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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Lebendiges Naturerkennen
Intellektueller Siindenfall und
spirituelle Siindenerhebung
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 5. bis 28.Januar 1923
1982
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Wolfram Groddeck und Caroline Wispier
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1966
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 220
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Leonore Uhlig
AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-2200-9
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offendich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehierhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafSt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
milssen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.*
tiber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 5januar 1923 11
Das Verhaltnis der friiheren Menschheit zu Christus als Sonnenwe-
sen. Bis ins 4. nachchristliche Jahrhundert Eriebnis seines «Nachbil-
des» in der kosmischen Sonne. Julian Apostata. Seitdem Emanzipa-
tion der Seele vom Atherleib; Beginn der «Not nach dem Christus*.
Die «Zwischenjahrhunderte» bis zu Kopernikus, Galilei, Kepler, Seit-
dem Zusammenziehen der Erkenntniskrafte in der Seele selber; Ent-
stehung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes; die
Moglichkeit, im Innem den lebendigen Christus als die stiitzende
Wesenheit des Ich zu finden.
Zweiter Vortrag, 6. Januar 1923 28
Erkenntniselend und verborgene Erkenntnismoglichkeit im heutigen
akademischen Studium. Mogliches Ergebnis des gegenwartigen Stu-
diums der Naturwissenschaften: «Erkenntnisbeklemmung»; des Stu-
diums der Geisteswissenschaften: «geistige Atemnot*; Erfahrungen,
die die Sehnsucht und Befahigung zu realer geistiger Durchdringung
auslosen konnten. - Von der Moglichkeit, durch den individuellen
Einsatz fiir die anthroposophische Bewegung, seine Pflicht gegen-
iiber der Menschheitszukunft zu tun. Notwendige Pflege des geistig-
seelischen Lebens, in der sich altere und jiingere Generation in Ernst,
Verstandnis und Kraft begegnen konnen.
Dritter Vortrag, 7. Januar 1923 40
Die BewuCtseinszustande und ihr Verhaltnis zu den Wesensgliedem,
Die horizontale Wahmehmungs- und Vorstellungsrichtung (Tagesbe-
wufitsein). Aus den Erdentiefen aufsteigende Metallwirkungen und
ihnen entsprechende Gefiihlsrichtung im Menschen {Traumbe-
wufJtsein; Imagination). Von den Sternen herabkommende Wirkun-
gen und ihnen entsprechende Willensrichtung im Menschen (Schlaf-
bewufitseiii; Inspiration). Krankhafte und ungerechtfcrtigte Formen
erweiterter Wahrnehmung. Gerechte Anwendung auf die Selbst-
erkenntnis; von der Herzerkenntnis. Wahre Menschenerkenntnis
nach «Leib», «seelischer Lebensgrundlage» und «Geistig-BeIeben-
dem». Ahnungen davon in Goethes <!Wilhelm Meister*.
ViERTER VoRTRAG, 12.Januar 1923
J. Bohme, G. Bruno und F. Bacon als Reprasentanten der Obergangs-
zeit von alten Weisheitstraditionen in den Materialismus. Das noch
bewuflte Hereinspielen des Ubersinnlich-Bosen, der Magie und des
inneren Wissens bei charakteristischen Gestalten des Mittelalters
(Merlin, Faust) und bei den letzten Mystikern. Ausgang des Materia-
lismus vom Abendmahlsstreit. Das Ringen um eine neue Welt- und
Menschenerkenntnis in bezug auf das vorirdische, gegenwartige und
nachtodliche Dasein; die Unzulanglichkeit der Erkenntniskrafte von
Bohme, Bruno und Bacon.
FuNFTER VoRTRAG, 13.Januar 1923
Die Realitat der lebendigen Salz-, Sulfur- und Merkurprozesse gegen-
iiber den toten Abstraktionen der heutigen Naturwissenschaft. Der
Salzprozefi im Emahrungs- und Sinnesleben: Neugestalten der Welt-
gedanken im Atherleib; das alte Hellsehen. Der SulfurprozeC: das
verbrennende Eingreifen des Astralischen durch das Luftelement, in
dem der Wille geboren wird. Der Ausgleich im MerkurprozeC.
Bohme, Bruno, Bacon. Ablosung des ehemals inneren Erlebens der
Weltgedanken durch eine frei errungene, geistige Anschauung der
AuUenwelt in der Zukunft.
Sechster VoRTRAG, 14Januar 1923
Notwendige innere Konsolidierung der Anthroposophischen Gesell-
schaft. Die Entfremdung des Menschen von seinem geistigen Wesen
seit dem 4. Jahrhundert n. Chr.; Zerstorung der hellenistischen Kul-
tur. Die Umkehrung des Verhaltnisses vom Geistig-Seelischen zum
Physisch-Atherischen beim Schlafen und Wachen seit dieser Zeit.
Der Zivilisationsschlaf der Gegenwart. Anthroposophie als Weckruf
zu einem neuen Erwachen in der Welt.
SiEBENTER VoRTRAG, 19.Januar 1923
Wahrheit, Schonheit, Giite. Das Seinsgefiihl im physischen Leib und
die Wahrhaftigkeit des Menschen; Verbundenheit mit dem Vorirdi-
schen. Verankerung des Menschen im Atherleib durch das Erleben
des Schonen; der Grieche und die Schonheit; Verbundenheit des Ge-
genwartig-Irdischen mit dem Geistigen im Schein. Lebendiges Erfas-
sen des Astralleibes durch die Gute: Die Fahigkeit, das Wesen des
anderen Menschen zu erleben; Ausgangspunkt der Moralitat; Verbin-
dung zur nachtodlichen Welt.
AcHTER VoRTRAG, 20.Januar 1923 117
Das Erleben der Naturgeistigkeit in alten Zeiten und sein Verlust
heute. Elementarische Wesenheiten als Erzieher und Pfleger der
menschlichen Erkenntniskrafte; ihr Riickzug mit der Freiheitsent-
wicklung. Bildhaft-wirklichkeitsgemafies Erfassen der Naturformen
(*Verstehen der Sprache der Natur») als Dankabstattung an die Natur-
geister (Beispiel: Fisch; Vogel). Konsequenzen einer solchen Welt-
anschauung fiir das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft.
Tatsachensinn, Schonheitssinn, Giite als Ausgangspunkte anthro-
posophischer Gemeinschaftsbildung.
Neunter Vortrag, 2 1. Januar 1923 135
Siindenfali und SiindenbewuCtsein. Der Zusammenhang des morali-
schen Siindenfalles mit dem intellektuellen; Entstehung der «Er-
kenntnisgrenzen». Spirituelle Siindenerhebung aus dem freien, ener-
gischen Ergreifen des Denkens. Die Erweiterung der Erkenntnis in
das Kosmische als Weg zum Verstehen des Christus. Uber Demut
und Hochmut. Gefahr des Sektierertums.
Zehnter Vortrag, 26. Januar 1923 153
Der Verfall der heutigen Bewufitseinskultur im Banne mittelalterli-
chen Denkens und die tieferliegenden, lebendigen Krafte des Vorir-
dischen im Menschen. Der Verlust der Praexistenz und die Entwick-
lung der nur auf das Sinnliche gerichteten Wissenschaft. Notwendige
Erweiterung des Goetheanismus auf die Metamorphose der Men-
schengestalt (Schadel). Die Offenbarung des Vorirdischen in der
Schonheit fiir den Griechen. Rechtverstandener Siindenfali und eine
emeuerte Christologie. Anthroposophie als lebendiger Gehalt der
Menschheitsentwickelung.
Elfter Vortrag, 2 7. Januar 1923 169
Ursprung des heutigen Geisteslebens aus der Scholastik. Der Realis-
mus als Endpunkt des vergangenen lebendigen Geist-Erfassens; der
Nominalismus als Ausgangspunkt des modernen Intellektualismus :
Verlust des Vaterprinzips in der Anschauung der Natur; Moglichkeit
des Atheismus; Verlust der Trinitat Die Suche nach einem Verste-
hen des Christus in seiner Eigenstandigkeit. Erkenntnis des Christus
als Vollender des Vaterwerkes durch Schicksalserweckung im Erden-
Icben. Der neue Realismus der Anthroposophie.
ZwoLFTER VoRTRAG, 28januar 1923 183
Der Gegenwartsmensch und die Last der Geschichte; H. Grimm; Fr.
Nietzsche. Heutige Unfahigkeit, schopferisch im Leben der Welt zu
stehen. Moralische und antimoralische Impulse als Keime einer zu-
kiinftigen Naturordnung. Das gegenwartig Natiirliche als Wirkung
von Moralimpulsen der Vergangenheit. Das unbewufite Eindringen
der Naturwissenschaft in das Moralische (bzw. das moralisch Bose)
der Naturkrafte (Licht; Elektrizitat). Erneuerung der Zivilisation aus
den Fundamenten der Menschlichkeit (Eintauchen in den Geist der
Sprache; Eurythmie).
Hinweise 199
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 211
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . , .213
ERSTER VORTRAG
Domach, 5.Januar 1923
Ich mochte heute, im Anschlufi an die Vortrage, die ich in den letz-
ten Tagen des dahingegangenen Goetheanum gehalten habe, iiber
den Zusammenhang des Menschen mit dem Jahreslauf und iiber
Erkenntnisse, die sich auf diesen Zusammenhang beziehen, Sie
noch einmal zuriickfiihren in ein Zeitalter, das wir ofter betrachtet
haben und das vol! verstanden werden mufi, wenn man die Gegen-
wart der Menschheitsentwickelung in der rechten Weise erkennen
will. Wir haben ja von der Moglichkeit gesprochen, dafi im Men-
schen in der bestimmtesten Weise Vorgange geschehen, die man
wieder erkennen kann in dem sich immer wiederholenden Gesche-
hen des Jahreslaufes. Und ich habe ja auch darauf hingewiesen, wie
altere Mysterienwissenschaft, Initiationswissenschaft, darauf ausge-
gangen ist, unter den Menschen, die dafiir zuganglich waren, solche
Erkenntnisse auszubreiten. Dadurch, dafi man solche Erkenntnisse
ausbreitete, sollte gestarkt werden das menschliche Denken, das
Fiihlen, das WoUen, das ganze Sich-Hineinstellen des Menschen in
die Welt
Nun konnen wir uns fragen: Wovon hing es denn ab, dafi in alte-
ren Zeiten die Menschen von vomherein ein Verstandnis gehabt ha-
ben flir dieses Verhaltnis des Menschen, des Mikrokosmos zur gro-
jfien Welt, zum Makrokosmos, wie sich dieser im Jahreslaufe aus-
driickt? Denn ein solches Verstandnis batten die Menschen. Dieses
Verstandnis batten sie deshalb, weil in jenen alteren Zeiten das see-
lische Innere des Menschen enger gebunden war an den Atherleib
oder Bildekrafteleib, als das heute der Fall ist. Wir wissen ja aus den
skizzenhaften Darstellungen, die ich habe geben konnen innerhalb
des Franzosischen Kurses, dafi der Mensch, wenn er seinen iiber-
sinnlichen Lebenslauf durchgemacht hat zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, nachdem er den Geistkeim seines physischen
Leibes auf die Erde heruntergeschickt hat und als seelisch-geistiges
Wesen noch nicht selber hemntergestiegen ist vor der Konzeption
- dafi er dann aus dem Kosmos sich die Krafte des Weltenathers zu-
sammenzieht, und dafi er daraus seinen atherischen Leib bildet, den
er also hat, bevor er sich mit seinem physischen Leibe verbindet.
Der Mensch steigt also aus geistig-iibersinnlichen Welten in der
Weise herunter, dafi er sein Geistig-Seelisches zunachst umkleidet
hat mit seinem atherischen Leibe. Dann verbindet er sich mit dem-
jenigen, was ihm durch die physische Vererbungsstromung, durch
Vater und Mutter, als physischer Leib iibergeben wird.
Nun war in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung die Ver-
bindung, die der Mensch vor seinem Erdenleben mit dem Atherleib
eingehen konnte, eine viel innigere, als sie spater war und ist.
Diese innigere Verbindung mit dem Atherleibe machte es eben
einer alteren Menschheit moglich, zu verstehen, was gemeint war,
wenn aus den Mysterien heraus die Erkenntnis kam: Dasjenige, was
man als physische Sonne sieht, das ist der physische Ausdruck von
etwas Geistigem. - Verstandnis war vorhanden, wenn man von dem
Sonnengeiste sprach. Verstandnis war deshalb vorhanden, weil bei
jener innigen Verbindung des menschlichen geistig-seelischen We-
sens mit dem Atherleib oder Bildekrafteleib es den Menschen ganz
toricht geschienen hatte, wenn sie hatten glauben miissen, dafi da
oben irgendwo im Weltenraum jener physische Gasball schwebe,
von dem uns zum Beispiel die heutige Astrophysik erzahlt. Es war
diesen alteren Menschen selbstverstandlich erschienen, dafi zu die-
sem Physischen ein Geistiges gehort. Und dieses Geistige war eben
dasjenige, was in alien alten Mysterien als der Sonnengeist erkannt
und verehrt wurde.
Nun konnen wir - natiirlich sind alle diese Dinge nur annahemd
richtig, aber im wesentlichen sind sie eben doch so - das 4. nach-
christliche Jahrhundert als denjenigen Zeitraum angeben, in dem
die aus der geistig-iibersinnlichen Welt herunterkommenden
Menschenwesen diese innigere Verbindung mit dem Atherleib oder
Bildekrafteleib eben nicht mehr hatten. Es war eine losere Verbin-
dung. Daher bereitete sich ja immer mehr und mehr vor, dafi auch
im physischen Erdenleben die Menschen sich nurmehr ihres physi-
schen Leibes bedienen konnten, wenn sie, wenn ich mich so aus-
driicken darf, zum Himmel emporschauten. In alteren Zeiten, wenn
die Menschen zum Himmel emporschauten, da sahen sie die Sonne,
aber aus ihrem Innern stieg der Antrieb auf, in dieser Sonne doch
nicht etwas blofJ Physisches zu sehen, sondem ein Geistig-Seeli-
sches damit verbunden zu wissen. Nach dem 4. nachchristlichen
Jahrhundert konnte man sich, um die Sonne zu sehen, nur eben des
physischen Leibes, der physischen Augen bedienen, durch die nicht
mehr der Blick, wenn er nach aufien schweifte, getragen wurde von
der Kraft des atherischen oder Bildekrafteleibes. Man sah daher im-
mer mehr und mehr nur die physische Sonne. Und dafi es einen
Sonnengeist gab, konnte man nur noch lehren, weil die Friiheren es
wufiten und weil es als Tradition vorhanden war. So lernte zum Bei-
spiel Julianus Apostata, der Abtriinnige, bei seinen Lehrem, wie ich
friiher einmal angegeben habe, dafi es solch einen Sonnengeist gibt.
Nun, dieser Sonnengeist aber ist ja durch das Mysterium von Golga-
tha, wie wir wissen, auf die Erde heruntergestiegen. Er hat seinen
Himmelslebenslauf herunterverlegt und ihn verwandelt in einen Er-
denlebenslauf, indem er sein kiinftiges Wirken seit dem Mysterium
von Golgatha darauf hinorientiert hat, die Menschheitsentwickelung
innerhalb der Erdenwirksamkeit zu fiihren.
Sie bemerken: die beiden Zeitpunkte fallen nicht zusammen.
Der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha - als was erscheint er
uns, wenn wir heute auf ihn zuriickblicken? Wir miissen dann sa-
gen: In diesem Zeitpunkt geht der Christus, das Hohe Sonnenwe-
sen, durch das Mysterium von Golgatha und verbindet sich mit dem
Erdendasein. Popular ausgedriickt: seit jenem Zeitpunkt ist der
Christus auf der Erde. Das Sehen des Sonnengeistes war den Men-
schen moglich bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert, weil sie bis
dahin noch inniger mit ihrem Atherleib oder Bildekrafteleib ver-
bunden waren.
Wenn nun auch der Christus selbst schon auf Erden war, so sah
man doch bis in das 4. Jahrhundert die Sonne so, daiS man gewisser-
mallen noch das Nachbild durch den atherischen Leib sah. Wie man
im Phvsischen, wenn man auf irgend etwas scharf hinschaut und
dann das Auge schliefJt, ein Nachbild hat im Auge, so hatte der
menschliche Atherleib, indem er die Sonne sah, bei denjenigen Per-
sonlichkeiten, bei denen eben das noch geblieben war, ein Nachbild
des Sonnengeistes, wenn der Mensch in den Kosmos hinaussah. Da-
her kam es, dafi solche Menschen, die so mit ihrem Atherleib noch
verbunden waren - und das war namentiich in siidlichen europa-
ischen Gegenden, in nordafrikanischen, in vorderasiatischen Gegen-
den bei sehr vielen Menschen der Fall -, sich einfach durch ihre Er-
fahrung sagten: Der Sonnengeist ist zu sehen, wenn man in die
Weiten der Himmel hinausblickt. - Und sie verstanden nicht, was
das heifien soil, was die Lehrer und Fiihrer jener andem Mysterien
sagten, von denen ich Erwahnung getan habe wahrend dieses Fran-
zosischen Kurses; sie verstanden nicht, was das heifien soil: der
Christus ware auf der Erde.
Bedenken Sie, daC ja fast vier Jahrhunderte vergangen waren seit
dem Mysterium von Golgatha, in denen eine grofie Anzahl gut-
organisierter Menschen durch das, was ich eben gesagt habe, keinen
rechten Begriff damit verbinden konnten: Der Christus ist auf der
Erde erschienen. - Fiir sie war das, was in Palastina vor sich gegan-
gen war, ein unbedeutendes Ereignis, ein so unbedeutendes Ereig-
nis, wie es tatsachlich fiir jene romischen Schriftsteller war, die das
in nebensachlicher Erwahnung aufgeschrieben haben. Es war eben
eine unbedeutende Personlichkeit, die unter merkwurdigen Um-
standen den Tod gefunden hatte. Denn das ganze tiefe Mysterium
wurde gerade von diesen Menschen nicht begriffen. Im Grunde ge-
nommen kann man sagen: Diese Menschen brauchten ja nicht den
Christus auf Erden, denn sie batten ihn noch in der alten Weise in
den Himmeln. Fur sie war er noch derjenige Geist des Weltenalls,
der im Lichte wirkte. Fiir sie war er der allumfassende Erleuchter
der Menschheit. Fiir sie war noch kein Bediirfnis da, hineinzublik-
ken in den Menschen und ihn im Ich zu suchen.
Ein solcher Mensch, der gar nicht begreifen konnte, warum man
den Christus in einem Menschen auf Erden suchen soUte, da er
doch in den Himmeln zu suchen ist und in dem Lichte lebt, das tag-
lich mit Sonnenaufgang auf die Erde scheint und mit Sonnenunter-
gang aufhort zu scheinen, ein solcher Mensch war eben Julian der
Abtrunnige, Julianus Apostata. Es war fiir diese Menschen das, was
in Palastina vor sich gegangen war, eben ein Ereignis wie andere ge-
schichtliche Ereignisse, aber ein hochst unbedeutendes. Und es war
namentlich deshalb ein gewohnliches, und zwar unbedeutendes ge-
schichtliches Ereignis, weil in diesen Menschen noch nicht die Not
nach dem Christus lebte. Wann konnte denn erst anfangen zu leben
im Menschen die Not nach dem Christus? Das woUen wir uns ein-
mal heute vergegenwartigen, wann diese Not nach dem Christus in
der Menschheit iiberhaupt auftauchen konnte.
Wenn wir die aufeinanderfolgenden Epochen der Erdenentwik-
kelung nach der grofien atlantischen Katastrophe ins Auge fassen,
so ist es ja so: Wir haben also, wenn wir zuriickgehen in das 8.,
9. Jahrtausend, die atlantische Katastrophe, die ich ofter geschildert
habe. Wir haben dann die erste nachatlantische Kulturperiode, iiber
die Sie nachlesen konnen in meiner «Geheimwissenschaft im Um-
rif5», die ich die urindische genannt habe (siehe Schema). In dieser
nr. '/l*^ypHsdj-d|aWoi3cf)e Period* •
IF. 9 »^ » «cJ) isch- 1 ate i n i ^che ?er« o^e :
3r. gegcnwarf:
urindischen Periode lebt der Mensch vorzugsweise in seinem Ather-
leib oder Bildekrafteleib. Da ist noch die Verbindung eine so inten-
sive, daiS man iiberhaupt sagen kann: Der Mensch lebt in seinem
Atherleib oder Bildekrafteleib. Er lebt so, daC im Grunde genom-
men der physische Leib fiir ihn mehr noch ein Kleid ist, etwas Au-
iKerliches ist. Er sieht viel mehr mit seinem atherischen Auge in die
Welt hinaus als mit den physischen Augen. Die zweite Periode ist
die urpersische. Da sieht der Mensch in seine Umwelt vorzugsweise
durch dasjenige, was man nennen kann den Empfindungsleib. In
der dritten, in der agyptisch-chaldaischen Periode sieht der Mensch
in die Welt mit Hilfe seiner Empfindungsseele. Endlich in der vier-
ten, in der griechisch-lateinischen Zeit, sieht der Mensch in die
Welt mit der Verstandes- oder Gemutsseele.
Und in unserer fiinften Zeit, seit dem 15. Jahrhundert, die man
nennen kann die geschichtliche Gegenwart, sieht der Mensch mit
der BewuCtseinsseele in die Welt. Und dieses Sehen mit der Be-
wufitseinsseele bewirkt ja alles das, was ich in dem Naturwissen-
schaftlichen Kursus an historischer Aufeinanderfolge dargestellt
habe.
Nun machen wir uns aber klar, wie das nun eigentlich ist. Es ist
das sogar sehr schwer, aber wenn man diesen Tatbestand schema-
tisch aufzeichnen woUte, so miifite man sagen: Physischer Leib
(siehe Schema), Atherleib (schraffiert), und in diesem Atherleib
macht sich zunachst das Seelische geltend, aber so, dafJ zuerst der
Mensch iiberhaupt im Atherleib noch lebt. Dann aber im Empfin-
dungsleib, der in Wirklichkeit noch ganz Atherleib ist. Denn erst in
der agyptisch-chaldaischen Zeit lebt der Mensch in der Seele, aber
da lebt die Seele durchaus noch im Atherleibe drinnen. So dafi ich
etwa die Seele so zeichnen konnte (rot schraffiert). Indem der
Mensch sich seelisch innerlich fiihlt, fiihlt er sich noch zur Halfte
im Atherleib drinnen.
In der griechisch-lateinischen Zeit ist es so, dafi der Mensch her-
auswachst mit seinem Seelischen aus dem Atherleib. Er hat auch
noch den Atherleib in sich etwa bis zum Jahre 333. Dann wachst
der Mensch so heraus aus dem Atherleib, dafi seine Seele nur ganz
lose mit dem Atherleib verbunden ist, gar nicht mehr eine innere
Verbindung hat (violett schraffiert). Die Seele fUhlt sich nach aufien
hin verlassen. Sie ist genotigt jetzt, ohne die Stiitze des Atherleibes
hinauszugehen in die Welt. Dadurch entsteht die Not nach Chri-
stus. Denn jetzt, da man nicht mehr in der Seele innig verbunden ist
mit dem Atherleib, sieht man nichts mehr vom Sonnengeist, nicht
einmal das Nachbild, wenn man in die Himmel hinausschaut. Aber
in der Weltenentwickelung ist alles so, dafS es sich erst durch lange
Zeitlagen allmahlich entwickelt. Zunachst war vom 4. Jahrhundert
4 f
ab die Seele gewissermafien innerUch emanzipiert vom Atherleib,
aber sie war noch nicht in sich erstarkt, sie war noch in sich
schwach. Und wenn wir die ganzen Jahrhunderte durchgehen, vom
5., 6., 7. Jahrhundert bis ins 14., 15., 16. Jahrhundert, ja bis in unsere
Zeit - aber namentlich wolien wir zunachst bei der Periode bis ins
15. lafirhundert bleiben so haben wir die innerlich eben emaozi-
pierte, aber schwache Seek, die zwar die Not nach etwas fuhlt, aber
noch nicht stark genug ist, aus innerem Impuls heraus dieser Not
entgegenzukommen und, statt wie friiher den Christus in der
Sonne, jetzt den Christus im Mysterium von Golgatha zu suchen;
statt ihn im Raume draufien, ihn im Zeitenlaufe zu suchen. Die
Seele mufite innerlich erstarken, um in sich iiberhaupt Krafte auszu-
bilden. Die ganzen Jahrhunderte bis ins 15. Jahrhundert herein war
man nicht stark genug, um innerlich Krafte auszubilden, um iiber-
haupt zu einer Erkenntnis von der Weh durch die Seele zu kom-
men. Daher beschrankte man sich darauf, die Erkenntnisse aus den
Biichern zu nehmen, welche die Alten hinterlassen hatten, das
historisch Bewahrte als Erkenntnis zu nehmen.
Das ist etwas, was man beriicksichtigen mufi. Die Seele muC in-
nerlich erstarken. Im 15. Jahrhundert war sie so weit, dafi sie dasje-
nige, was sie nicht mehr aus dem Atherleibe oder auf dem Umwege
durch den Atherleib aus dem physischen Leibe heraus erlernte als
Mathematisches, dafi sie das nun in Abstraktion - den abstrakten
Raum als Gedanken - anfing, als ihr Eigenes zu erleben. In diesem
Erleben ist die Menschheit noch nicht weit, aber es ist, wie Sie mer-
ken, ein anderes Erleben, als es friiher war. Es ist der Drang, aus
dem Innerseelischen heraus zu etwas zu kommen, wozu die
Menschheit kommen konnte in alten Zeiten, als sie sich noch ihres
Atherleibes, mit dem die Seele innig verbunden war, bedienen
konnte. Die Menschen muJSten sich jetzt innerlich so erstarken, dafi
sie zum Christus kamen, wahrend ihnen friiher der Atherleib ge-
dient hatte, um von der Sonne herunter den Christus zu sehen. Und
so konnen wir sagen, bis ins 4. Jahrhundert ist es so, dafi gerade die
zivilisiertesten Menschen iiberhaupt nicht recht etwas anzufangen
wissen mit den Nachrichten iiber den Christus, iiber das Mysterium
von Golgatha.
Es ist interessant, dafi man sagen kann: Weder das Bekenntnis
des Kaisers Konstantin zum Christus noch die Abwendung des Ju-
lianus vom Christus stehen eigentlich auf irgendwelchem festem
Boden. Der Historiker Zosimos erklart sogar, dafi der Kaiser Kon-
stantin fiir seine Person deshalb zum Christentum iibergetreten sei.
weil er so viele Verbrechen an seiner Familie begangen hatte, dafi
ihm die alten Priester es nicht mehr verziehen. Deshalb sagte er sich
vom alten Heidentum und seinen Priestem los, weil ihm die christ-
lichen Priester versprochen hatten, sie konnten ihm das verzeihen.
Also es war im Grunde genommen ein recht wenig intensiver
Grund. Man kann schon sagen, er lenkte sein Bekenntnis zu dem
Christus gar nicht aus der Not nach dem Christus hin.
Bei Julianus bedurfte es eben nur der Einweihung in die eleusini-
schen Mysterien, die ja dazumal schon eine sehr aufierliche war, um
ihn fiir den Sonnengeist eben in der alten Form der Erkenntnis zu
begeistern. Auch bei ihm ruhte das nicht gerade auf einem ganz tie-
fen Grund, obwohl er ja aufierordentlich bedeutsame Kenntnisse
durch seine Einweihung in die eleusinischen Mysterien erhielt.
Aber jedenfalls weder das Pro noch Kontra war dazumal etwas Star-
kes und Intensives in bezug auf die Christus-Frage, weil eben die
Menschen gar nicht wul5ten, was die Behauptung bedeutete, der
Christus soUe historisch in einem Menschenleib gesucht werden.
Vom 4. Jahirhundert angefangen war es wiederum so, dafJ die
Menschen in den zwar innerlich emanzipierten, aber noch schwa-
chen Seelen keinen andern Weg fanden zum Christus, iiberhaupt zu
einer Welterklarung - denn es mulSte ja die ganze Welterklarung
neu aufgebaut werden ~, als eben die historische Tradition, die ge-
schriebene, beziehungsweise miindliche UberHeferung; das heifit die
miindliche UberHeferung in der Weise, dafi nur einige Menschen
die schriftliche UberHeferung hatten und den andern eben eine
miindliche Interpretation gaben.
