaule.
Wenn man namlich zuriicksieht in der Menschheitsentwickelung,
dann schliefit sich immer die Kunst durchaus an das Empfinden an,
welches mit der Weltanschauung einer betreffenden Zeit zusammen-
hangt. Wir konnen das aber auch noch an vielem anderen sehen.
Lenken wir noch einmal unseren Blick darauf, wie der Mensch beim
Aufwachen wiederum Besitz ergreifen mufi von seinem physischen
Leibe, weil dieser physische Leib der Erde ahnlich werden will. Hatte
Niobe auch nur eine Nacht schlafen konnen, nachdem sie ihren
Schmerz erfahren hatte, dann hatte sie nicht mehr zur Bildsaule wer-
den konnen, denn der physische Leib wiirde dann schon die Krafte in
sich aufgenommen haben, der Erde ahnlich zu werden, das heifit zu
zerfallen. Die menschliche Wesenheit mufi also an jedem Morgen
wiederum von dem physischen Leib Besitz ergreifen, und der astrali-
sche Leib mufi jeden Morgen den Atherleib sich ahnlich formen, ihn
wiederum plastisch gestalten, so dafi er menschenahnliche Form an-
nimmt.
Es gab innerhalb der griechischen Entwickelung eine Zeit, wo man
das recht lebendig empfunden hat, dafi der Mensch jeden Morgen
Krafte entwickeln mufi, um starken Besitz von seinem physischen
Leib zu nehmen. Der Grieche hat eine gewisse Befriedigung gehabt
an dem Besitz seines physischen Leibes, und da er gewufit hat: jeden
Morgen mufi neu Besitz ergriffen werden vom physischen Leib, so hat
er das Bedurfnis empfunden, die Krafte, welche Besitz ergreifen kon-
nen vom physischen Leib, und auch diejenigen, welche den astralischen
Leib stark machen, zu verstarken, urn sich den Atherleib jeden Morgen
wiederum ahnlich zu machen.
Wenn der Mensch wachend, bewufit den ganzen Vorgang verfolgen
wiirde, der beim Aufwachen sich abspielt, so wiirde er im Aufwachen
sich jeden Morgen sagen: Dafi mir nur ja mein physischer Leib nicht
abhanden kommt, dafi ich nur ja wiederum in diesen physischen Leib
richtig hineinkomme! - Furcht hatte der Mensch davor, nicht richtig
in den physischen Leib hineinkommen zu konnen. Der Grieche in der
alteren Zeit wufite viel von dieser Furcht, und er wulke ebensogut:
Der Atherleib bekommt jede Nacht eine eigentiimliche Neigung, in
vier verschiedene Gestalten auseinander zu f lattern, zu etwas zu wer-
den, was engelartig ist, was lowenartig ist, was adlerartig ist und was
ochsenartig ist. Man mufi jeden Morgen vom astralischen Leib aus sich
wieder bemiihen, diese vier Glieder des Atherleibes, wenn ich mich
des Ausdruckes bedienen darf, so durcheinander zu synthetisieren,
dafi wiederum ein richtiger Mensch daraus wird. Aber die Griechen
hatten das Leben im physischen und im Atherleib gern. Ich habe Ihnen
ja ofter jenen Ausspruch angefiihrt, der uns aus Griechenland herauf-
tont: «Lieber ein Bettler auf der Erde als ein Konig im Reiche der
Schatten», in der Unterwelt. - Der Grieche liebte dieses physische
Dasein. Er wollte also auch gestarkt werden in dem Besitzergreifen
seines physischen Leibes, in dem Ahnlichwerden des Atherleibes dem
Menschen. Und sehen Sie, mit aus dieser Tendenz heraus entstand die
Tragodie. Und Aristoteles noch gibt eine Definition von der Tragodie,
von dem Trauerspiel, die deutlich darauf hinweist, dafi im Grunde
genommen die Griechen nicht die Tragodie sich so gedacht haben, wie
der moderne Mensch sie sich denkt. Ich weifi nicht, ob jemand andere
Erfahrungen hat, aber ich habe zumeist die Erfahrung gemacht, dafi
die Leute heute glauben, Trauerspiele gibt es aus dem Grunde, weil,
wenn man den ganzen Tag iiber sich abgegeben hat mit dem, was eben
der Tag bringt, man sich abends gern ein paar Stunden hinsetzt, um
in einer mehr oder weniger aufregenden Art etwas zu erleben, was
kein wirkliches Erlebnis, sondern nur ein Bild ist.
So hat der Grieche in der Zeit, als die griechische Kultur eigentlich
nach und nach entstanden ist, durchaus nicht gedacht. Dem Griechen
war das Leben Eines, und alles, was er in das Leben hineingesetzt hat,
das war ihm etwas, das eben wirklich der Gesamtheit dieses Lebens
auch lebendig angehoren sollte. Und die Tragodie war ihm das Mittel,
damit der Mensch richtig seinen physischen Leib besitzen und seinen
Atherleib formen konne. Und die Tragodie wurde so ausgebildet,
dafi, indem der Mensch sie ansah, er Furcht und Mitleid empfinden
sollte. Warum sollte der Mensch da in der Tragodie Furcht erleben?
