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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Anthroposophie
Psychosophie
Pneumatosophie
Zwolf Vortrage, gehalten in Berlin
vom 23. bis 27. Oktober 1909,
1. bis 4. November 1910
und 12. bis 16. Dezember 1911
2001
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 3. Auflage besorgten
Cornelius Bohlen und Hella Wiesberger
1. Auflage Dornach 1931
2., auf Grund von neuen Nachschriften neu durchgesehene
Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980
4., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 2001
Bibliographie-Nr. 115
Zeichnungen im Text nach nicht im Original erhaltenen Tafelzeichnungen
Rudolf Steiners, ausgefiihrt von'Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 2001 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz:,Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konprint, Buhl
ISBN 3-7274-1150-3
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in
ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muft
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick-
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
ANTHROPOSOPHIE
Erster Vortrag, Berlin, 23. Oktober 1909
Anthroposophie als Fundamentierung der Theosophie. Theosophie,
Anthroposophie, Anthropologic Der Theosoph Solger. Theologie
und Anthropologic Heraklit und die Entstehung der Philosophic
Robert Zimmermann. Die Leibesorgane des Menschen und ihr Wer-
den. Beschreibung der zehn Sinne des Menschen vom Lebenssinn bis
zum Begriffssinn. Ablehnung des iiblichen Tastsinnes. Die drei gei-
stigen Sinne.
Zweiter Vortrag, 25. Oktober 1909
Der Aufbau der Sinne, Lebenssinn bis Sprachsinn, aus den Wesens-
gliedern des Menschen und dem Wirken hoherer Wesenheiten. Ver-
schiedenheit der Wesenheiten (Volksgeister) beim Sprachsinn. Bei-
spiele fur die Verschiedenheit.
Dritter Vortrag, 26. Oktober 1909
Der Sprach- oder Lautsinn. Der Begriffs- oder Vorstellungssinn. Der
imaginative, inspirative und intuitive Sinn und ihr Hinein-
sichergiefien in das Innere des Menschen als Empfindung, Gefiihl
und logischer Gedankc Kraftestromungen im Menschen: Empfin-
dungsleib, Empfindungsseele, physischer Leib, Atherleib, Astralleib
und Ich. Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewufitseinsseele an
ihren Orten im physischen Menschen. Die Bildung des Herzens und
des Auges. Anschauen, glauben, sich iiberzeugen durch die denkende
Betrachtung. Beispiele von Friedrich dem Grofien, vom Hammer,
der sich selbst aufrichtet, vom darniederliegenden Menschen. Die
unterschiedliche Hauptblutrichtung bei Mensch und Tier.
Vierter Vortrag, 27. Oktober 1909
Die symmetrische Bildung des physischen Leibes. Die Bildung des
Kopfes aus Empfindungsleib und Empfindungsseele. Entstehung des
Denkens aus alter Hellsichtigkeit. Ich-Denken aus Ich und Verstan-
desseele. Erwahnung Carl Ungers. Entwicklungsgeschichtliche Dar-
legung des Werdens des physischen Leibes - Mensch und Affe. Das
menschliche Gesicht als Seelenbildung. Sprachsinn und Begriffssinn.
Das Erlernen der Sprache durch westliche Wanderung von Lemuria
nach Atlantis. Der Zug wieder nach Osten zur Bildung des Vorstel-
lungssinns. Schicksal der Ureinwohner Amerikas. Bildung des reinen
Denkens durch erneute West-Wanderung. Unterschied von Mensch
und Tier an Hand des Gedachtnisses. Rechnen und Schreiben als
entgegengesetzte Entitaten im Menschen.
II
PSYCHOSOPHIE
Erster Vortrag, Berlin, 1. November 1910 101
Rezitation von «Der ewige Jude» von Goethe. Die drei Seiten des
Seelenlebens, die leibliche, seelische und geistige. Die das Seelenleben
reprasentierenden Vorstellungen = «Urteilen» und «Liebe und Hafi».
Urteilen als Zusammenbringen von Vorstellungen. Liebe und Hal5
als Ausflusse des Begehrens. Bewegungsnerv (motorischer Nerv) als
Wahrnehmungsnerv. Unterschied von Wahrnehmung und Empfin-
dung. Sinneserlebnis und rein inneres Erlebnis. Sinnesempfindung
als unbewufites Zusammengehen von Urteilen und Liebe und Hafi.
Seelenleben als Summe der an der AufSenwelt gewonnenen Empfin-
dungen. Die in den Empfindungen auftauchende Ich-Vorstellung.
Bergson und die Ich-Vorstellung. Widerlegung seiner Anschauung.
Zweiter Vortrag, 2. November 1910 131
Gegensatz von Ich-Empfindung und das iibrige Seelenleben. Uber
Goethe und sein Gedicht «Der ewige Jude». Der aufiere und innere
Herr im Seelenleben. Die Selbstandigkeit des Vorstellungslebens.
Die Wirkungen des Nicht-Verstehens. Das Wesen der Langeweile.
Die fehlende Langeweile beim Tier. Eine Kur gegen die Langeweile.
Die Abschaffung des Geistes durch die christliche Kirche. Die Urtei-
le im Zusammenhang mit der Sprache. Das Bild der Seele.
Dritter Vortrag, 3. November 1910 152
Rezitation des Gedichtes «Eleusis» von Hegel. Das Wesen des Be-
gehrens und des Vorstellens. Das Sinneserlebnis am Beispiel von
Petschaft. Die Aufmerksamkeit. Unser Empfinden als Seeleninhalt
nach der Wahrnehmung. Innere Empfindung gleich Gefuhl. Nach
Entscheidung drangendes Urteilen und Befriedigung suchendes Be-
gehren. Das Gefuhlsleben. Vom Wesen der Ungeduld, der Hoff-
nung, des Zweifels. Das Urteil als aufierseelisches Element. Der
Mensch als Kampfer und Geniefier. Gegensatzliches Wesen von
Urteilen und Begehren. Gesundes und krankmachendes Seelenleben.
Das asthetische Urteil. Wahrheit und Seelenleben. Der Wert der
Liebe (als Interesse) und der Wert der Urteilskraft. Der Wille. Der
Widerwille.
Vierter Vortrag, 4. November 1910
179
Rezitation von «Poetische Gedanken iiber die Hollenfahrt Jesu
Chnsti» von Goethe. Unterschiedliche Seelenverfassung bei Hegel
und Goethe. Vom Wesen der Gefiihle. Das Wesen des Bewufkseins:
ein Ubereinanderschlagen zweier Stromungen (Strom der Vorstel-
lungen von der Vergangenheit in die Zukunft, Strom der Begehrun-
gen, Wiinsche, Lieb und Hafi von der Zukunft in die Vergangenheit).
Das Entstehen des Urteilens und der Ich-Vorstellung. Unabhangig-
keit der Ich-Wahrnehmung. Der Ich-Einschlag von oben nach unten,
aber der Zukunft entgegen. Vom Wesen der Erinnerung. Das Riick-
wartsdenken als Starkung des Astralleibes. Weitere Beispiele zur
Starkung der Erinnerung. Die Wirklichkeit des Ich als «Ich ist». Die
Richtung des physischen Leibes von unten nach oben. Riickblick auf
Hegel und Goethe. Ablehnung der Freudschen Schule. Die Notwen-
digkeit der okkulten Forschung. Franz Brentano, seine Vorziige und
Grenzen. Erwahnung der Psychologen Lipps und Wundt. Ab-
schiedsworte.
Ill
PNEUMATOSOPHIE
Erster Vortrag, Berlin, 12. Dezember 1911 217
Die Abschaffung des Geistes in den ersten Jahrhunderten. Anton
Giinther und die Indexierung seiner Werke. Ablehnung der Lehre
von Leib-Seele-Geist in der modernen Wissenschaft wie bei Brenta-
no. Sein Werk «Psychologie vom empirischen Standpunkt». Die
Einteilung der Seele bei Brentano in Vorstellen, Urteilen und Ge-
miitsbewegungen. Die Werke Brentanos iiber Aristoteles. Die Lehre
Aristoteles, spirituell, aber ohne den Gedanken der Wiederverkorpe-
rung. Die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft.
Zweiter Vortrag, 13. Dezember 1911 235
Geisteswissenschaft und moderne Wissenschaft. Die Realitat des
Geistes als strittiges Problem. Die vermeintliche Losung durch Hin-
weis auf die Wahrheit. Hegel, Eucken, die Materialisten. Widerle-
gung dieser Ansicht. Feuerbach und seine Gottesleugnung. Der
Irrtum als Realitat. Die Korrektur des Irrtums als Beweis fur die
ubersinnliche Welt. Vom Wesen der Meditation. Die Notwendigkeit
einer guten. Seelenverfassung. Die Realitat des Irrtums als luziferi-
sche Entitat. Der Widerspruch in der aristotelischen Weltanschau-
ung. Buddhismus und Aristotelismus Das Wertlegen auf das physi-
sche Dasein als Grund der Nichtanerkennung der Reinkarnation.
Der Philosoph Frohschammer und seine Argumentation gegen die
Reinkarnation. Die Schwierigkeiten, diese Ansicht zu iiberwinden.
Dritter Vortrag, 15. Dezember 1911
258
Der Irrtum als iibersinnliche Entitat. Der Naturforscher Huber und
sein Raupenexperiment. Der Seinscharakter der Wahrnehmung bei
Brentano. Goethe iiber das Wahrnehmen. Die Meditation des Ro-
senkreuzes. Die Imagination als inneres Leben der Vorstellung.
Ubereinstimmendes und Gegensatzliches im Wahrnehmen und in
der Imagination. Die Phantasie als Zwischenstufe von Vorstellen und
Imagination. Gemiitsbewegungen und aufteres Handeln. Das unbe-
wufite Wesen des Willens. Die Intuition als Bewufttsein des unbe-
wulken Willenslebens. Der Ubergang von Gemiitsbewegungen zur
Intuition als Gewissensregung. Zwei Traumbeispiele zur Verbindung
von Intuition und Gemiitsbewegungen. Die Verbindung der Intuiti-
on mit der Imagination durch die Inspiration.
Vierter Vortrag, 16. Dezember 1911 282
Das Hinausgehen iiber das blofi Seelische in das Ubersinnliche als
Pneumatosophie. Ruckblick auf den Forscher Frohschammer. Wi-
derlegung der These «Der Korper als Kerker der Seele». Beschrei-
bung der imaginativen Welt. Die Folgen des imaginativen Erlebens
fur den Menschen als Illusionsfahigkeit. Notwendigkeit der Selbster-
kenntnis und Selbsterziehung. Die Bejahung des Karma. Die Welt als
Schauplatz einer Hoherentwicklung durch die Inkarnationen. Der
Mensch als alltagliches Ich-Wesen. Der bittere Ton in der Selbster-
kenntnis. Das Mifiverhaltnis zwischen dem unvollkommenen Men-
schen und der hehren Gottesnatur. Goethe und sein Verhaltnis zur
Natur in seinem Aufsatz iiber den Granit. Das Verkorpertwerden als
Vorbedingung zur Erlangung der eigenen Ich-Wirklichkeit. Die
Theosophen des 18. Jahrhunderts: Oetinger, Bengel, Volker und
andere und ihr Ausspruch iiber die korperliche Welt. Aufruf zur
Selbstandigkeit.
Aus dem Vorwort von Marie Steiner zur 1. Buchausgabe 1931 304
Rudolf Steiner: Notizbuchaufzeichnungen 311
Hinweise:
Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 319
Sinnkorrekturen / Textvarianten 339
Personenregister 343
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 347
VORBEMERKUNG
Rudolf Steiner schildert in «Mein Lebensgang», wie er um die Jahr-
hundertwende aufgefordert wurde, vor Mitgliedern der «Theosophi-
schen Gesellschaft» Vortrage zu halten. «Ich erklarte, daft ich aber nur
iiber dasjenige sprechen konne, was in mir als Geisteswissenschaft
lebt.» Innerhalb der bald nach Beginn dieser Vortrage gegriindeten
«Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» «konnte ich
nun vor einer sich immer vergrofternden Zuhorerschaft meine anthro-
posophische Tatigkeit entfalten. Niemand blieb im Unklaren dar-
iiber, daft ich in der Theosophischen Gesellschaft nur die Ergebnisse
meines eigenen forschenden Schauens vorbringen werde». - Die Vor-
trage im Winter 1900/01 falke dann Rudolf Steiner in dem Buche
zusammen «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geistesle-
bens». Er hatte darin nur die Ergebnisse seiner Geistesschau gegeben,
und in der Theosophischen Gesellschaft wurden diese angenommen.
«Es gab fiir mich keinen Grund mehr, vor dem theosophischen Publi-
kum, das damals das einzige war, das restlos auf Geist-Erkenntnis
einging, nicht in meiner Art diese Geist-Erkenntnis vorzubringen. Ich
verschrieb mich keiner Sektendogmatik; ich blieb ein Mensch, der
aussprach, was er glaubte aussprechen zu konnen ganz nach dem, was
er selbst als Geistwelt erlebte.»
Diese Selbstandigkeit fiihrte dann - im Zusammenhang mit Ver-
fallserscheinungen in der damaligen Theosophischen Gesellschaft —
zum Ausschluft Rudolf Steiners und seiner Freunde im Jahre 1913.
«Wir waren genotigt, die Anthroposophische Gesellschaft als selb-
standige zu begriinden.»
Dies zum Verstandnis der Ausdriicke «Theosophie» und «theoso-
phisch» in diesen Vortragen als Ausdruck fiir die Resultate seines
geisteswissenschaftlichen Forschens, fiir die Rudolf Steiner sonst das
Wort «Anthroposophie» und «anthroposophisch» braucht.
i,
I
Anthroposophie
ERSTER VORTRAG
Berlin, 23. Oktober 1909
Wir haben hier in Berlin und an andern Orten, an denen unsere Theo-
sophische Gesellschaft verbreitet ist, in den letzten Jahren so vieles
gehort aus dem Gesamtgebiete der Theosophie, das entnommen war
aus sozusagen hohen Regionen der hellseherischen Forschung, dafi
einmal das Bediirfnis entstehen mulke, oder besser gesagt, miifke,
einiges zu tun fur eine ernste und wiirdige Fundamentierung unserer
geistigen Stromung. Und es wird wohl gerade die jetzige Generalver-
sammlung, welche unsere lieben Mitglieder vereinigt nach dem sie-
benjahrigen Bestande unserer Deutschen Sektion, ein richtiger AnlafS
dazu sein, etwas beizutragen zu einer festeren Fundamentierung, zum
Schaffen einer festeren Ordnung unserer Sache. Dies soli von mir in
den vier Vortragen unter dem Titel «Anthroposophie» in diesen
Tagen versucht werden.
Die Kasseler Vortrage iiber das Johannes-Evangelium, die Diissel-
dorfer Vortrage iiber die Hierarchien, die Basler iiber das Lukas-
Evangelium, die Munchner iiber die Lehren der orientalischen Theo-
sophie, sie alle haben uns Veranlassung gegeben, in hohe Regionen der
geistigen Forschung hinaufzusteigen und herunterzuholen schwer
zugangliche geistige Wahrheiten. Es war das, was uns da immer
beschaftigt hat, Theosophie, war, zum Teil wenigstens, ein Hinauf-
steigen zu hohen Gipfeln der spirituellen menschlichen Erkenntnis.
Und nun, da wir am Beginne eines neuen Zyklus unserer Bewe-
gung stehen, miissen wir bedenken, daft man wirklich in dem, was
man den zyklischen Verlauf der Ereignisse der Welt nennt - wenn
man sich allmahlich ein Gefiihl dafiir aneignet -, mit Berechtigung
etwas Tieferes sehen kann. Es war gerade in den Tagen unserer aller-
ersten Generalversammlung, da wir die Deutsche Sektion zu begriin-
den hatten; da hielt ich damals vor einem Publikum, das nur zu einem
sehr geringen Teil aus Theosophen bestand, Vortrage, welche dazu-
mal auch als ein Kapitel aus der Anthroposophie bezeichnet wurden,
als ein historisches Kapitel der Anthroposophie. Jetzt, nach sieben
Jahren, scheint wiederum die Zeit gekommen zu sein, wo sozusagen
auch in dieser Beziehung ein Zyklus erfullt ist und wo wieder gespro-
chen werden darf in einem umfassenderen Sinne von dem, was man
unter Anthroposophie verstehen soil.
Wir wollen uns zuerst durch einen Vergleich klarmachen, was
Anthroposophie ist. Man kann, wenn man eine Gegend kennenlernen
will, alles das, was sich da ausbreitet an Dorfern, Waldern, Auen, Stra-
fien und so weiter, anschauen, indem man unten herumgeht von Dorf
zu Dorf, durch Strafie um Strafie, durch Auen und Walder, von Ort zu
Ort. Man wird dann jedesmal, je nachdem man sich da oder dort be-
findet, immer einen kleinen, einen ganz geringen Teil des ganzen Ge-
bietes vor Augen haben. Man kann aber auch hinaufsteigen auf einen
Bergesgipfel und kann von diesem hohen Bergesgipfel aus das ganze
Land iiberschauen. Dann werden sich fur den gewohnlichen Blick die
Einzelheiten nur sehr undeutlich ausnehmen; dafiir wird man aber eine
Uberschau haben iiber das Ganze. So etwa konnte man das Verhaltnis
bezeichnen, welches besteht zwischen dem, was man im gewohnlichen
Leben menschliche Erkenntnis, menschliche Wissenschaft nennt, zu
dem, was Theosophie ist. Das gewohnliche menschliche Erkennen
geht in der Welt der Tatsachen herum von Einzelheit zu Einzelheit.
Die Theosophie steigt auf einen hohen Bergesgipfel hinauf, und je
hoher sie hinaufsteigt, desto grofier wird der Umkreis, den sie iiber-
schaut. Sie muE aber dann besondere Mittel anwenden, um iiberhaupt
noch etwas von dem Unteren zu sehen. Die Mittel, die da angewendet
werden miissen, sind oft und oft beschrieben worden, auch in meiner
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Da ist
gezeigt, wie es dem Menschen moglich ist, zu diesem idealen Gipfel
emporzudringen, ohne dafi er die Moglichkeit verliert, unten iiber-
haupt noch etwas zu sehen.
Nun gibt es aber - und das kann unmittelbar hervorgehen aus die-
sem Vergleich - noch eine dritte Moglichkeit: Man steigt nicht ganz
zum Bergesgipfel hinauf, man bleibt sozusagen in der Mitte stehen.
Wenn man unten ist, so sieht man lauter Einzelheiten vor sich; man
hat keinen Uberblick, und man sieht das Obere von unten her. Wenn
man oben ist, hat man nichts iiber sich aufter dem gottlichen Himmel,
und man sieht unter sich alles nur undeutlich, verschwommen, in
Dunst gehiillt. Wenn man in der Mitte ist, so ist das ein besonderer
Standpunkt: man hat etwas unter sich und etwas iiber sich, und man
kann die beiden Aussichten miteinander vergleichen.
Jeder Vergleich hinkt selbstverstandlich, aber es war auch nur beab-
sichtigt, Ihnen vor Augen zu fiihren, wodurch Theosophie zunachst
sich von Anthroposophie unterscheidet. Theosophie ist das Stehen auf
dem Bergesgipfel, Anthroposophie das Stehen in der Mitte, so daft man
hinauf- und hinunterschaut. Der Standort und der Gesichtspunkt ist
nur ein anderer. Jetzt aber reicht der Vergleich nicht mehr aus, um das
Folgende zu bezeichnen. Wenn man sich der Theosophie ergibt, so ist
es notwendig, daft man iiber die menschliche Anschauung hinaufsteigt,
daft man sich vom niederen Selbst zum hoheren Selbst erhebt, und daft
man mit den Organen des hoheren Selbst zu schauen vermag. Denn der
Gipfel, von dem aus die Theosophie zu schauen vermag, liegt iiber dem
Menschen, das gewohnliche menschliche Erkennen hingegen liegt
eigentlich unterhalb des Menschen, und der Mensch selber steht mit-
ten zwischen Natur- und Geisteswelt drinnen. Das Obere reicht in ihn
hinein, denn er ist durchsetzt, erfiillt vom Geiste. Er kann den Geist
iiber sich sehen; er nimmt aber nicht seinen Ausgangspunkt vom Gei-
ste, vom Gipfel, sondern so, daft er den Gipfel iiber sich hat. Zugleich
aber sieht er das, was bloft Natur ist, unter sich, denn das ragt von
unten in ihn hinein. Theosophie unterliegt der Gefahr, daft, wenn nicht
jene Mittel angewendet werden, die zum Beispiel in meiner Schrift
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben
worden sind, das Menschliche iiberflogen wird und daft der Mensch
die Moglichkeit verliert, iiberhaupt noch etwas Zureichendes zu er-
kennen. Bei der Theosophie liegt die Gefahr nahe, zu ihren Fuften
nicht mehr die Wirklichkeit zu sehen. Sie braucht die Moglichkeit
selbstverstandlich nicht zu verlieren, wenn jene richtigen Mittel an-
gewendet werden zur Entwickelung derjenigen Organe, mit welchen
gesehen wird durch das hohere Selbst.
Dann aber konnen wir sagen: Theosophie ist dasjenige, was er-
forscht wird, wenn der Gott im Menschen spricht. - Das ist im Grunde
die wirkliche Definition der Theosophie: Laft den Gott in dir sprechen,
und was er dir dann iiber die Welt sagt, ist Theosophie. Anthroposo-
phie ist damit zu charakterisieren, dafi man sagt: Stelle dich in die Mitte
zwischen Gott und Natur, laft den Menschen in dir sprechen iiber das,
was iiber dir ist und in dich hineinleuchtet, und iiber das, was von
unten in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit,
die der Mensch spricht. - Diese Weisheit, die der Mensch spricht, wird
einem aber ein wichtiger Stiitzpunkt und Schliissel sein konnen zu dem
Gesamtgebiete der Theosophie. Und Sie konnen, nachdem Sie einige
Zeit Theosophie aufgenommen haben, kaum etwas Besseres tun, als
diesen festen Stiitzpunkt gewinnen, indem Sie ihn wirklich suchen.
Daher werde ich dafiir sorgen, dafi so schnell als moglich im Anschlufi
an diese Vortrage ein kurzer Abrifi dessen, was Anthroposophie ist, zu
haben sein wird.
Dasjenige, was ich hier gesagt habe, kann auch nach den verschie-
densten Seiten hin geschichtlich belegt werden. Wir brauchen gar nicht
weit zu gehen. Wir haben da zum Beispiel eine Wissenschaft - Sie
konnen sich dariiber aus den verschiedensten popularen Handbiichern
informieren -, diese Wissenschaft nennt man gewohnlich Anthropo-
logic Sie umfafit, so wie sie heute betrieben wird, nicht bloft den
Menschen, sondern, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird, alles
das, was zum Menschen gehort, alles was man in der Natur erfahren
kann, was man braucht, um den Menschen zu verstehen. Aber wie
verfahrt die Anthropologic? Diese Wissenschaft nimmt ihren Aus-
gangspunkt von dem Herumwandeln unter den Dingen, sie ist selbst
ganz unten. Sie geht von Einzelheit zu Einzelheit. Es ist die Forschung,
die mit den Sinnen das Menschliche betrachtet mit Hilfe des Mikro-
skops. Diese Wissenschaft, die Anthropologic, die ja in den weitesten
Kreisen heute allein als Wissenschaft vom Menschen gelten gelassen
wird, sie nimmt wirklich ihren Standpunkt unterhalb der Fahigkeiten
des Menschen. Sie wendet nicht alles an, was der Mensch an Fahigkei-
ten zur Erforschung hat. Halten Sie zusammen mit dieser Anthropo-
logic, die sozusagen am Boden haftet, die nicht dringen kann zu
irgendeiner Antwort auf die brennenden Ratselfragen des Daseins,
halten Sie sie zusammen mit dem, was einem gebracht wird als Theo-
sophie. Da wird hinaufgestiegen in die hochsten Hohen, da handelt es
sich darum, eine Antwort zu finden auf die brennendsten Fragen des
Daseins. Doch werden Sie die Erfahrung gemacht haben, daft die
Menschen, die nicht langsam und allmahlich sich in sie hineingefunden
haben, die nicht die Geduld gehabt haben, mitzugehen bei all dem, was
wir in den letzten Jahren sagen konnten, welche nicht Schritt fur
Schritt haben mitkommen konnen, dafi die Menschen, die auf dem
Standpunkt der Anthropologic stehengeblieben sind, die Theosophie
als ein luftiges Gebaude empfinden, als etwas betrachten, dem aller
Untergrund fehlt. Sie konnen nicht einsehen, wie die Seele hinaufsteigt
von Stufe zu Stufe, von Imagination zu Inspiration und der Intuition.
Sie konnen sich nicht erheben zu dem Gipfel, konnen nicht iiberschau-
en, was das Ziel alles Menschen- und Weltenwerdens ist.
So steht gleichsam auf der untersten Stufenleiter die Anthropologic,
auf der obersten, wo vielen schwindet die Fahigkeit, zu erkennen, die
Theosophie, in der Mitte die Anthroposophie.
Wir wollen zum Verstandnis ein geschichtliches Beispiel zu Hilfe
nehmen, woran wir erkennen konnen, was Theosophie dann wird,
wenn sie hinaufdringen will zum Gipfel und nicht in der Lage ist, mit
den Mitteln hinaufzudringen, die wir angegeben finden in dem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Ein solches
Beispiel haben wir an dem deutschen Theosophen Solger, der in der
Zeit von 1780 bis 1819 lebte. Wir haben in seinen Anschauungen
durchaus das, was dem Begriffe nach Theosophie ist. Aber mit welchen
Mitteln suchte Solger hinaufzukommen in die hochsten Hohen? Mit
den Begriffen der Philosophic, mit den ausgesogenen und ausgezehr-
ten Begriffen des menschlichen Denkens! Das ist wirklich so, wie
wenn jemand hinaufsteigt auf einen Gipfel, um Umschau zu halten,
und sein Fernrohr vergilk und unten nichts mehr unterscheiden kann.
Das Fernrohr ist in diesem Falle ein geistiges, es ist die Imagination,
Inspiration und Intuition. So suchte Solger mit unzulanglichen Mitteln
hinaufzusteigen auf den Gipfel.
