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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE
Esoterische Unterweisungen
fur die erste Klasse der Freien Hochschule
fur Geisteswissenschaft
Dritter Band
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 1
Ubersicht iiber die Klassenstunden in vier Banden
ERSTER UND ZWEITER BAND
Neunzehn Stunden,
gehalten in Dornach zwischen dem 15. Februar und 2. August 1924
Erster Band: Erste bis neunte Stunde
Zweiter Band: Zehnte bis neunzehnte Stunde
DRITTER BAND
Sieben Wiederholungsstunden,
gehalten in Dornach zwischen dem 6. und 20. September 1924,
Vier Einzelstunden,
gehalten in Prag am 3. und 5. April 1924, in Bern am 17. April 1924,
in London am 27. August 1924
VIERTER BAND
Tafelband mit den Wiedergaben der Original-Wandtafeln und
Handschriften der Mantren Rudolf Steiners
Bibliographie-Nr. 270/1 - IV
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 2
RUDOLF STEINER
Esoterische Unterweisungen
fur die erste Klasse der Freien Hochschule
fur Geisteswissenschaft
am Goetheanum
DRITTER BAND
Sieben Wiederholungsstunden,
gehalten in Dornach zwischen dem 6. und 20. September 1924,
sowie vier Einzelstunden,
gehalten in Prag am 3. und 5. April 1924,
in Bern am 17. April 1924, in London am 27. August 1924
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 3
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
in Zusammenarbeit mit der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum,
Dornach / Schweiz
nach von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen stenographischen Mitschriften
sowie nach den vorliegenden handschriftlichen Unterlagen
Die Herausgabe wurde besorgt durch Giinther Frenz und Hella Wiesberger
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1992
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1999
Fruhere Ausgabe:
Privater Manuskriptdruck Dornach 1977
Bibliographie-Nr. 270/III
Signet auf dem Einband von Rudolf Steiner. Schrift von Benedikt Marzahn
Initialen im Text nach Entwiirfen von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1992 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany. Satz und Druck: Kooperative Durnau, Durnau
Bindearbeit: J. Spinner, Otters weier/ Baden
ISBN 3-7274-2700-0 (Reihe) ISBN 3-7274-2703-5 (Band III)
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 4
INH ALT
Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 7
Sieben Wiederholungsstunden
ERSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 6. September 1924 11
ZWEITE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 9. September 1924 31
DRITTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 11. September 1924 47
VIERTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 13. September 1924 65
FUNFTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 15. September 1924 85
SECHSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 17. September 1924 105
SIEBENTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE, Dornach, 20. September 1924 123
Die Mantramtexte der sieben Wiederholungsstunden 145
Vier Einzelstunden
ERSTE PRAGER STUNDE, Prag, 3. April 1924 157
ZWEITE PRAGER STUNDE, Prag, 5. April 1924 173
BERNER STUNDE, Bern, 17. April 1924 191
NOTIZEN VON DER ZWEITEN LONDONER STUNDE, London, 27. August 1924 .... 209
Hinweise
Hinweise zu den sieben Wiederholungsstunden und den vier Einzelstunden .... 223
Sonderhinweis 239
Hinweise zu den Mantramtexten am SchluB des vierten Bandes
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 5
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 6
ZU DEN VEROFFENTLICHUNGEN
AUS DEM VORTRAGSWERK VON RUDOLF STEINER
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich in die drei groBen
Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht Seite 244/245).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir Mitglieder der Theosophischen,
spater Anthroposophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie von
ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horermitschriften angefertigt und verbreitet wurden,
sah er sich veranlaBt, das Mitschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er seine engste
Mitarbeiterin und Mitbegriinderin der anthroposophischen Bewegung, Marie Steiner-von Sivers
(1867-1948, seit 1914 Marie Steiner). Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die notwendige Durchsicht der Texte fiir die von den
Mitgliedern gewiinschte Herausgabe, die von Rudolf Steiner selbst aus Zeitmangel nicht vorge-
nommen werden konnte.
Uber das Verhaltnis der sogenannten Mitgliedervortrage, welche zunachst nur den Mitglie-
dern als Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu den allgemein veroffentlichten Schriften auBert
Rudolf Steiner in seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» (Kap. 35, 1925):
«Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen der Anthroposophie vor
das BewuBtsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, der muB das an Hand der allgemein
veroffentlichten Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an
Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in <geistigem Schauen>
immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht
in unvollkommener Art - wurde.
Neben diese Forderung, die <Anthroposophie> aufzubauen und dabei nur dem zu dienen,
was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von
heute zu iibergeben hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus
der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. (...)
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, kam dazu noch
ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen
aus Anthroposophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen
auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war eine solche,
wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fiir die Offentlichkeit bestimmt waren.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 7
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fur die offentliche
Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten
miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in der Tat etwas vor,
das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das
Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem MaBe etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der
sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vor-
empfindungen der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte
ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der
Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten.
Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen
zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und
das ist fur die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen,
was als <anthroposophische Geschichte> in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.»
Diese Urteilsvoraussetzung muB in erhohtem MaBe geltend gemacht werden fiir die in den
vorliegenden vier Banden veroffentlichten Mitschriften der im Jahre 1924 fiir die erste Klasse
der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft am Goetheanum gegebenen esoterischen Unter-
weisungen. Sie bilden einen Bestandteil der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in der Reihe «Zur
Geschichte und aus den Inhalten der Esoterischen Schule». Die in dieser Reihe bereits erschiene-
nen Bande sind in der Ubersicht auf Seite 243 aufgefiihrt.
Zu der besonderen Stellung dieser Texte innerhalb der Gesamtausgabe siehe die Vorbemer-
kungen der Herausgeber in Band I, Seite IXff.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 8
Sieben Wiederhohmgsstunden
in Dornach
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 9
Zur Schriftbildgestaltung
Normaldruck
Gesperrt Gedrucktes
Kursivdruck =
Kleingedrucktes in
[ecMgen Klammern]
fortlaufender Vortragstext
laut Stenogramm stark betont Gesprochenes
Anschriften auf der Wandtafel
= Erlauterungen oder Erganzungen durch die Herausgeber
Zu den Vortragstexten
Der Text folgt grundsatzlich wortwortlich den Stenogrammen. Dabei ist zu beriicksich-
tigen, daB der Duktus der in freier Rede, ohne Manuskript, gehaltenen Stunden, ganz
und gar auf das Verstehen im Zuhdren zielte. (Siehe hierzu die Angaben in Band I,
Seite 196ff.: «Zu dieser Ausgabe».)
Zum Wortlaut der Mantrams
Als verbindlich gilt der Wortlaut der Tafelanschriften. Versehen beim Anschreiben,
oder beim Sprechen manchmal vorgekommene geringfiigige Abweichungen, sind im
fortlaufenden Text nicht beriicksichtigt, sondern in den Hinweisen zu den Mantram-
texten (in Band IV) nachgewiesen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:10
ERSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 6. September 1924
eine lieben Freunde! Es hat sich ergeben, daB zu dieser heutigen Klassen-
stunde - und wohl auch zu den nachsten Stunden - zahlreiche Freunde
sich einfinden konnten, welche bei fruheren Klassenstunden nicht anwe-
send waren. Und es wiirde daher heute eine Unmoglichkeit bedeuten, einfach
fortzufahren in derselben Weise, wie der Weg gewiesen hat, als wir hier die letzte
Klassenstunde hatten. Es ist aber auch so, daB fur diejenigen Mitglieder dieser
esoterischen Schule, die friiher Klassenstunden mitgemacht haben, die Wiederho-
lung dieser Klassenstunden keine Entbehrung bedeuten kann aus dem Grunde,
weil ja der Inhalt dieser esoterischen Schule ein solcher ist, der immer wieder und
wieder auf die Seele zu wirken hat. So daB allerdings bei demjenigen, der heute
eine Wiederholung erlebt, diese Wiederholung bedeutet, gerade weil sie eine Wie-
derholung ist, auch eine Fortsetzung.
Fur alle diejenigen, die heute zum ersten Male da sind, aber bedeutet dasselbe
wiederum etwas anderes: es bedeutet die Bekanntschaft mit dem Anfang des eso-
terischen Weges.
Es ist ja so, daB selbst auf dem esoterischen Wege weit Fortgeschrittene gerade
darinnen die Fruchtbarkeit ihrer weiteren Bestrebungen sehen, daB sie immer
wieder und wieder zum Anfange zuruckkehren. Dieses Zuruckkehren zum An-
fange ist immer auch das Betreten einer weiteren Stufe. So wollen wir es mit
diesen Stunden, die jetzt gehalten werden, eben ansehen. Und so muB auch fur
diejenigen Mitglieder der Schule, die heute zum ersten Male da sind, der Sinn
dieser Schule wiederum einleitend auseinandergesetzt werden.
Als der Impuls der Weihnachtstagung mit der geistigen Grundsteinlegung der
Anthroposophischen Gesellschaft hier in diesem Saale zu Weihnachten sich geltend
machte, da war es ja so, wie ich schon gestern ausgesprochen habe, daB ein esoteri-
scher Zug durch die ganze Anthroposophische Gesellschaft von jetzt ab zu flieBen
haben wird, ein esoterischer Zug, der auch schon bemerkt werden konnte in allem,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:11
was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft seit Weihnachten versucht
worden ist. Der Kern dieses esoterischen Wirkens der Anthroposophischen Gesell-
schaft muB nun die esoterische Schule sein, jene esoterische Schule, die aus dem
ganzen Charakter der Anthroposophie heraus nunmehr an die Stelle dessen zu
treten hat, was vorher versucht worden ist als sogenannte Freie Hochschule fur
Geisteswissenschaft und was ja nicht als gegliickt bezeichnet werden kann.
Es war das in jener Zeit, in der ich noch nicht selber die Leitung der Anthroposo-
phischen Gesellschaft hatte, daher die Aufgabe hatte, diejenigen, die etwas versu-
chen wollten, es auch versuchen zu lassen. Ein solches kann in der Zukunft ja
nicht mehr stattfinden. In dem, was mit mir selbst zusammenhangend in dem
Weihnachtsimpuls geformt wurde, lag es eben, daB die Freie Hochschule fur Gei-
steswissenschaft mit ihren verschiedenen Sektionen einen esoterischen Kern zu
bilden hat ftir alles dasjenige, was wiederum als Esoterisches wirken soil in der
Anthroposophischen Gesellschaft.
Eine esoterische Schule aber wird nicht innerhalb des irdischen Wesens begriin-
det. Eine esoterische Schule ist nur dann als solche da, wenn sie der irdische
Abglanz ist von dem, was in iibersinnlichen Welten begrundet wird. Und oftmals
ist es ausgesprochen worden unter Anthroposophen, daB in der Reihe der regieren-
den, der das menschliche Geistesleben regierenden Wesen aus der Hierarchie der
Archangeloi mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Archangelos Michael
diese Fiihrung ubernommen hat, und es wurde auch bemerklich gemacht, daB
diese Fiihrung Michaels eine ganz besondere Bedeutung habe innerhalb des geisti-
gen Lebens und der geistigen Entwickelung der Menschheit auf Erden.
Es ist j a so in der menschlichen Evolution, daB das Leben in dieser Evolution
aufeinanderfolgend von sieben Erzengeln geleitet wird, von sieben Erzengeln, die
zusammen bilden die geistige Herrschaftssubstanz des Planetensystems, zu dem
auch Sonne, Erde und Mond gehoren. Durch etwa drei bis vier Jahrhunderte geht
immer der Impuls eines dieser Erzengel. Und wir haben von diesen Erzengeln,
wenn wir ausgehen von demjenigen, unter dessen Impuls eben das Geistesleben
der Menschheit in der Gegenwart steht, wenn wir ausgehen von Michael, wir
haben denjenigen Archangelos, der in allem, was er tut und kraftet, die geistige
Kraft der Sonne hat.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 12
Ihm ging voran, wiederum durch drei bis vier Jahrhunderte - also von dem
letzten Drittel des 19. Jahrhimderts weiter zuriick durch drei bis vier Jahrhun-
derte -, die Herrschaft des Archangelos Gabriel, der in seinen Impulsen vorzugs-
weise die Mondenkrafte hat.
Und weiter dann kommen wir zuriick in die Jahrhunderte, in denen eine Art
von Auflehnung gegen geistiges Wirken und geistiges Wesen im Mittelalter in der
Menschheit lebte, gerade bei denjenigen, die Trager der Zivilisation waren: das
war die Herrschaft des Samael. Und dieser Samael, er hat in seinen Impulsen die
Marskrafte.
Wenn wir noch weiter zuruckgehen, kommen wir in dasjenige Zeitalter, in dem
eine medizinisch orientierte Alchimie das Geistesleben tief beeinfluBte unter der
Herrschaft des Archangelos Raphael, der die Merkurkrafte in seinen Impulsen tragt.
Und gehen wir dann noch weiter zuriick - wir kommen immer mehr und mehr
an das Mysterium von Golgatha heran, haben es aber noch nicht erreicht -, wir
finden dann die Herrschaft des Zachariel, der die Jupiterkrafte in seinen Impulsen
tragt, und die Herrschaft des Anael, mit dem wir schon ganz nahe an das Mysterium
von Golgatha herankommen, der die Venuskrafte in seinen Impulsen tragt. Dann
kommen wir in die Zeit, unter der sich der Glanz des Mysteriums von Golgatha
gegeniiber einer tiefen geistigen Finsternis geltend machte auf Erden unter der
Herrschaft des Oriphiel, der die Saturnkrafte in seinen Impulsen tragt.
Dann kommen wir wieder zuriick zu der vorigen Herrschaft des Michael, die
zusammenfallt mit demjenigen, was an groBen, internationalen, kosmopolitischen
Impulsen dadurch geschehen ist, daB im Alexandrinismus, im Aristotelismus dasje-
nige, was bis dahin an griechischem Mysterien- und griechischem Geisteswesen
fur die Menschheit aufgebracht worden war, durch Alexander hinubergetragen
wurde nach Asien, nach Nordafrika; so daB dasjenige, was auf einem kleinen
Territorium Geistesleben war, ausgestrahlt ist iiber die ganze damals zivilisierte
Welt. Denn es ist immer das Kennzeichen eines Michael-Zeitalters, daB dasjenige,
was in einer Lokalitat gebliiht hat vorher, in kosmopolitischer Weise iiber die
anderen Menschheitsbestandteile ausgestrahlt wird.
Und so kommt man immer zuriick, nachdem man den Zyklus durch die verschie-
denen Archangeloi absolviert, zu demselben Archangelos. Wir konnen weiter zu-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 13
riickgehen - wiederum durch eine Reihe von Gabriel-, Samael-, Raphael-, Zacha-
riel-, Anael-, Oriphiel-Zeitalter: wir wiirden wieder zu Michael zuriickkommen.
Und wir werden finden, daB auf das Michael-Zeitalter, das iiber uns strahlt, wieder-
um ein Zeitalter des Oriphiel folgen wird.
So, meine lieben Freunde, sollen wir uns bewuBt sein, daB die Michael-Impulse
in der charakterisierten Weise in all dem leben, was geistiges Wirken und geistiges
Wesen in der Gegenwart sein soil. Aber es ist ein wichtigeres Michael-Zeitalter,
als die vorherigen waren. Nur auf diese Tatsache mochte ich hinweisen.
Nun handelt es sich darum, daB, als zu Weihnachten in den Dienst des Esoteri-
schen die Anthroposophische Gesellschaft gestellt wurde, ihr esoterischer Kern,
diese esoterische Schule, nur begrundet werden konnte, wenn sie begrundet wurde
von der geistigen Macht, welcher die Lenkung dieses Zeitalters obliegt. Und so
leben wir denn innerhalb dieser esoterischen Schule - als der von dem Geiste der
Zeit, Michael, selbst begrundeten esoterischen Schule - in einer zu Recht bestehen-
den esoterischen Schule; denn sie ist die Michael-Schule in der Gegenwart.
Und nur dann, meine lieben Freunde, stellt Ihr Euch vor in der richtigen Art
dasjenige, was in dieser Schule hier gesprochen wird, wenn Ihr Euch bewuBt seid,
daB hier nichts anderes gesprochen wird als dasjenige, was in der Gegenwart von
der Michael-Stromung selber in die Menschheit gebracht werden will. Michael-
Worte sind alle Worte, die in dieser Schule gesprochen werden. Michael- Wille ist
aller Wille, der in dieser Schule gewollt wird. Michael-Schuler seid Ihr alle, indem
Ihr zu Recht innerhalb dieser Schule steht. Nur dann, wenn Ihr dieses BewuBtsein
in Euch tragt, ist es moglich, in richtiger Art in dieser Schule zu sitzen, mit der
richtigen Stimmung und Gesinnung in dieser Schule zu sitzen, sich zu fiihlen als
ein Glied nicht nur von etwas, was als Erden-Institution in die Welt tritt, sondern
von etwas, was als Himmels-Institution in die Welt tritt.
Damit ist verbunden, daB ein jeglicher, der Mitglied dieser Schule wird, selbst-
verstandliche Pflichten auf sich nimmt. Es ist ja das Eigentiimliche des Weihnachts-
impulses der Anthroposophischen Gesellschaft, daB diese Anthroposophische
Gesellschaft selber damit den volligen Charakter der Offentlichkeit aufge-
driickt bekommen hat. Damit aber wird von demjenigen, der Mitglied der Anthro-
posophischen Gesellschaft wird, nichts weiter verlangt als dasjenige, was er selber
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:14
verlangt: durch die Anthroposophische Gesellschaft dasjenige zu bekommen, was
innerhalb der anthroposophischen Geistesbewegung flieBt. Und eine weitere Ver-
pflichtung iibernimmt man nicht, wenn man Anthroposoph wird. Die Ver-
pflichtimg, ein anstandiger Mensch zu sein, ist ja selbstverstandlich.
Anders, wenn man den Zugang zu dieser Schule sucht: Da handelt es sich darum,
daB tatsachlich aus dem ganzen spirituellen Geistigen, aus dem okkulten Geistigen
dieser Schule heraus derjenige, der Mitglied dieser Schule wird, die Verpflichtung
iibernimmt, ein wiirdiger Reprasentant der anthroposophischen Sache vor der
ganzen Welt mit allem seinem Denken, Fiihlen und Wollen zu sein. Nicht anders
kann man Mitglied dieser Schule sein,
Entscheidung daniber, ob man ein wiirdiges Mitglied dieser Schule ist, kann
einzig und allein der Leitung dieser Schule zustehen. Aber die Leitung dieser
Schule muB ernst nehmen diejenigen Pflichten, die sie auf sich nimmt. Verantwort-
lich ist die Leitung dieser Schule nur den geistigen Machten, der Michael-Macht
selber gegeniiber fur dasjenige, was sie tut. Aber sie muB ernst nehmen namentlich
diesen Punkt, daB derjenige, der zur Schule gehort, ein wiirdiger Reprasentant der
anthroposophischen Sache vor der Welt sein muB. Das schlieBt in sich, daB die
Leitung der Schule verlangen muB, daB die Mitgliedschaft im allerauBersten Sinne
ernst genommen werde. Sie muB daher demjenigen, bei dem sie diesen Ernst nicht
antrifft, erklaren, daB er fernerhin nicht Mitglied der Schule sein kann.
DaB das ernst genommen wird, meine lieben Freunde, konnen Sie daraus ersehen,
daB seit dem kurzen Bestand dieser Schule bereits in zwanzig Fallen ein zeitweiliger
AusschluB vollzogen worden ist. Diese strenge MaBregel wird auch weiterhin in
derselben Art gehandhabt werden miissen. Mit wirklich esoterischen Dingen kann
nicht gespielt werden, kann nur der allerauBerste Ernst verbunden werden. Damit
wird gerade durch diese Schule jener Ernst in die anthroposophische Bewegung
hineinstrahlen konnen, der ihr fur ihr wirkliches, spirituelles Gedeihen absolut
notwendig ist. Das sind zunachst die Einleitungsworte, die ich zu sprechen hatte.
*
Wenn Ihr - ich spreche jetzt zu denen, die heute zum ersten Male da sind -,
wenn Ihr die Worte, die hier gesprochen werden, als die rechten Botschaften aus
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der geistigen Welt empfanget, als die rechten Michael- Worte, dann werdet Ihr in
dem Sinne hier sitzen, in dem Ihr einzig und allein hier sitzen sollt.
Und so wollen wir zunachst vor unsere Seelen fiihren diejenigen Worte, welche
eigentlich dem Menschen entgegentonen, wenn er unbefangenen Sinnes auf alles
dasjenige hinschaut, was ihn in der Welt - in der Welt oben, in der Welt in der Mitte,
in der Welt unten - umgibt. Wir mogen hinschauen in das stumme Reich der
Mineralien, in das sprossende, sprieBende Reich des Pflanzlichen, in das bewegliche
Reich des Tierischen, in das sinnende Reich des Menschlichen auf Erden, wir
wollen den Blick hinlenken zu den Bergen, zu den Meeren, zu den Flussen, zu
den sprudelnden Quellen, wir wollen den Blick hinwenden zu den ziehenden Wolken,
zu den Donnern und Blitzen, wir wollen den Blick hinlenken zu der scheinenden
Sonne, zu dem glimmenden Monde, zu den funkelnden Sternen: aus allem, wenn
der Mensch sein Herz offenhalt, mit seelischem Ohre hinzuhoren vermag, tont
ihm entgegen die Mahnung, die in den Worten liegt, die ich nunmehr auszusprechen
habe:
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfiihlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfiihlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:16
Und wenn wir dieses Wortes Sinn und dieses Wortes Geist ganz auf uns wirken
lassen, dann bekommen wir die Sehnsucht, hinzugehen zu denjenigen Quellen,
aus denen unsere eigentliche menschliche Wesenheit flieBt. Ganz verstehen diese
Worte heiBt: den Weg ersehnen, der zu jenen Wassern fiihrt, aus denen das Wesen
der Menschenseele flieBt, des Menschenlebens Ursprung zu suchen.
Im Anschauen wird Euch, meine lieben Schwestern und Briider, das zuteil
werden, je nachdem es in Eurem Karma liegt. Aber der erste Schritt wird sein das
sinngemaBe Verstehen des esoterischen Weges. Dieser esoterische Weg wird in
Michael-Worten hier in dieser Schule geschildert. Er wird geschildert so, daB ihn
jeder gehen kann, daB ihn aber nicht jeder zu gehen braucht, sondern zunachst
ihn zu verstehen hat; denn dieses Verstandnis ist selbst der erste Schritt. Daher
wird erflieBen in mantrischen Worten dasjenige, was Michael der Menschheit in
der Gegenwart zu sagen hat. Diese mantrischen Worte werden sein zugleich Worte
fur die Meditation.
Wiederum, es wird vom Karma abhangen, wie auf die einzelnen Seelen diese
Worte ftir die Meditation wirken. Und das erste ist, Verstandnis dafiir zu bekom-
men, daB aus den eben gesprochenen mantrischen Worten von der menschlichen
Selbsterkenntnis die Sehnsucht entspringt, hinzulenken den Sinn nach den Quellen
des menschlichen Daseins: O Mensch, erkenne dich selbst! -Ja, diese Sehnsucht
muB erwachsen. Wir miissen suchen: Wo sind die Quellen dessen, was in der
menschlichen Seele lebt, was unser eigenes menschliches Sein ist?
Wir miissen zunachst schauen in dem, was uns gegeben ist. Wir miissen herum-
schauen unter all dem, was uns im Kleinen gegeben ist, unter all dem, was uns im
GroBen gegeben ist. Wir schauen hin zu dem stummen Stein, zu dem Gewiirm
der Erde, wir schauen hin zu all dem, was wachst und west und lebt um uns herum
in den Reichen der Natur. Wir schauen hinauf zu den machtig funkelnden, glanzen-
den Gestirnen. Wir horen ihn an, den rollenden Donner. Nicht wenn man asketisch
wird, hat man Aussicht, zu ergrunden die Ratsel des eigenen Menschenwesens;
nicht wenn man verachtet dasjenige, was als Gewiirm lebt in der Erde, was als
Sterne funkelt am Himmelsraume, nicht wenn man es verachtet als auBerlich
sinnliches Scheinen und einen abstrakten, unbestimmten, chaotisch gesinnten Weg
sucht, sondern wenn man gerade ein tiefes Gefiihl entwickelt fur alles dasjenige,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 17
was im kleinsten Gewiirm, das in der Erde kriecht, lebt und west; wenn man
entwickelt ein Gefiihl fur die Erhabenheit desjenigen, was aus den Sternen uns
entgegenglanzt; wenn man fiihlen kann in all dem, was in die Sinne einzieht und
zu unserer Wahrnehmung wird: Schonheit, Wahrheit, Reinheit, Erhabenheit,
GroBartigkeit und Majestat. Wenn man dastehen kann als betrachtender Mensch,
rings um sich iiberall aus den Pflanzen, aus den Steinen, aus den Tieren, aus den
Sternen, aus den Wolken, aus den Meeren, aus den Quellen, aus den Bergen
vernehmen kann Majestat und GroBe und Wahrheit und Schonheit und Glanz,
dann sagt man sich erst mit der vollen Tiefe, mit der vollen Intensitat: Ja, groB
und gewaltig und majestatisch und herrlich ist alles dasjenige, was da als Gewiirm
unter der Erde kriecht, was da oben am Himmelsraum als Sterne erglanzt; aber
dein Wesen, o Mensch, ist nicht unter all dem. Du bist nicht in all dem, wovon
dir zunachst deine Sinne kiinden.