Er sollte Furcht erleben, weil durch das Erleben dieser Furcht gestarkt
wird seine Kraft, den physischen Leib in der richtigen Weise an jedem
Morgen in Besitz zu nehmen. Und Mitleid sollte er empfinden, weil
dadurch sein astralischer Leib an jedem Morgen starker gemacht wird,
um den Atherleib in der richtigen Weise zu formen. Setzt mir Trago-
dien vor, sagte der Grieche, dann bin ich imstande, meinen physischen
Leib richtig in Besitz zu nehmen, meinen Atherleib richtig aufzubauen,
dann bin ich im vollsten Sinne des Wortes imstande, ein rechter Mensch
zu sein. Der Grieche wollte ein rechter Mensch im Erdendasein sein.
Dazu sollte ihm neben dem anderen, daft er in seine Kultur sich hin-
einstellte, auch das Trauerspiel, die Tragodie dienen. Naturlich setzt
das voraus, dafi man in jenen alteren Zeiten gewulk hat, wie das
Geistig-Seelische, das Ich und der astralische Leib des Menschen, zu-
sammenhangt mit dem Physischen und dem Atherischen des Menschen.
Aristoteles gibt eine Definition des Trauerspieles. Er sagt: Das
Trauerspiel, die Tragodie ist die Nachahmung einer Handlung, durch
die Furcht und Mitleid erregt werden, damit der Mensch durch die
Erregung von Furcht und Mitleid die Katharsis, die Krisis von Furcht
und Mitleid erlebt. - Krisis, Katharsis, das ist ein Ausdruck, welcher
der alteren griechischen Medizin, der Heilkunst entlehnt ist, und es
wird eben die Tragodie selbst da noch, als Aristoteles schon das Grie-
chentum in die Pedanterie hinaus entwickelte, so von ihm empfunden,
dafi sie etwas Heilendes, etwas Starkendes fur den Menschen haben
soil.
Versuchen wir einmal diesen Ausdruck «Katharsis», der ja auch aus
den Mysterien kommt - und was er in den Mysterien bedeutet, haben
wir ja ofter erklart -, uns im gewohnlichen Leben klar zu machen.
Wenn der Mensch innerlich krank wird, was geht da eigentlich vor?
Es treten im Menschen Leiden, Schmerzen auf, die sonst nicht vor-
handen sind. Er beginnt seinen Organismus zu spiiren, in irgendeiner
Weise zu empfinden, so zu empfinden, wie er ihn im normalen, im
sogenannten gesunden Leben eben nicht empfindet. Im gesunden Leben
tut einem nichts weh zunachst, glaubt man. Wenn man krank wird,
beginnt etwas weh zu tun, Schmerzen zu machen. Das bedeutet aber
nichts anderes, als dafi das Ich und der astralische Leib nicht in der
richtigen "Weise - verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck - einge-
hangt sind in den physischen Leib und in den Atherleib. Wird nun der
Mensch zur Heilung, zur Gesundung wieder gefuhrt, so bekommt das
Ich und der astralische Leib die Kraft, sich wiederum in der richtigen
Weise einzuhangen. Das Ich und der astralische Leib bekommen eine
grofiere Kraft uber den physischen Leib in der Heilung, als sie vor
der Heilung gehabt haben.
Nehmen wir an, der Mensch verfallt einer Lungenkrankheit. Sein
Ich und sein astralischer Leib sind nicht richtig in den Atherteil der
Lunge und in den physischen Teil der Lunge eingeschaltet. Was bei der
Heilung vorgeht, ist wiederum die richtige Einschaltung. Und die
Krisis besteht eben darin, dafi aufierhalb der richtigen Einschaltung
das Ich und der astralische Leib die Kraft bekommen, sich nachher
wieder richtig einzuschalten. Das, was da in der Krankheit in einer
aufierlichen Weise vor sich geht, das sah der Grieche fortwahrend in
einer innerlichen Weise in dem Menschen vor sich gehen.
Der Grieche empfand so: Wenn der Mensch gar nichts fur sich tut,
dann werden sein Ich und sein astralischer Leib immer fremder dem
physischen und dem Atherleib. Die konnen immer weniger vom phy-
sischen Leib Besitz ergreifen und immer weniger den Atherleib nach
sich formen. Man mufi sie herausbringen, damit sie sich dann wiederum
in der richtigen Weise hineinstellen. Man mufi den astralischen Leib
durchstromen von angeschauten Leiden, von Mitleiden. Und man mufi
das Ich durchstromen von Furcht. Wenn das Ich die Furcht erlebt,
dann starkt es sich. Und das Ich iibersteht diese Furcht, weil sie eben
nur durch das Bild vorgefuhrt wird. Das Ich also geht nicht zugrunde
unter der Furcht, es iibersteht
…[truncated]