Die Anthroposophie und ihre Gegner 1919 – 1921

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSG ABE 


Abteilung  B:  Vortrage 
II.  Vortrage  vor  Mitgliedern  der  Anthroposophischen  Gesell 

Herausgegeben  von  der 
Rudolf  Steiner  Nachlassverwaltung 


Band  GA  255b 


RUDOLF  STEINER 


Die  Anthroposophie 
und  ihre  Gegner 


Vortrage  -  SchlujRworte  -  Mitteilungen 
Richtigstellungen 
November  1919  bis  September  1922 

Dokumentarischer  Anhang 


2003 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 


Die  Herausgabe  der  1.  Auflage  besorgten 
Alexander  Liischer  und  Ulla  Trapp, 
unter  Mitarbeit  von  Dorte  Mehrling  und  Konrad  Donat 

Bibliographischer  Nachweis  bisheriger  Veroffentlichungen 

Seite  622 


Band  GA  255b 
1.  Auflage  2003 

©  2003  by  Rudolf  Steiner  Verlag,  Dornach 
©  2003  by  Rudolf  Steiner  Nachlassverwaltung,  Dornach 
Alle  Rechte,  auch  die  des  auszugsweisen  Nachdrucks,  der  foto- 
mechanischen  und  elektronischen  Wiedergabe,  vorbehalten. 
Satz:  Rudolf  Steiner  Verlag  /  Bindung:  Spinner,  Ottersweier 
Printed  in  Germany  by  Greiser  Druck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-2555-5 


7.u  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Rudolf  Steiner  hat  seine  Vortrage  stets  frei,  also  ohne  Manuskript,  gehalten. 
Viele  seiner  Voriiberlegungen  hielt  er  lediglich  in  Stichworten,  manchmal 
auch  in  kurzen  Satzen,  Schemata  oder  Skizzen  in  seinen  Notizbiichern  fest, 
ohne  daft  er  sie  weiter  schriftlich  ausgearbeitet  hatte.  Nur  in  ganz  wenigen 
Fallen  liegen  vorbereitete  schriftliche  Zusammenfassungen  vor,  die  fur  Uber- 
setzer  bestimmt  waren.  Er  hat  jedoch  der  Veroffentlichung  seiner  Vortrage 
zugestimmt,  auch  wenn  er  selbst  nur  einige  wenige  fur  den  Druck  vorberei- 
ten  konnte. 

Die  in  der  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  veroffentlichten  Vortrage  basie- 
ren  in  der  Regel  auf  Ubertragungen  stenographischer  Aufzeichnungen,  die 
wahrend  des  Vortrages  von  Zuhorern  oder  hinzugezogenen  Fachstenogra- 
phen  angefertigt  wurden.  Verschiedentlich  -  und  dies  gilt  fiir  die  Anfangsjah- 
re  seiner  Vortragstatigkeit,  etwa  bis  1905  -  dienen  auch  schriftliche  Ausarbei- 
tungen  durch  Zuhorer  als  Textgrundlage.  Fiir  die  Drucklegung  werden  die 
Ubertragungen  in  Langschrift  oder  Zuhdrernotizen  von  den  Bearbeitern 
(Herausgebern)  einer  eingehenden  Priifung  unterzogen,  insbesondere  hin- 
sichtlich  Sinn,  Satzbau  und  Genauigkeit  der  Wiedergabe  von  Zitaten,  Eigen- 
namen  oder  Fachbegriffen.  Bei  auftretenden  Komplikationen,  wie  zum  Bei- 
spiel  nicht  entschliisselbaren  Satz-  und  Wortgebilden  oder  Lucken  im  Text, 
werden,  soweit  vorhanden,  die  Originalstenogramme  zur  Abklarung  hinzu- 
gezogen. 

Weitere  Angaben,  die  Besonderheiten  der  Textgrundlagen,  der  Bearbei- 
tung  sowie  die  Entstehungsgeschichte  der  im  vorliegenden  Band  veroffent- 
lichten Vortrage  betreffend,  befinden  sich  am  Schlufi  des  Bandes. 

Die  Herausgeber 


Zu  der  Tafelzeichnungen:  Die  Original-Wandtafelzeichnung  Rudolf  Steiners 
zum  Vortrag  vom  16.  11.  1919  in  diesem  Band  ist  erhalten  geblieben,  da  die 
Tafeln  damals  mit  schwarzem  Papier  bespannt  wurden.  Sie  ist  als  Erganzung 
zu  den  Vortragen  im  Band  XXX  der  Reihe  «Rudolf  Steiner  -  Wandtafel- 
zeichnungen  zum  Vortragswerk»  wiedergegeben,  worauf  hier  an  der  betref- 
fenden  Textstelle  durch  Randvermerk  verwiesen  wird. 


INHALT 


Zur  Einfuhrung   15 

TEIL  I 

ALTE  UND  NEUE  GEGNERSCHAFTEN 

Mitgliedervortrag,  Dornach,  16.  November  1919  ...  33 
Der  Grund  fur  die  zunehmenden  Anfeindimgen  der  Anthroposo- 
phie.  Die  Veroffentlichung  einer  gegnerische  Broschiire  durch  den 
evangelischen  Theologen  Friedrich  Traub.  Unwahre  Behauptungen 
zu  Rudolf  Steiners  Lebensgang.  Unverstandnis  gegeniiber  seinem 
philosophischem  Ansatz.  Der  Grundfehler  des  Philosophierens  im 
19.  Jahrhundert.  Was  Steiner  zur  Kritik  am  Bekenntnis-Christen- 
tum  veranlafit  hat.  Die  haarstraubende  Logik  Traubs  in  der  Dar- 
stellung  von  Steiners  theosophischen  Inhalten.  Das  Ereignis  von 
Golgatha  als  nicht  blofi  irdisches,  sondern  als  kosmisches  Ereignis. 
Ungenauigkeit  und  Gedankenlosigkeit  als  Kennzeichen  fur  Traubs 
Kritik. 

MlTTEILUNG  VOR  DEM  MITGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  28.  November  1919  61 

Das  Aufgreifen  von  Traubs  Kritik  durch  den  katholischen  Theo- 
logen Friedrich  Laun. 

Mitgliedervortrag,  Dornach,  3.  Dezember  1919    ...  63 

Die  Verstarkung  der  gegnerischen  Angriffe.  Die  Verurteilung  der 
Anthroposophie  durch  den  Jesuitenpater  Otto  Zimmermann.  Ihre 
Gleichsetzung  mit  den  theosophischen  Lehren.  Die  Notwendigkeit 
einer  intensiven  Wirklichkeitsempfindung.  Der  Hauptvorwurf 
Zimmermanns:  die  Deutung  des  Christus  als  pantheistischer  Son- 
nengeist  durch  die  Anthroposophie.  Die  wahre  Bedeutung  des 
Mysteriums  von  Golgatha  fur  die  Erdentwicklung.  Wahrhaftigkeit 
schliefk  bequeme  Kompromisse  aus.  Die  Verdrehung  der  Drei- 
gliederungs-Idee  durch  den  Jesuitenpater  Constantin  Noppel.  Sein 
Haupteinwand:  keine  Losung  der  sozialen  Frage  durch  die  Drei- 
gliederung.  Der  Unterschied  zwischen  der  Idee  von  der  Dreigliede- 
rung  des  sozialen  Organismus  und  einer  Programmidee.  Das 
Streben  nach  Wahrheit  und  seine  Behinderung  durch  Boswilligkeit 


und  Dummheit.  Der  Wille  zur  Vernichtung  der  Anthroposophie. 
Die  Standfestigkeit  einer  geistigen  Bewegung  beruht  auf  der  ehr- 
lichen  Kraft  ihrer  Bekenner. 

MlTTEILUNG  VOR  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  17.  Dezember  1919  79 

Beispiel  fur  die  Methodik  gegnerischen  Vorgehens.  Rudolf  Steiner 
als  Rasputin  Wilhelms  II.?  Notwendigkeit  einer  absoluten  Wahr- 
haftigkeit  auch  im  Alltaglichen.  Gedanken  als  reale  Machte. 


TEIL  II 

RELIGIOSE  GEGNERSCHAFTEN 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  24.  April  1920    87 

Die  Verbreitung  von  23  Liigen  iiber  Anthroposophie. 

SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  1.  Mai  1920    90 

Was  in  der  heutigen  Welt  Usus  ist. 

Offentlicher  Vortrag,  Dornach,  5.  Juni  1920     ....  92 

Die  Wahrheit  iiber  die  Anthroposophie 

und  deren  Verteidigung  wider  die  Unwahrheit 

Die  zwei  Richtungen  der  Anthroposophie.  Die  Begegnung  Rudolf 
Steiners  mit  Ernst  Haeckel.  Sein  Versuch,  dem  materialistischen 
Monismus  einen  geistigen  Monismus  entgegenzusetzen.  Geistige 
Eigenstandigkeit  auch  in  den  Vortragen  vor  den  Berliner  Theo- 
sophen:  keine  Ankmipfung  an  die  theosophischen  Lehren.  Imanuel 
Hermann  Fichte  und  seine  Definition  von  Theosophie.  Warum 
Steiner  fur  seine  Schrift  den  Titel  «Theosophie»  gewahlt  hat.  Die 
Verleumdungen  des  katholischen  Pfarrers  Max  Kully  in  seinen 
Spektator-Artikeln:  ein  Sammelsurium  von  23  Liigen  iiber  die 
Anthroposophie  und  Rudolf  Steiner.  Kein  grundsatzlicher  Wider- 
spruch  zwischen  dem  Weg  der  «Beschauung»  der  katholischen 
Kirche  und  dem  in  der  «Theosophie»  vertretenen  Erkenntnisweg. 
Die  Anmafiung  von  Professor  Friedrich  Traub.  Ein  Beispiel  fur  das 
liigenhafte  Vorgehen  des  Spektators:  die  Darlegung  von  Steiners 
Christus-Verstandnis.  Die  Ansatze  in  der  katholischen  Theologie 


in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  zur  Entwicklung  einer  geisteswis- 
senschaftlichen  Richtung.  Die  Schwierigkeiten  von  Franz  Brentano 
und  Simon  Weber  im  Umgang  mit  katholischen  Dogmen.  Objek- 
tive  Unwahrheit  als  «Aufklarung»  fur  das  Volk.  Die  Gewifiheit 
vom  unvermeidlichen  Sieg  der  Wahrheit.  Anmafiungen,  Boswillig- 
keiten  und  Liigen:  die  Unmoglichkek  einer  Diskussion. 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  28.  August  1920    146 

Ungebiihrliches  Benehmen  von  Anthroposophen  auf  dem  Bau- 
gelande.  Die  mangelnde  finanzielle  Unterstutzung  fiir  den 
Goetheanum-Bau. 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  5.  September  1920    150 

Taktloses  Verhalten  von  Anthroposophen  im  Goetheanum-Bau. 


Offentlicher  Vortrag,  Basel,  2.  Dezember  1920     .    .    .  153 

Anthroposophische  Geisteswissenschaft, 

ihre  Ergebnisse  und  ihre  wissenschaftliche  Begriindung 

Zwei  gegensatzliche  Urteile  iiber  die  ethische  Qualitat  der  Anthro- 
posophie  von  Wilhelm  Rein  und  von  Kurt  Leese.  Zum  Verhaltnis 
von  Naturwissenschaft  und  anthroposophischer  Geisteswissen- 
schaft. Der  Vorstoft  vom  Formalen  zum  Realen  durch  eine  Weiter- 
entwicklung  der  inneren  Seelenfahigkeiten.  Uberwindung  der 
durch  die  naturwissenschaftliche  Methodik  gesetzten  Erkenntnis- 
grenzen  als  Zielsetzung  der  anthroposophischen  Geisteswissen- 
schaft. Durch  Starkung  der  Erinnerungsfahigkeit  auf  dem  Wege  der 
Meditation:  Bildriickschau  auf  das  Leben  seit  der  Geburt.  Durch 
Starkung  der  Liebefahigkeit  auf  dem  Wege  der  Konzentration: 
Erkenntnis  des  Geburt  und  Tod  iiberdauernden  Ewigen  im 
Menschen.  Durch  Weitergehen  auf  dem  Wege  der  Konzentration: 
Erkenntnis  der  Kraft,  die  den  Menschen  zur  Wiederverkorperung 
treibt.  Anthroposophische  Geistesforschung  ist  nicht  gekniipft  an 
die  Unterdriickung  des  gewohnlichen  Bewufitseins.  Die  Art,  wie 
man  die  Geisteswissenschaft  bekampft.  Der  methodische  Unter- 
schied  zwischen  Halluzinieren  und  dem  Schauen  durch  Imagina- 
tion, Inspiration  und  Intuition.  Warum  Anthroposophie  zu  einer 
Angelegenheit  des  gebildeten  Laientums  wurde.  Der  Drang  des 
Menschen,  sich  als  geistig-seelisches  Wesen  zu  erkennen. 


Offentlicher  Vortrag,  Basel,  3.  Dezember  1920     .    .    .  183 

Anthroposophische  Geisteswissenschaft,  ihr  Wert  fiir  den 

Menschen  und  ihr  Verhaltnis  zu  Kunst  und  Religion 

Die  Kritk  durch  den  Theologen  Kurt  Leese.  Sein  Vorwurf:  Unwis- 
senheit  der  Anthroposophie  gegeniiber  der  Ratselfrage  nach  dem 
Wert  des  Ich.  Imagination,  Inspiration,  Intuition  als  Stufen  in  der 
Ausbildung  des  iibersinnlichen  Erkenntnisvermogens.  Erst  durch 
Erweiterung  des  Bewufitseins  wirkliches  Empfinden  fiir  den  Wert 
des  Ichs  im  Weltenganzen.  Das  Abriicken  von  gewohnten  Vorstel- 
lungen  wird  als  argerlich  empfunden.  Die  Frage  nach  dem  Zusam- 
menhang  des  Seelenlebens  mit  der  leiblichen  Organisation.  Wie  die 
Dreigliedrigkeit  des  menschlichen  Leibes  zu  verstehen  ist.  Die 
Unzulanglichkeit  des  Entwicklungsbegriffs  bei  Kurt  Leese.  Die 
Waldorfschule  in  Stuttgart  als  Beispiel  fiir  das  praktische  Denken 
der  anthroposophischen  Geisteswissenschaft.  Auch  fiir  das  Wirt- 
schaften  braucht  es  Geist.  Der  Briickenschlag  zwischen  der  Aufien- 
welt  und  der  Welt  der  Sittlichkeit  durch  die  Anthroposophie.  Die 
Sehnsucht  nach  einem  neuen  Quell  der  Kunst.  Idealisierung  des 
Sinnlichen  durch  die  alte  Kunst,  Realisierung  des  Geistigen  durch 
die  neue  Kunst.  Der  Beitrag  der  Anthroposophie  zum  Verstandnis 
des  Mysteriums  von  Golgatha.  Die  Verbreitung  von  Liigen  iiber 
die  Christusstatue  in  Dornach.  Die  Notwendigkeit  einer  Starkung 
des  Wahrheitsgefiihles. 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  6.  Mai  1921  213 

Widerspriichlichkeiten  in  Professor  Traubs  Denken. 


MlTTEILUNG  VOR  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  11.  Februar  1922    216 

Die  Besprechung  eines  Vortrags  durch  Albert  Steffen  als  Muster- 
beispiel  fiir  den  richtigen  Umgang  mit  Gegnern. 


SCHLUSSWORT 

nach  dem  Vortrag  fiir  die  Arbeiter  am  Goetheanum-Bau, 

Dornach,  5.  Januar  1923   219 

Was  vom  Goetheanum  nicht  ausgehen  darf.  Die  Schrift  «Die  Hetze 
gegen  das  Goetheanum»  von  Roman  Boos. 


TEIL  III 

AKADEMISCHE  UND  VOLKISCHE  GEGNERSCHAFTEN 


Richtigstellung  in  der  Wochenschrift  «Dreigliederung  des 

Sozialen  Organismus»  vom  6.  Januar  1920    223 

Der  Verleumdungskrieg  gegen  die  Dreigliederung.  Dr.  Rudolf 
Steiner  und  der  Bund  fur  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus. 

SCHLUSSWORT  NACH  DEM  OFFENTLICHEN  VORTRAG, 

Stuttgart,  8.  Juni  1920    224 

Verleumderische  Behauptungen  iiber  die  Herkunft  Rudolf  Steiners. 

Richtigstellung  in  der  Wochenschrift  «Dreigliederung  des 

Sozialen  Organismus»  vom  3.  August  1920    228 

Abwehr  eines  Angriffes  aus  dem  Schofie  des  Universitatswesens. 
Ein  paar  Worte  zum  Fuchs-Angriff. 

Offentlicher  Vortrag,  Stuttgart,  16.  November  1920  .    .  231 
Die  Wahrheit  der  Geisteswissenschaft  und  die  praktischen 
Lebensforderungen  der  Gegenwart.  Zugleich  eine  Verteidi- 
gung  der  anthroposophischen  Geisteswissenschaft  wider  ihre 
Anklager 

Wirklichkeitsfremdheit  als  Kennzeichen  der  Geistesverfassung  der 
Gegenwart.  Die  aus  den  anthroposophischen  Bestrebungen  ent- 
standenen  praktischen  Einrichtungen.  Die  heutige  Wissenschaft: 
blofte  Erkenntniswissenschaft.  Im  Gegensatz  dazu  die  anthropo- 
sophische  Geisteswissenschaft:  ihr  Streben  nach  erlebtem  Wissen. 
Mathematik  als  Ankmipfungspunkt  fur  das  Verstandnis  der  geistes- 
wissenschaftlichen  Methode.  Die  Ideen  von  Oswald  Spengler  und 
von  Hermann  Graf  Keyserling,  beurteilt  vom  Standpunkt  einer 
Erlebniswissenschaft.  Das  von  einer  Wirklichkeitsliige  gepragte 
Leben  im  kaiserlichen  Deutschland.  Der  Wirklichkeitssinn  von 
Robert  Hamerling.  Die  Selbstverwaltung  des  Geistes-  und  Wirt- 
schaftslebens  als  gesellschaftliche  Voraussetzungen  fur  die  Uber- 
windung  der  Wirklichkeitsfremdheit.  Warum  die  anthroposophi- 
sche  Geisteswissenschaft  bekampft  wird.  Die  Verbreitung  von 
lugenhaften  Anschuldigungen  gegeniiber  Rudolf  Steiner:  der  Vor- 
wurf  des  Plagiats,  des  Atheismus  und  des  Materialismus.  Geistes- 
wissenschaft strebt  nach  einer  von  Liebe  durchstrahlten  sozialen 
Lebenspraxis. 


Offentlicher  Vortrag,  Stuttgart,  4.  Januar  1921  .    .    .    .  262 

Geisteswissenschaftliche  Ergebnisse  und  Lebenspraxis 

Veranderte  Wertung  der  Anthroposophie  durch  die  Gegner.  Ge- 
fiihlsgriinde  als  Ursache  fur  die  Gegnerschaft.  Die  Ausweitung  des 
menschlichen  Erkenntnisvermogens  als  Ziel  der  Anthroposophie. 
Die  anthroposophische  Forschungsmethode  als  innerer  Seelenweg. 
Durch  Umwandlung  des  Erinnerungsvermogens:  Uberschau  iiber 
das  Leben  seit  der  Geburt.  Durch  Beherrschung  des  geistigen 
Atmungsprozesses:  Anschauung  von  Geburt  und  Tod.  Durch 
Erweiterung  der  Liebekraft:  Ruckbhck  in  fruhere  Erdenleben.  Die 
Waldorfschule  als  Beispiel  anthroposophischer  Lebenspraxis.  Die 
Begriindung  einer  Weltanschauungsschule  ist  nicht  das  Ziel.  Was 
Institutionen  sozial  macht.  Die  umfassende  menschenkundliche 
Ausrichtung  der  Waldorfpadagogik.  Das  Wesen  des  Menschen  und 
die  Dreigliedrigkeit  seiner  leiblichen  Konstitution.  Das  Durchtran- 
ken  des  Materiellen  mit  dem  Geistigen  als  Ziel  der  anthroposo- 
phisch  orientierten  Geisteswissenschaft.  Liigenhafte  Behauptungen 
iiber  die  Holzgruppe  in  Dornach.  Zum  Vorgehen  der  Gegner. 
Vorstofi  in  die  wahre  Wirklichkeit  nur  durch  Uberwindung  der 
Grenzen  des  Naturerkennens. 

MlTTEILUNG  VOR  DEM  VORTRAG  anlafilich  der  «Freien  Anthropo- 
sophischen  Hochschulkurse, 

Stuttgart,  18.  Marz  1921    293 

Unwahrhaftigkeiten  im  gegnerischen  Handeln. 

Offentlicher  Vortrag,  Stuttgart,  25.  Mai  1921  .    .     .    .  295 
Anthroposophie  und  Dreigliederung,  von  ihrem  Wesen 
und  zu  ihrer  Verteidigung 

Das  Zerrbild  von  der  Anthroposophie  in  der  Au&enwelt.  Was  das 
zentrale  Anliegen  der  Anthroposophie  ist:  der  Briickenschlag  zwi- 
schen  Naturwissenschaft  und  geistiger  Welt.  Der  junge  Steiner  und 
seine  Suche  nach  einer  philosophischen  Grundlegung  der  mensch- 
lichen Freiheit.  Die  Entdeckung  der  ubersinnlichen  Natur  des 
menschlichen  Denkens.  Das  reine  Denken  und  sein  Verhaltnis  zum 
Hellsehen.  Uber  die  Methode  zur  Erkenntnis  der  geistigen  Welt. 
Die  materialistische  Mifideutung  der  ubersinnlichen  Erkenntnis 
durch  Professor  Wilhelm  Bruhn.  Wie  das  Lesen  in  der  Akasha- 
Chronik  zu  verstehen  ist.  Das  Ereignis  von  Golgatha  als  Mittel- 
punkt  des  Erdenwerdens.  Anthroposophie  ist  keine  Religionsgriin- 
dung,  sondern  eine  Erkenntnis  des  Ubersinnlichen.  Warum  Rudolf 
Steiner  die  Idee  der  sozialen  Dreigliederung  in  die  Welt  gesetzt  hat. 
Dreigliederung  als  Dreiteilung:  ein  falscher  Einwand  von  Professor 


Wilhelm  Rein.  Wie  Rudolf  Steiner  seine  Schilderung  iibersinnlicher 
Tatsachen  verstanden  wissen  mochte.  Die  Forderung  der  Professo- 
ren  Max  Dessoir  und  Traugott  Oesterreich:  Uberpriifung  von 
Steiner  im  Zustande  des  geistigen  Schauens  durch  Anwendung 
materialistischer  Methoden.  Die  verleumderischen  Behauptungen 
des  Generalmajors  Gerold  von  Gleich  iiber  das  angebliche  Juden- 
tum  Steiners  und  seine  vermeintliche  marxistische  Gesinnung.  Der 
Vorwurf  der  suggestiven  Beeinflussung  des  Generalstabchefs 
Helmuth  von  Moltke  durch  Steiner  und  die  dadurch  bewirkte 
deutsche  Niederlage  in  der  Marne-Schlacht.  Uber  Steiners  Ver- 
haltnis  zum  ehemaligen  deutschen  Aufienminister  Walter  Simons. 
Seine  Beziehungen  zu  Ernst  Haeckel  und  zu  Theodor  ReuB. 
Der  Vorwurf  des  Verrats  am  Deutschtum  durch  die  Alldeutschen. 
Ein  Bekenntnis  Rudolf  Steiners  zu  den  Motiven  seines  Wirkens. 
Eine  Vielfalt  von  Mifiverstandnissen  und  deren  notwendige  Klar- 
stellung. 

SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MlTGLIEDERVORTRAG, 

Dornach,  2.  Oktober  1921    341 

Verleumdung  Rudolf  Steiners  durch  rechtsradikal-volkische  Kreise. 

RlCHTlGSTELLUNG  in  der  Wochenschrift  «Das  Goetheanum»  vom 

27.  September  1922    344 

Abwehr  von  Unwahrheiten. 


TEIL  IV 

SPIRITUELLE  DIMENSIONEN  GEGNERISCHEN  VERHALTENS 


Mitgliedervortrag,  Stuttgart,  23.  Mai  1922    349 

Die  anthroposophische  Bewegung  einst  und  jetzt.  Fehlende  Ver- 
bindung  zwischen  esoterischen  und  wissenschaftlichen  Bestrebun- 
gen  als  Element  der  Hemmung.  Unterbindung  jeder  Tatigkeit  in 
Deutschland  als  Zielsetzung  der  Gegnerschaft.  Die  Verstandesent- 
wicklung  der  Menschheit  im  Verfallstadium.  Umschwung  der  irdi- 
schen  Verhaltnisse  als  Zeichen  des  Umschwungs  im  Geistig-Seeli- 
schen.  Die  Wirklichkeit  der  geistigen  Elementarwesen  und  ihre 
Verschiedenheiten.  Zunahme  ihres  Einflusses  auf  den  Menschen  als 
Folge  des  Verfalls  des  menschlichen  Intellekts.  Ahrimanisches  Wir- 
ken  der  niederen  Elementargeister,  luziferische  Bestrebungen  der 
hoheren  Elementargeister.  Die  Bekampfung  des  Christusimpulses 


durch  die  Theologie.  Das  Ringen  urn  Spiritualitat  in  der  Geschichte 
der  Menschheit.  Gegnerisches  Wiiten  gegen  Anthroposophie  als 
Kampf  gegen  die  hereindrangende  Spiritualitat.  Aufgabe  der  an- 
throposophischen  Bewegung:  lebendiges  und  nicht  blofi  theoreti- 
sches  Verstandnis  fur  das  Wirken  der  Elementargeister. 


ANHANG 

Aufrufe  und  Erklarungen   373 

Zu  dieser  Ausgabe   389 

Textgrundlagen   389 

Hinweise  zum  Text   390 

Bibliographische  Ubersicht  iiber  die  erwahnten  Werke 

von  Rudolf  Steiner   577 

Kurzbiographien  von  Gegnern   582 

Kurzbiographien  von  Verteidigern   591 

Chronik   597 

Namenregister   615 

Liter atur  zum  Thema   618 

B iblio graph is cher  Nachweis  bisheriger  Veroffentlichungen    .  622 

Zum  Werk  Rudolf  Steiners   623 


Zur  Einfiihrung 


Alles  das,  was  neue  Gedankenbahnen 
fordert,  weisen  die  Leute  zuriick. 

Rudolf  Steiner,  Vortrag  flir  Mitglieder 
vom  30.  M'drz  1919  in  Dornach 

In  den  Jahren  unmittelbar  nach  Kriegsende  fand  Rudolf  Steiner  eine  gestei- 
gerte  Beachtung  in  der  Offentlichkeit.  Dies  war  vor  allem  der  starken 
aufieren  Aktivitat  zu  verdanken,  die  von  seinen  Mitarbeitern  entfaltet  wurde 
und  schliefilich  in  der  Griindung  verschiedener  Reformbewegungen  und 
-institutionen  -  wie  zum  Beispiel  dem  «Bund  fiir  Dreigliederung  des  sozialen 
Organismus»  oder  der  «Freien  Waldorfschule»  -  gipfelte.  Es  war  dies  der 
Versuch,  Anthroposophie  fiir  die  Praxis  fruchtbar  zu  machen.  So  erfreulich 
dieses  Bestreben  an  und  fiir  sich  war,  so  zeigten  sich  aber  audi  nachteilige 
Folgen:  es  setzte  ein  wahres  Kesseltreiben  gegen  Rudolf  Steiner  und  die  von 
ihm  vertretene  Anthroposophie  ein.  Bereits  in  den  Jahren  zuvor  hatten  sich 
immer  wieder  Kritiker  und  Gegner  zu  Wort  gemeldet,  und  gerade  die 
Errichtung  des  Goetheanum-Baues  ab  1913  hatte  eine  erste  grofie  Welle  an 
Gegnerschaft  ausgelost.  Diese  Angriffe  veranlafken  Rudolf  Steiner,  im  April 
1914  eine  Schrift  unter  dem  Titel  «Was  soli  die  Geisteswissenschaft  und  wie 
wird  sie  von  ihren  Gegnern  behandelt?*1  zur  offentlichen  Aufklarung  er- 
scheinen  zu  lassen.  Aber  die  Entwicklung  nach  Kriegsende  erwies  sich  als 
ungleich  besorgniserregender,  nahm  doch  die  Zahl  derer,  die  sich  hafierfiillt 
gegen  die  anthroposophische  Bewegung  und  ihre  praktischen  Begriindungen 
stellten,  gewaltig  zu.  Rudolf  Steiner  im  Januar  1921:  «Diese  Feindseligkeiten 
nehmen  ja  heute  sowohl  extensiv  wie  namentlich  auch  intensiv  die  unglauh- 
lichsten  Dimensionen  an. »  2 


Spirituelle  Hintergriinde 

Die  spater  noch  einmal  wiederholte  Warnung  Rudolf  Steiners,  daft  Anthro- 
posophie als  solche  einfach  in  der  unerhdrtesten  Weise  in  der  ndchsten  Zeit 
bek'dmpft  werden  wird  von  alien  moglichen  Seiten^  war  fiir  ihn  das  Ergeb- 
nis  einer  langjahrigen  Erfahrung.  Bereits  Jahre  vor  dem  Ausbruch  des  Ersten 
Weltkriegs  hatte  er  in  der  Generalversammlung  der  Deutschen  Sektion  der 
Theosophischen  Gesellschaft  auf  die  inneren  Hintergriinde  gegnerischen 


Verhaltens  hingewiesen:  «Bei  dem  Verbreiten  dieser  Weisheit  konnte  es 
natiirlich  an  Widerstdnden,  an  Hemmnissen  der  verschiedensten  Art,  nicht 
fehlen.  Das,  was  ah  Opposition  beim  Heraustragen  dieser  Weisheit  sich 
entgegenstellte,  laftt  sich  als  Unverstandnis  auf  der  einen,  als  Selbstzufrieden- 
heit  auf  der  anderen  Seite  charakterisieren.»*  Es  war  eine  ganz  bestimmte 
innere  Haltung,  die  in  seinen  Augen  die  Menschen  zu  Gegnern  der  Anthro- 
posophie  werden  liefi.  Nach  dem  Kriegsende  machte  er  erneut  auf  diesen 
Sachverhalt  aufmerksam:  «Geisteswissenschaft  weisen  die  Leute  nicht  aus 
dem  Grunde  zuriick,  weil  sie  schwierig  ist  -  sie  ist  namlich  nicht  schwie- 
rig  -  sondern  sie  weisen  sie  aus  dem  Grunde  zuriick,  weil  sie  nicht  in  den 
eingefahrenen  Gedankenbahnen  fortrollt,  weil  sie  von  den  Leuten  neue 
Gedankenbahnen  fordert.  Alles  das,  was  neue  Gedankenbahnen  fordert, 
weisen  die  Leute  zuriick. »  5 

Diese  neuen  Gedankenbahnen  der  Anthroposophie  erschienen  umso  be- 
drohlicher,  je  mehr  versucht  wurde,  aus  dem  «Weltanschauungskdmmer- 
lein»6  auszubrechen  und  die  gewonnenen  Erkenntnisse  in  die  praktische 
Lebenswirklichkeit  umzusetzen.  Rudolf  Steiner:  «Und  da  wird  es  ja  ins- 
besondere  demjenigen  ubelgenommen,  der  nun  wirklich  nicht  stehenbleibt 
als  anthroposophischer  Weltenbetrachter  in  einer  gewissen  Hdhe,  sondern  der 
die  Bedeutung  des  Geistigen  gerade  darin  sieht,  daft  der  Geist  die  Materie 
beherrschen  lernt,  untertauchen  lernt  in  die  Materie,  so  daft  auch  das  alltag- 
liche  Leben  von  demselben  Gesichtspunkte  aus  betrachtet  wird.»b  Dieser 
Versuch,  mit  «lebensvollen  B e griff en»7 ,  mit  «Begriffen  aus  der  Welt  des 
Geistes»7  zu  arbeiten,  mulke  zunachst  auf  den  erbitterten  Widerstand  all 
derjenigen  stolen,  die  ihr  Weltbild  rein  nach  materiellen  Kriterien  ausrich- 
teten.  Aber  auch  diejenigen,  die  die  geistigen  Machtanspriiche  bestimmter 
sozialer  Gruppierungen  als  berechtigt  empfanden,  sahen  sich  veranlafit, 
Anthroposophie  als  eine  Herausforderung  zu  verstehen.  Im  Grunde  war  es 
die  Freiheitsfrage  -  die  Frage  nach  Selbstbestimmung  oder  Fremdbestim- 
mung  -,  an  der  sich  die  Geister  grundsatzlich  schieden.  Rudolf  Steiner:  «Die 
Menschen  wollen  nicht  frei  sein  auf  geistigem  Gebiete.  Sie  wollen  durch 
irgend  etwas  gezwungen,  gefiihrt,  gelenkt  werden.  Und  weil  es  jedem  frei- 
steht,  das  Geistige  anzuerkennen  oder  abzulehnen,  so  lehnen  die  Menschen  es 
eben  ab  und  wdhlen  dasjenige,  demgegenuber  es  dem  Menschen  nicht  frei- 
steht,  es  anzuerkennen  oder  abzulehnen.»%  Welche  tieferen  geistigen  Hinter- 
griinde  sich  mit  dieser  Frage  verkniipften,  deutete  er  in  seinem  Zweigvortrag 
vom  23.  Mai  1922  (Teil  IV  dieses  Bandes)  an. 

