Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924. Band III

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 



VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE 
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE 

Esoterische Unterweisungen 
fur die erste Klasse der Freien Hochschule 
fur Geisteswissenschaft 

Dritter Band 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 1 



Ubersicht iiber die Klassenstunden in vier Banden 



ERSTER UND ZWEITER BAND 

Neunzehn Stunden, 
gehalten in Dornach zwischen dem 15. Februar und 2. August 1924 

Erster Band: Erste bis neunte Stunde 
Zweiter Band: Zehnte bis neunzehnte Stunde 



DRITTER BAND 

Sieben Wiederholungsstunden, 
gehalten in Dornach zwischen dem 6. und 20. September 1924, 
Vier Einzelstunden, 
gehalten in Prag am 3. und 5. April 1924, in Bern am 17. April 1924, 
in London am 27. August 1924 



VIERTER BAND 

Tafelband mit den Wiedergaben der Original-Wandtafeln und 
Handschriften der Mantren Rudolf Steiners 



Bibliographie-Nr. 270/1 - IV 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 2 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Unterweisungen 
fur die erste Klasse der Freien Hochschule 
fur Geisteswissenschaft 
am Goetheanum 



DRITTER BAND 

Sieben Wiederholungsstunden, 
gehalten in Dornach zwischen dem 6. und 20. September 1924, 
sowie vier Einzelstunden, 
gehalten in Prag am 3. und 5. April 1924, 
in Bern am 17. April 1924, in London am 27. August 1924 



1999 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 3 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
in Zusammenarbeit mit der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum, 

Dornach / Schweiz 

nach von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen stenographischen Mitschriften 
sowie nach den vorliegenden handschriftlichen Unterlagen 
Die Herausgabe wurde besorgt durch Giinther Frenz und Hella Wiesberger 



1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999 

Fruhere Ausgabe: 
Privater Manuskriptdruck Dornach 1977 



Bibliographie-Nr. 270/III 

Signet auf dem Einband von Rudolf Steiner. Schrift von Benedikt Marzahn 
Initialen im Text nach Entwiirfen von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1992 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany. Satz und Druck: Kooperative Durnau, Durnau 
Bindearbeit: J. Spinner, Otters weier/ Baden 

ISBN 3-7274-2700-0 (Reihe) ISBN 3-7274-2703-5 (Band III) 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 4 



INH ALT 



Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 7 

Sieben Wiederholungsstunden 

ERSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 6. September 1924 11 

ZWEITE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 9. September 1924 31 

DRITTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 11. September 1924 47 

VIERTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 13. September 1924 65 

FUNFTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 15. September 1924 85 

SECHSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 17. September 1924 105 

SIEBENTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 20. September 1924 123 

Die Mantramtexte der sieben Wiederholungsstunden 145 

Vier Einzelstunden 

ERSTE PRAGER STUNDE, Prag, 3. April 1924 157 

ZWEITE PRAGER STUNDE, Prag, 5. April 1924 173 

BERNER STUNDE, Bern, 17. April 1924 191 

NOTIZEN VON DER ZWEITEN LONDONER STUNDE, London, 27. August 1924 .... 209 

Hinweise 

Hinweise zu den sieben Wiederholungsstunden und den vier Einzelstunden .... 223 
Sonderhinweis 239 



Hinweise zu den Mantramtexten am SchluB des vierten Bandes 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 5 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 6 



ZU DEN VEROFFENTLICHUNGEN 
AUS DEM VORTRAGSWERK VON RUDOLF STEINER 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich in die drei groBen 
Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht Seite 244/245). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir Mitglieder der Theosophischen, 
spater Anthroposophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie von 
ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horermitschriften angefertigt und verbreitet wurden, 
sah er sich veranlaBt, das Mitschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er seine engste 
Mitarbeiterin und Mitbegriinderin der anthroposophischen Bewegung, Marie Steiner-von Sivers 
(1867-1948, seit 1914 Marie Steiner). Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die notwendige Durchsicht der Texte fiir die von den 
Mitgliedern gewiinschte Herausgabe, die von Rudolf Steiner selbst aus Zeitmangel nicht vorge- 
nommen werden konnte. 

Uber das Verhaltnis der sogenannten Mitgliedervortrage, welche zunachst nur den Mitglie- 
dern als Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu den allgemein veroffentlichten Schriften auBert 
Rudolf Steiner in seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» (Kap. 35, 1925): 

«Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen der Anthroposophie vor 
das BewuBtsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, der muB das an Hand der allgemein 
veroffentlichten Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an 
Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in <geistigem Schauen> 
immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht 
in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die <Anthroposophie> aufzubauen und dabei nur dem zu dienen, 
was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von 
heute zu iibergeben hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus 
der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. (...) 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, kam dazu noch 
ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen 
aus Anthroposophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen 
auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war eine solche, 
wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fiir die Offentlichkeit bestimmt waren. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 7 



Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fur die offentliche 
Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten 
miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in der Tat etwas vor, 
das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das 
Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in 
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem MaBe etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der 
sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vor- 
empfindungen der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann 
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte 
ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der 
Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. 
Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen 
zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und 
das ist fur die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, 
was als <anthroposophische Geschichte> in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.» 



Diese Urteilsvoraussetzung muB in erhohtem MaBe geltend gemacht werden fiir die in den 
vorliegenden vier Banden veroffentlichten Mitschriften der im Jahre 1924 fiir die erste Klasse 
der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft am Goetheanum gegebenen esoterischen Unter- 
weisungen. Sie bilden einen Bestandteil der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in der Reihe «Zur 
Geschichte und aus den Inhalten der Esoterischen Schule». Die in dieser Reihe bereits erschiene- 
nen Bande sind in der Ubersicht auf Seite 243 aufgefiihrt. 

Zu der besonderen Stellung dieser Texte innerhalb der Gesamtausgabe siehe die Vorbemer- 
kungen der Herausgeber in Band I, Seite IXff. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 8 



Sieben Wiederhohmgsstunden 
in Dornach 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 9 



Zur Schriftbildgestaltung 



Normaldruck 
Gesperrt Gedrucktes 
Kursivdruck = 
Kleingedrucktes in 

[ecMgen Klammern] 



fortlaufender Vortragstext 
laut Stenogramm stark betont Gesprochenes 
Anschriften auf der Wandtafel 

= Erlauterungen oder Erganzungen durch die Herausgeber 



Zu den Vortragstexten 

Der Text folgt grundsatzlich wortwortlich den Stenogrammen. Dabei ist zu beriicksich- 
tigen, daB der Duktus der in freier Rede, ohne Manuskript, gehaltenen Stunden, ganz 
und gar auf das Verstehen im Zuhdren zielte. (Siehe hierzu die Angaben in Band I, 
Seite 196ff.: «Zu dieser Ausgabe».) 



Zum Wortlaut der Mantrams 

Als verbindlich gilt der Wortlaut der Tafelanschriften. Versehen beim Anschreiben, 
oder beim Sprechen manchmal vorgekommene geringfiigige Abweichungen, sind im 
fortlaufenden Text nicht beriicksichtigt, sondern in den Hinweisen zu den Mantram- 
texten (in Band IV) nachgewiesen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:10 



ERSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 6. September 1924 

eine lieben Freunde! Es hat sich ergeben, daB zu dieser heutigen Klassen- 
stunde - und wohl auch zu den nachsten Stunden - zahlreiche Freunde 
sich einfinden konnten, welche bei fruheren Klassenstunden nicht anwe- 
send waren. Und es wiirde daher heute eine Unmoglichkeit bedeuten, einfach 
fortzufahren in derselben Weise, wie der Weg gewiesen hat, als wir hier die letzte 
Klassenstunde hatten. Es ist aber auch so, daB fur diejenigen Mitglieder dieser 
esoterischen Schule, die friiher Klassenstunden mitgemacht haben, die Wiederho- 
lung dieser Klassenstunden keine Entbehrung bedeuten kann aus dem Grunde, 
weil ja der Inhalt dieser esoterischen Schule ein solcher ist, der immer wieder und 
wieder auf die Seele zu wirken hat. So daB allerdings bei demjenigen, der heute 
eine Wiederholung erlebt, diese Wiederholung bedeutet, gerade weil sie eine Wie- 
derholung ist, auch eine Fortsetzung. 

Fur alle diejenigen, die heute zum ersten Male da sind, aber bedeutet dasselbe 
wiederum etwas anderes: es bedeutet die Bekanntschaft mit dem Anfang des eso- 
terischen Weges. 

Es ist ja so, daB selbst auf dem esoterischen Wege weit Fortgeschrittene gerade 
darinnen die Fruchtbarkeit ihrer weiteren Bestrebungen sehen, daB sie immer 
wieder und wieder zum Anfange zuruckkehren. Dieses Zuruckkehren zum An- 
fange ist immer auch das Betreten einer weiteren Stufe. So wollen wir es mit 
diesen Stunden, die jetzt gehalten werden, eben ansehen. Und so muB auch fur 
diejenigen Mitglieder der Schule, die heute zum ersten Male da sind, der Sinn 
dieser Schule wiederum einleitend auseinandergesetzt werden. 

Als der Impuls der Weihnachtstagung mit der geistigen Grundsteinlegung der 
Anthroposophischen Gesellschaft hier in diesem Saale zu Weihnachten sich geltend 
machte, da war es ja so, wie ich schon gestern ausgesprochen habe, daB ein esoteri- 
scher Zug durch die ganze Anthroposophische Gesellschaft von jetzt ab zu flieBen 
haben wird, ein esoterischer Zug, der auch schon bemerkt werden konnte in allem, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:11 



was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft seit Weihnachten versucht 
worden ist. Der Kern dieses esoterischen Wirkens der Anthroposophischen Gesell- 
schaft muB nun die esoterische Schule sein, jene esoterische Schule, die aus dem 
ganzen Charakter der Anthroposophie heraus nunmehr an die Stelle dessen zu 
treten hat, was vorher versucht worden ist als sogenannte Freie Hochschule fur 
Geisteswissenschaft und was ja nicht als gegliickt bezeichnet werden kann. 

Es war das in jener Zeit, in der ich noch nicht selber die Leitung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft hatte, daher die Aufgabe hatte, diejenigen, die etwas versu- 
chen wollten, es auch versuchen zu lassen. Ein solches kann in der Zukunft ja 
nicht mehr stattfinden. In dem, was mit mir selbst zusammenhangend in dem 
Weihnachtsimpuls geformt wurde, lag es eben, daB die Freie Hochschule fur Gei- 
steswissenschaft mit ihren verschiedenen Sektionen einen esoterischen Kern zu 
bilden hat ftir alles dasjenige, was wiederum als Esoterisches wirken soil in der 
Anthroposophischen Gesellschaft. 

Eine esoterische Schule aber wird nicht innerhalb des irdischen Wesens begriin- 
det. Eine esoterische Schule ist nur dann als solche da, wenn sie der irdische 
Abglanz ist von dem, was in iibersinnlichen Welten begrundet wird. Und oftmals 
ist es ausgesprochen worden unter Anthroposophen, daB in der Reihe der regieren- 
den, der das menschliche Geistesleben regierenden Wesen aus der Hierarchie der 
Archangeloi mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Archangelos Michael 
diese Fiihrung ubernommen hat, und es wurde auch bemerklich gemacht, daB 
diese Fiihrung Michaels eine ganz besondere Bedeutung habe innerhalb des geisti- 
gen Lebens und der geistigen Entwickelung der Menschheit auf Erden. 

Es ist j a so in der menschlichen Evolution, daB das Leben in dieser Evolution 
aufeinanderfolgend von sieben Erzengeln geleitet wird, von sieben Erzengeln, die 
zusammen bilden die geistige Herrschaftssubstanz des Planetensystems, zu dem 
auch Sonne, Erde und Mond gehoren. Durch etwa drei bis vier Jahrhunderte geht 
immer der Impuls eines dieser Erzengel. Und wir haben von diesen Erzengeln, 
wenn wir ausgehen von demjenigen, unter dessen Impuls eben das Geistesleben 
der Menschheit in der Gegenwart steht, wenn wir ausgehen von Michael, wir 
haben denjenigen Archangelos, der in allem, was er tut und kraftet, die geistige 
Kraft der Sonne hat. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 12 



Ihm ging voran, wiederum durch drei bis vier Jahrhunderte - also von dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhimderts weiter zuriick durch drei bis vier Jahrhun- 
derte -, die Herrschaft des Archangelos Gabriel, der in seinen Impulsen vorzugs- 
weise die Mondenkrafte hat. 

Und weiter dann kommen wir zuriick in die Jahrhunderte, in denen eine Art 
von Auflehnung gegen geistiges Wirken und geistiges Wesen im Mittelalter in der 
Menschheit lebte, gerade bei denjenigen, die Trager der Zivilisation waren: das 
war die Herrschaft des Samael. Und dieser Samael, er hat in seinen Impulsen die 
Marskrafte. 

Wenn wir noch weiter zuruckgehen, kommen wir in dasjenige Zeitalter, in dem 
eine medizinisch orientierte Alchimie das Geistesleben tief beeinfluBte unter der 
Herrschaft des Archangelos Raphael, der die Merkurkrafte in seinen Impulsen tragt. 

Und gehen wir dann noch weiter zuriick - wir kommen immer mehr und mehr 
an das Mysterium von Golgatha heran, haben es aber noch nicht erreicht -, wir 
finden dann die Herrschaft des Zachariel, der die Jupiterkrafte in seinen Impulsen 
tragt, und die Herrschaft des Anael, mit dem wir schon ganz nahe an das Mysterium 
von Golgatha herankommen, der die Venuskrafte in seinen Impulsen tragt. Dann 
kommen wir in die Zeit, unter der sich der Glanz des Mysteriums von Golgatha 
gegeniiber einer tiefen geistigen Finsternis geltend machte auf Erden unter der 
Herrschaft des Oriphiel, der die Saturnkrafte in seinen Impulsen tragt. 

Dann kommen wir wieder zuriick zu der vorigen Herrschaft des Michael, die 
zusammenfallt mit demjenigen, was an groBen, internationalen, kosmopolitischen 
Impulsen dadurch geschehen ist, daB im Alexandrinismus, im Aristotelismus dasje- 
nige, was bis dahin an griechischem Mysterien- und griechischem Geisteswesen 
fur die Menschheit aufgebracht worden war, durch Alexander hinubergetragen 
wurde nach Asien, nach Nordafrika; so daB dasjenige, was auf einem kleinen 
Territorium Geistesleben war, ausgestrahlt ist iiber die ganze damals zivilisierte 
Welt. Denn es ist immer das Kennzeichen eines Michael-Zeitalters, daB dasjenige, 
was in einer Lokalitat gebliiht hat vorher, in kosmopolitischer Weise iiber die 
anderen Menschheitsbestandteile ausgestrahlt wird. 

Und so kommt man immer zuriick, nachdem man den Zyklus durch die verschie- 
denen Archangeloi absolviert, zu demselben Archangelos. Wir konnen weiter zu- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 13 



riickgehen - wiederum durch eine Reihe von Gabriel-, Samael-, Raphael-, Zacha- 
riel-, Anael-, Oriphiel-Zeitalter: wir wiirden wieder zu Michael zuriickkommen. 
Und wir werden finden, daB auf das Michael-Zeitalter, das iiber uns strahlt, wieder- 
um ein Zeitalter des Oriphiel folgen wird. 

So, meine lieben Freunde, sollen wir uns bewuBt sein, daB die Michael-Impulse 
in der charakterisierten Weise in all dem leben, was geistiges Wirken und geistiges 
Wesen in der Gegenwart sein soil. Aber es ist ein wichtigeres Michael-Zeitalter, 
als die vorherigen waren. Nur auf diese Tatsache mochte ich hinweisen. 

Nun handelt es sich darum, daB, als zu Weihnachten in den Dienst des Esoteri- 
schen die Anthroposophische Gesellschaft gestellt wurde, ihr esoterischer Kern, 
diese esoterische Schule, nur begrundet werden konnte, wenn sie begrundet wurde 
von der geistigen Macht, welcher die Lenkung dieses Zeitalters obliegt. Und so 
leben wir denn innerhalb dieser esoterischen Schule - als der von dem Geiste der 
Zeit, Michael, selbst begrundeten esoterischen Schule - in einer zu Recht bestehen- 
den esoterischen Schule; denn sie ist die Michael-Schule in der Gegenwart. 

Und nur dann, meine lieben Freunde, stellt Ihr Euch vor in der richtigen Art 
dasjenige, was in dieser Schule hier gesprochen wird, wenn Ihr Euch bewuBt seid, 
daB hier nichts anderes gesprochen wird als dasjenige, was in der Gegenwart von 
der Michael-Stromung selber in die Menschheit gebracht werden will. Michael- 
Worte sind alle Worte, die in dieser Schule gesprochen werden. Michael- Wille ist 
aller Wille, der in dieser Schule gewollt wird. Michael-Schuler seid Ihr alle, indem 
Ihr zu Recht innerhalb dieser Schule steht. Nur dann, wenn Ihr dieses BewuBtsein 
in Euch tragt, ist es moglich, in richtiger Art in dieser Schule zu sitzen, mit der 
richtigen Stimmung und Gesinnung in dieser Schule zu sitzen, sich zu fiihlen als 
ein Glied nicht nur von etwas, was als Erden-Institution in die Welt tritt, sondern 
von etwas, was als Himmels-Institution in die Welt tritt. 

Damit ist verbunden, daB ein jeglicher, der Mitglied dieser Schule wird, selbst- 
verstandliche Pflichten auf sich nimmt. Es ist ja das Eigentiimliche des Weihnachts- 
impulses der Anthroposophischen Gesellschaft, daB diese Anthroposophische 
Gesellschaft selber damit den volligen Charakter der Offentlichkeit aufge- 
driickt bekommen hat. Damit aber wird von demjenigen, der Mitglied der Anthro- 
posophischen Gesellschaft wird, nichts weiter verlangt als dasjenige, was er selber 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:14 



verlangt: durch die Anthroposophische Gesellschaft dasjenige zu bekommen, was 
innerhalb der anthroposophischen Geistesbewegung flieBt. Und eine weitere Ver- 
pflichtung iibernimmt man nicht, wenn man Anthroposoph wird. Die Ver- 
pflichtimg, ein anstandiger Mensch zu sein, ist ja selbstverstandlich. 

Anders, wenn man den Zugang zu dieser Schule sucht: Da handelt es sich darum, 
daB tatsachlich aus dem ganzen spirituellen Geistigen, aus dem okkulten Geistigen 
dieser Schule heraus derjenige, der Mitglied dieser Schule wird, die Verpflichtung 
iibernimmt, ein wiirdiger Reprasentant der anthroposophischen Sache vor der 
ganzen Welt mit allem seinem Denken, Fiihlen und Wollen zu sein. Nicht anders 
kann man Mitglied dieser Schule sein, 

Entscheidung daniber, ob man ein wiirdiges Mitglied dieser Schule ist, kann 
einzig und allein der Leitung dieser Schule zustehen. Aber die Leitung dieser 
Schule muB ernst nehmen diejenigen Pflichten, die sie auf sich nimmt. Verantwort- 
lich ist die Leitung dieser Schule nur den geistigen Machten, der Michael-Macht 
selber gegeniiber fur dasjenige, was sie tut. Aber sie muB ernst nehmen namentlich 
diesen Punkt, daB derjenige, der zur Schule gehort, ein wiirdiger Reprasentant der 
anthroposophischen Sache vor der Welt sein muB. Das schlieBt in sich, daB die 
Leitung der Schule verlangen muB, daB die Mitgliedschaft im allerauBersten Sinne 
ernst genommen werde. Sie muB daher demjenigen, bei dem sie diesen Ernst nicht 
antrifft, erklaren, daB er fernerhin nicht Mitglied der Schule sein kann. 

DaB das ernst genommen wird, meine lieben Freunde, konnen Sie daraus ersehen, 
daB seit dem kurzen Bestand dieser Schule bereits in zwanzig Fallen ein zeitweiliger 
AusschluB vollzogen worden ist. Diese strenge MaBregel wird auch weiterhin in 
derselben Art gehandhabt werden miissen. Mit wirklich esoterischen Dingen kann 
nicht gespielt werden, kann nur der allerauBerste Ernst verbunden werden. Damit 
wird gerade durch diese Schule jener Ernst in die anthroposophische Bewegung 
hineinstrahlen konnen, der ihr fur ihr wirkliches, spirituelles Gedeihen absolut 
notwendig ist. Das sind zunachst die Einleitungsworte, die ich zu sprechen hatte. 

* 

Wenn Ihr - ich spreche jetzt zu denen, die heute zum ersten Male da sind -, 
wenn Ihr die Worte, die hier gesprochen werden, als die rechten Botschaften aus 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 15 



der geistigen Welt empfanget, als die rechten Michael- Worte, dann werdet Ihr in 
dem Sinne hier sitzen, in dem Ihr einzig und allein hier sitzen sollt. 

Und so wollen wir zunachst vor unsere Seelen fiihren diejenigen Worte, welche 
eigentlich dem Menschen entgegentonen, wenn er unbefangenen Sinnes auf alles 
dasjenige hinschaut, was ihn in der Welt - in der Welt oben, in der Welt in der Mitte, 
in der Welt unten - umgibt. Wir mogen hinschauen in das stumme Reich der 
Mineralien, in das sprossende, sprieBende Reich des Pflanzlichen, in das bewegliche 
Reich des Tierischen, in das sinnende Reich des Menschlichen auf Erden, wir 
wollen den Blick hinlenken zu den Bergen, zu den Meeren, zu den Flussen, zu 
den sprudelnden Quellen, wir wollen den Blick hinwenden zu den ziehenden Wolken, 
zu den Donnern und Blitzen, wir wollen den Blick hinlenken zu der scheinenden 
Sonne, zu dem glimmenden Monde, zu den funkelnden Sternen: aus allem, wenn 
der Mensch sein Herz offenhalt, mit seelischem Ohre hinzuhoren vermag, tont 
ihm entgegen die Mahnung, die in den Worten liegt, die ich nunmehr auszusprechen 
habe: 

O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfiihlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfiihlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:16 



Und wenn wir dieses Wortes Sinn und dieses Wortes Geist ganz auf uns wirken 
lassen, dann bekommen wir die Sehnsucht, hinzugehen zu denjenigen Quellen, 
aus denen unsere eigentliche menschliche Wesenheit flieBt. Ganz verstehen diese 
Worte heiBt: den Weg ersehnen, der zu jenen Wassern fiihrt, aus denen das Wesen 
der Menschenseele flieBt, des Menschenlebens Ursprung zu suchen. 

Im Anschauen wird Euch, meine lieben Schwestern und Briider, das zuteil 
werden, je nachdem es in Eurem Karma liegt. Aber der erste Schritt wird sein das 
sinngemaBe Verstehen des esoterischen Weges. Dieser esoterische Weg wird in 
Michael-Worten hier in dieser Schule geschildert. Er wird geschildert so, daB ihn 
jeder gehen kann, daB ihn aber nicht jeder zu gehen braucht, sondern zunachst 
ihn zu verstehen hat; denn dieses Verstandnis ist selbst der erste Schritt. Daher 
wird erflieBen in mantrischen Worten dasjenige, was Michael der Menschheit in 
der Gegenwart zu sagen hat. Diese mantrischen Worte werden sein zugleich Worte 
fur die Meditation. 

Wiederum, es wird vom Karma abhangen, wie auf die einzelnen Seelen diese 
Worte ftir die Meditation wirken. Und das erste ist, Verstandnis dafiir zu bekom- 
men, daB aus den eben gesprochenen mantrischen Worten von der menschlichen 
Selbsterkenntnis die Sehnsucht entspringt, hinzulenken den Sinn nach den Quellen 
des menschlichen Daseins: O Mensch, erkenne dich selbst! -Ja, diese Sehnsucht 
muB erwachsen. Wir miissen suchen: Wo sind die Quellen dessen, was in der 
menschlichen Seele lebt, was unser eigenes menschliches Sein ist? 