Das blieb durch viele Jahrhunderte so und ist eigentlich in bezug
auf die Anschauung des Christus bis heute so geblieben. Aber das
ist etwas sehr Bedeutsames, dafS die Seele jetzt innerlich frei gewor-
den war. Wie gesagt, wenn auch im Historischen alles Vorboten und
Nachwirkungen hat, so konnen wir doch auf das Jahr 333 als auf das
Jahr hindeuten, in dem dicsc Emanzipation der Seele fiir die vorge-
riicktesten Menschen geschah, weon auch die Seele noch zu
schwach war, um iiberhaupt innerliche Erkenntnisse zu gewinnen.
Es war so, dafi, wenn damals ein Mensch sich so recht tief besann -
da ja noch gute Nachrichten da waren aus friiheren Zeiten -, er sa-
gen konnte: Da hat es noch vor ganz kurzer Zeit Menschen gege-
ben, die haben in der Sonne noch etwas Gottlich-Geistiges gesehen.
Ich sehe nichts mehr. Aber die Menschen, die in der Sonne etwas
Gottlich-Geistiges gesehen haben, haben auch aus dem Innem noch
andere Erkenntnisse herausgeschopft, zum Beispiel die mathemati-
schen Erkenntnisse. Meine Seele ist zwar so, dafi sie sich als ein
selbstandiges Wesen fiihlt, aber sie kann sich nicht zusammenraffen,
sie kann nicht aus sich heraus Krafte Ziehen, um irgend etwas zu er-
kennen.
Das war eben das Bedeutsame dann im 15., 16. Jahrhundert, dafi
wenigstens die Leute anfingen, mathematisch-mechanische Er-
kenntnisse aus der Seele heraus zu konzipieren. Und Kopernikus
wandte das zuerst auf das Himmelsgebaude an, was er in dieser
Weise in der emanzipierten Seele erlebte. Die friiheren Welten-
systeme waren eben so, dafi sie mit Hilfe derjenigen Seelen
gewonnen waren, die noch nicht emanzipiert waren vom Atherleib,
die noch Verstandes- oder Gemiitsseelen waren, aber als Verstandes-
oder Gemiitsseelen gewissermafien noch die Kraft des Atherleibes
batten, um in die Welt hinauszuschauen. Jetzt war auch noch die
Verstandes- oder Gemiitsseele da, bis ins 15. Jahrhundert, aber
man konnte sich nur des physischen Leibes, des physischen Auges
bedienen, um in die Welt hinauszuschauen. Das sind die Griinde,
warum durch alle diese Jahrhunderte und bis heute nur durch
die Schrift oder durch die miindliche Tradition die Kunde von
dem Christus und dem Mysterium von Golgatha sich fortpflanzen
konnte.
Was haben wir denn im Grunde genommen durch die nun all-
mahlich durch die Jahrhunderte, vom 4., 5. Jahrhundert an, erstarkte
Seele gewonnen? Aufierlich mechanische Erkenntnisse, diejenigen
physikalischen Erkenntnisse, die ich in dem Naturwissenschaftli-
chen Kursus charakterisiert habe. Aber jetzt ist die Zeit eingetreten,
wo die Seele so weit erstarken mufi, dafi sie so, wie sie friiher mit
Hilfe des Atherleibes beim Hinausschauen in die Himmel mit der
physischen Sonne die Geistsonne sah, jetzt innerlich in das Ich bin-
einschaut, das Ich empfindet und gewissermafien hinter dem Ich
den Christus.
Wenn wir uns das nicht schematisch, aber eigentlich sehr real
vorstellen, so ist es so: Durch das physische Sehen wird die Sonne
geseheh (hell schraffiert), durch das Sehen mit dem Atherleib hinter
der Sonne der Sonnengeist, der Christus (alte Zeit, rot). Heute ist es
so, dafi wenn der Mensch in sich hineinschaut, er jenes Ich hat Er
empfindet das Ich, er hat ein Ich-Gefuhl. Aber das ist sehr dunkel.
Dieses Ich-Gefiihl ist ja in der emanzipierten Seele zunachst ent-
standen. Friiher schaute der Mensch in die Welt hinaus, jetzt mufi
er in sich hineinschauen. Das Hinausschauen in die Welt brachte
ihn mit der Sonne und mit dem Christus zusammen. Das Hinein-
schauen hat ihn zunachst nur mit dem Ich zusammengebracht. Er
mufi dazu kommen, hinter dem Ich nun das zu finden, was er friiher
vor der Sonne gefunden hat. Er mufi dazu kommen, dasjenige, was
er in dem Lichte erlebte, was er vom Sonnenaufgang bis zum Son-
nenuntergang erlebte, den Christus, den Erleuchter seines eigenen
Wissens, aus seinem Ich heraus innerlich erstrahlen zu fiihlen, dafi
er in dem Christus die starke Stutze des eigenen Ich findet. So dafi
man sagen kann: Fruher schaute man in die Sonne hinaus und fand
das durchchristete Licht. Jetzt fiihh man in sich selber hinein und
lemt erkennen das durchchristete Ich (rot, violett).
AUerdings stehen wir in bezug darauf ganz im Anfange. Denn
Anthroposophie besteht darin, gewissermafien der Menschheit zu
sagen: Diese Jahrhunderte seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert
sind Zwischenjahrhunderte. Was vorher Uegt, hatte eine Mensch-
heit, die hinausschauen konnte in die Himmel und den Christus als
aufieren raumlichen Sonnengeist fand. Eine Menschheit mufi nach
diesen Zwischenjahrhunderten erstehen, welche hineinfiihlt in ihr
Inneres und welche auf dem Wege zu diesem Inneren wiederum die
innere Sonne findet, den Christus, der aber jetzt mit dem Ich so er-
scheint, wie er friiher mit der Sonne erschienen war, der jetzt der
Ich-Trager ist, wie er friiher der Sonnengeist war.
Mit dem 4. Jahrhundert beginnt in der Menschheit, die sich all-
mahlich herausentwickelt aus den griechisch-lateinischen Rassen,
die Not nach dem Christus, die zunachst nur durch die schriftliche
Oder miindliche Tradition befriedigt werden kann. Aber heute ist ja
die Sache so, dafi diese schriftliche oder miindliche Tradition gerade
bei den vorgeriickteren Geistern an Kraft der Uberzeugung verloren
hat, und dafi die Menschen lemen miissen, aus dem Inneren den
Christus so zu finden, wie eine alte Menschheit ihn aufierlich durch
die Sonne und deren Licht gefunden hat. Die Zwischenjahrhun-
derte miissen wir nur in der richtigen Weise verstehen, so verstehen,
dafi eben da die Seele zunachst selbstandig, aber in einem gewissen
Sinne leer war. Wenn die Seele hinausschaute, bewaffnet mit dem
atherischen Leib, konnte sie nicht jenes mechanisch-mathematische
System in den Himmelserscheinungen sehen, das dann spater das
Kopernikanische geworden ist. Die Dinge wurden viel enger an den
Menschen gebunden genommen. Und da stellte sich nicht ein ganz
beliebig aus dem Menschen herausgerissenes Weltensystem hin,
sondern eben dasjenige Weltensystem, das dann, auch schon in De-
kadenz, als das Ptolemaische erscheint.
Aber als die Seele anfing, nicht mehr im Ather zu wurzeln mit
dem eigenen Atherleibe, da bereitete sich allmahlich auch jene
Stimmung vor, die spater eine Stemenwissenschaft begrundete, der
es gleichgiiltig war, ob der Mensch zum Stemenhimmel dazugehort
Oder nicht. Den einzigen Tribut, den dieser gewandelte Mensch der
alten Zeit brachte, war der, dafi er den Ausgangspunkt fiir sein me-
chanisches System dorthin verlegte, wo friiher der Christus gesehen
worden war, namlich in die Sonne. Die Sonne wurde durch Koper-
nikus zum Mittelpunkt des Weltenalls, aber nicht des geistigen, son-
dern des physischen Weltenalls gemacht. Darin lebt noch ein dunk-
les Gefiihl davon, wie stark die Menschheit einstmals die Sonne als
den Mittelpunkt der Welt mit dem Christus gefiihlt hat. Man muC
nicht nur die aufiere Erscheinung der Weltgeschichte betrachten,
wie das allmahlich Sitte geworden ist, sondern man mufi auch die
Entwickelung der Empfindungen etwas ins Auge fassen.
Da wird man gerade, wenn man den Kopemikus wirklich zu le-
sen versteht, in diesem merkwiirdigen Empfindungselemente, das
einem bei Kopernikus entgegentritt, merken: Er rechnete nicht nur;
er hatte einen innerlichen Empfindungstrieb, der Sonne irgend et-
was von dem Alten zuriickzugeben. Durch diesen innerlichen Emp-
findungstrieb war es gekommen, dafi er drei Gesetze fand, von de-
nen das dritte eigentlich alles wiederum in einen gewissen fragwiir-
digen Zustand bringt, was in den zwei ersten gesagt ist. Denn Ko-
pemikus hat ein drittes Gesetz, das dann die spatere Astronomie
einfach ausgelassen hat, weil sie alles mechanisiert hat. Er hat ein
Gesetz, wonach die Bewegung der Erde um die Sonne durchaus
nicht so absoiut hingestelit wird, wie man sie heute ansieht. Heute
sieht man ja, wie ich schon erwahnt habe, die Sache als einen Tatbe-
stand an, der sich etwa ergeben wiirde fiir die Beobachtung, wenn
man sich einen Stuhl in den weiten Weltenraum, aber ziemlich weit
hinaus, stellen wiirde, und von dort aus dann sehen wiirde, wie die
Sonne ist und wie da die Erde herumkreist. Aber da miifite der
Stuhl draufien stehen, und auf dem miifite der entsprechende Schul-
meister sitzen, der sich nun das Weltensystem von da draufien an-
sieht. Ein Beobachtungsresultat ist das ja nicht. Kopemikus hatte,
ich mochte sagen, noch nicht ein so robust kontrares Gewissen in
solchen Dingen, wie es die spateren Menschen beim Mechanisieren
des ganzen Weltengebaudes batten. Er hat auch diejenigen Erschei-
nungen angefiihrt, die eigentlich dafur sprechen, dafi es doch nicht
so ganz unbedingt richtig ist mit der Bewegung der Erde um die
Sonne. Aber wie gesagt, dieses dritte Gesetz wurde ja einfach igno-
riert, unterschlagen von der spateren Wissenschaft. Man blieb bei
den zwei ersten - Erdendrehung um sich selbst, Drehung der Erde
um die Sonne - und hatte ein sehr einfaches System, das nun all-
mahlich in dieser einfachen Weise in den Schulen gelehrt wird.
Hier soil selbstverstandlich nicht gegen das Kopemikanische Sy-
stem Opposition getrieben werden. Es war notwendig im Laufe der
Menschheitsentwickelung. Heute ist aber die Zeit gekommen, wo
doch iiber die Dinge in einer solchen Weise gesprochen werden
muC, wie ich es in einem naturwissenschaftlichen Kursus in Stutt-
gart versucht habe, wo ich iiber astronomische Dinge sprach. Da
habe ich gezeigt, wie iiber diese Dinge doch ganz anders gedacht
werden mufi, als es im Sinne der heutigen materialistisch-mechani-
schen Konstruktion moglich ist.
Aber bei Kopernikus ist eben durchaus in der ganzen Auffassung
seines Systems noch eine Empfindung, die man so charakterisieren
kann, wie ich eben gesagt habe. Er wollte doch noch in einem ge-
wissen Sinne nicht blofi ein mathematisches Koordinatenachsen-
system fiir unser Sonnensystem schaffen und die Sonne in den
Mittelpunkt dieses Koordinatenachsensystems stellen, sondem er
wollte der Sonne zuriickgeben, was ihr dadurch genommen war, dafi
die Menschen nicht mehr den Christus in der Sonne wahmehmen
konnten.
Das sind Dinge, die Ihnen zeigen soUen, dafi man nicht nur die
aufiere Tatsache und den Gedankenwandel der Menschen in der ge-
schichtlichen Entwickelung verfolgen sollte, sondem auch die Um-
wandlung der Empfindungen. Das wurde zwar erst so, als der Me-
chanismus dann ganz voUkommen auftauchte. Bei Kopernikus, und
namentlich bei Kepler, kann man noch Empfindungen finden, bei
Newton sogar schon sehr stark. Ich habe im Naturwissenschaftlichen
Kursus ja schon auseinandergesetzt, wie Newton bei seiner mathe-
matisctien Naturphilosophie spater etwas unwohl wurde. Nachdem
er erst den Raum so betrachtet hatte, dafi er ihn mit lauter mathe-
matisch-mechanischen Kraften durchsetzte, und nachdem er spater
die Sache noch einmal durchsah, da wurde ihm schwiil dabei und da
sagte er, dafi das, was er so als abstrakten Raum mit den drei abstrak-
ten Dimensionen statuiert hatte, eigenthch das Sensorium Dei, das
Sensorium Gottes sei. Jetzt war es so fiir den etwas alter gewordenen
Newton, dessen Gewissen sich regte gegeniiber den mathematisch-
mechanischen Vorstellungen, dafi der Raum, den er geniigend ma-
thematisiert hatte, nun der wichtigste Raum im Gehim Gottes war,
namlich das Sensorium, der wichtigste Teil des Gehirns Gottes.
Man kam erst spater in die Lage, die erkennenden Menschen
vollstandig nurmehr auf ihre Gedanken, gar nicht mehr auf ihre
Empfindungen zu priifen. Newton mufi man noch auf seine Emp-
findungen priifen, Leibniz erst recht und iiberhaupt die Naturfor-
scher dieser Zeit. Und auch wer das Leben Galileis vomimmt, der
findet, ich mochte sagen, auf jeder Seite, wie da noch der ganze
Mensch hineinspielt. Dieser Gedankenapparat Mensch, der sich
selbst als seinen Gedankenapparat speist mit den Ergebnissen der
Beobaehtung und des Experimentes, so wie man eine Dampfma-
schine mit Kohle speist, dieser Mensch taucht ja erst spater auf, und
er wird erst spater der autoritative Fiihrer der voraussetzungslosen
Wissenschaft. Voraussetzungslos ist diese Wissenschaft eigentlich
nur aus dem Grunde, weil ihr eben jede Voraussetzung fehlt zur
wirklichen Erkenntnis.
Aber was eben hinzutreten mui$ zu den Errungenschaften der er-
starkten Seele, die ja allerdings jetzt nicht mehr eine leere Seele ist,
wie sie es im 4. nachchristlichen Jahrhundert wurde, sondern die
sich nun ihrerseits angefiillt hat mit vielen mathematisch-mechani-
schen Vorstellungen, das ist, dafi eben innerhalb des Ich das innere
Licht gefunden wird, das man vielleicht jetzt nicht mehr bloU Ich
nennen soUte, um nicht nur figiirlich oder symbolisch zu sprechen,
sondern das man nennen miifite: die stutzende Wesenheit fiir die
Seele.
Und damit lernen wir etwas erkennen, was im Laufe der Jahr-
hunderte immer mehr und mehr herauftauchte, was heute stark ist,
aber von den Menschen, die sich dariiber betauben, in die unterbe-
wufiten Untergriinde der Seele hinuntergeschoben wird: die Not zu
Christus. Nur eine geistige Erkenntnis, eine Erkenntnis des geisti-
gen Weltenalls kann dieser Not zu Christus entgegenkommen. Zu-
alledem, was wir als charakteristische Momente unseres eigenen
Zeitalters im 20. Jahrhundert anschauen miissen, gehort dies dazu:
die Not zu Christus und das innere Aufraffen der Seele zu der Kraft,
den Christus zu finden im Ich, hinter dem Ich, so wie er friiher vor
der Sonne gefunden worden ist.
Die Art und Weise, wie die Menschen zu dem Sonnengeiste
standen in der griechisch-lateinischen Zeit, war eine Abenddamme-
rung. Denn ganz hell, mochte ich sagen, seelisch-geistig hell sah den
Sonnengeist nur die urindische Periode. Jetzt leben wir in einer
Zeit, in der wir Morgendammerung fiihlen soUten, Morgendamme-
rung der wirklichen, durch die Kraft des Menschen errungenen
Christus-Erkenntnis. Die alte Erkenntnis des Sonnengeistes, die
noch Julianus der Apostat galvanisieren woUte, kann nicht mehr der
Menschheit in irgendeiner Weise Befriedigung gewahren. Schon das
Bestreben des Julianus war gegeniiber dem geschichtlichen Werden
ein vergebliches. Aber nach der Epoche der ersten vier Jahrhun-
derte, wo man eigentlich nicht gewufit hat, was man anfangen soUte
mit dem Christus, nach der Epoche, die dann gekommen ist, wo
man die Not nach dem Christus hatte, aber diese Not nur durch die
miindliche oder schriftliche Tradition befriedigen konnte, mufi das
Zeitalter kommen, das so etwas versteht wie den Zusatz zum Evan-
gelium: «Ich hatte euch noch viel zu sagen, aber ihr konnt es jetzt
nicht tragen.*
Ein Zeitalter mufi kommen, das versteht, was der Christus ge-
meint hat, wenn er sagte: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende
der Erdenzeiten.» Denn der Christus ist kein Toter, sondem ein Le-
bendiger. Er spricht nicht nur durch die Evangelien, er spricht fxir
das Geistesauge, wenn das Geistesauge sich den Geheimnissen des
Menschendaseins wiederum offnet. Da ist er jeden Tag und spricht
und offenbart sich. Und es ist eine schwache Menschheit, die gar
nicht die Zeit erstreben will, in der auch das gesagt werden kann,
was dazumal nicht gesagt wurde, weil die Menschen es noch nicht
tragen konnten, jene Menschen, die noch in einer Verfassung waren,
in der sie im Grunde genommen nicht verstehen konnten, was der
Christus ihnen bot.
Gewifi, die Umgebung konnte etwas davon verstehen, aber das
Evangelium ist ja fiir alle gesprochen, und dieser Ausspruch geht
natiirlich in die Weiten der Welt hinaus. Eine Menschheit mufi an-
gestrebt werden, welche den lebendigen Christus an die Stelle der
blofien Uberlieferung vom Christus setzt. Und es ist das Unchrist-
lichste auch sogar im Sinne der Uberlieferung, wenn man nur im-
mer dasjenige giiltig haben will, was niedergeschrieben ist, und
nicht das, was jeden Tag zu unserem nach Erleuchtung strebenden
Denken, zu unserem fiihlenden Herzen und zu unserem ganzen
woUenden Menschen heute als die Christus-Offenbarung aus der
geistigen Welt heraus spricht.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 6Januar 1923
Ich miifite Ihnen ein Buch vorlesen, wenn ich Ihnen mitteilen
woUte all die aufierordentlich lieben Worte und die Worte inniger
Verbindung mit dem, was hier durch die furchtbare Katastrophe
verloren worden ist. Ich werde mir erlauben, daher nur die Namen
derjenigen mitzuteilen, welche unterzeichnet haben solche Worte
des Anteiles, des Hingegebenseins an die Sache. Es sind zum Tail
Zeichen dafiir, wie tief in die Herzen vieler Menschen doch gegan-
gen ist, was von hier aus an die Welt mitgeteilt werden darf. Es sind
zum Teil auch Zeichen von wirklich tiefgefiihlten Wiinschen und
auch tatkraftigen Willensentschliefiungen, das wieder zu erringen,
was wir verloren haben. Die breite Anteilnahme an unserer Arbeit
und an unserem Verluste wird fiir viele von Ihnen ja gewifi eine
Quelle von Kraft sein konnen, und schon aus diesem Grunde darf
ich hier die Mitteilung von alledem machen. Denn unsere Sache
soli ja nicht blofi eine theoretische sein, unsere Sache soil eine Sache
der Arbeit, der Menschenliebe, des hingebungsvoUen Menschheits-
dienstes sein, und deshalb gehort zu dem, was von hier aus gespro-
chen werden soli, auch die Mitteilung dessen, was Tat oder Absicht
zur Tat ist. Ich werde mir nur erlauben, diejenigen Namen zu nen-
nen, die nicht Personlichkeiten angehoren, welche hier sind, denn
was sich die Herzen derer mitzuteilen haben, die hier sind, das ist ja
in diesen Tagen, in diesen Tagen des wirklich vom Schmerz durch-
wiihlten Zusammenseins mehr stumm, aber doch nicht weniger tief
und deutlich zum Ausdrucke gekommen. So werden Sie mir gestat-
ten, dais ich die lieben Freunde der Sache, die hier ihre Anteilnahme
auch schriftlich zum Ausdrucke gebracht haben, jetzt nicht beson-
ders anfiihre. Sie kennen sie ja. (Es folgte die Verlesung der Namen.)
Wir diirfen schon annehmen, dalJ in vielen Herzen dasjenige,
was hier versucht worden ist, tief eingewurzelt ist, und ich mochte
den heutigen Vortragsabend damit ausfiillen, dafi ich gewissermafien
episodisch die Betrachtungen dieser Tage unterbreche und des Um-
standes gedenke, da{J es zunachst ein Kursus war, welcher auswar-
tige Freunde in grofierer Anzahl zu den Freunden hinzugerufen hat,
die sonst hier im Goetheanum die anthroposophische Sache sich zu
erarbeiten versuchten. Und insbesondere mochte ich mich zuerst in
Gedanken wenden an die jungen, an die jiingeren Freunde, welche
zu diesem Kursus hierher gekommen sind, und die sich ja zur grofi-
ten Befriedigung gewifi von alien, welche es mit Anthroposophie
ernst meinen, in der letzten Zeit in so schoner, tiefer und herzlicher
Weise innerhalb dieser Bewegung eingefunden haben.
Wir miissen uns durchaus klar dariiber sein, welche Bedeutung
es hat, wenn sich junge Seelen, Seelen, welche in dem Streben darin-
nenstehen, dasjenige zu erwerben, was heute von einem jungen
Menschen erworben werden kann an Wissenschaft, Kunst und so
weiter, wenn solche Seelen sich finden, um mitzuarbeiten innerhalb
der anthroposophischen Bewegung. Diese jiingeren Freunde, die zu
diesem Kursus hier erschienen sind, gehoren ja nun auch zu denen,
die vor kurzer Zeit hierher gekommen sind, das Goetheanum gese-
hen haben, wiedergesehen haben und wohl gedacht haben, dafi sie
es in anderem Zustande bei ihrer Ruckreise verlassen werden, als
das jetzt der Fall ist. Und wenn ich vorzugsweise mich jetzt zuerst in
Gedanken an diese jiingeren Freunde wende, dann ist es doch so,
dafJ ein jeder, dem die anthroposophische Bewegung am Herzen
liegt, eigentlich als seine unmittelbare Seelensache alles empfinden
mul5, was irgendwelche Gruppen oder einzelne andere Menschen,
die innerhalb der Bewegung sich befinden, angeht. Die jiingeren
Freunde sind ja zum grofien Teil solche, welche den Weg finden
woUen zur anthroposophischen Arbeit aus dem heraus, was man
heute das Geistesleben nennt. Und insbesondere mochte ich zuerst
zu denen sprechen, welche dem akademischen Leben angehoren
und aus diesem heraus den Antrieb gefiihlt haben - aber kaum
durch dieses erzeugt sich innerhalb der anthroposophischen
Bewegung zu weiterem Streben mit andern Menschen zusammen-
zutun.
Da ist es ja ganz gewifi vor alien Dingen der heilige Ernst des
Strebens nach einer Erfiillung der menschlichen Seele mit Geistes-
leben, was diese jungen Leute getrieben hat. Innerhalb der Anthro-
posophie wird allerdings von einem Geistesleben gesprochen, das in
unmittelbarer Anschauung nicht auf jene leichte Weise erworben
werden kann, die man heute ganz besonders liebt. Und es wird ja
kein Hehl daraus gemacht - auch nicht in der Literatur, aus der sich
im weitesten Umkreise jeder iiberzeugen kann, was er innerhalb der
anthroposophischen Arbeit findet dai^ die Wege zur Anthroposo-
phie schwierig sind. Aber schwierig nur aus dem Grunde, weil sie
zusammenhangen mit dem Tiefsten, aber auch mit dem KraftvoU-
sten der Menschenwiirde, und weil sie auf der andem Seite auch zu-
sammenhangen mit dem, was unserem Zeitalter, unserer Epoche
ganz besonders notwendig ist, was geradezu so bezeichnet werden
darf, dafi der Einsichtige, der die Niedergangserscheinungen in
unserer Zeit richtig zu wiirdigen weilJ, die Notwendigkeit eines
solchen Fortschrittes anerkennen mufi, wie er von der anthropo-
sophischen Bewegung wenigstens versucht wird.
Nun darf durchaus nicht aufier acht gelassen werden, dafi die an-
throposophische Sache in mehrfacher Art fiir den Menschen der
Gegenwart etwas sein kann. Sie kann ihm allerdings dadurch etwas
werden, dafi er mit wirklicher innerer Hingabe versucht, zur An-
schauung der geistigen Welten selbst zu kommen, um sich dadurch
zu iiberzeugen, dafi alles, was hier mitgeteilt wird aus den geistigen
Welten, durchaus auf Wahrheit fuUt. Aber ich mufJ immer und im-
mer wieder betonen, dafi, so notwendig es ist, dafi einzelne oder viel-
leicht eine unbegrenzte Zahl von Menschen in der Gegenwart die-
sen emsten, schwierigen Weg gehen, auf der andem Seite aber doch
jeder, der nur unbefangenen, gesunden Menschenverstand hat, eine
voUig auf wirkliche innere Griinde gestiitzte Einsicht in die Wahr-
heit der Anthroposophie gewinnen kann.
Das mufi immer wieder und wieder betont werden, damit nicht
der Einwand, der ganz ungiiltig ist, scheinbar Geltung sich ver-
schaffe: dafi eigentlich nur derjenige, der hellsehend in die geistige
Welt hineinblickt, irgendwie ein Verhaltnis gewinnen konne zu
dem, was in der anthroposophischen Bewegung als Wahrheit ver-
kiindet wird. Das heutige allgemeine Geistesleben, die allgemeine
Zivilisation und Kultur, sie bringen ja allerdings so viele Vorurteile
vor den Menschen hin, dafi er wegen dieser Vorurteile zur voUigen
Besinnung im gesunden Menschenverstande nur schwer kommen
kann, um auch ohne Hellsehen sich von der Wahrheit der anthro-
posophischen Sache zu iiberzeugen.
Aber gerade dazu soUte die Anthroposophische Gesellschaft die
Wege weisen, und in dieser Richtung sollte sie ihre Arbeit leisten,
dafi die Vorurteile der gegenwartigen Zivilisation immer mehr und
mehr hinweggeraumt werden. Wenn die Anthroposophische Ge-
sellschaft nach dieser Richtung ihre Pflicht tut, dann darf man sich
der Hoffnung hingeben, dafi jene inneren Erkenntniskrafte auch
ohne Hellsehen denjenigen erwachsen, die aus irgendwelchen
Griinden die exakte Clairvoyance, von der hier gesprochen werden
mufi, nicht anstreben konnen; dafi sie doch zu einer voUkraftigen
tiberzeugung von der Giiltigkeit der anthroposophischen Erkennt-
nis kommen konnen.
Aber es kann noch ein ganz besonderer Weg sein, den nun der
jiingere akademische Mensch heute zur Anthroposophie fur sich
finden kann. Sehen Sie, was eigentlich heute das akademische Stu-
dium geben sollte und geben konnte, ware der gediegenste Aus-
gangspunkt, um auch zur eigenen Anschauung - ich sage ausdriick-
lich: zur eigenen Anschauung - des anthroposophischen Geistesgu-
tes zu kommen, wenn Wissenschaft und Erkenntnis und inneres
Leben innerhalb unseres Schulbetriebes so vorhanden waren, wie
die Moglichkeit dazu eben heute durchaus vorliegt.
Aber bedenken Sie einmal, wie wenig innerlich verbunden inner-
halb der gegenwartigen Zivilisation der jiingere Mensch heute mit
dem ist, was er als seine Wissenschaft, als seine Erkenntnis erstreben
soil. Bedenken Sie, wie es zumeist heute nicht anders sein kann, als
dafi mehr oder weniger als etwas Aufierliches die einzelnen Wissen-
schaften an den jiingeren Menschen herankommen. Sie treten ja
heran mit einer Systematik, die durchaus nicht geeignet ist, die oft-
mals aufierordentlich bedeutungsvoUen, sogenannten empirischen
Erkenotnisse in ihrem ganzen Wert sprechen zu lassen. Ja, es gibt
heute innerhalb einer jeden Wissenschaft, die gepflegt wird, erschiit-
temde Wahrheiten, manchmal erschiittemde Wahrheiten in Einzel-
heiten, in Spezialitaten. Und es gibt namentlich solche Wahrheiten,
von denen ich behaupten mochte, dafi wenn sie richtig an den jun-
gen Menschen herantreten wiirden, sie wirken wiirden wie eine Art
seelischen Mikroskops oder Teleskops, so dalS, wenn sie von der
Seele richtig verwendet werden konnten, sie ungeheure Geheim-
nisse des Daseins aufschliefien wurden.