Gerade  aus  seinem  Freiheitsverstandnis  heraus,  das  er  schon  friih  in  seiner 
«Philosophie  der  Freiheit»  dargelegt  hatte,  war  Rudolf  Steiner  weit  davon 
entfernt,  bedingungslose  Zustimmung  zu  den  von  ihm  vorgebrachten  Inhalten 


zu  verlangen.  Immer  wieder  forderte  er  seine  Zuhorer  zur  vorurteilsfreien 
Uberpriifung  des  von  ihm  Mitgeteilten  auf.  Aus  freier  Einsicht  und  nicht  als 
von  vornherein  Glaubige  sollten  die  Menschen  die  von  ihm  vorgebrachten 
Inhalte  entgegennehmen.  Das  hieft  fiir  ihn:  Bereitschaft  zur  Anhorung  von 
Kritik  und  Verstandnis  fiir  ablehnende  Stellungnahmen.  So  Rudolf  Steiner  in 
einem  offentlichen  Vortrag  aus  dieser  Zeit:  «Wenn  Anthroposophie  ohne 
weiteres  heute  es  alien  recbt  macben  konnte,  dann  brauchte  sie  gar  nicht 
aufzutreten.  Sie  strebt  nicht  darnach,  daft  ihr  ohne  weiteres  heute  recbt  gegeben 
wird,  denn  sie  spricht  zu  viel  defer  in  der  Seele  liegenden  Krdften.  Und  sie  weift 
doch:  Auch  bei  denjenigen  sogar,  die  widersprechen,  sind  diese  sehnenden, 
treibenden  Krafte  nach  einer  wissenschaftlichen,  nach  einer  kiinstlerischen, 
nach  einer  religiosen  Vertiefung  vorhanden.  »9  Was  Rudolf  Steiner  wollte,  war, 
einen  moglichen  Weg  in  diese  Richtung  der  Vertiefung  aufzuzeigen:  «Mein 
urspriingliches  Bestreben  war,  einfach,  schlicht  und  ehrlich  das  zu  sagen,  was 
durch  Anthroposophie  gefunden  werden  kann,  und  keine  Rucksicht  zu  nehmen 
auf  die  Polemiken.»9  Aber  dieser  Wunsch  sollte  nicht  in  Erfiillung  gehen. 
R.  Steiner:  «Solche  Dinge  gehen  ja  aber  im  Leben  nicht  immer  so  ab.»9 

Wie  recht  er  damit  hatte,  sollte  die  Geschichte  seiner  Auseinandersetzung 
mit  den  im  vorliegenden  Band  erwahnten  Gegnern  aufzeigen.  Es  ist  die 
Ebene  eines  sehr  subjektiven,  stark  emotional  gefarbten  Vernichtungswillens 
und  nicht  die  Bereitschaft  zu  einem  auf  Achtung  und  Wertschatzung  beru- 
henden,  kritischen  Dialog,  die  in  diesem  Band  zum  Ausdruck  kommt. 
Rudolf  Steiner  iiber  die  Zielsetzungen  dieser  Art  von  Gegnerschaft:  «Man- 
chen  Leuten  ware  es  namlich  am  liebsten,  wenn  ich  langst  tot  ware,  die 
Anthroposophische  Gesellschaft  langst  in  alle  Winde  zerstoben  ware  und  sie 
nun  aus  den  Biichern  dasjenige  in  ihre  Biicher  hiniibernehmen  konnten,  was 
sie  brauchen  wollen.»l°  Diesen  Leuten  ging  es  nicht  um  sachliche  Toleranz, 
sondern  zumindest  um  die  Unterbindung  jeder  anthroposophischen  Tatig- 
keit  in  der  Offentlichkeit,  wenn  nicht  um  die  vollstandige  Ausloschung  der 
Anthroposophie  und  ihrer  praktischen  Begriindungen.  «Unsachlicher  Ver- 
nichtungswille»n  war  das  Leitmotiv  ihrer  Militanz.  Rudolf  Steiner  zu  den 
Mitgliedern  in  Dornach:  «Alles  dasjenige,  was  da  ist  als  Waldorfschule  und  so 
weiter,  was  da  ist  als  dieser  Bau  -  es  ist  demgegenuber  die  tiefste  Sehnsucht 
in  der  Welt  vorhanden,  uns  das  zu  nehmen/»n 

Unterschiedliche  Motive 

Die  Menschen,  die  sich  fiir  diesen  Vernichtungsfeldzug  gegen  Anthroposo- 
phie zur  Verfiigung  stellten,  lassen  sich  nach  verschiedenen  Gesichtspunkten 


unterscheiden  -  zunachst  einmal  nach  der  Subjektivitat  ihrer  Handlungs- 
motive.  Individuelle  Emotionalitat  stand  dort  im  Vordergrund,  wo  es  um 
personliche  Gekranktheit,  um  personlichen  Ehrgeiz  ging,  zum  Beispiel  im 
Falle  von  Seiling  und  Rohm,  beide  ehemalige  Mitglieder  der  von  Rudolf 
Steiner  geleiteten  und  damals  noch  so  benannten  Deutschen  Sektion  der 
Theosophischen  Gesellschaft.  Ihren  Austritt  hatten  sie  erklart,  nachdem  sie 
in  ihren  Erwartungen  enttauscht  worden  waren;  sie  fiihlten  sich  in  der 
Bedeutung  ihrer  Person  zu  wenig  anerkannt  und  geschatzt.  Aber  auch  durch 
Schwierigkeiten  auf  der  personlichen  Beziehungsebene  konnten  sich  Men- 
schen  zu  hafierfullten  Gegnern  entwickeln.  Bei  General  von  Gleich  war  es 
ein  gestortes  Vater-Sohn-Verhaltnis,  im  Falle  von  Professor  Fuchs  eine 
ungliickliche  Ehe.  Oder  es  war  die  Empfindung  einer  Art  Rivalitat  zu  Rudolf 
Steiner,  wie  zum  Beispiel  bei  den  Professoren  Dessoir  oder  Drews,  die  beide 
Rudolf  Steiner  personlich  kannten,  sich  in  ihrer  wissenschaftlichen  Qualifi- 
kation  als  Philosophen  ihm  weit  iiberlegen  fiihlten  und  deshalb  eine  grofiere 
offentliche  Beachtung  glaubten  beanspruchen  zu  diirfen.  Die  Angst  von 
Kully  und  Arnet,  die  seelsorgerische  Gewalt  iiber  die  ihnen  anvertrauten 
Glaubigenseelen  zu  verlieren,  bildete  den  gefuhlsmafiigen  Boden  fur  ihre 
kompromisslose  Ablehnung  der  Anthroposophie. 

Aber  eine  wichtige  Rolle  spielte  auch  die  personliche  weltanschauliche 
Uberzeugung,  die  die  eigene  negative  Gefiihlslage  gegen  Rudolf  Steiner 
verstarkte.  Im  Falle  von  Rohm  war  es  seine  antisemitische,  deutschvolkische 
Uberzeugung,  bei  Seiling  seine  Bekehrung  zum  Katholizismus.  Oder  bei 
Kully  und  Arnet  gab  die  dogmatische  Enge  eines  national-konservativen 
Katholizismus  mit  fremdenfeindlichem  Anstrich  den  Boden  ab,  der  ihre 
Gegnerschaft  zu  schrankenlosem  Hafi  anwachsen  liefi.  Die  Professoren 
Dessoir  und  Oesterreich  waren  in  ihrem  Denken  stark  naturwissenschaft- 
lich-materialistisch  orientiert,  ebenso  Professor  Fuchs,  der  zudem  deutsch- 
national  gesinnt  war.  Politisch  ahnlich  dachte  General  von  Gleich,  der  sich 
in  seinen  Forschungen  als  Privatmann  von  den  Methoden  moderner  Wissen- 
schaftlichkeit  angezogen  fuhlte.  Professor  Drews  war  ein  fiihrender  Verfech- 
ter  einer  wissenschaftlich  aufgeklarten,  freien  Religiositat.  Gerade  die  Tat- 
sache  der  weltanschaulichen  Fixierung  der  einzelnen  Gegner  aber  bedeutet, 
dafi  iiber  das  rein  Individuelle  hinaus  die  Gegnerschaft  ganz  bestimmter 
sozialer  Gruppierungen  ins  Auge  gefafk  werden  rauE.  Rudolf  Steiner  zu  den 
Mitgliedern:  «Ein  grofter  Teil  der  Gegner  ist  ja  eigentlich  so  geartet,  daft  er 
in  irgendwelchen  ganz  bestimmten  Lebenszusammenhdngen  darinnen  lebt. 
Er  hat  zum  Beispiel  da  oder  dort  dieses  oder  jenes  studiert.  Da  ist  es  ublich, 
iiber  diese  oder  jene  Dinge  so  oder  so  zu  denken.  Dadurck,  daft  er  so  oder  so 
denken  mufi,  muft  er  ein  Gegner  der  Anthroposophie  werden.  Er  weifi  ja  gar 


nicht,  warum  er  es  werden  soli,  sondern  er  muft  es  werden,  weil  er  unbewuftt 
am  Gangelbande  desjenigen  hangt,  was  ihn  erzog,  was  er  erlebt  hat.»13 
Entsprechend  der  vielfaltigen  Lebenszusammenhange  lassen  sich  auch  ver- 
schiedene  Kategorien  von  Gegnern  unterscheiden. 
Gegnerische  Gruppierungen 

So  gab  es  zunachst  einmal  die  wissenschaftlichen  Gegner.  Aufgrund  ihrer 
wissenschaftstheoretischen  Ausrichtung,  die  oft  stark  materialistisch  gefarbt 
war,  empfanden  sie  die  geisteswissenschaftlichen  Methoden,  wie  sie  Rudolf 
Steiner  vertrat,  als  vollig  unwissenschaftlich.  Eine  besonders  ausgepragte 
Ablehnung  unter  den  Professoren  und  Studenten  machte  sich  an  den  Univer- 
sitaten  Gottingen  und  Tubingen  bemerkbar  -  dort  wirkten  die  Professoren 
Fuchs  und  Traub  als  erklarte  Gegner  Steiners.  Zu  dieser  Ablehnung  durch 
die  offizielle  Wissenschaft  bemerkte  Rudolf  Steiner  in  einem  offentlichen 
Vortrag,  der  im  Zusammenhang  mit  dem  Berliner  Hochschulkurs  veranstal- 
tet  worden  war:  «Mit  ihrem  Wissenscbaftscbarakter  ergeht  es  der  Anthropo- 
sopbie  iibel  bei  unseren  Zeitgenossen.  Die  Wissenscb after  finden,  daft  diese 
Anthroposophie  nicht  den  Cbarakter  dessen  babe,  was  sie  als  <Wissenschaft> 
bezeicbnen.  Und  wiederum  die  Leute  des  Glaubens,  diejenigen,  die  vom 
religidsen  Standpunkte  aus  eine  Moglichkeit  des  Menschen  vertreten,  Wege 
zur  geistigen  Welt  zu  finden  -  die  bemdngeln  gerade  diesen  wissenschaft- 
lichen Cbarakter  der  Anthroposophie.  »14 

Die  religidsen  Gegner  -  die  zweite  Kategorie  -  befiirchteten  vor  allem  die 
Begriindung  einer  neuen  Religion  und  dadurch  die  Entstehung  einer  unlieb- 
samen  Konkurrenz.  Aus  dieser  Angst  entwickelten  sich  gerade  die  Theolo- 
gischen  Fakultaten  zu  Stiitzpunkten  im  Kampf  gegen  Rudolf  Steiner.  Leute 
aus  dem  theologischen  Lehrkorper  wie  zum  Beispiel  der  bereits  erwahnte 
Professor  Traub  oder  die  Privatdozenten  Bruhn  und  Leese  zahlten  zu  den 
aktiven  religiosen  Gegnern  Rudolf  Steiners.  Aber  auch  Geistliche  ohne 
Lehrauftrag  -  zum  Beispiel  die  evangelischen  Pfarrer  Frohnmeyer  und 
Gogarten  oder  die  katholischen  Priester  Laun  oder  eben  auch  Kully  -  taten 
sich  durch  ihre  Aktivitat  gegen  Rudolf  Steiner  hervor.  Oft  gehorten  sie 
religiosen  Bewegungen  mit  fundamentalistischen  Neigungen  an,  so  zum 
Beispiel  Arnet  und  Kully  der  national-katholischen  Schildwach-Bewegung  in 
der  Schweiz.  Eine  andere  christliche  Gruppierung,  die  sich  im  Kampf  gegen 
Rudolf  Steiner  hervortat,  war  der  «Evangelische  Volksbund»  in  Wurttem- 
berg. 

Es  gab  aber  auch  politisch  motivierte  Gegnerschaften.  Abgesehen  von  den 
dogmatischen  Marxisten  machten  sich  vor  allem  die  Rechtsradikalen  be- 
merkbar. Als  besonders  aggressiv  gebardete  sich  die  deutschnational  orien- 


tierte  «Wurttembergische  Biirgerpartei»  unter  ihrem  Sekretar  Roos.  Zu  den 
extremen  volkischen  Gruppierungen,  die  Rudolf  Steiner  als  Verrater  am 
Deutschtum  beschimpften,  zahlte  nicht  nur  der  von  Ludwig  Miiller  geleitete 
«Verband  gegen  die  Uberhebung  des  Judentums»,  sondern  auch  der 
«Deutschv6lkische  Schutz-  und  Trutzbund»  unter  der  Fiihrung  von  Alfred 
Roth  und  der  von  Theodor  Fritsch  beherrschte  «Reichshammerbund».  Aber 
auch  der  rechtsradikale,  antisemitische  Leserkreis  um  die  von  Rohm  redi- 
gierte  Zeitschrift  «Der  Leuchtturm»  ist  den  militanten  politischen  Gegnern 
Rudolf  Steiners  zuzurechnen.  Abgesehen  von  diesen  sehr  gefahrlichen,  weil 
gewaltbereiten,  aber  mehr  im  aufieren  Politischen  wirkenden  Richtungen  gab 
es  bruderschaftlich  aufgebaute  Gruppierungen  mit  ausgesprochen  weltan- 
schauungspolitischen  Zielsetzungen,  die  ihre  systematische  Gegnerschaft 
mehr  aus  dem  Hintergrund  entfalteten.  Zu  diesen  Richtungen  gehorten  an 
erster  Stelle  Mitglieder  des  Jesuitenordens  wie  Busnelli  oder  Zimmermann. 
Gewisse  grofte  politische  Gesichtspunkte  -  Kampf  des  Angelsachsentums 
gegen  das  Deutschtum  -  machten  sich  auch  in  der  personlichen  Gegnerschaft 
Annie  Besants,  der  Leiterin  der  «Theosophical  Society*,  geltend. 

Die  Bedeutung  solcher  Stromungen  hatte  Rudolf  Steiner  im  Auge,  wenn 
er  sagte:  «Man  sollte  da  ganz  absehen  von  dem  Personlichen.  Mir  kommt  es 
niemals  auf  das  Persdnliche  an.  Ich  will  niemals  irgendwie  mich  verteidigen 
oder  angreifen  einen  Frohnmeyer  oder  Bruhn  [...]  oder  wie  sie  alle  heiflen, 
sondern  ich  will  dasjenige  charakterisieren,  was  als  Geistesstrdmung  dasteht, 
aus  der  diese  Leute  hervorwachsen.  Personlich  mogen  diese  Leute  im  heuti- 
gen  Wortsinn  ehrenwerte  Manner  sein  -  ehrenwerte  Manner  sind  sie  ja  alle, 
ich  erinnere  nur  an  Shakespeares  Drama  -  darauf  kommt  es  gar  nicht  an.  Ich 
will  gar  nicht  den  Leuten  personlich  etwas  anheften.  Es  kommt  zum  Beispiel 
nicht  einmal  auf  den  Pfarrer  Kully  an,  der  ja  auch  nur  das  Produkt  einer 
gewissen  Strdmung  innerhalh  der  katholischen  Kirche  ist.»15  Damit  beriihrte 
er  eine  erstaunliche  Tatsache:  Viele  der  Gegner  waren  -  von  Ausnahmen 
abgesehen  -  keineswegs  nur  ungebildete  Leute,  sondern  sie  hatten  in  ihren 
jeweiligen  Wissensbereichen  durchaus  Bedeutsames  geleistet.  Sie  erachteten 
es  aber  geradezu  als  personliche  Aufgabe,  die  Anthroposophie  als  Kultur- 
faktor  aus  der  menschlichen  Zivilisation  zu  tilgen.  General  von  Gleich  zum 
Beispiel  war  ein  guter  Kenner  der  sumerischen  und  altagyptischen  Sprachen. 
Das  hinderte  ihn  aber  nicht,  in  primitivster  Weise  gegen  Rudolf  Steiner 
vorzugehen. 


Intensives  gegnerisches  Zusammenwirken 

Trotz  der  gemeinsamen  Zielsetzung  -  die  Vernichtung  der  Anthroposophie 
und  die  Ausschaltung  Rudolf  Steiners  -  liefi  die  Vielfalt  der  Gegnergruppen 
und  die  Gegensatzhchkeit  ihrer  weltanschaulichen  Orientierungen  eine 
aufiere  organisatorische  Einheit  nicht  zu.  Versuche  in  diese  Richtung,  zum 
Beispiel  durch  Begriindung  eines  «Bundes  der  Steiner-Gegner»  im  Novem- 
ber 1921  in  Darmstadt  oder  eines  «Bundes  der  nichtanthroposophischen 
Kenner  der  Anthroposophie»  im  Oktober  1922  in  Berlin,  blieben  in  den 
Anfangen  stecken  oder  verliefen  im  Sand.  Aber  trotz  dieser  organisatori- 
schen  Heterogenitat  der  Gegnerschaft  ist  in  der  Kampfesweise  ein  konzer- 
tiertes  Vorgehen  iiber  die  eigenen  Weltanschauungsgrenzen  hinaus  feststell- 
bar.  Verschiedentlich  wies  Rudolf  Steiner  auf  die  «starke  organisierende 
Kraft»  dieser  Gegnerschaft  hin.  So  zum  Beispiel  sagte  er:  «Was  erblicken  wir 
auf  der  gegnerischen  Seite?  Glauben  Sie  nicht,  daft  da  nur  diejenigen  sich 
zusammen  organisieren,  die  irgendwie  einseitig  sind  in  irgendeinem  Bekennt- 
nis.  Nein,  in  Stuttgart  wird  in  einer  katholischen  Kirche  gepredigt:  Gehet 
hinein  zu  dem  Vortrag  des  Herrn  von  Gleich,  denn  dadurch  konnt  ihr  eure 
katholischen  Seelen  starken,  ihr  konnt  die  Gegner  eurer  katholischen  Seelen 
uberwinden!  -  Und  die  katholischen  Seelen  gehen  hinein,  der  katholische 
General  von  Gleich  halt  einen  Vortrag  und  schlieftt  mit  einem  Lutherlied! 
Schone  Vereinigung  huben  und  druben,  zusammen  organisieren  sich  Gegner! 
Es  kommt  nicht  darauf  an,  daft  sie  irgendwie  in  ihrem  Glauben,  in  ihren 
Meinungen  einig  sind.»u 

Tatsachlich  standen  verschiedene  Gegner  nachweislich  in  Verbindung 
zueinander.  Ein  Beispiel:  Max  Selling  diente  nicht  nur  Pfarrer  Kully  als 
Gewahrsmann,  sondern  er  stand  auch  in  Kontakt  mit  Karl  Rohm.  So  lassen 
sich  eigentliche  Agkationszentren  erkennen.  Abgesehen  von  den  Universi- 
taten  in  Gottingen  und  Tubingen  konnen  Stuttgart  und  Arlesheim/Dornach 
als  weitere  Schwerpunkte  ausgemacht  werden.  Von  diesen  Zentren  aus 
wurde  die  Gegnerschaft  gegen  Rudolf  Steiner  mit  dem  Mittel  offentlicher 
Schmahvortrage  in  Gang  gehalten.  Daneben  gab  es  die  publizistisch  Wirken- 
den,  die  durch  regelmafiige  Beitrage  in  ihren  Zeitschriften  Stimmung  gegen 
Rudolf  Steiner  machten.  Das  waren  Leute  wie  der  Jesuit  Zimmermann  mit 
seinen  Beitragen  in  den  Miinchner  «Stimmen  der  Zeit»,  aber  auch  -  aller- 
dings  auf  einem  viel  weniger  gehaltvollen  Niveau  -  Rohm  mit  seinem  in 
Lorch  erscheinenden  rassistischen  Hetzblatt  «Der  Leuchtturm».  In  ihrem 
gegnerischen  Wirken  miissen  die  beiden  Personlichkeiten  als  sehr  bedeutsam 
eingeschatzt  werden.  Sie  gehorten  zu  derjenigen  Gruppe  von  Menschen,  die 
Rudolf  Steiner  im  Auge  hatte,  wenn  er  sagte:  «Aber  die  eigentlich  leitenden 


Persdnlichkeiten  in  der  Gegnerschaft,  die  wissen  namlich  sehr  wohl,  was  sie 
wollen.  Denn  unter  denen  finden  sich  solche,  die  gut  bekannt  sind  mit  den 
Gesetzen  der  geistigen  Forschung,  wenn  auch  von  einem  andern  Gesichts- 
punkte  aus  als  dem  antbroposophischen,  und  die  wissen,  dafi  es  das  beste 
Mittel  ist,  denjenigen,  der  die  Ruhe  zum  Geistesforschen  braucht,  fortwab- 
rend  zu  bombardieren  mit  gegnerischen  Scbriften  und  Einwendungen,  damit 
er  abgezogen  werde  von  seiner  Geistesforschung.»n  Solch  ein  planvolles 
gegnerisches  Vorgehen  zeigte  sich  am  Beispiel  der  von  einem  Berliner 
Pressebiiro  ausgehenden  Verleumdung,  Rudolf  Steiner  sei  ein  Landesverrater 
im  Dienste  der  Ententemachte.  Diese  von  rechtsradikaler  Seite  angezettelte 
Verleumdung  verbreitete  sich  in  rasender  Eile  iiber  ganz  Deutschland  und 
diente  den  Gegnern  als  wirksames  Propagandainstrument,  um  Rudolf  Steiner 
in  der  Offentlichkeit  unmoglich  zu  machen. 

Gnadenloser  Kampf 

Der  Kampf  gait  zunachst  der  von  Rudolf  Steiner  vertretenen  anthroposo- 
phisch  orientierten  Geisteswissenschaft.  Mit  alien  Mitteln  wurde  versucht,  sie 
lacherlich  zu  machen.  So  zum  Beispiel  Pfarrer  Kully,  der  in  der  Einleitung  zu 
seiner  Schrift  «Das  Geheimnis  des  Tempels  von  Dornach»  die  «Lustige  Per- 
son* aus  Goethes  «Faust  Erster  Teil»  herbemiihte:  «In  bunten  Bildern  wenig 
Klarheit,  /  Viel  Irrtum  und  ein  Ftinklein  Wabrheit,  /  So  wird  der  beste  Trunk 
gebraut,  /  Der  alle  Welt  erquickt  und  auferbaut.»Xk  Rudolf  Steiner  hierzu: 
«Was  die  Leute  bekdmpfen,  hat  gewohnlich  gar  nichts  mit  dem  zu  tun,  was 
ich  rede.»7  Bereits  1914  hatte  Rudolf  Steiner  in  der  schon  erwahnten  Schrift 
«Was  soli  die  Geisteswissenschaft  und  wie  wird  sie  von  ihren  Gegnern  be- 
handelt?»  darauf  hingewiesen:  «Es  werden  Zerrbilder  dieser  Erkenntnisse 
gegeben,  welche  die  Gegner  sich  erst  selbst  zurechtlegen;  und  auf  diese  bin 
kann  dann  selbstverstandlich  eine  leichte  <Widerlegung>  gefunden  werden.» 
Aber  mit  diesen  inhaltlichen  Verdrehungen  liefi  man  es  nicht  bewenden. 

Um  die  Sache  endgiiltig  zu  erledigen,  versuchte  man  mit  alien  Mitteln,  die 
Person  Rudolf  Steiners  zu  diskreditieren.  Man  scheme  selbst  vor  bewuiken 
Lugen  und  Verdrehungen  nicht  zuriick.  So  meinte  zum  Beispiel  Pater 
Zimmermann,  nachdem  er  Rudolf  Steiner  «dem  Vernehmen  nach»u  zu- 
nachst als  abgefallenen  Priester  bezeichnet  hatte,  in  einem  spateren  Aufsatz, 
dafi  sich  jetzt  diese  Behauptung  nicht  mehr  «aufrecbterhalten»ls  lasse.  In 
vielen  Fallen  gehorte  es  zur  Methode  der  Gegner,  sich  auf  Geriichte  zu 
berufen,  die  man  nicht  auf  ihren  Wahrheitsgehalt  gepriift  hatte.  Da£  man  auf 
diese  Weise  Gefahr  lief,  Liigen  zu  verbreiten,  kiimmerte  diese  Menschen  in 


der  Regel  wenig.  So  verbreitete  zum  Beispiel  der  angesehene  Schweizer 
Padagoge  und  Soziologe  Ferriere  das  Geriicht,  man  habe  «versichert»1<} , 
Rudolf  Steiner  sei  der  Rasputin  Wilhelms  II.  gewesen.  Rudolf  Steiner  in 
seinem  Aufsatz  «Ideenabwege  und  Publizistenmoral»:  «Ich  polemisiere  nicht 
gerne  gegen  Leute,  die  nicht,  bevor  sie  eine  Sache  behaupten,  sick  erst 
uberzeugen,  ob  sie  wahr  ist.  Dock  man  mujl  heute  selbst  von  gelehrten 
Leuten  es  erfahren,  dafl  sie  Behauptungen  ungepruft  nachsprechen  und  sagen: 
Die  Sache  sei  nicht  widerlegt  worden.»20  Eine  andere  Liigenmethode  war, 
gefalschte  Briefe  in  Umlauf  zu  setzen,  auf  die  dann  in  echten  Briefen  Bezug 
genommen  wurde.  Widerlegungen  vor  gegnerischem  Publikum  niitzten  in 
diesen  Fallen  nichts;  die  Leute  wollten  nicht  die  Wahrheit  horen,  sondern  an 
das  glauben,  was  ihnen  lieb  war.  Rudolf  Steiner  in  einer  Besprechung:  «Bei 
den  wichtigsten  Gegnern  kommt  man  nicht  an  das  Publikum  heran.  Wenn 
heute  aus  den  Kreisen  der  Alldeutschen  und  Deutschvolkischen  iiber  Anthro- 
posophie  Verleumdungen  ausgestreut  werden,  so  hat  man  dafur  ein  Publi- 
kum, das  unter  alien  Umstanden  alles  glaubt.»21  In  Vortragen,  in  denen  von 
anthroposophischer  Seite  versucht  wurde,  die  verbreiteten  Unwahrheiten 
richtig  zu  stellen,  storten  Trillerpfeifen  und  Ratschen  den  Redner.  Oder  man 
rifi  Plakate  herunter,  in  denen  solche  Vortrage  angekiindigt  wurden.  Schliefi- 
lich  schreckte  man  sogar  vor  der  Anwendung  korperlicher  Gewalt  nicht 
zuriick  und  setzte  Schlagertrupps  ein,  um  die  Vortrage  Rudolf  Steiners 
platzen  zu  lassen.  Auf  diese  Weise  glaubte  man,  bei  den  Zeitgenossen  zum 
Ziel  zu  gelangen:  Rudolf  Steiner  als  die  Verkorperung  all  derjenigen  Eigen- 
schaften  erscheinen  zu  lassen,  die  damals  als  negativ  empfunden  wurden  - 
unerwiinschter  Fremdling,  iibler  Scharlatan,  entlaufener  Priester,  verkappter 
Jesuitenzogling,  fragwiirdiger  Okkultist,  versteckter  Bolschewist,  jiidischer 
Bastard,  irregularer  Freimaurer,  halbgebildeter  Dilettant,  aktiver  Landes- 
verrater.  Rudolf  Steiner  -  ein  Mann  des  Ubels  in  hochstem  Grad. 

Den  eigentlichen  Startschufi  fur  die  gegnerische  Tatigkeit  nach  dem 
Kriege  bildete  Zimmermanns  Grundsatzkritik  an  der  Anthroposophie  in  den 
«Stimmen  der  Zeit»  -  eine  Art  inoffizielle  Verurteilung  der  Anthroposophie 
durch  die  Katholische  Kirche  im  Sommer  1918.  Die  offizielle  Verurteilung 
folgte  ihr  auf  dem  Fufi:  Am  18.  Juli  1919  entschied  die  Kongregation  des 
Heiligen  Offiziums  in  Rom,  daft  Theosophie-Anthroposophie  unvereinbar 
mit  dem  katholischen  Glauben  sei.  Unvereinbarkeit  bedeutete  aber  in  letzter 
Konsequenz  Kampf.  In  der  Folge  lassen  sich  verschiedene  Phasen  in  der 
Aktivitat  der  Gegner  unterscheiden:  In  einem  ersten  Zeitraum  -  es  war  die 
Zeit  des  Aufbliihens  und  Abklingens  der  Dreigliederungsbewegung  als 
politischer  Bewegung  -  fiihrten  langst  bekannte  Gegner,  wie  zum  Beispiel 
Zimmermann,  aber  auch  neue,  wie  zum  Beispiel  der  evangelische  Professor 


Traub,  ihren  stetigen  Kampf  gegen  Rudolf  Steiner  und  die  Anthroposophie 
(Teil  I  dieses  Bandes).  Diese  Phase  dauerte  von  1918  bis  1919.  Mit  Beginn  des 
Jahres  1920  -  im  Zusammenhang  mit  den  Bemiihungen,  den  Goetheanum- 
Bau  in  Betrieb  zu  nehmen  und  Anthroposophie  durch  Begriindung  von 
zusatzlichen  wirtschaftlichen  und  geistigen  Institutionen  weiter  praktisch 
fruchtbar  zu  machen  -  verstarkte  sich  die  Tatigkeit  der  Gegner.  Es  setzten 
gezielte  gegnerische  Aktionen  ein.  In  der  ersten  Jahreshalfte  1921  erreichten 
sie  einen  vorlaufigen  Hohepunkt,  der  in  seiner  Intensitat  iiber  das  Jahr 
1922  andauerte.  Mit  der  Brandkatatstrophe  in  der  Silvesternacht  1922,  die 
den  Goetheanum-Bau  in  Schutt  und  Asche  legte,  kulminierte  das  gegnerische 
Treiben  in  einem  weithin  sichtbaren  Fanal. 

In  der  Tatigkeit  der  Gegner  lassen  sich  zwei  hauptsachliche  Aktivitats- 
strange  unterscheiden.  Die  religios  motivierte  Gegnerschaft  meldete  sich 
besonders  lautstark  in  der  Schweiz  zu  Wort  (Teil  II  dieses  Bandes),  wahrend 
die  akademischen  und  volkischen  Kampfer  gegen  Anthroposophie  vor  allem 
von  Deutschland  aus  wirkten  (Teil  III  dieses  Bandes). 

