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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
Abteilung B: Vortrage
II. Vortrage vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesell
Herausgegeben von der
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung
Band GA 255b
RUDOLF STEINER
Die Anthroposophie
und ihre Gegner
Vortrage - SchlujRworte - Mitteilungen
Richtigstellungen
November 1919 bis September 1922
Dokumentarischer Anhang
2003
RUDOLF STEINER VERLAG
Die Herausgabe der 1. Auflage besorgten
Alexander Liischer und Ulla Trapp,
unter Mitarbeit von Dorte Mehrling und Konrad Donat
Bibliographischer Nachweis bisheriger Veroffentlichungen
Seite 622
Band GA 255b
1. Auflage 2003
© 2003 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach
© 2003 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto-
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Greiser Druck, Rastatt
ISBN 3-7274-2555-5
7.u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten.
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest,
ohne daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fur Uber-
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fur den Druck vorberei-
ten konnte.
Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie-
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra-
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangsjah-
re seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche Ausarbei-
tungen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung werden die
Ubertragungen in Langschrift oder Zuhdrernotizen von den Bearbeitern
(Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere hin-
sichtlich Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, Eigen-
namen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum Bei-
spiel nicht entschliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder Lucken im Text,
werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung hinzu-
gezogen.
Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbei-
tung sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffent-
lichten Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes.
Die Herausgeber
Zu der Tafelzeichnungen: Die Original-Wandtafelzeichnung Rudolf Steiners
zum Vortrag vom 16. 11. 1919 in diesem Band ist erhalten geblieben, da die
Tafeln damals mit schwarzem Papier bespannt wurden. Sie ist als Erganzung
zu den Vortragen im Band XXX der Reihe «Rudolf Steiner - Wandtafel-
zeichnungen zum Vortragswerk» wiedergegeben, worauf hier an der betref-
fenden Textstelle durch Randvermerk verwiesen wird.
INHALT
Zur Einfuhrung 15
TEIL I
ALTE UND NEUE GEGNERSCHAFTEN
Mitgliedervortrag, Dornach, 16. November 1919 ... 33
Der Grund fur die zunehmenden Anfeindimgen der Anthroposo-
phie. Die Veroffentlichung einer gegnerische Broschiire durch den
evangelischen Theologen Friedrich Traub. Unwahre Behauptungen
zu Rudolf Steiners Lebensgang. Unverstandnis gegeniiber seinem
philosophischem Ansatz. Der Grundfehler des Philosophierens im
19. Jahrhundert. Was Steiner zur Kritik am Bekenntnis-Christen-
tum veranlafit hat. Die haarstraubende Logik Traubs in der Dar-
stellung von Steiners theosophischen Inhalten. Das Ereignis von
Golgatha als nicht blofi irdisches, sondern als kosmisches Ereignis.
Ungenauigkeit und Gedankenlosigkeit als Kennzeichen fur Traubs
Kritik.
MlTTEILUNG VOR DEM MITGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 28. November 1919 61
Das Aufgreifen von Traubs Kritik durch den katholischen Theo-
logen Friedrich Laun.
Mitgliedervortrag, Dornach, 3. Dezember 1919 ... 63
Die Verstarkung der gegnerischen Angriffe. Die Verurteilung der
Anthroposophie durch den Jesuitenpater Otto Zimmermann. Ihre
Gleichsetzung mit den theosophischen Lehren. Die Notwendigkeit
einer intensiven Wirklichkeitsempfindung. Der Hauptvorwurf
Zimmermanns: die Deutung des Christus als pantheistischer Son-
nengeist durch die Anthroposophie. Die wahre Bedeutung des
Mysteriums von Golgatha fur die Erdentwicklung. Wahrhaftigkeit
schliefk bequeme Kompromisse aus. Die Verdrehung der Drei-
gliederungs-Idee durch den Jesuitenpater Constantin Noppel. Sein
Haupteinwand: keine Losung der sozialen Frage durch die Drei-
gliederung. Der Unterschied zwischen der Idee von der Dreigliede-
rung des sozialen Organismus und einer Programmidee. Das
Streben nach Wahrheit und seine Behinderung durch Boswilligkeit
und Dummheit. Der Wille zur Vernichtung der Anthroposophie.
Die Standfestigkeit einer geistigen Bewegung beruht auf der ehr-
lichen Kraft ihrer Bekenner.
MlTTEILUNG VOR DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 17. Dezember 1919 79
Beispiel fur die Methodik gegnerischen Vorgehens. Rudolf Steiner
als Rasputin Wilhelms II.? Notwendigkeit einer absoluten Wahr-
haftigkeit auch im Alltaglichen. Gedanken als reale Machte.
TEIL II
RELIGIOSE GEGNERSCHAFTEN
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 24. April 1920 87
Die Verbreitung von 23 Liigen iiber Anthroposophie.
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 1. Mai 1920 90
Was in der heutigen Welt Usus ist.
Offentlicher Vortrag, Dornach, 5. Juni 1920 .... 92
Die Wahrheit iiber die Anthroposophie
und deren Verteidigung wider die Unwahrheit
Die zwei Richtungen der Anthroposophie. Die Begegnung Rudolf
Steiners mit Ernst Haeckel. Sein Versuch, dem materialistischen
Monismus einen geistigen Monismus entgegenzusetzen. Geistige
Eigenstandigkeit auch in den Vortragen vor den Berliner Theo-
sophen: keine Ankmipfung an die theosophischen Lehren. Imanuel
Hermann Fichte und seine Definition von Theosophie. Warum
Steiner fur seine Schrift den Titel «Theosophie» gewahlt hat. Die
Verleumdungen des katholischen Pfarrers Max Kully in seinen
Spektator-Artikeln: ein Sammelsurium von 23 Liigen iiber die
Anthroposophie und Rudolf Steiner. Kein grundsatzlicher Wider-
spruch zwischen dem Weg der «Beschauung» der katholischen
Kirche und dem in der «Theosophie» vertretenen Erkenntnisweg.
Die Anmafiung von Professor Friedrich Traub. Ein Beispiel fur das
liigenhafte Vorgehen des Spektators: die Darlegung von Steiners
Christus-Verstandnis. Die Ansatze in der katholischen Theologie
in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung einer geisteswis-
senschaftlichen Richtung. Die Schwierigkeiten von Franz Brentano
und Simon Weber im Umgang mit katholischen Dogmen. Objek-
tive Unwahrheit als «Aufklarung» fur das Volk. Die Gewifiheit
vom unvermeidlichen Sieg der Wahrheit. Anmafiungen, Boswillig-
keiten und Liigen: die Unmoglichkek einer Diskussion.
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 28. August 1920 146
Ungebiihrliches Benehmen von Anthroposophen auf dem Bau-
gelande. Die mangelnde finanzielle Unterstutzung fiir den
Goetheanum-Bau.
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 5. September 1920 150
Taktloses Verhalten von Anthroposophen im Goetheanum-Bau.
Offentlicher Vortrag, Basel, 2. Dezember 1920 . . . 153
Anthroposophische Geisteswissenschaft,
ihre Ergebnisse und ihre wissenschaftliche Begriindung
Zwei gegensatzliche Urteile iiber die ethische Qualitat der Anthro-
posophie von Wilhelm Rein und von Kurt Leese. Zum Verhaltnis
von Naturwissenschaft und anthroposophischer Geisteswissen-
schaft. Der Vorstoft vom Formalen zum Realen durch eine Weiter-
entwicklung der inneren Seelenfahigkeiten. Uberwindung der
durch die naturwissenschaftliche Methodik gesetzten Erkenntnis-
grenzen als Zielsetzung der anthroposophischen Geisteswissen-
schaft. Durch Starkung der Erinnerungsfahigkeit auf dem Wege der
Meditation: Bildriickschau auf das Leben seit der Geburt. Durch
Starkung der Liebefahigkeit auf dem Wege der Konzentration:
Erkenntnis des Geburt und Tod iiberdauernden Ewigen im
Menschen. Durch Weitergehen auf dem Wege der Konzentration:
Erkenntnis der Kraft, die den Menschen zur Wiederverkorperung
treibt. Anthroposophische Geistesforschung ist nicht gekniipft an
die Unterdriickung des gewohnlichen Bewufitseins. Die Art, wie
man die Geisteswissenschaft bekampft. Der methodische Unter-
schied zwischen Halluzinieren und dem Schauen durch Imagina-
tion, Inspiration und Intuition. Warum Anthroposophie zu einer
Angelegenheit des gebildeten Laientums wurde. Der Drang des
Menschen, sich als geistig-seelisches Wesen zu erkennen.
Offentlicher Vortrag, Basel, 3. Dezember 1920 . . . 183
Anthroposophische Geisteswissenschaft, ihr Wert fiir den
Menschen und ihr Verhaltnis zu Kunst und Religion
Die Kritk durch den Theologen Kurt Leese. Sein Vorwurf: Unwis-
senheit der Anthroposophie gegeniiber der Ratselfrage nach dem
Wert des Ich. Imagination, Inspiration, Intuition als Stufen in der
Ausbildung des iibersinnlichen Erkenntnisvermogens. Erst durch
Erweiterung des Bewufitseins wirkliches Empfinden fiir den Wert
des Ichs im Weltenganzen. Das Abriicken von gewohnten Vorstel-
lungen wird als argerlich empfunden. Die Frage nach dem Zusam-
menhang des Seelenlebens mit der leiblichen Organisation. Wie die
Dreigliedrigkeit des menschlichen Leibes zu verstehen ist. Die
Unzulanglichkeit des Entwicklungsbegriffs bei Kurt Leese. Die
Waldorfschule in Stuttgart als Beispiel fiir das praktische Denken
der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Auch fiir das Wirt-
schaften braucht es Geist. Der Briickenschlag zwischen der Aufien-
welt und der Welt der Sittlichkeit durch die Anthroposophie. Die
Sehnsucht nach einem neuen Quell der Kunst. Idealisierung des
Sinnlichen durch die alte Kunst, Realisierung des Geistigen durch
die neue Kunst. Der Beitrag der Anthroposophie zum Verstandnis
des Mysteriums von Golgatha. Die Verbreitung von Liigen iiber
die Christusstatue in Dornach. Die Notwendigkeit einer Starkung
des Wahrheitsgefiihles.
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 6. Mai 1921 213
Widerspriichlichkeiten in Professor Traubs Denken.
MlTTEILUNG VOR DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 11. Februar 1922 216
Die Besprechung eines Vortrags durch Albert Steffen als Muster-
beispiel fiir den richtigen Umgang mit Gegnern.
SCHLUSSWORT
nach dem Vortrag fiir die Arbeiter am Goetheanum-Bau,
Dornach, 5. Januar 1923 219
Was vom Goetheanum nicht ausgehen darf. Die Schrift «Die Hetze
gegen das Goetheanum» von Roman Boos.
TEIL III
AKADEMISCHE UND VOLKISCHE GEGNERSCHAFTEN
Richtigstellung in der Wochenschrift «Dreigliederung des
Sozialen Organismus» vom 6. Januar 1920 223
Der Verleumdungskrieg gegen die Dreigliederung. Dr. Rudolf
Steiner und der Bund fur Dreigliederung des sozialen Organismus.
SCHLUSSWORT NACH DEM OFFENTLICHEN VORTRAG,
Stuttgart, 8. Juni 1920 224
Verleumderische Behauptungen iiber die Herkunft Rudolf Steiners.
Richtigstellung in der Wochenschrift «Dreigliederung des
Sozialen Organismus» vom 3. August 1920 228
Abwehr eines Angriffes aus dem Schofie des Universitatswesens.
Ein paar Worte zum Fuchs-Angriff.
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 16. November 1920 . . 231
Die Wahrheit der Geisteswissenschaft und die praktischen
Lebensforderungen der Gegenwart. Zugleich eine Verteidi-
gung der anthroposophischen Geisteswissenschaft wider ihre
Anklager
Wirklichkeitsfremdheit als Kennzeichen der Geistesverfassung der
Gegenwart. Die aus den anthroposophischen Bestrebungen ent-
standenen praktischen Einrichtungen. Die heutige Wissenschaft:
blofte Erkenntniswissenschaft. Im Gegensatz dazu die anthropo-
sophische Geisteswissenschaft: ihr Streben nach erlebtem Wissen.
Mathematik als Ankmipfungspunkt fur das Verstandnis der geistes-
wissenschaftlichen Methode. Die Ideen von Oswald Spengler und
von Hermann Graf Keyserling, beurteilt vom Standpunkt einer
Erlebniswissenschaft. Das von einer Wirklichkeitsliige gepragte
Leben im kaiserlichen Deutschland. Der Wirklichkeitssinn von
Robert Hamerling. Die Selbstverwaltung des Geistes- und Wirt-
schaftslebens als gesellschaftliche Voraussetzungen fur die Uber-
windung der Wirklichkeitsfremdheit. Warum die anthroposophi-
sche Geisteswissenschaft bekampft wird. Die Verbreitung von
lugenhaften Anschuldigungen gegeniiber Rudolf Steiner: der Vor-
wurf des Plagiats, des Atheismus und des Materialismus. Geistes-
wissenschaft strebt nach einer von Liebe durchstrahlten sozialen
Lebenspraxis.
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 4. Januar 1921 . . . . 262
Geisteswissenschaftliche Ergebnisse und Lebenspraxis
Veranderte Wertung der Anthroposophie durch die Gegner. Ge-
fiihlsgriinde als Ursache fur die Gegnerschaft. Die Ausweitung des
menschlichen Erkenntnisvermogens als Ziel der Anthroposophie.
Die anthroposophische Forschungsmethode als innerer Seelenweg.
Durch Umwandlung des Erinnerungsvermogens: Uberschau iiber
das Leben seit der Geburt. Durch Beherrschung des geistigen
Atmungsprozesses: Anschauung von Geburt und Tod. Durch
Erweiterung der Liebekraft: Ruckbhck in fruhere Erdenleben. Die
Waldorfschule als Beispiel anthroposophischer Lebenspraxis. Die
Begriindung einer Weltanschauungsschule ist nicht das Ziel. Was
Institutionen sozial macht. Die umfassende menschenkundliche
Ausrichtung der Waldorfpadagogik. Das Wesen des Menschen und
die Dreigliedrigkeit seiner leiblichen Konstitution. Das Durchtran-
ken des Materiellen mit dem Geistigen als Ziel der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft. Liigenhafte Behauptungen
iiber die Holzgruppe in Dornach. Zum Vorgehen der Gegner.
Vorstofi in die wahre Wirklichkeit nur durch Uberwindung der
Grenzen des Naturerkennens.
MlTTEILUNG VOR DEM VORTRAG anlafilich der «Freien Anthropo-
sophischen Hochschulkurse,
Stuttgart, 18. Marz 1921 293
Unwahrhaftigkeiten im gegnerischen Handeln.
Offentlicher Vortrag, Stuttgart, 25. Mai 1921 . . . . 295
Anthroposophie und Dreigliederung, von ihrem Wesen
und zu ihrer Verteidigung
Das Zerrbild von der Anthroposophie in der Au&enwelt. Was das
zentrale Anliegen der Anthroposophie ist: der Briickenschlag zwi-
schen Naturwissenschaft und geistiger Welt. Der junge Steiner und
seine Suche nach einer philosophischen Grundlegung der mensch-
lichen Freiheit. Die Entdeckung der ubersinnlichen Natur des
menschlichen Denkens. Das reine Denken und sein Verhaltnis zum
Hellsehen. Uber die Methode zur Erkenntnis der geistigen Welt.
Die materialistische Mifideutung der ubersinnlichen Erkenntnis
durch Professor Wilhelm Bruhn. Wie das Lesen in der Akasha-
Chronik zu verstehen ist. Das Ereignis von Golgatha als Mittel-
punkt des Erdenwerdens. Anthroposophie ist keine Religionsgriin-
dung, sondern eine Erkenntnis des Ubersinnlichen. Warum Rudolf
Steiner die Idee der sozialen Dreigliederung in die Welt gesetzt hat.
Dreigliederung als Dreiteilung: ein falscher Einwand von Professor
Wilhelm Rein. Wie Rudolf Steiner seine Schilderung iibersinnlicher
Tatsachen verstanden wissen mochte. Die Forderung der Professo-
ren Max Dessoir und Traugott Oesterreich: Uberpriifung von
Steiner im Zustande des geistigen Schauens durch Anwendung
materialistischer Methoden. Die verleumderischen Behauptungen
des Generalmajors Gerold von Gleich iiber das angebliche Juden-
tum Steiners und seine vermeintliche marxistische Gesinnung. Der
Vorwurf der suggestiven Beeinflussung des Generalstabchefs
Helmuth von Moltke durch Steiner und die dadurch bewirkte
deutsche Niederlage in der Marne-Schlacht. Uber Steiners Ver-
haltnis zum ehemaligen deutschen Aufienminister Walter Simons.
Seine Beziehungen zu Ernst Haeckel und zu Theodor ReuB.
Der Vorwurf des Verrats am Deutschtum durch die Alldeutschen.
Ein Bekenntnis Rudolf Steiners zu den Motiven seines Wirkens.
Eine Vielfalt von Mifiverstandnissen und deren notwendige Klar-
stellung.
SCHLUSSWORT NACH DEM MlTGLIEDERVORTRAG,
Dornach, 2. Oktober 1921 341
Verleumdung Rudolf Steiners durch rechtsradikal-volkische Kreise.
RlCHTlGSTELLUNG in der Wochenschrift «Das Goetheanum» vom
27. September 1922 344
Abwehr von Unwahrheiten.
TEIL IV
SPIRITUELLE DIMENSIONEN GEGNERISCHEN VERHALTENS
Mitgliedervortrag, Stuttgart, 23. Mai 1922 349
Die anthroposophische Bewegung einst und jetzt. Fehlende Ver-
bindung zwischen esoterischen und wissenschaftlichen Bestrebun-
gen als Element der Hemmung. Unterbindung jeder Tatigkeit in
Deutschland als Zielsetzung der Gegnerschaft. Die Verstandesent-
wicklung der Menschheit im Verfallstadium. Umschwung der irdi-
schen Verhaltnisse als Zeichen des Umschwungs im Geistig-Seeli-
schen. Die Wirklichkeit der geistigen Elementarwesen und ihre
Verschiedenheiten. Zunahme ihres Einflusses auf den Menschen als
Folge des Verfalls des menschlichen Intellekts. Ahrimanisches Wir-
ken der niederen Elementargeister, luziferische Bestrebungen der
hoheren Elementargeister. Die Bekampfung des Christusimpulses
durch die Theologie. Das Ringen urn Spiritualitat in der Geschichte
der Menschheit. Gegnerisches Wiiten gegen Anthroposophie als
Kampf gegen die hereindrangende Spiritualitat. Aufgabe der an-
throposophischen Bewegung: lebendiges und nicht blofi theoreti-
sches Verstandnis fur das Wirken der Elementargeister.
ANHANG
Aufrufe und Erklarungen 373
Zu dieser Ausgabe 389
Textgrundlagen 389
Hinweise zum Text 390
Bibliographische Ubersicht iiber die erwahnten Werke
von Rudolf Steiner 577
Kurzbiographien von Gegnern 582
Kurzbiographien von Verteidigern 591
Chronik 597
Namenregister 615
Liter atur zum Thema 618
B iblio graph is cher Nachweis bisheriger Veroffentlichungen . 622
Zum Werk Rudolf Steiners 623
Zur Einfiihrung
Alles das, was neue Gedankenbahnen
fordert, weisen die Leute zuriick.
Rudolf Steiner, Vortrag flir Mitglieder
vom 30. M'drz 1919 in Dornach
In den Jahren unmittelbar nach Kriegsende fand Rudolf Steiner eine gestei-
gerte Beachtung in der Offentlichkeit. Dies war vor allem der starken
aufieren Aktivitat zu verdanken, die von seinen Mitarbeitern entfaltet wurde
und schliefilich in der Griindung verschiedener Reformbewegungen und
-institutionen - wie zum Beispiel dem «Bund fiir Dreigliederung des sozialen
Organismus» oder der «Freien Waldorfschule» - gipfelte. Es war dies der
Versuch, Anthroposophie fiir die Praxis fruchtbar zu machen. So erfreulich
dieses Bestreben an und fiir sich war, so zeigten sich aber audi nachteilige
Folgen: es setzte ein wahres Kesseltreiben gegen Rudolf Steiner und die von
ihm vertretene Anthroposophie ein. Bereits in den Jahren zuvor hatten sich
immer wieder Kritiker und Gegner zu Wort gemeldet, und gerade die
Errichtung des Goetheanum-Baues ab 1913 hatte eine erste grofie Welle an
Gegnerschaft ausgelost. Diese Angriffe veranlafken Rudolf Steiner, im April
1914 eine Schrift unter dem Titel «Was soli die Geisteswissenschaft und wie
wird sie von ihren Gegnern behandelt?*1 zur offentlichen Aufklarung er-
scheinen zu lassen. Aber die Entwicklung nach Kriegsende erwies sich als
ungleich besorgniserregender, nahm doch die Zahl derer, die sich hafierfiillt
gegen die anthroposophische Bewegung und ihre praktischen Begriindungen
stellten, gewaltig zu. Rudolf Steiner im Januar 1921: «Diese Feindseligkeiten
nehmen ja heute sowohl extensiv wie namentlich auch intensiv die unglauh-
lichsten Dimensionen an. » 2
Spirituelle Hintergriinde
Die spater noch einmal wiederholte Warnung Rudolf Steiners, daft Anthro-
posophie als solche einfach in der unerhdrtesten Weise in der ndchsten Zeit
bek'dmpft werden wird von alien moglichen Seiten^ war fiir ihn das Ergeb-
nis einer langjahrigen Erfahrung. Bereits Jahre vor dem Ausbruch des Ersten
Weltkriegs hatte er in der Generalversammlung der Deutschen Sektion der
Theosophischen Gesellschaft auf die inneren Hintergriinde gegnerischen
Verhaltens hingewiesen: «Bei dem Verbreiten dieser Weisheit konnte es
natiirlich an Widerstdnden, an Hemmnissen der verschiedensten Art, nicht
fehlen. Das, was ah Opposition beim Heraustragen dieser Weisheit sich
entgegenstellte, laftt sich als Unverstandnis auf der einen, als Selbstzufrieden-
heit auf der anderen Seite charakterisieren.»* Es war eine ganz bestimmte
innere Haltung, die in seinen Augen die Menschen zu Gegnern der Anthro-
posophie werden liefi. Nach dem Kriegsende machte er erneut auf diesen
Sachverhalt aufmerksam: «Geisteswissenschaft weisen die Leute nicht aus
dem Grunde zuriick, weil sie schwierig ist - sie ist namlich nicht schwie-
rig - sondern sie weisen sie aus dem Grunde zuriick, weil sie nicht in den
eingefahrenen Gedankenbahnen fortrollt, weil sie von den Leuten neue
Gedankenbahnen fordert. Alles das, was neue Gedankenbahnen fordert,
weisen die Leute zuriick. » 5
Diese neuen Gedankenbahnen der Anthroposophie erschienen umso be-
drohlicher, je mehr versucht wurde, aus dem «Weltanschauungskdmmer-
lein»6 auszubrechen und die gewonnenen Erkenntnisse in die praktische
Lebenswirklichkeit umzusetzen. Rudolf Steiner: «Und da wird es ja ins-
besondere demjenigen ubelgenommen, der nun wirklich nicht stehenbleibt
als anthroposophischer Weltenbetrachter in einer gewissen Hdhe, sondern der
die Bedeutung des Geistigen gerade darin sieht, daft der Geist die Materie
beherrschen lernt, untertauchen lernt in die Materie, so daft auch das alltag-
liche Leben von demselben Gesichtspunkte aus betrachtet wird.»b Dieser
Versuch, mit «lebensvollen B e griff en»7 , mit «Begriffen aus der Welt des
Geistes»7 zu arbeiten, mulke zunachst auf den erbitterten Widerstand all
derjenigen stolen, die ihr Weltbild rein nach materiellen Kriterien ausrich-
teten. Aber auch diejenigen, die die geistigen Machtanspriiche bestimmter
sozialer Gruppierungen als berechtigt empfanden, sahen sich veranlafit,
Anthroposophie als eine Herausforderung zu verstehen. Im Grunde war es
die Freiheitsfrage - die Frage nach Selbstbestimmung oder Fremdbestim-
mung -, an der sich die Geister grundsatzlich schieden. Rudolf Steiner: «Die
Menschen wollen nicht frei sein auf geistigem Gebiete. Sie wollen durch
irgend etwas gezwungen, gefiihrt, gelenkt werden. Und weil es jedem frei-
steht, das Geistige anzuerkennen oder abzulehnen, so lehnen die Menschen es
eben ab und wdhlen dasjenige, demgegenuber es dem Menschen nicht frei-
steht, es anzuerkennen oder abzulehnen.»% Welche tieferen geistigen Hinter-
griinde sich mit dieser Frage verkniipften, deutete er in seinem Zweigvortrag
vom 23. Mai 1922 (Teil IV dieses Bandes) an.