Aber gerade von solchen Dingen, die ungeheuer aufschlufige-
bend sein wurden, wenn sie richtig gepflegt vmrden, die die Herzen
und die Seelen hinreiflen wiirden, wenn sie aus den Tiefen der
Menschheit und der Personlichkeit heraus innerhalb des akademi-
schen Lebens an die Jugend herankamen, gerade von solchen Din-
gen muC heute vielfach gesagt werden, dafi sie innerhalb einer aus-
gesponnenen gleichgiiltigen Systematik oftmals eben mit Gleichgiil-
tigkeit an die Jugend herangebracht werden, so dafi das Verhaltnis
der Jugend zu dem, was unsere empirische Wissenschaft auf den
mannigfaltigsten Gebieten an Aufschlufimoglichkeiten hervorge-
bracht hat, ein durchaus Aufierliches bleibt. Und man mochte sa-
gen: Mancher, ja wohl die meisten unserer jungen akademischen
Menschen gehen heute durch das Studium ohne inneren Anteil, las-
sen die Sache gewissermafJen mehr oder weniger als ein Panorama
an sich voriibergehen, um dann mit den notigen Wiederholungen
die Examina machen zu konnen und eine Lebensstellung zu finden.
Es klingt ja fast paradox, wenn man sagen wiirde, es soUten auch
die Herzen der akademischen Jugend bei jeglichem sein, das ihnen
vorgebracht wird. Ich sage, das klingt wie ein Paradoxon, obwohl es
so sein konnte! Denn die Moglichkeit ist vorhanden, weil fiir denje-
nigen, der gerade dazu eine subjektive Anlage hat, heute manchmal
das trockenste Buch oder der trockenste Vortrag geniigen kann, um,
wenn auch nicht auf die Kraft des Schreibers oder des Vortragenden
hin, so doch vielleicht aus der eigenen Kraft heraus, tief auch dem
Herzen nach ergriffen zu werden. Aber ich mufi ja sagen: Manchmal
geht es einem schon ganz tief zur Seele, wenn man, vielleicht sogar
bei den besten der jungen Freunde, die herankommen zur anthro-
posophischen Bewegung, merkt, dafi sie nicht durch ihre Schuld,
sondem durch ihr Schicksal innerhalb des heutigen Zivilisations-
lebens nicht nur fiir ihr Herz nichts bekommen haben aus dem ge-
genwartigen Erkenntnisbetrieb heraus, sondem - vielleicht werden
mir es manche nicht verzeihen, aber die meisten der jungen Akade-
miker, die hier sind, werden es wohl verstehen -, sondem auch
nichts fur ihren Kopf.
Wir sind heute in diesem Zeitalter durch die naturwissenschaftli-
che Entwickelung, die ich wahrend dieses naturwissenschaftlichen
Kurses zu charakterisieren versuchte, bei einem Punkte der Zivilisa-
tionsentwickelung angelangt, in dem es moglich ware, dafi ohne alle
Anthroposophie, durch blofien vollmenschUchen Betrieb des wis-
senschaftlichen und Erkenntnislebens, die jungen Menschen aus der
gewohniichen Naturwissenschaft heraus das erleben miifiten, was
ich nennen mochte eine Art tiefer seeUscher Beklemmung. Ja, die
Naturwissenschaft der Gegenwart ist so, dafi gerade derjenige, der
sie emsig und fleifiig studiert und ihre Dinge emst nimmt, etwas wie
eine seeHsche Beklemmung empfindet, etwas von dem empfinden
kann, was iiber die menschhche Seele kommt, wenn sie ringt mit
dem Erkenntnisproblem. Denn wer sich ein bifichen umsieht aus
dem oder jenem heraus, was innerhalb der Naturwissenschaft heute
vorliegt, an den treten grofie Weltprobleme heran, Weltprobleme,
die aber oftmals eingekleidet sind, ich mochte sagen, in kleine For-
muliemngen von Tatsachen. Und diese Formuliemngen von Tatsa-
chen drangen einen dahin, etwas in der eigenen Seele zu suchen,
was gerade deshalb, weil diese naturwissenschaftlichen Wahrheiten
vorhanden sind, als Ratsel gelost werden mufi. Sonst kann man
nicht leben, sonst fiihlt man sich beklemmt.
O ware diese Beklemmung die Fmcht unseres naturwissenschaft-
lichen Studiums! Dann wiirde aus dieser Beklemmung, die den gan-
zen Menschen ergreift, nicht allein die Sehnsucht nach der geistigen
Welt entstehen, sondern auch die Begabung, in die geistige Welt
hineinzuschauen. Auch dann, wenn man Erkenntnisse nimmt, die
den Menschen nicht befriedigen konnen, kann gerade durch das
richtig an die Seele und an das Herz herangebrachte Unbefriedi-
gende das hochste Streben entfacht werden.
Das ist es, was man manchmal als so furchtbar empfindet, als so
niedersbhmettemd empfindet innerhalb des Erkenntnisbetriebes
der Gegenwart, dafi gar kein Anspruch darauf gemacht wird, fiihlen
zu lassen, wie die Dinge, die in der Gegenwart da sind, auf den gan-
zen Menschen so wirken konnen, dafl er gehindert wird in seinem
jungen Leben, iiberhaupt an das Menschenwurdigste heranzukom-
men, wenn er nicht gerade aus einer besonders veranlagten Sehn-
sucht heraus sich frei macht von dem, was ihn nur mit den Hinder-
nissen behaftet, die in den Weg gelegt werden.
Und wenn man von den Naturwissenschaften weg zu den Gei-
steswissenschaften sieht: sie sind wahrend des naturwissenschaft-
lichen Zeitalters in einen Zustand gekommen, dafi, wenn man als
junger Mensch, mit einer Anleitung, die diese Geisteswissenschaf-
ten wiederum vom vollmenschlichen Standpunkte aus behandeln
wiirde, sich ihnen so hingeben konnte, man durch sie wenigstens
etwas bekommen wiirde, was ich nennen mochte eine seelische
Atemnot. Denn alle die abstrakten Ideen, die Ergebnisse dokumen-
tarischer Forschung und all das andere, was heute in den Geisteswis-
senschaften enthalten ist, das wiirde, wenn es wenigstens mit
menschlichem Anteil an den jungen Menschen herangebracht
wiirde, ja gerade das Ziel verfolgen konnen, in ihm diese Atemnot
der Seele zu erzeugen, die den Drang in ihm erwecken wiirde,
hinaufzusteigen in die frische Luft, die in das Gebiet der heutigen
Geistesbetrachtung durch anthroposophische Weltanschauung
gebracht werden soil.
Wer dem Geiste meiner Vortrage iiber die naturwissenschaftliche
Entwickelung der neueren Zeit gefolgt ist, wird gewifi nicht sagen
konnen, dafi ich eine iiberfliissige Kritik an diese Naturwissenschaft
der Gegenwart angelegt habe. Im Gegenteil, ich habe durch meine
Vortrage ihre Notwendigkeit bewiesen, habe versucht zu beweisen,
daiJ die Naturwissenschaft und schlielSlich auch die Geisteswissen-
schaft der Gegenwart nichts anderes sein konnen als Grundlagen,
denn sie dienten und miissen dienen zu Grundlagen der Zivilisa-
tion, die einmal gelegt werden miissen, damit darauf weitergebaut
werden kann.
Aber der Mensch kann nicht anders, als Mensch sein, voUer
Mensch sein nach Leib, Geist und Seek. Und indem der heutige
junge Mensch in einem Zeitalter leben mu{5, in dem ihm notwen-
digerweise etwas entgegentritt, was den Menschen gar nicht enthalt,
konnte dennoch das edelste und auch kraftvoUste menschliche Stre-
ben erregt werden, wenn eben nur dasjenige, was notwendig, aber
nicht menschlich befriedigend ist, im hochsten Sinne des Wortes
aus voUer Menschlichkeit ihm heute entgegengebracht wiirde.
Wenn das so geschahe, dann wiirden unsere jungen Leute nichts an-
deres brauchen, als die Errungenschaften der heutigen physikali-
schen, der heutigen Geisteswissenschaften an den Akademien selber
zu horen, und sie wiirden gerade daraus nicht nur den innersten
Drang, sondem auch die Befahigung erhalten, Geisteswissenschaft
in VoUmenschlichkeit in sich aufzunehmen. Und aus dem, was
dann leben wiirde in den jungen Menschen, wiirde ganz von selbst
erwachsen, dafi ihnen die anthroposophische Gestalt der Wissen-
schaft auch diejenige wiirde, die notwendig ist, damit wir weiter-
kommen in der Zivilisation der Menschheit.
Ich glaube, dafJ unsere jiingeren Freunde, wenn sie sich die viel-
leicht etwas paradox klingenden Worte, die ich gesprochen habe,
richtig iiberlegen, damit einigermafien charakterisiert finden werden
die wichtigsten der Leiden, die sie wahrend ihrer akademischen Zeit
durchzumachen hatten. Und ich darf annehmen, da{5 in diesem Lei-
den bei der Mehrzahl der Grund liegt, warum sie zu uns gekommen
sind. Aber dieses Leiden gehort bei vielen schon einer Vergangen-
heit, einer nicht mehr einzuholenden Vergangenheit an. Denn was
man eigentlich in einer gewissen Zeit der Jugend haben soUte, das
kann man ja in derselben Gestalt spater nicht mehr haben. Aber
dennoch glaube ich, dafi eines als Ersatz dienen kann. Was Ersatz
sein soil fiir das, was man nicht mehr haben kann. das ist die
Erkenntnis der Aufgabe, die insbesondere auch die jiingeren Leute
unter uns haben, zur Pflege des anthroposophischen Lebens in der
Gegenwart.
Stellt Ihr Euch diese Aufgabe: zu tun fiir die anthroposophische
Bewegung, was Ihr aus Eurer eigenen Uberzeugung entweder schon
wisset, das fur sie zu tun ist, oder wovon Ihr im Laufe der Zeit Euch
in Eurem eigensten Innem, in Eurem ganz individuellen Innem
iiberzeugen konnt, dafi es notwendig ist fiir die weitere Zivilisation
der Menschheit, dann werdet Ihr eines in Eurem Herzen einmal tra-
gen konnen, tragen konnen langer als dieses Erdenleben wahret:
Dann werdet Ihr tragen konnen das Bewufitsein, in einem Zeitalter
der grolJten menschlichen Schwierigkeiten Eure Pflicht gegeniiber
der Menschheit und der Weh getan zu haben. Und das wird ein
reichlicher Ersatz fiir dasjenige sein, was Ihr mit Recht verloren-
geben moget
Empfindet man so recht, wie es steht mit der Jugend innerhalb
unseres Zeitalters, dann sieht man auch in der richtigen Weise auf
die Tatsache hin, dafi akademische Jugend innerhalb unserer Kreise
sich eingefunden hat, und dann wird wohl auch, wenn ich mich so
ausdriicken darf, nach und nach das Talent entstehen, ein Verhaltnis
zu dieser Jugend zu gewinnen von seiten derjenigen innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft, welche ihr, nun, sagen wir, nicht
als Jugend angehoren, in dieser oder jener Beziehung.
Aber ich glaube, es gibt ein Wort, welches aus unserer gegenwar-
tigen Trauerlage herkommen kann, das ich auch zu den altesten
Mitgliedem der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen kann,
und das ist dieses: Dafi der Mensch, der heute sich als Mensch rich-
tig versteht, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ja er-
fahren kann, was wiederum mit Ernst betrachtet werden mufi, wenn
die Zivilisation der Menschheit weitergehen soil, wenn die Nieder-
gangskrafte nicht die Oberhand gewinnen soUen iiber die Aufgangs-
krafte. - Es ist ja nahezu so weit gekommen innerhalb der allgemei-
nen Kultur und Zivilisation der Gegenwart, dafi es fast komisch
klingt, wenn einer sagt: Wenn der Mensch in seinem Geistig-Seeli-
schen ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, so sollte er da-
fiir gesorgt haben, dafi sein Geistig-Seelisches sich wahrend dieser
Zeit in der richtigen Weise verhalten kann. - Aber innerhalb der an-
throposophischen Bewegung erfahren Sie ja, dafS dieses Geistig-See-
lische, wie es lebt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, der
Keim ist, den wir in die Ewigkeit der Zukunft hinaustragen. Was
wir im Bette zuriicklassen, wenn wir schlafen, dasjenige, was von
uns sichtbar ist, wenn wir vom Morgen bis zum Abend unser Tages-
werk voUbringen, das tragen wir nicht hinaus durch die Pforte des
Todes in die geistige, in die iibersinnliche Welt. Wohl aber tragen
wir jenes geistig Peine hinaus, das aufierhalb des physischen und des
Atherleibes vorhanden ist, wenn der Mensch sich zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen befindet Sehen wir jetzt davon ab, wel-
che Bedeutung das Schlafesleben fiir den Menschen hier auf Erden
hat - das aber kann durch anthroposophische Geisteswissenschaft
dem Menschen klarwerden, dafi jenes Peine, Substantielle, welches,
fiir das gewohnliche Bewufitsein unwahrnehmbar, zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen lebt, gerade dasjenige ist, was er an sich
tragen wird, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist,
wenn er in andem Welten, als es diese Erdenwelt ist, seine Aufgabe
zu verrichten hat.
Aber die Aufgaben, die er da zu verrichten hat, er wird sie ver-
richten konnen, je nachdem er dieses Geistig-Seelische gepflegt hat.
O meine lieben Preunde, in jener geistigen Welt, die um uns ist
ebenso wie die physische Welt, leben auch diejenigen Menschensee-
lenwesen ein gegenwartiges Dasein, die jetzt eben nicht in einem
physischen Leibe sind, sondem vielleicht jahrzehnte-, jahrhunderte-
lang noch zu warten haben auf ihre nachste Erdenverkorperung.
Diese Seelen, sie sind da, wie wir physischen Menschen auf Erden
da sind. Und in dem, was hier unter uns physischen Menschen ge-
schieht, was wir dann spater das geschichtliche Leben nennen, in
dem wirken nicht nur die Erdenmenschen, in dem wirken auch die-
jenigen Krafte, die sich hereinerstrecken aus Menschen, die gegen-
wartig zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. Diese
Krafte sind da. Wie wir unsere Hande ausstrecken, so strecken diese
Wesen ihre Geisterhande in die unmittelbare Gegenwart herein.
Und eine wiiste Geschichtsschreibung ist es, wenn nur die Doku-
mente verzeichnet werden, welche vom Irdischen handeln, wahrend
die wahre Geschichte, die sich auf Erden abspielt, mitbewirkt wird
von den aus der geistigen Welt hereinwirkenden Geisteskraften
dereij die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. Wir
arbeiten auch mit den nicht auf der Erde verkorperten Menschen
zusammen.
Und so wie wir eine Siinde begehen wider die Menschheit, wenn
wir die Jugend nicht in der rechten Weise erziehen, so begehen wir
eine Siinde wider die Menschheit, eine Siinde wider die edelste Ar-
beit, die aus unsichtbaren Welten von den nicht verkorperten Men-
schen verrichtet werden soli, wir begehen eine Siinde an der Ent-
wickelung der Menschheit, wenn wir unser eigenes Geistiges nicht
pflegen, damit es so durch die Pforte des Todes geht, dafi es dort
bewufiter und bewufiter sich entwickeln kann. Denn wenn das
Geistig-Seelische nicht auf Erden gepflegt wird, dann geschieht
es, dafi dieses Bewufitsein, das in einer gewissen Weise sofort und
dann immer mehr und mehr zwischen dem Tod und einer neu-
en Geburt aufleuchtet, dafi dieses Bewufitsein getriibt bleibt bei all
den Seelen, die hier kein geistiges Leben pflegen. Wird sich der
Mensch seiner voUen Menschlichkeit bewufit, dann gehort das
Geistige dazu.
Das soUte der Ernst der Menschen der Gegenwart sein, die in
rechter Art etwas verstehen von den Impulsen der anthroposophi-
schen Bewegung, daC sie wissen, in welcher Weise das durch anthro-
posophische Geisteswissenschaft Erworbene ein Weltenlebensgut,
eine Weltenlebenskraft ist; dafS es eine Sunde begehen heifit im ho-
heren Sinne, wenn man unterlafit, dasjenige zu pflegen, was da sein
mufi, um die Erde, um die Erdenmenschheit weiterzuentwickeln,
weil es zum Untergange des Irdischen fiihren mufi, wenn es nicht
da ist. Und in vielem kommt es darauf an, neben dem, was man viel-
leicht gem mehr oder weniger theoretisch hinnimmt aus der Gei-
steswissenschaft, zu empfinden den tiefen Ernst, der darin liegt, sich
zu verbinden mit einer im Geiste zu ergreifenden, umfassenden
Menschheitsangelegenheit.
Und das ist etwas, was nun nicht fiir eine besondere Menschen-
kategorie gilt, das ist etwas, was ganz gewifi fiir Junge und Alte gilt.
Das scheint mir aber auch dasjenige zu sein, in dem sich Junge und
Alte zusammenfinden konnen, damit ein Geist einmal herrsche
innerhalb dessen, was Anthroposophische Gesellschaft ist.
Mogen die jiingeren Leute ihr Bestes bringen, ni5gen die alteren
Leute dieses Beste verstehen, moge Verstandnis von der einen Seite
Verstandnis auf der andem Seite finden, dann allein kommen wir
vorwarts. Lassen Sie uns aus den traurigen Tagen, die wir durchge-
macht haben, aus dem schmerzlichen Leid, mit dem wir durchdrun-
gen sind, Entschliisse in unser Herz eindringen, die nicht blofJe
Wiinsche, nicht blofie Gelobungen sind, sondem die so tief in unse-
ren Seelen sitzen, dafi sie Taten werden konnen. Auch im kleinen
Kreise werden wir, wenn wir den grofien Verlust ausgleichen wol-
len, Taten brauchen.
Jugendtaten sind, wenn sie in den richtigen Wegen gehen, wel-
tenbrauchbare Taten. Und das Schonste, was man als aiterer Mensch
wollen kann, ist, zusammenarbeiten zu konnen mit denjenigen
Menschen, die noch Jugendtaten verrichten konnen. Wenn man das
in der richtigen Weise weifi, o meine lieben Freunde, dann kommt
einem die Jugend wohl auch verstandnisvoU entgegen. Und nur
dann werden wir selbst das allein tun konnen, was zum Ausgleich
unseres grofien Verlustes notwendig ist, wenn die Jugend, die uns
das entgegenbringen kann, was einstmals fiir die Zukunft notwen-
dig ist, sehen kann - und ganz gewifi dann zu ihrer eigenen Befriedi-
gung an schonen Beispielen sehen kann, was die alteren Leute zur
Ausgleichung dieses Verlustes tun konnen. Bemiihen wir uns, dalS
wir voneinander Rechtes, Kraftvolles sehen konnen, damit sich
Kraft an Kraft erkrafte, dann allein werden wir vorwartskommen.
DRITTER VORTRAG
Domach, Tjanuar 1923
Ich mochte heute innerhalb des veranstalteten Kurses eine Betrach-
tung anschlieCen an das Vorangehende, die allerdings etwas weiter
hergeholte Ergebnisse der Geisteswissenschaft iiber den Menschen
brihgen soil. Ergebnisse, welche zeigen soUen, wie der Mensch in
das Weltenall hineingestellt ist Wir sprechen vom Menschen so,
dafi wir zunachst den Blick auf seine physische Organisation rich-
ten, dann auf das, was sich der geistigen Forschung enthiillt, den
Ather- oder Lebensleib, den astralischen Leib und die Ich-Organisa-
tion. Aber wir verstehen diese GHederung des Menschen noch
nicht, wenn wir einfach diese Dinge in einer Reihenfolge aufzahlen,
denn ein jedes dieser Glieder ist in einer andem Weise in das Wel-
tenall eingeordnet. Und nur dann, wenn wir die Einordnung der
verschiedenen Glieder in das Weltenall verstehen, konnen wir uns
iiberhaupt eine Vorstellung von der Stellung des Menschen im Uni-
versum machen.
Wenn wir den Menschen betrachten, wie wir ihn vor uns haben,
so sind diese vier Glieder der menschlichen Natur in einer zunachst
ununterscheidbaren Weise ineinandergefiigt, zu einer Wechselwir-
kung vereinigt, und um sie zu verstehen, mufi man sie gewisserma-
fien erst auseinanderhalten, jedes fixr sich in seinem besonderen Ver-
haltnisse zum Weltenall betrachten. Wir werden, nicht in einer um-
fassenden Weise, aber von einem gewissen Gesichtspunkte aus eine
solche Betrachtung anstellen konnen, wenn wir dies in der folgen-
den Weise tun.
Lenken wir den Blick auf das mehr Peripherische des Menschen,
auf das Aufiere, auf die Umgrenzung. Da begegnen uns zunachst die
Sinne. Wir wissen allerdings aus andem anthroposophischen Be-
trachtungen, dafS wir gewisse Sinne erst entdecken, wenn wir gewis-
sermafien unter die Oberflache der menschlichen Form, in das
menschliche Innere hineingehen. Aber im wesentlichen wiirden wir
auch die Sinne, welche uns von unserem eigenen Inneren unterrich-
ten, zunachst auf eine sehr unbewufite Art in ihrem Ausgangs-
punkte, eben auf der Innenseite der Oberflache des Menschen zu
suchen haben. So dafi man sagen kann, alles, was Sinn ist am Men-
schen, ist an der Oberflache zu suchen. Man braucht nur einen der
auffalligsten Sinne ins Auge zu fassen, zum Beispiel das Auge selbst
oder das Ohr, und man wird finden, dafi der Mensch gewisse Ein-
driicke von aufien haben mufi. Wie es sich mit ihnen wirklich ver-
halt, das mufi ja natiirlich immer erst ersehen werden in einer einge-
henderen Betrachtung, in einer eingehenderen Forschung, die wir
fur manche Sinne auch schon hier in diesem Raum angestellt ha-
ben. Aber so, wie sich die Dinge im AUtagsleben darstellen, kann
man etwa sagen: Ein solcher Sinn, wie das Auge oder das Ohr,
nimmt durch aufiere Eindriicke die Dinge wahr.
Nun ist die Stellung des Menschen im Irdischen so, dafi leicht zu
ersehen ist, dafi man die Hauptrichtung, in der die Wirkungen der
Dinge eintreffen, damit er zu sinnlichen Wahrnehmungen kommt,
annahemd ^horizontal* nennen konnte. Eine genauere Betrachtung
wiirde auch zeigen, daC die Behauptung, die ich jetzt getan habe,
restlos richtig ist. Denn wenn es scheint, als ob wir in einer andem
Richtung wahrnehmen wiirden, so beruht das blofi auf einer Tau-
schung. Es mufi jede Wahmehmungsrichtung zuletzt in die Hori-
zontale fallen. Und die Horizontale ist diejenige Linie, welche paral-
lel zur Erde ist. Wenn ich also schematisch zeichne, so miifite ich
sagen: Ist das die Erdoberflache und darauf der wahmehmende
Mensch, so ist die Hauptrichtung seines Wahrnehmens diese, wel-
che mit der Erde parallel ist (Zeichnung S. 42, links). In dieser Rich-
tung verlaufen die Richtungen all unseres Wahrnehmens.
Und wenn wir den Menschen betrachten, so werden wir auch
unschwer sagen konnen: Die Wahrnehmungen kommen von
aufien, gehen gewissermafien von aufien nach innen. - Was bringen
wir ihnen von innen entgegen? Wir bringen ihnen von innen entge-
gen das Denken, die Vorstellungskraft. Sie brauchen sich diesen
Vorgang nur vor Augen zu fiihren. Sie werden sich sagen: Wenn ich
durch das Auge wahrnehme, kommt der Eindruck von auiSen, die
Vorstellungskraft, die kommt von innen (Zeichnung S. 42, rechts).
Von aufien kommt der Eindruck, wenn ich den Tisch sehe. Dafi ich
den Tisch dann auch in der Erinnerung mit Hilfe einer Vorstellung
behalten kann, dazu kommt die Kraft des Vorstellens von innen. So
dafj wir also sagen konnen: Wenn wir uns schematisch einen Men-
schen vorstellen, so haben wir die Richtung des Wahmehmens von
aufien nach innen, die Richtung des Vorstellens von innen nach
aufien. Was wir da ins Auge fassen, bezieht sich auf die Wahmeh-
mungen des alltaglichen Lebens des Erdenmenschen, jenes Erden-
menschen, wie er sich in unserem gegenwartigen Zeitalter der Erden-
entwickelung aufierlich offenbart. Es ist das, was ich oben erwahnt
habe, der Tatbestand des gewohnlichen Bewufitseins. Aber wenn Sie
die anthroposophische Literatur durchgehen, werden Sie finden,
dafi es andere Bewufitseinsmoglichkeiten gibt als diejenigen, die
eben fiir den Erdenmenschen im alltaglichen Leben vorhanden
sind.
Nun versuchen Sie einmal, wenn auch nur annahemd und ver-
schwommen, sich ein Bild zu machen von dem, was da durch den
Erdenmenschen wahrgenommen wird. Sie sehen das, was auf Erden
vorhanden ist, in Farben, horen es in Tonen, nehmen es in War-
meempfindungen wahr und so weiter. Sie schaffen sich Konturen
fiir das, was wahrgenommen wird, so dafi Sie die Dinge gestaltet
wahmehmen. Nun ist aber dasjenige, in dem wir uns da zusammen
mit unserer Umgebung wissen, eben nur der Tatbestand des ge-
wohnlichen alltaglichen Bewufitseins. Es gibt eben andere Be-
wufStseinsmoglichkeiten, die beim Erdenmenschen mehr unbewufit
bleiben, die in die Tiefen des Seelenlebens gedrangt sind, die aber
fiir dieses menschliche Leben von einer ebenso groCen, oft viel gro-
fieren Bedeutung sind als solche Bewufitseinstatsachen, die sich in
dem erschopfen, was ich bisher erwahnt habe.
Fiir die menschliche Konstitution, fur das, was der Mensch auf
Erden ist, da ist dasjenige, was innerhalb der Erdoberflache ist,
ebenso wichtig wie das, was im Umkreise der Erde ist. Der Umkreis
der Erde, was um die Erde herum ist, das ist es eben, was fiir die ge-
wohnlichen Sinne wahmehmbar ist, was durch die der Sinneswahr-
nehmung entgegenkommende Vorstellungskraft nun einmal das
Bewufitsein des gewohnlichen Erdenmenschen werden kann.
Aber betrachten wir zunachst das Innere der Erde. Eine gewohn-
liche Uberlegung wird Ihnen sagen konnen, dafi das Innere der Erde
sich dem gewohnlichen Bewufitsein verschliefit. Gewifi, wir konnen
eine kurze Strecke in die Erde hineingraben und dann in den L6-
chem, sagen wir in Bergwerken, ebenso beobachten, wie wir auf der
Oberflache beobachten. Aber das ist nicht anders, als wenn wir vom
Menschen den Leichnam betrachten. Wenn wir einen Leichnam be-
obachten, so beobachten wir ja nur etwas, was eigentlich nicht mehr
der ganze Mensch ist, was ein Rest des ganzen Menschen ist; wer
diese Dinge richtig anschauen kann, mufi sogar sagen: was das Ge-
genteil des Menschen ist. Das Wirkliche des Erdenmenschen ist der
lebendig herumgehende Mensch, und dem ist angemessen dasje-
nige, was er an Knochen, Muskeln und so weiter in sich tragt. Dem
lebendigen Menschen entspricht als eine Wahrheit der Knochen-
bau, der Muskelbau, der Nervenbau, entsprechen Herz, Lunge und
so weiter. Wenn ich den Leichnam vor mir habe, so entspricht das
ja nicht mehr dem Menschen. An dem Gebilde, das ich als Leich-
nam vor mir habe, gibt es gar keinen Grund, daf? eine Lunge, ein
Herz oder ein Muskelsystem da sein soil. Daher zerfallen sie auch.
