Anthroposophie - Psychosophie - Pneumatosophie

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Anthroposophie 

Psychosophie 
Pneumatosophie 

Zwolf Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 23. bis 27. Oktober 1909, 

1. bis 4. November 1910 
und 12. bis 16. Dezember 1911 



2001 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 3. Auflage besorgten 
Cornelius Bohlen und Hella Wiesberger 

1. Auflage Dornach 1931 
2., auf Grund von neuen Nachschriften neu durchgesehene 
Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980 

4., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 2001 



Bibliographie-Nr. 115 

Zeichnungen im Text nach nicht im Original erhaltenen Tafelzeichnungen 

Rudolf Steiners, ausgefiihrt von'Leonore Uhlig 
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 2001 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz:,Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Konprint, Buhl 

ISBN 3-7274-1150-3 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dafi seine frei gehal- 
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit- 
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miind- 
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. 
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
lalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in 
ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muft 
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

ANTHROPOSOPHIE 

Erster Vortrag, Berlin, 23. Oktober 1909 

Anthroposophie als Fundamentierung der Theosophie. Theosophie, 
Anthroposophie, Anthropologic Der Theosoph Solger. Theologie 
und Anthropologic Heraklit und die Entstehung der Philosophic 
Robert Zimmermann. Die Leibesorgane des Menschen und ihr Wer- 
den. Beschreibung der zehn Sinne des Menschen vom Lebenssinn bis 
zum Begriffssinn. Ablehnung des iiblichen Tastsinnes. Die drei gei- 
stigen Sinne. 

Zweiter Vortrag, 25. Oktober 1909 

Der Aufbau der Sinne, Lebenssinn bis Sprachsinn, aus den Wesens- 
gliedern des Menschen und dem Wirken hoherer Wesenheiten. Ver- 
schiedenheit der Wesenheiten (Volksgeister) beim Sprachsinn. Bei- 
spiele fur die Verschiedenheit. 

Dritter Vortrag, 26. Oktober 1909 

Der Sprach- oder Lautsinn. Der Begriffs- oder Vorstellungssinn. Der 
imaginative, inspirative und intuitive Sinn und ihr Hinein- 
sichergiefien in das Innere des Menschen als Empfindung, Gefiihl 
und logischer Gedankc Kraftestromungen im Menschen: Empfin- 
dungsleib, Empfindungsseele, physischer Leib, Atherleib, Astralleib 
und Ich. Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewufitseinsseele an 
ihren Orten im physischen Menschen. Die Bildung des Herzens und 
des Auges. Anschauen, glauben, sich iiberzeugen durch die denkende 
Betrachtung. Beispiele von Friedrich dem Grofien, vom Hammer, 
der sich selbst aufrichtet, vom darniederliegenden Menschen. Die 
unterschiedliche Hauptblutrichtung bei Mensch und Tier. 

Vierter Vortrag, 27. Oktober 1909 

Die symmetrische Bildung des physischen Leibes. Die Bildung des 
Kopfes aus Empfindungsleib und Empfindungsseele. Entstehung des 
Denkens aus alter Hellsichtigkeit. Ich-Denken aus Ich und Verstan- 
desseele. Erwahnung Carl Ungers. Entwicklungsgeschichtliche Dar- 
legung des Werdens des physischen Leibes - Mensch und Affe. Das 
menschliche Gesicht als Seelenbildung. Sprachsinn und Begriffssinn. 
Das Erlernen der Sprache durch westliche Wanderung von Lemuria 
nach Atlantis. Der Zug wieder nach Osten zur Bildung des Vorstel- 



lungssinns. Schicksal der Ureinwohner Amerikas. Bildung des reinen 
Denkens durch erneute West-Wanderung. Unterschied von Mensch 
und Tier an Hand des Gedachtnisses. Rechnen und Schreiben als 
entgegengesetzte Entitaten im Menschen. 



II 

PSYCHOSOPHIE 

Erster Vortrag, Berlin, 1. November 1910 101 

Rezitation von «Der ewige Jude» von Goethe. Die drei Seiten des 
Seelenlebens, die leibliche, seelische und geistige. Die das Seelenleben 
reprasentierenden Vorstellungen = «Urteilen» und «Liebe und Hafi». 
Urteilen als Zusammenbringen von Vorstellungen. Liebe und Hal5 
als Ausflusse des Begehrens. Bewegungsnerv (motorischer Nerv) als 
Wahrnehmungsnerv. Unterschied von Wahrnehmung und Empfin- 
dung. Sinneserlebnis und rein inneres Erlebnis. Sinnesempfindung 
als unbewufites Zusammengehen von Urteilen und Liebe und Hafi. 
Seelenleben als Summe der an der AufSenwelt gewonnenen Empfin- 
dungen. Die in den Empfindungen auftauchende Ich-Vorstellung. 
Bergson und die Ich-Vorstellung. Widerlegung seiner Anschauung. 

Zweiter Vortrag, 2. November 1910 131 

Gegensatz von Ich-Empfindung und das iibrige Seelenleben. Uber 
Goethe und sein Gedicht «Der ewige Jude». Der aufiere und innere 
Herr im Seelenleben. Die Selbstandigkeit des Vorstellungslebens. 
Die Wirkungen des Nicht-Verstehens. Das Wesen der Langeweile. 
Die fehlende Langeweile beim Tier. Eine Kur gegen die Langeweile. 
Die Abschaffung des Geistes durch die christliche Kirche. Die Urtei- 
le im Zusammenhang mit der Sprache. Das Bild der Seele. 

Dritter Vortrag, 3. November 1910 152 

Rezitation des Gedichtes «Eleusis» von Hegel. Das Wesen des Be- 
gehrens und des Vorstellens. Das Sinneserlebnis am Beispiel von 
Petschaft. Die Aufmerksamkeit. Unser Empfinden als Seeleninhalt 
nach der Wahrnehmung. Innere Empfindung gleich Gefuhl. Nach 
Entscheidung drangendes Urteilen und Befriedigung suchendes Be- 
gehren. Das Gefuhlsleben. Vom Wesen der Ungeduld, der Hoff- 
nung, des Zweifels. Das Urteil als aufierseelisches Element. Der 
Mensch als Kampfer und Geniefier. Gegensatzliches Wesen von 
Urteilen und Begehren. Gesundes und krankmachendes Seelenleben. 
Das asthetische Urteil. Wahrheit und Seelenleben. Der Wert der 
Liebe (als Interesse) und der Wert der Urteilskraft. Der Wille. Der 
Widerwille. 



Vierter Vortrag, 4. November 1910 



179 



Rezitation von «Poetische Gedanken iiber die Hollenfahrt Jesu 
Chnsti» von Goethe. Unterschiedliche Seelenverfassung bei Hegel 
und Goethe. Vom Wesen der Gefiihle. Das Wesen des Bewufkseins: 
ein Ubereinanderschlagen zweier Stromungen (Strom der Vorstel- 
lungen von der Vergangenheit in die Zukunft, Strom der Begehrun- 
gen, Wiinsche, Lieb und Hafi von der Zukunft in die Vergangenheit). 
Das Entstehen des Urteilens und der Ich-Vorstellung. Unabhangig- 
keit der Ich-Wahrnehmung. Der Ich-Einschlag von oben nach unten, 
aber der Zukunft entgegen. Vom Wesen der Erinnerung. Das Riick- 
wartsdenken als Starkung des Astralleibes. Weitere Beispiele zur 
Starkung der Erinnerung. Die Wirklichkeit des Ich als «Ich ist». Die 
Richtung des physischen Leibes von unten nach oben. Riickblick auf 
Hegel und Goethe. Ablehnung der Freudschen Schule. Die Notwen- 
digkeit der okkulten Forschung. Franz Brentano, seine Vorziige und 
Grenzen. Erwahnung der Psychologen Lipps und Wundt. Ab- 
schiedsworte. 



Ill 

PNEUMATOSOPHIE 

Erster Vortrag, Berlin, 12. Dezember 1911 217 

Die Abschaffung des Geistes in den ersten Jahrhunderten. Anton 
Giinther und die Indexierung seiner Werke. Ablehnung der Lehre 
von Leib-Seele-Geist in der modernen Wissenschaft wie bei Brenta- 
no. Sein Werk «Psychologie vom empirischen Standpunkt». Die 
Einteilung der Seele bei Brentano in Vorstellen, Urteilen und Ge- 
miitsbewegungen. Die Werke Brentanos iiber Aristoteles. Die Lehre 
Aristoteles, spirituell, aber ohne den Gedanken der Wiederverkorpe- 
rung. Die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft. 

Zweiter Vortrag, 13. Dezember 1911 235 

Geisteswissenschaft und moderne Wissenschaft. Die Realitat des 
Geistes als strittiges Problem. Die vermeintliche Losung durch Hin- 
weis auf die Wahrheit. Hegel, Eucken, die Materialisten. Widerle- 
gung dieser Ansicht. Feuerbach und seine Gottesleugnung. Der 
Irrtum als Realitat. Die Korrektur des Irrtums als Beweis fur die 
ubersinnliche Welt. Vom Wesen der Meditation. Die Notwendigkeit 
einer guten. Seelenverfassung. Die Realitat des Irrtums als luziferi- 
sche Entitat. Der Widerspruch in der aristotelischen Weltanschau- 
ung. Buddhismus und Aristotelismus Das Wertlegen auf das physi- 
sche Dasein als Grund der Nichtanerkennung der Reinkarnation. 
Der Philosoph Frohschammer und seine Argumentation gegen die 
Reinkarnation. Die Schwierigkeiten, diese Ansicht zu iiberwinden. 



Dritter Vortrag, 15. Dezember 1911 



258 



Der Irrtum als iibersinnliche Entitat. Der Naturforscher Huber und 
sein Raupenexperiment. Der Seinscharakter der Wahrnehmung bei 
Brentano. Goethe iiber das Wahrnehmen. Die Meditation des Ro- 
senkreuzes. Die Imagination als inneres Leben der Vorstellung. 
Ubereinstimmendes und Gegensatzliches im Wahrnehmen und in 
der Imagination. Die Phantasie als Zwischenstufe von Vorstellen und 
Imagination. Gemiitsbewegungen und aufteres Handeln. Das unbe- 
wufite Wesen des Willens. Die Intuition als Bewufttsein des unbe- 
wulken Willenslebens. Der Ubergang von Gemiitsbewegungen zur 
Intuition als Gewissensregung. Zwei Traumbeispiele zur Verbindung 
von Intuition und Gemiitsbewegungen. Die Verbindung der Intuiti- 
on mit der Imagination durch die Inspiration. 



Vierter Vortrag, 16. Dezember 1911 282 

Das Hinausgehen iiber das blofi Seelische in das Ubersinnliche als 
Pneumatosophie. Ruckblick auf den Forscher Frohschammer. Wi- 
derlegung der These «Der Korper als Kerker der Seele». Beschrei- 
bung der imaginativen Welt. Die Folgen des imaginativen Erlebens 
fur den Menschen als Illusionsfahigkeit. Notwendigkeit der Selbster- 
kenntnis und Selbsterziehung. Die Bejahung des Karma. Die Welt als 
Schauplatz einer Hoherentwicklung durch die Inkarnationen. Der 
Mensch als alltagliches Ich-Wesen. Der bittere Ton in der Selbster- 
kenntnis. Das Mifiverhaltnis zwischen dem unvollkommenen Men- 
schen und der hehren Gottesnatur. Goethe und sein Verhaltnis zur 
Natur in seinem Aufsatz iiber den Granit. Das Verkorpertwerden als 
Vorbedingung zur Erlangung der eigenen Ich-Wirklichkeit. Die 
Theosophen des 18. Jahrhunderts: Oetinger, Bengel, Volker und 
andere und ihr Ausspruch iiber die korperliche Welt. Aufruf zur 
Selbstandigkeit. 



Aus dem Vorwort von Marie Steiner zur 1. Buchausgabe 1931 304 



Rudolf Steiner: Notizbuchaufzeichnungen 311 

Hinweise: 

Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 319 

Sinnkorrekturen / Textvarianten 339 

Personenregister 343 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 345 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 347 



VORBEMERKUNG 



Rudolf Steiner schildert in «Mein Lebensgang», wie er um die Jahr- 
hundertwende aufgefordert wurde, vor Mitgliedern der «Theosophi- 
schen Gesellschaft» Vortrage zu halten. «Ich erklarte, daft ich aber nur 
iiber dasjenige sprechen konne, was in mir als Geisteswissenschaft 
lebt.» Innerhalb der bald nach Beginn dieser Vortrage gegriindeten 
«Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» «konnte ich 
nun vor einer sich immer vergrofternden Zuhorerschaft meine anthro- 
posophische Tatigkeit entfalten. Niemand blieb im Unklaren dar- 
iiber, daft ich in der Theosophischen Gesellschaft nur die Ergebnisse 
meines eigenen forschenden Schauens vorbringen werde». - Die Vor- 
trage im Winter 1900/01 falke dann Rudolf Steiner in dem Buche 
zusammen «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geistesle- 
bens». Er hatte darin nur die Ergebnisse seiner Geistesschau gegeben, 
und in der Theosophischen Gesellschaft wurden diese angenommen. 
«Es gab fiir mich keinen Grund mehr, vor dem theosophischen Publi- 
kum, das damals das einzige war, das restlos auf Geist-Erkenntnis 
einging, nicht in meiner Art diese Geist-Erkenntnis vorzubringen. Ich 
verschrieb mich keiner Sektendogmatik; ich blieb ein Mensch, der 
aussprach, was er glaubte aussprechen zu konnen ganz nach dem, was 
er selbst als Geistwelt erlebte.» 

Diese Selbstandigkeit fiihrte dann - im Zusammenhang mit Ver- 
fallserscheinungen in der damaligen Theosophischen Gesellschaft — 
zum Ausschluft Rudolf Steiners und seiner Freunde im Jahre 1913. 
«Wir waren genotigt, die Anthroposophische Gesellschaft als selb- 
standige zu begriinden.» 

Dies zum Verstandnis der Ausdriicke «Theosophie» und «theoso- 
phisch» in diesen Vortragen als Ausdruck fiir die Resultate seines 
geisteswissenschaftlichen Forschens, fiir die Rudolf Steiner sonst das 
Wort «Anthroposophie» und «anthroposophisch» braucht. 



i, 



I 

Anthroposophie 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 23. Oktober 1909 



Wir haben hier in Berlin und an andern Orten, an denen unsere Theo- 
sophische Gesellschaft verbreitet ist, in den letzten Jahren so vieles 
gehort aus dem Gesamtgebiete der Theosophie, das entnommen war 
aus sozusagen hohen Regionen der hellseherischen Forschung, dafi 
einmal das Bediirfnis entstehen mulke, oder besser gesagt, miifke, 
einiges zu tun fur eine ernste und wiirdige Fundamentierung unserer 
geistigen Stromung. Und es wird wohl gerade die jetzige Generalver- 
sammlung, welche unsere lieben Mitglieder vereinigt nach dem sie- 
benjahrigen Bestande unserer Deutschen Sektion, ein richtiger AnlafS 
dazu sein, etwas beizutragen zu einer festeren Fundamentierung, zum 
Schaffen einer festeren Ordnung unserer Sache. Dies soli von mir in 
den vier Vortragen unter dem Titel «Anthroposophie» in diesen 
Tagen versucht werden. 

Die Kasseler Vortrage iiber das Johannes-Evangelium, die Diissel- 
dorfer Vortrage iiber die Hierarchien, die Basler iiber das Lukas- 
Evangelium, die Munchner iiber die Lehren der orientalischen Theo- 
sophie, sie alle haben uns Veranlassung gegeben, in hohe Regionen der 
geistigen Forschung hinaufzusteigen und herunterzuholen schwer 
zugangliche geistige Wahrheiten. Es war das, was uns da immer 
beschaftigt hat, Theosophie, war, zum Teil wenigstens, ein Hinauf- 
steigen zu hohen Gipfeln der spirituellen menschlichen Erkenntnis. 

Und nun, da wir am Beginne eines neuen Zyklus unserer Bewe- 
gung stehen, miissen wir bedenken, daft man wirklich in dem, was 
man den zyklischen Verlauf der Ereignisse der Welt nennt - wenn 
man sich allmahlich ein Gefiihl dafiir aneignet -, mit Berechtigung 
etwas Tieferes sehen kann. Es war gerade in den Tagen unserer aller- 
ersten Generalversammlung, da wir die Deutsche Sektion zu begriin- 
den hatten; da hielt ich damals vor einem Publikum, das nur zu einem 
sehr geringen Teil aus Theosophen bestand, Vortrage, welche dazu- 
mal auch als ein Kapitel aus der Anthroposophie bezeichnet wurden, 
als ein historisches Kapitel der Anthroposophie. Jetzt, nach sieben 



Jahren, scheint wiederum die Zeit gekommen zu sein, wo sozusagen 
auch in dieser Beziehung ein Zyklus erfullt ist und wo wieder gespro- 
chen werden darf in einem umfassenderen Sinne von dem, was man 
unter Anthroposophie verstehen soil. 

Wir wollen uns zuerst durch einen Vergleich klarmachen, was 
Anthroposophie ist. Man kann, wenn man eine Gegend kennenlernen 
will, alles das, was sich da ausbreitet an Dorfern, Waldern, Auen, Stra- 
fien und so weiter, anschauen, indem man unten herumgeht von Dorf 
zu Dorf, durch Strafie um Strafie, durch Auen und Walder, von Ort zu 
Ort. Man wird dann jedesmal, je nachdem man sich da oder dort be- 
findet, immer einen kleinen, einen ganz geringen Teil des ganzen Ge- 
bietes vor Augen haben. Man kann aber auch hinaufsteigen auf einen 
Bergesgipfel und kann von diesem hohen Bergesgipfel aus das ganze 
Land iiberschauen. Dann werden sich fur den gewohnlichen Blick die 
Einzelheiten nur sehr undeutlich ausnehmen; dafiir wird man aber eine 
Uberschau haben iiber das Ganze. So etwa konnte man das Verhaltnis 
bezeichnen, welches besteht zwischen dem, was man im gewohnlichen 
Leben menschliche Erkenntnis, menschliche Wissenschaft nennt, zu 
dem, was Theosophie ist. Das gewohnliche menschliche Erkennen 
geht in der Welt der Tatsachen herum von Einzelheit zu Einzelheit. 
Die Theosophie steigt auf einen hohen Bergesgipfel hinauf, und je 
hoher sie hinaufsteigt, desto grofier wird der Umkreis, den sie iiber- 
schaut. Sie muE aber dann besondere Mittel anwenden, um iiberhaupt 
noch etwas von dem Unteren zu sehen. Die Mittel, die da angewendet 
werden miissen, sind oft und oft beschrieben worden, auch in meiner 
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Da ist 
gezeigt, wie es dem Menschen moglich ist, zu diesem idealen Gipfel 
emporzudringen, ohne dafi er die Moglichkeit verliert, unten iiber- 
haupt noch etwas zu sehen. 

Nun gibt es aber - und das kann unmittelbar hervorgehen aus die- 
sem Vergleich - noch eine dritte Moglichkeit: Man steigt nicht ganz 
zum Bergesgipfel hinauf, man bleibt sozusagen in der Mitte stehen. 
Wenn man unten ist, so sieht man lauter Einzelheiten vor sich; man 
hat keinen Uberblick, und man sieht das Obere von unten her. Wenn 
man oben ist, hat man nichts iiber sich aufter dem gottlichen Himmel, 



und man sieht unter sich alles nur undeutlich, verschwommen, in 
Dunst gehiillt. Wenn man in der Mitte ist, so ist das ein besonderer 
Standpunkt: man hat etwas unter sich und etwas iiber sich, und man 
kann die beiden Aussichten miteinander vergleichen. 

Jeder Vergleich hinkt selbstverstandlich, aber es war auch nur beab- 
sichtigt, Ihnen vor Augen zu fiihren, wodurch Theosophie zunachst 
sich von Anthroposophie unterscheidet. Theosophie ist das Stehen auf 
dem Bergesgipfel, Anthroposophie das Stehen in der Mitte, so daft man 
hinauf- und hinunterschaut. Der Standort und der Gesichtspunkt ist 
nur ein anderer. Jetzt aber reicht der Vergleich nicht mehr aus, um das 
Folgende zu bezeichnen. Wenn man sich der Theosophie ergibt, so ist 
es notwendig, daft man iiber die menschliche Anschauung hinaufsteigt, 
daft man sich vom niederen Selbst zum hoheren Selbst erhebt, und daft 
man mit den Organen des hoheren Selbst zu schauen vermag. Denn der 
Gipfel, von dem aus die Theosophie zu schauen vermag, liegt iiber dem 
Menschen, das gewohnliche menschliche Erkennen hingegen liegt 
eigentlich unterhalb des Menschen, und der Mensch selber steht mit- 
ten zwischen Natur- und Geisteswelt drinnen. Das Obere reicht in ihn 
hinein, denn er ist durchsetzt, erfiillt vom Geiste. Er kann den Geist 
iiber sich sehen; er nimmt aber nicht seinen Ausgangspunkt vom Gei- 
ste, vom Gipfel, sondern so, daft er den Gipfel iiber sich hat. Zugleich 
aber sieht er das, was bloft Natur ist, unter sich, denn das ragt von 
unten in ihn hinein. Theosophie unterliegt der Gefahr, daft, wenn nicht 
jene Mittel angewendet werden, die zum Beispiel in meiner Schrift 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben 
worden sind, das Menschliche iiberflogen wird und daft der Mensch 
die Moglichkeit verliert, iiberhaupt noch etwas Zureichendes zu er- 
kennen. Bei der Theosophie liegt die Gefahr nahe, zu ihren Fuften 
nicht mehr die Wirklichkeit zu sehen. Sie braucht die Moglichkeit 
selbstverstandlich nicht zu verlieren, wenn jene richtigen Mittel an- 
gewendet werden zur Entwickelung derjenigen Organe, mit welchen 
gesehen wird durch das hohere Selbst. 

Dann aber konnen wir sagen: Theosophie ist dasjenige, was er- 
forscht wird, wenn der Gott im Menschen spricht. - Das ist im Grunde 
die wirkliche Definition der Theosophie: Laft den Gott in dir sprechen, 



und was er dir dann iiber die Welt sagt, ist Theosophie. Anthroposo- 
phie ist damit zu charakterisieren, dafi man sagt: Stelle dich in die Mitte 
zwischen Gott und Natur, laft den Menschen in dir sprechen iiber das, 
was iiber dir ist und in dich hineinleuchtet, und iiber das, was von 
unten in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, 
die der Mensch spricht. - Diese Weisheit, die der Mensch spricht, wird 
einem aber ein wichtiger Stiitzpunkt und Schliissel sein konnen zu dem 
Gesamtgebiete der Theosophie. Und Sie konnen, nachdem Sie einige 
Zeit Theosophie aufgenommen haben, kaum etwas Besseres tun, als 
diesen festen Stiitzpunkt gewinnen, indem Sie ihn wirklich suchen. 
Daher werde ich dafiir sorgen, dafi so schnell als moglich im Anschlufi 
an diese Vortrage ein kurzer Abrifi dessen, was Anthroposophie ist, zu 
haben sein wird. 

Dasjenige, was ich hier gesagt habe, kann auch nach den verschie- 
densten Seiten hin geschichtlich belegt werden. Wir brauchen gar nicht 
weit zu gehen. Wir haben da zum Beispiel eine Wissenschaft - Sie 
konnen sich dariiber aus den verschiedensten popularen Handbiichern 
informieren -, diese Wissenschaft nennt man gewohnlich Anthropo- 
logic Sie umfafit, so wie sie heute betrieben wird, nicht bloft den 
Menschen, sondern, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird, alles 
das, was zum Menschen gehort, alles was man in der Natur erfahren 
kann, was man braucht, um den Menschen zu verstehen. Aber wie 
verfahrt die Anthropologic? Diese Wissenschaft nimmt ihren Aus- 
gangspunkt von dem Herumwandeln unter den Dingen, sie ist selbst 
ganz unten. Sie geht von Einzelheit zu Einzelheit. Es ist die Forschung, 
die mit den Sinnen das Menschliche betrachtet mit Hilfe des Mikro- 
skops. Diese Wissenschaft, die Anthropologic, die ja in den weitesten 
Kreisen heute allein als Wissenschaft vom Menschen gelten gelassen 
wird, sie nimmt wirklich ihren Standpunkt unterhalb der Fahigkeiten 
des Menschen. Sie wendet nicht alles an, was der Mensch an Fahigkei- 
ten zur Erforschung hat. Halten Sie zusammen mit dieser Anthropo- 
logic, die sozusagen am Boden haftet, die nicht dringen kann zu 
irgendeiner Antwort auf die brennenden Ratselfragen des Daseins, 
halten Sie sie zusammen mit dem, was einem gebracht wird als Theo- 
sophie. Da wird hinaufgestiegen in die hochsten Hohen, da handelt es 



sich darum, eine Antwort zu finden auf die brennendsten Fragen des 
Daseins. Doch werden Sie die Erfahrung gemacht haben, daft die 
Menschen, die nicht langsam und allmahlich sich in sie hineingefunden 
haben, die nicht die Geduld gehabt haben, mitzugehen bei all dem, was 
wir in den letzten Jahren sagen konnten, welche nicht Schritt fur 
Schritt haben mitkommen konnen, dafi die Menschen, die auf dem 
Standpunkt der Anthropologic stehengeblieben sind, die Theosophie 
als ein luftiges Gebaude empfinden, als etwas betrachten, dem aller 
Untergrund fehlt. Sie konnen nicht einsehen, wie die Seele hinaufsteigt 
von Stufe zu Stufe, von Imagination zu Inspiration und der Intuition. 
Sie konnen sich nicht erheben zu dem Gipfel, konnen nicht iiberschau- 
en, was das Ziel alles Menschen- und Weltenwerdens ist. 

So steht gleichsam auf der untersten Stufenleiter die Anthropologic, 
auf der obersten, wo vielen schwindet die Fahigkeit, zu erkennen, die 
Theosophie, in der Mitte die Anthroposophie. 

Wir wollen zum Verstandnis ein geschichtliches Beispiel zu Hilfe 
nehmen, woran wir erkennen konnen, was Theosophie dann wird, 
wenn sie hinaufdringen will zum Gipfel und nicht in der Lage ist, mit 
den Mitteln hinaufzudringen, die wir angegeben finden in dem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Ein solches 
Beispiel haben wir an dem deutschen Theosophen Solger, der in der 
Zeit von 1780 bis 1819 lebte. Wir haben in seinen Anschauungen 
durchaus das, was dem Begriffe nach Theosophie ist. Aber mit welchen 
Mitteln suchte Solger hinaufzukommen in die hochsten Hohen? Mit 
den Begriffen der Philosophic, mit den ausgesogenen und ausgezehr- 
ten Begriffen des menschlichen Denkens! Das ist wirklich so, wie 
wenn jemand hinaufsteigt auf einen Gipfel, um Umschau zu halten, 
und sein Fernrohr vergilk und unten nichts mehr unterscheiden kann. 
Das Fernrohr ist in diesem Falle ein geistiges, es ist die Imagination, 
Inspiration und Intuition. So suchte Solger mit unzulanglichen Mitteln 
hinaufzusteigen auf den Gipfel. 