Gerade aus seinem Freiheitsverstandnis heraus, das er schon friih in seiner
«Philosophie der Freiheit» dargelegt hatte, war Rudolf Steiner weit davon
entfernt, bedingungslose Zustimmung zu den von ihm vorgebrachten Inhalten
zu verlangen. Immer wieder forderte er seine Zuhorer zur vorurteilsfreien
Uberpriifung des von ihm Mitgeteilten auf. Aus freier Einsicht und nicht als
von vornherein Glaubige sollten die Menschen die von ihm vorgebrachten
Inhalte entgegennehmen. Das hieft fiir ihn: Bereitschaft zur Anhorung von
Kritik und Verstandnis fiir ablehnende Stellungnahmen. So Rudolf Steiner in
einem offentlichen Vortrag aus dieser Zeit: «Wenn Anthroposophie ohne
weiteres heute es alien recbt macben konnte, dann brauchte sie gar nicht
aufzutreten. Sie strebt nicht darnach, daft ihr ohne weiteres heute recbt gegeben
wird, denn sie spricht zu viel defer in der Seele liegenden Krdften. Und sie weift
doch: Auch bei denjenigen sogar, die widersprechen, sind diese sehnenden,
treibenden Krafte nach einer wissenschaftlichen, nach einer kiinstlerischen,
nach einer religiosen Vertiefung vorhanden. »9 Was Rudolf Steiner wollte, war,
einen moglichen Weg in diese Richtung der Vertiefung aufzuzeigen: «Mein
urspriingliches Bestreben war, einfach, schlicht und ehrlich das zu sagen, was
durch Anthroposophie gefunden werden kann, und keine Rucksicht zu nehmen
auf die Polemiken.»9 Aber dieser Wunsch sollte nicht in Erfiillung gehen.
R. Steiner: «Solche Dinge gehen ja aber im Leben nicht immer so ab.»9
Wie recht er damit hatte, sollte die Geschichte seiner Auseinandersetzung
mit den im vorliegenden Band erwahnten Gegnern aufzeigen. Es ist die
Ebene eines sehr subjektiven, stark emotional gefarbten Vernichtungswillens
und nicht die Bereitschaft zu einem auf Achtung und Wertschatzung beru-
henden, kritischen Dialog, die in diesem Band zum Ausdruck kommt.
Rudolf Steiner iiber die Zielsetzungen dieser Art von Gegnerschaft: «Man-
chen Leuten ware es namlich am liebsten, wenn ich langst tot ware, die
Anthroposophische Gesellschaft langst in alle Winde zerstoben ware und sie
nun aus den Biichern dasjenige in ihre Biicher hiniibernehmen konnten, was
sie brauchen wollen.»l° Diesen Leuten ging es nicht um sachliche Toleranz,
sondern zumindest um die Unterbindung jeder anthroposophischen Tatig-
keit in der Offentlichkeit, wenn nicht um die vollstandige Ausloschung der
Anthroposophie und ihrer praktischen Begriindungen. «Unsachlicher Ver-
nichtungswille»n war das Leitmotiv ihrer Militanz. Rudolf Steiner zu den
Mitgliedern in Dornach: «Alles dasjenige, was da ist als Waldorfschule und so
weiter, was da ist als dieser Bau - es ist demgegenuber die tiefste Sehnsucht
in der Welt vorhanden, uns das zu nehmen/»n
Unterschiedliche Motive
Die Menschen, die sich fiir diesen Vernichtungsfeldzug gegen Anthroposo-
phie zur Verfiigung stellten, lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten
unterscheiden - zunachst einmal nach der Subjektivitat ihrer Handlungs-
motive. Individuelle Emotionalitat stand dort im Vordergrund, wo es um
personliche Gekranktheit, um personlichen Ehrgeiz ging, zum Beispiel im
Falle von Seiling und Rohm, beide ehemalige Mitglieder der von Rudolf
Steiner geleiteten und damals noch so benannten Deutschen Sektion der
Theosophischen Gesellschaft. Ihren Austritt hatten sie erklart, nachdem sie
in ihren Erwartungen enttauscht worden waren; sie fiihlten sich in der
Bedeutung ihrer Person zu wenig anerkannt und geschatzt. Aber auch durch
Schwierigkeiten auf der personlichen Beziehungsebene konnten sich Men-
schen zu hafierfullten Gegnern entwickeln. Bei General von Gleich war es
ein gestortes Vater-Sohn-Verhaltnis, im Falle von Professor Fuchs eine
ungliickliche Ehe. Oder es war die Empfindung einer Art Rivalitat zu Rudolf
Steiner, wie zum Beispiel bei den Professoren Dessoir oder Drews, die beide
Rudolf Steiner personlich kannten, sich in ihrer wissenschaftlichen Qualifi-
kation als Philosophen ihm weit iiberlegen fiihlten und deshalb eine grofiere
offentliche Beachtung glaubten beanspruchen zu diirfen. Die Angst von
Kully und Arnet, die seelsorgerische Gewalt iiber die ihnen anvertrauten
Glaubigenseelen zu verlieren, bildete den gefuhlsmafiigen Boden fur ihre
kompromisslose Ablehnung der Anthroposophie.
Aber eine wichtige Rolle spielte auch die personliche weltanschauliche
Uberzeugung, die die eigene negative Gefiihlslage gegen Rudolf Steiner
verstarkte. Im Falle von Rohm war es seine antisemitische, deutschvolkische
Uberzeugung, bei Seiling seine Bekehrung zum Katholizismus. Oder bei
Kully und Arnet gab die dogmatische Enge eines national-konservativen
Katholizismus mit fremdenfeindlichem Anstrich den Boden ab, der ihre
Gegnerschaft zu schrankenlosem Hafi anwachsen liefi. Die Professoren
Dessoir und Oesterreich waren in ihrem Denken stark naturwissenschaft-
lich-materialistisch orientiert, ebenso Professor Fuchs, der zudem deutsch-
national gesinnt war. Politisch ahnlich dachte General von Gleich, der sich
in seinen Forschungen als Privatmann von den Methoden moderner Wissen-
schaftlichkeit angezogen fuhlte. Professor Drews war ein fiihrender Verfech-
ter einer wissenschaftlich aufgeklarten, freien Religiositat. Gerade die Tat-
sache der weltanschaulichen Fixierung der einzelnen Gegner aber bedeutet,
dafi iiber das rein Individuelle hinaus die Gegnerschaft ganz bestimmter
sozialer Gruppierungen ins Auge gefafk werden rauE. Rudolf Steiner zu den
Mitgliedern: «Ein grofter Teil der Gegner ist ja eigentlich so geartet, daft er
in irgendwelchen ganz bestimmten Lebenszusammenhdngen darinnen lebt.
Er hat zum Beispiel da oder dort dieses oder jenes studiert. Da ist es ublich,
iiber diese oder jene Dinge so oder so zu denken. Dadurck, daft er so oder so
denken mufi, muft er ein Gegner der Anthroposophie werden. Er weifi ja gar
nicht, warum er es werden soli, sondern er muft es werden, weil er unbewuftt
am Gangelbande desjenigen hangt, was ihn erzog, was er erlebt hat.»13
Entsprechend der vielfaltigen Lebenszusammenhange lassen sich auch ver-
schiedene Kategorien von Gegnern unterscheiden.
Gegnerische Gruppierungen
So gab es zunachst einmal die wissenschaftlichen Gegner. Aufgrund ihrer
wissenschaftstheoretischen Ausrichtung, die oft stark materialistisch gefarbt
war, empfanden sie die geisteswissenschaftlichen Methoden, wie sie Rudolf
Steiner vertrat, als vollig unwissenschaftlich. Eine besonders ausgepragte
Ablehnung unter den Professoren und Studenten machte sich an den Univer-
sitaten Gottingen und Tubingen bemerkbar - dort wirkten die Professoren
Fuchs und Traub als erklarte Gegner Steiners. Zu dieser Ablehnung durch
die offizielle Wissenschaft bemerkte Rudolf Steiner in einem offentlichen
Vortrag, der im Zusammenhang mit dem Berliner Hochschulkurs veranstal-
tet worden war: «Mit ihrem Wissenscbaftscbarakter ergeht es der Anthropo-
sopbie iibel bei unseren Zeitgenossen. Die Wissenscb after finden, daft diese
Anthroposophie nicht den Cbarakter dessen babe, was sie als <Wissenschaft>
bezeicbnen. Und wiederum die Leute des Glaubens, diejenigen, die vom
religidsen Standpunkte aus eine Moglichkeit des Menschen vertreten, Wege
zur geistigen Welt zu finden - die bemdngeln gerade diesen wissenschaft-
lichen Cbarakter der Anthroposophie. »14
Die religidsen Gegner - die zweite Kategorie - befiirchteten vor allem die
Begriindung einer neuen Religion und dadurch die Entstehung einer unlieb-
samen Konkurrenz. Aus dieser Angst entwickelten sich gerade die Theolo-
gischen Fakultaten zu Stiitzpunkten im Kampf gegen Rudolf Steiner. Leute
aus dem theologischen Lehrkorper wie zum Beispiel der bereits erwahnte
Professor Traub oder die Privatdozenten Bruhn und Leese zahlten zu den
aktiven religiosen Gegnern Rudolf Steiners. Aber auch Geistliche ohne
Lehrauftrag - zum Beispiel die evangelischen Pfarrer Frohnmeyer und
Gogarten oder die katholischen Priester Laun oder eben auch Kully - taten
sich durch ihre Aktivitat gegen Rudolf Steiner hervor. Oft gehorten sie
religiosen Bewegungen mit fundamentalistischen Neigungen an, so zum
Beispiel Arnet und Kully der national-katholischen Schildwach-Bewegung in
der Schweiz. Eine andere christliche Gruppierung, die sich im Kampf gegen
Rudolf Steiner hervortat, war der «Evangelische Volksbund» in Wurttem-
berg.
Es gab aber auch politisch motivierte Gegnerschaften. Abgesehen von den
dogmatischen Marxisten machten sich vor allem die Rechtsradikalen be-
merkbar. Als besonders aggressiv gebardete sich die deutschnational orien-
tierte «Wurttembergische Biirgerpartei» unter ihrem Sekretar Roos. Zu den
extremen volkischen Gruppierungen, die Rudolf Steiner als Verrater am
Deutschtum beschimpften, zahlte nicht nur der von Ludwig Miiller geleitete
«Verband gegen die Uberhebung des Judentums», sondern auch der
«Deutschv6lkische Schutz- und Trutzbund» unter der Fiihrung von Alfred
Roth und der von Theodor Fritsch beherrschte «Reichshammerbund». Aber
auch der rechtsradikale, antisemitische Leserkreis um die von Rohm redi-
gierte Zeitschrift «Der Leuchtturm» ist den militanten politischen Gegnern
Rudolf Steiners zuzurechnen. Abgesehen von diesen sehr gefahrlichen, weil
gewaltbereiten, aber mehr im aufieren Politischen wirkenden Richtungen gab
es bruderschaftlich aufgebaute Gruppierungen mit ausgesprochen weltan-
schauungspolitischen Zielsetzungen, die ihre systematische Gegnerschaft
mehr aus dem Hintergrund entfalteten. Zu diesen Richtungen gehorten an
erster Stelle Mitglieder des Jesuitenordens wie Busnelli oder Zimmermann.
Gewisse grofte politische Gesichtspunkte - Kampf des Angelsachsentums
gegen das Deutschtum - machten sich auch in der personlichen Gegnerschaft
Annie Besants, der Leiterin der «Theosophical Society*, geltend.
Die Bedeutung solcher Stromungen hatte Rudolf Steiner im Auge, wenn
er sagte: «Man sollte da ganz absehen von dem Personlichen. Mir kommt es
niemals auf das Persdnliche an. Ich will niemals irgendwie mich verteidigen
oder angreifen einen Frohnmeyer oder Bruhn [...] oder wie sie alle heiflen,
sondern ich will dasjenige charakterisieren, was als Geistesstrdmung dasteht,
aus der diese Leute hervorwachsen. Personlich mogen diese Leute im heuti-
gen Wortsinn ehrenwerte Manner sein - ehrenwerte Manner sind sie ja alle,
ich erinnere nur an Shakespeares Drama - darauf kommt es gar nicht an. Ich
will gar nicht den Leuten personlich etwas anheften. Es kommt zum Beispiel
nicht einmal auf den Pfarrer Kully an, der ja auch nur das Produkt einer
gewissen Strdmung innerhalh der katholischen Kirche ist.»15 Damit beriihrte
er eine erstaunliche Tatsache: Viele der Gegner waren - von Ausnahmen
abgesehen - keineswegs nur ungebildete Leute, sondern sie hatten in ihren
jeweiligen Wissensbereichen durchaus Bedeutsames geleistet. Sie erachteten
es aber geradezu als personliche Aufgabe, die Anthroposophie als Kultur-
faktor aus der menschlichen Zivilisation zu tilgen. General von Gleich zum
Beispiel war ein guter Kenner der sumerischen und altagyptischen Sprachen.
Das hinderte ihn aber nicht, in primitivster Weise gegen Rudolf Steiner
vorzugehen.
Intensives gegnerisches Zusammenwirken
Trotz der gemeinsamen Zielsetzung - die Vernichtung der Anthroposophie
und die Ausschaltung Rudolf Steiners - liefi die Vielfalt der Gegnergruppen
und die Gegensatzhchkeit ihrer weltanschaulichen Orientierungen eine
aufiere organisatorische Einheit nicht zu. Versuche in diese Richtung, zum
Beispiel durch Begriindung eines «Bundes der Steiner-Gegner» im Novem-
ber 1921 in Darmstadt oder eines «Bundes der nichtanthroposophischen
Kenner der Anthroposophie» im Oktober 1922 in Berlin, blieben in den
Anfangen stecken oder verliefen im Sand. Aber trotz dieser organisatori-
schen Heterogenitat der Gegnerschaft ist in der Kampfesweise ein konzer-
tiertes Vorgehen iiber die eigenen Weltanschauungsgrenzen hinaus feststell-
bar. Verschiedentlich wies Rudolf Steiner auf die «starke organisierende
Kraft» dieser Gegnerschaft hin. So zum Beispiel sagte er: «Was erblicken wir
auf der gegnerischen Seite? Glauben Sie nicht, daft da nur diejenigen sich
zusammen organisieren, die irgendwie einseitig sind in irgendeinem Bekennt-
nis. Nein, in Stuttgart wird in einer katholischen Kirche gepredigt: Gehet
hinein zu dem Vortrag des Herrn von Gleich, denn dadurch konnt ihr eure
katholischen Seelen starken, ihr konnt die Gegner eurer katholischen Seelen
uberwinden! - Und die katholischen Seelen gehen hinein, der katholische
General von Gleich halt einen Vortrag und schlieftt mit einem Lutherlied!
Schone Vereinigung huben und druben, zusammen organisieren sich Gegner!
Es kommt nicht darauf an, daft sie irgendwie in ihrem Glauben, in ihren
Meinungen einig sind.»u
Tatsachlich standen verschiedene Gegner nachweislich in Verbindung
zueinander. Ein Beispiel: Max Selling diente nicht nur Pfarrer Kully als
Gewahrsmann, sondern er stand auch in Kontakt mit Karl Rohm. So lassen
sich eigentliche Agkationszentren erkennen. Abgesehen von den Universi-
taten in Gottingen und Tubingen konnen Stuttgart und Arlesheim/Dornach
als weitere Schwerpunkte ausgemacht werden. Von diesen Zentren aus
wurde die Gegnerschaft gegen Rudolf Steiner mit dem Mittel offentlicher
Schmahvortrage in Gang gehalten. Daneben gab es die publizistisch Wirken-
den, die durch regelmafiige Beitrage in ihren Zeitschriften Stimmung gegen
Rudolf Steiner machten. Das waren Leute wie der Jesuit Zimmermann mit
seinen Beitragen in den Miinchner «Stimmen der Zeit», aber auch - aller-
dings auf einem viel weniger gehaltvollen Niveau - Rohm mit seinem in
Lorch erscheinenden rassistischen Hetzblatt «Der Leuchtturm». In ihrem
gegnerischen Wirken miissen die beiden Personlichkeiten als sehr bedeutsam
eingeschatzt werden. Sie gehorten zu derjenigen Gruppe von Menschen, die
Rudolf Steiner im Auge hatte, wenn er sagte: «Aber die eigentlich leitenden
Persdnlichkeiten in der Gegnerschaft, die wissen namlich sehr wohl, was sie
wollen. Denn unter denen finden sich solche, die gut bekannt sind mit den
Gesetzen der geistigen Forschung, wenn auch von einem andern Gesichts-
punkte aus als dem antbroposophischen, und die wissen, dafi es das beste
Mittel ist, denjenigen, der die Ruhe zum Geistesforschen braucht, fortwab-
rend zu bombardieren mit gegnerischen Scbriften und Einwendungen, damit
er abgezogen werde von seiner Geistesforschung.»n Solch ein planvolles
gegnerisches Vorgehen zeigte sich am Beispiel der von einem Berliner
Pressebiiro ausgehenden Verleumdung, Rudolf Steiner sei ein Landesverrater
im Dienste der Ententemachte. Diese von rechtsradikaler Seite angezettelte
Verleumdung verbreitete sich in rasender Eile iiber ganz Deutschland und
diente den Gegnern als wirksames Propagandainstrument, um Rudolf Steiner
in der Offentlichkeit unmoglich zu machen.
Gnadenloser Kampf
Der Kampf gait zunachst der von Rudolf Steiner vertretenen anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft. Mit alien Mitteln wurde versucht, sie
lacherlich zu machen. So zum Beispiel Pfarrer Kully, der in der Einleitung zu
seiner Schrift «Das Geheimnis des Tempels von Dornach» die «Lustige Per-
son* aus Goethes «Faust Erster Teil» herbemiihte: «In bunten Bildern wenig
Klarheit, / Viel Irrtum und ein Ftinklein Wabrheit, / So wird der beste Trunk
gebraut, / Der alle Welt erquickt und auferbaut.»Xk Rudolf Steiner hierzu:
«Was die Leute bekdmpfen, hat gewohnlich gar nichts mit dem zu tun, was
ich rede.»7 Bereits 1914 hatte Rudolf Steiner in der schon erwahnten Schrift
«Was soli die Geisteswissenschaft und wie wird sie von ihren Gegnern be-
handelt?» darauf hingewiesen: «Es werden Zerrbilder dieser Erkenntnisse
gegeben, welche die Gegner sich erst selbst zurechtlegen; und auf diese bin
kann dann selbstverstandlich eine leichte <Widerlegung> gefunden werden.»
Aber mit diesen inhaltlichen Verdrehungen liefi man es nicht bewenden.
Um die Sache endgiiltig zu erledigen, versuchte man mit alien Mitteln, die
Person Rudolf Steiners zu diskreditieren. Man scheme selbst vor bewuiken
Lugen und Verdrehungen nicht zuriick. So meinte zum Beispiel Pater
Zimmermann, nachdem er Rudolf Steiner «dem Vernehmen nach»u zu-
nachst als abgefallenen Priester bezeichnet hatte, in einem spateren Aufsatz,
dafi sich jetzt diese Behauptung nicht mehr «aufrecbterhalten»ls lasse. In
vielen Fallen gehorte es zur Methode der Gegner, sich auf Geriichte zu
berufen, die man nicht auf ihren Wahrheitsgehalt gepriift hatte. Da£ man auf
diese Weise Gefahr lief, Liigen zu verbreiten, kiimmerte diese Menschen in
der Regel wenig. So verbreitete zum Beispiel der angesehene Schweizer
Padagoge und Soziologe Ferriere das Geriicht, man habe «versichert»1<} ,
Rudolf Steiner sei der Rasputin Wilhelms II. gewesen. Rudolf Steiner in
seinem Aufsatz «Ideenabwege und Publizistenmoral»: «Ich polemisiere nicht
gerne gegen Leute, die nicht, bevor sie eine Sache behaupten, sick erst
uberzeugen, ob sie wahr ist. Dock man mujl heute selbst von gelehrten
Leuten es erfahren, dafl sie Behauptungen ungepruft nachsprechen und sagen:
Die Sache sei nicht widerlegt worden.»20 Eine andere Liigenmethode war,
gefalschte Briefe in Umlauf zu setzen, auf die dann in echten Briefen Bezug
genommen wurde. Widerlegungen vor gegnerischem Publikum niitzten in
diesen Fallen nichts; die Leute wollten nicht die Wahrheit horen, sondern an
das glauben, was ihnen lieb war. Rudolf Steiner in einer Besprechung: «Bei
den wichtigsten Gegnern kommt man nicht an das Publikum heran. Wenn
heute aus den Kreisen der Alldeutschen und Deutschvolkischen iiber Anthro-
posophie Verleumdungen ausgestreut werden, so hat man dafur ein Publi-
kum, das unter alien Umstanden alles glaubt.»21 In Vortragen, in denen von
anthroposophischer Seite versucht wurde, die verbreiteten Unwahrheiten
richtig zu stellen, storten Trillerpfeifen und Ratschen den Redner. Oder man
rifi Plakate herunter, in denen solche Vortrage angekiindigt wurden. Schliefi-
lich schreckte man sogar vor der Anwendung korperlicher Gewalt nicht
zuriick und setzte Schlagertrupps ein, um die Vortrage Rudolf Steiners
platzen zu lassen. Auf diese Weise glaubte man, bei den Zeitgenossen zum
Ziel zu gelangen: Rudolf Steiner als die Verkorperung all derjenigen Eigen-
schaften erscheinen zu lassen, die damals als negativ empfunden wurden -
unerwiinschter Fremdling, iibler Scharlatan, entlaufener Priester, verkappter
Jesuitenzogling, fragwiirdiger Okkultist, versteckter Bolschewist, jiidischer
Bastard, irregularer Freimaurer, halbgebildeter Dilettant, aktiver Landes-
verrater. Rudolf Steiner - ein Mann des Ubels in hochstem Grad.
Den eigentlichen Startschufi fur die gegnerische Tatigkeit nach dem
Kriege bildete Zimmermanns Grundsatzkritik an der Anthroposophie in den
«Stimmen der Zeit» - eine Art inoffizielle Verurteilung der Anthroposophie
durch die Katholische Kirche im Sommer 1918. Die offizielle Verurteilung
folgte ihr auf dem Fufi: Am 18. Juli 1919 entschied die Kongregation des
Heiligen Offiziums in Rom, daft Theosophie-Anthroposophie unvereinbar
mit dem katholischen Glauben sei. Unvereinbarkeit bedeutete aber in letzter
Konsequenz Kampf. In der Folge lassen sich verschiedene Phasen in der
Aktivitat der Gegner unterscheiden: In einem ersten Zeitraum - es war die
Zeit des Aufbliihens und Abklingens der Dreigliederungsbewegung als
politischer Bewegung - fiihrten langst bekannte Gegner, wie zum Beispiel
Zimmermann, aber auch neue, wie zum Beispiel der evangelische Professor
Traub, ihren stetigen Kampf gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie
(Teil I dieses Bandes). Diese Phase dauerte von 1918 bis 1919. Mit Beginn des
Jahres 1920 - im Zusammenhang mit den Bemiihungen, den Goetheanum-
Bau in Betrieb zu nehmen und Anthroposophie durch Begriindung von
zusatzlichen wirtschaftlichen und geistigen Institutionen weiter praktisch
fruchtbar zu machen - verstarkte sich die Tatigkeit der Gegner. Es setzten
gezielte gegnerische Aktionen ein. In der ersten Jahreshalfte 1921 erreichten
sie einen vorlaufigen Hohepunkt, der in seiner Intensitat iiber das Jahr
1922 andauerte. Mit der Brandkatatstrophe in der Silvesternacht 1922, die
den Goetheanum-Bau in Schutt und Asche legte, kulminierte das gegnerische
Treiben in einem weithin sichtbaren Fanal.
In der Tatigkeit der Gegner lassen sich zwei hauptsachliche Aktivitats-
strange unterscheiden. Die religios motivierte Gegnerschaft meldete sich
besonders lautstark in der Schweiz zu Wort (Teil II dieses Bandes), wahrend
die akademischen und volkischen Kampfer gegen Anthroposophie vor allem
von Deutschland aus wirkten (Teil III dieses Bandes).
Notwendigkeit einer Abwehr
Diese Massivitat gegnerischer Attacken verlangte nach einer Antwort. Seinen
grundsatzlichen Standpunkt hatte Rudolf Steiner bereits im September 1907
in den fur Edouard Schure bestimmten Aufzeichnungen (in GA 262) um-
schrieben: «Der okkulte Standpunkt verlangt: <Keine unndtige Polemik> und
<Vermeide, wo du es kannst, dich zu verteidigen>.»22 Aber die Entwicklung
der anthroposophischen Bewegung, ihr Hineingehen in die praktischen
Begriindungen und die damit verbundene Zunahme gegnerischer Attacken
hatten Rudolf Steiner personlich in eine vollig veranderte Situation gebracht.
