Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Das esoterische Christentum 

und die 

geistige Fiihrung der Menschheit 

Dreiundzwanzig Vortrage, 
gehalten in den Jahren 1911 und 1912 
in verschiedenen Stadten 



1995 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden selbst nicht durchgesehenen Mitschriften 
und Notizen von Zuhorem 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Domach 1962 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1977 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 

4., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1995 

Uber friihere Einzelveroffentlichungen aus diesem 
Band siehe zu Beginn der Hinweise auf Seite 343 



Bibliographie-Nr. 130 

Einbandzeichnung von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Domach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1 300-X 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich 
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kunstierisches 
Werk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offendich wie fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft 
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner 
urspninglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- 
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwen- 
dige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentiichungen sein Vorbehalt benicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daB in den 
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offendichen 
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am SchluB 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorwort von Marie Steiner aus dem Jahre 1947 9 

Der Christus-Impuls im historischen Werdegang 

Lugano, Erster Vortrag, 1 7. September 1911 13 

Locarno, Zweiter Vortrag, 19. September 1911 27 

Buddha und Christus. Die Sphare der Bodhisattvas 

Mailand, 21. September 1911 42 

Das rosenkreuzerische Christentum 

Neuchdtel, Erster Vortrag, 27. September 1911 57 

Neuchdtel, Zweiter Vortrag, 28. September 1911 69 

Die Atherisation des Blutes. Das Eingreifen des atherischen 
Christus in die Erdenentwickelung 

Basel, 1. Oktober 1911 80 

Jeshu ben Pandira - der Vorbereiter fur ein Verstandnis des 

Christus-Impulses. Karma als Lebensinhalt 

Leipzig, Erster Vortrag, 4. Novem ber 1911 105 

Leipzig, Zweiter Vortrag, 5. November 1911 123 

Der Christus-Impuls als reales Leben 

Munchen, Erster Vortrag, 18. November 1911 139 

Munchen, Zweiter Vortrag, 20. November 1911 154 

Glaube, Liebe, Hoffnung - 

drei Stufen des menschheitlichen Lebens 

Niirnberg, Erster Vortrag, 2. Dezember 1911 160 

Nurnberg, Zweiter Vortrag, 3. Dezember 1911 182 

Welten-Ich und Menschen-Ich. Mikrokosmisch-ubersinnliche 
Wesenheiten. Die Natur des Christus 

Munchen, 9.Januar 1912 202 



Die Morgenrote des neueren Okkultismus 

Kassel, Erster Vortrag, 27Januar 1912 227 

Kassel, Zweiter Vortrag, 29Januar 1912 236 

Grundstimmung dem menschlichen Karma gegenuber 

Wien, 8. Februar 1912 244 

Intimitaten des Karma 

Wien, 9. Februar 1912 260 

Die Tatsache des durch den Tod gegangenen Go ttes- Impulses 
«Funf Ostein* von Anastasius Griin 

Dusseldorf, X Mat 1912 276 

Zur Einweihung des Christian Rosenkreutz-Zweiges 

Hamburg, 11. Juni 1912 307 

Die Mission des Christian Rosenkreutz, deren Charakter und 
Aufgabe. Die Mission des Gautama Buddha auf dem Mars 

Neuchdtel, 18.Dezember 1912 314 

ANHANG 

Die Bedeutung des Jahres 1250 

Notizen aus dem Vortrag, Koln, 29.Januar 1911 326 



Die sieben Prinzipien des Makrokosmos und ihr Zusammenhang 
mit dem Menschen 

Notizen aus dem Vortrag, Stuttgart, 28. November 191 1 . . . 331 

Der gestirnte Himmel iiber mir - das moralische Gesetz in mir 



Notizen aus dem Vortrag, St. Gallen, 19. Dezember 1912 . . 336 
Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 343 

Hinweise zum Text 344 

Namenregister 357 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 359 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 367 



VORWORT 



Marie Steiner 



Die von H. P. Blavatsky begriindete Theosophische Gesellschaft 
hatte die Aufgabe, dem in Europa erwachten Interesse fiir die orienta- 
lische Geistigkeit, welches in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts 
durch Schopenhauer und andere bedeutende Denker machtig an- 
geregt worden war, einen okkulten Einschlag zu geben. « Secret 
doctrine » - die Geheimlehre - von H. P. Blavatsky war das Auf- 
sehen erregende Werk, durch welches die Theosophische Gesellschaft 
rasche Ausbreitung in den englisch sprechenden Landern gefunden 
hatte. Das Christentum wurde darin nicht berucksichtigt. Ein Versuch 
rosenkreuzerischer Okkultisten, das Christentum in den Mittelpunkt 
der neuen Stromung zu stellen, bei welchem man sich der medialen 
Eigenschaften der Verfasserin bedient hatte, war schon friiher ab- 
gebogen worden. Es gait aber, morgenlandische und abendlandische 
Weistiimer miteinander in Einklang zu bringen. Uralte Weisheit der 
Vergangenheit sollte weiterleben in der Zukunftsgestaltung der 
Menschheit, deren Erlosung durch das Mysterium von Golgatha 
gewahrleistet war. In der gleichen Weise, wie einst das noch junge, 
glaubensfrohe Christentum Europas mit der Welle des Arabismus 
die Wissenschaft in sich aufgenommen hatte und Naturanschauung 
sich dadurch zu Naturwissenschaft entfaltete, so muBte jetzt die dem 
Materialismus verfallene und ausgedorrte gegenwartige Menschheit 
wiederbelebt werden durch die Durchdringung mit Erkenntnissen 
uralter Weisheit. Es geschah auf dem Wege des Bekanntwerdens mit 
der buddhistischen Philosophic und fuhrte dazu, dafi die Lehre von 
Karma und Reinkarnation von vielen Seelen aufgenommen und be- 
griffen werden konnte. Die wissenschaftlichen Arbeiten von Max 
Muller, Deussen und anderen bedeutenden Philosophen erschlossen 
den Europaern eine Welt iiberwaltigender Geistigkeit und lebens- 
voller Imaginationen. Doch der Schlussel zum Erfassen dieser Welten 
muBte der intellektuellen Wissenschaft noch gegeben werden. Dazu 



genugte das Werk Blavatskys und ihrer Schiiler nicht; es muBten 
dazu geeignete Personlichkeiten als Vermittler gefunden werden. 
H. P. Blavatsky war durch die besondere BescharTenheit ihres leib- 
lichen Organismus ein Werkzeug gewesen, das den Einfliissen aus 
geistigen Welten besonders zuganglich war. Ihre starke Willenskraft 
machte sie geeignet fur die Durchfuhrung schwerer Aufgaben im 
Dienste der Menschheit; ihr Denken war sprunghaft; ihr Charakter 
artete aber oft in Leidenschaftlichkeit aus, und wenn ihr Tempera- 
ment durchbrach, gab es Katastrophen und sogar Umwandlung der 
Zielrichtung. Man kann schon sagen : als geistig durchlassiges Instru- 
ment wurde von okkulter Seite her um sie gekampft. 

Um das Wissen von den okkulten Welten zu einer Wissenschaft des 
Geistes umzuwandeln, die durch ernsthaftes Studium allmahlich von 
den Menschen erobert werden konnte, muBte sich ihm ein Mensch 
widmen, der Charakter und Temperament vollkommen in seiner 
Gewalt hatte und das gesamte Wissen seiner Zeit uberschauen und 
handhaben konnte, der die einzelnen Wissensgebiete in einem MaBe 
beherrschte, das ihn befahigte, Rede und Antwort zu stehen auf die 
Einwande der scharfsten Kritik. Ein eiserner und doch gelockerter 
physischer Organismus muBte ihm zu Gebote stehen, um den gegen 
ihn anstiirmenden Angriffen standzuhalten. 

Dieser Mann fand sich in Rudolf Steiner. Seine Jugend verlebte er, 
man kann sagen, in geselliger Einsamkeit und unablassigem Studium. 
Seinen Lebensunterhalt bestritt er, kaum der Kindheit entwachsen, 
durch Stundengeben, und dann als Erzieher. Aus diesem Lebens- 
unterbau heraus formte sich noch in jungen Jahren seine Tatigkeit als 
Vortragender und Schrifts teller. Da das Leben im Geiste ihm das 
Natiirliche war, stellte er sich ganz bewuBt die Aufgabe, sich selbst 
alle Einwendungen zu machen, die der kritische Materialist den Offen- 
barungen des Geistes entgegenbringt, und nichts sich zu ersparen, was 
auch nur im geringsten ein Abweichen von dieser Linie ware. Das 
nannte er in die Haut des Drachen hineinkriechen. Dies schwere 
Ringen erschien ihm wie eine Pflicht. Denn sonst hatte er sich nicht 
das Recht zuerkannt, den schweren Kampf fur die Menschheit durch- 
zukampfen : den Sieg des Geistes iiber die abstrakte Intellektualitat zu 



erringen. Erst dann konnte er die Tat des Buddha mit der Tat des 
Christus als ein harmonisches Ganzes hinstellen; erst dann wurde er 
die Wege der Erlosung durch die Christus -Tat weisen konnen, wenn 
er selbst den inneren Widersacher auf dessen verborgenen Schleich- 
wegen besiegt hatte. - So geriistet, trat er als Exponent der uralten 
Weishekslehre auf, so wie sie sich ihm im Lichte der Christus -Tat 
offenbart hatte. 

Die Theosophische Gesellschaft war alarmiert. Sie sah die tiefe 
Wirkung der Lehre Dr. Steiners auf die Christus suchenden Seelen. 
Sie wollte ihre Mitglieder nicht dem exponieren; sie nicht der Gefahr 
aussetzen, die Lehre Dr. Steiners aufzunehmen und dadurch der 
orientalisierenden Stromung untreu zu werden. Seine Themen fur 
den damals in Genua anberaumten KongreB der Foderation euro- 
paischer Sektionen hatten zum Inhalt: die buddhistische Weisheit 
und die abendlandische Esoterik. Diesen Inhalten hatten sie entgegen- 
gestellt den nun in einem indischen Knaben, ihrer Lehre nach, im 
Fleisch inkarnierten Christus Jesus. Ein so klaffender Unterschied gab 
keinen gemeinsamen Boden ab fur wissenschaftliche Auseinander- 
setzungen, wie sie wahrend des Kongresses in Genua hatten gepflogen 
werden sollen, und schienen jetzt, wo man die Bedeutung Rudolf 
Steiners erkannt hatte, ein viel zu gefahrliches Unternehmen. Es war 
besser, den heiBen Boden gar nicht zu betreten. Der KongreB wurde 
aus undurchschaubaren Griinden in letzter Stunde abgesagt. 

Und Dr. Steiner, der - wie manche andere - schon nach Italien 
abgereist war, konnte nur in Zweigversammlungen im intimen Kreise 
sprechen. Fur Stenographen konnte nicht mehr gesorgt werden. Es 
ist aber doch das Wesentliche festgehalten durch die liebevolle Hin- 
gabe einiger nachschreibender Mitglieder, deren Hand natiirlich gegen 
SchluB des im Feuer der Begeisterung gesprochenen Wortes erlahmen 
muBte. Wir gedenken hier besonders anlaBlich des Locarnoer Vor- 
trages und der in Neuenburg gehaltenen unserer lieben Mitarbeiterin : 
der 1942 in einem derKonzentrationslager an einerLungenentziindung 
dahingeschiedenen Agnes Friedlander. Sie gehorte zu denen, deren 
Seele besonders tief ergriffen worden war von den im Chris tus- 
Mysterium lebenden Umwandlungsimpulsen. 



AnschlieBend an das fur Genua gewahlte Thema «Von Buddha zu 
Christus » ergab es sich in den jetzt gehaltenen Vortragen wie selbst- 
verstandlich, daB nicht nur die friiheren, sondern auch die dauernden 
Beziehungen zwischen dem Buddha und dem Christus Jesus, wie sie 
von der Essaer-Weisheit in den Evangelien angedeutet werden, in 
ihren geisteswissenschaftlichen Zusammenhangen beleuchtet wurden. 
Das ist, was diesen Betrachtungen den besonderen Charakter verleiht, 
der ohne die Darlegung des geschichtlichen Werdegangs der Myste- 
rienweisheit nicht hatte hervorgehoben werden konnen. 

Aber die Vortrage selbst sind uns in ihrer Ganzheit nicht erhalten, 
wir haben keine guten Nachschriften. Wie ein Gegenschlag von seiten 
der Widersachermachte mutet uns dies an, daB kein bewahrter und 
seiner Sache sicherer Stenograph da war. Es sind - neben den ge- 
kiirzten Kasseler Vortragen - zum Teil nur Bruchstiicke, zum Teil 
zusammengestiickelte Notizen. Aber die wesentlichen Richtlinien sind 
erhalten. Es ist der Versuch gemacht worden, sie in einen Zusammen- 
hang zu bringen. Der Versuch gelingt nicht immer in stilistisch uber- 
zeugender Form, aber um so mehr wird der Geist zur Scharfung der 
Denkkraft aufgerufen und zum Studium angeregt. 

Neben der Betonung des besonderen Charakters der nachchrist- 
lichen Geisteswissenschaft war das Ziel der 1911 und 1912 gehaltenen 
Vortrage: die Bedeutung des Karma als Schicksalsverlauf hervor- 
zuheben und uns in seine Intimitaten eindringen zu lassen. Hat auch 
der Gesamtduktus jener Betrachtungen nur in Erinnerungsbildern 
festgehalten werden konnen - fur die logischen Zusammenhange 
waren die Nachschriften oft zu knapp, und die hier und da gesammel- 
ten Notizen und Stichworte sind eher Merkzeichen -, so ist doch die 
Richtung der von Dr. Steiner gegebenen geistigen Impulse gewahrt 
und rechtfertigt vielleicht den Versuch dieser Zusammenstellung; sie 
konnen durch meditative Arbeit, unsere Seelen vertiefend, in uns 
weiterwirken. 



DER CHRISTUS-IMPULS IM HISTORISCHEN WERDEGANG 



Lugano, 17. September 1911 
Enter Vortrag 

Da wir uns doch so selten hier sehen, werden wir zuerst etwas All- 
gemeines besprechen. Und dann konnen wir ja, weil wir in so kleinem, 
vertrautem Kreise beisammen sind, eingehen auf diese oder jene 
Wiinsche, die zum Ausdruck kommen konnten. Es wird gut sein, 
etwas iiber das Wesen des Menschen im Zusammenhange mit dem 
ganzen Wesen unserer Welt, der groBen Welt, im allgemeinen zu be- 
sprechen. Und zwar soil in dieser Stunde dieses Wesen des Menschen 
weniger so besprochen werden, wie es zum Beispiel in meinem Buche 
«Theosophie» geschieht - da heraus kann ja jeder sich geniigend 
Kenntnis verschaffen sondern wir wollen heute einen Blick wer- 
fen auf die menschliche Wesenheit mehr von dem Innern des Men- 
schen aus. 

Wenn wir ab und zu iiber uns als Menschen nachdenken, so muB 
uns ja von vornherein auffallen, daB wir die Welt ringsherum an- 
schauen durch unsere Sinne, Eindriicke von ihr bekommen und dann 
iiber die Welt nachdenken. Diese zwei Glieder der menschlichen 
Wesenheit werden uns ja immerzu vor die Seele gefuhrt. Wenn wir 
zum Beispiel abends unser Licht ausgeloscht haben und, bevor wir 
einschlafen, uns noch einmal die Eindriicke des Tages durch die Seele 
Ziehen lassen, dann wissen wir ja : Den Tag iiber hat die Welt auf uns 
gewirkt. Jetzt konnen nur die Erinnerungsbilder der Eindriicke des 
Tages in unserer Seele auf und ab wogen. Jetzt - das wissen wir - 
denken wir nach, jetzt sind wir schon mit unserer Seele in den Nach- 
klangen dessen, was sich durch die auBeren Eindriicke so in uns ab- 
spielt. Wenn wir von den gewohnlichen trivialen Beziehungen ab- 
sehen, bezeichnen wir dasjenige, was in unserer Seele so ablauft wie 
eine Erinnerung an den Tag, als das Individuelle. Dadurch, daB wir 
intelligente individuelle Menschen sind, intellektuelle Wesen sind als 
Menschen, nur dadurch sind wir ja imstande, die Welt in Bildern an 
uns voriiberziehen zu lassen, wie das eben angedeutet worden ist. 



Nun, fur unser Geistesleben ist dies Individuelle innig verbunden 
mit den auBeren Eindriicken. Wenn wir wahrend des Tages die Welt 
beobachten, so flieBen ja fortwahrend die Sinneseindriicke und die 
Gedanken, die wir haben, durcheinander. Und abends, wenn wir 
keine Sinneseindriicke mehr haben, aber dann die Eindriicke durch 
unsere Seele Ziehen lassen, wissen wir ganz genau : Das sind die Bilder 
dessen, was wir drauBen erleben. Es flieBen zusammen unsere Ein- 
driicke von der AuBenwelt und dasjenige, was wir sind als individuelle 
Menschen. Das flieBt zusammen. Nun gibt es ja, wie wir alle wissen, 
eine Moglichkeit, dieses innere individuelle Element in uns immer 
lebendiger und lebendiger, immer exakter und exakter zu gestalten. 
Und das geschieht durch die uns schon bekannten Mittel, die ge- 
schildert sind zum Beispiel in meiner Schrift: «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?». Das ist ja das erste, was man als 
Erfahrung im inneren Leben machen kann, daB man fiihlt, man ist 
nicht mehr mit seinen Gedanken unbedingt abhangig von der auBeren 
Welt. Wenn sich jemand zum Beispiel Gedanken machen kann iiber 
dasjenige, was auf Saturn, Sonne und Mond geschehen ist, dann hat 
er solche hohen Gedanken. Denn natiirlich kann kein Mensch auBere 
Eindriicke, Eindriicke auBerer Art von dem erhalten, was auf dem 
alten Saturn, der alten Sonne und dem alten Mond geschehen ist. Wir 
brauchen nicht so wek zu gehen. Wenn wir in stiller Stunde uns 
fragen : Wieviel hat sich in meinen BegrifFen seit meiner Jugend ge- 
andert? - so ist das schon gegeniiber der Welt ein selbstandiges Ver- 
halten im individuellen Elemente. Wenn wir uns Lebensansichten, 
Maximen bilden, fiihlen wir, daB wir mit dem intellektuellen Elemente 
selbstandiger werden. Dieses Selbstandigerwerden in dem indivi- 
duellen intellektuellen Elemente hat eine groBe Bedeutung fur den 
Menschen. Denn was bedeutet das Selbstandigerwerden? Was be- 
deutet es, wenn der Mensch durch das Erleben selbst - von Dingen, 
die unabhangig sind von auBeren Eindriicken -, nicht durch Lehren, 
nicht durch Theorien, sich Lebensmaximen aneignet? Das bedeutet, 
daB er in seinem Atherleib selbstandiger wird. Das ist der erste 
Anfang eines langen Prozesses. Der Anfang ist so, daB der Mensch 
gar nicht merkt, daB er seinen Atherleib eine Spur heraufhebt; das 



Ende ist, daB er ihn ganz unabhangig machen kann von dem physi- 
schen Leib. 

Wahrend der Anfang ein ganz leises Selbstandigwerden ist, so ist 
das Ende ein volliges Herausziehen des Atherleibes und ein Wahr- 
nehmen mit dem Atherleib. Wir nehmen dann mit diesem selbstandi- 
gen Atherleib wahr in der Umgebung. Dieses Wahrnehmen konnen 
wir auch dann haben, wenn wir noch nicht sehr weit sind im inneren 
mystischen Erleben. Wir konnen uns das deutlich und bis zu einem 
gewissen Grade verstandlich machen, wenn wir uns erinnern, wie 
unser Wahrnehmen im physischen Leibe ist. Mit unserem physischen 
Leib nehmen wir wahr durch unsere Sinne, welche selbstandig sind. 
Unsere Augen sind selbstandig, unsere Ohren sind selbstandig. Wir 
konnen die Welt der Farben und die Welt der Tone selbstandig wahr- 
nehmen. Das konnen wir nicht, wenn wir mit unserer Intelligenz 
wahrnehmen. Im Falle der Intelligenz ist alles Einheit, nichts in 
Bezirke abgegrenzt. Wir konnen nicht wie in einzelnen Sinnesbezirken 
mit Atheraugen und Atherohren wahrnehmen, sondern wir schauen 
die Atherwelt im allgemeinen. Und wenn wir anfangen, etwas davon 
zu sagen, so konnen wir schildern, wie einheitlich umfassend das 
atherische Erleben wirkt. Ich will nicht davon sprechen, daB das 
Erleben viel weiter gehen kann, sondern nur aufmerksam darauf 
machen, daB der Mensch, wenn er wahrnimmt, wie sich Lebens- 
maximen bilden, dadurch etwas wahrnehmen kann von den atheri- 
schen Elementen. 

Wer in die atherische Welt hineinschaut und nach und nach sich 
klar werden kann dariiber, daB es solch eine hdhere Welt gibt, kann 
von innen heraus eine Uberzeugung bekommen, daB dem physischen 
Leib ein Atherleib zugrunde liegt. Sobald die Rede darauf kommt, daB 
es so etwas gibt wie einen Atherleib, miissen wir schon die Orientie- 
rung bekommen durch bedeutende Aufschliisse und durch Dinge, die 
wir gewissermaBen erleben. Sobald man weiB, daB ein Atherleib den 
physischen Leib durchdringt, wird man es nicht mehr unverstandlich 
finden, wenn der Okkultist sich in seiner Weise dariiber auBert, was 
eine Lahmung ist: Da tritt auf abnorme Weise das ein, was sonst 
durch normale Schulung geschieht. Es kann einem Menschen passie- 



ren, daB sein Atherleib sich zuriickzieht vom physischen Leibe. Der 
physische Leib wird dann selbstandig. Da ist die Moglichkeit einer 
Lahmung gegeben, denn der physische Leib ist seines belebenden 
Atherleibes dann beraubt. Aber wir brauchen nicht einmal bis zu der 
Erscheinung der Lahmung zu gehen, sondern wir konnen auch in 
seiner alltaglichen Erscheinung das Leben besser begreifen. Was ist 
zum Beispiel ein Faulenzer? Ein Faulenzer ist ein solcher, der die 
Krafte seines Atherleibes von Geburt an schwach hat oder der sie 
geschwacht hat durch Vernachlassigung. Das versucht man dann da- 
durch zu korrigieren, daB man den physischen Leib seiner bleiernen 
Schwere entkleidet und in irgendeiner Weise leichter macht. Eine 
wahre Kur kann jedoch nur vom astralischen Leibe ausgehen; der 
wird durch Anregung belebend wirken auf den Atherleib. Doch noch 
etwas anderes muB man sich klarmachen. Der Atherleib ist eigentlich 
der Trager unseres gesamten Intellektes. Wenn wir abends ein- 
schlafen, bleiben eigentlich im Atherleib alle unsere Vorstellungen, 
Erinnerungen. Seine Gedanken laBt der Mensch im Atherleib zuriick 
und trifft sie erst morgens wieder an. Indem wir den Atherleib ablegen, 
legen wir das ganze Gefiige unserer Erlebnisse ab. 

Dieser Atherleib ist aber auch so geschaffen, daB wir in ihm wirklich 
klar wahrnehmen konnen, wenn wir ihn geisteswissenschaftlich unter- 
suchen, daB der Mensch eigentlich viel, viel mehr Veranderungen im 
Laufe der Zeit unterworfen ist, als man glaubt. Nicht wahr, das wissen 
wir alle, daB der Mensch durch seine Inkarnationsperioden hindurch- 
gegangen ist. Es ist nicht sinnlos, daB wir immer wieder und wieder 
inkarniert werden. Der Blick des Menschen ist kurzsichtig. Man hat 
den Glauben, daB die Menschen so wie heute immer organisiert 
gewesen sind. Die menschliche Organisation andert sich von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert, es ist nur nicht moglich, das auf auBerem 
Felde zu untersuchen. Im Vorderhirn sitzt ein Organ, in feinen 
Windungen liegend, das sich erst seit dem vierzehnten, funfzehnten 
Jahrhundert herausgebildet hat. Es ist eine organische Form fur das 
rein intellektuelle Leben dieser Jahrhunderte. Wie es unmoglich ist, 
daB im Gehirn eine solche Einzelheit sich andert, ohne daB eigentlich, 
wenn auch im kleinen, die gesamte menschliche Organisation sich 



andert, das konnen wir uns ja denken. So daB tatsachlich von Jahr- 
hundert zu Jahrhundert die menschliche Organisation Veranderungen 
aufweist. Doch ist die Anderung in dieser Beziehung nur durch das 
Verfolgen der Akasha-Chronik zu konstatieren. Und da lassen sich 
am besten die Veranderungen im Atherleib verfolgen. Da sehen wir, 
wie die Menschen im alten Griechenland oder im alten Agypten ganz 
andere Atherleiber gehabt haben. Die gesamten Stromungen waren 
anders. 

Nun mochte ich, um auf einen Gedanken zu kommen, welcher fur 
uns fruchtbar sein kann, zunachst eine kleine Zwischenbemerkung 
einschalten, darauf aufmerksam machen, daB man ja schonim gewohn- 
lichen Leben eine Mehrheit von Welten annehmen kann. Der Mensch 
sinkt in Schlaf, ohne zu wis sen, daB er in einer andern Welt ist. DaB 
er sie verschlaft, merits davon weiB, ist kein Beweis, daB sie nicht 
besteht. In jene Welt ragen aber die anderen Welten in einer gewissen 
Weise hinein. Wenn der Mensch in der physischen Welt ist, nimmt er 
durch die Sinne wahr; wenn er sich in sich zuriickzieht, nicht: dann 
hat er eine intellektuelle Welt, und diese grenzt an die physische heran, 
Doch findet er in sich selber auBer dem schon entwickelten intellek- 
tuellen Elemente noch zwei ganz andere, davon verschiedene. Kann 
der Mensch diese anderen Elemente entwickeln? 

Eine einfache Besinnung kann zeigen, daB es eine eigenartigere Welt 
des inneren Lebens gibt als die des bloBen Nachdenkens. Sie ist da, 
wenn wir uns sagen konnen : Wir fuhlen als Menschen moralisch. Das 
ist die Welt, wo wir mit ganz bestimmten Erlebnissen ein sympa- 
thisches oder antipathisches Gefiihl verbinden. Dieses geht iiber das 
intellektuelle Erleben hinaus. Jemand erweist einem andern Wohl- 
wollen, und das gefallt uns, oder Obelwollen, und das miBfallt uns. 
Das ist ganz etwas anderes als das bloB intellektuell Erfahrene. Das 
bloBe Nachdenken kann in uns nicht erstehen lassen das Gefiihl, ob 
eine Handlung moralisch oder unmoralisch ist. Es kann intellektuell 
hochst verstandnisreiche Naturen geben, die keinen Sinn haben fur 
das AbstoBende einer rein egoistischen Handlung. Das ist eine Welt 
fur sich, dieselbe Welt, die wir auch gewahr werden, wenn wir das 
Schone und Erhabene in Kunstwerken bewundern oder das HaBliche 



abstoBend finden. Was uns an Kunstwerken erhebt, das konnen wir 
nicht mit dem Intellekt, sondern nur mit unserm Seelenleben erfassen. 
So konnen wir sagen : Es ragt dadurch etwas herein in unser Leben, 
was iiber das Intellektuelle hinausgeht. Wenn ein Okkultist eine Seele 
beobachtet in einem solchen Momente, wo sie Abscheu empfindet vor 
einer unmoralischen Handlung, oder Wohlgefallen an einer mora- 
lischen, so durchlauft diese einen hoheren Grad des Seelenlebens. Das 
bloBe Nachdenken ist ein niedrigerer Grad des Seelenlebens als das 
Wohlgefallen oder MiBfallen an moralischen oder unmoralischen 
Handlungen. Wenn so der Mensch im erstarkten Atherleibe ein 
intensiveres Gefuhl fur Moralisches und Unmoralisches erringt, so 
ist da nicht bloB ein standig Starkerwerden des Atherleibes zu kon- 
statieren, sondern ein Starkerwerden des Astralleibes, ein besonderes 
Anspornen der Astralkrafte. So daB wir sagen konnen : Ein Mensch, 
der besonders fein empfindet gegeniiber moralischem und unmorali- 
schem Handeln, wird sich ganz besonders starke Krafte im Astralleib 
erringen, wahrend derjenige, der seinen Atherleib nur intellektuell 
erhebt - etwa durch Ubungen, welche die Gedachtniskraft starken -, 
wohl sehr weit im Hellsehen sich entwickeln kann, aber nicht aus der 
atherisch-astralen Welt herauskommen wird, weil in ihm bloB das 
intellektuelle Element wirksam ist. Will man iiber die astralische Welt 
hinauskommen, so muB man solche Obungen machen, die Sympathie 
zu moralischen und Antipathie gegen unmoralische Handlungen zum 
Ausdruck bringen. Dann steigen wir in der Tat zu einer Welt auf, die 
im andern Sinne als bloB astral hinter unserer Welt ist. Wir steigen 
dann auf in die himmlische Welt. So daB wir sagen konnen : In der 
groBen Welt des Unsichtbaren entspricht die himmlische Welt des 
Makrokosmos dem, was in uns lebt gegeniiber den moralischen oder 
unmoralischen Eindriicken, die astralische Welt des Makrokosmos 
dem, was in uns ist in der intellektuell-physischen Wahrnehmung der 
physischen Welt. Das, was im intellektuellen Element zur Entwicke- 
lung kommt, entspricht der astralischen Welt, dasjenige, was sich 
entwickeln laBt gegeniiber der moralischen oder unmoralischen Hand- 
lung, entspricht der himmlischen Welt, der Devachanwelt. 

