Die Theosophie des Rosenkreuzers

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Die Theosophie des Rosenkreuzers 



Vierzehn Vortrage, gehalten in Miinchen 
vom 22. Mai bis 6. Juni 1907 



1985 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/ SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann 



1. Auflage (Zyklus 2), Berlin 1911 

2. Auflage (Zyklus 2), Berlin 1929 

3. Auflage Dornach 1951 

4. Auflage Dornach 1955 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962 

6. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1979 

7. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1985 



Bibliographie-Nr. 99 

Siegelzeichnung auf dem Einband von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1951 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-0990-8 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortrags veroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



VORBEMERKUNG 



Rudolf Steiner schildert in «Mein Lebensgang», wie er um die Jahr- 
hundertwende aufgefordert wurde, vor Mitgliedern der «Theosophi- 
schen Gesellschaft» Vortrage zu halten. «Ich erklarte, da6 ich aber nur 
iiber dasjenige sprechen konne, was in mir als Geisteswissenschaftlebt.» 
Innerhalb der bald nach Beginn dieser Vortrage gegriindeten «Deut- 
schen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» «konnte ich nun vor 
einer sich immer vergroBernden Zuhorerschaft meine anthroposophi- 
sc'he Tatigkeit entfalten. Niemand blieb im Unklaren daruber, da6 ich 
in der Theosophischen Gesellschaft nur die Ergebnisse meines eigenen 
forschenden Schauens vorbringen werde». — Die Vortrage im Winter 
1900/01 faBte dann Rudolf Steiner in dem Buche zusammen «Die 
Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Er hatte darin 
nur die Ergebnisse seiner Geistesschau gegeben, und in der Theosophi- 
schen Gesellschaft wurden diese angenommen. «Es gab fur mich keinen 
Grund mehr, vor dem theosophischen Publikum, das damals das einzige 
war, das restlos auf Geist-Erkenntnis einging, nicht in meiner Art 
diese Geist-Erkenntnis vorzubringen. Ich verschrieb mich keiner Sek- 
tendogmatik; ich blieb ein Mensch, der aussprach, was er glaubte aus- 
sprechen zu konnen ganz nach dem, was er selbst als Geistwelt erlebte.» 

Diese Selbstandigkeit fiihrte dann — im Zusammenhang mit Ver- 
fallserscheinungen in der damaligen Theosophischen Gesellschaft — 
zum AusschluB Rudolf Steiners und seiner Freunde im Jahre 1913. 
«Wir waren genotigt, die Anthroposophische Gesellschaft als selbstan- 
dige zu begriinden.» 

Dies zum Verstandnis der Ausdriicke «Theosophie» und «theoso- 
phisch» in diesen Vortragen als Ausdruck fiir die Resultate seines 
geisteswissenschaftlichen Forschens, fiir die Rudolf Steiner sonst das 
Wort «Anthroposophie» und «anthroposophisch» braucht. 



I N H A L T 



ERSTER VORTRAG, Miinchen, 22. Mai 1907 

Die neue Form der Weisheit 

Zur Geschichte des Rosenkreuzertums. Christian Rosenkreutz in sei- 
nem Wirken seit 1459. Lessings «Erziehung des Menschenge- 
schlechts». Die Initiation Goethes. Stellung zwischen Lehrer und 
Schiiler in der rosenkreuzerischen Weisheit. Verhaltnis der spirituel- 
len Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur. Die siebengliedrige 
Menschennatur. Aufgabe des Rosenkreuzers. 

ZWEITER VORTRAG, 25. Mai 1907 

Die neungliedrige Wesenheit des Menschen - 
Ubersicht iiber die Natur des Menschen. Die urspriinglichen Glieder 
der Menschennatur und ihre Umwandlung durch das Ich. Der sie- 
bengliedrige und der neungliedrige Mensch. 

DRITTER VORTRAG, 26. Mai 1907 

Die elementare und die himmlische Welt - Wachen, Schlaf 
und Tod 

Die Tatigkeit des Astralleibes im Wachen und im Schlaf, sein Ver- 
haltnis zur physischen Welt und zum Astralmeer des Kosmos. Der 
Astralleib als Aufbauer des Atherleibes und des physischen Leibes. 
Die nachtodlichen Zustande des Menschen. Die vier Gebiete des De- 
vachans. 

VIERTER VORTRAG, 28. Mai 1907 
Der Niederstieg zu einer neuen Geburt 

Die Begegnung mit der Akasha-Chronik. Der Mensch nach dem 
Tode im Devachan. Die Bildung des neuen Astralleibes, der Aufbau 
des dazu stimmenden neuen Atherleibes und physischen Leibes. Vor- 
schau auf das nachste Leben. 

FUNFTER VORTRAG, 29. Mai 1907 

Das Zusammenleben der Menschen zwischen Tod und neuer 
Geburt - Das Hineingeborenwerden in die physische Welt 
Freundschafts verhaltnis se und Bande der Liebe als Grundlage fur 
das Zusammenleben der Seelen im Devachan. Die Eingliederung des 



Menschen in die physische Welt bei der neuen Geburt. Die erste Zeit 
nach der Empfangnis und die weitere Ausgestaltung des Menschen- 
keimes. Das platonische Weltenjahr. Mannliche und weibliche Ver- 
korperungen. Das gemeinschaftliche Karma des Menschen. 

SECHSTER VORTRAG, 30. Mai 1907 62 

Das Schicksalsgesetz 

Das Karmagesetz als allgemeingiiltiges kosmisches Gesetz und seine 
Geltung im menschlichen Leben. Die Akasha-Chronik und die 
Schicksalsgestaltung des Menschen. Karmische Wirkungen von der 
einen Verkorperung in die andere. Damonen, Spektren, Phantome 
und Geister als vom Menschen selbst hervorgerufene Wesenheiten. 
Geisteswissenschaft als Heilmittel fur die Menschheit. 

SIEB ENTER VORTRAG, 31. Mai 1907 74 
Die Technik des Karma 

Erlebnisse der Seele nach dem Tode. Karmagesetz und Vererbung. 
Das Wirken des Karmagesetzes. Das Karmagesetz als Ansporn 
zum tatigen Handeln. Die fruheren Erdenverkorperungen und die 
menschliche Entwickelung. 

ACHTER VORTRAG, 1. Juni 1907 84 

Die sieben planetarischen BewuBtseinszustande des Menschen 
Die drei vergangenen BewuBtseinszustande, der jetzige BewuBtseins- 
zustand und die drei kunftigen BewuBtseinszustande. 

NEUNTER VORTRAG, 2. Juni 1907 93 

Planetenentwickelung I 

Die Saturn- und Sonnen verkorperung der Erde und die Entwicke- 
lung des Menschen. 

ZEHNTER VORTRAG, 3. Juni 1907 104 

Planetenentwickelung II 

Der Mondenzustand der Erde und der Mensch. 

ELFTER VORTRAG, 4.Juni 1907 114 

Die Menschheitsentwickelung auf der Erde I 
Wiederholung des Saturn-, Sonnen- und Mondenzustandes. Mon- 
denaustritt. Eingliederung des Ichs. Lungenatmung. Marsdurchgang. 
Erde und Mensch in der lemurischen und atlantischen Zeit. 



ZWOLFTER VORTRAG, 4. Juni 1907 126 

Die Menschheitsentwickelung auf der Erde II 
Reste und Eigentiimlichkeiten der alten Zweigeschlechtlichkeit. Ge- 
schlechtertrennung. Unsere atlantischen Vorfahren. Die Stufen der 
nachatlantischen Entwickelung. 

DREIZEHNTER VORTRAG, 5.Juni 1907 138 

Die Zukimft des Menschen 

Uberwindung des Egoismus. Die Aufgabe des groBen Bruderbimdes: 
die zerkliiftete Menschheit zu verbinden durch die einheitliche spiri- 
tuelle Weisheit. Umgestaltung der Leibesgestalt und der Fortpflan- 
zungskraft. Der kunftige Jupiter- und Venuszustand. Die gute und 
die bose Rasse der Zukunft. 

VIERZEHNTER VORTRAG, 6. Juni 1907 152 

Das Wesen der Einweihung 

Die sieben Stufen des christlichen Einweihungsweges und die sieben 
Stufen des rosenkreuzerischen Weges. 

Hinweise 168 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 171 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 173 



ERSTER VORTRAG 
Miinchen, 22. Mai 1907 



Was hier vorgebracht werden soil, das wird in der Ankiindigung 
«Theosophie nach rosenkreuzerischer Methode» genannt. Damit ist 
gemeint die eine uralte und immer neue Weisheit in einer unserer 
Gegenwart angemessenen Methode, in einer Methode, die man eigent- 
lich, so wie sie sich hier in der Art der Darstellung ausdriicken wird, seit 
dem vierzehnten Jahrhundert kennt. Doch will ich in diesen Vortragen 
nicht von einer Geschichte des Rosenkreuzertums sprechen. 

Sie wissen alle, daB man heute in den Elementarschulen eine gewisse 
Geometrie lehrt, zu der zum Beispiel der Pythagoraische Lehrsatz ge- 
hort. Das Elementare dieser Geometrie lernt man ganz unabhangig 
davon, wie die Geometrie selbst zustande gekommen ist, denn was weiB 
der Schiiler, der heute die ersten Elemente der Geometrie lernt, von 
Euklid! Und dennoch ist es die Euklidische Geometrie, die da gelehrt 
wird. Erst viel spater, wenn man schon das Sachliche, den Inhalt kennt, 
lernt man vielleicht in der Geschichte der Wissenschaften die Gestalt, 
die Form kennen, in welcher das, was heute in den Elementarschulen 
allgemein zuganglich ist, urspriinglich in der Menschheitsentwickelung 
auftrat. So wenig den Schiiler, der heute die elementare Geometrie 
lernt, die urspriingliche Art angeht, wie Euklid die Geometrie der 
Menschheit gegeben hat, so wenig soil es uns kiimmern, wie im Laufe 
der Geschichte sich das sogenannte Rosenkreuzertum entwickelt hat. 
Und wie der Schiiler echte, wahre Geometrie aus der Sache herauslernt, 
so wollen wir diese rosenkreuzerische Weisheit aus sich selbst heraus 
betrachten. 

Wer die Geschichte und namentlich die auBere Geschichte des Rosen- 
kreuzertums kennt, wie sie in der Literatur niedergelegt ist, der weiB 
iibrigens sehr wenig von dem wirklichen Inhalt der rosenkreuzerischen 
Theosophie. Was rosenkreuzerische Theosophie ist, das lebt seit dem 
vierzehnten Jahrhundert als etwas, was unabhangig von seiner Ge- 
schichte wahr ist, ebenso wie die Geometrie wahr ist und erkennbar, 
unabhangig von der Geschichte der Geometrie und ihrem allmahlichen 



Auftreten. Es soil deshalb nur fluchtig auf einiges hingedeutet werden, 
was aus der Geschichte heraus zu wissen ist. 

Im Jahre 1459 war es, als eine hohe spirituelle Individuality, ver- 
korpert in der menschlichen Personlichkeit, die vor der Welt den Na- 
men Christian Rosenkreutz tragt, als Lehrer zunachst eines kleinen 
Kreises eingeweihter Schiiler auftrat. 1459 wurde Christian Rosen- 
kreutz innerhalb einer streng in sich abgeschlossenen spirituellen Bru- 
derschaft, der Fraternitat Roseae crucis, zum Eques lapidis aurei, zum 
Ritter des goldenen Steines erhoben. Immer klarer wird es uns im Laufe 
der Vortrage werden, was das bedeutet. Jene hohe spirituelle Individu- 
alitat, die in der auBeren Personlichkeit des Christian Rosenkreutz den 
physischen Plan betrat, wirkte immer wieder als Fiihrer und Lehrer der 
rosenkreuzerischen Stromung in «demselben K6rper», wie man im 
Okkultismus sagt. Auch die Bedeutung des Ausdrucks «immer wieder 
in demselben Korper» werden wir schon im Laufe der nachsten Stunden 
kennenlernen, wenn wir iiber das Schicksal des Menschen nach dem 
Tode sprechen werden. 

Nun war diese Weisheit, von der wir hier sprechen, bis weit in das 
achtzehnte Jahrhundert hinein beschlossen in einer engbegrenzten Bru- 
derschaft, die strenge Regeln hatte, durch die sie sich von der exoteri- 
schen AuBenwelt abschloB. 

Im achtzehnten Jahrhundert hatte diese Bruderschaft die Mission, 
auf einem spirituellen Wege etwas Esoterisches einflieBen zu lassen in 
die Kultur Mitteleuropas, und deshalb sehen wir, wie innerhalb einer 
exoterischen Kultur mancherlei aufleuchtet, was zwar auBerlich exote- 
risch ist, was aber nichts anderes ist als ein auBerer Ausdruck esoteri- 
scher Weisheit. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte mancherlei 
Leute bemiiht, jene Weisheit, die wir die rosenkreuzerische nennen, 
irgendwie durchschauen zu konnen; es ist ihnen nicht gelungen. So hat 
sich Leibniz vergebens bemiiht, der Quelle rosenkreuzerischer Weisheit 
nahezukommen. Wie Blitzlichter leuchtete aber diese rosenkreuzerische 
Weisheit in einer exoterischen Schrift auf, welche erschien, als Lessing 
seiner Vollendung auf dem physischen Plan entgegenging. Es ist 
Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts». Man muB diese Schrift 
nur zwischen den Zeilen lesen, dann wird man in ihrem eigentumlichen 



Ausklange — zwar nur als Esoteriker — erkennen, daB sie ein auBerer 
Ausdruck rosenkreuzerischer Weisheit ist. 

Insbesondere groBartig leuchtete diese Weisheit auf in demjenigen 
Menschen, der die Kultur des damaligen Europas um die Wende des 
achtzehnten Jahrhunderts, und zwar die internationale Kultur, wider- 
spiegelte: in Goethe. Als Goethe in verhaltnismaBig friihen Jahren seines 
Lebens einer rosenkreuzerischen Quelle nahekam, empfing er etwas 
von einer hochst merkwiirdigen hohen Initiation. Es kann leicht miB- 
verstanden werden, wenn man von einer Initiation Goethes spricht; 
daher geziemt es sich vielleicht gerade hier, darauf hinzuweisen, wie es 
sich mit dieser eigentiimlichen Art der Initiation verhalt. Es war in der 
Zwischenzeit, als er von der Universitat Leipzig fortging, bis er nach 
StraBburg ging. Da geschah etwas hochst Merkwiirdiges. Er hatte ein 
tief in seine Seele eingreifendes Erlebnis, das sich auBerlich in derTat- 
sache ausdriickte, daB er in der letzten Leipziger Zeit dem Tode 
recht nahestand. Auf seinem schweren Krankenlager hatte er ein wich- 
tiges Erlebnis, eine Art von Initiation. Goethe war sich dieser zunachst 
nicht bewuBt, sie wirkte als eine Art poetischer Stromung in seiner 
Seele, und es war ein hochst merkwiirdiger Vorgang, wie sich diese 
Stromung hineinarbeitete in seine verschiedenen Produktionen. Solch 
einen Lichtblitz finden wir in dem Gedicht «Die Geheimnisse», das die 
intimsten Freunde Goethes als eine seiner tiefsten Schopfungen be- 
zeichnet haben, und es ist in der Tat so tief angelegt, daB Goethe nie- 
mals die Kraft wiederfinden konnte, zu diesem Fragmente den SchluB 
zu gestalten. Die damalige Kulturstromung hatte noch nicht die Macht, 
auBerlich die ganze Tiefe des Lebens auszugestalten, die in diesem Ge- 
dichte pulst. Dies Gedicht ist aufzufassen als eine der tiefsten Quellen 
der Seele Goethes, es ist ein Buch mit sieben Siegeln fur alle Goethe- 
Kommentatoren. Dann aber arbeitete sich diese Initiation immer weiter 
heraus, und Goethe konnte endlich, nachdem er sich dieser Initiation 
mehr und mehr bewuBt geworden war, jene merkwiirdige Prosadich- 
tung entstehen lassen, die wir als das «Marchen von der griinen Schlange 
und der schonen Lilie» kennen. Es ist eine der tiefsten Schriften der 
Weltliteratur; wer sie in richtiger Weise zu interpretieren vermag, der 
weiB viel von der rosenkreuzerischen Weisheit. 



Damals aber, als einflieBen sollte die rosenkreuzerische Weisheit in 
die allgemeine Kultur, geschah es, daB auf eine Weise, iiber die ich hier 
nicht weiter zu sprechen brauche, eine Art Verrat mit rosenkreuzeri- 
scher Weisheit begangen wurde, so daB gewisse Vorstellungen rosen- 
kreuzerischer Weisheit exoterisch hinausdrangen in die groBe Welt. 
Dieser Verrat auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Not- 
wendigkeit, daB die Kultur des Abendlandes eine Zeitlang, wahrend 
des neunzehnten Jahrhunderts, auf dem physischen Plan unbeeinfluBt 
bleibe von der Esoterik, diese zwei Dinge fiihrten die Notwendigkeit 
herbei, daB die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit und vor allem auch 
der groBe Begriinder, der seit jener Zeit immer auf dem physischen 
Plan war, scheinbar zuriicktraten, so daB man in der ersten Halfte und 
auch in einem groBen Teil der zweiten Halfte des neunzehnten Jahr- 
hunderts nicht viel von der rosenkreuzerischen Weisheit entdecken 
konnte. Erst in unserer Zeit ist es wieder moglich geworden, die Quellen 
rosenkreuzerischer Weisheit zu erschlieBen und sie einflieBen zu lassen 
in die allgemeine iibrige Kultur, und wenn wir diese Kultur betrachten 
werden, so werden sich uns die Griinde ergeben, warum das so sein 
muBte. 

Nun mochte ich Ihnen zwei charakteristische Dinge angeben, welche 
die rosenkreuzerische Weisheit auszeichnen und die wichtig sind fur 
ihre Weltmission. Das eine hangt zusammen mit des Menschen ganzer 
Stellung zu dieser rosenkreuzerischen Weisheit, die etwas anderes ist 
als die okkulte Form der christlich-gnostischen Weisheit. Wir miissen 
zwei Tatsachen des Geisteslebens vorlaufig nur fluchtig beriihren, wenn 
wir uns diese merkwiirdige Stellung der rosenkreuzerischen Weisheit 
klar vor die Seele fiihren wollen. Die erste dieser zwei Tatsachen ist, 
was man die Stellung des Schiilers zu dem Lehrer nennt, und zwei 
Dinge haben wir zu betrachten in bezug auf diese Stellung. Wir wollen 
besprechen erstens das, was man Hellsehen nennt, und zweitens das, 
was man Glauben an die Autoritat nennt. In dem Worte Hellsehen — 
eigentlich ein unvollkommener Ausdruck — begreift man nicht allein 
spirituelles Schauen, sondern auch spirituelles Horen. In diesen beiden 
ist die Quelle einer jeglichen Weisheit, die uns iiber die verborgene 
Weisheit der Welt unterrichten will, und aus keiner anderen Quelle 



heraus konnen wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welten kommen. 
Nun ist fur die Rosenkreuzer-Methode ein wesentlicher Unterschied 
zwischen dem Auffinden der geistigen Wahrheiten und dem Begreifen 
derselben. 

Niemand kann eine geistige Wahrheit direkt in den hoheren Welten 
finden, der nicht einen hoheren Grad spiritueller Fahigkeit - also des 
Hellsehens - entwickelt hat. Fur das Auffinden der spirituellen Wahr- 
heit ist das Hellsehen die notwendige Voraussetzung. Aber auch nur 
fur das Auffinden, denn bis heute und auch bis lange in die Zukunft 
hiniiber wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas ge- 
lehrt werden, was nicht mit dem gewohnlichen, allgemeinen logischen 
Verstande begriffen werden kann. Das ist es, worauf es ankommt. 
Wenn gegeniiber dieser rosenkreuzerischen Form von Theosophie ein- 
gewendet wird, man gebrauche zum Begreifen Hellsehen, so ist das 
nicht richtig. Nicht die Fahigkeit des Wahrnehmens ist es, worauf es 
ankommt. Wer die rosenkreuzerische Weisheit nicht mit dem Denken 
begreifen kann, der hat nur seinen logischen Verstand noch nicht weit 
genug ausgebildet. Wenn man alles in sich aufnimmt, was die gegen- 
wartige Kultur gibt, was man heute erlangen kann, wenn man nur Ge- 
duld und Ausdauer hat und nicht zu bequem ist, um zu lernen, dann 
kann man begreifen und einsehen, was der Rosenkreuzer-Lehrer lehrt. 
Wer irgendwie eine solche Rosenkreuzer- Weisheit anzweifelt und sagt: 
Ich kann sie nicht begreifen — , bei dem ist nicht daran schuld, daB er 
noch nicht auf die hoheren Plane hinauf kann, sondern daB er seinen 
logischen Verstand nicht genug anstrengen will, oder daB er nicht ge- 
niigend Erlebnisse des gewohnlichen Bildungslebens herbeitragen will, 
um wirklich zu begreifen. 

Denken Sie einmal an die ungeheure Popularisierung der Weisheit, 
die sich vollzogen hat seit dem Auftreten des Christentums bis zur heu- 
tigen Zeit, und versuchen Sie, sich vor Ihre Seele ein Bild des christ- 
lichen Rosenkreuzertums im vierzehnten Jahrhundert zu stellen. Den- 
ken Sie daran, wie in jener Zeit der einzelne Mensch, der drauBen in der 
Welt lebte, den Lehrern gegeniiberstand. Nur durch das gesprochene 
Wort konnte da gewirkt werden. Man stellt sich gewohnlich nicht rich- 
tig vor, welche riesige Evolution sich seit jener Zeit vollzogen hat. Man 



braucht nur an die Errungenschaft der Buchdruckerkunst zu denken. 
Denken Sie an die tausend und abertausend Kanale, durch welche ver- 
mittels dieser Erfindung in das allgemeine Kulturleben einflieBen 
konnte, was heute in den Spitzen des Geisteslebens geleistet wird. Von 
dem Buche an bis zur letzten Zeitungsnotiz konnen Sie unendlich viele 
Kanale verfolgen, durch die eine Unsumme von Vorstellungen einflieBt 
in das allgemeine Leben. Das sind Wege, die erst seit dieser Zeit der 
Menschheit erschlossen worden sind, und die haben bewirkt, daB der 
Intellekt der abendlandischen Kultur ganz andere Formen angenom- 
men hat. Der abendlandische Intellekt, der Verstand, wirkte seit jener 
Zeit ganz anders. 

Darauf muBte die neue Form der Weisheit Riicksicht nehmen. Es 
muBte eine solche Form geschaffen werden, die dem standhalt, was in 
den tausend Kanalen hineinflieBt in das allgemeine Leben. Die rosen- 
kreuzerische Weisheit ist nun eine solche, die vollig standhalt jedem 
Einwand, der von irgendeiner popularen oder noch so hohen Seite der 
Wissenschaft ausgehen kann. In sich selbst hat die rosenkreuzerische 
Weisheit die Quellen des Sich-Haltens gegeniiber jedem Einwande der 
Wissenschaft. Ein richtiges Verstandnis der modernen Wissenschaft, 
nicht jenes dilettantische Verstehen, das selbst bei Universitatsprofes- 
soren zu finden ist, sondern ein Verstandnis, das frei von alien den 
abstrakten Theorien und materialistischen Phantasien arbeitet, das 
streng auf dem Boden der Tatsachen steht und nicht dariiber hinaus- 
geht, ein solches Verstandnis liefert Stuck fur Stuck gerade aus der 
Wissenschaft heraus die Beweise fiir die rosenkreuzerischen spirituellen 
Wahrheiten. 

Die zweite Seite in der rosenkreuzerischen Weisheit — in der Stellung 
zwischen Lehrer und Schiiler — ist die, da6 im wesentlichen das Ver- 
haltnis vom Schiiler zum «Guru», dem orientalischen Lehrer, gegen- 
iiber den anderen Einweihungen ein anderes ist. Die Art und Weise, wie 
der Schiiler dem Guru gegeniibersteht, kann eigentlich innerhalb der 
rosenkreuzerischen Weisheit gar nicht mit dem Glauben an eine Auto- 
ritat bezeichnet werden. Durch ein Beispiel aus dem gewohnlichen 
Leben werde ich Ihnen das anschaulich machen. Der Rosenkreuzer- 
Lehrer will nicht anders zu seinem Schiiler stehen als der kundige Ma- 



thematiker zu dem Mathematikschiiler. Kann man davon sprechen, 
daB der Mathematikschiiler seinem Lehrer aus Autoritatsglauben an- 
hangt? Nein! Kann man davon sprechen, daB der Mathematikschiiler 
den Lehrer nicht braucht? Ja — konnten da viele sagen, denn man hat 
vielleicht durch gute Biicher den Weg zum Selbststudium gefunden. 
Aber hier ist nur der Weg ein anderer, als wenn man sich Stuhl an Stuhl 
gegeniibersitzt. Im Prinzip konnte man es natiirlich. Ebenso konnte 
auch jeder Mensch, wenn er zu einer gewissen Stufe des Hellsehens auf- 
steigt, alle spirituellen Wahrheiten finden, aber ein jeder wird es unver- 
niinftig finden, das Ziel auf einem Umweg zu erreichen. Ebenso unver- 
niinftig ware es zu sagen: Mein Inneres muB die Quelle sein fur alle 
spirituellen Wahrheiten. — Wenn der Lehrer die mathematischen 
Wahrheiten kennt und sie dem Schiiler iiberliefert, dann braucht der 
Schiiler keinen Autoritatsglauben mehr, dann sieht er die mathemati- 
schen Wahrheiten durch ihre eigene Richtigkeit ein, und er braucht gar 
nichts anderes, als sie richtig einzusehen. Nicht anders ist es mit der 
ganzen okkulten Entwickelung im rosenkreuzerischen Sinne. Der Leh- 
rer ist der Freund, der Ratgeber, der die okkulten Erlebnisse vorlebt 
und sie den Schiiler leben laBt. Hat man sie einmal, dann braucht man 
sie ebensowenig auf Autoritat hin anzunehmen, als in der Mathematik 
den Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind 180 Grad. Alle Autoritat 
ist in der Rosenkreuzerei keine eigentliche Autoritat, sondern vielmehr 
das, was notwendig ist fiir die Abkiirzung des Weges zu den hochsten 
Wahrheiten. 

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche sich auf das 
Verhaltnis der spirituellen Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur 
bezieht. In den Darstellungen, die in den nachsten Tagen hier voriiber- 
ziehen sollen, werden Sie sehen, daB die geistige Wahrheit unmittelbar 
in das praktische Leben einflieBen kann. Nicht irgendwelches System 
stellen wir auf, das man nur theoretisch verwerten kann, sondern etwas, 
was man brauchen kann, wenn man die tiefen Grundlagen unseres 
gegenwartigen Weltenwissens erkennen will, wenn man die geistigen 
Wahrheiten einflieBen lassen will in unser alltagliches Leben. Rosen- 
kreuzer- Weisheit muB nicht nur in den Kopf gehen, auch nicht bloB in 
das Herz, sondern in die Hand, in unsere manuellen Fahigkeiten, in 



das, was der Mensch taglich tut. Es ist kein sentimentales Mitfiihlen, es 
ist ein Sich-Erarbeiten der Fahigkeiten, innerhalb des allgemeinen 
Menschheitsdienstes zu wirken. Denken Sie sich, irgendeine Gesell- 
schaft trate auf und wiirde nur allein Menschenbriiderschaft zu ihrem 
Ziele machen, wiirde nichts tun, als Menschenbriiderschaft predigen. 
Rosenkreuzerei ware das nicht, denn der Rosenkreuzer sagt: Denke dir 
einen Menschen, der das Bein gebrochen hat und vor dir auf der StraBe 
liegt. Wenn vierzehn Menschen herumstehen und warmes Empfinden 
und Mitleid haben, und keiner dabei ist, der das Bein wieder einrichten 
kann, so sind alle vierzehn weniger wesentlich als der eine, der hinzu- 
tritt, der vielleicht gar nicht sentimental ist, der aber die Fahigkeit 
besitzt, ein Bein einzurichten und es auch tut. — Und das ist die Gesin- 
nung, die den Rosenkreuzer durchflutet. Auf die werktatige Erkennt- 
nis, auf die Moglichkeit, aus der Erkenntnis heraus einzugreifen in das 
Leben, darauf kommt es an. Alles Reden iiber Mitgefiihl ist der Rosen- 
kreuzer- Weisheit sogar etwas Gefahrliches, denn ihr erscheint ein fort- 
wahrendes Betonen von Mitgefiihl wie eine Art astraler Wollust. Was 
das niedere Wollustgefiihl ist auf dem physischen Plane, das ist auf 
dem astralen Plan diese Art, die immer nur fiihlen will und nicht er- 
kennen. Werktatige Erkenntnis, die eingreifen kann im Leben — aller- 
dings nicht im materialistischen Sinne, sondern heruntergeholt von den 
spirituellen Planen — , die befahigt uns, praktisch zu wirken. Aus der 
notwendigen Erkenntnis, daB die Welt vorwartskommen soil, flieBt 
von selbst die Harmonie, und sie flieBt umso sicherer, weil sie sich von 
selbst ergibt, wenn man erkennt. Von demjenigen, der ein Bein einrich- 
ten kann, konnte man sagen: wenn er kein Menschenfreund ist, laBt er 
vielleicht den liegen, der da liegt. — Das ist bei der bloBen Erkenntnis 
auf dem physischen Plan moglich. Bei der spirituellen Erkenntnis aber 
ist dieser Einwand nicht moglich. Es kann keine spirituelle Erkenntnis 
geben, die nicht einflieBen wiirde in das werktatige Leben. 