Man hat lange gefuhlt, dafi die menschlichen Fahigkeiten im Laufe 
der Jahrhunderte immer unfahiger wurden, auf diesen Gipfel hinauf- 
zusteigen. Im ganzeri Mittelalter hat man es gefuhlt und es sich einge- 
standen. In neuerer Zeit fuhlt man es zwar auch, aber gesteht es sich 



nicht mehr so recht ein. Man hat lange gefiih.lt, daE die menschlichen 
Fahigkeiten einstmals hinaufsteigen konnten zu dem Gipfel, von dem 
aus so gesprochen werden konnte, wie tatsachlich eine alte Theosophie 
gesprochen hat. Eine solche alte Theosophie gab es. Dann aber sollte 
einmal das, was da sich offenbarte auf dem Gipfel, abgeschlossen wer- 
den. Es sollte bewahrt werden davor, dal? man es mit den gewohn- 
lichen Mitteln der Erkenntnis in Empfang nehmen konnte. Diese alte 
Theosophie wurde zur Theologie, die die Offenbarung als abgeschlos- 
sen betrachtete. Und so steht neben der Anthropologic, die mit den 
gewohnlichen Erkenntnismitteln nur von Einzelheit zu Einzelheit 
geht, die Theologie, die zwar hinaufsteigen und etwas wissen will von 
dem, was in den Hohen zu schauen ist, aber sich wiederum verlafit auf 
etwas, was mit gewohnlichen Menschenmitteln zu erlangen ist, auf die 
historische Uberlieferung namlich, auf das, was einmal offenbart wor- 
den ist und was sich nicht immer von neuem und immer wieder von 
neuem der aufstrebenden Menschenseele offenbaren soli. Anthropo- 
logic und Theologie standen sich das ganze Mittelalter hindurch ge- 
geniiber, ohne sich abzulehnen. Auch in der neueren Zeit stehen sie 
sich gegenuber, nur in einer andern Form. Die neuere Zeit lehnt vom 
Standpunkt der Anthropologic die Theologie als etwas Wissenschaft- 
liches in der Regel schroff ab. Wenn Sie nicht stehenbleiben bei den 
Einzelheiten, sondern hinaufgehen, hinaufsteigen bis zu jener Ihnen 
charakterisierten Mitte, dann konnen Sie neben die Theosophie die 
Anthroposophie stellen, ahnlich wie im Mittelalter neben die Theo- 
logie die Anthropologic 

Auch Anthroposophie zu begriinden wurde schon versucht inner- 
halb des neuzeitlichen Geisteslebens, aber wiederum mit vollig un- 
zulanglichen Mitteln, namlich blofi mit den Mitteln der abstrakten, 
ausgesogenen Begriffe der Philosophic Wenn man verstehen will, um 
was es sich dabei handelt, so mufi man erst verstehen, was iiberhaupt 
Philosophic ist. Was Philosophic eigentlich ist, konnen heute im 
Grunde nur die Theosophen verstehen, nicht aber konnen es die Phi- 
losophen selber verstehen. Was ist Philosophic? Man kann sie nur 
verstehen, wenn man sie zunachst geschichtlich betrachtet in ihrem 
Werdegang. Ein Beispiel soil dies erlautern. Es gab in alten Zeiten die 



sogenannten Mysterien als Pflegestatten des hoheren geistigen Le- 
bens. Da konnten die Schiiler durch Entwickelung ihrer Fahigkeiten 
zu geistigem Anschauen gefiihrt werden. Ein solches Mysterium war 
zum Beispiel in Ephesus, wo die Geheimnisse der Diana von Ephesus 
erkundet wurden. Da schauten die Schiiler hinein in die geistigen 
Welten. So viel nun von dem dort Aufgenommenen offentlich mitge- 
teilt werden konnte, wurde tatsachlich auch mitgeteilt. Dann empfin- 
gen es die andern als etwas in den Mysterien Geschautes, als etwas 
ihnen Mitgeteiltes, als Gabe. Es gab da Menschen, welche sich bewuftt 
waren, daft sie mitgeteilt erhalten hatten aus den Mysterien heraus die 
hoheren Geheimnisse. Ein solcher Mann war zum Beispiel der grofte 
Weise Heraklit. Zu ihm waren insbesondere gedrungen die Geheim- 
nisse des Mysteriums von Ephesus, die Tatsachen, welche dort die 
hellsichtigen Menschen ergriinden konnten. Das, was er dort als Mit- 
teilung erhalten hatte und was er seiner teilweisen Einweihung ver- 
dankte, hat er so verkiindet, daft es allgemein verstanden werden 
konnte. Daher sieht der, welcher die Lehren des Heraklit, des soge- 
nannten «Dunklen», liest, daft da etwas Tieferes zugrunde liegt, so daft 
man in diesen urspriinglichen Lehren noch durchscheinen sehen kann 
das unmittelbare Erlebnis, die Erfahrung der hoheren Welten. Dann 
kamen die Nachfolger Heraklits, Sie hatten keine Ahnung mehr, daft 
dieses Mitgeteilte herausstammte aus den unmittelbaren Erlebnissen 
der hoheren Welten. Sie fingen an, mit dem Verstande zu spekulieren, 
sie glaubten, mit ihrem bloften philosophischen Verstande da und dort 
etwas Unrichtiges zu finden, und besserten daran herum. Das wurde 
so in Begriffen fortgesponnen und vererbte sich von Geschlecht zu 
Geschlecht weiter. Und wenn wir heute irgend etwas von Philosophic 
vor uns haben, so haben wir nichts anderes vor uns als ein Erbstiick 
alter Lehren, aus dem das Leben herausgeblasen, herausgepreftt ist 
und von dem nur das tote Begriffsgerippe iibriggeblieben ist. Die 
Philosophen sind sich nicht bewuftt, woher die Begriffe stammen. 
Philosophien sind Abstraktionen, Erbstiicke der alten Weisheit, die 
bis zum ausgepreftten Begriff gekommen sind. Es gibt keinen Philo- 
sophen, der irgend etwas aus sich selber ausdenken kann. Dazu gehort 
der Gang in die hoheren Welten hinauf. 



Und nur ein solches Gerippe von Philosophic, solche ausgeprelken 
Begriffe standen im Grunde genommen eben den Philosophen des 19. 
Jahrhunderts zur Verfiigung, wenn sie das in Angriff nahmen, was man 
Anthroposophie nennen kann. Das Wort ist schon einmal gebraucht 
worden. Robert Zimmermann hat eine «Anthroposophie» geschrie- 
ben, aber er unternahm sie mit hochst unzulanglichen Mitteln, wie 
Solger die Theosophie. Er hat sie herausgesponnen mit den ausgeso- 
gensten, abstraktesten Begriffen, und dieses Gespinst war dann seine 
Anthroposophie. Man hat da wirklich das abstrakteste, trockenste, die 
Sache gar nicht mehr benihrende Begriffsgespinst. Das ist iiberhaupt 
das Charakteristische, dafi, was im 19. Jahrhundert iiber das aufSere, 
einzelne Erlebnis, iiber die Anthropologic hinausgehen und Anthro- 
posophie sein wollte, trockenes Begriffsgespinst geworden ist. 

Theosophie mufi wiederum dadurch, dafi sie die Mittel herbei- 
schafft, die Wirklichkeit innerhalb des geistigen Lebens zu erkennen, 
auch vertiefen die Menschheitserkenntnis, die man Anthroposophie 
nennen kann. Die Anthroposophie ist eine geistige Erkenntnis der 
Welt, die sich rein auf den mittleren, menschlichen Standpunkt stellt, 
und nicht auf den untermenschlichen, wie etwa die Anthropologic 
Die Theosophie Solgers steht auf einem ubermenschlichen Stand- 
punkte, hat aber keinen Inhalt. Die Begriffe wollen dort oben nur die 
Menschheit uberfliegen. Weil solche Leute aus ihrer Welt heraus oben 
nichts sehen konnen, so spinnen sie fein an dem Webstuhl der Begriffe. 
So an dem Webstuhl der Begriffe spinnen, wollen wir nicht. Wir wol- 
len auf die Wirklichkeit gehen. Und Sie werden sehen, dafi uns die 
Wirklichkeit des gesamten menschlichen Lebens entgegentreten wird. 
Sie werden die alten Freunde, die alten Objekte unserer Betrachtungen 
wiedererkennen, aber von einem andern Gesichtspunkte aus beleuch- 
tet, namlich von dem Gesichtspunkte, der zugleich hinauf- und hinun- 
terschaut. 

Der Mensch ist wirklich das wichtigste Objekt unserer Betrach- 
tung. Schon wenn wir auf das erste Glied des menschlichen Wesens, 
den physischen Leib, eingehen, wenn wir dariiber nachdenken, was 
wir durch die Theosophie gewonnen haben und naher darauf einge- 
hen, dann werden wir gewahr, was fiir ein kompliziertes Gebilde die- 



ser physische Leib eigentlich ist. Damit Sie sich zunachst wenigstens 
eine gefiihlsmafiige Erkenntnis dessen verschaffen, was Anthroposo- 
phie eigentlich will, so denken Sie einmal iiber folgendes nach: Das, 
was wir heute den physischen Menschenleib nennen, ist sozusagen ein 
altes Produkt. Wir wissen, daft seine erste keimhafte Anlage auf dem 
alten Saturn entstanden ist und sich verandert hat auf der alten Sonne, 
auf dem alten Monde und auf der Erde. Der Atherleib ist hinzugekom- 
men auf der Sonne, der astralische Leib auf dem Monde. Immer haben 
sich diese Glieder der menschlichen Wesenheit im Verlaufe der Ent- 
wickelung geandert. Was uns heute entgegentritt als der komplizierte 
Menschenleib mit Herz und Nieren, Augen und Ohren und so weiter, 
das ist das Produkt einer langen Entwickelung. Alles ist entstanden aus 
einer Form, die auf dem alten Saturn in hochst einfacher Gestalt im 
Keime vorhanden war. Das hat sich durch Jahrmillionen immer wieder 
verandert und verwandelt, so daft es endlich zur heutigen Vollkom- 
menheit und Kompliziertheit aufsteigen konnte. Betrachten Sie heute 
irgendein Glied dieses physischen Leibes, das Herz oder die Lunge, so 
konnen Sie es nicht verstehen, wenn Sie nicht jenen tieferen Einblick 
haben, wie diese Glieder entstanden sind und sich gebildet haben. Von 
dem, was heute die Form des Herzens, die Form der Lunge ist, war auf 
dem alten Saturn natiirlich noch nichts vorhanden. Ganz nach und 
nach haben diese Organe ihre heutige Form angenommen. Eines hat 
sich fruher, das andere spater gebildet und ist dem physischen Leibe 
eingegliedert worden. Ein Organ konnen wir geradezu ansprechen als 
ein Sonnenorgan, weil es sich wahrend des alten Sonnenzustandes zu- 
erst angegliedert und gezeigt hat. Ein anderes konnen wir ansprechen 
als Mondenorgan und so weiter. So konnen wir uns die Begriffe holen 
aus dem Weltenall, aus der Betrachtung der ganzen Welt, wenn wir 
verstehen wollen, wie dieses komplizierte Gebilde, der physische 
Menschenleib, eigentlich entstanden ist und was er heute bedeutet. 

Das ist eine theosophische Betrachtung des Menschen. Was ist da- 
gegen die anthropologische Betrachtung des Menschen? Wenn man 
ihn anthropologisch betrachtet, so nimmt man das Herz und betrach- 
tet es fur sich, man nimmt den Magen und betrachtet ihn fiir sich. Man 
untersucht sie in ihrem Nebeneinander, als ob es gleichgultig ware, 



welches Organ jiinger und welches alter ist. Darauf nimmt man keine 
Riicksicht, da wird alles als Einzelheit mechanisch nebeneinanderge- 
stellt. Theosophie geht auf die hochsten Hohen hinauf und erklart aus 
dem Geistigen alles Einzelne. Anthropologic bleibt ganz unten stehen, 
geht aus von dem Einzelnen und ist heute bei dem auEersten Extrem 
angekommen: sie betrachtet die einzelnen Zellen in ihrem Nebenein- 
ander, als ob es gleichgultig ware, dafi ein Zellenkomplex zur alten 
Mondenzeit, ein anderer auf der alten Sonne entstanden ist. Die ein- 
zelnen Zellenkomplexe sind wirklich zu verschiedenen Zeiten entstan- 
den. Man kann aufierlich die Einzelheiten anfiihren, aber man wird sie 
nicht verstehen, wenn man sie nicht vom geistigen Gesichtspunkte aus 
betrachtet. So wandelt Anthropologic ganz unten herum, und Theo- 
sophie nimmt den hochsten Gipfel ein. 

Nun denken Sie, daft sich die Sache noch mehr kompliziert. Das 
menschliche Herz zahlt zu den Organen, die zu den alleraltesten geho- 
ren, wenigstens in der Keimanlage. So wie es heute aussieht, hat es sich 
freilich erst in spaterer Zeit ausgebildet. Und nun betrachten wir die 
alte Sonnenzeit. Da war zum Beispiel diese Keimanlage des mensch- 
lichen Herzens abhangig von den Kraften, die auf der alten Sonne 
herrschten. Dann ging die Entwickelung weiter. In der ersten Periode 
der Mondenzeit war der alte Mond mit der Sonne vereinigt, da machte 
das Herz wieder eine Entwickelung durch. Da trat aber das grofte 
Ereignis ein, daft die Sonne sich trennte. Sie wirkte nun von auften, so 
daft von da ab das Herz eine ganz andere Entwickelung durchmachte. 
Die Entwickelung verlief von jener Zeit ab so, daft ein Sonnen- und ein 
Mondenanteil da war, und man kann das Herz nur verstehen, wenn 
man unterscheiden kann den Sonnen- und den Mondenanteil. Dann 
vereinigte sich die Sonne wieder mit dem Monde. Wahrend der Erden- 
entwickelung trat die Sonne zuerst wiederum heraus und wirkte von 
auften scharfer auf die Entwickelung ein. Dann trat die Mondentren- 
nung ein und der Mond wirkte von auften, so daft wir eine neue Phase 
in der Entwickelung dieses alten Organs haben. 

So sehen wir hineinscheinen in den menschlichen physischen Leib 
die verschiedensten Krafte von den verschiedensten Standpunkten aus. 
Weil das Herz zu den altesten Organen gehort, so haben wir da wirk- 



lich einen Sonnenanteil, einen Mondenanteil, einen zweiten Sonnen- 
anteil und einen zweiten Mondenanteil und dann noch extra einen 
Erdenanteil nach der Herausgliederung der Erde. Wenn alle diese 
Anteile an einem Organ oder an dem menschlichen physischen Leib so 
zusammenstimmen, wie sie in der Harmonie des Kosmos zusammen- 
stimmen, dann ist Gesundheit beim Menschen vorhanden. Sobald 
einer der Anteile iiberwiegt, sagen wir zum Beispiel, es werde der Son- 
nenanteil zu grofi gegeniiber dem Mondenanteil in bezug auf das Herz, 
dann wird das Herz krank. Und Sie verstehen diese Krankheit, wenn 
Sie wissen, wie durch irgendwelche Umstande der Mondenanteil so- 
zusagen ins Hintertreffen gekommen ist. Alle Krankheit der Men- 
schen beruht darauf, daft diese verschiedenen Anteile in Unordnung 
kommen, unregelmafiig geworden sind. Alle Heilung bestande darin, 
dafi die Harmonie wieder hervorgebracht werde. Aber nur sprechen 
davon gemigt nicht, man mufi diese Harmonie wirklich kennen, man 
mufi wirklich in die Weisheit der Welt hineinsteigen, urn an jedem 
Organ die verschiedenen Anteile finden zu konnen. 

So ist der physische Leib ein ungeheuer kompliziertes Gebilde. Das 
konnen Sie schon ahnen aus dem, was wir bisher betrachtet haben. Sie 
konnen ahnen, was eine wirklich okkulte Physiologie und Anatomie 
ist, die mit alien diesen Faktoren rechnen mufi und welche den Men- 
schen aus dem ganzen Kosmos heraus begreift. Sie spricht vom Son- 
nen- und Mondenanteil im Herzen, Kehlkopf, Gehirn und so weiter. 
Da aber alle diese Anteile im Menschen selber wirken, so wie der 
Mensch heute vor uns steht, so ist er sozusagen das verf estigte, kristal- 
lisierte Produkt all der Vorgange, die geschehen sind vom Saturn aus 
auf Sonne, Mond und Erde. So steht im Menschen etwas vor uns, 
worin verfestigt sind alle diese Anteile. 

Sieht man nun nicht hinaus in die Welt, sondern in den Menschen 
selber hinein und versteht die einzelnen Organe, den physischen Leib, 
Atherleib, astralischen Leib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Be- 
wulkseinsseele, so wie der Mensch heute ist, so ist das Anthroposo- 
phie. Wir werden auch bei der Anthroposophie auszugehen haben von 
dem Untersten, um allmahlich zum Hochsten aufzusteigen. Das Un- 
terste fur den Menschen ist die sinnlich-physische Welt, das, was durch 



die Sinne und den sinnlich-physischen Verstand gegeben ist. Sie 
betrachten wir in der Theosophie, ausgehend vom Weltganzen, in den 
kosmischen Zusammenhangen mit den sinnlich-physischen, den 
aufteren Erscheinungen. Das ist theosophische Betrachtungsweise. 
Anthroposophische Betrachtung muE in bezug auf die sinnlich-phy- 
sische Welt vom Menschen ausgehen, mul5 das betrachten an dem 
Menschen, was an ihm sinnlich-physisch ist. Sie mufi ausgehen vom 
Menschen und ihn betrachten, insofern er ein Sinneswesen ist. Das 
wird das erste sein. Dann werden wir den menschlichen Atherleib zu 
betrachten haben, dann den astralischen Leib und das Ich, das, was an 
ihm selber zu finden ist. 

Was mufi uns insbesondere interessieren, wenn die physisch-sinn- 
liche Welt in Betracht kommt? Was am Menschen selber ist. Das sind 
zunachst die Sinne, denn sie sind es eigentlich, durch welche er Er- 
kenntnis erhalt von der physisch-sinnlichen Welt. Man mufi zunachst 
von den menschlichen Sinnen, wenn man vom physischen Plane aus- 
geht, in der Anthroposophie sprechen, denn sie sind das, wodurch der 
Mensch iiberhaupt etwas weift von der physisch-sinnlichen Welt. Und 
wir werden sehen, wie wichtig es ist, um wirklich den Menschen zu 
erkennen, von der Betrachtung seiner Sinne auszugehen. Das sei also 
unser erstes Kapitel. Dann werden wir aufsteigen zur Betrachtung der 
einzelnen geistigen Gebiete in der menschlichen Natur. 

Wenn man nun die menschlichen Sinne betrachtet, dann kommt 
man als Anthroposoph schon ins Gehege mit der Anthropologic, denn 
Anthroposophie mulS immer ausgehen von dem, was sinnlich wirklich 
ist, aber sie mufi sich klar sein, daft der Geist von oben hereinwirkt. Die 
Anthropologic geht nur ein auf das, was sie unten erforschen kann und 
wirft alles durcheinander. Gerade in dem Kapitel iiber die menschli- 
chen Sinne ist alles in der aufieren Anthropologic durcheinanderge- 
worfen, und wichtige Dinge sind gerade aufter Betracht gelassen, weil 
die Menschen keinen Leitfaden haben, um die entsprechenden Tatsa- 
chen wirklich und richtig zu finden. Wenn der Faden fehlt, der durch 
das Labyrinth der Tatsachen fiihren soil, dann ist es nicht moglich, aus 
diesem Labyrinth herauszukommen. Den Fadenknauel, der in der 
Sage den Theseus aus dem Labyrinth des Minotaurus fiihrt, den mufi 



die geistige Forschung spinnen. Die gewohnliche Anthropologic 
bleibt drinnen in dem Labyrinth und fallt dem Minotaurus zum Opfer. 
So werden wir sehen, daft Anthroposophie allerdings iiber die Sinne 
etwas anderes zu sagen hat als die gewohnliche auftere Betrachtung. 

Aber es ist auch interessant zu sehen, wie die heutige Wissenschaft 
schon durch die aufteren Tatsachen gezwungen wird, ein wenig 
griindlicher und ernster die Dinge zu betrachten, als dies friiher ge- 
schehen ist. Das Trivialste ist ja immer, daft man spricht von den fiinf 
menschlichen Sinnen: Tastsinn, Geruchs-, Geschmacks-, Gehor- und 
Gesichtssinn. Wir werden sehen, daft bei dieser ganzen Aufzahlung 
der fiinf Sinne wirklich schon alles drunter und driiber geworfen ist. 
Zu diesen Sinnen hat die heutige Wissenschaft allerdings schon drei 
andere Sinne hinzugefiigt, mit denen sie freilich nichts Rechtes anzu- 
fangen weift. Heute werden wir die allerersten Fundamente legen zu 
einer anthroposophischen Sinneslehre. Wir werden die Sinne auf- 
zahlen, insofern sie anhand des oben besprochenen Fadens wirklich 
Bedeutung haben. 

Der erste Sinn des Menschen, der in Betracht kommt, ist derjenige, 
den man in der Geisteswissenschaft nennen kann den Lebenssinn. 
Das ist ein wirklicher Sinn, und ebenso wie man vom Gesichtssinn 
spricht, hat man vom Lebenssinn zu sprechen. Was ist der Lebens- 
sinn? Er ist etwas im Menschen, was er eigentlich, wenn alles in 
Ordnung ist, nicht fiihlt, sondern nur dann fiihlt, wenn etwas in ihm 
nicht in Ordnung ist. Der Mensch fiihlt Mattigkeit, die er wahrnimmt 
als ein inneres Erlebnis, wie er eine Farbe wahrnimmt. Und das, was 
im Hunger- oder Durstgefiihl zum Ausdruck kommt, oder was man 
ein besonderes Kraftgefuhl nennen kann, das miissen Sie auch inner- 
lich wahrnehmen wie eine Farbe oder einen Ton. Man nimmt dies in 
der Regel nur wahr, wenn irgend etwas nicht in Ordnung ist. Die 
erste menschliche Eigenwahrnehmung wird durch den Lebenssinn 
gegeben, durch den der Mensch als ein Ganzes sich seiner Korperlich- 
keit nach bewuftt wird. Das ist der erste wirkliche Sinn, und er mufi 
ebenso beriicksichtigt werden wie der Gesichts- oder Gehorsinn oder 
der Geruchssinn. Niemand kann die Sinne verstehen, der nicht weift, 
daft es eine Moglichkeit gibt, sich als ein Ganzes innerlich zu fiihlen, 



sich als einer innerlich geschlossenen, korperlichen Gesamtheit be- 
wufit zu werden. 

Das zweite, was als ein Sinn von diesem Lebenssinn wieder ganz 
verschieden ist, das ist das, was Sie herausfinden konnen, wenn Sie 
irgendeines Ihrer Glieder bewegen. Sie bewegen Ihren Arm oder Ihr 
Bein. Sie wiirden kein menschliches Wesen sein, wenn Sie nicht Ihre 
eigenen Bewegungen wahrnehmen konnten. Eine Maschine nimmt 
ihre Eigenbewegung nicht wahr, das kann nur ein lebendiges Wesen, 
vermoge eines wirklichen Sinnes. Der Sinn dafiir, was wir in uns selber 
bewegen, vom Augenzwinkern bis zur Bewegung der Beine, ist ein 
wirklicher zweiter Sinn, der Eigenbewegungssinn. 

Ein dritter Sinn wird uns bewuftt werden, wenn wir daran denken, 
dafi der Mensch unterscheidet zwischen oben und unten. Wenn er sol- 
ches nicht mehr wahrnehmen kann, so ist das fur ihn sehr gefahrlich, er 
kann sich dann nicht mehr halten und sinkt um. Wir konnen hinweisen 
auf ein Organ, das viel mit diesem Sinn zu tun hat, namlich auf die drei 
halbzirkelformigen Kanale im Ohr. Bei Verletzung dieses Organs ver- 
liert der Mensch seinen Orientierungssinn. Auch im Tierreiche lafk 
sich dieser Sinn verfolgen. Da zeigt er sich als gewisse Gleichgewichts- 
organe. Wenn da gewisse kleine, steinchenformige Gebilde, die so- 
genannten Qtolithen, in gewisser Weise an einem bestimmten Orte 
liegen, so haben wir die Gleichgewichtslage, im andern Falle nur ein 
Taumeln. Das ist der Gleichgewichts- oder der statische Sinn. 

Mit diesen Sinnen, die wir bis jetzt aufgezahlt haben, nimmt der 
Mensch etwas in sich selber wahr, fiihlt etwas in sich selber. Jetzt treten 
wir heraus aus dem Menschen, wo er in Wechselwirkung zu treten 
beginnt mit der aufieren Welt. Das erste Wechselverhaltnis mit der 
Welt ist dasjenige, wo der Mensch den Stoff mit sich vereinigt und 
diesen Stoff wahrnimmt. Dies kann man nur dann, wenn sich wirklich 
dieser Stoff mit dem menschlichen Leibe vereinigen lafit. Dies trifft nur 
ftir gasformige Stoffe zu. Durch die Organe des Geruchssinnes werden 
solche aufgenommen. Da beginnt zuerst der Verkehr mit der Auften- 
welt. Ohne dafi ein Korper gasformige Stoffe aussendet, kann er nicht 
gerochen werden. Die Rose mufi gasformigen Stoff aussenden, damit 
sie gerochen werden kann. Der vierte Sinn ist also der Geruchssinn. 



Der funfte Sinn entsteht dann, wenn der Mensch nicht mehr blofi 
wahrnimmt die Stofflichkeit, sondern schon den ersten Schritt macht 
in die Stofflichkeit hinein, also in ein tieferes Verhaltnis tritt zum 
Stoffe. Da mufi der Stoff schon irgendeine Wirkung in ihm ausiiben. 
Das ist dann der Fall, wenn ein fester oder wafiriger Korper an unsere 
Geschmacksorgane gelangt. Da nimmt man nicht direkt die Stofflich- 
keit wahr, sondern der Korper mufi zuerst aufgelost werden durch die 
Fltissigkeit des Mundes. Hier kann blofi ein Wechselverhaltnis wahr- 
genommen werden zwischen der Zunge und dem Korper. Es sagen 
uns die Dinge nicht nur, was sie sind als Stoff, sondern was sie bewir- 
ken konnen. Das Wechselverhaltnis zwischen Mensch und Natur ist 
ein intimeres geworden. Das ist der funfte Sinn, der Geschmackssinn. 

Der sechste Sinn ist der, wo das, was der Mensch an den Dingen 
wahrnimmt, noch intimer das Wesen der Dinge kundgibt. Die Dinge 
sagen hier dem Menschen mehr, als sie ihm blofi durch den Ge- 
schmackssinn sagen. Das geschieht nun so, dafi besondere Vorkeh- 
rungen getroffen sind, damit die Dinge sich dem Menschen in ganz 
gewisser Weise ankiindigen konnen. Beim Geruch nimmt der 
menschliche Leib die Dinge so, wie sie sind. Der Geschmackssinn ist 
schon komplizierter, dafiir geben die Dinge hier schon etwas mehr 
von ihrer Innerlichkeit kund. Beim sechsten Sinn aber konnen wir 
noch tiefer in die Welt eindringen. Das ist dann der Falle, wenn wir 
unterscheiden, ob etwas aufieres Stoffliches Licht durchlafk oder 
nicht. Dafi es in einer bestimmten Weise Licht durchlafk, zeigt sich 
darin, ob und wie es gefarbt ist. Ein Ding, welches das griine Licht 
durchstrahlen lalk, zeigt damit, dafi es eben gerade innerlich so ist, dafi 
es dieses Licht durchstrahlen lassen kann. Wahrend die aufierste 
Oberflache im Geruchssinne sich offenbart, wird schon etwas von der 
innern Natur eines Dinges uns durch den Geschmackssinn bekannt; 
im Gesichtssinn hingegen wird etwas offenbar von dem Durch und 
Durch der Dinge. Dies ist das Wesen des sechsten Sinnes, des Ge- 
sichtssinnes. Das Auge ist deshalb ein so wunderbares Organ, weil es 
viel tiefer in die Natur der Dinge einzudringen gestattet als die eben 
besprochenen Sinnesorgane. Beim Gesichtssinn haben wir etwas sehr 
Eigentiimliches. Wenn wir mit dem Auge zum Beispiel die Rose rot 



sehen, so kiindigt sich ihr Inneres durch die Oberflache an. Wir sehen 
nur die Oberflache, und weil sie bedingt ist durch das Innere, lernen 
wir durch sie dieses Innere bis zu einem gewissen Grade kennen. 

Beim siebenten Sinn mull der Mensch noch intimere Bekanntschaft 
machen mit dem Ding. Greifen wir ein Stuck Eis oder ein Stuck heiften 
Stahl mit der Hand an, so dringen wir noch tiefer in das Innere einer 
Sache ein. Bei der Farbe haben wir bloft das, was sich an der Oberflache 
abspielt. Eis hingegen ist durch und durch kalt, und auch beim heifien 
Stahl geht die Warme durch den ganzen Korper. Bei Warme und Kalte 
haben wir also eine noch intimere Bekanntschaft mit der Natur der 
Dinge als beim Gesichtssinn, der uns nur iiber die Oberflachenbe- 
schaffenheit aufklart. Der Warmesinn greift intimer in die Untergriin- 
de der Dinge. Solches ware der Warmesinn oder der siebente Sinn. 

Nun versuchen wir, wie die Sache sich weiter stellen wird. Kann der 
Mensch vermittels seiner Sinne noch tiefer in die Untergriinde der 
Dinge gelangen? Kann er das intime Innere der Dinge noch genauer 
kennenlernen als durch den Warmesinn? Ja, das kann er, indem die 
Dinge ihm zeigen, wie sie in ihrer Innerlichkeit sind, wenn sie zu tonen 
anfangen. Die Warme ist in den Dingen ganz gleichmafiig verteilt. Was 
Ton in den Dingen ist, ist nicht gleichmaftig verteilt. Der Ton bringt 
die Innerlichkeit der Dinge zum Erzittern. Dadurch zeigt sich eine 
gewisse innere Beschaffenheit. Wie das Ding im Innern beweglich ist, 
nehmen Sie wahr durch den intimeren Gehorsinn. Er liefert uns eine 
intimere Kenntnis der Auftenwelt als der Warmesinn. Das ist der achte 
Sinn, der Gehorsinn. Im Ton offenbart uns ein Ding, wie es innerlich 
ist, wenn wir dieses Ding anschlagen. Wir unterscheiden die Dinge 
nach ihrer inneren Natur, nach der Art, wie sie innerlich erzittern und 
erbeben konnen, wenn wir sie zum Tonen bringen. Die Seele der Din- 
ge spricht in gewisser Weise da zu uns. 

Gibt es nun noch hohere Sinne als den Gehorsinn? Hier mtissen wir 
noch viel behutsamer zu Werke gehen, um die hoheren Sinne zu erfor- 
schen; denn wir diirfen die Sinne nicht mit etwas anderem verwech- 
seln. Im gewohnlichen Leben, da wo man unten stehenbleibt, wo man 
alles durcheinanderwirft, spricht man noch von andern Sinnen, zum 
Beispiel vom Nachahmungssinn, vom Verheimlichungssinn und so 



weiter. Da ist das Wort Sinn aber falsch angewendet. Sinn ist das, 
wodurch wir uns eine Erkenntnis verschaffen ohne Mitwirken des 
Verstandes. Wo wir uns durch das Urteil eine Erkenntnis verschaffen, 
da sprechen wir nicht von Sinn, sondern nur da, wo unsere Urteils- 
fahigkeit noch nicht in Kraft getreten ist. Nehmen Sie eine Farbe wahr, 
so gebrauchen Sie einen Sinn. Wollen Sie urteilen zwischen zwei 
Farben, so gebrauchen Sie keinen Sinn. 

