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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Theosophie des Rosenkreuzers
Vierzehn Vortrage, gehalten in Miinchen
vom 22. Mai bis 6. Juni 1907
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/ SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann
1. Auflage (Zyklus 2), Berlin 1911
2. Auflage (Zyklus 2), Berlin 1929
3. Auflage Dornach 1951
4. Auflage Dornach 1955
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962
6. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1979
7. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Bibliographie-Nr. 99
Siegelzeichnung auf dem Einband von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1951 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-0990-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortrags veroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
VORBEMERKUNG
Rudolf Steiner schildert in «Mein Lebensgang», wie er um die Jahr-
hundertwende aufgefordert wurde, vor Mitgliedern der «Theosophi-
schen Gesellschaft» Vortrage zu halten. «Ich erklarte, da6 ich aber nur
iiber dasjenige sprechen konne, was in mir als Geisteswissenschaftlebt.»
Innerhalb der bald nach Beginn dieser Vortrage gegriindeten «Deut-
schen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» «konnte ich nun vor
einer sich immer vergroBernden Zuhorerschaft meine anthroposophi-
sc'he Tatigkeit entfalten. Niemand blieb im Unklaren daruber, da6 ich
in der Theosophischen Gesellschaft nur die Ergebnisse meines eigenen
forschenden Schauens vorbringen werde». — Die Vortrage im Winter
1900/01 faBte dann Rudolf Steiner in dem Buche zusammen «Die
Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Er hatte darin
nur die Ergebnisse seiner Geistesschau gegeben, und in der Theosophi-
schen Gesellschaft wurden diese angenommen. «Es gab fur mich keinen
Grund mehr, vor dem theosophischen Publikum, das damals das einzige
war, das restlos auf Geist-Erkenntnis einging, nicht in meiner Art
diese Geist-Erkenntnis vorzubringen. Ich verschrieb mich keiner Sek-
tendogmatik; ich blieb ein Mensch, der aussprach, was er glaubte aus-
sprechen zu konnen ganz nach dem, was er selbst als Geistwelt erlebte.»
Diese Selbstandigkeit fiihrte dann — im Zusammenhang mit Ver-
fallserscheinungen in der damaligen Theosophischen Gesellschaft —
zum AusschluB Rudolf Steiners und seiner Freunde im Jahre 1913.
«Wir waren genotigt, die Anthroposophische Gesellschaft als selbstan-
dige zu begriinden.»
Dies zum Verstandnis der Ausdriicke «Theosophie» und «theoso-
phisch» in diesen Vortragen als Ausdruck fiir die Resultate seines
geisteswissenschaftlichen Forschens, fiir die Rudolf Steiner sonst das
Wort «Anthroposophie» und «anthroposophisch» braucht.
I N H A L T
ERSTER VORTRAG, Miinchen, 22. Mai 1907
Die neue Form der Weisheit
Zur Geschichte des Rosenkreuzertums. Christian Rosenkreutz in sei-
nem Wirken seit 1459. Lessings «Erziehung des Menschenge-
schlechts». Die Initiation Goethes. Stellung zwischen Lehrer und
Schiiler in der rosenkreuzerischen Weisheit. Verhaltnis der spirituel-
len Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur. Die siebengliedrige
Menschennatur. Aufgabe des Rosenkreuzers.
ZWEITER VORTRAG, 25. Mai 1907
Die neungliedrige Wesenheit des Menschen -
Ubersicht iiber die Natur des Menschen. Die urspriinglichen Glieder
der Menschennatur und ihre Umwandlung durch das Ich. Der sie-
bengliedrige und der neungliedrige Mensch.
DRITTER VORTRAG, 26. Mai 1907
Die elementare und die himmlische Welt - Wachen, Schlaf
und Tod
Die Tatigkeit des Astralleibes im Wachen und im Schlaf, sein Ver-
haltnis zur physischen Welt und zum Astralmeer des Kosmos. Der
Astralleib als Aufbauer des Atherleibes und des physischen Leibes.
Die nachtodlichen Zustande des Menschen. Die vier Gebiete des De-
vachans.
VIERTER VORTRAG, 28. Mai 1907
Der Niederstieg zu einer neuen Geburt
Die Begegnung mit der Akasha-Chronik. Der Mensch nach dem
Tode im Devachan. Die Bildung des neuen Astralleibes, der Aufbau
des dazu stimmenden neuen Atherleibes und physischen Leibes. Vor-
schau auf das nachste Leben.
FUNFTER VORTRAG, 29. Mai 1907
Das Zusammenleben der Menschen zwischen Tod und neuer
Geburt - Das Hineingeborenwerden in die physische Welt
Freundschafts verhaltnis se und Bande der Liebe als Grundlage fur
das Zusammenleben der Seelen im Devachan. Die Eingliederung des
Menschen in die physische Welt bei der neuen Geburt. Die erste Zeit
nach der Empfangnis und die weitere Ausgestaltung des Menschen-
keimes. Das platonische Weltenjahr. Mannliche und weibliche Ver-
korperungen. Das gemeinschaftliche Karma des Menschen.
SECHSTER VORTRAG, 30. Mai 1907 62
Das Schicksalsgesetz
Das Karmagesetz als allgemeingiiltiges kosmisches Gesetz und seine
Geltung im menschlichen Leben. Die Akasha-Chronik und die
Schicksalsgestaltung des Menschen. Karmische Wirkungen von der
einen Verkorperung in die andere. Damonen, Spektren, Phantome
und Geister als vom Menschen selbst hervorgerufene Wesenheiten.
Geisteswissenschaft als Heilmittel fur die Menschheit.
SIEB ENTER VORTRAG, 31. Mai 1907 74
Die Technik des Karma
Erlebnisse der Seele nach dem Tode. Karmagesetz und Vererbung.
Das Wirken des Karmagesetzes. Das Karmagesetz als Ansporn
zum tatigen Handeln. Die fruheren Erdenverkorperungen und die
menschliche Entwickelung.
ACHTER VORTRAG, 1. Juni 1907 84
Die sieben planetarischen BewuBtseinszustande des Menschen
Die drei vergangenen BewuBtseinszustande, der jetzige BewuBtseins-
zustand und die drei kunftigen BewuBtseinszustande.
NEUNTER VORTRAG, 2. Juni 1907 93
Planetenentwickelung I
Die Saturn- und Sonnen verkorperung der Erde und die Entwicke-
lung des Menschen.
ZEHNTER VORTRAG, 3. Juni 1907 104
Planetenentwickelung II
Der Mondenzustand der Erde und der Mensch.
ELFTER VORTRAG, 4.Juni 1907 114
Die Menschheitsentwickelung auf der Erde I
Wiederholung des Saturn-, Sonnen- und Mondenzustandes. Mon-
denaustritt. Eingliederung des Ichs. Lungenatmung. Marsdurchgang.
Erde und Mensch in der lemurischen und atlantischen Zeit.
ZWOLFTER VORTRAG, 4. Juni 1907 126
Die Menschheitsentwickelung auf der Erde II
Reste und Eigentiimlichkeiten der alten Zweigeschlechtlichkeit. Ge-
schlechtertrennung. Unsere atlantischen Vorfahren. Die Stufen der
nachatlantischen Entwickelung.
DREIZEHNTER VORTRAG, 5.Juni 1907 138
Die Zukimft des Menschen
Uberwindung des Egoismus. Die Aufgabe des groBen Bruderbimdes:
die zerkliiftete Menschheit zu verbinden durch die einheitliche spiri-
tuelle Weisheit. Umgestaltung der Leibesgestalt und der Fortpflan-
zungskraft. Der kunftige Jupiter- und Venuszustand. Die gute und
die bose Rasse der Zukunft.
VIERZEHNTER VORTRAG, 6. Juni 1907 152
Das Wesen der Einweihung
Die sieben Stufen des christlichen Einweihungsweges und die sieben
Stufen des rosenkreuzerischen Weges.
Hinweise 168
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 171
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 173
ERSTER VORTRAG
Miinchen, 22. Mai 1907
Was hier vorgebracht werden soil, das wird in der Ankiindigung
«Theosophie nach rosenkreuzerischer Methode» genannt. Damit ist
gemeint die eine uralte und immer neue Weisheit in einer unserer
Gegenwart angemessenen Methode, in einer Methode, die man eigent-
lich, so wie sie sich hier in der Art der Darstellung ausdriicken wird, seit
dem vierzehnten Jahrhundert kennt. Doch will ich in diesen Vortragen
nicht von einer Geschichte des Rosenkreuzertums sprechen.
Sie wissen alle, daB man heute in den Elementarschulen eine gewisse
Geometrie lehrt, zu der zum Beispiel der Pythagoraische Lehrsatz ge-
hort. Das Elementare dieser Geometrie lernt man ganz unabhangig
davon, wie die Geometrie selbst zustande gekommen ist, denn was weiB
der Schiiler, der heute die ersten Elemente der Geometrie lernt, von
Euklid! Und dennoch ist es die Euklidische Geometrie, die da gelehrt
wird. Erst viel spater, wenn man schon das Sachliche, den Inhalt kennt,
lernt man vielleicht in der Geschichte der Wissenschaften die Gestalt,
die Form kennen, in welcher das, was heute in den Elementarschulen
allgemein zuganglich ist, urspriinglich in der Menschheitsentwickelung
auftrat. So wenig den Schiiler, der heute die elementare Geometrie
lernt, die urspriingliche Art angeht, wie Euklid die Geometrie der
Menschheit gegeben hat, so wenig soil es uns kiimmern, wie im Laufe
der Geschichte sich das sogenannte Rosenkreuzertum entwickelt hat.
Und wie der Schiiler echte, wahre Geometrie aus der Sache herauslernt,
so wollen wir diese rosenkreuzerische Weisheit aus sich selbst heraus
betrachten.
Wer die Geschichte und namentlich die auBere Geschichte des Rosen-
kreuzertums kennt, wie sie in der Literatur niedergelegt ist, der weiB
iibrigens sehr wenig von dem wirklichen Inhalt der rosenkreuzerischen
Theosophie. Was rosenkreuzerische Theosophie ist, das lebt seit dem
vierzehnten Jahrhundert als etwas, was unabhangig von seiner Ge-
schichte wahr ist, ebenso wie die Geometrie wahr ist und erkennbar,
unabhangig von der Geschichte der Geometrie und ihrem allmahlichen
Auftreten. Es soil deshalb nur fluchtig auf einiges hingedeutet werden,
was aus der Geschichte heraus zu wissen ist.
Im Jahre 1459 war es, als eine hohe spirituelle Individuality, ver-
korpert in der menschlichen Personlichkeit, die vor der Welt den Na-
men Christian Rosenkreutz tragt, als Lehrer zunachst eines kleinen
Kreises eingeweihter Schiiler auftrat. 1459 wurde Christian Rosen-
kreutz innerhalb einer streng in sich abgeschlossenen spirituellen Bru-
derschaft, der Fraternitat Roseae crucis, zum Eques lapidis aurei, zum
Ritter des goldenen Steines erhoben. Immer klarer wird es uns im Laufe
der Vortrage werden, was das bedeutet. Jene hohe spirituelle Individu-
alitat, die in der auBeren Personlichkeit des Christian Rosenkreutz den
physischen Plan betrat, wirkte immer wieder als Fiihrer und Lehrer der
rosenkreuzerischen Stromung in «demselben K6rper», wie man im
Okkultismus sagt. Auch die Bedeutung des Ausdrucks «immer wieder
in demselben Korper» werden wir schon im Laufe der nachsten Stunden
kennenlernen, wenn wir iiber das Schicksal des Menschen nach dem
Tode sprechen werden.
Nun war diese Weisheit, von der wir hier sprechen, bis weit in das
achtzehnte Jahrhundert hinein beschlossen in einer engbegrenzten Bru-
derschaft, die strenge Regeln hatte, durch die sie sich von der exoteri-
schen AuBenwelt abschloB.
Im achtzehnten Jahrhundert hatte diese Bruderschaft die Mission,
auf einem spirituellen Wege etwas Esoterisches einflieBen zu lassen in
die Kultur Mitteleuropas, und deshalb sehen wir, wie innerhalb einer
exoterischen Kultur mancherlei aufleuchtet, was zwar auBerlich exote-
risch ist, was aber nichts anderes ist als ein auBerer Ausdruck esoteri-
scher Weisheit. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte mancherlei
Leute bemiiht, jene Weisheit, die wir die rosenkreuzerische nennen,
irgendwie durchschauen zu konnen; es ist ihnen nicht gelungen. So hat
sich Leibniz vergebens bemiiht, der Quelle rosenkreuzerischer Weisheit
nahezukommen. Wie Blitzlichter leuchtete aber diese rosenkreuzerische
Weisheit in einer exoterischen Schrift auf, welche erschien, als Lessing
seiner Vollendung auf dem physischen Plan entgegenging. Es ist
Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts». Man muB diese Schrift
nur zwischen den Zeilen lesen, dann wird man in ihrem eigentumlichen
Ausklange — zwar nur als Esoteriker — erkennen, daB sie ein auBerer
Ausdruck rosenkreuzerischer Weisheit ist.
Insbesondere groBartig leuchtete diese Weisheit auf in demjenigen
Menschen, der die Kultur des damaligen Europas um die Wende des
achtzehnten Jahrhunderts, und zwar die internationale Kultur, wider-
spiegelte: in Goethe. Als Goethe in verhaltnismaBig friihen Jahren seines
Lebens einer rosenkreuzerischen Quelle nahekam, empfing er etwas
von einer hochst merkwiirdigen hohen Initiation. Es kann leicht miB-
verstanden werden, wenn man von einer Initiation Goethes spricht;
daher geziemt es sich vielleicht gerade hier, darauf hinzuweisen, wie es
sich mit dieser eigentiimlichen Art der Initiation verhalt. Es war in der
Zwischenzeit, als er von der Universitat Leipzig fortging, bis er nach
StraBburg ging. Da geschah etwas hochst Merkwiirdiges. Er hatte ein
tief in seine Seele eingreifendes Erlebnis, das sich auBerlich in derTat-
sache ausdriickte, daB er in der letzten Leipziger Zeit dem Tode
recht nahestand. Auf seinem schweren Krankenlager hatte er ein wich-
tiges Erlebnis, eine Art von Initiation. Goethe war sich dieser zunachst
nicht bewuBt, sie wirkte als eine Art poetischer Stromung in seiner
Seele, und es war ein hochst merkwiirdiger Vorgang, wie sich diese
Stromung hineinarbeitete in seine verschiedenen Produktionen. Solch
einen Lichtblitz finden wir in dem Gedicht «Die Geheimnisse», das die
intimsten Freunde Goethes als eine seiner tiefsten Schopfungen be-
zeichnet haben, und es ist in der Tat so tief angelegt, daB Goethe nie-
mals die Kraft wiederfinden konnte, zu diesem Fragmente den SchluB
zu gestalten. Die damalige Kulturstromung hatte noch nicht die Macht,
auBerlich die ganze Tiefe des Lebens auszugestalten, die in diesem Ge-
dichte pulst. Dies Gedicht ist aufzufassen als eine der tiefsten Quellen
der Seele Goethes, es ist ein Buch mit sieben Siegeln fur alle Goethe-
Kommentatoren. Dann aber arbeitete sich diese Initiation immer weiter
heraus, und Goethe konnte endlich, nachdem er sich dieser Initiation
mehr und mehr bewuBt geworden war, jene merkwiirdige Prosadich-
tung entstehen lassen, die wir als das «Marchen von der griinen Schlange
und der schonen Lilie» kennen. Es ist eine der tiefsten Schriften der
Weltliteratur; wer sie in richtiger Weise zu interpretieren vermag, der
weiB viel von der rosenkreuzerischen Weisheit.
Damals aber, als einflieBen sollte die rosenkreuzerische Weisheit in
die allgemeine Kultur, geschah es, daB auf eine Weise, iiber die ich hier
nicht weiter zu sprechen brauche, eine Art Verrat mit rosenkreuzeri-
scher Weisheit begangen wurde, so daB gewisse Vorstellungen rosen-
kreuzerischer Weisheit exoterisch hinausdrangen in die groBe Welt.
Dieser Verrat auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Not-
wendigkeit, daB die Kultur des Abendlandes eine Zeitlang, wahrend
des neunzehnten Jahrhunderts, auf dem physischen Plan unbeeinfluBt
bleibe von der Esoterik, diese zwei Dinge fiihrten die Notwendigkeit
herbei, daB die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit und vor allem auch
der groBe Begriinder, der seit jener Zeit immer auf dem physischen
Plan war, scheinbar zuriicktraten, so daB man in der ersten Halfte und
auch in einem groBen Teil der zweiten Halfte des neunzehnten Jahr-
hunderts nicht viel von der rosenkreuzerischen Weisheit entdecken
konnte. Erst in unserer Zeit ist es wieder moglich geworden, die Quellen
rosenkreuzerischer Weisheit zu erschlieBen und sie einflieBen zu lassen
in die allgemeine iibrige Kultur, und wenn wir diese Kultur betrachten
werden, so werden sich uns die Griinde ergeben, warum das so sein
muBte.
Nun mochte ich Ihnen zwei charakteristische Dinge angeben, welche
die rosenkreuzerische Weisheit auszeichnen und die wichtig sind fur
ihre Weltmission. Das eine hangt zusammen mit des Menschen ganzer
Stellung zu dieser rosenkreuzerischen Weisheit, die etwas anderes ist
als die okkulte Form der christlich-gnostischen Weisheit. Wir miissen
zwei Tatsachen des Geisteslebens vorlaufig nur fluchtig beriihren, wenn
wir uns diese merkwiirdige Stellung der rosenkreuzerischen Weisheit
klar vor die Seele fiihren wollen. Die erste dieser zwei Tatsachen ist,
was man die Stellung des Schiilers zu dem Lehrer nennt, und zwei
Dinge haben wir zu betrachten in bezug auf diese Stellung. Wir wollen
besprechen erstens das, was man Hellsehen nennt, und zweitens das,
was man Glauben an die Autoritat nennt. In dem Worte Hellsehen —
eigentlich ein unvollkommener Ausdruck — begreift man nicht allein
spirituelles Schauen, sondern auch spirituelles Horen. In diesen beiden
ist die Quelle einer jeglichen Weisheit, die uns iiber die verborgene
Weisheit der Welt unterrichten will, und aus keiner anderen Quelle
heraus konnen wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welten kommen.
Nun ist fur die Rosenkreuzer-Methode ein wesentlicher Unterschied
zwischen dem Auffinden der geistigen Wahrheiten und dem Begreifen
derselben.
Niemand kann eine geistige Wahrheit direkt in den hoheren Welten
finden, der nicht einen hoheren Grad spiritueller Fahigkeit - also des
Hellsehens - entwickelt hat. Fur das Auffinden der spirituellen Wahr-
heit ist das Hellsehen die notwendige Voraussetzung. Aber auch nur
fur das Auffinden, denn bis heute und auch bis lange in die Zukunft
hiniiber wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas ge-
lehrt werden, was nicht mit dem gewohnlichen, allgemeinen logischen
Verstande begriffen werden kann. Das ist es, worauf es ankommt.
Wenn gegeniiber dieser rosenkreuzerischen Form von Theosophie ein-
gewendet wird, man gebrauche zum Begreifen Hellsehen, so ist das
nicht richtig. Nicht die Fahigkeit des Wahrnehmens ist es, worauf es
ankommt. Wer die rosenkreuzerische Weisheit nicht mit dem Denken
begreifen kann, der hat nur seinen logischen Verstand noch nicht weit
genug ausgebildet. Wenn man alles in sich aufnimmt, was die gegen-
wartige Kultur gibt, was man heute erlangen kann, wenn man nur Ge-
duld und Ausdauer hat und nicht zu bequem ist, um zu lernen, dann
kann man begreifen und einsehen, was der Rosenkreuzer-Lehrer lehrt.
Wer irgendwie eine solche Rosenkreuzer- Weisheit anzweifelt und sagt:
Ich kann sie nicht begreifen — , bei dem ist nicht daran schuld, daB er
noch nicht auf die hoheren Plane hinauf kann, sondern daB er seinen
logischen Verstand nicht genug anstrengen will, oder daB er nicht ge-
niigend Erlebnisse des gewohnlichen Bildungslebens herbeitragen will,
um wirklich zu begreifen.
Denken Sie einmal an die ungeheure Popularisierung der Weisheit,
die sich vollzogen hat seit dem Auftreten des Christentums bis zur heu-
tigen Zeit, und versuchen Sie, sich vor Ihre Seele ein Bild des christ-
lichen Rosenkreuzertums im vierzehnten Jahrhundert zu stellen. Den-
ken Sie daran, wie in jener Zeit der einzelne Mensch, der drauBen in der
Welt lebte, den Lehrern gegeniiberstand. Nur durch das gesprochene
Wort konnte da gewirkt werden. Man stellt sich gewohnlich nicht rich-
tig vor, welche riesige Evolution sich seit jener Zeit vollzogen hat. Man
braucht nur an die Errungenschaft der Buchdruckerkunst zu denken.
Denken Sie an die tausend und abertausend Kanale, durch welche ver-
mittels dieser Erfindung in das allgemeine Kulturleben einflieBen
konnte, was heute in den Spitzen des Geisteslebens geleistet wird. Von
dem Buche an bis zur letzten Zeitungsnotiz konnen Sie unendlich viele
Kanale verfolgen, durch die eine Unsumme von Vorstellungen einflieBt
in das allgemeine Leben. Das sind Wege, die erst seit dieser Zeit der
Menschheit erschlossen worden sind, und die haben bewirkt, daB der
Intellekt der abendlandischen Kultur ganz andere Formen angenom-
men hat. Der abendlandische Intellekt, der Verstand, wirkte seit jener
Zeit ganz anders.
Darauf muBte die neue Form der Weisheit Riicksicht nehmen. Es
muBte eine solche Form geschaffen werden, die dem standhalt, was in
den tausend Kanalen hineinflieBt in das allgemeine Leben. Die rosen-
kreuzerische Weisheit ist nun eine solche, die vollig standhalt jedem
Einwand, der von irgendeiner popularen oder noch so hohen Seite der
Wissenschaft ausgehen kann. In sich selbst hat die rosenkreuzerische
Weisheit die Quellen des Sich-Haltens gegeniiber jedem Einwande der
Wissenschaft. Ein richtiges Verstandnis der modernen Wissenschaft,
nicht jenes dilettantische Verstehen, das selbst bei Universitatsprofes-
soren zu finden ist, sondern ein Verstandnis, das frei von alien den
abstrakten Theorien und materialistischen Phantasien arbeitet, das
streng auf dem Boden der Tatsachen steht und nicht dariiber hinaus-
geht, ein solches Verstandnis liefert Stuck fur Stuck gerade aus der
Wissenschaft heraus die Beweise fiir die rosenkreuzerischen spirituellen
Wahrheiten.
Die zweite Seite in der rosenkreuzerischen Weisheit — in der Stellung
zwischen Lehrer und Schiiler — ist die, da6 im wesentlichen das Ver-
haltnis vom Schiiler zum «Guru», dem orientalischen Lehrer, gegen-
iiber den anderen Einweihungen ein anderes ist. Die Art und Weise, wie
der Schiiler dem Guru gegeniibersteht, kann eigentlich innerhalb der
rosenkreuzerischen Weisheit gar nicht mit dem Glauben an eine Auto-
ritat bezeichnet werden. Durch ein Beispiel aus dem gewohnlichen
Leben werde ich Ihnen das anschaulich machen. Der Rosenkreuzer-
Lehrer will nicht anders zu seinem Schiiler stehen als der kundige Ma-
thematiker zu dem Mathematikschiiler. Kann man davon sprechen,
daB der Mathematikschiiler seinem Lehrer aus Autoritatsglauben an-
hangt? Nein! Kann man davon sprechen, daB der Mathematikschiiler
den Lehrer nicht braucht? Ja — konnten da viele sagen, denn man hat
vielleicht durch gute Biicher den Weg zum Selbststudium gefunden.
Aber hier ist nur der Weg ein anderer, als wenn man sich Stuhl an Stuhl
gegeniibersitzt. Im Prinzip konnte man es natiirlich. Ebenso konnte
auch jeder Mensch, wenn er zu einer gewissen Stufe des Hellsehens auf-
steigt, alle spirituellen Wahrheiten finden, aber ein jeder wird es unver-
niinftig finden, das Ziel auf einem Umweg zu erreichen. Ebenso unver-
niinftig ware es zu sagen: Mein Inneres muB die Quelle sein fur alle
spirituellen Wahrheiten. — Wenn der Lehrer die mathematischen
Wahrheiten kennt und sie dem Schiiler iiberliefert, dann braucht der
Schiiler keinen Autoritatsglauben mehr, dann sieht er die mathemati-
schen Wahrheiten durch ihre eigene Richtigkeit ein, und er braucht gar
nichts anderes, als sie richtig einzusehen. Nicht anders ist es mit der
ganzen okkulten Entwickelung im rosenkreuzerischen Sinne. Der Leh-
rer ist der Freund, der Ratgeber, der die okkulten Erlebnisse vorlebt
und sie den Schiiler leben laBt. Hat man sie einmal, dann braucht man
sie ebensowenig auf Autoritat hin anzunehmen, als in der Mathematik
den Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind 180 Grad. Alle Autoritat
ist in der Rosenkreuzerei keine eigentliche Autoritat, sondern vielmehr
das, was notwendig ist fiir die Abkiirzung des Weges zu den hochsten
Wahrheiten.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche sich auf das
Verhaltnis der spirituellen Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur
bezieht. In den Darstellungen, die in den nachsten Tagen hier voriiber-
ziehen sollen, werden Sie sehen, daB die geistige Wahrheit unmittelbar
in das praktische Leben einflieBen kann. Nicht irgendwelches System
stellen wir auf, das man nur theoretisch verwerten kann, sondern etwas,
was man brauchen kann, wenn man die tiefen Grundlagen unseres
gegenwartigen Weltenwissens erkennen will, wenn man die geistigen
Wahrheiten einflieBen lassen will in unser alltagliches Leben. Rosen-
kreuzer- Weisheit muB nicht nur in den Kopf gehen, auch nicht bloB in
das Herz, sondern in die Hand, in unsere manuellen Fahigkeiten, in
das, was der Mensch taglich tut. Es ist kein sentimentales Mitfiihlen, es
ist ein Sich-Erarbeiten der Fahigkeiten, innerhalb des allgemeinen
Menschheitsdienstes zu wirken. Denken Sie sich, irgendeine Gesell-
schaft trate auf und wiirde nur allein Menschenbriiderschaft zu ihrem
Ziele machen, wiirde nichts tun, als Menschenbriiderschaft predigen.
Rosenkreuzerei ware das nicht, denn der Rosenkreuzer sagt: Denke dir
einen Menschen, der das Bein gebrochen hat und vor dir auf der StraBe
liegt. Wenn vierzehn Menschen herumstehen und warmes Empfinden
und Mitleid haben, und keiner dabei ist, der das Bein wieder einrichten
kann, so sind alle vierzehn weniger wesentlich als der eine, der hinzu-
tritt, der vielleicht gar nicht sentimental ist, der aber die Fahigkeit
besitzt, ein Bein einzurichten und es auch tut. — Und das ist die Gesin-
nung, die den Rosenkreuzer durchflutet. Auf die werktatige Erkennt-
nis, auf die Moglichkeit, aus der Erkenntnis heraus einzugreifen in das
Leben, darauf kommt es an. Alles Reden iiber Mitgefiihl ist der Rosen-
kreuzer- Weisheit sogar etwas Gefahrliches, denn ihr erscheint ein fort-
wahrendes Betonen von Mitgefiihl wie eine Art astraler Wollust. Was
das niedere Wollustgefiihl ist auf dem physischen Plane, das ist auf
dem astralen Plan diese Art, die immer nur fiihlen will und nicht er-
kennen. Werktatige Erkenntnis, die eingreifen kann im Leben — aller-
dings nicht im materialistischen Sinne, sondern heruntergeholt von den
spirituellen Planen — , die befahigt uns, praktisch zu wirken. Aus der
notwendigen Erkenntnis, daB die Welt vorwartskommen soil, flieBt
von selbst die Harmonie, und sie flieBt umso sicherer, weil sie sich von
selbst ergibt, wenn man erkennt. Von demjenigen, der ein Bein einrich-
ten kann, konnte man sagen: wenn er kein Menschenfreund ist, laBt er
vielleicht den liegen, der da liegt. — Das ist bei der bloBen Erkenntnis
auf dem physischen Plan moglich. Bei der spirituellen Erkenntnis aber
ist dieser Einwand nicht moglich. Es kann keine spirituelle Erkenntnis
geben, die nicht einflieBen wiirde in das werktatige Leben.