Das ist es, was man als die zweite Seite der Rosenkreuzer- Weisheit 
bezeichnet: daB sie nur durch hellseherische Krafte gefunden, aber 
durch den gewohnlichen Menschenverstand eingesehen werden kann. 
Es ist damit scheinbar etwas sehr Merkwiirdiges gesagt. Um Erlebnisse 
in der geistigen Welt zu haben, miissen Sie hellsehend werden; um das 



einzusehen, was der Hellseher sieht, brauchen Sie das nicht. Wer als 
Seher heruntersteigt aus den geistigen Welten und die Dinge erzahlt, 
die da oben vorgehen, und damit etwas zur Kenntnis bringt, was der 
gegenwartigen Menschheit notwendig ist, kann verstanden werden, 
wenn die Zuhorer es wollen, denn der Mensch ist so geartet, da6 es ihm 
einleuchten kann. 

Zunachst werden wir nun die siebengliedrige Menschennatur nach 
Rosenkreuzer-Methode kennenlernen. Wir werden kennenlernen die 
ganze Menschennatur, wie sie vor uns steht. Wir werden den physi- 
schen Leib kennenlernen, den ein jeder zu kennen glaubt und eigentlich 
gar nicht kennt. So wenig man den Sauerstoff im Wasser sehen kann, 
sondern ihn erst vom Wasserstoff trennen mu6, um ihn zu erkennen, 
so wenig sieht man, wenn man einen anderen Menschen erblickt, den 
physischen Menschen vor sich. Der Mensch ist ebenso ein Gemisch von 
physischem Leib, Atherleib und Astralleib und den anderen Gliedern 
seiner hoheren Natur, wie das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff 
besteht, und die Zusammenfassung aller dieser Glieder, die sehen Sie 
vor sich. Wollen Sie den physischen Leib allein sehen, miissen Sie erst 
den Astralleib herausheben; das haben Sie im traumlosen Schlaf. Der 
Schlaf ist eine Art von hoherer chemischer Scheidung des Astralleibes 
im Verein mit den hoheren Gliedern der Menschennatur von dem athe- 
rischen und physischen Leibe. Aber auch dann haben Sie noch nicht 
den wirklichen physischen Leib vor sich. Erst mit dem Tode, wenn sich 
auch der Atherleib herausgezogen hat aus dem physischen Leibe, ist der 
physische Leib allein iibrig. 

Das hat eine unmittelbare praktische Bedeutung. An einem Beispiele 
will ich Ihnen den Sinn dafiir klarmachen. Nehmen Sie irgendeinen 
bestimmten Teil im Astralleibe an. In uralter Vergangenheit des Men- 
schen war das, was er damals in einem dumpfen, dammerhaften Hell- 
sehen wahrnehmen konnte, ganz anders bildhaft als heute. Diese Bilder 
haben sich zunachst seinem Astralleibe eingepragt. Wir stellen uns vor, 
da6 sich dem Astralleibe einmal Bilder der drei Raumdimensionen ein- 
gepragt haben, in Lange, Breite und Tiefe. Dieses Bild des dreidimen- 
sionalen Raumes, wie es einmal aus einem urspriinglichen dammerhaf- 
ten Hellsehen heraus dem Astralkorper eingeimpft worden war, wurde 



weiter ubertragen in den Atherleib. Wie man eine Petschaft in den 
flussigen Siegellack eindriickt, so driickt sich das astrale Bild in den 
Atherleib ein, und das arbeitete plastisch die Formen des physischen 
Leibes aus. So arbeitet das Bild des dreidimensionalen Raumes ein 
Organ an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Leibes aus. Es 
war urspriinglich ein Bild im Astralleibe von drei aufeinander senk- 
recht stehenden Raumlinien. Das driickte sich ein in den Atherleib wie 
ein Petschaft in Siegellack, und ein gewisser Teil des Atherleibes arbei- 
tete praktisch ein Organ im Innern des menschlichen Ohres aus, und das 
sind die drei halbzirkelformigen Kanale. Sie alle haben diese in sich. 
Wenn sie verletzt werden, kann sich der Mensch nicht mehr in den drei 
Raumlinien orientieren. Den Menschen befallt Schwindel; erkann sich 
innerhalb der Raumdimensionen nicht mehr aufrechthalten. So hangen 
zusammen die Bilder des Astralleibes mit den Kraften des Atherleibes 
und den Organen des physischen Leibes. Der ganze physische Leib des 
Menschen in seinen plastischen Formen ist nichts anderes als ein Ergeb- 
nis, das entstanden ist aus den Bildern des Astralleibes und dem Krafte- 
zusammenhang des Atherleibes. Daher versteht niemand den physi- 
schen Leib, der nicht zuerst den astralen und den Atherleib kennt. Der 
Astralleib ist der Vorganger des Atherleibes und der Atherleib der Vor- 
ganger des physischen Leibes. So kompliziert sich die Sache. 

Die drei halbzirkelformigen Kanale sind ein physisches Organ wie 
die Nase; alle Nasen sind untereinander verschieden, aber Sie konnen 
eine Ahnlichkeit finden, die zwischen den Nasen von Eltern und Kin- 
dern besteht. Konnten Sie beim Menschen die drei halbzirkelformigen 
Kanale studieren, dann wiirden Sie finden, da6 hier eine ebensolche 
Verschiedenheit und Gleichheit wie bei den Nasen besteht und daB der 
Mensch in bezug auf diese Kanale ebenso der Mutter oder dem Vater 
ahnlich sein kann. Was sich nicht vererbt, das ist das tiefste Geistige, 
das Ewige, das durch die menschlichen Inkarnationen durchgeht. Das, 
was man spezifische Talente, Fahigkeiten nennt, beruht nicht auf den 
Gehirnen. Die Logik ist keine andere in der Mathematik als in der 
Philosophie oder im praktischen Leben. Die Verschiedenheit der Fahig- 
keiten tritt erst auf, wenn die Logik angewendet wird auf den Gebieten, 
die zum Beispiel in den halbzirkelformigen Kanalen ihr Erkenntnis- 



Organ haben. So driickt sich die Mathematik besonders aus bei dem 
Menschen, der gerade diese Organe besonders ausgebildet hat. Ein Bei- 
spiel dafiir ist die Familie Bernoulli, in der hintereinander gute Mathe- 
matiker aufgetreten sind. Eine Individuality konnte noch so viele 
Anlagen zu musikalischer oder anderer Befahigung mitbringen — wenn 
sie nicht in einen Menschenleib hineingeboren wird, der ihr die erfor- 
derlichen Formen und Organe vererben kann, so kann sie diese Befahi- 
gungen nicht ausleben. 

So sehen Sie, daB Sie gar nicht die Welt physisch erkennen konnen, 
wenn Sie nicht erkennen, wie sie geschaffen ist. Nicht im Sich-Zuriick- 
ziehen von der physischen Welt sieht der Rosenkreuzer seine Aufgabe. 
Das ware eine schlimme Sache, denn seine Aufgabe ist es gerade, die 
physische Welt zu vergeistigen. Hinaufgehen muB er in die hochsten 
Regionen des geistigen Lebens und mit den Erkenntnissen, die ihm da 
werden, tatig arbeiten innerhalb der ganzen physischen Welt, und 
innerhalb der Menschen ganz besonders. Das ist Rosenkreuzer-Gesin- 
nung, die sich unmittelbar aus der Weisheit als Konsequenz ergibt. Ein 
solches System von Weisheit wollen wir betrachten, das uns das Klein- 
ste verstehen machen kann. Und eingedenk sein wollen wir, daB das 
Kleinste in der Welt zum GroBten wichtig ist, und daB das Kleinste, an 
die richtige Stelle geriickt, zum groBten Ziele fiihren kann. 



ZWEITER VORTRAG 
Miinchen, 25. Mai 1907 



Wir haben das letztemal gesprochen von der Art und Weise, wie die- 
jenige Methode, die man die rosenkreuzerische nennt, ihr Verhaltnis 
zum Menschen und zur ganzen Kultur einrichtet. Obgleich alle Er- 
kenntnisse der hoheren Welten nur durch den Seher, durch die hoher- 
entwickelten geistigen Krafte des Menschen gewonnen werden konnen, 
so arbeitet doch jene Methode auch darauf hin, daB das, was innerhalb 
der rosenkreuzerischen Theosophie zum Vorschein kommt, durch die 
Anwendung der gewohnlichen Logik verstanden werden kann. Auf- 
gefunden werden diese Erkenntnisse durch den entwickelten Sinn des 
Sehers, zumBegreifen ist aber gewohnliche Menschenlogik ausreichend. 
Man darf aber nicht glauben, daB das, was in einem einzelnen Vortrag 
gesagt werden kann, schon jeder vermeintlichen Kritik standzuhalten 
vermag. Nur dann ist das der Fall, wenn man in Beriicksichtigung aller 
fur die Logik zuganglichen Griinde die Sache priift. Und noch eine an- 
dere Eigenschaft haben wir im letzten Vortrag bereits hervorgehoben, 
namlich daB die Rosenkreuzer-Methode darauf hinarbeitet, die Gei- 
steswissenschaft hinauszutragen in das praktische Leben. Daher sind 
hier alle Dinge so dargestellt, daB sie sich einleben konnen in das wirk- 
liche Leben. Aber auch in bezug auf diese Sache miissen Sie Geduld ha- 
ben; manches wird anfangs nicht so erscheinen, als ob es ins praktische 
Leben hinausdringen konnte. Wenn Sie aber das Ganze iiberschauen 
konnen, dann werden Sie sehen, daB die Einzelheiten so eingerichtet 
sind, daB sie in die alltaglichen Verrichtungen iibergehen konnen. Eine 
Weisheit, die man brauchen kann im Leben, das ist es, was die rosen- 
kreuzerische Methode der Forschung geben kann. 

Zuerst wird uns eine Ubersicht iiber die Natur des Menschen beschaf- 
tigen. Wir werden die einzelnen Glieder der Menschennatur kennen- 
lernen. Nur wenn wir von Stufe zu Stufe sachgemaB vordringen und 
nichts aus dem Auge verlieren, werden wir sehen, wie sich alles orga- 
nisch gliedert. Dann werden wir das Schicksal der Menschenseele nach 
dem Tode betrachten, und wir werden den wachenden, den schlafen- 



den, den toten Menschen betrachten in bezug auf die Gliederung der 
menschlichen Natur. Wir werden zu untersuchen haben, was der 
Mensch vom Tode bis zur neuen Geburt verrichtet. Es ist eine vielfach 
verbreitete Ansicht, daB der Mensch in der Zeit nach dem Tode untatig 
sei. Das ist nicht der Fall. Er hat vielmehr zu wirken und zu schaffen, 
er hat eine Arbeit zu leisten, die Bedeutung im Kosmos hat. Dann wer- 
den wir zeigen miissen, was man Reinkarnation und Karma nennt, das 
Schicksal, im Zusammenhange mit dem Werdegang des Menschen, wie 
die Menschheit sich in der Vorzeit entwickelt hat und wie sich die 
Perspektive der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hineinstellt. 

Heute nun wird es mir obliegen, Ihnen das Wesen des Menschen ein 
wenig zu charakterisieren. Wenn wir von dem Wesen des Menschen 
sprechen, miissen wir uns bewuBt sein, daB vor dem Auge dessen, der 
mit entwickelten geistigen Wahrnehmungsorganen an die Betrachtung 
des Menschen herantritt, die menschliche Natur sich viel komplizierter 
ausnimmt als bei der gewohnlichen Sinnesbetrachtung, die von dem 
menschlichen Verstande durchzogen ist und nur einen ganz kleinen Teil 
des ganzen Menschen betrachten kann. Vom Okkultismus aus angese- 
hen, ist es falsch — wir haben schon darauf hingedeutet — , wenn man 
das, was man vor sich hat, den physischen Leib nennen wiirde. Der 
physische Leib, wie er vor uns steht, ist auch schon durchzogen von 
dem Atherleib und dem Astralleib. Er ist eine Vereinigung dieser drei 
Leiber, und erst, wenn man die anderen Leiber herausnehmen konnte, 
wiirde man den wirklichen physischen Menschenleib vor sich haben. 
Dieser physische Leib ist dasjenige Glied der menschlichen Wesenheit, 
das sie gemeinsam hat mit der ganzen den Menschen umgebenden phy- 
sischen Natur, mit Mineralien, Pflanzen und Tieren. 

Wir betrachten diesen physischen Menschenleib nur dann richtig, 
wenn wir sagen, daB er sich so weit erstreckt wie die Verwandtschaft 
des Menschen mit dem um ihn herum liegenden mineralischen Reich. 
Nur miissen Sie sich klarmachen, daB dieses Glied der menschlichen 
Wesenheit am allerwenigsten von dem iibrigen Kosmos abgesondert be- 
trachtet werden kann. Die Krafte, die im physischen Leib wirken, 
wirken vom Kosmos herein. Wer die Sache durchschaut, empfindet 
dies so, wie er etwa die Natur eines Regenbogens erlebt. Wenn ein Re- 



genbogen entstehen soil, muB eine ganz bestimmte Konstellation da sein 
von Sonnenlichtverbreitung, von Regenwolken und so weiter. Sie kon- 
nen den Regenbogen nicht wegnehmen, wenn die Konstellation zwi- 
schen Regenwolken und Sonnenschein eine entsprechende ist. Der Re- 
genbogen ist also eine Art von Konsequenz, ein Phanomen, das von 
auBen zusammengeschoben wird. So ist auch der physische Leib wie 
eine Art von bloBem Phanomen. Die Krafte, die den physischen Leib 
zusammenhalten, miissen Sie in der ganzen iibrigen Sie umgebenden 
Welt suchen. Es fragt sich nun, wo liegen denn iiberhaupt diese Krafte 
in ihrer wahren Gestalt, die bewirken, daB unser physischer Leib so 
erscheint, wie er erscheint? Da werden wir hinaufgefiihrt in hohere 
Welten, denn in der physischen Welt kann man nur das sehen, was das 
Phanomen des physischen Leibes ist. Die Krafte, die dieses Phanomen 
zusammensetzen, liegen in einer sehr hohen geistigen Welt. Wir miissen 
daher ein wenig die Welten betrachten, die es noch auBer unserer phy- 
sischen gibt. 

Wenn der Okkultist von hoheren Welten spricht, so sind das Welten, 
die uns in jedem Augenblick umgeben; es miissen nur die Sinne dafiir 
geoffnet werden, wie das Auge geoffnet werden muB fiir die Farben- 
welt. Wenn gewisse seelische Sinne erschlossen werden, Sinne, die um 
einen Grad hoher liegen als die physischen Sinne, dann wird die Welt, 
die uns umgibt, durchzogen von einer neuen Erscheinung, die man die 
astrale Welt nennt. Die rosenkreuzerische Theosophie nennt diese Welt 
die imaginative Welt, wobei aber imaginativ etwas viel Wirklicheres 
ist, als man unter dem Ausdruck gewohnlich versteht. Sie sehen da ein 
Auf- und Abfluten von Bildern. Die Farbe, die sonst an die Gegen- 
stande gefesselt ist, befindet sich in einem mannigfaltigen Sich-Ver- 
wandeln innerhalb der astralen Welt. Wir werden das noch genauer 
kennenlernen. Man nennt diese Welt auch in der popular gewordenen 
rosenkreuzerischen Methode, in der Bewegung, die sich an die Rosen- 
kreuzer angeschlossen hat, die elementarische Welt, so daB diese drei 
Ausdriicke imaginative Welt, astralische und elementarische Welt im 
rosenkreuzerischen Sinne dasselbe bedeuten. 

AuBerdem finden Sie eine noch hohere Welt, wenn noch hohere 
Sinne erschlossen werden. Es ist die Welt der Spharenharmonien, die 



hereindringt in die Welt der Bilder und Farbenwesen. Man nennt sie 
die Welt des Devachan oder auch die mentale Welt, oder die Welt von 
Rupa-Devachan; in der Rosenkreuzersprache die Welt der Spharen- 
harmonien oder die Welt der Inspiration, weil der Ton das Inspirie- 
rende ist, wenn sich die Sinne dafiir erschlossen haben. Diese Welt hat 
man auch in der Bewegung, die sich an die rosenkreuzerische ange- 
schlossen hat, die himmlische genannt. Untere oder Rupa-Devachan- 
Welt, devachanische Welt, inspirierende Welt und himmlische Welt 
sind wiederum dasselbe. 

Dann haben wir endlich eine noch hohere Welt, die noch hohere 
Sinne eroffnen. Die rosenkreuzerische Methode bezeichnet sie als die 
Welt der wahren Intuition, wobei Intuition etwas viel Hoheres ist, 
als man nach der trivialen Anwendung des Wortes im menschlichen 
Leben meint: ein Aufgehen, ein Hineinkriechen in die Wesen, so daB 
man die Wesen vom Innern aus erkennt. Diese Welt der Intuition 
wird in der Bewegung, die sich an die Rosenkreuzer angeschlossen 
hat, die Vernunftwelt genannt. Diese Welt ist so hoch erhaben iiber 
der gewohnlichen Welt, daB sie in die Welt des Menschen nur etwas 
wie ein Schattenbild wirft. Die Vernunftbegriffe sind schwache Schat- 
tenbilder gegeniiber dem, was in dieser Welt Wirklichkeiten sind. 

Wir haben also auBer unserer physischen Welt noch drei andere 
Welten aufzuzahlen, wenn wir die Welt in ihrer wahren Gestalt begrei- 
fen wollen. Hinter den Kraften, die die physische Welt zusammenhal- 
ten, wiissen wir die Krafte suchen in der hochsten, in der intuitiven 
Welt. Gegeniiber dem, was Sie dort an Wesenhaftem finden konnen, 
nimmt sich das, was der Physiker in der physischen Welt findet, wie 
schwache Schattenbilder aus. Wiirden Sie hinaufsteigen in die hochste 
der Welten, dann wiirden Sie fur einen jeden Begriff, den Sie sich von 
einem Kristall oder dem Auge machen, lebendige Wesenheiten finden. 
Was hier Begriff ist, ist das Schattenbild von Wesenheiten in dieser 
hochsten der Welten. So setzt sich unsere physische Welt aus Kraften 
zusammen, die in der wahren Gestalt, wie man in der theosophischen 
Ausdrucksweise sagt, im Arupa-Devachan erscheinen. 

Wir konnen uns eine noch deutlichere Vorstellung machen, wenn 
wir uns fragen, was fiir uns in einer solchen Betrachtung des Mineral- 



reiches liegt. Der Mensch hat ein Ich-BewuBtsein. Ein Mineral nennen 
wir bewuBtlos. Es ist dies aber nur, wenn wir auf dem physischen Plan 
verbleiben. Wenn wir hinaufsteigen in die hoheren Welten, ist es nicht 
mehr bewuBtlos. Allerdings, wenn Sie die elementarische Welt betre- 
ten, finden Sie noch nicht das Ich der mineralischen Welt, denn das 
Ich-BewuBtsein des Minerals finden Sie erst in der hochsten der Wel- 
ten, die wir jetzt aufgezahlt haben. Wie der Finger kein BewuBtsein 
hat, sondern wie Sie von dem Finger zu Ihrem Ich gehen miissen, wenn 
Sie sein BewuBtsein finden wollen, so fiihrt das Mineral zu dem Ich 
durch die Strome, die hinaufverfolgt werden konnen bis in dieses 
hochste Gebiet des Weltendaseins. Ein Nagel am Finger gehort zum 
ganzen menschlichen Organismus; Sie finden im Ich sein BewuBtsein. 
Schauen wir einen Nagel an, so verhalt er sich zu unserem Organismus 
wie das Mineral zur hochsten geistigen Welt. So gibt es ein Ich des gan- 
zen Organismus, und wie das Mineral, so sind die Nagel ein auBerster 
Ausdruck des Verharteten dieses Lebens. Dies hat der menschliche phy- 
sische Leib noch gemeinsam mit den Mineralien, daB zu dem physi- 
schen Leib, insofern er rein physisch ist, ein BewuBtsein oben in der 
geistigen Welt gehort. Sofern der Mensch mit einem bloB physischen 
BewuBtsein ausgestattet ist, ohne daB er es weiB, sofern er einen physi- 
schen Leib hat, der da oben sein BewuBtsein hat, ist der Mensch so ver- 
anlagt, daB von oben herunter gewirkt wird auf den physischen Leib. 
Was den physischen Leib gestaltet, haben Sie nicht in der Hand. Ebenso 
wie Ihr Ich es ist, wenn Sie Ihre Hand bewegen, werden Sie in bezug 
auf Ihren physischen Leib beeinfluBt von einer hoheren Welt, und so 
bewirkt bei Ihnen das Ich-BewuBtsein des physischen Leibes die physi- 
kalischen Prozesse des Leibes. Nur der Eingeweihte, der sich bis zur 
Intuition erhebt, erlangt Gewalt iiber seinen physischen Leib, so daB 
keine Nervenstromung seine Nerven durchzieht, ohne daB er es weiB. 
Dadurch erst kann er Genosse derjenigen Wesen werden, die da oben 
leben und seinen physischen Leib dirigieren. 

Das zweite Glied der Menschennatur hat der Mensch noch gemein- 
sam mit der Pflanzen- und der Tierwelt, es ist der Ather- oder Lebens- 
leib. Er stellt sich fiir den okkulten Seher so dar, daB er ungefahr die- 
selbe Form hat wie der physische Leib. Er ist ein Kraftleib. Wenn Sie 



sich den physischen Leib wegdenken konnten, wiirde Ihnen dieser 
Atherleib als ein Kraftleib iibrigbleiben, ein Leib, durchzogen von 
Kraftlinien, die den physischen Leib auferbaut haben. Das menschliche 
Herz konnte in der Form, die es hat, niemals entstehen, wenn nicht in 
dem Atherleib, der den physischen Leib durchzieht, ein Atherherz ware. 
Dieses Atherherz enthalt gewisse Krafte und Stromungen, und diese 
sind die Aufbauer, die Architekten, die Bildner des physischen 
Herzens. Es ist so, wie wenn Sie sich vorstellen wiirden, Sie hatten 
ein GefaB mit Wasser; kiihlen Sie dies Wasser ab, so entstehen darin 
Verhartungen, Eisbildungen. Was da Eis ist, ist Wasser, nur ver- 
hartet, und die Formen, die die Eisbildungen haben, waren im Wasser 
als Kraftlinien drinnen. So ist das physische Herz herausgebildet 
aus dem Atherherzen, es ist nur ein verhartetes Atherherz, und die 
Kraftstromungen in dem Atherherzen haben dem physischen Herzen 
seine Form gegeben. 

Wenn Sie sich den physischen Leib wegdenken konnten, wiirden Sie 
den Atherleib, namentlich in den oberen Partien, ziemlich ahnlich dem 
physischen Leib sehen. Diese Ahnlichkeit geht aber nur bis zur Mitte 
des Korpers, denn der Atherleib weist doch eine groBe Verschiedenheit 
gegeniiber dem physischen Leib auf. Das werden Sie begreifen, wenn 
ich Ihnen sage, daB der Atherleib beim Manne weiblich und beim Weibe 
mannlich ist. Ohne diese Erkenntnis wird einem im praktischen Leben 
vieles unbegreiflich bleiben. Im iibrigen erscheint er wie eine Licht- 
gestalt und ragt iiberall, in alien Teilen etwas, aber nur wenig, iiber den 
physischen Korper hinaus. Diesen Atherleib hat der Mensch mit der 
Pflanzenwelt gemeinsam. 

Es ist bei dem Atherleib ein ahnliches wie bei dem physischen Leib 
der Fall: Die Krafte, die den Atherleib zusammenhalten, finden wir in 
der Welt, die wir die inspirierende oder die Welt des Rupa-Devachan, 
die himmlische Welt, nennen. Alle die Krafte, die den Atherleib zu- 
sammenhalten, sind um eine Stufe tiefer liegend als die, welche den 
physischen Leib zusammenhalten. Daher miissen Sie die Sache auch so 
betrachten, daB Sie das Ich-BewuBtsein der Pflanzen in dieser Welt der 
Inspiration, des unteren Devachan suchen, und in dieser Welt der 
Spharenharmonien, wo das Ich-BewuBtsein der Pflanzenwelt ist, da ist 



auch das Ich-BewuBtsein, das den menschlichen Atherleib durchsetzt, 
das in Ihnen lebt, ohne daB Sie es wissen. 

Nun kommen wir zum dritten Glied der menschlichen Wesenheit, 
zum Astralleib, oder mit rosenkreuzerischer Bezeichnung: zu dem See- 
lenleib. Diesen Astralleib hat der Mensch nur noch gemeinsam mit den 
Tieren. Wo Empfindung auftritt, Lust und Leid, Freude und Schmerz, 
Affekte und Leidenschaften, da ist der Astralleib der Trager von die- 
sen inneren Erlebnissen eines Wesens; auch Wiinsche, Begierden, das 
alles ist, wie man sagt, im Astralleib verankert. Dieser Astralleib muB 
wiederum so charakterisiert werden, daB wir sagen, es ist in ihm das, 
was auch in der Tierwelt ist. Nun hat auch die Tierwelt ein BewuBt- 
sein. Die astrale Wesenheit von Mensch und Tier wird zusammenge- 
halten von Kraften, die in der astralen Welt, in der imaginativen, oder 
wie der Rosenkreuzer sich ausdriickt, in der elementarischen Welt lie- 
gen, so daB die Krafte, die den Astralleib zusammenhalten und ihm die 
Gestalt geben, die er hat, in der astralen Welt in ihrer wahren Gestalt 
erkannt werden konnen. Deshalb hat auch das Tier sein Ich-BewuBt- 
sein in dieser Welt. Wie wir beim Menschen von einer Individualseele 
sprechen, so sprechen wir beim Tier von einer Gruppenseele, und diese 
ist auf dem Astralplan zu finden. Nur daB nicht das einzelne Tier, das 
hier auf dem physischen Plan lebt, sondern die Gattung, alle Lowen, 
alle Tiger zusammen, ein Ich gemeinschaftlich haben, das Sie als Grup- 
penseele auf dem Astralplan zu suchen haben. So ist das, was hier vom 
Tier lebt, nur verstandlich, wenn Sie es verfolgen konnen bis auf den 
Astralplan hinauf. Sie wiirden Strange finden, die zum Beispiel von 
den Lowen ausgehen und sich im Astralplan vereinigen zu dem gemein- 
samen Gruppen-Ich der hier auf der Erde lebenden Lowenindividuen. 

So wie der Mensch ein individuelles Ich hat, so lebt auch in jedem 
Astralleib etwas von einem Gruppen-Ich. Dieses Tier-Ich lebt im 
menschlichen Astralleib, und dann erst wird der Mensch unabhangig 
von diesem Tier-Ich, wenn er astral sehend wird, ein Genosse wird der 
astralen Wesenheiten, wenn ihm die Gruppenseelen der Tiere auf dem 
Astralplan begegnen wie hier die einzelnen Tierwesen. Dort wandern 
Wesen herum, die nur zersplittert herunterkommen konnen als so und 
so viele Tiere auf den physischen Plan. Beim Ablauf ihres Lebens kom- 



men sie wieder dazu, sich mit dem iibrigen Teil dieser Wesenheit auf 
dem Astralplan zu vereinigen. Eine ganze Tiergruppe ist oben auf dem 
Astralplan ein Wesen, mit dem man reden kann wie mit einem einzel- 
nen Individuum hier. Sie sehen etwas anders aus, aber sie sind nicht 
mit Unrecht in dem zweiten apokalyptischen Siegel dadurch charakte- 
risiert, daB man ihnen verschiedene Gestalten gibt, da6 man sagt, sie 
zerfallen in vier Klassen, in Lowe, Adler, Stier und Mensch — Mensch, 
der noch nicht auf den physischen Plan hinuntergestiegen ist. Diese vier 
apokalyptischen Tiere sind die vier Klassen der Gruppenseelen, die 
dem Menschen in seiner individuellen Seele auf dem Astralplan am 
nachsten stehen. 

Nun wollen wir dasjenige ins Auge fassen, was der Mensch nicht 
mehr gemeinsam hat mit der ihn umgebenden Welt, jene Wesenheit, die 
im Ich ihren Ausdruck findet. Durch dieses vierte Glied seiner Wesen- 
heit ist er die Krone der physischen Erdenschopfung. Hier in diesem 
Glied ist erst seiner Natur dasjenige gegeben, was das BewuBtsein hier 
unten auf dem physischen Plan hat. Wie das MineralbewuBtsein auf 
dem Arupa-Devachan, das PflanzenbewuBtsein auf dem Rupa-Deva- 
chan, das TierbewuBtsein auf dem Astralplan, so liegt das Ich-BewuBt- 
sein des Menschen als viertes Glied seiner Wesenheit in der physischen 
Welt. Hier erst in seinem Ich hat der Mensch etwas, wohinein sich kein 
anderes Wesen drangt, kein anderes BewuBtseins-Ich hineintritt. 