Notwendigkeit  einer  Abwehr 

Diese  Massivitat  gegnerischer  Attacken  verlangte  nach  einer  Antwort.  Seinen 
grundsatzlichen  Standpunkt  hatte  Rudolf  Steiner  bereits  im  September  1907 
in  den  fur  Edouard  Schure  bestimmten  Aufzeichnungen  (in  GA  262)  um- 
schrieben:  «Der  okkulte  Standpunkt  verlangt:  <Keine  unndtige  Polemik>  und 
<Vermeide,  wo  du  es  kannst,  dich  zu  verteidigen>.»22  Aber  die  Entwicklung 
der  anthroposophischen  Bewegung,  ihr  Hineingehen  in  die  praktischen 
Begriindungen  und  die  damit  verbundene  Zunahme  gegnerischer  Attacken 
hatten  Rudolf  Steiner  personlich  in  eine  vollig  veranderte  Situation  gebracht. 
Er  sah  sich  vor  die  Alternative  gestellt  -  wie  er  den  Mitgliedern  darlegte  -: 
«Entweder  der  Geistesforscher  muji  es  nun  in  die  Hand  nehmen,  sich  gegen 
seine  Gegner  zu  wehren,  das  heiflt,  sich  mit  lauter  Dingen  zu  beschaftigen, 
die  ihn  von  der  geistigen  Forschung  ahhringen  mussen,  weil  man  beides 
gleichzeitig  nicht  machen  kann,  oder  aber  er  ist  darauf  angewiesen,  weil  er 
sich  fur  seine  Geistesforschung  Zeit  schaffen  muji,  die  Behandlung  der  Geg- 
ner denjenigen  zu  uberlassen,  welche  in  einer  gewissen  Weise  die  Verantwort- 
lichkeit  ubernommen  haben  fur  das  duflerlich  Begriindete.»u  Tatsachlich 
entschied  sich  Rudolf  Steiner  dafur,  nur  in  Ausnahmefallen  Stellung  gegen 
die  massiven  gegnerischen  Anwiirfe  zu  nehmen.  Nur  ganz  wenige  schrift- 
liche  Richtigstellungen  wurden  von  ihm  unterzeichnet  oder  verfalk.  In  den 
offentlichen  Vortragen  nahm  er  zwar  immer  wieder  Bezug  auf  die  Gegner- 


frage,  aber  lediglich  drei  Vortrage  -  sie  sind  alle  in  diesen  Band  aufgenom- 
men  -  widmete  er  ausschliefilich  dieser  Frage.  Den  ersten  grofien  und  auch 
in  der  Offentlichkeit  entsprechend  angekiindigten  Vortrag  hielt  er  am  5.  Juni 
1920  in  Dornach:  «Die  Wahrheit  uber  die  Anthroposophie  und  deren  Vertei- 
digung  wider  die  Unwahrheit».  Die  beiden  andern  Vortrage  fanden  in 
Stuttgart  statt.  Am  16.  November  1920  sprach  er  iiber  «Die  Wahrheit  der 
Geisteswissenschaft  und  die  praktischen  Lebensf order ungen  der  Gegenwart. 
Zugleich  eine  Verteidigung  der  anthroposophischen  Geisteswissenschaft  wider 
ihre  Anklager»  und  am  25.  Mai  1921  zum  Thema  «Anthroposophie  und 
Dreigliederung.  Von  ihrem  Wesen  und  zu  ihrer  Verteidigung».  Den  Rest  der 
Verteidigungsarbeit  mufite  er  seinen  Mitarbeitern  uberlassen.  Dadurch  ent- 
stand  aber  die  paradoxe  Situation,  daft  Anthroposophie  von  denjenigen 
verteidigt  werden  mufite,  «die  nicht  die  voile  Verantwortung  tragen  fur  die 
innere  Berechtigung  desjenigen,  was  von  Tag  zu  Tag  zu  der  Geistesforschung 
hinzugefiigt  werden  mufl  durch  wirkliches  Forschen.»u 

Aber  trotzdem  fiihlten  sich  viele  Anthroposophen  gedrangt,  fur  Rudolf 
Steiner  und  sein  Werk  einzustehen.  Sie  unterzeichneten  Vertrauenskundge- 
bungen  und  verteilten  Aufrufe  und  Flugblatter  (siehe  dokumentarischer  Teil 
dieses  Bandes),  wobei  sie  oft  erstaunlichen  Mut  in  unangenehmen  Situatio- 
nen  bewiesen.  Leute  wie  Walter  Johannes  Stein  und  Eugen  Kolisko  oder 
auch  Roman  Boos  scheuten  sich  nicht,  in  aller  Offentlichkeit  gegen  die 
Verleumder  Rudolf  Steiners  aufzutreten.  So  zum  Beispiel  auch  Emil  Molt, 
der  in  der  Protestversammlung  vom  22.  Januar  1920  einleitend  bemerkte: 
«Wenn  ich  mir  erlaube,  als  Neuling  auf  dem  Gebiet  des  bffentlichen  Auftre- 
tens  heute  abend  zu  Ihnen  zu  sprechen,  so  geschieht  es  aus  der  Uberzeugung 
heraus,  dafl  es  heutzutage  nicht  darauf  allein  ankommt,  was  man  zu  sagen 
hat,  sondern  ganz  besonders,  wie  man  die  Dinge  zu  sagen  hat,  und  vor  alien 
Dingen,  aus  welchem  Herzen  die  Dinge  heutzutage  kommen.»23  Fur  die 
Mitarbeiter  Steiners  raufi  es  nicht  gerade  einfach  gewesen  sein,  die  richtige 
Strategic  im  Umgang  mit  den  Gegnern  zu  finden.  Man  war  vorerst  bestrebt, 
im  Guten  mit  diesen  Leuten  zurechtzukommen,  ja  es  wurde  sogar  die 
Besorgnis  laut,  man  diirfe  nicht  zu  hart  mit  den  Gegnern  umgehen.  Dazu  die 
Antwort  Rudolf  Steiners:  «Wer  findet,  dajl  wir  in  der  Polemik  zu  scharf  sind, 
der  wende  sich  nicht  an  uns,  sondern  er  wende  sich  an  die  Angreifer.  Denn 
wenden  wir  uns  tiichtig  gegen  die  Angreifer,  dann  wird  es  etwas  helfen,  aber 
nichts  helfen  wird  es,  wenn  wir  einige  wenige  in  der  notwendigen  Abwehr 
allein  lassen.»24  Sehr  ungliicklich  empfand  er  zum  Beispiel  auch  das  Vor- 
gehen  von  Rudolf  Meyer,  dem  Zweigleiter  aus  Berlin;  er  hatte  Professor 
Dessoir  in  einem  personlichen  Gesprach  von  seiner  Gegnerschaft  abzubrin- 
gen  versucht.  Rudolf  Steiner  ganz  emport:  «Selbstverstandlich  ist  solch  ein 


Mensch  wie  Dessoir  doch  nicht  durch  ein  Gesprdch  zu  bekehren,  das  muft 
man  sich  doch  sparen.  Denn  erstens  will  er  nicht,  und  zweitens  ist  er  zu 
dumm  dazu,  um  irgend  etwas  Anthroposophisches  zu  verstehen.  Also  es  hat 
gar  keinen  Sinn,  irgendwie  mit  einem  solchen  Individuum  weiter  zu  disku- 
tieren.»X5  Rudolf  Meyer  ging  in  seinem  Entgegenkommen  sogar  so  weit, 
Dessoir  die  Korrektur  seines  geplanten  gegnerischen  Aufsatzes  anzubieten. 
Aber  das  erhoffte  Verstandnis  bei  Dessoir  fur  die  anthroposophische  Sache 
blieb  aus.  Rudolf  Steiner  im  gleichen  Vortrag:  «Vieles  wird gemacht  durchaus 
so,  daft  man  sagen  kann,  es  kommen  Dinge  zustande,  die  eben  von  uns  aus 
die  Sache  zerschlagen  -  vielleicht  manchmal,  wie  in  diesem  Falle  ja  auch, 
durchaus  aus  bestem  Willen  heraus,  aber  der  beste  Wille  kann  durchaus  zum 
Unheil  ausschlagen,  wenn  er  nicht  von  einem  ernsten  [...],  von  Weltsinn 
durchhauchten  Nachdenken  durchsetzt  ist.»lb 

Angesichts  der  Schwere  der  Angriffe  und  der  Gemeinheit  der  Verleum- 
dungen  liefi  man  sich  auch  auf  anthroposophischer  Seite  zu  vorschnellen 
Polemiken  und  unangebrachten  Beschimpfungen  hinreifien,  die  zum  Teil  in 
gerichtlichen  Verurteilungen  endeten.  Der  junge,  draufgangerische  Anthro- 
posoph  Karl  Ballmer  wurde  wegen  Beschimpfung  Kullys  auf  der  Strasse 
schuldig  gesprochen.  Auch  Roman  Boos  -  er  gehorte  zu  den  fuhrenden 
Kopfen  der  anthroposophischen  Bewegung  in  der  Schweiz  -  wurde  von  den 
Pfarrern  Kully  und  Arnet  wegen  Ehrverletzung  angezeigt  und  am  21.  Mai 
1921  in  einzelnen  Punkten  schuldig  gesprochen.  Sogar  Rudolf  Steiner  mufite 
als  Vorsitzender  des  Vereins  des  Goetheanum  am  30.  Juli  1924  vor  Gericht 
erscheinen.  Nachdem  er  formell  die  Verantwortung  fur  bestimmte  Stellen 
des  vom  Goetheanum  aus  vertriebenen  Buches  von  Louis  Werbeck  iiber 
«Die  christlichen  Gegner  Rudolf  Steiners  und  der  Anthroposophie,  durch  sie 
selbst  widerlegt»  ubernommen  hatte,  wurde  er  -  ebenso  wie  damals  schon 
Boos  -  in  erster  und  zweiter  Instanz  verurteilt,  obwohl  er  fur  die  im  Buch 
beanstandeten  Stellen  personlich  nicht  verantwortlich  war.  Das  Urteil  in 
zweiter  Instanz  erging  am  8.  Januar  1925. 

Instrumente  der  Verteidigung 

Es  waren  die  verschiedensten  Mittel,  mit  denen  sich  die  Anthroposophen 
gegen  die  erhobenen  Verleumdungen  zu  verteidigen  suchten:  Richtigstellun- 
gen  in  der  Presse  oder  auch  in  Form  von  Plakatanschlagen,  Protestversamm- 
lungen,  Gegenvortrage,  Aufrufe,  Unterschriftensammlungen.  In  der  Abwehr 
stiitzte  man  sich  auf  eigene  Presseerzeugnisse.  Zunachst  stand  nur  die  im  Juli 
1919  begriindete  und  vom  deutschen  Dreigliederungsbund  herausgegebene 
Wochenzeitung  «Dreigliederung  des  sozialen  Organismus»  zur  Verfiigung. 


Sie  brachte  zwar  viele  Artikel,  die  das  Vorgehen  der  Gegner  entlarvte,  aber 
sie  war  ein  Produkt  der  Dreigliederungsbewegung  und  mit  deren  Schicksal 
eines  abnehmenden  Erfolges  verkniipft.  Um  mehr  die  «positiven  Ergebnisse 
der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenscbaft  als  objektive  Antwort 
auf  die  Angriffe  der  Gegner»25  herauszustellen,  wurde  «Die  Drei.  Monats- 
schrift  fur  Anthroposophie  und  Dreigliederung»  begriindet;  als  Herausgeber 
zeichnete  die  Verlagsabteilung  des  Kommenden  Tages.  Das  Eroffnungsheft 
erschien  auf  den  27.  Februar  1921,  anlafilich  des  sechzigsten  Geburtstages 
von  Rudolf  Steiner;  der  erste  Jahrgang  wurde  mit  dem  April-Heft  und 
einem  Geleitwort  von  Rudolf  Steiner  eroffnet.  Trotz  dieser  substantiellen 
Neugriindung  wurde  es  als  Mangel  empfunden,  dafi  das  «Goetheanum» 
in  Dornach  -  gerade  angesichts  der  gegnerischen  Angriffe  in  der  Schweiz  - 
immer  noch  iiber  keine  eigene  Pressestirame  verfiigte.  Roman  Boos  in  einer 
Abenddisputation  anlalSlich  des  zweiten  Hochschulkurses:  «Man  wird  ja  von 
alien  Seiten  angepobelt.  Und  da  ist  es  ein  unbedingtes  Erfordernis  fiir  die 
Fortfiihrung  der  Arbeit  in  der  Schweiz  und  iiber  die  Schweiz  hinaus,  dajl  wir 
die  Moglichkeit  bekommen,  bier  vom  Goetheanum  aus  regelmaflig  eine 
Zeitschrift,  zum  mindesten  eine  Wocbenschrift,  erscbeinen  zu  lassen,  in  der 
nun  nicbt  fortwdbrend  polemisiert  und  diskutiert  werden  muflte  -  es  wird 
allerdings  manchmal  notwendig  sein  -  aber  in  der  fortwdbrend  hinausgestellt 
werden  konnten  skizzenweise  Andeutungen,  worum  es  sich  bier  eigentlich 
handelt  [...]. »26  Am  21.  August  1921  erschien  die  erste  Nummer  der  Wo- 
chenschrift  «Das  Goetheanum.  Internationale  Wochenschrift  fiir  Anthropo- 
sophie und  Dreigliederung»;  herausgegeben  wurde  sie  vom  «Verlag  am 
Goetheanum»,  einer  Abteilung  der  Futurum  A.G.  Auf  Bitte  Rudolf  Steiners 
iibernahm  der  Schweizer  Schriftsteller  Albert  Steffen  die  Redaktion.  Fiir  die 
Eroffnungsnummer  hatte  Rudolf  Steiner  einen  Aufsatz  iiber  die  positiven 
Anliegen  der  Geisteswissenschaft  geschrieben,  «Von  der  Weltlage  der  Ge- 
genwart  und  der  Gestaltung  neuer  Hoffnungen»27 .  Bereits  am  30.  Oktober 
1921  brachte  «Das  Goetheanum*  eine  Sondernummer  «Zur  Verteidigung  der 
Anthroposophie»  heraus.  Auf  dem  beigefiigten  Waschzettel  stand  als  Er- 
klarung:  «Wahrheit  gegen  Zerrbild.  Nicht  um  Propaganda  fiir  die  Anthropo- 
sophie oder  fur  Rudolf  Steiner  zu  machen,  bitten  wir,  die  nachstehenden 
Aufsdtze  zu  lesen,  sondern  um  der  Wahrheit  neben  dem  Zerrbild  der  Tat- 
sachen  die  ihr  gebuhrende  Geltung  zu  verscbaffen. » 

Gerade  angesichts  der  Flut  gegnerischer  Schriften  wollten  es  einige  An- 
throposophen  bei  diesen  Zeitungsgriindungen  nicht  bewenden  lassen,  son- 
dern sie  verfassten  auch  Streitschriften,  die  die  Gesichtspunkte  der  anthropo- 
sophischen  Bewegung  zur  Geltung  bringen  sollten.  So  zum  Beispiel  Roman 
Boos,  der  eine  Broschiire  iiber  «Die  Hetze  gegen  das  Goetheanum*  ver- 


offentlichte,  in  der  auch  der  Vortrag  Rudolf  Steiners  vom  5.  Juni  1920 
abgedruckt  war,  oder  Walter  Kiihne,  der  sich  unter  dem  Titel  «Im  Kampfe 
urn  die  Anthroposophie»  mit  «Prof.  Max  Dessoirs  Methode,  die  Anthropo- 
sophie  Dr.  Rudolf  Steiners  darzustellen  und  zu  kritisieren»  auseinandersetz- 
te.  Aber  all  diese  Versuche,  die  Sache  auf  die  Wahrheits-  und  Vernunftebene 
zu  bringen,  scheiterten.  Rudolf  Steiner:  «Da  kommt  man  auflerdem  in  einen 
Bandwurm  hinein  von  Rede  und  Widerrede.»15  Und  noch  einmal  bestatigend 
in  der  Mitgliederversammlung  der  Schweizerischen  Landesgesellschaft  vom 
22.  April  1923:  «Als  ob  es  sich  darum  handeln  konnte,  blofl  eine  Verteidigung 
zu  ubernebmen,  fortwdhrend  blojl  die  Gegnerschriften,  die  es  die  Gegner 
beliebte  zu  scbreiben,  nun  in  der  gewohnlichen  polemischen  Weise  zu  wider- 
legen.  Damit  kommen  wir  namlich  zu  nichts  anderem  als  auf  den  regressus 
in  infinitum,  denn  selbstverstdndlich  auf  alles,  was  von  uns  auf  eine  Gegner- 
schrift  erwidert  wird,  erwidert  der  Gegner  wieder,  und  es  wird  eben  ein 
regressus  in  infinitum.  Davon  haben  wir  gar  nichts,  wenn  wir  die  Kanonen- 
kugeln  beschiefien!»2*  Als  erste  wirksame  Gegenmafinahme  sah  er  die  eigene 
positive  Arbeit  innerhalb  der  anthroposophischen  Bewegung.  So  zum  Bei- 
spiel  in  einer  Besprechung  mit  Jugendlichen:  «Abwehr  nicht  durch  Polemik, 
sondern  durch  wirkliche  sachgemdfle  Arbeit  vor  der  Welt.  [...J  Die  Dinge 
kann  man  nur  durch  die  positive  Arbeit  entkraften.»n  Diesem  Ziel  -  ein 
positives  Bild  von  der  Fruchtbarkeit  der  Anthroposophie  fur  die  verschie- 
densten  Lebensgebiete  zu  vermitteln  -  sollte  nicht  nur  die  Veranstaltung  von 
Hochschulkursen  an  verschiedenen  Orten,  sondern  auch  die  Durchfuhrung 
von  internationalen  anthroposophischen  Kongressen  im  September  1921  in 
Stuttgart  und  im  Juni  1922  in  Wien  dienen. 

Auch  wenn  Rudolf  Steiner  die  Anstrengungen  der  einzelnen  Anthropo- 
sophen  bei  all  diesen  Unternehmungen  durchaus  schatzte,  so  schien  ihm  die 
anthroposophische  Bewegung  als  Ganzes  den  gegnerischen  Angriffen  nur 
ungeniigend  gewachsen.  Deshalb  die  Aufforderung:  «Machen  Sie  sich  stark, 
wie  die  andern  es  sind.»n  Von  einem  solchen  Boden  der  inneren  Starke  aus 
sollte  den  Verleumdungen  der  Gegner  begegnet  werden:  «Worauf  es  an- 
kommt,  ist,  zu  charakterisieren,  aus  welchem  geistigen  Grund  und  Boden 
heraus  gearbeitet  wird  und  was  das  bedeutet  fur  die  ganze  Versumpfung  und 
Degeneration  unseres  gegenwartigen  Geisteslebens.  Auf  diesen  allgemeinen, 
grofien  weltmannischen  Standpunkt  mussen  die  Dinge  unbedingt  gehoben 
werden,  denn  man  kann  leicht  mit  dem  bloflen  Verteidigen  beim  Keifen  und 
Gegenkeifen  stehenbleiben.»  15  Was  Steiner  damit  meinte,  verdeutlichte  er  in 
der  bereits  erwahnten  Versammlung  der  Schweizerischen  Landesgesellschaft: 
«In  Stuttgart  hat  man  immer  versucht,  die  Behauptungen  des  Generals  von 
Gleich  zu  widerlegen.  Es  handelt  sich  aber  gar  nicht  darum,  sie  zu  wider- 


legen,  sondern  durum,  was  da  fur  ein  Mensch  dahintersteht.  Dafi  die  game 
Wissenscbaftlichkeit,  von  der  aus  solche  Dinge  geschrieben  werden,  eben 
keine  Wissenscbaftlichkeit  ist,  darum  handelt  es  sick.  Also,  wir  miissen  uns 
angewdhnen,  die  Dinge  auf  ein  ganz  anderes  Niveau  zu  bringen.  »27  Wie  weit 
es  gelang,  diesem  Anspruch  in  der  alltaglichen  anthroposophischen  Praxis  zu 
geniigen,  ist  allerdings  eine  offene  Frage. 
Vernichtung  der  Anthroposophie? 

Im  Hinblick  auf  diese  Anfeindungen  stellten  sich  manche  der  damaligen 
Anthroposophen  die  besorgte  Frage,  wie  weit  es  den  Gegnern  tatsachlich 
gelingen  konnte,  die  anthroposophische  Bewegung  als  Bewegung  zu  vernich- 
ten.  Auf  diese  Frage  gab  Rudolf  Steiner  den  Mitgliedern  eine  deutliche 
Antwort:  «Es  wurde  gesagt,  man  sei  sich  nicht  bewuflt  -  so  dhnlich  -  dajl 
durch  die  Gegner  die  anthroposophische  Bewegung  zerstort  werden  konne. 
Das  kann  sie  nicht.  Durch  die  Gegner  kann  die  groflte  Gefahr  erwachsen  der 
Anthroposophischen  Gesellschaft,  meinetwillen  mir  selbst  persdnlich  und  so 
weiter.  Aber  der  anthroposophischen  Bewegung,  der  wird  kein  Leid  gesche- 
hen  kbnnen,  die  kann  hbchstens  aufgehalten  werden  durch  die  Gegner. »n 
Tatsachlich  hatte  er  seine  offentliche  Vortragstatigkeit  in  Deutschland  kurz 
nach  einem  Anschlag  auf  seine  Person  einstellen  miissen  -  der  Vorfall 
ereignete  sich  am  15.  Mai  1922  in  Miinchen  anlafilich  seines  offentlichen 
Vortrages  iiber  «Anthroposophie  und  Geisteserkenntnis».  Und  einige  Mona- 
te  vorher,  in  der  Silvesternacht  1922,  war  der  Goetheanum-Bau  in  Flammen 
aufgegangen  -  eine  Drohung,  die  Karl  Rohm  bereits  im  Oktober  1920  in 
seinem  Monatsblatt  ausgestofien  hatte.  Aber  trotzdem:  Rudolf  Steiner  liefi 
sich  durch  diese  gewaltigen  Tiefschlage  nicht  beirren.  Fur  ihn  gait  nach  wie 
vor  als  grofies  Leitmotiv  fur  seine  Zukunftshoffnungen:  «Aber  selbst  dann, 
wenn  die  Anthroposophie  getotet  wurde,  sie  wurde  wieder  aufstehen,  denn 
sein  mufi  sie  doch,  und  eine  Notwendigkeit  ist  sie  doch.  Entweder  gibt  es  eine 
Erdenzukunft  oder  keine.  Die  Erdenzukunft  ist  von  der  Anthroposophie 
unzertrennlich.  Wenn  diese  keine  Zukunft  hat,  dann  erreicht  die  ganze 
Menschheit  keine  Zukunft.»21 

Alexander  Luscher 

1  GA  35 

2  Mitgliedervortrag,  Dornach  23.  Januar  1921  (GA  203) 

3  Vortrag  Erster  Theologenkurs,  Dornach  13.  Juni  1921  (Morgen)  (GA  342) 

4  Votum  Generalversammlung  Mitglieder  der  Deutschen  Sektion  der  Theosophi- 
schen  Gesellschaft,  Berlin  21.  Oktober  1906,  in:  Mitteilungen  fur  die  Mitglieder 
der  Deutschen  Sektion  der  Theosophischen  Gesellschaft,  Nr.  IV  (Januar  1907) 


5  Mitgliedervortrag,  Dornach  30.  Marz  1919  (GA  190) 

6  Mitgliedervortrag,  Dornach  12.  Dezember  1920  (GA  202) 

7  Vortrag  Padagogischer  Jugendkurs,  Stuttgart  5.  Oktober  1922  (GA  217) 

8  Mitgliedervortrag,  Dornach  19.  Marz  1922  (GA  210) 

9  Offentlicher  Vortrag,  Bern  20.  Marz  1922  (noch  nicht  in  der  GA) 

10  Votum  Generalversammlung  Mitglieder  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  in 
der  Schweiz,  Dornach  lO.Juni  1923  (GA  259) 

11  Votum  Sitzung  Arbeitsausschufi  Stuttgarter  Institutionen,  Stuttgart  18.  Januar 
1921,  in:  Notizen  Karl  Stockmeyer 

12  Mitgliedervortrag,  Dornach  17.  April  1921  (GA  204) 

13  Mitgliedervortrag,  Stuttgart  28.  Februar  1923  (GA  257) 

14  Offentlicher  Vortrag,  Berlin  7.  Marz  1922  (noch  nicht  in  der  GA) 

15  Mitgliedervortrag,  Dornach  8.  Februar  1921  (GA  203) 

16  Vorwort,  in:  Max  Kully,  Das  Geheimnis  des  Tempels  von  Dornach,  Basel  1920 

17  Buchbesprechung,  in:  Stimmen  aus  Maria-Laach  42.  Jg.  Nr.  6  (Marz  1912) 

18  Anthroposophische  Irrlehren,  in:  Stimmen  der  Zeit  48.  Jg.  Nr.  10  (Juli  1918) 

19  La  loi  du  progres  economique  et  la  justice  sociale  II.  L'organisme  social,  in: 
Suisse-Belgique-Outremer  Nr.  3/4  (Juli/ August  1919) 

20  In:  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus,  1.  Jg.  Nr.  28  (13.  Jan.  1920)  (GA  24) 

21  Votum  Besprechung  Jugendgruppe,  Stuttgart  8.  Februar  1923  (GA  259) 

22  Aufzeichnungen  fur  Edouard  Schure,  September  1907  (GA  262) 

23  In:  Mitteilungsblatt  des  Bundes  fur  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus 
Nr.  8/9  (Juli  1920) 

24  Mitgliedervortrag,  Dornach,  27.  November  1920  (GA  202) 

25  Waschzettel  fur  das  Eroffnungsheft  der  Monatsschrift  «Die  Drei»  (Februar  1921) 

26  Votum  Abenddisputation  Zweiter  anthroposophischer  Hochschulkurs,  Dornach 
8.  April  1921  (GA  337b) 

27  GA  36 

28  Votum  Generalversammlung  Mitglieder  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  in 
der  Schweiz,  Dornach  22.  April  1923  (GA  259) 


TEIL  I 

ALTE   UND   NEUE   GEGNERS  CHAFTEN 


MITGLIEDERVORTRAG 
Dornach,  16.  November  1919 


Meine  lieben  Freunde!  Die  letzten  Betrachtungen  werden  Sie  dar- 
auf  aufmerksam  gemacht  haben,  welche  Stellung  das  geisteswissen- 
schaftliche  Erkennen  einzunehmen  hat  in  der  Geistesentwicklung 
der  Menschheit.  Uber  diese  Frage  ist  ja  sehr,  sehr  viel  zu  sprechen; 
wir  werden  in  der  nachsten  Zeit  noch  einiges  dariiber  zu  sprechen 
haben.  Allein,  es  ist  manchmal  schon  notwendig,  daft  auch  hin- 
gewiesen  wird  auf  die  Hemmungen,  die  aus  dem  Geistesleben  der 
Gegenwart  kommen  gegen  dasjenige,  was  gerade  im  Interesse  der 
Fortentwicklung  der  Menschheit  getan  werden  mufi.  Und  so  werde 
ich  in  diesen  heutigen  Auseinandersetzungen  -  indem  ich,  ich 
mochte  sagen  Typisches  herausgreife  -  Sie  bekannt  machen  miissen 
mit  solchen  Gedanken,  wie  sie  gegen  die  hier  gemeinte  Geistes- 
wissenschaft ja  heute  ziemlich  gebrauchlich  sind.  Ich  werde  dabei 
versuchen,  die  Eigenart  solcher  hemmender  Gedanken  Ihnen  zu 
charakterisieren. 

Es  ist  ja  nun  schon  einmal  so,  daft,  seit  Geisteswissenschaft  in 
der  letzten  Zeit  mehr  berucksichtigt  wird  von  dieser  oder  jener 
Seite,  auch  die  Stimmen  sich  mehren,  welche  darauf  ausgehen,  die- 
ser Geisteswissenschaft  nicht  nur  alles  mogliche  in  den  Weg  zu 
legen,  sondern  sie  gewissermafien  zu  zertreten.  Sie  miissen  nur 
bedenken,  daft  eine  geistige  Bewegung  in  unserer  Zeit,  solange  man 
die  Moglichkeit  hat,  sie  als  eine  Sekte  zu  bezeichnen,  wenig  ange- 
fochten  wird.  Allein,  es  ware  von  unserer  Seite  eine  grofte  Bequem- 
lichkeit,  wenn  wir  uber  das,  was  an  Hemmungen  auftritt,  heute 
auch  noch  in  derselben  Art  denken  wiirden,  wie  wir  gewohnt 
waren  zu  denken  in  der  Zeit,  in  der  diese  Geisteswissenschaft  in 
kleineren  Zirkeln  wie  sektiererisch  betrieben  worden  ist.  Nach 
meinem  eigenen  Geschmack  war  ja  das  Sektiererische  niemals;  aber 
es  ist  angesichts  der  Denk-  und  Empfindungsgewohnheiten  und 
Willensgewohnheiten  der  Gegenwart  aufterordentlich  schwierig, 
aus  dem  Sektiererischen  herauszukommen,  weil  es  ja  fast  selbst- 


verstandlich  ist,  daft  der  einzelne  Mensch  fur  den  Fortgang  und  die 
Entwicklung  seiner  Seele  Ankniipfungspunkte  da  sucht,  wo  er  sie 
aus  einer  geistigen  Erkenntnis  heraus  finden  kann.  Dann  aber 
kommt  natiirlich  wiederum  das  auftere  Leben,  in  dem  man  nichts 
so  fiirchtet  wie  die  Moglichkeit,  daft  man  da  oder  dort  anstoftt,  und 
dann  verraucht  zum  groften  Teil  der  im  stillen  Seelenkammerchen 
durchgefochtene  Wille,  wenn  es  sich  darum  handelt,  mehr  vor  die 
Offentlichkeit  hinzutreten. 

Dasjenige,  was  heute  an  Gegnerischem  geschrieben  wird,  ist  ja 
so  zahlreich,  daft  ich  nur  etwas  Typisches  herausgreifen  kann,  und 
dabei  kniipfe  ich  an  an  eine  Broschure,  die  eben  erschienen  ist, 
«Rudolf  Steiner  als  Philosoph  und  Theosoph»,  von  einem  Profes- 
sor in  Tubingen,  Dr.  Friedrich  Traub,  der  ja  wohl  von  evangelisch- 
protestantischem  Empfinden  der  Gegenwart  aus  seine  gegnerischen 
Bemerkungen  geformt  hat.  Das  Eigentumliche,  das  uns  bei  solchen 
Dingen  in  der  Gegenwart  entgegentritt,  ist  etwas,  das  gerade  ange- 
kniipft  werden  kann  an  Betrachtungen,  die  in  der  letzten  Zeit  und 
auch  in  diesen  Tagen  hier  von  mir  gepflogen  worden  sind.  Es  mufi 
ja  immer  wieder  und  wiederum  daran  erinnert  werden,  daft  zu 
einer  wirklich  gedeihlichen  Pflege  einer  geisteswissenschaftlichen 
Bewegung  durchaus  gehort,  sich  an  der  Betrachtung  und  an  der 
Behandlung  der  Dinge  der  physischen  Welt  ein  vollig  ungetriibtes 
Wahrheitsgefuhl  und  ein  gewissenhaftes  Verfolgen  der  Wahrheit 
anzueignen.  Daft  die  Weisheit  nur  in  der  Wahrheit  gesucht  werden 
kann,  das,  meine  lieben  Freunde,  soil  nicht  ein  wesenloses  Motto 
unserer  Bewegung  sein,  das  soli  auf  etwas  ganz  Wesentliches  hin- 
deuten. 

Nun  ist  es  eine  Eigentumlichkeit  in  unserer  Zeit  erstens,  daft 
iiberhaupt  die  Menschen  sehr  leicht  dazu  neigen,  dasjenige,  was 
geschieht,  zu  retuschieren,  in  irgendeiner  Weise  zu  retuschieren.  Es 
steckt  ja  gewift  viel  Unbewufttes  in  solchem  Retuschieren,  aber 
auch  das  unbewuftte  Retuschieren  muft  derjenige,  der  Wahrhaftig- 
keit  gegentiber  den  Dingen  anstrebt,  bestrebt  sein  aus  seinem 
Leben  auszumerzen.  Es  handelt  sich  darum,  daft,  wenn  man  Dinge 
erinnert,  man  bestrebt  sein  muft,  sie  in  ihrer  wahren  Gestalt  wie- 


derum  in  das  Gedachtnis  heraufzurufen.  Es  ist  so  merkwiirdig,  wie 
selbst  in  unseren  Kreisen  es  immer  wieder  vorkommt  -  das  mufi 
schon  gesagt  werden  -,  daft  Dinge  erzahlt  werden,  Dinge  des  ge- 
wdhnlichen  physischen  Planes,  denen  man  dann  nachgehen  kann 
und  an  denen  gar  nichts  ist,  die  vollig  in  der  Luft  verfliegen.  Das 
sind  Dinge,  die  wirklich  mit  einem  grofteren  Ernst  genommen 
werden  sollen,  als  sie  gemeiniglich  genommen  werden.  Dann  aber 
handelt  es  sich  darum,  daft  man  im  Verkehr  der  Menschen  unter- 
einander  gewisse  Dinge  einhalt,  welche  notwendig  sind,  wenn  das 
soziale  Leben  nicht  iiberhaupt  ins  Absurde  verflieften  soil. 

Sehen  Sie,  vor  einiger  Zeit  muftte  in  Stuttgart  hart  geriigt  werden 
-  Dr.  Unger  hat  das  damals  getan  -,  daft  ein  Theologe  einen  Vortrag 
gehalten  hat  iiber  meine  Anthroposophie  und  viel  Personliches  in 
diesen  Vortrag  hineinmischte.  Theologen  sollten  ja  eigentlich  Men- 
schen mit  Wahrheitsgefuhl  sein.  Dieses  Personliche  war  nun  fast 
restlos  entlehnt  aus  der  Broschiire  des  bekannten  Ex-Anthropo- 
sophen  -  man  ist  ja  solche  Wortbildungen  heute  gewohnt  -  Max 
Seiling.  Nun,  der  betreffende  Theologe,  der  ein  Forscher,  also  ein 
Wissenschaftler  sein  will,  der  sagte  unter  anderem,  diese  Dinge 
waren  ja  in  der  Offentlichkeit  bisher  nicht  widerlegt.  -  Nun,  meine 
lieben  Freunde,  wollte  man  alles,  was  von  einer  solchen  Seite  kommt, 
widerlegen,  so  ware  das  eine  Arbeit,  die  dem  gleichkame,  wenn 
Buben  einen  auf  der  Strafte  mit  Dreck  beschmeiften  und  man  dann 
mit  den  Buben  sich  in  einen  Raufhandel  einliefte,  nicht  wahr.  Also, 
das  bezuglich  der  Widerlegung.  Aber  es  ist  an  der  Aussage  eines 
Menschen,  der  Wissenschaftler  sein  will,  das  folgende  zu  riigen. 