Wir miissen zunachst schauen in dem, was uns gegeben ist. Wir miissen herum- 
schauen unter all dem, was uns im Kleinen gegeben ist, unter all dem, was uns im 
GroBen gegeben ist. Wir schauen hin zu dem stummen Stein, zu dem Gewiirm 
der Erde, wir schauen hin zu all dem, was wachst und west und lebt um uns herum 
in den Reichen der Natur. Wir schauen hinauf zu den machtig funkelnden, glanzen- 
den Gestirnen. Wir horen ihn an, den rollenden Donner. Nicht wenn man asketisch 
wird, hat man Aussicht, zu ergrunden die Ratsel des eigenen Menschenwesens; 
nicht wenn man verachtet dasjenige, was als Gewiirm lebt in der Erde, was als 
Sterne funkelt am Himmelsraume, nicht wenn man es verachtet als auBerlich 
sinnliches Scheinen und einen abstrakten, unbestimmten, chaotisch gesinnten Weg 
sucht, sondern wenn man gerade ein tiefes Gefiihl entwickelt fur alles dasjenige, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 17 



was im kleinsten Gewiirm, das in der Erde kriecht, lebt und west; wenn man 
entwickelt ein Gefiihl fur die Erhabenheit desjenigen, was aus den Sternen uns 
entgegenglanzt; wenn man fiihlen kann in all dem, was in die Sinne einzieht und 
zu unserer Wahrnehmung wird: Schonheit, Wahrheit, Reinheit, Erhabenheit, 
GroBartigkeit und Majestat. Wenn man dastehen kann als betrachtender Mensch, 
rings um sich iiberall aus den Pflanzen, aus den Steinen, aus den Tieren, aus den 
Sternen, aus den Wolken, aus den Meeren, aus den Quellen, aus den Bergen 
vernehmen kann Majestat und GroBe und Wahrheit und Schonheit und Glanz, 
dann sagt man sich erst mit der vollen Tiefe, mit der vollen Intensitat: Ja, groB 
und gewaltig und majestatisch und herrlich ist alles dasjenige, was da als Gewiirm 
unter der Erde kriecht, was da oben am Himmelsraum als Sterne erglanzt; aber 
dein Wesen, o Mensch, ist nicht unter all dem. Du bist nicht in all dem, wovon 
dir zunachst deine Sinne kiinden. 

Und dann wendet man den fragenden, ratselbeschwerten Blick nach den Fernen 
hin. Von hier ab wird der esoterische Weg in Imaginationen beschrieben. Man 
wendet den Blick nach den Fernen hin. Etwas wie ein Weg zeigt sich, ein Weg, 
der da fiihrt bis zu einer schwarzen, nachtbedeckten Wand, die sich enthullt als 
der Anfang einer tiefsten Finsternis. Und wir stehen da, rings umgeben von der 
Majestat des Sinnenscheins, bewundernd GroBe und Majestat und Herrlichkeit 
und Glanz des Sinnenscheins, aber das eigene Wesen nicht darinnen findend, den 
Blick hingerichtet nach der Grenze dieses Sinnenscheins. Da aber beginnt schwarze, 
nachtbedeckte Finsternis. Aber in unserem Herzen sagt uns etwas: Nicht hier, wo 
die Sonne uns entgegenglanzt von allem, was da wachst und webt und lebt, sondern 
dort, wo uns nachtbedeckte Finsternis entgegenstarrt, da sind die Quellen des 
eigenen Menschenseins. Davon her muB die Antwort kommen auf die Frage: 
O Mensch, erkenne dich selbst! 

Dann gehen wir zogernd der schwarzen Finsternis entgegen und werden gewahr: 
Das erste Wesen, das uns entgegenkommt, steht dort, wo die schwarze, nachtbe- 
deckte Finsternis beginnt. Wie aus einer vorher nicht gesehenen Wolkenbildung 
ballt es sich zusammen, wird menschenahnlich, nicht von Schwere durchdrun- 
gen, menschenahnlich aber. Mit ernstem, sehr ernstem Blicke begegnet es un- 
serem fragenden Blick. Es ist der Hiiter der Schwelle. Denn zwischen der sonnen- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:18 



erglanzenden Umgebung des Menschen und jener nachtbedeckten Finsternis 
ist ein Abgrund, ein tiefer gahnender Abgrund. Heriiber gegen uns zu steht an 
diesem Abgrunde der Hiiter der Schwelle. Wir nennen ihn so aus dem folgenden 
Grunde. 

Ach, der Mensch, er ist ja jede Nacht im Schlafe mit seinem Ich und mit seinem 
astralischen Leibe in jener Welt, die jetzt dem imaginativen Blick erscheint als 
schwarze, nachtbedeckte Finsternis; aber er ahnt nichts davon - seine Seelensinne 
sind nicht aufgeschlossen -, er ahnt nicht, daB er mitten unter geistigen Wesenheiten 
und geistigen Tatsachen vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt und webt; wiirde 
er ohne weitere Vorbereitung bewuBt erleben, was da zu erleben ist: er wiirde 
zermalmt! Der Hiiter der Schwelle bewahrt uns - deshalb ist er der Hiiter der 
Schwelle -, bewahrt uns davor, unvorbereitet den Abgrund ubersetzen zu wollen. 
Seinen Mahnungen, wir miissen ihnen folgen, wenn wir den esoterischen Weg 
gehen wollen. Er hiillt den Menschen in Finsternis ein jede Nacht; er behiitet die 
Schwelle, damit der Mensch einschlafend nicht unvorbereitet sich hineinlebt in die 
geistig-okkulte Welt. 

Jetzt steht er da - wenn wir geniigend das Herz verinnerlicht, die Seele vertieft 
haben -, jetzt steht er da, an uns richtend die Mahnung, wie alles schon ist in 
unserer Umgebung, wie wir aber in dieser Schonheit unser eigenes Wesen nicht 
finden konnen und wie wir suchen miissen jenseits des gahnenden Abgrunds des 
Seins in dem Gebiete der nachtbedeckten, schwarzen Finsternis, wie wir warten 
miissen, bis es dunkel wird hier im sonnenbeglanzten Reich sinnlicher Helle und 
hell wird driiben ftir uns da, wo es jetzt noch schwarze Finsternis nur gibt. 

Das ist es, was mit ernsten Worten der Hiiter der Schwelle vor unsere Seele 
hinstellt. Wir stehen noch in einer gewissen Weite vor ihm. Wir blicken hin und 
vernehmen noch aus der Feme sein mahnendes Wort, das also ertont: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 19 



Wo auf Erdengrunden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 

Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternissen kraftet. 



Das ist die erste Mahnung des Hiiters der Schwelle, jene erste Mahnung, die 
uns besagt, daB schon und groB und erhaben unsere Umgebung ist, lichtbeglanzt, 
sonnenbeschienen; daB aber dieses Lichtbeglanzte, Sonnenbeschienene ist fur 
das Wesen des Menschen erst die rechte Finsternis; daB wir suchen miissen da, 
wo die Finsternis ist, daB diese Finsternis uns zum Lichte wird, damit das 
Menschenwesen uns, beleuchtet aus dieser Finsternis, entgegentreten konne, damit 
das Menschenratsel aus dieser Finsternis heraus sich lose. So fahrt der Hiiter 
der Schwelle fort: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 20 



Und aus Finsternissen hellet sich 
- Dich im Ebenbilde offenbarend, 
Doch zum Gleichnis auch dich bildend, 
Ernstes Geisteswort im Weltenather 
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend - 

Dir der Geistesbote, der allein 

Dir den Weg erleuchten kann; 

Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, 

Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen. 

Und vor seinen finstern Geistesfeldern, 
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins, 
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort: 
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor. 



[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Uberschrift und die letzte Zeile unterstrichen; 
siehe Tafelband Seite 148:] 

Der Huter spricht: 

Wo auf Erdengriinden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schajfend ojfenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskrdftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 21 



Da betrittst du deines Eigenwesens 
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 
Du erfragest im Dunkel der Weiten 
Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 
Fur dein Eigensein finstert der Tag 
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 
Und du wendest seelensorgend dich 
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet. 

Und aus Finsternissen hellet sich 

- die Fortsetzung dieses Satzes folgt erst nach einigen Zeilen. Das, was jetzt kommt, 
ist ein Zwischensatz - 

- Dich im Ebenbilde offenbarend, 
Doch zum Gleichnis auch dich bildend, 
Ernstes Geisteswort im Weltenather 
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend - 

- der Zwischensatz ist zu Ende; der Satz «Und aus Finsternissen hellet sich» setzt 
fort: - 

Dir der Geistesbote, 

- der Hiiter der Schwelle selber - 

der allein 

Dir den Weg erleuchten kann; 

Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, 

Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen. 

Und vor seinen finstern Geistesfeldern, 
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins, 
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort: 
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 22 



Dann ist es der Hiiter selber, der - nachdem er uns diese erste Mahnung, Licht 
als Finsternis, Finsternis als Licht zu empfinden, erteilt hat - uns hinweist auf jene 
Gefiihle und Empfindungen, die urkraftig nun aus unserer Seele kommen konnen. 
Er spricht sie aus, der Hiiter, indem er seinen Blick noch mehr ernstet, noch ernster 
macht, indem er mahnend uns Arm und Hand entgegenstreckt. Er spricht das 
weitere Wort: 

Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben 

- wir fiihlen uns gedrangt, einige Schritte hin zum Hiiter zu machen; wir kommen 
naher dem gahnenden Abgrund des Seins - 

Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergriindet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 

Es ist ein anderes, ob uns zuerst aus allem Sinneswesen, wenn wir es richtig 
verstehen, das Wort entgegentont: «0 Mensch, erkenne dich selbst !», oder ob uns 
jetzt vor dem furchtbaren Abgrunde des Seins von dem Munde des Hiiters der 
Schwelle selber dieses Wort entgegentont. Ein und dasselbe Wort: zwei verschiede- 
ne Arten, davon ergriffen zu werden. Alle diese Worte sind mantrisch, sind zum 
Meditieren da, sind solche Worte, welche aus der Seele erwecken die Fahigkeiten, 
sich der geistigen Welt zu nahern, wenn sie imstande sind, die Seele zu entziinden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 23 



[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Uberschrift und die letzte Zeile unterstrichen; 
siehe Tafelband Seite 149:] 

Der Huter am Abgrund: 

Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskrdften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 



Wir sind, wahrend der Huter diese Worte spricht, dicht herangetreten an den 
gahnenden Abgrund des Seins. Es geht tief hinunter. Keine Hoffnung, daB wir 
mit den FuBen, die uns gegeben sind von der Erde, den Abgrund iibersetzen 
konnen. Wir brauchen Befreiung von der Erdenschwere; wir brauchen die Befiuge- 
lung des geistigen Lebens, um iiber den Abgrund hinuberzukommen. Da aber 
macht - indem er uns zuerst hergewinkt hat an den gahnenden Abgrund des 
Seins - der Huter der Schwelle uns aufmerksam, wie zunachst unser Selbst, bevor 
es sich gelautert und gereinigt hat fiir die geistige Welt, eigentlich in der Gegenwart, 
wo wir iiberall umgeben sind von dem HaB auf die geistige Welt, von dem Spott 
iiber die geistige Welt, von der Mutlosigkeit, von der Furcht vor der geistigen 
Welt, da macht uns der Huter aufmerksam, wie dies unser Selbst - das da will, 
das da fiihlt, das da denkt - in seiner dreifachen Beschaffenheit als Wollen, Fiihlen 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 24 



und Denken eigentlich heute gestaltet ist, aus unserem Zeitenzyklus heraus 
gestaltet ist. Das miissen wir zuerst erkennen, bevor wir unser wahres, uns von den 
Gottern eingepflanztes Selbst in wahrer, echter Selbsterkenntnis gewahr werden 
konnen. 

Als drei Tiere, die nacheinander heraufziehen aus dem Abgrunde, erscheinen 
uns, angesehen vor den ewigen gottlichen Heileskraften: Wille des Menschen, 
Fiihlen des Menschen, Denken des Menschen. Indem eines nach dem andern - 
Wollen, Fiihlen, Denken in ihrer wahren Gestalt - aus dem Abgrund auftaucht, 
spricht erklarend, wie das eine nach dem anderen auftaucht, der Hiiter. 



Wir stehen dicht am Abgrunde. Der Hiiter spricht - die Tiere steigen auf -: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:25 



Der Hiiter: Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 

Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu iibersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 26 



Diese mantrischen Worte werde ich das nachste Mai an die Tafel schreiben. 

Hat man aus dem Munde des Hiiters dieses erfahren, dann erinnert man sich 
wohl wiederum zuriick an den Ausgangspunkt. Dann steht noch einmal vor der 
Seele, was alle Wesen sagen, die in unserer Umgebung sind, wenn wir sie recht 
verstehen, was alle Wesen schon zu dem Menschen der fernsten Vergangenheit 
sagten, was alle Wesen zu dem Menschen der Gegenwart sagen, was alle Wesen 
zu dem Menschen der Zukunft sagen werden: 

O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 

Das sind die Worte der Michael- Schule. Wenn sie gesprochen werden, wellt 
und webt Michaels Geist durch den Raum, in dem sie gesprochen werden. Und 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 27 



sein Zeichen ist dasjenige Zeichen, das in seiner Gegenwart seine Gegenwart be- 
kraftigen darf: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 149] 

Dann fiihrt uns Michael in die rechte Rosenkreuzer-Schule, die offenbaren soil 
des Menschen Eigenwesens Geheimnisse in der Vergangenheit, in der Gegenwart, 
in der Zukunft durch den Vatergott, den Sohnesgott, den Geistesgott. 

Und dann, das Siegel driickend auf die Worte «rosae et crucis», darf gesprochen 
werden: 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus 

begleitet von den Zeichen des Siegels Michaels, die da sind: 
bei dem ersten Worte 

Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

bei dem zweiten Worte 

In ChristO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

bei dem dritten Worte 

Per spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

wobei wir fiihlen - die Worte aussprechend, sie bekraftigend durch Siegel und 
Zeichen des Michael - bei dem Worte «Ex deo nascimur» in diesem [unteren] Zeichen: 

«Ich bewundere den Vater» [in die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich bewundere den Voter 
bei dem Worte «In Christo morimur» - in diesem [mittleren] Zeichen: «Ich liebe 

den Sohn» [in die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich liehe den Sohn 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 28 



bei dem Worte «Per spiritum sanctum reviviscimus» - in diesem [oberen] Zeichen: 

«Ich verbinde mich dem Geiste» [in die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich verbinde mich dem Geiste 
Die Zeichen heiBen das. 

Michaels Gegenwart, sie wird bekraftigt durch sein Siegel und Zeichen: 

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 

[Zu dem Michael-Zeichen und den Siegelgesten siehe unter Hinweise Seite 223 und die Tafeln der sieben 
Wiederholungsstunden im Tafelband Seite 148-161.] 



Die Worte, die als mantrische Worte auf die Tafel geschrieben werden, konnen 
nur diejenigen besitzen, die rechtmaBige Mitglieder der Schule sind, das heiBt, das 
blaue Zertifikat ausgestellt bekommen haben. Niemand anderer kann diese Worte 
besitzen. Es konnen sie naturlich auch diejenigen bekommen, die, durch irgend 
etwas verhindert, an Versammlungen der Schule nicht teilnehmen konnten - an 
einzelnen Versammlungen nicht teilnehmen konnten - oder die iiberhaupt durch 
die Entfernung ihres Ortes nicht teilnehmen konnen. Sie - nur Mitglieder der 
Schule - konnen sie bekommen von diesen anderen, die in dieser Schule sind. 

Aber in jedem einzelnen Falle muB fur das Mitteilen dieser Worte an die einzelne 
Personlichkeit Erlaubnis eingeholt werden. Nicht derjenige kann um diese Erlaub- 
nis bitten, welcher die Worte empfangt, sondern allein derjenige, der sie gibt; der 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 29 



holt die Erlaubnis ein entweder bei Frau Dr. Wegman oder bei mir. Das ist nicht 
bloB eine VerwaltungsmaBregel, sondern es muB zugrundeliegen jedem Weiterge- 
ben der Worte als Ausgangspunkt diese reale Tatsache der Anfrage bei Frau Dr. 
Wegman oder mir. Schriftlich durch Briefe diirfen die Worte nicht jemandem 
mitgeteilt werden; sie konnen nur personlich mitgeteilt werden, diirfen nicht 
Briefen anvertraut werden. 



* 



Die nachste Klassenstunde werde ich abhalten am Dienstag halb neun Uhr. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 30 



ZWEITE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 9. September 1924 

eine lieben Schwestern und Briider! Es ist nicht moglich, auch heute - 
trotzdem eine Anzahl neuer Mitglieder dieser esoterischen Schule hier 
sind, neuer Mitglieder, die noch nicht hier waren - wiederum die einlei- 
tenden Worte zu sprechen. Daher werde ich fordern miissen, daB, wenn die neu 
in die Schule aufgenommenen Mitglieder von anderen Mitgliedern - in der Art, 
wie ich es spater sagen werde, am Schlusse der Stunde - die Spriiche mitgeteilt 
bekommen, ihnen auch pflichtgemaB von denjenigen, die ihnen die Spriiche mittei- 
len, die Bedingungen ftir die Mitgliedschaft der Schule gesagt werden. Und es wird 
notwendig sein, daB jetzt sogleich fortgefahren wird in demjenigen, mit dem das 
letzte Mai aufgehort worden ist. 



* 



Vorerst aber lassen wir wiederum vor unsere Seele treten diejenigen Worte, die 
dem unbefangenen Gemiite aus alien Wesen der Welt, aus alien Vorgangen der 
Welt entgegentonen. Alles sagt den Menschen dieses, was in den folgenden Worten 
liegt; alles hat in der Vergangenheit den Menschen dieses gesagt, alles sagt ihnen 
in der Gegenwart dieses, alles wird ihnen sagen in der Zukunft dieses: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 31 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 

Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfiihlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 3 2 



Wir haben gesehen, wie derjenige, der befolgt dieses aus alien Dingen der Welt 
und aus alien Vorgangen der Welt ihm entgegentonende Wort, die Sehnsucht fiihlt, 
hinauszukommen aus der majestatischen, glanzenden Sinneswelt in diejenige Welt, 
die jenseits eines gahnenden Abgrundes ist, des gahnenden Abgrundes des Seins, 
und die zunachst entgegenstarrt der menschlichen Seele wie schwarze, nachtbe- 
deckte Finsternis. Aber die Hoffnung ersteht, daB fur die Losung des Menschen- 
ratsels, fiir die wahre Losung des Menschenratsels dasjenige, was fur das auBere 
Leben in Licht erstrahlt, in Glanz erglimmt, dunkel werden muB, damit das 
Licht, das in jener Welt ist, in der das eigene Selbst sein Wesen findet, aus der 
zunachst als schwarze, nachtbedeckte Finsternis erscheinenden Weltenwesenheit 
kommt. 

Und wir haben, indem wir uns genahert haben im Gedanken, in der Empfindung 
auf dem Wege, der dahin geleitet, sich erhellen gesehen wie aus geistigem Wolkenda- 
sein die Gestalt des Hiiters der Schwelle. Wir haben ihn sprechen gehort, - denn 
alles, was hier gesprochen wird, tont aus Geisteswelten, tont im Auftrage Michaelis, 
des Leiters der geistigen Stromung der Menschheit in der Gegenwart; denn diese 
Schule ist die wahre Michael- Schule. Und er hat gesprochen auch von der Selbst- 
erkenntnis des Menschen, der Hiiter. Er hat aber dann Worte gesprochen, die 
zunachst niederschmetternd fiir die Seele sind. 

Hingerufen hat er uns, der Hiiter, so daB wir ihm ganz nahe stehen. Mit ernstem 
Antlitz schaut er uns entgegen. Und er zeigt uns, wie unser Wollen, unser Fiihlen, 
unser Denken vor dem Antlitze der Gotter erscheint in Imaginationen. Da ist es 
noch nicht menschlich, dieses Wollen, dieses Fiihlen, dieses Denken, da ist es noch 
tierisch. Da ist die Selbsterkenntnis noch besturzend, niederschmetternd. 

Aber durchgehen miissen wir durch die Erkenntnis jenes Selbstes, das uns unsere 
Zeit, unsere Weltenzeit aus ihrer Irrtumsbildung heraus gibt, damit wir zu der 
wahren Selbsterkenntnis vordringen konnen. 

Diese Irrtums-Selbsterkenntnis, die Erkenntnis jenes Selbstes, das wir aus dem 
Geiste unserer Zeit heraus in uns tragen, sie weist uns der Hiiter vor, indem er 
aufsteigen laBt aus dem gahnenden Abgrund des Seins das erste der Tiere, das das 
Wollen darstellt; wiederum die Hand erhebend, hinweisend auf den gahnenden 
Abgrund des Seins, heraufsteigen laBt das zweite der Tiere, das das Fiihlen darstellt; 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 33 



wiederum die Hand hinweisend auf den gahnenden Abgrund des Seins, das dritte 
Tier aufsteigen laBt, das das Denken darstellt. 

So steigen sie hintereinander herauf: 

Das erste der Tiere - die wahre Geistgestalt zunachst unseres Wollens, erzeugt 
aus der Furcht vor der Erkenntnis -, das nur durch den Mut zur spirituellen 
Erkenntnis uberwunden werden kann. 

Und so das zweite Tier - geboren aus dem HaB auf Erkenntnis, der in den 
Untergrunden des Gemutes aus unserer Zeit heraus in alien Menschen ist -, das 
nur uberwunden werden kann durch die richtige Begeisterung fur die Erkenntnis, 
durch das rechte gemutvolle Erkenntnisfeuer; wahrend heute Lassigkeit und Lau- 
heit in bezug auf die Erkenntnis, ja, HaB in bezug auf die Erkenntnis wegen der 
Lassigkeit und Lauheit in den Gemutern ist. 

Und so das dritte Tier - in seiner gespenstigen Eigenart von dem Zweifel an 
der geistigen Welt, der heute an den Wurzeln der Seelen nagt, heraus erzeugt -, 
das nur besiegt werden kann dann, wenn die Erkenntnis die Kraft in sich erweckt, 
die Dinge, die drauBen sind in der geistigen Welt, in sich im eigenen Gemiite zu 
schaffen. 

Und so spricht der Hiiter am gahnenden Abgrund des Seins, nachdem wir ganz 
nahe herangetreten sind: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 34 



Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 

Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu iibersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 35 



[Das Mantram wird nun, zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen, an die Tafel geschrieben; siehe 
im Tafelband Seite 150 und Hinweise zu den Mantren, Seite 165.] 

Der Huter spricht ganz am Abgrund: 

Dock du mufit den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voruber eilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Rucken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schufdas Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur uberwindet es. 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zdhne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein Hafi auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer mufi ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschajfen mufi es weichen. 

Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu ubersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 36 



Wenn der Hiiter uns dies gezeigt, das niederschmetternde Bild, das uns als wiser 
eigenes Wesen wie die Antwort auf die Aufforderung «0 Mensch, erkenne dich 
selbst!» zunachst entgegentritt, wenn der Hiiter uns dieses Bild gezeigt hat, dann 
nahert er sich uns, um uns eine weitere Aufklarung zu geben, die nun beginnen 
kann, uns aufzurichten: eine Aufklarung iiber das dritte Tier, das verwoben ist 
mit unserem Denken, das zweite Tier, das verwoben ist mit unserem Fiihlen, das 
erste Tier, das verwoben ist mit unserem Wollen. Und er gibt uns eine gewisse 
Lehre in dem, was er uns zunachst sagt. Er macht uns aufmerksam darauf, wie 
wir in rechter Weise unser menschliches Erdendenken empfinden sollen. 

Meine lieben Schwestern und Briider, man fiihlt ja schon ganz exoterisch, daB 
dieses Denken, durch das wir uns die Dinge und Vorgange der Welt aneignen, 
etwas Abstraktes, etwas Schattenhaftes, etwas Unwirkliches ist. Was ist es denn 
eigentlich, dieses Denken? 

Im Bilde miissen wir uns vor die Seele stellen, was dieses Denken eigentlich ist. 
Wir stellen uns hin vor einen Leichnam, vor einen Leichnam, der eben vor kurzer 
Zeit verlassen worden ist von der Seele und dem Geiste eines Menschen. Wir 
beschauen uns diesen Leichnam. Er kann so, wie er ist, niemals in der Welt 
entstehen. Er kann fur sich nichts sein; er kann nur etwas sein als Ubriggebliebenes 
von dem lebendigen Menschen. Der muB in ihm gewesen sein; der muB ihn erst 
sich selber umgestaltet haben. Der Tod liegt vor uns, das Leben ist gewichen, der 
Leichnam liegt im Sarge. Halten wir das Bild fest. 

Unser seelisch-geistiges Leben, das unsere wahre menschliche Eigenwesenheit 
ist, es war, bevor es durch Empfangnis und Geburt herabgestiegen ist aus der 
gottlich-geistigen Welt in einen physischen Menschen-Erdenleib, lebendig. Da war 
es oben in der geistigen Welt kein schattenhaftes, abstraktes Denken, sondern 
seelisch-geistige Wesenheit, lebend, webend, schaffend, wirkend, wellend, wesend. 
Da war es lebendig. Dann ist es heruntergestiegen in einen Menschenleib; aber es 
ist gestorben, indem es heruntergestiegen ist. Der Menschenleib ist sein Sarg. Und 
dasjenige Denken, das wir haben zwischen der Geburt und dem Tode, ist der 
Leichnam des lebendigen Denkens, das wir hatten, bevor wir ins irdische Sein 
heruntergestiegen sind. 

Nur dann, meine lieben Schwestern und Briider, wenn wir so empfinden gegen- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 37 



liber dem Denken, empfinden wir richtig esoterisch und ringen uns allmahlich 
hinauf, zu iiberwinden die gespenstige Gestalt des dritten Tieres, kommen immer 
mehr und mehr hinauf zur reinen Engelsgestalt des wahren Denkens, dessen totes 
Nachbild in unserem physischen Erdenleib west und webt und wirkt und wellt. 