Man hat lange gefuhlt, dafi die menschlichen Fahigkeiten im Laufe
der Jahrhunderte immer unfahiger wurden, auf diesen Gipfel hinauf-
zusteigen. Im ganzeri Mittelalter hat man es gefuhlt und es sich einge-
standen. In neuerer Zeit fuhlt man es zwar auch, aber gesteht es sich
nicht mehr so recht ein. Man hat lange gefiih.lt, daE die menschlichen
Fahigkeiten einstmals hinaufsteigen konnten zu dem Gipfel, von dem
aus so gesprochen werden konnte, wie tatsachlich eine alte Theosophie
gesprochen hat. Eine solche alte Theosophie gab es. Dann aber sollte
einmal das, was da sich offenbarte auf dem Gipfel, abgeschlossen wer-
den. Es sollte bewahrt werden davor, dal? man es mit den gewohn-
lichen Mitteln der Erkenntnis in Empfang nehmen konnte. Diese alte
Theosophie wurde zur Theologie, die die Offenbarung als abgeschlos-
sen betrachtete. Und so steht neben der Anthropologic, die mit den
gewohnlichen Erkenntnismitteln nur von Einzelheit zu Einzelheit
geht, die Theologie, die zwar hinaufsteigen und etwas wissen will von
dem, was in den Hohen zu schauen ist, aber sich wiederum verlafit auf
etwas, was mit gewohnlichen Menschenmitteln zu erlangen ist, auf die
historische Uberlieferung namlich, auf das, was einmal offenbart wor-
den ist und was sich nicht immer von neuem und immer wieder von
neuem der aufstrebenden Menschenseele offenbaren soli. Anthropo-
logic und Theologie standen sich das ganze Mittelalter hindurch ge-
geniiber, ohne sich abzulehnen. Auch in der neueren Zeit stehen sie
sich gegenuber, nur in einer andern Form. Die neuere Zeit lehnt vom
Standpunkt der Anthropologic die Theologie als etwas Wissenschaft-
liches in der Regel schroff ab. Wenn Sie nicht stehenbleiben bei den
Einzelheiten, sondern hinaufgehen, hinaufsteigen bis zu jener Ihnen
charakterisierten Mitte, dann konnen Sie neben die Theosophie die
Anthroposophie stellen, ahnlich wie im Mittelalter neben die Theo-
logie die Anthropologic
Auch Anthroposophie zu begriinden wurde schon versucht inner-
halb des neuzeitlichen Geisteslebens, aber wiederum mit vollig un-
zulanglichen Mitteln, namlich blofi mit den Mitteln der abstrakten,
ausgesogenen Begriffe der Philosophic Wenn man verstehen will, um
was es sich dabei handelt, so mufi man erst verstehen, was iiberhaupt
Philosophic ist. Was Philosophic eigentlich ist, konnen heute im
Grunde nur die Theosophen verstehen, nicht aber konnen es die Phi-
losophen selber verstehen. Was ist Philosophic? Man kann sie nur
verstehen, wenn man sie zunachst geschichtlich betrachtet in ihrem
Werdegang. Ein Beispiel soil dies erlautern. Es gab in alten Zeiten die
sogenannten Mysterien als Pflegestatten des hoheren geistigen Le-
bens. Da konnten die Schiiler durch Entwickelung ihrer Fahigkeiten
zu geistigem Anschauen gefiihrt werden. Ein solches Mysterium war
zum Beispiel in Ephesus, wo die Geheimnisse der Diana von Ephesus
erkundet wurden. Da schauten die Schiiler hinein in die geistigen
Welten. So viel nun von dem dort Aufgenommenen offentlich mitge-
teilt werden konnte, wurde tatsachlich auch mitgeteilt. Dann empfin-
gen es die andern als etwas in den Mysterien Geschautes, als etwas
ihnen Mitgeteiltes, als Gabe. Es gab da Menschen, welche sich bewuftt
waren, daft sie mitgeteilt erhalten hatten aus den Mysterien heraus die
hoheren Geheimnisse. Ein solcher Mann war zum Beispiel der grofte
Weise Heraklit. Zu ihm waren insbesondere gedrungen die Geheim-
nisse des Mysteriums von Ephesus, die Tatsachen, welche dort die
hellsichtigen Menschen ergriinden konnten. Das, was er dort als Mit-
teilung erhalten hatte und was er seiner teilweisen Einweihung ver-
dankte, hat er so verkiindet, daft es allgemein verstanden werden
konnte. Daher sieht der, welcher die Lehren des Heraklit, des soge-
nannten «Dunklen», liest, daft da etwas Tieferes zugrunde liegt, so daft
man in diesen urspriinglichen Lehren noch durchscheinen sehen kann
das unmittelbare Erlebnis, die Erfahrung der hoheren Welten. Dann
kamen die Nachfolger Heraklits, Sie hatten keine Ahnung mehr, daft
dieses Mitgeteilte herausstammte aus den unmittelbaren Erlebnissen
der hoheren Welten. Sie fingen an, mit dem Verstande zu spekulieren,
sie glaubten, mit ihrem bloften philosophischen Verstande da und dort
etwas Unrichtiges zu finden, und besserten daran herum. Das wurde
so in Begriffen fortgesponnen und vererbte sich von Geschlecht zu
Geschlecht weiter. Und wenn wir heute irgend etwas von Philosophic
vor uns haben, so haben wir nichts anderes vor uns als ein Erbstiick
alter Lehren, aus dem das Leben herausgeblasen, herausgepreftt ist
und von dem nur das tote Begriffsgerippe iibriggeblieben ist. Die
Philosophen sind sich nicht bewuftt, woher die Begriffe stammen.
Philosophien sind Abstraktionen, Erbstiicke der alten Weisheit, die
bis zum ausgepreftten Begriff gekommen sind. Es gibt keinen Philo-
sophen, der irgend etwas aus sich selber ausdenken kann. Dazu gehort
der Gang in die hoheren Welten hinauf.
Und nur ein solches Gerippe von Philosophic, solche ausgeprelken
Begriffe standen im Grunde genommen eben den Philosophen des 19.
Jahrhunderts zur Verfiigung, wenn sie das in Angriff nahmen, was man
Anthroposophie nennen kann. Das Wort ist schon einmal gebraucht
worden. Robert Zimmermann hat eine «Anthroposophie» geschrie-
ben, aber er unternahm sie mit hochst unzulanglichen Mitteln, wie
Solger die Theosophie. Er hat sie herausgesponnen mit den ausgeso-
gensten, abstraktesten Begriffen, und dieses Gespinst war dann seine
Anthroposophie. Man hat da wirklich das abstrakteste, trockenste, die
Sache gar nicht mehr benihrende Begriffsgespinst. Das ist iiberhaupt
das Charakteristische, dafi, was im 19. Jahrhundert iiber das aufSere,
einzelne Erlebnis, iiber die Anthropologic hinausgehen und Anthro-
posophie sein wollte, trockenes Begriffsgespinst geworden ist.
Theosophie mufi wiederum dadurch, dafi sie die Mittel herbei-
schafft, die Wirklichkeit innerhalb des geistigen Lebens zu erkennen,
auch vertiefen die Menschheitserkenntnis, die man Anthroposophie
nennen kann. Die Anthroposophie ist eine geistige Erkenntnis der
Welt, die sich rein auf den mittleren, menschlichen Standpunkt stellt,
und nicht auf den untermenschlichen, wie etwa die Anthropologic
Die Theosophie Solgers steht auf einem ubermenschlichen Stand-
punkte, hat aber keinen Inhalt. Die Begriffe wollen dort oben nur die
Menschheit uberfliegen. Weil solche Leute aus ihrer Welt heraus oben
nichts sehen konnen, so spinnen sie fein an dem Webstuhl der Begriffe.
So an dem Webstuhl der Begriffe spinnen, wollen wir nicht. Wir wol-
len auf die Wirklichkeit gehen. Und Sie werden sehen, dafi uns die
Wirklichkeit des gesamten menschlichen Lebens entgegentreten wird.
Sie werden die alten Freunde, die alten Objekte unserer Betrachtungen
wiedererkennen, aber von einem andern Gesichtspunkte aus beleuch-
tet, namlich von dem Gesichtspunkte, der zugleich hinauf- und hinun-
terschaut.
Der Mensch ist wirklich das wichtigste Objekt unserer Betrach-
tung. Schon wenn wir auf das erste Glied des menschlichen Wesens,
den physischen Leib, eingehen, wenn wir dariiber nachdenken, was
wir durch die Theosophie gewonnen haben und naher darauf einge-
hen, dann werden wir gewahr, was fiir ein kompliziertes Gebilde die-
ser physische Leib eigentlich ist. Damit Sie sich zunachst wenigstens
eine gefiihlsmafiige Erkenntnis dessen verschaffen, was Anthroposo-
phie eigentlich will, so denken Sie einmal iiber folgendes nach: Das,
was wir heute den physischen Menschenleib nennen, ist sozusagen ein
altes Produkt. Wir wissen, daft seine erste keimhafte Anlage auf dem
alten Saturn entstanden ist und sich verandert hat auf der alten Sonne,
auf dem alten Monde und auf der Erde. Der Atherleib ist hinzugekom-
men auf der Sonne, der astralische Leib auf dem Monde. Immer haben
sich diese Glieder der menschlichen Wesenheit im Verlaufe der Ent-
wickelung geandert. Was uns heute entgegentritt als der komplizierte
Menschenleib mit Herz und Nieren, Augen und Ohren und so weiter,
das ist das Produkt einer langen Entwickelung. Alles ist entstanden aus
einer Form, die auf dem alten Saturn in hochst einfacher Gestalt im
Keime vorhanden war. Das hat sich durch Jahrmillionen immer wieder
verandert und verwandelt, so daft es endlich zur heutigen Vollkom-
menheit und Kompliziertheit aufsteigen konnte. Betrachten Sie heute
irgendein Glied dieses physischen Leibes, das Herz oder die Lunge, so
konnen Sie es nicht verstehen, wenn Sie nicht jenen tieferen Einblick
haben, wie diese Glieder entstanden sind und sich gebildet haben. Von
dem, was heute die Form des Herzens, die Form der Lunge ist, war auf
dem alten Saturn natiirlich noch nichts vorhanden. Ganz nach und
nach haben diese Organe ihre heutige Form angenommen. Eines hat
sich fruher, das andere spater gebildet und ist dem physischen Leibe
eingegliedert worden. Ein Organ konnen wir geradezu ansprechen als
ein Sonnenorgan, weil es sich wahrend des alten Sonnenzustandes zu-
erst angegliedert und gezeigt hat. Ein anderes konnen wir ansprechen
als Mondenorgan und so weiter. So konnen wir uns die Begriffe holen
aus dem Weltenall, aus der Betrachtung der ganzen Welt, wenn wir
verstehen wollen, wie dieses komplizierte Gebilde, der physische
Menschenleib, eigentlich entstanden ist und was er heute bedeutet.
Das ist eine theosophische Betrachtung des Menschen. Was ist da-
gegen die anthropologische Betrachtung des Menschen? Wenn man
ihn anthropologisch betrachtet, so nimmt man das Herz und betrach-
tet es fur sich, man nimmt den Magen und betrachtet ihn fiir sich. Man
untersucht sie in ihrem Nebeneinander, als ob es gleichgultig ware,
welches Organ jiinger und welches alter ist. Darauf nimmt man keine
Riicksicht, da wird alles als Einzelheit mechanisch nebeneinanderge-
stellt. Theosophie geht auf die hochsten Hohen hinauf und erklart aus
dem Geistigen alles Einzelne. Anthropologic bleibt ganz unten stehen,
geht aus von dem Einzelnen und ist heute bei dem auEersten Extrem
angekommen: sie betrachtet die einzelnen Zellen in ihrem Nebenein-
ander, als ob es gleichgultig ware, dafi ein Zellenkomplex zur alten
Mondenzeit, ein anderer auf der alten Sonne entstanden ist. Die ein-
zelnen Zellenkomplexe sind wirklich zu verschiedenen Zeiten entstan-
den. Man kann aufierlich die Einzelheiten anfiihren, aber man wird sie
nicht verstehen, wenn man sie nicht vom geistigen Gesichtspunkte aus
betrachtet. So wandelt Anthropologic ganz unten herum, und Theo-
sophie nimmt den hochsten Gipfel ein.
Nun denken Sie, daft sich die Sache noch mehr kompliziert. Das
menschliche Herz zahlt zu den Organen, die zu den alleraltesten geho-
ren, wenigstens in der Keimanlage. So wie es heute aussieht, hat es sich
freilich erst in spaterer Zeit ausgebildet. Und nun betrachten wir die
alte Sonnenzeit. Da war zum Beispiel diese Keimanlage des mensch-
lichen Herzens abhangig von den Kraften, die auf der alten Sonne
herrschten. Dann ging die Entwickelung weiter. In der ersten Periode
der Mondenzeit war der alte Mond mit der Sonne vereinigt, da machte
das Herz wieder eine Entwickelung durch. Da trat aber das grofte
Ereignis ein, daft die Sonne sich trennte. Sie wirkte nun von auften, so
daft von da ab das Herz eine ganz andere Entwickelung durchmachte.
Die Entwickelung verlief von jener Zeit ab so, daft ein Sonnen- und ein
Mondenanteil da war, und man kann das Herz nur verstehen, wenn
man unterscheiden kann den Sonnen- und den Mondenanteil. Dann
vereinigte sich die Sonne wieder mit dem Monde. Wahrend der Erden-
entwickelung trat die Sonne zuerst wiederum heraus und wirkte von
auften scharfer auf die Entwickelung ein. Dann trat die Mondentren-
nung ein und der Mond wirkte von auften, so daft wir eine neue Phase
in der Entwickelung dieses alten Organs haben.
So sehen wir hineinscheinen in den menschlichen physischen Leib
die verschiedensten Krafte von den verschiedensten Standpunkten aus.
Weil das Herz zu den altesten Organen gehort, so haben wir da wirk-
lich einen Sonnenanteil, einen Mondenanteil, einen zweiten Sonnen-
anteil und einen zweiten Mondenanteil und dann noch extra einen
Erdenanteil nach der Herausgliederung der Erde. Wenn alle diese
Anteile an einem Organ oder an dem menschlichen physischen Leib so
zusammenstimmen, wie sie in der Harmonie des Kosmos zusammen-
stimmen, dann ist Gesundheit beim Menschen vorhanden. Sobald
einer der Anteile iiberwiegt, sagen wir zum Beispiel, es werde der Son-
nenanteil zu grofi gegeniiber dem Mondenanteil in bezug auf das Herz,
dann wird das Herz krank. Und Sie verstehen diese Krankheit, wenn
Sie wissen, wie durch irgendwelche Umstande der Mondenanteil so-
zusagen ins Hintertreffen gekommen ist. Alle Krankheit der Men-
schen beruht darauf, daft diese verschiedenen Anteile in Unordnung
kommen, unregelmafiig geworden sind. Alle Heilung bestande darin,
dafi die Harmonie wieder hervorgebracht werde. Aber nur sprechen
davon gemigt nicht, man mufi diese Harmonie wirklich kennen, man
mufi wirklich in die Weisheit der Welt hineinsteigen, urn an jedem
Organ die verschiedenen Anteile finden zu konnen.
So ist der physische Leib ein ungeheuer kompliziertes Gebilde. Das
konnen Sie schon ahnen aus dem, was wir bisher betrachtet haben. Sie
konnen ahnen, was eine wirklich okkulte Physiologie und Anatomie
ist, die mit alien diesen Faktoren rechnen mufi und welche den Men-
schen aus dem ganzen Kosmos heraus begreift. Sie spricht vom Son-
nen- und Mondenanteil im Herzen, Kehlkopf, Gehirn und so weiter.
Da aber alle diese Anteile im Menschen selber wirken, so wie der
Mensch heute vor uns steht, so ist er sozusagen das verf estigte, kristal-
lisierte Produkt all der Vorgange, die geschehen sind vom Saturn aus
auf Sonne, Mond und Erde. So steht im Menschen etwas vor uns,
worin verfestigt sind alle diese Anteile.
Sieht man nun nicht hinaus in die Welt, sondern in den Menschen
selber hinein und versteht die einzelnen Organe, den physischen Leib,
Atherleib, astralischen Leib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Be-
wulkseinsseele, so wie der Mensch heute ist, so ist das Anthroposo-
phie. Wir werden auch bei der Anthroposophie auszugehen haben von
dem Untersten, um allmahlich zum Hochsten aufzusteigen. Das Un-
terste fur den Menschen ist die sinnlich-physische Welt, das, was durch
die Sinne und den sinnlich-physischen Verstand gegeben ist. Sie
betrachten wir in der Theosophie, ausgehend vom Weltganzen, in den
kosmischen Zusammenhangen mit den sinnlich-physischen, den
aufteren Erscheinungen. Das ist theosophische Betrachtungsweise.
Anthroposophische Betrachtung muE in bezug auf die sinnlich-phy-
sische Welt vom Menschen ausgehen, mul5 das betrachten an dem
Menschen, was an ihm sinnlich-physisch ist. Sie mufi ausgehen vom
Menschen und ihn betrachten, insofern er ein Sinneswesen ist. Das
wird das erste sein. Dann werden wir den menschlichen Atherleib zu
betrachten haben, dann den astralischen Leib und das Ich, das, was an
ihm selber zu finden ist.
Was mufi uns insbesondere interessieren, wenn die physisch-sinn-
liche Welt in Betracht kommt? Was am Menschen selber ist. Das sind
zunachst die Sinne, denn sie sind es eigentlich, durch welche er Er-
kenntnis erhalt von der physisch-sinnlichen Welt. Man mufi zunachst
von den menschlichen Sinnen, wenn man vom physischen Plane aus-
geht, in der Anthroposophie sprechen, denn sie sind das, wodurch der
Mensch iiberhaupt etwas weift von der physisch-sinnlichen Welt. Und
wir werden sehen, wie wichtig es ist, um wirklich den Menschen zu
erkennen, von der Betrachtung seiner Sinne auszugehen. Das sei also
unser erstes Kapitel. Dann werden wir aufsteigen zur Betrachtung der
einzelnen geistigen Gebiete in der menschlichen Natur.
Wenn man nun die menschlichen Sinne betrachtet, dann kommt
man als Anthroposoph schon ins Gehege mit der Anthropologic, denn
Anthroposophie mulS immer ausgehen von dem, was sinnlich wirklich
ist, aber sie mufi sich klar sein, daft der Geist von oben hereinwirkt. Die
Anthropologic geht nur ein auf das, was sie unten erforschen kann und
wirft alles durcheinander. Gerade in dem Kapitel iiber die menschli-
chen Sinne ist alles in der aufieren Anthropologic durcheinanderge-
worfen, und wichtige Dinge sind gerade aufter Betracht gelassen, weil
die Menschen keinen Leitfaden haben, um die entsprechenden Tatsa-
chen wirklich und richtig zu finden. Wenn der Faden fehlt, der durch
das Labyrinth der Tatsachen fiihren soil, dann ist es nicht moglich, aus
diesem Labyrinth herauszukommen. Den Fadenknauel, der in der
Sage den Theseus aus dem Labyrinth des Minotaurus fiihrt, den mufi
die geistige Forschung spinnen. Die gewohnliche Anthropologic
bleibt drinnen in dem Labyrinth und fallt dem Minotaurus zum Opfer.
So werden wir sehen, daft Anthroposophie allerdings iiber die Sinne
etwas anderes zu sagen hat als die gewohnliche auftere Betrachtung.
Aber es ist auch interessant zu sehen, wie die heutige Wissenschaft
schon durch die aufteren Tatsachen gezwungen wird, ein wenig
griindlicher und ernster die Dinge zu betrachten, als dies friiher ge-
schehen ist. Das Trivialste ist ja immer, daft man spricht von den fiinf
menschlichen Sinnen: Tastsinn, Geruchs-, Geschmacks-, Gehor- und
Gesichtssinn. Wir werden sehen, daft bei dieser ganzen Aufzahlung
der fiinf Sinne wirklich schon alles drunter und driiber geworfen ist.
Zu diesen Sinnen hat die heutige Wissenschaft allerdings schon drei
andere Sinne hinzugefiigt, mit denen sie freilich nichts Rechtes anzu-
fangen weift. Heute werden wir die allerersten Fundamente legen zu
einer anthroposophischen Sinneslehre. Wir werden die Sinne auf-
zahlen, insofern sie anhand des oben besprochenen Fadens wirklich
Bedeutung haben.
Der erste Sinn des Menschen, der in Betracht kommt, ist derjenige,
den man in der Geisteswissenschaft nennen kann den Lebenssinn.
Das ist ein wirklicher Sinn, und ebenso wie man vom Gesichtssinn
spricht, hat man vom Lebenssinn zu sprechen. Was ist der Lebens-
sinn? Er ist etwas im Menschen, was er eigentlich, wenn alles in
Ordnung ist, nicht fiihlt, sondern nur dann fiihlt, wenn etwas in ihm
nicht in Ordnung ist. Der Mensch fiihlt Mattigkeit, die er wahrnimmt
als ein inneres Erlebnis, wie er eine Farbe wahrnimmt. Und das, was
im Hunger- oder Durstgefiihl zum Ausdruck kommt, oder was man
ein besonderes Kraftgefuhl nennen kann, das miissen Sie auch inner-
lich wahrnehmen wie eine Farbe oder einen Ton. Man nimmt dies in
der Regel nur wahr, wenn irgend etwas nicht in Ordnung ist. Die
erste menschliche Eigenwahrnehmung wird durch den Lebenssinn
gegeben, durch den der Mensch als ein Ganzes sich seiner Korperlich-
keit nach bewuftt wird. Das ist der erste wirkliche Sinn, und er mufi
ebenso beriicksichtigt werden wie der Gesichts- oder Gehorsinn oder
der Geruchssinn. Niemand kann die Sinne verstehen, der nicht weift,
daft es eine Moglichkeit gibt, sich als ein Ganzes innerlich zu fiihlen,
sich als einer innerlich geschlossenen, korperlichen Gesamtheit be-
wufit zu werden.
Das zweite, was als ein Sinn von diesem Lebenssinn wieder ganz
verschieden ist, das ist das, was Sie herausfinden konnen, wenn Sie
irgendeines Ihrer Glieder bewegen. Sie bewegen Ihren Arm oder Ihr
Bein. Sie wiirden kein menschliches Wesen sein, wenn Sie nicht Ihre
eigenen Bewegungen wahrnehmen konnten. Eine Maschine nimmt
ihre Eigenbewegung nicht wahr, das kann nur ein lebendiges Wesen,
vermoge eines wirklichen Sinnes. Der Sinn dafiir, was wir in uns selber
bewegen, vom Augenzwinkern bis zur Bewegung der Beine, ist ein
wirklicher zweiter Sinn, der Eigenbewegungssinn.
Ein dritter Sinn wird uns bewuftt werden, wenn wir daran denken,
dafi der Mensch unterscheidet zwischen oben und unten. Wenn er sol-
ches nicht mehr wahrnehmen kann, so ist das fur ihn sehr gefahrlich, er
kann sich dann nicht mehr halten und sinkt um. Wir konnen hinweisen
auf ein Organ, das viel mit diesem Sinn zu tun hat, namlich auf die drei
halbzirkelformigen Kanale im Ohr. Bei Verletzung dieses Organs ver-
liert der Mensch seinen Orientierungssinn. Auch im Tierreiche lafk
sich dieser Sinn verfolgen. Da zeigt er sich als gewisse Gleichgewichts-
organe. Wenn da gewisse kleine, steinchenformige Gebilde, die so-
genannten Qtolithen, in gewisser Weise an einem bestimmten Orte
liegen, so haben wir die Gleichgewichtslage, im andern Falle nur ein
Taumeln. Das ist der Gleichgewichts- oder der statische Sinn.
Mit diesen Sinnen, die wir bis jetzt aufgezahlt haben, nimmt der
Mensch etwas in sich selber wahr, fiihlt etwas in sich selber. Jetzt treten
wir heraus aus dem Menschen, wo er in Wechselwirkung zu treten
beginnt mit der aufieren Welt. Das erste Wechselverhaltnis mit der
Welt ist dasjenige, wo der Mensch den Stoff mit sich vereinigt und
diesen Stoff wahrnimmt. Dies kann man nur dann, wenn sich wirklich
dieser Stoff mit dem menschlichen Leibe vereinigen lafit. Dies trifft nur
ftir gasformige Stoffe zu. Durch die Organe des Geruchssinnes werden
solche aufgenommen. Da beginnt zuerst der Verkehr mit der Auften-
welt. Ohne dafi ein Korper gasformige Stoffe aussendet, kann er nicht
gerochen werden. Die Rose mufi gasformigen Stoff aussenden, damit
sie gerochen werden kann. Der vierte Sinn ist also der Geruchssinn.
Der funfte Sinn entsteht dann, wenn der Mensch nicht mehr blofi
wahrnimmt die Stofflichkeit, sondern schon den ersten Schritt macht
in die Stofflichkeit hinein, also in ein tieferes Verhaltnis tritt zum
Stoffe. Da mufi der Stoff schon irgendeine Wirkung in ihm ausiiben.
Das ist dann der Fall, wenn ein fester oder wafiriger Korper an unsere
Geschmacksorgane gelangt. Da nimmt man nicht direkt die Stofflich-
keit wahr, sondern der Korper mufi zuerst aufgelost werden durch die
Fltissigkeit des Mundes. Hier kann blofi ein Wechselverhaltnis wahr-
genommen werden zwischen der Zunge und dem Korper. Es sagen
uns die Dinge nicht nur, was sie sind als Stoff, sondern was sie bewir-
ken konnen. Das Wechselverhaltnis zwischen Mensch und Natur ist
ein intimeres geworden. Das ist der funfte Sinn, der Geschmackssinn.
Der sechste Sinn ist der, wo das, was der Mensch an den Dingen
wahrnimmt, noch intimer das Wesen der Dinge kundgibt. Die Dinge
sagen hier dem Menschen mehr, als sie ihm blofi durch den Ge-
schmackssinn sagen. Das geschieht nun so, dafi besondere Vorkeh-
rungen getroffen sind, damit die Dinge sich dem Menschen in ganz
gewisser Weise ankiindigen konnen. Beim Geruch nimmt der
menschliche Leib die Dinge so, wie sie sind. Der Geschmackssinn ist
schon komplizierter, dafiir geben die Dinge hier schon etwas mehr
von ihrer Innerlichkeit kund. Beim sechsten Sinn aber konnen wir
noch tiefer in die Welt eindringen. Das ist dann der Falle, wenn wir
unterscheiden, ob etwas aufieres Stoffliches Licht durchlafk oder
nicht. Dafi es in einer bestimmten Weise Licht durchlafk, zeigt sich
darin, ob und wie es gefarbt ist. Ein Ding, welches das griine Licht
durchstrahlen lalk, zeigt damit, dafi es eben gerade innerlich so ist, dafi
es dieses Licht durchstrahlen lassen kann. Wahrend die aufierste
Oberflache im Geruchssinne sich offenbart, wird schon etwas von der
innern Natur eines Dinges uns durch den Geschmackssinn bekannt;
im Gesichtssinn hingegen wird etwas offenbar von dem Durch und
Durch der Dinge. Dies ist das Wesen des sechsten Sinnes, des Ge-
sichtssinnes. Das Auge ist deshalb ein so wunderbares Organ, weil es
viel tiefer in die Natur der Dinge einzudringen gestattet als die eben
besprochenen Sinnesorgane. Beim Gesichtssinn haben wir etwas sehr
Eigentiimliches. Wenn wir mit dem Auge zum Beispiel die Rose rot
sehen, so kiindigt sich ihr Inneres durch die Oberflache an. Wir sehen
nur die Oberflache, und weil sie bedingt ist durch das Innere, lernen
wir durch sie dieses Innere bis zu einem gewissen Grade kennen.
Beim siebenten Sinn mull der Mensch noch intimere Bekanntschaft
machen mit dem Ding. Greifen wir ein Stuck Eis oder ein Stuck heiften
Stahl mit der Hand an, so dringen wir noch tiefer in das Innere einer
Sache ein. Bei der Farbe haben wir bloft das, was sich an der Oberflache
abspielt. Eis hingegen ist durch und durch kalt, und auch beim heifien
Stahl geht die Warme durch den ganzen Korper. Bei Warme und Kalte
haben wir also eine noch intimere Bekanntschaft mit der Natur der
Dinge als beim Gesichtssinn, der uns nur iiber die Oberflachenbe-
schaffenheit aufklart. Der Warmesinn greift intimer in die Untergriin-
de der Dinge. Solches ware der Warmesinn oder der siebente Sinn.
Nun versuchen wir, wie die Sache sich weiter stellen wird. Kann der
Mensch vermittels seiner Sinne noch tiefer in die Untergriinde der
Dinge gelangen? Kann er das intime Innere der Dinge noch genauer
kennenlernen als durch den Warmesinn? Ja, das kann er, indem die
Dinge ihm zeigen, wie sie in ihrer Innerlichkeit sind, wenn sie zu tonen
anfangen. Die Warme ist in den Dingen ganz gleichmafiig verteilt. Was
Ton in den Dingen ist, ist nicht gleichmaftig verteilt. Der Ton bringt
die Innerlichkeit der Dinge zum Erzittern. Dadurch zeigt sich eine
gewisse innere Beschaffenheit. Wie das Ding im Innern beweglich ist,
nehmen Sie wahr durch den intimeren Gehorsinn. Er liefert uns eine
intimere Kenntnis der Auftenwelt als der Warmesinn. Das ist der achte
Sinn, der Gehorsinn. Im Ton offenbart uns ein Ding, wie es innerlich
ist, wenn wir dieses Ding anschlagen. Wir unterscheiden die Dinge
nach ihrer inneren Natur, nach der Art, wie sie innerlich erzittern und
erbeben konnen, wenn wir sie zum Tonen bringen. Die Seele der Din-
ge spricht in gewisser Weise da zu uns.
Gibt es nun noch hohere Sinne als den Gehorsinn? Hier mtissen wir
noch viel behutsamer zu Werke gehen, um die hoheren Sinne zu erfor-
schen; denn wir diirfen die Sinne nicht mit etwas anderem verwech-
seln. Im gewohnlichen Leben, da wo man unten stehenbleibt, wo man
alles durcheinanderwirft, spricht man noch von andern Sinnen, zum
Beispiel vom Nachahmungssinn, vom Verheimlichungssinn und so
weiter. Da ist das Wort Sinn aber falsch angewendet. Sinn ist das,
wodurch wir uns eine Erkenntnis verschaffen ohne Mitwirken des
Verstandes. Wo wir uns durch das Urteil eine Erkenntnis verschaffen,
da sprechen wir nicht von Sinn, sondern nur da, wo unsere Urteils-
fahigkeit noch nicht in Kraft getreten ist. Nehmen Sie eine Farbe wahr,
so gebrauchen Sie einen Sinn. Wollen Sie urteilen zwischen zwei
Farben, so gebrauchen Sie keinen Sinn.