Nun haben wir den viergliedrigen Menschen kennengelernt; er ist 
physischer Mensch, Athermensch, Astralmensch und Ich. Es handelt 
sich nun aber darum, daB alles das noch nicht die ganze menschliche 
Natur umfaBt. Diese vier Glieder hatte der Mensch auch bei der aller- 
ersten Inkarnation hier auf der Erde, und der Durchgang durch die 
verschiedenen Verkorperungen bedeutet eine Hoherentwickelung des 
Menschen. Sie besteht darin, daB der Mensch von seinem Ich aus jetzt 
seine drei friiher genannten Glieder durcharbeitet. Betrachtet man 
einen Menschen der urfernen Vergangenheit in seiner ersten Inkarna- 
tion auf der Erde, so folgt solch ein Mensch all seinen Affekten, Begier- 
den. Er hat zwar seine vier Glieder, auch das Ich, benimmt sich aber 
wie ein Tier. Vergleicht man nun einen solchen Menschen mit einem 
hohen Idealisten, so besteht der Unterschied darin, daB der erstere 



Mensch, der Wilde, noch nicht von seinem Ich aus an seinem Astralleib 
gearbeitet hat. Darin besteht der nachste Fortschritt der Menschheits- 
evolution, daB der Mensch an seinem Astralleib arbeitet. Bei einem sol- 
chen Menschen driickt sich diese Arbeit dadurch aus, daB gewisse ur- 
spriingliche Eigenschaften dieses Astralleibes von innen in seine Herr- 
schaft genommen sind. Der europaische Durchschnittsmensch sagt sich 
von gewissen Trieben: ihnen darfst du folgen — bei anderen verbietet er 
sich dies. Soviel nun der Mensch von dem, was urspriinglich in seinem 
Astralleib gelebt hat, unter die Herrschaft seines Ichs gebracht hat, 
nennen wir Geistselbst; es ist dasselbe, was mit Manas bezeichnet wor- 
den ist. Dieses Manas ist ein Umwandlungsprodukt des Astralleibes 
durch das Ich. Stofflich ist es dasselbe wie der Astralleib. Es ist nur 
eine andere Art der Anordnung desjenigen, was urspriinglich im Astral- 
leib war und nun zum Geistselbst umgestaltet wurde. 

Derjenige Mensch, der sich weiterentwickelt, erlangt die Fahigkeit, 
nicht nur an seinem Astralleib, sondern vom Ich aus auch an seinem 
Atherleib zu arbeiten. Machen wir uns klar, welches der Unterschied 
ist zwischen dem Arbeiten am Astralleib und dem Arbeiten am Ather- 
leib. Erinnert man sich, was man gewuBt hat, als man ein achtjahriges 
Kind war, und bedenkt man, was man seither dazugelernt hat, so ist 
das ungeheuer viel. Jeder hat eine groBe Summe von Begriffen aufge- 
nommen, die ihn veranlassen, daB er nicht mehr blindlings seinen Af- 
fekten und Leidenschaften folgt. Erinnert man sich aber, daB man zum 
Beispiel ein jahzorniges Kind war und wie weit man den Jahzorn iiber- 
wunden hat, so wird man finden, er wird doch noch manchmal durch- 
kommen. Oder wie wenig es einem gelungen ist, wenn man ein schlech- 
tes Gedachtnis hatte, dasselbe zu andern, oder wie wenig der Mensch 
seine charakteristischen Anlagen, die Starke und Schwache seines Ge- 
wissens, umwandelt. Ich habe ofters verglichen das, was der Mensch 
umwandelt an Temperament und so weiter, mit dem langsamen Vor- 
riicken des Stundenzeigers an der Uhr. Darin beruht gerade das Wesen 
der Einweihung des Schiilers: als eine bloBe Vorbereitung wird be- 
trachtet, was das Lernen ist; viel wesentlicher und mehr getan fiir die 
Einweihung ist es, wenn das, was Temperament ist, umgewandelt wird. 
Hat man ein schwaches Gedachtnis in ein starkes, hat man Jahzorn in 



Sanftmut, hat man ein melancholisches Temperament in ein gleich- 
miitiges verwandelt, dann hat man mehr getan, als wenn man noch so 
viel gelernt hatte. Darin isteine Quelle innerer okkulter Krafte. Das ist 
der Ausdruck dafiir, daB das Ich am Atherleib arbeitet, nicht bloB am 
Astralleib. 

Insofern, als diese Anlagen sich auBern, muB man sie zwar auch im 
Astralleib suchen; wenn man sie aber verandern will, muB man sie im 
Atherleib suchen, und verandern kann man sie nur dadurch, daB man 
den Atherleib bearbeitet. Soviel, als das Ich umgewandelt hat im Ather- 
leib, soviel ist vorhanden in einem Menschen von dem, was man mit 
einem deutschen Ausdruck Lebensgeist, im Gegensatz zum Lebensleib, 
bezeichnet. In der theosophischen Literatur wird das mit Buddhi be- 
zeichnet. Die Substanz der Buddhi ist nichts anderes als der durch das 
Ich umgewandelte Teil des Atherleibes. 

Wenn nun das Ich so stark wird, daB es nicht nur den Atherleib um- 
wandeln lernt, sondern auch den physischen, den dichtesten der Men- 
schennatur — denjenigen, der so geformt ist, daB seine Krafte weit 
hinausreichen in die hochste der Welten — , dann sagen wir: Der Mensch 
bildet in sich aus das hochste Glied seiner gegenwartigen Natur, das, 
was man Atma oder den eigentlichen Geistesmenschen nennt. Die 
Krafte fur die Umwandlung des physischen Korpers sind in der hoch- 
sten Welt zu suchen. Man beginnt die Umwandlung des physischen 
Leibes mit der Umwandlung des Atmungsprozesses, denn Atma heiBt 
Atmen. Durch eine solche Umwandlung andert man die Blutbeschaf- 
fenheit, welche am physischen Korper arbeitet, so daB man dadurch 
hinaufarbeitet bis in die hochste der Welten. 

Nun muB man unterscheiden zwischen zwei Formen der Umwand- 
lung, und wenn man es genauer ausdriicken will, spricht man von einer 
unbewuBten und einer bewuBten Umwandlung. In Wahrheit hat jeder 
Europaer unbewuBt von seinem Ich aus die niederen Glieder seiner 
Natur umgewandelt. BewuBt wandelt er sie um in seinem jetzigen Ent- 
wickelungszyklus nur in bezug auf Manas, und er muB ein Eingeweih- 
ter werden, wenn er bewuBt seinen Atherleib umwandeln lernen will. 

Wir haben also die urspriinglichen drei Glieder der Menschennatur, 
die jeder Mensch hat, auch der primitivste auf der ersten Entwicke- 



lungsstufe, und darin das Ich. Nun beginnt die Umgestaltung. Sie war 
lange Zeit eine unbewuBte; jetzt beginnt die Menschheit den Astralleib 
bewuBt umzugestalten. Die Eingeweihten gestalten jetzt bewuBt den 
Atherleib um, und in der Zukunft werden alle Menschen den Atherleib 
und den physischen Leib bewuBt umgestalten. 

So haben wir die drei urspriinglichen Glieder der Menschennatur: 
physischen Leib, Atherleib, Astralleib und dann das Ich. Das Ich wirkt 
umgestaltend; man sieht das Ich zuerst diese drei Glieder umgestalten, 
was fur den gegenwartigen Menschen ein ProzeB der Vergangenheit 
ist. Es hat unbewuBt als Anlage entstehen lassen Empfindungsseele, 
Verstandesseele, BewuBtseinsseele. 

Man unterscheidet in der rosenkreuzerischen Theosophie Empfin- 
dungsseele, Verstandesseele, BewuBtseinsseele. Erst in der BewuBtseins- 
seele leuchtet auf die bewuBte Umgestaltung; da fangt das Ich an, be- 
wuBt an der Umgestaltung zu arbeiten. Es wird zuerst im Astralleib 
das Geistselbst entwickelt. Innerhalb des Atherleibes wird entwickelt 
der Lebensgeist, als Gegenstiick zum Lebensleib, und weiter wird im 
physischen Leib entwickelt der eigentliche Geistesmensch, Atma. So 
haben wir im ganzen neun Glieder der menschlichen Natur. 

Fur den auBeren Anblick stecken zwei dieser Glieder der menschli- 
chen Natur, Empfindungsseele und Seelenleib, gleichsam ineinander, wie 
das Schwert in der Scheide. Die Empfindungsseele steckt im Seelenleib, 
so daB sie beide als eines erscheinen. Ebenso sind Geistselbst und BewuBt- 
seinsseele eins, so daB diese neun Glieder sich auf sieben reduzieren. 

Nun kann man als sieben Glieder aufzahlen: 

1. Physischer Leib 

2. Ather- oder Lebensleib 

3. Astralleib, in welchem die Empfindungsseele steckt, und dann 

4. das Ich 

und als die hoheren Glieder: 

5. Geistselbst oder Manas mit der BewuBtseinsseele 

6. Lebensgeist oder Buddhi, und als hochstes 

7. Geistesmensch oder Atma 

So ist der innere Zusammenhang der Menschennatur, die in "Wahrheit 
eigentlich neun Glieder darstellt, wobei zwei mal zwei zusammenfallen. 



Daher unterscheidet man in der rosenkreuzerischen Methode drei 
mal drei = neun Glieder, die sich durch diese Zusammenkoppelung 
gleichsam reduzieren auf sieben. Wir miissen aber in der sieben die neun 
erkennen, sonst werden wir nur zu einem theoretischen Anschauen 
kommen. 

9. Geistesmensch 

8. Lebensgeist 

7. Geistselbst 

6. BewuBtseinsseele 

5. Verstandesseele 

4. Empfindungsseele 

3. Astralleib 

2. Lebensleib 

1. Physischer Leib 

Das Ich leuchtet auf in der Seele, dann beginnt die Arbeit an den 
Leibern. 

Aber den Ubergang von der Theorie ins Leben kann man nur gewin- 
nen, wenn man die Natur der Sache wirklich betrachtet. Was hier ange- 
deutet ist, soil uns morgen leiten, wenn wir zur Betrachtung des schla- 
fenden, des tagwachenden und des toten Menschen aufsteigen. 



DRITTER VORTRAG 
Miinchen, 26. Mai 1907 



Wir werden heute den Menschen in seinem Zustande des Wachens hier 
in der physischen Welt, in dem Zustande des Schlafes und des soge- 
nannten Todes betrachten. Den Zustand des Wachens kennt jeder aus 
der eigenen Erfahrung. 

Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann zieht sich gleichsam alles, 
was Astralleib, Ich und das, was das Ich im Astralleib gearbeitet hat, 
heraus aus dem physischen und dem Atherleib. Wenn Sie hellsehend 
den schlafenden Menschen betrachten, dann haben Sie im Bette liegend 
den physischen und den Atherleib. Diese zwei Glieder bleiben in dem 
Zusammenhang, in dem sie sonst auch sind, wahrend der Astralleib 
alles, was hohergliedrig ist, herauszieht, so daB man hellsehend verfol- 
gen kann, wie im Einschlafen der Astralleib in einem gewissen Licht 
sich aus den erstgenannten zwei Leibern herauszieht. Wenn dieser Zu- 
stand noch genauer beschrieben werden soil, muB man sagen, daB der 
Astralleib bei dem heutigen Menschen gegliedert erscheint durch man- 
nigfache Stromungen und Licht-Erglanzungen, und wenn man diese 
summarisch anschaut, so sieht das Ganze aus wie zwei ineinanderge- 
schlungene Spiralen, gleichsam wie zwei ineinandergeschlungene 6- 
Zahlen, von denen sich die eine in den physischen Leib hinein verliert, 
die andere aber weit hinaus wie ein Kometenschweif in den Kosmos 
sich erstreckt. Es werden nur diese beiden Schweife des Astralleibes 
sehr bald unsichtbar in ihrer weiteren Verbreitung, so daB die Erschei- 
nung dann mit der Form eines Eies sich vergleichen laBt. Wenn der 
Mensch wiederum aufwacht, verliert sich der in den Kosmos hinaus- 
gehende Schweif, und das Ganze zieht sich wieder hinein in den Ather- 
und physischen Leib. 

Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist ja das 
Traumen. Der traumerfullte Schlaf ist dann vorhanden, wenn der 
Astralleib zwar schon ganz seine Verbindung mit dem physischen Leib 
gelost hat, gleichsam seine Fiihlfaden aus dem physischen Leib heraus- 
gezogen hat, aber noch mit dem Atherleib verbunden ist. Dann wird 



das Blickfeld des Menschen von jenen Bildern durchzogen, die wir die 
Traume nennen. Es ist das sachlich ein Zwischenzustand, weil der 
Astralleib seine Verbindung mit dem physischen Leib vollstandig gelost 
hat, wahrend er noch mit dem Atherleib in gewisser Weise zusammen- 
hangt. 

Das also ist der schlafende Mensch, der in seinem Astralleib, auBer- 
halb seines physischen und Atherleibes, lebt. DaB der Mensch in sol- 
chen Schlaf versinken muB, hat in der ganzen Natur seine tiefe Berech- 
tigung. Sie diirfen sich nicht vorstellen, daB der Astralleib, wenn er in 
der Nacht beim Schlaf auBerhalb des physischen und Atherleibes ist, 
untatig sei und keine Arbeit hatte. Wenn wahrend des Tages der Astral- 
leib im physischen und Atherleib ist, treffen ihn die Wirkungen von der 
AuBenwelt, die der Mensch erhalt durch die eigene Tatigkeit des 
Astralleibes, durch seine Sinneseindriicke, durch seine Tatigkeit in der 
physischen Welt. Alles, was der Mensch so erhalt an Gefiihlen und 
Empfindungen, alles, was von auBen auf ihn einwirkt, setzt sich fort bis 
zum Astralleib. Das ist der eigentlich empfindende und denkende Teil 
des Menschen, und der physische Leib und auch das, was im Atherleib 
ist, sind nur seine Vermittler, die Instrumente. Alles, was denkt und 
will, ist im Astralleib. Wahrend der Mensch am Tage in der AuBenwelt 
tatig ist, erhalt so der Astralleib fortwahrend Eindriicke von der auBe- 
ren Welt. Auf der anderen Seite aber halten wir fest, daB der Astralleib 
der eigentliche Aufbauer vom Ather- und vom physischen Leibe ist. 
Ebenso, wie der physische Leib in alien seinen Organen herauserstarrt, 
verhartet ist aus dem Atherleib, so ist alles, was im Atherleib stromt 
und tatig ist, herausgeboren aus dem Astralleib. 

Woraus ist nun der Astralleib selber geboren? Er ist geboren aus dem 
allgemeinen astralischen Organismus, der unsern ganzen zu uns geho- 
renden Kosmos durchwebt. Wenn Sie sich durch ein Gleichnis dieses 
Verhaltnis vorstellen wollen, das Verhaltnis des kleinen Teils von astra- 
ler Korperlichkeit in Ihrem Leibe zu dem ganzen machtigen Astral- 
meere, in dem alle Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien und auch 
Planeten schwingen und aus dem sie herausgeboren sind, wenn Sie die- 
ses Verhaltnis des astralen Leibes zum Astralorganismus sich vorstellen 
wollen, so denken Sie sich einen Tropfen einer Fliissigkeit in einem Ge- 



faBe. Wie der Tropfen sein ganzes Sein hat von der Fliissigkeit, die in 
dem GefaBe ist, so ist das, was in einem Astralleib ist, einmal einge- 
schlossen gewesen in dem ganzen Astralmeere des Kosmos. Es hat sich 
herausgetrennt, und dadurch, daB es eingezogen ist in den Ather- und 
physischen Leib, hat es sich abgesondert wie der Tropfen aus dem 
GefaBe. 

Solange der Astralleib im SchoBe des allgemeinen Astralleibes ruhte, 
erlangte er seine Gesetze, seine Eindriicke von diesem ganzen kosmi- 
schen Astralkorper. Er lebte innerhalb dieses kosmischen Astralleibes 
sein Leben. Seit diesem Heraustrennen ist er wahrend des Tagwachens 
angewiesen auf die Eindriicke, die er von der physischen Welt erhalt, 
so daB er seine Natur teilen muB zwischen den Eindriicken, die er noch 
mitgebracht hat von dem kosmischen Astralleib, und denen, die er jetzt 
von auBen erhalt durch die Tatigkeit, die ihm von der physischen Welt 
zugewiesen ist. Diese zwei Seiten werden, wenn der Mensch am Ziel 
seiner Erdenentwickelung angelangt sein wird, eine Harmonie ergeben. 
Heute ist das nicht der Fall, es klingen diese zwei Wirkungen nicht 
zusammen. 

Nun ist der Astralleib der Aufbauer des Atherleibes und dadurch 
indirekt — weil der Atherleib wieder den physischen Leib aufbaut — 
auch der Aufbauer des physischen Leibes. Alles, was der Astralleib im 
Laufe der Zeiten Stuck fiir Stuck aufgebaut hat, ist herausgeboren aus 
dem groBen kosmischen Astralmeere. Dadurch, daB aus diesem Astral- 
meer nur Harmonie, nur gesunde GesetzmaBigkeit herausgekommen 
ist, ist das Bauen des Astralleibes am Ather- und physischen Leib ur- 
spriinglich gesund, harmonisch; durch jene Einfliisse aber, die der 
Astralleib von auBen, aus der physischen Welt, erhalt und die seine 
urspriingliche Harmonie beeintrachtigen, kommen alle Storungen des 
physischen Leibes zustande, die beim heutigen Menschen vorhanden 
sind. 

Wiirde der Astralleib standig im Menschen drinnen sein, so wiirde 
der starke EinfluB der physischen Welt bald die gesamte Harmonie 
zerstort haben, die sich der Astralleib aus dem kosmischen Meere mit- 
gebracht hat. Sehr bald wiirde sich der Mensch durch Krankheit und 
Ermiidung abniitzen. Wahrend des Schlafes zieht sich der Astralleib 



zuriick von den Eindriicken der physischen Welt, die nichts mehr ent- 
halt, was Harmonie gibt, und gent ein in die allgemeine Harmonie des 
Kosmos, aus der er herausgeboren ist. Und so bringt er sich des Morgens 
die Nachklange dessen mit, was er an Erneuerung wahrend der Nacht 
erlebt hat. Es erneuert der Astralleib wahrend jeder Nacht seine Har- 
monie mit dem groBen kosmischen Astralmeere, und so zeigt sich auch 
dem Hellseher dieser Astralleib gar nicht untatig; er sieht einen Zu- 
sammenhang zwischen dem Astralmeere und dem einen kometenahn- 
lichen Schweif des Astralleibes und kann sehen, wie dieser Teil arbeitet 
an der Fortschaffung der durch die disharmonisierende Welt erzeugten 
Erschlaffung. Diese Tatigkeit des Astralleibes driickt sich dadurch aus, 
daB man sich amMorgen gestarkt fiihlt. Allerdings muB sich der Astral- 
leib, der wahrend der Nacht in der groBen Harmonie gelebt hat, erst 
wieder hineinfinden in die physische Welt. Deshalb erscheint das 
groBte Gefiihl der Starkung erst einige Stunden spater, nachdem der 
Astralleib wiederum den physischen Leib bezogen hat. 

Nun wollen wir zu dem Bruder des Schlafes, zum Tode, iibergehen 
und uns klarmachen, welches der Zustand des Menschen nach dem 
Tode ist. Der tote Mensch unterscheidet sich dadurch von dem bloB 
schlafenden, daB beim toten Menschen der Atherleib mitgeht mit dem 
Astralleib und nur den physischen Leib hier in der physischen Welt 
zuriicklaBt. Dieses Herausdringen des Atherleibes aus dem physischen 
Leibe ist niemals beim Menschen von der Geburt bis zum Tode vor- 
handen, wenn er nicht gewisse Einweihungszustande durchmacht. 

Ein wichtiger Augenblick fur den Menschen, der gestorben ist, ist 
der Moment unmittelbar nach dem Tode. Er dauert ja langere Zeit, 
Stunden, selbst Tage. In diesem Zustande zieht vor der Seele des toten 
Menschen vorbei das ganze Leben der letzten Inkarnation wie in einem 
groBen Erinnerungs-Tableau. Dies ist bei jedem Menschen nach dem 
Tode vorhanden. Die Eigentiimlichkeit dieses Tableaus besteht darin, 
daB, solange es in der Art ist, wie es unmittelbar nach dem Tode sich 
zeigt, in ihm wie gestrichen sind alle die Erlebnisse, die der Mensch sub- 
jektiv bei seinem Gang durch die Welt durchgemacht hat. Wir haben 
bei unseren verschiedenen Erlebnissen immer auch das Gefiihl der Lust 
und des Schmerzes, der Erhebung oder der Traurigkeit gehabt. Unser 



auBeres Anschauen war immer mit einem Innenleben verkniipft. Alle 
die Freuden und Schmerzen, die sich an die Bilder des Lebens heften, 
sind bei dieser Ruckerinnerung nicht vorhanden. Man steht diesem 
Erinnerungstableau ebenso objektiv gegeniiber wie einem Gemalde. 
Wenn dasselbe einen Menschen darstellt, der traurig, der von Schmer- 
zen erfiillt ist, so sehen wir inn objektiv an. Wir konnen wohl seine 
Traurigkeit nachfiihlen, doch empfinden wir nicht unmittelbar den 
Schmerz, den der Mensch gehabt hat. So ist es mit den Bildern dieses 
Tableaus unmittelbar nach dem Tode: es breitet sich aus, und man 
sieht in Zeitraumen, die erstaunlich sind, weil sie so kurz sind, alle 
Einzelheiten, die sich im Leben zugetragen haben. 

Die Trennung des physischen Leibes vom Atherleib wahrend des 
Lebens ist sonst nur bei einem Eingeweihten vorhanden; doch gibt es 
gewisse Augenblicke, wo wie mit einem Ruck der Atherleib sich lost 
von dem physischen Leib. Das ist dann der Fall, wenn der Mensch 
besonders schreckhafte Erlebnisse hat, zum Beispiel bei einem Absturz 
oder bei der Gefahr des Ertrinkens. Dann findet durch diesen machti- 
gen Schock eine Art Losung des Atherleibes vom physischen Leibe statt. 
Die Folge davon ist, daB in solchem Augenblick das ganze bisherige 
Leben wie eine Erinnerung vor der Seele des Menschen steht. Da haben 
wir ein Analogon fur das Erlebnis nach dem Tode. 

Partielle Trennungen des Atherleibes finden auch statt, wenn ein 
Glied eingeschlafen ist. "Wenn zum Beispiel die Hand eingeschlafen ist, 
so kann der Seher beobachten, wie der Atherteil, der der Hand ent- 
spricht, heraushangt wie ein Handschuh. Ebenso hangen Teile des 
Athergehirnes heraus, wenn der Mensch in einem hypnotischen Zu- 
stande sich befindet. Weil der Atherleib eingesponnen ist in ganz klei- 
nen punktartigen Gebilden im physischen Leib, so entsteht das bekannte 
eigentiimliche Gefiihl des Prickeins bei einem eingeschlafenen Gliede. 

Nach Ablauf der Zeit, wahrend der sich der Atherleib in Verbindung 
mit dem Astralleib aus dem physischen Leib herausgelost hat, kommt 
der Moment, wo der Astralleib mit all dem, was die hoheren Glieder 
sind, wiederum sich herauslost aus dem Atherleib. Dieser letztere trennt 
sich ab, das Erinnerungs-Tableau verglimmt. Aber es bleibt dem Men- 
schen etwas davon, es geht nicht ganz verloren. Zwar das, was man 



nennen konnte Ather- oder Lebenssubstanz, zerstreut sich in den gan- 
zen Weltenather, aber eine Art Essenz bleibt davon, die dem Menschen 
niemals wieder auf der ferneren Wanderung seines Lebens verlorengehen 
kann. Er nimmt sie wie eine Art Extrakt aus dem Lebens-Tableau mit 
in alle seine zukimftigen Inkarnationen, wenn er sich dessen auch nicht 
erinnern kann. Das, was sich aus diesem Erinnerungsextrakt bildet, 
nennt man konkret-real den Kausalleib. Nach jedem Leben legt sich 
ein neues Blatt zu dem Lebensbuch hinzu. Das vermehrt die Lebens- 
essenz und bewirkt, wenn die vergangenen Leben fruchtbar waren, daB 
sich das nachste in der entsprechenden Weise entfaltet. Darin liegt die 
Ursache, weshalb ein Leben reich oder arm an Talenten, Anlagen und 
so weiter ist. 

Um das Leben des Astralleibes nach seiner Trennung vom Atherleibe 
zu verstehen, miissen wir einen Blick tun auf physische Verhaltnisse. 
Im physischen Leben ist es der Astralleib, der sich freut, der leidet, der 
seine Begierden, Triebe und Wiinsche befriedigt durch die Organe des 
physischen Leibes. Nach dem Tode fehlen ihm diese physischen Instru- 
mente. Der Feinschmecker kann seine Lust an guten Dingen nicht mehr 
befriedigen, denn die Zunge fehlt ihm; die ist mit dem physischen Leibe 
fortgegangen. Die Begierde aber bleibt dem Menschen, da diese mit dem 
Astralleib zusammenhangt, und daraus resultiert der brennende Durst 
der Kamaloka-Zeit. Kama heiBt Begierde, Wunsch; loka ware der Ort, 
doch ist es in Wirklichkeit kein Ort, sondern ein Zustand. 

Wer schon herauswachst innerhalb des physischen Lebens aus dem 
physischen Leibe, der kiirzt seine Kamaloka-Zeit ab. Es ist ein wirk- 
liches Herauswachsen, wenn wir uns an Gegenstanden des Schonen, 
der Harmonie entziicken. Sie fiihren uns schon hier aus der sinnlichen 
Welt heraus. Die sinnlich-materialistische Kunst bedeutet eine Er- 
schwerung des Kamaloka-Zustandes, wahrend die spirituelle Kunst 
eine Erleichterung desselben bedeutet. Jede edle, durchgeistigte Lust 
kiirzt Kamaloka ab. Deshalb miissen wir uns schon hier jene Liiste und 
Begierden abgewohnen, welche nur durch das sinnliche Instrument be- 
friedigt werden konnen. Kamaloka-Zeit bedeutet eben eine Zeit des 
Abgewohnens der sinnlichen Liiste und Triebe. Diese Zeit dauert unge- 
fahr ein Drittel des gewohnlichen Lebens. Etwas Eigentumliches gibt es 



beim Durchleben dieser Kamaloka-Zeit. Sie vollzieht sich so, daB der 
Mensch anfangt, wirklich sein ganzes Leben zu durchleben. War es 
gleich nach dem Tode ein lust- und leidloses Erinnerungsbild, so durch- 
lebt er jetzt alle Lust und alles Leid wirklich noch einmal, und zwar in 
umgekehrter Art, so daB er alle Lust, alles Leid, das er anderen zugefiigt 
hat, in sich selbst erleben muB. Mit dem Karmagesetz hat dies nichts 
zu tun. 

Man fangt das Zuriickerleben bei dem letzten Erlebnis vor dem Tode 
an und geht mit dreifacher Schnelligkeit bis zur Geburt zuriick. In dem 
Moment, wo der Mensch in seinem Riickerinnern bei seiner Geburt an- 
gelangt ist, gesellt sich der Teil des Astralleibes, der vom Ich bearbeitet 
und umgestaltet ist, zum Kausalleib, dagegen fallt ab wie ein Schatten 
und Schemen dasjenige, was der Mensch noch nicht bearbeitet hat. Das 
sind die astralen Leichname der Menschen. Dann hat der Mensch abge- 
legt den physischen, den Ather- und jetzt auch den astralen Leichnam. 
Er durchlebt jetzt neue Zustande, die des Devachan. Devachan ist 
ebenso um uns wie die astrale Welt. 

Wenn der Mensch sein Leben bis in die Kindheit zuriickgelebt hat, 
wenn er also die drei Leichname abgestreift hat, ist der Zustand er- 
reicht, den die biblische Urkunde geheimnisvoll andeutet in den Wor- 
ten: So ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Him- 
melreich kommen. — Devachan, geistige Welt, ist das Himmelreich im 
christlichen Sinne. 

Wir miissen nun die Welt des Devachan selbst beschreiben. Sie ist 
eine ebenso mannigfaltige und gegliederte wie unsere physische Welt. 
Ebenso, wie wir in unserer physischen Welt feste Gebilde unterschei- 
den, Kontinente, wie wir um das Feste herum eine Wassermasse haben, 
dann die Luft und dariiber hinaus feinere Zustande, ebenso haben wir 
auch eine solche Gliederung im Devachan, im geistigen Reich. Man hat 
in Analogie mit den Verhaltnissen auf der Erde die Dinge, die man im 
Devachan findet, mit ahnlichen Namen belegt. 

Wir haben da zunachst ein Gebiet, das sich vergleichen laBt mit den 
festen physischen Gebieten. Das ist das kontinentale Gebiet im Deva- 
chan. Dort findet man alles, was hier auf der Erde physisch ist, als 
geistige Wesenheiten. Man denke sich zum Beispiel einen physischen 



Menschen. Mit dem devachanischen Schauen betrachtet, erscheint er 
so: es verschwindet, was die physischen Sinne wahrnehmen, dagegen 
fangt es an aufzuleuchten dort, wo beim physischen Menschen nichts 
ist. Rund um den Menschen herum fangt es an zu glanzen und zu leuch- 
ten. In der Mitte, wo der physische Korper ist, ist ein leerer Raum, wie 
eine Art ausgespartes Negativ, wie eine Schattenfigur. Tier undMensch 
so betrachtet, erscheinen im Negativbilde. Blut erscheint griinlich in 
der Gegenfarbe. Alle Gebilde, die hier physisch sind, sind da oben ir- 
gendwie in den Urbildern vorhanden. 