Er sah sich vor die Alternative gestellt - wie er den Mitgliedern darlegte -:
«Entweder der Geistesforscher muji es nun in die Hand nehmen, sich gegen
seine Gegner zu wehren, das heiflt, sich mit lauter Dingen zu beschaftigen,
die ihn von der geistigen Forschung ahhringen mussen, weil man beides
gleichzeitig nicht machen kann, oder aber er ist darauf angewiesen, weil er
sich fur seine Geistesforschung Zeit schaffen muji, die Behandlung der Geg-
ner denjenigen zu uberlassen, welche in einer gewissen Weise die Verantwort-
lichkeit ubernommen haben fur das duflerlich Begriindete.»u Tatsachlich
entschied sich Rudolf Steiner dafur, nur in Ausnahmefallen Stellung gegen
die massiven gegnerischen Anwiirfe zu nehmen. Nur ganz wenige schrift-
liche Richtigstellungen wurden von ihm unterzeichnet oder verfalk. In den
offentlichen Vortragen nahm er zwar immer wieder Bezug auf die Gegner-
frage, aber lediglich drei Vortrage - sie sind alle in diesen Band aufgenom-
men - widmete er ausschliefilich dieser Frage. Den ersten grofien und auch
in der Offentlichkeit entsprechend angekiindigten Vortrag hielt er am 5. Juni
1920 in Dornach: «Die Wahrheit uber die Anthroposophie und deren Vertei-
digung wider die Unwahrheit». Die beiden andern Vortrage fanden in
Stuttgart statt. Am 16. November 1920 sprach er iiber «Die Wahrheit der
Geisteswissenschaft und die praktischen Lebensf order ungen der Gegenwart.
Zugleich eine Verteidigung der anthroposophischen Geisteswissenschaft wider
ihre Anklager» und am 25. Mai 1921 zum Thema «Anthroposophie und
Dreigliederung. Von ihrem Wesen und zu ihrer Verteidigung». Den Rest der
Verteidigungsarbeit mufite er seinen Mitarbeitern uberlassen. Dadurch ent-
stand aber die paradoxe Situation, daft Anthroposophie von denjenigen
verteidigt werden mufite, «die nicht die voile Verantwortung tragen fur die
innere Berechtigung desjenigen, was von Tag zu Tag zu der Geistesforschung
hinzugefiigt werden mufl durch wirkliches Forschen.»u
Aber trotzdem fiihlten sich viele Anthroposophen gedrangt, fur Rudolf
Steiner und sein Werk einzustehen. Sie unterzeichneten Vertrauenskundge-
bungen und verteilten Aufrufe und Flugblatter (siehe dokumentarischer Teil
dieses Bandes), wobei sie oft erstaunlichen Mut in unangenehmen Situatio-
nen bewiesen. Leute wie Walter Johannes Stein und Eugen Kolisko oder
auch Roman Boos scheuten sich nicht, in aller Offentlichkeit gegen die
Verleumder Rudolf Steiners aufzutreten. So zum Beispiel auch Emil Molt,
der in der Protestversammlung vom 22. Januar 1920 einleitend bemerkte:
«Wenn ich mir erlaube, als Neuling auf dem Gebiet des bffentlichen Auftre-
tens heute abend zu Ihnen zu sprechen, so geschieht es aus der Uberzeugung
heraus, dafl es heutzutage nicht darauf allein ankommt, was man zu sagen
hat, sondern ganz besonders, wie man die Dinge zu sagen hat, und vor alien
Dingen, aus welchem Herzen die Dinge heutzutage kommen.»23 Fur die
Mitarbeiter Steiners raufi es nicht gerade einfach gewesen sein, die richtige
Strategic im Umgang mit den Gegnern zu finden. Man war vorerst bestrebt,
im Guten mit diesen Leuten zurechtzukommen, ja es wurde sogar die
Besorgnis laut, man diirfe nicht zu hart mit den Gegnern umgehen. Dazu die
Antwort Rudolf Steiners: «Wer findet, dajl wir in der Polemik zu scharf sind,
der wende sich nicht an uns, sondern er wende sich an die Angreifer. Denn
wenden wir uns tiichtig gegen die Angreifer, dann wird es etwas helfen, aber
nichts helfen wird es, wenn wir einige wenige in der notwendigen Abwehr
allein lassen.»24 Sehr ungliicklich empfand er zum Beispiel auch das Vor-
gehen von Rudolf Meyer, dem Zweigleiter aus Berlin; er hatte Professor
Dessoir in einem personlichen Gesprach von seiner Gegnerschaft abzubrin-
gen versucht. Rudolf Steiner ganz emport: «Selbstverstandlich ist solch ein
Mensch wie Dessoir doch nicht durch ein Gesprdch zu bekehren, das muft
man sich doch sparen. Denn erstens will er nicht, und zweitens ist er zu
dumm dazu, um irgend etwas Anthroposophisches zu verstehen. Also es hat
gar keinen Sinn, irgendwie mit einem solchen Individuum weiter zu disku-
tieren.»X5 Rudolf Meyer ging in seinem Entgegenkommen sogar so weit,
Dessoir die Korrektur seines geplanten gegnerischen Aufsatzes anzubieten.
Aber das erhoffte Verstandnis bei Dessoir fur die anthroposophische Sache
blieb aus. Rudolf Steiner im gleichen Vortrag: «Vieles wird gemacht durchaus
so, daft man sagen kann, es kommen Dinge zustande, die eben von uns aus
die Sache zerschlagen - vielleicht manchmal, wie in diesem Falle ja auch,
durchaus aus bestem Willen heraus, aber der beste Wille kann durchaus zum
Unheil ausschlagen, wenn er nicht von einem ernsten [...], von Weltsinn
durchhauchten Nachdenken durchsetzt ist.»lb
Angesichts der Schwere der Angriffe und der Gemeinheit der Verleum-
dungen liefi man sich auch auf anthroposophischer Seite zu vorschnellen
Polemiken und unangebrachten Beschimpfungen hinreifien, die zum Teil in
gerichtlichen Verurteilungen endeten. Der junge, draufgangerische Anthro-
posoph Karl Ballmer wurde wegen Beschimpfung Kullys auf der Strasse
schuldig gesprochen. Auch Roman Boos - er gehorte zu den fuhrenden
Kopfen der anthroposophischen Bewegung in der Schweiz - wurde von den
Pfarrern Kully und Arnet wegen Ehrverletzung angezeigt und am 21. Mai
1921 in einzelnen Punkten schuldig gesprochen. Sogar Rudolf Steiner mufite
als Vorsitzender des Vereins des Goetheanum am 30. Juli 1924 vor Gericht
erscheinen. Nachdem er formell die Verantwortung fur bestimmte Stellen
des vom Goetheanum aus vertriebenen Buches von Louis Werbeck iiber
«Die christlichen Gegner Rudolf Steiners und der Anthroposophie, durch sie
selbst widerlegt» ubernommen hatte, wurde er - ebenso wie damals schon
Boos - in erster und zweiter Instanz verurteilt, obwohl er fur die im Buch
beanstandeten Stellen personlich nicht verantwortlich war. Das Urteil in
zweiter Instanz erging am 8. Januar 1925.
Instrumente der Verteidigung
Es waren die verschiedensten Mittel, mit denen sich die Anthroposophen
gegen die erhobenen Verleumdungen zu verteidigen suchten: Richtigstellun-
gen in der Presse oder auch in Form von Plakatanschlagen, Protestversamm-
lungen, Gegenvortrage, Aufrufe, Unterschriftensammlungen. In der Abwehr
stiitzte man sich auf eigene Presseerzeugnisse. Zunachst stand nur die im Juli
1919 begriindete und vom deutschen Dreigliederungsbund herausgegebene
Wochenzeitung «Dreigliederung des sozialen Organismus» zur Verfiigung.
Sie brachte zwar viele Artikel, die das Vorgehen der Gegner entlarvte, aber
sie war ein Produkt der Dreigliederungsbewegung und mit deren Schicksal
eines abnehmenden Erfolges verkniipft. Um mehr die «positiven Ergebnisse
der anthroposophisch orientierten Geisteswissenscbaft als objektive Antwort
auf die Angriffe der Gegner»25 herauszustellen, wurde «Die Drei. Monats-
schrift fur Anthroposophie und Dreigliederung» begriindet; als Herausgeber
zeichnete die Verlagsabteilung des Kommenden Tages. Das Eroffnungsheft
erschien auf den 27. Februar 1921, anlafilich des sechzigsten Geburtstages
von Rudolf Steiner; der erste Jahrgang wurde mit dem April-Heft und
einem Geleitwort von Rudolf Steiner eroffnet. Trotz dieser substantiellen
Neugriindung wurde es als Mangel empfunden, dafi das «Goetheanum»
in Dornach - gerade angesichts der gegnerischen Angriffe in der Schweiz -
immer noch iiber keine eigene Pressestirame verfiigte. Roman Boos in einer
Abenddisputation anlalSlich des zweiten Hochschulkurses: «Man wird ja von
alien Seiten angepobelt. Und da ist es ein unbedingtes Erfordernis fiir die
Fortfiihrung der Arbeit in der Schweiz und iiber die Schweiz hinaus, dajl wir
die Moglichkeit bekommen, bier vom Goetheanum aus regelmaflig eine
Zeitschrift, zum mindesten eine Wocbenschrift, erscbeinen zu lassen, in der
nun nicbt fortwdbrend polemisiert und diskutiert werden muflte - es wird
allerdings manchmal notwendig sein - aber in der fortwdbrend hinausgestellt
werden konnten skizzenweise Andeutungen, worum es sich bier eigentlich
handelt [...]. »26 Am 21. August 1921 erschien die erste Nummer der Wo-
chenschrift «Das Goetheanum. Internationale Wochenschrift fiir Anthropo-
sophie und Dreigliederung»; herausgegeben wurde sie vom «Verlag am
Goetheanum», einer Abteilung der Futurum A.G. Auf Bitte Rudolf Steiners
iibernahm der Schweizer Schriftsteller Albert Steffen die Redaktion. Fiir die
Eroffnungsnummer hatte Rudolf Steiner einen Aufsatz iiber die positiven
Anliegen der Geisteswissenschaft geschrieben, «Von der Weltlage der Ge-
genwart und der Gestaltung neuer Hoffnungen»27 . Bereits am 30. Oktober
1921 brachte «Das Goetheanum* eine Sondernummer «Zur Verteidigung der
Anthroposophie» heraus. Auf dem beigefiigten Waschzettel stand als Er-
klarung: «Wahrheit gegen Zerrbild. Nicht um Propaganda fiir die Anthropo-
sophie oder fur Rudolf Steiner zu machen, bitten wir, die nachstehenden
Aufsdtze zu lesen, sondern um der Wahrheit neben dem Zerrbild der Tat-
sachen die ihr gebuhrende Geltung zu verscbaffen. »
Gerade angesichts der Flut gegnerischer Schriften wollten es einige An-
throposophen bei diesen Zeitungsgriindungen nicht bewenden lassen, son-
dern sie verfassten auch Streitschriften, die die Gesichtspunkte der anthropo-
sophischen Bewegung zur Geltung bringen sollten. So zum Beispiel Roman
Boos, der eine Broschiire iiber «Die Hetze gegen das Goetheanum* ver-
offentlichte, in der auch der Vortrag Rudolf Steiners vom 5. Juni 1920
abgedruckt war, oder Walter Kiihne, der sich unter dem Titel «Im Kampfe
urn die Anthroposophie» mit «Prof. Max Dessoirs Methode, die Anthropo-
sophie Dr. Rudolf Steiners darzustellen und zu kritisieren» auseinandersetz-
te. Aber all diese Versuche, die Sache auf die Wahrheits- und Vernunftebene
zu bringen, scheiterten. Rudolf Steiner: «Da kommt man auflerdem in einen
Bandwurm hinein von Rede und Widerrede.»15 Und noch einmal bestatigend
in der Mitgliederversammlung der Schweizerischen Landesgesellschaft vom
22. April 1923: «Als ob es sich darum handeln konnte, blofl eine Verteidigung
zu ubernebmen, fortwdhrend blojl die Gegnerschriften, die es die Gegner
beliebte zu scbreiben, nun in der gewohnlichen polemischen Weise zu wider-
legen. Damit kommen wir namlich zu nichts anderem als auf den regressus
in infinitum, denn selbstverstdndlich auf alles, was von uns auf eine Gegner-
schrift erwidert wird, erwidert der Gegner wieder, und es wird eben ein
regressus in infinitum. Davon haben wir gar nichts, wenn wir die Kanonen-
kugeln beschiefien!»2* Als erste wirksame Gegenmafinahme sah er die eigene
positive Arbeit innerhalb der anthroposophischen Bewegung. So zum Bei-
spiel in einer Besprechung mit Jugendlichen: «Abwehr nicht durch Polemik,
sondern durch wirkliche sachgemdfle Arbeit vor der Welt. [...J Die Dinge
kann man nur durch die positive Arbeit entkraften.»n Diesem Ziel - ein
positives Bild von der Fruchtbarkeit der Anthroposophie fur die verschie-
densten Lebensgebiete zu vermitteln - sollte nicht nur die Veranstaltung von
Hochschulkursen an verschiedenen Orten, sondern auch die Durchfuhrung
von internationalen anthroposophischen Kongressen im September 1921 in
Stuttgart und im Juni 1922 in Wien dienen.
Auch wenn Rudolf Steiner die Anstrengungen der einzelnen Anthropo-
sophen bei all diesen Unternehmungen durchaus schatzte, so schien ihm die
anthroposophische Bewegung als Ganzes den gegnerischen Angriffen nur
ungeniigend gewachsen. Deshalb die Aufforderung: «Machen Sie sich stark,
wie die andern es sind.»n Von einem solchen Boden der inneren Starke aus
sollte den Verleumdungen der Gegner begegnet werden: «Worauf es an-
kommt, ist, zu charakterisieren, aus welchem geistigen Grund und Boden
heraus gearbeitet wird und was das bedeutet fur die ganze Versumpfung und
Degeneration unseres gegenwartigen Geisteslebens. Auf diesen allgemeinen,
grofien weltmannischen Standpunkt mussen die Dinge unbedingt gehoben
werden, denn man kann leicht mit dem bloflen Verteidigen beim Keifen und
Gegenkeifen stehenbleiben.» 15 Was Steiner damit meinte, verdeutlichte er in
der bereits erwahnten Versammlung der Schweizerischen Landesgesellschaft:
«In Stuttgart hat man immer versucht, die Behauptungen des Generals von
Gleich zu widerlegen. Es handelt sich aber gar nicht darum, sie zu wider-
legen, sondern durum, was da fur ein Mensch dahintersteht. Dafi die game
Wissenscbaftlichkeit, von der aus solche Dinge geschrieben werden, eben
keine Wissenscbaftlichkeit ist, darum handelt es sick. Also, wir miissen uns
angewdhnen, die Dinge auf ein ganz anderes Niveau zu bringen. »27 Wie weit
es gelang, diesem Anspruch in der alltaglichen anthroposophischen Praxis zu
geniigen, ist allerdings eine offene Frage.
Vernichtung der Anthroposophie?
Im Hinblick auf diese Anfeindungen stellten sich manche der damaligen
Anthroposophen die besorgte Frage, wie weit es den Gegnern tatsachlich
gelingen konnte, die anthroposophische Bewegung als Bewegung zu vernich-
ten. Auf diese Frage gab Rudolf Steiner den Mitgliedern eine deutliche
Antwort: «Es wurde gesagt, man sei sich nicht bewuflt - so dhnlich - dajl
durch die Gegner die anthroposophische Bewegung zerstort werden konne.
Das kann sie nicht. Durch die Gegner kann die groflte Gefahr erwachsen der
Anthroposophischen Gesellschaft, meinetwillen mir selbst persdnlich und so
weiter. Aber der anthroposophischen Bewegung, der wird kein Leid gesche-
hen kbnnen, die kann hbchstens aufgehalten werden durch die Gegner. »n
Tatsachlich hatte er seine offentliche Vortragstatigkeit in Deutschland kurz
nach einem Anschlag auf seine Person einstellen miissen - der Vorfall
ereignete sich am 15. Mai 1922 in Miinchen anlafilich seines offentlichen
Vortrages iiber «Anthroposophie und Geisteserkenntnis». Und einige Mona-
te vorher, in der Silvesternacht 1922, war der Goetheanum-Bau in Flammen
aufgegangen - eine Drohung, die Karl Rohm bereits im Oktober 1920 in
seinem Monatsblatt ausgestofien hatte. Aber trotzdem: Rudolf Steiner liefi
sich durch diese gewaltigen Tiefschlage nicht beirren. Fur ihn gait nach wie
vor als grofies Leitmotiv fur seine Zukunftshoffnungen: «Aber selbst dann,
wenn die Anthroposophie getotet wurde, sie wurde wieder aufstehen, denn
sein mufi sie doch, und eine Notwendigkeit ist sie doch. Entweder gibt es eine
Erdenzukunft oder keine. Die Erdenzukunft ist von der Anthroposophie
unzertrennlich. Wenn diese keine Zukunft hat, dann erreicht die ganze
Menschheit keine Zukunft.»21
Alexander Luscher
1 GA 35
2 Mitgliedervortrag, Dornach 23. Januar 1921 (GA 203)
3 Vortrag Erster Theologenkurs, Dornach 13. Juni 1921 (Morgen) (GA 342)
4 Votum Generalversammlung Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft, Berlin 21. Oktober 1906, in: Mitteilungen fur die Mitglieder
der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, Nr. IV (Januar 1907)
5 Mitgliedervortrag, Dornach 30. Marz 1919 (GA 190)
6 Mitgliedervortrag, Dornach 12. Dezember 1920 (GA 202)
7 Vortrag Padagogischer Jugendkurs, Stuttgart 5. Oktober 1922 (GA 217)
8 Mitgliedervortrag, Dornach 19. Marz 1922 (GA 210)
9 Offentlicher Vortrag, Bern 20. Marz 1922 (noch nicht in der GA)
10 Votum Generalversammlung Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in
der Schweiz, Dornach lO.Juni 1923 (GA 259)
11 Votum Sitzung Arbeitsausschufi Stuttgarter Institutionen, Stuttgart 18. Januar
1921, in: Notizen Karl Stockmeyer
12 Mitgliedervortrag, Dornach 17. April 1921 (GA 204)
13 Mitgliedervortrag, Stuttgart 28. Februar 1923 (GA 257)
14 Offentlicher Vortrag, Berlin 7. Marz 1922 (noch nicht in der GA)
15 Mitgliedervortrag, Dornach 8. Februar 1921 (GA 203)
16 Vorwort, in: Max Kully, Das Geheimnis des Tempels von Dornach, Basel 1920
17 Buchbesprechung, in: Stimmen aus Maria-Laach 42. Jg. Nr. 6 (Marz 1912)
18 Anthroposophische Irrlehren, in: Stimmen der Zeit 48. Jg. Nr. 10 (Juli 1918)
19 La loi du progres economique et la justice sociale II. L'organisme social, in:
Suisse-Belgique-Outremer Nr. 3/4 (Juli/ August 1919)
20 In: Dreigliederung des sozialen Organismus, 1. Jg. Nr. 28 (13. Jan. 1920) (GA 24)
21 Votum Besprechung Jugendgruppe, Stuttgart 8. Februar 1923 (GA 259)
22 Aufzeichnungen fur Edouard Schure, September 1907 (GA 262)
23 In: Mitteilungsblatt des Bundes fur Dreigliederung des sozialen Organismus
Nr. 8/9 (Juli 1920)
24 Mitgliedervortrag, Dornach, 27. November 1920 (GA 202)
25 Waschzettel fur das Eroffnungsheft der Monatsschrift «Die Drei» (Februar 1921)
26 Votum Abenddisputation Zweiter anthroposophischer Hochschulkurs, Dornach
8. April 1921 (GA 337b)
27 GA 36
28 Votum Generalversammlung Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in
der Schweiz, Dornach 22. April 1923 (GA 259)
TEIL I
ALTE UND NEUE GEGNERS CHAFTEN
MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 16. November 1919
Meine lieben Freunde! Die letzten Betrachtungen werden Sie dar-
auf aufmerksam gemacht haben, welche Stellung das geisteswissen-
schaftliche Erkennen einzunehmen hat in der Geistesentwicklung
der Menschheit. Uber diese Frage ist ja sehr, sehr viel zu sprechen;
wir werden in der nachsten Zeit noch einiges dariiber zu sprechen
haben. Allein, es ist manchmal schon notwendig, daft auch hin-
gewiesen wird auf die Hemmungen, die aus dem Geistesleben der
Gegenwart kommen gegen dasjenige, was gerade im Interesse der
Fortentwicklung der Menschheit getan werden mufi. Und so werde
ich in diesen heutigen Auseinandersetzungen - indem ich, ich
mochte sagen Typisches herausgreife - Sie bekannt machen miissen
mit solchen Gedanken, wie sie gegen die hier gemeinte Geistes-
wissenschaft ja heute ziemlich gebrauchlich sind. Ich werde dabei
versuchen, die Eigenart solcher hemmender Gedanken Ihnen zu
charakterisieren.
Es ist ja nun schon einmal so, daft, seit Geisteswissenschaft in
der letzten Zeit mehr berucksichtigt wird von dieser oder jener
Seite, auch die Stimmen sich mehren, welche darauf ausgehen, die-
ser Geisteswissenschaft nicht nur alles mogliche in den Weg zu
legen, sondern sie gewissermafien zu zertreten. Sie miissen nur
bedenken, daft eine geistige Bewegung in unserer Zeit, solange man
die Moglichkeit hat, sie als eine Sekte zu bezeichnen, wenig ange-
fochten wird. Allein, es ware von unserer Seite eine grofte Bequem-
lichkeit, wenn wir uber das, was an Hemmungen auftritt, heute
auch noch in derselben Art denken wiirden, wie wir gewohnt
waren zu denken in der Zeit, in der diese Geisteswissenschaft in
kleineren Zirkeln wie sektiererisch betrieben worden ist. Nach
meinem eigenen Geschmack war ja das Sektiererische niemals; aber
es ist angesichts der Denk- und Empfindungsgewohnheiten und
Willensgewohnheiten der Gegenwart aufterordentlich schwierig,
aus dem Sektiererischen herauszukommen, weil es ja fast selbst-
verstandlich ist, daft der einzelne Mensch fur den Fortgang und die
Entwicklung seiner Seele Ankniipfungspunkte da sucht, wo er sie
aus einer geistigen Erkenntnis heraus finden kann. Dann aber
kommt natiirlich wiederum das auftere Leben, in dem man nichts
so fiirchtet wie die Moglichkeit, daft man da oder dort anstoftt, und
dann verraucht zum groften Teil der im stillen Seelenkammerchen
durchgefochtene Wille, wenn es sich darum handelt, mehr vor die
Offentlichkeit hinzutreten.
Dasjenige, was heute an Gegnerischem geschrieben wird, ist ja
so zahlreich, daft ich nur etwas Typisches herausgreifen kann, und
dabei kniipfe ich an an eine Broschure, die eben erschienen ist,
«Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph», von einem Profes-
sor in Tubingen, Dr. Friedrich Traub, der ja wohl von evangelisch-
protestantischem Empfinden der Gegenwart aus seine gegnerischen
Bemerkungen geformt hat. Das Eigentumliche, das uns bei solchen
Dingen in der Gegenwart entgegentritt, ist etwas, das gerade ange-
kniipft werden kann an Betrachtungen, die in der letzten Zeit und
auch in diesen Tagen hier von mir gepflogen worden sind. Es mufi
ja immer wieder und wiederum daran erinnert werden, daft zu
einer wirklich gedeihlichen Pflege einer geisteswissenschaftlichen
Bewegung durchaus gehort, sich an der Betrachtung und an der
Behandlung der Dinge der physischen Welt ein vollig ungetriibtes
Wahrheitsgefuhl und ein gewissenhaftes Verfolgen der Wahrheit
anzueignen. Daft die Weisheit nur in der Wahrheit gesucht werden
kann, das, meine lieben Freunde, soil nicht ein wesenloses Motto
unserer Bewegung sein, das soli auf etwas ganz Wesentliches hin-
deuten.
Nun ist es eine Eigentumlichkeit in unserer Zeit erstens, daft
iiberhaupt die Menschen sehr leicht dazu neigen, dasjenige, was
geschieht, zu retuschieren, in irgendeiner Weise zu retuschieren. Es
steckt ja gewift viel Unbewufttes in solchem Retuschieren, aber
auch das unbewuftte Retuschieren muft derjenige, der Wahrhaftig-
keit gegentiber den Dingen anstrebt, bestrebt sein aus seinem
Leben auszumerzen. Es handelt sich darum, daft, wenn man Dinge
erinnert, man bestrebt sein muft, sie in ihrer wahren Gestalt wie-
derum in das Gedachtnis heraufzurufen. Es ist so merkwiirdig, wie
selbst in unseren Kreisen es immer wieder vorkommt - das mufi
schon gesagt werden -, daft Dinge erzahlt werden, Dinge des ge-
wdhnlichen physischen Planes, denen man dann nachgehen kann
und an denen gar nichts ist, die vollig in der Luft verfliegen. Das
sind Dinge, die wirklich mit einem grofteren Ernst genommen
werden sollen, als sie gemeiniglich genommen werden. Dann aber
handelt es sich darum, daft man im Verkehr der Menschen unter-
einander gewisse Dinge einhalt, welche notwendig sind, wenn das
soziale Leben nicht iiberhaupt ins Absurde verflieften soil.