Derjenige,  der  etwas  behauptet,  hat  die  Verpflichtung,  den 
Quellen  fur  die  Beweise  nachzugehen,  also  nicht  einfach  nachzu- 
sprechen,  sondern  die  Quellen  erst  zu  priifen.  Wohin  kame  man 
zum  Beispiel  bei  der  geschichtlichen  Forschung,  wenn  man  alles 
das  als  wirkliche  Geschichte  ansehen  wiirde,  was  man  irgendwo 
aufliest,  und  sich  nicht  verpflichtet  fuhlen  wiirde,  den  Wahrheitsge- 
halt  der  Quellen  wirklich  zu  priifen.  Nicht  derjenige,  der  beworfen 
wird,  hat  die  Verpflichtung,  die  Behauptungen  zu  widerlegen,  son- 
dern derjenige,  der  sie  nachsagt,  der  sie  beniitzt,  um  sie  zu  charak- 


terisieren,  der  hatte  die  Verpflichtung,  einer  solchen  Sache  nachzu- 
gehen,  bevor  er  sie  nachspricht.  Und  diesem  Herrn,  der  noch  dazu 
im  aufteren  sozialen  Leben  sich  Universitatsprofessor  nennen  darf, 
dem  miifite  begreiflich  gemacht  werden,  dafi  solch  ein  Mensch,  der 
wissenschaftlich  arbeitet,  ohne  die  Quellen  zu  untersuchen,  sich 
einfach  durch  diese  Tatsache  so  vor  der  Welt  dokumentiert,  dafi  er 
in  der  Zukunft  niemals,  in  bezug  auf  gar  nichts  wissenschaftlich 
ernst  genommen  werden  kann. 

Sehen  Sie,  solche  Dinge  miissen  deshalb  heute  so  dezidiert  aus- 
gesprochen  werden,  weil  diesen  Dingen  nachgegangen  werden  soll- 
te  in  der  Offentlichkeit,  weil  in  der  Tat  die  Leute  auf  ihren  Wahr- 
heitsimpuls  hin  heute  gepriift  werden  miifiten.  Man  miifite  den 
Dingen  nachgehen,  ob  irgend  jemand,  der  im  offentlichen  Leben 
steht,  es  mit  der  Wahrheit  ernst  nimmt  oder  nicht  ernst  nimmt,  das 
heifit,  ob  er  auch  die  Verpflichtung  fuhlt,  fiir  alles  das,  was  er  be- 
hauptet,  selber  die  Quellen  der  Wahrheit  zu  priifen.  Es  geniigt 
nicht,  wenn  jemand  sagt,  er  sage  etwas  in  gutem  Glauben;  dieser 
Glaube  ist  fiir  die  Geltendmachung  eines  offentlichen  Urteils  gar 
nichts  wert.  Von  Wert  ist  lediglich  die  gewissenhafte  Priifung,  zu 
der  jeder  verpflichtet  ist,  der  irgendeine  Behauptung  tut.  Wiirde 
man  sich  das  schon  im  privaten,  personlichen  Leben  angewohnen, 
so  wiirde  es  auch  nicht  in  einem  solchen  Zusammenhang  vorkom- 
men  konnen  wie  dem,  den  ich  charakterisiert  habe.  Und  wenn  es 
vorkommt,  dann  ist  das  ein  Symptom,  dafi  es  im  gewohnlichen 
Leben  in  der  heutigen  Zeit  gang  und  gabe  ist,  blind  ins  Blaue  hinein 
etwas  zu  behaupten,  ohne  sich  gewissenhaft  daran  zu  halten,  die 
Quellen  fiir  irgendeine  Behauptung  auch  zu  priifen.  Das  ist  etwas, 
was  durchaus  im  Allgemeinen  gesagt  werden  mui 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  ich  werde  mit  etwas  scheinbar 
aufierordentlich  Belanglosem  zu  beginnen  haben,  mit  etwas,  das 
meinetwillen  auch  viele  unter  Ihnen  fiir  belanglos  halten  und  sagen 
konnten:  Nun,  solche  Dinge,  auf  die  kommt  es  doch  nicht  an, 
solche  kleinen  Versehen,  die  mufi  man  schon  verzeihen.  -  Den- 
noch,  gerade  an  der  -  ich  mochte  sagen  -  gewissenlosen  Art,  wie 
jemand  oftmals  Kleinigkeiten  behandelt,  zeigt  sich,  wie  er  in  Gro- 


fiigkeiten  verfahrt.  Sehen  Sie,  die  Broschure,  von  der  ich  gespro- 
chen  habe,  die  in  der  Einleitung,  in  dem  Vorwort  sagt: 

Die  vorliegende  Schrift  -  urspriinglich  ein  Vortrag  auf  dem  vom  Evan- 
gelischen  Bund  veranstalteten  und  im  August  1919  in  Tubingen  abge- 
haltenen  Kurs  -  ist  bemiiht,  die  Steinersche  Gedankenwelt  moglichst 
klar  und  sachlich  zu  schildern  und  zu  beurteilen. 

-  diese  Schrift  enthalt  zunachst  auch  einige  biographische  Angaben, 
und  diese  biographischen  Angaben  beginnen  damit: 

Steiner  ist  im  Jahre  1861  in  dem  ungarischen  Grenzstadtchen  Kralje- 
witz  geboren. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  wenn  der  Mann  irgendein  Hand- 
buch  aufschlagen  wiirde  -  wozu  er  verpflichtet  ware  -  und  auf- 
suchen  wiirde  Kraljevec  auf  der  Mur-Insel  in  Ungarn,  so  wiirde  er 
finden,  daft  es  ein  entsetzliches  kleines  Dreckloch  von  Dorfchen 
ist,  um  das  es  sich  da  handelt.  Also,  man  braucht  nur  nachzuschla- 
gen.  Sie  werden  es  vielleicht  unbedeutend  und  belanglos  finden, 
aber  im  Forschen  kommt  es  auf  Genauigkeit  an,  im  Forschen 
kommt  es  auf  exakte  Wahrheitsliebe  an,  und  wenn  jemand  in  Klei- 
nigkeiten  solche  Dinge  macht  und  sich  nicht  verpflichtet  fuhlt,  die 
Wahrheit  zu  erforschen,  so  ist  auf  seine  Grofiigkeiten  eigentlich 
schon  nichts  zu  geben.  Dann  geht  es  weiter: 

Er  ist  aber  trotzdem  nicht  Ungar,  sondern  Deutschosterreicher. 

Und  so  weiter.  Dann  heiEt  es: 

Die  geistige  Atmosphare,  in  der  er  aufwuchs,  ist  die  eines  aufgeklarten 
Katholizismus,  woraus  sich  erklart,  dafi  er  der  Gedankenwelt  des 
deutschen  Protestantismus  innerlich  feme  steht. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  woher  hat  das  der  Mann?  Aus  einer 
verniinftigen  Quelle  kann  er  es  nicht  haben,  weil  ich  wahrhaftig 
nicht  in  einem  aufgeklarten  Katholizismus  aufgewachsen  bin,  son- 
dern aufgewachsen  bin  ohne  Katholizismus,  sogar  ohne  aufgeklar- 
ten Katholizismus,  tatsachlich  in  einer  Denkweise,  die  durchaus 


der  -  ich  mochte  sagen  -  radikalsten  naturwissenschaftlichen  An- 
schauungsweise  der  sechziger  und  siebziger  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts  entspricht.  Man  mochte  also  glauben,  dafi  solch  ein  Mann 
iiberhaupt  nichts  weift  von  dem,  was  im  letzten  Drittel  des  vorigen 
Jahrhunderts  vorgegangen  ist,  sonst  wiirde  er  nicht  in  meinen 
Schriften  irgend  etwas  finden  konnen  von  aufgeklartem  Katholi- 
zismus.  Dann  nur  noch  einen  Satz  von  dieser  Sorte: 

Er  studierte  in  Graz  und  Wien  Naturwissenschaft  und  Mathematik 
und  ging  spater  zur  Philosophic  iiber. 

Meine  lieben  Freunde,  ich  war  in  Graz  zum  ersten  Mai  beim 
Leichenbegangnis  von  Hamerling  im  Jahre  1889,  nachdem  ich 
langst  mit  alien  philosophischen  Studien  fertig  war.  Ich  habe  nie- 
mals  die  Grazer  Universitat  oder  eine  Grazer  Hochschule  von 
innen  gesehen. 

Sie  mogen  das,  wie  gesagt,  alles  belanglos  finden,  Sie  mogen 
sagen,  das  seien  so  kleine  Versehen,  die  man  verzeihen  kann.  Nein, 
meine  lieben  Freunde,  denjenigen,  der  Forscher  sein  will,  kann  man 
nicht  in  dieser  Weise  behandeln,  sondern  bei  dem  mufi  man  auf  die 
exakte  Wahrheit  sehen.  Wenn  irgend  jemand  aus  was  weifi  ich 
welcher  Phantasie  solche  Dinge  behauptet,  dann  muft  man  sich 
auch  klar  sein  dariiber,  daft  von  dem,  was  er  sonst  vorbringt, 
eigentlich  nicht  viel  zu  halten  ist. 

Ich  habe  nun  aber  studiert,  was  denn  der  Mann  eigentlich  ge- 
dacht  haben  konnte,  wie  er  herausgefunden  haben  konnte,  daft  ich 
in  Graz  studiert  hatte  -  ich  habe  ja  in  Wien  studiert  -,  wie  kommt 
er  auf  so  etwas? 

Ja,  sehen  Sie,  meine  lieben  Freunde,  wenn  Sie  sich  vorstellen: 
hier  die  steirische  Mur,  so  ist  hier  die  Mur-Insel,  Groftmurschen,  da 
das  ganz  kleine  Ortchen  Kraljevec,  Csaktornya  ist  davor,  dann 
Kottori.  Nun,  wenn  hier  Graz  ist,  ist  hier  etwa  Wien.  Nun  hat  der 
Mann  gesagt:  Wie  ist  Steiner  von  Kraljevec  nach  Wien  gekommen? 
Selbstverstandlich  iiber  Graz  (siehe  Tafel  1).  -  Eine  andere  Mog- 
lichkeit,  diese  Dinge  zu  behaupten,  scheint  es  mir  durchaus  nicht 
geben  zu  konnen.  Sie  sehen  aber  daraus,  meine  lieben  Freunde,  wie 


Tafel  1 


es  mit  der  Denkweise  [eines]  manchen,  der  sich  Forscher  nennen 
darf  aus  unseren  sozialen  Verhaltnissen  heraus,  eigentlich  steht. 

Die  Broschiire  Traubs  zerfallt  in  zwei  Teile.  Der  erste  Teil 
handelt  von  «Steiners  Philosophie»,  der  zweite  von  «Steiners  Theo- 
sophie».  Nun,  man  hat  ja  nach  den  Erfahrungen  des  Lebens  nicht 
gerade  Veranlassung  zu  glauben,  daft  evangelische  Theologen  viel 
von  Philosophic  verstehen  durchschnittlich;  aber  wenn  jemand 
dariiber  schreibt  und  den  Anspruch  darauf  macht,  wenigstens  in 
der  Theologie  ernst  genommen  zu  werden,  so  sollte  doch  bei  ihm 
die  Moglichkeit  vorliegen,  wenn  er  iiber  die  «Philosophie»  einer 
Personlichkeit  schreibt,  wenigstens  die  Hauptsache  irgendwie  zu 
beriihren;  es  miifke  irgendwie  das  herausgestellt  sein,  auf  was  es  im 
wesentlichen  ankommt.  Das  Ganze,  wie  er  hier  meine  Philosophic 
behandelt,  das  ist  im  Grunde  genommen  zuerst  eine  Feststellung, 
daft  ja  manche  geistreichen  Bemerkungen  in  meiner  «Philosophie 
der  Freiheit»  stiinden,  dann  aber  gipfelt  es  in  dem  folgenden  Satz, 
der  da  steht: 


Aber  dann  kommen  auch  Partien,  die  recht  dunkel  sind  und  denen  der 
Leser  ratios  gegemibersteht. 

Ich  glaube  es  bei  dem  Pfarrer  beziehungsweise  Professor  Traub, 
dafi  er  manchem  ratios  gegeniibersteht;  allein,  es  scheint  mir,  dafi  es 
ihm  zukame  in  dieser  Beziehung,  doch  sich  einmal  zu  iiberlegen, 
ob  die  Ratlosigkeit  nicht  aus  seiner  Seelenverfassung  kommen 
konnte.  Denn  schliefilich  gilt  ja  auch  heute  noch,  was  schon  vor 
langer  Zeit  der  gute  Lichtenberg  gesagt  hat:  Wenn  ein  Buch  und  ein 
Kopf  zusammenstoften  und  es  klingt  hohl,  so  muE  nicht  gerade  das 
Buch  daran  schuld  sein. 

Nun  sehen  Sie,  wenn  sich  einer  soweit  versteigt  zu  sagen: 

Es  liegt  also  hier  bei  Steiner  eine  begriffliche  Unklarheit  vor,  die  fur  die 
Begriindung  seines  Standpunktes  verhangnisvoll  ist. 

-  so  mulke  er  doch  wenigstens  danach  trachten,  den  Gesichts- 
punkt,  auf  den  es  ankommt,  irgendwie  ins  Auge  zu  fassen.  Viel- 
leicht  hatte  es  Herrn  Traub  doch  einiges  helfen  konnen,  wenn  er 
sich  bemuht  hatte,  den  Dingen  gewissenhaft  nachzugehen.  Allein, 
er  zitiert  unter  den  Schriften,  die  er  gelesen  hat  fur  die  Charakte- 
ristik  meiner  Philosophic,  blofi  die  «Philosophie  der  Freiheit»  und 
«Welt-  und  Lebensanschauungen  im  19.  Jahrhundert»  von  1901; 
diese  Biicher  nennt  er,  also  schon  nicht  «Wahrheit  und  Wissen- 
schaft»,  was  ihm  sehr  gut  hatte  helfen  konnen,  der  «Philosophie 
der  Freiheit»  nicht  ganz  so  ratios  gegenuberzustehen. 

Aber  den  Kernpunkt  der  Sache  -  es  ist,  als  ob  der  Pfarrer  Traub 
ja  wirklich  der  Sache  ratios  gegenuberstehen  wiirde  -,  diesen  Kern- 
punkt herauszufinden,  das  ware  allerdings  das  Wichtigste.  Bei  die- 
sem  Kernpunkt  handelt  es  sich  namlich  darum,  dafi  sowohl  in 
meinem  Buche  «Wahrheit  und  Wissenschaft»  wie  in  meinem  Buche 
«Die  Philosophic  der  Freiheit»  ein  bewufit  anti-kantischer  Stand- 
punkt  einmal  klar  und  deutlich  formuliert  worden  ist.  Und  das, 
worauf  es  dabei  ankommt,  das  ist,  dafi  von  mir  gezeigt  worden  ist, 
dafi  man  iiberhaupt  nicht  sich  der  sinnlichen  Aufienwelt  so  gegen- 
iiberstellen  kann  wie  Kant  und  alle  seine  Nachbeter  sich  dieser 


sinnlichen  Auftenwelt  gegeniibergestellt  haben,  so  daft  man  sie  ein- 
fach  hinnimmt  und  fragt:  Kann  man  nun  tiefer  in  sie  hineindringen 
oder  nicht?  -  Dasjenige,  was  ich  habe  zeigen  wollen  im  Beginne 
meiner  schriftstellerischen  Laufbahn,  das  war  das,  daft  die  auftere 
Sinneswelt,  so  wie  sie  sich  uns  darbietet,  deshalb  ein  blofter  Schein 
ist,  deshalb  eine  halbe  Wirklichkeit  ist,  weil  wir  in  die  Welt  nicht 
so  hereingeboren  werden,  daft  unser  Verhaltnis  zu  der  Auftenwelt 
ein  fertiges  ist,  sondern  daft  unser  Verhaltnis  zur  Auftenwelt  ein 
solches  ist,  das  wir  selber  erst  fertigzustellen  haben,  wenn  wir  iiber 
die  Welt  denken,  wenn  wir  iiber  die  Welt  dies  oder  jenes  an  Erfah- 
rungen,  an  Erlebnissen  uns  aneignen.  Wenn  wir  also  im  weitesten 
Sinne  uns  Wissen  iiber  die  Welt  erwerben,  dann  erst  kommen  wir 
zur  Wirklichkeit. 

Das  ist  der  Grundfehler  des  Philosophierens  des  19.  Jahrhun- 
derts,  daft  immer  einfach  die  Sinneswelt  als  fertige  genommen  wird. 
Man  ist  sich  nicht  bewuftt  geworden,  daft  zur  wahren  Wirklichkeit 
der  Mensch  dazugehort,  daft  dasjenige,  was  im  Menschen  nament- 
lich  an  Gedanken  auftritt,  sich  abspaltet  von  der  Wirklichkeit, 
indem  der  Mensch  in  die  Wirklichkeit  hineingeboren  wird,  daft  die 
Wirklichkeit  zunachst  verborgen  ist,  so  daft  sie  uns  als  eine  Schein- 
wirklichkeit  entgegentritt;  und  erst  wenn  wir  diese  Scheinwirklich- 
keit  durchdringen  mit  dem,  was  in  uns  aufleben  kann,  haben  wir 
die  voile  Wirklichkeit  vor  uns.  Damit  aber  wiirde  von  vornherein 
philosophisch,  vom  Gesichtspunkt  einer  gewissen  Erkenntnistheo- 
rie,  alles  dasjenige  charakterisiert  sein,  was  spater  wiederum  meiner 
Anthroposophie  zugrundeliegt.  Denn  es  ist  vom  Anfang  an  ver- 
sucht  worden  nachzuweisen,  daft  die  Sinneswelt  nicht  eine  Wirk- 
lichkeit ist,  sondern  daft  sie  eine  Scheinwirklichkeit  ist,  zu  der  erst 
hinzukommen  muft  dasjenige,  was  der  Mensch  zu  ihr  hinzubringt, 
was  dem  Menschen  in  seinem  Inneren  aufleuchtet  und  was  er  dann 
erarbeitet.  Die  ganze  kantische  und  nach-kantische  Philosophic 
geht  im  Grunde  genommen  davon  aus,  daft  man  eine  fertige 
Wirklichkeit  vor  sich  habe  und  daft  man  dann  die  Frage  aufstellen 
konne:  Ja,  kann  man  denn  diese  fertige  Wirklichkeit  erkennen  oder 
kann  man  sie  nicht  erkennen?  -  Sie  ist  aber  keine  fertige  Wirklich- 


keit,  sie  ist  nur  eine  halbe  Wirklichkeit,  und  die  ganze  Wirklichkeit 
entsteht  erst,  wenn  der  Mensch  dazukommt  und  dasjenige  in  die 
Wirklichkeit  hineingieftt,  was  ihm  in  seinem  Innersten  aufgeht. 
Wiirde  man  so  charakterisieren,  wie  es  gegeben  ist  in  meiner 
«Wahrheit  und  Wissenschaft»  und  was  dann  uberleitet  von  dieser 
«Wahrheit  und  Wissenschaft»  zur  «Philosophie  der  Freiheit»,  so 
wiirde  man  sehen,  dafi  das  Denken,  das  notwendig  ist,  um  eine 
Anthroposophie  zu  begriinden,  ja  bereits  seinem  Kernpunkte  nach 
philosophisch  von  mir  charakterisiert  worden  ist. 
Interessant  ist  es,  daft  da  bei  Traub  stent: 

Wer  von  sittlicher  Freiheit  redet,  der  kann  dies,  sollte  man  denken, 
unmoglich  tun,  ohne  zu  der  fundamentalen  Frage  «Freiheit  und  kau- 
sale  Naturnotwendigkeit»  Stellung  zu  nehmen.  Von  dieser  Frage  stent 
in  diesem  ganzen  Buche  so  gut  wie  nichts. 

Mit  diesem  Zwischensatzchen  «so  gut  wie»  kann  man  natiirlich 
alles  mogliche  treffen.  Aber  wenn  man  davon  absieht,  dann  mochte 
man  fragen:  Hat  denn  der  Mann  das  Buch  erst  in  der  Mitte  aufge- 
schlagen  und  nur  von  der  Mitte  bis  zum  Ende  gelesen?  Im  ersten 
Kapitel  ist  ja  in  Ankniipfung  an  Spinoza  die  Rede  davon,  wie  man 
aufzufassen  hat  die  Idee  der  Freiheit  im  Gegensatze  zu  der  Natur- 
kausalitat.  Soweit  es  fur  notwendig  zu  halten  ist  innerhalb  eines 
solchen  Buches,  ist  gerade  diese  Frage  der  Ausgangspunkt.  So  et- 
was  iibersieht  ein  so  geartetes  Denken  wie  das  von  Professor 
Traub. 

Beziiglich  der  «Ratsel  der  Philosophie»  brauchen  Sie  ja  nur  das- 
jenige zu  lesen,  was  ich  am  Anfange  jenes  allerdings  gewagten  ein- 
leitenden  Kapitels  gesagt  habe,  daft  es  notwendig  war,  den  ganzen 
Gang  der  Philosophic  der  Menschheit  auf  sich  wirken  zu  lassen, 
um  diese  paar  Seiten  zu  schreiben,  welche  den  Gang  des  philoso- 
phischen  Denkens  der  Menschheit  im  Zeitraume  von  sieben  bis 
acht  Jahrhunderten  charakterisieren  sollen.  Wenn  Sie  das  lesen, 
dann  werden  Sie  sich  fragen:  Was  will  denn  eigentlich  ein  solcher 
Herr,  wenn  er  dann  sagt: 

Aber  diese  Gesichtspunkte  ... 


-  er  meint  diejenigen,  die  in  diesen  Seiten  entwickelt  sind  - 

...  sind  so  unbestimmt  und  fliefiend  und  decken  sich  so  wenig  mit 
dem  Inhalt,  den  sie  zusammenfassend  bezeichnen  sollen,  dafi  man  den 
Eindruck  eines  Schemas  bekommt,  das  willkiirlich  iiber  den  Inhalt  her- 
gestiilpt  ist,  nicht  einer  Ordnung,  die  organisch  aus  dem  Stoff  heraus- 
wachst. 

Gerade  das  ist  ja  gezeigt,  wie  die  Ordnung  organisch  aus  dem  Stoff 
herauswachst,  und  iiberall  ist  wieder  Gelegenheit  genommen,  bei 
jedem  einzelnen  Kapitel,  zu  zeigen,  wie  gerade  das,  was  er  hier  ein 
Schema  nennt,  aus  der  wirklichen  empirischen  Betrachtung  des 
Stoffes  herauswachst.  Fur  solche  Leute  kann  man  alles  mogliche 
sagen  -  sie  sagen  dann  eben  auch  wiederum  alles  mogliche,  was 
ihnen  gerade  einfallt. 

Das  Schonste  aber,  meine  lieben  Freunde,  sind  in  dieser  Schrift 
Satze  wie  etwa  dieser: 

Es  ware  daher  von  der  grofken  Bedeutung  gewesen,  wenn  er  in  seiner 
philosophischen  Periode  einen  klaren  und  eindeutigen  Begriff  der  Wis- 
senschaft  gebildet  hatte.  Ist  die  Geisteswissenschaft  eine  Tatsachenwis- 
senschaft  wie  Naturwissenschaft  und  Geschichte?  Ist  sie  eine  Norm- 
wissenschaft  wie  Logik,  Ethik,  Asthetik?  Oder  in  welchem  anderen 
Sinn  ist  sie  eine  Wissenschaft?  Nirgends  erhalt  man  dariiber  eine 
befriedigende  Auskunft. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  was  liegt  denn  einem  solchen  Satze 
zugrunde?  Der  betreffende  Herr  hat  erstens  die  eingewurzelten 
Begriffe  von  Tatsachenwissenschaft  und  Normwissenschaft  im 
Kopfe.  Das  hat  er  aus  seinen  Kompendien  jedenfalls  im  Laufe  sei- 
nes Lebens  gelernt,  daft  es  Normwissenschaften  und  Tatsachenwis- 
senschaften  gibt.  Dafi  gegeniiber  dem,  was  Geisteswissenschaft  ist, 
diese  alten  Begriffe  zerfallen,  davon  miifke  er  sich  zuerst  unterrich- 
ten.  Aber  er  beurteilt  dasjenige,  in  das  er  sich  selbst  hineinfinden 
sollte,  nach  den  Begriffen,  die  er  sich  angeeignet  hat.  Kein  Wunder, 
dafi  sie  in  diese  Begriffe  nicht  hineinpassen. 

Niedlich  ist  zum  Beispiel  auch  das  folgende.  Er  sagt: 


Ein  drittes  Beispiel.  Alle  «Ratsel  der  Philosophie»  reduzieren  sich  fiir 
Steiner  schlielSlich  auf  das  eine:  Seele  und  Welt.  Wie  muft  die  Welt 
gedacht  werden,  daft  die  Seele  in  ihr  Raum  hat?  Aber  diese  Problem- 
stellung  ist  reichlich  unbestimmt.  Der  Begriff  «Seele»  ist  eben  mehr- 
deutig.  Ist  die  Seele  gemeint  als  das  psychologische,  als  das  erkenntnis- 
theoretische,  als  das  ethisch-religiose  Subjekt? 

Erstens  mochte  ich  wissen,  woraus  er  dieses  Problem  genommen 
hat.  Ja,  meine  lieben  Freunde,  Seele  ist  halt  als  Seele  gemeint,  als  die 
wirkliche  Seele.  Dafi  in  den  Kompendien  Betrachtungen  angestellt 
worden  sind  im  Laufe  der  Zeit,  die  man  erkenntnistheoretisch  nen- 
nen  kann,  die  man  psychologisch  nennen  kann  oder  die  man 
ethisch-religios  nennen  kann,  das  bedingt  doch  nicht  den  Unsinn, 
dafi  man  sagen  soil:  Ich  betrachte  das  Verhaltnis  der  ethisch-reli- 
giosen  Seele  zur  Welt,  oder  ich  betrachte  das  Verhaltnis  der  er- 
kenntnistheoretischen  Seele  zur  Welt,  oder  ich  betrachte  das  Ver- 
haltnis der  psychologischen  Seele  zur  Welt.  Es  ist  sehr  schwierig, 
sehen  Sie:  Wollte  man  ein  solches  Zeug  widerlegen,  so  mufke  man 
es  mit  irgend  etwas  zu  tun  haben,  das  man  anfassen  kann.  Aber 
man  kann  doch  solche  Dinge  eigentlich  nicht  anfassen,  sie 
zerflattern  einem  ja  unter  den  Handen. 

Am  meisten  interessiert  naturlich  den  evangelischen  Theologen, 
wie  ich  es  gehalten  habe  mit  dem  Gottesbegriff  in  der  Zeit,  in  der 
meine  philosophischen  Schriften  geschrieben  worden  sind.  Nun, 
meine  lieben  Freunde,  wenn  man  etwas  schreibt,  so  handelt  es 
sich  nicht  darum,  dafi  man  iiber  alles  mogliche  schreibt,  von  alien 
moglichen  Gesichtspunkten  aus,  sondern  dafi  man  von  den  Ge- 
sichtspunkten  aus  schreibt,  die  gerade  in  Frage  kommen  nach  dem 
Inhalte  der  betreffenden  Schrift.  Ich  hatte  niemals  Veranlassung  in 
diesen  Zeiten,  in  denen  meine  «Philosophie  der  Freiheit»  und 
auch  das  Friihere  und  einiges  Spatere  entstanden  ist,  in  irgendeiner 
Weise  auf  die  theologische  Frage  iiber  Gott  und  die  Welt  einzu- 
gehen.  Es  ist  also  eine  merkwiirdige  Kritik,  wenn  man  nicht  sieht, 
dafi  in  einem  solchen  Zusammenhange,  wie  es  die  «Philosophie 
der  Freiheit»  ist,  weder  ein  personlicher  noch  ein  iiberpersonlicher 


Gott  gefunden  werden  kann.  Da  handelt  es  sich  um  die  Behand- 
lung  der  Materie,  um  die  Behandlung  des  Stoffes. 

Nun  sehen  Sie,  ein  besonders  gefundenes  Fressen  ist  natiirlich 
fur  Menschen,  die  an  den  Hauptsachen  vorbeigehen  -  denn  an  der 
wirklichen  Hauptsache,  der  Bestimmung  des  Verhaltnisses  des 
Menschen  zur  Wirklichkeit,  ist  Traub  so  weit  vorbeigegangen,  dafi 
er  diesen  Punkt  nicht  einmal  gesehen  hat,  dafi  er  gar  nicht  einmal 
eine  Ahnung  davon  hat,  dafi  das  die  Hauptsache  ist  -,  ein  gefunde- 
nes Fressen  ist  es  immer,  wenn  Nebensachen  hervorgehoben  wer- 
den konnen.  Es  diirfte  niemanden  iiberraschen,  daft  von  dem  Ge- 
sichtspunkte,  auch  von  dem  anthroposophischen  Gesichtspunkte, 
von  dem  ich  auszugehen  habe,  nur  ein  herbes  Urteil  gefallt  werden 
kann  iiber  alles  dasjenige,  was  Bekenntnis-Christentum  der  einen 
oder  anderen  Nuance  in  der  Gegenwart  ist,  dafi  ein  herbes  Urteil 
gefallt  werden  muE  iiber  alles  dasjenige,  was  vage  Jenseitsvorstel- 
lungen  sind.  Fur  denjenigen,  der  den  Nerv  des  Anthroposophi- 
schen versteht,  leuchtet  dieser  Kern  des  Anthroposophischen  zu- 
riick  auf  dasjenige,  was  ich  philosophisch  geltend  machen  mulke. 
Es  handelt  sich  ja  darum,  daft  man,  wenn  man  noch  so  weit  in  die 
geistigen  Welten  hineindringt,  sich  diese  Welt  durchaus  vorzustel- 
len  hat  als  eine  einheitliche,  so  dafi  alles  dasjenige,  was  Geist  ist,  zu 
gleicher  Zeit  gesucht  werden  mufi  in  dem  materiellen  Dasein.  Es  ist 
der  grofke  Schaden  geschehen  in  unserer  neueren  menschheitlichen 
Weltanschauungsentwicklung  dadurch,  dafi  die  Menschen  immer 
wieder  hinausweisen  wollten  aus  dem,  was  unmittelbare  Erfahrung 
ist,  auf  ein  unbestimmtes,  vages  Jenseits.  Dieses  Jenseits  soil  eben 
gerade  durch  die  geistige  Betrachtung  zu  einem  Diesseits,  zu  einem 
wirklich  hier  Vorhandenem  werden.  Daher  mufite  ich  erkenntnis- 
theoretisch  alle  vagen  Jenseitsvorstellungen  bekampfen  und  mufke 
namentlich  alles  dasjenige  weit  wegweisen,  was  aus  den  Religions- 
bekenntnissen  der  Gegenwart  heraus  immer  wieder  und  wiederum 
pflegen  will  diese  vage  Jenseitsvorstellung.  Gerade  um  allmahlich 
aufzusteigen  zu  einem  wirklichen  Verstehen  des  Christus,  mufite 
ich  all  das,  was  den  wirklichen  Christus-Impuls  eigentlich  verne- 
belt,  das  muftte  ich  als  Abzulehnendes  fur  die  Zukunftsmenschheit 


hinstellen.  Denn  es  mufi  klar  sein,  dafi  die  Art  und  Weise,  wie  in 
der  neueren  Zeit  unter  der  Protektion  gerade  der  theologischen 
Richtungen  unterschieden  wird  zwischen  Offenbarung  und  aufie- 
rer  Wissenschaft,  daft  gerade  das  von  einem  gro£en  Schaden  ist  fiir 
unsere  Geistesentwicklung.  Daher  braucht  es  niemanden  zu  wun- 
dern,  dafi  das  gewohnliche  Christentum  von  mir  zuriickgewiesen 
worden  ist  in  meiner  philosophischen  Periode,  denn  dieses  ge- 
wohnliche Christentum  ist  gerade  um  des  Christus  selbst  willen 
zuriickzuweisen.  Aber  fiir  diejenigen  Menschen,  die  iiberall  an 
Worten  hangen,  die  niemals  die  Dinge  im  Zusammenhange  be- 
trachten,  sondern  immer  an  Worten  hangen,  fiir  die  ist  es  ein  Leich- 
tes,  dann  aus  dem  Zusammenhang  herausgerissen  scheinbare  Wi- 
derspriiche  zu  entdecken.  Das  kann  man  natiirlich  bei  dem,  dem  es 
nie  auf  die  Worte  angekommen  ist,  sondern  immer  auf  die  Sache, 
aufierordentlich  leicht. 