Dann gibt es noch ein weiteres Element in der menschlichen Seele. 



Es ist noch ein Unterschied zwischen dem moralischen Handeln, das 
gefallt, und dem, daB man sich verpflichtet fiihlt, dasjenige, was einem 
als moralisches Handeln gefallt, auch zu tun und das Nicht-Moralische 
zu unterlassen. Das Sich-verpflichtet-Fiihlen, das ist fur den Menschen 
das Hochste, wozu der Mensch es heute auf der Welt bringen kann. 

Was wir als eine Stufenleiter der Menschenseele anzusehen haben, 
ist also : 

1. Der sinnliche Mensch, 

2. Der intellektuelle Mensch. Das ist der, welcher der ersten unsicht- 
baren Welt gegeniibersteht. 

3. Der moralisch empfindende asthetische Mensch, der Gefallen 
oder MiBfallen empfindet an moralischem und unmoralischem 
Handeln. Dem entspricht drauBen die niedere Devachanwelt. 

4. Der moralisch sich Betatigende. 

Dem, daB der Mensch das, was er innerlich als hochste moralische 
Impulse empfindet, auch tut, entspricht drauBen die hohere Devachan- 
welt, die Vernunftwelt, wo die Wesenheiten herrschen, die das absolut 
Verniinftige in der Welt reprasentieren. Wenn der Mensch erfassen 
kann, daB in der Welt seiner moralischen Impulse ein Schattenbild vor- 
handen ist von der hochsten Welt, aus der er heraus ist, dann hat er 
viel begriffen vom Makrokosmos. 

So haben wir die physische Welt und die Welt des Verstandes, die 
moralische Welt oder die himmlische Welt des niederen Devachan, 
und die Vernunftwelt oder hohere Devachanwelt. Die kosmischen 
Welten werfen in uns die Schattenbilder der Sinneswelt : die intellek- 
tuelle Welt, intellektuelles Hellsehen; die asthetische Welt: moralisches 
Empfinden; die Vernunftwelt: moralische Impulse zur Tat. Durch 
eine Art Selbsterkenntnis kann der Mensch diese verschiedenen Stufen 
in sich wahrnehmen. 

Nun, diese ganze Konfiguration des Menschen hat sich im Laufe 
der Zeiten eben geandert. Wie der Mensch heute ist, so war er durch- 
aus nicht in der alten griechischen oder in der alten agyptischen Zeit. 
Damals, in der Zeit des alten Griechentums, war der Mensch so, daB 
hohere Wesenheiten das seelische Element in ihm lenkten, daher 



empfand der damalige Mensch etwas wie eine selbstverstandliche 
Verpflichtung gegeniiber jenen Wesenheiten. Jetzt sind wir in der 
Zeit, wo der Mensch durch das intellektuelle Element gelenkt wird, 
und daher empfindet der Mensch etwas wie eine asthetisch-moralische 
Verpflichtung. Damals aber ware es unmoglich gewesen, daB irgend 
jemand gedacht hatte, wenn etwas als moralischer Impuls da ist, ware 
es moglich, etwas anderes zu tun. Noch in Griechenland empfand man 
gegeniiber dem Gefallen und MiBfallen so, daB man dementsprechend 
auch handeln muBte. 

Nun kamen die neueren Zeiten, wo der Mensch sich nicht einmal 
dem asthetischen Element gegemiber verpflichtet fuhlt, was sich ja 
ausdriickt in dem Spruch: t)ber den Geschmack laBt sich nicht 
streiten. - Aber mit solchen, die den Geschmack ausgebildet haben, 
wird man sich wohl einigen konnen. 

Das, was man fruher auf moralischem und asthetischem Gebiete 
empfand, das empfindet man heute als notwendig auf intellektuellem 
Gebiete: eine gewisse Fiihrung zu haben, so daB man nicht denken 
kann wie man will, sondern nach den Denkgesetzen der Logik sich 
zu richten hat. Damit sind wir aber auf die niederste Stufe gekommen, 
die an menschlichen Erlebnissen da ist. Jetzt stehen wir an der Uber- 
gangsstufe, wie wohl zu bemerken ist. Wenn wir namlich die letzten 
Jahrtausende nehmen, so sehen wir, daB der physische Leib der Men- 
schen immer trockener und trockener wird, daB der Mensch eben 
anders geworden ist. Vor anderthalb Jahrtausenden war der physische 
Leib wesentlich weicher und biegsamer. Der physische Leib ist immer 
harter geworden. Dagegen ist auch in dem Atherleib etwas ganz 
anderes geschehen, etwas, was der Mensch eben darum weniger er- 
leben konnte, weil dieser Atherleib eine Entwickelung nach aufwarts 
durchgemacht hat. Es ist bedeutsam, daB wir an dem wichtigen Zeit- 
punkte stehen, wo der Mensch gewahr werden muB, daB sein Ather- 
leib ein anderer werden soil. Das ist das Ereignis, welches gerade im 
zwanzigsten Jahrhundert sich abspielen wird. Wahrend auf der einen 
Seite das Starkerwerden des intellektuellen Elementes sich geltend 
macht, wird auf der anderen Seite der Atherleib so viel selbstandiger, 
daB die Menschen es werden merken mussen. Noch haben die Men- 



schen eine Zeitlang nach dem Chris tus-Ereignis nicht so intellektuell 
gedacht wie die heutigen Menschen. Dieses Denken im Intellektuellen 
bewirkt, daB der Atherleib immer selbstandiger wird, daft er auch als 
selbstandiges Instrument gebraucht wird. Und dabei kann bemerkt 
werden, daB er im geheimen eine Entwickelung durchgemacht hat, 
welche das Gewahrwerden des Christus im Atherleib ermoglicht. So 
wie der Christus dazumal physisch gesehen wurde, wird er jetzt 
atherisch geschaut werden konnen. So daB in diesem zwanzigsten 
Jahrhundert wie ein naturliches Ereignis ein Schauen des Christus 
eintritt, wie Paulus ihn gesehen. Es wird eine Anzahl von Menschen 
im Atherischen den Christus sehen konnen. So daB man ihn auch 
kennen wird, den Christus, wenn alle Bibeln verbrannt waren. Wir 
brauchen dann keine tJberlieferung, denn wir sehen Ihn, wir schauen 
Ihn. Und das ist ein Ereignis von einer ahnlichen Bedeutung wie das- 
jenige, das sich auf Golgatha abgespielt hat. Immer mehr und mehr 
Menschen werden in den nachsten Jahrhunderten dazu kommen, den 
Christus zu schauen. Die nachsten drei Jahrtausende auf Erden werden 
einer solchen Entwickelung gewidmet sein, daB der Atherleib immer 
sensitiver wird, daB gewisse Menschen dieses und andere Ereignisse 
erleben werden. Ich will nur ein Ereignis noch erwahnen : daB immer 
mehr Menschen da sein werden, die irgend etwas tun wollen, und 
dann den Drang haben werden, damit zuriickzuhalten. Dann tritt eine 
Vision auf, und die Menschen werden immer mehr und mehr gewahr 
werden: Das, was eintreten wird in der Zukunft, ist die karmische 
Folge von dem, was ich getan habe. Einige Vorzvigler - ich mochte 
dieses Wort bilden in dem Sinne wie Nachziigler - sind schon so weit, 
daB sie solche Dinge empfinden. Insbesondere bei Kindern tritt der- 
artiges auf. 

Es ist ein groBer Unterschied zwischen dem, was die geschulten 
Hellseher erleben, und dem, was hier geschildert wird, was natur- 
gemaB erlebt wird. Der geschulte Hellseher erlebt den Christus seit 
undenklichen Zeiten durch gewisse Obungen. Auf dem physischen 
Plan, wenn ich da einem Menschen begegne, so habe ich ihn vor mir; 
hellseherisch kann ich ihn wahrnehmen an ganz anderen Orten, da 
trete ich ihm nicht unmittelbar gegenuber. Hellseherisch wahrnehmen 



den Christus, ist immer moglich gewesen. Aber ihm zu begegnen, 
weil er jetzt anders zur Menschheit steht, namlich so, daB er einem 
von der Atherwelt aus hilft, das ist etwas, was - auBer uns - eine von 
unserer hellseherischen Entwickelung unabhangige Tatsache ist. Vom 
zwanzigsten Jahrhundert an, in den nachsten dreitausend Jahren wer- 
den gewisse Menschen ihm begegnen konnen, ihm objektiv als athe- 
rischer Gestalt dann begegnen. Das ist etwas anderes, als wenn ein 
Wesen durch innere Entwickelung bis zu seinem Anblick hinauf- 
steigt. 

Damit aber wird das hohe Wesen, das wir den Christus nennen, 
iiberhaupt in eine andere Evolutions kette gestellt, als wenn wir von 
Buddha sprechen. Der Bodhisattva, welcher der Buddha wurde, war 
in das Konigshaus des Suddhodana hineingeboren und wurde im 
neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens Buddha, das heiBt, daB er 
dann nachher nicht mehr inkarniert zu werden brauchte. Wenn eine 
solche Wesenheit, ein Bodhisattva, Buddha oder Meister wird, so 
bedeutet das eine innere Entwickelung, nur eine hohere, die jeder 
Mensch durchmachen kann. Eine esoterische Schulung des Menschen 
ist nur ein Anfang dessen, was zum Buddha -Werden fuhrt. Das hat 
nichts zu tun mit dem, was um die Menschen herum geschieht. Solche 
Menschen treten zu gewissen Zeiten auf, um die Welt weiterzubringen. 
Es sind das aber andere Ereignisse als das Christus-Ereignis. Christus 
war nicht etwa herubergekommen von einer anderen menschlichen 
Individuality, sondern Christus war aus dem Makrokosmos heruber- 
gekommen, wahrend alle Bodhisattvas immer mit der Erde verbunden 
gewesen sind. 

Wir miissen uns also klar sein, daB soweit wir von Bodhisattva- 
oder Buddha -Wesen sprechen, wir gar nicht den Christus benihren. 
Denn Christus ist eine makrokosmische Wesenheit, die erst durch die 
Johannestaufe mit der Erde verbunden ist. Das war die physische 
Manifestation. Jetzt kommt die atherische Manifestation, dann die 
astralische und dann eine noch hohere. Dann miissen aber die Men- 
schen erst so weit sein, diese hohere Stufe zu erleben. Was die Men- 
schen erleben konnen, das gehort zu den allgemeinen Erdengesetzen. 
Die Wesenheit, die wir den Christus nennen oder auch mit anderen 



Namen benennen, wird auch das bewirken, was wir nennen konnen : 
die Rettung aller Erdenseelen in die Jupiterwesenheit hinein, wahrend 
alles andere abfallen wird mit der Erde. Anthroposophie ist nicht 
etwas Willkiirliches, sondern etwas Wichtiges, das in die Welt kom- 
men muBte. Es muB die Welt verstehen lernen das Christus-Wesen, 
das drei Jahre auf Erden gelebt hat. Das war am Anfang unserer 
gegenwartigen Zeitrechnung. 

Sie finden in meinem Buche iiber «Die geistige Fuhrung des Men- 
schen und der Menschheit » das Nahere iiber die beiden Jesusknaben. 
Vorbereitet wurde das Christus-Ereignis durch eine mit der Sekte der 
Essaer in Beziehung stehende Personlichkeit, Jeshu ben Pandira, 
welche geboren wurde hundert Jahre bevor die beiden Jesusknaben 
in Palastina geboren wurden. So daB man unterscheiden muB zwischen 
ihnen und dem Jeshu ben Pandira, den unter anderen Haeckel in ganz 
unwiirdiger Weise verschimpft hat. Von dieser sehr hohen Wesenheit, 
dem Jeshu ben Pandira, riihrt als Vorbereitung zu dem, was ge- 
schehen sollte, im wesentlichen das Matthaus-Evangelium her. 

Wie haben wir uns das Verhaltnis dieses Jeshu ben Pandira zu dem 
Jesus von Nazareth vorzustellen? 

Die Individualitaten haben zunachst nichts miteinander zu tun, 
aufier daB der eine der Vorbereiter des anderen war; aber als Indivi- 
dualitaten sind sie nicht irgendwie verwandt. Sondern die Tatsache 
ist so, daB in dem einen Jesusknaben, dem des Lukas-Evangeliums, 
wir eine etwas unausgesprochene Individualitat haben, die dadurch 
schwer zu fassen ist, daB sie sogleich, als sie geboren wurde, sprechen 
konnte, und zwar in solcher Weise sprechen, daB die Mutter ihn ver- 
stehen konnte. Sie war nicht intellektuell, diese Individualitat des 
Lukas-Evangeliums, aber ungeheuer ursprunglich und elementar in 
bezug auf moralische Empfindungen. In den astralischen Leib dieser 
Wesenheit hat hineingewirkt die Buddha-Individualitat. 

Buddha ist, nachdem er Buddha geworden, eine Wesenheit, die sich 
nicht mehr auf Erden zu inkarnieren braucht. Solange er Bodhisattva 
ist, inkarniert er sich. Nachdem er Buddha gewesen, wirkt er von den 
hoheren Welten herunter, und zwar jetzt durch den astralischen Leib 
des Jesus des Lukas-Evangeliums. Die Krafte, die von Buddha aus- 



gehen, sind in dem astralischen Leib dieses Jesusknaben. In der 
Jesus-von-Nazareth-Stromung ist also die Buddha- Stromung mit 
darinnen. 

Dagegen ist das, was die morgenlandischen Schriften sagen, auch 
fur den abendlandischen Okkultisten richtig, daft in dem Momente, 
wo der Bodhisattva zum Buddha wird, ein neuer Bodhisattva kommt. 
In dem Momente, wo der Gautama Buddha zum Buddha geworden, 
ist diese Bodhisattva-Individualitat von der Erde genommen, und es 
ist ein neuer Bodhisattva auf ihr tatig. Jener Bodhisattva ist es, der 
zur bestimmten Zeit zum Buddha werden soil. Und zwar ist die Zeit 
genau festgestellt, wann der Nachfolger des Gautama Buddha, der 
Maitreya, zum Buddha wird.: funftausend Jahre nach der Erleuchtung 
des Buddha unter dem Bodhibaume. Ungefahr dreitausend Jahre nach 
unserer Zeit wird die Welt die Maitreya-Buddha- Inkarnation erleben, 
welche die letzte Reinkarnation des Jeshu ben Pandira sein wird. 
Dieser Bodhisattva, der als Maitreya-Buddha kommen wird, der in 
seiner Wiederverkorperung im Fleisch auch in unserem Jahrhundert 
im physischen Korper kommen wird - aber nicht als Buddha -, der 
wird es sich zur Aufgabe machen, der Menschheit alle wirklichen 
Begriffe iiber das Christus-Ereignis zu geben. 

Die echten Okkultisten anerkennen die Inkarnationen des Bodhi- 
sattva, des spateren Maitreya-Buddha. Gerade wie die Menschen alle 
eine Entwickelung des Atherleibes durchmachen, so auch diese Indi- 
viduality. Je weiter die Menschheit demjenigen entgegenkommt, 
welcher der Maitreya-Buddha sein wird, wird diese Individualitat eine 
besondere Entwickelung durchmachen, die in ihren hochsten Stadien 
in gewisser Beziehung etwas sein wird wie die Taufe des Jesus von 
Nazareth : Eine Auswechslung der Individualitat erfahrt sie. In beiden 
Fallen wird eine andere Individualitat aufgenommen. Sie leben sich 
als Kinder hinein in die Welt und nach bestimmten Jahren wird ihre 
Individualitat umgewechselt. Es ist nicht eine kontinuierliche Ent- 
wickelung, sondern eine Entwickelung, die einen Bruch erleidet, wie 
das bei Jesus der Fall war. Bei ihm haben wir im zwolften Jahre eine 
solche Auswechslung der Individualitat, dann wieder bei der Johannes- 
taufe. Solch eine Auswechslung tritt gerade bei dem Bodhisattva ein, 



der zum Maitreya-Buddha wird. Diese Individualitaten werden plotz- 
lich wie befruchtet von einer anderen. Insbesondere wird der Mai- 
treya-Buddha bis zum dreiBigsten Jahre kontinuierlich mit einer be- 
stimmten Individualitat leben, und dann tritt fur ihn eine Auswechs- 
lung ein, wie wir sie bei dem Jesus von Nazareth wahrend der Taufe 
im Jordan haben. Immer aber wird man den Maitreya-Buddha daran 
erkennen, daB die Menschen, wenn er da ist, vor dieser Auswechslung 
der Individualitat nichts wissen von ihm. Und dann tritt er plotz- 
lich auf. 

Das ist das charakteristische Zeichen fur alle Bodhisattvas, die 
Buddha werden, daB sie ein unbekanntes Leben fuhren. Die Men- 
schen-Individualitat wird in Zukunft immer mehr auf sich selbst 
gestellt werden mtissen. Fur ihn wird charakteristisch sein, daB er 
viele Jahre unerkannt durch die Welt gehen wird und dann erst da- 
durch zu erkennen sein wird, daB er selbst durch seine innere Kraft 
als ein einzelstehender Mensch wirkt. Durch Jahrtausende hindurch 
und auch durch neuzeitliche Okkultisten ist als Forderung erkannt 
worden, daB sein Wesen durch seine Jugend bis zur Geburt der Ver- 
standesseele, ja bis zur Geburt der BewuBtseinsseele unbekannt bleibt 
und er durch niemand anderes als durch sich selbst seine Geltung 
erhalt. 

Deshalb ist es so wichtig, bis auf einen gewissenPunkt unnachgiebig 
zu sein. Jeder wahre Kenner des Okkultismus wiirde es komisch 
finden, daB im zwanzigsten Jahrhundert ein Buddha kommen soli, da 
jeder Okkultist weiB, daB er erst fiinftausend Jahre nach dem Gautama 
Buddha kommen kann. Es kann aber ein Bodhisattva verkorpert sein, 
und wird es. 

Dieses ist etwas, was zum Ur-Rustzeug des Okkultisten gehort: daB 
der Maitreya-Buddha unbekannt in der Jugend sein wird. Deshalb ist 
seit Jahren von mir betont worden, daB Riicksicht genommen werden 
muB auf den Grundsatz des Okkultismus : Vor einem gewissenLebens- 
alter darf von gewissen Zentralstellen aus niemandem ein Auftrag 
gegeben werden, iiber okkulte Lehren zu sprechen. Das ist seit Jahren 
betont worden. Wenn jiingere Leute sprechen, mogen sie dies aus 
guten Griinden tun, aber sie tun es nicht in okkultem Auftrag. 



Der Maitreya-Buddha macht sich durch eigene Kraft geltend. Er 
erscheint so, daB niemand ihm helfen kann als die Kraft seines eigenen 
Seelenwesens. 

Verstandnis fur die ganze Erdenentwickelung ist eine Notwendig- 
keit, urn an die wahre Theosophie heranzukommen. Diejenigen, die 
dieses Verstandnis nicht entwickeln, werden es dazu bringen, daB die 
neuzeitliche theosophische Bewegung verodet. 



DER CHRISTUS-IMPULS IM HISTORISCHEN WERDEGANG 



Locarno, 19. September 1911 
Z miter Vortrag 

Mit herzlicher Befriedigung spreche ich heute zu Ihnen - hier auf den 
friedlichen Bergen und im Anblick des wunderbaren Sees - von jenen 
Dingen, die uns als die Botschaften, die Tatsachen des geistigen 
Lebens am tiefsten interessieren. Und wenn ich ankniipfe an die auf- 
falligste Tatsache, die insbesondere denen entgegentritt, welche sich 
heute hier versammelt haben, urn unsere Bergesfreunde zu besuchen, 
so ist es doch wohl die, daB sich eine Reihe unserer Freunde zuriick- 
gezogen hat, vielleicht nicht in die Bergeseinsamkeit, aber doch in die 
Bergesfriedlichkeit und Bergeslieblichkeit. Und wenn man sich dann 
fragt: Was liegt dabei in unseren Herzen als ein Trieb, als ein Wunsch 
zugrunde? - so durfen wir diesen Trieb, diesen Wunsch vielleicht recht 
verwandt finden mit der heutigen Sehnsucht des Menschen nach dem 
Geistesleben uberhaupt. Und vielleicht ist es keine Tauschung, wenn 
wir annehmen, daB in der Welt da drauBen ein gleicher Trieb ist wie 
der Trieb, der manche hinausgezogen hat hierher in die Berges- 
einsamkeit. 

Entweder weiB der Mensch oder er ahnt es, daB in allem, was uns 
als Natur, als Wald und Gipfel, als Wetter und Gewittersturm umgibt, 
eine Geistigkeit waltet, die, nach dem Ausspruche einer bedeutenden 
Personlichkeit des Abendlandes, schon eine Geistigkeit ist, welche 
konsequenter ist als das Handeln und Fuhlen und Denken des Men- 
schen. Die Ahnung muB uns ja iiberkommen, daB in alledem, was uns 
so umgibt als Wald und Gipfel, Berg und See, der Geist spricht. Und 
in der Geisteswissenschaft werden wir ja immer mehr und mehr ge- 
wahr, wie aus allem, was uns in der Natur umgibt, aus allem, was uns 
als fester Boden tragt, das, was daraus spricht, Geist ist. Wir werden 
in altersgraue Zeiten verwiesen und sagen uns : Wir stammen aus der 
geistigen Vergangenheit, sind die Kinder von alten Zeiten. So wie wir 
unsere Kunstwerke erzeugen, wie wir dem obliegen, was sie zu unserer 
Handhabung geeignet macht, so haben unsere Vorfahren ihre Werk- 



zeuge geschaffen. Und was als Naturerscheinungen um uns ist, es ist 
das Produkt der Arbeit der Gottervorfahren in vergangenen uralten 
Zeiten. Wenn wir uns durchdringen von solch einem Geftihl, dann 
wird uns alle Natur nach und nach zu dem, was sie aller geistigen 
Wissenschaft zu alien Zeiten war. Sie wird uns zwar zu einer Maja, 
aber zu einer Maja, die groB und schon ist, aus dem Grunde, weil sie 
das Werk ist des Gottlich-Geistigen. Und so gehen wir, wenn wir in 
die Natur hinausgehen, in die Denkmaler geistiger Arbeit der alten 
vorirdischen Zeit. Dann uberkommt uns jenes groBe, jenes starke 
Gefuhl, das durchaus eine Vertiefung des Naturgefuhls bewirken und 
uns mit Warme durchdringen kann. 

Wenn wir unser Naturgefuhl befriedigen an der geistigen Wissen- 
schaft, dann muB uns aber noch etwas anderes iiberkommen : daB es 
in gewisser Beziehung ein Privileg ist, in dem Geiste der Natur sein 
zu diirfen. Und das ist ein Privileg. Denn wir diirfen, ja wir rmiBten 
uns dabei wohl erinnern, wie vielen Menschen es fehlt, dieses in ihrer 
heutigen Inkarnation fehlt, den Schopfungen des Naturgeistes nahe- 
zustehen. Wie viele Seelen leben heute, namentlich in den Kultur- 
stadten, die nichts von dem Erhebenden, dem Gottlich-Geistigen in 
der Natur mehr fiihlen konnen ! Und wenn man mit einem durch die 
Geisteswissenschaft gescharften Blicke die Natur betrachtet, dann weiB 
man, wie innig zusammenhangt dasjenige, was wir moralisches Leben 
nennen - was nach dem Geistesleben das Hochste ist, das wir in 
diesem Leben an Streben haben -, dann weiB man, wie eng das, was 
wir an der Natur fiihlen, zusammenhangt mit dem, was man Moral 
nennt. 

Es ist vielleicht paradox gesprochen, aber wahr ist es, daB jene Men- 
schen, die in der Stadt verlernen miissen, wie ein Hafer-, ein Roggen- 
oder Gerstenkorn aussieht, auch leider abgetrennt werden in ihren 
Herzen von den tiefsten moralischen Quellen unseres Daseins. Wenn 
wir dies bedenken, betrachten wir es wohl als ein Privileg, nahe sein 
zu diirfen den Quellen des Geistes der Natur, denn dann verbindet 
sich von selbst eine solche Empfindung mit der anderen, die, erhartet 
durch die Geisteswissenschaft, durch die Welt gehen soil: mit der 
Wahrheit der Reinkarnation. Wir empfangen sie zunachst als Glau- 



benswahrheit, diese Wahrheit von den wiederholten Erdenleben des 
Menschen. Aber wie vermochte sich eine Seele aufrecht zu erhalten 
in heutiger Zeit, wo zu sehen ist, auf wie gar verschiedenen Wegen die 
Menschen sich durch das Leben hindurchfinden, wo so kraB zu sehen 
ist alle Ungleichheit, die auf unserer Erde notwendigerweise aus- 
gegossen sein muB. Dann fiihlt wohl der Mensch, der das Privileg hat, 
nahe an den Quellen der Natur zu sein, daB er nicht nur alien Grund 
zur Befriedigung hat, von den Wahrheiten der Geisteswissenschaft 
wissen zu diirfen, sondern er fiihlt auch alle Verantwortlichkeit, auch 
alle Pflicht zur Erkenntnis des geistigen Lebens. Denn was werden 
diejenigen Seelen, die heute das Privileg haben, in der Natur Frieden 
und Gesundheit genieBen zu diirfen, was werden sie als ein Bestes 
herantragen an die Pforte des Todes? Was als ihr Bestes? 

Wenn wir ein wenig hineinblicken in das, was so gelehrt werden 
kann von den geistigen Machten, die uns naher stehen als sie es im 
neunzehnten Jahrhundert getan haben, was konnen wir da lernen? Da 
konnen wir ganz besonders lernen, daB wir in unserer tiefsten Seele, 
in unserem tiefsten Fiihlen etwas anderes mitnehmen konnen in die 
folgenden Inkarnationen, wenn wir uns durchdringen mit der geistigen 
Wissenschaft, als wenn wir uns ihr fernhalten. Wir sind ja heute fiir- 
wahr nicht darauf angewiesen, daB wir wie eine abstrakte Lehre, wie 
eine Theorie aufnehmen das, was uns Geisteswissenschaft geben kann. 
Das, was Ihre Seelen aufnehmen, was sich in sie senkt wie eine 
Theorie, es ist dazu da, daB alles Leben wird. Und das, was so Leben 
wird, wirkt bei manchen Menschen schon heute, schon in dieser In- 
karnation, sonst in der nachsten. Es wird wirkliches, unmittelbares 
Leben, ein Leben, von dem wir nur eine Vorstellung haben konnen, 
wenn wir uns jenem prophetischen Blick hingeben, der ja sagt: Wohin 
geht denn diese Entwickelung? Sie geht mit all den Friichten in das 
unmittelbare auBere Dasein iiber. Und dasjenige, was wir heute nur 
sagen konnen, heute nur aussprechen konnen, nur unseren Worten 
einverleiben konnen, wird Blick, Blick bei den Jiingeren, Blick bei den 
Alteren, Blick, der beseligend wirkt. 

Alle, die noch nicht haben herankommen konnen an die Warme und 
das Licht der Geisteswissenschaft, um fur sich selbst zu den Friichten 



dieser geistigen Wissenschaft zu gelangen, werden dann das Beseli- 
gende eines solchen Blickes empfinden! All das, was auBere Person- 
lichkeit sein kann, wird in Zukunft jenes Feuer in sich haben, zu dem 
das, was heute nur Theorie ist, das Heizmaterial abgibt. Es ist nur ein 
kleines Hauf lein von Menschen, welche die wahren Trager sein wol- 
len alles dessen, was in der Zukunft zu all den Menschen flieBen soli, 
die dessen bedurfen: der wahren, echten Fruchte der menschlichen 
Liebe und des menschlichen Mitleids. Nicht darum lernen wir Geistes- 
wissenschaft, um fur uns selbst Befriedigung zu haben, nicht um der 
eigenen Befriedigung willen, sondern darum, daB wir milde, segnende 
Hande bekommen, den milden Blick, der schon dadurch wirkt, daB 
er aus den Augen strahlt, daB wir verbreiten dasjenige, wovon das 
Auge der Quellborn ist, Quellborn von alledem, was wir geistiges 
Schauen nennen. Menschen, die mit solcher Gesinnung gerade so 
nahe leben diirfen der Natur, die sollten jetzt schon achtgeben, wie in 
jetziger Zeit alles sich wandelt, alles anders wird I Es wird anders, es 
wird namlich anders im groBen Kosmos. 