Und dann wendet man den fragenden, ratselbeschwerten Blick nach den Fernen
hin. Von hier ab wird der esoterische Weg in Imaginationen beschrieben. Man
wendet den Blick nach den Fernen hin. Etwas wie ein Weg zeigt sich, ein Weg,
der da fiihrt bis zu einer schwarzen, nachtbedeckten Wand, die sich enthullt als
der Anfang einer tiefsten Finsternis. Und wir stehen da, rings umgeben von der
Majestat des Sinnenscheins, bewundernd GroBe und Majestat und Herrlichkeit
und Glanz des Sinnenscheins, aber das eigene Wesen nicht darinnen findend, den
Blick hingerichtet nach der Grenze dieses Sinnenscheins. Da aber beginnt schwarze,
nachtbedeckte Finsternis. Aber in unserem Herzen sagt uns etwas: Nicht hier, wo
die Sonne uns entgegenglanzt von allem, was da wachst und webt und lebt, sondern
dort, wo uns nachtbedeckte Finsternis entgegenstarrt, da sind die Quellen des
eigenen Menschenseins. Davon her muB die Antwort kommen auf die Frage:
O Mensch, erkenne dich selbst!
Dann gehen wir zogernd der schwarzen Finsternis entgegen und werden gewahr:
Das erste Wesen, das uns entgegenkommt, steht dort, wo die schwarze, nachtbe-
deckte Finsternis beginnt. Wie aus einer vorher nicht gesehenen Wolkenbildung
ballt es sich zusammen, wird menschenahnlich, nicht von Schwere durchdrun-
gen, menschenahnlich aber. Mit ernstem, sehr ernstem Blicke begegnet es un-
serem fragenden Blick. Es ist der Hiiter der Schwelle. Denn zwischen der sonnen-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:18
erglanzenden Umgebung des Menschen und jener nachtbedeckten Finsternis
ist ein Abgrund, ein tiefer gahnender Abgrund. Heriiber gegen uns zu steht an
diesem Abgrunde der Hiiter der Schwelle. Wir nennen ihn so aus dem folgenden
Grunde.
Ach, der Mensch, er ist ja jede Nacht im Schlafe mit seinem Ich und mit seinem
astralischen Leibe in jener Welt, die jetzt dem imaginativen Blick erscheint als
schwarze, nachtbedeckte Finsternis; aber er ahnt nichts davon - seine Seelensinne
sind nicht aufgeschlossen -, er ahnt nicht, daB er mitten unter geistigen Wesenheiten
und geistigen Tatsachen vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt und webt; wiirde
er ohne weitere Vorbereitung bewuBt erleben, was da zu erleben ist: er wiirde
zermalmt! Der Hiiter der Schwelle bewahrt uns - deshalb ist er der Hiiter der
Schwelle -, bewahrt uns davor, unvorbereitet den Abgrund ubersetzen zu wollen.
Seinen Mahnungen, wir miissen ihnen folgen, wenn wir den esoterischen Weg
gehen wollen. Er hiillt den Menschen in Finsternis ein jede Nacht; er behiitet die
Schwelle, damit der Mensch einschlafend nicht unvorbereitet sich hineinlebt in die
geistig-okkulte Welt.
Jetzt steht er da - wenn wir geniigend das Herz verinnerlicht, die Seele vertieft
haben -, jetzt steht er da, an uns richtend die Mahnung, wie alles schon ist in
unserer Umgebung, wie wir aber in dieser Schonheit unser eigenes Wesen nicht
finden konnen und wie wir suchen miissen jenseits des gahnenden Abgrunds des
Seins in dem Gebiete der nachtbedeckten, schwarzen Finsternis, wie wir warten
miissen, bis es dunkel wird hier im sonnenbeglanzten Reich sinnlicher Helle und
hell wird driiben ftir uns da, wo es jetzt noch schwarze Finsternis nur gibt.
Das ist es, was mit ernsten Worten der Hiiter der Schwelle vor unsere Seele
hinstellt. Wir stehen noch in einer gewissen Weite vor ihm. Wir blicken hin und
vernehmen noch aus der Feme sein mahnendes Wort, das also ertont:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 19
Wo auf Erdengrunden, Farb' an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig,
Sich am eignen Dasein freudig warmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:
Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Fur dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.
Das ist die erste Mahnung des Hiiters der Schwelle, jene erste Mahnung, die
uns besagt, daB schon und groB und erhaben unsere Umgebung ist, lichtbeglanzt,
sonnenbeschienen; daB aber dieses Lichtbeglanzte, Sonnenbeschienene ist fur
das Wesen des Menschen erst die rechte Finsternis; daB wir suchen miissen da,
wo die Finsternis ist, daB diese Finsternis uns zum Lichte wird, damit das
Menschenwesen uns, beleuchtet aus dieser Finsternis, entgegentreten konne, damit
das Menschenratsel aus dieser Finsternis heraus sich lose. So fahrt der Hiiter
der Schwelle fort:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 20
Und aus Finsternissen hellet sich
- Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenather
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend -
Dir der Geistesbote, der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen.
Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins,
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.
[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Uberschrift und die letzte Zeile unterstrichen;
siehe Tafelband Seite 148:]
Der Huter spricht:
Wo auf Erdengriinden, Farb' an Farbe,
Sich das Leben schajfend ojfenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfuhlende Wesen, willenskrdftig,
Sich am eignen Dasein freudig warmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 21
Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Fur dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.
Und aus Finsternissen hellet sich
- die Fortsetzung dieses Satzes folgt erst nach einigen Zeilen. Das, was jetzt kommt,
ist ein Zwischensatz -
- Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenather
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend -
- der Zwischensatz ist zu Ende; der Satz «Und aus Finsternissen hellet sich» setzt
fort: -
Dir der Geistesbote,
- der Hiiter der Schwelle selber -
der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen.
Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins,
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 22
Dann ist es der Hiiter selber, der - nachdem er uns diese erste Mahnung, Licht
als Finsternis, Finsternis als Licht zu empfinden, erteilt hat - uns hinweist auf jene
Gefiihle und Empfindungen, die urkraftig nun aus unserer Seele kommen konnen.
Er spricht sie aus, der Hiiter, indem er seinen Blick noch mehr ernstet, noch ernster
macht, indem er mahnend uns Arm und Hand entgegenstreckt. Er spricht das
weitere Wort:
Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben
- wir fiihlen uns gedrangt, einige Schritte hin zum Hiiter zu machen; wir kommen
naher dem gahnenden Abgrund des Seins -
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergriindet:
Da ertont im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus gottlichen Heileskraften
In den Weltgestaltungsmachten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.
Es ist ein anderes, ob uns zuerst aus allem Sinneswesen, wenn wir es richtig
verstehen, das Wort entgegentont: «0 Mensch, erkenne dich selbst !», oder ob uns
jetzt vor dem furchtbaren Abgrunde des Seins von dem Munde des Hiiters der
Schwelle selber dieses Wort entgegentont. Ein und dasselbe Wort: zwei verschiede-
ne Arten, davon ergriffen zu werden. Alle diese Worte sind mantrisch, sind zum
Meditieren da, sind solche Worte, welche aus der Seele erwecken die Fahigkeiten,
sich der geistigen Welt zu nahern, wenn sie imstande sind, die Seele zu entziinden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 23
[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Uberschrift und die letzte Zeile unterstrichen;
siehe Tafelband Seite 149:]
Der Huter am Abgrund:
Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet:
Da ertont im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus gottlichen Heileskrdften
In den Weltgestaltungsmachten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.
Wir sind, wahrend der Huter diese Worte spricht, dicht herangetreten an den
gahnenden Abgrund des Seins. Es geht tief hinunter. Keine Hoffnung, daB wir
mit den FuBen, die uns gegeben sind von der Erde, den Abgrund iibersetzen
konnen. Wir brauchen Befreiung von der Erdenschwere; wir brauchen die Befiuge-
lung des geistigen Lebens, um iiber den Abgrund hinuberzukommen. Da aber
macht - indem er uns zuerst hergewinkt hat an den gahnenden Abgrund des
Seins - der Huter der Schwelle uns aufmerksam, wie zunachst unser Selbst, bevor
es sich gelautert und gereinigt hat fiir die geistige Welt, eigentlich in der Gegenwart,
wo wir iiberall umgeben sind von dem HaB auf die geistige Welt, von dem Spott
iiber die geistige Welt, von der Mutlosigkeit, von der Furcht vor der geistigen
Welt, da macht uns der Huter aufmerksam, wie dies unser Selbst - das da will,
das da fiihlt, das da denkt - in seiner dreifachen Beschaffenheit als Wollen, Fiihlen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 24
und Denken eigentlich heute gestaltet ist, aus unserem Zeitenzyklus heraus
gestaltet ist. Das miissen wir zuerst erkennen, bevor wir unser wahres, uns von den
Gottern eingepflanztes Selbst in wahrer, echter Selbsterkenntnis gewahr werden
konnen.
Als drei Tiere, die nacheinander heraufziehen aus dem Abgrunde, erscheinen
uns, angesehen vor den ewigen gottlichen Heileskraften: Wille des Menschen,
Fiihlen des Menschen, Denken des Menschen. Indem eines nach dem andern -
Wollen, Fiihlen, Denken in ihrer wahren Gestalt - aus dem Abgrund auftaucht,
spricht erklarend, wie das eine nach dem anderen auftaucht, der Hiiter.
Wir stehen dicht am Abgrunde. Der Hiiter spricht - die Tiere steigen auf -:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:25
Der Hiiter: Doch du muBt den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als Erkenntnisfeinde hingestellt.
Schau das erste Tier, den Riicken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein
Schuf das Ungetiim in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen;
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Fliigel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu iibersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen mochte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 26
Diese mantrischen Worte werde ich das nachste Mai an die Tafel schreiben.
Hat man aus dem Munde des Hiiters dieses erfahren, dann erinnert man sich
wohl wiederum zuriick an den Ausgangspunkt. Dann steht noch einmal vor der
Seele, was alle Wesen sagen, die in unserer Umgebung sind, wenn wir sie recht
verstehen, was alle Wesen schon zu dem Menschen der fernsten Vergangenheit
sagten, was alle Wesen zu dem Menschen der Gegenwart sagen, was alle Wesen
zu dem Menschen der Zukunft sagen werden:
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Das sind die Worte der Michael- Schule. Wenn sie gesprochen werden, wellt
und webt Michaels Geist durch den Raum, in dem sie gesprochen werden. Und
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 27
sein Zeichen ist dasjenige Zeichen, das in seiner Gegenwart seine Gegenwart be-
kraftigen darf:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 149]
Dann fiihrt uns Michael in die rechte Rosenkreuzer-Schule, die offenbaren soil
des Menschen Eigenwesens Geheimnisse in der Vergangenheit, in der Gegenwart,
in der Zukunft durch den Vatergott, den Sohnesgott, den Geistesgott.
Und dann, das Siegel driickend auf die Worte «rosae et crucis», darf gesprochen
werden:
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus
begleitet von den Zeichen des Siegels Michaels, die da sind:
bei dem ersten Worte
Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
bei dem zweiten Worte
In ChristO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
bei dem dritten Worte
Per spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
wobei wir fiihlen - die Worte aussprechend, sie bekraftigend durch Siegel und
Zeichen des Michael - bei dem Worte «Ex deo nascimur» in diesem [unteren] Zeichen:
«Ich bewundere den Vater» [in die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich bewundere den Voter
bei dem Worte «In Christo morimur» - in diesem [mittleren] Zeichen: «Ich liebe
den Sohn» [in die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich liehe den Sohn
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 28
bei dem Worte «Per spiritum sanctum reviviscimus» - in diesem [oberen] Zeichen:
«Ich verbinde mich dem Geiste» [in die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich verbinde mich dem Geiste
Die Zeichen heiBen das.
Michaels Gegenwart, sie wird bekraftigt durch sein Siegel und Zeichen:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
[Zu dem Michael-Zeichen und den Siegelgesten siehe unter Hinweise Seite 223 und die Tafeln der sieben
Wiederholungsstunden im Tafelband Seite 148-161.]
Die Worte, die als mantrische Worte auf die Tafel geschrieben werden, konnen
nur diejenigen besitzen, die rechtmaBige Mitglieder der Schule sind, das heiBt, das
blaue Zertifikat ausgestellt bekommen haben. Niemand anderer kann diese Worte
besitzen. Es konnen sie naturlich auch diejenigen bekommen, die, durch irgend
etwas verhindert, an Versammlungen der Schule nicht teilnehmen konnten - an
einzelnen Versammlungen nicht teilnehmen konnten - oder die iiberhaupt durch
die Entfernung ihres Ortes nicht teilnehmen konnen. Sie - nur Mitglieder der
Schule - konnen sie bekommen von diesen anderen, die in dieser Schule sind.
Aber in jedem einzelnen Falle muB fur das Mitteilen dieser Worte an die einzelne
Personlichkeit Erlaubnis eingeholt werden. Nicht derjenige kann um diese Erlaub-
nis bitten, welcher die Worte empfangt, sondern allein derjenige, der sie gibt; der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 29
holt die Erlaubnis ein entweder bei Frau Dr. Wegman oder bei mir. Das ist nicht
bloB eine VerwaltungsmaBregel, sondern es muB zugrundeliegen jedem Weiterge-
ben der Worte als Ausgangspunkt diese reale Tatsache der Anfrage bei Frau Dr.
Wegman oder mir. Schriftlich durch Briefe diirfen die Worte nicht jemandem
mitgeteilt werden; sie konnen nur personlich mitgeteilt werden, diirfen nicht
Briefen anvertraut werden.
*
Die nachste Klassenstunde werde ich abhalten am Dienstag halb neun Uhr.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 30
ZWEITE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 9. September 1924
eine lieben Schwestern und Briider! Es ist nicht moglich, auch heute -
trotzdem eine Anzahl neuer Mitglieder dieser esoterischen Schule hier
sind, neuer Mitglieder, die noch nicht hier waren - wiederum die einlei-
tenden Worte zu sprechen. Daher werde ich fordern miissen, daB, wenn die neu
in die Schule aufgenommenen Mitglieder von anderen Mitgliedern - in der Art,
wie ich es spater sagen werde, am Schlusse der Stunde - die Spriiche mitgeteilt
bekommen, ihnen auch pflichtgemaB von denjenigen, die ihnen die Spriiche mittei-
len, die Bedingungen ftir die Mitgliedschaft der Schule gesagt werden. Und es wird
notwendig sein, daB jetzt sogleich fortgefahren wird in demjenigen, mit dem das
letzte Mai aufgehort worden ist.
*
Vorerst aber lassen wir wiederum vor unsere Seele treten diejenigen Worte, die
dem unbefangenen Gemiite aus alien Wesen der Welt, aus alien Vorgangen der
Welt entgegentonen. Alles sagt den Menschen dieses, was in den folgenden Worten
liegt; alles hat in der Vergangenheit den Menschen dieses gesagt, alles sagt ihnen
in der Gegenwart dieses, alles wird ihnen sagen in der Zukunft dieses:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 31
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfiihlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 3 2
Wir haben gesehen, wie derjenige, der befolgt dieses aus alien Dingen der Welt
und aus alien Vorgangen der Welt ihm entgegentonende Wort, die Sehnsucht fiihlt,
hinauszukommen aus der majestatischen, glanzenden Sinneswelt in diejenige Welt,
die jenseits eines gahnenden Abgrundes ist, des gahnenden Abgrundes des Seins,
und die zunachst entgegenstarrt der menschlichen Seele wie schwarze, nachtbe-
deckte Finsternis. Aber die Hoffnung ersteht, daB fur die Losung des Menschen-
ratsels, fiir die wahre Losung des Menschenratsels dasjenige, was fur das auBere
Leben in Licht erstrahlt, in Glanz erglimmt, dunkel werden muB, damit das
Licht, das in jener Welt ist, in der das eigene Selbst sein Wesen findet, aus der
zunachst als schwarze, nachtbedeckte Finsternis erscheinenden Weltenwesenheit
kommt.
Und wir haben, indem wir uns genahert haben im Gedanken, in der Empfindung
auf dem Wege, der dahin geleitet, sich erhellen gesehen wie aus geistigem Wolkenda-
sein die Gestalt des Hiiters der Schwelle. Wir haben ihn sprechen gehort, - denn
alles, was hier gesprochen wird, tont aus Geisteswelten, tont im Auftrage Michaelis,
des Leiters der geistigen Stromung der Menschheit in der Gegenwart; denn diese
Schule ist die wahre Michael- Schule. Und er hat gesprochen auch von der Selbst-
erkenntnis des Menschen, der Hiiter. Er hat aber dann Worte gesprochen, die
zunachst niederschmetternd fiir die Seele sind.
Hingerufen hat er uns, der Hiiter, so daB wir ihm ganz nahe stehen. Mit ernstem
Antlitz schaut er uns entgegen. Und er zeigt uns, wie unser Wollen, unser Fiihlen,
unser Denken vor dem Antlitze der Gotter erscheint in Imaginationen. Da ist es
noch nicht menschlich, dieses Wollen, dieses Fiihlen, dieses Denken, da ist es noch
tierisch. Da ist die Selbsterkenntnis noch besturzend, niederschmetternd.
Aber durchgehen miissen wir durch die Erkenntnis jenes Selbstes, das uns unsere
Zeit, unsere Weltenzeit aus ihrer Irrtumsbildung heraus gibt, damit wir zu der
wahren Selbsterkenntnis vordringen konnen.
Diese Irrtums-Selbsterkenntnis, die Erkenntnis jenes Selbstes, das wir aus dem
Geiste unserer Zeit heraus in uns tragen, sie weist uns der Hiiter vor, indem er
aufsteigen laBt aus dem gahnenden Abgrund des Seins das erste der Tiere, das das
Wollen darstellt; wiederum die Hand erhebend, hinweisend auf den gahnenden
Abgrund des Seins, heraufsteigen laBt das zweite der Tiere, das das Fiihlen darstellt;
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 33
wiederum die Hand hinweisend auf den gahnenden Abgrund des Seins, das dritte
Tier aufsteigen laBt, das das Denken darstellt.
So steigen sie hintereinander herauf:
Das erste der Tiere - die wahre Geistgestalt zunachst unseres Wollens, erzeugt
aus der Furcht vor der Erkenntnis -, das nur durch den Mut zur spirituellen
Erkenntnis uberwunden werden kann.
Und so das zweite Tier - geboren aus dem HaB auf Erkenntnis, der in den
Untergrunden des Gemutes aus unserer Zeit heraus in alien Menschen ist -, das
nur uberwunden werden kann durch die richtige Begeisterung fur die Erkenntnis,
durch das rechte gemutvolle Erkenntnisfeuer; wahrend heute Lassigkeit und Lau-
heit in bezug auf die Erkenntnis, ja, HaB in bezug auf die Erkenntnis wegen der
Lassigkeit und Lauheit in den Gemutern ist.
Und so das dritte Tier - in seiner gespenstigen Eigenart von dem Zweifel an
der geistigen Welt, der heute an den Wurzeln der Seelen nagt, heraus erzeugt -,
das nur besiegt werden kann dann, wenn die Erkenntnis die Kraft in sich erweckt,
die Dinge, die drauBen sind in der geistigen Welt, in sich im eigenen Gemiite zu
schaffen.
Und so spricht der Hiiter am gahnenden Abgrund des Seins, nachdem wir ganz
nahe herangetreten sind:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 34
Doch du muBt den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als Erkenntnisfeinde hingestellt.
Schau das erste Tier, den Riicken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein
Schuf das Ungetiim in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen;
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Fliigel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu iibersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen mochte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 35
[Das Mantram wird nun, zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen, an die Tafel geschrieben; siehe
im Tafelband Seite 150 und Hinweise zu den Mantren, Seite 165.]
Der Huter spricht ganz am Abgrund:
Dock du mufit den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir voruber eilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als Erkenntnisfeinde hingestellt.
Schau das erste Tier, den Rucken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein
Schufdas Ungetiim in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur uberwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zdhne
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hafi auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen;
Dein Erkenntnisfeuer mufi ihn zahmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschajfen mufi es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Fliigel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu ubersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen mochte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 36
Wenn der Hiiter uns dies gezeigt, das niederschmetternde Bild, das uns als wiser
eigenes Wesen wie die Antwort auf die Aufforderung «0 Mensch, erkenne dich
selbst!» zunachst entgegentritt, wenn der Hiiter uns dieses Bild gezeigt hat, dann
nahert er sich uns, um uns eine weitere Aufklarung zu geben, die nun beginnen
kann, uns aufzurichten: eine Aufklarung iiber das dritte Tier, das verwoben ist
mit unserem Denken, das zweite Tier, das verwoben ist mit unserem Fiihlen, das
erste Tier, das verwoben ist mit unserem Wollen. Und er gibt uns eine gewisse
Lehre in dem, was er uns zunachst sagt. Er macht uns aufmerksam darauf, wie
wir in rechter Weise unser menschliches Erdendenken empfinden sollen.
Meine lieben Schwestern und Briider, man fiihlt ja schon ganz exoterisch, daB
dieses Denken, durch das wir uns die Dinge und Vorgange der Welt aneignen,
etwas Abstraktes, etwas Schattenhaftes, etwas Unwirkliches ist. Was ist es denn
eigentlich, dieses Denken?
Im Bilde miissen wir uns vor die Seele stellen, was dieses Denken eigentlich ist.
Wir stellen uns hin vor einen Leichnam, vor einen Leichnam, der eben vor kurzer
Zeit verlassen worden ist von der Seele und dem Geiste eines Menschen. Wir
beschauen uns diesen Leichnam. Er kann so, wie er ist, niemals in der Welt
entstehen. Er kann fur sich nichts sein; er kann nur etwas sein als Ubriggebliebenes
von dem lebendigen Menschen. Der muB in ihm gewesen sein; der muB ihn erst
sich selber umgestaltet haben. Der Tod liegt vor uns, das Leben ist gewichen, der
Leichnam liegt im Sarge. Halten wir das Bild fest.
Unser seelisch-geistiges Leben, das unsere wahre menschliche Eigenwesenheit
ist, es war, bevor es durch Empfangnis und Geburt herabgestiegen ist aus der
gottlich-geistigen Welt in einen physischen Menschen-Erdenleib, lebendig. Da war
es oben in der geistigen Welt kein schattenhaftes, abstraktes Denken, sondern
seelisch-geistige Wesenheit, lebend, webend, schaffend, wirkend, wellend, wesend.
Da war es lebendig. Dann ist es heruntergestiegen in einen Menschenleib; aber es
ist gestorben, indem es heruntergestiegen ist. Der Menschenleib ist sein Sarg. Und
dasjenige Denken, das wir haben zwischen der Geburt und dem Tode, ist der
Leichnam des lebendigen Denkens, das wir hatten, bevor wir ins irdische Sein
heruntergestiegen sind.
Nur dann, meine lieben Schwestern und Briider, wenn wir so empfinden gegen-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 37
liber dem Denken, empfinden wir richtig esoterisch und ringen uns allmahlich
hinauf, zu iiberwinden die gespenstige Gestalt des dritten Tieres, kommen immer
mehr und mehr hinauf zur reinen Engelsgestalt des wahren Denkens, dessen totes
Nachbild in unserem physischen Erdenleib west und webt und wirkt und wellt.
Solange wir das Denken als etwas Lebendiges anschauen, stehen wir nicht in
der Wahrheit; erst wenn wir unseren Leib als den Sarg des toten Denkens betrachten
und das ganz fiihlen, dann stehen wir in der Wahrheit. So sagt uns mit seinen
Worten, die wir dann horen werden und die uns als mantrischer Spruch dienen
konnen, der Hiiter der Schwelle am gahnenden Abgrund des Seins. Er sagt es uns
in besonderer Intimitat.