Gibt es in diesem Sinn - hier das Wort Sinn schon nicht richtig
gebraucht - noch andere Sinne als die acht bisher genannten? Ja, es gibt
noch einen neunten Sinn. Wir finden ihn, wenn wir uns iiberlegen, daft
es allerdings im Menschen noch eine gewisse Wahrnehmungsfahigkeit
gibt. Das ist ganz besonders wichtig fur die Fundamentierung der An-
throposophie. Es gibt eine Wahrnehmungsfahigkeit, die nicht auf dem
Urteil beruht, aber doch in ihm vorhanden ist. Es ist dasjenige, was wir
wahrnehmen, wenn wir durch die Sprache uns mit unseren Mitmen-
schen verstandigen. In dem Wahrnehmen dessen, was uns durch die
Sprache gegeben ist, liegt nicht nur ein Ausdruck des Urteilens, son-
dern es liegt ein wirklicher Sprachsinn da zugrunde. Dieser Sprachsinn
ist der neunte Sinn. Von ihm muf? man sprechen, wie man von einem
Gesichts- oder Geruchssinn spricht. Das Kind lernt sprechen, bevor es
urteilen lernt. Das ganze Volk hat eine Sprache; das Urteilen obliegt
dem einzelnen Menschen. Was zum Sinne spricht, unterliegt nicht der
Seelentatigkeit des einzelnen Menschen. Das Horen kundet einem das
innere Erzittern an. Die Wahrnehmung, daft ein Laut dieses oder jenes
bedeutet, ist nicht blofies Horen. Der Sinn, der sich darin als Sinn der
Sprache ausdriickt, gibt sich eben einem andern Sinne kund, dem
Sprachsinn. Daher kann das Kind lange, bevor es urteilen lernt, spre-
chen oder Gesprochenes verstehen. Erst an der Sprache lernt es urtei-
len. Welcher Erzieher ist der Sprachsinn, geradeso wie der Gesichts-
sinn und der Gehorsinn solche Erzieher sind, wahrend der ersten
Lebensjahre! Man kann an dem nichts andern, was der Sinn wahr-
nimmt; man kann nichts daran verderben. Das ist ebenso bei der Farbe
wie beim Wahrnehmen des Innern des Sprachlautes. Der Sprachsinn
ist notwendig als ein besonderer Sinn zu bezeichnen. Er ist der neunte
Sinn.
Dann kommen wir zum zehnten der Sinne. Das ist derjenige, der fur
das gewohnliche Menschenleben der hochste ist. Durch ihn wird der
Mensch fahig, den Begriff, der nicht in Sprachlaute sich kleidet, wahr-
nehmend zu verstehen. Der Begriffssinn ist geradeso ein Sinn wie jeder
andere. Damit wir urteilen konnen, rmissen wir Begriffe haben. Soli die
Seele sich regen durch den Begriff, so mufi sie Begriffe wahrnehmen
konnen. Dies vermag sie durch den Begriffssinn. So haben wir in ihm
einen zehnten Sinn aufgezahlt.
Aber ein Sinn ist ganz vergessen, konnten Sie sagen, der Tastsinn.
Allerdings! Der Tastsinn wird gewohnlich zusammengeworfen mit
dem Warmesinn. Dafi so gesprochen werden kann, kommt von dem
Durcheinanderwerfen durch diejenigen, die den geistigen Faden nicht
haben. Zunachst hat der Tastsinn freilich nur als Warmesinn Bedeu-
tung. Als solcher Sinn ist sozusagen im groben zu bezeichnen die
ganze Haut. Diese ist auch in gewisser Weise fur den Tastsinn da.
Doch ist, richtig betrachtet, nicht nur das ein Tasten, was wir tun,
wenn wir einen Gegenstand anriihren, seine Oberflache abfuhlen;
Tasten ist es auch, wenn wir mit den Augen etwas suchen. Auch
Geruchssinn und Geschmackssinn konnen tasten. Wenn wir schniif-
feln, so tasten wir mit dem Geruchssinn. Bis herauf zum Warmesinn
ist das Tasten eine gemeinschaftliche Eigenschaft der Sinne vier bis
sieben. Von diesen Sinnen konnen wir also sprechen als von Sinnen
des Tastens. Nur unsere grobklotzige Betrachtungsweise der Physio-
logic kann einem Sinn etwas zuschreiben, was einer ganzen Reihe von
Sinnen zukommt, dem Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn
und Warmesinn. Beim Gehorsinn konnen wir kaum mehr von einem
Tasten sprechen, es ist in ganz geringem Mafie nur vorhanden; noch
weniger beim Sprachsinn und wiederum weniger beim Begriffssinn.
Diese Sinne werden daher bezeichnet als Sinne des Begreifens. Wah-
rend wir beim Tastsinn etwas haben, was an der Oberflache bleibt,
was nicht in die Dinge hineindringen kann, so dringen wir beim
Warmesinn zunachst in die Dinge ein und dann immer tiefer und
tiefer. Diese oberen Sinne liefern uns das Verstehen und Begreifen der
Dinge in ihrem Innern, und sie werden daher als Sinne des Begreifens
bezeichnet.
Sie sehen nun daraus, daft wir, bevor wir zum Geruchssinn kom-
men, drei andere Sinne aufzuzahlen haben, die uns unterrichten tiber
das eigene menschliche Innere. Aus ihm heraus holen sie ihre Kund-
schaften. Dann kommen wir zur Grenze zwischen Innen- und Auften-
welt zunachst durch den Geruchssinn, und dann gelangen wir durch
die hoheren Sinne immer tiefer und tiefer in die Aufienwelt hinein.
Liegt etwas darunter und dariiber? Das, was aufgezahlt worden ist,
ist nur ein Ausschnitt. Dariiber und darunter liegen andere Sinne. Vom
Begriffssinn konnten wir aufsteigen zum ersten astralischen Sinne und
wiirden dann kommen zu den Sinnen, die ins Geistige eindringen
konnen. Da wiirden wir zunachst finden einen elften, zwolften und
dreizehnten Sinn. Diese drei unbekannten Sinne sollen hier zunachst
nur erwahnt werden. Wir werden genauer davon sprechen, wenn wir
morgen oder iibermorgen aus dem Physischen ins Geistige aufsteigen.
Sie werden uns tiefer hineinfuhren in die Untergriinde des geistigen
Lebens, in die der Begriff nicht eindringt. Der Begriff macht Halt an
einer bestimmten Stelle. Jenseits des Begriffs liegt das, was erst durch
die hoheren Sinne wahrgenommen werden kann. Der Geruch macht
Halt vor dem eigenen Innern. Wie Sie unter dem Geruch noch drei
Sinne haben, so iiber dem Begriff noch drei hohere Sinne, durch die wir
eindringen in das Auftere der geistigen Dinge, wie mit jenen unteren
Sinnen in das Aufiere der physischen Dinge.
Aber heute werden wir auf dem physischen Plane bleiben. Deshalb
haben wir das aufgezahlt, was zum Wahrnehmen des Physischen ge-
hort. Es war nicht unnotig, uns so auf eine Fundamentierung der Din-
ge einzulassen. Weil sie vergessen worden ist, ist in den Wissenschaften
alles in der entsetzlichsten Weise durcheinandergeworfen worden, bis
hinein in Philosophie und Erkenntnistheorie. Man spricht im allge-
meinen: Was kann der Mensch erkennen durch die einzelnen Sinne? -
Man kann nicht den Unterschied angeben, der zwischen Gehor- und
Gesichtssinn ist. Man spricht von Schallwellen geradeso wie von
Lichtwellen, ohne zu beriicksichtigen, daft der Gesichtssinn weniger
tief in das Wesen der Dinge eindringt als der Gehorsinn, der etwas von
der Seelennatur der aufteren Welt offenbart. Durch die drei noch ho-
heren Sinne, den elften, zwolften und dreizehnten Sinn, werden wir
auch in den Geist der Dinge eindringen. Jeder Sinn hat eine andere
Natur und Wesenheit. Dies ist zunachst zu beriicksichtigen. Daher
konnen Sie eine grofte Anzahl von Ausfiihrungen, die heute iiber die
Natur des Gesichtssinnes und sein Verhaltnis zur Umwelt, namentlich
die Physik bringt, von vorneherein als etwas betrachten, was niemals
gerechnet hat mit der Natur der Sinne iiberhaupt. Unzahlige Irrtumer
haben sich auf diese Verkennung des Wesens der Sinne aufgebaut. Dies
mull betont werden, weil dem hier Gesagten die popularen Darstellun-
gen gar nicht gerecht werden. Ja, populare Biicher konnen gerade das
Gegenteil davon sagen. Sie lesen dort Dinge, die von Leuten geschrie-
ben sind, die nicht einmal eine Ahnung haben konnen von der inneren
Natur der Sinnenwesenheit. Wir miissen uns klarmachen, daft die
Wissenschaft von ihrem Standpunkte aus anders sprechen muE, daft sie
dem Irrtum verfallen mufi, weil die Entwickelung so war, daft das
Richtige vielfach vergessen worden ist. Das ist das erste Kapitel der
Anthroposophie: die wirkliche Natur und Wesenheit unserer Sinne.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 25. Oktober 1909
Wir haben vorgestern bei unserem ersten Vortrag iiber Anthroposo-
phie die menschlichen Sinne gewissermafien nur aufgezahlt, allerdings
in solcher Weise, wie sich das ergibt aus der menschlichen Wesenheit
selber. Wir haben sie nicht bunt durcheinandergeworfen, wie das in
der Sinnesphysiologie meist geschieht, weil da die entsprechenden
Zusammenhange nicht erkannt werden konnen, sondern haben sie
aufgezahlt und aufgereiht in einer vollstandigen Weise, entsprechend
der Wirklichkeit der menschlichen Wesenheit. Und heute wird es uns
obliegen, weil das Gebiet der menschlichen Sinne zu dem Wichtigsten
gehort, das wir brauchen werden bei der weiteren Ergriindung der
menschlichen Wesenheit, eben diese menschliche Sinneswelt etwas
eingehender noch zu betrachten.
Wir haben begonnen mit dem Sinn, den wir Lebensgefuhl oder
Lebenssinn, Vitalsinn, nannten. Wir werden uns fragen miissen: Wor-
auf beruht eigentlich im wahren Geiste des Wortes dieser Lebenssinn?
- Da miissen wir ziemlich tief hinuntersteigen in die unterbewufiten
Untergriinde des menschlichen Organismus, wenn wir uns ein Bild
von dem machen wollen, woraus das entspringt, was Lebenssinn ge-
nannt wird. Wir konnen hier naturlich alles nur skizzieren. Zunachst
ist vorhanden ein eigenartiges Zusammenwirken des physischen
Leibes mit dem Atherleib. Diese Tatsache ergibt sich, wenn man mit
geisteswissenschaftlicher Forschung versucht festzustellen, was dem
Lebenssinn zugrunde liegt. Es ist wirklich so, daft das unterste Glied
der menschlichen Wesenheit, der physische Leib, und der Lebensleib
in ein ganz bestimmtes Verhaltnis treten zueinander. Das geschieht
dadurch, dafi im Atherleibe etwas anderes auftritt und sich in ihn hin-
einsetzt, ihn sozusagen durchtrankt. Der Atherleib wird durchzogen
und durchflossen von etwas anderem. Dieses andere ist etwas, was der
Mensch im Grunde genommen heute bewulkerweise in sich noch gar
nicht kennt. Die Geisteswissenschaft jedoch kann uns sagen, was da-
drinnen im Atherleibe wirkt und ihn durchtrankt wie Wasser einen
Schwamm, bildlich gesprochen. Wenn man dies geisteswissenschaft-
lich untersucht, so findet man, daft es gleich ist dem, was der Mensch
einstmals in ferner Zukunft als den Geistesmenschen oder das Atma
entwickeln wird. Heute hat er dieses Atma noch nicht von sich selber
aus in sich; es mufi ihm noch aus der umliegenden geistigen Welt so-
zusagen erst verliehen werden. Es wird ihm verliehen, ohne daft er
bewuftten Anteil daran nehmen kann. Spater, in einer fernen Zukunft,
wird er es in sich selbst entwickelt haben. Der Geistesmensch oder
Atma ist es also, was da den Atherleib durchdringt und durchsetzt.
Was tut nun dieses Atma im Atherleib? Heute ist der Mensch noch
nicht in der Lage, einen Geistesmenschen oder Atma in sich zu haben,
denn in der gegenwartigen Zeit ist dies noch eine iibermenschliche
Wesenheit in dem Menschen. Dieses Ubermenschliche, das Atma,
driickt sich dadurch aus, daft es den Atherleib zusammenzieht, ja zu-
sammenkrampft. Wenn wir dafur ein Bild aus der aufteren Sinneswelt
gebrauchen wollen, so konnten wir es etwa vergleichen mit der frosti-
gen Wirkung der Kalte. Was einst das hochste Glied des Menschen sein
wird, wozu er heute noch nicht reif ist, das krampft ihn zusammen. Die
Folge davon, daft eben der Atherleib sich zusammenkrampft, ist, daft
der Astralleib des Menschen, das Astralische, wie ausgepreftt wird,
und in dem Mafte, wie der Atherleib zusammengepreftt wird, wird
auch der physische Leib gespannt. Es treten in ihm frostige Spannun-
gen auf. Es ist also so, wie wenn Sie einen Schwamm ausdriicken. Der
astralische Leib macht sich sozusagen Luft, wird herausgepreftt, her-
ausgedruckt. Die Vorgange im astralischen Leibe sind nun Gefuhls-
erlebnisse, Erlebnisse der Lust und Unlust, der Freude und des
Schmerzes und so weiter. Dieser Vorgang des Herausgedrucktwer-
dens ist es, was sich als Lebensgefuhl in uns kundgibt, als Freiheits-
gefiihl zum Beispiel, als Kraftgefuhl, als Gefiihl von Mattigkeit.
Nun steigen wir zu dem zweiten Sinn hinauf. Als zweiten Sinn ha-
ben wir den Eigenbewegungssinn angefuhrt. Hier wirkt im Atherleib
des Menschen wiederum etwas, was wir heute auch noch nicht bewuftt
besitzen. Und wieder konnen wir das Gleichnis vom Schwamm ge-
brauchen. Der Atherleib wird namlich auch hier durchtrankt und
durchsetzt wie ein Schwamm vom Wasser, und was ihn jetzt durch-
setzt und durchzieht, das ist der Lebensgeist oder die Budhi, welche er
einst entwickeln wird aus sich heraus. Heute freilich ist dies erst gleich-
sam vorlaufig aus der geistigen Welt uns gegeben. Die Budhi oder der
Lebensgeist wirkt anders als der Geistesmensch. Er wirkt so, daft ein
Gleichgewicht wie in dem in sich ruhenden Wasser im astralischen
Leibe eintritt. Das Gleichgewicht im Atherleibe und dann im physi-
schen Leibe haben zur Folge ein Gleichmaft, ein Gleichgewicht im
astralischen Leibe. Wenn dieses Gleichmaft von auften gestort wird, so
sucht es sich von selber wieder aiiszugleichen. Fiihren wir eine Bewe-
gung aus, so stellt sich das, was ins Ungleiche gekommen ist, wieder ins
Gleichgewicht. Strecken wir zum Beispiel die Hand aus, so flieftt ein
astralischer Strom zuriick in entgegengesetzter Richtung der aus-
gestreckten Hand, und so ist es bei alien Bewegungen in unserem Or-
ganismus. Immer wenn in einer physischen Lage eine Veranderung
geschieht, so bewegt sich im Organismus in entgegengesetzter Rich-
tung ein astralischer Strom. So ist es beim Augenzwinkern, so ist es
beim Bewegen der Beine. In diesem innerlich erlebten Vorgang eines
Ausgleichs im Astralleib offenbart sich der Eigenbewegungssinn.
Wir kommen nun zu einem dritten Element, das den Atherleib des
Menschen durchsetzen kann. Dieses dritte Element ist auch etwas,
was der Mensch heute zwar teilweise schon besitzt, aber nur zum
allergeringsten Teil in sein Bewufttsein gebracht hat, namlich Manas
oder Geistselbst. Aber weil es die Erdenaufgabe des Menschen ist,
dieses Manas zu entwickeln, so ist es begreiflich, daft es anders auf den
Atherleib wirkt als der Lebensgeist oder Geistesmensch, die erst in
ferner Zukunft entwickelt werden sollen. Es wirkt ausdehnend auf
den Atherleib, nicht zusammenkrampfend, und die Folge davon ist,
daft das Gegenteil von dem eintritt, was beim Lebenssinn als das Fro-
stige bezeichnet worden ist. Man konnte die Wirkung von Manas auf
den Atherleib vergleichen mit dem Einstromen von Warme in einen
Raum. Etwas wie ein Warmestrom ergieftt sich beim Eintreten von
Manas in den Atherleib und dehnt ihn elastisch aus. Die Folge davon
ist, daft nun auch der astralische Leib verdiinnt wird, sich mit ausdeh-
nen kann, aber ohne herausgepreftt zu werden; er kann in dem sich
ausdehnenden Atherleib drinnenbleiben. Wahrend die Sinnesempfin-
dung beim Lebensgefiihl darauf beruht, daft der Astralleib herausge-
driickt wird, entsteht das, was statischer Sinn oder Gleichgewichts-
sinn genannt worden ist, dadurch, daft der Atherleib ausgedehnt wird
und dann zugleich der astralische Leib innerlich mehr Platz bekommt.
Der astralische Leib wird in sich weniger dicht, er wird diinner. Als
Folge dieser Verdiinnung des Astral- und Atherleibes ist nun auch fur
die physische Substanz die Moglichkeit geboten, irgendwie sich zu
strecken und auszudehnen. Durch die Wirkung von Atma wurde der
physische Leib zusammengekrampft, durch die Wirkung von Budhi
wurde er im Gleichgewicht erhalten, durch die Wirkung von Manas
aber wird der physische Leib entlastet, und da auch der Atherleib sich
ausdehnt, so kann er seine Partikelchen an gewissen Stellen hinaus-
schieben. Durch solches Hinausschieben sind auch jene Organe, die
drei kleinen halbzirkelformigen Kanale im Ohr entstanden, die auf-
einander senkrecht stehen, entsprechend den drei Richtungen des
Raumes. Es sind sozusagen Ausspreizungen der sinnlichen Materie
des physischen Leibes. Solche Organe entstehen in der verschieden-
sten Weise als Neubildungen, als wunderbare Gebilde, welche nicht
dadurch entstehen, daft von innen her getrieben wird, sondern da-
durch, daft der Druck von auften aufhort, das heiftt geringer wird und
Entlastung eintritt. Dadurch, daft der Astralleib sich weiter ausdehnen
kann, vermag er in Beziehung zur Auftenwelt zu treten. Er mufi sich
mit dieser Auftenwelt ins Gleichgewicht setzen. Geschieht das nicht,
dann steht der Mensch schief oder er fallt sogar um. Fur die beiden
ersten Sinne kam das nicht in Betracht, aber diesem Sinne kommt die
Aufgabe zu, sich ins Gleichgewicht zu setzen. Streben wir irgendwo
hinein, so miissen wir so hinein, wie wir konnen; zum Beispiel in den
Raum miissen wir in seinen drei Richtungen hineinstreben. Daher
wachsen jene drei halbzirkelformigen Kanale im Ohr in den drei Rich-
tungen des Raumes senkrecht aufeinander. Werden diese Organe ver-
letzt, so hort der statische Sinn auf zu funktionieren und der Mensch
erleidet Schwindelgefuhle, Ohnmachtsanfalle und dergleichen. Wo
man es mit Tieren zu tun hat, liegt die Sache so, daft die Tiere zu friih
in die physische Materie heruntergestiegen sind, so daft sich bei ihnen
die physische Materie noch mehr verhartet hat. Es treten geradezu
Steinbildungen auf, die Otolithen. Sie lagern sich so, dafi daran das
Gleichgewicht abgemessen und empfunden werden kann.
Damit hatten wir besprochen, sozusagen von innen nach aufien
gehend, drei Sinne. Der letzte Sinn stent hart an der Grenze zwischen
dem, was der Mensch innerlich erlebt, und dem, was er erleben mufi,
urn sich in die Aufienwelt hineingliedern zu konnen. In jiingster Zeit
ist die aufiere, an den sinnlichen Tatsachen haftende Wissenschaft
sozusagen mit der Nase daraufgestofien worden, diese drei Gebiete
unserer Sinnesorganisation endlich einmal anzuerkennen. Wir miissen
dabei scharf unterscheiden, wie wir es hier immer tun, zwischen dem,
was tatsachliches Ergebnis der Forschung ist, und den Meinungen, die
gegenwartig die Gelehrtengruppenseele mit ihrem unzulanglichen
Denken hat. Sie hat gerade auf diesem Gebiete gezeigt, wie sie irren
mufi, wenn sie den Leitfaden nicht hat, der durch das Labyrinth fuhrt,
denn gerade hier hapert es ganz gewaltig. So hat man verglichen diese
Bildungen, die ein menschliches Sinnesorgan bedeuten, mit gewissen
Organen im Pflanzenreiche, wo auch eine Art von Gleichgewicht bei
einem Neigen der Pflanzen durch Umlagerung solcher Korperchen
bewirkt wird. Weil aber der moderne Denker in der Regel immer dann
von der Logik verlassen wird, wenn er eine richtige Anschauung iiber
die Dinge haben sollte, so ist er zu dem sonderbaren Resultat gekom-
men, daft auch die Pflanzen einen Gleichgewichtssinn hatten. Solch
eine Logik aber beruht auf dem Standpunkt, den ich schon oft durch
ein Bild charakterisiert und angefiihrt habe. Weil eine gewisse Pflanze,
wenn sich irgendein Insekt ihr nahert, zum Fangen desselben ihre
Blatter zusammenzieht, so sagt man in dieser oberflachlichen Weise,
es miisse von einem entsprechenden Sinn der Pflanze gesprochen
werden. Ich kenne jedoch ein Gebilde, das dies in vorziiglicherer
Weise tun kann, es geht sogar so weit, daft es die kleinen Tiere heran-
lockt und aufschnappt, namlich die Mausefalle. Mit demselben Recht,
wie man das, was von den menschlichen Sinnen gesagt wird, auf die
Pflanzen iibertragt, konnte es auch auf die Mausefalle ubertragen wer-
den. Ebenso toricht konnten wir es auch auf die Waage mit ihrem
Gleichgewichte anwenden und von einem Gleichgewichtssinn der
Waage sprechen. Solche Verkehrtheiten riihren her von einem unge-
niigenden Denken, das sich nicht geniigend dehnen, das die Wesenheit
der Sache nicht ordentlich durchdringen kann.
So haben wir drei Sinne, iiber welche die Wissenschaft heute in ge-
wisser Weise ihre Fangarme ausbreitet, die sie aber erst beherrschen
lernen wird, wenn sie den Faden der Geisteswissenschaft findet und
anzuwenden vermag. Dann erst wird sie auch den Bau des mensch-
lichen Organismus richtig begreifen, so wie er wirklich ist, gerade un-
ter dem Einflusse der Wechselwirkungen, die geschildert worden sind.
Dazu ist aber notig, daft man den ganzen Menschen aus dem Innern
heraus geisteswissenschaftlich zu beobachten und zu erfassen vermag.
Wir kommen nun zum Geruchssinn. Hier kann die Frage entste-
hen: Warum wird eigentlich das ausgelassen, was die Wissenschaft den
Tastsinn nennt und woriiber gewohnlich am meisten verhandelt wird?
- Bei der beschrankten Anzahl von Vortragen, die iiber dieses ganze
Gebiet gehalten werden konnen, muE iiber manches mit einer gewis-
sen Schnelligkeit hinweggegangen werden, und manches wird dann
etwas paradox klingen. Der Tastsinn wurde ausgelassen, weil er so, wie
er gewohnlich geschildert wird, eine Erfindung, ein Phantasiegebilde
der Physiologie ist. Er existiert als solcher gar nicht, denn man kann
eine ganze Reihe von Sinnen als solche des Tastens bezeichnen. Nicht
aber darf man von einem eigentlichen Sinn des Tastens sprechen. Was
geht denn da vor, wenn getastet wird? Angenommen, man fasse einen
Gegenstand an. Was da vorgeht, erschopft sich eigentlich ganz im
Gleichgewichtssinn. Wenn man einen Korperteil driickt, wird namlich
das Gleichgewicht in dem Korperteil gestort, und es geht nichts ande-
res vor, als was innerhalb des Gleichgewichtssinnes geschieht. Das-
selbe ist der Fall, wenn man auf einen Tisch driickt, iiber eine Sammet-
flache hinstreicht, an einem Stricke zieht. Es sind nur Veranderungen
im Gleichgewicht in uns selber, wenn Druck, Zug oder Streichen und
so weiter als Tastvorgange sich vollziehen. Der Tastsinn muE immer
dort gesucht werden, wo der Gleichgewichtssinn tatig ist.
Uber den Tastsinn existieren in der Wissenschaft die falschesten An-
schauungen. Man spricht vom Driicken, ohne weiter auf das Wesen die-
ser Tatsache einzugehen. Fiir den gewohnlichen Menschen ist ein
Druck etwas, wonach er gar nicht weiter fragt. Ein Druck aber hangt fiir
den, der geisteswissenschaftlich die Sache betrachtet, zusammen mit der
Frage: Was fur eine Stoning im Gleichgewicht entsteht da im Organis-
mus und was fur eine Ausgleichung ist infolgedessen im astralischen
Leibe notig? - Wie dieser Drucksinn, der ein Teil des Tastsinnes sein
wiirde, mifiverstanden wird, kann man daraus entnehmen, daft man
fragt: Warum werden die Menschen von dem ungeheuren Atmospha-
rendruck, der auf ihnen lastet, nicht erdriickt? - Wenn die Sache mit
dem aufiern Drucke sich so verhielte, so wiirde ein ungeheurer Druck
auf unseren Korper ausgeiibt. Ein wifibegieriger Junge fragt dann etwa
im Physikunterricht darnach, und da wird ihm gesagt, Druck und Ge-
gendruck, der von innen nach aufien wirkt, seien in unserem Korper
gleich und wiirden sich gegenseitig aufheben. Der Mensch, so sagt man,
ist ja innen ebenso mit Luft angefiillt, und die Folge ist ein ebenso grofier
Druck nach auften, so dafi die beiden gleich grofien, entgegengesetzt
gerichteten Druckwirkungen sich ausgleichen. Es tritt Gleichgewicht
ein, und der Mensch kann nicht erdriickt werden. Ist der betreffende
Junge aber ein aufgeweckter, so wird er einen Einwand machen und sa-
gen: Ich habe schon oft tief ins Wasser getaucht und bin ganz von Was-
ser umgeben gewesen und bin nicht erdriickt worden, trotzdem ich im
Innern meines Leibes doch nicht mit Wasser angefiillt war; sonst ware
ich ja ersoffen! - Hierin liegt das Absurde, wohin die Dinge fiihren,
wenn wir sie rein aufierlich materialistisch auslegen. In Wahrheit han-
delt es sich um einen eminent geistigen Vorgang, wenn Druck auf uns
ausgeiibt wird. Bis in unseren Astralleib fiihrt uns das hinein, wenn Sto-
rungen des Gleichgewichts ausgeglichen werden miissen. Wenn auf uns
ein Druck ausgeiibt wird, so verandert sich das Gleichgewicht, wir
schieben in den zusammengedriickten Teil den astralischen Leib hinein
und stellen so das gestorte Gleichgewicht wieder her, ja, man lalk ihn
sogar etwas dariiber vorstehen. Es ist sozusagen astralisch immer eine
kleine Beule da, wo gedriickt wird. Diese ausgleichende, rein astrale
Wirkung ist so stark, dafi sie von innen her den ganzen Druck der Luft
von aufien zu iiberwinden vermag. Hier ist buchstablich der Geist mit
Handen zu greifen; man merkt es nur nicht.