Gibt es in diesem Sinn - hier das Wort Sinn schon nicht richtig 
gebraucht - noch andere Sinne als die acht bisher genannten? Ja, es gibt 
noch einen neunten Sinn. Wir finden ihn, wenn wir uns iiberlegen, daft 
es allerdings im Menschen noch eine gewisse Wahrnehmungsfahigkeit 
gibt. Das ist ganz besonders wichtig fur die Fundamentierung der An- 
throposophie. Es gibt eine Wahrnehmungsfahigkeit, die nicht auf dem 
Urteil beruht, aber doch in ihm vorhanden ist. Es ist dasjenige, was wir 
wahrnehmen, wenn wir durch die Sprache uns mit unseren Mitmen- 
schen verstandigen. In dem Wahrnehmen dessen, was uns durch die 
Sprache gegeben ist, liegt nicht nur ein Ausdruck des Urteilens, son- 
dern es liegt ein wirklicher Sprachsinn da zugrunde. Dieser Sprachsinn 
ist der neunte Sinn. Von ihm muf? man sprechen, wie man von einem 
Gesichts- oder Geruchssinn spricht. Das Kind lernt sprechen, bevor es 
urteilen lernt. Das ganze Volk hat eine Sprache; das Urteilen obliegt 
dem einzelnen Menschen. Was zum Sinne spricht, unterliegt nicht der 
Seelentatigkeit des einzelnen Menschen. Das Horen kundet einem das 
innere Erzittern an. Die Wahrnehmung, daft ein Laut dieses oder jenes 
bedeutet, ist nicht blofies Horen. Der Sinn, der sich darin als Sinn der 
Sprache ausdriickt, gibt sich eben einem andern Sinne kund, dem 
Sprachsinn. Daher kann das Kind lange, bevor es urteilen lernt, spre- 
chen oder Gesprochenes verstehen. Erst an der Sprache lernt es urtei- 
len. Welcher Erzieher ist der Sprachsinn, geradeso wie der Gesichts- 
sinn und der Gehorsinn solche Erzieher sind, wahrend der ersten 
Lebensjahre! Man kann an dem nichts andern, was der Sinn wahr- 
nimmt; man kann nichts daran verderben. Das ist ebenso bei der Farbe 
wie beim Wahrnehmen des Innern des Sprachlautes. Der Sprachsinn 
ist notwendig als ein besonderer Sinn zu bezeichnen. Er ist der neunte 
Sinn. 



Dann kommen wir zum zehnten der Sinne. Das ist derjenige, der fur 
das gewohnliche Menschenleben der hochste ist. Durch ihn wird der 
Mensch fahig, den Begriff, der nicht in Sprachlaute sich kleidet, wahr- 
nehmend zu verstehen. Der Begriffssinn ist geradeso ein Sinn wie jeder 
andere. Damit wir urteilen konnen, rmissen wir Begriffe haben. Soli die 
Seele sich regen durch den Begriff, so mufi sie Begriffe wahrnehmen 
konnen. Dies vermag sie durch den Begriffssinn. So haben wir in ihm 
einen zehnten Sinn aufgezahlt. 

Aber ein Sinn ist ganz vergessen, konnten Sie sagen, der Tastsinn. 
Allerdings! Der Tastsinn wird gewohnlich zusammengeworfen mit 
dem Warmesinn. Dafi so gesprochen werden kann, kommt von dem 
Durcheinanderwerfen durch diejenigen, die den geistigen Faden nicht 
haben. Zunachst hat der Tastsinn freilich nur als Warmesinn Bedeu- 
tung. Als solcher Sinn ist sozusagen im groben zu bezeichnen die 
ganze Haut. Diese ist auch in gewisser Weise fur den Tastsinn da. 
Doch ist, richtig betrachtet, nicht nur das ein Tasten, was wir tun, 
wenn wir einen Gegenstand anriihren, seine Oberflache abfuhlen; 
Tasten ist es auch, wenn wir mit den Augen etwas suchen. Auch 
Geruchssinn und Geschmackssinn konnen tasten. Wenn wir schniif- 
feln, so tasten wir mit dem Geruchssinn. Bis herauf zum Warmesinn 
ist das Tasten eine gemeinschaftliche Eigenschaft der Sinne vier bis 
sieben. Von diesen Sinnen konnen wir also sprechen als von Sinnen 
des Tastens. Nur unsere grobklotzige Betrachtungsweise der Physio- 
logic kann einem Sinn etwas zuschreiben, was einer ganzen Reihe von 
Sinnen zukommt, dem Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn 
und Warmesinn. Beim Gehorsinn konnen wir kaum mehr von einem 
Tasten sprechen, es ist in ganz geringem Mafie nur vorhanden; noch 
weniger beim Sprachsinn und wiederum weniger beim Begriffssinn. 
Diese Sinne werden daher bezeichnet als Sinne des Begreifens. Wah- 
rend wir beim Tastsinn etwas haben, was an der Oberflache bleibt, 
was nicht in die Dinge hineindringen kann, so dringen wir beim 
Warmesinn zunachst in die Dinge ein und dann immer tiefer und 
tiefer. Diese oberen Sinne liefern uns das Verstehen und Begreifen der 
Dinge in ihrem Innern, und sie werden daher als Sinne des Begreifens 
bezeichnet. 



Sie sehen nun daraus, daft wir, bevor wir zum Geruchssinn kom- 
men, drei andere Sinne aufzuzahlen haben, die uns unterrichten tiber 
das eigene menschliche Innere. Aus ihm heraus holen sie ihre Kund- 
schaften. Dann kommen wir zur Grenze zwischen Innen- und Auften- 
welt zunachst durch den Geruchssinn, und dann gelangen wir durch 
die hoheren Sinne immer tiefer und tiefer in die Aufienwelt hinein. 

Liegt etwas darunter und dariiber? Das, was aufgezahlt worden ist, 
ist nur ein Ausschnitt. Dariiber und darunter liegen andere Sinne. Vom 
Begriffssinn konnten wir aufsteigen zum ersten astralischen Sinne und 
wiirden dann kommen zu den Sinnen, die ins Geistige eindringen 
konnen. Da wiirden wir zunachst finden einen elften, zwolften und 
dreizehnten Sinn. Diese drei unbekannten Sinne sollen hier zunachst 
nur erwahnt werden. Wir werden genauer davon sprechen, wenn wir 
morgen oder iibermorgen aus dem Physischen ins Geistige aufsteigen. 
Sie werden uns tiefer hineinfuhren in die Untergriinde des geistigen 
Lebens, in die der Begriff nicht eindringt. Der Begriff macht Halt an 
einer bestimmten Stelle. Jenseits des Begriffs liegt das, was erst durch 
die hoheren Sinne wahrgenommen werden kann. Der Geruch macht 
Halt vor dem eigenen Innern. Wie Sie unter dem Geruch noch drei 
Sinne haben, so iiber dem Begriff noch drei hohere Sinne, durch die wir 
eindringen in das Auftere der geistigen Dinge, wie mit jenen unteren 
Sinnen in das Aufiere der physischen Dinge. 

Aber heute werden wir auf dem physischen Plane bleiben. Deshalb 
haben wir das aufgezahlt, was zum Wahrnehmen des Physischen ge- 
hort. Es war nicht unnotig, uns so auf eine Fundamentierung der Din- 
ge einzulassen. Weil sie vergessen worden ist, ist in den Wissenschaften 
alles in der entsetzlichsten Weise durcheinandergeworfen worden, bis 
hinein in Philosophie und Erkenntnistheorie. Man spricht im allge- 
meinen: Was kann der Mensch erkennen durch die einzelnen Sinne? - 
Man kann nicht den Unterschied angeben, der zwischen Gehor- und 
Gesichtssinn ist. Man spricht von Schallwellen geradeso wie von 
Lichtwellen, ohne zu beriicksichtigen, daft der Gesichtssinn weniger 
tief in das Wesen der Dinge eindringt als der Gehorsinn, der etwas von 
der Seelennatur der aufteren Welt offenbart. Durch die drei noch ho- 
heren Sinne, den elften, zwolften und dreizehnten Sinn, werden wir 



auch in den Geist der Dinge eindringen. Jeder Sinn hat eine andere 
Natur und Wesenheit. Dies ist zunachst zu beriicksichtigen. Daher 
konnen Sie eine grofte Anzahl von Ausfiihrungen, die heute iiber die 
Natur des Gesichtssinnes und sein Verhaltnis zur Umwelt, namentlich 
die Physik bringt, von vorneherein als etwas betrachten, was niemals 
gerechnet hat mit der Natur der Sinne iiberhaupt. Unzahlige Irrtumer 
haben sich auf diese Verkennung des Wesens der Sinne aufgebaut. Dies 
mull betont werden, weil dem hier Gesagten die popularen Darstellun- 
gen gar nicht gerecht werden. Ja, populare Biicher konnen gerade das 
Gegenteil davon sagen. Sie lesen dort Dinge, die von Leuten geschrie- 
ben sind, die nicht einmal eine Ahnung haben konnen von der inneren 
Natur der Sinnenwesenheit. Wir miissen uns klarmachen, daft die 
Wissenschaft von ihrem Standpunkte aus anders sprechen muE, daft sie 
dem Irrtum verfallen mufi, weil die Entwickelung so war, daft das 
Richtige vielfach vergessen worden ist. Das ist das erste Kapitel der 
Anthroposophie: die wirkliche Natur und Wesenheit unserer Sinne. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 25. Oktober 1909 



Wir haben vorgestern bei unserem ersten Vortrag iiber Anthroposo- 
phie die menschlichen Sinne gewissermafien nur aufgezahlt, allerdings 
in solcher Weise, wie sich das ergibt aus der menschlichen Wesenheit 
selber. Wir haben sie nicht bunt durcheinandergeworfen, wie das in 
der Sinnesphysiologie meist geschieht, weil da die entsprechenden 
Zusammenhange nicht erkannt werden konnen, sondern haben sie 
aufgezahlt und aufgereiht in einer vollstandigen Weise, entsprechend 
der Wirklichkeit der menschlichen Wesenheit. Und heute wird es uns 
obliegen, weil das Gebiet der menschlichen Sinne zu dem Wichtigsten 
gehort, das wir brauchen werden bei der weiteren Ergriindung der 
menschlichen Wesenheit, eben diese menschliche Sinneswelt etwas 
eingehender noch zu betrachten. 

Wir haben begonnen mit dem Sinn, den wir Lebensgefuhl oder 
Lebenssinn, Vitalsinn, nannten. Wir werden uns fragen miissen: Wor- 
auf beruht eigentlich im wahren Geiste des Wortes dieser Lebenssinn? 
- Da miissen wir ziemlich tief hinuntersteigen in die unterbewufiten 
Untergriinde des menschlichen Organismus, wenn wir uns ein Bild 
von dem machen wollen, woraus das entspringt, was Lebenssinn ge- 
nannt wird. Wir konnen hier naturlich alles nur skizzieren. Zunachst 
ist vorhanden ein eigenartiges Zusammenwirken des physischen 
Leibes mit dem Atherleib. Diese Tatsache ergibt sich, wenn man mit 
geisteswissenschaftlicher Forschung versucht festzustellen, was dem 
Lebenssinn zugrunde liegt. Es ist wirklich so, daft das unterste Glied 
der menschlichen Wesenheit, der physische Leib, und der Lebensleib 
in ein ganz bestimmtes Verhaltnis treten zueinander. Das geschieht 
dadurch, dafi im Atherleibe etwas anderes auftritt und sich in ihn hin- 
einsetzt, ihn sozusagen durchtrankt. Der Atherleib wird durchzogen 
und durchflossen von etwas anderem. Dieses andere ist etwas, was der 
Mensch im Grunde genommen heute bewulkerweise in sich noch gar 
nicht kennt. Die Geisteswissenschaft jedoch kann uns sagen, was da- 
drinnen im Atherleibe wirkt und ihn durchtrankt wie Wasser einen 



Schwamm, bildlich gesprochen. Wenn man dies geisteswissenschaft- 
lich untersucht, so findet man, daft es gleich ist dem, was der Mensch 
einstmals in ferner Zukunft als den Geistesmenschen oder das Atma 
entwickeln wird. Heute hat er dieses Atma noch nicht von sich selber 
aus in sich; es mufi ihm noch aus der umliegenden geistigen Welt so- 
zusagen erst verliehen werden. Es wird ihm verliehen, ohne daft er 
bewuftten Anteil daran nehmen kann. Spater, in einer fernen Zukunft, 
wird er es in sich selbst entwickelt haben. Der Geistesmensch oder 
Atma ist es also, was da den Atherleib durchdringt und durchsetzt. 
Was tut nun dieses Atma im Atherleib? Heute ist der Mensch noch 
nicht in der Lage, einen Geistesmenschen oder Atma in sich zu haben, 
denn in der gegenwartigen Zeit ist dies noch eine iibermenschliche 
Wesenheit in dem Menschen. Dieses Ubermenschliche, das Atma, 
driickt sich dadurch aus, daft es den Atherleib zusammenzieht, ja zu- 
sammenkrampft. Wenn wir dafur ein Bild aus der aufteren Sinneswelt 
gebrauchen wollen, so konnten wir es etwa vergleichen mit der frosti- 
gen Wirkung der Kalte. Was einst das hochste Glied des Menschen sein 
wird, wozu er heute noch nicht reif ist, das krampft ihn zusammen. Die 
Folge davon, daft eben der Atherleib sich zusammenkrampft, ist, daft 
der Astralleib des Menschen, das Astralische, wie ausgepreftt wird, 
und in dem Mafte, wie der Atherleib zusammengepreftt wird, wird 
auch der physische Leib gespannt. Es treten in ihm frostige Spannun- 
gen auf. Es ist also so, wie wenn Sie einen Schwamm ausdriicken. Der 
astralische Leib macht sich sozusagen Luft, wird herausgepreftt, her- 
ausgedruckt. Die Vorgange im astralischen Leibe sind nun Gefuhls- 
erlebnisse, Erlebnisse der Lust und Unlust, der Freude und des 
Schmerzes und so weiter. Dieser Vorgang des Herausgedrucktwer- 
dens ist es, was sich als Lebensgefuhl in uns kundgibt, als Freiheits- 
gefiihl zum Beispiel, als Kraftgefuhl, als Gefiihl von Mattigkeit. 

Nun steigen wir zu dem zweiten Sinn hinauf. Als zweiten Sinn ha- 
ben wir den Eigenbewegungssinn angefuhrt. Hier wirkt im Atherleib 
des Menschen wiederum etwas, was wir heute auch noch nicht bewuftt 
besitzen. Und wieder konnen wir das Gleichnis vom Schwamm ge- 
brauchen. Der Atherleib wird namlich auch hier durchtrankt und 
durchsetzt wie ein Schwamm vom Wasser, und was ihn jetzt durch- 



setzt und durchzieht, das ist der Lebensgeist oder die Budhi, welche er 
einst entwickeln wird aus sich heraus. Heute freilich ist dies erst gleich- 
sam vorlaufig aus der geistigen Welt uns gegeben. Die Budhi oder der 
Lebensgeist wirkt anders als der Geistesmensch. Er wirkt so, daft ein 
Gleichgewicht wie in dem in sich ruhenden Wasser im astralischen 
Leibe eintritt. Das Gleichgewicht im Atherleibe und dann im physi- 
schen Leibe haben zur Folge ein Gleichmaft, ein Gleichgewicht im 
astralischen Leibe. Wenn dieses Gleichmaft von auften gestort wird, so 
sucht es sich von selber wieder aiiszugleichen. Fiihren wir eine Bewe- 
gung aus, so stellt sich das, was ins Ungleiche gekommen ist, wieder ins 
Gleichgewicht. Strecken wir zum Beispiel die Hand aus, so flieftt ein 
astralischer Strom zuriick in entgegengesetzter Richtung der aus- 
gestreckten Hand, und so ist es bei alien Bewegungen in unserem Or- 
ganismus. Immer wenn in einer physischen Lage eine Veranderung 
geschieht, so bewegt sich im Organismus in entgegengesetzter Rich- 
tung ein astralischer Strom. So ist es beim Augenzwinkern, so ist es 
beim Bewegen der Beine. In diesem innerlich erlebten Vorgang eines 
Ausgleichs im Astralleib offenbart sich der Eigenbewegungssinn. 

Wir kommen nun zu einem dritten Element, das den Atherleib des 
Menschen durchsetzen kann. Dieses dritte Element ist auch etwas, 
was der Mensch heute zwar teilweise schon besitzt, aber nur zum 
allergeringsten Teil in sein Bewufttsein gebracht hat, namlich Manas 
oder Geistselbst. Aber weil es die Erdenaufgabe des Menschen ist, 
dieses Manas zu entwickeln, so ist es begreiflich, daft es anders auf den 
Atherleib wirkt als der Lebensgeist oder Geistesmensch, die erst in 
ferner Zukunft entwickelt werden sollen. Es wirkt ausdehnend auf 
den Atherleib, nicht zusammenkrampfend, und die Folge davon ist, 
daft das Gegenteil von dem eintritt, was beim Lebenssinn als das Fro- 
stige bezeichnet worden ist. Man konnte die Wirkung von Manas auf 
den Atherleib vergleichen mit dem Einstromen von Warme in einen 
Raum. Etwas wie ein Warmestrom ergieftt sich beim Eintreten von 
Manas in den Atherleib und dehnt ihn elastisch aus. Die Folge davon 
ist, daft nun auch der astralische Leib verdiinnt wird, sich mit ausdeh- 
nen kann, aber ohne herausgepreftt zu werden; er kann in dem sich 
ausdehnenden Atherleib drinnenbleiben. Wahrend die Sinnesempfin- 



dung beim Lebensgefiihl darauf beruht, daft der Astralleib herausge- 
driickt wird, entsteht das, was statischer Sinn oder Gleichgewichts- 
sinn genannt worden ist, dadurch, daft der Atherleib ausgedehnt wird 
und dann zugleich der astralische Leib innerlich mehr Platz bekommt. 
Der astralische Leib wird in sich weniger dicht, er wird diinner. Als 
Folge dieser Verdiinnung des Astral- und Atherleibes ist nun auch fur 
die physische Substanz die Moglichkeit geboten, irgendwie sich zu 
strecken und auszudehnen. Durch die Wirkung von Atma wurde der 
physische Leib zusammengekrampft, durch die Wirkung von Budhi 
wurde er im Gleichgewicht erhalten, durch die Wirkung von Manas 
aber wird der physische Leib entlastet, und da auch der Atherleib sich 
ausdehnt, so kann er seine Partikelchen an gewissen Stellen hinaus- 
schieben. Durch solches Hinausschieben sind auch jene Organe, die 
drei kleinen halbzirkelformigen Kanale im Ohr entstanden, die auf- 
einander senkrecht stehen, entsprechend den drei Richtungen des 
Raumes. Es sind sozusagen Ausspreizungen der sinnlichen Materie 
des physischen Leibes. Solche Organe entstehen in der verschieden- 
sten Weise als Neubildungen, als wunderbare Gebilde, welche nicht 
dadurch entstehen, daft von innen her getrieben wird, sondern da- 
durch, daft der Druck von auften aufhort, das heiftt geringer wird und 
Entlastung eintritt. Dadurch, daft der Astralleib sich weiter ausdehnen 
kann, vermag er in Beziehung zur Auftenwelt zu treten. Er mufi sich 
mit dieser Auftenwelt ins Gleichgewicht setzen. Geschieht das nicht, 
dann steht der Mensch schief oder er fallt sogar um. Fur die beiden 
ersten Sinne kam das nicht in Betracht, aber diesem Sinne kommt die 
Aufgabe zu, sich ins Gleichgewicht zu setzen. Streben wir irgendwo 
hinein, so miissen wir so hinein, wie wir konnen; zum Beispiel in den 
Raum miissen wir in seinen drei Richtungen hineinstreben. Daher 
wachsen jene drei halbzirkelformigen Kanale im Ohr in den drei Rich- 
tungen des Raumes senkrecht aufeinander. Werden diese Organe ver- 
letzt, so hort der statische Sinn auf zu funktionieren und der Mensch 
erleidet Schwindelgefuhle, Ohnmachtsanfalle und dergleichen. Wo 
man es mit Tieren zu tun hat, liegt die Sache so, daft die Tiere zu friih 
in die physische Materie heruntergestiegen sind, so daft sich bei ihnen 
die physische Materie noch mehr verhartet hat. Es treten geradezu 



Steinbildungen auf, die Otolithen. Sie lagern sich so, dafi daran das 
Gleichgewicht abgemessen und empfunden werden kann. 

Damit hatten wir besprochen, sozusagen von innen nach aufien 
gehend, drei Sinne. Der letzte Sinn stent hart an der Grenze zwischen 
dem, was der Mensch innerlich erlebt, und dem, was er erleben mufi, 
urn sich in die Aufienwelt hineingliedern zu konnen. In jiingster Zeit 
ist die aufiere, an den sinnlichen Tatsachen haftende Wissenschaft 
sozusagen mit der Nase daraufgestofien worden, diese drei Gebiete 
unserer Sinnesorganisation endlich einmal anzuerkennen. Wir miissen 
dabei scharf unterscheiden, wie wir es hier immer tun, zwischen dem, 
was tatsachliches Ergebnis der Forschung ist, und den Meinungen, die 
gegenwartig die Gelehrtengruppenseele mit ihrem unzulanglichen 
Denken hat. Sie hat gerade auf diesem Gebiete gezeigt, wie sie irren 
mufi, wenn sie den Leitfaden nicht hat, der durch das Labyrinth fuhrt, 
denn gerade hier hapert es ganz gewaltig. So hat man verglichen diese 
Bildungen, die ein menschliches Sinnesorgan bedeuten, mit gewissen 
Organen im Pflanzenreiche, wo auch eine Art von Gleichgewicht bei 
einem Neigen der Pflanzen durch Umlagerung solcher Korperchen 
bewirkt wird. Weil aber der moderne Denker in der Regel immer dann 
von der Logik verlassen wird, wenn er eine richtige Anschauung iiber 
die Dinge haben sollte, so ist er zu dem sonderbaren Resultat gekom- 
men, daft auch die Pflanzen einen Gleichgewichtssinn hatten. Solch 
eine Logik aber beruht auf dem Standpunkt, den ich schon oft durch 
ein Bild charakterisiert und angefiihrt habe. Weil eine gewisse Pflanze, 
wenn sich irgendein Insekt ihr nahert, zum Fangen desselben ihre 
Blatter zusammenzieht, so sagt man in dieser oberflachlichen Weise, 
es miisse von einem entsprechenden Sinn der Pflanze gesprochen 
werden. Ich kenne jedoch ein Gebilde, das dies in vorziiglicherer 
Weise tun kann, es geht sogar so weit, daft es die kleinen Tiere heran- 
lockt und aufschnappt, namlich die Mausefalle. Mit demselben Recht, 
wie man das, was von den menschlichen Sinnen gesagt wird, auf die 
Pflanzen iibertragt, konnte es auch auf die Mausefalle ubertragen wer- 
den. Ebenso toricht konnten wir es auch auf die Waage mit ihrem 
Gleichgewichte anwenden und von einem Gleichgewichtssinn der 
Waage sprechen. Solche Verkehrtheiten riihren her von einem unge- 



niigenden Denken, das sich nicht geniigend dehnen, das die Wesenheit 
der Sache nicht ordentlich durchdringen kann. 

So haben wir drei Sinne, iiber welche die Wissenschaft heute in ge- 
wisser Weise ihre Fangarme ausbreitet, die sie aber erst beherrschen 
lernen wird, wenn sie den Faden der Geisteswissenschaft findet und 
anzuwenden vermag. Dann erst wird sie auch den Bau des mensch- 
lichen Organismus richtig begreifen, so wie er wirklich ist, gerade un- 
ter dem Einflusse der Wechselwirkungen, die geschildert worden sind. 
Dazu ist aber notig, daft man den ganzen Menschen aus dem Innern 
heraus geisteswissenschaftlich zu beobachten und zu erfassen vermag. 

Wir kommen nun zum Geruchssinn. Hier kann die Frage entste- 
hen: Warum wird eigentlich das ausgelassen, was die Wissenschaft den 
Tastsinn nennt und woriiber gewohnlich am meisten verhandelt wird? 
- Bei der beschrankten Anzahl von Vortragen, die iiber dieses ganze 
Gebiet gehalten werden konnen, muE iiber manches mit einer gewis- 
sen Schnelligkeit hinweggegangen werden, und manches wird dann 
etwas paradox klingen. Der Tastsinn wurde ausgelassen, weil er so, wie 
er gewohnlich geschildert wird, eine Erfindung, ein Phantasiegebilde 
der Physiologie ist. Er existiert als solcher gar nicht, denn man kann 
eine ganze Reihe von Sinnen als solche des Tastens bezeichnen. Nicht 
aber darf man von einem eigentlichen Sinn des Tastens sprechen. Was 
geht denn da vor, wenn getastet wird? Angenommen, man fasse einen 
Gegenstand an. Was da vorgeht, erschopft sich eigentlich ganz im 
Gleichgewichtssinn. Wenn man einen Korperteil driickt, wird namlich 
das Gleichgewicht in dem Korperteil gestort, und es geht nichts ande- 
res vor, als was innerhalb des Gleichgewichtssinnes geschieht. Das- 
selbe ist der Fall, wenn man auf einen Tisch driickt, iiber eine Sammet- 
flache hinstreicht, an einem Stricke zieht. Es sind nur Veranderungen 
im Gleichgewicht in uns selber, wenn Druck, Zug oder Streichen und 
so weiter als Tastvorgange sich vollziehen. Der Tastsinn muE immer 
dort gesucht werden, wo der Gleichgewichtssinn tatig ist. 

Uber den Tastsinn existieren in der Wissenschaft die falschesten An- 
schauungen. Man spricht vom Driicken, ohne weiter auf das Wesen die- 
ser Tatsache einzugehen. Fiir den gewohnlichen Menschen ist ein 
Druck etwas, wonach er gar nicht weiter fragt. Ein Druck aber hangt fiir 



den, der geisteswissenschaftlich die Sache betrachtet, zusammen mit der 
Frage: Was fur eine Stoning im Gleichgewicht entsteht da im Organis- 
mus und was fur eine Ausgleichung ist infolgedessen im astralischen 
Leibe notig? - Wie dieser Drucksinn, der ein Teil des Tastsinnes sein 
wiirde, mifiverstanden wird, kann man daraus entnehmen, daft man 
fragt: Warum werden die Menschen von dem ungeheuren Atmospha- 
rendruck, der auf ihnen lastet, nicht erdriickt? - Wenn die Sache mit 
dem aufiern Drucke sich so verhielte, so wiirde ein ungeheurer Druck 
auf unseren Korper ausgeiibt. Ein wifibegieriger Junge fragt dann etwa 
im Physikunterricht darnach, und da wird ihm gesagt, Druck und Ge- 
gendruck, der von innen nach aufien wirkt, seien in unserem Korper 
gleich und wiirden sich gegenseitig aufheben. Der Mensch, so sagt man, 
ist ja innen ebenso mit Luft angefiillt, und die Folge ist ein ebenso grofier 
Druck nach auften, so dafi die beiden gleich grofien, entgegengesetzt 
gerichteten Druckwirkungen sich ausgleichen. Es tritt Gleichgewicht 
ein, und der Mensch kann nicht erdriickt werden. Ist der betreffende 
Junge aber ein aufgeweckter, so wird er einen Einwand machen und sa- 
gen: Ich habe schon oft tief ins Wasser getaucht und bin ganz von Was- 
ser umgeben gewesen und bin nicht erdriickt worden, trotzdem ich im 
Innern meines Leibes doch nicht mit Wasser angefiillt war; sonst ware 
ich ja ersoffen! - Hierin liegt das Absurde, wohin die Dinge fiihren, 
wenn wir sie rein aufierlich materialistisch auslegen. In Wahrheit han- 
delt es sich um einen eminent geistigen Vorgang, wenn Druck auf uns 
ausgeiibt wird. Bis in unseren Astralleib fiihrt uns das hinein, wenn Sto- 
rungen des Gleichgewichts ausgeglichen werden miissen. Wenn auf uns 
ein Druck ausgeiibt wird, so verandert sich das Gleichgewicht, wir 
schieben in den zusammengedriickten Teil den astralischen Leib hinein 
und stellen so das gestorte Gleichgewicht wieder her, ja, man lalk ihn 
sogar etwas dariiber vorstehen. Es ist sozusagen astralisch immer eine 
kleine Beule da, wo gedriickt wird. Diese ausgleichende, rein astrale 
Wirkung ist so stark, dafi sie von innen her den ganzen Druck der Luft 
von aufien zu iiberwinden vermag. Hier ist buchstablich der Geist mit 
Handen zu greifen; man merkt es nur nicht. 