Sie erhaken eine Weile die Form, die ihnen aufgedrangt ist. Aber
ein Leichnam ist eigentlich eine Unwahrheit, denn so, wie er ist.
kann er nicht bestehen, mufi er sich auflosen. Er ist keine Wirklich-
keit. Ebenso ist das keine Wirklichkeiti was ich im Inneren der Erde
finde, wenn ich hineingrabe, weil die geschlossene Erde auf den dar-
aufstehenden Mensclien anders wirkt, als das, was der Mensch,
wenn er auf der Erde steht, als die Umgebung der Erde durch seine
Sinne betrachtet. Sie konnen sagen, wenn Sie zunachst die Sache
seelisch betrachten: Die Umgebung der Erde ist in der Lage, auf die
gewohnlichen Sinne des Menschen zu wirken und begriffen zu wer-
den durch das Vorstellungsvermogen des gewohnlichen Erdenbe-
wufitseins. Das, was im Inneren der Erde ist, wirkt auch auf den
Menschen, aber es wirkt nicht in der horizontalen Richtung, es
wirkt von unten nach oben. Es geht durch den Menschen durch
(Zeichnung S. 46, links, roter Pfeil). Und wahrend des gewohnlichen
BewufJtseins nimmt der Mensch dasjenige nicht in derselben Weise
wahr, was da von unten nach oben wirkt, wie er durch seine ge-
wohnhchen Sinne das wahmimmt, was in seiner Erdenumgebung
ist. Denn wiirde der Mensch in derselben Weise das, was von der
Erde heraufwirkt, wahmehmen, wie er dasjenige wahmimmt, was in
der Erdenumgebung ist, dann wiirde er gewissermafien eine Art
Auge oder eine Art Getast haben miissen, um hineinzugreifen in die
Erde, ohne dafi er ein Loch hineingrabt, um die Erde ebenso zu
durchgreifen, wie man die Luft durchgreift, wenn man etwas an-
greift, oder wie man die Luft durchschaut, wenn man etwas an-
schaut. Wenn Sie durch die Luft schauen, graben Sie nicht ein Loch
durch die Luft. Wenn Sie ein Loch durch die Luft graben und dann
erst anschauen wiirden, so wiirden Sie die Umgebung so anschauen,
wie Sie in einem Bergwerk die Erde anschauen. Wenn Sie also nicht
ein Loch zu graben brauchten, um das Innere der Erde zu sehen,
dann miiCten Sie ein Sinnesorgan haben, welches sehen kann, ohne
Locher in die Erde zu graben, fiir welches also die Erde, so wie sie
ist, durchsichtig oder durchfiihlbar ist. Das ist sie in gewisser Bezie-
hung fiir den Menschen. Aber dem Menschen kommen im gewohn-
lichen Erdenleben die Wahmehmungen, um die es sich handelt,
nicht zum Bewulltsein. Was der Mensch da namlich wahmehmen
wiirde, das sind die differenzierten Metalle der Erde.
Denken Sie sich doch nur einmal, wieviel Metalle die Erde in
sich enthalt! Geradeso nun wie Sie in Ihrer Luftumgebung Tiere,
Pflanzen, Mineralien, Kunstsachen der verschiedensten Art wahr-
nehmen, so nehmen Sie vom Inneren der Erde herauf Metalle wahr.
Aber die Wahrnehmungen der Metalle warden, wenn sie Ihnen
wirklich zum Bewufitsein kamen, eben nicht gegenstandliche Wahr-
nehmungen sein, sondern sie wiirden Imaginationen sein. Und
diese Imaginationen kommen auch fortwahrend von unten in den
Menschen herauf. Geradeso wie von der Horizontalen die Sehein-
driicke kommen, so kommen fortwahrend von unten herauf die Me-
talleinstrahlungen, nicht die Sehwahmehmungen von den Minera-
lien, sondern etwas von der inneren Natur der Mineralien wirkt
durch den Menschen herauf zu Imaginationen, zu Bildem. Der
Mensch nimmt diese Bilder nicht wahr, sondern sie schwachen sich
ab. Sie werden gewissermafien unterdriickt, weil das Erdenbe-
wufStsein des Menschen nicht so ist, dafi er die Imaginationen wahr-
nehmen kann. Sie schwachen sich ab zu Gefiihlen.
Wenn Sie sich zum Beispiel alles Gold denken, das in der Erde
irgendwie in Kliiften und so weiter ist, so nimmt tatsachlich Ihr
Herz ein Bild wahr, welches dem Golde in der Erde entspricht
(Zeichnung S. 46, links, lila). Nur ist dieses Bild eben Imagination,
und deshalb wird es vom gewohnlichen Bewufitsein nicht wahrge-
nommen, sondern zu einem blofien innerlichen Lebensgefiihl abge-
stumpft, zu einem Lebensgefuhl, das der Mensch noch nicht einmal
deuten kann, geschweige denn, dafi er das entsprechende Bild wahr-
nehmen wiirde. Ebenso ist es mit andem Organen, zum Beispiel
nimmt die Leber alles Zinn der Erde in einem bestimmten Bilde
wahr und so weiter.
Das alles sind unterbewufite Eindriicke, die sich nur im allgemei-
nen innerlichen Fiihlen ausleben. So da{? Sie sagen konnen: Wenn
in horizontaler Weise die Wahrnehmungen von der Erdenumge-
bung kommen und ihnen von innen die Vorstellungskraft entge-
genkommt, so kommen von unten herauf die Metallwahrnehmun-
gen, speziell die Metallwahrnehmungen, und ihnen kommt, gera-
deso wie den gewohnlichen Wahrnehmungen die Vorstellungskraft
entgegenkommt, fur das Bewufitsein das Fiihlen entgegen (Zeich-
nung links, gelbe Pfeile). Aber den Menschen des heutigen Erden-
lebens bleibt es chaotisch und unklar. Es kommt eben nur ein all-
gemeines Lebensgefiihl heraus.
Wiirde dieser Erdenmensch Begabung haben fiir Imagination, so
konnte er eben wissen, dafi sein Wesen auch mit dem Metallischen
der Erde zusammenhangt. Eigentlich ist jedes menschliche Organ
ein Sinnesorgan, und wenn wir es zu etwas anderem gebrauchen
oder wenn es scheint, dafi wir es zu etwas anderem gebrauchen, so
ist es dock ein Sinnesorgan. Sein Gebrauch im Erdenleben ist
eigentlich nur ein stellvertretender. Mit alien Organen, die der
Mensch hat, nimmt er eigentlich irgend etwas wahr. Der Mensch ist
ganz und gar ein grofies Sinnesorgan, und wiederum als solches gro-
fies Sinnesorgan spezifiziert, differenziert in seine einzelnen Organe
als besondere Sinnesorgane.
Der Mensch hat also von unten herauf Metallwahmehmungen,
und der Metallwahmehmung entspricht das Gefiihlsleben. Unsere
Gefiihle haben wir geradeso als Gegenwirkung gegen alles, was me-
tallisch aus der Erde auf den Menschen wirkt, wie wir unsere Vor-
stellungskraft haben als Gegenwirkung gegen alles, was aus der Um-
gebung in die Sinneswahmehmung hereindringt. Aber ebenso wie
der Mensch von unten herauf die Metallwirkungen hat, so wirkt von
oben nach unten aus dem Weltenraum herein dasjenige, was Bewe-
gung und Form der Himmelskorper ist. Wie wir in unserer Umge-
bung also die Sinneswahmehmung haben, so haben wir wiederum
fiir ein Bewufitsein, das als inspiriertes Bewufitsein wirken wiirde,
Inspirationen von jeder Planetenbewegung, von der Fixstemkon-
stellation. Und so wie wir die Vorstellungskraft entgegenstromen
lassen den gewohnlichen Sinneswahmehmungen, so lassen wir den
Bewegungen der Himmelskorper entgegenstromen eine Kraft (siehe
Zeichnung rechts, gelbe Pfeile), die den Stemeindriicken entgegen-
gesetzt ist, und diese Kraft ist die Willenskraft. Was in unserer Wil-
lenskraft liegt, wiirden wir, wenn wir mit dem inspirierten Be-
wufStsein rechneten, eben als Inspiration wahmehmen.
Wenn wir den Menschen in dieser Weise studieren, dann sagen
wir uns also: Wir finden in seinem Erdenbewufitsein zunachst dasje-
nige, in dem er am meisten wach ist, das Vorstellungs-Sinnesleben.
Eigentlich sind wir nur in diesem Vorstellungs-Sinnesleben im ge-
wohnlichen Erdenbewufitsein ganz wach. Dagegen ist nur traumhaft
vorhanden unser Gefiihlsleben. Unser Gefxihlsleben ist nicht inten-
siver, nicht heller als Traume sind, nur sind Traume Bilder, wahrend
das Gefiihlsleben die allgemeine, durch das Leben bestimmbare
Seelenverfassung, eben die des Fiihlens, ist. Aber diesem Fiihlen
liegt zugrunde die Metallwirkung der Erde. Noch tiefer - das habe
ich ofter auseinandergesetzt - noch dumpfer ist das BewuiJtsein des
Willens. Der Mensch weifi nicht, was sein Wille in ihm eigentlich
ist. Ich habe es oft so ausgesprochen, dafi ich sagte: Der Mensch hat
den Gedanken, er strecke den Arm aus, er greife mit der Hand et-
was. Diesen Gedanken kann er mit seinem wachen Bewufitsein ha-
ben. Dann sieht er wiederum den Tatbestand des Ergreifens. Aber
was eigentlich dazwischen iiegt, dieses Hineinschiefien des Willens
in die Muskeln und so weiter, das bleibt dem gewohnlichen Be-
wuOtsein ebenso verborgen wie die Erlebnisse des tiefen traumlosen
Schlafes. Im Fiihlen traumen wir, im Wollen schlafen wir. Aber die-
ser im gewohnlichen Bewufitsein schlafende Wille ist eben auch
dasjenige, was der Mensch auf die Stemeindriicke geradeso entgeg-
net, wie er in seinen Vorstellungen auf die Sinneseindriicke des ge-
wohnlichen Bewufitseins entgegnet. Und was der Mensch in seinen
Gefiihlen traumt, das ist die Gegenwirkung auf die Metallwirkung
der Erde.
{ Ml i>" \ I
Wenn wir als heutiger Erdenmensch wachen, so nehmen wir die
Dinge um uns herum wahr. Unser Vorstellungsvermogen wirkt ih-
nen entgegen. Dazu brauchen wir unseren physischen und unseren
Atherleib. Ohne den physischen und ohne den Atherleib konnen
wir nicht die Krafte entwickeln, welche in der horizontalen Rich-
tung wahrnehmend, vorstellungsmafJig wirken. So dal3 wir, wenn
wir uns das schematisch vorstellen woUen, sagen konnen: physi-
scher Leib, Atherleib erfiillen sich fiir das Tagesbewufitsein mit
den Eindriicken der Sinne und des Vorstellungsvermogens (siehe
Zeichnung, gelb). Wenn der Mensch nun schlaft, so sind ja sein
astralischer Leib und seine Ich-Organisation aufierhalb. Sie sind es
nun, welche die Eindriicke von unten und von oben bekommen. Sie
sind es, das Ich und der astralische Leib, die eigentlich schlafen in
dem, was von der Erde aus Metallausstromung ist und was von oben
herunter die Stromungen der Planetenbewegungen und der Fix-
stemkonstellationen sind. Was so in der Umgebung der Erde er-
zeugt wird, was aber in der Richtung der Horizontale keine Kraft-
wirkung hat, sondem als Krafte von oben nach unten wirkt, das ist
dasjenige, in dem wir wahrend der Nacht sind.
Wenn Sie den Versuch machen wiirden, vom gewohnlichen Be-
wufitsein zur Imagination zu kommen, so dafJ das wirkliche imagi-
nierende Bewufitsein da ist, so miilSte das, vermoge des gegenwarti-
gen Zeitalters der Menscheitsentwickelung, so sein, dafi gleichmafiig
alle menschlichen Organe von diesem Bewufitsein ergriffen werden.
Es darf nicht etwa, sagen wir, blofi das Herz ergriffen werden, son-
dem es miissen alle Organe gleichmafiig ergriffen werden. Ich sagte
vorhin, das Herz nimmt das Gold wahr, das in der Erde ist. Aber es
kann niemals allein das Gold wahrnehmen, denn die Sache ist so:
Solange das Ich und der astralische Leib mit dem physischen Leib
und mit dem Atherleib in einer solchen Verbindung sind, wie das
beim normalen wachenden Menschen der Fall ist, so lange kann ja
iiberhaupt nichts von einer Wahrnehmung bewufit werden. Erst
dann, wenn das Ich und der astralische Leib, wie das bei der Imagi-
nation der Fall ist, bis zu einem gewissen Grade selbstandig gemacht
werden, so dafi sie von dem physischen und dem Atherleib unab-
hangig werden, dann konnen wir sagen: Es werden der astralische
Leib und die Ich-Organisation in der Nahe der Herzgegend fahig,
etwas von diesem Ausstromen des Metallischen in der Erde zu wis-
sen. Und da kann man sagen: Das Zentrum fiir die Einwirkungen
der Goldausstromung liegt im astralischen Leibe in der Gegend des
Herzens. Das Herz nimmt wahr, weil der astralische Leib, der dieser
Partie, dem Herzen, zugehort, das eigentlich Wahrnehmende ist.
Das physische Organ nimmt nicht wahr, sondern es nimmt der
astralische Leib wahr.
Wenn nun das imaginative Bewufitsein erworben wird, dann
mufi der gesamte astralische Leib und auch die gesamte Ich-Organi-
sation in einem Zustande sein, dafi diejenigen Partien wahrnehmen,
die alien menschlichen Organen entsprechen. Das heil^t, der
Mensch nimmt dann die gesamte Metailitat der Erde, allerdings in
Differeoziemngen, wahr, Einzelheiteri kann er darin nur wahmeli--
men, wenn er sich besooders darauf trainieree uod es zu seieem be-
sonderen okkulten Studium machen wiirde, die Metallitat der Erde
kennenzulernen. Diese Erkenntnis ist etwas, was fiir die gegenwar-
tige Zeitepoche nicht eine gewohnliche Erkenntnis fiir den Men-
schen sein soli. Der Mensch soUte diese Erkenntnis heute nicht in
den Dienst seines niitzlichen und nutzbringenden Lebens stellen.
Weil dieses Weltgesetz ist, wiirde sofort, wenn jemand diese Metall-
erkenntnis der Erde nur im geringsten in den Dienst des gewohnli-
chen nutzenden Lebens stellen woUte, die imaginative Erkenntnis
genommen werden.
Es kann aber vorkommen, dafi durch krankhafte Zustande ir-
gendwo im Menschen oder auch im allgemeinen der inmge Zusam-
menhang, der zwischen dem astralischen Leib und den Organen
eigentlich da sein soUte, unterbrochen ist, so dafi der Mensch gewis-
sermalSen in einer sehr leisen Art wachend schlaft. Wenn er wirklich
schlaft, so ist auf der einen Seite sein physischer Leib und sein
Atherleib, auf der andem Seite sein astralischer Leib und sein Ich
auseinander, Aber es gibt auch ein so leises Schlafen, dafi der
Mensch kaum bemerkbar benommen herumgeht in einem Zu-
stande, der einem sogar vielleicht sehr interessant ist, weil solche
Menschen merkwiirdig «mystisch» aussehen, so mystische Augen
haben und dergleichen. Das kann davon herriihren, dafi ein ganz lei-
ses Schlafen auch wahrend des Wachens vorhanden ist. Es ist im-
mer eine Art Vibrieren des physischen und des Atherleibes gegen-
iiber der Ich-Organisation und dem astralischen Leibe. Das vibriert
so hin und her. Und solche Menschen sind dann geeignet, als Me-
tallfiihler gebraucht zu werden. Aber es beruht die Fahigkeit, da
oder dort spezielles Metallisches im Irdischen zu fiihlen, immer auf
einer gewissen krankhaften Anlage. Natiirlich, sobald man die Sache
blofi technisch anschaut und in den Dienst des Technisch- Irdischen
stellt, kann es einem ganz gleichgiiltig sein - wenn ich grausam
sprechen will ob die Leute ein bifichen krank sind oder nicht.
Man sieht ja auch sonst nicht so sehr auf die Mittel, durch die man
dieses oder jenes Niitzliche bewerkstelligt. Aber innerlich angese-
hen, vom Standpunkt einer hoheren Weltauffassung, ist es immer
etwas Krankhaftes, wenn der Mensch dazukommt, auf diese Weise
nicht nur in der Horizontalen in der Erdenumgebung, sondern nach
unten bin wahrzunehmen, und zwar nicht durch Locher, sondern
direkt. Dann ist es natiirlich notwendig, dafi der Mensch dasjenige,
was er da ausdriickt, auch nicht auf gewohnliche Weise kundgibt.
Wenn man eine Feder nimmt und etwas aufschreibt, da ist das ge-
wohnliche Vorstellungsleben darin, das mufJ tot sein. Aber dieses
gewohnliche Vorstellungsvermogen, das - wenn ich mich des Aus-
drucks bedienen darf : verleuchtet, als Gegensatz zum Verdunkeln -,
das verleuchtet die Wahmehmung, die von unten heraufkommt.
Und so ist es notwendig, dafi man andere Zeichen macht, als wenn
man schreibt oder spricht, wenn man durch krankhafte Zustande
speziell Metallisches in der Erde wahmimmt. Ich bemerke, dafi zum
Beispiel Wasser auch ein Metall ist. Solche krankhaften Personen
konnen gerade darauf trainiert werden, nicht blofi unbewufit wahr-
zunehmen, sondern fiir die Wahrnehmung auch unbewufit Zeichen
zu machen. Wenn man solchen Menschen etwa eine Rute in die
Hand gibt, dann machen sie damit die Zeichen. Worauf beruht das
Ganze? Es beruht eben darauf, dafi jene leise Unterbrechung zwi-
schen dem Ich und dem astralischen Leib auf der einen Seite und
dem physischen Leib und dem Atherleib auf der andem Seite da ist,
und dadurch der Mensch nicht nur dasjenige wahrnimmt, was ne-
ben ihm ist, approximativ gesprochen, sondern, indem er seinen
physischen Leib ausschaltet, sich zum Sinnesorgan macht und das
Innere der Erde wahrnimmt, ohne dafi er Locher hineinmacht. Aber
wenn diese Richtung wirkt, die sonst nur die Normalrichtung des
Fiihlens ist, dann kann er sich auch nicht so ausdriicken, wie es dem
Vorstellungsvermogen entspricht. Er spricht es nicht in Worten aus.
Er kann es nur in der Weise, wie ich angedeutet habe, in Zeichen
aussprechen.
In einer ahnlichen Weise aber kann angeregt werden, dafi der
Mensch die Wahrnehmung hat, die von oben hemnterkommt. Sie
hat einen andem inneren Charakter, Sie ist nun nicht Mctallwahr-
nehmung, sondern sie ist Inspiration, welche Sternbewegungen oder
Sternkonstellationen wiedergibt. Und da nimmt der Mensch dann
ebenso, wie er von unten her die Konstitution der Erde wahrnimmt,
von oben herunter dasjenige wahr, was also auch nur durch diese
krankhaften Zustande eintritt, wenn in diesem Falle das Ich vom
astralischen Leibe etwas abgelockert ist. Er nimmt dann von oben
herunter dasjenige wahr, was eigentlich der Welt die Zeiteinteilung,
den Zeitenflufi gibt. Dadurch sieht er tiefer hinein in das Geschehen
der Welt, nicht nur nach der Vergangenheit, sondem auch nach ge-
wissen Ereignissen, die allerdings nicht solche sind, die aus dem
freien menschlichen Willen fliefien, sondem die aus der Notwendig-
keit der Weltenordnung fliefien. Er sieht dann gewissermafien pro-
phetisch in die Zukunft, er sieht in die Zeitenordnung hinein.
Ich wollte Ihnen durch diese Dinge nur andeuten, dafi durch ge-
wisse krankhafte Zustande allerdings der Mensch sein Wahmeh-
mungsvermogen erweitem kann. In gesunder Weise wird es durch
Imagination und Inspiration erweitert. Was auf diesem Felde das
Gesunde und Krankhafte bedeutet, das wird Ihnen vielleicht durch
folgendes klarwerden: Es ist fiir einen normalen Menschen ganz
gut, wenn er, sagen wir, auch einen normalen Geruch hat. Wenn ein
Mensch einen normalen Geruch hat, dann wird er die Gegenstande
um sich herum durch den Geruch wahrnehmen. Aber wenn er fiir
irgendwelche Dinge der Umgebung, die riechen, einen abnormalen
Geruch hat, so kann es passieren, dafi er an Idiosynkrasie erkrankt,
wenn diese oder jene Gegenstande in seiner Umgebung sind. Es
kann Menschen geben, die zum Beispiel wirklich durch den Geruch
ganz krank werden, wenn sie in ein Zimmer gehen, in dem eine ein-
zige Erdbeere ist; sie brauchen sie gar nicht zu essen. Das ist nicht
gerade ein wiinschenswerter Zustand. Dennoch konnte es unter
Umstanden geschehen, dafS jemand, der nicht auf den Menschen
sieht, sondem vielleicht darauf, dafJ irgendwo durch den Menschen
gestohlene Erdbeeren gefunden werden konnten, oder iiberhaupt
gestohlene zu riechende Gegenstande, dieses besondere Vermogen
des Menschen verwendet. Wenn der Mensch sein Riechvermogen
so ausbilden konnte wie die Hunde, so brauchte man keine Polizei-
hunde, sondem man konnte den Menschen dazu verwenden.
Aber man darf das nicht tun. Sie werden daher verstehen, wenn
ich sage, dafi auch das Wahrnehmungsvermogen nach unten und
nach oben nicht in einer unrichtigen Weise, so dafi es mit dem
Krankhaften zusammenhangt, entwickelt werden darf, denn das ist
so beschaffen, dafi es direkt zerstorerisch fiir des Menschen ganze
Organisation ist. Also Metallfuhler geradezu auszubilden, zu trainie-
ren, wiirde ganz gleichkommen dem Untemehmen, Menschen als
Polizeihunde, als Spurhunde auszubilden. Nur dafi das rein Mensch-
lich-Strafliche hier in einer viel intensiveren Weise vorliegt. Aber
eben nur durch krankhafte Zustande kann bei dem einen oder an-
dern Menschen so etwas auftreten.
Sie werden alle Dinge, die Ihnen in einer zumeist laienhaft ver-
worrenen, nebulosen Weise zukommen, sowohl hinsichtlich ihres
Theoretischen verstehen konnen, wie Sie ermessen konnen, wie
diese Dinge im ganzen Weltzusammenhang des Menschen bewertet
werden miissen. Das ist die eine Seite der Sache.
Aber die andere Seite der Sache ist diese, dafi es auch eine ge-
rechte Anwendung solcher Erkenntnisse gibt. Um den Menschen
Gold zu verschaffen, darf derjenige, der die imaginative Erkenntnis
besitzt, nicht die imaginative Kraft des astralischen Leibes anwen-
den, die in der Herzgegend sitzt. Aber er kann sie anwenden, um
die Konstruktion, die wahren Aufgaben, die Innerlichkeit des Her-
zens selber zu erkennen. Er kann sie anwenden im Sinne der
menschlichen Selbsterkenntnis. Das entspricht auch im physischen
Leben der gerechten Anwendung, sagen wir des Geruchsvermogens
oder des Sehvermogens oder dergleichen. Und so lemt man jedes
Organ des Menschen erkennen, indem man zusammenzufiigen ver-
mag das, was man von unten, und das, was man von oben erkennt.
Sie lemen zum Beispiel das Herz erkennen, wenn Sie den Gold-
gehalt der Erde, wie er ausstromt und durch das Herz wahrgenom-
men werden kann, erkennen, und wenn Sie auf der andem Seite die
Willensstromung von der Sonne oben herein, das heifit, die Gegen-
stromung von der Sonnenstromung als Wille erkennen, so dafi im
Zusammenwirken der Sonnenstromung von oben, von der Zenit-
stellung der Sonne aus, mit der Golderkenntnis von unten, indem
Sie diese zwei zusammenbringen, Sie sich von dem Goldgehalt der
Erde zur Imagination, von der Sonne aus zur Inspiration anregen
lassen, dann bekommen Sie die Herzerkenntnis des Menschen. Und
so die Erkenntnis der andern Organe. Der Mensch mufi also tat-
sachlich, wenn er sich kennenlernen will, die Elemente dieser Er-
kenntnisse aus dem Kosmos auf sich einwirken lassen.
Wir haben damit ein Gebiet betreten, das nun in einer noch kon-
kreteren Weise, als ich das manchmal schon friiher getan habe, hin-
weist auf den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos.
Wenn Sie dazu die Vortrage nehmen, die ich iiber die Entwickelung
der Naturerkenntnis in der neueren Zeit abgeschlossen habe, so
werden Sie gerade aus dem gestagen Vortrage ersehen haben, wie es
im wesentlichen das Tote ist, das der Mensch durch die gegenwar-
tige Stufe der Naturwissenschaft erkennt. Er erkennt sich selbst ja
nicht, wie er in Wirklichkeit ist, sondem eigentlich hinsichtlich sei-
nes Toten. Und eine wirkliche Erkenntnis des Menschen wird erst
erbliihen aus dem Zusammenschauen dessen, was man am Men-
schen als tote Organe erkennt, als Organe in ihrer Totheit, mit dem,
was man von oben und von unten fiir diese Organe erkennen kann.
Dadurch erlangt man eine Erkenntnis mit voUem Bewufitsein.
Friiheres instinktives Erkennen war die Folge einer andem Ein-
schaltung des astralischen Leibes in den atherischen Leib, als sie
heute der Fall ist Heute ist die Einschaltung diese, dafi der Mensch
als Erdenmensch ein freier Mensch werden kann. Dazu ist aber not-
wendig, dafi der Mensch erstens erkennt das tote Gegenwartige, die
Lebensgrundlage der Vergangenheit durch dasjenige, was von unten
heraufkommt von der Metallizitat der Erde, und das Belebende von
oben als Stemenwirkungen und Stemenkonstellationen (siehe
Zeichnung Seite 55).
Und bei jedem Organ wird eine wahre Menschenkenntnis su-
chen miissen diese Dreiheit - nach Totem oder Physischem, nach
der Lebensgrundlage oder dem Seelischen, nach dem Belebenden
oder dem Geistigen. Und so wird man bis in die Einzelheiten der
menschlichen Natur iiberall suchen miissen nach dem Physisch-
Korperlichen, nach dem Seehschen, nach dem Geistigen. Und der
Ausgangspunkt dafiir mufi verniinftigerweise gewonnen werden aus
einer richtigen Einschatzung desjenigen, was wir als das bisherige
Ergebnis der Naturwissenschaft erkannt haben. Es mufi erkannt
werden, daU uns der gegenwartige Stand der Naturwissenschaft
iiberall zu dem Erdengrabe hinfiihrt und dafi wir herausfinden miis-
sen aus dem Erdengrab das Lebendige.
Das finden wir, wenn wir in der Tat gewahr werden, wie die
neuere Geisteswissenschaft alte Ahnungen beleben mufi. Ahnungen
von diesen Dingen waren immer da. Ich babe in diesen Tagen den
Arbeitenden auf den verschiedensten Gebieten Verschiedenes gera-
ten. Ich mochte nun den Literaturhistorikem auch anraten, wenn
sie von Goetheanismus reden wollen, sich doch einmal an die Goe-
thesche Ahnung zu halten, die sie im zweiten Teil von «Wilhelm
Meister», in «Wilhelm Meisters Wanderjahren*, finden, wo ein We-
sen vorkommt, das durch einen krankhaften Seelen-Geisteszustand
Stembewegungen mitlebt. Ihr ist ein Astronom an die Seite gege-
ben. Aber diesem Wesen steht eine andere Person entgegen, die
Metallfiihlerin. Ihr ist der Montanus, der Bergmann, an die Seite ge-
geben, der Geologe. Darin liegt eine tiefe Ahnung, eine Ahnung, die
viel tiefer ist als alles, was an physikaHschen Wahrheiten seit Goethe
in der naturwissenschaftlichen Entwickelung zutage getreten ist, so
groB diese auch sind. Denn diese naturwissenschaftlichen Erkennt-
nisse gehoren dem Umkreise des Menschen an; Goethe hat hinge-
deutet im zweiten Teil seines «Wilhelm Meister*, in «Wilhelm Mei-
sters Wanderjahren», auf dasjenige^ was den. Welten angehort, mit
denen der Mensch nach oben hin zu den Stemen, nach unten hin in
die Tiefe der Erde zusammenhangt.