Und  so  kann  man  einen  Satz  aufgreifen  wie  den,  den  ich  1898 
gesagt  habe: 

Wir  wollen  Kampfer  sein  fiir  unser  Evangelmm,  auf  dafi  im  kommen- 
den  Jahrhundert  ein  neues  Geschlecht  erstehe,  das  zu  leben  weifi, 
befriedigt,  heiter  und  stolz,  ohne  Christentum,  ohne  Ausblick  auf 
das  Jenseits. 

Oder  schon  etwas  fruher: 

Es  ist  allein  des  Menschen  wiirdig,  dafi  er  selbst  die  Wahrheit  suche, 
dafi  ihn  weder  Erfahrung  noch  Offenbarung  leite.  Wenn  das  einmal 
durchgreifend  erkannt  sein  wird,  dann  haben  die  Offenbarungsreli- 
gionen  abgewirtschaftet. 

Das  ist  etwas,  meine  lieben  Freunde,  was  natiirlich,  wenn  man  es 
dem  bloft  wortlichen  Inhalt  nach  nimmt,  sehr  leicht,  furchtbar 
leicht  dazu  fiihren  kann,  Widerspriiche  zu  konstruieren.  Derjenige, 
der  gewissenhaft  vorgehen  wiirde,  wiirde  natiirlich  untersuchen,  in 
welchem  Zusammenhang  diese  Worte  gebraucht  worden  sind.  Fiir 
den  Pfarrer  oder  Professor  Traub  allerdings  ist  das  etwas  Gefahr- 
liches,  denn  sein  Christentum,  sein  Jenseitsglaube  ist  schon  ganz 
sicher  getroffen. 


Sehen  Sie,  damit  habe  ich  Ihnen  ungefahr  den  Gedankenreich- 
tum  vorgefiihrt,  mit  dem  meine  Philosophie  von  Professor  Traub 
charakterisiert  wird.  Denn  andere  Gedanken  sind  nicht  viel  in  der 
Schrift  zu  finden.  Alles  dasjenige,  worauf  es  ankommt,  ist  iiber- 
sehen.  Daft  ich  in  der  «Philosophie  der  Freiheit»  von  intuitivem 
Denken  spreche,  das  bemerkt  zwar  der  Professor  Traub,  aber  er 
kann  sich  unter  intuitivem  Denken  nichts  vorstellen,  weil  er  findet, 
daft  das  Denken  bloft  formaler  Natur  ist,  also  eigentlich  leer  ist.  Ja, 
meine  lieben  Freunde,  mit  einem  solchen  Menschen  ist  allerdings 
nicht  zu  reden,  weil  er  die  allereinfachsten  Begriffe  sich  nicht  an- 
geeignet  hat,  die  man  zum  Beispiel  in  der  Mathematik  gleich  am 
Anfang  gewinnen  konnte,  denn  wenn  sie  der  Mathematik  nur  ein 
formales,  kein  inhaltsvolles  Denken  geben,  so  mochte  ich  wissen, 
wie  man  jemals  so  etwas  einsehen  konnte  wie  den  pythagoraischen 
Lehrsatz.  Wollte  man  da  alien  Inhalt  aus  der  Erfahrung  nehmen,  so 
wiirde  man  niemals  so  etwas  einsehen  wie  den  pythagoraischen 
Lehrsatz,  der  eben  voraussetzt,  daft  ein  inhaltvolles  Denken  der 
aufteren  Sinneserfahrung  entgegenkommt,  das  dann  sozusagen  mit 
zum  intuitiven  Denken  kommt,  wie  es  in  der  «Philosophie  der 
Freiheit»  charakterisiert  ist.  Daft  dann  schon  die  Entwicklung  die- 
ses Denkens,  das  Aufsteigen  dieses  Denkens  in  die  geistige  Welt 
gegeben  ist,  das  ware  etwas,  was  hervorzuheben  ware,  wenn  man 
meine  Philosophie  charakterisiert.  Nun,  das  kann  man  schlieftlich 
nicht  voraussetzen,  daft  das  ein  solcher  Herr  herausfindet. 

Dann  geht  er  iiber  zu  der  Charakterisierung  desjenigen,  was  er 
«Steiners  Theosophie»  nennt.  Gelesen  hat  er  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?».  Darinnen  findet  er  zunachst 
anerkennenswert  einige  ethische  Grundsatze,  die  gegeben  werden. 
Dann  aber  ergeht  er  sich,  wie  es  ja  eigentlich  bei  ihm  schon  selbst- 
verstandlich  ist  nach  seiner  ganzen  Gesinnung,  dann  ergeht  er  sich 
darin  -  ja,  wie  soil  ich  sagen?  -  nicht  zu  verstehen  und  scharf  zu 
betonen,  daft  er  nicht  versteht,  was  Astralleib,  Lebensgeist,  Ather- 
leib  und  so  weiter  ist. 


Es  ist  schwer, 


-  so  sagt  er  wortlich  - 

...  sich  von  diesen  Bestandteilen  des  Menschenwesens  ein  einiger- 
mafien  verstandliches  Bild  zu  machen. 

Nun  ja,  er  gibt  mir  darin  recht,  daft  ich  von  jedem,  der  einen 
gesunden  Menschenverstand  hat,  verlange,  daft  er  vom  Standpunk- 
te  des  gesunden  Menschenverstandes  aus  die  Dinge  priifen  konne. 
Selbstverstandlich  hat  der  Professor  Traub  gesunden  Menschenver- 
stand -  seiner  eigenen  Meinung  nach.  Aber,  meine  lieben  Freunde, 
eine  eigentumliche  Art,  mit  seinen  Gedanken  an  solche  Dinge 
heranzukommen,  ist  es  doch,  wenn  er  zum  Beispiel  in  der  «Theo- 
sophie»  findet,  da  sei  oftmals  von  der  Siebenzahl  die  Rede,  und 
wenn  er  dann  sagt: 

Sollte  wirklich  -  diese  kritische  Frage  kann  auch  schon  hier  in  der 
Darstellung  nicht  unterdriickt  werden  -  die  so  regelmafiig  wiederkeh- 
rende  Siebenzahl  «erschaut»  sein?  Kann  man  sich  des  Verdachts  er- 
wehren,  dafi  man  hier  ein  kiinstliches  Schema  vor  sich  hat,  das  willkiir- 
lich  den  Dingen  aufgepfropft  wird? 

Wiirde  er  irgend  etwas  verstehen,  so  wiirde  er  wissen,  daft  es  sich 
ebensowenig  um  ein  kiinstliches  Schema  handelt,  wie  wenn  man 
den  Regenbogen  betrachtet  und  sagt,  es  sind  sieben  Farben  darin- 
nen,  oder  wenn  man  die  Tonskala  betrachtet  und  sagt,  es  sind  sie- 
ben Tone  darinnen  und  die  Oktave  ist  die  Wiederholung  der  Prim 
und  so  weiter.  Aber,  meine  lieben  Freunde,  nicht  einmal  in  posi- 
tivem  Sinne  wird  von  ihm  eine  solche  Sache  angefaftt,  sondern  es 
wird  einfach  die  Frage  aufgeworfen: 

Kann  man  sich  des  Verdachts  erwehren,  daft  man  hier  ein  kiinstliches 
Schema  vor  sich  hat,  das  willkiirlich  den  Dingen  aufgepfropft  wird? 

Warum  denn  eine  solche  Frage,  wenn  man  doch  nicht  darauf  ein- 
geht,  die  Sache  zu  untersuchen!  Die  ganze  Methodik,  die  ist  etwas 
ganz  Unmogliches. 

Ich  wiirde  nicht  in  so  scharfen  Worten  iiber  dieses  Buch  spre- 
chen,  meine  lieben  Freunde,  weil  nach  meiner  Meinung  tatsachlich 


ein  gut  Stuck  Schuld  daran,  wie  das  Buch  ist,  die  Beschranktheit 
des  Verfassers  hat,  nicht  gerade  der  bose  Wille  -  das  geht  aus  dem 
Inhalte  hervor.  Aber  nach  den  Ausdriicken,  die  der  Mann  ge- 
braucht, rechtfertigt  es  sich  schon  auch,  daft  man  ebenso  starke 
Ausdriicke  gebraucht.  Ich  will  mich  befleiftigen,  nicht  scharfere 
Ausdriicke  zu  gebrauchen,  als  sie  in  dem  Buche  wider  meine  «Phi- 
losophie»  und  meine  «Theosophie»  gebraucht  sind.  Die  Art  des 
Denkens  dieses  Herrn  ist  in  der  Tat  eine  ganz  eigentumliche.  Sehen 
Sie,  er  hat  verstanden,  wie  ich  zu  einer  gewissen  Bekraftigung  -  Sie 
wissen,  ich  versuche  alles  auf  die  verschiedenste  Weise  zu  bekraf- 
tigen  wie  ich  zu  einer  gewissen  Bekraftigung  der  Reinkarnations- 
idee,  der  Idee  von  den  wiederholten  Erdenleben,  zu  solch  einem 
Beispiel  greife  wie  Schiller,  der  mit  seinem  Genie  doch  nicht  alles 
dasjenige,  was  er  in  sich  getragen  hat,  geerbt  haben  kann  von  Vater, 
Mutter,  Groftvater,  Groftmutter  und  so  weiter,  und  daft  man,  wenn 
man  nicht  annehmen  will,  daft  diejenigen  Eigenschaften,  die  Schil- 
ler nicht  mit  seinem  Blute  geerbt  haben  konnte,  aus  dem  Nichts 
geboren  seien,  zu  einer  Art  fruheren  Daseins  zuruckkommt. 

Sie  wissen,  ich  referiere  solche  Dinge  nicht  als  Beweis,  aber  man 
tragt  diese  Dinge  zusammen,  weil  sie  zusammengetragen  eine  Sache 
erharten  konnen.  Ja,  wie  beschaftigt  sich  nun  der  Professor  Traub 
gerade  mit  diesem  Beispiel?  Er  sagt: 

Es  rmisse  also  einmal  in  fruheren  Zeiten  eine  dem  Dichter  verwandte 
Seele  gegeben  haben,  einen  sozusagen  prahistorischen  Schiller,  der  un- 
beachtet  und  unerkannt  verstorben  und  dann  im  Jahre  1759  im  histo- 
rischen  Schiller  sich  verkorpert  habe.  Freilich  -  um  diese  kritische 
Bemerkung  gleich  hier  einzuschalten  -  eine  haarstraubende  Logik! 
Sonst  besteht  die  Erklarung  darinnen,  daft  man  Unbekanntes  auf 
Bekanntes  zuriickfuhrt.  Hier  aber  wiirde  das  Unbekannte,  das  Werden 
Schillers,  auf  noch  Unbekannteres  zuriickgefuhrt,  die  Wiederverkor- 
perung  eines  prahistorischen  Schiller.  Das  ist  nicht  Logik,  sondern 
Spielerei. 

Meine  lieben  Freunde!  Man  kann  ja  lange  deklamieren,  daft 
Erklarungen  darin  bestehen,  daft  man  Unbekanntes  auf  Bekanntes 


zuriickfuhrt.  Nun,  meine  lieben  Freunde,  da  mochte  ich  zuerst 
wissen,  wie  man  das  tut.  Wie  kommt  man  an  das  Unbekannte?  Da 
mu£  es  doch  zuerst  bekannt  werden;  dann  aber  wiirde  man  hoch- 
stens  -  wenn  man  das  Unbekannte,  das  scheinbar  Unbekannte,  das 
aber  zuerst  bekannt  werden  mufi  -,  dann  wiirde  man  hochstens 
Bekanntes  auf  Bekanntes  zuriickzufiihren  haben!  Also,  die  «haar- 
straubende  Logik»  scheint  mir  mehr  auf  der  anderen  Seite  zu 
liegen.  Aber  wenn  das  auch  ofter  deklamiert  wird,  dafi  man  Un- 
bekanntes  auf  Bekanntes  zuruckfiihren  soil,  um  Erklarungen  zu 
geben,  da  mochte  ich  doch  erst  fragen:  Wozu  erklart  man  denn  das 
iiberhaupt?  Beim  Bekannten  konnte  man  ja  stehenbleiben.  Aber  in 
Wahrheit  ist  es  nicht  so.  Man  gehe  nur  durch  alles  dasjenige,  was 
an  Erklarungen  geboten  wird.  Immer  gehen  Erklarungen  darauf 
aus,  fur  das,  was  man  vor  sich  hat,  etwas  zu  suchen,  was  man  eben 
nicht  vor  sich  hat.  In  der  Praxis  ist  das  genaue  Gegenteil  von  dem 
wahr,  was  methodisch  hier  von  Professor  Traub  gefordert  wird. 
Dafi  die  alten  Einwande  wieder  kommen,  dafi  man  sich  an  friihere 
Inkarnationen  nicht  erinnere,  das  ist  ja  nicht  weiter  zu  verwundern, 
aber  interessant  ist  doch,  dafi  hier  stent: 

Die  Riickkehr  in  diese  Erdenwelt  soil  fur  den  Menschen  zu  dem 
Zweck  notwendig  sein,  damit  es  ihm  in  einem  zukiinftigen  Leben 
moglich  ist,  das  Unrecht  wiedergutzumachen,  das  er  im  gegenwartigen 
Leben  semen  Mitmenschen  zugefiigt  hat.  Aber,  mul3  man  fragen,  wie 
soli  er  denn  das  angreifen?  Er  weifi  ja  gar  nicht,  welche  von  seinen 
jetzigen  Mitmenschen  in  einem  friiheren  Leben  von  ihm  verletzt 
worden  sind. 

Ja,  meine  lieben  Freunde,  Ahnliches,  auch  nur  entfernt  Ahn- 
liches  habe  ich  gewilS  niemals  von  den  Durchschnittsmenschen  be- 
hauptet.  Es  handelt  sich  aber  doch  auch  wirklich  gar  nicht  darum, 
ob  ein  Mensch  A,  der  in  der  Gegenwart  dasteht  und  einem  Men- 
schen B  gegeniibersteht,  ob  der  sich  nun  sagt:  Dieser  Mensch  B, 
mit  dem  habe  ich  gelebt  im  Jahre  202  nach  Christus;  da  habe  ich 
ihm  ein  Unrecht  zugefiigt,  jetzt  mufi  ich  das  und  das  tun,  um  es 
wiedergutzumachen.  -  Unter  dieser  Voraussetzung  ungefahr  kann 


sich  der  Herr  Professor  Traub  nur  vorstellen,  daft  das  Karma,  daft 
das  Schicksal  sich  abspielt.  Ja,  meine  lieben  Freunde,  es  kommt 
aber  gar  nicht  darauf  an,  daft  der  Mensch  A  diese  Betrachtungen 
anstellt,  weil  das  Karma  so  eingerichtet  ist,  daft  er  das  wiederum 
gutmacht,  was  er  verbrochen  hat  in  dem  vorigen  Leben,  aus  dem, 
was  in  seinem  Seelischen  vorgeht,  auch  ohne  es  zu  wissen,  ohne 
daft  er  erst  eine  Reflexion  dariiber  anstellt.  Es  ist  ja  doch  einzig  und 
allein  so,  daft  man  sagen  mufi:  Wenn  der  Professor  Traub  sagt,  er 
weift  ja  gar  nicht,  welche  von  seinen  jetzigen  Mitmenschen  in 
einem  friiheren  Leben  von  ihm  verletzt  worden  sind  und  wie  er  das 
wiedergutmachen  kann  -  er  tut  es  aber,  er  tut  es  eben,  ohne  daft  er 
es  weift.  Die  nachstliegenden  Gedanken  fehlen  solchen  Herren 
eben  vollstandig. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  was  soli  man  mit  einer  solchen  Be- 
hauptung  machen?  Daft  diesem  evangelischen  Herrn  naturlich  sol- 
che  Erklarungen  nicht  gefallen,  wie  ich  sie  gegeben  habe  iiber  eine 
Stelle  in  der  Bibel:  «Wer  mein  Brot  isset,  tritt  mich  mit  Fiiften» 
oder  iiber  ahnliches  -  das  kann  man  ja  naturlich  glauben.  Daft  er 
sich  unter  dem  «Mittelpunktsgeist»  der  Erde  gar  nichts  vorstellen 
kann,  das  versichert  er  ausdriicklich.  Dann  aber  kommt  eine  Reihe 
von  aufterordentlich  niedlichen  Bemerkungen.  Sehen  Sie,  von  mir 
wird  ja  betont  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  her,  die 
Einkorperung  der  Christus-Wesenheit  in  dem  Menschen  Jesus  von 
Nazareth  sei  nicht  bloft  ein  irdisches,  sondern  ein  kosmisches 
Ereignis.  Dasjenige  also,  was  sich  abgespielt  hat,  sei  es  im  groften 
historischen  Zusammenhange,  sei  es  in  der  eigenen  Seele  des  Men- 
schen Christus-Jesus,  das  ist  nicht  bloft  als  ein  irdisches,  ein  tellu- 
risches  Ereignis  zu  betrachten,  sondern  als  ein  Ereignis,  das  den 
Kosmos  angeht.  Herauszuheben  das  Ereignis  von  Golgatha  aus  der 
bloft  irdischen  Sphare,  es  heraufzuheben  in  die  Weltensphare,  dar- 
um  handelt  es  sich,  und  das  habe  ich  in  alien  moglichen  Variationen 
immer  wieder  und  wiederum  betont. 

Ja,  meine  lieben  Freunde,  nachdem  Professor  Traub  sich  entsetzt 
hat  iiber  die  beiden  Jesusknaben,  was  ihm  ja  zugestanden  werden 
darf,  da  kommt  er  dazu,  folgenden  niedlichen  Satz  zu  sagen,  der 


doch  allzu  schon  ist,  als  daft  wir  ihn  iibergehen  diirften: 


Nach  Steiner  dagegen  ist  der  Kreuzestod  ein  rein  kosmisches  Ereignis. 
Wer  von  einem  fernen  Planeten  aus  durch  die  Jahrtausende  hindurch 
die  Entwicklung  der  Erde  hatte  verfolgen  konnen,  der  hatte  nicht  bloft 
den  physischen,  sondern  den  Astralleib  der  Erde  gesehen,  und  dieser 
Astralleib  hatte  jahrtausendelang  dieselben  Lichter,  dieselben  Formen, 
dieselben  Farben  gezeigt.  In  einem  bestimmten  Augenblicke  aber  hatte 
sich  das  geandert.  «Andere  Formen  erschienen,  andere  Lichter  und 
andere  Farben  leuchteten  auf  -  das  war  der  Augenblick,  da  auf  Golga- 
tha  das  Blut  aus  den  Wunden  des  Erlosers  floft.  Das  war  nicht  ein 
menschliches,  sondern  ein  kosmisches  Ereignis. » 

So  heiftt  es  bei  mir,  das  zitiert  er  sogar  wortlich.  Aber  dann  sagt  er: 

Von  einer  ethischen  Wiirdigung  des  Kreuzestodes  keine  Spur!  Der 
Astralleib  der  Erde  erstrahlt  in  anderen  Lichtern  und  anderen  Farben, 
erscheint  in  anderen  Formen.  Das  Christus-Ich,  der  Sonnenregent  geht 
iiber  auf  die  Erde,  und  im  Geist  der  Erde  erschaut  man  nun  das  Son- 
nen-Ich,  das  Christus-Ich.  Kann  man  diese  rein  kosmischen  Vorgange 
ohne  weiteres  zu  der  sittlichen  Tat  des  geschichtlichen  Jesus  addieren? 
Sind  die  beiden  Vorgange,  jener  kosmische  und  dieser  ethische,  nicht 
zu  heterogen,  um  als  Glieder  eines  Additionsexempels  gelten  zu  kon- 
nen?  Man  konnte  einwenden,  die  ethische  Tat  Jesu  konne  doch  von 
kosmischen  Wirkungen  begleitet  sein,  wie  ja  solche  auch  in  den  Pau- 
lusbriefen  an  den  Tod  Christi  geknupft  seien.  Aber  so  liegt  es  bei  Stei- 
ner nicht,  daft  man  eine  ethische  Tat  und  ihre  kosmischen  Wirkungen 
unterscheiden  konnte.  Von  einer  ethischen  Tat  hort  man  iiberhaupt 
nichts,  sondern  nur  von  kosmischen  Vorgangen.  Dann  aber  schlieften 
sich  die  beiden  Deutungen  des  Kreuzestodes  aus.  Dieser  kann  nicht 
ethische  Tat  und  zugleich  rein  kosmisches  Ereignis  sein. 

Ja,  meine  lieben  Freunde,  was  soil  ich  darunter  verstehen?  Daft  das 
Ereignis  von  Golgatha  sich  auf  dem  Erdenrunde  abgespielt  hat,  das 
wird  ja  wohl  bei  mir  nirgends  geleugnet.  Ich  habe  nicht  behauptet, 
daft  es  sich  auf  der  Sonne  oder  dem  Mond  abgespielt  hat.  Also,  ein 
tellurisches  Ereignis  ist  es  ja  jedenfalls.  Daft  dieses  von  Traub 
umgekehrt  wird  in  die  Behauptung,  daft  ich  das  Ereignis  von 
Golgatha  als  ein  rein,  das  heiftt  ein  nur  kosmisches  Ereignis  verste- 


he  -  das  ist  im  Grunde  genommen  denn  doch  eine  starke  Tat!  Von 
Kraljevec  geht  der  Weg  nach  Wien  iiber  Graz!  Das  ist  das  verrenk- 
te  Denken  in  kleinen,  unbedeutenden  Dingen.  Dieses  verrenkte 
Denken,  das  man  in  kleinen,  unbedeutenden  Dingen  oftmals  nicht 
tadeln  mochte,  das  ist  etwas,  das  sich  dann  auch  in  Groftigkeiten 
zeigt.  Denn  derjenige,  der  sich  verpflichtet  fiihlt,  gewissenhaft  das- 
jenige  zu  lesen,  was  der  Professor  Traub  vorgibt,  gelesen  zu  haben, 
der  wird  niemals  sich  zu  der  Behauptung  versteigen  konnen,  da£ 
von  mir  gesagt  worden  sei,  bei  dem  Christus-Ereignis  handele  es 
sich  um  ein  nur  kosmisches  Ereignis. 

Nun,  ich  kann  nur  einzelnes  herausgreifen.  Die  Beschreibung  der 
Atlantis  macht  ihm  selbstverstandlich  wiederum  Schmerzen,  und  da 
findet  er  sich  besonders  schlimm  beriihrt,  wenn  ich  sage,  dafi  die 
Atlantier  in  Bildern  gedacht  haben  und  daft  jetzt  die  Menschen  in 
Begriffen  denken. 

Der  Atlantier  dachte  in  Bildern.  Und  wenn  ein  Bild  vor  seiner  Seele 
auftauchte,  dann  erinnerte  er  sich  an  soundso  viel  ahnliche  Bilder,  die 
er  bereits  erlebt  hatte.  Danach  richtete  er  sein  Urteil  ein. 

Darauf  sagt  der  Professor  Traub: 

Also  geurteilt  hat  der  Atlantier  auch;  wie  aber  ein  Urteil  ohne  Begriff 
moglich  sein  soil,  bleibt  dunkel. 

Ja,  meine  lieben  Freunde,  fur  ein  gradliniges  Denken  werden  Be- 
griffe  nach  den  Urteilen  gebildet.  Wenn  man  Begriffe  schon  haben 
miiftte,  um  zu  urteilen,  so  wtirden  wenige  Urteile  zustandekom- 
men  konnen.  Das  ist  also  etwas,  was  wirklich  von  einer  ganz 
krassen  philosophischen  Unbildung  zeugt. 

Nun,  davon,  dafi  er  nicht  verstehen  kann,  was  geistig  der  Empfin- 
dung  blau  ahnlich  ist,  wie  ich  es  beschreibe,  will  ich  gar  nicht  spre- 
chen,  nicht  wahr;  ich  will  auch  nicht  davon  sprechen,  dafi  er  sagt: 

Eine  geistige  Farbe  ist  ein  Widerspruch  in  sich. 

-  weil  er  sich  da  willkiirliche  Begriffe  einer  geistigen  Farbe  kon- 
struiert.  Ich  will  nur  davon  sprechen,  dafi  von  mir  immer  wieder 


gesagt  wird,  daft  man  alles  mit  dem  gesunden  Menschenverstand 
verfolgen  kann,  auch  dasjenige,  was  unmittelbar  beobachtet  ist, 
wenn  man  sich  eben  herbeilaftt,  die  Bequemlichkeit  zu  iiberwin- 
den  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  dasjenige  an  sich  beobach- 
tet, was  in  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?» 
steht. 

In  einer  fur  die  Kiirze  der  iibrigen  Ausfiihrungen  auffallenden 
Lange  fiihrt  nun  der  Professor  Traub  aus,  daft  auf  der  einen  Seite 
Autoritatsglaube  gefordert  wiirde,  auf  der  anderen  Seite  doch  wie- 
der  selber  gepriift  werden  solle.  Namentlich  tadelt  er  herb,  wenn 
man  sagt,  daft  ja  schlieftlich  auch  andere  Dinge  der  Welt  auf  Treu 
und  Glauben  hingenommen  wiirden,  zum  Beispiel  daft  auch  Leute, 
die  nicht  in  Amerika  gewesen  sind,  doch  den  Amerikareisenden 
glauben,  daft  es  dort  soundso  ausschaut.  -  Nun,  es  ist  naturlich 
billig  zu  sagen,  in  Amerika,  da  leben  auch  Menschen,  Tiere,  Pflan- 
zen  und  so  weiter,  die  man  auch  von  Europa  kennt.  Ich  will  mich 
dabei  nicht  aufhalten,  ich  habe  davon  oftmals  gesprochen;  aber  auf 
die  Logik  dieses  Herrn  mochte  ich  Sie  aufmerksam  machen.  Auf 
Seite  34  lesen  Sie  den  niedlichen  Satz: 

Jene  in  der  Schule  gelernten  Wahrheiten  kann  ich  nachpriifen. 

-  so  meint  er. 

Die  meisten  Menschen  werden  dazu  freilich  keinen  Anlaft  haben;  aber 
die  grundsatzliche  Moglichkeit  besteht.  Ich  mufi  eben  unter  Umstan- 
den  Historiker,  Physiker,  Chemiker  werden,  urn  selbstandig  priifen  zu 
konnen.  Die  theosophischen  Wahrheiten  kann  ich  nicht  nachpriifen, 
wenn  ich  nicht  Hellseher  bin,  ich  kann  sie  nur  in  negativer  Beziehung 
kontrollieren. 

Das  ist  wortlich  wahr;  um  eine  chemische  Wahrheit  zu  priifen, 
muft  man  sich  entschlieften  wollen,  Chemiker  zu  werden.  Es  ist  gar 
nichts  dagegen  einzuwenden.  Aber  der  Professor  Traub  fahrt  fort: 

Die  theosophischen  Wahrheiten  dagegen  kann  ich  nicht  nachpriifen, 
wenn  ich  nicht  Hellseher  bin. 

Ja,  sehen  Sie,  selbstverstandlich  kann  ich  auch  die  theosophischen 


Wahrheiten  nicht  nachpriifen,  wenn  ich  nicht  Hellseher  werden 
will,  ebenso  wie  man  auch  die  chemischen  Wahrheiten  nicht  nach- 
priifen kann,  ohne  daft  man  Chemiker  wird;  das  fiihrt  er  selbst  zum 
Beweise  an.  Aber  er  betrachtet  es  zwar  als  sein  gutes  Recht,  Che- 
miker zu  werden,  wenn  er  chemische  Wahrheiten  nachpriifen  will, 
aber  so  etwas  werden,  wie  man  werden  muft,  um  die  theosophi- 
schen  Wahrheiten  nachzupriifen,  das  will  er  auf  keinen  Fall.  Uber- 
haupt  entpuppt  er  sich  auf  dieser  Seite  merkwiirdigerweise  als 
aufterordentlich  anspruchsvoll.  Denn  daft  schlieftlich  der  eine  oder 
andere  nachpriifen  und  dann  bestatigen  kann,  das  geniigt  dem 
Professor  Traub  nicht.  Er  sagt: 

Es  geniigt  nicht,  wenn  von  theosophischer  Seite  gesagt  wird,  die  Er- 
gebnisse  der  geisteswissenschaftlichen  Forschung  seien  ja  schon  von 
einer  grofteren  Zahl  von  Menschen  nachgepriift  worden.  Die  Frage  ist, 
ob  sie  von  mir  nachgepriift  worden  sind  oder  nachgepriift  werden 
konnen,  und  das  mulS  ich,  abgesehen  von  der  formallogischen  Kritik, 
verneinen. 

Das  ist  Logik,  nicht  wahr!  Aber  diese  Logik  steigert  sich  noch, 
meine  lieben  Freunde.  Er  sagt  ja,  schlieftlich  bei  chemischen  Wahr- 
heiten, bei  gewohnlichen  naturwissenschaftlichen  Wahrheiten,  da 
kommt  es  nicht  darauf  an,  daft  jeder  sie  nachpriift,  denn  die  sind 
nicht  so  wichtig  wie  die  geistigen,  auch  die  historischen  Wahrheiten 
sind  nicht  so  wichtig.  Und  da  findet  sich  wieder  folgender  nied- 
liche  Satz: 

Im  Gegenteil  miissen  wir  verlangen,  daft  in  Weltanschauungsfragen  der 
einzelne  auf  sich  selbst  steht  und  nicht  einfach  annimmt,  was  andere 
ihm  vorsagen.  Wiirde  ich  einmal  in  die  Lage  kommen,  auf  eine  jener 
Schulwahrheiten  etwas  Groftes  wagen  zu  miissen  -  etwa  darauf,  daft 
Alexander  der  Grofte  das  Perserreich  zerstort  oder  Hannibal  die  Alpen 
iiberschritten  hat  -,  kame  ich  vollends  zu  der  Uberzeugung,  daft  an 
einer  solchen  Wahrheit  Leben  oder  Seligkeit  hangen,  so  wiirde  ich 
mich  nicht  mehr  mit  jenem  Hinnehmen  auf  fremde  Autoritat  begnii- 
gen,  sondern  alles  daran  setzen,  von  jenen  Dingen  eine  selbstandige 
Gewiftheit  zu  erlangen. 


Ja,  ich  mochte  wissen,  wie  er  das  eigentlich  macht,  ich  mochte 
wissen,  wie  er  eine  selbstandige  Gewifiheit  gewinnen  will  iiber  das 
ja  doch  gewifi  fiir  sein  Erdenleben  auch  aufierordentlich  wichtige 
Ereignis  der  eigenen  Geburt!  Diese  Dinge  werden  also  hingeschrie- 
ben  aus  dem  blofien  Hinratschen  von  Worten,  die  durchaus  nicht 
von  irgendwelchen  Gedanken  begleitet  sind.  Das  sind  aus  unseren 
gegenwartigen  Verhaltnissen  heraus  Jugenderzieher!  Das  wirft  sich 
auf,  alles  moglich  zu  beurteilen. 

Nun  mochte  ich  Ihnen  einen  Satz  von  mir  vorlesen,  meine  lie- 
ben  Freunde,  den  Sie  ja  kennen  werden,  den  ich  nicht  aus  irgend- 
einem  personlichen  Grund  hier  vorlese,  sondern  weil  mir  dabei 
doch  etwas  ganz  eigentumlich  Merkwiirdiges  erscheint,  wie  der 
Professor  Traub  den  Satz  anfuhrt: 

Die  Geisteswissenschaft  wird  ihrer  ganzen  Wesenheit  nach  nicht  in 
irgendein  religioses  Bekenntnis,  in  das  Gebiet  irgendeines  religiosen 
Bekenntnisses  unmittelbar  eingreifen.  Sie  kann  niemals  eine  Religion 
schaffen  wollen.  Daher  werden  in  den  Kreisen  der  geisteswissenschaft- 
lichen  Weltanschauung  in  allertiefstem  Frieden  und  vollster  Harmonie 
die  verschiedensten  Religionsbekenntnisse  zusammenleben  und  nach 
der  Erkenntnis  des  Geistigen  streben  konnen.  ...  Niemand  braucht 
irgendwie  abgewendet  zu  werden  von  seinem  religiosen  Leben  durch 
die  Geisteswissenschaft.  Daher  kann  man  auch  nicht  davon  sprechen, 
daft  die  Geisteswissenschaft  als  solche  ein  religioses  Bekenntnis  sei. 
Weder  will  sie  ein  religioses  Bekenntnis  schaffen,  noch  will  sie  den 
Menschen  irgendwie  verandern  in  bezug  auf  dasjenige,  was  er  als  sein 
religioses  Bekenntnis  hat.  Dennoch  scheint  es,  als  ob  man  sich  Gedan- 
ken machte  iiber  die  Religion  der  Anthroposophen.  In  Wahrheit  kann 
man  in  solcher  Art  gar  nicht  sprechen,  denn  innerhalb  der  anthropo- 
sophischen  Gesellschaft  sind  alle  Religionsbekenntnisse  vertreten,  und 
keiner  wird  durch  sie  verhindert  werden,  sein  religioses  Bekenntnis 
auch  praktisch  in  der  vollsten,  umfanglichsten  und  intensivsten  Weise 
zu  betatigen. 