Was geschieht nun aber beim Geruchssinn? Da ergreift den 
menschlichen Organismus etwas, das unserem Bewufitsein schon na- 



her liegt, namlich die Bewufitseinsseele selber. Was in der Geisteswis- 
senschaft Bewufttseinsseele genannt wird, tritt in Aktion, wenn ge- 
rochen wird. Sie bewirkt an einer bestimmten Stelle des Organismus, 
dafi nicht blofi Ausdehnung, Verdiinnung eintritt, sondern dafi hier 
der astralische Leib seine Wirkung nach aufien sendet und diese Wir- 
kung also uber den Organismus hinaustritt. Wahrend beim Riechen 
die luftformige Substanz in die Schleimhaut der Nase dringt, drangt 
sich in dem gleichen Mafie die astralische Substanz nach auften. Immer 
verlalk diese astralische Substanz beim Riechen den Organismus, 
taucht hinein in das Ding und erlebt etwas nicht nur in sich, sondern 
in diesem Dinge, das wir als Wohlgeruch, Duft, Gestank oder derglei- 
chen benennen und erleben. Es ist wie ein Fiihler des astralischen 
Leibes, was durch die Bewufttseinsseele entsteht. 

Der Geschmackssinn wirkt in seiner Weise, weil in ihm der Ather- 
leib von der Verstandes- oder Gemtitsseele bearbeitet wird. Diese 
ergielk die astralischen Stromungen durch das Geschmacksorgan 
nach aufSen und schickt sie den Substanzen auf der Zunge entgegen. - 
Was im Astralleib beim Riechen vor sich geht, ist von ganz besonderer 
Natur. Was stromt denn da aus dem astralischen Leibe heraus, wenn 
gerochen wird? Das ist nichts anderes als willensartiger Natur. Was 
wir innerlich als Willensimpuls ftihlen, das quillt beim Riechen der 
einstromenden Materie entgegen. Der Vorgang des Riechens ist ein 
Sich-Wehren, ein Zuriickdrangen-Wollen von einstromender Sub- 
stanz. Die geistige Forschung kann sagen, dafi jene einstrdmende Sub- 
stanz nicht nur eine luftartige Substanz ist - das ist nur Maja, Tau- 
schung -, sondern das ist von aufien einstromender Wille. Es vollzieht 
sich ein Spiel von Willenskraften beim Riechen. Die Folge davon ist, 
wie einmal jemand geahnt hat, dafi hier Wille von innen und Wille von 
auften sich gegenseitig bekampfen und hemmen. Auf dieser Ahnung 
hat jener - es ist Schopenhauer - eine Willensphilosophie begriindet. 
Das ist aber eine falsche Metaphysik. Was Schopenhauer da sagt iiber 
jene Willenskrafte, trifft eigentlich nur zu fur das Riechen; alles andere 
ist einfach hineininterpretiert. 

Wie beim Geruchssinn willensartig ist, was sich hinausergielk, ist 
das, was beim Geschmackssinn, der Nahrung entgegen, herausstromt, 



gefiihlsartiger Natur, und auch das Hereinstromende ist gefiihlsartiger 
Natur. Hier, beim Schmecken, gelangt also Gefiihl mit Gefiihl in Wech- 
selwirkung. Alles andere daran ist bloft Maja, blofi aufteres Zeichen. 
Hier zeigt sich eine Gefiihlswirkung als Sinn, namlich das Schmecken 
wird als angenehm, unangenehm, widrig und so weiter empfunden. 
Allerdings nicht mit dem Gefiihl selber hat man es da zu tun, sondern 
nur mit entsprechenden Wechselwirkungen von Gefiihlen. 

Der nachste Sinn ist der Gesichtssinn. Hier ist es so, dafi das, was 
jetzt den Atherleib bearbeitet und sich in ihn ergiefk, die Empfin- 
dungsseele ist. Das Geschehen ist hier von gedankenartiger Natur. Ein 
denkerisches Prinzip waltet da. Die Empfindungsseele hat schon in 
sich, was in der Bewulkseinsseele bewufk wird; allerdings ist der 
Gedanke in ihr noch unterbewulk. Es ist ein Denken in der Empfin- 
dungsseele, das da hinausstromt durch die Augen. Hier stromt also 
richtige Gedankensubstanz hinaus. Sie hat eine weit grofiere Elastizi- 
tat als die andern beiden Substanzen, die beim Geruchs- und Ge- 
schmackssinn ausstromen, und sie reicht deshalb auch viel weiter. Es 
ist so, daft wirklich von dem Menschen Astralisches ausstromt und zu 
den Dingen hinstromt. Nicht etwa begeben sich Atherwellen des 
Lichts ins Auge, das dann das empfangene Bild nach aufSen projiziert! 
Da miiftte doch jemand dadrinnen sitzen, der diese Projektionsarbeit 
besorgt. Dies ware doch eine greulich aberglaubische Vorstellung, 
dieses Etwas, was da projiziert. Die Wissenschaft, die so stolz ist auf 
ihren Naturalismus, lafit sich im gegebenen Fall in grotesker Weise 
aushelfen durch die vielgeschmahte Phantasie. Also dem Ding stromt 
ein Astralisches als Gedankensubstanz zu und dringt so weit, bis ihm 
irgendwo in der Feme Widerstand geboten wird und sich ihm ein 
anderes Astralisches entgegensetzt. Der sich draufSen so abspielende 
Widerstreit von Astralischem und Astralischem bildet die Farbe, die 
wir an den Dingen empfinden. Die Farbe entsteht an der Grenze der 
Dinge, wo das aus dem Menschen ausstromende Astralische mit dem 
Astralischen der Dinge zusammentrifft. An der Grenze des aufieren 
und inneren Astralischen entsteht die Farbe. 

Es ist sehr merkwiirdig, wenn man zum Beispiel in Betracht zieht, 
dafi eigentlich schon in der Empfindungsseele unterbewufit ein Den- 



ken ist, das erst in der Verstandesseele zum Vorschein kommt und uns 
erst in der Bewufttseinsseele bewuftt wird. Was in der Tat, wenn wir 
die Dinge mit den beiden Augen anschauen, als zwei Eindriicke er- 
scheint, das wird bewirkt durch ein Gedankliches, das zunachst nicht 
ins Bewufksein gelangt. Wenn dieses ins Bewufksein treten soil, miis- 
sen beide Gedankenmomente zusammenarbeiten; sie miissen den 
Weg machen von der Empfindungsseele herauf in die Bewufttseins- 
seele hinein. Diesen Weg konnen wir uns wieder gut durch ein Gleich- 
nis veranschaulichen: Hier sind die beiden Hande. Jede Hand kann 
empfinden fur sich, aber nur wenn die beiden Hande sich kreuzen, 
kommt diese Empfindung, daft die eine Hand die andere empfindet, 
einem zum Bewufksein, wie ein aufterer Gegenstand erst durch die 
Beriihrung einem ins wirkliche Bewufksein gehoben wird. Sollen die 
Eindriicke, die durch Gedankenarbeit in der Empfindungsseele ge- 
wonnen werden, ins Bewufksein des Menschen treten, dann miissen 
sie gekreuzt werden. Das ist beim Sehen die Folge davon, daft die 
beiden Sehnerven im Gehirn sich kreuzen. Diese Kreuzung der Seh- 
nerven hat ihren Grund darin, daft eine im Unterbewufken, in der 
Empfindungsseele geleistete Denkarbeit durch die Kreuzung in die 
Bewufkseinsseele heraufgehoben wird, dadurch, daft nun die eine 
Arbeit an der andern empfunden werden kann. So baut sich das Phy- 
sische aus dem Geistigen heraus auf, und bis in die feinsten anatomi- 
schen Einzelheiten hinein kann durch Anthroposophie der Mensch 
erst verstanden werden. 

Nun folgt als nachster der Warmesinn. Hier ist wiederum etwas, 
das durch seine Wirkung im Menschen den Warmesinn vermittelt. 
Dies ist der Empfindungsleib selber, der seine astralische Substanz in 
Wirksamkeit bringt und nach auften stromen laftt, wenn ein Warme- 
erlebnis eintreten soli. Dies tritt dann ein, wenn der Mensch wirklich 
imstande ist, seine astralische Substanz nach auften zu senden, ohne 
daran gehindert zu sein. Im Bade fiihlen wir uns nicht erwarmt, wenn 
es ebenso warm ist wie wir, wenn also Gleichgewicht besteht zwi- 
schen uns und unserer Umgebung und von uns nichts aufgenommen 
wird. Nur wenn von uns Warme ausstromt oder solche in uns einflie- 
ften kann, empfinden wir Warme oder Kalte. Ist die auftere Umgebung 



warmearm, so lassen wir Warme in sie ausstromen. Sind wir warme- 
arm, so lassen wir Warme in uns einstromeri. Hier hat man es wieder 
handgreiflich, daft ein Aus- und Einstromen stattfindet. Beim Aus- 
geglichensein jedoch von auften und innen wird die Warme nicht emp- 
funden. Das Warmeerlebnis hat immer zu tun mit der Wirkung des 
menschlichen Empfindungsleibes. Dieser wird, wenn wir einen Ge- 
genstand beriihren, der immer warmer und warmer wird, immer star- 
ker ausstromen. Es drangt sich uns immer mehr auf von dem, was 
hinein will, und der Empfindungsleib mufi dann entsprechend mehr 
ausstromen. Dies geht aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. 
Wenn nicht mehr die Moglichkeit besteht, aus dem Empfindungsleib 
Kraft ausstromen zu lassen, dann ertragen wir die Hitze nicht mehr 
und wir verbrennen uns. Es miiftte auch so sein, daft wir jedesmal ein 
Verbrennen empfinden, wenn wir nicht mehr Substanz aus unserem 
Empfindungsleib ausstromen konnen beim Beriihren von etwas sehr 
Kaltem. Fassen wir einen sehr kalten Korper an, der uns verhin- 
dert, Substanz aus dem Empfindungsleib ausstromen zu lassen, weil 
er nichts an uns abgibt, so erscheint uns die iibermaftige Kalte auch 
als ein Brennen und erzeugt Blasen. Beides beruht auf derselben 
Wirkung. 

Nunmehr wenden wir uns dem Gebiet zu, das wir als das des 
Gehorsinnes bezeichnen. Da ist beteiligt der Atherleib des Menschen. 
Dieser Atherleib, so wie der Mensch ihn heute hat, ist aber aufterstan- 
de, in Wahrheit etwas abzugeben, ohne dauernden Verlust fur uns, 
wie das der Empfindungsleib noch kann. Der Atherleib ist schon so 
geformt seit der atlantischen Zeit, daft er nichts mehr abgeben kann, 
denn solches miiftte dann der Mensch in seiner Lebenskraft entbeh- 
ren. Es muft also auf einem ganz andern Wege geschehen, wenn eine 
Gehorwirkung zustande kommen soil. Hier kann der Mensch also 
nichts mehr abgeben. Aus sich heraus kann der Mensch keinen hohe- 
ren Sinn entwickeln, als es der Warmesinn ist. Wiirde hier nicht etwas, 
das der Mensch selber nicht hat, in den Menschen eintreten, so konnte 
kein Horsinn zustande kommen. Der Mensch muft deshalb durch- 
setzt werden von Wesenheiten, die ihre eigene Substanz ihm zur Ver- 
fiigung stellen. Daher ist der menschliche Organismus durchzogen 



von Wesenheiten, die ihn wie einen Schwamm durchdringen. Es sind 
dies die Wesen, welche wir Angeloi nennen, die in der Vergangenheit 
schon die Menschheitsstufe durchgemacht haben. Sie schicken ihre 
Astralsubstanz in uns Menschen hinein als eine fremde Astralsub- 
stanz, welche sich der Mensch aneignet und in sich wirken und aus- 
stromen lalk. Sie stromt durch die Ohren dem entgegen, was uns 
durch den Ton zugetragen wird. Gleichsam auf den Fliigeln dieser 
Wesenheiten schreiten wir in jenes Innere hinein, das wir als die Seele 
der Dinge erkennen lernen. Hier hat man es also zu tun mit Wesen, die 
iiber dem Menschen stehen, welche den Menschen ausfiillen, die aber 
gleicher Natur sind mit seiner eigenen astralischen Substanz. 

Nun aber gibt es noch einen hoheren Sinn, namlich den Sprach- 
oder Wort- oder Lautsinn. Wo dieser in Betracht kommt, hat der 
Mensch wiederum nichts, das er von sich aus abgeben konnte. Hier 
miissen deshalb Wesenheiten eingreifen, welche ihrer Substanz nach 
ahnlich sind mit dem, woraus der menschliche Atherleib besteht. Sie 
haben naturlich auch die entsprechende astralische Substanz; diese 
wird aber hierbei in die Umwelt hinausgedrangt. Sie miissen in den 
Menschen eintreten, sie geben ihren Atherleib und diese Kraft kann 
dann der Mensch wieder in die Umgebung ausstromen lassen. Es sind 
dies die Archangeloi, die Erzengel. Diese spielen noch eine ganz an- 
dere Rolle als die Engel. Sie bewirken, dafi der Mensch den Laut nicht 
nur horen kann, sondern ihn auch verstehend zu erleben vermag. Sie 
machen, dafi der Mensch nicht nur imstande ist, einen Ton, ein g oder 
cis zu horen, sondern auch, dafi er, wenn er einen Laut hort, dabei 
etwas erlebt, namlich das, was das Innere des Lautes ist; dafi er ein A 
zum Beispiel dem Lautsinne nach vernimmt. Diese Wesenheiten sind 
nichts anderes, als was man auch etwa die Volksgeister nennt, die 
Geister der einzelnen Volkerindividualitaten. Wahrend beim Gehor- 
sinn die Engel ihre Arbeit aufierlich ausdriicken durch Luftwirkun- 
gen, dadurch, dafi sie die Luft im Ohre behandeln, stellen die Erzengel 
dem, was in der Luft draufien geschieht, andere Wirkungen entgegen. 
Durch sie werden Safte wirkungen hervorgerufen wie die Wirkung in 
einer wafirigen Substanz. Durch das, was sie bewirken, wird der Saf- 
teumlauf in eine gewisse Richtung gebracht. Dafi zum Beispiel der 



Mensch im A den entsprechenden Sinn des Lautes wahrnimmt, bewir- 
ken audi die feineren Safte. Der aufkre Ausdruck fiir diese Arbeit liegt 
darin, dafi die Volksphysiognomien geformt werden, der besondere 
Ausdruck des menschlichen Organismus, sofern er dem besonderen 
Volke angehort. Darinnen wirken insbesondere diese Wesenheiten. 
Daher konnen wir sagen, dafS die Safte in einem Menschen anders 
flieften und der ganze Organismus anders wirkt, je nachdem jenes 
Erzengelwesen dem Volke, dem es zugehort, dieses oder jenes als 
Lautsinn beibringt. Wenn beispielsweise ein Volk «Aham» - «Ich» im 
Sanskrit - sagt fiir Ich, was immer es auch sonst noch fiir Theorien 
iiber das menschliche Ich haben moge, so spielen diese Theorien keine 
Rolle, aber die zwei A hintereinander geben eine urspriingliche Orga- 
nisation, und der Angehorige dieses Volkes mufi eine solche Empfin- 
dung vora Ich haben, wie sie diesen zwei aufeinanderfolgenden A 
entspricht. Wenn ein Volk I mit ch verbindet, so tritt eine ganz andere 
Wirkung ein. Ein solches Volk mufi eine andere Vorstellung vom Ich 
haben. Im I liegt eine besondere Nuance, eine besondere Farbung; 
es ist das, was der Volksgeist dem Organismus einimpft in bezug auf 
die Auffassung des Ich. 

Es ist auch ein grower Unterschied, ob etwas bezeichnet wird durch 
die Aufeinanderfolge von A und O oder von I und E. Darnach mufi 
sich das ganze Volksgefiihl andern. «Amor» zum Beispiel hat eine 
andere Empfindungsnuance, als wenn « Liebe» gesagt wird. Hier sieht 
man typisch den Volksgeist an der Arbeit. Nicht gleichgiiltig ist es, 
dafi zum Beispiel das Wort «Adam» bei den Israeliten gebraucht wird 
fiir die erste Menschenform, im alten Persien aber fiir das Ich. Es sind 
eben ganz andere Gefiihlswerte, die so bei den verschiedenen Volkern 
geweckt werden. Wir haben hier das Mysterium der Sprache angedeu- 
tet oder vielmehr seine ersten Elemente. 

Es handelt sich dabei um die Wirkung von Geistern, die in der 
Hierarchienreihe auf der Stufe der Erzengel stehen und die den Men- 
schen durchdringen mit dem, was Lautsinn ist und seine wafirige 
Substanz durchbeben. Es gehort auch zu den grofiten Erlebnissen fiir 
den zum Ubersinnlichen aufsteigenden Menschen, wenn er anfangt zu 
fiihlen, was fiir ein Unterschied in der gestaltenden Kraft der Laute 



liegt. Die Lautekraft zeigt ihre vorziiglichste Wirkung im wafirigen 
Element, die Tonkraft zeigt sie in der Luft. 

Dann kann auch gefuhlt werden, was fiir eine Bedeutung darin 
liegt, wenn sich jemand gedrangt fiihlt, irgendein Wesen zu bezeich- 
nen mit dem Namen «Eva». Will der Betreffende etwas anderes aus- 
driicken, das sich dazu verhalt wie das Geistige zum Sinnlichen, so 
konnte er das Spiegelbild davon anwenden und bekame so «Ave» als 
eine Silbenfolge fiir den GruE an Maria. Dies erzeugt ein gegenteiliges 
Gefiihl im menschlichen Organismus, als wenn er «Eva» spricht. 

Noch eine andere Umkehrung von «Eva» ware mit dem J davor das 
Wort «Jahve», als Bezeichnung fiir Gott im Alten Testament. Alle 
Beziehungen zwischen Jahve und Eva kann der, welcher in den Laut 
eindringt, erkennen, wenn er zu hoheren Erkenntnissen fortschreitet. 

Die Sprache ist nicht in Willkiir zustande gekommen; sie ist ein 
geistiges Produkt. Um sie in ihrem Geist wahrzunehmen, haben wir 
den Lautsinn, der im ganzen System der Sinne dieselbe Berechtigung 
hat wie die andern Sinne. Und es gibt tiefere Griinde, warum die Sinne 
gerade in dieser Reihenfolge aufgezahlt werden mussen. 

Das nachste Mai werden wir dann aufsteigen zu dem Begriffssinn 
und den hoheren Sinnen, um uns dann so geisteswissenschaftlich den 
Mikrokosmos erklaren zu konnen. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 26. Oktober 1909 



Wir sind in unseren Betrachtungen aufgestiegen bis zu dem, was wir 
den Sprachsinn genannt haben, und wollen jetzt ins Auge fassen zu- 
nachst dasjenige, was wir genannt haben den Begriffssinn. Selbstver- 
standlich diirfen Sie das Wort hier nicht in dem Sinne des reinen Be- 
griffes nehmen, sondern in dem Sinne, wie man im gewohnlichen Le- 
ben spricht; daft man sich, wenn irgend jemand einem etwas sagt, 
irgendein Wort sagt, eine Vorstellung davon machen kann, was dieses 
Wort bedeutet. Ebensogut hatte also Vorstellungssinn gesagt werden 
konnen. Nun werden wir uns aber erst begreiflich machen miissen, 
wie dieser Vorstellungssinn zustande kommt. Dazu miissen wir noch 
einmal zuriickgreifen auf die beiden vorhergehenden Sinne, auf den 
Tonsinn, den Gehorsinn, und auf den Sprachsinn, und uns die Frage 
einmal vorlegen: Was heilk denn das iiberhaupt, Sprachsinn haben, 
Lautsinn haben? Wie kommt denn die Wahrnehmung des Lautes, wie 
wir sie charakterisiert haben, eigentlich zustande? - Ich werde Ihnen 
jetzt also zuerst zu charakterisieren haben, was da Besonderes ge- 
schieht, wenn der Mensch einen Laut wahrnimmt, A oder I oder einen 
andern Laut. Wir miissen uns sozusagen den Apparat des Laut-Wahr- 
nehmens klarmachen. Ich werde Ihnen allerdings, da ich nicht iiber 
eine solche Sache eine ganze Stunde sprechen kann, nur einige An- 
gaben machen konnen, welche Sie dann bewahrheitet finden konnen 
durch dieses oder jenes, was Sie selber durch Nachdenken oder Er- 
forschen im Leben gewinnen. 

Sie wissen, dafi man innerhalb des Musikalischen unterscheiden 
kann den einzelnen Ton, die Melodie und die Harmonic Und Sie 
wissen, dafi Harmonie beruht auf der Wahrnehmung gleichzeitiger 
Tone, Melodie auf dem Zusammenfassen aufeinanderfolgender Tone, 
und dafi dann der einzelne Ton als solcher in Betracht kommt. Nun 
konnen Sie den Mechanismus des Laut-Wahrnehmens nur begreifen, 
wenn Sie die Beziehung des Tonenden, was im Laute ist, zu diesem 
Laute selbst ins Auge fassen. Nehmen wir einmal dasjenige, was eine 



Harmonie ist: wir haben ein gleichzeitiges Zusammenwirken von 
Tonen; und nehmen wir das, was eine Melodie ist: wir haben ein auf- 
einanderfolgendes Zusammenwirken von Tonen. Denken Sie sich 
nun, Sie konnten dasjenige bewufk machen, was Sie unbewufk im 
Laut-Wahrnehmen tun, so wiirde folgendes geschehen. 

Sie miissen sich klar sein dariiber, dafi im Sinn eben etwas Unbe- 
wufkes - Unterbewufkes wenigstens - liegt. Wiirde das, was bei der 
Sinneswahrnehmung unbewufk vorliegt, bewufk gemacht werden, 
so wiirde es kein Sinn mehr sein, keine Sinneswahrnehmung, son- 
dern man miifke sprechen von einem Urteil, einer Begriffsbildung 
und dergleichen. Sie miissen sich also denken, wie dasjenige vor sich 
ginge, was da im Unterbewufken sich vollzieht bei der Lautwahr- 
nehmung, wenn Sie es bewufk ausfiihren konnten. Denken Sie ein- 
mal, Sie nehmen eine Melodie wahr. Wenn Sie diese Melodie wahr- 
nehmen, nehmen Sie die Tone hintereinander wahr. Denken Sie nun, 
Sie konnten ohne weiteres die Tone einer Melodie so in der Zeitlinie 
zusammenschieben, da£ Sie dieselben gleichzeitig wahrnehmen 
konnten. Dazu hatten Sie freilich notig, Vergangenheit und Zukunft 
ineinanderzuschieben. Sie miifken vorzugsweise in der Mitte einer 
Melodie schon das Folgende wissen, um es aus der Zukunft in die 
Gegenwart hineinschieben zu konnen. Was so der Mensch bewufk 
nicht ausfiihren kann, das geschieht tatsachlich im Lautsinn un- 
bewufk. Es wird, wenn wir A oder I oder einen andern Laut horen, 
immer durch eine unterbewufke Tatigkeit eine Melodie momentan 
in eine Harmonie verwandelt. Das ist das Geheimnis des Lautes. 
Diese wunderbare unterbewufke Tatigkeit wird etwa so ausgefiihrt 
auf einer geistigeren Stufe, wie innen im Auge die verschiedenen 
Strahlenbrechungen nach den regelrechten physikalischen Gesetzen 
ausgefiihrt werden, die Sie sich auch erst hinterher ins Bewufksein 
bringen. Wir tun jetzt dasselbe, was der Physiker tut, wenn er zeigt, 
wie die Strahlenbrechung im Auge zustande kommt. Also eine Me- 
lodie wird momentan zur Harmonie gemacht. Das ist aber noch 
nicht genug. Wenn nur das geschahe, dann kame noch nicht der Laut 
heraus, sondern dazu mufi noch etwas anderes hinzukommen. 

Sie miissen sich bewufk werden, dafi ein jeder musikalische Ton 



kein einfacher Ton ist, sondern wenn irgendein Ton ein musikalischer 
Ton ist, so ist er das dadurch, daft, wenn auch in einer noch so schwa- 
chen Weise, immer die Obertone mitklingen. Das ist das Besondere 
des musikalischen Tons gegeniiber den andern Gerauschen, Knall 
oder dergleichen, daft immer die Obertone gehort werden, wenn sie 
auch praktisch nicht horbar sind. Wenn Sie eine Melodie haben, haben 
Sie nicht nur die einzelnen Tone, sondern Sie haben auch bei einem 
jeden Ton die Obertone. Wenn Sie eine Melodie momentan in eine 
Harmonie zusammendrangen, so haben Sie nicht nur zusammen- 
gedrangt die einzelnen Grundtone, sondern auch hineingedrangt von 
einem jeglichen Ton die Obertone. Nun muft aber die unterbewufite 
Tatigkeit noch etwas ausfiihren: sie muE die Aufmerksamkeit abwen- 
den von den Grundtonen, sie mufi sie in gewisser Weise iiberhoren. 
Das tut tatsachlich die Seele, wenn sie den Laut A oder I wahrnimmt. 
Nicht als ob die andern Tone nicht da waren, sondern es wird nur die 
Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt, und es wird nur jene Harmonie 
von Obertonen aufgefalk. Das ist erst der Laut. Dadurch entsteht ein 
Laut, dafi eine Melodie momentan in eine Harmonie umgewandelt 
wird, dann von den Grundtonen abgesehen wird und nur das System 
der Obertone aufgefafit wird. Was diese Obertone dann geben, das ist 
der Sinn des Lautes, A oder I. Nun haben Sie dasjenige, was eigentlich 
Laut-Wahrnehmung ist, geradeso erklart, wie man das Sehen im Auge 
physikalisch erklart. 

Was ist nun - und das ist eine ebenso schwierige, aber wichtige Fra- 
ge - die Wahrnehmung der Vorstellung, was ist das Wahrnehmen des 
Sinnes allein, so daft Sie also das Wort horen und durch das Wort hin- 
durch dessen Sinn vernehmen, begreifen? Wie kommt das zustande? 

Daft das noch etwas ganz Besonderes ist, das mag Ihnen einfach aus 
der trivialen Erwagung hervorgehen, dafi Sie irgendeine Sache in den 
verschiedenen Sprachen mit den verschiedensten Lauten bezeichnen 
konnen. Sie heiften eine Sache das eine Mai «Amor», das andere Mai 
«Liebe». So ist in diesen beiden verschiedenen Lautbildern etwas aus- 
gedriickt, was in beiden Fallen dasselbe ist. Das weist hin auf den 
dahinterstehenden Vorstellungssinn. Wahrend man also den Laut bei 
jedem Volke, in jeder Sprache anders hort, hort man durch den Laut 



hindurch iiberall dieselbe Vorstellung, dasjenige, was eigentlich da- 
hintersteckt und was trotz aller Verschiedenheit der Lautbilder das 
gleiche ist. Das mufi auch wahrgenommen werden. Und wie wird das 
wahrgenommen ? 

Wir wollen, um uns das klarzumachen, den Prozeft des Vorstel- 
lungswahrnehmens betrachten, und zwar - das bitte ich Sie, ins Auge 
zu fassen - unter der Voraussetzung, daft die Vorstellung uns auf dem 
Wege des Lautes zukommt. Wenn wir nun in dem Laut-Wahrnehmen 
eine Melodie haben, die in eine Harmonie verwandelt ist, wobei abge- 
sehen wird von den Grundtonen - was uns den Lautsinn oder Wort- 
sinn gibt — , so ist es notwendig, damit der Vorstellungssinn heraus- 
kommt, dafi nun auch von dem ganzen System der Obertone die 
Aufmerksamkeit abgelenkt wird. Wenn Sie auch das noch seeiisch 
ausfuhren, dann blicken Sie zuriick zu dem, was sich in den Oberto- 
nen verkorpert hat, zu demjenigen, was Ihnen als Vorstellung zu- 
kommt. Damit ist aber zu gleicher Zeit nun auch das gegeben, daft der 
Mensch, wenn er die Laute und Worte seiner Sprache hort, dasjenige 
sozusagen etwas nuanciert, abgetont erhalt, was allgemein menschlich 
ist: die Vorstellung, welche durch alle Laute und alle Sprachen hin- 
durchgeht. 

Haben wir gesagt, daft sich durch die Sprache, insofern die Sprache 
ihre Laute hat, kundgeben hohe geistige Wesenheiten, die ihre beson- 
dere Mission haben im Zusammenhange des Erdenlebens, die Volks- 
geister, welche nicht nur in dem geheimnisvollen Raunen [der Spra- 
chen], sondern in dem ebenso geheimnisvollen Bilden an den Saften 
des Menschen wirken, in dem, was da im System der Obertone hinein- 
erzittert in den menschlichen Organismus, so miissen wir sagen, daft 
dasjenige, was hinter dem Tonen der Obertone liegt als das allgemein 
Menschliche, der gemeinsame Menschengeist ist, der iiber die ganze 
Erde himiberwallt. Dieser iiber die ganze Erde hiniiberwallende Men- 
schengeist, er laftt sich daher nur dann erkennen, wenn ein jeder an 
seinem Orte sozusagen durch die Obertone hindurch ins Unhorbare, 
ins bloft Vorstellungsmafiige hineinhorcht. Dadurch, daft die Men- 
schen die Moglichkeit bekommen haben, sozusagen iiber die Nuancen 
hinwegzusehen, hinwegzuhoren und ein Gemeinsames, das iiber die 



ganze Erde walk, zu erkennen, dadurch haben sie erst die Fahigkeit 
erlangt im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, 
dasjenige, was allgemein menschlich ist, zu begreifen. Denn nur im 
Vorstellungsleben lafk sich der Christus-Geist in seiner wahren Ge- 
stalt zuerst erfassen, im allgemein Menschlichen. Diejenigen geistigen 
Wesenheiten, welche ihn in den verschiedensten Formen verkiindigen 
und verkiindigen sollen, die von ihm ausgeschickt sind, jeder an seinen 
Ort, wie Sie das zum Beispiel so schon dargestelit finden in dem Goe- 
theschen Gedicht «Die Geheimnisse», diese Geister, die Sendboten des 
Christus, die von ihm ihre Aufgabe erhalten haben, das sind die einzel- 
nen Volksgeister, die Geister der einzelnen Volkerindividualitaten. 