Solange wir das Denken als etwas Lebendiges anschauen, stehen wir nicht in 
der Wahrheit; erst wenn wir unseren Leib als den Sarg des toten Denkens betrachten 
und das ganz fiihlen, dann stehen wir in der Wahrheit. So sagt uns mit seinen 
Worten, die wir dann horen werden und die uns als mantrischer Spruch dienen 
konnen, der Hiiter der Schwelle am gahnenden Abgrund des Seins. Er sagt es uns 
in besonderer Intimitat. 

Und wenn wir vom Denken weggehen, zu unserem Fiihlen schauen, dann 
miissen wir sehen und fiihlen, fiihlen gegeniiber dem Fiihlen, wie das gewohnliche 
Fiihlen, das wir zwischen der Geburt und dem Tode in uns lebend glauben, nur 
ein halb Lebendes ist, wie es fortwahrend verzehrend an uns arbeitet, dieses Fiihlen, 
wie es uns fortwahrend etwas ertotet, wie es uns eigentlich aushohlt vom Geiste. 
Das Denken ist tot, und das Fiihlen ist halb lebendig, ist im Grunde genommen 
nur von Bildgestalt in uns. Und erst wenn wir dem Fiihlen gegeniiber so fiihlen, 
daB dieses menschliche Erdenfiihlen ein schwacher, halb-lebender Abglanz ist aus 
Sonnenmacht, die als allgemeine Weltenliebe das kosmische Fiihlen durch den 
ganzen Kosmos strahlt, dann fiihlen wir dem Fiihlen gegeniiber richtig. So sagt 
uns wiederum vertraulich, in Intimitat der Hiiter der Schwelle. 

Und erst, wenn wir dem Wollen gegeniiber so fiihlen, daB es zwar in uns lebt, 
fortwahrend aber von geistigen Gegenmachten versucht und angefeindet wird, 
damit seine Kraft nicht diene dem Gottlichen oben, sondern dem Physischen unten, 
erst wenn wir fiihlen diese Gegenmachte, die fortwahrend in unserem Wollen uns 
ablenken mochten von unserer eigentlichen gottlichen Aufgabe und uns ganz 
verstricken ins Erdendasein, dann fiihlen wir, wie diese Gegenmachte, indem sie 
sich unser Wollen aneignen, die Zukunft der Erde in ihre Gewalt bekommen 
wollen. Konnten sie es, waren wir nicht wachsam, so daB wir unser Wollen weihen 
dem Gottlichen, nicht den ahrimanischen Erdenmachten, so wiirde die Erde streitig 
gemacht sein den Gottern, denen sie eigentlich vom Urbeginn des Erdenseins 
zugehort. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 38 



Das sagt uns der Hiiter wie eine Erklarung der drei Tiere: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 39 



[Nun wird das Mantram, zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen, an die Tafel geschrieben; 
siehe Tafelband Seite 151:] 

Der Hiiter spricht: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 

- es ist nur ein «Bild» - 

Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 

- das erste ist «Bild», das zweite «Kraft» - 

Des Fuhlens, das die eigne Seele 
Aushdhlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 

- die Steigerung: «Bild», «Kraft», «Macht» - 

Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmdchten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunfizeiten rauben wollen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 40 



Und immer mehr fiihrt uns der Hiiter am gahnenden Abgrund des Seins naher 
der wahren Selbsterkenntnis, die uns nur werden kann, wenn Licht ersteht driiben 
in der schwarzen, nachtbedeckten Finsternis. Darum zeigt er uns in den verschie- 
densten Weisen dasjenige, was er uns zunachst in der Gestalt der Tiere gezeigt 
hat, was er uns dann zeigt in der Gestalt, wie es diesen mantrischen Spruchen 
entspricht, und was er uns jetzt noch einmal beschreibt, damit wir immer naher 
und naher kommen der Selbsterkenntnis, um zu Fliigeln zu kommen, um den 
Abgrund des Seins zu iibersetzen, den wir mit MenschenfiiBen, mit den schweren 
MenschenfiiBen, das heiBt mit der auBeren illusionaren, mit der Maja-Wirklichkeit 
nicht iibersetzen konnen. 

Und so macht uns der Hiiter nun - nachdem er uns vertraulich diese mantrischen 
Spriiche gegeben hat -, so macht uns der Hiiter nun aufmerksam, wie wir empfinden 
sollen weiter iiber unser Denken, wie wir es fiihlen sollen - unser Denken - nicht 
als ein Sein; denn da weben wir nur weiter als Illusion, wenn wir in diesem Denken, 
das wir als Menschen auf der Erde haben, etwas anderes als Schein sehen. Selbst- 
heitsein, das heiBt, das wahre, wirkliche Sein von uns, das verbirgt sich im Denken, 
lebt nicht im Denken, so sagt der Hiiter. Man kann nichts anderes tun als untertau- 
chen in den Schein des Denkens, immer weiter, dann gelangt man, indem man tief 
untertaucht in das scheinende Denken, in den unermeBlichen Weltenather, in dem 
man sich mit der Seele zunachst auflost. 

Da sollen wir, wenn unsere Selbstheit sich da wenigstens im Scheine wankend 
in der Welt fiihlt, da sollen wir verehren die fuhrenden Wesen der hoheren Hierar- 
chies die uns leiten. Da fiihlen wir, daB wir diese fuhrenden Wesen der hoheren 
Hierarchien brauchen. 

Dann ermahnt uns der Hiiter, daB wir uns vom Denken zum Fiihlen wenden, 
das stromende Fiihlen in uns empfinden sollen. Das Denken ist noch ganz Schein. 
Was wir aber fiihlen, das steht unserem Sein wenigstens halb nahe. Wir kommen 
tiefer in unser eigenes Sein hinein, wenn wir fiihlen als wenn wir denken; aber wir 
sind noch nicht drinnen. Wir sind in der Halfte unseres Eigenwesens, wenn wir 
fiihlen; denn das Fiihlen hat etwas Unklares, aber auch nie Festes: da mischen sich 
Schein und Sein im Fiihlen. Die Selbstheit, die wir suchen - hier im guten Sinne 
gemeinte Selbstheit -, sie neigt dem Scheine sich. Wir sollen jetzt untertauchen in 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 41 



scheinendes Sein, in ein Sein, das nur scheint, in einen Schein, der sich energisiert 
zum Sein halb; da werden uns fassen Weltenkrafte, die jetzt nicht so sind bloB 
Schein, sondern halbes Sein: Weltenseelenkrafte. Da sollen wir bedenken in diesem 
Weben unseres eigenen webenden Wesens im webenden Weltenather, da sollen 
wir bedenken die Lebensmachte der eigenen Seele, die wir nicht im Denken beden- 
ken konnen, weil das Denken Schein ist. 

Dann sollen wir untertauchen in den Willen, den wir fiihlen wie Sein, verborgenes 
Sein in uns. Wir konnen es nicht ergreifen. Aber der Wille wirkt wie StoB und 
Kraft: Sein. Dieser Wille steigt herauf aus allem Scheineswesen und schafft unser 
Eigensein, unser wirkliches Eigensein, hier im guten Sinne gemeint das Eigensein. 
Dem sollen wir unser Leben zuwenden. Der ist von Weltengeistesmacht erfiillt. 
Unser Eigensein, es soil die weltschopferische Macht, die alle Raume, alle Zeiten, 
alle Geistesgebiete erfiillt, ergreifen und untertauchen in das Wollen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 42 



Ganz am Abgrund des Seins spricht der Hiiter: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 

Vernimm in dir Gefuhle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfullt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Diesen mantrischen Spruch werde ich das nachste Mai an die Tafel schreiben und 
ihn mit all seinen Eigenheiten erklaren. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 4 3 



Jetzt aber wenden wir uns noch einmal zuriick zu alle dem, was in der Vergangen- 
heit gesprochen hat zu dem Menschen, was in der Gegenwart spricht, was in der 
Zukunft sprechen wird, ihn auffordernd zu dem, was ihm auf seinem Lebenswege 
das Heiligste sein muB: die Selbsterkenntnis. 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 44 



Die nachste esoterische Stunde dieser ersten Klasse soil dann am Donnerstag 
um acht Uhr stattfinden. 



Ich habe noch zu sagen, daB die Spriiche, die als mantrische Meditationsspriiche 
von dem Hiiter der Schwelle im Auftrage Michaeli gegeben werden, nur fiir diejeni- 
gen sind, die Mitglieder dieser Schule sind. Diejenigen, die sie aus irgendeinem 
Grande personlich nicht haben konnen, konnen sie mitgeteilt bekommen von 
jemandem anderen, der Mitglied der Schule ist und sie hat. Jedoch muB in jedem 
einzelnen Falle angefragt werden, ob so etwas erlaubt ist. Und zwar muB angefragt 
werden entweder bei Frau Dr. Wegman oder mir. Das ist nicht bloB eine Verwal- 
tungsmaBregel, sondern es muB alles in unserer anthroposophischen Bewegung 
nunmehr aus Realitaten bestehen. Und diese Mitteilung beginnt eben bei der 
Erlaubnis als einer realen Tatsache, nicht als einer bloBen VerwaltungsmaBregel. 
Brieflich diirfen die Spriiche nicht versendet werden. Fragen kann nur derjenige 
Frau Dr. Wegman oder mich, der die Spriiche jemandem anderen gibt. Es moge 
also nicht der fragen, der sie empfangt, sondern derjenige, der sie gibt. Man bittet 
jemanden, der sie geben kann und der fragt dann. 

Wenn irgend jemand etwas anderes mitgeschrieben hat wahrend der Stunde als 
die Spriiche selbst, dann bitte ich ihn, dies nur acht Tage zu behalten und nach 
acht Tagen zu verbrennen, damit der Inhalt der Schule, der nur einen Sinn hat, 
wenn die Michael- Stromung durch die Schule geht, damit der Inhalt dieser Schule 
nicht nach auBen kommt und dadurch unwirksam wird. Denn nicht um irgendein 
obskures Geheimhalten handelt es sich, sondern daB der Inhalt der Schule nicht 
unwirksam werde. Es ist ein okkulter Grundsatz, der beachtet werden muB. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:45 



Und wir leben in einer ernsten okkulten Schule, in der wirklichen Schule Micha- 
elis, geben dasjenige, was durch diese Schule flieBt, in dem Zeichen Michaelis: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 150] 

geben es im Sinne des Rosenkreuzes, mit dem Symbolum des Rosenkreuzes: 

Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

In Chris to morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

Per Spiritum Sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

und denken bei diesem Siegel und Zeichen Christiani Rosenkreutz: 

[Neben die untere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich bewundere den Voter 

[Neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich liebe den Sohn 

[Neben die obere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich verbinde mich dem Geiste 
Per signum Michaeli: 

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 46 



DRITTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 11. September 1924 

eine lieben Schwestern und Briider! Fur die neueingetretenen Mitglieder 
ist es nicht moglich wiederum, heute die Einleitung mit den Verpflichtun- 
gen ftir die Klasse zu sprechen. Daher fordere ich diejenigen Mitglieder 
auf, welche dann diesen neu Eingetretenen iibergeben werden - unter den Modalita- 
ten, die ich am Schlusse anzufiihren habe - die Spriiche, daB sie auch diese Bedingun- 
gen an diese neu eintretenden Mitglieder mitteilen. 



* 



Nun, meine lieben Schwestern und Briider, wir beginnen wiederum, indem wir 
vor unsere Seele hintreten lassen diejenigen Worte, die der Mensch, wenn er dazu 
den Sinn hat, horen kann aus alien Wesen der umgebenden Welt, die er horen 
konnte in aller Vergangenheit, horen kann in der Gegenwart, horen wird in der 
Zukunft, die ihm vergegenwartigen die Aufforderung - die aus dem ganzen Welt- 
all fortdauernd zu ihm kommt - nach Selbsterkenntnis, die die wahre Briicke 
ist zu demjenigen, was der Mensch braucht ftir sein Denken, ftir sein Fiihlen, 
fur sein Wirken in der Welt, wenn er in wahrhaftem Sinne des Wortes Mensch 
sein will: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:47 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



* 



Meine lieben Schwestern und Briider, die Beschreibung des Erkenntnisweges 
hat uns gefiihrt bis heran an den Hiiter der Schwelle. Nachdem uns der Hiiter der 
Schwelle hart am Abgrund des Seins gezeigt hat, wie diejenigen Krafte, die die 
Krafte unseres Menscheninnern sind - Wollen, Fiihlen, Denken -, sich ausnehmen 
vor den Augen der Wesen der geistigen Welt; nachdem er uns gezeigt hat, wie in 
Wahrheit der Mensch aus dem gegenwartigen ZeitbewuBtsein heraus nicht in bezug 
auf diese Krafte, wenn sie innerlich angeschaut werden, zum vollen Menschentum 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:48 



erwacht ist, sondern vor den geistig-gottlichen Machten erscheint als die drei Tiere, 
die nun vor ihn hingestellt werden und die der Hiiter der Schwelle ihm gezeigt 
hat; nachdem der Hiiter der Schwelle diesen zerschmetternden Anblick vor unsere 
Seele hingestellt hat, zeigt er uns den weiteren Weg, der zur Erhebung in die wahre 
Selbsterkenntnis wiederum fiihrt, der gegangen werden muB, wenn die Aufforde- 
rung «0 Mensch, erkenne dich selbst!» erfiillt sein soil. 

Nachdem er uns zuerst gezeigt hat, wie wir uns stellen sollen zu unserem 
Denken, Fiihlen und Wollen, zeigt er uns - in jenen mantrischen Spriichen, die 
in dieser Michael- Schule am Schlusse der letzten Stunde angefuhrt worden sind -, 
wie wir uns selber zuerst in unser Denken zu vertiefen haben, zu versenken haben, 
wie aber dieses Denken Scheineswesen ist, das unser wirkliches Selbsteigensein 
nicht tragen kann, wie wir aber dennoch hinaus verwoben werden - durch dieses 
Untertauchen in das Scheineswesen - in den Weltenather und wenigstens kommen 
zur Verehrung jenes Fiihrerwesens, das uns von Erdenleben zu Erdenleben fiihrt. 

Dann zeigt er uns, wie wir in die Gefiihle hinuntersteigen konnen, wie sich in 
den Gefuhlen Schein und Sein vermahlt, wie da mit halber Starke herauftaucht 
unser Wesen, die Selbstheit im guten Sinne des Wortes, wie wir aber da bedenken 
sollen, daB da schon hereinstromt dasjenige, was in den Lebensmachten nicht nur 
unseres verganglichen, scheinbaren Seins liegt, sondern in den Lebensmachten der 
Welt, des Kosmos. 

Erst wenn wir hinuntersteigen in den Willen, fiihlen wir Sein in unsere Selbstei- 
genheit einstromen. Das Scheineswesen verwandelt sich in Sein. Es steigt unser 
Wesen in den Willen herab, und die weltenschopferischen Machte fiihlen wir durch 
unseren Willen stromen. 

Und so waren die Worte des Hiiters der Schwelle hart am Abgrunde des Seins 
- wo noch vor uns steht die gahnende Finsternis, die nachtbedeckte Finsternis, in 
der es hell werden soil, damit wir in ihr finden das Licht, das unser eigenes Selbst 
beleuchten kann; hinter uns ist die glanzende, sonnenerglimmende physische 
Wirklichkeit, die nun dunkel wird, weil wir unser eigenes Sein in ihr nicht finden 
konnen -, da spricht der Hiiter der Schwelle die mantrischen Worte: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:49 



Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen. 

Vernimm in dir Gefuhle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfullt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich 

- das Geistes-Ich der Welt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 50 



[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 152:] 



Der Hiiter spricht: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen went in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen. 

Vernimm in dir Gefiihle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrdfte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmdchte. 

Lafi walten in dir den Willens-Stofi: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Einen mantrischen Spruch hat uns der Hiiter der Schwelle gesagt, bei dem es 
nicht bloB darauf ankommt, daB wir seinen Inhalt aufnehmen, bei dem es darauf 
ankommt, daB wir uns mit unserem ganzen Fiihlen hineinversetzen in das Weben 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 51 



und Leben der geistigen Welt. Daher ist dieser mantrische Spruch so gestaltet, daB 
er zunachst wie ein Herunterbewegen aus der geistigen Welt in seinem Rhythmus 
erscheint. Jede Zeile beginnt damit, daB eine hochtonige Silbe da ist, der eine 
tief tonige Silbe folgt. Wir haben im ersten Spruch: 

[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das trochaische Rhythmus- 
zeichen — u gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:] 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 

Dieses Sich-Herunterbewegen der geistigen Welt zu uns ist in diesem trochaischen 
Rhythmus zu fiihlen. Nur dann nehmen wir in unsere Seele diesen Spruch richtig 
auf, wenn wir ihn so innerlich fiihlend lesen, daB dieses Heruntersteigen der 
geistigen Welt, dieses Heruntersprechen von geistigen Wesen zu uns, in diesem 
rhythmischen Tonfall wirkt: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 

Der nachste Spruch ist das Umgekehrte: Da sollen wir mit dem Gefiihl schon 

hinaufsteigen zum Sein. Da [bei der ersten Silbe] sind wir unten; da [bei der zweiten Silbe] 

streben wir uns hinauf in das Sein. Der Tiefton geht dem Hochton voraus: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 52 



[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das jambische Rhythmus- 
zeichen u — gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:] 

Vernimm in dir Gefiihle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

Wir miissen leben in den Worten, die in diesem Rhythmus mantrisch geeint sind; 
wir miissen sie so fiihlen: 

Vernimm in dir Gefiihle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

DaB wir mehr in die Realitat hineinsteigen, driickt sich auch darinnen aus, daB 
wir zunachst «verehren» [das Wort wird an der Tafel unterstrichen] , was eine innerlich- 
seelische Tatigkeit ist; daB wir dann aufsteigen bis zum «bedenken» [das Wort wird 
an der Tafel unterstrichen], wo wir allmahlich neben die Sache hinkommen; daB wir es 
erst mit «Fuhrerwesen» [das Wort wird unterstrichen], die uns lenken, zu tun haben; dann 
mit «Lebensmachten» [das Wort wird unterstrichen], welche die Welt durchwellen und 
durchleben. In einem mantrischen Spruche ist alles an die rechte Stelle gestellt, 
und es ist alles in der richtigen Weise in den Organismus des Ganzen gefiigt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 53 



Der dritte Spruch, er sagt uns, wie wir das Sein unmittelbar im Willen vernehmen. 
Wir stehen neben dem Sein. Zwei hochtonige Silben gehen voraus: 

[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das spondeische Rhythmus- 
zeichen gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:] 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Hier sind wir noch weiter. Es handelt sich nicht mehr um ein «bedenken», es 
handelt sich um ein «ergreifen» [das Wort wird unterstrichen], das eine Aktion ist. Die 
«Weltsch6pfermacht» [das Wort wird unterstrichen] statt der «Lebensmacht» ist in der 
Zeile vorangestellt, um den volligen Umschwung anzudeuten, den wir durch- 
machen, wenn wir vom «Schein» durch das «scheinende Sein» zum «Sein» hinauf- 
steigen. 

Der dritte Spruch ist daher so zu fiihlen, daB der Anfang einer jeden Zeile in 
diesem spondeischen VersmaB, spondeischen Rhythmus gefiihlt wird. Hier haben 

wir trochaisch [«trochaisch» wird neben den ersten Spruch geschrieben] ; hier jambisch [«jambisch» 

wird neben den zweiten Spruch geschrieben]; hier spondeisch [«spondeisch» wird neben den dritten 
Spruch geschrieben] : 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 54 



Nachdem der Hiiter der Schwelle uns dieses vor die Seele gestellt hat, macht er 
uns aufmerksam, wie wir uns eingliedern miissen, wenn wir in der Geist-Erkenntnis 
weiterschreiten wollen, in den Kosmos, in die Welt; in den Kosmos, in die Welt 
mit alien ihren Kraften. Denn dasjenige, was in uns zunachst seinem Orte nach 
nicht zu unterscheiden ist, im Kosmos ist es angeordnet. Im Kosmos konnen wir 
hinweisen auf die Orte. In uns ist alles verwoben. Aber wir gelangen nicht zu 
einer wirklichen Erkenntnis, wenn wir nicht aufgehen in die Weltenkrafte und 
Weltenmachte, wenn wir subjektiv in uns bleiben, wenn wir innerhalb unserer 
Haut beschlossen bleiben, wenn wir nicht aus uns herausgehen und unser Korper 
die ganze Welt wird. Dann auch wird unsere Seele unser enges Menschenwesen 
fiihlen als ein Glied der Welt. Unser enges Menschenwesen wird der Geist ein- 
gliedern in den ganzen Kosmos, in die ganze Welt. 

Das aber miissen wir so vollziehen, wie der Hiiter der Schwelle uns anweist, 
indem er uns zeigt, wie von den Tiefen der Erde, die mit Schwere alle Wesen an 
sich zieht, Krafte ausgehen, die auch uns hinunterziehen, die unseren Willen binden 
an die Erde, wenn wir ihn nicht durch inneres Streben frei uns machen. Erdenwarts 
geht der Blick, nach unten geht der Blick, wenn wir die Lokalisation unseres 
Willens haben wollen. Wir miissen uns wie mit der Schwere der Erde eins fiihlen, 
angezogen fiihlen von der Erde und das Bestreben in uns haben, uns von der 
Erdenschwere frei zu machen, wenn wir unseren Willen eins werden lassen wollen 
mit dem Kosmos, was wir miissen. 

Fiihle wie die Erdentiefen 
Ihre Krafte deinem Wesen 
In die Leibesglieder drangen. 
Du verlierest dich in ihnen, 
Wenn du deinen Willen machtlos 
Ihrem Streben anvertrauest; 
Sie verfinstern dir das Ich. 

So spricht zu unserem Willen am gahnenden Abgrund des Seins der Hiiter der 
Schwelle im Auftrage Michaels. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 55 



Und er verweist uns, indem er unser Fiihlen in den Kosmos eingliedern will, 
nun nicht an die Tiefe, er verweist es auf die horizontalen Weltenweiten, wo von 
West nach Ost, von Ost nach West die Krafte schwingen und pendeln und uns 
durchdringen. Und dieselben Krafte sind es, die unser Fiihlen ergreifen. Gotter- 
machte miissen wir fiihlen, die ihre Geisteshelle hereinsenden in diese Wellenschla- 
ge des Horizontalen, wenn wir unser Fiihlen richtig eingliedern wollen in die 
Weltenweiten. Wie wir unseren Willen in die Vertikale eingliedern wollen, unten 
ihn gebunden fiihlen, nach oben ihn befreien wollen, so miissen wir hineinstellen 
konnen in die Weltenweiten unser Fiihlen. Dann wird es licht in unserem Fiihlen. 
Dann geht etwas durch durch unser Fiihlen, das ebenso durch uns hindurchzieht, 
wie durch die Erdenluft in ihrem Gange von Osten nach Westen die Sonne mit 
ihrem Lichte leuchtet. 

In alle dem, was da durch uns stromt, miissen wir uns aber liebend finden. Die 
Liebekraft allein, die den Menschen durchwebt und durchlebt, kann das, was da 
von uns gefordert wird. Dann wird Weisheit durch uns durchgewoben, und wir 
fiihlen uns in den weiten Kreisen, in denen die Sonne sich bewegt, als fuhlender 
Mensch, als Selbst, stark fiir wirkliches, gutes Geistesschaffen. 

Das sagt uns - am gahnenden Abgrund des Seins - als fuhlendem Menschenwe- 
sen, das sagt zu unserem Fiihlen der Hiiter der Schwelle: 

Fiihle wie aus Weltenweiten 
Gottermachte ihre Geisteshelle 
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen. 
Finde dich in ihnen liebend, 
Und sie schaffen weisheitwebend 
Dich als Selbst in ihren Kreisen 
Stark fiir gutes Geistesschaffen. 

Und wenn der Hiiter der Schwelle nun zu unserem Denken sprechen will, daB 
es sich eingliedert in den Kosmos, dann weist er nicht wie bei dem Willen nach 
unten, der sich nach oben bewegen soil, dann weist er nicht wie bei dem Fiihlen 
in die weiten Kreise, in deren einem sich die Sonne bewegt, dann weist er in die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 56 



Hohe, in die Himmelshohen, wo allein das Selbst selbstlos leben kann, wenn es 
die Gedankenmachte in dem gnadevollen Von-oben-Kommen empfangen will, 
dem Hohenstreben folgen will. Wir stehen unten, das Wort ist oben. Wir miissen 
tapfer sein innerlich, um das Wort zu vernehmen, denn nur wenn wir tapfer uns 
halten an Weisheits- und Erkenntnisstreben, ertont von oben gnadevoll das Welten- 
wort, spricht von des Menschen wahrer Wesenheit. 

Das wiederum sagt uns der Hiiter der Schwelle am gahnenden Abgrund des Seins: 

Fiihle wie in Himmelshohen 
Selbstsein selbstlos leben kann, 
Wenn es geisterfiillt Gedankenmachten 
In dem Hohenstreben folgen will 
Und in Tapferkeit das Wort vernimmt, 
Das von oben gnadevoll ertonet 
In des Menschen wahre Wesenheit. 