Ein zweites Gebiet, jedoch nicht abgegrenzt, wie eine zweite Stufe 
ist das Meeres-, das Ozeangebiet des Devachan. Es ist nicht Wasser, es 
ist eine eigentiimliche Substanz, die in regelmaBigen Stromungen wirk- 
lich durchsetzt das Gebiet des Devachan, in einer Farbe, die man ver- 
gleichen kann mit der jungen Pfirsichbliite im Friihling. Fliissiges Le- 
ben ist dies, welches das ganze Devachan durchzieht. Das, was sich hier 
unten verteilt auf die einzelnen Menschen und Tiere, das ist dort oben 
als eine Art wasserigen Elementes vorhanden. Wir haben ein Bild da- 
von, wenn wir an die Verteilung des Blutes im Menschen denken. 

Das dritte Gebiet kann man am besten charakterisieren, wenn man 
sagt, daB in ihm alles das als AuBeres vorhanden ist, was hier im Innern 
der Wesen an Empfindungen, Gefiihlen, Lust und Leid, Freude und 
Schmerz lebt. Es wird hier zum Beispiel eine Schlacht geschlagen. Ka- 
nonen, Gewehre und so weiter, das ist alles auf dem physischen Plan. 
Aber innerhalb der Wesen hier auf dem physischen Plan ist vorhanden 
gegenseitiges Rachegefiihl, Schmerz, Leidenschaften. Die zwei Heere 
stehen sich mit einer Fiille von polaren Leidenschaften gegeniiber. 
Denke man sich das Ganze umgesetzt in auBere Erscheinungen, dann 
hat man das Bild, wie es sich auf dem Devachanplan ausnimmt. Wie 
wenn sich hier ein furchtbares Gewitter entladt, sieht man dort das- 
jenige, was sich hier auf einem Schlachtfelde vollzieht. Das ist die 
Atmosphare, derLuftkreis des Devachan. So wie unsereErde eine Luft- 
hiille umgibt, so ist dort ausgebreitet wie eine Atmosphare alles, was 
sich hier auf dem physischen Plan an Gefiihlen entladt, ob es nun hier 
im Physischen zur Ausgestaltung kommt oder nicht. 

Das vierte Gebiet des Devachan enthalt die Urformen, die Urgriinde 



von all dem, was hier auf der Erde originell geleistet worden ist. Wenn 
wir uns umsehen, wenn wir die Geschehnisse der physischen Welt prii- 
fen, so finden wir, daB weitaus die meisten inneren Vorgange von 
auBen veranlaBt werden. Eine Blume, ein Tier bereitet uns Freude; 
ohne die Blume, ohne das Tier wiirden wir diese Freude nicht empfin- 
den. Es gibt aber auch solche Vorgange, die nicht von auBen veranlaBt 
werden. Ein neuer Gedanke, ein Kunstwerk, eine neue Maschine bringt 
etwas in die Welt, was noch nicht da war. Auf alien diesen Gebieten ge- 
schehen originelle Schopfungen. Die Menschheit wiirde nicht vorwarts- 
kommen, wenn nicht Neues in die Welt hineingebracht wiirde. Beson- 
ders originelle Dinge, welche die groBen Kiinstler und Erfinder der 
Welt gegeben haben, sind nur gradweise hoher als jede andere originelle 
Handlung, selbst die unbedeutendste. Es kommt darauf an, daB etwas 
originell im Innern entsteht. Auch fur die unbedeutendsten originellen 
Handlungen sind schon Vorbilder im Devachan vorhanden. Alles das 
ist oben schon vorgezeichnet. Was originaliter von den Menschen ge- 
leistet wird, angelegt ist es dort schon vor der Geburt des Menschen. 

So finden wir im Devachan vier Gebiete, deren Gegenbilder auf dem 
physischen Plan Erde, Wasser, Luft und Feuer sind: das kontinentale 
Gebiet als die feste Kruste des Devachan, natiirlich im geistigen Sinne, 
dann das Meeresgebiet, das entspricht unserem Wassergebiet, das Luft- 
gebiet, die Stromungen der Leidenschaften und so weiter — Schemes, 
aber auch Sturmvolles findet sich dort — , und endlich das, was alles 
durchzieht, die Welt der Urbilder. Alles das, was in der physischen 
Welt spater von Wesen, die wieder zuriickkehren in die physische Welt, 
geleistet wird an Willensimpulsen und originellen Ideen, alles das muB 
die Seele durchleben und durchweben, um sich dort neue Kraft zu 
sammeln fiir das neue Leben. 



VIERTER VORTRAG 
Miinchen, 28. Mai 1907 



Vorgestern haben wir beschrieben das Gebiet und die Welten, die der 
Mensch zu durchschreiten hat nach dem Tode, nachdem alles dasjenige 
im Kamaloka oder, wie man in der Rosenkreuzer-Theosophie sagt, in 
der elementaren Welt abgestreift ist, was noch bindet an das physische 
Instrument dieser Welt. Wir haben ferner beschrieben das sogenannte 
Rupa-Devachan oder das Gebiet, das man genannt hat die himmlische 
oder inspirierende Welt. Wir haben gesehen, daB dieses Gebiet, das 
eigentliche Geisterland, gleich dem Gebiet unserer physischen Welt eine 
Viergliedrigkeit aufweist. Wir haben das kontinentale Gebiet, welches 
durchsetzt ist von einer Art Ozean- und FluBgebiet, das wir aber besser 
noch mit der Form des Blutkreislaufs im Organismus des Menschen 
vergleichen. Wir haben gesehen, daB auch im Devachan, als Analogie 
zur Atmosphare unserer Erde, im sogenannten Luftkreis sich alles das 
findet, was an Freuden und Leiden, an Schmerzen und Plagen die See- 
len der in der physischen Welt befindlichen Wesen durchzieht, aller- 
dings weit ausgedehnter, weil noch ganz andere Wesen dort leben, die 
nicht in physischen Leibern inkarniert sind. Wir haben endlich gesehen, 
daB im vierten Gebiet alles das, was originell ist, vom kleinsten Einfall 
bis zu dem Hochsten, was der Erfinder und Kiinstler leistet, als Vorbild 
zu finden ist. Dort ist das eigentlich Treibende, das unsere Erde vor- 
wartsbringt. AuBer diesen Bestandstiicken der eigentlichen geistigen 
Welt finden wir aber auch noch das, was unsere Erde verbindet mit 
noch hoheren Welten. 

Wir haben bis jetzt nur das entdeckt, was bloB Bezug hat auf unsere 
Erdenentwickelung; was dariiber hinausgeht, haben wir noch nicht ent- 
deckt. Derjenige, der eine Einweihung erhalt, lernt kennen, was unsere 
Erde je war und sein wird und was sie verbindet mit andern Welten 
auBerhalb unseres Systems. 

Vor alien Dingen ist eins wichtig, was uns im Devachan, in dieser 
sogenannten Vernunftwelt, begegnet. Es ist das, was wir gewohnt sind, 
die Akasha-Chronik zu nennen. Nicht als ob dieselbe erzeugt wiirde im 



Devachan, sie wird in einem noch hoheren Gebiet hervorgebracht, aber 
man kann, wenn man bis zum Devachan hinaufgelangt ist, anfangen 
das zu sehen, was man die Akasha-Chronik nennt. 

Was ist Akasha-Chronik? Wir machen uns den besten Begriff davon, 
wenn wir uns klar sind, da6 alles, was auf unserer Erde oder sonst auf 
der Welt geschieht, einen bleibenden Eindruck auf gewisse feine Essen- 
zen macht, der fur den Erkennenden, der eine Einweihung durchge- 
macht hat, aufzufinden ist. Es ist keine gewohnliche Chronik, sondern 
eine Chronik, die man als eine lebendige bezeichnen konnte. Nehmen 
wir an, ein Mensch lebte im ersten Jahrhundert nach Christo. Das, was 
er damals gedacht, gefiihlt, gewollt hat, das, was in seine Taten iiber- 
gegangen ist, ist nicht ausgeloscht, sondern es ist aufbewahrt in dieser 
feinen Essenz. Der Seher kann es «sehen». Nicht etwa so, wie wenn es 
aufgeschrieben ware in einem Geschichtsbuche, sondern so, wie es sich 
zugetragen hat. Wie man sich bewegt, was man getan, wie man zum 
Beispiel eine Reise gemacht hat, kann man sehen in diesen geistigen 
Bildern. Man kann auch die Willensimpulse, die Gefiihle, die Gedan- 
ken sehen. Doch wir diirfen uns nicht vorstellen, da6 diese Bilder sich 
so ausnehmen, als wenn sie Abdriicke der physischen Personlichkeiten 
hier waren; das ist nicht der Fall. Um ein einfaches Bild zu gebrau- 
chen: Wenn man seine Hand bewegt, so ist der Wille des Menschen 
iiberall in den kleinsten Teilen der sich bewegenden Hand, und diese 
Willenskraft, die sich hier versteckt, die kann man sehen. Das, was 
jetzt geistig wirkt in uns und im Physischen ausgeflossen ist, das sieht 
man dort im Geistigen. 

Suchen wir zum Beispiel Casar auf. Wir konnen alles, was er unter- 
nommen hat, verfolgen. Doch machen wir uns klar, da6 wir mehr die 
Gedanken des Casar sehen konnen in der Akasha-Chronik. Wenn er 
sich vorgenommen hat, etwas zu tun, sieht man die ganze Folge von 
Willensentschliissen bis zu dem Punkte, wo die Tat ausgeflossen ist ins 
Leben. Es ist nicht leicht, ein konkretes Ereignis in der Akasha-Chronik 
zu verfolgen; man muB sich zu Hilfe kommen durch Ankniipfung an 
Dinge, die man auBerlich erfahren hat. Will der Seher etwas von Casar 
verfolgen und vergegenwartigt er sich ein Geschichtsdatum als Punkt, 
an den er ankniipft, dann ergibt sich das andere mit Leichtigkeit. Die 



geschichtlichen Daten sind zwar oft unzuverlassig, doch mitunter eine 
Hilfe. Wenn der Seher den Blick zuriickwendet bis zu Casar, sieht er 
wirklich die handelnde Person des Casar wie geisthaftig, als ob er vor 
ihm stande, mit ihm sprache. Doch wenn der Mensch, der irgendwelche 
Gesichte haben kann, nicht genau Bescheid weifi in diesen hoheren 
Welten, kann ihm verschiedenes passieren, wenn er den Blick in die 
Vergangenheit wendet. 

Die Akasha-Chronik ist zwar zu finden im Devachan, doch sie er- 
streckt sich herunter bis in die astrale Welt, so da6 man in dieser oft 
Bilder der Akasha-Chronik wie eine Fata Morgana finden kann. Sie 
sind aber oft unzusammenhangend und unzuverlassig, und das ist 
wichtig zu beachten, wenn man Forschungen iiber die Vergangenheit 
anstellt. Ein Beispiel soil die Gefahrlichkeit dieser Verwechslungen an- 
deuten. Wenn wir bei der Erdenentwickelung durch die Angaben der 
Akasha-Chronik zuruckgefiihrt werden bis zu jenen Zeiten, wo die 
Atlantis bestand, ehe die grofie Flut kam und sie wegspiilte, konnen wir 
die Vorgange in dieser alten Atlantis verfolgen. Dieselben haben sich 
spater in anderer Form noch einmal wiederholt. Lange vor der christ- 
lichen Zeit haben sich Ereignisse abgespielt in Norddeutschland, in 
Mitteleuropa, ostwarts von der Atlantis, bevor das Christentum von 
Siiden heraufgezogen ist, die eine Wiederholung der atlantischen Ereig- 
nisse sind. Erst nachher, durch die Einfliisse, die von Siiden kamen, ist 
die Bevolkerung selbstandig geworden. — Hier ein Beispiel, wie leicht 
man Irrtumern ausgesetzt ist. Wenn jemand verfolgt die astralen Bilder 
der Akasha-Chronik, nicht die devachanischen Bilder, dann kann ihm 
eine Verwechslung mit diesen Wiederholungen der alten atlantischen 
Vorgange passieren. Das ist wirklich der Fall gewesen in den Angaben 
von Scott-Elliot iiber Atlantis, die zwar durchaus stimmen, wenn man 
sie priift in bezug auf die astralen Bilder, doch nicht mehr, wenn man 
sie anwendet auf die devachanischen der wirklichen Akasha-Chronik. 
Das muBte einmal gesagt werden. In dem Augenblick, wo man erkennt, 
wo die Quelle der Irrtiimer ist, kann man leicht zur wahren Schatzung 
der Angaben kommen. 

Noch eine andere Quelle des Irrtums kann kommen, wenn man sich 
auf die Angaben von Medien stiitzt. Medien, wenn sie entsprechende 



Mediumitat haben, konnen die Akasha-Chronik sehen, obgleich meist 
nur deren astrale Spiegelungen. Nun ist etwas Eigentiimliches in der 
Akasha-Chronik. Wenn wir einen Menschen aufsuchen, benimmt er 
sich wie ein lebendes Wesen. Wenn wir Goethe aufsuchen, antwortet er 
nicht nur mit Worten, die er damals gesprochen hat, sondern er gibt 
Antwort im Goetheschen Sinn. Es kann sogar passieren, daB Goethe 
Verse sagt in seinem Stil und Sinn, die er gar nicht selbst geschrieben 
hat. Das Akasha-Bild ist so lebendig, daB es wie urspriinglich im Sinn 
des Menschen fortwirkt. Daher kann es geschehen, daB man es ver- 
wechselt mit dem Menschen selbst. Die Medien glauben, daB sie es zu 
tun haben mit dem im Geist fortlebenden Toten, wahrend es doch nur 
dessen astrales Akasha-Bild ist. Casars Geist kann schon wieder ver- 
korpert sein auf derErde, sein Akasha-Bild antwortet in den Sitzungen. 
Es ist nicht die Individuality des Casar, sondern nur der bleibende 
Eindruck, den Casars Bild in der Akasha-Chronik hinterlassen hat. 
Hierauf beruht der Irrtum in zahlreichen Medien-Sitzungen. Wir miis- 
sen unterscheiden zwischen dem, was bleibt vom Menschen in seinem 
Akasha-Bilde, und dem, was sich fortentwickelt als die Individuality. 
Das sind sehr, sehir wichtige Dinge. 

Wenn der Mensch Kamaloka verlassen hat, hat er sich entwohnt 
aller der Verrichtungen, zu denen er das physische Instrument braucht. 
Er tritt ein in das Gebiet, das soeben beschrieben worden ist. Das ist 
eine sehr wichtige Zeit, die jetzt fiir ihn beginnt. Wir miissen uns klar- 
machen, was da geschieht mit dem Menschen. 

Alles, was der Mensch friiher nur gedacht hat, seine Gefiihle und 
Leidenschaften, alles,was er hiererlebt hat, das tritt ihm da imDevachan 
entgegen in der Gestalt der Dinge um ihn herum. Zuerst sieht man den 
eigenen physischen Leib in seinem Urbilde. So wie wir hier auf der Erde 
iiber Felsen, Berge und Steine gehen, so geht man dort iiber alle die Ge- 
stagen, die hier in der physischen Welt vorhanden sind; also man geht 
dort auch iiber seinen eigenen physischen Leib. Das ist geradezu ein 
Kennzeichen fiir den Menschen nach dem Tode, daB er seinen eigenen 
physischen Leib als Sache auBer sich selbst hat. Daran erkennt er, daB er 
vom Kamaloka ins Devachan hinaufgekommen ist. Hier spricht er zu 
seinem Leibe: «Das bin ich!» Dort sieht er ihn und sagt: «Das bist du!» 



Die Vedanta-Philosophie laBt ihre Schiiler meditativ einiiben dieses 
«Das bist du!», damit sie durch Ubungen dieser Art ein Verstandnis 
dafiir haben, zu ihrem Leib zu sagen: «Das bist du!» AuBerdem sieht 
man urn sich herum alles das, was man hier auf der Erde erlebt hat. 
Wenn ein Mensch hier Rache, Unliebe, allerlei schlimme Gefiihle hegt 
gegen seine Mitmenschen, dann treten ihm diese schlimmen Gefiihle 
entgegen wie eine Wolke auBerhalb seiner selbst, und das ist eine Lehre 
fur den Menschen. Er kann lernen, was das alles fur eine Bedeutung 
und Wirkung hier in der Welt hat. 

Wir miissen uns recht klarmachen, was da mit dem Menschen ge- 
schieht. Betrachten wir den physischen Menschen hier auf der Erde. 
Wodurch haben sich seine Organe, zum Beispiel seine Augen, gebildet? 
Es gab eine Zeit, wo es noch kein Auge gab. Es ist gebildet vom Licht. 
Das Licht hat das Auge aus der physischen Organisation herausgebildet. 
Das Licht ist die Ursache des Auges. So schaffen die Dinge, die uns um- 
geben, die Organe der physischen Welt. Auf der Erde schaffen sie 
Organe in physischen Korpern und Stoffen; im Devachan arbeiten die 
Dinge, die uns umgeben, an unserer seelischen Wesenheit, so daB alles 
das, was der Mensch sich hier angeeignet hat an guten und schlechten 
Gefuhlen, sich dort in seiner Umgebung befindet, an seiner Seele arbei- 
tet und so die seelischen Organe schafft. Ist man hier ein guter Mensch 
gewesen, dann leben dort die guten Eigenschaften in der devachani- 
schen Luft. Sie arbeiten im Geistigen, sie schaffen Organe. Diese Organe 
dienen als Architekten, als Bildner fur den neuen Aufbau des physi- 
schen Leibes bei einer neuen Geburt. So arbeitet das, was der Mensch 
im Innern hatte, weil es im Devachan in die AuBenwelt versetzt ist, fur 
die nachste Geburt vor. Es bereitet vor die Krafte, die den Menschen- 
leib neu aufbauen. 

Doch glaube man nicht, daB der Mensch nichts zu tun hatte, als nur 
fur sich selbst zu sorgen; er hat auch auBerdem noch sehr wichtige 
Dinge im Devachan zu arbeiten. Wir konnen uns ein Verstandnis dafiir 
bilden, wenn wir die Entwickelung unserer Erde fur kurze Zeit betrach- 
ten. Sehen wir zunick auf ein paar Jahrtausende! Wenn wir dieselben 
Gegenden betrachten, wie anders haben sie damals ausgesehen! Andere 
Pflanzen, andere Tierformen, selbst ein anderes Klima gab es. Die Erd- 



oberflache verandert sich fortwahrend in ihren Naturprodukten. In 
Griechenland zum Beispiel konnte nicht wieder das entstehen, was da- 
mals auf dem Boden des alten Griechenlands hervorsproB. Dadurch 
eben geschieht die Entwickelung der Erde, da6 sich das Antlitz der 
Erde fortwahrend verandert. 

Es dauert sehr lange, wenn der Mensch gestorben ist, bis er wieder 
geboren wird. Wenn der Mensch neu erscheint auf der Erde, findet er 
nicht dasselbe wieder vor. Er soil etwas Neues erleben, er wird nicht 
zweimal hineingeboren in dieselbe Gestalt der Erde. Es bleibt der 
Mensch so lange in den geistigen Gebieten, bis die Erde ihm ganz neue 
Gebiete darbietet. Das hat einen guten Sinn. Er lernt etwas ganz Neues, 
und dadurch entwickelt er sich ganz anders. Sehen wir zum Beispiel 
einen romischen Knaben an. Er lebte nicht wie bei uns ein Schulknabe. 
Und wenn wir wieder geboren werden, werden wir wieder ganz andere 
Verhaltnisse vorfinden. So geht es von Inkarnation zu Inkarnation. 
Wahrend der Mensch sich in den eben beschriebenen Gebieten aufhalt, 
andert sich das Antlitz der Erde fortwahrend. 

Wer ist da tatig, wer andert die Physiognomie der Erde? — fragen 
wir uns. Da kommen wir zugleich auf die Antwort der Frage: Was tut 
der Mensch in der Zwischenzeit? — Von den geistigen Welten aus arbei- 
tet der Mensch selbst, unter der Anleitung hoherer Wesenheiten, an der 
Umgestaltung der Erde. Es sind die Menschen selbst zwischen Tod und 
neuer Geburt, die diese Arbeit verrichten. Wenn sie dann wieder gebo- 
ren werden, treffen sie das Antlitz der Erde anders, und zwar in einer 
Gestaltung, an der sie selbst mitgearbeitet haben. Wir alle haben so 
gearbeitet. 

Wenn wir fragen: Wo ist Devachan, wo ist die geistige Welt? — so 
antworte ich: Immerfort um uns herum. — Es ist wirklich so. Also sind 
auch all die Seelen der Menschen, die entkorpert sind, um uns herum. 
Sie arbeiten um uns herum. Wahrend wir Stadte bauen, Maschinen 
konstruieren, arbeiten aus dem geistigen Gebiet heraus, um uns herum, 
die Menschen, die zwischen Tod und neuer Geburt stehen. 

Wenn wir als Seher sie aufsuchen, konnen wir finden, wenn wir das 
Licht nicht bloB sinnlich wahrnehmen, innerhalb des Lichtes die toten 
Menschen. Das Licht, das uns umgibt, bildet den Korper der Toten. Sie 



haben einen Korper aus Licht gewoben. Das Licht, das die Erde um- 
spiilt, ist Stoff fur die Wesen, die im Devachan leben. Sehen wir drau- 
Ben eine Pflanze, die vom Sonnenlicht sich nahrt: sie empfangt nicht 
nur das physische Licht, sondern in Wahrheit die Tatigkeit geistiger 
Wesen, und unter ihnen sind auch diese Menschenseelen. Sie selbst 
strahlen als Licht auf die Pflanzen nieder, sie umschweben die Pflan- 
zen als geistige Wesenheiten. Wenn wir die Pflanzen mit geistigem 
Auge betrachten, so sagen wir: Es erfreut sich die Pflanze der Einwir- 
kung der toten Menschen, die sie umschweben und die im Lichte um sie 
wirken und weben. — Und wenn wir jetzt verfolgen, wie die Pflanzen- 
decke auf der Erde sich andert, und fragen: Wer hat das gewirkt? — so 
sagen wir: In dem Lichte, das unsere Erde umspiilt, wirken die toten 
Menschen; da ist wirklich Devachan. — In dieses Lichtreich gehen wir 
ein nach der Kamaloka-Zeit. Das ist konkrete Wahrheit, Der erst weiB 
vom Devachan im Sinne der Rosenkreuzer-Theosophie, der darauf 
hindeuten kann, wo die toten Menschen wirklich zu finden sind. 

Wenn das Auge des Sehers sich entwickelt, macht er oft eine eigen- 
tiimliche Wahrnehmung. Wenn er sich in die Sonne stellt, halt sein 
Korper das Licht auf. Er wirft einen Schatten. Wenn er nun hinein- 
schaut in diesen Schatten, ist das oftmals der erste Moment, wo er den 
Geist entdeckt. Der Korper halt auf das Licht, doch nicht den Geist, 
und im Schatten, den der Korper wirft, kann man den Geist entdecken. 
Deshalb nennen primitive Volker, die immer ein Hellsehen gehabt ha- 
ben, den Schatten auch die Seele. Sie sagen: schattenlos — seelenlos. Bei 
einer Novelle von Adalbert von Chamisso liegt unbewuBt diese Idee 
zugrunde: Der Mann, der seinen Schatten verloren hat, hat auch seine 
Seele verloren, darum ist er so traurig. 

So also ist die Arbeit der Menschen zwischen Tod und neuer Geburt 
im Devachan. Es ist wahrhaftig kein untatiges Ruhen; Schaffende sind 
sie am Werdegang der Erde vom Devachan heraus, und so verstehen 
wir, wie das Weltenwerden geschieht. Es ist nicht, wie oftmals gesagt 
wird, als ob die Menschen in seliger Ruhe, im Traume dahinlebten; das 
Leben dort ist vielmehr ein ebenso tatiges wie hier auf der Erde. 

Wenn der Mensch so weit ist, daB er diejenigen Tatigkeiten, die er im 
letzten Leben vollzogen hat, in geistige Krafte umgesetzt hat, wenn er 



alle die Erlebnisse in der devachanischen AuBenwelt erlebt hat, so daB 
sie auf ihn gewirkt haben, dann ist er reif, vom Devachan herunter- 
zusteigen zu einer neuen physischen Geburt. Dann zieht der Erdkreis 
ihn wieder an. 

Das erste, was der Mensch antrifft, wenn er aus dem Devachan her- 
abkommt, ist das astralische Gebiet, in der Rosenkreuzer-Theosophie 
die elementare Welt genannt. Die gibt ihm einen neuen Astralleib. 
Wenn man auf ein Papier Eisenfeilspane streut und unterhalb desselben 
einen Magneten bewegt, dann bilden sich Formen und Linien nach den 
Kraften des Magneten; und genau so wird die astrale Substanz, die un- 
regelmaBig verteilt ist, herangezogen und geordnet nach den Kraften, 
die in der Seele sind und dem entsprechen, was diese Seele im friiheren 
Leben erarbeitet hat. So gruppiert sich der Mensch selbst seinen Astral- 
leib. Diese werdenden Menschen, die nur erst einen Astralleib haben, 
sieht der Seher als Wesen, die ausschauen wie eine nach unten sich off- 
nende Glockenform. Sie schieBen mit riesiger Geschwindigkeit durch 
den Astralplan. Kaum vorstellen kann man sich die Geschwindigkeit, 
mit der sie den Raum durchschwirren. 

Jetzt miissen diese werdenden Menschen einen Atherleib und einen 
physischen Leib erhalten. Was bisher geschehen ist bis zum Aufbau des 
Astralleibes, hing von ihnen selbst ab, je nach den Kraften, die sie selbst 
entwickelt haben. Wie aber der Atherleib sich bildet, das hangt nicht 
allein vom Menschen ab in dem gegenwartigen Entwickelungslauf, son- 
dern in bezug auf diese Bildung ist der Mensch von auBeren Wesen ab- 
hangig. Darum hat der Mensch zwar immer einen passenden Astralleib; 
es ist aber nicht immer der Fall, daB dieser Astralleib ganz in den Ather- 
und physischen Leib hineinpaBt. Daher oft die Disharmonie und Un- 
zufriedenheit im Leben. DaB die werdenden Menschen so herumschwir- 
ren, geschieht namentlich deshalb, weil sie ein passendes Elternpaar 
suchen, das ihnen die beste Gelegenheit gibt, eine zur Astralwesenheit 
stimmende Ather- und physische Korperlichkeit zu bekommen. Es kann 
immer nur das relativ beste und passende Elternpaar sein, das ihnen 
diese gibt. Bei diesem Suchen wirken Wesenheiten, die den Atherleib an 
den astralischen Leib angliedern und die ahnlich dem sind, was man oft 
Volksgeister nennt. Das ist nicht dieses unfaBbare Abstraktum, als was 



der Volksgeist gewohnlich angesehen wird; es ist fiir den geistigen Be- 
obachter der Welt etwas so "Wirkliches wie unsere Seele, die in unserem 
Leibe verkorpert ist. So hat ein ganzes Volk gemeinschaftlich zwar 
nicht einen physischen Leib, wohl aber einen Astralleib und die Ansatze 
zu einem Atherleibe. Es lebt wie in einer astralischen Wolke, und das 
ist der Leib fiir den Volksgeist. Das sind die Lenker der Atherbildungen 
um den Menschen herum, und so hat der Mensch sich nicht mehr selbst 
in der Gewalt. 

Nun kommt ein auBerordentlich wichtiger Moment, ebenso wichtig 
wie der Moment nach dem Tode, wo man sein ganzes vergangenes Le- 
ben als Erinnerungsbild sieht. Wenn der Mensch in seinen Atherleib 
hineinschliipft und noch nicht den physischen Leib hat — es ist dies nur 
ein kurzer Moment, aber von hochster Wichtigkeit — , da hat er eine 
Vorschau auf das nachste Leben; nicht auf alle Einzelheiten, es ist nur 
ein Uberblick iiber all das, was ihm bevorsteht im kiinftigen Leben. Da 
kann er sich sagen — er vergiBt es wieder bei der EinkOrperung — , er hat 
vor sich ein gliickliches oder ein ungliickliches Leben. Nun kommt es 
vor, wenn ein Mensch viele schlimme Erfahrungen im friiheren Leben 
gemacht hat, da6 er einen Schock bekommt und nicht hinein will in den 
physischen Leib. Das kann bewirken, da6 erwirklich nicht ganz hinein- 
riickt in denselben und so die Verbindung nicht ganz hergestellt ist zwi- 
schen den verschiedenen Leibern. Das ergibt dann Idioten in diesem 
Leben. Es ist das nicht immer der Grund zur Idiotie, doch haufig. Die 
Seele straubt sich gleichsam, physisch verkorpert zu werden. Ein sol- 
cher Mensch kann sein Gehirn nicht richtig gebrauchen, weil er nicht 
richtig hineingeschaltet ist. Nur wenn der Mensch sich richtig hinein- 
gebaren la6t in sein physisches Werkzeug, kann er es richtig gebrau- 
chen. Wahrend der Atherleib sonst nur ganz schwach hinausragt, kann 
man bei den Idioten oft Teile des Atherleibes wie einen weit iiber den 
Kopf hinausragenden atherischen Lichtschein sehen. Wir haben da 
einen Fall, wo etwas, was das Leben seiner physischen Betrachtung 
nach unerklarlich laBt, erklart wird durch die Geisteswissenschaft. 