Dies alles gibt Ihnen erst ein Bild von dem, was eigentlich Vorstel- 
lungssinn ist. Damit aber haben wir einen ganz besonderen Weg zu- 
riickgelegt. Wir haben sozusagen dasjenige, was im gewohnlichen 
Menschenleben Sinn an uns ist, zunachst erschopft. Wir haben es 
dadurch erschopft, dafi wir hingeschaut haben auf diejenige unterbe- 
wufite seelische Fahigkeit im Menschen, die imstande ist, das System 
der Obertone gleichsam zuriickzuschieben. Was wird nun eine noch 
hohere Fahigkeit sein? Was schiebt denn dieses System der Obertone 
zuriick? Was ist es denn im Menschen, was da hinauswirkt wie Fang- 
arme und das System der Obertone zuriickschiebt? - Das ist des Men- 
schen astralischer Leib. Erlangt des Menschen astralischer Leib die 
Fahigkeit, die Obertone zuriickzuschieben, was in trivialer Sprache 
ausgedriickt nichts anderes heifit, als die Aufmerksamkeit von ihnen 
abzuwenden, dann bedeutet das eine hohere Macht des astralischen 
Leibes, als wenn er sozusagen weniger zuriickschieben kann. Wann 
wird dieser astralische Leib nun noch starker sein? Er wird noch star- 
ker sein, wenn er nicht nur die Obertone zuriickschieben kann, nicht 
nur die Vorstellungen dadurch erreicht, dafi er die Obertone zuriick- 
schiebt und dadurch an die Grenze der aufieren Welt kommt und sie 
an ihrer Grenze als Vorstellung beobachten kann, sondern wenn er 
sich fahig macht, ohne da$ erst ein Widerstand da ist, durch eine 
eigene, innere Kraft seine astralische Substanz herauszustoEen. Um 
zur Vorstellung zu kommen, haben Sie immer noch notig, einen Wi- 
derstand zuriickzuschieben: das System der Obertone. Wenn Sie nun 



in der Lage sind, ohne dafi eine aufiere Veranlassung da ist, Ihre astra- 
lischen Fangarme herauszustrecken, so tritt das ein, was man im ho- 
heren Sinne das geistige Wahrnehmen nennen kann. Es bilden sich die 
eigentlichen geistigen Wahrnehmungsorgane. In dem Augenblick, wo 
der Mensch die Fahigkeit erlangt, nicht nur mit seiner Aufmerksam- 
keit das System der Obertone zuriickzuschieben, sondern wo er an 
einer gewissen Stelle des Vorderhirns - zwischen den Augenbrauen - 
seine astralische Substanz herausschieben kann wie zwei Fangarme, da 
bildet er an dieser Stelle das, was man die zweiblattrige Lotusblume 
nennt, das erste geistige Organ, was man auch nennen kann den ima- 
ginativen Sinn. Das ist nun der elfte der Sinne. Und in demselben 
Mafie, als der Mensch immer fahiger und fahiger wird, so aus sich 
selbst heraus, ohne dafi er durch die Aufienwelt gezwungen wird, 
seine astralische Substanz herauszustrecken, in demselben Mafie bil- 
det er weitere hohere Sinne aus. In der Gegend des Kehlkopfes bildet 
er aus durch diese Arbeit einen sehr komplizierten Sinn, die sechzehn- 
blattrige Lotusblume, den inspirierenden Sinn; weiter in der Herzge- 
gend den Sinn, den man auch den intuitiven Sinn nennen kann, die 
zwolfblattrige Lotusblume, und dann noch weitere hohere Sinne, die 
man aber nun, weil man da ins rein Geistige kommt, nicht mehr Sinn 
nennen kann im gewohnlichen Sinne. Es geniigt ja, dafi wir zu den 
physischen, eigentlichen Sinnen hinzuzufugen haben den imagina- 
tiven Sinn, den inspirierenden Sinn und den intuitiven Sinn. 

Nun fragen wir uns: Sind nun diese drei Sinne nur tatig im hellsich- 
tigen Menschen oder gibt es auch beim gewohnlichen Menschen et- 
was, was er als eine Tatigkeit dieser Sinne auffassen kann? - Ja, auch 
beim gewohnlichen Menschen gibt es etwas, was als eine Tatigkeit 
dieser Sinne aufzufassen ist, des imaginativen, des inspirierenden und 
des intuitiven Sinnes. Wenn Sie genau aufgefalk haben, wie diese Sinne 
beim hellsichtigen Menschen wirken, so werden Sie sich sagen, sie 
wirken, indem sie sich wie Fangarme nach aufien erstrecken. Beim 
gewohnlichen Menschen sind sie auch vorhanden, nur mit dem Un- 
terschiede, dafi sie sich da nicht nach aufien, sondern dafi sie sich nach 
innen strecken. Genau an der Stelle, wo die zweiblattrige Lotusblume 
beim hellsichtigen Menschen entsteht, da ist beim gewohnlichen Men- 



schen etwas vorhanden wie zwei solcher Fangarme, die nach innen 
gehen, die sich nur in der Gegend des Vorderhirns kreuzen. So wendet 
das gewohnliche Bewufitsein einfach diese Fangarme, statt wie beim 
hellsichtigen Menschen nach auften, nach innen. 

Dasjenige, was hier vorliegt, kann ich Ihnen nur durch einen Ver- 
gleich klarmachen. Sie miifken viel meditieren, wenn Sie iiber den 
Vergleich hinauskommen wollten zur Tatsache. Denn eine Tatsache 
ist es. Sie brauchen sich nur klarzumachen, dafi der Mensch das, was 
er aufier sich hat, sieht, und das, was er in sich hat, nicht sieht. Keiner 
hat noch sein eigenes Herz oder Gehirn gesehen. So ist es auch im 
Geistigen. Die Organe werden nicht nur nicht gesehen, sondern sie 
werden auch nicht bewufk, und sie konnen daher auch nicht angewen- 
det werden. Aber sie wirken. Dadurch, daft etwas nicht bewuftt ist, ist 
es noch nicht untatig. Das Bewufttsein entscheidet nicht iiber die 
Wirklichkeit. Sonst miiftte alles dasjenige, was um uns ist in dieser 
Stadt Berlin und was Sie jetzt nicht sehen, nicht da sein. Allerdings ist 
das eine Logik, wonach diejenigen gehen, welche die hoheren Welten 
ableugnen, weil sie sie nicht sehen. Tatig sind diese Sinne, aber ihre 
Tatigkeit richtet sich nach innen. Und diese Wirkung der Tatigkeit 
nach innen nimmt jetzt der Mensch wahr. Wie nimmt er sie wahr? 

Indem sich der imaginative Sinn nach innen ergieftt, entsteht das, 
was man im gewohnlichen Leben die Empfindung irgendeiner Sache 
nennt, die auftere Empfindung, die auftere Wahrnehmung. Daft Sie die 
Dinge drauften sehen, das beruht darauf, daft nach innen hinein dieser 
Sinn arbeitet. Was Sie nach drauften als Empfindung, als Wahrneh- 
mung haben, das konnen Sie nur dadurch haben, daft dasjenige in Sie 
hineinarbeitet, was im imaginativen Sinn zum Vorschein kommt. 
Unterscheiden Sie aber wohl, was hier Empfindung genannt ist, von 
dem, was zum Beispiel ein Ton ist. Es ist noch etwas anderes, einen 
Ton zu horen, eine Farbe zu sehen, oder eine Empfindung dabei zu 
haben. Eine Farbe zu sehen und zu sagen, sie ist rot, ist etwas anderes, 
als die Empfindung dabei zu haben: sie ist schon oder haftlich, an- 
genehm oder unangenehm im unmittelbaren Eindruck. 

Auch der inspirierende Sinn ergieftt seine Tatigkeit nach innen, und 
durch diese Tatigkeit entsteht das, was nun eine kompliziertere Emp- 



findung ist: das Gefuhl. Das ganze Gefiihlsleben, das mehr Innerlich- 
keit hat als das blofie Empfindungsleben, ist eine Tatigkeit des inspi- 
rierenden Organes, das nur nach innen tatig ist statt nach aufien. Und 
wenn der intuitive Sinn sich nach innen ergiefk, dann entsteht das, was 
wir eigentlich jetzt das Denken nennen, das Gedankenbilden. Das ist 
der Erfolg der Tatigkeit des intuitiven Sinnes nach innen. Zuerst hat 
der Mensch eine Empfindung von der Sache, dann kommt das Gefuhl, 
und zuletzt bildet er sich seine Gedanken dariiber. 

Damit werden Sie gesehen haben, daft wir aus dem Sinnesleben 
bereits hineingestiegen sind in das Seelenleben. Wir haben von aufien, 
aus der Sinnenwelt heraus, im Menschen selber die Seele ergriffen in 
Empfindungen, in Gefuhlen, in Gedanken. Wenn wir nun weiter- 
gehen wiirden und die hoheren Sinne, die wir nun nicht mehr gut 
Sinne nennen konnen, die den andern Lotusblumen entsprechen, in 
ihrer Wirkung nach innen betrachten, so wiirden wir das gesamte 
hohere Seelenleben finden. Wenn zum Beispiel die im Organismus 
weiter unten gelegene achtblattrige oder die zehnblattrige Lotusblu- 
me ihre Tatigkeit nach innen ergiefk, dann entsteht eine noch feinere 
Seelentatigkeit. Und am Ende dieser Reihe finden wir jene allerfeinste 
Seelentatigkeit, die wir nun nicht mehr mit dem blofien Gedanken 
bezeichnen, sondern als den reinen Gedanken, den bloft logischen 
Gedanken. Das ist das, was hervorgebracht wird durch das Hinein- 
wirken ins Innere des Menschen durch die verschiedenen Lotusblu- 
mentatigkeiten. Wenn nun dieses Hineinarbeiten wiederum aufhort, 
blofies Hineinarbeiten zu sein und, wie ich angedeutet habe, anfangt 
hinauszuarbeiten, wenn also jene Fangarme, die sich sonst nach innen 
erstrecken, sich uberall kreuzen und nach auften sich als Lotusblumen 
ergieften, dann kommt jene hohere Tatigkeit zustande, durch die wir 
von der Seele aufsteigen zum Geiste, wo dasjenige, was uns sonst bloft 
als Innenleben erscheint in Denken, Fiihlen und Wollen, nunmehr in 
der Aufienwelt auftritt, getragen von geistigen Wesenheiten. 

So haben Sie den Menschen sozusagen begriffen, indem Sie auf- 
gestiegen sind von den Sinnen durch die Seele zu dem, was eigentlich 
nicht mehr im Menschen ist, sondern was als Geistiges von auften 
hereinwirkt und dem Menschen ebenso angehort wie der ganzen 



Natur und der ganzen iibrigen Welt draufien. Wir sind aufgestiegen 
zum Geistigen. 

Was ich Ihnen jetzt geschildert habe in diesen heme gegebenen 
Andeutungen und in den beiden letzten Vortragen, das ist der eigent- 
liche Mensch; das ist der Mensch, sozusagen als ein Werkzeug, die 
Welt wahrzunehmen, seelisch durchzuerleben und geistig zu erfassen. 
So ist erst der Mensch. Und das, was dieser Mensch ist, das formt sich 
eigentlich erst seinen Leib. Ich habe Ihnen nicht das geschildert, was 
der Mensch ist, wenn er fertig vor Ihnen steht. Ich habe Ihnen geschil- 
dert, was da im Menschen drinnen tatiges Spiel ist. Das aber, was da 
tatiges Spiel ist, was da alles zusammenwirkt - sinnlich, seelisch und 
wiederum geistig -, das formt sich den Menschen so, wie er vor uns 
steht auf dem Erdenrund. 

Wie formt es sich den Menschen? Da werde ich Ihnen zunachst 
auch nur sozusagen Hinweise geben konnen, Hinweise, die Sie aber 
iiberall, wenn Sie auf die positiven Resultate der aufieren Beobach- 
tung eingehen, werden bewahrheitet finden. Dasjenige, was da drau- 
£en vor uns steht, wenn wir mit den aufieren Sinnen den Menschen 
anschauen, das ist blofi eine optische Tauschung. Das ist gar nicht 
vorhanden. Das nimmt sich vor einer vollstandigen Betrachtung ganz 
anders aus. Denken Sie doch einmal daran - um sich ein Bild zu 
machen -, dafi Sie sich selbst gar nicht ganz sinnlich wahrnehmen 
konnen. Wenn Sie Ihr Auge schweifen lassen iiber sich selber, so 
sehen Sie nur einen Teil von sich selber, nur einen Teil Ihrer Oberfla- 
che. Sie konnen niemals Ihr eigenes Hinterhaupt oder Ihren Riicken 
selbst wahrnehmen. Dennoch wissen Sie, dafi Sie sie haben. Sie wis- 
sen es durch die iibrigen Sinne, durch den Gleichgewichtssinn, durch 
den Bewegungssinn und so weiter. Sie wissen sozusagen durch ein 
inner es Bewufksein, dafi etwas an Ihnen ist, was Sie nicht aufierlich 
an sich selber wahrnehmen konnen. So ist sehr viel am Menschen, 
was er nicht wahrnehmen kann, was zum Beispiel erst erfalk werden 
kann, wenn die gesamten von mir charakterisierten hoheren Wahr- 
nehmungsorgane entwickelt sind. 

Nun wollen wir zunachst einmal ins Auge fassen dasjenige Stuck 
vom Menschen, das er - nehmen wir an durch sein Auge - sinnlich an 



sich selber wahrnehmen kann. Begrenzen Sie zunachst das Stuck, das 
der Mensch an sich selber sehen kann. Was ist denn eigentlich dieses 
Stiick, das der Mensch da an sich selber wahrnimmt? Fassen Sie nur 
die Worte genau. Wodurch soli der Mensch denn dieses Stiick, das er 
an sich selber sehen kann, wahrnehmen? Alles was man wahrnimmt, 
nimmt man wahr im Grunde genommen durch die Empfindungsseele. 
Denn wenn man nicht durch die Empfindungsseele irgendeine Nach- 
richt bekommt von dem, was vorgeht, so wird man zu keiner Auffas- 
sung iiber etwas kommen. Wiirde der blofte Empfindungsleib eine 
solche Nachricht bekommen, so wiirde er es nicht auffassen konnen. 
Er wiirde davorstehen ohne Verstandnis. Daft der Mensch aber etwas 
wahrnehmen kann, das macht die Empfindungsseele, welche dasjeni- 
ge, was da vorgeht, auffafk. Und was ist es, was da gegeniibersteht 
dieser Empfindungsseele? Was ist das Stiick, was dann der Empfin- 
dungsseele gegeniibersteht, wenn das Auge es wahrnimmt? Das ist 
nichts anderes als der Schein des Empfindungsleibes, die aufiere Illu- 
sion des Empfindungsleibes. Allerdings miissen Sie nun den Begriff 
etwas erweitern. Sie konnen sich nicht nur dadurch wahrnehmen, daft 
Sie Ihr Auge auf die Oberflache Ihres Korpers richten, sondern Sie 
konnen auch mit Ihren Fingern dahin reichen. Da nehmen Sie es auch 
durch den Empfindungsleib wahr. Der Empfindungsleib erstreckt 
sich iiberall da, wo der .Mensch wahrgenommen werden kann durch 
Beriihrung, durch Empfindung. Das ist jedoch nicht der Empfin- 
dungsleib, was der Mensch da wahrnimmt. Wiirden Sie den Empfin- 
dungsleib wirklich sehen, dann wiirden Sie sehen, daft da, wo Sie Ihr 
eigenes Scheinbild sehen, Ihren physischen Leib, ein Astralisches sich 
herandrangt und zuriickgeschoben wird. Wenn etwas zuriickgescho- 
ben wird, dann staut es sich. So haben Sie vorne ein Zusammenwirken 
von Empfindungsleib und Empfindungsseele. Von hinten her kommt 
die Stromung der Empfindungsseele, so daft sie sich stoftt an Ihrer 
Haut am Vorderleibe, und von vorne stofk sich das hinein, was Ihr 
Empfindungsleib ist. Wenn zwei Stromungen sich stauen, dann 
kommt die Stauung zum Vorschein. Da ist es gerade so, wie wenn 
zwei Strome aufeinanderprallen: dann kommt dabei etwas zum Vor- 
schein. Da sehen Sie den einen Strom, und Sie sehen den andern Strom. 



Jetzt aber denken Sie sich, Sie konnten den einen und den andern 
Strom nicht sehen, sondern Sie konnten nur dasjenige sehen, was an 
dieser Stelle durch das Durcheinanderwirbeln der zwei Strome zum 
Vorschein kommt. Das ist das Stuck an Ihrer aufteren Leiblichkeit, 
was Ihr Auge oder sonst irgendein aufierer Sinn an Ihnen selber wahr- 
nehmen kann. Sie konnen geradezu an Ihrer Haut begrenzen, wo die- 
ses Zusammentreffen von Empfindungsseele und Empfindungsleib 
stattfindet. Hieraus sehen Sie an einem Beispiel, wie dasjenige, was wir 
geistig betrachtet haben, wie diese verschiedenen Glieder des Men- 
schen an dem Menschen selber formen. Wir sehen, wie die Seele am 
Leibe selber formt. Nun gehen wir weiter. 

Wir konnen sagen: An dem Menschen ist ein Zusammenwirken 
von hinten und vorn, so daft Empfindungsseele und Empfindungsleib 
zusammenstoften. Geradeso gibt es ein Zusammenstoften von Stro- 
mungen, die von rechts und von links kommen. Von links her kommt 
diejenige Stromung an den Menschen heran, welche seinem physi- 
schen Leib angehort, von rechts diejenige, welche seinem Atherleibe 
angehort. Atherleib und physischer Leib ergieften sich ineinander, 
schieben sich ineinander, und wo die beiden sich ineinanderschieben, 
wo physischer Leib und Atherleib gemeinschaftlich wirken, da ist 
dasjenige, was da entsteht, der eigentliche sinnlich wahrnehmbare 
Mensch. Sozusagen ein Blendwerk entsteht vor dem Menschen. Von 
links kommt die Stromung des physischen Leibes, von rechts die 
Stromung des Atherleibes; die beiden dringen ineinander und bilden 
in der Mitte das, was uns erscheint als der sinnlich wahrnehmbare 
physische Mensch. 

Und weiter. Ebenso wie es Stromungen von links und rechts, von 
vorn und hinten gibt, so gibt es eine Stromung von oben und eine von 
unten. Von unten herauf ergieftt sich namlich die Hauptstromung des 
astralischen Leibes und von oben herunter die Hauptstromung des 
Ich. Haben wir den Empfindungsleib vorhin so charakterisiert, daft er 
sich vorne abgrenzt, so ist es in Wahrheit so, daft der astralische Leib 
in seiner Stromung von unten herauf stromt, daft dann aber diese 
Stromung ergriffen wird von einer Stromung, die von hinten nach 
vorne geht, und dadurch in einer gewissen Weise begrenzt wird. Aber 



es ist nicht allein eine Stromung von unten nach oben und von riick- 
warts nach vorne in diesem astralischen Leibe, sondern es ist auch eine 
wirkliche Stromung von vorne nach riickwarts, so daft der astralische 
Leib durch diese Stromrichtungen zustande kommt: von unten nach 
oben und von vorne und riickwarts. Im Menschen flieften wirklich alle 
diese Stromungen ineinander: eine von oben nach unten, eine von 
unten nach oben, eine von riickwarts nach vorn, eine von vorn nach 
riickwarts, eine von rechts nach links, eine andere von links nach 



rechts. 



von obennadj vnren 




von vorn nqcF) hinhn 




von 1 1 n Hi n<ith rcchfr 




von rcchh nach links 




von hniten mocI] vorn 




Was kommt denn zustande durch das Aufeinanderstromen der von 
unten herauf und der von oben nach unten sich ergieftenden Stromun- 
gen? Was da zustande kommt, das will ich Ihnen in der folgenden 



Weise klarmachen. Eine Stromung geht von oben nach unten. Sie 
kann sich nicht ungehindert ergiefien, weil sie aufgehalten wird von 
der andern Stromung, welche von unten nach oben stromt. Ebenso ist 
es bei der Stromung, die von rechts nach links geht und so weiter. Jede 
wird aufgehalten, und das bietet in der Mitte das Scheinbild des 
physischen Leibes. 

Wenn wir die beiden Stromungen betrachten von riickwarts nach 
vorn und von vorn nach riickwarts, so miissen wir uns dariiber klar 
sein, dafi diese beiden Stromungen durchschnitten werden von den 
Stromungen von unten und von oben. Und durch dieses Durchschnei- 
den entsteht in der Tat eine Dreigliederung im Menschen. So dafi der 
untere Teil der einen Stromung zu bezeichnen ist als der Empfin- 
dungsleib im engeren Sinne. Dann entsteht durch die Stauung etwas, 
was demjenigen entspricht, was man nunmehr im engsten Sinne 
bezeichnen kann als die hochste Ausbildung des Empfindungsleibes, 
dort, wo sich die eigentlichen Sinne entwickeln, was Sie nicht mehr 
sehen konnen, weil die Augen selber dazugehoren, was Sie nicht mehr 
riechen konnen, weil das Riechorgan selber dazugehort. Sie konnen 
nicht hineinsehen in das Innere des Auges, sondern Sie konnen nur 
herausschauen aus dem Auge. 

Das ist die Ausgestaltung des gesamten Empfindungsleibes des 
Menschen. Warum aber habe ich Ihnen iiberhaupt zwei GHeder ge- 
zeichnet [siehe S. 62], wenn das alles Empfindungsleib ist? Das ist 
richtig aus dem Grunde, weil da unten hauptsachlich die Wirkung 
geschieht von auften, und da oben ist wiederum das physische Schein- 
bild dessen, was wir Empfindungsseele nennen. Im Antlitz zunachst 
haben Sie den Ausdruck der Empfindungsseele. Das Antlitz wird von 
der Empfindungsseele gebaut. Und da oben, das oberste Snick, das am 
wenigsten zuriickgeschobene, das ist das, wo die Verstandesseele sich 
ihr Organ baut. Nun aber merken Sie, dafi nicht nur diese Stromungen 
von unten und oben kommen, sondern dafi auch Stromungen von 
rechts und von links kommen, so dafi das Ganze wiederum durch- 
schnitten wird. Wir haben da eine Stromung, die durch die Langsachse 
des Korpers verlauft. Diese Stromung bewirkt, dafi wiederum eine Art 
von Spaltung da oben entsteht. Es wird ein Stuck abgespaltet von der 



Form der Verstandesseele; und dieses abgespaltene Snick, ganz oben 
an der Grenze, das ist die Form der Bewufitseinsseele. Diese Bewufk- 
seinsseele formt da oben bis ins Innerste des Menschen hinein, und sie 



formt da auch die Windungen des grauen Gehirns. Da haben Sie die 
Arbeit der Bewufkseinsseele an dem Menschen. Wenn Sie den Men- 
schen so als eine geistige Wesenheit kennen, dann konnen Sie rundweg 
das, was im Menschen als Form ist, aus dieser geistigen Wesenheit 
heraus begreifen. So arbeitet der Geist an der Form des menschlichen 
Leibes. Alle einzelnen Organe werden aus dem Geistigen sozusagen 
plastisch herausgemeifielt. Der Mensch kann den Bau des Gehirnes 
erst dann begreifen, wenn er weift, wie die einzelnen Stromungen im 
Gehirn durcheinander wirbeln. 




Form <3«r Bcwu|5t5G!nssed|e 




Nun wollen wir einmal auf eine Einzelheit eingehen, damit Sie 
sehen, wie diese Dinge einmal fruchtbar wirken konnen, wenn sie 
Gemeingut einer wahren Wissenschaft werden, anstelle der heutigen, 
aufteren Wissenschaft. Wir haben jetzt gesehen: Da oben entstehen 
durch die verschiedenen Stromungen die aufteren Organe fiir die Be- 
wufttseinsseele, Verstandesseele, Empfindungsseele zum Beispiel. Zu 
zeigen, wie dann diese Organe im Innern sich fortsetzen, wiirde sehr 
weitlaufige Erklarungen erfordern. Wir wollen aber eine andere Frage 
aufwerfen. Wir haben gesagt, daft das Ich von oben nach unten wirkt, 
und daft die Hauptmasse des astralischen Leibes von unten nach oben 
geht, so daft die Hauptmasse des astralischen Leibes und das Ich sich 
in einer Stromung beriihren. Dadurch kommt eine Wechselwirkung 
zustande zwischen Ich und astralischem Leib, so daft sie sich ineinan- 
der stauen. Da, wo das Ich eine bewuftte Tatigkeit ausfiihren soli, da 
muft etwas zustande kommen konnen, was durch die Empfindungs- 
seele, was durch die Verstandesseele und was durch die Bewufttseins- 
seele entsteht. So etwas, was zum Beispiel durch die Verstandesseele 
zustande kommt, ist ein menschliches Urteil. Wo muft denn also ein 
menschliches Urteil lokalisiert sein? Natiirlich muft es im Kopfe loka- 
lisiert sein, weil dort die betreffenden lebendigen Krafte und Wesens- 
glieder des Menschen ihren Ausdruck gefunden haben. Nehmen wir 
jedoch als ein besonderes Beispiel an, es sollte im Menschen ein sol- 
ches Organ zustande kommen, an dem die Verstandesseele keinen 
Anteil hat, in dem nicht geurteilt wird, sondern an dem nur Anteil 
haben sollen der physische Leib, der Atherleib, das Ich und der astra- 
lische Leib als Trager von Lust und Leid, Freude und Schmerz und so 
weiter. Nehmen wir an, diese vier Glieder der menschlichen Wesen- 
heit, der astralische Leib, das Ich - ohne jene feinere Tatigkeit des 
Urteilens und des Bewufttseins -, der physische Leib und der Ather- 
leib sollten zusammenwirken. Wie miiftte sich dann ein Organ aus- 
nehmen, worinnen diese vier Stromungen zusammenwirken? Ein sol- 
ches Organ wiirde so sein, daft es nicht urteilen liefte, daft es sogleich 
folgen lassen wiirde auf den Eindruck des astralischen Leibes die 
Gegenwirkung. Physischer Leib und Atherleib miissen zusammen- 
wirken, denn sonst konnte dieses Organ nicht da sein. Astralischer 



Leib und Ich mussen zusammenwirken, sonst konnte dieses Organ 
nicht Gefiihle haben, und es konnte auch nicht auf einen Eindruck hin 
irgendeine Sympathie oder Antipathie aufiern. Wir wollen uns zusam- 
menwirkend denken physischen Leib und Atherleib, und wir wollen 
uns denken, dafi es ein physisches Organ ist, und dafi es naturlich 
einen entsprechenden Atherleib haben mufi, weil ja jedes physische 
Organ von einem Atherleib aufgebaut werden mufi. In diesem Falle 
miifke zusammenwirken eine Stromung von rechts des Atherleibes 
dieses Organs, und eine Stromung von links, diejenige des physischen 
Leibes dieses Organs. Die wiirden sich in der Mitte stauen, wiirden 
sich nicht iibereinanderschieben konnen und wiirden daher eine Ver- 
dickung hervorrufen. Dann wiirde es die beiden andern Stromungen 
geben, die des astralischen Leibes von unten und die des Ich von oben; 
die wiirden eine andere Stauung hervorrufen. Nun wollen wir uns 
einmal schematisch dieses Zusammenwirken der Stromungen in ei- 
nem einzelnen Organ denken. Ich will nur schematisch die Sache 
zeichnen; die einzelnen Formen eines solchen Organes wiirden aus 
ganz andern Voraussetzungen folgen. Ich will sagen: Es gabe ein 
Organ, irgendwie geformt; da gabe es die eine Stromung, die den 
physischen Korper reprasentiert, und die andere Stromung, welche 
den atherischen Leib reprasentiert. Die rufen in der Mitte eine Verdik- 
kung hervor. Die beiden andern Stromungen von oben und von unten 
stauen sich ebenfalls und rufen auch ihrerseits eine Verdickung her- 
vor. Da haben Sie das menschliche Herz gezeichnet: rechte Vorkam- 




mer, rechte Herzkammer, linke Vorkammer, linke Herzkammer. - 
Wenn Sie sich alles, was das menschliche Herz kann, genau vergegen- 
wartigen, so werden Sie sich sagen mussen: Gerade so mu!5 das 
menschliche Herz aus dem Geiste heraus gebaut sein! - So baut sich 
der menschliche Geist dieses Herz. Es kann gar nicht anders sein. 

Wollen wir ein anderes Beispiel nehmen. Wir haben gestern etwas 
Merkwiirdiges gesagt. Wir haben gesagt, daft bei der Sehtatigkeit im 
Grunde genommen eine unterbewufite Denktatigkeit vorhanden ist. 
Denktatigkeit, wenn sie bewuftt wird, kommt ja nur im Gehirn zu- 
stande. Nun wollen wir uns vergegenwartigen, wie das Gehirn gebaut 
ist, damit eine bewuftte Denktatigkeit zustande kommt. 