Was geschieht nun aber beim Geruchssinn? Da ergreift den
menschlichen Organismus etwas, das unserem Bewufitsein schon na-
her liegt, namlich die Bewufitseinsseele selber. Was in der Geisteswis-
senschaft Bewufttseinsseele genannt wird, tritt in Aktion, wenn ge-
rochen wird. Sie bewirkt an einer bestimmten Stelle des Organismus,
dafi nicht blofi Ausdehnung, Verdiinnung eintritt, sondern dafi hier
der astralische Leib seine Wirkung nach aufien sendet und diese Wir-
kung also uber den Organismus hinaustritt. Wahrend beim Riechen
die luftformige Substanz in die Schleimhaut der Nase dringt, drangt
sich in dem gleichen Mafie die astralische Substanz nach auften. Immer
verlalk diese astralische Substanz beim Riechen den Organismus,
taucht hinein in das Ding und erlebt etwas nicht nur in sich, sondern
in diesem Dinge, das wir als Wohlgeruch, Duft, Gestank oder derglei-
chen benennen und erleben. Es ist wie ein Fiihler des astralischen
Leibes, was durch die Bewufttseinsseele entsteht.
Der Geschmackssinn wirkt in seiner Weise, weil in ihm der Ather-
leib von der Verstandes- oder Gemtitsseele bearbeitet wird. Diese
ergielk die astralischen Stromungen durch das Geschmacksorgan
nach aufSen und schickt sie den Substanzen auf der Zunge entgegen. -
Was im Astralleib beim Riechen vor sich geht, ist von ganz besonderer
Natur. Was stromt denn da aus dem astralischen Leibe heraus, wenn
gerochen wird? Das ist nichts anderes als willensartiger Natur. Was
wir innerlich als Willensimpuls ftihlen, das quillt beim Riechen der
einstromenden Materie entgegen. Der Vorgang des Riechens ist ein
Sich-Wehren, ein Zuriickdrangen-Wollen von einstromender Sub-
stanz. Die geistige Forschung kann sagen, dafi jene einstrdmende Sub-
stanz nicht nur eine luftartige Substanz ist - das ist nur Maja, Tau-
schung -, sondern das ist von aufien einstromender Wille. Es vollzieht
sich ein Spiel von Willenskraften beim Riechen. Die Folge davon ist,
wie einmal jemand geahnt hat, dafi hier Wille von innen und Wille von
auften sich gegenseitig bekampfen und hemmen. Auf dieser Ahnung
hat jener - es ist Schopenhauer - eine Willensphilosophie begriindet.
Das ist aber eine falsche Metaphysik. Was Schopenhauer da sagt iiber
jene Willenskrafte, trifft eigentlich nur zu fur das Riechen; alles andere
ist einfach hineininterpretiert.
Wie beim Geruchssinn willensartig ist, was sich hinausergielk, ist
das, was beim Geschmackssinn, der Nahrung entgegen, herausstromt,
gefiihlsartiger Natur, und auch das Hereinstromende ist gefiihlsartiger
Natur. Hier, beim Schmecken, gelangt also Gefiihl mit Gefiihl in Wech-
selwirkung. Alles andere daran ist bloft Maja, blofi aufteres Zeichen.
Hier zeigt sich eine Gefiihlswirkung als Sinn, namlich das Schmecken
wird als angenehm, unangenehm, widrig und so weiter empfunden.
Allerdings nicht mit dem Gefiihl selber hat man es da zu tun, sondern
nur mit entsprechenden Wechselwirkungen von Gefiihlen.
Der nachste Sinn ist der Gesichtssinn. Hier ist es so, dafi das, was
jetzt den Atherleib bearbeitet und sich in ihn ergiefk, die Empfin-
dungsseele ist. Das Geschehen ist hier von gedankenartiger Natur. Ein
denkerisches Prinzip waltet da. Die Empfindungsseele hat schon in
sich, was in der Bewulkseinsseele bewufk wird; allerdings ist der
Gedanke in ihr noch unterbewulk. Es ist ein Denken in der Empfin-
dungsseele, das da hinausstromt durch die Augen. Hier stromt also
richtige Gedankensubstanz hinaus. Sie hat eine weit grofiere Elastizi-
tat als die andern beiden Substanzen, die beim Geruchs- und Ge-
schmackssinn ausstromen, und sie reicht deshalb auch viel weiter. Es
ist so, daft wirklich von dem Menschen Astralisches ausstromt und zu
den Dingen hinstromt. Nicht etwa begeben sich Atherwellen des
Lichts ins Auge, das dann das empfangene Bild nach aufSen projiziert!
Da miiftte doch jemand dadrinnen sitzen, der diese Projektionsarbeit
besorgt. Dies ware doch eine greulich aberglaubische Vorstellung,
dieses Etwas, was da projiziert. Die Wissenschaft, die so stolz ist auf
ihren Naturalismus, lafit sich im gegebenen Fall in grotesker Weise
aushelfen durch die vielgeschmahte Phantasie. Also dem Ding stromt
ein Astralisches als Gedankensubstanz zu und dringt so weit, bis ihm
irgendwo in der Feme Widerstand geboten wird und sich ihm ein
anderes Astralisches entgegensetzt. Der sich draufSen so abspielende
Widerstreit von Astralischem und Astralischem bildet die Farbe, die
wir an den Dingen empfinden. Die Farbe entsteht an der Grenze der
Dinge, wo das aus dem Menschen ausstromende Astralische mit dem
Astralischen der Dinge zusammentrifft. An der Grenze des aufieren
und inneren Astralischen entsteht die Farbe.
Es ist sehr merkwiirdig, wenn man zum Beispiel in Betracht zieht,
dafi eigentlich schon in der Empfindungsseele unterbewufit ein Den-
ken ist, das erst in der Verstandesseele zum Vorschein kommt und uns
erst in der Bewufttseinsseele bewuftt wird. Was in der Tat, wenn wir
die Dinge mit den beiden Augen anschauen, als zwei Eindriicke er-
scheint, das wird bewirkt durch ein Gedankliches, das zunachst nicht
ins Bewufksein gelangt. Wenn dieses ins Bewufksein treten soil, miis-
sen beide Gedankenmomente zusammenarbeiten; sie miissen den
Weg machen von der Empfindungsseele herauf in die Bewufttseins-
seele hinein. Diesen Weg konnen wir uns wieder gut durch ein Gleich-
nis veranschaulichen: Hier sind die beiden Hande. Jede Hand kann
empfinden fur sich, aber nur wenn die beiden Hande sich kreuzen,
kommt diese Empfindung, daft die eine Hand die andere empfindet,
einem zum Bewufksein, wie ein aufterer Gegenstand erst durch die
Beriihrung einem ins wirkliche Bewufksein gehoben wird. Sollen die
Eindriicke, die durch Gedankenarbeit in der Empfindungsseele ge-
wonnen werden, ins Bewufksein des Menschen treten, dann miissen
sie gekreuzt werden. Das ist beim Sehen die Folge davon, daft die
beiden Sehnerven im Gehirn sich kreuzen. Diese Kreuzung der Seh-
nerven hat ihren Grund darin, daft eine im Unterbewufken, in der
Empfindungsseele geleistete Denkarbeit durch die Kreuzung in die
Bewufkseinsseele heraufgehoben wird, dadurch, daft nun die eine
Arbeit an der andern empfunden werden kann. So baut sich das Phy-
sische aus dem Geistigen heraus auf, und bis in die feinsten anatomi-
schen Einzelheiten hinein kann durch Anthroposophie der Mensch
erst verstanden werden.
Nun folgt als nachster der Warmesinn. Hier ist wiederum etwas,
das durch seine Wirkung im Menschen den Warmesinn vermittelt.
Dies ist der Empfindungsleib selber, der seine astralische Substanz in
Wirksamkeit bringt und nach auften stromen laftt, wenn ein Warme-
erlebnis eintreten soli. Dies tritt dann ein, wenn der Mensch wirklich
imstande ist, seine astralische Substanz nach auften zu senden, ohne
daran gehindert zu sein. Im Bade fiihlen wir uns nicht erwarmt, wenn
es ebenso warm ist wie wir, wenn also Gleichgewicht besteht zwi-
schen uns und unserer Umgebung und von uns nichts aufgenommen
wird. Nur wenn von uns Warme ausstromt oder solche in uns einflie-
ften kann, empfinden wir Warme oder Kalte. Ist die auftere Umgebung
warmearm, so lassen wir Warme in sie ausstromen. Sind wir warme-
arm, so lassen wir Warme in uns einstromeri. Hier hat man es wieder
handgreiflich, daft ein Aus- und Einstromen stattfindet. Beim Aus-
geglichensein jedoch von auften und innen wird die Warme nicht emp-
funden. Das Warmeerlebnis hat immer zu tun mit der Wirkung des
menschlichen Empfindungsleibes. Dieser wird, wenn wir einen Ge-
genstand beriihren, der immer warmer und warmer wird, immer star-
ker ausstromen. Es drangt sich uns immer mehr auf von dem, was
hinein will, und der Empfindungsleib mufi dann entsprechend mehr
ausstromen. Dies geht aber nur bis zu einer bestimmten Grenze.
Wenn nicht mehr die Moglichkeit besteht, aus dem Empfindungsleib
Kraft ausstromen zu lassen, dann ertragen wir die Hitze nicht mehr
und wir verbrennen uns. Es miiftte auch so sein, daft wir jedesmal ein
Verbrennen empfinden, wenn wir nicht mehr Substanz aus unserem
Empfindungsleib ausstromen konnen beim Beriihren von etwas sehr
Kaltem. Fassen wir einen sehr kalten Korper an, der uns verhin-
dert, Substanz aus dem Empfindungsleib ausstromen zu lassen, weil
er nichts an uns abgibt, so erscheint uns die iibermaftige Kalte auch
als ein Brennen und erzeugt Blasen. Beides beruht auf derselben
Wirkung.
Nunmehr wenden wir uns dem Gebiet zu, das wir als das des
Gehorsinnes bezeichnen. Da ist beteiligt der Atherleib des Menschen.
Dieser Atherleib, so wie der Mensch ihn heute hat, ist aber aufterstan-
de, in Wahrheit etwas abzugeben, ohne dauernden Verlust fur uns,
wie das der Empfindungsleib noch kann. Der Atherleib ist schon so
geformt seit der atlantischen Zeit, daft er nichts mehr abgeben kann,
denn solches miiftte dann der Mensch in seiner Lebenskraft entbeh-
ren. Es muft also auf einem ganz andern Wege geschehen, wenn eine
Gehorwirkung zustande kommen soil. Hier kann der Mensch also
nichts mehr abgeben. Aus sich heraus kann der Mensch keinen hohe-
ren Sinn entwickeln, als es der Warmesinn ist. Wiirde hier nicht etwas,
das der Mensch selber nicht hat, in den Menschen eintreten, so konnte
kein Horsinn zustande kommen. Der Mensch muft deshalb durch-
setzt werden von Wesenheiten, die ihre eigene Substanz ihm zur Ver-
fiigung stellen. Daher ist der menschliche Organismus durchzogen
von Wesenheiten, die ihn wie einen Schwamm durchdringen. Es sind
dies die Wesen, welche wir Angeloi nennen, die in der Vergangenheit
schon die Menschheitsstufe durchgemacht haben. Sie schicken ihre
Astralsubstanz in uns Menschen hinein als eine fremde Astralsub-
stanz, welche sich der Mensch aneignet und in sich wirken und aus-
stromen lalk. Sie stromt durch die Ohren dem entgegen, was uns
durch den Ton zugetragen wird. Gleichsam auf den Fliigeln dieser
Wesenheiten schreiten wir in jenes Innere hinein, das wir als die Seele
der Dinge erkennen lernen. Hier hat man es also zu tun mit Wesen, die
iiber dem Menschen stehen, welche den Menschen ausfiillen, die aber
gleicher Natur sind mit seiner eigenen astralischen Substanz.
Nun aber gibt es noch einen hoheren Sinn, namlich den Sprach-
oder Wort- oder Lautsinn. Wo dieser in Betracht kommt, hat der
Mensch wiederum nichts, das er von sich aus abgeben konnte. Hier
miissen deshalb Wesenheiten eingreifen, welche ihrer Substanz nach
ahnlich sind mit dem, woraus der menschliche Atherleib besteht. Sie
haben naturlich auch die entsprechende astralische Substanz; diese
wird aber hierbei in die Umwelt hinausgedrangt. Sie miissen in den
Menschen eintreten, sie geben ihren Atherleib und diese Kraft kann
dann der Mensch wieder in die Umgebung ausstromen lassen. Es sind
dies die Archangeloi, die Erzengel. Diese spielen noch eine ganz an-
dere Rolle als die Engel. Sie bewirken, dafi der Mensch den Laut nicht
nur horen kann, sondern ihn auch verstehend zu erleben vermag. Sie
machen, dafi der Mensch nicht nur imstande ist, einen Ton, ein g oder
cis zu horen, sondern auch, dafi er, wenn er einen Laut hort, dabei
etwas erlebt, namlich das, was das Innere des Lautes ist; dafi er ein A
zum Beispiel dem Lautsinne nach vernimmt. Diese Wesenheiten sind
nichts anderes, als was man auch etwa die Volksgeister nennt, die
Geister der einzelnen Volkerindividualitaten. Wahrend beim Gehor-
sinn die Engel ihre Arbeit aufierlich ausdriicken durch Luftwirkun-
gen, dadurch, dafi sie die Luft im Ohre behandeln, stellen die Erzengel
dem, was in der Luft draufien geschieht, andere Wirkungen entgegen.
Durch sie werden Safte wirkungen hervorgerufen wie die Wirkung in
einer wafirigen Substanz. Durch das, was sie bewirken, wird der Saf-
teumlauf in eine gewisse Richtung gebracht. Dafi zum Beispiel der
Mensch im A den entsprechenden Sinn des Lautes wahrnimmt, bewir-
ken audi die feineren Safte. Der aufkre Ausdruck fiir diese Arbeit liegt
darin, dafi die Volksphysiognomien geformt werden, der besondere
Ausdruck des menschlichen Organismus, sofern er dem besonderen
Volke angehort. Darinnen wirken insbesondere diese Wesenheiten.
Daher konnen wir sagen, dafS die Safte in einem Menschen anders
flieften und der ganze Organismus anders wirkt, je nachdem jenes
Erzengelwesen dem Volke, dem es zugehort, dieses oder jenes als
Lautsinn beibringt. Wenn beispielsweise ein Volk «Aham» - «Ich» im
Sanskrit - sagt fiir Ich, was immer es auch sonst noch fiir Theorien
iiber das menschliche Ich haben moge, so spielen diese Theorien keine
Rolle, aber die zwei A hintereinander geben eine urspriingliche Orga-
nisation, und der Angehorige dieses Volkes mufi eine solche Empfin-
dung vora Ich haben, wie sie diesen zwei aufeinanderfolgenden A
entspricht. Wenn ein Volk I mit ch verbindet, so tritt eine ganz andere
Wirkung ein. Ein solches Volk mufi eine andere Vorstellung vom Ich
haben. Im I liegt eine besondere Nuance, eine besondere Farbung;
es ist das, was der Volksgeist dem Organismus einimpft in bezug auf
die Auffassung des Ich.
Es ist auch ein grower Unterschied, ob etwas bezeichnet wird durch
die Aufeinanderfolge von A und O oder von I und E. Darnach mufi
sich das ganze Volksgefiihl andern. «Amor» zum Beispiel hat eine
andere Empfindungsnuance, als wenn « Liebe» gesagt wird. Hier sieht
man typisch den Volksgeist an der Arbeit. Nicht gleichgiiltig ist es,
dafi zum Beispiel das Wort «Adam» bei den Israeliten gebraucht wird
fiir die erste Menschenform, im alten Persien aber fiir das Ich. Es sind
eben ganz andere Gefiihlswerte, die so bei den verschiedenen Volkern
geweckt werden. Wir haben hier das Mysterium der Sprache angedeu-
tet oder vielmehr seine ersten Elemente.
Es handelt sich dabei um die Wirkung von Geistern, die in der
Hierarchienreihe auf der Stufe der Erzengel stehen und die den Men-
schen durchdringen mit dem, was Lautsinn ist und seine wafirige
Substanz durchbeben. Es gehort auch zu den grofiten Erlebnissen fiir
den zum Ubersinnlichen aufsteigenden Menschen, wenn er anfangt zu
fiihlen, was fiir ein Unterschied in der gestaltenden Kraft der Laute
liegt. Die Lautekraft zeigt ihre vorziiglichste Wirkung im wafirigen
Element, die Tonkraft zeigt sie in der Luft.
Dann kann auch gefuhlt werden, was fiir eine Bedeutung darin
liegt, wenn sich jemand gedrangt fiihlt, irgendein Wesen zu bezeich-
nen mit dem Namen «Eva». Will der Betreffende etwas anderes aus-
driicken, das sich dazu verhalt wie das Geistige zum Sinnlichen, so
konnte er das Spiegelbild davon anwenden und bekame so «Ave» als
eine Silbenfolge fiir den GruE an Maria. Dies erzeugt ein gegenteiliges
Gefiihl im menschlichen Organismus, als wenn er «Eva» spricht.
Noch eine andere Umkehrung von «Eva» ware mit dem J davor das
Wort «Jahve», als Bezeichnung fiir Gott im Alten Testament. Alle
Beziehungen zwischen Jahve und Eva kann der, welcher in den Laut
eindringt, erkennen, wenn er zu hoheren Erkenntnissen fortschreitet.
Die Sprache ist nicht in Willkiir zustande gekommen; sie ist ein
geistiges Produkt. Um sie in ihrem Geist wahrzunehmen, haben wir
den Lautsinn, der im ganzen System der Sinne dieselbe Berechtigung
hat wie die andern Sinne. Und es gibt tiefere Griinde, warum die Sinne
gerade in dieser Reihenfolge aufgezahlt werden mussen.
Das nachste Mai werden wir dann aufsteigen zu dem Begriffssinn
und den hoheren Sinnen, um uns dann so geisteswissenschaftlich den
Mikrokosmos erklaren zu konnen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 26. Oktober 1909
Wir sind in unseren Betrachtungen aufgestiegen bis zu dem, was wir
den Sprachsinn genannt haben, und wollen jetzt ins Auge fassen zu-
nachst dasjenige, was wir genannt haben den Begriffssinn. Selbstver-
standlich diirfen Sie das Wort hier nicht in dem Sinne des reinen Be-
griffes nehmen, sondern in dem Sinne, wie man im gewohnlichen Le-
ben spricht; daft man sich, wenn irgend jemand einem etwas sagt,
irgendein Wort sagt, eine Vorstellung davon machen kann, was dieses
Wort bedeutet. Ebensogut hatte also Vorstellungssinn gesagt werden
konnen. Nun werden wir uns aber erst begreiflich machen miissen,
wie dieser Vorstellungssinn zustande kommt. Dazu miissen wir noch
einmal zuriickgreifen auf die beiden vorhergehenden Sinne, auf den
Tonsinn, den Gehorsinn, und auf den Sprachsinn, und uns die Frage
einmal vorlegen: Was heilk denn das iiberhaupt, Sprachsinn haben,
Lautsinn haben? Wie kommt denn die Wahrnehmung des Lautes, wie
wir sie charakterisiert haben, eigentlich zustande? - Ich werde Ihnen
jetzt also zuerst zu charakterisieren haben, was da Besonderes ge-
schieht, wenn der Mensch einen Laut wahrnimmt, A oder I oder einen
andern Laut. Wir miissen uns sozusagen den Apparat des Laut-Wahr-
nehmens klarmachen. Ich werde Ihnen allerdings, da ich nicht iiber
eine solche Sache eine ganze Stunde sprechen kann, nur einige An-
gaben machen konnen, welche Sie dann bewahrheitet finden konnen
durch dieses oder jenes, was Sie selber durch Nachdenken oder Er-
forschen im Leben gewinnen.
Sie wissen, dafi man innerhalb des Musikalischen unterscheiden
kann den einzelnen Ton, die Melodie und die Harmonic Und Sie
wissen, dafi Harmonie beruht auf der Wahrnehmung gleichzeitiger
Tone, Melodie auf dem Zusammenfassen aufeinanderfolgender Tone,
und dafi dann der einzelne Ton als solcher in Betracht kommt. Nun
konnen Sie den Mechanismus des Laut-Wahrnehmens nur begreifen,
wenn Sie die Beziehung des Tonenden, was im Laute ist, zu diesem
Laute selbst ins Auge fassen. Nehmen wir einmal dasjenige, was eine
Harmonie ist: wir haben ein gleichzeitiges Zusammenwirken von
Tonen; und nehmen wir das, was eine Melodie ist: wir haben ein auf-
einanderfolgendes Zusammenwirken von Tonen. Denken Sie sich
nun, Sie konnten dasjenige bewufk machen, was Sie unbewufk im
Laut-Wahrnehmen tun, so wiirde folgendes geschehen.
Sie miissen sich klar sein dariiber, dafi im Sinn eben etwas Unbe-
wufkes - Unterbewufkes wenigstens - liegt. Wiirde das, was bei der
Sinneswahrnehmung unbewufk vorliegt, bewufk gemacht werden,
so wiirde es kein Sinn mehr sein, keine Sinneswahrnehmung, son-
dern man miifke sprechen von einem Urteil, einer Begriffsbildung
und dergleichen. Sie miissen sich also denken, wie dasjenige vor sich
ginge, was da im Unterbewufken sich vollzieht bei der Lautwahr-
nehmung, wenn Sie es bewufk ausfiihren konnten. Denken Sie ein-
mal, Sie nehmen eine Melodie wahr. Wenn Sie diese Melodie wahr-
nehmen, nehmen Sie die Tone hintereinander wahr. Denken Sie nun,
Sie konnten ohne weiteres die Tone einer Melodie so in der Zeitlinie
zusammenschieben, da£ Sie dieselben gleichzeitig wahrnehmen
konnten. Dazu hatten Sie freilich notig, Vergangenheit und Zukunft
ineinanderzuschieben. Sie miifken vorzugsweise in der Mitte einer
Melodie schon das Folgende wissen, um es aus der Zukunft in die
Gegenwart hineinschieben zu konnen. Was so der Mensch bewufk
nicht ausfiihren kann, das geschieht tatsachlich im Lautsinn un-
bewufk. Es wird, wenn wir A oder I oder einen andern Laut horen,
immer durch eine unterbewufke Tatigkeit eine Melodie momentan
in eine Harmonie verwandelt. Das ist das Geheimnis des Lautes.
Diese wunderbare unterbewufke Tatigkeit wird etwa so ausgefiihrt
auf einer geistigeren Stufe, wie innen im Auge die verschiedenen
Strahlenbrechungen nach den regelrechten physikalischen Gesetzen
ausgefiihrt werden, die Sie sich auch erst hinterher ins Bewufksein
bringen. Wir tun jetzt dasselbe, was der Physiker tut, wenn er zeigt,
wie die Strahlenbrechung im Auge zustande kommt. Also eine Me-
lodie wird momentan zur Harmonie gemacht. Das ist aber noch
nicht genug. Wenn nur das geschahe, dann kame noch nicht der Laut
heraus, sondern dazu mufi noch etwas anderes hinzukommen.
Sie miissen sich bewufk werden, dafi ein jeder musikalische Ton
kein einfacher Ton ist, sondern wenn irgendein Ton ein musikalischer
Ton ist, so ist er das dadurch, daft, wenn auch in einer noch so schwa-
chen Weise, immer die Obertone mitklingen. Das ist das Besondere
des musikalischen Tons gegeniiber den andern Gerauschen, Knall
oder dergleichen, daft immer die Obertone gehort werden, wenn sie
auch praktisch nicht horbar sind. Wenn Sie eine Melodie haben, haben
Sie nicht nur die einzelnen Tone, sondern Sie haben auch bei einem
jeden Ton die Obertone. Wenn Sie eine Melodie momentan in eine
Harmonie zusammendrangen, so haben Sie nicht nur zusammen-
gedrangt die einzelnen Grundtone, sondern auch hineingedrangt von
einem jeglichen Ton die Obertone. Nun muft aber die unterbewufite
Tatigkeit noch etwas ausfiihren: sie muE die Aufmerksamkeit abwen-
den von den Grundtonen, sie mufi sie in gewisser Weise iiberhoren.
Das tut tatsachlich die Seele, wenn sie den Laut A oder I wahrnimmt.
Nicht als ob die andern Tone nicht da waren, sondern es wird nur die
Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt, und es wird nur jene Harmonie
von Obertonen aufgefalk. Das ist erst der Laut. Dadurch entsteht ein
Laut, dafi eine Melodie momentan in eine Harmonie umgewandelt
wird, dann von den Grundtonen abgesehen wird und nur das System
der Obertone aufgefafit wird. Was diese Obertone dann geben, das ist
der Sinn des Lautes, A oder I. Nun haben Sie dasjenige, was eigentlich
Laut-Wahrnehmung ist, geradeso erklart, wie man das Sehen im Auge
physikalisch erklart.
Was ist nun - und das ist eine ebenso schwierige, aber wichtige Fra-
ge - die Wahrnehmung der Vorstellung, was ist das Wahrnehmen des
Sinnes allein, so daft Sie also das Wort horen und durch das Wort hin-
durch dessen Sinn vernehmen, begreifen? Wie kommt das zustande?
Daft das noch etwas ganz Besonderes ist, das mag Ihnen einfach aus
der trivialen Erwagung hervorgehen, dafi Sie irgendeine Sache in den
verschiedenen Sprachen mit den verschiedensten Lauten bezeichnen
konnen. Sie heiften eine Sache das eine Mai «Amor», das andere Mai
«Liebe». So ist in diesen beiden verschiedenen Lautbildern etwas aus-
gedriickt, was in beiden Fallen dasselbe ist. Das weist hin auf den
dahinterstehenden Vorstellungssinn. Wahrend man also den Laut bei
jedem Volke, in jeder Sprache anders hort, hort man durch den Laut
hindurch iiberall dieselbe Vorstellung, dasjenige, was eigentlich da-
hintersteckt und was trotz aller Verschiedenheit der Lautbilder das
gleiche ist. Das mufi auch wahrgenommen werden. Und wie wird das
wahrgenommen ?
Wir wollen, um uns das klarzumachen, den Prozeft des Vorstel-
lungswahrnehmens betrachten, und zwar - das bitte ich Sie, ins Auge
zu fassen - unter der Voraussetzung, daft die Vorstellung uns auf dem
Wege des Lautes zukommt. Wenn wir nun in dem Laut-Wahrnehmen
eine Melodie haben, die in eine Harmonie verwandelt ist, wobei abge-
sehen wird von den Grundtonen - was uns den Lautsinn oder Wort-
sinn gibt — , so ist es notwendig, damit der Vorstellungssinn heraus-
kommt, dafi nun auch von dem ganzen System der Obertone die
Aufmerksamkeit abgelenkt wird. Wenn Sie auch das noch seeiisch
ausfuhren, dann blicken Sie zuriick zu dem, was sich in den Oberto-
nen verkorpert hat, zu demjenigen, was Ihnen als Vorstellung zu-
kommt. Damit ist aber zu gleicher Zeit nun auch das gegeben, daft der
Mensch, wenn er die Laute und Worte seiner Sprache hort, dasjenige
sozusagen etwas nuanciert, abgetont erhalt, was allgemein menschlich
ist: die Vorstellung, welche durch alle Laute und alle Sprachen hin-
durchgeht.
Haben wir gesagt, daft sich durch die Sprache, insofern die Sprache
ihre Laute hat, kundgeben hohe geistige Wesenheiten, die ihre beson-
dere Mission haben im Zusammenhange des Erdenlebens, die Volks-
geister, welche nicht nur in dem geheimnisvollen Raunen [der Spra-
chen], sondern in dem ebenso geheimnisvollen Bilden an den Saften
des Menschen wirken, in dem, was da im System der Obertone hinein-
erzittert in den menschlichen Organismus, so miissen wir sagen, daft
dasjenige, was hinter dem Tonen der Obertone liegt als das allgemein
Menschliche, der gemeinsame Menschengeist ist, der iiber die ganze
Erde himiberwallt. Dieser iiber die ganze Erde hiniiberwallende Men-
schengeist, er laftt sich daher nur dann erkennen, wenn ein jeder an
seinem Orte sozusagen durch die Obertone hindurch ins Unhorbare,
ins bloft Vorstellungsmafiige hineinhorcht. Dadurch, daft die Men-
schen die Moglichkeit bekommen haben, sozusagen iiber die Nuancen
hinwegzusehen, hinwegzuhoren und ein Gemeinsames, das iiber die
ganze Erde walk, zu erkennen, dadurch haben sie erst die Fahigkeit
erlangt im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit,
dasjenige, was allgemein menschlich ist, zu begreifen. Denn nur im
Vorstellungsleben lafk sich der Christus-Geist in seiner wahren Ge-
stalt zuerst erfassen, im allgemein Menschlichen. Diejenigen geistigen
Wesenheiten, welche ihn in den verschiedensten Formen verkiindigen
und verkiindigen sollen, die von ihm ausgeschickt sind, jeder an seinen
Ort, wie Sie das zum Beispiel so schon dargestelit finden in dem Goe-
theschen Gedicht «Die Geheimnisse», diese Geister, die Sendboten des
Christus, die von ihm ihre Aufgabe erhalten haben, das sind die einzel-
nen Volksgeister, die Geister der einzelnen Volkerindividualitaten.