Das ist es, was man als die zweite Seite der Rosenkreuzer- Weisheit
bezeichnet: daB sie nur durch hellseherische Krafte gefunden, aber
durch den gewohnlichen Menschenverstand eingesehen werden kann.
Es ist damit scheinbar etwas sehr Merkwiirdiges gesagt. Um Erlebnisse
in der geistigen Welt zu haben, miissen Sie hellsehend werden; um das
einzusehen, was der Hellseher sieht, brauchen Sie das nicht. Wer als
Seher heruntersteigt aus den geistigen Welten und die Dinge erzahlt,
die da oben vorgehen, und damit etwas zur Kenntnis bringt, was der
gegenwartigen Menschheit notwendig ist, kann verstanden werden,
wenn die Zuhorer es wollen, denn der Mensch ist so geartet, da6 es ihm
einleuchten kann.
Zunachst werden wir nun die siebengliedrige Menschennatur nach
Rosenkreuzer-Methode kennenlernen. Wir werden kennenlernen die
ganze Menschennatur, wie sie vor uns steht. Wir werden den physi-
schen Leib kennenlernen, den ein jeder zu kennen glaubt und eigentlich
gar nicht kennt. So wenig man den Sauerstoff im Wasser sehen kann,
sondern ihn erst vom Wasserstoff trennen mu6, um ihn zu erkennen,
so wenig sieht man, wenn man einen anderen Menschen erblickt, den
physischen Menschen vor sich. Der Mensch ist ebenso ein Gemisch von
physischem Leib, Atherleib und Astralleib und den anderen Gliedern
seiner hoheren Natur, wie das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff
besteht, und die Zusammenfassung aller dieser Glieder, die sehen Sie
vor sich. Wollen Sie den physischen Leib allein sehen, miissen Sie erst
den Astralleib herausheben; das haben Sie im traumlosen Schlaf. Der
Schlaf ist eine Art von hoherer chemischer Scheidung des Astralleibes
im Verein mit den hoheren Gliedern der Menschennatur von dem athe-
rischen und physischen Leibe. Aber auch dann haben Sie noch nicht
den wirklichen physischen Leib vor sich. Erst mit dem Tode, wenn sich
auch der Atherleib herausgezogen hat aus dem physischen Leibe, ist der
physische Leib allein iibrig.
Das hat eine unmittelbare praktische Bedeutung. An einem Beispiele
will ich Ihnen den Sinn dafiir klarmachen. Nehmen Sie irgendeinen
bestimmten Teil im Astralleibe an. In uralter Vergangenheit des Men-
schen war das, was er damals in einem dumpfen, dammerhaften Hell-
sehen wahrnehmen konnte, ganz anders bildhaft als heute. Diese Bilder
haben sich zunachst seinem Astralleibe eingepragt. Wir stellen uns vor,
da6 sich dem Astralleibe einmal Bilder der drei Raumdimensionen ein-
gepragt haben, in Lange, Breite und Tiefe. Dieses Bild des dreidimen-
sionalen Raumes, wie es einmal aus einem urspriinglichen dammerhaf-
ten Hellsehen heraus dem Astralkorper eingeimpft worden war, wurde
weiter ubertragen in den Atherleib. Wie man eine Petschaft in den
flussigen Siegellack eindriickt, so driickt sich das astrale Bild in den
Atherleib ein, und das arbeitete plastisch die Formen des physischen
Leibes aus. So arbeitet das Bild des dreidimensionalen Raumes ein
Organ an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Leibes aus. Es
war urspriinglich ein Bild im Astralleibe von drei aufeinander senk-
recht stehenden Raumlinien. Das driickte sich ein in den Atherleib wie
ein Petschaft in Siegellack, und ein gewisser Teil des Atherleibes arbei-
tete praktisch ein Organ im Innern des menschlichen Ohres aus, und das
sind die drei halbzirkelformigen Kanale. Sie alle haben diese in sich.
Wenn sie verletzt werden, kann sich der Mensch nicht mehr in den drei
Raumlinien orientieren. Den Menschen befallt Schwindel; erkann sich
innerhalb der Raumdimensionen nicht mehr aufrechthalten. So hangen
zusammen die Bilder des Astralleibes mit den Kraften des Atherleibes
und den Organen des physischen Leibes. Der ganze physische Leib des
Menschen in seinen plastischen Formen ist nichts anderes als ein Ergeb-
nis, das entstanden ist aus den Bildern des Astralleibes und dem Krafte-
zusammenhang des Atherleibes. Daher versteht niemand den physi-
schen Leib, der nicht zuerst den astralen und den Atherleib kennt. Der
Astralleib ist der Vorganger des Atherleibes und der Atherleib der Vor-
ganger des physischen Leibes. So kompliziert sich die Sache.
Die drei halbzirkelformigen Kanale sind ein physisches Organ wie
die Nase; alle Nasen sind untereinander verschieden, aber Sie konnen
eine Ahnlichkeit finden, die zwischen den Nasen von Eltern und Kin-
dern besteht. Konnten Sie beim Menschen die drei halbzirkelformigen
Kanale studieren, dann wiirden Sie finden, da6 hier eine ebensolche
Verschiedenheit und Gleichheit wie bei den Nasen besteht und daB der
Mensch in bezug auf diese Kanale ebenso der Mutter oder dem Vater
ahnlich sein kann. Was sich nicht vererbt, das ist das tiefste Geistige,
das Ewige, das durch die menschlichen Inkarnationen durchgeht. Das,
was man spezifische Talente, Fahigkeiten nennt, beruht nicht auf den
Gehirnen. Die Logik ist keine andere in der Mathematik als in der
Philosophie oder im praktischen Leben. Die Verschiedenheit der Fahig-
keiten tritt erst auf, wenn die Logik angewendet wird auf den Gebieten,
die zum Beispiel in den halbzirkelformigen Kanalen ihr Erkenntnis-
Organ haben. So driickt sich die Mathematik besonders aus bei dem
Menschen, der gerade diese Organe besonders ausgebildet hat. Ein Bei-
spiel dafiir ist die Familie Bernoulli, in der hintereinander gute Mathe-
matiker aufgetreten sind. Eine Individuality konnte noch so viele
Anlagen zu musikalischer oder anderer Befahigung mitbringen — wenn
sie nicht in einen Menschenleib hineingeboren wird, der ihr die erfor-
derlichen Formen und Organe vererben kann, so kann sie diese Befahi-
gungen nicht ausleben.
So sehen Sie, daB Sie gar nicht die Welt physisch erkennen konnen,
wenn Sie nicht erkennen, wie sie geschaffen ist. Nicht im Sich-Zuriick-
ziehen von der physischen Welt sieht der Rosenkreuzer seine Aufgabe.
Das ware eine schlimme Sache, denn seine Aufgabe ist es gerade, die
physische Welt zu vergeistigen. Hinaufgehen muB er in die hochsten
Regionen des geistigen Lebens und mit den Erkenntnissen, die ihm da
werden, tatig arbeiten innerhalb der ganzen physischen Welt, und
innerhalb der Menschen ganz besonders. Das ist Rosenkreuzer-Gesin-
nung, die sich unmittelbar aus der Weisheit als Konsequenz ergibt. Ein
solches System von Weisheit wollen wir betrachten, das uns das Klein-
ste verstehen machen kann. Und eingedenk sein wollen wir, daB das
Kleinste in der Welt zum GroBten wichtig ist, und daB das Kleinste, an
die richtige Stelle geriickt, zum groBten Ziele fiihren kann.
ZWEITER VORTRAG
Miinchen, 25. Mai 1907
Wir haben das letztemal gesprochen von der Art und Weise, wie die-
jenige Methode, die man die rosenkreuzerische nennt, ihr Verhaltnis
zum Menschen und zur ganzen Kultur einrichtet. Obgleich alle Er-
kenntnisse der hoheren Welten nur durch den Seher, durch die hoher-
entwickelten geistigen Krafte des Menschen gewonnen werden konnen,
so arbeitet doch jene Methode auch darauf hin, daB das, was innerhalb
der rosenkreuzerischen Theosophie zum Vorschein kommt, durch die
Anwendung der gewohnlichen Logik verstanden werden kann. Auf-
gefunden werden diese Erkenntnisse durch den entwickelten Sinn des
Sehers, zumBegreifen ist aber gewohnliche Menschenlogik ausreichend.
Man darf aber nicht glauben, daB das, was in einem einzelnen Vortrag
gesagt werden kann, schon jeder vermeintlichen Kritik standzuhalten
vermag. Nur dann ist das der Fall, wenn man in Beriicksichtigung aller
fur die Logik zuganglichen Griinde die Sache priift. Und noch eine an-
dere Eigenschaft haben wir im letzten Vortrag bereits hervorgehoben,
namlich daB die Rosenkreuzer-Methode darauf hinarbeitet, die Gei-
steswissenschaft hinauszutragen in das praktische Leben. Daher sind
hier alle Dinge so dargestellt, daB sie sich einleben konnen in das wirk-
liche Leben. Aber auch in bezug auf diese Sache miissen Sie Geduld ha-
ben; manches wird anfangs nicht so erscheinen, als ob es ins praktische
Leben hinausdringen konnte. Wenn Sie aber das Ganze iiberschauen
konnen, dann werden Sie sehen, daB die Einzelheiten so eingerichtet
sind, daB sie in die alltaglichen Verrichtungen iibergehen konnen. Eine
Weisheit, die man brauchen kann im Leben, das ist es, was die rosen-
kreuzerische Methode der Forschung geben kann.
Zuerst wird uns eine Ubersicht iiber die Natur des Menschen beschaf-
tigen. Wir werden die einzelnen Glieder der Menschennatur kennen-
lernen. Nur wenn wir von Stufe zu Stufe sachgemaB vordringen und
nichts aus dem Auge verlieren, werden wir sehen, wie sich alles orga-
nisch gliedert. Dann werden wir das Schicksal der Menschenseele nach
dem Tode betrachten, und wir werden den wachenden, den schlafen-
den, den toten Menschen betrachten in bezug auf die Gliederung der
menschlichen Natur. Wir werden zu untersuchen haben, was der
Mensch vom Tode bis zur neuen Geburt verrichtet. Es ist eine vielfach
verbreitete Ansicht, daB der Mensch in der Zeit nach dem Tode untatig
sei. Das ist nicht der Fall. Er hat vielmehr zu wirken und zu schaffen,
er hat eine Arbeit zu leisten, die Bedeutung im Kosmos hat. Dann wer-
den wir zeigen miissen, was man Reinkarnation und Karma nennt, das
Schicksal, im Zusammenhange mit dem Werdegang des Menschen, wie
die Menschheit sich in der Vorzeit entwickelt hat und wie sich die
Perspektive der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hineinstellt.
Heute nun wird es mir obliegen, Ihnen das Wesen des Menschen ein
wenig zu charakterisieren. Wenn wir von dem Wesen des Menschen
sprechen, miissen wir uns bewuBt sein, daB vor dem Auge dessen, der
mit entwickelten geistigen Wahrnehmungsorganen an die Betrachtung
des Menschen herantritt, die menschliche Natur sich viel komplizierter
ausnimmt als bei der gewohnlichen Sinnesbetrachtung, die von dem
menschlichen Verstande durchzogen ist und nur einen ganz kleinen Teil
des ganzen Menschen betrachten kann. Vom Okkultismus aus angese-
hen, ist es falsch — wir haben schon darauf hingedeutet — , wenn man
das, was man vor sich hat, den physischen Leib nennen wiirde. Der
physische Leib, wie er vor uns steht, ist auch schon durchzogen von
dem Atherleib und dem Astralleib. Er ist eine Vereinigung dieser drei
Leiber, und erst, wenn man die anderen Leiber herausnehmen konnte,
wiirde man den wirklichen physischen Menschenleib vor sich haben.
Dieser physische Leib ist dasjenige Glied der menschlichen Wesenheit,
das sie gemeinsam hat mit der ganzen den Menschen umgebenden phy-
sischen Natur, mit Mineralien, Pflanzen und Tieren.
Wir betrachten diesen physischen Menschenleib nur dann richtig,
wenn wir sagen, daB er sich so weit erstreckt wie die Verwandtschaft
des Menschen mit dem um ihn herum liegenden mineralischen Reich.
Nur miissen Sie sich klarmachen, daB dieses Glied der menschlichen
Wesenheit am allerwenigsten von dem iibrigen Kosmos abgesondert be-
trachtet werden kann. Die Krafte, die im physischen Leib wirken,
wirken vom Kosmos herein. Wer die Sache durchschaut, empfindet
dies so, wie er etwa die Natur eines Regenbogens erlebt. Wenn ein Re-
genbogen entstehen soil, muB eine ganz bestimmte Konstellation da sein
von Sonnenlichtverbreitung, von Regenwolken und so weiter. Sie kon-
nen den Regenbogen nicht wegnehmen, wenn die Konstellation zwi-
schen Regenwolken und Sonnenschein eine entsprechende ist. Der Re-
genbogen ist also eine Art von Konsequenz, ein Phanomen, das von
auBen zusammengeschoben wird. So ist auch der physische Leib wie
eine Art von bloBem Phanomen. Die Krafte, die den physischen Leib
zusammenhalten, miissen Sie in der ganzen iibrigen Sie umgebenden
Welt suchen. Es fragt sich nun, wo liegen denn iiberhaupt diese Krafte
in ihrer wahren Gestalt, die bewirken, daB unser physischer Leib so
erscheint, wie er erscheint? Da werden wir hinaufgefiihrt in hohere
Welten, denn in der physischen Welt kann man nur das sehen, was das
Phanomen des physischen Leibes ist. Die Krafte, die dieses Phanomen
zusammensetzen, liegen in einer sehr hohen geistigen Welt. Wir miissen
daher ein wenig die Welten betrachten, die es noch auBer unserer phy-
sischen gibt.
Wenn der Okkultist von hoheren Welten spricht, so sind das Welten,
die uns in jedem Augenblick umgeben; es miissen nur die Sinne dafiir
geoffnet werden, wie das Auge geoffnet werden muB fiir die Farben-
welt. Wenn gewisse seelische Sinne erschlossen werden, Sinne, die um
einen Grad hoher liegen als die physischen Sinne, dann wird die Welt,
die uns umgibt, durchzogen von einer neuen Erscheinung, die man die
astrale Welt nennt. Die rosenkreuzerische Theosophie nennt diese Welt
die imaginative Welt, wobei aber imaginativ etwas viel Wirklicheres
ist, als man unter dem Ausdruck gewohnlich versteht. Sie sehen da ein
Auf- und Abfluten von Bildern. Die Farbe, die sonst an die Gegen-
stande gefesselt ist, befindet sich in einem mannigfaltigen Sich-Ver-
wandeln innerhalb der astralen Welt. Wir werden das noch genauer
kennenlernen. Man nennt diese Welt auch in der popular gewordenen
rosenkreuzerischen Methode, in der Bewegung, die sich an die Rosen-
kreuzer angeschlossen hat, die elementarische Welt, so daB diese drei
Ausdriicke imaginative Welt, astralische und elementarische Welt im
rosenkreuzerischen Sinne dasselbe bedeuten.
AuBerdem finden Sie eine noch hohere Welt, wenn noch hohere
Sinne erschlossen werden. Es ist die Welt der Spharenharmonien, die
hereindringt in die Welt der Bilder und Farbenwesen. Man nennt sie
die Welt des Devachan oder auch die mentale Welt, oder die Welt von
Rupa-Devachan; in der Rosenkreuzersprache die Welt der Spharen-
harmonien oder die Welt der Inspiration, weil der Ton das Inspirie-
rende ist, wenn sich die Sinne dafiir erschlossen haben. Diese Welt hat
man auch in der Bewegung, die sich an die rosenkreuzerische ange-
schlossen hat, die himmlische genannt. Untere oder Rupa-Devachan-
Welt, devachanische Welt, inspirierende Welt und himmlische Welt
sind wiederum dasselbe.
Dann haben wir endlich eine noch hohere Welt, die noch hohere
Sinne eroffnen. Die rosenkreuzerische Methode bezeichnet sie als die
Welt der wahren Intuition, wobei Intuition etwas viel Hoheres ist,
als man nach der trivialen Anwendung des Wortes im menschlichen
Leben meint: ein Aufgehen, ein Hineinkriechen in die Wesen, so daB
man die Wesen vom Innern aus erkennt. Diese Welt der Intuition
wird in der Bewegung, die sich an die Rosenkreuzer angeschlossen
hat, die Vernunftwelt genannt. Diese Welt ist so hoch erhaben iiber
der gewohnlichen Welt, daB sie in die Welt des Menschen nur etwas
wie ein Schattenbild wirft. Die Vernunftbegriffe sind schwache Schat-
tenbilder gegeniiber dem, was in dieser Welt Wirklichkeiten sind.
Wir haben also auBer unserer physischen Welt noch drei andere
Welten aufzuzahlen, wenn wir die Welt in ihrer wahren Gestalt begrei-
fen wollen. Hinter den Kraften, die die physische Welt zusammenhal-
ten, wiissen wir die Krafte suchen in der hochsten, in der intuitiven
Welt. Gegeniiber dem, was Sie dort an Wesenhaftem finden konnen,
nimmt sich das, was der Physiker in der physischen Welt findet, wie
schwache Schattenbilder aus. Wiirden Sie hinaufsteigen in die hochste
der Welten, dann wiirden Sie fur einen jeden Begriff, den Sie sich von
einem Kristall oder dem Auge machen, lebendige Wesenheiten finden.
Was hier Begriff ist, ist das Schattenbild von Wesenheiten in dieser
hochsten der Welten. So setzt sich unsere physische Welt aus Kraften
zusammen, die in der wahren Gestalt, wie man in der theosophischen
Ausdrucksweise sagt, im Arupa-Devachan erscheinen.
Wir konnen uns eine noch deutlichere Vorstellung machen, wenn
wir uns fragen, was fiir uns in einer solchen Betrachtung des Mineral-
reiches liegt. Der Mensch hat ein Ich-BewuBtsein. Ein Mineral nennen
wir bewuBtlos. Es ist dies aber nur, wenn wir auf dem physischen Plan
verbleiben. Wenn wir hinaufsteigen in die hoheren Welten, ist es nicht
mehr bewuBtlos. Allerdings, wenn Sie die elementarische Welt betre-
ten, finden Sie noch nicht das Ich der mineralischen Welt, denn das
Ich-BewuBtsein des Minerals finden Sie erst in der hochsten der Wel-
ten, die wir jetzt aufgezahlt haben. Wie der Finger kein BewuBtsein
hat, sondern wie Sie von dem Finger zu Ihrem Ich gehen miissen, wenn
Sie sein BewuBtsein finden wollen, so fiihrt das Mineral zu dem Ich
durch die Strome, die hinaufverfolgt werden konnen bis in dieses
hochste Gebiet des Weltendaseins. Ein Nagel am Finger gehort zum
ganzen menschlichen Organismus; Sie finden im Ich sein BewuBtsein.
Schauen wir einen Nagel an, so verhalt er sich zu unserem Organismus
wie das Mineral zur hochsten geistigen Welt. So gibt es ein Ich des gan-
zen Organismus, und wie das Mineral, so sind die Nagel ein auBerster
Ausdruck des Verharteten dieses Lebens. Dies hat der menschliche phy-
sische Leib noch gemeinsam mit den Mineralien, daB zu dem physi-
schen Leib, insofern er rein physisch ist, ein BewuBtsein oben in der
geistigen Welt gehort. Sofern der Mensch mit einem bloB physischen
BewuBtsein ausgestattet ist, ohne daB er es weiB, sofern er einen physi-
schen Leib hat, der da oben sein BewuBtsein hat, ist der Mensch so ver-
anlagt, daB von oben herunter gewirkt wird auf den physischen Leib.
Was den physischen Leib gestaltet, haben Sie nicht in der Hand. Ebenso
wie Ihr Ich es ist, wenn Sie Ihre Hand bewegen, werden Sie in bezug
auf Ihren physischen Leib beeinfluBt von einer hoheren Welt, und so
bewirkt bei Ihnen das Ich-BewuBtsein des physischen Leibes die physi-
kalischen Prozesse des Leibes. Nur der Eingeweihte, der sich bis zur
Intuition erhebt, erlangt Gewalt iiber seinen physischen Leib, so daB
keine Nervenstromung seine Nerven durchzieht, ohne daB er es weiB.
Dadurch erst kann er Genosse derjenigen Wesen werden, die da oben
leben und seinen physischen Leib dirigieren.
Das zweite Glied der Menschennatur hat der Mensch noch gemein-
sam mit der Pflanzen- und der Tierwelt, es ist der Ather- oder Lebens-
leib. Er stellt sich fiir den okkulten Seher so dar, daB er ungefahr die-
selbe Form hat wie der physische Leib. Er ist ein Kraftleib. Wenn Sie
sich den physischen Leib wegdenken konnten, wiirde Ihnen dieser
Atherleib als ein Kraftleib iibrigbleiben, ein Leib, durchzogen von
Kraftlinien, die den physischen Leib auferbaut haben. Das menschliche
Herz konnte in der Form, die es hat, niemals entstehen, wenn nicht in
dem Atherleib, der den physischen Leib durchzieht, ein Atherherz ware.
Dieses Atherherz enthalt gewisse Krafte und Stromungen, und diese
sind die Aufbauer, die Architekten, die Bildner des physischen
Herzens. Es ist so, wie wenn Sie sich vorstellen wiirden, Sie hatten
ein GefaB mit Wasser; kiihlen Sie dies Wasser ab, so entstehen darin
Verhartungen, Eisbildungen. Was da Eis ist, ist Wasser, nur ver-
hartet, und die Formen, die die Eisbildungen haben, waren im Wasser
als Kraftlinien drinnen. So ist das physische Herz herausgebildet
aus dem Atherherzen, es ist nur ein verhartetes Atherherz, und die
Kraftstromungen in dem Atherherzen haben dem physischen Herzen
seine Form gegeben.
Wenn Sie sich den physischen Leib wegdenken konnten, wiirden Sie
den Atherleib, namentlich in den oberen Partien, ziemlich ahnlich dem
physischen Leib sehen. Diese Ahnlichkeit geht aber nur bis zur Mitte
des Korpers, denn der Atherleib weist doch eine groBe Verschiedenheit
gegeniiber dem physischen Leib auf. Das werden Sie begreifen, wenn
ich Ihnen sage, daB der Atherleib beim Manne weiblich und beim Weibe
mannlich ist. Ohne diese Erkenntnis wird einem im praktischen Leben
vieles unbegreiflich bleiben. Im iibrigen erscheint er wie eine Licht-
gestalt und ragt iiberall, in alien Teilen etwas, aber nur wenig, iiber den
physischen Korper hinaus. Diesen Atherleib hat der Mensch mit der
Pflanzenwelt gemeinsam.
Es ist bei dem Atherleib ein ahnliches wie bei dem physischen Leib
der Fall: Die Krafte, die den Atherleib zusammenhalten, finden wir in
der Welt, die wir die inspirierende oder die Welt des Rupa-Devachan,
die himmlische Welt, nennen. Alle die Krafte, die den Atherleib zu-
sammenhalten, sind um eine Stufe tiefer liegend als die, welche den
physischen Leib zusammenhalten. Daher miissen Sie die Sache auch so
betrachten, daB Sie das Ich-BewuBtsein der Pflanzen in dieser Welt der
Inspiration, des unteren Devachan suchen, und in dieser Welt der
Spharenharmonien, wo das Ich-BewuBtsein der Pflanzenwelt ist, da ist
auch das Ich-BewuBtsein, das den menschlichen Atherleib durchsetzt,
das in Ihnen lebt, ohne daB Sie es wissen.
Nun kommen wir zum dritten Glied der menschlichen Wesenheit,
zum Astralleib, oder mit rosenkreuzerischer Bezeichnung: zu dem See-
lenleib. Diesen Astralleib hat der Mensch nur noch gemeinsam mit den
Tieren. Wo Empfindung auftritt, Lust und Leid, Freude und Schmerz,
Affekte und Leidenschaften, da ist der Astralleib der Trager von die-
sen inneren Erlebnissen eines Wesens; auch Wiinsche, Begierden, das
alles ist, wie man sagt, im Astralleib verankert. Dieser Astralleib muB
wiederum so charakterisiert werden, daB wir sagen, es ist in ihm das,
was auch in der Tierwelt ist. Nun hat auch die Tierwelt ein BewuBt-
sein. Die astrale Wesenheit von Mensch und Tier wird zusammenge-
halten von Kraften, die in der astralen Welt, in der imaginativen, oder
wie der Rosenkreuzer sich ausdriickt, in der elementarischen Welt lie-
gen, so daB die Krafte, die den Astralleib zusammenhalten und ihm die
Gestalt geben, die er hat, in der astralen Welt in ihrer wahren Gestalt
erkannt werden konnen. Deshalb hat auch das Tier sein Ich-BewuBt-
sein in dieser Welt. Wie wir beim Menschen von einer Individualseele
sprechen, so sprechen wir beim Tier von einer Gruppenseele, und diese
ist auf dem Astralplan zu finden. Nur daB nicht das einzelne Tier, das
hier auf dem physischen Plan lebt, sondern die Gattung, alle Lowen,
alle Tiger zusammen, ein Ich gemeinschaftlich haben, das Sie als Grup-
penseele auf dem Astralplan zu suchen haben. So ist das, was hier vom
Tier lebt, nur verstandlich, wenn Sie es verfolgen konnen bis auf den
Astralplan hinauf. Sie wiirden Strange finden, die zum Beispiel von
den Lowen ausgehen und sich im Astralplan vereinigen zu dem gemein-
samen Gruppen-Ich der hier auf der Erde lebenden Lowenindividuen.
So wie der Mensch ein individuelles Ich hat, so lebt auch in jedem
Astralleib etwas von einem Gruppen-Ich. Dieses Tier-Ich lebt im
menschlichen Astralleib, und dann erst wird der Mensch unabhangig
von diesem Tier-Ich, wenn er astral sehend wird, ein Genosse wird der
astralen Wesenheiten, wenn ihm die Gruppenseelen der Tiere auf dem
Astralplan begegnen wie hier die einzelnen Tierwesen. Dort wandern
Wesen herum, die nur zersplittert herunterkommen konnen als so und
so viele Tiere auf den physischen Plan. Beim Ablauf ihres Lebens kom-
men sie wieder dazu, sich mit dem iibrigen Teil dieser Wesenheit auf
dem Astralplan zu vereinigen. Eine ganze Tiergruppe ist oben auf dem
Astralplan ein Wesen, mit dem man reden kann wie mit einem einzel-
nen Individuum hier. Sie sehen etwas anders aus, aber sie sind nicht
mit Unrecht in dem zweiten apokalyptischen Siegel dadurch charakte-
risiert, daB man ihnen verschiedene Gestalten gibt, da6 man sagt, sie
zerfallen in vier Klassen, in Lowe, Adler, Stier und Mensch — Mensch,
der noch nicht auf den physischen Plan hinuntergestiegen ist. Diese vier
apokalyptischen Tiere sind die vier Klassen der Gruppenseelen, die
dem Menschen in seiner individuellen Seele auf dem Astralplan am
nachsten stehen.
Nun wollen wir dasjenige ins Auge fassen, was der Mensch nicht
mehr gemeinsam hat mit der ihn umgebenden Welt, jene Wesenheit, die
im Ich ihren Ausdruck findet. Durch dieses vierte Glied seiner Wesen-
heit ist er die Krone der physischen Erdenschopfung. Hier in diesem
Glied ist erst seiner Natur dasjenige gegeben, was das BewuBtsein hier
unten auf dem physischen Plan hat. Wie das MineralbewuBtsein auf
dem Arupa-Devachan, das PflanzenbewuBtsein auf dem Rupa-Deva-
chan, das TierbewuBtsein auf dem Astralplan, so liegt das Ich-BewuBt-
sein des Menschen als viertes Glied seiner Wesenheit in der physischen
Welt. Hier erst in seinem Ich hat der Mensch etwas, wohinein sich kein
anderes Wesen drangt, kein anderes BewuBtseins-Ich hineintritt.