Wir haben jetzt nicht Zeit dazu, um die einzelnen Formen des Ge- 
hirns herauszumeifteln. Wir konnten bei jedem einzelnen Organ zei- 
gen, daft es so sein muE, wie es ist. Wir wollen das Schema des Gehirns, 
soweit wir es brauchen, von vornherein voraussetzen. Wir wollen sa- 
gen:* In dem Gehirn haben wir gegeben - um von allem andern abzu- 
sehen - die auftere Haut, dann eine Art von Gefafthaut; dann da drin- 
nen, zwischen der Gefafthaut und der netzformigen Haut, haben wir 
so etwas wie die Ruckenmarksflussigkeit. Von dort geht es dann in das 
Riickenmark hinein. Das Innere des Gehirns ist ausgefiillt mit der ei- 
gentlichen Gehirnmasse, mit Nervenmasse. Nervenmasse ist die aufie- 
re Form fur die Denktatigkeit, so daft also, wenn durch irgendein Sin- 
nesorgan ein Eindruck der Nervenmasse iiberliefert wird, das zustan- 
de kommt, was bewuftte denkerische Verarbeitung dieses Eindruckes 
von auften ist. Das alles ist der Nervenmasse iibertragen. Wenn der 
Eindruck kommt, wird er zuerst denkerisch verarbeitet, und nachdem 
er denkerisch verarbeitet ist, wird er von einem Nervensystem weiter- 
verarbeitet zur Empfindung und so weiter. 

Nehmen Sie nun einmal an, es soil keine bewuftte denkerische Ver- 
arbeitung eines Eindruckes von auften geschehen. Da miiftten Sie das 
zunachst in ahnlicher Weise machen. Es miiftte also wiederum eine Art 
von, sagen wir, Umfmllung da sein; es miiftte wiederum da sein an der 
Riickwand das, was man nennen konnte Gefafthaut. Aus einem be- 

* Was im folgenden an der Tafel demonstriert wurde, ist in den Nachschriften nur 
ungeniigend festgehalten. 



stimmten Grunde - der auch ausgefiihrt werden konnte, was aber 
jetzt zu weit fiihren wiirde - wiirde die Ruckenmarksfliissigkeit ver- 
kiimmern. Damit es nun geschehen kann, daft eine unterbewuftte 
Denktatigkeit moglich wird, miissen wir die Gehirnmasse zuriick- 
schieben: dadurch wird vorne Platz, so daft eine unterbewuftte, von 
keinem Nervensystem durchgearbeitete Denktatigkeit zustande 
kommt. Da mufi etwas geschehen mit dem, was sonst gleich von der 
Nervenmasse in Empfang genommen wird. Dafur aber muft die Ner- 
venmasse zuriickgeschoben werden. Wiirde die Nervenmasse nicht 
zuriickgeschoben werden, so wiirde hier gedacht werden. Wird sie zu- 
riickgeschoben, so kann hier nicht gedacht werden, kann auch nicht 
empfunden werden. Sie haben ein Organ, das einer unterbewuftten 
Denktatigkeit dienen soli, dann, wenn Sie alles, was Nervensystem ist, 
zuriickschieben bis an die hintere Wand, und den Eindruck, statt ihn 
gleich von einer Nervenmasse verarbeiten zu lassen, von etwas verar- 
beiten lassen, was von keinem Nervensystem durchzogen ist. - Nun 
sehen Sie sich an, was wir gemacht haben: wir haben aus dem Gehirn 
ein Auge gemacht. 

Was ist das Auge? Das Auge ist ein kleines Gehirn, das von unse- 
rem Geiste so bearbeitet ist, daft der eigentliche Nervenapparat zu- 
riickgeschoben ist an die hintere Wand, wo sie zur Netzhaut des 
Auges geworden ist. So arbeiten die Baumeister der Natur, die Bildner 
der Formen. So formen sie. Im Grunde genommen herrscht ein Bau- 
plan in alien menschlichen Organen, der nur im einzelnen, je nach 
Bedarf, abgeandert wird. Wenn ich wochenlang sprechen konnte, 
wiirde ich Ihnen zeigen, wie jedes Sinnesorgan nichts anderes ist als 
ein abgeandertes kleines Gehirn, und das Gehirn wiederum ein Sin- 
nesorgan auf einer hoheren Stufe. Aus dem Geiste heraus ist der ganze 
menschliche Organismus aufgebaut. 

Betrachten wir nun noch eine andere Einzelheit. Vorerst aber ge- 
statten Sie mir eine Art erkenntnistheoretischer Vorbemerkung, um 
an dieser Vorbemerkung wiederum den Standpunkt der Anthropo- 
sophie klarzumachen. 

Wir haben gesagt, daft unten in den Einzelheiten des Sinnenlebens 
die Anthropologic ihren Standpunkt hat, daft die Theosophie oben auf 



dem Bergesgipfel und dafi die Anthroposophie in der Mitte ihren 
Standpunkt hat. Wenn Sie sich nun an den Unterschied klammern 
wollen, der darinnen besteht, wie sich der Mensch einerseits verhalt 
zur aufieren Sinneswelt und andererseits zu der geistigen Welt und 
den Tatsachen, die aus der Geistesforschung heraus mitgeteilt werden, 
so konnen Sie sagen: Von dem Dasein der Sinnenwelt und ihren Ge- 
setzen kann sich jeder iiberzeugen, der Sinne hat und der seinen Ver- 
stand, der an die Sinnenwelt gebunden ist, anwendet. Daher glauben 
die Menschen auch im allgemeinen leichter an dasjenige, was ahnlich 
ist dem, was sie in der Sinnenwelt wahrnehmen, als an das, was aus der 
Geistesforschung heraus mitgeteilt wird. Denn das schauen sie leich- 
ter. Man konnte aber sehr leicht zeigen, dafi formal kein Unterschied 
besteht zwischen dem Glauben, den Sie entgegenbringen den Tat- 
sachen, die Ihnen der Geistesforscher mitteilt, und dem Glauben dar- 
an, daft man Ihnen sagt, es hat einen Friedrich den Grofien gegeben. 
Zu glauben, dafi es Geister des Willens gibt und dafi es einen Friedrich 
den Grofien gegeben hat, dazwischen ist formal kein Unterschied. Der 
Unterschied ist nur der, daft aus dem, was in den Archiven vorhanden 
ist, erzahlt wird: Das sind die Taten Friedrichs des Groften, die aufter- 
lich geschehen sind! - Und wenn Ihnen jemand aus den aufteren Tat- 
sachen heraus den ganzen Gang der geschichtlichen Geschehnisse 
aufbaut bis riickwarts, wo Friedrich der Grofte gelebt hat, so glauben 
Sie ihm aus dem Grunde, weil damals nicht eine Wesenheit gelebt hat, 
die anders ausgeschaut hat als ein Mensch. Aus dem Grunde glaubt es 
der Mensch, der nicht an geistige Welten glauben will, weil ihm hier 
etwas Ahnliches erzahlt wird, wie dasjenige ist, was er selber in seiner 
Umgebung hat. Der Geistesforscher ist ja zunachst nicht in der Lage, 
aus seiner Forschung heraus iiber solche Dinge zu reden, die ahnlich 
schauen den Wesenheiten und Dingen, die fur den gewohnlichen 
Menschen in seiner Umgebung sind. Daft trotzdem zwischen den 
beiden Arten kein Unterschied ist, und trotzdem dies absolut begriin- 
det ist, so ist das, was ich jetzt gesagt habe, dennoch in einer gewissen 
Weise zu beriicksichtigen. Nun kommt aber noch etwas anderes. 

Wir haben charakterisiert den Gesichtspunkt dessen, der zum Bei- 
spiel unten auf dem Standpunkt der Anthropologic steht, und den 



Gesichtspunkt dessen, der auf dem Standpunkt der Theosophie steht. 
Es ist voll begriindet - das hat Ihnen ja Dr. Unger bewiesen -, Vertrau- 
en und Glauben in begriindeter Weise zu haben zu dem, was aus der 
Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Das ist durchaus eine voll be- 
griindete Art der Anerkennung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten. 
Nun fragt es sich aber: Gibt es vielleicht nicht noch ein Drittes? - Gibt 
es nur diese zwei Dinge: etwas anzuerkennen, weil es ahnlich schaut 
dem, was man gewohnt ist zu sehen in der Sinnenwelt, oder bloft 
anzuerkennen das Geistige daraufhin, daft man es als eine Mitteilung 
empfangt aus den hoheren Welten? Gibt es nicht doch noch ein Drit- 
tes? Mit andern Worten, kann der Mensch verniinftigerweise nur 
unterscheiden: Hier gibt es ein sinnlich Wahrnehmbares; ich glaube 
es, weil ich es sinnlich sehe. Dann gibt es ein geistig Wahrnehmbares; 
ich glaube es, weil der Geistesforscher es sieht. - Gibt es dazwischen 
nicht noch etwas? 

Ich will Ihnen an einem Beispiel klarmachen, daft es doch noch 
etwas Drittes gibt. Denken Sie, hier liege ein Hammer. Meine Hand 
ergreift ihn und stellt ihn vertikal auf. Jetzt hat der Hammer eine 
Bewegung ausgefiihrt. Sie werden diese Bewegung darauf zuriickfuh- 
ren, daft ein Wille da war, der den Hammer aufgerichtet hat. Das ist 
weiter nicht wunderbar, denn Sie sehen den dahinterstehenden Willen 
im Menschen verkorpert. Wenn Sie sehen, daft ein Mensch einen 
Hammer aufhebt, so werden Sie das nicht als etwas Besonderes be- 
trachten. Aber nehmen Sie an, derselbe Hammer wtirde, ohne daft ein 
sichtbares Wesen ihn anriihrt, selber sich vertikal aufrichten. Was 
wiirden Sie jetzt dazu sagen? Jetzt werden Sie sagen: Ich ware sehr 
toricht, wenn ich glauben wiirde, daft dasjenige, was sich da aufgerich- 
tet hat, ein Hammer ware wie ein jeder andere Hammer, der nur auf- 
gerichtet werden kann durch einen Menschen. - Was werden Sie jetzt 
sich sagen mussen? Sie werden sich jetzt sagen: Es ist doch selbstver- 
standlich, daft das kein gewohnlicher Hammer ist, sondern daft in 
diesem Hammer etwas unsichtbar darinnen ist, etwas, was ein Wille 
ist. - Wenn Sie sehen, daft der Hammer sich aufrichtet, konnen Sie ihn 
als keinen gewohnlichen Hammer mehr nehmen, sondern Sie mussen 
ihn als etwas nehmen, was die Verkorperung eines andern Willens, 



eines andern Geistigen ist. Und Sie werden sich sagen: Sehe ich, daft 
ein Ding etwas tut, was es sonst nach den Eigenschaften, wie ich es als 
aufteres Ding kenne, nicht tun kann nach der Kenntnis der gewohn- 
lichen aufleren Sinnenbeobachtung, so mufi ich sagen, zwar sehe ich 
nicht den Geist in dem Hammer, der sich aufgerichtet hat; aber in 
diesem Falle darf ich nicht blofi an den Geist glauben, sondern in 
diesem Falle ware ich ein grofier Tor, wenn ich nicht an den Geist im 
Hammer glauben wiirde. 

Wenn Sie keine genaue Beobachtungsgabe haben, und Sie wiirden 
mit jemandem gehen, der hellsichtig ist, so konnte da jemand liegen, 
ein Mensch, der sich nicht riihrt. Sie mit Ihrer ungenauen Beobach- 
tungsgabe konnten gar nicht unterscheiden, ob das ein wirklicher 
Mensch ist oder ein Mensch aus Papiermache. Der andere aber sagt 
Ihnen: Das ist ein wirklicher Mensch; er hat einen astralischen Leib! 
- Da miissen Sie es glauben. Aber ein Drittes gibt es auch noch, und 
das ware, dafi derjenige, der da liegt, plotzlich aufstande. Dann wer- 
den Sie nicht mehr daran zweifeln, dafi der hellsichtige Mensch vorher 
recht gehabt hat und daft da ein Geist und eine Seele drinnen ist, wenn 
der Betreffende aufgestanden ist. Das ist das Dritte. 

Nun will ich Ihnen einen Fall zeigen, wo Sie im Leben das beob- 
achten konnen, allerdings nicht in nachster Nahe, und doch wiederum 
in nachster Nahe. Wir haben gesagt: Von links nach rechts im Men- 
schen wirkt die Stromung des physischen Leibes, von rechts nach 
links die Stromung des Atherleibes, von vorn nach riickwarts die Stro- 
mung des Empfindungsleibes, von riickwarts nach vorne die Stro- 
mung der Empfindungsseele. Von unten nach oben und von oben 
nach unten wirken astralischer Leib und Ich einander entgegen. Diese 
Stromungen fliefien also alle durcheinander. Das Ich, sagten wir, wirkt 
im Menschen von oben nach unten. Wie mulS das aufiere Organ daher 
liegen, damit es der Mensch als einen Apparat des Ich haben kann? 
Das aufiere Organ fur das Ich, das wissen Sie ja, ist das zirkulierende 
Blut. Das Ich konnte nicht wirken von oben nach unten, wenn es nicht 
im physischen Leibe sein Organ fande, das von oben nach unten in der 
vertikalen Richtung den menschlichen Leib durchzoge. Wo kann kein 
Ich sein, wie es der Mensch hat? Da, wo die Hauptblutrichtung nicht 



von oben nach unten geht, sondern wo sie horizontal liegt. Das ist in 
der Tierwelt der Fall. Das Gruppen-Ich der Tiere findet kein Organ, 
weil die Hauptblutlinie horizontal ist. Das ist der Unterschied, daft die 
Hauptblutlinie sich beim Menschen aufrichten muftte, damit in diese 
Hauptblutlinie das Ich des Menschen hineinkommen konnte. Da 
haben wir also die Tiere, bei denen das Ich das Blut nicht erfassen kann 
als sein Organ, weil die Hauptlinie des Blutes horizontal gerichtet ist, 
und da haben wir die Menschen, bei denen das Ich das Blut erfassen 
kann als sein Organ, weil die Hauptlinie dieses Blutes sich vertikal 
aufgerichtet hat. Nehmen wir nun einmal diejenige Anschauung, 
welche eine Verwandtschaft des Tieres mit dem Menschen aus bloft 
aufteren Griinden annimmt. Da miissen Sie sich sagen: Da sind tieri- 
sche Formen; die sind erhalten aus friiheren Zeiten. Jetzt aber muftte 
sich einmal die ganze Blutrichtungslinie aus der Horizontalen in die 
Vertikale aufrichten, damit der Mensch daraus werden konnte. - Hier 
haben Sie den geschichtlichen Fall: Sie haben etwas, was horizontal 
liegt. Das kann sich aber selbstverstandlich aus den Eigenschaften, die 
Sie beobachten konnen an dem tierischen Blutcharakter, ebensowenig 
selber aufrichten, wie der Hammer sich selber aufrichten konnte, 
wenn er nicht von einem Geiste durchseelt ware. Ebenso wie es toricht 
ware zu leugnen, daft in dem, was sich selber aufrichtet, ein Geist ist, 
ebenso toricht ware es zu denken, daft sich die horizontale Blutlinie 
des Tieres von selber aufrichtet zur vertikalen Blutlinie des Menschen. 
Nur wenn darinnen ein Geist ist, wenn ein Wille sie durchstromt, 
kann sie sich aufrichten von der Horizontalen in die Vertikale, kann 
die tierische Gruppenseele iibergehen in die individuelle Menschen- 
seele. Und wer sich nicht eingesteht auf der einen Seite: Ich ware ein 
Tor, wenn ich glauben wollte, daft der Hammer, der sich selber auf- 
richtete, nichts anderes ware wie ein gewohnlicher Hammer -, der 
ware ein ebenso grofter Tor, wenn er annehmen wollte: Ich denke, daft 
das, was im Blute ist, sich von selber vertikal aufstellt. 

Hier haben Sie die dritte Art, wie Sie sich alle geisteswissenschaft- 
lichen Wahrheiten bewahrheiten konnen, indem es Ihnen einleuchtet, 
daft Dinge geschehen, bei denen anzunehmen, daft nur dasjenige daran 
beteiligt ist, was man mit aufteren Sinnen sieht, eine Torheit, ein 



Unding ist. Und je weiter man in die Dinge eindringt, desto mehr zeigt 
es sich, dafi diese mittlere Art der Uberzeugung fur alles moglich ist, 
diese mittlere Art, die darin besteht, dafi das gewohnliche Denken 
befruchtet wird von der Geisteswissenschaft. Denn Sie miissen doch 
zugeben konnen, dafi ein menschliches Herz nicht so gezeigt werden 
kann, wie wir es taten, ohne die vorherige geistige Forschung. An- 
geregt werden muft die Forschung von der Geisteswissenschaft. Dann 
aber, wenn die Resultate der Geisteswissenschaft gegeben sind, und 
wir betrachten dann die aufieren Erscheinungen, dann werden wir 
sehen, daft an diesen aufieren Erscheinungen etwas vorgeht, was un- 
moglich vorgehen konnte, wenn nicht die Dinge vorausgesetzt wiir- 
den, die uns von der Geisteswissenschaft gesagt werden konnen. So 
gibt es eine Methode, die Dinge unbefangen zu beobachten, wenn Sie 
zum Beispiel sehen, wie die Blutlinie im Tier horizontal, im Menschen 
vertikal ist, und sich dann fragen: Was mufi im Blute vorhanden sein, 
damit sich die ganze Hauptblutlinie aufrichten kann? und dann die 
Antwort aus der Geistesforschung erhalten: Im Blute herrschen gei- 
stige Wesenheiten! so dafi Sie sich dann sagen: Zeigt mir das Blut nicht 
ebenso die Anwesenheit einer geistigen Wesenheit, so wie ein Ham- 
mer, der sich selber aufstellen wiirde, mir die Anwesenheit einer gei- 
stigen Wesenheit zeigen wiirde? Hier haben Sie den mittleren Stand - 
punkt der Anthroposophie, der die Tatsachen unten beobachtet, die 
Tatsachen der geistigen Welt beobachtet, beide miteinander vergleicht 
- und dadurch dasjenige vollstandig erklart, was aufierlich in der Welt 
vorhanden ist. 

So haben wir jetzt an einzelnen Beispielen, wie an der Umwand- 
lung des Gehirns in das Auge und an der inneren schematischen Kon- 
traktion des menschlichen Herzens, gezeigt, wie jedes Organ in seinen 
Formen begriff en werden kann. So konnten wir die einzelnen Formen 
jedes Organs konstruieren aus dem Geiste heraus. Uberall wiirde sich 
Ihnen zeigen, wie der Geist am Menschen arbeitet, um die Organe und 
die Formen des Korpers zustandezubringen. Nur im Prinzip sollte 
das angedeutet werden. Aber Sie sollten durch solche Dinge, wie sie 
heute angedeutet sind, ein Gefuhl davon erhalten, daft es doch vieles 
in der Welt gibt, wovon sich Gelehrtenweisheit gar nichts traumen 



lafit, weil sie nicht eingehen will auf die Sachen. Wenn Sie dieses 
Gefiihl davontragen, so werden Sie sehen, dafi es eine Moglichkeit gibt 
fur den Menschen, die Welt unbefangen zu betrachten, wo das Inein- 
anderweben dessen, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt 
heraus mitteilt, mit den irdischen Dingen, zwar nicht jeder gleich se- 
hen kann, wo man sich aber doch sagt: Es ist ein Unding, fiir gewisse 
Erscheinungen nicht jene Tatsachen anzunehmen, welche der Geistes- 
forscher erzahlt. 

Wenn dieses Gefiihl besteht, dann ist schon gemigend gewonnen 
durch diese anthroposophischen Vortrage; denn wir konnen nur lang- 
sam und allmahlich aufsteigen in der geistigen Forschung. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 27. Oktober 1909 



Gestern sprachen wir iiber die verschiedenen Kraftstromungen, wel- 
che den menschlichen Organismus formen und ihm so seine Gestalt 
geben, daft uns diese Gestalt erklarlich erscheinen muE. Wir haben 
gesehen, wie sich in frappierender Weise ergibt, daft das Herz, das 
Auge gerade so aussehen mussen, wie sie eben aussehen, wenn wir die 
bildenden Krafte kennenlernen. Wir haben, wie Sie gesehen haben, 
dasjenige, was im menschlichen Organismus iibersinnlich vorgeht, 
um das sinnliche Bild zur Erscheinung zu bringen, zuriickgefiihrt und 
zusammengesetzt aus Stromungen von links nach rechts, von rechts 
nach links, von oben nach unten und von unten nach oben, von vorne 
nach riickwarts und umgekehrt. 

Nun konnte jemand sagen: Jetzt wollen wir dich in deiner eigenen 
Schlinge fangen! Du erklarst uns eine sehr bedeutsame Erscheinung 
im menschlichen Organismus nicht, wenn du von diesen Stromungen 
sprichst von rechts und links, oben und unten, vorn und hinten, du 
erklarst uns diejenige Erscheinung doch gar nicht, die in dem Folgen- 
den liegt: Es gibt beim Menschen Organe, die genau symmetrisch 
gelegen sind, links und rechts gleich, und andere Organe, die unsym- 
metrisch sind, Herz, Leber, Magen und so weiter. Wir konnten, so 
konnte eingewendet werden, zur Not begreifen den menschlichen 
Organismus aus deinen Stromungen, wenn er ganz unsymmetrisch 
gebaut ware, wenn er, ebenso wie er von unten nach oben und von 
vorn nach riickwarts anders aussieht, auch anders aussehen wiirde von 
links nach rechts. 

Das konnte eingewendet werden. Es ware aber ein kurzsichtiger 
Einwand. Denn, wie wir schon angedeutet haben, ist dasjenige, was 
von links nach rechts und von rechts nach links stromt, gerade dasje- 
nige, was bewirkt den physischen Leib und den Atherleib. Also in 
derjenigen Richtung, in der der Mensch symmetrisch auf gebaut ist, 
stromen physischer Leib und Atherleib; gerade in dieser Richtung, wo 
physischer Leib und Atherleib stromen, ist der Mensch symmetrisch 



aufgebaut. Nun erinnern Sie sich aber, was die geisteswissenschaftli- 
che Forschung sagt zu dieser anthroposophischen Tatsache und der 
anthroposophischen Erklarung, dafi diese Stromungen existieren, und 
fragen wir uns, ob wir irgendeine Moglichkeit haben, auch da begreif- 
lich zu machen, dafi alles so sein mufi, wie es ist. 

Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt uns, dafi dieser phy- 
sische Leib des Menschen eine sehr alte Wesenheit ist, die vom alten 
Saturn her stammt, dafi der Atherleib auf der Sonne dazukam, daft der 
astralische Leib auf dem Monde und das Ich erst auf der Erde dazu- 
kam. Nun konnen wir uns fragen: Wie war denn die erste Anlage des 
physischen Menschenleibes, als sie auf dem alten Saturn angelegt 
worden war? Unsymmetrisch selbstverstandlich, denn sie mufite in 
einer Richtung wirken, die in der heutigen Leibesrichtung der von 
links nach rechts entspricht. Wie war die Anlage des Atherleibes, als 
sie auf der Sonne zunachst angelegt worden ist? Unsymmetrisch war 
sie, denn sie mulke in der Richtung angelegt werden, welche heute 
entspricht der von rechts nach links im Menschen. Nun geht aber die 
Entwickelung weiter. Es bleibt bei der alten Sonnenwirkung nicht 
stehen, sondern es kommt nun die Mondenwirkung hinzu. Da ent- 
wickelt sich der physische Leib weiter; da wird an seiner Gestalt 
weitergebildet. Wenn diese Mondenwirkung nicht gekommen ware, 
dann ware der Mensch in bezug auf seinen physischen Leib allerdings 
ein einseitig unsymmetrisches Wesen geblieben. Nun setzte sich aber 
die Bildung dieses physischen Leibes auf dem Monde fort, und es 
setzte sich weiter alles iibrige fort auf der Erde. Es mulke also etwas 
eintreten, was die ganze fnihere Bildung veranderte, was sie zu einer 
ganz andern machte. Es mufite sozusagen eine Umkehrung, eine 
Auswechselung der Richtungen entstehen. Es mufite dasjenige, was 
geschehen sollte, um die Einseitigkeit zu vermeiden, von der andern 
Seite her bewirkt werden. Das heilk, wahrend die Richtung, die vom 
Saturn her der Bildung des physischen Leibes eingepragt war, von 
links nach rechts geht, mufite das jetzt wieder ausgeglichen werden 
durch eine Bildung von rechts nach links. Wodurch geschah das? 

In friiheren Vortragen habe ich Ihnen gesagt, daft schon wahrend 
der alten Mondenzeit die Sonne sich losgetrennt hat von dem Mond, 



und da£ die Krafte nun von aufSen herein wirkten, nicht mehr von 
derselben Seite, vom Mondenkorper aus. Und so war es auch mit dem 
Atherleib, als die Bildung fortschritt. Was aus dem physischen Leibe 
bis zur alten Mondenzeit geworden war, das ist in Empfang genom- 
men worden von der Seite, die jetzt von der aufienstehenden Sonne 
kam. Ja, dann konnen wir aber wieder nicht begreifen, konnte jemand 
sagen, warum, da diese andere Seite so viel spater gebildet worden ist, 
sie nicht viel kleiner ist als die andere Seite, warum die beiden Seiten 
gerade symmetrisch sind. 

Erinnern Sie sich dazu an etwas anderes, was ich Ihnen gesagt habe. 
Es mufken gewisse Wesenheiten, die hoher entwickelt waren, um star- 
kere Wirkungen zu entfalten, sich gerade von dem alten Mond und 
von der Erde trennen. Gerade um in der Bildung von rechts nach links 
starkere Wirkungen auszuiiben, als die auf dem Saturn ausgeiibten, 
mufken diese Wesenheiten einen andern, hoheren Schauplatz gewin- 
nen. Denn sie hatten es nicht so leicht wie die Saturnwesen, als diese 
einseitig den physischen Menschenleib angelegt hatten. Sie hatten das, 
was von der bisherigen Evolution da war, schon zu iiberwinden. Da 
staute sich schon der ganze Bildungsprozeft. Deshalb mufken sie star- 
ker sein, sie mufken sich einen Schauplatz aufierhalb der Erde, auf der 
Sonne wahlen. Dadurch wurde die Kraft verstarkt, und es wurde die 
andere Seite gleich gemacht der ersten Seite. Es wurde der physische 
Leib ein symmetrisches Gebilde. 

So werden Sie, wenn Sie nur Geduld haben, alles bis ins einzelne 
hinein bestatigt finden, was im Laufe der theosophischen Vortrage 
gesagt worden ist. Bis in die einzelnsten menschlichen Organe hinein 
konnten die Bildungskrafte verfolgt werden. Es wurde ja naturlich 
zu weit fiihren, wenn ich Ihnen in diesen skizzenhaften Vortragen 
auch das Ohrlappchen zum Beispiel erklaren wollte, aber moglich 
ware es. 

Wenn Sie sich daran erinnern, was gestern gesagt worden ist: daft 
Stromungen stattfinden von vorne nach riickwarts, und dafi das die 
Wirkungen des Empfindungsleibes sind, die Ausstromungen des 
Empfindungsleibes in den menschlichen Organismus hinein, dafS da- 
gegen die Stromungen der Empfindungsseele von riickwarts nach 



vorwarts gehen, so haben wir also in einer Richtung zwei gegeneinan- 
der wirkende Stromungen, von vorne nach riickwarts und von ruck- 
warts nach vorne. Wie miifiten wir uns nun vorstellen, dafi die Stro- 
mungen des Empfindungsleibes von vorne nach riickwarts und die 
Stromungen, die von der Empfindungsseele von riickwarts nach vorne 
gehen, am menschlichen Organismus bauen? Wir konnten das einmal 
durch eine kleine Skizze veranschaulichen: 



Wie gesagt, der physische Leib, der Atherleib und der Hauptstock 
des astralischen Leibes waren schon da, und jetzt kommen jene Stro- 
mungen, die, vom Empfindungsleib kommend, von vorne nach riick- 
warts sich einbohren in den menschlichen Organismus. Und sie wir- 
ken so, daft sie hineinbilden in den menschlichen Organismus allerlei 
Organe in das, was schon darinnen ist. Nun, nehmen wir an, dafi 
wiederum hineinarbeitet in den Organismus von riickwarts nach vor- 
ne die Empfindungsseele. Diese Arbeit ist eine innere, weil es eben 
Empfindungsseele ist. Vorne werden sich die Stromungen stauen. Sie 
werden sich so stauen, dafi sie sich, wenn sie sich in den physischen 
Organismus hineinbohren, iiber das, was sie dort bilden, dariiberle- 
gen. Da gehen die Stromungen von der Empfindungsseele nach vorne, 
und da, wo der physische Leib begrenzt ist, dringen sie ein. Wahrend 



die Stromungen des Empfindungsleibes von auften nach innen drin- 
gen - denn der Empfindungsleib ist ja aufien gehen die Stromungen 
der Empfindungsseele von innen nach aufien. Da miissen also an jener 
Stelle irgendwelche Offnungen sein, da miissen einige Locher gebohrt 
werden. Sie haben von riickwarts nach vorne gehend gewisse Stro- 
mungen und Sie haben von vorne nach riickwarts gehend gewisse 
Stromungen. Die Stromungen von riickwarts nach vorne gehen von 
der Empfindungsseele aus, von etwas Innerlichem; [die Stromungen 
von vorne nach riickwarts] bohren sich hinein in den physischen 
Organismus. 