[Nun wird das dreistrophige Mantram an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 153:] 



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Der Hilter belehrt Wollen, Fiihlen, Denken: 

Fiihle wie die Erdentiefen 
Ihre Krdfte deinem Wesen 
In die Leibesglieder drdngen. 
Du verlierest dich in ihnen, 
Wenn du deinen Willen machtlos 
Ihrem Streben anvertrauest; 
Sie verfinstern dir das Ich. 

Fiihle wie aus Weltenweiten 

Gdttermdchte ihre Geisteshelle 
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen. 
Finde dich in ihnen liebend, 

Und sie schaffen weisheitwebend 
Dich als Selbst in ihren Kreisen 
Stark fur gutes Geistesschaffen. 

Fiihle wie in Himmelshdhen 
Selbstsein selbstlos leben kann, 

Wenn es geisterfiillt Gedankenmdchten 
In dem Hdhenstreben folgen will 

Und in Tapferkeit das Wort vernimmt, 
Das von oben gnadevoll ertdnet 
In des Menschen wahre Wesenheit. 

Da oben ist der Ort, wo wir hinschauen miissen, wenn wiser Denken sich einen 
will mit den Kraften des Kosmos. In den Weltenkreisen-Weiten ist das Gebiet, 
wo wir hinfiihlen miissen, wenn unser Fiihlen sich einen soil mit den kosmischen 
Kraften. Unten ist der Ort, wo wir hinblicken miissen, urn unser an die Erde 
gebundenes Wollen, das wir nach oben befreien sollen, in der richtigen Weise 
einzureihen in die kosmischen Gebiete. Da ist iiberall - oben, in den Weiten und 



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unten - besonderes Sein. Wir miissen es erfiihlen. Der Hiiter der Schwelle weist 
uns in Michaels Auftrag auch dorthin, und er spricht uns von dem, was wir oben 
und in der Mitte und unten finden. 

Er belehrt uns weiter iiber die Hone und die Mitte und das Unten, weil er uns 
belehren will iiber Denken, Fiihlen und Wollen. So spricht er: 

Es kampft das Licht mit finstern Machten 

In jenem Reiche, wo dein Denken 

In Geistesdasein dringen mochte. 

Du findest, lichtwarts strebend, 

Dein Selbst vom Geiste dir genommen; 

Du kannst, wenn Finstres dich verlockt, 

Im Stoff das Selbst verlieren. 

Wir sind hineingestellt zwischen Licht und Finsternis. Licht will unser Selbst, 
Finsternis will unser Selbst. Wir haben den Weg zu finden zwischen Licht und 
Finsternis, um zum Selbst zu kommen. Das liegt in der Mahnung des Hiiters der 
Schwelle. 

Und unser Fiihlen spricht der Hiiter an: 

Es kampft das Warme mit dem Kalten 
In jenem Reiche, wo dein Fiihlen 
Im Geistesweben leben mochte. 
Du findest, Warme liebend, 
Dein Selbst in Geisteslust verwehend; 
Du kannst, wenn Kalte dich verhartet, 
Im Leid das Selbst verstauben. 

Wiederum stehen wir zwischen dem polarischen Gegensatze drinnen mit dem 
Fiihlen: zwischen dem liebenden Warmen, zwischen der warmen Liebe und dem 
kalten Verharten, dem verhartenden Kalten. Wir miissen den Weg finden zwischen 
den beiden, wenn unser Selbst sich finden will. 



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Und auf das dritte Reich, wo der Wille urstandet, weist uns mahnend der Hiiter 
der Schwelle: 

Es kampft das Leben mit dem Tode 

In jenem Reiche, wo dein Wollen 

Im Geistesschaffen walten mochte. 

Du findest, Leben fassend, 

Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden; 

Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt, 

Im Nichts das Selbst verkrampfen. 



Leben und Tod: Verlieren an das Leben, verlieren an den Tod konnen wir unser 
Wollen, im Leben es verschwinden fiihlen, im Tode es verkrampfen fiihlen. 

Den Weg miissen wir suchen. Dazu fordert uns der Hiiter auf. Das ist dasjenige, 
wovon in der nachsten Stunde ausgegangen werden soil. 

Der Hiiter weist uns noch einmal hin darauf, wie wir suchen miissen den Weg, 
um zum Menschen-Selbst zu kommen. Ernste Worte spricht der Hiiter da. Denn 
nicht leicht ist es, jene innere Kraft zu finden, welche halt und tragt und fiihrt das 
Selbst, das sich finden soil, das sich nicht hat im gewohnlichen Erdenleben. Wie 
uns aber der Hiiter die Mittel an die Hand gibt, wir wollen es weiter sehen. Am 
nachsten Sonnabend, wo dieser mantrische Spruch an die Tafel geschrieben werden 
soil, werden wir den Hiiter weiter horen, der uns allmahlich, indem er uns die 
Verirrungen anweist - die wir kennen miissen, um den rechten Weg zu finden -, 
eben durch das ehrliche Aufzeigen der Verirrungen den rechten Weg weisen will. 



* 



Jetzt aber gedenken wir wiederum, zuruckblickend auf das Erdenleben - wie 
wir das miissen jedesmal, wo wir in das Esoterische hineingehen -, jetzt gedenken 
wir wiederum der Mahnung, die aus alien Wesen und Vorgangen in der Vergangen- 



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heit gesprochen hat zum Menschen, in der Gegenwart spricht zum Menschen, in 
aller Zukunft sprechen wird zum Menschen: 

Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Wenn all das, was durch den Hiiter in Michaels Namen durch diese Michael- 
Schule stromt, wenn hier die Unterweisung in der zu Recht bestehenden Michael- 
Schule an unsere Seele herandringt, dann diirfen wir sicher sein, wenn wir ehrlichen 
und guten Sinnes sind, daB die Kraft Michaels durch diesen Raum stromt, was 
bezeugt werden darf durch des Michael Zeichen: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 153] 



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und durch die Siegelgesten, womit einstromen laBt in die Rosenkreuzer-Stromung, 
in den Rosenkreuzer-Tempel Michael diejenige Kraft, die der Mensch heute zu 
seinem esoterischen Leben braucht, die da wirkt aus dem dreifachen Quell der 
Welt, aus dem gottlichen Vater-Prinzip, aus dem Christus-Prinzip, aus dem Prinzip 
des Geistes, so daB sich vereint der Rosenkreuzer-Spruch mit dem Michael-Gestus- 
Siegel: 

Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

In ChristO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

Per spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

was da gefiihlt werden muB so, daB die Geste aufgefaBt wird als 

[neben die untere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich bewundere den Voter 

[neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich liehe den Sohn 

[neben die obere Siegelgeste wird geschrieben:] 

Ich verbinde mich dem Geiste 

Nochmals: [Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 62 



Zu sagen ist, daB die mantrischen Spriiche, die hier in dieser Schule gegeben 
werden, nur von denjenigen besessen werden konnen, die rechtmaBige Mitglieder 
dieser Schule sind. Ist irgend jemand, dadurch, daB er Mitglied der Schule ist und 
nicht anwesend ist bei einer Stunde, in der er anwesend sein diirfte, nicht in der 
Lage, hier aus dieser Stunde die Spriiche zu haben, so kann er sie von einem 
anderen, der sie haben konnte, iibernehmen. Das macht notwendig eine Anfrage 
entweder bei Frau Dr. Wegman oder bei mir selber. Wenn jemand also die Spriiche 
empfangen will, weil er sie nicht hier hat haben konnen, so ist anzufragen bei Frau 
Dr. Wegman oder bei mir selber; aber nicht derjenige kann anfragen, der die 
Spriiche empfangt, sondern derjenige, der sie ihm gibt. Das muB von vornherein 
gesagt werden. 

Ferner ist zu sagen, daB das nicht eine VerwaltungsmaBregel ist, sondern daB 
eben das in jedem einzelnen Falle, fur jeden einzelnen, dem man die Spriiche geben 
will, hier geschehen muB, weil es der Anfang eben jener okkulten Handlung ist, 
durch die man die Spriiche empfangt. 

Diejenigen Mitglieder, welche erst in jungster Zeit eingetreten sind, bis zur 
heutigen Stunde gekommen sind, konnen auch nur die Spriiche erhalten, die bis 
zur heutigen Stunde vorgebracht worden sind, bis zu der Stunde vorgebracht 
worden sind, die sie mitgemacht haben. Nur in einzelnen Fallen, die wiederum 
individuell beurteilt werden miissen, kann gefragt werden, ob die anderen, spateren 
Spriiche gegeben werden konnen. Brieflich - also auf einem anderen Wege als 
durch mundliche Mitteilung - konnen die Spriiche nicht von dem einen an den 
andern ubergeben werden. 

Sollte irgend jemand mitschreiben anderes als die Spriiche, so ist er verpflichtet, 
dieses Mitgeschriebene nur fur die nachsten acht Tage zu haben und es nach acht 
Tagen zu verbrennen. Dasjenige, was hier in der zu Recht bestehenden Michael- 
Schule mitgeteilt wird, hat nur Bedeutung in mundlicher Mitteilung - das ist ein 
inneres okkultes Gesetz -, mit Ausnahme der mantrischen Spriiche. Aber bemerkt 
werden muB, damit die Dinge nicht genommen werden, als wenn sie in einer 
kindlichen Weise auf Sekretierung hinorientiert waren, daB es bei diesen okkulten 
Spruchen so ist, daB, wenn sie unrechtmaBig an andere kommen, sie ihre Wirkung 
verlieren, denn es gehort der Akt der Ubertragung zur Wirksamkeit der Schule. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 63 



Um dieser okkulten Tatsache willen wird in dieser Strenge die Behandlung der 
Spriiche gefordert. 



Es ist noch zu sagen, daB morgen die Tageseinteilung diese ist, daB um halb 
zehn Uhr stattfinden wird der Kursus ftir Pastoralmedizin, nachmittag um halb 
vier Uhr der Kursus fur Theologen stattfinden wird, daB abends - morgen - ein 
Mitgliedervortrag sein wird, daB um fiinf Uhr nachmittag eine Eurythmievorstel- 
lung sein wird. Der Sprachkursus ist um zwolf Uhr wie gewohnlich. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 64 



VIERTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 13. September 1924 




eine lieben Schwestern und Briider! Es ist nicht moglich, jedes Mai hier 



heute wiederum eine ganze Anzahl neuer Mitglieder hier sind, ist es doch so, daB 
ich diese Einleitung nicht sprechen werde, sondern fortfahren werde an derjenigen 
Stelle, an welcher wir das letzte Mai stehengeblieben sind, und diejenigen Mitglie- 
der, welche in dem iiblichen Sinne an die Neuaufzunehmenden die bisher vorge- 
kommenen mantrischen Spruche zu geben haben, ich verpflichten muB, daB sie 
unter den Bedingungen, die ich dann am Schlusse zu erwahnen haben werde, mit 
der Ubergabe dieser Spruche auch von den Bedingungen sprechen, welche mit der 
Aufnahme in die Schule verkniipft sind. 



Wir beginnen damit, daB wir wiederum diejenigen Worte uns vor die Seele 
treten lassen, welche aus alien Wesen der Welt, aus alien Vorgangen der Welt so 
sprechen zu dem Menschen, der einen unbefangenen Sinn dafiir hat, daB darinnen 
die Aufforderung liegt, das Leben des Menschen, der des Menschennamens wert 
sein will, zu suchen durch wahre Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis, die zur Welter- 
kenntnis fiihrt. Und eigentlich fordern uns ja von alien Seiten her alle Wesen aus 
alien Reichen der Natur und aus alien Reichen des Geistes auf zu dieser im wahren 
Sinne des Wortes gehaltenen Selbsterkenntnis, die der Weg der Welterkenntnis ist. 
So forderten auf alle Wesen der Natur und des Geistes die Menschen in der 
Vergangenheit, so in der Gegenwart, so werden sie die Menschen auffordern in 
der Zukunft. Diese auffordernden Worte, die von alien Seiten der Welt, von Ost 
und West, von Sud und Nord, von Oben und Unten an des Menschen Seele 
herandringen, wenn er sie horen will, sie mogen auch heute beginnen dasjenige, 
was diese Michael-Schule Euren Herzen, Euren Seelen bedeuten soil: 



die entsprechende Einleitung zu sprechen iiber Aufgabe und Bedeutung 
der Schule und iiber das Wesen der Mitgliedschaft zur Schule. Trotzdem 



* 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 65 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



* 



Wir haben gesehen, wie herangetreten wird von dem nach Erkenntnis Suchenden 
an den Hiiter der Schwelle, wie - nachdem der nach Erkenntnis Suchende zer- 
schmettert dagestanden hat unter dem Eindrucke der drei Tiere, die vor dem 
Antlitz der geistigen Welt die wahre Gestalt seines jetzigen Wollens, Fiihlens und 
Denkens darstellen -, wie der nach Erkenntnis Suchende aufgerichtet wird nach 
und nach von dem Hiiter der Schwelle. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 66 



Und schon haben wir vernommen, was der Hiiter der Schwelle spricht zu dem, 
den er also aufrichten will, wie er ihn hinweist auf der einen Seite nach oben, 
hinweist darauf, wie da kampft in dem Reiche, aus dem die Kraft unseres Denkens 
in unser Menschenwesen stromt, das Licht mit finstren Machten. Der Hiiter der 
Schwelle meint: dies Bild brauchen wir. Wir brauchen es, daB - wenn wir den 
Ursprung unseres Denkens, die Kraft unseres Denkens in unserem Menschenwesen 
in der richtigen Weise erkenntnissuchend fiihlen wollen -, daB wir dann hinauf- 
schauen in jene Reiche, aus denen unser Denken kommt, wo aber einen furchtbaren 
Kampf fiihren die Machte des Lichtes, jenes Lichtes, das das Denken in die richtigen 
Bahnen bringen will, mit den Machten der Finsternis, die das Denken abbringen 
wollen von den richtigen Bahnen, es in Irrwege fiihren mochten. Da oben ist unser 
Denken verwurzelt. Wir miissen es verwurzelt wissen, wenn wir Erkennende 
werden wollen, mit dem Kampf zwischen Licht und Finsternis. 

Und dann finden wir, wenn wir lichtwarts zu streben verstehen, uns noch immer 
so, daB wir uns aufrecht erhalten miissen. Und wir miissen wissen, daB wir hineinge- 
stellt sind in den Kampf zwischen Licht und Finsternis: Das Licht will uns hinneh- 
men sozusagen in eine geistige Lichtohnmacht, die Finsternis will uns hinnehmen 
und uns im Stoff uns verirren lassen. Wir aber miissen den Gleichgewichtszustand 
zwischen beiden suchen: nicht uns vom Lichte hinnehmen lassen, nicht uns von 
der Finsternis in Stoff verwandeln lassen, sondern, fest in unserer Eigenheit stehend, 
das Gleichgewicht finden fur unser Denken zwischen Licht und Finsternis. 

Wiederum, wenn wir unser Fiihlen betrachten, da miissen wir sehen - in jenem 
Reiche, das mehr im Horizontalen, in den Weltenweiten wirkt und lebt -, wie wir 
hineingestellt sind in den Kampf zwischen Seelenwarme und Seelenkalte. 

In der Seelenwarme wirken alle luziferischen Machte, die Machte der Schonheit, 
die Machte der Helligkeit, die Machte, welche uns ohne unser Zutun geben mochten 
alle gottlichen Krafte. Wir wiirden unselbstandig und unfrei werden, wenn sie uns 
in sich auffangen wiirden. 

Aber auf der anderen Seite stehen die Machte der Kalte, der Seelenkalte, die 
von ahrimanischen Wesenheiten durchsetzt sind, die uns in der Kalte das Verlieren 
unseres Selbstes bringen mochten. Wir miissen wiederum das Gleichgewicht finden 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 67 



zwischen jener Geisteslust, in welche uns die Machte der Warme, der Hitze, des 
Feuers bringen mochten, und denjenigen Regionen, in denen in Kalte, mit ungeheu- 
rer Intellektualitat, mit einer alles iiberragenden Intellektualitat iiberzeugend, ver- 
sucherisch iiberzeugend die ahrimanischen Machte fiihren mochten. Zwischen 
beiden miissen wir wiederum, um das rechte Fiihlen ftir die Erkenntnis zu finden, 
uns im Gleichgewichte halten. 

Dann, wenn wir auf unser Wollen sehen: nach unten miissen wir blicken. Da 
ist das Reich der Erde und der Schwere, aus dem zunachst fur unser Erdenleben 
auch die Kraft unseres Wollens kommt. Denn die Erde hat in sich nicht nur die 
Kraft der Schwere, sie hat geistig in sich die Kraft des Wollens im Menschen. 
Wiederum stehen wir zwei Machten gegeniiber, den Machten des Lebens und den 
Machten des Todes. Wir konnen verfallen mit unserem Wollen den Machten des 
Lebens. Da ist es dann, als ob die Machte des Lebens uns ergreifen mochten. Sie 
mochten durch unsere Willenskrafte wollen im kosmischen Zusammenhange. Wir 
miissen unser Selbst aufrecht erhalten, mittendurch die Gleichgewichtslage finden 
zwischen diesen Machten des Lebens und den Machten des Todes, die uns ver- 
krampfen mochten, um unser Wollen in das stoffliche Gestalten ewig hineinzuver- 
weben. 

Der Hiiter der Schwelle fordert uns an dieser Stelle auf, uns zwischen Licht 
und Finsternis in der Gleichgewichtslage, zwischen Warme und Kalte in der Gleich- 
gewichtslage, zwischen Leben und Tod in der Gleichgewichtslage zu halten. Denn 
nicht das Licht allein ist die Macht, der wir zugehoren diirfen; im Lichte allein 
wiirden wir betaubt werden, geblendet werden. Nicht die Finsternis allein ist 
dasjenige, dem wir uns verschreiben diirfen, denn da wiirden wir uns an den Stoff 
des Finsteren verlieren. Dasjenige, was wir anstreben miissen, ist auf geistige Art 
dasjenige, was in aller Welt angestrebt wird. 

Wo Ihr hinschaut, meine Schwestern und Briider, wirken ineinander Licht und 
Finsternis. Schauet an Eure Haare: das Licht setzt sie Euch ein in Euren Kopf; 
aber die Finsternis muB sie durchdringen, sonst wiirden die Haare lediglich Licht- 
strahlen sein. Seht Ihr Euch an Euren ganzen Korper: vom Lichte ist er gewoben; 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 68 



aber er wiirde nicht auf Erden Festigkeit haben konnen, wenn nicht die Finsternis 
hineinverwoben ware. Seht Euch an jeglichen Gegenstand, meine Schwestern und 
Briider! Die bliihenden Pflanzen: von dem Lichte sind sie geschaffen; doch aus 
dem Boden heraufdringen miissen die Machte der Finsternis, damit aus Licht und 
Finsternis dasjenige, was die Pflanzen in ihrer festen Konsistenz darstellen als 
Wesen auf Erden, auftreten kann. 

So wie in aller Natur gefunden wird der Ausgleich zwischen Licht und Finsternis, 
so muB der Mensch es seelenhaft in der geistigen Welt anstreben, wenn er ein 
wirklich Erkenntnis Suchender sein will. Und so ist es mit dem Gleichgewichtsstre- 
ben zwischen Warme und Kalte, so ist es mit dem Gleichgewichtsstreben zwischen 
Leben und Tod. 

Und so stehen wir am gahnenden Abgrund des Seins, schauen noch immer - 
indem hinter uns die farbenerglanzenden Reiche der Natur, denen wir mit unseren 
Sinnen angehoren, immer finsterer und finsterer werden, indem uns klar wird, aus 
all dem leuchtenden Sinnlichen kommt nicht heraus dasjenige, was unser eigenes 
Wesen ist, was uns zur Selbsterkenntnis fiihrt -: Vor uns ist noch wie eine schwarze 
Wand die Grenze des finsteren Reiches, in das wir hinein miissen, damit es Licht 
darinnen wird durch die Kraft, die wir selber hineinbringen. Wir stehen noch am 
gahnenden Abgrund des Seins, haben aber schon etwas Mut gewonnen, daB durch 
die Mahnungen des Hiiters uns Fliigel wachsen werden, den Abgrund zu iiberset- 
zen, damit wir in die Finsternis hineinkommen und es Licht werde in der Finsternis. 

Das eben ist eine der letzten Mahnungen, die der Hiiter der Schwelle uns gibt 
und die da lautet: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 69 



Es kampft das Licht mit finstern Machten 

In jenem Reiche, wo dein Denken 

In Geistesdasein dringen mochte. 

Du findest, lichtwarts strebend, 

Dein Selbst vom Geiste dir genommen; 

Du kannst, wenn Finstres dich verlockt, 

Im Stoff das Selbst verlieren. 

Es kampft das Warme mit dem Kalten 
In jenem Reiche, wo dein Fiihlen 
Im Geistesweben leben mochte. 
Du findest, Warme liebend, 
Dein Selbst in Geisteslust verwehend; 
Du kannst, wenn Kalte dich verhartet, 
Im Leid das Selbst verstauben. 

Es kampft das Leben mit dem Tode 

In jenem Reiche, wo dein Wollen 

Im Geistesschaffen walten mochte. 

Du findest, Leben fassend, 

Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden; 

Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt, 

Im Nichts das Selbst verkrampfen. 



Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 154:] 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 70 



Der Hiiter am Abgrund, Gleichgewicht fordernd: 



Es kampft das Licht mit finstern Machten 

In jenem Reiche, wo dein Denken 

In Geistesdasein dringen mochte. 

Du findest, lichtwarts strebend, 

Dein Selbst vom Geiste dir genommen; 

Du kannst, wenn Finstres dich verlockt, 

Im Stoff das Selbst verlieren. 

Es kampft das Warme mit dem Kalten 

In jenem Reiche, wo dein Fiihlen 

Im Geistesweben leben mochte. 

Du findest, Warme liebend, 

Dein Selbst in Geisteslust verwehend; 

Du kannst, wenn Kalte dich verhartet, 

Im Leid das Selbst verstauben. 

Es kampft das Leben mit dem Tode 

In jenem Reiche, wo dein Wollen 

Im Geistesschaffen walten mochte. 

Du findest, Leben fassend, 

Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden; 

Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt, 

Im Nichts das Selbst v erkrampfen. 

Man wird fmden, meine lieben Schwestern und Briider, wenn man mit rechter 
Gesinnung und rechtem Sinn sich gerade diesen mantrischen Worten hingibt in 
innerer Seelenruhe, in voller innerer Opferempfindung fur die Hingabe des Geistes, 
man wird finden, daB in den Worten selbst dasjenige liegt, was in die Gleichge- 
wichtslage die Seele hineinbringt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 71 



Nun stehen wir als Erkenntnissuchende vor dem Hiiter der Schwelle am gahnen- 
den Abgrund des Seins. Der Hiiter der Schwelle gibt uns als das Nachste eine 
Belehrung dariiber, wie wir, indem wir die Richtung einschlagen wollen zwischen 
dem Licht und der Finsternis, dem Warmen und dem Kalten, dem Leben und dem 
Tode, uns aufrecht in unserem eigenen Selbst finden konnen. 

Wir konnen es nicht anders, meine lieben Schwestern und Briider, als wenn wir 
uns recht darauf besinnen: Um zur wirklichen Erkenntnis zu kommen, ist es 
notwendig, daB wir eins werden mit der Welt, daB wir ein Gefiihl bekommen 
gegeniiber der Welt, wie der Finger, wenn er fiihlen konnte fur sich, das Gefiihl 
hatte gegeniiber dem ganzen Menschenleibe. Wiirde der Finger fiihlen konnen fur 
sich, so wiirde er sich sagen: ich bin nur solange Finger, als ich am Menschenleibe 
bin, als das Blut des Menschenleibes mein Blut ist, als die Pulsation des Menschen- 
leibes meine Pulsation ist; schneidet man mich ab: ich hore auf, ein Finger zu 
sein. - Der Finger verliert seinen Sinn in Trennung vom Organismus, zu dem er 
gehort und an dem er allein Finger sein kann. 

So muB der Mensch fiihlen lernen gegeniiber der ganzen Welt. Wir sind ein 
Glied am geist-seelenhaften Organismus der ganzen Welt, sind nur scheinbar als 
Menschen abgetrennt von dem geist-seelenhaften Organismus der Welt, miissen 
uns in der rechten Weise mit dem geist-seelenhaften Organismus der Welt zusam- 
menfinden, miissen zunachst wissen: da sind um uns herum ausgebreitet die Ele- 
mente Erde, Wasser, Luft, Feuer. Und wir miissen lernen, uns eins zu fiihlen 
unserer Leiblichkeit nach - denn diese ist gegliedert aus diesen Elementen -, uns 
eins zu fiihlen mit diesen Elementen. 