Und wenn wir vom Denken weggehen, zu unserem Fiihlen schauen, dann
miissen wir sehen und fiihlen, fiihlen gegeniiber dem Fiihlen, wie das gewohnliche
Fiihlen, das wir zwischen der Geburt und dem Tode in uns lebend glauben, nur
ein halb Lebendes ist, wie es fortwahrend verzehrend an uns arbeitet, dieses Fiihlen,
wie es uns fortwahrend etwas ertotet, wie es uns eigentlich aushohlt vom Geiste.
Das Denken ist tot, und das Fiihlen ist halb lebendig, ist im Grunde genommen
nur von Bildgestalt in uns. Und erst wenn wir dem Fiihlen gegeniiber so fiihlen,
daB dieses menschliche Erdenfiihlen ein schwacher, halb-lebender Abglanz ist aus
Sonnenmacht, die als allgemeine Weltenliebe das kosmische Fiihlen durch den
ganzen Kosmos strahlt, dann fiihlen wir dem Fiihlen gegeniiber richtig. So sagt
uns wiederum vertraulich, in Intimitat der Hiiter der Schwelle.
Und erst, wenn wir dem Wollen gegeniiber so fiihlen, daB es zwar in uns lebt,
fortwahrend aber von geistigen Gegenmachten versucht und angefeindet wird,
damit seine Kraft nicht diene dem Gottlichen oben, sondern dem Physischen unten,
erst wenn wir fiihlen diese Gegenmachte, die fortwahrend in unserem Wollen uns
ablenken mochten von unserer eigentlichen gottlichen Aufgabe und uns ganz
verstricken ins Erdendasein, dann fiihlen wir, wie diese Gegenmachte, indem sie
sich unser Wollen aneignen, die Zukunft der Erde in ihre Gewalt bekommen
wollen. Konnten sie es, waren wir nicht wachsam, so daB wir unser Wollen weihen
dem Gottlichen, nicht den ahrimanischen Erdenmachten, so wiirde die Erde streitig
gemacht sein den Gottern, denen sie eigentlich vom Urbeginn des Erdenseins
zugehort.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 38
Das sagt uns der Hiiter wie eine Erklarung der drei Tiere:
Des dritten Tieres glasig Auge,
Es ist das bose Gegenbild
Des Denkens, das in dir sich selbst
Verleugnet und den Tod sich wahlet,
Absagend Geistgewalten, die es
Vor seinem Erdenleben geistig
In Geistesfeldern lebend hielten.
Des zweiten Tieres Spottgesicht,
Es ist die bose Gegenkraft
Des Fiihlens, das die eigne Seele
Aushohlet und Lebensleerheit
In ihr erschafft statt Geistgehalt,
Der vor dem Erdensein erleuchtend
Aus Geistessonnenmacht ihr ward.
Des ersten Tieres Knochengeist,
Er ist die bose Schopfermacht
Des Wollens, die den eignen Leib
Entfremdet deiner Seelenkraft
Und ihn den Gegenmachten weiht,
Die Weltensein dem Gottersein
In Zukunftzeiten rauben wollen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 39
[Nun wird das Mantram, zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen, an die Tafel geschrieben;
siehe Tafelband Seite 151:]
Der Hiiter spricht:
Des dritten Tieres glasig Auge,
Es ist das bose Gegenbild
- es ist nur ein «Bild» -
Des Denkens, das in dir sich selbst
Verleugnet und den Tod sich wahlet,
Absagend Geistgewalten, die es
Vor seinem Erdenleben geistig
In Geistesfeldern lebend hielten.
Des zweiten Tieres Spottgesicht,
Es ist die bose Gegenkraft
- das erste ist «Bild», das zweite «Kraft» -
Des Fuhlens, das die eigne Seele
Aushdhlet und Lebensleerheit
In ihr erschafft statt Geistgehalt,
Der vor dem Erdensein erleuchtend
Aus Geistessonnenmacht ihr ward.
Des ersten Tieres Knochengeist,
Er ist die bose Schopfermacht
- die Steigerung: «Bild», «Kraft», «Macht» -
Des Wollens, die den eignen Leib
Entfremdet deiner Seelenkraft
Und ihn den Gegenmdchten weiht,
Die Weltensein dem Gottersein
In Zukunfizeiten rauben wollen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 40
Und immer mehr fiihrt uns der Hiiter am gahnenden Abgrund des Seins naher
der wahren Selbsterkenntnis, die uns nur werden kann, wenn Licht ersteht driiben
in der schwarzen, nachtbedeckten Finsternis. Darum zeigt er uns in den verschie-
densten Weisen dasjenige, was er uns zunachst in der Gestalt der Tiere gezeigt
hat, was er uns dann zeigt in der Gestalt, wie es diesen mantrischen Spruchen
entspricht, und was er uns jetzt noch einmal beschreibt, damit wir immer naher
und naher kommen der Selbsterkenntnis, um zu Fliigeln zu kommen, um den
Abgrund des Seins zu iibersetzen, den wir mit MenschenfiiBen, mit den schweren
MenschenfiiBen, das heiBt mit der auBeren illusionaren, mit der Maja-Wirklichkeit
nicht iibersetzen konnen.
Und so macht uns der Hiiter nun - nachdem er uns vertraulich diese mantrischen
Spriiche gegeben hat -, so macht uns der Hiiter nun aufmerksam, wie wir empfinden
sollen weiter iiber unser Denken, wie wir es fiihlen sollen - unser Denken - nicht
als ein Sein; denn da weben wir nur weiter als Illusion, wenn wir in diesem Denken,
das wir als Menschen auf der Erde haben, etwas anderes als Schein sehen. Selbst-
heitsein, das heiBt, das wahre, wirkliche Sein von uns, das verbirgt sich im Denken,
lebt nicht im Denken, so sagt der Hiiter. Man kann nichts anderes tun als untertau-
chen in den Schein des Denkens, immer weiter, dann gelangt man, indem man tief
untertaucht in das scheinende Denken, in den unermeBlichen Weltenather, in dem
man sich mit der Seele zunachst auflost.
Da sollen wir, wenn unsere Selbstheit sich da wenigstens im Scheine wankend
in der Welt fiihlt, da sollen wir verehren die fuhrenden Wesen der hoheren Hierar-
chies die uns leiten. Da fiihlen wir, daB wir diese fuhrenden Wesen der hoheren
Hierarchien brauchen.
Dann ermahnt uns der Hiiter, daB wir uns vom Denken zum Fiihlen wenden,
das stromende Fiihlen in uns empfinden sollen. Das Denken ist noch ganz Schein.
Was wir aber fiihlen, das steht unserem Sein wenigstens halb nahe. Wir kommen
tiefer in unser eigenes Sein hinein, wenn wir fiihlen als wenn wir denken; aber wir
sind noch nicht drinnen. Wir sind in der Halfte unseres Eigenwesens, wenn wir
fiihlen; denn das Fiihlen hat etwas Unklares, aber auch nie Festes: da mischen sich
Schein und Sein im Fiihlen. Die Selbstheit, die wir suchen - hier im guten Sinne
gemeinte Selbstheit -, sie neigt dem Scheine sich. Wir sollen jetzt untertauchen in
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 41
scheinendes Sein, in ein Sein, das nur scheint, in einen Schein, der sich energisiert
zum Sein halb; da werden uns fassen Weltenkrafte, die jetzt nicht so sind bloB
Schein, sondern halbes Sein: Weltenseelenkrafte. Da sollen wir bedenken in diesem
Weben unseres eigenen webenden Wesens im webenden Weltenather, da sollen
wir bedenken die Lebensmachte der eigenen Seele, die wir nicht im Denken beden-
ken konnen, weil das Denken Schein ist.
Dann sollen wir untertauchen in den Willen, den wir fiihlen wie Sein, verborgenes
Sein in uns. Wir konnen es nicht ergreifen. Aber der Wille wirkt wie StoB und
Kraft: Sein. Dieser Wille steigt herauf aus allem Scheineswesen und schafft unser
Eigensein, unser wirkliches Eigensein, hier im guten Sinne gemeint das Eigensein.
Dem sollen wir unser Leben zuwenden. Der ist von Weltengeistesmacht erfiillt.
Unser Eigensein, es soil die weltschopferische Macht, die alle Raume, alle Zeiten,
alle Geistesgebiete erfiillt, ergreifen und untertauchen in das Wollen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 42
Ganz am Abgrund des Seins spricht der Hiiter:
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Atherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soil verehren
Deines Geistes Fiihrerwesen.
Vernimm in dir Gefuhle-Stromen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soil bedenken
Der eignen Seele Lebensmachte.
LaB walten in dir den Willens-StoB:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfullt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soil ergreifen
Weltschopfermacht im Geistes-Ich.
Diesen mantrischen Spruch werde ich das nachste Mai an die Tafel schreiben und
ihn mit all seinen Eigenheiten erklaren.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 4 3
Jetzt aber wenden wir uns noch einmal zuriick zu alle dem, was in der Vergangen-
heit gesprochen hat zu dem Menschen, was in der Gegenwart spricht, was in der
Zukunft sprechen wird, ihn auffordernd zu dem, was ihm auf seinem Lebenswege
das Heiligste sein muB: die Selbsterkenntnis.
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 44
Die nachste esoterische Stunde dieser ersten Klasse soil dann am Donnerstag
um acht Uhr stattfinden.
Ich habe noch zu sagen, daB die Spriiche, die als mantrische Meditationsspriiche
von dem Hiiter der Schwelle im Auftrage Michaeli gegeben werden, nur fiir diejeni-
gen sind, die Mitglieder dieser Schule sind. Diejenigen, die sie aus irgendeinem
Grande personlich nicht haben konnen, konnen sie mitgeteilt bekommen von
jemandem anderen, der Mitglied der Schule ist und sie hat. Jedoch muB in jedem
einzelnen Falle angefragt werden, ob so etwas erlaubt ist. Und zwar muB angefragt
werden entweder bei Frau Dr. Wegman oder mir. Das ist nicht bloB eine Verwal-
tungsmaBregel, sondern es muB alles in unserer anthroposophischen Bewegung
nunmehr aus Realitaten bestehen. Und diese Mitteilung beginnt eben bei der
Erlaubnis als einer realen Tatsache, nicht als einer bloBen VerwaltungsmaBregel.
Brieflich diirfen die Spriiche nicht versendet werden. Fragen kann nur derjenige
Frau Dr. Wegman oder mich, der die Spriiche jemandem anderen gibt. Es moge
also nicht der fragen, der sie empfangt, sondern derjenige, der sie gibt. Man bittet
jemanden, der sie geben kann und der fragt dann.
Wenn irgend jemand etwas anderes mitgeschrieben hat wahrend der Stunde als
die Spriiche selbst, dann bitte ich ihn, dies nur acht Tage zu behalten und nach
acht Tagen zu verbrennen, damit der Inhalt der Schule, der nur einen Sinn hat,
wenn die Michael- Stromung durch die Schule geht, damit der Inhalt dieser Schule
nicht nach auBen kommt und dadurch unwirksam wird. Denn nicht um irgendein
obskures Geheimhalten handelt es sich, sondern daB der Inhalt der Schule nicht
unwirksam werde. Es ist ein okkulter Grundsatz, der beachtet werden muB.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:45
Und wir leben in einer ernsten okkulten Schule, in der wirklichen Schule Micha-
elis, geben dasjenige, was durch diese Schule flieBt, in dem Zeichen Michaelis:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 150]
geben es im Sinne des Rosenkreuzes, mit dem Symbolum des Rosenkreuzes:
Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
In Chris to morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
Per Spiritum Sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
und denken bei diesem Siegel und Zeichen Christiani Rosenkreutz:
[Neben die untere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich bewundere den Voter
[Neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich liebe den Sohn
[Neben die obere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich verbinde mich dem Geiste
Per signum Michaeli:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 46
DRITTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 11. September 1924
eine lieben Schwestern und Briider! Fur die neueingetretenen Mitglieder
ist es nicht moglich wiederum, heute die Einleitung mit den Verpflichtun-
gen ftir die Klasse zu sprechen. Daher fordere ich diejenigen Mitglieder
auf, welche dann diesen neu Eingetretenen iibergeben werden - unter den Modalita-
ten, die ich am Schlusse anzufiihren habe - die Spriiche, daB sie auch diese Bedingun-
gen an diese neu eintretenden Mitglieder mitteilen.
*
Nun, meine lieben Schwestern und Briider, wir beginnen wiederum, indem wir
vor unsere Seele hintreten lassen diejenigen Worte, die der Mensch, wenn er dazu
den Sinn hat, horen kann aus alien Wesen der umgebenden Welt, die er horen
konnte in aller Vergangenheit, horen kann in der Gegenwart, horen wird in der
Zukunft, die ihm vergegenwartigen die Aufforderung - die aus dem ganzen Welt-
all fortdauernd zu ihm kommt - nach Selbsterkenntnis, die die wahre Briicke
ist zu demjenigen, was der Mensch braucht ftir sein Denken, ftir sein Fiihlen,
fur sein Wirken in der Welt, wenn er in wahrhaftem Sinne des Wortes Mensch
sein will:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:47
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
*
Meine lieben Schwestern und Briider, die Beschreibung des Erkenntnisweges
hat uns gefiihrt bis heran an den Hiiter der Schwelle. Nachdem uns der Hiiter der
Schwelle hart am Abgrund des Seins gezeigt hat, wie diejenigen Krafte, die die
Krafte unseres Menscheninnern sind - Wollen, Fiihlen, Denken -, sich ausnehmen
vor den Augen der Wesen der geistigen Welt; nachdem er uns gezeigt hat, wie in
Wahrheit der Mensch aus dem gegenwartigen ZeitbewuBtsein heraus nicht in bezug
auf diese Krafte, wenn sie innerlich angeschaut werden, zum vollen Menschentum
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:48
erwacht ist, sondern vor den geistig-gottlichen Machten erscheint als die drei Tiere,
die nun vor ihn hingestellt werden und die der Hiiter der Schwelle ihm gezeigt
hat; nachdem der Hiiter der Schwelle diesen zerschmetternden Anblick vor unsere
Seele hingestellt hat, zeigt er uns den weiteren Weg, der zur Erhebung in die wahre
Selbsterkenntnis wiederum fiihrt, der gegangen werden muB, wenn die Aufforde-
rung «0 Mensch, erkenne dich selbst!» erfiillt sein soil.
Nachdem er uns zuerst gezeigt hat, wie wir uns stellen sollen zu unserem
Denken, Fiihlen und Wollen, zeigt er uns - in jenen mantrischen Spriichen, die
in dieser Michael- Schule am Schlusse der letzten Stunde angefuhrt worden sind -,
wie wir uns selber zuerst in unser Denken zu vertiefen haben, zu versenken haben,
wie aber dieses Denken Scheineswesen ist, das unser wirkliches Selbsteigensein
nicht tragen kann, wie wir aber dennoch hinaus verwoben werden - durch dieses
Untertauchen in das Scheineswesen - in den Weltenather und wenigstens kommen
zur Verehrung jenes Fiihrerwesens, das uns von Erdenleben zu Erdenleben fiihrt.
Dann zeigt er uns, wie wir in die Gefiihle hinuntersteigen konnen, wie sich in
den Gefuhlen Schein und Sein vermahlt, wie da mit halber Starke herauftaucht
unser Wesen, die Selbstheit im guten Sinne des Wortes, wie wir aber da bedenken
sollen, daB da schon hereinstromt dasjenige, was in den Lebensmachten nicht nur
unseres verganglichen, scheinbaren Seins liegt, sondern in den Lebensmachten der
Welt, des Kosmos.
Erst wenn wir hinuntersteigen in den Willen, fiihlen wir Sein in unsere Selbstei-
genheit einstromen. Das Scheineswesen verwandelt sich in Sein. Es steigt unser
Wesen in den Willen herab, und die weltenschopferischen Machte fiihlen wir durch
unseren Willen stromen.
Und so waren die Worte des Hiiters der Schwelle hart am Abgrunde des Seins
- wo noch vor uns steht die gahnende Finsternis, die nachtbedeckte Finsternis, in
der es hell werden soil, damit wir in ihr finden das Licht, das unser eigenes Selbst
beleuchten kann; hinter uns ist die glanzende, sonnenerglimmende physische
Wirklichkeit, die nun dunkel wird, weil wir unser eigenes Sein in ihr nicht finden
konnen -, da spricht der Hiiter der Schwelle die mantrischen Worte:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:49
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Atherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soil verehren
Deines Geistes Fuhrerwesen.
Vernimm in dir Gefuhle-Stromen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soil bedenken
Der eignen Seele Lebensmachte.
LaB walten in dir den Willens-StoB:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfullt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soil ergreifen
Weltschopfermacht im Geistes-Ich
- das Geistes-Ich der Welt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 50
[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 152:]
Der Hiiter spricht:
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Atherwesen went in dir;
Selbstheitsein, es soil verehren
Deines Geistes Fuhrerwesen.
Vernimm in dir Gefiihle-Stromen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkrdfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soil bedenken
Der eignen Seele Lebensmdchte.
Lafi walten in dir den Willens-Stofi:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soil ergreifen
Weltschopfermacht im Geistes-Ich.
Einen mantrischen Spruch hat uns der Hiiter der Schwelle gesagt, bei dem es
nicht bloB darauf ankommt, daB wir seinen Inhalt aufnehmen, bei dem es darauf
ankommt, daB wir uns mit unserem ganzen Fiihlen hineinversetzen in das Weben
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 51
und Leben der geistigen Welt. Daher ist dieser mantrische Spruch so gestaltet, daB
er zunachst wie ein Herunterbewegen aus der geistigen Welt in seinem Rhythmus
erscheint. Jede Zeile beginnt damit, daB eine hochtonige Silbe da ist, der eine
tief tonige Silbe folgt. Wir haben im ersten Spruch:
[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das trochaische Rhythmus-
zeichen — u gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:]
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Atherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soil verehren
Deines Geistes Fiihrerwesen.
Dieses Sich-Herunterbewegen der geistigen Welt zu uns ist in diesem trochaischen
Rhythmus zu fiihlen. Nur dann nehmen wir in unsere Seele diesen Spruch richtig
auf, wenn wir ihn so innerlich fiihlend lesen, daB dieses Heruntersteigen der
geistigen Welt, dieses Heruntersprechen von geistigen Wesen zu uns, in diesem
rhythmischen Tonfall wirkt:
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Atherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soil verehren
Deines Geistes Fiihrerwesen.
Der nachste Spruch ist das Umgekehrte: Da sollen wir mit dem Gefiihl schon
hinaufsteigen zum Sein. Da [bei der ersten Silbe] sind wir unten; da [bei der zweiten Silbe]
streben wir uns hinauf in das Sein. Der Tiefton geht dem Hochton voraus:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 52
[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das jambische Rhythmus-
zeichen u — gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:]
Vernimm in dir Gefiihle-Stromen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soil bedenken
Der eignen Seele Lebensmachte.
Wir miissen leben in den Worten, die in diesem Rhythmus mantrisch geeint sind;
wir miissen sie so fiihlen:
Vernimm in dir Gefiihle-Stromen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soil bedenken
Der eignen Seele Lebensmachte.
DaB wir mehr in die Realitat hineinsteigen, driickt sich auch darinnen aus, daB
wir zunachst «verehren» [das Wort wird an der Tafel unterstrichen] , was eine innerlich-
seelische Tatigkeit ist; daB wir dann aufsteigen bis zum «bedenken» [das Wort wird
an der Tafel unterstrichen], wo wir allmahlich neben die Sache hinkommen; daB wir es
erst mit «Fuhrerwesen» [das Wort wird unterstrichen], die uns lenken, zu tun haben; dann
mit «Lebensmachten» [das Wort wird unterstrichen], welche die Welt durchwellen und
durchleben. In einem mantrischen Spruche ist alles an die rechte Stelle gestellt,
und es ist alles in der richtigen Weise in den Organismus des Ganzen gefiigt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 53
Der dritte Spruch, er sagt uns, wie wir das Sein unmittelbar im Willen vernehmen.
Wir stehen neben dem Sein. Zwei hochtonige Silben gehen voraus:
[Wahrend des Sprechens wird iiber die beiden ersten Silben jeder Zeile an der Tafel das spondeische Rhythmus-
zeichen gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:]
LaB walten in dir den Willens-StoB:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soil ergreifen
Weltschopfermacht im Geistes-Ich.
Hier sind wir noch weiter. Es handelt sich nicht mehr um ein «bedenken», es
handelt sich um ein «ergreifen» [das Wort wird unterstrichen], das eine Aktion ist. Die
«Weltsch6pfermacht» [das Wort wird unterstrichen] statt der «Lebensmacht» ist in der
Zeile vorangestellt, um den volligen Umschwung anzudeuten, den wir durch-
machen, wenn wir vom «Schein» durch das «scheinende Sein» zum «Sein» hinauf-
steigen.
Der dritte Spruch ist daher so zu fiihlen, daB der Anfang einer jeden Zeile in
diesem spondeischen VersmaB, spondeischen Rhythmus gefiihlt wird. Hier haben
wir trochaisch [«trochaisch» wird neben den ersten Spruch geschrieben] ; hier jambisch [«jambisch»
wird neben den zweiten Spruch geschrieben]; hier spondeisch [«spondeisch» wird neben den dritten
Spruch geschrieben] :
LaB walten in dir den Willens-StoB:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soil ergreifen
Weltschopfermacht im Geistes-Ich.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 54
Nachdem der Hiiter der Schwelle uns dieses vor die Seele gestellt hat, macht er
uns aufmerksam, wie wir uns eingliedern miissen, wenn wir in der Geist-Erkenntnis
weiterschreiten wollen, in den Kosmos, in die Welt; in den Kosmos, in die Welt
mit alien ihren Kraften. Denn dasjenige, was in uns zunachst seinem Orte nach
nicht zu unterscheiden ist, im Kosmos ist es angeordnet. Im Kosmos konnen wir
hinweisen auf die Orte. In uns ist alles verwoben. Aber wir gelangen nicht zu
einer wirklichen Erkenntnis, wenn wir nicht aufgehen in die Weltenkrafte und
Weltenmachte, wenn wir subjektiv in uns bleiben, wenn wir innerhalb unserer
Haut beschlossen bleiben, wenn wir nicht aus uns herausgehen und unser Korper
die ganze Welt wird. Dann auch wird unsere Seele unser enges Menschenwesen
fiihlen als ein Glied der Welt. Unser enges Menschenwesen wird der Geist ein-
gliedern in den ganzen Kosmos, in die ganze Welt.
Das aber miissen wir so vollziehen, wie der Hiiter der Schwelle uns anweist,
indem er uns zeigt, wie von den Tiefen der Erde, die mit Schwere alle Wesen an
sich zieht, Krafte ausgehen, die auch uns hinunterziehen, die unseren Willen binden
an die Erde, wenn wir ihn nicht durch inneres Streben frei uns machen. Erdenwarts
geht der Blick, nach unten geht der Blick, wenn wir die Lokalisation unseres
Willens haben wollen. Wir miissen uns wie mit der Schwere der Erde eins fiihlen,
angezogen fiihlen von der Erde und das Bestreben in uns haben, uns von der
Erdenschwere frei zu machen, wenn wir unseren Willen eins werden lassen wollen
mit dem Kosmos, was wir miissen.
Fiihle wie die Erdentiefen
Ihre Krafte deinem Wesen
In die Leibesglieder drangen.
Du verlierest dich in ihnen,
Wenn du deinen Willen machtlos
Ihrem Streben anvertrauest;
Sie verfinstern dir das Ich.
So spricht zu unserem Willen am gahnenden Abgrund des Seins der Hiiter der
Schwelle im Auftrage Michaels.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 55
Und er verweist uns, indem er unser Fiihlen in den Kosmos eingliedern will,
nun nicht an die Tiefe, er verweist es auf die horizontalen Weltenweiten, wo von
West nach Ost, von Ost nach West die Krafte schwingen und pendeln und uns
durchdringen. Und dieselben Krafte sind es, die unser Fiihlen ergreifen. Gotter-
machte miissen wir fiihlen, die ihre Geisteshelle hereinsenden in diese Wellenschla-
ge des Horizontalen, wenn wir unser Fiihlen richtig eingliedern wollen in die
Weltenweiten. Wie wir unseren Willen in die Vertikale eingliedern wollen, unten
ihn gebunden fiihlen, nach oben ihn befreien wollen, so miissen wir hineinstellen
konnen in die Weltenweiten unser Fiihlen. Dann wird es licht in unserem Fiihlen.
Dann geht etwas durch durch unser Fiihlen, das ebenso durch uns hindurchzieht,
wie durch die Erdenluft in ihrem Gange von Osten nach Westen die Sonne mit
ihrem Lichte leuchtet.