Es ist kein richtiges Wort, welches da sagt : Die Natur macht keine 
Spriinge. In der Natur gibt es immerfort Spriinge. So vom Blatt zur 
Bliite, von der Blute zur Frucht. Wenn aus dem Ei das Kiichlein wird, 
da gibt es einen Sprung. Es gibt kein unwahreres Wort als dieses, daB 
die Natur keine Spriinge mache. Uberall gibt es Spriinge, uberall 
plotzliche Ubergange. Und so leben wir in einer Zeit eines solchen 
Uberganges. Und wir haben hiniibergelebt in ein Jahr, das groBe 
Bedeutung hat: das Jahr 1899. Die Wende des zwanzigsten Jahr- 
hunderts ist fur die ganze kulturelle Entwickelung bedeutsam durch 
den Ablauf dessen, was vom Morgenlandischen aus sich hineinlebt in 
das Abendlandische, sich da hineinmischt, auf daB aufgehe dasjenige, 
was gerade aus dem Naturleben gesaugt werden kann als etwas Be- 
lebendes fur unser tiefstes Seelenleben. 

Diejenigen, deren Geist geweckt ist, werden innerhalb der Natur- 
vorgange neue Wesenheiten sehen konnen. Wahrend der Mensch, der 
noch nicht Hellseher geworden ist, trotz alter Wehmut iiber das un- 
aufhaltsame Absterbende, immer mehr erleben wird etwas Er- 
frischendes in der Natur, wird derjenige, dessen hellseherische Krafte 



erwachen, neue elementarische Wesenheiten aus der absterbenden 
Natur hervorgehen sehen. Wahrend in der groben physischen Welt 
verhaltnismaBig wenig zu sehen sein wird von dem groBen Um- 
schwunge um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, wird die 
geistig geoffnete Seele empfinden: Die Zeiten andern sich, und wir 
Menschen haben die Pflicht, die Geist-Erkenntnis vorzubereiten. 
Immer mehr und mehr wird es wichtig sein, solche Dinge zu be- 
obachten und im BewuBtsein zu tragen. Denn im Willen der Menschen 
liegt es, ob sie solche Dinge zum Heil der Menschheit in sich aufneh- 
men oder an sich voriibergehen lassen wollen; dieses dann zum Unheil. 

Damit ist eines angedeutet: Es wird um die Wende des zwanzigsten 
Jahrhunderts gleichsam geboren ein immerhin neues Reich von Natur- 
wesen, das als ein geistiger Quell aus der Natur hervorgeht und fur 
die Menschen sichtbar und erlebbar wird. Noch ein anderes. GewiB, 
es ware eine Menschenseele stumpf, die nicht das AufsprieBen des 
Fruhlings erkennen konnte, aber noch anderes kommt hinzu. Die- 
jenigen, die in die Lage kommen werden, das, was eben geschildert 
wurde, als Tatsache der Natur zu erleben, die werden in ganz anderer 
Art als durch das gewohnliche Gedachtnis solche Eindriicke be- 
wahren. Sie werden hiniibertragen - wie die Samenkorner durch den 
Winter in den Fruhling hinein es tun - das, was ihnen entgegenstromt 
an neuen Elementargeistern. Was im Fruhling erlebt wurde und was 
im Herbst erlebt wurde, das war in der Vergangenheit voneinander 
unabhangig: dieses Aufstrahlen der Natur im Fruhling und diese 
Wehmut im Herbst. Dasjenige, was der Kosmos von seinem Ge- 
dachtnis hergibt, das macht, daft wir von dem, was wir im Herbst 
erleben, einiges hiniibertragen in den Fruhling hinein. Wenn wir in 
uns wirken lassen die Elementarkrafte des Herbstes, dann konnen wir 
in einer neuen Weise empfinden, was uns in der Zukunft gegeben 
wird. Alles erfahrt ein Neues in der Zukunft, und es ist unsere Pflicht, 
daB wir uns vorbereiten, durch die Erkenntnis des Geistigen ein Ver- 
standnis dafiir zu haben. Denn die Geisteswissenschaft ist nicht in die 
Welt gekommen durch die Willkur der Menschen, sondern weil neue 
Dinge geschehen in den Himmeln, die nur wahrgenommen werden 
konnen, wenn die Ergebnisse der Geistesforschung aufgenommen 



werden von den Menschen. Deshalb ist die theosophische Bewegung 
ins Leben getreten. 

Wie in der Natur, so ist es auch im moralischen Leben: da erfahrt 
das Seelenleben eine Umgestaltung. Mancherlei wird auftreten, wovon 
die Menschen heute noch keine Ahnung haben. Nur das eine mochte 
ich als Beispiel er wahnen : Es wird immer mehr und mehr Menschen 
geben - und namentlich bei Kindern wird das herauskommen -, bei 
denen es so sein wird, daB, wenn der Mensch dieses oder jenes in der 
Zukunft tun will, diese oder jene Tat in der Welt vollbringen will, es 
dann in seiner Seele so sprechen wird, daB er sich gedrangt fuhlt, etwas 
stillzuhalten und auf etwas hinzulauschen, was ihm aus der geistigen 
Welt gesagt wird. Eine Tatsache, die wie eine Vision vor seinen Augen 
stent, wird ihm entgegentreten. Er wird zuerst eigentumlich beriihrt 
werden von dieser Vision. Dann wird er - wenn er ein wenig naher- 
getreten sein wird der Geisteswissenschaft - erkennen, daB in ihr 
gegeben ist das karmische Gegenbild seiner eben getanen Handlungen. 
So wird die Seele darauf aufmerksam gemacht: Du muBt dahin 
arbeiten, daB du dich aufraffst, hineinzukommen in die Evolution der 
Zukunft. Und es wird gezeigt, daB keine Tat geschieht ohne Wirkung. 
Und das wird zu einem Antriebe, der unser moralisches Leben ordnet. 
So werden die moralischen Triebe wie ein Karma nach und nach in 
unsere Seele gesenkt werden, wenn wir uns bereiten, unsere Geistes- 
augen und unsere Geistesohren zu ofTnen fur das, was aus der geistigen 
Welt zu uns sprechen kann. 

Wir wissen, daB es lange Zeit dauern wird, bis die Menschen lernen 
werden, im Geiste zu schauen. Aber im zwanzigsten Jahrhundert wird 
das beginnen, und im Laufe von dreitausend Jahren werden immer 
mehr und mehr Menschen dazu kommen. Die nachsten drei Jahr- 
tausende werden von der Menschheit solchen Dingen gewidmet sein. 
Auf daB aber solche Dinge geschehen konnen, flieBen - auch wieder 
auf Anordnung der geistigen Fiihrung der Menschheit - die Haupt- 
stromungen der Entwickelung so, daB die Menschen immer mehr 
werden hindurchdringen konnen zum Verstandnis des okkulten 
Lebens, so wie es heute geschildert worden ist. 

ZweiHauptstromungen haben wir da. Die erste ist bekannt dadurch, 



daB es eine sogenannte abendlandische Philosophic gibt und daB das- 
jenige, was elementarste Begriffe von der geistigen Welt sind, aus den 
reinsten Untergriinden der Philosophic stammt. Und es ist merk- 
wiirdig, was sich ergibt bei einem UberbUck iiber das, was innerhalb 
der Wissenschaft der abendlandischen Kultur nach und nach sich 
zugetragen hat. Da sehen wir, wie Menschen rein intellektuell werden, 
wie andere auf dem Boden des religiosen Lebens stehen, aber zugleich 
erfullt sind von dem, was nur geben kann das hinter allem stehende 
Schauen der geistigen Welt. Uberall sehen wir ein Geistesleben aus 
der abendlandischen Philosophic herausquellen. Ich will nur nennen 
Wladimir Solovjeff, den russischen Philosophen und Denker, einen 
wirklichen Hellseher, wenn er auch nur dreimal in seinem Leben 
hineinblicken konnte in die reine geistige Welt: Das erste Mai als 
neunjahriger Knabe, das zweite Mai im Britischen Museum, und zum 
dritten Mai, als er in der Wiiste in Agypten war und den agyptischen 
Sternenhimmel iiber sich hatte. Da brach iiber ihn herein, was nur mit 
hellseherischem Blick zu sehen ist, Daraus erbluhte in ihm dasjenige, 
was sich ausdriickte als Zukunftssehen der Menschheitsevolution. Es 
quillt das hervor, was - durch reine Anstrengung des Geistes - 
SchelUng und Hegel erreicht haben. Da sie einsam gestanden haben auf 
den Hohen des Denkens, diirfen wir sie auch hier hinstellen auf den 
Gipfel, wo nachher stehen werden alle Gebildeten. Das alles ist ja 
gesprochen worden im Verlaufe der letzten Jahrhunderte, und be- 
sonders in den letzten vier Jahrhunderten. Wenn wir das iiberblicken 
und mit den Methoden des praktischen Okkultismus bearbeiten - und 
das ist geschehen in der letzten Zeit -, um gerade das zu erforschen, 
was die rein intellektuellen Kopfe von Hegel bis Haeckel ausgekliigelt 
haben, so sehen wir auch in dieses hineinwirken die okkulten Krafte. 
Und ein ganz merkwiirdiges Resultat ergibt sich da : Wir konnen von 
einer reinen Inspiration gerade bei denen sprechen, die uns am wenig- 
sten so erscheinen. Wer hat sie inspiriert, alle die Geister, die auf rein 
intellektuellem Boden stehen? Wer hat dieses Geistesleben angefacht, 
das aus jedem Buche spricht, das bis hinab in die niedern Hiitten 
geht? Woher kommt alles das, was abstraktes Geistesleben in Europa 
ist und ein merkwiirdiges Resultat darstellt? 



Wir wissen es ja alle, wie sich das groBe Ereignis zugetragen hat, 
das geschildert wird. Einst hatte sich eine groBe Individualist der 
Menschheitsentwickelung, eine der Individualitaten, die wir mit dem 
Namen Bodhisattva bezeichnen, inkarniert im Konigshaus des Sudd- 
hodana. Wir wissen alle, daB diese Individuality bestimmt war, auf- 
zusteigen zu der nachsten Wiirde, die auf die des Bodhisattva folgt. 
Jeder Mensch, der hoher steigt und der bis zur Wiirde eines Bodhi- 
sattva kommt, der muB als letzte Inkarnation ein Buddha werden. 
Was bedeutet diese Buddha- Wiirde? Was bedeutet sie insbesondere 
bei dem einen Bodhisattva, der als Gautama Buddha zur Buddha- 
Wiirde gelangte? Sie bedeutet, daB der Buddha - und das ist ja bei 
jedem Buddha der Fall - nicht mehr in einem fleischhchen Leibe sich 
auf Erden zu verkorpern braucht. Und so war, wie ein jeder Buddha, 
der Gautama Buddha dazu ausersehen, hernach von der geistigen 
Welt herab zu wirken. Niemals sollte er wieder auf Erden physisch 
herumgehen; aber dasjenige, was er erreicht hat von Inkarnation zu 
Inkarnation, das machte ihn fahig, fortan immer herunterzuwirken in 
unsere irdische Kultur. 

Die erste groBe Tat, die er vollbrachte, die, wie ich in Basel an- 
gedeutet habe, der Buddha als ein rein geistiges Wesen zu vollbringen 
hatte, war die, daB er bei jenem Jesusknaben, den uns das Lukas- 
Evangelium schildert, in den astralischen Leib hinein die Krafte 
schickte, die im Sinne jenes Spruches, den wir ja immer als Weih- 
nachtsspruch sagen, zum Ausdruck kommen: Es offenbaren sich die 
Geisteswesen der Hohen, und Friede soli sein in den Menschen auf 
Erden, die einen guten Willen in sich haben. 

Wenn unsere Seele von jenem Spruch beriihrt wird, in welchem 
Engelwesen in der Aureole schweben iiber dem Engelskinde, so sol- 
len wir wissen, daB in jene Jesus-Aura die Krafte des Nirmanakaya 
des Buddha wirken. Seitdem sind die Geistes krafte des Buddha 
einverleibt worden den hochsten Individualitaten in den sich 
vollziehenden Tatsachen, von welchen das Mysterium von Gol- 
gatha spricht. So daB seine Krafte weiterwirken auch in je- 
ner Weltanschauungsstromung der Philosophen des Abendlandes. 
Aus der geistigen Welt heraus ist er selbst der Antrieb zu dem 



Leben, das bis zum Verstande durchgedrungen und sich dann ver- 
irrt hat. 

Wenn wir heute Leibnit^ und Schelling und Solovjeff lesen und uns 
fragen: Wie sind sie inspiriert? - so ist es durch das Wesen, das im 
Palaste des Suddhodana geboren wurde, das vom Bodhisattva zum 
Buddha aufgestiegen ist und dann selbstlos weitergewirkt hat. So 
selbstlos hat er weitergewirkt, daB wir heute zunickgehen konnen in 
Zeiten, wo im Abendlande nicht einmal der Name des Buddha ge- 
nannt wurde. Von dem zum Buddha gewordenen Bodhisattva findet 
Ihr den Namen nicht, nicht einmal bei Goethe ! Er lebt aber in allem, 
das wifit Ihr. Er hat so viel Verstandnis gefunden, daB er in der abend- 
landischen Literatur namenlos weiterlebt. Das wuBte das Mittelalter 
auch; nur erzahlen sie es uns damals nicht so. Sie erzahlen etwas 
anderes. 

Es war im achten Jahrhundert, da lebte Johann von Damaskus, der da 
ein Buch geschrieben hat in Romanform. t)ber was? Er erzahlt, es 
habe einmal gelebt ein bedeutender Lehrer, welcher der Lehrer wurde 
des Josaphat, der den Josaphat unterrichtete in dem, was die Geheim- 
lehre ist, was die groBen christlichen Wahrheiten sind. Und wenn man 
alledem nachgeht, so findet man in der ganzen Erzahlung darauf 
beziigliche Wahrheiten. Man findet auch Erzahlungen aus der buddhi- 
stischen Literatur. Wir verfolgen dieselbe Sache und kommen auf eine 
Legende: jene Legende, die da erzahlt, daB der Buddha weitergelebt 
hat, allerdings nicht in irdischer Menschenform, sondern in tierischer, 
in der Form eines Hasen. Und als einmal ein Brahmane ging und einen 
Hasen fand - der die Maske des Buddha war da klagte der Brahmane 
ihm das Elend der Menschen drauBen, und da hat der Buddha in 
einem Feuer, das er sich selber bereitete, sich selber gebraten, um der 
Menschheit zu helfen. Der Brahmane nahm ihn und versetzte ihn in 
den Mond. Wenn man weiB, daB der Mond das Symbol der immerdar 
dauernden Weisheit ist, die in der Brust der Menschen lebt, dann sieht 
man, daB in den alten Legenden ein BewuBtsein ausgebildet und dar- 
gelegt worden ist von der Aufopferung des Buddha. 

Was ist die Aufgabe des Buddha da drauBen in der Welt des Geistes? 
Es ist seine Aufgabe, immerdar in unseren Herzen zu entziinden jene 



Krafte, aus denen herausgeholt werden kann hohe Weisheit. Als eine 
solche miissen wir die eine Stromung verstehen, die durch unsere 
Welt flieBt: es ist die Buddha- Stromung. Sie ist auch in der einen 
Form reprasentiert, die durch unser Jahrhundert flieBt, wenn auch 
verabstrahiert. Wir miissen aber suchen, die okkulte Bedeutung einer 
jeden Geistesform zu erkennen. Zu dieser Stromung tritt die andere 
hinzu, die ihren Anfang genommen hat in dem Mysterium von Gol- 
gatha, die sich mit der Buddha-Stromung zu einer notwendigen Ganz- 
heit verkniipft hat und die wir ebenso aufnehmen miissen im irdischen 
Leben. Diese Stromung, die von Golgatha ausgeht und an der teil- 
nehmen miissen alle Menschen, die kommt nicht nur innerlich an den 
Menschen heran, sondern sie ist eine solche Stromung, daB sie unser 
gesamtes Erdendasein durchdringt. 

Wahrend wir in der Buddha-Stromung, wie in jeder anderen, eine 
solche haben, die uns alle als Menschen betrifft, haben wir in der 
Christus-Wesenheit einen kosmischen Einschlag. Alle Bodhisattvas 
gehoren zu den Individualitaten, die das Leben hier auf Erden durch- 
machen, gehoren zur Erde, Die Christus-Individualitat kommt von 
der Sonne und betritt die Erde erst mit der Johannestaufe, sie ist nur 
wahrend drei Jahren in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth. 
Das Charakteristische dieser Christus-Individualitat ist, daB es ihr be- 
stimmt ist, nur wahrend drei Jahren in der irdischen Welt zu wir ken. 
Es ist dieselbe Wesenheit, auf die der Zarathustra hinwies, indem er 
sie den Ahura mazdao nannte, der hinter der sichtbaren Sonne steht, 
dieselbe, von der die heiligen Rishis kiindeten, und von der die Grie- 
chen sprachen als von der Wesenheit, die dem Pleroma zugrunde 
liegt. Es ist die Wesenheit, die nach und nach zum Geiste unserer 
Erde geworden ist, zur Aura unserer Erde, seitdem ihr Blut auf Gol- 
gatha geflossen ist. Der erste, der sie so sehen durfte, daB er nicht 
unmittelbar durch das physische Ereignis dazu angeregt war, das war 
Paulus. 

So ist etwas geschehen durch das Golgatha-Ereignis, das einen ganz 
neuen Tatsachenablauf in unsere Erdenentwickelung gebracht hat. 
Vorher war alles da, um durch die mannigfaltigen Religionen die 
verschiedensten BegrifFe aufzunehmen. Was aus der Buddha-Religion 



heriiberwirkte, indem die Buddha- Wesenheit in die Astral- Aura des 
Jesus hineinstrahlte, und was ich erzahlt habe: daB aus der Natur 
heraus die Seele Neues erkennen und empfinden wird, das bedeutet 
nichts anderes, als daB ebenso, wie die Christus-Individualitat durch 
die Taufe herabgestiegen ist in den physischen Leib, in ihm verweilte 
bis zu dem Ereignis von Goigatha und so als physisches Ereignis auf 
dem physischen Plan da war, sie nun ebenso beginnen wird eine neue 
Wirksamkeit in der Atherwelt. Wir konnen also von einer physischen 
Verkorperung sprechen bei dem Ereignis der Johannestaufe bis zu 
Goigatha hin, und jetzt von einem atherischen Wiedererscheinen. 

Indem der Atherleib sich ausbildet, auch durch Herbsteseindrucke, 
die der Mensch in sich hineinverwebt, wird wahrgenommen der athe- 
rische Christus. Wozu war der physische Christus da? Dazu, daB der 
Mensch sich hoher hinauf entwickeln konnte, um sich dann fahig zu 
machen, den Christus immer mehr im Atherischen wahrzunehmen. 

So daB wir sagen konnen : Wir sind in diesem Vortrag ausgegangen 
von jenen elementaren Geistern, die sich geltend machen in der Natur, 
wir sind aufgestiegen von jenen eigentumlichen Visionen, die uns 
dazu bewegen, innezuhalten in unserem Tun und auf das innere Wort 
zu lauschen, und wir sehen in dem allem, in diesen vor uns aus- 
gebreiteten Ereignissen, die sich gruppieren um einen Mittelpunkt, 
daB die Menschen, die sich in richtiger Weise zur geistigen Welt hin- 
finden - und hier meine ich nicht den geistig geschulten Hellseher, der 
immer den Christus hat finden konnen, sondern die Menschen in ihrer 
naturlichen Entwickelung -, daB diese Menschen den Christus als 
Athererscheinung schauen werden: Ihn, der nur vom Ather aus ein- 
greifen wird in das Weltgeschehen. Wir sehen, wie sich alle diese 
Ereignisse um das zukunftige Christus-Ereignis gruppieren. Und wenn 
wir den ganzen geistigen Werdegang in seiner fortschreitenden Ent- 
wickelung nehmen, so sehen wir : Der im Liebesfeuer sich hinopfernde 
Buddha ist der Inspirator unserer Geisteswissenschaft. 

Diejenigen Menschen, die mit Aufmerksamkeit solche Dinge lesen 
wie «Die Prufung der Seele », die ich in Miinchen auffuhren lassen 
durfte, und die vernehmen, wo all die geheimnisvollen Krafte liegen, 
die auf das hinweisen, was in der Natur um uns herum ist, die acht- 



geben auf die Weisheit der Zukunft, auch wenn die Weisheit der 
Zukunft oft die Torheit der Gegenwart ist, so wie die Weisheit der 
Gegenwart oft die Torheit der Zukunft ist, sie werden gewahr werden, 
daB es geben wird eine vom Christus-Impulse durchzogene Chemie, 
eine vom Christus-Impuls durchzogene Botanik und so weiter, Nicht 
wesenlose Molekiile liegen dem zugrunde. Alles, was drauBen in der 
Natur sich ausbreitet, es kommt vom Geiste. So ist die Blume eine 
atherische Wesenheit, und andrerseits ist durch diese Blume der Geist 
von auBen in die Erde hineingedrungen. In dem, was da aus der Erde 
heraus an Formen hervorsprieBt, zeigt sich uns der hochste Sinn. Man 
wird nicht nur erkennen durch den Glauben, sondern man wird 
wissend werden. 

Damit haben wir die zweite Stromung vor unsere Seele gestellt, die 
sich mit der ersten verbinden soil. Viel Oberraschendes werden die 
nachsten Jahre der Erde bringen. In alien Dingen, die in solcher Weise 
auftreten werden, konnen wir das Christus-Prinzip wahrnehmen, wah- 
rend wir den Buddha-Impuls mehr innerlich gewahr werden. Daher 
konnen wir auch nur durch Verstandnis fur jene erhabenen MaB- 
nahmen, die von der geistigen Fiihrung der Welt aus geschehen, uns 
Klarheit verschafTen, wie wir den Christus-Impuls verfolgen konnen, 
wie Er es ist, der im historischen Werdegang die eine Individuality 
in die andere hinuberfiihrt. Was bietet fur den Erkenntnisdrang des 
denkenden Menschen eine solche Erscheinung, wie sie im Westen sich 
zeigt, wo alles Denken sich mehr ausdriickt in der Art - nennen wir, 
um ein Beispiel zu haben - von Galilei, oder wiederum im Osten sich 
ausdriickt in der Art des Wladimir Solovjeff? Wenn wir das sehen, so 
erkennen wir, wie objektiv der Christus-Impuls wirkt. In ahnlicher 
Weise konnen wir in dem, was drauBen in der Welt geschieht, iiberall 
den Christus-Impuls sehen. 

GroBtes wird sich vollziehen in den nachsten Kulturperioden. Was 
in der vierten nur wie ein Traum des groBen Martyrers Sokrates er- 
stand, das wird als Wirklichkeit dastehen. Was war denn dieser groBe 
Impuls des Sokrates? Er wollte, daB der, welcher ein moralisches 
Gesetz erlebt und es so durchschaut, daB er davon ergriffen wird, auch 
in entsprechender Weise als moralischer Mensch handeln solle. Be- 



denken wir, wie weit wir davon noch entfernt sind, wie viele sagen 
konnen : das muB geschehen - aber wie wenige die innere Kraft, die 
Starke der Moral dazu habenl DaB die moralischen Lehren so klar 
durchschaut und die moralischen Gefuhle so sicher entwickelt wer- 
den, daB es gar nichts geben kann, was wir erkennen, ohne den Impuls 
zu haben, es mit Feuer auszufiihren, daB dies wirklich in den mensch- 
lichen Seelen heranreifen kann, nicht nur eingesehen wird, daB es gar 
nkht anders sein kann, als daB ein moralischer Impuls auch zur Tat 
wird : das hangt davon ab, daB sich die Menschen in die zwei gekenn- 
zeichneten Geistesstromungen einleben. Dann werden unter dem Ein- 
flusse der beiden Stromungen immer mehr und mehr jene Menschen 
heranreifen, welche vermogen, vom Empflnden, vom moralischen 
Erkennen, vom moralischen Impuls zur Tat vorzuschreiten. 

Wodurch wird in der Menschheit bewirkt, daB diese beiden Stro- 
mungen zusammenschmelzen, um von innen heraus durch den Buddha 
den Christus ergreifen zu konnen? Es wird dadurch bewirkt, daB das 
Amt des Bodhisattva niemals unausgefiillt geblieben ist. In dem Mo- 
mente, wo der Bodhisattva zum Buddha wurde, da kam ein anderer 
zur Bodhisattva- Wiirde. Und es kam jene Individualitat, von der wir 
wissen, daB sie etwa hundert Jahre vor dem Jesus von Nazareth als 
Essaer gelebt hat. Eine Personlichkeit, die leider verleumdet und ver- 
kannt worden ist, zum Beispiel durch den Schriftsteller Celsus, durch 
Haeckels «Weltratsel» insbesondere. Jene Personlichkeit, die also ein 
voiles Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha gewirkt hat, 
die bekannt ist als Jeshu ben Pandira, die eine der Verkorperungen 
jenes Bodhisattva, der Nachfolger wurde des Gautama, des zum 
Buddha gewordenen Bodhisattva. Er wird noch als Bodhisattva wir- 
ken, bis dreitausend Jahre verflossen sind, und dann, wenn so funf- 
tausend Jahre vollendet sein werden, seitdem der Buddha unter dem 
Bodhibaum seine Erleuchtung empfing, wird auch er zum Buddha 
werden. Es weiB jeder ernste Okkultist, daB fiinftausend Jahre nach 
der Erleuchtung des Gautama Buddha unter dem Bodhibaume jene 
Individualitat, die fortlebt als Bodhisattva, dann zum Maitreya-Buddha 
geworden sein wird. Bis dahin wird er sich noch ofter verkorpern. 
Und dann, wenn die fiinftausend Jahre um sind, wird eine Lehre auf- 



tauchen : die Lehre des Maitreya-Buddha, dem Buddha des Guten, wo 
das, was gesagt wird, zugleich moralisch wirkt. Worte, urn diese 
Wirkung zu schildern, sind jetzt noch nicht in entsprechender Kraft 
da. Das kann nur in der geistigen Welt geschaut werden, und es wird 
der Mensch, urn es zu empfangen, erst reif dazu werden miissen. Das 
Besondere dieses Maitreya-Buddha ist, daB er in gewisser Weise nach- 
zuahmen haben wird, was in dem Ereignis vonGolgatha geschehen ist. 

Wir wissen, wie die Buddha-Individualitat in den Jesus von Naza- 
reth eingezogen ist und nur noch von auBen auf die Erdenentwicke- 
iung einwirkt. Alle, die als Bodhisattva leben und einmal zum Buddha 
werden, haben auf Erden das Schicksal, das jeder ernste Okkultist 
sehen kann : sie sind in gewisser Beziehung in ihrer Jugend unbekannte 
Menschen. Die etwas von ihnen wissen, sehen in ihnen vielleicht 
begabte Menschen, sehen aber nicht, daB die Bodhisattva- Wesenheit 
sie durchzieht. So war es immer, und so wird es auch im zwanzigsten 
Jahrhundert sein. Nur in der Zeit, die zwischen dem dreiBigsten und 
dreiunddreiBigsten Jahre liegt - dieselbe Zeitspanne wie zwischen der 
Taufe im Jordan und Golgatha - wird es zu erkennen sein. Da voll- 
zieht sich eine Umwandlung mit dem Menschen, der dann seine Indi- 
viduality bis zu einem gewissen Grade opfert und einer andern Indi- 
viduality Haus wird, wie die Jesus-Individualitat den Christus hat 
einziehen lassen. 

Die Bodhisattva-Inkarnationen, die jene des kiinftigen Maitreya- 
Buddha sind, treten in unbekannten Menschen auf. Diese wirken als 
einzelne Menschen und durch ihre eigene Kraft. Es wird der Maitreya- 
Buddha auch wirken durch die eigene Kraft und entgegen der Mei- 
nung der tonangebenden Menschen. Unbekannt bleibt er in der Ju- 
gend. Und wenn er im dreiBigsten Jahr hinopfern wird seine Indivi- 
duality, dann wird er so auftreten, daB in seinen Worten moralisch 
wirken wird, was er sagt. Fiinftausend Jahre, nachdem der Buddha 
unter dem Bodhibaume erleuchtet ward, wird auch sein Nachfolger 
zur Buddha- Wiirde aufsteigen und wird sein der Bringer des moralisch 
wirkenden Wortes. Jetzt sprechen wir: «Im Urbeginn war das Wort. » 
Dann werden wir sagen diirfen; In dem Maitreya-Buddha ist uns der 
groBte Lehrer gegeben, der da erschienen ist, um den Menschen das 



Christus-Ereignis in seinem vollen Umfang deutlich zu machen. - Das 
Eigentumliche an ihm wird sein, daft er, als der groBte Lehrer, das 
erhabenste Wort bringen wird, das hochste Wort. 

Da so oft das GroBe, das in richtiger Weise in die Welt gebracht 
werden sollte, so falsch verstanden wird, miissen wir versuchen, uns 
zu dem, was da kommen soil, vorzubereiten. Und wenn wir uns dem 
Geiste nahern wollen, da wo der Geist der Natur zu uns auchmoralisch 
spricht, dann diirfen wir uns sagen: In gewisser Beziehung ist alle 
Geisteswissenschaft Vorbereitung, damit wir verstehen lernen ein 
solches Wort, wie es gesprochen wurde dem vergangenen Ereignis 
gegeniiber, als wir von dem Wandel der Zeiten sprachen. 