Nun haben wir den viergliedrigen Menschen kennengelernt; er ist
physischer Mensch, Athermensch, Astralmensch und Ich. Es handelt
sich nun aber darum, daB alles das noch nicht die ganze menschliche
Natur umfaBt. Diese vier Glieder hatte der Mensch auch bei der aller-
ersten Inkarnation hier auf der Erde, und der Durchgang durch die
verschiedenen Verkorperungen bedeutet eine Hoherentwickelung des
Menschen. Sie besteht darin, daB der Mensch von seinem Ich aus jetzt
seine drei friiher genannten Glieder durcharbeitet. Betrachtet man
einen Menschen der urfernen Vergangenheit in seiner ersten Inkarna-
tion auf der Erde, so folgt solch ein Mensch all seinen Affekten, Begier-
den. Er hat zwar seine vier Glieder, auch das Ich, benimmt sich aber
wie ein Tier. Vergleicht man nun einen solchen Menschen mit einem
hohen Idealisten, so besteht der Unterschied darin, daB der erstere
Mensch, der Wilde, noch nicht von seinem Ich aus an seinem Astralleib
gearbeitet hat. Darin besteht der nachste Fortschritt der Menschheits-
evolution, daB der Mensch an seinem Astralleib arbeitet. Bei einem sol-
chen Menschen driickt sich diese Arbeit dadurch aus, daB gewisse ur-
spriingliche Eigenschaften dieses Astralleibes von innen in seine Herr-
schaft genommen sind. Der europaische Durchschnittsmensch sagt sich
von gewissen Trieben: ihnen darfst du folgen — bei anderen verbietet er
sich dies. Soviel nun der Mensch von dem, was urspriinglich in seinem
Astralleib gelebt hat, unter die Herrschaft seines Ichs gebracht hat,
nennen wir Geistselbst; es ist dasselbe, was mit Manas bezeichnet wor-
den ist. Dieses Manas ist ein Umwandlungsprodukt des Astralleibes
durch das Ich. Stofflich ist es dasselbe wie der Astralleib. Es ist nur
eine andere Art der Anordnung desjenigen, was urspriinglich im Astral-
leib war und nun zum Geistselbst umgestaltet wurde.
Derjenige Mensch, der sich weiterentwickelt, erlangt die Fahigkeit,
nicht nur an seinem Astralleib, sondern vom Ich aus auch an seinem
Atherleib zu arbeiten. Machen wir uns klar, welches der Unterschied
ist zwischen dem Arbeiten am Astralleib und dem Arbeiten am Ather-
leib. Erinnert man sich, was man gewuBt hat, als man ein achtjahriges
Kind war, und bedenkt man, was man seither dazugelernt hat, so ist
das ungeheuer viel. Jeder hat eine groBe Summe von Begriffen aufge-
nommen, die ihn veranlassen, daB er nicht mehr blindlings seinen Af-
fekten und Leidenschaften folgt. Erinnert man sich aber, daB man zum
Beispiel ein jahzorniges Kind war und wie weit man den Jahzorn iiber-
wunden hat, so wird man finden, er wird doch noch manchmal durch-
kommen. Oder wie wenig es einem gelungen ist, wenn man ein schlech-
tes Gedachtnis hatte, dasselbe zu andern, oder wie wenig der Mensch
seine charakteristischen Anlagen, die Starke und Schwache seines Ge-
wissens, umwandelt. Ich habe ofters verglichen das, was der Mensch
umwandelt an Temperament und so weiter, mit dem langsamen Vor-
riicken des Stundenzeigers an der Uhr. Darin beruht gerade das Wesen
der Einweihung des Schiilers: als eine bloBe Vorbereitung wird be-
trachtet, was das Lernen ist; viel wesentlicher und mehr getan fiir die
Einweihung ist es, wenn das, was Temperament ist, umgewandelt wird.
Hat man ein schwaches Gedachtnis in ein starkes, hat man Jahzorn in
Sanftmut, hat man ein melancholisches Temperament in ein gleich-
miitiges verwandelt, dann hat man mehr getan, als wenn man noch so
viel gelernt hatte. Darin isteine Quelle innerer okkulter Krafte. Das ist
der Ausdruck dafiir, daB das Ich am Atherleib arbeitet, nicht bloB am
Astralleib.
Insofern, als diese Anlagen sich auBern, muB man sie zwar auch im
Astralleib suchen; wenn man sie aber verandern will, muB man sie im
Atherleib suchen, und verandern kann man sie nur dadurch, daB man
den Atherleib bearbeitet. Soviel, als das Ich umgewandelt hat im Ather-
leib, soviel ist vorhanden in einem Menschen von dem, was man mit
einem deutschen Ausdruck Lebensgeist, im Gegensatz zum Lebensleib,
bezeichnet. In der theosophischen Literatur wird das mit Buddhi be-
zeichnet. Die Substanz der Buddhi ist nichts anderes als der durch das
Ich umgewandelte Teil des Atherleibes.
Wenn nun das Ich so stark wird, daB es nicht nur den Atherleib um-
wandeln lernt, sondern auch den physischen, den dichtesten der Men-
schennatur — denjenigen, der so geformt ist, daB seine Krafte weit
hinausreichen in die hochste der Welten — , dann sagen wir: Der Mensch
bildet in sich aus das hochste Glied seiner gegenwartigen Natur, das,
was man Atma oder den eigentlichen Geistesmenschen nennt. Die
Krafte fur die Umwandlung des physischen Korpers sind in der hoch-
sten Welt zu suchen. Man beginnt die Umwandlung des physischen
Leibes mit der Umwandlung des Atmungsprozesses, denn Atma heiBt
Atmen. Durch eine solche Umwandlung andert man die Blutbeschaf-
fenheit, welche am physischen Korper arbeitet, so daB man dadurch
hinaufarbeitet bis in die hochste der Welten.
Nun muB man unterscheiden zwischen zwei Formen der Umwand-
lung, und wenn man es genauer ausdriicken will, spricht man von einer
unbewuBten und einer bewuBten Umwandlung. In Wahrheit hat jeder
Europaer unbewuBt von seinem Ich aus die niederen Glieder seiner
Natur umgewandelt. BewuBt wandelt er sie um in seinem jetzigen Ent-
wickelungszyklus nur in bezug auf Manas, und er muB ein Eingeweih-
ter werden, wenn er bewuBt seinen Atherleib umwandeln lernen will.
Wir haben also die urspriinglichen drei Glieder der Menschennatur,
die jeder Mensch hat, auch der primitivste auf der ersten Entwicke-
lungsstufe, und darin das Ich. Nun beginnt die Umgestaltung. Sie war
lange Zeit eine unbewuBte; jetzt beginnt die Menschheit den Astralleib
bewuBt umzugestalten. Die Eingeweihten gestalten jetzt bewuBt den
Atherleib um, und in der Zukunft werden alle Menschen den Atherleib
und den physischen Leib bewuBt umgestalten.
So haben wir die drei urspriinglichen Glieder der Menschennatur:
physischen Leib, Atherleib, Astralleib und dann das Ich. Das Ich wirkt
umgestaltend; man sieht das Ich zuerst diese drei Glieder umgestalten,
was fur den gegenwartigen Menschen ein ProzeB der Vergangenheit
ist. Es hat unbewuBt als Anlage entstehen lassen Empfindungsseele,
Verstandesseele, BewuBtseinsseele.
Man unterscheidet in der rosenkreuzerischen Theosophie Empfin-
dungsseele, Verstandesseele, BewuBtseinsseele. Erst in der BewuBtseins-
seele leuchtet auf die bewuBte Umgestaltung; da fangt das Ich an, be-
wuBt an der Umgestaltung zu arbeiten. Es wird zuerst im Astralleib
das Geistselbst entwickelt. Innerhalb des Atherleibes wird entwickelt
der Lebensgeist, als Gegenstiick zum Lebensleib, und weiter wird im
physischen Leib entwickelt der eigentliche Geistesmensch, Atma. So
haben wir im ganzen neun Glieder der menschlichen Natur.
Fur den auBeren Anblick stecken zwei dieser Glieder der menschli-
chen Natur, Empfindungsseele und Seelenleib, gleichsam ineinander, wie
das Schwert in der Scheide. Die Empfindungsseele steckt im Seelenleib,
so daB sie beide als eines erscheinen. Ebenso sind Geistselbst und BewuBt-
seinsseele eins, so daB diese neun Glieder sich auf sieben reduzieren.
Nun kann man als sieben Glieder aufzahlen:
1. Physischer Leib
2. Ather- oder Lebensleib
3. Astralleib, in welchem die Empfindungsseele steckt, und dann
4. das Ich
und als die hoheren Glieder:
5. Geistselbst oder Manas mit der BewuBtseinsseele
6. Lebensgeist oder Buddhi, und als hochstes
7. Geistesmensch oder Atma
So ist der innere Zusammenhang der Menschennatur, die in "Wahrheit
eigentlich neun Glieder darstellt, wobei zwei mal zwei zusammenfallen.
Daher unterscheidet man in der rosenkreuzerischen Methode drei
mal drei = neun Glieder, die sich durch diese Zusammenkoppelung
gleichsam reduzieren auf sieben. Wir miissen aber in der sieben die neun
erkennen, sonst werden wir nur zu einem theoretischen Anschauen
kommen.
9. Geistesmensch
8. Lebensgeist
7. Geistselbst
6. BewuBtseinsseele
5. Verstandesseele
4. Empfindungsseele
3. Astralleib
2. Lebensleib
1. Physischer Leib
Das Ich leuchtet auf in der Seele, dann beginnt die Arbeit an den
Leibern.
Aber den Ubergang von der Theorie ins Leben kann man nur gewin-
nen, wenn man die Natur der Sache wirklich betrachtet. Was hier ange-
deutet ist, soil uns morgen leiten, wenn wir zur Betrachtung des schla-
fenden, des tagwachenden und des toten Menschen aufsteigen.
DRITTER VORTRAG
Miinchen, 26. Mai 1907
Wir werden heute den Menschen in seinem Zustande des Wachens hier
in der physischen Welt, in dem Zustande des Schlafes und des soge-
nannten Todes betrachten. Den Zustand des Wachens kennt jeder aus
der eigenen Erfahrung.
Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann zieht sich gleichsam alles,
was Astralleib, Ich und das, was das Ich im Astralleib gearbeitet hat,
heraus aus dem physischen und dem Atherleib. Wenn Sie hellsehend
den schlafenden Menschen betrachten, dann haben Sie im Bette liegend
den physischen und den Atherleib. Diese zwei Glieder bleiben in dem
Zusammenhang, in dem sie sonst auch sind, wahrend der Astralleib
alles, was hohergliedrig ist, herauszieht, so daB man hellsehend verfol-
gen kann, wie im Einschlafen der Astralleib in einem gewissen Licht
sich aus den erstgenannten zwei Leibern herauszieht. Wenn dieser Zu-
stand noch genauer beschrieben werden soil, muB man sagen, daB der
Astralleib bei dem heutigen Menschen gegliedert erscheint durch man-
nigfache Stromungen und Licht-Erglanzungen, und wenn man diese
summarisch anschaut, so sieht das Ganze aus wie zwei ineinanderge-
schlungene Spiralen, gleichsam wie zwei ineinandergeschlungene 6-
Zahlen, von denen sich die eine in den physischen Leib hinein verliert,
die andere aber weit hinaus wie ein Kometenschweif in den Kosmos
sich erstreckt. Es werden nur diese beiden Schweife des Astralleibes
sehr bald unsichtbar in ihrer weiteren Verbreitung, so daB die Erschei-
nung dann mit der Form eines Eies sich vergleichen laBt. Wenn der
Mensch wiederum aufwacht, verliert sich der in den Kosmos hinaus-
gehende Schweif, und das Ganze zieht sich wieder hinein in den Ather-
und physischen Leib.
Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist ja das
Traumen. Der traumerfullte Schlaf ist dann vorhanden, wenn der
Astralleib zwar schon ganz seine Verbindung mit dem physischen Leib
gelost hat, gleichsam seine Fiihlfaden aus dem physischen Leib heraus-
gezogen hat, aber noch mit dem Atherleib verbunden ist. Dann wird
das Blickfeld des Menschen von jenen Bildern durchzogen, die wir die
Traume nennen. Es ist das sachlich ein Zwischenzustand, weil der
Astralleib seine Verbindung mit dem physischen Leib vollstandig gelost
hat, wahrend er noch mit dem Atherleib in gewisser Weise zusammen-
hangt.
Das also ist der schlafende Mensch, der in seinem Astralleib, auBer-
halb seines physischen und Atherleibes, lebt. DaB der Mensch in sol-
chen Schlaf versinken muB, hat in der ganzen Natur seine tiefe Berech-
tigung. Sie diirfen sich nicht vorstellen, daB der Astralleib, wenn er in
der Nacht beim Schlaf auBerhalb des physischen und Atherleibes ist,
untatig sei und keine Arbeit hatte. Wenn wahrend des Tages der Astral-
leib im physischen und Atherleib ist, treffen ihn die Wirkungen von der
AuBenwelt, die der Mensch erhalt durch die eigene Tatigkeit des
Astralleibes, durch seine Sinneseindriicke, durch seine Tatigkeit in der
physischen Welt. Alles, was der Mensch so erhalt an Gefiihlen und
Empfindungen, alles, was von auBen auf ihn einwirkt, setzt sich fort bis
zum Astralleib. Das ist der eigentlich empfindende und denkende Teil
des Menschen, und der physische Leib und auch das, was im Atherleib
ist, sind nur seine Vermittler, die Instrumente. Alles, was denkt und
will, ist im Astralleib. Wahrend der Mensch am Tage in der AuBenwelt
tatig ist, erhalt so der Astralleib fortwahrend Eindriicke von der auBe-
ren Welt. Auf der anderen Seite aber halten wir fest, daB der Astralleib
der eigentliche Aufbauer vom Ather- und vom physischen Leibe ist.
Ebenso, wie der physische Leib in alien seinen Organen herauserstarrt,
verhartet ist aus dem Atherleib, so ist alles, was im Atherleib stromt
und tatig ist, herausgeboren aus dem Astralleib.
Woraus ist nun der Astralleib selber geboren? Er ist geboren aus dem
allgemeinen astralischen Organismus, der unsern ganzen zu uns geho-
renden Kosmos durchwebt. Wenn Sie sich durch ein Gleichnis dieses
Verhaltnis vorstellen wollen, das Verhaltnis des kleinen Teils von astra-
ler Korperlichkeit in Ihrem Leibe zu dem ganzen machtigen Astral-
meere, in dem alle Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien und auch
Planeten schwingen und aus dem sie herausgeboren sind, wenn Sie die-
ses Verhaltnis des astralen Leibes zum Astralorganismus sich vorstellen
wollen, so denken Sie sich einen Tropfen einer Fliissigkeit in einem Ge-
faBe. Wie der Tropfen sein ganzes Sein hat von der Fliissigkeit, die in
dem GefaBe ist, so ist das, was in einem Astralleib ist, einmal einge-
schlossen gewesen in dem ganzen Astralmeere des Kosmos. Es hat sich
herausgetrennt, und dadurch, daB es eingezogen ist in den Ather- und
physischen Leib, hat es sich abgesondert wie der Tropfen aus dem
GefaBe.
Solange der Astralleib im SchoBe des allgemeinen Astralleibes ruhte,
erlangte er seine Gesetze, seine Eindriicke von diesem ganzen kosmi-
schen Astralkorper. Er lebte innerhalb dieses kosmischen Astralleibes
sein Leben. Seit diesem Heraustrennen ist er wahrend des Tagwachens
angewiesen auf die Eindriicke, die er von der physischen Welt erhalt,
so daB er seine Natur teilen muB zwischen den Eindriicken, die er noch
mitgebracht hat von dem kosmischen Astralleib, und denen, die er jetzt
von auBen erhalt durch die Tatigkeit, die ihm von der physischen Welt
zugewiesen ist. Diese zwei Seiten werden, wenn der Mensch am Ziel
seiner Erdenentwickelung angelangt sein wird, eine Harmonie ergeben.
Heute ist das nicht der Fall, es klingen diese zwei Wirkungen nicht
zusammen.
Nun ist der Astralleib der Aufbauer des Atherleibes und dadurch
indirekt — weil der Atherleib wieder den physischen Leib aufbaut —
auch der Aufbauer des physischen Leibes. Alles, was der Astralleib im
Laufe der Zeiten Stuck fiir Stuck aufgebaut hat, ist herausgeboren aus
dem groBen kosmischen Astralmeere. Dadurch, daB aus diesem Astral-
meer nur Harmonie, nur gesunde GesetzmaBigkeit herausgekommen
ist, ist das Bauen des Astralleibes am Ather- und physischen Leib ur-
spriinglich gesund, harmonisch; durch jene Einfliisse aber, die der
Astralleib von auBen, aus der physischen Welt, erhalt und die seine
urspriingliche Harmonie beeintrachtigen, kommen alle Storungen des
physischen Leibes zustande, die beim heutigen Menschen vorhanden
sind.
Wiirde der Astralleib standig im Menschen drinnen sein, so wiirde
der starke EinfluB der physischen Welt bald die gesamte Harmonie
zerstort haben, die sich der Astralleib aus dem kosmischen Meere mit-
gebracht hat. Sehr bald wiirde sich der Mensch durch Krankheit und
Ermiidung abniitzen. Wahrend des Schlafes zieht sich der Astralleib
zuriick von den Eindriicken der physischen Welt, die nichts mehr ent-
halt, was Harmonie gibt, und gent ein in die allgemeine Harmonie des
Kosmos, aus der er herausgeboren ist. Und so bringt er sich des Morgens
die Nachklange dessen mit, was er an Erneuerung wahrend der Nacht
erlebt hat. Es erneuert der Astralleib wahrend jeder Nacht seine Har-
monie mit dem groBen kosmischen Astralmeere, und so zeigt sich auch
dem Hellseher dieser Astralleib gar nicht untatig; er sieht einen Zu-
sammenhang zwischen dem Astralmeere und dem einen kometenahn-
lichen Schweif des Astralleibes und kann sehen, wie dieser Teil arbeitet
an der Fortschaffung der durch die disharmonisierende Welt erzeugten
Erschlaffung. Diese Tatigkeit des Astralleibes driickt sich dadurch aus,
daB man sich amMorgen gestarkt fiihlt. Allerdings muB sich der Astral-
leib, der wahrend der Nacht in der groBen Harmonie gelebt hat, erst
wieder hineinfinden in die physische Welt. Deshalb erscheint das
groBte Gefiihl der Starkung erst einige Stunden spater, nachdem der
Astralleib wiederum den physischen Leib bezogen hat.
Nun wollen wir zu dem Bruder des Schlafes, zum Tode, iibergehen
und uns klarmachen, welches der Zustand des Menschen nach dem
Tode ist. Der tote Mensch unterscheidet sich dadurch von dem bloB
schlafenden, daB beim toten Menschen der Atherleib mitgeht mit dem
Astralleib und nur den physischen Leib hier in der physischen Welt
zuriicklaBt. Dieses Herausdringen des Atherleibes aus dem physischen
Leibe ist niemals beim Menschen von der Geburt bis zum Tode vor-
handen, wenn er nicht gewisse Einweihungszustande durchmacht.
Ein wichtiger Augenblick fur den Menschen, der gestorben ist, ist
der Moment unmittelbar nach dem Tode. Er dauert ja langere Zeit,
Stunden, selbst Tage. In diesem Zustande zieht vor der Seele des toten
Menschen vorbei das ganze Leben der letzten Inkarnation wie in einem
groBen Erinnerungs-Tableau. Dies ist bei jedem Menschen nach dem
Tode vorhanden. Die Eigentiimlichkeit dieses Tableaus besteht darin,
daB, solange es in der Art ist, wie es unmittelbar nach dem Tode sich
zeigt, in ihm wie gestrichen sind alle die Erlebnisse, die der Mensch sub-
jektiv bei seinem Gang durch die Welt durchgemacht hat. Wir haben
bei unseren verschiedenen Erlebnissen immer auch das Gefiihl der Lust
und des Schmerzes, der Erhebung oder der Traurigkeit gehabt. Unser
auBeres Anschauen war immer mit einem Innenleben verkniipft. Alle
die Freuden und Schmerzen, die sich an die Bilder des Lebens heften,
sind bei dieser Ruckerinnerung nicht vorhanden. Man steht diesem
Erinnerungstableau ebenso objektiv gegeniiber wie einem Gemalde.
Wenn dasselbe einen Menschen darstellt, der traurig, der von Schmer-
zen erfiillt ist, so sehen wir inn objektiv an. Wir konnen wohl seine
Traurigkeit nachfiihlen, doch empfinden wir nicht unmittelbar den
Schmerz, den der Mensch gehabt hat. So ist es mit den Bildern dieses
Tableaus unmittelbar nach dem Tode: es breitet sich aus, und man
sieht in Zeitraumen, die erstaunlich sind, weil sie so kurz sind, alle
Einzelheiten, die sich im Leben zugetragen haben.
Die Trennung des physischen Leibes vom Atherleib wahrend des
Lebens ist sonst nur bei einem Eingeweihten vorhanden; doch gibt es
gewisse Augenblicke, wo wie mit einem Ruck der Atherleib sich lost
von dem physischen Leib. Das ist dann der Fall, wenn der Mensch
besonders schreckhafte Erlebnisse hat, zum Beispiel bei einem Absturz
oder bei der Gefahr des Ertrinkens. Dann findet durch diesen machti-
gen Schock eine Art Losung des Atherleibes vom physischen Leibe statt.
Die Folge davon ist, daB in solchem Augenblick das ganze bisherige
Leben wie eine Erinnerung vor der Seele des Menschen steht. Da haben
wir ein Analogon fur das Erlebnis nach dem Tode.
Partielle Trennungen des Atherleibes finden auch statt, wenn ein
Glied eingeschlafen ist. "Wenn zum Beispiel die Hand eingeschlafen ist,
so kann der Seher beobachten, wie der Atherteil, der der Hand ent-
spricht, heraushangt wie ein Handschuh. Ebenso hangen Teile des
Athergehirnes heraus, wenn der Mensch in einem hypnotischen Zu-
stande sich befindet. Weil der Atherleib eingesponnen ist in ganz klei-
nen punktartigen Gebilden im physischen Leib, so entsteht das bekannte
eigentiimliche Gefiihl des Prickeins bei einem eingeschlafenen Gliede.
Nach Ablauf der Zeit, wahrend der sich der Atherleib in Verbindung
mit dem Astralleib aus dem physischen Leib herausgelost hat, kommt
der Moment, wo der Astralleib mit all dem, was die hoheren Glieder
sind, wiederum sich herauslost aus dem Atherleib. Dieser letztere trennt
sich ab, das Erinnerungs-Tableau verglimmt. Aber es bleibt dem Men-
schen etwas davon, es geht nicht ganz verloren. Zwar das, was man
nennen konnte Ather- oder Lebenssubstanz, zerstreut sich in den gan-
zen Weltenather, aber eine Art Essenz bleibt davon, die dem Menschen
niemals wieder auf der ferneren Wanderung seines Lebens verlorengehen
kann. Er nimmt sie wie eine Art Extrakt aus dem Lebens-Tableau mit
in alle seine zukimftigen Inkarnationen, wenn er sich dessen auch nicht
erinnern kann. Das, was sich aus diesem Erinnerungsextrakt bildet,
nennt man konkret-real den Kausalleib. Nach jedem Leben legt sich
ein neues Blatt zu dem Lebensbuch hinzu. Das vermehrt die Lebens-
essenz und bewirkt, wenn die vergangenen Leben fruchtbar waren, daB
sich das nachste in der entsprechenden Weise entfaltet. Darin liegt die
Ursache, weshalb ein Leben reich oder arm an Talenten, Anlagen und
so weiter ist.
Um das Leben des Astralleibes nach seiner Trennung vom Atherleibe
zu verstehen, miissen wir einen Blick tun auf physische Verhaltnisse.
Im physischen Leben ist es der Astralleib, der sich freut, der leidet, der
seine Begierden, Triebe und Wiinsche befriedigt durch die Organe des
physischen Leibes. Nach dem Tode fehlen ihm diese physischen Instru-
mente. Der Feinschmecker kann seine Lust an guten Dingen nicht mehr
befriedigen, denn die Zunge fehlt ihm; die ist mit dem physischen Leibe
fortgegangen. Die Begierde aber bleibt dem Menschen, da diese mit dem
Astralleib zusammenhangt, und daraus resultiert der brennende Durst
der Kamaloka-Zeit. Kama heiBt Begierde, Wunsch; loka ware der Ort,
doch ist es in Wirklichkeit kein Ort, sondern ein Zustand.
Wer schon herauswachst innerhalb des physischen Lebens aus dem
physischen Leibe, der kiirzt seine Kamaloka-Zeit ab. Es ist ein wirk-
liches Herauswachsen, wenn wir uns an Gegenstanden des Schonen,
der Harmonie entziicken. Sie fiihren uns schon hier aus der sinnlichen
Welt heraus. Die sinnlich-materialistische Kunst bedeutet eine Er-
schwerung des Kamaloka-Zustandes, wahrend die spirituelle Kunst
eine Erleichterung desselben bedeutet. Jede edle, durchgeistigte Lust
kiirzt Kamaloka ab. Deshalb miissen wir uns schon hier jene Liiste und
Begierden abgewohnen, welche nur durch das sinnliche Instrument be-
friedigt werden konnen. Kamaloka-Zeit bedeutet eben eine Zeit des
Abgewohnens der sinnlichen Liiste und Triebe. Diese Zeit dauert unge-
fahr ein Drittel des gewohnlichen Lebens. Etwas Eigentumliches gibt es
beim Durchleben dieser Kamaloka-Zeit. Sie vollzieht sich so, daB der
Mensch anfangt, wirklich sein ganzes Leben zu durchleben. War es
gleich nach dem Tode ein lust- und leidloses Erinnerungsbild, so durch-
lebt er jetzt alle Lust und alles Leid wirklich noch einmal, und zwar in
umgekehrter Art, so daB er alle Lust, alles Leid, das er anderen zugefiigt
hat, in sich selbst erleben muB. Mit dem Karmagesetz hat dies nichts
zu tun.
Man fangt das Zuriickerleben bei dem letzten Erlebnis vor dem Tode
an und geht mit dreifacher Schnelligkeit bis zur Geburt zuriick. In dem
Moment, wo der Mensch in seinem Riickerinnern bei seiner Geburt an-
gelangt ist, gesellt sich der Teil des Astralleibes, der vom Ich bearbeitet
und umgestaltet ist, zum Kausalleib, dagegen fallt ab wie ein Schatten
und Schemen dasjenige, was der Mensch noch nicht bearbeitet hat. Das
sind die astralen Leichname der Menschen. Dann hat der Mensch abge-
legt den physischen, den Ather- und jetzt auch den astralen Leichnam.
Er durchlebt jetzt neue Zustande, die des Devachan. Devachan ist
ebenso um uns wie die astrale Welt.
Wenn der Mensch sein Leben bis in die Kindheit zuriickgelebt hat,
wenn er also die drei Leichname abgestreift hat, ist der Zustand er-
reicht, den die biblische Urkunde geheimnisvoll andeutet in den Wor-
ten: So ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Him-
melreich kommen. — Devachan, geistige Welt, ist das Himmelreich im
christlichen Sinne.
Wir miissen nun die Welt des Devachan selbst beschreiben. Sie ist
eine ebenso mannigfaltige und gegliederte wie unsere physische Welt.
Ebenso, wie wir in unserer physischen Welt feste Gebilde unterschei-
den, Kontinente, wie wir um das Feste herum eine Wassermasse haben,
dann die Luft und dariiber hinaus feinere Zustande, ebenso haben wir
auch eine solche Gliederung im Devachan, im geistigen Reich. Man hat
in Analogie mit den Verhaltnissen auf der Erde die Dinge, die man im
Devachan findet, mit ahnlichen Namen belegt.
Wir haben da zunachst ein Gebiet, das sich vergleichen laBt mit den
festen physischen Gebieten. Das ist das kontinentale Gebiet im Deva-
chan. Dort findet man alles, was hier auf der Erde physisch ist, als
geistige Wesenheiten. Man denke sich zum Beispiel einen physischen
Menschen. Mit dem devachanischen Schauen betrachtet, erscheint er
so: es verschwindet, was die physischen Sinne wahrnehmen, dagegen
fangt es an aufzuleuchten dort, wo beim physischen Menschen nichts
ist. Rund um den Menschen herum fangt es an zu glanzen und zu leuch-
ten. In der Mitte, wo der physische Korper ist, ist ein leerer Raum, wie
eine Art ausgespartes Negativ, wie eine Schattenfigur. Tier undMensch
so betrachtet, erscheinen im Negativbilde. Blut erscheint griinlich in
der Gegenfarbe. Alle Gebilde, die hier physisch sind, sind da oben ir-
gendwie in den Urbildern vorhanden.