Und von solchen Dingen konnen noch sehr viele gefunden wer-
den sowohl in den nutzbringenden Wissenschaften wie in den Lu-
xuswissenschaften. Aber auch diese Dinge werden erst als wirkliche
Erkenntnisschatze gehoben werden, wenn man einmal den Goe-
theanismus auf der andem Seite so emst nehmen wird, dafi man
manches, was bei Goethe Ahnung ist, durch Geisteswissenschaft er-
leuchtet, oder aber auch vielleicht das Geisteswissenschaftliche da-
durch zu etwas umgestaltet, was einem eine gewisse historische
Freude macht, indem man die Dinge, die jetzt als Erkenntnis auf-
treten, bei Goethe als eine Art Ahnung in romanhafter Form ver-
arbeitet findet.
Durch alles das aber mochte ich eben darauf hindeuten, dafi,
wenn die Rede davon ist, dafi wissenschaftliche Bestrebungen inner-
halb der anthroposophischen Bewegung gepflegt werden sollen, sie
mit dem tiefen Emst gepflegt werden sollen, der nicht die Anthro-
posophie in die Gefahr bringt, nach der heutigen Chemie oder der
heutigen Physik oder der heutigen Physiologic und dergleichen ab-
geleitet zu werden, sondem der in den wirklichen Strom anthropo-
sophisch lebendiger Erkenntnis die einzelnen Wissenschaften ein-
bezieht. Horen mochte man, dafi die Chemiker, dajS die Physiker,
dafi die Physiologen, dafi die Mediziner anthroposophisch reden.
Denn das wird nicht weiterfiihren, dafi die einzelnen Spezialisten
dazu kommen, Anthroposophie zu zwingen, chemisch oder physi-
kalisch oder physiologisch zu reden. Dadurch wird Anthroposophie
doch nur Gegnerschaft erwecken, wahrend endlich vorwartsgekom-
men werden mufi, indem die Anthroposophie sich auch fiir diese
Spezialisten als Anthroposophie erweist, und nicht blofi als irgend
etwas, was seiner Terminologie nach genommen wird, wo die einzel-
nen Termini hiniibergestiilpt werden iiber das, was man sonst auch
schon hat. Es ist ganz gleichgiiltig, ob man anthroposophische oder
andere Termini iiber den Wasserstoff oder iiber den Sauerstoff und
so weiter stiilpt, oder ob man bei den alten Termini bleibt. Worauf
es ankommt, ist, mit seinem ganzen Menschen die Anthroposophie
aufzunehmen. Dann wird man in der richtigen Weise Anthropo-
soph auch als Chemiker, als Physiologe, als Arzt sein.
Ich wollte gerade, dafi dieser Kursus, fiir den man von mir ver-
langt hat, eine Darstellung der Geschichte naturwissenschaftlicher
Denkweise zu geben, wirklich diejenige Erkenntnis aus dieser histo-
rischen Betrachtung bringt, die auch fruchtbar werden kann. Denn
fruchtbar zu werden auf den verschiedensten Gebieten, wirklich
fruchtbar, das hat die anthroposophische Bewegung durchaus notig.
Davon werde ich dann in meinem nachsten Vortrag fiir diejenigen,
die dann da sein werden, weiter sprechen.
VIERTER VORTRAG
Domach, 12.Januar 1923
Es gibt im Laufe der Weltgeschichte Symptome, an denen sich wie
an aufierlich Sichtbarem innerliche Entwickelungskrafte zeigen, und
solche Symptome scheinen manchmal in einer aufJerlichen Weise
mit den innerlichen Entwickelungen zusammenzuhangen, AUein
die Zusammenhange in der Welt, in der Welt des Geistes, der Seele,
der Materie, sind ja so tiefer Art, dafi oftmals das, was aufierlich er-
scheint, gerade bei naherer Betrachtung auch als eine wirklich reale
Hindeutung auf Inneres zu nehmen ist. Und in einem solchen
Sinne darf vielleicht genannt werden wie ein aufieres Zeichen einer
bedeutsamen inneren Entwickelung jener Scheiterhaufen, durch
den im Jahre 1600 Giordano Bruno in den Tod gefiihrt worden ist.
Gerade die Flammen dieses Scheiterhaufens leuchten, ich mochte
sagen, dem geschichtlichen Betrachter so entgegen, wie etwas, das
eben mit deutlicher Flammenschrift hinweist auf bedeutsame
Umwandlungen, die in der ganzen Entwickelungsgeschichte der
Menschheit vor sich gehen.
Wir diirfen ja nicht vergessen, dafi drei menschliche Personlich-
keiten uns fiir jene Zeit des Uberganges vom 16. ins 17. Jahrhundert
besonders charakteristisch erscheinen: ein Dominikaner, Giordano
Bruno; ein Schuster, Jakob Bohme; und ein Lordsiegelbewahrer, Ba-
con, Baco von Verulam - drei einander scheinbar recht unahnliche
Personlichkeiten, aber gerade in ihrer Unahnlichkeit ungemein cha-
rakteristisch fiir das, was sich wahrend des Entstehens der neueren
Weltanschauung, wahrend der Abenddammerung alter Weltan-
schauungen in der Entwickelung der Menschheit abgespielt hat.
Jakob Bohme war aus den einfachsten Volksverhaltnissen heraus-
gewachsen, schon als Knabe mit einem feinen seelischen Ohr hin-
horend auf mancherlei Weisheitsinhalte, die gerade zu seiner Zeit
noch im Volke Mitteleuropas gelebt haben, Weisheitsinhalte, wel-
che sich ebenso auf das bezogen, was der Mensch in sich fiihlte, wie
auf dasjenige, was als Geheimnisse hinter den Naturvorgangen und
Naturdingen steht. All diese Volksweisheit war ja zu der Zeit, als das
feine seelische Ohr Jakob Bohmes darauf hinhorchen konnte, schon
in einem Zustande, durch den es eigentlich unmoglich war, die tiefe
Weisheit, deren Reste Jakob Bohme noch horte, in deutliche Worte
zu fassen, so dafi man schon genotigt war, tiefe Weisheit in stam-
melnde, oftmals wenig zutreffende Worte zu fassen. Neben allem
Grofien mufi man ja bei Jakob Bohme sehen, wie er an Worten kaut,
um aus den Worten irgend etwas noch herauszuschlagen, was er
eigentlich nur gefiihlsmafiig - ich mochte sagen aus dem Gewichte
heraus - in sich aufgenommen hat, und was diese Weisheitsinhalte
in der Volkstradition batten.
Wir sehen als zweite Personlichkeit Giordano Bruno - hineinge-
wachsen in die Lehren, die insbesondere im Dominikanerorden wa-
ren, jene Lehren, welche, nun auch auf uralter Weisheit fufiend, in
fein ziselierten Begriffen Einsichten brachten iiber das Verhaltnis
des Menschen zur Welt, die in sich selber eine gewisse Starke und
Intensitat des Erkennens batten, aber abgestumpft waren durch die
kirchliche Tradition. Und wir sehen, wie sich in der PersonHchkeit
Giordano Brunos sozusagen der ganze Drang und die Erkenntnislei-
denschaft des Zeitalters, eben des Uberganges vom 16. ins 17. Jahr-
hundert, mit faustischer Gewalt aus der Seele herausarbeitet, wie
Giordano Bruno so ganz ein Kind seines Zeitalters ist, wie er neben
dem, dafi in ihm der Dominikaner lebt, im eminentesten Sinne ein
Weltmensch der damaligen Zeit ist, aber eben ein Weltmensch in
all der Verfeinerung, in der man es sein kann, wenn man scharf aus-
gepragte, plastisch ausgebildete Ideen in die Welt mitbringt. Viel-
leicht keine Personlichkeit der damaligen Zeit hat so aus dem all-
gemeinen Charakter des Zeitalters heraus gesprochen wie gerade
Giordano Bruno. Man braucht nur darauf hinzuschauen, wie er ge-
notigt ist, weil er aus der Fiille des WeltbewuiJtseins heraus reden
mufJ, aber nur die Enge der Menschenseele seiner Zeit zur Verfii-
gung hat, die (einen Ideen, die er wahrend seiner Studicnzcit aufge-
nommen hat, in ein poetisches Kleid zu hiillen; wie er zum erken-
nenden Poeten, zum poetisierenden Wissenschafter wird, weil in
dem Augenblicke, wo er etwas sagen will, ein so reicher seelischer
Inhalt in ihm lebt, dafS dieser reiche seelische Inhalt alle Begriffe
sprengt und er genotigt ist, dem Schwung des Poetischen, des Dich-
terischen sich hinzugeben, um diese Lichtfiille zum Ausdruck zu
bringen.
Und wir sehen auf der andem Seite in Baco von Verulam einen
Menschen, der eigentlich den Boden unter den Fiifien verloren hat,
einen Menschen, der ganz aufgenommen ist von dem aufierlichen
Leben seiner Zeit. Er ist Staatsmann, Grofisiegelbewahrer; er ist ein
Mensch, der eine grofie Intelligenz hat, die aber eigentlich in keiner
Tradition wurzelt, die zum ersten Mai in grofi angelegter Weise das-
jenige in der Geschichte der Menschheit heraufbringt, was dann et-
was spater ein Mensch wie Fichte so sehr verachtet hat - von seinem
Standpunkte aus mit Recht verachtet hat: die Banalitat der Ratio,
die Banalitat des Rationalismus.
Baco von Verulam hat eigentlich in einer geistvoUen Weise die
Banalitat in die Philosophic eingefiihrt. Wie gesagt, er hat den Bo-
den des Geistigen vollig unter den Fiifien verloren, hatte keine Tra-
dition, er nahm nur dasjenige als wirklich, was sich den Sinnen au-
fierlich zeigte, war aber noch nicht imstande, aus der Sinneserfah-
rung irgend etwas Geistiges herauszuschlagen. Man mochte sagen,
er war der umgekehrte Jakob Bohme. Wahrend Jakob Bohme aus
der alten Geistigkeit, die nicht mehr verstanden wurde, dennoch
iiberall die Funken des Seelischen und auch die Funken des Mate-
riellen herausschlagen woUte, die Geheimnisse des Seelischen und
die Geheimnisse des Materiellen finden woUte aus alten Traditio-
nen, die er dann stammelnd aussprach, so hatte Baco von Verulam
nichts dergleichen in sich. Er stand gewissermafien mit seiner Seele
wie mit einer Tabula rasa, mit einer leeren Tafel, der aufierlichen,
sinnlichen Welt gegenuber, wendete die Banalitat des gewohnlichen
Menschenverstandes, nicht des gesunden, sondem des gewohnli-
chen Menschenverstandes auf diese aufiere Sinneswelt an, und es
kam nichts anderes heraus, als eben der Anfang der Sinneserkennt-
nis, die jeder Geistigkeit bar ist/
So stehen diese drei Personlichkeiten als Zeitgenossen da. Jakob
Bohme ist 1575 geboren, Giordano Bruno, alter, 1548, Lord Bacon
1561. Sie stellen die modeme Zivilisation in ihrem Aufgange dar,
jeder in seiner besonderen Art.
Nun ist es heute, wo gerade die absteigenden Krafte am starksten
sind, aufierordentlich schwierig, in das innere Weben und Leben
solcher Seelen, wie diese drei sind, hineinzuweisen. Denn vieles von
dem, worin diese Seelen lebten als in noch durchaus real wirkenden
geistigen Anschauungen, ist heute verglommen. Es wird einmal in
der Zukunft bei riickschauender Geschichtsbetrachtung ganz gewifi
charakterisiert werden, wie unser Zeitalter deshalb, weil es in die
Kulmination des Materialismus hineingestellt ist, auch das morali-
sche Gegenbild dieses Materialismus in sich tragt. Und dieses mora-
lische Gegenbild ist gewifi auf der einen Seite die iiberhandneh-
mende Unmoralitat, aber auf der andem Seite vor alien Dingen die
Gleichgiiltigkeit gegeniiber allem Geistigen. Ich mache besonders
auf diese Gleichgiiltigkeit aufmerksam, weil ich vorhabe, diese drei
Vortrage, die ich nun halten werde, am Sonntag gipfeln zu lassen in
einem, welcher sich mit der besonderen Art der Gegnerschaft gegen
die anthroposophische Weltanschauung beschaftigen soli, und weil
ich dazu heute und morgen eine Grundlage durch eine Art ge-
schichtlicher Betrachtungsweise schaffen mochte.
Diese Gleichgiiltigkeit gegeniiber allem Geistigen lafit eigentlich
einen manchmal denken: Warum sehen denn die Menschen unse-
res Zeitalters noch irgend etwas Besonderes, sagen wir in Goethes
«Faust»? Man wiirde es eigentlich leichter begreifen, wenn die Men-
schen unseres Zeitalters aus ihrer Gesinnung heraus einfach sagen
wiirden: Dieser Goethesche «Faust» gehort einem iiberwundenen
Zeitalter an. Dieser Goethesche «Faust» hat ja fast auf jeder Seite
eine Offenbarung alten Aberglaubens. Von Magie kommt da viel
vor, von einem Biindnis mit dem Teufel.
Nun gewifi, unsere Zeit hat die Ausrede, dafi sie sagt: Das alles ist
poetische Verkleidung. Aber auf der andern Seite wiedemm gibt
doch unser Zeitalter zu, daB Goethe in seinem « Faust* so etwas wie
eine Art Menschheitsreprasentanten hat darstellen wollen. Da moJS
man schon sagen, da begreift man besser den groiSen Gelehrten Du
Bois-Reymond) der den ganzen «Faust» eigentlich fiir so eine Art von
Humbug gehalten hat und gesagt hat: Faust hatte soUen ein anstan-
diger Mensch werden, Gretchen ehrlich heiraten und die Elektri-
siermaschine und Luftpumpe erfinden. - Das ist eigentlich ehrlicher
gesagt aus der Gesinnung unseres Zeitalters heraus als dasjenige, was
sehr haufig von Menschen, welche eben die Gesinnung dieses unseres
Zeitalters teilen, iiber den «Faust» gesagt wird. Denn sie tun es ja
doch nur, weil nun einmal die Meinung da ist, dafi Goethes « Faust*
ein grofies Werk ist, das man nicht zum alten Eisen werfen darf. Es
ist, wie gesagt, die Gleichgiiltigkeit, die nur sich manchmal geniert,
Dinge, die sie eigentlich ablehnen mufite, wirklich abzulehnen.
Man soUte sich nur einmal klarmachen, wie unsere Zeit diese
Dinge behandeln wiirde, wenn solchen Dingen nicht das alther-
gebrachte Urteil anhaftete! Wenn Shakespeare keinen « Hamlet*
geschrieben hatte und so irgendwo aus unbekannten Tiefen von
einem obskuren Dichter heute das Hamlet-Drama erscheinen
wiirde, dann wiirde man sehen, was die Leute iiber solch ein
Hamlet-Drama sagen wiirden.
Uber solche Dinge mufi man manchmal tatsachlich ernsthaftig
nachdenken, um die Zeit in richtiger Weise zu verstehen. Diese
Gleichgiiltigkeit schwingt sich eben, weil sie sich geniert, etwas an-
deres zu tun, zu einer Betrachtung des Mephistopheles in Goethes
«Faust» auf oder gibt sich ab und zu auch noch dazu her, allerlei Un-
zutreffendes iiber die Magie im «Faust» zu sagen. Aber hineinzu-
schauen in dasjenige, was eigentlich wie eine geistig-seelische Atmo-
sphare vorhanden war in einer Zeit, in der so Entscheidendes fiir
das Geistesleben der modemen Zivilisation geschah, wie in derjeni-
gen, in der Giordano Bruno, Jakob Bohme und Baco von Verulam
gelebt haben, das ist eigentlich der Gegenwart doch unmoglich.
Nun miissen wir uns nur vor alien Dingen, wenn wir auf so etwas
ganz unbefangen hinschauen wollen, einmal vor Augen stellen, zu
welchen gigantischen Ideen - im Verhaltnis zu den gegenwartigen -
sich friihere Zeitalter aufgeschwungen haben! Ideen, die gerade
wegen ihres Gigantismus heute der Gleichgiiltigkeit eben gar
nicht einmal mehr wert sind, anders als hochstens literarhistorisch
genommen zu werden.
Man sehe in das Mittelalter zuriick, sehe sich eine solche Gestalt
an wie den Merlin! Immermann hat ja versucht, diese Gestalt in sei-
ner Zeit wiederum etwas zu beleben, allein das ehemals Gigantische
nimmt sich bei Immermann eben doch so aus, als ob alles im
Schlafrock gedichtet ware, mit der Nachtmiitze auf dem Kopf.
Man nehme nur die einfache gerade Linie der Merlin-Sage. Was
soil Merlin werden? Merlin soil werden ein Antipode Christi. Das
soil er werden nach der Sage des Mittelalters: der Gegenpol des
Christus. Der Christus ist also ohne physische Befruchtung gemafi
dem Testamente in die Welt getreten. Merlin soil das gleiche tun.
Aber Christus ist in die Welt getreten durch die Uberschattung der
Maria durch den Heiligen Geist; Merlin soil in die Welt treten
durch die Uberschattung einer frommen Nonne im Schlaf durch
den Teufel. Der Teufel will sich auf der Erde einen Antipoden des
Christus schaffen in Merlin; daher iiberfallt er im Schlaf eine
fromme Nonne. Und Merlin wird nur nicht der Antichrist, weil die
Nonne zu fromm ist. Und eben durch ihre wahrhaftige, richtige
Moralitat wird des Teufels Absicht bei Merlin verhindert.
Man versuche nur einmal sich klarzumachen, was solche Linien
innerhalb der mittelalterlichen Sage bedeuten. Sie bedeuten eine in-
nere Kiihnheit der Weltanschauung, eine innere Energie der Ge-
dankenbildung. Man vergleiche all das, was etwa in unserer Zeit,
aufier in Kreisen wie den anthroposophischen iiber den Ursprung des
Bosen in der Welt, iiber den Ursprung des Verderblichen in der
Menschheit gesagt wird, und man wird zugeben miissen: Nichts ist
berechtigter, als zu sagen, daf5 die neuere Entwickelung die der
Spiefibiirgerlichkeit ist. Denn schlieiSlich, abgesehen von aller philo-
sophischen inneren Strenge, mit der manchmal heute auch iiber
den Ursprung des Bosen gesprochen wird, sind doch die Dinge
spiefibiirgerlich gegeniiber einer in bezug auf das Bose gigantisch
ausgebildeten Idee wie derjenigen von der Schopfung eines Merlin,
der nur gewissermaiJen ein mifoatener Sohn des Teufels ist und
daher eben nicht bose genug wird.
Man bedenke : Merlin ist einer der Fiihrer des Kreises der Artus-
leute. Ihn nimmt die Sage zu Hilfe, um den Charakter eines Zeital-
ters zu beleuchten. Aber die Sage findet auf Erden nicht die Mog-
lichkeit, dieses Zeitalter in zutreffender Weise zu charakterisieren.
Deshalb geht sie iiber das Irdische hinaus, geht in das Ubersinn-
lich-Bose hinein, braucht einen miCratenen Sohn des Teufels, um
das Irdische zu erklaren,
Ich sage nicht, dafi wir fiir unser Zeitalter nicht ahnliche Sagen-
elemente notig hatten. Ich sage nicht, dafi, um manches zutreffend
zu charakterisieren, es nicht notig ware, auch von ahnlichen Schop-
fungen zu sprechen. Auch das Philisterium in der neueren Zeit
braucht ja deshalb, seinem Ursprung und seinen Quellen nach,
durchaus nicht etwa hloU irdisch erklart zu werden. Denn am Phili-
sterium ist das Eigentiimliche, dafi es seinen Schadlichkeiten nach
ebensowenig von sich selbst erfafit wird wie seinen Niitzlichkeiten
nach.
Wir haben in der Mitte des Mittelalters iiberall auftretend den
Abendmahlsstreit. Ich habe schon einmal auseinandergesetzt: Zu
diskutieren iiber das Abendmahl fingen die Leute eigentlich erst an,
als sie nicht mehr wufiten, was in ihm enthalten ist. Wie man iiber-
haupt zu diskutieren anfangt, wenn man iiber eine Sache nichts
weiC. Solange man iiber eine Sache etwas weifi, diskutiert man nam-
lich nicht. Diskussionen sind fiir denjenigen, der ein bifichen in die
Weltengeheimnisse hineinsieht, immer ein Zeichen des Nichtwis-
sens. Wenn daher irgendwo Gesellschaften sich zusammensetzen
und alle untereinander diskutieren, so ist das fiir denjenigen, der
Einsicht hat, ein Zeichen, dafi alle miteinander nichts wissen. Denn
solange die Realitat dasteht - und iiber Realitaten allein kann man
etwas wissen -, so lange diskutiert man ja nicht. Mindestens habe
ich noch nicht gehort, daiS man, wenn der Hase auf dem Tisch ist,
diskutiert dartiber, ob das nun ein richtiger Hase oder ein nicht rich-
tiger Hase ist, oder wo der Hase seinen Ursprung her hat, oder ob
der Hase von Ewigkeit ist, oder in der Zeit entstanden ist oder der-
gleichen, sondern man ifit ihn; man zankt sich hochstens iiber den
Besitz, aber nicht iiber irgendwelche Erkenntniswahrheiten. Aber
hinter diesem Abendmahlsstreit liegt ja etwas ganz anderes, und
dieses ganz andere, das lafit einem die Ideen, die man fiir den Ver-
kehr der Menschen untereinander hatte, wiederum gigantisch er-
scheinen gegeniiber den Philisterideen von heute, die manchmal
nicht minder teuflisch, aber eben Philisterideen sind.
Solche Menschen, wie Trithem von Sponheim, Agrippa von Nettes-
heinif Georgius Sabellicus, Paracelsus, sie wurden nicht blofi auf eine
gewohnliche phiUstrose Weise verleumdet, sondern es wurde ihnen
wenigstens nachgesagt, dafi sie im Bunde mit dem Teufel seien und
dafi sie deshalb magische Kiinste ausiiben konnten, die man
fiirchtete. Und so sehen wir hinter dem Abendmahlsstreit die
Furcht vor der Magie. Diese Furcht vor der Magie hangt wiederum
zusammen mit dem Heraufkommen eines neuen Zeitalters, dessen
Signatur eben bei solchen Geistem wie Baco von Verulam,
Giordano Bruno und Jakob Bohme liegt.
Was verstand man denn unter einem Magier? Unter einem Ma-
gier verstand man einen Menschen, der aus seinem Inneren Kennt-
nisse hervorholte, durch die er die Natur und eventuell auch die
Menschen beherrschen konnte. Aber der Geist der neueren Zivilisa-
tion ging dahin, diese inneren Erkenntnisse, die allerdings einmal da
waren und die in der damaHgen Zeit noch als Oberbleibsel uralter
instinktiver Hellsehereinsichten figurierten, hinunterschwinden zu
lassen und dasjenige heraufkommen zu lassen, was nur aus der aufie-
ren Natur, nicht aus dem menschlichen Inneren an Erkenntnissen
gewonnen werden kann. Man hatte ungeheure Furcht vor einem
Menschen, dem man nicht zuschauen konnte, wie er mit allerlei
hantierte, so dafi er sich Maschinen und dergleichen zusammen-
steUte. Denn wo man alles zu iiberschauen vermochte, da konnte
man auch gewissermafien begucken, wie die Erkenntnisse in seinen
Geist hineingingen. Heute ist das ja natiirlich gang und gabe, denn,
nicht wahr, heute fiirchtet man sich nicht mehr vor der Magie, weil
sie eigentlich nicht mehr da ist, weil die inneren Erkenntnisquellen
eben bereits ganz hinuntergegangen sind. Heute ist man sich klar
dariiber, dal? es ganz einerlei ist, ob man einem Menschen zuhort,
der einem Erkenntnisse mitteilt, also auf sein Menschliches hin-
horcht, oder ob man zuguckt, wie er an den Maschinen im Labora-
torium herumhantiert, denn da sieht man ja, wie erst die Erkennt-
nisse hereinkommen in seinen Kopf ; und dafi anderes noch drinnen
sein darf in seinem Kopfe als das, wovon man sieht, dafi es herein-
geht, das lafit man ja nicht gelten. Man mull immer genau gucken
konnen, was ein Mensch dadrinnen hat im Kopfe. Heute ist das
eine Selbstverstandlichkeit
Zu Baco von Verulams Zeiten gab es eben noch Menschen, die
einen gewissen inneren Reichtum hatten. Daher lohnte es sich fiir
Baco von Verulam noch, den grofien Feldzug gegen solchen inneren
Seelenreichtum anzufachen und eben hinzuweisen auf das, was von
aufien in den Menschen hineinkommen kann. Man mochte sagen,
man wird da auf alte Zeiten verwiesen, in denen die menschlichen
Kopfe noch gahen als erfiillt, und wo man wissen woUte, was drin-
nen ist, weil man iiberzeugt war, daiJ das, was drinnen ist, nicht
aufJen in der Natur gefunden werden konnte. Und da kam Bacon
und erklarte: Das ist Unsinn, der menschliche Kopf ist iiberhaupt
hohl, es mufi alles, was hineinkommt, von aufien, von der Natur
in ihn hineinkommen.
Nun, da war es Theorie. Im friiheren Mittelalter aber herrschte
die ungeheure Furcht davor, dafi im Menschen etwas an Erkennt-
nissen selbstandig innerUch wachsen konne, dafi Geist im Menschen
wachsen konne. Kein Wunder, dafi das Verstandnis auch fiir das
Abendmahlmysterium ganz verlorenging, denn da mufite ja irgend
etwas auch durch den Menschen vollzogen werden, wenn eine Ver-
wandlung von Stoff in etwas ganz anderes vor sich gehen sollte.
Und so sehen wir, wie vor alien Dingen in dem Abendmahls-
streit etwas ganz Merkwiirdiges heraufkommt. Altere Zeiten des
Christentums haben die Verwandlung des Brotes und des Weines
vermoge gewisser Ideen, die da waren, als etwas Mogliches, als etwas
Wirkliches hingenommen. Diese Ideen waren nicht mehr da. Des-
halb fing man zu fragen an: Was kann das sein? Und es sollte nun-
mehr sich rein aufierlich vollziehen. Das AulSerliche wurde jetzt das
Wesentliche, was sich ja schon dadurch ausdriickte, daU man sich
sogar iiber die Gestalt, in der das Abendmahl genommen werden
sollte, unter den Reformatoren herumzankte. Es wurde der Geist
aus den Zeremonien herausgetrieben.
Das war die erste Phase iiberhaupt des Materialismus. Was zuerst
in materialistischer Auffassung zutage getreten ist in der neueren
Zivilisation, das war der Sakramentalismus. Da ging der Materialis-
mus eigentlich zuerst auf. Und wahrend dieses Zeitalter, in dem
Bruno, Bohme, Bacon gelebt haben, eben nur den Keim legen soUte
zu einer neuen Geistigkeit, als Zeitalter, an dessen Anfang wir ja ei-
gentlich auch heute noch stehen, das dahin tendiert, dem Menschen
die geistlose Materie in Naturgesetzen vor Augen zu fiihren, so dafi
er aus seiner eigenen Kraft den Geist zu suchen hat, war die erste
Phase diese, dafi man zunachst auf alien Gebieten des Lebens den
Geist gleichsam ausloschte, ausloschte vor alien Dingen schon im
Kultus. Und dann ging dieses Ausloschen weiter auf die profanen
Gebiete des Lebens.
Aber das alles empfand noch Goethe und schuf in seinem
« Faust* einen Nachklang dessen, was aus energischen Begriffen her-
aus gerade in diesem Zeitalter vom Obergang des 16. Jahrhunderts
in das 17. Jahrhundert lebte. Was woUte denn Goethe in seinem
* Faust* hinstellen? Dichterisch ist die Form, aber was er wollte, ist
mehr allgemeinmenschlich als blofi dichterisch, und es ist ja bei un-
befangenem Sinn nicht schwer zu sagen, was Goethe in seinem
« Faust* wollte: er wollte den ganzen, den vollen Menschen vor den
Menschen selbst hinstellen. Und er holte sich diese Figur des
16. Jahrhunderts, die Faust- Figur, herauf, die er, als in ihm der Im-
puls aufstieg einen * Faust* zu schreiben, eigentlich nur sparlich, nur
aus ungeniigenden Uberlieferungen kannte. Er holte sich aus dem
16. Jahrhundert diese Faust-Figur, weil ihm gefiihlsmafiig jenes ge-
waltige Ringen im 16. Jahrhundert aufging, das dazumal vorhanden
war, um etwas, was man verloren hatte, dennoch wiederzufinden in
irgendeiner Weise: namlich den Menschen.