Dies alles gibt Ihnen erst ein Bild von dem, was eigentlich Vorstel-
lungssinn ist. Damit aber haben wir einen ganz besonderen Weg zu-
riickgelegt. Wir haben sozusagen dasjenige, was im gewohnlichen
Menschenleben Sinn an uns ist, zunachst erschopft. Wir haben es
dadurch erschopft, dafi wir hingeschaut haben auf diejenige unterbe-
wufite seelische Fahigkeit im Menschen, die imstande ist, das System
der Obertone gleichsam zuriickzuschieben. Was wird nun eine noch
hohere Fahigkeit sein? Was schiebt denn dieses System der Obertone
zuriick? Was ist es denn im Menschen, was da hinauswirkt wie Fang-
arme und das System der Obertone zuriickschiebt? - Das ist des Men-
schen astralischer Leib. Erlangt des Menschen astralischer Leib die
Fahigkeit, die Obertone zuriickzuschieben, was in trivialer Sprache
ausgedriickt nichts anderes heifit, als die Aufmerksamkeit von ihnen
abzuwenden, dann bedeutet das eine hohere Macht des astralischen
Leibes, als wenn er sozusagen weniger zuriickschieben kann. Wann
wird dieser astralische Leib nun noch starker sein? Er wird noch star-
ker sein, wenn er nicht nur die Obertone zuriickschieben kann, nicht
nur die Vorstellungen dadurch erreicht, dafi er die Obertone zuriick-
schiebt und dadurch an die Grenze der aufieren Welt kommt und sie
an ihrer Grenze als Vorstellung beobachten kann, sondern wenn er
sich fahig macht, ohne da$ erst ein Widerstand da ist, durch eine
eigene, innere Kraft seine astralische Substanz herauszustoEen. Um
zur Vorstellung zu kommen, haben Sie immer noch notig, einen Wi-
derstand zuriickzuschieben: das System der Obertone. Wenn Sie nun
in der Lage sind, ohne dafi eine aufiere Veranlassung da ist, Ihre astra-
lischen Fangarme herauszustrecken, so tritt das ein, was man im ho-
heren Sinne das geistige Wahrnehmen nennen kann. Es bilden sich die
eigentlichen geistigen Wahrnehmungsorgane. In dem Augenblick, wo
der Mensch die Fahigkeit erlangt, nicht nur mit seiner Aufmerksam-
keit das System der Obertone zuriickzuschieben, sondern wo er an
einer gewissen Stelle des Vorderhirns - zwischen den Augenbrauen -
seine astralische Substanz herausschieben kann wie zwei Fangarme, da
bildet er an dieser Stelle das, was man die zweiblattrige Lotusblume
nennt, das erste geistige Organ, was man auch nennen kann den ima-
ginativen Sinn. Das ist nun der elfte der Sinne. Und in demselben
Mafie, als der Mensch immer fahiger und fahiger wird, so aus sich
selbst heraus, ohne dafi er durch die Aufienwelt gezwungen wird,
seine astralische Substanz herauszustrecken, in demselben Mafie bil-
det er weitere hohere Sinne aus. In der Gegend des Kehlkopfes bildet
er aus durch diese Arbeit einen sehr komplizierten Sinn, die sechzehn-
blattrige Lotusblume, den inspirierenden Sinn; weiter in der Herzge-
gend den Sinn, den man auch den intuitiven Sinn nennen kann, die
zwolfblattrige Lotusblume, und dann noch weitere hohere Sinne, die
man aber nun, weil man da ins rein Geistige kommt, nicht mehr Sinn
nennen kann im gewohnlichen Sinne. Es geniigt ja, dafi wir zu den
physischen, eigentlichen Sinnen hinzuzufugen haben den imagina-
tiven Sinn, den inspirierenden Sinn und den intuitiven Sinn.
Nun fragen wir uns: Sind nun diese drei Sinne nur tatig im hellsich-
tigen Menschen oder gibt es auch beim gewohnlichen Menschen et-
was, was er als eine Tatigkeit dieser Sinne auffassen kann? - Ja, auch
beim gewohnlichen Menschen gibt es etwas, was als eine Tatigkeit
dieser Sinne aufzufassen ist, des imaginativen, des inspirierenden und
des intuitiven Sinnes. Wenn Sie genau aufgefalk haben, wie diese Sinne
beim hellsichtigen Menschen wirken, so werden Sie sich sagen, sie
wirken, indem sie sich wie Fangarme nach aufien erstrecken. Beim
gewohnlichen Menschen sind sie auch vorhanden, nur mit dem Un-
terschiede, dafi sie sich da nicht nach aufien, sondern dafi sie sich nach
innen strecken. Genau an der Stelle, wo die zweiblattrige Lotusblume
beim hellsichtigen Menschen entsteht, da ist beim gewohnlichen Men-
schen etwas vorhanden wie zwei solcher Fangarme, die nach innen
gehen, die sich nur in der Gegend des Vorderhirns kreuzen. So wendet
das gewohnliche Bewufitsein einfach diese Fangarme, statt wie beim
hellsichtigen Menschen nach auften, nach innen.
Dasjenige, was hier vorliegt, kann ich Ihnen nur durch einen Ver-
gleich klarmachen. Sie miifken viel meditieren, wenn Sie iiber den
Vergleich hinauskommen wollten zur Tatsache. Denn eine Tatsache
ist es. Sie brauchen sich nur klarzumachen, dafi der Mensch das, was
er aufier sich hat, sieht, und das, was er in sich hat, nicht sieht. Keiner
hat noch sein eigenes Herz oder Gehirn gesehen. So ist es auch im
Geistigen. Die Organe werden nicht nur nicht gesehen, sondern sie
werden auch nicht bewufk, und sie konnen daher auch nicht angewen-
det werden. Aber sie wirken. Dadurch, daft etwas nicht bewuftt ist, ist
es noch nicht untatig. Das Bewufttsein entscheidet nicht iiber die
Wirklichkeit. Sonst miiftte alles dasjenige, was um uns ist in dieser
Stadt Berlin und was Sie jetzt nicht sehen, nicht da sein. Allerdings ist
das eine Logik, wonach diejenigen gehen, welche die hoheren Welten
ableugnen, weil sie sie nicht sehen. Tatig sind diese Sinne, aber ihre
Tatigkeit richtet sich nach innen. Und diese Wirkung der Tatigkeit
nach innen nimmt jetzt der Mensch wahr. Wie nimmt er sie wahr?
Indem sich der imaginative Sinn nach innen ergieftt, entsteht das,
was man im gewohnlichen Leben die Empfindung irgendeiner Sache
nennt, die auftere Empfindung, die auftere Wahrnehmung. Daft Sie die
Dinge drauften sehen, das beruht darauf, daft nach innen hinein dieser
Sinn arbeitet. Was Sie nach drauften als Empfindung, als Wahrneh-
mung haben, das konnen Sie nur dadurch haben, daft dasjenige in Sie
hineinarbeitet, was im imaginativen Sinn zum Vorschein kommt.
Unterscheiden Sie aber wohl, was hier Empfindung genannt ist, von
dem, was zum Beispiel ein Ton ist. Es ist noch etwas anderes, einen
Ton zu horen, eine Farbe zu sehen, oder eine Empfindung dabei zu
haben. Eine Farbe zu sehen und zu sagen, sie ist rot, ist etwas anderes,
als die Empfindung dabei zu haben: sie ist schon oder haftlich, an-
genehm oder unangenehm im unmittelbaren Eindruck.
Auch der inspirierende Sinn ergieftt seine Tatigkeit nach innen, und
durch diese Tatigkeit entsteht das, was nun eine kompliziertere Emp-
findung ist: das Gefuhl. Das ganze Gefiihlsleben, das mehr Innerlich-
keit hat als das blofie Empfindungsleben, ist eine Tatigkeit des inspi-
rierenden Organes, das nur nach innen tatig ist statt nach aufien. Und
wenn der intuitive Sinn sich nach innen ergiefk, dann entsteht das, was
wir eigentlich jetzt das Denken nennen, das Gedankenbilden. Das ist
der Erfolg der Tatigkeit des intuitiven Sinnes nach innen. Zuerst hat
der Mensch eine Empfindung von der Sache, dann kommt das Gefuhl,
und zuletzt bildet er sich seine Gedanken dariiber.
Damit werden Sie gesehen haben, daft wir aus dem Sinnesleben
bereits hineingestiegen sind in das Seelenleben. Wir haben von aufien,
aus der Sinnenwelt heraus, im Menschen selber die Seele ergriffen in
Empfindungen, in Gefuhlen, in Gedanken. Wenn wir nun weiter-
gehen wiirden und die hoheren Sinne, die wir nun nicht mehr gut
Sinne nennen konnen, die den andern Lotusblumen entsprechen, in
ihrer Wirkung nach innen betrachten, so wiirden wir das gesamte
hohere Seelenleben finden. Wenn zum Beispiel die im Organismus
weiter unten gelegene achtblattrige oder die zehnblattrige Lotusblu-
me ihre Tatigkeit nach innen ergiefk, dann entsteht eine noch feinere
Seelentatigkeit. Und am Ende dieser Reihe finden wir jene allerfeinste
Seelentatigkeit, die wir nun nicht mehr mit dem blofien Gedanken
bezeichnen, sondern als den reinen Gedanken, den bloft logischen
Gedanken. Das ist das, was hervorgebracht wird durch das Hinein-
wirken ins Innere des Menschen durch die verschiedenen Lotusblu-
mentatigkeiten. Wenn nun dieses Hineinarbeiten wiederum aufhort,
blofies Hineinarbeiten zu sein und, wie ich angedeutet habe, anfangt
hinauszuarbeiten, wenn also jene Fangarme, die sich sonst nach innen
erstrecken, sich uberall kreuzen und nach auften sich als Lotusblumen
ergieften, dann kommt jene hohere Tatigkeit zustande, durch die wir
von der Seele aufsteigen zum Geiste, wo dasjenige, was uns sonst bloft
als Innenleben erscheint in Denken, Fiihlen und Wollen, nunmehr in
der Aufienwelt auftritt, getragen von geistigen Wesenheiten.
So haben Sie den Menschen sozusagen begriffen, indem Sie auf-
gestiegen sind von den Sinnen durch die Seele zu dem, was eigentlich
nicht mehr im Menschen ist, sondern was als Geistiges von auften
hereinwirkt und dem Menschen ebenso angehort wie der ganzen
Natur und der ganzen iibrigen Welt draufien. Wir sind aufgestiegen
zum Geistigen.
Was ich Ihnen jetzt geschildert habe in diesen heme gegebenen
Andeutungen und in den beiden letzten Vortragen, das ist der eigent-
liche Mensch; das ist der Mensch, sozusagen als ein Werkzeug, die
Welt wahrzunehmen, seelisch durchzuerleben und geistig zu erfassen.
So ist erst der Mensch. Und das, was dieser Mensch ist, das formt sich
eigentlich erst seinen Leib. Ich habe Ihnen nicht das geschildert, was
der Mensch ist, wenn er fertig vor Ihnen steht. Ich habe Ihnen geschil-
dert, was da im Menschen drinnen tatiges Spiel ist. Das aber, was da
tatiges Spiel ist, was da alles zusammenwirkt - sinnlich, seelisch und
wiederum geistig -, das formt sich den Menschen so, wie er vor uns
steht auf dem Erdenrund.
Wie formt es sich den Menschen? Da werde ich Ihnen zunachst
auch nur sozusagen Hinweise geben konnen, Hinweise, die Sie aber
iiberall, wenn Sie auf die positiven Resultate der aufieren Beobach-
tung eingehen, werden bewahrheitet finden. Dasjenige, was da drau-
£en vor uns steht, wenn wir mit den aufieren Sinnen den Menschen
anschauen, das ist blofi eine optische Tauschung. Das ist gar nicht
vorhanden. Das nimmt sich vor einer vollstandigen Betrachtung ganz
anders aus. Denken Sie doch einmal daran - um sich ein Bild zu
machen -, dafi Sie sich selbst gar nicht ganz sinnlich wahrnehmen
konnen. Wenn Sie Ihr Auge schweifen lassen iiber sich selber, so
sehen Sie nur einen Teil von sich selber, nur einen Teil Ihrer Oberfla-
che. Sie konnen niemals Ihr eigenes Hinterhaupt oder Ihren Riicken
selbst wahrnehmen. Dennoch wissen Sie, dafi Sie sie haben. Sie wis-
sen es durch die iibrigen Sinne, durch den Gleichgewichtssinn, durch
den Bewegungssinn und so weiter. Sie wissen sozusagen durch ein
inner es Bewufksein, dafi etwas an Ihnen ist, was Sie nicht aufierlich
an sich selber wahrnehmen konnen. So ist sehr viel am Menschen,
was er nicht wahrnehmen kann, was zum Beispiel erst erfalk werden
kann, wenn die gesamten von mir charakterisierten hoheren Wahr-
nehmungsorgane entwickelt sind.
Nun wollen wir zunachst einmal ins Auge fassen dasjenige Stuck
vom Menschen, das er - nehmen wir an durch sein Auge - sinnlich an
sich selber wahrnehmen kann. Begrenzen Sie zunachst das Stuck, das
der Mensch an sich selber sehen kann. Was ist denn eigentlich dieses
Stiick, das der Mensch da an sich selber wahrnimmt? Fassen Sie nur
die Worte genau. Wodurch soli der Mensch denn dieses Stiick, das er
an sich selber sehen kann, wahrnehmen? Alles was man wahrnimmt,
nimmt man wahr im Grunde genommen durch die Empfindungsseele.
Denn wenn man nicht durch die Empfindungsseele irgendeine Nach-
richt bekommt von dem, was vorgeht, so wird man zu keiner Auffas-
sung iiber etwas kommen. Wiirde der blofte Empfindungsleib eine
solche Nachricht bekommen, so wiirde er es nicht auffassen konnen.
Er wiirde davorstehen ohne Verstandnis. Daft der Mensch aber etwas
wahrnehmen kann, das macht die Empfindungsseele, welche dasjeni-
ge, was da vorgeht, auffafk. Und was ist es, was da gegeniibersteht
dieser Empfindungsseele? Was ist das Stiick, was dann der Empfin-
dungsseele gegeniibersteht, wenn das Auge es wahrnimmt? Das ist
nichts anderes als der Schein des Empfindungsleibes, die aufiere Illu-
sion des Empfindungsleibes. Allerdings miissen Sie nun den Begriff
etwas erweitern. Sie konnen sich nicht nur dadurch wahrnehmen, daft
Sie Ihr Auge auf die Oberflache Ihres Korpers richten, sondern Sie
konnen auch mit Ihren Fingern dahin reichen. Da nehmen Sie es auch
durch den Empfindungsleib wahr. Der Empfindungsleib erstreckt
sich iiberall da, wo der .Mensch wahrgenommen werden kann durch
Beriihrung, durch Empfindung. Das ist jedoch nicht der Empfin-
dungsleib, was der Mensch da wahrnimmt. Wiirden Sie den Empfin-
dungsleib wirklich sehen, dann wiirden Sie sehen, daft da, wo Sie Ihr
eigenes Scheinbild sehen, Ihren physischen Leib, ein Astralisches sich
herandrangt und zuriickgeschoben wird. Wenn etwas zuriickgescho-
ben wird, dann staut es sich. So haben Sie vorne ein Zusammenwirken
von Empfindungsleib und Empfindungsseele. Von hinten her kommt
die Stromung der Empfindungsseele, so daft sie sich stoftt an Ihrer
Haut am Vorderleibe, und von vorne stofk sich das hinein, was Ihr
Empfindungsleib ist. Wenn zwei Stromungen sich stauen, dann
kommt die Stauung zum Vorschein. Da ist es gerade so, wie wenn
zwei Strome aufeinanderprallen: dann kommt dabei etwas zum Vor-
schein. Da sehen Sie den einen Strom, und Sie sehen den andern Strom.
Jetzt aber denken Sie sich, Sie konnten den einen und den andern
Strom nicht sehen, sondern Sie konnten nur dasjenige sehen, was an
dieser Stelle durch das Durcheinanderwirbeln der zwei Strome zum
Vorschein kommt. Das ist das Stuck an Ihrer aufteren Leiblichkeit,
was Ihr Auge oder sonst irgendein aufierer Sinn an Ihnen selber wahr-
nehmen kann. Sie konnen geradezu an Ihrer Haut begrenzen, wo die-
ses Zusammentreffen von Empfindungsseele und Empfindungsleib
stattfindet. Hieraus sehen Sie an einem Beispiel, wie dasjenige, was wir
geistig betrachtet haben, wie diese verschiedenen Glieder des Men-
schen an dem Menschen selber formen. Wir sehen, wie die Seele am
Leibe selber formt. Nun gehen wir weiter.
Wir konnen sagen: An dem Menschen ist ein Zusammenwirken
von hinten und vorn, so daft Empfindungsseele und Empfindungsleib
zusammenstoften. Geradeso gibt es ein Zusammenstoften von Stro-
mungen, die von rechts und von links kommen. Von links her kommt
diejenige Stromung an den Menschen heran, welche seinem physi-
schen Leib angehort, von rechts diejenige, welche seinem Atherleibe
angehort. Atherleib und physischer Leib ergieften sich ineinander,
schieben sich ineinander, und wo die beiden sich ineinanderschieben,
wo physischer Leib und Atherleib gemeinschaftlich wirken, da ist
dasjenige, was da entsteht, der eigentliche sinnlich wahrnehmbare
Mensch. Sozusagen ein Blendwerk entsteht vor dem Menschen. Von
links kommt die Stromung des physischen Leibes, von rechts die
Stromung des Atherleibes; die beiden dringen ineinander und bilden
in der Mitte das, was uns erscheint als der sinnlich wahrnehmbare
physische Mensch.
Und weiter. Ebenso wie es Stromungen von links und rechts, von
vorn und hinten gibt, so gibt es eine Stromung von oben und eine von
unten. Von unten herauf ergieftt sich namlich die Hauptstromung des
astralischen Leibes und von oben herunter die Hauptstromung des
Ich. Haben wir den Empfindungsleib vorhin so charakterisiert, daft er
sich vorne abgrenzt, so ist es in Wahrheit so, daft der astralische Leib
in seiner Stromung von unten herauf stromt, daft dann aber diese
Stromung ergriffen wird von einer Stromung, die von hinten nach
vorne geht, und dadurch in einer gewissen Weise begrenzt wird. Aber
es ist nicht allein eine Stromung von unten nach oben und von riick-
warts nach vorne in diesem astralischen Leibe, sondern es ist auch eine
wirkliche Stromung von vorne nach riickwarts, so daft der astralische
Leib durch diese Stromrichtungen zustande kommt: von unten nach
oben und von vorne und riickwarts. Im Menschen flieften wirklich alle
diese Stromungen ineinander: eine von oben nach unten, eine von
unten nach oben, eine von riickwarts nach vorn, eine von vorn nach
riickwarts, eine von rechts nach links, eine andere von links nach
rechts.
von obennadj vnren
von vorn nqcF) hinhn
von 1 1 n Hi n<ith rcchfr
von rcchh nach links
von hniten mocI] vorn
Was kommt denn zustande durch das Aufeinanderstromen der von
unten herauf und der von oben nach unten sich ergieftenden Stromun-
gen? Was da zustande kommt, das will ich Ihnen in der folgenden
Weise klarmachen. Eine Stromung geht von oben nach unten. Sie
kann sich nicht ungehindert ergiefien, weil sie aufgehalten wird von
der andern Stromung, welche von unten nach oben stromt. Ebenso ist
es bei der Stromung, die von rechts nach links geht und so weiter. Jede
wird aufgehalten, und das bietet in der Mitte das Scheinbild des
physischen Leibes.
Wenn wir die beiden Stromungen betrachten von riickwarts nach
vorn und von vorn nach riickwarts, so miissen wir uns dariiber klar
sein, dafi diese beiden Stromungen durchschnitten werden von den
Stromungen von unten und von oben. Und durch dieses Durchschnei-
den entsteht in der Tat eine Dreigliederung im Menschen. So dafi der
untere Teil der einen Stromung zu bezeichnen ist als der Empfin-
dungsleib im engeren Sinne. Dann entsteht durch die Stauung etwas,
was demjenigen entspricht, was man nunmehr im engsten Sinne
bezeichnen kann als die hochste Ausbildung des Empfindungsleibes,
dort, wo sich die eigentlichen Sinne entwickeln, was Sie nicht mehr
sehen konnen, weil die Augen selber dazugehoren, was Sie nicht mehr
riechen konnen, weil das Riechorgan selber dazugehort. Sie konnen
nicht hineinsehen in das Innere des Auges, sondern Sie konnen nur
herausschauen aus dem Auge.
Das ist die Ausgestaltung des gesamten Empfindungsleibes des
Menschen. Warum aber habe ich Ihnen iiberhaupt zwei GHeder ge-
zeichnet [siehe S. 62], wenn das alles Empfindungsleib ist? Das ist
richtig aus dem Grunde, weil da unten hauptsachlich die Wirkung
geschieht von auften, und da oben ist wiederum das physische Schein-
bild dessen, was wir Empfindungsseele nennen. Im Antlitz zunachst
haben Sie den Ausdruck der Empfindungsseele. Das Antlitz wird von
der Empfindungsseele gebaut. Und da oben, das oberste Snick, das am
wenigsten zuriickgeschobene, das ist das, wo die Verstandesseele sich
ihr Organ baut. Nun aber merken Sie, dafi nicht nur diese Stromungen
von unten und oben kommen, sondern dafi auch Stromungen von
rechts und von links kommen, so dafi das Ganze wiederum durch-
schnitten wird. Wir haben da eine Stromung, die durch die Langsachse
des Korpers verlauft. Diese Stromung bewirkt, dafi wiederum eine Art
von Spaltung da oben entsteht. Es wird ein Stuck abgespaltet von der
Form der Verstandesseele; und dieses abgespaltene Snick, ganz oben
an der Grenze, das ist die Form der Bewufitseinsseele. Diese Bewufk-
seinsseele formt da oben bis ins Innerste des Menschen hinein, und sie
formt da auch die Windungen des grauen Gehirns. Da haben Sie die
Arbeit der Bewufkseinsseele an dem Menschen. Wenn Sie den Men-
schen so als eine geistige Wesenheit kennen, dann konnen Sie rundweg
das, was im Menschen als Form ist, aus dieser geistigen Wesenheit
heraus begreifen. So arbeitet der Geist an der Form des menschlichen
Leibes. Alle einzelnen Organe werden aus dem Geistigen sozusagen
plastisch herausgemeifielt. Der Mensch kann den Bau des Gehirnes
erst dann begreifen, wenn er weift, wie die einzelnen Stromungen im
Gehirn durcheinander wirbeln.
Form <3«r Bcwu|5t5G!nssed|e
Nun wollen wir einmal auf eine Einzelheit eingehen, damit Sie
sehen, wie diese Dinge einmal fruchtbar wirken konnen, wenn sie
Gemeingut einer wahren Wissenschaft werden, anstelle der heutigen,
aufteren Wissenschaft. Wir haben jetzt gesehen: Da oben entstehen
durch die verschiedenen Stromungen die aufteren Organe fiir die Be-
wufttseinsseele, Verstandesseele, Empfindungsseele zum Beispiel. Zu
zeigen, wie dann diese Organe im Innern sich fortsetzen, wiirde sehr
weitlaufige Erklarungen erfordern. Wir wollen aber eine andere Frage
aufwerfen. Wir haben gesagt, daft das Ich von oben nach unten wirkt,
und daft die Hauptmasse des astralischen Leibes von unten nach oben
geht, so daft die Hauptmasse des astralischen Leibes und das Ich sich
in einer Stromung beriihren. Dadurch kommt eine Wechselwirkung
zustande zwischen Ich und astralischem Leib, so daft sie sich ineinan-
der stauen. Da, wo das Ich eine bewuftte Tatigkeit ausfiihren soli, da
muft etwas zustande kommen konnen, was durch die Empfindungs-
seele, was durch die Verstandesseele und was durch die Bewufttseins-
seele entsteht. So etwas, was zum Beispiel durch die Verstandesseele
zustande kommt, ist ein menschliches Urteil. Wo muft denn also ein
menschliches Urteil lokalisiert sein? Natiirlich muft es im Kopfe loka-
lisiert sein, weil dort die betreffenden lebendigen Krafte und Wesens-
glieder des Menschen ihren Ausdruck gefunden haben. Nehmen wir
jedoch als ein besonderes Beispiel an, es sollte im Menschen ein sol-
ches Organ zustande kommen, an dem die Verstandesseele keinen
Anteil hat, in dem nicht geurteilt wird, sondern an dem nur Anteil
haben sollen der physische Leib, der Atherleib, das Ich und der astra-
lische Leib als Trager von Lust und Leid, Freude und Schmerz und so
weiter. Nehmen wir an, diese vier Glieder der menschlichen Wesen-
heit, der astralische Leib, das Ich - ohne jene feinere Tatigkeit des
Urteilens und des Bewufttseins -, der physische Leib und der Ather-
leib sollten zusammenwirken. Wie miiftte sich dann ein Organ aus-
nehmen, worinnen diese vier Stromungen zusammenwirken? Ein sol-
ches Organ wiirde so sein, daft es nicht urteilen liefte, daft es sogleich
folgen lassen wiirde auf den Eindruck des astralischen Leibes die
Gegenwirkung. Physischer Leib und Atherleib miissen zusammen-
wirken, denn sonst konnte dieses Organ nicht da sein. Astralischer
Leib und Ich mussen zusammenwirken, sonst konnte dieses Organ
nicht Gefiihle haben, und es konnte auch nicht auf einen Eindruck hin
irgendeine Sympathie oder Antipathie aufiern. Wir wollen uns zusam-
menwirkend denken physischen Leib und Atherleib, und wir wollen
uns denken, dafi es ein physisches Organ ist, und dafi es naturlich
einen entsprechenden Atherleib haben mufi, weil ja jedes physische
Organ von einem Atherleib aufgebaut werden mufi. In diesem Falle
miifke zusammenwirken eine Stromung von rechts des Atherleibes
dieses Organs, und eine Stromung von links, diejenige des physischen
Leibes dieses Organs. Die wiirden sich in der Mitte stauen, wiirden
sich nicht iibereinanderschieben konnen und wiirden daher eine Ver-
dickung hervorrufen. Dann wiirde es die beiden andern Stromungen
geben, die des astralischen Leibes von unten und die des Ich von oben;
die wiirden eine andere Stauung hervorrufen. Nun wollen wir uns
einmal schematisch dieses Zusammenwirken der Stromungen in ei-
nem einzelnen Organ denken. Ich will nur schematisch die Sache
zeichnen; die einzelnen Formen eines solchen Organes wiirden aus
ganz andern Voraussetzungen folgen. Ich will sagen: Es gabe ein
Organ, irgendwie geformt; da gabe es die eine Stromung, die den
physischen Korper reprasentiert, und die andere Stromung, welche
den atherischen Leib reprasentiert. Die rufen in der Mitte eine Verdik-
kung hervor. Die beiden andern Stromungen von oben und von unten
stauen sich ebenfalls und rufen auch ihrerseits eine Verdickung her-
vor. Da haben Sie das menschliche Herz gezeichnet: rechte Vorkam-
mer, rechte Herzkammer, linke Vorkammer, linke Herzkammer. -
Wenn Sie sich alles, was das menschliche Herz kann, genau vergegen-
wartigen, so werden Sie sich sagen mussen: Gerade so mu!5 das
menschliche Herz aus dem Geiste heraus gebaut sein! - So baut sich
der menschliche Geist dieses Herz. Es kann gar nicht anders sein.
Wollen wir ein anderes Beispiel nehmen. Wir haben gestern etwas
Merkwiirdiges gesagt. Wir haben gesagt, daft bei der Sehtatigkeit im
Grunde genommen eine unterbewufite Denktatigkeit vorhanden ist.
Denktatigkeit, wenn sie bewuftt wird, kommt ja nur im Gehirn zu-
stande. Nun wollen wir uns vergegenwartigen, wie das Gehirn gebaut
ist, damit eine bewuftte Denktatigkeit zustande kommt.