Ein zweites Gebiet, jedoch nicht abgegrenzt, wie eine zweite Stufe
ist das Meeres-, das Ozeangebiet des Devachan. Es ist nicht Wasser, es
ist eine eigentiimliche Substanz, die in regelmaBigen Stromungen wirk-
lich durchsetzt das Gebiet des Devachan, in einer Farbe, die man ver-
gleichen kann mit der jungen Pfirsichbliite im Friihling. Fliissiges Le-
ben ist dies, welches das ganze Devachan durchzieht. Das, was sich hier
unten verteilt auf die einzelnen Menschen und Tiere, das ist dort oben
als eine Art wasserigen Elementes vorhanden. Wir haben ein Bild da-
von, wenn wir an die Verteilung des Blutes im Menschen denken.
Das dritte Gebiet kann man am besten charakterisieren, wenn man
sagt, daB in ihm alles das als AuBeres vorhanden ist, was hier im Innern
der Wesen an Empfindungen, Gefiihlen, Lust und Leid, Freude und
Schmerz lebt. Es wird hier zum Beispiel eine Schlacht geschlagen. Ka-
nonen, Gewehre und so weiter, das ist alles auf dem physischen Plan.
Aber innerhalb der Wesen hier auf dem physischen Plan ist vorhanden
gegenseitiges Rachegefiihl, Schmerz, Leidenschaften. Die zwei Heere
stehen sich mit einer Fiille von polaren Leidenschaften gegeniiber.
Denke man sich das Ganze umgesetzt in auBere Erscheinungen, dann
hat man das Bild, wie es sich auf dem Devachanplan ausnimmt. Wie
wenn sich hier ein furchtbares Gewitter entladt, sieht man dort das-
jenige, was sich hier auf einem Schlachtfelde vollzieht. Das ist die
Atmosphare, derLuftkreis des Devachan. So wie unsereErde eine Luft-
hiille umgibt, so ist dort ausgebreitet wie eine Atmosphare alles, was
sich hier auf dem physischen Plan an Gefiihlen entladt, ob es nun hier
im Physischen zur Ausgestaltung kommt oder nicht.
Das vierte Gebiet des Devachan enthalt die Urformen, die Urgriinde
von all dem, was hier auf der Erde originell geleistet worden ist. Wenn
wir uns umsehen, wenn wir die Geschehnisse der physischen Welt prii-
fen, so finden wir, daB weitaus die meisten inneren Vorgange von
auBen veranlaBt werden. Eine Blume, ein Tier bereitet uns Freude;
ohne die Blume, ohne das Tier wiirden wir diese Freude nicht empfin-
den. Es gibt aber auch solche Vorgange, die nicht von auBen veranlaBt
werden. Ein neuer Gedanke, ein Kunstwerk, eine neue Maschine bringt
etwas in die Welt, was noch nicht da war. Auf alien diesen Gebieten ge-
schehen originelle Schopfungen. Die Menschheit wiirde nicht vorwarts-
kommen, wenn nicht Neues in die Welt hineingebracht wiirde. Beson-
ders originelle Dinge, welche die groBen Kiinstler und Erfinder der
Welt gegeben haben, sind nur gradweise hoher als jede andere originelle
Handlung, selbst die unbedeutendste. Es kommt darauf an, daB etwas
originell im Innern entsteht. Auch fur die unbedeutendsten originellen
Handlungen sind schon Vorbilder im Devachan vorhanden. Alles das
ist oben schon vorgezeichnet. Was originaliter von den Menschen ge-
leistet wird, angelegt ist es dort schon vor der Geburt des Menschen.
So finden wir im Devachan vier Gebiete, deren Gegenbilder auf dem
physischen Plan Erde, Wasser, Luft und Feuer sind: das kontinentale
Gebiet als die feste Kruste des Devachan, natiirlich im geistigen Sinne,
dann das Meeresgebiet, das entspricht unserem Wassergebiet, das Luft-
gebiet, die Stromungen der Leidenschaften und so weiter — Schemes,
aber auch Sturmvolles findet sich dort — , und endlich das, was alles
durchzieht, die Welt der Urbilder. Alles das, was in der physischen
Welt spater von Wesen, die wieder zuriickkehren in die physische Welt,
geleistet wird an Willensimpulsen und originellen Ideen, alles das muB
die Seele durchleben und durchweben, um sich dort neue Kraft zu
sammeln fiir das neue Leben.
VIERTER VORTRAG
Miinchen, 28. Mai 1907
Vorgestern haben wir beschrieben das Gebiet und die Welten, die der
Mensch zu durchschreiten hat nach dem Tode, nachdem alles dasjenige
im Kamaloka oder, wie man in der Rosenkreuzer-Theosophie sagt, in
der elementaren Welt abgestreift ist, was noch bindet an das physische
Instrument dieser Welt. Wir haben ferner beschrieben das sogenannte
Rupa-Devachan oder das Gebiet, das man genannt hat die himmlische
oder inspirierende Welt. Wir haben gesehen, daB dieses Gebiet, das
eigentliche Geisterland, gleich dem Gebiet unserer physischen Welt eine
Viergliedrigkeit aufweist. Wir haben das kontinentale Gebiet, welches
durchsetzt ist von einer Art Ozean- und FluBgebiet, das wir aber besser
noch mit der Form des Blutkreislaufs im Organismus des Menschen
vergleichen. Wir haben gesehen, daB auch im Devachan, als Analogie
zur Atmosphare unserer Erde, im sogenannten Luftkreis sich alles das
findet, was an Freuden und Leiden, an Schmerzen und Plagen die See-
len der in der physischen Welt befindlichen Wesen durchzieht, aller-
dings weit ausgedehnter, weil noch ganz andere Wesen dort leben, die
nicht in physischen Leibern inkarniert sind. Wir haben endlich gesehen,
daB im vierten Gebiet alles das, was originell ist, vom kleinsten Einfall
bis zu dem Hochsten, was der Erfinder und Kiinstler leistet, als Vorbild
zu finden ist. Dort ist das eigentlich Treibende, das unsere Erde vor-
wartsbringt. AuBer diesen Bestandstiicken der eigentlichen geistigen
Welt finden wir aber auch noch das, was unsere Erde verbindet mit
noch hoheren Welten.
Wir haben bis jetzt nur das entdeckt, was bloB Bezug hat auf unsere
Erdenentwickelung; was dariiber hinausgeht, haben wir noch nicht ent-
deckt. Derjenige, der eine Einweihung erhalt, lernt kennen, was unsere
Erde je war und sein wird und was sie verbindet mit andern Welten
auBerhalb unseres Systems.
Vor alien Dingen ist eins wichtig, was uns im Devachan, in dieser
sogenannten Vernunftwelt, begegnet. Es ist das, was wir gewohnt sind,
die Akasha-Chronik zu nennen. Nicht als ob dieselbe erzeugt wiirde im
Devachan, sie wird in einem noch hoheren Gebiet hervorgebracht, aber
man kann, wenn man bis zum Devachan hinaufgelangt ist, anfangen
das zu sehen, was man die Akasha-Chronik nennt.
Was ist Akasha-Chronik? Wir machen uns den besten Begriff davon,
wenn wir uns klar sind, da6 alles, was auf unserer Erde oder sonst auf
der Welt geschieht, einen bleibenden Eindruck auf gewisse feine Essen-
zen macht, der fur den Erkennenden, der eine Einweihung durchge-
macht hat, aufzufinden ist. Es ist keine gewohnliche Chronik, sondern
eine Chronik, die man als eine lebendige bezeichnen konnte. Nehmen
wir an, ein Mensch lebte im ersten Jahrhundert nach Christo. Das, was
er damals gedacht, gefiihlt, gewollt hat, das, was in seine Taten iiber-
gegangen ist, ist nicht ausgeloscht, sondern es ist aufbewahrt in dieser
feinen Essenz. Der Seher kann es «sehen». Nicht etwa so, wie wenn es
aufgeschrieben ware in einem Geschichtsbuche, sondern so, wie es sich
zugetragen hat. Wie man sich bewegt, was man getan, wie man zum
Beispiel eine Reise gemacht hat, kann man sehen in diesen geistigen
Bildern. Man kann auch die Willensimpulse, die Gefiihle, die Gedan-
ken sehen. Doch wir diirfen uns nicht vorstellen, da6 diese Bilder sich
so ausnehmen, als wenn sie Abdriicke der physischen Personlichkeiten
hier waren; das ist nicht der Fall. Um ein einfaches Bild zu gebrau-
chen: Wenn man seine Hand bewegt, so ist der Wille des Menschen
iiberall in den kleinsten Teilen der sich bewegenden Hand, und diese
Willenskraft, die sich hier versteckt, die kann man sehen. Das, was
jetzt geistig wirkt in uns und im Physischen ausgeflossen ist, das sieht
man dort im Geistigen.
Suchen wir zum Beispiel Casar auf. Wir konnen alles, was er unter-
nommen hat, verfolgen. Doch machen wir uns klar, da6 wir mehr die
Gedanken des Casar sehen konnen in der Akasha-Chronik. Wenn er
sich vorgenommen hat, etwas zu tun, sieht man die ganze Folge von
Willensentschliissen bis zu dem Punkte, wo die Tat ausgeflossen ist ins
Leben. Es ist nicht leicht, ein konkretes Ereignis in der Akasha-Chronik
zu verfolgen; man muB sich zu Hilfe kommen durch Ankniipfung an
Dinge, die man auBerlich erfahren hat. Will der Seher etwas von Casar
verfolgen und vergegenwartigt er sich ein Geschichtsdatum als Punkt,
an den er ankniipft, dann ergibt sich das andere mit Leichtigkeit. Die
geschichtlichen Daten sind zwar oft unzuverlassig, doch mitunter eine
Hilfe. Wenn der Seher den Blick zuriickwendet bis zu Casar, sieht er
wirklich die handelnde Person des Casar wie geisthaftig, als ob er vor
ihm stande, mit ihm sprache. Doch wenn der Mensch, der irgendwelche
Gesichte haben kann, nicht genau Bescheid weifi in diesen hoheren
Welten, kann ihm verschiedenes passieren, wenn er den Blick in die
Vergangenheit wendet.
Die Akasha-Chronik ist zwar zu finden im Devachan, doch sie er-
streckt sich herunter bis in die astrale Welt, so da6 man in dieser oft
Bilder der Akasha-Chronik wie eine Fata Morgana finden kann. Sie
sind aber oft unzusammenhangend und unzuverlassig, und das ist
wichtig zu beachten, wenn man Forschungen iiber die Vergangenheit
anstellt. Ein Beispiel soil die Gefahrlichkeit dieser Verwechslungen an-
deuten. Wenn wir bei der Erdenentwickelung durch die Angaben der
Akasha-Chronik zuruckgefiihrt werden bis zu jenen Zeiten, wo die
Atlantis bestand, ehe die grofie Flut kam und sie wegspiilte, konnen wir
die Vorgange in dieser alten Atlantis verfolgen. Dieselben haben sich
spater in anderer Form noch einmal wiederholt. Lange vor der christ-
lichen Zeit haben sich Ereignisse abgespielt in Norddeutschland, in
Mitteleuropa, ostwarts von der Atlantis, bevor das Christentum von
Siiden heraufgezogen ist, die eine Wiederholung der atlantischen Ereig-
nisse sind. Erst nachher, durch die Einfliisse, die von Siiden kamen, ist
die Bevolkerung selbstandig geworden. — Hier ein Beispiel, wie leicht
man Irrtumern ausgesetzt ist. Wenn jemand verfolgt die astralen Bilder
der Akasha-Chronik, nicht die devachanischen Bilder, dann kann ihm
eine Verwechslung mit diesen Wiederholungen der alten atlantischen
Vorgange passieren. Das ist wirklich der Fall gewesen in den Angaben
von Scott-Elliot iiber Atlantis, die zwar durchaus stimmen, wenn man
sie priift in bezug auf die astralen Bilder, doch nicht mehr, wenn man
sie anwendet auf die devachanischen der wirklichen Akasha-Chronik.
Das muBte einmal gesagt werden. In dem Augenblick, wo man erkennt,
wo die Quelle der Irrtiimer ist, kann man leicht zur wahren Schatzung
der Angaben kommen.
Noch eine andere Quelle des Irrtums kann kommen, wenn man sich
auf die Angaben von Medien stiitzt. Medien, wenn sie entsprechende
Mediumitat haben, konnen die Akasha-Chronik sehen, obgleich meist
nur deren astrale Spiegelungen. Nun ist etwas Eigentiimliches in der
Akasha-Chronik. Wenn wir einen Menschen aufsuchen, benimmt er
sich wie ein lebendes Wesen. Wenn wir Goethe aufsuchen, antwortet er
nicht nur mit Worten, die er damals gesprochen hat, sondern er gibt
Antwort im Goetheschen Sinn. Es kann sogar passieren, daB Goethe
Verse sagt in seinem Stil und Sinn, die er gar nicht selbst geschrieben
hat. Das Akasha-Bild ist so lebendig, daB es wie urspriinglich im Sinn
des Menschen fortwirkt. Daher kann es geschehen, daB man es ver-
wechselt mit dem Menschen selbst. Die Medien glauben, daB sie es zu
tun haben mit dem im Geist fortlebenden Toten, wahrend es doch nur
dessen astrales Akasha-Bild ist. Casars Geist kann schon wieder ver-
korpert sein auf derErde, sein Akasha-Bild antwortet in den Sitzungen.
Es ist nicht die Individuality des Casar, sondern nur der bleibende
Eindruck, den Casars Bild in der Akasha-Chronik hinterlassen hat.
Hierauf beruht der Irrtum in zahlreichen Medien-Sitzungen. Wir miis-
sen unterscheiden zwischen dem, was bleibt vom Menschen in seinem
Akasha-Bilde, und dem, was sich fortentwickelt als die Individuality.
Das sind sehr, sehir wichtige Dinge.
Wenn der Mensch Kamaloka verlassen hat, hat er sich entwohnt
aller der Verrichtungen, zu denen er das physische Instrument braucht.
Er tritt ein in das Gebiet, das soeben beschrieben worden ist. Das ist
eine sehr wichtige Zeit, die jetzt fiir ihn beginnt. Wir miissen uns klar-
machen, was da geschieht mit dem Menschen.
Alles, was der Mensch friiher nur gedacht hat, seine Gefiihle und
Leidenschaften, alles,was er hiererlebt hat, das tritt ihm da imDevachan
entgegen in der Gestalt der Dinge um ihn herum. Zuerst sieht man den
eigenen physischen Leib in seinem Urbilde. So wie wir hier auf der Erde
iiber Felsen, Berge und Steine gehen, so geht man dort iiber alle die Ge-
stagen, die hier in der physischen Welt vorhanden sind; also man geht
dort auch iiber seinen eigenen physischen Leib. Das ist geradezu ein
Kennzeichen fiir den Menschen nach dem Tode, daB er seinen eigenen
physischen Leib als Sache auBer sich selbst hat. Daran erkennt er, daB er
vom Kamaloka ins Devachan hinaufgekommen ist. Hier spricht er zu
seinem Leibe: «Das bin ich!» Dort sieht er ihn und sagt: «Das bist du!»
Die Vedanta-Philosophie laBt ihre Schiiler meditativ einiiben dieses
«Das bist du!», damit sie durch Ubungen dieser Art ein Verstandnis
dafiir haben, zu ihrem Leib zu sagen: «Das bist du!» AuBerdem sieht
man urn sich herum alles das, was man hier auf der Erde erlebt hat.
Wenn ein Mensch hier Rache, Unliebe, allerlei schlimme Gefiihle hegt
gegen seine Mitmenschen, dann treten ihm diese schlimmen Gefiihle
entgegen wie eine Wolke auBerhalb seiner selbst, und das ist eine Lehre
fur den Menschen. Er kann lernen, was das alles fur eine Bedeutung
und Wirkung hier in der Welt hat.
Wir miissen uns recht klarmachen, was da mit dem Menschen ge-
schieht. Betrachten wir den physischen Menschen hier auf der Erde.
Wodurch haben sich seine Organe, zum Beispiel seine Augen, gebildet?
Es gab eine Zeit, wo es noch kein Auge gab. Es ist gebildet vom Licht.
Das Licht hat das Auge aus der physischen Organisation herausgebildet.
Das Licht ist die Ursache des Auges. So schaffen die Dinge, die uns um-
geben, die Organe der physischen Welt. Auf der Erde schaffen sie
Organe in physischen Korpern und Stoffen; im Devachan arbeiten die
Dinge, die uns umgeben, an unserer seelischen Wesenheit, so daB alles
das, was der Mensch sich hier angeeignet hat an guten und schlechten
Gefuhlen, sich dort in seiner Umgebung befindet, an seiner Seele arbei-
tet und so die seelischen Organe schafft. Ist man hier ein guter Mensch
gewesen, dann leben dort die guten Eigenschaften in der devachani-
schen Luft. Sie arbeiten im Geistigen, sie schaffen Organe. Diese Organe
dienen als Architekten, als Bildner fur den neuen Aufbau des physi-
schen Leibes bei einer neuen Geburt. So arbeitet das, was der Mensch
im Innern hatte, weil es im Devachan in die AuBenwelt versetzt ist, fur
die nachste Geburt vor. Es bereitet vor die Krafte, die den Menschen-
leib neu aufbauen.
Doch glaube man nicht, daB der Mensch nichts zu tun hatte, als nur
fur sich selbst zu sorgen; er hat auch auBerdem noch sehr wichtige
Dinge im Devachan zu arbeiten. Wir konnen uns ein Verstandnis dafiir
bilden, wenn wir die Entwickelung unserer Erde fur kurze Zeit betrach-
ten. Sehen wir zunick auf ein paar Jahrtausende! Wenn wir dieselben
Gegenden betrachten, wie anders haben sie damals ausgesehen! Andere
Pflanzen, andere Tierformen, selbst ein anderes Klima gab es. Die Erd-
oberflache verandert sich fortwahrend in ihren Naturprodukten. In
Griechenland zum Beispiel konnte nicht wieder das entstehen, was da-
mals auf dem Boden des alten Griechenlands hervorsproB. Dadurch
eben geschieht die Entwickelung der Erde, da6 sich das Antlitz der
Erde fortwahrend verandert.
Es dauert sehr lange, wenn der Mensch gestorben ist, bis er wieder
geboren wird. Wenn der Mensch neu erscheint auf der Erde, findet er
nicht dasselbe wieder vor. Er soil etwas Neues erleben, er wird nicht
zweimal hineingeboren in dieselbe Gestalt der Erde. Es bleibt der
Mensch so lange in den geistigen Gebieten, bis die Erde ihm ganz neue
Gebiete darbietet. Das hat einen guten Sinn. Er lernt etwas ganz Neues,
und dadurch entwickelt er sich ganz anders. Sehen wir zum Beispiel
einen romischen Knaben an. Er lebte nicht wie bei uns ein Schulknabe.
Und wenn wir wieder geboren werden, werden wir wieder ganz andere
Verhaltnisse vorfinden. So geht es von Inkarnation zu Inkarnation.
Wahrend der Mensch sich in den eben beschriebenen Gebieten aufhalt,
andert sich das Antlitz der Erde fortwahrend.
Wer ist da tatig, wer andert die Physiognomie der Erde? — fragen
wir uns. Da kommen wir zugleich auf die Antwort der Frage: Was tut
der Mensch in der Zwischenzeit? — Von den geistigen Welten aus arbei-
tet der Mensch selbst, unter der Anleitung hoherer Wesenheiten, an der
Umgestaltung der Erde. Es sind die Menschen selbst zwischen Tod und
neuer Geburt, die diese Arbeit verrichten. Wenn sie dann wieder gebo-
ren werden, treffen sie das Antlitz der Erde anders, und zwar in einer
Gestaltung, an der sie selbst mitgearbeitet haben. Wir alle haben so
gearbeitet.
Wenn wir fragen: Wo ist Devachan, wo ist die geistige Welt? — so
antworte ich: Immerfort um uns herum. — Es ist wirklich so. Also sind
auch all die Seelen der Menschen, die entkorpert sind, um uns herum.
Sie arbeiten um uns herum. Wahrend wir Stadte bauen, Maschinen
konstruieren, arbeiten aus dem geistigen Gebiet heraus, um uns herum,
die Menschen, die zwischen Tod und neuer Geburt stehen.
Wenn wir als Seher sie aufsuchen, konnen wir finden, wenn wir das
Licht nicht bloB sinnlich wahrnehmen, innerhalb des Lichtes die toten
Menschen. Das Licht, das uns umgibt, bildet den Korper der Toten. Sie
haben einen Korper aus Licht gewoben. Das Licht, das die Erde um-
spiilt, ist Stoff fur die Wesen, die im Devachan leben. Sehen wir drau-
Ben eine Pflanze, die vom Sonnenlicht sich nahrt: sie empfangt nicht
nur das physische Licht, sondern in Wahrheit die Tatigkeit geistiger
Wesen, und unter ihnen sind auch diese Menschenseelen. Sie selbst
strahlen als Licht auf die Pflanzen nieder, sie umschweben die Pflan-
zen als geistige Wesenheiten. Wenn wir die Pflanzen mit geistigem
Auge betrachten, so sagen wir: Es erfreut sich die Pflanze der Einwir-
kung der toten Menschen, die sie umschweben und die im Lichte um sie
wirken und weben. — Und wenn wir jetzt verfolgen, wie die Pflanzen-
decke auf der Erde sich andert, und fragen: Wer hat das gewirkt? — so
sagen wir: In dem Lichte, das unsere Erde umspiilt, wirken die toten
Menschen; da ist wirklich Devachan. — In dieses Lichtreich gehen wir
ein nach der Kamaloka-Zeit. Das ist konkrete Wahrheit, Der erst weiB
vom Devachan im Sinne der Rosenkreuzer-Theosophie, der darauf
hindeuten kann, wo die toten Menschen wirklich zu finden sind.
Wenn das Auge des Sehers sich entwickelt, macht er oft eine eigen-
tiimliche Wahrnehmung. Wenn er sich in die Sonne stellt, halt sein
Korper das Licht auf. Er wirft einen Schatten. Wenn er nun hinein-
schaut in diesen Schatten, ist das oftmals der erste Moment, wo er den
Geist entdeckt. Der Korper halt auf das Licht, doch nicht den Geist,
und im Schatten, den der Korper wirft, kann man den Geist entdecken.
Deshalb nennen primitive Volker, die immer ein Hellsehen gehabt ha-
ben, den Schatten auch die Seele. Sie sagen: schattenlos — seelenlos. Bei
einer Novelle von Adalbert von Chamisso liegt unbewuBt diese Idee
zugrunde: Der Mann, der seinen Schatten verloren hat, hat auch seine
Seele verloren, darum ist er so traurig.
So also ist die Arbeit der Menschen zwischen Tod und neuer Geburt
im Devachan. Es ist wahrhaftig kein untatiges Ruhen; Schaffende sind
sie am Werdegang der Erde vom Devachan heraus, und so verstehen
wir, wie das Weltenwerden geschieht. Es ist nicht, wie oftmals gesagt
wird, als ob die Menschen in seliger Ruhe, im Traume dahinlebten; das
Leben dort ist vielmehr ein ebenso tatiges wie hier auf der Erde.
Wenn der Mensch so weit ist, daB er diejenigen Tatigkeiten, die er im
letzten Leben vollzogen hat, in geistige Krafte umgesetzt hat, wenn er
alle die Erlebnisse in der devachanischen AuBenwelt erlebt hat, so daB
sie auf ihn gewirkt haben, dann ist er reif, vom Devachan herunter-
zusteigen zu einer neuen physischen Geburt. Dann zieht der Erdkreis
ihn wieder an.
Das erste, was der Mensch antrifft, wenn er aus dem Devachan her-
abkommt, ist das astralische Gebiet, in der Rosenkreuzer-Theosophie
die elementare Welt genannt. Die gibt ihm einen neuen Astralleib.
Wenn man auf ein Papier Eisenfeilspane streut und unterhalb desselben
einen Magneten bewegt, dann bilden sich Formen und Linien nach den
Kraften des Magneten; und genau so wird die astrale Substanz, die un-
regelmaBig verteilt ist, herangezogen und geordnet nach den Kraften,
die in der Seele sind und dem entsprechen, was diese Seele im friiheren
Leben erarbeitet hat. So gruppiert sich der Mensch selbst seinen Astral-
leib. Diese werdenden Menschen, die nur erst einen Astralleib haben,
sieht der Seher als Wesen, die ausschauen wie eine nach unten sich off-
nende Glockenform. Sie schieBen mit riesiger Geschwindigkeit durch
den Astralplan. Kaum vorstellen kann man sich die Geschwindigkeit,
mit der sie den Raum durchschwirren.
Jetzt miissen diese werdenden Menschen einen Atherleib und einen
physischen Leib erhalten. Was bisher geschehen ist bis zum Aufbau des
Astralleibes, hing von ihnen selbst ab, je nach den Kraften, die sie selbst
entwickelt haben. Wie aber der Atherleib sich bildet, das hangt nicht
allein vom Menschen ab in dem gegenwartigen Entwickelungslauf, son-
dern in bezug auf diese Bildung ist der Mensch von auBeren Wesen ab-
hangig. Darum hat der Mensch zwar immer einen passenden Astralleib;
es ist aber nicht immer der Fall, daB dieser Astralleib ganz in den Ather-
und physischen Leib hineinpaBt. Daher oft die Disharmonie und Un-
zufriedenheit im Leben. DaB die werdenden Menschen so herumschwir-
ren, geschieht namentlich deshalb, weil sie ein passendes Elternpaar
suchen, das ihnen die beste Gelegenheit gibt, eine zur Astralwesenheit
stimmende Ather- und physische Korperlichkeit zu bekommen. Es kann
immer nur das relativ beste und passende Elternpaar sein, das ihnen
diese gibt. Bei diesem Suchen wirken Wesenheiten, die den Atherleib an
den astralischen Leib angliedern und die ahnlich dem sind, was man oft
Volksgeister nennt. Das ist nicht dieses unfaBbare Abstraktum, als was
der Volksgeist gewohnlich angesehen wird; es ist fiir den geistigen Be-
obachter der Welt etwas so "Wirkliches wie unsere Seele, die in unserem
Leibe verkorpert ist. So hat ein ganzes Volk gemeinschaftlich zwar
nicht einen physischen Leib, wohl aber einen Astralleib und die Ansatze
zu einem Atherleibe. Es lebt wie in einer astralischen Wolke, und das
ist der Leib fiir den Volksgeist. Das sind die Lenker der Atherbildungen
um den Menschen herum, und so hat der Mensch sich nicht mehr selbst
in der Gewalt.
Nun kommt ein auBerordentlich wichtiger Moment, ebenso wichtig
wie der Moment nach dem Tode, wo man sein ganzes vergangenes Le-
ben als Erinnerungsbild sieht. Wenn der Mensch in seinen Atherleib
hineinschliipft und noch nicht den physischen Leib hat — es ist dies nur
ein kurzer Moment, aber von hochster Wichtigkeit — , da hat er eine
Vorschau auf das nachste Leben; nicht auf alle Einzelheiten, es ist nur
ein Uberblick iiber all das, was ihm bevorsteht im kiinftigen Leben. Da
kann er sich sagen — er vergiBt es wieder bei der EinkOrperung — , er hat
vor sich ein gliickliches oder ein ungliickliches Leben. Nun kommt es
vor, wenn ein Mensch viele schlimme Erfahrungen im friiheren Leben
gemacht hat, da6 er einen Schock bekommt und nicht hinein will in den
physischen Leib. Das kann bewirken, da6 erwirklich nicht ganz hinein-
riickt in denselben und so die Verbindung nicht ganz hergestellt ist zwi-
schen den verschiedenen Leibern. Das ergibt dann Idioten in diesem
Leben. Es ist das nicht immer der Grund zur Idiotie, doch haufig. Die
Seele straubt sich gleichsam, physisch verkorpert zu werden. Ein sol-
cher Mensch kann sein Gehirn nicht richtig gebrauchen, weil er nicht
richtig hineingeschaltet ist. Nur wenn der Mensch sich richtig hinein-
gebaren la6t in sein physisches Werkzeug, kann er es richtig gebrau-
chen. Wahrend der Atherleib sonst nur ganz schwach hinausragt, kann
man bei den Idioten oft Teile des Atherleibes wie einen weit iiber den
Kopf hinausragenden atherischen Lichtschein sehen. Wir haben da
einen Fall, wo etwas, was das Leben seiner physischen Betrachtung
nach unerklarlich laBt, erklart wird durch die Geisteswissenschaft.