In alle dem, was da durch uns stromt, miissen wir uns aber liebend finden. Die
Liebekraft allein, die den Menschen durchwebt und durchlebt, kann das, was da
von uns gefordert wird. Dann wird Weisheit durch uns durchgewoben, und wir
fiihlen uns in den weiten Kreisen, in denen die Sonne sich bewegt, als fuhlender
Mensch, als Selbst, stark fiir wirkliches, gutes Geistesschaffen.
Das sagt uns - am gahnenden Abgrund des Seins - als fuhlendem Menschenwe-
sen, das sagt zu unserem Fiihlen der Hiiter der Schwelle:
Fiihle wie aus Weltenweiten
Gottermachte ihre Geisteshelle
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen.
Finde dich in ihnen liebend,
Und sie schaffen weisheitwebend
Dich als Selbst in ihren Kreisen
Stark fiir gutes Geistesschaffen.
Und wenn der Hiiter der Schwelle nun zu unserem Denken sprechen will, daB
es sich eingliedert in den Kosmos, dann weist er nicht wie bei dem Willen nach
unten, der sich nach oben bewegen soil, dann weist er nicht wie bei dem Fiihlen
in die weiten Kreise, in deren einem sich die Sonne bewegt, dann weist er in die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 56
Hohe, in die Himmelshohen, wo allein das Selbst selbstlos leben kann, wenn es
die Gedankenmachte in dem gnadevollen Von-oben-Kommen empfangen will,
dem Hohenstreben folgen will. Wir stehen unten, das Wort ist oben. Wir miissen
tapfer sein innerlich, um das Wort zu vernehmen, denn nur wenn wir tapfer uns
halten an Weisheits- und Erkenntnisstreben, ertont von oben gnadevoll das Welten-
wort, spricht von des Menschen wahrer Wesenheit.
Das wiederum sagt uns der Hiiter der Schwelle am gahnenden Abgrund des Seins:
Fiihle wie in Himmelshohen
Selbstsein selbstlos leben kann,
Wenn es geisterfiillt Gedankenmachten
In dem Hohenstreben folgen will
Und in Tapferkeit das Wort vernimmt,
Das von oben gnadevoll ertonet
In des Menschen wahre Wesenheit.
[Nun wird das dreistrophige Mantram an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 153:]
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 57
Der Hilter belehrt Wollen, Fiihlen, Denken:
Fiihle wie die Erdentiefen
Ihre Krdfte deinem Wesen
In die Leibesglieder drdngen.
Du verlierest dich in ihnen,
Wenn du deinen Willen machtlos
Ihrem Streben anvertrauest;
Sie verfinstern dir das Ich.
Fiihle wie aus Weltenweiten
Gdttermdchte ihre Geisteshelle
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen.
Finde dich in ihnen liebend,
Und sie schaffen weisheitwebend
Dich als Selbst in ihren Kreisen
Stark fur gutes Geistesschaffen.
Fiihle wie in Himmelshdhen
Selbstsein selbstlos leben kann,
Wenn es geisterfiillt Gedankenmdchten
In dem Hdhenstreben folgen will
Und in Tapferkeit das Wort vernimmt,
Das von oben gnadevoll ertdnet
In des Menschen wahre Wesenheit.
Da oben ist der Ort, wo wir hinschauen miissen, wenn wiser Denken sich einen
will mit den Kraften des Kosmos. In den Weltenkreisen-Weiten ist das Gebiet,
wo wir hinfiihlen miissen, wenn unser Fiihlen sich einen soil mit den kosmischen
Kraften. Unten ist der Ort, wo wir hinblicken miissen, urn unser an die Erde
gebundenes Wollen, das wir nach oben befreien sollen, in der richtigen Weise
einzureihen in die kosmischen Gebiete. Da ist iiberall - oben, in den Weiten und
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 5 8
unten - besonderes Sein. Wir miissen es erfiihlen. Der Hiiter der Schwelle weist
uns in Michaels Auftrag auch dorthin, und er spricht uns von dem, was wir oben
und in der Mitte und unten finden.
Er belehrt uns weiter iiber die Hone und die Mitte und das Unten, weil er uns
belehren will iiber Denken, Fiihlen und Wollen. So spricht er:
Es kampft das Licht mit finstern Machten
In jenem Reiche, wo dein Denken
In Geistesdasein dringen mochte.
Du findest, lichtwarts strebend,
Dein Selbst vom Geiste dir genommen;
Du kannst, wenn Finstres dich verlockt,
Im Stoff das Selbst verlieren.
Wir sind hineingestellt zwischen Licht und Finsternis. Licht will unser Selbst,
Finsternis will unser Selbst. Wir haben den Weg zu finden zwischen Licht und
Finsternis, um zum Selbst zu kommen. Das liegt in der Mahnung des Hiiters der
Schwelle.
Und unser Fiihlen spricht der Hiiter an:
Es kampft das Warme mit dem Kalten
In jenem Reiche, wo dein Fiihlen
Im Geistesweben leben mochte.
Du findest, Warme liebend,
Dein Selbst in Geisteslust verwehend;
Du kannst, wenn Kalte dich verhartet,
Im Leid das Selbst verstauben.
Wiederum stehen wir zwischen dem polarischen Gegensatze drinnen mit dem
Fiihlen: zwischen dem liebenden Warmen, zwischen der warmen Liebe und dem
kalten Verharten, dem verhartenden Kalten. Wir miissen den Weg finden zwischen
den beiden, wenn unser Selbst sich finden will.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 59
Und auf das dritte Reich, wo der Wille urstandet, weist uns mahnend der Hiiter
der Schwelle:
Es kampft das Leben mit dem Tode
In jenem Reiche, wo dein Wollen
Im Geistesschaffen walten mochte.
Du findest, Leben fassend,
Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden;
Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt,
Im Nichts das Selbst verkrampfen.
Leben und Tod: Verlieren an das Leben, verlieren an den Tod konnen wir unser
Wollen, im Leben es verschwinden fiihlen, im Tode es verkrampfen fiihlen.
Den Weg miissen wir suchen. Dazu fordert uns der Hiiter auf. Das ist dasjenige,
wovon in der nachsten Stunde ausgegangen werden soil.
Der Hiiter weist uns noch einmal hin darauf, wie wir suchen miissen den Weg,
um zum Menschen-Selbst zu kommen. Ernste Worte spricht der Hiiter da. Denn
nicht leicht ist es, jene innere Kraft zu finden, welche halt und tragt und fiihrt das
Selbst, das sich finden soil, das sich nicht hat im gewohnlichen Erdenleben. Wie
uns aber der Hiiter die Mittel an die Hand gibt, wir wollen es weiter sehen. Am
nachsten Sonnabend, wo dieser mantrische Spruch an die Tafel geschrieben werden
soil, werden wir den Hiiter weiter horen, der uns allmahlich, indem er uns die
Verirrungen anweist - die wir kennen miissen, um den rechten Weg zu finden -,
eben durch das ehrliche Aufzeigen der Verirrungen den rechten Weg weisen will.
*
Jetzt aber gedenken wir wiederum, zuruckblickend auf das Erdenleben - wie
wir das miissen jedesmal, wo wir in das Esoterische hineingehen -, jetzt gedenken
wir wiederum der Mahnung, die aus alien Wesen und Vorgangen in der Vergangen-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 60
heit gesprochen hat zum Menschen, in der Gegenwart spricht zum Menschen, in
aller Zukunft sprechen wird zum Menschen:
Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Wenn all das, was durch den Hiiter in Michaels Namen durch diese Michael-
Schule stromt, wenn hier die Unterweisung in der zu Recht bestehenden Michael-
Schule an unsere Seele herandringt, dann diirfen wir sicher sein, wenn wir ehrlichen
und guten Sinnes sind, daB die Kraft Michaels durch diesen Raum stromt, was
bezeugt werden darf durch des Michael Zeichen:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 153]
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 61
und durch die Siegelgesten, womit einstromen laBt in die Rosenkreuzer-Stromung,
in den Rosenkreuzer-Tempel Michael diejenige Kraft, die der Mensch heute zu
seinem esoterischen Leben braucht, die da wirkt aus dem dreifachen Quell der
Welt, aus dem gottlichen Vater-Prinzip, aus dem Christus-Prinzip, aus dem Prinzip
des Geistes, so daB sich vereint der Rosenkreuzer-Spruch mit dem Michael-Gestus-
Siegel:
Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
In ChristO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
Per spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
was da gefiihlt werden muB so, daB die Geste aufgefaBt wird als
[neben die untere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich bewundere den Voter
[neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich liehe den Sohn
[neben die obere Siegelgeste wird geschrieben:]
Ich verbinde mich dem Geiste
Nochmals: [Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 62
Zu sagen ist, daB die mantrischen Spriiche, die hier in dieser Schule gegeben
werden, nur von denjenigen besessen werden konnen, die rechtmaBige Mitglieder
dieser Schule sind. Ist irgend jemand, dadurch, daB er Mitglied der Schule ist und
nicht anwesend ist bei einer Stunde, in der er anwesend sein diirfte, nicht in der
Lage, hier aus dieser Stunde die Spriiche zu haben, so kann er sie von einem
anderen, der sie haben konnte, iibernehmen. Das macht notwendig eine Anfrage
entweder bei Frau Dr. Wegman oder bei mir selber. Wenn jemand also die Spriiche
empfangen will, weil er sie nicht hier hat haben konnen, so ist anzufragen bei Frau
Dr. Wegman oder bei mir selber; aber nicht derjenige kann anfragen, der die
Spriiche empfangt, sondern derjenige, der sie ihm gibt. Das muB von vornherein
gesagt werden.
Ferner ist zu sagen, daB das nicht eine VerwaltungsmaBregel ist, sondern daB
eben das in jedem einzelnen Falle, fur jeden einzelnen, dem man die Spriiche geben
will, hier geschehen muB, weil es der Anfang eben jener okkulten Handlung ist,
durch die man die Spriiche empfangt.
Diejenigen Mitglieder, welche erst in jungster Zeit eingetreten sind, bis zur
heutigen Stunde gekommen sind, konnen auch nur die Spriiche erhalten, die bis
zur heutigen Stunde vorgebracht worden sind, bis zu der Stunde vorgebracht
worden sind, die sie mitgemacht haben. Nur in einzelnen Fallen, die wiederum
individuell beurteilt werden miissen, kann gefragt werden, ob die anderen, spateren
Spriiche gegeben werden konnen. Brieflich - also auf einem anderen Wege als
durch mundliche Mitteilung - konnen die Spriiche nicht von dem einen an den
andern ubergeben werden.
Sollte irgend jemand mitschreiben anderes als die Spriiche, so ist er verpflichtet,
dieses Mitgeschriebene nur fur die nachsten acht Tage zu haben und es nach acht
Tagen zu verbrennen. Dasjenige, was hier in der zu Recht bestehenden Michael-
Schule mitgeteilt wird, hat nur Bedeutung in mundlicher Mitteilung - das ist ein
inneres okkultes Gesetz -, mit Ausnahme der mantrischen Spriiche. Aber bemerkt
werden muB, damit die Dinge nicht genommen werden, als wenn sie in einer
kindlichen Weise auf Sekretierung hinorientiert waren, daB es bei diesen okkulten
Spruchen so ist, daB, wenn sie unrechtmaBig an andere kommen, sie ihre Wirkung
verlieren, denn es gehort der Akt der Ubertragung zur Wirksamkeit der Schule.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 63
Um dieser okkulten Tatsache willen wird in dieser Strenge die Behandlung der
Spriiche gefordert.
Es ist noch zu sagen, daB morgen die Tageseinteilung diese ist, daB um halb
zehn Uhr stattfinden wird der Kursus ftir Pastoralmedizin, nachmittag um halb
vier Uhr der Kursus fur Theologen stattfinden wird, daB abends - morgen - ein
Mitgliedervortrag sein wird, daB um fiinf Uhr nachmittag eine Eurythmievorstel-
lung sein wird. Der Sprachkursus ist um zwolf Uhr wie gewohnlich.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 64
VIERTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 13. September 1924
eine lieben Schwestern und Briider! Es ist nicht moglich, jedes Mai hier
heute wiederum eine ganze Anzahl neuer Mitglieder hier sind, ist es doch so, daB
ich diese Einleitung nicht sprechen werde, sondern fortfahren werde an derjenigen
Stelle, an welcher wir das letzte Mai stehengeblieben sind, und diejenigen Mitglie-
der, welche in dem iiblichen Sinne an die Neuaufzunehmenden die bisher vorge-
kommenen mantrischen Spruche zu geben haben, ich verpflichten muB, daB sie
unter den Bedingungen, die ich dann am Schlusse zu erwahnen haben werde, mit
der Ubergabe dieser Spruche auch von den Bedingungen sprechen, welche mit der
Aufnahme in die Schule verkniipft sind.
Wir beginnen damit, daB wir wiederum diejenigen Worte uns vor die Seele
treten lassen, welche aus alien Wesen der Welt, aus alien Vorgangen der Welt so
sprechen zu dem Menschen, der einen unbefangenen Sinn dafiir hat, daB darinnen
die Aufforderung liegt, das Leben des Menschen, der des Menschennamens wert
sein will, zu suchen durch wahre Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis, die zur Welter-
kenntnis fiihrt. Und eigentlich fordern uns ja von alien Seiten her alle Wesen aus
alien Reichen der Natur und aus alien Reichen des Geistes auf zu dieser im wahren
Sinne des Wortes gehaltenen Selbsterkenntnis, die der Weg der Welterkenntnis ist.
So forderten auf alle Wesen der Natur und des Geistes die Menschen in der
Vergangenheit, so in der Gegenwart, so werden sie die Menschen auffordern in
der Zukunft. Diese auffordernden Worte, die von alien Seiten der Welt, von Ost
und West, von Sud und Nord, von Oben und Unten an des Menschen Seele
herandringen, wenn er sie horen will, sie mogen auch heute beginnen dasjenige,
was diese Michael-Schule Euren Herzen, Euren Seelen bedeuten soil:
die entsprechende Einleitung zu sprechen iiber Aufgabe und Bedeutung
der Schule und iiber das Wesen der Mitgliedschaft zur Schule. Trotzdem
*
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 65
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
*
Wir haben gesehen, wie herangetreten wird von dem nach Erkenntnis Suchenden
an den Hiiter der Schwelle, wie - nachdem der nach Erkenntnis Suchende zer-
schmettert dagestanden hat unter dem Eindrucke der drei Tiere, die vor dem
Antlitz der geistigen Welt die wahre Gestalt seines jetzigen Wollens, Fiihlens und
Denkens darstellen -, wie der nach Erkenntnis Suchende aufgerichtet wird nach
und nach von dem Hiiter der Schwelle.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 66
Und schon haben wir vernommen, was der Hiiter der Schwelle spricht zu dem,
den er also aufrichten will, wie er ihn hinweist auf der einen Seite nach oben,
hinweist darauf, wie da kampft in dem Reiche, aus dem die Kraft unseres Denkens
in unser Menschenwesen stromt, das Licht mit finstren Machten. Der Hiiter der
Schwelle meint: dies Bild brauchen wir. Wir brauchen es, daB - wenn wir den
Ursprung unseres Denkens, die Kraft unseres Denkens in unserem Menschenwesen
in der richtigen Weise erkenntnissuchend fiihlen wollen -, daB wir dann hinauf-
schauen in jene Reiche, aus denen unser Denken kommt, wo aber einen furchtbaren
Kampf fiihren die Machte des Lichtes, jenes Lichtes, das das Denken in die richtigen
Bahnen bringen will, mit den Machten der Finsternis, die das Denken abbringen
wollen von den richtigen Bahnen, es in Irrwege fiihren mochten. Da oben ist unser
Denken verwurzelt. Wir miissen es verwurzelt wissen, wenn wir Erkennende
werden wollen, mit dem Kampf zwischen Licht und Finsternis.
Und dann finden wir, wenn wir lichtwarts zu streben verstehen, uns noch immer
so, daB wir uns aufrecht erhalten miissen. Und wir miissen wissen, daB wir hineinge-
stellt sind in den Kampf zwischen Licht und Finsternis: Das Licht will uns hinneh-
men sozusagen in eine geistige Lichtohnmacht, die Finsternis will uns hinnehmen
und uns im Stoff uns verirren lassen. Wir aber miissen den Gleichgewichtszustand
zwischen beiden suchen: nicht uns vom Lichte hinnehmen lassen, nicht uns von
der Finsternis in Stoff verwandeln lassen, sondern, fest in unserer Eigenheit stehend,
das Gleichgewicht finden fur unser Denken zwischen Licht und Finsternis.
Wiederum, wenn wir unser Fiihlen betrachten, da miissen wir sehen - in jenem
Reiche, das mehr im Horizontalen, in den Weltenweiten wirkt und lebt -, wie wir
hineingestellt sind in den Kampf zwischen Seelenwarme und Seelenkalte.
In der Seelenwarme wirken alle luziferischen Machte, die Machte der Schonheit,
die Machte der Helligkeit, die Machte, welche uns ohne unser Zutun geben mochten
alle gottlichen Krafte. Wir wiirden unselbstandig und unfrei werden, wenn sie uns
in sich auffangen wiirden.
Aber auf der anderen Seite stehen die Machte der Kalte, der Seelenkalte, die
von ahrimanischen Wesenheiten durchsetzt sind, die uns in der Kalte das Verlieren
unseres Selbstes bringen mochten. Wir miissen wiederum das Gleichgewicht finden
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 67
zwischen jener Geisteslust, in welche uns die Machte der Warme, der Hitze, des
Feuers bringen mochten, und denjenigen Regionen, in denen in Kalte, mit ungeheu-
rer Intellektualitat, mit einer alles iiberragenden Intellektualitat iiberzeugend, ver-
sucherisch iiberzeugend die ahrimanischen Machte fiihren mochten. Zwischen
beiden miissen wir wiederum, um das rechte Fiihlen ftir die Erkenntnis zu finden,
uns im Gleichgewichte halten.
Dann, wenn wir auf unser Wollen sehen: nach unten miissen wir blicken. Da
ist das Reich der Erde und der Schwere, aus dem zunachst fur unser Erdenleben
auch die Kraft unseres Wollens kommt. Denn die Erde hat in sich nicht nur die
Kraft der Schwere, sie hat geistig in sich die Kraft des Wollens im Menschen.
Wiederum stehen wir zwei Machten gegeniiber, den Machten des Lebens und den
Machten des Todes. Wir konnen verfallen mit unserem Wollen den Machten des
Lebens. Da ist es dann, als ob die Machte des Lebens uns ergreifen mochten. Sie
mochten durch unsere Willenskrafte wollen im kosmischen Zusammenhange. Wir
miissen unser Selbst aufrecht erhalten, mittendurch die Gleichgewichtslage finden
zwischen diesen Machten des Lebens und den Machten des Todes, die uns ver-
krampfen mochten, um unser Wollen in das stoffliche Gestalten ewig hineinzuver-
weben.
Der Hiiter der Schwelle fordert uns an dieser Stelle auf, uns zwischen Licht
und Finsternis in der Gleichgewichtslage, zwischen Warme und Kalte in der Gleich-
gewichtslage, zwischen Leben und Tod in der Gleichgewichtslage zu halten. Denn
nicht das Licht allein ist die Macht, der wir zugehoren diirfen; im Lichte allein
wiirden wir betaubt werden, geblendet werden. Nicht die Finsternis allein ist
dasjenige, dem wir uns verschreiben diirfen, denn da wiirden wir uns an den Stoff
des Finsteren verlieren. Dasjenige, was wir anstreben miissen, ist auf geistige Art
dasjenige, was in aller Welt angestrebt wird.
Wo Ihr hinschaut, meine Schwestern und Briider, wirken ineinander Licht und
Finsternis. Schauet an Eure Haare: das Licht setzt sie Euch ein in Euren Kopf;
aber die Finsternis muB sie durchdringen, sonst wiirden die Haare lediglich Licht-
strahlen sein. Seht Ihr Euch an Euren ganzen Korper: vom Lichte ist er gewoben;
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 68
aber er wiirde nicht auf Erden Festigkeit haben konnen, wenn nicht die Finsternis
hineinverwoben ware. Seht Euch an jeglichen Gegenstand, meine Schwestern und
Briider! Die bliihenden Pflanzen: von dem Lichte sind sie geschaffen; doch aus
dem Boden heraufdringen miissen die Machte der Finsternis, damit aus Licht und
Finsternis dasjenige, was die Pflanzen in ihrer festen Konsistenz darstellen als
Wesen auf Erden, auftreten kann.
So wie in aller Natur gefunden wird der Ausgleich zwischen Licht und Finsternis,
so muB der Mensch es seelenhaft in der geistigen Welt anstreben, wenn er ein
wirklich Erkenntnis Suchender sein will. Und so ist es mit dem Gleichgewichtsstre-
ben zwischen Warme und Kalte, so ist es mit dem Gleichgewichtsstreben zwischen
Leben und Tod.
Und so stehen wir am gahnenden Abgrund des Seins, schauen noch immer -
indem hinter uns die farbenerglanzenden Reiche der Natur, denen wir mit unseren
Sinnen angehoren, immer finsterer und finsterer werden, indem uns klar wird, aus
all dem leuchtenden Sinnlichen kommt nicht heraus dasjenige, was unser eigenes
Wesen ist, was uns zur Selbsterkenntnis fiihrt -: Vor uns ist noch wie eine schwarze
Wand die Grenze des finsteren Reiches, in das wir hinein miissen, damit es Licht
darinnen wird durch die Kraft, die wir selber hineinbringen. Wir stehen noch am
gahnenden Abgrund des Seins, haben aber schon etwas Mut gewonnen, daB durch
die Mahnungen des Hiiters uns Fliigel wachsen werden, den Abgrund zu iiberset-
zen, damit wir in die Finsternis hineinkommen und es Licht werde in der Finsternis.
Das eben ist eine der letzten Mahnungen, die der Hiiter der Schwelle uns gibt
und die da lautet:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 69
Es kampft das Licht mit finstern Machten
In jenem Reiche, wo dein Denken
In Geistesdasein dringen mochte.
Du findest, lichtwarts strebend,
Dein Selbst vom Geiste dir genommen;
Du kannst, wenn Finstres dich verlockt,
Im Stoff das Selbst verlieren.
Es kampft das Warme mit dem Kalten
In jenem Reiche, wo dein Fiihlen
Im Geistesweben leben mochte.
Du findest, Warme liebend,
Dein Selbst in Geisteslust verwehend;
Du kannst, wenn Kalte dich verhartet,
Im Leid das Selbst verstauben.
Es kampft das Leben mit dem Tode
In jenem Reiche, wo dein Wollen
Im Geistesschaffen walten mochte.
Du findest, Leben fassend,
Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden;
Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt,
Im Nichts das Selbst verkrampfen.
Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 154:]
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 70
Der Hiiter am Abgrund, Gleichgewicht fordernd:
Es kampft das Licht mit finstern Machten
In jenem Reiche, wo dein Denken
In Geistesdasein dringen mochte.
Du findest, lichtwarts strebend,
Dein Selbst vom Geiste dir genommen;
Du kannst, wenn Finstres dich verlockt,
Im Stoff das Selbst verlieren.
Es kampft das Warme mit dem Kalten
In jenem Reiche, wo dein Fiihlen
Im Geistesweben leben mochte.
Du findest, Warme liebend,
Dein Selbst in Geisteslust verwehend;
Du kannst, wenn Kalte dich verhartet,
Im Leid das Selbst verstauben.
Es kampft das Leben mit dem Tode
In jenem Reiche, wo dein Wollen
Im Geistesschaffen walten mochte.
Du findest, Leben fassend,
Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden;
Du kannst, wenn Todesmacht dich bandigt,
Im Nichts das Selbst v erkrampfen.
Man wird fmden, meine lieben Schwestern und Briider, wenn man mit rechter
Gesinnung und rechtem Sinn sich gerade diesen mantrischen Worten hingibt in
innerer Seelenruhe, in voller innerer Opferempfindung fur die Hingabe des Geistes,
man wird finden, daB in den Worten selbst dasjenige liegt, was in die Gleichge-
wichtslage die Seele hineinbringt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 71
Nun stehen wir als Erkenntnissuchende vor dem Hiiter der Schwelle am gahnen-
den Abgrund des Seins. Der Hiiter der Schwelle gibt uns als das Nachste eine
Belehrung dariiber, wie wir, indem wir die Richtung einschlagen wollen zwischen
dem Licht und der Finsternis, dem Warmen und dem Kalten, dem Leben und dem
Tode, uns aufrecht in unserem eigenen Selbst finden konnen.