Neue Zeiten zogen heran, als der Johannes den Christus verkiindete. 
Von neuen Zeiten, denen gegeniiber es notig ist, daB unser Sinn sich 
andere, von solchen neuen Zeiten diirfen wir auch heute in gewissem 
Sinne sprechen. Unbeschadet der groBen Kulturmittel, die kommen 
werden in der auBeren Welt, soil des Menschen Sinn sich so andern, 
daB seine Seele etwas iibrig hat auch fur das Hineinblicken in die 
geistige Welt, die in einer neuen Art sich verkiinden wird gerade in 
der Zeit, in der wir leben. Ob hier in diesem Leben etwas davon sicht- 
bar sein wird, ob an der Pforte des Todes oder bei der neuen Geburt - 
wir werden nicht nur sehen diese neue Welt, sondern aus dieser neuen 
Welt heraus wirken. Und das Beste, was oft in uns ist, das kommt 
dadurch zur Auswirkung, daB von den Pforten des Todes her, aus der 
anderen Welt, Wesenheiten diese Krafte in uns senden. Und diese 
Krafte werden auch wir senden diirfen, wenn wir durch die Pforte des 
Todes so schreiten, daB wir uns hier dasjenige erwerben, was wir als 
notwendige Anderung fur unsere Zeit erkennen und wovon ich mir 
gestattet habe, Ihnen heute etwas zu sagen. 



BUDDHA UND CHRISTUS 
DIE SPHARE DER BODHISATTVAS 

Mailand, 21. September 1911 

In dieser Stunde mochte ich zu Ihnen sprechen von Tatsachen, die 
namentlich der moralischen und ethischen Welt angehbren, und die 
geeignet sind, uns die Mission der Geisteswissenschaft in unserer Zeit 
vor die Seele zu stellen. 

Wir alle sind durchdrungen von der groBen Wahrheit der Lehre der 
Reinkarnation, der Wiederholung der Erdenleben, und wir miissen 
uns klarmachen, daB diese Wiederholung unseres Erdenlebens in der 
Entwickelung unserer Erde ihren guten Sinn hat. Wenn wir uns 
fragen: Warum wiederholen wir dieses Erdenleben? - so erhalten wir 
aus den okkulten Forschungen heraus die Antwort, daB wir in den 
aufeinanderfolgenden Erdenepochen immer Verschiedenes auf dem 
Erdenplan erleben, wenn wir wieder auf diesem Plan erscheinen. 
Etwas anderes erlebten unsere Seelen bei jenen Inkarnationen, die 
unmittelbar auf die groBe atlantische Katastrophe folgten, etwas 
anderes in den vorchristlichen Zeiten, etwas anderes erleben sie in 
unserer Zeit. 

Nur kurz erwahnen will ich, daB in den Zeiten, welche der groBen 
atlantischen Katastrophe gefolgt sind, unsere Seelen in den damaligen 
Leibern ein gewisses elementares Hellsehen hatten. Dieses Hellsehen, 
welches den Menschen in friiheren Zeiten naturlich war, hat sich all- 
mahlich verloren. Und dasjenige Zeitalter, welches den Menschen am 
meisten von den Kraften des alten Hellsehens genommen hat, ist die 
griechisch-romische Kulturepoche, die vierte Kulturepoche in der 
nachatlantischen Zeit. Seit jener Zeit entwickelt sich der Mensch so, 
daB er seine groBen Fortschritte auBerlich auf dem physischen Plan 
vollzieht, und nach und nach wiederum sich erobert gegen das Ende 
der jetzigen nachatlantischen Zeit die hellseherische Kraft. 

Wir leben jetzt in der funften nachatlantischen Kulturepoche. Wir 
zahlen als erste nachatlantische Kulturepoche die alte indische, als 
zweite die urpersische, als dritte die chaldaisch-babylonische, als vierte 



die romisch-griechische. Wir selbst stehen in der fiinften Kultur- 
epoche. Auf unsere werden folgen eine sechste und eine siebente 
Kulturepoche. Dann kommt wieder eine groBe Katastrophe auf der 
Erde, ahnlich der Katastrophe der atlantischen Epoche. 

Wir konnen nun aus den okkulten Forschungen heraus fur jede von 
diesen Kulturepochen, fur die fiinfte, sechste und siebente nachatlan- 
tische Kulturepoche, einen Hauptcharakterzug der menschlichen Ent- 
wickelung angeben. In unserer fiinften nachatlantischen Kulturepoche 
ist der Hauptcharakterzug der menschlichen Evolution die intellek- 
tuelle, die Verstandesentwickelung. In der sechsten, die auf unsere 
folgen wird, wird der Hauptcharakterzug der menschlichen Entwicke- 
lung der sein, daB die Seelen der Menschen ganz bestimmte Empfin- 
dungen haben werden gegeniiber dem, was moralisch, und dem, was 
unmoralisch ist. Besonders fein werden sich Empfindungen ausleben 
der Sympathie mit mitleidsvollem, wohlwollendem Handeln, und der 
Antipathie gegen t)belwollende, in einer GroBe, von der man bis jetzt 
keine Ahnung haben kann. 

Auf diese sechste wird die siebente Kulturepoche folgen, in welcher 
das moralische Leben noch mehr vertieft sein wird. Wahrend man in 
der sechsten Kulturepoche Wohlgefallen haben wird an guten und 
edlen Handlungen, wird in der siebenten Kulturepoche ein solches 
Wohlgefallen in sich auch einen moralischen Impuls zum Gefolge 
haben, das heiBt den Wunsch, das zu tun, was moralisch ist. Es ist 
noch ein groBer Unterschied, Wohlgefallen zu haben an einer mora- 
lischen Handlung, und das zu tun, was moralisch ist. So daB wir sagen 
konnen: Unsere Kulturepoche ist die Kulturepoche der Intelligenz, 
des Verstandes, darauf wird folgen die Kulturepoche, die man nennen 
kann die Kulturepoche des asthetischen Wohlgefallens am Guten und 
des asthetischen MiBfallens am Bosen, und die siebente wird die 
Epoche des tatigen moralischen Lebens sein. 

Fur alles dasjenige, was nun in den kiinftigen Kulturepochen in die 
Menschheit eintreten wird, sind jetzt in der menschlichen Seele erst 
die Keime enthalten, und wir konnen sagen, daB alle diese Anlagen, 
die der Mensch hat - intellektuelle Anlagen, Anlagen zu Sympathien 
und Antipathien fur moralische Handlungen, Anlagen zu moralischen 



Impulsen -, mit den hoheren Welten in Beziehung stehen. Jede mora- 
lische Handlung steht in gewisser Beziehung zu den hoheren Welten. 
Unsere intellektuellen Anlagen stehen in einer iibersinnlichen Be- 
ziehung zu dem, was wir den Astralplan nennen. Unsere Sympathien 
und Antipathien fur das Gute und Bose stehen in Beziehung zu dem, 
was wir den niederen Devachanplan nennen. Und die Welt der mora- 
lischen Impulse in der Seele steht in einer Beziehung zu dem hoheren 
Devachanplan. So daft wir auch sagen konnen: In unserer Zeit greifen 
die Krafte der astralischen Welt in die Menschenseele ein, in der 
sechsten Kulturepoche werden die Krafte des niederen Devachan- 
planes in die Menschenseele mehr eingreifen, und in der siebenten 
Kulturepoche werden die Krafte des hoheren Devachanplanes in 
unsere Menschheit besonders eingreifen. 

Sie werden daraus sehen, daft es begreif lich ist, daft in der vorher- 
gehenden vierten, in der romisch-griechischen Kulturepoche, es vor- 
zugsweise die Krafte des physischen Planes waren, die in die Menschen- 
seele eingegriffen haben. Daher hat zum Beispiel die griechischeKultur 
so wunderbare plastische Kunstwerke geschaffen, durch die sie die 
Menschengestalt auf dem aufteren physischen Plan in der vorziig- 
lichsten Weise zum Ausdruck gebracht hat. Daher waren aber auch 
die Menschen besonders geeignet in dieser Zeit, diejenige Wesenheit, 
die wir die Christus-Wesenheit nennen, auch auf dem physischen Plan 
in einem Menschenleibe zu erleben. In unserer Kulturepoche, der 
funften, die bis in das vierte Jahrtausend dauern wird, werden die 
Seelen allmahlich geeignet sein, die Christus-Wesenheit auf dem astra- 
lischen Plan zu erleben, und auf dem Astralplan wird die Christus- 
Wesenheit schon in unserer Epoche vom zwanzigsten Jahrhundert ab 
in einer Athergestalt so fur die Menschheit sichtbar werden, wie sie in 
der vierten Epoche auf dem physischen Plan in einer physischen Ge- 
stalt sichtbar war. 

Um nun diese ganze folgende Kulturentwickelung, in die unsere 
Seelen hineinsteuern, zu verstehen, ist es gut, daft wir nun tiefer auf 
die Eigentiimlichkeiten unserer Seele in den folgenden Inkarnationen 
eingehen. Heute, in unserer intellektuelleren Periode, stehen fur alle 
Seelen Intellektualitat und Moralitat ziemlich nebeneinander. Es kann 



heute jemand ein sehr kluger Mensch sein und dabei unmoralisch, um- 
gekehrt kann man sehr moralisch sein und gar nicht sehr klug. 

In der vierten Kulturepoche hat ein Volk prophetisch herankommen 
sehen dieses Nebeneinanderstehen von Moralitat und Intellektualitat, 
und dieses Volk ist das althebraische Volk. Daher suchten die Glieder 
des alten hebraischen Volkes eine kiinstliche Harmonie herzustellen 
zwischen Moralitat und Intellektualitat, wahrend zum Beispiel bei den 
Griechen eine mehr natiirliche Harmonie dazumal bestand. Wir kon- 
nen heute aus den Dokumenten der Akasha-Chronik erkennen, wie 
die Fiihrer des althebraischen Volkes diese Harmonie zwischen Mo- 
ralitat und Intellektualitat herzustellen suchten. Sie hatten Symbole, 
die sie so genau kannten, daB, wenn sie diese Symbole in einer ge- 
wissen Weise anschauten und auf sich wirken lieBen, eine gewisse 
Harmonie zwischen dem, was gut, was moralisch und was weise ist, 
hergestellt werden konnte. Diese Symbole trugen die priesterlichen 
Fiihrer des althebraischen Volkes an der Brust. Das Symbolum fur die 
Moralitat hieB Urim, das Symbolum fur die Weisheit hieB Tummim. 

Wollte nun der hebraische Priester fiir irgendeine Handlung finden : 
diese ist zugleich gut und weise - so lieB er auf sich wirken Urim und 
Tummim in einer bedeutsamen Art, und so wie diese beiden wirkten, 
konnte in ihm eine gewisse kiinstliche Harmonie hervorgerufen wer- 
den zwischen Moralitat und Intellektualitat. Die Sache war so, daB 
tatsachlich magische Wirkungen ausgeiibt wurden durch diese Sym- 
bole, eine magische Verbindung mit der geistigen Welt hergestellt 
wurde. 

Wir haben nun die Aufgabe, das, was dazumal durch diese kunst- 
lichen Symbole hervorgerufen wurde, nach und nach in spateren In- 
karnationen durch die innere Entwickelung der Seele zu erreichen. 

Und nun wollen wir einmal die Entwickelungsphasen durch die 
fiinfte, sechste und siebente nachatlantische Kulturepoche vor unsere 
Seele stellen, um zu sehen, wie die Intellektualitat, der Asthetizismus 
und die Moralitat auf unsere Seelen wirken werden. 

Wahrend in unserer Zeit, in der funften Kulturepoche, unsere In- 
tellektualitat erhalten bleiben kann, auch wenn wir kein Gefallen 
haben an moralischem Handeln, wird das in der sechsten Kultur- 



epoche ganz anders sein. In der sechsten Kulturepoche, also ungefahr 
vom dritten Jahrtausend an, wird das Unmoralische paralysierend auf 
die Intellektualitat wirken. Wer intellektuell ist und dabei unmoralisch, 
wird seine Intellektualitat auf einen Dammerzustand herabsetzen mit 
der Entwickelung der Unmoralitat. Und dieses wird immer bedeut- 
samer in der zukunftigen Evolution der Menschheit auftreten, so daB 
der Mensch, der nicht moralisch ist, keine Intellektualitat erwerben 
wird, weil dieses nur durch moralische Handlungen moglich sein wird. 
Und in der siebenten nachatlantischen Kulturepoche wird es keine 
Menschen geben, die klug sein konnen und nicht moralisch. Es ist 
nun gut, wenn wir uns die Krafte der Moralitat bei den einzelnen 
Menschenseelen in den jetzigen Inkarnationen ein wenig vor die 
Augen fuhren. Warum kann denn der Mensch iiberhaupt in unserer 
Entwickelung unmoralisch werden? Diese Frage wollen wir auf- 
werfen. Das riihrt davon her, daB der Mensch bei seinen aufeinander- 
folgenden Inkarnationen immer mehr in die physische Welt herunter- 
gestiegen ist und deshalb immer mehr Antriebe bloB zur physischen 
Sinneswelt hin erhalten hat. 

Eine Seele ist heute um so unmoralischer, je mehr Antriebe von 
dem heruntersteigenden Zyklus auf die Seele wirken. Diese Tatsache 
ist durch ein sehr interessantes Forschungsergebnis des Okkultismus 
direkt zu belegen. 

Sie wissen, daB der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes 
schreitet, seinen physischen und seinen Atherleib ablegt, daB er eine 
kurze Zeit nach dem Tode etwas hat wie einen Ruckblick auf sein ge- 
samtes Erdenleben. Dann folgt die Zeit einer Art Schlafzustandes. 
Und der Mensch wacht dann nach einigen Monaten oder Jahren auf 
dem Astralplan, im Kamaloka, auf. Es folgt diesem Erwachen das 
Kamaloka-Leben, das darin besteht, daB wir mit dreimal so grofier 
Geschwindigkeit das Erdenleben zuriickleben. Und im Beginne des 
Kamaloka-Lebens ersteht fur jeden Menschen ein sehr bedeutendes 
Ereignis. Fur die meisten Menschen unseres Europa oder iiberhaupt 
der neueren Kulturepoche stellt sich dieses Ereignis so hin, daB beim 
Beginne des Kamaloka-Lebens eine geistige Individualist uns alles 
das, was wir selbstsiichtig getan haben im letzten Leben, wie ein Ver- 



zeichnis alles dessen zeigt, was wir gesiindigt haben. Je anschaulicher 
Sie sich diesen Vorgang darstellen, desto richtiger stellen Sie sich ihn 
vor: wie wenn wirklich am Anfang des Kamaloka-Lebens sich so 
eine Gestalt mit dem Register unseres physischen Lebens darstellen 
wollte. 

Das ist nun die wichtige Tatsache, die man natiirlich nicht weiter 
beweisen kann, weil sie nur durch okkulte Erfahrung bewiesen wer- 
den kann, daB die meisten Menschen, die der europaischen Bildung 
angehoren, in dieser Gestalt den Moses erkennen. Dieses ist eine Tat- 
sache, die man namentlich immer gewuBt hat in den rosenkreuze- 
rischen Forschungen seit dem Mittelalter, und die durch sehr subtile 
Forschungen gerade in den letzten Jahren bestatigt worden ist. 

Sie konnen daraus entnehmen, daft der Mensch beim Beginn des 
Kamaloka-Lebens eine sehr groBe Verantwortlichkeit fuhlt gegeniiber 
den vorchristlichen Machten fiir das, was ihn heruntergezogen hat. 
Und dem okkulten Leben gegeniiber erscheint tatsachlich die Moses- 
Individualitat als diejenige, die Rechenschaft fordert fur das Unrecht, 
welches in unserer Zeit geschieht. 

Diejenigen Machte, diejenigen Krafte, die den Menschen wiederum 
hinaufziehen in die geistige Welt, die zerfallen in zweierlei : in solche, 
die ihn hinaufziehen auf dem Wege der Weisheit, und in solche, die ihn 
hinaufziehen auf dem Wege der Moralitat. Diejenigen Krafte nun, 
welche vorzugsweise den intellektuellen Fortschritt bewirken, die 
gehen alle aus von einer Ihnen alien bekannten bedeutenden Indivi- 
dualist aus der vierten nachatlantischen Kulturepoche. Namlich der 
Impuls zur weisheitsvollen Entwickelung der Seele geht aus von Gau- 
tama Buddha. Es ist merkwiirdig, daB uns die okkulte Forschung 
lehrt, daB gerade die scharfsichtigsten und wichtigsten Gedanken, die 
in unserer Kulturepoche gedacht worden sind, ausgegangen sind von 
Gautama Buddha. Dieses ist um so merkwurdiger, als man im Abend- 
lande in noch nicht allzulanger Zeit, bis zu Schopenhauer hinauf, den 
Namen des Gautama Buddha fast nicht gekannt hat. Dies aber ist sehr 
begreiflich, denn der Gautama Buddha stieg in der Zeit, als er der 
Konigssohn des Suddhodana war, von der Bodhisattva-Wurde zur 
Buddha- Wiirde auf, und das Buddha- Werden bedeutet, daB die be- 



treffende Individuality sich nicht mehr im fleischlichen Leibe auf 
Erden inkarniert. 

In der Tat ist es auch so, daB jene Individualitat, die fiinf bis sechs 
Jahrhunderte vor dem Beginne unserer Zeitrechnung vom Bodhi- 
sattva zum Buddha geworden ist, nicht mehr in einem physischen 
Leib sich inkarniert hat und auch nicht mehr in einem physischen Leib 
sich inkarnieren kann. Dafur aber sendet sie aus den hoheren Welten, 
aus den ubersinnlichen Welten, die Krafte herunter und inspiriert alle 
die Kulturtrager, die noch nicht von dem Chris tus-Impulse durchsetzt 
sind. Ein BewuBtsein davon war vorhanden in einer schonen Legende, 
welche Johann von Damaskus im achten Jahrhundert niedergeschrieben 
hat und die beriihmt wurde durch alle europaischen Lander hindurch 
im Mittelalter. Es ist die Legende von Barlaam und Josaphat, welche 
uns in der Tat zeigt, wie derjenige, welcher der Nachfolger des Buddha 
geworden ist - Josaphat ist in lautlicher Umwandlung derselbe Name 
fur Bodhisattva - von Barlaam fur die christlichen Impulse belehrt 
worden ist. Diese Legende, die dann vergessen worden ist, erzahlt uns, 
daB der Nachfolger des Bodhisattva von einem Vertreter des Christen- 
tums, Barlaam, belehrt worden ist, und sie will zeigen, daB derjenige 
Bodhisattva, der auf den Gautama Buddha gefolgt war, in der Tat die 
christlichen Impulse in sein eigenes Seelenleben aufgenommen hat. 
Und so ist es auch. Denn der zweite Impuls, der auBer dem Buddha- 
Impuls in der Menschheitsevolution nun fortwirkt, das ist derChristus- 
Impuls, und dieser Impuls ist derjenige, welcher in der Zukunft dem 
Aufstieg der Menschheit zur Moralitat entspricht. Daher kann man 
sagen : Wenn auch die Buddha-Lehre eine im besonderen Sinne mora- 
lische Lehre ist, so ist sie eben eine moralische Lehre, wahrend der 
Christus-Impuls nicht Lehre, sondern Kraft ist. Er wirkt als moralische 
Kraft, die immer mehr und mehr sich so gestaltet, daB sie die Mensch- 
heit wirklich mit Moralitat durchdringt. 

In der vierten nachatlantischen Kulturepoche muBte sich diese 
Christus-Wesenheit, die aus kosmischen Hohen heruntergestiegen ist, 
zunachst im physischen Leibe zeigen. In unserer fiinften Kultur- 
epoche werden sich die intellektuellen Krafte dann so verdichten, 
dafi der Mensch fahig werden wird, den Christus nicht als physische, 



sondern als Athergestalt zu sehen. Dieses Ereignis nimmt schon von 
unserem Jahrhundert, vom zwanzigsten Jahrhundert an, seinen An- 
fang. Vom dreiBigsten, vierzigsten Jahre dieses Jahrhunderts an wer- 
den einzelne Menschen auftreten, welche ihr individuelles Leben so 
entwickelt haben, daB sie sehen werden die Athergestalt des Christus, 
wie sie zur Zeit des Jesus von Nazareth den physischen Christus ge- 
sehen haben. Und immer mehr und mehr werden in den nachsten drei 
Jahrtausenden Menschen kommen, welche diesen atherischen Christus 
schauen werden, bis ungefahr drei Jahrtausende nach unserer Zeit- 
rechnung eine geniigende Anzahl Menschen auf Erden keine Evange- 
lien oder andere Urkunden mehr brauchen werden, weil sie in der 
Seele den Christus gesehen haben werden. 

Wir mussen also uns klar sein dariiber, daB in der vierten nach- 
atlantischen Epoche die Menschen nur fahig waren, den physischen 
Christus zu sehen, deshalb kam er auch im physischen Leibe, In 
unserer Epoche bis in das dritte Jahrtausend hinein werden die Men- 
schen allmahlich fahig, den atherischen Christus zu sehen, deshalb 
kommt er niemals wieder im physischen Leibe. Wenn wir uns nun vor 
Augen halten, daB heute der Mensch, wenn er das Kamaloka betritt 
und von einer moralisch wirkenden Gestalt, dem Moses, zur Rechen- 
schaft gezogen wird, der sich immer mehr mit dem Christus-Impuls 
verbindet, so werden wir verstehen, wie sich das ereignen wird, was 
ich als eine Umwandlung der Moses-Gestalt schildern kann. Was zeigt 
uns denn Moses, wenn er mit unserem Siindenregister vor uns steht? 
Er zeigt uns, was auf der einen Seite, auf der Unrechtseite unseres 
Karma steht. Das ist in der Tat wichtig fur eine Seele unserer Zeit, daB 
durch die Inspiration des Buddhismus die Karmalehre begriffen wer- 
den kann, daB aber die Wirklichkeit des Karma nach dem Tode uns 
gezeigt wird durch die alttestamentarische Gestalt des Moses. Indem 
nun die Seelen sich immer mehr und mehr durchdringen mit dem iiber- 
sinnlichen Christus, wird sich vollziehen nach dem Tode die Um- 
wandlung der Moses-Gestalt in die des Christus Jesus. Das heiBt aber 
nichts anderes als: unser Karma kommt mit Christus in einen Zu- 
sammenhang, Christus wachst mit unserem eigenen Karma zu- 
sammen. 



Es ist sehr interessant, zu beobachten, daB das Karma im Sinne der 
Buddha-Lehre eine abstrakte Sache ist. Es hat dieses Karma des 
Buddhismus etwas Unpersonliches. In der Zukunft der Menschen- 
Inkarnationen verwachst immer mehr der Christus mit dem Karma: 
Es bekommt unser Karma etwas Wesenhaftes, etwas Lebensfahiges. 

Unsere friiheren Entwickelungsstadien, unsere vergangenen Leben 
lassen sich gut zusammenfassen in den Worten: Ex deo nascimur. 
Gestalten wir unsere Entwickelung so, daB wir nach dem Tode statt 
des Moses dem Christus begegnen, mit dem unser Karma dann zu- 
sammenwachst, so wird dies ausgedriickt durch die seit dem drei- 
zehnten Jahrhundert bestehende christlich-rosenkreuzerische Stro- 
mung mit dem Worte : in Christo morimur. 

Gerade so, wie man ein Buddha nur auf dem physischen Plan wer- 
den kann, so kann die Menschenseele die Fahigkeit, dem Christus im 
Tode zu begegnen, nur auf dem physischen Plan erwerben. Ein 
Buddha ist zuerst ein Bodhisattva, er steigt aber zum Buddha auf in 
der physischen Inkarnation, und dann braucht er nicht mehr auf die 
Erde zu kommen. Das Verstandnis fiir den Christus, so wie wir es 
jetzt auseinandergesetzt haben, kann man nur auf dem physischen 
Plan erwerben. Um dies zu ermoglichen, werden in den nachsten drei 
Jahrtausendendie Menschen die Fahigkeit, den ubersinnlichen Christus 
zu schauen, in der physischen Welt erwerben miissen, und dazu ist die 
geisteswissenschaftliche Bewegung da. Das ist ihre Mission: die Be- 
dingungen zu schaffen, die auf dem physischen Plan das Verstandnis 
fiir den Christus bewirken, um dann den Christus schauen zu kon- 
nen. 

Ob wir nun in der Zeit, in welcher der Christus als atherischer 
Christus in die Menschheit eingreift, in einem physischen Leibe sind 
oder zwischen Tod und neuer Geburt, das macht nichts aus, wenn wir 
die Fahigkeit, ihn zu schauen, hier erworben haben. Nehmen wir zum 
Beispiel an, ein Mensch konnte, weil er fruher stirbt, nicht dazu kom- 
men, daB er den Christus schaut in seiner jetzigen atherischen Ver- 
korperung, so wiirde er dennoch, wenn er sich hier das Verstandnis 
dafur erworben hat, nachher zwischen Tod und neuer Geburt den 
Christus schauen konnen. Derjenige, der dem spirituellen Leben fern- 



steht und sich kein Christus- Verstandnis erwirbt, der wird bis zum 
nachsten Leben der Christus-Erkenntnis fernbleiben, urn sie dann im 
nachsten Leben zu erwerben. 

Dieses, was jetzt gesagt worden ist, zeigt Ihnen, daB mit der fort- 
schreitenden Menschheit in den drei Kulturepochen, der fiinften, 
sechsten und siebenten, der Christus-Impuls immer mehr und mehr 
die Erde beherrschen wird. Wenn nun gesagt worden ist, daB in der 
sechsten Kulturepoche die Intellektualitat durch das Unmoralische ge- 
hemmt wird, so miissen wir auf der anderen Seite auch einsehen, daB 
derjenige, der dann seine Intellektualitat gelahmt hat durch die Un- 
moralitat, sich mit aller Kraft zu dem Christus wenden muB, urn sich 
durch ihn zur Moralitat erheben zu lassen. Moralische Kraft kann 
dieses geben. 

Was ich Ihnen gesagt habe, ist zwar besonders genau erforscht seit 
dem dreizehnten Jahrhundert, seitdem es Rosenkreuzer gibt, aber es 
ist auch eine Wahrheit, welche manche Okkultisten gewuBt haben in 
alien Zeiten. 

Wenn man behaupten wiirde, daB das physische Christus-Ereignis, 
die Erscheinung des Christus in einem physischen Leibe, zweimal auf 
der Erde stattfinden konnte, so wiirde man im Okkulten dasselbe be- 
haupten, als wenn man sagen wiirde, eine Waage geht besser, wenn 
man sie an zwei Punkten unterstiitzt, statt an einem. In Wahrheit ist 
tatsachlich die dreijahrige Lebenszeit des Christus, der drei Jahre in 
dem Leibe des Jesus von Nazareth auf Erden wandelte, dasselbe wie 
der Schwerpunkt der Erdenentwickelung. Und wie eine Waage einen 
Balken nur an einem Punkte aufgehangt haben kann, so kann auch die 
Erdenevolution nur einen Schwerpunkt haben. 

Etwas anderes ist das Lehren der moralischen Evolution und etwas 
anderes der Impuls zu dieser moralischen Evolution selber. 

Schon bevor das Ereignis von Golgatha eingetreten ist, war der 
Nachfolger des Buddha, der spatere Bodhisattva da, um dies Ereignis 
vorzubereiten und in seinem Kreise zu lehren. Der Bodhisattva, der 
auf den Buddha folgte, war zum Beispiel inkarniert in der Personlich- 
keit des Jeshu ben Pandira ein Jahrhundert vor der Geburt des Jesus 
von Nazareth. Wir haben also zu unterscheiden ein Jahrhundert vor 



unserer Zeitrechnung die Jeshu ben Pandira-Inkarnation des Bodhi- 
sattva, der auf den Gautama Buddha gefolgt ist, und die des Jesus von 
Nazareth am Beginne unserer Zeitrechnung, der drei Jahre seines 
Lebens durchdrungen ist von der kosmischen Wesenheit, die wir den 
Christus nennen. 

JenerBodhisattva, der in Jeshu benPandira war und auch in anderen 
Personlichkeiten reinkarniert war, der kommt immer wiederum, bis 
er in dreitausend Jahren aufsteigt zum Buddha und als Maitreya- 
Buddha seine letzte Inkarnation erlebt. Jene Individuality, welche die 
Christus Jndividualitat war, die war nur drei Jahre auf Erden, in dem 
Korper des Jesus von Nazareth, und kommt nicht wieder in einem 
physischen Leibe ; nur in der fiinften Kulturepoche im Atherleibe, in 
der sechsten Kulturepoche im astralen Leibe, und wieder weiter, in 
der siebenten Kulturperiode, in einem groBen kosmischen Ich, das 
gleich einer groBen Gruppenseele der Menschheit ist. Wenn der 
Mensch stirbt, fallt von ihm ab sein physischer, sein Atherleib, sein 
Astralleib, und von ihm geht sein Ich iiber zur nachsten Inkarnation. 
Gerade so ist es aber auch mit dem Planeten unserer Erde. Dasjenige, 
was an unserer Erde physisch ist, fallt am Ende der Erdenperiode ab, 
und die Gesamtheit aller Menschen, die der Menschenseelen, geht 
hinuber in den Jupiter, in den nachsten planetarischen Zustand der 
Erde. Von den Stadien der Entwickelung, die sie erreicht haben wird, 
geht sie iiber zu dem nachsten Stadium der Erdenentwickelung, dem 
Jupiterdasein. Und wie beim einzelnen Menschen das menschliche Ich 
der Mittelpunkt ist seiner weiteren Entwickelung, so ist nachher fur 
die ganze Menschheit das Christus-Ich, das in ihre astralischen und 
Atherleiber gesenkte Ich, dasjenige, was weitergeht, um in der fol- 
genden planetarischen Entwickelung das Jupiterdasein zu beseelen, 

Wir sehen also, wie der auf die Erde herabgestiegene Christus, von 
einer physisch-irdischen Menschenwesenheit ausgehend, sich allmah- 
lich entwickelt als atherischer, als astralischer, als Ich-Christus, um als 
Ich-Christus der Geist der Erde zu sein, der dann mit alien Menschen 
sich emporhebt zu hoheren Stufen. 