Diese  Satze  sind  von  mir.  Sie  stehen  in  «Die  Aufgabe  der  Geistes- 
wissenschaft und  deren  Bau  in  Dornach».  Der  Professor  Traub 
flihrt  sie  an,  und  er  schliefk  daran  folgenden  Satz.  Ich  werde  ihn 


vorlesen,  ich  weifi  nicht,  ob  ich  gescheit  genug  bin,  den  nun  folgen- 
den  Satz  mir  in  der  richtigen  Weise  ins  Gedachtnis  zu  rufen.  Er 
schliefit  namlich  daran  den  Satz: 

Diese  Satze,  die  zugleich  von  dem  unschonen  und  undeutschen  Stil 
Steiners  einen  gewissen  Eindruck  geben,  lassen  als  seine  Meinung 
erkennen:  die  Anthroposophie  ist  als  solche  keine  Religion. 

Ja,  ich  muE  gestehen,  wollte  ich  urteilen  iiber  den  unschonen  Stil 
dieser  Traubschen  Schrift  -  also  ich  will  dariiber  kein  Urteil  fallen, 
weil  das  ja  schlieftlich  Geschmackssache  ist,  aber  wenn  ich  in  der 
letzten  Zeit  so  viel  Kritik  gelesen  habe  iiber  den  Stil  und  dann  sehe, 
daft  in  einer  solchen  Weise  die  Urteile  gebildet  werden,  dann  er- 
scheint  mir  das  fast  ebenso  belanglos  wie  die  inhaltlichen  Dinge. 

Nun  will  ich  Sie  nur  noch  mit  einigen  Satzen  aus  dem  letzten 
Teil  der  Schrift  bekanntmachen,  wo  die  Rede  ist  von  der  Beziehung 
der  Anthroposophie  zum  Christentum.  Da  steht: 

2.  Das  Christentum  ist  eine  geschichtliche  Religion.  Die  Theosophie  ist 
geschichtslos.  Der  erste  Satz  kann  hier  nicht  begriindet,  sondern  nur 
erlautert  werden.  Er  bedeutet  nicht  bloft,  daft  das  Christentum  eine 
Geschichte  hat  und  eine  geschichtliche  Entwicklung  durchlauft,  son- 
dern auch,  daft  es  in  seiner  Wahrheitsgeltung  an  die  Geschichte  gebun- 
den  ist.  Streicht  man  die  evangelische  Geschichte,  so  steht  das  ganze 
Christentum  in  der  Luft.  Und  wie  steht  es  mit  dem  anderen  Satze,  daft 
die  Theosophie  geschichtslos  sei?  Er  will  natiirlich  nicht  besagen,  daft 
die  Theosophie  keine  Geschichte  hat.  Sie  hat  eine  sehr  lange  Geschich- 
te. Es  sind  lauter  alte  Bekannte,  denen  man  begegnet,  wenn  man  in  der 
theosophischen  Literatur  sich  umsieht.  Was  ist  Steiners  Christologie 
anderes  als  eine  neue  Form  der  gnostischen  Christologie?  Auch  seine 
Anthropologic  und  Kosmologie  haben  ihre  Parallelen  in  der  Geschich- 
te des  religiosen  und  philosophischen  Denkens.  Vollends  die  Wieder- 
verkorperungslehre  und  die  mit  ihr  nicht  identische,  aber  verwandte 
Idee  der  Seelenwanderung  ziehen  sich  in  immer  neuen  Formen  durch 
die  Geschichte  der  Religionen  hindurch.  In  diesem  Sinne  also  hat  auch 
die  Theosophie  ihre  Geschichte.  Geschichtslos  ist  sie  insofern,  als  sie 
zur  Begriindung  ihrer  Wahrheitsiiberzeugung  der  Geschichte  nicht 
bedarf. 


Ja,  ich  mufi  sagen,  bei  einer  solchen  Bemerkung  konnte  einem 
der  Verstand  stillstehen:  Ein  evangelischer  Theologe,  der  behaup- 
tet,  die  Wahrheit  des  Christentums  beruhe  nur  auf  der  Geschichte, 
es  seien  im  Christentum  nicht  ewige  Wahrheiten  enthalten!  Man 
kann  gar  nicht  herausfinden,  worin  eigentlich  die  Kontradiktion 
bestehen  soli.  Er  fiihrt  selber  aus,  geschichtlich  entstanden  sei  ja 
schliefilich  die  Theosophie  auch.  Aber  er  legt  einen  grofien  Wert 
darauf,  da£  die  Theosophie  bemiiht  ist  -  obzwar  sie  geschichtlich 
entstanden  ist  -,  geschichtslose,  das  heifit  ewige  Wahrheiten  zu 
finden.  Das  Christentum  soil  blofi  eine  geschichtliche  Sache  sein. 
Traub  schreibt: 

Der  erste  Satz  ... 

-  namlich  «Das  Christentum  ist  eine  geschichtliche  Religion»  - 

. . .  kann  hier  nicht  begriindet,  sondern  nur  erlautert  werden.  Er  bedeu- 
tet  nicht  bloft,  daft  das  Christentum  eine  Geschichte  hat  und  eine  ge- 
schichtliche Entwicklung  durchlauft,  sondern  auch,  dafi  es  in  seiner 
Wahrheitsgeltung  an  die  Geschichte  gebunden  ist. 

Ja,  es  ist  schlechterdings  unbegreiflich,  wie  solch  ein  Satz  als  etwas 
Geltendes  ausgesprochen  werden  kann,  denn  als  etwas  Geltendes 
wird  er  ja  ausgesprochen.  Der  Betreffende  ist  ja  Universitatsprofes- 
sor,  lehrt  also  mit  einer  gewissen  Autoritat.  Nicht  wahr,  diese 
Dinge  sind  hinreichend  charakterisierend,  aus  welcher  Ecke 
diejenigen  Tone  kommen,  die  sich  dem  Geisteswissenschaftlichen 
entgegenstellen. 

Besonders  interessant  ist  es  ja  fur  mich,  der  ich  immer  versuche, 
alles  abzulehnen,  was  iiberhitzter  Ton  ist,  der  ich  versuche,  mog- 
lichst  ruhig  darzustellen,  mit  einem  ruhigen,  wissenschaftlichen 
Stil,  dafi  ich  auch  vorgeworfen  bekomme: 

Das  war  bei  den  groften  Mystikern  der  Vergangenheit  anders.  Ihnen 
gegeniiber  hatte  man  das  Gefiihl:  «Ziehe  deine  Schuhe  aus;  der  Boden, 
darauf  du  stehst,  ist  heiliges  Land,»  Steiner  gegeniiber  hat  man  dieses 
Gefiihl  nicht.  Vom  Schauer  des  Geheimnisses  spurt  man  hier  nichts.  Es 
ist,  als  ware  dem  Jenseits  der  Zauber  des  Geheimnisvollen  abgestreift. 


Daher  der  niichterne,  trockene  Ton,  der  Steiners  Schriften  eigen  ist.  Sie 
haben  nichts  von  dem  Hinreiftenden,  Packenden,  das  man  von  dem 
Propheten  einer  neuen  Weltanschauung  erwarten  wiirde.  Wenn  man 
das  bedenkt,  so  kann  man  den  Gegensatz  von  Christentum  und  An- 
throposophie  unmoglich  iibersehen.  Dort  die  Ehrfurcht  vor  dem  Ge- 
heimnis  des  Ewigen;  hier  die  Verstandigkeit  und  Niichternheit  dessen, 
der  hinter  das  Geheimnis  gekommen  ist. 

Ja,  meine  lieben  Freunde,  das  lehne  ich  bewufk  ab,  in  iiberhitztem 
Ton  von  irgend  etwas  Unbekanntem  zu  sprechen,  denn  das  ist  ge- 
rade  dasjenige,  was  hypnotisierend  auf  die  Menschenseelen  wirkt. 

Nun,  ich  habe  Ihnen  einiges  Typische  herausgehoben  von  dem, 
was  sich  der  geisteswissenschaftlichen  Bewegung  entgegensetzt. 
Wir  mufiten  einmal  an  einer  solchen  Stelle  halten,  da  ich  ja  vorhabe, 
das  nachste  Mai  dazu  iiberzugehen  zu  charakterisieren,  wie  die 
Stellung  jener  geistigen  Wesenheit  zu  der  menschlichen  Gegenwart 
und  ihrer  Kultur  eigentlich  ist,  die  wir  als  Michael  bezeichnen,  der 
wiederum  geistiger  Weltregent  geworden  ist  seit  dem  Ende  der 
siebziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts.  Ich  mufi  das  nachste  Mai 
die  ganze  Metamorphose  der  Michael-Personlichkeit  charakterisie- 
ren, von  dem,  wie  Michael  war  -  dasjenige,  was  man  das  Antlitz 
Jahves  nennt  bis  zu  seiner  gegenwartigen  Stellung.  Da  war  es 
schon  notwendig,  dafi  einmal  auch  die  Steine,  die  in  den  Weg  der 
Geisteswissenschaft  geworfen  werden,  ein  wenig  charakterisiert 
werden. 

Man  kann  sagen:  Erstens  liegt  in  einem  solchen  Falle  die  furcht- 
barste  Ungenauigkeit  vor,  zweitens  liegt  in  einem  solchen  Falle  die 
Unfahigkeit  vor,  die  Kernpunkte  der  Sache  irgendwie  herauszufin- 
den  -  und  zudem  der  gewissenlose  Wille,  die  Dinge  so  zu  charak- 
terisieren, wie  es  hier  getan  wurde.  Zum  Schlufi  wird  in  der  Bro- 
schiire  der  Inhalt  der  Kritik  so  zusammengefafk: 

Das  Christentum  ist  eine  geschichtliche  Religion,  ... 

-  da  stent  der  Satz  zum  zweiten  Mai!  - 

...  die  Theosophie  ist  geschichtslos.  Das  Christentum  ist  wesentlich 
ethisch,  die  Anthroposophie  kosmisch  orientiert.  Das  Christentum  ist 


eine  Religion  des  Geheimnisses,  der  Anthroposoph  ist  hinter  das 
Geheimnis  gekommen.  Das  Christentum  ist  in  seinem  Kern  einfach, 
die  Anthroposophie  kompliziert  und  phantastisch. 

Ja,  nicht  wahr,  unter  dieser  Flagge  segelt  ja  vieles,  was  sich  heute 
der  Anthroposophie  entgegensetzt.  Aber  auf  welchen  Griinden  es 
beruht  und  wohin  das  Urteil  zu  lenken  ist,  wenn  man  ein  gerechtes, 
ein  wiirdiges  Urteil  gewinnen  will,  darauf  mufke  schon  einmal 
aufmerksam  gemacht  werden  an  einem  typischen  Fall.  Von  den 
eben  angedeuteten  Dingen  will  ich  dann  das  nachste  Mai  am  nach- 
sten  Freitag  sprechen.  Wir  werden  uns  dann  um  7  Uhr  hier  zum 
Vortrage  wiederfinden. 


MITTEILUNG  VOR  DEM  MITGLIEDERVORTRAG 


Dornach,  28.  November  1919 

Meine  lieben  Freunde!  Eine  kleine  Einleitung  mufi  ich  dem  Vortrag 
voranschicken,  weil  ich  Sie  doch  gewissermaften  informieren  mufi, 
besonders  in  der  jetzigen  Zeit,  iiber  verschiedene  Dinge,  die  eben 
vorgehen,  und  da  mochte  ich  Ihnen  nur  eine  kleine  Notiz  vorlesen, 
die  unser  Freund  Dr.  Stein  in  der  letzten  Nummer  der  «Drei- 
gliederung  des  Sozialen  Organismus»  geschrieben  hat,  ein  kleiner 
Artikel,  der  heiftt  «Neue  Wahlverwandtschaften»: 

Am  11.  November  hielt  im  Siegle-Haus  in  Stuttgart  Domkapitular 
Laun  einen  ganzlich  unbedeutenden  Vortrag  iiber  das  Thema  «Theoso- 
phie  und  Christentum»,  von  dem  wir  keinerlei  Notiz  nehmen  wiirden, 
wenn  er  nicht  nach  einer  sogleich  zu  charakterisierenden  Richtung 
symptomatisch  gewesen  ware.  Der  Vortragende  folgte  namlich  in  sei- 
nem  Gedankengang  -  genauer  miiftte  man  sagen:  «in  seiner  Satzean- 
ordnung»  -  den  Ausfuhrungen  der  Broschiire  des  Professors  Traub, 
die  den  Titel  tragt  «Steiner  als  Philosoph  und  Theosoph».  Natiirlich 
blieb  Traub  unerwahnt,  aber  es  war  symptomatisch  interessant  zu  se- 
hen,  wie  ein  katholischer  Domkapitular  gemeinsame  Sache  machte  mit 
dem  evangelischen  Professor  -  hinter  den  Kulissen.  Katholische  und 
evangelische  Partei  (denn  Religionen  sind  das  doch  nicht  mehr)  kamp- 
fen  gemeinsam  gegen  Steiner.  Was  sich  vor  aller  Augen  bekampft  - 
hinter  den  Kulissen  versteht  es  einander.  Welcher  Art  die  Kampfesmit- 
tel  des  Vortragenden  waren,  geht  wohl  zur  Geniige  hervor,  wenn  ich 
erwahne,  daft  nach  dem  Vortrag  keine  Diskussion  stattgegeben  wurde 
und  daft  der  Vortragende  darauf  hinwies,  daft,  wer  sich  iiber  Steiner 
orientieren  wolle,  dies  bei  Gegnern  Steiners,  die  er  aufzahlte,  tun 
konnte,  nicht  aber  durch  Steiners  Schriften  selbst,  da  dies  der  Papst 
verboten  habe. 

Dr.  J.  W.  Stein 

Sie  sehen,  wie  sehr  es  notwendig  ist,  meine  lieben  Freunde,  ein 
unbefangenes  Urteil  sich  iiber  die  Menschen  unserer  Zeit  anzu- 


eignen  und  wie  wenig  es  heute  mehr  an  der  Zeit  ist,  so  obenhin  rtur 
die  Verhaltnisse  zu  beurteilen,  wie  man  dies  leider  auch  vielfach  in 
unseren  Kreisen  tut.  Denn  das  muli  immer  wiederholt  werden:  Die 
Zeiten  sind  sehr  ernst,  und  es  geniigt  nicht,  dafi  man  den  alten 
Autoritatsglauben  in  veranderter  Form  zu  seiner  eigenen  schlaf- 
rigen  Bequemlichkeit  weiter  fortsetzt. 


MITGLIEDERVORTRAG 


Dornach,  3.  Dezember  1919 

Meine  lieben  Freunde!  Bei  den  in  der  letzten  Zeit  immer  starker 
und  starker  auftretenden  Angriffen  wird  es  wohl  doch  notwendig 
sein,  da$  iiber  gewisse  Punkte  der  anthroposophisch  orientierten 
Geisteswissenschaft  von  unseren  lieben  Freunden  nicht  in  unklarer 
Weise  zur  Aufienwelt  gesprochen  werde.  Ich  werde  natiirlich  mich 
nicht  darauf  beschranken,  Ihnen  etwa  nur  wiederum  von  diesem 
oder  jenem  Angriffe  zu  sprechen,  sondern  ich  werde  versuchen, 
von  zwei  Beispielen  ausgehend,  auch  auf  einiges  Wichtigere  zu 
sprechen  zu  kommen  in  Ankniipfung  an  das,  was  von  seiten  der 
Aufienwelt  unserer  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissen- 
schaft entgegengebracht  wird. 

Da  haben  wir  zunachst  den  neuesten  Angriff  des  Jesuitenpaters 
Otto  Zimmermann.  Sie  konnen  mir  glauben,  dafi  die  Notwendig- 
keit,  auf  diese  Dinge  zu  sprechen  zu  kommen,  fur  mich  wahrhaftig 
nicht  gerade  etwas  aufterordentlich  Angenehmes  ist,  aber  es  mufi 
eben  sein.  Es  mufi  schon  aus  dem  Grunde  sein,  weil  es  notwendig 
ist,  daE  gewisse  Dinge,  die  heute  ein  Ingrediens  unseres  Lebens  sind, 
beim  rechten  Namen  genannt  werden.  Dazu  mufi  man  zunachst 
darauf  hinweisen,  daft  der  Jesuitenpater  Otto  Zimmermann  das 
Dekret  der  sogenannten  Kongregation  des  Heiligen  Offiziums  vom 
18.  Juli  1919  dazu  beniitzt,  um  auszusprechen,  da$  auch  die  anthro- 
posophisch orientierte  Geisteswissenschaft  unter  dieses  Dekret  falle 
und  so  beurteilt  werden  musse  wie  jede  Art  von  Theosophie.  Die 
Frage,  die  der  Kongregation  vorgelegt  worden  ist  und  die  in  diesem 
Dekret  ihre  Antwort  gefunden  hat,  sie  lautete  ja  so:  «K6nnen  Leh- 
ren,  die  man  heute  theosophisch  nennt,  mit  der  katholischen  Lehre 
vereinbart  werden?  Und  ist  es  daher  erlaubt,  theosophischen  Gesell- 
schaften  beizutreten,  an  ihren  Zusammenkiinften  teilzunehmen  und 
ihre  Biicher,  Zeitschriften,  Zeitungen  und  Schriften  (libros,  epheme- 
rides,  diaria,  scripta)  zu  lesen?»  Die  Antwort  der  Heiligen  Kon- 
gregation hiefi:  «Negative  in  omnibus»  -  nein  in  alien  Punkten. 


Nun  wissen  Sie  ja  aus  jener  Anfiihrung,  die  ich  Ihnen  gemacht 
habe  iiber  eine  Stuttgarter  Rede  eines  Domkapitulars,  dessen  Name 
mir  augenblicklich  entfallen  ist,  daft  von  katholischer  Priesterseite 
her  geltend  gemacht  wird,  dafi  man  sich  iiber  das,  was  anthroposo- 
phisch  orientierte  Geisteswissenschaft  enthalt,  nur  unterrichten  soli 
aus  den  Schriften  der  Gegner,  weil  meine  eigenen  Schriften  zu  lesen 
ja  der  Papst  verboten  hat.  Daraus  ersehen  Sie,  dafi  von  dieser  Seite 
die  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  durchaus  ab- 
solut  gleich  behandelt  wird  wie  alles  andere,  was  von  dieser  Seite 
her  «theosophisch»  genannt  wird. 

Nun  hat  man  notig,  zunachst  darauf  hinzuweisen,  wie  es  in  die- 
sen  Kreisen,  die  sich  berufen  auf  ein  solches  Dekret,  mit  der  Wahr- 
heit  steht.  Man  braucht  nur  einiges  aus  dem  Artikel,  in  dem  der 
Jesuitenpater  Otto  Zimmermann  von  der  Kirchen-Verurteilung  der 
Theosophie  und  Anthroposophie  spricht,  hervorzuheben,  um  zu 
sehen,  aus  welchem  Geiste  heraus  diese  offiziellen  Vertreter  der 
katholischen  Priesterschaft  -  denn  ein  Jesuitenpater  ist  ein  offi- 
zieller  Vertreter  -  heute  sprechen.  Ich  brauche  zum  Beispiel  nur 
den  folgenden  Satz  zu  lesen: 

Bis  1913  stand  bei  uns  an  erster  Stelle  die  deutsche  Sektion  der  Theo- 
sophischen  Gesellschaft  vom  indischen  Hauptquartier  Adyar.  Durch 
den  Abfall  ihres  Generalsekretars  Dr.  Rudolf  Steiner,  der  die  meisten 
Mitglieder  mit  sich  rifi,  anfanglich  sehr  geschwacht,  hat  sie  sich  mit  den 
Jahren  wieder  einigermafien  erholt,  zahlt  gegenwartig  etwa  25  Logen, 
darunter  freilich  etwa  ein  Fiinftel  «schlafende»,  und  gibt  in  Diisseldorf 
als  ihr  Organ  fur  Deutschland  und  Osterreich  das  «Theosophische 
Streben»  heraus.  Uber  Steiner,  der  seine  Theosophie  nach  dem  Abfall 
«Anthroposophie»  genannt  hatte,  klagte  man  in  der  letzten  Zeit  unter 
seiner  Umgebung,  da$  er  steril  werde,  keine  neuen  «Schauungen» 
mehr  habe  und  immer  nur  dasselbe  vortrage;  er  werde  vermutlich  sich 
bald  auf  etwas  Neues  werfen. 

Nun  muE  doch  die  Frage  entstehen,  meine  lieben  Freunde,  auf- 
grund  wovon  ein  Jesuitenpater  solche  Dinge  behauptet.  Sie  konnen 
ja  ungefahr  die  Quellen  erraten.  Die  hauptsachlichste  Quelle  wird 
wohl  liegen  in  dem  Pamphlet  von  Max  Seiling,  der  ja  am  Schlusse 


seines  Pamphlets  seine  Ruckkehr  in  die  alleinseligmachende  katho- 
lische  Kirche  angekiindigt  hat.  Aber  es  sollte  das  Vorhandensein 
solcher  Quellen  einem  wahrheitsliebenden  Menschen  ganz  gewift 
nicht  erlauben,  seine  Worte  so  zu  formulieren,  daft  er  sagt,  «seine 
Umgebung»  sage  das.  Denn  bisher  habe  ich  doch  noch  nicht  ent- 
decken  konnen,  daft  just  meine  Umgebung  es  sei,  die  solche  Dinge 
ausspricht.  Man  raufi  also  sagen:  Solche  Dinge  sind  unwahr,  und 
wenn  ein  Vertreter  der  katholischen  Kirche  sie  ausspricht,  so 
spricht  er  eben  einfach  Unwahrheiten  aus. 

Ich  habe  ja  in  den  letzten  Betrachtungen  iiber  die  Wichtigkeit,  es 
mit  der  Wahrheit  ernst  zu  nehmen,  sehr  deutlich  gesprochen.  Wer 
in  solchen  Dingen  es  so  mit  der  Wahrheit  halt,  bei  dem  darf  man 
wohl  doch  fragen,  was  es  eigentlich  heiftt,  wenn  er  nachher  in 
seinen  Ausfuhrungen  folgenden  Satz  hat: 

Die  neuere  Theosophie  ist  schon  im  Lichte  der  bloften  Vernunft  ein 
verachtungswurdiger,  tatsachlich  von  aller  ernsten  Wissenschaft  mit 
Verachtung  gestrafter  Mystizismus,  vollends  aber  im  Lichte  des  Glau- 
bens  eine  kaum  zu  iiberbietende  Zusammentat  von  hinduistischen, 
buddhistischen,  kabbalistischen,  gnostischen  und  verwandten  Irr- 
tiimern. 

Wenn  man  sich  das  vor  Augen  halt  und  sich  vergegenwartigt,  daft 
der  Mann  genau  das,  was  er  hier  sagt,  auch  auf  die  Anthroposophie 
anwendet,  dann  mufi  man  schon  sagen,  daft  der  Mann  in  allerstraf- 
lichstem  Leichtsinn  iiber  die  Wahrheit  sich  hinwegsetzt. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  man  muE  sich  nur  klarmachen,  was 
das  gerade  bei  einem  katholischen  Priester,  bei  einem  Priester  der 
romisch-katholischen  Kirche  bedeutet.  Auch  in  diesen  Dingen 
muft  man  vollstandigen  Ernst  zugrundelegen.  Sehen  Sie,  unter  den- 
jenigen  Dingen,  die  dieser  Jesuitenpater  Otto  Zimmermann  der 
Anthroposophie,  die  er  ja  zu  den  theosophischen  Lehren  rechnet, 
vorwirft,  ist  auch,  daft  sie  die  Kirche  als  unfehlbare  Lehrerin  und 
Huterin  des  iiberlieferten  Glaubens  leugne.  Da  sehen  Sie  ja,  daft  es 
durchaus  romisch-katholisch  ist,  die  romisch-katholische  Kirche 
als  die  unfehlbare  Lehrerin  und  Huterin  des  rechten  Glauben  an- 


zusehen.  Nun  mufi  man  sich  klar  sein,  daft  die  romisch-katholische 
Kirche  nicht  -  wie  beim  evangelischen  Glaubensbekenntnis  -  es 
nur  mit  gewohnlichen  Lehrern  als  Pfarrern  und  dergleichen  zu  tun 
hat,  sondern  daft  die  katholische  Kirche  es  zu  tun  hat  mit  von  ihr 
geweihten  Priestern,  die  also,  wenn  sie  sprechen,  immer  auch  mit 
dem  Mandat  und  Auftrag  dieser  katholischen  Kirche  sprechen. 
Wenn  also  von  einem  solchen  Mann  eine  objektive  Unwahrheit 
behauptet  wird,  so  ist  dies  eine  objektive  Unwahrheit,  die  durchaus 
auch  der  katholischen  Kirche  zugeschrieben  werden  mufi.  Das 
heiftt,  die  katholische  Kirche  als  solche  spricht  nach  ihren  eigenen 
Prinzipien  durch  diesen  Mann  die  Unwahrheit. 

Ja,  dies  gehort  eben  zu  den  Dingen,  die  im  heutigen  Geistesleben 
aufterordentlich  ernst  und  schwerwiegend  genommen  werden  miis- 
sen.  Denn  Sie  miissen  doch  nur  bedenken,  meine  lieben  Freunde, 
daft  die  katholische  Kirche  -  auch  wenn  sie  in  der  letzten  Zeit 
grofte  Einbuften  erlitten  haben  wird  durch  den  Umsturz  gewisser 
Throne  -  durch  die  Ohrenbeichte  auf  zahlreiche  Menschen  einen 
aufterordentlich  groften  Einfluft  hat,  und  daft  sie  ja  tatsachlich  die- 
sen  Einfluft  auch  dadurch  ausiiben  kann,  daft  sie  einfach,  wenn  sie 
will,  denjenigen  in  der  Beichte  die  Absolution  nicht  erteilt,  die 
solchen  Dekreten,  wie  das  angefiihrte  es  ist,  keine  Folge  leisten.  Sie 
hat  also  immerhin  schon  ein  geistiges  Machtmittel,  und  das  muft 
heute  ganz  wesentlich  in  Rechnung  gezogen  werden.  Es  muft 
griindlich  und  tief  mit  der  Tatsache  gerechnet  werden,  daft  eine 
geistige  Macht,  die  iiber  solche  Mittel  verfugt,  durch  ihre  Organe 
die  Unwahrheit  verkiindigen  laftt. 

Sie  sehen,  und  das  sollte  doch  fur  diejenigen,  die  in  den  Nerv  der 
anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  eingedrungen 
sind,  wenigstens  theoretisch  klar  sein,  daft  die  hauptsachlichen 
Schaden  unserer  Zeit  von  der  Neigung  der  Menschen  zur  Unwahr- 
heit kommen.  Diese  verbreitete  Neigung  der  Menschen  zur  Un- 
wahrheit, das  ist  dasjenige,  was  eigentlich  alien  Schwierigkeiten 
unserer  Zeit  zugrunde  liegt.  Wenn  nun  von  einer  gewissen  Seite 
her,  von  der  das  Geistesleben  zahlreicher  Menschen  verwaltet 
wird,  ganz  offiziell  die  Unwahrheit  verbreitet  wird,  so  bedeutet  das 


aufterordentlich  viel  unter  den  Kraften  unserer  Zeit.  Und  wenn  die 
Unwahrheit  so  grobklotzig  auftritt,  dann  ist  es  schon  notwendig, 
dafi  man  eine  solche  Erscheinung  absolut  ernst  nimmt.  Denn  be- 
denken  Sie  doch  nur  einmal,  dafi  diese  Kirche  durch  das  Schriften- 
verbot  dafiir  sorgt,  da£  ihre  Schafchen  auf  die  Wahrheit  nicht  aus 
einer  eigenen  Information  kommen  konnen,  und  bedenken  Sie,  dafi 
diese  Schafchen  die  Verpflichtung  haben,  in  alien  Glaubenssachen 
ihren  Hirten  zu  folgen,  dafi  also  diese  Schafchen  verpflichtet  sind, 
die  Unwahrheiten,  die  durch  die  Hirten  verbreitet  werden,  zu  glau- 
ben,  dafi  diese  Schafchen  sogar  nicht  einmal  die  Moglichkeit  haben, 
irgendwie  zu  konstatieren,  dafi  ihnen  Unwahrheiten  aufgebunden 
werden. 

Warum  sage  ich  Ihnen  das  alles?  Ich  mufi  es  sagen  aus  dem 
Grunde,  weil  eben  Heil  fur  die  Gesundung  unserer  Zeit  nur  zu 
erwarten  ist,  wenn  mit  aller  notwendigen  Intensitat  in  eine  genii- 
gend  groEe  Anzahl  von  Menschen  heute  einzieht  eine  griindliche, 
wahrhaftige  Beurteilung  desjenigen,  was  von  dieser  Seite  kommt 
und  zu  erwarten  ist.  Und  aus  dieser  intensiven  Wirklichkeitsemp- 
findung  sollte  erfolgen  der  Ernst,  der  die  Beurteilung  unserer  Zeit- 
lage  durchdringt.  Es  ist  ja  vieles,  was  in  unserer  Zeit  lebt,  von  der 
gleichen  Unwahrhaftigkeit  angesteckt,  trotzdem  es  nicht  katholisch 
ist.  Sehen  Sie,  da  geht  es  nicht,  in  bequemer  Weise  einfach  sich  auf 
den  Gesichtspunkt  zu  stellen,  sich  keine  Unannehmlichkeiten  ma- 
chen  zu  wollen  durch  ein  richtiges  Urteil  iiber  diese  Dinge.  Es  geht 
auch  nicht,  sich  auf  den  Standpunkt  zu  stellen,  dafi  ja  doch  nicht 
alle  katholischen  Priester  so  sein  werden  wie  der  Pater  Zimmer- 
mann,  denn  das,  was  gegentiber  den  Bestrebungen  anthropo- 
sophisch  orientierter  Geisteswissenschaft  von  katholischer  Seite 
kommt,  ist  eben  durchaus  von  derselben  Art,  und  ein  Mann  wie 
der  Pater  Zimmermann  ist  ein  richtiger  Wortfuhrer  fur  das,  was 
von  dieser  Seite  kommt. 

Nehmen  wir  doch  einen  Punkt  heraus  aus  alldem,  was  dieser 
Pater  geschrieben  hat  und  worauf  er  sich  jetzt  wiederum  bezieht. 
Dieser  Pater  hat  in  einer  grofien  Reihe  von  Artikeln  gegen  die 
anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  den  Vorwurf  des 


Pantheismus  erhoben.  Da  liegt  nun  zweierlei  vor.  Erstens  meine 
fortwahrende  Verwahrung  gegen  den  Pantheismus,  zweitens  liegt 
die  Moglichkeit  vor,  auch  zahlreiche  Kirchenlehrer,  die  die  katho- 
lische  Kirche  als  rechtmaftige  Kirchenlehrer  anerkennt,  aus  den 
gleichen  Griinden,  aus  denen  der  Pater  Zimmermann  die  Anthro- 
posophie  als  pantheistisch  anklagt,  ebenfalls  als  pantheistisch  anzu- 
klagen.  Nun  ja,  man  kann  mit  diesen  Griinden  sogar  den  Apostel 
Paulus  als  einen  Pantheisten  hinstellen.  Aber  was  wiirde  es  denn 
niitzen,  fur  diejenigen,  die  dem  Pater  Zimmermann  glauben,  ir- 
gendwie  darauf  hinzuweisen,  daft  er  die  Unwahrheit  sagt?  Nichts 
wiirde  es  niitzen,  denn  die  Schriften,  die  das  beweisen,  sind  ja  vom 
Papste  verboten. 