Wir konnen es nicht anders, meine lieben Schwestern und Briider, als wenn wir
uns recht darauf besinnen: Um zur wirklichen Erkenntnis zu kommen, ist es
notwendig, daB wir eins werden mit der Welt, daB wir ein Gefiihl bekommen
gegeniiber der Welt, wie der Finger, wenn er fiihlen konnte fur sich, das Gefiihl
hatte gegeniiber dem ganzen Menschenleibe. Wiirde der Finger fiihlen konnen fur
sich, so wiirde er sich sagen: ich bin nur solange Finger, als ich am Menschenleibe
bin, als das Blut des Menschenleibes mein Blut ist, als die Pulsation des Menschen-
leibes meine Pulsation ist; schneidet man mich ab: ich hore auf, ein Finger zu
sein. - Der Finger verliert seinen Sinn in Trennung vom Organismus, zu dem er
gehort und an dem er allein Finger sein kann.
So muB der Mensch fiihlen lernen gegeniiber der ganzen Welt. Wir sind ein
Glied am geist-seelenhaften Organismus der ganzen Welt, sind nur scheinbar als
Menschen abgetrennt von dem geist-seelenhaften Organismus der Welt, miissen
uns in der rechten Weise mit dem geist-seelenhaften Organismus der Welt zusam-
menfinden, miissen zunachst wissen: da sind um uns herum ausgebreitet die Ele-
mente Erde, Wasser, Luft, Feuer. Und wir miissen lernen, uns eins zu fiihlen
unserer Leiblichkeit nach - denn diese ist gegliedert aus diesen Elementen -, uns
eins zu fiihlen mit diesen Elementen.
Der Hiiter der Schwelle gibt uns die Lehre, wie wir das sollen und wie wir das
konnen. Bedenkt jetzt genau dasjenige, was einflieBt in jene belehrenden mantri-
schen Spruche, die an dieser Stelle unseres Vorruckens bis zum Abgrund des Seins
der Hiiter der Schwelle uns gibt.
Meine lieben Schwestern und Briider, denkt Ihr Euch, Ihr stoBet mit dem Finger
tastend an irgendeinen Gegenstand. Ihr wiBt, der Gegenstand ist da, wo Ihr hin-
stoBt. Ihr tastet an einen Gegenstand. Ihr habt im Gefuhle das Einssein mit diesem
Gegenstand; denn in dem Augenblick, wo Ihr antastet an einen Gegenstand, ist
eine Tastempfindung dasjenige, was einen Finger oder womit Ihr sonst tastet, eins
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 72
macht mit dem Gegenstande. Nun denkt Ihr Euch, Ihr seid im Ganzen wie ein
Finger, wie ein tastendes Glied. Ihr steht auf der Erde, auf dem Element Erde; Ihr
steht, weil die Erde als ihre hauptsachlichste Eigenschaft das Element der Schwere
hat. Ihr tastet mit Euren FuBsohlen auf die Erde, ganz gleichgiiltig, ob Ihr auf
einem Zimmerparkettboden oder woanders steht drauBen auf der freien Erde. Es
kommt darauf an, daB Ihr fiihlet im Stehen das Tasten an der Schwere des Erdenele-
mentes. Ihr konnet auf dem Berge oben stehen, auf einem Turm: Ihr empfindet
- wie Ihr am Ende Eures Fingers empfindet das Harte und Weiche, das Warme
und Kalte -, im TastprozeB empfindet Ihr Eure Einheit, wenn Ihr Euch im Ganzen
als Finger denkt, an Euren FuBsohlen, wo Ihr die Schwere empfindet.
Das sagt der Hiiter der Schwelle, indem er ermahnt, in der folgenden Weise:
O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein,
Wie Erdenkrafte dir im Dasein Stiitze sind.
DaB Erdenkrafte unsere Stiitze sind, daB das Erdenelement uns stiitzt, damit wir
nicht versinken, das sagt uns der Hiiter der Schwelle an dieser Stelle.
Aber dann fiihrt er uns weiter, wenn wir nun fiihlen nicht nur, wie wir als
ganzer Finger unten aufstehen, sondern wenn wir nun dasjenige, was im Innern
des Fingers ist, fiihlen: Es ist zunachst das Wasserelement, das Flussige. Denn
alles, was im Menschen ist - das ist selbst auBerlich mit physischer Wissenschaft
zu verfolgen -, ist aus dem flussigen Elemente herausgeboren. Das Feste ist erst
aus dem Flussigen abgeschieden, wie das Eis aus dem Wasser. Wir miissen aufsteigen
zum Erfuhlen des zweiten Elementes. Da drauBen ist uberall das Flussige in der
Welt. In uns werden unsere eigenen Bildekrafte aus dem flussigen Elemente heraus
geformt. Es formen uns die Bildekrafte. Unsere Lunge, unsere Leber sind fest
geformt, aber sie erstarren aus dem flussigen Elemente heraus. So wie wir die Erde
fiihlen als Stiitze, so fiihlen wir, indem wir unsere Organe fiihlen, aus dem Wasser-
elemente heraus uns als Mensch gebildet. Die Wasserkrafte sind unsere Bildner;
die Erde ist unsere Stiitze. Deshalb ermahnt uns der Hiiter der Schwelle:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 73
O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis
- iiberall konnen wir tasten, aber wenn wir das Tasten selber fiihlen -
O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis,
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind.
Nun mahnt uns der Hiiter der Schwelle weiter. Er mahnt uns, wie wir einheitlich
auch werden konnen mit den Luftgewalten. Die Luft atmen wir ein. Wir konnen
wissen, wenn wir die Luft in unrechter Weise einatmen, daB wir Gefuhle bekom-
men, daB das mit unseren Gefiihlen zu tun hat; daB wir Gefuhle bekommen, die
uns angstigen, die die Koharenz unseres Seins durchbrechen. So wie das Wasserele-
ment uns bildet, so pflegt uns das Luftelement. Der Hiiter der Schwelle mahnt
uns:
O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben,
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind.
Nun fiihrt uns der Hiiter weiter zum Warmeelement. Mit der Warme fiihlen
wir uns ja innig verbunden. Die Erde als Stiitze fiihlen wir noch auBer uns. Von
der Art und Weise, wie die Wasserkrafte in uns bilden - wahrend des Wachstums
zum Beispiel -, wissen wir wenig; das bleibt im UnterbewuBtsein. Ins Gefiihl
herein dringen die Luftgewalten nur, wenn sie abnorm werden, wenn sie nicht
normal wirken. Aber mit der Warme, wenn wir sie im rechten MaBe im Menschen-
wesen haben, fiihlen wir uns einheitlich. Wir werden seelenwarm, wenn wir auBere
Warme empfinden, in unserem ganzen Menschenwesen. Wir erstarren, wenn wir
auBere Kalte erleben miissen. Warme und Kalte sind eins in einer ganz anderen
Art in der Elementarwelt mit uns. Das sind weder bloBe Stiitzen, noch Bildner,
noch Pfleger, das sind unsere wahren Heifer zum physischen Dasein. Der Hiiter
der Schwelle ermahnt uns:
O Mensch, erdenke in deines Fiihlens ganzem Stromen,
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind.
Wenn wir befolgen alles dasjenige, was in dieser Aufforderung liegt, dann werden
wir den Weg finden, zunachst unser Leibliches mit den Elementen zu vereinigen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 74
im BewuBtsein. Denn in Wirklichkeit ist unser Leibliches eins mit den Elementen.
Und in verschiedenen Graden ist unser Leibliches eins mit den Elementen. Zunachst
mit dem Elemente der Erde in auBerlich mechanischer Weise: «Stiitze» ist uns das
Erdenelement; das ist auBerlich mechanisch. Es wird schon innerlicher, aber noch
immer etwas, was im Formen und im Gestalten besteht, was noch nicht ins Seelische
geht: Wasserwesen bilden uns, sind unsere «Bildner». Nun dringt es vollig ins
Moralische herauf, wenn wir mit dem Luftelemente eins werden. Das Luftelement
ist nicht mehr bloB ein auBerlicher Gestalter, es ist unser Pfleger. Und unsere
Gefuhle werden Angstgefuhle, wenn uns nicht das richtige Atmen pflegt. Die
Luftgewalten sind «Pfleger»; «Helfer», daB wir uberhaupt Erdenwesen sein kon-
nen, «Helfer» sind Warme und Kalte; das sind Feuermachte. Das ist vollig ins
Moralische schon heraufgestellt.
Und so heiBt die Summe der Ermahnungen von seiten des Hiiters der Schwelle
als die Steigerung, im Steigern der Elemente:
O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich.
[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 155:]
Die Lehre des Hiiters:
O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein,
Wie Erdenkrdfte dir im Dasein Stiitze sind.
O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis,
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind.
O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben,
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind.
O Mensch, erdenke in deines Fuhlens ganzem Strdmen,
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 75
Wir haben die Steigerung [an derTafel wirdunterstrichen]: «Stiitze», «Bildner», «Pfleger»,
«Helfer».
Wir haben noch eine andere Steigerung. Denn in einem mantrischen Spruch
steht jedes Wort an seiner richtigen Stelle, und es ist kein Wort da, das bloB etwas
ausfiillen soil. Alles deckt sich mit dem inneren Sinn, mit dem wir uns vereinen
sollen, indem wir einen solchen mantrischen Spruch meditieren. Wir haben eine
Steigerung [es wird an der Tafel unterstrichen] : «ertaste», «erlebe», <<erfiihle», «erdenke».
Es ist eine besondere Steigerung. So miissen wir auch den inneren sinnvollen Bau
eines solchen mantrischen Spruches meditierend erleben.
Wenn der Hiiter dieses gesagt hat, faBt er es noch einmal zusammen in einer Zeile:
[Es wird an die Tafel geschrieben:]
O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich.
So hat uns der Hiiter der Schwelle gefiihrt zu inneren Sprucherlebnissen, durch
die wir unser Leibliches vereinigen konnen mit den Elementen, zu denen es gehort.
Er leitet uns weiter hinauf in das Seelische. Da weist er uns nicht an die Elemente
Erde, Wasser, Luft, Feuer, da weist er uns an die Planeten, an die Wandelsterne.
Da weist er uns dahin, wie wir fiihlen sollen, wie in dem Kreislauf der Planeten
- in demjenigen, was durch die Planeten als Kreise um die Erde gezogen wird -
der eine und der andere Planet den Kreis zieht. Die Kreise haben ihr Verhaltnis
und sprechen miteinander, wenn der Mensch sich seelisch zu diesem Geheimnis
der weltenweisenden Sternenmachte, der Wandelsternenmachte erhebt. Dann lebt
er sich mit seinem Seelischen ins geistige Reich des Kosmos hinein, wie er sich
vorher mit seinem Leibe in das Reich der Elemente hineingelebt hat. Sich eins
fiihlen mit dem Kosmos - seelenhaft - konnen wir nur, wenn wir uns ins Reich
der Wandelsterne, der Planeten mit ihren Bahnbeschreibungen hineinleben. Das
sagt uns der Hiiter der Schwelle mit den Worten:
O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen
Der Wandelsterne weltenweisende Machte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 76
[Es wird nun an die Tafel geschrieben:]
O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen
Der Wandelsterne weltenweisende Mdchte.
Wiederum faBt der Hiiter der Schwelle dasjenige, was in diesen beiden Zeilen
als richtunggebende Kraft liegt, als das Einsfiihlen der Geheimnisse der Seele mit
den Wandelsternen, ZUSammen in die Zeile [es wird an die Tafel geschrieben]:
Mensch, erwese dich
- das heiBt: mache dich seiend -
durch den Weltenkreis.
Die Weltenkreise der verschiedenen Wandelsterne sind zusammengezogen in den
einen Weltenkreis. Damit haben wir Leib und Seele mit der Welt als eins empfun-
den: den Leib mit den irdischen Elementen, die Seele mit den Wandelsternen.
Wollen wir den Geist eins fiihlen mit dem Weltenall, da konnen wir weder
hinschauen zu den Elementen, da konnen wir auch nicht hinschauen zu den Ge-
heimnissen der Wandelsterne, da miissen wir den Blick hinaufrichten zu den Fix-
sternen, zu den Ruhesternen. Denn da ist die Macht, mit der wir unseren Geist
als eins fiihlen miissen drauBen im weiten Weltenall, wenn wir im wahren Sinne
des Wortes uns als ein Glied dieses Weltenalls fiihlen wollen. Da beginnt die Welt
in der Weltenspharenmusik zu tonen. Deshalb ermahnt uns der Hiiter der Schwelle:
Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte.
[Es wird nun an die Tafel geschrieben:]
O Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 77
Und wiederum faBt der Hiiter der Schwelle zusammen, was in dieser Aufforde-
rung steht, in den einen Satz:
Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit.
Unser Geistsein ist in jedem Augenblicke ein Schaffen unseres Selbst.
[Es wird nun an die Tafel geschrieben:]
O Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit.
Wir stehen in diesem Falle, wenn wir richtig empfinden und fiihlen, verinnerlicht
vor dem Hiiter der Schwelle. Wir gedenken, wie ertont uns hat das Wort von der
Selbsterkenntnis aus alien Wesen noch in einer abstrakten Form, wie es an uns
herangeklungen ist von alien Seiten des naturlichen und des geistigen Seins. Aber
das eine Wort: «0 Mensch, erkenne dich selbst!», es ist jetzt in seine einzelnen
Glieder auseinandergelegt. Es zerfallt jetzt die eine Aufforderung in eins, zwei,
drei, vier, funf, sechs, sieben, acht, neun Glieder. Das «0 Mensch, erkenne dich
selbst !» sollen wir gewissermaBen in neun Strahlen sehen. Dann wird es erfullt
von dem, was unsere Meditation braucht.
So sollen wir fiihlen. Und so sollen wir gewissermaBen dem Hiiter der Schwelle
geloben, daB wir seine Mahnung erfiillen:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 78
O Mensch, ertaste in deines Leibes ganzem Sein,
Wie Erdenkrafte dir im Dasein Stiitze sind.
O Mensch, erlebe in deines Tastens ganzem Kreis,
Wie Wasserwesen dir im Dasein Bildner sind.
O Mensch, erfiihle in deines Lebens ganzem Weben,
Wie Luftgewalten dir im Dasein Pfleger sind.
O Mensch, erdenke in deines Fiihlens ganzem Stromen,
Wie Feuermachte dir im Dasein Heifer sind.
O Mensch, erschaue dich in der Elemente Reich.
O Mensch, so lasse walten in deiner Seele Tiefen
Der Wandelsterne weltenweisende Machte.
O Mensch, erwese dich durch den Weltenkreis.
O Mensch, erhalte dir in deines Geistes Schaffen
Der Ruhesterne himmelkiindende Worte.
O Mensch, erschaffe dich durch die Himmelsweisheit.
Wir fassen eine Art Gelobnis vor dem Hiiter der Schwelle, daB wir das in immer-
wahrendem Gedenken an seine Ermahnungen uns mantrisch durch die Seele Zie-
hen lassen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 79
Und schauen wir immer wieder und wieder zuriick: bei jedem Schritte fiihlen
wir uns verpflichtet, uns zu erinnern an das, was diesseits der Schwelle vorgeht.
Und diesseits der Schwelle hat uns eben jeder Stein und jede Pflanze, jeder Baum,
jede Wolke, jede Quelle, jeder Fels, jeder Blitz, jeder Donner zugerufen:
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfiihlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Wenn so mit der vollen spirituellen Kraft vom Hiiter der Schwelle in diesem
Raum erklingen die Worte, die er uns als dienendes Glied der Michael-Macht, der
regierenden Macht unserer Zeit, zuruft, wenn so diese Worte erklingen, dann
konnen wir, weil von Michaels Macht selber diese esoterische Schule eingesetzt
ist, sicher sein, daB Michael weilt mit seiner Kraft, mit seinem Geiste, mit seiner
Liebe, daB Michael weilt geistig-seelisch unter uns.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 80
Und das darf auch bestatigt werden - da, wo verantwortlich gefiihlt wird dasjeni-
ge, was die Schule leitet, gegeniiber der Michael- Macht so, daB nichts anderes
durch diese Schule stromt als dasjenige, was in dem heiligen Willen Michaels selber
liegt -, das darf bekraftigt werden durch Michaels Zeichen und Michaels Siegel;
dieses Michael-Zeichen:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 154]
und das Michael- Siegel, mit dem bekraftigt wird, daB in die wahre rosenkreuzeri-
sche Schulung einzieht die Michael-Macht und so verbunden wird dasjenige, was
in der Michael-Schule gelehrt wird, mit Michaels Siegel, das die Rosenkreuzer-
Stiftung besiegelt in dem Rosenkreuzer-Spruche, der mit den Siegelzeichen ver-
sehen also gesprochen wird:
Ex deo nascimur [die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
In Chris tO morimur [die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
Per Spiritum sanctum reviviscimus [die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
und das heiBt:
[In die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich bewundere den Voter
[In die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich liebe den Sohn
[In die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich verbinde mich dem Geiste.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 81
«Ich bewundere den Vater»: indem wir den Spruch «Ex deo nascimur» sprechen,
geht das fuhlend durch unsere Seele;
«Ich liebe den Sohn»: mit dem Spruch «In Christo morimur» stumm durch die
Seele - gefiihlt - ziehend;
«Ich verbinde mich dem Geiste»: stumm gefiihlt bei dem Spruche «Per spiritum
sanctum reviviscimus».
Die Spruche des Hiiters der Schwelle kommen an Euch, meine Schwestern und
Briider, mit Zeichen und Siegel Michaels:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
*
Die Spruche, welche in dieser Schule mitgeteilt werden, konnen nur diejenigen
besitzen, die rechtmaBig in die Schule als Mitglieder aufgenommen sind. Diejenigen,
die nicht anwesend sein konnen bei einer Stunde, wo Spruche gegeben werden,
konnen diese Spruche erhalten von solchen, die sie in der Schule selbst haben
erhalten konnen. Doch muB, um diese Spruche zu erhalten, in der Weise erst die
reale Erlaubnis entweder von Frau Dr. Wegman oder mir angesucht werden. Dieses
Ansuchen an Frau Dr. Wegman oder mich selber kann nur geschehen von demjeni-
gen, der die Spruche einem andern geben will. Es soil also von vornherein nicht
derjenige ansuchen - es hat keinen Zweck -, der sie bekommen will. Er kann zu
einem andern gehen, kann ihn bitten, daB er sie ihm gibt; aber fragen muB derjenige,
der sie gibt, in jedem einzelnen Fall. Das ist nicht eine VerwaltungsmaBregel,
sondern es ist eine okkulte Einrichtung, die bestehen muB, weil die Ubergabe
beginnen muB mit diesem realen Akte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 82
Es kann auch nicht - weil das vorgekommen ist, muB ich es im besonderen
sagen -, es kann auch nicht, wenn nicht besondere Griinde vorliegen, so daB eine
Verstandigung mundlich nicht moglich ist, es kann auch nicht schriftlich angesucht
werden, sondern es muB mundlich angesucht werden. Am wenigsten darf innerhalb
der Esoterik auch nur der Schein, der fernste Schein eines burokratischen Wesens
sich einleben. Alles muB im Lebendigen stehen wie uberhaupt in der Anthroposo-
phischen Gesellschaft.
Dann ist zu sagen, wer mehr nachschreibt als die Spruche, der ist verpflichtet,
das Nachgeschriebene nur acht Tage zu haben und es dann zu verbrennen. Denn
es ist nicht gut, wenn die Dinge langer irgendwie verbleiben. Sie konnen alle
moglichen Wege nehmen. Das Esoterische muB so behandelt werden; das ist nicht
eine willkurliche MaBregel. Im Esoterischen ist alles aus den wirklichen okkulten
Untergrunden heraus bestimmt. Und wenn esoterische mantrische Spruche in
unrechter Weise hinauskommen iiber diejenigen Mitglieder, die dazu berechtigt
sind, in realer Weise dazu berechtigt sind, indem sie entweder direkt hier, bei
ihrem Sitzen hier die Spruche erhalten haben, oder sie auf dem angedeuteten
rechtmaBigen Wege erhalten haben, - wenn sie an andere kommen, die sie nicht
auf einem so rechtmaBigen Wege erhalten haben, verlieren ftir alle, die die Spruche
haben, diese Spruche ihre spirituelle Kraft. Das ist ein okkultes Gesetz. Und es
gibt eben in der Geisteswelt Gesetze, die nicht iibertreten werden konnen unge-
straft. Also es handelt sich nicht um eine willkurliche MaBregel, sondern um die
Einhaltung eines okkulten Gesetzes.
Nun habe ich zu verkundigen, daB morgen sein wird wiederum um halb zehn
Uhr der Kursus ftir Pastoralmedizin, um zwolf Uhr mittags der Kursus fur Sprach-
gestaltung und dramatische Kunst, nachmittags um halb vier Uhr der Kursus fur
Theologen, und abends um achteinviertel Uhr wird ein Mitgliedervortrag sein.
Um funf Uhr wird die Eurythmieauffuhrung sein. Die nachste esoterische Stunde,
die dann abrunden soil diese Michael-Lehren, die bekommen worden sind, wird
am Montag um halb neun stattfinden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 83
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:
FUNFTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 15. September 1924
eine lieben Schwestern und Briider! Auch heute sind ja wiederum neue
Mitglieder zu dieser Schule gekommen. Es ist nicht moglich, jedesmal
die Einleitung zu sprechen, welche von den Pflichten und der Bedeutung
dieser Michael- Schule handelt. Daher muB ich diejenigen Mitglieder, welche in
der Weise, wie ich das am Schlusse sagen werde, herankommen, um den Neuaufge-
nommenen die mantrischen Spruche zu iibergeben, auffordern, ihnen auch diese
Einleitung zu geben, welche notwendigerweise eigentlich jeder wissen muB, wel-
cher Mitglied dieser Schule sein will.
*
Und so werden wir denn unmittelbar beginnen damit, auch heute wiederum
die Worte in unsere Seele einzuschreiben, welche dem Menschen, der Unbefangen-
heit genug dazu hat, entgegentonen aus allem, was in den Reichen der Natur, in
den Hierarchien der Welt uns Menschen umgibt. In der Vergangenheit haben diese
Worte dem Menschen aus alien Steinen und Pflanzen, Wolken, Sternen, aus Sonne
und Mond, aus Quell und Fels entgegengetont; sie tonen ihm in der Gegenwart
entgegen; sie werden ihm in der Zukunft entgegentonen:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:85
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Nun, meine lieben Schwestern und Briider, in der Beschreibung des Erkenntnis-
weges sind wir dahin gelangt, daB wir am Abgrund des Seins stehen vor dem
Hiiter. Der Hiiter der Schwelle hat uns klargemacht, wie dasjenige, was uns in
der auBeren Welt umgibt, niemals unser eigenes Wesen uns enthullen kann, wie
alles Hinschauen auf die Reiche der Natur, auf dasjenige, was unten auf und aus
der Erde lebt und webt, was oben aus dem Reich der Sterne scheint und spricht
- soweit wir es mit den Sinnen anschauen konnen, soweit wir es anschauen konnen
mit unserem Verstande -, daB das alles nichts bietet, was uns Aufklarung geben
kann iiber das Wesen unseres eigenen Selbstes, daB dunkel und finster diese Hellig-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 86
keit, dieses Glitzernde im Sonnenschein, dieses Webende und Lebende, das so
groB und gewaltig, so schon und herrlich in bezug auf die auBere Welt ist, daB
das dunkel und finster bleibt fur unser wahres Selbsterkennen.
Dann ist uns beschrieben worden, wie wir nach und nach uns nahern dem
Hiiter, der uns wie aus Wolkendasein heraus als Geistgestalt sich formt, sich uns
im Ebenbilde zeigt, doch auch wiederum zeigt, was wir zu erstreben haben als
Mensch, um zur Selbsterkenntnis zu kommen.
Dann sind wir hingetreten vor diesen Hiiter der Schwelle. Er hat uns gezeigt,
wie die wahre Gestalt unseres Wollens, Fiihlens, Denkens vor dem Antlitze der
Gotter ist. Er hat uns gezeigt, wie dasjenige, was in uns lebt als Mutlosigkeit und
Furcht vor der Erkenntnis, als HaB auf die Erkenntnis, als Zweifel an der Erkennt-
nis, doch in uns ist, weil unsere Zeitenbildung das in uns versenkt. Er hat uns die
Tierformen unseres Wollens, Fiihlens, Denkens gezeigt. Niederschmetternd muBte
er wirken auf uns, der Hiiter der Schwelle, um uns im Niederschmettern eben
gerade aus dem Weben und Wesen unserer eigenen Seele auferwachen zu lassen
diejenigen Krafte, die zur wahren Selbsterkenntnis fiihren.