Und das w^ar es, was eigentlich ein jeder dieser drei suchte. Der
Dominikaner, der aus der Scholastik herausgewachsen war, in dem
die Begriffe bis zur aullersten Abstraktheit gediehen waren, er
suchte - sie poetisierend, sie in die Kunst erhebend, sie mit Gefiihl,
wiedenim aber auch mit tiefsinniger Erkenntnis durchdringend -,
er suchte diese Begriffe lebendig zu machen, indem er eigentlich da-
nach rang: Wie ist die Welt im Menschen? Wie ist der Mensch in
der Welt? - So war es bei Giordano Bruno.
Und so war es im Grunde genommen bei dem Schuster Jakob
Bohme. Auch er suchte den Menschen, aber so, wie er aufwuchs, in
jenen einfachen Verhaltnissen, die noch viel Menschlicheres hatten
als die Verhaltnisse der «oberen Zehntausend*. Er fand ihn doch
nicht, diesen Menschen. Und er versenkte sich und vertiefte sich in
die Volksweisheit, und was er suchte, war im Grunde genommen
wieder nichts anderes als die Welt im Menschen, der Mensch in
der Welt.
Nur Bacon war sich eigentlich nicht bewufit dieses Suchens nach
dem Menschen, aber er suchte ihn auch in einer gewissen Weise. Er
suchte ihn sogar in der Art, wie er heute von den tonangebenden
Naturdenkern noch immer gesucht wird. Bacon suchte den Men-
schen, indem er ihn als eine Art Mechanismus zusammenstellen
woUte. Condillac, de Lamettrie, die Naturdenker des 19.Jahrhun-
derts, des 20. Jahrhunderts, sie bauen den Menschen atomistisch auf
aus einzelnen Naturprozessen wie einen Mechanismus. Da kommt
nach dem Glauben dieser Naturdenker etwas zustande, was fiir den
Einsichtigen doch nichts anderes ist als eine Art Gespenst im iiblen
Sinne, was nicht leben kann, was eigentlich ein Begriffssack ist, mit
Abstraktionen ausgestopft.
Wirklich, wenn man Bacon iiber den Menschen reden hort, dann
ist es so, wie wenn er eben einen Begriffssack hatte, mit Abstraktio-
nen ausgestopft. Aber das ist doch immerhin etwas. Es ist auch ein
Suchen nach dem Menschen, wenn auch ein ganz unbewufites Su-
chen. Auch bei Bacon findet man, dafi er alles, womit man friiher
den Menschen zu begreifen versucht hat, unter die Idole verwiesen
hat, dai$ er auch nach dem Menschen sucht. Er weifi es nicht klar,
aber er sucht im Grunde genommen auch nach der Welt im Men-
schen, nach dem Menschen in der Welt.
Und wie ist das nun eigentlich, dafi da ein jeder in seiner Art
nach dem Menschen in der Welt, nach der Welt im Menschen
sucht, wie ist das? - Wenn wir bei Jakob Bohme einen Einblick zu
tun versuchen, so erscheint uns dieses Menschensuchen in der fol-
genden Art. Da sehen wir, wie Jakob Bohme auf einen Menschen
kommt, der eigentlich nirgends da ist. Durch seine stammelnden
Begriffe kommen wir auf cine Anschauung von einem Menschen,
der nirgends da ist. Und dennoch, dieser nichtexistierende, schein-
bar nicht existierende Mensch hat eine innere Kraft des Existierens,
eine richtige innere Kraft des Existierens. Wir glauben an den Men-
schen Jakob Bohmes, trotzdem wir uns sagen: So wie Jakob Bohme
spricht, meinetwillen von den drei Elementen des Lebens, von Salz,
Sulphur und Merkur im Menschen, so ist der Mensch nicht, den
man in der Neuzeit vor sich hat. Aber es ist ein Wesen, was da Jakob
Bohme ausgestaltet - man kann nicht sagen, zusammenstellt, son-
dern ausgestahet -, es ist ein Wesen. Und gerade geisteswissen-
schaftHch kommt man dazu, zu fragen: Was hat es denn fiir eine Be-
wandtnis mit diesem Wesen, von dem Jakob Bohme stammelnd
spricht? - Und da kommt man nun darauf : Das ist der Mensch des
vorirdischen Daseins. Wenn man namlich geisteswissenschaftlich
wiederum auf das Wesen des Menschen im vorirdischen Dasein
kommt, dann stellen sich merkwiirdige Ubereinstimmungen heraus
mit dem, was Jakob Bohme als den Menschen stammelnd schildert.
Da auf der Erde kann dieser Mensch, den Jakob Bohme schildert,
nicht herumgehen. Aber im vorirdischen Dasein, da hat er tatsach-
lich eine mogliche Existenz. Nur ist sozusagen in der Schilderung
Jakob Bohmes nicht alles wirklich da, was diesen vorirdischen Men-
schen ausmacht.
Und so mochte man sagen: Wenn man so ganz eingeht auf die
Menschenschilderung von Jakob Bohme, wie dieser Mensch sich
ausnimmt im vorirdischen Dasein, dann hat man den Eindruck,
gerade mit richtiger geisteswissenschaftlich-anthroposophischer Er-
kenntnis: Jakob Bohme schildert den vorirdischen Menschen. Es ist
schon richtig, aber er schildert ihn doch so, daC er Theorie bleibt,
nicht extensive Theorie, innerliche Theorie bleibt. Es ist der vorirdi-
sche Mensch, der nicht irdischer Mensch werden kann, der eigent-
lich geistig stirbt, bevor er geboren werden kann auf Erden. Er kann
nicht heriiber auf die Erde.
Also man konnte auch so sagen: Was Jakob Bohme vom vorirdi-
schen Menschen schildert, ist so, wie wenn man eine Erinnerung
haben will an etwas, was man erlebt hat, und man kommt nicht da-
hinter, so viel man sich auch abmiiht, die Erinnerung wiederum her-
aufzufiihren. So ist fiir Jakob Bohme die Kraft verlorengegangen,
den vorirdischen Menschen wiederum heraufzuzaubem. Friiher, in
friiheren Weltaltern hat man das gekonnt. Jakob Bohme hatte die
Volkstradition von solcher Weisheit aufgenommen. Aber er konnte
doch nichts zustande bringen als einen seelisch totgeborenen vor-
irdischen Menschen. Es reichte nicht mehr die menschliche Fahig-
keit dazu, diesen Menschen wirklich lebendig in seinem vorirdi-
schen Dasein zu schildem.
Und Giordano Bruno, nun, Giordano Bruno ist eigentlich nicht
nur ein Kind seiner Zeit, sondern ein Mensch, in dem alles ganz
Gegenwart ist. Man hat das Gefuhl bei Giordano Bruno, dafi alles in
ihm Gegenwart ist, grandiose Gegenwart, Gegenwart, die das Wel-
tenall im Raume umfafit - aber nichts Vergangenheit, nichts Zukunf t.
Er erlebt die Welt ganz in der Gegenwart. Er stellt das Weltenall als
ein Gegenwartiges dar und mochte eigentlich nun auch aus seinen
stammelnden, poetisierenden Erkenntnisworten heraus den Men-
schen der Gegenwart schildern. Er wird nur ebensowenig damit fer-
tig, wie Jakob Bohme mit dem vorirdischen Menschen fertig wird.
Aber es sind die Keime bei Giordano Bruno da, den Menschen der
Gegenwart, namlich den irdischen Menschen zwischen Geburt und
Tod, in richtiger Weise in das Weltenall so hineinzustellen, dafi er
begriffen werden kann.
Doch auch da sehen wir also das Unvermogen der menschlichen
Krafte, den ganzen Menschen, nach dessen Erkenntnis man ringt,
zu begreifen. Der aber mufite begriffen werden, denn aus dem Be-
greifen des Erdenmenschen mufi wiederum erspriefien der praexi-
stente Mensch und der postexistente Mensch. Vom postexistenten
Menschen hatte man ganz wenig. Diese Partie blieb namlich dem
Bacon, dem Baco von Verulam verschlossen.
Geradeso wie der schlafende Mensch, wenn er in seinem Ich und
in seinem astralischen Leib auCer dem physischen und Atherleib ist,
in derselben Welt zunachst lebt, die wir mit unseren Augen, mit un-
serem ganzen Sinnesapparat sinnlich wahmehmen, wie dieser schla-
fende Mensch, das heifit sein Geistig-Seelisches, schlafend Keime in
sich aufnimmt zu dem Leben, das er entfalten wird, wenn er durch
die Pforte des Todes gegangen ist, wie aber dem Menschen fiir das
gewohnliche Bewufitsein verschlossen ist, was da eigentlich aufge-
nommen wird aus der unmittelbaren Gegenwart fiir die Zukunft, so
ist fiir den ersten Anhub der modemen Wissenschaftlichkeit, wie sie
in Baco von Verulam auftritt, alles das verschlossen, was Zukunft ist,
was aber dennoch unbewufit, wenn auch abgeleugnet, in der Sinnes-
erkenntnis lebt. Und aus der Sinneserkenntnis mufi geschopft wer-
den die Erkenntnis der Postexistenz, der Existenz nach dem Tode.
Bacon kann es noch nicht, hat gar keine geistige Kraft dazu. Daher
wird sein Mensch eigenthch, wie ich sagte, ein Begriffssack, mit Ab-
straktionen ausgestopft. Es ist das Unvollkommenste von dem, was
am Ende dieses Zeitalters - das zur Geistigkeit, aber jetzt aus der
Naturerkenntnis heraus, hinstreben mufi - einmal errungen werden
muC: dieses, was in Baco von Verulam auftaucht.
So sehen wir, wie bei Jakob Bohme in unvollkommener Weise
der vorirdische Mensch, in Giordano Bruno grandios, aber ebenso
unvoUkommen noch, der gegenwartige Erdenmensch, der Mensch
zwischen Geburt und Tod, aus dem Weltenall begriffen, aufgesucht
wird, und wie noch unbewufit bei Bacon das ist, was einstmals leben
soil, aber bei ihm noch als ganz totes Produkt auftritt. Denn sehen
Sie, was Bacon als Mensch schildert, das lebt nicht auf Erden, das ist
auf Erden ein Gespenst. Aber wenn es einmal in seiner VoUkom-
menheit geschildert werden wird, dann wird es der Mensch sein im
nachirdischen Dasein.
Wenn wir diese drei Geister nehmen, die wahrhaftig ein wunder-
bares Trifolium darstellen um die Wende des 16. zum 17. Jahrhun-
dert, namentlich auch wenn wir ihren Ursprung nehmen - den
Volksmann Jakob Bohme, den aus der damaligen Geistesschulung
hervorgegangenen Dominikaner Giordano Bruno, den auf den Ho-
hen des aufSerlichen sozialen Lebens stehenden, aber den Boden un-
ter den Fiiflen verloren habenden Baco von Verulam -, wenn wir
auch aus diesen sozialen Verhaltnissen heraus begreifen, wie sie in
verschiedener Weise zu ihren Anschauungen kommen konnten,
dann finden wir ein merkwiirdiges Schicksal in ihnen erfiillt.
Wir sehen den Volksmann Jakob Bohme sein ganzes Leben hin-
durch kampfend fiir das, was im Volke noch lebt, aber eben stam-
melnd lebt und angefeindet ist Doch der Kampf zieht sich latent
hin: Jakob Bohme tritt im Grunde genommen nicht heraus aus den
Kreisen des Volkstums.
Baco von Verulam, ein intellektuell grofiartiger Mensch, der Re-
prasentant der modemen Weltanschauung, verliert sich in sich
selbst moralisch, kommt auf moralische Abwege, ist insofem eine
ehrliche Darstellung des Menschen, als eigentlich diese Art von
Wissenschaftlichkeit iiberhaupt auf moralische Abwege kommen
mufite. Nur sind die andem nicht so ehrlich wie in ihm der Damon;
denn ich will nicht behaupten, daC er ehrlich war.
Und zwischen drinnen Giordano Bruno, der nun nicht auf etwas
Vergangenes, nicht auf etwas Zukiinftiges hinwies, der in unmittel-
barer Gegenwart den Keim ergreifen woUte, aus dem sich die zu-
kiinftige Geistesanschauung entwickeln mufite. Bei ihm tritt sie
noch ganz embryonal auf. Aber dasjenige, was am Alten hangt,
mufite diesen Keim im Entstehen erdrucken. Und so sehen wir, wie
die Flammenzeichen in Rom ein geschichtliches Denkmal grofJarti-
ger Art sind, wie der brennende Giordano Bruno eben anzeigt: es
mul5 etwas werden. Und das, was werden soUte, was ihn selbst zu
den Worten drangte: Mich konnt ihr toten, aber meine Ideen wer-
den in Jahrhunderten nicht getotet werden konnen - das mufJ eben
auch weiterleben. Und in solcher Art sind auUere Symptome, die
einem so erscheinen, als ob sie nur Aufierlichkeiten im geschicht-
lichen Werden sind, doch in einer tiefen innerlichen Weise in der
Entwickelung der Menschheit begriindet. Es ist in diesen Giordano-
Bruno- Flammen eben ausgedriickt, wie ein neuer Impuls von dem
Alten aufgenommen werden mufi, wenn man die ganze Konfigura-
tion des Alten wirklich versteht.
Ich wollte Ihnen schildem, was da eigentlich innerlich vorgegan-
gen ist, was man eigentlich verbrennen wollte. Nun, unsere heutige
Zeit hat zwar ein aufierliches Giordano-Bruno-Denkmal an der
Statte der einstmaligen Giordano-Bruno-Flammen aufgerichtet.
Doch es handelt sich darum, dafi nun auch wirklich dasjenige ver-
standen werde, was dazumal getotet worden ist, aber leben sollte
und leben mufi - leben allerdings in Weiterentwickelung, nicht in
derselben Gestalt, in der es dazumal vorhanden war.
FUNFTER VORTRAG
Domach, 13.Januar 1923
Indem ich die gestrigen Betrachtungen fortsetzen will, mochte ich
nur daran erinnem, dafi die drei Gestalten, deren Bedeutung zu uns
heriiberragt aus der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert, und die
ich zu charakterisieren versuchte, Giordano Bruno, Baco von Veru-
lam und Jakob Bohme, uns alle darauf hinweisen, wie in ihnen ein
Ringen lebte, den Menschen zu verstehen, etwas zu wissen uber das
Wesen des Menschen selbst, und wie zu gleicher Zeit in diesen drei
Gestalten eine gewisse Unfahigkeit lebte, zu einem solchen Erken-
nen des Menschen zu kommen. Das ist das Charakteristische, dafi
man deutlich sieht in dieser Zeitepoche, auf die ich hinwies, wie
eine alte Menschenerkenntnis verlorengegangen ist und wie das ehr-
lichste, aufrichtigste Ringen der hervorragendsten Geister zu einer
neuen Menschenerkenntnis nicht fiihrt.
Wir mufiten ja darauf hinweisen, dafi aus der eigentiimlich stam-
tnelnden Sprache des Jakob Bohme heraus etwas tont wie die Sehn-
sucht, die Welt im Menschen, den Menschen in der Welt zu erken-
nen, wie aber aus allem, was Jakob Bohme zu einer solchen Welt-
und Menschenerkenntnis zusammenbringt, etwas herausleuchtet,
was sich vor der gegenwartigen anthroposophischen Anschauung
wie ein Hinweis auf das Wesen des vorirdischen Menschen darstellt,
des Menschen, bevor er zum irdischen Dasein heruntergestiegen ist,
und dafi doch wiederum bei Jakob Bohme eine klare Darstellung
dieses Wesens nicht zu finden ist. Ich sprach das etwa mit diesen
Worten aus: Jakob Bohme schildert in stammelnden Worten das
Wesen des vorirdischen Menschen, aber so, dafi der Mensch, den er
da schildert, eigentlich als geistig-seelisches Wesen in der geistigen
Welt sterben mufite, bevor er auf die Erde heruntersteigen konnte.
Ein Rudiment gewissermafien des vorirdischen Menschen schildert
Jakob Bohme. Also es ist bei ihm das Unvermogen vorhanden, die
Welt im Menschen, den Menschen in der Welt wirkUch zu ver-
stehen.
Sehen wir dann auf den poetisierenden Giordano Bruno, so fin-
den wir eine in Bildem dargestellte Welterkenntnis grandioser Art.
Wir finden auch den Versuch, den Menschen hineinzustellen in die-
ses grandiose Weltenbild, also wiederum den Versuch, die Welt im
Menschen, den Menschen in der Welt zu erkennen. Aber es kommt
nicht zu einer solchen Erkenntnis. Giordano Brunos machtige Bil-
der sind schon und grandios, sie schweifen in Unendlichkeiten auf
der einen Seite, und in Tiefen der menschlichen Seele auf der an-
dem Seite. Aber sie bleiben unbestimmt, sie bleiben sogar ver-
schwommen. Nach allem, was Giordano Bruno spricht, finden wir
bei ihm ein Streben, den gegenwartigen Menschen im raumlichen
Weltenall und das raumliche Weltenall selbst darzustellen.
Wahrend also Jakob Bohme auf den vorirdischen Menschen in
ungeniigender Art hinweist, sehen wir bei Giordano Bruno eine ver-
schwommene Darstellung des Menschen, wie er auf Erden lebt, im
Zusammenhange mit dem raumlichen, also auch fiir den irdischen
Menschen bestehenden Kosmos, aber eben ungeniigend. Denn eine
wirklich geniigend durchgreifende Anschauung des Verhaltnisses
des Menschen zum Kosmos fiir die Gegenwart gibt einen Ausblick
auf den vorirdischen Menschen und einen Ausblick auf den nachir-
dischen Menschen, wie ich das vor einer kurzen Zeit hier am Goe-
theanum in dem sogenannten Franzosischen Kurs dargestellt habe.
Und sehen wir wiederum auf Baco von Verulam, Lord Bacon,
dann finden wir, dafi er eigentlich keine traditionellen Vorstellun-
gen vom Menschen mehr hat. Von den alten Einblicken in die
menschliche Natur, welche heriibergekommen waren aus alten hell-
seherischen Anschauungen, und von den alten Mysterienwahrhei-
ten, findet sich ja nichts bei Baco von Verulam. Aber Baco von Ve-
rulam wendet den Blick hinaus in die Welt, die fiir die Sinne wahr-
nehmbar ist, und teilt dem. menschlichen Verstande die Mission zu,
die Erscheinungen und die Dinge dieser Welt des Sinnendaseins zu
kombinieren, Gesetze zu finden und so weiter. Er versetzt also die
Anschauung der menschlichen Seele in diejenige Welt, in welcher
der Mensch als Seele ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen, aber
er geiangt da nur zu Bildern von der nichtm.enschlichen Natur.
Diese Bilder, wenn sie blofi, wie sie Lord Bacon nimmt, logisch und
abstrakt genommen werden, stellen nur die aufSere menschliche
Natur dar. Wenn sie erlebt werden, dann werden sie allmahlich
zu etwas, was den Ausblick gibt auf des Menschen Dasein nach dem
Tode. Denn gerade aus einer wirklichen Naturerkenntnis heraus
kann eine exakt clairvoyante Anschauung iiber das Wesen des Men-
schen nach dem Tode gewonnen werden. So ist auch Bacon einer,
der ringt nach jener Erkenntnis des Menschen in der Welt, der Welt
im Menschen, um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert. Aber
auch seine Krafte bleiben ungeniigend, denn dasjenige, was im blo-
fien Bilde auftritt, weil eine alte Realitat im seelischen Erleben nicht
mehr vorhanden ist, das intensivierte er nicht zu einem neuen Erle-
ben. Er steht gewissermaCen vor der Pforte zur Erkenntnis des Le-
bens nach dem Tode, gelangt aber nicht an diese Erkenntnis heran.
So dafS wir sagen konnen: Jakob Bohme gibt noch eine Erkennt-
nis in alten Traditionen iiber den vorirdischen Menschen, die aber
ungeniigend ist. Giordano Bruno steht vor einer Weltenschilderung,
die ihm den gegenwartigen Menschen geben konnte, den irdischen
Menschen mit seinem Seelischen auf der einen Seite, mit seinem
Hintergrunde des Kosmos auf der andern Seite. AUein, Giordano
Bruno bleibt bei einer ungeniigenden Schilderung des Kosmos und
bei einer ebenso ungeniigenden Schilderung des seelischen Lebens,
das bei ihm zu einer blofien belebten Monade zusammenschrumpft.
Lord Bacon zeigt bereits, wie Naturwissenschaft sich entwickeln
mufi, wie Naturwissenschaft aus der blol^en Materie heraus den Fun-
ken des Geistigen in freier menschlicher Erkenntnis suchen mufi.
Er deutet hin auf diese freie menschliche Erkenntnis, aber sie be-
kommt keinen Inhalt. Wiirde sie Inhalt bekommen, so miifSte er
hindeuten auf den nachirdischen Menschen. Das kann er nicht.
Auch seine Erkenntnisfahigkeit bleibt unvermogend.
All das, was in friiheren Epochen der irdischen Menschheitsent-
wickelung an lebendiger Erkenntnis aus dem Innem hat geschopft
werden konnen, das war in jener Zeit vergangen. Der Mensch war
gewissermafien dazu gelangt, leer zu bleiben, wenn er in sein Inne-
res blickte und aus seinem Inneren Erkenntnis iiber die Welt gewin-
nen woUte. Der Mensch hatte, man darf schon sagen, in einer gewis-
sen Weise sich selbst verloren, sich verloren mit dem inneren Er-
kenntnisleben. Und geblieben war ihm der Ausblick auf die auCere
Welt, auf die aufiere Natur, auf das, was nicht Mensch ist.
Jakob Bohme hatte, wie ich gestern schon andeutete, aus der
Volksweisheit heraus noch so etwas genommen wie dieses: In der
menschlichen Wesenheit leben drei Prinzipien, die er Salz, Merkur,
Sulfur nannte. Diese Worte bedeuten noch in seiner Sprache etwas
ganz anderes als in unserer heutigen chemischen Sprache. Denn
verbindet man die Begriffe, die heute in der Chemie iibUch sind, mit
dem, was Jakob Bohme in groCartiger Weise stammeh, so hat dieses
Jakob Bohmesche Stammeln iiberhaupt keinen Sinn mehr. Die
Worte wurden fiir anderes gebraucht. Und wofiir wurden sie ge-
braucht? Worauf deutete selbst noch ihr Gebrauch in der Volks-
weisheit hin, aus der Jakob Bohme geschopft hat? Ja, indem Jakob
Bohme von einem Wirken des Salzigen, des Merkurischen, des Sul-
furigen im Menschen sprach, sprach er von etwas Konkretem, von
Realem.
Wenn der Mensch heute von sich selber spricht, spricht er von
dem Seelischen ganz in Abstraktionen, fiir die er keinen Inhalt
mehr bekommt; die Realitat, die WirkHchkeit war aus dem mensch-
lichen Begriff hinweggegangen. Die letzten Brocken sozusagen sam-
melt Jakob Bohme noch auf. Die aufiere Natur lag, fiir die Sinne
wahrnehmbar, fiir den Verstand zu kombinieren, vor dem Men-
schen ausgebreitet. Aber in dieser aufieren Natur lernte man
Vorgange, lernte man Dinge kennen, und dann baute man in den
folgenden Jahrhunderten bis heute auch den Menschen auf aus
demjenigen, was man in der Natur hat erkennen konnen. Man
muiJte sozusagen den Menschen durch das Aufiermenschliche
begreifen. Und indem man den Menschen durch dieses Aufier-
menschliche zu begreifen suchte, baute man, ohne daf] man es
wuBte, ob das auch mit der menschlichen Wesenheit wirklich
stimmt, seinen Korper auf.
Man bekommt in einer gewissen Weise eine Art Aufbau eines
Menschengespenstes dadurch, dafi man fiir die Vorgange innerhalb
der menschlichen Haut jene Vorgange kombiniert, die man draufien
in der sinnlichen Natur beobachtet. Aber auf diese Weise kommt
man nicht mehr an den Menschen heran. Spricht man dann iiber
den Menschen, so redet man wohl von Denken, Fiihlen, WoUen,
aber das bleiben Abstraktionen, das bleiben schattenhafte Gedan-
kenbilder, von sogenannten inneren Erlebnissen ausgefiillt. Denn
diese inneren Erlebnisse sind ja nur die Spiegelungen der aufieren
Natur. Wie das Geistig-Seelische eingreift in die menschliche kor-
perliche Wesenheit, davon hatte man eigentlich keine Ahnung
mehr. Und was traditionell iiberliefert war aus aher hellseherischer
Erkenntnis, das verstand man nicht mehr.
Was hat dazu unsere heutige anthroposophische Geisteswissen-
schaft zu sagen? Erinnem Sie sich an manches, was dariiber gesagt
worden ist. Wir haben es zu tun im Menschen, wenn wir zunachst
auf sein Korperliches hinschauen, mit solchen Vorgangen, die sich
abspielen in Anlehnung an die Sinne. Wir haben es zu tun mit Vor-
gangen, die sich abspielen in Anlehnung an die Emahrung des
Menschen. Und wir sehen auch solche Vorgange, wo gewissermafJen
die Emahrung mit der Sinneswahmehmung zusammenfallt. Wenn
der Mensch ifit, so nimmt er die Nahrungsmittel in sich auf. Die
auCeren Stoffe der Natur also nimmt er in sich auf. Aber er
schmeckt sie zugleich. Also eine Sinneswahmehmung vermischt
sich mit einem Vorgang, der von der aufieren Natur in den Men-
schen herein geschieht.
Greifen wir einmal gerade diesen Vorgang heraus, dafi in Beglei-
tung der Geschmackswahmehmungen sich die Emahmng voUzieht.
Da finden wir zunachst, dafi, wahrend sich die Geschmackswahr-
nehmung abspielt und der Emahmngsvorgang eingeleitet wird, die
aufieren Stoffe aufgelost werden in den Saften, die im menschlichen
Organismus enthalten sind. Die aufieren Stoffe, welche die Pflanze
aufnimmt aus der leblosen Natur, sind eigentlich, zunachst in ihren
Prinzipien, alle gestaltet. Dasjenige auf der Erde, was nicht gestaltet
ist in der leblosen Natur, ist eigentlich zerkliiftet. Wir miissen ei-
gentlich fiir alle Stoffe Kristalle suchen. Und diejenigen Stoffe, die
wir nicht in kristallisierter Form, die wir gestaltenlos oder als Staub
und dergleichen finden, die sind eigentlich zerstorte JCristallisatio-
nen. Und aus der kristallisierten leblosen Natur entnimmt die
Pflanze ihre Stoffe und baut sie eben in der Form auf, welche die
Pflanze haben kann. Daraus wiederum nimmt das Tier die Stoffe
und so weiter. So dafS wir sagen konnen: Draufien in der Natur hat
alles seine Form, hat alles seine Gestaltungen. Indem der Mensch
diese Gestaltungen aufnimmt, lost er sie auf. - Darin besteht die
eine Form der Vorgange, welche sich im Menschen voUzieht: im
Auflosen der gestalteten aufieren Natur. Das alles geht gewisserma-
fien in das Wasserige, in das Fliissige iiber.
Aber indem das nun in das Wasserige, in das Fliissige iibergeht,
wenn der Mensch es aufnimmt, bildet er innerlich diese Gestalten
wiederum aus dem, was er erst aufgelost hat. Er schafft diese Gestal-
ten. Wenn wir Salz zu uns nehmen, losen wir es auf durch das Fliis-
sige unseres Organismus, aber wir gestalten in uns dasjenige, was das
Salz war. Wenn wir eine Pflanze aufnehmen, so losen wir die Stoffe
der Pflanze auf, aber wir gestalten innerlich wiederum. Aber wir ge-
stalten das jetzt nicht im Fliissigen, wir gestalten es im Atherleib des
Menschen.