Sehen Sie, vor einiger Zeit muftte in Stuttgart hart geriigt werden
- Dr. Unger hat das damals getan -, daft ein Theologe einen Vortrag
gehalten hat iiber meine Anthroposophie und viel Personliches in
diesen Vortrag hineinmischte. Theologen sollten ja eigentlich Men-
schen mit Wahrheitsgefuhl sein. Dieses Personliche war nun fast
restlos entlehnt aus der Broschiire des bekannten Ex-Anthropo-
sophen - man ist ja solche Wortbildungen heute gewohnt - Max
Seiling. Nun, der betreffende Theologe, der ein Forscher, also ein
Wissenschaftler sein will, der sagte unter anderem, diese Dinge
waren ja in der Offentlichkeit bisher nicht widerlegt. - Nun, meine
lieben Freunde, wollte man alles, was von einer solchen Seite kommt,
widerlegen, so ware das eine Arbeit, die dem gleichkame, wenn
Buben einen auf der Strafte mit Dreck beschmeiften und man dann
mit den Buben sich in einen Raufhandel einliefte, nicht wahr. Also,
das bezuglich der Widerlegung. Aber es ist an der Aussage eines
Menschen, der Wissenschaftler sein will, das folgende zu riigen.
Derjenige, der etwas behauptet, hat die Verpflichtung, den
Quellen fur die Beweise nachzugehen, also nicht einfach nachzu-
sprechen, sondern die Quellen erst zu priifen. Wohin kame man
zum Beispiel bei der geschichtlichen Forschung, wenn man alles
das als wirkliche Geschichte ansehen wiirde, was man irgendwo
aufliest, und sich nicht verpflichtet fuhlen wiirde, den Wahrheitsge-
halt der Quellen wirklich zu priifen. Nicht derjenige, der beworfen
wird, hat die Verpflichtung, die Behauptungen zu widerlegen, son-
dern derjenige, der sie nachsagt, der sie beniitzt, um sie zu charak-
terisieren, der hatte die Verpflichtung, einer solchen Sache nachzu-
gehen, bevor er sie nachspricht. Und diesem Herrn, der noch dazu
im aufteren sozialen Leben sich Universitatsprofessor nennen darf,
dem miifite begreiflich gemacht werden, dafi solch ein Mensch, der
wissenschaftlich arbeitet, ohne die Quellen zu untersuchen, sich
einfach durch diese Tatsache so vor der Welt dokumentiert, dafi er
in der Zukunft niemals, in bezug auf gar nichts wissenschaftlich
ernst genommen werden kann.
Sehen Sie, solche Dinge miissen deshalb heute so dezidiert aus-
gesprochen werden, weil diesen Dingen nachgegangen werden soll-
te in der Offentlichkeit, weil in der Tat die Leute auf ihren Wahr-
heitsimpuls hin heute gepriift werden miifiten. Man miifite den
Dingen nachgehen, ob irgend jemand, der im offentlichen Leben
steht, es mit der Wahrheit ernst nimmt oder nicht ernst nimmt, das
heifit, ob er auch die Verpflichtung fuhlt, fiir alles das, was er be-
hauptet, selber die Quellen der Wahrheit zu priifen. Es geniigt
nicht, wenn jemand sagt, er sage etwas in gutem Glauben; dieser
Glaube ist fiir die Geltendmachung eines offentlichen Urteils gar
nichts wert. Von Wert ist lediglich die gewissenhafte Priifung, zu
der jeder verpflichtet ist, der irgendeine Behauptung tut. Wiirde
man sich das schon im privaten, personlichen Leben angewohnen,
so wiirde es auch nicht in einem solchen Zusammenhang vorkom-
men konnen wie dem, den ich charakterisiert habe. Und wenn es
vorkommt, dann ist das ein Symptom, dafi es im gewohnlichen
Leben in der heutigen Zeit gang und gabe ist, blind ins Blaue hinein
etwas zu behaupten, ohne sich gewissenhaft daran zu halten, die
Quellen fiir irgendeine Behauptung auch zu priifen. Das ist etwas,
was durchaus im Allgemeinen gesagt werden mui
Nun, meine lieben Freunde, ich werde mit etwas scheinbar
aufierordentlich Belanglosem zu beginnen haben, mit etwas, das
meinetwillen auch viele unter Ihnen fiir belanglos halten und sagen
konnten: Nun, solche Dinge, auf die kommt es doch nicht an,
solche kleinen Versehen, die mufi man schon verzeihen. - Den-
noch, gerade an der - ich mochte sagen - gewissenlosen Art, wie
jemand oftmals Kleinigkeiten behandelt, zeigt sich, wie er in Gro-
fiigkeiten verfahrt. Sehen Sie, die Broschure, von der ich gespro-
chen habe, die in der Einleitung, in dem Vorwort sagt:
Die vorliegende Schrift - urspriinglich ein Vortrag auf dem vom Evan-
gelischen Bund veranstalteten und im August 1919 in Tubingen abge-
haltenen Kurs - ist bemiiht, die Steinersche Gedankenwelt moglichst
klar und sachlich zu schildern und zu beurteilen.
- diese Schrift enthalt zunachst auch einige biographische Angaben,
und diese biographischen Angaben beginnen damit:
Steiner ist im Jahre 1861 in dem ungarischen Grenzstadtchen Kralje-
witz geboren.
Nun, meine lieben Freunde, wenn der Mann irgendein Hand-
buch aufschlagen wiirde - wozu er verpflichtet ware - und auf-
suchen wiirde Kraljevec auf der Mur-Insel in Ungarn, so wiirde er
finden, daft es ein entsetzliches kleines Dreckloch von Dorfchen
ist, um das es sich da handelt. Also, man braucht nur nachzuschla-
gen. Sie werden es vielleicht unbedeutend und belanglos finden,
aber im Forschen kommt es auf Genauigkeit an, im Forschen
kommt es auf exakte Wahrheitsliebe an, und wenn jemand in Klei-
nigkeiten solche Dinge macht und sich nicht verpflichtet fuhlt, die
Wahrheit zu erforschen, so ist auf seine Grofiigkeiten eigentlich
schon nichts zu geben. Dann geht es weiter:
Er ist aber trotzdem nicht Ungar, sondern Deutschosterreicher.
Und so weiter. Dann heiEt es:
Die geistige Atmosphare, in der er aufwuchs, ist die eines aufgeklarten
Katholizismus, woraus sich erklart, dafi er der Gedankenwelt des
deutschen Protestantismus innerlich feme steht.
Nun, meine lieben Freunde, woher hat das der Mann? Aus einer
verniinftigen Quelle kann er es nicht haben, weil ich wahrhaftig
nicht in einem aufgeklarten Katholizismus aufgewachsen bin, son-
dern aufgewachsen bin ohne Katholizismus, sogar ohne aufgeklar-
ten Katholizismus, tatsachlich in einer Denkweise, die durchaus
der - ich mochte sagen - radikalsten naturwissenschaftlichen An-
schauungsweise der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahr-
hunderts entspricht. Man mochte also glauben, dafi solch ein Mann
iiberhaupt nichts weift von dem, was im letzten Drittel des vorigen
Jahrhunderts vorgegangen ist, sonst wiirde er nicht in meinen
Schriften irgend etwas finden konnen von aufgeklartem Katholi-
zismus. Dann nur noch einen Satz von dieser Sorte:
Er studierte in Graz und Wien Naturwissenschaft und Mathematik
und ging spater zur Philosophic iiber.
Meine lieben Freunde, ich war in Graz zum ersten Mai beim
Leichenbegangnis von Hamerling im Jahre 1889, nachdem ich
langst mit alien philosophischen Studien fertig war. Ich habe nie-
mals die Grazer Universitat oder eine Grazer Hochschule von
innen gesehen.
Sie mogen das, wie gesagt, alles belanglos finden, Sie mogen
sagen, das seien so kleine Versehen, die man verzeihen kann. Nein,
meine lieben Freunde, denjenigen, der Forscher sein will, kann man
nicht in dieser Weise behandeln, sondern bei dem mufi man auf die
exakte Wahrheit sehen. Wenn irgend jemand aus was weifi ich
welcher Phantasie solche Dinge behauptet, dann muft man sich
auch klar sein dariiber, daft von dem, was er sonst vorbringt,
eigentlich nicht viel zu halten ist.
Ich habe nun aber studiert, was denn der Mann eigentlich ge-
dacht haben konnte, wie er herausgefunden haben konnte, daft ich
in Graz studiert hatte - ich habe ja in Wien studiert -, wie kommt
er auf so etwas?
Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn Sie sich vorstellen:
hier die steirische Mur, so ist hier die Mur-Insel, Groftmurschen, da
das ganz kleine Ortchen Kraljevec, Csaktornya ist davor, dann
Kottori. Nun, wenn hier Graz ist, ist hier etwa Wien. Nun hat der
Mann gesagt: Wie ist Steiner von Kraljevec nach Wien gekommen?
Selbstverstandlich iiber Graz (siehe Tafel 1). - Eine andere Mog-
lichkeit, diese Dinge zu behaupten, scheint es mir durchaus nicht
geben zu konnen. Sie sehen aber daraus, meine lieben Freunde, wie
Tafel 1
es mit der Denkweise [eines] manchen, der sich Forscher nennen
darf aus unseren sozialen Verhaltnissen heraus, eigentlich steht.
Die Broschiire Traubs zerfallt in zwei Teile. Der erste Teil
handelt von «Steiners Philosophie», der zweite von «Steiners Theo-
sophie». Nun, man hat ja nach den Erfahrungen des Lebens nicht
gerade Veranlassung zu glauben, daft evangelische Theologen viel
von Philosophic verstehen durchschnittlich; aber wenn jemand
dariiber schreibt und den Anspruch darauf macht, wenigstens in
der Theologie ernst genommen zu werden, so sollte doch bei ihm
die Moglichkeit vorliegen, wenn er iiber die «Philosophie» einer
Personlichkeit schreibt, wenigstens die Hauptsache irgendwie zu
beriihren; es miifke irgendwie das herausgestellt sein, auf was es im
wesentlichen ankommt. Das Ganze, wie er hier meine Philosophic
behandelt, das ist im Grunde genommen zuerst eine Feststellung,
daft ja manche geistreichen Bemerkungen in meiner «Philosophie
der Freiheit» stiinden, dann aber gipfelt es in dem folgenden Satz,
der da steht:
Aber dann kommen auch Partien, die recht dunkel sind und denen der
Leser ratios gegemibersteht.
Ich glaube es bei dem Pfarrer beziehungsweise Professor Traub,
dafi er manchem ratios gegeniibersteht; allein, es scheint mir, dafi es
ihm zukame in dieser Beziehung, doch sich einmal zu iiberlegen,
ob die Ratlosigkeit nicht aus seiner Seelenverfassung kommen
konnte. Denn schliefilich gilt ja auch heute noch, was schon vor
langer Zeit der gute Lichtenberg gesagt hat: Wenn ein Buch und ein
Kopf zusammenstoften und es klingt hohl, so muE nicht gerade das
Buch daran schuld sein.
Nun sehen Sie, wenn sich einer soweit versteigt zu sagen:
Es liegt also hier bei Steiner eine begriffliche Unklarheit vor, die fur die
Begriindung seines Standpunktes verhangnisvoll ist.
- so mulke er doch wenigstens danach trachten, den Gesichts-
punkt, auf den es ankommt, irgendwie ins Auge zu fassen. Viel-
leicht hatte es Herrn Traub doch einiges helfen konnen, wenn er
sich bemuht hatte, den Dingen gewissenhaft nachzugehen. Allein,
er zitiert unter den Schriften, die er gelesen hat fur die Charakte-
ristik meiner Philosophic, blofi die «Philosophie der Freiheit» und
«Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» von 1901;
diese Biicher nennt er, also schon nicht «Wahrheit und Wissen-
schaft», was ihm sehr gut hatte helfen konnen, der «Philosophie
der Freiheit» nicht ganz so ratios gegenuberzustehen.
Aber den Kernpunkt der Sache - es ist, als ob der Pfarrer Traub
ja wirklich der Sache ratios gegenuberstehen wiirde -, diesen Kern-
punkt herauszufinden, das ware allerdings das Wichtigste. Bei die-
sem Kernpunkt handelt es sich namlich darum, dafi sowohl in
meinem Buche «Wahrheit und Wissenschaft» wie in meinem Buche
«Die Philosophic der Freiheit» ein bewufit anti-kantischer Stand-
punkt einmal klar und deutlich formuliert worden ist. Und das,
worauf es dabei ankommt, das ist, dafi von mir gezeigt worden ist,
dafi man iiberhaupt nicht sich der sinnlichen Aufienwelt so gegen-
iiberstellen kann wie Kant und alle seine Nachbeter sich dieser
sinnlichen Auftenwelt gegeniibergestellt haben, so daft man sie ein-
fach hinnimmt und fragt: Kann man nun tiefer in sie hineindringen
oder nicht? - Dasjenige, was ich habe zeigen wollen im Beginne
meiner schriftstellerischen Laufbahn, das war das, daft die auftere
Sinneswelt, so wie sie sich uns darbietet, deshalb ein blofter Schein
ist, deshalb eine halbe Wirklichkeit ist, weil wir in die Welt nicht
so hereingeboren werden, daft unser Verhaltnis zu der Auftenwelt
ein fertiges ist, sondern daft unser Verhaltnis zur Auftenwelt ein
solches ist, das wir selber erst fertigzustellen haben, wenn wir iiber
die Welt denken, wenn wir iiber die Welt dies oder jenes an Erfah-
rungen, an Erlebnissen uns aneignen. Wenn wir also im weitesten
Sinne uns Wissen iiber die Welt erwerben, dann erst kommen wir
zur Wirklichkeit.
Das ist der Grundfehler des Philosophierens des 19. Jahrhun-
derts, daft immer einfach die Sinneswelt als fertige genommen wird.
Man ist sich nicht bewuftt geworden, daft zur wahren Wirklichkeit
der Mensch dazugehort, daft dasjenige, was im Menschen nament-
lich an Gedanken auftritt, sich abspaltet von der Wirklichkeit,
indem der Mensch in die Wirklichkeit hineingeboren wird, daft die
Wirklichkeit zunachst verborgen ist, so daft sie uns als eine Schein-
wirklichkeit entgegentritt; und erst wenn wir diese Scheinwirklich-
keit durchdringen mit dem, was in uns aufleben kann, haben wir
die voile Wirklichkeit vor uns. Damit aber wiirde von vornherein
philosophisch, vom Gesichtspunkt einer gewissen Erkenntnistheo-
rie, alles dasjenige charakterisiert sein, was spater wiederum meiner
Anthroposophie zugrundeliegt. Denn es ist vom Anfang an ver-
sucht worden nachzuweisen, daft die Sinneswelt nicht eine Wirk-
lichkeit ist, sondern daft sie eine Scheinwirklichkeit ist, zu der erst
hinzukommen muft dasjenige, was der Mensch zu ihr hinzubringt,
was dem Menschen in seinem Inneren aufleuchtet und was er dann
erarbeitet. Die ganze kantische und nach-kantische Philosophic
geht im Grunde genommen davon aus, daft man eine fertige
Wirklichkeit vor sich habe und daft man dann die Frage aufstellen
konne: Ja, kann man denn diese fertige Wirklichkeit erkennen oder
kann man sie nicht erkennen? - Sie ist aber keine fertige Wirklich-
keit, sie ist nur eine halbe Wirklichkeit, und die ganze Wirklichkeit
entsteht erst, wenn der Mensch dazukommt und dasjenige in die
Wirklichkeit hineingieftt, was ihm in seinem Innersten aufgeht.
Wiirde man so charakterisieren, wie es gegeben ist in meiner
«Wahrheit und Wissenschaft» und was dann uberleitet von dieser
«Wahrheit und Wissenschaft» zur «Philosophie der Freiheit», so
wiirde man sehen, dafi das Denken, das notwendig ist, um eine
Anthroposophie zu begriinden, ja bereits seinem Kernpunkte nach
philosophisch von mir charakterisiert worden ist.
Interessant ist es, daft da bei Traub stent:
Wer von sittlicher Freiheit redet, der kann dies, sollte man denken,
unmoglich tun, ohne zu der fundamentalen Frage «Freiheit und kau-
sale Naturnotwendigkeit» Stellung zu nehmen. Von dieser Frage stent
in diesem ganzen Buche so gut wie nichts.
Mit diesem Zwischensatzchen «so gut wie» kann man natiirlich
alles mogliche treffen. Aber wenn man davon absieht, dann mochte
man fragen: Hat denn der Mann das Buch erst in der Mitte aufge-
schlagen und nur von der Mitte bis zum Ende gelesen? Im ersten
Kapitel ist ja in Ankniipfung an Spinoza die Rede davon, wie man
aufzufassen hat die Idee der Freiheit im Gegensatze zu der Natur-
kausalitat. Soweit es fur notwendig zu halten ist innerhalb eines
solchen Buches, ist gerade diese Frage der Ausgangspunkt. So et-
was iibersieht ein so geartetes Denken wie das von Professor
Traub.
Beziiglich der «Ratsel der Philosophie» brauchen Sie ja nur das-
jenige zu lesen, was ich am Anfange jenes allerdings gewagten ein-
leitenden Kapitels gesagt habe, daft es notwendig war, den ganzen
Gang der Philosophic der Menschheit auf sich wirken zu lassen,
um diese paar Seiten zu schreiben, welche den Gang des philoso-
phischen Denkens der Menschheit im Zeitraume von sieben bis
acht Jahrhunderten charakterisieren sollen. Wenn Sie das lesen,
dann werden Sie sich fragen: Was will denn eigentlich ein solcher
Herr, wenn er dann sagt:
Aber diese Gesichtspunkte ...
- er meint diejenigen, die in diesen Seiten entwickelt sind -
... sind so unbestimmt und fliefiend und decken sich so wenig mit
dem Inhalt, den sie zusammenfassend bezeichnen sollen, dafi man den
Eindruck eines Schemas bekommt, das willkiirlich iiber den Inhalt her-
gestiilpt ist, nicht einer Ordnung, die organisch aus dem Stoff heraus-
wachst.
Gerade das ist ja gezeigt, wie die Ordnung organisch aus dem Stoff
herauswachst, und iiberall ist wieder Gelegenheit genommen, bei
jedem einzelnen Kapitel, zu zeigen, wie gerade das, was er hier ein
Schema nennt, aus der wirklichen empirischen Betrachtung des
Stoffes herauswachst. Fur solche Leute kann man alles mogliche
sagen - sie sagen dann eben auch wiederum alles mogliche, was
ihnen gerade einfallt.
Das Schonste aber, meine lieben Freunde, sind in dieser Schrift
Satze wie etwa dieser:
Es ware daher von der grofken Bedeutung gewesen, wenn er in seiner
philosophischen Periode einen klaren und eindeutigen Begriff der Wis-
senschaft gebildet hatte. Ist die Geisteswissenschaft eine Tatsachenwis-
senschaft wie Naturwissenschaft und Geschichte? Ist sie eine Norm-
wissenschaft wie Logik, Ethik, Asthetik? Oder in welchem anderen
Sinn ist sie eine Wissenschaft? Nirgends erhalt man dariiber eine
befriedigende Auskunft.
Nun, meine lieben Freunde, was liegt denn einem solchen Satze
zugrunde? Der betreffende Herr hat erstens die eingewurzelten
Begriffe von Tatsachenwissenschaft und Normwissenschaft im
Kopfe. Das hat er aus seinen Kompendien jedenfalls im Laufe sei-
nes Lebens gelernt, daft es Normwissenschaften und Tatsachenwis-
senschaften gibt. Dafi gegeniiber dem, was Geisteswissenschaft ist,
diese alten Begriffe zerfallen, davon miifke er sich zuerst unterrich-
ten. Aber er beurteilt dasjenige, in das er sich selbst hineinfinden
sollte, nach den Begriffen, die er sich angeeignet hat. Kein Wunder,
dafi sie in diese Begriffe nicht hineinpassen.
Niedlich ist zum Beispiel auch das folgende. Er sagt:
Ein drittes Beispiel. Alle «Ratsel der Philosophie» reduzieren sich fiir
Steiner schlielSlich auf das eine: Seele und Welt. Wie muft die Welt
gedacht werden, daft die Seele in ihr Raum hat? Aber diese Problem-
stellung ist reichlich unbestimmt. Der Begriff «Seele» ist eben mehr-
deutig. Ist die Seele gemeint als das psychologische, als das erkenntnis-
theoretische, als das ethisch-religiose Subjekt?
Erstens mochte ich wissen, woraus er dieses Problem genommen
hat. Ja, meine lieben Freunde, Seele ist halt als Seele gemeint, als die
wirkliche Seele. Dafi in den Kompendien Betrachtungen angestellt
worden sind im Laufe der Zeit, die man erkenntnistheoretisch nen-
nen kann, die man psychologisch nennen kann oder die man
ethisch-religios nennen kann, das bedingt doch nicht den Unsinn,
dafi man sagen soil: Ich betrachte das Verhaltnis der ethisch-reli-
giosen Seele zur Welt, oder ich betrachte das Verhaltnis der er-
kenntnistheoretischen Seele zur Welt, oder ich betrachte das Ver-
haltnis der psychologischen Seele zur Welt. Es ist sehr schwierig,
sehen Sie: Wollte man ein solches Zeug widerlegen, so mufke man
es mit irgend etwas zu tun haben, das man anfassen kann. Aber
man kann doch solche Dinge eigentlich nicht anfassen, sie
zerflattern einem ja unter den Handen.
Am meisten interessiert naturlich den evangelischen Theologen,
wie ich es gehalten habe mit dem Gottesbegriff in der Zeit, in der
meine philosophischen Schriften geschrieben worden sind. Nun,
meine lieben Freunde, wenn man etwas schreibt, so handelt es
sich nicht darum, dafi man iiber alles mogliche schreibt, von alien
moglichen Gesichtspunkten aus, sondern dafi man von den Ge-
sichtspunkten aus schreibt, die gerade in Frage kommen nach dem
Inhalte der betreffenden Schrift. Ich hatte niemals Veranlassung in
diesen Zeiten, in denen meine «Philosophie der Freiheit» und
auch das Friihere und einiges Spatere entstanden ist, in irgendeiner
Weise auf die theologische Frage iiber Gott und die Welt einzu-
gehen. Es ist also eine merkwiirdige Kritik, wenn man nicht sieht,
dafi in einem solchen Zusammenhange, wie es die «Philosophie
der Freiheit» ist, weder ein personlicher noch ein iiberpersonlicher
Gott gefunden werden kann. Da handelt es sich um die Behand-
lung der Materie, um die Behandlung des Stoffes.
Nun sehen Sie, ein besonders gefundenes Fressen ist natiirlich
fur Menschen, die an den Hauptsachen vorbeigehen - denn an der
wirklichen Hauptsache, der Bestimmung des Verhaltnisses des
Menschen zur Wirklichkeit, ist Traub so weit vorbeigegangen, dafi
er diesen Punkt nicht einmal gesehen hat, dafi er gar nicht einmal
eine Ahnung davon hat, dafi das die Hauptsache ist -, ein gefunde-
nes Fressen ist es immer, wenn Nebensachen hervorgehoben wer-
den konnen. Es diirfte niemanden iiberraschen, daft von dem Ge-
sichtspunkte, auch von dem anthroposophischen Gesichtspunkte,
von dem ich auszugehen habe, nur ein herbes Urteil gefallt werden
kann iiber alles dasjenige, was Bekenntnis-Christentum der einen
oder anderen Nuance in der Gegenwart ist, dafi ein herbes Urteil
gefallt werden muE iiber alles dasjenige, was vage Jenseitsvorstel-
lungen sind. Fur denjenigen, der den Nerv des Anthroposophi-
schen versteht, leuchtet dieser Kern des Anthroposophischen zu-
riick auf dasjenige, was ich philosophisch geltend machen mulke.
Es handelt sich ja darum, daft man, wenn man noch so weit in die
geistigen Welten hineindringt, sich diese Welt durchaus vorzustel-
len hat als eine einheitliche, so dafi alles dasjenige, was Geist ist, zu
gleicher Zeit gesucht werden mufi in dem materiellen Dasein. Es ist
der grofke Schaden geschehen in unserer neueren menschheitlichen
Weltanschauungsentwicklung dadurch, dafi die Menschen immer
wieder hinausweisen wollten aus dem, was unmittelbare Erfahrung
ist, auf ein unbestimmtes, vages Jenseits. Dieses Jenseits soil eben
gerade durch die geistige Betrachtung zu einem Diesseits, zu einem
wirklich hier Vorhandenem werden. Daher mufite ich erkenntnis-
theoretisch alle vagen Jenseitsvorstellungen bekampfen und mufke
namentlich alles dasjenige weit wegweisen, was aus den Religions-
bekenntnissen der Gegenwart heraus immer wieder und wiederum
pflegen will diese vage Jenseitsvorstellung. Gerade um allmahlich
aufzusteigen zu einem wirklichen Verstehen des Christus, mufite
ich all das, was den wirklichen Christus-Impuls eigentlich verne-
belt, das muftte ich als Abzulehnendes fur die Zukunftsmenschheit
hinstellen. Denn es mufi klar sein, dafi die Art und Weise, wie in
der neueren Zeit unter der Protektion gerade der theologischen
Richtungen unterschieden wird zwischen Offenbarung und aufie-
rer Wissenschaft, daft gerade das von einem gro£en Schaden ist fiir
unsere Geistesentwicklung. Daher braucht es niemanden zu wun-
dern, dafi das gewohnliche Christentum von mir zuriickgewiesen
worden ist in meiner philosophischen Periode, denn dieses ge-
wohnliche Christentum ist gerade um des Christus selbst willen
zuriickzuweisen. Aber fiir diejenigen Menschen, die iiberall an
Worten hangen, die niemals die Dinge im Zusammenhange be-
trachten, sondern immer an Worten hangen, fiir die ist es ein Leich-
tes, dann aus dem Zusammenhang herausgerissen scheinbare Wi-
derspriiche zu entdecken. Das kann man natiirlich bei dem, dem es
nie auf die Worte angekommen ist, sondern immer auf die Sache,
aufierordentlich leicht.