Was tun wir nun, indem wir heute Geisteswissenschaft lehren? Wir 
tun dasjenige, was so klar die orientalischen Lehren verkiindet haben, 



als der Bodhisattva, der da der Konigssohn des Suddhodana war, zum 
Buddha aufgestiegen war. Die orientalischen Lehren waren sich dazu- 
mal klar dariiber, daB der nachfolgende Bodhisattva, der zum Buddha 
werden wiirde, die Lehren iiber die Erde zu verbreiten hatte, die den 
Christus in der richtigen Weise den Menschen zeigen wiirden. So 
wurde der nachstfolgende Bodhisattva, der sich in Jeshu ben Pandira 
und in anderen immer weiter verkorperte, der Lehrer des Christus- 
Impulses. Und die Legende deutet das sehr gut an in der Barlaam- und 
Josaphat-Erzahlung, indem von Barlaam, dem christlichen Lehrer, der 
Josaphat, das heiBt der Bodhisattva, unterrichtet wird. Die orienta- 
lischen okkulten Lehren nennen daher diesen Bodhisattva den Bringer 
des Guten: Maitreya-Buddha. Und wir wissen aus okkulten For- 
schungen, daB dieser Maitreya-Buddha die Kraft des Wortes in einer 
solchen Weise haben wird, daB sich die heutigen Menschen davon 
noch gar keine Vorstellung machen konnen. Wir konnen heute hell- 
sichtig in dem hoheren Weltenwerden sehen, wie der Maitreya- 
Buddha lehren wird nach dreitausend Jahren. Wir konnten vieles von 
seinen Lehren auch in symbolischen Zeichnungen ausfuhren. Wir 
finden aber heute noch nicht die Moglichkeit dazu, weil die Mensch- 
heit noch nicht reif dafiir ist, solche Worte auszusprechen, wie sie der 
Maitreya-Buddha aussprechen wird. 

Der Gautama Buddha hat groBe intellektuelle Lehren, vom rechten 
Sprechen, rechten Lehren, rechten Denken und so weiter in dem acht- 
gliedrigen Pfade ausgesprochen; der Maitreya-Buddha wird Worte 
haben, die unmittelbar durch ihre magische Kraft zu moralischen 
Impulsen werden bei Menschen, die sie horen. Und wiirde es fur ihn 
einen Johannes-Evangelisten geben, so wiirde der noch anders spre- 
chen mussen, als der Johannes-Evangelist von dem Christus sprach. 
Da heiBt es : « Und das Wort ist Fleisch geworden » ; der Johannes- 
Evangelist des Maitreya-Buddha wiirde sagen mussen : und das Fleisch 
ist Wort geworden. 

In einer wunderbaren Weise wird durchdrungen sein das, was von 
den Lippen des Maitreya-Buddha kommen wird, von der starken 
Kraft des Christus. Unsere okkulten Forschungen zeigen uns heute, 
daB in einer gewissen Weise auch auBerlich der Maitreya-Buddha 



nachleben wird das Leben des Christus. Wenn in alten Zeiten eine 
groBe Individuality als Lehrer der Menschheit aufgetreten ist, so 
zeigte sich das schon in friiher Jugend in den besonderen Anlagen, in 
der Psychialitat des betreffenden Kindes. Es gibt allerdings daneben 
schon immer eine andere Entwickelung, die so ablauft, daB man eine 
vollstandige Umanderung der betreffenden Personlichkeit in einem 
bestimmten Alter bemerkt. Es geschieht dann, wenn der Mensch bis 
zu einem gewissen Alter heranwachst, daB sein Ich aus seinen Leibes- 
hiillen genommen wird und ein anderes Ich in seinen Korper eintritt. 
Das groBte Beispiel dieser Art ist eben der Christus-Jesus selber, von 
dem im dreiBigsten Jahre die Christus-Individualitat Besitz ergreifen 
konnte. 

Bei alien Verkorperungen des Bodhisattva, der der Maitreya- 
Buddha werden wird, hat sich gezeigt, daB er gerade in dieser Be- 
ziehung in dem Sinne des Christus leben wird. Bei alien Verkorpe- 
rungen des Bodhisattva weiB man noch nicht, wenn das Kind heran- 
wachst, auch wenn der Jiingling heranwachst, daB er ein Bodhisattva 
werden wird. Jedesmal, wenn der Bodhisattva geboren wird, zeigt es 
sich, daB im dreiBigsten bis einunddreiBigsten Jahre eine andere 
Personlichkeit von seinem Korper Besitz ergrirTen hat. Es wird nie 
diesen Bodhisattva geben so, daB er sich schon in seiner fruhsten 
Jugend in seiner Eigenschaft als Bodhisattva zeigt. Im dreiBigsten bis 
zum einunddreiBigsten Jahre wird er sich aber in noch ganz anderen 
Eigenschaften zeigen, weil eben eine andere Personlichkeit Besitz von 
seinem Korper ergrirTen hat. Die Individualitaten, die so Besitz er- 
greifen werden von der Personlichkeit eines andern Menschen, sind 
Individualitaten, die in alten Zeiten gelebt haben und nicht als Kind 
erscheinen werden, Individualitaten wie Moses, Abraham, Ezechiel. 
So ist es auch in unserem Jahrhundert mit dem Bodhisattva, der spater, 
in dreitausend Jahren, der Maitreya-Buddha sein wird. Es wiirde ein 
bloBer okkulter Dilettantismus sein, wenn man behaupten wiirde, daB 
dieser Maitreya schon in jungen Jahren als solcher erkennbar ware. 
Zwischen dem dreiBigsten und dreiunddreiBigsten Jahre zeigt er sich 
erst durch seine eigene Kraft, ohne daB von andern auf ihn erst hin- 
gewiesen sein wird; durch eigene Kraft wird er iiberzeugen. Und man 



wiirde am besten erkennen, daB irgendwo nicht das Richtige getrofFen 
worden sei, wenn man von einem jiingeren Menschen, der weniger 
als dreiBig Jahre alt ist, sagen wiirde, daB in ihm der Bodhisattva sich 
zeige. Daran wiirde man gerade das Unrichtige erkennen. Solche Be- 
hauptungen sind ja immer wieder aufgestellt worden. Man braucht 
nur daran zu erinnern, daB im siebzehnten Jahrhundert eine Indivi- 
dualist auftrat, die behauptete, eine Inkarnation des Messias, des 
Christus, zu sein. Es ist die Personlichkeit des Sabbatai Zem y der im 
siebzehnten Jahrhundert aufgetreten ist, der sich fur den Christus aus- 
gab und zu dem tatsachlich eine groBe Menge Leute von ganz Europa, 
von Spanien, Italien, Frankreich bis Smyrna wallfahrtete. 

Es ist gewiB richtig, daB in unserer Zeit eine groBe Abneigung vor- 
handen ist, Menschengenien zu erkennen. Aber es ist umgekehrt auch 
eine groBe Bequemlichkeit vorhanden, die dahin geht, daB man gern 
bereit ist, auf die bloBe Autoritat hin diese oder jene Individualist 
als eine GroBe anzuerkennen und gelten zu lassen. Wichtig ist, daB 
Geisteswissenschaft heute so vertreten werde, daB sie moglichst wenig 
auf einen bloBen Autoritatsglauben sich stiitzt. 

Viele von den Dingen, die ich heute gesagt habe, konnen nur mit 
Mitteln der okkulten Forschung kontrolliert werden. Aber ich fordere 
Sie auf, mir diese Dinge nicht zu glauben, sondern sie zu priifen an 
alledem, was Sie aus dem Leben der Geschichte kennen, iiberhaupt an 
allem, was Sie erfahren konnen, und ich bin vollstandig ruhig dariiber, 
daB, je genauer Sie priifen, desto genauer Sie sie bestatigt finden. Ich 
appelliere in der Zeit des Intellektualismus nicht an Ihren Autoritats- 
glauben, sondern an Ihre intellektuelle Priifung. Und der Bodhisattva 
des zwanzigsten Jahrhunderts wird auch nicht appellieren an irgend- 
welche Vorverkiindiger, die ihn als Maitreya-Buddha proklamieren, 
sondern an die Kraft seines eigenen Wortes, und wird als Mensch 
allein in der Welt stehen. 

Das konnten etwa die Worte sein, mit denen zusammengefaBt wer- 
den kann dasjenige, was heute gesprochen worden ist: In unserer 
Menschheitsentwickelung wirken zwei Stromungen. Die eine ist die 
Weisheits- oder Buddha- Stromung, die hochste Lehre von Weisheit, 
Herzensgiite und Erdenfrieden. DaB diese Buddha-Lehre in alle Her- 



zen wirksam einziehen konne, dazu ist der Christus-Impuls unerlaB- 
lich. 

Die zweite ist die Christus-Stromung, welche hinauffuhren wird die 
Menschheit von dem Intellektualismus iiber den Asthetizismus zur 
Moralitat. Und der groBte Lehrer des Christus-Impulses wird immerzu 
sein der Nachfolger des Buddha, jener Bodhisattva, der sich immer 
wieder inkarniert und der zumMaitreya-Buddha wird nach dreitausend 
Jahren. Denn wahr ist dasjenige, was die orientalischen Urkunden 
sagen: daft genau nach funftausend Jahren, nachdem der Gautama 
Buddha seine Erleuchtung unter dem Bodhibaum empfangen hat, der 
Maitreya-Buddha sich auf Erden zum letztenmal verkorpern wird. 

Die Reihe der Bodhisattvas und Buddhas hat nichts zu tun mit dem 
kosmischen Sein des Christus, und in dem Leibe des Jeshu ben Pandira 
war nicht der Christus inkarniert, sondern ein Bodhisattva. Christus 
ist nur einmal, und zwar nur drei Jahre hindurch, in einem physischen 
Leibe verkorpert gewesen, der Bodhisattva erscheint in jedem Jahr- 
hundert wiederum bis zu seinem Maitreya-Buddha-Dasein. 

So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft heute die Aufgabe hat, 
eine Synthesis der Religionen zu sein. Wir konnen die eine Form der 
Religion im Buddhismus zusammenfassen, die andere Form der Reli- 
gion im Christentum. Und je mehr wir fortschreiten in der zukunftigen 
Menschheitsentwickelung, desto mehr werden die Religionen sich ver- 
einigen, wie der Buddha und der Christus selber sich in unseren 
Herzen vereinigen. 

Damit haben wir einen Ausblick gewonnen in die geistige Mensch- 
heitsentwickelung und eingesehen die Notwendigkeit der geistes- 
wissenschaftlichen Belebung, die eine Vorbereitung sein soil fur das 
Verstandnis dessen, was in der fortschreitenden Kultur sich ent- 
wickelt, um eine Einsicht zu bekommen in das, was in der Mensch- 
heitsevolution geschieht. 



DAS ROSENKREUZERISCHE CHRISTENTUM 



Neuchdtel, 27. September 1911 
Erster Vortrag 

Es erfullt mich mit tiefer Befriedigung, zum ersten Male hier zu sein 
in diesem neugegriindeten Zweige, welcher den hohen Namen 
« Christian Rosenkreutz» tragt, wodurch es mir moglich ist, zum 
ersten Male genauer iiber Christian Rosenkreutz zu sprechen. 
Worin besteht das Mysterium des Christian Rosenkreutz? An einem 
Abend kann nicht alles iiber diese Persdnlichkeit gesagt werden, und 
so werden wir heute iiber Christian Rosenkreutz selber, morgen 
abend aber iiber sein Werk sprechen. 

t)ber Christian Rosenkreutz zu sprechen, setzt voraus ein groBes 
Vertrauen in die Mysterien des geistigen Lebens, ein Vertrauen nicht 
nur in die Person, sondern in die groBen Geheimnisse des spirituellen 
Lebens. Einen neuen Zweig zu griinden, setzt aber auch immer einen 
Glauben an das geistige Leben voraus. 

Christian Rosenkreutz ist eine Individualist, welche wirkt sowohl 
wenn sie inkarniert ist, als auch wenn sie nicht im physischen Leibe 
verkdrpert ist; sie wirkt nicht nur als physische Wesenheit und durch 
physische Krafte, sondern vor allem geistig durch hohere Krafte. 

Wie wir wissen, lebt der Mensch nicht nur fur sich, sondern im Zu- 
sammenhang mit der groBen Menschheitsentwickelung. Wenn der ge- 
wohnliche Mensch durch den Tod geht, lost sich sein Atherleib im 
Weltenall auf. Aber von dem sich auf losenden Atherleib bleibt immer 
ein Teil erhalten, und so sind wir durchweg umgeben von Resten der 
Atherleiber Verstorbener, zu unserem Heil oder auch zu unserem 
Schaden. Sie wirken auf uns in gutem oder bosem Sinne, je nachdem 
wir selbst gut oder bose sind. Umfassende Wirkungen gehen von den 
Atherleibern groBer Individualitaten in diesem Sinne auf uns aus. So 
geht vom Atherleibe des Christian Rosenkreutz eine groBe Kraft 
aus, die auf unsere Seele und auf unsern Geist einwirken kann. Es ist 
unsere Aufgabe, diese Krafte kennen zu lernen. Und an diese Krafte 
appellieren wir als Rosenkreuzer. 



Im engeren Sinne nahm die rosenkreuzerische Bewegung im drei- 
zehnten Jahrhundert ihren Anfang. Damals wirkten diese Krafte un- 
gemein stark, und seit diesem Zeitpunkt besteht eine Christian Rosen- 
kreutz-Stromung, die fortan im Geistesleben immer weiter wirkt. Es 
gibt ein Gesetz, daB etwa alle hundert Jahre dieser geistige Kraft- 
strom besonders wirksam zum Ausdruck kommen muB. Das zeigt 
sich jetzt in der theosophischen Bewegung. In seinen letzten exote- 
rischen Ausfuhrungen hat Christian Rosenkreutz dieses selbst so an- 
gedeutet. 

Im Jahre 1785 kamen die gesammelten esoterischen Offenbarungen 
der Rosenkreuzer zum Ausdruck in dem Werk: «Die geheimen Figu- 
ren der Rosenkreuzer » von Hinricus Madathanus Theosophus. In dieser 
Publikation sind in einem gewissen beschrankten Sinne Hinweise 
enthalten auf das, was gewirkt hatte in den vorangegangenen hundert 
Jahren als Rosenkreuzerstromung und was erst dann zum Ausdruck 
kam in den Arbeiten, die gesammelt waren und zusammengefaBt wur- 
den von Hinricus Madathanus Theosophus. Wieder hundert Jahre 
spater sehen wir die Wirkung der Rosenkreuzerstromung zum Aus- 
druck kommen in dem Werke der H. P. Blavatsky, insbesondere in 
dem Buche: «Die entschleierte Isis». Manches von dem Inhalt jener 
Figuren ist dort in Worten niedergeschrieben. Eine Summe von 
abendlandischer okkulter Weisheit, die noch lange nicht gehoben ist, 
ist darin enthalten, wenn auch die Komposition manchmal recht ver- 
worren ist. Es ist interessant, «Die geheimen Figuren der Rosenkreu- 
zer » des Hinricus Madathanus Theosophus zu vergleichen mit dem 
Werke der H. P. Blavatsky. Wir miissen hauptsachlich die erste Halfte 
der Publikation ins Auge fassen, die im Sinne der « Figuren » verfaBt 
ist. Im zweiten Teil kommt Blavatsky etwas ab von der Rosenkreuzer- 
stromung. In ihren spateren Werken entfernte sich H. P. Blavatsky 
von diesem rosenkreuzerischen Geistesstrom, und wir miissen zwi- 
schen ihren ersten und den spateren Publikationen zu unterscheiden 
wissen, wenn zwar auch schon in die ersteren manches von dem un- 
kritischen Geist H. P. Blavatskys hineingekommen ist. DaB dieses ge- 
sagt wird, ist der jetzt nicht verkorperten H. P. Blavatsky nur er- 
wiinscht. 



Wenn wir die Eigentiimlichkeit des menschlichen BewuBtseins im 
dreizehnten Jahrhundert ins Auge fassen, so sehen wir, daB das primi- 
tive Hellsehen allmahlich verschwunden war. Wir wissen, daB alle 
Menschen friiher ein elementares Hellsehen hatten. In der Mitte des 
dreizehnten Jahrhunderts gab es in dieser Hinsicht einen Tiefpunkt. In 
der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts war plotzlich kein Hellsehen 
mehr da. Es trat fur alle Menschen eine geistige Finsternis ein. Sogar 
die erleuchtetsten Geister, die hochstentwickelten Personlichkeiten, 
auch die Eingeweihten, hatten damals keinen Zugang mehr zu den 
geistigen Welten und muBten sich auf das beschranken, was ihnen 
durch Erinnerung geblieben war, wenn sie etwas iiber die geistigen 
Welten aussagten. Man wuBte iiber die geistigen Welten nur noch 
durch tiberlieferung oder von solchen Eingeweihten, die ihre Erin- 
nerung an das, was sie friiher erlebt hatten, weckten. Aber fur eine 
kurze Zeit konnten auch diese Geister nicht unmittelbar hinein- 
blicken in die geistige Welt. 

Diese kurze Zeit der Verfinsterung muBte damals sein, um das Cha- 
rakteristische unseres jetzigen Zeitalters vorzubereiten : die heutige 
intellektuelle, verstandesmaBige Kultur. Das ist das Wichtige, das wir 
heute in der fiinften nachatlantischen Kulturepoche haben. In der 
griechisch-lateinischen Kulturepoche war die heutige Verstandes- 
kultur nicht in dieser Weise da. Da war an Stelle des verstandesmaBi- 
gen Denkens die unmittelbare Anschauung das Dominierende. Der 
Mensch wuchs sozusagen unmittelbar zusammen mit dem, was er sah 
und horte; ja, auch mit dem, was er dachte, wuchs der Mensch da- 
mals so zusammen. Damals wurde nicht so viel spintisiert, wie es 
heute geschieht und geschehen muB, denn das letztere ist die Aufgabe 
der fiinften nachatlantischen Kulturepoche. Nach dieser Zeit beginnt 
langsam wieder das Hellsehen des Menschen, und es kann sich dann 
das Hellsehen der Zukunft ausbilden. 

Der Ursprung der Rosenkreuzerstromung fallt in das dreizehnte 
Jahrhundert. Damals, im dreizehnten Jahrhundert, muBten ganz be- 
sonders geeignete Personlichkeiten fur die Einweihung ausgewahlt 
werden. Die Einweihung selbst konnte erst geschehen nach Ablauf 
jener kurzen Zeit der Verfinsterung. 



An einem Orte in Europa^ von dem noch nicht gesprochen werden 
darf - aber es wird in nicht ferner Zeit auch dies geschehen konnen -, 
bildete sich eine hochgeistige Loge, ein Kollegium von zwolf Man- 
nern, welche die ganze Summe der geistigen Weisheit alter Zeiten und 
ihrer eigenen Zeit in sich aufgenommen hatten. Es handelt sich dar- 
um, daB in jener verfinsterten Zeit zwolf Menschen lebten, zwolf her- 
vorragende Geister, die sich vereinigten, um den Menschheitsfort- 
schritt zu fordern. Sie konnten alle nicht unmittelbar hineinschauen 
in die geistige Welt, aber sie konnten regsam machen in sich die Er- 
innerung an das, was sie durch fruhere Einweihung erlebt hatten. 
Und das Menschheitskarma hatte es so gefiigt, daB in sieben dieser 
zwolf Menschen dasjenige verkorpert war, was der Menschheit ge- 
blieben war an Resten der alten atlantischen Epoche. In meiner « Ge- 
heimwissenschaft » ist ja schon gesagt, daB in den sieben alten heili- 
gen Rishis, den Lehrern der urindischen Kulturzeit, hiniibergetragen 
wurde das, was von der atlantischen Epoche ubrig geblieben war. Die 
sieben Manner, die im dreizehnten Jahrhundert wieder inkarniert 
waren, die ein Teil des Kollegiums der Zwolf waren, das waren eben 
diejenigen, die zuriickblicken konnten auf die sieben Stromungen der 
alten atlantischen Entwickelungsepoche der Menschheit und auf das, 
was als diese sieben Stromungen fortlebte. Von diesen sieben Indivi- 
dualitaten konnte jede immer nur eine Stromung fruchtbar machen 
fur die damalige und die heutige Zeit. Zu diesen Sieben kamen vier 
andere, die nicht auf langst verflossene Urzeiten zuriickblicken konn- 
ten wie die erstgenannten sieben Weisen, sondern diese vier Person- 
lichkeiten konnten zuriickblicken auf das, was die Menschheit sich 
angeeignet hatte von okkulter Weisheit in den vier nachatlantischen 
Kulturperioden. Von diesen Vier konnte der erste auf die urindische 
Zeit zuriickblicken, der zweite auf die urpersische Kulturzeit, der 
dritte auf die agyptisch-chaldaisch-assyrisch-babylonische Kulturzeit, 
der vierte auf die griechisch-lateinische Kultur. Diese Vier vereinigten 
sich mit den Sieben zu dem Kollegium der weisen Manner im drei- 
zehnten Jahrhundert. Ein Zwolfter endlich hatte gewissermaBen am 
wenigsten an Erinnerungen, aber er war der Intellektuellste von ihnen, 
der besonders die auBeren Wissenschaften zu pflegen hatte. Diese 



zwolf Individualitaten lebten ja nicht nur in den Erlebnissen des 
abendlandischen Okkultismus, diese zwolf verschiedenen Weisheits- 
stromungen wirkten zusammen zu einem Gesamtbilde. Eine ganz 
besondere Art, darauf hinzuweisen, finden wir bei Goethe in seinem 
Gedicht: «Die Geheimnisse ». 

Also von zwolf hervorragenden Individualitaten haben wir zu spre- 
chen. Den Ausgangspunkt einer neuen Kultur haben wir in der Mitte 
des dreizehnten Jahrhunderts zu suchen. In dieser Zeit war ein ge- 
wisser Tiefpunkt des geistigen Lebens erreicht worden. Der Zugang 
zu den geistigen Welten war damals auch den Hochstentwickelten 
verschlossen. Damals trat dieses hochgeistige Kollegium zusammen. 
An einem Orte in Europa, von dem noch nicht geredet werden darf, 
fanden sich diese zwolf Manner zusammen, welche die Summe des 
ganzen geistigen Wissens ihrer Zeit darstellten und die zwolf Geistes- 
richtungen vertraten. 

In diesem Kollegium der Zwolf war zum Teil nur Erinnerungs- 
hellsehen und intellektuelle Weisheit vorhanden. Die sieben Nachfol- 
ger der sieben Rishis erinnerten sich ihrer alten Weisheit, die fiinf an- 
dern vertraten die Weisheit der fiinf nachatlantischen Kulturen. Somit 
vertraten die Zwolf die ganze atlantische und nachatlantische Weis- 
heit. Der Zwolfte war ein Mensch, der im hochsten MaBe die intellek- 
tuelle Weisheit seiner Zeit hatte. Er besaB verstandesmaBig das ganze 
Wissen seiner Zeit, wahrend die anderen, denen direktes Geistes- 
schauen damals auch versagt war, durch Versenken in die Erinne- 
rungen an ihre friiheren Inkarnationen ihr Wissen damals erlangten. 

Der Ausgangspunkt einer neuen Kultur - war aber nur dadurch 
moglich, daB ein Dreizehnter in die Mitte der Zwolf trat. Dieser Drei- 
zehnte wurde kein Gelehrter im Sinne der damaligen Zeit. Er war eine 
Individualist, die inkarniert gewesen war zur Zeit des Mysteriums 
von Golgatha. Er hatte in darauffolgenden Inkarnationen durch ein 
demutiges Gemiit, durch ein inbriinstiges, gottergebenes Leben sich 
fur seine Mission vorbereitet. Er war eine groBe Seele, ein frommer, 
innerlich tief mystischer Mensch, der mit diesen Eigenschaften ge- 
boren wurde und sie sich nicht nur erworben hatte. Wenn Sie sich 
einen jungen Menschen vorstellen, sehr fromm, fortwahrend in- 



briinstig zu seinem Gott betend, so konnen Sie sich ein Bild der Indi- 
vidualist dieses Dreizehnten vor Augen stellen. Dieser Dreizehnte 
wuchs ganz und gar auf in der Pflege und Erziehung der Zwolf, und 
er erhielt von jedem an Weisheit, soviel ihm jeder nur geben konnte. 
Mit der groBten Sorgfalt wurde dieser Dreizehnte erzogen, und es 
wurden alle Einrichtungen so getrofTen, daB niemand als diese Zwolf 
einen EinnuB auf ihn ausiiben konnten. Er wurde von der iibrigen 
Welt abgesondert. Er war ein sehr schwachliches Kind in jener In- 
karnation des dreizehnten Jahrhunderts, daher wirkte die Erziehung, 
die ihm die Zwolf angedeihen lieBen, bis in seinen physischen Leib 
hinein. Die Zwolf aber, von denen jeder so durchdrungen und erfullt 
von seiner geistigen Aufgabe war und tief durchdrungen vom 
Christentum, waren sich bewuBt, daB das auBere Christentum der 
Kirche nur ein Zerrbild des wahren Christentums war. Sie waren 
erfullt von der GroBe des Christentums, galten aber auBerlich als 
Feinde desselben. Jeder einzelne arbeitete sich nur in einen Teil des 
Christentums hinein. Ihr Bestreben war, die verschiedenen Religionen 
in einer groBen Einheit zu vereinigen. Sie waren iiberzeugt, daB in 
ihren zwolf Stromungen alles geistige Leben enthalten war, und jeder 
wirkte nach seinen Kraften auf den Schiiler ein. Sie hatten als Ziel, 
eine Synthesis aller Religionen zu erlangen, waren sich aber bewuBt, 
daB dieses Ziel nicht durch irgendeine Theorie, sondern durch die 
Auswirkung des geistigen Lebens zu erreichen war. Und dazu war 
eine entsprechende Erziehung des Dreizehnten notwendig. 

Wahrend die geistigen Krafte dieses Dreizehnten ins Unendliche 
zunahmen, gingen seine physischen Krafte ganz zuriick. Es kam so 
weit, daB fast aller Zusammenhang mit dem auBeren Leben aufhorte, 
alles Interesse fur die physische Welt verschwand. Er lebte nur fur die 
geistige Entwickelung, wozu er von den Zwolf die Anregung erhielt. 
In ihm war ein Reflex der Weisheit der Zwolf. Es kam so weit, daB der 
Dreizehnte alle Nahrung verweigerte und dahinsiechte. Da trat ein 
Ereignis ein, das nur einmal in der Geschichte eintreten konnte. Es 
war eines der Ereignisse, die dann eintreten konnen, wenn die makro- 
kosmischen Krafte - der Friichte wegen, die ein solches Ereignis zei- 
tigen soli - zusammenwirken. Nach einigen Tagen wurde der Korper 



dieses Dreizehnten ganz durchsichtig, und er war wie tot durch Tage 
hindurch. Um ihn herum versammelten sich nun die Zwolf in be- 
stimmten Zeitraumen. Es entstromte ihrem Mund alles Wissen und 
alle Weisheit in diesen Momenten. In kurzen Formeln, die wie An- 
dachtsgebete waren, lieBen sie dem Dreizehnten ihre Weisheit zu- 
stromen, wahrend der Dreizehnte wie tot dalag. Man kann sich am 
besten die Zwolf in einem Kreis um den Dreizehnten herum vorstel- 
len. Dieser Zustand endete damit, daB die Seele dieses Dreizehnten 
erwachte wie eine neue Seele. Eine groBe Umwandlung seiner Seele 
hatte er erlebt. Es war in ihr etwas vorhanden wie eine ganz neue Ge- 
burt der zwolf Weisheiten, so daB auch die zwolf Weisen etwas ganz 
Neues lernen konnten von dem Jiingling. Aber auch dessen Korper 
wurde dadurch in einer solchen Weise belebt, daB diese Belebung des 
ganz durchsichtigen Korpers mit nichts verglichen werden kann. Der 
Jiingling konnte nun von ganz neuen Erlebnissen sprechen. Die 
Zwolf konnten erkennen, daB er das Erlebnis von Damaskus hinter 
sich hatte : es war eine Wiederholung der Vision des Paulus vor Da- 
maskus. Im Verlauf weniger Wochen gab nun der Dreizehnte alle 
Weisheit wieder, die er von den Zwolfen erhalten hatte, aber in einer 
neuen Form. Wie von Christus selbst gegeben war diese neue Form. 
Was er ihnen da offenbarte, das nannten die Zwolf das wahre Chri- 
stentum, die Synthesis aller Religionen, und sie unterschieden zwi- 
schen diesem wahren Christentum und dem Christentum der Epoche, 
in der sie lebten. Dieser Dreizehnte starb verhaltnismaBig jung, und 
die Zwolf widmeten sich dann der Aufgabe, in Imaginationen - denn 
nur so konnte es geschehen - aufzuzeichnen, was der Dreizehnte ihnen 
geoffenbart hatte. So entstanden die symbolischen Figuren und Bilder, 
die in der Sammlung des Hinricus Madathanus Theosophus enthalten 
sind, und die Mitteilungen der H. P. Blavatsky in dem Werke: «Die 
entschleierte Isis ». Der okkulte Vorgang muB so vorgestellt werden, 
daB sich die Frucht der Einweihung des Dreizehnten als dessen Ather- 
leib-Rest innerhalb der Geist-Atmosphare der Erde erhalten hat. Die- 
ser Rest wirkte auf die Zwolf ebenso wie auf ihre folgenden Schuler 
inspirierend, so daB aus ihnen hervorgehen konnte die rosenkreuze- 
rische okkulte Stromung. Aber dieser Atherleib wirkte weiter fort, 



und er durchdrang dann den Atherleib des sich wieder inkarnieren- 
den Dreizehnten. 