FUNFTER VORTRAG 
Miinchen, 29. Mai 1907 



Wir sind in unserer Betrachtung bis zu dem Punkte gekommen, wo der 
Mensch, indem er heruntersteigt aus den geistigen Regionen, sich um- 
kleidet fiihlt von einem Atherleib und dadurch fiir einen Augenblick 
eine Art von Vorschau hat, einen Vorblick auf das Leben, das ihn hier 
erwartet. Wir haben gesehen, was das fiir Abnormitaten und Zustande 
fur den Menschen hervorrufen kann. Bevor wir nun weiterschreiten, 
wollen wir eine Frage beantworten, die manchem wichtig erscheinen 
konnte, wenn er den geistigen Blick hinaufrichtet in das Devachan, die 
Frage: Wie ist es mit dem Zusammenleben der Menschen zwischen Tod 
und neuer Geburt? — Wir miissen uns klar sein, daB es nicht bloB hier 
auf der physischen Erde ein Zusammenleben, ein Miteinandersein der 
Menschen gibt, sondern auch dort in den hoheren Welten. Ganz genau 
ebenso, wie die Arbeit der Menschen im Geistgebiet hinunterreicht in 
die physische Welt, so reichen alle die Verhaltnisse zwischen Mensch 
und Mensch, alle ihre Zusammenhange, alle ihre Beziehungen zueinan- 
der, die gesponnen sind hier unten, hinauf in das Gebiet des geistigen 
Landes. 

Wir wollen uns das an einem konkreten Beispiel versinnlichen. Neh- 
men wir das Verhaltnis zwischen Mutter und Kind. Es kann die Frage 
entstehen: Gibt es eine Beziehung zwischen ihnen, die fortdauert? — Ja, 
die gibt es. Viel inniger, viel fester als irgendein Verhaltnis, das hier auf 
dieser Erde gesponnen werden kann! Die Mutterliebe hat zuerst einen 
animalischen Charakter, sie ist eine Art Naturinstinkt. Wenn das Kind 
heranwachst, dann gestaltet sich dieses Verhaltnis zu einem morali- 
schen, ethischen, geistigen. Wenn Mutter und Kind gemeinschaftlich 
denken lernen, gemeinsame Empfindungen haben, dann tritt der Natur- 
instinkt immer mehr zuriick; er hat nur die Gelegenheit gegeben, daB 
sich das scheme Band schlingen konnte, das Mutterliebe und Kindes- 
liebe im hochsten Sinne in sich begreift. Was da an gegenseitigem Ver- 
stehen, an inniger Liebe sich entwickelt, das setzt sich auch fort bis in 
die Regionen der geistigen Gebiete, wenn auch dadurch, daB der eine 



Teil friiher stirbt als der andere, der Zuriickbleibende eine gewisse Zeit 
scheinbar abgetrennt ist von dem Gestorbenen. Nach diesem Zeitab- 
schnitt ist das Band, das sich hier zusammengesponnen hat, ein ebenso 
lebhaftes und inniges; man ist beieinander, nur all die animalischen, 
rein natiirlichen Instinkte miissen erst abgestreift werden. Was sich als 
Seelengefuhl, als Seelengedanke von einem "Wesen zum andern hier auf 
der Erde spinnt, das ist droben nicht gehemmt durch die Schranken, die 
hier vorhanden sind. Ja, das Devachan bekommt sogar ein gewisses 
Aussehen, eine gewisse Struktur durch die Verhaltnisse, die hier ange- 
sponnen sind. 

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Es bilden sich Freundschaften, Zu- 
sammengehorigkeiten, die aus der Seelenverwandtschaft herausgeboren 
sind; sie setzen sich fort bis hinauf in das Devachan. Und daraus ent- 
wickeln sich fur das nachste Leben die sozialen Zusammenhange. So 
arbeiten wir, indem wir hier Seelenverbindungen schlieBen, an der Ge- 
stalt, die das Devachan erhalt. Alle, alle haben wir so gearbeitet, indem 
wir Bande der Liebe von Mensch zu Mensch schlangen. Dadurch schaf- 
fen wir etwas, was nicht nur fur die Erde Bedeutung hat, sondern was 
auch die Zusammenhange im Devachan gestaltet. Man mochte sagen: 
Das, was hier geschieht, durch Liebe, durch Freundschaft, inniges 
Einander-Verstehen, das sind Bausteine, die da oben in der geistigen 
Region Tempel bauen, und es muB fur die Menschen, die diese GewiB- 
heit durchdringt, ein erhebendes Gefuhl sein, zu wissen, daB, wenn sich 
hier schon von Seele zu Seele Bande schlingen, das die Grundlage ist 
eines ewigen Werdens. 

Nehmen wir an, irgendein anderer physischer Planet hatte solche 
Wesen, welche sich gegenseitig nicht sympathisch waren, die wenig 
Bande der Liebe miteinander schlieBen konnten. Sie wiirden ein arm- 
seliges Devachan haben. Ein reichgegliedertes, inhaltvolles Devachan 
hat nur ein planetarisches Gebiet, wo solche Bande der Liebe von 
Mensch zu Mensch sich schlingen. Wer oben schon im Devachan ist 
und zunachst zwar nicht von dem gewohnlichen Menschen wahrgenom- 
men werden kann, hat, je nach seiner Entwickelung, ein mehr oder we- 
niger deutliches BewuBtsein von seiner Zusammengehorigkeit mit den 
Wesen, die hier zuruckgeblieben sind. Es gibt sogar Mittel, diese Zu- 



sammengehorigkeiten zu vergroBern. Senden wir unseren Abgeschiede- 
nen Gedanken der Liebe, aber nicht einer egoistischen Liebe, so verstar- 
ken wir dadurch das Zusammengehdrigkeitsgefuhl mit ihnen. 

Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, daB der BewuBtseinszustand 
des Menschen im Devachan dammerhaft, schattenhaft sei. Das ist nicht 
der Fall. Wir miissen betonen, daB derjenige Grad eines BewuBtseins, 
den der Mensch erreicht hat, nicht wieder verlorengehen kann, wenn 
auch bei gewissen Ubergangen Herabdampfungen stattfinden, so daB 
der Mensch im Devachan tatsachlich ein deutliches BewuBtsein durch 
seine geistigen Organe hat fiir das, was vorgeht hier auf dem Erden- 
rund. Der Okkultismus zeigt, daB der im Geistigen lebende Mensch 
durchaus miterlebt das, was sich abspielt hier auf der Erde. 

So sehen wir, daB das Leben im Devachan, wenn man es in seiner 
Wahrheit betrachtet, alles Unbefriedigende verliert, daB der Mensch, 
auch wenn er es nicht von seinem egoistischen Erdenstandpunkt aus 
betrachtet, es dennoch als ein unendlich Beseligendes empfinden kann, 
abgesehen davon, daB jene Freiheit vom physischen Leibe, von den nie- 
deren Gliedern, in die der Mensch hier eingeschlossen ist, ein ungeheuer 
beseligendes Gefiihl gibt. Das allein schon, daB diese Schranken gefal- 
len sind, daB der Mensch nicht mehr durch diese Fesseln gehemmt ist, 
tragt ein Gefiihl der Beseligung in sich. So ist das Devachan eine Zeit 
des Frei-sich-Auslebens nach alien Seiten hin, in einer so reichen, so 
weiten, ungehemmten Weise, wie der Mensch es niemals hier kennen- 
gelernt hat. 

Wir haben nun gesehen, daB der Mensch bei seinem Abstieg zur 
neuen Geburt von geistigen Wesenheiten, im Range ahnlich den Volks- 
geistern, mit einem neuen Atherleib umkleidet worden ist. Dieser 
Atherleib ist dem Menschen nicht vollstandig angepaBt; noch weniger 
angepaBt ist ihm aber das, was er als eine physische Hiille erhalt. Wir 
wollen jetzt in groBen Ziigen die Eingliederung des Menschen in die 
physische Welt erklaren. Manches davon entzieht sich in einer gewissen 
Beziehung einer offentlichen Besprechung. 

Wir wissen, daB der Mensch durch die Eigenschaften, die er hat, sich 
mit einem astralen Leibe umkleidet. Er hat durch das, was in diesem 
astralen Leibe ist, eine Anziehungskraft zu bestimmten Wesen auf der 



Erde. Durch den Atherleib wird er hingezogen zu dem Volk und zu der 
Familie im weiteren Sinne, in welche er neu hineingeboren wird. Durch 
die Art und Weise, wie er ausgebildet hat seinen Astralleib, wird er 
hingezogen zum miitterlichen Teil seiner Eltern. Die Essenz, die Sub- 
stanz, die Gliederung des Astralleibes zieht ihn zur Mutter. Das Ich 
zieht den neuen Menschen hin zum vaterlichen Teil der Eltern. Das 
Ich war ja da in uralten Zeiten, als die Seele zum ersten Male herunter- 
stieg aus dem SchoBe der Gottheit in einen irdischen Leib. Dieses Ich 
hat sich durch viele Inkarnationen hindurch entwickelt. Das Ich des 
einen Menschen unterscheidet sich vom Ich des andern, und wie es jetzt 
ist, bildet es die besondere Anziehungskraft zum Vater. Der Atherleib 
zieht hin zum Volke, zur Familie, der Astralleib zieht besonders hin zur 
Mutter, das Ich zum Vater. Darnach richtet sich das ganze Gebilde, 
das zur neuen Verkorperung hinunter will. 

Es kann vorkommen, daB der Astralleib zu einem miitterlichen Teil 
hingezogen wird, das Ich aber nicht zu dem entsprechenden Vater will. 
In diesem Falle setzt es seine Wanderung fort, bis es ein passendes El- 
ternpaar findet. 

Im gegenwartigen Entwickelungszyklus stellt das Ich das Element 
des Wollens, der Empfindungsimpulse dar; im astralen Leibe sind die 
Eigenschaften der Phantasie, die Eigenschaften des Denkens. Letztere 
wird daher die Mutter, wie man sagt, vererben und erstere der Vater. 
Und wir sehen so, daB die Individuality, die sich verkorpern will, 
durch ihre unbewuBten Krafte das Elternpaar aussucht, das ihr den 
physischen Leib geben soil. 

Das hier Beschriebene spielt sich so ab, daB es im wesentlichen etwa 
bis zur dritten Woche nach der Empfangnis fertig ist. Zwar ist dieser 
Mensch, der aus Ich, Astralleib und Atherleib besteht, durchaus vom 
Moment der Empfangnis an in der Nahe der Mutter, die den befruch- 
teten Menschenkeim in sich hat, aber er wirkt von auBen ein. In dieser 
Zeit, etwa in der dritten Woche, fangt dieser Astral- und Atherleib 
gleichsam den Menschenkeim ab und beginnt nun mitzuarbeiten an 
dem Menschen. Bis dahin geht die Entwickelung des physischen Men- 
schenleibes vor sich ohne den EinfluB von Astral- und Atherleib; von 
da ab wirken sie an der Entwickelung des Kindes mit und gliedern selbst 



die weitere Ausgestaltung des Menschenkeimes. Wir sehen also, daB in 
bezug auf den physischen Leib in noch hoherem MaBe das gilt, was vom 
Atherleibe gesagt wurde, daB hier noch weniger leicht ein Zusammen- 
stimmen stattfinden kann. Diese wichtige Tatsache verbreitet Licht 
iiber vieles, was in der Welt vorgeht. 

Wir haben bis jetzt den gewohnlichen Menschen der Gegenwart in 
seiner normalen Entwickelung geschildert. Nicht ganz gilt das fur einen 
Menschen, der in einer vorigen Inkarnation eine okkulte Entwicke- 
lung angefangen hat. Je hoher er gekommen ist, desto friiher liegt der 
Zeitpunkt, wo er selbst beginnt, seinen physischen Leib zu bearbeiten, 
um ihn dadurch geeigneter zu machen fur die Mission, die er hier auf 
der Erde zu erfiillen hat. Je spater er dazu kommt, den physischen 
Keim abzufangen, desto weniger wird er Herr werden iiber den physi- 
schen Leib. Bei hochstentwickelten menschlichen Individualitaten, die 
die Leiter und Fiihrer des geistigen Teiles unserer Welt sind, findet 
solches Abfangen bereits bei der Empfangnis statt. Fur sie geht nichts 
vor ohne ihr Zutun. Sie leiten ihren physischen Leib bis zum Tode und 
beginnen den neuen zu bearbeiten, sobald der erste AnstoB dazu 
gegeben ist. 

Die Stoffe, die den physischen Leib zusammensetzen, andern sich 
immerfort. Nach ungefahr sieben Jahren hat sich jedes Teilchen erneu- 
ert. Der Stoff wird ausgetauscht, die Form bleibt. Zwischen Geburt 
und Tod miissen wir den Stoff immer neu gebaren, er ist das Wech- 
selnde. Dasjenige, was man zwischen Geburt und Tod hoherentwickelt 
iiber den Tod hinaus, das bleibt erhalten und bildet einen neuen Orga- 
nismus. 

Was der Mensch zwischen Geburt und Tod unbewuBt macht, tut 
der Eingeweihte bewuBt vom Tode bis zur neuen Geburt: er bildet 
bewuBt seinen neuen physischen Korper aus. Die Geburt ist daher fiir 
ihn nur ein radikales Ereignis. Er tauscht nur einmal, aber griindlich 
die Stoffe aus. Daher die groBe Ahnlichkeit der Gestalt solcher Indivi- 
dualitaten von einer Inkarnation zur andern, wahrend bei wenig Ent- 
wickelten durchaus keine Ahnlichkeit zwischen den Gestalten ihrer 
verschiedenen Inkarnationen besteht. Je hoher der Mensch sich entwik- 
kelt, desto ahnlicher sind die zwei aufeinanderfolgenden Inkarnatio- 



nen. Das kann man durchaus beobachten mit hellseherischem Blick. Es 
gibt einen ganz bestimmten Ausdruck fur dieses Verhaltnis, in das der 
Mensch auf hoherer Stufe der Entwickelung kommt. Man sagt, er wird 
iiberhaupt nicht in einen anderen Korper geboren, so wenig wie man 
vom gewohnlichen Menschen sagt, da6 er alle sieben Jahre einen neuen 
Korper erhalt. Man sagt vom Meister: er ist geboren in denselben Kor- 
per. — Er braucht inn Jahrhunderte, ja selbst Jahrtausende. Das ist bei 
weitaus den meisten fiihrenden Individualitaten der Fall. Eine Aus- 
nahme machen gewisse Meister, die ihre ganz besondere Mission haben. 
Bei denen bleibt der physische Leib erhalten, so da6 der Tod fur sie 
iiberhaupt nicht eintritt. Das sind die Meister, die fur den Ubergang 
von einer Rasse zu einer andern zu sorgen haben. 

Zwei andere Fragen treten jetzt an uns heran, die Frage: Wie lange 
dauert der Aufenthalt in den anderen Welten, und die Frage nach dem 
Geschlecht in aufeinanderfolgenden Verkorperungen. 

Die okkulte Forschung ergibt, daB der Mensch durchschnittlich in 
einem Zeitraum von 1000 bis 1300 Jahren wiederkommt. Das hat sei- 
nen Sinn darin, da6 der Mensch, wenn er wiederkommt, das Antlitz 
der Erde verandert findet und dadurch neue Dinge erleben kann. Das, 
was sich andert auf unserer Erde, steht mit gewissen Sternkonstellatio- 
nen im innigen Zusammenhang; das ist eine sehr wichtige Tatsache. Im 
Friihlingsanfang geht die Sonne in einem gewissen Zeichen des Tier- 
kreises auf. 800 Jahre vor Christo ging die Sonne zuerst im Sternbild 
des Widders, des Lammes auf, noch friiher in dem danebengelegenen 
Sternbild des Stieres. Etwa 2160 Jahre braucht sie, um ein Sternbild zu 
durchlaufen. Das Durchlaufen samtlicher zwolf Tierkreiszeichen 
nennt man im Okkultismus ein Weltenjahr. 

Tief haben die alten Volker immer empfunden, was in Zusammen- 
hang stand mit diesem Durchlaufen des Tierkreises. Es durchzog ihre 
Seelen, andachtsvoll empfanden sie: Die Sonne kommt im Friihling 
herauf, es erneut sich die Natur, die im Winter geruht hat. Des Friih- 
lings gottlicher Sonnenstrahl erweckt sie aus tief em Schlaf. — Diese 
junge Friihling skraft vereinigte sich mit dem Sternbilde, aus dem heraus 
die Sonne schien. Sie sagten: Es ist der Herabsender der neu zu ihren 
Kraften gekommenen Sonne, der neu schopferischen Gotteskraft. — 



Und so erschien den Menschen einer Zeit, die nun zwei Jahrtausende 
zuriickliegt, das Lamm als Wohltater der Menschheit. Alle Lamm- 
Sagen entstehen um diese Zeit. Gottliche Begriffe verbinden sich mit 
diesem Symbolum. Der Erloser selbst, der Christus Jesus, ist dargestellt 
in den ersten Jahrhunderten im Symbolum des Kreuzes und unter die- 
sem das Lamm. Erst im sechsten Jahrhundert wird der Erloser am 
Kreuz hangend dargestellt. Die bekannte Jason-Sage, das Holen des 
goldenen Widderfelles, des Goldenen VlieBes, hat auch ihren Ursprung 
darin. 

Vor 800 vor Christo ging die Sonne durch das Sternbild des Stieres, 
und da haben wir in Agypten die Verehrung des Apis-Stieres und in 
Persien des Mithras-Stieres. Noch friiher ist der Durchgang der Sonne 
durch das Sternbild der Zwillinge. In indischen und germanischen My- 
then finden wir wirklich den Hinweis auf das Zwillingspaar. Die Zwil- 
lingsbocke, mit denen Donar, der Gott, fahrt, sind ein letzter Rest 
davon. Dann endlich kommen wir zuriick zur Zeit des Krebses, die uns 
nahebringt der alten Atlantischen Flut. Eine alte Kultur ging unter, 
eine neue ging auf. Das bezeichnet man mit einem bestimmten okkulten 
Zeichen, dem Wirbel, der zugleich das Krebs-Symbol darstellt und in 
jedem Kalender zu finden ist. 

So haben die Volker stets ein deutliches BewuBtsein gehabt von dem, 
was am Himmel vorgeht, parallel den Veranderungen auf der Erde 
unten. Wenn die Sonne ein Sternbild durchlaufen hat, hat auch die 
Erde ihr Antlitz so verandert, daB es wertvoll ist fur den Menschen, 
von neuem zu leben. Daher hangt die Zeit der Wiederverkorperung ab 
von dem Vorriicken des Friihlingspunktes. Ungefahr die Zeit, die die 
Sonne braucht, um durch ein solches Tierkreiszeichen durchzugehen, 
ist die Zeit, in der der Mensch zweimal inkarniert ist, einmal mannlich 
und einmal weiblich. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die der 
Mensch durchmachen kann in einem mannlichen oder weiblichen Or- 
ganismus, sind fiir das geistige Leben so grundverschieden, daB er in 
demselben Antlitz der Erde sich einmal weiblich und einmal mannlich 
inkarniert. Und das gibt ungefahr die Zeit zwischen zwei Inkarnatio- 
nen von etwa 1000 bis 1300 Jahren durchschnittlich. 

Damit ist zugleich die Frage nach dem Geschlecht beantwortet: es ist 



in der Regel abwechselnd. Diese Regel wird oft durchbrochen, so daB 
manchmal drei bis fiinf, aber nie mehr als sieben gleichgeschlechtliche 
Inkarnationen aufeinanderfolgen. Es widerspricht alien okkulten Er- 
fahrungen, wenn gesagt wird, daB sieben aufeinanderfolgende gleich- 
geschlechtliche Inkarnationen die Regel sei. 

Bevor wir nun das Karma des einzelnen Menschen studieren, miissen 
wir eine Grundtatsache beriicksichtigen. Es gibt ein gemeinschaftliches 
Karma, ein solches, das nicht durch den einzelnen Menschen bestimmt 
wird, obgleich es sich ausgleicht im Laufe seiner Inkarnationen. Ein 
konkretes Beispiel soil hier folgen. 

Als im Mittelalter die Hunnen von Asien her sich in die europaischen 
Lander ergossen und beunruhigende Kriege verursachten, hatte das 
auch eine geistige Bedeutung. Die Hunnen sind die letzten Uberbleibsel 
alter atlantischer Volker. Sie stehen in tiefer Dekadenz, die sich in 
einem gewissen VerwesungsprozeB ihres Astral- und Atherleibes auBert. 
Diese Verwesungsstoffe fanden einen guten Mutterboden in der Furcht 
und dem Schrecken, den sie bei alien Volkern verursachten. Dadurch 
impften diese ihren Astralleibern solche verwesenden Stoffe ein, und 
das ubertrug sich nun bei einer spateren Generation auf den physischen 
Leib. Die Haut saugte das aufgenommene Astralische ein, und die Folge 
davon war eine Krankheit des Mittelalter s: der Aussatz. Der physische 
Arzt wiirde selbstverstandlich physische Ursachen fur diesen Aussatz 
ins Feld fiihren. Ich will nicht bekampfen, was der Arzt sagt, aber es 
liegt bei ihm folgende logische SchluBfolgerung vor: Es verletzt jemand 
bei einer Rauferei einen anderen mit einem Messer, er hatte ein altes 
Rachegefiihl gegen ihn. Nun sagt der eine, die Verletzung entstand aus 
dem Rachegefiihl, der andere sagt, das Messer war die Ursache. — Beide 
haben recht. Das Messer war die letzte physische Ursache, aber dahin- 
ter liegt die geistige. Wer nach geistigen Ursachen sucht, wird immer 
die physischen gelten lassen. Wir sehen hier, wie geschichtliche Ereig- 
nisse bedeutsam wirken auf ganze Generationen hin, und wir lernen, 
wie wir verbessernd eingreifen konnen auf lange Zeiten bis tief in die 
Gesundheitsverhaltnisse hinein. 

In den letzten Jahrhunderten entwickelte sich bei unserer europai- 
schen Bevolkerung durch die technischen Fortschritte ein Industrie- 



Proletariat, und mit demselben hat sich eine Unsumme von Klassen- 
und StandeshaB gebildet. Die sitzen im Astralleib des Menschen und 
wirken sich physisch aus als Lungentuberkulose. Diese Erkenntnis ist 
ein Ergebnis okkulter Forschung. Den einzelnen unter solchem Gesamt- 
karma Stehenden konnen wir oftmals nicht helfen. Wir miissen oft mit 
schwerer Seele sehen, wie der einzelne leidet, wir konnen ihn nicht ge- 
sund oder froh machen, weil er im Zusammenhang mit dem gemein- 
schaftlichen Karma steht. Nur indem wir das Gesamtkarma verbessern, 
kann auch dem einzelnen geholfen werden. Nicht das einzelne egoisti- 
sche Selbst sollen wir hochbringen wollen, sondern so wirken, daB wir 
der gesamten Menschheit zum Heile dienen. 

Ein anderes Beispiel, das unmittelbar in die Zeitverhaltnisse ein- 
greift, ist folgendes: Okkulte Beobachtungen haben ergeben, daB unter 
den astralen Wesen, die in dem Japanisch-Russischen Kriege an den 
einzelnen Schlachten teilnahmen, verstorbene Russen sich befanden, 
die gegen ihr eigenes Volk wirkten. Das kommt daher, daB in den letz- 
ten Zeiten der russischen Volksentwickelung viele edle Idealisten durch 
Kerker und Schafott zugrunde gingen. Es waren Menschen von hohen 
Idealen, doch nicht so weit entwickelt, daB sie verzeihen konnten. Sie 
gingen in den Tod mit einem starken Rachegefiihl gegen diejenigen, die 
ihren Tod verursacht hatten. Das muBte sich ausleben in ihrer Kama- 
loka-Zeit, denn dort allein leben sich solche Rachegefiihle aus. Nach 
ihrem Tode erfiillten sie vom Astralplan aus die Seelen der kampfenden 
Japaner mit HaB und Rachegefiihlen gegen das Volk, dem sie selbst 
angehort hatten. Waren sie schon im Devachan gewesen, dann wiirden 
sie gesagt haben: Ich verzeihe meinen Feinden! — Denn Im Devachan 
wiirden sie in den ihnen von auBen entgegentretenden HaB- und Rache- 
wolken erkannt haben, wie furchtbar und wie ihrer unwiirdig solche 
Gefiihle sind. So zeigt uns die okkulte Forschung, wie ganze Volker 
unter dem Einflusse ihrer Vorfahren stehen. 

Die idealen Bestrebungen der Neuzeit konnen nicht ihre Ideale errei- 
chen, weil sie nur mit physischen Mitteln auf dem physischen Plane 
wirken wollen. So zum Beispiel die Friedensgesellschaft, die den Frie- 
den nur mit physischen Mitteln herbeifiihren will. Erst wenn wir lernen, 
auch auf den astralischen Plan hineinzuwirken, erst dann konnen wir 



erkennen, welche Mittel die richtigen sind. Erst dann konnen wir so 
wirken, daB der Mensch, wenn er von neuem hineingeboren wird in die 
Welt, er sie so vorfindet, daB er gedeihlich in ihr arbeiten kann. 



SECHSTER VORTRAG 
Mimchen, 30. Mai 1907 



Heute kommen wir zu den Erlebnissen der Menschen innerhalb unserer 
physischen Welt, insofern sie durch das friihere Leben des Menschen 
bestimmt sind. Zunachst muB betont werden, daB das Leben nicht allein 
durch die friiheren Verkorperungen, sondern, wenn auch nur zum klei- 
nen Teil, auch durch das gegenwartige Leben bestimmt wird. Dieses 
Gesetz, dem wir da begegnen, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zu- 
kunft des Menschen zusammenhangen, wird in der geisteswissenschaft- 
lichen Literatur das Karmagesetz genannt. Es ist das wahre Schicksals- 
gesetz des Menschen. In der Wirkung des Karmagesetzes in jedem ein- 
zelnen Leben haben wir nur einen Spezialfall des groBen Gesetzes des 
Kosmos, denn was wir das Karmagesetz nennen, ist ein ganz allgemein 
kosmisches Gesetz, und seine Geltung im menschlichen Leben ist nur 
ein Spezialfall. Wenn wir uns iiberhaupt einen Zusammenhang irgend- 
welcher vorhergehender Verhaltnisse und nachfolgender Wirkungen 
klarmachen, denken wir schon im Sinne dieses Gesetzes. Deshalb mochte 
ich die Geltung dieses Gesetzes im Kosmos im einzelnen, und zwar fiir 
das Menschenleben, in gehoriger Form klarlegen. 

Wenn wir zwei GefaBe mit Wasser vor uns stehen haben und eine bis 
zum Gliihen erhitzte Eisenkugel in das eine GefaB werfen, dann zischt 
das Wasser auf und wird warm. Nehmen wir nun die Kugel heraus und 
werfen sie in das andere GefaB, da zischt das Wasser nicht mehr auf und 
erwarmt sich nicht mehr. Hatten wir nun gleich die Kugel in das zweite 
GefaB hineingeworfen, so ware es auch da geschehen, daB das Wasser 
gezischt und die Kugel sich abgekiihlt hatte; so kann es aber nicht mehr 
zum Zischen gebracht werden, denn die Kugel ist nicht mehr gliihend, 
weil sie sich bereits im ersten GefaB abgekiihlt hatte. Die Wirkung des 
Verhaltens der Kugel im ersten GefaB bedingt ihr Verhalten im zwei- 
ten GefaB. So hangen im physischen Leben Ursache und Wirkung stets 
zusammen. Von dem, was mit einem Ding vorher geschieht, hangt es 
ab, wie sich das Ding nachher betragt. 

Ein anderes Beispiel geben uns gewisse Tiere, bei denen durch ihre 



Einwanderung in dunkle Hohlen das Sehorgan verkummert ist. Bei 
ihnen werden die Stoffe, die vorher die Augen mit Nahrung versorgt 
haben, in andere Teile des Korpers geleitet, da das Auge dieselben nicht 
mehr braucht, denn es braucht nicht mehr zu sehen. Ihre Augen wurden 
dadurch zuriickgebildet, und nun werden in alien folgenden Generatio- 
nen Tiere mit verkummerten Augen erzeugt werden. Durch ihre frii- 
here Einwanderung bestimmten sie dieses Verhalten der Organe selbst, 
und ihr Schicksal fiir ihre folgenden Generationen war bestimmt durch 
das, was die Wesen in der Vergangenheit taten. Sie bereiteten dadurch 
ihr Schicksal fiir die Zukunft vor. 

Ebenso ist es auch fortwahrend im Menschenleben. Der Mensch be- 
stimmt sich seine Zukunft durch seine Vergangenheit, und da er als in- 
nerste Wesenheit nicht eingeschlossen ist in eine einzelne Verkorperung, 
sondern durch viele hindurchgeht, so sind fiir die Dinge, die ihn in 
einem bestimmten Leben treffen, die Ursachen in einem friiheren Leben 
zu suchen. 