Das  zweite  ist  der  Vorwurf,  daft  es  sich  bei  der  Charakteristik  der 
Christus-Gestalt  um  einen  phantastischen  Sonnengeist  der  anthro- 
posophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  handle.  Und  in  diesem 
Punkt,  meine  lieben  Freunde,  weift  wirklich  der  Pater  Zimmermann 
nicht,  aber  ganz  gewift  wissen  manche  seiner  Ordensgenossen  sehr 
gut,  wo  die  Richtigkeit  liegt.  Und  diese  Leute  wissen  auch  sehr  gut, 
warum  sorgfaltig  vermieden  wird,  der  katholischen  Laiengemein- 
schaft  zu  sagen,  daft  es  auch  zu  den  inneren  Lehren  der  katholischen 
Kirche  gehoren  miiftte,  den  Christus  als  einen  Sonnengeist  anzuse- 
hen.  Dasjenige,  was  von  dieser  Seite  vorliegt,  ist  namlich  dieses,  daft 
in  dieser  Charakteristik  des  Christus,  die  von  der  Anthroposophie 
gegeben  wird,  die  Wahrheit  liegt.  Das  wissen  diese  Leute,  aber  ihr 
Bestreben  besteht  darin,  die  Wahrheit  zu  verhiillen,  sie  nicht  unter 
die  Leute  kommen  zu  lassen  aus  Griinden,  die  ja  aus  manchem 
hervorgehen,  was  ich  im  Laufe  der  Jahre  schon  ausgefiihrt  habe. 
Deshalb  wenden  sie  sich  ganz  besonders  gegen  diejenigen,  die  der 
Verbreitung  dieser  Wahrheit,  die  sie  selbst  verhiillen  wollen,  dienen 
wollen.  Und  dann,  wenn  sie  diesen  Zweck  erreichen  wollen,  dann 
lassen  sie  sich  auch  nicht  hindern  durch  andere  Dinge,  die  auch 
wahr  sind  und  die  sie  im  Lichte  ihrer  Unwahrheit  verbreiten.  So 
zum  Beispiel  weift  jeder,  der  meine  Biicher  kennt,  der  auch  nur 
einige  offentliche  Vortrage  von  mir  gehort  und  gepriift  hat,  daft  von 
mir  niemals  aufter  Acht  gelassen  wird  zu  betonen,  daft  der  Christus- 


Geist  ein  wesentlich  anderer  ist  als  die  Geister  anderer  sogenannter 
Religionsstifter.  Es  kann  jeder  wissen,  daft  von  mir  der  Christus- 
Geist  angesehen  wird  als  dasjenige,  was  durch  sein  Hindurchgehen 
durch  das  Mysterium  von  Golgatha  der  ganzen  Erdenentwicklung 
erst  einen  Sinn  gegeben  hat. 

Es  weift  jeder,  der  meine  Biicher  kennt,  der  meine  Vortrage 
gehort  und  gepriift  hat,  daft  ich  ausdriicklich  betone,  daft  es  mir  nie 
einfallen  konnte,  von  der  Gleichwertigkeit  aller  Religionssysteme 
zu  sprechen,  und  ich  habe  immer  wieder  und  wieder  ein  sehr  ein- 
faches  Gleichnis  gebraucht,  um  diese  Anschauung  von  der  abstrak- 
ten  Gleichheit  der  verschiedenen  Religionssysteme  zu  verurteilen. 
Ich  habe  darauf  hingewiesen,  daft  es  ja  theosophische  Sektiererei 
gibt,  welche  behauptet,  alien  verschiedenen  Religionssystemen 
liege  eigentlich  die  gleiche  Weisheit  zugrunde.  Ich  habe  gesagt,  daft 
nur  jemand,  der  im  Abstrakten  steckenbleibt,  ein  solches  Unding 
behaupten  konne.  Ein  solches  Unding  kann  namlich  nur  behaup- 
ten,  wer  seine  Charakteristik  in  einer  gewissen  abstrakten  Hohe 
macht,  ohne  auf  das  Konkrete  der  einzelnen  Erscheinungen  einzu- 
gehen.  Derjenige,  der  von  dem  gleichen  Weisheitskern  in  alien 
Religionssystemen  spricht,  der  kommt  mir  mit  seiner  Charakteri- 
stik der  Religionssysteme  vor  wie  einer,  der  Pfeffer,  Salz,  Paprika, 
Senf  und  so  weiter  Speisezutaten  nennt  und  dann  zum  Ausdrucke 
bringt,  Pfeffer,  Salz,  Paprika,  Senf,  Zucker  seien  von  gleicher 
Wesenheit,  namlich  sie  seien  Speisezutaten.  Aber  darauf  kommt  es 
nicht  an,  daft  man  solches  durch  Abstraktionen  zu  Charakterisie- 
rende  in  verschiedenen  konkreten  Dingen  und  Erscheinungen  fin- 
det,  sondern  darauf  kommt  es  an,  welche  Lebensbezuge  die  einzel- 
nen konkreten  Erscheinungen  und  Tatsachen  haben.  Und  da  moch- 
te  ich  fragen,  ob  irgend  jemand  recht  tut,  der  -  weil  die  Eigenschaft 
des  Speisezutat-Seins  in  all  den  Dingen:  Salz,  Zucker,  Pfeffer  und 
so  weiter  liegt  -,  nun  in  den  Kaffee  Salz  hineintut  statt  Zucker,  weil 
in  beiden  die  gleiche  Wesenheit,  das  Speisezutat-Sein,  liegt.  Man 
braucht  nur  geniigend  abstrakt  zu  sein,  dann  wird  man  sehr  leicht 
iiber  eine  gewisse  Erscheinungsreihe  hiniiber  Gleichheit  finden. 
Aber  darauf  kommt  es  im  Leben  nicht  an,  sondern  im  Leben 


kommt  es  darauf  an,  in  die  Dinge  der  Welt  unterzutauchen.  Und 
dann  zeigt  sich  gegenuber  dem  Inhalte  vorchristlicher  Religions- 
bekenntnisse  und  gegenuber  dem  Inhalte  des  Mysteriums  von  Gol- 
gatha,  dafi  diese  vorchristlichen  Bekenntnisse  Vorbereitungen  sind, 
die  eine  grofie  Synthesis  erfahren  haben  in  dem  Mysterium  von 
Golgatha.  Und  es  zeigt  sich  ferner,  dafi  als  Religion  innerhalb  der 
Menschheit  nichts  Neues  auftreten  kann  seit  dem  Mysterium  von 
Golgatha.  Es  konnen  nur  Erkenntnisse,  Weltanschauungen  auftre- 
ten, welche  zu  einer  tieferen  Erfassung  des  Mysteriums  von  Golga- 
tha fuhren,  als  diejenigen  sind,  die  schon  da  waren. 

Eine  solche  Vertiefung  gegenuber  dem  Mysterium  von  Golgatha 
soli  auch  die  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  dar- 
stellen.  Aber  neue  Religionsstiftungen  sollten  nach  dem  Mysterium 
von  Golgatha  nicht  mehr  vorkommen,  aus  dem  einfachen  Grunde, 
weil  dasjenige,  was  hintendiert  hat  zur  Religionsstiftung  innerhalb 
der  Menschheit,  seine  Vorbereitung  gehabt  hat  vor  dem  Mysterium 
von  Golgatha,  und  in  dem  Mysterium  von  Golgatha  seinen  Ab- 
schluE  erfahren  hat,  so  dafi  dann  neue,  andere  Ansatze,  die  andere 
sind  als  religiose,  in  die  Menschheit  noch  hineinkommen  konnen. 
Aber  nachdem  dasjenige,  was  durch  das  Mysterium  von  Golgatha 
an  religiosem  Impuls  in  die  Menschheit  hineingekommen  ist,  nach- 
dem das  in  der  Entwicklungsgeschichte  der  Menschheit  einen 
Abschlufi  bezeichnet,  kann  iiber  das  hinaus  zwar  ein  besseres  Ver- 
stehen  dieses  Abschlusses  kommen,  nicht  aber  kann  als  Religion 
etwas  Neues  gestiftet  werden.  Dieser  Einschlag  des  Mysteriums 
von  Golgatha  ist  fur  den  Gesamtorganismus  der  Menschheit  so 
etwas  wie,  sagen  wir  das  Geschlechtsreifwerden  fur  den  einzelnen 
menschlichen  natiirlichen  Organismus.  Es  kann  der  Mensch  doch 
nicht  zweimal  geschlechtsreif  werden.  Er  kann  das,  in  was  er  hin- 
einwachst  durch  die  Geschlechtsreife,  weiter  ausbilden,  aber  es 
kann  der  Mensch  nicht  ein  zweites  Mai  geschlechtsreif  werden. 
Solche  Dinge  werden  ganz  klar,  wenn  man  anthroposophisch 
orientierte  Geisteswissenschaft  wirklich  verfolgt.  Aber  diesen  Din- 
gen  gegenuber  wird  die  Unwahrheit  gesagt  und  zu  gleicher  Zeit 
Sorge  dafur  getragen,  dafi  von  denen,  auf  die  man  rechnet  beim 


Verbreiten  der  Unwahrheit,  die  Wahrheit  nicht  erkannt  werden 
kann.  Da  geniigt  es  nicht,  meine  lieben  Freunde,  etwa  durch  die 
Finger  zu  schauen  und  Fiinfe  gerade  sein  zu  lassen,  sondern  da  ist 
es  notwendig,  sich  ganz  klar  zu  werden  iiber  die  absolute  Un- 
moglichkeit,  daft  aus  solchen  Quellen  heraus  fiir  die  Menschheit 
Heilsames  kommen  konne. 

Nicht  wahr,  ich  versuche  diese  Dinge  von  einem  gewissen  allge- 
meinen  Standpunkte  aus  zu  charakterisieren,  von  dem  Standpunkte 
aus,  wie  Verbreitung  der  Unwahrheit  aus  solcher  Quelle  in  der 
Entwicklung  der  Menschheit  wirken  mufi.  Aber  man  mulS  sich 
doch  fragen,  wie  es  denn  kommt,  da$  immer  wieder  und  wiederum 
auch  bei  solchen  Menschen,  welche  Bekenner  anthroposophisch 
orientierter  Geisteswissenschaft  sein  wollen,  die  Sehnsucht  auftritt, 
dies  oder  jenes  zu  sagen:  Der  oder  jener,  der  innerhalb  solcher 
Kirchen  stent,  habe  doch  sich  nicht  so  schlimm  iiber  anthropo- 
sophisch orientierte  Geisteswissenschaft  ausgesprochen.  -  Solche 
Dinge  kommen  eben  davon,  daft  man  immer  wieder  und  wiederum 
einen  bequemen  Kompromifi  schlieften  mochte  mit  demjenigen, 
mit  dem  doch  ein  Kompromifi  nicht  geschlossen  werden  soil,  im 
Interesse  menschlicher  Wahrhaftigkeit  nicht  geschlossen  werden 
soli.  Mir  kommt  es  fast  vor,  als  ob  ich  iiberflussig  rede  -  und  ich 
weifS  doch,  dafi  es  nicht  iiberflussig  ist  -,  indem  ich  gerade  von 
diesem  Gesichtspunkte  aus  die  romisch-katholische  Kirche  charak- 
terisiere. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  in  demselben  Hefte  -  «Stimmen  der 
Zeit»  vom  November  1919  in  dem  diese,  man  mufi  also  sagen 
objektiven  Unwahrheiten  stehen  und  zugleich  die  Ankiindigung, 
dafi  es  den  rechtglaubigen  Katholiken  verboten  ist,  sich  iiber  die 
Wahrheit  zu  informieren,  in  demselben  Hefte  steht  auch  ein  Arti- 
kel  iiber  die  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  von  einem 
anderen  Jesuitenpater.  Nun,  man  ist  eigentlich  gewohnt,  wenn  man 
die  jesuitische  Literatur  kennt,  eine  gewisse  Achtung  zu  haben  vor 
dieser  Literatur  in  den  Teilen,  in  denen  sie  sich  bezieht  auf  man- 
cherlei  Untersuchungen  iiber  diese  oder  jene  philosophische 
Grundlage  der  menschlichen  Weltanschauungen,  eine  gewisse 


Achtung  zu  haben  wegen  eines  Scharfsinnes,  der  einmal  durch  jene 
Schulung  erworben  wird,  denen  die  Menschen,  die  solchen  Orden 
angehoren,  obliegen  mussen.  Aber  wenn  man  einen  solchen  Artikel 
liest  wie  diesen  iiber  die  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus, 
dann  kann  man  die  Anschauung  gewinnen,  daft  diese  Menschen, 
die  auf  vielen  Gebieten  einen  wirklichen  Scharfsinn  bis  vor  kurzer 
Zeit  erwiesen  haben,  diesen  Scharfsinn  durch  die  korrupten  Ele- 
mente  der  heutigen  unmittelbaren  Gegenwart  auch  noch  verloren 
haben,  wirklich  verloren  haben.  Denn  was  soli  man  zu  einer  Logik 
sagen,  wenn  zum  Beispiel  gesagt  wird,  daft  ich  die  Selbstandigkeit 
des  Geisteslebens  fordere  und  behaupten  wiirde: 

Mit  schlichten  Worten  gesagt:  Des  sozialen  Unheils  Wurzel  liegt  darin, 
daft  das  Proletariat  den  Glauben  verloren  hat. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  in  meiner  Schrift  «Die  Kernpunkte 
der  Sozialen  Frage»  wird  deutlich  ausgefuhrt,  daft  ein  wesentlicher 
Grund  fur  den  Verlust  eines  wirklichen  Geisteslebens  fur  das  Prole- 
tariat darin  liegt,  daft  die  bisherigen  Trager  dieses  Geisteslebens 
nicht  in  der  Lage  waren,  innerhalb  dieses  Geisteslebens  die  gehorige 
Lebensstoftkraft  zu  entwickeln.  Wahrhaftig  wird  bei  mir  nicht  gel- 
tend  gemacht,  daft  die  Menschen  verurteilt  werden  sollen,  die  den 
Glauben  verloren  haben,  wenn  sie  Proletarier  sind,  sondern  geltend 
wird  bei  mir  gemacht,  daft  gerade  die  leitenden,  fiihrenden  Kreise  - 
und  dazu  gehort  doch  noch  fur  einen  groften  Teil  der  Menschen  die 
romisch-katholische  Kirche  -,  daft  diese  leitenden  Kreise  das  Gei- 
stesleben  in  einer  solchen  Weise  allmahlich  ausgebaut  haben,  daft 
dieses  Geistesleben  keine  Stoftkraft  mehr  haben  konnte  fur  die 
Seelenbediirfnisse  breiter  Menschenmassen  in  der  Gegenwart.  Und 
eine  scheme  Logik  zum  Beispiel  ist  es  auch,  wenn  gesagt  ist:  Ja,  der 
Steiner  will,  daft  das  Geistesleben  selbstandig  werde,  aber  was  es  mit 
dem  selbstandigen  Geistesleben  fur  eine  Bewandtnis  hat,  das  sieht 
man  doch  an  der  Verbreitung  der  Kinokunst  in  der  Gegenwart.  - 
Nun,  meine  lieben  Freunde,  wer  den  Geist  meiner  «Kernpunkte  der 
Sozialen  Frage»  ins  Auge  fafit,  der  wird  wohl  geniigend  sehen,  daft 
ich  da  gerade  von  der  Unfreiheit  des  heutigen  Geisteslebens  spreche. 


So  ein  Mann  wie  dieser  andere  Jesuitenpater  -  Constantin  Nop- 
pel  heiftt  er  -  bringt  es  also  zustande  zu  schreiben,  daft  bei  mir  das 
freie  Geistesleben  gefordert  werde,  aber  als  ein  Beispiel,  was  unter 
einem  freien  Geistesleben  geschehen  wiirde,  dann  die  Auswiichse 
des  gegenwartigen  unfreien  Geistesleben  anzufuhren.  Das  sind  in 
der  Tat  eben  schon  Defekte  der  Logik.  Und  solche  Defekte  der 
Logik  wundern  mich  eigentlich  bei  einem  Manne,  der  durch  die 
Jesuitenschulung  hindurchgegangen  ist;  denn  daft  aus  einer  Seele, 
die  durch  die  Jesuitenschulung  gegangen  ist,  aus  politischen  Griin- 
den  die  objektive  Unwahrheit  kommt,  wie  das  bei  dem  Pater  Zim- 
mermann  der  Fall  ist,  das  kann  man  begreiflich  finden;  wie  aber 
solche  logischen  Verrenkungen  von  dieser  Seite  kommen  konnen, 
das  ist  etwas,  zu  dessen  Verstandnis  erst  die  allgemeine  Geistes- 
korruption  unserer  Tage  herangezogen  werden  muft. 

Ein  solches  Mitmachen  der  Geisteskorruption  zeigt  sich  ja  auch 
noch  in  anderen  Dingen.  In  meinen  «Kernpunkten  der  Sozialen 
Frage»  versuche  ich  zu  zeigen,  daft  das  unberechtigte  Hineinspie- 
len,  sagen  wir  von  wirtschaftlichen  Interessen  in  das  Rechtsleben 
nur  iiberwunden  werden  konne  durch  die  Verselbstandigung  des 
Rechtslebens.  Der  Pater  Constantin  Noppel  findet  nun:  Ja,  auch 
wenn  das  Rechtsleben  selbstandig  sein  wird,  dann  werden  eben  in 
den  Rechtsparlamenten  doch  auch  Biinde  der  Landwirte,  Arbeiter- 
vertretungen,  Unternehmerbundnisse  und  so  weiter  sein.  -  Hatte 
er  lesen  konnen,  so  wiirde  er  aus  meinen  «Kernpunkten»  haben 
entnehmen  konnen,  daft  die  ja  gut  drinnen  sein  konnen,  daft  sie 
aber  da  drinnen  nichts  machen  konnten,  was  ihren  Interessen  als 
Bund  der  Landwirte,  als  Arbeiterorganisation  oder  als  Unterneh- 
merverbande  entgegenkame,  denn  alles  das,  was  diesen  Interessen 
entgegenkommt,  wird  eben  gerade  innerhalb  des  selbstandigen 
Wirtschaftslebens  gemacht.  Trotzdem  findet  es  solch  ein  Jesuiten- 
pater moglich  zu  sagen: 

Eben  weil  dort  die  Rechte,  Arbeitsrecht,  Grundrecht  und  so  weiter 
festgelegt  werden,  wird  das  Rechtsparlament  der  Platz  fur  einen  Bund 
der  Landwirte,  fur  eine  einseitlge  Arbeiterpartei,  Unternehmerpartei 
und  so  weiter  sein. 


Ja,  meine  lieben  Freunde,  solche  Logik  kommt  ganz  genau 
gleich  der  Logik  irgendeines  Nichtsnutzes,  dem  man  sagt:  Damit 
du  heute  nicht  auf  die  Strafie  laufen  kannst  und  andere  Buben  krat- 
zen  und  durchpriigeln  kannst,  sperre  ich  dich  heute  ein;  was  wirst 
du  dann  machen?  -  Dann  sagt  er:  Ich  werde  sie  doch  durchpriigeln 
und  kratzen.  -  Nicht  wahr,  die  Logik,  die  bei  diesem  Jesuitenpater 
zugrunde  liegt,  ist  wirklich  ganz  genau  die  gleiche.  Er  fahrt  zum 
Beispiel  fort: 

Entweder  nehmen  also  die  wirtschaftlich  Interessierten  an  dieser  Ge- 
setzgebung  keinen  Anteil,  und  dann  gibt  Steiner  kein  Mittel  an,  wie  die 
souverane  Wirtschaft  zur  Annahme  ihrer  von  nicht-sachverstandiger 
Seite  auferlegten  Bestimmungen  gezwungen  werden  soil.  Oder  aber 
die  wirtschaftlich  Interessierten  arbeiten  an  der  Gesetzgebung  mit, 
dann  werden  sie  es  auch  stets  als  Interessierte  tun,  und  im  besten  Fall 
sind  wir  soweit  wie  heute. 

Nicht  wahr,  solchen  Menschen  gegeniiber  kann  man  von  allem 
moglichen  reden,  und  sie  werden  eben  sagen:  die  Dinge  bleiben 
eben  trotzdem  beim  Alten.  -  Man  kann  sagen,  solch  ein  Artikel, 
wie  ihn  der  Otto  Zimmermann  schreibt,  ist  voller  Gift  und  Galle, 
und  es  fallt  insbesondere  diese  Fulle  von  Gift  und  Galle  auf;  aber 
solch  ein  Artikel,  wie  der,  der  hier  iiber  die  Dreigliederung  des 
sozialen  Organismus  stent,  der  ist  eigentlich  nicht  voller  Gift 
und  Galle,  aber  eigentumlicherweise  voller  Dummheit.  Ich  konnte 
mir  sogar  denken,  dafi  es  Menschen  gibt,  die  sagen:  Nun,  der 
Constantin  Noppel  ist  ja  gar  nicht  einmal  so  schlimm,  denn  er 
behandelt  die  Dreigliederung  ganz  objektiv,  und  fur  seine  Dumm- 
heit kann  ja  schlieftlich  ein  Mensch  nichts.  -  Aber  eben  das  ware 
die  bequeme  Art  der  Beurteilung,  die  heute  so  ungeheuer  viel 
Schaden  stiftet. 

Nun  mochte  ich  aber  bei  dieser  Gelegenheit  auch  hier  wiederum 
auf  etwas  hinweisen,  was  ganz  grundlegend  bei  der  Idee  von  der 
Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  ist.  Dieser  Jesuitenpater 
schliefit  seinen  Artikel  mit  den  Worten: 


Doch  gibt  er 


-  damit  meint  er  mich  - 


...  sich  damit  im  wesentlichen  zufrieden  und  hofft  gegen  alle  Erfah- 
rung,  dafi  die  nun  gliicklich  getrennten,  bisher  feindlichen  Bnider  sich 
nunmehr  von  selbst  zu  friedlicher  Gemeinschaftsarbeit  finden  werden. 
Gesetzt  auch,  daft  die  Dreigliederung  praktisch  durchzufiihren  ware, 
so  lost  zwar  Steiner  den  sozialen  Organismus  in  drei  Glieder  auf,  aber 
die  soziale  Frage  lost  er  nicht.  Er  versagt  in  der  Synthese. 

Nun  kommt  es  gerade  darauf  an  -  und  das  ist  etwas  Grundlegen- 
des  -,  dafi  zwischen  der  Idee  von  der  Dreigliederung  des  sozialen 
Organismus  und  alien  anderen  Programmideen  eben  ein  Unter- 
schied  besteht.  Alle  anderen  Programmideen  gehen  davon  aus,  dafi 
sie  -  wenigstens  bis  zu  einem  gewissen  Grade  -  gewissermafien 
Losungsversuche  des  sozialen  Problems  seien.  Die  meisten,  die 
solche  sozialen  Programme  aufstellen,  haben  ja  doch  eigentlich  im 
Hintergrunde  die  Meinung:  Heute  ist  die  Welt  noch  schlecht,  aber 
wenn  sie  iiber  acht  Tage  soweit  ist,  dafi  sie  alles  das  verwirklicht, 
was  ein  solcher  Programm-Mann  aufstellt,  dann  wird  sie  gut  sein, 
dann  wird  die  soziale  Frage  so  ungefahr  gelost  sein. 

Sehen  Sie,  von  solchen  Anschauungen  geht  die  Idee  von  der 
Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  gar  nicht  aus,  sondern 
diese  Idee  von  der  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  konsta- 
tiert  zunachst,  dafi  unter  den  mancherlei  Stromungen,  die  im 
Menschenleben  vorhanden  sind  seit  soundso  vielen  Jahren,  auch 
die  soziale  Frage  im  modernen  Sinne  des  Wortes  ist.  Denn  wenn 
man  wieder  alles  durcheinanderwirft,  so  kann  man  naturlich  sagen, 
die  soziale  Frage  habe  es  immer  gegeben.  Aber  die  soziale  Frage, 
wie  wir  sie  heute  aus  unseren  Welt-  und  Lebensbedingungen  her- 
aus  aufzufassen  haben,  ist  eben  nicht  alter  als  sieben  bis  acht  Jahr- 
zehnte.  Diese  soziale  Frage  ist  da,  und  sie  ist  durch  die  Lebensver- 
haltnisse  im  gegenwartigen  Entwicklungsstadium  der  Menschheit 
in  dieses  menschliche  Leben  hereingetragen  worden.  Und  sie  mufi 
immer  von  neuem  gelost  werden,  das  heifit,  die  Menschen  mussen 
in  einem  sozialen  Organismus  leben,  aus  dessen  Struktur  heraus  sie 
sich  so  verhalten  werden,  dafi  ihr  Leben  eine  fortdauernde  Losung 


der  sozialen  Frage  findet.  Also  an  alle  Menschen  wird  appelliert, 
nicht  bloft  an  die  eigene  Gescheitheit,  sondern  an  alle  Menschen 
wird  appelliert.  Aber  gezeigt  wird,  unter  welchen  Verhaltnissen  im 
sozialen  Organismus  die  Menschen  leben  sollen,  wenn  sie  wirklich 
beitragen  sollen  zur  Losung  der  sozialen  Frage.  Das,  was  da 
durch  die  Idee  von  der  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus 
angestrebt  wird,  ist  etwas  so  Grundverschiedenes  von  alldem,  was 
bisher  als  programmatische  Ideen  aufgetreten  ist,  daft  es  wirklich 
eine  riesengrofte  Albernheit  ist,  wenn  jemand  sagt:  So  lost  Steiner 
den  sozialen  Organismus  in  drei  Glieder  auf,  aber  die  soziale  Frage 
lost  er  nicht.  -  Denn  es  geht  aus  jeder  Zeile  der  «Kernpunkte»  und 
aus  anderem,  was  ich  auf  diesem  Gebiete  geschrieben  habe,  hervor, 
daft  es  sich  mir  gar  nicht  darum  handelt,  daft  ich  als  einzelner  eine 
Losung  der  sozialen  Frage  geben  will,  sondern  daft  ich  darauf  hin- 
weisen  will,  wie  die  Menschen  im  sozialen  Organismus  gegliedert 
sein  sollen,  damit  aus  dem  Zusammenwirken  und  Zusammenden- 
ken  und  Zusammenempfinden  der  im  sozialen  Organismus  geglie- 
derten  Menschheit  die  Losung  der  sozialen  Fragen  kommen  kann. 
Es  ist  also  eine  Kapitaldummheit,  wenn  irgend  jemand  behauptet, 
ich  wiirde  die  soziale  Frage  nicht  losen,  denn  ich  habe  ja  niemals 
den  Anspruch  gemacht,  daft  ich  als  einzelner  die  soziale  Frage  lose. 
Ich  will  bloft  hinweisen  auf  diejenige  Organisation  des  gesellschaft- 
lichen  Lebens,  durch  die  der  Losung  der  sozialen  Frage  nahe- 
gekommen  werden  kann. 

Aus  all  den  Dingen  wird  Ihnen  hervorgehen,  wie  schwierig  es 
heute  ist,  mit  dem  aus  den  Grundbedingungen  der  Zeit  herausgebo- 
renen  Wahrheitsstreben  gegeniiber  dem  bosen  Willen  der  Mensch- 
heit und  gegeniiber  der  Torheit  der  Menschheit  wirklich  aufzukom- 
men.  Was  kann  denn  eigentlich  verachtlicher  sein,  als  wenn  jemand 
wie  der  Pater  Zimmermann  nachweislich  mit  objektiven  Unwahr- 
heiten  hausieren  geht.  Und  solches  Hausierengehen  mit  objektiven 
Unwahrheiten  kann  sich  heute  vor  den  gehorigen  Mafinahmen  bei 
seinen  eigenen  Leuten  dadurch  schiitzen,  daft  diesen  eigenen  Leuten 
verboten  wird,  sich  iiber  die  Wahrheit  zu  informieren.  Und  der 
Pater  Zimmermann  darf  ruhig  schreiben  fur  seine  Laien: 


Die  neuere  Theosophie  ist  schon  im  Lichte  der  bloften  Vernunft  ein 
verachtungswiirdiger,  tatsachlich  von  aller  ernsten  Wissenschaft  mit 
Verachtung  gestrafter  Mystizismus. 

Und  diese  objektive  Unwahrheit  miissen  die  katholischen  Laien 
glauben,  weil  es  verboten  ist,  sich  iiber  die  Wahrheit  zu  unterrich- 
ten.  Man  kann  sich  in  der  Tat  kaum  etwas  Korrupteres  vorstellen. 
Nur  darauf  mochte  ich  eben  hinweisen  in  bezug  auf  den  bosen 
Willen.  Die  Dummheit,  die  der  andere  Faktor  ist,  gegen  die  ist  ja 
schwer  aufzukommen.  Mit  bezug  auf  die  soziale  Frage  ist  das  der 
grofie  Irrtum,  daft  die  Menschen  immer  glauben,  die  soziale  Frage 
sei  etwas,  was  ein  einzelner  oder  eine  Partei  mit  einem  Programm 
losen  konne.  Die  soziale  Frage  kann  man  nur  fortdauernd,  konti- 
nuierlich  losen,  indem  man  in  einer  gewissen  Art  das  menschliche 
Zusammenleben  organisiert.  Das  ist  es  gerade,  worauf  in  funda- 
mentaler  Weise  durch  die  Idee  von  der  Dreigliederung  des  sozialen 
Organismus  hingewiesen  wird  und  was  man  so  formulieren  kann: 
Diese  Idee  von  der  Dreigliederung  des  sozialen  Organismus  sagt, 
daft  ein  einzelner  die  soziale  Frage  nicht  losen  kann.  -  Und  dann 
kommt  die  Dummheit  und  sagt:  «...  aber  die  soziale  Frage  lost  er 
nicht». 

Sehen  Sie,  meine  lieben  Freunde,  es  ist  tatsachlich  notwendig, 
daft  man  die  Augen  nicht  verschliefk  vor  diesen  Dingen,  und  ich 
kann  Ihnen  die  Versicherung  geben,  was  ich  das  letzte  Mai  sagte,  ist 
mir  durchaus  bitterer  Ernst.  Keineswegs  entspricht  es  meiner  Nei- 
gung,  diese  Dinge  gerade  in  bezug  auf  die  katholische  Kirche  zu 
sagen.  Aber  ich  sage  sie  ja  auch  nicht  als  irgendein  Angreifer,  son- 
dern  ich  sage  sie  als  Angegriffener.  Ich  wiirde  mich,  wenn  diese 
Angriffe  nicht  gekommen  waren,  wahrhaftig  darauf  beschranken, 
in  positiver  Weise  die  Wahrheit  vor  die  Menschen  hinzustellen. 
Aber  wo  aus  einem  solchen  Geiste  heraus  die  Angriffe  kommen,  ist 
es  nicht  anders  moglich,  als  diese  Angriffe  auch  in  gehoriger  Weise 
zu  charakterisieren.  Was  von  einzelnen  Seiten  der  katholischen 
Priesterschaft  ausgesprochen  worden  ist,  das  ist  ja  richtig;  es  gehort 
das  vielleicht  sogar  zu  dem  wenigen  Richtigen,  was  in  bezug  auf 


Anthroposophie  von  der  katholischen  Kirche  ausgesprochen  wor- 
den  ist;  es  wurde  da  oder  dort  gesagt:  Na,  solange  diese  Anthropo- 
sophie ein  obskures  Dasein  fuhrt,  werden  wir  uns  um  sie  nicht 
bekummern;  in  dem  Augenblick  aber,  wo  sie  sich  verbreitet,  in  dem 
Augenblick  werden  wir  sie  vernichten! 

Man  konnte  auf  der  einen  Seite  den  gegenwartig  auftretenden 
intensiven  Kampf  gegen  Anthroposophie  ja  dann  als  Dokument 
auffassen  fur  die  Verbreitung.  Das  ist  auch  in  gewissem  Sinne  der 
Fall.  Aber  auf  der  anderen  Seite  darf  der  Wille  zur  Vernichtung,  der 
auf  der  heute  gekennzeichneten  Seite  besteht,  nicht  unterschatzt 
werden,  denn  von  dieser  Seite  wird  man  vernichten,  was  man  ver- 
nichten kann.  Und  die  Standfestigkeit  einer  geistigen  Bewegung  fur 
das  aufiere  physische  Menschenleben  zwischen  Geburt  und  Tod 
ruht  doch  auf  der  ehrlichen  Kraft  ihrer  Bekenner.  Dieses  letztere 
Wort  bitte  ich  Sie  durchaus  ins  Auge  zu  fassen.  Diese  ehrliche 
Kraft  der  Bekenner,  auch  diese  sachverstandige  Kraft  der  Bekenner, 
das  ist  etwas,  an  das  man  immer  wieder  und  wiederum  appellieren 
mufi,  weil  ja  ganz  gewifi  fur  die  Krafte  in  den  geistigen  Welten 
selbst  es  gleichgiiltig  ist,  wieviel  Erdenmenschen  sich  zu  einer 
Sache  bekennen,  aber  die  Erde  braucht  Wahrheit,  und  zur  Ver- 
breitung der  Wahrheit  auf  der  Erde  ist  die  Kraft  ihrer  Bekenner 
notwendig. 

Von  vielen  Seiten  her  erfahrt  anthroposophisch  orientierte  Gei- 
steswissenschaft  heute  Angriffe.  Man  wiirde  sich  ja  gern  mit  diesen 
Angriffen  auseinandersetzen,  meine  lieben  Freunde,  wenn  sie  so 
geartet  waren,  da£  sie  sich  mit  objektiv  Hingestelltem  beschaftigen 
wiirden.  Warum  sollte  man  sich  denn  nicht  in  eine  objektive  Pole- 
mik  mit  objektiven  Gegnern  einlassen?  Aber  nehmen  Sie  solche 
Angriffe  wie  den,  der  von  dem  Individuum  Dessoir  ausgegangen 
ist,  nehmen  Sie  das,  was  hier  von  einer  ganzen  Kirchengemein- 
schaft  durch  ihre  Vertreter  ausgeht  -  Sie  finden  im  Grunde  genom- 
men  uberall  den  Typ  des  unsachlichen  Angriffes  und  uberall  den 
Typ  des  innerlich,  seelisch  Korrupten. 