Und so kann man einen Satz aufgreifen wie den, den ich 1898
gesagt habe:
Wir wollen Kampfer sein fiir unser Evangelmm, auf dafi im kommen-
den Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weifi,
befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf
das Jenseits.
Oder schon etwas fruher:
Es ist allein des Menschen wiirdig, dafi er selbst die Wahrheit suche,
dafi ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite. Wenn das einmal
durchgreifend erkannt sein wird, dann haben die Offenbarungsreli-
gionen abgewirtschaftet.
Das ist etwas, meine lieben Freunde, was natiirlich, wenn man es
dem bloft wortlichen Inhalt nach nimmt, sehr leicht, furchtbar
leicht dazu fiihren kann, Widerspriiche zu konstruieren. Derjenige,
der gewissenhaft vorgehen wiirde, wiirde natiirlich untersuchen, in
welchem Zusammenhang diese Worte gebraucht worden sind. Fiir
den Pfarrer oder Professor Traub allerdings ist das etwas Gefahr-
liches, denn sein Christentum, sein Jenseitsglaube ist schon ganz
sicher getroffen.
Sehen Sie, damit habe ich Ihnen ungefahr den Gedankenreich-
tum vorgefiihrt, mit dem meine Philosophie von Professor Traub
charakterisiert wird. Denn andere Gedanken sind nicht viel in der
Schrift zu finden. Alles dasjenige, worauf es ankommt, ist iiber-
sehen. Daft ich in der «Philosophie der Freiheit» von intuitivem
Denken spreche, das bemerkt zwar der Professor Traub, aber er
kann sich unter intuitivem Denken nichts vorstellen, weil er findet,
daft das Denken bloft formaler Natur ist, also eigentlich leer ist. Ja,
meine lieben Freunde, mit einem solchen Menschen ist allerdings
nicht zu reden, weil er die allereinfachsten Begriffe sich nicht an-
geeignet hat, die man zum Beispiel in der Mathematik gleich am
Anfang gewinnen konnte, denn wenn sie der Mathematik nur ein
formales, kein inhaltsvolles Denken geben, so mochte ich wissen,
wie man jemals so etwas einsehen konnte wie den pythagoraischen
Lehrsatz. Wollte man da alien Inhalt aus der Erfahrung nehmen, so
wiirde man niemals so etwas einsehen wie den pythagoraischen
Lehrsatz, der eben voraussetzt, daft ein inhaltvolles Denken der
aufteren Sinneserfahrung entgegenkommt, das dann sozusagen mit
zum intuitiven Denken kommt, wie es in der «Philosophie der
Freiheit» charakterisiert ist. Daft dann schon die Entwicklung die-
ses Denkens, das Aufsteigen dieses Denkens in die geistige Welt
gegeben ist, das ware etwas, was hervorzuheben ware, wenn man
meine Philosophie charakterisiert. Nun, das kann man schlieftlich
nicht voraussetzen, daft das ein solcher Herr herausfindet.
Dann geht er iiber zu der Charakterisierung desjenigen, was er
«Steiners Theosophie» nennt. Gelesen hat er «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?». Darinnen findet er zunachst
anerkennenswert einige ethische Grundsatze, die gegeben werden.
Dann aber ergeht er sich, wie es ja eigentlich bei ihm schon selbst-
verstandlich ist nach seiner ganzen Gesinnung, dann ergeht er sich
darin - ja, wie soil ich sagen? - nicht zu verstehen und scharf zu
betonen, daft er nicht versteht, was Astralleib, Lebensgeist, Ather-
leib und so weiter ist.
Es ist schwer,
- so sagt er wortlich -
... sich von diesen Bestandteilen des Menschenwesens ein einiger-
mafien verstandliches Bild zu machen.
Nun ja, er gibt mir darin recht, daft ich von jedem, der einen
gesunden Menschenverstand hat, verlange, daft er vom Standpunk-
te des gesunden Menschenverstandes aus die Dinge priifen konne.
Selbstverstandlich hat der Professor Traub gesunden Menschenver-
stand - seiner eigenen Meinung nach. Aber, meine lieben Freunde,
eine eigentumliche Art, mit seinen Gedanken an solche Dinge
heranzukommen, ist es doch, wenn er zum Beispiel in der «Theo-
sophie» findet, da sei oftmals von der Siebenzahl die Rede, und
wenn er dann sagt:
Sollte wirklich - diese kritische Frage kann auch schon hier in der
Darstellung nicht unterdriickt werden - die so regelmafiig wiederkeh-
rende Siebenzahl «erschaut» sein? Kann man sich des Verdachts er-
wehren, dafi man hier ein kiinstliches Schema vor sich hat, das willkiir-
lich den Dingen aufgepfropft wird?
Wiirde er irgend etwas verstehen, so wiirde er wissen, daft es sich
ebensowenig um ein kiinstliches Schema handelt, wie wenn man
den Regenbogen betrachtet und sagt, es sind sieben Farben darin-
nen, oder wenn man die Tonskala betrachtet und sagt, es sind sie-
ben Tone darinnen und die Oktave ist die Wiederholung der Prim
und so weiter. Aber, meine lieben Freunde, nicht einmal in posi-
tivem Sinne wird von ihm eine solche Sache angefaftt, sondern es
wird einfach die Frage aufgeworfen:
Kann man sich des Verdachts erwehren, daft man hier ein kiinstliches
Schema vor sich hat, das willkiirlich den Dingen aufgepfropft wird?
Warum denn eine solche Frage, wenn man doch nicht darauf ein-
geht, die Sache zu untersuchen! Die ganze Methodik, die ist etwas
ganz Unmogliches.
Ich wiirde nicht in so scharfen Worten iiber dieses Buch spre-
chen, meine lieben Freunde, weil nach meiner Meinung tatsachlich
ein gut Stuck Schuld daran, wie das Buch ist, die Beschranktheit
des Verfassers hat, nicht gerade der bose Wille - das geht aus dem
Inhalte hervor. Aber nach den Ausdriicken, die der Mann ge-
braucht, rechtfertigt es sich schon auch, daft man ebenso starke
Ausdriicke gebraucht. Ich will mich befleiftigen, nicht scharfere
Ausdriicke zu gebrauchen, als sie in dem Buche wider meine «Phi-
losophie» und meine «Theosophie» gebraucht sind. Die Art des
Denkens dieses Herrn ist in der Tat eine ganz eigentumliche. Sehen
Sie, er hat verstanden, wie ich zu einer gewissen Bekraftigung - Sie
wissen, ich versuche alles auf die verschiedenste Weise zu bekraf-
tigen wie ich zu einer gewissen Bekraftigung der Reinkarnations-
idee, der Idee von den wiederholten Erdenleben, zu solch einem
Beispiel greife wie Schiller, der mit seinem Genie doch nicht alles
dasjenige, was er in sich getragen hat, geerbt haben kann von Vater,
Mutter, Groftvater, Groftmutter und so weiter, und daft man, wenn
man nicht annehmen will, daft diejenigen Eigenschaften, die Schil-
ler nicht mit seinem Blute geerbt haben konnte, aus dem Nichts
geboren seien, zu einer Art fruheren Daseins zuruckkommt.
Sie wissen, ich referiere solche Dinge nicht als Beweis, aber man
tragt diese Dinge zusammen, weil sie zusammengetragen eine Sache
erharten konnen. Ja, wie beschaftigt sich nun der Professor Traub
gerade mit diesem Beispiel? Er sagt:
Es rmisse also einmal in fruheren Zeiten eine dem Dichter verwandte
Seele gegeben haben, einen sozusagen prahistorischen Schiller, der un-
beachtet und unerkannt verstorben und dann im Jahre 1759 im histo-
rischen Schiller sich verkorpert habe. Freilich - um diese kritische
Bemerkung gleich hier einzuschalten - eine haarstraubende Logik!
Sonst besteht die Erklarung darinnen, daft man Unbekanntes auf
Bekanntes zuriickfuhrt. Hier aber wiirde das Unbekannte, das Werden
Schillers, auf noch Unbekannteres zuriickgefuhrt, die Wiederverkor-
perung eines prahistorischen Schiller. Das ist nicht Logik, sondern
Spielerei.
Meine lieben Freunde! Man kann ja lange deklamieren, daft
Erklarungen darin bestehen, daft man Unbekanntes auf Bekanntes
zuriickfuhrt. Nun, meine lieben Freunde, da mochte ich zuerst
wissen, wie man das tut. Wie kommt man an das Unbekannte? Da
mu£ es doch zuerst bekannt werden; dann aber wiirde man hoch-
stens - wenn man das Unbekannte, das scheinbar Unbekannte, das
aber zuerst bekannt werden mufi -, dann wiirde man hochstens
Bekanntes auf Bekanntes zuriickzufiihren haben! Also, die «haar-
straubende Logik» scheint mir mehr auf der anderen Seite zu
liegen. Aber wenn das auch ofter deklamiert wird, dafi man Un-
bekanntes auf Bekanntes zuruckfiihren soil, um Erklarungen zu
geben, da mochte ich doch erst fragen: Wozu erklart man denn das
iiberhaupt? Beim Bekannten konnte man ja stehenbleiben. Aber in
Wahrheit ist es nicht so. Man gehe nur durch alles dasjenige, was
an Erklarungen geboten wird. Immer gehen Erklarungen darauf
aus, fur das, was man vor sich hat, etwas zu suchen, was man eben
nicht vor sich hat. In der Praxis ist das genaue Gegenteil von dem
wahr, was methodisch hier von Professor Traub gefordert wird.
Dafi die alten Einwande wieder kommen, dafi man sich an friihere
Inkarnationen nicht erinnere, das ist ja nicht weiter zu verwundern,
aber interessant ist doch, dafi hier stent:
Die Riickkehr in diese Erdenwelt soil fur den Menschen zu dem
Zweck notwendig sein, damit es ihm in einem zukiinftigen Leben
moglich ist, das Unrecht wiedergutzumachen, das er im gegenwartigen
Leben semen Mitmenschen zugefiigt hat. Aber, mul3 man fragen, wie
soli er denn das angreifen? Er weifi ja gar nicht, welche von seinen
jetzigen Mitmenschen in einem friiheren Leben von ihm verletzt
worden sind.
Ja, meine lieben Freunde, Ahnliches, auch nur entfernt Ahn-
liches habe ich gewilS niemals von den Durchschnittsmenschen be-
hauptet. Es handelt sich aber doch auch wirklich gar nicht darum,
ob ein Mensch A, der in der Gegenwart dasteht und einem Men-
schen B gegeniibersteht, ob der sich nun sagt: Dieser Mensch B,
mit dem habe ich gelebt im Jahre 202 nach Christus; da habe ich
ihm ein Unrecht zugefiigt, jetzt mufi ich das und das tun, um es
wiedergutzumachen. - Unter dieser Voraussetzung ungefahr kann
sich der Herr Professor Traub nur vorstellen, daft das Karma, daft
das Schicksal sich abspielt. Ja, meine lieben Freunde, es kommt
aber gar nicht darauf an, daft der Mensch A diese Betrachtungen
anstellt, weil das Karma so eingerichtet ist, daft er das wiederum
gutmacht, was er verbrochen hat in dem vorigen Leben, aus dem,
was in seinem Seelischen vorgeht, auch ohne es zu wissen, ohne
daft er erst eine Reflexion dariiber anstellt. Es ist ja doch einzig und
allein so, daft man sagen mufi: Wenn der Professor Traub sagt, er
weift ja gar nicht, welche von seinen jetzigen Mitmenschen in
einem friiheren Leben von ihm verletzt worden sind und wie er das
wiedergutmachen kann - er tut es aber, er tut es eben, ohne daft er
es weift. Die nachstliegenden Gedanken fehlen solchen Herren
eben vollstandig.
Nun, meine lieben Freunde, was soli man mit einer solchen Be-
hauptung machen? Daft diesem evangelischen Herrn naturlich sol-
che Erklarungen nicht gefallen, wie ich sie gegeben habe iiber eine
Stelle in der Bibel: «Wer mein Brot isset, tritt mich mit Fiiften»
oder iiber ahnliches - das kann man ja naturlich glauben. Daft er
sich unter dem «Mittelpunktsgeist» der Erde gar nichts vorstellen
kann, das versichert er ausdriicklich. Dann aber kommt eine Reihe
von aufterordentlich niedlichen Bemerkungen. Sehen Sie, von mir
wird ja betont von den verschiedensten Gesichtspunkten her, die
Einkorperung der Christus-Wesenheit in dem Menschen Jesus von
Nazareth sei nicht bloft ein irdisches, sondern ein kosmisches
Ereignis. Dasjenige also, was sich abgespielt hat, sei es im groften
historischen Zusammenhange, sei es in der eigenen Seele des Men-
schen Christus-Jesus, das ist nicht bloft als ein irdisches, ein tellu-
risches Ereignis zu betrachten, sondern als ein Ereignis, das den
Kosmos angeht. Herauszuheben das Ereignis von Golgatha aus der
bloft irdischen Sphare, es heraufzuheben in die Weltensphare, dar-
um handelt es sich, und das habe ich in alien moglichen Variationen
immer wieder und wiederum betont.
Ja, meine lieben Freunde, nachdem Professor Traub sich entsetzt
hat iiber die beiden Jesusknaben, was ihm ja zugestanden werden
darf, da kommt er dazu, folgenden niedlichen Satz zu sagen, der
doch allzu schon ist, als daft wir ihn iibergehen diirften:
Nach Steiner dagegen ist der Kreuzestod ein rein kosmisches Ereignis.
Wer von einem fernen Planeten aus durch die Jahrtausende hindurch
die Entwicklung der Erde hatte verfolgen konnen, der hatte nicht bloft
den physischen, sondern den Astralleib der Erde gesehen, und dieser
Astralleib hatte jahrtausendelang dieselben Lichter, dieselben Formen,
dieselben Farben gezeigt. In einem bestimmten Augenblicke aber hatte
sich das geandert. «Andere Formen erschienen, andere Lichter und
andere Farben leuchteten auf - das war der Augenblick, da auf Golga-
tha das Blut aus den Wunden des Erlosers floft. Das war nicht ein
menschliches, sondern ein kosmisches Ereignis. »
So heiftt es bei mir, das zitiert er sogar wortlich. Aber dann sagt er:
Von einer ethischen Wiirdigung des Kreuzestodes keine Spur! Der
Astralleib der Erde erstrahlt in anderen Lichtern und anderen Farben,
erscheint in anderen Formen. Das Christus-Ich, der Sonnenregent geht
iiber auf die Erde, und im Geist der Erde erschaut man nun das Son-
nen-Ich, das Christus-Ich. Kann man diese rein kosmischen Vorgange
ohne weiteres zu der sittlichen Tat des geschichtlichen Jesus addieren?
Sind die beiden Vorgange, jener kosmische und dieser ethische, nicht
zu heterogen, um als Glieder eines Additionsexempels gelten zu kon-
nen? Man konnte einwenden, die ethische Tat Jesu konne doch von
kosmischen Wirkungen begleitet sein, wie ja solche auch in den Pau-
lusbriefen an den Tod Christi geknupft seien. Aber so liegt es bei Stei-
ner nicht, daft man eine ethische Tat und ihre kosmischen Wirkungen
unterscheiden konnte. Von einer ethischen Tat hort man iiberhaupt
nichts, sondern nur von kosmischen Vorgangen. Dann aber schlieften
sich die beiden Deutungen des Kreuzestodes aus. Dieser kann nicht
ethische Tat und zugleich rein kosmisches Ereignis sein.
Ja, meine lieben Freunde, was soil ich darunter verstehen? Daft das
Ereignis von Golgatha sich auf dem Erdenrunde abgespielt hat, das
wird ja wohl bei mir nirgends geleugnet. Ich habe nicht behauptet,
daft es sich auf der Sonne oder dem Mond abgespielt hat. Also, ein
tellurisches Ereignis ist es ja jedenfalls. Daft dieses von Traub
umgekehrt wird in die Behauptung, daft ich das Ereignis von
Golgatha als ein rein, das heiftt ein nur kosmisches Ereignis verste-
he - das ist im Grunde genommen denn doch eine starke Tat! Von
Kraljevec geht der Weg nach Wien iiber Graz! Das ist das verrenk-
te Denken in kleinen, unbedeutenden Dingen. Dieses verrenkte
Denken, das man in kleinen, unbedeutenden Dingen oftmals nicht
tadeln mochte, das ist etwas, das sich dann auch in Groftigkeiten
zeigt. Denn derjenige, der sich verpflichtet fiihlt, gewissenhaft das-
jenige zu lesen, was der Professor Traub vorgibt, gelesen zu haben,
der wird niemals sich zu der Behauptung versteigen konnen, da£
von mir gesagt worden sei, bei dem Christus-Ereignis handele es
sich um ein nur kosmisches Ereignis.
Nun, ich kann nur einzelnes herausgreifen. Die Beschreibung der
Atlantis macht ihm selbstverstandlich wiederum Schmerzen, und da
findet er sich besonders schlimm beriihrt, wenn ich sage, dafi die
Atlantier in Bildern gedacht haben und daft jetzt die Menschen in
Begriffen denken.
Der Atlantier dachte in Bildern. Und wenn ein Bild vor seiner Seele
auftauchte, dann erinnerte er sich an soundso viel ahnliche Bilder, die
er bereits erlebt hatte. Danach richtete er sein Urteil ein.
Darauf sagt der Professor Traub:
Also geurteilt hat der Atlantier auch; wie aber ein Urteil ohne Begriff
moglich sein soil, bleibt dunkel.
Ja, meine lieben Freunde, fur ein gradliniges Denken werden Be-
griffe nach den Urteilen gebildet. Wenn man Begriffe schon haben
miiftte, um zu urteilen, so wtirden wenige Urteile zustandekom-
men konnen. Das ist also etwas, was wirklich von einer ganz
krassen philosophischen Unbildung zeugt.
Nun, davon, dafi er nicht verstehen kann, was geistig der Empfin-
dung blau ahnlich ist, wie ich es beschreibe, will ich gar nicht spre-
chen, nicht wahr; ich will auch nicht davon sprechen, dafi er sagt:
Eine geistige Farbe ist ein Widerspruch in sich.
- weil er sich da willkiirliche Begriffe einer geistigen Farbe kon-
struiert. Ich will nur davon sprechen, dafi von mir immer wieder
gesagt wird, daft man alles mit dem gesunden Menschenverstand
verfolgen kann, auch dasjenige, was unmittelbar beobachtet ist,
wenn man sich eben herbeilaftt, die Bequemlichkeit zu iiberwin-
den und bis zu einem gewissen Grade dasjenige an sich beobach-
tet, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
steht.
In einer fur die Kiirze der iibrigen Ausfiihrungen auffallenden
Lange fiihrt nun der Professor Traub aus, daft auf der einen Seite
Autoritatsglaube gefordert wiirde, auf der anderen Seite doch wie-
der selber gepriift werden solle. Namentlich tadelt er herb, wenn
man sagt, daft ja schlieftlich auch andere Dinge der Welt auf Treu
und Glauben hingenommen wiirden, zum Beispiel daft auch Leute,
die nicht in Amerika gewesen sind, doch den Amerikareisenden
glauben, daft es dort soundso ausschaut. - Nun, es ist naturlich
billig zu sagen, in Amerika, da leben auch Menschen, Tiere, Pflan-
zen und so weiter, die man auch von Europa kennt. Ich will mich
dabei nicht aufhalten, ich habe davon oftmals gesprochen; aber auf
die Logik dieses Herrn mochte ich Sie aufmerksam machen. Auf
Seite 34 lesen Sie den niedlichen Satz:
Jene in der Schule gelernten Wahrheiten kann ich nachpriifen.
- so meint er.
Die meisten Menschen werden dazu freilich keinen Anlaft haben; aber
die grundsatzliche Moglichkeit besteht. Ich mufi eben unter Umstan-
den Historiker, Physiker, Chemiker werden, urn selbstandig priifen zu
konnen. Die theosophischen Wahrheiten kann ich nicht nachpriifen,
wenn ich nicht Hellseher bin, ich kann sie nur in negativer Beziehung
kontrollieren.
Das ist wortlich wahr; um eine chemische Wahrheit zu priifen,
muft man sich entschlieften wollen, Chemiker zu werden. Es ist gar
nichts dagegen einzuwenden. Aber der Professor Traub fahrt fort:
Die theosophischen Wahrheiten dagegen kann ich nicht nachpriifen,
wenn ich nicht Hellseher bin.
Ja, sehen Sie, selbstverstandlich kann ich auch die theosophischen
Wahrheiten nicht nachpriifen, wenn ich nicht Hellseher werden
will, ebenso wie man auch die chemischen Wahrheiten nicht nach-
priifen kann, ohne daft man Chemiker wird; das fiihrt er selbst zum
Beweise an. Aber er betrachtet es zwar als sein gutes Recht, Che-
miker zu werden, wenn er chemische Wahrheiten nachpriifen will,
aber so etwas werden, wie man werden muft, um die theosophi-
schen Wahrheiten nachzupriifen, das will er auf keinen Fall. Uber-
haupt entpuppt er sich auf dieser Seite merkwiirdigerweise als
aufterordentlich anspruchsvoll. Denn daft schlieftlich der eine oder
andere nachpriifen und dann bestatigen kann, das geniigt dem
Professor Traub nicht. Er sagt:
Es geniigt nicht, wenn von theosophischer Seite gesagt wird, die Er-
gebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung seien ja schon von
einer grofteren Zahl von Menschen nachgepriift worden. Die Frage ist,
ob sie von mir nachgepriift worden sind oder nachgepriift werden
konnen, und das mulS ich, abgesehen von der formallogischen Kritik,
verneinen.
Das ist Logik, nicht wahr! Aber diese Logik steigert sich noch,
meine lieben Freunde. Er sagt ja, schlieftlich bei chemischen Wahr-
heiten, bei gewohnlichen naturwissenschaftlichen Wahrheiten, da
kommt es nicht darauf an, daft jeder sie nachpriift, denn die sind
nicht so wichtig wie die geistigen, auch die historischen Wahrheiten
sind nicht so wichtig. Und da findet sich wieder folgender nied-
liche Satz:
Im Gegenteil miissen wir verlangen, daft in Weltanschauungsfragen der
einzelne auf sich selbst steht und nicht einfach annimmt, was andere
ihm vorsagen. Wiirde ich einmal in die Lage kommen, auf eine jener
Schulwahrheiten etwas Groftes wagen zu miissen - etwa darauf, daft
Alexander der Grofte das Perserreich zerstort oder Hannibal die Alpen
iiberschritten hat -, kame ich vollends zu der Uberzeugung, daft an
einer solchen Wahrheit Leben oder Seligkeit hangen, so wiirde ich
mich nicht mehr mit jenem Hinnehmen auf fremde Autoritat begnii-
gen, sondern alles daran setzen, von jenen Dingen eine selbstandige
Gewiftheit zu erlangen.
Ja, ich mochte wissen, wie er das eigentlich macht, ich mochte
wissen, wie er eine selbstandige Gewifiheit gewinnen will iiber das
ja doch gewifi fiir sein Erdenleben auch aufierordentlich wichtige
Ereignis der eigenen Geburt! Diese Dinge werden also hingeschrie-
ben aus dem blofien Hinratschen von Worten, die durchaus nicht
von irgendwelchen Gedanken begleitet sind. Das sind aus unseren
gegenwartigen Verhaltnissen heraus Jugenderzieher! Das wirft sich
auf, alles moglich zu beurteilen.
Nun mochte ich Ihnen einen Satz von mir vorlesen, meine lie-
ben Freunde, den Sie ja kennen werden, den ich nicht aus irgend-
einem personlichen Grund hier vorlese, sondern weil mir dabei
doch etwas ganz eigentumlich Merkwiirdiges erscheint, wie der
Professor Traub den Satz anfuhrt:
Die Geisteswissenschaft wird ihrer ganzen Wesenheit nach nicht in
irgendein religioses Bekenntnis, in das Gebiet irgendeines religiosen
Bekenntnisses unmittelbar eingreifen. Sie kann niemals eine Religion
schaffen wollen. Daher werden in den Kreisen der geisteswissenschaft-
lichen Weltanschauung in allertiefstem Frieden und vollster Harmonie
die verschiedensten Religionsbekenntnisse zusammenleben und nach
der Erkenntnis des Geistigen streben konnen. ... Niemand braucht
irgendwie abgewendet zu werden von seinem religiosen Leben durch
die Geisteswissenschaft. Daher kann man auch nicht davon sprechen,
daft die Geisteswissenschaft als solche ein religioses Bekenntnis sei.