Dann aber hat uns der Hiiter der Schwelle aufgerichtet, uns allerdings zunachst
zeigend, wie unser Denken, so wie wir es im gewohnlichen Leben haben, der
Leichnam des lebendigen Denkens ist, das wir in uns tragen, bevor wir aus geistig-
seelischen Welten heruntergestiegen sind in physisch-sinnliches Dasein. Er hat uns
gezeigt, der Hiiter der Schwelle, wie wir mit unserem Leibe ein Sarg sind fur das
mit unserem Erdendasein ersterbende lebendige Denken, das als Leichnam in
diesem Sarge liegt. Aber diesen Leichnam beniitzen wir in diesem gewohnlichen
abstrakten Denken, das wir zwischen Geburt und Tod in uns tragen, um die Dinge
der physisch-sinnlichen Welt zu begreifen.
Gerade wenn wir erfassen, wie tot dieses Denken ist, dann wird uns aufgehen
an der Erfassung des toten Denkens, was wir lernen konnen an dem Leichnam,
der vor uns liegt. Wir schauen diesen Leichnam an. Wir sagen uns: so wie er als
Leichnam vor uns liegt, so hatte er niemals entstehen konnen; er ist ubrigge-
blieben als Rest von einem Menschen, der lebend geistig-seelisch in ihm war. Der
lebende Mensch, der beseelte Mensch, der durchgeistigte Mensch muBte dem
vorangehen, was hier als Leichnam vor uns liegt. Dann erst erkennen wir die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 87
Realitat des Leichnams, wenn wir dasjenige ins Auge fassen, was ihm voran-
geht. Und so nahern wir uns der Realitat unseres Denkens, wenn wir es in seiner
Totheit gewahr werden, und wissen, daB es der Leichnam ist des lebendigen Den-
kens, das uns inne war, bevor wir heruntergestiegen sind ins physisch-sinnliche
Erdendasein.
Und so erinnert uns der Hiiter, wie unser Fiihlen nur halb lebendig, unser
Wollen allerdings ganz lebendig ist, aber all dieses Lebendige uns nur auBerlich
zum BewuBtsein kommt.
Und so erinnert uns der Hiiter der Schwelle, wie wir, um allmahlich den Uber-
gang zu finden zum lebendigen Erfassen des Denkens, hinaufschauen sollen in
Himmelshohen; wie wir in die Weltenweiten blicken sollen, um die Natur des
Fiihlens zu erfassen, und in die Weltentiefen, in die Erdentiefen, um zu ahnen die
Natur des Wollens.
Zugleich aber zeigt uns der Hiiter, wie wir hineingestellt sind mit unserem
Denken - indem wir hinaufblicken in das Weltendenken, in dem unser irdisch-
menschliches Denken wurzelt - zwischen Licht und Finsternis; wie das Licht uns
gefahrlich werden kann, wenn wir uns ihm einseitig hingeben; wie die Finsternis
uns gefahrlich werden kann, wenn wir uns ihr einseitig hingeben; wie wir Richtung
und Ziel mittendurch zwischen Licht und Finsternis fur unser Denken, wenn es
die Wahrheit finden soil, suchen miissen; wie wir mit unserem Fiihlen mittendrin-
nen stehen zwischen dem Warmen und Kalten; und wie wir, wenn wir uns dem
Warmen ergeben, in der lustvollen Glut des Fiihlens verschwinden konnen, auf
der anderen Seite in der Kalte verharten konnen.
Der Hiiter der Schwelle weist uns hin, wie wir mittendurch durch das Seelenwar-
me und das Seelenkalte den Christus-Weg gehen sollen. Der Hiiter der Schwelle
weist uns hin, daB, wenn wir das Wollen suchen in Erdentiefen, wir uns mittendrin-
nen befinden zwischen Leben und Tod; wie das Leben uns in Ohnmacht verschwin-
den lassen will; wie der Tod uns verkrampfen will im Nichts; wie wir ftir das
Wollen die Richtung mittendurch finden miissen. Das, das ist es, meine lieben
Schwestern und Briider, was aber seit uralten Mysterienzeiten als der mittlere Weg
beschrieben worden ist, den die Menschenseele zu gehen hat, wenn sie die ihr
vorgezeichneten Wege ins Geistige hinein weiter gehen soil.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 88
Der Hiiter der Schwelle, vor dem wir stehen - vor dem wir stehen als dem
ernsten ersten Vertreter Michaels, denn der wirkliche Leiter dieser unserer Schule
ist Michael -, gibt uns weiter Anleitung, wie wir iiber den Schein des Denkens,
uber dieses tote Denken hinauskommen konnen in das lebendig Wesenhafte dieses
Denkens. Da miissen wir uns dazu bequemen, vor alien Dingen streng die Gesetze
zu halten, welche jedem Esoteriker mit goldenen Lettern vorgeschrieben sind
- er muB nur das Gold ergreifen -, welche uns jetzt der Hiiter wiederholt.
Er macht uns aufmerksam darauf, wie der gahnende Abgrund des Seins vor uns
ist, wie wir ihn iiberfliegen miissen, weil wir ihn mit ErdenfiiBen nicht uberschreiten
konnen, wie wir dann in die geistige Welt hineinkommen werden, denn driiben,
jenseits des gahnenden Abgrundes des Seins, ist tiefe, nachtbedeckte Finsternis
noch vor uns. Aber wir miissen hinein iiber den gahnenden Abgrund des Seins in
diese tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis. Aus ihr muB uns Warme, aus ihr muB
uns Licht werden, das unser eigenes Selbst beleuchtet, die unser eigenes Selbst
erwarmt. Wir konnen nicht den festen Stutzpunkt im Geistigen finden, wenn wir
nicht jederzeit, wenn wir driiben sein werden, an das Gelobnis uns erinnern, das
sich unsere Seele gibt, wenn sie jetzt in dieser Lage, nachdem sie die friiheren
Mahnungen erhalten hat, vor dem ernsten Hiiter der Schwelle steht, der ihr sagt:
VergiB nicht, daB du, solange du Erdenmensch bist, auch wenn du hinuber-
kommst in die geistigen Welten, daB du dich, indem du wiederum zuriick dich
begibst, den Gesetzen des Irdischen fiigen muBt. Du darfst nicht, wenn du mit
deinem Denken eintrittst in die geistige Welt, glauben, daB wenn du wiederum
zuriickkommst, deine Arbeit und dein Denken in Erdenumgebung verrichtest, daB
du schwarmerisch fliegen darfst innerhalb der Erdenumgebung. Du muBt dir das
Fliegen wahren fur das Denken, wenn du in der geistigen Welt bist. Du muBt die
tiefe innere, intime Bescheidenheit iiben, immer wieder ein Mensch unter Menschen
sein zu wollen, wenn du zuriick hinubertrittst in die gewohnliche Welt des gewohn-
lichen BewuBtseins. Gerade aus einem solchen bescheidenen Bleibenwollen in der
Welt, Nichtanwenden auf die gewohnliche Welt die Gesetze des geistigen Lebens,
wird dir Kraft werden, das Denken so zu erfassen, daB es dir dienen kann in
geistigen, in spirituellen Welten.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 89
liber das Denken unterrichtet uns daher der Hiiter der Schwelle also:
Du steigst ins Erden-Wesenhafte
Mit deines Willens Kraftentfaltung;
Betritt als Denker du das Erdensein,
Es wird Gedankenmacht dir dich
Als deine eigne Tierheit zeigen;
Die Furcht vor deinem Selbst
MuB dir in Seelen-Mut sich wandeln.
Wir miissen das durchmachen; indem wir den mantrischen Spruch auf uns wirken
lassen, miissen wir das durchmachen. Wir miissen, wenn wir eintreten wollen ins
Wesenhafte der Erde, das heiBt in das Geistige der Erde, wir miissen, meine lieben
Schwestern und Briider, dahin kommen, daB wir schauen, wie unser Denken
zunachst noch Tierheit ist. Furcht vor dem eigenen Selbst, das noch Tier ist, miissen
wir erleben; dann wird die Furcht ihr Gegenteil, den Mut gebaren, den wir brau-
chen. Das ist die nunmehr an uns dringende starke, aber ernste, tief ins Herz uns
schneidende Ermahnung des Hiiters der Schwelle. Er ermahnt uns, daB wir so
fiihlen sollen, wenn wir das Element der Erde betreten. Wir haben vom Betreten
der Elemente gehort durch den Hiiter der Schwelle.
Er ermahnt uns weiter, wenn wir uns als fiihlende Wesen in das flussige Element
begeben, in die Welt der Wasserwesen, wie wir da jetzt nicht die Furcht vor
unserem Selbst gewahr werden sollen, aber gewahr werden sollen, wie wir traumend
schlafen, schlafend traumen in diesem Wasserelemente, in diesem Flussigkeitsele-
mente, das unser Bildner ist, wie wir gesehen haben. Und gerade wenn wir uns
bewuBt werden, daB wir in diesem unserem menschlichen Erdenfuhlen wie im
Pflanzendasein leben, dann wird dieses Gefiihl uns zum Erwachen bringen; denn
es wird uns zeigen, wie lahm unser Selbst ist. Dann werden wir erwachen, wenn
wir erst die Bescheidenheit haben, die Lahmheit unseres Selbstes einzusehen.
Das dritte ist, wenn wir uns mit unserem Wollen in den Liiften fiihlen - zuerst
im Erdenelemente mit dem Denken, dann im Wasserelemente mit dem Fiihlen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 90
dann mit dem Willen in dem Liifteelemente -, dann werden wir fiihlen in dem
Liifteelemente, daB wir nichts haben in diesem Wollen zunachst als dasjenige, was
uns das gewohnliche Gedachtnis gibt: Gedachtnisbilderformen. Wir miissen diese
Bilderformen, die in unseren Gedanken ruhen, die passiv in unseren Gedanken
sind, wollend ergreifen, dann ergreifen wir im inneren Bilde das Liiftewesen. Und
die eigene Seele wird uns erscheinen, wenn wir uns so fiihlen im Liiftewesen, wie
wenn sie erstarrt ware. Wenn wir uns die Erde wegdenken, die Luft wegdenken,
uns atmen-wollend denken im Liiftewesen: wie erstarrt werden wir uns vorkom-
men. Aber gerade aus der Empfindung dieses Kaltetodes, den wir da durchmachen,
wird uns das Geistesfeuer kommen, das wir brauchen, um unser Wollen wirklich
zu ergreifen.
Es sind tiefe Spriiche, die uns da der Hiiter der Schwelle vor die Seele stellt.
Nur wenn wir sie wohl beachten und hineingeraten in die Furcht vor uns selber,
wie wir nichtig werden, wenn wir uns der Erde gegeniiber nur als denkend fiihlen,
wird uns der Seelenmut zum lebendigen Denken erwachsen. Wenn wir fiihlen,
wie lahm wir sind, wenn wir auf Erden fiihlen, halb-lebendig, gelahmt, wird uns
die Starke wachsen, die uns erwachen laBt, so daB wir wie erwachend sind im
geistigen Leben mit dem Fiihlen, in dem wir waren, bevor wir heruntergestiegen
sind ins physische Erdendasein. Dann, wenn wir hinuntersteigen in unser Gedacht-
nis, wollen mit unserem Gedachtnis in dem Lufteweben, in dem Augenblick fiihlen
wir uns wie skierotisiert und kalt durchschauert. Aber gerade, wenn wir diesen
kalten Schauer in uns fiihlen, wird aus der Kalte wiederum das Entgegengesetzte,
das Geistesfeuer erwachen, das uns zeigen wird, wie das auf der Erde von uns nur
zu verschlafende Wollen wurzelt in dem lebendigen Wollen, in dem wir waren,
bevor wir heruntergestiegen sind ins irdische Dasein. Erinnernd erkennen miissen
wir uns in unserem Sein, bevor wir heruntergestiegen sind ins physisch-irdische
Dasein. Daran ermahnt uns der Hiiter der Schwelle.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 91
Beziiglich des Fuhlens ist sein Wort:
Du lebest mit dem Wasserwesen
Nur durch des Fuhlens Traumesweben;
Durchdring erwachend Wassersein,
Es wird die Seele sich in dir
Als dumpfes Pflanzendasein geben;
Und Lahmheit deines Selbst
MuB dich zum Wachen fiihren.
Mit Bezug auf das Wollen spricht der Hiiter:
Du sinnest in dem Liiftewehen
Nur in Gedachtnis-Bilderformen;
Ergreife wollend Luftewesen,
Es wird die eigne Seele dich
Als kalterstarrter Stein bedrohn;
Doch deiner Selbstheit Kalte-Tod,
Er muB dem Geistesfeuer weichen.
[Das dreistrophige Mantram wird nun zugleich mit den entsprechenden Unterstreichungen an die Tafel
geschrieben; siehe Tafelband Seite 156:]
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 9 2
Der Hiiter mit allerbedeutsamstem Ernst:
Du steigst ins Erden-Wesenhafte
Mit deines Willens Kraftentfaltung;
Betritt als Denker du das Erdensein,
Es wird Gedankenmacht dir dich
Als deine eigne Tierheit zeigen;
Die Furcht vor deinem Selbst
Mufi dir in Seelen-Mut sich wandeln.
Du lebest mit dem Wasserwesen
Nur durch des Fuhlens Traumesweben;
Durchdring erwachend Wassersein,
Es wird die Seele sich in dir
Als dumpfes Pflanzendasein geben;
Und Lahmheit deines Selbst
Mufi dich zum Wachen fiihren.
Du sinnest in dem Luftewehen
Nur in Gedachtnis-Bilderformen;
Ergreife wollend Luftewesen,
Es wird die eigne Seele dich
Als kalterstarrter Stein bedrohn;
Doch deiner Selbstheit Kdlte-Tod,
Er mufi dem Geistesfeuer weichen.
Wir steigen von dem Denken in das Fiihlen, in das Gedachtnis hinunter, wenn
wir diesen Spruch auf uns wirken lassen. Und indem wir unten in die Gedachtnistie-
fen kommen, wo sonst das seelische Leben verschwindet, denn die Bilder des
Gedachtnisses kommen wieder herauf: da ist die Grenze, wie ein Spiegel eine
Grenze ist. Was von auBen in uns hereinkommt, kommt heran wie an eine Ge-
dachtniswand, dann kommt es immer wieder zuriick. Wie man nicht hinter den
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :270c Seite:93
Spiegel sieht, so sieht man nicht hinter die Wand des Gedachtnisses. Aber hier
mahnt uns der Hiiter der Schwelle, wie wir durch dasjenige, was sonst Grenze ist,
durchstoBen miissen, urn ins Geistige hineinzukommen.
Nachdem uns der Hiiter der Schwelle so mehr auf unser Inneres verwiesen hat
mit seinen Mahnspriichen und uns Zeit gelassen hat, dasjenige, was im Inhalte
dieser Spruche liegt, in der Seele zu verarbeiten - wie wir uns, wenn wir diese
mantrischen Spruche meditierend beniitzen, gerade an dieser Stelle lange, lange
Zeit lassen sollen, damit sie mit ihrer Kraft in uns wirken und wirklich unser Ich
hinuntertragen durch Denken, Fiihlen und Erinnern in dasjenige, was hinter allem
Erinnern liegt -, dann ermahnt uns der Hiiter, wie wir uns verhalten sollen gegen-
iiber der auBeren Welt. Erst hat er uns mehr auf unser Inneres verwiesen, jetzt
ermahnt er uns, wie wir uns verhalten sollen gegeniiber der auBeren Welt.
Er weist uns hinauf wiederum zum Lichte, das aber nur in dem Scheinleben
der Gedanken in uns lebt. Das Licht ist es, das in uns denkt. Wenn das Licht in
uns eindringt, denkt es in uns. Aber im Erdenleben ist das Licht nur Schein, der
sich selber denkt. Bleiben wir dabei, so wird unwahres Geisteswesen uns in den
Wahn der Selbstheit statt in die Wahrheit der Selbstheit bringen. Aber gerade das
miissen wir durchdringen, daB, wenn wir nur ins Denken uns versenken, wir nur
in den Selbstheitwahn kommen. Und gerade durch dieses Erfassen von uns selbst
als Erdenmenschen nach dem Selbstheitwahn konnen wir zur Besinnung kommen,
zu jener Besinnung, die uns aufmerksam macht, im Denken- das allerdings geeignet
ist, uns hinuberzutragen iiber den Abgrund des Seins - die Erdennote mit aller
ihrer Schwere zu erfassen, und wir werden allmahlich Stiitze finden, daB wir im
Denken das Sein erleben:
Du haltst von Lichtes-Scheines-Macht
Gedanken nur im Innern fest;
Wenn Lichtes schein in dir sich selber denkt,
So wird unwahres Geisteswesen
In dir als Selbstheitwahn erstehn;
Besinnung auf die Erdennote
Wird dich im Menschensein erhalten.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 94
Gehen wir weiter. Der Hiiter der Schwelle ermahnt uns, wie wir im Fiihlen nur
festhalten zunachst das wunderbare, allwebende Weltgestalten. Aber wenn wir nur
dieses Weltgestalten im Fiihlen festhalten, so bleibt unser Geist-Erleben ohnmach-
tig. Das Selbstheitsein erstickt, wenn wir nur immer hinstarren, fiihlend, auf dasjeni-
ge, was sich in der Welt gestaltet hat. Wenn wir aber anfangen zu lieben, zu lieben
alles dasjenige, was schon in den Werten der Erde um uns herum ist: Wir finden
im Fiihlen das Sein; und wir retten, retten unser Menschensein:
Du haltst vom Weltgestalten
Gefiihle nur im Innern fest;
Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt,
So wird ohnmachtig Geist-Erleben
In dir das Selbstheitsein ersticken;
Doch Liebe zu den Erdenwerten
Wird dir die Menschenseele retten.
Im Gewohnlichen versuchen wir zu erhaschen von Erdenwerten Gedanken; wir
halten aber nur den Schein des Lichtes fest, wenn wir uns nicht besinnen auf
dasjenige, was auf der Erde in Noten Schwere hat. Wir halten von dem, was in
der Welt sich bildet, nur unbestimmte Gefiihle fest, wenn wir nicht erleben in der
Liebe dieses Erdenweben in Formen und Gestalten.
Und vom Weltenleben: was konnen wir durch unser Wollen festhalten? Unser
Wollen steht im Weltenleben. Aber wenn wir es zunachst nur im Wollen festhalten:
wir geraten wiederum nicht ins Sein hinein. Wenn Weltenleben uns voll erfaBt, so
wird vernichtend Geistes-Lust in uns das Selbst- Erleben toten. Aufgehen im Wol-
len der Welt bringt Geistes-Lust hervor, die uns selber totet. Doch wenn wir geist-
ergeben hoheren Welten das Wollen entwickeln, wenn wir dasjenige, was wir
wollen, in der physisch-sinnlichen Welt denken so, daB Gotter in uns walten, die
unser Wollen inspirieren, impulsieren, wenn wir im Dienste der Gotter wollen,
dann laBt Gott sein Sein in uns als Mensch walten, und wir spiiren in dem gottdurch-
drungenen Wollen ein wirkliches Sein:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 95
Du haltst vom Weltenleben
Das Wollen nur im Innern fest;
Wenn Weltenleben dich voll erfaBt,
So wird vernichtend Geistes-Lust
In dir das Selbst-Erleben toten;
Doch Erdenwollen geist-ergeben,
Es laBt den Gott im Menschen walten.
Das sind die drei Mahnungen, die uns im ernstesten Augenblicke der Hiiter der
Schwelle zuruft.
[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 157.]
Der Hiiter spricht, wie wenn das Weltenwort selber ertdnte:
Du haltst von Lichtes-Scheines-Macht
Gedanken nur im Innern fest;
- es ist so, wie wenn uns der Hiiter aufmerksam machen wollte, was wir eigentlich
tun. Wir sind, sagt er, noch nicht daniber hinausgekommen, bloBe Gedanken zu
bilden VOn LichteSSChein - [es wird weitergeschrieben:]
Wenn Lichtesschein in dir sich selber denkt,
So wird unwahres Geisteswesen
In dir als Selbstheitwahn erstehn;
Besinnung auf die Erdennote
Wird dich im Menschensein erhalten.
Du haltst vom Weltgestalten
Gefuhle nur im Innern fest
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270c Seite: 9 6
Wiederum die Ermahnung, daB wir in den unbestimmten, verschwommenen Ge-
fiihlen nur lebend haben dasjenige, was wunderbar gestaltet ist von aller Welt. In
den Mikrokosmos herein kommt die Weltgestaltung zunachst in der Unbestimmt-
heit der Gefuhle.
Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt
- also nicht wenn wir mit unserem Gefiihl die Weltenform fiihlen, sondern wenn
die Weltenform in uns eindringt, der Makrokosmos in den Mikrokosmos -
Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt,
So wird ohnmachtig Geist-Erleben
- da werden wir uns unserer eigenen Ohnmacht bewuBt — [es wird weitergeschrieben:]
Wenn Weltenform in dir sich selber fiihlt,
So wird ohnmachtig Geist-Erleben
In dir das Selbstheitsein ersticken;
Doch Liebe zu den Erdenwerten
Wird dir die Menschenseele retten.
Wir brauchen diese Rettung, denn wir sind ja daran, hiniiberzukommen. Tragen
wir nur die Gedanken, die den Lichtesschein haben, hinuber, tragen wir nur die
Gefuhle, die unbestimmte Weltgestalt haben, hinuber, so vernichtet das wahre
Licht driiben den Selbstheitwahn, so vernichtet das ohnmachtige Fiihlen, das schla-
fende, das Geist-Erleben. Wir brauchen Besinnung auf die Note der Erde, auf
alles, was auf der Erde leidet, damit wir wiirdig hinubergehen in die geistige Welt
und uns das Weltendenken nicht ertotet. Wir brauchen Liebe zu dem, was wertvoll
ist auf der Erde, damit wir driiben nicht zerstauben, wenn wir mit unseren Gefiih-
len, den unbestimmten, hinuberkommen.
Und zum dritten, wir brauchen ftir das Wollen dieses [es wird weitergeschrieben]:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 97
Du hdltst vom Weltenleben
Das Wollen nur im Innern fest;
Wenn Weltenleben dich voll erfafit,
- und das wird es driiben -
So wird vernichtend Geistes-Lust
In dir das Selbst-Erleben toten;
Dock Erdenwollen geist-ergeben,
Es lafit den Gott im Menschen walten.
Wir diirfen nicht hiniibertragen dasjenige, was wir hier hiiben bloB haben, in
die geistige Welt, wir mils sen hiniibertragen eine starkere Seele, als wir sie hier
haben. Wir miissen die Seele bereiten. [Die im folgenden in Anfuhrungszeichen gesetzten Worte
werden wahrend des Sprechens an der Tafel unterstrichen:]
Denn wir finden driiben «Lichtes-Scheines-Macht». Sie lebt in unseren «Gedan-
ken». Aber das geniigt nicht; wir brauchen «Besinnung auf die Erdenn6te». Das
Mitfuhlen alles Erdenleidens wird uns das «Menschensein» erhalten.
Wir brauchen driiben, weil wir in die «Weltgestalten» hiniiberkommen, nicht
bloB unsere «Gefiihle», wir brauchen «Liebe zu den Erdenwerten», zu allem, was
wertvoll schon auf Erden ist, dann wird uns die «Menschenseele» gerettet. - Hier
[im ersten Spruch]: das Menschensein erhalten; hier [im zweiten Spruch]: die Menschenseele
gerettet. -
Wir miissen in das voile «Weltenleben» hinein, das in unserem «Wollen» nur
einen schwachen Abglanz hat, der zu diinn ist, um hinuberzukommen. Und wir
miissen entwickeln «geist-ergebenes Erdenwollen», damit der «Gott im Menschen»
walten kann.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 98
Das ist die Steigerung:
Lichtes-Scheines-Macht
Weltgestalten
Weltenleben
Gedanken
Gefiihle
Wollen.
Wir brauchen: Besinnung auf die Erdennote,
Liebe zu den Erdenwerten,
geist-ergebenes Erden wollen;
denn wir brauchen:
die Erhaltung des Menschenseins,
die Rettung der Menschenseele,
das Empfangen des waltenden Gottes in uns selber.
Das, meine lieben Schwestern und Briider, ist dasjenige, was der Hiiter auf
unsere Seele legt, damit wir entwickeln dasjenige, was Seelenflugel sind, um hin-
uberzukommen.
Und nun obliegt uns nur noch das eine ftir die nachste am Mittwoch zu haltende
esoterische Stunde, daB wir jene Mantren fur unsere Seele bekommen durch den
Hiiter der Schwelle, der in diesem Falle Michaels Statthalter an der Schwelle zum
geistigen Lande ist - jene Mantrams, die die ersten sind, die man spricht, wenn
man driiben im Geistigen angekommen ist -, das noch vor dem Menschen steht
bei diesen Mantrams als tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis.