Wenn Sie diese Skizze anschauen, haben Sie die Seitenansicht eines 
menschlichen Gesichtes schematisch dargestellt: vorn die Stromun- 
gen, welche die Sinnesorgane hineinbohren, Gesichtsorgan, Geruchs- 
organ, Geschmacksorgan, und von hinten nach vorne kommend die 
Bildungskrafte, die das Gehirn dariiberlagern. Sie haben das Schema 
des Baues des menschlichen Kopfes, von der Seite angesehen. 

So konnen wir also sagen: Wenn das wahr ist, was die Geisteswis- 
senschaft sagt, so kann eigentlich dieser menschliche Kopf gar nicht 
anders aussehen, als er wirklich aussieht. Wo ist denn eigentlich der 
Beweis fiir das, was die Geisteswissenschaft behauptet? Die Geistes- 
wissenschaft zeigt: Wenn iiberhaupt jemals ein menschlicher Kopf hat 
entstehen sollen, so mufke er so aussehen. - Fragen Sie einmal den 
menschlichen Kopf, ob er so aussieht? Ja, er sieht so aus! Da haben Sie 
die Bestatigung, den Beleg dafiir, der uns von der Erscheinungswelt 
selber entgegengebracht wird. 

Oder betrachten Sie jetzt einmal eine andere Tatsache. Die Arbeit 
des Empfindungsleibes geht nach innen, und die Arbeit der Empfin- 
dungsseele geht von innen nach aufien, staut sich aber vorher noch. Sie 
kommt nicht bis nach aufien, sie bleibt sozusagen gestaut in dem 
physischen Gehirnleib drinnen. Sie kann nicht heraus; sie kommt nur 
an den Stellen heraus, wo ihr etwas entgegenkommt durch die Locher, 
welche von vorne hineingebohrt sind. Da kommt die Tatigkeit der 
Empfindungsseele heraus; da schreitet sie heraus. So dafi wir also 
haben einen Teil unseres Innenlebens, der sich eben als Empfindungs- 
seele nach aufien ergiefk. Das kann noch die Empfindungsseele. 



Die Verstandesseele ist hiezu nicht fahig. Sie ruht auch im Innern; 
sie muE sich ebenso verhalten in ihren Wirkungen. Sie staut sich voll- 
standig im Innern. Sie kann gar nicht nach aufien, denn ihr begegnen 
keine Stromungen von auften. Daher verlauft das menschliche Denken 
im Innern; es kann nicht heraus. Der Mensch mufi schon in seinem 
Innern nachdenken. Die Dinge denken nicht fur ihn nach und sie 
zeigen ihm auch nicht die Gedanken von auften her, sondern er mufi 
die Gedanken den Dingen entgegenbringen. Das ist das grofie Ge- 
heimnis, mochte man sagen, von dem Verhaltnis der menschlichen 
Gedanken zu der Auftenwelt. Durch die Sinnesorgane kommen dem 
Menschen keine Gedanken zu; so dafi also, wenn die Sinnesorgane 
selber eine Unregelmafiigkeit haben, leicht Sinnestauschungen vor- 
kommen. Wahrend aber im normalen Leben die Sinne nicht irren 
konnen, kann der Verstand, der sich mit den Dingen nicht in eine 
Beziehung setzen kann, irren. Er ist das erste Glied des Menschen, das 
irren kann, weil sich seine Tatigkeit innerhalb des Gehirnes staut, weil 
seine Tatigkeit nicht nach auften kommt. Was folgt daraus? Daraus 
folgt, dafi es ganz unmoglich ist, daft der Mensch Gedanken iiber die 
Aufienwelt hat und sich etwas Richtiges iiber die Aufienwelt denkt, 
wenn er nicht in seinem Innern eine Anlage dazu hat, richtige Gedan- 
ken aufsteigen zu lassen. Niemals - das konnen Sie daraus sehen - 
konnte die Auftenwelt dem Menschen richtige Gedanken geben, wenn 
die richtigen Gedanken nicht in seinem Innern aufsteigen wiirden. 
Richtige Sinnesempfindungen kann sie ihm geben. Die Sinnesempfin- 
dungen aber konnen nicht denken. Der Gedanke aber ist dem Irrtum 
unterworfen, und der Mensch mull die Kraft in sich haben fur die 
Richtigkeit des Gedankens. 

Fur denjenigen, der nachdenken will, zeigt schon diese Tatsache: 
Wenn im Menschen richtige Gedanken aufsteigen sollen iiber die 
Dinge der Auftenwelt und doch nicht im jetzigen Leben in Beriihrung 
kommen konnen mit diesen Dingen, daft das hinweist auf ein vorzeit- 
liches Dasein des Menschen. Denken Sie einmal: Der Mensch soil sich 
iiber die Weisheit der Welt richtige Gedanken machen, aber er kann 
mit seinen Gedanken gar nicht heraus. Was in der Welt draufien die 
Dinge als Weisheit durchstromt, das mufi auch in ihm selber aufstei- 



gen. Und es ist eine Grenze zwischen beiden; die zwei konnen gar 
nicht zusammenkommen. Sie mussen also einmal beieinander gewe- 
sen sein! Das war in jener Vorzeit, in welcher das menschliche Ich 
diese Stromungen von oben nach unten noch nicht aufgehalten hat, 
sondern sie frei durchgelassen hat. Sie mussen also daraus notwendig 
folgern, dafi der Mensch einmal anders organisiert gewesen sein mufi, 
dafi dasjenige, was heutiges Denken im Gehirn ist, einmal, wie die 
Sinneswahrnehmung des Auges, mit der Aufienwelt verbunden war, 
so dafi der Mensch seine Gedanken anschaute. 

Was heifk denn das: Man schaute das an, was man jetzt blofi denken 
kann? Das heifk, man hatte eine Hellsichtigkeit. Aber weil das Ich es 
gerade ist, was den Menschen von der alten Hellsichtigkeit getrennt 
hat, so war das Ich damals noch nicht da. Man mufi es also eine Hell- 
sichtigkeit nennen, die noch nicht Ich-durchleuchtet ist, die noch 
dammerhaft ist. Und wir konnen uns so geradezu das Wort zusam- 
mensetzen, das wir gebraucht haben fur das alte Hellsehen: ein dam- 
merhaftes Hellsehen mufi der Mensch gehabt haben. Er mufi friiher 
Zustande durchgemacht haben, wo er ein dammerhaftes Hellsehen 
gehabt hat. 

Wiederum ist es die jetzige Organisation, die uns zeigt, daft in ab- 
gelaufenen Zeiten der Mensch mit einer andern Organisation gelebt 
hat. Wenn das so ist, was gesagt worden ist, dann folgt daraus aber 
etwas sehr Wichtiges fur das praktische Leben. Es folgt daraus, daft fur 
alle Verhaltnisse der Sinneswelt die Sinneswahrnehmung - abgesehen 
von Sinnestauschungen - etwas ist, was die Wahrheit aussprechen 
kann. Denn in bezug auf die Sinneswahrnehmung steht der Mensch in 
einem unmittelbaren Verhaltnis zur Auftenwelt, in unmittelbarer Be- 
riihrung mit der Auftenwelt. Es geht daraus auch hervor, daft der 
Mensch iiber das, was in seinem Innern ist, nur durch die Kraft seines 
Verstandes etwas wissen kann. Zum Beispiel, wenn das Ich nach innen 
stromt, so ist es ja darinnen. Wenn der Mensch also sein Denken 
anwendet auf das Ich, so ist es ganz natiirlich, daft dieses Denken iiber 
das Ich - weil das Ich im Innern ist — imstande ist, etwas iiber dieses 
Ich zu entscheiden. Das haben Sie gesehen aus den Vortragen des 
Herrn Dr. linger. Und jetzt werden Sie auch den Vorgang lokalisieren 



konnen. Es ist die Begegnung der Verstandesseele mit dem Ich, welche 
das reine Denken, das nach innen gerichtete Denken erzeugt. Und Sie 
werden begreifen, dafi dieses Denken, welches sich selbst ergreift, 
nicht dem Irrtume ausgesetzt sein kann wie jenes Denken, das drau- 
fien in der Welt herumschweifen und sich aus den Dingen die Urteile 
holen will. Denn dieses Denken kommt nur so weit mit dem Nachsin- 
nen iiber die Aufienwelt, als es zuerst die Begriffe, die Wahrheit iiber 
die aufieren Dinge in sich selber finden kann. Der Mensch mufi den 
Dingen ihre Begriffe als Spiegelbilder entgegenhalten. Die Dinge 
selbst konnen nur die sinnliche Seite geben. Der Mensch mufi in sich 
aus einer richtigen Wahrheitsanlage aufsteigen lassen die Begriffe der 
Dinge, die Gedanken der Dinge. Uber was haben wir denn also nur 
ein Urteil in der Auftenwelt? In Wahrheit hat der Mensch nur iiber 
dasjenige in der Aufienwelt ein Urteil, was sich zunachst seinen Sin- 
nen darbietet. Was sich den Sinnen entzieht, dariiber konnen die Sinne 
selber nichts entscheiden. Was ist denn eigentlich also am Menschen, 
was einzig und allein nur in seiner Wahrheit erscheint? Einzig und 
allein ist am Menschen - und auch an den andern Wesen der Natur - 
lediglich das fur den physischen Plan in seiner Wahrheit erscheinend, 
was wirklich die Sinne sehen konnen. Sobald sich etwas den Sinnen 
entzieht in seiner unmittelbaren Gegenwart, dann kann vom physi- 
schen Plan aus kein Urteil iiber die Sache gefallt werden. Denn in dem 
Augenblick wird der Verstand, wenn er nicht gelenkt und geleitet 
wird von der inneren Richtigkeit oder Wahrheitsanlage, notwendiger- 
weise in alle moglichen Irrtiimer hineinkommen miissen. 

Ich will Ihnen diese Sache lieber an einem Beispiel ausfiihren. Ich 
will Ihnen zwei Lehren vorfiihren. Die eine kennen Sie aus der geistes- 
wissenschaftlichen Forschung: die Lehre, welche Formen der Mensch 
durchgemacht hat in den friiheren Daseinszustanden durch die atlan- 
tische, lemurische Zeit und so weiter hindurch bis hinauf zum alten 
Monden-, Sonnen- und Saturndasein. Da wird Ihnen gezeigt aus der 
geisteswissenschaftlichen Forschung heraus, was der Mensch fiir Zu- 
stande durchgemacht hat. Und wir haben heute ein Beispiel gesehen, 
wie wunderbar das, was die Sinne sehen, uns begreiflich erscheint, 
wenn wir diese Abstammungslehre des Menschen wirklich uns zu 



eigen machen und sie verarbeiten an der aufteren Welt. Und Sie kon- 
nen sich immer mehr und mehr davon iiberzeugen, wie frappierend es 
ist, dafi alles Aufiere eine Bestatigung liefert fur das, was die geistes- 
wissenschaftliche Forschung aus den Tatsachen der geistigen Welt 
heraus feststellt. 

Nehmen wir jetzt als Gegenstiick einmal die Sinnesforschung, die 
sinnliche Abstammungslehre, die ja erst in der neueren Zeit ihren 
Ausbau gefunden hat. Da zeigt sich uns vor alien Dingen, dafi ein 
wichtiges Gesetz aufgestellt worden ist, das ich schon ofter erwahnt 
habe: das biogenetische Grundgesetz, welches die aufieren Tatsachen 
in der Weise feststellt, daft der Mensch in seinem Keimeszustand kurz 
durchmacht alle diejenigen Formen, die erinnern an gewisse Tierge- 
stalten; in gewissen Stadien erinnert er an ein Fischchen und so weiter. 
Er wiederholt, so konnte man sagen, die verschiedenen Formen des 
Tierreiches. Nun wissen Sie ja alle, daft insbesondere in demjenigen 
Stadium, wo diese Abstammungslehre wild geworden war, geschlos- 
sen worden ist aus dieser Tatsachenwelt, daft der Mensch nun wirklich 
in der Vorwelt diese Formen durchgemacht habe, welche sich da wie- 
derholentlich zeigen in seinem Keimeszustand. Man mochte gegen- 
iiber dieser Tatsache sagen: Es war wahrhaftig fur die Menschheit ein 
Gliick, daft diese Beobachtung durch die Sorgfalt der Gotter so lange 
verborgen geblieben ist bis in die Zeit hinein, wo sie gleichzeitig fast 
- die Dinge schieben sich ja fast immer iibereinander -, nachdem sie 
in ihren wilderen Formen aufgestellt worden war, ihre Korrektur 
erfahren konnte durch die Geisteswissenschaft. - Das, was der 
Mensch durchmacht bis zu dem Zeitpunkt, wo er auf dem physischen 
Plan fiir die Sinneswahrnehmung erscheint, das wurde eingehiillt von 
den Gottern und konnte nicht beobachtet werden. Denn ware es noch 
friiher beobachtet worden, so hatte sich der Mensch vielleicht noch 
verkehrtere Begriffe dariiber gemacht. Die Tatsachen sind selbstver- 
standlich richtig, denn sie werden durch die Sinne beobachtet. Soil 
aber nun dariiber geurteilt werden, dann kommt das in Betracht, was 
die Kraft der Verstandesseele ist. Die kann nicht heran an das, was 
nicht sinnlich gesehen werden kann. Sie ist daher, wenn sie nicht die 
Wahrheitsanlage im Innern hat, notwendigerweise dem Irrtum unter- 



worfen. Und hier haben wir ein eklatantes Beispiel dafiir, wie die 
Urteilskraft, die aus der Verstandesseele kommt, in den Irrtum hinein- 
segeln kann. 

Was zeigt denn die Tatsache, daft der Mensch auf einer gewissen 
Stufe seines Keimeslebens einem Fischchen ahnlich sieht? Diese Tat- 
sache zeigt, daft der Mensch dasjenige, was Fischform ist, nicht brau- 
chen kann, daft er es ausstoften muftte, bevor er sein Menschendasein 
antrat. Und die nachste Keimesgestalt ist wiederum eine solche, die 
der Mensch ausstoften muftte, weil sie nicht zu ihm gehort, so wie der 
Mensch alle Tierformen ausstoften muftte, weil sie nicht zu ihm geho- 
ren. Der Mensch hatte nicht Mensch werden konnen, wenn er jemals 
in einer solchen Gestalt auf der Erde erschienen ware, wie diese Tier- 
formen sind. Er muftte sie eben gerade von sich absondern, damit er 
hat Mensch werden konnen. Wenn Sie in richtiger Weise diese Gedan- 
ken verfolgen, so werden Sie auch zu einem richtigen Urteil kommen. 
Was zeigen die Tatsachen, daft der Mensch im Keimesstadium zum 
Beispiel wie ein Fischchen aussieht? Diese Tatsachen zeigen, daft er 
niemals einem Fischchen ahnlich gesehen hat im Verlaufe seiner Ab- 
stammungslinie, daft er gerade in der Linie seiner Entwickelung aus- 
gestoften hat die Fischform, sie nicht brauchen konnte, weil er ihr 
nicht ahnlich sehen durfte. Nehmen Sie nun alle die andern aufeinan- 
derfolgenden Gestalten, welche die moderne Wissenschaft in den 
Gestalten des Keimeslebens Ihnen zeigt. Was zeigen diese Formen? 
Sie zeigen alles dasjenige, was der Mensch in der Vorzeit nicht gewe- 
sen ist, was er gerade aus sich hat ausstoften miissen. Sie zeigen alle 
diejenigen Bilder, denen er niemals ahnlich gesehen hat. So kann man 
in Wahrheit erfahren durch die Embryologie, wie der Mensch niemals 
in der Vorzeit ausgesehen hat. Alle die Dinge, die der Mensch nicht 
durchgemacht hat, sondern die er ausgestoften hat, kann man dadurch 
kennenlernen. Wenn man aber daraus den Schluft zieht, daft der 
Mensch von alledem abstamme, daft er das durchgemacht habe, um 
auf seine heutige Entwickelungsstufe zu kommen, so steht man dann 
auf demselben Standpunkt wie jemand, der etwa sagte: Hier steht der 
Sohn, hier der Vater. Wenn ich beide vergleiche, so werde ich nimmer- 
mehr glauben, daft der Sohn vom Vater abstammt. Ich werde glauben, 



dafi der Sohn von sich selber abstammt, oder der Vater vom Sohn. - 
Gerade die umgekehrte Reihenfolge der Evolution wurde durch das 
Hineinsegeln in den Irrtum angenommen, dadurch, dafi der Verstand 
sich wirklich recht ungeeignet erwiesen hat, um diese Tatsachen der 
Wirklichkeit wahrhaftig zu durchdenken. GewiE sind diese Bilder der 
Vorzeit fur uns aufierordentlich wichtig, weil wir eben daran erken- 
nen, wie wir niemals ausgesehen haben. 

Das kann man aber an etwas anderem viel besser erkennen. Man 
kann es erkennen an denjenigen Reichen, die uns durch die aufiere 
Sinnenwelt selber geboten werden, die sich uns nicht entziehen. Nam- 
lich alle diese Formen sind uns ja auch in der Aufienwelt gegeben. Die 
kann man beobachten mit dem, was man die gewohnliche, richtig 
verwertete menschliche Anschauung nennen kann. Solange die Men- 
schen nur diese Beobachtung gehabt haben, solange sie ihren Verstand 
angewendet haben nicht auf das, was der Sinnesanschauung sich ver- 
schliefit, sondern auf das, was vor der Sinnesanschauung ausgebreitet 
liegt, so lange sind sie zu jenem falschen Urteil nicht gekommen. Frei- 
lich haben dazumal die Menschen nicht aus dem Verstande geurteilt 
iiber ihre Abstammung, sondern sie haben aus ihrem natiirlichen, 
geraden Wahrheitssinn geurteilt. Sie haben den Affen angeschaut und 
haben jenes eigentumliche Gefiihl empfunden, das jeder gesunde Sinn 
empfindet, wenn er den Affen anschaut, und das man mit nichts an- 
derem vergleichen kann als mit einem gewissen Schamgefiihl. Und 
dieses Schamgefiihl war wahrer als das, was nachher der irrende Ver- 
stand gesagt hat. In diesem Schamgefiihl lag das Gefiihlsurteil darin- 
nen, dafi eigentlich der Affe ein von der Menschenstromung abgefal- 
lenes Wesen ist, ein zuriickgebliebenes Wesen ist, daft er herstammt 
aus der Menschenlinie und hat ausgesondert werden miissen. Also es 
lag das Gefiihl darinnen, daf? der Mensch nur hat auf seine heutige 
Hohe kommen konnen dadurch, dafi er dasjenige, was die heutige 
Affengestalt geworden ist, erst aus sich aussondern mufite. Hatte er es 
behalten, so hatte er nie Mensch werden konnen. Das liegt in dem 
natiirlichen, gesunden Gefiihl. Dann wurden die Sachen durch den 
Verstand erf orscht, und da zeigte sich durch den Verstand der Irrtum, 
dafi der Mensch sagte, die Menschengestalt stamme her von der Affen- 



stromung! Das ist ein Irrtum. Je weiter Sie nachdenken, desto mehr 
werden Sie finden, wie tief berechtigt gerade dasjenige ist, was eben 
jetzt gesagt worden ist. DaE der Mensch vom Affen herstamme, ist ein 
Irrtum, was sich Ihnen schon ergeben kann aus etwas ganz Gewohn- 
lichem. 

Nehmen Sie an, Sie betrachten diejenigen Glieder der Menschenna- 
tur, die Ihnen fur die eigene Wahrnehmung offen vorliegen als das, 
was Sie selber an sich beobachten, oder Sie beobachten dasjenige an 
der Menschennatur, was Sie an den andern Menschen beobachten 
konnen, wiederum als das, was der Sinnesbeobachtung gegeben wird. 
Weil ja nun im Menschen zwei Stromungen ineinanderfliefien, die 
Stromung des Empfindungsleibes von vorne nach riickwarts und die 
Stromung der Empfindungsseele von riickwarts nach vorne, so miis- 
sen wir unterscheiden bei dem, was uns da sozusagen an dem Men- 
schen erscheint, wenn wir ihm gegenuberstehen, zwischen dem, was 
von vorne nach riickwarts wirkt als die Stromung des Empfindungs- 
leibes, und zwischen dem, was von riickwarts nach vorne wirkt als die 
Stromung der Empfindungsseele. Schauen wir von diesem Gesichts- 
punkt einem Menschen ins Antlitz. Soweit wir den Menschen sinnlich 
sehen, ist das Bild naturlich richtig. Dariiber konnen wir nicht irren; 
das gibt die Sinnesbeobachtung. Aber nunmehr kommt, und hier noch 
auf einer unterbewufken Stufe, der menschliche Verstand hinzu. Und 
der irrt sich hier an einem geradezu klassischen Beispiel sofort. Denn 
als was betrachtet er das menschliche Antlitz in bezug auf seine Bil- 
dungskrafte? Er betrachtet es als etwas, was irgendwie von aufien 
aufgebaut ist. In Wahrheit ist das, was wir am menschlichen Antlitz 
sehen, von innen nach aufien durch die Empfindungsseele aufgebaut. 
Und wir geben ein falsches Urteil ab, wenn wir einem Menschen ins 
Antlitz schauen und sagen, daft das iiberhaupt aulSerer Leib ware. Wir 
miissen sagen: Was hier die Sinne sehen, das ist das aufiere Bild der 
Empfindungsseele, iiberhaupt der Seele, die nach aufien wirkt. Deu- 
test du dir das menschliche Gesicht als Seele, und lenkst du eben davon 
deine Aufmerksamkeit ab, daft es Leib sein konnte, dann hast du das 
richtige Urteil. - Hier haben Sie das ungeheure Blendwerk: Sie schau- 
en ein menschliches Gesicht an, das Bild einer Seele, und Sie halten es 



fur einen Leib, indem Sie in das Bild der Seele schauen - nur das Bild 
der Seele, selbstverstandlich. - Das ist eben die grundfalsche Anschau- 
ung; es zeigt, wie der Mensch sogleich, wenn seine Urteilskraft in 
Betracht kommt, die Dinge falsch deutet. Die aufteren Bilder kann der 
Mensch erst dann richtig auffassen, wenn er sie in richtiger Weise 
versteht, wenn er davon spricht, daft das menschliche Antlitz das Bild 
der Seele ist, und daft alles zu einer falschen Erklarung fiihrt, was man 
iiber dieses menschliche Antlitz erfahren kann aus den bloften Kraf- 
ten, die in Betracht kommen als Krafte der physischen oder der athe- 
rischen Natur. Denn dieses menschliche Antlitz mufi gedeutet werden 
aus den Kraften der Seele selber, das Sichtbare aus dem Unsichtbaren 
in diesem Falle. Das gerade werden Sie merken konnen an der Geistes- 
wissenschaft, je defer Sie eindringen, daft sie eine hohe Schule des 
Denkens ist, daft das chaotische Denken, das heute alle Kreise be- 
herrscht - und am meisten die wissenschaftlichen Kreise aufhoren 
mufi. Es mag Ihnen daher manchmal anstrengend sein, was Sie hier 
alles zu horen bekommen, namentlich in bezug auf die Gedanken, die 
Sie sich dabei bilden miissen. Aber dafiir ist auch die Geisteswissen- 
schaft zugleich die hohe Schule des logischen Denkens, weil sie dazu 
zwingt, die Dinge in der Welt sich in richtiger Weise zu deuten. Und 
richtig deuten miissen wir auch gewisse Erscheinungen, die aus dem 
Gebiet der Anthroposophie des einzelnen Menschen hinausfuhren in 
das Gebiet der Anthroposophie der gesamten Menschheit. 

Blicken wir noch einmal zuriick auf das, was wir den Lautsinn 
genannt haben, und auf den Begriffs- oder Vorstellungssinn, und 
fragen wir uns einmal in bezug auf die menschliche Entwickelung auf 
der Erde: Hat sich der Mensch so entwickelt, daft zuerst der Lautsinn 
oder daft zuerst der Begriffs- oder Vorstellungssinn entstanden ist? - 
Damit haben wir eigentlich viel getan, wenn wir in die menschliche 
Entwickelung auf diesem niederen Gebiete so hineinschauen konnen, 
daft wir uns die Frage beantworten konnen: Hat der Mensch zuerst 
gelernt Worte zu verstehen, oder hat er zuerst gelernt die Vorstellun- 
gen, die an ihn herandringen, wahrzunehmen und zu begreifen? - 
Diese Frage gehort eigentlich noch wenig in das Gebiet der Geistes- 
wissenschaft, denn jeder kann sie sich beantworten, wenn er beob- 



achtet, wie das Kind sprechen und Gedanken wahrnehmen lernt. 
Jeder wird wissen, daft das Kind zuerst sprechen lernt und dann erst 
Gedanken wahrnehmen. Die Sprache ist die Voraussetzung fur das 
Gedankenwahrnehmen. Warum ist sie das? Aus dem einfachen 
Grunde, weil der Lautsinn die Voraussetzung ist fur den Vorstel- 
lungssinn. Sprechen lernt das Kind, weil es horen kann, weil es hin- 
horchen kann auf das, was der Lautsinn wahrnehmen kann, und das 
Sprechen selbst ist dann die blofie Nachahmung. Daher werden Sie 
auch finden, dafi das Kind immer Sprachlaute nachahmt, lange bevor 
es irgend etwas versteht, was schon eine Vorstellung ist. Betrachten 
und beobachten Sie genau, und Sie werden sehen, dafi es so ist: 
Zuerst entwickelt sich der Lautsinn, und an dem Lautsinn erst ent- 
wickelt sich der Begriffssinn. Lautsinn ist also die Moglichkeit, nicht 
nur Tone wahrzunehmen, sondern dasjenige wahrzunehmen, was 
wir Laute nennen, Sprachlaute. Und es entsteht jetzt fur uns die 
Frage: Wenn der Mensch also einmal im Verlaufe seiner Entwicke- 
lung fahig geworden ist, Laute wahrzunehmen und als Folge davon 
fahig geworden ist, die Sprache sich anzueignen, wie mufi denn das 
geschehen sein? Wie mufS das zugegangen sein, da$ der Mensch zur 
Sprache gekommen ist im Verlaufe seiner Entwickelung? 

Da miissen wir uns einmal das eine klarmachen. Wenn also der 
Mensch sprechen lernen sollte, nicht nur horen, sondern sprechen 
lernen sollte, dann war notwendig, daft nicht nur von aufien etwas an 
ihn herandrang und er etwas wahrnahm, sondern es war notwendig, 
dafi etwas in ihm denselben Weg machte, den die Stromungen der 
Empfindungsseele machen, wenn sie von hinten nach vorne dringen. 
So etwas war notwendig. Es mufke also in der menschlichen Entwik- 
kelung so kommen, daft die Empfindungsseele von einer Stromung 
durchzogen wurde, die in derselben Richtung wirkt wie jene Stro- 
mungen in der Seele uberhaupt, welche das erzeugen, was eben durch 
die Bewegung von riickwarts nach vorne erzeugt wird. Das muftte 
eintreten, damit die Sprache kam. Diese Sprache sollte aber friiher 
kommen als der Vorstellungssinn, sie sollte kommen, ehe man in der 
Lage war, in den Worten selber - selbst in denjenigen Worten, die man 
aussprach - dasjenige zu empfinden, was Vorstellung ist. Wirklich 



mufke die Menschheit zuerst Laute ausstoften lernen und in der 
Empfindung dieser Laute leben konnen, bevor sie mit diesen Lauten 
gewisse Vorstellungen verband, die erst spater kommen konnten. 
Zuerst war es etwas, was noch nicht Begriff und Vorstellung war, 
sondern ein Gefiihl fur das, was die Laute durchdrang, wenn sie aus- 
gestofkn wurden. Davon ging die Sprache aus. 

Diese Entwickelung mufke zu einer Zeit vor sich gehen, als die 
Umlagerung, die Aufrichtung des Blutzirkulationssystems schon ge- 
schehen war, denn die Tiere konnen nicht sprechen. Es mufke schon 
das Ich von oben nach unten wirken. Aber obwohl dieses Ich, das von 
oben nach unten wirkte, schon da war, so konnte sich die Menschheit 
dieses Ich doch nicht vorstellen. Denn der Vorstellungssinn war noch 
nicht entwickelt. Was also folgt daraus? Es folgt daraus, daft der 
Mensch die Sprache nicht erhalten haben kann durch sein eigenes Ich, 
sondern durch ein anderes Ich, das wir vergleichen konnen mit dem 
tierischen Gruppen-Ich. Die Sprache ist also in diesem Sinne wirklich 
eine Gottergabe. Sie ist dem Menschen von oben herunter auf dem 
Wege, den das Ich nimmt, eingeflofk worden, als das Ich noch nicht 
imstande war, die Sprache selber auszubilden. Also das von oben 
herunterstromende Ich war nicht imstande, die Sprache auszubilden. 
Es hatte in sich noch nicht diejenigen Organe, welche den Impuls zum 
Ausbilden der Sprache hatten geben konnen. Das mufke das Grup- 
pen-Ich tun. Aber nun war der Mensch ja schon fertig. Es war der 
Mensch schon ein aufgerichteter Mensch. Das Gruppen-Ich mufke 
von oben nach unten in den physischen, den atherischen Organismus 
und so weiter hineinwirken, um die Sprache zu bewirken. Diesem 
Gruppen-Ich stromte eine Stromung von unten entgegen. Von oben 
herunter kam die Stromung des Gruppen-Ich, von unten herauf eine 
Stromung, mit welcher sich die Stromung des Gruppen-Ich begegnet. 
Die kommen zusammen und erzeugen eine Art von Wirbelgebilde. 
Wenn Sie eine gerade Linie ziehen durch die Mitte des Kehlkopfes, so 
ist das die Richtung der Stromung, welche von den die Sprache geben- 
den Geistern beniitzt wurde. Und aus diesen zwei sich stauenden 
Stromungen entstand in physischer Materie die eigentiimliche Form 
des menschlichen Kehlkopfes. Damit miissen wir uns aber sagen, daft 



der Mensch unter dem Einflufi einer Gruppenseele, die im Umkreis 
der Erde lebt, diese Sprache ausbilden muftte. 