Weder will sie ein religioses Bekenntnis schaffen, noch will sie den
Menschen irgendwie verandern in bezug auf dasjenige, was er als sein
religioses Bekenntnis hat. Dennoch scheint es, als ob man sich Gedan-
ken machte iiber die Religion der Anthroposophen. In Wahrheit kann
man in solcher Art gar nicht sprechen, denn innerhalb der anthropo-
sophischen Gesellschaft sind alle Religionsbekenntnisse vertreten, und
keiner wird durch sie verhindert werden, sein religioses Bekenntnis
auch praktisch in der vollsten, umfanglichsten und intensivsten Weise
zu betatigen.
Diese Satze sind von mir. Sie stehen in «Die Aufgabe der Geistes-
wissenschaft und deren Bau in Dornach». Der Professor Traub
flihrt sie an, und er schliefk daran folgenden Satz. Ich werde ihn
vorlesen, ich weifi nicht, ob ich gescheit genug bin, den nun folgen-
den Satz mir in der richtigen Weise ins Gedachtnis zu rufen. Er
schliefit namlich daran den Satz:
Diese Satze, die zugleich von dem unschonen und undeutschen Stil
Steiners einen gewissen Eindruck geben, lassen als seine Meinung
erkennen: die Anthroposophie ist als solche keine Religion.
Ja, ich muE gestehen, wollte ich urteilen iiber den unschonen Stil
dieser Traubschen Schrift - also ich will dariiber kein Urteil fallen,
weil das ja schlieftlich Geschmackssache ist, aber wenn ich in der
letzten Zeit so viel Kritik gelesen habe iiber den Stil und dann sehe,
daft in einer solchen Weise die Urteile gebildet werden, dann er-
scheint mir das fast ebenso belanglos wie die inhaltlichen Dinge.
Nun will ich Sie nur noch mit einigen Satzen aus dem letzten
Teil der Schrift bekanntmachen, wo die Rede ist von der Beziehung
der Anthroposophie zum Christentum. Da steht:
2. Das Christentum ist eine geschichtliche Religion. Die Theosophie ist
geschichtslos. Der erste Satz kann hier nicht begriindet, sondern nur
erlautert werden. Er bedeutet nicht bloft, daft das Christentum eine
Geschichte hat und eine geschichtliche Entwicklung durchlauft, son-
dern auch, daft es in seiner Wahrheitsgeltung an die Geschichte gebun-
den ist. Streicht man die evangelische Geschichte, so steht das ganze
Christentum in der Luft. Und wie steht es mit dem anderen Satze, daft
die Theosophie geschichtslos sei? Er will natiirlich nicht besagen, daft
die Theosophie keine Geschichte hat. Sie hat eine sehr lange Geschich-
te. Es sind lauter alte Bekannte, denen man begegnet, wenn man in der
theosophischen Literatur sich umsieht. Was ist Steiners Christologie
anderes als eine neue Form der gnostischen Christologie? Auch seine
Anthropologic und Kosmologie haben ihre Parallelen in der Geschich-
te des religiosen und philosophischen Denkens. Vollends die Wieder-
verkorperungslehre und die mit ihr nicht identische, aber verwandte
Idee der Seelenwanderung ziehen sich in immer neuen Formen durch
die Geschichte der Religionen hindurch. In diesem Sinne also hat auch
die Theosophie ihre Geschichte. Geschichtslos ist sie insofern, als sie
zur Begriindung ihrer Wahrheitsiiberzeugung der Geschichte nicht
bedarf.
Ja, ich mufi sagen, bei einer solchen Bemerkung konnte einem
der Verstand stillstehen: Ein evangelischer Theologe, der behaup-
tet, die Wahrheit des Christentums beruhe nur auf der Geschichte,
es seien im Christentum nicht ewige Wahrheiten enthalten! Man
kann gar nicht herausfinden, worin eigentlich die Kontradiktion
bestehen soli. Er fiihrt selber aus, geschichtlich entstanden sei ja
schliefilich die Theosophie auch. Aber er legt einen grofien Wert
darauf, da£ die Theosophie bemiiht ist - obzwar sie geschichtlich
entstanden ist -, geschichtslose, das heifit ewige Wahrheiten zu
finden. Das Christentum soil blofi eine geschichtliche Sache sein.
Traub schreibt:
Der erste Satz ...
- namlich «Das Christentum ist eine geschichtliche Religion» -
. . . kann hier nicht begriindet, sondern nur erlautert werden. Er bedeu-
tet nicht bloft, daft das Christentum eine Geschichte hat und eine ge-
schichtliche Entwicklung durchlauft, sondern auch, dafi es in seiner
Wahrheitsgeltung an die Geschichte gebunden ist.
Ja, es ist schlechterdings unbegreiflich, wie solch ein Satz als etwas
Geltendes ausgesprochen werden kann, denn als etwas Geltendes
wird er ja ausgesprochen. Der Betreffende ist ja Universitatsprofes-
sor, lehrt also mit einer gewissen Autoritat. Nicht wahr, diese
Dinge sind hinreichend charakterisierend, aus welcher Ecke
diejenigen Tone kommen, die sich dem Geisteswissenschaftlichen
entgegenstellen.
Besonders interessant ist es ja fur mich, der ich immer versuche,
alles abzulehnen, was iiberhitzter Ton ist, der ich versuche, mog-
lichst ruhig darzustellen, mit einem ruhigen, wissenschaftlichen
Stil, dafi ich auch vorgeworfen bekomme:
Das war bei den groften Mystikern der Vergangenheit anders. Ihnen
gegeniiber hatte man das Gefiihl: «Ziehe deine Schuhe aus; der Boden,
darauf du stehst, ist heiliges Land,» Steiner gegeniiber hat man dieses
Gefiihl nicht. Vom Schauer des Geheimnisses spurt man hier nichts. Es
ist, als ware dem Jenseits der Zauber des Geheimnisvollen abgestreift.
Daher der niichterne, trockene Ton, der Steiners Schriften eigen ist. Sie
haben nichts von dem Hinreiftenden, Packenden, das man von dem
Propheten einer neuen Weltanschauung erwarten wiirde. Wenn man
das bedenkt, so kann man den Gegensatz von Christentum und An-
throposophie unmoglich iibersehen. Dort die Ehrfurcht vor dem Ge-
heimnis des Ewigen; hier die Verstandigkeit und Niichternheit dessen,
der hinter das Geheimnis gekommen ist.
Ja, meine lieben Freunde, das lehne ich bewufk ab, in iiberhitztem
Ton von irgend etwas Unbekanntem zu sprechen, denn das ist ge-
rade dasjenige, was hypnotisierend auf die Menschenseelen wirkt.
Nun, ich habe Ihnen einiges Typische herausgehoben von dem,
was sich der geisteswissenschaftlichen Bewegung entgegensetzt.
Wir mufiten einmal an einer solchen Stelle halten, da ich ja vorhabe,
das nachste Mai dazu iiberzugehen zu charakterisieren, wie die
Stellung jener geistigen Wesenheit zu der menschlichen Gegenwart
und ihrer Kultur eigentlich ist, die wir als Michael bezeichnen, der
wiederum geistiger Weltregent geworden ist seit dem Ende der
siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich mufi das nachste Mai
die ganze Metamorphose der Michael-Personlichkeit charakterisie-
ren, von dem, wie Michael war - dasjenige, was man das Antlitz
Jahves nennt bis zu seiner gegenwartigen Stellung. Da war es
schon notwendig, dafi einmal auch die Steine, die in den Weg der
Geisteswissenschaft geworfen werden, ein wenig charakterisiert
werden.
Man kann sagen: Erstens liegt in einem solchen Falle die furcht-
barste Ungenauigkeit vor, zweitens liegt in einem solchen Falle die
Unfahigkeit vor, die Kernpunkte der Sache irgendwie herauszufin-
den - und zudem der gewissenlose Wille, die Dinge so zu charak-
terisieren, wie es hier getan wurde. Zum Schlufi wird in der Bro-
schiire der Inhalt der Kritik so zusammengefafk:
Das Christentum ist eine geschichtliche Religion, ...
- da stent der Satz zum zweiten Mai! -
... die Theosophie ist geschichtslos. Das Christentum ist wesentlich
ethisch, die Anthroposophie kosmisch orientiert. Das Christentum ist
eine Religion des Geheimnisses, der Anthroposoph ist hinter das
Geheimnis gekommen. Das Christentum ist in seinem Kern einfach,
die Anthroposophie kompliziert und phantastisch.
Ja, nicht wahr, unter dieser Flagge segelt ja vieles, was sich heute
der Anthroposophie entgegensetzt. Aber auf welchen Griinden es
beruht und wohin das Urteil zu lenken ist, wenn man ein gerechtes,
ein wiirdiges Urteil gewinnen will, darauf mufke schon einmal
aufmerksam gemacht werden an einem typischen Fall. Von den
eben angedeuteten Dingen will ich dann das nachste Mai am nach-
sten Freitag sprechen. Wir werden uns dann um 7 Uhr hier zum
Vortrage wiederfinden.
MITTEILUNG VOR DEM MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 28. November 1919
Meine lieben Freunde! Eine kleine Einleitung mufi ich dem Vortrag
voranschicken, weil ich Sie doch gewissermaften informieren mufi,
besonders in der jetzigen Zeit, iiber verschiedene Dinge, die eben
vorgehen, und da mochte ich Ihnen nur eine kleine Notiz vorlesen,
die unser Freund Dr. Stein in der letzten Nummer der «Drei-
gliederung des Sozialen Organismus» geschrieben hat, ein kleiner
Artikel, der heiftt «Neue Wahlverwandtschaften»:
Am 11. November hielt im Siegle-Haus in Stuttgart Domkapitular
Laun einen ganzlich unbedeutenden Vortrag iiber das Thema «Theoso-
phie und Christentum», von dem wir keinerlei Notiz nehmen wiirden,
wenn er nicht nach einer sogleich zu charakterisierenden Richtung
symptomatisch gewesen ware. Der Vortragende folgte namlich in sei-
nem Gedankengang - genauer miiftte man sagen: «in seiner Satzean-
ordnung» - den Ausfuhrungen der Broschiire des Professors Traub,
die den Titel tragt «Steiner als Philosoph und Theosoph». Natiirlich
blieb Traub unerwahnt, aber es war symptomatisch interessant zu se-
hen, wie ein katholischer Domkapitular gemeinsame Sache machte mit
dem evangelischen Professor - hinter den Kulissen. Katholische und
evangelische Partei (denn Religionen sind das doch nicht mehr) kamp-
fen gemeinsam gegen Steiner. Was sich vor aller Augen bekampft -
hinter den Kulissen versteht es einander. Welcher Art die Kampfesmit-
tel des Vortragenden waren, geht wohl zur Geniige hervor, wenn ich
erwahne, daft nach dem Vortrag keine Diskussion stattgegeben wurde
und daft der Vortragende darauf hinwies, daft, wer sich iiber Steiner
orientieren wolle, dies bei Gegnern Steiners, die er aufzahlte, tun
konnte, nicht aber durch Steiners Schriften selbst, da dies der Papst
verboten habe.
Dr. J. W. Stein
Sie sehen, wie sehr es notwendig ist, meine lieben Freunde, ein
unbefangenes Urteil sich iiber die Menschen unserer Zeit anzu-
eignen und wie wenig es heute mehr an der Zeit ist, so obenhin rtur
die Verhaltnisse zu beurteilen, wie man dies leider auch vielfach in
unseren Kreisen tut. Denn das muli immer wiederholt werden: Die
Zeiten sind sehr ernst, und es geniigt nicht, dafi man den alten
Autoritatsglauben in veranderter Form zu seiner eigenen schlaf-
rigen Bequemlichkeit weiter fortsetzt.
MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 3. Dezember 1919
Meine lieben Freunde! Bei den in der letzten Zeit immer starker
und starker auftretenden Angriffen wird es wohl doch notwendig
sein, da$ iiber gewisse Punkte der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft von unseren lieben Freunden nicht in unklarer
Weise zur Aufienwelt gesprochen werde. Ich werde natiirlich mich
nicht darauf beschranken, Ihnen etwa nur wiederum von diesem
oder jenem Angriffe zu sprechen, sondern ich werde versuchen,
von zwei Beispielen ausgehend, auch auf einiges Wichtigere zu
sprechen zu kommen in Ankniipfung an das, was von seiten der
Aufienwelt unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft entgegengebracht wird.
Da haben wir zunachst den neuesten Angriff des Jesuitenpaters
Otto Zimmermann. Sie konnen mir glauben, dafi die Notwendig-
keit, auf diese Dinge zu sprechen zu kommen, fur mich wahrhaftig
nicht gerade etwas aufterordentlich Angenehmes ist, aber es mufi
eben sein. Es mufi schon aus dem Grunde sein, weil es notwendig
ist, daE gewisse Dinge, die heute ein Ingrediens unseres Lebens sind,
beim rechten Namen genannt werden. Dazu mufi man zunachst
darauf hinweisen, daft der Jesuitenpater Otto Zimmermann das
Dekret der sogenannten Kongregation des Heiligen Offiziums vom
18. Juli 1919 dazu beniitzt, um auszusprechen, da$ auch die anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft unter dieses Dekret falle
und so beurteilt werden musse wie jede Art von Theosophie. Die
Frage, die der Kongregation vorgelegt worden ist und die in diesem
Dekret ihre Antwort gefunden hat, sie lautete ja so: «K6nnen Leh-
ren, die man heute theosophisch nennt, mit der katholischen Lehre
vereinbart werden? Und ist es daher erlaubt, theosophischen Gesell-
schaften beizutreten, an ihren Zusammenkiinften teilzunehmen und
ihre Biicher, Zeitschriften, Zeitungen und Schriften (libros, epheme-
rides, diaria, scripta) zu lesen?» Die Antwort der Heiligen Kon-
gregation hiefi: «Negative in omnibus» - nein in alien Punkten.
Nun wissen Sie ja aus jener Anfiihrung, die ich Ihnen gemacht
habe iiber eine Stuttgarter Rede eines Domkapitulars, dessen Name
mir augenblicklich entfallen ist, daft von katholischer Priesterseite
her geltend gemacht wird, dafi man sich iiber das, was anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft enthalt, nur unterrichten soli
aus den Schriften der Gegner, weil meine eigenen Schriften zu lesen
ja der Papst verboten hat. Daraus ersehen Sie, dafi von dieser Seite
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus ab-
solut gleich behandelt wird wie alles andere, was von dieser Seite
her «theosophisch» genannt wird.
Nun hat man notig, zunachst darauf hinzuweisen, wie es in die-
sen Kreisen, die sich berufen auf ein solches Dekret, mit der Wahr-
heit steht. Man braucht nur einiges aus dem Artikel, in dem der
Jesuitenpater Otto Zimmermann von der Kirchen-Verurteilung der
Theosophie und Anthroposophie spricht, hervorzuheben, um zu
sehen, aus welchem Geiste heraus diese offiziellen Vertreter der
katholischen Priesterschaft - denn ein Jesuitenpater ist ein offi-
zieller Vertreter - heute sprechen. Ich brauche zum Beispiel nur
den folgenden Satz zu lesen:
Bis 1913 stand bei uns an erster Stelle die deutsche Sektion der Theo-
sophischen Gesellschaft vom indischen Hauptquartier Adyar. Durch
den Abfall ihres Generalsekretars Dr. Rudolf Steiner, der die meisten
Mitglieder mit sich rifi, anfanglich sehr geschwacht, hat sie sich mit den
Jahren wieder einigermafien erholt, zahlt gegenwartig etwa 25 Logen,
darunter freilich etwa ein Fiinftel «schlafende», und gibt in Diisseldorf
als ihr Organ fur Deutschland und Osterreich das «Theosophische
Streben» heraus. Uber Steiner, der seine Theosophie nach dem Abfall
«Anthroposophie» genannt hatte, klagte man in der letzten Zeit unter
seiner Umgebung, da$ er steril werde, keine neuen «Schauungen»
mehr habe und immer nur dasselbe vortrage; er werde vermutlich sich
bald auf etwas Neues werfen.
Nun muE doch die Frage entstehen, meine lieben Freunde, auf-
grund wovon ein Jesuitenpater solche Dinge behauptet. Sie konnen
ja ungefahr die Quellen erraten. Die hauptsachlichste Quelle wird
wohl liegen in dem Pamphlet von Max Seiling, der ja am Schlusse
seines Pamphlets seine Ruckkehr in die alleinseligmachende katho-
lische Kirche angekiindigt hat. Aber es sollte das Vorhandensein
solcher Quellen einem wahrheitsliebenden Menschen ganz gewift
nicht erlauben, seine Worte so zu formulieren, daft er sagt, «seine
Umgebung» sage das. Denn bisher habe ich doch noch nicht ent-
decken konnen, daft just meine Umgebung es sei, die solche Dinge
ausspricht. Man raufi also sagen: Solche Dinge sind unwahr, und
wenn ein Vertreter der katholischen Kirche sie ausspricht, so
spricht er eben einfach Unwahrheiten aus.
Ich habe ja in den letzten Betrachtungen iiber die Wichtigkeit, es
mit der Wahrheit ernst zu nehmen, sehr deutlich gesprochen. Wer
in solchen Dingen es so mit der Wahrheit halt, bei dem darf man
wohl doch fragen, was es eigentlich heiftt, wenn er nachher in
seinen Ausfuhrungen folgenden Satz hat:
Die neuere Theosophie ist schon im Lichte der bloften Vernunft ein
verachtungswurdiger, tatsachlich von aller ernsten Wissenschaft mit
Verachtung gestrafter Mystizismus, vollends aber im Lichte des Glau-
bens eine kaum zu iiberbietende Zusammentat von hinduistischen,
buddhistischen, kabbalistischen, gnostischen und verwandten Irr-
tiimern.
Wenn man sich das vor Augen halt und sich vergegenwartigt, daft
der Mann genau das, was er hier sagt, auch auf die Anthroposophie
anwendet, dann mufi man schon sagen, daft der Mann in allerstraf-
lichstem Leichtsinn iiber die Wahrheit sich hinwegsetzt.
Nun, meine lieben Freunde, man muE sich nur klarmachen, was
das gerade bei einem katholischen Priester, bei einem Priester der
romisch-katholischen Kirche bedeutet. Auch in diesen Dingen
muft man vollstandigen Ernst zugrundelegen. Sehen Sie, unter den-
jenigen Dingen, die dieser Jesuitenpater Otto Zimmermann der
Anthroposophie, die er ja zu den theosophischen Lehren rechnet,
vorwirft, ist auch, daft sie die Kirche als unfehlbare Lehrerin und
Huterin des iiberlieferten Glaubens leugne. Da sehen Sie ja, daft es
durchaus romisch-katholisch ist, die romisch-katholische Kirche
als die unfehlbare Lehrerin und Huterin des rechten Glauben an-
zusehen. Nun mufi man sich klar sein, daft die romisch-katholische
Kirche nicht - wie beim evangelischen Glaubensbekenntnis - es
nur mit gewohnlichen Lehrern als Pfarrern und dergleichen zu tun
hat, sondern daft die katholische Kirche es zu tun hat mit von ihr
geweihten Priestern, die also, wenn sie sprechen, immer auch mit
dem Mandat und Auftrag dieser katholischen Kirche sprechen.
Wenn also von einem solchen Mann eine objektive Unwahrheit
behauptet wird, so ist dies eine objektive Unwahrheit, die durchaus
auch der katholischen Kirche zugeschrieben werden mufi. Das
heiftt, die katholische Kirche als solche spricht nach ihren eigenen
Prinzipien durch diesen Mann die Unwahrheit.
Ja, dies gehort eben zu den Dingen, die im heutigen Geistesleben
aufterordentlich ernst und schwerwiegend genommen werden miis-
sen. Denn Sie miissen doch nur bedenken, meine lieben Freunde,
daft die katholische Kirche - auch wenn sie in der letzten Zeit
grofte Einbuften erlitten haben wird durch den Umsturz gewisser
Throne - durch die Ohrenbeichte auf zahlreiche Menschen einen
aufterordentlich groften Einfluft hat, und daft sie ja tatsachlich die-
sen Einfluft auch dadurch ausiiben kann, daft sie einfach, wenn sie
will, denjenigen in der Beichte die Absolution nicht erteilt, die
solchen Dekreten, wie das angefiihrte es ist, keine Folge leisten. Sie
hat also immerhin schon ein geistiges Machtmittel, und das muft
heute ganz wesentlich in Rechnung gezogen werden. Es muft
griindlich und tief mit der Tatsache gerechnet werden, daft eine
geistige Macht, die iiber solche Mittel verfugt, durch ihre Organe
die Unwahrheit verkiindigen laftt.
Sie sehen, und das sollte doch fur diejenigen, die in den Nerv der
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft eingedrungen
sind, wenigstens theoretisch klar sein, daft die hauptsachlichen
Schaden unserer Zeit von der Neigung der Menschen zur Unwahr-
heit kommen. Diese verbreitete Neigung der Menschen zur Un-
wahrheit, das ist dasjenige, was eigentlich alien Schwierigkeiten
unserer Zeit zugrunde liegt. Wenn nun von einer gewissen Seite
her, von der das Geistesleben zahlreicher Menschen verwaltet
wird, ganz offiziell die Unwahrheit verbreitet wird, so bedeutet das
aufterordentlich viel unter den Kraften unserer Zeit. Und wenn die
Unwahrheit so grobklotzig auftritt, dann ist es schon notwendig,
dafi man eine solche Erscheinung absolut ernst nimmt. Denn be-
denken Sie doch nur einmal, dafi diese Kirche durch das Schriften-
verbot dafiir sorgt, da£ ihre Schafchen auf die Wahrheit nicht aus
einer eigenen Information kommen konnen, und bedenken Sie, dafi
diese Schafchen die Verpflichtung haben, in alien Glaubenssachen
ihren Hirten zu folgen, dafi also diese Schafchen verpflichtet sind,
die Unwahrheiten, die durch die Hirten verbreitet werden, zu glau-
ben, dafi diese Schafchen sogar nicht einmal die Moglichkeit haben,
irgendwie zu konstatieren, dafi ihnen Unwahrheiten aufgebunden
werden.
Warum sage ich Ihnen das alles? Ich mufi es sagen aus dem
Grunde, weil eben Heil fur die Gesundung unserer Zeit nur zu
erwarten ist, wenn mit aller notwendigen Intensitat in eine genii-
gend groEe Anzahl von Menschen heute einzieht eine griindliche,
wahrhaftige Beurteilung desjenigen, was von dieser Seite kommt
und zu erwarten ist. Und aus dieser intensiven Wirklichkeitsemp-
findung sollte erfolgen der Ernst, der die Beurteilung unserer Zeit-
lage durchdringt. Es ist ja vieles, was in unserer Zeit lebt, von der
gleichen Unwahrhaftigkeit angesteckt, trotzdem es nicht katholisch
ist. Sehen Sie, da geht es nicht, in bequemer Weise einfach sich auf
den Gesichtspunkt zu stellen, sich keine Unannehmlichkeiten ma-
chen zu wollen durch ein richtiges Urteil iiber diese Dinge. Es geht
auch nicht, sich auf den Standpunkt zu stellen, dafi ja doch nicht
alle katholischen Priester so sein werden wie der Pater Zimmer-
mann, denn das, was gegentiber den Bestrebungen anthropo-
sophisch orientierter Geisteswissenschaft von katholischer Seite
kommt, ist eben durchaus von derselben Art, und ein Mann wie
der Pater Zimmermann ist ein richtiger Wortfuhrer fur das, was
von dieser Seite kommt.
Nehmen wir doch einen Punkt heraus aus alldem, was dieser
Pater geschrieben hat und worauf er sich jetzt wiederum bezieht.
Dieser Pater hat in einer grofien Reihe von Artikeln gegen die
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft den Vorwurf des
Pantheismus erhoben. Da liegt nun zweierlei vor. Erstens meine
fortwahrende Verwahrung gegen den Pantheismus, zweitens liegt
die Moglichkeit vor, auch zahlreiche Kirchenlehrer, die die katho-
lische Kirche als rechtmaftige Kirchenlehrer anerkennt, aus den
gleichen Griinden, aus denen der Pater Zimmermann die Anthro-
posophie als pantheistisch anklagt, ebenfalls als pantheistisch anzu-
klagen. Nun ja, man kann mit diesen Griinden sogar den Apostel
Paulus als einen Pantheisten hinstellen. Aber was wiirde es denn
niitzen, fur diejenigen, die dem Pater Zimmermann glauben, ir-
gendwie darauf hinzuweisen, daft er die Unwahrheit sagt? Nichts
wiirde es niitzen, denn die Schriften, die das beweisen, sind ja vom
Papste verboten.
Das zweite ist der Vorwurf, daft es sich bei der Charakteristik der
Christus-Gestalt um einen phantastischen Sonnengeist der anthro-
posophisch orientierten Geisteswissenschaft handle. Und in diesem
Punkt, meine lieben Freunde, weift wirklich der Pater Zimmermann
nicht, aber ganz gewift wissen manche seiner Ordensgenossen sehr
gut, wo die Richtigkeit liegt. Und diese Leute wissen auch sehr gut,
warum sorgfaltig vermieden wird, der katholischen Laiengemein-
schaft zu sagen, daft es auch zu den inneren Lehren der katholischen
Kirche gehoren miiftte, den Christus als einen Sonnengeist anzuse-
hen. Dasjenige, was von dieser Seite vorliegt, ist namlich dieses, daft
in dieser Charakteristik des Christus, die von der Anthroposophie
gegeben wird, die Wahrheit liegt. Das wissen diese Leute, aber ihr
Bestreben besteht darin, die Wahrheit zu verhiillen, sie nicht unter
die Leute kommen zu lassen aus Griinden, die ja aus manchem
hervorgehen, was ich im Laufe der Jahre schon ausgefiihrt habe.