Schon im vierzehnten Jahrhundert wurde die Individualitat des 
Dreizehnten wiederverkorpert, ungefahr in der Mitte des vierzehnten 
Jahrhunderts. In dieser Inkarnation lebte diese Individualitat mehr 
als hundert Jahre. Er wurde auf ahnliche Weise im Kreise der Schuler 
und Nachfolger der Zwolf erzogen, aber nicht so weltfremd wie in 
seiner vorhergehenden Inkarnation. Als er achtundzwanzig Jahre alt 
war, bekam er ein merkwurdiges Ideal. Er muBte reisen und aus 
Europa fortziehen. Zuerst ging er nach Damaskus, und dort wieder- 
holte sich noch einmal fur ihn das Ereignis, das Paulus dort erlebt 
hatte. Dieses Erlebnis ist als die Ffucht eines Keimes der vorigen 
Inkarnation zu bezeichnen. Alle Krafte des wunderbaren Atherleibes 
der Individualitat des dreizehnten Jahrhunderts waren intakt ge- 
blieben, und nichts ging nach dem Tode in den allgemeinen Welten- 
ather iiber. Dieses war ein bleibender Atherleib, der seither intakt 
blieb in den Atherspharen. Dieser selbe feingeistige Atherleib durch- 
leuchtete und durchstrahlte wieder von der geistigen Welt aus die 
neue Verkorperung, die Individualitat im vierzehnten Jahrhundert. 
Daher wurde er getrieben, das Ereignis von Damaskus noch einmal 
zu erleben. Es ist dies die Individualitat des Christian Rosenkreutz. 
Er war der Dreizehnte im Kreise der Zwolf. Von dieser Inkarnation 
an wurde er so genannt. Esoterisch, im okkulten Sinne, ist er Christian 
Rosenkreutz schon im dreizehnten Jahrhundert, exoterisch wird er 
erst im vierzehnten Jahrhundert so genannt. Und die Schuler dieses 
Dreizehnten sind die Nachfolger der andern Zwolf im dreizehnten 
Jahrhundert. Das sind die Rosenkreuzer. 

Christian Rosenkreutz reiste damals durch die ganze bekannte Welt. 
Nachdem er die gesamte Weisheit der Zwolf eingefloBt bekommen 
hatte, befruchtet durch die groBe Wesenheit des Christus, wurde es 
ihm leicht, im Laufe von sieben Jahren die gesamte Weisheit der 
damaligen Zeit in sich aufzunehmen. Als er dann nach sieben Jah- 
ren nach Europa zuruckkehrte, nahm er die entwickeltsten Schuler 
und Nachfolger der Zwolf zu Schulern an und begann dann die eigent- 
liche Arbeit der Rosenkreuzer. 



Eine ganz neue Weltbetrachtung konnte man beginnen, dank den 
Ausstrahlungen des wunderbaren Atherleibes des Christian Rosen- 
kreutz. Was nun bis zu unserer Zeit von den Rosenkreuzern gearbei- 
tet wurde, ist auBere und innere Arbeit. Die auBere Arbeit hatte den 
Zweck, das, was hinter der Maja der Materie liegt, zu ergriinden. Man 
wollte die Maja der Materie untersuchen. Dem gesamten Makrokos- 
mos liegt ebenso ein Ather-Makrokosmos, ein Atherleib zugrunde, 
wie der Mensch einen Atherleib hat. Es gibt einen gewissen Grenz- 
ubergang von der groberen zur feineren Substanz. Richten wir unsern 
Blick auf die Grenze zwischen physischer und atherischer Substanz. 
Dem, was zwischen der physischen und der atherischen Substanz 
liegt, ist nichts anderes auf der Welt ahnlich. Es ist weder Gold noch 
Silber, noch Blei, noch Kupfer. Da haben wir etwas, was nicht mit 
irgendeiner anderen physischen Substanz vergleichbar ware, sondern 
es ist die Essenz von allem. Wir haben da eine Substanz, die in alien 
anderen physischen Substanzen enthalten ist, so daB die anderen 
physischen Substanzen als Modifikationen dieser einen Substanz be- 
trachtet werden konnen. Diese Substanz hellseherisch anzuschauen, 
war das Bestreben der Rosenkreuzer. Sie sahen die Vorbereitung, 
die Ausbildung eines solchen Schauens in einer erhohten Wirksam- 
keit der moralischen Krafte der Seele, die dann diese Substanz sicht- 
bar machte. In den moralischen Kraften der Seele erblickten sie die 
Kraft zu diesem Schauen, Diese Substanz ist von den Rosenkreuzern 
wirklich geschaut und entdeckt worden. Sie fanden, daB diese Sub- 
stanz in einer bestimmten Form in der Welt lebt, im Makrokosmos 
sowie auch im Menschen. DrauBen in der Welt, auBerhalb des 
Menschen, verehrten sie sie als das groBe Gewand, als das Kleid des 
Makrokosmos. Im Menschen sahen sie sie entstehen, wenn eine har- 
monische Wechselwirkung zwischen Denken und Wollen vorhanden 
ist. Sie sahen die Krafte des Wollens nicht nur im Menschen, sondern 
auch im Makrokosmos, zum Beispiel im Donner und Blitz. So sahen 
sie auch die Krafte des Denkens einerseits in dem Menschen und 
dann drauBen in der Welt, in dem Regenbogen, in der Morgen- 
rote. Die Kraft, solche Harmonie zwischen Wollen und Denken 
zu erreichen in der eigenen Seele, suchten die Rosenkreuzer in den 



Ausstrahlungen dieses Atherleibes des Dreizehnten, des Christian 
Rosenkreutz. 

Es wurde festgesetzt, daB alle Entdeckungen, die sie machten, hun- 
dert Jahre lang als Geheimnis bei den Rosenkreuzern bleiben miiBten 
und daB erst dann, nach hundert Jahren, diese Rosenkreuzer-OfTen- 
barungen der Welt gebracht werden diirften. Erst nachdem hundert 
Jahre dariiber gearbeitet worden war, durfte in entsprechender Weise 
dariiber gesprochen werden. So wurde vom siebzehnten bis zum acht- 
zehnten Jahrhundert vorbereitet, was 1785 in dem Werk «Die gehei- 
men Figuren der Rosenkreuzer » zum Ausdruck kam. 

Nun ist es auch von groBer Bedeutung, zu wissen, daB in jedem 
Jahrhundert die rosenkreuzerische Inspiration so gegeben wird, daB 
niemals der Trager der Inspiration auBerlich bezeichnet wurde. Nur 
die hochsten Eingeweihten wuBten es. Heute kann zum Beispiel auBer- 
lich nur von solchen Geschehnissen gesprochen werden, welche hun- 
dert Jahre zuriickliegen, denn das ist die Zeit, welche jeweils ver- 
flossen sein muB, bevor davon auBerlich gesprochen werden darf. Die 
Versuchung ist zu groB fur die Menschen, einer solchen ins Person- 
liche gezogenen Autoritat - was das Schlimmste ist, was es gibt - fana- 
tische Heiligenverehrung entgegenzubringen. Es liegt dies eben zu 
nahe. Es ist diese Verschwiegenheit aber nicht nur eine Notwendig- 
keit gegen die auBeren Anfechtungen des Ehrgeizes und des Hoch- 
mutes, deren man sich ja vielleicht noch erwehren konnte, sondern 
auch vor allem gegen die okkulten astralen Attacken, die fortwahrend 
auf eine solche Individualitat gerichtet sein wiirden. Deshalb ist die 
Bedingung, daB erst hundert Jahre nach einem solchen Faktum davon 
gesprochen werden darf, eine notwendige. 

Infolge der Rosenkreuzerarbeit wurde der Atherleib des Christian 
Rosenkreutz von Jahrhundert zu Jahrhundert immer kraftiger und 
immer machtiger. Er wirkte nicht nur durch Christian Rosenkreutz, 
sondern auch durch alle, die seine Schuler wurden. Seit dem vier- 
zehnten Jahrhundert ist Christian Rosenkreutz immer wieder inkar- 
niert gewesen. Alles, was als Theosophie verkundet wird, wird vom 
Atherleib des Christian Rosenkreutz gestarkt, und diejenigen, die 
Theosophie verkundigen, lassen sich iiberschatten von diesem Athet- 



leib, der auf sie wirken kann, sowohl wenn Christian Rosenkreutz in- 
karniert ist als auch dann, wenn er nicht inkarniert ist. 

Der Graf von Saint-Germain ist im achtzehnten Jahrhundert die 
exoterische Wiederverkorperung von Christian Rosenkreutz gewesen. 
Nur wurde dieser Name auch andern Personen beigelegt, so daB nicht 
alles, was in der auBeren Welt da oder dort iiber den Grafen von Saint- 
Germain gesagt wird, auch fur den wirklichen Christian Rosenkreutz 
gelten kann. Heute ist Christian Rosenkreutz wiederverkorpert. Von 
den Ausstrahlungen seines Atherleibes ging die Inspiration aus fur das 
Werk der H. P. Blavatsky «Die entschleierte Isis ». Es war auch der 
EinfluB des Christian Rosenkreutz, der unsichtbar auf Lessing gewirkt 
hat und der ihn zu der Schrift iiber «Die Erziehung des Menschen- 
geschlechts » (1 780) inspirierte. Infolge der steigenden Flut des Mate- 
rialismus wurde es immer schwerer, im Sinne des Rosenkreuzertums 
zu inspirieren. Im neunzehnten Jahrhundert kam dann die Hochflut 
des Materialismus. So konnte vieles nur in sehr gebrochenen Strahlen 
gegeben werden. 1851 wurde von Widenmann das Problem der Un- 
sterblichkeit der Seele im Sinne der Reinkarnation gelost. Seine Schrift 
wurde preisgekront. Schon gegen 1850 schrieb Drofibacb vom psycho- 
logischen Standpunkt aus im Sinne der Reinkarnation. 

So haben auch im neunzehnten Jahrhundert die Ausstrahlungen des 
Atherleibes des Christian Rosenkreutz fortgewirkt. Und eine Erneue- 
rung des theosophischen Lebens konnte auftreten, weil das kleine Kali 
Yuga abgelaufen war im Jahre 1899. Deshalb ist der Zugang zur gei- 
stigen Welt heute leichter und die geistige Wirkung in einem viel 
groBeren MaBe moglich. Die Hingabe an den machtig gewordenen 
Atherleib des Christian Rosenkreutz wird den Menschen das neue 
Hellsehen bringen konnen und wird hohe spirituelle Krafte zutage 
fordern. Aber das wird nur fur diejenigen Menschen moglich sein, die 
richtig die Schulung des Christian Rosenkreutz befolgen. Bis jetzt war 
esoterische rosenkreuzerische Vorbereitung dazu notwendig. Das 
zwanzigste Jahrhundert hat aber die Mission, diesen Atherleib so 
machtig werden zu lassen, daB er auch exoterisch wirken wird. Die 
davon ergriffen werden, durfen das Ereignis erleben, das Paulus vor 
Damaskus erlebte. Es hat dieser Atherleib bis jetzt nur eingewirkt in 



die Rosenkreu2erschule; im zwanzigsten Jahrhundert wird es immer 
mehr und mehr Menschen geben, die diese Wirkung erfahren konnen 
und dadurch die Erscheinung des Christus im Atherleib werden er- 
leben diirfen. Die Arbeit der Rosenkreuzer ist es, die es moglich macht, 
die Ather-Erscheinung des Christus zu haben. Die Zahl derjenigen, 
die fahig sein werden, sie zu schauen, wird immer groBer und groBer 
werden. Wir mussen diese Wiedererscheinung zuriickfiihren auf das 
groBe Ereignis der Arbeit der Zwolf und des Dreizehnten im drei- 
zehnten und vierzehnten Jahrhundert. 

Wenn Sie ein Werkzeug des Christian Rosenkreutz werden sein kon- 
nen, dann konnen Sie versichert sein, daB Ihre kleinste Seelenarbeit 
fur die Ewigkeit da sein wird. 

Morgen werden wir auf das Werk des Christian Rosenkreutz zu 
sprechen kommen. Ein unbestimmter Trieb zur Geisteswissenschaft 
durchstromt heute die Menschheit. Und wir konnen sicher sein, iiber- 
all da, wo Rosenkreuzerschiiler ernst und gewissenhaft vorwarts stre- 
ben, werden Werte fur die Ewigkeit geschaffen. Jede kleinste geistige 
Arbeit bringt uns hoher. Notwendig ist es, Verstandnis und Ver- 
ehrung der heiligen Sache entgegenzubringen. 



DAS ROSENKREUZERISCHE CHRISTENTUM 



Neuchatel, 2 8. September 1911 
Zmiter Vortrag 

Heute wird es nun meine Aufgabe sein, Ihnen etwas zu sagen iiber das 
Werk des Christian Rosenkreutz. Dieses Werk begann mit dem drei- 
zehnten Jahrhundert und dauert bis heute und wird in alle Ewigkeit 
dauern. Der erste Akt dieses Werkes ist natiirlich dasjenige, was wir 
gestern von der Initiation des Christian Rosenkreutz sagten und was 
wir iiber die Vorgange zwischen dem Kollegium der Zwolf und dem 
Dreizehnten horten. Als dann Christian Rosenkreutz im vierzehnten 
Jahrhundert wiedergeboren wurde und damals seine Inkarnation mehr 
als hundert Jahre dauerte, bestand sein Werk hauptsachlich in der 
Belehrung der Schiller der Zwolf. Wahrend dieser Zeit lernten kaum 
andere Menschen Christian Rosenkreutz kennen aufier seinen Zwolf. 
Es ist dies nicht so aufzufassen, als ob Christian Rosenkreutz etwa 
nicht auch unter anderen Menschen herumgegangen ware, sondern 
nur so, daft die anderen Menschen ihn nicht erkannten. Das ist im 
Grunde ahnlich so geblieben bis heute. Aber der Atherleib des 
Christian Rosenkreutz wirkte stets im Kreise der Schiiier, und seine 
Krafte wirkten in immer weiteren Kreisen, und heute sind eigentlich 
schon viele Menschen in der Lage, ergriffen zu werden von den 
Kraften dieses Atherleibes. 

Diejenigen, die Christian Rosenkreutz zu seinen Schulern machen 
will, werden von ihm auf eine eigentiimliche Weise dazu auserwahlt. 
Es handelt sich dabei darum, daB der also Erwahlte achtgeben muB 
auf ein bestimmtes Ereignis oder mehrere Ereignisse dieser Art in 
seinem Leben. Es geschieht diese Erwahlung durch Christian Rosen- 
kreutz so, daB irgendein Mensch in seinem Leben an einen entschei- 
denden Wendepunkt, an eine karmische Krise herankommt. Nehmen 
wir zum Beispiel an, ein Mensch sei im Begriff, eine Sache zu begehen, 
die ihn zum Tode fiihren wurde. Solche Dinge konnen die verschie- 
densten sein. Der Mensch geht einen Weg, der fur ihn sehr gefahrlich 
werden kann, vielleicht bis in die Nahe eines Abgrundes, ohne es zu 



bemerken. Es geschieht dann, daB der BetrefTende vielleicht wenige 
Schritte vor dem Abgrund eine Stimme hort: Halt ein! - so daB er 
halten muB, ohne zu wissen warum. Tausend ahnliche Falle kann es 
geben. Zu bemerken ist allerdings, daB dies nur das auBere Zeichen 
ist, aber das wichtigste Zeichen der auBeren spirituellen Berufung. Zur 
inneren Berufung gehort, daB der Erwahlte sich mit irgend etwas 
Spirituellem, Theosophie oder sonstiger geistiger Wissenschaft be- 
schaftigt hat. Das Ihnen genannte auBere Ereignis ist eine Tatsache 
in der physischen Welt, ruhrt aber nicht von einer menschlichen 
Stimme her. Das Ereignis ist immer so gestaltet, daB der Betreffende 
ganz genau weiB, daB die Stimme aus der geistigen Welt kam. Es kann 
zuerst der Glaube herrschen, daB ein Mensch irgendwo versteckt sei, 
von dem die Stimme herriihre, aber wenn der Schiiler reif ist, findet 
er heraus, daB nicht etwa eine physische Personlichkeit in sein Leben 
eingegriffen hat. Kurz, die Sache ist so, daB durch dieses Ereignis der 
Schiiler ganz genau weiB, daB es Mitteilungen gibt aus der geistigen 
Welt. Solche Ereignisse konnen einmal, aber auch ofters vorkommen 
im menschlichen Leben. Wir miissen nun die Wirkung davon auf das 
Gemiit des Schiilers verstehen. Der Schiiler sagt sich : Es ist mir durch 
Gnade ein weiteres Leben geschenkt worden; das erste war verwirkt. - 
Dieses neue, durch Gnade verliehene Leben gibt dem Schiiler Licht in 
seinem ganzen folgenden Leben. Er hat dieses bestimmte Gefuhl, das 
man in die Worte kleiden kann: Ohne dieses mein Rosenkreuzer- 
Erlebnis ware ich gestorben. Das nun folgende Leben hatte nicht den- 
selben Wert ohne dieses Ereignis. 

Es kann allerdings vorkommen, daB ein Mensch dies schon einmal 
oder mehrere Male erlebt hat und er doch nicht gleich zur Theosophie 
oder Geisteswissenschaft kommt. Dann kann aber sparer die Erinne- 
rung an ein solches Erlebnis hinzutreten. Viele von denen, die hier 
sind, konnen ihr vergangenes Leben priifen und finden, daB ahnliche 
Ereignisse in ihrem Leben vorgekommen sind. Man beobachtet solche 
Dinge heute nur zu wenig. Wir sollten uns iiberhaupt klarmachen, daB 
wir an so vielen wichtigen Ereignis sen vorbeigehen, die wir nicht 
beobachten. Dies sei eine Andeutung fur die Art der Berufung der 
hoheren Schiiler des Rosenkreuzertums. 



Entweder wifd nun ein solches Ereignis spurlos an dem betrerTenden 
Menschen voriibergehen, dann verwischt sich der Eindruck, und er 
halt dieses Erlebnis iiberhaupt nicht fur wichtig. Oder nehmen wir an, 
der Mensch sei aufmerksam, er halt dieses Erlebnis nicht fur bedeu- 
tungslos, dann kommt er vielleicht zu dem Gedanken: Eigentlich 
standest du da vor einer Krisis, einer karmischen Krisis, eigentlich 
sollte dein Leben in diesem Augenblicke enden, du hattest dein Leben 
verwirkt; nur durch etwas Zufallahnliches bist du gerettet worden. 
Es ist seit jener Stunde gleichsam ein zweites Leben auf dieses erste 
daraufgepflanzt. Dieses zweite Leben muBt du als dir geschenkt be- 
trachten und demgemaB muBt du dich benehtnen. 

Wenn ein solches Erlebnis in einem Menschen die innere Stimmung 
auslost, daB er sein Leben von jener Stunde an als geschenkt betrachtet, 
so macht dies heute diesen Menschen zu einem Bekenner des Christian 
Rosenkreutz. Denn das ist seine Art, diese Seelen zu sich zu rufen, Und 
der jenige, der sich zuriickerinnern kann an ein solches Erlebnis, kann 
sich sagen : Christian Rosenkreutz hat mir einen Wink gegeben aus der 
spirituellen Welt, daB ich seiner Strdmung angehdre. Christian Rosen- 
kreutz hat zu meinem Karma hinzugefiigt die Moglichkeit eines solchen 
Erlebnisses. - Das ist die Art, wie Christian Rosenkreutz die Wahl sei- 
ner Schuler trifft. So wahlt er seine Gemeinde. Wer solches bewuBt 
erlebt, der sagt sich: Da ist mir ein Weg gewiesen, ich muB dem nach- 
gehen und sehen, inwiefern ich meine Krafte in den Dienst des Rosen- 
kreuzertums stellen kann. - Diejenigen aber, die den Wink nicht verstan- 
den haben, werden spater noch dazu kommen, denn an wen der Wink 
einmal ergangen ist, der wird auch nicht wieder davon loskommen. 

DaB der Mensch ein Erlebnis der geschilderten Art haben kann, das 
riihrt davon her, daB dieser Mensch in der Zeit zwischen seinem 
letzten Tode und seiner letzten Geburt zusammengetroffen ist in der 
geistigen Welt mit Christian Rosenkreutz. Damals hat uns Christian 
Rosenkreutz erwahlt, er hat einen Willensimpuls in uns hineingelegt, 
der uns nun zu solchen Erlebnissen fiihrt. Das ist die Art, wie geistige 
Zusammenhange herbeigefiihrt werden. 

Um nun weiter in die Sache einzudringen, wollen wir den Unter- 
schied des Unterrichts des Christian Rosenkreutz in friiheren Zeiten 



von den spateren Zeiten besprechen. Dieser Unterricht war fruher ein 
mehr naturwissenschaftlicher, heute ist er mehr geisteswissenschaft- 
licher Art. So sprach man zum Beispiel fruher mehr von Natur- 
prozessen und nannte diese Wissenschaft Alchimie, und insofern diese 
Prozesse auBerhalb derErde stattfanden, nannte man diese Wissenschaft 
Astrologie. Heute gehen wir mehr von der spirituellen Betrachtung aus. 
Wenn wir zum Beispiel die aufeinanderfolgenden nachatlantischen 
Kulturepochen betrachten, die urindische Kultur, die urpersische, die 
agyptisch-chaldaisch-assyrisch-babylonische Kultur, die griechisch- 
lateinische Kultur, so lernen wir aus dieser Betrachtung die Natur der 
menschlichen Seelenentwickelung kennen. Der mittelalterliche Rosen- 
kreuzer studierte die Naturvorgange, die er als die Erdvorgange der 
Natur ansah. So unterschied er zum Beispiel drei verschiedene Natur- 
vorgange, die er als die drei groBen Prozesse der Natur ansah. 

Als der erste wichtige ProzeB ist folgender anzufuhren: Die Salz- 
bildung. Alles, was in der Natur aus einer Auflosung als fester Stoff 
sich niederschlagt, sich setzen, herausfallen kann, nannte der mittel- 
alterliche Rosenkreuzer: Salz. Wenn aber der mittelalterliche Rosen- 
kreuzer diese Salzbildung sah, war seine Vorstellung davon ganz ver- 
schieden von der des heutigen Menschen. Denn der Anblick eines 
solchen Prozesses muBte wie ein Gebet wirken in der Seele desjenigen 
Menschen, der ihn betrachtete, wenn er ihn als verstanden empfinden 
wollte. Der mittelalterliche Rosenkreuzer suchte sich deshalb klar zu 
machen, was in seiner eigenen Seele vorgehen miiBte, wenn in ihr 
diese Salzbildung auch vorgehen sollte. Er dachte: Die menschliche 
Natur vernichtet sich fortwahrend durch die Triebe und Leiden- 
schaften. Unser Leben ware eine fortwahrende Zersetzung, einFaulnis- 
prozeB, wenn wir uns nur den Begierden und Leidenschaften hingeben 
wurden. Und wenn der Mensch sich wirklich schiitzen will gegen 
diesen FaulnisprozeB, so muB er sich fortwahrend hingeben reinen, 
nach dem Geistigen hintendierenden Gedanken. Es handelte sich um 
die Hoherentwickelung seiner Gedanken. Der mittelalterliche Rosen- 
kreuzer wuBte, daB, wenn er in einer Inkarnation seine Leidenschaften 
nicht bekampfte, er in die nachste Inkarnation mit Krankheitsanlagen 
hineingeboren werden wiirde, daB er aber, wenn er seine Leiden- 



schaften lauterte, in die nachste Inkarnation mit gesunden Anlagen 
eintreten wiirde. Der ProzeB der Oberwindung der zur Verwesung 
fiihrenden Krafte durch Spiritualitat, das ist mikrokosmische Salz- 
bildung. So konnen wir begreifen, wie ein solcher Naturvorgang fur 
den mittelalterlichen Rosenkreuzer zum frommsten Gebet werden 
konnte. Bei der Betrachtung der Salzbildung sagten sich die mittel- 
alterlichen Rosenkreuzer mit dem Gefuhl der reinsten Frommigkeit : 
Hier haben gottlich-geistige Krafte seit Tausenden von Jahren ebenso 
gewirkt, wie in mir reine Gedanken wirken. Ich bete an hinter der 
Maja der Natur die Gedanken der Gotter, der gottlich-geistigen 
Wesenheiten. - Das wuBte der mittelalterliche Rosenkreuzer und er 
sagte sich : Wenn ich mich durch die Natur anregen lasse, soiche Emp- 
findungen zu hegen, so mache ich mich selber dem Makrokosmos 
ahnlich. Betrachte ich diesen ProzeB nur auBerlich, so scheide ich mich 
von dem Gotte, so falle ich vom Makrokosmos ab. - So empfand der 
mittelalterliche Theosoph oder Rosenkreuzer. 

Ein anderes Erlebnis war der ProzeB der Auf losung : ein anderer 
NaturprozeB, der ebenfalls den mittelalterlichen Rosenkreuzer zum 
Gebet fiihren konnte. Alles dasjenige, was etwas anderes auflosen 
kann, nannte der mittelalterliche Rosenkreuzer; Quecksilber oder 
Merkur. Nun trat wieder fur den mittelalterlichen Rosenkreuzer die 
Frage auf : Was ist die entsprechende Eigenschaft in der menschlichen 
Seele? Welche Seeleneigenschaft wirkt so, wie in der Natur drauBen 
Quecksilber oder Merkur? Der mittelalterliche Rosenkreuzer wuBte, 
daB das, was diesem Merkur in der Seele entspricht, alle Formen der 
Liebe in der Seele bedeutet. Er unterschied niedere und hohere Auf- 
losungsprozesse, wie es niedere und hohere Liebeformen gibt. Und so 
wurde der Anblick des Auf losungsprozesses wieder zu einem from- 
men Gebete, und der mittelalterliche Theosoph sagte sich : Es hat die 
Liebe des Gottes drauBen Jahrtausende lang so gewirkt, wie in meinem 
Innern die Liebe wirkt. 

Der dritte wichtige NaturprozeB war fur den mittelalterlichen Theo- 
sophen die Verbrennung, das, was eintritt, wenn ein auBerer Stoff in 
Flammen sich verzehrt. Und wiederum suchte der mittelalterliche 
Rosenkreuzer den inneren Vorgang, der dieser Verbrennung entspricht. 



Er sah diesen inneren Seelenvorgang in der inbriinstigen Hingabe an 
die Gottheit. Und er nannte alles, was in der Flamme aufgehen kann, 
Schwefel oder Sulphur. Er sah in den Entwickelungsstadien der Erde 
den ProzeB einer allmahlichen Lauterung, ahnlich einem Verbren- 
nungsprozeB oder SchwefelprozeB. So wie er wuBte, daB einmal die 
Erde durch das Feuer gereinigt wird, so sah er in der inbriinstigen 
Hingabe an die Gottheit auch einen VerbrennungsprozeB. In den 
Erdenprozessen sah er die Arbeit der Gotter, die zu noch hoheren 
Gottern aufschauen. Und so durchdrungen von groBer Frommigkeit 
und tief religiosen Gefiihlen sagte er sich beim Anblick des Verbren- 
nungsprozesses : Jetzt opfern Gotter den hoheren Gottern. - Und 
wenn dann der mittelalterliche Theosoph selbst in seinem Laborato- 
rium den VerbrennungsprozeB hervorbrachte, dann empfand er : Ich 
tue, was die Gotter tun, wenn sie sich hoheren Gottern opfern. - Sich 
selber hielt er nur dann fur wurdig, zu einem solchen Verbrennungs- 
prozeB in seinem Laboratorium zu schreiten, wenn er sich von solcher 
Opfergesinnung durchdrungen fiihlte, wenn er selber in sich fuhlte 
den Wunsch, sich opfernd den Gottern hinzugeben. Die Macht der 
Flamme erfiillte den mittelalterlichen Theosophen mit groBen, tief- 
religiosen Gefiihlen, und er sagte sich : Wenn ich drauBen im Makro- 
kosmos die Flamme sehe, so sehe ich die Gedanken, die Liebe, die 
Opfergesinnung der Gotter. 