Wir wollen jetzt auf die Verkettung eingehen, die man verstehen 
kann, wenn man ein wenig die Folge der menschlichen Taten, Gedan- 
ken und Gefiihle iiberhaupt in Rechnung zieht. Man sagt im gewohn- 
lichen Leben so haufig: Gedanken sind zollfrei! — das heiBt, man kon- 
ne denken, was man will, das geniere niemand in der AuBenwelt. Hier 
haben Sie einen wichtigen Punkt, wo der, welcher wirklich von den 
geistigen Impulsen erfaBt ist, sich von dem materialistisch denkenden 
Menschen unterscheidet. 

Der Materialist glaubt, daB er einem Menschen, den er mit einem 
Stein bewirft, wohl weh tut; dagegen glaubt er, daB ein haBerfiillter 
Gedanke, den er gegen seinen Mitmenschen hegt, demselben nicht weh 
tue. Wer aber die Welt wirklich kennt, der weiB, daB viel, viel starkere 
Wirkungen ausgehen von einem haBerfiillten Gedanken, als je durch 
einen Steinwurf erregt werden konnen. Alles, was der Mensch denkt, 
fiihlt und empfindet, hat seine Wirkungen in der Astralwelt, und man 
kann im einzelnen als Seher sehr genau verfolgen, wie zum Beispiel ein 
liebevoller Gedanke wirkt, der zu einem andern Menschen hingeht, 
und wie ganz anders ein haBerfiillter Gedanke. Wenn Sie einen liebe- 
vollen Gedanken aussenden, sieht der Seher, wie sich wie eine Art Blu- 



menkelch eine Lichtform bildet, die den Menschen in bezug auf seinen 
Ather- und Astralleib liebevoll umspielt und dadurch zu seiner Bele- 
bung, seiner Seligkeit etwas beitragt. Der haBerfiillte Gedanke dagegen 
bohrt sich wie ein verwundender Pfeil in den Ather- und Astralleib. 

Man kann sehr verschiedene Beobachtungen auf diesem Gebiete 
machen. Es ist ein gewaltiger Unterschied in der Astralwelt, ob man 
einen Gedanken ausspricht, der wahr ist, oder einen erlogenen. Ein 
Gedanke bezieht sich auf irgendeine Sache und ist dadurch wahr, daB 
er mit der Sache ubereinstimmt. Es tragt sich zum Beispiel irgendwo 
eine Tatsache zu, und von dieser geschieht eine Wirkung in die hoheren 
Welten hinauf. Jemand erzahlt diese Tatsache wahr: dann strahlt vom 
Erzahler ein Astralgebilde auf, das sich mit dem von der Tatsache 
selbst herriihrenden Gebilde vereinigt, und beide verstarken sich. Diese 
verstarkten Formen dienen dazu, unsere geistige Welt immer geglie- 
derter und inhaltsvoller zu machen, wie wir sie brauchen, wenn die 
Menschheit vorwartskommen will. Erzahlt man die Tatsache nun aber 
so, daB sie nicht mit dem Geschehnis ubereinstimmt, daB sie erlogen ist, 
dann trifft die Gedankenform des Erzahlenden zusammen mit der, 
welche von der Tatsache ausgeht, beide prallen aufeinander und eine 
gegenseitige Zerstorung geschieht. Solche explosionsartigen Zerstorun- 
gen durch Liigen wirken, wie ein Geschwiir am Leibe wirkt, das den 
Organismus zerstort. So toten Liigen die astralen Gebilde, die entstan- 
den sind und entstehen miissen, und hemmen oder toten so einen Teil 
der Entwickelung. Tatsachlich bringt ein jeder, der die Wahrheit sagt, 
die Entwickelung der Menschheit vorwarts, und der, welcher liigt, 
hemmt dieselbe. Daher gibt es ein okkultes Gesetz: Die Luge ist, geistig 
angesehen, ein Mord. Sie totet nicht nur ein Astralgebilde, sondern sie 
ist auch ein Selbstmord. Ein jeder, welcher liigt, legt sich selbst Hinder- 
nisse in den Weg. Uberall sind solche Wirkungen in der geistigen Welt 
zu beobachten. So sieht auch der Hellseher, daB alles, was man denkt, 
fiihlt und empfindet, seine Wirkungen auf dem Astralplan hat. 

Alles, was der Mensch an Neigungen, Temperament, bleibenden 
Charaktereigenschaften hat, was man nicht nur voriibergehend denkt, 
strahlt fortwahrend nicht nur bis in die astrale Welt, sondern bis in die 
devachanische Welt hinein. Ein Mensch mit einem heiteren Tempera- 



ment ist ein Quell, ein Zentrum fur gewisse Vorgange im Devachan. 
Ein Mensch mit kopfhangerischem Wesen wirkt so, daB er die Essenzen 
und Stoffe vermehrt, die mit dem kopfhangerischen Wesen der Men- 
schen zusammenhangen. So zeigt uns die Geisteswissenschaft, daB wir 
nicht nur isoliert stehen, sondern daB unsere Gedanken fortwahrend 
Formen hervorrufen, welche die devachanische Welt schattieren und 
sie durchdringen mit allerlei Substanzen und Essenzen. Alle vier Ge- 
biete der devachanischen Welt, das kontinentale, das ozeanische, das 
atmospharische und das Gebiet der originellen Einfalle, werden fort- 
wahrend von den Gedanken, Gefiihlen und Empfindungen der Men- 
schen beeinfluBt. — Die hdheren Gebiete, wo schon die Akasha-Chronik 
hineinspielt, werden durch das, was ihre Taten sind, beeinfluBt. Was 
auBerlich geschieht, das spielt hinein bis in die hochsten Gebiete des 
Devachan, die wir die Vernunftwelt genannt haben. 

Wir werden so begreifen, wie der Mensch bei seinem Herunterstieg 
zur neuen Verkorperung wieder seinen Astralleib zusammensetzt und 
sich angliedert. Alles, was er gedacht, gefiihlt und empfunden hatte, 
hatte sich als bleibend eingegliedert in die astrale Welt. Viele Spuren 
hat es da hinterlassen. War es viel Wahres, was er gedacht hatte, so 
setzen diese Spuren ihm einen guten Astralleib zusammen. Was er ein- 
gegliedert hat in die untere Devachanwelt als sein Temperament und so 
weiter, das setzt den neuen Atherleib zusammen, und was er vollbracht 
hat an Taten, wirkt mit von den hochsten Partien des Devachan aus, 
wo schon die Akasha-Chronik zu finden ist, auf die Stationierung und 
Lokalisierung des physischen Leibes. Hier liegen die Krafte, die einen 
Menschen an einen bestimmten Ort hinbringen. Hat man jemandem 
Boses angetan, so ist das eine auBere Tatsache, die hinaufgeht in die 
hochsten Devachan-Partien. Sie wirkt bei der neuen Eingliederung in 
einen physischen Leib als Krafte, welche der Mensch zuriickgelassen 
hat, und drangt ihn, allerdings unter Leitung hoherer Wesenheiten, zu 
dem Orte hin, wo er die Wirkung seiner Taten nunmehr in der physi- 
schen Welt erfahren kann. 

Alles, was wir auBerlich erfahren, ohne daB es uns innerlich beson- 
ders beriihrt, wirkt bei der nachsten Verkorperung auf unseren Astral- 
leib und zieht entsprechende Gefiihle, Empfindungen und Gedanken- 



Eigentumlichkeiten heran. Hat man sein Leben gut angewendet, sich 
viel angeschaut, reichliche Kenntnisse erworben, so ist die Folge davon, 
daB der Astralleib im nachsten Leben mit besonderen Begabungen nach 
diesen Richtungen hin wiedergeboren wird. Erlebnisse und Erfahrun- 
gen also pragen sich in der nachsten Verkorperung im Astralleib aus. 
Was man aber empfindet, fiihlt, Lust und Leid, was inneres Erleben der 
Seele ist, das wirkt in der nachsten Verkorperung bis auf den Atherleib 
und bewirkt eine bleibende Neigung in ihm. Wer viel Freude erlebt, 
dessen Atherleib wird ein zur Freude neigendes Temperament haben. 
Wer sich bemiiht, viele gute Taten zu vollbringen, der wird durch die 
Gefiihle, die dabei entwickelt werden, im nachsten Leben geradezu ein 
Talent an guten Taten ausgepragt haben. Er wird auch ein sorgfaltig 
entwickeltes Gewissen haben und wird ein moralisch angelegter Mensch 
sein. 

Das, wo von der Atherleib der Trager ist in diesem Leben, der blei- 
bende Charakter, die Anlagen und so weiter, das tritt im nachsten 
Leben im physischen Leibe auf, und zwar so, da6 zum Beispiel ein 
Mensch, der in seinem Leben schlechte Neigungen und Leidenschaften 
entwickelt hat, im nachsten Leben mit einem ungesunden physischen 
Korper geboren wird. Ein Mensch dagegen, der eine gute Gesundheit 
hat, der viel auszuhalten vermag, der hat im vorigen Leben gute Eigen- 
schaften entwickelt. Einer, der fortwahrend zu Krankheiten neigt, hat 
schlechte Triebe in sich hineingearbeitet. So haben wir es in der Hand, 
uns Gesundheit oder Krankheit, insofern sie in der Veranlagung des 
physischen Leibes liegen, selbst zu schaffen. Man braucht nur alle 
schlechten Neigungen auszumerzen und bereitet sich dann einen guten, 
kraftigen Korper fur das nachste Leben vor. 

Mit alien Einzelheiten kann man beobachten, wie das, was in einem 
Leben an Neigungen vorhanden war, im nachsten Leben am physischen 
Leibe wirkt. Ein Leben, das die Neigung hat, alles um sich herum zu 
lieben, das liebevoll auf jedes Wesen eingeht, ein Leben, das Liebe aus- 
gieBt, wird in der nachsten Verkorperung einen physischen Leib haben, 
der lange jung und bliihend aussehen wird. Liebe zu alien Wesen, Sym- 
pathie-Entwickelung bewirkt einen sich jugendlich erhaltenden physi- 
schen Leib. Ein haBerfiilltes Leben, das voll Antipathie gegen andere 



Wesen ist, das an allem herumkritisiert und norgelt und sich von allem 
zuriickziehen mochte, das bewirkt aus diesen Neigungen heraus einen 
physischen Leib, der friih altert und Runzeln bekommt. So ubertragen 
sich die Neigungen und Leidenschaften eines Lebens auf das physische 
Korperleben der nachsten Verkorperung. 

Man kann bis in Einzelheiten hineinschauen, und da konnte man 
finden, wie ein ausgebildeter Erwerbssinn, der triebhaft ist, der immer 
darauf ausgeht, zusammenzuscharren, dadurch, da6 das eine Neigung 
geworden ist, im nachsten Leben eine Disposition zu Infektionskrank- 
heiten im physischen Leibe erzeugt. Man kann solche Falle durchaus 
konstatieren, wo eine ausgesprochene Neigung zu Infektionskrankhei- 
ten zuruckfiihrt auf einen friiher stark vorhandenen Erwerbssinn, der 
ja zu seinem Trager den Atherleib hat. Ein objektives Streben dagegen 
innerhalb der Menschheit, das nichts fiir sich einheimsen will, das fiir 
die Menschheit wirkt mit dem ausgesprochenen Sinn, fiir die Gesamt- 
heit zu arbeiten, solche Neigung im Atherleib bewirkt im nachsten 
Leben eine ausgesprochene Starke gegen Infektionskrankheiten. 

So kann man die Welt bis zu einem hohen Grade in ihrem Werde- 
gange bis ins Innere durchschauen, wenn man den Zusammenhang zwi- 
schen der physischen und der astralen Welt kennt, und die Dinge han- 
gen manchmal ganz anders zusammen, als die Menschen es sich vorstel- 
len mochten. Viele Menschen jammern zum Beispiel iiber Schmerz und 
Leid. Aber von einem hoheren Gesichtspunkte aus ist es gar nicht be- 
rechtigt, dariiber zu jammern, denn sind sie iiberwunden und ist man 
bereit zu einer nachsten Verkorperung, dann sind Leid und Schmerzen 
die Quellen von Weisheit und Besonnenheit und einem Uberschauen 
der Dinge. Sogar in einer neueren Schrift, die aus der materialistischen 
Anschauungsart der Gegenwart entstanden ist, finden wir den Aus- 
spruch, da6 in der Physiognomie eines jeden Denkers etwas zu finden 
ist wie kristallisierter Schmerz. Das, was da der materialistisch den- 
kende Schriftsteller sagt, ist dem Okkultisten langst bekannt, denn die 
groBte Weisheit der Welt wird erworben durch das ruhige Ertragen 
von Schmerz und Leid. Das schafft in der nachsten Inkarnation Weis- 
heit. 

Keiner, der lebensleidig den Schmerz flieht, der ihn nicht ertragen 



will, kann sich die Grundlage fur die Weisheit schaffen. Ja, wenn wir 
weiter hineinschauen, konnen wir nicht einmal iiber die Krankheiten 
jammern. Wenn man sie von hdherer Warte aus, vom Standpunkte 
der Ewigkeit betrachtet, dann nehmen sie sich ganz anders aus. Krank- 
heiten, die man ertragt, kommen im nachsten Leben oftmals als beson- 
dere Schonheit in der Korperlichkeit zum Vorschein, so dafi viel kor- 
perliche Schonheit, die man beim Menschen findet, durch Krankheit im 
vorhergehenden Leben errungen ist. Das ist der Zusammenhang zwi- 
schen der Verletzung des Korpers durch Krankheit, namentlich auch 
durch auBere Verhaltnisse, und der Schonheit. Man kann auf diesen 
ganz merkwiirdigen Zusammenhang das Wort des franzosischen 
Schriftstellers Fahre d 'Olivet anwenden: Wenn man das Menschen- 
leben betrachtet, erscheint es oft so wie das Entstehen der Perle in der 
Perlenmuschel. Erst durch eine Krankheit der Muschel entsteht die 
Perle. — So ist es tatsachlich auch im Menschenleben: Schonheit steht 
karmisch im Zusammenhang mit Krankheiten und ist deren Ergebnis. 
Wenn ich nun aber sagte: Wer schlechte Leidenschaften entwickelt, der 
schafft sich die Disposition zu Krankheiten — , so mu6 man streng fest- 
halten, da6 es sich hier um die innere Disposition zu Erkrankungen 
handelt. Wenn man dadurch erkrankt, dafi man zum Beispiel in einer 
verpesteten Luft arbeitet, so ist das etwas anderes; dadurch kann man 
auch krank werden, aber das hangt nicht zusammen mit der Disposi- 
tion des physischen Leibes. 

Alles nun, was Tatsachen sind auf dem physischen Plan, alles was 
etwas Getanes ist, was sich auslebt, da6 es eine Wirkung in der physi- 
schen Welt hat, vom Schritt und von der Handbewegung an bis zu den 
kompliziertesten Vorgangen, zum Beispiel dem Bau eines Hauses, 
kommt als eine wirkliche physische Wirkung von auBen in einer spate- 
ren Verkorperung an den Menschen heran. Sie sehen, wir leben von 
innen nach auBen: Was im Astralleibe lebt als Freude, Schmerz, Lust 
und Leid, erscheint wieder im Atherleibe, was im Atherleibe wurzelt an 
bleibenden Trieben und Leidenschaften, erscheint im physischen Leibe 
als Disposition, was man aber hier tut, so da6 man den physischen Leib 
dazu gebraucht, das erscheint als auBeres Schicksal in der nachsten 
Verkorperung. So wird das, was der Astralleib tut, zum Schicksal des 



Atherleibes, der Atherleib wird zum Schicksal des physischen Leibes, 
und was der physische Leib tut, das kommt als Wirkung von auBen in 
der nachsten Verkorperung als eine physische Wirklichkeit zuriick. 

Da haben Sie genau den Punkt festgestellt, wo das auBere Schicksal 
in das Menschenleben eingreift. Diese Schicks alswirkung ist etwas, was 
zuweilen lange ausbleiben mag, was aber sicher an den Menschen heran- 
kommen muB. Man kann immer sehen, wenn man das Leben eines 
Menschen durch die verschiedenen Verkorperungen hindurch verfolgt, 
daB sein Leben in einer folgenden Verkorperung so zubereitet wird von 
Wesen, die wirksam sind bei der Eingliederung in seinen physischen 
Leib, daB er hingefiihrt wird an einen bestimmten Ort, damit ihn sein 
Schicksal ereilt. 

Dafiir wieder ein Beispiel aus dem Leben: Bei einer mittelalterlichen 
Femgerichtsversammlung waren eine Anzahl Femrichter, die das Ur- 
teil sprachen und es selbst vollzogen. Sie toteten eine Person. Man ging 
zuriick in friihere Verkorperungen der Richter und des Getoteten, und 
da stellte es sich heraus, daB alle zu gleicher Zeit gelebt hatten, und 
zwar der Hingerichtete als Hauptling eines Stammes, und dieser hatte 
diejenigen, die jetzt Femrichter waren, hinrichten lassen. Diese Tat des 
vorherigen physischen Lebens hat den Zusammenhang geschaffen zwi- 
schen den Personen; sie hat Krafte geschaffen, die bis in die Akasha- 
Chronik hineinwirken. Wenn nun ein Mensch wiederum zur Verkorpe- 
rung kommt, lassen diese Krafte ihn wiederum geboren werden gleich- 
zeitig und am selben Ort mit dem Menschen, mit dem er so verkettet 
ist, und wirken sein Schicksal aus. Die Akasha-Chronik ist tatsachlich 
eine Kraftquelle, in der alles eingeschrieben ist, was ein Mensch an den 
andern abzutragen hat. Diese Vorgange kann mancher spiiren; die 
wenigsten sind sich aber dessen bewuBt. 

Ein Mensch ist zum Beispiel in einem Beruf, der ihn scheinbar gliick- 
lich und zufrieden macht. Er wird durch irgend etwas herausgetrieben, 
findet keinen anderen Beruf an demselben Ort, es wirft ihn meilenweit 
hinaus, in ein anderes Land, wo er einen neuen Berufsweg einschlagen 
muB. Dort findet er einen Menschen, mit dem er in irgendein Verhalt- 
nis treten muB. Was ist da geschehen? Der Mensch hat mit dem andern, 
mit dem er jetzt zusammengetroffen ist, einmal zusammengelebt. Er ist 



ihm friiher irgend etwas schuldig geblieben. Das ist eingetragen in die 
Akasha-Chronik, und die Krafte haben ihn hingeleitet an diesen Ort, 
damit er mit diesem Menschen zusammentreffen und ihm seine Schuld 
abtragen konne. 

Fortwahrend ist der Mensch zwischen Geburt und Tod in einen 
solchen Zusammenhang von Kraften eingeschlossen, die ihn von alien 
Seiten seelisch umspinnen, und das sind die dirigierenden Machte seines 
Lebens. Sie sehen so, daB Sie eigentlich fortwahrend die Wirkungen 
friiherer Leben in sich tragen, daB Sie immer die Wirkungen friiherer 
Verkorperungen erleben. 

So miissen Sie sich klar sein, daB Sie in Ihrem Leben geleitet werden 
von Machten, die Sie selber nicht kennen. Was auf den Atherleib wirkt, 
sind Formgebilde, die Sie selbst friiher auf dem Astralplan hervorge- 
bracht haben, und was Ihr Schicksal wirkt, sind Wesenheiten, Krafte 
auf den hoheren Partien des Devachan, die Sie selbst eingeschrieben 
haben in die Akasha-Chronik. Diese Krafte oder Wesenheiten sind dem 
Okkultisten nicht unbekannt, sie sind ganz hineingestellt in die Rang- 
ordnung von ahnlichen Wesenheiten. Sie miissen sich klar sein, daB Sie 
sowohl im Astralleib als im Atherleib und im physischen Leibe die Wir- 
kungen iiberhaupt von anderen Wesenheiten verspiiren. Alles, was Sie 
unwillkiirlich tun, alles, wozu Sie gedrangt werden, geschieht durch 
die Wirkung von anderen Wesenheiten. Es geschieht nicht aus dem 
Nichts heraus. Die verschiedenen Glieder der Menschennatur sind fort- 
wahrend wirklich durchdrungen und angefiillt von anderen Wesen- 
heiten, und der eingeweihte Lehrer laBt ein gut Teil der Ubungen ma- 
chen, um dieselben herauszutreiben, damit der Mensch immer freier 
und freier werde. 

Man nennt die Wesenheiten, die den Astralleib durchsetzen und ihn 
unfrei machen, Damonen. Fortwahrend sind Sie in Ihrem Astralleib 
von solchen Damonen durchdrungen, und die Wesenheiten, die Sie 
selbst durch Ihre wahren oder falschen Gedanken erzeugen, sind solche, 
die sichnach und nach zu Damonen auswachsen. Es gibt gute Damonen, 
die von guten Gedanken ausgehen. Schlimme Gedanken aber, vor allem 
unwahre, liignerische, erzeugen damonische Gestalten der furchtbar- 
sten und graBlichsten Art, die den Astralleib, wenn man sich so aus- 



driicken darf, durchspicken. Ebenso durchsetzen den Atherleib "Wesen- 
heiten, von denen sich der Mensch frei machen muB, das sind die 
Spektren oder Gespenster, und endlich gibt es solche, die den physi- 
schen Leib durchsetzen, das sind die Phantome. AuBer diesen dreien 
gibt es noch andere Wesenheiten, die das Ich hin- und hertreiben, das 
sind die Geister, wie das Ich ja auch selbst Geist ist. Tatsachlich ist der 
Mensch der Hervorrufer von solchen Wesenheiten, die dann, wenn er 
auf die Erde herunterkommt, das innere und auBere Schicksal bestim- 
men. Dieselben beleben den Lebensgang so, daB Sie alles spiiren, was 
Ihr Astralleib an Damonen, Ihr Atherleib an Gespenstern und Ihr phy- 
sischer Leib an Phantomen hervorgebracht hat. Alles das hat eine Ver- 
wandtschaft zu Ihnen, es strebt zu Ihnen hin, wenn Sie wiederverkor- 
pert werden. 

Da sehen Sie, wie religiose Urkunden diese Wahrheiten ausspre- 
chen. Wenn in der Bibel von der Austreibung von Damonen die Rede 
ist, so ist das kein Abstraktum, sondern es ist wirklich und wortlich zu 
verstehen. Was tat der Christus Jesus? Er heilte den von Damonen Be- 
sessenen, er holte heraus aus dem astralischen Leibe die Damonen. Das 
sind reale Vorgange und es ist durchaus wortlich zu nehmen. Auch 
Sokrates, dieser erleuchtete Geist, spricht von seinem Damon, der in 
seinem Astralleibe wirkte. Das war ein guter Damon; man muB sich 
unter Damonen nicht nur schlechte "Wesenheiten vorstellen. 

Aber es gibt auch furchtbare, verderbliche Damonen. Alle Liigen- 
damonen wirken so, wie wenn sie den Menschen zuriickwiirfen in der 
Entwickelung, und da in der Weltgeschichte bei den Liigen der groBen 
Personlichkeiten immer solche Liigendamonen geschaffen werden, die 
sich zu ganz gewaltigen Wesenheiten auswachsen, spricht man von den 
Geistern der Hemmnisse oder Hindernisse. In diesem Sinne sagt Faust 
zu Mephisto: «Der Vaterbist du aller Hindernisse !» 

Der einzelne Mensch, so wie er eingesponnen ist in die ganze iibrige 
Menschheit, wirkt dadurch, daB er die Wahrheit spricht oder liigt, auf 
die ganze "Welt zuriick, denn ob er Wahrheits- oder Liigendamonen 
erzeugt, hat seine ganz verschiedenen Wirkungen. Denken Sie sich ein 
Volk, das aus lauter Liignern bestande. Sie wiirden den Astralplan mit 
lauter Liigendamonen bevolkern, und diese konnen sich wiederum in 



der physischen Disposition zu Epidemien auBern. So gibt es eine gewisse 
Form von Bazillen als Trager von Infektionskrankheiten, die von den 
Liigen der Menschheit herstammen. Sie sind nichts anderes als physisch 
verkorperte Liigendamonen. Da sehen Sie, daB die Liigen der Vorzeit 
im Weltenkarma in einem bestimmten Heer von Wesenheiten auftre- 
ten. Wieviel Wahres Mythen und Sagen enthalten, sehen Sie an einer 
Stelle im «Faust». Da finden Sie einen Zusammenhang zwischen Unge- 
ziefer und Liigen, ebenfalls in der Rolle, die Ratten und Mause spielen, 
im Zusammenhange mit dem Liigengeist, Mephisto. In den Sagen er- 
halten sich oft wunderbare Zusammenhange zwischen der geistigen 
und der physischen Welt. 

Wir miissen noch iiber manches andere sprechen, um das Karma- 
gesetz zu verstehen. Aus einer gewissen intimen Erkenntnis des Karma- 
gesetzes ist iiberhaupt die geisteswissenschaftliche Bewegung hervor- 
gegangen. Sie haben eben gesehen, wie Dinge, die im Atherleib liegen, 
im nachsten Leben auf den physischen Leib wirken. So wirkt die Ge- 
sinnung, die Neigung zu denken, in einer ganz bestimmten Art zu den- 
ken, auf den physischen Leib, und so ist es fiir eine nachfolgende Inkar- 
nation nicht gleichgiiltig, ob Sie in Ihrer Gesinnung spirituell oder ma- 
terialistisch sind. Ein Mensch, der etwas von hoheren Welten weiB — er 
braucht nur an die hoheren Welten zu glauben — , hat in seinem nach- 
sten Leben einen zentrierten physischen Leib, dessen Nervensystem 
ruhig wirkt, den er in der Hand hat, bis in die Nerven hinein. Ein 
Mensch dagegen, der nur gelten lassen will, was in der Sinnenwelt ist, 
der pflanzt diese Gesinnung fort auf seinen physischen Leib und hat in 
der nachsten Verkorperung einen solchen, der zu Nervenkrankheiten 
disponiert ist, einen zappeligen physischen Leib, der keinen festen Wil- 
lensmittelpunkt hat. Der Materialist zerfallt in lauter Einzelheiten; 
der Geist halt zusammen, denn er ist die Einheit. 

Die Disposition kommtbei den einzelnen Menschen durch das Schick- 
sal in der nachsten Inkarnation zum Vorschein, aber sie geht weiter 
durch die Generationen hindurch, so daB die Sonne und Enkel der Va- 
ter, die materialistisch gesinnt waren, das biiBen miissen durch schlechte 
Beschaffenheit des Nervensystems und Nervenkrankheiten. Ein ner- 
voses Zeitalter wie das unsrige ist die Folge der materialistischen Ge- 



sinnung des letzten Jahrhunderts, und als Gegenstromung haben die 
groBen Lehrer der Menschheit die Notwendigkeit erkannt, die spiri- 
tuelle Gesinnung einstromen zu lassen. 

Der Materialismus hat auch bis in die Religion hinein gewirkt. Oder 
sind diejenigen, die wohl an die geistigen Welten glauben, aber nicht 
den Willen haben, sie zu erkennen, sind das keine Materialisten? Das 
ist der Materialismus in der Religion, der da mochte, daB sich das Ge- 
heimnis des Sechstagewerkes — wie sich die groBe Weltenevolution im 
Sechstagewerk der Bibel auslebt — vor seinen Augen abspielen soil, und 
der da spricht von Christus Jesus als einer «historischen Personlichkeit» 
und voriibergeht an dem Mysterium von Golgatha. Der Materialismus 
in der Naturwissenschaft ist erst eine Folge des Materialismus in der 
Religion; es gabe ihn nicht, wenn nicht das religiose Leben vom Mate- 
rialismus durchsetzt ware. Diejenigen, die heute zu bequem sind, sich 
auf religiosem Gebiet zu vertiefen, sind dieselben, die in der Naturwis- 
senschaft den Materialismus erzeugt haben. Und die durch diesen Ma- 
terialismus erzeugte Nervenzerriittung wirkt sich aus bei ganzen Stam- 
men, ganzen Volkern, wie im Einzelleben der Menschen. 

Wenn die spirituelle Stromung nicht so viel Macht gewinnt, daB sie 
auch die Faulen und Bequemen erfassen kann, dann gewinnt dasjenige, 
was die karmische Folge ist, die Nervositat, immer mehr EinfluB auf 
die Menschheit, und wie es im Mittelalter Epidemien des Aussatzes 
gegeben hat, so werden, durch die materialistische Gesinnung hervor- 
gerufen, in der Zukunft schwere Nervenerkrankungen, ganze Epide- 
mien des Wahnsinns auftreten, und ganze Volker werden davon iiber- 
fallen werden. 

So sollte durch das Einsehen dieses Gebietes des Karmagesetzes die 
Geisteswissenschaft nicht etwas sein, iiber das man sich streitet, sondern 
ein Heilmittel fur die Menschheit. Je mehr die Menschheit spirituell 
wird, desto mehr wird alles ausgemerzt, was mit Erkrankungen des 
Nervensystems und der Seele zusammenhangt. 