Der Hiiter der Schwelle gibt uns die Lehre, wie wir das sollen und wie wir das 
konnen. Bedenkt jetzt genau dasjenige, was einflieBt in jene belehrenden mantri- 
schen Spruche, die an dieser Stelle unseres Vorruckens bis zum Abgrund des Seins 
der Hiiter der Schwelle uns gibt. 

Meine lieben Schwestern und Briider, denkt Ihr Euch, Ihr stoBet mit dem Finger 
tastend an irgendeinen Gegenstand. Ihr wiBt, der Gegenstand ist da, wo Ihr hin- 
stoBt. Ihr tastet an einen Gegenstand. Ihr habt im Gefuhle das Einssein mit diesem 
Gegenstand; denn in dem Augenblick, wo Ihr antastet an einen Gegenstand, ist 
eine Tastempfindung dasjenige, was einen Finger oder womit Ihr sonst tastet, eins 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 72 



macht mit dem Gegenstande. Nun denkt Ihr Euch, Ihr seid im Ganzen wie ein 
Finger, wie ein tastendes Glied. Ihr steht auf der Erde, auf dem Element Erde; Ihr 
steht, weil die Erde als ihre hauptsachlichste Eigenschaft das Element der Schwere 
hat. Ihr tastet mit Euren FuBsohlen auf die Erde, ganz gleichgiiltig, ob Ihr auf 
einem Zimmerparkettboden oder woanders steht drauBen auf der freien Erde. Es 
kommt darauf an, daB Ihr fiihlet im Stehen das Tasten an der Schwere des Erdenele- 
mentes. Ihr konnet auf dem Berge oben stehen, auf einem Turm: Ihr empfindet 
- wie Ihr am Ende Eures Fingers empfindet das Harte und Weiche, das Warme 
und Kalte -, im TastprozeB empfindet Ihr Eure Einheit, wenn Ihr Euch im Ganzen 
als Finger denkt, an Euren FuBsohlen, wo Ihr die Schwere empfindet. 

Das sagt der Hiiter der Schwelle, indem er ermahnt, in der folgenden Weise: 

O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein, 
Wie Erdenkrafte dir im Dasein Stiitze sind. 

DaB Erdenkrafte unsere Stiitze sind, daB das Erdenelement uns stiitzt, damit wir 
nicht versinken, das sagt uns der Hiiter der Schwelle an dieser Stelle. 

Aber dann fiihrt er uns weiter, wenn wir nun fiihlen nicht nur, wie wir als 
ganzer Finger unten aufstehen, sondern wenn wir nun dasjenige, was im Innern 
des Fingers ist, fiihlen: Es ist zunachst das Wasserelement, das Flussige. Denn 
alles, was im Menschen ist - das ist selbst auBerlich mit physischer Wissenschaft 
zu verfolgen -, ist aus dem flussigen Elemente herausgeboren. Das Feste ist erst 
aus dem Flussigen abgeschieden, wie das Eis aus dem Wasser. Wir miissen aufsteigen 
zum Erfuhlen des zweiten Elementes. Da drauBen ist uberall das Flussige in der 
Welt. In uns werden unsere eigenen Bildekrafte aus dem flussigen Elemente heraus 
geformt. Es formen uns die Bildekrafte. Unsere Lunge, unsere Leber sind fest 
geformt, aber sie erstarren aus dem flussigen Elemente heraus. So wie wir die Erde 
fiihlen als Stiitze, so fiihlen wir, indem wir unsere Organe fiihlen, aus dem Wasser- 
elemente heraus uns als Mensch gebildet. Die Wasserkrafte sind unsere Bildner; 
die Erde ist unsere Stiitze. Deshalb ermahnt uns der Hiiter der Schwelle: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 73 



O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis 

- iiberall konnen wir tasten, aber wenn wir das Tasten selber fiihlen - 

O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis, 
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind. 

Nun mahnt uns der Hiiter der Schwelle weiter. Er mahnt uns, wie wir einheitlich 
auch werden konnen mit den Luftgewalten. Die Luft atmen wir ein. Wir konnen 
wissen, wenn wir die Luft in unrechter Weise einatmen, daB wir Gefuhle bekom- 
men, daB das mit unseren Gefiihlen zu tun hat; daB wir Gefuhle bekommen, die 
uns angstigen, die die Koharenz unseres Seins durchbrechen. So wie das Wasserele- 
ment uns bildet, so pflegt uns das Luftelement. Der Hiiter der Schwelle mahnt 
uns: 

O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben, 
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind. 

Nun fiihrt uns der Hiiter weiter zum Warmeelement. Mit der Warme fiihlen 
wir uns ja innig verbunden. Die Erde als Stiitze fiihlen wir noch auBer uns. Von 
der Art und Weise, wie die Wasserkrafte in uns bilden - wahrend des Wachstums 
zum Beispiel -, wissen wir wenig; das bleibt im UnterbewuBtsein. Ins Gefiihl 
herein dringen die Luftgewalten nur, wenn sie abnorm werden, wenn sie nicht 
normal wirken. Aber mit der Warme, wenn wir sie im rechten MaBe im Menschen- 
wesen haben, fiihlen wir uns einheitlich. Wir werden seelenwarm, wenn wir auBere 
Warme empfinden, in unserem ganzen Menschenwesen. Wir erstarren, wenn wir 
auBere Kalte erleben miissen. Warme und Kalte sind eins in einer ganz anderen 
Art in der Elementarwelt mit uns. Das sind weder bloBe Stiitzen, noch Bildner, 
noch Pfleger, das sind unsere wahren Heifer zum physischen Dasein. Der Hiiter 
der Schwelle ermahnt uns: 

O Mensch, erdenke in deines Fiihlens ganzem Stromen, 
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind. 

Wenn wir befolgen alles dasjenige, was in dieser Aufforderung liegt, dann werden 
wir den Weg finden, zunachst unser Leibliches mit den Elementen zu vereinigen 



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im BewuBtsein. Denn in Wirklichkeit ist unser Leibliches eins mit den Elementen. 
Und in verschiedenen Graden ist unser Leibliches eins mit den Elementen. Zunachst 
mit dem Elemente der Erde in auBerlich mechanischer Weise: «Stiitze» ist uns das 
Erdenelement; das ist auBerlich mechanisch. Es wird schon innerlicher, aber noch 
immer etwas, was im Formen und im Gestalten besteht, was noch nicht ins Seelische 
geht: Wasserwesen bilden uns, sind unsere «Bildner». Nun dringt es vollig ins 
Moralische herauf, wenn wir mit dem Luftelemente eins werden. Das Luftelement 
ist nicht mehr bloB ein auBerlicher Gestalter, es ist unser Pfleger. Und unsere 
Gefuhle werden Angstgefuhle, wenn uns nicht das richtige Atmen pflegt. Die 
Luftgewalten sind «Pfleger»; «Helfer», daB wir uberhaupt Erdenwesen sein kon- 
nen, «Helfer» sind Warme und Kalte; das sind Feuermachte. Das ist vollig ins 
Moralische schon heraufgestellt. 

Und so heiBt die Summe der Ermahnungen von seiten des Hiiters der Schwelle 
als die Steigerung, im Steigern der Elemente: 

O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich. 

[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 155:] 

Die Lehre des Hiiters: 

O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein, 
Wie Erdenkrdfte dir im Dasein Stiitze sind. 

O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis, 
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind. 

O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben, 
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind. 

O Mensch, erdenke in deines Fuhlens ganzem Strdmen, 
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind. 



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Wir haben die Steigerung [an derTafel wirdunterstrichen]: «Stiitze», «Bildner», «Pfleger», 
«Helfer». 

Wir haben noch eine andere Steigerung. Denn in einem mantrischen Spruch 
steht jedes Wort an seiner richtigen Stelle, und es ist kein Wort da, das bloB etwas 
ausfiillen soil. Alles deckt sich mit dem inneren Sinn, mit dem wir uns vereinen 
sollen, indem wir einen solchen mantrischen Spruch meditieren. Wir haben eine 
Steigerung [es wird an der Tafel unterstrichen] : «ertaste», «erlebe», <<erfiihle», «erdenke». 
Es ist eine besondere Steigerung. So miissen wir auch den inneren sinnvollen Bau 
eines solchen mantrischen Spruches meditierend erleben. 

Wenn der Hiiter dieses gesagt hat, faBt er es noch einmal zusammen in einer Zeile: 

[Es wird an die Tafel geschrieben:] 

O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich. 

So hat uns der Hiiter der Schwelle gefiihrt zu inneren Sprucherlebnissen, durch 
die wir unser Leibliches vereinigen konnen mit den Elementen, zu denen es gehort. 

Er leitet uns weiter hinauf in das Seelische. Da weist er uns nicht an die Elemente 
Erde, Wasser, Luft, Feuer, da weist er uns an die Planeten, an die Wandelsterne. 
Da weist er uns dahin, wie wir fiihlen sollen, wie in dem Kreislauf der Planeten 
- in demjenigen, was durch die Planeten als Kreise um die Erde gezogen wird - 
der eine und der andere Planet den Kreis zieht. Die Kreise haben ihr Verhaltnis 
und sprechen miteinander, wenn der Mensch sich seelisch zu diesem Geheimnis 
der weltenweisenden Sternenmachte, der Wandelsternenmachte erhebt. Dann lebt 
er sich mit seinem Seelischen ins geistige Reich des Kosmos hinein, wie er sich 
vorher mit seinem Leibe in das Reich der Elemente hineingelebt hat. Sich eins 
fiihlen mit dem Kosmos - seelenhaft - konnen wir nur, wenn wir uns ins Reich 
der Wandelsterne, der Planeten mit ihren Bahnbeschreibungen hineinleben. Das 
sagt uns der Hiiter der Schwelle mit den Worten: 

O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen 
Der Wandelsterne weltenweisende Machte. 



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[Es wird nun an die Tafel geschrieben:] 

O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen 
Der Wandelsterne weltenweisende Mdchte. 

Wiederum faBt der Hiiter der Schwelle dasjenige, was in diesen beiden Zeilen 
als richtunggebende Kraft liegt, als das Einsfiihlen der Geheimnisse der Seele mit 
den Wandelsternen, ZUSammen in die Zeile [es wird an die Tafel geschrieben]: 

Mensch, erwese dich 
- das heiBt: mache dich seiend - 

durch den Weltenkreis. 

Die Weltenkreise der verschiedenen Wandelsterne sind zusammengezogen in den 
einen Weltenkreis. Damit haben wir Leib und Seele mit der Welt als eins empfun- 
den: den Leib mit den irdischen Elementen, die Seele mit den Wandelsternen. 

Wollen wir den Geist eins fiihlen mit dem Weltenall, da konnen wir weder 
hinschauen zu den Elementen, da konnen wir auch nicht hinschauen zu den Ge- 
heimnissen der Wandelsterne, da miissen wir den Blick hinaufrichten zu den Fix- 
sternen, zu den Ruhesternen. Denn da ist die Macht, mit der wir unseren Geist 
als eins fiihlen miissen drauBen im weiten Weltenall, wenn wir im wahren Sinne 
des Wortes uns als ein Glied dieses Weltenalls fiihlen wollen. Da beginnt die Welt 
in der Weltenspharenmusik zu tonen. Deshalb ermahnt uns der Hiiter der Schwelle: 

Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen 
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte. 

[Es wird nun an die Tafel geschrieben:] 

O Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen 
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte. 



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Und wiederum faBt der Hiiter der Schwelle zusammen, was in dieser Aufforde- 
rung steht, in den einen Satz: 

Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit. 
Unser Geistsein ist in jedem Augenblicke ein Schaffen unseres Selbst. 

[Es wird nun an die Tafel geschrieben:] 

O Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit. 

Wir stehen in diesem Falle, wenn wir richtig empfinden und fiihlen, verinnerlicht 
vor dem Hiiter der Schwelle. Wir gedenken, wie ertont uns hat das Wort von der 
Selbsterkenntnis aus alien Wesen noch in einer abstrakten Form, wie es an uns 
herangeklungen ist von alien Seiten des naturlichen und des geistigen Seins. Aber 
das eine Wort: «0 Mensch, erkenne dich selbst!», es ist jetzt in seine einzelnen 
Glieder auseinandergelegt. Es zerfallt jetzt die eine Aufforderung in eins, zwei, 
drei, vier, funf, sechs, sieben, acht, neun Glieder. Das «0 Mensch, erkenne dich 
selbst !» sollen wir gewissermaBen in neun Strahlen sehen. Dann wird es erfullt 
von dem, was unsere Meditation braucht. 

So sollen wir fiihlen. Und so sollen wir gewissermaBen dem Hiiter der Schwelle 
geloben, daB wir seine Mahnung erfiillen: 



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O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein, 
Wie Erdenkrafte dir im Dasein Stiitze sind. 

O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis, 
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind. 

O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben, 
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind. 

O Mensch, erdenke in deines Fiihlens ganzem Stromen, 
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind. 

O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich. 

O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen 
Der Wandelsterne weltenweisende Machte. 

O Mensch, erwese dich durch den Weltenkreis. 

O Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen 
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte. 

O Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit. 

Wir fassen eine Art Gelobnis vor dem Hiiter der Schwelle, daB wir das in immer- 
wahrendem Gedenken an seine Ermahnungen uns mantrisch durch die Seele Zie- 
hen lassen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 79 



Und schauen wir immer wieder und wieder zuriick: bei jedem Schritte fiihlen 
wir uns verpflichtet, uns zu erinnern an das, was diesseits der Schwelle vorgeht. 
Und diesseits der Schwelle hat uns eben jeder Stein und jede Pflanze, jeder Baum, 
jede Wolke, jede Quelle, jeder Fels, jeder Blitz, jeder Donner zugerufen: 

O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfiihlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 

Wenn so mit der vollen spirituellen Kraft vom Hiiter der Schwelle in diesem 
Raum erklingen die Worte, die er uns als dienendes Glied der Michael-Macht, der 
regierenden Macht unserer Zeit, zuruft, wenn so diese Worte erklingen, dann 
konnen wir, weil von Michaels Macht selber diese esoterische Schule eingesetzt 
ist, sicher sein, daB Michael weilt mit seiner Kraft, mit seinem Geiste, mit seiner 
Liebe, daB Michael weilt geistig-seelisch unter uns. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 80 



Und das darf auch bestatigt werden - da, wo verantwortlich gefiihlt wird dasjeni- 
ge, was die Schule leitet, gegeniiber der Michael- Macht so, daB nichts anderes 
durch diese Schule stromt als dasjenige, was in dem heiligen Willen Michaels selber 
liegt -, das darf bekraftigt werden durch Michaels Zeichen und Michaels Siegel; 
dieses Michael-Zeichen: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 154] 

und das Michael- Siegel, mit dem bekraftigt wird, daB in die wahre rosenkreuzeri- 
sche Schulung einzieht die Michael-Macht und so verbunden wird dasjenige, was 
in der Michael-Schule gelehrt wird, mit Michaels Siegel, das die Rosenkreuzer- 
Stiftung besiegelt in dem Rosenkreuzer-Spruche, der mit den Siegelzeichen ver- 
sehen also gesprochen wird: 

Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

In Chris tO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

Per Spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

und das heiBt: 

[In die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich bewundere den Voter 

[In die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich liebe den Sohn 

[In die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich verbinde mich dem Geiste. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 81 



«Ich bewundere den Vater»: indem wir den Spruch «Ex deo nascimur» sprechen, 
geht das fuhlend durch unsere Seele; 

«Ich liebe den Sohn»: mit dem Spruch «In Christo morimur» stumm durch die 
Seele - gefiihlt - ziehend; 

«Ich verbinde mich dem Geiste»: stumm gefiihlt bei dem Spruche «Per spiritum 
sanctum reviviscimus». 

Die Spruche des Hiiters der Schwelle kommen an Euch, meine Schwestern und 
Briider, mit Zeichen und Siegel Michaels: 

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 

* 

Die Spruche, welche in dieser Schule mitgeteilt werden, konnen nur diejenigen 
besitzen, die rechtmaBig in die Schule als Mitglieder aufgenommen sind. Diejenigen, 
die nicht anwesend sein konnen bei einer Stunde, wo Spruche gegeben werden, 
konnen diese Spruche erhalten von solchen, die sie in der Schule selbst haben 
erhalten konnen. Doch muB, um diese Spruche zu erhalten, in der Weise erst die 
reale Erlaubnis entweder von Frau Dr. Wegman oder mir angesucht werden. Dieses 
Ansuchen an Frau Dr. Wegman oder mich selber kann nur geschehen von demjeni- 
gen, der die Spruche einem andern geben will. Es soil also von vornherein nicht 
derjenige ansuchen - es hat keinen Zweck -, der sie bekommen will. Er kann zu 
einem andern gehen, kann ihn bitten, daB er sie ihm gibt; aber fragen muB derjenige, 
der sie gibt, in jedem einzelnen Fall. Das ist nicht eine VerwaltungsmaBregel, 
sondern es ist eine okkulte Einrichtung, die bestehen muB, weil die Ubergabe 
beginnen muB mit diesem realen Akte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 82 



Es kann auch nicht - weil das vorgekommen ist, muB ich es im besonderen 
sagen -, es kann auch nicht, wenn nicht besondere Griinde vorliegen, so daB eine 
Verstandigung mundlich nicht moglich ist, es kann auch nicht schriftlich angesucht 
werden, sondern es muB mundlich angesucht werden. Am wenigsten darf innerhalb 
der Esoterik auch nur der Schein, der fernste Schein eines burokratischen Wesens 
sich einleben. Alles muB im Lebendigen stehen wie uberhaupt in der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. 

Dann ist zu sagen, wer mehr nachschreibt als die Spruche, der ist verpflichtet, 
das Nachgeschriebene nur acht Tage zu haben und es dann zu verbrennen. Denn 
es ist nicht gut, wenn die Dinge langer irgendwie verbleiben. Sie konnen alle 
moglichen Wege nehmen. Das Esoterische muB so behandelt werden; das ist nicht 
eine willkurliche MaBregel. Im Esoterischen ist alles aus den wirklichen okkulten 
Untergrunden heraus bestimmt. Und wenn esoterische mantrische Spruche in 
unrechter Weise hinauskommen iiber diejenigen Mitglieder, die dazu berechtigt 
sind, in realer Weise dazu berechtigt sind, indem sie entweder direkt hier, bei 
ihrem Sitzen hier die Spruche erhalten haben, oder sie auf dem angedeuteten 
rechtmaBigen Wege erhalten haben, - wenn sie an andere kommen, die sie nicht 
auf einem so rechtmaBigen Wege erhalten haben, verlieren ftir alle, die die Spruche 
haben, diese Spruche ihre spirituelle Kraft. Das ist ein okkultes Gesetz. Und es 
gibt eben in der Geisteswelt Gesetze, die nicht iibertreten werden konnen unge- 
straft. Also es handelt sich nicht um eine willkurliche MaBregel, sondern um die 
Einhaltung eines okkulten Gesetzes. 



Nun habe ich zu verkundigen, daB morgen sein wird wiederum um halb zehn 
Uhr der Kursus ftir Pastoralmedizin, um zwolf Uhr mittags der Kursus fur Sprach- 
gestaltung und dramatische Kunst, nachmittags um halb vier Uhr der Kursus fur 
Theologen, und abends um achteinviertel Uhr wird ein Mitgliedervortrag sein. 
Um funf Uhr wird die Eurythmieauffuhrung sein. Die nachste esoterische Stunde, 
die dann abrunden soil diese Michael-Lehren, die bekommen worden sind, wird 
am Montag um halb neun stattfinden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 83 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 



FUNFTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 15. September 1924 

eine lieben Schwestern und Briider! Auch heute sind ja wiederum neue 
Mitglieder zu dieser Schule gekommen. Es ist nicht moglich, jedesmal 
die Einleitung zu sprechen, welche von den Pflichten und der Bedeutung 
dieser Michael- Schule handelt. Daher muB ich diejenigen Mitglieder, welche in 
der Weise, wie ich das am Schlusse sagen werde, herankommen, um den Neuaufge- 
nommenen die mantrischen Spruche zu iibergeben, auffordern, ihnen auch diese 
Einleitung zu geben, welche notwendigerweise eigentlich jeder wissen muB, wel- 
cher Mitglied dieser Schule sein will. 



* 



Und so werden wir denn unmittelbar beginnen damit, auch heute wiederum 
die Worte in unsere Seele einzuschreiben, welche dem Menschen, der Unbefangen- 
heit genug dazu hat, entgegentonen aus allem, was in den Reichen der Natur, in 
den Hierarchien der Welt uns Menschen umgibt. In der Vergangenheit haben diese 
Worte dem Menschen aus alien Steinen und Pflanzen, Wolken, Sternen, aus Sonne 
und Mond, aus Quell und Fels entgegengetont; sie tonen ihm in der Gegenwart 
entgegen; sie werden ihm in der Zukunft entgegentonen: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:85 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Nun, meine lieben Schwestern und Briider, in der Beschreibung des Erkenntnis- 
weges sind wir dahin gelangt, daB wir am Abgrund des Seins stehen vor dem 
Hiiter. Der Hiiter der Schwelle hat uns klargemacht, wie dasjenige, was uns in 
der auBeren Welt umgibt, niemals unser eigenes Wesen uns enthullen kann, wie 
alles Hinschauen auf die Reiche der Natur, auf dasjenige, was unten auf und aus 
der Erde lebt und webt, was oben aus dem Reich der Sterne scheint und spricht 
- soweit wir es mit den Sinnen anschauen konnen, soweit wir es anschauen konnen 
mit unserem Verstande -, daB das alles nichts bietet, was uns Aufklarung geben 
kann iiber das Wesen unseres eigenen Selbstes, daB dunkel und finster diese Hellig- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 86 



keit, dieses Glitzernde im Sonnenschein, dieses Webende und Lebende, das so 
groB und gewaltig, so schon und herrlich in bezug auf die auBere Welt ist, daB 
das dunkel und finster bleibt fur unser wahres Selbsterkennen. 

Dann ist uns beschrieben worden, wie wir nach und nach uns nahern dem 
Hiiter, der uns wie aus Wolkendasein heraus als Geistgestalt sich formt, sich uns 
im Ebenbilde zeigt, doch auch wiederum zeigt, was wir zu erstreben haben als 
Mensch, um zur Selbsterkenntnis zu kommen. 

Dann sind wir hingetreten vor diesen Hiiter der Schwelle. Er hat uns gezeigt, 
wie die wahre Gestalt unseres Wollens, Fiihlens, Denkens vor dem Antlitze der 
Gotter ist. Er hat uns gezeigt, wie dasjenige, was in uns lebt als Mutlosigkeit und 
Furcht vor der Erkenntnis, als HaB auf die Erkenntnis, als Zweifel an der Erkennt- 
nis, doch in uns ist, weil unsere Zeitenbildung das in uns versenkt. Er hat uns die 
Tierformen unseres Wollens, Fiihlens, Denkens gezeigt. Niederschmetternd muBte 
er wirken auf uns, der Hiiter der Schwelle, um uns im Niederschmettern eben 
gerade aus dem Weben und Wesen unserer eigenen Seele auferwachen zu lassen 
diejenigen Krafte, die zur wahren Selbsterkenntnis fiihren. 

Dann aber hat uns der Hiiter der Schwelle aufgerichtet, uns allerdings zunachst 
zeigend, wie unser Denken, so wie wir es im gewohnlichen Leben haben, der 
Leichnam des lebendigen Denkens ist, das wir in uns tragen, bevor wir aus geistig- 
seelischen Welten heruntergestiegen sind in physisch-sinnliches Dasein. Er hat uns 
gezeigt, der Hiiter der Schwelle, wie wir mit unserem Leibe ein Sarg sind fur das 
mit unserem Erdendasein ersterbende lebendige Denken, das als Leichnam in 
diesem Sarge liegt. Aber diesen Leichnam beniitzen wir in diesem gewohnlichen 
abstrakten Denken, das wir zwischen Geburt und Tod in uns tragen, um die Dinge 
der physisch-sinnlichen Welt zu begreifen. 

Gerade wenn wir erfassen, wie tot dieses Denken ist, dann wird uns aufgehen 
an der Erfassung des toten Denkens, was wir lernen konnen an dem Leichnam, 
der vor uns liegt. Wir schauen diesen Leichnam an. Wir sagen uns: so wie er als 
Leichnam vor uns liegt, so hatte er niemals entstehen konnen; er ist ubrigge- 
blieben als Rest von einem Menschen, der lebend geistig-seelisch in ihm war. Der 
lebende Mensch, der beseelte Mensch, der durchgeistigte Mensch muBte dem 
vorangehen, was hier als Leichnam vor uns liegt. Dann erst erkennen wir die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 87 



Realitat des Leichnams, wenn wir dasjenige ins Auge fassen, was ihm voran- 
geht. Und so nahern wir uns der Realitat unseres Denkens, wenn wir es in seiner 
Totheit gewahr werden, und wissen, daB es der Leichnam ist des lebendigen Den- 
kens, das uns inne war, bevor wir heruntergestiegen sind ins physisch-sinnliche 
Erdendasein. 