FUNFTER VORTRAG
Miinchen, 29. Mai 1907
Wir sind in unserer Betrachtung bis zu dem Punkte gekommen, wo der
Mensch, indem er heruntersteigt aus den geistigen Regionen, sich um-
kleidet fiihlt von einem Atherleib und dadurch fiir einen Augenblick
eine Art von Vorschau hat, einen Vorblick auf das Leben, das ihn hier
erwartet. Wir haben gesehen, was das fiir Abnormitaten und Zustande
fur den Menschen hervorrufen kann. Bevor wir nun weiterschreiten,
wollen wir eine Frage beantworten, die manchem wichtig erscheinen
konnte, wenn er den geistigen Blick hinaufrichtet in das Devachan, die
Frage: Wie ist es mit dem Zusammenleben der Menschen zwischen Tod
und neuer Geburt? — Wir miissen uns klar sein, daB es nicht bloB hier
auf der physischen Erde ein Zusammenleben, ein Miteinandersein der
Menschen gibt, sondern auch dort in den hoheren Welten. Ganz genau
ebenso, wie die Arbeit der Menschen im Geistgebiet hinunterreicht in
die physische Welt, so reichen alle die Verhaltnisse zwischen Mensch
und Mensch, alle ihre Zusammenhange, alle ihre Beziehungen zueinan-
der, die gesponnen sind hier unten, hinauf in das Gebiet des geistigen
Landes.
Wir wollen uns das an einem konkreten Beispiel versinnlichen. Neh-
men wir das Verhaltnis zwischen Mutter und Kind. Es kann die Frage
entstehen: Gibt es eine Beziehung zwischen ihnen, die fortdauert? — Ja,
die gibt es. Viel inniger, viel fester als irgendein Verhaltnis, das hier auf
dieser Erde gesponnen werden kann! Die Mutterliebe hat zuerst einen
animalischen Charakter, sie ist eine Art Naturinstinkt. Wenn das Kind
heranwachst, dann gestaltet sich dieses Verhaltnis zu einem morali-
schen, ethischen, geistigen. Wenn Mutter und Kind gemeinschaftlich
denken lernen, gemeinsame Empfindungen haben, dann tritt der Natur-
instinkt immer mehr zuriick; er hat nur die Gelegenheit gegeben, daB
sich das scheme Band schlingen konnte, das Mutterliebe und Kindes-
liebe im hochsten Sinne in sich begreift. Was da an gegenseitigem Ver-
stehen, an inniger Liebe sich entwickelt, das setzt sich auch fort bis in
die Regionen der geistigen Gebiete, wenn auch dadurch, daB der eine
Teil friiher stirbt als der andere, der Zuriickbleibende eine gewisse Zeit
scheinbar abgetrennt ist von dem Gestorbenen. Nach diesem Zeitab-
schnitt ist das Band, das sich hier zusammengesponnen hat, ein ebenso
lebhaftes und inniges; man ist beieinander, nur all die animalischen,
rein natiirlichen Instinkte miissen erst abgestreift werden. Was sich als
Seelengefuhl, als Seelengedanke von einem "Wesen zum andern hier auf
der Erde spinnt, das ist droben nicht gehemmt durch die Schranken, die
hier vorhanden sind. Ja, das Devachan bekommt sogar ein gewisses
Aussehen, eine gewisse Struktur durch die Verhaltnisse, die hier ange-
sponnen sind.
Nehmen wir ein anderes Beispiel. Es bilden sich Freundschaften, Zu-
sammengehorigkeiten, die aus der Seelenverwandtschaft herausgeboren
sind; sie setzen sich fort bis hinauf in das Devachan. Und daraus ent-
wickeln sich fur das nachste Leben die sozialen Zusammenhange. So
arbeiten wir, indem wir hier Seelenverbindungen schlieBen, an der Ge-
stalt, die das Devachan erhalt. Alle, alle haben wir so gearbeitet, indem
wir Bande der Liebe von Mensch zu Mensch schlangen. Dadurch schaf-
fen wir etwas, was nicht nur fur die Erde Bedeutung hat, sondern was
auch die Zusammenhange im Devachan gestaltet. Man mochte sagen:
Das, was hier geschieht, durch Liebe, durch Freundschaft, inniges
Einander-Verstehen, das sind Bausteine, die da oben in der geistigen
Region Tempel bauen, und es muB fur die Menschen, die diese GewiB-
heit durchdringt, ein erhebendes Gefuhl sein, zu wissen, daB, wenn sich
hier schon von Seele zu Seele Bande schlingen, das die Grundlage ist
eines ewigen Werdens.
Nehmen wir an, irgendein anderer physischer Planet hatte solche
Wesen, welche sich gegenseitig nicht sympathisch waren, die wenig
Bande der Liebe miteinander schlieBen konnten. Sie wiirden ein arm-
seliges Devachan haben. Ein reichgegliedertes, inhaltvolles Devachan
hat nur ein planetarisches Gebiet, wo solche Bande der Liebe von
Mensch zu Mensch sich schlingen. Wer oben schon im Devachan ist
und zunachst zwar nicht von dem gewohnlichen Menschen wahrgenom-
men werden kann, hat, je nach seiner Entwickelung, ein mehr oder we-
niger deutliches BewuBtsein von seiner Zusammengehorigkeit mit den
Wesen, die hier zuruckgeblieben sind. Es gibt sogar Mittel, diese Zu-
sammengehorigkeiten zu vergroBern. Senden wir unseren Abgeschiede-
nen Gedanken der Liebe, aber nicht einer egoistischen Liebe, so verstar-
ken wir dadurch das Zusammengehdrigkeitsgefuhl mit ihnen.
Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, daB der BewuBtseinszustand
des Menschen im Devachan dammerhaft, schattenhaft sei. Das ist nicht
der Fall. Wir miissen betonen, daB derjenige Grad eines BewuBtseins,
den der Mensch erreicht hat, nicht wieder verlorengehen kann, wenn
auch bei gewissen Ubergangen Herabdampfungen stattfinden, so daB
der Mensch im Devachan tatsachlich ein deutliches BewuBtsein durch
seine geistigen Organe hat fiir das, was vorgeht hier auf dem Erden-
rund. Der Okkultismus zeigt, daB der im Geistigen lebende Mensch
durchaus miterlebt das, was sich abspielt hier auf der Erde.
So sehen wir, daB das Leben im Devachan, wenn man es in seiner
Wahrheit betrachtet, alles Unbefriedigende verliert, daB der Mensch,
auch wenn er es nicht von seinem egoistischen Erdenstandpunkt aus
betrachtet, es dennoch als ein unendlich Beseligendes empfinden kann,
abgesehen davon, daB jene Freiheit vom physischen Leibe, von den nie-
deren Gliedern, in die der Mensch hier eingeschlossen ist, ein ungeheuer
beseligendes Gefiihl gibt. Das allein schon, daB diese Schranken gefal-
len sind, daB der Mensch nicht mehr durch diese Fesseln gehemmt ist,
tragt ein Gefiihl der Beseligung in sich. So ist das Devachan eine Zeit
des Frei-sich-Auslebens nach alien Seiten hin, in einer so reichen, so
weiten, ungehemmten Weise, wie der Mensch es niemals hier kennen-
gelernt hat.
Wir haben nun gesehen, daB der Mensch bei seinem Abstieg zur
neuen Geburt von geistigen Wesenheiten, im Range ahnlich den Volks-
geistern, mit einem neuen Atherleib umkleidet worden ist. Dieser
Atherleib ist dem Menschen nicht vollstandig angepaBt; noch weniger
angepaBt ist ihm aber das, was er als eine physische Hiille erhalt. Wir
wollen jetzt in groBen Ziigen die Eingliederung des Menschen in die
physische Welt erklaren. Manches davon entzieht sich in einer gewissen
Beziehung einer offentlichen Besprechung.
Wir wissen, daB der Mensch durch die Eigenschaften, die er hat, sich
mit einem astralen Leibe umkleidet. Er hat durch das, was in diesem
astralen Leibe ist, eine Anziehungskraft zu bestimmten Wesen auf der
Erde. Durch den Atherleib wird er hingezogen zu dem Volk und zu der
Familie im weiteren Sinne, in welche er neu hineingeboren wird. Durch
die Art und Weise, wie er ausgebildet hat seinen Astralleib, wird er
hingezogen zum miitterlichen Teil seiner Eltern. Die Essenz, die Sub-
stanz, die Gliederung des Astralleibes zieht ihn zur Mutter. Das Ich
zieht den neuen Menschen hin zum vaterlichen Teil der Eltern. Das
Ich war ja da in uralten Zeiten, als die Seele zum ersten Male herunter-
stieg aus dem SchoBe der Gottheit in einen irdischen Leib. Dieses Ich
hat sich durch viele Inkarnationen hindurch entwickelt. Das Ich des
einen Menschen unterscheidet sich vom Ich des andern, und wie es jetzt
ist, bildet es die besondere Anziehungskraft zum Vater. Der Atherleib
zieht hin zum Volke, zur Familie, der Astralleib zieht besonders hin zur
Mutter, das Ich zum Vater. Darnach richtet sich das ganze Gebilde,
das zur neuen Verkorperung hinunter will.
Es kann vorkommen, daB der Astralleib zu einem miitterlichen Teil
hingezogen wird, das Ich aber nicht zu dem entsprechenden Vater will.
In diesem Falle setzt es seine Wanderung fort, bis es ein passendes El-
ternpaar findet.
Im gegenwartigen Entwickelungszyklus stellt das Ich das Element
des Wollens, der Empfindungsimpulse dar; im astralen Leibe sind die
Eigenschaften der Phantasie, die Eigenschaften des Denkens. Letztere
wird daher die Mutter, wie man sagt, vererben und erstere der Vater.
Und wir sehen so, daB die Individuality, die sich verkorpern will,
durch ihre unbewuBten Krafte das Elternpaar aussucht, das ihr den
physischen Leib geben soil.
Das hier Beschriebene spielt sich so ab, daB es im wesentlichen etwa
bis zur dritten Woche nach der Empfangnis fertig ist. Zwar ist dieser
Mensch, der aus Ich, Astralleib und Atherleib besteht, durchaus vom
Moment der Empfangnis an in der Nahe der Mutter, die den befruch-
teten Menschenkeim in sich hat, aber er wirkt von auBen ein. In dieser
Zeit, etwa in der dritten Woche, fangt dieser Astral- und Atherleib
gleichsam den Menschenkeim ab und beginnt nun mitzuarbeiten an
dem Menschen. Bis dahin geht die Entwickelung des physischen Men-
schenleibes vor sich ohne den EinfluB von Astral- und Atherleib; von
da ab wirken sie an der Entwickelung des Kindes mit und gliedern selbst
die weitere Ausgestaltung des Menschenkeimes. Wir sehen also, daB in
bezug auf den physischen Leib in noch hoherem MaBe das gilt, was vom
Atherleibe gesagt wurde, daB hier noch weniger leicht ein Zusammen-
stimmen stattfinden kann. Diese wichtige Tatsache verbreitet Licht
iiber vieles, was in der Welt vorgeht.
Wir haben bis jetzt den gewohnlichen Menschen der Gegenwart in
seiner normalen Entwickelung geschildert. Nicht ganz gilt das fur einen
Menschen, der in einer vorigen Inkarnation eine okkulte Entwicke-
lung angefangen hat. Je hoher er gekommen ist, desto friiher liegt der
Zeitpunkt, wo er selbst beginnt, seinen physischen Leib zu bearbeiten,
um ihn dadurch geeigneter zu machen fur die Mission, die er hier auf
der Erde zu erfiillen hat. Je spater er dazu kommt, den physischen
Keim abzufangen, desto weniger wird er Herr werden iiber den physi-
schen Leib. Bei hochstentwickelten menschlichen Individualitaten, die
die Leiter und Fiihrer des geistigen Teiles unserer Welt sind, findet
solches Abfangen bereits bei der Empfangnis statt. Fur sie geht nichts
vor ohne ihr Zutun. Sie leiten ihren physischen Leib bis zum Tode und
beginnen den neuen zu bearbeiten, sobald der erste AnstoB dazu
gegeben ist.
Die Stoffe, die den physischen Leib zusammensetzen, andern sich
immerfort. Nach ungefahr sieben Jahren hat sich jedes Teilchen erneu-
ert. Der Stoff wird ausgetauscht, die Form bleibt. Zwischen Geburt
und Tod miissen wir den Stoff immer neu gebaren, er ist das Wech-
selnde. Dasjenige, was man zwischen Geburt und Tod hoherentwickelt
iiber den Tod hinaus, das bleibt erhalten und bildet einen neuen Orga-
nismus.
Was der Mensch zwischen Geburt und Tod unbewuBt macht, tut
der Eingeweihte bewuBt vom Tode bis zur neuen Geburt: er bildet
bewuBt seinen neuen physischen Korper aus. Die Geburt ist daher fiir
ihn nur ein radikales Ereignis. Er tauscht nur einmal, aber griindlich
die Stoffe aus. Daher die groBe Ahnlichkeit der Gestalt solcher Indivi-
dualitaten von einer Inkarnation zur andern, wahrend bei wenig Ent-
wickelten durchaus keine Ahnlichkeit zwischen den Gestalten ihrer
verschiedenen Inkarnationen besteht. Je hoher der Mensch sich entwik-
kelt, desto ahnlicher sind die zwei aufeinanderfolgenden Inkarnatio-
nen. Das kann man durchaus beobachten mit hellseherischem Blick. Es
gibt einen ganz bestimmten Ausdruck fur dieses Verhaltnis, in das der
Mensch auf hoherer Stufe der Entwickelung kommt. Man sagt, er wird
iiberhaupt nicht in einen anderen Korper geboren, so wenig wie man
vom gewohnlichen Menschen sagt, da6 er alle sieben Jahre einen neuen
Korper erhalt. Man sagt vom Meister: er ist geboren in denselben Kor-
per. — Er braucht inn Jahrhunderte, ja selbst Jahrtausende. Das ist bei
weitaus den meisten fiihrenden Individualitaten der Fall. Eine Aus-
nahme machen gewisse Meister, die ihre ganz besondere Mission haben.
Bei denen bleibt der physische Leib erhalten, so da6 der Tod fur sie
iiberhaupt nicht eintritt. Das sind die Meister, die fur den Ubergang
von einer Rasse zu einer andern zu sorgen haben.
Zwei andere Fragen treten jetzt an uns heran, die Frage: Wie lange
dauert der Aufenthalt in den anderen Welten, und die Frage nach dem
Geschlecht in aufeinanderfolgenden Verkorperungen.
Die okkulte Forschung ergibt, daB der Mensch durchschnittlich in
einem Zeitraum von 1000 bis 1300 Jahren wiederkommt. Das hat sei-
nen Sinn darin, da6 der Mensch, wenn er wiederkommt, das Antlitz
der Erde verandert findet und dadurch neue Dinge erleben kann. Das,
was sich andert auf unserer Erde, steht mit gewissen Sternkonstellatio-
nen im innigen Zusammenhang; das ist eine sehr wichtige Tatsache. Im
Friihlingsanfang geht die Sonne in einem gewissen Zeichen des Tier-
kreises auf. 800 Jahre vor Christo ging die Sonne zuerst im Sternbild
des Widders, des Lammes auf, noch friiher in dem danebengelegenen
Sternbild des Stieres. Etwa 2160 Jahre braucht sie, um ein Sternbild zu
durchlaufen. Das Durchlaufen samtlicher zwolf Tierkreiszeichen
nennt man im Okkultismus ein Weltenjahr.
Tief haben die alten Volker immer empfunden, was in Zusammen-
hang stand mit diesem Durchlaufen des Tierkreises. Es durchzog ihre
Seelen, andachtsvoll empfanden sie: Die Sonne kommt im Friihling
herauf, es erneut sich die Natur, die im Winter geruht hat. Des Friih-
lings gottlicher Sonnenstrahl erweckt sie aus tief em Schlaf. — Diese
junge Friihling skraft vereinigte sich mit dem Sternbilde, aus dem heraus
die Sonne schien. Sie sagten: Es ist der Herabsender der neu zu ihren
Kraften gekommenen Sonne, der neu schopferischen Gotteskraft. —
Und so erschien den Menschen einer Zeit, die nun zwei Jahrtausende
zuriickliegt, das Lamm als Wohltater der Menschheit. Alle Lamm-
Sagen entstehen um diese Zeit. Gottliche Begriffe verbinden sich mit
diesem Symbolum. Der Erloser selbst, der Christus Jesus, ist dargestellt
in den ersten Jahrhunderten im Symbolum des Kreuzes und unter die-
sem das Lamm. Erst im sechsten Jahrhundert wird der Erloser am
Kreuz hangend dargestellt. Die bekannte Jason-Sage, das Holen des
goldenen Widderfelles, des Goldenen VlieBes, hat auch ihren Ursprung
darin.
Vor 800 vor Christo ging die Sonne durch das Sternbild des Stieres,
und da haben wir in Agypten die Verehrung des Apis-Stieres und in
Persien des Mithras-Stieres. Noch friiher ist der Durchgang der Sonne
durch das Sternbild der Zwillinge. In indischen und germanischen My-
then finden wir wirklich den Hinweis auf das Zwillingspaar. Die Zwil-
lingsbocke, mit denen Donar, der Gott, fahrt, sind ein letzter Rest
davon. Dann endlich kommen wir zuriick zur Zeit des Krebses, die uns
nahebringt der alten Atlantischen Flut. Eine alte Kultur ging unter,
eine neue ging auf. Das bezeichnet man mit einem bestimmten okkulten
Zeichen, dem Wirbel, der zugleich das Krebs-Symbol darstellt und in
jedem Kalender zu finden ist.
So haben die Volker stets ein deutliches BewuBtsein gehabt von dem,
was am Himmel vorgeht, parallel den Veranderungen auf der Erde
unten. Wenn die Sonne ein Sternbild durchlaufen hat, hat auch die
Erde ihr Antlitz so verandert, daB es wertvoll ist fur den Menschen,
von neuem zu leben. Daher hangt die Zeit der Wiederverkorperung ab
von dem Vorriicken des Friihlingspunktes. Ungefahr die Zeit, die die
Sonne braucht, um durch ein solches Tierkreiszeichen durchzugehen,
ist die Zeit, in der der Mensch zweimal inkarniert ist, einmal mannlich
und einmal weiblich. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die der
Mensch durchmachen kann in einem mannlichen oder weiblichen Or-
ganismus, sind fiir das geistige Leben so grundverschieden, daB er in
demselben Antlitz der Erde sich einmal weiblich und einmal mannlich
inkarniert. Und das gibt ungefahr die Zeit zwischen zwei Inkarnatio-
nen von etwa 1000 bis 1300 Jahren durchschnittlich.
Damit ist zugleich die Frage nach dem Geschlecht beantwortet: es ist
in der Regel abwechselnd. Diese Regel wird oft durchbrochen, so daB
manchmal drei bis fiinf, aber nie mehr als sieben gleichgeschlechtliche
Inkarnationen aufeinanderfolgen. Es widerspricht alien okkulten Er-
fahrungen, wenn gesagt wird, daB sieben aufeinanderfolgende gleich-
geschlechtliche Inkarnationen die Regel sei.
Bevor wir nun das Karma des einzelnen Menschen studieren, miissen
wir eine Grundtatsache beriicksichtigen. Es gibt ein gemeinschaftliches
Karma, ein solches, das nicht durch den einzelnen Menschen bestimmt
wird, obgleich es sich ausgleicht im Laufe seiner Inkarnationen. Ein
konkretes Beispiel soil hier folgen.
Als im Mittelalter die Hunnen von Asien her sich in die europaischen
Lander ergossen und beunruhigende Kriege verursachten, hatte das
auch eine geistige Bedeutung. Die Hunnen sind die letzten Uberbleibsel
alter atlantischer Volker. Sie stehen in tiefer Dekadenz, die sich in
einem gewissen VerwesungsprozeB ihres Astral- und Atherleibes auBert.
Diese Verwesungsstoffe fanden einen guten Mutterboden in der Furcht
und dem Schrecken, den sie bei alien Volkern verursachten. Dadurch
impften diese ihren Astralleibern solche verwesenden Stoffe ein, und
das ubertrug sich nun bei einer spateren Generation auf den physischen
Leib. Die Haut saugte das aufgenommene Astralische ein, und die Folge
davon war eine Krankheit des Mittelalter s: der Aussatz. Der physische
Arzt wiirde selbstverstandlich physische Ursachen fur diesen Aussatz
ins Feld fiihren. Ich will nicht bekampfen, was der Arzt sagt, aber es
liegt bei ihm folgende logische SchluBfolgerung vor: Es verletzt jemand
bei einer Rauferei einen anderen mit einem Messer, er hatte ein altes
Rachegefiihl gegen ihn. Nun sagt der eine, die Verletzung entstand aus
dem Rachegefiihl, der andere sagt, das Messer war die Ursache. — Beide
haben recht. Das Messer war die letzte physische Ursache, aber dahin-
ter liegt die geistige. Wer nach geistigen Ursachen sucht, wird immer
die physischen gelten lassen. Wir sehen hier, wie geschichtliche Ereig-
nisse bedeutsam wirken auf ganze Generationen hin, und wir lernen,
wie wir verbessernd eingreifen konnen auf lange Zeiten bis tief in die
Gesundheitsverhaltnisse hinein.
In den letzten Jahrhunderten entwickelte sich bei unserer europai-
schen Bevolkerung durch die technischen Fortschritte ein Industrie-
Proletariat, und mit demselben hat sich eine Unsumme von Klassen-
und StandeshaB gebildet. Die sitzen im Astralleib des Menschen und
wirken sich physisch aus als Lungentuberkulose. Diese Erkenntnis ist
ein Ergebnis okkulter Forschung. Den einzelnen unter solchem Gesamt-
karma Stehenden konnen wir oftmals nicht helfen. Wir miissen oft mit
schwerer Seele sehen, wie der einzelne leidet, wir konnen ihn nicht ge-
sund oder froh machen, weil er im Zusammenhang mit dem gemein-
schaftlichen Karma steht. Nur indem wir das Gesamtkarma verbessern,
kann auch dem einzelnen geholfen werden. Nicht das einzelne egoisti-
sche Selbst sollen wir hochbringen wollen, sondern so wirken, daB wir
der gesamten Menschheit zum Heile dienen.
Ein anderes Beispiel, das unmittelbar in die Zeitverhaltnisse ein-
greift, ist folgendes: Okkulte Beobachtungen haben ergeben, daB unter
den astralen Wesen, die in dem Japanisch-Russischen Kriege an den
einzelnen Schlachten teilnahmen, verstorbene Russen sich befanden,
die gegen ihr eigenes Volk wirkten. Das kommt daher, daB in den letz-
ten Zeiten der russischen Volksentwickelung viele edle Idealisten durch
Kerker und Schafott zugrunde gingen. Es waren Menschen von hohen
Idealen, doch nicht so weit entwickelt, daB sie verzeihen konnten. Sie
gingen in den Tod mit einem starken Rachegefiihl gegen diejenigen, die
ihren Tod verursacht hatten. Das muBte sich ausleben in ihrer Kama-
loka-Zeit, denn dort allein leben sich solche Rachegefiihle aus. Nach
ihrem Tode erfiillten sie vom Astralplan aus die Seelen der kampfenden
Japaner mit HaB und Rachegefiihlen gegen das Volk, dem sie selbst
angehort hatten. Waren sie schon im Devachan gewesen, dann wiirden
sie gesagt haben: Ich verzeihe meinen Feinden! — Denn Im Devachan
wiirden sie in den ihnen von auBen entgegentretenden HaB- und Rache-
wolken erkannt haben, wie furchtbar und wie ihrer unwiirdig solche
Gefiihle sind. So zeigt uns die okkulte Forschung, wie ganze Volker
unter dem Einflusse ihrer Vorfahren stehen.
Die idealen Bestrebungen der Neuzeit konnen nicht ihre Ideale errei-
chen, weil sie nur mit physischen Mitteln auf dem physischen Plane
wirken wollen. So zum Beispiel die Friedensgesellschaft, die den Frie-
den nur mit physischen Mitteln herbeifiihren will. Erst wenn wir lernen,
auch auf den astralischen Plan hineinzuwirken, erst dann konnen wir
erkennen, welche Mittel die richtigen sind. Erst dann konnen wir so
wirken, daB der Mensch, wenn er von neuem hineingeboren wird in die
Welt, er sie so vorfindet, daB er gedeihlich in ihr arbeiten kann.
SECHSTER VORTRAG
Mimchen, 30. Mai 1907
Heute kommen wir zu den Erlebnissen der Menschen innerhalb unserer
physischen Welt, insofern sie durch das friihere Leben des Menschen
bestimmt sind. Zunachst muB betont werden, daB das Leben nicht allein
durch die friiheren Verkorperungen, sondern, wenn auch nur zum klei-
nen Teil, auch durch das gegenwartige Leben bestimmt wird. Dieses
Gesetz, dem wir da begegnen, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zu-
kunft des Menschen zusammenhangen, wird in der geisteswissenschaft-
lichen Literatur das Karmagesetz genannt. Es ist das wahre Schicksals-
gesetz des Menschen. In der Wirkung des Karmagesetzes in jedem ein-
zelnen Leben haben wir nur einen Spezialfall des groBen Gesetzes des
Kosmos, denn was wir das Karmagesetz nennen, ist ein ganz allgemein
kosmisches Gesetz, und seine Geltung im menschlichen Leben ist nur
ein Spezialfall. Wenn wir uns iiberhaupt einen Zusammenhang irgend-
welcher vorhergehender Verhaltnisse und nachfolgender Wirkungen
klarmachen, denken wir schon im Sinne dieses Gesetzes. Deshalb mochte
ich die Geltung dieses Gesetzes im Kosmos im einzelnen, und zwar fiir
das Menschenleben, in gehoriger Form klarlegen.
Wenn wir zwei GefaBe mit Wasser vor uns stehen haben und eine bis
zum Gliihen erhitzte Eisenkugel in das eine GefaB werfen, dann zischt
das Wasser auf und wird warm. Nehmen wir nun die Kugel heraus und
werfen sie in das andere GefaB, da zischt das Wasser nicht mehr auf und
erwarmt sich nicht mehr. Hatten wir nun gleich die Kugel in das zweite
GefaB hineingeworfen, so ware es auch da geschehen, daB das Wasser
gezischt und die Kugel sich abgekiihlt hatte; so kann es aber nicht mehr
zum Zischen gebracht werden, denn die Kugel ist nicht mehr gliihend,
weil sie sich bereits im ersten GefaB abgekiihlt hatte. Die Wirkung des
Verhaltens der Kugel im ersten GefaB bedingt ihr Verhalten im zwei-
ten GefaB. So hangen im physischen Leben Ursache und Wirkung stets
zusammen. Von dem, was mit einem Ding vorher geschieht, hangt es
ab, wie sich das Ding nachher betragt.
Ein anderes Beispiel geben uns gewisse Tiere, bei denen durch ihre
Einwanderung in dunkle Hohlen das Sehorgan verkummert ist. Bei
ihnen werden die Stoffe, die vorher die Augen mit Nahrung versorgt
haben, in andere Teile des Korpers geleitet, da das Auge dieselben nicht
mehr braucht, denn es braucht nicht mehr zu sehen. Ihre Augen wurden
dadurch zuriickgebildet, und nun werden in alien folgenden Generatio-
nen Tiere mit verkummerten Augen erzeugt werden. Durch ihre frii-
here Einwanderung bestimmten sie dieses Verhalten der Organe selbst,
und ihr Schicksal fiir ihre folgenden Generationen war bestimmt durch
das, was die Wesen in der Vergangenheit taten. Sie bereiteten dadurch
ihr Schicksal fiir die Zukunft vor.
Ebenso ist es auch fortwahrend im Menschenleben. Der Mensch be-
stimmt sich seine Zukunft durch seine Vergangenheit, und da er als in-
nerste Wesenheit nicht eingeschlossen ist in eine einzelne Verkorperung,
sondern durch viele hindurchgeht, so sind fiir die Dinge, die ihn in
einem bestimmten Leben treffen, die Ursachen in einem friiheren Leben
zu suchen.