SIEBENTER VORTRAG 
Munchen, 31. Mai 1907 



Um das Karmagesetz, sofern es im Menschenleben auftritt, noch besser 
verstehen zu konnen, will ich eine Erscheinung erzahlen, die unmittel- 
bar nach dem Tode des Menschen auftritt. Denken Sie an das Erinne- 
rungs-Tableau, das auftritt, wenn der Mensch befreit ist von dem phy- 
sischen Leibe und fur kurze Zeit nur in der Hiille des atherischen und 
astralischen Leibes lebt, ehe er seinen weiteren Fortgang durch die ele- 
mentare Welt nimmt. Zum intimen Verstandnis des Wirkens von 
Karma lassen Sie mich ein eigentumliches Gefiihl schildern, das auch 
schon wahrend dieses groBen Tableaus auftritt. Es ist das eines GroBer- 
werdens, eines Aus-sich-heraus-Wachsens. Dies tritt starker und star- 
ker auf, auch solange der Mensch noch in seinem Atherleibe ist. Er 
kommt in eine eigentiimliche Lage gegeniiber diesem Tableau. Zuerst 
sind es Bilder des verflossenen Lebens, die er wie in einem Panorama 
anschaut. Dann kommt ein Moment — er liegt nicht lange nach dem 
Tode und dauert Stunden, auch Tage, je nach der Individuality des 
Menschen — , wo der Mensch die Empfindung hat: Ich bin selbst alle 
diese Bilder. — Er fiihlt seinen Atherleib wachsen, als ob er umgreife 
den ganzen Umkreis der Erde bis zur Sonne hinauf. 

Dann, wenn der Mensch seinen Atherleib verlaBt, tritt ein anderes, 
hochst merkwiirdiges Gefiihl auf, das geradezu schwer mit Worten aus 
der physischen Welt zu beschreiben ist. Es ist zwar ein Gefiihl der Aus- 
dehnung weit hinaus bis in den Weltenraum, aber so, als ob man alle die 
Orte des Weltenraumes nicht mehr ausfiille. Man kann es nur grob be- 
schreiben. Man fiihlt sich so, daB man sich zum Beispiel mit einem Teil 
seines Wesens in Munchen, einem andern in Mainz, einem dritten in 
Basel und noch mit einem andern Teile weit auBerhalb des Erdkreises, 
vielleicht auf dem Monde fiihlt. Man fiihlt sich sozusagen zerstiickelt 
und die dazwischenliegenden Raume als nicht zu sich gehorig. Das ist 
die eigentiimliche Art, sich astral zu fiihlen: wie ausgebreitet im Raum, 
an verschiedene Orte hinversetzt, aber den dazwischenliegenden Raum 
nicht ausfiillend. Und diese Empfindung dauert die ganze Kamaloka- 



Zeit hindurch, die der Mensch riicklaufig bis zur Geburt durchlebt- Es 
ist immer ein Durchleben solcher Stiicke, die zu einem gehoren. Das 
gliedert sich dann zusammen mit dem ganzen iibrigen Kamaloka- 
Leben. Es ist wichtig, das zu wissen, um eine Vorstellung davon zu er- 
halten, wie eigentlich das Karmagesetz wirkt. Man fiihlt sich zunachst 
in dem Menschen drinnen, mit dem man zuletzt verbunden war, und 
dann zuriick in alien Menschen und andern Wesen, mit denen man zu 
tun hatte wahrend des Lebens. 

Wenn Sie zum Beispiel in Mainz einmal einen Menschen gepriigelt 
haben, so erleben Sie nach Ihrem Tode zur gegebenen Zeit die Priigel 
selbst, die Schmerzen, die Sie ihm zugefiigt haben. Wenn der Mensch 
also dann noch in Mainz ist, so fiihlt sich ein Teil Ihres astralischen 
Leibes nach Ihrem Tode in Mainz und erlebt dort die Sache. Ist der 
Gepriigelte dagegen inzwischen gestorben, so fiihlen Sie sich dort, wo 
er selbst jetzt in Kamaloka ist. Wir haben es natiirlich nicht nur mit 
diesem einen Menschen zu tun, sondern auch mit vielen andern, die auf 
der Erde und in Kamaloka zerstreut sind. Uberall sind Sie; das gestattet 
Ihnen dies unterbrochene Wesen, das die Korperlichkeit in Kamaloka 
ausmacht. Sie macht es moglich, in alien anderen drinnen das zu erle- 
ben, was Sie mit ihnen zu tun gehabt haben, und Sie bilden sich so eine 
bleibende Verbindung mit all denen, mit denen Sie in Beriihrung ge- 
kommen sind. Sie sind nun mit diesem Menschen, den Sie gepriigelt 
haben, verbunden dadurch, daB Sie in Kamaloka mit ihm gelebt haben. 
Sie gehen spater hinauf nach Devachan und dann wieder zuriick nach 
Kamaloka. Nun findet Ihr Astralleib beim Aufbau das, was ihn zusam- 
menbringt mit dem Menschen, mit dem Sie zusammengewachsen waren. 
Und da es viele solcher Verbindungen gibt, so sehen Sie, daB alles, was 
mit Ihnen zu tun hat, durch eine Art Band mit Ihnen verkniipft ist. 

Eine deutliche Erklarung wird Ihnen das vom Okkultisten beobach- 
tete Geschehnis geben, von dem ich Ihnen bereits sprach, wo fiinf Fem- 
richter einen Menschen zum Tode verurteilten und denselben auch hin- 
richteten. Diese letztere Personlichkeit war in ihrem vorhergehenden 
Leben eine Art Hauptling und hatte die fiinf hinrichten lassen; dann 
starb sie und kam nach Kamaloka. Wahrend dieser Zeit wurde sie an 
den Ort versetzt, an dem die andern waren, und in die andern hinein, 



und muBte die Empfindungen erleben, die die andern gehabt hatten, 
als sie getotet wurden. Das ist der Ausgangspunkt von Anziehungs- 
kraften, die beim Wiedererscheinen auf der Erde die Personen zusam- 
menbringen, so daB das Karmagesetz sich vollziehen kann. 

So haben wir die Technik, wie Karma wirkt. Sie sehen daraus, daB es 
Arten des Seins, Zusammengehorigkeiten in der Welt gibt, die schon 
auf dem astralen Plane beginnen. Auf dem physischen Plan besteht 
Kontinuierlichkeit der Substanz, auf dem astralen Plan dagegen kon- 
nen zusammengehorende, aber doch voneinander getrennte Teile der 
Korperlichkeit empfunden werden. Das ist so, wie wenn Sie in sich 
fiihlten den Kopf, zwischen Kopf und Herz nichts, und dann das Herz, 
und dann die FiiBe und dazwischen nichts. Ein Stuck von Ihnen kann 
in Amerika sein und ganz abgegrenzt zu Ihrer astralischen Korperlich- 
keit gehoren, ein anderes auf dem Monde und ein drittes auf noch einem 
andern Planeten, und es braucht kein astral sichtbarer Zusammenhang 
zwischen diesen Gliedern zu sein. 

Wenn wir in dieser Art das Karmagesetz betrachten, dann wird uns 
klar, daB, was im menschlichen Leben in einem Lebenszyklus auftritt, 
Ergebnis vieler Ursachen ist, die in verflossenen Leben liegen. Wie 
bringen wir nun das Karmagesetz in Einklang mit der auBeren Ver- 
erbung? Man sagt, es gebe viele Widerspriiche zwischen Vererbung und 
diesem Gesetz. Viele sagen von einem moralisch tiichtigen Menschen, 
er miisse der SproBling einer ebensolchen Familie sein, er miisse es von 
seinen Vatern ererbt haben. Wenn wir vom okkulten Standpunkte die 
physischen Vorgange betrachten, wissen wir, daB dem nicht so ist. 
Allerdings konnen wir sie in gewisser Beziehung als Vererbungsvor- 
gange bezeichnen. Machen wir uns das durch Beispiele klar. 

Wenn wir zum Beispiel die Familie Bach betrachten, so sehen wir, 
daB dort neunundzwanzig Musiker innerhalb zweihundertfiinfzig Jah- 
ren geboren wurden, unter ihnen der groBe Bach. Zu einem guten Mu- 
siker gehort namlich nicht nur die innere musikalische Fahigkeit, son- 
dern ein physisch gut gebildetes Ohr, eine bestimmte Form desselben. 
Laien konnen das, worauf es ankommt, nicht unterscheiden; man muB 
tief mit okkulten Kraften hineinschauen. Wenn auch die Unterschiede 
klein und unbedeutend sind, eine bestimmte Form der inneren Gehor- 



organe ist notwendig, damit jemand Musiker werden kann, und diese 
Formen vererben sich. Sie sind ahnlich bei einem Menschen mit denen 
seines Vaters, GroBvaters und so weiter, wie sich die Form der Nase 
vererbt. 

Nehmen wir an, es sei oben auf dem astralen Plan eine Individuality 
bereit, sich zu verkorpern, und suche nach einem physischen Leibe. Sie 
hat sich vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden besondere musikalische 
Fahigkeiten erworben. Findet sie nicht einen physischen Leib mit den 
passenden Ohren, kann sie nicht Musiker werden. Sie drangt darum hin 
zu einer solchen Familie, die ihr das musikalische Ohr gibt. Ohne ein 
solches konnte ihre musikalische Veranlagung sich nicht ausleben, denn 
der groBte Virtuose kann nichts leisten, wenn man ihm kein Instrument 
gibt. 

Auch das mathematische Talent braucht etwas ganz Bestimmtes. 
Zum Mathematiker ist nicht eine besondere Gehirnkonstruktion notig, 
wie viele Menschen glauben. Das Denken, die Logik ist bei ihm wie bei 
andern. Worauf es ankommt, sind die im Ohre befindlichen drei soge- 
nannten halbzirkelfOrmigen Kanale, die so zueinander stehen, daB sie 
die drei Richtungen des Raumes einnehmen. Die besondere Ausbildung 
derselben bedingt das mathematische Talent. Darin liegt die Anlage 
zur Mathematik. Es ist ein physisches Organ und das muB vererbt wer- 
den. So sehen wir, daB sich in der Familie Bernoulli acht bedeutende 
Mathematiker verkorpert haben. 

Auch der moralische Mensch braucht, um seine moralische Anlage 
zu betatigen, ein Elternpaar, das ihm den geeigneten physischen Leib 
vererbt. Und er hat diese Eltern, weil er eine solche Individuality ist 
und keine andere. Die Individuality sucht sich selbst ihre Eltern aus, 
wenn auch unter der Leitung von hoheren Wesenheiten. Es gibt man- 
che Menschen, die gegen diese Tatsache vom Standpunkte der Mutter- 
Hebe etwas einzuwenden haben. Sie haben Angst, sie konnten etwas 
verlieren, wenn das Kind nicht von der Mutter diese oder jene Eigen- 
schaft ererbt. Die richtige Erkenntnis aber vertieft sogar das Gefiihl 
der Mutterliebe. Sie zeigt, daB es ein vorgeburtliches Liebesgefiihl ist, 
das schon vor der Empfangnis da war, was das Kind zur Mutter hin- 
fiihrte. Das Kind bringt schon vor der Geburt der Mutter Liebe ent- 



gegen; die Mutterliebe ist die Gegenliebe. So finden wir die Mutterliebe, 
spirituell angesehen, verlangert bis vor die Geburt hinaus. Sie beruht 
auf Gegenseitigkeitsgefuhlen. 

Man glaubt oft, der Mensch stiinde unter dem unabanderlichen Ge- 
setz des Karma, es ware nichts daran zu andern. Fiihren wir ein Gleich- 
nis aus dem gewohnlichen Leben fiir das Wirken dieses Karmagesetzes 
an. Ein Kaufmann hat in seinem Buche Posten fiir Soil und Haben. 
Wenn er diese zusammenzahlt und vergleicht, driickt sich in ihnen der 
Stand seines Geschaftes aus. Der Geschaftsstand des Kaufmanns stent 
unter dem unerbittlichen Rechnungsgesetze des Soil und Haben. Macht 
er jedoch neue Geschafte, so kann er neue Posten eintragen, und er ware 
ein Tor, wenn er keine neuen Geschafte machen wollte, weil er einmal 
die Bilanz gezogen hat. In bezug auf das Karma steht auf der Haben- 
seite alles, was der Mensch Gutes, Kluges, Wahres, Richtiges getan hat, 
auf der Sollseite alles, was er Boses, Torichtes getan hat. Es steht ihm in 
jedem Momente frei, neue Posten ins karmische Lebensbuch einzutra- 
gen. Daher glaube man niemals, daB im Leben ein unabanderliches 
Schicksalsgesetz herrschend sei. Die Freiheit wird nicht beeintrachtigt 
durch das Karmagesetz. Und deshalb miissen Sie bei dem Karmagesetz 
ebensosehr an die Zukunft denken wie an die Vergangenheit. Wir tra- 
gen in uns die Wirkungen vergangener Taten, und wir sind die Sklaven 
der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft. Wollen wir dieselbe 
gut gestalten, miissen wir moglichst gimstige Posten ins Lebensbuch ein- 
tragen. 

Es ist ein groBer, gewaltiger Gedanke, zu wissen, daB, was man auch 
tut, nichts vergeblich ist, daB alles seine Wirkung in die Zukunft hinein 
hat. So wirkt das Gesetz nicht bedriickend, sondern es erfiillt uns mit 
schonster Hoffnung. Es ist die schonste Gabe der Geisteswissenschaft. 
Wir werden froh durch das Karmagesetz, dadurch, daB wir hinein- 
schauen in die Zukunft. Es gibt uns die Aufgabe, tatig zu sein im Sinne 
eines solchen Gesetzes, es hat nichts, was den Menschen traurig machen 
kann, nichts, was der Welt eine pessimistische Farbung geben konnte. 
Es befliigelt unsere Tatigkeit, mitzuwirken an dem Erden-Werdegang. 
In solche Gefiihle muB sich das Wissen vom Karmagesetz umsetzen. 

Wenn ein Mensch leidet, sagt man oft: Er verdient sein Leiden, er 



muB sein Karma austragen; helfe ich, so greife ich ein in sein Karma. — 
Das ist eine Torheit. Seine Armut, sein Elend ist bewirkt durch sein 
voriges Leben, aber wenn ich ihm helfe, wird meine Hilfe einen neuen 
Posten in sein Leben eintragen. Ich bringe ihn dadurch vorwarts. Es ist 
ja auch toricht, einem Kaufmann, den man mit 1000 Mark oder 10 000 
Mark vor dem Untergang retten konnte, zu sagen: Nein, dann wiirde ja 
deine Bilanz verandert werden. — Gerade das muB uns drangen, dem 
Menschen zu helfen. Ich helfe ihm, weil ich weiB, daB im karmischen 
Zusammenhange nichts ohne Wirkung ist. Das sollte uns ein Ansporn 
sein fur ein wirkliches Handeln. 

Von vielen Leuten wird vom Gesichtspunkte des Christentums aus das 
Gesetz des Karma bestritten. Die Theologen sagen: Das Christentum 
kann das Karmagesetz nicht anerkennen, denn wenn dieses richtig ware, 
konnte es niemals das Prinzip des stellvertretenden Todes zulassen. — 
Aber es gibt auch Theosophen, die sagen, das Karmagesetz stande in Wi- 
derspruch mit dem Erlosungsprinzip. Sie sagen, sie konnten diese Hilfe, 
die ein einzelnes Wesen vielen Menschen gibt, nicht anerkennen. Sie ha- 
ben beide unrecht, sie haben das Karmagesetz beide nicht verstanden. 

Nehmen Sie einen elenden Menschen. Sie selbst sind in einer gliick- 
licheren Lage, Sie konnen ihm helfen. Durch diese Hilfe schreiben Sie 
einen neuen Posten in sein Leben ein. Eine noch machtigere Person kann 
zweien Menschen helfen und auf das Karma von zweien einwirken. Ein 
noch Machtigerer kann zehn oder hundert Menschen helfen, und der 
Machtigste kann Ungezahlten helfen. Das widerstrebt durchaus nicht 
dem Prinzip der karmischen Zusammenhange. Gerade durch die Zu- 
verlassigkeit des Karmagesetzes wissen wir, daB diese Hilfe auch wirk- 
lich eingreift in das Schicksal des Menschen. 

Man weiB, daB in der Tat die Menschheit jene Hilfe brauchte, als die 
Christus-Individualitat auf diesen Plan herunterversetzt wurde. Der 
Kreuzes-Tod des Erlosers, des einen Mittelpunktwesens, das war die 
Hilfe, die eingriff in das Karma von Unzahligen. Es gibt keinen Zwie- 
spalt zwischen der richtig verstandenen christlichen Esoterik und der 
richtig verstandenen Geisteswissenschaft. Wir finden einen tiefen Ein- 
klang zwischen den Gesetzen beider und sind durchaus nicht gezwun- 
gen, das Prinzip der Erlosung aufzugeben. 



Wir werden noch tiefer hineingefiihrt in das Karmagesetz, wenn wir 
zur Menschheitsentwickelung sowohl als zur Entwickelung der Erde 
iibergehen. Wir haben einige Tatsachen angefiihrt, die uns zum Ver- 
standnis des Karmagesetzes fiihren sollen. Einiges andere werden wir 
noch besser verstehen, wenn wir zur Menschheitsevolution selber iiber- 
gehen, und zwar nicht nur wahrend der Erde, sondern auch durch die 
anderen Planeten hindurch, die andere Verkorperungen unserer Erde 
sind. Wir werden darin einige Erganzungen fiir das Karmagesetz fin- 
den konnen, indem wir zuruckgefiihrt werden in uralte Zeiten und zu- 
gleich hingewiesen werden auf urferne Zukunft. 

Einleitend wollen wir uns noch mit einer wichtigenTatsache bekannt 
machen. Wir sind uns heute klar geworden, daB das, was wir mit phy- 
sischen Augen sehen konnen am Menschen, sein auBerer physischer 
Leib, ausgebaut wird von den hoheren Gliedern der Menschennatur, 
daB sein Ich, Astral- und Atherleib und so weiter bis Zum hochsten 
Glied, Atma, arbeiten an unserem Korper. Die Teile desselben, wie sie 
heute im Menschen sind, sind nicht gleichwertig, sondern sie haben 
einen verschiedenen Wert in der menschlichen Natur. Man braucht nur 
eine ziemlich triviale Betrachtung zu machen, um einzusehen, daB un- 
ser physischer Leib im Grunde der vollkommenste Teil unserer Natur 
ist. Man nehme zum Beispiel einen Teil des Oberschenkelknochens. 
Das ist kein kompakter fester Knochen, sondern ein kunstvoll wie aus 
hin- und hergehenden Balken konstruierter Teil. Wer nicht nur mit dem 
Verstande, sondern mit Empfindung diesen Teil betrachtet, der wird 
in Bewunderung geraten iiber die Weisheit, die da geschaffen hat, die 
nicht mehr Material verwendet hat, als notwendig ist, um nach dem 
Prinzip des kleinsten KraftmaBes den Oberkorper zu tragen. Keine In- 
genieurkunst, die eine Briicke bauen will, ist so weit wie jene Weisheit, 
die in der Natur so etwas zustande gebracht hat. 

Wenn man nicht nur mit dem Blick des Anatomen und Physiologen 
das menschliche Herz erforscht, wird man in demselben einen Aus- 
druck hoher Weisheit finden. Glauben Sie nicht, daB der Astralleib 
des Menschen in seiner Art heute schon so weit ist wie das physische 
Menschenherz. Das Herz ist kunstvoll und weisheitsvoll gebaut; der 
Astralleib in seiner Begierde veranlaBt den Menschen, jahrzehntelang 



lauter Herzgift in sich hineinzugieBen, und das Herz halt dem jahr- 
zehntelang stand. Erst auf einer zukiinftigen Entwickelungsstufe wird 
auch der Astralleib so weit sein wie heute der physische Leib, und zwar 
wird er dann viel, viel hoher stehen als der physische Leib. Heute ist 
dieser der vollkommenste, weniger vollkommen ist der Ather-, und 
noch weniger der Astralleib, und das Baby unter den Leibern ist das Ich. 

Der physische Leib, so wie er heute vor uns steht, ist das alteste Glied 
der Menschennatur. An ihm ist am langsten gearbeitet worden. Erst als 
er eine bestimmte Stufe im Laufe der Entwickelung erreicht hatte, 
wurde er durchzogen vom Atherleib. Nachdem diese beiden eine Zeit- 
lang zusammengewirkt hatten, trat der Astralleib hinzu und erst zu- 
letzt das Ich, das aber in der Zukunft ungeahnte Hohen in der Ent- 
wickelung erlangen wird. 

Ebenso wie der Mensch sich wiederholentlich verkorpert, so hat auch 
unsere Erde Verkorperungen durchgemacht und wird noch weitere 
durchmachen. Der Gang der Reinkarnation vollzieht sich durch den 
ganzen Kosmos hindurch. Unsere Erde ist in ihrer heutigen Gestalt die 
Wiederverkorperung friiherer Planeten, und wir konnen auf drei der- 
selben blicken. 

Unsere Erde war, ehe sie Erde wurde, das, was man im Okkultismus 
— nicht in der Astronomie — Mond nennt. Der heutige Mond ist gleich- 
sam eine Schlacke, die als nicht brauchbar hinausgeworfen worden ist. 
Wenn wir Erde und Mond mit alien Substanzen und Wesenheiten zu- 
sammenriihren konnten, dann bekamen wir das, was wir den Vorgan- 
ger der Erde nennen, den okkulten Mond, und was heute als Erde zu- 
riickgeblieben ist, ist der nach dem Abwerfen der Schlacke stehenge- 
bliebene Rest des Mondes. 

So wie der jetzige Mond ein hinausgeworfener Rest der alten Mon- 
desverkorperung ist, so ist die Sonne, die am Himmel steht, etwas, was 
hervorgegangen ist aus einem noch friiheren Zustand der Erde. Bevor 
die Erde Mond wurde, war sie, wie wir im Okkultismus sagen, selbst 
Sonne, und diese Sonne bestand aus alien Substanzen und Wesenheiten, 
die heute Sonne, Mond und Erde bilden. Diese Sonne entledigte sich 
der Glieder, die sie als hoherer Korper nicht behalten konnte, der Sub- 
stanzen und Wesenheiten, die heute Erde und Mond bilden, und da- 



durch wurde sie Fixstern. Ein soldier ist fiir den Okkultisten nicht 
etwas, was immer schon ein Fixstern war. Die Sonne ist erst zum Fix- 
stern geworden, nachdem sie Planet gewesen war. 

Die Sonne, die man heute erblickt, die einst mit der Erde vereint war, 
hat in sich viele Wesenheiten aufgenommen, die hoherstanden als die 
Erdenwesenheiten, ebenso wie der Mond, den man sieht, die schlechte- 
sten Teile bekommen hat und daher eine ausgeworfene Schlacke ist. 
Der Mond ist ein herabgekommener, die Sonne ein heraufgestiegener 
Planet. 

Dem Sonnendasein ging noch ein anderes Dasein voran, das 
Saturndasein. So haben wir vier aufeinanderfolgende Verkorperun- 
gen der Erde: Saturn, Sonne, Mond, und als vierte die Erde. Als 
der Menschenvorfahr auf dem Saturn sich entwickelte, war in ihm 
nur das Prinzip des physischen Leibes. Auf der Sonne gesellte sich 
dazu der Atherleib, auf dem Monde der Astralleib und hier auf 
der Erde das Ich. 

Aus dem Vortrage «Blut ist ein ganz besonderer Saft» werden Sie 
wissen, wie das Ich in intimster Weise zum Blut steht. Dieses Blut war 
nicht in einem Menschenleibe, bevor sich ein Ich verkorperte, so daB 
dieses rote Menschenblut mit der Entwickelung der Erde selbst zusam- 
menhangt. Es hatte sich gar nicht bilden konnen, wenn nicht die Erde 
im Gang ihrer Entwickelung mit einem anderen Planeten zusammen- 
getroffen ware: mit dem Mars. Vorher hatte die Erde kein Eisen, gab es 
kein Eisen im Blut; es gab iiberhaupt nicht solches Blut, von dem der 
Mensch heute abhangig ist. In der ersten Halfte des Erdendaseins ist 
das MaBgebende fiir die Erdenentwickelung der EinfluB des Planeten 
Mars, ebenso wie es fiir die zweite Halfte der EinfluB des Planeten 
Merkur ist. Der Mars hat der Erde das Eisen gegeben, und der Merkur- 
EinfluB zeigt sich auf der Erde dadurch, daB er die Menschenseele im- 
mer freier macht, so daB sie immer unabhangiger werden kann. Man 
faBt daher im Okkultismus die Erdenentwickelung so auf, daB man 
von zwei Halften derselben spricht, von der Marshalfte und der Mer- 
kurhalfte. Wahrend die iibrigen Namen einen ganzen Planeten bezeich- 
nen, wird die Erdenentwickelung ausgesprochen als «Mars-Merkur». 
Man bezeichnet mit diesem Mars und Merkur nicht die heutigen Sterne, 



sondern eben das, was in der ersten und zweiten Halfte diese bezeich- 
nenden Einflusse ausiibt. 

In der Zukunft wird die Erde sich verkorpern in einem neuen Pla- 
neten, den man Jupiter nennt. Dann wird der Astralleib so weit sein, 
daB er sich nicht mehr wie ein Feind dem physischen Leib entgegen- 
stellt, wie es heute der Fall ist, doch wird er noch nicht auf der hoch- 
sten Stufe angelangt sein. So weit wie der physische wird dann der 
Atherleib sein. Der wird dann drei Planetenentwickelungen hinter sich 
haben wie heute der physische Leib. 

Der Astralleib wird auf der darnach folgenden Verkorperung so weit 
sein wie heute der physische Leib; er wird dann hinter sich haben die 
Mond-, Erden- und Jupiterentwickelung und wird angelangt sein in 
der Venusentwickelung. Auf der letzten Verkorperung, dem Vulkan, 
wird das Ich seine hochste Entwickelung erlangt haben. So werden die 
kunftigen Verkorperungen der Erde sein: Jupiter, Venus, Vulkan. 

Diese Bezeichnungen finden sich wieder in den Wochentagen. Es gab 
eine Zeit, wo die Namengebung fur die Tatsachen, die uns umgeben, 
ausging von den Eingeweihten. Heute hat man kein inneres Gefuhl 
mehr fur die Zusammengehorigkeit der Namen mit den Dingen. Die 
Namen der Wochentage sollten den Menschen eine Erinnerung sein an 
ihren Werdegang durch die Entwickelungszustande der Erde. 

Fangen wir anbeim Sonnabend: Saturntag, englisch Saturday. Dann 
Sonntag: Sonnentag. Montag: Mondtag. Dann Mars und Merkur, die 
zwei Zustande unserer Erde: Mars-Tag — Dienstag, auf altgermanisch 
Ziu- oder Dinstag, und franzosisch Mardi, italienisch Martedi. Mitt- 
woch: der Merkurs-Tag, italienisch Mercoledi, franzosisch Mercredi. 
Merkur ist dasselbe wie Wotan. Tacitus spricht vom Wotanstag; im 
Englischen noch jetzt Wednesday. Dann der Jupitertag: Jupiter ist der 
deutsche Donar, daher der deutsche Donnerstag, franzosisch Jeudi, 
italienisch Giovedi. Dann der Venus-Tag; Venus, die deutsche Freia: 
Freitag, franzosisch Vendredi und italienisch Venerdi. 

So haben wir in der Aufeinanderfolge der Wochentage ein Erinne- 
rungszeichen an den Werdegang der Erde durch ihre verschiedenen 
Verkorperungen hindurch. 



ACHTER VORTRAG 
Miinchen, 1. Juni 1907 



Die verschiedenen Verkorperungen unseres Planeten wollen wir jetzt 
einmal der Reihe nach betrachten. Wir miissen uns dabei durchaus die 
Vorstellung bilden, daB dies Verkorperungen unseres Erdenplaneten 
waren, also die Zustande der Erde, als sie einst Saturn, Sonne, Mond 
war, und wir miissen uns vorstellen, daB diese Verkorperungen fur die 
Bildung der Wesen, besonders des Menschen, notwendig waren, daB 
des Menschen eigene Entwicklung mit der Entwickelung der Erde 
innig zusammenhangt. Wir werden aber nur dann einen richtigen Be- 
griff davon bekommen, was da geschehen ist, wenn wir uns einen Ge- 
danken dariiber bilden, wie in bezug auf gewisse Eigenschaften sich 
das, was wir heute als Menschen, als uns, erkennen, im Laufe der Ent- 
wickelung verandert hat, und zwar wollen wir zuerst die Veranderun- 
gen betrachten, die sich mit dem Menschen in bezug auf seine BewuBt- 
seinszustande vollzogen haben. Alles, alles hat sich in der Welt ent- 
wickelt, auch unser BewuBtsein hat sich entwickelt. Das BewuBtsein, 
das der Mensch heute hat, hat er nicht immer gehabt; das ist erst nach 
und nach so geworden, wie es heute ist. 