Heute aber wollen wir uns, nachdem dieses vor unsere Seele getreten ist, wie-
der zuruckbesinnen auf dasjenige, was aus alien Wesen zu uns spricht, uns auffor-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 99
dernd zu alle dem, was der Hiiter der Schwelle in solcher Bestimmtheit vor uns
hingestellt hat:
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Und dasjenige, was so mit den Worten des Hiiters der Schwelle vor uns tritt:
wenn wir es in der richtigen Gesinnung aufnehmen, dann ist es ja die Michael-
Botschaft dieser zu Recht bestehenden Michael- Schule, dann waltet Michaels Sein
in diesem Saale, segnet und kraftigt dasjenige, was so an unsere Seelen herantritt.
Deshalb darf dasjenige, was so an unsere Seelen herantritt, versehen werden mit
Michaels Zeichen und Michaels Siegel; Michaels Zeichen aber ist:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 156]
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:100
und Michaels Siegel, das er gedriickt hat auf dasjenige, was Rosenkreuzer-Stimmung
seit Jahrhunderten ist, was als Rosenkreuzer-Stimmung sich ausspricht in dem
Spruche:
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus
das ist mit Michaels Siegel so gesprochen, daB wir die ersten Worte begleiten mit
der Gebarde:
[die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
die zweiten Worte begleiten mit der Gebarde:
[die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
die dritten Worte begleiten mit der Gebarde:
[die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
Die erste Gebarde heiBt [in die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich bewundere den Voter
die Zweite Gebarde [in die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich liehe den Sohn
die dritte Gebarde [in die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]
Ich verbinde mich dem Geiste
Und so diirfen wir das Gesprochene als gesprochen auffassen, indem es bekraftigt
wird durch Michaels Zeichen, indem es bekraftigt und bestatigt wird durch
Michaels Siegel, das eben so, so, so ist [die drei Siegelgesten an der Tafel], das aber mit
gedriickt wird auf die Rosenkreuzer- Worte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite : 1 01
Und so sollen leben die Spriiche, die gegeben worden sind durch das Zeichen
Michaels, so soil besiegelt sein fur Eure Seelen dasjenige, was durch die Michaelische
Rosenkreuzer-Schule lebt:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
*
Meine lieben Schwestern und Briider, die mantrischen Spriiche, die gegeben
werden in dieser Schule, darf nur derjenige besitzen, der rechtmaBig Mitglied der
Schule ist, das heiBt, im Besitze des blauen Zertifikates ist. Wer nicht da ist bei
einer Stunde, bei der er schon da sein konnte nach dem Datum seiner Aufnahme
- also wohl gemerkt diesen Satz: die Spriiche derjenigen Stunden, bei denen er
nach dem Datum seiner Aufnahme hatte schon dabei sein konnen -, diese Spriiche
kann er bekommen von einem der anderen Mitglieder, die sie hier in der Schule
rechtmaBig erhalten haben. Dazu ist aber die Einholung der Erlaubnis entweder
bei Frau Dr. Wegman oder mir selbst notwendig.
Es ist nicht eine VerwaltungsmaBregel, sondern es ist begrundet in einer okkulten
Schule, daB ein realer Akt vorausgeht der Ubergabe von so etwas von dieser Art.
Wer aber bei Frau Dr. Wegman oder mir anfragen will, das kann nur der sein,
der die Spriiche einem anderen geben will, nicht derjenige, der sie empfangen will.
Man kann also jemanden bitten um die Spriiche. Dann kann man nicht fragen als
derjenige, der empfangen will, sondern man muB denjenigen fragen lassen, der
geben will. Es ist ganz vergeblich, wenn der Empfanger fragt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:102
Wer sonstiges nachschreibt, der mag das acht Tage behalten; nachher aber ist
er verpflichtet, es zu verbrennen, weil dasjenige, was zunachst durch diese Schule
leben soil, nur innerhalb der Schule leben und nicht nach auBen kommen soil. Das
alles sind keine GewaltmaBregeln oder willkiirliche MaBregeln. Das alles ist begriin-
det in okkulten Gesetzen. Denn wenn irgend etwas in unrechte Hande gerat, so
hort es auf, seine Wirksamkeit fur alle diejenigen zu haben, die es zur Wirksamkeit
bekommen sollen. Wenn also MiBbrauch getrieben wird, indem mantrische Spruche
oder der Inhalt des hier Gegebenen an unrechte Personlichkeiten gegeben wird,
so verlieren diese mantrischen Spruche und das hier Gegebene fur die hier Sitzenden
seine Wirksamkeit.
Es ist um Tatsachen zu tun, nicht um irgend etwas, was eine Willkur-MaB-
regel ist.
Ich habe nur noch die Tageseinteilung fur morgen zu geben. Es wird wiederum
sein: um halb zehn hier die Stunde des Kursus der Pastoralmedizin, um zwolf Uhr
der Sprachgestaltungskursus, um halb sechs Uhr der Kursus fiir Theologen und
um acht Uhr der Mitgliedervortrag.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:103
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:104
SECHSTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 17. September 1924
eine lieben Freunde, Schwestern und Briider! Fur die heute neu Eingetre-
tenen muB wieder gesagt werden, daB nicht in alien Fallen, wenn neue
Mitglieder zur Schule hinzukommen, die Einleitung gesprochen werden
kann, die von dem Wesen, der Pflicht der Schule handelt, und daB ich daher
diejenigen schon hier gewesenen Mitglieder, welche die mantrischen Spruche geben
werden an die neu Eingetretenen, verpflichten muB, ihnen auch dasjenige zu sagen,
was der Inhalt dieser Einleitung ist.
*
Und so beginnen wir in dieser Michael- Schule auch heute wiederum mit jenem
Worte, das die Grundaufforderung, die Fundamentalaufforderung an den Men-
schen enthalt, die ihm entgegentont aus alien Reichen der Natur und aus alien
Hierarchien des Geistes, wenn er einen Sinn und eine Empfanglichkeit dafiir hat,
und die ihn auffordert, sein eigenes Wesen zu suchen, ihn aber auch auffordert,
durch dieses eigene Wesen hindurch die Welt in ihrer wahren geistgetragenen
Gestalt zu erkennen. Und so tont es denn aus alle dem, was da lebt und webt in
Erdentiefen, in Wasser und Luft, in Warme und Licht, was da lebt in Bergen und
Quellen, in Felsen, was da lebt in Pflanzen, in Tieren, in physischen Menschenge-
stalten, in Menschenseelen, in Menschengeistern, was da lebt in den Bewohnern
der Sterne, in den Hierarchien der Geister, - so tont es:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:105
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfiihlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Meine lieben Schwestern und Briider! Die Beschreibung des Geistesweges, der
hineinfiihren soil aus demjenigen, was hier in unserer sonnenbeglanzten Welt, in
der wir auf Erden leben, hell ist, in dasjenige, was uns jenseits des gahnenden
Abgrundes des Seins zunachst erscheint wie eine dunkle, nachtbedeckte Finsternis,
der Weg, der uns dazu fiihren wird, daB, wenn wir suchen unser eigenes Wesen,
wir gewahr werden, daB in alle dem, was da auf Erden in den Tiefen lebt, in der
Luft webt, was da kriecht und fliegt, aber auch in alle dem, was unsere Sinne sehen
in dem majestatischen Scheine der Sterne, in den machtigen Tiefen des Weltenrau-
mes, in den unermeBlich weiten Zeitenfolgen, daB das alles nicht unser Sein, den
eigentlichen Quell unseres Menschenwesens enthalt, daB es da finster wird, wenn
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:106
wir ausschauen nach unserem Menschenwesen: die Beschreibung hat uns dazu
gefiihrt, uns zu zeigen, daB wir hinuber den Weg finden miissen vorbei an dem
Hiiter der Schwelle, der so vieles zu uns gesprochen hat iiber die Bedeutung des
geistigen Weges, hinuber in dasjenige, was noch nachtbedeckte, schwarze Finster-
nis ist, damit es dort hell werde und in dieser Helligkeit uns aufgehe das Licht,
das unser eigenes Sein und damit das Sein und Wesen und Weben der Welt be-
leuchte, beleuchte vor unserem Seelenauge.
Nun miissen wir uns klar sein daniber, daB in dem Augenblicke - und wir
sind jetzt in der Beschreibung so weit -, wo wir hinubersollen iiber den Abgrund
des Seins, vorbei an dem Hiiter der Schwelle, daB in diesem Augenblicke
mit dem Menschen, also mit uns selbst, eine bedeutsame Veranderung vor sich
geht.
Blicken wir, meine lieben Schwestern und Briider, auf unser menschliches Sein,
so wie es ist zwischen Geburt und Tod im physischen Erdenleben: wir erfassen
die Welt denkend, wir ergreifen die Welt fiihlend, wir wirken in der Welt wollend.
Aber Denken, Fiihlen und Wollen sind in unserem menschlichen Sein innig mitein-
ander verwoben. Wenn wir etwas ausfuhren wollen in der nachsten Zeit: wir
bedenken es zuerst; und dasjenige, was wir ausfuhren, ist im Keime in unseren
Gedanken vorhanden. Wir sehen es hinausschieBen in die Willensimpulse. Wir
fiihlen an einem Ding, daB es uns wert ist. Wir fiihlen ersprieBen in uns die Liebe
zu dem oder jenem Wesen. Indem wir also fiihlen, machen wir uns von dem Wesen
einen Gedanken. Oder aber, wir gehen iiber dazu, Taten der Liebe gegeniiber
diesem Wesen zu vollbringen, lassen uns von der Liebe beflugeln, impulsieren,
um in den Willen uberzugehen. All das aber - Denken, Fiihlen, Wollen - hangt
eng zusammen in unserem Menschenwesen, insofern dieses Menschenwesen sich
entfaltet zwischen Geburt und Tod hier in der physischen Welt. Wir sind eins im
Denken, Fiihlen, Wollen.
Und wahr ist es: Wirklich wachend sind wir nur in unseren Gedanken. Die
sind hell und klar, obzwar sie uns der Hiiter der Schwelle enthiillt hat als Schein;
sie sind hell und klar, wir wachen in ihnen.
Dunkler und unklarer lebt das Fiihlen in uns. Wir sind naher dem Sein im
Fiihlen. Aber der Inhalt dessen, was wir fiihlen, ist wie ein Traum, so daB wir nur
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:107
von wachend hellem Denken und - auch im Wachen - nur sprechen konnen von
traumendem Fiihlen.
Das Wollen aber, wie es sich herauslost aus dem Wesen unserer Menschheit, es
bleibt zunachst dem gewohnlichen BewuBtsein vollig unklar. Der Mensch hat den
Gedanken, daB er dieses oder jenes wollen soil; der Gedanke schieBt hinunter,
ergreift den Organismus; der Organismus bewegt sich, fiihrt den Gedanken aus;
der Mensch sieht wieder mit einem Gedanken, was er ausgefiihrt hat. Aber das
Wollen selber ruht in seiner Wesenheit wie dasjenige von unserer Seele, was vom
Einschlafen bis zum Aufwachen im tiefen Schlafe ist.
Aber derjenige, der diese Dinge als Initiat ansieht, er schaut die Gedanken in
jener Lebendigkeit, in der sie waren, bevor der Mensch heruntergestiegen ist aus
iibersinnlichen Welten in die sinnliche. Er schaut leuchtende Wesenheit in den
Gedanken. Diese leuchtende Wesenheit ruht aber nicht so in ihm wie der Schein
der Gedanken, die er im gewohnlichen Denken hat.
Wir stehen neben dem Hiiter der Schwelle. Der Abgrund des Seins ist da; vor
uns - jenseits des Abgrundes, jenseits der Schwelle - die schwarze, nachtbedeckte
Finsternis; doch hellet sich heraus aus der Finsternis bewegt Gestaltetes, lebendig
Gestaltetes. Wir sagen, indem wir spiiren, unsere Gedanken, wie sie in uns als
physischen Menschen waren, haben uns verlassen, - wir sagen uns: da ist unser
webendes, lebendes Denken; das gehort jetzt nicht uns, das gehort der Welt an.
Licht um Licht webt sich der Gedanke los von der schwarzen Finsternis. Wir
wissen, der Gedanke - der Gedanke, all unser Denken - ist da innerhalb der
schwarzen Finsternis als die erste Helligkeit, zu der wir kommen.
Und dann blicken wir etwas weiter nach unten. Wir haben das Gefiihl - und
der Hiiter der Schwelle weist uns mit seiner mahnenden Gebarde dahin -, blicken
wir weiter nach unten: wie Feuerschein wird unten die Finsternis. Feuer, dunkles
Feuer, aber Feuer, das wir spiiren konnen, das wir hellfiihlend fiihlen, breitet sich
unten aus. Uber den Abgrund des Seins kommt heriiber dasjenige, wovon wir
wissen, das ist unser Wollen. Denn der Initiat lernt allmahlich erkennen: Wie ist
es denn eigentlich, wenn Denken in Wollen ubergeht? Wenn Denken in Wollen
ubergeht, da wird der Gedanke desjenigen, was gewollt wird, erfaBt; dann aber
stromt dieser Gedanke in die Leiblichkeit iiber, stromt ein jetzt - im Hellfuhlen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:108
merkt man es - wie wohltuendes Feuer. Warme ist es, die da den Willen zum
Dasein bringt; Warme, Feuer ist es, als das uns unser eigener Wille aus der Finster-
nis entgegentritt.
Und zwischen dieser Warme, die unseren Willen ausstromt, uns entgegenstromt
- denn unser Wille, der von uns als Mensch ausgeht, ist nur der Reflex dieses
Willens, der unser eigen ist als kosmischer Mensch, der uns jetzt entgegenstromt
heruber iiber den Abgrund des Seins -, zwischen dieser warmen Ausstromung,
dunklen, warmen Ausstromung unten, die hochstens einen blaulich-violettlichen
Anflug hat, und den hellen Gedankenlichtern oben: zwischen beiden wogt es und
webt es Warme hinauf, Licht hinunter. Licht- durchtrankte Warme im Hinaufwo-
gen, Warme-durchwuhltes Licht im Herunterstromen: das ist unser Fiihlen.
Ein machtiges Bild ist es, worauf der Hiiter der Schwelle weist. Und wir wissen
jetzt: Treten wir iiber von der Welt der Sinne, von der Welt der physischen
Wirklichkeit, in der wir sind zwischen Geburt und Tod, in die Welt des Geistes,
dann sind wir im Denken, Fiihlen und Wollen nicht die Einheit, die wir hier sind,
dann sind wir Dreie. Im Weltenall sind wir Dreie: zum Licht geht unser Denken
im Ubergang iiber die Schwelle; zum Feuer geht unser Wollen; zum Feuer-getrage-
nen Licht, Licht-durchwobenen Feuer geht unser Fiihlen.
Und wir miissen den Mut haben, das Selbst so weit auszudehnen, so zu verinten-
sivieren dieses Selbst, dieses Ich, daB es die Dreie zusammenhalt, wenn wir hinuber-
kommen werden. Das konnen wir, wenn wir uns ganz recht durchdringen damit,
was uns sonst nur Bildhaftigkeit sein konnte, wenn wir uns recht durchdringen
damit, daB unser Haupt, das der Ursprung alles unseres Sinneslebens, alles unseres
Denklebens ist - alles Sinnes- und Denkleben ist ja iiber den Korper ausgebreitet,
aber im Haupte ganz besonders ausgednickt -, daB unser Kopf in seiner Rundung
mit der Offnung nach unten Weltgestalt nachbildet. Konnen wir uns sagen in allem
Ernst, mit aller inneren Inbrunst: dein Kopf ist innen und auBen Nachahmung
der Weltgestalt, so fiihlen wir, indem wir gewissermaBen den Kopf von innen
anschauen wollen, wie dieses Anschauen sich erweitert zu dem Weltenall, das nur
in unserem Kopf fur unser irdisches Anschauen zusammengedrangt ist.
Fiihlen wir dann ganz intensiv, wie unser Herz, der physische Ausdruck unserer
Seele, nicht bloB schlagt durch dasjenige, was in unserem Leibe, in unserem von
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:109
der Haut begrenzten Menschenwesen ist - wir atmen die Luft ein, die der Impulsa-
tor des Herzschlages ist, wir atmen sie wieder aus -: die Welt in ihrer GroBe, in
ihrer Majestat wirkt mit in unserem Herzensschlag. Es ist der Weltenschlag,
der in unserem Herzen empfunden wird, nicht bloB dasjenige, was wir in uns
tragen.
Wenn wir denken, wie unsere Glieder arbeiten, sich im Wollen ausleben, dann
gibt uns diese Kraft zum Wollen nicht dasjenige allein, was in unserem Menschen
ist. Denken wir nur einmal, wie die Vererbungskrafte in uns ubergehen, wenn wir
geboren werden, wie die Krafte des Karma, die wir uns in vielen, vielen Erdenleben
erworben haben, in unserem Wollen leben. Denken wir an all das und fiihlen wir,
wie wir denken diirfen: in unseren Gliedern, wenn wir wollen, lebt Weltenkraft,
nicht bloB Menschenkraft.
Jetzt denkt Euch, meine lieben Schwestern und Briider, noch heruben, hart an
der Seite des Hiiters der Schwelle, der hinuberweist in die Licht-erglanzenden,
Welten-lebenden, Welten-webenden Gedanken; in dasjenige, was hinaufwogt als
Warme, Licht-tragend; in das, was herunterwogt als Licht, Warme-durchpragt,
-durchstromt; in dasjenige, was unten wie warmer Wind heruber uns geistig an-
stromt als Feuer des Weltenalls, das die Urkraft des Wollens ist.
So wie wir hier stehen, tritt an uns heran, tonend, dasjenige, was uns der Hiiter
der Schwelle in dieser Situation zu sagen hat:
Schau die Drei
- Denken, Fiihlen, Wollen; der Mensch ist gespalten, eine Dreiheit geworden -
Schau die Drei,
Sie sind die Eins,
Wenn du die Menschenpragung
Im Erdendasein tragst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:110
Erlebe des Kopfes Weltgestalt
Der Hiiter macht dieses Zeichen:
[Die Zeichen werden an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 158:]
daB wir haltmachen, daB wir des Kopfes Weltgestalt in diesem in sich geschlossenen,
nach oben gerichteten Dreieck empfinden. Konzentrieren wir uns auf dieses.
Empfinde des Herzens Weltenschlag
Der Hiiter macht dieses Zeichen:
daB wir empfinden in diesem Zeichen den Wellenschlag der Welt, der im Herzen
sich kreuzt.
Erdenke der Glieder Weltenkraft
Der Hiiter der Schwelle macht das andere Zeichen:
auf das wir uns konzentrieren sollen bei dieser Zeile, damit wir die Kraft dieser
Zeile, die ganze mantrische Kraft dieses Spruches empfinden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:111
Dann bekraftigt der Hiiter der Schwelle noch einmal:
Sie sind die Drei,
Die Drei, die als das Eins
Im Erdendasein leben.
Das ist der Spruch, durch den uns ankundigt der Hiiter, wie wir uns anschicken
sollen, durch kraftigen Mut, durch begeistertes Erkenntnisstreben Fliigel zu emp-
finden hiniiber von der Eins zu Drei. Die Eins sind wir im Physischen. Die
Drei, sie treten uns in dem imaginativen Bilde entgegen, sie sind wir in der geistigen
Welt.
[Es wird an die Tafel geschrieben:]
Der Hiiter mahnt:
Schau die Drei,
Sie sind die Eins,
Wenn du die Menschenprdgung
Im Erdendasein trdgst.
[Neben das erste Zeichen an der Tafel wird die Zeile geschrieben:]
Erlebe des Kopjes Weltgestalt
- die Weltgestalt kann im Kopfe erlebt werden -
[Neben das zweite Zeichen wird geschrieben:]
Empfinde des Herzens Weltenschlag
- der Weltenschlag kann im Herzen empfunden werden -
[Neben das dritte Zeichen wird geschrieben:]
Erdenke der Glieder Weltenkraft
- die Weltenkraft kann erdacht werden in der Bewegung der Glieder.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:112
Die Steigerung ist [nun werden die sechs folgenden Worte unterstrichen] :
Erlebe
Empfinde
Erdenke
Gestalt
Schlag
Kraft.
Die drei Zeilen miissen bekraftigt werden dadurch, daB wir uns konzentrieren auf
diese Figuren.
[Es wird weitergeschrieben:]
Sie sind die Drei,
Die Drei, die als das Eins
Im Erdendasein leben.
Meine lieben Freunde, wenn wir so dastehen im Erdendasein - und wir ste-
hen ja noch da, wir sind erst im Anschicken, hinuberzukommen in die geistige
Welt -, wenn wir so dastehen im Erdendasein, dann schreiben wir unserem Kopf,
indem er die Gedanken enthalt, wir schreiben ihm unseren Geist zu. Wir haben
ja diesen Geist zunachst im Schein. Der Gedanke aber, die Gedanken sind eben
der Schein des Geistes. Wir schreiben unserem Kopf die Gedanken, das heifit den
Geist zu, wie der Geist eben in Gedankenform im Erdendasein lebt.
Aber wir konnen etwas anderes, und das miissen wir auf die Ermahnung des
Hiiters der Schwelle, in dieser Situation, wo wir uns anschicken hinuberzukommen
iiber den Abgrund des Seins: wir miissen uns bemuhen, diejenige Kraft, die wir
sonst aufbringen, wenn wir irgendein Glied bewegen, wenn wir gehen oder stehen,
wenn wir den Willen durch unseren Menschen schicken, wir miissen uns bemuhen,
uns auf diesen Willen so zu konzentrieren, daB wir jeden einzelnen Gedanken
wollen, wie wenn wir ihn herausstoBen wiirden. Wir miissen empfinden: der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:113
Gedanke wird ausgestoBen, wie wenn wir den Arm ausstrecken; Realitat geht
durch den Willen in den Gedanken hinein. Dann wird uns alles, was in unseren
Sinnen lebt, wahrend es vorher nur uns Farbenschein, Tongestalt zuschickt,
es wird uns aus allem vielgestaltigen Sinnenschein entgegenstromen kosmisches
Wollen.
Meine lieben Schwestern und Briider: Lernet Gedanken ausstrecken hinaus in
die Welt, wie Ihr lernet, durch den Willen die Hande ausstrecken. So wie Euch
die festen Dinge der Welt entgegenkommen, wenn Ihr den Willen ausstreckt, und
Widerstand bieten, so bieten die Geister Widerstand, wenn Ihr die Gedanken
ausstreckt, indem Ihr den Willen durch sie hindurch spannt. Tun wir das, dann
weben wir real in der Weisheit. Wiederum ermahnt uns der Hiiter dazu. Die letzte
Mahnung des Hiiters dringt an uns heran:
[Die erste Strophe wird an die Tafel geschrieben, und die Uberschrift, «Kopfes» und «wollen» werden
unterstrichen. Siehe Tafelband Seite 159]
Des Hiiters letzte Mahnung:
Des Kopjes Geist,
Du kannst ihn wollen;
- sonst denken wir ihn nur, jetzt wollen wir ihn; und wenn wir das tun, dann
wird das Wollen etwas anderes -
Und Wollen
- das Wollen der Gedanken -
wird dir
Der Sinne vielgestaltig Himmelswehen;
Du webest in der Weisheit.
Das nachste, worauf uns der Hiiter der Schwelle weist, das ist auf unser Herz,
unser Herz, in dem sich konzentriert alles dasjenige, was unser rhythmischer
Mensch ist. Ins Herz konnen wir nichts anderes hineintragen als Fiihlen: Fiihlen
hier in der Sinneswelt zwischen Geburt und Tod; Fiihlen aber auch miissen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:114
wir dem Herzen entgegenbringen und seinem Inhalte, wenn wir in der geistigen
Welt sind.
Konnen wir aber das Herz fiihlen, wie wenn die Welt fiihlte in unserem Herzen,
weil wir ja in der Welt sind, dann wird unser Fiihlen wiederum etwas anderes.
Wie uns Wollen wird «der Sinne vielgestaltig Himmelsweben», so wird uns Fiihlen
etwas, was nun so erfaBt werden muB, daB wir sagen - sehen Sie, Denken, also
des Kopfes Geist, wurde zum Wollen -: das Fiihlen bleibt Fiihlen; aber es strahlt
aus auf der einen Seite nach dem Denken, auf der anderen Seite nach dem Wollen;
es ist beides zugleich. Daher miissen wir uns angewohnen, an dieser Stelle eine
Zeile zu denken, wo wir ineinanderweben dasjenige, was es ausstrahlt nach oben
und nach unten.
Diese Zeile muB so lauten: «Und Fiihlen wird dir des Denkens Wollens, Wollens
Denkens, keimerweckend Weltenleben.» Dann lebt man in dem Schein. Das ist
jetzt nicht ein verglimmernder Schein, das ist die Offenbarung der Welt in der
Schonheit, was man auch «Schein» nennen kann, in dem, was «Gloria» genannt
werden kann. Denn Schein ist hier in der Bedeutung von Gloria.