Deshalb wenden sie sich ganz besonders gegen diejenigen, die der
Verbreitung dieser Wahrheit, die sie selbst verhiillen wollen, dienen
wollen. Und dann, wenn sie diesen Zweck erreichen wollen, dann
lassen sie sich auch nicht hindern durch andere Dinge, die auch
wahr sind und die sie im Lichte ihrer Unwahrheit verbreiten. So
zum Beispiel weift jeder, der meine Biicher kennt, der auch nur
einige offentliche Vortrage von mir gehort und gepriift hat, daft von
mir niemals aufter Acht gelassen wird zu betonen, daft der Christus-
Geist ein wesentlich anderer ist als die Geister anderer sogenannter
Religionsstifter. Es kann jeder wissen, daft von mir der Christus-
Geist angesehen wird als dasjenige, was durch sein Hindurchgehen
durch das Mysterium von Golgatha der ganzen Erdenentwicklung
erst einen Sinn gegeben hat.
Es weift jeder, der meine Biicher kennt, der meine Vortrage
gehort und gepriift hat, daft ich ausdriicklich betone, daft es mir nie
einfallen konnte, von der Gleichwertigkeit aller Religionssysteme
zu sprechen, und ich habe immer wieder und wieder ein sehr ein-
faches Gleichnis gebraucht, um diese Anschauung von der abstrak-
ten Gleichheit der verschiedenen Religionssysteme zu verurteilen.
Ich habe darauf hingewiesen, daft es ja theosophische Sektiererei
gibt, welche behauptet, alien verschiedenen Religionssystemen
liege eigentlich die gleiche Weisheit zugrunde. Ich habe gesagt, daft
nur jemand, der im Abstrakten steckenbleibt, ein solches Unding
behaupten konne. Ein solches Unding kann namlich nur behaup-
ten, wer seine Charakteristik in einer gewissen abstrakten Hohe
macht, ohne auf das Konkrete der einzelnen Erscheinungen einzu-
gehen. Derjenige, der von dem gleichen Weisheitskern in alien
Religionssystemen spricht, der kommt mir mit seiner Charakteri-
stik der Religionssysteme vor wie einer, der Pfeffer, Salz, Paprika,
Senf und so weiter Speisezutaten nennt und dann zum Ausdrucke
bringt, Pfeffer, Salz, Paprika, Senf, Zucker seien von gleicher
Wesenheit, namlich sie seien Speisezutaten. Aber darauf kommt es
nicht an, daft man solches durch Abstraktionen zu Charakterisie-
rende in verschiedenen konkreten Dingen und Erscheinungen fin-
det, sondern darauf kommt es an, welche Lebensbezuge die einzel-
nen konkreten Erscheinungen und Tatsachen haben. Und da moch-
te ich fragen, ob irgend jemand recht tut, der - weil die Eigenschaft
des Speisezutat-Seins in all den Dingen: Salz, Zucker, Pfeffer und
so weiter liegt -, nun in den Kaffee Salz hineintut statt Zucker, weil
in beiden die gleiche Wesenheit, das Speisezutat-Sein, liegt. Man
braucht nur geniigend abstrakt zu sein, dann wird man sehr leicht
iiber eine gewisse Erscheinungsreihe hiniiber Gleichheit finden.
Aber darauf kommt es im Leben nicht an, sondern im Leben
kommt es darauf an, in die Dinge der Welt unterzutauchen. Und
dann zeigt sich gegenuber dem Inhalte vorchristlicher Religions-
bekenntnisse und gegenuber dem Inhalte des Mysteriums von Gol-
gatha, dafi diese vorchristlichen Bekenntnisse Vorbereitungen sind,
die eine grofie Synthesis erfahren haben in dem Mysterium von
Golgatha. Und es zeigt sich ferner, dafi als Religion innerhalb der
Menschheit nichts Neues auftreten kann seit dem Mysterium von
Golgatha. Es konnen nur Erkenntnisse, Weltanschauungen auftre-
ten, welche zu einer tieferen Erfassung des Mysteriums von Golga-
tha fuhren, als diejenigen sind, die schon da waren.
Eine solche Vertiefung gegenuber dem Mysterium von Golgatha
soli auch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dar-
stellen. Aber neue Religionsstiftungen sollten nach dem Mysterium
von Golgatha nicht mehr vorkommen, aus dem einfachen Grunde,
weil dasjenige, was hintendiert hat zur Religionsstiftung innerhalb
der Menschheit, seine Vorbereitung gehabt hat vor dem Mysterium
von Golgatha, und in dem Mysterium von Golgatha seinen Ab-
schluE erfahren hat, so dafi dann neue, andere Ansatze, die andere
sind als religiose, in die Menschheit noch hineinkommen konnen.
Aber nachdem dasjenige, was durch das Mysterium von Golgatha
an religiosem Impuls in die Menschheit hineingekommen ist, nach-
dem das in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit einen
Abschlufi bezeichnet, kann iiber das hinaus zwar ein besseres Ver-
stehen dieses Abschlusses kommen, nicht aber kann als Religion
etwas Neues gestiftet werden. Dieser Einschlag des Mysteriums
von Golgatha ist fur den Gesamtorganismus der Menschheit so
etwas wie, sagen wir das Geschlechtsreifwerden fur den einzelnen
menschlichen natiirlichen Organismus. Es kann der Mensch doch
nicht zweimal geschlechtsreif werden. Er kann das, in was er hin-
einwachst durch die Geschlechtsreife, weiter ausbilden, aber es
kann der Mensch nicht ein zweites Mai geschlechtsreif werden.
Solche Dinge werden ganz klar, wenn man anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft wirklich verfolgt. Aber diesen Din-
gen gegenuber wird die Unwahrheit gesagt und zu gleicher Zeit
Sorge dafur getragen, dafi von denen, auf die man rechnet beim
Verbreiten der Unwahrheit, die Wahrheit nicht erkannt werden
kann. Da geniigt es nicht, meine lieben Freunde, etwa durch die
Finger zu schauen und Fiinfe gerade sein zu lassen, sondern da ist
es notwendig, sich ganz klar zu werden iiber die absolute Un-
moglichkeit, daft aus solchen Quellen heraus fiir die Menschheit
Heilsames kommen konne.
Nicht wahr, ich versuche diese Dinge von einem gewissen allge-
meinen Standpunkte aus zu charakterisieren, von dem Standpunkte
aus, wie Verbreitung der Unwahrheit aus solcher Quelle in der
Entwicklung der Menschheit wirken mufi. Aber man mulS sich
doch fragen, wie es denn kommt, da$ immer wieder und wiederum
auch bei solchen Menschen, welche Bekenner anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft sein wollen, die Sehnsucht auftritt,
dies oder jenes zu sagen: Der oder jener, der innerhalb solcher
Kirchen stent, habe doch sich nicht so schlimm iiber anthropo-
sophisch orientierte Geisteswissenschaft ausgesprochen. - Solche
Dinge kommen eben davon, daft man immer wieder und wiederum
einen bequemen Kompromifi schlieften mochte mit demjenigen,
mit dem doch ein Kompromifi nicht geschlossen werden soil, im
Interesse menschlicher Wahrhaftigkeit nicht geschlossen werden
soli. Mir kommt es fast vor, als ob ich iiberflussig rede - und ich
weifS doch, dafi es nicht iiberflussig ist -, indem ich gerade von
diesem Gesichtspunkte aus die romisch-katholische Kirche charak-
terisiere.
Nun, meine lieben Freunde, in demselben Hefte - «Stimmen der
Zeit» vom November 1919 in dem diese, man mufi also sagen
objektiven Unwahrheiten stehen und zugleich die Ankiindigung,
dafi es den rechtglaubigen Katholiken verboten ist, sich iiber die
Wahrheit zu informieren, in demselben Hefte steht auch ein Arti-
kel iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus von einem
anderen Jesuitenpater. Nun, man ist eigentlich gewohnt, wenn man
die jesuitische Literatur kennt, eine gewisse Achtung zu haben vor
dieser Literatur in den Teilen, in denen sie sich bezieht auf man-
cherlei Untersuchungen iiber diese oder jene philosophische
Grundlage der menschlichen Weltanschauungen, eine gewisse
Achtung zu haben wegen eines Scharfsinnes, der einmal durch jene
Schulung erworben wird, denen die Menschen, die solchen Orden
angehoren, obliegen mussen. Aber wenn man einen solchen Artikel
liest wie diesen iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus,
dann kann man die Anschauung gewinnen, daft diese Menschen,
die auf vielen Gebieten einen wirklichen Scharfsinn bis vor kurzer
Zeit erwiesen haben, diesen Scharfsinn durch die korrupten Ele-
mente der heutigen unmittelbaren Gegenwart auch noch verloren
haben, wirklich verloren haben. Denn was soli man zu einer Logik
sagen, wenn zum Beispiel gesagt wird, daft ich die Selbstandigkeit
des Geisteslebens fordere und behaupten wiirde:
Mit schlichten Worten gesagt: Des sozialen Unheils Wurzel liegt darin,
daft das Proletariat den Glauben verloren hat.
Nun, meine lieben Freunde, in meiner Schrift «Die Kernpunkte
der Sozialen Frage» wird deutlich ausgefuhrt, daft ein wesentlicher
Grund fur den Verlust eines wirklichen Geisteslebens fur das Prole-
tariat darin liegt, daft die bisherigen Trager dieses Geisteslebens
nicht in der Lage waren, innerhalb dieses Geisteslebens die gehorige
Lebensstoftkraft zu entwickeln. Wahrhaftig wird bei mir nicht gel-
tend gemacht, daft die Menschen verurteilt werden sollen, die den
Glauben verloren haben, wenn sie Proletarier sind, sondern geltend
wird bei mir gemacht, daft gerade die leitenden, fiihrenden Kreise -
und dazu gehort doch noch fur einen groften Teil der Menschen die
romisch-katholische Kirche -, daft diese leitenden Kreise das Gei-
stesleben in einer solchen Weise allmahlich ausgebaut haben, daft
dieses Geistesleben keine Stoftkraft mehr haben konnte fur die
Seelenbediirfnisse breiter Menschenmassen in der Gegenwart. Und
eine scheme Logik zum Beispiel ist es auch, wenn gesagt ist: Ja, der
Steiner will, daft das Geistesleben selbstandig werde, aber was es mit
dem selbstandigen Geistesleben fur eine Bewandtnis hat, das sieht
man doch an der Verbreitung der Kinokunst in der Gegenwart. -
Nun, meine lieben Freunde, wer den Geist meiner «Kernpunkte der
Sozialen Frage» ins Auge fafit, der wird wohl geniigend sehen, daft
ich da gerade von der Unfreiheit des heutigen Geisteslebens spreche.
So ein Mann wie dieser andere Jesuitenpater - Constantin Nop-
pel heiftt er - bringt es also zustande zu schreiben, daft bei mir das
freie Geistesleben gefordert werde, aber als ein Beispiel, was unter
einem freien Geistesleben geschehen wiirde, dann die Auswiichse
des gegenwartigen unfreien Geistesleben anzufuhren. Das sind in
der Tat eben schon Defekte der Logik. Und solche Defekte der
Logik wundern mich eigentlich bei einem Manne, der durch die
Jesuitenschulung hindurchgegangen ist; denn daft aus einer Seele,
die durch die Jesuitenschulung gegangen ist, aus politischen Griin-
den die objektive Unwahrheit kommt, wie das bei dem Pater Zim-
mermann der Fall ist, das kann man begreiflich finden; wie aber
solche logischen Verrenkungen von dieser Seite kommen konnen,
das ist etwas, zu dessen Verstandnis erst die allgemeine Geistes-
korruption unserer Tage herangezogen werden muft.
Ein solches Mitmachen der Geisteskorruption zeigt sich ja auch
noch in anderen Dingen. In meinen «Kernpunkten der Sozialen
Frage» versuche ich zu zeigen, daft das unberechtigte Hineinspie-
len, sagen wir von wirtschaftlichen Interessen in das Rechtsleben
nur iiberwunden werden konne durch die Verselbstandigung des
Rechtslebens. Der Pater Constantin Noppel findet nun: Ja, auch
wenn das Rechtsleben selbstandig sein wird, dann werden eben in
den Rechtsparlamenten doch auch Biinde der Landwirte, Arbeiter-
vertretungen, Unternehmerbundnisse und so weiter sein. - Hatte
er lesen konnen, so wiirde er aus meinen «Kernpunkten» haben
entnehmen konnen, daft die ja gut drinnen sein konnen, daft sie
aber da drinnen nichts machen konnten, was ihren Interessen als
Bund der Landwirte, als Arbeiterorganisation oder als Unterneh-
merverbande entgegenkame, denn alles das, was diesen Interessen
entgegenkommt, wird eben gerade innerhalb des selbstandigen
Wirtschaftslebens gemacht. Trotzdem findet es solch ein Jesuiten-
pater moglich zu sagen:
Eben weil dort die Rechte, Arbeitsrecht, Grundrecht und so weiter
festgelegt werden, wird das Rechtsparlament der Platz fur einen Bund
der Landwirte, fur eine einseitlge Arbeiterpartei, Unternehmerpartei
und so weiter sein.
Ja, meine lieben Freunde, solche Logik kommt ganz genau
gleich der Logik irgendeines Nichtsnutzes, dem man sagt: Damit
du heute nicht auf die Strafie laufen kannst und andere Buben krat-
zen und durchpriigeln kannst, sperre ich dich heute ein; was wirst
du dann machen? - Dann sagt er: Ich werde sie doch durchpriigeln
und kratzen. - Nicht wahr, die Logik, die bei diesem Jesuitenpater
zugrunde liegt, ist wirklich ganz genau die gleiche. Er fahrt zum
Beispiel fort:
Entweder nehmen also die wirtschaftlich Interessierten an dieser Ge-
setzgebung keinen Anteil, und dann gibt Steiner kein Mittel an, wie die
souverane Wirtschaft zur Annahme ihrer von nicht-sachverstandiger
Seite auferlegten Bestimmungen gezwungen werden soil. Oder aber
die wirtschaftlich Interessierten arbeiten an der Gesetzgebung mit,
dann werden sie es auch stets als Interessierte tun, und im besten Fall
sind wir soweit wie heute.
Nicht wahr, solchen Menschen gegeniiber kann man von allem
moglichen reden, und sie werden eben sagen: die Dinge bleiben
eben trotzdem beim Alten. - Man kann sagen, solch ein Artikel,
wie ihn der Otto Zimmermann schreibt, ist voller Gift und Galle,
und es fallt insbesondere diese Fulle von Gift und Galle auf; aber
solch ein Artikel, wie der, der hier iiber die Dreigliederung des
sozialen Organismus stent, der ist eigentlich nicht voller Gift
und Galle, aber eigentumlicherweise voller Dummheit. Ich konnte
mir sogar denken, dafi es Menschen gibt, die sagen: Nun, der
Constantin Noppel ist ja gar nicht einmal so schlimm, denn er
behandelt die Dreigliederung ganz objektiv, und fur seine Dumm-
heit kann ja schlieftlich ein Mensch nichts. - Aber eben das ware
die bequeme Art der Beurteilung, die heute so ungeheuer viel
Schaden stiftet.
Nun mochte ich aber bei dieser Gelegenheit auch hier wiederum
auf etwas hinweisen, was ganz grundlegend bei der Idee von der
Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Dieser Jesuitenpater
schliefit seinen Artikel mit den Worten:
Doch gibt er
- damit meint er mich -
... sich damit im wesentlichen zufrieden und hofft gegen alle Erfah-
rung, dafi die nun gliicklich getrennten, bisher feindlichen Bnider sich
nunmehr von selbst zu friedlicher Gemeinschaftsarbeit finden werden.
Gesetzt auch, daft die Dreigliederung praktisch durchzufiihren ware,
so lost zwar Steiner den sozialen Organismus in drei Glieder auf, aber
die soziale Frage lost er nicht. Er versagt in der Synthese.
Nun kommt es gerade darauf an - und das ist etwas Grundlegen-
des -, dafi zwischen der Idee von der Dreigliederung des sozialen
Organismus und alien anderen Programmideen eben ein Unter-
schied besteht. Alle anderen Programmideen gehen davon aus, dafi
sie - wenigstens bis zu einem gewissen Grade - gewissermafien
Losungsversuche des sozialen Problems seien. Die meisten, die
solche sozialen Programme aufstellen, haben ja doch eigentlich im
Hintergrunde die Meinung: Heute ist die Welt noch schlecht, aber
wenn sie iiber acht Tage soweit ist, dafi sie alles das verwirklicht,
was ein solcher Programm-Mann aufstellt, dann wird sie gut sein,
dann wird die soziale Frage so ungefahr gelost sein.
Sehen Sie, von solchen Anschauungen geht die Idee von der
Dreigliederung des sozialen Organismus gar nicht aus, sondern
diese Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus konsta-
tiert zunachst, dafi unter den mancherlei Stromungen, die im
Menschenleben vorhanden sind seit soundso vielen Jahren, auch
die soziale Frage im modernen Sinne des Wortes ist. Denn wenn
man wieder alles durcheinanderwirft, so kann man naturlich sagen,
die soziale Frage habe es immer gegeben. Aber die soziale Frage,
wie wir sie heute aus unseren Welt- und Lebensbedingungen her-
aus aufzufassen haben, ist eben nicht alter als sieben bis acht Jahr-
zehnte. Diese soziale Frage ist da, und sie ist durch die Lebensver-
haltnisse im gegenwartigen Entwicklungsstadium der Menschheit
in dieses menschliche Leben hereingetragen worden. Und sie mufi
immer von neuem gelost werden, das heifit, die Menschen mussen
in einem sozialen Organismus leben, aus dessen Struktur heraus sie
sich so verhalten werden, dafi ihr Leben eine fortdauernde Losung
der sozialen Frage findet. Also an alle Menschen wird appelliert,
nicht bloft an die eigene Gescheitheit, sondern an alle Menschen
wird appelliert. Aber gezeigt wird, unter welchen Verhaltnissen im
sozialen Organismus die Menschen leben sollen, wenn sie wirklich
beitragen sollen zur Losung der sozialen Frage. Das, was da
durch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus
angestrebt wird, ist etwas so Grundverschiedenes von alldem, was
bisher als programmatische Ideen aufgetreten ist, daft es wirklich
eine riesengrofte Albernheit ist, wenn jemand sagt: So lost Steiner
den sozialen Organismus in drei Glieder auf, aber die soziale Frage
lost er nicht. - Denn es geht aus jeder Zeile der «Kernpunkte» und
aus anderem, was ich auf diesem Gebiete geschrieben habe, hervor,
daft es sich mir gar nicht darum handelt, daft ich als einzelner eine
Losung der sozialen Frage geben will, sondern daft ich darauf hin-
weisen will, wie die Menschen im sozialen Organismus gegliedert
sein sollen, damit aus dem Zusammenwirken und Zusammenden-
ken und Zusammenempfinden der im sozialen Organismus geglie-
derten Menschheit die Losung der sozialen Fragen kommen kann.
Es ist also eine Kapitaldummheit, wenn irgend jemand behauptet,
ich wiirde die soziale Frage nicht losen, denn ich habe ja niemals
den Anspruch gemacht, daft ich als einzelner die soziale Frage lose.
Ich will bloft hinweisen auf diejenige Organisation des gesellschaft-
lichen Lebens, durch die der Losung der sozialen Frage nahe-
gekommen werden kann.
Aus all den Dingen wird Ihnen hervorgehen, wie schwierig es
heute ist, mit dem aus den Grundbedingungen der Zeit herausgebo-
renen Wahrheitsstreben gegeniiber dem bosen Willen der Mensch-
heit und gegeniiber der Torheit der Menschheit wirklich aufzukom-
men. Was kann denn eigentlich verachtlicher sein, als wenn jemand
wie der Pater Zimmermann nachweislich mit objektiven Unwahr-
heiten hausieren geht. Und solches Hausierengehen mit objektiven
Unwahrheiten kann sich heute vor den gehorigen Mafinahmen bei
seinen eigenen Leuten dadurch schiitzen, daft diesen eigenen Leuten
verboten wird, sich iiber die Wahrheit zu informieren. Und der
Pater Zimmermann darf ruhig schreiben fur seine Laien:
Die neuere Theosophie ist schon im Lichte der bloften Vernunft ein
verachtungswiirdiger, tatsachlich von aller ernsten Wissenschaft mit
Verachtung gestrafter Mystizismus.
Und diese objektive Unwahrheit miissen die katholischen Laien
glauben, weil es verboten ist, sich iiber die Wahrheit zu unterrich-
ten. Man kann sich in der Tat kaum etwas Korrupteres vorstellen.
Nur darauf mochte ich eben hinweisen in bezug auf den bosen
Willen. Die Dummheit, die der andere Faktor ist, gegen die ist ja
schwer aufzukommen. Mit bezug auf die soziale Frage ist das der
grofie Irrtum, daft die Menschen immer glauben, die soziale Frage
sei etwas, was ein einzelner oder eine Partei mit einem Programm
losen konne. Die soziale Frage kann man nur fortdauernd, konti-
nuierlich losen, indem man in einer gewissen Art das menschliche
Zusammenleben organisiert. Das ist es gerade, worauf in funda-
mentaler Weise durch die Idee von der Dreigliederung des sozialen
Organismus hingewiesen wird und was man so formulieren kann:
Diese Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus sagt,
daft ein einzelner die soziale Frage nicht losen kann. - Und dann
kommt die Dummheit und sagt: «... aber die soziale Frage lost er
nicht».
Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist tatsachlich notwendig,
daft man die Augen nicht verschliefk vor diesen Dingen, und ich
kann Ihnen die Versicherung geben, was ich das letzte Mai sagte, ist
mir durchaus bitterer Ernst. Keineswegs entspricht es meiner Nei-
gung, diese Dinge gerade in bezug auf die katholische Kirche zu
sagen. Aber ich sage sie ja auch nicht als irgendein Angreifer, son-
dern ich sage sie als Angegriffener. Ich wiirde mich, wenn diese
Angriffe nicht gekommen waren, wahrhaftig darauf beschranken,
in positiver Weise die Wahrheit vor die Menschen hinzustellen.
Aber wo aus einem solchen Geiste heraus die Angriffe kommen, ist
es nicht anders moglich, als diese Angriffe auch in gehoriger Weise
zu charakterisieren. Was von einzelnen Seiten der katholischen
Priesterschaft ausgesprochen worden ist, das ist ja richtig; es gehort
das vielleicht sogar zu dem wenigen Richtigen, was in bezug auf
Anthroposophie von der katholischen Kirche ausgesprochen wor-
den ist; es wurde da oder dort gesagt: Na, solange diese Anthropo-
sophie ein obskures Dasein fuhrt, werden wir uns um sie nicht
bekummern; in dem Augenblick aber, wo sie sich verbreitet, in dem
Augenblick werden wir sie vernichten!
Man konnte auf der einen Seite den gegenwartig auftretenden
intensiven Kampf gegen Anthroposophie ja dann als Dokument
auffassen fur die Verbreitung. Das ist auch in gewissem Sinne der
Fall. Aber auf der anderen Seite darf der Wille zur Vernichtung, der
auf der heute gekennzeichneten Seite besteht, nicht unterschatzt
werden, denn von dieser Seite wird man vernichten, was man ver-
nichten kann. Und die Standfestigkeit einer geistigen Bewegung fur
das aufiere physische Menschenleben zwischen Geburt und Tod
ruht doch auf der ehrlichen Kraft ihrer Bekenner. Dieses letztere
Wort bitte ich Sie durchaus ins Auge zu fassen. Diese ehrliche
Kraft der Bekenner, auch diese sachverstandige Kraft der Bekenner,
das ist etwas, an das man immer wieder und wiederum appellieren
mufi, weil ja ganz gewifi fur die Krafte in den geistigen Welten
selbst es gleichgiiltig ist, wieviel Erdenmenschen sich zu einer
Sache bekennen, aber die Erde braucht Wahrheit, und zur Ver-
breitung der Wahrheit auf der Erde ist die Kraft ihrer Bekenner
notwendig.
Von vielen Seiten her erfahrt anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft heute Angriffe. Man wiirde sich ja gern mit diesen
Angriffen auseinandersetzen, meine lieben Freunde, wenn sie so
geartet waren, da£ sie sich mit objektiv Hingestelltem beschaftigen
wiirden. Warum sollte man sich denn nicht in eine objektive Pole-
mik mit objektiven Gegnern einlassen? Aber nehmen Sie solche
Angriffe wie den, der von dem Individuum Dessoir ausgegangen
ist, nehmen Sie das, was hier von einer ganzen Kirchengemein-
schaft durch ihre Vertreter ausgeht - Sie finden im Grunde genom-
men uberall den Typ des unsachlichen Angriffes und uberall den
Typ des innerlich, seelisch Korrupten.