Wir haben jetzt nicht Zeit dazu, um die einzelnen Formen des Ge-
hirns herauszumeifteln. Wir konnten bei jedem einzelnen Organ zei-
gen, daft es so sein muE, wie es ist. Wir wollen das Schema des Gehirns,
soweit wir es brauchen, von vornherein voraussetzen. Wir wollen sa-
gen:* In dem Gehirn haben wir gegeben - um von allem andern abzu-
sehen - die auftere Haut, dann eine Art von Gefafthaut; dann da drin-
nen, zwischen der Gefafthaut und der netzformigen Haut, haben wir
so etwas wie die Ruckenmarksflussigkeit. Von dort geht es dann in das
Riickenmark hinein. Das Innere des Gehirns ist ausgefiillt mit der ei-
gentlichen Gehirnmasse, mit Nervenmasse. Nervenmasse ist die aufie-
re Form fur die Denktatigkeit, so daft also, wenn durch irgendein Sin-
nesorgan ein Eindruck der Nervenmasse iiberliefert wird, das zustan-
de kommt, was bewuftte denkerische Verarbeitung dieses Eindruckes
von auften ist. Das alles ist der Nervenmasse iibertragen. Wenn der
Eindruck kommt, wird er zuerst denkerisch verarbeitet, und nachdem
er denkerisch verarbeitet ist, wird er von einem Nervensystem weiter-
verarbeitet zur Empfindung und so weiter.
Nehmen Sie nun einmal an, es soil keine bewuftte denkerische Ver-
arbeitung eines Eindruckes von auften geschehen. Da miiftten Sie das
zunachst in ahnlicher Weise machen. Es miiftte also wiederum eine Art
von, sagen wir, Umfmllung da sein; es miiftte wiederum da sein an der
Riickwand das, was man nennen konnte Gefafthaut. Aus einem be-
* Was im folgenden an der Tafel demonstriert wurde, ist in den Nachschriften nur
ungeniigend festgehalten.
stimmten Grunde - der auch ausgefiihrt werden konnte, was aber
jetzt zu weit fiihren wiirde - wiirde die Ruckenmarksfliissigkeit ver-
kiimmern. Damit es nun geschehen kann, daft eine unterbewuftte
Denktatigkeit moglich wird, miissen wir die Gehirnmasse zuriick-
schieben: dadurch wird vorne Platz, so daft eine unterbewuftte, von
keinem Nervensystem durchgearbeitete Denktatigkeit zustande
kommt. Da mufi etwas geschehen mit dem, was sonst gleich von der
Nervenmasse in Empfang genommen wird. Dafur aber muft die Ner-
venmasse zuriickgeschoben werden. Wiirde die Nervenmasse nicht
zuriickgeschoben werden, so wiirde hier gedacht werden. Wird sie zu-
riickgeschoben, so kann hier nicht gedacht werden, kann auch nicht
empfunden werden. Sie haben ein Organ, das einer unterbewuftten
Denktatigkeit dienen soli, dann, wenn Sie alles, was Nervensystem ist,
zuriickschieben bis an die hintere Wand, und den Eindruck, statt ihn
gleich von einer Nervenmasse verarbeiten zu lassen, von etwas verar-
beiten lassen, was von keinem Nervensystem durchzogen ist. - Nun
sehen Sie sich an, was wir gemacht haben: wir haben aus dem Gehirn
ein Auge gemacht.
Was ist das Auge? Das Auge ist ein kleines Gehirn, das von unse-
rem Geiste so bearbeitet ist, daft der eigentliche Nervenapparat zu-
riickgeschoben ist an die hintere Wand, wo sie zur Netzhaut des
Auges geworden ist. So arbeiten die Baumeister der Natur, die Bildner
der Formen. So formen sie. Im Grunde genommen herrscht ein Bau-
plan in alien menschlichen Organen, der nur im einzelnen, je nach
Bedarf, abgeandert wird. Wenn ich wochenlang sprechen konnte,
wiirde ich Ihnen zeigen, wie jedes Sinnesorgan nichts anderes ist als
ein abgeandertes kleines Gehirn, und das Gehirn wiederum ein Sin-
nesorgan auf einer hoheren Stufe. Aus dem Geiste heraus ist der ganze
menschliche Organismus aufgebaut.
Betrachten wir nun noch eine andere Einzelheit. Vorerst aber ge-
statten Sie mir eine Art erkenntnistheoretischer Vorbemerkung, um
an dieser Vorbemerkung wiederum den Standpunkt der Anthropo-
sophie klarzumachen.
Wir haben gesagt, daft unten in den Einzelheiten des Sinnenlebens
die Anthropologic ihren Standpunkt hat, daft die Theosophie oben auf
dem Bergesgipfel und dafi die Anthroposophie in der Mitte ihren
Standpunkt hat. Wenn Sie sich nun an den Unterschied klammern
wollen, der darinnen besteht, wie sich der Mensch einerseits verhalt
zur aufieren Sinneswelt und andererseits zu der geistigen Welt und
den Tatsachen, die aus der Geistesforschung heraus mitgeteilt werden,
so konnen Sie sagen: Von dem Dasein der Sinnenwelt und ihren Ge-
setzen kann sich jeder iiberzeugen, der Sinne hat und der seinen Ver-
stand, der an die Sinnenwelt gebunden ist, anwendet. Daher glauben
die Menschen auch im allgemeinen leichter an dasjenige, was ahnlich
ist dem, was sie in der Sinnenwelt wahrnehmen, als an das, was aus der
Geistesforschung heraus mitgeteilt wird. Denn das schauen sie leich-
ter. Man konnte aber sehr leicht zeigen, dafi formal kein Unterschied
besteht zwischen dem Glauben, den Sie entgegenbringen den Tat-
sachen, die Ihnen der Geistesforscher mitteilt, und dem Glauben dar-
an, daft man Ihnen sagt, es hat einen Friedrich den Grofien gegeben.
Zu glauben, dafi es Geister des Willens gibt und dafi es einen Friedrich
den Grofien gegeben hat, dazwischen ist formal kein Unterschied. Der
Unterschied ist nur der, daft aus dem, was in den Archiven vorhanden
ist, erzahlt wird: Das sind die Taten Friedrichs des Groften, die aufter-
lich geschehen sind! - Und wenn Ihnen jemand aus den aufteren Tat-
sachen heraus den ganzen Gang der geschichtlichen Geschehnisse
aufbaut bis riickwarts, wo Friedrich der Grofte gelebt hat, so glauben
Sie ihm aus dem Grunde, weil damals nicht eine Wesenheit gelebt hat,
die anders ausgeschaut hat als ein Mensch. Aus dem Grunde glaubt es
der Mensch, der nicht an geistige Welten glauben will, weil ihm hier
etwas Ahnliches erzahlt wird, wie dasjenige ist, was er selber in seiner
Umgebung hat. Der Geistesforscher ist ja zunachst nicht in der Lage,
aus seiner Forschung heraus iiber solche Dinge zu reden, die ahnlich
schauen den Wesenheiten und Dingen, die fur den gewohnlichen
Menschen in seiner Umgebung sind. Daft trotzdem zwischen den
beiden Arten kein Unterschied ist, und trotzdem dies absolut begriin-
det ist, so ist das, was ich jetzt gesagt habe, dennoch in einer gewissen
Weise zu beriicksichtigen. Nun kommt aber noch etwas anderes.
Wir haben charakterisiert den Gesichtspunkt dessen, der zum Bei-
spiel unten auf dem Standpunkt der Anthropologic steht, und den
Gesichtspunkt dessen, der auf dem Standpunkt der Theosophie steht.
Es ist voll begriindet - das hat Ihnen ja Dr. Unger bewiesen -, Vertrau-
en und Glauben in begriindeter Weise zu haben zu dem, was aus der
Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Das ist durchaus eine voll be-
griindete Art der Anerkennung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten.
Nun fragt es sich aber: Gibt es vielleicht nicht noch ein Drittes? - Gibt
es nur diese zwei Dinge: etwas anzuerkennen, weil es ahnlich schaut
dem, was man gewohnt ist zu sehen in der Sinnenwelt, oder bloft
anzuerkennen das Geistige daraufhin, daft man es als eine Mitteilung
empfangt aus den hoheren Welten? Gibt es nicht doch noch ein Drit-
tes? Mit andern Worten, kann der Mensch verniinftigerweise nur
unterscheiden: Hier gibt es ein sinnlich Wahrnehmbares; ich glaube
es, weil ich es sinnlich sehe. Dann gibt es ein geistig Wahrnehmbares;
ich glaube es, weil der Geistesforscher es sieht. - Gibt es dazwischen
nicht noch etwas?
Ich will Ihnen an einem Beispiel klarmachen, daft es doch noch
etwas Drittes gibt. Denken Sie, hier liege ein Hammer. Meine Hand
ergreift ihn und stellt ihn vertikal auf. Jetzt hat der Hammer eine
Bewegung ausgefiihrt. Sie werden diese Bewegung darauf zuriickfuh-
ren, daft ein Wille da war, der den Hammer aufgerichtet hat. Das ist
weiter nicht wunderbar, denn Sie sehen den dahinterstehenden Willen
im Menschen verkorpert. Wenn Sie sehen, daft ein Mensch einen
Hammer aufhebt, so werden Sie das nicht als etwas Besonderes be-
trachten. Aber nehmen Sie an, derselbe Hammer wtirde, ohne daft ein
sichtbares Wesen ihn anriihrt, selber sich vertikal aufrichten. Was
wiirden Sie jetzt dazu sagen? Jetzt werden Sie sagen: Ich ware sehr
toricht, wenn ich glauben wiirde, daft dasjenige, was sich da aufgerich-
tet hat, ein Hammer ware wie ein jeder andere Hammer, der nur auf-
gerichtet werden kann durch einen Menschen. - Was werden Sie jetzt
sich sagen mussen? Sie werden sich jetzt sagen: Es ist doch selbstver-
standlich, daft das kein gewohnlicher Hammer ist, sondern daft in
diesem Hammer etwas unsichtbar darinnen ist, etwas, was ein Wille
ist. - Wenn Sie sehen, daft der Hammer sich aufrichtet, konnen Sie ihn
als keinen gewohnlichen Hammer mehr nehmen, sondern Sie mussen
ihn als etwas nehmen, was die Verkorperung eines andern Willens,
eines andern Geistigen ist. Und Sie werden sich sagen: Sehe ich, daft
ein Ding etwas tut, was es sonst nach den Eigenschaften, wie ich es als
aufteres Ding kenne, nicht tun kann nach der Kenntnis der gewohn-
lichen aufleren Sinnenbeobachtung, so mufi ich sagen, zwar sehe ich
nicht den Geist in dem Hammer, der sich aufgerichtet hat; aber in
diesem Falle darf ich nicht blofi an den Geist glauben, sondern in
diesem Falle ware ich ein grofier Tor, wenn ich nicht an den Geist im
Hammer glauben wiirde.
Wenn Sie keine genaue Beobachtungsgabe haben, und Sie wiirden
mit jemandem gehen, der hellsichtig ist, so konnte da jemand liegen,
ein Mensch, der sich nicht riihrt. Sie mit Ihrer ungenauen Beobach-
tungsgabe konnten gar nicht unterscheiden, ob das ein wirklicher
Mensch ist oder ein Mensch aus Papiermache. Der andere aber sagt
Ihnen: Das ist ein wirklicher Mensch; er hat einen astralischen Leib!
- Da miissen Sie es glauben. Aber ein Drittes gibt es auch noch, und
das ware, dafi derjenige, der da liegt, plotzlich aufstande. Dann wer-
den Sie nicht mehr daran zweifeln, dafi der hellsichtige Mensch vorher
recht gehabt hat und daft da ein Geist und eine Seele drinnen ist, wenn
der Betreffende aufgestanden ist. Das ist das Dritte.
Nun will ich Ihnen einen Fall zeigen, wo Sie im Leben das beob-
achten konnen, allerdings nicht in nachster Nahe, und doch wiederum
in nachster Nahe. Wir haben gesagt: Von links nach rechts im Men-
schen wirkt die Stromung des physischen Leibes, von rechts nach
links die Stromung des Atherleibes, von vorn nach riickwarts die Stro-
mung des Empfindungsleibes, von riickwarts nach vorne die Stro-
mung der Empfindungsseele. Von unten nach oben und von oben
nach unten wirken astralischer Leib und Ich einander entgegen. Diese
Stromungen fliefien also alle durcheinander. Das Ich, sagten wir, wirkt
im Menschen von oben nach unten. Wie mulS das aufiere Organ daher
liegen, damit es der Mensch als einen Apparat des Ich haben kann?
Das aufiere Organ fur das Ich, das wissen Sie ja, ist das zirkulierende
Blut. Das Ich konnte nicht wirken von oben nach unten, wenn es nicht
im physischen Leibe sein Organ fande, das von oben nach unten in der
vertikalen Richtung den menschlichen Leib durchzoge. Wo kann kein
Ich sein, wie es der Mensch hat? Da, wo die Hauptblutrichtung nicht
von oben nach unten geht, sondern wo sie horizontal liegt. Das ist in
der Tierwelt der Fall. Das Gruppen-Ich der Tiere findet kein Organ,
weil die Hauptblutlinie horizontal ist. Das ist der Unterschied, daft die
Hauptblutlinie sich beim Menschen aufrichten muftte, damit in diese
Hauptblutlinie das Ich des Menschen hineinkommen konnte. Da
haben wir also die Tiere, bei denen das Ich das Blut nicht erfassen kann
als sein Organ, weil die Hauptlinie des Blutes horizontal gerichtet ist,
und da haben wir die Menschen, bei denen das Ich das Blut erfassen
kann als sein Organ, weil die Hauptlinie dieses Blutes sich vertikal
aufgerichtet hat. Nehmen wir nun einmal diejenige Anschauung,
welche eine Verwandtschaft des Tieres mit dem Menschen aus bloft
aufteren Griinden annimmt. Da miissen Sie sich sagen: Da sind tieri-
sche Formen; die sind erhalten aus friiheren Zeiten. Jetzt aber muftte
sich einmal die ganze Blutrichtungslinie aus der Horizontalen in die
Vertikale aufrichten, damit der Mensch daraus werden konnte. - Hier
haben Sie den geschichtlichen Fall: Sie haben etwas, was horizontal
liegt. Das kann sich aber selbstverstandlich aus den Eigenschaften, die
Sie beobachten konnen an dem tierischen Blutcharakter, ebensowenig
selber aufrichten, wie der Hammer sich selber aufrichten konnte,
wenn er nicht von einem Geiste durchseelt ware. Ebenso wie es toricht
ware zu leugnen, daft in dem, was sich selber aufrichtet, ein Geist ist,
ebenso toricht ware es zu denken, daft sich die horizontale Blutlinie
des Tieres von selber aufrichtet zur vertikalen Blutlinie des Menschen.
Nur wenn darinnen ein Geist ist, wenn ein Wille sie durchstromt,
kann sie sich aufrichten von der Horizontalen in die Vertikale, kann
die tierische Gruppenseele iibergehen in die individuelle Menschen-
seele. Und wer sich nicht eingesteht auf der einen Seite: Ich ware ein
Tor, wenn ich glauben wollte, daft der Hammer, der sich selber auf-
richtete, nichts anderes ware wie ein gewohnlicher Hammer -, der
ware ein ebenso grofter Tor, wenn er annehmen wollte: Ich denke, daft
das, was im Blute ist, sich von selber vertikal aufstellt.
Hier haben Sie die dritte Art, wie Sie sich alle geisteswissenschaft-
lichen Wahrheiten bewahrheiten konnen, indem es Ihnen einleuchtet,
daft Dinge geschehen, bei denen anzunehmen, daft nur dasjenige daran
beteiligt ist, was man mit aufteren Sinnen sieht, eine Torheit, ein
Unding ist. Und je weiter man in die Dinge eindringt, desto mehr zeigt
es sich, dafi diese mittlere Art der Uberzeugung fur alles moglich ist,
diese mittlere Art, die darin besteht, dafi das gewohnliche Denken
befruchtet wird von der Geisteswissenschaft. Denn Sie miissen doch
zugeben konnen, dafi ein menschliches Herz nicht so gezeigt werden
kann, wie wir es taten, ohne die vorherige geistige Forschung. An-
geregt werden muft die Forschung von der Geisteswissenschaft. Dann
aber, wenn die Resultate der Geisteswissenschaft gegeben sind, und
wir betrachten dann die aufieren Erscheinungen, dann werden wir
sehen, daft an diesen aufieren Erscheinungen etwas vorgeht, was un-
moglich vorgehen konnte, wenn nicht die Dinge vorausgesetzt wiir-
den, die uns von der Geisteswissenschaft gesagt werden konnen. So
gibt es eine Methode, die Dinge unbefangen zu beobachten, wenn Sie
zum Beispiel sehen, wie die Blutlinie im Tier horizontal, im Menschen
vertikal ist, und sich dann fragen: Was mufi im Blute vorhanden sein,
damit sich die ganze Hauptblutlinie aufrichten kann? und dann die
Antwort aus der Geistesforschung erhalten: Im Blute herrschen gei-
stige Wesenheiten! so dafi Sie sich dann sagen: Zeigt mir das Blut nicht
ebenso die Anwesenheit einer geistigen Wesenheit, so wie ein Ham-
mer, der sich selber aufstellen wiirde, mir die Anwesenheit einer gei-
stigen Wesenheit zeigen wiirde? Hier haben Sie den mittleren Stand -
punkt der Anthroposophie, der die Tatsachen unten beobachtet, die
Tatsachen der geistigen Welt beobachtet, beide miteinander vergleicht
- und dadurch dasjenige vollstandig erklart, was aufierlich in der Welt
vorhanden ist.
So haben wir jetzt an einzelnen Beispielen, wie an der Umwand-
lung des Gehirns in das Auge und an der inneren schematischen Kon-
traktion des menschlichen Herzens, gezeigt, wie jedes Organ in seinen
Formen begriff en werden kann. So konnten wir die einzelnen Formen
jedes Organs konstruieren aus dem Geiste heraus. Uberall wiirde sich
Ihnen zeigen, wie der Geist am Menschen arbeitet, um die Organe und
die Formen des Korpers zustandezubringen. Nur im Prinzip sollte
das angedeutet werden. Aber Sie sollten durch solche Dinge, wie sie
heute angedeutet sind, ein Gefuhl davon erhalten, daft es doch vieles
in der Welt gibt, wovon sich Gelehrtenweisheit gar nichts traumen
lafit, weil sie nicht eingehen will auf die Sachen. Wenn Sie dieses
Gefiihl davontragen, so werden Sie sehen, dafi es eine Moglichkeit gibt
fur den Menschen, die Welt unbefangen zu betrachten, wo das Inein-
anderweben dessen, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt
heraus mitteilt, mit den irdischen Dingen, zwar nicht jeder gleich se-
hen kann, wo man sich aber doch sagt: Es ist ein Unding, fiir gewisse
Erscheinungen nicht jene Tatsachen anzunehmen, welche der Geistes-
forscher erzahlt.
Wenn dieses Gefiihl besteht, dann ist schon gemigend gewonnen
durch diese anthroposophischen Vortrage; denn wir konnen nur lang-
sam und allmahlich aufsteigen in der geistigen Forschung.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 27. Oktober 1909
Gestern sprachen wir iiber die verschiedenen Kraftstromungen, wel-
che den menschlichen Organismus formen und ihm so seine Gestalt
geben, daft uns diese Gestalt erklarlich erscheinen muE. Wir haben
gesehen, wie sich in frappierender Weise ergibt, daft das Herz, das
Auge gerade so aussehen mussen, wie sie eben aussehen, wenn wir die
bildenden Krafte kennenlernen. Wir haben, wie Sie gesehen haben,
dasjenige, was im menschlichen Organismus iibersinnlich vorgeht,
um das sinnliche Bild zur Erscheinung zu bringen, zuriickgefiihrt und
zusammengesetzt aus Stromungen von links nach rechts, von rechts
nach links, von oben nach unten und von unten nach oben, von vorne
nach riickwarts und umgekehrt.
Nun konnte jemand sagen: Jetzt wollen wir dich in deiner eigenen
Schlinge fangen! Du erklarst uns eine sehr bedeutsame Erscheinung
im menschlichen Organismus nicht, wenn du von diesen Stromungen
sprichst von rechts und links, oben und unten, vorn und hinten, du
erklarst uns diejenige Erscheinung doch gar nicht, die in dem Folgen-
den liegt: Es gibt beim Menschen Organe, die genau symmetrisch
gelegen sind, links und rechts gleich, und andere Organe, die unsym-
metrisch sind, Herz, Leber, Magen und so weiter. Wir konnten, so
konnte eingewendet werden, zur Not begreifen den menschlichen
Organismus aus deinen Stromungen, wenn er ganz unsymmetrisch
gebaut ware, wenn er, ebenso wie er von unten nach oben und von
vorn nach riickwarts anders aussieht, auch anders aussehen wiirde von
links nach rechts.
Das konnte eingewendet werden. Es ware aber ein kurzsichtiger
Einwand. Denn, wie wir schon angedeutet haben, ist dasjenige, was
von links nach rechts und von rechts nach links stromt, gerade dasje-
nige, was bewirkt den physischen Leib und den Atherleib. Also in
derjenigen Richtung, in der der Mensch symmetrisch auf gebaut ist,
stromen physischer Leib und Atherleib; gerade in dieser Richtung, wo
physischer Leib und Atherleib stromen, ist der Mensch symmetrisch
aufgebaut. Nun erinnern Sie sich aber, was die geisteswissenschaftli-
che Forschung sagt zu dieser anthroposophischen Tatsache und der
anthroposophischen Erklarung, dafi diese Stromungen existieren, und
fragen wir uns, ob wir irgendeine Moglichkeit haben, auch da begreif-
lich zu machen, dafi alles so sein mufi, wie es ist.
Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt uns, dafi dieser phy-
sische Leib des Menschen eine sehr alte Wesenheit ist, die vom alten
Saturn her stammt, dafi der Atherleib auf der Sonne dazukam, daft der
astralische Leib auf dem Monde und das Ich erst auf der Erde dazu-
kam. Nun konnen wir uns fragen: Wie war denn die erste Anlage des
physischen Menschenleibes, als sie auf dem alten Saturn angelegt
worden war? Unsymmetrisch selbstverstandlich, denn sie mufite in
einer Richtung wirken, die in der heutigen Leibesrichtung der von
links nach rechts entspricht. Wie war die Anlage des Atherleibes, als
sie auf der Sonne zunachst angelegt worden ist? Unsymmetrisch war
sie, denn sie mulke in der Richtung angelegt werden, welche heute
entspricht der von rechts nach links im Menschen. Nun geht aber die
Entwickelung weiter. Es bleibt bei der alten Sonnenwirkung nicht
stehen, sondern es kommt nun die Mondenwirkung hinzu. Da ent-
wickelt sich der physische Leib weiter; da wird an seiner Gestalt
weitergebildet. Wenn diese Mondenwirkung nicht gekommen ware,
dann ware der Mensch in bezug auf seinen physischen Leib allerdings
ein einseitig unsymmetrisches Wesen geblieben. Nun setzte sich aber
die Bildung dieses physischen Leibes auf dem Monde fort, und es
setzte sich weiter alles iibrige fort auf der Erde. Es mulke also etwas
eintreten, was die ganze fnihere Bildung veranderte, was sie zu einer
ganz andern machte. Es mufite sozusagen eine Umkehrung, eine
Auswechselung der Richtungen entstehen. Es mufite dasjenige, was
geschehen sollte, um die Einseitigkeit zu vermeiden, von der andern
Seite her bewirkt werden. Das heilk, wahrend die Richtung, die vom
Saturn her der Bildung des physischen Leibes eingepragt war, von
links nach rechts geht, mufite das jetzt wieder ausgeglichen werden
durch eine Bildung von rechts nach links. Wodurch geschah das?
In friiheren Vortragen habe ich Ihnen gesagt, daft schon wahrend
der alten Mondenzeit die Sonne sich losgetrennt hat von dem Mond,
und da£ die Krafte nun von aufSen herein wirkten, nicht mehr von
derselben Seite, vom Mondenkorper aus. Und so war es auch mit dem
Atherleib, als die Bildung fortschritt. Was aus dem physischen Leibe
bis zur alten Mondenzeit geworden war, das ist in Empfang genom-
men worden von der Seite, die jetzt von der aufienstehenden Sonne
kam. Ja, dann konnen wir aber wieder nicht begreifen, konnte jemand
sagen, warum, da diese andere Seite so viel spater gebildet worden ist,
sie nicht viel kleiner ist als die andere Seite, warum die beiden Seiten
gerade symmetrisch sind.
Erinnern Sie sich dazu an etwas anderes, was ich Ihnen gesagt habe.
Es mufken gewisse Wesenheiten, die hoher entwickelt waren, um star-
kere Wirkungen zu entfalten, sich gerade von dem alten Mond und
von der Erde trennen. Gerade um in der Bildung von rechts nach links
starkere Wirkungen auszuiiben, als die auf dem Saturn ausgeiibten,
mufken diese Wesenheiten einen andern, hoheren Schauplatz gewin-
nen. Denn sie hatten es nicht so leicht wie die Saturnwesen, als diese
einseitig den physischen Menschenleib angelegt hatten. Sie hatten das,
was von der bisherigen Evolution da war, schon zu iiberwinden. Da
staute sich schon der ganze Bildungsprozeft. Deshalb mufken sie star-
ker sein, sie mufken sich einen Schauplatz aufierhalb der Erde, auf der
Sonne wahlen. Dadurch wurde die Kraft verstarkt, und es wurde die
andere Seite gleich gemacht der ersten Seite. Es wurde der physische
Leib ein symmetrisches Gebilde.
So werden Sie, wenn Sie nur Geduld haben, alles bis ins einzelne
hinein bestatigt finden, was im Laufe der theosophischen Vortrage
gesagt worden ist. Bis in die einzelnsten menschlichen Organe hinein
konnten die Bildungskrafte verfolgt werden. Es wurde ja naturlich
zu weit fiihren, wenn ich Ihnen in diesen skizzenhaften Vortragen
auch das Ohrlappchen zum Beispiel erklaren wollte, aber moglich
ware es.
Wenn Sie sich daran erinnern, was gestern gesagt worden ist: daft
Stromungen stattfinden von vorne nach riickwarts, und dafi das die
Wirkungen des Empfindungsleibes sind, die Ausstromungen des
Empfindungsleibes in den menschlichen Organismus hinein, dafS da-
gegen die Stromungen der Empfindungsseele von riickwarts nach
vorwarts gehen, so haben wir also in einer Richtung zwei gegeneinan-
der wirkende Stromungen, von vorne nach riickwarts und von ruck-
warts nach vorne. Wie miifiten wir uns nun vorstellen, dafi die Stro-
mungen des Empfindungsleibes von vorne nach riickwarts und die
Stromungen, die von der Empfindungsseele von riickwarts nach vorne
gehen, am menschlichen Organismus bauen? Wir konnten das einmal
durch eine kleine Skizze veranschaulichen:
Wie gesagt, der physische Leib, der Atherleib und der Hauptstock
des astralischen Leibes waren schon da, und jetzt kommen jene Stro-
mungen, die, vom Empfindungsleib kommend, von vorne nach riick-
warts sich einbohren in den menschlichen Organismus. Und sie wir-
ken so, daft sie hineinbilden in den menschlichen Organismus allerlei
Organe in das, was schon darinnen ist. Nun, nehmen wir an, dafi
wiederum hineinarbeitet in den Organismus von riickwarts nach vor-
ne die Empfindungsseele. Diese Arbeit ist eine innere, weil es eben
Empfindungsseele ist. Vorne werden sich die Stromungen stauen. Sie
werden sich so stauen, dafi sie sich, wenn sie sich in den physischen
Organismus hineinbohren, iiber das, was sie dort bilden, dariiberle-
gen. Da gehen die Stromungen von der Empfindungsseele nach vorne,
und da, wo der physische Leib begrenzt ist, dringen sie ein. Wahrend
die Stromungen des Empfindungsleibes von auften nach innen drin-
gen - denn der Empfindungsleib ist ja aufien gehen die Stromungen
der Empfindungsseele von innen nach aufien. Da miissen also an jener
Stelle irgendwelche Offnungen sein, da miissen einige Locher gebohrt
werden. Sie haben von riickwarts nach vorne gehend gewisse Stro-
mungen und Sie haben von vorne nach riickwarts gehend gewisse
Stromungen. Die Stromungen von riickwarts nach vorne gehen von
der Empfindungsseele aus, von etwas Innerlichem; [die Stromungen
von vorne nach riickwarts] bohren sich hinein in den physischen
Organismus.