Nun ist das Folgende der Fall: Wenn Sie sich zuriickversetzen in
alte Zeiten der Menschheitsentwickelung, da nahm der Mensch
zum Beispiel Salz zu sich. Er loste es auf, das Aufgeloste gestaltete
er in seinem Atherleib wiederum. Er konnte aber innerlich diesen
ganzen Prozefi wahmehmen, das heifit, er konnte aus sich heraus
den Gedanken an die Salzgestalt erleben. Der Mensch s£ Salz, er
loste das Salz auf, in seinem Atherleib war der Salzwiirfel, und er
wufJte daraus: das Salz hat die Gestalt des Wiirfels. Und so erlebte
der Mensch, indem er innerlich sich erlebte, eben auch die Natur in-
nerlich. Die Weltengedanken wurden seine Gedanken. Das, was er
als Imagination erlebte, als traumhafte Imagination, waren im Men-
schen sich darstellende, atherisch sich bildende Gestaltungen, die
aber die Gestaltungen der Welt waren.
Jetzt war die Zeit heraufgezogen, durch welche dem Menschen
diese Fahigkeit abhanden gekommen war, innerlich seinen Auflo-
sungsprozefi und Wiedergestaltungsprozefi im Atherischen zu erle-
ben, und er wurde immer mehr und mehr angewiesen, die Frage an
die aufiere Natur zu stellen. Er konnte nicht mehr innerlich durch
Anschauen erleben, dafi das Salz in Wiirfelform gestaltet ist. Er
mufite in der aufieren Natur nachforschen, welches die Gestalt des
Salzes ist. So wurde der Mensch von innen abgelenkt und auf das
Aufiere gelenkt. Der radikale Umschwung zu diesem Zustande, dafi
der Mensch innerlich die Weltengedanken nicht mehr in Selbst-
wahmehmung seines Atherleibes erlebte, der voUzog sich eben seit
dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und war zum Beispiel bis zu einer
gewissen Hohe gestiegen in der Zeit, in der Giordano Bruno, Jakob
Bohme und Baco von Verulam lebten.
Jakob Bohme hatte aber noch eben die Brocken der Volksweis-
heit aufgenommen, die eigentlich so zu ihm gesprochen hat: Der
Mensch lost alles, was er an aulSeren Stoffen einnimmt, auf. Es ist
ein Prozefi, so wie wenn man Salz in Wasser auflost. Der Mensch
tragt dieses Wasser in seiner Lebensfliissigkeit in sich. AUe Stoffe
sind, insofern sie Nahrstoffe sind, Salz. Das lost sich auf. Im Salz, in
den Salzen sind die Weltengedanken auf der Erde ausgedriickt. Und
der Mensch gestaltet wiederum diese Weltengedanken in seinem
atherischen Leibe. Das ist der Salzprozefi. So sprach Jakob Bohme
stammelnd dasjenige aus, was in alten Zeiten eben durch inner-
liches Erleben noch erkannt worden war. Aber wenn man nicht mit
den Mitteln der Anthroposophie hineinleuchtet in das, was Jakob
Bohme sagt, so wird man die stammelnden Satze doch nicht in der
richtigen Weise entziffern konnen und allerlei mystisch-nebuloses
Zeug hinein interpretieren. So de£ man also besser sagen kann:
Jakob Bohme brachte den Denkprozefi, den Vorgang, durch den
man die Welt vorstellt in Bildern, mit dem Salzprozefi, mit dem
Auflosungsprozesse und dem Wiedergestaltungsprozesse des Auf-
gelosten zusammen. Das war sein Salzprozefi.
Es ist manchmal, wenn es nicht zu gleicher Zeit eben den Hoch-
mut vieler Leute verriete, riihrend zu sehen, wie sie Jakob Bohme
lesen und da, wo bei ihm das Wort Salz steht, irgend etwas zu verste-
hen glauben, wahrend sie gar nichts verstehen. Dann kommen sie,
halten den Kopf hoch, die Nase in die Liifte und sagen, sie haben
Jakob Bohme gelesen und das ist ungeheuer tiefe Weisheit. Aber
diese Weisheit lebt nicht in den Interpreten, in denen, die solche
Behauptungen aufstellen. Wenn es nicht hochmiitig ware, ware es
sogar riihrend, wie die Leute iiber dasjenige sprechen, was Jakob
Bohme selber nur noch annahernd verstanden hat, indem er die
Volksweisheit aufgenommen und in stammelnde Satze gebracht
hat.
Aber damit ist uns ja hingedeutet auf eine ganz andersgeartete
Weisheit und Wissenschaft der alten Zeiten, auf eine Weisheit, die
erlebt wurde, indem der Mensch die Selbstwahrnehmung der Vor-
gange in seinem Atherleib hatte, die sich ihm darstellten als die in
ihm sich wiederholenden' Weltengedanken. Die Welt, aufgebaut
nach den Gedanken, die wir verkorpert sehen in den Kristallisatio-
nen der Erde, die der Mensch wiederum gestahet in seinem Ather-
leib und erkennend miterlebt: das war jenes alte Erkennen, das
verschwunden war in einer gewissen Zeit.
Versetzt man sich in ein altes Mysterium und lauscht der Schil-
derung, die ein solcher Mysterieneingeweihter vom Weltenall gege-
ben hat, dann wird einem so etwas geistig-seelisch horbar - wie die
Worte, die ich eben ausgesprochen habe: Uberall im Weltenall wir-
ken die Weltengedanken, wirkt der Logos. Schauet auf die Kristalli-
sationen der Erde! In ihnen sind Verkorperungen der einzelnen
Worte des universellen Logos.
Der Geschmackssinn ist nur einer von den vielen Sinnen. Dasje-
nige, was der Mensch hort und was der Mensch sieht, ist in einer
ahnlichen Weise zu behandeln, wenn auch da das Salz in einer mehr
atherischen Form schon auilerlich aufgefafit werden mufi. Aber der
Mensch nimmt durch seine Sinne das, was in den Salzen verkorpert
ist, auf und gestaltet es wieder in seinem Atherleib, erlebt es in sich.
Die Weltengedanken wiederholen sich in den Menschheitsgedan-
ken, man erkennt die Welt im Menschen, den Menschen in der
Welt. Mit einer ungeheuren Anschaulichkeit, mil einer konkreten
Intensivitat schilderten das aus ihren traumhaft-visionaren Welten-
erkenntnissen und Menschenerkenntnissen heraus die alten Einge-
weihtcn.
Das war im Verlaufe des Mittelalters allmahlich verschwunden
hinter einer blofJ logischen Weisheit, die allerdings sehr bedeutend,
aber eben eine blofi scholastische Weisheit gewesen ist, und es war
hinuntergesickert und Volksweisheit geworden. Man mochte sagen,
was einstmals eine hohe kosmische und humanistische Weisheit
war, war iibergegangen in die Volksausspriiche, die von Leuten ge-
tan wurden, die wenig mehr davon verstanden, die aber noch fiihlten,
dafi ihnen da ein ungeheures Gut erhalten geblieben war. Und unter
solchen Leuten lebte Jakob Bohme, nahm die Dinge auf, und durch
sein eigenes Talent belebten sie sich in ihm, und er konnte mehr sa-
gen als das Volk. Aber er konnte eben auch nur zum Stammeln
kommen.
In Giordano Bruno lebte nichts mehr als das allgemeine Gefiihl:
Man mufi den Kosmos erkennen, man mud den Menschen erken-
nen. Aber es reichte seine Erkenntnisfahigkeit nicht aus, so etwas
Konkretes zu sagen wie: Weltengedanken sind draufien, ein Wel-
tenlogos, der sich in den Kristallen verkorpert. Der Mensch nimmt
die Weltengedanken auf, indem er wahmehmend und sich erah-
nend auflost das Salzige und es wiedererstehen lafit in seinem
Atherleib, wo er ihn erlebt, den konkreten Gedanken von der viel-
gestaltigen Welt, und jenen konkreten Gedanken von dem mensch-
lichen Innem, aus dem aufspriefit, atherisch ebenso reich sich ge-
staltend eine Welt - wie es die Welt draufien ist. Denken Sie sich
diese unendlich reichen Gedanken! Der kosmische Gedanke und
der menschliche Gedanke, sie schmolzen sozusagen zusammen bei
Giordano Bruno zu einer allgemeinen Schilderung des Kosmos, die
allerdings, wie ich sagte, in Unendlichkeiten schweifte, aber abstrakt
war. Und was im Menschen lebt als die wiedergestaltete Welt, das
schmolz zusammen zu der Schilderung der lebendigen Monade: im
Grunde genommen ein ausgedehnter Punkt, weiter nichts.
Dieses, was ich Ihnen geschildert habe, war in einem gewissen
Sinne Einsicht der alten Mysterienweisen. Es war ihre Wissenschaft.
Aber aufier dem, dafi die alten Mysterienweisen durch ihre beson-
dere, in Traum gehuUte Methode eine solche Wissenschaft erringen
konnten, batten sie ja auch noch die Moglichkeit, mit geistigen We-
senheiten des Kosmos in wirkliche Verbindung zu treten. So wie
hier auf Erden ein Mensch mit dem andem in bewufite Verbindung
tritt, so traten diese alten Weisen in Verbindung mit geistigen We-
senheiten des Kosmos. Und von diesen geistigen Wesenheiten lem-
ten sie nun den andem Teil, den man bei ihnen findet: Sie lemten
von diesen geistigen Wesenheiten, dafi nur der Mensch dasjenige,
was er so im Atherleibe gestahet, wodurch er eigentlich innerlich
eine Wiederholung des Kosmos ist - ein kleiner Kosmos, ein Mi-
krokosmos, eine atherische Wiedergeburt des grofien, des Makro-
kosmos -, dafi er, was er auf diese Weise als innerlichen Kosmos
hat, in dem Elemente der Luft durch den Atmungsprozefi wie-
derum verglimmen macht, abdammern macht.
Also der Mensch konnte lernen, wie die Weh in ihm wiederge-
boren wird in vielen Gestalten, so dafi er eine innerHch gestaltete
Welt erlebte. Aus seinem innerlichen Lebenswasser tauchte athe-
risch die ganze Welt innerlich auf (siehe Zeichnung, Linien). Das
war altes Hellsehen. Das ist aber ein wirklicher ProzeB, ein wirk-
licher Vorgang. Und im neueren Menschen ist der Vorgang auch
vorhanden, nur kann er ihn nicht innerlich erleben.
Jene Wesenheiten nun, mit denen der alte Weise wirkliche Ver-
haltnisse eingehen konnte, die wiesen ihn nicht blofi auf sein Le-
benswasser hin, aus dem heraus geboren wurde dieser Mikrokos-
mos, sondem auf seine Lebensluft, auf das, was der Mensch als Luft
mit dem Atem aufnimmt und in seinem ganzen Organismus aus-
breitet. Was da ausgebreitet wird, das ergiefit sich gewissermafien
wiederum iiber diesen ganzen Mikrokosmos, macht die Gestalten,
die drinnen sind, undeutlich (rote Schraffur auf der Zeichnung). Die
wunderbar atherisch gestaltete kleine Welt beginnt, indem der
Atem iiber sie kommt, da und dort, man mochte sagen, abzudam-
mem, undeutlich zu werden. Das, was vielgestaltet war, wird eines,
deshalb, weil in dem Luftformigen der astralische Mensch lebt, so
wie in dem Wasserigen der atherische Mensch lebt. Der astralische
Mensch lebt darinnen, und durch den Zusammenbruch der atheri-
schen Gedanken, durch die Umwandlung der atherischen Gedan-
ken in Kraft, durch das Astralische im Luftmenschen wird der Wille
geboren, und mit dem Willen die Wachstumskrafte, die verwandt
sind mit dem Willen.
Wiederum haben wir nicht das abstrakte Wort Wille, sondern
einen konkreten Vorgang. Wir haben den konkreten Vorgang, dafi
das Astralische das Luftformige ergreift und sich iiber dasjenige, was
atherisch-wasserig ist, ausbreitet. Und dadurch geschieht wirklich
ein Prozefi, wie er aullerlich in der Natur sich darstellt auf einer an-
dem Stufe, wenn das Gestaltete verbrannt wird. Diesen ProzeC aber
fafite man in alten Zeiten als den Sulfurprozefi auf. Und aus dem
Sulfurprozefi heraus entwickelte sich dasjenige, was dann seelisch
erlebt wird als der menschliche Wille.
Man sagte in alten Zeiten nicht das abstrakte Wort Denken fiir
etwas blofi Bildhaftes, sondern wenn man vom Denken sprach und
ein wirklich Erkennender war, so sprach man von dem Ihnen eben
geschilderten Salzprozefi. Man sprach nicht in abstrakter Weise von
dem Willen, sondem man sprach, wenn man ein Erkennender war,
von dem Erfassen des vom Astralischen durchsetzten Luftformigen,
von dem Sulfurprozel?, in dem der Wille urstandet, der angeschaute
Wille. Und man sagte, dafi der Ausgleich zwischen beiden - denn es
sind ja entgegengesetzte Vorgange - durch den Merkurprozefi
vollzogen wird, durch dasjenige, was gestaltet und fliissig ist, was
hin- und herpendelt gewissermafien von dem Atherischen zu dem
Astralischen, von dem Wasserigen zu dem Luftformigen.
Solche abstrakten Ideen, wie sie die Scholastik allmahlich ausge-
bildet hat und wie sie die modeme Naturwissenschaft iibernommen
hat, gab es ja fiir die alten Denker gar nicht. Solche alten Denker
waren sich vorgekommen, wenn man ihnen unsere Begriffe von
Denken, Fiihlen und Wollen gegeben hatte, wie ein Laubfrosch, den
man unter den ausgepumpten Rezipienten einer Luftpumpe, in
einen luftleeren Raum setzt. So waren sich die ahen Denker vorge-
kommen mit unseren abstrakten Begriffen. Sie hatten gedacht: Da-
mit lafJt sich ja nicht seelisch leben, da kann man ja nicht seelisch
Luft schnappen. Es ware fiir sie iiberhaupt gar nichts gewesen. Sie
sprachen nicht von einem blofien abstrakten Willensprozefi, von ei-
nem blofien abstrakten Denkprozefi, sondern von einem Salzprozefi,
von einem Sulfurprozefi, und meinten damit etwas, was auf der
einen Seite geistig-seelisch, aber auf der andem Seite materiell-
atherisch war. Das war fur sie eine Einheit, und sie durchschauten
das Weltwirken, indem die Seele iiberall im KorperUchen wirkte,
das Korperliche iiberall vom Seelischen ergriffen war.
In den Schriften des Mittelalters, die hinaufreichen bis zum 13.,
14., 15- Jahrhundert, da spukt noch nach diese alte Anschauung, die
von Inhalt erfiillte, aber innerlich erlebte Erkenntnisse hatte. Die
waren erstorben in der Zeit, in der Giordano Bruno, Jakob Bohme,
Baco von Verulam lebten. Die Ideen waren abstrakt geworden. Der
Mensch war angewiesen darauf, nicht mehr in sich hinein, sondern
hinaus in die Natur zu schauen. Ich sagte Ihnen, die alten Denker
waren sich mit unseren Ideen vorgekommen wie ein Laubfrosch un-
ter dem Rezipienten der Luftpumpe. Aber wir konnen diese Ideen
doch haben. Die meisten Menschen denken sich allerdings nichts,
wenn sie von Denken, Fiihlen und Wollen reden, als hochstens die
Spiegelbilder der aui^eren Natur, die im Menschen vorkommen.
Aber man kann sich gerade in der neueren Zeit etwas erringen, was
man in der alten Zeit nicht konnte. Man ist gewissermafien von der
Selbsttatigkeit, die von innen heraus zum Erkennen kommt, verlas-
sen worden. In der Zwischenzeit, die sich da gebildet hat seit dem
15. Jahrhundert, findet der Mensch nichts mehr, wenn er blofJ in
sein Inneres schaut. Er schaut hinaus in die Natur, da macht er sich
abstrakte Begriffe. Aber nun konnen diese abstrakten Begriffe eben
aufierlich wiederum intensiviert werden, konnen wiederum zum In-
halt werden, weil sie erlebt werden konnen. Damit ist man ja aller-
dings jetzt erst im Anfange, aber diesen Anfang mochte anthroposo-
phische Geisteserkenntnis machen.
All die Prozesse aber, auf die ich Ihnen da hingedeutet habe, die-
ser SalzprozeC, dieser Sulfurprozefi, sind ja Prozesse, die sich in der
auiJerlichen Natur gar nicht vollziehen, Es sind Prozesse, die der
Mensch nur erkennen konnte in seinem Innem. In der aufieren
Natur vollziehen sie sich nicht. In der aufieren Natur voUzieht sich
etwas, was zu diesen Prozessen sich so verhalt wie die Prozesse in
einem Leichnam zu den Prozessen in dem lebenden Menschen.
Wenn die heutige Chemie von Sulfurprozessen, von Salzprozes-
sen redet, so verhalten sich diese Sulfur-, diese Salzprozesse zu dem,
was Jakob Bohme noch aus der Volksweisheit aufnahm, wie sich die
Vorgange in einem Leichnam zu den Vorgangen im lebendigen
Menschen verhalten. Es ist alles tot, wahrend diese alten Anschau-
ungen innerliches Leben hatten. Man sah also hinein in eine neue
Welt, die um den Erdenmenschen herum nicht ist. Dadurch aber
hatte man die Gabe, mit Hilfe der selbsterlebten Erkenntnis das-
jenige zu sehen, was nicht um den Erdenmenschen herum ist, son-
dern was einer andem Welt angehorte. In dem Augenblicke, wo
man emsthaftig etwas weifi iiber diese Salz- und Sulfurprozesse,
sieht man eben hinein in das vorirdische Menschenleben. Denn das
irdische Leben unterscheidet sich von dem vorirdischen Menschen-
leben dadurch, dafi die lebendigen Sulfur- und Salzprozesse hier in
der aufieren Sinneswelt als erstorben erscheinen. Was wir zwischen
Geburt und Tod um uns herum durch unsere Sinne ertotet wahr-
nehmen, das ist in jenen Sulfur- und Salzprozessen lebendig, aber
wir erleben es im vorirdischen Dasein. Das heifit, diese Prozesse,
von denen Jakob Bohme noch stammelt, wirklich verstehen, gilt
gleich mit dem Hineinschauen ins vorirdische Dasein.
DafJ Jakob Bohme von diesem vorirdischen Dasein nicht spricht,
das kommt eben davon her, weil er es nicht wirklich, sondem eben
nur stammelnd hatte. Diese Fahigkeit des Menschen, hineinzublik-
ken in das vorirdische Dasein, ist verlorengegangen, vergangen da-
mit auch jene Verbindung mit den geistigen Wesenheiten der Welt,
die auf das nachirdische Dasein hinweisen aus dem Sulfurprozefi.
Die ganze Seelenverfassung des Menschen ist eben eine andere ge-
worden. Und in diese Umwandlung der Seelenverfassung waren
Giordano Bruno, Jakob Bohme und Baco von Verulam hinein-
gestellt.
Ich habe schon gestem darauf aufmerksam gemacht, dafi ja von
der Art und Weise, wie der Mensch in alteren Epochen in die Welt
hineingestellt war, heute die Menschen keinen blauen Dunst mehr
haben. Daher wiirdigen sie Nachrichten, die aus verhaltnismafiig gar
nicht langer Vergangenheit herriihren, nicht stark. Ich habe hinge-
wiesen auf die grandiose Idee von der Entstehung des Merlin. Wir
konnen auch auf anderes hinweisen. Sehen Sie, wir fiihren jetzt das
Dreikonigsspiel auf, haben es wiederholt aufgefiihrt. Aber diese Er-
zahlung von dem Besuch der drei Konige bei dem Jesuskinde wird
auch in dem altgermanischen Liede von dem «Heliand» gegeben. Sie
wissen, das fiihrt in verhaltnismaffig friihe Zeiten des Mittelalters
zuriick, entsteht in Mitteleuropa. Aber da ist etwas sehr Merkwiirdi-
ges. Da vemehmen wir, dafi noch etwas anderes gekniipft wird an
diesen Besuch der drei Konige aus dem Morgenlande. Die drei Ko-
nige erzahlen namlich im *Heliand», dal5 sie herkommen aus Ge-
genden, in denen es einmal ganz anders war als jetzt, das heifit, als in
der Zeit zu Beginn unserer Zeitrechnung; denn sie seien die Nach-
kommen von Vorfahren, die noch unendlich viel weiser waren, als
sie zu ihrer Zeit sein konnen. Und besondcrs einen Vorfahren ha-
ben sie, so erzahlen diese drei Konige, der weit zuriickliegt in der
Zeit, aber dieser Vorfahr war noch ein solcher, der mit seinem Gotte
Zwiesprache halten konnte. Und als er zu Tode kam, da versam-
melte dieser Vorfahr alle Glieder seiner weiten Familie und sagte
ihnen, dafi sein Gott ihm geoffenbart habe, es werde einstmals ein
Konig der Welt erscheinen, den ein Stem ankiindigen werde.
Und wenn man nachforscht, wo ein aufieres Zeichen dieses Vor-
fahren ist, so findet man - sogar die Literatur weist uns darauf hin,
man kann das auch aufierlich belegen -, dafS es aus dem Alten Testa-
ment im vierten Buch Mose Bileam ist; daC also diese Heiligen Drei
Konige, die Konige aus dem Morgenlande, den Bileam meinen, der
ein Sohn Beors ist, von dem da im vierten Buch Mose erzahlt wird,
wie er mit seinem Gotte Zwiesprache halt, und wie er sein ganzes
irdisches Leben einrichtet im Sinne der Zwiesprache mit seinem
Gotte. Wenn wir die ganze Tatsache nehmen, so finden wir einfach,
dafi zu der Zeit, als der Heliand in Mitteleuropa entstanden ist, noch
ein Bewufitsein davon lebte, dafi einstmals die Menschen mit den
Gottem verkehrt haben. Eine reale Vorstellung von diesem Vorgang
lebte in den Menschen.
Da haben wir wiederum etwas, was fiir diese Menschen in der
Anschauung von der Geschichte darinnen stand und was uns eben
beweist, daf] wir iibergegangen sind aus alteren Zeitaltern, wo die
Menschen noch in einer lebendigen Welt lebten, wie ich gestern an-
deutete, in das Zeitaher des Philisteriums. Denn unsere Zivilisation
ist im Grunde genommen die allgemeine Philisterzivilisation. Auch
diejenigen, die meinen, dafi sie aus dieser Philisterzivilisation her-
auswachsen, sind keineswegs das Gegenteil des Philisters in dem
Sinne, dafi sie noch in Weltenzusammenhangen leben konnten, die
so grandios sind, wie etwa die Idee von Merlin oder die Tradition
von Bileam als dem Urahnen der Heiligen Drei Konige. O nein,
Nichtphilister sind diese Menschen nicht, hochstens Bohemiens.
Nun sehen Sie, wenn man diese Dinge sagt, dann merkt man
erst, welch gewaltiger Umschwung sich in bezug auf Dinge, auf die
man heute nicht die Aufmerksamkeit richtet, mit der Seelenverfas-
sung der Menschheit vollzogen hat. Aber in gewissem Sinne hat
man diese Dinge vorausgesehen. Was hat man denn schon vor Jahr-
hunderten gehabt? Man wufite, einstmals gab es ein, wenn auch
traumhaftes Hellsehen. Da haben die Menschen hineingeschaut in
solche Prozesse, wie den Sulfur-, wie den Salzprozefi. Dadurch ha-
ben sie sich die Moglichkeit erworben, in das praexistente Dasein
hineinzuschauen.
Gewisse Leute, welche die Menschheit nicht aufwarts-, sondern
abwartsbringen wollten, die aber auch in einem gewissen Sinne ein-
geweiht waren, die sahen voraus: Diese Fahigkeit wird den Men-
schen verlorengehen, es wird cine Zeit kommen, wo die Menschen
aus sich heraus nichts sagen konnen iiber das praexistente Leben.
Und so haben sie dogmatisch festgesetzt: Es gibt iiberhaupt kein
praexistentes Leben, des Menschen Seele wird geschaffen zugleich
mit seiner physischen Erzeugung. Und die Tatsache der Praexistenz
wurde dogmatisch in Dunkel gehiillt. Das war der erste Schritt, die
erste Etappe, von der Erkenntnis des Menschen in der Welt zu der
Unkenntnis des Menschen zu gehen. Denn man erkennt den Men-
schen nicht mehr, wenn man ein Stiick von ihm wegnimmt, und
noch dazu ein so wichtiges wie das praexistente Leben.
Nun, Jakob Bohme und Giordano Bruno und Lord Bacon lebten
in der Zeit, wo man diesen Ausblick auf das praexistente Leben zu-
gedeckt hatte. Und sie lebten in einer Zeit, in der dasjenige noch
nicht vorhanden war, was nun sich aufdecken soUte: nicht mehr das
innerliche Erleben, sondern das geistige Anschauen der Aufienwelt,
so dafi man in der Aufienwelt den Menschen wiederfindet, der sich
nicht mehr in seinem Inneren finden kann.
Wiederum gab es schon vor langer Zeit Eingeweihte, die aber
den Menschen abwarts-, nicht aufwartsfiihren wollten, und die nicht
aufkommen lassen wollten diese neue Einsicht, welche die umge-
kehrte alte Clairvoyance ist, und die daher dogmatische Mittel such-
ten, um an die Stelle der neuen Erkenntnis den blolSen Glauben an
das nachirdische Leben zu setzen, den blofien Glauben. Und so
hatte man in der Zeit, in der Giordano Bruno wirkte, durch
Menschensatzungen getilgt die Moglichkeit einer Erkenntnis des
vorirdischen Menschen, die Moglichkeit einer Erkenntnis des nach-
irdischen Menschen. Und Giordano Bruno stand da wie ein Ringen-
der; denn er war ein Ringender, mehr als Jakob Bohme, mehr natiir-
iich als Lord Bacon, ued er stand da mit dem Menschen der Gegen-
wart und konnte nicht umformen das, was ihm als Dominikaner-
weisheit geblieben war, in eine wirkliche Weltenansicht. Er poeti-
sierte dasjenige, was sich ihm in einer unbestimmten Weise als eine
solche Weltenansicht ergab.
Aber aus dem, was Giordano Bruno nur nebulos vor sich hatte,
mufi eben erstehen eine bestimmte Erkenntnis iiber die Welt im
Menschen, uber den Menschen in der Welt. Nicht in dem aus dem
Inneren heraus wiedergeborenen Hellsehen, sondem aus dem frei
errungenen Hellsehen heraus mufi der ganze Mensch wiederum
erkannt werden.
Damit habe ich Ihnen charakterisiert, was heraufziehen mufi in
der Menschheitsentwickelung. Und heute steht man vor der Tat-
sache, dafi den Willen zum Heraufziehenlassen einer solchen Er-
kenntnis ungeheuer viele Menschen hassen, tief hassen, Feinde die-
ses Heraufziehens sind. Das kann auch historisch begriffen werden.
Dann wird man begreifen, wie aus dem Innem heraus die feind-
seligen Gegnerschaften gegen anthroposophische Weltanschauung
kommen.
SECHSTER VORTRAG
Domach, 14.Januar 1923
Ich mochte nun das Thema, das ich in diesen verflossenen zwei Ta-
gen angeschlagen habe, heute etwas fortsetzen. Es handelt sich da-
bei darum, aus den Entwickelungsmomenten, die zum Geistesleben
der Gegenwart gefiihrt haben, zu erkennen, wie auf der einen Seite
anthroposophische Weltanschauung eine Notwendigkeit wird, wie
auf der andem Seite auch verstanden werden muU, dafi diese anthro-
posophische Weltanschauung Gegner hat. Ich will mich - und das
ist begreiflich - gerade im gegenwartigen Augenblicke natiirlich
jetzt nicht auf eine spezielle Charakteristik dieser oder jener Gegner
einlassen, mochte das Thema moglichst allgemein behandeln, weil
es sich ja auch gar nicht darum handelt, diese oder jene Gegner-
schaft ins Auge zu fassen, sondem weil es sich eigentlich darum
handelt, dafi die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie als sol-
che existieren will, sich ihrer Stellung im Geistesleben eben bewufit
werden und dazu etwas beitragen mufi, sich zu konsolidieren. Ich
sage ja da nichts besonders Neues fiir heute, denn es ist erst einige
Wochen her, dafi ich ausdriicklich gesagt habe, dafi diese Konsolidie-
rung der Anthroposophischen Gesellschaft eine Notwendigkeit sei.