Sonnabend um V2 8 Uhr werden wir dann von weniger uner-
freulichen Dingen zu sprechen haben.
MITTEILUNG VOR DEM MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 7. Dezember 1919
Meine lieben Freunde, ich mufi Sie auch heute wiederum in der
Einleitung plagen mit einer kleinen Mitteilung. Aber da wir ja
heute wohl die letzte unserer Betrachtungen haben vor unserer
Abreise - die Abwesenheit wird diesmal ja wohl kiirzer dauern -
so mu£ ich diese mir wenig schmackhafte Mitteilung schon noch
machen. Sie gehort in die Reihe der zahlreichen Angriffe, die jetzt
erfolgen und unterscheidet sich von den anderen Ihnen bereits
mitgeteilten Angriffen dadurch, daft sie vielleicht noch um ein
wesentliches Stuckchen gemeiner ist als andere. Es erscheint ein
Blatt hier - wie ich glaube nicht sehr ferne das sich nennt
«Suisse-Belgique-Outremer»; in diesem Blatt findet sich ein Artikel
liber «Die Kernpunkte der Sozialen Frage», und dieser Artikel
beginnt mit den Worten:
Quel abime, si nous passons d'un Emile Waxweiler a un Rudolf Steiner!
L'un est, au premier abord, obscur dans sa terminologie, mais sa pensee
est d'une clarte aigue. L' autre developpe ses pensees en une langue que
ses intimes pourront trouver claire, mais sa pensee nous parait eminem-
ment obscure! L'ecrivain allemand est theosophe. On affirme qu'il fut
le conseiller intime, le confident et l'inspirateur de Guillaume II, par
deference nous ne repeterons point l'expression de <Raspoutine> de
Guillaume II, par laquelle nous l'avons entendu designer.
Nun, meine lieben Freunde, zuerst die Logik, die in diesem Falle ein
Stuck Moral ist - und da wir ja in der letzten Zeit iiber mannigfalti-
ges Moralisches auch zu sprechen hatten, so reiht sich ja das in un-
sere anderweitigen Betrachtungen nicht schlecht ein -, zuerst die
Logik, die ein Stuck Moral ist: Man verbreitet ein ganz gemeines
Gerucht, und man sagt zu gleicher Zeit, daft man nichts zu seiner
Verbreitung beitragen will; man sagt, man will etwas nicht behaup-
ten - und behauptet es. Das ist die Logik vieler Menschen der
Gegenwart.
Nun mochte ich die Tatsachen dem entgegenstellen. Unsere
Freunde werden sich erinnern, daft ich im Laufe der Jahrzehnte seit
den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - vielleicht konnen
sich diejenigen, die hier sind, nur an Jahrzehnte in geringerer An-
zahl erinnern, das macht aber nichts, weit zuriick wissen sich aber
manche zu erinnern, die hier sitzen -, daft ich zahlreiche Vortrage
gehalten habe. Sie werden wissen, daft ich zu diesem «Guillaume
II » nur die eine Stellung hatte durch die ganze Zeit hindurch, die
Stellung des absoluten Ignorierens - eine andere Moglichkeit gab es
ja nicht -, die Stellung des absoluten Ignorierens. Gegeniiber jener
Stellung, welche wahrhaftig nicht nur etwa allein in Deutschland,
im ehemaligen Deutschland eingenommen worden ist zu «Guillau-
me II», sondern auch im Auslande, ist das doch wohl etwas abste-
chend, daft hier auf unserem Boden, soweit ich selber in Betracht
komme, das absoluteste Ignorieren stattfand. Ich habe - ich kann
das sehr einfach darstellen - seit gestern nachgedacht - gestern
abend bekam ich diesen Artikel -, welches meine Beziehungen zu
«Guillaume II» eigentlich sind. Und ich habe diesen Wilhelm II.
gesehen einmal, indem ich safi im zweiten Rang eines Berliner
Theaters: da saft er in der Hofloge - ich war so weit entfernt, wie
von hier bis zu den dort in den letzten Reihen Sitzenden -, da sah
ich ihn. Dann ging ich einmal iiber die Friedrichstrafte, da ritt er
unter seinen Generalen oder so etwas mit dem Marschallstabe. Und
dann sah ich ihn noch einmal im Zuge schreiten, als er hinter dem
Sarg der Groftherzogin Sophie von Sachsen- Weimar ging. Gespro-
chen habe ich mit ihm noch nie ein Wort; in seiner Nahe war ich
niemals.
Das ist die Wahrheit, meine lieben Freunde, und es gibt heute
die Moglichkeit, daft die Wahrheit nicht nur von Skatbriidern beim
Dammerschoppen und von Kaffeetanten in einer solchen Weise
entstellt wird - das ist sie ja schon seit langerer Zeit -, sondern von
Menschen, die in «Zeitschriften» schreiben. Und, meine lieben
Freunde, diese Zeitschriften werden gelesen, ohne daft man sich
darum kiimmert, welche Gesinnung gegeniiber der Wahrheit in
unserem Zeitschriftenwesen heute ist. Da muft man doch die Frage
aufwerfen: Welche Aussicht hat denn iiberhaupt gegeniiber einer
solchen bodenlosen Korruption eine geistige Bewegung, die sich in
der Welt geltend machen will - eine geistige Bewegung, die es
wahrlich notig hatte, nicht aus einem aufieren Geflunker, sondern
aus dem innersten Nerv ihres Existierens, ihrer Existenzmoglich-
keit heraus zu sagen: Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit? - Wir
mufiten oftmals gerade gelegentlich der Betrachtungen der letzten
Wochen, meine lieben Freunde, immer wieder und wieder darauf
aufmerksam machen: Wenn dasjenige, was ich hier Geisteswissen-
schaft nenne, in der Welt wirklich durchdringen will, so ist dazu
erforderlich, dafi ein Boden ehrlichster und aufrichtigster Wahrhaf-
tigkeit fur dasjenige, was die Geisteswissenschaft der Welt zu sagen
hat, da sei. Und ich habe oftmals darauf aufmerksam gemacht, dafi
im Kleinsten es notwendig ist von denjenigen, die sich beteiligen
wollen an solch einer geisteswissenschaftlichen Bewegung, zu
sehen, wie selbst in den unbedeutendsten Worten und in der un-
bedeutendsten Mitteilung der alltaglichsten Tatsache absoluteste
wortgetreue Wahrhaftigkeit herrschen musse. Denn dasjenige, was
das Nicht-genau-Nehmen mit der Wahrheit in der Alltaglichkeit
ist, das hat eine innere Wachstumskraft, das wachst, das hat eine
eigene Vitalitat, und das wachst sich dann aus zu diesen Dingen, die
eigentlich nicht mehr charakterisiert werden konnen, weil sie alles
Maft des Menschlich-Gemeinen uberschreiten, weil in Menschen,
die in einer solchen Weise ihre gemeine Verleumdungssucht auf
Papier mit Druckerschwarze vervielfaltigen diirfen, dasjenige
steckt, was unsere Kultur korrupt macht. Und es ist durchaus eine
Wahrheit, dafi, solange nicht der Kampf aufgenommen wird in
ernstlicher und ehrlicher Weise gegen alles dasjenige, was aus
solcher Ecke herauskommt, die Menschheit weiter in die Dinge
hineinsegeln wird, die heute nun griindlich wahrzunehmen sind.
Man mufi, meine lieben Freunde, anschauen dasjenige, was in
der Welt geschieht, an solchen Symptomen. Deshalb ist es hier
notwendig, da$ Kleines und Grofies, was gegen den Wahrheitssinn
verstofk, immer wieder geriigt werde. Derjenige, der eine Ahnung
davon hat, was verbunden wird heute mit der Personlichkeit des
Rasputin, der weifi zu gleicher Zeit, aus welch bodenlos gemeiner
Ecke heraus eine solche Verleumdung gemiinzt ist. Sie sehen also,
meine lieben Freunde, nicht blo$ von der kirchlichen Seite, von der
die Angriffe immer heftiger werden, sondern auch von nichtkirch-
licher Seite droht gar mancherlei demjenigen, was sich hier geltend
machen will als geisteswissenschaftlicher Kultureinschlag. Und
man mochte wahrhaftig Worte finden - ich sagte das ja hier schon
ofter welche mehr Tragkraft haben, als meine Worte bisher ha-
ben konnten, denn das zeigt sich ja auch wiederum an alien Ecken
und Enden; man mochte Worte finden, welche mehr Tragkraft fin-
den konnten, um zu begegnen dem, was heute der Ausbreitung der
Wahrheit in der Welt entgegensteht. Man mochte deshalb mehr
Kraft finden, weil leider die Seelen der meisten Menschen gegen-
iiber demjenigen, was hier als Wahrheit gemeint ist, eigentlich doch
schlafen, weil die Seelen der meisten Menschen im Grunde genom-
men doch das ungeheuer Ernste, das hinter diesen Sachen steckt,
sehr bald wiederum vergessen, nachdem es vor sie hingetreten ist.
Ich mochte heute eben dies auch noch als Prinzipielles sagen.
Versuchen Sie es einmal, meine lieben Freunde, die Zeit der weni-
gen Wochen, in denen ich hier vielleicht keine Vortrage halten
werde, dazu zu verwenden, iiber Wahrheitsgefuhl und Wahrheits-
gesinnung einmal ernst zu meditieren, zu meditieren iiber die Trag-
fahigkeit des Wahrheitssinnes und iiber das ungeheuer Korrumpie-
rende des heute die Welt so intensiv durchziehenden Unwahrhaf-
tigkeitssinnes. Denn glauben Sie es mir: Die menschlichen Gedan-
ken sind reale Machte, und Unwahrhaftigkeiten sind, auch wenn
sie im Kleinen waken, sie sind todlich fur dasjenige, was eigentlich
bezeichnet werden mufi als der die Erdenevolution fordernde
Geist. Und man kann einfach auf die Dauer nicht zur Verbreitung
dieses Erden-Fordernden beitragen, wenn man etwa zu stolen
hatte immer wieder und wiederum auf lauter Unwahrhaftigkeit.
Das mufite ich wiederum zur Einleitung heute sagen, damit Sie
aufgeklart sind dariiber, meine lieben Freunde, woran es liegen
konnte, wenn etwa das Esoterische allmahlich immer mehr und
mehr versickern miifite aus demjenigen, was als geisteswissen-
schaftliche Bewegung auch durch unsere Reihen geht. Glauben Sie
nicht, daft hier etwas Unwichtiges gesagt wird. Es ist notwendig,
daft jeder eigentlich ernsthaft mit sich zu Rate geht, meditativ sich
verhalt zu der Frage iiber die Tragkraft der Wahrheit, denn einmal
tritt sie im Kleinen, in der alltaglichen Mitteilung auf, die Unwahr-
haftigkeit, das andere Mai als moralisch korrupte Unlogik, wie hier
in diesem Artikel. Die Dinge sind nur quantitativ verschieden,
qualitativ im Grunde genommen dasselbe.
TEIL II
RELIGIOSE GEGNERSCHAFTEN
SCHLUSSWORT NACH DEM MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 24. April 1920
Ich mochte heute Sie wiederum nur mit ein paar Angaben belasti-
gen, denn vielleicht ist gerade die Zeit der Generalversamm-
lungswoche geeignet, auf solche Dinge aufmerksam zu machen.
Dr. Boos war genotigt durch eine Anzahl von Artikeln, die mit
dicksaftigen Verleumdungen unserer Sache iiberall hier erschienen
sind, einmal folgenden offenen Brief zu richten an - na ja, an die-
jenigen, die es angeht, und zwar so, daft hingewiesen werden muftte
eben auf die Art und Weise, wie da gekampft wird:
Offener Brief an Herrn Mo. Arnet, katholischer Pfarrer in Reinach,
Baselland.
Der Unterzeichnete stellt hiemit fest:
1. Das neunte Gebot (2. Mos., 20) lautet: «Du sollst kein falsches
Zeugnis reden wider deinen Nachsten.» Im Christentum ist dies Ver-
bot nicht aufgehoben (vergleiche Eph. 4,25).
2. In dem von Ihnen redigierten «Katholischen Sonntagsblatt des
Kantons Baselland und seiner Umgebung» vom 11. April 1920 (Nr. 15)
drucken Sie unter dem Titel «Von den Anthroposophen» einen bereits
vorher in den katholischen Parteiblattern «Neue Rheinfelder Zeitung»
und «Die Nordschweiz» anonym erschienen Artikel ab, der ein ver-
leumderisches Machwerk iibelster Sorte darstellt, indem er - aufter
zahlreichen Ungenauigkeiten - nicht weniger als dreiundzwanzig
faustdicke Lugen enthalt!
Ich frage Sie: Wie vereinigen Sie diese beiden Tatsachen mit der
dritten, daft Sie, der Redaktor des Sonntagsblattes, Priesteramt in einer
christlichen Glaubensgemeinschaft ausiiben, daft Sie sich aufterdem
anmaften, iiber die Christlichkeit anderer Leute Gericht zu halten?
Die Antwort auf diese Frage konnen Sie geben, in welcher Form Sie
wollen. Ich werde auch wieder da sein.
Dr. jur. Roman Boos, Rechtsanwalt
Zurich - Dornach
Nun kann uberall die Anzahl der Liigen nachgezahlt werden,
und man wird diese 23 faustdicken Liigen finden. Aber man hat es
da mit einer Art von Leuten zu tun, die alles verwechseln. Ich habe
oftmals betont: Von unserer Seite aus, von anthroposophischer
Seite aus, wird nie aggressiv vorgegangen, nie jemand zuerst an-
gegriffen, aber man mufi sich wehren. Die greifen an, bezeichnen
dann das Sich-Wehren als Angriff. Das macht deutlich ein nied-
liches Schriftchen, das Dr. Boos von einem - ja, wie heilk es in der
Odyssee? - von einem «Niemand» erhalten hat:
Wir sind Leute von hochster Bildung. So hatte ich neulich das Vergnii-
gen, einem Gesprach von Anthroposophen zu lauschen. ...
Ich finde es ja nicht gerade geschmackvoll, wenn im Tramway solche
Gesprache gefuhrt werden, aber, na, es geschieht halt. Nun weiter:
... Wahrlich sehr hohe Bildung scheint mir auch Herr Dr. Boos zu
haben. Darf ich wohl diesen fein gebildeten und hochsituierten Herrn
doch bitten, ja nicht weiter unsere Priester anzugreifen, sei es auf
welche Art Sie wollen. Die Priester unserer katholischen Religion las-
sen wir nicht in Ihren Kot ziehen. Moge die Rache iiber Sie kommen
samt der ganzen Brut auf dem Hiigel droben. Dies sind Stimmen aus
dem Volk.
Sie sehen, meine lieben Freunde, was da heraustont und wie es
notwendig ist, die Dinge nicht zu verschlafen, die da vorgehen. Als
Antwort an Herrn Dr. Boos steht im « Katholischen Sonntags-
blatt», das Herr Arnet, der Pfarrer von Reinach, redigiert:
An Herrn Dr. Roman Boos, Rechtsanwalt, Dornach - Zurich.
Sie bezichtigen mich im «Arlesheimer Bezirksblatt» der Luge, und
zwar in der denkbar unverschamtesten Form, ohne jede Angabe, in
welchen Punkten ich mich der Unwahrheit schuldig gemacht habe
durch Abdruck des beanstandeten Artikels aus der «Neuen Rhein-
felder Zeitung» im basellandschaftlichen Sonntagsblatt.
Ich fordere Sie hiermit auf, den Beweis fur Ihre freche Behauptung
zu erbrmgen und werde bereit sein, auf sachlichem Boden die Streit-
frage auszufechten.
Pfarrer M. Arnet, Redaktor
Nun, meine lieben Freunde, wieder die verkehrte Welt. Wer hat
denn etwas zu beweisen? Derjenige, der ruhig gewesen ist und nie-
mandem etwas getan hat, oder derjenige, der freche 23 Liigen in die
Welt streut? Der fuhlt sich berufen, der andere soil beweisen. Wer
dreiundzwanzigmal gelogen hat, der sollte vor alien Dingen die
Verpflichtung fuhlen, fur das einzutreten, womit er zuerst angefan-
gen hat. Denkt man heute daran? Denkt man daran, daft jemand die
Verantwortung hat, fur das, was er behauptet, auch einzutreten?
Heifk das nicht, alles Verantwortungsgefuhl in den Wind zu schla-
gen? Schon diese Art aufzutreten, die charakterisiert geniigend, um
was es sich hier handelt.
Ich mufke Sie wieder einmal mit diesen Dingen belastigen, die,
wie Sie wissen, ja heute zahlreich genug sind.
SCHLUSSWORT NACH DEM MITGLIEDERVORTRAG
Dornach, 1. Mai 1920
Heute mochte ich Sie noch mit einer Kleinigkeit bekanntmachen.
Ich kann Ihnen ja alle diese Dinge jetzt nicht ersparen. Erstens
mochte ich Sie darauf aufmerksam machen, dafi im «Tagblatt fiir das
Birseck, Birsig- und Leimental» - welches sich jetzt gewissermaften
in freundlicher Weise zu uns stellt, was unsere Freunde beriicksich-
tigen sollten -, da$ da erschienen ist eine Erwiderung von unserem
Freundeskreise auf die Angriffe, die jetzt so zahlreich sind.
Dagegen darf ich Sie auch darauf aufmerksam machen, dafi die
«Neue Rheinfelder Zeitung» - von der ein grofier Teil oder im
Grunde genommen eigentlich alles [an Verleumdungen] in der letz-
ten Zeit ausgegangen ist -, dafi auch die «Neue Rheinfelder Zei-
tung» wohl genotigt war, eine Berichtigung aufzunehmen. Sie hat
aber eine «Nachschrift der Redaktion» gemacht, und mit dieser
Nachschrift der Redaktion mufi ich Sie doch bekanntmachen. Die
«Erklarung» sei etwas verballhornt worden, wie mir soeben Herr
Dr. Boos sagte, aber die Nachschrift der Redaktion, die bitte ich Sie
doch in einer etwas griindlicheren Weise zu betrachten. Da heiftt es:
Nachschrift der Redaktion.
Unser Einsender ist der Ansicht, daft sich iiber geistige Strdmungen
und Irrungen, als welche wir auch die anthroposophische betrachten,
nicht gut prozessieren laftt. Was sich in obiger Erklarung ohne Beweis
behaupten lafit, lalk sich ebenso leicht ohne Gegenbeweis ablehnen. ...
Ja, die «obige Erklarung» ist die von Dr. Boos, worin die 23
kniippeldicken Liigen richtiggestellt werden, die von dieser Seite
ausgegangen sind; und gegeniiber der Richtigstellung wird dieser
Satz gesagt: «Was sich in obiger Erklarung ohne Beweis behaupten
lafit, lafit sich ebenso leicht ohne Gegenbeweis ablehnen. »
Ich mufi noch einmal darauf hinweisen, wie wir heute in einer
gewissen verkehrten Welt leben. Man darf in einer beliebigen Weise
liigen und verleumden, und derjenige, der davon betroffen wird,
dem schiebt man die Beweislast zu, statt zu wissen, dafi derjenige,
der urspriinglich etwas behauptet, die Beweislast hat. Auf solche
Dinge sollte heute schon hingewiesen werden.
... Interessant ist auch die Tatsache, dafi das, was anno 1914 und 1916
unwidersprochen in Blattern veroffentlicht werden konnte, nun auf
einmal injurios sein soli.
Das heilk, die Leute haben dazumal schon gelogen, und weil ihnen
dazumal nicht schon gehorig auf den Mund gehauen worden ist, so
verbreiten sie das heute noch einmal und glauben, die Verjahrung
der Luge mache die Luge zur Wahrheit. Das, meine lieben Freun-
de, ist katholische Logik, wie sie sich ausdriickt in der «Neuen
Rheinf elder 2eitung». Oben an der «Neuen Rheinf elder Zeitung»
steht: «Fur Gott und Vaterland, fur Wahrheit und Recht.» Das ist
der Usus der heutigen Welt.
OFFENTLICHER VORTRAG
Dornach, 5. Juni 1920
Die Wahrheit iiber die Anthroposophie
und deren Verteidigung wider die Unwahrheit
Meine sehr verehrten Anwesenden! Vorausschicken mochte ich,
dafi dieser Vortrag mir wahrhaftig keine Befriedigung gewahrt. Er
ist wohl vielleicht einer von denjenigen, die am allerwenigsten ge-
eignet sind, mir Befriedigung zu gewahren - keiner von denen, die
ich begehre zu halten -, aber er ist in einer gewissen Weise durch
Ereignisse, die nun schon eine ziemlich lange Zeit hier in nachster
Umgebung spielen, herausgefordert. Und ich darf wohl auch das
noch voranschicken, dafi es ja immer mehr und mehr in der Bewe-
gung, innerhalb welcher ich stehe, dazu gekommen ist, daft mir die
Aufgabe des Ausbaues der in Frage kommenden Geistesstromung
zugefallen ist und daft ich voll beschaftigt bin mit diesem Ausbau
nach den verschiedendsten Seiten hin. Deshalb ist bei mir wahrhaf-
tig nicht Zeit und irgendwelche Neigung vorhanden, gegeniiber der
Aufienwelt diese oder jene Angriffe zu unternehmen. Dagegen
mehren sich die Angriffe, die andere gegen diese Bewegung unter-
nehmen, in der letzten Zeit in einer ganz ungeheuerlichen Weise -
ungeheuerlich nicht nur ihrer Zahl nach, sondern ungeheuerlich
vor alien Dingen ihrem Inhalte nach. Ich werde mich bemuhen,
den heutigen Vortrag so objektiv wie moglich zu halten. Bei der
leider so reichen Fulle des Materials werde ich ja genotigt sein,
mehr oder weniger aphoristisch zu verfahren. Ich mochte aber die
Ausfuhrungen in zwei Teile gliedern. Ich mochte den ersten Teil so
halten, daft ich darstelle gewissermafien historisch das Werden der-
jenigen Geistesbewegung, welche von mir die anthroposophische
genannt wird, und dafi ich, wahrend ich in dieser Weise positiv
historisch charakterisiere, nur einige Streiflichter werfen werde auf
dasjenige, was sich gegen diese anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft von da oder dort aggressiv geltend gemacht hat.
Im zweiten Teile des Vortrages will ich dann auf Einzelheiten,
mehr oder weniger zusammengefafk zu Typen, eingehen und ganz
einzelnes nur da, wo es unbedingt herausgefordert ist, erwahnen.
Zunachst mochte ich bemerken, dafi wahrhaftig das vollkom-
menste Recht besteht, diejenige Geistesbewegung, um die es sich
hier handelt, deren Reprasentant dieser Bau sein soli, die «anthro-
posophisch orientierte» zu nennen. Und nicht nur dazu besteht das
voile Recht, sondern auch dazu, diese Geistesbewegung gegeniiber
alien anderen Geistesbewegungen der Gegenwart als eine vollig
selbstandige zu bezeichnen. Beides, meine sehr verehrten Anwe-
senden, wird ja bestritten. Die Berechtigung der Bezeichnung «An-
throposophie» wird bestritten in einer Art, die wahrhaftig sofort
als unmoglich erkannt wird, wenn man sich nur im allergeringsten
bemiiht, historisch wahr die ganze Sache anzusehen. Sie mussen
schon verzeihen, wenn ich heute Objektives durchpragen mufi mit
allerlei scheinbar Personlichem. Aber dieses scheinbar Personliche
ist ja in diesem Falle auch ein Objektives und gehort durchaus zur
Sache. Wer wahr sehen will und meine Schriften verfolgt, wer das-
jenige verfolgt, was ich im Anschlusse an «Goethes Naturwissen-
schaftliche Schriften» vom Beginne der achtziger Jahre des 19. Jahr-
hunderts an geschrieben habe, der wird finden, daft dort zunachst
der Geistesweg seiner Methode nach iiberall schon angedeutet ist,
der dann, was selbstverstandlich ist, im Laufe der Zeit - es sind
jetzt vier Jahrzehnte seitdem verflossen - weiter ausgebaut worden
ist. Man kann dasjenige, was von hier aus jetzt Anthroposophie
genannt wird, unterscheiden nach zwei Richtungen hin. Das eine
ist die Art des Vorstellens, die Art des Suchens, des Forschens, das
andere ist das Inhaltliche, sind die Ergebnisse dieser Forschung,
soweit sie bis heute haben ausgebildet werden konnen. Es ware
selbstverstandlich kein gutes Zeugnis fur dasjenige, was als anthro-
posophische Geistesrichtung unternommen worden ist, wenn man
sagen mulke nach vier Jahrzehnten, es sei im Laufe der langen Zeit
nichts erarbeitet worden, sondern man wiederhole heute nur
immer dieselben Sachen, von denen in den Veroffentlichungen der
achtziger Jahre gesprochen worden ist.
Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wer die Richtung des
Denkens, die Richtung des Forschens, oder wenn ich mich gelehr-
ter ausdriicken will, die Methode ins Auge falk, die hier in Betracht
kommt, der wird finden, dafi alles in Betracht Kommende in den
Achtziger Jahren bereits als Vorstufe ausgesprochen worden ist; ich
mochte sagen, daft der Grundnerv desjenigen, was hier Geistes-
wissen
…[truncated]