Wir wollen jetzt auf die Verkettung eingehen, die man verstehen
kann, wenn man ein wenig die Folge der menschlichen Taten, Gedan-
ken und Gefiihle iiberhaupt in Rechnung zieht. Man sagt im gewohn-
lichen Leben so haufig: Gedanken sind zollfrei! — das heiBt, man kon-
ne denken, was man will, das geniere niemand in der AuBenwelt. Hier
haben Sie einen wichtigen Punkt, wo der, welcher wirklich von den
geistigen Impulsen erfaBt ist, sich von dem materialistisch denkenden
Menschen unterscheidet.
Der Materialist glaubt, daB er einem Menschen, den er mit einem
Stein bewirft, wohl weh tut; dagegen glaubt er, daB ein haBerfiillter
Gedanke, den er gegen seinen Mitmenschen hegt, demselben nicht weh
tue. Wer aber die Welt wirklich kennt, der weiB, daB viel, viel starkere
Wirkungen ausgehen von einem haBerfiillten Gedanken, als je durch
einen Steinwurf erregt werden konnen. Alles, was der Mensch denkt,
fiihlt und empfindet, hat seine Wirkungen in der Astralwelt, und man
kann im einzelnen als Seher sehr genau verfolgen, wie zum Beispiel ein
liebevoller Gedanke wirkt, der zu einem andern Menschen hingeht,
und wie ganz anders ein haBerfiillter Gedanke. Wenn Sie einen liebe-
vollen Gedanken aussenden, sieht der Seher, wie sich wie eine Art Blu-
menkelch eine Lichtform bildet, die den Menschen in bezug auf seinen
Ather- und Astralleib liebevoll umspielt und dadurch zu seiner Bele-
bung, seiner Seligkeit etwas beitragt. Der haBerfiillte Gedanke dagegen
bohrt sich wie ein verwundender Pfeil in den Ather- und Astralleib.
Man kann sehr verschiedene Beobachtungen auf diesem Gebiete
machen. Es ist ein gewaltiger Unterschied in der Astralwelt, ob man
einen Gedanken ausspricht, der wahr ist, oder einen erlogenen. Ein
Gedanke bezieht sich auf irgendeine Sache und ist dadurch wahr, daB
er mit der Sache ubereinstimmt. Es tragt sich zum Beispiel irgendwo
eine Tatsache zu, und von dieser geschieht eine Wirkung in die hoheren
Welten hinauf. Jemand erzahlt diese Tatsache wahr: dann strahlt vom
Erzahler ein Astralgebilde auf, das sich mit dem von der Tatsache
selbst herriihrenden Gebilde vereinigt, und beide verstarken sich. Diese
verstarkten Formen dienen dazu, unsere geistige Welt immer geglie-
derter und inhaltsvoller zu machen, wie wir sie brauchen, wenn die
Menschheit vorwartskommen will. Erzahlt man die Tatsache nun aber
so, daB sie nicht mit dem Geschehnis ubereinstimmt, daB sie erlogen ist,
dann trifft die Gedankenform des Erzahlenden zusammen mit der,
welche von der Tatsache ausgeht, beide prallen aufeinander und eine
gegenseitige Zerstorung geschieht. Solche explosionsartigen Zerstorun-
gen durch Liigen wirken, wie ein Geschwiir am Leibe wirkt, das den
Organismus zerstort. So toten Liigen die astralen Gebilde, die entstan-
den sind und entstehen miissen, und hemmen oder toten so einen Teil
der Entwickelung. Tatsachlich bringt ein jeder, der die Wahrheit sagt,
die Entwickelung der Menschheit vorwarts, und der, welcher liigt,
hemmt dieselbe. Daher gibt es ein okkultes Gesetz: Die Luge ist, geistig
angesehen, ein Mord. Sie totet nicht nur ein Astralgebilde, sondern sie
ist auch ein Selbstmord. Ein jeder, welcher liigt, legt sich selbst Hinder-
nisse in den Weg. Uberall sind solche Wirkungen in der geistigen Welt
zu beobachten. So sieht auch der Hellseher, daB alles, was man denkt,
fiihlt und empfindet, seine Wirkungen auf dem Astralplan hat.
Alles, was der Mensch an Neigungen, Temperament, bleibenden
Charaktereigenschaften hat, was man nicht nur voriibergehend denkt,
strahlt fortwahrend nicht nur bis in die astrale Welt, sondern bis in die
devachanische Welt hinein. Ein Mensch mit einem heiteren Tempera-
ment ist ein Quell, ein Zentrum fur gewisse Vorgange im Devachan.
Ein Mensch mit kopfhangerischem Wesen wirkt so, daB er die Essenzen
und Stoffe vermehrt, die mit dem kopfhangerischen Wesen der Men-
schen zusammenhangen. So zeigt uns die Geisteswissenschaft, daB wir
nicht nur isoliert stehen, sondern daB unsere Gedanken fortwahrend
Formen hervorrufen, welche die devachanische Welt schattieren und
sie durchdringen mit allerlei Substanzen und Essenzen. Alle vier Ge-
biete der devachanischen Welt, das kontinentale, das ozeanische, das
atmospharische und das Gebiet der originellen Einfalle, werden fort-
wahrend von den Gedanken, Gefiihlen und Empfindungen der Men-
schen beeinfluBt. — Die hdheren Gebiete, wo schon die Akasha-Chronik
hineinspielt, werden durch das, was ihre Taten sind, beeinfluBt. Was
auBerlich geschieht, das spielt hinein bis in die hochsten Gebiete des
Devachan, die wir die Vernunftwelt genannt haben.
Wir werden so begreifen, wie der Mensch bei seinem Herunterstieg
zur neuen Verkorperung wieder seinen Astralleib zusammensetzt und
sich angliedert. Alles, was er gedacht, gefiihlt und empfunden hatte,
hatte sich als bleibend eingegliedert in die astrale Welt. Viele Spuren
hat es da hinterlassen. War es viel Wahres, was er gedacht hatte, so
setzen diese Spuren ihm einen guten Astralleib zusammen. Was er ein-
gegliedert hat in die untere Devachanwelt als sein Temperament und so
weiter, das setzt den neuen Atherleib zusammen, und was er vollbracht
hat an Taten, wirkt mit von den hochsten Partien des Devachan aus,
wo schon die Akasha-Chronik zu finden ist, auf die Stationierung und
Lokalisierung des physischen Leibes. Hier liegen die Krafte, die einen
Menschen an einen bestimmten Ort hinbringen. Hat man jemandem
Boses angetan, so ist das eine auBere Tatsache, die hinaufgeht in die
hochsten Devachan-Partien. Sie wirkt bei der neuen Eingliederung in
einen physischen Leib als Krafte, welche der Mensch zuriickgelassen
hat, und drangt ihn, allerdings unter Leitung hoherer Wesenheiten, zu
dem Orte hin, wo er die Wirkung seiner Taten nunmehr in der physi-
schen Welt erfahren kann.
Alles, was wir auBerlich erfahren, ohne daB es uns innerlich beson-
ders beriihrt, wirkt bei der nachsten Verkorperung auf unseren Astral-
leib und zieht entsprechende Gefiihle, Empfindungen und Gedanken-
Eigentumlichkeiten heran. Hat man sein Leben gut angewendet, sich
viel angeschaut, reichliche Kenntnisse erworben, so ist die Folge davon,
daB der Astralleib im nachsten Leben mit besonderen Begabungen nach
diesen Richtungen hin wiedergeboren wird. Erlebnisse und Erfahrun-
gen also pragen sich in der nachsten Verkorperung im Astralleib aus.
Was man aber empfindet, fiihlt, Lust und Leid, was inneres Erleben der
Seele ist, das wirkt in der nachsten Verkorperung bis auf den Atherleib
und bewirkt eine bleibende Neigung in ihm. Wer viel Freude erlebt,
dessen Atherleib wird ein zur Freude neigendes Temperament haben.
Wer sich bemiiht, viele gute Taten zu vollbringen, der wird durch die
Gefiihle, die dabei entwickelt werden, im nachsten Leben geradezu ein
Talent an guten Taten ausgepragt haben. Er wird auch ein sorgfaltig
entwickeltes Gewissen haben und wird ein moralisch angelegter Mensch
sein.
Das, wo von der Atherleib der Trager ist in diesem Leben, der blei-
bende Charakter, die Anlagen und so weiter, das tritt im nachsten
Leben im physischen Leibe auf, und zwar so, da6 zum Beispiel ein
Mensch, der in seinem Leben schlechte Neigungen und Leidenschaften
entwickelt hat, im nachsten Leben mit einem ungesunden physischen
Korper geboren wird. Ein Mensch dagegen, der eine gute Gesundheit
hat, der viel auszuhalten vermag, der hat im vorigen Leben gute Eigen-
schaften entwickelt. Einer, der fortwahrend zu Krankheiten neigt, hat
schlechte Triebe in sich hineingearbeitet. So haben wir es in der Hand,
uns Gesundheit oder Krankheit, insofern sie in der Veranlagung des
physischen Leibes liegen, selbst zu schaffen. Man braucht nur alle
schlechten Neigungen auszumerzen und bereitet sich dann einen guten,
kraftigen Korper fur das nachste Leben vor.
Mit alien Einzelheiten kann man beobachten, wie das, was in einem
Leben an Neigungen vorhanden war, im nachsten Leben am physischen
Leibe wirkt. Ein Leben, das die Neigung hat, alles um sich herum zu
lieben, das liebevoll auf jedes Wesen eingeht, ein Leben, das Liebe aus-
gieBt, wird in der nachsten Verkorperung einen physischen Leib haben,
der lange jung und bliihend aussehen wird. Liebe zu alien Wesen, Sym-
pathie-Entwickelung bewirkt einen sich jugendlich erhaltenden physi-
schen Leib. Ein haBerfiilltes Leben, das voll Antipathie gegen andere
Wesen ist, das an allem herumkritisiert und norgelt und sich von allem
zuriickziehen mochte, das bewirkt aus diesen Neigungen heraus einen
physischen Leib, der friih altert und Runzeln bekommt. So ubertragen
sich die Neigungen und Leidenschaften eines Lebens auf das physische
Korperleben der nachsten Verkorperung.
Man kann bis in Einzelheiten hineinschauen, und da konnte man
finden, wie ein ausgebildeter Erwerbssinn, der triebhaft ist, der immer
darauf ausgeht, zusammenzuscharren, dadurch, da6 das eine Neigung
geworden ist, im nachsten Leben eine Disposition zu Infektionskrank-
heiten im physischen Leibe erzeugt. Man kann solche Falle durchaus
konstatieren, wo eine ausgesprochene Neigung zu Infektionskrankhei-
ten zuruckfiihrt auf einen friiher stark vorhandenen Erwerbssinn, der
ja zu seinem Trager den Atherleib hat. Ein objektives Streben dagegen
innerhalb der Menschheit, das nichts fiir sich einheimsen will, das fiir
die Menschheit wirkt mit dem ausgesprochenen Sinn, fiir die Gesamt-
heit zu arbeiten, solche Neigung im Atherleib bewirkt im nachsten
Leben eine ausgesprochene Starke gegen Infektionskrankheiten.
So kann man die Welt bis zu einem hohen Grade in ihrem Werde-
gange bis ins Innere durchschauen, wenn man den Zusammenhang zwi-
schen der physischen und der astralen Welt kennt, und die Dinge han-
gen manchmal ganz anders zusammen, als die Menschen es sich vorstel-
len mochten. Viele Menschen jammern zum Beispiel iiber Schmerz und
Leid. Aber von einem hoheren Gesichtspunkte aus ist es gar nicht be-
rechtigt, dariiber zu jammern, denn sind sie iiberwunden und ist man
bereit zu einer nachsten Verkorperung, dann sind Leid und Schmerzen
die Quellen von Weisheit und Besonnenheit und einem Uberschauen
der Dinge. Sogar in einer neueren Schrift, die aus der materialistischen
Anschauungsart der Gegenwart entstanden ist, finden wir den Aus-
spruch, da6 in der Physiognomie eines jeden Denkers etwas zu finden
ist wie kristallisierter Schmerz. Das, was da der materialistisch den-
kende Schriftsteller sagt, ist dem Okkultisten langst bekannt, denn die
groBte Weisheit der Welt wird erworben durch das ruhige Ertragen
von Schmerz und Leid. Das schafft in der nachsten Inkarnation Weis-
heit.
Keiner, der lebensleidig den Schmerz flieht, der ihn nicht ertragen
will, kann sich die Grundlage fur die Weisheit schaffen. Ja, wenn wir
weiter hineinschauen, konnen wir nicht einmal iiber die Krankheiten
jammern. Wenn man sie von hdherer Warte aus, vom Standpunkte
der Ewigkeit betrachtet, dann nehmen sie sich ganz anders aus. Krank-
heiten, die man ertragt, kommen im nachsten Leben oftmals als beson-
dere Schonheit in der Korperlichkeit zum Vorschein, so dafi viel kor-
perliche Schonheit, die man beim Menschen findet, durch Krankheit im
vorhergehenden Leben errungen ist. Das ist der Zusammenhang zwi-
schen der Verletzung des Korpers durch Krankheit, namentlich auch
durch auBere Verhaltnisse, und der Schonheit. Man kann auf diesen
ganz merkwiirdigen Zusammenhang das Wort des franzosischen
Schriftstellers Fahre d 'Olivet anwenden: Wenn man das Menschen-
leben betrachtet, erscheint es oft so wie das Entstehen der Perle in der
Perlenmuschel. Erst durch eine Krankheit der Muschel entsteht die
Perle. — So ist es tatsachlich auch im Menschenleben: Schonheit steht
karmisch im Zusammenhang mit Krankheiten und ist deren Ergebnis.
Wenn ich nun aber sagte: Wer schlechte Leidenschaften entwickelt, der
schafft sich die Disposition zu Krankheiten — , so mu6 man streng fest-
halten, da6 es sich hier um die innere Disposition zu Erkrankungen
handelt. Wenn man dadurch erkrankt, dafi man zum Beispiel in einer
verpesteten Luft arbeitet, so ist das etwas anderes; dadurch kann man
auch krank werden, aber das hangt nicht zusammen mit der Disposi-
tion des physischen Leibes.
Alles nun, was Tatsachen sind auf dem physischen Plan, alles was
etwas Getanes ist, was sich auslebt, da6 es eine Wirkung in der physi-
schen Welt hat, vom Schritt und von der Handbewegung an bis zu den
kompliziertesten Vorgangen, zum Beispiel dem Bau eines Hauses,
kommt als eine wirkliche physische Wirkung von auBen in einer spate-
ren Verkorperung an den Menschen heran. Sie sehen, wir leben von
innen nach auBen: Was im Astralleibe lebt als Freude, Schmerz, Lust
und Leid, erscheint wieder im Atherleibe, was im Atherleibe wurzelt an
bleibenden Trieben und Leidenschaften, erscheint im physischen Leibe
als Disposition, was man aber hier tut, so da6 man den physischen Leib
dazu gebraucht, das erscheint als auBeres Schicksal in der nachsten
Verkorperung. So wird das, was der Astralleib tut, zum Schicksal des
Atherleibes, der Atherleib wird zum Schicksal des physischen Leibes,
und was der physische Leib tut, das kommt als Wirkung von auBen in
der nachsten Verkorperung als eine physische Wirklichkeit zuriick.
Da haben Sie genau den Punkt festgestellt, wo das auBere Schicksal
in das Menschenleben eingreift. Diese Schicks alswirkung ist etwas, was
zuweilen lange ausbleiben mag, was aber sicher an den Menschen heran-
kommen muB. Man kann immer sehen, wenn man das Leben eines
Menschen durch die verschiedenen Verkorperungen hindurch verfolgt,
daB sein Leben in einer folgenden Verkorperung so zubereitet wird von
Wesen, die wirksam sind bei der Eingliederung in seinen physischen
Leib, daB er hingefiihrt wird an einen bestimmten Ort, damit ihn sein
Schicksal ereilt.
Dafiir wieder ein Beispiel aus dem Leben: Bei einer mittelalterlichen
Femgerichtsversammlung waren eine Anzahl Femrichter, die das Ur-
teil sprachen und es selbst vollzogen. Sie toteten eine Person. Man ging
zuriick in friihere Verkorperungen der Richter und des Getoteten, und
da stellte es sich heraus, daB alle zu gleicher Zeit gelebt hatten, und
zwar der Hingerichtete als Hauptling eines Stammes, und dieser hatte
diejenigen, die jetzt Femrichter waren, hinrichten lassen. Diese Tat des
vorherigen physischen Lebens hat den Zusammenhang geschaffen zwi-
schen den Personen; sie hat Krafte geschaffen, die bis in die Akasha-
Chronik hineinwirken. Wenn nun ein Mensch wiederum zur Verkorpe-
rung kommt, lassen diese Krafte ihn wiederum geboren werden gleich-
zeitig und am selben Ort mit dem Menschen, mit dem er so verkettet
ist, und wirken sein Schicksal aus. Die Akasha-Chronik ist tatsachlich
eine Kraftquelle, in der alles eingeschrieben ist, was ein Mensch an den
andern abzutragen hat. Diese Vorgange kann mancher spiiren; die
wenigsten sind sich aber dessen bewuBt.
Ein Mensch ist zum Beispiel in einem Beruf, der ihn scheinbar gliick-
lich und zufrieden macht. Er wird durch irgend etwas herausgetrieben,
findet keinen anderen Beruf an demselben Ort, es wirft ihn meilenweit
hinaus, in ein anderes Land, wo er einen neuen Berufsweg einschlagen
muB. Dort findet er einen Menschen, mit dem er in irgendein Verhalt-
nis treten muB. Was ist da geschehen? Der Mensch hat mit dem andern,
mit dem er jetzt zusammengetroffen ist, einmal zusammengelebt. Er ist
ihm friiher irgend etwas schuldig geblieben. Das ist eingetragen in die
Akasha-Chronik, und die Krafte haben ihn hingeleitet an diesen Ort,
damit er mit diesem Menschen zusammentreffen und ihm seine Schuld
abtragen konne.
Fortwahrend ist der Mensch zwischen Geburt und Tod in einen
solchen Zusammenhang von Kraften eingeschlossen, die ihn von alien
Seiten seelisch umspinnen, und das sind die dirigierenden Machte seines
Lebens. Sie sehen so, daB Sie eigentlich fortwahrend die Wirkungen
friiherer Leben in sich tragen, daB Sie immer die Wirkungen friiherer
Verkorperungen erleben.
So miissen Sie sich klar sein, daB Sie in Ihrem Leben geleitet werden
von Machten, die Sie selber nicht kennen. Was auf den Atherleib wirkt,
sind Formgebilde, die Sie selbst friiher auf dem Astralplan hervorge-
bracht haben, und was Ihr Schicksal wirkt, sind Wesenheiten, Krafte
auf den hoheren Partien des Devachan, die Sie selbst eingeschrieben
haben in die Akasha-Chronik. Diese Krafte oder Wesenheiten sind dem
Okkultisten nicht unbekannt, sie sind ganz hineingestellt in die Rang-
ordnung von ahnlichen Wesenheiten. Sie miissen sich klar sein, daB Sie
sowohl im Astralleib als im Atherleib und im physischen Leibe die Wir-
kungen iiberhaupt von anderen Wesenheiten verspiiren. Alles, was Sie
unwillkiirlich tun, alles, wozu Sie gedrangt werden, geschieht durch
die Wirkung von anderen Wesenheiten. Es geschieht nicht aus dem
Nichts heraus. Die verschiedenen Glieder der Menschennatur sind fort-
wahrend wirklich durchdrungen und angefiillt von anderen Wesen-
heiten, und der eingeweihte Lehrer laBt ein gut Teil der Ubungen ma-
chen, um dieselben herauszutreiben, damit der Mensch immer freier
und freier werde.
Man nennt die Wesenheiten, die den Astralleib durchsetzen und ihn
unfrei machen, Damonen. Fortwahrend sind Sie in Ihrem Astralleib
von solchen Damonen durchdrungen, und die Wesenheiten, die Sie
selbst durch Ihre wahren oder falschen Gedanken erzeugen, sind solche,
die sichnach und nach zu Damonen auswachsen. Es gibt gute Damonen,
die von guten Gedanken ausgehen. Schlimme Gedanken aber, vor allem
unwahre, liignerische, erzeugen damonische Gestalten der furchtbar-
sten und graBlichsten Art, die den Astralleib, wenn man sich so aus-
driicken darf, durchspicken. Ebenso durchsetzen den Atherleib "Wesen-
heiten, von denen sich der Mensch frei machen muB, das sind die
Spektren oder Gespenster, und endlich gibt es solche, die den physi-
schen Leib durchsetzen, das sind die Phantome. AuBer diesen dreien
gibt es noch andere Wesenheiten, die das Ich hin- und hertreiben, das
sind die Geister, wie das Ich ja auch selbst Geist ist. Tatsachlich ist der
Mensch der Hervorrufer von solchen Wesenheiten, die dann, wenn er
auf die Erde herunterkommt, das innere und auBere Schicksal bestim-
men. Dieselben beleben den Lebensgang so, daB Sie alles spiiren, was
Ihr Astralleib an Damonen, Ihr Atherleib an Gespenstern und Ihr phy-
sischer Leib an Phantomen hervorgebracht hat. Alles das hat eine Ver-
wandtschaft zu Ihnen, es strebt zu Ihnen hin, wenn Sie wiederverkor-
pert werden.
Da sehen Sie, wie religiose Urkunden diese Wahrheiten ausspre-
chen. Wenn in der Bibel von der Austreibung von Damonen die Rede
ist, so ist das kein Abstraktum, sondern es ist wirklich und wortlich zu
verstehen. Was tat der Christus Jesus? Er heilte den von Damonen Be-
sessenen, er holte heraus aus dem astralischen Leibe die Damonen. Das
sind reale Vorgange und es ist durchaus wortlich zu nehmen. Auch
Sokrates, dieser erleuchtete Geist, spricht von seinem Damon, der in
seinem Astralleibe wirkte. Das war ein guter Damon; man muB sich
unter Damonen nicht nur schlechte "Wesenheiten vorstellen.
Aber es gibt auch furchtbare, verderbliche Damonen. Alle Liigen-
damonen wirken so, wie wenn sie den Menschen zuriickwiirfen in der
Entwickelung, und da in der Weltgeschichte bei den Liigen der groBen
Personlichkeiten immer solche Liigendamonen geschaffen werden, die
sich zu ganz gewaltigen Wesenheiten auswachsen, spricht man von den
Geistern der Hemmnisse oder Hindernisse. In diesem Sinne sagt Faust
zu Mephisto: «Der Vaterbist du aller Hindernisse !»
Der einzelne Mensch, so wie er eingesponnen ist in die ganze iibrige
Menschheit, wirkt dadurch, daB er die Wahrheit spricht oder liigt, auf
die ganze "Welt zuriick, denn ob er Wahrheits- oder Liigendamonen
erzeugt, hat seine ganz verschiedenen Wirkungen. Denken Sie sich ein
Volk, das aus lauter Liignern bestande. Sie wiirden den Astralplan mit
lauter Liigendamonen bevolkern, und diese konnen sich wiederum in
der physischen Disposition zu Epidemien auBern. So gibt es eine gewisse
Form von Bazillen als Trager von Infektionskrankheiten, die von den
Liigen der Menschheit herstammen. Sie sind nichts anderes als physisch
verkorperte Liigendamonen. Da sehen Sie, daB die Liigen der Vorzeit
im Weltenkarma in einem bestimmten Heer von Wesenheiten auftre-
ten. Wieviel Wahres Mythen und Sagen enthalten, sehen Sie an einer
Stelle im «Faust». Da finden Sie einen Zusammenhang zwischen Unge-
ziefer und Liigen, ebenfalls in der Rolle, die Ratten und Mause spielen,
im Zusammenhange mit dem Liigengeist, Mephisto. In den Sagen er-
halten sich oft wunderbare Zusammenhange zwischen der geistigen
und der physischen Welt.
Wir miissen noch iiber manches andere sprechen, um das Karma-
gesetz zu verstehen. Aus einer gewissen intimen Erkenntnis des Karma-
gesetzes ist iiberhaupt die geisteswissenschaftliche Bewegung hervor-
gegangen. Sie haben eben gesehen, wie Dinge, die im Atherleib liegen,
im nachsten Leben auf den physischen Leib wirken. So wirkt die Ge-
sinnung, die Neigung zu denken, in einer ganz bestimmten Art zu den-
ken, auf den physischen Leib, und so ist es fiir eine nachfolgende Inkar-
nation nicht gleichgiiltig, ob Sie in Ihrer Gesinnung spirituell oder ma-
terialistisch sind. Ein Mensch, der etwas von hoheren Welten weiB — er
braucht nur an die hoheren Welten zu glauben — , hat in seinem nach-
sten Leben einen zentrierten physischen Leib, dessen Nervensystem
ruhig wirkt, den er in der Hand hat, bis in die Nerven hinein. Ein
Mensch dagegen, der nur gelten lassen will, was in der Sinnenwelt ist,
der pflanzt diese Gesinnung fort auf seinen physischen Leib und hat in
der nachsten Verkorperung einen solchen, der zu Nervenkrankheiten
disponiert ist, einen zappeligen physischen Leib, der keinen festen Wil-
lensmittelpunkt hat. Der Materialist zerfallt in lauter Einzelheiten;
der Geist halt zusammen, denn er ist die Einheit.
Die Disposition kommtbei den einzelnen Menschen durch das Schick-
sal in der nachsten Inkarnation zum Vorschein, aber sie geht weiter
durch die Generationen hindurch, so daB die Sonne und Enkel der Va-
ter, die materialistisch gesinnt waren, das biiBen miissen durch schlechte
Beschaffenheit des Nervensystems und Nervenkrankheiten. Ein ner-
voses Zeitalter wie das unsrige ist die Folge der materialistischen Ge-
sinnung des letzten Jahrhunderts, und als Gegenstromung haben die
groBen Lehrer der Menschheit die Notwendigkeit erkannt, die spiri-
tuelle Gesinnung einstromen zu lassen.
Der Materialismus hat auch bis in die Religion hinein gewirkt. Oder
sind diejenigen, die wohl an die geistigen Welten glauben, aber nicht
den Willen haben, sie zu erkennen, sind das keine Materialisten? Das
ist der Materialismus in der Religion, der da mochte, daB sich das Ge-
heimnis des Sechstagewerkes — wie sich die groBe Weltenevolution im
Sechstagewerk der Bibel auslebt — vor seinen Augen abspielen soil, und
der da spricht von Christus Jesus als einer «historischen Personlichkeit»
und voriibergeht an dem Mysterium von Golgatha. Der Materialismus
in der Naturwissenschaft ist erst eine Folge des Materialismus in der
Religion; es gabe ihn nicht, wenn nicht das religiose Leben vom Mate-
rialismus durchsetzt ware. Diejenigen, die heute zu bequem sind, sich
auf religiosem Gebiet zu vertiefen, sind dieselben, die in der Naturwis-
senschaft den Materialismus erzeugt haben. Und die durch diesen Ma-
terialismus erzeugte Nervenzerriittung wirkt sich aus bei ganzen Stam-
men, ganzen Volkern, wie im Einzelleben der Menschen.
Wenn die spirituelle Stromung nicht so viel Macht gewinnt, daB sie
auch die Faulen und Bequemen erfassen kann, dann gewinnt dasjenige,
was die karmische Folge ist, die Nervositat, immer mehr EinfluB auf
die Menschheit, und wie es im Mittelalter Epidemien des Aussatzes
gegeben hat, so werden, durch die materialistische Gesinnung hervor-
gerufen, in der Zukunft schwere Nervenerkrankungen, ganze Epide-
mien des Wahnsinns auftreten, und ganze Volker werden davon iiber-
fallen werden.
So sollte durch das Einsehen dieses Gebietes des Karmagesetzes die
Geisteswissenschaft nicht etwas sein, iiber das man sich streitet, sondern
ein Heilmittel fur die Menschheit. Je mehr die Menschheit spirituell
wird, desto mehr wird alles ausgemerzt, was mit Erkrankungen des
Nervensystems und der Seele zusammenhangt.