Der mittelalterliche Rosenkreuzer nahm selber in seinem Laborato- 
rium diese Prozesse vor, und dann ergab sich der Experimentierende 
der Betrachtung dieser Bildungen von Salz, der Auf losungen und der 
Verbrennungen, bei denen er sich stets tief religiosen Empfindungen 
hingab, und er fuhlte den Zusammenhang mit alien Kraften im Makro- 
kosmos. Diese Seelenvorgange riefen bei ihm hervor: erstens Gotter- 
gedanken, zweitens Gotterliebe, drittens Gotteropferdienst. Und dann 
entdeckte dieser mittelalterliche Rosenkreuzer, daB, wenn er einen 
SalzbildungsprozeB vornahm, in ihm selber solche reinen, lauternden 
Gedanken aufstiegen. Bei einem Auflosungsprozefi fuhlte er sich an- 
geregt zur Liebe, wurde er von der gottlichen Liebe durchdrungen, 
im VerbrennungsprozeB fuhlte er sich entfacht zum Opferdienst, dazu 
gedrangt, sich auf dem Altar der Welt zu opfern. 



Das war, was der Experimentierende erlebte. Und wenn man selbst 
als Hellseher einem solchen Experiment beige wohnt hatte, so hatte 
man eine Veranderung der Aura des betreffenden Menschen, der das 
Experiment ausfiihrte, wahrgenommen. Die Aura, die vor dem Expe- 
riment sehr gemischt war, die vielleicht erfiillt gewesen war von Be- 
gierden, Trieben, denen sich der Betreffende hingegeben hatte, wurde 
durch das Experiment einfarbiger. Zuerst, bei dem Experiment der 
Salzbildung: kupfern - reine Gottesgedanken -, dann, bei dem Experi- 
ment der Auflosung: silbern - Gotterliebe und endlich gold- 
glanzend - Gotteropferliebe oder Gotteropferdienst - bei der Ver- 
brennung. Und die Alchimisten sagten dann, sie hatten aus der Aura 
das subjektive Kupfer, das subjektive Silber und das subjektive Gold 
gemacht. Und die Folge davon war, daB derjenige, der so etwas durch- 
gemacht hatte, der ein solches Experiment wirklich innerlich erlebte, 
von gottlicher Liebe ganz durchdrungen wurde. Also ein von Rein- 
heit, Liebe und Opferwillen durchdrungener Mensch kam dabei her- 
aus, und durch diesen Opferdienst bereiteten die mittelalterlichen 
Theosophen ein gewisses Hellsehen vor. So konnte der mittelalterliche 
Theosoph hineinschauen in die Art, wie hinter der Maja geistige 
Wesen die Dinge entstehen und wieder vergehen lieBen. Und dadurch 
sah er dann auch ein, welche Bestrebungskrafte in der Seele in uns 
fordernd sind und welche nicht. Er lernte unsere eigenen Entstehungs- 
und Verwesungskrafte kennen. Der mittelalterliche Theosoph Heinrich 
Khunrath nannte, in einem Augenblick der Auf klarung, diesen ProzeB 
das Gesetz der Entstehung und Verwesung. 

Aus dem Naturanblick wurde dem mittelalterlichen Theosophen 
das Gesetz der Aufwartsentwickelung und des Abstiegs klar. Die 
Wissenschaft, die er sich dadurch aneignete, driickte er in gewissen 
Zeichen, in imaginativen Bildern und Figuren aus. Es war eine Art 
imaginativer Erkenntnis. Was gestern charakterisiert worden ist als 
«Die geheimen Figuren der Rosenkreuzer », ist ein Resultat von dem 
eben Besprochenen. 

So arbeiteten die besten Alchimisten vom vierzehnten bis ins acht- 
zehnte und noch bis an den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. 
Uber diese wirklich moralische, ethische, intellektuelle Arbeit ist 



nichts gedruckt worden. Was iiber Alchimie gedruckt ist, handelt nur 
von rein auBeren Experimenten, ist nur von denen geschrieben, 
welche die Alchimie als Selbstzweck betrieben. Der falsche Alchimist 
ging darauf aus, StofFe zu formen. Er sah in den Experimenten bei der 
Verbrennung der StofFe nur den Gewinn des materiellen Ergebnisses. 
Der rechte Alchimist aber gab auf den StofF, den er zuletzt erhielt, gar 
nichts. Es kam ihm nur auf die inneren Seelenerlebnisse wahrend der 
StofFormung an, auf die Gedanken, die in ihm waren, die Erlebnisse, 
die er in sich hatte. Daher war es ein strenges Gesetz, daB der mittel- 
alterliche Theosoph, welcher bei den Experimenten Gold und Silber 
erzeugte, nie einen Gewinn fur sich daraus machen durfte. Er durfte 
die produzierten Metalle nur verschenken. Der heutige Mensch hat 
nicht mehr die richtige Vorstellung von diesen Experimenten. Er hat 
keine Ahnung von dem, was der Experimentierende erleben konnte. 
Der mittelalterliche Theosoph konnte ganze Seelendramen in seinem 
Laboratorium erleben, zum Beispiel wenn das Antimon gewonnen 
wurde, sahen die Experimentierenden sehr bedeutendes Moralisches 
in diesen Prozessen. 

Waren damals diese Dinge nicht geschehen, so konnten wir heute 
nicht im geisteswissenschaftlichen Sinne Rosenkreuzerei treiben. Was 
der mittelalterliche Rosenkreuzer im Anblick der Naturprozesse erlebt 
hat, ist eine heilige Naturwissenschaft. Was er erlebte an geistigen 
Opfergesinnungen, an groBen Freuden, groBen Naturvorgangen, auch 
an Schmerzen und Traurigkeit, an erhebenden und erfreuenden Er- 
eignissen wahrend der Experimente, die er vornahm, das wirkte alles 
erlosend und befreiend auf ihn ein. Alles das aber ruht jetzt in den 
innersten Untergriinden des Menschen, alles, was ihm damals dort 
hineingelegt wurde. 

Wie finden wir nun diese verborgenen Krafte, die damals zum Hell- 
sehen fuhrten, wieder? Wir finden sie dadurch, daB wir Geisteswissen- 
schaft studieren und uns durch ernste Meditation und Konzentration 
ganz dem inneren Leben der Seele hingeben. Durch solche innere 
Entwickelung wird allmahlich die Beschaftigung mit der Natur wieder 
ein Opferdienst. Dazu miissen die Menschen hindurchgehen durch 
das, was wir heute Geisteswissenschaft nennen. Tausende von Men- 



schen miissen sich der Geisteswissenschaft hingeben, ein inneres Leben 
fuhren, damit in Zukunft wieder die geistige Wahrheit hinter der 
Natur wahrgenommen werden kann, damit man wieder das Geistige 
hinter der Maja verstehen lerne. Dann wird in Zukunft, wenn auch 
zunachst eine noch kleine Schar, das Ereignis des Paulus vorDamaskus 
erleben diirfen und wahrnehmen den atherischen Chris tus, der uber- 
sinnlich unter die Menschen kommt. Es muB aber zuerst der Mensch 
wieder zu dem geistigen Anblick der Natur kommen. Wer den ganzen 
inneren Sinn der Rosenkreuzerarbeit nicht kennt, kann glauben, die 
Menschheit sei noch auf der gleichen Stufe wie vor zweitausend 
Jahren. Bevor nicht dieser ProzeB durchgemacht worden sein wird, 
der allein durch die Geisteswissenschaft mbglich ist, wird der Mensch 
nicht zum geistigen Schauen kommen. Es gibt viele Menschen, die 
fromm und gut sind, die sich nicht zur Geisteswissenschaft bekennen, 
im Grunde aber doch Theosophen sind. 

Durch das Ereignis bei der Taufe im Jordan, als der Christus in den 
Leib des Jesus von Nazareth herabstieg, und durch das Mysterium von 
Golgatha ist die Menschheit fahig geworden, den Christus spater - in 
diesem Jahrtausend noch, von etwa 1930 an - im Atherleib zu schauen 
und zu erleben. Christus ist nur einmal auf Erden in einem physischen 
Leibe gewandelt, und das muB man verstehen konnen. Die Wieder- 
kunft des Christus bedeutet : den Christus ubersinnlich im Atherleibe 
zu schauen. Daher muB jeder, der den richtigen Gang der Entwicke- 
lung gehen will, sich die Fahigkeit erringen, mit dem geistigen Auge 
schauen zu konnen. Es ware kein Fortschritt der Menschheit, wenn 
Christus noch einmal im physischen Leibe erscheinen muBte. Das 
nachste Mai wird er sich im Atherleibe offenbaren. 

Was die verschiedenen Religionsbekenntnisse geben konnten, das 
ist zusammengetragen worden durch Christian Rosenkreutz und das 
Kollegium der Zwolf. Die Wirkung davon wird sein, dasjenige, was 
die einzelnen Religionen gegeben haben, was ihre Bekenner erstrebt 
und ersehnt haben, im Christus-Impuls zu flnden. Dieses wird die 
Entwickelung der nachsten drei Jahrtausende sein: das Verstandnis 
fur diesen Christus-Impuls zu schaffen und zu fordern. Vom zwanzig- 
sten Jahrhundert an werden alle Religionen im Rosenkreuzermyste- 



rium vereinigt sein. Und das wird moglich sein in den nachsten drei 
Jahrtausenden, weil es nicht mehr notig sein wird, aus dem, was die 
Dokumente enthalten, die Menschheit zu belehren, sondern durch den 
Anblick des Christus werden sie selbst verstehen lemen das Ereignis, 
welches Paulus vor Damaskus erlebte. Die Menschheit wird selbst 
durch das Paulus-Ereignis hindurchgehen. 

Funftausend Jahre nach der Erleuchtung des Buddha unter dem 
Bodhibaum wird der Maitreya-Buddha erscheinen, das ist ungefahr 
dreitausend Jahre von jetzt an gerechnet, Er wird der Nachfolger des 
Gautama Buddha sein. Unter wahren Okkultisten ist dariiber gar keine 
Diskussion moglich. Westliche und ostliche Okkultisten sind sich 
dariiber einig. Zwei Dinge stehen also fest: 

Erstens, daJ3 der Christus nur einmal im physischen Leibe erscheinen 
konnte und daB er im zwanzigsten Jahrhundert im Atherleibe er- 
scheinen wird. Im zwanzigsten Jahrhundert werden zwar groBe Indi- 
vidualitaten auftauchen, zum Beispiel der Bodhisattva als Nachfolger 
des Gautama Buddha, der in etwa dreitausend Jahren der Maitreya- 
Buddha werden wird. Aber kein wahrer Okkultist wird irgendeinen 
physisch verkorperten Menschen im zwanzigsten Jahrhundert als 
Christus bezeichnen, kein wirklicher Okkultist wird den Christus im 
zwanzigsten Jahrhundert im physischen Leibe erwarten. Jeder wirk- 
liche Okkultist wird ein Unrecht in einer solchen Behauptung finden. 
Der Bodhisattva wird aber gerade auf den Christus hinweisen. 

Zweitens, der Bodhisattva, der in Jeshu ben Pandira erschienen ist, 
wird erst in dreitausend Jahren - von heute an gerechnet - als der Mai- 
treya-Buddha erscheinen. Gerade die wirklichen Okkultisten Indiens 
wiirden sich entsetzen, wenn man behaupten wollte, der Maitreya- 
Buddha konne vorher erscheinen. Es mag allerdings in Indien auch 
solche Okkultisten geben, die nicht wirkliche Okkultisten sind, die 
aus Nebenzwecken von einem schon jetzt inkarnierten Maitreya- 
Buddha sprechen. Ein richtiges Sichhingeben an die Rosenkreuzer- 
Theosophie und richtige Devotion gegeniiber Christian Rosenkreutz 
kann jeden davor bewahren, in diese Irrtumer zu verfallen. 

Alle diese Dinge werden so gesagt im Rosenkreuzertum, daB sie von 
der Vernunft nachgepriift werden konnen. Durch den gesunden Men- 



schenverstand konnen alle diese Sachen gepriift werden. Glauben Sie 
mir auf Autoritat hin gar nichts, sondern betrachten Sie alles, was ich 
sage, nur als Anregung und priifen Sie dann selbst. Ich bin ganz ruhig, 
je mehr Sie priifen werden, umsomehr werden Sie Theosophie oder 
Geisteswissenschaft vernunftig finden. Je weniger Autoritatsglauben, 
desto mehr Verstandnis fiir Christian Rosenkreutz. Wir erkennen 
Christian Rosenkreutz am besten, wenn wir uns so recht in seine 
Individualist vertiefen und uns bewuBt werden, daft der Geist dieses 
Christian Rosenkreutz fort und fort besteht. Und je mehr wir uns 
diesem groBen Geiste nahern, desto mehr Kraft wird uns zukommen. 
Von dem Atherleib dieses groBen Fiihrers, der immer und immer da 
sein wird, konnen wir viel Kraft und Beistand erhofFen, wenn wir 
diesen groBen Fiihrer um seine Hilfe bitten. 

Auch das seltsame Ereignis des Siechtums des Christian Rosenkreutz 
werden wir verstehen konnen, wenn wir uns richtig in die geistes- 
wissenschaftliche Arbeit vertiefen. Es war im dreizehnten Jahrhundert, 
daB diese Individualist lebte in einem physischen Leibe, der bis zur 
Durchsichtigkeit entkraftet war, so daB er wahrend einiger Tage wie 
tot dalag und daB er wahrend dieser Zeit von den Zwolf die Weisheit 
dieser Zwolf aufnahm und auch das Ereignis von Damaskus erlebte. 

Moge der Geist des richtigen Rosenkreuzertums gerade in diesem 
Zweige walten und inspirierend wirken, dann wird der groBe Ather- 
leib des Christian Rosenkreutz um so wirksamer hier sein. 

Damit sei die Arbeit des Zweiges hier eingeleitet, und diejenigen, 
die hier versammelt sind, mogen nach Kraften ihren Mitbnidern in 
Neuenburg beistehen und ihnen oft gute Gedanken hersenden, daB der 
Geist des hier gegriindeten Zweiges fort und fort bestehen moge. Je 
mehr wir uns der hohen Sache nahern und die Arbeit in diesem Geiste 
fortfiihren, desto schneller werden wir zum Ziele gelangen. Ich mochte 
selber immer und immer an unsere groBe, verheiBungsvolle Arbeit 
erinnern und bitte den groBen Fiihrer des Abendlandes um seine 
Hilfe. So moge denn der Zweig einer der Bausteine sein zu dem 
Tempel, den wir auf bauen mochten. Im Geiste des Christian Rosen- 
kreutz haben wir diesen Zweig eroffnet, und im Geiste des Christian 
Rosenkreutz wollen wir versuchen, die Arbeit weiter zu fiihren. 



DIE ATHERISATION DES BLUTES 

DAS EINGREIFEN DES ATHERISCHEN CHRISTUS 
IN DIE ERDENENTWICKELUNG 

Basel, UOktober 1911 

Die Selbsterkenntnis des Menschen ist zwar als eine Aufforderung an 
unsere Seele durch alle Zeiten hindurch, in denen man mystisch oder 
realistisch oder sonst iiberhaupt nach Erkenntnis gestrebt hat, ge- 
fordert worden, doch ist, wie ja auch schon bei anderer Gelegenheit 
wiederholt betont werden muBte, diese Selbsterkenntnis der mensch- 
lichen Seele keineswegs so leicht, als recht vieleauchunter denAnthro- 
posophen sich zuweilen noch vorstellen. Und die Schwierigkeiten der 
menschlichen Selbsterkenntnis sind etwas, was der Anthroposoph sich 
doch immer wieder und wiederum vor die Seele riicken sollte, weil 
ja auf der anderen Seite diese Selbsterkenntnis das Notwendigste ist, 
wenn wir iiberhaupt 2u einem menschenwurdigen Ziel im Weltensein, 
zu einem wirklichen menschenwurdigen Dasein und Handeln kom- 
men wollen. 

Wir wollen uns heute nun ein wenig zunachst mit der Frage be- 
schaftigen, warum denn Selbsterkenntnis fur den Menschen schwierig 
sein muB. Der Mensch ist ja nun einmal ein recht kompliziertes 
Wesen, und wenn wir etwa sprechen vom menschlichen Seelen-, 
menschlichen Innenleben, so wollen wir uns keineswegs dieses Seelen- 
leben, dieses Innenleben von vornherein einfach, elementar vorstellen, 
sondern wir wollen die Geduld und die Ausdauer haben, immer tiefer 
dringen zu wollen, um diesen Wunderbau, diese wunderbare Organi- 
sation der gottlich-geistigen Weltenmachte, als welche der Mensch 
erscheinen kann, nach und nach wirklich zu durchdringen. Zweierlei 
kann uns an dem Leben der menschlichen Seele auffallen, bevor wir 
in das Wesen des Erkennens eindringen. 

Gleichsam wie der Magnet Nordpol und Siidpol hat, wie in der Er- 
scheinung der Welt drauBen Hell und Dunkel als Hauptschattierungen 
des Lichtes vorkommen, so hat die Seele auch zwei, man mochte 
sagen, Seelenpole ihres Daseins. Diese beiden Pole konnen uns er- 



scheinen, wenn wir den Menschen in zwei Situationen, zwei Lagen 
des Lebens betrachten. Eine solche Lebenslage wurde etwa fiir das 
seelische Leben gegeben sein, wenn wir einen Menschen, nun sagen 
wir einmal, auf der StraBe stehen sehen, ganz verloren in die Betrach- 
tung einer schonen, hehren, auffalligen Naturerscheinung. Wir sehen, 
wie er keine Hand bewegt, kein Bein bewegt, wie er fast das Auge 
nicht abwendet von der Naturerscheinung oder dem Gegenstand, der 
ihm auffallt und den er beobachtet, und wir gewahren, daB er be- 
schaftigt ist, sich im Innern Bilder zu machen von dem, was er vor 
Augen sieht. Wir sagen : Er ist in Betrachtung versunken, er stellt sich 
seine Umgebung vor. Das ware die eine Situation, die wir betrachten 
wollen. Eine andere Situation ware die folgende : Irgendein Mensch 
geht iiber die StraBe und er fiihlt sich von einem anderen Menschen 
beleidigt, verletzt. Ohne viel Nachdenken geht sein Zorn, sein Arger 
mit ihm durch und er macht als AusfluB seines Zornes dieses : er gibt 
dem, der ihn beleidigt hat, einen Schlag oder dergleichen. Wir ge- 
wahren da eine Erscheinung derjenigen Krafte, die aus dem Zorn, 
dem Arger entspringen. Wir werden da Willensimpulse gewahr und 
wir konnen uns ganz gut vorstellen, daB nicht viele Gedanken und 
Vorstellungen diesem Impuls vorangegangen sind, daB derBetreffende 
vielleicht nicht ausgeholt hatte zum Schlag, daB er den Ausbruch des 
Zornes verhindert hatte, wenn er viel nachgedacht hatte. Wir haben 
da zwei extreme Handlungen vor uns hingestellt: die eine, die sich 
ganz als eine Vorstellung zeigt, bei der der bewuBte Wille ganz aus- 
geschaltet ist, und die andere, bei der das Vorstellungsleben aus- 
geschaltet wird und wo der Mensch sogleich zur AuBerung eines 
Wiilensimpulses ubergeht. Das sind die zwei Dinge, die uns iiberhaupt 
die zwei extremen Pole der menschlichen Seele darstellen. Das Im- 
pulsive des Willens ist der eine Pol, das willenlose Hingegebensein an 
die Betrachtung, die Vorstellung, das Denken, wahrend der Wille 
schweigt, das ist der andere Pol. So hatten wir die Tatsachen ganz 
exoterisch, rein durch Betrachtung des auBeren Lebens vor uns hin- 
gestellt. 

Wir konnen nun etwas tiefer gehen, und wir kommen dann in die- 
jenigen Spharen, in denen wir uns nur dann ganz zurecht finden, wenn 



wir die okkulte Forschung zu Hilfe nehmen. Eine andere Polaritat 
tritt uns da entgegen, das ist die Polaritat von Wachen und Schlafen. 
Wir wissen ja, was in okkulter Beziehung der Schlaf und das Wachen 
bedeuten, Nach den Elementarbegriffen unserer anthroposophischen 
Erkenntnis wissen wir, daft im Wachen die vier Glieder, physischer, 
Ather-, Astralleib und Ich organisch ineinander stecken, ineinander 
wirken, daB im Schlaf aber physischer und Atherleib im Bette liegen, 
Astralleib und Ich aber wie ausgegossen sind in der ganzen groBen 
Welt, die unmittelbar an unser physisches Dasein angrenzend ist. Wir 
konnten auch diese Tatsachen noch anders behandeln. Wir konnten 
uns namlich auch da einmal fragen, wie es denn eigentlich mit dem 
Betrachten der Welt des Lebens steht, dem Vorstellen und Denken 
und dem Willen und seinen Impulsen beim Wachen und beim 
Schlafen? 

Sehen Sie nun, wenn man tiefer geht, so zeigt es sich, daB in einem 
besonderen Sinne der Mensch in seinem gegenwartigen physischen 
Dasein eigentlich immer schlaft. Er schlaft nur in der Nacht anders als 
bei Tage. Rein auBerlich schon konnen Sie sich das vergegenwartigen, 
da Sie wissen, daB man bei Tage okkult aufwachen kann, hellsichtig 
werden, in die geistige Welt hineinsehen kann. Der gewohnliche phy- 
sische Leib ist gegeniiber dieser Betrachtung eingeschlafen, und man 
kann sagen, es ist ein Aufwachen, wenn der Mensch lernt, seine 
geistigen Sinne zu gebrauchen. Und in bezug auf den Nachtschlaf ist 
es klar, daB da der Mensch schlaft. So daB man sagen kann : Der ge- 
wohnliche Schlaf ist ein Schlaf in bezug auf die auBere physische Welt, 
das TagesbewuBtsein ist gegenwartig ein Schlaf in bezug auf die 
geistige Welt. 

Wir konnen uns diese Tatsachen in noch ganz anderer Weise vor 
Augen fiihren. Wenn man tiefer geht, so merkt man, daB der Mensch 
im gewohnlichen wachenden Zustand seines physischen Lebens uber 
seinen Willen in der Regel recht wenig Gewalt hat. Der Wille ist 
etwas, was sich dem Tagesleben gar sehr entzieht. Wollen Sie einmal 
aufmerksam betrachten, was wir menschlichen Willen nennen, so 
werden Sie sehen, wie wenig sich der Mensch wahrend des Tages- 
lebens in der Gewalt hat in bezug auf die Willensimpulse. Betrachten 



Sie, wie wenig von dem, was Sie vom Morgen bis zum Abend tun, 
wirkllch aus eigenem Denken und Vorstellen, aus personlichem, indi- 
viduellem EntschluB hervorgeht. Sie konnen, wenn irgendwer an die 
Tiir klopft, und Sie sagen: Herein! - dies nicht einen wirklichen Ent- 
schluB Ihres eigenen Denkens und Willens nennen. Sie konnen un- 
moglich, wenn Sie hungrig sind und sich zu Tisch setzen, sagen, das 
ware ein WillensentschluB von Ihnen, denn er ist durch Ihren Orga- 
nismus, durch Ihren Zustand veranlaBt. Versuchen Sie jetzt, Ihr 
Tagesleben sich vor Augen zu halten, und Sie werden sehen, wie 
wenig der Wille direkt vorn menschlichen Zentrum beeinfluBt ist. 
Was ist die Ursache hiervon? Das lehrt der Okkultismus, der zeigt, 
daft der Mensch in bezug auf den Willen in der Tat bei Tag schlaft, 
das heiBt, daB er in seinen Willensimpulsen gar nicht darinnen lebt. 
Wir konnen zu immer besseren und besseren Begriffen und Vor- 
stellungen kommen, meinetwegen moralischere, geschmackvollere 
Menschen werden, aber in bezug auf den Willen konnen wir gar 
nichts machen. Wenn wir bessere Gedanken hegen, konnen wir in- 
direkt auf den Willen zuriickwirken, aber in bezug auf den Willen 
konnen wir, was das Leben anbetrifft, direkt gar nichts machen, denn 
unser Wille wird erst auf einem Umwege direkt beeinfluBt von unse- 
rem Alltagsleben, auf dem Umwege durch den Schlaf. Sie denken 
nicht, wenn Sie schlafen, Sie haben keine Vorstellungen : das Vor- 
stellen und Denken ist es, was in Schlaf ubergeht. Der Wille dagegen 
wacht und durchdringt unseren Organismus von auBen und belebt 
ihn. Daher werden wir uns gestarkt fuhien am Morgen, weil das, was 
in unseren Organismus eindringt, willensartiger Natur ist. DaB wir 
dieses Arbeiten des Willens nicht wahrnehmen, daB wir nichts davon 
wissen, mag uns ganz glaublich erscheinen, wenn wir bedenken, daB 
unser Vorstellen schlaft, wenn wir schlafen. Daher wollen wir zunachst 
eine Anregung fur weiteres Nachsinnen, weiteres Meditieren geben. 
Sie werden sehen, je weiter Sie in der Selbsterkenntnis vorwarts- 
kommen, desto mehr werden Sie diesen Satz bewahrheitet finden: 
Der Mensch schlaft in bezug auf seinen Willen, wenn er wacht, und 
er schlaft in bezug auf sein Vorstellen, wenn er schlaft. Bei Tag 
schlaft der Wille, bei Nacht schlaft das Vorstellungsleben. 



Wenn der Mensch sich dessen nicht bewuBt wird, daB der Wille in 
der Nacht nicht schlaft, so riihrt dies davon her, daB der Mensch nur 
im Vorstellungsleben zu wachen versteht. Der Wille schlaft nicht in 
der Nacht, sondern er wirkt da wie in seinem wahren feurigen Ele- 
ment, arbeitet an seinem Leibe, um herzustellen, was verbraucht wor- 
den ist bei Tage. 

Es gibt im Menschen also zwei Pole, die Willensimpulse und das 
Beobachtungs- oder Vorstellungsleben, und die Menschen verhalten 
sich im ganz entgegengesetzten Sinne zu diesen zwei Polen. Dies sind 
aber nur zwei Pole. Das ganze Seelenleben liegt in verschiedenen 
Nuancen zwischen diesen beiden Polen, und wir werden jetzt diesem 
Seelenleben noch etwas nahertreten, indem wir versuchen, dieses 
Seelenleben, das mikrokosmische Seelenleben in ein Verhaltnis zu 
bringen zu dem, was wir als die hoheren Welten erkennen. Wir haben 
aus dem, was gesagt worden ist, ersehen, daB der eine Pol unseres 
Seelenlebens das Vorstellungsleben ist. 

Dieses Vorstellungsleben ist etwas, was dem auBeren, materialistisch 
denkenden Menschen als etwas Unwirkliches erscheint. Nicht wahr, 
wie oft hort man den Gedanken aussprechen: Ach, Vorstellungen und 
Gedanken sind ja nur Vorstellungen und Gedanken! Man will darauf 
hinweisen, daB, wenn man ein Stuck Brot oder Fleisch in die Hand 
nimmt, dies eine Realitat ist, daB ein Gedanke aber nur ein Gedanke 
ist. Man meint, Gedanken konne man nicht essen, sie seien daher 
nicht real wirklich, es sind «nur» Gedanken. Warum sind es aber nur 
Gedanken? Aus dem Grunde, weil das, was der Mensch seine Ge- 
danken nennt, sich zu dem, was Gedanken eigentlich sind, verhalt wie 
ein Schattenbild zu einer Sache selber. Wenn Sie da eine Blume haben, 
und Sie schauen ihr Schattenbild, so weist das Schattenbild auf die 
Blume, auf die Wirklichkeit hin. So ist es auch mit den Gedanken. Es 
ist so, daB das menschliche Denken das Schattenbild ist von Vor- 
stellungen und Wesenheiten, die in einer hoheren Welt sind : in dem, 
was man den Astralplan nennt. Und richtig stellen Sie sich eigentlich 
das Denken vor, wenn Sie sich hier - es ist das nicht ganz richtig, 
sondern schematisch gezeichnet - das menschliche Haupt vorstellen. 
In diesem Haupte sind die Gedanken, die ich hier durch Striche dar- 



stellen will. Aber diese Gedanken, die im Haupte sind, stellen wir uns 
als lebendige Wesen - hiet auf dem Astralplane - vor. Da wirken die 
verschiedenartigsten Wesen, da wimmelt es nur so von Vorstellungen 



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und Handlungen, die ihr Schattenbild in den Menschen hinein- 
werfen, und diese Vorgange spiegeln sich ab im menschlichen Haupte 
als das Denken. Es ist eine richtige Vor stellung, wenn Sie sich denken : 
Von Ihrem Haupte gehen fortwahrend Stromungen in den Astralplan, 
und diese sind die Schatten, die das Gedankenleben in Ihrem Haupte 
vermitteln. (Siehe Schema Seite 87.) 