Wir miissen uns durchaus klar sein dariiber, wie Anthroposophie
hineingestellt ist in eine gegenwartige Zivilisation, die fiir Europa
und Amerika eigentlich ihre Geschichte in Wahrheit nur bis in die
Zeit zuriickfiihrt, von der ich ofters gesprochen habe: bis in die Zeit
etwa des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Dieses 4. nachchristliche
Jahrhundert liegt ja gerade in der Mitte des vierten nachatlantischen
Zeitraumes. Ich habe ofters darauf aufmerksam gemacht, dafi die
Verbreitung des Christentums, die ganze Auffassungsweise des
Christentums in den allerersten drei bis vier christlichen Jahrhun-
derten eine wesentlich andere war als spater.
Wir denken heute oftmals so, wenn wir die Geschichte nach
riickwarts verfolgen, daH wir die Neuzeit betrachten, zum Mittelalter
zuriickgehen, da etwa bei dem ankommen, was man die Volkerwan-
derung nennt, dann beim Romerreich, dann geht man eben weiter
zuriick ins Griechentum und denkt eigentlich und empfindet ge-
geniiber dem Griechentum so ahnlich, wie man auch demjenigen
gegeniiber empfindet, was etwa seit der romischen Kaiserzeit als
spatere europaische Geschichte existiert. Aber das ist ja gar nicht so.
Es liegt eigentlich ein tiefer Abgrund zwischen dem, was noch mit
einer gewissen Lebendigkeit vor dem Bewufitsein des heutigen
Menschen steht, namlich der Riickgang bis ins Romertum, und
dem, was als griechisches Leben vorangegangen ist. Rufen wir nur
ganz skizzenhaft die Sache vor die Seele. Wenn wir das Griechen-
land des Perikles oder Platon oder des Phidias betrachten, oder gar
das Griechenland des Sophokles und Aschylos, dann geht dasjenige,
was diesem Griechentum als Seelenverfassung zugrunde liegt, zu-
riick auf alte Mysterienkultur, auf alte Geistigkeit. Und es hatte vor
alien Dingen dieses Griechentum noch viel von dem in sich, was ich
gestem charakterisierte als ein lebendiges Erleben der wirklichen
Vorgange im menschlichen Inneren; was ich als den Salz-, als den
Sulfur-, als den Merkurprozefi bezeichnete. Wir miissen uns dariiber
klar sein, dsR das griechische Denken und Empfinden dem Men-
schenwesen nahestand, wahrend die spatere Zeit, vom 4. nachchrist-
lichen Jahrhundert an, dem ja schon vorgearbeitet hat, was dann ge-
kommen ist und sich in den drei Gestalten, die ich in diesen beiden
Tagen angefiihrt habe, so besonders charakteristisch gezeigt hat: den
Verlust des Menschenwesens fiir das menschliche Bewufitsein.
Ich sagte, solche Personlichkeiten wie Bruno, Jakob Bohme und
in gewisser Beziehung auch Lord Bacon, sie rangen nach einer Er-
kenntnis des Menschenwesens. Allein, es war diesem Ringen nicht
moglich, an das Menschenwesen wirklich heranzukommen. Wenn
wir hinter das Romertum ins Griechentum zuriickgehen, dann hort
eben dieses Reden von der Fremdheit des Menschenwesens auf,
einen Sinn zu haben, denn der Grieche wufite sich als Mensch im
Kosmos drinnenstehend. Der Grieche hat diesen Naturbegriff, der
spater aufgekommen ist, nicht gehabt, diesen Naturbegriff, der zu-
letzt ausmiindete in die Auffassung vom Mechanismus der Natur.
Man konnte vom Griechen sagen: er sah die Wolke, er sah den Re-
gen herabquillen, er sah wiederum in Nebcin aufsteigen, was aus der
Erde als Fliissigkeit kommt, und er sah mit einer besonderen Le-
bendigkeit, wenn er in sich selbst mit dem noch konkret gescharf-
ten Blick sah, seine Blutbewegung. Und er empfand keinen so tief-
gehenden Unterschied zwischen dem auf- und absteigenden Wasser
in der Natur und seiner eigenen Blutbewegung, wie man das spater
empfand. Der Grieche erfafite noch etwas von dem, was in den
Worten liegt: die Welt im Menschen, der Mensch in der Welt.
Das sind Dinge, die eigentlich nicht tief genug genommen wer-
den konnen, denn sie fiihren hinein in die Seelenverfassung, die ja
fiir die aufiere Geschichte nur in Fragmenten vorhanden ist. Man
darf eben nicht vergessen, wie im 4. nachchristlichen Jahrhundert
damit begonnen worden ist, alle Reste der hellseherischen Kultur
griindlich zu vemichten. Giewifi, die heutige Menschheit weifi wie-
derum einiges, was spater ausgegraben worden ist. Aber man sollte
doch nicht vergessen, wie dasjenige, was spater die Impulse der
abendlandischen Kultur gegeben hat, entstanden ist auf den Triim-
mem des alten Hellenismus, jenes erweiterten Hellenismus, der
nicht nur in Siideuropa war, der bis nach Asien hiniiberging. Man
sollte nicht vergessen, dafi in der Zeit zwischen der Mitte des 4. und
der Mitte des 5. Jahrhunderts unzahlige Tempel brannten, die unge-
heuer bedeutungsvollen, bildhaften Inhalt hatten, kostbaren Inhalt
hatten in bezug auf alles, was der Hellenismus ausgebildet hat. Das
alles sieht ja die heutige Menschheit, die nur nach aufieren Doku-
menten geht, nicht mehr. Man mufi an ein solches Wort erinnem,
wie das eines damaligen Schriftstellers, der in einem Briefe schrieb:
Es geht zu Ende mit der alten Zeit. Alle einzelnen Heiligtiimer, die
zu finden sind auf den einzelnen Feldem, um derentwillen die Bau-
em auf ihren Feldem arbeiten, die werden vemichtet. Wo sollen die
auf dem Felde arbeitenden Leute noch Freude hemehm.en zu ihrer
Arbeit?
Es ist heute gar nicht mehr auszudenken, wieviel gerade in jenen
Jahrhunderten von der Mitte des 4. bis zu der Mitte des 5. Jahrhun-
derts vernichtet worden ist. Die Vernichtung der auUeren Denkma-
Icr ging parallel dem Bestreben, das griechische Geistesleben auszu-
rotten, was ja in seinem herbsten Schlag vollzogen worden ist mit
der Schliefiung der Philosophenschule in Athen, 529. Ja, so wie man
zuriickschauen kann ins Romertum, kann man in der aufierlichen
Geschichte eben nicht zuriickschauen in das Griechentum. Und es
ist ja gewifi richtig, dafi Unendliches in der abendlandischen Zivili-
sation durch das ganze Mittelalter hindurch und bis in die Neuzpit
herauf, sagen wir, zum Beispiel dem Benediktinerorden zu verdan-
ken ist. Aber der heilige Benedikt hat ja zunachst an der Statte, wo
er das Mutterkloster fiir den Benediktinerorden begriindet hat, nun
auch die heidnischen Heiligtiimer zerstort. Das alles mufite zu-
nachst verschwinden und ist verschwunden.
Es ist tatsachlich schwer verstandHch, wenn man sozusagen nor-
mal menschliche Gefiihle anlegt, wie ein solcher Impuls der Zersto-
rung dazumal hat iiber ganz Siideuropa, Vorderasien, Nordafrika ge-
hen konnen. VerstandUch wird das erst, wenn man sich klar dariiber
wird, dafi eben das ganze Bewufitsein der Menschheit in der damali-
gen Zeit ein anderes geworden ist, dafi tatsachlich, was ich ja ofter
schon gesagt habe, der Spruch ganz unrichtig ist, die Natur oder
iiberhaupt die WeU mache keine Spriinge. In der Geschichte voll-
Ziehen sich solche Sprunge. Und es ist die Seelenverfassung der zivi-
Hsierten Menschheit im 2., 3. Jahrhundert der nachchristHchen Zeit
etwas ganz anderes gewesen als das, was dann Seelenverfassung
geworden ist.
Aber nun mochte ich Sie auf etwas aufmerksam machen, was Ih-
nen ganz besonders veranschaulichen kann, wie dieser Umschwung
eigentlich ist. Wir miissen heute sagen, wenn wir von den Wechsel-
zustanden von Wachen und Schlafen reden: Der physische Leib
und der atherische Leib bleiben im Bette liegen, und das Ich und
der astralische Leib gehen heraus; das Seelisch-Geistige geht heraus
aus dem physischen und Atherleib. - So wiirde man in einer gewis-
sen Zeit des alten Indertums nicht gesagt haben, da wiirde man das
Umgekehrte gesagt haben. Im Schlaf, so wiirde gesagt worden sein,
geht das Geistig-Seelische des Menschen tiefer in den physischen
Leib hinein, geht mehr unter in dem physischen Leib. - Also das
genau Entgegengesetzte.
Dies wird sehr wenig beachtet. Ich will nur aufmerksam darauf
machen, dafi ja, als zum Beispiel die Theosophische Gesellschaft be-
griindet worden ist, die Leute, die sie begriindet haben, einiges von
geistigen Wahrheiten durch die Inder gehort und das, was sie da ge-
hort haben, zu ihrem Eigentum gemacht haben. Da haben sie eben
diese Sache von dem Herausgehen des Ich und des astraHschen Lei-
bes gehort. Gewifi, die Inder haben das damals gesagt, im 19. Jahr-
hundert haben sie das natiirlich gesagt, denn in Indien kann man
vielfach beobachten, was real ist. Aber wenn dann etwa Leute der
Theosophischen Gesellschaft erzahlen, das ware auch uralte indi-
sche Weisheit gewesen, so ist das ein Unsinn, denn der alte Inder
hat gerade das Umgekehrte gesagt: Das Seelisch-Geistige geht tiefer
in den physischen Leib hinein, wenn der Mensch schlaft. Und das
war auch in alteren Zeiten der Fall. Und davon war in gewissem
Sinne durchaus noch ein BewuCtsein vorhanden bei den Griechen,
dafi im Schlafe das Geistig-Seelische mehr den physischen Leib
ergreife, als das im Wachen der Fall ist, denn das liegt in der Ent-
wickelung der Menschheit.
Wir miissen heute, weil wir ja von unserer unmittelbar geistigen
Wahmehmung aus schildern miissen, mit Recht sagen: Die alten
Weisen und auch die griechische Bevolkerung hatten ein instinkti-
ves Hellsehen, das traumhaft war. Das schildern wir von unserem
Gesichtspunkte aus. Fiir die Leute dazumal war das aber nicht
traumhaft. Sie fiihlten sich gerade erwachend in diesem Zustande
der Hellsichtigkeit. Das war gerade eine grofiere Intensitat ihres Be-
wujStseins, wenn sie in machtigen Bildern so die Welt wahrnahmen,
wie ich es gestem geschildert habe. Aber sie wufiten zugleich: da
dringen sie in das Innere ihres Menschen ein und sehen dasjenige,
was im Menschen vorgeht, und wissen, weil der Mensch in der Welt
ist, dail das Weltvorgange sind. Und dann wufiten sie: Im Schlafe
taucht der Mensch noch tiefer hinein in seinen physischen Leib.
Und im tiefen Schlaf wurde dann wiederum dieses BewuiStsein
dumpf, dammerhaft, eben unbewufit. Und das schrieben die Leute
dem Einflufi des physischen Leibes zu, der die Seele umfangt und
sie eigentlich ins Siindhafte hineinfiihrt. Und es entstand gerade aus
dieser Anschauung heraus das alte Siindenbewufitsein. Dieses Siin-
denbewufitsein fiihrt eigendich, wenn wir es nicht in seiner jiidi-
schen Form nehmen, zuruck in das Heidentum, und da geht es her-
vor aus einem Bewufitsein des Untertauchens in den physischen
Leib, der die Seele nicht frei genug lafit, um in der geistigen Welt
zu leben.
Aber wenn Sie alles das, was ich Ihnen da schildere, durchden-
ken, so werden Sie sich sagen: Dieser altere Mensch hatte ein Be-
wufitsein davon, dafi er ein geistiges Wesen ist, dafi er als geistiges
Wesen in einem physischen Leibe lebt. Es fiel ihm gar nicht ein,
das, was er physisch am Menschen sah, Mensch zu nennen. Das
Wort Mensch fuhrt ja eigentlich zunjck auf eine Bedeutung wie «der
Denkende*. Also nicht derjenige, der mit einem mehr oder weniger
roten oder blassen Gesicht zu sehen ist, mit zwei Armen, zwei Bei-
nen, war der Mensch, sondern der war der Mensch, der in diesem
Wohnhause des physischen Leibes als Geist-Seele wohnte.
Und ein ins Kiinstlerische heriiber iibersetzter Rest dieses Be-
wufitseins vom geistig-seelischen Menschen war eben durchaus in
der allgemeinen griechischen Zivilisation vorhanden - in jener wun-
derbar plastisch-kiinstlerischen Form des Griechentums. Und wenn
auch das aufiere Tempelwesen, wenn auch die Kulte in vieler Bezie-
hung in einer ungeheuren Dekadenz waren, so darf man doch sa-
gen, dafi in den zerstorten Gotterbildern und Tempeln eben Abbil-
der vorhanden waren, die hinwiesen auf jene alte Seelenverfassung.
Ich mochte sagen: mit machtiger Schrift stand in den Formen des-
sen, was zerstort worden war, das alte Geist-Seelenbewufitsein der
Menschheit.
Wenn mit demselben Bewufitsein, nicht in einer folgenden In-
karnation, wo das BewufStsein immer etwas verandert ist, sondern
wenn mit demselben Bewufitsein, das er damals gehabt hat, ein My-
sterieneingeweihter der griechischen Vorzeit heute wiederum zu
uns kame und sich iiber diese Dinge mit uns besprechen wiirde, so
wiirde er sagen: Ihr modemen Menschen, ihr schlaft ja alle! - Ja, das
wiirde er sagen: Ihr modemen Menschen, ihr schlaft ja alle! Wir wa-
ren wach, denn wir wachten in unserem Leibe, wir wachten als
Geistmenschen in unserem Leibe. Wir wufiten, dafi wir Menschen
waren, weil wir uns in unserem Leibe von diesem Leibe unterschie-
den. Was ihr wachen nennt, das ist fiir uns schlafen, denn wahrend
ihr wacht und eure Sinne da in die Aufienwelt richtet und irgend et-
was von der Aufienwelt erklart, schlaft ihr ja in bezug auf euren
Menschen. Ihr seid die Eingeschlafenen; wir waren die Wachen.
So wiirde er sagen. Und von einem gewissen Gesichtspunkt aus
hatte er ganz recht. Denn heute ist es so: Wir wachen vom Aufwa-
chen bis zum Einschlafen, wie wir sagen, wenn wir in unserem phy-
sischen Leibe sind als geist-seelischer Mensch. Aber da wissen wir ja
gar nichts von uns, da schlafen wir in bezug auf uns selber. Wenn
wir aber drinnen sind in der Welt, die aufier uns ist, da schlafen wir,
namlich vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Da miissen wir ler-
nen zu wachen. Mit derselben Intensitat, mit der die alten Men-
schen in ihrem Korper gewacht haben, mufi der modeme Mensch
lemen, aufier seinem Leibe zu wachen, wenn er wirklich drinnen ist
in der Aufienwelt.
Daran ersehen Sie, dad es sich um einen Ubergangszustand
handelt. Wir sind eingeschlafen als Menschheit gegeniiber dem al-
ten Wachen und sind jetzt gerade in dem Zeitpunkt, wo aufgewacht
werden soli gegeniiber dem neuen Wachen. Und was will denn An-
throposophie in dieser Beziehung sein? Anthroposophie ist ja nichts
anderes als dieses: dafS sie zuerst darauf aufmerksam geworden ist,
dafi der Mensch aufJer sich wachen lernen soil. Und nun kommt sie
und schiittelt den modernen Menschen - den der alte Mensch eben
einen Schlafer nennen wiirde schiittelt den modernen Menschen
und der will nicht aufwachen.
Anthroposophie fiihlt sich schon manchmal so wie der Gallus
neben dem Schlafer Stichl! Anthroposophie macht aufmerksam dar-
auf, dafi die Waldvoglein singen. «Lafi s' nur singen*, sagt die Gegen-
wart, «ham kloane Kepf, ham bald ausgschlofa* und so weiter. «Der
Himmel kracht scho!» «Ei, laE'n kracha, er is scho alt gnua dazua!»
Nur natiirlich ist das nicht immer mit denselben Worten ausge-
driickt; sondern Anthroposophie sagt: Die Geisteswelt, die will
schon herein, steht auf! - Ei, lafi nur scheinen das Licht des Geistes,
*s ist scho alt gnua dazua! ~ Tatsachlich ist es so: den Schlafer erwek-
ken mochte Anthroposophie. Denn dasjenige, was von der moder-
nen Zivilisation gefordert wird, ist eben ein Erwachen. Und die
Menschheit will schlafen, will weiterschlafen.
Und ich mochte sagen: in Jakob Bohme, weil er ganz mit der
Volksweisheit ging, in Giordano Bruno, weil er innerhalb einer
Geistgemeinschaft stand, die dazumal noch sehr viel bewahrt hatte
von alten Zeiten, in ihnen lebte durchaus eine Erinnerung an das
alte Wachsein. In Lord Bacon lebt eigentlich der Impuls zur Recht-
fertigung des neuen Schlafens. Das ist, noch tiefer erfafit als wir das
in den beiden vorhergehenden Tagen tun konnten, das Charakteri-
stikon unserer Zeit. So wach in bezug auf die Auffassung des
Menschenwesens, wie die Menschheit der alten Zeiten war, kann
der Mensch der Gegenwart nicht sein. Denn er dringt nicht etwa
tiefer in seinen physischen Leib hinab, wie das der alte Mensch ge-
tan hat, wenn er schlief, sondern er geht im Schlafe heraus. Aber er
mufi lernen, auch herauszukommen aus seinem physischen Leibe
im Wachen, denn nur dadurch wird er in die Lage kommen, sich
wieder als Mensch zu wissen. Aber der Drang, den Schlaf zu bewah-
ren, der ist ja sehr grolJ. «Stichl, do Fuhrleut kleschn scho auf der
Strofin!* «Ei; lafi s* nur kleschn, habn noch goar wait z'foam.*
Du Bois-Reymond - nicht Gallus aus dem Christgeburtspiel,
aber Du Bois-Reymond - sagt: Der Mensch hat Grenzen der Er-
kenntnis, er kann nicht eindringen in die Naturerscheinungen, in
die Geheimnisse der Naturerscheinungen, er mufi sich beschranken.
Ja, aber, sagt Anthroposophie, man mufJ doch weiter, weiter und
weiter streben! Der Impuls nach Geistigkeit ertont schon. - Ei -
sagt Du Bois-Reymond lafi ihn nur ertonen, er hat noch gar weit,
sich zu entwickein, bis die Naturwissenschaft am Ende der Erden-
tage angekommen sein wird bei der Ergriindung aller Naturgeheim-
nisse.
In vieler Beziehung findet man da gerade eine Rechfertigung des
Schlafens. Denn das Reden von den Grenzen des Naturerkennens
ist eben eine Rechtfertigung des Schlafens gegeniiber dem Eindrin-
gen des Menschenwesens in die Natur. Und Schlafmittel findet ja
die Gegenwart genugend - auch davon wurde des ofteren hier ge-
sprochen. Man will heute womoglich allein dem zuhoren, was sich
anschaulich machen kann, recht anschaulich, womoglich gleich mit
einem Film anschaulich. Aber man liebt es nicht, wenn etwas gel-
tend gemacht wird, wo die Zuhorer mit dem Kopfe dabei sein miis-
sen, in dem auch noch was drinnen arbeitet. Denn eigentlich strebt
man danach, sich die Weltengeheimnisse traumen zu lassen, nur ja
nicht innerlich aktiv denkend mitzuarbeiten. Das ist aber gerade der
Weg, um aufzuwachen: zunachst beim Denken anzufangen, denn
der Gedanke will in Tatigkeit entwickelt werden. Deshalb habe ich
auf dieses Denken mit solcher Energie gerade in meiner «Philoso-
phie der Freiheit* vor Jahrzehnten hingewiesen.
Ich mochte Sie auf etwas aufmerksam machen, meine lieben
Freunde. Ich mochte, dafi Sie sich erinnem an manche Traume, die
Sie gehabt haben und mochte Sie fragen, ob Sie noch nie einen
Traum gehabt haben, in dem Sie so recht ein Filou waren, jedenfalls
etwas taten, dessen Sie sich schamen wiirden, wenn Sie es bei Tag so
taten, wie Sie es da im Traum getan haben? Ich meine doch. Nun
gewifi, es mag ja viele geben, die hier sitzen, die niemals einen sol-
chen Traum gehabt haben, aber die konnen sich es von andem er-
zahlen lassen, denn etwelche wird es schon geben, die wissen, dafS
man manchmal Dinge traumt, die man nicht im Wachen wiederho-
len mochte, deren man sich schamen wiirde. Ja, wenden Sie das
jetzt auf den grofien Schlaf an, den wir auch den Zivilisationsschlaf
der Gegenwart nennen konnen, wo sich eigentlich die Leute alle
Weltengeheimnisse traumen lassen wollen. Nun kommt die An-
throposophie und sagt: Stichl, steh auf! - Nun sollen die Leute auf-
wachen! Manches, das kann ich Sie versichem, manches von dem,
was in dieser Schlafzivilisation gemacht wird, wurden die Leute
nicht tun, v/enn sie wach wiirden, da ist es ebenso. Sie werden aller-
dings sagen: Ja, wer soil denn das glauben? - Doch dariiber denkt
der Traumer auch nicht nach, wenn er seine AUotria im Traume
treibt, wie das im Wachzustande eigentlich sich ausnimmt. Aber un-
bewufJt ist eben diese Angst vorhanden, dafi man da vieles nicht tun
diirfte, wenn man aufwachte. Ich meine das natiirlich jetzt nicht
philistros und spieCbiirgerlich, sondem ich meine: Vieles, was man
heute durchaus als sehr ordentlich betrachtet, wiirde man ganz an-
ders ansehen, wenn man eben erwachte.
Und davor herrscht eine heillose Angst. Man konnte auch nicht
mehr so bequem die Leber neben dem Him sezieren! Vor manchen
Forschungsmethoden gerade wiirde man sich heillos schamen,
wenn man anthroposophisch erwachte. Wie wollen Sie denn dann
verlangen, ds£ die Leute so von heute auf morgen, gerade wenn sie
in solchen Methoden drinnenstehen, so ohne weiteres erwachen!
Man bemerkt ja auf sonderbare Weise die Apologie des Schlafens.
Denken Sie doch nur einmal, was fiir eine riesige Freude ein Trau-
mer hat, wenn er etwas traumt, was in ein paar Tagen zutrifft! Sie
miissen nur einmal so recht aufgemerkt haben, welche riesige
Freude aberglaubische Traumer haben, wenn das, was sie getraumt
haben, zutrifft - es trifft ja manchmal zu sie haben eine riesige
Freude. Nun, die Zivilisationstraumer, sie rechnen nach dem
Newtonschen Gravitationsgesetz, nach den Formeln, die dann wei-
ter ausgearbeitet sind von den Mathematikern, dafi der Uranus eine
bestimmte Bahn hat. Aber die Bahn stimmt nicht mit den Formeln.
Sie traumen davon, dafi da Storungen vorhanden sein miissen von
einem Planeten, der noch da sein konnte. Es ist ja alles getraumt,
denn es wird tatsachlich ohne den intensiven Impuls der inneren
Gewifiheit so etwas ausgerechnet. Und wenn es eintrifft - es hat
dann der Dr. Galle den Neptun wirklich entdeckt: da ist der Traum
eingetroffen. Das ist sogar etwas, was heute angefiihrt wird als das,
was geradezu die naturwissenschaftliche Methode rechtfertigt, dafi
da, nun, sagen wir, einer den Neptun im Traum ausrechnet, und
dann trifft das ein. Es ist wirklich wie bei den Traumem, wenn
ihnen irgend etwas eintrifft. Oder der Mendelejew, der sogar ein
Element nach dem periodischen System ausrechnet. Es ist dieser
Traum gar nicht einmal so schwer, denn wenn man das periodische
System aufstellt, und eins fehlt, wenn ein Platz leer ist, so ist es ei-
gentlich ziemlich leicht, eins da hineinzusetzen und ein paar Eigen-
schaften zu sagen. Aber es ist zunachst ein Traum! Trifft er ein,
dann geht das nach derselben Methode, wie es eben beim Traumer
geht, wenn der sieht, dafi ein paar Tage darauf das eintrifft, dafi er
die Sache verifiziert bekommt. Ja, der Traumer sagt gewohnlich
nicht so, dafi er das verifiziert bekommt, aber in der Gelehrtenspra-
che sagt man eben, dafi man die Sache verifiziert bekommt.
Man mufi erst wirklich griindlich verstehen, wie diese modeme
Zivilisation eben eine Schlafzivilisation geworden ist und wie ein
Erwachen notwendig ist fiir die Menschheit. Dann aber miissen ge-
rade die Tendenzen des Schlafens in der Gegenwart von denjenigen,
welche nun einmal einen Drang haben nach einer geistigen Wissen-
schaft, klar durchschaut wefden. Jene Momente miissen eintreten,
die oftmals beim Traumer eintreten, wenn er sich als Traumer weifi,
wenn er weifi: ich traume. Und so sollte die Menschheit heute eine
besondere Empfindung haben fiir ein so starkes Wort - ich habe 6f-
ter auf dieses Wort hingewiesen -, wie es einstmals der so energi-
sche Philosoph Johann Gottlieb F:fV^/^ ausgesprochen hat: Die Welt,
die vor dem Menschen ausgebreitet ist, ist ein Traum, und dasjenige,
was der Mensch iiber sie denkt, ist ein Traum vom Traume.
Nur darf man nicht etwa in so etwas wiederum verfallen, was
ahnlich ware einer Schopenhauerschen Philosophie. Denn wenig
hat man davon als Mensch, wenn man nur etwa erkenntnistheore-
tisch darauf aufmerksam macht, dafi alles ein Traum ist. Nicht das
ist die Aufgabe, einzusehen, dafi man traumt - das mochten viele
Leute der Gegenwart ja recht klar beweisen, dafi man traumt, und
dafi der Mensch iiberhaupt gar nichts anderes kann als traumen,
denn wenn er je an die Grenze dieser Traume kommt, dann ist eben
da driiben das Ding an sich, da laCt sich nicht herankommen. Inter-
essant hat ja von diesen Traumen gegeniiber dem, was Realitat ist,
oftmals Eduard von Hartmann, der sonst ausgezeichnete Denker,
gesprochen. Er macht klar, dafi der Mensch eigentlich alles, was er
so im Bewufitsein hat, traumt; wie aber allem ein «an sich», von dem
der Mensch nichts weiC, zugrunde liegt. So spricht Hartmann, der
die Dinge bis zum Extrem trieb, zum Beispiel vom Tisch an sich, im
Gegensatz von dem Tisch, den wir vor uns haben: der Tisch, den
wir vor uns haben, ist eben ein Traum, und dahinter ist der Tisch an
sich. Wirklich, Hartmann unterscheidet zwischen dem Tisch als Er-
scheinung und dem Tisch an sich, zwischen dem Sessel als Erschei-
nung und dem Sessel an sich. Aber er ist sich gar nicht bewufit, dafi
schliefilich der Sessel, auf den er sich draufsetzt, etwas zu tun hat
mit dem Sessel an sich, denn auf dem Sessel als Erscheinung, auf
dem getraumten Sessel, lafit sich namlich nicht gut sitzen, so wie
auch der Traumer in einem wirklichen Bette liegen mufi. Aber die
ganze Rederei, dafi die Welt ein Traum ist, kann ja nur eine Vorbe-
reitung sein zu etwas anderem. Zu was? Nun, zum Erwachen, meine
lieben Freunde! Nicht darum handelt es sich, dafS wir einsehen, die
Welt ist ein Traum, sondem darum handelt es sich, dafi wir, sobald
wir nur ahnen, die Welt ist ein Traum, etwas dazutun, um zu erwa-
chen! Und das Erwachen, das beginnt schon beim energischen Er-
greifen des Denkens, bei dem aktiven Denken. Und da kommt man
dann in alles andere hinein.
Sie sehen, es ist dies, was ich eben charakterisiert habe, dieser
Impuls des Erwachens, ein notwendiger Impuls fiir die Gegenwart.
GewiC, dasjenige, was da als Anthroposophie auftritt, kann in die
Welt gestellt werden. Wenn aber eine Anthroposophische Gesell-
schaft eben Gesellschaft sein will, dann mufi diese Gesellschaft eine
R
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