Und so erinnert uns der Hiiter, wie unser Fiihlen nur halb lebendig, unser 
Wollen allerdings ganz lebendig ist, aber all dieses Lebendige uns nur auBerlich 
zum BewuBtsein kommt. 

Und so erinnert uns der Hiiter der Schwelle, wie wir, um allmahlich den Uber- 
gang zu finden zum lebendigen Erfassen des Denkens, hinaufschauen sollen in 
Himmelshohen; wie wir in die Weltenweiten blicken sollen, um die Natur des 
Fiihlens zu erfassen, und in die Weltentiefen, in die Erdentiefen, um zu ahnen die 
Natur des Wollens. 

Zugleich aber zeigt uns der Hiiter, wie wir hineingestellt sind mit unserem 
Denken - indem wir hinaufblicken in das Weltendenken, in dem unser irdisch- 
menschliches Denken wurzelt - zwischen Licht und Finsternis; wie das Licht uns 
gefahrlich werden kann, wenn wir uns ihm einseitig hingeben; wie die Finsternis 
uns gefahrlich werden kann, wenn wir uns ihr einseitig hingeben; wie wir Richtung 
und Ziel mittendurch zwischen Licht und Finsternis fur unser Denken, wenn es 
die Wahrheit finden soil, suchen miissen; wie wir mit unserem Fiihlen mittendrin- 
nen stehen zwischen dem Warmen und Kalten; und wie wir, wenn wir uns dem 
Warmen ergeben, in der lustvollen Glut des Fiihlens verschwinden konnen, auf 
der anderen Seite in der Kalte verharten konnen. 

Der Hiiter der Schwelle weist uns hin, wie wir mittendurch durch das Seelenwar- 
me und das Seelenkalte den Christus-Weg gehen sollen. Der Hiiter der Schwelle 
weist uns hin, daB, wenn wir das Wollen suchen in Erdentiefen, wir uns mittendrin- 
nen befinden zwischen Leben und Tod; wie das Leben uns in Ohnmacht verschwin- 
den lassen will; wie der Tod uns verkrampfen will im Nichts; wie wir ftir das 
Wollen die Richtung mittendurch finden miissen. Das, das ist es, meine lieben 
Schwestern und Briider, was aber seit uralten Mysterienzeiten als der mittlere Weg 
beschrieben worden ist, den die Menschenseele zu gehen hat, wenn sie die ihr 
vorgezeichneten Wege ins Geistige hinein weiter gehen soil. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 88 



Der Hiiter der Schwelle, vor dem wir stehen - vor dem wir stehen als dem 
ernsten ersten Vertreter Michaels, denn der wirkliche Leiter dieser unserer Schule 
ist Michael -, gibt uns weiter Anleitung, wie wir iiber den Schein des Denkens, 
uber dieses tote Denken hinauskommen konnen in das lebendig Wesenhafte dieses 
Denkens. Da miissen wir uns dazu bequemen, vor alien Dingen streng die Gesetze 
zu halten, welche jedem Esoteriker mit goldenen Lettern vorgeschrieben sind 
- er muB nur das Gold ergreifen -, welche uns jetzt der Hiiter wiederholt. 

Er macht uns aufmerksam darauf, wie der gahnende Abgrund des Seins vor uns 
ist, wie wir ihn iiberfliegen miissen, weil wir ihn mit ErdenfiiBen nicht uberschreiten 
konnen, wie wir dann in die geistige Welt hineinkommen werden, denn driiben, 
jenseits des gahnenden Abgrundes des Seins, ist tiefe, nachtbedeckte Finsternis 
noch vor uns. Aber wir miissen hinein iiber den gahnenden Abgrund des Seins in 
diese tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis. Aus ihr muB uns Warme, aus ihr muB 
uns Licht werden, das unser eigenes Selbst beleuchtet, die unser eigenes Selbst 
erwarmt. Wir konnen nicht den festen Stutzpunkt im Geistigen finden, wenn wir 
nicht jederzeit, wenn wir driiben sein werden, an das Gelobnis uns erinnern, das 
sich unsere Seele gibt, wenn sie jetzt in dieser Lage, nachdem sie die friiheren 
Mahnungen erhalten hat, vor dem ernsten Hiiter der Schwelle steht, der ihr sagt: 

VergiB nicht, daB du, solange du Erdenmensch bist, auch wenn du hinuber- 
kommst in die geistigen Welten, daB du dich, indem du wiederum zuriick dich 
begibst, den Gesetzen des Irdischen fiigen muBt. Du darfst nicht, wenn du mit 
deinem Denken eintrittst in die geistige Welt, glauben, daB wenn du wiederum 
zuriickkommst, deine Arbeit und dein Denken in Erdenumgebung verrichtest, daB 
du schwarmerisch fliegen darfst innerhalb der Erdenumgebung. Du muBt dir das 
Fliegen wahren fur das Denken, wenn du in der geistigen Welt bist. Du muBt die 
tiefe innere, intime Bescheidenheit iiben, immer wieder ein Mensch unter Menschen 
sein zu wollen, wenn du zuriick hinubertrittst in die gewohnliche Welt des gewohn- 
lichen BewuBtseins. Gerade aus einem solchen bescheidenen Bleibenwollen in der 
Welt, Nichtanwenden auf die gewohnliche Welt die Gesetze des geistigen Lebens, 
wird dir Kraft werden, das Denken so zu erfassen, daB es dir dienen kann in 
geistigen, in spirituellen Welten. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 89 



liber das Denken unterrichtet uns daher der Hiiter der Schwelle also: 



Du steigst ins Erden-Wesenhafte 
Mit deines Willens Kraftentfaltung; 
Betritt als Denker du das Erdensein, 
Es wird Gedankenmacht dir dich 
Als deine eigne Tierheit zeigen; 
Die Furcht vor deinem Selbst 
MuB dir in Seelen-Mut sich wandeln. 

Wir miissen das durchmachen; indem wir den mantrischen Spruch auf uns wirken 
lassen, miissen wir das durchmachen. Wir miissen, wenn wir eintreten wollen ins 
Wesenhafte der Erde, das heiBt in das Geistige der Erde, wir miissen, meine lieben 
Schwestern und Briider, dahin kommen, daB wir schauen, wie unser Denken 
zunachst noch Tierheit ist. Furcht vor dem eigenen Selbst, das noch Tier ist, miissen 
wir erleben; dann wird die Furcht ihr Gegenteil, den Mut gebaren, den wir brau- 
chen. Das ist die nunmehr an uns dringende starke, aber ernste, tief ins Herz uns 
schneidende Ermahnung des Hiiters der Schwelle. Er ermahnt uns, daB wir so 
fiihlen sollen, wenn wir das Element der Erde betreten. Wir haben vom Betreten 
der Elemente gehort durch den Hiiter der Schwelle. 

Er ermahnt uns weiter, wenn wir uns als fiihlende Wesen in das flussige Element 
begeben, in die Welt der Wasserwesen, wie wir da jetzt nicht die Furcht vor 
unserem Selbst gewahr werden sollen, aber gewahr werden sollen, wie wir traumend 
schlafen, schlafend traumen in diesem Wasserelemente, in diesem Flussigkeitsele- 
mente, das unser Bildner ist, wie wir gesehen haben. Und gerade wenn wir uns 
bewuBt werden, daB wir in diesem unserem menschlichen Erdenfuhlen wie im 
Pflanzendasein leben, dann wird dieses Gefiihl uns zum Erwachen bringen; denn 
es wird uns zeigen, wie lahm unser Selbst ist. Dann werden wir erwachen, wenn 
wir erst die Bescheidenheit haben, die Lahmheit unseres Selbstes einzusehen. 

Das dritte ist, wenn wir uns mit unserem Wollen in den Liiften fiihlen - zuerst 
im Erdenelemente mit dem Denken, dann im Wasserelemente mit dem Fiihlen, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 90 



dann mit dem Willen in dem Liifteelemente -, dann werden wir fiihlen in dem 
Liifteelemente, daB wir nichts haben in diesem Wollen zunachst als dasjenige, was 
uns das gewohnliche Gedachtnis gibt: Gedachtnisbilderformen. Wir miissen diese 
Bilderformen, die in unseren Gedanken ruhen, die passiv in unseren Gedanken 
sind, wollend ergreifen, dann ergreifen wir im inneren Bilde das Liiftewesen. Und 
die eigene Seele wird uns erscheinen, wenn wir uns so fiihlen im Liiftewesen, wie 
wenn sie erstarrt ware. Wenn wir uns die Erde wegdenken, die Luft wegdenken, 
uns atmen-wollend denken im Liiftewesen: wie erstarrt werden wir uns vorkom- 
men. Aber gerade aus der Empfindung dieses Kaltetodes, den wir da durchmachen, 
wird uns das Geistesfeuer kommen, das wir brauchen, um unser Wollen wirklich 
zu ergreifen. 

Es sind tiefe Spriiche, die uns da der Hiiter der Schwelle vor die Seele stellt. 
Nur wenn wir sie wohl beachten und hineingeraten in die Furcht vor uns selber, 
wie wir nichtig werden, wenn wir uns der Erde gegeniiber nur als denkend fiihlen, 
wird uns der Seelenmut zum lebendigen Denken erwachsen. Wenn wir fiihlen, 
wie lahm wir sind, wenn wir auf Erden fiihlen, halb-lebendig, gelahmt, wird uns 
die Starke wachsen, die uns erwachen laBt, so daB wir wie erwachend sind im 
geistigen Leben mit dem Fiihlen, in dem wir waren, bevor wir heruntergestiegen 
sind ins physische Erdendasein. Dann, wenn wir hinuntersteigen in unser Gedacht- 
nis, wollen mit unserem Gedachtnis in dem Lufteweben, in dem Augenblick fiihlen 
wir uns wie skierotisiert und kalt durchschauert. Aber gerade, wenn wir diesen 
kalten Schauer in uns fiihlen, wird aus der Kalte wiederum das Entgegengesetzte, 
das Geistesfeuer erwachen, das uns zeigen wird, wie das auf der Erde von uns nur 
zu verschlafende Wollen wurzelt in dem lebendigen Wollen, in dem wir waren, 
bevor wir heruntergestiegen sind ins irdische Dasein. Erinnernd erkennen miissen 
wir uns in unserem Sein, bevor wir heruntergestiegen sind ins physisch-irdische 
Dasein. Daran ermahnt uns der Hiiter der Schwelle. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 91 



Beziiglich des Fuhlens ist sein Wort: 

Du lebest mit dem Wasserwesen 

Nur durch des Fuhlens Traumesweben; 

Durchdring erwachend Wassersein, 

Es wird die Seele sich in dir 

Als dumpfes Pflanzendasein geben; 

Und Lahmheit deines Selbst 

MuB dich zum Wachen fiihren. 

Mit Bezug auf das Wollen spricht der Hiiter: 

Du sinnest in dem Liiftewehen 
Nur in Gedachtnis-Bilderformen; 
Ergreife wollend Luftewesen, 
Es wird die eigne Seele dich 
Als kalterstarrter Stein bedrohn; 
Doch deiner Selbstheit Kalte-Tod, 
Er muB dem Geistesfeuer weichen. 



[Das dreistrophige Mantram wird nun zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen an die Tafel 
geschrieben; siehe Tafelband Seite 156:] 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 9 2 



Der Hiiter mit allerbedeutsamstem Ernst: 



Du steigst ins Erden-Wesenhafte 
Mit deines Willens Kraftentfaltung; 
Betritt als Denker du das Erdensein, 
Es wird Gedankenmacht dir dich 
Als deine eigne Tierheit zeigen; 
Die Furcht vor deinem Selbst 
Mufi dir in Seelen-Mut sich wandeln. 

Du lebest mit dem Wasserwesen 
Nur durch des Fuhlens Traumesweben; 
Durchdring erwachend Wassersein, 
Es wird die Seele sich in dir 
Als dumpfes Pflanzendasein geben; 
Und Lahmheit deines Selbst 
Mufi dich zum Wachen fiihren. 

Du sinnest in dem Luftewehen 
Nur in Gedachtnis-Bilderformen; 
Ergreife wollend Luftewesen, 
Es wird die eigne Seele dich 
Als kalterstarrter Stein bedrohn; 
Doch deiner Selbstheit Kdlte-Tod, 
Er mufi dem Geistesfeuer weichen. 

Wir steigen von dem Denken in das Fiihlen, in das Gedachtnis hinunter, wenn 
wir diesen Spruch auf uns wirken lassen. Und indem wir unten in die Gedachtnistie- 
fen kommen, wo sonst das seelische Leben verschwindet, denn die Bilder des 
Gedachtnisses kommen wieder herauf: da ist die Grenze, wie ein Spiegel eine 
Grenze ist. Was von auBen in uns hereinkommt, kommt heran wie an eine Ge- 
dachtniswand, dann kommt es immer wieder zuriick. Wie man nicht hinter den 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :270c Seite:93 



Spiegel sieht, so sieht man nicht hinter die Wand des Gedachtnisses. Aber hier 
mahnt uns der Hiiter der Schwelle, wie wir durch dasjenige, was sonst Grenze ist, 
durchstoBen miissen, urn ins Geistige hineinzukommen. 

Nachdem uns der Hiiter der Schwelle so mehr auf unser Inneres verwiesen hat 
mit seinen Mahnspriichen und uns Zeit gelassen hat, dasjenige, was im Inhalte 
dieser Spruche liegt, in der Seele zu verarbeiten - wie wir uns, wenn wir diese 
mantrischen Spruche meditierend beniitzen, gerade an dieser Stelle lange, lange 
Zeit lassen sollen, damit sie mit ihrer Kraft in uns wirken und wirklich unser Ich 
hinuntertragen durch Denken, Fiihlen und Erinnern in dasjenige, was hinter allem 
Erinnern liegt -, dann ermahnt uns der Hiiter, wie wir uns verhalten sollen gegen- 
iiber der auBeren Welt. Erst hat er uns mehr auf unser Inneres verwiesen, jetzt 
ermahnt er uns, wie wir uns verhalten sollen gegeniiber der auBeren Welt. 

Er weist uns hinauf wiederum zum Lichte, das aber nur in dem Scheinleben 
der Gedanken in uns lebt. Das Licht ist es, das in uns denkt. Wenn das Licht in 
uns eindringt, denkt es in uns. Aber im Erdenleben ist das Licht nur Schein, der 
sich selber denkt. Bleiben wir dabei, so wird unwahres Geisteswesen uns in den 
Wahn der Selbstheit statt in die Wahrheit der Selbstheit bringen. Aber gerade das 
miissen wir durchdringen, daB, wenn wir nur ins Denken uns versenken, wir nur 
in den Selbstheitwahn kommen. Und gerade durch dieses Erfassen von uns selbst 
als Erdenmenschen nach dem Selbstheitwahn konnen wir zur Besinnung kommen, 
zu jener Besinnung, die uns aufmerksam macht, im Denken- das allerdings geeignet 
ist, uns hinuberzutragen iiber den Abgrund des Seins - die Erdennote mit aller 
ihrer Schwere zu erfassen, und wir werden allmahlich Stiitze finden, daB wir im 
Denken das Sein erleben: 

Du haltst von Lichtes-Scheines-Macht 

Gedanken nur im Innern fest; 

Wenn Lichtes schein in dir sich selber denkt, 

So wird unwahres Geisteswesen 

In dir als Selbstheitwahn erstehn; 

Besinnung auf die Erdennote 

Wird dich im Menschensein erhalten. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 94 



Gehen wir weiter. Der Hiiter der Schwelle ermahnt uns, wie wir im Fiihlen nur 
festhalten zunachst das wunderbare, allwebende Weltgestalten. Aber wenn wir nur 
dieses Weltgestalten im Fiihlen festhalten, so bleibt unser Geist-Erleben ohnmach- 
tig. Das Selbstheitsein erstickt, wenn wir nur immer hinstarren, fiihlend, auf dasjeni- 
ge, was sich in der Welt gestaltet hat. Wenn wir aber anfangen zu lieben, zu lieben 
alles dasjenige, was schon in den Werten der Erde um uns herum ist: Wir finden 
im Fiihlen das Sein; und wir retten, retten unser Menschensein: 

Du haltst vom Weltgestalten 

Gefiihle nur im Innern fest; 

Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt, 

So wird ohnmachtig Geist-Erleben 

In dir das Selbstheitsein ersticken; 

Doch Liebe zu den Erdenwerten 

Wird dir die Menschenseele retten. 

Im Gewohnlichen versuchen wir zu erhaschen von Erdenwerten Gedanken; wir 
halten aber nur den Schein des Lichtes fest, wenn wir uns nicht besinnen auf 
dasjenige, was auf der Erde in Noten Schwere hat. Wir halten von dem, was in 
der Welt sich bildet, nur unbestimmte Gefiihle fest, wenn wir nicht erleben in der 
Liebe dieses Erdenweben in Formen und Gestalten. 

Und vom Weltenleben: was konnen wir durch unser Wollen festhalten? Unser 
Wollen steht im Weltenleben. Aber wenn wir es zunachst nur im Wollen festhalten: 
wir geraten wiederum nicht ins Sein hinein. Wenn Weltenleben uns voll erfaBt, so 
wird vernichtend Geistes-Lust in uns das Selbst- Erleben toten. Aufgehen im Wol- 
len der Welt bringt Geistes-Lust hervor, die uns selber totet. Doch wenn wir geist- 
ergeben hoheren Welten das Wollen entwickeln, wenn wir dasjenige, was wir 
wollen, in der physisch-sinnlichen Welt denken so, daB Gotter in uns walten, die 
unser Wollen inspirieren, impulsieren, wenn wir im Dienste der Gotter wollen, 
dann laBt Gott sein Sein in uns als Mensch walten, und wir spiiren in dem gottdurch- 
drungenen Wollen ein wirkliches Sein: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 95 



Du haltst vom Weltenleben 
Das Wollen nur im Innern fest; 
Wenn Weltenleben dich voll erfaBt, 
So wird vernichtend Geistes-Lust 
In dir das Selbst-Erleben toten; 
Doch Erdenwollen geist-ergeben, 
Es laBt den Gott im Menschen walten. 

Das sind die drei Mahnungen, die uns im ernstesten Augenblicke der Hiiter der 
Schwelle zuruft. 

[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 157.] 

Der Hiiter spricht, wie wenn das Weltenwort selber ertdnte: 

Du haltst von Lichtes-Scheines-Macht 
Gedanken nur im Innern fest; 

- es ist so, wie wenn uns der Hiiter aufmerksam machen wollte, was wir eigentlich 
tun. Wir sind, sagt er, noch nicht daniber hinausgekommen, bloBe Gedanken zu 

bilden VOn LichteSSChein - [es wird weitergeschrieben:] 

Wenn Lichtesschein in dir sich selber denkt, 

So wird unwahres Geisteswesen 

In dir als Selbstheitwahn erstehn; 

Besinnung auf die Erdennote 

Wird dich im Menschensein erhalten. 

Du haltst vom Weltgestalten 
Gefuhle nur im Innern fest 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 9 6 



Wiederum die Ermahnung, daB wir in den unbestimmten, verschwommenen Ge- 
fiihlen nur lebend haben dasjenige, was wunderbar gestaltet ist von aller Welt. In 
den Mikrokosmos herein kommt die Weltgestaltung zunachst in der Unbestimmt- 
heit der Gefuhle. 

Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt 

- also nicht wenn wir mit unserem Gefiihl die Weltenform fiihlen, sondern wenn 
die Weltenform in uns eindringt, der Makrokosmos in den Mikrokosmos - 

Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt, 
So wird ohnmachtig Geist-Erleben 

- da werden wir uns unserer eigenen Ohnmacht bewuBt — [es wird weitergeschrieben:] 

Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt, 
So wird ohnmachtig Geist-Erleben 
In dir das Selbstheitsein ersticken; 
Doch Liebe zu den Erdenwerten 
Wird dir die Menschenseele retten. 

Wir brauchen diese Rettung, denn wir sind ja daran, hiniiberzukommen. Tragen 
wir nur die Gedanken, die den Lichtesschein haben, hinuber, tragen wir nur die 
Gefuhle, die unbestimmte Weltgestalt haben, hinuber, so vernichtet das wahre 
Licht driiben den Selbstheitwahn, so vernichtet das ohnmachtige Fiihlen, das schla- 
fende, das Geist-Erleben. Wir brauchen Besinnung auf die Note der Erde, auf 
alles, was auf der Erde leidet, damit wir wiirdig hinubergehen in die geistige Welt 
und uns das Weltendenken nicht ertotet. Wir brauchen Liebe zu dem, was wertvoll 
ist auf der Erde, damit wir driiben nicht zerstauben, wenn wir mit unseren Gefiih- 
len, den unbestimmten, hinuberkommen. 

Und zum dritten, wir brauchen ftir das Wollen dieses [es wird weitergeschrieben]: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 97 



Du hdltst vom Weltenleben 
Das Wollen nur im Innern fest; 
Wenn Weltenleben dich voll erfafit, 

- und das wird es driiben - 

So wird vernichtend Geistes-Lust 
In dir das Selbst-Erleben toten; 
Dock Erdenwollen geist-ergeben, 
Es lafit den Gott im Menschen walten. 

Wir diirfen nicht hiniibertragen dasjenige, was wir hier hiiben bloB haben, in 

die geistige Welt, wir mils sen hiniibertragen eine starkere Seele, als wir sie hier 

haben. Wir miissen die Seele bereiten. [Die im folgenden in Anfuhrungszeichen gesetzten Worte 
werden wahrend des Sprechens an der Tafel unterstrichen:] 

Denn wir finden driiben «Lichtes-Scheines-Macht». Sie lebt in unseren «Gedan- 
ken». Aber das geniigt nicht; wir brauchen «Besinnung auf die Erdenn6te». Das 
Mitfuhlen alles Erdenleidens wird uns das «Menschensein» erhalten. 

Wir brauchen driiben, weil wir in die «Weltgestalten» hiniiberkommen, nicht 
bloB unsere «Gefiihle», wir brauchen «Liebe zu den Erdenwerten», zu allem, was 
wertvoll schon auf Erden ist, dann wird uns die «Menschenseele» gerettet. - Hier 
[im ersten Spruch]: das Menschensein erhalten; hier [im zweiten Spruch]: die Menschenseele 
gerettet. - 

Wir miissen in das voile «Weltenleben» hinein, das in unserem «Wollen» nur 
einen schwachen Abglanz hat, der zu diinn ist, um hinuberzukommen. Und wir 
miissen entwickeln «geist-ergebenes Erdenwollen», damit der «Gott im Menschen» 
walten kann. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 98 



Das ist die Steigerung: 

Lichtes-Scheines-Macht 

Weltgestalten 

Weltenleben 

Gedanken 

Gefiihle 

Wollen. 

Wir brauchen: Besinnung auf die Erdennote, 

Liebe zu den Erdenwerten, 
geist-ergebenes Erden wollen; 

denn wir brauchen: 

die Erhaltung des Menschenseins, 

die Rettung der Menschenseele, 

das Empfangen des waltenden Gottes in uns selber. 

Das, meine lieben Schwestern und Briider, ist dasjenige, was der Hiiter auf 
unsere Seele legt, damit wir entwickeln dasjenige, was Seelenflugel sind, um hin- 
uberzukommen. 



Und nun obliegt uns nur noch das eine ftir die nachste am Mittwoch zu haltende 
esoterische Stunde, daB wir jene Mantren fur unsere Seele bekommen durch den 
Hiiter der Schwelle, der in diesem Falle Michaels Statthalter an der Schwelle zum 
geistigen Lande ist - jene Mantrams, die die ersten sind, die man spricht, wenn 
man driiben im Geistigen angekommen ist -, das noch vor dem Menschen steht 
bei diesen Mantrams als tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis. 