SIEBENTER VORTRAG
Munchen, 31. Mai 1907
Um das Karmagesetz, sofern es im Menschenleben auftritt, noch besser
verstehen zu konnen, will ich eine Erscheinung erzahlen, die unmittel-
bar nach dem Tode des Menschen auftritt. Denken Sie an das Erinne-
rungs-Tableau, das auftritt, wenn der Mensch befreit ist von dem phy-
sischen Leibe und fur kurze Zeit nur in der Hiille des atherischen und
astralischen Leibes lebt, ehe er seinen weiteren Fortgang durch die ele-
mentare Welt nimmt. Zum intimen Verstandnis des Wirkens von
Karma lassen Sie mich ein eigentumliches Gefiihl schildern, das auch
schon wahrend dieses groBen Tableaus auftritt. Es ist das eines GroBer-
werdens, eines Aus-sich-heraus-Wachsens. Dies tritt starker und star-
ker auf, auch solange der Mensch noch in seinem Atherleibe ist. Er
kommt in eine eigentiimliche Lage gegeniiber diesem Tableau. Zuerst
sind es Bilder des verflossenen Lebens, die er wie in einem Panorama
anschaut. Dann kommt ein Moment — er liegt nicht lange nach dem
Tode und dauert Stunden, auch Tage, je nach der Individuality des
Menschen — , wo der Mensch die Empfindung hat: Ich bin selbst alle
diese Bilder. — Er fiihlt seinen Atherleib wachsen, als ob er umgreife
den ganzen Umkreis der Erde bis zur Sonne hinauf.
Dann, wenn der Mensch seinen Atherleib verlaBt, tritt ein anderes,
hochst merkwiirdiges Gefiihl auf, das geradezu schwer mit Worten aus
der physischen Welt zu beschreiben ist. Es ist zwar ein Gefiihl der Aus-
dehnung weit hinaus bis in den Weltenraum, aber so, als ob man alle die
Orte des Weltenraumes nicht mehr ausfiille. Man kann es nur grob be-
schreiben. Man fiihlt sich so, daB man sich zum Beispiel mit einem Teil
seines Wesens in Munchen, einem andern in Mainz, einem dritten in
Basel und noch mit einem andern Teile weit auBerhalb des Erdkreises,
vielleicht auf dem Monde fiihlt. Man fiihlt sich sozusagen zerstiickelt
und die dazwischenliegenden Raume als nicht zu sich gehorig. Das ist
die eigentiimliche Art, sich astral zu fiihlen: wie ausgebreitet im Raum,
an verschiedene Orte hinversetzt, aber den dazwischenliegenden Raum
nicht ausfiillend. Und diese Empfindung dauert die ganze Kamaloka-
Zeit hindurch, die der Mensch riicklaufig bis zur Geburt durchlebt- Es
ist immer ein Durchleben solcher Stiicke, die zu einem gehoren. Das
gliedert sich dann zusammen mit dem ganzen iibrigen Kamaloka-
Leben. Es ist wichtig, das zu wissen, um eine Vorstellung davon zu er-
halten, wie eigentlich das Karmagesetz wirkt. Man fiihlt sich zunachst
in dem Menschen drinnen, mit dem man zuletzt verbunden war, und
dann zuriick in alien Menschen und andern Wesen, mit denen man zu
tun hatte wahrend des Lebens.
Wenn Sie zum Beispiel in Mainz einmal einen Menschen gepriigelt
haben, so erleben Sie nach Ihrem Tode zur gegebenen Zeit die Priigel
selbst, die Schmerzen, die Sie ihm zugefiigt haben. Wenn der Mensch
also dann noch in Mainz ist, so fiihlt sich ein Teil Ihres astralischen
Leibes nach Ihrem Tode in Mainz und erlebt dort die Sache. Ist der
Gepriigelte dagegen inzwischen gestorben, so fiihlen Sie sich dort, wo
er selbst jetzt in Kamaloka ist. Wir haben es natiirlich nicht nur mit
diesem einen Menschen zu tun, sondern auch mit vielen andern, die auf
der Erde und in Kamaloka zerstreut sind. Uberall sind Sie; das gestattet
Ihnen dies unterbrochene Wesen, das die Korperlichkeit in Kamaloka
ausmacht. Sie macht es moglich, in alien anderen drinnen das zu erle-
ben, was Sie mit ihnen zu tun gehabt haben, und Sie bilden sich so eine
bleibende Verbindung mit all denen, mit denen Sie in Beriihrung ge-
kommen sind. Sie sind nun mit diesem Menschen, den Sie gepriigelt
haben, verbunden dadurch, daB Sie in Kamaloka mit ihm gelebt haben.
Sie gehen spater hinauf nach Devachan und dann wieder zuriick nach
Kamaloka. Nun findet Ihr Astralleib beim Aufbau das, was ihn zusam-
menbringt mit dem Menschen, mit dem Sie zusammengewachsen waren.
Und da es viele solcher Verbindungen gibt, so sehen Sie, daB alles, was
mit Ihnen zu tun hat, durch eine Art Band mit Ihnen verkniipft ist.
Eine deutliche Erklarung wird Ihnen das vom Okkultisten beobach-
tete Geschehnis geben, von dem ich Ihnen bereits sprach, wo fiinf Fem-
richter einen Menschen zum Tode verurteilten und denselben auch hin-
richteten. Diese letztere Personlichkeit war in ihrem vorhergehenden
Leben eine Art Hauptling und hatte die fiinf hinrichten lassen; dann
starb sie und kam nach Kamaloka. Wahrend dieser Zeit wurde sie an
den Ort versetzt, an dem die andern waren, und in die andern hinein,
und muBte die Empfindungen erleben, die die andern gehabt hatten,
als sie getotet wurden. Das ist der Ausgangspunkt von Anziehungs-
kraften, die beim Wiedererscheinen auf der Erde die Personen zusam-
menbringen, so daB das Karmagesetz sich vollziehen kann.
So haben wir die Technik, wie Karma wirkt. Sie sehen daraus, daB es
Arten des Seins, Zusammengehorigkeiten in der Welt gibt, die schon
auf dem astralen Plane beginnen. Auf dem physischen Plan besteht
Kontinuierlichkeit der Substanz, auf dem astralen Plan dagegen kon-
nen zusammengehorende, aber doch voneinander getrennte Teile der
Korperlichkeit empfunden werden. Das ist so, wie wenn Sie in sich
fiihlten den Kopf, zwischen Kopf und Herz nichts, und dann das Herz,
und dann die FiiBe und dazwischen nichts. Ein Stuck von Ihnen kann
in Amerika sein und ganz abgegrenzt zu Ihrer astralischen Korperlich-
keit gehoren, ein anderes auf dem Monde und ein drittes auf noch einem
andern Planeten, und es braucht kein astral sichtbarer Zusammenhang
zwischen diesen Gliedern zu sein.
Wenn wir in dieser Art das Karmagesetz betrachten, dann wird uns
klar, daB, was im menschlichen Leben in einem Lebenszyklus auftritt,
Ergebnis vieler Ursachen ist, die in verflossenen Leben liegen. Wie
bringen wir nun das Karmagesetz in Einklang mit der auBeren Ver-
erbung? Man sagt, es gebe viele Widerspriiche zwischen Vererbung und
diesem Gesetz. Viele sagen von einem moralisch tiichtigen Menschen,
er miisse der SproBling einer ebensolchen Familie sein, er miisse es von
seinen Vatern ererbt haben. Wenn wir vom okkulten Standpunkte die
physischen Vorgange betrachten, wissen wir, daB dem nicht so ist.
Allerdings konnen wir sie in gewisser Beziehung als Vererbungsvor-
gange bezeichnen. Machen wir uns das durch Beispiele klar.
Wenn wir zum Beispiel die Familie Bach betrachten, so sehen wir,
daB dort neunundzwanzig Musiker innerhalb zweihundertfiinfzig Jah-
ren geboren wurden, unter ihnen der groBe Bach. Zu einem guten Mu-
siker gehort namlich nicht nur die innere musikalische Fahigkeit, son-
dern ein physisch gut gebildetes Ohr, eine bestimmte Form desselben.
Laien konnen das, worauf es ankommt, nicht unterscheiden; man muB
tief mit okkulten Kraften hineinschauen. Wenn auch die Unterschiede
klein und unbedeutend sind, eine bestimmte Form der inneren Gehor-
organe ist notwendig, damit jemand Musiker werden kann, und diese
Formen vererben sich. Sie sind ahnlich bei einem Menschen mit denen
seines Vaters, GroBvaters und so weiter, wie sich die Form der Nase
vererbt.
Nehmen wir an, es sei oben auf dem astralen Plan eine Individuality
bereit, sich zu verkorpern, und suche nach einem physischen Leibe. Sie
hat sich vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden besondere musikalische
Fahigkeiten erworben. Findet sie nicht einen physischen Leib mit den
passenden Ohren, kann sie nicht Musiker werden. Sie drangt darum hin
zu einer solchen Familie, die ihr das musikalische Ohr gibt. Ohne ein
solches konnte ihre musikalische Veranlagung sich nicht ausleben, denn
der groBte Virtuose kann nichts leisten, wenn man ihm kein Instrument
gibt.
Auch das mathematische Talent braucht etwas ganz Bestimmtes.
Zum Mathematiker ist nicht eine besondere Gehirnkonstruktion notig,
wie viele Menschen glauben. Das Denken, die Logik ist bei ihm wie bei
andern. Worauf es ankommt, sind die im Ohre befindlichen drei soge-
nannten halbzirkelfOrmigen Kanale, die so zueinander stehen, daB sie
die drei Richtungen des Raumes einnehmen. Die besondere Ausbildung
derselben bedingt das mathematische Talent. Darin liegt die Anlage
zur Mathematik. Es ist ein physisches Organ und das muB vererbt wer-
den. So sehen wir, daB sich in der Familie Bernoulli acht bedeutende
Mathematiker verkorpert haben.
Auch der moralische Mensch braucht, um seine moralische Anlage
zu betatigen, ein Elternpaar, das ihm den geeigneten physischen Leib
vererbt. Und er hat diese Eltern, weil er eine solche Individuality ist
und keine andere. Die Individuality sucht sich selbst ihre Eltern aus,
wenn auch unter der Leitung von hoheren Wesenheiten. Es gibt man-
che Menschen, die gegen diese Tatsache vom Standpunkte der Mutter-
Hebe etwas einzuwenden haben. Sie haben Angst, sie konnten etwas
verlieren, wenn das Kind nicht von der Mutter diese oder jene Eigen-
schaft ererbt. Die richtige Erkenntnis aber vertieft sogar das Gefiihl
der Mutterliebe. Sie zeigt, daB es ein vorgeburtliches Liebesgefiihl ist,
das schon vor der Empfangnis da war, was das Kind zur Mutter hin-
fiihrte. Das Kind bringt schon vor der Geburt der Mutter Liebe ent-
gegen; die Mutterliebe ist die Gegenliebe. So finden wir die Mutterliebe,
spirituell angesehen, verlangert bis vor die Geburt hinaus. Sie beruht
auf Gegenseitigkeitsgefuhlen.
Man glaubt oft, der Mensch stiinde unter dem unabanderlichen Ge-
setz des Karma, es ware nichts daran zu andern. Fiihren wir ein Gleich-
nis aus dem gewohnlichen Leben fiir das Wirken dieses Karmagesetzes
an. Ein Kaufmann hat in seinem Buche Posten fiir Soil und Haben.
Wenn er diese zusammenzahlt und vergleicht, driickt sich in ihnen der
Stand seines Geschaftes aus. Der Geschaftsstand des Kaufmanns stent
unter dem unerbittlichen Rechnungsgesetze des Soil und Haben. Macht
er jedoch neue Geschafte, so kann er neue Posten eintragen, und er ware
ein Tor, wenn er keine neuen Geschafte machen wollte, weil er einmal
die Bilanz gezogen hat. In bezug auf das Karma steht auf der Haben-
seite alles, was der Mensch Gutes, Kluges, Wahres, Richtiges getan hat,
auf der Sollseite alles, was er Boses, Torichtes getan hat. Es steht ihm in
jedem Momente frei, neue Posten ins karmische Lebensbuch einzutra-
gen. Daher glaube man niemals, daB im Leben ein unabanderliches
Schicksalsgesetz herrschend sei. Die Freiheit wird nicht beeintrachtigt
durch das Karmagesetz. Und deshalb miissen Sie bei dem Karmagesetz
ebensosehr an die Zukunft denken wie an die Vergangenheit. Wir tra-
gen in uns die Wirkungen vergangener Taten, und wir sind die Sklaven
der Vergangenheit, aber die Herren der Zukunft. Wollen wir dieselbe
gut gestalten, miissen wir moglichst gimstige Posten ins Lebensbuch ein-
tragen.
Es ist ein groBer, gewaltiger Gedanke, zu wissen, daB, was man auch
tut, nichts vergeblich ist, daB alles seine Wirkung in die Zukunft hinein
hat. So wirkt das Gesetz nicht bedriickend, sondern es erfiillt uns mit
schonster Hoffnung. Es ist die schonste Gabe der Geisteswissenschaft.
Wir werden froh durch das Karmagesetz, dadurch, daB wir hinein-
schauen in die Zukunft. Es gibt uns die Aufgabe, tatig zu sein im Sinne
eines solchen Gesetzes, es hat nichts, was den Menschen traurig machen
kann, nichts, was der Welt eine pessimistische Farbung geben konnte.
Es befliigelt unsere Tatigkeit, mitzuwirken an dem Erden-Werdegang.
In solche Gefiihle muB sich das Wissen vom Karmagesetz umsetzen.
Wenn ein Mensch leidet, sagt man oft: Er verdient sein Leiden, er
muB sein Karma austragen; helfe ich, so greife ich ein in sein Karma. —
Das ist eine Torheit. Seine Armut, sein Elend ist bewirkt durch sein
voriges Leben, aber wenn ich ihm helfe, wird meine Hilfe einen neuen
Posten in sein Leben eintragen. Ich bringe ihn dadurch vorwarts. Es ist
ja auch toricht, einem Kaufmann, den man mit 1000 Mark oder 10 000
Mark vor dem Untergang retten konnte, zu sagen: Nein, dann wiirde ja
deine Bilanz verandert werden. — Gerade das muB uns drangen, dem
Menschen zu helfen. Ich helfe ihm, weil ich weiB, daB im karmischen
Zusammenhange nichts ohne Wirkung ist. Das sollte uns ein Ansporn
sein fur ein wirkliches Handeln.
Von vielen Leuten wird vom Gesichtspunkte des Christentums aus das
Gesetz des Karma bestritten. Die Theologen sagen: Das Christentum
kann das Karmagesetz nicht anerkennen, denn wenn dieses richtig ware,
konnte es niemals das Prinzip des stellvertretenden Todes zulassen. —
Aber es gibt auch Theosophen, die sagen, das Karmagesetz stande in Wi-
derspruch mit dem Erlosungsprinzip. Sie sagen, sie konnten diese Hilfe,
die ein einzelnes Wesen vielen Menschen gibt, nicht anerkennen. Sie ha-
ben beide unrecht, sie haben das Karmagesetz beide nicht verstanden.
Nehmen Sie einen elenden Menschen. Sie selbst sind in einer gliick-
licheren Lage, Sie konnen ihm helfen. Durch diese Hilfe schreiben Sie
einen neuen Posten in sein Leben ein. Eine noch machtigere Person kann
zweien Menschen helfen und auf das Karma von zweien einwirken. Ein
noch Machtigerer kann zehn oder hundert Menschen helfen, und der
Machtigste kann Ungezahlten helfen. Das widerstrebt durchaus nicht
dem Prinzip der karmischen Zusammenhange. Gerade durch die Zu-
verlassigkeit des Karmagesetzes wissen wir, daB diese Hilfe auch wirk-
lich eingreift in das Schicksal des Menschen.
Man weiB, daB in der Tat die Menschheit jene Hilfe brauchte, als die
Christus-Individualitat auf diesen Plan herunterversetzt wurde. Der
Kreuzes-Tod des Erlosers, des einen Mittelpunktwesens, das war die
Hilfe, die eingriff in das Karma von Unzahligen. Es gibt keinen Zwie-
spalt zwischen der richtig verstandenen christlichen Esoterik und der
richtig verstandenen Geisteswissenschaft. Wir finden einen tiefen Ein-
klang zwischen den Gesetzen beider und sind durchaus nicht gezwun-
gen, das Prinzip der Erlosung aufzugeben.
Wir werden noch tiefer hineingefiihrt in das Karmagesetz, wenn wir
zur Menschheitsentwickelung sowohl als zur Entwickelung der Erde
iibergehen. Wir haben einige Tatsachen angefiihrt, die uns zum Ver-
standnis des Karmagesetzes fiihren sollen. Einiges andere werden wir
noch besser verstehen, wenn wir zur Menschheitsevolution selber iiber-
gehen, und zwar nicht nur wahrend der Erde, sondern auch durch die
anderen Planeten hindurch, die andere Verkorperungen unserer Erde
sind. Wir werden darin einige Erganzungen fiir das Karmagesetz fin-
den konnen, indem wir zuruckgefiihrt werden in uralte Zeiten und zu-
gleich hingewiesen werden auf urferne Zukunft.
Einleitend wollen wir uns noch mit einer wichtigenTatsache bekannt
machen. Wir sind uns heute klar geworden, daB das, was wir mit phy-
sischen Augen sehen konnen am Menschen, sein auBerer physischer
Leib, ausgebaut wird von den hoheren Gliedern der Menschennatur,
daB sein Ich, Astral- und Atherleib und so weiter bis Zum hochsten
Glied, Atma, arbeiten an unserem Korper. Die Teile desselben, wie sie
heute im Menschen sind, sind nicht gleichwertig, sondern sie haben
einen verschiedenen Wert in der menschlichen Natur. Man braucht nur
eine ziemlich triviale Betrachtung zu machen, um einzusehen, daB un-
ser physischer Leib im Grunde der vollkommenste Teil unserer Natur
ist. Man nehme zum Beispiel einen Teil des Oberschenkelknochens.
Das ist kein kompakter fester Knochen, sondern ein kunstvoll wie aus
hin- und hergehenden Balken konstruierter Teil. Wer nicht nur mit dem
Verstande, sondern mit Empfindung diesen Teil betrachtet, der wird
in Bewunderung geraten iiber die Weisheit, die da geschaffen hat, die
nicht mehr Material verwendet hat, als notwendig ist, um nach dem
Prinzip des kleinsten KraftmaBes den Oberkorper zu tragen. Keine In-
genieurkunst, die eine Briicke bauen will, ist so weit wie jene Weisheit,
die in der Natur so etwas zustande gebracht hat.
Wenn man nicht nur mit dem Blick des Anatomen und Physiologen
das menschliche Herz erforscht, wird man in demselben einen Aus-
druck hoher Weisheit finden. Glauben Sie nicht, daB der Astralleib
des Menschen in seiner Art heute schon so weit ist wie das physische
Menschenherz. Das Herz ist kunstvoll und weisheitsvoll gebaut; der
Astralleib in seiner Begierde veranlaBt den Menschen, jahrzehntelang
lauter Herzgift in sich hineinzugieBen, und das Herz halt dem jahr-
zehntelang stand. Erst auf einer zukiinftigen Entwickelungsstufe wird
auch der Astralleib so weit sein wie heute der physische Leib, und zwar
wird er dann viel, viel hoher stehen als der physische Leib. Heute ist
dieser der vollkommenste, weniger vollkommen ist der Ather-, und
noch weniger der Astralleib, und das Baby unter den Leibern ist das Ich.
Der physische Leib, so wie er heute vor uns steht, ist das alteste Glied
der Menschennatur. An ihm ist am langsten gearbeitet worden. Erst als
er eine bestimmte Stufe im Laufe der Entwickelung erreicht hatte,
wurde er durchzogen vom Atherleib. Nachdem diese beiden eine Zeit-
lang zusammengewirkt hatten, trat der Astralleib hinzu und erst zu-
letzt das Ich, das aber in der Zukunft ungeahnte Hohen in der Ent-
wickelung erlangen wird.
Ebenso wie der Mensch sich wiederholentlich verkorpert, so hat auch
unsere Erde Verkorperungen durchgemacht und wird noch weitere
durchmachen. Der Gang der Reinkarnation vollzieht sich durch den
ganzen Kosmos hindurch. Unsere Erde ist in ihrer heutigen Gestalt die
Wiederverkorperung friiherer Planeten, und wir konnen auf drei der-
selben blicken.
Unsere Erde war, ehe sie Erde wurde, das, was man im Okkultismus
— nicht in der Astronomie — Mond nennt. Der heutige Mond ist gleich-
sam eine Schlacke, die als nicht brauchbar hinausgeworfen worden ist.
Wenn wir Erde und Mond mit alien Substanzen und Wesenheiten zu-
sammenriihren konnten, dann bekamen wir das, was wir den Vorgan-
ger der Erde nennen, den okkulten Mond, und was heute als Erde zu-
riickgeblieben ist, ist der nach dem Abwerfen der Schlacke stehenge-
bliebene Rest des Mondes.
So wie der jetzige Mond ein hinausgeworfener Rest der alten Mon-
desverkorperung ist, so ist die Sonne, die am Himmel steht, etwas, was
hervorgegangen ist aus einem noch friiheren Zustand der Erde. Bevor
die Erde Mond wurde, war sie, wie wir im Okkultismus sagen, selbst
Sonne, und diese Sonne bestand aus alien Substanzen und Wesenheiten,
die heute Sonne, Mond und Erde bilden. Diese Sonne entledigte sich
der Glieder, die sie als hoherer Korper nicht behalten konnte, der Sub-
stanzen und Wesenheiten, die heute Erde und Mond bilden, und da-
durch wurde sie Fixstern. Ein soldier ist fiir den Okkultisten nicht
etwas, was immer schon ein Fixstern war. Die Sonne ist erst zum Fix-
stern geworden, nachdem sie Planet gewesen war.
Die Sonne, die man heute erblickt, die einst mit der Erde vereint war,
hat in sich viele Wesenheiten aufgenommen, die hoherstanden als die
Erdenwesenheiten, ebenso wie der Mond, den man sieht, die schlechte-
sten Teile bekommen hat und daher eine ausgeworfene Schlacke ist.
Der Mond ist ein herabgekommener, die Sonne ein heraufgestiegener
Planet.
Dem Sonnendasein ging noch ein anderes Dasein voran, das
Saturndasein. So haben wir vier aufeinanderfolgende Verkorperun-
gen der Erde: Saturn, Sonne, Mond, und als vierte die Erde. Als
der Menschenvorfahr auf dem Saturn sich entwickelte, war in ihm
nur das Prinzip des physischen Leibes. Auf der Sonne gesellte sich
dazu der Atherleib, auf dem Monde der Astralleib und hier auf
der Erde das Ich.
Aus dem Vortrage «Blut ist ein ganz besonderer Saft» werden Sie
wissen, wie das Ich in intimster Weise zum Blut steht. Dieses Blut war
nicht in einem Menschenleibe, bevor sich ein Ich verkorperte, so daB
dieses rote Menschenblut mit der Entwickelung der Erde selbst zusam-
menhangt. Es hatte sich gar nicht bilden konnen, wenn nicht die Erde
im Gang ihrer Entwickelung mit einem anderen Planeten zusammen-
getroffen ware: mit dem Mars. Vorher hatte die Erde kein Eisen, gab es
kein Eisen im Blut; es gab iiberhaupt nicht solches Blut, von dem der
Mensch heute abhangig ist. In der ersten Halfte des Erdendaseins ist
das MaBgebende fiir die Erdenentwickelung der EinfluB des Planeten
Mars, ebenso wie es fiir die zweite Halfte der EinfluB des Planeten
Merkur ist. Der Mars hat der Erde das Eisen gegeben, und der Merkur-
EinfluB zeigt sich auf der Erde dadurch, daB er die Menschenseele im-
mer freier macht, so daB sie immer unabhangiger werden kann. Man
faBt daher im Okkultismus die Erdenentwickelung so auf, daB man
von zwei Halften derselben spricht, von der Marshalfte und der Mer-
kurhalfte. Wahrend die iibrigen Namen einen ganzen Planeten bezeich-
nen, wird die Erdenentwickelung ausgesprochen als «Mars-Merkur».
Man bezeichnet mit diesem Mars und Merkur nicht die heutigen Sterne,
sondern eben das, was in der ersten und zweiten Halfte diese bezeich-
nenden Einflusse ausiibt.
In der Zukunft wird die Erde sich verkorpern in einem neuen Pla-
neten, den man Jupiter nennt. Dann wird der Astralleib so weit sein,
daB er sich nicht mehr wie ein Feind dem physischen Leib entgegen-
stellt, wie es heute der Fall ist, doch wird er noch nicht auf der hoch-
sten Stufe angelangt sein. So weit wie der physische wird dann der
Atherleib sein. Der wird dann drei Planetenentwickelungen hinter sich
haben wie heute der physische Leib.
Der Astralleib wird auf der darnach folgenden Verkorperung so weit
sein wie heute der physische Leib; er wird dann hinter sich haben die
Mond-, Erden- und Jupiterentwickelung und wird angelangt sein in
der Venusentwickelung. Auf der letzten Verkorperung, dem Vulkan,
wird das Ich seine hochste Entwickelung erlangt haben. So werden die
kunftigen Verkorperungen der Erde sein: Jupiter, Venus, Vulkan.
Diese Bezeichnungen finden sich wieder in den Wochentagen. Es gab
eine Zeit, wo die Namengebung fur die Tatsachen, die uns umgeben,
ausging von den Eingeweihten. Heute hat man kein inneres Gefuhl
mehr fur die Zusammengehorigkeit der Namen mit den Dingen. Die
Namen der Wochentage sollten den Menschen eine Erinnerung sein an
ihren Werdegang durch die Entwickelungszustande der Erde.
Fangen wir anbeim Sonnabend: Saturntag, englisch Saturday. Dann
Sonntag: Sonnentag. Montag: Mondtag. Dann Mars und Merkur, die
zwei Zustande unserer Erde: Mars-Tag — Dienstag, auf altgermanisch
Ziu- oder Dinstag, und franzosisch Mardi, italienisch Martedi. Mitt-
woch: der Merkurs-Tag, italienisch Mercoledi, franzosisch Mercredi.
Merkur ist dasselbe wie Wotan. Tacitus spricht vom Wotanstag; im
Englischen noch jetzt Wednesday. Dann der Jupitertag: Jupiter ist der
deutsche Donar, daher der deutsche Donnerstag, franzosisch Jeudi,
italienisch Giovedi. Dann der Venus-Tag; Venus, die deutsche Freia:
Freitag, franzosisch Vendredi und italienisch Venerdi.
So haben wir in der Aufeinanderfolge der Wochentage ein Erinne-
rungszeichen an den Werdegang der Erde durch ihre verschiedenen
Verkorperungen hindurch.
ACHTER VORTRAG
Miinchen, 1. Juni 1907
Die verschiedenen Verkorperungen unseres Planeten wollen wir jetzt
einmal der Reihe nach betrachten. Wir miissen uns dabei durchaus die
Vorstellung bilden, daB dies Verkorperungen unseres Erdenplaneten
waren, also die Zustande der Erde, als sie einst Saturn, Sonne, Mond
war, und wir miissen uns vorstellen, daB diese Verkorperungen fur die
Bildung der Wesen, besonders des Menschen, notwendig waren, daB
des Menschen eigene Entwicklung mit der Entwickelung der Erde
innig zusammenhangt. Wir werden aber nur dann einen richtigen Be-
griff davon bekommen, was da geschehen ist, wenn wir uns einen Ge-
danken dariiber bilden, wie in bezug auf gewisse Eigenschaften sich
das, was wir heute als Menschen, als uns, erkennen, im Laufe der Ent-
wickelung verandert hat, und zwar wollen wir zuerst die Veranderun-
gen betrachten, die sich mit dem Menschen in bezug auf seine BewuBt-
seinszustande vollzogen haben. Alles, alles hat sich in der Welt ent-
wickelt, auch unser BewuBtsein hat sich entwickelt. Das BewuBtsein,
das der Mensch heute hat, hat er nicht immer gehabt; das ist erst nach
und nach so geworden, wie es heute ist.