Wenn Sie diese Skizze anschauen, haben Sie die Seitenansicht eines
menschlichen Gesichtes schematisch dargestellt: vorn die Stromun-
gen, welche die Sinnesorgane hineinbohren, Gesichtsorgan, Geruchs-
organ, Geschmacksorgan, und von hinten nach vorne kommend die
Bildungskrafte, die das Gehirn dariiberlagern. Sie haben das Schema
des Baues des menschlichen Kopfes, von der Seite angesehen.
So konnen wir also sagen: Wenn das wahr ist, was die Geisteswis-
senschaft sagt, so kann eigentlich dieser menschliche Kopf gar nicht
anders aussehen, als er wirklich aussieht. Wo ist denn eigentlich der
Beweis fiir das, was die Geisteswissenschaft behauptet? Die Geistes-
wissenschaft zeigt: Wenn iiberhaupt jemals ein menschlicher Kopf hat
entstehen sollen, so mufke er so aussehen. - Fragen Sie einmal den
menschlichen Kopf, ob er so aussieht? Ja, er sieht so aus! Da haben Sie
die Bestatigung, den Beleg dafiir, der uns von der Erscheinungswelt
selber entgegengebracht wird.
Oder betrachten Sie jetzt einmal eine andere Tatsache. Die Arbeit
des Empfindungsleibes geht nach innen, und die Arbeit der Empfin-
dungsseele geht von innen nach aufien, staut sich aber vorher noch. Sie
kommt nicht bis nach aufien, sie bleibt sozusagen gestaut in dem
physischen Gehirnleib drinnen. Sie kann nicht heraus; sie kommt nur
an den Stellen heraus, wo ihr etwas entgegenkommt durch die Locher,
welche von vorne hineingebohrt sind. Da kommt die Tatigkeit der
Empfindungsseele heraus; da schreitet sie heraus. So dafi wir also
haben einen Teil unseres Innenlebens, der sich eben als Empfindungs-
seele nach aufien ergiefk. Das kann noch die Empfindungsseele.
Die Verstandesseele ist hiezu nicht fahig. Sie ruht auch im Innern;
sie muE sich ebenso verhalten in ihren Wirkungen. Sie staut sich voll-
standig im Innern. Sie kann gar nicht nach aufien, denn ihr begegnen
keine Stromungen von auften. Daher verlauft das menschliche Denken
im Innern; es kann nicht heraus. Der Mensch mufi schon in seinem
Innern nachdenken. Die Dinge denken nicht fur ihn nach und sie
zeigen ihm auch nicht die Gedanken von auften her, sondern er mufi
die Gedanken den Dingen entgegenbringen. Das ist das grofie Ge-
heimnis, mochte man sagen, von dem Verhaltnis der menschlichen
Gedanken zu der Auftenwelt. Durch die Sinnesorgane kommen dem
Menschen keine Gedanken zu; so dafi also, wenn die Sinnesorgane
selber eine Unregelmafiigkeit haben, leicht Sinnestauschungen vor-
kommen. Wahrend aber im normalen Leben die Sinne nicht irren
konnen, kann der Verstand, der sich mit den Dingen nicht in eine
Beziehung setzen kann, irren. Er ist das erste Glied des Menschen, das
irren kann, weil sich seine Tatigkeit innerhalb des Gehirnes staut, weil
seine Tatigkeit nicht nach auften kommt. Was folgt daraus? Daraus
folgt, dafi es ganz unmoglich ist, daft der Mensch Gedanken iiber die
Aufienwelt hat und sich etwas Richtiges iiber die Aufienwelt denkt,
wenn er nicht in seinem Innern eine Anlage dazu hat, richtige Gedan-
ken aufsteigen zu lassen. Niemals - das konnen Sie daraus sehen -
konnte die Auftenwelt dem Menschen richtige Gedanken geben, wenn
die richtigen Gedanken nicht in seinem Innern aufsteigen wiirden.
Richtige Sinnesempfindungen kann sie ihm geben. Die Sinnesempfin-
dungen aber konnen nicht denken. Der Gedanke aber ist dem Irrtum
unterworfen, und der Mensch mull die Kraft in sich haben fur die
Richtigkeit des Gedankens.
Fur denjenigen, der nachdenken will, zeigt schon diese Tatsache:
Wenn im Menschen richtige Gedanken aufsteigen sollen iiber die
Dinge der Auftenwelt und doch nicht im jetzigen Leben in Beriihrung
kommen konnen mit diesen Dingen, daft das hinweist auf ein vorzeit-
liches Dasein des Menschen. Denken Sie einmal: Der Mensch soil sich
iiber die Weisheit der Welt richtige Gedanken machen, aber er kann
mit seinen Gedanken gar nicht heraus. Was in der Welt draufien die
Dinge als Weisheit durchstromt, das mufi auch in ihm selber aufstei-
gen. Und es ist eine Grenze zwischen beiden; die zwei konnen gar
nicht zusammenkommen. Sie mussen also einmal beieinander gewe-
sen sein! Das war in jener Vorzeit, in welcher das menschliche Ich
diese Stromungen von oben nach unten noch nicht aufgehalten hat,
sondern sie frei durchgelassen hat. Sie mussen also daraus notwendig
folgern, dafi der Mensch einmal anders organisiert gewesen sein mufi,
dafi dasjenige, was heutiges Denken im Gehirn ist, einmal, wie die
Sinneswahrnehmung des Auges, mit der Aufienwelt verbunden war,
so dafi der Mensch seine Gedanken anschaute.
Was heifk denn das: Man schaute das an, was man jetzt blofi denken
kann? Das heifk, man hatte eine Hellsichtigkeit. Aber weil das Ich es
gerade ist, was den Menschen von der alten Hellsichtigkeit getrennt
hat, so war das Ich damals noch nicht da. Man mufi es also eine Hell-
sichtigkeit nennen, die noch nicht Ich-durchleuchtet ist, die noch
dammerhaft ist. Und wir konnen uns so geradezu das Wort zusam-
mensetzen, das wir gebraucht haben fur das alte Hellsehen: ein dam-
merhaftes Hellsehen mufi der Mensch gehabt haben. Er mufi friiher
Zustande durchgemacht haben, wo er ein dammerhaftes Hellsehen
gehabt hat.
Wiederum ist es die jetzige Organisation, die uns zeigt, daft in ab-
gelaufenen Zeiten der Mensch mit einer andern Organisation gelebt
hat. Wenn das so ist, was gesagt worden ist, dann folgt daraus aber
etwas sehr Wichtiges fur das praktische Leben. Es folgt daraus, daft fur
alle Verhaltnisse der Sinneswelt die Sinneswahrnehmung - abgesehen
von Sinnestauschungen - etwas ist, was die Wahrheit aussprechen
kann. Denn in bezug auf die Sinneswahrnehmung steht der Mensch in
einem unmittelbaren Verhaltnis zur Auftenwelt, in unmittelbarer Be-
riihrung mit der Auftenwelt. Es geht daraus auch hervor, daft der
Mensch iiber das, was in seinem Innern ist, nur durch die Kraft seines
Verstandes etwas wissen kann. Zum Beispiel, wenn das Ich nach innen
stromt, so ist es ja darinnen. Wenn der Mensch also sein Denken
anwendet auf das Ich, so ist es ganz natiirlich, daft dieses Denken iiber
das Ich - weil das Ich im Innern ist — imstande ist, etwas iiber dieses
Ich zu entscheiden. Das haben Sie gesehen aus den Vortragen des
Herrn Dr. linger. Und jetzt werden Sie auch den Vorgang lokalisieren
konnen. Es ist die Begegnung der Verstandesseele mit dem Ich, welche
das reine Denken, das nach innen gerichtete Denken erzeugt. Und Sie
werden begreifen, dafi dieses Denken, welches sich selbst ergreift,
nicht dem Irrtume ausgesetzt sein kann wie jenes Denken, das drau-
fien in der Welt herumschweifen und sich aus den Dingen die Urteile
holen will. Denn dieses Denken kommt nur so weit mit dem Nachsin-
nen iiber die Aufienwelt, als es zuerst die Begriffe, die Wahrheit iiber
die aufieren Dinge in sich selber finden kann. Der Mensch mufi den
Dingen ihre Begriffe als Spiegelbilder entgegenhalten. Die Dinge
selbst konnen nur die sinnliche Seite geben. Der Mensch mufi in sich
aus einer richtigen Wahrheitsanlage aufsteigen lassen die Begriffe der
Dinge, die Gedanken der Dinge. Uber was haben wir denn also nur
ein Urteil in der Auftenwelt? In Wahrheit hat der Mensch nur iiber
dasjenige in der Aufienwelt ein Urteil, was sich zunachst seinen Sin-
nen darbietet. Was sich den Sinnen entzieht, dariiber konnen die Sinne
selber nichts entscheiden. Was ist denn eigentlich also am Menschen,
was einzig und allein nur in seiner Wahrheit erscheint? Einzig und
allein ist am Menschen - und auch an den andern Wesen der Natur -
lediglich das fur den physischen Plan in seiner Wahrheit erscheinend,
was wirklich die Sinne sehen konnen. Sobald sich etwas den Sinnen
entzieht in seiner unmittelbaren Gegenwart, dann kann vom physi-
schen Plan aus kein Urteil iiber die Sache gefallt werden. Denn in dem
Augenblick wird der Verstand, wenn er nicht gelenkt und geleitet
wird von der inneren Richtigkeit oder Wahrheitsanlage, notwendiger-
weise in alle moglichen Irrtiimer hineinkommen miissen.
Ich will Ihnen diese Sache lieber an einem Beispiel ausfiihren. Ich
will Ihnen zwei Lehren vorfiihren. Die eine kennen Sie aus der geistes-
wissenschaftlichen Forschung: die Lehre, welche Formen der Mensch
durchgemacht hat in den friiheren Daseinszustanden durch die atlan-
tische, lemurische Zeit und so weiter hindurch bis hinauf zum alten
Monden-, Sonnen- und Saturndasein. Da wird Ihnen gezeigt aus der
geisteswissenschaftlichen Forschung heraus, was der Mensch fiir Zu-
stande durchgemacht hat. Und wir haben heute ein Beispiel gesehen,
wie wunderbar das, was die Sinne sehen, uns begreiflich erscheint,
wenn wir diese Abstammungslehre des Menschen wirklich uns zu
eigen machen und sie verarbeiten an der aufteren Welt. Und Sie kon-
nen sich immer mehr und mehr davon iiberzeugen, wie frappierend es
ist, dafi alles Aufiere eine Bestatigung liefert fur das, was die geistes-
wissenschaftliche Forschung aus den Tatsachen der geistigen Welt
heraus feststellt.
Nehmen wir jetzt als Gegenstiick einmal die Sinnesforschung, die
sinnliche Abstammungslehre, die ja erst in der neueren Zeit ihren
Ausbau gefunden hat. Da zeigt sich uns vor alien Dingen, dafi ein
wichtiges Gesetz aufgestellt worden ist, das ich schon ofter erwahnt
habe: das biogenetische Grundgesetz, welches die aufieren Tatsachen
in der Weise feststellt, daft der Mensch in seinem Keimeszustand kurz
durchmacht alle diejenigen Formen, die erinnern an gewisse Tierge-
stalten; in gewissen Stadien erinnert er an ein Fischchen und so weiter.
Er wiederholt, so konnte man sagen, die verschiedenen Formen des
Tierreiches. Nun wissen Sie ja alle, daft insbesondere in demjenigen
Stadium, wo diese Abstammungslehre wild geworden war, geschlos-
sen worden ist aus dieser Tatsachenwelt, daft der Mensch nun wirklich
in der Vorwelt diese Formen durchgemacht habe, welche sich da wie-
derholentlich zeigen in seinem Keimeszustand. Man mochte gegen-
iiber dieser Tatsache sagen: Es war wahrhaftig fur die Menschheit ein
Gliick, daft diese Beobachtung durch die Sorgfalt der Gotter so lange
verborgen geblieben ist bis in die Zeit hinein, wo sie gleichzeitig fast
- die Dinge schieben sich ja fast immer iibereinander -, nachdem sie
in ihren wilderen Formen aufgestellt worden war, ihre Korrektur
erfahren konnte durch die Geisteswissenschaft. - Das, was der
Mensch durchmacht bis zu dem Zeitpunkt, wo er auf dem physischen
Plan fiir die Sinneswahrnehmung erscheint, das wurde eingehiillt von
den Gottern und konnte nicht beobachtet werden. Denn ware es noch
friiher beobachtet worden, so hatte sich der Mensch vielleicht noch
verkehrtere Begriffe dariiber gemacht. Die Tatsachen sind selbstver-
standlich richtig, denn sie werden durch die Sinne beobachtet. Soil
aber nun dariiber geurteilt werden, dann kommt das in Betracht, was
die Kraft der Verstandesseele ist. Die kann nicht heran an das, was
nicht sinnlich gesehen werden kann. Sie ist daher, wenn sie nicht die
Wahrheitsanlage im Innern hat, notwendigerweise dem Irrtum unter-
worfen. Und hier haben wir ein eklatantes Beispiel dafiir, wie die
Urteilskraft, die aus der Verstandesseele kommt, in den Irrtum hinein-
segeln kann.
Was zeigt denn die Tatsache, daft der Mensch auf einer gewissen
Stufe seines Keimeslebens einem Fischchen ahnlich sieht? Diese Tat-
sache zeigt, daft der Mensch dasjenige, was Fischform ist, nicht brau-
chen kann, daft er es ausstoften muftte, bevor er sein Menschendasein
antrat. Und die nachste Keimesgestalt ist wiederum eine solche, die
der Mensch ausstoften muftte, weil sie nicht zu ihm gehort, so wie der
Mensch alle Tierformen ausstoften muftte, weil sie nicht zu ihm geho-
ren. Der Mensch hatte nicht Mensch werden konnen, wenn er jemals
in einer solchen Gestalt auf der Erde erschienen ware, wie diese Tier-
formen sind. Er muftte sie eben gerade von sich absondern, damit er
hat Mensch werden konnen. Wenn Sie in richtiger Weise diese Gedan-
ken verfolgen, so werden Sie auch zu einem richtigen Urteil kommen.
Was zeigen die Tatsachen, daft der Mensch im Keimesstadium zum
Beispiel wie ein Fischchen aussieht? Diese Tatsachen zeigen, daft er
niemals einem Fischchen ahnlich gesehen hat im Verlaufe seiner Ab-
stammungslinie, daft er gerade in der Linie seiner Entwickelung aus-
gestoften hat die Fischform, sie nicht brauchen konnte, weil er ihr
nicht ahnlich sehen durfte. Nehmen Sie nun alle die andern aufeinan-
derfolgenden Gestalten, welche die moderne Wissenschaft in den
Gestalten des Keimeslebens Ihnen zeigt. Was zeigen diese Formen?
Sie zeigen alles dasjenige, was der Mensch in der Vorzeit nicht gewe-
sen ist, was er gerade aus sich hat ausstoften miissen. Sie zeigen alle
diejenigen Bilder, denen er niemals ahnlich gesehen hat. So kann man
in Wahrheit erfahren durch die Embryologie, wie der Mensch niemals
in der Vorzeit ausgesehen hat. Alle die Dinge, die der Mensch nicht
durchgemacht hat, sondern die er ausgestoften hat, kann man dadurch
kennenlernen. Wenn man aber daraus den Schluft zieht, daft der
Mensch von alledem abstamme, daft er das durchgemacht habe, um
auf seine heutige Entwickelungsstufe zu kommen, so steht man dann
auf demselben Standpunkt wie jemand, der etwa sagte: Hier steht der
Sohn, hier der Vater. Wenn ich beide vergleiche, so werde ich nimmer-
mehr glauben, daft der Sohn vom Vater abstammt. Ich werde glauben,
dafi der Sohn von sich selber abstammt, oder der Vater vom Sohn. -
Gerade die umgekehrte Reihenfolge der Evolution wurde durch das
Hineinsegeln in den Irrtum angenommen, dadurch, dafi der Verstand
sich wirklich recht ungeeignet erwiesen hat, um diese Tatsachen der
Wirklichkeit wahrhaftig zu durchdenken. GewiE sind diese Bilder der
Vorzeit fur uns aufierordentlich wichtig, weil wir eben daran erken-
nen, wie wir niemals ausgesehen haben.
Das kann man aber an etwas anderem viel besser erkennen. Man
kann es erkennen an denjenigen Reichen, die uns durch die aufiere
Sinnenwelt selber geboten werden, die sich uns nicht entziehen. Nam-
lich alle diese Formen sind uns ja auch in der Aufienwelt gegeben. Die
kann man beobachten mit dem, was man die gewohnliche, richtig
verwertete menschliche Anschauung nennen kann. Solange die Men-
schen nur diese Beobachtung gehabt haben, solange sie ihren Verstand
angewendet haben nicht auf das, was der Sinnesanschauung sich ver-
schliefit, sondern auf das, was vor der Sinnesanschauung ausgebreitet
liegt, so lange sind sie zu jenem falschen Urteil nicht gekommen. Frei-
lich haben dazumal die Menschen nicht aus dem Verstande geurteilt
iiber ihre Abstammung, sondern sie haben aus ihrem natiirlichen,
geraden Wahrheitssinn geurteilt. Sie haben den Affen angeschaut und
haben jenes eigentumliche Gefiihl empfunden, das jeder gesunde Sinn
empfindet, wenn er den Affen anschaut, und das man mit nichts an-
derem vergleichen kann als mit einem gewissen Schamgefiihl. Und
dieses Schamgefiihl war wahrer als das, was nachher der irrende Ver-
stand gesagt hat. In diesem Schamgefiihl lag das Gefiihlsurteil darin-
nen, dafi eigentlich der Affe ein von der Menschenstromung abgefal-
lenes Wesen ist, ein zuriickgebliebenes Wesen ist, daft er herstammt
aus der Menschenlinie und hat ausgesondert werden miissen. Also es
lag das Gefiihl darinnen, daf? der Mensch nur hat auf seine heutige
Hohe kommen konnen dadurch, dafi er dasjenige, was die heutige
Affengestalt geworden ist, erst aus sich aussondern mufite. Hatte er es
behalten, so hatte er nie Mensch werden konnen. Das liegt in dem
natiirlichen, gesunden Gefiihl. Dann wurden die Sachen durch den
Verstand erf orscht, und da zeigte sich durch den Verstand der Irrtum,
dafi der Mensch sagte, die Menschengestalt stamme her von der Affen-
stromung! Das ist ein Irrtum. Je weiter Sie nachdenken, desto mehr
werden Sie finden, wie tief berechtigt gerade dasjenige ist, was eben
jetzt gesagt worden ist. DaE der Mensch vom Affen herstamme, ist ein
Irrtum, was sich Ihnen schon ergeben kann aus etwas ganz Gewohn-
lichem.
Nehmen Sie an, Sie betrachten diejenigen Glieder der Menschenna-
tur, die Ihnen fur die eigene Wahrnehmung offen vorliegen als das,
was Sie selber an sich beobachten, oder Sie beobachten dasjenige an
der Menschennatur, was Sie an den andern Menschen beobachten
konnen, wiederum als das, was der Sinnesbeobachtung gegeben wird.
Weil ja nun im Menschen zwei Stromungen ineinanderfliefien, die
Stromung des Empfindungsleibes von vorne nach riickwarts und die
Stromung der Empfindungsseele von riickwarts nach vorne, so miis-
sen wir unterscheiden bei dem, was uns da sozusagen an dem Men-
schen erscheint, wenn wir ihm gegenuberstehen, zwischen dem, was
von vorne nach riickwarts wirkt als die Stromung des Empfindungs-
leibes, und zwischen dem, was von riickwarts nach vorne wirkt als die
Stromung der Empfindungsseele. Schauen wir von diesem Gesichts-
punkt einem Menschen ins Antlitz. Soweit wir den Menschen sinnlich
sehen, ist das Bild naturlich richtig. Dariiber konnen wir nicht irren;
das gibt die Sinnesbeobachtung. Aber nunmehr kommt, und hier noch
auf einer unterbewufken Stufe, der menschliche Verstand hinzu. Und
der irrt sich hier an einem geradezu klassischen Beispiel sofort. Denn
als was betrachtet er das menschliche Antlitz in bezug auf seine Bil-
dungskrafte? Er betrachtet es als etwas, was irgendwie von aufien
aufgebaut ist. In Wahrheit ist das, was wir am menschlichen Antlitz
sehen, von innen nach aufien durch die Empfindungsseele aufgebaut.
Und wir geben ein falsches Urteil ab, wenn wir einem Menschen ins
Antlitz schauen und sagen, daft das iiberhaupt aulSerer Leib ware. Wir
miissen sagen: Was hier die Sinne sehen, das ist das aufiere Bild der
Empfindungsseele, iiberhaupt der Seele, die nach aufien wirkt. Deu-
test du dir das menschliche Gesicht als Seele, und lenkst du eben davon
deine Aufmerksamkeit ab, daft es Leib sein konnte, dann hast du das
richtige Urteil. - Hier haben Sie das ungeheure Blendwerk: Sie schau-
en ein menschliches Gesicht an, das Bild einer Seele, und Sie halten es
fur einen Leib, indem Sie in das Bild der Seele schauen - nur das Bild
der Seele, selbstverstandlich. - Das ist eben die grundfalsche Anschau-
ung; es zeigt, wie der Mensch sogleich, wenn seine Urteilskraft in
Betracht kommt, die Dinge falsch deutet. Die aufteren Bilder kann der
Mensch erst dann richtig auffassen, wenn er sie in richtiger Weise
versteht, wenn er davon spricht, daft das menschliche Antlitz das Bild
der Seele ist, und daft alles zu einer falschen Erklarung fiihrt, was man
iiber dieses menschliche Antlitz erfahren kann aus den bloften Kraf-
ten, die in Betracht kommen als Krafte der physischen oder der athe-
rischen Natur. Denn dieses menschliche Antlitz mufi gedeutet werden
aus den Kraften der Seele selber, das Sichtbare aus dem Unsichtbaren
in diesem Falle. Das gerade werden Sie merken konnen an der Geistes-
wissenschaft, je defer Sie eindringen, daft sie eine hohe Schule des
Denkens ist, daft das chaotische Denken, das heute alle Kreise be-
herrscht - und am meisten die wissenschaftlichen Kreise aufhoren
mufi. Es mag Ihnen daher manchmal anstrengend sein, was Sie hier
alles zu horen bekommen, namentlich in bezug auf die Gedanken, die
Sie sich dabei bilden miissen. Aber dafiir ist auch die Geisteswissen-
schaft zugleich die hohe Schule des logischen Denkens, weil sie dazu
zwingt, die Dinge in der Welt sich in richtiger Weise zu deuten. Und
richtig deuten miissen wir auch gewisse Erscheinungen, die aus dem
Gebiet der Anthroposophie des einzelnen Menschen hinausfuhren in
das Gebiet der Anthroposophie der gesamten Menschheit.
Blicken wir noch einmal zuriick auf das, was wir den Lautsinn
genannt haben, und auf den Begriffs- oder Vorstellungssinn, und
fragen wir uns einmal in bezug auf die menschliche Entwickelung auf
der Erde: Hat sich der Mensch so entwickelt, daft zuerst der Lautsinn
oder daft zuerst der Begriffs- oder Vorstellungssinn entstanden ist? -
Damit haben wir eigentlich viel getan, wenn wir in die menschliche
Entwickelung auf diesem niederen Gebiete so hineinschauen konnen,
daft wir uns die Frage beantworten konnen: Hat der Mensch zuerst
gelernt Worte zu verstehen, oder hat er zuerst gelernt die Vorstellun-
gen, die an ihn herandringen, wahrzunehmen und zu begreifen? -
Diese Frage gehort eigentlich noch wenig in das Gebiet der Geistes-
wissenschaft, denn jeder kann sie sich beantworten, wenn er beob-
achtet, wie das Kind sprechen und Gedanken wahrnehmen lernt.
Jeder wird wissen, daft das Kind zuerst sprechen lernt und dann erst
Gedanken wahrnehmen. Die Sprache ist die Voraussetzung fur das
Gedankenwahrnehmen. Warum ist sie das? Aus dem einfachen
Grunde, weil der Lautsinn die Voraussetzung ist fur den Vorstel-
lungssinn. Sprechen lernt das Kind, weil es horen kann, weil es hin-
horchen kann auf das, was der Lautsinn wahrnehmen kann, und das
Sprechen selbst ist dann die blofie Nachahmung. Daher werden Sie
auch finden, dafi das Kind immer Sprachlaute nachahmt, lange bevor
es irgend etwas versteht, was schon eine Vorstellung ist. Betrachten
und beobachten Sie genau, und Sie werden sehen, dafi es so ist:
Zuerst entwickelt sich der Lautsinn, und an dem Lautsinn erst ent-
wickelt sich der Begriffssinn. Lautsinn ist also die Moglichkeit, nicht
nur Tone wahrzunehmen, sondern dasjenige wahrzunehmen, was
wir Laute nennen, Sprachlaute. Und es entsteht jetzt fur uns die
Frage: Wenn der Mensch also einmal im Verlaufe seiner Entwicke-
lung fahig geworden ist, Laute wahrzunehmen und als Folge davon
fahig geworden ist, die Sprache sich anzueignen, wie mufi denn das
geschehen sein? Wie mufS das zugegangen sein, da$ der Mensch zur
Sprache gekommen ist im Verlaufe seiner Entwickelung?
Da miissen wir uns einmal das eine klarmachen. Wenn also der
Mensch sprechen lernen sollte, nicht nur horen, sondern sprechen
lernen sollte, dann war notwendig, daft nicht nur von aufien etwas an
ihn herandrang und er etwas wahrnahm, sondern es war notwendig,
dafi etwas in ihm denselben Weg machte, den die Stromungen der
Empfindungsseele machen, wenn sie von hinten nach vorne dringen.
So etwas war notwendig. Es mufke also in der menschlichen Entwik-
kelung so kommen, daft die Empfindungsseele von einer Stromung
durchzogen wurde, die in derselben Richtung wirkt wie jene Stro-
mungen in der Seele uberhaupt, welche das erzeugen, was eben durch
die Bewegung von riickwarts nach vorne erzeugt wird. Das muftte
eintreten, damit die Sprache kam. Diese Sprache sollte aber friiher
kommen als der Vorstellungssinn, sie sollte kommen, ehe man in der
Lage war, in den Worten selber - selbst in denjenigen Worten, die man
aussprach - dasjenige zu empfinden, was Vorstellung ist. Wirklich
mufke die Menschheit zuerst Laute ausstoften lernen und in der
Empfindung dieser Laute leben konnen, bevor sie mit diesen Lauten
gewisse Vorstellungen verband, die erst spater kommen konnten.
Zuerst war es etwas, was noch nicht Begriff und Vorstellung war,
sondern ein Gefiihl fur das, was die Laute durchdrang, wenn sie aus-
gestofkn wurden. Davon ging die Sprache aus.
Diese Entwickelung mufke zu einer Zeit vor sich gehen, als die
Umlagerung, die Aufrichtung des Blutzirkulationssystems schon ge-
schehen war, denn die Tiere konnen nicht sprechen. Es mufke schon
das Ich von oben nach unten wirken. Aber obwohl dieses Ich, das von
oben nach unten wirkte, schon da war, so konnte sich die Menschheit
dieses Ich doch nicht vorstellen. Denn der Vorstellungssinn war noch
nicht entwickelt. Was also folgt daraus? Es folgt daraus, daft der
Mensch die Sprache nicht erhalten haben kann durch sein eigenes Ich,
sondern durch ein anderes Ich, das wir vergleichen konnen mit dem
tierischen Gruppen-Ich. Die Sprache ist also in diesem Sinne wirklich
eine Gottergabe. Sie ist dem Menschen von oben herunter auf dem
Wege, den das Ich nimmt, eingeflofk worden, als das Ich noch nicht
imstande war, die Sprache selber auszubilden. Also das von oben
herunterstromende Ich war nicht imstande, die Sprache auszubilden.
Es hatte in sich noch nicht diejenigen Organe, welche den Impuls zum
Ausbilden der Sprache hatten geben konnen. Das mufke das Grup-
pen-Ich tun. Aber nun war der Mensch ja schon fertig. Es war der
Mensch schon ein aufgerichteter Mensch. Das Gruppen-Ich mufke
von oben nach unten in den physischen, den atherischen Organismus
und so weiter hineinwirken, um die Sprache zu bewirken. Diesem
Gruppen-Ich stromte eine Stromung von unten entgegen. Von oben
herunter kam die Stromung des Gruppen-Ich, von unten herauf eine
Stromung, mit welcher sich die Stromung des Gruppen-Ich begegnet.