Heute aber wollen wir uns, nachdem dieses vor unsere Seele getreten ist, wie- 
der zuruckbesinnen auf dasjenige, was aus alien Wesen zu uns spricht, uns auffor- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 99 



dernd zu alle dem, was der Hiiter der Schwelle in solcher Bestimmtheit vor uns 
hingestellt hat: 

O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 

Und dasjenige, was so mit den Worten des Hiiters der Schwelle vor uns tritt: 
wenn wir es in der richtigen Gesinnung aufnehmen, dann ist es ja die Michael- 
Botschaft dieser zu Recht bestehenden Michael- Schule, dann waltet Michaels Sein 
in diesem Saale, segnet und kraftigt dasjenige, was so an unsere Seelen herantritt. 
Deshalb darf dasjenige, was so an unsere Seelen herantritt, versehen werden mit 
Michaels Zeichen und Michaels Siegel; Michaels Zeichen aber ist: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 156] 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:100 



und Michaels Siegel, das er gedriickt hat auf dasjenige, was Rosenkreuzer-Stimmung 
seit Jahrhunderten ist, was als Rosenkreuzer-Stimmung sich ausspricht in dem 
Spruche: 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus 

das ist mit Michaels Siegel so gesprochen, daB wir die ersten Worte begleiten mit 
der Gebarde: 

[die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

die zweiten Worte begleiten mit der Gebarde: 

[die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

die dritten Worte begleiten mit der Gebarde: 

[die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 
Die erste Gebarde heiBt [in die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich bewundere den Voter 

die Zweite Gebarde [in die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich liehe den Sohn 

die dritte Gebarde [in die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:] 

Ich verbinde mich dem Geiste 

Und so diirfen wir das Gesprochene als gesprochen auffassen, indem es bekraftigt 
wird durch Michaels Zeichen, indem es bekraftigt und bestatigt wird durch 
Michaels Siegel, das eben so, so, so ist [die drei Siegelgesten an der Tafel], das aber mit 
gedriickt wird auf die Rosenkreuzer- Worte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite : 1 01 



Und so sollen leben die Spriiche, die gegeben worden sind durch das Zeichen 
Michaels, so soil besiegelt sein fur Eure Seelen dasjenige, was durch die Michaelische 
Rosenkreuzer-Schule lebt: 



[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 



* 



Meine lieben Schwestern und Briider, die mantrischen Spriiche, die gegeben 
werden in dieser Schule, darf nur derjenige besitzen, der rechtmaBig Mitglied der 
Schule ist, das heiBt, im Besitze des blauen Zertifikates ist. Wer nicht da ist bei 
einer Stunde, bei der er schon da sein konnte nach dem Datum seiner Aufnahme 
- also wohl gemerkt diesen Satz: die Spriiche derjenigen Stunden, bei denen er 
nach dem Datum seiner Aufnahme hatte schon dabei sein konnen -, diese Spriiche 
kann er bekommen von einem der anderen Mitglieder, die sie hier in der Schule 
rechtmaBig erhalten haben. Dazu ist aber die Einholung der Erlaubnis entweder 
bei Frau Dr. Wegman oder mir selbst notwendig. 

Es ist nicht eine VerwaltungsmaBregel, sondern es ist begrundet in einer okkulten 
Schule, daB ein realer Akt vorausgeht der Ubergabe von so etwas von dieser Art. 
Wer aber bei Frau Dr. Wegman oder mir anfragen will, das kann nur der sein, 
der die Spriiche einem anderen geben will, nicht derjenige, der sie empfangen will. 
Man kann also jemanden bitten um die Spriiche. Dann kann man nicht fragen als 
derjenige, der empfangen will, sondern man muB denjenigen fragen lassen, der 
geben will. Es ist ganz vergeblich, wenn der Empfanger fragt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:102 



Wer sonstiges nachschreibt, der mag das acht Tage behalten; nachher aber ist 
er verpflichtet, es zu verbrennen, weil dasjenige, was zunachst durch diese Schule 
leben soil, nur innerhalb der Schule leben und nicht nach auBen kommen soil. Das 
alles sind keine GewaltmaBregeln oder willkiirliche MaBregeln. Das alles ist begriin- 
det in okkulten Gesetzen. Denn wenn irgend etwas in unrechte Hande gerat, so 
hort es auf, seine Wirksamkeit fur alle diejenigen zu haben, die es zur Wirksamkeit 
bekommen sollen. Wenn also MiBbrauch getrieben wird, indem mantrische Spruche 
oder der Inhalt des hier Gegebenen an unrechte Personlichkeiten gegeben wird, 
so verlieren diese mantrischen Spruche und das hier Gegebene fur die hier Sitzenden 
seine Wirksamkeit. 

Es ist um Tatsachen zu tun, nicht um irgend etwas, was eine Willkur-MaB- 
regel ist. 



Ich habe nur noch die Tageseinteilung fur morgen zu geben. Es wird wiederum 
sein: um halb zehn hier die Stunde des Kursus der Pastoralmedizin, um zwolf Uhr 
der Sprachgestaltungskursus, um halb sechs Uhr der Kursus fiir Theologen und 
um acht Uhr der Mitgliedervortrag. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:103 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:104 



SECHSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 17. September 1924 

eine lieben Freunde, Schwestern und Briider! Fur die heute neu Eingetre- 
tenen muB wieder gesagt werden, daB nicht in alien Fallen, wenn neue 
Mitglieder zur Schule hinzukommen, die Einleitung gesprochen werden 
kann, die von dem Wesen, der Pflicht der Schule handelt, und daB ich daher 
diejenigen schon hier gewesenen Mitglieder, welche die mantrischen Spruche geben 
werden an die neu Eingetretenen, verpflichten muB, ihnen auch dasjenige zu sagen, 
was der Inhalt dieser Einleitung ist. 



* 



Und so beginnen wir in dieser Michael- Schule auch heute wiederum mit jenem 
Worte, das die Grundaufforderung, die Fundamentalaufforderung an den Men- 
schen enthalt, die ihm entgegentont aus alien Reichen der Natur und aus alien 
Hierarchien des Geistes, wenn er einen Sinn und eine Empfanglichkeit dafiir hat, 
und die ihn auffordert, sein eigenes Wesen zu suchen, ihn aber auch auffordert, 
durch dieses eigene Wesen hindurch die Welt in ihrer wahren geistgetragenen 
Gestalt zu erkennen. Und so tont es denn aus alle dem, was da lebt und webt in 
Erdentiefen, in Wasser und Luft, in Warme und Licht, was da lebt in Bergen und 
Quellen, in Felsen, was da lebt in Pflanzen, in Tieren, in physischen Menschenge- 
stalten, in Menschenseelen, in Menschengeistern, was da lebt in den Bewohnern 
der Sterne, in den Hierarchien der Geister, - so tont es: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:105 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfiihlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 



Meine lieben Schwestern und Briider! Die Beschreibung des Geistesweges, der 
hineinfiihren soil aus demjenigen, was hier in unserer sonnenbeglanzten Welt, in 
der wir auf Erden leben, hell ist, in dasjenige, was uns jenseits des gahnenden 
Abgrundes des Seins zunachst erscheint wie eine dunkle, nachtbedeckte Finsternis, 
der Weg, der uns dazu fiihren wird, daB, wenn wir suchen unser eigenes Wesen, 
wir gewahr werden, daB in alle dem, was da auf Erden in den Tiefen lebt, in der 
Luft webt, was da kriecht und fliegt, aber auch in alle dem, was unsere Sinne sehen 
in dem majestatischen Scheine der Sterne, in den machtigen Tiefen des Weltenrau- 
mes, in den unermeBlich weiten Zeitenfolgen, daB das alles nicht unser Sein, den 
eigentlichen Quell unseres Menschenwesens enthalt, daB es da finster wird, wenn 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:106 



wir ausschauen nach unserem Menschenwesen: die Beschreibung hat uns dazu 
gefiihrt, uns zu zeigen, daB wir hinuber den Weg finden miissen vorbei an dem 
Hiiter der Schwelle, der so vieles zu uns gesprochen hat iiber die Bedeutung des 
geistigen Weges, hinuber in dasjenige, was noch nachtbedeckte, schwarze Finster- 
nis ist, damit es dort hell werde und in dieser Helligkeit uns aufgehe das Licht, 
das unser eigenes Sein und damit das Sein und Wesen und Weben der Welt be- 
leuchte, beleuchte vor unserem Seelenauge. 

Nun miissen wir uns klar sein daniber, daB in dem Augenblicke - und wir 
sind jetzt in der Beschreibung so weit -, wo wir hinubersollen iiber den Abgrund 
des Seins, vorbei an dem Hiiter der Schwelle, daB in diesem Augenblicke 
mit dem Menschen, also mit uns selbst, eine bedeutsame Veranderung vor sich 
geht. 

Blicken wir, meine lieben Schwestern und Briider, auf unser menschliches Sein, 
so wie es ist zwischen Geburt und Tod im physischen Erdenleben: wir erfassen 
die Welt denkend, wir ergreifen die Welt fiihlend, wir wirken in der Welt wollend. 
Aber Denken, Fiihlen und Wollen sind in unserem menschlichen Sein innig mitein- 
ander verwoben. Wenn wir etwas ausfuhren wollen in der nachsten Zeit: wir 
bedenken es zuerst; und dasjenige, was wir ausfuhren, ist im Keime in unseren 
Gedanken vorhanden. Wir sehen es hinausschieBen in die Willensimpulse. Wir 
fiihlen an einem Ding, daB es uns wert ist. Wir fiihlen ersprieBen in uns die Liebe 
zu dem oder jenem Wesen. Indem wir also fiihlen, machen wir uns von dem Wesen 
einen Gedanken. Oder aber, wir gehen iiber dazu, Taten der Liebe gegeniiber 
diesem Wesen zu vollbringen, lassen uns von der Liebe beflugeln, impulsieren, 
um in den Willen uberzugehen. All das aber - Denken, Fiihlen, Wollen - hangt 
eng zusammen in unserem Menschenwesen, insofern dieses Menschenwesen sich 
entfaltet zwischen Geburt und Tod hier in der physischen Welt. Wir sind eins im 
Denken, Fiihlen, Wollen. 

Und wahr ist es: Wirklich wachend sind wir nur in unseren Gedanken. Die 
sind hell und klar, obzwar sie uns der Hiiter der Schwelle enthiillt hat als Schein; 
sie sind hell und klar, wir wachen in ihnen. 

Dunkler und unklarer lebt das Fiihlen in uns. Wir sind naher dem Sein im 
Fiihlen. Aber der Inhalt dessen, was wir fiihlen, ist wie ein Traum, so daB wir nur 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:107 



von wachend hellem Denken und - auch im Wachen - nur sprechen konnen von 
traumendem Fiihlen. 

Das Wollen aber, wie es sich herauslost aus dem Wesen unserer Menschheit, es 
bleibt zunachst dem gewohnlichen BewuBtsein vollig unklar. Der Mensch hat den 
Gedanken, daB er dieses oder jenes wollen soil; der Gedanke schieBt hinunter, 
ergreift den Organismus; der Organismus bewegt sich, fiihrt den Gedanken aus; 
der Mensch sieht wieder mit einem Gedanken, was er ausgefiihrt hat. Aber das 
Wollen selber ruht in seiner Wesenheit wie dasjenige von unserer Seele, was vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen im tiefen Schlafe ist. 

Aber derjenige, der diese Dinge als Initiat ansieht, er schaut die Gedanken in 
jener Lebendigkeit, in der sie waren, bevor der Mensch heruntergestiegen ist aus 
iibersinnlichen Welten in die sinnliche. Er schaut leuchtende Wesenheit in den 
Gedanken. Diese leuchtende Wesenheit ruht aber nicht so in ihm wie der Schein 
der Gedanken, die er im gewohnlichen Denken hat. 

Wir stehen neben dem Hiiter der Schwelle. Der Abgrund des Seins ist da; vor 
uns - jenseits des Abgrundes, jenseits der Schwelle - die schwarze, nachtbedeckte 
Finsternis; doch hellet sich heraus aus der Finsternis bewegt Gestaltetes, lebendig 
Gestaltetes. Wir sagen, indem wir spiiren, unsere Gedanken, wie sie in uns als 
physischen Menschen waren, haben uns verlassen, - wir sagen uns: da ist unser 
webendes, lebendes Denken; das gehort jetzt nicht uns, das gehort der Welt an. 
Licht um Licht webt sich der Gedanke los von der schwarzen Finsternis. Wir 
wissen, der Gedanke - der Gedanke, all unser Denken - ist da innerhalb der 
schwarzen Finsternis als die erste Helligkeit, zu der wir kommen. 

Und dann blicken wir etwas weiter nach unten. Wir haben das Gefiihl - und 
der Hiiter der Schwelle weist uns mit seiner mahnenden Gebarde dahin -, blicken 
wir weiter nach unten: wie Feuerschein wird unten die Finsternis. Feuer, dunkles 
Feuer, aber Feuer, das wir spiiren konnen, das wir hellfiihlend fiihlen, breitet sich 
unten aus. Uber den Abgrund des Seins kommt heriiber dasjenige, wovon wir 
wissen, das ist unser Wollen. Denn der Initiat lernt allmahlich erkennen: Wie ist 
es denn eigentlich, wenn Denken in Wollen ubergeht? Wenn Denken in Wollen 
ubergeht, da wird der Gedanke desjenigen, was gewollt wird, erfaBt; dann aber 
stromt dieser Gedanke in die Leiblichkeit iiber, stromt ein jetzt - im Hellfuhlen 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:108 



merkt man es - wie wohltuendes Feuer. Warme ist es, die da den Willen zum 
Dasein bringt; Warme, Feuer ist es, als das uns unser eigener Wille aus der Finster- 
nis entgegentritt. 

Und zwischen dieser Warme, die unseren Willen ausstromt, uns entgegenstromt 
- denn unser Wille, der von uns als Mensch ausgeht, ist nur der Reflex dieses 
Willens, der unser eigen ist als kosmischer Mensch, der uns jetzt entgegenstromt 
heruber iiber den Abgrund des Seins -, zwischen dieser warmen Ausstromung, 
dunklen, warmen Ausstromung unten, die hochstens einen blaulich-violettlichen 
Anflug hat, und den hellen Gedankenlichtern oben: zwischen beiden wogt es und 
webt es Warme hinauf, Licht hinunter. Licht- durchtrankte Warme im Hinaufwo- 
gen, Warme-durchwuhltes Licht im Herunterstromen: das ist unser Fiihlen. 

Ein machtiges Bild ist es, worauf der Hiiter der Schwelle weist. Und wir wissen 
jetzt: Treten wir iiber von der Welt der Sinne, von der Welt der physischen 
Wirklichkeit, in der wir sind zwischen Geburt und Tod, in die Welt des Geistes, 
dann sind wir im Denken, Fiihlen und Wollen nicht die Einheit, die wir hier sind, 
dann sind wir Dreie. Im Weltenall sind wir Dreie: zum Licht geht unser Denken 
im Ubergang iiber die Schwelle; zum Feuer geht unser Wollen; zum Feuer-getrage- 
nen Licht, Licht-durchwobenen Feuer geht unser Fiihlen. 

Und wir miissen den Mut haben, das Selbst so weit auszudehnen, so zu verinten- 
sivieren dieses Selbst, dieses Ich, daB es die Dreie zusammenhalt, wenn wir hinuber- 
kommen werden. Das konnen wir, wenn wir uns ganz recht durchdringen damit, 
was uns sonst nur Bildhaftigkeit sein konnte, wenn wir uns recht durchdringen 
damit, daB unser Haupt, das der Ursprung alles unseres Sinneslebens, alles unseres 
Denklebens ist - alles Sinnes- und Denkleben ist ja iiber den Korper ausgebreitet, 
aber im Haupte ganz besonders ausgednickt -, daB unser Kopf in seiner Rundung 
mit der Offnung nach unten Weltgestalt nachbildet. Konnen wir uns sagen in allem 
Ernst, mit aller inneren Inbrunst: dein Kopf ist innen und auBen Nachahmung 
der Weltgestalt, so fiihlen wir, indem wir gewissermaBen den Kopf von innen 
anschauen wollen, wie dieses Anschauen sich erweitert zu dem Weltenall, das nur 
in unserem Kopf fur unser irdisches Anschauen zusammengedrangt ist. 

Fiihlen wir dann ganz intensiv, wie unser Herz, der physische Ausdruck unserer 
Seele, nicht bloB schlagt durch dasjenige, was in unserem Leibe, in unserem von 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:109 



der Haut begrenzten Menschenwesen ist - wir atmen die Luft ein, die der Impulsa- 
tor des Herzschlages ist, wir atmen sie wieder aus -: die Welt in ihrer GroBe, in 
ihrer Majestat wirkt mit in unserem Herzensschlag. Es ist der Weltenschlag, 
der in unserem Herzen empfunden wird, nicht bloB dasjenige, was wir in uns 
tragen. 

Wenn wir denken, wie unsere Glieder arbeiten, sich im Wollen ausleben, dann 
gibt uns diese Kraft zum Wollen nicht dasjenige allein, was in unserem Menschen 
ist. Denken wir nur einmal, wie die Vererbungskrafte in uns ubergehen, wenn wir 
geboren werden, wie die Krafte des Karma, die wir uns in vielen, vielen Erdenleben 
erworben haben, in unserem Wollen leben. Denken wir an all das und fiihlen wir, 
wie wir denken diirfen: in unseren Gliedern, wenn wir wollen, lebt Weltenkraft, 
nicht bloB Menschenkraft. 

Jetzt denkt Euch, meine lieben Schwestern und Briider, noch heruben, hart an 
der Seite des Hiiters der Schwelle, der hinuberweist in die Licht-erglanzenden, 
Welten-lebenden, Welten-webenden Gedanken; in dasjenige, was hinaufwogt als 
Warme, Licht-tragend; in das, was herunterwogt als Licht, Warme-durchpragt, 
-durchstromt; in dasjenige, was unten wie warmer Wind heruber uns geistig an- 
stromt als Feuer des Weltenalls, das die Urkraft des Wollens ist. 

So wie wir hier stehen, tritt an uns heran, tonend, dasjenige, was uns der Hiiter 
der Schwelle in dieser Situation zu sagen hat: 

Schau die Drei 

- Denken, Fiihlen, Wollen; der Mensch ist gespalten, eine Dreiheit geworden - 

Schau die Drei, 

Sie sind die Eins, 

Wenn du die Menschenpragung 

Im Erdendasein tragst. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:110 



Erlebe des Kopfes Weltgestalt 



Der Hiiter macht dieses Zeichen: 

[Die Zeichen werden an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 158:] 




daB wir haltmachen, daB wir des Kopfes Weltgestalt in diesem in sich geschlossenen, 
nach oben gerichteten Dreieck empfinden. Konzentrieren wir uns auf dieses. 

Empfinde des Herzens Weltenschlag 
Der Hiiter macht dieses Zeichen: 




daB wir empfinden in diesem Zeichen den Wellenschlag der Welt, der im Herzen 
sich kreuzt. 

Erdenke der Glieder Weltenkraft 
Der Hiiter der Schwelle macht das andere Zeichen: 




auf das wir uns konzentrieren sollen bei dieser Zeile, damit wir die Kraft dieser 
Zeile, die ganze mantrische Kraft dieses Spruches empfinden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:111 



Dann bekraftigt der Hiiter der Schwelle noch einmal: 

Sie sind die Drei, 

Die Drei, die als das Eins 

Im Erdendasein leben. 

Das ist der Spruch, durch den uns ankundigt der Hiiter, wie wir uns anschicken 
sollen, durch kraftigen Mut, durch begeistertes Erkenntnisstreben Fliigel zu emp- 
finden hiniiber von der Eins zu Drei. Die Eins sind wir im Physischen. Die 
Drei, sie treten uns in dem imaginativen Bilde entgegen, sie sind wir in der geistigen 
Welt. 

[Es wird an die Tafel geschrieben:] 

Der Hiiter mahnt: 

Schau die Drei, 

Sie sind die Eins, 

Wenn du die Menschenprdgung 

Im Erdendasein trdgst. 

[Neben das erste Zeichen an der Tafel wird die Zeile geschrieben:] 

Erlebe des Kopjes Weltgestalt 

- die Weltgestalt kann im Kopfe erlebt werden - 

[Neben das zweite Zeichen wird geschrieben:] 

Empfinde des Herzens Weltenschlag 

- der Weltenschlag kann im Herzen empfunden werden - 

[Neben das dritte Zeichen wird geschrieben:] 

Erdenke der Glieder Weltenkraft 

- die Weltenkraft kann erdacht werden in der Bewegung der Glieder. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:112 



Die Steigerung ist [nun werden die sechs folgenden Worte unterstrichen] : 



Erlebe 

Empfinde 

Erdenke 

Gestalt 

Schlag 

Kraft. 

Die drei Zeilen miissen bekraftigt werden dadurch, daB wir uns konzentrieren auf 
diese Figuren. 

[Es wird weitergeschrieben:] 

Sie sind die Drei, 

Die Drei, die als das Eins 

Im Erdendasein leben. 

Meine lieben Freunde, wenn wir so dastehen im Erdendasein - und wir ste- 
hen ja noch da, wir sind erst im Anschicken, hinuberzukommen in die geistige 
Welt -, wenn wir so dastehen im Erdendasein, dann schreiben wir unserem Kopf, 
indem er die Gedanken enthalt, wir schreiben ihm unseren Geist zu. Wir haben 
ja diesen Geist zunachst im Schein. Der Gedanke aber, die Gedanken sind eben 
der Schein des Geistes. Wir schreiben unserem Kopf die Gedanken, das heifit den 
Geist zu, wie der Geist eben in Gedankenform im Erdendasein lebt. 

Aber wir konnen etwas anderes, und das miissen wir auf die Ermahnung des 
Hiiters der Schwelle, in dieser Situation, wo wir uns anschicken hinuberzukommen 
iiber den Abgrund des Seins: wir miissen uns bemuhen, diejenige Kraft, die wir 
sonst aufbringen, wenn wir irgendein Glied bewegen, wenn wir gehen oder stehen, 
wenn wir den Willen durch unseren Menschen schicken, wir miissen uns bemuhen, 
uns auf diesen Willen so zu konzentrieren, daB wir jeden einzelnen Gedanken 
wollen, wie wenn wir ihn herausstoBen wiirden. Wir miissen empfinden: der 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:113 



Gedanke wird ausgestoBen, wie wenn wir den Arm ausstrecken; Realitat geht 
durch den Willen in den Gedanken hinein. Dann wird uns alles, was in unseren 
Sinnen lebt, wahrend es vorher nur uns Farbenschein, Tongestalt zuschickt, 
es wird uns aus allem vielgestaltigen Sinnenschein entgegenstromen kosmisches 
Wollen. 

Meine lieben Schwestern und Briider: Lernet Gedanken ausstrecken hinaus in 
die Welt, wie Ihr lernet, durch den Willen die Hande ausstrecken. So wie Euch 
die festen Dinge der Welt entgegenkommen, wenn Ihr den Willen ausstreckt, und 
Widerstand bieten, so bieten die Geister Widerstand, wenn Ihr die Gedanken 
ausstreckt, indem Ihr den Willen durch sie hindurch spannt. Tun wir das, dann 
weben wir real in der Weisheit. Wiederum ermahnt uns der Hiiter dazu. Die letzte 
Mahnung des Hiiters dringt an uns heran: 

[Die erste Strophe wird an die Tafel geschrieben, und die Uberschrift, «Kopfes» und «wollen» werden 
unterstrichen. Siehe Tafelband Seite 159] 

Des Hiiters letzte Mahnung: 

Des Kopjes Geist, 

Du kannst ihn wollen; 

- sonst denken wir ihn nur, jetzt wollen wir ihn; und wenn wir das tun, dann 
wird das Wollen etwas anderes - 

Und Wollen 

- das Wollen der Gedanken - 

wird dir 

Der Sinne vielgestaltig Himmelswehen; 

Du webest in der Weisheit. 

Das nachste, worauf uns der Hiiter der Schwelle weist, das ist auf unser Herz, 
unser Herz, in dem sich konzentriert alles dasjenige, was unser rhythmischer 
Mensch ist. Ins Herz konnen wir nichts anderes hineintragen als Fiihlen: Fiihlen 
hier in der Sinneswelt zwischen Geburt und Tod; Fiihlen aber auch miissen 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:114 



wir dem Herzen entgegenbringen und seinem Inhalte, wenn wir in der geistigen 
Welt sind. 

Konnen wir aber das Herz fiihlen, wie wenn die Welt fiihlte in unserem Herzen, 
weil wir ja in der Welt sind, dann wird unser Fiihlen wiederum etwas anderes. 
Wie uns Wollen wird «der Sinne vielgestaltig Himmelsweben», so wird uns Fiihlen 
etwas, was nun so erfaBt werden muB, daB wir sagen - sehen Sie, Denken, also 
des Kopfes Geist, wurde zum Wollen -: das Fiihlen bleibt Fiihlen; aber es strahlt 
aus auf der einen Seite nach dem Denken, auf der anderen Seite nach dem Wollen; 
es ist beides zugleich. Daher miissen wir uns angewohnen, an dieser Stelle eine 
Zeile zu denken, wo wir ineinanderweben dasjenige, was es ausstrahlt nach oben 
und nach unten. 

Diese Zeile muB so lauten: «Und Fiihlen wird dir des Denkens Wollens, Wollens 
Denkens, keimerweckend Weltenleben.» Dann lebt man in dem Schein. Das ist 
jetzt nicht ein verglimmernder Schein, das ist die Offenbarung der Welt in der 
Schonheit, was man auch «Schein» nennen kann, in dem, was «Gloria» genannt 
werden kann. Denn Schein ist hier in der Bedeutung von Gloria. 

Das zweite also, wozu uns der Hiiter mahnt, ist: 



[Diese zweite Strophe wird nun an die Tafel geschrieben, und «Herzens» und «fuhlen» werden unterstrichen:] 



Des Herzens Seele, 

Du kannst sie fiihlen; 

Und Fiihlen wird dir 

Des Denkens Wollens, Wollens Denkens 



keimerweckend Weltenleben. 



Du lebest in dem Schein. 