Sonnabend  um  V2  8  Uhr  werden  wir  dann  von  weniger  uner- 
freulichen  Dingen  zu  sprechen  haben. 


MITTEILUNG  VOR  DEM  MITGLIEDERVORTRAG 


Dornach,  7.  Dezember  1919 

Meine  lieben  Freunde,  ich  mufi  Sie  auch  heute  wiederum  in  der 
Einleitung  plagen  mit  einer  kleinen  Mitteilung.  Aber  da  wir  ja 
heute  wohl  die  letzte  unserer  Betrachtungen  haben  vor  unserer 
Abreise  -  die  Abwesenheit  wird  diesmal  ja  wohl  kiirzer  dauern  - 
so  mu£  ich  diese  mir  wenig  schmackhafte  Mitteilung  schon  noch 
machen.  Sie  gehort  in  die  Reihe  der  zahlreichen  Angriffe,  die  jetzt 
erfolgen  und  unterscheidet  sich  von  den  anderen  Ihnen  bereits 
mitgeteilten  Angriffen  dadurch,  daft  sie  vielleicht  noch  um  ein 
wesentliches  Stuckchen  gemeiner  ist  als  andere.  Es  erscheint  ein 
Blatt  hier  -  wie  ich  glaube  nicht  sehr  ferne  das  sich  nennt 
«Suisse-Belgique-Outremer»;  in  diesem  Blatt  findet  sich  ein  Artikel 
liber  «Die  Kernpunkte  der  Sozialen  Frage»,  und  dieser  Artikel 
beginnt  mit  den  Worten: 

Quel  abime,  si  nous  passons  d'un  Emile  Waxweiler  a  un  Rudolf  Steiner! 
L'un  est,  au  premier  abord,  obscur  dans  sa  terminologie,  mais  sa  pensee 
est  d'une  clarte  aigue.  L' autre  developpe  ses  pensees  en  une  langue  que 
ses  intimes  pourront  trouver  claire,  mais  sa  pensee  nous  parait  eminem- 
ment  obscure!  L'ecrivain  allemand  est  theosophe.  On  affirme  qu'il  fut 
le  conseiller  intime,  le  confident  et  l'inspirateur  de  Guillaume  II,  par 
deference  nous  ne  repeterons  point  l'expression  de  <Raspoutine>  de 
Guillaume  II,  par  laquelle  nous  l'avons  entendu  designer. 

Nun,  meine  lieben  Freunde,  zuerst  die  Logik,  die  in  diesem  Falle  ein 
Stuck  Moral  ist  -  und  da  wir  ja  in  der  letzten  Zeit  iiber  mannigfalti- 
ges  Moralisches  auch  zu  sprechen  hatten,  so  reiht  sich  ja  das  in  un- 
sere  anderweitigen  Betrachtungen  nicht  schlecht  ein  -,  zuerst  die 
Logik,  die  ein  Stuck  Moral  ist:  Man  verbreitet  ein  ganz  gemeines 
Gerucht,  und  man  sagt  zu  gleicher  Zeit,  daft  man  nichts  zu  seiner 
Verbreitung  beitragen  will;  man  sagt,  man  will  etwas  nicht  behaup- 
ten  -  und  behauptet  es.  Das  ist  die  Logik  vieler  Menschen  der 
Gegenwart. 


Nun  mochte  ich  die  Tatsachen  dem  entgegenstellen.  Unsere 
Freunde  werden  sich  erinnern,  daft  ich  im  Laufe  der  Jahrzehnte  seit 
den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  -  vielleicht  konnen 
sich  diejenigen,  die  hier  sind,  nur  an  Jahrzehnte  in  geringerer  An- 
zahl  erinnern,  das  macht  aber  nichts,  weit  zuriick  wissen  sich  aber 
manche  zu  erinnern,  die  hier  sitzen  -,  daft  ich  zahlreiche  Vortrage 
gehalten  habe.  Sie  werden  wissen,  daft  ich  zu  diesem  «Guillaume 
II »  nur  die  eine  Stellung  hatte  durch  die  ganze  Zeit  hindurch,  die 
Stellung  des  absoluten  Ignorierens  -  eine  andere  Moglichkeit  gab  es 
ja  nicht  -,  die  Stellung  des  absoluten  Ignorierens.  Gegeniiber  jener 
Stellung,  welche  wahrhaftig  nicht  nur  etwa  allein  in  Deutschland, 
im  ehemaligen  Deutschland  eingenommen  worden  ist  zu  «Guillau- 
me  II»,  sondern  auch  im  Auslande,  ist  das  doch  wohl  etwas  abste- 
chend,  daft  hier  auf  unserem  Boden,  soweit  ich  selber  in  Betracht 
komme,  das  absoluteste  Ignorieren  stattfand.  Ich  habe  -  ich  kann 
das  sehr  einfach  darstellen  -  seit  gestern  nachgedacht  -  gestern 
abend  bekam  ich  diesen  Artikel  -,  welches  meine  Beziehungen  zu 
«Guillaume  II»  eigentlich  sind.  Und  ich  habe  diesen  Wilhelm  II. 
gesehen  einmal,  indem  ich  safi  im  zweiten  Rang  eines  Berliner 
Theaters:  da  saft  er  in  der  Hofloge  -  ich  war  so  weit  entfernt,  wie 
von  hier  bis  zu  den  dort  in  den  letzten  Reihen  Sitzenden  -,  da  sah 
ich  ihn.  Dann  ging  ich  einmal  iiber  die  Friedrichstrafte,  da  ritt  er 
unter  seinen  Generalen  oder  so  etwas  mit  dem  Marschallstabe.  Und 
dann  sah  ich  ihn  noch  einmal  im  Zuge  schreiten,  als  er  hinter  dem 
Sarg  der  Groftherzogin  Sophie  von  Sachsen- Weimar  ging.  Gespro- 
chen  habe  ich  mit  ihm  noch  nie  ein  Wort;  in  seiner  Nahe  war  ich 
niemals. 

Das  ist  die  Wahrheit,  meine  lieben  Freunde,  und  es  gibt  heute 
die  Moglichkeit,  daft  die  Wahrheit  nicht  nur  von  Skatbriidern  beim 
Dammerschoppen  und  von  Kaffeetanten  in  einer  solchen  Weise 
entstellt  wird  -  das  ist  sie  ja  schon  seit  langerer  Zeit  -,  sondern  von 
Menschen,  die  in  «Zeitschriften»  schreiben.  Und,  meine  lieben 
Freunde,  diese  Zeitschriften  werden  gelesen,  ohne  daft  man  sich 
darum  kiimmert,  welche  Gesinnung  gegeniiber  der  Wahrheit  in 
unserem  Zeitschriftenwesen  heute  ist.  Da  muft  man  doch  die  Frage 


aufwerfen:  Welche  Aussicht  hat  denn  iiberhaupt  gegeniiber  einer 
solchen  bodenlosen  Korruption  eine  geistige  Bewegung,  die  sich  in 
der  Welt  geltend  machen  will  -  eine  geistige  Bewegung,  die  es 
wahrlich  notig  hatte,  nicht  aus  einem  aufieren  Geflunker,  sondern 
aus  dem  innersten  Nerv  ihres  Existierens,  ihrer  Existenzmoglich- 
keit  heraus  zu  sagen:  Die  Weisheit  liegt  nur  in  der  Wahrheit?  -  Wir 
mufiten  oftmals  gerade  gelegentlich  der  Betrachtungen  der  letzten 
Wochen,  meine  lieben  Freunde,  immer  wieder  und  wieder  darauf 
aufmerksam  machen:  Wenn  dasjenige,  was  ich  hier  Geisteswissen- 
schaft  nenne,  in  der  Welt  wirklich  durchdringen  will,  so  ist  dazu 
erforderlich,  dafi  ein  Boden  ehrlichster  und  aufrichtigster  Wahrhaf- 
tigkeit  fur  dasjenige,  was  die  Geisteswissenschaft  der  Welt  zu  sagen 
hat,  da  sei.  Und  ich  habe  oftmals  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafi 
im  Kleinsten  es  notwendig  ist  von  denjenigen,  die  sich  beteiligen 
wollen  an  solch  einer  geisteswissenschaftlichen  Bewegung,  zu 
sehen,  wie  selbst  in  den  unbedeutendsten  Worten  und  in  der  un- 
bedeutendsten  Mitteilung  der  alltaglichsten  Tatsache  absoluteste 
wortgetreue  Wahrhaftigkeit  herrschen  musse.  Denn  dasjenige,  was 
das  Nicht-genau-Nehmen  mit  der  Wahrheit  in  der  Alltaglichkeit 
ist,  das  hat  eine  innere  Wachstumskraft,  das  wachst,  das  hat  eine 
eigene  Vitalitat,  und  das  wachst  sich  dann  aus  zu  diesen  Dingen,  die 
eigentlich  nicht  mehr  charakterisiert  werden  konnen,  weil  sie  alles 
Maft  des  Menschlich-Gemeinen  uberschreiten,  weil  in  Menschen, 
die  in  einer  solchen  Weise  ihre  gemeine  Verleumdungssucht  auf 
Papier  mit  Druckerschwarze  vervielfaltigen  diirfen,  dasjenige 
steckt,  was  unsere  Kultur  korrupt  macht.  Und  es  ist  durchaus  eine 
Wahrheit,  dafi,  solange  nicht  der  Kampf  aufgenommen  wird  in 
ernstlicher  und  ehrlicher  Weise  gegen  alles  dasjenige,  was  aus 
solcher  Ecke  herauskommt,  die  Menschheit  weiter  in  die  Dinge 
hineinsegeln  wird,  die  heute  nun  griindlich  wahrzunehmen  sind. 

Man  mufi,  meine  lieben  Freunde,  anschauen  dasjenige,  was  in 
der  Welt  geschieht,  an  solchen  Symptomen.  Deshalb  ist  es  hier 
notwendig,  da$  Kleines  und  Grofies,  was  gegen  den  Wahrheitssinn 
verstofk,  immer  wieder  geriigt  werde.  Derjenige,  der  eine  Ahnung 
davon  hat,  was  verbunden  wird  heute  mit  der  Personlichkeit  des 


Rasputin,  der  weifi  zu  gleicher  Zeit,  aus  welch  bodenlos  gemeiner 
Ecke  heraus  eine  solche  Verleumdung  gemiinzt  ist.  Sie  sehen  also, 
meine  lieben  Freunde,  nicht  blo$  von  der  kirchlichen  Seite,  von  der 
die  Angriffe  immer  heftiger  werden,  sondern  auch  von  nichtkirch- 
licher  Seite  droht  gar  mancherlei  demjenigen,  was  sich  hier  geltend 
machen  will  als  geisteswissenschaftlicher  Kultureinschlag.  Und 
man  mochte  wahrhaftig  Worte  finden  -  ich  sagte  das  ja  hier  schon 
ofter  welche  mehr  Tragkraft  haben,  als  meine  Worte  bisher  ha- 
ben  konnten,  denn  das  zeigt  sich  ja  auch  wiederum  an  alien  Ecken 
und  Enden;  man  mochte  Worte  finden,  welche  mehr  Tragkraft  fin- 
den konnten,  um  zu  begegnen  dem,  was  heute  der  Ausbreitung  der 
Wahrheit  in  der  Welt  entgegensteht.  Man  mochte  deshalb  mehr 
Kraft  finden,  weil  leider  die  Seelen  der  meisten  Menschen  gegen- 
iiber  demjenigen,  was  hier  als  Wahrheit  gemeint  ist,  eigentlich  doch 
schlafen,  weil  die  Seelen  der  meisten  Menschen  im  Grunde  genom- 
men  doch  das  ungeheuer  Ernste,  das  hinter  diesen  Sachen  steckt, 
sehr  bald  wiederum  vergessen,  nachdem  es  vor  sie  hingetreten  ist. 

Ich  mochte  heute  eben  dies  auch  noch  als  Prinzipielles  sagen. 
Versuchen  Sie  es  einmal,  meine  lieben  Freunde,  die  Zeit  der  weni- 
gen  Wochen,  in  denen  ich  hier  vielleicht  keine  Vortrage  halten 
werde,  dazu  zu  verwenden,  iiber  Wahrheitsgefuhl  und  Wahrheits- 
gesinnung  einmal  ernst  zu  meditieren,  zu  meditieren  iiber  die  Trag- 
fahigkeit  des  Wahrheitssinnes  und  iiber  das  ungeheuer  Korrumpie- 
rende  des  heute  die  Welt  so  intensiv  durchziehenden  Unwahrhaf- 
tigkeitssinnes.  Denn  glauben  Sie  es  mir:  Die  menschlichen  Gedan- 
ken  sind  reale  Machte,  und  Unwahrhaftigkeiten  sind,  auch  wenn 
sie  im  Kleinen  waken,  sie  sind  todlich  fur  dasjenige,  was  eigentlich 
bezeichnet  werden  mufi  als  der  die  Erdenevolution  fordernde 
Geist.  Und  man  kann  einfach  auf  die  Dauer  nicht  zur  Verbreitung 
dieses  Erden-Fordernden  beitragen,  wenn  man  etwa  zu  stolen 
hatte  immer  wieder  und  wiederum  auf  lauter  Unwahrhaftigkeit. 
Das  mufite  ich  wiederum  zur  Einleitung  heute  sagen,  damit  Sie 
aufgeklart  sind  dariiber,  meine  lieben  Freunde,  woran  es  liegen 
konnte,  wenn  etwa  das  Esoterische  allmahlich  immer  mehr  und 
mehr  versickern  miifite  aus  demjenigen,  was  als  geisteswissen- 


schaftliche  Bewegung  auch  durch  unsere  Reihen  geht.  Glauben  Sie 
nicht,  daft  hier  etwas  Unwichtiges  gesagt  wird.  Es  ist  notwendig, 
daft  jeder  eigentlich  ernsthaft  mit  sich  zu  Rate  geht,  meditativ  sich 
verhalt  zu  der  Frage  iiber  die  Tragkraft  der  Wahrheit,  denn  einmal 
tritt  sie  im  Kleinen,  in  der  alltaglichen  Mitteilung  auf,  die  Unwahr- 
haftigkeit,  das  andere  Mai  als  moralisch  korrupte  Unlogik,  wie  hier 
in  diesem  Artikel.  Die  Dinge  sind  nur  quantitativ  verschieden, 
qualitativ  im  Grunde  genommen  dasselbe. 


TEIL  II 

RELIGIOSE  GEGNERSCHAFTEN 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MITGLIEDERVORTRAG 


Dornach,  24.  April  1920 

Ich  mochte  heute  Sie  wiederum  nur  mit  ein  paar  Angaben  belasti- 
gen,  denn  vielleicht  ist  gerade  die  Zeit  der  Generalversamm- 
lungswoche  geeignet,  auf  solche  Dinge  aufmerksam  zu  machen. 

Dr.  Boos  war  genotigt  durch  eine  Anzahl  von  Artikeln,  die  mit 
dicksaftigen  Verleumdungen  unserer  Sache  iiberall  hier  erschienen 
sind,  einmal  folgenden  offenen  Brief  zu  richten  an  -  na  ja,  an  die- 
jenigen,  die  es  angeht,  und  zwar  so,  daft  hingewiesen  werden  muftte 
eben  auf  die  Art  und  Weise,  wie  da  gekampft  wird: 

Offener  Brief  an  Herrn  Mo.  Arnet,  katholischer  Pfarrer  in  Reinach, 
Baselland. 

Der  Unterzeichnete  stellt  hiemit  fest: 

1.  Das  neunte  Gebot  (2.  Mos.,  20)  lautet:  «Du  sollst  kein  falsches 
Zeugnis  reden  wider  deinen  Nachsten.»  Im  Christentum  ist  dies  Ver- 
bot  nicht  aufgehoben  (vergleiche  Eph.  4,25). 

2.  In  dem  von  Ihnen  redigierten  «Katholischen  Sonntagsblatt  des 
Kantons  Baselland  und  seiner  Umgebung»  vom  11.  April  1920  (Nr.  15) 
drucken  Sie  unter  dem  Titel  «Von  den  Anthroposophen»  einen  bereits 
vorher  in  den  katholischen  Parteiblattern  «Neue  Rheinfelder  Zeitung» 
und  «Die  Nordschweiz»  anonym  erschienen  Artikel  ab,  der  ein  ver- 
leumderisches  Machwerk  iibelster  Sorte  darstellt,  indem  er  -  aufter 
zahlreichen  Ungenauigkeiten  -  nicht  weniger  als  dreiundzwanzig 
faustdicke  Lugen  enthalt! 

Ich  frage  Sie:  Wie  vereinigen  Sie  diese  beiden  Tatsachen  mit  der 
dritten,  daft  Sie,  der  Redaktor  des  Sonntagsblattes,  Priesteramt  in  einer 
christlichen  Glaubensgemeinschaft  ausiiben,  daft  Sie  sich  aufterdem 
anmaften,  iiber  die  Christlichkeit  anderer  Leute  Gericht  zu  halten? 

Die  Antwort  auf  diese  Frage  konnen  Sie  geben,  in  welcher  Form  Sie 
wollen.  Ich  werde  auch  wieder  da  sein. 

Dr.  jur.  Roman  Boos,  Rechtsanwalt 
Zurich  -  Dornach 


Nun  kann  uberall  die  Anzahl  der  Liigen  nachgezahlt  werden, 
und  man  wird  diese  23  faustdicken  Liigen  finden.  Aber  man  hat  es 
da  mit  einer  Art  von  Leuten  zu  tun,  die  alles  verwechseln.  Ich  habe 
oftmals  betont:  Von  unserer  Seite  aus,  von  anthroposophischer 
Seite  aus,  wird  nie  aggressiv  vorgegangen,  nie  jemand  zuerst  an- 
gegriffen,  aber  man  mufi  sich  wehren.  Die  greifen  an,  bezeichnen 
dann  das  Sich-Wehren  als  Angriff.  Das  macht  deutlich  ein  nied- 
liches  Schriftchen,  das  Dr.  Boos  von  einem  -  ja,  wie  heilk  es  in  der 
Odyssee?  -  von  einem  «Niemand»  erhalten  hat: 

Wir  sind  Leute  von  hochster  Bildung.  So  hatte  ich  neulich  das  Vergnii- 
gen,  einem  Gesprach  von  Anthroposophen  zu  lauschen.  ... 

Ich  finde  es  ja  nicht  gerade  geschmackvoll,  wenn  im  Tramway  solche 
Gesprache  gefuhrt  werden,  aber,  na,  es  geschieht  halt.  Nun  weiter: 

...  Wahrlich  sehr  hohe  Bildung  scheint  mir  auch  Herr  Dr.  Boos  zu 
haben.  Darf  ich  wohl  diesen  fein  gebildeten  und  hochsituierten  Herrn 
doch  bitten,  ja  nicht  weiter  unsere  Priester  anzugreifen,  sei  es  auf 
welche  Art  Sie  wollen.  Die  Priester  unserer  katholischen  Religion  las- 
sen  wir  nicht  in  Ihren  Kot  ziehen.  Moge  die  Rache  iiber  Sie  kommen 
samt  der  ganzen  Brut  auf  dem  Hiigel  droben.  Dies  sind  Stimmen  aus 
dem  Volk. 

Sie  sehen,  meine  lieben  Freunde,  was  da  heraustont  und  wie  es 
notwendig  ist,  die  Dinge  nicht  zu  verschlafen,  die  da  vorgehen.  Als 
Antwort  an  Herrn  Dr.  Boos  steht  im  « Katholischen  Sonntags- 
blatt»,  das  Herr  Arnet,  der  Pfarrer  von  Reinach,  redigiert: 

An  Herrn  Dr.  Roman  Boos,  Rechtsanwalt,  Dornach  -  Zurich. 

Sie  bezichtigen  mich  im  «Arlesheimer  Bezirksblatt»  der  Luge,  und 
zwar  in  der  denkbar  unverschamtesten  Form,  ohne  jede  Angabe,  in 
welchen  Punkten  ich  mich  der  Unwahrheit  schuldig  gemacht  habe 
durch  Abdruck  des  beanstandeten  Artikels  aus  der  «Neuen  Rhein- 
felder  Zeitung»  im  basellandschaftlichen  Sonntagsblatt. 

Ich  fordere  Sie  hiermit  auf,  den  Beweis  fur  Ihre  freche  Behauptung 
zu  erbrmgen  und  werde  bereit  sein,  auf  sachlichem  Boden  die  Streit- 
frage  auszufechten. 

Pfarrer  M.  Arnet,  Redaktor 


Nun,  meine  lieben  Freunde,  wieder  die  verkehrte  Welt.  Wer  hat 
denn  etwas  zu  beweisen?  Derjenige,  der  ruhig  gewesen  ist  und  nie- 
mandem  etwas  getan  hat,  oder  derjenige,  der  freche  23  Liigen  in  die 
Welt  streut?  Der  fuhlt  sich  berufen,  der  andere  soil  beweisen.  Wer 
dreiundzwanzigmal  gelogen  hat,  der  sollte  vor  alien  Dingen  die 
Verpflichtung  fuhlen,  fur  das  einzutreten,  womit  er  zuerst  angefan- 
gen  hat.  Denkt  man  heute  daran?  Denkt  man  daran,  daft  jemand  die 
Verantwortung  hat,  fur  das,  was  er  behauptet,  auch  einzutreten? 
Heifk  das  nicht,  alles  Verantwortungsgefuhl  in  den  Wind  zu  schla- 
gen?  Schon  diese  Art  aufzutreten,  die  charakterisiert  geniigend,  um 
was  es  sich  hier  handelt. 

Ich  mufke  Sie  wieder  einmal  mit  diesen  Dingen  belastigen,  die, 
wie  Sie  wissen,  ja  heute  zahlreich  genug  sind. 


SCHLUSSWORT  NACH  DEM  MITGLIEDERVORTRAG 


Dornach,  1.  Mai  1920 

Heute  mochte  ich  Sie  noch  mit  einer  Kleinigkeit  bekanntmachen. 
Ich  kann  Ihnen  ja  alle  diese  Dinge  jetzt  nicht  ersparen.  Erstens 
mochte  ich  Sie  darauf  aufmerksam  machen,  dafi  im  «Tagblatt  fiir  das 
Birseck,  Birsig-  und  Leimental»  -  welches  sich  jetzt  gewissermaften 
in  freundlicher  Weise  zu  uns  stellt,  was  unsere  Freunde  beriicksich- 
tigen  sollten  -,  da$  da  erschienen  ist  eine  Erwiderung  von  unserem 
Freundeskreise  auf  die  Angriffe,  die  jetzt  so  zahlreich  sind. 

Dagegen  darf  ich  Sie  auch  darauf  aufmerksam  machen,  dafi  die 
«Neue  Rheinfelder  Zeitung»  -  von  der  ein  grofier  Teil  oder  im 
Grunde  genommen  eigentlich  alles  [an  Verleumdungen]  in  der  letz- 
ten  Zeit  ausgegangen  ist  -,  dafi  auch  die  «Neue  Rheinfelder  Zei- 
tung»  wohl  genotigt  war,  eine  Berichtigung  aufzunehmen.  Sie  hat 
aber  eine  «Nachschrift  der  Redaktion»  gemacht,  und  mit  dieser 
Nachschrift  der  Redaktion  mufi  ich  Sie  doch  bekanntmachen.  Die 
«Erklarung»  sei  etwas  verballhornt  worden,  wie  mir  soeben  Herr 
Dr.  Boos  sagte,  aber  die  Nachschrift  der  Redaktion,  die  bitte  ich  Sie 
doch  in  einer  etwas  griindlicheren  Weise  zu  betrachten.  Da  heiftt  es: 

Nachschrift  der  Redaktion. 

Unser  Einsender  ist  der  Ansicht,  daft  sich  iiber  geistige  Strdmungen 
und  Irrungen,  als  welche  wir  auch  die  anthroposophische  betrachten, 
nicht  gut  prozessieren  laftt.  Was  sich  in  obiger  Erklarung  ohne  Beweis 
behaupten  lafit,  lalk  sich  ebenso  leicht  ohne  Gegenbeweis  ablehnen.  ... 

Ja,  die  «obige  Erklarung»  ist  die  von  Dr.  Boos,  worin  die  23 
kniippeldicken  Liigen  richtiggestellt  werden,  die  von  dieser  Seite 
ausgegangen  sind;  und  gegeniiber  der  Richtigstellung  wird  dieser 
Satz  gesagt:  «Was  sich  in  obiger  Erklarung  ohne  Beweis  behaupten 
lafit,  lafit  sich  ebenso  leicht  ohne  Gegenbeweis  ablehnen. » 

Ich  mufi  noch  einmal  darauf  hinweisen,  wie  wir  heute  in  einer 
gewissen  verkehrten  Welt  leben.  Man  darf  in  einer  beliebigen  Weise 
liigen  und  verleumden,  und  derjenige,  der  davon  betroffen  wird, 


dem  schiebt  man  die  Beweislast  zu,  statt  zu  wissen,  dafi  derjenige, 
der  urspriinglich  etwas  behauptet,  die  Beweislast  hat.  Auf  solche 
Dinge  sollte  heute  schon  hingewiesen  werden. 

...  Interessant  ist  auch  die  Tatsache,  dafi  das,  was  anno  1914  und  1916 
unwidersprochen  in  Blattern  veroffentlicht  werden  konnte,  nun  auf 
einmal  injurios  sein  soli. 

Das  heilk,  die  Leute  haben  dazumal  schon  gelogen,  und  weil  ihnen 
dazumal  nicht  schon  gehorig  auf  den  Mund  gehauen  worden  ist,  so 
verbreiten  sie  das  heute  noch  einmal  und  glauben,  die  Verjahrung 
der  Luge  mache  die  Luge  zur  Wahrheit.  Das,  meine  lieben  Freun- 
de,  ist  katholische  Logik,  wie  sie  sich  ausdriickt  in  der  «Neuen 
Rheinf elder  2eitung».  Oben  an  der  «Neuen  Rheinf elder  Zeitung» 
steht:  «Fur  Gott  und  Vaterland,  fur  Wahrheit  und  Recht.»  Das  ist 
der  Usus  der  heutigen  Welt. 


OFFENTLICHER  VORTRAG 


Dornach,  5.  Juni  1920 

Die  Wahrheit  iiber  die  Anthroposophie 
und  deren  Verteidigung  wider  die  Unwahrheit 

Meine  sehr  verehrten  Anwesenden!  Vorausschicken  mochte  ich, 
dafi  dieser  Vortrag  mir  wahrhaftig  keine  Befriedigung  gewahrt.  Er 
ist  wohl  vielleicht  einer  von  denjenigen,  die  am  allerwenigsten  ge- 
eignet  sind,  mir  Befriedigung  zu  gewahren  -  keiner  von  denen,  die 
ich  begehre  zu  halten  -,  aber  er  ist  in  einer  gewissen  Weise  durch 
Ereignisse,  die  nun  schon  eine  ziemlich  lange  Zeit  hier  in  nachster 
Umgebung  spielen,  herausgefordert.  Und  ich  darf  wohl  auch  das 
noch  voranschicken,  dafi  es  ja  immer  mehr  und  mehr  in  der  Bewe- 
gung,  innerhalb  welcher  ich  stehe,  dazu  gekommen  ist,  daft  mir  die 
Aufgabe  des  Ausbaues  der  in  Frage  kommenden  Geistesstromung 
zugefallen  ist  und  daft  ich  voll  beschaftigt  bin  mit  diesem  Ausbau 
nach  den  verschiedendsten  Seiten  hin.  Deshalb  ist  bei  mir  wahrhaf- 
tig nicht  Zeit  und  irgendwelche  Neigung  vorhanden,  gegeniiber  der 
Aufienwelt  diese  oder  jene  Angriffe  zu  unternehmen.  Dagegen 
mehren  sich  die  Angriffe,  die  andere  gegen  diese  Bewegung  unter- 
nehmen, in  der  letzten  Zeit  in  einer  ganz  ungeheuerlichen  Weise  - 
ungeheuerlich  nicht  nur  ihrer  Zahl  nach,  sondern  ungeheuerlich 
vor  alien  Dingen  ihrem  Inhalte  nach.  Ich  werde  mich  bemuhen, 
den  heutigen  Vortrag  so  objektiv  wie  moglich  zu  halten.  Bei  der 
leider  so  reichen  Fulle  des  Materials  werde  ich  ja  genotigt  sein, 
mehr  oder  weniger  aphoristisch  zu  verfahren.  Ich  mochte  aber  die 
Ausfuhrungen  in  zwei  Teile  gliedern.  Ich  mochte  den  ersten  Teil  so 
halten,  daft  ich  darstelle  gewissermafien  historisch  das  Werden  der- 
jenigen  Geistesbewegung,  welche  von  mir  die  anthroposophische 
genannt  wird,  und  dafi  ich,  wahrend  ich  in  dieser  Weise  positiv 
historisch  charakterisiere,  nur  einige  Streiflichter  werfen  werde  auf 
dasjenige,  was  sich  gegen  diese  anthroposophisch  orientierte  Gei- 
steswissenschaft  von  da  oder  dort  aggressiv  geltend  gemacht  hat. 


Im  zweiten  Teile  des  Vortrages  will  ich  dann  auf  Einzelheiten, 
mehr  oder  weniger  zusammengefafk  zu  Typen,  eingehen  und  ganz 
einzelnes  nur  da,  wo  es  unbedingt  herausgefordert  ist,  erwahnen. 

Zunachst  mochte  ich  bemerken,  dafi  wahrhaftig  das  vollkom- 
menste  Recht  besteht,  diejenige  Geistesbewegung,  um  die  es  sich 
hier  handelt,  deren  Reprasentant  dieser  Bau  sein  soli,  die  «anthro- 
posophisch  orientierte»  zu  nennen.  Und  nicht  nur  dazu  besteht  das 
voile  Recht,  sondern  auch  dazu,  diese  Geistesbewegung  gegeniiber 
alien  anderen  Geistesbewegungen  der  Gegenwart  als  eine  vollig 
selbstandige  zu  bezeichnen.  Beides,  meine  sehr  verehrten  Anwe- 
senden,  wird  ja  bestritten.  Die  Berechtigung  der  Bezeichnung  «An- 
throposophie»  wird  bestritten  in  einer  Art,  die  wahrhaftig  sofort 
als  unmoglich  erkannt  wird,  wenn  man  sich  nur  im  allergeringsten 
bemiiht,  historisch  wahr  die  ganze  Sache  anzusehen.  Sie  mussen 
schon  verzeihen,  wenn  ich  heute  Objektives  durchpragen  mufi  mit 
allerlei  scheinbar  Personlichem.  Aber  dieses  scheinbar  Personliche 
ist  ja  in  diesem  Falle  auch  ein  Objektives  und  gehort  durchaus  zur 
Sache.  Wer  wahr  sehen  will  und  meine  Schriften  verfolgt,  wer  das- 
jenige  verfolgt,  was  ich  im  Anschlusse  an  «Goethes  Naturwissen- 
schaftliche  Schriften»  vom  Beginne  der  achtziger  Jahre  des  19.  Jahr- 
hunderts  an  geschrieben  habe,  der  wird  finden,  daft  dort  zunachst 
der  Geistesweg  seiner  Methode  nach  iiberall  schon  angedeutet  ist, 
der  dann,  was  selbstverstandlich  ist,  im  Laufe  der  Zeit  -  es  sind 
jetzt  vier  Jahrzehnte  seitdem  verflossen  -  weiter  ausgebaut  worden 
ist.  Man  kann  dasjenige,  was  von  hier  aus  jetzt  Anthroposophie 
genannt  wird,  unterscheiden  nach  zwei  Richtungen  hin.  Das  eine 
ist  die  Art  des  Vorstellens,  die  Art  des  Suchens,  des  Forschens,  das 
andere  ist  das  Inhaltliche,  sind  die  Ergebnisse  dieser  Forschung, 
soweit  sie  bis  heute  haben  ausgebildet  werden  konnen.  Es  ware 
selbstverstandlich  kein  gutes  Zeugnis  fur  dasjenige,  was  als  anthro- 
posophische  Geistesrichtung  unternommen  worden  ist,  wenn  man 
sagen  mulke  nach  vier  Jahrzehnten,  es  sei  im  Laufe  der  langen  Zeit 
nichts  erarbeitet  worden,  sondern  man  wiederhole  heute  nur 
immer  dieselben  Sachen,  von  denen  in  den  Veroffentlichungen  der 
achtziger  Jahre  gesprochen  worden  ist. 


Aber,  meine  sehr  verehrten  Anwesenden,  wer  die  Richtung  des 
Denkens,  die  Richtung  des  Forschens,  oder  wenn  ich  mich  gelehr- 
ter  ausdriicken  will,  die  Methode  ins  Auge  falk,  die  hier  in  Betracht 
kommt,  der  wird  finden,  dafi  alles  in  Betracht  Kommende  in  den 
Achtziger  Jahren  bereits  als  Vorstufe  ausgesprochen  worden  ist;  ich 
mochte  sagen,  daft  der  Grundnerv  desjenigen,  was  hier  Geistes- 
wissen
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