Die kommen zusammen und erzeugen eine Art von Wirbelgebilde.
Wenn Sie eine gerade Linie ziehen durch die Mitte des Kehlkopfes, so
ist das die Richtung der Stromung, welche von den die Sprache geben-
den Geistern beniitzt wurde. Und aus diesen zwei sich stauenden
Stromungen entstand in physischer Materie die eigentiimliche Form
des menschlichen Kehlkopfes. Damit miissen wir uns aber sagen, daft
der Mensch unter dem Einflufi einer Gruppenseele, die im Umkreis
der Erde lebt, diese Sprache ausbilden muftte.
Nun erinnern Sie sich vielleicht, daft ich davon gesprochen habe,
wie die Gruppenseelen eigentlich auf der Erde wirken. Ich habe ge-
sagt: Das Tier hat horizontal liegend sein Riickenmark, durch wel-
ches die Stromung der Gruppenseele geht. Aber diese Kraftstromun-
gen von oben nach unten umkreisen fortwahrend die Erde, wie sie
den alten Mond umkreist haben. Es sind also Stromungen, welche
nicht an dem Orte bleiben, wo sie sind, sondern als Senkrechte um
die Erde herumkreisen. Die Gruppenseelen, die in ihrer Bahnrich-
tung senkrecht sind, schweifen in Kreisen um die Erde herum. Was
folgt daraus? Wenn der Mensch unter dem Einfluft von Gruppen-
seelen lernen sollte, die Sprache auszubilden, dann konnte das nicht
so geschehen, daft er an demselben Orte bleiben konnte, wo er war,
sondern er muftte sich bewegen, er muftte wandern, von einer Ge-
gend zur andern kommen, damit er den Richtungen der Gruppen-
seele entgegenging. Der Mensch hatte niemals sprechen gelernt,
wenn er an dem Orte, wo er einmal war, als er noch nicht sprechen
konnte, geblieben ware.
Nun fragen wir uns einmal: In welcher Richtung muftte dazumal
der Mensch getrieben worden sein? - Diese Richtung konnen Sie sehr
leicht herausfinden auf folgende Art. Wir wissen, daft atherische Stro-
mungen im Menschen von rechts nach links flieften, daft physische
Stromungen von links nach rechts flieften. Wo sind nun die Gruppen-
seelen, welche den Menschen mit der Sprache begabt haben? Wir
kommen der Antwort auf diese Frage nahe durch die folgende Er-
wagung.
Schauen wir uns die Erde in ihrer eigenartigen Bildung an. Wenn
Sie bedenken, daft der Mensch die Sprache gelernt hat zu einer Zeit,
wo er schon sozusagen fertig war, so werden Sie zugeben, daft eine
starke Stromung notwendig war, denn es muftte der Kehlkopf in
seiner weichen Gestalt zum menschlichen Kehlkopf erst umgeformt
werden. Es muftte das geschehen unter ganz andern Erdenverhaltnis-
sen, als wir sie heute vor uns haben. Aber wie muftten die sein?
Schauen wir uns dazu die Erde an. Denken Sie sich, wir stellen uns
einmal so auf der Erde auf, dafi wir mit dem Gesicht nach Osten
sehen; dann haben wir hinter uns Westen, links Norden und rechts
Siiden. Nun wollen wir sehen, was sich uns da fur eine merkwiirdige
Tatsache ergibt. Von links nach rechts gehen die Stromungen beim
Menschen, die mit der Bildung des physischen Menschenleibes zu-
sammenhangen. Diese Stromungen sind auch in der Aufienwelt vor-
handen, sind daher auch bei der Bildung der Erde vorhanden gewe-
sen. Da haben Sie die starken Stromungen, welche von Norden her
kommen und nach Siiden laufen. Die die physische Materie bewir-
kenden Stromungen haben Sie da. Auf der andern Seite haben Sie die
atherischen Stromungen, welche von rechts nach links gehen und die
nicht darauf zielen, die physische Materie dichter und dichter zu
machen. An der Erde sehen Sie daher noch die Einseitigkeit, das
Unsymmetrische: in der Richtung, in welcher die physische Stro-
mung liegt, haben Sie die nordliche Halfte mit ihren Kontinenten. Da
zieht sich die verdichtete physische Materie zusammen. Und auf der
andern Seite, auf der siidlichen Halfte, haben Sie die weiten Meeres-
flachen. Von Norden her wirkt die Stromung, die wesensgleich ist
mit der Stromung von links nach rechts im Menschen; von Siiden her
wirkt die Stromung, die wesensgleich ist mit derjenigen von rechts
nach links im Menschen. Betrachten wir jetzt die zwei andern Stro-
mungen im Menschen: die Stromung, welche von vorne nach ruck-
warts geht, und die andere von riickwarts nach vorne. Die Stromung
von vorne nach riickwarts geht, wie wir gesehen haben, von dem
Empfindungsleib in die Empfindungsseele hinein, uberhaupt in die
Seele hinein; die andere Stromung geht heraus. Wenn Sie nun dies ins
Auge fassen - ich bitte, es aber ganz genau ins Auge zu fassen; es ist
nicht ganz leicht -, dann werden Sie sich sagen: Zum Sprechenlernen
mulke das geschehen, daft der Mensch eine Stromung erzeugte, die
den Weg von innen nach auften, also in den Empfindungsleib hinein
machte. Er mufke also einer Gruppenseelenstromung entgegengehen
und ihr seine innere Organisation darbieten, damit sich da dasjenige
stauen konnte, was da seinen eigenen Kehlkopf bilden konnte. Er
mufke einer solchen Stromung entgegengehen innerhalb unseres
Erdkreises, die hineinwirken konnte in sein Astralisches. Es mufite
also weder die Richtung nach dem Norden noch die andere Richtung
nach dem Siiden eingeschlagen werden, als man sich anschickte, spre-
chen zu lernen, sondern die andere Richtung, die senkrecht darauf
steht. Daraus werden Sie begreifen, daft der Mensch Ziehen muftte in
einer west-ostlichen oder ost-westlichen Richtung, als er die Sprache
lernen sollte. Die Geisteswissenschaft sagt, daft der Mensch einst im
alten Lemurien lebte, da, wo heute das Meer liegt zwischen Asien
und Afrika. Dann zog er aus, die Sprache zu lernen. Er konnte nicht
nach Siiden und nicht nach Norden Ziehen; er muftte nach Westen
ziehen, und zog in die alte Atlantis. Da zog er - auf diesem Wege in
die alte Atlantis, nach Westen - entgegen jenen Gruppenseelen, wel-
che in ihm die Sprache hervorbringen konnten. Indem Sie den Orga-
nismus der menschlichen Sprache wirklich verstehen, finden Sie das
bewahrheitet, was herausgeholt wird aus den geisteswissenschaft-
lichen Beobachtungen. So lernte der Mensch die Sprache in der alten
Atlantis.
Dann aber sollte er an der Sprache den Vorstellungssinn entwik-
keln. Er sollte nicht bei der bloften Sprache stehenbleiben, sondern
zum Vorstellungssinn weiterschreiten. Wie konnte das geschehen?
Da konnte er naturlich nicht in derselben Richtung weitergehen.
Da muftte er so gehen, daft jetzt bei der gleichen Stromung die entge-
gengesetzte Richtung eingeschlagen wurde. Warum denn? Wir haben
ja gesehen, was da eigentlich geschieht, wenn die Vorstellung aus dem
Lautsinn entsteht. Wir haben gesehen, wie aus der Melodie der Laut
entsteht, wenn man die Melodie zur Harmonie macht, dann von den
Grundtonen absieht und nur das System der Obertone auffaftt. Dann
muftte man, um den Vorstellungssinn zu entwickeln, aus der Sprache
dasjenige, was man nach der einen Seite ausgebildet hatte, nach der
andern Seite hin weglassen. Der Mensch muftte umkehren, nachdem
er sprechen gelernt hatte. Er muftte von der Atlantis nach Osten Zie-
hen, um an der gelernten Sprache weiter zu entwickeln den Vorstel-
lungssinn. Und hier haben Sie den Sinn des Zuges, den Ihnen die
Geisteswissenschaft zeigt, indem sie sagt, daft die alten Atlantier, die
dazu reif waren, aufgebrochen sind, um von dem Westen wieder nach
dem Osten hiniiberzuwandern. Dadurch haben sie in fruchtbarer
Weise den Vorstellungssinn entwickeln konnen. Dann aber wiirde ja
wiederum daraus folgen, daft die Menschen, wenn sie in der entgegen-
gesetzten Richtung, das heiftt, nach dem Westen, gezogen waren, kei-
nen Vorstellungssinn in fruchtbringender Weise hatten entwickeln
konnen. Es sind damals auch Menschen in der entgegengesetzten
Richtung gezogen: das sind die Ureinwohner Amerikas. Warum ha-
ben sie sich nicht halten konnen? Warum muftte das, was im Osten
gelernt worden war, spater zu ihnen hiniibergetragen werden? Weil
sie in der entgegengesetzten Richtung gezogen waren. Das ist das
kosmische Schicksal der Ureinwohner Amerikas, daft sie in der entge-
gengesetzten Richtung gezogen waren.
So konnen Sie geradezu mit Handen greifen, was Ihnen die gei-
steswissenschaftliche Forschung sagt. Die ganze Gliederung der Erde
konnen Sie verstehen. Alles, was Sie sehen an der Anordnung der
Kontinente, der Festlander, der Meere, was Sie sehen in der Wande-
rung der Menschen, alles konnen Sie verstehen, wenn Sie das Ge-
heimnis jener Stromungen kennen, die wir anthroposophisch an dem
Menschen selber kennengelernt haben. Und so fiihrt uns wirklich
Anthroposophie hinein in jenes Leben, durch das uns der Mensch
und die Auftenwelt durchsichtig und verstandlich werden. Und nun
weiter.
Wir konnen uns weiter fragen: Aber die Menschheit sollte doch,
nachdem sie den Vorstellungssinn entwickelt hatte, wieder weiterler-
nen; diese Menschheit sollte nicht bloft bei Vorstellungen bleiben,
sondern weiterkommen zu Begriffen? - Da muftte sie wiederum her-
aufsteigen aus dem bloften Vorstellungssinn in das Seelenleben hinein.
Wiederum muftte sie da die entgegengesetzte Richtung nehmen. Die
Menschheit nimmt zuerst die Richtung nach dem Osten, um zum
Vorstellungsleben zu kommen. Die reinen Begriffe, die muftten erst
wiederum erobert werden durch eine Riickwartswanderung, die
konnten erst wiederum im Westen - und zwar nach dem Hiniiberge-
wandertsein nach dem Westen - errungen werden. Auch im einzelnen
konnten wir die Wanderungen der Volker durch die vier nachatlanti-
schen Kulturepochen hindurch verstehen, wenn wir Zeit hatten, alles,
was uns die Anthroposophie dazu gibt, zusammenzutragen. Da wiir-
den Sie ein wunderbares Gewebe erhalten von dem, was arbeitet an
Geisteskraften an der ganzen Bildung der Erde - den Menschen mit
inbegriffen.
Nun haben wir bisher betrachtet jene Stromungen, welche gehen
von oben nach unten, von rechts nach links, von vorne nach riick-
warts und so weiter. Aber in einer gewissen Beziehung stocken wir
da. Da werden wir aufgehalten. Wir konnen jetzt da nicht recht
weiter. Die Geisteswissenschaft zeigt uns nun, daft iiber dem Vorstel-
lungssinn vorhanden sind ein imaginativer Sinn, ein inspirativer Sinn
und ein intuitiver Sinn, daft diese sich im gewohnlichen Leben im
Seelenleben nach innen ergieften, im hellseherischen Bewufttsein aber
nach auften gehen. Das zeigt uns die Geisteswissenschaft. Und nun
entsteht die Frage: Alle diese Dinge miissen, wenn sie im physischen
Menschen leben sollen, sich doch auch Organe bauen, auch in gewis-
ser Weise wirken. Da wollen wir zunachst einmal etwas ins Auge
fassen, was nur dem Menschen zukommt, was bei den Tieren in
derselben Art noch nicht zu finden ist: die innere Seelentatigkeit des
Gedachtnisses. Denn daft Tiere Gedachtnis haben, ist eine Phantasie
der Naturwissenschafter. Es ist nicht zu verwundern, daft Tiere Er-
scheinungen zeigen, die aus demselben Prinzip zu erklaren sind wie
beim Menschen, aber es ist wiederum ein Fehler, wenn man sie als
Gedachtniserscheinungen erklart. Denn die Hauptrichtung, die das
Tier hat, und die beim Menschen aufgerichtet werden muftte, damit
das Ich einstromen konnte und Gedachtnis sich entwickeln konnte,
sie bleibt beim Tier horizontal sowie nach vorne gerichtet, in dersel-
ben Lage wie beim Menschen, so daft kein Hindernis dafur da ist, daft
dort Stromungen der Empfindungsseele, Verstandesseele und Be-
wufitseinsseele durchgehen, aber ohne das Ich. Daher kann es sehr
wohl sein, daft das Tier Handlungen vollfiihrt, die zwar verstandig
sind, die aber durchaus nicht Ich-durchzogen sind. Deshalb darf man
doch nicht vom «Verstand» der Tiere sprechen. Hier beginnt ein
groftes Irrtumsfeld unserer heutigen Wissenschaft. Die Tatsachen
zeigen nur, daft man, ohne selber verstandig zu sein, doch durch
einen Verstand dirigiert werden kann. Das ist dasjenige, um was es
sich bei den Tieren handelt. Daft man Erscheinungen antreffen kann
in der Tierwelt, die ahnlich sein konnen den Erscheinungen des
menschlichen Gedachtnisses, das ist aus der Form des Tieres selbst-
verstandlich. Daft aber von der Form des Gedachtnisses gesprochen
wird, das ist ein Unfug, der alle Begriffe durcheinanderwirft. Im
Gedachtnis haben wir etwas ganz anderes vor uns als etwas, was wir
haben zum Beispiel im bloften verstandigen Dehken oder gar im
Vorstellen. Im Gedachtnis haben wir das vor uns, daft eine Vorstel-
lung, die wir gehabt haben, bleibt, daft sie auch da ist, wenn die
Wahrnehmung, der Eindruck voriiber ist, nicht, daft man spater
etwas macht, was einem vorher Getanen ahnlich sieht. Wenn das das
Wesen des Gedachtnisses ware, so hatte der Professor Hering recht,
wenn er sagt: Wenn das Huhnchen aus dem Ei herausschlupft, so
kann es gleich picken; also habe es Gedachtnis, weil es etwas wieder-
holt, was die Vorfahren gemacht haben. - Man hat eben gar nicht
begriffen, was Gedachtnis ist, wenn man das Unerhorte macht, was
heute auf dem Gebiet der Psychologie geschieht. Dann hatte die Uhr
auch Gedachtnis, denn sie wiederholt auch etwas, was sie gestern
getan hat! Das sind irrefiihrende Begriffe im weitesten Sinne des
Wortes. Von Gedachtnis hat man zu reden, wenn eine Vorstellung
innerlich bleibt, nicht wenn eine Tatsache aufterlich wiederholt wird.
Wenn eine Vorstellung innerlich bleibt, wird sie von einem Ich be-
halten. Das ist das Wesen des Gedachtnisses, daft sich das Ich der
Vorstellung bemachtigt und diese Vorstellung behalt.
Wenn sich aber das ausleben soli in einem menschlichen Organis-
mus, dann mufi dafiir auch ein Organ gebildet werden, das heiftt, es
mufi das Ich des Menschen wiederum Stromungen erzeugen. Vom Ich
selber mtissen solche Stromungen ausgehen in die verschiedenen an-
dern Stromungen hinein, die von vorne, von rechts und so weiter
kommen. Da hinein miissen sich vom Ich aus Stromungen ergieften.
Das Ich mufi sich hineinergieften in die andern Stromungen, in dasje-
nige, was ohne das Ich da ist. Das Ich mufi Stromungen iiberwinden.
Wenn die eine Richtung von auften nach innen geht, so mufi das Ich
imstande sein, eine Stromung in entgegengesetzter Richtung in sich
selber zu erzeugen. Das Wesentliche dabei, daft das Ich nicht von
vornherein dazu imstande ist, konnen Sie daran sehen, daft, als die
Menschen die Sprache gelernt haben, eine solche entgegengesetzte
Stromung entstehen mufke, und dazu war das Ich damals noch nicht
imstande. Da mufite noch ein Gruppen-Ich wirken, urn diese Stro-
mung hineinzutreiben in die Seele. Wenn aber das eigentliche Seelen-
leben beginnt, an dem das Ich beteiligt ist, dann gehen vom Ich selber
Stromungen aus, die sich hineinbohren in die schon bestehenden
Stromungen.
Merkt das das Ich in einer gewissen Weise, wenn es eine Stromung
in eine schon bestehende Stromung hineinbohrt? Ja, das Ich merkt das
ganz genau. Bis zur Vorstellung hinauf wird sozusagen das Ich nicht
engagiert, Stromungen da hineinzubohren. Soil das Ich aber ein hohe-
res Vermogen, zum Beispiel das Gedachtnis ausbilden, so muft es eine
Stromung in die schon bestehende Stromung hineinbohren, die entge-
gen dieser andern Stromung wirken muE. Das kommt dadurch zum
Vorschein, da£, wenn das Ich sich weiter entwickelt, etwas anderes
hinzutritt zu den drei unter einem rechten Winkel geneigten Stromun-
gen des Raumes. Indem das Ich anfangt das Gedachtnis auszubilden,
bohrt es nach der einen Richtung des Raumes etwas hinein in entge-
gengesetzter Richtung, und das kommt ihm im Bewufitsein der Zeit
zur Wahrnehmung. Deshalb ist das Gedachtnis mit der Zeitvorstel-
lung verkniipft. Eine Vorstellung, die wir nicht nach einer Richtung
des Raumes verfolgen, sondern nach der Richtung der Vergangenheit,
die ist hineingebohrt in die Richtungen des Raumes. So ist es bei alle-
dem, was das Ich ausbildet von sich aus. Wir konnen - Ihnen das im
einzelnen zu entwickeln, wiirde zu weit fuhren - hinweisen auf die
Stromung, welche verflielk, wenn das Ich das Gedachtnis ausbildet.
Das ist eine Stromung, die geht von der linken nach der rechten Seite.
Ebenso gehen Stromungen von der linken nach der rechten Seite,
wenn das Ich ausbildet so etwas wie Gewohnheiten. Das sind die
Stromungen von links nach rechts, die entgegengesetzt sind den frii-
heren Stromungen, welche ohne das Ich zustande gekommen sind.
Ihnen bohrt sich zunachst das Ich entgegen.
Wir konnen, wenn wir das Seelenleben betrachten, darin unter-
scheiden zwischen Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewuftt-
seinsseele. Die Verstandesseele kann noch trugerisch sein. Ich habe
schon gesagt, man kann Verstand haben ohne verstandig zu sein.
Denn zum Verstandigsein gehort das Ich. Um zum Ich auch wieder-
um innerlich zu kommen, mufi sich die Verstandesseele im Innern
entwickelt haben bis zu diesem Ich hin. Dann schreitet sie hinauf zur
Bewuikseinsseele. Nun sind das immer entgegengesetzte Richtungen.
Wenn die Bewulkseinsseele bewuik wird, so ist die Richtung, die sie
dabei einschlagt, entgegengesetzt der Richtung, welche die Verstan-
desseele, die noch im Unbewu/ken wirkt, verfolgt.
Zeigt sich das irgendwo, dafi die Stromungen der Verstandes-
seele und die Stromungen der Bewufkseinsseele einander entgegen-
gesetzt sind? Unter gewissen Erdenverhaltnissen konnen wir das
sehen. Denken Sie einmal, dafi es in gewisser Beziehung eine sehr
verstandige Tatigkeit ist, die aber nicht unbedingt von dem verstan-
digen Ich ausgeht, wenn der Mensch lesen lernt. Was ich jetzt sage,
das gilt vorzugsweise fur europaische Verhaltnisse, wo die Men-
schen, wie Sie ja wissen, gewartet haben in gewisser Beziehung auf
spatere Kulturverhaltnisse. Daher kommen Sie da zu etwas, was
schon in der griechisch-lateinischen Kultur vorhanden war, als sich
die Verstandesseele ausbildete zu dem, was man Schreiben nennt.
Als die Verstandesseele ausgebildet wurde, da haben die ersten
Anfange des Lesens und Schreibens begonnen; aber es waren eben
die ersten Anfange. Und dieser Charakter ist beibehalten worden.
Dann kam die Wirkung der Bewufitseinsseele. Bewufite Tatigkeiten
miissen ja die entgegengesetzten Richtungen einschlagen, weil die
Stromung der Bewulkseinsseele auf die Richtung der Verstandes-
seele im entgegengesetzten Sinne wirkt. Rechnen konnte der
Mensch erst lernen, als er die Bewulkseinsseele entwickelt hatte,
denn das ist eine bewufke Tatigkeit.
Was hier als Richtung wirkt, das tritt uns im Bilde entgegen: Die
europaischen Volker schreiben von links nach rechts, weil die Krafte
der Verstandesseele daran beteiligt waren, aber sie rechnen von rechts
nach links. Wenn sie zum Beispiel addieren, so addieren sie von rechts
nach links. Da sehen Sie die zwei verschiedenen Stromungen sich
iibereinanderschieben. Sie sehen sie im Bilde iibereinandergehen, die
Stromung der Verstandesseele und die Stromung der Bewulkseins-
seele. Das ist nicht iiberall der Fall. Wir konnen geradezu die Natur
der europaischen Menschen an diesem Beispiel begreifen. Wir konnen
sehen, dafi die Menschen in Europa dazu ausersehen waren, mit der
Verstandesseele so lange zu warten, bis ein gewisser Zeitpunkt ge-
kommen war, um die Entwickelung der Bewufkseinsseele nicht zu
verfriihen. Dagegen hatten andere Volker auch schon innerhalb der
Verstandesseele dasjenige zu entwickeln, was in der westlichen Kultur
erst in der Bewufkseinsseele entwickelt werden sollte. Ihnen mufke
daher die Moglichkeit gegeben werden, schon mit der Verstandesseele
etwas zu vollbringen, was diejenigen, welche gewartet haben, erst
spater mit der Bewufkseinsseele vollbringen konnten. Diejenigen
Volker, welche die Mission hatten, schon bei der Entwickelung der
Verstandesseele die Vorbereitungen zu schaffen fur die Bewufkseins-
seele, um so gleichsam Pioniere fur die Bewufkseinsseele zu sein, das
sind die semitischen Volker. Daher schreiben die semitischen Volker
von rechts nach links!
Wir haben in diesen Dingen nicht nur ein Mittel, den Menschen als
solchen zu verstehen, sondern auch ein Mittel, alle Kulturerscheinun-
gen zu verstehen. Warum in einem gewissen Zeitpunkt der Erdenent-
wickelung so oder so geschrieben wird, so oder so gerechnet wird, das
ist aus diesen Tatsachen zu verstehen. Wir wiirden noch weitergehen
konnen und es bis in die Buchstabenformen verfolgen konnen, welche
die einzelnen Volker haben, ob sie einen Strich von links nach rechts
oder von rechts nach links ziehen und so weiter. Warum ein Volk
einen Buchstaben in dieser oder jener Weise schreibt, folgt aus dem
Verstandnis dieser Geistestatsachen.
An solchen Tatsachen sehen Sie, welche Mission die Geisteswissen-
schaft in der Zukunft hat, wenn es Licht werden soil in den Kopfen der
Menschen, damit sie durchschauen konnen, was ihnen sonst unver-
standlich bleiben wiirde.
Es ware nun vielleicht doch nicht einmal recht, wenn wir diese
Betrachtungen an diesem Punkte abschliefien wiirden. Deshalb sollen
sie morgen noch einmal in einer gewissen Weise fortgesetzt werden,
wodurch ein, wenn auch nur skizzenhafter Abschluft erzielt werden
soli. Ich werde daher morgen sprechen im anthroposophischen Sinne
uber, man konnte sagen, eine der Tochter Goethes. Sie wissen, da& ich
die Schrift geschrieben habe « Goethe als Vater einer neuen Asthetik».
Da habe ich in Goethe die Vaterschaft geschildert in bezug auf die
Auffassung und das Verstandnis der Kiinste. Morgen will ich Ihnen
nun die Tochter, das Kind Goethes, in einer wirklich neueren Auffas-
sung der Kunstwissenschaft, der Asthetik, zeigen.
ERSTER VORTRAG
Berlin, 1. November 1910
Im Laufe der Vortrage dieser Abende wird es notwendig sein, daft von
mir Bezug genommen wird auf diese oder jene Beispiele, die sich am
besten geben lassen aus einzelnen Dichtungen. Und damit Sie im
Laufe dieser vier Vortrage einiges von dem, worauf es als Illustration
ankommen wird, vor sich haben konnen, wird an einzelnen Abenden
eine kurze Rezitation gewisser Dichtungen stattfinden, die mir dann
Gelegenheit geben werden, an ihnen manches ebenso zu illustrieren,
wie ich Kleinigkeiten auf der Tafel zu illustrieren oder zu markieren
haben werde. Heute wird der Vortrag in diesem Sinne eingeleitet
werden mit einer Rezitation, die uns Fraulein Waller geben wird und
die uns bringen wird eine Jugenddichtung Goethes, die Bearbeitung
der Sage vom «Ewigen Juden» durch den jungen Goethe, wobei ich
darauf Riicksicht zu nehmen bitte, daft ich etwas werde sagen miissen,
wofiir der Umstand bedeutsam sein wird, daft es sich um eine Dich-
tung des jungen Goethe handelt. Es ist durchaus ein psychosophisches
Interesse, worum es sich handeln wird bei der Illustration dieser Vor-
trage durch das, was uns diese Rezitationen zu Gehor bringen konnen.
DER EWIGE JUDE*
Fragmentarisch
Um Mitternacht wohl fang ich an,
Spring aus dem Bette wie ein Toller;
Nie war mein Busen seelevoller,
Zu singen den gereisten Mann,
Der Wunder ohne Zahl gesehn,
Die, trutz der Lastrer Kinderspotte,
In unserm unbegriffnen Gotte
Per omnia tempora in einem Punkt geschehn.
Fur die Rezitation bearbeitet von Rudolf Steiner, siehe hierzu S. 133.
Und hab' ich gleich die Gabe nicht
Von wohlgeschliffnen leichten Reimen,
So darf ich doch mich nicht versaumen;
Denn es ist Drang, und so ist's Pflicht.
In Judaa, dem heiligen Land,
War einst ein Schuster, wohlbekannt
Wegen seiner Herz-Frommigkeit
Zur gar verdorbnen Kirchenzeit,
War halb Essener, halb Methodist,
Herrnhuter, mehr Separatist;
Denn er hielt viel auf Kreuz und Qual,
Genug, er war Original,
Und aus Originalitat
Er andern Narren gleichen tat.
Die Priester vor so vielen Jahren
Waren, als wie sie immer waren
Und wie ein jeder wird zuletzt,
Wenn man ihn hat in ein Amt gesetzt.
Der Schuster aber und seinesgleichen
Verlangten taglich Wunder und Zeichen,
Daft einer pred'gen sollt' fur Geld,
Als hatt' der Geist ihn hingestellt.
Nickten die Kopfe sehr bedenklich
Uber die Tochter Zion kranklich,
Dafi, ach! auf Kanzel und Altar
Kein Moses und kein Aaron war,
Daft es dem Gottesdienste ging,
Als war's ein Ding, wie ein ander Ding,
Das einmal nach dem Lauf der Welt
Im Alter diirr zusammenfallt.
«0 weh der grofien Babylon!
Herr, tilge sie von deiner Erden,
Lafi sie im Pfuhl gebraten werden,
Und, Herr, dann gib uns ihren Thron!»
So sang das Hauflein, kroch zusammen,
Teilten so Geist's- als Liebesflammen,
Gafften und langweilten nun,
Hatten das auch konnen im Tempel tun.
Aber das Schone war dabei,
Es kam an jeden auch die Reih',
Und wie sein Bruder welscht und sprach,
Durft' er auch welschen eins hernach;
Denn in der Kirche spricht erst und letzt
Der
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