Des Herzens Seele, 
Du kannst sie fiihlen; 
Und Fiihlen wird dir 




Denkens 



Wollens 



keimerweckend Weltenlehen; 



Du lehest in dem Schein. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:115 



Ihr miiBt versuchen, meine lieben Schwestern und Briider, indem Ihr dies iibt, das 
gleichzeitig denken zu konnen, daB es ineinanderwebt - Denkens Wollens, Wollens 
Denkens -, daB es ineinander in eins verflieBt, weil es so vor der Welt dasteht. 

Das dritte, worauf uns der Hiiter der Schwelle weist, ist die Kraft unserer 
Glieder. In ihr wollen wir sonst. Jetzt aber verlangt der Hiiter der Schwelle, daB 
wir, wie wenn wir aus uns heraustreten wiirden und ruhig stehen wiirden, denken 
sollen unserer Glieder Kraft; daB wir den Geist unserer Glieder denken sollen, 
indem wir dasjenige, was wir tun, jetzt nicht fiihlen als die Anstrengung unserer 
Kraft, sondern es anschauen, wie wenn wir neben uns stehen wiirden. Dann wird 
das Denken des Wollens, dieses Denken, das wir hier entfalten, des Wollens zieler- 
fassend Menschenstreben. Und jetzt erkennen wir Tugend in dem Sinne von 
menschlicher Tuchtigkeit, von dem, was Menschen wollen konnen in der Welten- 

evolution. Der HUter der Schwelle mahnt uns [die dritte Strophe wird nun an die Tafel 
geschrieben und «Glieder» unterstrichen] : 

Der Glieder Kraft, 
Du kannst sie denken; 
Und Denken wird dir 

Des Wollens zielerfassend Menschenstreben; 
Du strebest in der Tugend. 

Die Steigerung ist [nun werden die folgenden drei Worte unterstrichen]: 

webest 

lebest 

strebest. 

Die andere Steigerung ist: 

Weisheit 

Schein 

Tugend. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:116 



Nun will ich die Zeilen so vorlesen, wie sie uns zunachst erscheinen, indem der 
Hiiter sie zu uns spricht: 

Des Kopfes Geist, 

Du kannst ihn wollen; 

Und Wollen wird dir 

Der Sinne vielgestaltig Himmelsweben; 

Du webest in der Weisheit. 

Des Herzens Seele, 
Du kannst sie fiihlen; 
Und Fiihlen wird dir 
Des Denkens Wollens, Wollens Denkens 
keimerweckend Weltenleben; 

Du lebest in dem Schein. 

- des Denkwollens -. 

Der Glieder Kraft, 
Du kannst sie denken; 
Und Denken wird dir 

Des Wollens zielerfassend Menschenstreben; 
Du strebest in der Tugend. 

Das ist die letzte Mahnung des Hiiters der Schwelle. 

Das ist der entscheidende Punkt, auf den hingewiesen werden darf mit dem 
Worte, das hier ausgesprochen ja ist als das Wort, das Michael selber spricht, weil 
begrundet und gehalten diese esoterische Schule von Michael und seiner Kraft ist. 
Jetzt steht die Unterweisung an jenem wichtigen Punkte, wo wir alles dasjenige 
in uns aufgenommen haben, was, wenn es durchgeubt wird, uns die Fliigel gibt, 
hinuberzukommen iiber den gahnenden, tiefen Abgrund des Seins. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:117 



Das alles, was gesprochen worden ist in dieser Michael- Schule, soil noch einmal 
Zeichen und Siegel begleiten Michaels; denn alles wird so gegeben, daB, wahrend 
es durch den Raum dieser Schule tont, Michael anwesend ist, was bekraftigt werden 
darf durch sein Zeichen: 

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 158.] 

und was bekraftigt werden darf durch sein Siegel, das er gednickt hat auf den 
dreifachen Rosenkreuzer-Spruch: 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus 

welches Siegel so ist, daB wir empfinden 
den ersten Spruch in dieser Gebarde: 

[die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

den zweiten Spruch in dieser Gebarde: 

[die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 

den dritten Spruch in dieser Gebarde: 

[die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet] 
und Wissen, die erste Gebarde bedeutet [neben die untere Siegelgeste wird geschrieben]: 

Ich bewundere den Voter 

Das fiihlen wir, wahrend wir sagen «Ex deo nascimur», und bekraftigen es durch 
die Gebarde, die Michaels Siegel ist. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:118 



Die Zweite Gebarde bedeutet [neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben] : 



Ich liebe den Sohn 

Das fiihlen wir, indem wir aussprechen «In Christo morimur», driicken das Gefiihl 
durch dieses im Michael- Siegel Liegende aus. 

Die dritte Gebarde bedeutet [neben die obere Siegelgeste wird geschrieben]: 

Ich verbinde mich dem Geiste 

Das begleitet als Gefiihl «Per spiritum sanctum reviviscimus». Es ist die Geste, 
die Michaels Siegel iiber diesem dritten Teil des Rosenkreuzer-Spruches ist. 

Und so mogen denn Michaels Zeichen und Siegel geleiten den weiteren Weg, 
der hier in dieser Schule fur Geistesentwickelung gegangen wird: 

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 

Dann ist der Augenblick gekommen, in dem des Hiiters der Schwelle Wort 
entscheidend erklingt, des Hiiters der Schwelle Wort, wie wenn es von Michael 
selber kame, wie wenn es aus Weltenfernen kame. Nachdem uns der Hiiter gesagt 
hat, wie wir uns vorzubereiten haben - und fiihlen wir: solche Vorbereitung muB 
sein -, dann wird wie von Michael, wie aus Weltenfernen, sein Wort erklingen: 

Tritt ein 

Das Tor ist geoffnet 
Du wirst 

Ein wahrer Mensch werden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:119 



Wir miissen uns in die Empfindung hineinweben, daB wir das nicht selber sprechen, 
sondern indem wir es sprechen, soil es objektiv werden, daB wir es horen, wie 
wenn es von anderer Seite gesprochen wiirde. 

[Es wird mit roter Kreide quer zu dem Mantram «Schau die Drei» an die Tafel geschrieben:] 

Tritt ein 

Das Tor ist gedjfnet 
Du wirst 

Ein wahrer Mensch werden. 

Was nun in der weiteren Beschreibung sich abspielen wird in den folgenden 
Stunden - die folgende Stunde ist ja regelmaBig am Samstag um halb neun -, was 
in den folgenden Stunden sich abspielen wird, wird schon wiedergeben dasjenige, 
was druben jenseits der Schwelle ertont. 

Jetzt aber besinnen wir uns noch einmal - denn alle wirkliche Entwickelung 
fiihrt immer wieder zum Ausgangspunkt zuriick -, wie aus alien Wesen der Welt 
zu uns die Aufforderung zu alle dem spricht, was wir nun aus dem Munde des 
Hiiters erfahren haben: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 120 



O Mensch, erkenne dich selbst! 
So tont das Weltenwort. 
Du horst es seelenkraftig, 
Du fiihlst es geistgewaltig. 

Wer spricht so weltenmachtig? 
Wer spricht so herzinniglich? 

Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung 
In deines Sinnes Seinserleben? 
Tont es durch der Zeiten Wellenweben 
In deines Lebens Werdestrom? 

Bist du es selbst, der sich 

Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben 

Das Wort erschafft, dich fremd 
Erfuhlend in Raumes Seelenleere, 
Weil du des Denkens Kraft 
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome. 

Noch einmal - alles bekraftigend, Michaels Anwesenheit bekraftigend - Zeichen 
und Siegel Michaels: 

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht] 

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:] 

Ex deo nascimur 

In Christo morimur 

Per spiritum sanctum reviviscimus. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 121 



Die mantrischen Spriiche, die hier zum Uben gegeben werden, und die in sich 
die Kraft tragen, dasjenige in sich zu erleben, was hier beschrieben wird, diirfen 
nur die rechtmaBigen Mitglieder dieser Klasse besitzen, niemand anders. Derjenige, 
der der Schule angehort und einmal nicht da sein kann bei einer Stunde, wo er 
einen entsprechenden Spruch bekommen konnte, kann sich ihn von einem anderen 
Mitgliede, das da gewesen ist, geben lassen. Es muB aber fur jedes solches Abgeben 
des Spruches eine besondere Erlaubnis eingeholt werden entweder bei Frau Dr. 
Wegman oder mir selber. Derjenige aber, der den Spruch erhalten will, kann um 
diese Erlaubnis nicht ersuchen, sondern allein derjenige, der den Spruch geben soil. 

Wenn man einmal die Erlaubnis bekommen hat, jemandem die Spriiche zu 
geben, so gilt das dann fiir die einzelne Personlichkeit weiter. Fur jede andere 
Personlichkeit muB wiederum dieselbe Erlaubnis geholt werden wieder bei Frau 
Dr. Wegman oder mir. Es niitzt gar nichts, wenn man die Spriiche erhalten will, 
wenn man selbst um die Erlaubnis fragt, sondern nur, wenn man sie geben will. 
Man muB sich also - will man die Spriiche erhalten - an jemanden wenden, der 
sie hat zu Recht. Der muB dann fragen; fiir jeden einzelnen, dem er sie gibt, fragen. 

Wenn jemand etwas anderes mitschreibt, so ist er nur berechtigt, es hochstens 
acht Tage zu haben, dann muB er es verbrennen. AuBer den Spruchen anderes 
Mitgeschriebenes hier muB verbrannt werden. Denn wir miissen einmal wirklich 
die okkulten Regeln einhalten. Es ist eine okkulte Regel in all dem, was ich jetzt 
sage und halte. Wir miissen die okkulten Regeln einhalten. Es handelt sich nicht 
um eine willkiirliche VerwaltungsmaBregel, sondern, wenn in unrechte Hande 
kommt dasjenige, was esoterisch ist, dann, meine lieben Schwestern und Briider, 
verliert das Esoterische fiir diejenigen, die es rechtmaBig in Handen haben, verliert 
das betreffende Mantrische seine Kraft. Es handelt sich einfach um etwas, das in 
okkulten Gesetzen begnindet ist. 



Um zwolf Uhr morgen ist wieder der Sprachgestaltungskursus; viertel vor elf 
Uhr der Theologenkursus; um fiinf Uhr der Kursus fiir Pastoralmedizin; um acht 
Uhr der Mitgliedervortrag. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 122 



SIEBENTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE 



Dornach, 20. September 1924 

eine lieben Schwestern und Briider! Seit der Weihnachtstagung geht 
durch die ganze Anthroposophische Gesellschaft ein esoterischer Zug. 
Und diejenigen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die 
in der letzten Zeit teilgenommen haben an den allgemeinen Mitgliedervor- 
tragen, werden ja bemerkt haben, wie dieser esoterische Zug durch alles dasjenige 
fliefit, was jetzt innerhalb der anthroposophischen Bewegung erarbeitet wird und 
erarbeitet werden soli. 

Dies war eine Notwendigkeit, eine Notwendigkeit, die sich vor alien Dingen 
aus der geistigen Welt heraus - aus der ja die Offenbarungen flieBen, welche leben 
sollen in der anthroposophischen Bewegung -, die sich aus der geistigen Welt 
heraus ergab. Damit aber war die Notwendigkeit geschaffen, einen gewissen Kern 
ftir anthroposophisch-esoterisches Leben, fur wirkliches esoterisches Leben zu 
schaffen, und damit war auch die Notwendigkeit gegeben, gewissermaBen zur 
geistigen Welt hinuber selber eine Briicke zu bauen. 

Die geistige Welt muBte in einem gewissen Sinne von sich aus offenbaren den 
Willen zum Schaffen einer solchen Schule. Denn eine esoterische Schule kann 
nicht aus menschlicher Willkur heraus geschaffen werden, auch nicht aus jener 
menschlichen Willkur heraus, die man mit dem Namen «menschliche Ideale» 
bezeichnet; sondern sie, diese esoterische Schule, muB der Leib sein von etwas, 
das aus dem geistigen Leben selber heraus flieBt. So daB in all dem, was in einer 
solchen Schule geschieht, sich darstellt der auBere Ausdruck von einer Wirk- 
samkeit, die eigentlich im Ubersinnlichen, in der geistigen Welt selber geschieht. 
Daher hat diese esoterische Schule auch nicht geschaffen werden konnen, ohne 
daB jener Wille befragt wurde, der, wie ja des ofteren hier auch in Mitglieder- 
vortragen auseinandergesetzt worden ist, seit dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts als der Michael- Wille eigentlich die menschlichen geistigen Angelegen- 
heiten fiihrt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 123 



Dieser Michael- Wille ist ja einer derjenigen, die im Laufe der Zeit in zyklischer 
Folge immer wieder eingreifen aus der geistigen Welt in die Menschengeschicke. 
Und wenn wir zuriickblicken in die Evolution der Zeit, so finden wir, daB derselbe 
Michael- Wille - was wir Michael-Herrschaft nennen konnen - in den geistigen 
Angelegenheiten der Menschheit, in den groBen zivilisatorischen Fragen wirksam 
war vor dem Mysterium von Golgatha in der Alexanderzeit als dasjenige, was in 
Griechenland erarbeitet worden war durch die chthonischen und die Himmelsmy- 
sterien, als das verbreitet werden sollte hinuber nach Asien, verbreitet werden 
sollte in Afrika. Da, wo Michael- Wille herrscht, ist immer Kosmopolitismus vor- 
handen; da wird dasjenige, was Differenzierung unter den Menschen auf Erden 
ist, fur das Michael-Zeitalter iiberwunden. 

An jenes tiefbedeutsame Wirken, das sich kniipft an die Ausbreitung des Aristo- 
telismus und des Alexandrinismus, an dieses Wirken, das ein Michael- Wirken war, 
knupfte sich dann an das andere Wirken, das des Oriphiel. Daraufhin, nach dem 
Oriphiel- Wirken, kam das Anael-Wirken, das Zachariel- Wirken, dann das bedeut- 
same Raphael- Wirken, dann das Samael- Wirken, dann das Gabriel-Wirken, das 
bis ins 19. Jahrhundert hereinging. Und seit den letzten siebziger Jahren des 19. 
Jahrhunderts stehen wir wiederum in dem Zeichen des Michael-Wirkens. Es ist 
im Anfange. Aber einflieBen muB dasjenige, was Michael-Impulse sind - und was 
ja klar werden kann Euch, meinen Schwestern und Brudern, durch die allgemeinen 
Mitgliedervortrage -, einflieBen muB das in alles wirklich zu Recht bestehende 
esoterische Wirken in bewuBter Weise. 

Und durch alles dasjenige, was mit dem Impuls der Weihnachtstagung zusam- 
menhangt, durch alles das ist die Moglichkeit herbeigefiihrt worden, daB diese den 
Kern der anthroposophischen Bewegung bildende esoterische Schule anzusehen 
ist als die von Michael selbst inspirierte und geleitete esoterische Schule. Dadurch 
besteht sie innerhalb unseres Zeitalters zu Recht, daB sie eine spirituelle Institution 
ist. Das muB von jedem, der zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, im allertief- 
sten Ernste in sein Leben aufgenommen werden. Und es muB sich derjenige, der 
zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, fiihlen nicht bloB zu einer irdischen 
Gemeinschaft gehorig, sondern zu einer iibersinnlichen Gemeinschaft gehorig, 
deren Lenker und Leiter Michael selber ist. Daher wird immer dann dasjenige, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 124 



was hier mitzuteilen ist, nicht bloB als mein Wort zu gelten haben, insofern es 
Inhalt der Stunde ist, sondern es wird zu gelten haben als dasjenige, was Michael 
an diejenigen, die sich zu ihm gehorig fiihlen, selber in esoterischer Art in diesem 
Zeitalter zu verkundigen hat. Das also, was diese Stunden enthalten, wird die 
Michael- Botschaft fur unser Zeitalter sein. 

Und damit, daB sie das ist, wird die anthroposophische Bewegung ihre eigentliche 
spirituelle Starke erhalten. Dazu ist notwendig, daB im allertiefsten Ernste eben 
das genommen wird, was man Mitgliedschaft zu dieser Schule nennen kann. Es 
ist schon notwendig, meine lieben Schwestern und Briider, grundlich und tief 
notwendig, daB in der aller-allerernstesten Weise hingewiesen wird auf den heiligen 
Ernst, mit dem die Schule genommen werden muB. 

Und hier innerhalb der Schule muB denn doch einmal und immer wieder und 
wieder gesagt werden: es herrscht in Anthroposophenkreisen viel zu geringer Ernst 
fur dasjenige, was durch die anthroposophische Bewegung eigentlich flieBt, und 
es muB wenigstens in den esoterischen Mitgliedern der esoterischen Schule jener 
Kern herangezogen werden einer Menschheit, der sich allmahlich heranbildet zu 
dem Ernste, der da notwendig ist. Daher ist es notwendig, daB die Leitung der 
Schule wirklich sich vorbehalt, nur diejenigen gelten zu lassen als richtige, wiirdige 
Mitglieder der Schule, die in jedem Einzelnen ihres Lebens wiirdige Reprasentanten 
der anthroposophischen Sache sein wollen; und die Entscheidung daniber, ob das 
der Fall ist, muB bei der Leitung der Schule liegen. 

Betrachten Sie das, meine Schwestern und Briider, nicht als eine Beeintrachtigung 
der Freiheit. Die Leitung der Schule muB ebenso ihre Freiheit haben und anerken- 
nen konnen, wer zur Schule gehort und wer nicht, wie es ja jedem auch in seinen 
Willen hinein freigestellt wird, zur Schule gehoren zu wollen oder nicht. Aber es 
muB durchaus sozusagen ein freier ideell-spiritueller Vertrag sein, der zwischen 
dem Mitglied der Schule und der Leitung geschlossen wird. In anderer Weise 
konnte niemals die esoterische Entwickelung eine gesunde genannt werden, insbe- 
sondere nicht eine der Tatsache wiirdige, daB diese esoterische Schule unter der 
unmittelbaren Kraft der Michael-Wirksamkeit selber steht. 

Die Leitung der Schule muB im strengsten Sinne des Wortes dasjenige, was eben 
gesagt worden ist, handhaben. Und daB sie das tut, das moge Ihnen, meine lieben 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 125 



Freunde, aus dem hervorgehen, daB tatsachlich seit dem verhaltnismaBig kurzen 
Bestand der Schule gegen achtzehn, zwanzig AusschlieBungen stattfinden muBten, 
weil dasjenige, was als Ernst mit der Schule verbunden werden muB, eben nicht 
eingehalten worden ist. 

Sorgfaltiges Hiiten der mantrischen Spriiche, so daB sie nicht in unrechte Hande 
kommen, das ist die erste Anforderung; aber auch wirklich sein ein wiirdiger 
Reprasentant der anthroposophischen Sache. 

Ich brauche ja nur einzelne Tatsachen zu erwahnen, um hinzuweisen darauf, 
wie wenig eigentlich noch durchgreifend die anthroposophische Bewegung mit 
vollem Ernste aufgefaBt wird. Vor einzelnen von Ihnen habe ich es schon erwahnt. 
Es ist vorgekommen, daB Mitglieder der Schule hier ihre Platze mit den blauen 
Zertifikaten, die ihnen das Recht geben, in der Schule zu sitzen, belegt haben. Es 
ist vorgekommen in der Anthroposophischen Gesellschaft, daB man ganze StoBe 
von Mitteilungsblattern, die nur fur die Mitglieder bestimmt sind, in der Tramway, 
die von Dornach nach Basel fahrt, aufgefunden hat. Und ich konnte diese Liste 
in der mannigfaltigsten Weise vermehren. Und es kommt immer wieder und wieder 
dahin, daB iiber diesen mangelnden Ernst geradezu verbliiffende Tatsachen geliefert 
werden. Es ist ja geradezu so, daB selbst Dinge, die im auBeren Leben ernst 
genommen werden, in dem Augenblicke, wo die Betreffenden dieselben Dinge 
innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu iiben haben, sie nicht ernst genom- 
men werden. 

Das alles sind Dinge, die durchaus in Betrachtung gezogen werden miissen im 
Zusammenhange mit dem festen Gefiige, das diese Schule haben muB. Deshalb 
muB dies gesagt werden, weil man eigentlich, ohne daB man die Dinge beachtet, 
nicht in wiirdiger Weise entgegennehmen kann als Offenbarung aus der geistigen 
Welt, was hier in der Schule gegeben wird. Und es wird jedesmal am Ende der 
Stunde ausdrucklich darauf aufmerksam gemacht, daB die Wesenheit des Michael 
selber anwesend ist, wahrend hier die Offenbarungen der Schule gegeben werden. 
Und es wird dieses bekraftigt durch Zeichen und Siegel Michaels. 

Alle diese Dinge miissen im Herzen der Mitglieder leben. Und Wiirde, tiefe 
Wiirde muB herrschen in all dem, was selbst nur die Gedanken mit dieser Schule 
verbindet. Denn in all diesem kann allein leben dasjenige, was heute eine esoterische 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 126 



Stromung durch die Welt tragen soil. Und all das schlieBt die Pflichten ein, die 
der einzelne hat. 

Dasjenige, was an mantrischen Spruchen hier auf die Tafel geschrieben wird, 
kann nur von denjenigen besessen werden im strengsten Sinne des Wortes, welche 
hier das Recht haben, in der Schule zu sitzen. Und ist ein Mitglied der Schule 
einmal verhindert, an den Stunden teilzunehmen, wo mantrische Spruche gegeben 
werden, so kann ein anderes Mitglied, das diese Spruche hier in der Schule bekom- 
men hat, diese Spruche allerdings mitteilen; aber es muB ftir jeden einzelnen Fall, 
das heiBt ftir jede einzelne Personlichkeit, an die die Spruche abgegeben werden 
sollen, erst um die Erlaubnis dazu gefragt werden, entweder bei Frau Dr. Wegman 
oder bei mir selbst. Wenn einmal ftir eine Personlichkeit die Erlaubnis gegeben 
worden ist, so bleibt die dann fortbestehen. Aber fur jede einzelne Personlichkeit 
muB wiederum im besonderen bei Frau Dr. Wegman oder mir gefragt werden. 
Das ist nicht eine VerwaltungsmaBregel, das ist etwas, was im strengsten Sinne 
durch die Regeln des Okkulten gefordert wird. Denn die Tatsache muB dastehen, 
daB jeder Akt der Schule verbunden bleibt mit der Leitung der Schule; und das 
beginnt damit, daB man um Erlaubnis fragt, wenn so etwas geschehen soli, was 
zu den Taten der Schule gehort. Nicht derjenige kann fragen, der die Mantren 
empfangt, sondern allein derjenige, der sie gibt, unter den Modalitaten, die ich 
eben bezeichnet habe. Schreibt sich jemand etwas auf hier wahrend der Stunde, 
was nicht die mantrischen Spruche sind, sondern was gesagt wird, so hat er die 
Verpflichtung, das nur acht Tage zu haben und dann es zu verbrennen. 

Alle diese Dinge sind nicht willkurliche MaBregeln, sondern hangen mit der 
okkulten Tatsache zusammen, daB die Dinge der Esoterik nur wirksam sind, wenn 
sie von der Gesinnung umfaBt werden, die die rechtmaBig in der Schule sitzenden 
Mitglieder haben. Sie verlieren ihre Wirksamkeit, die Mantrams, wenn sie in unrech- 
te Hande kommen. Und das ist eine so fest in die Weltenordnung eingetragene 
Regel, daB einmal das Folgende vorgekommen ist und eine ganze Reihe von Man- 
trams unwirksam geworden sind, die innerhalb dieser anthroposophischen Bewe- 
gung flossen. 

Von mir konnte iibergeben werden an eine Reihe von Leuten dasjenige, was 
mantrische Spruche sind. Ich iibergab es auch einer gewissen Personlichkeit. Die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 127 



hatte einen Freund. Der Freund war etwas hellsehend. Und es kam dazu, daB, als 
die beiden Freunde in einem Zimmer schliefen, der hellsehende Freund, wahrend 
der andere nur denkend das Mantram iiberholte, es abschaute und dann Unfug 
damit trieb, indem er es als Mantram von sich aus an Leute gab. Man muBte erst 
nachgehen der Tatsache, die sich herausstellte, warum die betreffenden Mantren 
unwirksam wurden bei all denjenigen, die sie hatten. 

Also Sie diirfen sich nicht, meine lieben Schwestern und Briider, bei diesen 
Dingen leichten Gedanken hingeben, denn die Regeln des Esoterischen sind strenge; 
und niemand sollte eigentlich, wenn er einen dahingehenden Fehler gemacht hat, 
das entschuldigen mit dem, daB er nichts dafiir kann. Wenn jemand in seinem 
Kopfe das Mantram in Gedanken ablaufen laBt und ein anderer hellsehend das 
schaut, dann kann derjenige, dem das Mantram abgeschaut worden ist, ganz gewiB 
nichts dafiir. Aber die Tatsachen vollziehen sich doch mit eiserner Notwendigkeit. 

Ich erwahne diese Sache, damit Sie sehen, wie wenig Willkiir in den Dingen 
liegt und wie in diesen Dingen durchaus dasjenige enthalten ist, was unmittelbar 
abgelesen ist aus der geistigen Welt und den Gepflogenheiten der geistigen Welt 
entspric
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