Das zweite also, wozu uns der Hiiter mahnt, ist:
[Diese zweite Strophe wird nun an die Tafel geschrieben, und «Herzens» und «fuhlen» werden unterstrichen:]
Des Herzens Seele,
Du kannst sie fiihlen;
Und Fiihlen wird dir
Des Denkens Wollens, Wollens Denkens
keimerweckend Weltenleben.
Du lebest in dem Schein.
Des Herzens Seele,
Du kannst sie fiihlen;
Und Fiihlen wird dir
Denkens
Wollens
keimerweckend Weltenlehen;
Du lehest in dem Schein.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:115
Ihr miiBt versuchen, meine lieben Schwestern und Briider, indem Ihr dies iibt, das
gleichzeitig denken zu konnen, daB es ineinanderwebt - Denkens Wollens, Wollens
Denkens -, daB es ineinander in eins verflieBt, weil es so vor der Welt dasteht.
Das dritte, worauf uns der Hiiter der Schwelle weist, ist die Kraft unserer
Glieder. In ihr wollen wir sonst. Jetzt aber verlangt der Hiiter der Schwelle, daB
wir, wie wenn wir aus uns heraustreten wiirden und ruhig stehen wiirden, denken
sollen unserer Glieder Kraft; daB wir den Geist unserer Glieder denken sollen,
indem wir dasjenige, was wir tun, jetzt nicht fiihlen als die Anstrengung unserer
Kraft, sondern es anschauen, wie wenn wir neben uns stehen wiirden. Dann wird
das Denken des Wollens, dieses Denken, das wir hier entfalten, des Wollens zieler-
fassend Menschenstreben. Und jetzt erkennen wir Tugend in dem Sinne von
menschlicher Tuchtigkeit, von dem, was Menschen wollen konnen in der Welten-
evolution. Der HUter der Schwelle mahnt uns [die dritte Strophe wird nun an die Tafel
geschrieben und «Glieder» unterstrichen] :
Der Glieder Kraft,
Du kannst sie denken;
Und Denken wird dir
Des Wollens zielerfassend Menschenstreben;
Du strebest in der Tugend.
Die Steigerung ist [nun werden die folgenden drei Worte unterstrichen]:
webest
lebest
strebest.
Die andere Steigerung ist:
Weisheit
Schein
Tugend.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:116
Nun will ich die Zeilen so vorlesen, wie sie uns zunachst erscheinen, indem der
Hiiter sie zu uns spricht:
Des Kopfes Geist,
Du kannst ihn wollen;
Und Wollen wird dir
Der Sinne vielgestaltig Himmelsweben;
Du webest in der Weisheit.
Des Herzens Seele,
Du kannst sie fiihlen;
Und Fiihlen wird dir
Des Denkens Wollens, Wollens Denkens
keimerweckend Weltenleben;
Du lebest in dem Schein.
- des Denkwollens -.
Der Glieder Kraft,
Du kannst sie denken;
Und Denken wird dir
Des Wollens zielerfassend Menschenstreben;
Du strebest in der Tugend.
Das ist die letzte Mahnung des Hiiters der Schwelle.
Das ist der entscheidende Punkt, auf den hingewiesen werden darf mit dem
Worte, das hier ausgesprochen ja ist als das Wort, das Michael selber spricht, weil
begrundet und gehalten diese esoterische Schule von Michael und seiner Kraft ist.
Jetzt steht die Unterweisung an jenem wichtigen Punkte, wo wir alles dasjenige
in uns aufgenommen haben, was, wenn es durchgeubt wird, uns die Fliigel gibt,
hinuberzukommen iiber den gahnenden, tiefen Abgrund des Seins.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:117
Das alles, was gesprochen worden ist in dieser Michael- Schule, soil noch einmal
Zeichen und Siegel begleiten Michaels; denn alles wird so gegeben, daB, wahrend
es durch den Raum dieser Schule tont, Michael anwesend ist, was bekraftigt werden
darf durch sein Zeichen:
[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siehe Tafelband Seite 158.]
und was bekraftigt werden darf durch sein Siegel, das er gednickt hat auf den
dreifachen Rosenkreuzer-Spruch:
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus
welches Siegel so ist, daB wir empfinden
den ersten Spruch in dieser Gebarde:
[die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
den zweiten Spruch in dieser Gebarde:
[die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
den dritten Spruch in dieser Gebarde:
[die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]
und Wissen, die erste Gebarde bedeutet [neben die untere Siegelgeste wird geschrieben]:
Ich bewundere den Voter
Das fiihlen wir, wahrend wir sagen «Ex deo nascimur», und bekraftigen es durch
die Gebarde, die Michaels Siegel ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:118
Die Zweite Gebarde bedeutet [neben die mittlere Siegelgeste wird geschrieben] :
Ich liebe den Sohn
Das fiihlen wir, indem wir aussprechen «In Christo morimur», driicken das Gefiihl
durch dieses im Michael- Siegel Liegende aus.
Die dritte Gebarde bedeutet [neben die obere Siegelgeste wird geschrieben]:
Ich verbinde mich dem Geiste
Das begleitet als Gefiihl «Per spiritum sanctum reviviscimus». Es ist die Geste,
die Michaels Siegel iiber diesem dritten Teil des Rosenkreuzer-Spruches ist.
Und so mogen denn Michaels Zeichen und Siegel geleiten den weiteren Weg,
der hier in dieser Schule fur Geistesentwickelung gegangen wird:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
Dann ist der Augenblick gekommen, in dem des Hiiters der Schwelle Wort
entscheidend erklingt, des Hiiters der Schwelle Wort, wie wenn es von Michael
selber kame, wie wenn es aus Weltenfernen kame. Nachdem uns der Hiiter gesagt
hat, wie wir uns vorzubereiten haben - und fiihlen wir: solche Vorbereitung muB
sein -, dann wird wie von Michael, wie aus Weltenfernen, sein Wort erklingen:
Tritt ein
Das Tor ist geoffnet
Du wirst
Ein wahrer Mensch werden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite:119
Wir miissen uns in die Empfindung hineinweben, daB wir das nicht selber sprechen,
sondern indem wir es sprechen, soil es objektiv werden, daB wir es horen, wie
wenn es von anderer Seite gesprochen wiirde.
[Es wird mit roter Kreide quer zu dem Mantram «Schau die Drei» an die Tafel geschrieben:]
Tritt ein
Das Tor ist gedjfnet
Du wirst
Ein wahrer Mensch werden.
Was nun in der weiteren Beschreibung sich abspielen wird in den folgenden
Stunden - die folgende Stunde ist ja regelmaBig am Samstag um halb neun -, was
in den folgenden Stunden sich abspielen wird, wird schon wiedergeben dasjenige,
was druben jenseits der Schwelle ertont.
Jetzt aber besinnen wir uns noch einmal - denn alle wirkliche Entwickelung
fiihrt immer wieder zum Ausgangspunkt zuriick -, wie aus alien Wesen der Welt
zu uns die Aufforderung zu alle dem spricht, was wir nun aus dem Munde des
Hiiters erfahren haben:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 120
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tont das Weltenwort.
Du horst es seelenkraftig,
Du fiihlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmachtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tont es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfuhlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfuhlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.
Noch einmal - alles bekraftigend, Michaels Anwesenheit bekraftigend - Zeichen
und Siegel Michaels:
[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]
[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]
Ex deo nascimur
In Christo morimur
Per spiritum sanctum reviviscimus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 121
Die mantrischen Spriiche, die hier zum Uben gegeben werden, und die in sich
die Kraft tragen, dasjenige in sich zu erleben, was hier beschrieben wird, diirfen
nur die rechtmaBigen Mitglieder dieser Klasse besitzen, niemand anders. Derjenige,
der der Schule angehort und einmal nicht da sein kann bei einer Stunde, wo er
einen entsprechenden Spruch bekommen konnte, kann sich ihn von einem anderen
Mitgliede, das da gewesen ist, geben lassen. Es muB aber fur jedes solches Abgeben
des Spruches eine besondere Erlaubnis eingeholt werden entweder bei Frau Dr.
Wegman oder mir selber. Derjenige aber, der den Spruch erhalten will, kann um
diese Erlaubnis nicht ersuchen, sondern allein derjenige, der den Spruch geben soil.
Wenn man einmal die Erlaubnis bekommen hat, jemandem die Spriiche zu
geben, so gilt das dann fiir die einzelne Personlichkeit weiter. Fur jede andere
Personlichkeit muB wiederum dieselbe Erlaubnis geholt werden wieder bei Frau
Dr. Wegman oder mir. Es niitzt gar nichts, wenn man die Spriiche erhalten will,
wenn man selbst um die Erlaubnis fragt, sondern nur, wenn man sie geben will.
Man muB sich also - will man die Spriiche erhalten - an jemanden wenden, der
sie hat zu Recht. Der muB dann fragen; fiir jeden einzelnen, dem er sie gibt, fragen.
Wenn jemand etwas anderes mitschreibt, so ist er nur berechtigt, es hochstens
acht Tage zu haben, dann muB er es verbrennen. AuBer den Spruchen anderes
Mitgeschriebenes hier muB verbrannt werden. Denn wir miissen einmal wirklich
die okkulten Regeln einhalten. Es ist eine okkulte Regel in all dem, was ich jetzt
sage und halte. Wir miissen die okkulten Regeln einhalten. Es handelt sich nicht
um eine willkiirliche VerwaltungsmaBregel, sondern, wenn in unrechte Hande
kommt dasjenige, was esoterisch ist, dann, meine lieben Schwestern und Briider,
verliert das Esoterische fiir diejenigen, die es rechtmaBig in Handen haben, verliert
das betreffende Mantrische seine Kraft. Es handelt sich einfach um etwas, das in
okkulten Gesetzen begnindet ist.
Um zwolf Uhr morgen ist wieder der Sprachgestaltungskursus; viertel vor elf
Uhr der Theologenkursus; um fiinf Uhr der Kursus fiir Pastoralmedizin; um acht
Uhr der Mitgliedervortrag.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 122
SIEBENTE WIEDERHOLUNGSSTUNDE
Dornach, 20. September 1924
eine lieben Schwestern und Briider! Seit der Weihnachtstagung geht
durch die ganze Anthroposophische Gesellschaft ein esoterischer Zug.
Und diejenigen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die
in der letzten Zeit teilgenommen haben an den allgemeinen Mitgliedervor-
tragen, werden ja bemerkt haben, wie dieser esoterische Zug durch alles dasjenige
fliefit, was jetzt innerhalb der anthroposophischen Bewegung erarbeitet wird und
erarbeitet werden soli.
Dies war eine Notwendigkeit, eine Notwendigkeit, die sich vor alien Dingen
aus der geistigen Welt heraus - aus der ja die Offenbarungen flieBen, welche leben
sollen in der anthroposophischen Bewegung -, die sich aus der geistigen Welt
heraus ergab. Damit aber war die Notwendigkeit geschaffen, einen gewissen Kern
ftir anthroposophisch-esoterisches Leben, fur wirkliches esoterisches Leben zu
schaffen, und damit war auch die Notwendigkeit gegeben, gewissermaBen zur
geistigen Welt hinuber selber eine Briicke zu bauen.
Die geistige Welt muBte in einem gewissen Sinne von sich aus offenbaren den
Willen zum Schaffen einer solchen Schule. Denn eine esoterische Schule kann
nicht aus menschlicher Willkur heraus geschaffen werden, auch nicht aus jener
menschlichen Willkur heraus, die man mit dem Namen «menschliche Ideale»
bezeichnet; sondern sie, diese esoterische Schule, muB der Leib sein von etwas,
das aus dem geistigen Leben selber heraus flieBt. So daB in all dem, was in einer
solchen Schule geschieht, sich darstellt der auBere Ausdruck von einer Wirk-
samkeit, die eigentlich im Ubersinnlichen, in der geistigen Welt selber geschieht.
Daher hat diese esoterische Schule auch nicht geschaffen werden konnen, ohne
daB jener Wille befragt wurde, der, wie ja des ofteren hier auch in Mitglieder-
vortragen auseinandergesetzt worden ist, seit dem letzten Drittel des 19. Jahr-
hunderts als der Michael- Wille eigentlich die menschlichen geistigen Angelegen-
heiten fiihrt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 123
Dieser Michael- Wille ist ja einer derjenigen, die im Laufe der Zeit in zyklischer
Folge immer wieder eingreifen aus der geistigen Welt in die Menschengeschicke.
Und wenn wir zuriickblicken in die Evolution der Zeit, so finden wir, daB derselbe
Michael- Wille - was wir Michael-Herrschaft nennen konnen - in den geistigen
Angelegenheiten der Menschheit, in den groBen zivilisatorischen Fragen wirksam
war vor dem Mysterium von Golgatha in der Alexanderzeit als dasjenige, was in
Griechenland erarbeitet worden war durch die chthonischen und die Himmelsmy-
sterien, als das verbreitet werden sollte hinuber nach Asien, verbreitet werden
sollte in Afrika. Da, wo Michael- Wille herrscht, ist immer Kosmopolitismus vor-
handen; da wird dasjenige, was Differenzierung unter den Menschen auf Erden
ist, fur das Michael-Zeitalter iiberwunden.
An jenes tiefbedeutsame Wirken, das sich kniipft an die Ausbreitung des Aristo-
telismus und des Alexandrinismus, an dieses Wirken, das ein Michael- Wirken war,
knupfte sich dann an das andere Wirken, das des Oriphiel. Daraufhin, nach dem
Oriphiel- Wirken, kam das Anael-Wirken, das Zachariel- Wirken, dann das bedeut-
same Raphael- Wirken, dann das Samael- Wirken, dann das Gabriel-Wirken, das
bis ins 19. Jahrhundert hereinging. Und seit den letzten siebziger Jahren des 19.
Jahrhunderts stehen wir wiederum in dem Zeichen des Michael-Wirkens. Es ist
im Anfange. Aber einflieBen muB dasjenige, was Michael-Impulse sind - und was
ja klar werden kann Euch, meinen Schwestern und Brudern, durch die allgemeinen
Mitgliedervortrage -, einflieBen muB das in alles wirklich zu Recht bestehende
esoterische Wirken in bewuBter Weise.
Und durch alles dasjenige, was mit dem Impuls der Weihnachtstagung zusam-
menhangt, durch alles das ist die Moglichkeit herbeigefiihrt worden, daB diese den
Kern der anthroposophischen Bewegung bildende esoterische Schule anzusehen
ist als die von Michael selbst inspirierte und geleitete esoterische Schule. Dadurch
besteht sie innerhalb unseres Zeitalters zu Recht, daB sie eine spirituelle Institution
ist. Das muB von jedem, der zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, im allertief-
sten Ernste in sein Leben aufgenommen werden. Und es muB sich derjenige, der
zu Recht Mitglied dieser Schule sein will, fiihlen nicht bloB zu einer irdischen
Gemeinschaft gehorig, sondern zu einer iibersinnlichen Gemeinschaft gehorig,
deren Lenker und Leiter Michael selber ist. Daher wird immer dann dasjenige,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 124
was hier mitzuteilen ist, nicht bloB als mein Wort zu gelten haben, insofern es
Inhalt der Stunde ist, sondern es wird zu gelten haben als dasjenige, was Michael
an diejenigen, die sich zu ihm gehorig fiihlen, selber in esoterischer Art in diesem
Zeitalter zu verkundigen hat. Das also, was diese Stunden enthalten, wird die
Michael- Botschaft fur unser Zeitalter sein.
Und damit, daB sie das ist, wird die anthroposophische Bewegung ihre eigentliche
spirituelle Starke erhalten. Dazu ist notwendig, daB im allertiefsten Ernste eben
das genommen wird, was man Mitgliedschaft zu dieser Schule nennen kann. Es
ist schon notwendig, meine lieben Schwestern und Briider, grundlich und tief
notwendig, daB in der aller-allerernstesten Weise hingewiesen wird auf den heiligen
Ernst, mit dem die Schule genommen werden muB.
Und hier innerhalb der Schule muB denn doch einmal und immer wieder und
wieder gesagt werden: es herrscht in Anthroposophenkreisen viel zu geringer Ernst
fur dasjenige, was durch die anthroposophische Bewegung eigentlich flieBt, und
es muB wenigstens in den esoterischen Mitgliedern der esoterischen Schule jener
Kern herangezogen werden einer Menschheit, der sich allmahlich heranbildet zu
dem Ernste, der da notwendig ist. Daher ist es notwendig, daB die Leitung der
Schule wirklich sich vorbehalt, nur diejenigen gelten zu lassen als richtige, wiirdige
Mitglieder der Schule, die in jedem Einzelnen ihres Lebens wiirdige Reprasentanten
der anthroposophischen Sache sein wollen; und die Entscheidung daniber, ob das
der Fall ist, muB bei der Leitung der Schule liegen.
Betrachten Sie das, meine Schwestern und Briider, nicht als eine Beeintrachtigung
der Freiheit. Die Leitung der Schule muB ebenso ihre Freiheit haben und anerken-
nen konnen, wer zur Schule gehort und wer nicht, wie es ja jedem auch in seinen
Willen hinein freigestellt wird, zur Schule gehoren zu wollen oder nicht. Aber es
muB durchaus sozusagen ein freier ideell-spiritueller Vertrag sein, der zwischen
dem Mitglied der Schule und der Leitung geschlossen wird. In anderer Weise
konnte niemals die esoterische Entwickelung eine gesunde genannt werden, insbe-
sondere nicht eine der Tatsache wiirdige, daB diese esoterische Schule unter der
unmittelbaren Kraft der Michael-Wirksamkeit selber steht.
Die Leitung der Schule muB im strengsten Sinne des Wortes dasjenige, was eben
gesagt worden ist, handhaben. Und daB sie das tut, das moge Ihnen, meine lieben
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 125
Freunde, aus dem hervorgehen, daB tatsachlich seit dem verhaltnismaBig kurzen
Bestand der Schule gegen achtzehn, zwanzig AusschlieBungen stattfinden muBten,
weil dasjenige, was als Ernst mit der Schule verbunden werden muB, eben nicht
eingehalten worden ist.
Sorgfaltiges Hiiten der mantrischen Spriiche, so daB sie nicht in unrechte Hande
kommen, das ist die erste Anforderung; aber auch wirklich sein ein wiirdiger
Reprasentant der anthroposophischen Sache.
Ich brauche ja nur einzelne Tatsachen zu erwahnen, um hinzuweisen darauf,
wie wenig eigentlich noch durchgreifend die anthroposophische Bewegung mit
vollem Ernste aufgefaBt wird. Vor einzelnen von Ihnen habe ich es schon erwahnt.
Es ist vorgekommen, daB Mitglieder der Schule hier ihre Platze mit den blauen
Zertifikaten, die ihnen das Recht geben, in der Schule zu sitzen, belegt haben. Es
ist vorgekommen in der Anthroposophischen Gesellschaft, daB man ganze StoBe
von Mitteilungsblattern, die nur fur die Mitglieder bestimmt sind, in der Tramway,
die von Dornach nach Basel fahrt, aufgefunden hat. Und ich konnte diese Liste
in der mannigfaltigsten Weise vermehren. Und es kommt immer wieder und wieder
dahin, daB iiber diesen mangelnden Ernst geradezu verbliiffende Tatsachen geliefert
werden. Es ist ja geradezu so, daB selbst Dinge, die im auBeren Leben ernst
genommen werden, in dem Augenblicke, wo die Betreffenden dieselben Dinge
innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu iiben haben, sie nicht ernst genom-
men werden.
Das alles sind Dinge, die durchaus in Betrachtung gezogen werden miissen im
Zusammenhange mit dem festen Gefiige, das diese Schule haben muB. Deshalb
muB dies gesagt werden, weil man eigentlich, ohne daB man die Dinge beachtet,
nicht in wiirdiger Weise entgegennehmen kann als Offenbarung aus der geistigen
Welt, was hier in der Schule gegeben wird. Und es wird jedesmal am Ende der
Stunde ausdrucklich darauf aufmerksam gemacht, daB die Wesenheit des Michael
selber anwesend ist, wahrend hier die Offenbarungen der Schule gegeben werden.
Und es wird dieses bekraftigt durch Zeichen und Siegel Michaels.
Alle diese Dinge miissen im Herzen der Mitglieder leben. Und Wiirde, tiefe
Wiirde muB herrschen in all dem, was selbst nur die Gedanken mit dieser Schule
verbindet. Denn in all diesem kann allein leben dasjenige, was heute eine esoterische
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 126
Stromung durch die Welt tragen soil. Und all das schlieBt die Pflichten ein, die
der einzelne hat.
Dasjenige, was an mantrischen Spruchen hier auf die Tafel geschrieben wird,
kann nur von denjenigen besessen werden im strengsten Sinne des Wortes, welche
hier das Recht haben, in der Schule zu sitzen. Und ist ein Mitglied der Schule
einmal verhindert, an den Stunden teilzunehmen, wo mantrische Spruche gegeben
werden, so kann ein anderes Mitglied, das diese Spruche hier in der Schule bekom-
men hat, diese Spruche allerdings mitteilen; aber es muB ftir jeden einzelnen Fall,
das heiBt ftir jede einzelne Personlichkeit, an die die Spruche abgegeben werden
sollen, erst um die Erlaubnis dazu gefragt werden, entweder bei Frau Dr. Wegman
oder bei mir selbst. Wenn einmal ftir eine Personlichkeit die Erlaubnis gegeben
worden ist, so bleibt die dann fortbestehen. Aber fur jede einzelne Personlichkeit
muB wiederum im besonderen bei Frau Dr. Wegman oder mir gefragt werden.
Das ist nicht eine VerwaltungsmaBregel, das ist etwas, was im strengsten Sinne
durch die Regeln des Okkulten gefordert wird. Denn die Tatsache muB dastehen,
daB jeder Akt der Schule verbunden bleibt mit der Leitung der Schule; und das
beginnt damit, daB man um Erlaubnis fragt, wenn so etwas geschehen soli, was
zu den Taten der Schule gehort. Nicht derjenige kann fragen, der die Mantren
empfangt, sondern allein derjenige, der sie gibt, unter den Modalitaten, die ich
eben bezeichnet habe. Schreibt sich jemand etwas auf hier wahrend der Stunde,
was nicht die mantrischen Spruche sind, sondern was gesagt wird, so hat er die
Verpflichtung, das nur acht Tage zu haben und dann es zu verbrennen.
Alle diese Dinge sind nicht willkurliche MaBregeln, sondern hangen mit der
okkulten Tatsache zusammen, daB die Dinge der Esoterik nur wirksam sind, wenn
sie von der Gesinnung umfaBt werden, die die rechtmaBig in der Schule sitzenden
Mitglieder haben. Sie verlieren ihre Wirksamkeit, die Mantrams, wenn sie in unrech-
te Hande kommen. Und das ist eine so fest in die Weltenordnung eingetragene
Regel, daB einmal das Folgende vorgekommen ist und eine ganze Reihe von Man-
trams unwirksam geworden sind, die innerhalb dieser anthroposophischen Bewe-
gung flossen.
Von mir konnte iibergeben werden an eine Reihe von Leuten dasjenige, was
mantrische Spruche sind. Ich iibergab es auch einer gewissen Personlichkeit. Die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270c Seite: 127
hatte einen Freund. Der Freund war etwas hellsehend. Und es kam dazu, daB, als
die beiden Freunde in einem Zimmer schliefen, der hellsehende Freund, wahrend
der andere nur denkend das Mantram iiberholte, es abschaute und dann Unfug
damit trieb, indem er es als Mantram von sich aus an Leute gab. Man muBte erst
nachgehen der Tatsache, die sich herausstellte, warum die betreffenden Mantren
unwirksam wurden bei all denjenigen, die sie hatten.
Also Sie diirfen sich nicht, meine lieben Schwestern und Briider, bei diesen
Dingen leichten Gedanken hingeben, denn die Regeln des Esoterischen sind strenge;
und niemand sollte eigentlich, wenn er einen dahingehenden Fehler gemacht hat,
das entschuldigen mit dem, daB er nichts dafiir kann. Wenn jemand in seinem
Kopfe das Mantram in Gedanken ablaufen laBt und ein anderer hellsehend das
schaut, dann kann derjenige, dem das Mantram abgeschaut worden ist, ganz gewiB
nichts dafiir. Aber die Tatsachen vollziehen sich doch mit eiserner Notwendigkeit.
Ich erwahne diese Sache, damit Sie sehen, wie wenig Willkiir in den Dingen
liegt und wie in diesen Dingen durchaus dasjenige enthalten ist, was unmittelbar
abgelesen ist aus der geistigen Welt und den Gepflogenheiten der geistigen Welt
entspric
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