Nun erinnern Sie sich vielleicht, daft ich davon gesprochen habe, 
wie die Gruppenseelen eigentlich auf der Erde wirken. Ich habe ge- 
sagt: Das Tier hat horizontal liegend sein Riickenmark, durch wel- 
ches die Stromung der Gruppenseele geht. Aber diese Kraftstromun- 
gen von oben nach unten umkreisen fortwahrend die Erde, wie sie 
den alten Mond umkreist haben. Es sind also Stromungen, welche 
nicht an dem Orte bleiben, wo sie sind, sondern als Senkrechte um 
die Erde herumkreisen. Die Gruppenseelen, die in ihrer Bahnrich- 
tung senkrecht sind, schweifen in Kreisen um die Erde herum. Was 
folgt daraus? Wenn der Mensch unter dem Einfluft von Gruppen- 
seelen lernen sollte, die Sprache auszubilden, dann konnte das nicht 
so geschehen, daft er an demselben Orte bleiben konnte, wo er war, 
sondern er muftte sich bewegen, er muftte wandern, von einer Ge- 
gend zur andern kommen, damit er den Richtungen der Gruppen- 
seele entgegenging. Der Mensch hatte niemals sprechen gelernt, 
wenn er an dem Orte, wo er einmal war, als er noch nicht sprechen 
konnte, geblieben ware. 

Nun fragen wir uns einmal: In welcher Richtung muftte dazumal 
der Mensch getrieben worden sein? - Diese Richtung konnen Sie sehr 
leicht herausfinden auf folgende Art. Wir wissen, daft atherische Stro- 
mungen im Menschen von rechts nach links flieften, daft physische 
Stromungen von links nach rechts flieften. Wo sind nun die Gruppen- 
seelen, welche den Menschen mit der Sprache begabt haben? Wir 
kommen der Antwort auf diese Frage nahe durch die folgende Er- 
wagung. 

Schauen wir uns die Erde in ihrer eigenartigen Bildung an. Wenn 
Sie bedenken, daft der Mensch die Sprache gelernt hat zu einer Zeit, 
wo er schon sozusagen fertig war, so werden Sie zugeben, daft eine 
starke Stromung notwendig war, denn es muftte der Kehlkopf in 
seiner weichen Gestalt zum menschlichen Kehlkopf erst umgeformt 
werden. Es muftte das geschehen unter ganz andern Erdenverhaltnis- 
sen, als wir sie heute vor uns haben. Aber wie muftten die sein? 
Schauen wir uns dazu die Erde an. Denken Sie sich, wir stellen uns 



einmal so auf der Erde auf, dafi wir mit dem Gesicht nach Osten 
sehen; dann haben wir hinter uns Westen, links Norden und rechts 
Siiden. Nun wollen wir sehen, was sich uns da fur eine merkwiirdige 
Tatsache ergibt. Von links nach rechts gehen die Stromungen beim 
Menschen, die mit der Bildung des physischen Menschenleibes zu- 
sammenhangen. Diese Stromungen sind auch in der Aufienwelt vor- 
handen, sind daher auch bei der Bildung der Erde vorhanden gewe- 
sen. Da haben Sie die starken Stromungen, welche von Norden her 
kommen und nach Siiden laufen. Die die physische Materie bewir- 
kenden Stromungen haben Sie da. Auf der andern Seite haben Sie die 
atherischen Stromungen, welche von rechts nach links gehen und die 
nicht darauf zielen, die physische Materie dichter und dichter zu 
machen. An der Erde sehen Sie daher noch die Einseitigkeit, das 
Unsymmetrische: in der Richtung, in welcher die physische Stro- 
mung liegt, haben Sie die nordliche Halfte mit ihren Kontinenten. Da 
zieht sich die verdichtete physische Materie zusammen. Und auf der 
andern Seite, auf der siidlichen Halfte, haben Sie die weiten Meeres- 
flachen. Von Norden her wirkt die Stromung, die wesensgleich ist 
mit der Stromung von links nach rechts im Menschen; von Siiden her 
wirkt die Stromung, die wesensgleich ist mit derjenigen von rechts 
nach links im Menschen. Betrachten wir jetzt die zwei andern Stro- 
mungen im Menschen: die Stromung, welche von vorne nach ruck- 
warts geht, und die andere von riickwarts nach vorne. Die Stromung 
von vorne nach riickwarts geht, wie wir gesehen haben, von dem 
Empfindungsleib in die Empfindungsseele hinein, uberhaupt in die 
Seele hinein; die andere Stromung geht heraus. Wenn Sie nun dies ins 
Auge fassen - ich bitte, es aber ganz genau ins Auge zu fassen; es ist 
nicht ganz leicht -, dann werden Sie sich sagen: Zum Sprechenlernen 
mulke das geschehen, daft der Mensch eine Stromung erzeugte, die 
den Weg von innen nach auften, also in den Empfindungsleib hinein 
machte. Er mufke also einer Gruppenseelenstromung entgegengehen 
und ihr seine innere Organisation darbieten, damit sich da dasjenige 
stauen konnte, was da seinen eigenen Kehlkopf bilden konnte. Er 
mufke einer solchen Stromung entgegengehen innerhalb unseres 
Erdkreises, die hineinwirken konnte in sein Astralisches. Es mufite 



also weder die Richtung nach dem Norden noch die andere Richtung 
nach dem Siiden eingeschlagen werden, als man sich anschickte, spre- 
chen zu lernen, sondern die andere Richtung, die senkrecht darauf 
steht. Daraus werden Sie begreifen, daft der Mensch Ziehen muftte in 
einer west-ostlichen oder ost-westlichen Richtung, als er die Sprache 
lernen sollte. Die Geisteswissenschaft sagt, daft der Mensch einst im 
alten Lemurien lebte, da, wo heute das Meer liegt zwischen Asien 
und Afrika. Dann zog er aus, die Sprache zu lernen. Er konnte nicht 
nach Siiden und nicht nach Norden Ziehen; er muftte nach Westen 
ziehen, und zog in die alte Atlantis. Da zog er - auf diesem Wege in 
die alte Atlantis, nach Westen - entgegen jenen Gruppenseelen, wel- 
che in ihm die Sprache hervorbringen konnten. Indem Sie den Orga- 
nismus der menschlichen Sprache wirklich verstehen, finden Sie das 
bewahrheitet, was herausgeholt wird aus den geisteswissenschaft- 
lichen Beobachtungen. So lernte der Mensch die Sprache in der alten 
Atlantis. 

Dann aber sollte er an der Sprache den Vorstellungssinn entwik- 
keln. Er sollte nicht bei der bloften Sprache stehenbleiben, sondern 
zum Vorstellungssinn weiterschreiten. Wie konnte das geschehen? 

Da konnte er naturlich nicht in derselben Richtung weitergehen. 
Da muftte er so gehen, daft jetzt bei der gleichen Stromung die entge- 
gengesetzte Richtung eingeschlagen wurde. Warum denn? Wir haben 
ja gesehen, was da eigentlich geschieht, wenn die Vorstellung aus dem 
Lautsinn entsteht. Wir haben gesehen, wie aus der Melodie der Laut 
entsteht, wenn man die Melodie zur Harmonie macht, dann von den 
Grundtonen absieht und nur das System der Obertone auffaftt. Dann 
muftte man, um den Vorstellungssinn zu entwickeln, aus der Sprache 
dasjenige, was man nach der einen Seite ausgebildet hatte, nach der 
andern Seite hin weglassen. Der Mensch muftte umkehren, nachdem 
er sprechen gelernt hatte. Er muftte von der Atlantis nach Osten Zie- 
hen, um an der gelernten Sprache weiter zu entwickeln den Vorstel- 
lungssinn. Und hier haben Sie den Sinn des Zuges, den Ihnen die 
Geisteswissenschaft zeigt, indem sie sagt, daft die alten Atlantier, die 
dazu reif waren, aufgebrochen sind, um von dem Westen wieder nach 
dem Osten hiniiberzuwandern. Dadurch haben sie in fruchtbarer 



Weise den Vorstellungssinn entwickeln konnen. Dann aber wiirde ja 
wiederum daraus folgen, daft die Menschen, wenn sie in der entgegen- 
gesetzten Richtung, das heiftt, nach dem Westen, gezogen waren, kei- 
nen Vorstellungssinn in fruchtbringender Weise hatten entwickeln 
konnen. Es sind damals auch Menschen in der entgegengesetzten 
Richtung gezogen: das sind die Ureinwohner Amerikas. Warum ha- 
ben sie sich nicht halten konnen? Warum muftte das, was im Osten 
gelernt worden war, spater zu ihnen hiniibergetragen werden? Weil 
sie in der entgegengesetzten Richtung gezogen waren. Das ist das 
kosmische Schicksal der Ureinwohner Amerikas, daft sie in der entge- 
gengesetzten Richtung gezogen waren. 

So konnen Sie geradezu mit Handen greifen, was Ihnen die gei- 
steswissenschaftliche Forschung sagt. Die ganze Gliederung der Erde 
konnen Sie verstehen. Alles, was Sie sehen an der Anordnung der 
Kontinente, der Festlander, der Meere, was Sie sehen in der Wande- 
rung der Menschen, alles konnen Sie verstehen, wenn Sie das Ge- 
heimnis jener Stromungen kennen, die wir anthroposophisch an dem 
Menschen selber kennengelernt haben. Und so fiihrt uns wirklich 
Anthroposophie hinein in jenes Leben, durch das uns der Mensch 
und die Auftenwelt durchsichtig und verstandlich werden. Und nun 
weiter. 

Wir konnen uns weiter fragen: Aber die Menschheit sollte doch, 
nachdem sie den Vorstellungssinn entwickelt hatte, wieder weiterler- 
nen; diese Menschheit sollte nicht bloft bei Vorstellungen bleiben, 
sondern weiterkommen zu Begriffen? - Da muftte sie wiederum her- 
aufsteigen aus dem bloften Vorstellungssinn in das Seelenleben hinein. 
Wiederum muftte sie da die entgegengesetzte Richtung nehmen. Die 
Menschheit nimmt zuerst die Richtung nach dem Osten, um zum 
Vorstellungsleben zu kommen. Die reinen Begriffe, die muftten erst 
wiederum erobert werden durch eine Riickwartswanderung, die 
konnten erst wiederum im Westen - und zwar nach dem Hiniiberge- 
wandertsein nach dem Westen - errungen werden. Auch im einzelnen 
konnten wir die Wanderungen der Volker durch die vier nachatlanti- 
schen Kulturepochen hindurch verstehen, wenn wir Zeit hatten, alles, 
was uns die Anthroposophie dazu gibt, zusammenzutragen. Da wiir- 



den Sie ein wunderbares Gewebe erhalten von dem, was arbeitet an 
Geisteskraften an der ganzen Bildung der Erde - den Menschen mit 
inbegriffen. 

Nun haben wir bisher betrachtet jene Stromungen, welche gehen 
von oben nach unten, von rechts nach links, von vorne nach riick- 
warts und so weiter. Aber in einer gewissen Beziehung stocken wir 
da. Da werden wir aufgehalten. Wir konnen jetzt da nicht recht 
weiter. Die Geisteswissenschaft zeigt uns nun, daft iiber dem Vorstel- 
lungssinn vorhanden sind ein imaginativer Sinn, ein inspirativer Sinn 
und ein intuitiver Sinn, daft diese sich im gewohnlichen Leben im 
Seelenleben nach innen ergieften, im hellseherischen Bewufttsein aber 
nach auften gehen. Das zeigt uns die Geisteswissenschaft. Und nun 
entsteht die Frage: Alle diese Dinge miissen, wenn sie im physischen 
Menschen leben sollen, sich doch auch Organe bauen, auch in gewis- 
ser Weise wirken. Da wollen wir zunachst einmal etwas ins Auge 
fassen, was nur dem Menschen zukommt, was bei den Tieren in 
derselben Art noch nicht zu finden ist: die innere Seelentatigkeit des 
Gedachtnisses. Denn daft Tiere Gedachtnis haben, ist eine Phantasie 
der Naturwissenschafter. Es ist nicht zu verwundern, daft Tiere Er- 
scheinungen zeigen, die aus demselben Prinzip zu erklaren sind wie 
beim Menschen, aber es ist wiederum ein Fehler, wenn man sie als 
Gedachtniserscheinungen erklart. Denn die Hauptrichtung, die das 
Tier hat, und die beim Menschen aufgerichtet werden muftte, damit 
das Ich einstromen konnte und Gedachtnis sich entwickeln konnte, 
sie bleibt beim Tier horizontal sowie nach vorne gerichtet, in dersel- 
ben Lage wie beim Menschen, so daft kein Hindernis dafur da ist, daft 
dort Stromungen der Empfindungsseele, Verstandesseele und Be- 
wufitseinsseele durchgehen, aber ohne das Ich. Daher kann es sehr 
wohl sein, daft das Tier Handlungen vollfiihrt, die zwar verstandig 
sind, die aber durchaus nicht Ich-durchzogen sind. Deshalb darf man 
doch nicht vom «Verstand» der Tiere sprechen. Hier beginnt ein 
groftes Irrtumsfeld unserer heutigen Wissenschaft. Die Tatsachen 
zeigen nur, daft man, ohne selber verstandig zu sein, doch durch 
einen Verstand dirigiert werden kann. Das ist dasjenige, um was es 
sich bei den Tieren handelt. Daft man Erscheinungen antreffen kann 



in der Tierwelt, die ahnlich sein konnen den Erscheinungen des 
menschlichen Gedachtnisses, das ist aus der Form des Tieres selbst- 
verstandlich. Daft aber von der Form des Gedachtnisses gesprochen 
wird, das ist ein Unfug, der alle Begriffe durcheinanderwirft. Im 
Gedachtnis haben wir etwas ganz anderes vor uns als etwas, was wir 
haben zum Beispiel im bloften verstandigen Dehken oder gar im 
Vorstellen. Im Gedachtnis haben wir das vor uns, daft eine Vorstel- 
lung, die wir gehabt haben, bleibt, daft sie auch da ist, wenn die 
Wahrnehmung, der Eindruck voriiber ist, nicht, daft man spater 
etwas macht, was einem vorher Getanen ahnlich sieht. Wenn das das 
Wesen des Gedachtnisses ware, so hatte der Professor Hering recht, 
wenn er sagt: Wenn das Huhnchen aus dem Ei herausschlupft, so 
kann es gleich picken; also habe es Gedachtnis, weil es etwas wieder- 
holt, was die Vorfahren gemacht haben. - Man hat eben gar nicht 
begriffen, was Gedachtnis ist, wenn man das Unerhorte macht, was 
heute auf dem Gebiet der Psychologie geschieht. Dann hatte die Uhr 
auch Gedachtnis, denn sie wiederholt auch etwas, was sie gestern 
getan hat! Das sind irrefiihrende Begriffe im weitesten Sinne des 
Wortes. Von Gedachtnis hat man zu reden, wenn eine Vorstellung 
innerlich bleibt, nicht wenn eine Tatsache aufterlich wiederholt wird. 
Wenn eine Vorstellung innerlich bleibt, wird sie von einem Ich be- 
halten. Das ist das Wesen des Gedachtnisses, daft sich das Ich der 
Vorstellung bemachtigt und diese Vorstellung behalt. 

Wenn sich aber das ausleben soli in einem menschlichen Organis- 
mus, dann mufi dafiir auch ein Organ gebildet werden, das heiftt, es 
mufi das Ich des Menschen wiederum Stromungen erzeugen. Vom Ich 
selber mtissen solche Stromungen ausgehen in die verschiedenen an- 
dern Stromungen hinein, die von vorne, von rechts und so weiter 
kommen. Da hinein miissen sich vom Ich aus Stromungen ergieften. 
Das Ich mufi sich hineinergieften in die andern Stromungen, in dasje- 
nige, was ohne das Ich da ist. Das Ich mufi Stromungen iiberwinden. 
Wenn die eine Richtung von auften nach innen geht, so mufi das Ich 
imstande sein, eine Stromung in entgegengesetzter Richtung in sich 
selber zu erzeugen. Das Wesentliche dabei, daft das Ich nicht von 
vornherein dazu imstande ist, konnen Sie daran sehen, daft, als die 



Menschen die Sprache gelernt haben, eine solche entgegengesetzte 
Stromung entstehen mufke, und dazu war das Ich damals noch nicht 
imstande. Da mufite noch ein Gruppen-Ich wirken, urn diese Stro- 
mung hineinzutreiben in die Seele. Wenn aber das eigentliche Seelen- 
leben beginnt, an dem das Ich beteiligt ist, dann gehen vom Ich selber 
Stromungen aus, die sich hineinbohren in die schon bestehenden 
Stromungen. 

Merkt das das Ich in einer gewissen Weise, wenn es eine Stromung 
in eine schon bestehende Stromung hineinbohrt? Ja, das Ich merkt das 
ganz genau. Bis zur Vorstellung hinauf wird sozusagen das Ich nicht 
engagiert, Stromungen da hineinzubohren. Soil das Ich aber ein hohe- 
res Vermogen, zum Beispiel das Gedachtnis ausbilden, so muft es eine 
Stromung in die schon bestehende Stromung hineinbohren, die entge- 
gen dieser andern Stromung wirken muE. Das kommt dadurch zum 
Vorschein, da£, wenn das Ich sich weiter entwickelt, etwas anderes 
hinzutritt zu den drei unter einem rechten Winkel geneigten Stromun- 
gen des Raumes. Indem das Ich anfangt das Gedachtnis auszubilden, 
bohrt es nach der einen Richtung des Raumes etwas hinein in entge- 
gengesetzter Richtung, und das kommt ihm im Bewufitsein der Zeit 
zur Wahrnehmung. Deshalb ist das Gedachtnis mit der Zeitvorstel- 
lung verkniipft. Eine Vorstellung, die wir nicht nach einer Richtung 
des Raumes verfolgen, sondern nach der Richtung der Vergangenheit, 
die ist hineingebohrt in die Richtungen des Raumes. So ist es bei alle- 
dem, was das Ich ausbildet von sich aus. Wir konnen - Ihnen das im 
einzelnen zu entwickeln, wiirde zu weit fuhren - hinweisen auf die 
Stromung, welche verflielk, wenn das Ich das Gedachtnis ausbildet. 
Das ist eine Stromung, die geht von der linken nach der rechten Seite. 
Ebenso gehen Stromungen von der linken nach der rechten Seite, 
wenn das Ich ausbildet so etwas wie Gewohnheiten. Das sind die 
Stromungen von links nach rechts, die entgegengesetzt sind den frii- 
heren Stromungen, welche ohne das Ich zustande gekommen sind. 
Ihnen bohrt sich zunachst das Ich entgegen. 

Wir konnen, wenn wir das Seelenleben betrachten, darin unter- 
scheiden zwischen Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewuftt- 
seinsseele. Die Verstandesseele kann noch trugerisch sein. Ich habe 



schon gesagt, man kann Verstand haben ohne verstandig zu sein. 
Denn zum Verstandigsein gehort das Ich. Um zum Ich auch wieder- 
um innerlich zu kommen, mufi sich die Verstandesseele im Innern 
entwickelt haben bis zu diesem Ich hin. Dann schreitet sie hinauf zur 
Bewuikseinsseele. Nun sind das immer entgegengesetzte Richtungen. 
Wenn die Bewulkseinsseele bewuik wird, so ist die Richtung, die sie 
dabei einschlagt, entgegengesetzt der Richtung, welche die Verstan- 
desseele, die noch im Unbewu/ken wirkt, verfolgt. 

Zeigt sich das irgendwo, dafi die Stromungen der Verstandes- 
seele und die Stromungen der Bewufkseinsseele einander entgegen- 
gesetzt sind? Unter gewissen Erdenverhaltnissen konnen wir das 
sehen. Denken Sie einmal, dafi es in gewisser Beziehung eine sehr 
verstandige Tatigkeit ist, die aber nicht unbedingt von dem verstan- 
digen Ich ausgeht, wenn der Mensch lesen lernt. Was ich jetzt sage, 
das gilt vorzugsweise fur europaische Verhaltnisse, wo die Men- 
schen, wie Sie ja wissen, gewartet haben in gewisser Beziehung auf 
spatere Kulturverhaltnisse. Daher kommen Sie da zu etwas, was 
schon in der griechisch-lateinischen Kultur vorhanden war, als sich 
die Verstandesseele ausbildete zu dem, was man Schreiben nennt. 
Als die Verstandesseele ausgebildet wurde, da haben die ersten 
Anfange des Lesens und Schreibens begonnen; aber es waren eben 
die ersten Anfange. Und dieser Charakter ist beibehalten worden. 
Dann kam die Wirkung der Bewufitseinsseele. Bewufite Tatigkeiten 
miissen ja die entgegengesetzten Richtungen einschlagen, weil die 
Stromung der Bewulkseinsseele auf die Richtung der Verstandes- 
seele im entgegengesetzten Sinne wirkt. Rechnen konnte der 
Mensch erst lernen, als er die Bewulkseinsseele entwickelt hatte, 
denn das ist eine bewufke Tatigkeit. 

Was hier als Richtung wirkt, das tritt uns im Bilde entgegen: Die 
europaischen Volker schreiben von links nach rechts, weil die Krafte 
der Verstandesseele daran beteiligt waren, aber sie rechnen von rechts 
nach links. Wenn sie zum Beispiel addieren, so addieren sie von rechts 
nach links. Da sehen Sie die zwei verschiedenen Stromungen sich 
iibereinanderschieben. Sie sehen sie im Bilde iibereinandergehen, die 
Stromung der Verstandesseele und die Stromung der Bewulkseins- 



seele. Das ist nicht iiberall der Fall. Wir konnen geradezu die Natur 
der europaischen Menschen an diesem Beispiel begreifen. Wir konnen 
sehen, dafi die Menschen in Europa dazu ausersehen waren, mit der 
Verstandesseele so lange zu warten, bis ein gewisser Zeitpunkt ge- 
kommen war, um die Entwickelung der Bewufkseinsseele nicht zu 
verfriihen. Dagegen hatten andere Volker auch schon innerhalb der 
Verstandesseele dasjenige zu entwickeln, was in der westlichen Kultur 
erst in der Bewufkseinsseele entwickelt werden sollte. Ihnen mufke 
daher die Moglichkeit gegeben werden, schon mit der Verstandesseele 
etwas zu vollbringen, was diejenigen, welche gewartet haben, erst 
spater mit der Bewufkseinsseele vollbringen konnten. Diejenigen 
Volker, welche die Mission hatten, schon bei der Entwickelung der 
Verstandesseele die Vorbereitungen zu schaffen fur die Bewufkseins- 
seele, um so gleichsam Pioniere fur die Bewufkseinsseele zu sein, das 
sind die semitischen Volker. Daher schreiben die semitischen Volker 
von rechts nach links! 

Wir haben in diesen Dingen nicht nur ein Mittel, den Menschen als 
solchen zu verstehen, sondern auch ein Mittel, alle Kulturerscheinun- 
gen zu verstehen. Warum in einem gewissen Zeitpunkt der Erdenent- 
wickelung so oder so geschrieben wird, so oder so gerechnet wird, das 
ist aus diesen Tatsachen zu verstehen. Wir wiirden noch weitergehen 
konnen und es bis in die Buchstabenformen verfolgen konnen, welche 
die einzelnen Volker haben, ob sie einen Strich von links nach rechts 
oder von rechts nach links ziehen und so weiter. Warum ein Volk 
einen Buchstaben in dieser oder jener Weise schreibt, folgt aus dem 
Verstandnis dieser Geistestatsachen. 

An solchen Tatsachen sehen Sie, welche Mission die Geisteswissen- 
schaft in der Zukunft hat, wenn es Licht werden soil in den Kopfen der 
Menschen, damit sie durchschauen konnen, was ihnen sonst unver- 
standlich bleiben wiirde. 

Es ware nun vielleicht doch nicht einmal recht, wenn wir diese 
Betrachtungen an diesem Punkte abschliefien wiirden. Deshalb sollen 
sie morgen noch einmal in einer gewissen Weise fortgesetzt werden, 
wodurch ein, wenn auch nur skizzenhafter Abschluft erzielt werden 
soli. Ich werde daher morgen sprechen im anthroposophischen Sinne 



uber, man konnte sagen, eine der Tochter Goethes. Sie wissen, da& ich 
die Schrift geschrieben habe « Goethe als Vater einer neuen Asthetik». 
Da habe ich in Goethe die Vaterschaft geschildert in bezug auf die 
Auffassung und das Verstandnis der Kiinste. Morgen will ich Ihnen 
nun die Tochter, das Kind Goethes, in einer wirklich neueren Auffas- 
sung der Kunstwissenschaft, der Asthetik, zeigen. 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 1. November 1910 

Im Laufe der Vortrage dieser Abende wird es notwendig sein, daft von 
mir Bezug genommen wird auf diese oder jene Beispiele, die sich am 
besten geben lassen aus einzelnen Dichtungen. Und damit Sie im 
Laufe dieser vier Vortrage einiges von dem, worauf es als Illustration 
ankommen wird, vor sich haben konnen, wird an einzelnen Abenden 
eine kurze Rezitation gewisser Dichtungen stattfinden, die mir dann 
Gelegenheit geben werden, an ihnen manches ebenso zu illustrieren, 
wie ich Kleinigkeiten auf der Tafel zu illustrieren oder zu markieren 
haben werde. Heute wird der Vortrag in diesem Sinne eingeleitet 
werden mit einer Rezitation, die uns Fraulein Waller geben wird und 
die uns bringen wird eine Jugenddichtung Goethes, die Bearbeitung 
der Sage vom «Ewigen Juden» durch den jungen Goethe, wobei ich 
darauf Riicksicht zu nehmen bitte, daft ich etwas werde sagen miissen, 
wofiir der Umstand bedeutsam sein wird, daft es sich um eine Dich- 
tung des jungen Goethe handelt. Es ist durchaus ein psychosophisches 
Interesse, worum es sich handeln wird bei der Illustration dieser Vor- 
trage durch das, was uns diese Rezitationen zu Gehor bringen konnen. 

DER EWIGE JUDE* 

Fragmentarisch 

Um Mitternacht wohl fang ich an, 

Spring aus dem Bette wie ein Toller; 

Nie war mein Busen seelevoller, 

Zu singen den gereisten Mann, 

Der Wunder ohne Zahl gesehn, 

Die, trutz der Lastrer Kinderspotte, 

In unserm unbegriffnen Gotte 

Per omnia tempora in einem Punkt geschehn. 



Fur die Rezitation bearbeitet von Rudolf Steiner, siehe hierzu S. 133. 



Und hab' ich gleich die Gabe nicht 
Von wohlgeschliffnen leichten Reimen, 
So darf ich doch mich nicht versaumen; 
Denn es ist Drang, und so ist's Pflicht. 

In Judaa, dem heiligen Land, 

War einst ein Schuster, wohlbekannt 

Wegen seiner Herz-Frommigkeit 

Zur gar verdorbnen Kirchenzeit, 

War halb Essener, halb Methodist, 

Herrnhuter, mehr Separatist; 

Denn er hielt viel auf Kreuz und Qual, 

Genug, er war Original, 

Und aus Originalitat 

Er andern Narren gleichen tat. 

Die Priester vor so vielen Jahren 
Waren, als wie sie immer waren 
Und wie ein jeder wird zuletzt, 
Wenn man ihn hat in ein Amt gesetzt. 

Der Schuster aber und seinesgleichen 
Verlangten taglich Wunder und Zeichen, 
Daft einer pred'gen sollt' fur Geld, 
Als hatt' der Geist ihn hingestellt. 
Nickten die Kopfe sehr bedenklich 
Uber die Tochter Zion kranklich, 
Dafi, ach! auf Kanzel und Altar 
Kein Moses und kein Aaron war, 
Daft es dem Gottesdienste ging, 
Als war's ein Ding, wie ein ander Ding, 
Das einmal nach dem Lauf der Welt 
Im Alter diirr zusammenfallt. 



«0 weh der grofien Babylon! 
Herr, tilge sie von deiner Erden, 
Lafi sie im Pfuhl gebraten werden, 
Und, Herr, dann gib uns ihren Thron!» 
So sang das Hauflein, kroch zusammen, 
Teilten so Geist's- als Liebesflammen, 
Gafften und langweilten nun, 
Hatten das auch konnen im Tempel tun. 
Aber das Schone war dabei, 
Es kam an jeden auch die Reih', 
Und wie sein Bruder welscht und sprach, 
Durft' er auch welschen eins hernach; 
Denn in der Kirche spricht erst und letzt 
Der
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