Unser heutiges BewuBtsein nennen wir das GegenstandsbewuBtsein 
oder das wache TagesbewuBtsein. Sie alle kennen es als das, was Ihnen 
eigen ist vom Morgen, wenn Sie aufwachen, bis abends, wenn Sie ein- 
schlafen. Machen wir uns klar, worin es besteht. Es besteht darin, daB 
der Mensch seine Sinne in die AuBenwelt richtet und Gegenstande 
wahrnimmt; deshalb nennen wir es GegenstandsbewuBtsein. Der 
Mensch schaut in die Umgebung hinein und schaut mit seinen Augen 
gewisse Gegenstande im Raum, die von Farben umgrenzt sind. Er hort 
mit dem Ohr hinaus und vernimmt, daB Gegenstande im Raum sind, 
die tonen, die Schall verbreiten. Er beriihrt mit seinem Tastsinn die 
Gegenstande, findet sie warm oder kalt, er riecht, er schmeckt Gegen- 
stande. Das, was er so mit seinen Sinnen wahrnimmt, dariiber denkt er 
nach. Er wendet seine Vernunft dazu an, diese verschiedenen Gegen- 
stande zu begreifen, und aus diesen Tatsachen der Sinneswahrnehmun- 



gen und des Begreifens derselben mit unserem Verstande setzt sich das 
wache TagesbewuBtsein, wie der Mensch es heute hat, zusammen. Die- 
ses BewuBtsein hat der Mensch nicht immer gehabt, es hat sich erst ent- 
wickelt, und er wird es nicht immer so haben, sondern er wird aufstei- 
gen zu hoheren BewuBtseinszustanden. 

Wir konnen uns zunachst mit den Mitteln, die uns der Okkultismus 
verleiht, sieben BewuBtseinszustande iiberblicken, von denen unser 
heutiges BewuBtsein das mittlere ist. Drei vorhergehende und drei 
nachfolgende konnen wir iiberblicken. Mancher wird sich dariiber 
wundern, daB wir gerade so schon in der Mitte stehen. Das kommt da- 
her: Dem ersten Zustande gehen andere voran, die sich unseren Blicken 
entziehen, dem siebenten folgen andere nach, die sich unserer Betrach- 
tung ebenso entziehen. Wir sehen eben nach hinten so weit wie nach 
vorn. Wiirden wir um eines zuriickstehen, so wiirden wir nach hinten 
eines mehr erblicken und nach vorn eines weniger, geradeso, wie Sie 
hinausgehen aufs Feld und links so weit sehen konnen wie rechts. 

Diese sieben BewuBtseinszustande sind folgende. Zuerst ein sehr 
dumpfer, tiefer BewuBtseinszustand, den der Mensch heute kaum mehr 
kennt. Nur besonders medial veranlagte Menschen konnen heute noch 
diesen BewuBtseinszustand haben, den einst auf dem Saturn alle Men- 
schen hatten. Solche medial Veranlagte konnen in einen Zustand kom- 
men, den auch der moderne Psychologe kennt. Das wache Tagesbe- 
wuBtsein und auch noch andere BewuBtseinszustande sind bei ihnen 
eingeschlafert; sie sind wie tot. Dann aber, wenn sie in der Erinnerung 
oder auch wahrend des Zustandes dasjenige zeichnen oder schildern, 
was sie dort erlebt haben, dann bringen sie ganz eigentumliche Erleb- 
nisse zutage, die sich nicht um uns herum abspielen. Sie entwerfen aller- 
lei Zeichnungen, die, wenn sie auch grotesk und verzerrt sind, doch 
ubereinstimmen mit dem, was wir in der Geisteswissenschaft bezeich- 
nen als Kosmoszustande. Sie sind oft durchaus nicht richtig, aber sie 
haben doch etwas, woran man erkennen kann, daB solche Wesen wah- 
rend dieses herabgedammerten Zustandes ein dumpfes, aber ein univer- 
selles BewuBtsein haben. Sie sehen Weltkorper und daher zeichnen sie 
solche. 

Solches BewuBtsein, das dumpf ist, dafiir aber eine Allwissenheit 



darstellt in unserem Kosmos, hat der Mensch einstmals auf der ersten 
Verkorperung unserer Erde gehabt. Man nennt es tiefes TrancebewuBt- 
sein. Es gibt Wesen in unserer Umgebung, die solches BewuBtsein noch 
jetzt haben; das sind die Mineralien. Konnten Sie mit ihnen sprechen, 
so wiirden diese Mineralien Ihnen sagen, wie es auf dem Saturn zugeht. 
Nur ist dieses BewuBtsein ganz dumpf. 

Der zweite BewuBtseinszustand, den wir kennen, oder vielmehr 
nicht kennen, weil wir dann schlafen, ist der des gewohnlichen Schla- 
fes. Dieser BewuBtseinszustand ist nicht so umfassend, aber trotzdem er 
noch sehr dumpf ist, ist er doch im Verhaltnis zum ersten schon hell. 
Dieses SchlafbewuBtsein hatten einst alle Menschen dauernd, als die 
Erde Sonne war. Damals hat der Menschenvorfahr fortwahrend ge- 
schlafen. Auch heute gibt es noch diesen BewuBtseinszustand: die 
Pflanzen haben ihn. Sie sind Wesen, die unausgesetzt schlafen, und sie 
konnten uns, wenn sie sprechen konnten, erzahlen, wie es auf der Sonne 
zugeht, weil sie SonnenbewuBtsein haben. 

Der dritte Zustand, der immer noch dammerhaft und dumpf ist im 
Verhaltnis zu unserem TagesbewuBtsein, ist der des BilderbewuBtseins, 
und davon haben wir schon einen deutlichen Begriff, weil wir einen 
Nachklang im traumerfullten Schlafe erleben, allerdings nur ein Rudi- 
ment von dem, was auf dem Monde das BewuBtsein aller Menschen 
war. Es wird gut sein, vom Traum auszugehen, um ein Bild des Mon- 
denbewuBtseins zu bekommen. 

Im Traumleben finden wir zwar etwas Verwirrendes, Chaotisches, 
aber bei genauerer Beobachtung bietet diese Verwirrung doch eine 
intime GesetzmaBigkeit. Der Traum ist ein merkwiirdiger Symboliker. 
In meinen Vortragen habe ich oft schon die folgenden Beispiele ange- 
fiihrt, die alle dem Leben entnommen sind: Sie traumen, Sie laufen 
einem Laubfrosch nach, um ihn zu fangen, Sie spiiren den weichen 
glatten Korper; Sie wachen auf und haben den Zipfel des Bett-Tuches 
in Ihrer Hand. Hatten Sie ihr WachbewuBtsein angewendet, so hatten 
Sie gesehen, wie Ihre Hand die Bettdecke erfaBt. Das TraumbewuBt- 
sein gibt Ihnen ein Symbol der auBeren Handlung, es formt ein Sinn- 
bild aus dem, was unser TagesbewuBtsein als Tatsache sieht. 

Ein anderes Beispiel. Ein Student traumt, er stande an der Tiir im 



Horsaal. Da wird er angerempelt, wie man in der Studentensprache es 
nennt. Daraus entsteht eine Forderung. Er erlebt nun alle Einzelheiten, 
bis er, von seinem Sekundanten und dem Arzt begleitet, zum Duell gent 
und der erste SchuB losgeht. In diesem Augenblicke wacht er auf und 
sieht, daB er den Stuhl vor seinem Bett umgestoBen hat. Im Wachbe- 
wuBtsein hatte er diesen Fall einfach gehort; der Traum symbolisiert 
ihm diese prosaische Handlung durch die Dramatik des Duells. Und 
Sie sehen auch, daB die Zeitverhaltnisse ganz andere sind, denn in dem 
einzigen Augenblick, als der Stuhl fiel, ist ihm das ganze Drama durch 
den Kopf geschossen. Alles, was Vorbereitung war, hat sich in einem 
Moment abgespielt. Der Traum hat die Zeit nach riickwarts verlegt, er 
gehorcht nicht den Verhaltnissen der Welt, er ist ein Zeitbildner. 

Nicht nur auBere Ereignisse konnen sich so symbolisieren, sondern 
auch innere Vorgange des Leibes. Der Mensch traumt, er sei in einem 
Kellerloch, widrige Spinnen kriechen auf ihn zu. Er wacht auf und 
empfindet Kopfschmerz. Die Schadeldecke hat sich da in dem Keller- 
loch symbolisiert, der Schmerz in den haBlichen Spinnen. 

Der Traum des heutigen Menschen symbolisiert Ereignisse, die im 
Innern und drauBen sind. Aber so war es nicht, als dieser dritte BewuBt- 
seinszustand derjenige des Menschen auf dem Monde war. Damals lebte 
der Mensch in lauter solchen Bildern wie im heutigen Traum, aber sie 
driickten Wirklichkeiten aus. Sie bedeuteten genauso eine Wirklichkeit, 
wie heute die blaue Farbe eine Wirklichkeit bedeutet. Nur schwebte 
damals die Farbe im Raume frei, sie war nicht an den Gegenstanden. 
In dem damaligen BewuBtsein hatte der Mensch nicht sich auf die 
StraBe begeben konnen wie heute, von feme einen Menschen sehen, ihn 
anschauen, sich ihm nahern konnen, denn solche Formen von Wesen, 
die eine Farbe haben an ihrer Oberflache, hatte der Mensch damals 
nicht wahrnehmen konnen, ganz abgesehen davon, daB der Mensch 
damals nicht so gehen konnte, wie es der heutige Mensch tut. Aber neh- 
men wir an, der Mensch ware damals auf dem Monde einem andern 
begegnet: da ware ein frei schwebendes Form- und Farbenbild vor ihm 
aufgestiegen; sagen wir, ein haBliches, dann ware der Mensch auf die 
Seite gegangen, um ihm nicht zu begegnen, oder ein schemes, dann hatte 
er sich ihm genahert. Das haBliche Farbenbild hatte ihm angezeigt, daB 



der andere ein unsympathisches Gefiihl gegen ihn habe, das schone, daB 
der andere ihn liebe. 

Nehmen wir an, es hatte auf dem Monde Salz gegeben. Wenn heute 
Salz auf dem Tische stent, so sehen Sie es, wie es im Raume ist, als Ge- 
genstand, kornig, mit bestimmter Farbe. So ware es damals nicht 
gewesen. Auf dem Monde wiirden Sie das Salz nicht haben sehen kon- 
nen, aber frei schwebend ware von der Stelle, wo das Salz gewesen 
ware, ausgegangen ein Form- und Farbenbild, und dieses Bild hatte 
Ihnen angezeigt, daB das Salz etwas Niitzliches ist. So war das ganze 
BewuBtsein ausgefiillt mit Bildern, mit schwebenden Farben und For- 
men. In einem solchen Form- und Farbenmeere lebte der Mensch, aber 
diese Farben- und Formenbilder bedeuteten das, was um den Menschen 
vorging, vor allem die seelischen Dinge und was auf das Seelische 
Bezug hatte, was ihm zutraglich oder schadlich war. So orientierte sich 
der Mensch in der richtigen Weise iiber die Dinge um ihn herum. 

Dieses BewuBtsein hat sich, als der Mond sich zur Erde heriiberver- 
korperte, in unser heutiges TagesbewuBtsein verwandelt, und nur ein 
Uberbleibsel ist geblieben im Traum, wie ihn der heutige Mensch hat, 
ein Rudiment, wie ja auch von anderen Dingen Rudimente geblieben 
sind. Sie wissen, daB zum Beispiel in der Nahe des Ohres gewisse 
Muskeln sind, die heute zwecklos erscheinen. Friiher hatten sie ihren 
Sinn. Sie dienten dazu, die Ohren willkiirlich zu bewegen. Heute gibt es 
nur wenige Menschen, die das konnen. 

So finden sich auch im Menschen Zustande, die als letzter Rest einer 
einst sinnvollen Einrichtung geblieben sind. Trotzdem sie aber heute 
nichts mehr bedeuten, diese Bilder, damals bedeuteten sie die AuBen- 
welt. Auch heute haben Sie dieses BewuBtsein noch bei all denjenigen 
Tieren — beachten Sie es wohl! — , die nicht aus ihrem Inneren heraus 
einen Ton entfalten konnen. Es besteht namlich im Okkultismus eine 
viel richtigere Einteilung der Tiere als in der auBeren Naturwissen- 
schaft, namlich in innerlich tonlose und solche, die von innen heraus 
tonen konnen. Sie finden freilich bei manchen niederen Tieren, daB sie 
einen Ton entfalten, aber das geschieht dann auf mechanische Weise, 
durch Reiben und so weiter, nicht von innen heraus. Selbst die Frosche 
erzeugen den Ton nicht von innen. Erst die hoheren Tiere, die damals 



entstanden sind, als der Mensch im Tone ausleben konnte sein Leid und 
seine Freude, erst sie haben mit dem Menschen die Moglichkeit bekom- 
men, durch Laute und Schreie ihren Schmerz und ihre Lust zum Aus- 
druck zu bringen. Alle Tiere, die nicht von innen heraus tonen, haben 
noch solches BilderbewuBtsein. Es ist nicht so, daB niedere Tiere die 
Bilder in solchen Begrenzungen sehen wie wir. Wenn irgendein niederes 
Tier, zumBeispiel der Krebs, ein Bild wahrnimmt, das einen bestimmten 
haBlichen Eindruck macht, so weicht er aus. Er sieht die Gegenstande 
nicht, aber die Schadlichkeit sieht er in einem abstoBenden Bilde. 

Der vierte BewuBtseinszustand ist der, den jetzt alle Menschen 
haben. Die Bilder, die der Mensch friiher im Raume als Farbenbilder 
frei schwebend wahrgenommen hat, legen sich gleichsam um die Gegen- 
stande. Sie sind, mochte man sagen, ihnen iibergestulpt. Sie bilden die 
Grenzen der Dinge. Sie erscheinen an den Dingen, wahrend sie friiher 
frei schwebend erschienen. Dadurch sind sie der Ausdruck der Form 
geworden. Das, was der Mensch friiher in sich hatte, ist hinausgetreten 
und hat sich an die Gegenstande geheftet. Dadurch ist er zu seinem heu- 
tigen wachen TagesbewuBtsein gekommen. 

Wir wollen jetzt etwas anderes betrachten. Wir haben schon gesagt, 
daB auf dem Saturn vorbereitet wurde des Menschen physischer Leib. 
Auf der Sonne kam dazu der Ather- oder Lebensleib, durchdrang ihn 
und arbeitete an ihm. Er nahm das, was der physische Leib schon ge- 
worden war, an sich und arbeitete es weiter aus. Auf dem Mond kam 
hinzu der Astralleib; der veranderte wieder die Gestalt des Leibes. Auf 
dem Saturn war dieser physische Leib sehr einfach. Auf der Sonne war 
er schon viel komplizierter, denn jetzt arbeitete der Atherleib daran 
und machte ihn vollkommener. Auf dem Mond kam der Astralleib hin- 
zu, und auf der Erde kam das Ich hinzu und machte ihn noch vollkom- 
mener. Damals, als der physische Leib auf dem Saturn war, als noch 
kein Atherleib eingedrungen war, da waren all diejenigen Organe, die 
heute darin sind, noch nicht in ihm, denn es fehlten Blut und Nerven, 
es waren auch noch keine Driisen da. Damals hatte der Mensch, zwar 
nur in der Anlage, bloB diejenigen Organe, die heute die vollkommen- 
sten sind und die Zeit gehabt haben, zu ihrer heutigen Vollkommenheit 
aufzuriicken: das sind die wundervoll gebauten Sinnesorgane. 



Dieser wundervolle Bau des menschlichen Auges, dieser wunderbare 
Apparat des menschlichen Ohres, alles das hat erst heute seine Voll- 
kommenheit erlangt, weil es aus der Saturnmasse herausgebildet wurde, 
und Atherleib, Astralleib und Ich daran gearbeitet haben. So auch der 
Kehlkopf. Er war auf dem Saturn schon veranlagt, aber sprechen 
konnte der Mensch da noch nicht. Auf dem Mond begann er unarti- 
kulierte Tone und Schreie hinauszusenden, aber erst durch die beschrie- 
bene lange Arbeit wurde der Kehlkopf der vollkommene Apparat, wie 
er heute auf der Erde ist. Auf der Sonne, wo der Atherleib eingefugt 
wurde, wurden diese Sinnesorgane weiter ausgebildet, und es kamen 
alle diejenigen Organe hinzu, die vorzugsweise Absonderungs- und 
Lebensorgane sind, die der Ernahrung und dem Wachstum dienen. Sie 
sind zuerst wahrend des Sonnendaseins veranlagt worden. Dann hat 
der Astralleib weitergearbeitet wahrend des Mondendaseins, das Ich 
wahrend des Erdendaseins; so sind die Driisen, die Organe des Wachs- 
tums und so weiter zu ihrer heutigen Vollkommenheit herangereift. 
Dann wurde auf dem Monde durch die Eingliederung des Astralleibes 
zuerst das Nervensystem veranlagt. Das war damals, als der Mensch 
das BilderbewuBtsein hatte. Das aber, was den Menschen fahig machte, 
ein GegenstandsbewuBtsein zu entwickeln, was ihn zugleich fahig 
machte, von innen hinauszutonen seine Lust und sein Leid, das Ich, das 
bildete im Menschen sein Blut. 

So ist das ganze Universum der Erbauer der Sinnesorgane. So ist 
alles, was Driisen, Fortpflanzungs- und Ernahrungsorgane sind, durch 
den Lebensleib gebildet. So ist der Astralleib der Erbauer des Nerven- 
systems und das Ich der Eingliederer des Blutes. Es gibt eine Erschei- 
nung, die man als Blutarmut oder Bleichsucht bezeichnet. Da kommt 
das Blut in einen Zustand, wo es nicht vermag, das WachbewuBtsein 
festzuhalten. Solche Personen kommen oft in ein dammerhaftes Be- 
wuBtsein gleich demjenigen auf dem Monde. 

Jetzt wollen wir die drei BewuBtseinszustande betrachten, die noch 
folgen. Man kann fragen: Wie ist es moglich, heute schon etwas davon 
zu wissen? — Es ist moglich durch die Einweihung. Der Eingeweihte 
kann diese BewuBtseinszustande in der Vorausnahme schon heute 
haben. Der nachste BewuBtseinszustand, den der Eingeweihte kennt, 



ist der sogenannte psychische, ein BewuBtseinszustand, in dem man 
beides zusammen hat, das BilderbewuBtsein und das wache Tagesbe- 
wuBtsein. Bei diesem psychischen BewuBtsein sehen Sie den Menschen 
so wie im wachen TagesbewuBtsein in seinen Grenzen und Formen, 
aber Sie sehen zu gleicher Zeit das, was in seiner Seele lebt, ausstromen 
als Farbwolken und Bilder in dem, was wir die Aura nennen. Und Sie 
gehen dann nicht wie der Mondenmensch im traumhaften Zustande 
durch die Welt, sondern in vollstandiger Selbstkontrolle, wie der heutige 
Mensch des wachen TagesbewuBtseins. Die ganze Menschheit wird auf 
dem Planeten, der unsere Erde ablost, dieses psychische oder seelische 
BewuBtsein haben, das JupiterbewuBtsein. 

Dann gibt es noch einen sechsten BewuBtseinszustand, den auch einst 
der Mensch haben wird. Der wird vereinigen das heutige wache Tages- 
bewuBtsein, das, was der Eingeweihte nur als psychisches BewuBtsein 
kennt, und dazu noch alles, was heute der Mensch verschlaft. Tief, tief 
hineinsehen wird der Mensch in die Natur der Wesenheiten, wenn er in 
diesem BewuBtsein lebt, dem BewuBtsein der Inspiration. Der Mensch 
wird nicht nur wahrnehmen in Farbenbildern und Formen, er wird die 
Wesenheit des andern tonen und klingen horen. Jede Menschenindivi- 
dualitat wird einen gewissen Ton haben, und das alles wird zusammen- 
klingen zu einer Symphonic Das wird das BewuBtsein des Menschen 
sein, wenn unser Planet in den Zu stand der Venus ubergegangen sein 
wird. Dort wird er die Spharenharmonie erleben, die Goethe in seinem 
Prolog zum «Faust» beschreibt: 

Die Sonne tont nach alter Weise 

In Bruderspharen Wettgesang 

Und ihre vorgeschriebne Reise 

Vollendet sie mit Donnergang. 
Als die Erde Sonne war, da vernahm der Mensch dammerhaft dieses 
Tonen und Klingen, und auf der Venus wird er es wieder tonen und 
klingen horen «nach alter Weise». Sogar bis auf dieses Wort hat Goethe 
das Bild beibehalten. 

Der siebente BewuBtseinszustand ist das spirituelle BewuBtsein, das 
eigentlich hochste BewuBtsein, wo der Mensch AllbewuBtsein hat, wo 
er das sehen wird, was nicht nur auf seinem Planeten, sondern was in 



der ganzen kosmischen Nachbarschaft vorgeht; jenes BewuBtsein, das 
der Mensch auf dem Saturn hatte, das ja ganz dumpf, aber doch eine 
Art AllbewuBtsein war. Das wird er zu all den iibrigen BewuBtseinszu- 
standen haben, wenn er auf dem Vulkan angekommen sein wird. 

Das sind die sieben BewuBtseinszustande des Menschen, die er durch- 
machen muB auf seinem Wandelgange durch den Kosmos, und eine jede 
Verkorperung der Erde stellt die Bedingungen her, durch die solche 
BewuBtseinszustande moglich sind. Nur dadurch, daB auf dem Mond 
veranlagt worden ist das Nervensystem, das sich weiterentwickelt hat 
zu dem heutigen Gehirn, ist das heutige wache TagesbewuBtsein mog- 
lich geworden. Solche Organe miissen geschaffen werden, durch die 
sich die hoheren BewuBtseinszustande auch physisch ausleben konnen, 
wie sie der Eingeweihte heute schon geistig erlebt. 

DaB der Mensch durch solche sieben planetarische Zustande durch- 
gehen kann, das ist der Sinn der Entwickelung. Eine jede planetarische 
Verkorperung ist verbunden mit der Entwickelung einer der sieben Be- 
wuBtseinszustande des Menschen, und durch das, was auf einem jeden 
Planeten vorgeht, bilden sich die physischen Organe aus fur einen sol- 
chen BewuBtseinszustand. Sie werden ein hoherentwickeltes Organ, 
ein psychisches Organ, auf dem Jupiter haben. Auf der Venus wird ein 
Organ vorhanden sein, wodurch der Mensch physisch das BewuBtsein 
wird entwickeln konnen, das heute der Eingeweihte auf dem Deva- 
chanplan hat. Und auf dem Vulkan wird jenes spirituelle BewuBtsein 
vorhanden sein, das der Eingeweihte heute hat, wenn er auf der hoheren 
Partie des Devachan, wenn er in der Vernunftwelt sich befindet. 

Morgen werden wir diese Planeten einzeln durchnehmen, denn wie 
unsere Erde friiher, zum Beispiel in der atlantischen und in der lemuri- 
schen Zeit, anders ausgeschaut hat als heute, und wie sie spater wieder 
anders ausschauen wird, so haben auch Mond, Sonne und Saturn ver- 
schiedene Zustande gehabt, und so werden Jupiter, Venus verschiedene 
Zustande durchmachen. 

Wir haben heute die groBen, umfassenden Kreislaufe der Planeten 
kennengelernt, und wir werden uns morgen mit den Veranderungen 
dieser Planeten beschaftigen, wahrend sie der Schauplatz der Menschen 
waren. 



NEUNTER VORTRAG 
Mimchen, 2. Juni 1907 



Wir werden uns iiber den Gang der Menschheit durch die drei Verkor- 
perungen hindurch, die vor der Erde stattgefunden haben, Saturn, 
Sonne und Mond, am leichtesten verstandigen, wenn wir zur Ergan- 
zung den Menschen noch einmal im Schlaf, im Traum betrachten. Wenn 
der Mensch schlaft, sehen wir als Seher den Astralleib und das in dem- 
selben eingeschlossene Ich wie schwebend iiber dem physischen Leibe. 
Dieser Astralleib ist dann auBerhalb des physischen und Atherleibes, 
aber bleibt mit ihnen verbunden. Er sendet gleichsam Faden, besser 
gesagt Stromungen in den allgemeinen Leib des Kosmos und ist gleich- 
sam in denselben hineingesenkt. So daB wirbeim schlafenden Menschen 
den physischen, den atherischen und den astralischen Leib haben, aber 
dieser letztere streckt Fiihlfaden aus nach der groBen astralischen Kor- 
perlichkeit. 

Wenn wir uns diesen Zustand dauernd denken, wenn hier auf dem 
physischen Plan nur Menschen waren, welche den physischen Leib mit 
dem Atherleib durchsetzt hatten und oben dariiber schwebend eine 
astralische Seele mit dem Ich, dann wiirden wir den Zustand haben, in 
dem die Menschheit auf dem Monde war. Nur daB auf dem Mond die- 
ser astralische Leib nicht stark getrennt war von dem physischen Leib, 
sondern ebenso stark, wie er sich hin ausstreckte in den Kosmos, ebenso 
stark senkte er sich hinein in den physischen Leib. Wenn Sie sich aber 
den Zustand denken ganz so, wie er heute im Schlafe ist, doch so, daB 
nicht einmal ein Traumen moglich ist, dann haben Sie den Zustand, in 
dem die Menschheit auf der Sonne war. Und wenn Sie sich jetzt vor- 
stellen, daB der Mensch gestorben ist, daB auch sein Atherkorper, ver- 
bunden mit dem Astralleib und dem Ich, heraus ist, aber so, daB die 
Verbindung doch nicht ganz gelost ist, daB das, was heraus ist, was ein- 
gebettet ist in die umliegende kosmische Masse, seine Strahlen hinun- 
tersendet und arbeitet an der physischen Leiblichkeit, dann haben Sie 
den Zustand, den die Menschheit auf dem Saturn hatte. Unten auf der 
Weltkugel des Saturn war nur das enthalten, was in unserer rein physi- 



schen Leiblichkeit ist; umgeben war sie gleichsam von einer atherisch- 
astralischen Atmosphare, in welcher eingebettet waren die Iche. 

Die Menschen waren tatsachlich schon vorhanden auf dem Saturn, 
aber in einem dumpfen, dumpfen BewuBtsein. Diese Seelen hatten die 
Aufgabe, regsam und in Tatigkeit zu erhalten etwas, was drunten zu 
ihnen gehorte. Sie arbeiteten von oben an ihrem physischen Leibe. Wie 
eine Schnecke, die sich ihr Gehause bearbeitet, ebenso schaffen sie von 
auBen, wie ein Instrument, an den leiblichen Organen. Wir wollen 
beschreiben, wie dasjenige aussah, an dem die Seelen oben arbeiteten. 
Wir haben diesen physischen Saturn, diesen Saturn iiberhaupt, ein 
wenig zu beschreiben. 

Ich habe schon gesagt, das, was an der physischen Leiblichkeit 
dort ausgebildet wurde, waren die Anlagen der Sinnesorgane. Was 
als Sinnesanlage im Menschen lebte, bearbeiteten die Seelen auBer- 
lich auf der Saturn-Oberflache. Sie waren wirklich in dem den Saturn 
umgebenden Weltenraum, unten war ihre Werkstatte. Da arbeiteten 
sie die Typen fur Augen und Ohren und fur die anderen Sinnes- 
organe aus. 

Was war nun die Grundeigenschaft dieser Saturnmasse? Sie ist 
schwer zu bezeichnen, weil wir in unserer Sprache kaum ein Wort ha- 
ben, das dazu paBt, denn unsere Worte sind ja auch ganz materialisiert; 
sie passen nur fur den physischen Plan. Es gibt aber ein Wort, das diese 
feine Arbeit, die da geleistet wurde, ausdriicken kann. Man kann es 
bezeichnen mit dem Ausdruck: sich spiegeln. Die Saturnmasse hatte die 
Eigenschaft, in alien ihren Teilen das, was von auBen als Licht, als 
Ton, als Geruch, als Geschmack herankam, zu spiegeln. Alles wurde 
wieder zuriickgeworfen, man nahm es im Weltenraum gleichsam wahr 
als ein Sich-Spiegeln im Spiegel des Saturn. Man kann es nur damit 
vergleichen, wenn man seinem Nebenmenschen ins Auge blickt und das 
eigene Bildchen uns daraus entgegenschaut. So nahmen sich alle Seelen 
der Menschen wahr, aber nicht nur als Bild in Farben, sondern sie 
schmeckten sich, sie rochen sich, sie nahmen sich in einem bestimmten 
Warmegefiihl wahr. So war der Saturn ein spiegelnder Planet. Die in 
der Atmosphare lebenden Menschen warfen ihre Wesenheiten hinein, 
und aus diesen Bildern, die da entstanden, bildeten sich die Anlagen zu 



den Sinnesorganen, denn es waren Bilder, die schopferisch wirkten. Man 
denke sich vor einem Spiegel stehend, aus dem das eigene Bild einem ent- 
gegentritt, und dieses Bild beginne zu schaffen, sei nicht ein totes Bild 
wie beim heutigen leblosen Spiegel: da hat man die schopferische Tatig- 
keit des Saturn, da hat man die Art und Weise, wie die Menschen selbst 
auf dem Saturn lebten und ihre Arbeit verrichteten. 

Das spielte sich unten auf der Kugel des Saturn ab. Oben die Seelen 
hatten das tiefe TrancebewuBtsein, von dem ich gestern gesprochen 
habe. Sie wuBten nichts von dieser Spiegelung, sie haben es nur getan. 
In diesem dumpfen TrancebewuBtsein hatten sie das ganze kosmische 
All in sich, und so hat sich aus ihrem Wesen heraus das ganze kosmi- 
sche All gespiegelt. Sie selbst aber waren eingebettet in eine Grund- 
substanz geistiger Art. Sie waren nicht selbstandig, sondern nur ein 
Glied der den Saturn umgebenden Geistigkeit. Daher konnten sie nicht 
geistig wahrnehmen. Hohere Geister nahmen wahr mit ihrer Hil
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