Unser heutiges BewuBtsein nennen wir das GegenstandsbewuBtsein
oder das wache TagesbewuBtsein. Sie alle kennen es als das, was Ihnen
eigen ist vom Morgen, wenn Sie aufwachen, bis abends, wenn Sie ein-
schlafen. Machen wir uns klar, worin es besteht. Es besteht darin, daB
der Mensch seine Sinne in die AuBenwelt richtet und Gegenstande
wahrnimmt; deshalb nennen wir es GegenstandsbewuBtsein. Der
Mensch schaut in die Umgebung hinein und schaut mit seinen Augen
gewisse Gegenstande im Raum, die von Farben umgrenzt sind. Er hort
mit dem Ohr hinaus und vernimmt, daB Gegenstande im Raum sind,
die tonen, die Schall verbreiten. Er beriihrt mit seinem Tastsinn die
Gegenstande, findet sie warm oder kalt, er riecht, er schmeckt Gegen-
stande. Das, was er so mit seinen Sinnen wahrnimmt, dariiber denkt er
nach. Er wendet seine Vernunft dazu an, diese verschiedenen Gegen-
stande zu begreifen, und aus diesen Tatsachen der Sinneswahrnehmun-
gen und des Begreifens derselben mit unserem Verstande setzt sich das
wache TagesbewuBtsein, wie der Mensch es heute hat, zusammen. Die-
ses BewuBtsein hat der Mensch nicht immer gehabt, es hat sich erst ent-
wickelt, und er wird es nicht immer so haben, sondern er wird aufstei-
gen zu hoheren BewuBtseinszustanden.
Wir konnen uns zunachst mit den Mitteln, die uns der Okkultismus
verleiht, sieben BewuBtseinszustande iiberblicken, von denen unser
heutiges BewuBtsein das mittlere ist. Drei vorhergehende und drei
nachfolgende konnen wir iiberblicken. Mancher wird sich dariiber
wundern, daB wir gerade so schon in der Mitte stehen. Das kommt da-
her: Dem ersten Zustande gehen andere voran, die sich unseren Blicken
entziehen, dem siebenten folgen andere nach, die sich unserer Betrach-
tung ebenso entziehen. Wir sehen eben nach hinten so weit wie nach
vorn. Wiirden wir um eines zuriickstehen, so wiirden wir nach hinten
eines mehr erblicken und nach vorn eines weniger, geradeso, wie Sie
hinausgehen aufs Feld und links so weit sehen konnen wie rechts.
Diese sieben BewuBtseinszustande sind folgende. Zuerst ein sehr
dumpfer, tiefer BewuBtseinszustand, den der Mensch heute kaum mehr
kennt. Nur besonders medial veranlagte Menschen konnen heute noch
diesen BewuBtseinszustand haben, den einst auf dem Saturn alle Men-
schen hatten. Solche medial Veranlagte konnen in einen Zustand kom-
men, den auch der moderne Psychologe kennt. Das wache Tagesbe-
wuBtsein und auch noch andere BewuBtseinszustande sind bei ihnen
eingeschlafert; sie sind wie tot. Dann aber, wenn sie in der Erinnerung
oder auch wahrend des Zustandes dasjenige zeichnen oder schildern,
was sie dort erlebt haben, dann bringen sie ganz eigentumliche Erleb-
nisse zutage, die sich nicht um uns herum abspielen. Sie entwerfen aller-
lei Zeichnungen, die, wenn sie auch grotesk und verzerrt sind, doch
ubereinstimmen mit dem, was wir in der Geisteswissenschaft bezeich-
nen als Kosmoszustande. Sie sind oft durchaus nicht richtig, aber sie
haben doch etwas, woran man erkennen kann, daB solche Wesen wah-
rend dieses herabgedammerten Zustandes ein dumpfes, aber ein univer-
selles BewuBtsein haben. Sie sehen Weltkorper und daher zeichnen sie
solche.
Solches BewuBtsein, das dumpf ist, dafiir aber eine Allwissenheit
darstellt in unserem Kosmos, hat der Mensch einstmals auf der ersten
Verkorperung unserer Erde gehabt. Man nennt es tiefes TrancebewuBt-
sein. Es gibt Wesen in unserer Umgebung, die solches BewuBtsein noch
jetzt haben; das sind die Mineralien. Konnten Sie mit ihnen sprechen,
so wiirden diese Mineralien Ihnen sagen, wie es auf dem Saturn zugeht.
Nur ist dieses BewuBtsein ganz dumpf.
Der zweite BewuBtseinszustand, den wir kennen, oder vielmehr
nicht kennen, weil wir dann schlafen, ist der des gewohnlichen Schla-
fes. Dieser BewuBtseinszustand ist nicht so umfassend, aber trotzdem er
noch sehr dumpf ist, ist er doch im Verhaltnis zum ersten schon hell.
Dieses SchlafbewuBtsein hatten einst alle Menschen dauernd, als die
Erde Sonne war. Damals hat der Menschenvorfahr fortwahrend ge-
schlafen. Auch heute gibt es noch diesen BewuBtseinszustand: die
Pflanzen haben ihn. Sie sind Wesen, die unausgesetzt schlafen, und sie
konnten uns, wenn sie sprechen konnten, erzahlen, wie es auf der Sonne
zugeht, weil sie SonnenbewuBtsein haben.
Der dritte Zustand, der immer noch dammerhaft und dumpf ist im
Verhaltnis zu unserem TagesbewuBtsein, ist der des BilderbewuBtseins,
und davon haben wir schon einen deutlichen Begriff, weil wir einen
Nachklang im traumerfullten Schlafe erleben, allerdings nur ein Rudi-
ment von dem, was auf dem Monde das BewuBtsein aller Menschen
war. Es wird gut sein, vom Traum auszugehen, um ein Bild des Mon-
denbewuBtseins zu bekommen.
Im Traumleben finden wir zwar etwas Verwirrendes, Chaotisches,
aber bei genauerer Beobachtung bietet diese Verwirrung doch eine
intime GesetzmaBigkeit. Der Traum ist ein merkwiirdiger Symboliker.
In meinen Vortragen habe ich oft schon die folgenden Beispiele ange-
fiihrt, die alle dem Leben entnommen sind: Sie traumen, Sie laufen
einem Laubfrosch nach, um ihn zu fangen, Sie spiiren den weichen
glatten Korper; Sie wachen auf und haben den Zipfel des Bett-Tuches
in Ihrer Hand. Hatten Sie ihr WachbewuBtsein angewendet, so hatten
Sie gesehen, wie Ihre Hand die Bettdecke erfaBt. Das TraumbewuBt-
sein gibt Ihnen ein Symbol der auBeren Handlung, es formt ein Sinn-
bild aus dem, was unser TagesbewuBtsein als Tatsache sieht.
Ein anderes Beispiel. Ein Student traumt, er stande an der Tiir im
Horsaal. Da wird er angerempelt, wie man in der Studentensprache es
nennt. Daraus entsteht eine Forderung. Er erlebt nun alle Einzelheiten,
bis er, von seinem Sekundanten und dem Arzt begleitet, zum Duell gent
und der erste SchuB losgeht. In diesem Augenblicke wacht er auf und
sieht, daB er den Stuhl vor seinem Bett umgestoBen hat. Im Wachbe-
wuBtsein hatte er diesen Fall einfach gehort; der Traum symbolisiert
ihm diese prosaische Handlung durch die Dramatik des Duells. Und
Sie sehen auch, daB die Zeitverhaltnisse ganz andere sind, denn in dem
einzigen Augenblick, als der Stuhl fiel, ist ihm das ganze Drama durch
den Kopf geschossen. Alles, was Vorbereitung war, hat sich in einem
Moment abgespielt. Der Traum hat die Zeit nach riickwarts verlegt, er
gehorcht nicht den Verhaltnissen der Welt, er ist ein Zeitbildner.
Nicht nur auBere Ereignisse konnen sich so symbolisieren, sondern
auch innere Vorgange des Leibes. Der Mensch traumt, er sei in einem
Kellerloch, widrige Spinnen kriechen auf ihn zu. Er wacht auf und
empfindet Kopfschmerz. Die Schadeldecke hat sich da in dem Keller-
loch symbolisiert, der Schmerz in den haBlichen Spinnen.
Der Traum des heutigen Menschen symbolisiert Ereignisse, die im
Innern und drauBen sind. Aber so war es nicht, als dieser dritte BewuBt-
seinszustand derjenige des Menschen auf dem Monde war. Damals lebte
der Mensch in lauter solchen Bildern wie im heutigen Traum, aber sie
driickten Wirklichkeiten aus. Sie bedeuteten genauso eine Wirklichkeit,
wie heute die blaue Farbe eine Wirklichkeit bedeutet. Nur schwebte
damals die Farbe im Raume frei, sie war nicht an den Gegenstanden.
In dem damaligen BewuBtsein hatte der Mensch nicht sich auf die
StraBe begeben konnen wie heute, von feme einen Menschen sehen, ihn
anschauen, sich ihm nahern konnen, denn solche Formen von Wesen,
die eine Farbe haben an ihrer Oberflache, hatte der Mensch damals
nicht wahrnehmen konnen, ganz abgesehen davon, daB der Mensch
damals nicht so gehen konnte, wie es der heutige Mensch tut. Aber neh-
men wir an, der Mensch ware damals auf dem Monde einem andern
begegnet: da ware ein frei schwebendes Form- und Farbenbild vor ihm
aufgestiegen; sagen wir, ein haBliches, dann ware der Mensch auf die
Seite gegangen, um ihm nicht zu begegnen, oder ein schemes, dann hatte
er sich ihm genahert. Das haBliche Farbenbild hatte ihm angezeigt, daB
der andere ein unsympathisches Gefiihl gegen ihn habe, das schone, daB
der andere ihn liebe.
Nehmen wir an, es hatte auf dem Monde Salz gegeben. Wenn heute
Salz auf dem Tische stent, so sehen Sie es, wie es im Raume ist, als Ge-
genstand, kornig, mit bestimmter Farbe. So ware es damals nicht
gewesen. Auf dem Monde wiirden Sie das Salz nicht haben sehen kon-
nen, aber frei schwebend ware von der Stelle, wo das Salz gewesen
ware, ausgegangen ein Form- und Farbenbild, und dieses Bild hatte
Ihnen angezeigt, daB das Salz etwas Niitzliches ist. So war das ganze
BewuBtsein ausgefiillt mit Bildern, mit schwebenden Farben und For-
men. In einem solchen Form- und Farbenmeere lebte der Mensch, aber
diese Farben- und Formenbilder bedeuteten das, was um den Menschen
vorging, vor allem die seelischen Dinge und was auf das Seelische
Bezug hatte, was ihm zutraglich oder schadlich war. So orientierte sich
der Mensch in der richtigen Weise iiber die Dinge um ihn herum.
Dieses BewuBtsein hat sich, als der Mond sich zur Erde heriiberver-
korperte, in unser heutiges TagesbewuBtsein verwandelt, und nur ein
Uberbleibsel ist geblieben im Traum, wie ihn der heutige Mensch hat,
ein Rudiment, wie ja auch von anderen Dingen Rudimente geblieben
sind. Sie wissen, daB zum Beispiel in der Nahe des Ohres gewisse
Muskeln sind, die heute zwecklos erscheinen. Friiher hatten sie ihren
Sinn. Sie dienten dazu, die Ohren willkiirlich zu bewegen. Heute gibt es
nur wenige Menschen, die das konnen.
So finden sich auch im Menschen Zustande, die als letzter Rest einer
einst sinnvollen Einrichtung geblieben sind. Trotzdem sie aber heute
nichts mehr bedeuten, diese Bilder, damals bedeuteten sie die AuBen-
welt. Auch heute haben Sie dieses BewuBtsein noch bei all denjenigen
Tieren — beachten Sie es wohl! — , die nicht aus ihrem Inneren heraus
einen Ton entfalten konnen. Es besteht namlich im Okkultismus eine
viel richtigere Einteilung der Tiere als in der auBeren Naturwissen-
schaft, namlich in innerlich tonlose und solche, die von innen heraus
tonen konnen. Sie finden freilich bei manchen niederen Tieren, daB sie
einen Ton entfalten, aber das geschieht dann auf mechanische Weise,
durch Reiben und so weiter, nicht von innen heraus. Selbst die Frosche
erzeugen den Ton nicht von innen. Erst die hoheren Tiere, die damals
entstanden sind, als der Mensch im Tone ausleben konnte sein Leid und
seine Freude, erst sie haben mit dem Menschen die Moglichkeit bekom-
men, durch Laute und Schreie ihren Schmerz und ihre Lust zum Aus-
druck zu bringen. Alle Tiere, die nicht von innen heraus tonen, haben
noch solches BilderbewuBtsein. Es ist nicht so, daB niedere Tiere die
Bilder in solchen Begrenzungen sehen wie wir. Wenn irgendein niederes
Tier, zumBeispiel der Krebs, ein Bild wahrnimmt, das einen bestimmten
haBlichen Eindruck macht, so weicht er aus. Er sieht die Gegenstande
nicht, aber die Schadlichkeit sieht er in einem abstoBenden Bilde.
Der vierte BewuBtseinszustand ist der, den jetzt alle Menschen
haben. Die Bilder, die der Mensch friiher im Raume als Farbenbilder
frei schwebend wahrgenommen hat, legen sich gleichsam um die Gegen-
stande. Sie sind, mochte man sagen, ihnen iibergestulpt. Sie bilden die
Grenzen der Dinge. Sie erscheinen an den Dingen, wahrend sie friiher
frei schwebend erschienen. Dadurch sind sie der Ausdruck der Form
geworden. Das, was der Mensch friiher in sich hatte, ist hinausgetreten
und hat sich an die Gegenstande geheftet. Dadurch ist er zu seinem heu-
tigen wachen TagesbewuBtsein gekommen.
Wir wollen jetzt etwas anderes betrachten. Wir haben schon gesagt,
daB auf dem Saturn vorbereitet wurde des Menschen physischer Leib.
Auf der Sonne kam dazu der Ather- oder Lebensleib, durchdrang ihn
und arbeitete an ihm. Er nahm das, was der physische Leib schon ge-
worden war, an sich und arbeitete es weiter aus. Auf dem Mond kam
hinzu der Astralleib; der veranderte wieder die Gestalt des Leibes. Auf
dem Saturn war dieser physische Leib sehr einfach. Auf der Sonne war
er schon viel komplizierter, denn jetzt arbeitete der Atherleib daran
und machte ihn vollkommener. Auf dem Mond kam der Astralleib hin-
zu, und auf der Erde kam das Ich hinzu und machte ihn noch vollkom-
mener. Damals, als der physische Leib auf dem Saturn war, als noch
kein Atherleib eingedrungen war, da waren all diejenigen Organe, die
heute darin sind, noch nicht in ihm, denn es fehlten Blut und Nerven,
es waren auch noch keine Driisen da. Damals hatte der Mensch, zwar
nur in der Anlage, bloB diejenigen Organe, die heute die vollkommen-
sten sind und die Zeit gehabt haben, zu ihrer heutigen Vollkommenheit
aufzuriicken: das sind die wundervoll gebauten Sinnesorgane.
Dieser wundervolle Bau des menschlichen Auges, dieser wunderbare
Apparat des menschlichen Ohres, alles das hat erst heute seine Voll-
kommenheit erlangt, weil es aus der Saturnmasse herausgebildet wurde,
und Atherleib, Astralleib und Ich daran gearbeitet haben. So auch der
Kehlkopf. Er war auf dem Saturn schon veranlagt, aber sprechen
konnte der Mensch da noch nicht. Auf dem Mond begann er unarti-
kulierte Tone und Schreie hinauszusenden, aber erst durch die beschrie-
bene lange Arbeit wurde der Kehlkopf der vollkommene Apparat, wie
er heute auf der Erde ist. Auf der Sonne, wo der Atherleib eingefugt
wurde, wurden diese Sinnesorgane weiter ausgebildet, und es kamen
alle diejenigen Organe hinzu, die vorzugsweise Absonderungs- und
Lebensorgane sind, die der Ernahrung und dem Wachstum dienen. Sie
sind zuerst wahrend des Sonnendaseins veranlagt worden. Dann hat
der Astralleib weitergearbeitet wahrend des Mondendaseins, das Ich
wahrend des Erdendaseins; so sind die Driisen, die Organe des Wachs-
tums und so weiter zu ihrer heutigen Vollkommenheit herangereift.
Dann wurde auf dem Monde durch die Eingliederung des Astralleibes
zuerst das Nervensystem veranlagt. Das war damals, als der Mensch
das BilderbewuBtsein hatte. Das aber, was den Menschen fahig machte,
ein GegenstandsbewuBtsein zu entwickeln, was ihn zugleich fahig
machte, von innen hinauszutonen seine Lust und sein Leid, das Ich, das
bildete im Menschen sein Blut.
So ist das ganze Universum der Erbauer der Sinnesorgane. So ist
alles, was Driisen, Fortpflanzungs- und Ernahrungsorgane sind, durch
den Lebensleib gebildet. So ist der Astralleib der Erbauer des Nerven-
systems und das Ich der Eingliederer des Blutes. Es gibt eine Erschei-
nung, die man als Blutarmut oder Bleichsucht bezeichnet. Da kommt
das Blut in einen Zustand, wo es nicht vermag, das WachbewuBtsein
festzuhalten. Solche Personen kommen oft in ein dammerhaftes Be-
wuBtsein gleich demjenigen auf dem Monde.
Jetzt wollen wir die drei BewuBtseinszustande betrachten, die noch
folgen. Man kann fragen: Wie ist es moglich, heute schon etwas davon
zu wissen? — Es ist moglich durch die Einweihung. Der Eingeweihte
kann diese BewuBtseinszustande in der Vorausnahme schon heute
haben. Der nachste BewuBtseinszustand, den der Eingeweihte kennt,
ist der sogenannte psychische, ein BewuBtseinszustand, in dem man
beides zusammen hat, das BilderbewuBtsein und das wache Tagesbe-
wuBtsein. Bei diesem psychischen BewuBtsein sehen Sie den Menschen
so wie im wachen TagesbewuBtsein in seinen Grenzen und Formen,
aber Sie sehen zu gleicher Zeit das, was in seiner Seele lebt, ausstromen
als Farbwolken und Bilder in dem, was wir die Aura nennen. Und Sie
gehen dann nicht wie der Mondenmensch im traumhaften Zustande
durch die Welt, sondern in vollstandiger Selbstkontrolle, wie der heutige
Mensch des wachen TagesbewuBtseins. Die ganze Menschheit wird auf
dem Planeten, der unsere Erde ablost, dieses psychische oder seelische
BewuBtsein haben, das JupiterbewuBtsein.
Dann gibt es noch einen sechsten BewuBtseinszustand, den auch einst
der Mensch haben wird. Der wird vereinigen das heutige wache Tages-
bewuBtsein, das, was der Eingeweihte nur als psychisches BewuBtsein
kennt, und dazu noch alles, was heute der Mensch verschlaft. Tief, tief
hineinsehen wird der Mensch in die Natur der Wesenheiten, wenn er in
diesem BewuBtsein lebt, dem BewuBtsein der Inspiration. Der Mensch
wird nicht nur wahrnehmen in Farbenbildern und Formen, er wird die
Wesenheit des andern tonen und klingen horen. Jede Menschenindivi-
dualitat wird einen gewissen Ton haben, und das alles wird zusammen-
klingen zu einer Symphonic Das wird das BewuBtsein des Menschen
sein, wenn unser Planet in den Zu stand der Venus ubergegangen sein
wird. Dort wird er die Spharenharmonie erleben, die Goethe in seinem
Prolog zum «Faust» beschreibt:
Die Sonne tont nach alter Weise
In Bruderspharen Wettgesang
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Als die Erde Sonne war, da vernahm der Mensch dammerhaft dieses
Tonen und Klingen, und auf der Venus wird er es wieder tonen und
klingen horen «nach alter Weise». Sogar bis auf dieses Wort hat Goethe
das Bild beibehalten.
Der siebente BewuBtseinszustand ist das spirituelle BewuBtsein, das
eigentlich hochste BewuBtsein, wo der Mensch AllbewuBtsein hat, wo
er das sehen wird, was nicht nur auf seinem Planeten, sondern was in
der ganzen kosmischen Nachbarschaft vorgeht; jenes BewuBtsein, das
der Mensch auf dem Saturn hatte, das ja ganz dumpf, aber doch eine
Art AllbewuBtsein war. Das wird er zu all den iibrigen BewuBtseinszu-
standen haben, wenn er auf dem Vulkan angekommen sein wird.
Das sind die sieben BewuBtseinszustande des Menschen, die er durch-
machen muB auf seinem Wandelgange durch den Kosmos, und eine jede
Verkorperung der Erde stellt die Bedingungen her, durch die solche
BewuBtseinszustande moglich sind. Nur dadurch, daB auf dem Mond
veranlagt worden ist das Nervensystem, das sich weiterentwickelt hat
zu dem heutigen Gehirn, ist das heutige wache TagesbewuBtsein mog-
lich geworden. Solche Organe miissen geschaffen werden, durch die
sich die hoheren BewuBtseinszustande auch physisch ausleben konnen,
wie sie der Eingeweihte heute schon geistig erlebt.
DaB der Mensch durch solche sieben planetarische Zustande durch-
gehen kann, das ist der Sinn der Entwickelung. Eine jede planetarische
Verkorperung ist verbunden mit der Entwickelung einer der sieben Be-
wuBtseinszustande des Menschen, und durch das, was auf einem jeden
Planeten vorgeht, bilden sich die physischen Organe aus fur einen sol-
chen BewuBtseinszustand. Sie werden ein hoherentwickeltes Organ,
ein psychisches Organ, auf dem Jupiter haben. Auf der Venus wird ein
Organ vorhanden sein, wodurch der Mensch physisch das BewuBtsein
wird entwickeln konnen, das heute der Eingeweihte auf dem Deva-
chanplan hat. Und auf dem Vulkan wird jenes spirituelle BewuBtsein
vorhanden sein, das der Eingeweihte heute hat, wenn er auf der hoheren
Partie des Devachan, wenn er in der Vernunftwelt sich befindet.
Morgen werden wir diese Planeten einzeln durchnehmen, denn wie
unsere Erde friiher, zum Beispiel in der atlantischen und in der lemuri-
schen Zeit, anders ausgeschaut hat als heute, und wie sie spater wieder
anders ausschauen wird, so haben auch Mond, Sonne und Saturn ver-
schiedene Zustande gehabt, und so werden Jupiter, Venus verschiedene
Zustande durchmachen.
Wir haben heute die groBen, umfassenden Kreislaufe der Planeten
kennengelernt, und wir werden uns morgen mit den Veranderungen
dieser Planeten beschaftigen, wahrend sie der Schauplatz der Menschen
waren.
NEUNTER VORTRAG
Mimchen, 2. Juni 1907
Wir werden uns iiber den Gang der Menschheit durch die drei Verkor-
perungen hindurch, die vor der Erde stattgefunden haben, Saturn,
Sonne und Mond, am leichtesten verstandigen, wenn wir zur Ergan-
zung den Menschen noch einmal im Schlaf, im Traum betrachten. Wenn
der Mensch schlaft, sehen wir als Seher den Astralleib und das in dem-
selben eingeschlossene Ich wie schwebend iiber dem physischen Leibe.
Dieser Astralleib ist dann auBerhalb des physischen und Atherleibes,
aber bleibt mit ihnen verbunden. Er sendet gleichsam Faden, besser
gesagt Stromungen in den allgemeinen Leib des Kosmos und ist gleich-
sam in denselben hineingesenkt. So daB wirbeim schlafenden Menschen
den physischen, den atherischen und den astralischen Leib haben, aber
dieser letztere streckt Fiihlfaden aus nach der groBen astralischen Kor-
perlichkeit.
Wenn wir uns diesen Zustand dauernd denken, wenn hier auf dem
physischen Plan nur Menschen waren, welche den physischen Leib mit
dem Atherleib durchsetzt hatten und oben dariiber schwebend eine
astralische Seele mit dem Ich, dann wiirden wir den Zustand haben, in
dem die Menschheit auf dem Monde war. Nur daB auf dem Mond die-
ser astralische Leib nicht stark getrennt war von dem physischen Leib,
sondern ebenso stark, wie er sich hin ausstreckte in den Kosmos, ebenso
stark senkte er sich hinein in den physischen Leib. Wenn Sie sich aber
den Zustand denken ganz so, wie er heute im Schlafe ist, doch so, daB
nicht einmal ein Traumen moglich ist, dann haben Sie den Zustand, in
dem die Menschheit auf der Sonne war. Und wenn Sie sich jetzt vor-
stellen, daB der Mensch gestorben ist, daB auch sein Atherkorper, ver-
bunden mit dem Astralleib und dem Ich, heraus ist, aber so, daB die
Verbindung doch nicht ganz gelost ist, daB das, was heraus ist, was ein-
gebettet ist in die umliegende kosmische Masse, seine Strahlen hinun-
tersendet und arbeitet an der physischen Leiblichkeit, dann haben Sie
den Zustand, den die Menschheit auf dem Saturn hatte. Unten auf der
Weltkugel des Saturn war nur das enthalten, was in unserer rein physi-
schen Leiblichkeit ist; umgeben war sie gleichsam von einer atherisch-
astralischen Atmosphare, in welcher eingebettet waren die Iche.
Die Menschen waren tatsachlich schon vorhanden auf dem Saturn,
aber in einem dumpfen, dumpfen BewuBtsein. Diese Seelen hatten die
Aufgabe, regsam und in Tatigkeit zu erhalten etwas, was drunten zu
ihnen gehorte. Sie arbeiteten von oben an ihrem physischen Leibe. Wie
eine Schnecke, die sich ihr Gehause bearbeitet, ebenso schaffen sie von
auBen, wie ein Instrument, an den leiblichen Organen. Wir wollen
beschreiben, wie dasjenige aussah, an dem die Seelen oben arbeiteten.
Wir haben diesen physischen Saturn, diesen Saturn iiberhaupt, ein
wenig zu beschreiben.
Ich habe schon gesagt, das, was an der physischen Leiblichkeit
dort ausgebildet wurde, waren die Anlagen der Sinnesorgane. Was
als Sinnesanlage im Menschen lebte, bearbeiteten die Seelen auBer-
lich auf der Saturn-Oberflache. Sie waren wirklich in dem den Saturn
umgebenden Weltenraum, unten war ihre Werkstatte. Da arbeiteten
sie die Typen fur Augen und Ohren und fur die anderen Sinnes-
organe aus.
Was war nun die Grundeigenschaft dieser Saturnmasse? Sie ist
schwer zu bezeichnen, weil wir in unserer Sprache kaum ein Wort ha-
ben, das dazu paBt, denn unsere Worte sind ja auch ganz materialisiert;
sie passen nur fur den physischen Plan. Es gibt aber ein Wort, das diese
feine Arbeit, die da geleistet wurde, ausdriicken kann. Man kann es
bezeichnen mit dem Ausdruck: sich spiegeln. Die Saturnmasse hatte die
Eigenschaft, in alien ihren Teilen das, was von auBen als Licht, als
Ton, als Geruch, als Geschmack herankam, zu spiegeln. Alles wurde
wieder zuriickgeworfen, man nahm es im Weltenraum gleichsam wahr
als ein Sich-Spiegeln im Spiegel des Saturn. Man kann es nur damit
vergleichen, wenn man seinem Nebenmenschen ins Auge blickt und das
eigene Bildchen uns daraus entgegenschaut. So nahmen sich alle Seelen
der Menschen wahr, aber nicht nur als Bild in Farben, sondern sie
schmeckten sich, sie rochen sich, sie nahmen sich in einem bestimmten
Warmegefiihl wahr. So war der Saturn ein spiegelnder Planet. Die in
der Atmosphare lebenden Menschen warfen ihre Wesenheiten hinein,
und aus diesen Bildern, die da entstanden, bildeten sich die Anlagen zu
den Sinnesorganen, denn es waren Bilder, die schopferisch wirkten. Man
denke sich vor einem Spiegel stehend, aus dem das eigene Bild einem ent-
gegentritt, und dieses Bild beginne zu schaffen, sei nicht ein totes Bild
wie beim heutigen leblosen Spiegel: da hat man die schopferische Tatig-
keit des Saturn, da hat man die Art und Weise, wie die Menschen selbst
auf dem Saturn lebten und ihre Arbeit verrichteten.
Das spielte sich unten auf der Kugel des Saturn ab. Oben die Seelen
hatten das tiefe TrancebewuBtsein, von dem ich gestern gesprochen
habe. Sie wuBten nichts von dieser Spiegelung, sie haben es nur getan.
In diesem dumpfen TrancebewuBtsein hatten sie das ganze kosmische
All in sich, und so hat sich aus ihrem Wesen heraus das ganze kosmi-
sche All gespiegelt. Sie selbst aber waren eingebettet in eine Grund-
substanz geistiger Art. Sie waren nicht selbstandig, sondern nur ein
Glied der den Saturn umgebenden Geistigkeit. Daher konnten sie nicht
geistig wahrnehmen. Hohere Geister nahmen wahr mit ihrer Hil
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