Es gibt nun auBer dem, was wir das Gedankenleben nennen konnen, 
fur die menschliche Seele noch ein anderes Leben. Man unterscheidet 
im gewohnlichen Leben - das ist nicht ganz genau, aber ich sage es, 
damit man aus dem gewohnlichen Leben heraus einen BegrifT dafiir 
bekommt - zwischen dem Gedankenleben und dem Empfindungs- 
leben. Unter den Gefuhlen unterscheidet man solche des Gefallens, 
sympathische, und des MiBfallens, unsympathische Gefuhle. Erstere 
stellen sich ein bei Handlungen des Rechtes, des Wohlwollens, Anti- 
pathie tritt auf bei Handlungen des Ubelwollens, des Unrechtes. Das 
ist schon mehr als das bloBe Vorstellen, das ist etwas anderes. Etwas 
uns vorstellen tun wir auch den gleichgultigen Dingen gegenuber. 



Aber diese Seelenerlebnisse der Sympathie und der Antipathie haben 
wir nur dem Schonen und Guten gegenuber oder dem Schlechten und 
HaBlichen. Gerade so wie alles, was im Menschen sich abspielt als 
Gedanken, auf den Astralplan hinweist, so weist alles, was verknupft 
ist mit Sympathie und Antipathie, hin auf das, was wir das niedere 
Devachan nennen. Und ebenso konnte ich die Linien, die ich vorher 
bis in die Astralwelt bei diesen Vorstellungen gezeichnet habe, nun 
hinaufziehen ins Devachan oder die Himmelswelt. In uns, vorzugs- 
weise in unserer Brust spielen sich Vorgange ab der Himmelswelt oder 
des Devachan als Gefuhle der Sympathie und Antipathie fur das 
Schone und das HaBliche, das Gute und Schlechte oder Bose, so daB 
wir mit dem, was wir nennen konnen unsere Empfindungen gegen- 
iiber der moralisch-asthetischen Welt, die Abschattungen des niederen 
Devachan, der Himmelswelt, in unserer Seele tragen. 

Dann gibt es noch ein Drittes im menschlichen Seelenleben, was wir 
genau unterscheiden miissen von der bloBen Vorliebe fur wohl- 
wollende Handlungen. Es ist ein Unterschied, ob man da steht und 
dort eine schone, wohlwollende Handlung sieht und Gefallen daran 
findet, oder ob man selber den Willen in Tatigkeit umsetzt, um selbst 
eine wohlwollende Handlung auszufuhren. Ich mochte das Wohl- 
gefallen an guten, schonen, das MiBfallen an bosen, haBlichen Hand- 
lungen das asthetische Element nennen, dagegen das, was den Men- 
schen treibt gut zu handeln, das moralische. Das Moralische steht 
hoher als das bloB Asthetische, das bloBe Gefallen oder MiBfallen 
steht tiefer als das Sichgedrangtfuhlen, Gutes oder Boses zu tun. In- 
sofern unsere Seele sich angetrieben fuhlt, insofern sie die moralischen 
Impulse fuhlt, sind diese Impulse die Schattenbilder des hoheren 
Devachan, der oberen Himmelswelt. 

Wir konnen uns ganz gut vorstellen, daB diese drei stufenweise 
tibereinander stehenden Seelentatigkeiten, die rein intellektuelle des 
Denkens, Vorstellens, Betrachtens, die asthetische des Gefallens und 
MiBfallens, und die moralische in den Impulsen gegeniiber dem Bosen 
und Guten, daB diese drei auseinander gelagerten Erlebnisse des 
Seelen-Erlebens des Menschen mikrokosmische Bilder sind dessen, 
was in der groBen Welt drauBen im Makrokosmos sich iibereinander 



lagert in den drei Welten: der astralischen Welt, die sich spiegelt als 
die Gedankenwelt, die intellektuelle Welt; der devachanischen Welt, 
die sich abschattet als asthetische Welt des Gefallens und MiBfallens ; 
der hoheren Devachanwelt, die sich abschattet als Moralitat. 

^edcinken; SchatfenbilOer von 

/Ulrqlplcine* 

5y mpaf hie i/nd 

Antipqthie; 5chqtf*enbi|der von 

We> en hei t-en (Trquinen) 
nic<)ct*en Devachan 

Mora li*ch « 

3mpi/l$e .* 3ch atfenbi I dcy von 

Wejenhei ten de* ( 5chlqfen ) 
hoheren D«vachan 

Wenn wir das, was wir jetzt gesagt haben, verbinden mit dem 
friiher von den beiden Polen der menschlichen Seele Gesagten, so. 
miissen wir eben das Intellektuelle als einen Pol empfinden, als jenen 
Pol, der vorzugsweise das wachende Tagesleben beherrscht, wo wir 
wachen in bezug auf das intellektuelle Leben. Der Mensch wacht 
wahrend des Tages in bezug auf seinen Intellekt, wahrend des Schlafes 
wacht er in bezug auf seinen Willen. Weil er aber dann schlaft in bezug 
auf seinen Intellekt, wird er sich dessen nicht bewuBt, was er mit dem 
Willen unternimmt. Aber indirekt wirkt in den Willen hinein das, was 
wir moralische Grundsatze und Impulse nennen. Und in der Tat 
braucht der Mensch das Schlafleben, damit das, was er durch das 
Gedankenleben an moralischen Impulsen aufnimmt, wirklich zu effek- 
tiver Wirksamkeit kommen kann. Wahr ist es: So wie der Mensch 
heute ist im gewohnlichen Leben, vermag er nur etwas Rechtes auf 



dem intellektuellen Plan auszufuhren; weniger vermag er auf dem 
moralischen Plan: da sind wir darauf angewiesen, daB uns geholfen 
werde aus dem Makrokosmos heraus. 

Was in uns ist, kann uns in der Intellektualitat eine Spanne weiter 
fuhren, beim Schritt des moralisch Besserwerdens mussen uns Gotter 
zu Hilfe kommen. Deshalb versinken wir in Schlaf, damit wir unter- 
tauchen konnen in den gottlichen Willen, wo wir nicht dabei sind mit 
dem machtlosen Intellekt, und wo gottliche Krafte das, was wir als 
moralische Grundsatze aufnehmen, umwandeln in die Kraft des Wil- 
lens, wo sie hineinimpfen in unseren Willen dasjenige, was wir sonst 
nur in unsere Gedanken aufnehmen konnen. 

Zwischen diesen zwei Polen, dem Willenspol, der bei Nacht wacht, 
und dem Intellektpol, der bei Tag wacht, liegt der asthetische Kreis, 
der immer im Menschen vorhanden ist. Denn der Mensch ist bei Tage 
so, daB er nicht ganz wach ist. Nur die nuchternsten, philistrosesten 
Menschen wachen immer, wenn sie wach sind. Die Menschen mussen 
im Grunde genommen auch bei Tag etwas traumen, sie mussen wah- 
rend des Wachens auch etwas traumen konnen, mussen sich hingeben 
konnen der Kunst, der Dichtung oder sonstiger Lebensbetatigung, 
die nicht nur auf das derb Wirkliche gerichtet ist. Die sich so dem 
iiberlassen, die wirken da ein Band, das gar sehr erfrischend und be- 
lebend auf das ganze Dasein zuriickwirken kann. Sich solchen Ge- 
danken iiberlassen, das ist gewissermaBen das, was wie ein Traum in 
das Wachleben hineindringt. Und in das Schlaf leben, da wissen Sie ja, 
daB man da das Traumen hineinbringt; da sind es die realen Traume, 
die das sonstige BewuBtsein im Schlafe durchdringen. Das ist etwas, 
was alle Menschen brauchen, die nicht bloB ein niichternes, trockenes, 
ungesundes Tagesleben fuhren wollen. Und das Traumen kommt 
ohnedies in der Nacht, das braucht man nicht zu rechtfertigen. Dies 
ist das Mittlere, das zwischen den zwei Polen drinnen liegt : das nacht- 
liche und das Tagestraumen, das in der Phantasie leben konnen. 

So haben wir auch hier ein Dreifaches in der Seele: Das Intellek- 
tuelle, durch das wir so recht wachen und die Schattenbilder des 
Astralplanes in uns tragen, wenn wir bei Tag uns den Gedanken iiber- 
lassen, so daB die fruchtbarsten Einfalle des Alltagslebens und die 



groBen Erfindungen hervorkommen. Und wahrend des Schlafes, wenn 
wir traumen, wenn diese Traume hereinspielen in unser Schlaf leben, 
dann ist es so, daB in uns sich abschatten die Bilder der niederen Him- 
melswelt oder des Devachan. Und wenn wir dann im Schlafe arbeiten 
und Moralitat unserem Willen einpragen - das konnen wir direkt 
nicht wahrnehmen, wohl aber in seinen Wirkungen -, dann, wenn wir 
imstande sind, diesen EinfluB der gottlich-geistigen Machte wahrend 
der Nacht unserem Denken einzuimpfen, so sind die Impulse, die wir 
da wahrnehmen, die Abschattungen aus dem oberen Devachan, der 
oberen Himmelswelt. Das sind die moralischen Impulse und Gefuhle, 
die in uns leben und die uns sagen lassen : Im Grunde genommen ist 
das menschliche Leben nur dadurch gerechtfertigt, daB wir unsere 
Gedanken in den Dienst des Guten und Schonen stellen und unser 
intellektuelles Wirken durchstromt sein lassen von dem wahren, echten 
Herzblut des gottlich-geistigen Lebens, durchstromt sein lassen von 
moralischen Impulsen. 

Was wir so als das menschliche Seelenleben hinstellen durch eine 
zuerst auBerliche exoterische Betrachtung, dann durch eine etwas 
mystischere Lebensbetrachtung, ergibt sich aus der tieferen okkulten 
Forschung. Und da zeigt sich uns dasjenige, was wir jetzt mehr auBer- 
lich beschrieben haben, an Vorgangen, die das Hellsehen auch am 
Menschen wahrnehmen kann. Wenn der Mensch heute im Wach- 
zustand vor uns steht und das hellseherische Auge betrachtet ihn, so 
zeigt sich, daB fortwahrend vom Herzen nach dem Kopfe gewisse 
Lichtstrahlen gehen. Wenn wir das schematisch zeichnen wollen, 
miiBten wir das so machen, daB wir hier die Herzgegend zeichnen, 
dann gehen fortwahrend Stromungen nach dem Gehirn hin und um- 
spielen im Innern des Hauptes dasjenige Organ, das in der Anatomie 
beschrieben wird als Zirbeldruse. Wie Lichtstrahlen geht es vom Her- 
zen nach dem Kopfe herauf und umstromt die Zirbeldruse. Diese 
Stromungen entstehen dadurch, daB das menschliche Blut, das eine 
physische Substanz, ein StorT ist, sich fortwahrend auf lost in atherische 
Substanz, so daB in der Gegend des Herzens ein fortwahrender t)ber- 
gang des Blutes in feine atherische Substanz stattfindet, und diese 
stromt nach dem Kopfe herauf und umspielt glimmernd die Zirbel- 



druse. Dieser Vorgang, das Atherischwerden des Blutes, zeigt sich 
immerwahrend am wachenden Menschen. Jetzt ist es aber anders am 
schlafenden Menschen. Da ist es so, daB wenn wir hier die Gehirn-, 
hier die Herzgegend hatten, so wiirde fur den okkulten Beobachter 



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eine fortwahrende Stromung von auBen herein, auch von riickwarts 
herein zum Herzen wahrnehmbar sein. Diese Stromungen aber, die 
beim schlafenden Menschen von drauBen, vom Weltenraum, aus dem 
Makrokosmos in das Innere dessen, was da im Bette liegt als physi- 
scher und Atherleib, hereinstromen, die stellen, wenn man sie unter- 
sucht, in der Tat etwas sehr Merkwiirdiges dar. Diese Strahlen sind 
recht verschieden bei den verschiedenen Menschen. Die schlafenden 
Menschen sind recht verschieden voneinander, und wenn die Men- 
schen, die noch ein biBchen eitel sind, zuletzt immer wiiBten, wie 
schlimm sie sich verraten fur den okkulten Blick, wenn sie in ofFent- 
lichen Versammlungen einschlafen, wiirden sie es verhindern, weil das 
verraterisch wirkt. 

In der Tat ist es so, daB sich im hohen Grade die moralischen Qua- 
litaten zeigen in der eigenartigen Farbung dessen, was beim Schlafe in 
ihn einstromt, so daB der Mensch, der niedere moralische Grundsatze 



hat, eine ganz andere Stromung hat als ein Mensch mit hohen Grund- 
satzen. Da niitzt es nichts, sich bei Tag zu verstellen. Den hdheren 
Weltenmachten gegeniiber kann man sich nicht verstellen. Es ist so, 
daB in einem, der nur ganz leise Neigung hat zu nicht ganz mora- 
lischen Grundsatzen, fortwahrend einstromen so braunlichrote und 
allerlei sonstige nach dem Rotbraunlichen hinneigende Strahlungen. 
Und lila-violette Strahlungen treten auf bei denjenigen, die hohe mora- 
lische Ideale haben. Es ist nun im Moment des Aufwachens oder des 
Einschlafens in der Gegend der Zirbeldriise eine Art Kampf vor- 
handen zwischen dem, was von oben nach unten, und dem, was von 
unten nach oben stromt. Das intellektuelle Element stromt von unten 
nach oben in Form von Lichtwirkungen beim wachenden Menschen, 
und das, was eigentlich moralisch-asthetischer Natur ist, das stromt 
von oben nach unten. Und im Moment des Aufwachens und des Ein- 
schlafens begegnen sich die nach aufwarts- und abwartsgehenden 
Strome, und da kann man beurteilen, ob jemand besonders gescheit ist 
und niedere Grundsatze hat, wo sich dann ein starker Kampf abspielt 
in der Nahe der Zirbeldriise, oder ob er gute Grundsatze hat und 
einem entgegenstromt seine Intellektualitat : dann zeigt sich ein ruhiges 
Ausbreiten einer glimmerigen Lichterscheinung um die Zirbeldriise 
herum. Diese ist gleichsam eingebettet im Moment des Aufwachens 
oder Einschlafens in ein kleines Lichtmeer. Und darin, daB ein ruhiger 
Schein die Zirbeldriise umgibt im Moment des Aufwachens und Ein- 
schlafens, zeigt sich die moralische Vornehmheit. So spiegelt sich im 
Menschen seine moralische Beschaffenheit. Und dieser ruhige Schein 
dehnt sich oftmals aus weit bis in die Herzgegend hinein. So zeigen 
sich im Menschen zwei Stromungen, die eine aus dem Makrokosmos, 
die andere eine mikrokosmische. 

Die ganze Tragweite dessen, wie diese beiden Stromungen sich im 
Menschen treffen, wiirden wir erst ermessen, wenn wir einerseits be- 
denken das, was vorher mehr auBerlich gesagt worden ist vom Seelen- 
leben, wie es sich zeigt in seiner dreifachen Polaritat des Intellektuellen, 
des Asthetischen und des Moralischen, das von oben nach unten, vom 
Gehirn nach dem Herzen zustromt, auf der anderen Seite aber kom- 
men wir zu der ganzen Bedeutung des Gesagten, wenn wir nun die 



entsprechende Erscheinung im Makrokosmos uns vor Augen fuhren. 
Diese entsprechende Erscheinung, sie ist heute so zu schildern, wie 
sie als Ergebnis vorliegt gerade durch die sorgfaltigsten okkulten For- 
schungen der letzten Jahre, unternommen in den geistigen Unter- 
suchungen einzelner der wahren, echten Rosenkreuzer. Dem ent- 
sprechend ist dieses Makrokosmische zu schildern gegenxiber dem 
Mikrokosmischen. Und da zeigt sich denn - Sie werden in Ihrem 
Verstandnis der Sache immer naher kommen daB ein Ahnliches wie 
das, was jetzt gesagt worden ist fur den Mikrokosmos, auch im Makro- 
kosmos sich abspielt. 

So wie in der Gegend des menschlichen Herzens ein fortwahrendes 
Verwandeln des Blutes in Athersubstanz stattfindet, so findet ein ahn- 
licher Vorgang im Makrokosmos statt. Wir verstehen dieses, wenn 
wir unser Auge hinwenden auf das Mysterium von Golgatha und auf 
jenen Augenblick, in dem das Blut des Christus Jesus geflossen ist aus 
den Wunden. Dieses Blut darf nicht nur als chemische Substanz be- 
trachtet werden, sondern es ist durch alles das, was geschildert worden 
ist als die Natur des Jesus von Nazareth, etwas ganz Besonderes. Und 
indem es ausfloB und hineinstromte in die Erde, ist unserer Erde eine 
Substanz gegeben worden, die, indem sie sich mit der Erde verband, 
ein Ereignis war, das ein bedeutendstes ist fur alle Folgezeiten der 
Erde, und das auch nur einmal auftreten konnte. Was geschah mit 
diesem Blut in den folgenden Zeiten? Nichts anderes, als was sonst im 
Herzen des Menschen geschieht. Dieses Blut machte im Verlaufe der 
Erdenevolution einen AtherisierungsprozeB durch. Und wie unser 
Blut als Ather vom Herzen nach oben stromt, so lebt im Erdenather 
seit dem Mysterium von Golgatha das atherisierte Blut des Christus 
Jesus. Der Atherleib der Erde ist durchsetzt von dem, was aus dem 
Blute geworden ist, das auf Golgatha geflossen ist ; und das ist wichtig. 
Ware das nicht geschehen, was durch den Christus Jesus geschehen 
ist, dann ware nur das mit den Menschen auf der Erde der Fall, was 
vorher geschildert worden ist. So aber ist seit dem Mysterium von 
Golgatha eine fortwahrende MogUchkeit vorhanden, daB in diesen 
Stromungen von unten nach oben die Wirkung des atherischen Blutes 
des Christus mitstromt. 



Dadurch, daB in dem Erden-Atherleib das atherische Blut des Jesus 
von Nazareth ist, stromt mit dem von unten nach oben, vom Herzen 
nach dem Gehirn stromenden atherisierten Menschenblute dasjenige, 
was das atherisierte Blut dieses Jesus von Nazareth ist, so daB nicht 
nur das zusammentrifft im Menschen, was friiher geschildert worden 
ist, sondern es trifft zusammen die eigentliche menschliche Blut- 
strdmung und die Blutstromung des Christus Jesus. Aber eine Ver- 
bindung dieser beiden Stromungen kommt nur zustande, wenn der 
Mensch das richtige Verstandnis entgegenbringt dem, was imChristus- 
Impuls enthalten ist. Sonst kann keine Verbindung zustande kommen, 
sonst stoBen sich die beiden Stromungen gegenseitig ab, prallen ebenso 
wieder auseinander, wie sie zusammengeprallt sind. Verstandnis kon- 
nen wir nur erwerben, wenn wir in jedem Zeitalter derErdenentwicke- 
lung dieses Verstandnis so uns aneignen, wie es angepaBt ist in diesem 
Zeitalter. In der Zeit, als der Christus Jesus auf Erden lebte, da konn- 
ten der bevorstehenden Tatsache das richtige Verstandnis entgegen- 
bringen jene, die zu seinem Vorlaufer Johannes kamen und sich taufen 
lieBen durch die Formel, die im Evangelium ausgednickt ist. Sie 
empfingen die Taufe, um die Siinde, das heiBt das zu Ende gekommene 
Karma ihrer vorigen Leben zu andern, und um zu erkennen, daB der 
wichtigste Impuls der Erdenentwickelung nunmehr in einen physi- 
schen Leib herabsteigen wird. Die Menschheitsentwickelung aber 
schreitet weiter, und fur unsere heutige Zeit ist es wichtig, daB der 
Mensch einsehen lernt, daB er die geisteswissenschaftliche Erkenntnis 
aufnehmen muB und allmahlich das, was vom Herzen zum Gehirn 
stromt, so befeuert, daB es der Anthroposophie Verstandnis entgegen- 
bringt. Die Folge wird sein, daB er das entgegennehmen kann, was 
vom zwanzigsten Jahrhundert an beginnt einzugreifen : das ist gegen- 
iiber dem physischen Christus von Palastina der atherische Christus. 

Denn an jenem Zeitpunkt sind wir angelangt, wo der atherische 
Christus in das Erdenleben eingreift und zunachst einer kleinen Anzahl 
von Menschen sichtbar wird wie in einem naturlichen Hellsehen. 
Dann in den nachsten dreitausend Jahren wird er immer mehr Men- 
schen sichtbar werden. Das muB kommen, das ist ein Naturereignis. 
DaB es kommt, ist ebenso wahr als im neunzehnten Jahrhundert die 



Errungenschaften der Elektrizitat gekommen sind. DaB eine gewisse 
Anzahl von Menschen den Ather-Christus sehen wird, das Ereignis 
von Damaskus haben wird, ist wahr. Aber es wird sich darum handeln, 
daB die Menschen lernen, den Moment zu beachten, wo der Christus 
an sie herantritt. Es werden nur wenige Jahrzehnte vergehen, und fur 
die Menschen, besonders der jugendlichen Jahre, wird der Fall ein- 
treten - jetzt schon iiberall bereitet es sich vor -: Irgendein Mensch 
kommt da oder dorthin, dieses oder jenes erlebt er. Wenn er nur wirk- 
lich das Auge durch Beschaftigung mit der Anthroposophie gescharft 
hatte, konnte er schon bemerken, daB plotzlich um ihn irgend jemand 
ist, kommt, um zu helfen, ihn auf dieses oder jenes aufmerksam zu 
machen : daB ihm der Christus gegeniibertritt - er aber glaubt, irgend- 
ein physischer Mensch sei da. Aber daran wird er merken, daB es ein 
iibersinnliches Wesen ist, daB es sogleich verschwindet. Gar mancher 
wird erleben, wenn er gedriickten Herzens, leidbelastet, still in seinem 
Zimmer sitzt und nicht aus noch ein weiB, daB die Tiir geoffnet wird : 
Der atherische Christus wird erscheinen und wird Trostesworte zu 
ihm sprechen. Ein lebendiger Trostbringer wird der Christus fur die 
Menschen werden! Mag es auch heute noch grotesk erscheinen, aber 
wahr ist es doch, daB manchmal, wenn die Menschen zusammensitzen, 
nicht ein noch aus wissen, und auch wenn groBere Menschenmengen 
zusammensitzen und warten: daB sie dann den atherischen Christus 
sehen werden! Da wird er selber sein, wird beratschlagen, wird sein 
Wort auch in Versammlungen hineinwerfen. Diesen Zeiten gehen wir 
durchaus entgegen. Das ist das Positive, dasjenige, was als positives 
aufbauendes Element in die Menschheitsentwickelung eingreifen 
wird. 

Kein Wort soli gegen die groBen Kuiturfortschritte unserer Zeit 
gesagt werden, sie sind notwendig zum Heil und zur Befreiung der 
Menschen. Aber nehmet alles, was ihr nehmen konnt an auBeren Fort- 
schritten in der Beherrschung der Naturkrafte, es ist nicht einmal als 
etwas Kleines und Unbedeutendes zu vergleichen gegeniiber dem, 
was dem Menschen gegeben wird, der in seiner Seele das Erwachen 
durch den Christus erleben wird, der jetzt in die Menschheitskultur 
und in ihre Angelegenheiten eingreifen wird. Was dadurch den Men- 



schen dann erwachsen wird, das sind zusammensetzende positive 
Krafte. Der Christus bringt auf bauende Krafte in die Menschheits- 
kultur. 

Ja, wenn wir die ersten nachatlantischen Zeiten nehmen wiirden, so 
wiirden wif sehen, daB die Menschen da ihre Wohnungen auf andere 
Weise gebaut haben als heute. Da haben sie allerlei beniitzt, was ge- 
wachsen ist, dem sie nur nachhalfen. Selbst Palaste haben sie so ge- 
baut, indent sie nachgeholfen haben der Natur, die Zweige und die 
Pflanzen miteinander verschlungen haben und so weiter. Heute miissen 
die Menschen aus den Triimmern bauen. Wir machen alle Kultur der 
AuBenwelt aus den Zertriimmerungsprodukten. Und im Laufe der 
nachsten Jahre werden Sie noch besser verstehen, wie verschiedenes 
anderes in unserer Kultur Zerstorungsprodukt ist. 

Das Licht zerstort sich innerhalb unseres nachatlantischen Erden- 
prozesses. Bis in die Atlantis hinein war der ErdenprozeB ein fort- 
schreitender, seither ist er ein zerfallender. Was ist das Licht? Es zer- 
fallt, und das zerfallende Licht ist Elektrizitat. Was wir als Elektrizitat 
kennen, das ist Licht, das sich selber zerstort innerhalb der Materie. 
Und die chemische Kraft, die innerhalb der Erdenentwickelung eine 
Umwandlung erfahrt, ist Magnetismus. Und noch eine dritte Kraft 
wird auftreten. Und wenn den Menschen heute schon Wunder wirkend 
die Elektrizitat erscheint, so wird diese dritte Kraft in noch viel 
wunderbarerer Weise die Kultur beeinflussen. Und je mehr wir von 
dieser Kraft anwenden, desto eher wird die Erde zu einem Leichnam 
werden, damit das, was das Geistige der Erde ist, sich hiniiberwirken 
kann zum Jupiter. Die Krafte miissen angewandt werden, um die 
Erde zu zerstoren, damit der Mensch frei wird von der Erde und 
damit der Erdenleib abfallen kann. Solange die Erde im fortschreiten- 
den ProzeB war, hat man dies nicht gemacht, weil nur die zerfallende 
Erde die groBe Kulturerrungenschaft der Elektrizitat gebrauchen 
kann. So sonderbar dies gegenwartig auch klingt, aber es muB nach 
und nach ausgesprochen werden. Wir miissen den Entwickelungs- 
prozeB verstehen, die Menschen werden dadurch lernen, unsere Kultur 
in richtiger Weise zu bewerten. Wir werden dadurch lernen, daB es 
notwendig ist, die Erde zu zerstoren, sonst wird der Geist nicht frei. 



Aber man wird auch lernen, das Positive zu schatzen: das Herein- 
dringen der geistigen Krafte in unser Erdendasein. 

So sehen wir schon den groBen, gewaltigen Fortschritt darin, daB 
der Christus notwendig hatte, durch die drei Jahre in einem gut zu- 
bereiteten Menschenleib zu wandeln, damit er sichtbar werden konnte 
den sinnlichen Augen. Durch das, was da wahrend dieser drei Jahre 
geschehen ist, sind die Menschen reif geworden, denjenigen Christus 
zu sehen, der herumgehen wird im atherischen Leibe, der ebenso real 
und wirklich eingreifen wird in das Erdenleben wie der physische 
Christus zur Zeit der palastinensischen Wirklichkeit. Die Menschen 
werden wissen, wenn sie nicht mit unklaren Sinnen solche Sachen 
betrachten, daB sie es mit dem atherischen Leibe zu tun haben, der 
innerhalb der physischen Welt herumwandeln wird, aber sie werden 
wissen, daB dies der einzige atherische Leib ist, der wirken kann in 
der physischen Welt, wie sonst ein physischer Menschenleib wkkt, Er 
wird sich von einem physischen Leib nur dadurch unterscheiden, daB 
er sozusagen an zwei, drei, ja an hundert und an tausend Orten zu 
gleicher Zeit sein kann, was nur einer atherischen, nicht aber einer 
physischen Gestalt moglich ist. Dasjenige, was durch diesen Fort- 
schritt der Menschheit bewirkt wird, ist, daB die zwei Pole, die ich 
vorhin erwahnt habe, der intellektuelle und der moraHsche Pol immer 
mehr eins werden, zu einer Einheit verschmelzen. Das werden sie da- 
durch, daB die Menschen immer mehr lernen werden im Verlaufe der 
nachsten Jahrtausende, den atherischen Christus in der Welt zu be- 
trachten. Sie werden immer mehr durchdrungen werden auch bei Tag 
von der direkten Wirkung des Guten in den geistigen Welten. Wah- 
rend jetzt der Wille bei Tag schlaft und der Mensch im Grunde ge- 
nommen nur indirekt durch Vorstellung wirken kann, wird es im 
Verlauf der nachsten Jahrtausende immer mehr geschehen, daB durch 
dasjenige, was von unseren Tagen an hereinwirkt und dem der 
Christus vorsteht, des Menschen Wirken auch im Tageszustand direkt 
verbessert werden kann. 

Wovon Sokrates getraumt hat, daB die Tugend lehrbar sei, wird 
wirklich eintreten. Und immer mehr und mehr wird auf Erden die 
Moglichkeit vorhanden sein, daB nicht nur unser Intellekt durch die 



Lehren angeregt, angespornt wird, sondern daB durch diese Lehren 
auch moralische Impulse verbreitet werden. Schopenhauer hat gesagt: 
Moral predigen ist leicht, Moral begriinden sei sehr schwierig. - 
Warum ist das so? Weil man mit dem Predigen noch keine Moral 
wirklich verbreitet hat. Man kann ganz gut Mo
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